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Arthur Ford Bericht vom Leben nach dem Tode Melanchthon Die heidnischen Autoren sagen ausdrücklich, sie fänden sich zu dem
Glauben an eine Fortdauer der Seele nach dem Tode bewogen, weil es ganz
unzweifelhaft sei, daß viele Abgeschiedene umgingen, oft gehört und gesehen
würden, auch mit den Menschen sprächen. Ich selbst habe Verstorbene
leibhaftig vor mir gesehen und kenne viele glaubwürdige Männer, welche
behaupten, sie hätten nicht nur solche gesehen, sondern auch lange Gespräche
mit ihnen geführt. * Goethe zu Eckermann Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der
Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende wirke, so ist die Natur verpflichtet,
mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist
nicht ferner auszuhalten vermag. * Wernher von Braun Die Wissenschaft hat festgestellt, daß nichts spurlos verschwinden kann.
Die Natur kennt keine Vernichtung, nur Verwandlung. Alles, was Wissenschaft
mich lehrte und noch lehrt, stärkt meinen Glauben an ein Fortdauern unserer
geistigen Existenz über den Tod hinaus. * von Jerome Ellison Arthur Fords Ruhm gründet darauf, daß
er das bedeutendste psychische Mediuml (*) der Welt war und das
umfangreichste Beweismaterial für das Fortleben des Menschen nach dem Tode
beigebracht hat, das ein einzelnes Medium der Forschung bisher zur Verfügung
stellen konnte. *) Die hochgestellten Ziffern
beziehen sich auf die entsprechenden Nummern des Anhangs. Wie Ford seine außergewöhnliche
Begabung entdeckte, wie er sich zu diesem auf den ersten Blick zweifelhaften
Geschenk der Natur stellte, wie er die ihm verliehenen, allgemein als
paranormal bezeichneten Kräfte aktivierte, wird er selbst berichten. Hier sei
nur festgestellt, daß er sie ausschließlich zum Wohl der Menschen, die ihn
konsultierten, und zur Förderung unserer Kenntnisse von anderen, höheren
Bewußtseinsstrukturen nutzte. Ford wußte, daß er nicht der erste war, der
»wie über eine geistige Telefonleitung« Verbindung zu Verstorbenen aufnehmen
konnte. Er war jedoch eines der wenigen Medien, die ihre Fähigkeit
vorbehaltlos in den Dienst der Wissenschaft stellten, und zwar einer
notorisch mißtrauischen, spitzfindigen und doktrinären Wissenschaft. Er
wollte dazu beitragen, das Terrain der sogenannten außersinnlichen
Wahrnehmungen, daß andere vor ihm entdeckt und abgesteckt hatten, durch sein
Wirken zu erweitern. Er fühlte sich berufen, die durch telepathische Jenseitskontakte
erfahrbare Einsicht, daß der biologische Tod des Menschen nicht auch sein
psychischer Tod ist, bekannter und glaubwürdiger zu machen. Als seine zweite, nicht minder
wichtige Aufgabe betrachtete Ford die Ausbildung junger medial begabter Menschen.
Erkannte keine Geheimrezepte, aber er wußte aus eigener Erfahrung, worauf es
ankommt: auf ein ständiges Training der Konzentrationskraft, auf die
Beherrschung der »Technik«, sich selbst in Trance zu versetzen und nicht
zuletzt auf ein untrügliches Moralempfinden. Mit parapsychologischen
Zufallserfolgen, im stillen Kämmerlein erzielt, kann die Wissenschaft nichts
anfangen. Das Ziel des Mediums muß die willkürliche, wiederholbare und
einwandfrei nachprüfbare Manifestation der außersinnlichen Wahrnehmung sein.
Fords Aussagen waren fast in jedem einzelnen Fall nachprüfbar. Obwohl er sich
selbst keineswegs für einen prophetischen Seher hielt und seine Fähigkeit des
Voraussehens (Präkognition) gern untertrieb, sei hier erwähnt, daß er fast
ebenso viele kommende Ereignisse richtig vorausgesagt hat wie die berühmteste
präkognitive Persönlichkeit unserer Zeit, Jeane Dixon, die bekanntlich die
Ermordung J. F. Kennedys vorhergesehen hat. Eine dritte Aufgabe — fast ein Hobby
— sah Ford in der Vermittlung zwischenmenschlicher Beziehungen. Er hatte
seine helle Freude daran, Leute miteinander bekannt zu machen, die dann
gemeinsam irgend etwas Schöpferisches, Weiterführendes zustande bringen
konnten. Abgesehen von seinem Herzleiden, das ihn in den letzten zwanzig Jahren
seines Lebens zeitweise stark belastete, hatte Arthur Ford eine sehr gesunde
Konstitution. Obschon er nicht sehr groß war, hatte er einen muskulösen
Oberkörper und machte den Eindruck eines kräftigen Mannes. Sein freundliches
rundes Gesicht flößte Vertrauen ein; sein starker Nacken drückte zugleich
Energie und Ausdauer aus. Und in der Tat zählte Arthur Ford zu den Menschen,
die nicht aufgeben, sich selbst nicht und nicht andere. Arthur Ford, der Bewunderer und
Freund so vieler Wissenschaftler und Männer der technologischen Praxis (ich
denke hier besonders an den Astronauten Edgar D. Mitchell), war der
Auffassung, daß der moderne Mensch die unbestritten glänzenden Erfolge der
Technik überbewertet und dabei die geistigen Erkenntnisse und die
Möglichkeiten unseres Bewußtseins in einem Maße unterschätzt, daß er seine
eigene Existenz in der Zukunft — diesseits und jenseits des Todes — bedroht.
Ford sagte einmal zu mir: »Die Physik befaßt sich mit den Vorgängen, aber
nicht mit deren Ursprüngen und tieferen Gründen. Wenn man nur eine einzelne
Musiknote analysiert, verliert sich der harmonische Zusammenhang; wenn man
nur das Atom studiert, geht der Kosmos verloren.« Mit dieser Überzeugung
stand Ford nicht allein da. Tatsächlich mehren sich die Bedenken verantwortungsvoller
Persönlichkeiten, daß die moderne physikalische Forschung einer tragischen
Entwicklung entgegengehe. Zwar finden die Warnrufe besorgter
Außenseiter der technologischen Gesellschaft noch längst nicht die ihnen
gebührende Beachtung, doch ist die Aufnahmebereitschaft für evolutionistische
geistige Programme zur Zukunftssicherung der Menschheit heute größer als noch
vor zehn Jahren. Die Technokraten sehen sich mehr und mehr dem Vorwurf
mangelnder Voraussicht kommender Entwicklungen ausgesetzt, ob es sich nun um
die rapide Zunahme der Umweltvergiftung, oder um die psychischen Belange der
Gesellschaft handelt. Fehlschläge mannigfacher Art, sei es in der
Kernwaffentechnik, oder in der Raumfahrt, in der Medizin, oder in der
Bildungspolitik, haben erwiesen, daß die Urteile der bisher als sakrosankt
geltenden Wissenschaft ebensowenig unfehlbar sind wie die der Kirchen während
der Ära ihres fast unumschränkten Einflusses. Der rein materialistisch
orientierte Naturwissenschaftler hat nicht mehr unbedingt das letzte Wort.
Ein anderer Aspekt des Wissens und Forschens, der lange geächtet war, hat
sich neuerlich Respekt verschafft: der metaphysische. Allmählich beginnt die
Anschauung an Boden zu gewinnen, daß die Struktur des Universums und des
Menschen mehr geistig-sensorischer Art ist als mechanisch-physikalischer.
Einige solcher Bekenntnisse weitblickender Kapazitäten werden in diesem Buch
zitiert und einige vielversprechende Ansätze zur systematischen Erforschung
von Problemen beschrieben, an die sich vor zehn Jahren noch kein staatliches
Institut herangewagt hätte. So besteht eine gewisse Aussicht, daß
wir in nicht allzu ferner Zeit über das, was jenseits der Grenze unseres
Lebens liegt, so genau Bescheid wissen und so selbstverständlich sprechen,
wie über die Landschaft hinter der Horizontlinie vor unserem Haus. * *
* Vor fünfzig Jahren entdeckte ich zu
meiner Verblüffung, daß ich mediale Fähigkeiten besaß. Sie äußerten sich mit
einer solchen Intensität und bald in einem Ausmaß, daß ich in einen
seelischen Zustand geriet, der als einzige Therapie die »willensmäßige
Bejahung des Unabänderlichen« — wie der große Psychologe Otto Rank es
formuliert hat — wirksam erscheinen ließ. Mit anderen Worten: Ich mußte
versuchen, aus dieser mir auferlegten Gabe das Beste zu machen. Meine ganze
bisherige Auffassung vom Leben und von der Welt, von den Menschen und Dingen
um mich herum, wurde mit einemmal auf den Kopf gestellt, mein Zukunftsplan
über den Haufen geworfen, und wohl oder übel begann damit mein Weg als
Medium. Die Vorstellung von der Tätigkeit
eines Mediums, der Gedanke an »übersinnliche« Experimente löst bei vielen
Menschen Mißtrauen und Beklemmung aus. Niemand von uns ist gegen diese
Reaktion gefeit, nur tritt sie beim einen nur anfänglich und vorübergehend
auf, während sie sich beim andern hartnäckig wiederholt, so oft er mit
»übernatürlichen« Phänomenen konfrontiert wird. Das Gefühl der Beklemmung,
oder gar der Angst, beruht meistens auf Unkenntnis über die Vorgänge, falsche
Information und Voreingenommenheit; das Mißtrauen dagegen ist manchmal
durchaus begründet. Man erinnert sich an ironische
Berichte über geheimnisvolle Seancen, an Prophezeiungen, von denen man nicht
mehr weiß, ob sie sich bewahrheitet haben, und an angebliche Wunder, für die
bisher noch keine vernünftige Erklärung gefunden wurde. Mit alldem möchte man
nichts zu tun haben; denn wer erst einmal anfängt, darüber nachzudenken,
könnte leicht — wie heißt es doch? — »Schaden nehmen an seiner Seele«. Aber geht es demjenigen, der so
denkt, wirklich um sein Seelenheil? Ist diese Anspielung auf das Christuswort
nicht im Grunde reine Heuchelei? Es soll uns ja gerade ermahnen, uns nicht
einseitig und hektisch auf die Vermehrung unserer irdischen Güter zu
konzentrieren, da sie uns letzten Endes nicht von Nutzen seien. Wer ehrlich
ist, wird zugeben, daß nicht in erster Linie Rücksichtnahme auf das
Wohlbefinden seiner Seele ihn dazu veranlaßt, Vorgänge und Erfahrungen, die
mit unseren fünf Sinnen nicht zu erfassen sind, einfach zu ignorieren,
sondern vielmehr die Tatsache, daß diese Erscheinungen immateriell und
irrational, und das bedeutet, unrationell sind. Wie immer man zu einem
solchen Denken stehen mag; niemand wird bestreiten können, daß es »zeitgemäß«
ist — jedenfalls heute noch. Wir, die wir in das materialistische
Klima des 20. Jahrhunderts hineingeboren wurden, schleppen mit unserem
»zeitgemäßen Denken« eine schwerere Last herum, als uns vielleicht bewußt
ist. Möglicherweise wird dieser Materialismus bei manchen niemals ernstlich
in Frage gestellt. Andere wiederum werden zwangsläufig durch den Eindruck
bestimmter Ereignisse dazu gebracht, das Vorhandensein von Kräften
anzuerkennen, für die das gängige Wissen unserer Zeit keine Erklärung hat.
Meine medialen Fähigkeiten, die ich weder gewollt noch erwartet hatte, ließen
mich von vornherein zu der zweiten Kategorie gehören. Die Beschäftigung mit der Telepathie
hat mir die Einsicht vermittelt, daß jeder, der diese Möglichkeit einer
Bewußtseinserweiterung vorurteilslos, mit der gesunden Neugier des Forschers
und Wahrheitssuchenden für sich zu ergründen versucht und dabei die
Schranken, die einem jeden von uns gesetzt sind, einigermaßen klar zu
erkennen vermag, hierdurch keinen Schaden an Leib und Seele erleiden kann. Könnten alle Menschen die Scheu vor
außergewöhnlichen, noch nicht erklärbaren Sinneswahrnehmungen, wie sie seit
Jahrtausenden bekannt und bezeugt sind, ablegen, so würden ungeheure
schöpferische Kräfte frei werden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum
das unschätzbare Geschenk eines sechsten Sinnes der Allgemeinheit
vorenthalten bleiben, warum sie nicht daran teilhaben sollte. Ich bin keineswegs der einzige, der
den Eindruck hat, daß die vorherrschende, rein materialistische Auffassung
des Universums unser Verständnis der nicht greifbaren Realitäten einengt und
verfälscht. Diese Erkenntnis reicht tief in die Vergangenheit zurück, wenn
sie auch zeitweise kategorisch geleugnet wurde, und zwar von politischer wie
von naturwissenschaftlicher Seite — vor allem aber von theologischer, was zu
tragischen Mißverständnissen führte. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen,
haben die Theologen die psychischen Quellen der großen Religionen nicht
entdeckt. Das, was ursprünglich zur Aktivierung des außersinnlichen
Bewußtseinsstromes auffordern sollte, deuteten sie als strenge Ermahnung zur
Zurückhaltung. Heute, nach fünfzig Jahren des
Studiums, des Nachdenkens, der Beobachtung und Erfahrung, halte ich die
Richtigkeit der folgenden Theorie für erwiesen: Obwohl die verschiedenen
Bereiche des Bewußtseins unabhängig voneinander arbeiten mögen, so daß der
eine vom andern »nichts weiß«, gibt es kein absolutes Unbewußtes; es gibt nur
verschiedene Ebenen des Bewußtseins, das sich immer höher entwickelt. Auch
etwas »Übernatürliches« gibt es nicht. Das ganze Universum wird von einem
natürlichen Gesetz gelenkt, das zu begreifen man eben erst begonnen hat. »Die Wissenschaft hat festgestellt,
daß nichts spurlos verschwinden kann. Die Natur kennt keine Vernichtung, nur
Verwandlung«, hat Wernher von Braun gesagt, ein Forscher, dessen Kompetenz in
dieser Frage niemand anzweifeln wird, und er hat mutig hinzugefügt: »Alles,
was Wissenschaft mich lehrte und noch lehrt, stärkt meinen Glauben an ein
Fortdauern unserer geistigen Existenz über den Tod hinaus.«2 Damit sind wir beim eigentlichen
Thema dieses Buches: Die Zelle, der kleinste Baustein des Lebens, überdauert,
wenn auch in verwandelter Form, und so überdauert auch das Konglomerat aus
zahllosen verschiedenartigen lebenden Zellen; der Mensch. Demnach gibt es
keinen vernünftigen Grund, den biologischen Tod als unabänderliches Ende
unserer Existenz zu betrachten — zumindest unserer geistigen. Jeder Mensch,
sei er nun gut oder schlecht, introvertiert oder kontaktfreudig, gescheit
oder dumm, setzt nach seinem körperlichen »Ableben« sein Leben als ein
persönliches Wesen fort, das in der Lage ist, unabhängig zu denken, zu
handeln, sich zu erinnern, sich geistig weiterzuentwickeln und unter gewissen
Voraussetzungen in Verbindung zu den Lebenden zu treten. Demnach muß außer
dem physischen noch eine andere Art quasi-leiblichen Wesens existieren, die
»Materie der Körperlosen«. Die Wissenschaft ist ihr auf der Spur. Die Toten
unterstützen sie dabei. Sie sind selbst daran interessiert, das Rätsel ihrer
neuen Seinsform zu lösen. Woher man das weiß? Aus direkter
Kommunikation, also Zwiegesprächen, zwischen Lebenden und Toten. Allein das
Beweismaterial über solche Unterhaltungen, die während der letzten hundert
Jahre zustande kamen, also seit Beginn der modernen wissenschaftlichen
Forschung mit Hilfe ständig vollkommener werdender technologischer
Hilfsmittel, füllt Archive solchen Umfangs, daß selbst ein hundertköpfiges
Arbeitsteam sie nicht alle auswerten könnte. Dementsprechend kann dieses Buch
auch nur einen geringen Bruchteil der dokumentierten Fälle verzeichnen. Hundert Jahre intensiver Forschung
haben die Jahrtausende alte, oft geleugnete und doch unvergessene Tatsache
des Fortlebens allen Lebens für alle diejenigen bestätigt, die sich den
zahlreichen nüchtern und kritisch erarbeiteten Beweisen ohne
Voreingenommenheit näherten. Ich gehöre zu denen, die zur wissenschaftlichen
Klärung dieser Frage beigetragen haben. Ich habe mit Toten gesprochen; sie
haben der Welt durch mich vom Leben nach dem Tode berichtet. * Ich wurde 1896 in dem kleinen Dorf
Titusville in Florida geboren. Mein Vater, ein Schiffskapitän, war ein
überzeugter Anhänger seiner Episkopalkirche, wenn er auch nie zum
Gottesdienst ging. Um so eifriger nahm meine Mutter, die strenggläubige
Baptistin war, am kirchlichen Leben ihrer Glaubensgemeinschaft teil. Seit wir
in Fort Pierce am Atlantik wohnten, arbeitete ich aktiv in der
Baptistengemeinde mit. Bei den Zusammenkünften der jungen Leute spielte ich
Klavier; fromme Lieder singen war das Wichtigste bei solchen Treffen. Nach
außen hin war ich meiner Kirche so verbunden, daß allgemein angenommen wurde,
ich würde später einmal Geistlicher werden, ein baptistischer natürlich. Mit
der Zeit entwickelte ich jedoch selbständige theologische Gedanken, die dann
für mein ganzes Leben bestimmend werden sollten. Ich lernte einige Unitarier
kennen, war bei den Gottesdiensten dabei, und ihre Lehre beeindruckte mich
tief, da sie dem Gläubigen viel größere intellektuelle Freiheit bot als das
recht philisterhafte Baptistentum, wie es damals in Fort Pierce in
Erscheinung trat. Als Sechzehnjähriger stellte ich unseren Kirchenoberen so
viele peinliche Fragen, daß sie es für geboten hielten, mich wegen meiner »Verdorbenheit«
aus ihrem Kreis auszuschließen. Aber auch die Unitarier konnten mich auf die
Dauer nicht fesseln. Ich wußte wohl selbst nicht ganz genau, was ich suchte —
dabei hatte ich es unversehens schon gefunden. Bereits als kleiner Junge »las« oder,
besser gesagt, empfing ich manchmal Gedanken anderer Menschen. Freilich wußte
ich nicht, daß das etwas Außergewöhnliches war. Wahrscheinlich meinte ich,
alle könnten es. Erst, als ich zum Militär kam, entdeckte ich, daß ich in
dieser Beziehung meinen Kameraden und Vorgesetzten etwas voraus hatte. 1917 wurde ich einberufen und diente
in Camp Grant. Im nächsten Jahr breitete sich die große Grippeepidemie im
Lande aus, und besonders viele Rekruten meiner Einheit wurden davon
betroffen. Jeden Tag starben mehrere an Influenza. Eines Nachts träumte ich,
daß mir ein Blatt Papier übergeben werde, auf dem in großen, deutlich
lesbaren Buchstaben die Namen der Soldaten geschrieben waren, die in dieser
Nacht sterben würden. Nach dem Wecken erzählte ich den schrecklichen Traum
meinen Stubengenossen, und ein paar Stunden später las ich den
schwarzumrandeten Aushang: Die Liste der Verstorbenen stimmte genau mit den
Namen überein, die ich im Traum erfahren hatte! Das ging noch ein paar Tage
so weiter. Nachts träumte ich die Namen, und morgens wurden sie
bekanntgegeben. Bald begannen meine Kameraden sich
von mir wie von einem Todesboten fernzuhalten, und als ich das merkte, sprach
ich nicht mehr über meine Träume. Doch das Erlebnis wühlte mich tief auf. Ich
konnte es nicht mehr vergessen — und ich hatte weiterhin Träume, die sich als
hellseherisch oder präkognitiv erwiesen. Der Verzweiflung nahe, suchte ich
unseren protestantischen Regimentspfarrer auf und erzählte ihm, was mit mir
los war. Er hörte mich ruhig an und gab mir den Rat, Gott zu bitten, diese
»dummen Träume« von mir zu nehmen. Ich war enttäuscht. Der Rat erschien mir
allzu billig. Aber hatte ich etwas anderes erwarten können? Für einen
ordentlichen Geistlichen gab es für solche Vorkommnisse nur zwei mögliche
Erklärungen: entweder sündhaft bigotte Schwärmerei, oder die ersten Anzeichen
einer Geisteskrankheit. Ich schrieb meiner Mutter, sie möge
mir mitteilen, ob ihr in unserer Familie und weiteren Verwandtschaft Fälle
von Geisteskrankheit oder andere auffällige Leiden bekannt seien. Natürlich
gab ich keinen Grund dafür an, warum mich diese Frage interessierte, und
meine Mutter antwortete denn auch arglos, ich könne überzeugt sein, aus einer
gesunden und ehrenhaften Familie zu stammen — sofern man von »Tante Mary in
Jacksonville« absehe. Die sei wohl »nicht so ganz richtig«, aber freundlich
und harmlos, und darum habe man sie auch nicht in eine Anstalt gebracht … Ich
hatte mir schon immer gedacht, daß es mit dieser Tante eine besondere
Bewandtnis haben mußte, denn sie wurde bei uns zu Hause nie erwähnt. Nur
durch Zufall hatte ich überhaupt von ihrer Existenz erfahren. Erst sehr viele
Jahre später entnahm ich den Erzählungen von Leuten, die sie sehr gut gekannt
hatten, daß sie medial begabt gewesen sein muß. Nach Beendigung meiner
Militärdienstzeit kehrte ich an die Transylvania-Universität in Lexington,
Kentucky, zurück, an der ich Theologie zu studieren begonnen hatte. Ich
entschloß mich, nebenbei auch Psychologie zu belegen, da ich hoffte, mir auf
diesem Wege Klarheit über meine eigene Psyche zu verschaffen. Das war
allerdings eine naive Vorstellung, denn der Professor hätte zweifellos
riskiert, seinen Lehrstuhl zu verlieren, wenn er in seinen Vorlesungen auf
solche Absurditäten wie parapsychologische Phänomene eingegangen wäre.
Persönlich war Professor Dr. Eimer Snoddy jedoch ein verständnisvoller, auch
für die im Hörsaal nicht diskutierten Probleme der Seele aufgeschlossener
Mann. Ihm vertraute ich meine visionären Erlebnisse an, die inzwischen immer
zahlreicher und lebhafter aufgetreten waren. Einmal hatte ich ganz deutlich das
Gesicht meines Bruders George vor mir gesehen, und wie ich später erfuhr,
geschah dies im gleichen Augenblick, in dem er an der Influenza starb. Im
Schlafsaal unseres Colleges machten die Studenten Experimente mit
Tischrücken; wenn ich dabei war, bewegte sich der Tisch. Damals geschah auch die seltsame
Geschichte mit Joe, einem Korporationsbruder. Als er an einer schweren
Lungenentzündung erkrankte, ließ er mich zu sich rufen und sagte: »Wenn es
möglich ist, zurückzukommen, lieferte ich dir den Beweis.« Joe starb. Ein
Jahr darauf empfing ich sein Codewort bei einer Seance, die ich zusammen mit
einem anderen Medium abhielt. Es war meine erste persönliche Sprechverbindung
mit einem Verstorbenen. In einem späteren Kapitel berichte ich Näheres
darüber. Zuvor aber war ich also zu Professor
Snoddy gegangen. Was hat das alles zu bedeuten? wollte ich wissen. War bei
mir geistig etwas nicht in Ordnung? Wenn ja, ließ sich das beheben? Snoddy
sagte mir in seiner souveränen und liebenswürdigen Art, was ihm über
»außersinnliche Wahrnehmungen« bekannt war. Zu manchen Zeiten, sagte er,
dringen Nachrichten in den menschlichen Geist ein, deren Herkunft noch nicht
erforscht sei. Ich hörte aufmerksam zu, als er mir über die im Gang
befindlichen Untersuchungen berichtete, die solche Ereignisse verständlich
machen sollten. Der große Philosoph und Psychologe William James von der
Harvard-Universität interessierte sich für dieses geheimnisumwitterte Gebiet
und forderte, daß die sogenannten telepathischen Phänomene methodisch
erforscht werden müßten. In England waren unter dem Patronat einer
Gesellschaft für parapsychologische Forschung und unter der Leitung von so
hervorragenden Gelehrten wie Sir Oliver Lodge, Henry Sidgwick und Frederic
Myers experimentelle Studien paranormaler Erscheinungen, wie auch ich sie
kannte, schon weit vorangeschritten, und die Lösung des Rätsels schien
unmittelbar bevorzustehen. »Tragen Sie dazu bei«, riet Snoddy. »Auch Sie sind
offenbar einer dieser seltenen Menschen, ein Medium! Es spricht nichts
dagegen, daß Sie Ihre Gabe weiterentwickeln und sie zum Nutzen der Menschheit
entfalten sollten.« Diese Aussprache bedeutete für mich
eine innere Beruhigung. Ich beschloß, mein ungewöhnliches Talent zu akzeptieren,
statt vor seinen Produktionen zu erschrecken, und versuchte, meine medialen
Fähigkeiten zu vervollkommnen. An die Tatsache, daß ich in halb wachem, halb
hypnotischem Zustand unsichtbar Anwesende beschreiben und einige ihrer
Botschaften zu empfangen vermochte, hatte ich mich beinahe schon gewöhnt. Von
der Trance, also von der Möglichkeit, mich in einen Bewußtseinszustand zu
versetzen, der die freie Willensentscheidung ausschließt, verstand ich noch
keinen Gebrauch zu machen. Ich wollte nicht sozusagen auf halbem Wege
stehenbleiben und hatte das Bedürfnis, diese höhere Stufe der
Empfangsbereitschaft für außersinnliche Wahrnehmungen zu erklimmen, aber ich
wußte nicht so recht, wie ich es anfangen und wer mir dabei als Lehrmeister
dienen sollte. Nur sehr wenige Medien sind imstande oder willens, ihre
Technik oder Kunst, sich selbst in Trance zu versetzen, weiterzugeben.
Schließlich handelt es sich ja nicht um ein Handwerk, zu dessen Erlernung man
nur etwas Geschick und Anleitung braucht. Hinzu kam, daß über die praktische,
physiologische Seite der Trance sich niemand präzise zu äußern wagte, sei es
aus Furcht, seinen Nimbus zu zerstören, sei es, um von den zu
materialistischem Denken erzogenen Mitmenschen nicht ausgelacht zu werden.
Für neunundneunzig Prozent der Zeitgenossen war es ja schon schlimm genug,
daß es so etwas wie Medien und Seancen überhaupt gab und geduldet wurde! Da ich also von meinen erfahrenen
amerikanischen Kollegen nicht viel Hilfe erwarten konnte, suchte ich einen
von fernher, aus Indien, kommenden Mann auf, der im Jahre 1920 nach Boston
kam, um auf einer Zusammenkunft von Unitariern zu sprechen. Es war der große
Hindu-Weise Paramahansa Yogananda. Ich erzählte ihm von meinen
Schwierigkeiten, das Stadium der tiefen Meditation und Losgelöstheit zu
erreichen, und er hatte sofort Verständnis, betrachtete mich als
»Mit-Suchenden« und half mir zunächst, meine medialen Fähigkeiten im
richtigen Maßstab zu sehen, das heißt, er war von ihnen nicht übermäßig
beeindruckt und verbot mir geradezu, ihre systematische Weiterentwicklung zu
meinem Lebensinhalt zu machen. Solche Fähigkeiten entwickeln sich von selbst
mit der sukzessiven Erlangung eines universalen Bewußtseins, hatte er
erkannt. Ich nahm mir Yoganandas Hinweis zu
Herzen, daß alle spirituell höherentwickelten Seelen eine gewisse mediale
Begabung haben, aber daß nicht alle Medien höherentwickelt sind. Er riet mir,
nie in meinen Bemühungen nachzulassen, so viel wie möglich über die greifbare
und ungreifbare Struktur des Kosmos zu lernen, und zwar sowohl aus alten als
auch aus neuesten Quellen. Ich begann bei den alten und entdeckte, daß die
Gelehrten der Antike nicht einfach nur logisch denkende Theoretiker und
phantasiebegabte Erzähler gewesen waren. Die besten von ihnen erwiesen sich
als genaue Berichterstatter über selbsterlebte paranormale Erscheinungen.
Alles, was ich in dieser Richtung jemals gelesen hatte, las ich jetzt noch
einmal und drang dabei in Wissensgebiete vor, mit denen ich mich nie zuvor
befaßt hatte. Man brauchte Yogananda nur kurz zu
begegnen, um sogleich zu erkennen, daß man einem außergewöhnlichen Menschen
gegenüberstand — einem Menschen mit umfassender Bildung, unanfechtbarer
Integrität und grenzenlosem Einfühlungsvermögen. Seine Lehren beeinflußten
mich so tief, daß mir schlagartig zu Bewußtsein kam, daß Weisheit auch in
anderen Kulturen entstehen kann als in derjenigen, in die ich zufällig
hineingeboren war — eine Kultur, die, wie ich nun erkannte, in mancher
Hinsicht erstaunlich primitiv war. Diese Einsicht veranlaßte mich zu intensiverem
Studium der Geschichte des Denkens anderer Völker. Und gerade dadurch erfuhr
mein Verständnis für die jüdisch-christlichen Glaubensvorstellungen in meiner
Umwelt eine große Bereicherung. Yogananda war kein bloßer Theoretiker
und Prediger. Die Wahrheit und Anwendbarkeit seiner Lehren bezeugte er durch
Prophezeiungen, geistige Heilungen und die Demonstration seiner Yoga-Übungen.
Ich habe ihm viel zu verdanken, aber ich war durchaus kein guter Schüler
dieses Idealbildes eines Guru. Ich war ein ungeduldiger junger Mann und hatte
nicht allzuviel Lust, mich den Exerzitien und Prüfungen zu unterziehen, die,
nach Yogananda, für die Transformation meines Charakters erforderlich waren.
Immerhin ging ich für einige Zeit nach Indien, um die Swami-Methoden spiritueller
Konditionierung zu studieren, doch ich fand nicht das, was ich suchte. Bei
allem Respekt vor den Konzentrationsleistungen der Yogi blieb mir ihre Lehre
doch fremd. Vielleicht war mir eine vollkommene Persönlichkeitswandlung aber
auch nur zu mühevoll. Jedenfalls beschloß ich, lieber mit dem Charakter und
den Geisteskräften, die ich nun einmal besaß, weiter durch das Leben zu
gehen. Meine Bewunderung für Yogananda hat dennoch nie nachgelassen. Er war
einer der großen Leitsterne meines Lebens. Ihn zu kennen, seine
Demonstrationen zu sehen und seine Lehren zu hören — wenn ich mich auch nicht
in der Lage sah, sie zu befolgen —‚ war für mich eine nie versagende Quelle
der Inspiration. Für Yogananda waren die Herrschaft
des Geistes über alle materiellen Kräfte und die ständige Erweiterung des
schöpferischen Bewußtseins mehr als bloße religiöse Gebote. Die Beherrschung
dieser Energien hat ihm während seines langen Lebens Erfahrungen vermittelt,
die selbst einem überzeugten Spiritisten unglaublich erscheinen mögen. Yoganandas Visionen führten ihn bis
zur Erfahrung eines kosmischen Bewußtseins, und seine eindrucksvollen Lehren,
die das Leben nach dem Tode betrafen, bauten auf einem Verständnis des Alls
als Einheit auf. Er sagte mir einmal: »Die Tragik des Todes ist
unrealistisch. Jene, denen vor dem Tod schaudert, kommen mir nicht weniger
unbedacht vor als nervöse Schauspieler, die auf der Bühne beim Knall einer
Theaterpistole vor Schreck wirklich sterben zu müssen glauben.« Gern erzählte er die Geschichte von
Thales von Milet, dem griechischen Weisen, der sechs Jahrhunderte vor
Christus gelebt hat. Thales lehrte, daß es keinen Unterschied zwischen Leben
und Tod gebe. »Warum«, so fragte ihn ein Kritiker, »willst du denn dann nicht
sterben?« Thales antwortete: »Eben weil es keinen Unterschied gibt.« Yogananda selbst war auch nicht
völlig gefeit gegen die Empfindung von Trauer um den Verlust eines ihm
nahestehenden Menschen; er war sogar überwältigt von Kummer, als er — durch
eben jenen Tod, der nur eine Illusion ist — einen seiner besten Freunde
verlor. Er war über Hunderte von Kilometern hinweg »dabei«, als sein Guru Sri
Yukteswar starb. Sterbe-Erfahrungen, das unmittelbare Miterleben des
Hinscheidens einer sich entfernt befindenden Person, gehören zu den bestbezeugten
außersinnlichen Wahrnehmungen, und so war auch dies in keiner Weise
ungewöhnlich. Yogananda befand sich gerade auf einer Eisenbahnreise.
»Plötzlich sah ich eine schwarze Astralwolke, und bald darauf hatte ich eine
Vision Sri Yukteswars. Er saß mit ernster Miene da, flankiert von zwei
Lichtern. Ich fragte ihn: Ist alles vorbei? Er nickte und verschwand
langsam.« Wie Yogananda später erfuhr, ist Sri Yukteswar genau zum Zeitpunkt
der Vision gestorben — und genau zu der Stunde, die der Weise selbst vorausgesagt
hatte. Der Hindu Yogananda bezweifelte die
Auferstehung Jesu nicht, er bezweifelte nur ihre Einzigartigkeit. Wenn das
wahre Selbst eine geistig-seelische Struktur reinen Bewußtseins besitzt und
wenn dieses Bewußtsein niedrigere Energieformen wie physische Substanz nach
seinem eigenen Willen beherrschen kann, dann sah Yogananda nichts Besonderes
darin, daß solch ein Bewußtsein irgendwelche Molekularstrukturen wieder
zusammensetzte, wenn es Lust hatte, vor den Augen von noch auf Erden
weilenden Freunden zu erscheinen. Sri Yukteswar ist, genauso wie Jesus seinen
Jüngern erschien, Yogananda wiedererschienen. Es war in seinem Zimmer im
Regents Hotel in Bombay am 19. Juni 1936 um drei Uhr nachmittags — über drei
Monate nach seinem biologischen Tod. Spontan stürzte Yogananda seinem alten
Lehrer entgegen, um dessen Geist so nahe wie möglich zu sein. Als er,
erstaunt, einen wirklichen Körper zu umfassen, aufschrie, erklärte Sri
Yukteswar: »Ja, dies ist ein Körper aus Fleisch und Blut. Für dich ist er
körperlich. Aus kosmischen Atomen habe ich einen neuen Körper, genau wie den
physischen, der beerdigt worden ist, geschaffen.« Sri Yukteswar erzählte ihm von den
Welten im Jenseits: »Wesen mit ungetilgtem irdischem Karma dürfen nach dem
kausalen Tod nicht in die höhere astrale Sphäre kosmischer Vorstellungen
eingehen. Sie müssen zwischen der physischen und astralen Welt hin und her
reisen, sie sind sich abwechselnd eines physischen und eines astralen Leibes
bewußt …"3 * Um auf meine eigene Entwicklung und
Erfahrung zurückzukommen: Ich selbst habe nicht die Fähigkeit gehabt und
nicht das Glück wie Yogananda, einen Verstorbenen als körperlich
regeneriertes Wesen vor mir zu sehen. Vielleicht war es diese Begrenzung
meiner medialen Begabung, die der mir überlegene Meister so deutlich empfand,
und vielleicht habe ich ihn deshalb so verehrt, weil er mich meinen eigenen
Weg gehen ließ. Was ich suchte, war eine Bestätigung
meiner eigenen Erfahrungen und Beobachtungen in der Geschichte der mit
außersinnlichen Fähigkeiten Begabten. Es ging mir darum, festzustellen, ob
das, was ich erlebte, eine neuartige, gar modische Erscheinung war, oder ob
es sich um etwas handelte, was es schon immer gegeben hatte. Wenn solche
Phänomene, mit denen ich täglich vertrauter wurde, seit den frühesten
Berichten über menschliches Leben auf der Erde vorgekommen sein sollten, so
war ich wahrhaftig in etwas eingeweiht, was mit der eigentlichen Struktur und
dem Zweck des Universums selbst zu tun hatte und als der Schlüssel zum
Verständnis der wahren Natur und des wahren Sinns menschlichen Lebens zu
betrachten war. Deshalb studierte ich systematisch die Geschichte der Idee
vom Fortleben des Menschen nach dem Tode. Es schien mir, daß vier Hauptpunkte
klarzustellen seien, wenn ein Leben jenseits des Todes und die vorhandenen
Berichte darüber ernst zu nehmen sein sollten. Erstens wäre ein fortdauerndes
Bewußtsein erforderlich, wobei Bewußtsein als sinnliche Wahrnehmung,
Erinnerung, Erkenntnis, Vernunft, Entscheidungsfähigkeit und jener ganze
Komplex von Charakterzügen, die wir in dem Ausdruck »Persönlichkeit«
zusammenfassen, definiert werden müßte. Zweitens müßte irgendeine Art von
Aufenthaltsbereich existieren, der wenigstens in groben Zügen mit unserer
Erde vergleichbar wäre und in dem die Persönlichkeit unter ähnlichen
Verhältnissen weiterwirken könnte. Drittens wäre irgendeine Art Lebenswert,
-ziel, -notwendigkeit, -sinn oder -dienst in einem zeitlosen, auch unserem
heutigen Daseinsniveau begreiflichen Sinn notwendig. Und schließlich müßte es
irgendeine Lösung für gesellschaftliche und ethische Probleme geben — nämlich
für alle diejenigen, die unser irdisches Leben belasten und mit dem Tod nicht
ohne weiteres aus der Welt zu schaffen sind. Unter diesen Gesichtspunkten
beschäftigte ich mich mit der spärlich überlieferten Kunde von der
Frühgeschichte der Menschheit, las mit ganz anderen Augen als zuvor die
Bibel, die Odyssee, fromme und heidnische Selbstzeugnisse aller Epochen und
Kulturen, Dantes Göttliche Komödie, die Werke Swedenborgs und Goethes Faust.
