Jakob Böhme

Christosophia

Ein christlicher Einweihungsweg

 

 

Jakob Böhme, geboren im Jahre 1575 in Altseidenberg in der Lausitz, ist am 17. November 1624 in Görlitz gestorben.

Böhme hat nicht nur die Fülle seiner Erfahrungen und seines Schauens in so wesentlichen Büchern wie »Aurora« festzuhalten versucht, sondern er hat gleichzeitig einen Weg gewiesen, der zu einer inneren Begegnung mit Christus führt und zu einer Erweiterung des religiösen Bewußtseins anleitet. Böhme wurde auf diese Weise zu einem Meister der christlichen Esoterik.

»Christosophia« markiert Stationen eines Einweihungsweges. Unter diesem Titel werden hier eine Reihe der wenig bekannten Schriften aus der letzten Schaffensphase in vollem Wortlaut erneut vorgelegt, nachdem nur drei von ihnen zu Böhmes Lebzeiten erschienen sind.

 

Vorwort

"Man kann nicht umhin, von Jakob Böhme zu sagen, er sei eine Wundererscheinung in der Geschichte der Menschheit und besonders in der Geschichte des deutschen Geistes. Könnte man je vergessen, welcher Schatz von natürlicher Geistes- und Herzenstiefe in der deutschen Nation liegt, so dürfte man sich nur an ihn erinnern … Jakob Böhme ist wirklich eine theogonische Natur."

Dieses Wort Schellings aus dessen »Philosophie der Offenbarung« ist geeignet, wieder und wieder auf das Werk eines Mannes hinzuweisen, das — weithin vergessen — nach Vergegenwärtigung ruft. Das gilt einerseits für die kleinen, vorwiegend meditativ gehaltenen Schriften, die sein Autor unter dem Titel »Weg zu Christo« bzw. »Christosophia« zusammengefaßt hat, andererseits für seinen berühmten Erstling »Aurora oder Morgenröte im Aufgang« (1612). Beschreibt er in dem einen seinen spirituellen Weg, so stellt er sich in »Aurora« als Naturphilosoph und als ein anschauender Denker vor. Von daher ist es gerechtfertigt, die beiden grundlegenden Bücher des nachreformatorischen Mystikers und christlichen Theosophen an den Anfang einer Edition seiner Hauptschriften zu stellen.

Die vorliegende Ausgabe und alle sonstigen zur Veröffentlichung vorgesehenen Werke des Görlitzer Meisters treten — in durchgesehener bzw. aktualisierter Form — an die Stelle der früheren Freiburger Studienausgabe (1975 ff). In einem größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang werden Leben, Schaffen und Wirkung Jakob Böhmes in des Herausgebers Darstellung »Die deutsche Mystik« (O.W. Barth Verlag München 1988) behandelt.

Gewidmet ist das Buch all jenen, die sich von Böhme sagen lassen: "Uns Menschen in dieser Welt ist daran am meisten gelegen, daß wir das Verlorene wieder suchen. So wir nun wollen suchen, so müssen wir nicht außer uns suchen!"

Schwarzenbruck bei Nürnberg, am 6. Januar 1991 

Gerhard Wehr 

 

Jakob Böhme als christlicher Esoteriker

Einführung

Das Verlangen nach geistig-geistlicher Orientierung ist groß. Auf ihrer Suche nach den Quellen einer alle Bereiche des menschlichen Lebens befruchtenden und erneuernden Spiritualität, die das heutige religiöse Vakuum auszufüllen vermag, haben sich viele Zeitgenossen nach östlichen Schulungswegen umgesehen. Die weitgehende Entfremdung vom konfessionellen Christentum hat dazu geführt, daß die auf christlichem Boden im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Geistesgüter weithin unbeachtet geblieben sind. Und die wenigsten, die als "christliche Abendländer" Yoga oder Zen üben, die sich taoistischen, tantrischen oder anderen östlich-fernöstlichen Exerzitien hingeben — sofern sie nicht einem gerade gängigen Snobismus1 verfallen sind —‚ haben sich Klarheit darüber verschafft, über welche wertvollen abendländischen Traditionen sie hinwegsehen.

1) Vgl. Ernst Benz: Zen in westlicher Sicht. Zen-Buddhismus — Zen-Snobismus. Weilheim 1962

Dabei bergen die christliche Mystik und Theosophie immer noch und gerade heute ungehobene, kaum geahnte Schätze, die es verdienen, zu Tage gefördert zu werden. Abgesehen davon müßte es zu denken geben, wenn man hört, daß bedeutende Werke des mitteleuropäischen Geisteserbes im fernen Osten auf zunehmendes Interesse stoßen. So wurde beispielsweise Jakob Böhmes »Mysterium Magnum«, der 900 Seiten starke Kommentar zum ersten Mose-Buch, kürzlich ins Japanische übersetzt! Wer sich allein schon den hohen Schwierigkeitsgrad eines solchen Unternehmens vor Augen führt, mag ermessen, von welcher Tragweite eine solche Übersetzung ist.

Doch was ist an Jakob Böhme, dem schlichten Schuhmacher aus Görlitz, so bedeutsam? Was rechtfertigt eine Vergegenwärtigung seines Werkes, das vor dreieinhalb Jahrhunderten im Geist der nachreformatorisch-protestantischen Mystik und Theosophie entstand? Das Leitmotiv für die Publikation von Böhme-Texten ist in der Esoterik zu suchen, die dem geistigen Nachlaß des unscheinbaren und doch ungemein wirksamen Görlitzer Schusters innewohnt.

Mit seiner Erstlingsschrift, der »Aurora oder die Morgenröte im Aufgang« hat Jakob Böhme den geistigen Horizont einiger Jahrhunderte europäischer Geistesgeschichte erhellt. Ins Licht dieser Morgenröte stellten sich nicht nur theosophisch Begeisterte oder pietistisch Entzückte, sondern vor allem Philosophen und Dichter von Rang. Kein Geringerer als Hegel nannte Böhmes Philosophie und Sichtweite »ächt deutsch«. Schelling und Franz von Baader wären ohne die Inspirationen und Imaginationen des schlesischen Theosophen ebensowenig zu denken wie die Romantiker Novalis, Tieck und viele andere.1 Selten hat ein Mann aus der Stille heraus so nachhaltig auf seine Zeit und auf seine Nachwelt eingewirkt wie er. Als Philosophus Teutonicus ist er in die Geistesgeschichte eingegangen. In der modernen Seelenforschung, vor allem in der analytischen Psychologie C.G. Jungs ist Böhmes Schauen neu zu Ehren gekommen. Dazu gehört vor allem die Einsicht, die seine Wirklichkeitsbetrachtung vermittelt, die mit der Polarität von Licht und Finsternis, von Gut und Böse rechnet und durch die die Dimension der Tiefe — Böhme sprich vom »Ungrund« — aufs neue in den Gesichtskreis des menschlichen Geistes gerückt worden ist.

1) Belege bei Gerhard Wehr: Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1971; 61991 (Rowohlt Monographie 179), S. 118 ff.

Je länger man sich aber mit Böhmes umfangreichem Schrifttum befaßt, desto deutlicher wird, daß er nicht nur die Inhalte seines Schauens und Sinnens mitteilen will. Seine eigentliche Absicht besteht darin, den Suchenden, Fragenden, Anklopfenden, vor allem den Angefochtenen unter seinen Lesern einen Weg zu zeigen, der zum Ziel der Menschwerdung des Menschen führt. So verdanken wir der fleißigen Feder Böhmes nicht nur die Schilderungen seiner Gesichte, seine Deutungen von Gott, Welt und Mensch, durch die er sich als der Verkünder eines universalen Christentums erweist. Schon seine Zeitgenossen haben ihn als einen geistlichen Führer geschätzt. Während der orthodox-fanatische Stadtpfarrer von Görlitz den frommen und bibelfesten Handwerksmeister öffentlich aufs unflätigste beschimpfte und als einen gefährlichen Ketzer zu brandmarken suchte, sammelte sich um Böhme ein Kreis von Freunden und geistlichen Schülern, wie sich im spirituellen Leben des Ostens nach Erleuchtung Strebende um einen Guru, einen eingeweihten Lehrer zu scharen pflegen.

Böhme, der ursprünglich »sich selbst zum Memorial« niederschrieb, was ihm der Geist eingab und was er aus der Meditation schöpfte, dachte selbst gar nicht an eine Veröffentlichung. Doch gestattete er, daß seine Manuskripte die Runde machten und in verschiedenen Kopien in die Hand derer gelangten, die Böhmes Führung und Geleit auf dem Weg einer inneren Entwicklung erbaten. Wie dieser Kreis aussah, welche Menschen zu ihm — vor allem im Schlesischen — gehörten, welche Themen erörtert wurden, können wir den »Theosophischen Sendbriefen« entnehmen, die von ihm zu Beginn des 3 Krieges geschrieben wurden. Einige Handwerker, Ärzte, Zolleinnehmer, Landadelige gehörten zu diesem Kreis der Briefempfänger. Sie waren es auch, die sich um Böhme scharten, seine Bücher als Manuskripte lasen, für Abschriften und handschriftliche Verbreitung sorgten.

Kein einziges seiner Werke beförderte der Görlitzer Schuster zum Druck. Sein berühmtes Erstlingswerk die Fragment gebliebene »Aurora oder die Morgenröte im Aufgang« kursierte ohnehin nur als Kopie. Das Original hatte der Magistrat von Görlitz auf Betreiben des Görlitzer Oberpfarrers Gregorius Richter, eines streng orthodoxen Lutheraners, konfisziert. Wenn doch ein Buch aus Böhmes Feder zu Lebzeiten des Autors die Druckerpresse verließ, so ist das dem schlesischen Junker Johann Sigmund von Schweinichen zu danken, einem aus Böhmes Schülerkreis. Er hatte ein spirituelles Durchbruchserlebnis gehabt, etwa im Herbst 1623, und fühlte die Verpflichtung, etwas für die Verbreitung der Böhmeschen Schriften zutun, deren spiritueller Gehalt ihm selber zur Erfahrung geworden war. Mit Billigung Böhmes erschien »Weg zu Christo« Anfang 1624, dem Todesjahr Böhmes. Und zwar umfaßte es die drei Büchlein »Von wahrer Buße«, »Von wahrer Gelassenheit« und »Vom übersinnlichen Leben«. Böhme bekannte sich zu dieser Edition mit dem Geständnis: "In diesem Büchlein ist mein eigener Prozeß aufgezeichnet." Und dem Lübecker Rosenkreuzer Morsius, dem er am 4. April 1624 das Buch übersandte, schrieb er: "In diesem wird der Herr einen wahren kurzen Grund sehen, welcher sicher ist, denn der Autor hat ihn in der Praxi erfahren."

Damit ist zweifellos auf das wesentliche Moment der Böhmeschen Christosophie hingewiesen, die mit einer bloßen Weitergabe eines Christus-Wissens, schon gar nicht mit Theologie (im landläufigen Sinne), verwechselt werden darf. Die Christosophie Jakob Böhmes entstammt spiritueller Erfahrung und will als ein »Weg zu Christo« zu eigener Erfahrung hinführen. In diesem Sinne ist es gerechtfertigt, von einem christlichen Einweihungsweg zu sprechen.

 

Zur vorliegenden Ausgabe

Wie der Inhaltsübersicht zu entnehmen ist, enthält diese Ausgabe nicht nur die drei genannten Schriften der ersten Ausgabe von 1624, sondern noch zwei weitere, nämlich »De regeneratione — Von der neuen Wiedergeburt« und »Theoscopia — Die hochteure Porte von göttlicher Beschaulichkeit«. Sie sind in dem acht- bzw. neunteiligen Werk »Christosophia oder Der Weg zu Christo« enthalten, die im Rahmen der Böhme-Gesamtausgabe von 1730 veröffentlicht wurde.

In der Textgestaltung folgten wir dieser sehr sorgfältig durchgeführten Ausgabe, auch der dort üblichen Kapitel- und Vers- bzw. Absatzzählung, die sich bei Vergleichen bewährt. Wenn Schreibweise und Zeichensetzung der heutigen weitgehend angeglichen worden sind, so deshalb, weil nicht ein wissenschaftlicher Beitrag geleistet werden sollte. Das vorliegende Buch will an den Böhme-Text, vor allem an Böhmes Intentionen heranführen. Deshalb auch die einleitenden Abschnitte, die jedem der fünf Texte vorangestellt sind.

Im Gegensatz zu manchen populären Ausgaben werden die Wortlaute ungekürzt geboten. Einige Längen und Wiederholungen wurden bewußt in Kauf genommen. Der Leser erhält so am ehesten einen Eindruck von Böhmes Denkweise und Diktion. Gerade das meditative Gepräge, das seinen Schriften eigen ist, läßt die Wiederholung als methodisch notwendig erscheinen. Wer sich nur an einigen Sentenzen berauschen wollte, verfehlte den Weg, auf den es dem Görlitzer Seelenführer so sehr ankommt. Es entdecke daher jeder auf seine Weise die ihn besonders ansprechenden Worte und Bilder.

Die knappen Fußnoten wurden angebracht, um die Lesbarkeit des Textes zu fördern, ohne die Vorlage mehr als nötig zu verändern. Was die als Fußnoten hinzugefügten Bibelstellen anlangt, so sollten wenigstens die wichtigsten Anspielungen an alt- und neutestamentliche Wortlaute nachgewiesen werden. Auf diese Weise dürfte deutlich werden, in welch hohem Maße Jakob Böhme mit der Luther-Bibel gelebt und gestaltet hat.

 

 

Christosophia oder der Weg zu Christo

De Poenitentia Vera oder Von wahrer Buße

KOMMENTAR:

JAKOB BÖHMES »VON WAHRER BUSSE« ALS GEISTLICHES SCHULUNGSBUCH

 

Ein Buch — ganz gleich von wem —‚ das von »Buße« handelt, erwirbt sich heute kaum Freunde. Es mutet nicht nur unmodern an. Es ist auch von einem gewissen, beinahe muffigen Geruch behaftet. Und selbst der dem deutschen Autofahrer geläufige Begriff »Bußgeldkatalog« ist nicht geeignet, für das Wort der Kirchensprache von einst zu werben. Wie sollte er auch!

Lassen wir uns vom Philologen1 belehren, daß Buße von der germanischen Sprachwurzel für »bessern abgeleitet ist und eine reiche, weitverzweigte Geschichte hat, so führt uns diese Kenntnis nicht weiter. Interessant mag sein, daß Böhmes Zunftgenossen im alten Breslau eine »Altbüßer-Ohle«, das heißt eine Gasse bewohnten, in der die Schuh-»ausbesserer« wohnten und ihrer Arbeit nachgingen.

1) Vgl. Friso Melzer: Das Wort in den Wörtern. Ein theo-philologisches Wörterbuch. Tübingen 1965, S. 50 ff.

Wichtiger ist der Hinweis, daß Buße lateinisch: »poenitentia«, im griechischen Urtext des Neuen Testaments einen ganz anderen Klang und Sinngehalt hat. Denn griechisch »metánoia« steht für Umkehr, für eine Wesensumwandlung des Menschen, bei der auch das Denken (nóema) — freilich nicht nur dies — in den Wandlungsprozeß einbezogen ist. Und erst indem wir uns den neutestamentlichen Gehalt des Wortes vergegenwärtigen, kommen wir an die Sache heran, von der Jakob Böhme in seiner Schrift »Von wahrer Buße« schreibt. Zwar kann er nicht leugnen, daß auch er von den alten Buß-Vorstellungen der mittelalterlichen Kirche und Frömmigkeit beeinflußt ist. Als einen Bußprediger im üblichen Sinn des Wortes kann man ihn jedoch nicht bezeichnen.

Viel stärker kommt in seiner Schrift das ursprünglich-neutestamentliche Element der Wandlung zum Vorschein. Und zwar geschieht das nicht etwa, weil er das Evangelium auslegen wollte. Das eifrige Predigthören und Bibellesen allein hat den Görlitzer Schustermeister nicht zu dem gemacht, als den wir ihn schätzen. Böhme ist ein Mann originärer spiritueller Erfahrung. Er ist ein Mensch, der in den Tiefen seines Wesens einen Prozeß der Wandlung durchgemacht hat. Von daher, nicht allein von der in jedem seiner Bücher sich manifestierenden umfassenden Bibelkenntnis nimmt er die Kompetenz, »Christosophia« zu treiben und dafür aufgeschlossenen Menschen einen »Weg zu Christo« zu zeigen.

Dieser Titel für die drei oben erwähnten, im Todesjahr Böhmes veröffentlichten Schriften trifft somit auf die nachfolgende »Von wahrer Buße« exakt zu. Wenn wir diese, dem heutigen Leser mißverständlich erscheinende Überschrift dennoch beibehalten, so geschieht es aus Respekt vor Böhmes Titelangabe. Die Sache selbst ist aktuell wie je: Hier wird nicht von einer hohen Kanzel herab gepredigt oder von einem nicht minder hohen Katheder herab doziert. Was Böhme gibt, ist Führung und Geleit auf einem geistlichen Schulungsweg. Es ist christliche Initiation als ein Weg zur Christuserfahrung.

Machen wir uns nun mit den Grundgedanken vertraut:

Die Vorrede bringt zum Ausdruck, wem Böhmes Büchlein gilt. Es ist für Menschen niedergeschrieben, die »sich selbst erwecken«, das heißt, die einem inneren Aufwacherlebnis entgegengehen wollen. Nur die sind angesprochen, die als »gottliebende Leser« zum Buch greifen, Gottesfreunde also. Und der Kreis der Gottesfreundschaft läßt einerseits an den Schüler- und Freundeskreis denken, den Böhme in seiner schlesischen Heimat in Briefen und im persönlichen Zuspruch betreut hat. Sodann sei an Menschen wie die »Gottes- freunde« gedacht, Männer und Frauen, die im ausgehenden Mittelalter sich dem mystischen Leben geweiht haben.1 Nicht vergessen sei die weltumspannende Ökumene des Geistes, die sich über Konfessions-, Weltanschauungs- und Religionsgrenzen hinweg erstreckt, wo immer Menschen »im Zeichen der großen Erfahrung« (K. Graf Dürckheim) leben und wirken. In dieser lebendigen Tradition steht Jakob Böhme mit seiner ganzen Christosophie!

1) Vgl. Gerhard Wehr: Esoterisches Christentum, Stuttgart 1975 (Neufassung in Vorbereitung); ders.: Die deutsche Mystik, München 1988, S. 168 ff.

Zur Christus-Begegnung zu gelangen, sind gewisse Schritte zu tun (Kap. 1,1-11). Es sind Schritte einer inneren Betrachtung. Die immer wiederkehrende Aufforderung: »… er betrachte!« entspricht dem Impuls zu einem Imaginieren von geistlichen Tatsachen, Tatsachen, die der Situation des Menschen vor Gott entsprechen. Dabei spricht Böhme zwar die Sprache der Frömmigkeit seiner Zeit. Das Wesentliche, das Seelenwirksame aber liegt darin, daß der heutige Leser das vom Görlitzer »Exerzitienmeister« Gegebene in freier Entscheidung und in eigener Initiative imaginiert, das heißt innerlich aufbaut und betrachtet. Wer meditative Erfahrung hat, der weiß, welche Kraft ihm auf diese Weise zuwächst. Ein Zugewinn an Imaginationskraft wird spürbar.

 

       Zu 1,12-18

Schon in den Versen 10 und 11 ist der Appell an die Entfaltung der meditativen Aktivität mit aller Deutlichkeit ausgesprochen worden: »Der ergreife nur die Worte und wickele sich in Christi Leiden und Tod ein!« — Nun geht es darum, den Prozeß in seinen einzelnen Stadien abzuschreiten. Es ist der Wandlungsprozeß, so haben wir gesehen, den Böhme selbst durchlaufen hat. Der Appell an den Willen und der Aufruf zur Wachheit bedarf kaum einer weiteren Klärung. Zweierlei ist wichtig: einmal das Drängen, sich jetzt und hier, »diese Stunde und diese Minute« für das Beschreiten des Weges zu entscheiden und damit die totale Umkehr von der alten zur neuen Existenz hin zu vollziehen. Zum andern gilt es, sich bewußt zu machen, vor welcher höchsten Instanz der Übende steht. Böhme berührt hier (Vers 16) das Geheimnis des Gottesnamens, ein von der jüdischen Esoterik her wohl bekanntes Thema. Einen Baal-Schem, d.h. einen Kenner des heiligen Gottesnamens, nannte man den, der in der Lage war, den Unnennbaren mit wunderwirkenden Namen anzurufen. An einen solchen Baal-Schem erinnert uns der Görlitzer Schuster und Seelenführer, der mit den Elementen der jüdischen Mystik (Kabbala) wohlvertraut gewesen sein muß.

 

       Zu 1,19

Die »kurze Form der Beicht‘« die nun folgt, ist zeitgenössischen Beichtgebeten, sogenannten Beichtspiegeln, nicht unähnlich. Man hielt sich einen solchen Spiegel vor, um sich zur Beichte mit anschließendem Sakramentsempfang zu rüsten. Trotz der formalen Ähnlichkeit aber ist darauf zu achten, daß Böhme ja nicht einen allgemeinen Ritus, etwa die Frühjahrs- und Herbstbeichte eines protestantischen Kirchenchristen vorbereiten helfen will. Er zielt auf eine grundlegende, eine den Menschen grundlegend verändernde Beichte hin. Die Seelenaktivität jedes einzelnen wird in Anspruch genommen, diese Selbstprüfung so zu gestalten, »wie der hl. Geist lehret«. Böhme will also nicht sklavisch nachgeahmt werden. Er bietet mit diesen Wortlauten nur ein Beispiel. Es ist darauf abgestellt, die eingangs geschilderte Situation des seines wahren Selbst entfremdeten Menschen möglichst deutlich ins Bewußtsein zu heben. Die gebrandmarkte »Selbheit« und »Ichheit« ist nicht das wahre Selbst oder das wahre Ich des Menschen, sondern es ist Ausdruck des Abfalls von Gott. Der paradiesische Urstand ist verloren gegangen. Das göttliche Erbteil im Licht hat der »verlorene Sohn« vertan. Die wiederholte Anspielung an das Gleichnis von Lukas 15 soll dazu dienen, den Ort der geistlichen Umkehr evangeliumsgemäß zu markieren. Nun gilt es, die falsche Ichheit zu vernichten und den Tod zu töten. Es gibt »keine andere Straße zu dir als dein Leiden und Sterben«. Die Passion Christi wird damit zur »göttlichen Bahn«, die zum neuen Leben führt. Es ist die Zusage der göttlichen Verheißung, auf die Böhme gerade in diesen seinen christosophischen Schriften wiederholt verweist, um Zweifelnde und Verzweifelte zu ermutigen.

 

       Zu 1,20-45

Als ein Mann geistlicher Erfahrung weiß Böhme, daß Hindernisse und Rückschläge sich auch dort einstellen, wo der Weg folgerichtig beschritten worden ist. Deshalb macht der Autor auf das Hemmnis geistlicher Dürre aufmerksam, in der sich keine spirituelle Erfahrung einstellen will. Da gilt es nun, im Zeichen entschlossener Ritterschaft zu »streiten« (1,25). Es steht die »kostbare Perle« des göttlichen Vatererbes auf dem Spiel. Deshalb ist der volle Einsatz des geistlichen Ritters gefordert. — An dieser Stelle (1,25) taucht ein Motiv auf, das in Böhmes Christosophia eine zentrale Bedeutung erlangt, »die edle Jungfrau Sophia«. Sie, die göttliche Weisheit, von der bereits das spätjüdisch-biblische Schrifttum Zeugnis ablegt, ist es, die dem streitbaren Ritter den ersehnten Siegespreis überreicht. Im Grunde ist sie, die Vermählung mit der göttlichen Sophia, selbst das Ziel aller Sehnsucht und allen menschlichen Strebens, nämlich die Vereinigung in der heiligen Hochzeit. So ist es kein Zufall, wenn wir diesem Archetypus überall dort in den Religionen der Menschheit begegnen, wo in Dichtung, Kultbild und Ritus das Geheimnis der Geheimnisse vergegenwärtigt werden soll. Nicht selten fehlt die erotische Komponente. Doch das Bild von der Jungfrau und Braut, von der auch Böhme in der Sprache des biblischen Hohenliedes zu sagen weiß, weist über das Menschlich-Erotische weit hinaus.1 Mindestens zwei Aspekte sind für ihn von Bedeutung. Da ist einmal die Jungfrau Sophia, die nur den »küßt«, der als Ritter den spirituellen Kampf bestanden hat. Sie steht gleichsam am Ziel des christlichen Einweihungswegs. Der andere Aspekt ergibt sich, wenn man mit der Johannes-Offenbarung auf die »Hochzeit des Lammes« und auf das große Abendmahl als auf das letzte Ziel der Menschheit hinblickt.

1) Gerhard Wehr: Heilige Hochzeit. Kösel Verlag München 1986.

In der »Anleitung«, die mit Vers 32 beginnt, gibt Böhme zu erkennen, daß er die Jungfrau bisweilen mit dem Christus der Johannes-Offenbarung identifiziert, der vor dem Heiligtum der Seele steht und Einlaß begehrt. Den Prozeß der christlichen Einweihung findet er (v. 34) in den Stationen Christi bezeichnet, die mit der Menschwerdung beginnen und in der Himmelfahrt enden. Auf diese Weise wird das mit Adam »verblichene Himmelsbild« erneuert. Böhme greift die paulinische Typologie von Röm. 5 auf, wonach Christus der zweite, der zu neuem Leben erweckte Adam sei.

Trotz allen Strebens und geistlichen Ringens, das dem Christen auf dem Weg der Erneuerung zugemutet wird, gibt allein die allem zugrundeliegende Tat Christi den Ausschlag (37). Darüber ist der Aspekt eines spirituellen Wachstums nicht vernachlässigt. Er wird vielmehr durch die Erinnerung an das neutestamentliche Gleichnis vom Senfkorn angedeutet (38 f).

Das »gar ernste Gebet« (40) setzt die meditative Betrachtung fort, indem der Betende die Passion Christi betrachtend umkreist und die Beziehung zwischen dessen Tod und dem Prozeß, den die eigene Seele zu durchlaufen hat, aufs neue knüpft. Es geht — wie schon gesagt — nicht darum, daß neue Tatsachen berichtet werden, auch nicht irgendwelche christosophische Geheimnisse, sondern daß die Seele von der Christustatsache gleichsam imprägniert wird; deshalb die unablässige Wiederholung und deshalb die Wiederkehr vertrauter Bilder. Christosophie ist für Böhme ohnehin nicht ein äußeres Wissen, dessen man auf dem üblichen Weg der Vermittlung teilhaftig wird, sondern eine geistig-seelische Erfahrung, die der beliebigen oder der gezielten Weitergabe enthoben ist. Wohlvertraut ist in diesem Zusammenhang schließlich die Böhmesche Imagination der Aurora, »wenn hernach die Morgenröte in der Seelen anbricht« (41). Hier steht der Görlitzer Meister in einer großen geistigen Tradition. Von ihr hat er bereits mit seinem berühmten Erstlingswerk »Die Morgenröte im Aufgang« (Aurora) Zeugnis abgelegt. Es sei an der Stelle nur an die dem Thomas von Aquin zugeschriebene »Aurora consurgens« (aufsteigende Morgenröte) erinnert oder an das noch berühmtere kabbalistische Grundwerk »Sefer Sohar«, das Buch des Glanzes. Es ist kein Zufall, wenn der christliche Kabbalist und Autor der »Cabbala Denudata« Knorr von Rosenroth entzückt dichtet:

Morgenglanz der Ewigkeit,

Licht vom unerschöpften Lichte …

Der persönliche Bezug Böhmes findet sich in unserer Schrift an verschiedenen Stellen; in erster Linie dort, wo der Verfasser darauf hinweist, daß er selbst diesen hier von ihm beschriebenen Prozeß durchlaufen habe (52), somit aus Erfahrung schreibe. Es kommen sodann jene Stellen in Betracht, wo Böhme vom Spott und von der Verfolgung durch seine Gegner schreibt, für die er jedoch Fürbitte tut (z.B. 44). Dabei ist an die üblen Verleumdungen und Nachstellungen durch die orthodoxen Lutheraner in Görlitz zu denken, namentlich an den Görlitzer Oberpfarrer Gregorius Richter.1 Wenn Böhme in diesen Belastungen Gottes »Liebeszeichen« erblickt, die anzeigen, wie das neue Leben »ausgrüne«, so wird daran etwas von Böhmes Fähigkeit deutlich, auch die Widerwärtigkeiten des Alltags im Zusammenhang seines Einweihungsweges zu sehen. Dazu kommt noch, daß seine Gegner völliger Unbewußtheit verhaftet sind, während bei dem unschuldig Leidenden bewußtseinsteigernde Potenzen frei werden. Die Böhmesche Menschenkunde erlaubt insofern eine Deutung dieser Widerfahrnisse, als der »alte Mensch« im Übel (gemäß traditioneller Auffassung) so etwas wie die Bestrafung von Sünden sieht, während der »neue, in Christus wiedergeborene Mensch« nach vorne blickt und Krisen als notwendige und damit förderliche Durchgangsstationen auf dem Weg der Entwicklung wertet (44).

1) Vgl. Gerhard Wehr: Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, S. 39 f).

 

       Zu 1,46-54

Mit einem Dialog zwischen Sophia und der Seele sowie mit zwei kurzen Gebeten schließt die Schrift »Von wahrer Buße«. Böhme korrigiert in dem Zwiegespräch die irrige Meinung, daß der Prozeß bereits zur vollen Vereinigung mit der göttlichen Sophia führe. Einweihung (Initiation von lat. initium, Anfang) ist ein einziger Anfang. Eine Vorwegnahme des letzten Ziels in diesem Erdenleben ist nicht möglich (49), wohl aber empfängt der Liebende — die Seele — die Liebesstrahlen seiner Braut Sophia, solange er die »Pilgram-Straße« wandert (50). Im übrigen ist klargestellt, daß es angesichts der Alltagspflichten kein Ausweichen gibt, also auch kein genüßliches Verweilen im Stadium meditativer oder kontemplativer Beschaulichkeit. Das macht das an Luthers Morgensegen erinnernde Morgengebet (53) deutlich. Es lenkt den Sinn des Betenden auf den »Weinberg« des Herrn und ist damit ein Aufruf zu tätiger Wirksamkeit mitten in der Welt.

 

       Zu 1,1-29

Das wesentlich kürzere »zweite Büchlein« gleichen Titels, das in der eingangs erwähnten Sammelschrift »Der Weg zu Christo« (1624) nicht enthalten war, ist zwar vor dessen Drucklegung, aber zeitlich nach dem »ersten Büchlein« niedergeschrieben worden. Abschnitt 18 zeigt, daß es als eine selbständige Arbeit gedacht war. Es mutet wie eine Kurzfassung der eben besprochenen Schrift an, indem es die darin enthaltenen Gedanken zusammenfaßt.

 

Text:

CHRISTOSOPHIA ODER DER WEG ZU CHRISTO

DE POENITENTIA VERA ODER VON WAHRER BUSSE

 

DAS ERSTE BÜCHLEIN

Wie sich der Mensch im Willen und Gemüte in sich selber erwecken müsse und was seine Betrachtung und ernster Fürsatz sein solle, wann er will kräftige Buße wirken, und mit was für einem Gemüte er solle vor Gott treten, wann er will von Gott Vergebung der Sünden bitten und erlangen.

 

Vorrede des Autoris an den gottliebenden Leser

St. Paulus sagt: Alles, was ihr tut, das tut im Namen des Herrn, und danket Gott und dem Vater in Christo Jesu.

Gottliebender Leser, wirst du dies Büchlein recht brauchen und dir lassen ein Ernst sein, du wirst seinen Nutzen wohl erfahren. Ich will dich aber gewarnet haben, ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuren Namen Gottes, in dem die höchste Heiligkeit damit genannt, gerüget und mächtig begehret wird, stehen, daß sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seelen entzünden. Denn man soll den heiligen Namen Gottes nicht mißbrauchen.

Dieses Büchlein gehöret allen denen, die da gerne wollten Buße tun und in Begierde zum Anfange sind. Sie werden es beiderseits erfahren, was darinnen für Worte sind und woraus sie geboren. Hiermit der ewigen Güte und Barmherzigkeit Gottes empfohlen!

1,1. Wann der Mensch will zur Buße schreiten und sich mit seinem Gebete zu Gott wenden, so soll er vor allem Gebete sein Gemüt betrachten, wie dasselbe so ganz und gar von Gott abgewandt stehet, wie es an Gott sei treulos worden, wie es nur in das zeitliche, zerbrechliche, irdische Leben gerichtet sei und keine rechte Liebe gegen Gott und seinen Nächsten führe und wie es also ganz wider Gottes Gebot lüstere (aufbegehre) und walle und nur sich selber in zeitlicher, vergänglicher Fleischeslust suche.

1,2.  Zum andern soll er betrachten, wie dieses alles eine Feindschaft wider Gott ist, welche ihm der Satan durch seinen Trug in unsern ersten Eltern (Adam u. Eva) erwecket hat, um welches Greuels willen wir des Todes sterben und mit unsern Leibern verwesen müssen.

1,3.  Zum dritten soll er betrachten die grausamen drei Ketten, daran unsere Seele die Zeit dieses irdischen Lebens feste angebunden ist: Als die erste ist Gottes strenger Zorn, der Abgrund und finstere Welt, welche das Centrum und kreatürliche Leben der Seelen ist. Die andere Kette ist des Teufels Begierde gegen der Seelen, damit er die Seele stets sichtet, versuchet und sie ohne Unterlaß von Gottes Wahrheit in die Eitelkeit, als in Hoffart, Geiz, Neid und Zorn stürzen will und dieselben bösen Eigenschaften mit seiner Begierde stets in der Seele aufbläset und anzündet, dadurch sich der Seelenwille von Gott wendet und in eine Selbheit eingehet. Die dritte und allerschädlichste Kette, daran die arme Seele angebunden stehet, ist das verderbte und ganz eitele (nichtige), irdische sterbliche Fleisch und Blut, voll böser Begierde und Neiglichkeit (Haltlosigkeit). Allhier soll er betrachten, wie er mit Leib und Seele in dem Sündenschlamm, in Gottes Zorne im Rachen der Höllen Abgrund hart gefangen liege, wie Gottes Zorn in Seele und Leib in ihm brenne, und wie er der stinkende Säuhirte sei (Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn, Luk. 15,15), welcher seines Vaters Erbe habe mit des Teufels Mastsäuen in irdischer Wollust verpranget und verzehret, als Gottes Liebe und Barmherzigkeit, und nicht wahrgenommen habe des teuren Bundes und Versöhnung des unschuldigen Leidens und Todes Jesu Christi, welchen Gott aus lauter Gnaden in unsere Menschheit eingegeben und uns in ihm versöhnet hat; auch wie der des Bundes der Hl. Taufe, in welchem er seinem Heiland hat Glauben und Treu zugesagt, so ganz vergessen, und seine Gerechtigkeit, welche ihm Gott in Christo aus Gnaden geschenkt, so ganz in Sünden besudelt und verdunkelt, daß er nun jetzt mit dem schönen Kleide der Unschuld Christi, welches er beflecket hat, vor Gottes Angesicht stehe als ein kotiger, zerrissener, zerlumpter Säuhirte, der stets mit des Teufels Säuen die Treber (Schweinefutter) der Eitelkeit gefressen, und sei nicht wert, daß er ein Sohn des Vaters und Glied Christi genennet werde.

1,4.  Zum vierten soll er ernstlich betrachten, daß der grimme Tod alle Stunden und Augenblick' seiner wartet, und will ihn mit diesem Säuhirtenkleide in seinen Sünden und Greueln ergreifen und in Abgrund der Höllen stürzen als einen Meineidigen und Glaubbrüchigen (der den Glauben und Treue bricht), welcher zum Gerichte Gottes in der finstern Todeskammer solle behalten werden.

1,5.  Zum fünften soll er das ernste und strenge Gericht Gottes betrachten, da er soll lebendig mit seinen Greueln vor das Gerichte gestellet werden und ihm alle diejenigen, welche er hat allhie mit Worten und Werken beleidiget und zum Übel verursachet, daß sie aus seinem Antrieb haben auch Sünde gewirket, werden unter Augen treten, ihn verfluchen, und solches vor den Augen Christi, auch vor allen heiligen Engeln und Menschen. Und wie er allda werde in großen Schanden und Spotte, dazu in großem Schrecken und ewiger Verzweiflung stehen. Und wie ihn das ewig würde reuen, daß er um so einer kurzen Zeit Wollust willen habe eine so große ewige Seligkeit verscherzet und seiner nicht besser wahrgenommen, daß er auch möchte unter der Gemeinschaft der Heiligen sein und des ewigen Lichtes und göttlichen Kraft genießen.

1,6.  Zum sechsten soll er betrachten, wie der Gottlose sein edles Bildnis, wie ihn Gott zu seinem Bilde geschaffen hat, verlieret und eine ungestalte Larva, gleich einem höllischen Wurm oder greulichen Tier bekommt, da er dann ein Feind Gottes wider den Himmel und alle heiligen Engel und Menschen ist; und wie seine Gemeinschaft ewig in der grausamen Finsternis unter den Teufeln und höllischen Würmen ist.

1,7.  Zum siebenten soll er ernstlich betrachten die ewige Strafe und Pein der Verdammten, wie sie in ewigem Schrecken in ihren hie (auf Erden) gemachten Greueln sollen Pein leiden und das Land der Heiligen in Ewigkeit nicht schauen, auch keine Erquickung erlangen mögen wie bei dem reichen Mann zu sehen ist. (Luk. 16) Solches soll der Mensch ernstlich betrachten und denken, wie ihn Gott habe in ein solch schön und herrlich Bilde geschaffen, in sein Gleichnis, in dem er selber wohnen will, daß er ihn habe in sein Lob, zu seiner selbst ewigen Freude und Herrlichkeit geschaffen; daß er möge neben den heiligen Engeln mit den Kindern Gottes in großer Freude, Kraft und Herrlichkeit im ewigen Lichte wohnen, im Sange und Klange der Harmonie der englischen und göttlichen Freudenreich; daß er sich sollte mit den Kindern Gottes ewig freuen, ohne Furcht einiges Endes, da ihn kein böser Gedanke rühren könnte, auch kein Leid noch Kummer, weder Hitze noch Kälte, da man von keiner Nacht weiß, auch kein Tag noch Zeit mehr ist, sondern eine ewige Freude; da Seele und Leib in Freuden zittern und sich der unendlichen Wunder und Kräfte, in Schöne der Farben und Zierheit der unendlichen Gebärung in der Weisheit Gottes auf der neuen kristallischen Erden, welche als ein durchscheinend Glas sein wird, erfreuen sollte. Und wie er es also mutwillig verscherzen tue, um einer solchen kurzen, schnöden Zeit willen, welche doch in dieser Eitelkeit, in dem bösen Leben des wollüstigen Fleisches voll Jammer, Furcht und Unruhe ist, in eitel (nichts als) Quälen; und gehet doch dem Gottlosen als dem Frommen; wie einer sterben muß, also auch der ander‘; und da der Heiligen Tod doch nur ein Eingang in die ewige Ruhe ist und der Gottlosen Tod ein Eingang in die ewige Unruhe.

1,8.  Zum achten soll er betrachten den Lauf dieser Welt, wie alles nur ein Spielwerk sei, damit er seine Zeit in Unruhe zubringet, und daß es dem Reichen und Gewaltigen gehet wie dem Armen, wie wir alle gleich in den vier Elementen leben und schweben, und daß dem Armen sein Bissen so wohl schmecket in seiner Mühe als dem Reichen in seiner Sorge. Daß wir alle in einem Odem (die gleich Luft atmen) leben, und daß der Reiche nichts als nur eine Mundleckerei und Augenlust zum Vorteil habe, sonst gehts einem wie dem andern, um welcher Augenlust willen der Mensch eine solche große Seligkeit verscherzet und sich in solche große ewige Unruhe um des willen einführet.

1,9.  In solcher Betrachtung wird sich der Mensch in seinem Herzen und Gemüte fühlen, sonderlich so er sich sein Ende stets fürmodelt (vor Augen führt), daß er wird ein herzlich Sehnen und Verlangen nach Gottes Barmherzigkeit bekommen, und wird anfangen, seine begangene Sünde zu bereuen, daß er seine Tage so übel zubracht hat und nicht wahrgenommen noch betrachtet, wie er allhie in dieser Welt in einem Acker im Wachsen stehe, entweder eine Frucht in Gottes Liebe oder Zorn; und wird sich erst besinnen, daß er noch nichts in Christi Weinberge gearbeitet habe (Matth. 20), und daß er ein dürrer Rebe am Weinstock Christi sei. Da dann in manchem, welchen der Geist Christi in solcher Betrachtung rühret, groß Jammer und Herzenleid, in sich selber Klagen überhaufen angehet über die Tage seiner Bosheit, welche er also ohne Wirkung in Christi Weinberge in der Eitelkeit verschoben (ungenutzt) und zugebracht hat.

1,10.       Diesem nun, welchen der Geist Christi in Reue einführet, da sein Herz eröffnet wird, daß er kann seine Sünde erkennen und bereuen, ist gar leichtlich zu raten: Er braucht nur die Verheißungen Christi anziehen, daß Gott nicht den Tod des armen Sünders will, Ezech. 33,11, sondern heißet sie alle zu sich kommen, er will sie erquicken, Matth. 11,28. Und daß große Freude im Himmel sei über einen Sünder der Buße tut, Luk. 15,7. Dieser ergreife nur die Worte Christi und wickele sich in Christi Leiden und Tod ein.

1,11.       Aber mit denen will ich reden, welche zwar eine Begierde zur Buße in sich fühlen und können aber nirgends zur Erkenntnis noch zur rechten wahren Reu‘ über ihre begangene Sünde kommen, da das Fleisch immer zur Seele spricht: Harre noch, morgen ists gut, und wann dann Morgen kommt, so spricht das Fleisch wieder: morgen; da die arme Seele ächzet und in Ohnmacht stehet und empfähet weder rechte Reue über die begangene Sünde noch einigen Trost. Denen sage ich, will ich einen Prozeß schreiben, den ich selber gegangen bin, was ihm zu tun sei und mir es gegangen ist, ob es einen lüstere nachzufolgen, so wird er es erfahren, was hienach geschrieben ist.

 

Prozeß der Buße

1,12.       Wann der Mensch seinen Hunger durch solche obbenannte Betrachtung in sich findet, daß er gerne wollte Buße tun, und findet aber keine recht Reue über die begangene Sünde in sich und gleichwohl einen Hunger nach Reue — wie dann die arme gefangene Seele immerdar ächzet, sich fürchtet und vor Gottes Gerichte der Sünden sich schuldig geben muß — der kann es besser nicht machen, als er raffe Sinnen und Gemüte mit aller Vernunft zusammen in eines und mach sich zur selben Stunde alsobald in der ersten Betrachtung, wann er sich in Lust zur Buße fühlet einen gewaltigen Fürsatz (Entschluß zur Tat), daß der diese Stunde und diese Minute alsobald will in die Buße eingehen und von dem gottlosen Wege ausgehen, auch aller Welt Macht und Ehre nichts achten, und wo es sein soll alles um der wahren Buße willen verlassen und für nichts achten.

1,13.       Und setze sich einen solchen harten und strengen Sinn für, daß er nimmermehr will wieder davon ausgehen und sollte er gleich aller Welt Narr darinnen sein, und daß er wolle mit seinem Gemüte aus der Schönheit und Wollust dieser Welt in das Leiden und Tod Christi in und unter sein Kreuz geduldig eingehen und seine ganze Hoffnung auf das zukünftige Leben richten und wolle nun in Gerechtigkeit und Wahrheit in Christi Weinberge eingehen und Gottes Willen tun, und in Christi Geiste und Willen alle seine Werk in dieser Welt anfahen und vollenden, und wolle um Christi Wort und Verheißung willen, indem er uns himmlische Belohnung zugesaget hat, alles Unglück und Kreuz gerne leiden und tragen, daß er nur möge unter die Gemeinschaft der Kinder Christi gezählet und im Blute des Lammes Jesu Christi in seine Menschheit eingeleibet und vereiniget sein.

1,14.       Er soll sich festiglich einbilden und seine Seele ganz darein wickeln, daß er in seinem Fürsatze werde die Liebe Gottes in Christo Jesu erlangen und daß ihm Gott werde nach seiner treuen Verheißung das edle Pfand, den Hl. Geist, zu seinem Anfang geben, daß er in der Menschheit Christi nach himmlischen göttlichen Wesen werde in ihm selber neugeboren werden, und daß ihme der Geist Christi werde sein Gemüte in seiner Liebe und Kraft erneuern und seinen schwachen Glauben kräftig machen, auch daß er in seinen göttlichen Hunger werde Christi Fleisch und Blut in seiner Seelenbegierde, welche stets darnach hungert und dürstet, zu einer Speise und Trank bekommen, Joh. 6,55, und mit der Seelendurst trinken aus dem süßen Brünnlein Jesu Christi das Wasser des ewigen Lebens nach Christi Verheißung und wahrhaftiger starker Zusage, Joh. 4,10.

1,15.       Er soll sich auch gänzlich einbilden die große Liebe Gottes, daß Gott nicht den Tod des Sünders wolle, sondern will, daß er sich bekehre und lebe, Ezech. 33,11. Und wie Christus die armen Sünder also freundlich zu sich rufet, wie er sie will erquicken, Matth. 11,28. Und daß Gott seinen Sohn darum habe in die Welt gesandt, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, nämlich den armen, bußfertigen, wiederkehrenden Sünder, und wie er um des armen Sünders willen habe sein Leben in den Tod gegeben und für ihn in unserer angenommenen Menschheit gestorben sei.

1,16.       Mehr soll er sich festiglich einbilden, daß ihn Gott in Christo Jesu viel lieber wolle erhören und zu Gnaden annehmen als er zu ihm komme und daß Gott in der Liebe Christi in dem hochteuren Namen Jesu nichts Böses könne wollen, daß kein Zornblick in diesem Namen sei, sondern er ist die höchste und tiefste Lieb und Treu, die allergrößeste Süßigkeit der Gottheit in dem großen Namen JEHOVA, welchen er in unserer verderbten und verblichenen Menschheit des himmlischen Teils, welches im Paradeis durch die Sünde verblich, hat offenbaret und sich deshalben nach seinem Herzen beweget, daß er uns seine süße Liebe einflößete, auf daß des Vaters Zorn, welcher in uns entbrannt war, dadurch verlösche und in Liebe verwandelt würde; welches alles um des armen Sünders willen geschehen ist, daß der möchte wieder eine offene Gnadenpforte erlangen.

1,17.       In solcher Betrachtung soll er sich festiglich einbilden, daß er diese Stunde und Augenblick vor dem Angesichte der Hl. Dreifaltigkeit stehe und daß Gott wahrhaftig in ihm und außer ihm gegenwärtig sei vermöge der Hl. Schrift: Bin nicht ich‘s, der alles erfüllet? Jer. 23,24. Desgleichen: Das Wort ist dir nahe als nämlich in deinem Munde und Herzen, Röm. 10,8. Desgleichen: Wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen, Joh. 14,23. Desgleichen: Ich will alle Tage bis an der Welt Ende bei euch bleiben, Matth. 28,20. Desgleichen: Das Reich Gottes ist inwendig in euch, Luk. 17,21.

1,18.       Also soll er gewiß wissen und glauben, daß er mit seiner Seele feste vor dem Angesichte Jesu Christi vor der heiligen Gottheit stehe und daß sich seine Seele habe rücklings von Gottes Angesicht gewandt, und daß er jetzo diese Stunde wolle seiner Seelen Augen und Begierde gegen Gott wenden und mit dem armen verlorenen und wiederkehrenden Sohne zum Vater kommen. Er soll mit untergeschlagenen Augen seiner Seelen und Gemütes in Furcht und höchster Demut vor Gott nahen, seine Sünde und Unwürdigkeit zu beichten wie folget:

 

Eine kurze Form der Beicht‘ vor Gottes Augen

Diese Beichte mag sich ein jeder nach seinem Anliegen formieren und vermehren wie ihn der Hl. Geist wird lehren. Ich will nur eine kurze Anleitung geben.

1,19.       O großer, unerforschlicher, heiliger Gott, Herr aller Wesen, der du dich in Christo Jesu aus großer Liebe gegen uns mit deinem heiligen Wesen in unserer Menschheit hast offenbaret. Ich armer, unwürdiger, sündiger Mensch komme vor dein geoffenbartes Angesichte, in der Menschheit Christi, wiewohl ich‘s nicht wert bin, daß ich meine Augen zu dir aufhebe und stehe vor dir; und bekenne dir, daß ich an deiner großen Liebe und Gnade, die du uns geschenket hast, bin treulos und brüchig geworden. Ich habe den Bund, welchen du aus lauter Gnaden durch die Taufe mit mir gemacht hast, in welchem du mich zum Kind und Erben des ewigen Lebens hast angenommen, verlassen, und habe meine Begierde in die Eitelkeit dieser Welt eingeführet und meine Seele damit besudelt und ganz viehisch und irdisch gemacht, daß sich auch meine Seele vor Sündenschlamm nicht kennet und ganz als ein fremdes Kind vor deinem Angesichte achtet, das nicht wert ist, daß es deiner Gnade begehren soll. Ich liege im Schlamm der Sünden und Eitelkeit meines verderbten Fleisches bis an den Gaumen meiner Seelen und habe nur noch ein klein Fünklein des lebendigen Odems in mir, welches deiner Gnaden begehret. Ich bin mir in der Eitelkeit also tot worden, daß ich auch in dieser Eitelkeit meine Augen nicht zu dir aufheben darf.

O Gott in Christo Jesu, der du um der armen Sünder willen bist Mensch worden, daß du ihnen helfen willst! Dir klage ich‘s, zu dir habe ich noch einen Funken der Zuflucht in meiner Seele. Ich habe dein erworbenes Erbe, das du durch deinen bittern Tod uns armen Menschen erworben hast, nichts geachtet und mich der Erbschaft der Eitelkeit in deines Vaters Zorn im Fluche der Erden teilhaftig gemacht und bin in Sünden gefangen, und an deinem Reiche halb erstorben. Ich liege in Ohnmacht deiner Kraft und der grimmige Tod wartet meiner. Der Teufel hat mich vergiftet, daß ich dich meinen Heiland nicht kenne. Ich bin ein wilder Zweig an deinem Baum worden und habe mein Erbe an dir mit des Teufels Säuen verzehret (oben Vers 3). Was soll ich vor dir sagen, der ich deiner Gnaden nicht wert bin. Ich liege im Schlafe des Todes, der hat mich gefangen und bin mit dreien starken Ketten hart angebunden. O du Durchbrecher des Todes! Komm mir doch zuhilfe. Ich kann und vermag nichts. Ich bin mir tot worden und habe keine Kraft vor dir, und darf auch meine Augen vor großer Schande vor dir nicht aufheben, denn ich hin der besudelte Säuhirte (Luk. 15), und habe mein Erbe mit der falschen buhlerischen Hure der Eitelkeit in Fleischeslust vertan. Ich habe mich in eigener Lust gesucht und nicht dich. Nun bin ich in meiner Selbheit zum Toren geworden und bin nacket und bloß. Meine Schande steht mir unter Augen. Ich kann sie nicht verbergen, dein Gerichte wartet meiner. Was soll ich vor dir sagen, der du aller Welt Richter bist? Ich habe nichts mehr, das ich dir fürtragen (zur Entschuldigung vortragen) kann. Hie stehe ich vor dir nacket und bloß und falle vor deinem Angesichte zu Boden und klage dir mein Elend und flehe zu deiner großen Barmherzigkeit, wie wohl ich‘s nicht wert bin. So nimm mich doch nur in deinen Tod und laß mich doch nur in deinem Tode meines Todes sterben. Schlage doch du mich in meiner angenommenen Ichheit zu Boden und töte durch deinen Tod meine Ichheit, auf daß ich nicht mehr mir selber lebe, weil ich in mir selber nur Sünden wirke. So schlage du doch das böse Tier, voll falscher List und eigener Begierde, zu Boden und erlöse doch die arme Seele von ihren schweren Banden.

O barmherziger Gott, deine Liebe und Langmut ist‘s, daß ich nicht allbereits in der Hölle liege. Ich ergebe mich mit meinem ganzen Willen, Sinnen und Gemüte in deine Gnade und flehe zu deiner Barmherzigkeit. Ich rufe dir durch deinen Tod aus dem kleinen Fünklein meines Lebens, mit dem Tode und der Höllen umfangen, welche ihren Rachen gegen mich aufsperren und wollen mich gar im Tode verschlingen; der du zugesaget hast: Du willst das klimmende Docht nicht auslöschen (Jes. 42,3). Nun habe ich keine andere Straße zu dir als dein Leiden und Sterben, weil du unsern Tod durch deine Menschheit hast zum Leben gemacht, und die Ketten des Todes zersprenget. So ersenke ich meiner Seelen Begierde in deinen Tod, in die aufgebrochene Pforten deines Todes.

O großer Brunnquell der Liebe Gottes, laß mich doch meiner Eitelkeit und Sünde, in dem Tode meines Erlösers Jesu Christi sterben!

O du Odem der großen Liebe Gottes, erquicke doch meinen schwachen Odem in mir, daß er anfange nach dir zu hungern und zu dürsten! O Jesu, du süße Kraft, gib doch meiner Seele aus deinem Gnadenbrünnlein deines süßen Wassers des ewigen Lebens zu trinken, daß sie vom Tode aufwache und nach dir dürste. Ach, wie gar matt ist sie doch an deiner Kraft! O barmherziger Gott, bekehre du doch mich, ich kann nicht! O du Ritter des Todes, hilf du mir doch ringen. Wie hält mich der Feind an seinen drei Ketten und will meiner Seelen Begierde nicht lassen vor dich kommen. Komm doch du, und nimm meiner Seelen Begierde in dich. Sei doch du mein Zug zum Vater und erlöse mich von des Teufels Banden! Siehe nicht an meine Ungestalt, daß ich vor dir nacket stehe und habe dein Kleid verloren. Bekleide doch nur meinen Odem (Seele), der noch in mir lebet und deiner Gnade begehret und laß mich noch einst sehen dein Heil!

O allertiefste Liebe, nimm doch meiner Seelen Begierde in dich. Führe sie doch aus des Todes Banden durch deinen Tod in deiner Auferstehung in dir aus! Erquicke mich doch in deiner Kraft, auf daß meine Begierde und Willen anfange neu zu grünen! Ach, du Überwinder des Todes und Zornes Gottes, überwinde doch du in mir meine Ichheit. Zerbrich ihren Willen und zerknirsche meine Seele, daß sie sich vor dir fürchte und stets vor dir zu Boden falle und sich ihres eigenen Willens vor deinem Gerichte schäme, daß sie als dein Werkzeug dir gehorsam sei. Beuge du sie in Todesbanden, nimm ihr die Gewalt, auf daß sie ohne dich nichts wolle!

O Gott, Hl. Geist in Christo meinem Heiland, lehre mich doch, was ich tun soll, daß ich mich möge zu dir wenden. Wende doch meinen Willen in mir zu dir. Zeuch (ziehe) doch du mich in Christo zum Vater und hilf mir, auf daß ich jetzt von nun an von der Sünden und Eitelkeit ausgehe und nimmermehr wieder darein eingehe. Erwecke du eine rechte Reue über die begangene Sünde in mir. Halt mich doch an deinem Bande und laß mich nicht von dir los, daß mich der Teufel nicht sichte in meinem bösen Fleisch und Blut, und wieder in den Tod des Todes führe. Erleuchte doch meinen Geist, daß ich die göttliche Bahn sehe und stets gehe. Nimm doch du von mir, was mich wendet von dir. Gib doch du mir, was mich stets wendet zu dir. Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir! Laß mich doch nichts ohne dich anfangen, wollen, denken noch tun. Ach, wie lange, Herr, bin ich's doch nicht wert, daß ich von dir begehre. Laß doch meiner Seelen Begierde nur in den Toren deiner (Tempel-)Vorhöfe wohnen. Mache sie nur zu deiner Diener Knecht. Errette sie doch nur aus der grausamen Gruben, da kein Trost noch Erquickung innen ist.

O Gott in Christo Jesu, ich bin mir blind und kenne mich nicht vor Eitelkeit. Du bist mir in meiner Blindheit verborgen, der du doch nahe bei mir bist. Aber dein Grimm hat mich finster gemacht, welchen meine Begierde erwecket hat. Nimm doch nur den Odem meiner Seelenbegierde zu dir. Prüfe ihn Herr und zerschelle ihn, daß meine Seele möge einen Strahl deiner süßen Gnaden erreichen.

Vor dir liege ich als ein Toter, dessen Leben auf seinem Gaumen schwebet, als ein kleines Fünklein. Zünde du es doch an, Herr, und richte meiner Seelen Odem vor dir auf! Herr, ich warte auf deine Zusage, der du gesagt hast: So wahr ich lebe, ich habe nicht Lust am Tode des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. — Ich ersenke mich in den Tod meines Erlösers Jesu Christi und harre deiner. Dein Wort ist Wahrheit und Leben. Amen.

1,20.       Auf solche oder dergleichen Art, wie sich ein jeder in seinem Gewissen fühlet, in welche Sünden er seine Seele eingeführet hat, mag er beichten, wiewohl — so der Fürsatz recht ernst ist — keine Formula nötig zu machen ist, dann der Geist Gottes, welcher balde im Willen des Gemüts ist, wird sie ihme im Gewissen wohl selber machen, denn er ist's, der in einer rechten ernsten Begierde selber die Buße wirkt und die Seele durch Christi Tod vor Gott vertritt.

1,21.       Dem lieben Leser, welcher in einem christlichen Fürsatz ist, will ich aber nicht verbergen, wie es gemeinlich in solchem harten Fürsatz pfleget zu gehen, zwar einem anders als dem andern, nachdem der Fürsatz ernstlich und groß ist. Denn der Geist Gottes ist ungebunden und pfleget mancherlei Prozeß zu halten, wie er einen jeden kennet. Jedoch der im Kriege gewesen ist, der kann vom Streite reden, ob's einem auch also ging, zur Nachricht.

1,22.       Es kommt, daß ein solch Herz mit strengem Fürsatze also vor Gott kommt und in die Buße eingehet. Es gehet ihm aber wie dem Kanaaneischen Weiblein (Matth. 15,22), als wollte Gott nicht hören. Sein Herze bleibet ohne Trost. Es treten ihm noch wohl seine Sünden und Unwürdigkeit unter Augen, als sei er's nicht wert. Sein Gemüte ist, als wäre es stumm. Die Seele ächzet in der Tiefe. Das Herz empfähet nichts, kann auch wohl seine Beichte vor Gott nicht ausschütten, gleich als wären ihme sein Herz und Seele verschlossen. Die Seele wollte gerne, aber das Fleisch hält sie gefangen. Der Teufel decket feste zu und modelt ihm den Weg der Eitelkeit wieder vor und kitzelt ihn mit Fleischeslust und saget im Gemüte: Harre noch, tue erst dies und das. Sammle dir zuvorhin Geld, daß du der Welt nicht bedarfst, alsdann tritt in ein frommes Leben in die Buße; es ist Zeit genug.

1,23.       O, wie viel hundert verderben in solchem Anfange, so sie wieder in die Eitelkeit eingehen; und geht ihnen als einem jungen Pfröpflein, das von Winden abgebrochen wird oder von der Hitze verdorret.

1,24.       Höre liebe Seele, willst du ein Ritter des Todes und der Höhen in deinem Heilande Christo werden und willst, daß dein junges Pfröpflein ein Baum im Reiche Christi werden und wachsen, so mußt du im ersten ernsten Fürsatz bleiben stehen, es kostet dein erstes väterliches Erbe, dazu dein Leib und Seele; entweder ein Engel in Gott oder ein Teufel in der Hölle. Willst du gekrönet werden, so mußt du streiten (Tim. 2,3), du mußt in Christo siegen und nicht vor dem Teufel unten liegen. Dein Fürsatz soll bleiben stehen. Du mußt zeitliche Ehre und Gut diesem nicht vorziehen.

1,25.       Wenn des Fleisches Geist sagte: Harre noch, es ist jetzt nicht angenehme, so muß die Seele sagen: Es ist jetzt meine Zeit und Stunde, daß ich wieder in mein Vaterland eingehe, daraus mich mein Vater Adam hat ausgeführet. Es soll mich keine Kreatur halten. Und solltest du irdischer böser Leib darum zu Trümmern gehen und verschmachten, so will ich anjetzo in den Rosengarten meines Erlösers Jesu Christi durch sein Leiden und Tod zu ihm mit meinem Willen und ganzer Begierde eingehen und dich, du irdischer Leib, der du mir meine Perle hast verschlungen, welche Gott meinem Vater Adam im Paradies gab, in Christi Tode dämpfen und den Willen deiner Wollust in der Eitelkeit brechen und dich, als einen bösen Hund, an die Kette meines ernsten Fürsatzes anbinden. Und solltest du gleich aller Menschen Narr darum sein, so sollst du doch meiner Seelen ernsten Fürsatz gehorchen. Von dieser Kette soll dich niemand auflösen als der zeitliche Tod. Dazu helfe mir Gott und seine Kraft! Amen.

 

Eine kurze Andeutung

Wie die arme Seele wieder vor Gott treten soll und wie sie um das edle Ritterkränzlein streiten solle, was für Waffen sie anziehen soll, wenn sie will wider Gottes Zorn, auch wider Teufel, Welt und Sünden, mit Fleisch und Blut, wider Sternen und Elementen und wider alle Feinde in Streit ziehen:

1,26.       Liebe Seele, zu diesem gehöret Ernst. Es muß nicht nur eine Erzählung solcher Worte sein. Der ernste fürgesetzte Wille muß das treiben oder wird nicht erlanget werden. Denn, will die Seele Christi Ritterkränzlein von der edlen Jungfrau Sophia erlangen, so muß sie in großer Liebesbegierde mit ihr darum buhlen. Sie muß sie bei ihrem allerheiligsten Namen darum bitten und in gar großer züchtiger Demut vor sie treten, nicht als brünstiger Stier oder geile Venus. Also lange sie solche sind, sollen sie solches nicht begehren, sie erlangens nicht. Und ob was erlangt würde in dieser Zeit, so ist es bei solchen doch nur ein Glast (Schein und Trug) davon.

1,27.       Aber ein züchtiges Gemüt mags wohl erlangen, daß die Seele in ihrer edlen Bildnis, welche in Adam starb, lebendig gemacht werde, verstehet: in der himmlischen Leiblichkeit, nach dem inwendigen Grunde, und daß sie das Siegskränzlein aufsetze und als eine Krone beigeleget wird. Gleichwie man einen König krönet und hernach seine Krone verwahret, also geschieht auch der Seelen, weil sie noch mit dem Sündenhause umgeben ist, damit, ob sie wieder fiele, nicht ihre Krone besudelt würde. Hiemit den Kindern, so dieses wissen und erfahren haben, verständig genug geredet; kein Gottloser Saumensch ist dieses ferner zu wissen würdig.

 

Prozeß

1,28.       Hiezu gehöret ein nüchtern Gemüte, welches in ernstem Fürsatze und in höchster Demut, mit Reue seiner Sünden vor Gott also trete, da ein Fürsatz innen ist, daß der Mensch nicht mehr will in die alten Fußstapfen der Eitelkeit eintreten, und sollte ihn die ganze Welt darum für närrisch halten, er auch Ehre und Gut darum verlieren, dazu das zeitliche Leben, so wollte er dennoch darinnen verharren.

1,29.       Ein solch Gelübde muß er der edlen Jungfrau Sophia in seinem Fürsatz und Gemüte tun, will er ihre Ehe und Liebe erlangen. Denn Christus sagte auch also: Wer nicht verlässet Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, Geld, Gut und alles, was er hat, ja auch sein irdisch Leben, und folget mir nach, der ist meiner nicht wert. — Solches versteht Christus auf das seelische Gemüte, daß, ob etwas wäre, welches das Gemüte hierinnen wollte aufhalten, wie schön und herrlich das in dieser Welt zu sein auch schiene, soll es doch das Gemüte nicht achten und lieber wollen entbehren als die Liebe der edlen Jungfrauen Sophiae im Gewächse der Blume Christi, in seiner zarten Menschheit in uns, nach himmlischer Leiblichkeit. Denn das ist die Blume zu Saron, die Rose im Tal, davon Salomon spielet (Hoheslied 2,1) und seinen lieben Buhlen, seine züchtige Jungfrau nennet, welche er also liebete, wie wohl alle Heiligen vor und nach ihme je geliebet haben. Welcher sie hat erlanget, der hat sie seine Perle geheißen. Wie nun um diese zu bitten sei, folget hienach eine kurze Anleitung. Das Werk aber wird dem Hl. Geiste befohlen in jedem Herzen, da sie gesucht wird. Derselbe formet ihme selber das Gebet.

 

Gebet

1,30.       Ich armer, unwürdiger Mensch, komme abermal vor dich, o großer, heiliger Gott, und hebe jetzt meine Augen zu dir auf; ob ichs wohl nicht wert bin, so hat mich aber deine große Barmherzigkeit und deine teure Zusage in deinem Worte kühne gemacht, daß ich jetzt die Augen meiner Seelen Begierde zu dir aufhebe. Denn meine Seele hat jetzt das Wort deiner Verheißung in sich gefasset und mit diesem kommt sie zu dir. Und ob sie noch ein fremdes Kind vor dir ist, welches dir ungehorsam war, nun aber begehret, gehorsam zu sein, so windet sich aber meine Seele jetzt mit ihrer Begierde in das Wort ein, das Mensch worden ist, das Fleisch und Blut worden ist, das in meiner Menschheit die Sünde und den Tod zerbrochen hat, das in meiner Seelen den Zorn in Liebe verwandelt hat, das dem Tode seine Macht und der Höllen ihren Sieg in Seele und Leib genommen hat, welches meiner Seelen eine offene Pforten zu deinem klaren Angesicht deiner Kraft gemacht hat. — In dieses allerheiligste Wort habe ich, o großer, allerheiligster Gott, meiner Seelen Hunger und Begierde eingeführet, und komme jetzt vor dich und rufe in meinem Hunger durch dein Wort, das Fleisch und Blut worden ist, in dich, du lebendige Quelle: Dieweil dein Wort ist das Leben in unserem Fleisch worden, so fasse ichs in meiner Seelenbegierde als mein eigen Leben und dringe mit meiner Seelenbegierde durch dein Wort im Fleische Christi — durch seine heilige Empfängnis in Maria der Jungfrauen, und durch seine ganze Menschwerdung, durch seine heilige Geburt, durch seine Taufe am Jordan, durch seine Versuchung in der Wüsten, da er in der Menschheit des Teufels und dieser Welt Reich überwand, durch alle seine kräftigen Wunderwerke, die er auf Erden tat, durch seinen Spott und Verachtung, durch sein unschuldig Leiden und Sterben, durch sein Blutvergießen, da Gottes Zorn mit in der Seele und Fleisch ersäufet ward, durch seine Ruhe im Grabe, da er unsern Vater Adam aus seinem Schlaf erweckte, da er war des Himmelreichs eingeschlafen, durch seine Liebe, die durch den Zorn drang und in der Seelen die Hölle überwand und zerstörete; und durch seine Auferstehung von den Toten; durch seine Himmelfahrt; durch die Sendung des Hl. Geistes in unsere Seele und Geist; und durch alle seine Worte und Verheißung, daß du Gott Vater willst den Hl. Geist geben denen, die dich in dem Namen und durch das Wort, das Mensch ward, bitten werden — in dich.

O du Leben meines Fleisches und der Seelen, in Christo meinem Bruder! Zu dir flehe ich in meiner Seelen Hunger und bitte dich aus allen meinen Kräften, wiewohl sie schwach sind, gib mir doch, was du mir in meinem Heilande Jesu Christo geschenket und versprochen hast als sein Fleisch zur Speise und sein Blut zum Trank, meiner armen hungerigen Seelen zur Labung, auf daß sie in deinem Wort, das Mensch ward, möge kräftig werden und sich erquicken, dadurch sie recht lüsternd und hungerig nach dir werde.

O tiefe Liebe in dem allersüßesten Namen Jesu! Ergib dich doch in meiner Seelen Begierde ein. Hast du dich doch darum in der Menschheit beweget und nach deiner großen Süßigkeit offenbaret und rufest uns zu dir, die wir nach dir hungrig und durstig sind; und hast uns zugesaget, du wollest uns erquicken. Jetzt sperre ich meiner Seelen Gaumen gegen dich, o allerheiligste, süßeste Wahrheit, auf. Und ob ich unwürdig bin, von deiner Heiligkeit solches zu begehren, so komme ich aber durch dein bitter Leiden und Tod zu dir, da du meine Unreinigkeit hast mit deinem Blute besprenget und in deiner Menschheit geheiliget und mir eine offene Pforte durch deinen Tod zu deiner süßen Liebe in deinem Blute gemacht. Durch deine heiligen fünf Wunden, daraus du dein Blut vergossen, führe ich meiner Seelen Begierde in deine Liebe ein.

O Jesu Christe, Gottes und Menschensohn, nimm doch dein erworbenes Erbe, das dir dein Vater hat geschenket, in dich. Ich rufe in mir durch dein heiliges Blut und Tod in dich, tue dich in mir auf, daß dich meiner Seelen Geist in sich erreiche. Greife du mit deinem Durst, den du am heiligen Kreuze nach uns Menschen hattest, in meinen Durst und tränke mich mit deinem Blute in meinem Durst, auf daß mein Tod in mir, der mich gefangen hält, in deinem Blute der Liebe ersäufe und mein verblichenes Bilde — das in meinem Vater Adam in der Sünden des Himmelreichs verblich — in deinem kräftigen Blute lebendig werde. Und ziehe es meiner Seelen wieder an als einen neuen Leib, der im Himmel wohnet, darinnen deine heilige Kraft und Wort, das Mensch ward, innewohnet, welches der Tempel deines Hl. Geistes ist, der in uns wohnet; wie du uns zugesaget hast: Wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen. (Joh. 14,23)

O große Liebe Jesu Christi! Ich kann nichts mehr, als ich ersenke meine Begierde in dich, ein Wort, das Mensch ward, ist die Wahrheit. Weil du mich hast heißen kommen, so komme ich jetzo. Mir geschehe nach deinem Worte und Willen. Amen.

 

Warnung an den Leser

1,31.       Wohlmeinende will ich dir, lieber Leser, nicht verbergen, was mir hierbei ernstlich gezeiget ist: Ist dir noch in der Eitelkeit des Fleisches wohl und bist nicht in erstem Fürsatze auf dem Wege zur neuen Wiedergeburt, in willens, ein anderer Mensch zu werden, so laß die obgeschriebenen Worte in diesem Gebet ungenannt oder werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden. Du sollst die heiligen Namen Gottes nicht mißbrauchen. Sei treulich gewarnet, sie gehören der durstigen Seelen. Ist es ihr recht ernst, sie wirds erfahren, was sie sind.

 

Anleitung

Wie die Seele soll ihrem lieben Buhlen, wann derselbe im Centro, in der verschlossenen Kammer der Seelen, anklopfet, begegnen.

1,32.       Liebe Seele, es muß Ernst sein ohne Nachlaß. Die Liebe eines Kusses der edlen Sophia in dem heiligen Namen Jesu erlangest du wohl, denn sie stehet ohnedies vor der Seelen Tür und klopfet an und warnet den Sünder des gottlosen Weges. So er nun einmal also ihrer Liebe begehret, so ist sie ihm zu willen und küsset ihn mit den Strahlen ihrer süßen Liebe, davon das Herz Freude empfanget. Aber in das Ehebette leget sie sich nicht balde zur Seelen, das ist: sie wecket nicht balde das verblichene Himmelsbilde, welches im Paradies verblich, in sich auf. Es ist Gefahr bei dem Menschen; denn fiel Adam und Luzifer, so mags noch wohl geschehen, dieweil der Mensch noch also stark in der Eitelkeit angebunden stehet.

1,33.       Es muß ein treues Band deiner Zusage sein, soll sie dich krönen. Du mußt von ehe versuchet werden. Sie nimmt ihre Liebe-Strahlen wieder von dir und siehet, ob du willst Treue halten. Sie lässet dich auch wohl flehen und antwortet dir nicht mit einem Blicke ihrer Liebe. Denn soll sie dich krönen, so mußt du von ehe gerichtet werden, daß du das saure Bier, welches du dir hast eingeschenket in deinen Greueln, schmeckst. Du mußt von ehe vor die Pforten der Höllen und deinen Sieg um und in ihrer Liebe in der Kraft, damit sie dich anblickete, wider des Teufels Angriff beweisen.

1,34.       Christus ward in der Wüsten versuchet. Willst du ihn anziehen, so mußt du durch seinen ganzen Prozeß von seiner Menschwerdung an bis zu seiner Himmelfahrt, gehen. Ob du wohl nicht kannst noch darfst das tun, was er getan hat, so mußt du doch gänzlich in seinen Prozeß eingehen und der Seelen Eitelkeit in seinem Prozeß immerdar sterben. Denn Jungfrau Sophia vermählet sich anderst gar nicht mit der Seelen als nur in dieser Eigenschaft, welche in der Seelen durch Christi Tod ausgrünet als ein neu Gewächse, das im Himmel stehet. Der irdische Leib ergreifet sie diese Zeit nicht, denn er muß von ehe der Eitelkeit absterben. Aber das Himmelsgebilde, welches in Adam verblich als der wahre Weibessame 1.Mose 3,15), darinnen Gott Mensch ward und seinen lebendigen Samen himmlischer Wesenheit dareinführete. Der ergreifet das edle Perllein auf Art wie in Marien im Ziel dieses Bundes geschahe.

1,35.       Darum siehe zu, was du tust. Sagest du zu, so halt, sie wird dich lieber krönen als du es begehrest. Aber du mußt standhalten, wenn der Versucher mit der Welt Wollust, Schöne und Herrlichkeit zu dir tritt, so muß es das Gemüte verwerfen und sagen: Ich soll Knecht im Weinberge Christi sein und nicht Herr dessen alles, was ich habe, bin ich nur ein Diener Gottes darüber und solle darmit tun, wie mich sein Wort lehret. Mein Herze soll zum Albern (Geringen) im Staub und stets demütig sein.

1,36.       Du seiest in was Stande du wollest, so muß Demut an der Spitze stehen, sonsten erlangest du nicht ihre (Sophia) Ehe, wie wohl wahre Demut erst in ihrer Ehe geboren wird. Aber dein freier Wille der Seelen muß als ein Ritter stehen; denn so der Teufel nicht mag mit der Eitelkeit der Seelen obsiegen, daß sie ihme nicht will anbeißen, so kommt er mit der Unwürdigkeit, mit dem Sündenregister. Allda gilt es Kämpfens.

1,37.       Allhie muß Christi Verdienst an die Spitze gestellet werden, anders kann die Kreatur nicht vor dem Teufel siegen, denn es gehet allhie mit manchem schrecklich zu, daß auch die äußere Vernunft meinet, dieser Mensch sei sinnlos (ohne Erkenntnis) und vom Teufel besessen. Also grausam wehret sich der Teufel in manchem, zumal so er hat ein groß Raubschloß in ihme gehabt, wann er soll weichen und sein Raubschloß verlassen. Allhie gilt es Kämpfens, da Himmel und Hölle miteinander streiten.

1,38.       So nun allhie die Seele beständig bleibet und dem Teufel in allen seinen Angriffen obsieget und alles Zeitliche nichts achtet, um der Liebe ihrer edlen Sophia willen, so wird ihr das teure Ritterkränzlein zu einem Siegszeichen aufgesetzet. Allhie tritt die Jungfrau, welche sich aus dem teuren Namen Jesu mit Christo dem Schlangentreter (1.Mose 3,15) als dem Gesalbten Gottes offenbaret, zur Seele und küsset sie mit ihrer süßesten Liebe in der Essenz ganz innerlich und drückt ihr ihre Liebe zum Siegszeichen in ihre Begierde ein. Und allhie stehet Adam nach seinem himmlischen Teil vom Tode auf in Christo. Davon ich nicht schreiben kann, es ist keine Feder in dieser Welt dazu; denn es ist die Hochzeit des Lammes, da das edele Perllein gesäet wird, zwar mit großem Triumpf, doch ist es erstlich klein wie Senfkorn, wie Christus saget.

1,39.       Wenn diese Hochzeit vorüber ist, soll die Seele nun zusehen, was sie ihrer Jungfrauen gelobet hat, daß das Perlen-Bäumlein wachse und zunehme; denn allda wird alsbalde der Teufel mit seinem Sturmwetter mit gottlosen Menschen kommen, welche es verachten, verspotten und für eine Unsinnigkeit ausschreien. Allda muß der Mensch nun in Christi Prozeß unter sein Kreuz treten. Allhie gilt es nun erst mit der Tat Beweisens, daß wir uns lassen Christen nennen. Da muß er sich lassen für einen Narren und gottlosen Menschen ausrufen, ja seine allerbesten Freunde, welche ihme zuvorhin in des Fleisches Lust haben geliebkoset, werden jetzt seine Feinde, und ob sie gleich nicht wissen warum, doch hassen sie ihn. Also gar deckt Christus seine Braut unterm Kreuze zu, daß sie in dieser Welt nicht erkannt werde. Auch tut solches der Teufel, daß diese Kinder der Welt verborgen bleiben, auf daß ihme nicht etwan viel solcher Zweige in seinem vermeintlichen Garten wachsen. Solches setze ich dem Leser christlichen Gemüts zur Nachrichtung, ob es ihm auch also träfe, was ihm zu tun sei.

 

Ein gar ernstes Gebet

in der Anfechtung, wider Gottes Zorn im Gewissen, auch wider Fleisch und Blut, wann der Versucher zur Seelen tritt und mit ihr ringet:

1,40.       O allertiefste Liebe Gottes in Christo Jesu! Verlaß mich nicht in dieser Not. Ich bin ja der Sünden schuldig, welche mir jetzt im Gewissen aufsteigen. Verlässest du mich, so muß ich versinken. Du hast mir ja in deinem Wort zugesaget: Ob eine Mutter ihres Kindes vergäße, welches doch schmerzlich zuginge, noch willst du meiner nicht vergessen (Jes. 49,15). in deine Hände hast du mich gezeichnet (Jes. 49,16), in deine, mit den scharfen Nägeln durchgrabene Hände, und in deine hohle Seite, daraus Blut und Wasser rann, hast du mich eingezeichnet. Ich armer Mensch, in deinem Zorn ergriffen, kann noch vermag jetzo vor dir nichts. Ich ersenke mich nur in deine Wunden und Tod ein.

O große Barmherzigkeit Gottes, erlöse mich doch von des Teufels Banden. Ich habe sonst keine Zuflucht in nichts als nur in deine heiligen Wunden und Tod. In dich ersinke ich in Angst meines Gewissens, mache du es mit mir wie du willst. In dir will ich jetzt leben oder sterben, wie du willst; laß mich doch nur in deinem Tode sterben und vergehen. Begrabe mich nur in deinem Tod, daß mich der Höhen Angst nicht rühre; Was soll ich mich vor dir entschuldigen, der du mein Herze und Nieren prüfest und mir meine Sünde unter Augen stellest? Ich bin ihr ja schuldig und ergebe mich in dein Gerichte. Führe doch du dein Gerichte durch den Tod meines Erlösers Jesu Christi über mich aus.

Ich flehe zu dir, o rechter Richter, durch die Angst meines Erlösers Jesu Christi, da er am Ölberge an meiner Statt blutigen Schweiß schwitzte, da er sich vor Pilato für mich geißeln und eine Dornenkronen zum Spotte auf sein Haupt drücken ließ, daß sein Blut von ihm floß.

O gerechter Gott, du hast ihn (Jesus Christus) ja an meine Stätte gestellt, war er doch unschuldig, und ich bin der Selbstschuldige, dafür er gelitten hat. Warum soll ich dann in deinem Grimm verzagen? Tilge doch nun deinen Zorn in mir durch seine Angst, Leiden und Tod. Ich ergebe mich ganz in seine Angst, Leiden und Tod ein, in seiner Angst und Leiden will ich dir stille halten. Mache es mit mir, wie du willst. Nur laß mich nicht von seiner Angst abweichen, hast du doch seine Angst mir geschenkt und deinen Grimm in ihme ersäufet. Und ob ich nun solches nicht habe angenommen, sondern bin von ihme abgewichen und treulos worden, so hast du mir doch dieses teure Pfand in mein Fleisch und Seele gegeben, indeme er hat mein Fleisch und Seele an sein Himmlisches angenommen und hat den Zorn mit seinem himmlischen Blute in meinem Fleisch und Seele in ihme versöhnet. So nimm mich doch nun in seiner Versöhnung an und stelle seine Angst, Leiden und Tod in deinem Grimm, der in mir entbrannt ist, ein, und zerbrich dein Gerichte in mir in dem Blute seiner Liebe.

O große Liebe im Blute und Tode Jesu Christi! Zerbrich doch dem Teufel sein gemacht Raubschloß, das er in mir aufgebauet hat, da er mir auf dem Wege deiner Gnaden widerstehet. Treib ihn von mir aus, daß er mich nicht sichte, denn vor dir mag kein Lebendiger bestehen, so du deine Hand von uns abziehst.

O komm doch, du Durchbrecher des Zorns Gottes! Zerbrich ihm seine Gewalt. Hilf doch meiner armen Seele wider ihn streiten und siegen. Führe mich doch in deinen Sieg ein und erhalte mich in dir. Zerbrich ihme doch den Sitz in meiner entzündeten Eitelkeit in Seele und Fleisch. Töte doch du die Begierde in meiner Eitelkeit im Fleisch und Blut, welche mir der Teufel mit seiner falschen Begierde jetzt hat mit höllischer Angst und Verzweiflung angezündet. Lösche doch du sie mit deinem Wasser des ewigen Lebens und führe meine Angst durch deinen Tod aus. In dich ersinke ich ganz und gar. Und wenn mir gleich Leib und Seele sollten zu dieser Stunde verschmachten und in deinem Grimm vergehen, so will ich doch von dir nicht ablassen. Ob gleich mein Herz spricht lauter Nein, so soll meiner Seelen Begierde doch deine Wahrheit festehalten. Die soll mir kein Teufel noch Tod nehmen. Denn das Blut Jesu Christi, des Sohns Gottes, macht uns rein von allen Sünden (1.Joh. 1,7). Das fasse ich mir ein, und mache nun gleich Gottes Zorn mit meinen Sünden, was er will, und rausche gleich der Teufel, in seinem gemachten Raubschloß über meiner Seelen her, wie er wolle. Aus deinen Wunden soll mich kein Teufel, Tod noch Hölle reißen. Du stinkender Teufel, mußt doch an mir zuschanden werden und dein Raubschloß verlassen, denn ich will es in die Liebe Jesu Christi versenken, so magst du alsdann darinnen wohnen, wo du kannst. Amen.

 

Unterweisung in der Versuchung

1,41.       Günstiger Leser, es ist kein Scherz: Wer es nicht versuchet hat und hält es für Scherz, der ist noch ungerichtet. Und ob es gesparet würde bis an sein letztes Ende, welches doch gefährlich ist, so muß er doch durch dieses Gerichte. O wohl deme, welcher in früher Zeit, in seinen jungen Jahren, ehe der Teufel sein Raubschloß feste bauet, durchgehet durch die Prüfung. Dieser kann hernach einen Arbeiter in Christi Weinberge geben und seinen Samen in Christi Gärtlein säen. Er wird die Früchte wohl einernten zu seiner Zeit. Dieses Gerichte währet über manchen viel Zeit und Jahre, so er sich nicht mit Ernst in Christi Harnisch eingibt, wann ihn erst soll das Gerichte der Anfechtung zur Buße vermahnen. Welcher aber selber aus seinem ernsten Fürsatz kommt und gedenket von dem Gottlosen Wege auszugehen, deme wird es nicht so schwer, und währet auch nicht lange, ob er wohl muß den ritterlichen Sieg wider den Teufel bestehen. So wird ihme doch mächtig beigestanden, und gelanget ihme zum allerbesten, daß, wenn hernach die Morgenröte in der Seelen anbricht, er ein groß Lob Gottes daraus machet, daß der Treiber (Teufel) überwunden ist.

 

Eine kurze Formula des Gebets

wenn die edle Sophia mit ihrer Liebe die Seele küsset und ihr die Liebe anbietet.

1,42.       O allerheiligste und tiefste Liebe Gottes in Christo Jesu! Schenke mir doch dein Perllein. Drücke es doch in meine Seele ein; nimm doch meine Seele in deinen Arm.

O du allersüßeste Liebe, ich bin wohl unrein vor dir. Zerbrich doch meine Unreinigkeit durch deinen Tod. Führe doch meinen Seelenhunger und Durst durch deinen Tod in deiner Auferstehung, in deinen Triumph aus. Schlage meine Ichheit in deinem Tode zu Boden. Nimm sie gefangen und führe nur meinen Hunger in deinem Hunger aus.

O höchste Liebe, bist du doch in mir erschienen, bleibe doch in mir und fasse mich in dich. Halte mich doch in dir, daß ich nicht von dir weichen kann. Erfülle doch meinen Hunger mit deiner Liebe. Speise doch meine Seele mit deinem himmlischen Wesen und tränke sie mit dem Blute meines Erlösers Jesu Christi. Tränke sie doch aus deinem Brünnlein.

O große Liebe, wecke doch mein verblichenes Bilde, welches in meinem Vater Adam am Himmelreich verblich, durch das Wort, das es in des Weibes Samen in Maria aufweckete, auf. Herr bewege du es doch.

O du Leben und Kraft der Gottheit, der du uns zugesaget hast, wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen! (1.Joh. 14,23) O süße Liebe, in das Wort deiner Verheißung führe ich meine Begierde ein. Du hast ja zugesagt, daß dein Vater will den Hl. Geist geben denen, die ihn darum bitten. So führe ich nun meiner Seelen Hunger in deine Verheißung ein und nehme dein Wort in meinen Hunger ein. Vermehre doch du meinen Hunger in mir, nach dir. Stärke mich doch, o süße Liebe, in deiner Kraft. Mache mich doch in dir lebendig, daß mein Geist deine Süßigkeit schmecke. Glaube doch du durch deine Kraft in mir, denn ohne dich kann ich nichts tun.

O süße Liebe, ich bitte dich, durch die Liebe, da du Gottes Zorn mit überwandest und den in Liebe und in die göttliche Freudenreich verwandeltest, verwandele doch auch den Zorn in meiner Seele durch dieselbe große Liebe, daß ich dir gehor sam werde und daß dich meine Seele ewig darinnen liebe. Verwandele doch du meinen Willen in deinen. Führe doch deinen Gehorsam in meinen Ungehorsam ein, auf daß ich dir gehorsam werde.

O große Liebe Jesu Christi, zu dir flehe ich. Führe doch meiner Seelen Hunger in deine Wunden ein, daraus du dein heiliges Blut vergossest und den Zorn in der Seelen löschetest. In deine hohle Seite, daraus Blut und Wasser rann, führe ich meinen Hunger ein und werfe mich ganz darein. Sei doch du mein und erquicke mich in deinem Leiden. Laß mich doch nicht von dir.

O mein edler Weinstock, gib doch deiner Reben Saft, daß ich in deiner Kraft und Saft in deiner Essenz grüne und wachse. Gebäre doch du durch deine Kraft in mir die rechte Kraft.

O süße Liebe, bist du doch mein Licht, leuchte doch du meiner armen Seelen in ihrem schweren Gefängnis, in Fleisch und Blut. Führe sie doch stets auf rechter Straße. Zerbrich doch du des Teufels Willen und führe meinen Leib durch den Lauf dieser Welt, durch des Todes Kammer, in deinen Tod und Ruhe ein, auf daß er am Jüngsten Tage aus deinem Tod in dir aufstehe und in dir ewig lebe. Lehre doch du mich, was ich in dir tun soll. Sei doch du mein Willen, Wissen und Tun, und ohne dich lass mich nirgends hingehen. Ich ergebe mich dir ganz und gar. Amen.

 

Ein Gebetlein um göttliche Wirkung, Schutz und Regierung

wie das Gemüte im Lebensbaume Christi mit und in Gott wirken soll.

1,43.       In dir, o lebendige Quelle, erhebe ich meiner Seelen Begierde durch das Leben meines Heilandes Jesu Christi in dich.

O du Leben und Kraft Gottes, erwecke dich doch in meiner Seelen Hunger. Zünde doch du meiner Seelen Hunger mit deiner Liebe Begierde, durch den Durst Jesu Christi, den er am Kreuze nach uns Menschen hatte, an, und führe meine schwache Kraft durch deine mächtige Kraft in deinem Geiste aus. Sei doch du mit deiner Kraft das Wirken und Wollen in mir. Blühe du in der Kraft Jesu Christi in mir aus, auf daß ich dir möge Lob gebären als rechte Früchte in deinem Reich. Laß nur mein Herze und Begierde ewig nicht von dir weichen.

Weil ich aber in diesem Jammertal, in dem äußern irdischen Leib und Blut in der Eitelkeit schwimme und meine Seele und edle Bildnis nach deinem Gleichnis auf allen Seiten von Feinden umfangen ist, als mit des Teufels Begierde gegen mich, auch mit der falschen Begierde der Eitelkeit im Fleisch und Blut, sowohl mit dem Gegensatz aller gottlosen Menschen, welche deinen Namen nicht kennen, und schwimme mit meinem äußern Leben in Sternen und Elementen, da meine Feinde auf allen Seiten, innerlich und äußerlich, auf mich warten, auch der zeitliche Tod, welcher der Zerbrecher dieses eitelen Lebens ist, so fliehe ich zu dir, o heilige Kraft Gottes, weil du dich mit deiner Liebe in Gnaden in unserer Menschheit hast offenbaret durch den heiligen Namen Jesu und denselben zu unsern Gefährten in uns gegeben. So bitte ich dich, laß doch auch seine Engel, die ihm dienen, auf unsere Seele warten und sich um uns her lagern und uns bewahren vor den feurigen Pfeilen der Begierde des Bösewichts, welche er durch den Fluch Gottes Zornes, der in unserem irdischen Fleische erwecket ist, täglich in uns hineinschießt. Halte doch durch deine Kraft auf die Strahlen des Gestirnes in ihrer Widerwärtigkeit, in welche sich der Bösewicht mit seiner Begierde einflicht, uns in Seele und Fleisch zu vergiften und in falsche Begierde einzuführen, auch in Krankheit und Elend. Wehre doch du diesen Zornesstrahlen mit dem heiligen Namen Jesu in unserer Seelen und Geiste, daß sie uns nicht rühren, und laß deinen heiligen guten Engel bei uns sein, daß er diese Giftstrahlen unserm Leibe abtreibe.

O große Liebe und süße Kraft Jesu, du Quellbrunn der göttlichen Süßigkeit aus dem ewigen großen Namen Jehova. Ich rufe mit meiner Seelen Begierde in dich. Meine Seele rufet in den Geist ein, aus deme sie ist in Leib eingeblasen worden, der sie hat zum Gleichnis Gottes formieret und begehret in ihrem Durste des süßen Quellbrunnens Jesu aus Jehova in sich zur Labung in ihrem Feuerodem Gottes, der sie selbst ist, auf daß in ihrem Feuerodem aufgehe durch den Quel Jesu aus Jehova die süße Liebe Jesu und der Herr Christus in meinem verblichenen Bilde der himmlischen, geistlichen Leiblichkeit offenbar und Mensch werde und die arme Seele ihre liebe Braut wieder in ihre Arme bekomme, mit der sie sich mag ewig erfreuen.

O Immanuel, du Ebenbild Gott und Mensch, in deine Arme deiner Begierde gegen und in uns ergebe ich mich, deiner begehre ich. Tilge du doch deines Vaters Zorn mit deiner Liebe in mir und stärke mein schwaches Bild in mir, daß es möge die Eitelkeit im Fleisch und Blut überwinden und zähmen und dir dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit.

O großer, allerheiligster Name und Kraft Gottes, Jehova, der du dich im verheißenen Ziel des Bundes, mit Adam unserm Vater gemacht, im Weibessamen der Jungfrauen Maria, in unserer verblichenen himmlischen Menschheit hast mit deiner allersüßesten Kraft Jesu beweget und deine lebendige Wesenheit, deiner heiligen Kraft, in der jungfräulichen Weisheit Gottes (die göttliche Sophia) in unsere an dir verblichenen Menschheit eingeführet und uns zum Leben, Sieg und neue Wiedergeburt gegeben. Dich bitte ich aus allen meinen Kräften: Gebäre mich doch auch in deiner süßen Kraft Jesu zu einem neuen und heiligen Leben, auf daß ich in dir und du in mir seist und dein Reich in mir offenbar werde und meiner Seelen Wille und Wandel im Himmel sei.

O großer, unbegreiflicher Gott, der du alles erfüllest, sei doch du mein Himmel, in deme meine neue Geburt in Christo Jesu möge wohnen. Laß doch meinen Geist deines Hl. Geistes Saitenspiel, Klang und Freude sein. Spiele du in mir in deiner wiedergebornen Bildnis und führe meine Harmonie in deinem göttlichen Freudenreich aus in großem Lobe Gottes, in den Wundern deiner Glorie und Herrlichkeit, in der Gemeinschaft der heiligen engelischen Harmonie und baue in mir auf die heilige Stadt Zion, in der wir als Kinder Christi alle in einer Stadt leben, welche ist Christus in uns. In dich ersenke ich mich ganz und gar. Tue du in mir, was du willst. Amen.

 

Ein Gebet in und wider die Anfechtung

unterm Kreuze Christi, in Zeit, wenn alle Feinde auf uns stürmen und wir im Geiste Christi verfolget, gehasset und als Übeltäter geschmähet und gelästert werden.

1,44.       Ich armer Mensch, voll Angst und Trübsal wandere auf meiner Pilgramstraße wieder in mein ausgegangenes Vaterland und gehe durch die Disteln und Dornen dieser Welt wieder zu dir, o Gott mein Vater. Und werde allenthalben von den Dornen zerrissen und von Feinden geplaget und verachtet. Sie schmähen meine Seele und verachten sie als eines Übeltäters, welcher an ihnen treulos worden ist. Sie verachten meinen Weg zu dir und halten ihn für töricht. Sie meinen, ich sei unsinnig, daß ich auf diesem Dornenwege wandele und nicht ihre gleißnerische Straße mit ihnen gehe.

O Herr Jesu Christe, unter dem Kreuz fliehe ich zu dir, ach lieber Immanuel! Nimm doch und führe mich durch deine Pilgramstraße, die du in dieser Welt gewandelt hast, durch deine Menschwerdung und Armseligkeit, durch deine Verachtung und Spott, auch durch deine Angst, Leiden und Tod zu dir ein. Mache mich doch deinem Bilde ähnlich. Sende doch deinen guten Engel mit mir, der mir den Weg weise durch diese grausame dornige Wüsten der Welt. Stehe mir doch in meinem Elende bei. Tröste mich doch mit dem Troste, da dich der Engel im Garten, als du zu deinem Vater betetest und blutigen Schweiß schwitztest, tröstete. Erhalte du mich doch in meiner Angst und Verfolgung unter dem Spotte des Teufels und aller falschen Menschen, die dich nicht kennen und deinen Weg nicht gehen wollen.

O große Liebe Gottes! Sie kennen deinen Weg nicht und tun es aus Blindheit durch des Teufels Trug. Erbarme doch du dich über sie und führe sie aus der Blindheit ans Licht, auf daß sie sich lernen kennen, wie sie im Schlamm und Kote des Teufels in einem finstern Tal gefangen liegen, mit dreien Ketten hart angebunden. O großer Gott, erbarme dich doch über Adam und seine Kinder. Erlöse sie doch in Christo, dem neuen Adam.

Ich flehe zu dir, o Christe, Gott und Mensch, auf dieser Pilgramstraße, da ich im finstern Tal wandeln muß (Psalm 23,4) und allenthalben verspottet, geängstiget und für einen falschen gottlosen Menschen gehalten werde. Herr, es ist dein Gerichte über mich, auf daß meine Sünde und angeborne Eitelkeit auf dieser Pilgramstraße vor dir gerichtet und als ein Fluch schaugetragen werde, daran sich dein Zorn ergötzt und also dadurch den ewigen Spott von mir nimmt. Es ist dein Liebeszeichen, und führest mich dadurch in den Spott, Angst und Leiden und Tod meines Heilandes Jesu Christi ein, daß ich der Eitelkeit in meinem Heilande absterbe und in seinem Geiste, durch seinen Spott und Verachtung, durch seinen Tod, meines neuen Lebens ausgrüne.

Ich bitte dich, o Christe, du geduldiges Lamm Gottes, durch alle deine Angst und Spott, durch dein Leiden und Tod, durch deine Verachtung am Kreuzesstamm, da du an meiner Stelle verachtet wurdest, verleihe mir Geduld in meinem Kreuzwege und führe mich auch als ein geduldiges Lamm darauf zu dir in deine Überwindung ein. Laß mich mit und in dir leben und bekehre doch meine Verfolger, welche anjetzo mit ihrem Spotten sich ganz unwissend meine Eitelkeit und angeborne Sünde vor deinem Zorn aufopfern. Sie wissen ja nicht, was sie tun. Sie meinen es böse mit mir zu machen, aber sie machen mir es gut. Sie tun das vor dir, das ich tun sollte vor dir. Ich sollte täglich meine Schande vor dir aufdecken und bekennen und damit in den Tod deines lieben Sohns mich ersenken, daß sie in seinem Tode stürbe. Weil ich aber zu viel lässig bin, auch zu matt und schwach, so brauchest du sie in deinem Zorn dazu, daß sie meine Schande vor deinem Zorn aufdecken, welche dein Grimm ergreifet und in den Tod meines Heilandes ersenket.

O barmherziger Gott, mein eiteles Fleisch kann es nicht erkennen, wie du es so gut mit mir meinest, daß du lässest meine Feinde meinen Enkel von mir nehmen und dir aufopfern. Mein irdisch Gemüte meinet, du plagest mich also wegen meiner Sünde, und mir ist allenthalben bange. Aber dein Geist in meinem inwendigen neuen Menschen saget mir, daß es aus deiner Liebe gegen mich geschehe, daß du es so gut mit mir meinest, wenn du mich lässest meine Feinde verfolgen, daß mir es zum besten diene, daß sie an meiner Statt die Arbeit vollbringen und meine Sünde vor dir in deinen Zorn aufwickeln, daß sie derselbe verschlinge und sie mir nicht nachfolge in mein Vaterland. Dieweil sie noch in deinem Zorn stark und fett sind, so können sie das besser tun als ich, dieweil ich schon in dem Willen der Eitelkeit schwach und matt bin; das weißt du, o gerechter Gott.

Darum bitte ich dich, o gerechter Gott, weil du sie zu meinen Dienern brauchest, daß sie mir das Beste tun, ob es wohl meine irdische Vernunft nicht kennet, so wollest ihnen doch auch meinen Weg zu erkennen geben und ihnen auch solche Diener zuschicken und sie aber doch von ehe ans Licht führen, wie du mich geführet hast, daß sie dich erkennen und dir danken.

O barmherziger Gott in Christo Jesu, ich bitte dich in mei ner Erkenntnis aus der Tiefe deiner Liebe gegen uns arme Menschen, die du in mir geoffenbaret hast nach dem verborgenen Menschen, rufe uns doch alle in dir zu dir. Bewege dich doch noch einmal in dieser letzten Trübsal, da dein Zorn in uns entbrannt ist, in uns. Widerstehe doch du deinem Zorn in uns, daß er uns nicht mit Leib und Seele verschlinge.

O du Morgenröte des Tages Gottes, gehe doch vollends hervor, bist du doch angebrochen. Offenbare doch deine heilige Stadt Zion, das heilige Jerusalem in uns.

O großer Gott, ich schlummere noch und sehe dich nicht in der Tiefe deiner Kraft und Macht. Wecke mich doch gar in dir auf, daß ich in dir lebendig werde. Zerbrich doch den Baum deines Zorns in uns und laß deine Liebe in uns grünen.

O Herr ich liege vor deinem Angesichte und bitte dich, strafe uns doch nicht in deinem Zorn, sind wir doch dein erworbenes Gut. Vergib uns doch allesamt unsere Sünde und erlöse uns von der Feindschaft deines Grimmes und des Teufels Neid, und führe uns unter deinem Kreuze in Geduld wieder in unser Paradeis ein. Amen.

Ein Gebetlein oder Gespräche zwischen der armen verwundeten Seele und der edlen Jungfrauen Sophia in dem inwendigen Grunde des Menschen, als mit dem Geiste Christi in der neuen Geburt, aus seiner Menschheit in uns und der Seelen. Wie so große Freude im Himmel des neuen wiedergebornen Menschen sei, wie holdselig sich die edle Sophia gegen ihren Bräutigam der Seelen stelle, wenn die Seele in die Buße eingehet, und wie sich die Seele gegen sie halte, wenn ihr Jungfrau Sophia offenbar wird.

 

Die Pforte des paradeisischen Rosengartens

niemand als Christi Kindern, verstanden, welche diese erkannt haben.

1,45.       Wenn sich der Eckstein Christus in dem verblichenen Bilde des Menschen, in seiner herzlichen Bekehrung und Buße beweget, so erscheinet Jungfrau Sophia in der Bewegung des Geistes Christi, in dem verblichenen Bilde vor der Seelen in ihrem jungfräulichen Schmucke, vor welcher sich die Seele in ihrer Unreinigkeit entsetzet, daß alle ihre Sünden erst in ihr aufwachen und vor ihr erschrecken und zittern. Denn allda gehet das Gerichte über die Sünde der Seelen an, daß sie auch wohl in ihre Unwürdigkeit zurücke weichet und sich vor ihrem schönen Buhlen (Geliebten) schämet, in sich geht und sich vernichtiget als ganz unwürdig, ein solches Kleinod zu empfangen, den Unsern (Geistverwandten) verstanden, so dieses Kleinod geschmecket haben und sonst niemanden wissende. Aber die edle Sophia nahet sich in der Seelen Essenz und küsset sie freundlich und tingieret (färbt) mit ihrem Liebestrahl das finstere Feuer der Seelen und durchscheinet die Seele mit ihrem Liebeskusse. So springet die Seele in ihrem Leibe vor großen Freuden in Kraft der jungfräulichen Liebe auf, triumphieret und lobet den großen Gott kraft der edlen Sophia.

Dessen ich allhie eine kurze Andeutung stellen will, wie es zugehe, wenn die Braut den Bräutigam herzet. Dem Leser, so vielleicht noch nicht möchte sein an diesem Ort gewesen, zum Nachdenken, ob ihn lüstere, uns nachzufahren und auch an den Reigen zu treten, da man mit Sophia spielet.

Wenn nun dieses, wie oben gemeldet, geschiehet, so erfreuet sich die Seele in ihrem Leibe und spricht:

Seele:

1,46.       Nun sei dir, o großer Gott, in deiner Kraft und Süßigkeit, Lob, Dank, Stärke, Preis und Ehre, daß du mich von dem Treiber der Angst erlöset hast. O du schönes Lieb, mein Herze fasset dich, wo bist du so lange gewesen? Mich deuchte ich wäre in der Hölle und in Gottes Grimm. O holdseliges Lieb, bleib doch bei mir, sei doch meine Freude und Erquickung. Führe mich doch auf rechter Straße. In deine Liebe ergebe ich mich. Ach ich bin ja vor dir dunkel; mache mich doch lichte. O edles Lieb, gib mir doch deine süße Perle; lege sie doch in mich!

O großer Gott in Christo Jesu, nun preise und lobe ich dich in deiner Wahrheit, in deiner großen Macht und Herrlichkeit, daß du mir hast meine Sünde vergeben und hast mich mit deiner Kraft erfüllet. Ich jauchze dir in meinem Leben und lobe dich in deiner Feste (Wohnung Gottes), welche niemand aufschließen kann als dein Geist in deiner Barmherzigkeit. Meine Gebeine erfreuen sich in deiner Kraft, und mein Herz spielet in deiner Liebe. Dank sei dir ewiglich, daß du mich aus der Höllen erlöset und den Tod in mir zum Leben gemacht hast. Jetzo empfinde ich deine verheißende Wahrheit. O süßes Lieb, laß mich doch nicht wieder von dir weichen. Schenke mir doch dein Perlenkränzlein und bleib in mir. Sei doch mein Eigentum, daß ich mich ewig in dir erfreue.

Darauf spricht die Jungfrau Sophia zur Seelen:

1,47.       Mein edler Bräutigam, meine Stärke und Macht, bist mir zu vielen Malen willkommen. Wie hast du meiner so lange vergessen, daß ich in großem Trauren vor deiner Tür stehen müssen anklopfen? Habe ich dir doch allezeit geflehet und gerufen. Aber du hattest dein Antlitz von mir gewandt. Deine Ohren waren aus meinem Lande gegangen. Mein Licht konntest du nicht sehen, denn du wandeltest im finstern Tal. Ich bin nahe bei dir gewesen und habe dir stets geflehet, aber deine Sünde hielt dich im Tode gefangen, daß du mich nicht kanntest. Ich kam in großer Demut zu dir und rief dir, aber du warest in der Macht des Zornes Gottes reich und achtest meiner Demut nicht. Du hattest dir den Teufel zum Buhlen genommen. Der hat dich also besudelt und sein Raubschloß der Eitelkeit in dir aufgebauet und dich ganz von meiner Liebe und Treue abgewendet in sein gleißnerisches falsches Reich, darinnen hast du viel Sünde und Bosheit gewirket und deinen Willen von meiner Liebe abgebrochen, und hast mir die Ehe gebrochen und eine fremde Buhlschaft gepflogen und mich, deine dir von Gott gegebene Braut, lassen im verblichenen Wesen ohne Stärke deiner Feuersmacht stehen. Ich habe nicht können ohne deine Feuersmacht fröhlich sein, denn du bist mein Mann. Von dir wird mein Glanz offenbar. Du kannst meine verborgenen Wunder in deinem Feuerleben offenbaren und in Majestät einführen, und bist doch außer mir ein dunkel Haus, da nur Angst und Pein, dazu eine feindliche Qual innen ist.

O edler Bräutigam, bleib doch mit deinem Angesichte vor mir stehen und gib mir deine Feuerstrahlen. Führe deine Begierde in mich und zünde mich an, so will ich dir aus meiner Sanftmut deine Feuerstrahlen in ein weißes Licht verwandeln und meine Liebe durch deine Feuerstrahlen in deine Feueressenz einführen, und will dich ewig küssen.

O mein Bräutigam, wie ist mir so wohl in deiner Ehe. Küsse mich doch mit deiner Begierde, in deiner Stärke und Macht, so will ich dir alle meine Schöne zeigen und dich mit meiner süßen Liebe und hellem Licht in deinem Feuerleben erfreuen. Alle heiligen Engel erfreuen sich jetzt mit uns, daß sie uns wieder in der Ehe sehen. Nun mein lieber Buhle, bleib doch in meiner Treue und wende dein Angesichte nicht mehr von mir. Wirke du in meiner Liebe deine Wunder, dazu dich Gott erwecket hat.

Weiter spricht die Seele zu ihrer edlen Jungfrau Sophia als zu ihrer in ihr wiedergeborenen Buhlschaft:

1,48.       Ach, meine edle Perle und eröffnete Flamme meines Lichtes in meinem ängstlichen Feuerleben, wie verwandelst du mich in deine Freude! O schönes Lied, ich bin dir ja in meinem Vater Adam brüchig worden und habe mich durch die Feuersmacht in Wollust und Eitelkeit der äußern Welt gewandt und eine fremde Buhlschaft angenommen und hätte also müssen ewig im finstern Tal, in fremder Buhlschaft wandeln, wenn du nicht wärest in großer Treu durch dein Durchdringen und Zerbrechung des Zornes Gottes, der Höllen und finstern Todes in das Haus meines Elendes zu mir kommen und hättest meinem Feuerleben deine Sanftmut und Liebe wiederbracht.

O süße Liebe, du hast mir Wasser des ewigen Lebens aus Gottes Brünnlein mitgebracht und mich in meinem großen Durste erquicket. In dir sehe ich Gottes Barmherzigkeit, welche mir zuvorn in der fremden Buhlschaft verborgen stunde. In dir kann ich mich erfreuen. Du wandelst mir meine Feuerangst in große Freude. Ach holdseliges Lieb, gib mir doch deine Perle, daß ich ewig möge in solcher Freude stehen.

Darauf antwortet die edle Sophia der Seelen wieder und spricht:

1,49.       Mein lieber Buhle und treuer Schatz, du erfreuest mich hoch in deinem Anfange. Ich bin ja durch die tiefen Tore Gottes zu dir eingebrochen, durch Gottes Zorn, durch Hölle und Tod in das Haus deines Elendes, und habe dir meine Liebe aus Gnaden geschenket und dich von Ketten und Banden erlöset, daran du feste angebunden warest. Ich habe dir meine Treu gehalten. Aber du bittest jetzt ein Schweres von mir, das ich nicht gerne mit dir wage. Du willst mein Perllein zum Eigentum haben. Gedenke doch, mein lieber Bräutigam, wie du es vorhin in Adam verwahrloset hast. Dazu stehest du noch in großer Gefahr und wandelst in zweien gefährlichen Reichen. Als in deinem Feuer-Urstand wandelst du im Lande, da sich Gott einen starken eiferigen Gott und ein verzehrend Feuer nennet. Im andern Reiche wandelst du in der äußern Welt in der Luft, im eiteln verderbten Fleisch und Blut, da der Welt Wollust mit des Teufels Angriffen alle Stunde über dich herrauschen. Du möchtest in deiner großen Freude wiederum Irdigkeit (das Irdische, Menschliche) in meine Schöne einführen und mir mein Perllein verdunkeln. Auch möchtest du stolz werden wie Luzifer ward, als er das Perllein zum Eigentum hatte, und möchtest dich von Gottes Harmonie abwenden. So müßte ich hernach ewig meines Buhlen beraubet sein.