Auch ich fühlte mich mehr und mehr bereit, «auf neuer Bahn den Äther zu
durchdringen, zu neuen Sphären reiner Tätigkeit«, auch mich lockte »zu neuen
Ufern ein neuer Tag«, aber ich spürte zum Glück nichts »Faustisches« in mir,
und ich war sicher, daß es kein Pakt mit der Hölle war, den ich im Begriff
war einzugehen, sondern ein Pakt mit dem Leben. Ich wollte beweisen, daß es
nicht so begrenzt war, wie es sich der Menschheit im allgemeinen darbot. Ich studierte und las alles
Erreichbare über Zeit und Endlichkeit und die Manifestationen ihrer
Durchbrechung mit großem Gewinn und doch noch zu früh und nicht zum
letztenmal, denn erst im Laufe der Jahre erhielt ich durch den immer
intensiveren Einblick in jenes »neue Leben« nach dem Tode die Bestätigung für
die Wahrheit der Überlieferungen, die sich auf das Jenseits beziehen, und für
die Erfahrungen, die früher Lebenden auf medialem Wege zuteil geworden sind. Zunächst aber suchte ich diese
Bestätigung nicht im eigenen Erlebnis von Jenseitskontakten, die zu jener
Zeit noch viel zu sporadisch auftraten, sondern in den Werken der
fortschrittlichen Wissenschaftler, die sich der Erforschung paranormaler
Vorgänge und vor allem der Fortlebensidee widmeten, und da es mir bald nicht
mehr genügte, nur von ihnen zu lesen, beschloß ich kühn, sie — soweit noch in
diesem Leben erreichbar — persönlich kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen
und mich ihnen für ihre Experimente als Medium zur Verfügung zu stellen. Im Jahre 1921 ging ich nach New York,
um Miß Gertrude Tubby, die Sekretärin der Amerikanischen Gesellschaft für
parapsychologische Forschung, aufzusuchen. Sie vermittelte mir die
Bekanntschaft mit dem Parapsychologen Dr. Franklin Prince und sorgte dafür,
daß ich mit den zuverlässigsten Medien der Metropole Sitzungen abhalten
konnte. 1922 heiratete ich und wurde Pfarrer in der
Christian-Science-Gemeinde Barbourville, Kentucky. Ohne mein Amt zu
vernachlässigen, nahm ich weiterhin an Seancen teil, um mich als Medium zu
vervollkommnen. Eines Tages besuchte mich Dr. Paul Pearson, der damals in den
Oststaaten psychologische Lehrveranstaltungen abhielt. Es stellte sich
heraus, daß er sich besonders für telepathische Phänomene interessierte und
mit großen Fachleuten auf diesem Gebiet, wie Sir Oliver Lodge und Sir Arthur
Conan Doyle, bekannt war. Er forderte mich auf, im Sommer 1924 eine
Vortragsreise durch die Neuenglandstaaten zu machen. Gern nahm ich den
Vorschlag an. Damit begann meine »Karriere« als Medium — und damit endete
meine Ehe. Meine Frau, die stark an ihrer Heimat Kentucky hing und die
Verbindung mit dem Elternhaus nicht aufgeben wollte, war nicht bereit, mich
nach dem Norden zu begleiten. Meine Auftritte in der Öffentlichkeit
bestanden darin, daß ich zunächst einen leicht verständlichen Vortrag über
parapsychologische Phänomene hielt und dann meinen Geist in einen Zustand
versetzte, der mit der Einstellung einer bestimmten Wellenfrequenz
vergleichbar ist: Ich stellte mich auf die Welt der Toten ein, und die
irdische Welt entschwand aus meinem Bewußtsein. In diesem Trancezustand
empfing ich Botschaften, das heißt, ich übermittelte anwesenden Personen
Nachrichten von verstorbenen Verwandten und Freunden, oder auch von
historischen Persönlichkeiten. Eine Seance dauerte etwa eine Stunde.
Länger hielt meine Konzentrationskraft — zumindest in den ersten Jahren —
nicht vor. Ich erwachte wie jemand, dem es nicht so ganz leichtfällt, aus
einem tiefen Mittagsschlaf wieder in den hellen Alltag zurückzufinden, der
sich andererseits aber auch kaum mehr seiner lebhaften Träume zu erinnern
vermag. Nun konnte ich mich nicht etwa zurückziehen, um mich von der
geistigen und physischen Anstrengung auszuruhen, sondern ich mußte versuchen,
auf alle Fragen zu antworten, die mein Publikum nach den soeben miterlebten,
scheinbar ungeheuerlichen Vorgängen beschäftigten. Es waren, wie man sich
denken kann, stets die gleichen Fragen: Wie werden wir im Jenseits beschaffen
sein? Haben die Toten noch einen Körper oder nur eine Seele? Was wird mit uns
»drüben« geschehen? Verbringen wir die Zeit in paradiesischem Müßiggang, in
öder Langeweile, oder werden uns Aufgaben zugewiesen? Werden wir uns noch an
alles erinnern können, was in unserem irdischen Leben vor sich gegangen ist?
Kann sich jeder Verstorbene über ein Medium mit seinen Lieben in Verbindung, setzen?
Wie steht es dort mit den uns vertrauten irdischen Lebenselementen wie
Nahrung, Obdach, Schlaf, Sex, Beruf, gesellschaftliches Leben? Wie ist es um
das Ansehen einer Person bestellt? Kann es mitgenommen werden oder nicht?
Kommt unser Pudel eines Tages auch mit? Was haben die großen Denker der
Vergangenheit zu den Problemen von morgen zu sagen? Überdauern alle Wesen den
biologischen Tod oder nur auserwählte? Und wer entscheidet über unser
Schicksal nach dem Tode — Gott? Das sind — zum Teil Jahrtausende alte
— berechtigte Fragen. Noch nicht alle, jedoch eine ganze Reihe von ihnen
können heute einigermaßen zufriedenstellend beantwortet werden. Was aber
konnte ich meinen Zuhörern damals schon sagen: daß sie nur die Heiligen
Schriften der Menschheit gründlich zu lesen brauchten oder gewisse, von
höherem Wissen inspirierte Werke der Philosophie und Seelenkunde? Das hätte
ihnen auch jeder Pfarrer raten können. Am liebsten hätte ich ihnen empfohlen,
ihre verstorbenen Angehörigen doch selbst über das Leben im Jenseits zu
befragen, statt von ihnen vor allem erfahren zu wollen, wo sich das vermißte
Testament befinde und ob sie sich noch an dieses und jenes gemeinsame
Erlebnis erinnern könnten. Doch ich hatte ja längst erfahren, daß es mit den
Fragen und Antworten zwischen Lebenden und Toten eine besondere Bewandtnis
hat, daß nicht jeder Verstorbene sich sprechen ließ und klare Auskünfte zu
geben vermochte. Bald, nachdem ich die schockierende
Entdeckung gemacht hatte, daß einer meiner Sinne wie eine Telefonleitung von
einer Daseinsform zur andern eingesetzt werden konnte und ich zusammen mit
anderen, meist erfahreneren Medien erstmals Seancen veranstaltet hatte, mußte
ich feststellen, daß verstorbene Menschen sich in mancher Hinsicht ebenso wie
lebende verhalten — genauer gesagt: daß sie ihre menschlichen Eigenheiten
beibehalten haben. Wenn sie Kontakt mit einem Diesseitigen aufnehmen wollen,
dann tun sie es; wenn sie es aber nicht wollen, kann man nichts machen. Doch
hängt wiederum nicht alles von der »Laune« des Verstorbenen ab. Noch andere
allzu menschliche Gründe spielen ebenfalls eine Rolle dabei, ob eine
Kontaktaufnahme gelingt und aufschlußreiche Ergebnisse zeitigt oder nicht.
Ich werde auf alle diese Probleme im Umgang mit Verstorbenen noch
zurückkommen. In meinen »Lehrjahren« mußte ich bei
jeder Seance mit hundertprozentigem Mißerfolg rechnen. Zwar war ich stets
bereit, für meine Zuhörer die Verbindung mit irgendeinem Toten herzustellen,
doch manchmal meldete sich der Betreffende einfach nicht. Wie sollte ich nun
wissen, ob der Verstorbene kein Gespräch wünschte, oder ob ich mich nur nicht
auf die richtige »Wellenlänge« eingestellt hatte? Mit anderen Worten: War die
Verbindung nur gestört, oder war das andere Ende der Leitung unbesetzt? Ich
versuchte immer wieder »durchzukommen«, und oft wurde die Mühe belohnt. Es
meldete sich jemand, doch es war offenbar nicht der, auf den ich mich
eingestellt hatte. Wenn ich nun meine Alltags-Skepsis einschaltete und mir
sagte: »Da spricht ein gewisser Gregory Klegory Tegory — aber so kann man
doch gar nicht heißen«, dann brach der Kontakt fast immer sofort wieder ab.
Möglicherweise hatte ich den Verstorbenen — und mich selbst — mit meinem
Zweifel entmutigt. Wenn ich aber nur geradeheraus sagte, was ich empfangen
hatte, dann war es im allgemeinen so, daß einer der Zuhörer sich angesprochen
fühlte und das scheinbar Ungereimte erklären konnte. So lernte ich, daß es meine
Hauptaufgabe war, für alles, was durchkommen konnte, aufnahmebereit zu sein,
die verstorbenen Wesen vor mir erscheinen oder eine Beschreibung von sich
geben zu lassen, und nichts selbst zu interpretieren, sondern nur die
empfangenen Botschaften zu übermitteln. Je mehr ich meine Jenseitskontakte
intensivierte und je sicherer ich gegenüber meinen Zuhörern wurde, desto mehr
meldeten sich zu Wort: aus dem Publikum und aus der anderen Welt. Es gab
unter den Verstorbenen, wie sich erwies, nicht nur jene Schwierigen, die in
Ruhe gelassen werden wollten, sondern auch solche, die es gar nicht erwarten
konnten, mit den Lebenden ins Gespräch zu kommen. Manchmal hatte ich den
Wunsch, die große Zahl Verstorbener, die auf mich eindrangen, zurückzuhalten.
Es sprachen zu viele zur gleichen Zeit, und es entstand ein heilloses
Durcheinander. Es müßte eine Methode oder irgendein Wesen geben, dachte ich,
das eine Reihenfolge der Übermittlung herstellen könnte. Ich wollte nicht
immer nur denjenigen, der sich am lautesten meldete, herannehmen. Ich
brauchte so etwas wie einen Ordner, einen »Moderator«. Es war mir bekannt, daß die meisten
Medien, die mit Verstorbenen zu sprechen vermochten, nach einiger Zeit in
besonders enger Beziehung zu einem bestimmten Jenseitigen standen, der von
sich aus seine Hilfe angeboten und eine Mittlerrolle übernommen hatte. Ein
solcher »Kontrollgeist« ist für das Funktionieren des Kontakts von großem
Nutzen. Er stellt die Verstorbenen, die etwas sagen wollen, vor, er
verdeutlicht das, was sie sagen möchten, er spricht mit der Stimme
desjenigen, für den er gerade »dolmetscht«, oder auch mit der Stimme des
Mediums, das sich in Trance befindet und, äußerlich betrachtet, schläft. Schon oft hatte ich darüber
nachgedacht, welche Vorbedingungen ich wohl würde erfüllen müssen, um einen
ständigen Helfer im Jenseits zu finden, ohne auf diese Frage selbst oder bei
erfahreneren Medien eine Antwort zu finden. So blieb mir nichts anderes
übrig, als zu warten und inzwischen so gut wie möglich allein
zurechtzukommen. Es war im Jahre 1924, als ich, am
Ende einer Seance wieder erwachend, von den Teilnehmern erfuhr, daß ein
Verstorbener für mich selbst eine Botschaft hinterlassen hatte. Er hatte mit
seiner eigenen Stimme gesprochen: »Wenn Ford aufwacht, dann sagt ihm, daß ich
von nun an sein Partner sein werde und daß ich mich Fletcher nenne.« * *
* Da ein Mann namens Fletcher bisher
nicht zu meinem Bekanntenkreis gehört hatte, war ich neugierig, Näheres über
die Identität meines künftigen «Kontrollgeistes« zu erfahren, und ich bat
deshalb die Teilnehmer der folgenden Seancen, soviel wie möglich von ihm zu
erfragen. Fletcher gab ihnen bereitwillig Auskunft, allerdings unter einer
Bedingung: Die Öffentlichkeit sollte seinen vollen irdischen Namen nicht
erfahren. Er nannte die Gründe dafür, und die Zuhörer versprachen, seinen
Wunsch zu respektieren. Fletcher — das war sein zweiter
Vorname, also dem Brauch nach wohl der Mädchenname seiner Mutter — stammte
aus einer strenggläubigen römisch-katholischen Familie, in der man
unumstößliche Vorstellungen vom Aufenthalt der Seele nach dem Tode hatte, die
mit Fletchers eigenen Erfahrungen keineswegs übereinstimmten. Aber er hatte
sich nun einmal entschlossen, seine Angehörigen in ihrem Glauben zu lassen
und keinen direkten Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Es hätte sie, wie er
wußte, schwerer als sein früher Tod getroffen, zu erfahren, daß er sich in
einem Himmel befand, in dem nicht nur Katholiken versammelt waren. »Zuerst
war ich ja selbst ein bißchen schockiert darüber«, gestand er seinen
Gesprächspartnern. Und dann erklärte er, was ihn mit mir verband. Er sagte:
»Arthur Ford ist ein Landsmann von mir und ein Altersgenosse. In unserer
Kindheit wohnten wir beide nicht weit voneinander entfernt. Meine Eltern
hatten ein Haus in der Nähe von Fort Pierce, auf der anderen Seite des
Flusses. Als ich noch ein kleiner Junge war, zogen wir nach Kanada. Dort bin
ich groß geworden. Bei Kriegsausbruch meldete ich mich freiwillig und fiel an
der belgischen Front ... Sie können das alles nachprüfen.« Er nannte seinen Namen — wie gesagt,
unter dem Siegel der Verschwiegenheit —‚ Tag und Ort seines Todes, die genaue
Bezeichnung seiner Truppeneinheit und seine Heimatanschrift. Ich schrieb an
seine Hinterbliebenen, tat so, als ginge es um die Feststellung von
verwandtschaftlichen Beziehungen, und fragte nach den einzelnen
Familienangehörigen, die Fletcher erwähnt hatte. Einer seiner Brüder
antwortete mir und bestätigte mir die Angaben über den Tod seines Bruders. Eine Fotografie, irgendein reales
Bild von ihm habe ich nie zu Gesicht bekommen, und doch habe ich ihn oft,
kurz bevor ich in Trance fiel, für Sekunden deutlich vor mir gesehen: als
einen jungen, aufgeweckten Burschen. Ich kann allerdings weniger seine
Gesichtszüge beschreiben als sein Wesen. Das liegt vielleicht daran, daß ich
ihn viel zu dicht vor mir sah, um ihn genau zu erkennen. Wenn man ein Objekt
zu nahe an die Augen heranbringt, verschwimmen seine Konturen, man spürt es
mehr, als daß man es sieht. So war es auch mit Fletcher. Ich hatte manchmal
das Gefühl, daß sein Gesicht, sein Körper durch meine geschlossenen Augen in
mich übergingen. Es war der Moment, in dem ich das Bewußtsein verlor. In der folgenden Zeit wurden wir
unzertrennlich. Fletcher erschien in nahezu jeder Sitzung, wenn auch einmal
deutlicher und ein andermal nur wie von fern, mal gut gelaunt, mal in
schlechter Stimmung. Wir trainierten miteinander wie Sportskameraden, nur daß
es hier um die Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den
beiden Sphären ging. Wir bildeten eine Arbeitsgemeinschaft, wie ich sie mir
schon so lange gewünscht hatte; ich empfand Fletcher als einen genauso guten
und genauso lebendigen Freund wie meine irdischen Freunde um mich herum, und
Fletcher versicherte mir, daß diese große Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhe.
Gewiß war dies nicht die unwichtigste Voraussetzung für das Funktionieren
unserer Zusammenarbeit. Meistens meldete er sich, sobald ich
in Trance war, mit einem jungenhaften »Hallo!«, aus dem man sogleich seinen
französisch-kanadischen Akzent heraushörte. Meist sprach er für unsere
Begriffe auffallend langsam und überdeutlich, und er beklagte sich oft
darüber, daß seine Partner im Jenseits, deren Botschaften er entweder selbst
übermitteln oder nur ankündigen sollte, viel zu schnell sprachen, nämlich so
schnell wie im vorigen Leben, und das führte zu großen
Verständigungsschwierigkeiten, vor allem zu Irrtümern bei der Weitergabe von
komplizierteren Eigennamen, und das alles bedeutete Zeitverlust, wenn nicht
gar das Mißlingen der Seance überhaupt. Denn ich konnte ja nicht beliebig
lange in diesem Energien verzehrenden Zustand einer Bewußtlosigkeit
verharren, die nicht mit einer gewöhnlichen Ohnmacht zu vergleichen ist. Und
schließlich schadete die von Fletcher als hektisch und unkonzentriert
getadelte Sprechweise der Körperlosen auch unserem Renommee! So manches
bedauernde oder ärgerliche Kopfschütteln (»Ist ja doch alles Unsinn!«) unter
den Teilnehmern auf dieser Seite unseres »Spiels ohne Grenzen« verdankten wir
dem Umstand, daß sich Fletchers Schützling auf seiner neuen Bewußtseinsebene
noch nicht so recht akklimatisiert hatte. Auf diese Anpassungsschwierigkeiten
komme ich noch an anderer Stelle ausführlich zu sprechen. Ein weiteres Handikap für Fletchers
Dolmetschertätigkeit war ein Faktum, das ich hier ohne jedes Werturteil über
meinen Partner nennen muß: Er brachte uns oft mit Persönlichkeiten ins
Gespräch, die ein Vokabular benutzten, das ihm, selbst langsam gesprochen,
nicht verständlich war. Fletcher hatte nun einmal keine akademische Bildung
genossen und daher keine großen Fremdwortkenntnisse, von irgendeiner
Fachsprache ganz zu schweigen. Er war indessen äußerst lernbegierig und
wiederholte ein ihm bis dahin unbekanntes Wort so oft, bis er es richtig
aussprach. Der Beifall der Seanceteilnehmer belohnte ihn für seine Mühe. Aber
er liebte es gar nicht, wenn sich, nachdem er ein Wort falsch betont oder
falsch angewandt hatte, im Raum leises Lachen erhob. Dann konnte er sehr
ironisch werden. »Was meint der komische Kauz dahinten in der Ecke?« oder
»Ihr Name, Mylady, klingt auch nicht viel besser!« rief er ins Publikum, wie
ein verärgerter Conferencier, der sich für die Störung seiner Vortragsnummer
rächt. Fletchers Lernbegierde und seine
schnelle Auffassungsgabe können nicht mit unseren üblichen Maßstäben gemessen
werden, es sei denn, man attestiert ihm, daß er ein Gedächtniskünstler war.
Er übermittelte im Laufe der Zeit nicht nur Botschaften von Altsprachlern und
Philosophen, die sich einer Terminologie bedienten, der kaum einer unter
meinen Gästen folgen konnte, sondern er sagte auch Nachrichten in Sprachen
durch, die weder er noch ich gelernt hatten zu verstehen oder gar zu
sprechen. Er sprach Chinesisch, Hindi und Arabisch, außerdem »natürlich«
Deutsch und Italienisch und verstand mit einiger Mühe die Antworten und neuen
Fragen des lebenden Gesprächspartners. Fletcher erklärte das so, daß er
selbst nicht wisse, was er sage und höre, aber er wisse genau, was er zu
sagen habe, und was derjenige, der spricht, denke, und diese Gedanken seien
nicht an eine Sprache, nicht einmal an Worte gebunden. Für den noch
Unerfahrenen, den Neuankömmling in der neuen Lebenssphäre gehe es vor allem
darum, die Ausstrahlung der anderen Wesen aufzufangen und richtig zu
interpretieren, und nicht um mechanisches Erlernen von Sprachen und anderem
Wissensstoff. Die »Übersetzung« der Gedankensprache
der Körperlosen in unsere Wortsprache geht offenbar assoziativ vor sich. Im
normalen Fluß des Gesprächs zwischen den Bereichen fällt diese Transponierung
kaum auf, wohl aber, wenn Namen und bestimmte Begriffe umgesetzt werden
müssen. Fletcher sprach zu Beginn einer Seance gern die im Raum Versammelten
mit ein paar Begrüßungsworten an. Man brauchte sie ihm nicht vorzustellen; er
kannte sie, auch wenn sie zum erstenmal bei mir waren. Das heißt, er konnte
sie identifizieren und bezeichnende Aussagen über sie machen, aber ihre Namen
zu nennen, bereitete ihm Schwierigkeiten. Um ihnen zu beweisen, daß sie keine
Fremden für ihn waren, sagte er zum Beispiel: »Sie kommen aus meiner Gegend«
oder »Sie sind extra von der Westküste hergekommen«. Geographische
Zuordnungen der Personen fielen ihm am leichtesten. Auch Ausländer erkannte
er schnell, und Franzosen sprach er gern in ihrer Muttersprache an. Eine
andere Identifikationsmöglichkeit boten die Berufe. Er sagte zu einem Herrn,
von dem auch ich nicht wußte, daß er ein Kunstmaler war: »Ich sehe Sie
dauernd vor der Leinwand stehen.« Und einen katholischen Geistlichen, der
sich im grauen Straßenanzug in unsere Sitzung eingeschmuggelt hatte, begrüßte
er mit den Worten: »Ich freue mich, daß auch ein Vertreter des Klerus
anwesend ist.« Die Seanceteilnehmer waren aus
naheliegenden Gründen mitunter ganz froh, daß Fletcher sie so gut wie nie
beim Namen nannte. Ihr Name tat ja auch nichts zur Sache. Anders war es bei
der Vorstellung der Unsichtbaren. Sie legten meistens allergrößten Wert
darauf, sich eindeutig zu erkennen zu geben, und wenn sie es nicht gerade
vorzogen — so wie Fletcher —‚ ihren irdischen Namen mit Rücksicht auf Hinterbliebene
zu verschweigen, machten sie freimütig und ausführlich Angaben zur Person.
Daß die Übermittlung von Namen nicht so einfach ist, sagte ich schon, und
richtig assoziieren, das war auch für Fletcher bisweilen Glückssache. Besonders schwer fiel es ihm
offenbar, ähnlich Klingendes auseinanderzuhalten. (Zur Entschuldigung
Fletchers sei daran erinnert, daß das richtige Verstehen von Namen am Telefon
auch nicht so einfach ist.) Fletcher mochte also mit überzeugter Stimme
beginnen: »Hier meldet sich ein Henry, der — « und stockte dann, weil ihm der
Namensträger zu verstehen gab, daß er nicht Henry heiße. Fletcher
korrigierte: »Bedaure, es meldet sich ein Harry — «‚ wieder wurde er
unterbrochen, » — vielmehr ein Mister Harrison, wenn ich recht verstanden habe
— nein, nicht? Aber die Silbe Har- stimmt doch — oder? Aha, jetzt hab‘ ich‘s.
Es handelt sich um Mister Harrall.« Der andere schien ihm zu bestätigen, daß
dies sein Name sei, und nun konnte es endlich weitergehen. Der
Gesprächspartner unter den Sitzungsteilnehmern mußte herausgefunden werden.
Oft war das leicht, nämlich dann, wenn ein Familienangehöriger oder Freund im
Publikum war, der schon aufgeregt darauf wartete, mit dem Verstorbenen
sprechen zu können. Fast genausooft meldeten sich jedoch Jenseitige zu Wort,
die sich an keine bestimmte Person wandten, sondern einfach nur etwas
durchgeben wollten. Auf die sehr unterschiedlichen Kontaktgründe, die sich
erkennen lassen, wenn man die Verbindung analytisch und statistisch
untersucht, komme ich später zurück. Hier möchte ich davon erzählen, auf
welche Tricks Fletcher mit der Zeit kam, um die Gedanken-Sprachbarriere zu
überwinden. »Ich habe hier einen Arzt«, sagte er
einmal, »der gern einer bestimmten Person im Saal, die dringend ärztlicher
Hilfe bedarf, einen Rat geben möchte. Es scheint sich um eine Dame zu
handeln, ihr Name ist — warten Sie: es ist Sommer, alles blüht — ich glaube,
sie heißt June.« Eine June war anwesend, und sie fühlte sich tatsächlich
unwohl, wußte jedoch nicht, daß sie ernstlich krank war. Der unsichtbare Arzt
stellte seine Diagnose und gab therapeutische Ratschläge. Mehrmals leistete bei der
Identifizierung der Jenseitigen die Literatur Hilfestellung. Fletcher sagte:
»Ich kann den Namen der jungen Frau, die sich hier bei mir befindet, nicht
herausbekommen, aber sie deutet auf ein Buch. Es ist "Alice im
Wunderland". Möglicherweise heißt sie also Alice. Ja, sie bestätigt mir
das!« Wie oft brach Fletcher den Versuch
einer Kontaktherstellung abrupt ab, weil die Verständigungsschwierigkeit anscheinend
unüberwindlich war! Das lag allerdings nicht immer an den Jenseitigen. Häufig
gab es auch auf unserer Seite Komplikationen. Ich erinnere mich besonders an
einen tragikomischen Fall, der ein gefundenes Fressen für den lokalen
Zeitungsreporter war: Fletcher hatte mit Mühe und Not den
Namen eines alten Mannes sozusagen zusammengereimt und danach Buchstabe für
Buchstabe den Empfänger der Botschaft im Sitzungsraum genannt. Es schien
klar: Ein Vater wollte sich seinem Sohn zu erkennen geben. Da aber erhob sich
im Publikum ein junger Mann und rief empört: »Offenbar meint der Mann mich,
aber ich bin nicht sein Sohn. Mein Vater sitzt hier neben mir!« Fletcher
verstummte irritiert. In diesem Augenblick stand der als »mein Vater«
bezeichnete Herr auf, legte seinem aufgebrachten Sohn zugleich beruhigend und
wie um Verzeihung bittend die Hand auf die Schulter und sagte mit verlegener
Stimme: »Ich habe es bis heute nicht übers Herz gebracht, dir die Wahrheit zu
gestehen, aber nun mußt du es wissen: Deine Eltern sind ums Leben gekommen,
als du noch ein Baby warst. Wir haben dich adoptiert. Der von drüben zu dir
sprechen wollte, ist tatsächlich dein Vater. Ich habe ihn gut gekannt.« Alle diese typischen, zum Teil
alltäglichen Szenen habe ich nicht bei Bewußtsein miterlebt, sondern den
Stenogrammen und Protokollen — später auch den Tonbandaufnahmen — entnommen,
die von jeder Seance angefertigt wurden. Ich brauche indessen sicherlich kein
Wort darüber zu verlieren, daß alle diese Aufzeichnungen zuverlässiger waren
als mein Erinnerungsvermögen es jemals sein könnte. Manchmal war ich nach
einer Seance, bedingt durch ihre Dauer und ihre Intensität, aber auch durch
mein physisches Befinden, durch Witterungseinflüsse usw., so müde, daß ich
weder einen Blick auf die Protokolle warf, die man mir nach dem Erwachen
reichte, noch den Teilnehmern zuhörte, die mir erzählen wollten, was Fletcher
gesagt hatte. Ich erhob mich mehr oder weniger erschöpft, winkte zum Abschied
meinen Freunden zu und ging weg, um mich auszuruhen. Waren meine Lebensgeister wieder voll
erwacht, las ich die Aufzeichnungen durch und hörte die Tonbänder ab. Es kam
aber auch vor, daß ich ein paar Tage lang keine Zeit dazu hatte und die
Protokolle schließlich ins Archiv legte, ohne mich mit ihnen beschäftigt zu haben.
Das mochte Fletcher gar nicht gern! Er schien es jedesmal ganz genau zu
wissen, wenn ich meine »Hausaufgabe« nicht gemacht hatte, und ließ mir dann
durch einen der Seanceteilnehmer ausrichten, ich solle doch diese oder jene
Stelle unseres letzten Gesprächs nachlesen oder abhören; sie würde mich gewiß
interessieren. Das tat ich dann meistens auch. Anfang 1964 ließ Fletcher mich daran
erinnern, daß er an einem bestimmten Tag des vergangenen Jahres angekündigt
habe, man werde den Präsidenten in einer fahrenden Autokolonne ermorden. Ich
konnte mich nicht daran erinnern, von einer so ungeheuerlichen Prophezeiung
erfahren zu haben, und hörte mir sofort das Tonband von dieser Sitzung an.
Fletcher hatte recht. Entweder war keinem der Anwesenden die Botschaft — eine
unter vielen — aufgefallen, oder man hatte sie als peinlich empfunden und
übergangen. Jedenfalls hatte sie niemand ernst genommen — genausowenig wie
die Voraussage der Jeane Dixon. Als ihre Prophezeiung nachträglich, das
heißt, als es zu spät war, bekannt wurde, entbrannten, wie wir alle wissen,
in der ganzen Welt hitzige Debatten darüber, ob der Mord an Kennedy hätte
verhindert werden können, wenn man Jeanes »Warnung« befolgt hätte. Aber es
war gar keine Warnung vor einem Geschehen, das noch nicht stattgefunden
hatte. Sie hatte ja gesehen, wie es passierte! Anstatt diese äußerst komplizierte
Frage zu erörtern, nämlich ob Propheten etwas »nützen« können (»Wozu sind sie
denn sonst da?« fragten die Zeitungen), möchte ich aus einem Gespräch
zwischen Fletcher und einem Seanceteilnehmer, einem Politiker, zitieren. Die
Tonbandaufnahme der Sitzung vom 16. April 1967 hat u.a. folgenden Dialog
festgehalten: Fletcher: Es sind
verschiedene Leute hier ... Ein gewisser Carlson sagt, daß er etwas
vorhersagen werde, was sehr sorgfähig protokolliert werden muß. Er sagt, es
handle sich um jemanden, der Martin Luther heißt, um einen Farbigen. Es gibt
einen Plan, der bereits ausgearbeitet ist und auch durchgeführt werden wird.
Es ist ein schlimmer Plan. Ein Geistlicher namens Martin Luther King soll
ermordet werden. Und zwar bald. John: Kann
Carlson mir sagen, wer King ermorden will? Fletcher: Nein. John: Sieht
er, wann es geschehen soll, Fletcher? Fletcher: Nein,
nicht genau. Er sieht nur einen Teil des Bildes. Vorhersagen wie diese
empfängt man nur in groben Umrissen, nur den Plan. John: Aber es
wird geschehen? Fletcher: Ja. Viele Menschen erfuhren von dieser
Voraussage. Ein Jahr später, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King
ermordet. Ein
weiterer Kommentar erübrigt sich. Es würde nicht weiterführen, den Fall
Martin Luther King und die Voraussage der Ermordung isoliert zu betrachten.
Um ihn richtig zu verstehen, muß man die komplexen Zusammenhänge und tieferen
Ursachen für die Mißachtung solcher Prophezeiungen kennen. Die vergangenen vierzig Jahre meines
Lebens haben niemals Zweifel in mir aufkommen lassen, daß der Mensch nach dem
Tode weiterlebe. Denn in all diesen Jahren habe ich sozusagen Tag und Nacht
unumstößliche Beweise dafür erlebt. Ja, ich war daher zunächst entschlossen,
auf die Diskussion um diese Frage hier überhaupt nicht mehr einzugehen. Nichtsdestoweniger führt das Leben in
einer skeptischen, materialistischen Welt zu Kontakten, die nach
entschiedenem persönlichem Engagement verlangen. Immer wieder gilt es, sich
mit einem völlig falsch bzw. uninformierten Publikum auseinanderzusetzen.
Darüber hinaus hat meine Arbeit das Interesse von Wissenschaftlern jeder
Disziplin und Richtung erregt, wodurch ich in erheblichem Maß ihren
individuellen Urteilen ausgesetzt gewesen bin. Und weil die Meinung des
einzelnen das intellektuelle Klima und damit die geistige Einstellung
beeinflußt, mit der die Öffentlichkeit unserem Thema gegenübersteht, will ich
für einen Moment abschweifen, um einige fest eingefahrene, hoffentlich nicht
unausrottbare Voreingenommenheiten unter die Lupe zu nehmen. Vor mehr als drei Jahrhunderten wurde
mit der Gründung der Royal Society in England ein Markstein für den Beginn
moderner und systematischer wissenschaftlicher Forschung gesetzt. Seither hat
die Menschheit ihre ebenso großartigen wie ungeheuerlichen Fähigkeiten zur
Umgestaltung der sie umgebenden Natur unermüdlich von neuem unter Beweis
gestellt. Die materiellen Erfolge der Naturwissenschaften sind so
offensichtlich, daß kein vernünftiger Mensch sie leugnen kann. Viele
geachtete und gebildete Persönlichkeiten gehen allerdings so weit, zu
behaupten, Vorgänge, die sich naturwissenschaftlich nicht restlos klären
lassen, seien nicht denkbar. Wenn man von dieser Annahme ausgeht
und dabei ein Übermaß an Selbstsicherheit, sprich Arroganz, an den Tag legt,
bildet sich eine Einstellung heraus, die man günstigstenfalls als engstirnig,
eigentlich aber als bösartig bezeichnen müßte. In einem renommierten College im
Mittleren Westen hielt ich einmal eine Sitzung, bei der etwa dreißig Personen
anwesend waren. Wie bei allen Seancen wurden auch diesmal von verschiedenen
Personen genaue Aufzeichnungen über die Ereignisse während meines
Trancezustandes gemacht. Einer der Protokollanten lieferte hinterher
folgenden Bericht ab: Durch Arthur Ford enthüllte Fletcher Botschaften, die anscheinend für die
Menschen, die sie betrafen, eine Bedeutung hatten. An einer bestimmten Stelle
sprach er von »Brasilien — nein, nicht das Brasilien, nicht das Land, aber
ein Name wie Brasilien und doch kein Land. Weiß jemand, worüber ich spreche?«
Niemand antwortete. Fletcher fuhr fort: »Ich kann einen Namen ausmachen, der
ähnlich wie Brasilien klingt. Es ist aber der Name einer Person.« Zwei
Teilnehmer meldeten sich; sie wollten demnächst nach Südamerika fahren.
Fletcher glaubte nicht, daß die Botschaft für sie bestimmt war. Er fragte
sie, ob sie dort studieren wollten. Sie verneinten, und er sagte, es hätte
etwas mit einem Stipendium zu tun und mit einem Namen, der möglicherweise
Brasila laute. Als sich kein weiterer zu Wort meldete, ließ Fletcher mit
offensichtlicher Enttäuschung das Thema fallen. Als ich mich für das — natürlich auch
mich enttäuschende — Protokoll einer wenig ergiebigen Seance bedanken wollte,
sagte der Verfasser, ein mir unbekannter junger Mann, den ich zum erstenmal
sah: »Lesen Sie bitte auch meinen Nachtrag auf der Rückseite.« Ich drehte das
Blatt um und las: Nach Beendigung der Sitzung hörte der Unterzeichnete einen der anwesenden
Professoren, Dr. X., zu einem Kollegen sagen: »Erinnern Sie sich, daß dieser
Fletcher Brasila erwähnte? Natürlich glaube ich kein Wort von dem ganzen
Zeug, deshalb habe ich mich auch nicht gemeldet. Ich weiß aber genau, was er
gemeint hat. Unser College hat früher einmal eine Auszeichnung vergeben, die
Brasila-Stipendium hieß!« Was war geschehen? Fletcher hatte
sich, nach den üblichen Schwierigkeiten der Identifikation seines
Gesprächspartners und der Kontaktaufnahme, bemüht, eine Botschaft mit
konkretem Inhalt zu vermitteln. Wie aber reagierte der unnahbare Skeptiker,
als er feststellte, daß offenbar nur er mit dem Stichwort »Brasila« etwas
anzufangen wußte? Er sabotierte die mühevoll hergestellte Verbindung, indem
er die Antwort auf Fletchers Frage verweigerte. Sein Grund: »Ich glaube kein
Wort von dem ganzen Zeug.« Weil nicht sein konnte, was seiner Meinung nach
nicht sein durfte, hatte er das Experiment scheitern lassen. Und dies war die
Einstellung eines Wissenschaftlers, der auf seinem technologischen
Spezialgebiet als Autorität galt und an Erfindungen mitgewirkt hatte, die
einige Jahre zuvor anderen Fachleuten noch unrealisierbar erschienen waren! Wissenschaftler denken also nicht
immer wissenschaftlich und nicht immer fortschrittlich. Die brüske Ablehnung
der von Kapazitäten gelieferten Beweise für die Existenz außersinnlicher
Wahrnehmung kam und kommt noch immer fast ausschließlich von Kritikern, die
diese Beweise nicht geprüft haben — das heißt, von vornherein abgelehnt
haben, sie zu prüfen. Glücklicherweise sind dennoch eine ganze Reihe von
Wissenschaftlern dem Prinzip der objektiven Erforschungen aller Probleme, die
unser Leben und unsere Welt stellen, treugeblieben. Von diesen
Unvoreingenommenen wiederum haben einige ein übriges getan und für die Arbeit
der Medien und Medienforscher eine Lanze gebrochen, indem sie dem pauschalen
Vorurteil entgegenwirkten, daß Parapsychologen Wunschdenker seien, für die
das Wunder »des Glaubens liebstes Kind« ist. »Zwar bringt uns schon allein das
Wort "Medium" sofort unzählige Fälle von erwiesenem Betrug in
Erinnerung«, sagte Curt Ducasse, einer der angesehensten amerikanischen
Philosophen der Gegenwart, in einer Vorlesung an der University of
California, »aber die Trickmethoden von Scharlatanen, die Möglichkeiten von
Fehlinterpretationen und die Gefahr der Selbsttäuschung sind den
Parapsychologen doch ebenso bekannt, ja, sie haben meist sehr viel mehr
Erfahrung mit den Machenschaften von Geisterbeschwörern und betrügerischen
Medien und ergreifen weit strengere und sinnreichere Vorsichtsmaßnahmen, als
der gewöhnliche Skeptiker sich ausdenken könnte. Stets sogleich Betrug oder
mangelhafte Beobachtungsgabe anzunehmen, ist daher oft ein Anzeichen größerer
Leichtgläubigkeit als die Akzeptierung der berichteten Vorgänge.« Bis jetzt sind nur zwei einigermaßen
annehmbare Hypothesen zur Erklärung dieser paranormalen Fakten aufgestellt
worden. Die erste betrifft die Telepathie, das heißt, die Annahme (die gewiß
schon aufregend genug ist), daß das Medium Informationen direkt vom Geist
eines anderen zu beziehen vermag, so daß also dieser als die eigentliche
Quelle der Information anzusehen ist. Diese sogenannte animistische Hypothese
müßte allerdings ziemlich überanstrengt werden, um für sämtliche
telepathischen Phänomene gültig sein zu können, von denen einige voraussetzen
würden, daß das Medium auch die Hirne und das Unterbewußtsein weit entfernt
befindlicher und ihm völlig unbekannter Personen anzuzapfen vermag. Die
zweite Hypothese besagt, daß die »Mitteilungen aus dem Jenseits« tatsächlich
von Personen stammen, die gestorben sind und doch fortleben. Angesichts des
Vorhandenseins zwingender empirischer Beweise für das Fortleben, müssen wir
unsere gewohnten Vorstellungen über das, was in der Natur möglich und was
unmöglich ist, radikal revidieren. Der berühmte Psychologe Gardner
Murphy von der Columbia-Universität, Präsident der Amerikanischen
Gesellschaft für parapsychologische Forschung, veröffentlichte eine mit
großer Sorgfalt erstellte Studie von medial übermittelten Informationen, die,
seiner Meinung nach, keinen anderen Schluß zuließen als den, daß sie von
Verstorbenen kamen. Hier einige der von ihm dokumentarisch belegten Fälle: Ein Vater, der einige Zeit nach seinem Tode einem seiner Söhne erschien,
informierte diesen von der Existenz und dem Aufbewahrungsort eines zweiten
Testaments, das dann auch an der bezeichneten Stelle gefunden wurde. — Ein
Mädchen erschien ihrem Bruder neun Jahre, nachdem sie gestorben war, mit
einem auffallenden Kratzer an der Wange. Die Mutter gestand ihm daraufhin,
daß sie den Kratzer versehentlich selbst verursacht hatte, als sie ihre
Tochter für die Beerdigung zurechtmachte, daß sie ihn sofort mit Puder
kaschiert und niemandem davon erzählt hatte. — Einem General der britischen
Kolonialtruppe in Indien erschien ein Leutnant, den er zwei oder drei Jahre
lang nicht gesehen hatte. Der Leutnant ritt auf einem ausgemergelten braunen
Pony, dessen Mähne und Schwanz schwarz waren. Er war viel dicker als der
General ihn in Erinnerung hatte und trug jetzt einen gepflegten Bart, während
er früher glattrasiert war. Auf seine Erkundigungen hin erfuhr der General,
daß der Leutnant tatsächlich vor seinem Tode »ziemlich auseinandergegangen«
war und sich einen Bart habe wachsen lassen. Auch hätte er sich ein Pony
zugelegt und es zu Tode geritten. Diese Fälle sind keineswegs
spektakulär. Ich führe sie hier nur als Beispiel dafür an, daß es
Wissenschaftler von Rang und Namen gibt, die es für wert befinden, solchen
scheinbar banalen Meldungen von Übersinnlichkeit nachzugehen, die
Vorkommnisse zu untersuchen, wenn möglich, exakt zu dokumentieren, und die
dann, selbst auf die Gefahr hin, von gewissen Kollegen lächerlich gemacht zu
werden, in Wort und Schrift ihre Überzeugung vertreten, daß es sich in den
vorliegenden Fällen nicht um naturwissenschaftlich erklärbare Erscheinungen
handelt. Die Hauptursache für die
weitverbreitete Animosität gegen alles, was angeblich »paranormal« sein soll,
ist sicherlich darin zu sehen, daß die unteren und mittleren Ränge unserer
Wissenschaftler immer noch einer Weltanschauung anhängen, die erwiesenermaßen
mindestens seit hundert Jahren überholt ist. Der logische Positivismus von
Auguste Comte, der 1857 starb, ist nach wie vor Tausenden von
Wissenschaftlern ein Leitstern, die sich das Universum als eine Maschine
vorstellen, die genau nach den Gesetzen der klassischen Physik und Chemie
funktioniert und ausschließlich mittels der fünf groben Sinne wahrnehmbar ist.