Ich will mein Perllein in mir behalten und will in deiner verblichenen und jetzt in mir wieder lebendig gemachten innern Menschheit im Himmel in dir wohnen und mein Perllein dem Paradeis vorbehalten, bis du diese Irdigkeit von dir ablegest. Alsdann will ich dirs zum Eigentum geben. Aber mein Antlitz und süße Strahlen des Perlleins will ich dir die Zeit dieses irdischen Lebens gerne darbieten. Ich will mit dem Perllein im inneren Chor wohnen und deine getreue liebe Braut sein. In dein irdisch Fleisch vermähle ich mich nicht, denn ich bin eine Königin der Himmeln und mein Reich ist nicht von dieser Welt. Jedoch will ich dein äußer Leben nicht wegwerfen, sondern ofte mit meinen Liebesstrahlen heimsuchen, denn deine äußere Menschheit soll wiederkommen (in der "Auferstehung des Leibes"). Aber das Tier der Eitelkeit will ich nicht haben. Gott hat das (die menschliche Leiblichkeit) auch nicht aus seinem Fürsatz also grob und irdisch geschaffen, sondern deine Begierde hat diese viehische Grobheit in Adam durch Lust gefasset aus allen Essentien der aufgewachten Eitelkeit irdischer Eigenschaft, darinnen Hitze und Kälte, dazu Wehetun und Feindschaft, auch das Zerbrechen stehet.

Nun, mein lieber Buhle und Bräutigam, gib dich mir in meinen Willen. Ich will dich in diesem irdischen Leben in deiner Fährlichkeit (Gefährdung) nicht verlassen, wenn dich gleich wird Gottes Zorn überziehen, daß dir wird bange sein und meinest, ich habe dich verlassen, so will ich doch bei dir sein und dich verwahren, denn du kennest dich nicht, was dein Amt ist. Du sollst diese Zeit wirken und gebären. Du bist die Wurzel dieses Baumes, aus dir sollen Zweige geboren werden, die müssen alle in Ängsten geboren werden. Ich dringe durch deine Zweige in ihrem Saft mit aus und gebäre Früchte auf deinen Ästen, und das weißt du nicht; denn der Höchste hat mich also geordnet, bei und in dir zu wohnen.

Darum wickle dich in die Geduld und behüte dich vor Wollust des Fleisches. Brich ihm den Willen und Begierde. Halte es im Zaum wie ein böses Roß, so will ich dich ofte in deiner feurischen Essenz besuchen und dir meinen Liebeskuß geben und dir ein Kränzlein aus dem Paradeis zum Zeichen meiner Liebe mitbringen und aufsetzen, darinnen du dich sollst erfreuen. Aber mein Perllein gebe ich dir diese Zeit nicht zum Eigentum. Du sollst in der Gelassenheit bleiben stehen und hören, was der Herr in deiner Harmonie in dir spielet. Dazu sollst du ihm Klang und Essenz deines Tons aus meiner Kraft geben, denn du bist nun jetzt ein Bote seines Mundes und sollst seinen Ruhm und Ehre verkündigen. Um dieser Ursache halben hab ich mich jetzt aufs neue mit dir verbunden und dir mein ritterliches Siegeskränzlein, das ich in der Schlacht des Teufels und Todes erlanget habe, aufgesetzet. Aber die Perlenkrone, damit ich dich krönete, habe ich dir beigeleget (aufbewahrt). Die sollst du nicht mehr tragen bis du rein vor mir wirst sein.

Die Seele spricht ferner zur edlen Sophia:

1,50.       Ach du meine schöne und süße Gemahlin, was soll ich vor dir sagen? Laß mich nur dir befohlen sein. Ich kann mich nicht verwahren. Willst du mir jetzt nicht das Perllein geben, so sei es in deinem Willen. Gib mir nur deine Liebesstrahlen und führe mich durch diese Pilgramstraße. Erwecke und gebäre du in mir, was du willst. Ich will hinfort dein eigen sein und mir nichts mehr wollen noch begehren, ohne was du durch mich willst. Ich hatte deine süße Liebe verscherzt und dir meine Treue nicht gehalten. Dadurch ich war in ewige Strafe gefallen. Weil du aber bist aus Liebe zu mir in die Höllenangst kommen und hast mich von Pein erlöset, auch wie — der zum Gemahl angenommen, so will ich jetzt um deiner Liebe willen meinen Willen brechen und dir gehorsam sein und auf deine Liebe warten. Ich habe nun genug, daß ich weiß, daß du in allen Nöten bei mir bist und mich nicht verlässest. O holdseliges Lieb, ich wende mein feuriges Angesichte zu dir. O schöne Krone, hole mich doch balde in dich und führe mich aus der Unruhe. Ich will ewig dein eigen sein und nimmermehr von dir weichen.

Die edle Sophia antwortet der Seelen ganz tröstlich und spricht:

1,51.       Mein edler Bräutigam, sei getrost, ich habe mich mit dir verlobet in meiner höchsten Liebe und in meiner Treue mit dir verbunden. Ich will alle Tage bis an der Welt Ende bei und in dir sein. Ich will zu dir kommen und Wohnung in deinem innern Chor in dir machen. Du sollst aus meinem Brünnlein trinken, denn ich bin nun dein und du bist mein; uns soll der Feind nicht mehr scheiden. Wirke du in deiner feurischen Eigenschaft, so will ich dir meine Liebesstrahlen in dein Wirken eingeben. Wir wollen den Weinberg Jesu Christi bauen. Gib du Essenz des Feuers, so will ich Essenz des Lichtes und Gedeihen geben. Sei du Feuer, so will ich Wasser sein und wir wollen das in dieser Welt verrichten, dazu wir von Gott verordnet sind, und wollen ihm dienen in seinem Tempel, der wir selber sind. Amen.

 

An den Leser

1,52.       Lieber Leser, halt dieses für kein ungewiß Gedichte. Es ist der wahre Grund und hält innen die ganze hl. Schrift; denn das Buch des Lebens Jesu Christi ist darinnen klar vor Augen gemalet, wie es vom Autore selber erkannt worden, denn es ist sein Prozeß gewesen. Er gibt dir das Beste, das er hat. Gott gebe das Gedeihen! Es ist ein schweres Urteil über den dieses verhängt worden. Er sei gewarnet.

 

Ein Gebetlein des Morgens

so man aufstehet, sich Gott zu befehlen, ehe man was anders in sich lässet.

1,53.       Das walte Gott, Vater, Sohn, Hl. Geist. Du einiger, wahrer Gott, ich danke dir durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, unsern Herrn und Heiland, für deinen Schutz und Schirm und für alle Wohltat, und befehle mich jetzt mit Leib und Seele und allem dem, darein du mich gesetzet hast, zu wirken in meiner Berufung in deinem Schutz und Schirm. Sei du der Anfang meines Sinnens, Suchens, Trachtens und alles Tuns. Wirke du in mir, daß ich alles deinem Namen zu Lobe anfange und dem Nächsten zu Dienst in deiner Liebe vollbringe. Sende deinen guten Engel mit mir, daß er die giftigen Strahlen des Teufels und der verderbten Natur von mir abwende. Behüte mich vor aller bösen Menschen Begierde.

Gütige alle meine Feinde vor meinem Angesichte und führe mein Gemüte in deinen Weinberg, daß ich in meinem Amte und Berufe darinnen arbeite und wirke als dein gehorsamer Knecht (oder Magd) und segne mich und alles, damit ich wirke und umgehe, mit dem Segen deiner Liebe und Barmherzigkeit. Halte deine Gnade und Liebe in Jesu Christo in und über mir und gib mir ein fröhliches Gemüte, deine Wunder zu treiben. Dein Hl. Geist regiere mich in meinem Anfange bis an mein letztes Ende und sei in mir das Wollen, Wirken und Vollbringen. Amen.

 

Ein Abendgebetlein

1,54.       Ich erhebe mein Herz zu dir, o Gott, du Brunnquell des ewigen Lebens und danke dir durch Jesum Christus, deinen lieben Sohn, unsern Herrn und Heiland, daß du mich diesen Tag in meinem Beruf und Stande hast vor allem Unfall bewahret und mir beigestanden. Ich befehle dir anjetzo nun meinen Beruf und Stand und das Werk meiner Hände in deine Verwaltung, und flehe mit meiner Seelen in dich. Wirke du in meiner Seele, daß nicht der böse Feind, und auch keine anderen Einflüsse und Begierde in meine Seele komme oder hafte. Laß nur mein Gemüte in deinem Tempel in dir spielen und laß deinen guten Engel bei mir bleiben, daß ich möge sicher in deiner Kraft ruhen. Amen.

 

 

DAS ZWEITE BÜCHLEIN

 

Eine kurze Andeutung von dem Schlüssel zum Verstande göttlicher Geheimnis, wie der Mensch in sich zur göttlichen Beschaulichkeit gelangen möge.

(Geschrieben den 9. Februar 1623)

Welcher Mensch zu göttlicher Beschaulichkeit in sich selber gelangen und in Christo mit Gott reden will, der folge diesem Prozeß, so kommt er dazu.

2,1.  Er soll alle seine Sinnen und Vernunft samt aller Einbildung zusammen in einen Sinn raffen und eine solche starke Imagination ihm einfassen, sich selber zu betrachten, was er sei, indem ihn die Schrift Gottes Bild, (Gen. 1,27); ja einen Tempel des Hl. Geistes, (1.Kor. 6,19) nennet, der in ihm wohnet, und nennet ihn Christi Gliedmaß und bietet ihm Christi Fleisch und Blut zu einer Speise an.

2,2.  So soll er sich in seinem Leben beschauen, ob er auch dieser großen Gnade würdig und dieses hohen Titels Christi fähig sei, und anheben, sein ganzes Leben zu betrachten, was er getan und wie er seine ganze Zeit zugebracht habe. Ob er sich auch in Christo befinde. Ob er auch in göttlichem Willen stehe oder wozu er geneigt sei. Ob er auch einigen Willen in sich finde, der sich herzlich nach Gott sehne und gerne selig sein wollte.

2,3.  Und so er nun einen tief verborgenen Willen in sich findet, der da gerne wollte zu Gottes Gnade sich wenden, so er nur könnte. So wisse er, daß derselbe Wille das eingeleibte und im Paradeis nach begangener Sünde eingesprochene Wort Gottes sei, daß ihn danach Gott Jehova als der Vater zu Christo zieht. Denn in unserer Eigenheit haben wir keinen Willen mehr zum Gehorsam.

2,4.  Aber derselbe Zug des Vaters als die eingeleibte, eingesprochene Gnade, zieht alle Menschen, auch den allergottlosesten — wenn er nicht gar eine Distel ist und dem Zuge einen Augenblick still stehen will — von seiner falschen Wirkung.

2,5.  Daß also kein Mensch an Gottes Gnade Ursach hat zu zweifeln, so er in sich eine Begierde findet, sich dermaleins zu bekehren.

2,6.  Derselbe spare es keinen Augenblick mehr, wie geschrieben steht: Heute, wenn ihr des Herrn Stimme höret, so verstocket euere Ohren und Herzen nicht. (Hebr. 3,7)

2,7.  Denn die Begierde zur Einmal-Bekehrung ist Gottes Stimme im Menschen, welche der Teufel mit seinen eingeführten Bildern verdeckt und aufhält, daß es von einem Tage und Jahr zum andern aufgeschoben wird, bis endlich die Seele zur Distel wird und die Gnade nicht mehr erreichen kann.

2,8.  Dieser Mensch tue nur dies Ding in seiner sinnlichen Betrachtung und sehe seinen ganzen Lauf an und halte ihn gegen die Zehen Gebot Gottes und gegen die Liebe des Evangelii, das ihm gebietet, seinen Nächsten zu lieben als sich selber und daß er allein in Christi Liebe ein Gnadenkind sei, und sehe, wie weit er davon entfernt sei, und was seine tägliche Übung und Begierde sei. So wird ihn derselbe Zug des Vaters in Gottes Gerechtigkeit einführen und die eingemodelten Bilder in seinem Herzen weisen, die er für Gott geliebet, die er für seinen besten Schatz gehalten hat und noch hält.

2,9.  Diese Bilder werden sein:

(1) Hoffart, sich selber zu lieben und von andern geehret sein wollen. Item, es wird sein ein Bild einer Sauen, als der Geiz, der alles allein haben will; und hätte er die Welt und den Himmel, so will er auch die Hölle beherrschen, welcher mehr begehret als er zu dem zeitlichen Leben bedarf und keinen Glauben in sich zu Gott hat, sondern ist eine besudelte Sau, die alles begehret in sich zu ziehen.

(2) Item, es wird in ihm sein ein Bild des Neides, das in andere Herzen sticht und andern nicht gönnet, ob sie mehr zeitliches Gutes und Ehren haben als er.

(3) Item, es wird sein der Zorn, da sich der Neid als ein Gift darinnen erhebt und um geringer Ursach willen stoßen, schlagen, zürnen und sich rechtfertigen will.

(4) Item, es werden ein Haufen, ja viel hundert irdische Tiere in ihm sein, die er liebet. Denn alles, was in der Welt ist, das liebet er und hat es an Christi Stelle gesetzet und ehret es mehr als Gott. Sehe er nur seine Worte an, wie sein Mund andere Menschen heimlich verleumdet und übel bei den Seinigen ausrichtet, oft übel ohne gewissen Grund nachredet, des Nächsten Unglück sich freuet und ihm dasselbe gönnet, welches alles Klauen und Krallen des Teufels und das Bild der Schlangen sind, das er in sich träget.

2,10.       Da besehe er nun diese gegen Gottes Wort im Gesetze und Evangelium, so wird er sehen, daß er mehr ein Tier und Teufel ist als ein wahrer Mensch, und wird klar sehen, wie diese eingebildet und angeerbete Bilder von Gottes Reich ihn aufhalten und abführen, daß ofte, wenn er gleich gerne Buße tun und zu Gott sich wenden und kehren wollte, diese Teufelsklauen ihn aufhalten und davon abführen und der armen Seelen diese Larven für Heiligkeit einbilden, daß sie in die Lust derselben wieder eingehet und in Gottes Zorn sitzen bleibet und endlich in Abgrund tritt, wenn ihr die Gnade und der Zug des Vaters verlischt.

2,11.       Deme sagen wir unsern eigenen Prozeß, daß, sobald er dieser Tiere inne wird, er alsbald dieselbe Stunde und Minute sich in der Seelen also fasse und in einem Willen einführe, daß er wolle von dem tierischen Willen ausgehen und durch wahre Buße zu Gott sich wenden. Und ob er das in Kräften nicht vermag noch kann, so nehme er Christi Verheißungen in sich, da Christus sprach: Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan. Kein Sohn bittet den Vater ums Brot, der ihm einen Stein dafür biete oder um ein Ei, der ihm einen Skorpion biete. Könnt ihr, die ihr arg seid, euern Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird mein Vater im Himmel den Hl. Geist geben denen, die ihn darum bitten, (Luk. 11,13).

2,12.       Diese Verheißung bildet er ihm in sein Herz; denn sie ist des Teufels und aller angeerbeten und eingemodelten Tiere Gift und Tod. Und komme alsbald dieselbe Stunde mit diesen eingebildeten, verheißenen Worten mit seinem Gebet vor Gott und bilde ihm zuvorhin alle die greulichen Tiere ein, derer er selber ist, und denke in sich anders nichts, denn daß er der besudelte Säuhirte sei, der all seines Vaters Gut und sein kindlich Recht mit diesen Säuen der Welt, mit den bösen Tieren vertan habe, daß er jetzo vor Gottes Angesicht anderst nicht stehe als ein elender, nacketer, zerlumpter Säuhirte, der seines Vaters Erbe mit der Welt tierischer Bilder verhuret und verbuhlet habe und habe mehr keine Gerechtigkeit zu Gottes Gnade, sei derer auch nicht wert, viel weniger daß er ein Christ oder Gottes Kind genannt werde, und verzage auch an allen seinen guten Werken, die er jemals getan hat, denn sie sind nur aus gleißnerischem Schein einer Gottseligkeit gegangen, damit der Menschenteufel ein Engel genannt sein will (2.Kor. 11,14). Denn ohne Glauben ists unmöglich, Gott gefallen, saget die Schrift. (Hebr. 11,6)

2,13.       Aber er verzage an göttlicher Gnade nicht, nur an sich selber und an seinem Können und Vermögen, und beuge sich in seiner Seelen aus allen Kräften vor Gott. Und ob gleich sein Herz spricht lauter Nein, oder: Harre noch, es ist heute nicht gut, oder: deine Sünden sind zu groß, es mag nicht sein, daß du zur Huld Gottes kommest. Daß auch ihme in sich also Angst wird, daß er nicht zu Gott beten kann, auch weder Trost noch Kraft in sein Herze bekommt, daß ihm ist, als wäre seine Seele an Gott ganz blind und tot. So soll er doch stehen und Gottes Verheißung für eine gewisse, unfehlbare Wahrheit halten und mit untergeschlagenem Herzen zu Gottes Gnade seufzen und in seiner großen Unwürdigkeit derselben sich einergeben.

2,14.       Und ob er wohl sich zu unwürdig achtet, als der ein Fremdling sei, dem das Erbe Christi nicht mehr gebühre, und er sein Recht verloren habe, so soll er sich aber fest einbilden, daß Christus sagte: Er wäre kommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, als den armen an Gott toten und blinden Sünder. Diese Verheißung bilde er sich ein und mache sich in sich einen solchen strengen Vorsatz, daß er von der verheißenen Gnade Gottes in Christo nicht wolle ausgehen, sollte ihm gleich Leib und Seele zerspringen. Und ob er alle sein Lebetage keinen Trost in sein Herze zur Vergebung erlangen sollte, so sei Gottes Zusage doch beständiger als aller Trost, so ihm widerfahren möchte.

2,15.       Auch nehme er sich vor und schließe seinen Willen also hart in seinen Vorsatz, daß er nicht mehr wolle in die alten tierischen Bilder und Laster eingehen, und sollten alle seine Säue und Tiere um ihren Hirten trauren, sollte er auch gleich darum aller Welt Narr sein, so wolle er doch beständig in seinem Vorsatze und an Gottes Gnadenverheißung bleiben. Sei er aber ein Kind des Todes, so wolle er in Christi Zusagung in Christi Tode sein und ihm sterben und leben, wie er wolle. Er richte nur seinen Vorsatz in stetes Gebet und Seufzen zu Gott und ergebe ihm alle seine Anfänge und Tun in seiner Hände Werke, und sei von der Einbildung des Geizes, Neides und der Hoffart stille. Er übergebe nur diese drei Tiere, so werden die andern gar balde auch anheben, schwach und krank zu werden und sich zum Sterben nahen. Denn Christus wird bald in seinen verheißenen Worten, welche er sich einbildet und sich darein hüllet, eine Gestalt zum Leben bekommen, und wird in ihm anheben zu wirken, darin sein Gebet wird kräftiger werden, und wird je länger je mehr im Geiste der Gnaden gestärket werden.

2,16.       Gleichwie ein Same zum Kinde in Mutterleibe wirket und wächset unter vielen Anstößen der Natur und auswendigen Zufällen, bis daß das Kind sein Leben im Mutterleibe bekommt, also gehet es auch allhie zu. Je mehr der Mensch von sich aus den Bildern ausgehet, je mehr gehet er in Gott ein, bis solang Christus in der eingeleibten Gnade lebendig wird, welches geschieht in großem Ernst des Vorsatzes. So gehet alsobald die Vermählung mit Jungfrau Sophien an, da die zwei Liebe einander in Freuden empfangen und mit gar inniglicher Begierde in die allersüßeste Liebe Gottes miteinander eindringen. Allda in kurzer Frist die Hochzeit des Lammes bereitet ist (Offb. 19,7), da Jungfrau Sophia, als die würdige Menschheit Christi mit der Seelen vermählet wird. Und was allda geschehe und was für Freuden allda gehalten werden, deutet Christus mit der großen Freude über den bekehrten Sünder, welche im Himmel im Menschen vor Gottes Augen und allen heiligen Engeln gehalten werden, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen, (Luk. 15,7).

2,17.       Dazu wir weder Feder noch Worte haben zu schreiben oder zu reden, was die süße Gnade Gottes in Christi Menschheit sei, und was denen widerfahre, welche würdig zu des Lammes Hochzeit kommen, welche wir in unserm eigenen Prozeß selber erfahren haben und wissen, daß wir unsers Schreibens wahren Grund haben. Welchen wir unsern Brüdern in der Liebe Christi herzlich gerne mitteilen wollten. Wenn es möglich wäre, daß sie unserem treuen kindlichen Rat glauben wollten, sie würdens in sich erfahren, wovon diese einfältige Hand die großen Geheimnisse verstehe und wisse.

2,18.       Weil wir denn vorhin einen ganz ausführlichen Traktat von der Buße und neuen Wiedergeburt geschrieben haben1, so lassen wir es allhier nur bei einer Andeutung bleiben und weisen den Leser daselbst hin, sowohl in das große Werk über Genesis2. Da wird er allen Grund dessen finden. Und vermahnen ihn christlich, uns nachzufahren in diesem Prozeß, so wird er zu göttlicher Beschaulichkeit in sich selber kommen und hören, was der Herr durch Christum in ihm saget. Und empfehlen ihn hiemit der Liebe Christi.

1) Gemeint ist das erste Kapitel, das als selbständige Schrift gedacht war. 2) Böhmes »Mysterium Magnum« 1623.

 

 

De Aequanimitate

oder Von der wahren Gelassenheit

KOMMENTAR:

WAHRE GELASSENHEIT ALS MYSTISCHES STERBEN UND NEUES LEBEN

 

Dem zentralen Thema esoterischer Praxis vom mystischen Sterben und vom neuen Leben mit Christus ist auch Böhmes Schrift »Von der wahren Gelassenheit« gewidmet. Dieser aus zwei Kapiteln bestehende Traktat ist sicher im selben Jahr 1622 niedergeschrieben worden wie das Büchlein »Von wahrer Buße«. Wenn die Forschung sich darin uneins ist, ob unsere Schrift in Frühjahr (H. Grunsky) oder im Spätherbst (W.E. Peuckert) entstanden sei, so wird das den Benützer kaum berühren. Fest steht aber, daß es sich hier um das zweite Büchlein handelt, das im Erstdruck »Der Weg zu Christo« (1624) enthalten war.

 

Zum 1. Kapitel

Vernunft, »das Licht der äußern Natur«, das von allen Menschen gesucht wird, anerkennt auch Böhme als »besten Schatz dieser Welt« (1,1). Er macht jedoch gleichzeitig auf die durch Gottes Zorn und den Sündenfall bedingte Gefangenschaft der Vernunft aufmerksam. In der »Selbheit«, die Loslösung vom Lebensursprung bedeutet, findet diese ihren Ausdruck. Die Adam-Menschheit und der gefallene Engel Luzifer sind davon je auf ihre Weise betroffen. Dabei Weist Luzifer auf die spirituelle Tatsache hin, daß sich nicht allein in der Menschheit, sondern auch im übermenschlichen Bereich ein »Fall« ereignet haben müsse (1,3 f). Hier liegt die Wurzel für den »Abbruch aus der Gelassenheit«, das heißt aus der Harmonie mit dem göttlichen Lebensgrund (1,5).

Der Sturz in die Selbheit bedingt einerseits Erkenntnis des Urstandes, andererseits die Verdunkelung durch Hoffart und Dünkel (1,7 ff), die Selbsttäuschung und gefährliche Begierden erzeugen, Angriffspunkte für den Bösen (1,10 ff.). Auch die christliche Kirche, soweit sie diese Form der Vernunft überschätzt, ist betroffen. Sie ist zur »falschen Babel«, d.i. zum Inbegriff der Verwirrung geworden —‚ eine harte Kritik am Konfessionalismus.

Den »Prozeß«, von dem Böhme (1,19 ff) spricht, hat damit zu beginnen, daß die Vernunft zum dienenden Gefäß für das »Licht Gottes« wird. Das ist möglich, wenn sich der Mensch der eigenwilligen Selbheit entledigt und in Christus versenkt (1,23). Die Vokabeln »einversenken«, »einwinden« u.ä. weisen auf die meditative Übung hin, die in der vorausgegangenen Schrift eine wichtige Rolle gespielt hat. Das Drängen »ins Nichts« (1,27) entspricht dem Anschluß an das Schöpferische schlechthin. Insofern herrscht hier eine gewisse Übereinstimmung mit der östlich-fernöstlichen Philosophie des Nichts (mu). (Vgl. auch »Vom übersinnlichen Leben« Abschnitt 26 f). Auf diese Weise wird eine totale Neuorientierung im »Seelen-Feuer«, d.h. im Seeleninnersten (1,29) erzielt, wo es in der »finstern Kohle« zu einem Erleuchtungsprozeß kommt. Demut und Gelassenheit — d.h. die Selbheit lassen — gilt es jedoch zu bewähren (1,30-34), wenn nicht ein Rückfall in die alte Seinsweise drohen soll.

Böhme betont (1,35) ausdrücklich, daß »die natürlichen Künste«, das Wissen und Forschen also, ihr Recht haben sollen, sofern sie nicht Hochmut verursachen. Hier kommt nun der Autor zur Wesensbestimmung der Gelassenheit (1,37-48), die — im Gegensatz zur Selbheit — mit dem Willen Gottes übereinstimmt, dessen Werkzeug der Mensch sein solle.

 

Zum 2. Kapitel

Ohne eine besondere Zäsur wird der begonnene Gedanken-gang weitergeführt, bis er (2,9 f) auf »das ewige Contrarium«, die echt Böhmesche Feststellung von der Einheit der Gegensätze in Gott, stößt. Für das Verständnis ist wichtig, daß Böhme drei Prinzipien unterscheidet: Erstens jenes wiederholt zitierte Prinzip des Zornfeuers Gottes des Vaters, dann zweitens das Liebe-Licht des Sohnes, schließlich das dritte Prinzip. In ihm erklingt das schöpferische Werde-Wort Gottes, das Fiat (»Es werde«), durch das das Unbegreifliche des zur Schöpfung drängenden Gotteswillens die »Begreiflichkeit« annimmt und sich damit in der Welt manifestiert.1 In dieser geschöpflichen Welt sind Gut und Böse vermengt. Diese Tatsache ist für Böhme eines der Hauptprobleme, die ihn beschäftigt haben; deshalb auch sein wiederholtes Aufgreifen dieser Thematik.

1) Vgl. Gerhard Wehr: Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, S. 83 f.

Wesentlich ist — dies machen die weiteren Abschnitte deut lich — daß der Mensch seinem Ruf und seiner Bestimmung gemäß lebt. Dabei ist bemerkenswert, daß sich der Protestant Böhme für die Willensfreiheit und damit für die volle Verantwortlichkeit des Menschen ausspricht (2,22). Das ist auch die Voraussetzung für das »Lassen« und für die spirituelle Verfassung der Gelassenheit. Sie bedeutet Befreiung aus der Gefangenschaft der Selbheit. Böhme meint aber niemals eine eigenmächtig-heroische Tat der Selbstbefreiung, wenn er zu ganzer Willensanspannung aufruft. Alles menschliche Tun, somit auch und gerade jede geistliche Übung, bleibt auf Christus bezogen (2,28ff.). Dieser Bezug ist — wie wir in der er sten Schrift gesehen haben — für das Durchlaufen des eigenen Prozesses von größter Wichtigkeit. Auf der Voraussetzung der Tat Christi und seines »Prozesses« gründet Böhme die energischen Appelle zu ganzer Willensentfaltung und zu totaler Umkehr.

Wie die Abschnitte 30 ff. zeigen, veranschaulicht er an einem biblischen Bild, daß nur der rechtmäßige Erbe die Hinterlassenschaft des Vaters antreten dürfe. Ismael, »der Sohn der Magd« Abrahams hingegen, sei prinzipiell ausgeschlossen. In Gal.4 hat Paulus diese Form der allegorischen Auslegung der fraglichen alttestamentlichen Schriftstelle demonstriert, auf die Böhme anspielt. Für ihn ist der in der Selbheit des Fleisches gefangene Wille »der Magd Sohn« und damit vom Erbe des Geistes ausgeschlossen. Erneuert wird allein der Wille, der »aus Christi Tod aufersteht« (2,34).

Deshalb wendet sich Böhme (2,36 ff) gegen ein bloßes »Wort-Vergeben«, wie es in der Kirche, gerade in dem ihm vertrauten Luthertum, geübt worden ist. Ohne es eigens auszusprechen, kritisiert Böhme die lutherische Rechtfertigungslehre, die den Menschen ohne Werke der Heiligung »allein aus Gnaden« gerecht spricht. Für Böhme ist indes wichtig, daß nur »das Wirken Christi im Geist« und nicht das Sich-Vertrösten mit ein paar theologischen Sätzen zum Ziel führt. Eine billige Gnade — etwa im Sinne Dietrich Bonhoeffers — darf es nicht geben (2,45). Andererseits ist selbst das in einem geistlichen Kampfe Errungene gefährdet (2,47) und muß harten Prüfungen standhalten ( 2,48).

Und nochmals wendet sich Böhme gegen eine veräußerlichte Auffassung des reformatorischen Christentums (2,50-54), wenn er das bloße Insistieren auf den »Glauben« als einen »Historien-Glauben« entlarvt, (Vgl. J. Böhme: Von der neuen Wiedergeburt 1,4). Dieser berauscht sich wohl an dogmatischen Formeln, bleibt aber im Beschreiben und unverbindlichen Nacherzählen stecken, ohne zur ursprunghaften religiösen Erfahrung vorzustoßen. Aber eben darauf, nämlich den lebendigen, gegenwärtigen Christus zu finden, kommt es an. Deshalb das prophetische Pathos im Schlußvers (2,55): »Lieben Brüder, es ist eine Zeit des Suchens, Findens und Ernstes; wen es trifft, den triffts …«

 

Text

DE AEQUANIMITATE

ODER VON DER WAHREN GELASSENHEIT

 

Wie der Mensch mit seinem eigenen Willen in seiner Selbheit müsse täglich sterben und wie er seine Begierde in Gott einführen, was er von Gott bitten und begehren soll, und wie er aus dem Sterben des sündlichen Menschen mit einem neuen Gemüte und Willen in Gott ausgrünen soll. Auch was der alte und neue Mensch, ein jeder in seinem Leben, Willen und Tun sei.

 

Das 1. Kapitel

1,1.  Ein wahres Exempel haben wir am Luzifer und auch an Adam, dem ersten Menschen, was die Selbheit tut, wenn sie das äußere Licht zum Eigentum bekommt, daß sie im Verstande mag im eigenen Regiment wandeln. Auch siehet man es an den kunstgelehrten Menschen, wenn sie das Licht der äußern Natur zum Eigentum in der eigenen Vernunft erlangen, wie daraus nichts als Hoffart entstehet, welches doch alle Welt so heftig suchet und begehret, und als den besten Schatz. Es ist auch wohl der beste Schatz dieser Welt, so der recht gebrauchet wird.

1,2.  Weil aber die Selbheit, als die Vernunft, in einer schweren Gefängnis, als in Gottes Zorn sowohl auch in der Irdigkeit gefangen und feste angebunden stehet, so ist es dem Menschen gar gefährlich, daß er das Licht der Erkenntnis in der Selbheit führet als ein Eigentum der Selbheit.

1,3.  Denn der Grimm der ewigen und zeitlichen Natur erlustiget sich balde darinnen, davon die Selbheit und eigene Vernunft in Hoffart aufsteiget und von der wahren gelassenen Demut gegen Gott sich abbricht und von der Paradeisfrucht nicht mehr essen will, sondern von der Eigenschaft der Selbheit, als von des Lebens Regiment, darinnen Böses und Gutes steht, wie Luzifer und Adam taten, welche alle beide mit der Begierde der kreatürlichen Selbheit wieder in den Urstand, daraus die Kreatur ausgeboren worden und in ein Geschöpf getreten, eingingen, — Luzifer ins Zentrum der grimmigen Natur, in des Feuers Matrix, und Adam in die irdische Natur, in die Matrix der äußern Welt, als in die Lust Böses und Gutes.

1,4.  Welches ihnen beiden aus denen Ursachen entstunde, daß sie das Licht des Verstandes in der Selbheit scheinen hatten, in welchem sie sich bespiegeln und im Wesen beschauen konnten, dadurch der Geist der Selbheit in die Imagination, als in eine Begierde nach dem Zentrum eingegangen, sich zu erheben groß und mächtig, dazu mehr klug zu werden. Wie dann Luzifer in seinem Zentrum die Feuers-Mutter suchete und damit gedachte, über Gottes Liebe und alles engelische Heer zu regieren, und Adam begehrete auch die Mutter, daraus Böse und Gut quillet, in der Essenz zu probieren, und führete seine Begierde darein, in Willen, dadurch klug und verständig zu werden.

1,5.  Welche alle beide, Luzifer und Adam, in ihrer falschen Begierde in der Mutter gefangen wurden und sich von der Gelassenheit aus Gott abbrachen und mit dem Willen-Geiste mit der Begierde in der Mutter gefangen wurden, welche alsbald das Regiment in der Kreatur kriegte, daß Luzifer in der grimmen finsteren Feuersqual stehen blieb und dasselbe Feuer in seinem Willen-Geiste offenbar ward, dadurch die Kreatur in der Begierde ein Feind der Liebe und Sanftmut Gottes ward.

1,6.  Also auch Adam ward alsbald von der irdischen Mutter, welche Böse und Gut ist, als aus Gottes Liebe und Zorn in ein Wesen geschaffen, ergriffen und kriegte alsbald die irdische Eigenschaft das Regiment in Adam; davon ihm kam, daß Hitze und Kälte, Neid, Zorn und aller falscher Widerwille und Bosheit wider Gott in ihm offenbar und regierend war.

1,7.  So sie aber das Licht der Erkenntnis nicht hätten in die Selbheit eingeführet, so wäre ihnen der Spiegel der Erkenntnis des Zentrums und des Urstandes der Kreatur nicht offenbar worden, daraus die Imagination und Lust entstund.

1,8.  Demgemäß dann solches noch heutigen Tages bei den erleuchteten Kindern Gottes Gefahr bringet, daß, wenn manchen die Sonne des großen Anblicks von Gottes Heiligkeit scheinet, davon das Leben in Triumph tritt, sich die Vernunft darinnen spiegulieret und der Wille in die Selbheit, als in eigen Forschen eingehet und will das Zentrum, daraus das Licht scheinet, probieren und sich in der Selbheit darein zwingen.

1,9.  Aus welchem die elende Hoffart und eigner Dünkel entstehet, daß die eigene Vernunft, welche doch nur ein Spiegel des Ewigen ist, meinet, sie sei was mehr, sie tue, was sie wolle, so tue es Gottes Wille in ihr; sie sei eine Prophetin, und ist doch nur in ihr selber und gehet in eigener Begierde, in welcher sich das Zentrum der Kreatur gar bald in die Höhe schwinget und in eigene Begierde der Falschheit gegen Gott eingehet, daß der Wille in einen Dünkel eingehet.

1,10.       So tritt alsdann der Schmeichelteufel zu ihm und sichtet (versucht) das Zentrum der Kreatur und führet seine falsche Begierde darein, daß der Mensch in seiner Selbheit gleich als wie trunken wird und sich selber beredet, er werde von Gott also getrieben; dadurch der gute Anfang, darinnen das Licht Gottes in der Kreatur scheinend ward, verdirbet und auch das selbe Licht Gottes von ihm weichet.

1,11.       Alsdann bleibet das äußere Licht der äußern Natur in der Kreatur scheinende, denn die eigene Selbheit schwinget sich darein. So meinet sie dann, es sei noch das erste Licht von Gott. Aber nein, in dieses, als in den Dünkel der Selbheit, in das äußere Vernunftlicht schwinget sich der Teufel, nachdem er im ersten Licht, welches göttlich ist, weichen mußte, mit einer siebenfachen Begierde wieder ein; davon Christus saget: "Wenn der unsaubere Geist vom Menschen ausfähret, so durchwandert er dürre Stätte, suchet Ruhe und findet sie nicht. Alsdann nimmt er sieben Geister zu sich, die ärger sind als er und kehret wieder in sein erstes Haus ein, und allda findet es mit Besen geschmückt und wohnet alsdann allda und wird mit demselben Menschen ärger als vorhin …" Matth. 12,43.45.

1,12.       Das geschmückte Haus ist das Vernunftlicht in der Selbheit; denn so der Mensch seine Begierde und Willen in Gott einführet und in Abstinenz seines bösen Lebens eingehet und Gottes Liebe begehret, so erscheinet dieselbe ihme mit ihrem gar freundlichen freudenreichen Anblicke, dadurch auch das äußere Licht der Vernunft angezündet wird. Denn wo sich Gottes Licht anzündet, da wird alles lichte. Allda kann der Teufel nicht bleiben. Er muß allda ausfahren. So durchsuchet er allsdann die Mutter, des Lebens Urstand, als das Zentrum. Aber es ist eine dürre, unmächtige Stätte worden. Der Zorn Gottes, als das Zentrum der Natur, ist in seiner selbst Eigenschaft ganz unmächtig, mager und dürre, und kann nicht zum Regiment kommen. Diese Stätte durchsuchet der Satan, ob er irgend eine Pforte möchte offen finden, da er könnte mit der Begierde einkehren und die Seele sichten, daß sie sich erhübe.

1,13.       Und so sich nun der Willen-Geist der Kreatur mit dem Vernunft-Licht ins Zentrum, als in die Selbheit schwinget, und in eigenen Wahn eingehet, so gehet er von Gottes Licht wiederum aus. Jetzt findet der Teufel eine offene Pforte zu ihme und ein schön geschmückt Haus, nämlich das Vernunft-Licht zu seiner Wohnung. So nimmt er die sieben Gestalten des Lebens Eigenschaft zu sich in der Selbheit, als Heuchler, welche von Gott sind ausgegangen in die Selbheit. Allda kehret er ein und setzet seine Begierde in die Lust der Selbheit und falschen Einbildung, da sich der Willen-Geist in den Gestalten der Lebenseigenschaften im äußern Licht selber schauet. Allda ersinket er in sich selber, als wäre er trunken. So ergreift ihn alsdann das Gestirne und führet seine mächtige Konstellation darein, die Wunder Gottes allda zu suchen und sich selber darinnen zu offenbaren. Denn alle Kreatur sehnet sich nach Gott (Röm. 8,22). Und obwohl das Gestirne (das Geschöpfliche) den Geist Gottes nicht ergreifen mag, so hats aber viel lieber ein Haus des Lichts, darinnen es sich mag belustigen, als ein zugeschlossen Haus, da es keinen Beistand hat.

1,14.       Also gehet dann dieser Mensch, als wäre er im Gestirne trunken worden. Er begreift große wunderliche Dinge und hat einen steten Führer am Gestirne. So merket der Teufel auch gar eben, wo ihm eine Pforte offenstehet, da er mag des Lebens Zentrum entzünden, daß der Willen-Geist in eigener Hoffart in seinem Dünkel oder ja in Geiz in die Höhe fähret.

1,15.       Von daher entstehet die eigene Ehre, daß der Vernunft-Wille will geehret sein, denn er meinet, er habe den Braten des Heils, weil er ein Vernunft-Licht hat und kann das verschlossene Haus richten, welches doch Gott wohl mag aufschließen. Er meinet, ihm gebühret nun die Ehre, weil er den Vernunft-Verstand erreichet hat und wird nimmer inne, wie sich der Teufel mit seiner Begierde in seinen sieben Lebensgestalten des Zentrums der Natur belustiget und was er für gräulichen Irrtum anrichtet.

1,16.       Aus diesem Verstande ist in der christlichen Kirchen auf Erden die falsche Babel erboren worden, da man mit Vernunftschlüssen richtet und regieret und das Kind der Trunkenheit mit der Selbheit und eigenen Lust fein wohl geschmücket als eine schöne Jungfrau hat darauf gesetzet.

1,17.       Aber der Teufel ist in den sieben Lebensgestalten des Zentrums zur Herberge eingezogen, als in die Selbheit der eigenen Vernunft, und führet seinen Willen und Begierde stets in diese geschmückte, vom Gestirne angenommene Jungfrau. Er ist ihr Tier, darauf sie in ihren eigenen Lebensgestalten fein wohlgeschmückt einherreitet, wie in Apokalypse (Offb. 17) zu sehen ist. Also hat sie den äußeren Glast, als das Vernunftlicht, von Gottes Heiligkeit eingenommen und meinet, sie sei das schöne Kind im Hause, aber der Teufel ist in ihr zu Hause innen.

1,18.       Und also gehet es allen denen, welche einmal von Gott erleuchtet werden und von der wahren Gelassenheit ausgehen und sich von der wahren Mutterbrust, als von der rechten Demut entwöhnen.

 

Eines rechten Christenmenschen Prozessus, wie er gehen soll

1,19.       Die Vernunft wird mir Einhalt tun und sagen, es sei ja recht und gut, daß ein Mensch Gottes sowohl auch der äußern Natur und Vernunft Licht erreichet, damit er sein Leben möge weislich regieren vermöge der heiligen Schrift.

1,20.       Ja, es ist recht und kann dem Menschen nichts nützlichers und bessers widerfahren, und ist ein Schatz über alle Schätze dieser Welt. (vergl. 1,1) Wer da mag Gottes und der Zeit Licht erreichen und bekommen, denn es ist ein Auge der Zeit und Ewigkeit.

1,21.       Aber höre, wie du es brauchen sollst: Das Licht Gottes eröffnet sich zum ersten in der Seelen. Es scheinet aus wie ein Licht aus einer Kerzen, und zündet zur Hand, das äußere Licht der Vernunft an, nicht daß es sich der Vernunft, als dem äußeren Menschen ganz einergebe in sein Regiment. Nein, der äußere Mensch besiehet sich in dem durchdringenden Scheine als wie ein Bild vor einem Spiegel. Er lernet sich als bald in der Selbheit kennen, welches an ihme selber gut und nützlich ist.

1,22.       Wenn nun dieses geschiehet, so mag die Vernunft, als die kreatürliche Selbheit, nichts bessers tun, als daß sie sich ja nicht in der Selbheit der Kreatur beschaue und ja mit dem Willen der Begierde nicht in das Zentrum eingehe und sich selber suche. Sie bricht sich sonst von Gottes Wesen —‚ welches in dem Lichte Gottes mit aufgehet, davon die Seele soll essen und sich erlaben — ab und isset von äußern Licht und Wesen, dadurch sie das Gift wieder in sich ziehet.

1,23.       Der Wille der Kreatur soll sich mit aller Vernunft und Begierde ganz in sich ersenken als ein unwürdiges Kind, das dieser hohen Gnaden gar nicht wert sei, ich auch ganz kein Wissen oder Verstand zumessen, auch keinen Verstand in der kreatürlichen Selbheit von Gott bitten noch begehren, sondern sich nur schlicht und einfältig in die Liebe und Gnade Gottes in Christo Jesu einersenken und seiner Vernunft und Selbheit im Leben Gottes als wie tot zu sein begehren und sich dem Leben Gottes in der Liebe ganz einergeben, daß er damit tue als mit seinem Werkzeuge, wie und was er wolle.

1,24.       Kein Dichten in göttlichem oder menschlichem Grunde soll ihr die eigene Vernunft fürnehmen, auch nichts wollen oder begehren als nur Gottes Gnade in Christo alleine auf Art wie sich ein Kind nur stets nach der Mutter Brüsten sehnet. Also soll der Hunger nur stets in Gottes Liebe eingehen und sich ja mit nichten von solchem Hunger lassen abbrechen, wenn die äußere Vernunft im Licht triumphieret und spricht: Ich habe das wahre Kind; — so soll sie der Wille der Begierde zur Erden beugen und in die höchste Demut und albern Unverstand einführen und zu ihr sagen: Du bist närrisch und hast nichts als nur Gottes Gnade; du mußt dich in dieselbe mit großer Demut einwinden und ganz in dir zu nichte werden, dich auch weder kennen noch lieben. Alles was an und in dir ist, muß sich nichtig, nur bloß als ein Werkzeug Gottes achten und halten und die Begierde alleine in Gottes Erbarmen einführen und von allem selbeigenen Wissen und Wollen ausgehen, es auch alles für nichtig halten und keinen Willen schöpfen, jemal in nahe oder ferne darein wieder einzugehen.

1,25.       Und so dieses geschieht, so tritt der natürliche Wille in seine Unmacht und vermag ihn der Teufel auch nicht mehr also zu sichten mit seiner falschen Begierde, denn die Stätte seiner Ruhe werden ihme ganz dürre und ohnmächtig.

1,26.       Alsdann nimmt der Hl. Geist aus Gott die Lebensgestaltnis ein und führet sein Regiment empor, das ist: er zündet die Lehensgestaltnis mit seiner Liebe-Flamme an. Und dann gehet die hohe Wissenschaft und Erkenntnis des Zentrums aller Wesen nach der innern und äußern Konstellation der Kreatur auf, gar in einem subtilen treibenden Feuer, mit großer Lust, sich in dasselbe Licht zu senken und für unwürdig und nichtig dazu zu halten.

1,27.       Also dringet die eigene Begierde ins Nichts, als nur in Gottes Machen und Tun, was der in ihr will. Und der Geist Gottes dringet durch die Begierde der gelassenen Demut aus. Also siehet die menschliche Selbheit dem Geiste Gottes in Zittern und Freuden der Demut nach. Und also mag sie alles schauen, was in der Zeit und Ewigkeit ist; es ist ihr alles nahe.

1,28.       Wenn der Geist Gottes gehet als ein Feuer der Liebeflamme, so gehet der Willen-Geist der Seelen unter sich und saget: Herr, deinem Namen sei die Ehre und nicht mir. Du hast die Macht zu nehmen Kraft, Macht, Stärke, Weisheit und Erkenntnis (Offb.5,12). Tue, was du willst; ich kann noch weiß nichts. Ich will nirgends hingehen, du führest mich denn als dein Werkzeug. Tue du in und mit mir, was du willst.

1,29.       In solchem demütigen Ganz-Einergeben fället der Funke der göttlichen Kraft gleich als ein Zunder ins Zentrum der Lebensgestaltnis, als ins Seelen-Feuer, welches Adam zu einer finstern Kohle gemacht hatte, ein und glimmet. Und so sich alsdann das Licht der göttlichen Kraft darinnen entzündet, so muß die Kreatur alsdann, gleich als ein Werkzeug des Geistes Gottes vor sich gehen und reden, was der Geist Gottes saget, so ist sie alsdann nicht mehr ihr Eigentum, sondern das Werkzeug Gottes.

1,30.       Aber der Seelen-Wille muß ohne Unterlaß auch in diesem feurischen Trieb sich ins Nichts, als in die höchste Demut vor Gott einsenken. So balde sie will mit dem wenigsten Teil in eigenem Forschen geben, so erreichet sie der Teufel im Zentrum der Lebensgestaltnis und sichtet sie, daß sie in die Selbheit eingehet; denn sie muß in der gelassenen Demut bleiben gleichwie ein Quell an seinem Ursprung, und muß ohne Unterlaß aus Gottes Brünnlein schöpfen und trinken und aus Gottes Wege gar nicht begehren auszugehen.

1,31.       Denn sobald die Seele von der Selbheit vom Vernunft-Licht isset, so wandelt sie in eigenem Wahn, so ist ihr Ding, das sie für göttlich ausgibt, nur der äußeren Konstellation, welche sie alsobald ergreifet und trunken macht. So lauft sie denn so lange in Irrtum, bis sie sich ganz in die Gelassenheit wieder einergibt und sich aufs neue für ein besudelt Kind erkennet, der Vernunft aufs neue wieder erstirbet und Gottes Liebe wieder erreichet, welchen härter zugehet als zum erstenmal; denn der Teufel führet den Zweifel heftig darein. Er verlässet nicht gerne sein Raubschloß.

1,32.       Ein solches sieht man gar klar an den Heiligen Gottes von der Welt her. Wie mancher ist vom Geiste Gottes getrieben worden und ist aber manchmal wieder aus der Gelassenheit in die Selbheit, als in eigene Vernunft und Willen eingegangen, in welcher sie hat der Satan in Sünden und Gottes Zorn gestürzt, wie an David und Salomon sowohl auch an den Erzvätern, Propheten und Aposteln zu sehen ist, daß sie haben manchmal kräftigen Irrtum gewirkt, so sie sind aus der Gelassenheit in die Selbheit, als in eigene Vernunft und Lust der Vernunft eingegangen.

1,33.       Darum ist den Kindern Gottes not zu wissen, was sie mit sich selber tun sollen, so sie den Weg Gottes lernen wollen. Als daß sie auch die Gedanken zerbrechen und wegwerfen müssen und nichts begehren noch lernen wollen, sie empfinden sich denn in wahrer Gelassenheit, daß Gottes Geist des Menschen Geist lehre, leite und führe, und daß der menschliche eigne Wille zu eigener Lust ganz gebrochen und in Gott ergeben sei.

1,34.       Alles Spekulieren in den Wundern Gottes ist ein fast gefährlich Ding, damit der Willen-Geist mag balde gefangen werden, es sei denn, daß der Willen-Geist dem Geiste Gottes nachsehe, so hat er in der gelassenen Demut Macht, alle Wunder Gottes zu schauen.

1,35.       Ich sage nicht, daß der Mensch in natürlichen Künsten nichts forschen und lernen soll. Nein, denn dasselbe ist ihm nützlich, aber die eigene Vernunft soll nicht der Anfang sein. Der Mensch soll sein Leben nicht allein durch das äußere Vernunft-Licht regieren. Dasselbe ist wohl gut, aber er soll sich mit demselben in die tiefeste Demut vor Gott einsenken und den Geist und Willen Gottes in all seinem Forschen vorne anstellen, daß das Vernunft-Licht durch Gottes Licht sehe. Und ob die Vernunft viel erkennet, so soll sie sich des doch nicht annehmen als eines Eigentums, sondern Gott die Ehre geben, welchem alleine ist die Erkenntnis und Weisheit. (2.Röm. 11,32)

1,36.       Denn je mehr sich die Vernunft in die alberne Demut vor Gott ersenket, und je unwürdiger sie sich vor Gott hält, je mehr stirbet sie der eigenen Begierde ab und je mehr durchdringet sie Gottes Geist und führet sie in die höchste Erkenntnis ein, daß sie mag die großen Wunder Gottes schauen. Denn Gottes Geist fähret nur in der gelassenen Demut. Was sich selber nicht suchet noch begehret, was in sich selber vor Gott begehret einfältig zu sein, das ergreifet der Geist Gottes und führets in seinen Wundern aus. Ihme gefallen allein, die sich vor ihme fürchten und biegen.

1,37.       Denn Gott hat uns nicht zur Eigenherrschaft geschaffen, sondern zum Werkzeuge seiner Wunder, durch welche er will seine Wunder selber offenbaren. Der gelassene Wille vertrauet Gott und hoffet alles Gutes von ihme. Aber der eigene Wille regieret sich selber, denn er hat sich von Gott abgebrochen.

1,38.       Alles, was der eigene Wille tut, das ist Sünde und wider Gott; denn er ist aus der Ordnung, darin ihn Gott geschaffen hat, ausgegangen in einen Ungehorsam und will ein eigener Herr sein.

1,39.       Wenn der eigene Wille der Selbheit abstirbet, so ist er der Sünden frei; denn er begehret nichts als nur dieses, was Gott von seinem Geschöpf begehret. Er begehret nur das zu tun, dazu ihn Gott geschaffen hat, das Gott durch ihn tun will. Und ob er wohl das Tun ist und sein muß, so ist er doch nur als ein Werkzeug des Tuns, mit deme Gott tut, was er will.

1,40.       Denn das ist eben der rechte Glaube im Menschen, daß er der Selbheit abstirbet, als der eigenen Begierde, und seine Begierde in allem seinen Vorhaben in Gottes Willen einführet und sich keines Eigentums annimmt, sondern in allem seinen Tun nur für Gottes Knecht und Diener achtet, und denket, daß er alles das, was er tut und vorhat, Gott tut. (Kol. 3,23)

1,41.       Denn in solchem Willen führet ihn der Geist Gottes in die rechte Treu und Redlichkeit gegen seinen Nächsten ein; denn er denket, ich tue mein Ding nicht mehr, sondern meinem Gott, der mich dazu berufen und geordnet hat als einen Knecht in seinen Weinberg. Er höret immer nach der Stimme seines Herrn, welcher ihme in ihme befiehlet, was er tun soll. Der Herr redet in ihme und befiehlet ihm das Tun.

1,42.       Aber die Selbheit tut, was die äußere Vernunft vom Gestirne will, in welche Lust sich der innen fliegende Teufel mit seiner Begierde einführet. Alles was die Selbheit tut, das ist außer Gottes Willen. Es geschiehet alles in der Phantasie, daß der Zorn Gottes sein Ergötzen damit verbringe.

1,43.       Kein Werk außer Gottes Willen mag Gottes Reich erreichen. Es ist alles nur ein unnützes Schnitzwerk in der großen Mühseligkeit der Menschen; denn nichts gefällt Gott, ohne was er selber durch den Willen tut. Denn es ist nur ein einiger Gott in dem Wesen aller Wesen, und alles, was in demselben Wesen mit ihme arbeitet und wirket, das ist ein Geist mit ihme.

1,44.       Was aber in seiner Selbheit in eigenem Willen wirket, das ist außer seinem Regiment, in sich selber. Wohl ists in seinem allmächtigen Regiment, mit welchem er alles Leben regieret, aber nicht in dem heiligen göttlichen Regiment, sondern im Regiment der Natur, damit er Böses und Gutes regieret. Kein Ding wird göttlich geheißen, das nicht in Gottes Willen gehet und wirket.

1,45.       Alle Pflanzen, spricht Christus, die mein Vater nicht gepflanzet hat, sollen ausgerottet und, im Feuer verbrennet werden, (Matth. 25,13). Alle Werke des Menschen, welche er außer Gottes Willen wirket, die werden alle im letzten Feuer Gottes verbrennen und im Zorne Gottes, als dem Abgrunde der Finsternis, zur ewigen Ergötzlichkeit gegeben werden. Denn Christus spricht: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammlet, der zerstreuet. (Matth. 12,30) Das ist: Wer nicht im gelassenen Willen im Vertrauen auf ihn wirket und tut, der verwüstet und zerstöret nur. Es ist ihm nicht angenehm. Kein Ding gefällt Gott, ohne was er mit seinem Geist selbst will und durch sein Werkzeug tut.

1,46.       Darum ist alles Fabel und Babel, was aus Schlüssen der menschlichen Selbheit ohne göttliche Erkenntnis und Willen geschiehet, und ist nur ein Werk des Gestirns und der äußern Welt, und wird von Gott nicht für sein Werk erkannt, sondern ist ein Spiegel des ringenden Rades der Natur, da Gutes und Böses miteinander ringet. Was das Gute bauet, das zerbricht das Böse; und was das Böse bauet, das zerbricht das Gute. Und dies ist der große Jammer der vergebenen Mühseligkeit, welches alles in Gerichte Gottes zum Scheiden des Zankes gehöret.

1,47.       Darum wer nun viel in solcher Mühseligkeit wirket und bauet, der wirket nur zum Gerichte Gottes; denn es ist nichts Vollkommenes und Beständiges, es muß alles in die Putrefaktion1 und geschieden werden. Denn was in Gottes Zorn gewirket wird, das wird von ihme eingenommen und wird im Mysterium seiner Begierde behalten zum Gerichtstage Gottes, da Böses und Gutes soll geschieden werden.

1) alchymistischer Terminus für Fäulnis, Verwesung, Auflösung

1,48.       So aber der Mensch nun umkehret und von der Selbheit ausgehet und in Gottes Willen eintritt, so wird auch das Gute, das er in der Selbheit hat gewirket, von dem Bösen, so er gewirket hat, erlöst werden. Denn Jesaja spricht: Ob eure Sünden blutrot wären, so ihr umkehret und Buße tut, so sollen sie schneeweiß werden als Wolle, (Jes.1,18). Denn das Böse wird verschlungen im Zorn Gottes in den Tod, und das Gute gehet aus als ein Gewächse aus der wilden Erden.

 

Das 2. Kapitel

2,1.  Wer da gedenket, etwas Vollkommenes und Gutes zu wirken, darinnen er gedenket sich ewig zu erfreuen und dessen zu genießen, der gehe aus der Selbheit als aus eigener Begierde in die Gelassenheit in Gottes Willen ein und wirke mit Gott.

2,2.  Oh ihm gleich die irdische Begierde der Selbheit im Fleisch und Blut anhanget, so sie nur der Seelen-Wille nicht einnimmt, so mag die Selbheit kein Werk machen. Denn der gelassene Wille zerbricht der Selbheit Wesen immerdar wieder, daß es der Zorn Gottes nicht erreichen mag. Und ob er es erreichet, welches nicht gar ohne ist und sein mag, so stehet es in der Figur vor Gott als ein Werk des Siegs im Wunder und mag die Kindschaft ererben.

2,3.  Darum ist nicht gut reden und tun, so die Vernunft in der Begierde der Selbheit entzündet ist, die Begierde wirket anders in Gottes Zorn, dessen der Mensch wird Schaden haben, denn sein Werk wird in Gottes Zorn eingeführet und behalten zum großen Gerichtstage Gottes.

2,4.  Alle falsche Begierde, damit ein Mensch die Vielheit der Welt von seinem Nächsten mit List an sich zu ziehen zu seines Nächsten Verderb gedenket, wird alles von Gottes Zorn eingenommen und gehöret zum Gerichte, da alles soll offenbar werden und einem jeden im Mysterium der Offenbarung alle Kraft und Wesen, in Gutem und Bösem, unter Augen stehen. Alle Übeltat aus Vorsatz gehöret zum Gerichte Gottes.

2,5.  Aber dieser, welcher umkehret, der gehet davon wieder aus, aber das Werk gehöret ins Feuer. Alles soll und muß am Ende offenbar werden; denn darum hat Gott seine wirkende Kraft in ein Wesen eingeführet, auf daß sich Gottes Liebe und Zorn offenbare und in jedem Spiel sei zu Gottes Ehren und Wundertat.

2,6.  Und ist einer jeden Kreatur dies zu wissen, daß sie in deme bleibe, darein sie Gott geschaffen hat, oder sie laufet in den Widerwillen und Feindschaft des Willens Gottes ein und führet sich selbst in Qual ein; denn keine Kreatur, die in die Finsternis ist geschaffen worden, hat Pein von der Finsternis. Gleichwie ein giftiger Wurm keine Pein vom Gift hat, — das Gift ist sein Leben; wenn er aber das Gift verlöret, und daß etwas Gutes in ihn einführet und offenbar in seiner Essenz würde, das wäre seine Pein und Sterben. Also ist auch das Böse des Guten Pein und Sterben.

2,7.  Der Mensch ist ins Paradeis in Gottes Liebe geschaffen, und so er sich in Zorn, als in Gift-Qual und Tod einführet, so ist ihme das widerwärtige Leben eine Pein.

2,8.  Wäre der Teufel aus der grimmen Matrix in die Hölle geschaffen worden und hätte nicht göttliches Ens gehabt, so hätte er in der Höllen keine Pein. Aber so er ist im Himmel geschaffen worden und hat aber die Qual der Finsternis in ihme erregt und sich ganz in die finstere Welt eingeführet, so ist ihme nun das Licht eine Pein als eine ewige Verzweiflung an Gottes Gnaden und eine stete Feindschaft, indeme er ihn in sich nicht dulden mag und ihn ausgespeiet hat, so ist er seiner Mutter gram, welche ihn geboren hat, und ist auch seinem Vater gram, aus dessen Essenz und Wesen er entstanden ist, als der ewigen Natur, welche ihn als einen Abtrünnigen aus seinem Loco (Ort) gefangen hält und sich in ihme nach des Zornes und Grimmes Eigenschaft ergötzet. Dieweil er nicht wollte helfen Gottes Freuden-Spiel führen, so muß er nun Gottes Zorn-Spiel führen und ein Feind des Guten sein.

2,9.  Denn Gott ist alles. Er ist Finsternis und Licht, Liebe und Zorn, Feuer und Licht. Aber er nennet sich alleine Gott nach dem Lichte seiner Liebe.

2,10.       Es ist ein ewiges Contrarium zwischen Finsternis und Licht. Keines ergreifet das andere und ist keines das andere und ist doch nur ein einiges Wesen, aber mit der Qual unterschieden, auch mit dem Willen, und ist doch kein abtrennlich Wesen; nur ein Principium scheidet das, daß eines im andern als ein Nichts ist, und ist doch; aber nach dessen Eigenschaft, darinnen es ist, nicht offenbar.

2,11.       Denn der Teufel ist in seiner Herrschaft blieben, aber nicht in der, darein ihn Gott schuf, sondern in der, darein er selber einging; nicht im Werke der Schöpfung, sondern in der ängstlichen Geburt der Ewigkeit, im Zentrum der Natur, nach des Grimmes zur Gebärung der Finsternis, Angst und Qual Eigenschaft; wohl ein Fürst im Loco dieser Welt, aber im ersten Prinzip, im Reiche der Finsternis, im Abgrunde.

Nicht im Reiche der Sonnen, Sternen und Elementen, darinnen ist er kein Fürste noch Herr, sondern im Teil des Grimmes, als in der Wurzel der Bosheit aller Wesen, und hat doch nicht die Gewalt, damit zu tun.

2,12.       Denn in allen Dingen ist auch ein Gutes, welches das Böse in sich gefangen und verschlossen hält. So mag er nur in dem Bösen fahren und regieren, wenn sichs in der bösen Begierde erhebet und seine Begierde in die Bosheit einführet, welche die unlebhafte Kreatur nicht tun kann. Aber der Mensch kann es durch die unlebhafte Kreatur wohl tun, so er das Zentrum seines Willens mit der Begierde aus dem ewigen Zentrum darein führet, welches ein Incantation (Anrufung, Beschwörung) und falsche Magie ist. Allda hinein, wo der Mensch seiner Seelen Begierde, welche auch aus dem Ewigen ist, in Bosheit, als mit einem falschen Willen einführet, da kann auch des Teufels Wille hinein.

2,13.       Denn der seelische und engelische Urstand aus dem Ewigen ist eines. Aber von der Zeit dieser Welt und ihrem Wesen hat der Teufel nichts mehr Macht als nur in turba magna (Verwirrung), wo sich die in ewigem Grimm entzündet, da ist er geschäftig, als im Kriege und Streit, auch in großen Ungewittern ohne Wasser. Im Feuer fähret er so weit als die Turba gehet, weiter kann er nicht; im Schauerschlag, als in der Turba, gehet er auch, aber führen kann er ihn nicht, denn er ist darinnen nicht Herr, sondern Knecht.

2,14.       Also erwecket die Kreatur mit der Begierde Böses und Gutes, Leben und Tod. Die menschliche und engelische Begierde stehet im Zentrum der ewigen, unanfänglichen Natur, worinnen sich die entzündet in Bösem oder Gutem, dessen Wirkung vollbringet sie.

2,15.       Nun hat doch Gott ein jedes Ding in das geschaffen, darinnen es sein soll, als die Engel in Himmel und den Menschen ins Paradeis. So nun die Begierde der Kreatur aus ihrer eigenen Mutter ausgehet, so gehet sie in den Widerwillen und in die Feindschaft ein, und darinnen wird sie mit dem Widerwillen gequälet, und entstehet ein falscher Wille in einem guten; davon der gute Wille wieder in sein Nichts, als aus Ende der Natur und Kreatur eingehet und die Kreatur in ihrer Bosheit verläßt, wie am Luzifer zu sehen und auch an Adam, so ihme nicht wäre Gottes Liebe-Willen wieder entgegnet und aus Gnaden wieder in die Menschheit eingegangen, so sollte noch wohl kein guter Wille im Menschen sein.

2,16.       Darum ist alles Spintisieren und forschen von Gottes Willen ohne Umwendung des Gemütes ein nichtig Ding. Wenn das Gemüte in eigener Begierde des irdischen Lebens gefangen stehet, so mag es Gottes Willen nicht ergreifen. Es läufet nur in der Selbheit von einem Wege in den andern und findet doch keine Ruhe; denn die eigene Begierde führet doch immer Unruhe ein.

2,17.       Wenn sichs aber gänzlich in Gottes Erbarmen einsenket und seiner Selbheit begehret abzusterben, und begehret Gottes Willen zum Führer und Verstande, daß sich selber als ein Nichts erkennet und hält, das nichts will, ohne was Gott will; und so dann des Zorns Begierde im irdischen Fleische mit des Teufels Imagination daher kommt und an der Seelen Willen anstößet, so schreiet die gelassene Begierde zu Gott: Abba, lieber Vater, erlöse mich vom Übel; und wirket alsdann — ob es geschehe, daß der irdische Wille im Grimm Gottes durch des Teufels Sucht zu stark würde — nur in sich selber, wie St. Paulus auch saget: So ich nun sündige, so tue nicht ichs, sondern die Sünde, die im Fleische wohnet, Röm. 7,20. Item: So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetze Gottes und mit dem Fleische dem Gesetze der Sünden, (Röm. 7,25).

2,18.       Nicht meinet Paulus, daß das Gemüte soll in des Fleisches Willen einwilligen, sondern also stark ist die Sünde im Fleische, als der erweckte Zorn Gottes in der Selbheit, daß er oft mit Gewalt durch einen falschen Gegenhall gottloser Menschen oder durch einen Anblick weltlicher Üppigkeit in die Lust eingeführet wird, daß er den gelassenen Willen ganz übertäubet und gleich mit Gewalt beherrschet.

2,19.       Und so alsdann die Sünde im Fleisch gewirket ist, so will sich der Zorn damit ergötzen und greifet auch nach dem gelassenen Willen, so schreit der gelassene Wille zu Gott um Erlösung des Übels, daß doch wollte die Sünde von ihme vergeben und ins Zentrum, als in Tod einführen, daß sie sterbe.

2,20.       Und St. Paulus spricht weiter: So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, (Röm. 8,1), die nach dem Fürsatz berufen sind, das ist, die in der Fürsatz (Vorsehung) Gottes, darinnen Gott den Menschen berief, wieder in dem selben Rufe berufen sind, daß sie wieder im Fürsatz Gottes stehen, darinnen er den Menschen in sein Gleichnis, in ein Bild nach ihme schuf. Solange der eigene Wille in der Selbheit stehet, so ist er nicht im Fürsatze und Rufe Gottes, so ist er nicht berufen, denn er ist aus seinem Loco ausgegangen.

2,21.       Wenn sich aber das Gemüte umwendet wieder in Beruf, als in die Gelassenheit, so ist der Wille im Beruf Gottes, als im Loco, da ihn Gott hineinschuf. So hat er Macht, Gottes Kind zu werden, wie geschrieben stehet: Er hat uns Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden (Joh. 1,12). Die Macht, die er uns gegeben hat, das ist sein Fürsatz, darein er den Menschen in seinem Bilde schuf, die hat Gott in Christo wieder in die Menschheit eingeführet, und hat derselben Macht eine Macht gegeben, der Sünden im Fleische, als der Schlangen Willen und Begierde den Kopf zu zertreten (1.Mose 3,15), das ist: der gelassene Wille in Christo tritt dem sündlichen Schlangen-Willen auf den Kopf seiner Begierde und tötet die begangene Sünde wieder. Die gegebene Macht wird dem Tode ein Tod und dem Leben eine Macht zum Leben.

2,22.       Darum hat niemand eine Entschuldigung, als könnte er nicht wollen. Ja, weil er in der Selbheit steckt, in eigener Begierde, und nur dem Gesetz der Sünden im Fleisch dienet, so kann er nicht, denn er wird gehalten, und ist der Sünden Knecht. Wenn er aber das Zentrum des Gemütes umwendet und in Gottes Gehorsam und Willen einwendet, so kann er.

2,23.       Nun ist doch das Zentrum des Gemütes aus der Ewigkeit, aus Gottes Allmacht. Es mag sich einführen, wo es hin will; denn was aus dem Ewigen ist, das hat kein Gesetze. Aber der Wille hat ein Gesetze, Gott zu gehorchen, und der Wille wird aus dem Gemüte erboren. Der soll sich nicht von deme verrücken, in deme es Gott geschaffen hat.

2,24.       So schuf doch Gott den Willen des Gemütes ins Paradeis zu einer Gespielin der göttlichen Freudenreich. Aus deme sollte er sich nicht verrücken. Nun er sich aber verrücket hat, so hat Gott seinen Willen wieder ins Fleisch eingeführet und hat uns in diesem neueingeführten Willen Macht gegeben, unsern Willen darein zu führen und ein neu Licht darinnen anzuzünden und wieder seine Kinder zu werden.

2,25.       Gott verstockt niemand, sondern der eigene Wille, welcher im Fleische der Sünden beharret, der verstocket das Gemüte; denn er führet die Eitelkeit dieser Welt ins Gemüte, auf daß das Gemüte verschlossen bleibe.

2,26.       Gott, soviel er Gott heißet und ist kann nichts Böses wollen; denn er ist nur ein einiger Wille in Gott, und der ist ewige Liebe, eine Begierde der Gleichheit, als Kraft, Schöne und Tugend.

2,27.       Gott begehret sonst nichts als nur, was seiner Begierde ähnlich ist. Seine Begierde nimmt sonst nichts ein als nur das, was sie selber ist.

2,28.       Gott nimmt keinen Sünder in seine Kraft ein, es sei denn, daß der Sünder von Sünden ausgehe und mit der Begierde in ihn eingehe. Und welche zu ihm kommen, die will er nicht hinausstoßen (Joh. 6,37). Er hat dem Willen in Christo eine offene Pforte gegeben und spricht: Kommt alle zu mir, die ihr mit Sünden beladen seid, ich will euch erquicken; nehmet mein Joch auf euch (Matth. 11,28), das ist das Kreuz der Feindschaft im Fleische, welches Christi Joch war, der es für aller Menschen Sünde mußte tragen. Dieses muß der gelassene Wille in dem bösen irdischen Sünden-Fleische auf sich nehmen und in Geduld auf Hoffnung der Erlösung Christo nachtragen, und mit dem gelassenen Seelen-Willen immerdar in Christi Wille und Geiste der Schlangen den Kopf zertreten und den irdischen Willen in Gottes Zorn töten und brechen; nicht lassen ruhen und in ein sanftes Bette legen, wenn die Sünde begangen ist, und denken: ich will noch wohl einmal dafür Buße tun.

2,29.       Nein, nein, in diesem sanften Bette wird der irdische Wille nur stark, fett und geil; sondern sobald sich der Odem Gottes in dir erreget und dir die Sünde anzeiget, so soll sich der Seelen-Wille in das Leiden und Tod Christi einersenken und feste damit umwickeln und das Leiden Christi zum Eigentum in sich nehmen und über den Tod der Sünden, mit Christi Tod, Herr sein und ihn in Christi Tod zerbrechen und töten.

2,30.       Will er nicht, so muß er wohl. So setze Feindschaft wider das wollüstige, irdische Fleisch. Gib ihm nicht das, was es haben will. Laß es fasten und hungern, bis der Kitzel aufhöret. Achte des Fleisches Willen für deinen Feind und tue nicht, was die Begierde im Fleische will, so wirst du dem Tode im Fleische einen Tod einführen. Achte keines Spottes der Welt. Denke, daß sie nur deinen Feind spotten, daß er ihr Narr worden ist. Halt ihn auch selber für deinen Narren, den dir Adam erwecket und zu einem falschen Erben eingesetzet hat. Stoß der Magd Sohn aus dem Hause, als den fremden Sohn, welchen dir Gott in Adam im Anfange nicht in das Haus des Lebens hat gegeben; denn der Magd Sohn soll nicht erben mit der Freien, (Gal 4,30).

2,31.       Der irdische Wille ist nur der Magd Sohn; denn die vier Elementa sollten des Menschen Knecht sein. Aber Adam hat sie zur Kindschaft eingeführet. So sprach Gott nun zu Abraham, als er den Bund der Verheißung in ihme eröffnet: Stoß der Magd Sohn aus, denn er soll nicht erben mit der Freien. (1.Mose 21,10). Die Freie ist Christus, die uns Gott wieder aus Gnaden ins Fleisch einführete, als ein neues Gemüte, da der Wille, verstehe: der ewige Wille der Seelen, schöpfen mag und trinken das Wasser des ewigen Lebens, davon uns Christus saget: Wer dies Wasser trinken würde, das er uns geben werde, deme würde es in einen Quellbrunnen des ewigen Lebens quellen, (Joh. 4,13). Der Quellbrunn ist eine Verneuerung des seelischen Gemütes, als das ewige Gestirne der ewigen Natur, als der seelischen Kreatur Eigenschaft.

2,32.       Darum sage ich: Alles Dichten zu Gott, wie das auch immer einen Namen haben mag, da ihme der Mensch Wege zu Gott möge dichten, ist ein vergeblich unnütz Ding, außer dem neuen Gemüte.

2,33.       Kein anderer Weg ist zu Gott als ein neu Gemüte, das von der Bosheit umwendet und in Reu seiner begangenen Sünden eingehet, von der Übeltat ausgehet und diese nicht mehr will, sondern seinen Willen in Christi Tod einwindet, und der Sünden der Seelen mit Ernste in Christi Tod abstirbet, daß das seelische Gemüte der Sünden nicht mehr will. Ob alle Teufel hinter ihm her wären und ins Fleisch mit ihrer Begierde einführen, so muß der Seelen Wille im Tode Christi stillestehen, sich verbergen und nichts wollen als nur Gottes Barmherzigkeit.

2,34.       Kein Heucheln und äußerlich Trösten hilft nichts, da man den Schalk der Sünden im Fleische mit Christi Bezahlung wollte zudecken und in der Selbheit stehen bleiben. Christus sprach: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so sollt ihr das Reich Gottes nicht schauen, (Matth. 18,3). Also gar muß ein neues Gemüte werden, als in einem Kinde, das von Sünden nichts weiß. Ferner sprach Christus: Ihr müsset von neuem geboren werden, anders sollet ihr Gottes Reich nicht schauen, (Joh. 3,3). Es muß ein ganz neuer Wille aus Christi Tod aufstehen, ja aus Christi Eingehung (Inkarnation) in die Menschheit muß er ausgeboren werden und in Christi Auferstehung aufstehen.

2,35.       Soll nun dieses geschehen, so muß der seelische Wille zuvor in Christi Tod sterben; denn in Adam hat er der Magd Sohn, als die Sünde eingenommen. Die muß er aus dem Willen zuvor ausstoßen; und muß sich die arme gefangene Seele in das Sterben Christi mit allem, das sie ist, mit Ernste einwinden, also daß der Magd Sohn, als die Sünde in ihr, in Christi Tode sterbe. Ja, sterben muß die Sünde in der Seelen Willen, sonst mag kein Schauen Gottes sein; denn nicht der irdische Wille in Sünden und Gottes Zorne soll Gott schauen, sondern Christus, der ins Fleisch kam. Die Seele muß Christi Geist und Fleisch anziehen. In dieser irdischen Hütten mag sie nicht Gottes Reich erben, weil ihr wohl von außen das Sündenreich anhanget, welches in der Erden verfaulen und in neuer Kraft aufstehen soll.

2,36.       Es ist kein Heucheln noch Wort-Vergeben. Nicht von außen angenommene Kinder müssen wir sein, sondern von innen, aus Gott geborne Kinder, mit einem neuen Menschen, der in Gott gelassen ist.

2,37.       Alles Heucheln, daß wir sagen: Christus hat bezahlet und für die Sünde genug getan; er ist für unsere Sünde gestorben; so wir nicht auch der Sünden in ihme sterben und sein Verdienst in einem neuen Gehorsam anziehen und darinnen leben, ist alles falsch und ein Trug, nichtig, ungültig Trösten.

2,38.       Der hat sich Christi Leiden zu trösten, welcher der Sünden feind und gram wird, der sie nicht gerne siehet noch höret oder schmecket, der ihr feind ist, der immerdar gerne wollte recht und wohl tun, wüßte er nur, was er tun sollte, der hat Christi Geist und Willen angezogen. Die äußerliche Heuchelei, der von außen angenommenen Kindschaft ist falsch und nichtig.

2,39.       Nicht das Werk machet die Kindschaft, das im äußern Fleisch allein geschieht, aber das Wirken Christi im Geist, welches mit dem äußern Werke kräftig ist und sich als ein neues Licht erzeiget und die Kindschaft im äußern Werke des Fleisches offenbaret, das ist und macht die Kindschaft.

2,40.       Denn so das Auge der Seelen lichte ist, so ist der ganze Leib in allen Gliedern lichte. So sich nun einer der Kindschaft rühmet und lässet den Leib in Sünden brennen, der ist der Kindschaft noch nicht fähig oder lieget ja in Banden des Teufels in einer schweren Finsternis gefangen. Und so er auch nicht den ernsten Willen zur Wohltat in der Liebe in sich brennen findet, so ist sein Vorgehen nur ein Vernunft-Dichten aus der Selbheit welche nicht mag Gott schauen, sie werde dann neu geboren und erzeige sich in der Kraft der Kindschaft; denn kein Feuer ist ohne Leuchten. So nun Gottes Feuer im Gemüte ist, so wirds wohl hervorleuchten und das tun, das Gott haben will.

2,41.       So sprichst du: Ich habe Willen dazu; ich wollte es gerne tun und werde aber gehalten; ich kann nicht.

2,42.       Ja, liebes besudeltes Hölzel, das ist es eben: Gott zieht dich zur Kindschaft, aber du willst nicht. Dein sanftes Küssen im Bösen ist dir viel lieber. Du setzest der irdischen Bosheit Freude vor Gottes Freude. Du steckest noch ganz in der Selbheit und lebest nach dem Gesetz der Sünden, das hält dich. Du magst der Wollust des Fleisches nicht absterben, darum so bist du auch nicht in der Kindschaft und Gott zieht dich doch dazu, aber du selbst willst nicht. Ei, wie fein deuchte das Adam sein, wenn man ihn also mit diesem Willen in Himmel einnähme und setzte das böse Kind voll Falschheit in Gottes Thron! Luzifer wollte es auch also haben, aber er ward ausgespeiet.

2,43.       Das Sterben des bösen Willens tut wehe. Niemand will daran. Kinder wären wir alle gerne, so man uns also mit diesem Pelze wollte annehmen. Aber es mag gar nicht sein. Diese Welt vergehet; so muß auch das äußere Leben sterben. Was soll mir dann die Kindschaft in einem sterblichen Leibe?

2,44.       Wer die Kindschaft erben will, der muß auch einen neuen Menschen anziehn, welcher die Kindschaft erben kann und der Gottheit ähnlich ist. Gott will keinen Sünder im Himmel haben, sondern nur eitel neugeborne Kinder, welche den Himmel haben angezogen.

2,45.       Darum ist es nicht so ein leicht Ding, Kinder Gottes zu werden oder sein, wie man uns vormacht. Zwar leichte ist es dem wohl, welcher die Kindschaft hat angezogen, dessen Licht scheinet; der hat seine Freude daran. Aber das Gemüte umwenden und die Selbheit zerbrechen, muß ein strenger unnachlässiger Ernst sein und ein solcher Vorsatz, daß, ob sollte Leib und Seele darum zerspringen, der Wille dennoch wollte beständig bleiben und nicht wieder in die Selbheit eingehen.

2,46.       Es muß gerungen sein bis das finstere, harte verschlossene Zentrum zerspringet und der Funke zündet, daraus, alsobald der edle Lilienzweig, als aus einem göttlichen Senfkörnlein, wie Christus saget  (Matth. 13,31), ausgrünet. Es muß ernstes Beten mit großer Demut und mit der eigenen Vernunft eine Weile ein Narr sein, sich selbst darinnen töricht sehen, bis Christus eine Gestalt in dieser neuen Menschwerdung bekommt.

2,47.       Und alsdann, wenn Christus geboren wird, so kommt alsobald Herodes und will das Kindlein töten und suchet das auswendig  (Matth. 17,20; Mark. 4,31) mit Verfolgung und inwendig mit Versuchung, ob dieser Lilienzweig will stark genug sein, dem Teufel sein Reich zu zerbrechen, welches im Fleisch offenbar ist.

2,48.       Dieser Schlangentreter (1.Mose 3,15: Christus) wird in die Wüsten eingeführet, nachdem er zuvor mit dem Hl. Geiste getaufet ist, er wird versuchet, ob er will in der Gelassenheit in Gottes Willen bleiben. Er muß also fest stehen, daß er im entscheidenden Augenblick alles irdische, ja auch das äußere Leben um der Kindschaft willen verläßt.

2,49.       Keine zeitliche Ehre und Gut darf der Kindschaft vorgezogen werden, sondern muß mit seinem Willen das alles verlassen und nicht für eigen achten und sich nur ein Knecht derselben achten, der seinem Herrn in Gehorsam damit dienet (Luk. 17,10). Er muß alles Eigentum dieser Welt verlassen und seinen Willen nicht darein führen und für eigen achten, er hat sonst keine Macht, dem Dürftigen damit zu dienen. (Eph. 4,28)

2,50.       Die Selbheit dienet nur dem zeitlichen Wesen, aber die Gelassenheit heherrsehet alles, was unter ihr ist. Die Selbheit muß tun, was der Teufel in Fleischeswollust und hoffärtigem Leben haben will. Aber die Gelassenheit tritt das mit Füßen des Gemüts. Die Selbheit verachtet, was albern (einfältig) ist, aber die Gelassenheit leget sich zum Albern in Staub. Sie spricht: Ich will albern sein und nichts verstehen, auf daß mein Verstand sich nicht erhebe und sündige. Ich will in den Vorhöfen meines Gottes zu Füßen liegen, auf daß ich meinem Herrn diene, wozu er mich haben will. Ich will nichts wissen, auf daß mich die Gebote meines Herrn leiten und führen und ich nur das tue, das Gott durch mich tut und haben will. Ich will in meiner Selbheit schlafen bis mich der Herr mit seinem Geist aufwecket. Und so er nicht will, so will ich ewig in ihm in der Stille ruhen und seines Gebotes erwarten.

2,51.       Lieben Brüder, man rühmet sich anjetzo des Glaubens, wo ist aber der Glaube? Eine Historia ist der jetzige Glaube. Wo ist das Kind, das da glaubet, daß Jesus geboren sei? So es wäre und glaubete, daß Jesus geboren sei, so würde es ja sich zum Kindlein Jesu zunahen, es annehmen und pflegen. Ach, es ist nur ein historischer Glaube und eine lautere Wissenschaft und vielmehr eine Kitzelung des Gewissens: daß ihn die Juden haben getötet; daß er von dieser Welt sei weggefahren; daß er nicht König auf Erden, im animalischen Menschen sei; daß der Mensch tun möge, was er wolle; daß er nicht nötig hätte der Sünden und den bösen Lüsten sterben. Das freuet sich die Selbheit, das böse Kind, daß es möge im Fetten leben und den Teufel fett mästen.

2,52.       Das bewähret sich, daß der rechte Glaube seit Christi Zeiten niemals kränker und schwächer gewesen als eben jetztund, da die Welt doch laut schreit: Wir haben den rechten Glauben gefunden, und zanken um ein Kind, das böser nie gewesen ist seit daß Menschen auf Erden gewesen sind.

2,53.       Bist du Zion, das neugeborne und wiedergefundene Kind, so beweise deine Kraft und Tugend und weise hervor das Kindlein Jesus aus dir, daß man sehe, du seist seine Pflegamme, wo nicht, so sagen die Kinder Christi, du hast nur das Kind der Historien, als die Wiege des Kindes funden.

2,54.       Wo hast du das Kindlein Jesus, du Abtrünnige, mit der Historien und falschem Scheinglauben? Wie wird dich das Kindlein Jesus in des Vaters Eigenschaft in deiner eigenen Turba (Verwirrung), die du hast fett gemästet, heimsuchen? Es rufet dir in Liebe, aber du willst nicht hören, denn deine Ohren sind im Geize und Wollust feste zugeschlossen. Darum der Schall der Posaunen mit einem harten Donnerschlag deine Turba einmal zersprengen und dich aufwecken wird, ob du doch noch einst das Kindlein Jesus wollest suchen und finden.

2,55.       Lieben Brüder, es ist eine Zeit des Suchens, Findens und Ernstes; wen es trifft, den triffts. Wer da wachet der wirds hören und sehen. Wer aber in Sünden schläfet und in seinen fetten Tagen des Bauchs der spricht: Es ist alles Friede und stille; wir hören keinen Schall vom Herrn. Aber des Herrn Stimme ist an den Enden der Erden erschollen und gehet auf ein Rauch und mitten im Rauche eine große Helle eines Glanzes. Amen! Halleluja! Amen!

Jauchzet dem Herrn in Zion denn alle Berge und Hügel sind voll seiner Herrlichkeit. Er schießt auf wie ein Gewächse, wer will das wehren? Halleluja.

(Jes. 44,23; 49,13; Jes. 53,2)

 

 

De Regeneratione

oder Von der neuen Wiedergeburt

KOMMENTAR: UNTERWEGS ZUR WIEDERGEBURT

 

Das Thema der Schrift »De Regeneratione oder Von der neuen Wiedergeburt« bezeichnet den Mittelpunkt der Böhmeschen Christosophie, die auf die spirituelle Veränderung und Neuwerdung des mit Christus verbundenen Menschen hinzielt. Es ist ohnehin ein Hauptstück der christlichen Mystik. Deshalb verweist der Autor in der Vorrede auf jene seiner Schriften, in denen er sich schon zuvor ausführlicher über die Wiedergeburt ausgesprochen hat.

 

Zum 1. Kapitel

Die einleitenden Gedanken (1,1-7) machen mit Böhmes Menschenkunde bekannt, der — mit dem Apostel Paulus — einen fleischlich-natürlichen und einen inneren, geistlichen Menschen unterscheidet.1 Danach ist der Mensch einerseits der Sünde verfallen, andererseits aber kann er als »Tempel des Heiligen Geistes« gelten. Daraus folgt, daß Himmel und Hölle im Menschen selbst liegen (1,8 ff.) und nicht irgendwo anders gesucht werden müssen. In ihm, dem inneren Menschen, spielt sich der entscheidende Prozeß ab. So wie Himmel und Hölle im Menschen sind, sich dort gleichsam überlagern, so sind Gut und Böse, Zeit und Ewigkeit in eins verschränkt. Das heißt auch: Für Böhme ist die irdische Wirklichkeit nicht nur eine materielle Tatsache, sondern er rechnet immer auch mit der spirituellen Dimension (1,12 ff.). Nicht ein ferner Himmel, sondern die Welt selbst ist die Wohnstatt Gottes, der Ort seiner Gegenwart (1,15). Die weiteren Verse des Kapitels erläutern das Wechselverhältnis der Polaritäten.

1) Ausführlicher in Gerhard Wehr: Esoterisches Christentum, Kap. Paulinische Esoterik (Neufassung in Vorbereitung).

 

Zum 2. Kapitel

Als ein Geschöpf beider Welten, der inneren und der äußeren, hat der Mensch an dem Feuerodem des Zorns und an dem Lichtodem der Liebe Gottes teil. Zorn und Liebe sind die beiden in der Gottheit selbst urständenden Polaritäten. Daraus ergibt sich Böhmes relativ hohe Einschätzung der geschöpflichen Welt, auf der der Abglanz des Paradieses ruht, das heißt des Urstandes im Licht (2,10). In »magischer« —wir würden sagen: in spiritueller — Weise nährte sich und vermehrte sich die paradiesische Menschheit. Böhme spricht (2,14) vom »Geist der starken und großen magischen Macht«, die in Adam, das heißt in der Menschheit vor dem tragischen Fall einwohnte. Das Erscheinen Evas bringt Böhme hier bereits mit der Neigung Adams zur »Eitelkeit«, dem Hang zur Nichtigkeit, in Verbindung (2,16). Und der Urmensch, der eine androgyne, männlich-weibliche Ganzheit darstellte, brach damit bereits in die Zweiheit der Geschlechter auseinander (2,18). Jetzt erst kann vom Menschen im Sinne heutiger Verkörperung gesprochen werden. Die esoterisch spekulative Anthropologie verfügt über eine erstaunlich große Vielfalt an Belegen für diese ursprüngliche Mann-Weiblichkeit des Menschen.1 Und nur angesichts des Verlustes der »engelischen« (engelhaften) Urbildlichkeit oder Gott-Eben- bildlichkeit des Menschen ist es zu verstehen, wenn Böhme bisweilen geringschätzig von der menschlichen Sexualität spricht (2,19; 3,1). Die »schöne Seele in der Liebe Gottes« (2,23) war verblichen. Und eben hier liegt der eigentliche Grund für die Notwendigkeit der Erlösung. Es galt die »Porte der Höhen« zu zerbrechen und das verlorene Menschenbild wieder herzustellen.

1) Vgl. Gerhard Wehr: Der Urmensch und der Mensch der Zukunft, Freiburg 1964; ders.: Heilige Hochzeit. München Kösel 1986, S. 103 ff.

 

Zum 3. Kapitel

Christus muß Mensch werden. Was unter dem Zorn Gottes liegt, soll durch die Kraft seiner Liebe wieder heil werden. Es geschieht diese Heilstat kraft der heiligen Gottesnamen, die Böhme bisweilen in großen Lettern schreibt (JESUS, IMMANUEL, JEHOVA). Böhme zieht die heilsgeschichtliche Linie aus, die sich von der Eva des gestürzten Menschenbildes zur neuen Eva, d.i. Maria, erstreckt (3,7). Nun bemüht sich der Autor der Christosophia klarzumachen, daß Christus zwar ganz Mensch wurde, daß er das Kleid menschlicher Hinfälligkeit und Sünde jedoch nicht angezogen habe. Dies ist wohl mit dem dunklen Vers 10 gemeint.

 

Zum 4. Kapitel

Christlicher Glaube, der auf die von Christus geschaffene Neuwerdung gründet, ist kein bloßes Wissen, auch keine theologische Lehre, sondern in ihm lebt ein leibhaftiges Hungern und Dürsten nach dem neuen Sein (4,2 u.12). Auf diese Weise wird das verblichene Menschenbild wiedergebracht. Höhepunkt ist die »Hochzeit des Lammes« (4,7), die heilige Hochzeit, die gerade auf dem Weg der Wiedergeburt zumindest vorläufig und ansatzweise Erfahrung werden soll.

Dabei knüpft Böhme (4,13 ff) an Gedanken an, denen wir im Zusammenhang mit der göttlichen Sophia in der ersten Schrift dieser Ausgabe bereits begegnet sind.

 

Zum 5. Kapitel

Böhme verknüpft eingangs die beiden bereits bekannten Motive von der geistlichen Erbschaft und von der Überwindung des äußerlichen »Historien-Glaubens«. Das biblische Bild von (Gal. 4,30) wird auf diese Weise buchstäblich zum »Vorbild« des Menschen, der den Weg zu Christus gehen will (5,3 ff). Entscheidend ist, daß »der rechte Geist« den Willen zur Tat zu aktivieren vermag. Die passiv bleibende Berufung auf das Verdienst Christi — hier wird Böhme eine formalistisch verengte Rechtfertigungstheologie der lutherischen Recht-gläubigkeit im Auge haben — nützt nicht (5,7) Christus ist wohl die »offene Pforte« auf dem Weg; den Weg zu gehen aber bleibt niemandem erspart. Christus selbst will im Menschen Gestalt gewinnen (5,14). Dieses Streben nach Heiligung und nach Durchchristung muß selbst der lutherischen Rechtfertigungslehre nicht widersprechen, aber sie ergänzt diese notwendigerweise.

 

Zum 6. Kapitel

Böhmes Kritik ar der »Mauerkirche« und an den »Mauer- christen«, die sich auf einen »Historien-Glauben« verlassen und darüber die eigene religiöse Erfahrung versäumen, findet hier eine Fortsetzung. Dem unverwandelten »Tier«-Menschen nützt ein äußerlich bleibender Umgang mit der Christusbotschaft nicht. So betrachtet ist der heutige Mensch, der den Weg zur religiösen Erfahrung beschreitet, dem lebendigen Christus viel näher als jene Zeitgenossen Jesu, »die nur den äußeren Christus höreten, nicht aber das Wort der göttlichen Kraft« (6,8). Das Christusereignis muß zur mystischen Tatsache jedes einzelnen werden. Mit anderen Worten: Die objektive Christustatsache soll eine subjektiv realisierbare, integrierbare Gestalt annehmen. Dazu kommt, daß der spirituelle, der geistig aufnahmebereite Mensch — Böhme sagt: »der Heilige« — seine Kirche in sich hat, weil er von keinem geographischen Ort und von keiner menschlichen Institution abhängig ist, wenn es um die Gegenwart des göttlichen Geistes geht. Der spirituelle Mensch ist geistunmittelbar. Dieser Geist ist in die Geschöpflichkeit eingegangen. Er redet aus den Kreaturen zum Menschen. Dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt, der schon in Böhmes »Aurora« vielfältigen Ausdruck findet. Dadurch stellt sich der Görlitzer Meister als Lehrer eines universellen, den ganzen Kosmos umspannenden Christentums vor. Zu dieser Wirklichkeitsschau muß die Tat, »das heilige Werk«, hinzutreten. Es ist — wie schon Luther hervorhob — die gute Frucht, die am guten Baum wächst und reift.

 

Zum 7. Kapitel

Böhmes Kritik an der veräußerlichten Kirche setzt sich in diesem Kapitel fort. Maßstab ist für ihn »der Christ«, der sich nicht auf eine formale Zugehörigkeit zu einer Konfession stützt, sondern der »all sein Wissen und Wollen«, also sein Erkennen (Meditation) und sein Tun (Aktion) an dem selbst erfahrenen »inneren« Christus ausrichtet. Aller Streit, alle theologische Rechthaberei — Böhme nennt sie »Meinungen« —, für die nicht nur das nachlutherische Zeitalter, in dem Böhme lebte, beispielhaft war, bleiben unfruchtbar und bringen das Christentum in Verruf. Dabei meint Böhme keine Uniformität, wenn er nach der Einheit im Geist ruft. Das wird deutlich, wenn er immer wieder das Bild vom Baum her anzieht, an dem zwar viele, unterschiedlich geformte Zweige wachsen, der aber doch ein einziges Ganzes verkörpert, das aus einer einzigen Wurzel emportreibt. Ein anderes Gleichnishild erblickt Böhme in der Natur, in der Vogel- und Blumenwelt. Immer ist die Vielfalt der Schöpfung von dem einen Geist Gottes durchpulst.

 

Zum 8. Kapitel

In diesem letzten Kapitel zieht Böhme eine Summe, indem er fragt, worin das Wesen der »ganzen christlichen Religion« besteht. Es ist — mit einem Wort — die Wiederherstellung des verlorengegangenen Urstandes von Mensch und Kreatur. Weg und Ziel — wieder benützt Böhme die Imagination des Baumes — ist allein Christus.

Wichtig zu sehen ist, wie Böhme das Verhältnis des lebenschaffenden und des »buchstabischen« Wortgeräusches bestimmt: Das Aufgeschriebene, etwa die Bibel oder die Kirchenlehre, wird nicht einfach verworfen oder gering geachtet, wie die radikalen Spiritualisten gefordert haben, aber der Buchstabe und das ausgesprochene Menschenwort sollen eine dienende Funktion erfüllen, indem sie zum Gefäß des Geistes werden. Entsprechende Erwägungen stellt Böhme für das Verhältnis von Liebe und Glaube an.

Auf Gedankensprünge, auf ein plötzliches Verlassen eines Gedankenganges oder auf die unvermittelte Wiederaufnahme eines früheren Arguments muß man sich bei Böhme oft gefaßt machen. Das betont seelsorgerliche Anliegen und damit das spezifisch christosophische, auf Wiedergeburt und Wandlung bezogene Motiv behält Böhme jedoch fest im Auge. Deshalb sein persönlicher Zuspruch, mit dem er auch diese Schrift beschließt.

 

Text:

DE REGENERATIONE

ODER VON DER NEUEN WIEDERGEBURT

Das ist: Wie sich ein Mensch, dem die Seligkeit ernst ist, durch Christi Geist aus dem verwirrten und zänkischen Babylon müsse herausführen lassen, auf daß er in Christi Geist neu geboren werde und ihme allein lebe.

 

Vorrede des Autoris

1.    Wiewohl ich dieses in meinen anderen gar tiefen Schriften genugsam erkläret und aus dem Grunde dargestellet habe, jeder aber solche nicht in Händen hat, auch jedermanns Begriff nicht ist zu verstehen, als habe ich den einfältigen Kindern Christi zu Dienste und auf Begehren guter Freunde eine kurze Summa von der neuen Wiedergeburt geschrieben, damit sich jemand dadurch wollte lernen erkennen.

2.    Wer aber den tiefen Grund, daraus dieses fließt, begehret zu forschen und die Gabe zum Verstand hat, der lese das Buch vom »Dreifachen Leben des Menschen«, auch die drei Bücher von der Menschwerdung und Geburt Jesu Christi, desgleichen1 das Buch von »Sechs Punkten«, vom »Mysterium Magnum«, von den drei Welten, wie sie ineinander stehen als eine, machen aber drei Prinzipien, das ist drei Geburten oder Anfänge etc. auch das Buch »De tribus Principiis«. Allda findet er, wonach er fragen mag, so hoch sich ein Gemüte des Menschen schwingen kann, so wohl in den »Vierzig Fragen von der Seelen«.

1) Böhme verweist auf seine zuvor Verfaßten, zunächst handschriftlich kursierenden Schriften.

3.    Dieses nun habe ich den hungerigen und durstigen Herzen nach Christi Brünnlein, als meinen Mitgliedern im Geist Christi geschrieben. Den Spöttern aber habe ich nichts geschrieben; denn sie haben ihr Buch in sich, damit sie die Kinder Christi unters Kreuz treiben und müssen über ihren Willen der Kinder Christi Diener sein, ob sie gleich das nicht verstehen.

 

Das 1. Kapitel

1,1.  Christus spricht: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder, sonst sollt ihr das Reich Gottes nicht sehen, (Matth. 18,3). Und abermal saget er zu Nikodemus: Es sei denn, daß jemand neu geboren werde aus dem Wasser und Geist, sonst kann er nicht in das Reich Gottes kommen; denn was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren ist, das ist Geist, (Joh. 3,5.6). Die Schrift bezeuget klar, daß der fleischliche, natürliche Mensch nichts vom Geiste Gottes vernimmt. Es ist ihm eine Torheit und kanns nicht begreifen.

1,2.  So aber nun alle Fleisch und Blut haben, dazu sterblich sind, wie vor Augen ist und gleichwohl die Schrift saget, daß wir auch Tempel des Hl. Geistes sind, der in uns wohnet, (1.Kor. 6,19); und daß das Reich Gottes inwendig in uns sei, (Luk. 17,21), ja daß Christus in uns müsse eine Gestalt gewinnen, (Gal. 4,19), auch daß er uns wolle sein Fleisch zu einer Speise geben und sein Blut zu einem Trank, und sagt weiter:

Wer nicht essen werde das Fleisch des Menschensohnes, der habe kein Leben in ihm, (Joh. 6,5.3); so müssen wir ja mit Ernst betrachten, was für ein Mensch in uns sei, der der Gottheit ähnlich und fähig sei.

1,3.  Denn von dem sterblichen Fleisch, das zu Erden wird und in der Eitelkeit dieser Welt lebet, auch stets wider Gott lüstert, kann nicht gesaget werden, daß es der Tempel des Hl. Geistes sei, viel weniger, daß die neue Wiedergeburt in diesem irdischen Fleisch geschehe, sintemal es stirbet und verweset, dazu ein stetes Sündenhaus ist.

1,4.  So aber dann gleichwohl wahr bleibet, daß ein rechter Christ aus Christo geboren wird, und daß die neue Wiedergeburt ein Tempel des Hl. Geistes sei, der in uns wohnet, und daß allein der neue Mensch aus Christo geboren, das Fleisch und Blut Christi genieße; so ist nicht so ein schlecht Ding, ein Christ zu sein. Und steht das Christentum nicht in der Historia, daß wirs nur wissen und das Wissen uns zueignen, daß wir nur sagen, Christus ist für uns gestorben und hat den Tod in uns zerbrochen und zum Leben gemacht. Er hat für uns die Schuld bezahlet. Wir dürfen uns dessen nur trösten und festiglich glauben, daß es geschehen sei.

1,5.  Denn wir befinden in uns, daß die Sünde im Fleische lebendig, begierig und tätig ist, daß sie wirket. So muß nun die neue Wiedergeburt aus Christo ein anders sein, das nicht in dem Sündenfleische mitwirke, das der Sünden nicht will.

1,6.  Denn St. Paulus sagt, daß an denen, die in Christo Jesu sind, nichts Verdammliches sei, (Röm. 8.1). Und weiter: Sollten wir, die wir Christen sind noch Sünder erfunden werden? Das sei ferne, (Gal. 2,17), so wir der Sünden abgestorben sind in Christo. Auch ist der Mensch der Sünden nicht ein Tempel des Hl. Geistes. Und ist doch kein Mensch, der nicht sündige; denn die Schrift sagt: Gott hat alles unter die Sünde beschlossen, (Röm. 12,32). Item, vor dir ist kein Lebendiger gerecht, so du willst Sünde zumessen, (Ps. 143,2). Der Gerechte fällt des Tages siebenmal, (Sprüche 24,16), da doch nicht mag verstanden werden, daß der Gerechte falle und sündige, sondern der Sterbliche und Sündige.

1,7.  Denn eines Christen Gerechtigkeit ist in Christo, der kann nicht sündigen; denn St. Paulus sagt: Unser Wandel ist im Himmel, von dannen wir warten des Heilandes Jesu Christi, (Phil. 3,20). Ist nun unser Wandel im Himmel, so muß der Himmel in uns sein. Christus wohnet im Himmel. So wir nun sein Tempel sind, so muß derselbe Himmel in uns sein.

1,8.  So uns aber gleichwohl die Sünde in uns anficht, in welcher der Teufel einen Zutritt zu uns und in uns hat, so muß auch die Hölle in uns sein, denn der Teufel wohnet in der Höllen. Und wo er dann immer ist, so ist er in der Höllen und mag daraus nicht kommen. Und ob er gleich einen Menschen besäße, so wohnet er doch im Menschen, in der Höllen, als in Gottes Zorne.

1,9.  Jetzt ist uns der Mensch recht zu betrachten, was und wie er sei. Und daß ein rechter Christ nicht nur ein historischer neuer Mensch sei, daß es an dem genug sei, daß wir Christum bekennen und glauben, daß er Gottes Sohn sei und habe für uns bezahlet. Denn es gilt nicht eine von außen zugerechnete Gerechtigkeit, daß wirs nur glauben, es sei geschehen, sondern eine ingeborne, eine kindliche. Gleichwie das Fleisch sterben muß, also muß auch das Leben und der Wille der Sünden sterben und muß werden als ein Kind, das nichts weiß und ächzet allein nach der Mutter, die es geboren hat. Also ganz muß eines Christen Wille wieder in die Mutter, als in Geist Christi eingehen und in der Selbheit des Selbwollens und Vermögens ein Kind werden, da der Wille und Begierde nur in die Mutter gerichtet sei und muß aus dem Geiste Christi ein neuer Wille und Gehorsam in der Gerechtigkeit aus dem Tode aufstehen, der nicht mehr der Sünden will.

1,10.       Denn der Wille, so die Eitelkeit in sich lässet und der begehret, ist nicht neugeboren. Und so doch gleichwohl in den Neugebornen ein Wille bleibt, der sich nach der Eitelkeit (vergänglichkeit) sehnet und sündigt, so ist uns des Menschen Bild recht zu betrachten, wie die neue Wiedergeburt geschehe, dieweil sie nicht im sterblichen Fleische geschieht und doch auch wahrhaftig in uns in Fleisch und Blut, in Wasser und Geist geschieht, wie die Schrift sagt. (Joh. 3,5)

1,11.       So müssen wir recht betrachten, was für ein Mensch in uns sei, der Christi Gliedmaß und ein Tempel Gottes sei, der im Himmel wohne; und dann auch, was das für ein Mensch sei, der nur in der äußern Welt wohne, und was das für ein Mensch sei, den der Teufel regiere und treibe. Denn den Tempel Christi kann er nicht regieren und treiben, so ist ihm an dem sterblichen Fleisch auch nichts gelegen, und sind doch nicht drei Menschen ineinander, sondern nur ein einiger.

1,12.       So wir nun solches wollen betrachten, so müssen wir Zeit und Ewigkeit betrachten, wie diese ineinander sind, dazu Licht und Finsternis, Gutes und Böses, sonderlich aber des Menschen Urstand und Herkommen.

1,13.       Dieses ist nun also zu betrachten: Wir sehen an die äußere Welt mit Sternen und vier Elementen, darinnen der Mensch und alle Kreaturen leben. Die ist und heißet nicht Gott. Gott wohnet wohl darinnen, aber der äußern Welt Wesen begreift ihn nicht. Auch so sehen wir, wie das Licht in der Finsternis scheinet, und die Finsternis begreift nicht das Licht (Joh. 1,5), und wohnet doch eines im andern. Auch so haben wir dessen ein Exempel an den vier Elementen, welche in ihrem Urstande nur ein Element sind, und das weder heiß noch kalt, weder trocken noch naß ist, und teilt sich doch mit der Bewegung in vier Eigenschaften, als in Feuer, Luft, Wasser und Erde.

1,14.       Wer wollte glauben, daß das Feuer ein Wasser gebäre? und daß des Feuers Urstand könnte im Wasser sein, wenn wir das nicht im Wetterleuchten mit Augen sähen, und auch in den Lebendigen zu befinden, daß das essentialische Feuer im Corpore, im Blut wohnet, und daß das Blut seine Mutter sei und das Feuer des Bluts Vater sei.

1,15.       Wie nun Gott in der Welt wohnet und alles erfüllet und doch nichts besitzet, und das Feuer im Wasser wohnet und das nicht besitzt, und wie das Licht in der Finsternis wohnet und die Finsternis doch nicht besitzet, der Tag in der Nacht und die Nacht im Tage, die Zeit in der Ewigkeit und die Ewigkeit in der Zeit also auch ist der Mensch geschaffen.

Er ist nach der äußern Menschheit die Zeit und in der Zeit, und die Zeit ist die äußere Welt. Das ist auch der äußere Mensch. Und der innere Mensch ist die Ewigkeit und die geistliche Zeit und Welt, welche auch steht in Licht und Finsternis, nämlich in Gottes Liebe nach dem ewigen Licht, und in Gottes Zorn nach der ewigen Finsternis. Welches in ihm offenbar ist, darinnen wohnet sein Geist, entweder in der Finsternis oder im Lichte. Es ist beides in ihm, das Licht und die Finsternis. Ein jedes wohnet in sich selber; keines besitzet das andere.

1,16.       Aber so eines in das andere eingehet und das andere besitzen will, so verlieret das andere sein Recht und Gewalt. Das Leidende verliert seine Gewalt; denn so das Licht in der Finsternis offenbar wird, so verlieret die Finsternis ihre Finsterheit und wird nicht erkannt. Also auch hinwieder: So die Finsternis im Lichte aufgehet und die Gewalt bekommt, so erlischt das Licht mit seiner Gewalt.

1,17.       Ein solches ist uns auch im Menschen zu bedenken: Die ewige Finsternis in der Seelen ist die Hölle, als eine Angst-Qual, welche Gottes Zorn heißet, und das ewige Licht in der Seelen ist das Mimmelreich, da die feurische, finstere Angst in eine Freude verwandelt wird.

1,18.       Denn gleichwie die Natur der Angst in der Finsternis eine Ursach der Traurigkeit ist, also ist sie im Lichte eine Ursache der erheblichen und beweglichen Freude. Denn die Qual im Lichte und die Qual in der Finsternis ist nur ein einige Qual, nur eine Natur, wie das Feuer und Licht nur eine Natur sind und eben aber einen gewaltigen Unterschied in der Qual. Eines wohnet im andern und gebiert das andere und ist doch nicht das andere. Das Feuer ist peinlich und verzehrlich, und das Licht ist gebende, freundlich, kräftig und freudenreich, eine liebliche Wonne.

1,19.       Und also ist uns auch der Mensch zu betrachten: Er stehet und lebet in drei Welten; die eine ist die ewige finstere Welt, als das Centrum der ewigen Natur; welche das Feuer gebieret, als die Angst-Qual; und die andere ist die ewige Licht-Welt, welche die ewige Freude gebieret und das göttliche Wohnhaus ist, darinne der Geist Gottes wohnet, darinnen der Geist Christi menschlich Wesen annimmt und die Finsternis vertreibet, daß sie muß eine Ursache der Freuden im Geiste Christi im Lichte sein. Die dritte Welt ist die äußere sichtbare in den vier Elementen und dem sichtbaren Gestirne, wiewohl jedes Element ein Gestirne nach seiner Eigenschaft in sich hat, davon die Begierlichkeit und Eigenschaft entstehet gleich einem Gemüte.

1,20.       Also versteht: Das Feuer im Lichte ist ein Liebe-Feuer, eine Begierde der Sanftmut und Freudenreich; und das Feuer in der Finsternis ist ein Angst-Feuer und ist peinlich, feindlich und in der Essenz widerwärtig. Das Feuer des Lichts ist ein guter Geschmack; und der Geschmack in der Essenz der Finsternis ist ganz widerwärtig und feindlich; denn die Gestalten zum Feuer stehen alle in der größesten Angst.

 

Das 2. Kapitel

2,1.  Allhie ist uns nun zu betrachten, wie der Mensch geschaffen sei. Moses sagt recht: Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn, (Gen. 1,27). Das verstehen wir aus der ewigen und zeitlichen Geburt, aus der innern geistlichen Welt, welche er ihm in das geschaffene äußere Bild einblies und dann aus der innern geistlichen Welt Wesen, welches heilig ist.

2,2.  Denn gleichwie in der äußern Welt eine Natur und Wesen ist, also auch ist in der innern geistlichen Welt eine Natur und Wesen, welches geistlich ist, aus welchem die äußere Welt ausgehauchet und aus Licht und Finsternis erboren und in einen Anfang und Zeit geschaffen worden ist. Und aus der innern und äußern Welt Wesen ward der Mensch in ein Gleichnis nach der Geburt und aus der Geburt aller Wesen geschaffen. Der Leib ist ein Limbus (Limus) der Erden und auch ein Limbus (Limus)1 des himmlischen Wesens; denn die Erde ist aus der Finster- und Licht-Welt ausgehauchet oder gesprochen worden. Aus der ist der Mensch, im Verbo Fiat, als in der ewigen Begierde in ein Bild gefasset und geschaffen worden, aus Zeit und Ewigkeit.

1) das reinste Wesen der Erde, Urstoff

2,3.  Dieses Bild war im innern und geistlichen Element, daraus die vier Elementa ausgehen und erboren sind. In einigen Elementen war das Paradeis; denn die Eigenschaften der Natur, aus der Feuer-Finster- und Licht waren alle in gleicher Konkordanz (Übereinstimmung), Masse und Gewichte. Keines war dem andern in Sonderheit offenbar. Also war auch keine Zerbrechlichkeit darinnen; denn eine Eigenschaft besiegte die andere nicht. Es war kein Streit noch Widerwille zwischen den Kräften und Eigenschaften.