Da aber die wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des letzten
Jahrhunderts nicht ohne die Hilfe anderer Sinne als dieser fünf hätten
gemacht werden können, hat sich Comtes Philosophie als unzulänglich erwiesen. Seit Anbruch des Atomzeitalters und der
Weltraumeroberung ist es offenbar, daß wir über die Natur und Struktur des
menschlichen Daseins und des Universums bis zur Mitte unseres Jahrhunderts
unzureichend oder falsch unterrichtet worden sind, und zwar nicht nur
deshalb, weil man eben bis zu dieser Zeit noch nicht genug über den
Atomaufbau und den Kosmos gewußt hat, sondern weil die Naturwissenschaften
sich gegen die subjektive Erfahrung der Sinne durch einen Eisernen Vorhang
abgeschirmt haben, weil sie, in der Meinung, dies dem Fortschrittsglauben
schuldig zu sein, Jahrtausende altes überliefertes Wissen mißachtet und nicht
genutzt haben. Erst allmählich setzt sich jetzt die Einsicht durch, daß eine
große Zahl bisher vernachlässigter Erkenntnisse und Ideen aus früheren
Epochen neu untersucht werden müssen, sei es, um ihre Richtigkeit zu
bestätigen, sei es, um sie zu verwerfen. Der Soziologe Joseph Mayer strich das
in einem Vortrag vor der Versammlung der American Association for Advanced
Science deutlich heraus: »Haben mechanistische und materialistische
Auffassung die gelehrte Welt nicht lang genug in Ketten gehalten? Ist es
nicht an der Zeit, daß die Wissenschaftler damit aufhören, das Wort
"Geist" nur verstohlen, gewissermaßen nur hinter der vorgehaltenen
Hand zu flüstern? Wünscht jemand seinen Glauben an die "Materie" zu
bewahren, weil er sie immer noch für die "sicherste Grundlage für die
Erforschung der Wirklichkeit" hält, so steht ihm das natürlich frei ...
Aber sollte man sich heute nicht frei genug fühlen, sich einer "geistigen"
oder "spiritualistischen" Hypothese zu stellen, entweder um die
eigene materialistische Auffassung zu objektivieren, oder um ihre
Alleingültigkeit zu prüfen? Man kann unschwer wahrnehmen, daß
jede menschliche Aktivität mit neuen physikalischen Erkenntnissen parallel verläuft. Wenn es kleinste Materieteilchen
gibt, die unbestimmbar sind, das heißt, daß sie zeitweise als körperliche
Substanzen auftreten und zeitweise körperlos als Schwingungen erscheinen,
verhält es sich mit geistigen Dingen wohl ebenso. Wenn in der subatomaren
Welt nichts von absoluter Dauer erscheint, ist das nicht besonders
erstaunlich, denn, wenn der Mensch schläft, ist der Strom seines Bewußtseins
unterbrochen und seine Erfahrungen werden nur vom Gedächtnis gespeichert. Das
unmittelbare Erinnerungsvermögen des Menschen ist es, das ihn seiner Gefühle,
Wahrnehmungen, Wünsche, Erwartungen, Entscheidungen und Erfüllungen inne
werden läßt. Sind Rudimente davon auch auf anderen Bewußtseinsebenen
wahrnehmbar, lassen sie sich dorthin ablenken, wie subatomare Teilchen?
Vermutlich wird die Wissenschaft darauf eine Antwort finden, doch bedarf es
dazu noch erheblicher Fortschritte ... Materialismus war nie völlig
wissenschaftlich. Es war der Physik-Nobelpreisträger Percy W. Bridgman von
der Harvard-Universität, der als Ergebnis seiner Erforschung des Verhaltens
der Materie sagte: "Wir stehen an der Schwelle einer neuen Ära
menschlichen Denkens."«4 Eine erstaunlich große Anzahl mit dem
Nobelpreis ausgezeichneter Physiker haben sich zu dieser neuen liberaleren
Auffassung von ihrer wissenschaftlichen Verpflichtung bekehrt.5
Arthur H. Compton (Nobelpreis 1927) sprach von Einsichten die »der
Unsterblichkeit als wissenschaftlich erwiesener Möglichkeit eine starke
Position einräumen«. Wolfgang Pauli (Nobelpreis 1945) hat kürzlich mit
Experimenten begonnen, um das immer kleiner werdende Niemandsland zwischen
dem geistig-seelischen und dem physikalischen Bereich zu erforschen. Richard
Feynman vom California Institute for Technology (Nobelpreis 1965) verglich
das Universum mit einer »Hierarchie, die von den einfachsten atomaren
Strukturen über die subtilsten geistigen Begriffe bis zu der Erkenntnis
Gottes reicht«. Sogar die Mathematik, »Königin und Dienerin der
Wissenschaft«, neigt sich dem Geistigen zu. Seit 1933 der Osterreicher Kurt
Gödel, jahrzehntelang der führende Mathematiker in Princeton, mit einem heute
nach ihm benannten Lehrsatz aufzeigte, daß kein mathematisches System
konsequent in sich selbst beweisbar ist, sind die Mathematiker von ihren
streng materialistischen Anschauungen ein wenig abgerückt. Wissenschaft und Religion haben
denselben Ursprung — die Faszination, die der Kosmos, aus dem der Mensch
hervorgegangen ist und in dem er lebt, auf ihn ausübt. Die frühen Priester,
die sich eine Erdmutter und einen Sonnenvater vorstellten, die Leben
spendeten, sagten auf mystische Weise das gleiche, was der moderne
Wissenschaftler sagt, wenn er feststellt, daß die Nahrung des Menschen aus
Stoffen besteht, die von der Erde geliefert und von der Sonne aktiviert
werden. Der ekstatische Eifer des Heiligen und des ehrgeizigen
Wissenschaftlers wächst aus einer Wurzel: dem Bewußtsein, daß sie Teil und
Werkzeug unermeßlicher Kräfte sind, die einem Kosmos Gestalt und Sinn geben.
Wenn Gelehrte und Wissenschaftler gezielter darauf hinarbeiten würden, die
fruchtbare Verbindung zwischen Wissenschaft und Religion aufzuzeigen, könnte
dies das Ende der Frustration bedeuten, der Millionen von Menschen in einer
den Materialismus überbewertenden, technologisch zersplitterten Welt
ausgesetzt sind. Im Lichte der Rivalität zwischen den
Wissenschaftlern der USA und der UdSSR ist es aufschlußreich, ja, von
allergrößter Bedeutung, daß die staatlich gelenkte sowjetische Forschung die
Notwendigkeit einer Synthese von physikalischer und geistiger Materie
begriffen und die parapsychologische Forschung im letzten Jahrzehnt enorme
Fortschritte gemacht hat.6 Ob politisch-strategische
Überlegungen die Sowjets zur Anerkennung paranormaler Realitäten »bekehrt«
haben, oder tatsächlich neu erwachte geistig-seelische Interessen ohne
materialistische Hintergedanken, kann hier außer acht gelassen werden.
Wichtig ist zunächst einmal, daß überhaupt eine »Bekehrung« stattgefunden hat
und der biologisch-psychologischen Forschung ein neues Aufgabengebiet
zugewiesen worden ist. Manche modernen Erforscher
paranormaler Phänomene, auch die berühmtesten und vor allem solche, die sich
zuvor jahrzehntelang nur mit den »reinen« Naturwissenschaften beschäftigten,
sind durch eine geradezu schockartige Erkenntnis zur Einsicht gelangt, daß es
so etwas wie außersinnliche Wahrnehmung gibt. Ohne hier ergründen zu wollen,
warum der eine oder andere erst ein einschneidendes persönliches Erlebnis wie
Saul vor Damaskus haben mußte, seien im folgenden einige eklatante Beispiele
aufgeführt: Der Fall Sigmund Freud In einem Brief, den Freud im April
1909 an C. G. Jung schrieb, tat er dessen »Complexspukforschung« und die in
diesem Zusammenhang aufgestellten Hypothesen seines Freundes leichthin als
»holden Wahn« ab. Alles, was ihm nicht in sein Bild von der Psyche paßte,
bezeichnete er geringschätzig als »okkultistisch«. Jung berichtet in seinen
Erinnerungen eine Episode, die sich ebenfalls 1909 abspielte, als er Freud in
Wien besuchte: »Während Freud seine Argumente
vorbrachte, hatte ich eine merkwürdige Empfindung. Es schien mir, als ob mein
Zwerchfell aus Eisen bestünde und glühend würde — ein glühendes
Zwerchfellgewölbe. In diesem Augenblick ertönte ein solcher Krach im
Bücherschrank, der unmittelbar neben uns stand, daß wir beide furchtbar
erschraken. Wir dachten, der Schrank fiele über uns zusammen. Genauso hatte
es getönt. Ich sagte zu Freud: "Das ist jetzt ein sogenanntes
katalytisches Exteriorisationsphänomen." — "Ach", sagte er,
"das ist ja ein leibhafter Unsinn!" — "Aber nein",
erwiderte ich, "Sie irren, Herr Professor. Und zum Beweis, daß ich recht
habe, sage ich nun voraus, daß es gleich noch mal so einen Krach geben
wird!" — Und tatsächlich: Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, begann
der gleiche Krach im Schrank. Ich weiß noch heute nicht, woher ich
diese Sicherheit nahm. Aber ich wußte mit Bestimmtheit, daß das Krachen sich
wiederholen würde. Freud hatte mich nur entsetzt angeschaut. Ich weiß nicht,
was er dachte, oder was er schaute! Auf jeden Fall hat dieses Erlebnis sein
Mißtrauen gegen mich geweckt, und ich hatte das Gefühl, ihm etwas angetan zu
haben. Ich sprach nie mehr mit ihm darüber.«7 Irgendwann im Laufe der nächsten
beiden Jahre machte Freud eine Erfahrung, die ihn tief beeindruckte und von
Grund auf wandelte. Am 15. Juni 1911 schrieb er an Jung: »In Sachen des Okkultismus bin ich
seit der großen Lektion durch die Erfahrungen Ferenczis demütig geworden. Ich
verspreche alles zu glauben, was sich irgendwie vernünftig machen läßt. Gerne
geschieht es nicht, das wissen Sie. Aber meine Hybris ist seither gebrochen.
Ich möchte Sie gerne in Einklang mit F. wissen, wenn einer von Ihnen daran
geht, den gefährlichen Schritt in die Öffentlichkeit zu tun und stelle mir
vor, daß dies mit voller Unabhängigkeit während des Arbeitens vereinbar ist.«8 Freud, der Begründer der
Psychoanalyse, wußte aus eigener trüber Erfahrung, wie gefährlich es für
einen noch am Anfang seiner akademischen Laufbahn stehenden Wissenschaftler
war, mit Thesen an die Öffentlichkeit zu treten, die der herkömmlichen
Lehrmeinung widersprachen. Im Jahr zuvor hatte auf dem Kongreß
deutscher Neurologen und Psychiater in Hamburg Professor Wilhelm Weygandt bei
der Ankündigung einer Diskussion über die Psychoanalyse mit der Faust auf den
Tisch geschlagen und ausgerufen: »Dies ist kein Diskussionsthema für eine
wissenschaftliche Versammlung, dies ist Sache der Polizei!« Ein Sprecher der
Medizinischen Gesellschaft von Budapest äußerte sich im gleichen Sinn: »Der
richtige Ort für Psychoanalytiker ist nicht der Ordinationsraum, sondern das
Gefängnis.«9 Jeder Universitätsdozent, der es
gewagt hat, unkonventionelle psychologische Ideen vorzutragen, muß nach wie
vor mit Diffamierung rechnen, (wenn auch vielleicht nicht überall mit
Gefängnis), und es ist im Grunde ein trauriger Trost, daß er sich, historisch
betrachtet, in der erlauchten Gesellschaft der großen revolutionären
Erneuerer unseres Weltbildes befindet; denn seit der Verfolgung Galileis sind
dreihundert Jahre vergangen, ohne daß sich in der Einstellung der
Bildungsfunktionäre Wesentliches geändert hätte. Freud wurde Mitglied mehrerer
nationaler Gesellschaften für parapsychologische Forschungen und
experimentierte selbst mit Medien. 1924 schrieb er an Ernest Jones, seinen
Schüler und späteren Biographen, daß er bereit sei, »die Sache der Telepathie
durch die Psychoanalyse zu unterstützen«. Aber Jones befürchtete, daß die
Psychoanalyse dadurch in Mißkredit geraten könnte, und er riet Freud von jeder
öffentlichen Äußerung ab. Er verhinderte auch, daß Freud 1922 dem
Internationalen Psychoanalytischen Kongreß eine Abhandlung über
»Psychoanalyse und Telepathie« vortrug. Sie wurde erst nach Freuds Tod
veröffentlicht. Am Ende seiner Laufbahn erkannte Freud: »Wenn ich noch einmal
beginnen könnte, würde ich mich der Parapsychologie widmen.« Der Fall Robert A. Bradley Der namhafte amerikanische Psychologe
Robert A. Bradley berichtet über seine »Bekehrung« folgendes: »Eines Morgens erwachte ich früher
als die andern, stieg die Treppe unseres großen, alten Hauses hinunter und
ging in das Eßzimmer. Ich wollte mir mit dem schwarzen Zigarrenanzünder, der
auf dem Marmortisch stand, eine Zigarre anzünden. Als ich die Hand danach
ausstreckte, sah ich zu meiner Bestürzung, wie der Anzünder sich sanft in die
Luft erhob, etwa dreißig Zentimeter weit schwebte und lautlos wieder landete.
Verwirrt nahm ich ihn mit festem Griff in die Hand und untersuchte ihn ganz
genau. Es war keine Schnur daran befestigt, und die übrigen Hausbewohner
schliefen alle noch im ersten Stock. Es war ausgeschlossen, daß sich einer
einen Scherz mit mir erlaubt hatte. Ich stellte den Anzünder wieder genau an
die Stelle, von der aus er sich selbständig fortbewegt hatte. Aber diesmal
geschah nichts dergleichen. Man liest oft von ähnlichen
physikalisch unerklärlichen Vorkommnissen, geht jedoch mit einem skeptischen
Achselzucken darüber hinweg. Ein solcher Spuk, sagt man sich, sei auf
Halluzination, Tricks, Unfug oder Schwindel zurückzuführen. Doch erleben Sie
es selbst. Erleben Sie es nur einmal selbst!«10 Der beinahe banal klingende
Zwischenfall mit dem Zigarrenanzünder war nur der Beginn einer Reihe
ähnlicher psychokinetischer Erscheinungen, die Bradley davon überzeugten, daß
es im Universum Kräfte gibt, die man mit unseren fünf Sinnen nicht erfassen
und mit dem zur Zeit vorhandenen technischen Instrumentarium höchstens
festhalten, aber nicht erklären kann. Der Fall Cleve Backster Cleve Backster, der Leiter des
Instituts für Lügenaufdeckung in New York, das sich um die technische
Vervollkommnung der Lügendetektoren (Polygraphen) und ihrer Anwendung
verdient gemacht hat, erlebte sein Damaskus 1967 vor einem Blumentopf in
seinem Büro. Was er entdeckte, ging als Sensationsmeldung um die Welt: »Als ich, wie so oft, eine Pflanze
begoß, fragte ich mich plötzlich, wie lange es wohl dauere, bis die
Feuchtigkeit, die die Wurzel aufsaugt, in die Blätter gelangt ist. Der
Polygraph registriert die Veränderungen der physiologischen Aktivität im
menschlichen Körper — warum nicht auch in einer Pflanze? Ich befestigte die
Elektroden an beiden Seiten eines Blattes und erwartete, daß die Kurve auf
dem Kontrollstreifen gleichzeitig mit dem Wasser stieg. Statt dessen fiel sie
ab. Ich hatte eine solche Reaktion bei Menschen noch nie erlebt, außer wenn
eine starke emotionale Depression mit im Spiel war. Wenn ein Mensch bedroht
wird, schlägt die Nadel des Polygraphen sehr heftig aus. Ich beschloß, das
Wohlbefinden der Pflanze zu bedrohen. Ich tauchte ein Blatt in Kaffee. Nichts
geschah. Ich versuchte es mit lauter Musik. Kein Zittern der Nadel. Endlich
dachte ich: Ich verbrenne das verdammte Ding. Es war nur ein Gedanke, aber
die Nadel schnellte spontan in die Höhe. Wilde Erregung! Monatelang testete
ich verschiedene Pflanzen und stellte fest, daß sie auf alles Ungewöhnliche
reagierten. Wenn ich nur meinen Hund ins Zimmer brachte, schnellte die Nadel
des Polygraphen sofort in die Höhe.« Backster überlegte dann, wie die
Pflanzen wohl auf Leiden anderer Wesen reagieren würden. Er besorgte sich
lebende Garnelen (kleine Meereskrebse) und tötete sie, indem er sie in heißes
Wasser warf. Die Nadel schlug wie verrückt aus. War es möglich, daß Zellen,
wenn sie starben, Signale aussandten, die von anderen Zellen, selbst solchen von
völlig anderer Struktur, aufgefangen wurden? »Mir fiel auf, daß die Pflanzen nicht
reagierten, wenn etwas sie ablenkte, das sie mehr interessierte. Also lenkte
ich sie ab. Ich wandte den Pawlowschen Schock an. Dann richtete ich es so
ein, daß die Pflanzen einen elektrischen Schlag bekamen, sobald die erste
Garnele ins heiße Wasser fiel, der Schlag bei der zweiten jedoch ausblieb.
Sie reagierten trotzdem, als wären sie geschockt worden. Bald darauf brauchte
ich nur zu denken, daß ich sie schocken wollte, und schon verloren sie das
Bewußtsein, wie Menschen, wenn sie in Ohnmacht fallen ... Nichts scheint
diese Kommunikation verhindern zu können, nicht einmal Bleiplatten.«11 Backsters Experimente wurden in
anderen Laboratorien, vor allem in den Ostblockstaaten, wiederholt und seine
Ergebnisse bestätigt. Demnach besitzen auch Pflanzen Gefühle, ein Gedächtnis
und die generelle Fähigkeit zu außersinnlicher Wahrnehmung. Ihre einzelnen
Zellen können sich anscheinend mit jeder Spezies von lebender Zelle, also auch
menschlichen und tierischen Organismen, »verständigen«. Ein solches
allumfassendes telepathisches Verbindungsnetz könnte, wie sowjetische
Militärtechnologen geäußert haben, eines Tages als ein unschlagbares
Kommunikationssystem Verwendung finden. Es scheint mir nicht vermessen,
anzunehmen, daß Backsters Beobachtungen möglicherweise viel weiter reichende
Folgen haben können als die Entdeckung Einsteins (dessen Neugier übrigens
durch scheinbar unbedeutende, aber anhaltende Perturbationen in der
Umlaufbahn des Merkur geweckt wurde). Endlich könnte, nach mehr als
vierhundert Jahren, eine kühne philosophische Idee des viel zu wenig
bekannten Renaissancephilosophen Pico della Mirandola voll begriffen und
praktisch nutzbar gemacht werden. In seiner Schrift "Über das Sein und
das Eine" (1557) heißt es: »Erstens gibt es eine Einheit der
Dinge, durch die jedes Ding eins mit sich selbst ist, aus sich selbst besteht
und mit sich selbst zusammenhängt. Zweitens gibt es eine Einheit, durch die
ein Geschöpf mit allen anderen vereint ist, und alle Teile der Welt ergeben
eine Welt.« Der Gerechtigkeit halber muß hier
freilich erwähnt werden, daß Backster oder irgendein anderer wacher Geist die
außersinnliche Kommunikationsfähigkeit aller Zellen ohne die hervorragenden
Präzisionsgeräte, die uns die moderne Technologie zur Verfügung stellt,
niemals hätte in Erfahrung bringen können. Dies sei vor allem deswegen betont,
um den Verdacht zu widerlegen — oder ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen
—‚ Parapsychologen im allgemeinen und ich im besonderen stünden der
Technologie feindselig gegenüber. Das Gegenteil ist der Fall! Die gesamte
parapsychologische Forschung wäre über ihr Embryonalstadium gar nicht
hinausgekommen und wäre womöglich die Domäne von Magiern und Spekulanten
geblieben, hätten wir in den Laboratorien nicht hochspezialisierte,
unbestechliche Apparaturen: kybernetische, radiologische, quantifizierende,
fotografische usw. Alle Errungenschaften der Technologie sind in den letzten
Jahrzehnten irgendwo und irgendwie auch in den Dienst der Parapsychologie
gestellt worden und haben sie fast in jedem Fall weiter vorangebracht,
genauso die Erforschung der Echtheit von Jenseitskontakten und der
Grundbedingungen für ihr Zustandekommen. Mit Absicht habe ich in diesem
Kapitel keinen Fall von »Bekehrung« zur Parapsychologie durch Manifestationen
Verstorbener — etwa gar durch Vermittlung Fletchers und durch meine mediale
Fähigkeit — beschrieben. An vielen anderen Stellen dieses Buches sind die
Reaktionen und Kommentare der Teilnehmer an entsprechenden Seancen
ausführlich wiedergegeben, und der Leser möge selbst darüber urteilen, ob es
überzeugende Aussagen sind und ob es an der Zeit ist, zu zweifeln oder nicht
mehr zu zweifeln. Viele Wissenschaftler, die noch dem
darwinistischen Konzept des 19. Jahrhunderts verhaftet sind und an die
physische Evolution durch Auslese und Mutation glauben, sind zu dem Schluß
gekommen, daß die Evolution zum Stillstand gekommen ist, da drastische
körperliche Veränderungen beim Menschen seit langem nicht mehr festgestellt
worden sind. Tatsächlich aber ist die Evolution sehr wohl noch im Gange, nur
nicht mehr rein körperlicher Art, sondern sie hat sich in die psycho-soziale
Sphäre hineinentwickelt, wo sich jetzt evolutionäre Veränderungen in
schneller Folge zeigen. Dies ist eine der wichtigsten
wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit: Der Mensch ist ein vollgültiger
Partner und aktiver, verantwortungsbewußter Teilnehmer an seiner eigenen
Evolution geworden. Er muß sie nicht mehr mit sich geschehen lassen, ohne
eingreifen zu können, er bestimmt sie weitgehend selbst. Wenn das so ist — und von so großer
Bedeutung —‚ warum hört man dann nicht mehr darüber? Es fehlt ganz einfach
das öffentliche Interesse daran! In unserer Zeit schenkt man allen
Entdeckungen, die keinen kommerziellen, politischen oder militärischen Profit
abwerfen, kaum irgendwelche Aufmerksamkeit. Die Pioniere auf dem Gebiet eines
neuen Evolutionsverständnisses waren alle isoliert für sich arbeitende Wissenschaftler:
u.a. der Psychiater Richard M. Bucke, der Schriftsteller Samuel Butler, der
Philosoph Henri Bergson, der Psychiater und Psychologe C. G. Jung, der
Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin, der Biologe Julian Huxley und der
Theologe H. T. Wieman. Diese Männer waren meistens überrascht, als sie
erfuhren, daß auch andere, ganz unabhängig voneinander, zu der gleichen
Erkenntnis gekommen waren, nämlich, daß der Mensch an seiner Evolution in
steigendem Maße selbst mitwirkt. Eine klare Definition der »Evolution des
Bewußtseins« hat in den vierziger Jahren Julian Huxley geliefert: »Der Mensch
ist nichts anderes als das, was die Evolution aus seinem Bewußtsein gemacht
hat;« Er erklärt dazu: »Im Laufe der Evolution gewinnt das
Bewußtsein (oder auch die Gesamtheit der geistigen Eigenschaften des Lebens)
eine immer stärker werdende Bedeutung für den Organismus, bis es schließlich
beim Menschen das wichtigste Charakteristikum seines Lebens wird ... Die
Evolution gewinnt ein neues Erscheinungsbild: Sie wird primär zu einem
psycho-sozialen Prozeß ... der sich in einem Zusammenwirken von Wissen,
Fühlen und Wollen äußert.« Im gleichen Sinne schrieb C. G. Jung:
»Der Zweck menschlichen Lebens ist die Steigerung des Bewußtseins.« Die Anerkennung der Notwendigkeit
eines ständig wachsenden Bewußtwerdens ist eine Voraussetzung dafür, unser
gegenwärtiges Bewußtsein besser zu verstehen und das Wesen des Weiterlebens
nach dem Tode und unsere diesbezüglichen Erfahrungsmöglichkeiten zu
begreifen. Unsere normale Bewußtseinskraft hat
viele Schwächen. Wer hätte nicht schon unter dem Einfluß gewisser Menschen
gelitten, die kein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen besitzen? Es gibt eine
Anzahl empfindlicher Gefühlsregungen, für die andere Menschen kein
Verständnis aufbringen. Es muß sich nicht immer um das Verständnis für
Menschen und persönliche Belange handeln, auch den Dingen gegenüber sind wir
emotional sehr unterschiedlich eingestellt. Man braucht nur an die
vielgestaltete Welt um uns herum zu denken, von deren Wesen wir nur eine verschwommene,
oder auch gar keine Vorstellung haben: Wissenschaft, Kunst, Sport, Musik,
Erziehung, Psychologie, Handel, Landwirtschaft, Industrie, um nur einige
Gebiete zu nennen. Dann erkennt man gleich, daß unsere »blinden Flecke« —
unser mangelhaftes Interesse und unsere Erkenntnisunfähigkeit für die
Zusammenhänge — nicht nur auf das Wesen der Dinge, die sich nach dem Tode
abspielen, beschränkt ist. Diese Bewußtseinsmängel erstrecken sich auf alle
Bereiche unseres täglichen Lebens. Deshalb vertrödeln Menschen, auf die das
Bewußtsein der Welt des Außersinnlichen eingestürmt ist, ihre Zeit meist
nicht gern mit Leuten, die kategorisch erklären, daß sie »von so etwas nichts
halten«. Wir sollten uns indessen gerade bemühen, auch solchen Menschen etwas
von unserer Erlebniswelt zu vermitteln. Insofern möchte ich versuchen, dem
Leser das »Bewußtsein« jener Daseinsformen zu erläutern, die sich von dem
erdgebundenen und fleischlichen Sein unterscheiden. Ein großer Teil unseres Universums,
möglicherweise der gesamte Kosmos, ist nach festen Gesetzen der Vibration
aufgebaut: Wir begreifen die Welt durch unsere fünf Sinne, die auf
Schwingungen (Schallwellen, Lichtwellen etc.) reagieren. Diese Vibrationen,
die im spezifischen Rhythmus der Wellen auf unsere Nervenenden einwirken,
machen sich in Sinnesempfindungen wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und
Fühlen bemerkbar. Offenbar verfügen wir aber auch über
die Fähigkeit und über Wege, noch viele andere Schwingungen und
Krafteinwirkungen als nur die fünf genannten wahrzunehmen. Man kann es auch
so ausdrücken: Wir haben sicherlich mehr als nur fünf Sinne. Da aber die
Wissenschaft solchen Empfindungen bisher keinen Namen gegeben hat, bezeichnet
man sie als »außersinnlich«. Das ist natürlich eine unlogische Benennung, da
sie dem Wortsinn nach besagt, daß solche Empfindungen eigentlich nichts mit
den Sinnen, also auch nichts mit dem Bewußtsein zu tun haben. Dies anzunehmen
wäre jedoch wahrhaft unsinnig; denn womit wohl sollten Wahrnehmungen,
gleichgültig welcher Art, zusammenhängen, wenn nicht mit der Aktivität
unseres Bewußtseins, unserer Sinne? Die Fehlbezeichnung »außersinnlich«
ist jedoch nicht nur irrig, sondern leider auch verhängnisvoll. Sie stuft die
so benannten Wahrnehmungen als nebensächlich, außerhalb des wissenschaftlichen
Interesses liegend ein und hat, wie sich nachweisen läßt, bis zum heutigen
Tage viele Wissenschaftler davon abgehalten, sich mit einer so peripheren,
kaum ernstzunehmenden Angelegenheit überhaupt zu befassen. Dadurch wiederum
wird die Menschheit daran gehindert, diese »außersinnlichen Sinne« voll zur
Entfaltung zu bringen. Wir besitzen zum Beispiel einen Sinn für das
Gravitationsfeld. Bei einfachen Lebewesen, etwa bei Muscheln, oder auch bei
Pflanzenkeimen, ist dieser so hoch entwickelt, daß sie sich im Dunkeln und
unter der Erde nach der Sonne und dem Mond richten können. Wir haben einen
Orientierungssinn — bei Vögeln ist er so ausgebildet, daß sie auch über
Tausende von Meilen die Zielrichtung nicht verlieren. Vor allem aber ist uns
eine Empfänglichkeit für Gedanken anderer Gehirne eigen — sie hat sich so
häufig manifestiert, daß sie nicht mehr als »außersinnliche« Erscheinung
bezeichnet, sondern als vollgültiger sechster Sinn eingestuft werden sollte.12 Wenn wir die gewaltige Vielfalt der
uns zu allen Zeiten umgebenden Schwingungskräfte in Betracht ziehen, deren
wir uns nur selten oder überhaupt nicht bewußt werden, können wir erkennen,
wie lächerlich die Vorstellung ist, daß unsere »fünf Sinne« einen halbwegs
genauen Eindruck des Universums vermitteln könnten. Und doch wollen die
materialistischen Wissenschaftler uns glauben machen, daß wir nur von diesen
Sinnesempfindungen Erfahrungen ableiten können. Die Erforschung der noch unbekannten
Schwingungskräfte erscheint mir außerordentlich wichtig. Ich bin überzeugt
davon, daß das Bewußtwerden unserer nächsten Daseinsform jenseits der
irdischen Biosphäre in großem Maße davon abhängt, wie wir uns auf diese
Schwingungskräfte einstimmen. Jeder Leser wird wissen, daß wir ständig von
Schwingungsfeldern umgeben sind. Unseren Urgroßvätern war das noch nicht
bekannt. Wenn wir das bedenken, kann es nicht mehr allzu schwierig sein, die
Möglichkeit spezieller Schwingungen zu akzeptieren, nämlich Vibrationen oder
Strahlungen, die wir noch gar nicht entdeckt bzw. noch nicht enträtselt
haben. Beispielsweise kann ein trainiertes menschliches Ohr nur Töne im
Bereich zwischen 20 und 20 000 Schwingungen pro Sekunde unterscheiden. (Die
meisten Tiere hören mehr.) Und wie steht es mit elektromagnetischen Wellen?
Wenn sie länger als vier Zehntausendstel eines Millimeters (violett) und
kürzer als sieben Zehntausendstel eines Millimeters (rot) sind, dann können
wir sie sehen. Der Myriaden elektromagnetischer Wellen außerhalb dieses
Bereichs — Röntgenstrahlen, Radiowellen, kosmische Strahlungen — werden wir
uns jedoch nicht bewußt. Sind Sie deshalb »nicht vorhanden« oder ohne
Bedeutung für unser Leben? Gewiß nicht! Es ist die Behauptung aufgestellt
worden, daß kosmische Strahlungen eine der Hauptursachen für die Mutationen
der Lebensformen gewesen sind und vielleicht noch immer sind. Wir haben uns zwar längst an
Nachrichtenübermittlung über Radiowellen gewöhnt, aber wir sind doch in der
Mehrzahl der Meinung, daß es sich bei diesen Wellen um eine »Errungenschaft«
der letzten hundert Jahre handelt. Die sogenannten Radiosterne senden jedoch
schon seit der Entstehung des Universums Radiowellen aus. Sie waren schon
Millionen Jahre lang wirksam, als Heinrich Hertz sie im Jahre i886 entdeckte.
Ist es in Anbetracht dessen schwierig, die große Bedeutung der Schwingungen
und Wellen zu ahnen, die von der wissenschaftlichen Lehre noch nicht
beschrieben sind? Für alle, die sich ernstlich darum bemühen, ihre
Empfänglichkeit dafür zu schärfen, sind diese unerforschten Strahlungen eine
Realität. Warum haben die berühmten
Strahlungsforscher unseres Jahrhunderts gerade vor diesen Strahlen
haltgemacht, deren Kenntnis und Nutzung unsere Sinneswahrnehmungen
komplettieren könnten? Es läßt sich kaum die zynisch klingende Frage
unterdrücken, ob denn das Experimentieren mit atomaren Kernstrahlen
tatsächlich sinnvoller ist, als es die Erforschung jener Strahlungen wäre,
von denen ich spreche. Der weltweit verehrte Philosoph
Michael Polanyi hat als Achtzigjähriger, am Ende seines universalen Studien
gewidmeten Lebens, postuliert: »Die mechanistische Wissenschaft hat vor gut
einem Jahrhundert einen kapitalen Fehler begangen. Man könnte es auf die
einfache Formel bringen, sie wollte das Pferd am Schwanz aufzäumen. Die
Wissenschaft ging davon aus, daß die Natur zunächst im Kleinen und dann erst
im Großen zu ergründen sei. So ist alles Kleine bis hin zum Atomkern
analysiert worden, in der Hoffnung, dabei hinter die letzten Geheimnisse der
Natur zu kommen. — Nur Enttäuschungen waren die Folge.« Polanyis Argumentation läuft darauf
hinaus, daß man damit eigentlich hätte rechnen müssen. Eine einfache Form
könne niemals eine komplexe übergeordnete schaffen. Keine Schulklasse kann
spontan einen Lehrer hervorbringen. Geschmolzenes Eisen und Gummi allein
können kein Automobil produzieren. Man kann nicht den Sinn eines Gedichtes
erfassen, wenn man sich auf ein Wort konzentriert. Ausdrücklich sagt er, daß
höhere Existenzformen nie von niedrigeren beherrscht werden. Genau das
Gegenteil spiele sich ab: Die höheren Daseinsformen wirken sich nach unten
aus, sie führen, beherrschen und formen die einfachen existentiellen
Erscheinungen. Die Hindus drücken dies so aus: »Wenn du eine Führung
brauchst, dann wende dich an deinen Guru, nicht an deinen Hund.« Weiter sagt Polanyi: »Die
hemmungslose Spezialisierung und Aufsplitterung der mechanistischen
Wissenschaft zerstört nur unsere Erkenntnisfähigkeit. Sie zeigt nur kleinste,
sich bewegende Teilchen in einer Welt, in der niemand lebt ... Wir müssen
unser körperliches Wesen durch Einfühlung und geistige Ausdehnung subtilere
und heute noch nicht faßliche Daseinsbereiche erschließen lassen.« Ich hoffe, daß sich die
unvoreingenommenen wirklichen Denker unter den Wissenschaftlern den
Gedankengängen von Polanyi anschließen werden, um sich wieder den geistigen
Bereichen zuzuwenden, die dem Aufbau unseres Universums zugrunde liegen, und
ich glaube, daß hierdurch der Wissenschaft wieder ihre eigentliche Rolle als
Führungskraft der Menschheit zugewiesen wird. Wenn ich der heutigen Wissenschaft in
mancher Hinsicht ein schlechtes Zeugnis ausstelle, warum bediene ich mich
dann in meinen Ausführungen der Sprache und der Begriffsbezeichnungen dieser
Wissenschaft? Der Grund ist folgender: Wer von
seinen Zeitgenossen verstanden werden will, muß sich in der Sprache
ausdrücken, die für seine Zeit charakteristisch ist. Wie man auch dazu stehen
mag, es ist die Sprache unseres zwanzigsten Jahrhunderts. Wir sind mit dieser
Ausdrucksweise aufgewachsen und können unsere Gedanken nur in dieser Form
artikulieren. Ich werde mich auch trotz der erwähnten Vorbehalte des Jargons
der Psychologen bedienen und weiterhin von »außersinnlicher Wahrnehmung«
sprechen. Unser Zeitalter ist nun einmal das der materialistischen
Wissenschaft. Ich bin allerdings davon überzeugt, daß in nicht allzu ferner
Zukunft eine ganze Reihe der heute noch mit Elan und Stolz betriebenen
wissenschaftlichen Forschungen sich als ebenso müßig oder gar lächerlich
herausstellen werden, wie es die Streitgespräche mittelalterlicher Gelehrter
gewesen sind, die darum kreisten, wie viele Engel auf einem Stecknadelkopf
Platz hätten. Ich glaube, daß die in den letzen
achtzig Jahren neu gewonnenen Erkenntnisse über das jenseitige Leben mit
einigen abergläubischen oder mittelalterlichen Vorstellungen aufgeräumt und
uns auf dem Wege zum Verständnis der Realitäten der Schöpfung etwas
weitergebracht haben. Doch sollten wir uns deshalb nicht für generell
gescheiter halten als die Weisen des Altertums. Diese Denker und Seher waren
keineswegs weniger klug als unsere »modern denkenden» Geistesgrößen. Wir
haben sogar allen Grund zu der Annahme, daß die besten von ihnen schon so
tiefe Einsichten hatten, daß wir noch lange Zeit brauchen werden, um die
gedanklichen Bereiche, die sie uns eröffnet haben, ganz zu erschließen. Freilich haben sich diese Menschen
nicht in unserer Ausdrucksweise geäußert. Wie wir heute mit Hilfe von
Statistiken, Formeln und Daten dokumentieren, so boten sie Mythen, Legenden
und Parabeln als Zeugnisse ihrer Wahrheit an. Die Vortragsformen, die Symbole
haben sich geändert, doch der Sinngehalt ist weitgehend der gleiche
geblieben, so wie auch die Gegebenheiten des Universums noch immer die
gleichen sind. Aus diesem Grund dürfen wir die »Alten« nicht unterbewerten,
und wenn sie zweifellos in vielem geirrt haben und vieles noch nicht wußten,
so ist andererseits ebenso wahr, daß sie vieles besser gewußt haben als wir.
Es steht uns daher nicht gut an — und wir können es uns nicht leisten —‚ ihr
Wissen zu ignorieren. Bevor wir jedoch die Schriftsteller
der Antike befragen, müssen wir aus den Steinen, aus Felszeichnungen und
Grabbeigaben lesen. Aus prähistorischen Funden wissen wir nicht nur, daß der
Vorzeitmensch an ein Weiterleben nach dem Tode glaubte, wir können uns auch
ein ungefähres Bild davon machen, wie er es sich vorstellte. Er nahm an, daß
diejenigen, die zu Lebzeiten böse gewesen waren, sich in Dämonen
verwandelten; Edelmütige, Vornehme und Tapfere dagegen wurden zu guten
Göttern erhoben. Einige primitive Gemeinschaften hatten ganz feste Vorstellungen
über den Verbleib der Seele unmittelbar nach dem Tode. Sie glaubten zum
Beispiel, daß die Seele sich so verhalte, wie es James Agee in seinem 1958
erschienenen Roman "A Death in the Family" geschildert hat: Eine
Zeitlang verharrt sie am Grabe, macht dann einen kurzen Besuch bei vertrauten
Personen und Plätzen und wandert schließlich weiter zu einem ferneren
Bestimmungsort. Jedenfalls war bekannt, daß die Toten
die Eigenart haben, nicht nur zuweilen in unsere Gefilde zurückzukehren,
sondern daß sie auch auf Erden weiterhin Aktivität entfalten können, wobei
ihre Verhaltensskala von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bis zu Haß und
Zerstörung reicht. Um die Toten am »Umgehen« zu hindern, trieb man durch die
Leiche eines Bösen einen Holzpflock, mit dem sie an die Erde festgenagelt
wurde, oder man fesselte sie mit Stricken, bedeckte sie mit schweren Steinen.