2,4.  In dieses geschaffene Bild blies Gott den Geist und Odem des Verstandes aus allen dreien Welten ein als in eine einige Seele, welche in der innern Finster- und Feuerwelt der ewigen geistlichen Natur ist, danach sich Gott einen starken eiferigen Gott und ein verzehrend Feuer nennet.

2,5.  Das ist nun die ewige, kreatürliche, große Seele, ein magischer Feuer-Odem, in welcher das Feuer des Lebens Urstand ist, aus der großen Macht der Verwandlung. In dieser Eigenschaft ist Gottes Zorn, sowohl die ewige Finsternis, sofern das Feuer kein Licht gibt.

2,6.  Die andere Eigenschaft des Odems Gottes ist der Qual-Geist des Lichtes aus der großen Liebe-Begierde, aus der großen Sanftmut, nach welchem sich Gott einen lieben, barmherzigen Gott heißet, in welchem der wahre Geist des Verstandes und Lebens in der Kraft stehet.

2,7.  Denn gleichwie aus jedem Feuer ein Licht scheinet und im Licht die Kraft des Verstandes erkannt wird, also ist dem Feuerodem Gottes der Licht-Odem angehangen und dem Menschenbilde eingeblasen worden.

2,8.  Die dritte Eigenschaft des Odems Gottes war die äußere Luft mit dem Luft-Gestirne, darinne des äußern Wesens und Leibes Leben und Gestirne war. Den blies er ihm in seine Nase. Und gleichwie die Zeit und Ewigkeit aneinander hangen und die Zeit aus der Ewigkeit ist erboren, also hing auch der innere Odem Gottes am äußern und ward dem Menschen diese dreifache Seele auf einmal zugleich eingeblasen. Ein jedes Wesen des Corporis (Körpers) nahm den Geist nach seiner Eigenschaft an. Also, das äußere Fleisch nahm die äußere Luft mit ihrem Gestirne an zu einem Vernunft- und wachsenden Leben, zur Offenbarung der Wunder Gottes; und des Lichtes Leib oder das himmlische Wesen nahm den Odem des Lichts als der göttlichen Kraft an, welcher Odem der Hl. Geist genannt wird.

2,9.  Also durchdrang das Licht die Finsternis, als den finstern Feuer-Odem und auch den äußern Luft-Odem in seinem Gestirne, und nahm allen Eigenschaften die Gewalt, daß die Angst des Feuer-Odems in der innern seelischen Eigenschaft sowohl die Hitze und Kälte, auch alle andere Eigenschaften des äußern Gestirnes nicht konnten noch mochten offenbar sein. Die Eigenschaften aller drei Welten in Seele und Leib stunden in gleicher Konkordanz und Gewichte. Das Innere, Heilige herrschete durch äußere, als durch die äußeren Kräfte des äußeren Lebens, des äußern Gestirnes und vier Elementen.

2,10.       Und das war das heilige Paradeis. Also stund der Mensch im Himmel und auch in der äußern Welt und war ein Herr aller Kreaturen dieser Welt. Nichts hätte ihn zerbrochen.

2,11.       Denn also war auch die Erde bis auf den Fluch Gottes. Die heilige Eigenschaft der geistlichen Welt grünete auch durch die Erde und trug hl. paradeisische Früchte. Die konnte der Mensch essen auf solche magische paradeisische Art, und bedurfte keiner Zähne noch Därme im Leib; denn gleichwie das Licht die Finsternis und das Feuer das Wasser verschlinget und dessen doch nicht voll wird. Ein solch Centrum hatte der Mensch in seinem Munde auf Art der Ewigkeit. Und auf eine solche magische Art konnte er auch seinesgleichen aus sich gebären, ohne Zerreißung oder Eröffnung seines Leibes und Geistes. Gleichwie Gott die äußere Welt gebar und sich doch nicht zerriß, sondern in seiner Begierde, nämlich im Verbo Fiat die Eigenschaft fassete und qualitätisch machte und aus dem Verbo Fiat offenbarte und in seine Figur, nach der ewigen geistlichen Welt Geburt einführte. Also ward der Mensch auch ein solch Bild und Gleichnis nach Zeit und Ewigkeit geschaffen. Aber in ein ewig, unsterblich Leben, welches ohne Feindschaft und Widerwärtigkeit war.

2,12.       Weil aber der Teufel war ein Fürst und Herrscher im Orte dieser Welt gewesen, und um seiner Hoffart willen war in der finstern, ängstlichen, peinlichen, feindlichen Eigenschaft und Qual in Grimm Gottes gestoßen worden, so gönnete er dem Menschen die Ehre nicht, daß er an seine gehabte Stelle in die geistliche Welt geschaffen ward und führete seine Imagination in das geschaffene Bild des Menschen und machte das lüsternde, daß sich die Eigenschaften der finstern sowohl auch der äußern Welt im Menschen erhuben und aus dergleichen Konkordanz aus der Gleichheit ausgingen und eine die ander überwägete, da wurden die Eigenschaften, eine jede in sich selber offenbar und lüsterte eine jede nach ihrer Gleichheit, als die aus der finstern Welt Geburt sowohl auch aus der Lichtwelt Geburt. Eine jede wollte aus dem Limbo (Limo) der Erden essen nach ihrem Hunger.

2,13.       Also ward Böse und Gut in Adam offenbar. Und indem der Hunger der Eigenschaften in die Erde einging, daraus die Eigenschaften des Leibes waren ausgezogen worden, so zog auch das Fiat ein solch Gewächs aus der Erden, davon die Eigenschaften in ihrer aufgewacheten Eitelkeit konnten essen.

2,14.       Denn das war möglich, weil in Adam der Geist der starken und großen magischen Macht von Zeit und Ewigkeit war, daraus die Erde mit ihren Eigenschaften war ausgehauchet worden. So zog das Fiat, als die starke Begierde der ewigen Natur, die Essenz der Erden.

2,15.       Also ließ ihm Gott den Baum der Erkenntnis Gutes und Böses nach den aufgewachten Eigenschaften Adams wachsen. Denn die große Macht der Seelen und des Leibes hatten das verursachet. So mußte der Mensch probieret werden, ob er wollte in eignen Kräften vor dem Versucher, dem Teufel, und vor dem Grimm der ewigen Natur bestehen; ob die Seele wollte in der gleichen Konkordanz der Eigenschaften bleiben stehen in wahrer Gelassenheit unter Gottes Geiste als ein zugerichtetes Werkzeug der Harmonie Gottes, ein Spiel der göttlichen Freudenreich, darauf und in dem Gottes Geist spielen wollte. Das ward allhie versucht mit diesem Baum. Und dazu kam Gottes gestrenges Gebot und sprach: iß nicht davon; welches Tages du davon essen wirst, sollst du des Todes sterben, (Gen. 2,27).

2,16.       Als aber Gott erkannte, daß der Mensch nicht bestehen würde, daß er ja nach Bösem und Gutem imaginierte und lüsterte, sprach Gott: Es ist nicht gut, daß der Mensch alleine sei; wir wollen ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. — Denn er sahe wohl, daß Adam nicht konnte magisch gebären, weil seine Lust in die Eitelkeit einging.

2,17.       So sagt nun Moses: Und er ließ einen tiefen Schlaf auf ihn fallen, und er entschlief, (Gen. 2,21). Das ist: Weil er nicht wollte im Gehorsam der göttlichen Harmonie bleiben, in den Eigenschaften, daß er hätte als ein Werkzeug dem Geiste Gottes stille gehalten, so ließ er ihn von der göttlichen Harmonie in eine eigene Harmonie fallen, als in die aufgewachten Eigenschaften, in Böse und Gut. Dahinein ging der seelische Geist.

2,18.       Allda starb er in diesem Schlaf der engelischen Welt (Qualität) ab und fiel dem äußeren Fiat heim, und war jetzt geschehen um das ewige Bild nach Gottes Gebärung. Allhie lag seine Engelsgestalt und Macht zu Boden und fiel in Ohnmacht. So machte Gott durchs Fiat das Weib aus Veneris Matrice (Schoß der Venus), das ist, aus der Eigenschaft, darinnen Adam die Gebärerin in sich hatte, aus ihme, aus einem Leibe zween, und teilte die Eigenschaften der Tinkturen, als im Element das wässerische und feurische Gestirn, nicht ganz im Wesen, sondern im Geist, als die Eigenschaften der wässerischen und feurischen Seele, und da es letztlich doch nur eine ist. Aber die Eigenschaft der Tinktur ward getrennet. Die eigene Liebe-Begierde ward Adam genommen und in ein Weib formieret nach seinesgleichen. Und darum begehret nun der Mann so heftig des Weibes Matricem, und das Weib begehret des Mannes Limbum1, als das Feuer-Element, den Urstand der wahren Seele, darinnen des Feuers Tinktur verstanden wird. Denn die zwei waren in Adam eines, und darin stund die magische Geburt.

1) hier: Potenz im umfassenden Wortsinn

2,19.       Und als Heva aus Adam gemacht ward in seinem Schlaf, so ward Adam und Eva jetzt zum äußerlichen, natürlichen Leben geordnet; denn allda sind ihnen die Glieder der tierischen Fortpflanzung gegeben worden, sowohl der irdische Madensack (physischer Leib), darein sie doch könnten die Eitelkeit einsacken und den Tieren gleich leben, dessen sich die arme, in der Eitelkeit gefangene Seele noch heute schämet, daß sie hat eine tierische monstrosische Gestalt an ihren Leib gekrieget, wie vor Augen ist. Davon die menschliche Scham ist entstanden, daß sich der Mensch seiner Glieder schämet und auch der nacketen Gestalt, und daß er muß den irdischen Kreaturen ihr Kleid abborgen, dieweil er sein engelisches verloren und in ein Tier verwandelt. Und zeiget ihm dieses Kleid genug an, daß er mit dieser aufgewachten Eitelkeit, indem Hitze und Kälte auf ihn fällt, mit der Seelen darinnen, nicht daheime ist; denn die Eitelkeit samt dem falschen Kleide muß wieder von der Seelen weg und vergehen.

2,20.       Und als nun Adam vom Schlaf erwachte, sahe er sein Weib, und kannte sie, daß sie aus ihm war. Denn er hatte noch nicht mit dem Munde von der Eitelkeit gegessen, allein mit der Imagination, der Begierde und Lust. Und war das der Eva erstes Begehren, daß sie wollte von dem Baume der Eitelkeit, von Böse und Gute essen, dessen sie der Teufel vollends in der Schlangengestalt beredete. Ihre Augen würden ihr aufgetan werden und sie würde sein als Gott selber, (Gen. 3,5).

2,21.       Welches Lügen und Wahrheit waren. Er sagte ihr aber nicht, daß sie das göttliche Licht und Kraft würde dadurch verlieren. Er sagte nur, die Augen würden ihr offen werden. daß sie könnte Böse und Gut schmecken; probieren und wissen, wie er getan hatte. Er sagte ihr auch nicht, daß Hitze und Kälte in ihr würde aufwachsen und daß des äußeren Gestirnes Eigenschaft würde mächtig im Fleische und Gemüte herrschen.

2,22.       Ihm war es nur um das zu tun, daß das engelische Bild1, als das Wesen von der innern geistlichen Welt, möchte in ihnen verbleichen. So müßten sie der groben Irdigkeit und dem Gestirne leben. So wußte er wohl, wann die äußere Welt werde vergehen, daß alsdann die Seele bei ihm in der Finsternis sein würde; denn er sahe, daß der Leib würde sterben, welches er auch aus Gottes Andeutung hatte. Also vermeinte er noch in Ewigkeit ein Herr im Loco dieser Welt zu sein in seiner falschen angenommenen Gestalt. Darum betrog er den Menschen.

1) das Bild des Engels, das dem Menschen eingeboren ist

2,23.       Denn als Adam und Eva jetzt von der Frucht Böse und Gut in den Leib aßen, so empfing die Imagination des Leibes die Eitelkeit in der Frucht. Jetzt wachte die Eitelkeit im Fleische auf und kriegte die finstre Welt in der Eitelkeit der Irdigkeit die Gewalt und das Regiment. Damit verblich das schöne Himmelsbild aus der himmlischen, göttlichen Welt Wesen. Allhie starb Adam und Eva am Himmelreich und wachten auf der äußern Welt. Da war die schöne Seele in der Liebe Gottes verblichen, als in der heiligen Kraft und Eigenschaft, und wachte an dessen Stelle in ihr der grimme Zorn, als die finstere Feuerwelt auf und ward aus der Seelen an einem Teil, als in der innern Natur, ein halber Teufel aus ihr und am äußern Teil der äußern Welt ein Tier. Allhie ist der Zweck des Todes und die Porte der Höllen, um welcher willen Gott Mensch ward, daß er den Tod zerbräche und die Hölle wieder in die große Liebe verwandelte und die Eitelkeit des Teufels zerstörete.

2,24.       Laßts euch gesagt sein, ihr Menschenkinder: Es ist euch in der Posaunenstimme gesagt worden, daß ihr anjetzo sollt von der schändlichen Eitelkeit ausgehen, denn dasselbe Feuer brennet.

 

Das 3. Kapitel

3,1.  Als nun Adam und Eva in dieses Elend fielen, da wachte der Grimm der Natur in jeder Eigenschaft auf und impressete in seiner Begierde die Eitelkeit der Irdigkeit und des Grimmes Gottes in sich. Da ward das Fleisch grob und derb als eines andern Tieres und ward die edle Seele damit in der Essenz gefangen, und sahe sich an, daß sie war an ihrem Leibe ein Tier worden, und sahe die tierischen Glieder zur Fortpflanzung und den stinkenden Madensack (physischer Körper), darein die Begierde des fleisches den Eitel (Ekel) einsackte. Des schämeten sie sich vor Gott und verkrochen sich unter die Bäume im Garten Eden; auch fiel Hitze und Kälte auf sie.

3,2.  Allhier erzitterte der Himmel im Menschen vor der Grausamkeit, gleichwie die Erde im Grimm erzitterte, als dieser Zorn am Kreuz mit der süßesten Liebe Gottes zerbrochen ward; da erzitterte der Zorn vor der großen Liebe Gottes. (Matth. 27,52).

3,3.  Und um dieser aufgewachten Eitelkeit willen im Menschen verfluchte Gott die Erde, auf daß das heilige Element nicht mehr durch die äußere Frucht ausdringe und Paradeis früchte gebäre; denn es war keine Kreatur, welche dieselbe hätte können genießen. Auch war dessen der Mensch nicht mehr wert. Gott wollte die edle Perlen nicht vor die Tiere werfen. Als dann ein ungöttlicher Mensch anders in seinem Leibe nichts ist als ein grobes viehisches Tier, ob er wohl einer edlen Essenz ist, so ist sie doch ganz vergiftet und ein Ekel vor Gott.

3,4.  Als nun Gott sahe, daß sein schönes Bild verdorben war, eröffnete er sich vor ihnen und erbarmete sich ihrer und verhieß sich ihnen zum ewigen Eigentum, daß er mit seiner großen Liebe in angenommener Menschheit wollte der Schlangen Eigenschaft, als der Eitelkeit im Grimm Gottes die Gewalt mit der Liebe zerbrechen. Das war das Kopfzertreten (1.Mose 3,15), daß er wollte den finstern Tod zerbrechen und den Zorn mit der großen Liebe überwältigen; und stellete diesen Bund seiner zukünftigen Menschwerdung ins Lebenslicht ein, auf welchen Bund die jüdischen Opfer gerichtet waren als auf ein Ziel, da sich Gott mit seiner Liebe verheißen hatte. Denn der Juden Glaube ging ins Opfer und Gottes Imagination (Vorsehung) ging in Bund. Und das Opfer war eine Figur der Wiederbringung dessen, was Adam hatte verloren.

3,5.  Also versöhnete Gott seinen Zorn in menschlicher Eigenschaft durchs Opfer im Ziel des Bundes, in welchem Bunde sich der allerheiligste Name JHESUS aus dem heiligen Namen und großen Kraft JEHOVA hatte einverleibet, daß er sich wollte in der himmlischen Welt Wesen, welches in Adam verblich, wieder bewegen und offenbaren und das heilige, göttliche Leben darinnen wieder anzünden.

3,6.  Dieses Bundes Ziel ward von Adam und seinen Kindern von Mensch zu Mensch fortgepflanzet und drang von einem auf alle, gleichwie auch die Sünde und aufgewachte Eitelkeit von einem auf alle drang. Und stund in der Verheißung des Bundes am Ende in der Wurzel Davids in Maria der Jungfrauen, welche war im innern Reiche der verborgenen Menschheit, als der verblichenen Wesenheit an Gottes Reich des Bundes Gottes Tochter, und am äußern nach der natürlichen Menschheit von ihrem rechten leiblichen Vater Joachim und ihrer rechten Mutter Anna gezeuget, aus ihren Leibs und Seelen-Essentien und Wesen allen andern Adamskindern gleich, eine wahrhaftige Tochter Evas.

3,7.  In dieser Maria der Jungfrauen, im verheißenen Ziel des Bundes, davon alle Propheten weissagten, hat sich in der Erfüllung der Zeit (Gal. 4,4) das ewigsprechende Wort, das alle Ding hat erschaffen, nach seiner höchsten und tiefsten Liebe und Demut in dem Namen JESU bewegt, und hat lebendige, göttliche, himmlische Wesenheit in die in Adam verblichene Menschheit des himmlischen Teils, dessen er im Paradeis erstarb, eingeführet in den Samen Mariae, verstehet in der Liebe Tinktur, als in die Eigenschaft, darin sich Adam sollte auf magische, himmlische Art fortpflanzen, als in den wahren Weibessamen (1.Mose 3,15) der himmlischen Wesenheit, welcher im Paradeis verblich, als das göttliche Licht in derselben himmlischen Essenz verlosch, hat Gottes Wort, als die göttliche Kraft des göttlichen Verstandes himmlische, lebendige Wesenheit eingeführet und die verblichene Wesenheit im Samen Mariae aufgeweckt und zum Leben erboren.

3,8.  Und ist Gottes Wesen, darin Gott wohnet und wirket und des Menschen verblichenes Wesen jetzt eine Person worden; denn die heilige göttliche Wesenheit salbete die verblichene. Darum heißt die Person CHRISTUS, ein Gesalbter Gottes.

3,9.  Und das ist die dürre Rute Aaronis, die da grünete und Mandeln trug, und der rechte Hohepriester, und ist eben die Menschheit, davon Christus sagte (Joh. 3), er wäre vom Himmel kommen und wäre im Himmel, und kein Mensch könnte also in Himmel kommen als des Menschen Sohn, der vom Himmel kommen sei und der im Himmel sei. Indem er spricht, er sei vom Himmel kommen, da verstehet er himmlisch Wesen, himmlische Leiblichkeit; denn die Kraft Gottes bedarf keines Kommens. Sie ist überall ganz, ungemessen und unzertrennet. Aber das Wesen bedarf Kommens, die Kraft darf sich nur bewegen und im Wesen offenbaren.

3,10.       Das Wesen aber ist in das menschliche Wesen eingegangen und hat das Menschliche angenommen und nicht allein das Teil von himmlischer Wesenheit, welches in Adam verblich, sondern die ganze menschliche Essenz in Seele und Fleisch nach allen dreien Welten.

3,11.       Aber die aufgewachte und impressete (eingeprägte) Eitelkeit, welche der Teufel mit seiner Imagination ins Fleisch einführete, davon das Fleisch Sünden wirkete, hat er nicht angenommen. Wohl hat er die aufgewachten Lebensgestälte, indeme sie waren von dergleichen Konkordanz ausgangen, eine jede in seine eigene Begierde angenommen.

3,12.       Denn allhie lag unser Krankheit und der Tod, welchen er sollte mit dem himmlischen, heiligen Blute ersäufen. All hier nahm er alle unsere Sünde und Krankheit, auch den Tod und Hölle im Grimm Gottes auf sich und zerbrach dem Teufel sein Reich in menschlicher Eigenschaft. Der Grimm Gottes war die Hölle, in welche der Geist Christi, als er jetzt hatte das himmlische Blut in unser äußeres menschliches vergossen und mit der Liebe tingieret (gefärbt), einfuhr und dieselbe Hölle in menschlicher Eigenschaft in Himmel verwandelte und die menschlichen Eigenschaften wieder in die gleiche Konkordanz, in die göttliche Harmonie einführete und ordnete.

 

Das 4. Kapitel

4,1.  Allhier verstehen wir nun unsere neue Wiedergeburt recht, wie wir können Tempel Gottes sein und bleiben; doch diese Zeit nach der äußern Menschheit auch sündliche, sterbliche Menschen. Christus hat die Pforte unserer innerlichen, himmlischen Menschheit, welche in Adam zugeschlossen ward, in menschliche Essenz zersprengt und aufgemacht. Und liegt jetzt bloß an deme, daß die Seele ihren Willen aus der Eitelkeit des verderbten Fleisches ausführe und in diese offene Pforte in Geist Christi einführe.

4,2.  Es muß ein großer mächtiger Ernst sein, nicht nur ein Lernen und Wissen, sondern ein Hunger und großer Durst nach Christi Geist; denn das Wissen allein ist kein Glaube, sondern der Hunger und Durst nach deme, das ich begehre, daß ichs mir einbilde und mit der Einbildung eigentümlich fasse und nehme, das ist Glauben.

4,3.  Der Wille muß aus der Eitelkeit des Fleisches ausgehen, sich freiwillig ins Leiden und Tod Christi und in allen Spott der Eitelkeit, welche ihn darum spottet, daß er aus seinem eigenen Haus, darin er geboren ist, ausgehe — ergeben und nicht mehr der Eitelkeit wollen, sondern nur bloß der Liebe Gottes in Christo Jesu begehren.

4,4.  Und in solchem Hunger und Begehren impresset er ihm den Geist Christi mit seiner himmlischen Leiblichkeit. Das ist, sein großer Hunger und Begierde fasset den Leib Christi als die himmlische Wesenheit in sein verblichen Bilde ein, in welchem das Wort der Kraft Gottes das wirkende Leben innen ist.

4,5.  Der Seelen Hunger führet seine Begierde durch die zerschellete Eigenschaft ihrer in Adam verblichenen Menschheit des himmlischen Teils, welche das süße Liebe-Feuer im Tode Christi, als der Tod der rechten himmlischen Menschheit zerbrochen ward, zerschellete. Der Seelen Hunger fassete durch die Begierde das heilige himmlische Wesen, als die himmlische Leiblichkeit, welche den Vater an allen Enden erfüllet und allem nahe ist und durch alles ist, in ihre verblichene Leiblichkeit ein. Und dadurch stehet der verblichene himmlische Leib in der Kraft Gottes in dem süßen Namen Jesu auf.

4,6.  Und derselbe aufgewachte himmlische, geistliche Leib ist Christi Gliedmaß und der Tempel des Hl. Geistes, eine wahre Wohnung der Hl. Dreifaltigkeit, wie Christus verhieß, da er sagte: Wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen, (2.Kor. 6,16) Dieselbe Essenz desselben Leben isset Christi Fleisch und trinket sein Blut; denn Christi Geist, als das Wort, das sich mit der Menschheit aus und in unserer verblichenen Menschheit durch den äußern Menschen dieser Welt Wesen sichtbar machete, der isset sein heiliges Wesen in sein feuriges Wesen. Ein jeder Geist isset von seinem Leibe.

4,7.  Und so nun die Seele von dieser süßen, heiligen, himm lischen Speise isset, so entzündet sie sich in der großen Liebe im Namen Jesu. Davon wird ihr Angst-Feuer ein großer Triumph; und gehet ihr die wahre Sonne auf, in welcher sie eines andern Willens geboren wird. Und allhie ist die Hoch zeit des Lammes, welches wir herzlich wünschen, daß es doch die Titul- und Maulchristenheit einmal erfahren möchte und von der Historia ins Wesen eingehen.

4,8.  Die Seele aber kriegt nicht das Perllein der Hl. Kraft die Zeit dieses Lebens, weil sie noch des äußern tierischen Fleisches Eigenschaft am äußern Menschen hat, zum Eigentum. Die Kraft Christi, welche in der Hochzeit des Lammes sich vermählet, ersenkt sich in das Himmelsbilde ein, als in das Wesen des himmlischen Menschen, der Christi Tempel ist und nicht in den Feuer-Odem der Seelen, welche noch diese ganze Zeit am äußern Reiche, am Bande der Eitelkeit mit dem Luft-Odem fest angebunden stehet und in großer Gefahr ist.

4,9.  Sie gibt wohl ihre Liebe-Strahlen gar oft in die Seele ein, davon die Seele ihr Licht empfänget. Aber dem Feuer- Odem ergibt sich der Geist Christi diese Zeit nicht, sondern nur dem Odem des Lichtes, welcher in Adam verlosch. Darin ist der Tempel Christi; denn es ist der wahre, heilige Himmel.

4,10.       Also verstehet uns recht, was und wie die neue Wiedergeburt geschehe und sei: Der äußere, irdische, sterbliche Mensch wird in dieser Zeit nicht neugeboren, weder das äußere Fleisch noch das äußere Teil der Seelen. Sie bleiben beide in der Eitelkeit ihres in Adam aufgewachten Willens. Sie lieben ihre Mutter in dero Leibe sie leben, als das Regiment dieser äußern Welt; und darin ist die Sündengeburt offenbar.

4,11.       Der äußere Mensch in Seele und Fleisch, verstehet das äußere Teil der Seelen, hat keinen göttlichen Willen, verstehet auch nichts von Gott, wie die Schrift saget: Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes, 1.Kor. 2,14).

4,12.       Aber der Feuer-Odem der innern Welt, so der einmal erleuchtet wird, verstehet es, der hat sein großes Ächzen, Jammern, Hungern und Dürsten nach dem süßen Brünnlein Christi. Der erlabet sich durch Hungern und Begehren, welches der wahre Glaube ist, in dem süßen Brünnlein Christi von seinem neuen Leibe der hinimlischen Wesenheit als eine hungerige Rebe am Weinstock Christo.

4,13.       Und das ist die Ursache, daß die feurige Seele diese Zeit nicht mag zur Vollkommenheit kommen, daß sie am äußern Bande der Eitelkeit angebunden stehet, durch welches der Teufel stets seine giftigen Strahlen auf sie schießt und sie sichtet, daß sie ihme manchmal anbeißt und sich vergiftet, davon groß Jammer und Angst entstehet, daß sich die edle Sophia im Brünnlein Christi in der himmlischen Menschheit verbirgt und der Eitelkeit nicht nahen mag.

4,14.       Denn sie weiß, wie es ihr in Adam ging, da sie ihr Perllein verlor, welches der innern Menschheit aus Gnaden wieder geschenkt wird, darum sie Sophia heißt, als die Braut Christi.

4,15.       Allhie ruft sie der feurigen Seelen als ihrem Bräutigam getreulich und ermahnet ihn zur Buße und Abladung oder Ausgehung von dem Greuel der Eitelkeit. Da gehet dann der Streit in dem ganzen Menschen an. Da lüstert der äußere, fleischliche Mensch wider den innern, geistlichen, und der geistliche wider den fleischlichen, und steht der Mensch im Streite, voller Trübsal, Kummer, Angst und Not.

4,16.       Der innere spricht zur Feuer: O mein Buhle, kehre doch um und gehe von der Eitelkeit aus oder du verlierest meine Liebe und das edle Perllein. So spricht die äußere Vernunft, als die tierische irdische Seele: Du bist närrisch, daß du willst der Welt Narr und Spott sein. Du bedarfst der äußern Welt zu deinem Leben. Schönheit, Macht und Herrlichkeit ist dein Bestes, darinnen kannst du Freude haben. Was willst du dich in Angst, Not und Spott einführen? Trachte nach Wollust, das dem Fleische und Gemüte wohl tut.

4,17.       Mit solchem Unflat wird dann ein rechter Mensch ofte besudelt. Der äußere Mensch besudelt sich selber, gleichwie eine Sau im Kote, und verdunkelt sein edles Bild. Denn je eiteler der äußere Mensch wird, je dunkeler wird der innere Mensch alsolange bis er gar verbleicht. So ists alsdann geschehen um das schöne Paradeisbäumlein und wird schwer zugehen, wieder zu erlangen.

4,18.       Denn wenn das äußere Licht, als die äußere Seele einmal erleuchtet wird, daß ihr das äußere Licht der Vernunft durch das innere Licht angezündet wird, so gibt die äußere Seele gerne einen Schein-Gleißner aus sich und achtet sich für göttlich, obgleich das Perllein weg ist.

4,19.       Dabei bleibts bei vielen und verdirbet also ofte der Perlenbaum in Christi Gärtlein, davon die Schrift einen harten Knoten macht, daß diejenigen, so einmal haben die Süßigkeit der zukünftigen Welt geschmecket, so sie wieder davon abfallen, das Reich Gottes schwerlich schauen werden, (Hebr. 6,4.6).

4,20.       Und wiewohl es ja ist, daß die Gnadenpforte noch offen stehet, so hält sie aber das Scheinlicht der äußern Vernunft-Seele davon ab, daß sie meinen, sie haben das Perllein, und leben doch nur der Eitelkeit dieser Welt und tanzen dem Teufel nach seiner Pfeife.

 

Das 5. Kapitel

5,1.  Allhier soll nun ein Christ bedenken, warum er sich einen Christen nennet, und wohl betrachten, ob er auch einer sei; denn daß ich lerne wissen und verstehen, daß ich ein Sünder bin und daß Christus meine Sünde hat am Kreuze getötet und sein Blut für mich vergossen, das macht noch lange keinen Christen aus mir. Das Erbe gebühret allein den Kindern. Eine Magd im Hause weiß wohl, was die Frau gerne hat. Das macht sie darum nicht zum Erben in der Frauen Güter. Der Teufel weiß auch, daß ein Gott ist. Das macht ihn darum nicht wieder zum Engel. So sich aber die Magd im Hause mit der Frauen Sohne verehelicht, so mag sie wohl zur Erbschaft der Frauen Güter kommen.

5,2.  Also auch in unserm Christentum zu verstehen ist: Der Historien Kinder sind nicht Erben der Güter Christi, sondern die ehelichen Kinder, welche aus Christi Geist neugeboren werden. Denn Gott sagte zu Abraham: Stoß der Magd Sohn aus, er solle nicht erben mit der Freien, (Gal. 4,30), denn er war ein Spötter und nur ein Historien-Sohn des Glaubens und Geistes Abrahams. Und solange er ein solcher war, so war er nicht in der rechten Erbschaft des Glaubens Abraham. So hieß ihn Gott ausstoßen von seinen Gütern.

5,3.  Welches ein Vorbild der zukünftigen Christenheit war; denn dem Ahraham geschahe die Verheißung der Christenheit. Darum so war auch alsobalde das Vorbilde in den zwei Brüdern, als in Isaak und Ismael, dargestellet wie sich die Chri stenheit halten würde, und daß zweierlei Menschen würden darinnen sein, als wahre Christen und Maulchristen, die nur würden unter dem Titul der Christenheit Spötter sein wie Ismael und Esau, welcher auch das Bilde des äußern Adam war, und Jakob das Bilde Christi und seiner wahren Christenheit.

5,4.  Also soll ein jeder, der sich will einen Christen nennen, der Magd Sohn, das ist: den irdischen, bösen Willen von ihme hinausstoßen, immer töten und zerbrechen und nicht in die Erbschaft einsetzen, nicht dem Tiermenschen das Perllein zum Spiel geben, daß er sich in dem äußern Lichte in der Fleischeslust stets erlustige, sondern mit unserm Vater Abraham den Sohn unsers rechten Willens an Berg Moria führen und im Gehorsam wollen Gott aufopfern, immer gerne wollen in Christi Tode der Sünden absterben, dem Tier der Eitelkeit keine Ruhe in Christi Reiche einräumen, nicht lassen geil, hoffärtig, geizig, neidig und boshaftig werden. Diese Eigenschaften sind alle des Ismaelis, der Magd Sohn, welchen Adam in seiner Eitelkeit von der buhlerischen Huren der falschen Magd von Teufels Imagination aus der irdischen Eigenschaft im Fleisch gebare.

5,5.  Dieser Spötter und Titul-Christ ist ein Hurensohn. Der muß hinausgestoßen werden, denn er soll das Erbe Christi im Reiche Gottes nicht erben, (Gal. 4,30). Er ist kein nütze und ist nur Babel, eine Verwirrung der einzigen Sprache in viel Sprachen. Er ist nur ein Schwätzer und Zänker um die Erbschaft und will sie erschwätzen und erzanken mit seiner Mundheuchelei und Scheinheiligkeit, und ist doch nur ein blutdürstiger Mörder des Habels, seines Bruders,welcher ein wahrer Erbe ist.

5,6.  Darum sagen wirs, als wirs erkannt haben, daß sich ein Mensch, der sich will einen Christen nennen, soll prüfen, was für Eigenschaften ihn treiben und regieren, ob ihn der Geist Christi zur Wahrheit und Gerechtigkeit und zur Liebe des Nächsten treibe, daß er gerne wollte Gutes tun, wüßte er nur, wie er könnte. Und so er befindet, daß er einen Hunger nach solcher Tugend hat, so mag er gewiß denken, daß er gezogen wird. So soll er es ins Werk richten, nicht nur wollen und nicht tun. Im Wollen stehet der Zug des Vaters zu Christo, aber im Tun stehet das rechte Leben.

5,7.  Denn der rechte Geist tut recht. Ist aber der Wille zum Tun und das Tun aber nicht folget, so ist der rechte Mensch in der eiteln Lust, welche das Tun hält gefangen, und ist nur ein Heuchler, ein Ismaeliter. Anders redet er und anders tut er, und bezeuget, daß sein Mund ein Lügner ist; denn das er lehret, das tut er selber nicht und dienet nur dem tierischen Menschen in der Eitelkeit.

5,8.  Denn daß einer sagt: Ich habe Willen und wollte gerne Gutes tun, und habe aber irdisch Fleisch, das hält mich, daß ich nicht kann; ich werde aber aus Gnaden um des Verdienstes Christi willen selig werden; denn ich tröste mich ja seines Leidens und Verdienstes, er wird mich aus Gnaden ohn all mein Verdienst annehmen und mir die Sünde vergeben, — der tut gleich einem, der eine gute Speise zu seiner Gesundheit wüßte und äße derselben nicht, äße aber an deren Statt eine giftige, davon er krank würde und stürbe.

5,9.  Was hilft das die Seele, daß sie den Weg zu Gott weiß und den nicht gehen will, gehet aber den Irrweg und erreicht Gott nicht? Was hilft das die Seele, daß sie sich der Kindschaft Christi, seines Leidens und Todes tröstet und ihr selber heuchelt, mag auch nicht in die kindliche Geburt eingehen, daß sie ein wahres Kind aus Christi Geiste, aus seinem Leiden, Tod und Auferstehung geboren werde. Gewiß und wahrhaftig: das Kitzeln und Heucheln mit Christi Verdienst, ohne der wahren ingeborenen Kindschaft, ist falsch und erlogen; es lehre, wer da wolle.

5,10.       Dies Trösten gehöret dem bußfertigen Sünder, der im Streit wider die Sünde und Gottes Zorn ist, wenn die Anfechtungen kommen, daß der Teufel der Seelen zusetzt, da sich die Seele soll in das Leiden und Tod Christi, in sein Verdienst ganz einwickeln.

5,11.       Christus hats wohl allein verdienet, aber nicht als ein Verdienst hat ers verdienet, dem ein Lohn aus Verdienst gegeben wird, daß er uns die Kindheit aus seinem Verdienst von außen schenkte und uns also in die Kindschaft einnähme. Nein, er ist selber das Verdienst. Er ist die offene Porte durch den Tod, durch den müssen wir eingehen. Er nimmt aber nicht Tiere in sein Verdienst ein, sondern diejenigen, welche umkehren und werden als die Kinder.

5,12.       Dieselben Kinder, die zu ihm kommen, sind sein Lohn, er hat uns verdienet. Denn er sprach auch also: Vater, die Menschen waren dein und du hast sie mir gegeben, und ich gebe ihnen das ewige Leben, (Joh. 17,6). Nun aber wird keinem das Leben Christi gegeben, er komme denn im Geiste Christi zu ihm in seine Menschheit, Leiden und Verdienst ein und werde in seinem Verdienst ein wahres Kind des Verdienstes geboren. Aus seinem Verdienst müssen wir geboren werden und das Verdienst Christi in seinem Leiden und Tod anziehen, nicht von außen mit Mundheuchelei allein, nicht nur mit Trösten und ein fremdes Kind fremder Essenz bleiben. Nein, die fremde Essenz erbet nicht die Kindschaft, sondern die ingeborne Essenz erbet sie.

5,13.       Dieselbe ingeborne Essenz ist nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, davon St. Paulus sagt: Unser Wandel ist im Himmel, (Phil. 3,20). Die kindliche Essenz wandelt im Himmel und der Himmel ist im Menschen. So aber der Himmel im Menschen nicht offen ist und er nur vorm Himmel stehet heucheln und spricht: Ich bin wohl außen, aber Christus will mich aus Gnaden annehmen; sein Verdienst ist ja mein, — ein solcher ist nach dem äußern Menschen in der Eitelkeit und Sünden und mit der Seele in der Hölle, als in Gottes Zorn.

5,14.       Darum lernets recht verstehen, was uns Chri:stus hat gelehret und getan. Er ist unser Himmel. Er muß in uns eine Gestalt gewinnen, sollen wir im 1-limmel sein. So ist alsdann der innere Seelenmensch mit dem hl. Leibe Christi, als in der neuen Geburt im Himmel, und der äußere, sterbliche ist in der Welt. Davon sagt Christus: Meine Schäflein sind in meiner Hand; niemand kann sie mir herausreißen, der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, (Joh. 10,27.29).

 

Das 6. Kapitel

6,1.  Lieben Brüder, wir wollen treulich mit euch reden, nicht aus heuchlerischem Munde, dem Antichrist zu gefallen, sondern aus unserm Perllein, aus christlicher Essenz und Wissenschaft, nicht aus der Hülse und Historien, sondern aus kindlichem Geiste, aus Christi Wissenschaft als eine Rebe am Weinstock Christo, aus dem Maße deren in uns eröffneten Wissenschaft in Gottes Rat.

6,2.  Man bindet uns anjetzo an die Historien, an die steinernen Kirchen, welche zwar in ihrem Wert gut wären, so man auch den Tempel Christi darein brächte.

6,3.  Man lehret, ihre Absolution sei eine Vergebung der Sünden; item, das Abendmahl nehme die Sünden weg; item, der Geist Gottes werde vom Predigtamt eingegossen.

6,4.  Dieses alles hätte seinen Wert, so es recht erkläret würde und man nicht nur an der Hülsen hinge. Mancher gehet 20 oder 30 Jahr in die Kirche, höret predigen und braucht Sakrament, läßt sich absolvieren und ist einmal ein Tier des Teufels und der Eitelkeit wie das ander. Ein Tier gehet in die Kirchen und zum Abendmahl, und ein Tier gehet wieder davon. Wie will der essen, der keinen Mund hat? Wie will der hören, der kein Gehör hat? Mag auch einer eine Speise genießen, die seinem Munde verschlossen ist? Wie will der trinken, der fern vom Wasser ist? Was hilft michs, daß ich in die Mauerkirche gehe und fülle meine Ohren mit einem leeren Odem oder gehe zum Abendmahl und speise nur den irdischen Mund, welcher sterblich und verweslich ist? Mag ich ihme doch wohl daheim ein Stücke Brot geben, daß er satt werde. Was hilft das die Seele, welche ein unsterblich Leben ist, daß der tierische Mensch die Weise des Gebrauchs Christi hält, so sie nicht mag das Kleinod des Gebrauchs erreichen? Denn St. Paulus sagt vom Abendmahl: Darum daß ihr nicht unterscheidet den Leib des Herrn, emp fahet ihrs zum Gerichte, (1.Kor. 11,29).

6,5.  Der Bund bestehet, er wird im Gebrauch gerüget. Christus bietet uns mit seinem Worte seinen Geist an als in dem gepredigten Worte und in den Sakramenten seinen Leib und Blut, und in der brüderlichen Versöhnung seine Absolution.

6,6.  Was hilfts aber, daß ein Tier allda zuhöret und kein Gehör zum innern lebendigen Worte hat? Hat auch kein Gefäß, darein es kann das Wort legen, daß es Frucht bringe. Von denen sagt Christus: Der Teufel reißt das Wort von ihren Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden, (Luk. 8,12). Warum? Darum, daß das Wort keine Stätte im Gehör findet, da es möchte haften.

6,7.  Also auch von der Absolution: Was hilfts, daß einer zu mir sagt: Ich verkündige dir die Absolution deiner Sünden, so doch die Seele ganz in Sünden verschlossen liegt? Der solches zum verschlossenen Sünder sagt, der irret und der es annimmt ohne Gottes Stimme in ihme, der betrügt sich auch selber.

6,8.  Niemand kann Sünde vergeben als allein Gott. Des Predigers Mund hat nicht die Vergebung in eigener Gewalt. Der Geist Christi hat sie in der Stimme des Priesters Mund, so er aber auch ein Christ ist. Was halfs aber diejenigen, die Christum auf Erden höreten lehren, da er sprach: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken? Was halfs dieselben, die es höreten und nicht mühselig waren? Wo bliebe die Erquickung, da sie tote Ohren hatten und nur den äußern Christus höreten, nicht aber das Wort der göttlichen Kraft, wurden sie doch nicht erquicket, also viel hilft auch einem tierischen Menschen seine heuchlerische Absolution. Ebenso wenig helfen ihm auch die Sakramenta.

6,9.  In Sakramenten ists nun offen, wie auch im Lehramt. Der Bund wird gerüget. Die Nutznießung der Seelen geschieht, aber in der Eigenschaft wie der Seelen Mund ist. Wenn das äußere Tier empfänget Brot und Wein, da könnte es auch daheim essen. Und die feurische Seele empfänget nun das Testament nach ihrer Eigenschaft, als im Zorne Gottes. Sie empfänget der ewigen Welt Wesen, aber nach der finstern Welt Eigenschaft. Wie der Mund ist, also ist auch die Speise, so in Mund gehört. Er empfänget es ihme zum Gerichte auf Art wie die Gottlosen werden Christum am jüngsten Gerichte als einen ernsten, strengen Richter sehen, und die Heiligen als einen lieben Immanuel.

6,10.       Gegen den Gottlosen stehet Gottes Zorn in seinen Testamenten offen, und gegen den Heiligen stehet die himmlische Leiblichkeit, und darin die Kraft Christi im heiligen Namen Jesu offen. Was hilft aber den Gottlosen das Heilige, so er das nicht kann genießen? Was soll allhie seine Sünde weg nehmen? Die Sünde wird nur gerüget und offenbar.

6,11.       Es ist doch in den Heiligen mit den Sakramenten kein Sündewegnehmen oder dadurch Vergeben, sondern also ists: Wenn Christus aufstehet, so stirbet Adam in der Schlangenessenz. Wenn die Sonne aufgehet, so wird die Nacht im Tage verschlungen und ist keine Nacht mehr. Also ist die Vergebung der Sünden. Der Geist Christi isset von seinem hl. Wesen. Der innere Mensch ist die Fassung des hl. Wesens. Er nimmt an, was der Geist Christi in ihn einführet, als den Tempel Gottes, Christi Fleisch und Blut. Was geht das ein Tier an oder was gehets die Teufel oder die Seele in Gottes Zorne an? Sie essen von ihrem himmlischen Leibe, in welchem Himmel sie wohnen, als im Ahgrunde.

6,12.       Also auch im Predigtamt. Der Gottlose höret, was die äußere Seele der äußern Welt predigt. Das nimmt er an als eine Historiam. Ist aber etwa Stoppeln oder Stroh in der Predigt, so saugt er daraus die Eitelkeit, und die Seele saugt daraus die falsche Gift und Morde des Teufels. Damit kitzelt sie sich, daß sie höret, wie sie kann Menschen richten. Ist aber der Prediger auch ein Toter und säet aus seinen Affekten Gift und Schmack, so lehret der Teufel und höret der Teufel. Das selbe Lehren wird in dem gottlosen Herzen gefangen und bringt gottlose Früchte, daraus die Welt eine Mordgrube des Teufels worden ist, daß beides im Lehrer und Zuhörer nichts als eitel Spotten, Lästern, Höhnen, Wortzanken und um die Hülse-Beißen innen ist.

6,13.       Aber in dem heiligen Lehrer lehret der Hl. Geist, und in dem heiligen Hörer hört der Geist Christi durch die Seele und göttlich Gehäuse des göttlichen Schalles. Der Heilige hat seine Kirche in sich, da er inne höret und lehret. Aber Babel hat den Steinhaufen, da gehet sie hinein heucheln und gleißen, läßt sich mit schönen Kleidern sehen, stellt sich andächtig und fromm. Die steinerne Kirche ist ihr Gott, darein sie das Vertrauen setzt.

6,14.       Der Heilige aber hat seine Kirche an allen Orten bei sich und in sich; denn er sehet und gehet, er liegt und sitzt in seiner Kirchen. Er ist in der wahren christlichen Kirchen, im Tempel Christi. Der Hl. Geist predigt ihme aus allen Kreaturen. Alles was er ansiehet, da siehet er einen Prediger Gottes.

6,15.       Hie wird der Spötter sagen, ich verachte die steinerne Kirche, da die Gemeinde zusammenkommt. Da sage ich "nein" zu, sondern ich weise an die heuchlerische babylonische Hure, die mit der steinern Kirche nur Hurerei treibet und nennet sich einen Christen, ist aber ein Hurenbalg.

6,16.       Ein rechter Christ bringt seine heilige Kirche mit in die Gemeinde. Sein Herz ist die wahre Kirche, da man soll Gottes dienst pflegen. Wenn ich tausend Jahr in die Kirchen gehe, auch alle Wochen zum Sakrament, lasse ich mich auch gleich alle Tage absolvieren, habe ich Christus nicht in mir, so ists alles falsch und ein unnützer Tand, ein Schnitzwerk in Babel und ist keine Vergebung der Sünden.

6,17.       Der Heilige tut heilige Werke aus der heiligen Kraft seines Gemütes. Das Werk ist nicht die Versöhnung, aber es ist das Gebäude, das der wahre Geist in seinem Wesen bauet. Es ist sein Wohnhaus, gleichwie des falschen Christen seine Fabelei sein Wohnhaus ist, da dann seine Seele heuchelnd hin gehet. Das äußere Gehör gehet in das Äußere und wirket in das Äußere; und das innere Gehör gehet in das Innere und wirket in dem Innern.

6,18.       Heuchle, heuchle, schreie, singe, predige, lehre wie du willst. Ist nicht der innere Lehrer und Hörer offen, so ists alles Babel und Fabel und ein Schnitzwerk, da der äußere Weltgeist ein Model oder Schnitzwerk nach dem Innern macht. Und damit blendet er, als ob er einen heiligen Gottesdienst hätte, da doch manchmal der Teufel mitten in solchem Gottesdienst mächtig in der Imagination ( Einbildung) wirket und das Herz wohl kitzelt mit denen Dingen, so das Fleisch gerne hätte, welch es zwar wohl öfters den Kindern Gottes nach dem äußern Menschen widerfähret, so sie nicht eben acht auf sich haben, so sichtet sie der Teufel.

 

Das 7. Kapitel

7,1.  Ein rechter Mensch, welcher in Christi Geist neugeboren ist, der ist in der Einfalt Christi, hat mit niemanden einigen Zank um die Religion. Er hat in ihm selbst Streit genug mit seinem tierischen, bösen Fleisch und Blut. Er meinet immerdar, er sei ein großer Sünder, und fürchtet sich vor Gott; denn seine Sünden stehen offenbar und sind im Gerichte, denn die Verwirrung verschließt sie in sich, davon ihm der Zorn Gottes unter Augen schilt als einen Schuldigen. Aber die Liebe Christi dringt hindurch und vertreibt sie, wie der Tag die Nacht verschlingt.

7,2.  Dem Gottlosen aber ruhen seine Sünden im Schlafe des Todes und grünen im Abgrunde aus und bringen Früchte in der Höllen.

7,3.  Die Christenheit in Babel zankt um die Wissenschaft, wie man Gott dienen, ehren und erkennen soll, was er sei nach seinem Wesen und Willen; und lehren schlecht, wer nicht in allen Stücken mit ihnen einig sei in der Wissenschaft und Meinung, der sei kein Christ, sondern ein Ketzer.

7,4.  Nun wollte ich doch gerne sehen, wie man alle ihre Sekten sollte zusammen in eine bringen, die sich die christliche Kirche könnte nennen, weil sie allesamt nur Verächter sind, da je ein Haufe den andern lästert und für falsch ausschreit.

7,5.  Ein Christ aber hat keine Sekte. Er kann mitten unter den Sekten wohnen, auch in ihrem Gottesdienst erscheinen, und hangt doch keiner Sekte an. Er hat nur eine einige Wissenschaft, die ist Christus in ihme. Er sucht nur einen Weg. Der ist die Begierde, daß er immerdar wollte gerne recht tun und leben, und stellt all sein Wissen und Wollen ins Leben Christi ein. Er seufzet und wünschet immerdar, daß doch Gottes Wille in ihme möchte geschehen und sein Reich in ihme offenbar werden. Er tötet täglich und stündlich die Sünde im Fleisch; denn des Weibes Same, als der innere Mensch in Christo, zertritt stets dem Teufel in der Eitelkeit den Kopf, (Gen. 3,15).

7,6.  Sein Glaube ist eine Begierde zu Gott. Die hat er in die gewisse Hoffnung eingewickelt. Darin wagt ers auf die Worte der Verheißung. Er lebet und stirbet darinnen, und da er doch nach dem rechten Menschen nimmermehr stirbet. Denn Christus sagt auch also: Wer an mich glaubet, wird nimmermehr sterben, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. Und: Es werden Ströme des lebendigen Wassers von ihm fließen, als gute Lehre und Werke. (Joh. 11,25 f; Joh. 7,38)

7,7.  Darum, sage ich, ist alles Babel, was sich miteinander beißet und um die Buchstaben zanket. Die Buchstaben stehen alle in einer Wurzel. Die ist der Geist Gottes, gleichwie die mancherlei Blumen alle in der Erde stehen und wachsen alle nebeneinander. Keine beißt sich mit der andern um die Farben, Geruch und Schmack. Sie lassen die Erde und Sonne, sowohl Regen und Wind, auch Hitze und Kälte mit sich machen, was sie wollen. Sie aber wachsen eine jede in ihre Essenz und Eigenschaft. Also ist auch mit den Kindern Gottes. Sie haben mancherlei Gaben und Erkenntnis, aber alles aus einem Geiste. Sie freuen sich nebeneinander der großen Wunder Gottes und danken dem Höchsten in seiner Weisheit. Was sollen sie lange um den zanken, in dem sie leben und sind, dessen Wesen sie selber sind?

7,8.  Es ist die größte Torheit in Babel, daß der Teufel hat die Welt um die Religionen zankend gemacht, daß sie um selbstgemachte Meinung zanken, um die Buchstaben, da doch in keiner Meinung das Reich Gottes stehet, sondern in Kraft und der Liebe. Auch sagte Christus und ließ es seinen Jüngern zuletzt, sie sollten einander lieben. Dabei würde jeder mann erkennen, daß sie seine Jünger wären, gleichwie er sie geliebt hätte (Joh. 13,34). Wenn die Menschen also sehr nach der Liebe und Gerechtigkeit trachteten als nach Meinungen, so wäre gar kein Streit auf Erden. Wir lebten als Kinder in unserm Vater und bedürften keines Gesetzes noch Ordens.

7,9.  Denn mit keinem Gesetz wird Gott gedienet, allein mit Gehorsam. Die Gesetze sind wegen der Bösen, die nicht der Liebe und der Gerechtigkeit wollen, die werden mit Gesetzen getrieben und gezwungen. Wir haben alle einen einigen Orden. Der ist, daß wir dem Herrn aller Wesen stille halten und unsern Willen ihme ergeben und lassen seinen Geist in uns wirken, spielen und machen, was er will. Und was er in uns wirket und offenbaret, das geben wir ihm wieder dar als seine Frucht.

7,10.       So wir nun um die mancherlei Frucht, Gaben und Erkenntnis nicht zanketen, sondern erkenneten und untereinander als Kinder des Geistes Gottes, was wollte uns richten? Lieget doch das Reich Gottes nicht an unserm Wissen und Wähnen, sondern in der Kraft.

7,11.       Wenn wir nicht halb so viel wüßten und wären viel kindischer und lebten als Kinder einer Mutter als wie die Zweige an einem Baume, die alle von einer Wurzel Saft nehmen, so wären wir heiliger.

7,12.       Das Wissen ist nur zu dem Ende, daß wirs lernen, weil wir haben die göttliche Kraft verloren in Adam und sind nun jetzt zum Bösen geneigt, daß wir es lernen erkennen, wie wir böse Eigenschaften in uns haben und daß das böse Tun Gott nicht gefällt, damit wir mit dem Wissen lernen recht tun. So wir aber die Kraft Gottes in uns haben und begehren von allen Kräften recht zu tun und recht zu leben, so ist das Wissen nur unser Spiel, darinnen wir uns erfreuen.

7,13.       Denn das wahre Wissen ist die Offenbarung des Geistes Gottes durch die ewige Weisheit. Der weiß in seinen Kindern, was er will. Er gießt seine Weisheit und Wunder durch seine Kinder aus, gleichwie die Erde die mancherlei Blumen. So wir nun im Geiste Christi als demütige Kinder nebeneinander wohneten und erfreuete sich je einer des andern Gaben und Erkenntnis, wer wollte uns richten? Wer richtet die Vögel im Walde, die den Herrn aller Wesen mit mancherlei Stimme loben, ein jeder aus seiner Essenz? Straft sie auch der Geist Gottes, daß sie nicht ihre Stimmen in eine Harmonie führen? Gehet doch ihr aller Hall aus seiner Kraft, und vor ihm spielen sie.

7,14.       Darum sind die Menschen, so um die Wissenschaft und um Gottes Willen zanken und einander darum verachten, törichter denn die Vögel im Walde und die wilden Tiere, die keinen rechten Verstand haben. Sie sind vor dem heiligen Gott unnützer als die Wiesenblumen, welche doch dem Geist Gottes stillehalten und lassen ihn die göttliche Weisheit und Kraft durch sich offenbaren. Ja, sie sind ärger denn die Disteln und Dörner unter den schönen Blumen, welche doch stille stehen. Sie sind als die räuberischen Tiere und Vögel im Walde, welche die andern Vögel von deren Gesang und Lobe Gottes abschrecken.

7,15.       In Summa: Sie sind des Teufels Gewächs im Zorne Gottes, die durch ihre Pein doch dem Herrn dienen müssen. Denn sie treiben mit ihrer Plag und Verfolgung den Saft durch die Essenz der Kinder Gottes aus, daß sie sich im Geiste Gottes bewegen mit Beten und emsigen Flehen, in welchem der Geist Gottes sich in ihnen bewegt; denn die Begierde wird dadurch geübt und auch die Kinder Gottes, daß sie grünen und Frucht bringen; denn in Trübsal werden Gottes Kinder offenbar nach der Schrift: Wenn du sie züchtigest, so rufen sie ängstlich zu dir. (Jes. 26,16)

 

Das 8. Kapitel

8,1.  Die ganze christliche Religion stehet in deme, daß wir uns lernen erkennen, was wir sind, von wannen wir kommen sind, wie wir aus der Einigung in die Uneinigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit eingegangen, wie wir dieselbe haben in uns erweckt. Zum andern, wo wir in der Einigung sind gewesen, da wir Kinder Gottes waren. Zum dritten, wie wir jetzt und in der Uneinigkeit sind, in dem Streit und Widerwillen. Zum vierten, wo wir hinwallen aus diesem zerbrechlichen Leben (Wesen). Wo wir mit dem Unsterblichen hin wollen und dann auch mit dem Sterblichen.

8,2.  In diesen vier Punkten stehet unsere ganze Religion, zu lernen, aus der Uneinigkeit und Eitelkeit zu kommen und wieder in einen Baum, daraus wir in Adam alle kommen sind, einzugehen, welcher ist Christus in uns. Wir dürfen um nichts streiten, haben auch keinen Streit. Lerne sich nur ein jeder üben, wie er wieder möge in die Liebe Gottes und seines Bruders eingehen.

8,3.  Christi Testamenta sind durchaus anders nichts als eine brüderliche Verbindnis, daß sich Gott in Christo mit uns verbindet und wir mit ihme. Alles Lehren soll dahin gehen, auch alles Wollen und Tun. Was anders lehret und tut, das ist Babel und Fabel, nur ein Schnitzwerk der Hoffart, ein unnütz Gerichte und eine Irremachung der Welt, eine Gleißnerei des Teufels, damit er die Einfalt blendet.

8,4.  Alles, was außer Gottes Geist lehret und hat nicht göttliche Erkenntnis und wirft sich doch zum Lehrer in Gottes Reich auf, und will Gott mit Lehren dienen, das ist falsch und dienet nur seinem Abgott Bauche mit seinem stolzen, hoffärtigen Sinn, daß er will geehret sein und will heilig genannt sein. Er trägt ein erwählet Amt von Menschenkindern, welche ihm auch nur heucheln und ihn um Gunst willen dazu geordnet haben. Christus sprach: Wer nicht zur Tür in den Schafstall hineingehet, das ist: durch ihn, sondern steiget anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder, und die Schafe folgen ihm nicht; denn sie kennen seine Stimme nicht, (Joh. 10,1.5).

8,6.  Das aufgeschriebene Wort ist nur ein Werkzeug, damit der Geist leitet. Das Wort, das da lernen will, muß in dem buchstabischen Halle sein, sonst ist keiner ein Lehrer Gottes, sondern nur ein Lehrer der Buchstaben, ein Wisser der Historien und nicht des Geistes Gottes in Christo. Alles, damit man Gott dienen will, muß im Glauben geschehen, als im Geiste. Der macht das Werk völlig und vor Gott angenehm. Was der Mensch im Glauben anfängt und tut, das tut er im Geiste Gottes, welcher im Werke mitwirket. Das ist Gott angenehm; denn er hats selber gemacht und seine Kraft ist darinnen. Es ist heilig.

8,7.  Was aber in der Selbheit ohne Glauben gemacht wird, das ist nur eine Figur oder Hülse eines rechten christlichen Werks.

8,8.  Dienest du deinem Bruder und tust es nur aus Gleißnerei und giebest ihm ungerne, so dienest du nicht Gott; denn dein Glaube gehet nicht aus Liebe in die Hoffnung in deiner Gabe. Wohl dienest du deinem Bruder und er danket an seinen Teil, du aber segnest ihn nicht, denn du giebest ihm einen mürrischen Geist in deiner Gabe. Der gehet nicht in Gottes Geist in die Hoffnung des Glaubens ein. Darum ist deine Gabe nur halb gegeben und hast nur halben Lohn dafür.

8,9.  Also auch mit dem Nehmen zu verstehen: So einer im Glauben gibt in göttlicher Hoffnung, der segnet seine Gaben in seinem Glauben. Der sie aber undankbarlich empfängt und murret im Geiste, der verflucht sie in der Nießung. Also bleibet einem jeden das Seine. Was er säet, das erntet er auch ein.

8,10.       Also auch im Lehramt. Was einer aussäet, das erntet er auch ein. Säet einer aus Christi Geist guten Samen, so empfängt er in dem guten Herzen und trägt gute Frucht. In den Gottlosen aber, die des nicht fähig sind, wird der Zorn Gottes gerüget. Säet einer Zank, Verachtung, Übeldeutung, das nehmen alle gottlosen Menschen ein. Es empfängt auch und trägt solche Frucht, daß man einander spottet, verhöhnet, verleumdet, übeldeutet.

8,11.       Aus welchem die große Babel geboren und ausgewachsen ist, da man aus Hoffart um die Historiam der Rechtfertigung des argen Sünders vor Gott zanket und den Einfältigen irre und lüsternd macht, daß ein Bruder den andern um die Historien und Buchstabenwechseln willen verachtet und dem Teufel gibt.

8,12.       Solche Lästerbälge dienen nicht Gott, sondern dem großen Bau der Uneinigkeit. Weil in allen Menschen im irdischen Fleische noch eine verderbte Sucht lieget, so wecken sie auch in den einfältigen Kindern Gottes den Greuel auf und machen Gottes Volk samt den Kindern der Bosheit lästernd, und sind nur Baumeister der großen Babel und der Welt, und soviel nütze als dem Wagen das fünfte Rad, ohne daß sie das höllische Gebäude aufrichten.

8,13.       Darum ist den Kindern Gottes hoch not, daß sie ernstlich beten und diesen falschen Bau lernen kennen, mit ihrem Gemüte davon auszugehen und nicht auch helfen aufbauen und die Kinder Gottes selber verfolgen, damit sie sich am Reiche Gottes aufhalten und verführet werden. Wie Christus zu den Pharisäern sprach: Wehe euch Pharisäer, ihr umziehet Land und Wasser, zu machen einen Judengenossen; und wenn er es worden ist, so macht ihr aus ihme ein Kind der Höllen zweifältig mehr denn ihr seid, (Matth. 23,15). Welches wahrhaftig in den jetzigen Rotten und Sekten bei den Schreiern und Zanklehrern auch dergleichen geschieht.

8,14.       Will derwowegen alle Kinder Gottes, welche gedenken Christi Glieder zu sein, vor solchem greulichen Zanke und Blutpauken, aus denen mir von Gott eröffneten Gaben treulich gewarnet haben, vom Bruderzanke auszugehen und nur schlecht nach der Liebe und Gerechtigkeit gegen alle Menschen zu trachten.

8,15.       Denn ist einer ein guter Baum, so soll er auch gute Früchte tragen, ob er gleich bisweilen muß leiden, daß ihme die Säue seine Früchte auffressen, so soll er doch ein guter Baum bleiben und stets wollen mit Gott wirken, sich auch kein Böses lassen überwältigen. So steht er in Gottes Acker und trägt Früchte auf Gottes Tische, welche er ewig genießen wird. Amen.

 

 

De Vita Mentali

oder Vom übersinnlichen Leben

KOMMENTAR: DAS GESPRÄCH MIT DEM MEISTER

 

Der Ruf nach dem Meister wird in unseren Tagen nicht zuletzt deshalb laut, weil überall dort, wo ein spiritueller Weg beschritten und eine esoterische Methodik befolgt wird, Fragen auftauchen, die nur der beantworten kann, der den Weg aus eigener Erfahrung kennt und der entsprechende Erkenntnisfortschritte gemacht hat.

Für nicht wenige seiner Zeitgenossen ist Böhme ein solch erfahrener Meister und Seelenführer gewesen. Seine Schrift »De Vita Mentali oder Vom übersinnlichen Leben« ist ein einziger Dialog zwischen dem Meister und seinem Schüler. Und wenn auch die literarische Gestalt dieser Schrift Vergleiche mit älteren Vorbildern, etwa aus der Gottesfreunde-Literatur, zuläßt, so werden wir in der Annahme nicht fehlgehen, daß hin und wieder Fragen auftauchen, die im Meister-Schüler-Gespräch Böhmes eine Rolle gespielt haben mögen. Doch wichtiger als die Erörterung dieser mehr biographischen Fragen ist es zu sehen, welche Akzente der Autor setzt. Wir können uns auf einige wenige Gesichtspunkte beschränken, da Frage und Antwort in diesem Buch für sich selbst sprechen dürften:

Zunächst ist festzuhalten, daß das übersinnliche Leben nirgends anderswo als im Menschen selbst anhebt. Der Mensch vermag sich selbst zu transzendieren, das heißt die Grenzen seines Bewußtseins zu überschreiten, indem er schweigend, sich für die Realität Gottes öffnend dessen inne wird, was als ein inneres Anschauen (Imagination), als ein inneres Hören schlicht (Inspiranon) und als ein inneres Kommunizieren (Intuition) gelten kann. Die Hindernisse, die sich auf dem Weg entgegenstellen, für den der Meister Ratschläge gibt, sollen durch die Übung der Gelassenheit überwunden werden. Für Böhme ist dies in erster Linie eine Willensübung, bei der das Zentrum vom eigenen Ich weg in den Willen Gottes verlagert werden soll. Als Resultat dieser Schwerpunktverlagerung wird Freiheit gewonnen, Freiheit zur Beherrschung der Natur, die nicht nur um den Menschen herum ist, sondern die ihm auch anhängt und die ihrer Eigengesetzlichkeit gemäß nicht allein eine dienende Funktion erfüllen will, sondern die nach Herrschaft trachtet.

Von Anfang an ist in diesem Meister-Jünger-Gespräch klar, daß es auf dem Wege der christlichen Einweihung letztlich nur einen Meister und nur einen Orientierungspunkt gibt, das ist Christus selbst. Deshalb beruft sich der Meister unseres Dialogs an den entscheidenden Stellen auf das Neue Testament, und da ist es im besonderen der Weg Christi, der als Urbild des christlichen Einweihungsweges zu gelten hat. Der Gang auf diesem Weg wird schwerer, doch das Leben wird reicher. Der Reichtum ergibt sich aus dem Prozeß der Wandlung, die durch seelische Aktivität in Gang gehalten werden muß, wenngleich ihr Gelingen nicht in der menschlichen Verfügbarkeit steht. Böhme spricht von dem Verbrennen der Ichheit (33), sie entspricht dem »gelassenen Willen« und ist Ausdruck der Wesenswandlung, durch die ein neues, ein wiedergeborenes Ich »ausgrünen« kann.

Wie nun aber alle Wandlung ein Neues schafft, neues Sein in Mensch und Welt begründet, so weist das jetzt und hier Begonnene, also auch das auf dem christlichen Einweihungsweg Erlangte über sich hinaus. Daher beziehen sich wichtige Aussagen des Meisters auf die neue, lichte, die »kristallinische Erde« (46 ff). In diesen Äußerungen liegt ein klares Bekenntnis zu der guten Schöpfung Gottes, die zwar einen tiefen Fall erlitten hat, die aber zu neuem Sein emporgehoben werden soll. Auf diese positive Einschätzung des Kreatürlichen wird in der Schrift von der »Göttlichen Beschaulichkeit« zurückzukommen sein.

Nachdem sich Böhme in den letzten Abschnitten des Dialogs mit eschatologischen Fragen über die Zukunft des Menschen beschäftigt hat, geht er ein letztes Mal auf die Sinnfrage ein, die den Görlitzer Schuster zeitlebens umgetrieben hat. Und hier (57) findet sich die Antwort, zu der sich Böhme durchgerungen hat: »Das Leben stehet im Streite« zeugt nicht von Resignation, denn es folgt der Hinweis, daß alles Negative, alles Leiden und Ungemach der Verwandlung fähig sind. Und es ist die dem Tode abgerungene Freude, die den Heiligen, d.h. den Menschen auf dem Weg zu Christus ganz ungeahnte Horizonte der Hoffnung zu erschließen vermag. Hier liegt für Böhme »das Mysterium der verborgenen Weisheit Gottes«. Ihm gilt es nachzusinnen.

Mit dem feierlich intonierten apostolischen Segen entläßt der Meister seinen Jünger aus dem Dialog über das übersinnliche Leben.1

1) Ausführlicher über Wege und Weisen christlicher Einweihung in Geschichte und Gegenwart vgl. Gerhard Wehr: Esoterisches Christentum. Klett Verlag, Stuttgart 1975 (Neufassung in Vorbereitung).

 

Text:

DE VITA MENTALI

ODER VOM ÜBERSINNLICHEN LEBEN

Ein Gespräch eines Meisters und Jüngers

Wie die Seele möge zu göttlicher Anschauung und Gehör kommen und was ihre Kindheit in dem natürlichen und übernatürlichen Leben sei, und wie sie aus der Natur in Gott und wieder aus Gott in die Natur der Selbheit eingehe, auch was ihre Seligkeit und Verderben sei.

1,1.  Der Jünger sprach zum Meister: Wie mag ich kommen zu dem übersinnlichen Leben, daß ich Gott sehe und höre reden? — Der Meister sprach: Wenn du dich magst einen Augenblick in das schwingen, da keine Kreatur wohnet, so hörest du, was Gott redet.

1,2.  Der Jünger sprach: Ist das nahe oder ferne? — Der Meister sprach: Es ist in dir, und so du magst eine Stunde schweigen von allem deinem Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.

1,3.  Der Jünger sprach: Wie mag ich hören, so ich von Sinnen und Wollen stille stehe? — Der Meister sprach: Wenn du von Sinnen und Wollen deiner Selbheit stille stehest, so wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar, und höret und siehet Gott durch dich. Dein eigen Hören, Wollen und Sehen verhindert dich, daß du Gott nicht siehest noch hörest.

1,4.  Der Jünger sprach: Womit soll ich Gott hören und sehen, so er über Natur und Kreatur ist? — Der Meister sprach: Wenn du stille schweigest, so bist du das, was Gott vor Natur und Kreatur war, daraus er deine Natur und Kreatur schaffete. So hörest und siehest du es mit deme, damit Gott in dir sahe und hörete, ehe dein eigen Wollen, Sehen und Hören anfing.

1,5.  Der Jünger sprach: Was hält mich dann auf, daß ich nicht dahin kommen mag? — Der Meister sprach: Dein eigen Wollen, Hören und Sehen und daß du wider das strebest, daraus du kommen bist. Mit deinem eigenen Wollen brichst du dich von Gottes Wollen ab, und mit deinem eigenen Sehen siehst du nur in dein Wollen. Und dein Wollen verstopfet dir das Gehör mit Eigensinnlichkeit irdischer, natürlicher Dinge und verführet dich in einen Grund ein und überschattet dich mit deme, das du willst, auf daß du nicht magst zu dem Übernatürlichen, Übersinnlichen kommen.

1,6.  Der Jünger sprach: So ich in Natur stehe, wie mag ich aber durch die Natur in den übersinnlichen Grund kommen ohne Zerbrechung der Natur? — Der Meister sprach: Dazu gehören drei Dinge. Das erst ist, daß du deinen Willen Gott ergebest und dich zu Grund in seine Barmherzigkeit ersenkest. Das ander ist, daß du deinen eigenen Willen hassest und nicht tust, wozu dich dein Wille treibet. Das dritte ist, daß du dich dem Kreuze unsers Herrn Jesu Christi in Geduld unterwerfest, auf daß du die Anfechtung der Natur und Kreatur ertragen mögest. Und so du das tust, so wird dir Gott einsprechen und deinen gelassenen Willen in sich in den übernatürlichen Grund einführen. So wirst du hören, was der Herr in dir redet.

1,7.  Der Jünger sprach: So müßte ich die Welt und mein Leben verlassen, so ich das täte? — Der Meister sprach: So du die Welt verlässest, so kommest du in das, daraus die Welt gemachet ist. Und so du dein Leben verlierest und in Ohnmacht deines Vermögens kommest, so stehet es in deme, um des willen du es verlässest, als in Gott, daraus es in Leib kam.

1,8.  Der Jünger sprach: Gott hat den Menschen in das natürliche Leben geschaffen, daß es herrsche über alle Kreaturen auf Erden und ein Herr sei über alles Leben in dieser Welt; darum so muß er es ja eigentümlich besitzen. — Der Meister sprach: Ists daß du allein äußerlich über die Kreaturen herrschest, so bist du mit deinem Willen und Herrschung in tierischer Art und stehest nur in bildlicher, vergänglicher Herrschung. Auch führest du deine Begierde in tierische Essenz, davon du infizieret und gefangen wirst und auch tierische Art bekommest. Ists aber, daß du die bildliche Art verlassen hast, so stehest du in der Überbildlichkeit und herrschest im Grunde über alle Kreaturen, aus deme sie geschaffen sind, und mag dir auf Erden nichts schaden; denn du bist mit allen Dingen gleich und ist dir nichts ungleich.

1,9.  Der Jünger sprach: O lieber Meister, lehre mich doch, wie ich unmittelbar dahin kommen möge, daß ich allen Dingen gleich sei. — Der Meister sprach: Gerne, gedenke an die Worte unsers Herrn Jesu Christi, da er sprach: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet als die Kinder, sonst sollt ihr Gottes Reich nicht sehen, (Matth. 18,3). Ists nun, das du tun willst, allen Dingen gleich werden, so mußt du alle Dinge verlassen und deine Begierde von ihnen abwenden und der nicht begehren noch dich um das annehmen zu einem Eigentum zu besitzen, das etwas ist. Denn sobalde du das Etwas in deine Begierde fassest und zum Eigentum in dich einlässest und nimmst, so ist das Etwas ein Ding mit dir und wirket mit dir in deinem Willen. So bist du schuldig, dasselbe zu beschirmen und dich dessen anzunehmen als deines eigenen Wesens. So du aber nichts in deine Begierde einnimmst, so bist du von allen Dingen frei und herrschest zugleich auf einmal über alle Dinge. Denn du hast nichts in deiner Annehmlichkeit und bist allen Dingen ein Nichts, und sind dir auch alle Dinge ein Nichts. Du bist als ein Kind, das nicht verstehet, was ein Ding ist. Und ob du es ja verstehest, so verstehest du es ohne Berührung deiner Empfindlichkeit auf Art, wie Gott alle Dinge beherrschet und siehet und ihn doch kein Ding begreifet. Das du aber sprachst: Ich sollte dich lehren wie du dazu kommen möchtest, so siehe an die Worte Christi, der da sprach: Ohne mich könnet ihr nichts tun, (Joh. 15,5). Du kannst in eignem Vermögen nicht zu solcher Ruhe kommen, daß dich keine Kreatur berühre, es sei denn, daß du dich in das Leben unsers Herrn Jesu Christi ganz einergebest und dein Wollen und Begierde ganz übergebest und ohne ihn nichts wollest, so stehest du mit deinem Leibe in der Welt in den Eigenschaften und mit deiner Vernunft unter dem Kreuze unsers Herrn Christi. Aber mit deinem Willen wandelst du im Himmel und stehest an dem Ende, da alle Kreaturen herkommen sind und dahin sie wieder gehen. So magst du mit der Vernunft alles äußerlich schauen und mit dem Gemüte innerlich, und mit Christo, deme alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, in und über alle Dinge herrschen, (Matth. 28,18).

1,10.       Der Jünger sprach: O Meister, die Kreaturen, welche in mir leben, halten mich, daß ich mich nicht kann ganz ergeben, wie gern ich wollte. — Der Meister sprach: So dein Wille von den Kreaturen sich trennt, so sind die Kreaturen in dir verlassen und sind in der Welt, und ist nur dein Leib bei den Kreaturen. Du aber wandeltst geistlich mit Gott. Und so dein Wille die Kreaturen verlässet, so sind die Kreaturen in ihme gestorben und leben nur in dem Leibe in der Welt. Und so sich der Wille nicht in sie einführet, so mögen sie die Seele nicht berühren. Denn St. Paulus saget: Unser Wandel ist im Himmel, (Phil. 3,20). Item: Ihr seid Tempel des Heiligen Geistes, der in euch wohnet, (1.Kor. 6,19). So wohnet nun der Hl. Geist im Willen und die Kreaturen im Leibe.

1,11.       Der Jünger sprach: So der Hl. Geist im Willen des Gemütes wohnet, wie mag ich mich verwahren, daß er nicht von mir weichet? — Der Meister sprach: Höre die Worte unsers Herrn Jesu Christ, der sprach: So ihr an meiner Rede bleibet, so bleiben meine Worte in euch (Joh. 8,31). Ists, daß du mit deinem Willen in den Worten Christi bleibest, so bleibet sein Wort und Geist in dir. Ists aber, daß dein Wille in die Kreaturen gehet, so hast du dich von ihme gebrochen, so magst du dich anders nicht verwahren. Du bleibest dann stets in gelassener Demut und begebest dich in eine immerwährende stete Buße, daß dich immer reue, daß Kreaturen in dir leben. So du das tust, so stehest du im täglichen Sterben der Kreaturen und in täglicher Himmelfahrt nach dem Willen.

1,12.       Der Jünger sprach: O lieber Meister, lehre mich doch, wie ich möge in eine solche stetswährende Buße kommen. — Der Meister sprach: Wenn du das verlässest, das dich liebet, und liebest das, das dich hasset, so magst du immerdar darinnen stehen.

1,13.       Der Jünger sprach: Was ist das? — Der Meister sprach: Deine Kreaturen in Fleisch und Blut, so wohl alle diejenigen welche die lieben, die lieben dich, weil dein Wille dieselben pfleget. Die muß der Wille verlassen und für Feinde halten. Und das Kreuz unsers Herrn Jesu Christi mit der Welt Spott, hassest du, das mußt du lernen lieben und zu täglicher Übung deiner Buße nehmen, so wirst du stets Ursache haben, dich mit der Kreatur zu hassen und die ewige Ruhe zu suchen, darinnen dein Wille mag ruhen, wie Christus sprach: In mir habet ihr Ruhe, aber in der Welt habet ihr Angst. (Joh. 16,31)

1,14.       Der Jünger sprach: Wie mag ich mich in solcher Anfechtung erholen? — Der Meister sprach: Wenn du dich alle Stunden einmal außer allen Kreaturen über alle sinnliche Vernunft in die allerlauterste Barmherzigkeit Gottes, in das Leiden unsers Herrn Jesu Christi einschwingest und dich darein ergibst, so wirst du Kraft bekommen über Sünde, Tod, Teufel, Hölle und Welt zu herrschen, so magst du in aller Anfechtung bestehen.

1,15.       Der Jünger sprach: Wie möchte mir armen Menschen wohl geschehen, so ich mit dem Gemüte dahin gelangen möchte, da keine Kreatur ist? — Der Meister sprach gar gütig zu ihm: O lieber Jünger, wäre es, daß sich dein Wille möchte eine Stunde von aller Kreatur abbrechen und dahin schwingen, da keine Kreatur ist, er würde überkleidet mit dem höchsten Glanz der Herrlichkeit Gottes und würde in sich schmecken die allersüßeste Liebe unsers Herrn Jesu Christi, die kein Mensch aussprechen mag; und in sich empfinden die unaussprechlichen Worte unsers Herrn Jesu Christi von seiner großen Barmherzigkeit. Er würde in sich fühlen, daß ihme das Kreuz unsers Herrn Christi in ein sanftes Wohltun gewandelt würde und würde daselbe lieber gewinnen als der Welt Ehre und Gut.

1,16.       Der Jünger sprach: Wie würde aber dem Leibe geschehen, weil er in der Kreatur leben muß? — Der Meister sprach: Der Leib würde in die Nachfolge unsers Herrn Christi gestellt werden, welcher sprach: Sein Reich wäre nicht von dieser Welt. Er würde anheben, von außen und innen zu sterben; von außen der Welt der Eitelkeit und bösen Taten, und würde aller Üppigkeit gram und feind werden; von innen aller böser Lust und Neiglichkeit. Und würde gar einen neuen Sinn und Willen bekommen, welcher stets zu Gott gerichtet wäre.

17. Der Jünger sprach: Die Welt würde ihn aber darum hassen und verachten, weil er ihr widersprechen müßte und anders leben und anders tun als sie. — Der Meister sprach: Dessen wird er sich nicht annehmen, als ob ihm Leid geschähe, sondern wird sich freuen, daß er würdig worden ist, dem Bilde unsers Herrn Christi ähnlich zu werden, und solches Kreuz unserm Herrn gar gerne nachtragen wollen, daß er ihm nur seine allersüßeste Liebe dafür einflöße.

1,18.       Der Jünger sprach: Wie würde ihm aber geschehen, wenn ihn Gottes Zorn von innen und die böse Welt von außen angriffe, wie unserm Herrn Christo geschahe? — Der Meister sprach: Ihme geschehe als unserm Herrn Christo. Als er von der Welt und den Priestern verspottet und gekreuziget ward, da befahl er seine Seele dem Vater in seine Hände und schied von der Angst dieser Welt in die ewige Freude. Also würde er auch von aller Welt Spott und Angst in sich selber in die große Liebe Gottes eindringen und durch den allersüßesten Namen JESUS erquicket und erhalten werden und in sich eine neue Welt sehen und empfinden, welche durch Gottes Zorn durchdringe. Darein würde er seine Seele wickeln und alles gleich achten. Der Leib sei gleich in der Hölle oder auf Erden, so sei sein Gemüte doch in der größten Liebe Gottes.

1,19.       Der Jünger sprach: Wie würde aber sein Leib in der Welt ernähret und wie wollte er die Seinen ernähren, so aller Welt Ungunst auf ihn fiele? — Der Meister sprach: Er bekommt eine größere Gunst als die Welt nicht vermag, denn er hat Gott und alle seine Engel zu Freunden. Die beschützen ihn in aller Not. Auch so ist Gott sein Segen in allen Dingen. Und ob sichs anließe, als wollte er nicht, so ist es nur eine Probe und Liebe-Zug, daß er destomehr zu Gott beten soll und ihme alle seine Wege befehlen.

1,20.       Der Jünger sprach: Er verlieret aber alle seine guten Freunde und ist niemand mit ihme, der ihm in Nöten beisteht. Der Meister sprach: Er bekommt das Herz aller guten Freunde zum Eigentum, und verlieret nur seine Feinde, welche zuvorhin seine Eitelkeit und Bosheit geliebet haben.

1,21.       Der Jünger sprach: Wie geschieht das, daß er seine guten Freunde zum Eigentum bekommt? — Der Meister sprach: Er bekommt aller derer Seelen zu Brüdern und Gliedern seines Lebens, welche unserm Herrn Jesum angehören; denn Gottes Kinder sind in Christo nur einer, der ist Christus in allen. Darum bekommt er sie alle zu leiblichen Gliedern in Christo; denn sie haben die himmlischen Güter allgemein und leben in einer Liebe Gottes wie die Äste des Baumes von einem Safte. Auch mags ihme an äußerlichen natürlichen Freunden nicht mangeln wie unserm Herrn Christo. Ob ihn gleich nicht wollten die Hohenpriester und Gewaltigen der Welt lieben, welche ihm nicht angehöreten und nicht seine Glieder und Brüder waren, so liebeten ihn aber diese, welche seiner Worte fähig waren. Also auch würden ihn diese lieben, welche die Wahrheit und Gerechtigkeit lieben und sich zu ihme gesellen, als Nikodemus zu Jesus bei der Nacht, welcher in seinem Herzen Jesum liebet wegen der Wahrheit, und äußerlich sich vor der Welt scheute. Also wird er viel guter Freunde haben, welche ihm nicht bekannt sind.

1,22.       Der Jünger sprach: Es ist aber gar schwer, von aller Welt verachtet zu sein. — Der Meister sprach: Was dich jetzt dünket schwer zu sein, das wirst du hernach am meisten lieben.

1,23.       Der Jünger sprach: Wie mag das sein oder geschehen, daß ich liebe, was mich verachtet? — Der Meister sprach: Jetzt liebest du irdische Weisheit. Wenn du aber überkleidet bist mit himmlischer, so siehest du, daß alle Welt nur deinen Feind hasset, als das sterbliche Leben, das du selber auch hassest in deinem Willen; so hebest du an, solche Verachtung des tödlichen Leibes auch zu lieben.

1,24.       Der Jünger sprach: Wie mag aber das beieinander stehen, daß sich ein Mensch liebe und auch hasse? — Der Meister sprach: Was du dich liebest, das liebest du dich nicht als eine Deinheit, sondern als eine gegebne Liebe Gottes. Du liebest den göttlichen Grund in dir, dadurch du Gottes Weisheit und Wunderwerke samt deinen Brüdern liebest. Was du dich aber hassest, das tust du nach der Deinheit, in welcher dir das Böse anhanget. Das tust du, daß du gerne wollest die Ichheit gar zerbrechen und sie dir würde zu einem ganz göttlichen Grunde. Die Liebe hasset die Ichheit, darum daß die Ichheit ein tödlich Ding ist, und mögen nicht wohl beisammenstehen; denn die Liebe besitzet den Himmel und wohnet in sich selber. Aber die Ichheit besitzet die Welt samt ihren Wesen, und wohnet auch in sich selber. Gleichwie der Himmel die Welt beherrschet und die Ewigkeit die Zeit, also auch herrschet die Liebe über das natürliche Leben.

1,25.       Der Jünger sprach: Lieber Meister, sage mir doch, warum muß Liebe und Leid, Freund und Feind beisammen stehen. Wäre es nicht besser eitel Liebe? — Der Meister sprach: Wenn die Liebe nicht in Leid stünde, so hätte sie nichts, das sie lieben könnte. Weil aber ihr Wesen, das sie hebet, als die arme Seele, in Leid und Pein stehet, so hat sie Ursache, ihr eigen Wesen zu lieben und das von Pein zu erretten, auf daß sie wieder geliebet werde. Auch möchte nicht erkannt werden, was Liebe wäre, so sie nicht hätte, daß sie möchte lieben.

1,26.       Der Jünger sprach: Was ist die Liebe in ihrer Kraft und Tugend, und in ihrer Höhe und Größe. — Der Meister sprach: Ihre Tugend ist das Nichts und ihre Kraft ist durch alles. Ihre Höhe ist so hoch als Gott und ihre Größe ist größer als Gott. Wer sie findet, der findet nichts und alles.

1,27.       Der Jünger sprach: O lieber Meister, sage mir doch, wie ich das verstehen mag? — Der Meister sprach: Daß ich sprach, ihre Tugend sei das Nichts, das verstehest du, wenn du von aller Kreatur ausgehest und aller Natur und Kreatur ein Nichts wirst, so bist du in dem ewigen Ein, das ist Gott selber, so empfindest du der Liebe höchste Tugend. Daß ich aber sagte: ihre Kraft ist durch alles, das empfindest du in deiner Seelen und Liebe, so die große Liebe in dir angezündet wird, so brennet sie als kein Feuer vermag.

Auch siehest du alles ausgegossen und in allen Dingen der innerste und äußerste Grund ist. Innerlich nach der Kraft und äußerlich nach der Gestalt. Und daß ich ferner sprach: Ihre Höhe ist so hoch als Gott, das verstehest du in dir selber, daß sie dich in sich so hoch führet als Gott selber ist, wie du das kannst an unserm lieben Herrn Christo nach unserer Menschheit sehen, welchen die Liebe hat bis in den höchsten Thron in die Kraft der Gottheit geführet. Daß ich aber auch gesprochen, ihre Größe wäre größer als Gott, das ist auch wahr, denn wo Gott nicht wohnet, da gehet die Liebe hinein; denn da unser lieber Herr Christus in der Höllen stund, so war die Hölle nicht Gott, aber die Liebe war da und zerbrach den Tod.

Auch wenn dir Angst ist, so ist Gott nicht die Angst, aber seine Liebe ist da und führet dich aus der Angst in Gott. Wenn Gott in dir sich verbirget, so ist die Liebe da und offenbaret ihn in dir. Und daß ich weiter gesaget: Wer sie findet, der findet nichts und alles, das ist auch wahr, denn er findet einen übernatürlichen, übersinnlichen Ungrund, da keine Stätte zu ihrer Wohnung ist, und findet nichts, das ihr gleich sei. Darum kann man sie mit nichts vergleichen, denn sie ist tiefer als Ichts (Seiendes). Darum ist sie allen Dingen ein Nichts, weil sie nicht faßlich ist. Und darum, daß sie nichts ist, so ist sie von allen Dingen frei und ist das einige Gute, das man nicht sprechen mag, was es sei. Daß ich aber endlich sagte: Er finde alles, wer sie findet, das ist auch wahr. Sie ist aller Dinge Anfang gewesen und beherrschet alles. So du sie findest, so kommest du in den Grund, daraus alle Dinge sind herkommen und darinnen sie stehen und bist in ihr ein König über alle Werke Gottes.

1,28.       Der Jünger sprach: Lieber Meister, sage mir doch, wo wohnet sie im Menschen? — Der Meister sprach: Wo der Mensch nicht wohnet, da hat sie ihren Sitz im Menschen.

1,29.       Der Jünger sprach: Wo ist das, da der Mensch in sich selber nicht wohnet? — Der Meister sprach: Das ist die zu Grund gelassene Seele, da die Seele ihres eigenen Willens erstirbet und selber nichts mehr will, ohne was Gott will, da wohnet sie. Denn so viel der eigene Wille ihme selber tot ist, so viel hat sie die Stätte eingenommen, da zuvorhin eigener Wille saß, da ist jetzt nichts. Und wo nichts ist, da ist Gottes Liebe alleine wirkende.

1,30.       Der Jünger sprach: Wie mag ich sie aber fassen ohne Sterben meines Willens? — Der Meister sprach: Ists, daß du sie willst fassen, so fliehet sie von dir. So du dich ihr aber ganz und gar ergibst, so bist du dir nach deinem Willen tot und sie wird alsdann das Leben deiner Natur. Sie tötet dich nicht, sondern machte dich lebendig nach ihrem Leben. Alsdann lebest du, aber nicht deinem, sondern ihrem Willen; denn dein Wille wird ihr Wille. So bist du dir alsdann tot und lebest aber Gotte.

1,31.       Der Jünger sprach: Wie, daß sie so wenig Menschen finden und hätten sie doch alle gerne? — Der Meister sprach: Sie suchen sie alle in etwas als in bildlicher Meinung in eigener Begierde. Dazu haben sie fast alle eine natürliche Lust. Ob sie sich ihnen gleich anbiet, so findet sie doch keine Stätte in ihnen, denn die Bildlichkeit eigenen Willens hat sich an ihre Stätte gesetzt. So will sie die Bildlichkeit eigener Lust in sich haben. Aber sie flieht davon, denn sie wohnet allein im Nichts. Darum finden sie sie nicht.

1,32.       Der Jünger sprach: Was ist ihr Amt im Nichts? — Der Meister sprach: Das ist ihr Amt, daß sie ohne Unterlaß ins Etwas eindringet. Und so sie im Etwas mag eine Stätte finden, die stille stehet, die nimmt sie ein und erfreuet sich mit ihrer feuerflammenden Liebe mehr darinnen als die Sonne in der Welt. Ihr Amt ist, daß sie ohne Unterlaß im Etwas ein Feuer anzünde und das Etwas verbrenne und sich damit überhitze.

1,33.       Der Jünger sprach: O lieber Meister, wie verstehe ich das? — Der Meister sprach: Ists, daß sie in dir mag ein Feuer anzünden, so wirst du das fühlen, wie sie deine Ichheit verbrennet und sich deines Feuers also hoch erfreute, daß du dich eher ließest töten, als daß du wieder in dein Etwas eingingest. Auch ist ihre Flamme so groß, daß sie nicht von dir ließe, ob es gleich dein zeitlich Leben gilt, so gehet sie mit dir in ihrem Feuer in Tod. Und ob du in die Hölle führest, sie zerbräche die Hölle um deinetwillen.

1,34.       Der Jünger sprach: Lieber Meister, ich kann nicht mehr ertragen, das mich irret wie mag ich den nähesten Weg zu ihr finden? — Der Meister sprach: Wo der Weg am härtesten ist! da gehe hin, und was die Welt wegwirft, des nimm dich an; und was sie tut, das tue du nicht. Wandele der Welt in allen Dingen zuwider, so kommst du den nächsten Weg zu ihr.

1,35.       Der Jünger sprach: Ists, daß ich in allen Dingen zuwider wandele, so muß ich ja in eitel Not und Unruhe stehen; auch würde ich als töricht erkannt werden. — Der Meister sprach: Ich heiße dich nicht, jemanden Leides tun. Allein die Welt liebet nur Trug und Eitelkeit und wandelt auf falschem Wege. Und so du in allen Dingen ihrem Wege ein Gegenspiel sein willst, so wandle alleine auf rechtem Wege; denn der rechte Weg ist allen ihren Wegen zuwider. Daß du aber sagest, du würdest in eitel Angst stehen, das geschiehet nach dem Fleisch. Das gibt dir Ursache zu steter Buße. Und in solcher Angst ist die Liebe am allerliebsten mit ihrem Feuer Aufblasen. Daß du auch sagest, du würdest für töricht erkannt werden, das ist wahr; denn der Weg zur Liebe Gottes ist der Welt eine Torheit, aber den Kindern Gottes eine Weisheit. Wenn die Welt solch Liebefeuer in Gottes Kindern siehet, so saget sie, sie sind töricht worden. Aber den Kindern Gottes ist es der größte Schatz, den nie kein Leben aussprechen kann, auch nie kein Mund nennen mag, was da sei Feuer der inflammenden Liebe Gottes, welches weißer ist denn die Sonne und süßer denn kein Honig und kräftiger den keine Speise und Trank, auch lieblicher denn alle Freude dieser Welt. Wer dieses erlanget, ist reicher denn kein König auf Erden und edler als kein Kaiser sein mag und stärker denn alle Macht.

1,36.       Der Jünger fragte ferner den Meister: Wo fähret die Seele dann hin, wenn der Leib stirbet, sie sei selig oder verdammt? — Der Meister sprach: Sie bedarf keines Ausfahrens, sondern das äußere, tödliche Leben samt dem Leibe scheiden sich nur von ihr. Sie hat Himmel und Hölle zuvor in sich, wie geschrieben stehet: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, man wird auch nicht sagen: Siehe hie oder da ist es, denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch (Luk. 17,21). Welches in ihr offenbar wird, entweder der Himmel oder die Hölle, darinnen stehet sie.

1,37.       Der Jünger sprach: Fähret sie dann nicht in Himmel oder Hölle ein, wie man in ein Haus eingehet oder wie man durch ein Loch in eine andere Welt eingehet? — Der Meister sprach: Nein, es ist kein Einfahren auf solche Weise; denn Himmel und Hölle ist überall gegenwärtig. Es ist nur eine Einwendung des Willens, entweder in Gottes Liebe oder Zorn. Und solches geschieht bei Zeit des Leibes, davon St. Paulus saget: Unser Wandel ist im Himmel; und Christus spricht: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen, (Joh. 10,27.28).

1,38.       Der Jünger sprach: Wie geschieht dann solch Eingehen des Willens in Himmel oder Hölle? — Der Meister sprach: Wenn sich der Wille zu Grunde Gott ergibt, so ersinket er außer seiner selber, außer allem Grunde und Stätte, da allein Gott offenbar ist, wirket und will. So wird er ihm selber ein Nichts nach seinem eigenen Willen. Alsdann wirket und will Gott in ihm, und wohnet Gott in seinem gelassenen Willen, dadurch wird die Seele geheiliget, daß sie in göttliche Ruhe kommt. Wenn nun der Leib zerbricht, so ist die Seele mit göttlicher Liebe durchdrungen und mit Gottes Licht durchleuchtet, wie das Feuer ein Eisen durchglühet, davon es seine Finsternis verlieret. Das ist die Hand Christi, da Gottes Liebe die Seele ganz durchwohnet und in ihr ein scheinend Licht und neues Leben ist, so ist sie im Himmel und ein Tempel des Hl. Geistes, und ist selber Gottes Himmel, darinnen er wohnet. Aber die gottlose Seele will in dieser Zeit nicht in göttli cher Gelassenheit ihres Willens gehen, sondern gehet nur stets in eigene Lust und Begierde, in die Eitelkeit und Falschheit, in des Teufels Willen. Sie fasset nur Bosheit, Lügen, Hoffart, Geiz, Neid und Zorn in sich und ergiebet ihren Willen darein. Dieselbe Eitelkeit wird in ihr auch offenbar und wirkende und durchdringet die Seele ganz und gar wie ein Feuer das Eisen. Diese kann zu göttlicher Ruhe nicht kommen, denn Gottes Zorn ist in ihr offenbar. Und so sich nun der Leib von der Seele scheidet, so gehet ewig Reuen und Verzweifeln an, denn sie empfindet, daß sie ist nichts als solcher ängstlicher Greuel worden und schämet sich, daß sie sollte mit ihrem falschen Willen zu Gott eindringen. Ja sie kann auch nicht, denn sie ist im Grimm gefangen und ist selber ein eitel Grimm, und hat sich damit eingeschlossen durch ihre falsche Begierde, welche sie in sich hat erwecket. Und weil Gottes Licht nicht in ihr scheinet und seine Liebe sie nicht berühret, so ist sie eine große Finsternis und eine peinliche, ängstliche Feuerqual und träget die Hölle in sich, und kann das Licht Gottes nicht sehen. Also wohnet sie in sich selber in der Hölle, und bedarf keines Einfahrens. Denn wo sie innen ist, so ist sie in der Hölle, und ob sie sich viel hundert tausend Meilen könnte von ihrer Stätte schwingen, so ist sie doch in solcher Qual und Finsternis.

1,39.       Der Jünger sprach: Wie denn, daß die Hl. Seele in dieser Zeit solch Licht und große Freude nicht mag vollkommen empfinden, und der Gottlose die Hölle auch nicht fühlet, weil beides im Menschen ist und je eines im Menschen wirket? — Der Meister sprach: Das Himmelreich ist in den Heiligen in ihrem Glauben wirkende und empfindlich. Sie fühlen Gottes Liebe in ihrem Glauben, dadurch sich der Wille in Gott ergibt. Aber das natürliche Leben ist mit Fleisch und Blut umgeben und steht im Gegensatz des Zornes Gottes, mit der eiteln Lust dieser Welt umgehen, welche das äußere tödliche Leben stets durchdringet, da auf einer Seiten die Welt und auf der anderen Seiten der Teufel und auf der dritten Seiten der Fluch des Zornes Gottes im Fleisch und Blut das Leben durchdringet und sichtet, dadurch die Seele oft in Angst stehet, wenn also die Hölle auf sie dringet und sich in ihr will offenbaren. Sie aber ersinket in die Hoffnung göttlicher Gnade ein und stehet als eine schöne Rose mitten unter den Dornen, bis dieser Welt Reich von ihr fällt im Sterben des Leibes. Alsdann wird sie erst recht in Gottes Liebe offenbar, wenn sie nichts mehr hindert. Sie muß diese Zeit mit Christo in dieser Welt wandeln. Christus erlöset sie aus ihrer eigenen Höllen, indem er sie mit seiner Liebe durchdringet und bei ihr in der Höllen stehet und ihre Hölle in Himmel wandelt. Daß du aber sprachest, warum der Gottlose in dieser Zeit die Hölle nicht fühlet, sage ich: Er fühlet sie wohl in seinem falschen Gewissen, aber verstehet das nicht, denn er hat noch die irdische Eitelkeit, mit der er sich beliebet, daran er Freude und Wollust hat. Auch hat das äußere Leben noch das Licht der äußern Natur, darinnen sich die Seele belustiget, daß also das Peinen nicht mag offenbar werden. Wenn aber der Leib stirbet, so kann die Seele solcher zeitlichen Wollust nicht mehr genießen, und ist ihr auch das Licht der äußern Welt verloschen.

Alsdann stehet sie in ewigem Durste und Hunger nach solcher Eitelkeit, mit welcher sie sich allhie hat befreundet und kann aber nichts erreichen als nur solchen falschen eingefaßten Willen, dessen sie in diesem Leben zu viel gehabt und sich doch nicht lassen begnügen. Dessen hat sie alsdann zu wenig. Darum ist sie in ewigem Hunger und Durst nach Eitelkeit, Bosheit und Leichtfertigkeit. Sie wollte immerdar gerne noch mehr Böses tun, und hat aber nichts, darinnen oder damit sie das kann vollbringen. So geschieht solches Vollbringen nur in ihr selber. Und solcher höllische Hunger und Durst kann eher nicht ganz offenbar in ihr werden, bis ihr der Leib stirbet, mit dem sie hat also in Wollust gebuhlet, welcher ihr zugefügete, wonach sie lüsterte.

1,40.       Der Jünger sprach: Weil Himmel und Hölle in dieser Zeit in uns im Streite und uns Gott also nahe ist, wo wohnen dann die Engel und Teufel in solcher Zeit? — Der Meister sprach: Wo du nach deiner Selbheit und eigenem Willen nicht wohnest, da wohnen die Engel bei dir und überall. Und wo du nach deiner Selbheit und eigenem Willen wohnest, da wohnen die Teufel bei dir und überall.

1,41.       Der Jünger sprach: Ich verstehe das nicht. — Der Meister sprach: Wo Gottes Wille in einem Dinge will, da ist Gott offenbar. In solcher Offenbarung wohnen auch die Engel. Und wo Gott in einem Dinge nicht mit des Dinges Willen will, so ist Gott allda ihm nicht offenbar, sondern wohnet nur in sich selber ohne Mitwirkung desselben Dinges. Allda ist in dem Dinge eigener Wille ohne Gottes Willen, und da wohnet der Teufel und alles, was außer Gott ist.

1,42.       Der Jünger sprach: Wie ferne ist dann Himmel und Hölle voneinander? — Der Meister sprach: Wie Tag und Nacht und wie Ichts und Nichts. Sie sind ineinander, und ist je eins dem andern wie ein Nichts, und ursachen doch einander zur Freude und Leid. Der Himmel ist durch die ganze Welt und außer der Welt überall ohne alle Trennung, Ort oder Stätte, und wirket durch göttliche Offenbarung nur in sich selber. Und in deme, das darein kommt oder in deme, darinnen er offenbar wird, allda ist Gott offenbar. Denn der Himmel ist anders nichts als eine Offenbarung des ewigen Eins, da alles in stiller Liebe wirket und will. Und die Hölle ist auch durch die ganze Welt, wohnet und wirket auch nur in sich selber und in deme, darinnen der Höllen Fundament offenbar wird, als in Selbheit und falschem Willen. Die sichtbare Welt hat dieses beides in sich. Aber der Mensch nach dem zeitlichen Leben ist allein aus der sichtbaren Welt. Darum siehet er diese Zeit des äußern Lebens die geistliche Welt nicht. Denn die äußere Welt mit ihrem Wesen ist eine Decke vor der geistlichen Welt, gleichwie die Seele mit dem Leibe bedeckt ist. Wenn aber der äußere Mensch stirbet, so wird die geistliche Welt nach der Seelen offenbar, entweder nach ewigem Lichte bei den hl. Engeln oder ewiger Finsternis bei den Teufeln.

1,43.       Der lünger sprach: Was ist dann ein Engel oder die Seele eines Menschen, daß sie also mögen in Gottes Liebe oder Zorn offenbar werden? — Der Meister sprach: Sie sind aus gleichem Urstande, ein Stück aus göttlicher Wissenschaft, göttlichen Willens, entsprungen aus göttlichem Worte und geführet in einen Gegenwurf göttlicher Liebe. Sie sind aus dem Grunde der Ewigkeit, daraus Licht und Finsternis entspringet, als in der Annehmlichkeit eigener Begierde ist die Finsternis, und in gleichem Wollen mit Gott das Licht. Da der Wille der Ichheit der Seelen mit Gott will, da ist Gottes Liebe im Wirken. Und in der Selbst-Annehmlichkeit des seelischen Wollens wirket Gottes Wille peinlich (strafend), und ist eine Finsternis, auf daß das Licht erkannt werde. Sie sind anders nichts als eine Offenbarung göttlichen Willens, entweder in Licht oder Finsternis der geistlichen Welt Eigenschaft.

1,44.       Der Jünger sprach: Was ist dann der Leib eines Menschen? — Der Meister sprach: Er ist die sichtbare Welt, ein Bild und Wesen alles dessen, was die Welt ist, und die sichtbare Welt ist eine Offenbarung der innern geistlichen Welt aus dem ewigen Lichte und aus der ewigen Finsternis, aus dem geistlichen Gewirke. Und ist ein Gegenwurf der Ewigkeit, mit dem sich die Ewigkeit hat sichtbar gemacht, da eigener Wille und gelassener Wille untereinander wirket als Böses und Gutes. Ein solches Wesen ist auch der äußere Mensch; denn Gott schuf den äußern Menschen aus der äußern Welt und blies ihm die innere geistliche Welt zu einer Seelen und verständigem Leben ein. Darum kann die Seele in der äußern Welt Wesen Böses und Gutes annehmen und wirken.

1,45.       Der Jünger sprach: Was wird denn nach dieser Welt sein, wenn das alles vergehet? — Der Meister sprach: Es höret nur das materialische Wesen auf, nämlich die vier Elementa, die Sonne, Mond und Sternen. Alsdann wird die innere geistliche Welt ganz sichtbar und offenbar. Was aber in dieser Zeit ist durch den Geist gewirket worden, es sei böse oder gut, da wird sich ein jedes Werk geistlicher Art nach entweder in das Licht oder in die ewige Finsternis scheiden. Denn was aus jedem Willen geboren ist, das dringet wieder in seine Gleichheit ein. Und da wird die Finsternis die Hölle genannt, als eine ewige Vergessung alles Guten. Und das Licht wird das Reich Gottes genannt, als eine ewige Freude und ein ewiges Lob der Heiligen, daß sie sind von solcher Pein erlöset worden. Das endliche Gerichte ist eine Anzündung des Feuers nach Gottes Liebe und Zorn. Darinnen vergehet die Materia aller Wesen und wird ein jedes Feuer das Seine, als das Wesen seiner Gleichheit in sich ziehen. Als was in Gottes Liebe ist erboren, das zieht das Liebe-Feuer Gottes in sich, darinnen es auch wird nach der Liebe Art brennen und sich demselben Wesen selber einergehen. Was aber in Gottes Zorn nach der Finsternis ist gewirket worden, das zieht die Peinlichkeit in sich und verzehret das falsche Wesen; als dann so bleibet nur der peinliche Wille in eigener Bildung und Form.

1,46.       Der Jünger sprach: In welcher Materia oder Gestalt werden unsere Leiber auferstehen? — Der Meister sprach: Es wird gesäet ein natürlicher, grober und elementarischer Leib (1.Kor. 15,44), der ist in dieser Zeit den äußern Elementen gleich. Und in demselben groben Leibe ist die subtile Kraft, gleichwie in der Erden eine subtile gute Kraft ist, welche sich mit der Sonnen vergleichet und einiget, welche auch im Anfange der Zeit aus göttlicher Kraft entsprungen ist, daraus auch die gute Kraft des Leibes ist genommen worden. Diese gute Kraft des tödlichen Leibes soll in schöner, durchsichtiger, kristallinischer, materialischer Eigenschaft in geistlichem Fleische und Blute wiederkommen und ewig bleiben oder leben. Wie denn auch die gute Kraft der Erden, da dann die Erde wird auch kristallinisch sein und das göttliche Licht wird in allen Wesen leuchten. Und wie die grobe Erde vergehen und nicht wieder kommen soll, also auch soll das grobe Fleisch des Menschen vergehen und nicht ewig leben. Aber vor das Gericht muß alles und im Gerichte durch das Feuer geschieden werden, beides, die Erde und die Asche des menschlichen Leibes. Denn wenn Gott wird die geistliche Welt noch eines bewegen, so zieht ein jeder Geist sein geistliches Wesen wieder an sich. Als ein guter Geist und Seele zieht ihr gutes Wesen an sich und ein böser ein böses. Man muß aber nur eine wesentliche materialische Kraft verstehen, da das Wesen eitel Kraft ist gleich einer materialischen Tinktur, da die Grobheit vergehet an allen Dingen.

1,47.       Der Jünger sprach: So werden wir nicht mit den sichtbaren Leibern aufstehen und darinnen ewig leben? — Der Meister sprach: Wenn die sichtbare Welt vergehet, so vergehet alles das mit, was äußerlich ist gewesen, das aus ihr ist herkommen. Von der Welt bleibet nur die himmlische, kristallinische Art und Form. Also auch vom Menschen bleibet nur die geistliche Erde; denn der Mensch wird der geistlichen Welt, welche jetzo noch verborgen ist, ganz gleich sein.

1,48.       Der Jünger sprach: Wird auch ein Mann und Weib sein im geistlichen Leben oder Kinder oder Blutsfreunde? Wird sich auch einer zum andern gesellen wie allhie geschehen ist? — Der Meister sprach: Wie bist du so fleischlich gesinnet! Es ist allda kein Mann noch Weib, sondern alle nur gleich den Engeln Gottes, als männliche Jungfrauen, weder Tochter, Sohn, Bruder noch Schwester, sondern alle eines Geschlechtes in Christo, alle nur einer wie ein Baum in seinen Ästen, und doch absonderliche Kreaturen, aber Gott alles in allem. Es wird ja eine geistliche Erkenntnis sein, was ein jeder gewesen ist und was er getan hat, aber es ist keine Annehmlichkeit oder Begierde zur Annehmlichkeit solches Wesens mehr da.

1,49.       Der Jünger sprach: Werden sie auch alle gleich der ewigen Freude und Glorifizierung genießen? — Der Meister sprach: Die Schrift spricht: Welch ein Volk das ist, einen solchen Gott hat es auch. Item: Bei den Heiligen bist du heilig und bei den Verkehrten verkehrt, (Psalm 18,26.27). Und St. Paulus schreibet: Sie werden einander übertreffen in der Auferstehung wie Sonne, Mond und Sternen, (1.Kor. 15,41).

So wisse nun, daß sie ja werden alle göttlicher Wirkung genießen, aber ihre Kraft und Erleuchtung wird gar gleich sein. Alles, nachdem ein jeder wird in dieser Zeit in seinem ängstlichen Wirken sein mit Kraft angetan worden; denn das ängstliche Wirken der Kreatur dieser Zeit (Röm. 8,29) ist eine Eröffnung und Gebärung göttlicher Kraft, dadurch Gottes Kraft beweglich und wirkend wird. Welche nun in dieser Zeit mit Christo haben gewirket und nicht in Fleischeslust, die werden eine große Kraft und schöne Glorifizierung (Verklärung) in sich und an sich haben. Die andern aber, welche nur auf eine zugerechnete Genugtuung alleine gewartet und unterdessen dem Bauch-Gott gedienet und sich doch endlich bekehret haben und zur Huld kommen sind, diese werden nicht so große Kraft und Erleuchtung haben. Darum wird es mit diesen ein Unterschied sein wie mit Sonne, Mond und Sternen und den Wiesenblumen in ihrer Schönheit, Kraft und Tugend.

1,50.       Der Jünger sprach: Wie oder durch wen soll die Welt gerichtet werden? Der Meister sprach: Mit göttlicher Bewegnis durch die Person und Geist Christi, der wird durch das Wort Gottes, das Mensch ward, von sich scheiden das Christum nicht angehöret, und wird sein Reich in dem Orte, wo diese Welt stehet, ganz offenbaren; denn die Bewegnis der Scheidung geschieht überall zugleich.