Die guten Toten bedachte man mit Grabbeigaben, oder bemühte sich auf andere
Weise, sie davon zu überzeugen, daß man ihrer in Liebe gedachte. In primitiven Kulturen, in denen der
Aberglaube noch eine starke Rolle spielt, haben sich solche
Bestattungsbräuche bis heute erhalten. Und da bei diesen Völkern die Anrufung
von Toten in Gegenwart einer auserwählten Schar oder der ganzen
Dorfbevölkerung zum Stammesritus gehört, also etwas Selbstverständliches ist,
kann man annehmen, daß auch die Cro-Magnon-Menschen schon so etwas Ähnliches
wie Seancen abgehalten haben. Wie das geschah und mit welchem Erfolg, darüber
wollen wir nicht spekulieren. Die erste ausführliche Beschreibung
einer Seance, die in etwa unseren Vorstellungen entspricht, fand ich in der
Odyssee. Daß sie in Homers Werk erscheint, gibt ihr ein besonderes Gewicht,
da der »blinde Sänger« für seine Gewissenhaftigkeit in der Berichterstattung
über Bräuche, Rituale, Meinungen, Kleidung, Waffen, Bauwerke und Schauplätze
seiner Zeit bekannt ist. Wer die Szene liest, zweifelt wohl kaum daran, daß
Homer seine Kenntnisse vom Ablauf einer Seance aus persönlicher Erfahrung
bezogen hat. Die Episode wird im elften Gesang
beschrieben, der auch »Buch des Todes« genannt wird. Circe hat dem Helden
Odysseus geraten, seine medialen Fähigkeiten aufzubieten, um mit dem
verstorbenen Propheten Teiresias in Verbindung zu treten, damit dieser ihm
rate, was er nun tun solle. Circe, selbst ein kompetentes Medium, gibt
Odysseus genaue Direktiven für die Beschwörung von Geistern. (Dies ist
übrigens das erste mir bekannte historische Beispiel für das Training eines
Mediums durch ein anderes, so wie ich selbst so vielen anderen jungen Medien
zu helfen versucht habe. Doch verwenden wir heute kein Schafsblut mehr
dabei!) Teiresias hat laut Circe einen »durch den Tod nicht beeinträchtigten
Verstand« und wird mit Sicherheit Rat wissen. Mit größter Sorgfalt befolgt Odysseus
die Anweisungen. Sie bezeugen den alten Glauben, daß die Seelen der Toten
irgendwie gewisse Ingredienzien von Nahrungsmitteln verwerten können. Während
Odysseus also den Toten vom Hades heraufruft, besprenkelt er den Boden mit
Getreidekörnern, Honig und Schafsblut. Die annäherndste moderne Parallele,
die ich finden konnte, ist die von einigen Parapsychologen unserer Zeit
vertretene Meinung, daß das Ektoplasma oder die »odische Kraft«, die
körperliche Manifestationen möglich macht, ein unkörperliches Element des
Blutstroms sei, das vorübergehend materialisiert werde, wenn derartige
Phänomene auftreten. Da meine Erfahrungen mit außersinnlichen Phänomenen der
physischen Kategorie begrenzt sind, kann ich dazu aus eigener Praxis nichts
sagen. Immerhin stimmen die geistigen Aspekte von der Seance des Odysseus mit
heutigem Erfahrungsmaterial überein. Der Hades besitzt im homerischen
Wortsinn nicht den Beiklang von ewiger Verdammnis, der die spätantike und
mittelalterliche Vorstellung von der Hölle kennzeichnet. Der Hades ist einfach
die spirituelle Umwelt, in der die Seelen der Verstorbenen leben. Er befindet
sich am jenseitigen Ufer eines »Stroms der Klagen« oder der Angst, Homers
poetischer Versinnbildlichung der unter den Menschen aller Zeitalter so
verbreiteten Todesfurcht. Ohne Zeit zu verlieren, erscheinen
die Geister, nachdem Odysseus sie gerufen hat. Ich finde es bemerkenswert,
daß der erste Geist, der mit Odysseus Kontakt aufnimmt, sich genau wie in der
heutigen Praxis von Jenseitskontakten üblichen Weise verhält. Er gibt einen
akkuraten Bericht über den Hergang seines Todes, hier eines Unfalltodes,
dessen Einzelheiten den noch auf Erden Weilenden nicht bekannt sind. Dieser
zuerst erscheinende Geist ist Odysseus‘ Reisegefährte Elpenor, den Odysseus
zuletzt lebend und wohlauf in Circes Palast gesehen hat. Odysseus will
wissen, was geschehen ist. »Es kam von dem vielen Wein, den ich vor dem
Schlafengehen getrunken hatte«, erklärt Elpenor. »Als ich erwachte, vergaß
ich glatt, daß ich die lange Leiter benutzen mußte, um nach unten zu gehen,
und so fiel ich kopfüber vom Dachgarten. Ich brach das Genick, und meine
Seele kam in den Hades.« In den Berichten unseres Jahrhunderts über Gespräche
mit Verstorbenen wird man mit Leichtigkeit Tausende von Elpenors finden. Odysseus sieht nun eine große Anzahl
von Seelen: Jüngling‘ und Bräute kamen und
kummerbeladene Greise Und aufblühende Mädchen, im
jungen Grame verloren, Viele kamen auch, von ehernen
Lanzen verwundet, Kriegserschlagene Männer mit
blutbesudelter Rüstung. Aber er spricht nur mit wenigen: mit
Elpenor, seiner Mutter und natürlich Teiresias. Dieser gibt ihm den erbetenen
Rat, und die Seance ist beendet. Die Griechen vorhellenistischer Zeit
glaubten, daß die Toten in einer unterirdischen Welt weiterlebten, die unter
der Herrschaft der Großen Göttin oder Erdmutter stand. Es gab dort ein
Inselparadies, zu dem die Seelen der Verstorbenen mit einer Fähre übergesetzt
wurden. In der hellenistischen Periode glaubte man, daß die Seele in das
eidilon verwandelt werde, ein ätherisches, unkörperliches Abbild der
irdischen Erscheinung des Verstorbenen zu seinen Lebzeiten. In der Odyssee
ist es dies, was den Helden beim Wiedersehen mit seiner toten Mutter Anticlea
in der Seance so sehr verstört. Nachdem er vergebens versucht hat, ihre
schattenhafte Form zu umarmen, ruft er aus: »Ist dies nur ein Phantom, das
Persephone mir gesandt hat, um meinen Schmerz noch zu vergrößern?« Seine
Mutter beruhigt ihn: Gar nicht täuschet sie dich,
die erhabene Persephoneia; Nein, so will‘s der Gebrauch
der Sterblichen, wenn sie verblüht. Denn nicht wird Fleisch und
Gebein durch Sehnen verbunden; Sondern die große Gewalt der
brennenden Flamme verzehrt dies Alles, sobald aus dem weißen
Gebein das Leben hinweg floh. Aber die Seele verfliegt, wie
ein luftiger Traum, und entschwebet. Daß der Mensch weit mehr ist als ein
Körper aus Fleisch, Gebein und Sehnen, galt, soviel wir wissen, bei allen
Völkern des Altertums als feststehende Tatsache. Man kann sogar sagen, daß
dem psychischen Bestandteil des Menschen und seinem Wohlergehen damals mehr
Bedeutung beigemessen wurde, als dies seit den letzten zweihundert Jahren
unserer Zeitrechnung der Fall ist. Daß Seele und Geist der höchste Besitz des
Menschen sind, daß sie besonders gepflegt werden müssen und unsterblich sind,
das war so etwas Selbstverständliches, daß in der überlieferten Literatur die
Psyche paradoxerweise wie etwas Körperliches, Sichtbares behandelt und das
Jenseits oder das Totenreich, in das sie eingeht, wie ein Nachbarland
beschrieben wird, das allerdings meistens nicht neben dem eigenen Land liegt,
sondern darunter (Unterwelt, Hades, Tartarus, Hölle) oder darüber (Himmel,
Elysische Gefilde) — und mit dem es gewisse Schwierigkeiten im Grenzverkehr
gibt. Ich kann aus der Geschichte der
Fortlebenslehre hier nur einige Beispiele dafür herausgreifen, daß man vor
fünftausend Jahren — und über Tausende von Kilometern und kaum überbrückbare
Kulturbarrieren hinweg — beinahe ebenso genaue Kenntnisse vom Jenseits und
vom Stufenplan des Voranschreitens in jenem Bereich hatte, wie sie uns in
unserer Zeit durch Medien wie Frederic Myers, Raymond Lodge, Ruth Finley und
nicht zuletzt Fletcher vermittelt worden sind. Die Übereinstimmungen in
diesen Berichten über Jahrtausende hin sind deswegen so verblüffend, weil wir
Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts uns in allen anderen Lebensfragen
unendlich weit von den Anschauungen des Altertums entfernt zu haben glauben.
Mit Ausnahme des universal gebildeten Altphilologen Myers gibt es meines
Wissens keinen einzigen unter den zeitgenössischen Berichterstattern aus dem
Jenseits, der zu seinen Lebzeiten die Totenbücher der Ägypter, Tibeter und
anderer orientalischer bzw. asiatischer Völker studiert hätte. Und doch
schildern uns alle Medien des 20. Jahrhunderts eine archaisch gegliederte
Welt der Seelen, gewissermaßen also einen Bereich von ewig unverändertem
Bestand. Unsere konventionell-materialistischem Denken verpflichteten
Psychologen hat das verdächtig erscheinen müssen; C.G.Jung aber hat gerade
darin, in diesen frappierend übereinstimmenden Äußerungen der Unsichtbaren
über ihre neue Existenzform, einen Hinweis darauf gesehen, daß die Seele,
»nach allem, was wir darüber wissen, eine Seinsform relativ unabhängig von
den Schranken von Raum und Zeit darstellt«.13 Die Ägypter glaubten an eine
progressive Entwicklung des Geistes über den Tod hinaus, die schließlich zu
einer persönlichen Begegnung mit dem Schöpfer selbst führen könnte. Eine über
alle Maßen verheißungsvolle Aussicht! Kein Wunder, daß das erste voll
ausgearbeitete Konzept vom Leben nach dem Tode bei den Ägyptern, im zweiten
Jahrtausend v.Chr., zu finden ist. Das sogenannte Buch der Toten enthält
Anleitungen zur Vorbereitung auf ein glückliches Leben im Jenseits. Mit dem
Königreich des Osiris verband sich die Vorstellung vom Schauplatz einer
sinnvollen Existenz nach dem irdischen Dasein. Die Seele begab sich »mit dem
Wanderstab in der Hand« auf den weiten Weg zu den »Osirischen Gefilden«, die
irgendwo in Richtung Milchstraße, dem Großen Weißen Nil des Himmels, zu
denken waren. Gemäß dem Totenbuch verdiente nicht jeder sofort die ewige
Seligkeit: Im vorletzten Stadium der Reise wird die Seele in die Halle der
Wahrheit geführt, wo Osiris Gericht über sie hält. Die Seele kann zu ihrer
Verteidigung eine Liste der Sünden und Verbrechen vorbringen, die sie nicht
begangen hat. Aber das Urteil ist unantastbar gerecht, und wenn es günstig
ausfällt, kann die Seele zu den Gefilden der ewig währenden Wonne
fortschreiten. Aus Pyramidentexten, die sogar bis
4000 v.Chr. zurückreichen und den toten Pharaonen als eine Art Reiseführer
auf ihrer Wanderschaft in die nächste Welt dienen sollten, wissen wir, daß
nach Auffassung der Ägypter zwei Wesenheiten, das Ka und das Ba, den
physischen Leib überleben. Das Ka scheint von einer Art zarter körperlicher
Substanz zu sein, während das Ba reiner Geist oder Seele ist. In der Kunst
wurde das Ba als ein Vogel mit Menschenkopf dargestellt — ein Symbol für die
zu freiem und ungehindertem Flug befähigte Seele. In Illustrationen zum
Totenbuch ist das Ba häufig über dem Eingang zum Grab kauernd oder auch im
Fluge den Schacht hinunter zu sehen, auf dem Wege zu dem einbalsamierten
Leichnam. In ihrer Konzeption des menschlichen Wesens als eines
psycho-physischen Organismus ist die Auffassung der alten Ägypter von der
menschlichen Natur und Bestimmung überraschend modern. Man kann wohl sagen,
daß sie unserer christlichen Anschauung näher steht als die buddhistische. Buddha suchte einen Weg, um die
endlose Kette des wiederholten Todes und der Wiedergeburten — das »Rad des
Karma« — zu durchbrechen, in der sich unaufhörlich eine Reinkarnation an die
andere reiht. Er fand ihn in der Verwirklichung einer universalen Liebe. Nur
sie kann das Rad des Karma durchbrechen und den Menschen zur Vereinigung mit
dem Ewigen und Göttlichen führen. Von einem Gläubigen wurde erwartet, daß er
durch beharrliches Voranschreiten auf dem »achtfachen Pfad« die »drei
Leidenschaften« — Begierde nach Lust, nach Wissen und nach dem Leben —‚ die
zur Wiedergeburt und Wiederholung des Gewesenen führen, besiege. Nur durch
die Bezwingung des Lebenstriebes, durch völlige Selbstentäußerung könne das
endgültige Verbleiben im Jenseits, in jenem Zustand, den der Buddhist Nirwana
nennt, verdient werden. Jenen Grad der Vollkommenheit zu
erlangen, den ein buddhistischer Heiliger besitzt, ist freilich nur wenigen
möglich, und es gab bei dieser Lehre nie den geringsten Zweifel, daß der
gewöhnliche Sterbliche nach dem Tode ins Leben zurückkehren mußte. Um seine
Idee von dem Zusammenhang des physischen Körpers und des Erdenlebens mit der
jenseitigen Welt zu verdeutlichen, gebrauchte der Meister einen wunderbaren
Vergleich. »Es ist wie mit dem metallenen Stempel, der seinen Abdruck auf
weichem Wachs hinterlassen hat. Das Metall läßt man liegen, der Abdruck aber
bleibt.« Besonders interessant für unsere Zeit
ist der buddhistische Sprößling, das "Tibetanische Totenbuch"
(Bardo-thos-sgrol). Seit der ersten Veröffentlichung der englischen
Übersetzung, die 1927 von Walter Y. Evans-Wentz herausgegeben wurde und Kommentare
von C. G. Jung und anderen Autoritäten enthält, hat dieses bemerkenswerte
Buch immer wieder Neuauflagen erlebt. Von jenen jungen Amerikanern, die sich
für meditative Techniken gesteigerter Wirklichkeitsempfindung interessieren —
also für eine Erweiterung der »Pforten der Wahrnehmung«, aber nicht unbedingt
mit Hilfe von Drogen —‚ wird es viel gelesen und diskutiert. Das Tibetanische Totenbuch ist eine
Anleitung zum richtigen Sterben. In Tibet galt es als Brevier, das an einem
Sterbelager laut verlesen wurde. Einige Zitate aus den Einleitungstexten
lassen deutlich das Zentralthema erkennen, daß das Ziel des Lebens eine
richtige Einstellung zum Sterben sei, das irdische Dasein eine Vorbereitung
auf den Tod und das danach beginnende ewige Sein. »Du sollst begreifen, daß die
Wissenschaft vom Sterben eine höchst vorteilhafte, allen anderen überlegene
Wissenschaft ist ... Lerne zu sterben, und du wirst lernen zu leben ... Die
Erforschung des menschlichen Innenlebens ist unvergleichlich viel wichtiger
als die Erforschung des Weltraums. Auf dem Mond zu stehen, vermehrt lediglich
die Kenntnis vergänglicher Dinge. Aber das letzte Ziel des Menschen ist die
Überwindung des Vergänglichen ... Da alle ihren fleischlichen Körper
verlassen und den Tod erfahren müssen, ist es äußerst nützlich zu wissen, wie
man dem Tode richtig begegnet ... Laßt uns nicht die einzigartige
Gelegenheit, die uns mit der Geburt geboten wird, mit unnützer Geschäftigkeit
vergeuden, damit wir dieses Leben nicht mit leeren Köpfen verlassen müssen
... Dies betrifft die Kunst, den Körper zu verlassen oder das Bewußtsein von
der irdischen Sphäre zur jenseitigen zu transferieren ... Eine erdgebundene
medizinische Wissenschaft hat kein Wort der Unterweisung des Sterbenden
darüber, was den Zustand nach dem Tode betrifft, sondern steigert häufig
sogar die unbegründeten Ängste und die mangelnde Todesbereitschaft ihrer
Patienten, denen sie womöglich noch betäubende Spritzen verabreicht ... Der
Übergang vom menschlichen Bewußtseinszustand zu dem Prozeß, der Tod genannt
wird, kann und sollte freudevoll sein. «14 Nicht wenige Aussagen des
Tibetanischen Totenbuchs decken sich mit den Mitteilungen Jenseitiger, die
Medien unserer Tage, darunter auch ich, den Lebenden weitergeben konnten. So
heißt es darin beispielsweise, daß der Augenblick unmittelbar nach Eintritt
des Todes für die Seele der entscheidendste sei. »Jetzt erfährst du den
strahlenden Glanz des klaren Lichts, der reinen Wirklichkeit«, liest der
Priester an der Seite des Toten der eben befreiten Seele aus dem Buch vor.
»Erkenne es, Hochgeborener. Das, was du jetzt wahrnimmst, und was in der
Realität des Diesseits leer, form- und farblos erschien, das ist die wahre
Wirklichkeit ...« Und dann erfährt die Seele die erstaunliche Neuigkeit, daß
dieser strahlende Glanz, dieser »höchste Intellekt — uneingeschränkt,
blendend, erregend — « eins sei mit seinem eigenen Bewußtsein. »Diese
Vereinigung ist der Zustand vollkommener Erleuchtung.« Die Seele muß nun alle
Kräfte aufbieten, um sich über diese tiefe Wahrheit ganz klarzuwerden. Wenn
ihr das gelingt, wenn dieser Moment der Erkenntnis festgehalten und dauerhaft
gemacht werden kann, braucht sie nie wieder zu sterben und wiedergeboren zu
werden. Sie ist dann eins mit Gott und wirkt von nun an im Verein mit den
anderen großen Erleuchteten. Aber wenn der entscheidende Augenblick ungenutzt
vorübergeht, sei es wegen mangelhafter Vorbereitung, fehlender Konzentration,
oder weil der Betreffende noch nicht zu dem Grad geistiger Entwicklung
fortgeschritten ist, der eine Vereinigung mit Gott möglich macht, wird er
nicht wiederkommen bis zum nächsten Tod, der die nächste Inkarnation beendet.
Seelen, die diesen entscheidenden Moment verpaßt haben, müssen über eine
abwärtsführende Stufenleiter des Bewußtseins hinab, bis sie zu einem befruchteten
Leib gelangen, der es ihnen ermöglicht, auf einem ihrem Karma gemäßen Niveau
wiedergeboren zu werden — das heißt, auf der Stufe eines Bewußtseins, das das
Ergebnis aller ihrer Handlungen während aller ihrer früheren Inkarnationen
ist. Die Bewußtseinslage der Seele nach
der Todessekunde, wie sie im Tibetanischen Totenbuch beschrieben ist, stimmt
in überraschender Weise mit entsprechenden gesammelten Zeugnissen heutiger
sowohl westlicher als auch östlicher Erforscher von Jenseitskontakten
überein, die nicht der Wiedergeburtslehre anhängen: »Wenn das
Bewußtseinsprinzip aus dem Körper heraustritt, sagt es zu sich selbst: Bin
ich tot oder bin ich nicht tot? Das kann es noch nicht erkennen. Es sieht
seine Verwandten und Angehörigen, wie es zuvor gewohnt war, sie zu sehen.« Es
kann sie sogar hören, aber es kann sich nicht mit ihnen verständigen. Drei
oder vier Tage nach dem Tode verliert die Seele vor Angst das Bewußtsein.
»Dann, wenn du dich von dieser Ohnmacht erholt hast, muß der Wissende in dir
in seinem Urzustand auferstanden und ein strahlender Körper, der dem früheren
Körper gleicht, hervorgesprungen sein — wie das Tantra sagt: "Mit einem
Körper, anscheinend von Fleisch, der dem früheren gleicht und dem, der
erzeugt werden soll, ausgestattet mit allen Sinnesfähigkeiten und der Macht
zu ungehinderter Bewegung, wunderbare Kräfte besitzend, sichtbar reinen
himmlischen Augen gleicher Natur." Dieser Körper, "aus dem Wunsche
geboren", ist eine gedachte Form im Zwischenzustand, und er wird "Wunschkörper"
genannt.« Berichte über die Existenz eines
»Wunschkörpers« sind außer aus der buddhistischen Welt noch aus vielen
anderen Richtungen gekommen. Der Herausgeber Evans-Wentz berichtet von einem
europäischen Pflanzer, der im südwestindischen Dschungel starb und dort
begraben wurde. Jahre später fand ein Freund, der in dem betreffenden Gebiet
zu Besuch war, das Grab, das mit leeren Whisky- und Bierflaschen umrahmt und
bedeckt war. Die Eingeborenen erklärten, daß der Geist des toten Sahib soviel
Unruhe verursacht habe, daß man einen Weg habe suchen müssen, um ihn zu
beruhigen. Der Dorfweise stellte die Diagnose: Der Geist, der in fleischlicher
Gestalt ein so starker Trinker gewesen sei, daß diese Angewohnheit zu seinem
Tode geführt habe, giert auch im Jenseits nach Alkohol. Die Eingeborenen
kauften daraufhin, obwohl sie aus religiösen Gründen Abstinenzler waren, die
von dem verstorbenen Trinker bevorzugten Sorten Bier und Whisky und
schütteten sie über das Grab, um den Geist zu beruhigen. Die Methode war zwar
kostspielig, aber sie wirkte! Ob es sich in diesem Fall um »faulen
Zauber« handelte oder um eine echte Erfahrung im Umgang mit Toten, bleibe
dahingestellt. Ich werde auf die nicht gerade erfreulichen Aussichten für
Trinker im Jenseits in unverdächtigerem Zusammenhang noch zurückkommen. Der Verdacht, daß Geisterseherei,
Astrologie und Magie »fauler Zauber« sei, ist ebenso alt wie das Wunderwirken
und der Wunderglaube selbst. Im 3. Buch Mose wird auf den gefährlichen
Einfluß von »Totenbeschwörern, Wahrsagern und Zeichendeutern« hingewiesen und
ihnen die Todesstrafe angedroht. Das scheint auf den ersten Blick befremdend,
da doch das Alte Testament und das ganze biblische Zeitalter voll ist von
Propheten und Wundertätern. Moses selbst besaß mediale Eigenschaften und magische
Kräfte. Er konnte Stimmen Unsichtbarer hören und dem Volk die wie von
Zauberhand geschriebenen Gebote Gottes vorweisen. Abraham hörte ebenfalls
Stimmen und hatte in der Trance prophetische Visionen. Jakob verspürte die
Anwesenheit von überirdischen Wesen und unterhielt sich mit ihnen. Joseph
hatte Vorahnungen und konnte Träume deuten. Balaam war ein Hellseher und
hörte Stimmen, ebenso Gideon. Elisa hatte Vorahnungen. Elias besaß alle diese
Gaben und die besondere Befähigung, bestimmte Dinge an vorausgesagten,
manchmal weit entfernten Orten erscheinen zu lassen. Entweder ist dies alles Unsinn, oder
es ist die einfache Tatsachenbeschreibung von parapsychischen Erscheinungen.
Ich wage zu behaupten, daß sie nur als letztere zu verstehen sind, denn
Phänomene ganz ähnlicher Art haben sich seitdem unzählige Male wiederholt und
wurden von glaubwürdigen Personen und kritischen Untersuchungskommissionen
als echt bezeugt — wenngleich nicht immer geklärt und mit den uns bekannten
Naturgesetzen in Einklang gebracht. Aber gerade wenn alle diese
Manifestationen nicht auf »reinem Mythos« und bloßem Blendwerk beruhen, liegt
die Vermutung nahe, daß auf diesem heiklen Gebiet Betrug mittels
Wunder-Imitationen an der Tagesordnung war und die Obrigkeit im alten Israel
gut daran tat, Staat und Volk vor dem Mißbrauch der Magie und des Hellsehens
durch strenge Strafandrohungen zu schützen. Mit meinen Erfahrungen auf
parapsychologischem Gebiet ist auch mein Verständnis für die
alttestamentarische Verdammung des »Medien-Unwesens« gewachsen. In diesem
Punkt sind heute die Verhältnisse nicht so sehr viel anders als vor
zweieinhalbtausend Jahren im Vorderen Orient. Von jeher gibt es mehr
betrügerische Medien als seriöse, und für Laien ist es oft unmöglich, die
Spreu vom Weizen zu sondern. Ferner treten immer wieder Medien auf, deren
spirituelle Begabung wohl anerkannt werden muß, die man aber dennoch nicht
konsultieren und nicht empfehlen sollte, da sie charakterlich labil und daher
ihrer Aufgabe moralisch nicht gewachsen sind. Schon die alten Hebräer wußten
genau: Seherische Gaben sind keine Gewähr für Rechtschaffenheit. Sie
unterschieden, wie hoffentlich alle vernünftigen Menschen, zwischen
»Totenbeschwörern, Wahrsagern und Zeichendeutern«, denen ethisches
Verantwortungsbewußtsein mangelte, und Propheten, die von geradezu
transzendentaler Geistesgröße erfüllt waren. Zurückblickend auf die Menschen
mit medialen Gaben, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, muß ich
sagen, daß viele von ihnen makellos integre Persönlichkeiten, manche zweifelhafte
Charaktere und nur wenige wirklich kriminell waren. Nicht eines Tages, aber eines
Jahrhunderts, lange Zeit vor dem sensationellen Auftreten des von drei
Magiern vorausgesagten Gottessohnes, wandten die alten Hebräer sich von der
Vorstellung eines öden Totenreiches, Scheol genannt, ab, in dem die
Verstorbenen ein Dasein als Schatten führten. Es setzte sich die Auffassung
von einem jenseitigen Leben mit voll entwickelter Körperlichkeit, hoher
Geisteskraft und Bewußtheit durch. »Paradies«, »Garten Eden«, »Abrahams
Schoß« oder »unter dem Throne« wurde dieses »neue Reich« der Verstorbenen
genannt. Alle diese bildhaften Namen enthielten positive, anspornende
Elemente: eine Fortsetzung personaler Aktivität, ein lebendiges Bewußtsein
und eine Umgebung voller Verheißungen. Diese Vorstellungen erweckten eine
neue Jenseitserwartung. Trotz der Bannstrahlen der Propheten
gegen kommerzielle Magier, Astrologen und Medien waren sich die Hebräer der
möglichen Kontakte zwischen körperhaften und körperlosen Wesen bewußt und
stellten sie häufig mit Hilfe von Medien her. Ein bemerkenswertes Beispiel, die
Seance des israelitischen Königs Saul mit der »Hexe von Endor«, einem
weiblichen Medium, zeigt deutlich, daß den Juden um 1000 v.Chr. das Fortleben
des Individuums mit Gedächtnis, Erkennungsvermögen und all den anderen
Attributen der Hirnaktivität bekannt war. Das 1. Buch Samuel berichtet
darüber: Da sprach Saul zu seinen Dienern: »Sucht mir ein Weib, das einen
Totengeist hat! Ich will zu ihr gehen und sie befragen.« Da sprachen seine
Diener zu ihm: »Ein Weib, das einen Totengeist hat, ist zu Endor.« Da
vermummte sich Saul; er zog andere Kleider an und ging hin, zwei Männer bei
sich. So kamen sie des Nachts zu dem Weibe. Er sprach: »Wahrsage mir mit dem
Totengeiste und laß mir einen erscheinen, den ich dir nennen werde!« Da
sprach das Weib zu ihm: »Du weißt, daß Saul die Totenbeschwörer und Wahrsager
im Lande ausgerottet hat. Warum legst du meinem Leben eine Schlinge, mich zu töten?«
Da schwur ihr Saul beim Herrn: »So wahr der Herr lebt, dich trifft kein
Schaden in dieser Sache.« Da sprach das Weib: »Wen soll ich dir erscheinen
lassen?« Er sprach: »Laß mir Samuel erscheinen!« Da sah das Weib Samuel, und
sie schrie laut auf. Dann sprach das Weib zu Saul: »Warum betrügst du mich? Du selbst bist Saul.« Da sprach zu ihr der
König: »Sei ohne Furcht! Was siehst du?« Da sprach das Weib zu Saul: »Ich
sehe einen Überirdischen aus dem Boden steigen.« Da fragte er: »Wie sieht er
aus?« Sie sprach: »Ein alter Mann steigt herauf, in eine Kutte gehüllt.« Da erkannte Saul,
daß es Samuel war. Er neigte sich mit dem Antlitz zu Boden und verbeugte
sich. Da sprach Samuel zu Saul: »Warum störst du mich, daß du mich erscheinen lässest?« Der Geist Samuel soll dem von seinen
Feinden bedrängten und sich von seinem Gott verlassen fühlenden Saul raten,
was er nun beginnen soll, aber er hält ihm, wie Körperlose unserer Tage dies
bisweilen auch zu tun pflegen, erst einmal seine Versäumnisse vor ... Wie Circe ist die »Hexe von Endor«
imstande, Verstorbene leibhaftig erscheinen zu lassen, was den Anschein
erwecken mag, daß sie mehr vermochte als die Medien heute, die fast
ausnahmslos die Stimme des Jenseitigen vernehmen lassen können, also nur
einen akustischen Kontakt herstellen. Ohne die großen Fähigkeiten der Medien
des Altertums anzweifeln zu wollen, wäre die körperliche Erscheinung des
Toten auch als eine durch Hypnose vermittelte Vision erklärbar. Wie dem auch
sei; Aus Sauls Frage nach einem Weib (warum es wohl ausgerechnet ein Weib
sein muß?), das einen »Totengeist« hat, können wir jedenfalls schließen, daß
das Medium aus Endor einen Fletcher hatte und daß dem König von Israel die
hilfreiche Funktion einer solchen Mittelsperson bekannt war. Sauls Zusammenkunft mit dem Medium in
Endor könnte man als zeitloses Musterbeispiel einer Seance mit
Jenseitskontakt bezeichnen. So etwas wie damals in Endor hat sich schon viele
Male in meiner Wohnung zugetragen; Jemand wünscht mit einem bestimmten
Verstorbenen aus einem bestimmten Grund in Verbindung zu treten. Das Medium
hat den Besucher zuvor nie gesehen und weiß zu Beginn der Seance nichts über
ihn. Wenn die Sitzung erfolgreich verläuft, meldet sich das herbeigerufene
Wesen, und das gewünschte Gespräch findet statt. Nach einer Weile wird der
Kontakt wieder schwächer, die Stimme des Körperlosen immer leiser, oder sie
bricht ganz plötzlich ab. Die Seance ist zu Ende. Die vollendetste mediale
Manifestation, die die Geschichte kennt, war das unvergleichliche Wirken
Jesu. Zweifellos war er ein göttlich inspirierter Lehrer und der Prophet
einer kosmischevolutionären Mission. Er war außerdem — wie es ein anderer
großer Seher, Johannes, der Täufer, sofort erkannte — ein Medium mit sehr
großer Kraftausstrahlung. Obwohl er prophezeite, »daß ihr noch größere Werke
vollbringen werdet« (Johannes 14,12), und obwohl Erscheinungen, die mit dem
Wirken Jesu vergleichbar sind, sich auch heute zeigen, reichte seine geistige
Kraft weit über die jedes anderen Mediums, von dem wir Kenntnis haben,
hinaus. Wenn man so wie ich die Hypothese
vertritt, daß Jesus ein Medium gewesen ist, stellt sich eine interessante
Frage: Die meisten Medien haben geistige Lenker. Wer war der Lenker von
Jesus? War es Abraham? (Christus sprach einmal zu seiner Zuhörerschaft davon,
daß er diesen Erzvater kenne.) War es Moses oder Elias? (Beide sprachen mit
ihm im Beisein von drei Jüngern.) Oder war es — wie ich glaube — das
Kosmische Wesen selbst, der Heilige Geist der Bibel? Jesus betonte immer wieder, daß
visionäre Erscheinungen niemals isoliert betrachtet werden dürften, sondern
als Veranschaulichungen der Tatsache, daß das Universum geistig und nicht
materiell zu begreifen sei. Häufig bezeugte er seine Vertrautheit mit jenem
Leben, das in Ewigkeit fortdauert. Am eindrucksvollsten kommt dies in seiner
gleichnishaften Erzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus zum
Ausdruck, die in der Prophezeiung gipfelt — und diese hat sich als richtig
erwiesen —‚ daß manche Menschen auch dann nicht glauben würden, »wenn jemand von
den Toten auferstünde«. Der Auferstehungsglaube, wie ihn
Jesus verkündet hat, war den Hebräern seiner Zeit aus dem seit dem dritten
vorchristlichen Jahrhundert eingesickerten Gedankengut der Nachbarvölker zwar
schon bekannt, aber doch noch so fremd, daß der Mann von Nazareth es trotz
der unvergleichlichen Bildhaftigkeit seiner mit Autorität vorgetragenen Lehre
offenbar absichtlich vermied, detaillierte Beschreibungen zu geben von dem,
was man nicht würde ertragen können. Er wußte, daß die schlichten Gemüter
seiner Jünger noch nicht aufnahmebereit waren für eine so radikale
Veränderung in ihrer Einstellung zum Tod. Jene Jünger, von denen er glaubte,
daß sie »es ertragen« könnten, konfrontierte Jesus in der Rolle eines Mediums
in der bereits erwähnten »Seance« mit den Erscheinungen von Moses und Elias.
Petrus, Johannes und Jakobus waren nachhaltig beeindruckt von der strahlenden
Schönheit der nach dem biologischen Tod spirituell fortgeschrittenen Wesen.
Gewisse Worte Christi sind wohl indessen so zu interpretieren, daß er eine
Beeinträchtigung lebenswichtiger Tätigkeit in der Gegenwart durch
Spekulationen über das jenseitige Leben nicht für wünschenswert hielt. Seine
Lehren betonen immer das zwingende Hier und Heute. Ein Leben, das alle Tage
in fortschreitendem, liebendem Verständnis gelebt würde, so deutete er an,
müßte wie von selbst zu einem Glauben an die Fortdauer führen. Immerhin hob
Jesus mehrmals den Vorhang für einen kurzen Blick auf das Leben, das seine
Anhänger »in seines Vaters Haus« erwartete. Daß es »viele Wohnungen« habe,
kann als Hinweis auf die von fast allen späteren Medien berichtete
grenzenlose Vielfalt der auf der höheren Seinsebene erreichbaren
Bewußtseinszustände gelten. Als Jesus und der reumütige Dieb ans
Kreuz genagelt und der Agonie des Todes nahe waren, konnte der Heiland voller
Zuversicht sagen: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.« Das
Paradies, in dem von den Juden jener Zeit gebrauchten Wortsinn, war nicht das
gleiche wie die unmittelbare Nähe zum Schöpfer, die mit Himmel bezeichnet
wurde. Es war eine der Bezeichnungen für die erste Station nach dem Tode.