1,51.       Der Jünger sprach: Wo werden denn die Teufel und alle Verdammten hingeworfen werden, so der Ort dieser ganzen Welt das Reich Christi ist und glorifiziert werden soll? Werden sie außer den Ort dieser Welt getrieben werden oder wird Christus seine Herrschaft außer dem Ort dieser Welt haben und offenbaren? — Der Meister sprach: Die Hölle bleibet im Orte dieser Welt an allen Enden, aber dem Himmelreich verborgen, wie die Nacht im Tage verborgen ist. Das Licht wird ewig in die Finsternis scheinen, und die Finsternis kann das nicht ergreifen (Joh. 1,5). So ist das Licht das Reich Christi und die Finsternis ist die Hölle, darinnen die Teufel und Gottlosen wohnen. Also werden sie vom Reiche Christi unterdrückt und zum Fußschemel, als zum Spotte gesetzt werden.

1,52.       Der Jünger sprach: Wie werden alle Völker vor das Gericht gestellet werden? — Der Meister sprach: Das ewige Wort Gottes, daraus alles geistliche, kreatürliche Leben ist hervogegangen, beweget sich zu der Stunde nach Liebe und Zorn in allem Leben, was aus der Ewigkeit ist, und zieht die Kreatur vor das Urteil Christi. Durch solche Bewegnis des Wortes wird das Leben in allen seinen Werken offenbar, und wird ein jeder sein Urteil und Gerichte in sich sehen und empfinden; denn das Gerichte wird in des menschlichen Leibes Absterben alsbald in der Seelen offenbar. Das Endurteil ist nur eine Wiederkunft des geistlichen Leibes und eine Scheidung der Welt, da am Wesen der Welt und am Leibe soll das Böse vom Guten geschieden werden, ein jedes Ding in seinen ewigen Eingang und Behälter. Und es gibt eine Offenbarung der Verborgenheit Gottes in allem Wesen und Leben.

1,53.       Der Jünger sprach: Wie wird das Urteil gefället? — Der Meister sprach: Da siehe an die Worte Christi, der wird sprechen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungerig gewesen und ihr habet mich gespeiset; ich bin durstig gewesen und ihr habet mich getränket; ich bin ein Gast gewesen und ihr habet mich beherberget; ich bin nacket gewesen und ihr habet mich bekleidet; ich bin krank und gefangen gewesen und ihr habet mich besuchet und seid zu mir kommen. Und sie werden ihm antworten: Wann haben wir dich hungerig, durstig, einen Gast, nackend, krank und gefangen gesehen und haben dir also gedienet? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Was ihr getan habet einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habet ihr mir getan. Und zu den Gottlosen zur Linken wird er sagen: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungerig, durstig, ein Gast, nacket, krank und gefangen gewesen, und ihr habet mir nicht gedienet. Und sie werden ihm auch antworten und zu ihm sprechen: Wann haben wir dich also gesehen und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch, was ihr nicht getan habet einem unter diesen Geringsten, das habet ihr mir auch nicht getan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben, (Matth. 25,34-46).

1,54.       Der Jünger sprach: Lieber Meister, sage mir doch, warum saget Christus: Was ihr diesen Geringsten getan habet, das hahet ihr mir getan, und was ihr ihnen nicht getan habet, das habet ihr mir auch nicht getan? Wie tut man Christo solches, daß es ihm selber geschehe? — Der Meister sprach: Christus wohnet wesentlich im Glauben derer, die sich ihm ganz ergeben und gibt ihnen sein Fleisch zur Speise und sein Blut zum Trank, und besitzt also den Grund ihres Glaubens nach der Inwendigkeit des Menschen. Darum denn ein Christ eine Rebe an seinem Weinstocke und ein Christ genannt wird, daß Christus geistlich in ihm wohnet. Und was man nun einem solchen Christen in seinen leiblichen Nöten tut, das tut man Christo selber, welcher in ihm wohnet. Denn ein solcher Christ ist nicht sein eigen, sondern ist Christo ganz ergeben und sein Eigentum. Darum so geschieht es Christo selber. Und wer nun eine Hand von solchem notleidenden Christenmenschen abzieht und ihn nicht in Nöten dienen will, der stößet Christum von sich weg und verachtet ihn in seinen Gliedern. Wenn dich ein armer Mensch bittet, der Christum angehöret, und du versagest es ihm, in seiner Notdurft, so hast du es Christo selber versaget. Und was man einem solchen Christenmenschen zuleidet tut, das tut man Christo selber. Wenn man einen solchen Menschen spottet, verhöhnet, lästert und von sich stößet, das alles tut man Christo selber. Wer ihn aber aufnimmt, speiset, tränket, kleidet und in Nöten beispringet, der tut es Christo und seines eigenen Leibes Glieder, ja er tut es ihn selber, so er ein Christ ist; denn Christo sind wir nur einer, wie der Baum in seinen Ästen.

1,55.       Wie wollen dann diese bestehen am Tage solchen Gerichts, welche den Armen, Elenden also quälen und ihme seinen Schweiß aussaugen, ihn drängen und mit Gewalt an sich ziehen und für ihren Fußhader achten, nur zu dem Ende, daß sie eigenmächtig und seinen Schweiß in Wollust mit Hoffart und Üppigkeit verzehren? — Der Meister sprach: Diese alle tun es in Christo selber und gehören in sein strenges Urteil; denn sie legen ihre Hände also an Christum, verfolgen ihn in seinen Gliedern und helfen daneben dem Teufel, sein Reich mehren, und ziehen den Armen durch solch Drängen von Christo ab, daß er auch einen leichtfertigen Weg suchet, seinen Bauch zu füllen. Ja, sie tun anders nichts als der Teufel selbst tut, welcher ohne Unterlaß dem Reiche Christi in der Liebe widerstehet. Denn alle, so sich nicht von ganzem Herzen zu Christo bekehren und ihm dienen, müssen in das höllische Feuer gehen, da eitel solche Eigenheit innen ist.

1,56.       Der Jünger sprach: Wie werden dann diese bestehen, welche in dieser Zeit also um das Reich Christi streiten und einander darum verfolgen, schänden, schmähen und lästern? — Der Meister sprach: Diese alle haben Christum noch nie erkannt und stehen auch nur in der Figur, wie Himmel und Hölle miteinander um die Überwindung streitet. Alles Aufsteigen der Hoffart, da man nur um Meinungen streitet, ist ein Bild des Eigentums. Welcher nicht den Glauben und die Demut hat und in Christi Geist stehet, der ist nur mit dem Zorne Gottes gewappnet und dienet der Überwindung der bildlichen Eigenheit, als dem Reiche der Finsternis und dem Zorne Gottes. Denn alle Eigenheit wird am Gerichtstage der Finsternis gegeben werden. Also auch ihr unnützes Gezänke, dadurch sie keine Liebe suchen, sondern nur bildliche Eigenheit, sich in Meinungen sehen zu lassen und dadurch die Fürsten um solche bildliche Meinungen zu Kriegen verursachen und mit ihren Bildern Land und Leute stürmen und verwüsten. Diese alle gehören in das Gerichte zum Scheiden, das Falsche vom Rechten. Da werden alle Bilder und Meinungen aufhören und werden alle Kinder Gottes in der Liebe Christi wandeln und er in uns. Alles was in dieser Zeit des Streits nicht im Geiste Christi eifert und allein die Liebe begehret zu fördern, sondern Eigennutz im Streit suchet, das ist vom Teufel und gehöret in die Finsternis und wird von Christo geschieden werden. Denn im Himmel dienet alles in Demut Gott, seinem Schöpfer.

1,57.       Der Jünger sprach: Warum lässet es dann Gott in dieser Zeit geschehen, daß solcher Streit ist? — Der Meister sprach: Das Leben stehet im Streite, auf daß es offenbar, empfindlich, Endlich und die Weisheit schiedlich und erkannt werde, und dienet zur ewigen Freude der Überwindung. Denn in den Heiligen in Christo wird ein großes Lob daraus entstehen, daß Christus in ihnen die Finsternis und alle Eigenheit der Natur überwunden hat und sie vom Streite erlöset sind. Dessen werden sie sich ewig erfreuen, wenn sie erkennen werden, wie es den Gottlosen vergolten wird. So lässet nun Gott alle Dinge im freien Willen stehen, auf daß die ewige Herrschaft nach Liebe und Zorn, nach Licht und Finsternis offenbar und erkannt werde und ein jedes Leben sein Urteil in sich selber ursache und erwecke. Denn was jetzo den Heiligen in ihrem Elende ein Streit und Pein ist, das wird ihnen in große Freude verwandelt werden. Und was den Gottlosen eine Lust und Freude in dieser Welt ist, das wird ihnen in ewige Pein und Schande verkehret werden. Und darum muß den Heiligen ihre Freude aus dem Tode entstehen, gleichwie das Licht aus der Kerzen durch das Sterben und Verzehren im Feuer entstehet, auf daß das Leben also der Peinlichkeit der Natur los werde und eine andere Welt besitze. Gleichwie das Licht gar andere Eigenschaft hat als das Feuer und sich selber gibt, und das Feuer aber sich selber nimmt und frisset, also auch grünet das heilige Leben der Sanftmut durch den Tod aus, da der eigene Wille erstirbet und alleine Gottes Liebe-Wille alles in allem regieret und tut. Denn also hat das Ewige eine Empfindlichkeit und Schiedlichkeit In der Vorlage steht irrtümlichkeit angenommen und sich wieder durch den Tod mit der Empfindlichkeit in großem Freudenreich ausgeführet, auf daß ein ewiges Spiel in der unendlichen Einheit sei und eine ewige Ursache zum Freudenreich. So muß nun die Peinlichkeit ein Grund und Ursache sein zu solcher Bewegnis. Und in diesem liebet das Mysterium der verborgenen Weisheit Gottes.

Wer da bittet, der empfänget; wer da suchet, der findet; und wer da anklopfet, dem wird aufgetan. (Matth. 7,7)

Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

 

Theoscopia

oder Die hochteure Porte von göttlicher Beschaulichkeit

KOMMENTAR:

EIN KAPITEL BÖHMESCHE PHILOSOPHIE: DIE WIRKLICHKEIT DES GEGENSÄTZLICHEN

 

In seinem dreiteiligen Werk »De Incarnatione Verbi oder Von der Menschwerdung Jesu Christi« schreibt Böhme (1620): "Dieweil wir in diesem Jammer-Meer, in dem irdisches Fleisch und Blut schwimmen und sind einer irdischen Qual worden, da wir in der Dunkelheit im Glast verschlossen liegen, höret das edle Gemüte nicht auf, zu forschen nach seinem rechten Vaterlande, dahin es gehen soll. Es spricht immer: Wo ist denn Gott, oder wann soll es doch geschehen, daß ich Gottes Antlitz mag sehen? Wo ist doch meine edle Perle? Wo ist das Jungfrauen-Kind? Sehe ichs doch nicht, wie geschieht mir doch, daß ich mich also ängste nach demselben, das ich doch nicht schauen kann!" (I, XIX, 1). Wie wir von seinem Erstling, der »Morgenröte im Aufgang« (1612) wissen, sprechen diese Sätze Böhmes existentielle Erkenntnisproblematik aus. Daran ist zu denken, wenn wir in dieser zuletzt vorzustellenden Schrift »Theoscopia« abermals auf eine Dialogfolge stoßen. Diesmal hat der Autor auf die Fragen und Einwände der Vernunft zu antworten. Im Grunde sind es seine eigenen Erkenntnisskrupel, denen er standzuhalten versucht. Wir haben ein Kapitel echt Böhmescher Philosophie vor uns.

 

Zum 1. Kapitel

Zunächst weist der Autor daraufhin, daß die Vernunft mit all ihren Einwendungen in den Grenzen ihrer Voraussetzungen, d.h. der Natur, bleibt und daher zur Übernatur nicht durchzustoßen vermag (1,2). Das Widerwärtige, das Böse, wie auch jede Form des Leidens ist viel tiefer verankert als die menschliche Ratio meine. Böhmes Darlegungen sind darauf gerichtet zu zeigen, wie allem Sein eine dialektische, von Paradoxien und Polaritäten durchwaltete »Widerwärtigkeit« innewohnt (1,8), der eine unerläßliche Erkenntnisfunktion zuzusprechen sei (1,9). Der »verborgene Gott« will offenbar werden. Die »Schiedlichkeit«, die der Erscheinungswelt anhaftet, verursacht nicht nur jenes Erleiden der Gegensätze und Widersprüche, die das Menschenlos mitbestimmen, sondern sie eröffnen gleichzeitig die Möglichkeit zu einem gesteigerten Bewußtwerden. Entsprechendes wird von Gottes Willen, vom göttlichen Schöpfertum gesagt, das im Geschöpf als dem Erscheinungsgrund für Gut und Böse, aus sich heraustritt. Die schwierigen Abschnitte (1,10 ff)), die zugleich Böhmes Philosophieren exemplarisch veranschaulichen, lassen sich kaum Wort für Wort übersetzen oder begrifflich auflösen, sondern nur in der angedeuteten Weise umschreiben. Was keine Umschreibung, noch weniger eine exakte begriffliche Fixierung vermögen, das bieten die Böhmeschen Wortlaute als solche: Wer in sie hineinhört, erlebt etwas von dem Ringen mit der Gegensätzlichkeit, die den Philosophus teutonicus in Unruhe hält. Unruhe wozu?

Die Antwort wird (1,13) zu geben versucht. Wenn Böhme von »Qual« spricht, die der Welt einverwoben sei, dann meint er nicht primär ein »quälendes« Moment, sondern vor allem ein »Quallen« und »Quellen«, also einen dynamischen Faktor, der wiederum »Qualität« schafft. So muß der Leser von Böhme-Texten jeweils auf die Wortwahl achten und dabei nicht nur das literarisch Fixierte ins Auge fassen, sondern die unmittelbare Gesprochenheit in all ihrer Sinnlichkeit aufzunehmen trachten. Anders gelangt man nicht durch die vielen Satzungetüme hindurch. Sie stammen ja eben nicht von einem »Skribenten«, sondern von einem, der sein unruhiges Herz nach all den erfahrenen Erkenntniserschütterungen, von denen er in der »Aurora« berichtet, ausschüttet. Von daher bekommt das ganze »Philosophieren« Böhmes sein besonderes unverwechselbares Gepräge.

Und da wir von seiner Christosophie handeln, in der es um das Durchlaufen eines geistig-geistlichen Prozesses geht, sei gesagt: Das Hinhören auf den besonderen Sprachklang und Denkduktus erfüllt eine geradezu initiatische, an das Geheimnis heranführende Funktion. Wer sich dabei von dem Görlitzer Meister führen läßt, ohne ständig nach logisch-rationalen Deutungen oder Erklärungen zu verlangen, der übt sich in einem Umdenken, bei dem eine innere Bewegung vollzogen wird. Sie führt von dem durch uns überstrapazierten Denkpol zum Willenspol und damit zur Wesensmitte. Die Aufmerksamkeit wird so vom Kopf ins Zentrum unserer Person verlagert. Und je mehr die Tiefe und die Fülle des Lebens ergriffen wird, desto eher lassen sich die Paradoxien verkraften, die Böhme seinen Lesern zumutet.

Eine Bewegung wird erkennbar, die einer Zirkelstruktur entspricht: Der eine Gotteswille gießt sich aus in die »Schiedlichkeit« der vielen individualisierten Ich-Zentren. Dort wird die Widerwärtigkeit, die Polarität alles Seins, werden Gut und Böse bewußt erfahren. Und von hier, dem Ort der »Empfindlichkeit« aus, fließt der Strom in die Einheit Gottes zurück (1,14 ff). Das ist kein Rückschritt, sondern es stellt insofern einen »Fortschritt« dar, als auf diesem Weg der Mensch — indem er »Empfindlichkeit, Erkenntnis und das Wollen« (1,16) erlangt — zu sich selbst kommt und reift.

Welt und Schöpfung, das Widerwärtige in allem Seienden, ist »ein Gegenwurf« (1,17) der Widerpart bietet, und an diesem Widerpart werden Bewußtsein und Reife erlangt. Böhme findet eine Entsprechung in der Organisation des menschlichen Erkennens (1,18). Darüber hinaus sieht er hier den Grund für die menschliche Sehnsucht nach Erlösung, das heißt eben: nach Heimkehr in die Ruhe Gottes, von der schon das 4. Kapitel des Hebräerbriefs spricht. Es ist jene Ruhe, die dem wandernden Gottesvolk nach ihrem mühevollen Zug durch die Geschichte verheißen ist. Doch mit dieser Schilderung läßt es Böhme nicht genug sein. Es entspricht der Zirkelstruktur seines eigenen Denkens, wenn er in den nachfolgenden Abschnitten den Gedankengang aufs neue durchschreitet.

Der Gedankeninhalt ist ein ähnlicher: Der »Gegenwurf«, so sehr er im Widerspruch zum »göttlichen Grund und Willen« (1,29) steht oder zu stehen scheint, bringt erst die »göttliche Kraft und Herrlichkeit« zur Offenbarung. Das heißt doch, daß das Böse, das allem Guten Widerstrebende letztlich dazu dienen muß, das Gute voll zur Geltung zu bringen. Erst diese beiden einander widerstrebenden Prinzipien machen die Fülle aus (1,30); sie sind aufeinander bezogen, ohne daß sie miteinander identifiziert oder verwechselt werden könnten. Einsichten der modernen Tiefenpsychologie, eines C.G. Jung etwa, sind hier schauend vorweggenommen Zeit und Ewigkeit sind ineinander verschränkt. So läßt sich von diesem Gedanken aus die Verbindungslinie zu dem Wort ziehen, das leitmotivartig das Böhmesche Werk durchzieht, jenes Wort, das der Görlitzer Meister seinen Freunden und Schülern ins Stammbuch zu schreiben pflegte:

»Wem Zeit ist wie Ewigkeit

und Ewigkeit wie die Zeit,

der ist befreit

von allem Streit.«

Von dieser Warte aus eröffnet sich dem Schauenden der Ausblick in das neue Sein, in dem auch die Natur eine tiefgreifende Substanzverwandlung durchgemacht und zu der »kristallisch klaren Natur« (1,33) geworden sein wird. Von dieser eschatologischen Warte aus — das heißt »von vorne her« — bekommen die Leiden dieser Zeit erst ihren vollen, noch kaum zu ahnenden Sinn. Eine universale Umwertung aller Werte findet statt. Der in einem steten Spannungsverhältnis zu dem einstigen, verlorenen Urstand sich darstellende »Gegenwurf« erweist sich als eine vorübergehende Episode, ja als ein »Spiel«. Die scheinbare Torheit der irdischen Verkörperung hat eine tiefe Gottesweisheit zu verbergen. Wesentlich ist, daß jetzt und hier das Negative, der »Schatten« — wie die Psychologie Jungs sagen würde — angenommen und integriert wird. Von daher läßt sich die eingangs aufgeworfene Gottesfrage neu beantworten (1,35). Auch wird die Vernunft in ihrer Bedingtheit und Vorläufigkeit durchschaut (1,37). Weisheit wird als Torheit entlarvt; vermeintliche Torheit entbirgt einen nicht zu unterschätzenden Weisheitskern (1,42 f.). Allein sie hat Zukunft und Bestand.

 

Zum 2. Kapitel

In diesem Kapitel erläutert Böhme nochmals seine Drei-Prinzipien-Lehre, von der wir schon oben (Vgl. Kommentar zu Kap.2 »Von der wahren Gelassenheit«) gesprochen haben. Und der Görlitzer Autor wird nicht müde, die großen Zyklen von Urstand, Fall und Wiederherstellung des Verlorenen zu wiederholen. (2,11). Schließlich ist das Schicksal des einzelnen, das heißt dessen, der den christlichen Einweihungsweg durchläuft, in dieses große kosmische und menschheitliche Schicksal hineingebunden. Ziel ist das im weiteren Fortgang der Erörterung immer wieder umkreiste göttliche »Ein«, um dessen willen sich der Mensch auf den Weg macht. Aus ihm ist alles Leben hervorgegangen. In dieses »Ein« soll alles Leben zurückkehren (2,13). Daher der unablässige Appell an das Wollen, freilich an ein Wollen, das selbst eine Transformation durchmachen muß (2,14 ff). Eine neue Erfahrung wird zugänglich, die Erfahrung im »Abgrund der Natur und Kreatur« zu stehen. Gemeint ist eine Selbsterfahrung, nach der der Mensch weit mehr als nur ein Natur- oder Kreaturwesen verkörpert. Er vermag sich selbst zu überschreiten! Und ein Bewußtsein vom »Ungrund« dämmert auf (2,20).

Um die Werde- und Wandlungsprozesse in Schöpfung und Menschheit darstellen zu können, greift Böhme bisweilen (2,27 ff; 3,20 ff.) auf alchymistische Vorstellungen zurück und verbindet diese mit seiner eigenen Schau der Wirklichkeit. Sicher gehören diese Passagen zu den Böhme-Texten, die der heutigen Bewußtseinsart besonders befremdlich anmuten. Es ist auch hier kaum eine Satz-für-Satz-Interpretation möglich. Es muß daher der allgemeine Hinweis genügen: Böhme geht es in keinem Fall darum, naturwissenschaftlich gültige Beschreibungen oder Erklärungen zu liefern. Bereits in der »Aurora« hat er seine Betrachtungsart von derjenigen der Naturforschung seiner Zeit unterschieden und gezeigt, wie beide ihren Blick auf verschiedene Dimensionen der einen Wirklichkeit richten, somit beide »an ihrem Ort« berechtigt sind. Worauf es Böhme ankommt, das ist, spiritualistischen Verflüchtigungstendenzen zu widerstehen und nicht etwa über eine sublime Geistwelt zu spekulieren, die mit der Konkretheit dieser Erscheinungswelt nichts zu tun hätte. Böhme liegt vielmehr am Aufweis der engen Beziehung zwischen Gott und Schöpfung, zwischen dem »Ungrund« und dem »ausgesprochenen Wort«, zwischen dem »Spiritus Mundi« (Geist der Welt) und der Erde, die als eine Verdichtung (alchymistisch: Coagulation) des Weitgeistes angesehen wird. Echt Böhmescher Geist kommt daher in dem programmatischen Wort des großen schwäbischen Theosophen des 18. Jahrhunderts Friedrich Christoph Oetinger zum Ausdruck: "Leibwerdung ist das Ende der Wege Gottes!" Und um sich wenigstens andeutungsweise verständlich zu machen, wie auf diese Weise »Ewigkeit in der Zeit« anwest, bedient sich Böhme der Sprache, in die schon Paracelsus — oft nicht weniger dunkel als der Görlitzer — seine Darstellungen kleidete.

Wesentlich ist zum andern, daß die menschliche Seele der »inneren geistlichen Welt« angehört und letztlich im »Mysterium Magnum« wurzelt, in jenem einen großen, das ganze Universum umgreifenden Geheimnis, dem Böhmes ganzes Schauen und Sinnen zugewandt ist. Von daher wird alle Kreatur, der Mensch in ihr, von »der Sonnen Licht-Liebe-Kraft« durchdrungen. Denn — so möchte man mit Christian Morgenstern diese Böhmesche Betrachtung zusammenfassen:

»Liebe ist Liebe, Sonnenweben,

Liebestrahlung einer Welt schöpferischer Wesenheiten,

die durch unerhörte Zeiten

uns an ihrem Herzen hält …«

 

Zum 3. Kapitel

Das Wissen um die Tatsache, daß alles Irdische »ein Gegenwurf göttlicher Wissenschaft«, das heißt der göttlichen Vorsehung und Weltenlenkung sei, wird für Böhme zur »hochteuren Pforte« durch die er ahnend jene Geheimnisbereiche betritt, die seine Theosophie und Kosmosophie, seine Anthroposophie und seine Christosophie begründen.1

1) Ausführlicher in: Gerhard Wehr: Jakob Böhme, S. 72-109

Abermals setzt Böhme zu einem Gedankenkreislauf an. Bekanntes wird unter anderen Gesichtspunkten anvisiert. Diesmal wird das Aussprechen des göttlichen Wortes (gemäß Joh. 1) im Blick auf den nun mehrmals zitierten »Separator« (3,5 ff) dargestellt. Wir haben es mit dem Schöpfungsaspekt der Trennung und der Differenzierung zu tun. Der Weg von der Einheit des »unempfindlichen« Ungrundes in die Vielheit wird beschritten (3,10). Der Wille entfaltet sich, bald als ein innergöttlicher Prozeß, bald als ein aus dem Ungrund heraus tretender Progressus, durch den die sichtbare Welt entstehen kann. In der Schöpfung ist Gott, der einstmals Ferne, Verborgene dem Menschen greifbar nah. Wir erinnern an die Imagination des Baumes in den vorausgegangenen Schriften oder auf Böhmes Hinweise auf das Leben und Weben in den Naturreichen (3,13). Und diese Schöpfung birgt wie in einem Gehäuse den göttlichen Schöpferwillen (3,17), der von innen her alles Sein durchpulst (2,19). Im übrigen gilt für die weiteren Abschnitte, was in der Besprechung des vorausgegangenen Kapitels bezüglich der alchymistischen Sprachform gesagt worden ist. Hinzu kommt, daß Böhme auf die alte ebenfalls von Paracelsus her bekannte Signaturenlehre zurückgreift, wonach die Natur durch Form und Ausgestaltung wie durch eine Signatur (Zeichen) mitteilt, welche Qualität jeweils zugrundeliegt (2,24 ff) wobei die »Tinktur« für Böhme so etwas wie eine innerste geistig-physische Triebkraft darstellt, die in einer sehr differenzierten Weise zur Darstellung drängt. Von daher rührt schließlich die zustimmend-positive Einschätzung alles Kreatürlichen (3,24 f).

 

Das 4. Kapitel

stellt eigentlich nur die Einleitung zu einer vom Autor nicht mehr vollendeten Erörterung dar. Immerhin lassen Überschrift und Zitat aus (Joh. 6,11-13) eine umfassendere Darstellung erwarten. Doch der Text bricht unvermittelt ab. Der Herausgeber von 1730 sah sich daher schon zu der abschließenden Note veranlaßt: »Diese hochteure Pforte ist vom Autore weiter nicht eröffnet, nachdem er durch seine folgenden Schriften unter göttlicher Fügung davon abgehalten worden.«

So sei an den Schluß dieses Fragments ein Wort gesetzt, in dem Böhme die Aufgabe, die in seiner »Christosophia« enthalten ist, mit dem Inhalt seiner »Theoscopia« zu einer Einheit verbindet:

»Forsche nach dem Baum des christlichen Glaubens recht. Er stehet nicht in dieser Welt; wohl muß er in dir sein, aber du mußt mit dem Baume mit Christo in Gott sein, also daß dir diese Welt nur anhange, wie sie denn Christo auch nur anhing. Doch nicht also zu verstehen, daß diese Welt vor Gott

nichts taugte oder nütze wäre. Sie ist das Mysterium!« (De Incarnatione Verbi oder Von der Menschwerdung Jesu Christi, (3. Teil, 6,6).

 

Text

THEOSCOPIA

ODER DIE HOCHTEURE PORTE

VON GÖTTLICHER BESCHAULICHKEIT

 

Das 1. Kapitel

Was Gott sei und wie man sein göttliches Wesen an seiner Offenbarung erkennen soll.

1,1.  Die Vernunft spricht: Ich höre viel von Gott sagen, daß ein Gott sei, welcher alle Dinge habe erschaffen, auch alle Dinge erhalte und trage. Aber ich habe noch keinen gesehen oder von einem gehöret, der Gott habe gesehen oder der da könnte sagen, wo Gott wohne oder sei oder wie er sei. Denn so sie das Wesen dieser Welt ansiehet und betrachtet, wie es den Frommen gehe als dem Bösen, und wie alle Dinge tötlich und zerbrechlich sind, auch wie der Fromme keinen Erretter siehet, der ihn von der Angst und Widerwärtigkeit des Bösen erlöset, und also muß mit Ängsten im Elende zur Gruben fahren, so denket sie, es geschehen alle Dinge also ungefähr, es sei kein Gott, der sich des Leidenden annehme, weil er den, so auf ihn hoffet, im Elende lasse stecken und darinnen zur Gruben fahren, und man auch von keinem gehöret, der da sei aus der Verwesung wiederkommen und gesagt habe, er wäre bei Gott gewesen.

1,2.  Antwort: Die Vernunft ist ein natürlich Leben, dessen Grund in einem zeitlichen Anfang und Ende stehet, und nicht kommen mag in den übernatürlichen Grund, darinnen Gott verstanden wird. Denn ob sie sich gleich also in dieser Welt beschauet und in ihrer Beschaulichkeit keinen andern Grund findet, so empfindet sie aber doch in sich selber keine Begierde nach einem höhern Grunde, darinnen sie ruhen möge.

1,3.  Denn sie verstehet, daß sie ist aus einem übernatürlichen Grunde herkommen und daß ein Gott sein müsse, der sie habe in ein Leben und Wollen gebracht, und entsetzet sich in sich selber vor ihrem Wollen der Bosheit. Sie schämet sich in sich selber ihres eignen Wollens und urteilet sich in dem Wollen des Bösen für Unrecht. Ob sie gleich das Unrecht tut, dennoch klaget sie sich selber an und fürchtet sich vor einem Gerichte, das sie nicht siehet, welches andeutet, daß der verborgene Gott, der sich hat in Natur gebracht, in ihr wohnet und sie des bösen Weges strafet und daß derselbe verborgene Gott nicht der Natur der Empfindlichkeit sein müsse, weil ihn die Vernunft nicht siehet noch begreifet.

1,4.  Dagegen empfindet die verlassene Vernunft, welche allhie mit Unrecht ihres Bedünkens im Elende gequälet wird, eine Begierde in sich, sich selber zu verlassen, und ergiebet sich willig dem Leiden, tritt aber in ihrem Unrecht-Leiden in eine Hoffnung, daß sie dasjenige, was sie hat geschaffen, werde von dem Leiden in sich einnehmen und begehret in deme zu ruhen, das nicht leidentlich ist, und suchet in deme Ruhe, das sie selber in sich nicht ist. Sie begehret des Sterbens in ihrer Ichheit und begehret doch nicht, ein Nichts zu sein, sondern begehret nur der Qual abzusterben, auf daß sie möge in sich selber ruhen.

1,5.  Dem Leiden ergibt sie sich darum, auf daß der Peinlichkeit Gewalt ihr Leiden töte und sie in ihrem Leben möge durch den Tod ihres Selbststerbens, indem sie ein peinlich Leben ist, in das unpeinliche, unleidende eingehen.

1,6.  In diesem verstehet man recht den verborgenen Gott, wie er sich im Gemüte des Menschen offenbare und das Unrecht im Gewissen strafe und das Unrecht-Leidende durch Leiden zu sich ziehe, und wie das Vernunft-Leben, als das natürliche Leben, müsse im Leiden eine Begierde überkommen , sich wieder in das einzuwenden, daraus es ist gegangen, und wie sichs müsse begehren, selber zu hassen und des natürlichen Wollens abzusterben, auf daß es möge das übernatürliche erreichen.

1,7.  Die Vernunft spricht: Warum hat Gott ein peinlich leidend Leben geschaffen? Möchte es nicht ohne Leiden und Qual in einem bessern Zustand sein, weil er aller Dinge Grund und Anfang ist? Warum duldet er den Widerwillen? Warum zerbricht er nicht das Böse, daß allein ein Gutes sei in allen Dingen?

1,8.  Antwort: Kein Ding ohne Widerwärtigkeit mag ihme selber offenbar werden; denn so es nichts hat, das ihme widerstehet, so gehets immerdar vor sich aus und gehet nicht wieder in sich ein. So es aber nicht wieder in sich eingehet als in das, daraus es ist ursprünglich gangen, so weiß es nichts von seinem Urstand.

1,9.  Wenn das natürliche Leben keine Widerwärtigkeit hätte und wäre ohne ein Ziel, so fragte es niemals nach seinem Grunde, woraus es sei herkommen. So bliebe der verborgene Gott dem natürlichen Leben unerkannt. Auch so keine Widerwärtigkeit im Leben wäre, so wäre auch keine Empfindlichkeit noch Wollen noch Wirken, auch weder Verstand noch Wissenschaft darinnen. Denn ein Ding, das nur einen Willen hat, das hat keine Schiedlichkeit. So es nicht einen Widerwillen empfindet, der es zum Treiben der Bewegnis ursachet, so stehts stille. Denn ein einig Ding weiß nichts mehr als eines, und ob es gleich in sich gut ist, so kennets doch weder Böses noch Gutes, denn es hat in sich nichts, das es empfindlich macht.

1,10.       Also können auch wir von dem Willen Gottes philo sophieren und sagen: Wenn sich der verborgene Gott, welcher nur ein einig Wesen und Wille ist, nicht hätte mit seinem Willen aus sich ausgeführet und hätte sich aus der ewigen Wissenschaft im Temperamento in Schiedlichkeit des Willens ausgeführet und hätte nicht dieselbe Schiedlichkeit in eine Infaßlichkeit zu einem natürlichen und kreatürlichen eingeführet, und daß dieselbe Schiedlichkeit im Leben nicht im Streit stünde, wie wollte ihm dann der verborgene Wille Gottes, welcher in sich nur einer ist, offenbar sein? Wie mag in einem einigen Willen eine Erkenntnis seiner selber sein?

1,11.       So aber eine Schiedlichkeit in dem einigen Willen ist, daß sich die Schiedlichkeit in Centra (das Innere) und Eigenwillen einführet, daß also in dem Abgeschiedenen ein eigener Wille ist und also in einem einigen Willen ungründliche und unhaltbare Willen entstehen wie die Zweige aus dem Baume, so sehen und verstehen wir, daß sich in solcher Schiedlichkeit ein jeder abgeschiedener Wille in eine eigene Form einführet, und daß der Streit der Willen um die Form ist, daß eine Form in der Teiligkeit nichts als die andere, und stehen doch alle in einem Grunde.

1,12.       Denn ein einiger Wille kann sich nicht in Stücke voneinander brechen, gleichwie sich das Gemüte nicht in Stücke bricht, wenn sichs in ein Böses und Gutes Wollen scheidet, sondern der Ausgang der Sensuum (Sinne) scheidet sich nur in ein Böses und gutes Wollen, und das Gemüt in sich bleibet ganz und leidet, daß ein böses und gutes Wollen in ihm entstehe und wohne.

1,13.       So spricht die Vernunft: Wozu ist das gut und nütze, daß bei dem Guten muß ein Böses sein? — Antwort: Das Böse oder Widerwillige ursachet das Gute, als den Willen, daß er wieder nach seinem Urstand, als nach Gott dringe, und das Gute, als der gute Wille, begehrend werde. Denn ein Ding, das in sich nur gut ist und keine Qual hat, das begehret nichts, denn es weiß nichts bessers in sich oder vor sich, danach es könnte lüstern.

1,14.       Also auch können wir vom einigen guten Willen Gottes philosophieren und sagen, daß er nichts in sich selber könne begehren, denn er hat nichts in oder vor sich, das ihm etwas könnte geben, und führet sich darum aus sich aus in eine Schiedlichkeit, in Centra, auf daß eine Widerwärtigkeit entstehe in dem Ausfluß, als in dem Ausgeflossenen, daß das Gute in dem Bösen empfindlich, wirkend und wollend werde, als nämlich sich wollen von dem Bösen scheiden und wieder wollen in den einigen Willen Gottes eingehen.

1,15.       Weil aber der Ausfluß des einigen ewigen Willens Gottes immerdar aus sich ausgehet zu seiner Offenbarung, so fließt auch das Gute, als die göttliche Kraft aus dem ewigen Einen mit solchem Ausfluß aus und gehet mit in die Schiedlichkeit und in die Centra der Vielheit ein.

1,16.       So ursachet nun der immerwährende Ausfluß des Willens das Gute in ihme mit seiner Bewegnis, daß sich das Gute wieder nach dem Stillestehen sehnet und begehrlich wird, wieder in das ewige Eine einzudringen. Und in solchem Eindringen in sich selber, wird das Eine beweglich und begierlich; und in solcher Wirkung steht die Empfindlichkeit, Erkenntnis und das Wollen.

1,17.       Gott, soviel er Gott heißet, kann nichts wollen als sich selber, denn er hat nichts vor und nach ihn das er wollen kann. So er aber etwas will, so ist dasselbe von ihm ausgeflossen und ist ein Gegenwurf seiner selber, darinnen der ewige Wille in seinem etwas will. So nun das Etwas nur eines wäre, so hätte der Wille darinnen kein Vollbringen. Und darum hat sich der ungründliche Wille in Anfänge geschieden und in Wesen eingefasset, daß er in das etwas möge wirken, wie man ein Gleichnis am Gemüte des Menschen hat.

1,18.       Wenn das Gemüt nicht selber aus sich ausflösse, so hätte es keine Sinnen. So es aber keine Sinnen hätte, so hätte es auch keine Erkenntnis seiner selber, auch keines andern Dinges, und könnte keine Verbringung oder Wirkung haben. Aber der sinnliche Ausfluß aus dem Gemüte, der ein Gegenwurf des Gemüts ist, darinnen sich das Gemüt empfindet, machet das Gemüt wollend oder begehrend, daß das Gemüt die Sinnen in etwas einführet, als in ein Centrum einer Ichheit, darinnen das Gemüt mit den Sinnen wirket und sich selber in dem Wirken mit den Sinnen offenbaret und beschauet.

1,19.       So nun in diesen Centris der Sinnen im Gegenwurf des Gemütes kein Contrarium (Gegensatz) wäre, so wären alle Centra der ausgeflossenen Sinnen nur eines, in allen Centris der Sinnen nur ein einiger Wille, der täte immerdar nur ein Ding. Wie wollten dann die Wunder und Kräfte göttlicher Weisheit durch das Gemüt, welches ein Bilde göttlicher Offenbarung ist, erkannt und in Figuren gebracht werden?

1,20.       So aber ein Contrarium, als Licht und Finsternis, darinnen ist, so ist ihme dieses Contrarium selber widerwärtig und ursachet je eine Eigenschaft die andere, daß sich die andere in Begierde einführet wider die andern wollen streiten und sie zu beherrschen. In welcher Begierde die Sinnen und das Gemüt in einen natürlichen und kreatürlichen Grund zu einem eigenen Wollen eingeführet wird, als zu einer Beherrschung in seinem Etwas, als in seinem Centro über alle Centra, als ein Sinn des Gemüts über den andern.

1,21.       Daher Streit und Angst, auch Widerwille im Gemüt urständet, daß das ganze Gemüt dadurch geursachet wird, wieder in eine Zerbrechung der Sinnen und Selb-Wollens der Sinnen, als der natürlichen Centrorum einzugehen und sich aus den Peinen des Widerwillens und Streits aus Angst in die ewige Ruhe, als in Gott, daraus es entsprungen ist, einzuersenken wollen.

1,22.       Und hieraus entstehet Glaube und Hoffnung, daß das ängstliche Gemüt einer Erlösung hoffet und sich wieder nach seinem Ursprung, als nach Gott, sehnet.

1,23.       Also sollen wir auch die göttliche Offenbarung verstehen; denn alle Ding haben ihren Anfang aus dem Ausfluß göttlichen Willens, es sei Bös oder Gut, Lieb oder Leid. Und da doch der Wille Gottes kein Ding ist, weder Natur noch Kreatur, darinnen keine Pein, Leid noch Widerwill ist, sondern aus dem Ausfluß des Worts, als durch den Ausgang des unergründlichen Gemüts — welches die Weisheit Gottes, als das große Mysterium ist, darinnen der ewige Verstand im Temperamento innen lieget — daraus ist geflossen das Verständnis und Erkenntnis. Und derselbe Ausfluß ist ein Anfang des Wollens, da sich die Verständnis hat in Gestaltnisse geschieden. So sind die Gestalten, eine jede in sich, begehrende geworden, ihrer Gleichheit auch einen Gegenwurf zu haben. Und dieselbe Begierde ist eine Infaßlichkeit zur Selbheit oder Eigenhaftigkeit, als zu einer Stätte gewesen, als zum Etwas. Und aus diesem Etwas, ist das Mysterium Magnum (großes Geheimnis) als die unnatürliche Kraft, wesentlich und natürlich worden, und hat sich das Etwas eingefasset zu einem eigenen Willen.

1,24.       Denn dieser eigene Wille ist ein Grund seiner Selbheit und schließt sich ein als ein begehrender Wille, davon die magnetische Impression zur Schärfe und Härte seinen Urstand hat genommen und ein Grund der Finsternis und des peinlichen Empfindens ist, daraus Widerwillen, Angst und Fliehen, als die Empfindlichkeit ihren Urstand hat. Und ist ein Grund der Natur, daraus die Vielheit der Eigenschaften kommt, daß in solcher Widerwärtigkeit ist je ein Wille aus dem anderen entstanden, sich von den Peinen zu scheiden, gleichwie die Sinnen aus dem Gemüte, da das Gemüt mit den Sinnen in steter Angst, Wirken, Wollen und Zerbrechen stehet.

1,25.       In solchem göttlichen Ausfluß, indeme sich die göttliche Kraft aus sich selber aushauchet und in Natur und Kreatur einführet und geführet hat, ist uns zweierlei zu erkennen, als zum ersten der ewige Verstand des innigen guten Willens, welcher ein Temperament ist und sich also nur in eine Empfindlichkeit und Wirken einführet, zur Offenbarung der Kraft, Farben und Tugend, daß die Kraft und Tugend in Schiedlichkeit und Formlichkeit erscheinen und die ewige Wissenschaft offenbar werde und in Erkenntnis komme, daraus dann auch der engelische, seelische und kreatürliche Grund herkommen ist, sowohl die Thronen und Herrschaften (Kol. 1,16) samt der sichtbaren Welt.

1,26.       Und dann zum anderen ist uns der anfängliche Wille der Natur, als der Infaßlichkeit der Centrorum zu verstehen, da sich ein jedes Centrum in der Schiedlichkeit in eine Stätte zur Ichheit und Selbwollens, als ein eigen Mysterium oder Gemüt einschließt, daraus die Ungleichheit des Wollens urständet, wie in diesen beiden ein Contrarium entstehe, denn sie sind zwei in einem Wesen.

1,27.       Als (1.) das inwendige vom Urstand der göttlichen Kraft begehret nur einen Gegenwurf seiner Gleichheit, als ein Gutes, darinnen der gute, göttliche, ausgeflossene Wille wirke und sich offenbare. So begehret zum (2.) der selberborne, eigene, natürliche Wille in der Stätte der Selbheit der finstern Impression der Schärfe auch eine Gleichheit, als einen Gegenwurf durch seine eigene Infaßlichkeit, durch welches Infassen er sich materialisch machet und anders nicht begehret als nur seiner Korporalität, als eines natürlichen Grundes.

1,28.       In diesen beiden ist uns nun der gute und böse Wille in allen Dingen zu verstehen und wird hierinnen recht verstanden, wie der inwendige, geistliche Grund aller Wesen von göttlicher Kraft urstände und wie in allen Dingen auch eine eigene natürliche Begierde urstände, und wie alle Corpora der sichtbarlichen, empfindlichen Wesen in der Begierde der Natur urständen.

1,29.       Dabei wir nun klar merken sollen, daß, gleichwie sich die eigene, natürliche Begierde, welche Anfang hat, materialisch und sich einen Gegenwurf machet, als eine Gleichheit darinnen sie wirket, also auch machet ihme der göttliche Grund und Wille mit seiner Liebe Infaßlichkeit einen Gegenwurf und geistlich Wesen, darinnen der göttliche hl. Wille wirket und die göttliche Kraft in Formen und Schiedlichkeit einführet zur Offenbarung göttlicher Kraft und Herrlichkeit.

1,30.       Und werden in dieser Welt Wesen allemal zwei Wesen in einem verstanden, als zum ersten ein Ewig-, Göttlich- und Geistliches, und zum andern ein Anfänglich-, Natürlich-, Zeitlich- und Zerbrechliches in eigenem Willen. Da zweierlei Willen in einem Leben inne liegen, als zum ersten ein anfänglich-natürlicher darinne: der Wille ein eigen Astrum (Gestirn) ist und mit allen äußerlichen, natürlichen, elementischen und siderischen inqualieret (Harmonisiert), und zum andern ein ewiggeistlicher Wille oder ewig geistliches Wesen, welcher oder welches eine Infaßlichkeit oder ingefassetes Wesen des göttlichen Willens ist, damit ihme der göttliche Wille auch einen Gegenwurf und Wesen machet, darinnen er wirket. Und werden diese zwei Wesen in zweien Prinzipiis verstanden, das erste göttliche in einem himmlischen und das ander zeitliche in einem irdischen.

1,31.       Und wie nun das himmlische göttliche am irdischen anhangt, also auch das irdische am himmlischen, und ist doch keines das ander, denn das himmlische hat ein geistlich Wesen, welches nur eine wesentliche Kraft ist und durch das Irdische durchdringet und doch nur sein Prinzipium besitzet und dem irdischen Wesen Kraft gibet, daß es auch einen andern neuen Willen bekomme und sich nach dem himmlischen sehnet, welche Sehung ist eine Lust, von der Eitelkeit der Natur auszugehen, davon die Schrift saget: Es sehnen sich alle Kreaturen neben uns, von der Eitelkeit, der sie wider ihren Willen unterworfen sind, loszuwerden, (Röm. 8,19-22).

1,32.       Verstehets recht: Die ausgegangene Lust der göttlichen Kraft zur Natur, daraus die Natur und eigener Wille ist entstanden, sehnet sich, von dem natürlichen, eigenen Willen los zu sein.

1,33.       Dieselbe Lust ist mit der Impression der Natur über ihren Willen beladen um des Willen, daß sie Gott hat darein geführet. Die soll am Ende dieser Zeit von der aufgeladenen Eitelkeit der Natur erlöset und in eine kristallinische, klare Natur gebracht werden. Alsdann wird offenbar sein, warum sie Gott in eine Zeit geschlossen und sie der Peinlichkeit zum Leiden unterworfen hat, als nämlich darum, daß durch das natürliche Peinen die ewige Kraft mit in Formen, Gestalt und Schiedlichkeit zur Empfindlichkeit gebracht werde, und daß Kreaturen, als ein kreatürlich Leben in dieser Zeit darinnen offenbar würden und also ein Spiel in dem Gegenwurf göttlicher Weisheit sei. Denn durch die Torheit wird die Weisheit offenbar, darum daß ihr die Torheit eigen Vermögen zumisset und stehet doch in einem Grund und Anfang und ist endlich.

1,34.       So wird das unendliche Leben also durch die Torheit schaugetragen, auf daß darinnen ein Lob zur Ehre Gottes entstehe und das Ewige, Beständige in dem Tödlichen erkannt werde.

1,35.       Also wird der Vernunft auf ihre erste Frage geantwortet, indem sie meinet, es geschehen alle Dinge ungefähr und es sei kein Gott, weil er den Frommen lässet in Pein, Angst und Trübsal stehen und ihn endlich zur Gruben führet wie den Gottlosen; daß es scheinet zu sein, als nähme sich Gott keines Dinges an oder wäre kein Gott, dieweil sie ihn nicht siehet, kennet noch empfindet. So wird ihr gesaget, daß sie in ihrem eigenen Leben nur ein Gegenwurf des rechten Lebens ist, und so sie in sich keinen Hunger und Begierde empfindet nach deme, davon sie ist im Anfang entstanden, daß sie in ihrem Leben nur eine Torheit und Spiel sei, darinnen die Weisheit ihre Wunder verbringet.

1,36.       Denn sie siehet an dem Weisen auch nach der äußern Natur eine solche Torheit und siehet, wie Gott dieselbe Torheit des Weisen verlässet, daß sie muß in Schanden und Spotte stehen vor der eigenwilligen, närrischen Klugheit, welche doch nicht ihr Ende kennet. So meinet die törichte Vernunft, es sei kein Erretter, und weiß nicht, wie der Weise in sich selber errettet und von der angeerbten Torheit erlöset wird durch Eingehen seines eigenen Willens, indem sein eigener Wille durch das Peinen und Gegensatz der Gottlosen in sein Zerbrechen und in sein Nicht-Wollen eingehet und sich wieder in seinen ersten Urstand, als in Gottes Willen einer senket und darinnen neugeboren wird, und daß Gott an dem groben, sterblichen Fleische gedienet sei, daß er wollte die Errettung in das tierische, eigenwillige Leben einführen, sondern daß ihm an deme gelegen sei, daß der Eigenwille zerbreche und wieder in Gott sich ersenke. So wird das inwendige gute Wesen in Gottes Willen eingefasset und wird dem tödlichen Leibe nur desto mehr Pein wieder in eine eigene Begierde zur Selbheit eingehe und sich zum Herrscher über den inwendigen Grund aufwerfe und das wahre Bilde Gottes zerstöre.

1,37.       Dieses verstehet die irdische Vernunft nicht, denn sie kennet nicht, wie Gott in ihr wohnet und was Gottes Wille und Wesen sei. Sie weiß nicht, daß Gott durch sie wohnet und ihr also nahe ist, und daß ihr Leben nur eine Torheit der Weisheit sei, durch welches Leben sich die Weisheit offenbaret, auf daß erkannt werde, was Weisheit sei. Ihr Wille ist von Gott in die Selbheit eingegangen und rühmet sich eigenen Vermögens, und sieht nicht, wie ihr Vermögen anfänglich und endlich ist, daß es nur ein Spiegelwerk ist, durch welchen Spiegel sich die Weisheit eine zeitlang in der Narrheit der Weisen schauet und endlich durch solch Peinen der Gottlosen die Torheit an den Weisen zerbricht, indeme sie anfangen, das zerbrechliche, törichte Leben zu hassen und mit der Vernunft zu sterben und den Willen Gott zu ergeben.

1,38.       Dieses hält die irdische Vernunft für eine Torheit, zumal wenn sie siehet, daß auch Gott an den Weisen ihre irdische Torheit verlässet und den Leib solcher Torheit, darinnen sich die Torheit hat geschauet, lässet ohne Hilfe zur Grube fahren. So meinet sie, dieser Mensch habe keine Errettung von Gott empfangen, weil er ihme dann hat vertrauet, so müsse ja sein Glaube falsch gewesen sein, sonst hätte er ihn ja bei Lebenszeit errettet.

1,39.       Auch weil sie ihre Strafe nicht bald fühlet, meinet sie, es sei kein Ernst mehr da, und weiß nicht, daß sie, je länger je mehr, sich in die Torheit einfasset und ein starker Quall ewiger Pein in sich selber wird, daß, wenn ihr das Licht der äußern Natur zerbricht, darinnen sie hat eine zeitlang in der Ichheit stolzieret, sie alsdann in sich selber in ewiger Finsternis und Peinen stehet, daß ihre falsche, eigene Begierde eine eitle, rauhe, stachlichte, harte Schärfe und Widerwille ist.

1,40.       Sie hoffet diese Zeit auf eine äußerliche Hilfe und führet sich in Wollust ihres Willens, und hält das für ihr Himmelreich. Aber wenn ihr das äußere Licht im Tode verlischet, so stehet sie alsdann in ewigem Verzagen und siehet auch keinen Erretter um noch in sich.

1,41.       Aber der Weise wird sich in dieser Zeit selber zum Narren und lernet seine Torheit, welche die Vernunft für Klugheit hält, hassen. Also muß seine Weisheit, welche die Welt für Torheit hält, der Vernunft eine Torheit sein, daran sie sich ärgert. Und also hasset auch Gott in dem Weisen das törichte, tödliche Leben, gleichwie es der Weise selber hasset, auf daß das wahre göttliche Leben in ihme mit dem Verstand regiere. Und darum ist bei Gott keine Klag um den tödlichen Leib des Weisen, denn er fasset sein göttlich Ens in ihme in seinen Geist und Willen und lässet den Leib der Torheit mit den Törichten hinfahren in seine Grube, bis an den Tag zur Scheidung aller Wesen.

1,42.       Und das verstehet die Vernunft nicht, darum ist sie närrisch. Und soll ein Mensch nicht nach der Torheit, sondern nach Gottes Geist ein Mensch sein und richten, was göttlich ist, nach der bildlichen Vernunft, denn es stehet geschrieben: Wer auf das Fleisch, als auf die tödliche Vernunft eigenen Willens, bauet, der wird vom fleisch das Verderben erben; wer aber auf den Geist, als auf göttlichen Willen, bauet und setzet seinen Willen in die Hoffnung göttlicher Zusage, der wird vom Geist das ewige Leben erben, (Gal. 6,8).

 

Das 2. Kapitel

Vom Gemüt, Willen und Gedanken des menschlichen Lebens, wie dasselbe seinen Urstand vom Willen Gottes habe und wie es ein Gegenwurf, als ein Bild Gottes sei, in deme Gott wolle, wirke und wohne.

2,1.  Die Vernunft spricht: Weil das Gemüte mit den Sinnen ein anfänglich, natürlich Leben ist, welches in einer Zeit und Zerbrechlichkeit stehet, wie mag es dann in dieser Zeit zu dem übersinnlichen göttlichen Leben gebracht werden? Oder wie ist die göttliche Einwohnung im Leben?

2,2.  Antwort: Das Leben des Menschen ist eine Form des göttlichen Willens und ist vom göttlichen Einhauchen in das geschaffene Bild des Menschen kommen. Es ist das gebildete Wort göttlicher Wissenschaft, und ist aber vom Gegen-Hauchen des Teufels und Grimmes der zeitlichen Natur vergiftet worden, daß sich des Lebens Wille hat mit dem äußern irdischen Gegenwurf der tödlichen Natur gebildet, und von seinem Temperament in Schiedlichkeit der Eigenschaften kommen ist.

2,3.  Aus solchen Ursachen stehets noch in irdischer Bildnis und wird nun jetzt in dreien Prinzipiis betrachtet: Als im ersten Prinzipio nach seinem wahren Urstande, stehets im ausgehenden Willen Gottes in göttlicher Wissenschaft, welche anfänglich ein Temperamentum war, darin die göttliche Kraft sinnenhaft wirkete und recht ein Paradeis oder Wirken göttlicher Kräfte, darinnen verstanden ward als eine immerwährende Bildung göttlichen Willens, welches Grünen in dem Ausgang der guten Sinnen verstanden wird, dadurch sich die göttliche Weisheit figürlich auf göttliche Art bildete und durch solch Bilden das göttliche Verständnis durch des sinnlichen Lebens Ausgang offenbarete. Daher es recht ein Bilde Gottes genennet war, in dem sich der göttliche Willen offenbarete.

2,4.  Als aber dieses Leben im ersten Prinzipio vom grimmen Teufel angehauchet war in seiner Bildnis, daß ihme der Teufel einsprach, es war ihm nütz und gut, daß sich der Ausgang der Sinnen aus dem Leben vom Temperament abbräche und in ein eigen Bildnis nach den Eigenschaften der Vielheit einführete, zu probieren die Ungleichkeit, als Böses und Gutes zu erkennen und zu empfinden.

2,5.  So hat der eigene Wille des Lebens darein gewilliget und die Sinnen, als die ausgehende Lust, darein geführet und sich in die Selbheit gepresset oder gefasset.

2,6.  Greifbar ist das Verständnis des Lebens in den Eigenschaften offenbar worden, so hat es die Natur in der Ungleichheit gefangen und ihr Regiment emporgeführet. Davon ist es peinlich worden, und ist der inwendige göttliche Grund des guten Willens und Wesens verloschen, das ist, nach der Kreatur wirklos worden. Denn der Wille des Lebens brach sich davon ab und ging in die Empfindlichkeit, aus der Einheit in die Vielheit, und widerstrebete der Einheit, als der ewigen einigen Ruhe, dem einigen Guten.

2,7.  Als solches geschehen, so ist der göttliche Grund, als das zweite Principium, da sich die göttliche Kraft mit dem aushauchenden Willen Gottes hatte mit in das bildliche Leben, als in den Gegenwurf Gottes, eingebildet, verstehet, die Weisheit Gottes, als der wesentliche Wille Gottes, in dem falschen Willen verblichen. Denn die Ursache der Bewegnis des heiligen Wesens hatte sich zur Irdigkeit gewandt, in welcher Böses und Gutes im Streite stehet.

2,8.  Verstehets: Der ewige, ungründliche Wille des Lebens hatte sich vom heiligen göttlichen Ens (Sein, Wesen)) abgewandt und wollen in Bös und Gut herrschen. Und darum ist ihme das zweite Principium, als das Reich Gottes, verloschen, und ist ihm an dessen Statt das dritte Principium in der eigenen Bildlichkeit, als die Qual des Gestirnes und der vier Elementen, aufgewachet, davon der Leib grob und tierisch und die Sinnen falsch und irdisch worden sind.

2,9.  Also hat das Leben verloren das Temperamentum, als die ewige Ruhe, und hat sich mit der eigenen Begierde finster, peinlich, strenge, hart und rauh gemachet, und ist worden eine eitele Unruhe, und laufet nun in irdischer Kraft in einem ewigen Grunde, und suchet in der Zerbrechlichkeit Ruhe und findet aber keine. Denn die Zerbrechlichkeit ist nicht des Lebens Gleichheit. Darum so schwinget sich das Leben nun über das Wesen dieser Welt, und herrschet die tödliche Kraft der Sternen und der Elementen als ein eigener Gott der Natur, und ist mit solcher Herrschung närrisch und töricht worden, daß es in solcher irdischen Bildung und Eigenannehmen nicht mag seinen Grund und Urstand erkennen, worinnen seine ewige Ruhe stünde, und wird recht töricht genannt. Denn es hat sich aus dem göttlichen Ens in ein irdisch, tierisch Ens geführet und in ein zerbrechlich Wesen gesetzt, und will in dem herrschen, das ihme doch zerbricht und geschwinde wie ein Raum vergehet.

2,10.       Und so das zerbricht, darüber es hat zeitlich geherrschet, so bleibet alsdann das Leben in seiner Widerwärtigkeit im ersten Principio, in der Finsternis, und ist anders nichts als ein immerwährender, unerlöschlicher, peinlicher Feuer Quall, als die Teufel auch solche sind.

2,11.       Diesem gefangenen Leben ist die große Liebe Gottes wieder zu Hilfe kommen und hat sich alsbald nach solchem Abfall wieder in den inwendigen Ens, als in das verloschene Wesen göttlicher Eigenschaft eingehauchet und dem Leben zu einem Gegenwurf, als ein neuer Quellbrunn göttlicher Einigkeit, Liebe und Ruhe in den verblichenen göttlichen Ens eingegeben und sich darinnen eröffnet, daraus nun das Leben schöpfen und seine Peinlichkeit und Unruhe in den Centris der Eigenheit erlöschen mag.

2,12.       Auch hat sich dieser neue Quellbrunn göttlicher Liebe und Einigkeit mit seinem Ausfluß in Christo, in das wahre Leben aller drei Prinzipien menschlicher Eigenschaft eingeleibet und ist in die bildliche Sensus (Sinne) als in den natürlichen, kreatürlichen, abgewichenen bildlichen Willen des Lebens eingegangen und hat Menschheit angenommen und die Ichheit und eigen Wollen mit dem Einfluß der einigen Liebe Gottes, als mit dem ewigen Ein zerbrochen und den Willen des Lebens wiederum in das ewige Ein, als ins Temperamentum eingewandt, da dann des Teufels eingeführter Wille zerstöret und die Peinlichkeit des Lebens in die wahre Ruhe gebracht ward, und hat die Einschließung, als den Tod, zersprenget und das göttliche, sensualische, paradeisische Grünen mit den heiligen Sinnen und Wirken her niedergebracht und das heilige Leben durch die Einschließung des Todes durchgeführet und den Tod und Teufels Willen zum Spott gemacht, und also kräftig erwiesen, wie das ewige Ein könne mächtig über die Vielheit und Eigenheit herrschen, daß nicht die Macht der Bildlichkeit ein Gott sei, sondern die Macht der Über- und Unbildlichkeit alles beherrsche. Denn das Bildliche (Sichtbare) ist nur ein Gegenwurf des unbildlichen Willens Gottes, dadurch der Wille Gottes wirket.

2,13.       Weil aber die große Liebe Gottes in Christo ist dem menschlichen Leben in der irdischen Bildung also zu Hilfe kommen und uns arme Menschen in dem Leben der Menschheit Christi eine offene Gnadenpforte zum göttlichen Eingang gemacht hat, so hegts jetzund an dem, daß der gefangene Wille des Lebens in seiner Bildlichkeit das Irdische, als die Selbheit und eigen Willen, wieder verlasse und sich einig und allein in diese eingeleibte Gnade, welche von einem, als dem ersten Menschen auf alle gedrungen ist, (Röm. 5,18), ersenke und sich dieser Gnaden annehme und in Kraft solcher Annehmung und göttlicher Einigung sich mit dem gelassenen Lebenswillen in das übersinnliche, übergründliche, ewige Ein, als in den Grund des Lebens Anfang, ersenke und  sich wieder in den Grund einergebe, daraus das Leben entsprossen ist, so ists alsdann wieder in seinem ewigen Ort, als im Temperamento, in der wahren Ruhe.

2,14.       Die Vernunft spricht: Wie kann das ein Mensch tun, zumal die Schrift spricht (1.Kor. 15,45; Gen. 1,28), der erste Mensch sei zum natürlichen Leben gemacht, daß er herrsche über alle Kreaturen und Wesen dieser Welt, so ja das Leben die Begierde in die irdischen Eigenschaften einführen. — Antwort: Das menschliche Leben ist gesetzt in einen Gegenwurf göttlichen Willens, in uns, mit deme Gott will; und die irdischen Kreaturen sind gesetzt in einen Gegenwurf des menschlichen Lebens, in und mit deme der Mensch sollte wollen. Des Menschen Wollen sollte mit Gottes Wollen über alles natür- und kreatürliche Leben wollen und herrschen. Nicht in tierischer Wesensart sollte es stehen, sondern in göttlicher Essenz, ob der Mensch gleich mit dem Leben in die Natur gesetzt ward, so war doch seine Natur ein Temperamentum und sein Gehäuse göttlichen Willens.

2,15.       Weil aber nun jetzt das Leben in irdischer Essenz diese Zeit stehen muß und sich das nicht benehmen mag, so muß man ansehen die dreifache Art des Lebens nach den dreien Prinzipien, mit welchem Grunde des Lebens sich der Mensch in das übersinnliche Wesen Gottes schwingen könne und wie dasselbe könne und möge geschehen.

2,16.       Christus sprach (Joh. 15,5): Ohne mich könnet ihr nichts tun. — Kein Mensch kann aus eigenem Vermögen gelangen in den höchsten Grund, es sei denn, daß er seinen innersten Grund des ersten Prinzipii, nach des Lebens Bildlichkeit, in die eingeleibte Gnade Gottes ersenke und nach demselben Grund in göttlicher Hoffnung stille stehe vom eigenen Wesen und sich mit dem Wollen Gott ganz ergebe, in solchem Maße, daß sein Wollen nach solchem Grunde nicht mehr sprechen will, ohne was Gott durch diesen Grund spricht und will, so ist er am höchsten Ziel.

2,17.       Ists möglich, daß er mag eine Stunde oder weniger von seinem innerlichen Selb-Wollen und Sprechen stille stehen, so wird das göttliche Wollen ihm einsprechen, durch welches Einsprechen Gottes Wollen sein Wollen in sich fasset und dem bildlichen, natürlichen, essentialischen äußern Vernunft-Leben entspricht und die irdische Bildung des Vernunft-Willens zerschellet und erleuchtet, daß also zuhand das übersinnliche göttliche Leben und Wollen in dem Vernunft-Wollen grünet und sich einzentrieret.

2,18.       Denn so wenig das eigene Wollen des Lebens in der Selbheit und abgewandtem Wollen von Gottes Wollen in der Natur einen Augenblick stille stehen mag von seiner Wirkung, es ersenke sich denn außer aller Natur, so wenig mag auch das göttliche Sprechen in dem zu Grunde gelassenen Leben still stehen von seinem Wirken.

2,19.       Denn so das Leben von seinem Eigen-Wollen stille stehet, so stehets im Abgrund der Natur und Kreatur im ewigen Aussprechen Gottes, so spricht Gott darinnen.

2,20.       Denn von Gottes Sprechen ist das Leben ausgangen und in Leib kommen, und ist anders nicht als ein bildlicher Wille Gottes. Ists nun, daß das eigen Selber-Bilden und -Wollen stille stehet, so gehet das göttliche Bilden und Wollen auf, denn was willenlos ist, das ist mit dem Nichts ein Ding und ist außer aller Natur, welcher Ungrund ist Gott selber.

2,21.       Weil denn der Ungrund, als Gott, ein ewig Sprechen ist, als ein Aushauchen seiner selber, so wird auch dem gelassenen Leben der Ungrund eingesprochen. Denn das Hauchen des Ungrundes spricht durch den stillstehenden Grund des Lebens; denn das Leben ist aus dem göttlichen Hauchen entstanden und ist eine Gleichheit (Entsprechung) göttlichen Hauchens. Darum faßt eine Gleichheit die andere, wie wir das an des Lebens Sinnen verstehen, welche auch ein solcher Ausgang und Gegenwurf vom göttlichen Gemüte sind, wie das Gemüt ein Ausgang und Gegenwurf vom göttlichen Gemüte göttlicher Wissenschaft ist.

2,22.       Wie sich nun Gott mit seinem Aushauchen seiner ewigen Weisheit und Wissenschaft mit der Natur und Kreatur, beides mit dem inwendigen heiligen Leben (Willen) mit dem Leben der Engel und Menschen offenbaret und seinen Willen seiner Wissenschaft in Bildung einführet zum Wieder-Aussprechen durch gebildete lautbare Art, sowohl mit der Natur und ihrer Wiederaushauchung der Kreaturen der sichtbaren Welt, und hat immerdar das äußere von der Natur ausgesprochene, dem innern Grund untertänig gemacht, daß das Innere durch das Äußere, Korporalische herrschen und ein Geist des Äußern sein soll.

2,23.       Also wisset, daß auch das eingewandte, neugeborne Leben des Menschen in göttlicher Kraft und Macht über das äußere Vernunft-Leben von Sternen und Elementen herrschen kann und soll. Und so das nicht geschiehet, daß das inwendige ewige Leben im Menschen in göttlicher Kraft und Licht über das äußere, irdische, astralische Leben der tödlichen Lust herrschet und der irdischen Lust, darinnen das Schlangenmonstrum stecket, den Willen zerbricht, so ist noch keine neue Wiedergeburt oder göttlicher Wille in solchem Leben im Wirken oder offenbar, und ist solcher Mensch, alsolang er im irdischen Willen allein stehet, kein Kind des Himmels. Denn die göttliche Szienz (Weisheit) ist in irdische, tierische Eigenschaft durch die Selb-Bildung des falschen Willens gewandelt und ist nach dem Leib ein böses Tier und nach der Seelen ein abgewandter falscher Wille, der nicht mit Gott will, auf Art der Teufel, welche auch in eigener Bildung der sinnlichen Wissenschaft stehen.

2,24.       Deshalben sagte Christus, (Matth. 12,30): Wer nicht mit mir sammelt, das ist, wer nicht mit der eingeleibten Gnade Gottes, welche Gott durch Christentum hat offenbaret und darbietet, wirket, will und tut, sondern wirket durch natürlichen eigenen Willen, der zerstreuet nicht allein die göttliche Ordnung der Sinnen, sondern er streuet auch seine Werke in falschen Grund.

2,25.       Sehet an ein Gleichnis der Sonnen: Wenn ein Kraut nicht Saft hat, so verbrennets der Sonnenstrahl. Hats aber Saft, so erwärmet es der Sonnenstrahl, davon es wächset. Also auch im Leben der Essenz im Menschen. Hat dasselbe nicht Ens von Gottes Sanftmut und Liebe, als von dem ewigen Ein, so impresset sichs eine grimmige, feurige Schärfe, daß das Gemüt ganz rauh, hungerig, geizig, neidig und stachlicht wird. Und solcher falscher Sinn und Wille gehet auch hernach aus dem Leben in Leib und in alle seine Wesen und Werke.

2,26.       Also zerstreuet und zerbricht solche feuernde, geizige, neidische Art mit dem scharfen Sensu (Sinnesart) des Lebens alles, das gut ist. Mit allem dem, damit es umgehet, ist Gefahr, denn es führet seine Giftstrahlen darein und will alles an sich ziehen und sein Gift darein führen, als den hungerigen Geiz. Ist es aber, daß das feurige Leben mag von göttlicher Liebe essen, so ists ein Gleichnis, wie ein Licht vom Feuer ausdringet und gehet. Also auch dringet das rechte Leben von der feuernden Art mit einem neuen Geist und Willen göttlicher Liebe von innen aus, und ist nicht mehr nehmend, wie des Feuers Art ist, sondern gebend. Denn der Liebe-Wille gibt sich selber wie das Licht aus dem Feuer, welches sich in alle Dinge gibt und in allem ein Gutes wirket.

2,27.       Wenn die Sonne in der Tiefe der Welt nicht mehr schiene, so würde der Spiritus Mundi in der Schärfe des Gestirns in der sulphurischen, merkurialischen1 Art in den vier Elementen ganz streng, rauh, trocken, herb, dick, finster und hart. So ging alles Leben in den Elementen zu Grund und würde man bald sehen, was die Hölle und Gottes Zorn sei.

1) Schwefel und Quecksilber im Sinne der alten Alchymie.

2,28.       Also auch im gleichen wie der äußere Mensch ist ein Limus (Materie) der äußern elementischen Welt, dessen Leben in der Sonnen- und Sternenkraft stehet, und der Leib, wie denn auch die Erde eine Coagulation (Gerinnung) des Spiritus Mundi ist. Und so der in seinem Nutrimento (Nahrung) in der Speisung nicht möchte der Sonnen Licht-Liebe-Kraft haben, er ganz bös, feurig und tödlich werden würde und das äußere Leben zu Grunde gehen müßte.

2,29.       Also auch im gleichen ist die Seele ein Limus von der inneren geistlichen Welt aus dem Mysterio Magno, als aus dem Ausgang und Gegenwurf göttlicher Wissenschaft, welche ihr Nutriment muß aus dem Mysterio Magno göttlicher Kraft und Wissenschaft nehmen. Ist es nun, daß sie nicht mag das Ens göttlicher Liebe zu ihrer Speisung haben, daß sie sich vom Ungrund, als von der Gelassenheit, abbricht, so wird sie auch also scharf, feurig, finster, rauh, stachlicht, neidig, feindig, widerwillig und eine ganze Unruhe ihr selber und führet sich selber in eine tödliche sterbende, grimmige Qual ein, welche ihre Verdammnis ist, darinnen sie verdirbet, wie dem Teufel geschehen ist und auch allen Gottlosen geschiehet.

2,30.       Ists aber, daß solcher Feuerquall mag wieder göttliche Liebe, als das wesentliche Licht Gottes, erreichen und in sich empfangen, so wird solcher seelischer Feuerquall in ein Freudenreich, ins Lob Gottes verwandelt. Aber ohne umgewandten Willen, so der nicht still stehen mag von seiner Impression und Einschließung, ists nicht möglich. Denn das Licht der Sonnen mag in einem harten Stein nicht also wirken als in Metallen, Kräutern und Bäumen, denn das Wasser wird darinnen in eine harte Impression gefasset und koagulieret.

2,31.       Also auch mit dem falschen eigenen Willen der Seelen mit göttlicher Sanftmut zu verstehen ist. Daß also die göttliche Sanftmut in solcher geizigen, neidigen Feuerbegierde keine Wirkung verbringet. Daher Christus recht sagte, (Joh. 6,53): Welch Leben des Menschen nicht essen würde das Brot, das vom Himmel kommen sei, der Welt das Leben zu geben, das hätte kein Leben in sich. Damit deutet er an die wesentliche Liebe, welche Gott in ihm — in Christo — durch einen neuen Quellbrunn der armen verdorreten Seelen zur Erquickung hat offenbaret. Welche Seele nicht davon essen würde, die möchte das göttliche Licht nicht erreichen und wäre ohne göttlich Leben, wie er sich denn (Joh. 8,12) das Licht der Welt nennet; item in Psalmen, ein Licht, das im Finstern leuchtet, das die Finsternis in Licht wandelt, (Psalm 112,4).

 

Das 3. Kapitel

Vom natürlichen Grunde. Wie die Natur ein Gegenwurf göttlicher Wissenschaft sei, dadurch sich der ewige einige Wille mit der ungründlichen, übernatürlichen Wissenschaft empfindlich, sichtlich, wirkende und wollende mache; und das Mysterium Magnum, wie alles von, durch und in Gott sei; wie Gott allen Dingen so nahe sei und alles in allen erfülle. — Eine hochteure Pforte, dem gottliebenden Leser wohl zu betrachten.

Im (Joh. 1,1-3) stehet: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort; dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

3,1.  Der Anfang aller Wesen ist das Wort, als das Aushauchen Gottes gewesen, und Gott ist das ewige Ein gewesen von Ewigkeit und bleibets auch in Ewigkeit. Aber das Wort ist der Ausfluß des göttlichen Willens oder der göttlichen Wissenschaft. Gleichwie die Sinnen aus dem Gemüte ausfließen und das Gemüt doch nur ein Ein ist, also ist auch das ewige Ein mit in dem Ausfluß des Willens gewesen, das heißet: Im Anfang war das Wort. Denn das Wort, als der Ausfluß von dem Willen Gottes, ist der ewige Anfang gewesen und bleibets ewig. Denn er ist die Offenbarung des ewigen Einen, damit und dadurch die göttliche Kraft in eine Wissenschaft des Etwas gebracht wird. Und verstehen mit dem Wort den offenbaren Willen Gottes, und mit dem Wort Gott verstehen wir den verborgenen Gott, als das ewige Ein, daraus das Wort ewig entspringet.

3,2.  Also ist der Ausfluß des göttlichen Ein das Wort, und doch Gott selber, als seine Offenbarung.

3,3.  Dieser Ausfluß fließt aus Gott, und das Ausgeflossene ist die Weisheit, aller Kräfte, Farben, Tugend und Eigenschaften Anfang und Ursach.

3,4.  Aus solcher Offenbarung der Kräfte, darinnen sich der Wille des ewigen Ein beschauet, fließt aus der Verstand und die Wissenschaft des Ichts, da sich der ewige Wille im Ichts schauet und in der Weisheit in Lust einführet zu einem Gleichnis und Ebenbildnis.

3,5.  Und dieselbe Ebenbildnis ist das Mysterium Magnum als der Schöpfer aller Wesen und Kreaturen, denn es ist der Separator in dem Ausfluß des Willens, welcher den Willen des ewigen Ein schiedlich machet. Er ist die Schiedlichkeit im Willen, daraus Kräfte und Eigenschaften urständen.

3,6.  Dieselben Kräfte sind wieder ein Ausfluß ihrer selber, da sich eine jede Kraft in eigenen Willen nach derselben Kraft Tugend einführet. Daher die Vielheit der Willen urständet, und daraus auch das kreatürliche Leben der Ewigen seinen Ursprung genommen hat, als Engel und Seelen, und man doch nicht sagen kann, daß hierinnen eine Natur oder Kreatur verstanden sei, sondern die ewige Bildlichkeit göttlichen Worts und Willens, da der Geist Gottes in einem solchen Gegenwurf in den Kräften der Weisheit in solche Formungen der Gleichnisse mit sich selber gespielt hat.

3,7.  Gleichwie sich das Gemüt des Menschen im Verstande mit den Sinnen in einen Gegenwurf einer Ebenbildnis einführet und mit denselben ausfließt und in Bilder einfasset, welche Bilder die Gedanken des Gemütes sind, darinnen der Wille des Gemütes wirket und sich also mit der Lust in eine Schärfe, als in eine magnetische Annehmung einfasset, daraus Freud und Leid urständet.

3,8.  Also ist uns auch von dem ewigen Gemüte der Empfindlichkeit zu erkennen, daß sich der Ausgang des einigen Willens Gottes durch Wort in Schiedlichkeit habe eingeführet, und die Schiedlichkeit hat sich in Annehmlichkeit als in eigene Lust und Begierde zu seiner Selbst-Offenbarung eingeführet aus der Einheit in Vielheit.

3,9.  Die Begierde ist der Grund und Anfang der Natur der Empfindlichkeit des eigenen Willens, denn darinnen wird die Schiedlichkeit der Einheit in Annehmlichkeit gebracht, daraus die Schiedlichkeit der Willen in Empfindlichkeit einer Selbheit gebracht werden, darinnen das wahre, kreatürliche, empfindliche, engelische und seelische Leben verstanden wird.

3,10.       Denn der Wille des ewigen Ein ist unempfindlich ohne Neiglichkeit zu etwas, denn er hat nichts, dazu er sich könnte neigen, als nur in sich selber. Darum so führet er sich selber aus sich aus und führet den Ausfluß seiner Einheit in Vielheit, und in Annehmung zur Selbheit, als zu einer Stätte einer Natur, daraus Eigenschaften urständen. Denn eine jede Eigenschaft hat ihren eigenen Separatorem, Scheider oder Macher in sich und ist in sich selber ganz nach Eigenschaft der ewigen Einheit.

3,11.       Also führet der Separator jedes Willens wieder Eigenschaften aus sich aus, davon die unendliche Vielheit entstehet und dadurch sich das ewige Ein empfindlich machtet, nicht nach der Einheit, sondern nach dem Ausfluß der Einheit. Allein der Ausfluß führet sich so weit, bis in die größeste Schärfe mit der magnetischen Annehmlichkeit, bis in die feuernde Art, in welcher feuernden Art das ewige Ein majestätisch und ein Licht wird. Auch wird die ewige Kraft dadurch begierlich und wirkend und ist der Urstand des empfindlichen Lebens, da in dem Wort der Kräfte im Ausfluß ein ewig, empfindlich Leben urständet. Denn so das Leben keine Empfindlichkeit hätte, so hätte es kein Wollen noch Wirken. Aber das Peinen machet es wirkend und wollend. Und das Licht solcher Anzündung durchs Feuer machet es freudenreich, denn es ist eine Salbung der Peinlichkeit (Linderung der Peinigung).

3,12.       Aus diesem ewigen Wirken der Empfindlichkeit und Sinnlichkeit, da sich dieselbe Wirkung von Ewigkeit hat je also in Natur als in Eigenschaften eingeführet, ist die sichtbare Welt mit all ihrem Heer entsprungen und in ein Geschöpf gebracht worden. Denn die Ewigkeit solcher Wirkung zu Feuer, Licht und Finsternis hat sich mit der sichtbaren Welt in einen Gegenwurf geführet und den Separatorem in allen Kräften des ausgeflossenen Wesens durch die Begierlichkeit zu einem Amtmann der Natur geordnet, mit welchem der ewige Wille alle Dinge regieret, machet, formet und bildet.

3,13.       Also können wir mit nichten sagen, daß Gottes Wesen etwas Fernes sei, das eine sonderliche Stätte oder Ort besitze oder habe, denn der Abgrund der Natur und Kreatur ist Gott selber.

3,14.       Die sichtbare Welt mit ihrem Heer und Kreaturen ist anders nichts als das ausgeflossene Wort, welches sich hat in Eigenschaften eingeführet, da in den Eigenschaften ist eigener Wille entstanden. Und mit der Annehmlichkeit der Willen ist das kreatürliche Leben entstanden, welches Leben sich im Anfang dieser Welt hat in eine Annehmlichkeit zu einem kreatürlichen eingeführet, welches der Separator nach der Eigenschaft hat entschieden und in eineigen Wollen nach solcher Form gebracht. So ist mit dem eigenen Wollen solcher Begierde das Wesen, als der Leib, entstanden, einer jeden Annehmlichkeit aus seiner Gleichkeit und Eigenschaft. Dadurch hat sich der Separator signieret und sichtbar gemacht, wie an allem Leben zu erkennen ist.

3,15.       In solchem Gegenwurf göttlichen Willens sind uns nun zweierlei Leben zu verstehen, als erstlich ein ewiges und zum andern ein zeitliches, tödliches. Das ewige ist in dem Ewigen und urständet aus dem ewigen Wort, und stehet im Grunde der ewigen, geistlichen Welt, als im Mysterio Magno göttlichen Gegenwurfes, und ist das sinnliche, verständige Leben im Grunde des ewigen Feuers und Lichts.

3,16.       Der innerste Grund ist ein Funke des ausgeflossenen Willens Gottes durchs ewige Hauchen Gottes, und ist mit Gottes Wort verbunden, es ist anders nichts zu wollen als nur, was der einige Wille Gottes durch solchen Ausfluß will.

3,17.       Es ist anders nichts als ein Gehäuse göttlichen Willens, dadurch sich der göttliche Wille offenbaret, und ist zu keiner Eigenheit eigenen Willens offenbar worden, sondern nur zum Werkzeug göttlichen Willens, dadurch derselbe seine Wunderwerke verrichten will. Es ist der Separator göttlichen Willens, als ein Werkzeug Gottes, darein sich der göttliche Wille hat gebildet zu einem Wundertäter der Allmacht und Herrlichkeit, damit er will alle Dinge beherrschen, deswegen ihm auch ist göttliches Verständnis gegeben worden.

3,18.       Das andere Leben ist ein anfänglicher Ausfluß des Separatoris aller Kräfte und heißet Seele der äußern Welt, welches Leben in den ausgeflossenen Eigenschaften kreatürlich worden ist, und ist ein Leben aller Kreaturen der sichtbaren Welt, damit sich der Separator oder Schöpfer dieser Welt bildet und ein Gleichnis nach der geistlichen Welt machet, darinnen sich die Kraft der innern geistlichen Welt mit formet, bildet und schauet.

3,19.       Denn die geistliche Welt vom Feuer, Licht und Finsternis stehet in der sichtbaren elementischen Welt verborgen und wirket durch die sichtbare Welt, und bildet sich durch den Separatorem mit ihrem Ausfluß in alle Dinge nach jeden Dinges Art und Eigenschaft. Wie ein jedes Ding einer Art und Eigenschaft ist, eine solche Eigenschaft empfänget es auch vom Separatore der innern geistlichen Kraft. Nicht zu einer Habhaftigkeit und eigener Macht empfänget das sichtbare Wesen das unsichtbare, daß das äußere möchte dadurch in das innere verwandelt werden. Nein, das ist nicht. Die innere Kraft bildet sich nur damit, wie wir das an den Kräften der Kräuter, Bäume und Metallen verstehen, daß deren äußerlicher Geist nur ein Werkzeug des innern Geistes, als der innern Kraft sei, dadurch sich die innere Kraft in den äußern Geist bildet.

3,20.       Als wir denn in solchen Kräften der wachsenden dreirlei Spiritus verstehen in unterschiedenen Centris und doch nur in einem Corpore. Der erste und äußere Spiritus ist der grobe Schwefel, Salz und Mercurius, der ist ein Wesen der vier Elemente oder des Gestirnes nach der Sternen Rauhigkeit Eigenschaft. Dieser machet das Corpus und impresset sich selber oder fasset sich in ein Wesen oder zieht das innere aus dem geistlichen Separatore an sich, sowohl auch von außen die Elemente und coagulieret sich damit, davon alsbald die Signatur oder Bezeichnung vom Separatore geschiehet. Derselbe bildet das sichtbare Corpus nach der Eigenschaft der größten Kraft des Spiritus Mundi, als der Constellation der Sterne oder Eigenschaft der Planeten und jetzt entzündeten Elemente.

3,21.       Der andere Spiritus, welcher ein eigen Centrum hat, der liegt im Öle des Schwefels, den man die fünfte Essenz heißet, als eine Wurzel der vier Elemente. Dieser ist die Sänftigung und Freude des groben, peinlichen Schwefel- und Salz-Geistes, und nimmt sein Nutrimentum erstlich von innen aus dem Lichte der Natur, als vom Ausflusse der geistlichen Sanftmut vom innern geistlichen Feuer und Licht. Und zum andern von außen nimmt er sein Nutriment von der Sonnen und von der subtilen Kraft des Spiritus Mundi, und ist die rechte Ursach des wachsenden Lebens, eine Freude der Natur, wie die Sonne in den Elementen ist.

3,22.       Der dritte Spiritus ist die Tinktur, als ein Gegenwurf des göttlichen Mysterii Magni, da alle Kräfte in der Gleichheit innen liegen, und heißet recht Paradeis oder göttliche Lust. Der ist ein Gehäuse göttlicher Kraft, ein Gehäus der ewigen Seelen, daraus alle äußerlichen Kräfte entspringen, auf Art wie die Luft aus dem Feuer.

3,23.       Denn die Tinktur ist anders nichts als ein geistlich Feuer und Licht, da Feuer und Licht ein eigen (einig) Wesen innen ist. Weil sie aber auch ihren Separatorem, als den ausgeflossenen göttlichen Willen zur Offenbarung in sich hat, so ist sie der höchste Grund, daraus die erste Schiedlichkeit der Eigenschaften im Wesen dieser Welt urständet, und gehöret nach ihrer Selbst-Eigenschaft zur Ewigkeit. Denn ihr Urstand ist die heilige Kraft Gottes und hat ein eigen Centrum, als den allerinwendigsten Grund der Kreatur, welcher zwar der tödlichen Kreatur verborgen ist wegen des, daß der Mensch falschen Willen dagegen geführet. Daher der Fluch der Erden im Fall des Menschen entstund. Jedoch dringet dieser hohe, heilige Grund in sein eigen Centrum durch alle Wesen dieser Welt mit aus und fließt aus in die äußeren Kräfte, gleichwie die Sonne in die Elemente. Aber die Kreatur mag das Centrum dieser Kraft nicht berühren, es geschehe denn durch göttlich Zulassen, wie es in der neuen Wiedergeburt geschiehet.

3,24.       Solche Offenbarung siehet man an allen Dingen der Lebendigen und Wachsenden. Alle Dinge stehen in diesen dreien Prinzipiis oder Anfängen. Ein Exempel sehet ihr an einem Kraut auf Erden. Das hat sein Nutrimentum von in nen und außen, als von der Erden, und von außen von der Sonnen und Sternen, dadurch sich der Erden Spiritus samt dem äußern mit bildet. Wenn dasselbe aufwächset, so geschiehet das in solcher Gewalt, so bezeichnet sich von außen in dem Kraute mit der Bildung und Form desselben, der äußere Separator im Schwefel, Salz und Mercurio, denn er ist des Krautes Bewegnis und Empfindlichkeit und machet sich korporalisch.

3,25.       Daß, so ich ein Kraut sehe stehen, so sage ich mit Wahrheit: Dies ist ein Bild des Erdengeistes, in dem sich die oberen Kräfte erfreuen und es auch für ihr Kind halten, dieweil der Erdengeist mit den obern auswendigen Kräften ein Wesen ist. Und wenn das Kraut ausgewachsen ist, so blühets, so bezeichnet sich mit der Blüte der ölische Geist mit schönen Farben. Und mit dem lieblichen Geruch der Blüte bezeichnet sich die Tinktur, als der dritte Grund.

3,26.       Da man dann verstehet, daß sich der inwendige verborgene Geist der Elementen hat eröffnet und führet sich mit in die Bildung der Frucht ein. Denn die Erde hatte keinen solchen Geruch, weder Farben noch solche Tugend, so sich nicht die verborgene Kraft göttlichen Ausflusses offenbarete.

3,27.       Also auch an den Metallen zu sehen ist, welche auswendig ein grob Corpus vom Schwefel, Mercurio und Salz sind, darinnen das Wachstum stehet. Und in ihrem inwendigen Grunde sind sie ein schön klar Corpus, darinnen das eingebildete Licht der Natur von göttlichem Ausfluß scheinet, in welchem Glast man die Tinktur und große Kraft verstehet, wie sich die verborgene Kraft sichtbar machet. Man kann nicht von solcher Kraft sagen, daß sie elementisch sei, wie auch die Kraft der Blüte nicht. Die Elementen sind nur ein Gehäus und Gegenwurf der innern Kraft, eine Ursache der Bewegnis der Tinktur.

3,28.       Denn von der Tinktur gehet die Kraft durch Bewegnis des groben elementischen Geistes aus und führet sich dadurch in Empfindlichkeit, als in Geschmack und Geruch.

3,29.       Denn der Geruch ist anders nichts als die Empfindlichkeit der Tinktur, durch welche sich der Ausfluß göttlicher Kraft offenbaret und also Empfindlichkeit annimmt. Die Schärfe des Geruchs ist wohl elementisch, aber die wahre Kraft und Tugend in der Schärfe des Geruchs ist die Tinktur. Denn die Bewegnis eines Dinges ist nicht der höchste Grund der Kraft, sondern dieses, daraus die Ursache der Bewegnis kommt.

3,30.       Der Medicus braucht ein wohlriechend Kraut zu seinen Medikamenten, aber der Geruch, als die Schärfe des Geruchs, ist nicht die Kur, welche den Patienten in der Krankheit kurieret, sondern das ist die Kur, davon solcher Balsam oder Geruch urständet, als die Tinktur, welche sich in solchen Balsam einbildet.

3,31.       Christus sagte (Matth. 21,19) zum Feigenbaum: Verdorre! — Aber das äußere, lautbare menschliche Wort, als der Hall war nicht die Kraft, daß es geschahe, sondern das war die Kraft, daraus das Wort kam. Sonst so es der äußere menschliche Hall täte, so könnten es andere Menschen auch tun.

3,32.       Also dergleichen auch mit dem Glauben zu verstehen ist. Die Bekenntnis und Beifall eines Dinges ist nicht der rechte Glaube, viel weniger die Wissenschaft, sondern das ist der Glaub, daraus die Bekenntnis gehet, als der eröffnete Geist Gottes in dem innern Grunde der Seelen, welcher sich mit der Bekenntnis ins lautbare Wort bildet und äußerlich sichtbar machet und mit den sichtbaren Elementen des Leibes wirket und sich äußerlich erzeiget, daß man verstehet, daß Gottes Geist im Werke des Glaubens mitwirket, gleichwie er mit und durch die Kraft der elementischen Welt wirket und sich durch das Wesen dieser Welt mit einem Gegenwurf sichtbar machet.

3,33.       Also daß alles, was ich ansehe, es sei Bös oder Gut, so kann ich mit Wahrheit sagen: Allhie mit diesem Ding hat sich der verborgene Geist des Separatoris aller Wesen in eine Eigenschaft gebildet und hat ihm allhie einen Gegenwurf oder Bildnis nach seinem Ausfluß gemachet, entweder nach Bös oder Gut. Alles nach den Eigenschaften der Natur, nach Hitze oder Kälte, nach Herbe, Bitter, Süß oder Sauer oder wie das sei, so ist in aller solcher Bildung nur äußerlich eine solche elementische Art, als ein solcher Schwefel und Salz. Aber im inwendigen Grund, in der Tinktur, ist es gut und nütz und gehöret zu seiner Gleichheit, zum Nutrimento des Lebens, welches nach der astralischen und elementischen Art in allen Eigenschaft nach seinem äußern Grunde stehet.

3,34.       Ein jedes Ding, es sei Kraut, Gras, Bäume, Tier, Vögel, Fisch, Würmer oder was das immer sei, ist nütz und ist aus dem Separatore aller Wesen, als aus dem Wort oder schiedlichen Willen Gottes, gegangen, damit ihme der Separatore jedes Dings Eigenschaft hat ein Gleichnis oder Bild gemachet, darinnen er wirket.

3,35.       Denn diese sichtbare Welt mit allem ihrem Heer und Wesen ist anders nichts als nur ein Gegenwurf der geistlichen Welt, welche in dieser materialischen, elementischen verborgen ist, gleichwie die Tinktur in Kräutern und Metallen.

3,36.       Und wie sich die Tinktur mit ihrer Tugend in allen Dingen mit ihrem Ausfluß mitbildet und sichtbar machet, daß man an der Figur sowohl an den Farben und Geruch kann sehen und erkennen, was in der Tinktur für ein Separator oder Ausfluß göttlichen Willens aus dem Mysterio Magno sei ausgeflossen, also auch kann man auch an der sichtbaren Welt, an Sonne, Sternen, Elementen, Kreaturen und an allen Geschöpfen den innern Grund, daraus es ist entsprungen, erkennen.

3,37.       Denn kein Ding oder Wesen eines Dinges ist von fern an seinen Ort kommen, sondern an dem Ort, da es wächset, ist sein Grund. Die Elementen haben ihre Ursach in sich selber, davon sie entspringen. Also auch haben die Sternen ihr Chaos in sich selber, darinnen sie stehen.

3,38.       Die Elementen sind anders nichts als ein bildliches bewegendes Wesen des unsichtbaren unbewegenden.

3,39.       Also auch die Sternen sind ein Ausfluß der Eigenschaften der geistlichen Welt nach der Schiedlichkeit des Separatoris, welches Grund ist das Wort oder der schiedliche Wille Gottes.

3,40.       Das Wesen und Weben der Elementen ist Feuer, Luft, Wasser und Erden, darinnen ist dick und dünne, naß und trocken, hart und weich. Die sind zusammengesetzt in ein Wesen. Nicht daß jedes von einem sonderlichen Ursprung und Herkommen sei, sondern sie kommen alle nur aus einem einigen Grunde. Und dieselbe Stätte, da sie herkommen sind, ist überall. Nur zu denken, wie an einem Ort ist etwa eine mehrere Entzündung nach einer Eigenschaft geschehen als zum andern, davon die Bewegnis größer und der Materien in solcher Form und Wesen mehr worden ist als am andern, wie an den Materien der Erden, sowohl an dem Wasser und Luft zu verstehen ist, wie ein Unterschied in jedem Polo, als an jedem Ort über der Erden ist. Daher auch der Unterschied der Sitten und Tugenden, sowohl der Regimenter, Ordnung und Kreaturen sind.

3,41.       Die Scheidungen aber solcher Eigenschaften sind alle aus dem Mysterio Magno entstanden, durch die einmal Bewegnis der Kräften aller Wesen, als da sich hat der einige Wille aller Wesen auf einmal beweget und aus der Unempfindlichkeit in Empfindlichkeit und Schiedlichkeit der Kräfte ausgeführet und die ewige Kraft wirkende und wollende gemacht, daß in jeder Kraft ist ein Gegenwurf, als eine eigene Begierde entstanden. Dieselbe eigene Begierde in dem Gegenwurf der Kräfte hat sich wieder aus sich ausgeführet zu einem Gegenwurf, davon ist die Begierde solches Ausflusses scharf, streng und grob worden, und hat sich coagulieret (verfestigt) und in Materien gebracht.

3,42.       Und wie nun der Ausfluß der inneren Kräfte aus Licht und Finsternis, aus Schärfe und Linde, aus feuernder oder Lichtesart ist gewesen, also sind auch die Materien worden. Je weiter sich der Ausfluß einer Kraft erstrecket hat, je äußerlicher und gröber ist die Materia worden; denn es ist ja ein Gegenwurf aus dem andern gegangen, bis letztlich auf die grobe Erde.

3,43.       Wir müssen aber den Grund solcher Philosophia recht vollführen und andeuten, wovon hart und weich habe seinen Grund genommen, welches wir an den Metallen erkennen. Denn eine jede Materia, welche hart ist, als da sind Metallen und Steine, sowohl Holz, Kräuter und dergleichen, das hat in sich gar eine edle Tinktur und hohen Geist der Kraft, wie auch an den Beinen der Kreaturen zu erkennen ist, wie die edelste Tinktur nach des Lichts Kraft, als die größeste Süße im Marke der Beine, und dagegen im Geblüte nur eine feurische Tinktur lieget, als im Schwefel, Salz und Mercurio. Dieses verstehet man also:

3,44.       Gott ist das ewige Ein, als die größeste Sänfte, so viel er außer seiner Bewegnis und Offenbarung in sich selber ist. Aber seine Bewegnis, indem er ein Gott in Dreifaltigkeit heißet, als ein dreieiniges Wesen, da man drei und doch nur von einem saget, und da er die ewige Kraft und Wort heißet, — diese ist der teure und höchste Grund und also nachzusinnen, wie sich der göttliche Wille in eine Stätte der Selbheit, als zur Kraft einschließt und in sich selber wirket, und aber durch sein Wirken ausgehet und sich einen Gegenwurf, als die Weisheit, machet, dadurch aller Wesen Grund und Herkommen entsprungen ist.

3,45.       Also auch imgleichen wisset dieses: Alles was im Wesen dieser Welt weich, sanft und dünn ist, das ist ausfließend und sich selber gebend, und ist dessen Grund und Urstand nach der Einheit der Ewigkeit, da die Einheit immerdar von sich ausfließt, wie man dann an dem Wesen der Dünnheit, als am Wasser und Luft keine Empfindlichkeit oder Peinen verstehet, was dasselbe Wesen einig in sich selber ist.

3,46.       Was aber hart und impressend ist, als da sind Beine, Holz, Kräuter, Metallen, Feuer, Erde, Steine und dergleichen Materien, darinnen lieget das Bild göttlicher Kraft und Bewegnis und verschließt sich mit seinem Separatore, als dem Ausfluß göttlicher Begierde, als ein edles Kleinod oder Funke göttlicher Kraft vor der Grobheit. Und ist darum hart und feuernd, daß es seinen Grund göttlicher Infaßlichkeit hat, als da sich das ewige Ein immerdar in einen Grund der Dreifaltigkeit zur Bewegnis der Kräfte einführet und sich doch vor dem Ausfluß, als vor der Einführung des eigenen Willens der Natur verschließt und mit der Kraft der Einheit durch die Natur wirket.

3,47.       Also auch mit der edlen Tinktur zu verstehen ist: Wo sie am edelsten ist, da ist sie am meisten mit der Härte verschlossen, denn die Einheit liegt in ihr in einer Beweglichkeit, als in einer Empfindlichkeit des Wirkens. Darum verbirget sie sich. Aber in der Dünnheit lieget sie nicht in solcher Empfindlichkeit, sondern ist allen Dingen gleich, wie denn das Wasser und Luft allen Dingen gleich und in allen Dingen ist. Aber das trockene Wasser ist der rechte Perlengrund, darinnen sie subtile Kraft des Wirkens der Einheit im Centro lieget, den Unsern, so dies wert sind, hiermit angedeutet, sich um das Weiche ohne feuernde Art, darinnen Geheimnis zu suchen, nicht anzunehmen. Also verstehet dieses Geheimnis:

3,48.       Daß das Weiche und Dünne von der Einheit, von dessen Ausfluß aus dem Mysterio Magno urstände und der Einheit am nächsten sei, und dagegen der edelste Grund göttlicher Offenbarung in Kraft und Wirkung in der feuernden Härte liege und eine trockene Einheit, als ein Temperamentum sei, da die Schiedlichkeit aller Kräfte wieder innen lieget. Denn wo die Kräfte nicht in der Einheit eines Willens innen liegen, da ist der Wille zertrennet und ist keine große Kraft in dem Dinge zu verstehen, welches den Medicis wohl zu merken ist, daß sie nicht auf die groben Spiritus starken Geruchs sehen sollen und den für rechten Balsam halten, ob er wohl allda innen ist, so ist aber die Tinktur allda innen sehr beweglich und ausfliegend.

3,49.       Die Spiritus der starken Kraft im Geruch müssen ins Temperamentum gebracht werden, als in die Einheit, und nicht davonfliegen, da man alsdann will mit dem Salz, als mit des Feuers Schärfe kurieren und gibt dem Patienten Seele ohne Geist ein.

3,50.       Die Seele solcher Balsamen ist in den Eigenschaften zertrennet. Eine jede gibt sich in ihrer großen Freude in Sonderheit, und sind aber in der Zertrennung zu widerwillig. Sie einigen nicht des Lebens Feindschaft und Zertrennung, sondern zünden des Lebens Zertrennung mehr an.

3,51.       Verschließet sie und machet sie einig, daß sie alle einen Willen in der Liebe haben, so habt ihr das Perllein in der ganzen Welt. Zu Zorn reizen, machet Hoffart und Streit, welches an allen Dingen zu erkennen ist.

3,52.       Einen Gefangenen tröstet man nur mit seiner Befreiung, bis er seinen Willen in die Hoffnung setzet und sich mit Geduld fasset. So fällt endlich seine Unruhe in die Hoffnung ins Temperamentum und lernet in solcher Hoffnung demütig werden. So man ihm alsdann von seiner Befreiung saget, so erfreuet er sich.

3,53.       Also auch ihr Medici, merket es, das ist euer Perllein, so ihr dies verstehen möget. Der Sinn ist inwendig und auswendig.

 

Das 4. Kapitel

Von dem Ein und Aus. Wie sich der ewige Wille Gottes aus- und in Empfindlichkeit ein- und wieder in das Ein einführe. Da man verstehen kann, zu was Ende das Wesen dieser Welt geschaffen und wozu der kreatürliche Grund nütze. Auch zu was Ende Freude und Leid offenbar worden sei und wie Gott allen Dingen so nahe sei.

4,1.  Im (Joh. 1,11-13) stehet: Er — Jesus Christus — kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht an. Wie viel ihn aber annahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, welche nicht vom Geblüte noch vom Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

4,2.  In diesen Worten liegt der teure Grund göttlicher Offenbarung, als das ewige Ein und Aus. Denn sie reden von deme, wie das verborgene göttliche Wort göttlicher Kraft der Einheit sei her-aus in das aus-geflossene natürliche, kreatürliche, bildliche Wort, als in die Menschheit komme in sein Eigentum.

4,3.  Denn das aus-geflossene, bildliche, kreatürliche Wort ist des ewigsprechenden Wortes Eigentum; und wird damit klar angedeutet, daß ihn die Seinigen, als der abgewandte, bildliche eigene Wille, nicht hat angenommen, welcher eigene, bildliche Wille aus eigenem Grunde war entstanden, als aus Fleisch und Blut eigener Natur, von Mann und Weibe, das ist in dem Separatore des aus-geflossenen Willens, da sich der ewige Wille in Eigentum geschlossen hatte und in eigener Kraft und Macht aus-gehen und herrschen wollte.

4,4.  Dieser habe das ewige Wort, welches als ein Ausfluß göttlicher Gnaden wieder her-aus zu dem abgewandelten Willen kam, nicht angenommen, denn er wollte ein eigener Herr sein, welcher Wille sich aber habe umgewandelt, daß er wieder in dem göttlichen Ausfluß der Liebe sei neugeboren worden. Dem habe er Macht gegeben, Gottes Kind zu werden. Denn nicht der natürliche, eigene Wille kann die göttliche Kindschaft erben, sondern nur dieser, welcher mit der Einheit vereinbaret allen Dingen gleich ist, in deme Gott selber wirket und will.

4,5.  Darinnen wir klar verstehen, wie sich der inwendige Grund her-aus gewandt und sichtbar gemacht habe und ein Eigentum Gottes sei, als ein Ausfluß göttlicher Kraft und Willens.

 

 

Zeittafel

 

1575 Jakob Böhme wird als viertes Kind begüterter Bauersleute in Alt-Seidenberg bei Görlitz (Schlesien) geboren. Geburtstag und -monat sind nicht bekannt. Der Vater Jakob der einer alteingesessenen Familie entstammt, ist Kirchvater und Gerichtsschöffe.

Der Knabe besucht die Schule. Seiner schwächlichen Konstitution wegen erlernt er das Schuhmacherhandwerk in Seidenberg.

1599 24. April: Böhme erwirbt das Bürgerrecht in Görlitz.

10. Mai: Eheschließung mit Katharina Kuntzschmann,

21. August: Erwerb eines Hauses vor dem Neißtor auf dem Töpferberg.

1600 29. Januar: Jakob, der älteste Sohn, wird geboren.

Böhme hat sein großes Schauerlebnis, das durch ein Zinngefäß ausgelöst wird.

1610 Neuer Erleuchtungsstand.

Böhme bezieht ein neues Haus bei den Neißtoren.

1612 Anfang Januar bis Pfingsten: Niederschrift seines ersten Werks: »Die Morgenröte im Aufgang«, später »Aurora« genannt. Das Manuskript kursiert und wird ohne Wissen des Autors kopiert.

1613 Der Görlitzer Oberpfarrer Gregor Richter erfährt von dem Manuskript und kanzelt sein Gemeindeglied als gefährlichen Ketzer öffentlich ab.

26. Juli: Verhaftung durch den Magistrat. Das Manuskript wird beschlagnahmt. Böhme wird durch den Oberpfarrer verhört, der ein Schreibverbot über ihn verhängt.

1618 Beginn des Dreißigjährigen Kriegs.

Auf Drängen seiner Freunde setzt Böhme seine Aufzeichnungen fort.

1619 Als zweites Werk entsteht »Die Beschreibung der drei Prinzipien« (De tribus principiis).

In den folgenden Jahren verfaßt Böhme seine übrigen Werke, in denen er mit den Grundzügen seines Gottes-, Welt- und Menschenbildes bekanntmacht. Ein reger brieflicher Gedankenaustausch, niedergelegt in den »Theosophischen Sendbriefen«, verbindet Böhme mit einem ausgedehnten Schüler- und Freundeskreis.

1624 Januar: Johann Siegismund von Schweinichen läßt Böhmes »Der Weg zu Christo«, eine Sammlung von drei kleinen christosophischen Schriften, bei Johann Rhamba in Görlitz drucken. Heftige Angriffe durch den Oberpfarrer sind die Folge.

7. November: Böhme kehrt schwerkrank von einer Besuchsreise bei schlesischen Freunden nach Görlitz zurück. Freunde, darunter der Görlitzer Arzt Tobias Kober, betreuen den Todkranken. Auf dem Sterbebett muß Böhme ein Glaubensverhör über sich ergehen lassen, bevor man ihn kommunizieren läßt.

17. November: Jakob Böhme stirbt in seinem Görlitzer Haus an der Neißebrücke.

 

 

Literaturhinweise

 

Eine ausführliche bibliographische Übersicht über Textausgaben, Gesamtdar-stellungen und Einzelstudien ist enthalten in: Gerhard Wehr: Jakob Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlt Monographie 179), Reinbek 1971, 61991 S. 145 ff.

 

Gesamtausgabe

Jakob Böhme: Sämtliche Schriften. Reprint der Ausgabe von 1730 in 11 Bänden, begonnen von August Faust, neu hrg. von Will-Erich Peuckert. Stuttgart-Cannstatt 1955-61.

 

Urschriften

Jakob Böhme: Die Urschriften. Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, hrg. von Werner Buddecke. Bd. I, Stuttgart 1963; Bd. II, Stuttgart 1966.

 

Hauptschriften

"Aurora oder Morgenröte im Aufgang." Hrg. und kommentiert von Gerhard Wehr.

"Christosophia. Ein christlicher Einweihungsweg." Hrg. und kommentiert von Gerhard Wehr.

Beide Insel Verlag Frankfurt/M. 1992.

In Vorbereitung:

Von der Gnadenwahl (1992)

Theosophische Sendbriefe I/II (1992)

Von der Menschwerdung Jesu Christi (1993)

Beschreibung der drei Prinzipien

De Signatura Rerum

Mysterium Magnum

 

Auswahlbände

Jakob Böhme: Die Morgenröte bricht an. Zeugnisse der Naturfrömmigkeit und der Christuserkenntnis. Ausgewählt und eingeleitet von Gerhard Wehr. Freiburg 1983 (Herderbücherei 1077)

Im Zeichen der Lilie. Aus den Werken des christlichen Mystikers

Jakob Böhme. Ausgewählt und kommentiert von Gerhard Wehr. München: E. Diederichs 1991

 

Sekundärliteratur

Anderson, Bo: Studien zu Jakob Böhmes Aurora oder Morgenröte im Aufgang. Stockholm 1986

Benz, Ernst: Der vollkommene Mensch nach Jakob Böhme. Stuttgart 1937

Böhme, Gernot (Hrg.): Klassiker der Naturphilosophie. München 1989, S. 158-170

Bornkamm, Heinrich: Luther und Böhme. Bonn 1925 (Arbeiten zur Kirchengeschichte 2)

Deghaye, Pierre: La Naissance de Dieu ou la Doctrine de Jacob Boehme. Paris 1985

Faivre, A./Zirnmermann, R. C. (Hrg.): Epochen der Naturmystik. Hermetische Tradition im wissenschaftlichen Fortschritt. Berlin 1979

Grunsky, Hans: Jakob Böhme. Stuttgart 1956

Jecht, Richard: Die Lebensumstände Jakob Böhmes, in: Jakob Böhme. Gedenkgabe der Stadt Görlitz. Görlitz 1924

Lemper, Ernst-Heinz: Jakob Böhme, Leben und Werk. Berlin-Ost 1976

Nigg, Walter: Heimliche Weisheit. Mystisches Leben in der evangelischen Christenheit. Zürich 1959; Olten-Freiburg 1975

Pältz, Eberhard: Jakob Böhmes Hermeneutik, Geschichtsverständnis und Sozialethik. Jena 1961

— Jakob Böhme, in: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Berlin New York 1980. Bd. VI, S. 748-754

Peuckert, Will-Erich: Das Leben Jakob Böhmes. Jena 1924; 2. Aufl. in J. Böhme: Sämtliche Schriften, Bd. 10. Stuttgart 1961

Pietsch, Roland: Die Dialektik von Gut und Böse in der »Morgenröte Jakob Böhmes. Innsbruck 1975

Wehr, Gerhard: Ja!wh Böhme in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1971; 61991 (Rowohlt Monographie 179)

— Die deutsche Mystik. Mystische Erfahrung und theosophische Weltsicht, München 1988.

Werner, Hans-Joachim: Jakob Böhme und die Sprache der Dinge, in: Ders.: Eins mit der Natur, München 1988, S. 39-71.

Wollgast, Siegfried: Jakob Böhme, Werk und Wirkung, in: Ders.: Philosophie in Deutschland zwischen Reformation und Aufklärung 1550-1650. Berlin-Ost 1988, S.677-740.

 

       Inhalt

 

Christosophia oder der Weg zu Christo

De Poenitentia Vera oder Von wahrer Buße

KOMMENTAR:

JAKOB BÖHMES »VON WAHRER BUSSE« ALS GEISTLICHES SCHULUNGSBUCH

Text:

 

De Aequanimitate

oder Von der wahren Gelassenheit

KOMMENTAR:

WAHRE GELASSENHEIT ALS MYSTISCHES STERBEN UND NEUES LEBEN

Text:

 

De Regeneratione

oder Von der neuen Wiedergeburt

KOMMENTAR: UNTERWEGS ZUR WIEDERGEBURT

Text:

 

De Vita Mentali

oder Vom übersinnlichen Leben

KOMMENTAR: DAS GESPRÄCH MIT DEM MEISTER

Text:

 

Theoscopia

oder Die hochteure Porte von göttlicher Beschaulichkeit

KOMMENTAR:

EIN KAPITEL BÖHMESCHE PHILOSOPHIE: DIE WIRKLICHKEIT DES GEGENSÄTZLICHEN

Text:

 

Zeittafel

Literaturhinweise

 

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