Diese wohlbezeugte Äußerung bestätigt uns das Jenseits als einen Ort, wo die
Menschen in vollem Bewußtsein leben und einander erkennen. Auch der Apostel Paulus hat in seinen
Schriften Himmel und Paradies deutlich voneinander unterschieden. »Ich kenne
einen Mann«, schreibt er, »der in den dritten Himmel aufgenommen wurde.« Von
einem anderen berichtet er, er sei »ins Paradies gekommen«. Das hatte Paulus
möglicherweise durch Glaubensbrüder erfahren, die die Fähigkeit besaßen, mit
Verstorbenen zu sprechen. Ihm selbst wurde sie, trotz vieler Gebete um
Jenseitsoffenbarungen, nicht zuteil. In seinem 1. Brief an die Korinther
nennt er alle Arten spiritualistischer Erfahrung, die ihm bekannt waren: die
Gabe, Geister zu sehen (mediale Begabung), die des geistigen Heilens, des
Prophezeiens, des Zungenredens und des Wunderwirkens. Aber er weist darauf
hin (und hier werde ich an Yoganandas Ermahnungen erinnert), daß keine dieser
Fähigkeiten allein wahren geistigen Fortschritt kennzeichne. Ohne liebevolles
Verständnis seien sie wie »tönendes Erz oder eine klingende Schelle«. Paulus war einer der ersten und
zugleich, für Jahrhunderte, einer der letzten Verkünder der Lehre Christi,
der freimütig aussprach, daß es außer Jesus auch noch andere Menschen mit
außergewöhnlichen Geistesgaben, wie er sie im Brief an die Korinther
aufzählt, gebe und daß sie unter günstigen Vorbedingungen »Wunder« zu tun
vermögen. Nachdem die Kirche sich zu einer machtvollen, auch in weltlichen
Belangen einflußreichen Institution entwickelt hatte, trat eine für die freie
Entfaltung der seelischen Kräfte verhängnisvolle Wendung ein. Die
geistigrevolutionäre Atmosphäre, die der Gründung der neuen Religion zugrunde
gelegen hatte, wurde, aus Furcht vor einer zu Ungehorsam gegenüber den
geistlichen Machthabern verleitenden Gedankenfreiheit der Gläubigen, durch
Dogmen und Gesetze erstickt, die, im Namen Christi verfaßt, sein Gebot der
Liebe und der Hoffnung auf höhere Erkenntnisse mißachtete. »Unnatürliche« Erscheinungen, wie sie nach
wie vor auftraten, wurden in der Regel als Teufelswerk angesehen. Es war
fortan riskanter denn je zuvor, mediale Kräfte zu besitzen. Zwar wurden
einige unerschrockene große Medien heiliggesprochen (z.B. Franz von Assisi,
Theresa von Avila), andere jedoch, die meisten, wurden als Ketzer verbrannt
und blieben namenlos, sofern ihnen nicht Post mortem doch noch Gerechtigkeit
widerfuhr, wie der Seherin Jeanne d‘Arc, die fünfundzwanzig Jahre nach ihrer
Verbrennung auf dem Scheiterhaufen von der Kirche rehabilitiert und weitere
fünfhundert Jahre später unter die Heiligen aufgenommen wurde. Die autoritäre
einzige christliche Kirche des Mittelalters betrachtete sich auch als die
einzige von Gott eingesetzte Vermittlungsstelle zwischen den Menschen und dem
Schöpfer. Es galt als sündhaft, mit Gott und dem Himmel »direkt« in
Verbindung zu treten oder zu behaupten, daß dies möglich sei. Auf denjenigen,
der persönliche innere Einsichten zu haben glaubte, die vom allein gültigen
Dogma abwichen, wartete nicht nur eine schmerzvolle, menschenunwürdige
Todesstrafe, sondern — angeblich schlimmer noch — die Hölle! Weder Jesus noch der Apostel Paulus
und die anderen Christen der »ersten Stunde« haben die Hölle so drastisch als
den Ort der fürchterlichsten Qualen und Strafen beschrieben wie später die
Priester des Mittelalters, die ihren Gemeinden auf diese Weise nichts anderes
als Angst einflößen wollten. Für die Christen der Antike war die Hölle nicht
viel mehr als eine unangenehme Zwischenstation, bei der die Seelen auf ihrer
Reise in die Ewigkeit zwecks Ermittlung ihrer Qualitäten eine Pause einlegen
mußten. Hier mußten sie sich von falschem Denken und Handeln befreien und
gegebenenfalls die Erfahrung machen, daß sie auf die veränderten
Seinsbedingungen in der anderen Welt schlecht vorbereitet waren. Natürlich
konnte diese deprimierende Einsicht sehr wohl auch als eine Art Hölle im
übertragenen geistigen Sinn empfunden werden, wie uns dies viele Körperlose
im Gespräch gestanden und detailliert beschrieben haben. Die brodelnden
Kessel, in die der Teufel die sündigen Seelen steckt, die glühenden Zangen,
mit denen er sie zwickt, und all die anderen sadistischen Folterinstrumente,
diese Alpträume unserer Kindheit, sind gewiß Erfindungen verderbter
Phantasten. Ich erinnere mich an meine eigene Jugend im Süden der Vereinigten
Staaten. Wie brachte unser Pfarrer die ungestümen, unaufmerksamen Kinder im
Religionsunterricht am bequemsten zur Räson? Indem er ihnen mit ein, zwei
Sätzen Angst und Schrecken für den ganzen Tag einjagte. So ein alter Teufel
sagte einfach: »Wenn ihr nicht folgsam seid, dann fährt der Böse auf euch
herab, hebt euch hoch in die Luft und wirft euch mitten hinein in die
heißeste, schwärzeste, grausamste Hölle.« Freilich können sich die
Höllenpropagandisten auf das im Matthäus-Evangelium verbürgte »Heulen und
Zähneklappern« berufen, aber ist es denn überhaupt der körperliche Schmerz
des Am-Spieß-gebraten-Werdens und anderer Torturen, der die Seele zum Heulen
oder zum Frösteln zu bringen vermag? Um weinen zu müssen, um zu zittern und
zu frieren genügen geringere Anlässe. Jeder von uns hat, auch als
Erwachsener, solche Situationen erlebt und ganz normal reagiert, wenn er in
trostlosen Augenblicken oder verzweifelten Stimmungen losgeheult hat oder
vorübergehend »durchdrehte«. In eine solche Lage kommt der Verstorbene mit
großer Wahrscheinlichkeit auch wieder. Die vorliegenden Berichte darüber
lassen darauf schließen, daß die — möglicherweise unumgänglichen —
Eingewöhnungsschwierigkeiten wirklich groß sind und den Geist deprimieren,
aber sie sind deshalb noch lange nicht »höllisch«. Das Höllenfurcht-Predigen ist meines
Erachtens für die Ausbreitung des Unglaubens mindestens ebensosehr
verantwortlich, wie jedes andere menschliche Versagen. Wer denkt gern an ein
Fortleben, wenn es etwas Unangenehmes ist? Es ist kaum zu glauben, wie weit die
Höllenprediger, sowohl Protestanten als auch Katholiken, mit ihren
Greuelmärchen gehen. In einem Heftchen, das ich kürzlich in einer
römisch-katholischen Kirche fand, las ich folgendes: »Mein Kind, wenn du zur
Hölle fährst, wird ein Teufel an deiner Seite gehen, der dich immerzu
schlägt. Er wird dich jede Minute schlagen, ohne aufzuhören, für immer und
ewig. Der erste Schlag wird deinen Körper so verletzen, daß er dem Körper
Hiobs gleicht. Der zweite Schlag wird ihn doppelt so schlimm verletzten. Der
dritte Schlag wird dich in einen Zustand versetzen, der dreimal so schrecklich
ist wie der Hiobs. Wie aber erst wird dein Körper sein, wenn der Teufel ihn
hundert Millionen Jahre lang in jeder Sekunde, ohne einmal aufzuhören,
geschlagen hat? Komm morgen abend um sieben Uhr her und frage, wie es dem
Kind geht. Die Teufel werden sagen: "Das Kindlein brennt." Geh nach
Millionen Jahren wiederum hin und frage das gleiche. Die Antwort wird immer
die gleiche sein: "Das Kindlein brennt." Und wenn du immer wieder
und in alle Ewigkeit hingehst und fragst, wirst du immer wieder die gleiche
Antwort bekommen: "Das Kindlein brennt."« Der protestantische Höllensadismus
steht dem katholischen nicht nach. Folgendes stammt aus einem Buch mit
evangelischen Predigten: »Wenn du tot bist, wird deine Seele Blut schwitzen
und dein Körper vergehen in unsagbaren Ängsten. In einem Feuer, das genau wie
ein irdisches Feuer ist, wird dein Leib in alle Ewigkeit brennen, aber ohne
zugrunde zu gehen — jede Ader wird ein Flammenstrom sein, jeder Nerv eine
Saite, auf der der Teufel in Ewigkeit seine diabolische Begleitmusik zum
unsäglichen Wehklagen der Hölle spielt.« Können Menschen, die solchen
»Visionen« — Wahnprojektionen eines kranken, frustrierten und
ressentimentgeladenen Hirns — regelmäßig ausgesetzt werden, einem Leben im
Jenseits mit irgend etwas anderem als Grauen entgegensehen? Glücklicherweise ist ein großer Teil
der Menschheit dieser Psychopathologie nicht ausgesetzt. Wenn sie trotzdem
nur verschwommene und angsterfüllte Vorstellungen vom Jenseits hat, muß es
dafür einen anderen Grund geben. Meines Erachtens liegt dieser in der
Lebensweise, die wir anscheinend zwangsläufig führen. Die tägliche Tretmühle
des Brotverdienens und des Sein-Gesicht-wahren-Müssens beläßt uns wenig Kraft
für zusätzliche geistige Anstrengungen, welcher Art diese auch immer sein
mögen. Ist es da verwunderlich, daß bei den meisten Menschen keine Neigung
besteht, über ein — nach traditioneller Meinung — so düsteres und im
wörtlichsten Sinn so peripheres Problem nachzudenken, wie das Leben nach dem
Tode? Erst wenn der Tod herannaht und unter der Schockwirkung eines
schmerzlichen Verlustes geht es einem schlagartig auf, wie bedeutungsvoll
diese Frage ist. »Beim Eintritt hier laßt alle
Hoffnung fahren«, steht über dem Höllentor, wie Dante es sieht, dem wir die
ergreifendste Beschreibung von Hölle (Inferno), Fegefeuer (Purgatorium) und
Paradies verdanken. Die Göttliche Komödie, deren Jenseitsbild auf
volkstümlicher Überlieferung, zum Teil fragwürdigen Zeugnissen
mittelalterlicher Autoren und der eigenen dichterischen Phantasie beruht, stellt,
literarisch sowie geistesgeschichtlich betrachtet, zweifellos ein
unvergleichliches Meisterwerk dar. Daß es eine echte Offenbarung ist und ein
»Bericht vom Leben nach dem Tode« auf Grund von persönlichen, oder auch nur
referierten Jenseitskontakten, wie Dantes Zeitgenossen und noch viele spätere
Generationen annahmen, muß in Anbetracht unseres ganzen Wissens über die
Struktur und die Bedingungen der Welt jenseits des Todes abgelehnt werden.
Manches mag mit unseren Kenntnissen übereinstimmen, etwa der allmähliche,
fast systematische Aufstieg von Stufe zu Stufe zu höherer Bewußtheit der
Seele, doch der dokumentarische Wert der Aussagen Dantes und seiner
Gewährsleute von »drüben« ist gering. Der Dichter hatte, wie er selbst
schreibt und wie sein erster Biograph, Boccaccio, bestätigt, Visionen — in
denen er vor allem seine Geliebte, Beatrice, sah —‚ aber er war weder selbst
medial begabt, noch ist mir bekannt, daß er von bezeugten Jenseitskontakten
anderer wußte. Dennoch werden Dantes Höllen- und
Paradiesschilderungen in der geistigen Welt unserer Tage oftmals ernster
genommen als die Jenseitsberichte des berühmtesten aller Seher und aller
mediumistischer Wunder unter den Intellektuellen der westlichen Hemisphäre.
Ich spreche von dem schwedischen Universalgelehrten, Techniker und Theosophen
Emanuel Swedenborg. 1688 wurde er als Sohn eines Theologieprofessors und
Bischofs von Westgotland geboren, der mit den Autoritäten seiner Kirche
ständig Schwierigkeiten hatte, weil er den Standpunkt vertrat, daß unmittelbare
religiöse Erfahrungen wichtiger seien als abstrakte Glaubenssätze. Der junge
Emanuel schien für geistliche Probleme wenig Interesse zu haben. Ihn zog es
zu Forschung und Technik, und mit dreißig Jahren machte der Stockholmer
Bergwerksassessor zum erstenmal auf spektakuläre Weise von sich reden: Zur
Belagerung der norwegischen Festung Frederikshall schaffte er 1718 sieben
Schiffe mittels Rollen »fünf Stunden weit über Berg und Tal«. In seinen
späteren Jahren schrieb er einem Freund, daß seine fünfunddreißig Jahre lange
Tätigkeit als Naturwissenschaftler die ihm von Gott gewährte
Vorbereitungszeit auf den Empfang der Geheimnisse des Lebens nach dem Tode
gewesen seien. Seine Leistungen als Astronom und Physiker waren phänomenal.
Lange vor Laplace und Kant nahm er die Nebularhypothese vom Sonnensystem als
einer großen, wirbelnden Masse, die zur Sonne und zu den Planeten kondensiert
wurde, vorweg. Er machte wichtige Entdeckungen, die zum Verständnis der
Phosphoreszenz, des Magnetismus und der Atomtheorie beitrugen, und leistete
Pionierarbeit auf dem Gebiet der Kristallographie. Als Mediziner bereitete er
die moderne Wissenschaft der Neurologie — speziell durch die schematische
Darstellung von Hirnzellen, Großhirnrinde und Rückenmark — und der
Endokrinologie vor. Swedenborg beschränkte sich jedoch nicht nur auf die
Forschung, er betätigte sich auch aktiv im öffentlichen Leben als
Regierungsbeamter und Gesetzgeber. Swedenborg, wie gesagt, eine der
bedeutendsten für außersinnliche Einflüsse empfänglichen Persönlichkeiten
aller Zeiten, erlebte spontane paranormale Phänomene selbst mitten in
intensiver wissenschaftlicher Arbeit. Einer der aufsehenerregendsten und
meistzitierten Fälle von Hellsehen ist seine Vision des großen Brandes von
Stockholm im Jahre 1759. Während er zu Besuch in Göteborg weilte, »sah« er an
einem hellichten Samstagnachmittag die fünfhundert Kilometer entfernte Stadt
Stockholm in Flammen stehen, im besonderen, daß das Haus eines Freundes
niederbrannte und seine eigene Wohnung bedroht war, jedoch von dem Feuer
verschont wurde. Erst am Dienstagmorgen erreichte die Nachricht von der
Katastrophe Göteborg. Sie hatte sich genauso abgespielt, wie Swedenborg es
beschrieben hatte. Im Alter von siebenundfünfzig Jahren
hatte er ein überwältigendes spirituelles Erlebnis. Es war ihm, als sehe er
»die Himmel offen«. Er gab seine naturwissenschaftlichen Studien auf, um
diese neuen Dimensionen der Wirklichkeit zu erforschen. Er hatte, wie er
sagte, freien Zugang zu der geistigen Welt, konnte sich in völliger Freiheit
in ihr bewegen, mit den Bewohnern plaudern und das »Land« erkunden. Nie hat
Swedenborg, wie es fälschlicherweise oft heißt, eine neue Religion gepredigt,
oder die Gründung einer Sekte auch nur erwogen; die Swedenborgsche Kirche ist
von seinen Anhängern gegründet worden. Er hat jedoch ein umfangreiches
Schrifttum in lateinischer Sprache mit genauen Beschreibungen seiner Reisen
ins Jenseits hinterlassen. »Unter den Regionen des Jenseits«, so
berichtet Swedenborg, »gibt es eine Welt, die in vielem mit unserer eigenen
übereinstimmt.« Er fand ein »natürliches Terrain« und Wohnzentren, in denen
Männer und Frauen mit allen uns vertrauten menschlichen Gewohnheiten leben.
Jeder verfolgt irgendein dem Allgemeinwohl dienendes Ziel, und alle lernen
und lehren zugleich — lernen von Seelen, die zu höherer Weisheit gelangt
sind, und lehren die noch unerfahrenen Neuankömmlinge. Auch Swedenborg
betonte immer wieder, daß die weitverbreitete menschliche Furcht vor dem Tode
völlig unbegründet sei. Erleuchteten Menschen sei es durchaus möglich, ohne
Anstrengung von einer Sphäre zur anderen zu gelangen. Nach dem Hinübergang
sei man körperlos und befände sich inmitten der Geisterwelt. Dort würden
»Himmel und Erde zusammen sein und eine Einheit bilden«. Swedenborg lehnte die Vorstellung,
daß die Individuen edler würden, nur weil sie in eine nächsthöhere Sphäre
aufgerückt seien, ab. »Unser Häkelmuster von dem abstrakten Edelsinn der
Geister«, schreibt er, »erfährt auf der ersten Stufe eine schwere Erschütterung.
Die Seelen unserer Väter sind in keiner Weise besser dran — weder weniger
schlecht noch weniger körperlich, und ihre Beschäftigungen sind oft
unwürdiger als unsere eigenen … Wir brauchen sie nicht zu verehren — sie
verdienen es nicht . . . Alles ist hier recht prosaisch, der Tod bedeutet
keine Veränderung von Wesentlichkeiten. Die gleichen Probleme erheben sich,
und der Mensch hat sie zu lösen. Nichts gedeiht außer Tugend und Wahrheit.
Jenseits des Grabes gibt es keine Ruhe, außer im Frieden Gottes, der auch
schon vorher Ruhe bedeutete. Hier spricht er natürlich von dem
fegefeuerähnlichen Zwischenbereich, in dem sich die gerade Verstorbenen
läutern und besinnen müssen, bevor sie zur nächsthöheren Stufe voranschreiten
dürfen. Bevor diese erreicht werden kann, muß der mächtige Sog der negativen
Emotionen Haß, Stolz, Abhängigkeit von Gelüsten, Gewohnheiten und
Besitztümern — überwunden werden. Ein bedeutsamer Teil der Arbeit einer
fortgeschrittenen Seele besteht, wie wir noch sehen werden, darin, Neuankömmlingen
bei diesen Bemühungen zu helfen. Swedenborgs hellseherische Begabung,
für die es zahllose geradezu historische Beispiele und illustre Zeugen gibt,
erweckte in ganz Europa das Interesse an derartigen Phänomenen. Zwar paßten
solche rational nicht erklärbaren Erscheinungen schlecht in das Zeitalter der
Aufklärung, doch mußten selbst diejenigen, die Swedenborgs
philosophisch-religiöse Anschauungen kritisierten (z. B. Kant), seine
hellseherischen Fähigkeiten anerkennen. Bewundernswert war indessen nicht nur
diese Gabe, sondern nicht weniger, daß er, ein Naturwissenschaftler und
beamteter Akademiker, es wagte, die Wirkung seiner übersinnlichen Kräfte vor
der gebildeten Gesellschaft seiner Zeit zu demonstrieren. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war
man soeben noch bereit, sich durch handfeste Beweise von der realen
Möglichkeit des geistigen Sehens und des Geistersehens überzeugen zu lassen.
Fünfzig Jahre später, vom Beginn des Zeitalters der Industrialisierung an,
wäre ein Swedenborg auf Ablehnung gestoßen, ohne daß man sich die Mühe
gemacht hätte, seine Fähigkeiten erst einmal zu prüfen. Eine übermächtige
Welle von materialistischem, fortschrittsfanatischem Skeptizismus überspülte
alle, die sich der Diktatur des Realismus entgegenzustellen wagten. Der vernünftige
Mensch hatte sich auf die technische und ökonomische Nutzbarmachung und
Ausbeutung der materiellen Güter dieser Erde zu konzentrieren und dabei auf
Gott zu Vertrauen, einen Gott der etablierten, erstarrten Kirchen. Die
Geschichte der abendländischen Ethik Von David Hume über Schelling und
Kierkegaard bis Albert Schweitzer ist ein einziger Bericht über den fast
aussichtslosen Kampf des denkenden europäischen Menschen, seine
transzendentalen Werte angesichts der Hochflut des meditationsfeindlichen Materialismus
zu retten. Den Philosophen aus der
psychologischen Schule ist es zu danken, daß kurz vor Beginn des 20.
Jahrhunderts mit der Idee der Bewußtseins-Evolution die Probleme der
Menschenseele wieder ernst genommen, wieder Gegenstand der Forschung wurden.
Hervorragende Denker der Verschiedensten Nationalität haben zu dieser
Neubewertung der Seele Anstoß gegeben: William James und Henri Bergson,
C.G.Jung und Julian Huxley, Teilhard de Chardin, P.B.Medawar u.a. Eine der
wichtigsten grundlegenden Erkenntnisse dieses neuen Denkens hat der
kanadische Psychiater Richard M. Bucke formuliert: »Die Reichweite des einfachen
Bewußtseins ist weit geringer als die des Selbst-Bewußtseins, während die des
kosmischen Bewußtseins weit größer ist als beide. Der Mensch, der auch nur
für wenige Augenblicke das kosmische Bewußtsein erlebte, wird wahrscheinlich
nie wieder zu der geistigen Stufe des nur selbstbewußten Menschen
zurückkehren, sondern wird immer in sich die reinigende, stärkende und
überwältigende Auswirkung jener höheren Erfahrung spüren, und viele von
denen, die um ihn sind, werden erkennen, daß seine geistige Kapazität den
Durchschnitt weit überragt.«15 Niedrigeren Bewußtseinsstufen
Zugehörige, die nicht in der Lage sind, Dimensionen zu begreifen, welche auf
höheren Ebenen Lebenden klar sind, werden behaupten, daß es solche
Dimensionen gar nicht gibt. Es ist wie bei dem Planierraupenfahrer, der, im
Begriff, eine der schönsten Stellen vor der Stadt zu zerstören, sich mit
einer empörten Gruppe von Umweltschützern konfrontiert sah. Der
Planierraupenfahrer stemmte die Hände in die Hüften, spuckte auf den Boden
und schaute umher. »Welche Werte?« fragte er. »Ich sehe keine!« In dieser jahrhundertealten
Kontroverse schöpfe ich Trost aus dem schrulligen Humor, mit dem die
Angelegenheit von einem Mann behandelt wurde, der als einer der besten
philosophischen Köpfe unserer Zeit gilt: Charles D. Broad, Professor der
Philosophie an der Universität Cambridge. Er hat sich zu der von Bertrand
Russell, Sigmund Freud und anderen aufgestellten Behauptung geäußert, daß
alle religiösen Erfahrungen von der gleichen Art seien wie Illusionen und
Halluzinationen. (»Rein wissenschaftlich betrachtet«, sagte Russell, »können
wir keinen Unterschied machen zwischen dem Menschen, der wenig ißt und den
Himmel sieht, und dem, der viel trinkt und Schlangen sieht.«) Broad schreibt: »Nehmen wir einmal
an, daß es einen Aspekt der Welt gibt, der völlig außerhalb des
Wahrnehmungsvermögens gewöhnlicher Sterblicher im Alltagsleben liegt. Dann
erscheint es sehr wahrscheinlich, daß ein gewisser Grad von geistiger und
körperlicher Anomalie erforderlich ist, um sich von den Objekten gewöhnlicher
Sinneswahrnehmung hinlänglich zu lösen und diesen höheren Aspekt zu
begreifen. Deshalb ist die Tatsache, daß Personen, die diese besondere Art
der Wahrnehmung zu besitzen behaupten, durchweg gewisse geistige und
physische Anomalien aufweisen, völlig plausibel — vorausgesetzt, daß ihre Behauptungen
stimmen. Möglich, daß man ein bißchen "angeknackst" sein muß, um
Gucklöcher in die außersinnliche Welt zu finden.« Professor Broad glaubte also nicht,
daß die Halluzinationsthese alles zu erklären vermag. »Solche Theorien«, so
schreibt er, »haben eine zu gelbsüchtige Färbung, um wirklich
vertrauenerweckend sein zu können. Ich würde jedenfalls Theorien über das
Wesen der Musik und ihre Funktion im menschlichen Leben, die von einem
unmusikalischen Psychologen vorgebracht werden, dessen Frau obendrein noch
mit einem Musiker durchgebrannt ist, mit äußerster Vorsicht genießen.« An einem Apriltag des Jahres 1927 kam
ich, erwartungsvoll und verzagt zugleich, in London an. Ich wollte mich in
der Weltmetropole der parapsychologischen Forschung den Experten
präsentieren, von denen ich schon soviel gelesen hatte — aber würden sie
meine bescheidene Gaben überhaupt interessieren? Gab es in England nicht
Medien wie Sand am Meer? Zwar hatte ich ein an Sir Arthur Conan Doyle
gerichtetes Empfehlungsschreiben bei mir, doch wie sollte ich an ihn herankommen?
Der Schöpfer von Sherlock Holmes und Dr. Watson war kein gewöhnlicher
Kriminalromanautor, den man einfach anrufen, oder in seiner Stammkneipe
kennenlernen konnte. Er war so populär, daß er, wann immer er sich in der
Öffentlichkeit zeigte, sogleich von Sherlock-Holmes-Fans umringt wurde. In
der Meinung, er vereinige in sich die fast übernatürlichen Fähigkeiten seiner
beiden Meisterdetektive, suchten Zahllose bei Doyle Rat und Hilfe in allen
scheinbar unlösbaren Kriminalfällen. Nur wenige seiner Leser wußten, daß Sir
Arthurs wahre Leidenschaft keineswegs der Aufklärung von Verbrechen, sondern
der Erklärung paranormaler Phänomene galt. Die Zeit der Produktion von
scharfsinnig-witzigen Detektivgeschichten, die der Dreißigjährige verfaßt
hatte, um seine dürftigen Einkünfte als junger Arzt in Plymouth aufzubessern,
war längst vorbei. Conan Doyle lebte schon seit mehr als zwanzig Jahren fast
ausschließlich von den Honoraren, die ihm die ständigen Nachdrucke seiner
Sherlock-Holmes-Bücher in aller Welt einbrachten, und widmete sich seitdem
vor allem der psychologischen Forschung und der Öffentlichkeitsaufklärung
über die Möglichkeiten der psychischen Selbstverwirklichung des Menschen. Auch durch die Vereinigten Staaten
hatte er Vortragsreisen unternommen, und das Publikum, das sich in den Sälen
drängte, um Sherlock Holmes persönlich über Mord und Totschlag sprechen zu
hören, verließ die Veranstaltung entweder enttäuscht, oder unverhofft
bereichert um die ersten Einblicke in eine neue Dimension des Lebens. Das erste, was mir, dem
Neuankömmling, in London ins Bewußtsein drang, war keine der
Sehenswürdigkeiten der Stadt, sondern ein Plakat, auf dem ich las, daß Sir
Arthur Conan Doyle am gleichen Abend in der Grotrian Hall einen Vortrag
halten werde — und zwar über »Die Bedeutung medialer Fähigkeit für die
Bewußtseinserweiterung des Menschen«, also über mein Thema. Im Jahr zuvor
hatte er eine zweibändige Geschichte des Spiritismus herausgebracht, die
seitdem von Anhängern und Gegnern heftig diskutiert wurde, und ich konnte mir
vorstellen, daß es hoffnungslos sein würde, auch nur in Doyles Nähe zu
gelangen. Ich mußte mir zuvor eine andere
Protektion suchen und begab mich zu Mrs. Mabel St. Clair Stobart, einem
einflußreichen Mitglied der Society for Psychical Research. Ihr Buch
Torchbearers of Spiritualism (»Fackelträger des Spiritis-mus«) hatte ich mit
großem Gewinn gelesen. Doch es genügt keineswegs zu erwähnen, daß sie selbst
eine solche »Fackelträgerin« war. Um diese großartige Frau angemessen und
anschaulich zu beschreiben, brauchte ich das Talent eines Epikers und eines
Porträtmalers. Ich würde Mrs. St. Clair Stobart gern eine »Emanzipierte«
nennen, doch haftet dieser Bezeichnung nach wie vor leider ein ironischer
Beigeschmack an. Ihr Mut, ihre Initiative, ihr energisches Wirken in den
verschiedensten Tätigkeitsbereichen konnten selbst erfolggewohnte Männer
nervös machen. Sie aber blieb immer die Ruhe selbst, sie bewahrte immer
Haltung. Nur wer ihren bisherigen Lebensweg kannte, wußte, was das für sie
bedeutet hatte: Haltung bewahren. Die junge Tochter eines geadelten
Industriellen hatte zu Beginn des Ersten Weltkriegs das erste fahrbare
Lazarett der britischen Streitkräfte organisiert und mit den Invasionstruppen
nach Belgien begleitet. Von den Deutschen gefangengenommen und als Spionin
vor ein Kriegsgericht gestellt, gelang es ihr zu fliehen und quer durch das
Kampfgebiet die eigenen Linien zu erreichen. Wieder in der Heimat, bekam sie
den Auftrag, ein Lazarett für die im Vorderen Orient gegen die Türken
kämpfenden Truppen einzurichten. Weil sie dort stets einen Rappen ritt,
nannten die Soldaten sie »The Lady on the black horse«. Später versuchte sie,
etwas Ordnung in den Rückzug der Serben durch das unwegsame
albanisch-makedonische Bergland zur griechischen Küste zu bringen. Sie half
Tausende von Verwundeten und Zivilisten zu retten und erhielt dafür von den
Regierungen der westlichen Verbündeten hohe Orden. Nach Kriegsende wurde sie
in der britischen Frauenbewegung aktiv, gründete gemeinnützige Vereinigungen,
demonstrierte gegen gesellschaftliche Mißstände, ließ sich als Suffragette
auslachen, aber auch als erste Frau in Großbritannien in einen
Kirchenvorstand wählen. Während wir auf das Eintreffen von
Conan Doyle in der Grotrian Hall warteten, erzählte mir Mrs. St. Clair Stobart,
wie sie dazu gekommen war, sich mit dem Spiritismus zu beschäftigen. Ein
Bekannter in Kanada hatte sie Anfang der zwanziger Jahre brieflich gebeten,
ihm das Protokoll einer bestimmten Seance des britischen College of Psychic
Science zu besorgen. Es fiel ihr nicht leicht, ihr Vorurteil gegen alles, was
nach Spuk roch, zu überwinden, aber wenn sie sich nun einmal einem guten
Freund zuliebe mit diesem Thema befassen mußte, dann wollte sie es auch
gleich ein bißchen gründlicher tun. Sie bekam Gelegenheit, den
psychokinetischen Experimenten des College mit dem Medium Maria Silbert,
einer Lehrerswitwe aus Österreich, beizuwohnen, und was sie sah, überzeugte
sie. Fortan betrachtete sie es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, der
Erforschung paranormaler Vorgänge und denen, die sie hervorrufen, den Medien,
zu gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Anerkennung zu verhelfen. Sie
veranstaltete spiritistische Sitzungen und bemühte sich in Vorträgen und
Schriften vor allem darum, der Öffentlichkeit begreiflich zu machen, daß der
Glaube an das Vorhandensein eines sechsten Sinns durchaus mit dem
christlichen Glauben vereinbar sei. Deutlich unterschied sie die Interessen
der akademischen Parapsychologen und die der Spiritisten: »Die Parapsychologie erforscht das, was
in einer Seance vorgeht; der Spiritismus erforscht, was in der Seele
vorgeht.« Man muß verstehen, daß diese
bewundernswert aktive Frau ihr immenses tägliches Programm nur durch rigorose
Rationalisierung der banalen Lebensnotwendigkeiten bewältigen konnte. Um
keine Zeit mit Mode- und Garderobeproblemen zu verschwenden, hatte sie für
sich selbst eine Art Uniform in zeitlosem Schnitt entworfen. So unterschieden
sich alle ihre Kleider höchstens in der Farbe und im Material voneinander. An
dem Tag, als ich sie kennenlernte, trug sie purpurne Seide, dazu Sandalen mit
großen Silberschnallen und auf ihrem zerzausten Haar einen kegelförmigen Hut.
Da sie an starken Gelenkschmerzen litt, stützte sie sich auf einen
knüppelartigen Stock. Manche fanden, daß sie wie eine Hexe aussehe — nun,
wenn, dann wie eine höchst respektable und sehr humorvolle. Mit Humor
übrigens mußten ihre Tischgäste, zu denen auch ich in der folgenden Zeit oft
zählte, eine besonders harte Rationalisierungsmaßnahme des Stobartschen
Haushalts hinnehmen: Es gab an jedem Wochentag — alle Montage, alle Dienstage
usw. des ganzen Jahres — das gleiche Menü. Das ersparte zeitraubendes
Nachdenken über den Speisezettel, und Ärger mit einfallslosen Köchinnen, und
es vereinfachte den Lebensmitteleinkauf. Die Tafelfreuden bei Mrs. St. Clair
Stobart waren eben nicht kulinarischer, sondern geistiger Art. Dieser erste Abend in London war der
schönste meines ganzen Englandaufenthalts. Ich gewann zwei illustre Freunde,
von denen ich unendlich viel lernen konnte, und ich hatte, völlig unerwartet,
meinen ersten großen Erfolg als Medium im Ausland und unter dem Patronat
eines weltberühmten Mannes, dessen Urteil in der Öffentlichkeit noch mehr
galt als das eines akademischen Fachmannes. Schließlich war jedermann überzeugt,
daß »Sherlock Holmes« auch der geschickteste Betrug eines Mediums nicht
verborgen bleiben konnte, und wenn der skeptische, gegen Unverschämtheit und
Hinterlist geradezu allergische, jeden Nonsense verachtende Sir Arthur Conan
Doyle für ein Medium seine Hand ins Feuer legte, dann war jeder Zweifel
überflüssig. Mein erster Eindruck von Conan Doyle
bestätigte mir das Urteil aller, die ihn kannten: Er war im wahrsten Sinn des
Wortes eine joviale Erscheinung: imposant, stämmig, vital — und trotz mancher
schwerer Schicksalsschläge in früheren Jahren strahlte er unerschütterliche
Lebensfreude aus. Er wirkte wesentlich jünger als Ende Sechzig und als die
drei Jahre nach ihm geborene Lady St. Clair Stobart. Sie nahm mich hinter die
Bühne in sein Vorbereitungszimmer mit, und nachdem er mir kräftig die Hand
gedrückt und mein Empfehlungsschreiben überflogen hatte, lud er mich ein, im
Saal auf einem der für Ehrengäste reservierten Sitze in der ersten Reihe
Platz zu nehmen. Keiner, glaube ich, lauschte ihm an
diesem Abend aufmerksamer als ich. Doyle war ein hervorragender Redner. Noch
nie zuvor hatte ich jemand mit soviel Gescheitheit, Witz und Ernst,
Weltgewandtheit und Verinnerlichung über unser Thema sprechen hören. Was mir
neu war, und was mich gewissermaßen beruhigte: Auch Doyle war erst auf
Umwegen und nach langem Zögern zur Anerkennung spiritualistischer
Kommunikationsmöglichkeit gekommen. Er hatte zwar schon in seiner Studienzeit
mit einem Freund »einfache« Gedankenübertragung über unterschiedliche
Entfernungen ausprobiert, wobei der Partner als Empfänger eine
verhältnismäßig hohe Richtigkeitsquote erzielte; und er hatte sich auch
ernsthaft für das um die Jahrhundertwende besonders populäre psychokinetische
Gesellschaftsspiel des Tischrückens interessiert, doch er weigerte sich
jahrzehntelang, andere außersinnliche Phänomene zu akzeptieren als
telepathische. Erst nach einem Vierteljahrhundert der intensiven
Auseinandersetzung und Beobachtung zahlloser Experimente rang er sich dazu
durch, die Hypothese von Jenseitskontakten und Erscheinungen Verstorbener zu
bejahen. Man hat gesagt, der plötzliche Tod seines Sohnes Kingsley, kurz vor
Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und eine gewisse mediale Begabung seiner
zweiten Frau hätten ihn zum Spiritismus geführt. Doyle selbst hat diese
Vermutung stets zurückgewiesen, und er war wohl auch tatsächlich nicht der
Typ, dessen Verstand sich von Vorgängen in der Familie dirigieren ließ. Er
gehörte zu den Skeptikern, die das zufällige, unberechenbare Auftreten von außersinnlicher
Wahrnehmung nicht zufriedenzustellen vermochte. Er verlangte den konstanten,
hier und jetzt produzierten sechsten Sinn als Beweis. Ich weiß nicht genau,
wie oft er diesen Beweis schon vorgeführt bekommen hatte; jedenfalls forderte
er ihn auch an jenem Abend — und zwar von mir. Nachdem der Beifall für seinen
Vortrag verklungen war, deutete Doyle auf mich und verkündete zu meiner
größten Bestürzung: »Ein bekanntes Medium aus den Vereinigten Staaten von
Amerika, Arthur Ford, weilt heute unter uns. Ich möchte ihn bitten, seine
hellseherischen Fähigkeiten auch Ihnen zu demonstrieren.« Mit zitternden Knien erhob ich mich,
stolperte auf das Podium und bedankte mich mit rotem Kopf und verkrampftem
Lächeln für den freundlichen Begrüßungsapplaus. Sekundenlang war ich auf
Doyle wütend. Wäre es nicht fair gewesen, mich darauf vorzubereiten, daß er
mit mir experimentieren wollte? Hatte er sich vorgenommen, mich
hereinzulegen? Nie hatte ich behauptet, ein »bekanntes Medium« zu sein, erst
recht nicht, als ich mich Doyle vorstellte, aber plötzlich hatte ich das
Gefühl, daß man mich als offiziellen Repräsentanten des amerikanischen
Spiritismus betrachtete und die Lauterkeit der außersinnlichen Wahrnehmungen
eines ganzen Kontinents auf dem Spiel stand. Meine Kondition konnte gar nicht
miserabler sein. Ich war abgespannt von der langen Reise, irritiert von der
neuen Umgebung, von der Begegnung mit zwei beinahe übermenschlichen
Persönlichkeiten. Und vor allem: Wußte ich denn überhaupt, ob Fletcher mich
nach England begleitet hatte, ob es nicht aus irgendwelchen physischen oder
physikalischen Gründen vielleicht unmöglich war, in dieser Zone, in der Alten
Welt, mit ihm in Verbindung zu treten? Kurz, meine hellseherischen
Fähigkeiten beschränkten sich in diesem Augenblick auf die Vorahnung der
größten Blamage meines Lebens. Am liebsten wäre ich tot umgefallen. Statt dessen fiel ich in Trance. Der
Wunsch, mich einfach fallen zu lassen, hatte offenbar genügt. Kaum saß ich
auf einem freien Stuhl an dem auf der Bühne aufgebauten Vorstandstisch einer
spiritistischen Vereinigung, da schlief ich auch schon ein. Als ich nach etwas mehr als einer
halben Stunde wieder erwachte, empfing mich langanhaltender Applaus. Sir
Arthur schüttelte mir die Hand, und Mrs. St. Clair Stobart umarmte mich
herzlich. Offenbar hatte ich die Prüfung bestanden. Aber ich war zu müde, um
Frage zu stellen. »Lesen Sie morgen den London
Express«, war alles, was Doyle noch zu mir sagte, bevor er sich zurückzog, um
den Artikel zu schreiben, den ich anderntags in der Zeitung las. Er begann
mit dem Satz: »Eine der erstaunlichsten medialen Leistungen, die ich in
einundvierzig Jahren parapsychologischer Experimente gesehen habe, war das
Auftreten von Arthur Ford am gestrigen Abend.« Dann beschrieb er nacheinander alle
Kontakte, die zwischen Jenseitigen und Angehörigen im Publikum durch mich
»und einen sehr sympathischen Kontrollgeist namens Fletcher« zustande
gekommen waren. Fletcher war mir also treu geblieben. Doyle hatte in jedem
einzelnen Fall den Zuhörer befragt, ob die Botschaften einen Sinn ergäben
bzw. den Tatsachen entsprächen, und offenbar nur Bestätigungen erhalten. Es
mußten traurige und heitere Nachrichten gewesen sein; man hatte Weinen und
Lachen im Publikum hören können. Wieder einmal war ich von mir selbst
überrascht. Es wollte nicht in meinen Kopf, daß ich all diese mir völlig
unzusammenhängend, bald nebensächlich, bald allzu dramatisch erscheinenden
Botschaften für mir völlig fremde Personen durchgesagt haben sollte. Ich war
überglücklich, daß gerade Conan Doyle mir ein so exzellentes Zeugnis
ausgestellt hatte; denn ich ahnte, daß es mir Tür und Tor zu Englands
Parapsychologen öffnen würde. Schon am nächsten Abend sah ich Doyle
wieder. Er gab eine Dinnerparty, bei der unter anderem auch der Schauspieler William
Gillette anwesend war, der auf den Bühnen Englands und Amerikas unzählige
Male den Sherlock Holmes verkörpert hatte. Nach dem Essen bat mich der
Gastgeber, Fletcher zu uns zu holen. Es gelang genausogut wie zwei Abende
zuvor in der Grotrian Hall, und man berichtete mir hinterher, daß Fletcher
besonders »aufgekratzt« gewesen sei. Er ließ mir ausrichten: »Sagt meinem Medium Mr. Ford, er soll
mir etwas mehr Platz lassen. Vorgestern auf der Bühne — glaubte er wirklich,
daß ich zwischen den Narzissensträußen auf dem Tisch nach einem freien Fleck
suchen würde? Ich war zu seiner Linken, und er stieß mich immer fort, so eng
war es.« Als ich Conan Doyle das letztemal vor
meiner Rückkehr nach Amerika besuchte, sprach er, der stets Heitere,
Ironische, ernster zu mir als sonst. Er sagte: »Der Geistliche und das Medium
— beide haben einen Ruf erhalten. Aber es gibt mehr Geistliche als Medien.
Deshalb sollten Sie Ihr Leben ganz Ihrer Aufgabe als Medium widmen. Wollen
Sie mir das versprechen?« Ich versprach es ihm. Es war ein
schweres und ein leichtsinniges Versprechen zugleich. Ich hatte noch immer
das Gefühl, am Anfang meiner medialen Erfahrungen zu stehen, und wenn ich
auch manchmal glaubte, einen »Ruf« empfangen zu haben, so bedeutete dies doch
nicht, daß ich ihn auch verstanden hatte. Hinzu kam die nüchterne
Existenzfrage: Würde ich mit den »Stars« unter den Medien meiner Zeit
diesseits und jenseits des Atlantiks »konkurrieren« können, oder würde ich
ein Dasein als »Provinz-Medium« fristen müssen? War es überhaupt recht, mit
meiner besonderen Gabe, um die ich weder gebetet noch mich bemüht hatte,
meinen Lebensunterhalt zu verdienen, oder gar ein Geschäft zu machen? Ich beschloß, ein Medium aufzusuchen,
das seit kurzem als der Geheimtip des College of Psychic Science galt: Mrs.
Eileen Garrett. Sie war nur ein paar Jahre älter als ich und schien, ermutigt
von den Wissenschaftlern, die sie getestet hatten, sich gerade entschlossen
zu haben, als Profi zu arbeiten. Vielleicht, dachte ich, kannst du von ihr
etwas lernen, und selbst wenn du zur Erkenntnis kommst, daß du es nie so weit
bringen wirst wie sie, hat sich der Besuch gelohnt. Mrs. St. Clair Stobart
besorgte mir eine der begehrten Einladungen zu Eileen Garretts regelmäßigen
Seancen, und ich lernte eine ebenso liebenswürdige wie kluge Frau kennen, die
versicherte, die Anwesenheit eines »Kollegen« aus den Staaten keineswegs als
störend zu empfinden — in der gleichen nüchternen Art allerdings zugab, noch
nie von mir gehört zu haben. Letzteres hätte jeden Künstler verärgert, mir
indessen sollte es nur recht sein, denn auf diese Weise war es
unwahrscheinlich, wenn nicht ausgeschlossen, daß sie die Botschaften, die sie
mir im Verlauf der Seance übermittelte, sich aus meinem Bekanntenkreis in der
Heimat besorgt haben konnte. Als erkenne sie auf den ersten Blick,
daß wir die gleiche Frequenz hatten, sagte sie: »Natürlich können Sie mit
Uvani sprechen!« Uvani war ihr Kontrollgeist; seinem
Akzent nach zu urteilen, ein Inder. Wie Fletcher sprach auch er im Auftrag
dessen, der eine Botschaft für einen der Teilnehmer hatte. Und bei dieser
Sitzung sprach er plötzlich mich an und sagte, daß mein Vater mir etwas
Wichtiges mitzuteilen habe. Man kann sich kaum vorstellen, wie aufgeregt ich
war. Zum erstenmal in meinem Leben war ich nicht nur die schlafende
Durchgangsstation für alle möglichen Nachrichten, sondern erhielt, überwacht
und verwundert, als hätte ich dergleichen nie für denkbar gehalten, selbst
eine Botschaft von »drüben«. Was mir mein Vater, der vor mehr als zehn Jahren
gestorben war, sagte, kam mir allerdings so unwahrscheinlich vor, daß ich
zunächst tatsächlich an einen Irrtum oder einen schlechten Scherz glaubte. Er
bat mich nämlich, sofort nach der Ankunft in den USA meine Mutter aufzusuchen
und sie zu beraten, denn sie habe die Absicht, wieder zu heiraten. Ich muß
bei diesen Worten ein sehr verdutztes, vielleicht sogar ärgerliches Gesicht
gemacht haben. War das die fixe Idee eines Ehemannes, der noch über den Tod
hinaus eifersüchtig war? War es eine Verwechslung oder einfach nur Unsinn?
Meine Mutter hatte sich, bald nachdem sie Witwe geworden war, im
Immobilienhandel betätigt und zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau
entwickelt. Ihr neuer Beruf schien sie ganz auszufüllen, und in keinem ihrer
Briefe an mich hatte sie auch nur angedeutet, daß sie wieder zu heiraten
gedenke. Meine Zweifel an der Richtigkeit
dieser Botschaft waren wohl daran schuld, daß der Kontakt mit meinem Vater
abbrach. Verwirrt verließ ich die Seance. Was sollte ich glauben, was sollte
ich tun? Gewiß, meine Mutter war nicht in Lebensgefahr; es mußte auch nicht
unbedingt ein Fehler sein, wenn sie noch einmal heiratete. Doch erstens
brauchte sie in dieser Situation vielleicht wirklich meinen Rat, zweitens war
ich neugierig, ob an der »fixen Idee« wohl doch etwas Wahres sein mochte. Ich
wußte: Wenn sich die Botschaft als
Falschmeldung, als »Hirngespinst« Uvanis, meines Vaters oder Mrs. Garretts
herausstellen sollte, so würde das meinem Glauben an das Funktionieren der Telepathie
in Richtung Jenseits einen schweren Schlag versetzen und meine noch unklaren
Zukunftspläne entscheidend beeinflussen. Plötzlich hielt ich es keinen Tag
länger in England aus. Ich strich alle weiteren Abschiedsbesuche und nahm den
nächsten Dampfer nach Amerika. Drei Wochen später war ich davon
überzeugt, daß Eileen Garrett wirklich eines der besten Medien unserer Zeit
war — und meine Mutter in jeder Hinsicht eine gute Partie machte. Ich kam
gerade noch zurecht, um ihr bei der Auflösung ihres Immobilienunternehmens
und ihres Hausstandes zu helfen. Sie heiratete einen Farmer aus South
Carolina, Mr. Leighton Thomas, einen sehr honorigen, sympathischen Mann, den
sie erst kurz zuvor kennengelernt hatte. Als ich mich im Jahre 1930 zum
zweitenmal in England aufhielt, war Eileen Garrett längst eine Berühmtheit;
von unbestechlichen Wissenschaftlern unzählige Male getestet und als »echtes
Phänomen« anerkannt, in der High Society akzeptiert, von Politikern und
anderen Prominenten nicht nur insgeheim konsultiert. Ihre Bücher16
waren auf dem besten Wege, Standardwerke über telepathische Erlebnisse und
ihre Interpretation zu werden. Aber in ihrer unverändert freimütigen Art
gestand sie mir, daß sie damals nach jener Seance, in der ich aus ihrem Mund
eine so unglaubwürdige Nachricht empfangen hatte, selbst im Zweifel gewesen
sei und Angst gehabt habe, sich vor einem amerikanischen »Kollegen« blamiert
zu haben. Inzwischen waren wir beide unserer Fähigkeiten sicherer geworden —
soweit man ihrer überhaupt sicher sein kann —‚ und wir beschlossen,
gemeinsame Sitzungen abzuhalten. Im Juli des gleichen Jahres war mein
väterlicher Gönner Sir Arthur Conan Doyle gestorben, und Harry Price, der
»besessene« Spiritismusforscher, schlug uns vor, zu versuchen, mit Sir Arthur
im Jenseits Kontakt aufzunehmen. Im Oktober 1930 gelang es. Doyle kam durch —
aber eigentlich nur, um zu sagen, daß er einen wichtigen Auftrag für mich und
Dr. John Lamond habe, den er bei nächster Gelegenheit — das heißt, bei der
nächsten Seance — gern persönlich begrüßen würde. John Lamond, ehemaliger Pfarrer an
der Greensides Church in Edinburgh, zählte zu den besten Medien Englands.
Bald nach dem Ersten Weltkrieg hatte er Botschaften von seiner Tochter
Kathleen empfangen, die als Krankenschwester in einem Frontlazarett in
Frankreich gestorben war. Lamond machte kein Hehl aus diesem Kontakt und
verbreitete Kathleens Kunde vom Jenseits in seiner Gemeinde. Als die
Kirchenbehörde ihm dies untersagte, gab er sein Amt auf. Seitdem hielt er in
ganz England vielbesuchte Vorträge und erfolgreiche Seancen ab. Auch mit
Conan Doyle hatte er experimentiert. Bei der von Sir Arthur gewünschten
Sitzung mit Lamond und mir ging es um eine heikle Angelegenheit: Es hatten
sich bei der Witwe Lady Doyle in letzter Zeit mehrere Literarhistoriker und
Schriftsteller von Rang gemeldet, die daran interessiert waren, Conan Doyles
Biographie zu schreiben und um die Erlaubnis baten, sein umfangreiches Archiv
und seinen Nachlaß benutzen zu dürfen. Der Witwe fiel die Entscheidung
schwer, wem sie das Recht, die erste authentische Lebensgeschichte ihres
Gatten zu schreiben, einräumen sollte, und nun griff derjenige, um den es
ging, selbst ein. Sir Arthur ersuchte — man kann fast sagen: beauftragte —
John Lamond, seine Biographie zu verfassen, und bat mich, Lamond dabei zu
helfen. In der darauf folgenden Sitzung war
auch Lady Doyle anwesend. Sir Arthur wiederholte seinen Vorschlag, seine
Gattin — vorsichtig und mißtrauisch, wie es sich für die Frau eines
Meisterdetektivs gehört — überzeugte sich, daß hier zwei Medien nicht etwa
ein abgekartetes Spiel trieben, um sich einen lohnenden Auftrag einzuhandeln,
und stimmte seinem Plan zu. Während der nächsten Monate nahm
Lamond mit einem Stoß von Manuskriptblättern und Notizzetteln an meinen
Seancen teil und stellte durch mich und durch Fletchers Vermittlung Fragen an
Sir Arthur, die dieser, so gut er sich erinnerte, beantwortete. Ich weiß
natürlich nicht, was er im einzelnen gesagt hat, aber Lamond hat mir
versichert, daß er ohne meine Hilfe diese Biographie nicht hätte schreiben
können.17 Auch Harry Price und Eileen Garrett
hielten mit Doyle Kontakt. Es wurde ein richtiges Teamwork. In dieser Zeit
kam, für alle Seanceteilnehmer völlig überraschend, eine Verbindung sozusagen
außer der Reihe zustande, die Price später als »mein aufregendstes Erlebnis
als Zeuge außersinnlicher Vorgänge« bezeichnete. Die Sitzung fand um drei Uhr
nachmittags, also bei vollem Tageslicht, statt. Wir nahmen unsere Plätze an
einem Tisch gegenüber dem Hauptmedium dieser Zusammenkunft ein. Eileen
Garrett schloß ihre Augen, gähnte und entspannte sich so, daß sie beinahe vom
Sessel rutschte. Nach fünf Minuten war sie völlig in Trance. Sogleich begann
Uvani aus ihr zu sprechen, wie stets zunächst in seinem gebrochenen Englisch:
»Hier spricht Uvani. Ich grüße euch, Freunde ... « Es folgten die üblichen,
etwas umständlichen Segenswünsche. Dann sagte er: »Ich erkenne einen
I-R-V-I-N-G oder I-R-V-I-N. Er sagt, er muß unbedingt etwas unternehmen ...
Nein, er gehört zu niemandem hier — er entschuldigt sich für seine Störung.
Scheint unbedingt mit einer Dame sprechen zu wollen: Dora, Dorothy, Gladys
... Er sagt: "Kümmere dich nicht um mich, aber um Himmels willen, gib es
ihnen weiter. Das Luftschiff ist zu schwer für diese Motorenkapazität."« Dann änderte sich die Stimmlage des
Mediums, und ein anderes Wesen stellte sich als Leutnant H. Carmichael Irvin
vor, Kapitän des Luftschiffes R 101. Dieses britische Riesen-Luftschiff war
am frühen Morgen des 5. Oktober 1930 bei Beauvais, sechzig Kilometer nördlich
von Paris, abgestürzt. Irvin, der durch das Medium redete, schien sehr erregt
zu sein. In einem langen Bericht — schnell gesprochene Sätze, die immer
wieder von Pausen unterbrochen wurden — schilderte er, welche technischen
Schwierigkeiten R 101 zu bewältigen hatte. Harry Price schrieb mit: Die Motoren sind zu schwer ... das Höhensteuer klemmt. Eine Explosion,
die durch Gewitterspannungen hervorgerufen wurde. Fliegen zu niedrig und
können nicht höher steigen. Der Auftrieb ist zu gering. Belastung zu groß für
einen langen Flug. Gilt auch für SL 8. Sagt es Eckener. Geschwindigkeit läßt
nach, das Schiff schaukelt bedrohlich. Starke Spannung an der Außenhülle, die
brüchig wird. Steuerbordverstrebungen haben sich gelockert. Erprobung war zu
kurz ... Luftschrauben sind zu klein. Kraftstoffeinspritzung schlecht und das
Kühlsystem versagt ... Die Außenhülle ist mit Wasser vollgesogen, das Schiff
sackt nach vorn ab. Aufsteigen ist nicht möglich. Kann nicht trimmen. Sie
werden verstehen, daß ich ihnen das sagen muß. Schon fünfmal hatte ich diese
Schwierigkeiten — das neue Steuerungssystem ist schlecht. Zwei Stunden lang versucht, höher zu gehen, aber die Steuerung versagte.
Fast hätten wir die Dächer von Achy gestreift, hielten uns entlang der
Eisenbahnstrecke ... Von Anfang an wußten wir, daß wir keine Chance hatten
und daß es an der Steuerung lag. Konnten nicht mehr höher steigen. Ich mache
mir Sorgen um eine Frau und ein Kind ... Die Stimmlage des Mediums änderte
sich abermals. Jetzt sprach wieder Uvani: »Er kommt nicht zu uns, er sagt:
Dieselmotoren, Steuerung und Gas. Wir können nicht mehr aufsteigen.« Das
Medium schwieg, sichtlich erschöpft, und nach einer Pause sprach wieder
Uvani, während Irvin ganz verschwunden zu sein schien. Keiner der Teilnehmer an der Seance
hatte irgendwelche Kenntnisse von Luftschiffen und ihrer technischen
Einrichtung. Das Medium selbst besaß weder ein Auto, noch kannte es sich mit
Motorfahrzeugen aus; es hatte auch keine Vorstellungen von Aeronautik oder
Maschinenbau. Ein Report mit den Botschaften Irvins wurde an den
stellvertretenden britischen Luftfahrtminister, Sir John Simon, geschickt.
Dieser hatte bereits eine Untersuchung des Unglücks angeordnet — es war
fünfundfünfzig Stunden vor der Sitzung passiert — und einen Offizier damit
betraut, der beim Bau des R 101 mitgewirkt hatte. Dieser, ein
hochqualifizierter Luftfahrttechniker, bestätigte in einer
Wort-für-Wort-Analyse die Korrektheit der Angaben des toten Irvin. Luftschiff zu schwer für diese Motorenkapazität: »Nach allgemeiner
Ansicht zutreffend.« Höhensteuer klemmt: »Nach den Untersuchungsresultaten
wahrscheinlich.« Auftrieb zu gering: »Zutreffend nach dem abgeworfenen
Ballast.« Gilt auch für SL 8. Sagt es Eckener: »SL 8 wurde als
Typenbezeichnung eines deutschen Luftschiffes identifiziert. Es handelt sich
um Schütte-Land 8. Hugo Eckener ist der führende deutsche
Luftschiffkonstrukteur.« Erprobung war zu kurz: »Zutreffend.« Luftschrauben
zu klein: »Kann als zutreffend angesehen werden.« Fast die Dächer von Achy
gestreift: »Achy ist auf gewöhnlichen Karten nicht verzeichnet, doch auf
Meßtischblättern, wie sie Irvin hatte. Es ist ein Dorf nördlich von Beauvais
auf der Route der R 101.« Entlang der Eisenbahnstrecke: »Stimmt.«18 Wem die persönliche Sorge Irvins um
eine Frau und ein Kind gegolten hatte, ist meines Wissens nicht geklärt
worden. Jedenfalls war es nicht die Aufgabe des britischen Luftfahrtexperten,
diesen Sachverhalt zu überprüfen. Die Anhänger der animistischen
Interpretation von Jenseitskontakten mit solchen Personen, die erst kurz
zuvor gestorben sind, werden erklären, daß es sich im Fall Irvin um eine
»ganz normale« telepathische Verbindung handelte, nur daß die Botschaft des
Luftschiffkapitäns, seine Gedanken in den letzten Augenblicken vor dem
Absturz, beim Empfänger Garrett »verspätet« eingetroffen sind, das heißt,
erst nach seinem Tod. Solche Verzögerungen, besonders von Übermittlungen aus
dem Äther, bzw. höheren Lufträumen, sollen häufig vorkommen. Desgleichen
Abirrungen der gesendeten Gedanken vom gewünschten Weg. Einiges könnte für
diese Hypothese sprechen. Wir wissen, daß Irvins Botschaft für niemanden
unter den bei der Seance Anwesenden bestimmt war, sondern für eine Dora,
Dorothea, Gladys, die keiner von uns kannte, und er Uvani ausdrücklich bat,
»die Störung zu entschuldigen«. Andere Andeutungen (»Er sagt, er muß
unbedingt etwas unternehmen« — »Um Himmels willen, gib es ihnen weiter«),
lassen tatsächlich darauf schließen, daß er die Botschaft für so dringend
hielt wie einen SOS-Ruf und er diesen stockenden, verzweifelten »Bericht«
unbewußt zwischen Leben und Tod gesendet hat, sterbend noch in der Hoffnung
auf eine Rettung in letzter Minute. Im folgenden Fall — und damit komme
ich wieder auf Conan Doyles Wirken in dieser und der anderen Welt zurück —
spielten ebenfalls der Äther und die noch in den Kinderschuhen steckende
Luftfahrt eine Rolle, doch diesmal konnte nun wirklich nicht eine durch
Turbulenzen im Luftraum verzögerte Gedankenübertragung statt eines echten
Jenseitskontaktes angenommen werden. Denn die Sache war so: Ende der zwanziger Jahre hatte der
Journalist Goldstrom im Verlauf eines Interviews Conan Doyle gefragt, ob er
glaube, daß Telepathie auch zwischen Menschen in einem mehrere tausend Meter
hoch fliegenden Flugzeug und Partnern auf der Erde funktioniere. »Welchen
Einfluß haben Ihrer Meinung nach die Atmosphäre sowie die Geschwindigkeit und
Höhe eines Flugzeugs und seine hermetische Abgeschlossenheit?« wollte er
wissen. Die Antwort des Siebzigjährigen war
typisch für ihn: »Lassen Sie es uns doch einfach ausprobieren!« Dazu sollte es jedoch nicht mehr
kommen, denn Conan Doyle starb kurze Zeit darauf. Und da er nicht mehr mit
von der Partie sein konnte, wurde seine Idee zunächst nicht verwirklicht. Erst zwölf Jahre später griff
Goldstrom, inzwischen einer der bekanntesten amerikanischen Reporter für alle
Luftfahrtangelegenheiten, den Vorschlag des alten Sir Arthur wieder auf. Er
kam eines Tages zu mir und fragte mich etwas geheimnisvoll, ob ich bereit
wäre, an einem parapsychologischen Experiment unter außergewöhnlichen
Bedingungen teilzunehmen. Die »Bedingungen«, antwortete ich vorsichtig, seien
bei jedem Experiment »außergewöhnlich«, und nun verriet er mir seinen Plan:
Er wollte ein Flugzeug chartern, eine Gruppe von sechs bis acht an telepathischen
Phänomenen interessierten und zu objektiver Beobachtung fähigen Leuten
hineinverfrachten, dazu — und das war natürlich der Punkt, auf den es ankam —
ein für diesen speziellen Zweck besonders geeignetes Medium. »Und dann
fliegen wir über die City und wollen mal hören, ob das Medium Stimmen aus dem
All auffangen kann.« Nachdem ich meine Teilnahme zugesagt
hatte, bat Goldstrom mich, ihm bei der Suche nach einem Medium behilflich zu
sein, das die von ihm bereits erwähnten »außergewöhnlichen Bedingungen« zu erfüllen
vermochte. Es durfte — das war die erste Voraussetzung — keine Angst vor dem
Fliegen haben; und diese Angst war damals noch sehr verbreitet. Es sollte —
das war eine Lieblingsidee Goldstroms — ein Medium sein, das in der Trance
die natürlichen Stimmen der Gesprächspartner produzieren konnte, und diese
Stimmen — das war die dritte Bedingung — sollten aus dem Jenseits kommen. Das
war ein bißchen viel auf einmal verlangt, doch mir fiel nach einigem
Überlegen der Name eines Mediums ein, das ohne die Vermittlung eines
Kontrollgeistes einwandfrei erwiesen mit den Stimmen Verstorbener geredet
hatte, wie immer das auch zu erklären sein mochte. Es war Miß Maina Tafe —
und sie war bereit, mitzumachen. Unsere nächste Aufgabe war die
Zusammenstellung der Passagierliste. Es sollten ebenso aufgeschlossene wie
kritische und in der Öffentlichkeit angesehene Persönlichkeiten sein. Also
luden wir ein: Dr. David H. Webster von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in
Manhattan, eine Koryphäe seines Fachs; Mrs. Rita Olcott, die Witwe des
irischen Tenors Chauncey Olcott von der Metropolitan Opera, die sich
gründlich mit Parapsychologie beschäftigt hatte; Mr. Everett Britz, ein
Parteifreund und Berater des New Yorker Oberbürgermeisters La Guardia; Jacob
Padawer, ein vorurteilsloser Reporter, dem es nicht darauf ankam, Sensationen
zu berichten, sondern die Wahrheit; und schließlich Prinzessin Rospigliossi,
eine enge Freundin Conan Doyles und seiner Familie. Sie würde die wichtigste
Zeugin sein; denn wir hatten uns vorgenommen, dem Medium die Aufgabe zu
stellen, mit Conan Doyle in Kontakt zu treten und uns seine eigene Stimme
hören zu lassen. Der letzte Teil der organisatorischen
Vorbereitung erwies sich unerwartet als der schwierigste. Es ließ sich lange
Zeit kein Pilot finden, der bereit war, mit einer Gruppe »Geistersucher«
aufzusteigen, die vorhatten, da oben mit Toten zu reden. Aber schließlich
wagte es doch einer, und wir mieteten eine geräumige
Transkontinental-Maschine für einen Flug von sechzig Minuten. Es war nicht notwendig, das Flugzeug
in einen richtigen Sitzungsraum zu verwandeln. Miß Tafe bat uns lediglich,
die Fenster abzudunkeln, und so klemmte Goldstrom mitgebrachte Pappteller vor
die Bullaugen. Fast alle Medien arbeiten lieber im Halbdunkel als bei hellem
Tageslicht. Ich weiß selbst nicht genau, warum. Abgesehen davon, daß sich
jeder Mensch bei gedämpfter Beleuchtung besser konzentriert, ist bekannt, daß
außersinnliche Wahrnehmungen im abgedunkelten Raum deutlicher in Erscheinung
treten. Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit der Tatsache, daß nach
Einbruch der Dunkelheit auch die Sender ferner oder schwächerer
Radiostationen klarer zu empfangen sind. Jedenfalls hat der Wunsch nach
Dämmerlicht bei seriösen Medien nicht das geringste mit Mystifikation und
theatralischem Brimborium zu tun, wie allzu naive Skeptiker gern behaupten,
die ihre begründeten Zweifel an der »Echtheit« von Variete-Zauberern
undifferenziert auf psychische Medien übertragen. Wir schnallten uns auf unseren Sitzen
an, als wäre es ein Flug wie jeder andere auch. Miß Tafe saß zwischen Dr.
Webster und Mr. Goldstrom. Sie ließen das Medium während der ganzen Seance
nicht aus den Augen und hielten seine Hände fest. Manipulationen, welcher Art
auch immer, waren ausgeschlossen. Niemand hatte zuvor das Flugzeug betreten
können, die meisten Teilnehmer hatten erst auf dem Flugplatz einander
kennengelernt. Das Mitbringen und Verstecken eines Tonbandgerätes — eine
Idee, auf die nur der Argwöhnische der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kommen
kann — hätte nicht unbemerkt bleiben können, denn damals waren solche
Apparate noch so groß wie ein Handkoffer, ihre Bedienung war verhältnismäßig
kompliziert und die Tonwiedergabe so unvollkommen, daß das Abspielen eines
Tonbandes keinen Menschen hätte täuschen können. Wir stiegen bis zu einer Höhe von ca.
zweitausendvierhundert Metern auf. Durch die Vibration der Motoren löste sich
die provisorische Verdunklung von den Fenstern, aber die Helligkeit, das
ständige Aufblitzen der Positionslampen an den Flügelspitzen der Maschine schien
Miß Tafe nicht zu irritieren. Sie war in wenigen Minuten in tiefer Trance,
und plötzlich vernahmen wir alle eine Stimme, die aus ihrem Mund kam und doch
gleichsam über dem Motorengeräusch zu schweben schien. Es war ohne jeden
Zweifel die Stimme Conan Doyles. Jeder, der ihn persönlich gekannt hatte,
hielt einen Irrtum für ausgeschlossen. Doyle sagte zu Goldstrom, daß er sich
genau daran erinnere, ihm seinerzeit vorgeschlagen zu haben, Telepathie im
Flugzeug auszuprobieren. Nun gut, das war ja inzwischen uns allen bekannt.
Aber als nächstes teilte er der Prinzessin vertrauliche Einzelheiten mit, die
nur sie und kein anderer von uns wissen konnte. »Typisch Doyle«, dachten
gewiß alle, die ihn gekannt hatten und aus eigener Erfahrung wußten, daß er
kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte. Er erinnerte mehrere von uns an
Begebenheiten, an die man nicht gerade gern zurückdenkt. Doch wurde seine
Stimme nach kurzer Zeit von anderen übertönt. Miß Tafe konnte offenbar — wie
immer das möglich sein mochte — mehrere Stimmen auf einmal produzieren. Viele
blieben unverständlich, nicht zuletzt wegen des Motorenlärms. Ganz deutlich
aber war für einen Augenblick die Stimme von Dr. Websters Sohn zu vernehmen,
der vor einiger Zeit in Wien gestorben war. Und dann meldete sich Floyd Bennett,
der Luftfahrtpionier, der 1926 als erster den Nordpol überflogen und zwei
Jahre darauf während der Rettungsaktion für die auf Greenly Island
notgelandeten Atlantikflieger Köhl, Hünefeld und Fitzmaurice schwer erkrankt
und gestorben war. Goldstrom und ein weiterer Teilnehmer konnten seine Stimme
eindeutig identifizieren. Sie sagte: »Ihr fliegt jetzt gerade über den
Flugplatz, dem man meinen Namen gegeben hat.« Goldstrom antwortete: »Das kann nicht
sein!« Wir hatten nämlich dem Piloten den Auftrag erteilt, die Küste von New
Jersey entlang zu fliegen, dann nach Westen abzudrehen und in großer Schleife
zum Flughafen zurückzukehren. Der Teilnehmer, der dem Cockpit am
nächsten saß, öffnete die Tür und fragte den Piloten, wo wir uns im
Augenblick befänden. Er sagte: »Genau über dem Floyd-Bennett-Flugplatz.« Goldstrom, noch immer ungläubig:
»Aber der liegt doch gar nicht auf unserem Kurs!« Darauf der Pilot: »Sorry, wegen
schlechter Sichtverhältnisse mußte ich den Kurs ändern.« Der Stimmenwirrwarr, der Doyles
Stimme überdeckt hatte, war demnach ausgebrochen, als der Pilot die
Flugrichtung geändert hatte und gleichzeitig höher gestiegen war, in größerer
Höhe waren die Stimmen wieder klarer vernehmbar. Es meldeten sich Personen,
die in England, in Österreich und in verschiedenen Teilen Amerikas gestorben
waren. Alle sprachen sie in dem ihnen eigentümlichen Tonfall, wie diejenigen
von uns bestätigen konnten, die angesprochen wurden. In manchen Fällen waren
es längst vergessene Bekannte, und es dauerte eine Weile, bis der Teilnehmer
sich des Verstorbenen wieder entsann. Dies zu erwähnen, ist insofern wichtig,
als damit der animistische Erklärungsersuch entkräftet wird, das Medium habe
lediglich die Gedanken der Seanceteilnehmer anzuzapfen brauchen und auf dem üblichen
telepathischen Weg herausgebracht, mit wem der einzelne gern in Kontakt
getreten wäre und was ihn mit dem Verstorbenen besonders verbunden hatte. Und
selbst wenn es so einfach gewesen wäre: Die Produktion der originalen Stimmen
wäre damit noch nicht erklärt. Wieder über der City von New York
erwachte Miß Tafe. Für sieben erfahrene Medienforscher ging die
spektakulärste und zugleich ergreifendste Seance ihres Lebens zu Ende. Ich
stieg die Gangway als erster hinunter, und wieder auf festem Erdboden, sah
ich in die Gesichter der anderen Passagiere, die allesamt einen seltsam
abwesenden Eindruck machten. War das verwunderlich? Von so fern kehrt niemand
unverändert wieder. Es wird oft kritisiert, daß durch
Medien übermittelte Botschaften Verstorbener ihrem Inhalt nach bisweilen
recht belanglos sind. Warum, so fragt man, verschwenden die Toten kostbare
Augenblicke mit Geschwätz und Familienklatsch? Warum werden wir so oft mit
höchst privaten, für die Allgemeinheit uninteressanten Nachrichten
überschüttet, während die großen Fragen unbeantwortet bleiben? Sollten so
seltene Gelegenheiten nicht zur Lösung tiefgründigerer Probleme genutzt
werden? Wenn uns nach dem Tode wirklich eine andere Welt erwartet, gibt es
doch nichts Wichtigeres, als zu erfahren, wie es dort aussieht. Warum
beschreibt man uns das nicht in klaren Worten? Diese Unzufriedenheit mit den
Inhalten von Jenseitsnachrichten ist verständlich und hat die besten Köpfe der
psychologischen Forschung angeregt, nach Erklärungen für die Trivialität
solcher Kontakte zu suchen. Eine diesbezügliche, zu Beginn dieses
Jahrhunderts von einem berühmten Professor der Columbia-Universität, James H.
Hyslop, durchgeführte anschauliche Demonstration wurde von einem seiner
Schüler, dem vor allem als Dramatiker bekanntgewordenen Louis Anspacher,
beschrieben. Hyslop ließ eine Telegrafenleitung
legen, die zwei der am weitesten voneinander entfernten Gebäude auf dem
Columbia Campus miteinander verband, und setzte an jedes Ende einen
erfahrenen Telegrafisten. Er selbst blieb bei dem einen, während sich um den
anderen eine Gruppe Studenten scharte. Einer der Studenten war Anspacher.
Zweck des Experiments war, festzustellen, welche Art von Nachricht es Hyslop
ermöglichen würde, mit Bestimmtheit zu sagen, daß nur ein bestimmter Student
der Sender einer bestimmten Nachricht sein konnte. »Als ich an der Reihe war«, schreibt
Anspacher, »erwähnte ich die bemerkenswerte Tatsache, daß Royce, ein
Hegelianer, William James, ein Pragmatiker, und Münsterberg, ein Materialist,
gleichzeitig an der Philosophischen Fakultät von Harvard lehrten. Dann sprach
ich über Henri Bergson und die Stellung der Institutionalisten in der
modernen Philosophie. Alles umsonst; Hyslop erriet nicht, wer am anderen Ende
der Leitung war. Dann telegrafierte ich folgendes: "Als wir mit der
Straßenbahn durch die Amsterdam Avenue fuhren, diskutierten wir über Bergsons
elan vital. Der Schaffner machte sich über unser barbarisches Französisch
lustig. Wir wollten beide gleichzeitig das Fahrgeld bezahlen, aber Ihre Münze
fiel herunter." So banal diese Nachricht auch war, Hyslop wußte sofort
Bescheid und telegrafierte zurück: "Anspacher".«19 Kein anderer konnte genau das in
genau dieser Reihenfolge zusammen mit ihm erlebt haben; auf diese Weise
konnte er ohne jeden Zweifel oder Vorbehalt sagen, wer die Nachricht gesandt
hatte. Viele der scheinbar überflüssigen
Botschaften, die zwischen Fletcher und mir hin und her gehen, dienen
ebenfalls der Identifizierung des Urhebers. Jedes Medium, das in der Trance in
Kontakt mit Unbekannten tritt, kennt dieses Problem und weiß, daß es die
Belanglosigkeiten sind, die den Schlüssel zur Identifizierung des Partners
liefern. Wer den trivialen Durchgaben keine Beachtung schenkt, wer ein
schlechtes Erinnerungsvermögen besitzt, oder ein bewußt oder unbewußt
einseitig geschultes Gedächtnis, das banale Details nicht zu registrieren
pflegt, der wird mit seinen medialen Verbindungen zu Jenseitigen wie auch zu
Fremden im Diesseits nicht viel Glück haben. Dr. Morris Edmund Speare,
Philosophiedozent an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, lehrte
jahrelang in Harvard, war Lektor beim Verlag Oxford University Press und hat
mehrere Bücher verfaßt. Seine Frau, Florence Lewis Speare, die 1965 starb,
war eine bekannte Dramatikerin. Dr. Speare schrieb über seine Zusammenarbeit
mit mir diesen Kommentar: Ich hatte mit Mr. Arthur Ford sechs
Sitzungen, die erste am 12. März 1966, die letzte am 13. März 1968. Die
glaubwürdigen Aussagen und Botschaften, mit denen mich der Kontrollgeist
Fletcher während dieser Sitzungen geradezu überschüttete, haben mein Leben
verändert. Die Botschaften stammten hauptsächlich von meiner Frau, meinen
Eltern, meinen früheren Universitätslehrern, wie z.B. William James, von
verstorbenen Kollegen, von Verwandten meiner Frau und meinen eigenen
Verwandten. Bei diesen Sitzungen wurde jedes Wort auf Tonband aufgenommen.
Obwohl es manchmal Monate dauerte, bevor es mir gelang, für bestimmte
Botschaften den Wahrheitsbeweis zu liefern, erwies sich der überwiegende Teil
als zutreffend. Leider kann ich hier aus Platzmangel nur einige von den
vielen Mitteilungen anführen, die rein informativ waren. Von Zuneigung,
Mitgefühl und Zärtlichkeit geprägte Passagen habe ich ausgelassen, da sie
allzu persönlich und für die Authentizität der Nachrichten meist weniger
relevant sind. Um soviel wie möglich in diesen Bericht hineinpacken zu
können, mußte ich die Originalaussagen von Fletcher zusammenfassen und
kürzen. Die folgenden Aussagen sind jedoch alle so wiedergegeben, wie
Fletcher sie hörte bzw. aus den Gedanken anderer Jenseitiger ablas. 1. Fletcher: Ihre Frau sagt: »Hier ist
jemand, der dich kennt. Er heißt David Little. Er war Kurator der
Harvard-Theatersammlung. Er sagt, daß alle meine Stücke und Romane sowie die
Briefe von G. B. Shaw, Lady Gregory, Yeats und anderen großen
Persönlichkeiten dieser Sammlung einverleibt werden sollen. Er war Vorsteher
von Adams House in Harvard. Kanntest du ihn?« Ich: Nein, ich habe nie von ihm gehört. Zu meiner Zeit gab es in Harvard
kein Adams House. Kommentar: Zum Zeitpunkt der Sitzung
wußten nur drei lebende Menschen, daß die Kuratorin der
Harvard-Theatersammlung mich um Florences Bücher und Skripten gebeten hatte;
daß sie für eine Florence-Lewis-Speare-Gedächtnissammlung bestimmt waren; daß
sie neun Tage nach dieser Sitzung nach Harvard gebracht wurden; daß die
einzigen drei lebenden Menschen, die davon wußten, John Mason Brown,
Theaterkritiker und langjähriger Freund von Florence, die Kuratorin und ich
waren. Brown hatte die Sache übrigens angeregt und die Harvard-Kuratorin
bewogen, mir zu schreiben. Nachdem das Einschreibepaket in Harvard
eingetroffen war und ich von der Kuratorin einen Dankesbrief bekommen hatte,
rief ich sie an und fragte: »Wer war David Linie, und welche Stellung hatte
er in Harvard? War er je Kurator der Harvard-Theatersammlung?« Ihre Antwort:
»Nein, Kurator war er nie, aber er wurde häufig mit den Aufgaben eines
Kurators betraut; er starb, bevor ich hierherkam; er wurde von allen, die ihn
kannten, hochgeschätzt; er hinterließ eine Arbeit über David Garrick, die
dann bei Harvard Press erschien; er war Direktor von Adams House — einem
Haus, das lange nach Ihrer Zeit in Harvard erbaut wurde.« 2. Fletcher: Ihre Frau wurde, als sie
jünger war, Flora genannt, doch in ihrer Jugend scheint sie einen richtigen
Spitznamen gehabt zu haben — und zwar Jean. Wissen Sie das? Speare: Nein, das weiß ich nicht. Ich muß erst nachsehen, ob das stimmt. Kommentar: Das habe ich später getan.
Ich fand Briefe aus ihrer Jungmädchenzeit, die mir bestätigten, daß man sie
auch Jean genannt hatte. 3. Fletcher: Ihre Frau zeigt mir das Bild
einer Ecke Ihres Wohnzimmers. In der Mitte steht ein Tisch, dann ist da eine
Lampe mit einem rötlichen Schirm. Rechts davon steht Ihr Sessel, in der Ecke
dahinter sind Bücherregale. Jetzt ein anderer Blickwinkel: Wenn Sie in diesem
Sessel sitzen, haben Sie, wenn Sie aufblicken, eine Fotografie Ihrer Frau vor
sich. Kommentar: Das ist eine genaue Beschreibung
meines Wohnzimmers, meines Sessels, der Bücherreihen, ihres Schreibtisches,
neben dem früher ihre Schreibmaschine stand. Wenn ich mich im Sessel nach
links wende, sehe ich ein Foto ihres schönen Gesichts. Es handelt sich um ein
gerahmtes Porträt und darüber hängt eine sogenannte Galerieleuchte, die
fluoreszierendes Licht gibt, die immer brennt und die ich nur ausschalte,
wenn ich schlafen gehe. Mr. Ford hat diese Wohnung nie gesehen, nie hat ihm
jemand diese Ecke des Wohnzimmers beschrieben. Nach dem »Tod« meiner Frau zog
ich in diese kleinere Wohnung, die ganz anders aussieht als jene, die wir
zusammen bewohnten. Es ist offensichtlich, daß Florence die neue Wohnung oft
besucht haben muß. 4. Fletcher: Ihre Frau sagt, sie sei sehr
glücklich. »Und du schreibst natürlich ununterbrochen; nie sehe ich, daß du
einmal nicht schreibst. Du schreibst sogar jetzt, und das ist gut.« Kommentar: Wieder ein Beweis für
Florences Anwesenheit in der Wohnung, die ich augenblicklich bewohne; ein
Beweis auch dafür, daß sie wußte, was ich gerade tat und all die Monate
vorher getan hatte. Ich arbeite an einem Buch, das, so Gott will, eine
Biographie ihres und meines Lebens wird. Mr. Ford hat zum erstenmal davon
erfahren, als ich ihm diese Notizen brachte. 5. Fletcher: Hier drüben ist jemand namens
Will Cuppy. Er möchte Ihnen dafür danken, daß Sie sich seiner Arbeiten
angenommen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Er ist Ihnen
wirklich dankbar. Florence sagt, sie habe ihn nicht akzeptiert. Er sei ihr
nicht unsympathisch gewesen, aber sie habe gefunden, er sei es nicht wert,
daß Sie sich mit ihm abgeben. Kommentar: Cuppy, ehemaliger Lektor der
New York Herald-Tribune, machte mit mir zwei Bücher: Die großen Mysteriengeschichten
der Welt und Die großen Detektivgeschichten der Welt. Ein brillanter und
geistvoller Mann, aber leider ein Quartalsäufer, den man täglich zu seiner
schriftstellerischen Arbeit treiben mußte. Ich hatte ziemlich großen Einfluß
auf ihn. Doch das ist vierzig Jahre her; ich hatte es völlig vergessen, und
jetzt erinnerte Florence mich plötzlich daran, daß sie einmal sagte: »Er ist
es nicht wert, daß du dich mit ihm abgibst.« Will Cuppy muß vor mehr als
dreißig Jahren gestorben sein. 6. Fletcher: Florence sagt, Sie hätten
gemeinsam an den Feierlichkeiten eines dreihundertjährigen Gedenktags
teilgenommen; sie zeigt die Zahl 1936: »Es war in dem College, in dem wir uns
kennenlernten. Wir unterhielten uns dort mit jemandem, der dich grüßen läßt.
Er ist ziemlich klein; ein ulkig aussehender Mann; trägt meistens hohe
Knopfstiefel; hat einen schlotternden, zerknitterten, fadenscheinigen Anzug
aus blauem Serge an. Ich soll dir sagen, er sei Onkel Fritz. Vielleicht
nanntest du ihn aber nicht so; du mußt ihm gegenüber respektvoller gewesen
sein als seine übrigen Studenten. Er sagt, sein richtiger Name sei Frederick
Robinson, und er zeigt mir ein Buch mit dem Titel Canterbury Tales. Er läßt
dir sagen: "Ich kannte deine Frau viel früher als dich." In seiner
Jugend war er ein begeisterter Bergsteiger. Er läßt dir sagen: "Ich bin
überzeugt, daß Sie, da Ihr Interesse am Leben wiedererwacht ist und Sie die
wahre Bedeutung des Daseins erkannt haben, wahrscheinlich so lange leben
werden wie ich."« Kommentar: 1936 nahmen wir an der
Gedenkfeier zum dreihundertjährigen Bestehen der Harvard-Universität teil.
Sie wurde 1636 gegründet. Ich hatte in Harvard drei Kurse bei Professor
Robinson belegt: Mittelenglisch, die Dichtungen Chaucers und Angelsächsisch.
Ich erinnere mich vage daran, daß meine Frau mir einmal erzählte, sie habe
Robinson lange vor mir gekannt. Um seine weiteren Angaben nachzuprüfen,
setzte ich mich mit seinem einzigen noch lebenden Neffen in Cambridge,
Massachusetts, in Verbindung. Er schrieb mir, daß sein Onkel von Verwandten
und Freunden Onkel Fritz genannt worden sei, daß er jahrelang Mitglied des
Appalachian Clubs und in seiner Jugend Bergsteiger gewesen sei; daß er im
Alter von fünfundneunzig Jahren gestorben sei; daß er in fortgeschrittenem
Alter seine Anzugtaschen als eine Art Aktentasche benutzte und darin alle
persönlichen Papiere aufbewahrte; daß er im hohen Alter maßgearbeitete
Knopfstiefel trug. Ich kann niemandem, der die
Aufzeichnungen von Dr. Speare nur zur Unterhaltung und aus Neugier gelesen
hat, verübeln, wenn er die darin zitierten Botschaften und Kommentare für
unwichtig hält. Denn die einzelnen Mitteilungen sind für die Allgemeinheit
tatsächlich recht uninteressant; sie geben keine wesentlichen Aufschlüsse
über das Jenseits, enthalten keine bestimmten Voraussagen, sie rufen nicht
einmal bemerkenswerte Ereignisse der Vergangenheit ins Gedächtnis zurück,
sondern im Gegenteil höchst belanglose. Was also wollten die Jenseitigen
überhaupt von Dr. Speare, der gewiß gewohnt war, mit den gleichen Partnern,
als sie noch am Leben waren, geistvollere Gespräche zu führen? Die Antwort
ist einfach: Sie wollten mit Hinweisen auf unverwechselbare Details früherer
Begegnungen ihre Identität belegen. Sie wollten zunächst nichts weiter als
glaubwürdig machen, daß sie imstande sind, unter bestimmten Voraussetzungen
mit Diesseitigen in Kontakt zu treten. Und schließlich wollten sie dem Medium
helfen und durch ein, wie es den Anschein hat, wohlüberlegtes
Erinnerungs-Quiz den Verdacht entkräften, daß es sich um das abgekartete
Spiel eines »Mediums« handeln könne, das sich insgeheim ein paar Daten aus
dem Leben verschiedener Seanceteilnehmer und deren Angehöriger besorgt und
als Botschaften Verstorbener deklariert hat. Die Toten kennen das Problem der
Glaubwürdigkeit genauso, wie jeder vernünftige Mensch auf Erden es kennt, und
sie geben sich größte, oft fast krampfhafte Mühe, die Echtheit der
Kommunikation und ihre Identität so hieb- und stichfest wie nur möglich zu
beweisen. Hier ein Beispiel dafür, daß
Erinnerungslücken jeden vom Kontrollgeist initiierten Kontakt gleich wieder
zunichte machen können. Am Anfang einer Serie von Sitzungen, die Professor
Jerome Ellison von der Universität New Haven mit mir abhielt, entspann sich
zwischen Fletcher und ihm folgender Dialog: Fletcher: Hier drüben ist jemand, der
sich für Sie interessiert. Er heißt Burch. Ellison: Ja? Fletcher: Scheint, daß er Sie kannte,
als Sie noch ein Junge waren. Ellison: Ich hatte einmal einen Sonntagsschullehrer, der Burch hieß. War ein
feiner Mann. Fletcher: Da ist irgend etwas mit einem
Kaninchen, einem weißen Kaninchen. Ellison: Ich hatte als Junge mal ein weißes Kaninchen, aber das hatte nichts mit
Mr. Burch zu tun. Fletcher: Nun, ich kann nur sagen, daß
dieses weiße Kaninchen mit Ihnen und Mr. Burch in irgendeinem Zusammenhang
steht. Ein Häschen. War Mr. Burchs Spitzname vielleicht »Häschen«? Ellison: Ganz bestimmt nicht. Er war viel zu würdevoll, um einen solchen
Spitznamen zu haben. Fletcher (enttäuscht): Na ja, lassen
wir‘s. Mehr als ein halbes Jahr später
besuchte Ellison seine alte Mutter und erzählte ihr die Episode. »Ja, erinnerst du dich denn nicht?«
rief die Mutter, »das weiße Kaninchen hat dir doch Mr. Burch einmal zu Ostern
geschenkt.« »Es gibt zwei mögliche Erklärungen«,
sagte mir Ellison. »Entweder wollte Mr. Burch sich mir zu erkennen geben,
oder Sie haben versucht, aus dem, was Sie mir aus meinem Gedächtnis oder
Unterbewußtsein stibitzt haben, eine Geschichte zu zimmern. Die
Mr.-Burch-Hypothese scheint mir jedoch die bei weitem wahrscheinlichere. In
meinem Gedächtnis habe ich soviel gespeichert, warum sollten Sie ausgerechnet
diese, mir kaum noch erinnerliche Kaninchengeschichte wählen — falls Sie
nicht von einem Dritten, nämlich von dem, der mir das Tier geschenkt hatte,
dazu veranlaßt wurden? Kinder erinnern sich noch nach Jahren viel eher an ein
aufregendes Geschenk als an den Schenker. "Von wem habe ich eigentlich
den Indianeranzug bekommen?" ist schon wenige Tage nach Weihnachten
keine ungewöhnliche Frage, wenn es heißt, die Dankbriefe zu schreiben. Ohne
das beneidenswerte Erinnerungsvermögen meiner Mutter wäre mein Versagen bei
der Kontaktaufnahme mit Mr. Burch nie ans Licht gekommen. Ich hatte in meinem
ganzen Leben nur dieses eine Kaninchen. Mr. Burch hatte es mir geschenkt. Das
war außer mir nur einem einzigen Menschen bekannt — meiner Mutter, die das
Geschenk nie wieder erwähnt hatte und erst davon sprach, als ich ihr von der
Botschaft erzählte. Das beweist, daß nicht die Körperlosen, sondern wir mit
unserem unzulänglichen Gedächtnisapparat an den vermeintlichen
Ungereimtheiten so mancher Botschaften schuld sind. Der seit langem tote Mr.
Burch aber war, wo immer er jetzt auch sein mochte, in der Lage, sich mit
Lebenden in Verbindung zu setzen.« Mr. Burch hat sich nach diesem ersten
gescheiterten Versuch meines Wissens nie mehr gemeldet. Entweder war er
entmutigt, oder das Bedürfnis, mit seinen Bekannten auf der Erde zu sprechen,
hatte, als Folge seines Aufstiegs zu einer höheren Bewußtseinsebene,
nachgelassen. Daß dies »normal« zu sein scheint, werde ich später noch
belegen. Manche Verstorbene gaben es auf, wenn
bei den Lebenden nicht gleich »der Groschen fiel«; andere versuchten
hartnäckig immer wieder, sich verständlich zu machen, und hatten schließlich
Erfolg — zum Beispiel mein Kommilitone Joe. Ich komme auf meinen ersten Kontakt
mit einem Jenseitigen zurück: Joe, der mit mir an der
Transylvania-Universität studiert und das Interesse an mediumistischen
Experimenten geteilt hatte, erkrankte an einer schweren Lungenentzündung.
Nachdem die Ärzte ihn aufgegeben hatten, ließ er mich rufen und flüsterte,
mit letzter Kraft um Atem ringend: »Wenn es möglich ist zurückzukommen,
liefere ich dir den Beweis.« Monate später nahm ich während der
Ferien an einem Lagertreffen von Spiritisten in Michigan teil. Eine
Hellseherin sagte, sie habe eine Nachricht für mich. Sie beschrieb mir
anscheinend Joe, doch es gelang ihr nicht, seinen Namen zu erfahren. Die
Botschaft war nicht ganz klar. Es kam irgend etwas mit »Dynamit« darin vor.
Es war mir unmöglich, Joe mit Dynamit in Verbindung zu bringen, und so vergaß
ich die ganze Geschichte wieder. Etwa ein Jahr später erlebte ich mit einem
anderen Medium in einem anderen Bundesstaat dasselbe, und ein Jahr darauf kam
mir ein drittes Medium mit Joe. Es behauptete, ein gewisser Joe wiederhole
immerfort ein Wort, das sich wie »Dynamit« anhöre; es sei aber nicht genau
dieses Wort. Ich begriff nicht. »Ihr Freund«, sagte das Medium,
»bittet Sie darum, das Wort Silbe für Silbe mit ihm durchzugehen, indem er
und Sie die einzelnen Silben abwechselnd sprechen.« Nun verstand ich sofort. Das geheime
Losungswort unserer Studentenverbindung wurde während eines Händedrucks
abwechselnd Silbe für Silbe gesprochen. Das Losungswort wechselte jedes Jahr.
Als Joe starb, lautete es »Dynamus«. Die Beharrlichkeit, mit der Joe die
Verbindung zu mir gesucht hatte, und die Tatsache, daß von den wenigen
Mitgliedern dieser Gruppe an unserem College, die das Losungswort kennen
konnten, alle anderen noch am Leben waren und sich keiner für Telepathie und
Jenseitskontakte interessierte, überzeugte mich, daß Joe sein Versprechen
wahrgemacht und mir den Beweis für das Weiterleben nach dem Tode geliefert
hatte. Dies waren also die
charakteristischen Merkmale, die zur Identifizierung so vieler höchst
beweiskräftiger Botschaften führten: eine Münze, die in der Straßenbahn auf
den Boden fiel, ein kleines, längst vergessenes Geschenk aus Kindertagen, ein
bißchen ritueller Hokuspokus einer längst in alle Winde zerstreuten
Studentenverbindung. Belanglos, trivial? In gewisser Weise ja. Doch stets
trivial auf besondere Art: In jedem Fall bestätigten diese Nichtigkeiten über
jede Möglichkeit eines Irrtums hinaus, daß die Botschaft nur von einem
bestimmten jenseitigen Wesen stammen konnte. Meiner Meinung nach ist dies jedoch
nicht der einzige Grund dafür, daß bei so vielen durch Medien hergestellten
Verbindungen nur über Nebensächlichkeiten gesprochen wird. Ich möchte noch
einmal daran erinnern, daß Jenseitige ebenso Menschen sind wie die
diesseitigen Teilnehmer an einer Seance. Es gibt von Natur aus oberflächliche
Menschen, die ihre Gesprächspartner nie nach Dingen von tieferer Bedeutung
fragen und daher auch keine Antworten von tieferer Bedeutung erhalten werden.
Sie interessieren sich einfach nicht für anspruchsvolle Themen. Sie sind
ausschließlich mit ihren Familienangelegenheiten beschäftigt. Auch im
Jenseits noch! Die angesehene Genealogin Mrs. R. M. Conner aus Cambridge,
Ohio, konnte davon für ihre wissenschaftliche Arbeit profitieren. Sie hat
über eine Sitzung berichtet, die 1967 in Cleveland stattfand und bei der eine
Reihe von Zeugen anwesend war: Ihr Mann, Dr. und Mrs. Naldo Moss und Mr.
Robert Hoyle. Während dieser Sitzung überbrachte Fletcher Botschaften, die
eine Unmenge nachweisbarer sachlicher Informationen enthielten. »Als die Sitzung stattfand«, schreibt
Mrs. Conner, »trug ich eben das Material für eine Publikation über die
ältesten Pionierfamilien aus Guernsey County, Ohio, zusammen. Ein paar Orte,
an denen zu Anfang des 17. Jahrhunderts Pionierfamilien gelebt hatten, waren
einfach nicht aufzufinden. Während der Sitzung stellte mir Fletcher
Jenseitige vor, die genau angaben, wo sie gelebt hatten, den Bezirk nannten
und die Gegend beschrieben. Mit Hilfe dieser Hinweise war es mir möglich,
alte, verschollen geglaubte Dokumente aufzustöbern und den Spuren
verwandtschaftlicher Beziehungen nachzugehen.« Bei einer anderen Sitzung holte ein
Jenseitiger durch Fletcher das »schwarze Schaf« einer Familie aus der Versenkung.
Das berichtete im Frühjahr 1955 Mrs. Frances M. Bolling. Außer ihr waren noch
sechs andere Teilnehmer anwesend. Fletcher fragte: »Ist eine A.B.B. hier?« A.B.B. war nicht da, doch ich kannte sie und sagte ihm das. Ihr Bruder L.
wollte ihr eine Botschaft senden. Ich schrieb sie mit und brachte sie jener
A.B.B. am Tag darauf. Es war mir klar, daß ich die Sache überaus taktvoll
angehen mußte: »Haben Sie einen Bruder namens L.?« fragte ich. A.B.B. lächelte stolz und erzählte mir von ihrem verstorbenen Bruder, der
sehr begabt gewesen sei. »Hatte er irgend etwas mit den Möbeln zu tun, die Sie in Ihrem Haus
haben?« Das hatte er, und sie erzählte mir einiges darüber. Dann fragte ich: »Hat Ihr Bruder getrunken?« »Nein, er war ein
wunderbarer Mensch.« »Dann ist er nicht an Trunksucht gestorben?« A.B.B. sah mich entsetzt und verständnislos an. »Er hat auch nicht seine Frau verlassen und ist mit einer anderen auf und
davon gegangen?« »Du meine Güte, nein!« Ich war verwirrt und verlegen, und die ganze Angelegenheit war mir sehr
peinlich; schließlich war die Dame eine hochgeschätzte Persönlichkeit. Nach
einigem Zögern erzählte ich ihr, daß Arthur Ford in unserer Stadt eine Seance
abgehalten hatte, und was ihr verstorbener Bruder ihr habe ausrichten wollen.
Sein letzter Satz sei gewesen: »Obwohl ich mit Helen nach Mexiko ging, habe
ich sie nie wirklich geliebt. Ich liebte immer nur meine Frau und möchte, daß
sie es erfährt.« Kaum hatte ich das gesagt, rief A.B.B. fast triumphierend aus: »Ich wußte
immer, daß er Helen nicht liebte.« Nachdem die Geschichte nun ans Licht
gekommen war, bestätigte sie alle Einzelheiten, nur sei ihr Bruder nicht an
Alkoholismus gestorben, sondern an etwas anderem. Als seine Witwe von der Botschaft erfuhr, suchte sie mich auf, um sich
aus erster Hand berichten zu lassen. Was die Todesursache betraf, gab sie
immerhin zu, daß ihr Mann in Wirklichkeit nicht an der Krankheit gestorben
war, die man in der Todesanzeige genannt hatte. Diese wieder einmal allzu
persönliche, beinahe peinliche Botschaft führt uns zu einem weiteren Aspekt
der »ungeheuren Belanglosigkeiten«: Seancen sind in der Regel halböffentliche
Veranstaltungen. Sie werden von Menschen unterschiedlichster Art besucht, um
mit Jenseitigen unterschiedlichster Art ins Gespräch zu kommen. Die
Unterschiede bestehen in der sozialen Herkunft, im Bildungsgrad, in der
Weltanschauung, in der Nationalität, in der Sensibilität, im
Erinnerungsvermögen, im Taktgefühl, in der gesundheitlichen Konstitution und
in der Charakterstärke. So extrem verschiedene Menschen zusammen zu einer
Dinnerparty einzuladen, würde ein enormes Risiko bedeuten. Sie hätten
einander nichts zu sagen, zumindest würde es am Anfang so scheinen. Aber es
gibt ja ein hervorragendes «Schmiermittel«, das mitunter selbst die schwierigste
gesellschaftliche Kommunikation in Gang bringt. Man kann auch von einem
Katalysator sprechen. Ich meine das jedermann bekannte oberflächliche,
unverbindliche Geplauder über das Wetter, das Parkplatzproblem, Modefragen
usw. Das ist mit Sicherheit weniger riskant als sich über
Fußballmannschaften, Politik und Glaubensprobleme zu unterhalten. Schließlich
möchte man keinen Fauxpas begehen und die ohnehin etwas mühselige
Konversation nicht in Gefahr bringen. Man hütet sich also, etwas zu sagen,
was als »unpassend« erscheinen könnte. Es ist, möchte ich behaupten, nicht
zuletzt ein Zeichen ängstlicher Anpassung an die Konventionen der Irdischen —
und insofern Zeichen eines unterentwickelten Sozialbewußtseins —‚ daß die
Jenseitigen, um die für einen »guten Empfang« notwendige freundliche
Atmosphäre nicht zu stören, oft über die Themen hinweggleiten, die ihr
Hauptanliegen sind oder sein müßten. Was ist eigentlich dieses
Hauptanliegen? Anspacher hat es so gut formuliert, daß es am besten ist, ihn
wieder zu zitieren: »Wir sollten nicht erwarten, durch die Verständigung mit
den "Körperlosen" exakte Schilderungen des künftigen Lebens zu
erhalten. Wir müssen daran denken, daß unser gesamter Wortschatz vom
Irdischen geprägt und gewissermaßen dreidimensional determiniert ist ...
Jedes Wort, das wir benützen, ist mit irdischem Ballast beschwert. Den
"Körperlosen" ist das viel mehr bewußt als uns. Sie stellen fest,
daß das irdische Vokabular nicht ausreicht, um uns eine Welt zu beschreiben,
die wir nicht kennen und in der sie selbst erst seit kurzem leben. Würden Sie
denn in unserer Welt von einem Neugeborenen einen Vortrag über alltägliche
Lebensfragen verlangen? Vermutlich können vor allem die Neuangekommenen unter
den Jenseitigen daher nicht viel mehr sagen als: "Hallo, ich bin
hier."« Waren nicht unter den Millionen
Menschen, die an Fernsehen und Rundfunkgeräten die Mondflüge der
»Apollo«-Mannschaften miterlebten, viele enttäuscht, daß die Astronauten von
unterwegs und vom Mond über die direkte Sprechverbindung mit Houston viel
Banales, allzu Persönliches, gewollt Witziges und immer wieder Ausrufe des
Erstaunens und Grüße an die Lieben daheim durch den Äther schickten, statt
genauere Beschreibungen ihrer kosmischen Umwelt und des Mondes, ihrer
physischen und seelischen Verfassung unter den veränderten Bedingungen zu
geben? Tatsächlich erwiesen sich die später auch schriftlich veröffentlichten
Aufzeichnungen ihrer Kommentare auf weiten Strecken als nichtssagend. Um uns
das mitzuteilen, meint man, hätten sie sich nicht in den Weltraum schießen zu
lassen brauchen, und doch war dieses scheinbar entbehrliche »Blabla«
psychologisch betrachtet ebenso notwendig wie unvermeidbar. Erstens: Das oberflächliche
Geplauder, das so viele Anspruchsvolle langweilte, gab den Männern in ihren
Raumschiffen das lebenswichtige Bewußtsein, zwar auf dem Mond, aber noch im
Diesseits zu sein. Zweitens: Mit Worten, die bisher nur
zur Beschreibung der Zustände auf unserer Erde dienten, sollten die
Astronauten auf einmal Außerirdisches beschreiben. Kann man ihnen vorwerfen,
daß ihnen zur Schilderung ihrer Eindrücke oft die Begriffe fehlten? Hatten
nicht die ersten Weltraumfahrer, diese trotz allen Trainings und aller
geistigen Vorbereitung unwissenden Neuankömmlinge im All, ähnliche Probleme
wie die Neuankömmlinge im Jenseits — trotz all der Vorbereitungen auf den Tod
und die Ewigkeit, die unsere Religionsgemeinschaften anzubieten haben? Und umgekehrt: Sollten wir nicht
Verständnis dafür haben, daß die Verstorbenen (wie die Astronauten im
Weltraum) ihre Kontaktmöglichkeit mit den Lebenden zuerst für Grüße und
private Fragen ausnutzen, da die Raumfahrt doch erwiesen hat, welche starken
psychischen Kräfte aus der Zuversicht in eine intakte Verbindung mit den
Angehörigen auf der Erde jenen erwachsen, deren Chance, in Fleisch und Blut
zu den Ihren zurückzukehren, ungleich größer ist als die der Toten, sich den
Lebenden mit Hilfe eines Mediums wenigstens akustisch bemerkbar zu machen? Ein bißchen Verständnisbereitschaft
für menschliche Verhaltensprobleme in Situationen, die nicht mit unserem
gesunden, genormten Menschenverstand zu meistern sind, hilft auch vieles
»Übernatürliche« begreifen. Mit Sicherheit wird die Raumfahrt auch weiterhin
dazu beitragen, bisher Unwahrscheinliches etwas wahrscheinlicher erscheinen
zu lassen. Ich denke, es liegt Vernunft und ein
tieferer Sinn darin, daß die Jenseitigen (wie die Astronauten) nicht
versuchen, über schwerwiegende Dinge zu sprechen, wenn die Umstände der
Übermittlung nicht günstig sind. Manchmal sind die Umstände jedoch günstig,
und es ist verbürgte Tatsache, daß »exakte Schilderungen des künftigen
Lebens«, wie Anspacher sie nennt, empfangen wurden. Inzwischen verkünden die
Körperlosen der Menschheit in rührender, unermüdlicher Ausdauer die
unanfechtbare Wirklichkeit des Lebens nach dem Tode am liebsten, indem sie
unwesentliche Einzelheiten persönlichster Erlebnisse anführen, die den
Urheber der Botschaft unverkennbar identifizieren und im übrigen nichts
weiter verkünden als: »Ich bin drüben. Ich sage euch, es gibt ein Leben nach
dem Tode.« Solche schlichten Botschaften
übermittelten Fletcher und ich am häufigsten und auf die unterschiedlichste
Art. Eine weitere beweiskräftige Durchsage, mit den ungeheuren
Belanglosigkeiten eng verwandt, ist das, was man die »sinnliche Wahrnehmung
der Persönlichkeit« nennen könnte. Jerome Ellison erwähnte es nach einer
Sitzung mit mir, während der ihm Grüße eines ehemaligen Kollegen, des
Redakteurs George Grant, übermittelt worden waren. Kurz nachdem Ellison von der
Zeitschrift weggegangen war, bei der sie beide gearbeitet hatten (Readers
Digest), war Grant an einer Virusinfektion gestorben. Was mich stark beeindruckte und mir
die Botschaft besonders glaubwürdig machte, war nicht der sachliche Inhalt.
Es ist durchaus möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß das Medium die
reinen Fakten durch Nachforschungen hätte erfahren können. Was aber nicht von
Ford, ja, von niemand hätte imitiert werden können, der George nicht
persönlich gut gekannt hatte und gleichzeitig ein begabter Schauspieler war —
und ich wußte praktisch mit hundertprozentiger Gewißheit, daß weder Ford noch
Fletcher ihn gekannt hatten und ihn daher auch nicht nachahmen konnten —‚ das
war die unverwechselbar freundliche, beinahe liebevolle sachliche Art, in der
er mit seinen Kollegen zu sprechen pflegte. Und selbst wenn es möglich
gewesen wäre, diesen Tonfall zu imitieren, so hätte doch niemand den
typischen Klang der Hintergrundgeräusche treffen können, die unser Büro
kennzeichneten. Es sei denn, er wäre ihnen über eine lange Zeit hinweg selbst
ausgesetzt gewesen, und das traf auf das Ford-Fletcher-Team nicht zu. Nein,
derjenige, der hier zu mir sprach und als zusätzliches Erkennungszeichen —
wie immer dies auch möglich sein mochte — akustisch den Betrieb in unserer
Redaktion produzierte, war zweifellos mein früherer Mitarbeiter George. Manchmal haben die Jenseitigen es
schon deshalb schwer, unser Vertrauen zu erwerben, weil uns von ihrem Ableben
noch gar nichts bekannt ist. In diesem Zusammenhang berichtete Mrs. Mary
Southworth aus West Lafayette, Indiana, über eine Sitzung mit Fletcher und
mir, die 1960 in Chicago stattfand, folgendes: Fletcher stellte die Verbindung zwischen einigen meiner Verwandten und
mir her und sagte dann: »Hier ist Lark.« Ich sagte: »Lark? Ich kenne keinen Lark.« Fletcher darauf: »Es ist Lark-Horowitz.« [Karl Lark-Horowitz, ehemaliger
Direktor des Physikalischen Instituts der Purdue-Universität in Lafayette,
Indiana.] »Aber, Fletcher, Lark-Horowitz lebt doch noch.« »Er ist hier drüben bei uns, und er möchte, daß Sie Big Robbie etwas von
ihm ausrichten.« Als Lark noch lebte, sprach Big Robbie [C. H. Robertson, früher Missionar
in China, Erfinder und Physiklehrer in Purdue] einmal mit ihm über Gott und
das Leben nach dem Tode — er sagte ihm, daß es dieses Leben gebe —‚ aber Lark
antwortete, daran glaube er nicht. Er war der Überzeugung, daß man einfach
sterbe. Aber Big Robbie sagte, nein, man stürbe nicht einfach, man lebe
weiter, durchschreite nur eine Tür. Lark glaubte ihm nicht. »Sagen Sie Robbie bitte, es sei doch genauso, wie er gesagt habe. Ich
lebe und lehre hier und bin sehr glücklich. Ich möchte mich bei Big Robbie
entschuldigen. Er hatte recht, und sagen Sie ihm, es sei noch viel
herrlicher, als er es sich vorstellen könne.« Ich war überzeugt, daß Professor Lark-Horowitz noch lebte. Deshalb rief
ich Professor Purr im Purdue Campus an und fragte: »Ist Lark-Horowitz noch an
der Universität?« »Nein«, antwortete er, »er ist vor etwa zwei Monaten gestorben.« Der alte
Big Robbie war damals schon sehr krank und starb ein paar Wochen später. Ich
konnte ihm die Nachricht von Lark-Horowitz aber noch überbringen. Er freute
sich sehr darüber und konnte sie nicht oft genug hören. Wie das nächste Protokoll eines
Dialogs mit Flacher zeigt, geben Jenseitige sich häufig durch Einzelheiten
aus ihrer Todesstunde zu erkennen, die nur ihnen und dem noch lebenden
Empfänger der Nachricht bekannt sind. »Ich habe den Namen Schleming verstanden.« » Hier. « »Eine Lucy kommt zu mir. Sie war anscheinend Ihre Freundin, Ihr habt euch
geliebt — ich sehe euch dicht beieinander. Sie starb durch einen Unfall, am
13. ... Februar?« »Am 13. Januar.« »Am 13. Januar. Es war ein Autounfall. Sie waren auch dabei.« »Ja.« »Ich soll Ihnen sagen, sie habe Sie gehört, aber sie konnte nicht
antworten. Sie nahmen sie in die Arme und sagten: "Ich bin‘s, Lucy,
Bill! Antworte doch, sag ein Wort!" War es nicht so?« »Jedes Wort stimmt.« »Ich soll Ihnen sagen, sie wartet auf Sie und ist Ihre Frau, wenn Sie
auch nicht heiraten konnten, und sie wird wieder bei Ihnen sein, sobald Sie
herüberkommen. Sie ist in Hackensack auf einem kleinen Hügel begraben.« »Auf einem kleinen Hügel, ja, aber in Nyack.« »Ich wußte, es war New Jersey. Sie haben ihr am 22. März Blumen aufs Grab
gelegt und sind hier, um mit ihr Verbindung aufzunehmen.« »Ja.« »Sie sind auf der Herfahrt beinahe von der Straße abgekommen.« »Ja ...« »Sie haben in diesem Augenblick ihren Namen genannt und geflüstert:
"Lucy, mein Liebling."« Für eine schlichte, stark emotional
reagierende Seele mag schon der wiederhergestellte Kontakt mit der toten
Geliebten genügen, um vom Leben nach dem Tode und der Möglichkeit, mit den
Dahingegangenen zu reden, überzeugt sein. Von Berufs wegen kritisch Denkende,
die nur an das selbst Recherchierte zu glauben pflegen und in der Regel
lieber einen Schwindel entlarven, als daß sie sich der Wahrhaftigkeit einer
angeblich dubiosen Angelegenheit zu versichern suchen — Journalisten also können
die Jenseitigen freilich nicht »so einfach« für sich gewinnen. Der Fall Ruth Montgomery
veranschaulicht einen Skeptizismus, den man geradezu »hartgesotten
journalistisch« nennen könnte. Hier ist ihre Geschichte, von ihr selbst
berichtet: Kurz nachdem ich eine entlarvende
Artikelserie über Medien geschrieben hatte, erregte Arthur Fords Eintreffen
in Washington meine Neugier, und ich meldete mich bei ihm zu einem Besuch an.
Ich erzählte ihm eingangs von meiner Einstellung und meiner Artikelserie.
Wenn er etwas zu verbergen gehabt hätte, wäre es von ihm nur klug gewesen,
mich gleich wieder vor die Tür zu setzen. Statt dessen fragte er mich, ob es
mir recht wäre, durch Fletcher eine Botschaft von drüben zu bekommen. Einer der Herren, die Fletcher mir vorstellte, sprach ununterbrochen und
hartnäckig über die Unruhen in Afrika, besonders im Kongo. »Er ist sehr
beunruhigt über etwas, das sich an dem Ort in Afrika ereignet, an dem er vor
vielen Jahren lebte«, berichtete der Kontrollgeist. »Er heißt Ed ... nein, nein
Fred — Fred Bennett. Er scheint der Onkel von irgendwem gewesen zu sein. Ich
glaube, er war Prediger in Afrika.« Fletcher hielt nur ganz kurz inne und
setzte dann hinzu: »Er sagt, er hätte Sie nicht persönlich gekannt, aber Sie
sollten Ihren Mann fragen.« Als Bob am Abend vom Büro heimkam, fragte ich ihn, ob er je von einem
Fred Bennett gehört hatte. »Eine meiner Tanten war mit einem Fred Bennett verheiratet«, erwiderte
er, »doch er starb, als ich noch klein war. Wieso? Hast du etwas über ihn
gehört?« Ich ließ die Frage für den Augenblick unbeantwortet und fragte Bob, ob er
wisse, welchen Beruf Fred Bennett gehabt habe. Die Antwort darauf vergesse
ich nie: »Er war Missionar im Kongo. Warum?« Fletcher sagte ferner zu mir: »Ich muß den nächsten Namen phonetisch
übermitteln, weil wir hier drüben keine Wörter benutzen. Der Mann heißt Ida —
nein Ina — nein, aber ganz ähnlich, ein Wort mit drei Buchstaben, und es
beginnt mit I. Er sieht sehr gut aus und hat mit Ihnen Ähnlichkeit. Muß Ihr
Vater sein.« Ich sagte, daß mein Vater Ira geheißen habe, und Fletcher fuhr fort: »Er
läßt Sie herzlich grüßen. Sagt, er sei sehr krank gewesen, bevor er zu uns
herüberkam, aber dann sei es sehr schnell gegangen. Er wußte nicht, daß die
Krankheit so ernst war. Er erinnert sich nicht an das Sterben und hat drüben
keinen gefunden, der es tut. Hier gibt es kein Sterben. Ganz plötzlich ist
man frei, das ist alles ... Er sagt ... er habe sich über seine Beerdigung
sehr gefreut. Sie sei schön und einfach gewesen, aber er sei nicht für immer
tot. Er habe sich nur seines kranken Körpers entledigt. Sie sollen Ihre
Mutter sehr herzlich grüßen. Ist jemand bei Ihnen, der Bertie heißt? Er sagt
immer wieder Bertie.« Ich antwortete, das sei sein Kosename für seine Frau gewesen ... Dann brachte Fletcher diese Botschaft: »Ihr Vater sagt: "Es gibt auf
der Welt für dich nur eine einzige wichtige Story. Du mußt schreiben, daß ich
lebe und wir uns in einer Welt befinden, in der sich alles weiterentwickelt.
Hätte ich hier nichts zu tun, könnte ich nicht glücklich sein."« Als nächstes sagte Fletcher: »Ein Clyde Wildman, der mit Schulen zu tun
hatte, läßt Ihnen sagen, jemand, der früher in einer Straße oder einer Stadt
namens Lafayette in Ihrer Nähe wohnte, sei auf geheimnisvolle Weise
verschwunden, jetzt aber drüben. Er ertrank. Er war Beamter — Richter
anscheinend.« Ich kannte keinen Wildman, und seit einem gewissen Mr. Crater war auch
kein Richter mehr verschwunden, aber der war ganz bestimmt nicht aus
Lafayette, Indiana, wo ich als Kind gewohnt hatte. Am nächsten Tag rief ich das Courier-Journal in Lafayette an, um
möglicherweise einen Hinweis zu bekommen. Kaum hatte ich umständlich zu
erklären begonnen, was ich wollte, sagte der Redakteur, George Lamb: »Da kann
kein anderer als Richter Lynn Parkinson gemeint sein. Er wohnte in Lafayette,
war aber Richter beim US-Appellationsgericht in Chicago, wo er im vergangenen
Herbst spurlos verschwand.« Er sagte, das FBI habe sich seinerzeit in die
Untersuchungen eingeschaltet, die sich auf sieben Staaten erstreckten. Die
einzigen Spuren, die man am Strand des Michigan-Sees in der Nähe des
Lake-Shore-Hotels gefunden habe, seien Hut und Regenschirm des Richters
gewesen. Der Redakteur wälzte alte Adreßbücher und stellte fest, daß Richter
Parkinson, der früher Rektor der Universität gewesen war, vor fünfundzwanzig
Jahren tatsächlich nur ein paar Häuserblocks von uns entfernt in West
Lafayette gewohnt hatte. Weder der Redakteur noch ich konnten damals ahnen,
daß wenige Wochen später der verweste Leichnam des Richters im Michigan-See
gefunden werde würde.20 Nicht die Grüße und Wünsche von
Verwandten und Bekannten, nicht die recht allgemeinen Äußerungen des Vaters
über das tätige Leben nach dem Tode, sondern die nachprüfbaren
»unveränderlichen Kennzeichen« der Personen und die Details ihrer
Lebensumstände haben Ruth Montgomery überzeugt, daß es Medien,
Kontrollgeister und Jenseitskontakte gibt, bei denen es mit rechten Dingen
zugeht. Seitdem gehört sie zu den aktivsten und gewissenhaftesten
Berichterstattern über paranormale Vorgänge. Ihre Bücher erscheinen in hohen
Auflagen und sind in viele Sprachen übersetzt worden.21 Und das, was die Körperlosen bei Ruth
Montgomery erreicht haben, ist nun einmal ihr erstes Anliegen: sich zu
legitimieren, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Immer wieder hat sich
erwiesen, daß dann, wenn ein Vertrauensverhältnis hergestellt war, auch
Botschaften von größerer Wichtigkeit, ja von außerordentlicher Tragweite zu
uns kamen. Ein Zeitungskolumnist aus Cincinnati
schrieb mir einmal, daß er nur dann an meiner Seance teilnehmen würde, wenn
ich ihm versprechen könnte, Moses oder den Propheten Jeremias
herbeizuzitieren, er wolle aber seine Zeit nicht mit dem »Nachbarsklatsch
über den Zaun« vergeuden, den ich im allgemeinen zu bieten hätte. Ich
entgegnete, Fletcher und ich würden uns gern bemühen, mit Moses oder Jeremias
Verbindung aufzunehmen — wenn er uns verspräche zu entscheiden, ob die
Jenseitigen, die sich meldeten, tatsächlich die beiden alttestamentarischen
Persönlichkeiten seien. Nun, die schwierige Aufgabe, die
biblischen Gestalten zu identifizieren, blieb dem Mann aus Cincinnati
erspart; denn sie ließen sich nicht vernehmen. Warum aber melden sich die großen
Geister der Vergangenheit so selten zu Wort? Die Antwort ist nicht in einem
Satz zu geben, doch ist sie deshalb nicht etwa schwer zu verstehen, zumindest
für den Einsichtigen nicht. Angenommen, wir wären tatsächlich mit Jeremias in
Verbindung gekommen: In welcher Sprache hätten wir uns mit ihm verständigen
sollen? Nur sehr wenige Menschen unserer Zeit könnten den hebräischen Dialekt
der Propheten verstehen. Selbst die griechische oder lateinische
Umgangssprache der vorchristlichen Antike würde ein heute Lebender kaum verstehen. Müssen wir daraus schließen, daß
Persönlichkeiten früherer Epochen gar nicht erst versuchen, mit uns Kontakt
aufzunehmen? Ich glaube nicht. Paul Tillich, einer der bedeutendsten
Theologen unseres Jahrhunderts, nahm einmal an einem Gottesdienst der Vereinigung
für geistige Heilung teil. Plötzlich sagte Professor Tillich: »Ich spüre die
Anwesenheit des heiligen Franz von Assisi.« Um einen wissenschaftlichen
Forscher zu überzeugen, genügt es natürlich nicht, »die Anwesenheit zu
spüren«, auch wenn derjenige, der sie spürt, ein noch so ehrenwerter Mann
ist. Wenn jedoch ein Mensch mit den großen Geistesgaben Paul Tillichs —
seiner unantastbaren Redlichkeit, seiner großen Gelehrsamkeit, seiner klaren
und nüchternen Einstellung zu spirituellen Dingen — die Anwesenheit eines
Jenseitigen spürt, sollte man das nicht leichtfertig als »fixe Idee« abtun.
Andererseits: Wäre ein solches Erscheinen
charakteristisch für den heiligen Franziskus? Überlegen wir einmal: Als er
noch im Diesseits lebte, sprach er ein Gemisch aus lateinischer Bibelsprache,
Mönchslatein und Toskanisch, das keiner der Gottesdienstteilnehmer verstanden
hätte. Der intelligente Franziskus besaß indessen so viel Verstand und
Feingefühl, daß er zu den Menschen, die er liebte und denen er dienen wollte,
gewiß nicht in einer vollkommen unverständlichen Sprache gesprochen hätte.
Das bedeutet nicht, daß es ihm unmöglich gewesen wäre, sich überhaupt zu
offenbaren. Paul Tillich hat ja »nur« die Anwesenheit des Heiligen gespürt,
jedoch nicht gesagt, daß er ihn hat sprechen hören. Ein weiterer wichtiger Faktor in
dieser Diskussion ist die zuweilen negative Wirkung der Zeit, die
unaufhörlich fortschreitet. Nehmen wir den Fall des französisch sprechenden
Napoleon, einer historischen Gestalt, die häufig in fragwürdigen Seancen
auftaucht — und manchmal ein Hillbilly-Englisch spricht, dessen er in seinem
irdischen Leben zweifellos nicht mächtig war. Nehmen wir einmal an, daß
Napoleon, nachdem er etwa hundert Jahre lang Zeit hatte, über die Fehler
seines ungezügelter Machtstrebens nachzudenken, und Erfahrungen auf Gebieten
sammeln konnte, die ihm im irdischen Leben unbekannt waren, ein Friedensfürst
geworden sei. Würde er, wenn er der Menschheit eine wichtige Botschaft
übermitteln wollte, seinen Namen benutzen, der ihn doch als pathologischen
Usurpator ausweist? Würde man ihn — bzw. das Medium — nicht auch dann für
einen Scharlatan halten, wenn er seinen Charakterwandel begründete? Oder nehmen wir Kolumbus: Würden wir
ihm ernsthaft Gehör schenken, wenn er uns Tips für eine Modernisierung des
Überseeverkehrs geben oder Prognosen über die weitere Entwicklung in den USA
stellen würde? Und würden wir einem Jenseitigen, der sich Kopernikus oder
Galilei nennt, glauben, wenn er seine neuesten astronomischen Erkenntnisse in
der Terminologie des Atomzeitalters vortragen würde? Wenn es nicht die hier genannten
Gründe sind, welche anderen gibt es dann dafür, daß glaubwürdige Kontakte mit
berühmten historischen Persönlichkeiten selten sind — wenn wir einmal von den
Erfahrungen des englischen Mediums Mrs. Rosemary Brown absehen, die
bekanntlich seit Jahren »Musik aus dem Jenseits«22 empfängt? Der
plausibelste Grund könnte mit der von Raymond Lodge und Frederic Myers
beschriebenen Struktur der jenseitigen Sphäre zusammenhängen. Den Aussagen
des jungen Raymond und dem »Frederic-Myers-Report« habe ich besondere Kapitel
gewidmet. Einige der aufschlußreichsten
Botschaften wurden mir von Jenseitigen übermittelt, die es vorzogen, anonym
zu bleiben, und sich mit Decknamen wie »Imperator«, »Rex«, »Der Unsichtbare«
oder einfach »Mittelsmann« zu erkennen gaben. Wir haben Anlaß zu glauben, daß
ein paar davon im irdischen Leben hervorragende Persönlichkeiten waren.
Treffen intelligente und aufgeschlossene Seanceteilnehmer, ein fähiges Medium
und eine im Erdendasein geistig hochstehende Persönlichkeit, die jetzt im
Jenseits lebt, bei einer Sitzung zusammen, so nennt der Verstorbene manchmal
sogar seinen vollen irdischen Namen, und zwar meist dann, wenn er die
Gewißheit hat, von seinem Gesprächspartner hier im rechten Sinn verstanden
worden zu sein, oder aber, wenn Nachkommen von ihm anwesend sind, denen er
eine persönliche Botschaft durchgeben möchte. Doch welche historische Gestalt
findet noch Familienangehörige auf Erden — und trifft sie dann auch noch bei
einer Seance! Andererseits mag bei vielen, die bereits vor Jahrzehnten oder
Jahrhunderten verstorben sind, gar kein Bedürfnis mehr bestehen, mit den
jetzt Lebenden, den fremden Menschen einer fremden Zeit, in Kontakt zu
treten. Lassen wir nicht schon auf Erden viele Freundschaften, die wir in
früheren Lebensabschnitten unterhielten, allmählich »einschla-fen«? Man ist
andere Verbindungen eingegangen, hat seine Interessengebiete gewechselt, lebt
in einer anderen Umgebung. Ich möchte noch einmal daran erinnern,
daß die Wesen auch im Jenseits Menschen bleiben und weiterhin mit all den
positiven und negativen Eigenschaften unserer Spezies behaftet sind. Dieser Menschlichkeit auch der Toten
eingedenk, wollen wir einmal annehmen, Sie — mein Leser! — wären jetzt
neunundzwanzig Jahre alt. Ich frage Sie: Haben Sie immer noch dieselben
Ideen, Bedürfnisse, Interessen und halten Sie noch dieselben Dinge für
erstrebenswert wie damals, als Sie zwölf Jahre alt waren? Natürlich nicht;
Sie sind reifer geworden, und die Reife hat Sie verändert. Sie haben Ihren
Geist zu einer höheren Form entwickelt. Oder nehmen wir an, Sie sind soeben
in eine andere Stadt gezogen. Werden Sie sie nach sechs Jahren noch genauso
beurteilen wie nach sechs Tagen? Vermutlich nicht. Wenn Sie sie besser
kennenlernen — ihre Möglichkeiten, die wirtschaftlichen und sozialen
Gegebenheiten —‚ verändert sich auch Ihre Einstellung ihr gegenüber. Und nehmen wir schließlich an, wir
würden folgende Leute in ein Flugzeug nach Chicago setzen: eine Hausfrau, eine
Stenotypistin, einen Arzt, einen Lehrer, einen Tankwart, einen
Lebensmittelhändler, einen Börsenmakler, einen Landvermesser, einen
Flugkapitän, einen Farmer, einen Philosophieprofessor, einen Akrobaten und
eine Opernsängerin. Sie haben den Auftrag, zwei Tage in Chicago zu bleiben
und uns dann den Ort mit ungefähr zweitausend Worten zu beschreiben, doch
ohne den Namen der Stadt zu erwähnen. Ähnliche Experimente haben gezeigt, daß
wir eine Sammlung mehr oder weniger extrem voneinander abweichender Schilderungen
erhalten und es uns schwerfallen würde zu glauben, es handle sich um dieselbe
Stadt, obwohl wir es genau wüßten. Genau das gleiche geschieht, wenn
Jenseitige sich bemühen, uns ihre Umwelt zu beschreiben, in der auch wir
eines Tages leben werden. Alle geben Kunde vom gleichen Universum. Doch die
des Gebildeten wird völlig anders sein als die des Ungebildeten. Der Lehrer
wird das Jenseits nicht mit denselben Worten schildern wie die Opernsängerin
oder der Tankwart. Der Mensch, der erst gestern seinen irdischen Körper
verlassen hat, wird nicht so frohgemut sein wie derjenige, der bereits vor
vielen Jahren in die neue Dimension eingetreten ist. Der Philosoph, im Reich
des Geistigen beheimatet, wird uns von dort nicht die gleiche Beschreibung
geben wie etwa ein Landvermesser. Alle diese Unterschiede kann man
vernünftigerweise nicht widersprüchlich nennen. Es sind ganz normale
Erscheinungen, das Resultat der menschlichen Individualität. Haben Sie je versucht, einem
Menschen, der sich sein Leben lang nur in Meereshöhe und in den Tropen
aufhielt, Hochgebirge, Eis und Schnee zu beschreiben? Solche
Verständigungsschranken können natürlich auch zwischen Menschen bestehen, die
nur zwanzig Meter voneinander entfernt leben. Ich denke dabei nicht an
terminologische Schwierigkeiten zwischen Fachmann und Laie, sondern an das
überforderte Vorstellungsvermögen eines Durchschnittsbürgers bei der
Schilderung einer Seance. »Die Erde«, versicherten mir Freunde von drüben,
»erscheint uns nur noch als Kindergarten, seit wir in diesem großen Teil des
Universums sind. Wie sollen wir euch etwas beschreiben, was ihr euch gar
nicht vorzustellen vermögt?« Für jeden von uns besteht ein großer
Teil der täglichen Lebenspraxis aus Dingen, die man als real anerkennen muß,
jedoch mit seinen fünf Sinnen nie ganz erfaßt hat. Wie viele von uns können
sich und anderen erklären, wie Elektrizität funktioniert, wie Röntgenstrahlen
entstehen und wie das Fernsehen zustande kommt? Nicht einmal ein Promille der
Bevölkerung! Aber alle wissen, daß es Strahlen, Elektrizität, Schwerkraft
usw. gibt. Wir können einige ihrer charakteristischen Eigenschaften
beschreiben, sind jedoch nicht imstande, sie ihrem innersten Westen nach zu
begreifen, obwohl sie für unsere physische Existenz unentbehrlich sind. Oder denken wir an das irrationale
Element »Wahrheit«. Was für einen Unterschied macht es in unserem täglichen
Leben aus, ob wir es mit der ungeschminkten Wahrheit zu tun haben oder mit
einer verschleierten Wahrheit, die zu Mißdeutungen führt? Wir glauben zu
wissen, daß es »die Wahrheit« nicht gibt. Das genügt uns zumeist. Kommen wir
jedoch plötzlich und auf unerklärliche Weise mit Verstorbenen in Kontakt, so
erwarten wir, daß sie uns auf der Stelle alles, was bisher unbegreiflich war,
begreiflich machen: den Sinn des Lebens, das Leben nach dem Tode, den Lauf
der Welt. Verlangen wir da nicht etwas zuviel von den Jenseitigen — und von
uns? Wenn die Verstorbenen nach dem unerläßlichen »Familienklatsch« wirklich
anfangen, uns einen Eindruck von ihrer Sphäre zu vermitteln, runzeln wir doch
schon die Stirn, weil uns die Sache zu schwierig zu werden scheint und unser
bisheriges Weltbild durcheinanderzubringen droht. Denn: Wir denken zwar gern,
aber wir denken nicht gern um. Zum Umdenken fordern uns die Botschaften
jedoch heraus, wenn es etwa gleich zu Beginn einer Lektion heißt: »Es gibt im Grunde gar kein
"Jenseits". Auch dies ist ein Teil des einen großen Universums.« Ich habe oft erlebt, daß Trauernde,
die ihren Trennungsschmerz hinausschreien, von dem verstorbenen Angehörigen
mit den Worten getröstet wurden: »Aber ich bin doch gar nicht fortgegangen.
Wir sind doch eigentlich gar nicht getrennt.« Es ist ein Universum, doch unsere
normalen erdgebundenen Sinne erlauben uns nur, ein winziges Teilchen des
ganzen Spektrums zu begreifen. Wenn wir in die Welt hinter dem Tode eingehen,
begeben wir uns an keinen anderen Ort. Wir begeben uns nur auf eine andere
Bewußtseinsebene, auf der wir lernen, mehr von der ganzen Wirklichkeit zu
verstehen. Richard M. Buche hat verschiedene
Bewußtseinsstufen postuliert, auf denen der durchschnittliche Erdbewohner
gewöhnlich lebt. Da ist das primitive Bewußtsein des Menschen, der nur
raschen Sinnengenuß, animalische Gelüste und Triebe und kaum etwas anderes
kennt. Es gibt das Selbstbewußtsein, das den einzelnen zu der Erkenntnis
befähigt, daß er sich von den ihn umgebenden Mitmenschen unterscheidet. Es
gibt das weltumfassende Bewußtsein, das dem Menschen die Augen für Ereignisse
von weittragender Bedeutung öffnet, so daß er sich persönlich verantwortlich
fühlt. Und schließlich gibt es das seltene kosmische Bewußtsein, das nur
große Geisteskapazitäten erreichen, denen sich der Sinn des ganzen Universums
offenbart. Man begibt sich also nicht von einem
Ort zu einem andern, sondern von einer Bewußtseinsebene auf die andere.
Diesen Vorgang der Höherentwicklung hält Bucke für den wahren Sinn des
Lebens. »Wenn wir davon ausgehen, daß es nur
ein Universum gibt und daß wir es durchschreiten, indem wir von einer
Bewußtseinsebene zur anderen gelangen, sind wir besser darauf vorbereitet,
den Inhalt der Botschaften zu begreifen, die uns das schildern sollen, was
wir fälschlich "die andere Seite" oder "Jenseits" nennen.
Es gibt keine andere Seite. Es gibt nur verschiedene Ebenen, auf denen wir allmählich
lernen, ein unermeßliches Universum zu verstehen.« Wie schildern uns die Verstorbenen
die Ankunft und das Einleben in jenem Teil des Universums? Beginnen wir mit
einem, der erst kurz zuvor dahingegangen war, den noch Irdisches bedrückte,
der sich an seine neue Beschaffenheit noch nicht gewöhnt, die Möglichkeiten
der neuen Dimension noch nicht ganz erfaßt hatte. Hier ist das Protokoll
einer Sitzung vom Oktober 1965 mit Mrs. Edna Davenport aus Pennsylvania: Drei Monate nach dem Tod meines Mannes hatte ich eine Sitzung mit Arthur
Ford. Mr. Ford fiel in Trance, und Fletcher meldete sich. Er sagte: »Guten
Tag«, und ich antwortete. Dann sagte er, hier sei ein Mann, »der Sie kannte —
mit Ihnen lebte — ein Bud oder Buz.« Fletcher sagte, Bud habe sofort gewußt,
wo er sei, als sein Bruder Morrie ihm die Hand entgegenstreckte. (Buds Bruder
Morrie war zwei Jahre früher gestorben.) Bud sagte, er sei klaren Geistes
hinübergegangen. Er erwähnte dann einige Episoden aus unserer Ehe und
finanzielle Regelungen, die wir getroffen hatten; sie waren für mich der
sichere Beweis. Außer Bud und mir konnte darüber niemand Bescheid wissen ...
Er sagte, ich solle nicht Schwarz tragen (ich trug Schwarz), denn er sei
nicht tot. Er sei glücklich und stehe dort, wo er jetzt sei, mitten im Leben;
auf der Erde hätte er als Invalide dahinvegetieren müssen. Er sagte: »Ich war
jede Nacht bei dir — ich bin jetzt überhaupt mehr bei dir als früher. Hier
gibt es keine geschlossenen Türen.« Ich fragte ihn, ob er es gewesen sei, der abends das Licht zum Flackern
brachte. Er antwortete, er habe mich nicht erschrecken, sondern mir zeigen
wollen, daß er in meiner Nähe sei. Mr. Ford fing plötzlich an, in der Trance
zu lachen, und Fletcher sagte: »Ihr Mann macht etwas ganz Komisches. Er
verneigt sich und wirft eine Kußhand.« Ich sagte Fletcher, das habe Bud immer
getan, wenn er morgens das Haus verließ. Er verneigte sich und warf mir eine
Kußhand zum Schlafzimmerfenster hinauf, an dem ich stand. Viele erste Gespräche — wie auch
dieses — setzen sich aus den sogenannten »Belanglosigkeiten« und
aufschlußreichen Angaben über das Leben der Jenseitigen zusammen. Mrs. Vera
Anderson aus Montclair, New Jersey, hat mir die Tonbandaufnahme einer Sitzung
gegeben, die im November 1967 stattfand und ebenfalls diese beiden Elemente
enthält. Fletcher sagte ihr, daß sie in Rußland geboren sei, ihr Vater als
zaristischer Kavallerist im Kampf gegen die Roten fiel, ihre Mutter
Selbstmord beging, ihre Großmutter Babuschka und ihr Großvater Peter genannt
wurde und daß sie selbst fünf Adoptivkinder habe. Es traf alles zu. »Nun«,
sagte Fletcher, »werden Sie mir glauben, daß es Ihre Mutter ist, die Sie
sprechen möchte.« Und die alte Dame berichtete Wesentliches über das
»Hinübergehen«: »Man schickt uns weder in den Himmel
noch in die Hölle, wir leben einfach weiter. Sobald ich meinen Körper
verlassen hatte, fühlte ich nicht Angst, Groll oder Haß, denn das sind
irdisch- menschliche Unzulänglichkeiten. Ich wurde von meiner Mutter erwartet
und von Alexander, meinem Bruder, der während der Revolution ermordet wurde.
Sie ließen mich eine Weile schlafen, doch nicht sehr lange. Dann begann ich
in einem vollkommen freien Körper zu existieren. Gott segne dich, ich bin bei
dir. Du weißt jetzt, daß all die traurigen Dinge mit dem Körper aus Fleisch
und Blut zurückgelassen werden ... Das Gehirn ist anfällig, aber es ist ja
nur Sender und Empfänger — ein Instrument.« Wenden wir uns jetzt Menschen einer
anderen Bildungsschicht zu. Wie wir sehen werden, heben sie einen ganz
anderen Aspekt des Lebens nach dem Tode hervor. Die Urheber der nächsten
Botschaften waren Wissenschaftler, und alle waren etwa drei bis zwanzig Jahre
vor dieser Sitzung die im April 1967 stattfand, hinübergegangen. Das
Sitzungsprotokoll stammt von Mrs. A. E. Sharp aus Pennsylvania. Mrs. Sharp
hat die Sprecher auch mit Hilfe biographischer Nachschlagewerke
identifiziert. Ich denke, es ist erwähnenswert, daß diese Gesprächspartner
alle genügend Zeit hatten, sich zu akklimatisieren, und daß sich ihre
Interessen sehr oft auf bedeutsame Weise verlagert hatten. Persönliche
Beziehungen berührten sie nicht mehr so stark. Sie waren nun mehr an Dingen
interessiert, die dem Gemeinwohl der Menschheit dienen. Persönliche
Leistungen galten ihnen kaum noch etwas; Gruppenarbeit war ihnen wichtiger. Es folgen Mrs. Sharps Notizen. Die jenseitigen
Gesprächspartner: Dr. Frederick Simonds Hammett, Biochemiker, erwarb den Doktor der
Philosophie und Biochemie in Harvard; er arbeitete später am Lakenau-Hospital
in Philadelphia. Dr. George Phaler, früher Direktor des Instituts für Radiologie an der
Medizinischen Fakultät der Pennsylvania-Universität. Dr. Hugh I. Evans, früher Pfarrer an der Westminster Church in Dayton,
Ohio; Mitglied des Bundesvorstands der Presbyterianischen Kirche. Dr. William Frances (Frank) Swann, Physiker; früher Direktor der Bartol
Research Foundation am Franklin-Institut in Swarthmore, Pennsylvania. Auszüge aus dem Sitzungsbericht
vom April 1967: Vieles wurde von Dr. Hammett selbst gesagt, den die anderen zu ihrem
Sprecher bestimmt hatten. Zum Beispiel: »Seit ich hier bin«, sagt Dr. Phaler, »habe ich eines gelernt: Hier wird
nichts Wesentliches von einem einzelnen getan. Wenn eine große Arbeit
begonnen, eine große Aufgabe gelöst werden soll, legen alle ihr Wissen
zusammen. Kein Wissenschaftler entwickelt etwas allein. Grundlage seiner
Erkenntnisse sind das Wissen, das andere gespeichert, die Fakten, die andere
gesammelt haben; darauf baut er auf. Praktisch stammt jede wichtige Botschaft
von einer Gruppe. Wenn auf der Erde eine neue große Idee geboren wird, so
sind es bekanntlich meistens mehrere Menschen, die sie ungefähr gleichzeitig
empfangen. So ist es hier auch. Wenn einer nicht daran interessiert ist oder
nichts mit ihr anzufangen weiß, sollen andere die Möglichkeit haben, die Idee
aufzugreifen.« Ich möchte hier den Report
unterbrechen und darauf hinweisen, daß die gesamte Geschichte der Erfindungen
(das bestätigen auch die Akten des US-Patentamtes) sowie der Kunst und der
Wissenschaft mit unzähligen Beispielen dieser Art aufwarten kann: Immer wieder fallen umwälzende
Neuerungen mehreren Menschen beinahe zur gleichen Zeit ein. Eines der
eindrucksvollsten Beispiele hängt mit Charles Darwins Deszendenztheorie
zusammen, die er in seinem Buch "Die Abstammung des Menschen"
(1871) erklärte. Hudson Tuttle, ein Farmerssohn aus Ohio, geboren 1836, ging,
alles in allem, weniger als ein Jahr zur Schule. Schon in seiner Jugend
entwickelte er außergewöhnliche mediale Fähigkeiten und fühlte, daß
Jenseitige ihn weiterbildeten, darunter der französische Wissenschaftler
Lamarck und der deutsche Gelehrte Alexander von Humboldt. Von ihnen
unterwiesen, schrieb er mehrere Bücher über Geschichte, Philosophie und
Geisteswissenschaft. Sie waren so hervorragend und so weit verbreitet, daß
Darwin in seiner Abstammung des Menschen zur Unterstützung seiner Theorie ein
Buch zitierte, das Tuttle fünf Jahre zuvor unter der Anleitung Körperloser
geschrieben hatte: The Origin and Antiquity of
Physical Man (1866). Darwin wußte allerdings nicht, daß der Autor »völlig
ungebildet« war. Tuttle blieb bis ans Ende seiner Tage ein einfacher Farmer. Ich setze Mrs. Sharps Notizen
fort: Dr. Phaler: »Ich widmete mich der Krebsforschung und vergeudete mein
Leben, indem ich alles falsch anpackte. Aber als ich hierherkam, wurde ich
sofort in Dr. Hammetts Gruppe aufgenommen, weil man wußte, daß meine Absicht
richtig gewesen war. Hier wird man nicht nach dem beurteilt, was man getan
oder erreicht, sondern nach dem, was man beabsichtigt hat.« Dr. Evans: »Ich sehe nicht ein, warum man nicht Wissenschaftler und
zugleich religiös sein kann. Die meisten bedeutenden Wissenschaftler sind
religiös, und viele interessieren sich für Spiritismus.« Dr. Swann: »Ich heiße Frank Swann. Sag ihnen, daß ich mich am Franklin-Institut
der Forschung — der reinen Forschung — widmete. Durch meine Forschungsarbeit
fand ich zu einem festen Glauben und erkannte, daß ich mein Wissen aus neuen
Quellen schöpfen konnte ... Als ich die geistige Kraft begriff, die alle
Materie durchdringt, hatte ich Erfolg.« Ich kann mir denken, daß manche Leser
solche Bekenntnisse ebenfalls belanglos finden. An sie möchte ich die Frage
richten, was sie denn wohl sonst von Jenseitigen hören wollen? Etwa, daß es
kein Jenseits gibt, daß keine Kommunikation mit den Lebenden möglich ist?
Sollte man die neugewonnene »Weltanschauung« der Verstorbenen zu manipulieren
versuchen? Oder sollte ich nur von solchen Botschaften berichten, die Furore
gemacht haben? Meine Gegenfrage: Was kann aufregender sein als der nüchterne,
dem Inhalt nach nicht-spektakuläre Beweis dafür, daß es ein Jenseits gibt und
daß es erreichbar ist über eine Art spezielle Telefonvermittlung? Ich fürchte, mehr Menschen, als man
gemeinhin annimmt, leiden, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, vor allem
darunter, daß Offenbarungen, wie die in diesem Buch beschriebenen, ihnen
selbst noch nicht zuteil geworden sind — etwa so, wie viele Menschen im
Kindesalter eine lebenslang unüberwindliche Aversion gegen ein
Unterrichtsfach fassen, für das sie nicht besonders begabt sind oder zu sein
scheinen. Ich möchte diese mitunter für den Lebensweg nicht ganz
ungefährliche Störung, die in unserem Fall vorzuliegen scheint, das
»Houdini-Trauma« nennen. Harry Houdini war der Künstlername
des aus Ungarn stammenden Artisten Erich Weiß, der bald nach dem Ersten
Weltkrieg auf vielen Tourneen rund um die Welt seine atemberaubenden
Sensationsnummern vorgeführt hatte. Er galt unumstritten als der »König der
Magier«, und er war in den USA nicht weniger populär als die Stummfilmidole
und der Präsident, dem er in der Publicity oft die Schau stahl. Dieser
Houdini war viel mehr als ein erfolgreicher Varietestar. Er vollbrachte
Dinge, die noch nie zuvor gezeigt worden waren, und auch die Erfahrensten
Adepten der Magie, die alle Tricks zu kennen glaubten, wußten für seine mit
Argusaugen überwachten, unheimlichen Kunststücke keine Erklärung. In erster
Linie arbeitete er als Entfesselungskünstler. Er befreite sich aber nicht nur
aus massiven Stahl-Handschellen und Fußketten, nachdem er, noch in
gefesseltem Zustand, über eine Entfernung hinweg Gegenstände fortbewegt
hatte, ohne sie zu berühren; er konnte auch unbeschadet durch Ziegelwände
gehen. Als Zauberer ließ er nicht nur Kaninchen verschwinden, sondern auch
Elefanten. Er trat in Unterwassershows auf und vermochte, ohne Tauchgerät
tauchend, den Atem länger anzuhalten als irgendein Mensch vor ihm. Ärzte,
Kriminalisten, die Profis und die Freunde des Showbusiness standen vor einem
Rätsel. Offenbar ging bei ihm alles mit rechten (magischen) Dingen zu.
Houdini selbst legte jedoch größten Wert auf die Feststellung, daß nichts
»Okkultes« im Spiel war, sondern alle seine »Wunderleistungen« auf genialen,
unnachahmlichen Tricks beruhten — zum Teil auf den gleichen Tricks, wie die
»Nummern, die sogenannte Medien in ihren Seancen zeigen«. Von einem bestimmten Zeitpunkt an war
Houdini von der fixen Idee besessen, daß ausnahmslos alle Medien und
Spiritisten Schwindler seien, und er startete einen regelrechten
Vernichtungsfeldzug gegen sie. Immer seltener trat er in eigenen
Veranstaltungen auf, sondern erschien, von Stadt zu Stadt reisend, bei jeder
Seance, von der er Kenntnis hatte, und störte sie durch seinen »Auftritt«.
Die Szene lief gewöhnlich so ab: Nachdem das Medium die ersten Botschaften
nichtanwesender Personen — meist aus dem Jenseits — übermittelt hatte, erhob
sich Houdini und behauptete, den Trick, mit dem das Medium telepathische
Kontakte vortäusche, nachahmen und verraten zu können. Geschickt lenkte er
die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich und bot, indem er ein Programm von
allerlei geschickten, scheinbar übernatürlichen Manipulationen abzog, den
Beweis dafür an, daß alle außersinnliche Wahrnehmung Betrug sei. Houdini wurde der Schrecken aller
Spiritisten Amerikas, und es gab damals in den USA etwa eine Million
Menschen, die sich zum Spiritismus bekannten! Zugegeben, es war eine
verdächtige Modeerscheinung, mit Geistern umzugehen, und die Dunkelziffer der
bewußt oder unbewußt betrügerischen Medien war gewiß hoch. Doch keinesfalls
gab es auf diesem Gebiet nur Schwindler und Hysteriker. Manche Leute fanden es paradox, daß
ausgerechnet ein mit allen Wassern gewaschener Magier den Spiritisten den
Untergang geschworen hatte. Viele meinten, es treibe ihn nur Konkurrenzneid
und manischer Geltungsdrang. Den einen erschien er als messianischer
»Tempelreiniger«, den andern als Satan persönlich. Nur wenige Eingeweihte
kannten den wahren Grund von Houdinis Spiritistenfresserei. Er hing mit dem
Tod seiner abgöttisch geliebten Muter zusammen, die Anfang der zwanziger
Jahre gestorben war. Fest überzeugt, daß es ein Fortleben nach dem Tode gebe,
hatte sie ihm auf dem Sterbebett versprochen, ihm aus dem Jenseits eine Botschaft
zu senden, ein Schlüsselwort, an dem er erkennen könne, daß sie es sei, die
zu ihm spreche. Kaum war seine Mutter beerdigt,
suchte Houdini ein Medium nach dem andern auf, in der Hoffnung, daß eines von
ihnen die erwartete Nachricht der Toten übermitteln werde, aber es gelang
offenbar nicht. Immer enttäuschter, immer wütender sah Houdini den Glauben
seiner Mutter — und vielleicht auch seinen eigenen — zunichte werden. Die
Einbildung, daß alle Bemühungen und Erfolge der Spiritisten Unsinn und
Täuschung seien, wurde für ihn zum Trauma, und so bekämpfte er, was er
glaubte, nicht erreichen zu können, die Kommunikation mit dem Jenseits, die
außersinnliche Wahrnehmung in Bausch und Bogen mit allen Mitteln. Aus dem
Paulus war ein Saulus geworden. Sein Verhalten war, wie sich erwies,
selbstzerstörerisch. Die Presse, die anfangs einmütig auf seiner Seite
gestanden und über jede angebliche Aufdeckung eines spiritistischen
Schwindels durch den großen Houdini ausführlich berichtet hatte, nahm den
blinden Eiferer nicht mehr ernst und wandte sich von ihm ab. Etwas
Schlimmeres kann einem Star bekanntlich nicht widerfahren. Das tragischste an
seiner Situation war jedoch, daß seine Mutter anscheinend ständig versuchte,
zu ihm durchzukommen. Aber er war nun schon so verbohrt, daß er solche Fakten
einfach nicht mehr zu akzeptieren bereit war. Es geschah etwas Peinliches und
Trostloses: In Atlantic City suchte Houdini Sir Arthur Conan Doyle und dessen
Gattin auf, die dort auf ihrer großen Vortragsreise durch die USA Station machten.
Man verabredete eine Privatseance mit Lady Jean Doyle als Medium — und
tatsächlich: Houdinis Mutter meldete sich. Zunächst war es nur eine vage,
kaum verständliche Botschaft, doch der Sohn zeigte sich tief bewegt —
jedenfalls für einen Augenblick. Als jedoch nicht sogleich das ersehnte
Schlüsselwort durchkam, überwältigte ihn wieder seine pathologische Aversion,
und er bezichtigte das Ehepaar Doyle des Betruges. Die Seance wurde
abgebrochen. Doyle, der, wie wir schon gehört
haben, von Haus aus Arzt und Psychologe war, diagnostizierte Houdinis Trauma
als einen schweren klinischen Fall, ohne ihm freilich helfen zu können.
Niemand konnte ihm mehr helfen. Den letzten Befund über seinen geistigen
Zustand lieferten ausgerechnet einige der namhaftesten Parapsychologen dieser
Zeit, von denen einer im Hauptberuf Mediziner war: Dr. L.R.G. Crandon,
Professor an der Harvard Medical School. Man hatte den Leichtsinn begangen,
Houdini auf seinen eigenen Antrag als Mitglied eines Untersuchungsgremiums
zuzulassen, das die medialen Fähigkeiten von Mrs. Margery Crandon, der Frau
des Harvard-Professors, testen sollte. Noch vor Beginn der Seance sagte
Houdini Betrug voraus und dehnte diesen Vorwurf auf alle anwesenden
Wissenschaftler — unter denen sich auch der berühmte Gardner Murphy von der
Columbia-Universität befand — aus. Es kam zu einem Skandal mit öffentlichen
Erklärungen, die Houdini vollends unglaubwürdig machten. Ich muß hier einfügen, daß ich selbst
Houdini nie begegnet bin. Zum Glück war er nie in einer meiner Seancen
aufgetaucht. Ich habe die Vorgeschichte zu meiner persönlichen Erfahrung mit
ihm — das heißt zu meiner Erfahrung mit dem jenseitigen Houdini — also nur
aus zweiter Hand wiedergegeben. Keineswegs möchte ich sein ganz enormes
Können als Magier in Zweifel ziehen. Andererseits wird man sicherlich
verstehen, daß ich eingedenk dessen, was er so vielen meiner Kollegen angetan
hatte, nicht gerade begeistert war, als ich am 8. Februar 1928 nach
Beendigung einer Seance erfuhr, Houdinis Mutter habe sich durch Fletcher
gemeldet und eine deutliche Botschaft für die Witwe ihres Sohnes
durchgegeben. Das eine Wort FORGIVE (»Vergib«). Zwei Jahre zuvor war Houdini
gestorben, und in keinem Nachruf hatte der Hinweis gefehlt, daß der Magier
als letztes Vermächtnis seinen Erzfeinden, den Spiritisten, noch eine Chance
gegeben habe. Er hatte mit seiner Frau vereinbart, daß er, sofern dies
entgegen seiner Überzeugung möglich sein sollte, von »drüben« mit ihr in
Verbindung treten werde. Als Erkennungszeichen wollte er zehn Wörter in einem
komplizierten privaten Code senden, den das Ehepaar oft zur geheimen
Verständigung während magischer Vorführungen benutzt hatte, der also nur
ihnen beiden bekannt und nur von ihnen zu dechiffrieren war. Wir Medien hatten diese Meldung wohl
alle mit müdem Lächeln zur Kenntnis genommen. Man soll über Tote nichts Böses
sagen, aber die meisten hatten nicht die geringste Lust, noch einmal mit ihm
zu tun zu bekommen, selbst vom Jenseits her nicht. Der »Fall Houdini« war für
sie abgeschlossen — für mich allerdings noch nicht, wie es sich nun zeigte. Nur widerwillig ließ ich mir von
meinem Freund Francis Fast, der bei der fraglichen Seance Protokoll geführt
hatte, berichten: Fletcher: Hier ist eine alte Dame, die
ich zuvor noch nie gesehen habe. Sie will unbedingt etwas sagen. Sie stellt
sich als Mutter von einem Erich Weiß alias Houdini vor. Scheint jemand sehr
Interessantes gewesen zu sein. Sie läßt folgendes sagen: »Viele Jahre hat
mein Sohn darauf gewartet, daß ich ihm ein bestimmtes Wort von hier sende. Er
hatte mir versprochen: "Wenn ich dieses Wort empfange, werde ich dir
glauben." Nun endlich ist die Situation so, daß ich das Wort durchgeben
kann. Fragen Sie seine Witwe, Mrs. Beatrice Houdini, ob das Wort nicht
FORGIVE sei. Erst jetzt, da mein Sohn bei mir ist, kann ich es senden. Ich
bin sehr froh darüber. Es hängt von der Reaktion der Hinterbliebenen ab, ob
auch Erich imstande sein wird, seine Botschaft zu senden. Geben Sie das bitte
an Mrs. Houdini weiter. Sie wird sagen, ob es das vereinbarte Schlüsselwort
ist.« — Sie geht jetzt, und sie sagte noch, daß nun, nachdem diese Botschaft
durchgekommen ist, der Weg frei ist für andere. Ich muß gestehen, daß mir die ganze
Angelegenheit nicht gefiel. Ungezählte Medien hatten Mrs. Houdini schon
Botschaften übermittelt, und sie hatte allesamt als »Nonsense« erklärt, und
zwar gegenüber der Presse! Nein, dieses heiße Eisen wollte ich nicht
anpacken. Francis aber wollte meine strikte Ablehnung, mit Mrs. Houdini
Kontakt aufzunehmen, nicht gelten lassen. Wir diskutierten lange darüber, ob
es meine Pflicht sei, Botschaften weiterzugeben, ob man von den
Seanceteilnehmern erwarten oder gar verlangen könnte, daß sie »dichthielten«,
ob man Fletcher noch einmal zu Rate ziehen sollte ... Warum hatte sich
Houdinis Mutter ausgerechnet Fletcher ausgesucht? Welchen Sinn hatte die
Botschaft jetzt noch, da doch offenbar Mutter und Sohn im Jenseits
miteinander vereint waren? Interessante Fragen — aber sie halfen das Problem
nicht lösen. Ich war nur der »Agent«, eine für die Weiterleitung von
Nachrichten zuständige Instanz, so ähnlich wie die Post und das
Telegrafenamt, und genausowenig wie einen Briefträger hatten mich die
Hintergründe einer Nachricht zu beschäftigen oder gar daran zu hindern, die
Botschaft abzuliefern. Infolgedessen mußte ich geschehen lassen, daß Mrs.
Houdini eine Abschrift des Protokolls erhielt. Ein paar Tage später las ich in der
Zeitung eine öffentliche Erklärung von Mrs. Houdini und erhielt einen Brief
von ihr, der im wesentlichen mit dem Pressetext übereinstimmte. Sie schrieb: Mein lieber Mister Ford, … In der Tat ist FORGIVE das Wort seiner Mutter, auf das Houdini all die
Jahre so sehnlich gewartet hat. Hätte er es zu seinen Lebzeiten erhalten, ich
bin sicher, es hätte sein ganzes Schicksal geändert — doch es kam zu spät ...
Ich kann Ihnen also sagen, daß die von Ihnen überbrachte Botschaft von all
den Tausenden, die ich schon empfangen habe, die erste ist, die ich als die
wahre akzeptiere. Nur mein Mann, seine Mutter und ich haben dieses
Schlüsselwort gekannt. Nun, man kann sich vorstellen, daß
ich froh war, bei den gestrengen Houdinis gut abgeschnitten zu haben und bei
der Presse natürlich auch. Insgeheim befürchtete ich jedoch, daß die
Sensationsmeldungen der Zeitungen gewisse Pseudo-Medien veranlassen könnten,
abenteuerliche Houdini-Stories zu produzieren. Doch nichts dergleichen
geschah. Auch aus dem Jenseits hörte ich in den nächsten Monaten nichts von
den Houdinis. Dann aber meldete sich der große Magier persönlich bei mir. Es
war in New York im November 1928. Gleich der erste, der sich in der
Seance durch Fletcher kundtat, war Houdini, und er gab das erste Wort seines
Codetextes durch. Wie in seiner Rolle als Zauberkünstler auf der Bühne des
Lebens machte er es auch jetzt spannend. Er übermittelte in jeder der
nächsten acht Seancen, die sich über einen Zeitraum von anderthalb Monaten
erstreckten, nie mehr als höchstens zwei Wörter. Von der zweiten Sitzung an
war ein leitender Redakteur der Zeitschrift Scientific American anwesend, der
dann einen minuziösen Bericht über die ganze Serie schrieb. An vier Sitzungen
nahmen zwei Ärzte teil, Dr. John Tanner aus New York und Hamilton Emmons aus
England. Sämtliche Durchgaben wurden mitstenographiert. Die Houdini-Kommunikation kostete
alle Beteiligten ungewöhnlich große Anstrengungen. Man kann wohl sagen, daß
es die strapaziöseste Seanceserie meines Lebens war. Das hing
selbstverständlich damit zusammen, daß sie auch Fletcher und Houdini
ungeheuer zu schaffen machte. Der Magier hatte Mühe, die einzelnen Codewörter
zu bilden und ihre sinngebende Reihenfolge festzulegen, das heißt, seinen
Klartext zu chiffrieren. Fletcher mußte sich minutenlang mit aller Kraft auf
die einzelnen zusammenhanglosen und für jeden außer Houdini sinnlosen Wörter
konzentrieren, bevor er sie weitergeben konnte, und ständig hatte er Angst,
daß die Protokollanten irgend etwas zu notieren vergessen könnten, was dann
womöglich unwiederbringlich verloren war. »Das erste Wort lautet ROSABELLE«,
buchstabierte Fletcher nach langem Zögern, »und es erschließt alle übrigen
Wörter.« Vierzehn Tage später kam ein zweites Wort hinzu: ANSWER. Die
nächsten Wörter kamen nicht in der richtigen Reihenfolge an. In der dritten
Sitzung sagte Fletcher: »Hier ist eine alte Dame, mit der ich vor längerer
Zeit schon einmal gesprochen habe. Sie gibt mir das Wort LOOK bekannt. Es ist
das sechste Wort des Codetextes.« Die Anwesenden vermuteten ganz richtig, daß
es sich um Houdinis Mutter handelte. In einer weiteren Seance, als uns
mittlerweile schon die Wörter ROSABELLE, ANSWER, LOOK, PRAY und TELL bekannt
waren, fing Houdini plötzlich an, die gleichen Wörter und neue französische
durchzugeben, als wolle er es damit Fletcher, dessen Muttersprache ja
Französisch war, leichter machen. In Wirklichkeit verwirrte er ihn jedoch
nur. Wie zum Trost für Fletchers und meine geistigen Strapazen erfuhren wir
dann in der letzten Seance dieser Serie, daß Houdini selbst drei Monate
gebraucht hatte, um den Code zu rekonstruieren, und daß er es ohne die Hilfe seiner
Mutter nie geschafft hätte. Fletcher sagte: »Unser Mann hier
sagt, das letzte Wort sei wieder TELL. "Es müssen jetzt insgesamt zehn
Wörter sein. Geht sie bitte noch einmal durch."« Der Protokollant wiederholte laut und
deutlich alle zehn Wörter: ROSABELLE ANSWER TELL PRAY ANSWER LOOK TELL ANSWER
ANSWER TELL Houdini bestätigte durch Fletcher die
Richtigkeit der Wörter und ihrer Reihenfolge. »Das war eine harte Arbeit für
uns alle«, sagte er. »Aber jetzt ist es überstanden. Nun werde ich Fletcher
erklären, was mit dem Text weiter geschehen soll.« Fletcher meldete sich nach einer
Weile wieder und bat um genaue Zeitangabe. Es war 21 Uhr 23. Das sollte der
Protokollant festhalten, ebenso das folgende, und zwar alles ausgeschrieben,
nicht in Stenographie. Houdini wünschte, daß mir, im Trancezustand, der Puls
gemessen werde, und der Protokollführer trug ein: 63 in der Minute. Dann
sollte er die Namen aller Anwesenden notieren, und sie alle sollten die für
Mrs. Beatrice Houdini bestimmte Botschaft eigenhändig unterschreiben.
Wörtlich sagte Houdini: Geben Sie diesen Text meiner Frau. Sie soll den Codetext nach dem System
dechiffrieren, das nur sie und ich kennen und das wir vor meinem Abschied
immer wieder genau durchgesprochen haben. Wenn sie den Sinn der Nachricht
erfaßt hat, möge sie es der Öffentlichkeit bekanntgeben. Es wird sich ein
wahrer Sturm erheben. Man wird sie des Betruges bezichtigen, und man wird
versuchen, sie unmöglich zu machen, aber sie soll keine Angst haben. Und ich
weiß, sie ist standhaft genug, den Pakt nicht zu brechen, den wir vor meinem
Tod eingegangen sind. Ich bin überzeugt, sie wird glücklich sein, von mir zu
hören, denn wir beide haben nie geglaubt, daß es möglich sein könnte. Und
sagen Sie ihr, nach der Entzifferung des Textes möge sie einen Tag, möglichst
in allernächster Zeit, nennen, an dem sie selbst an einer Seance teilnehmen
kann. Sie soll mir dann ein paar Fragen beantworten, damit ich weiß, ob sie
mich verstanden hat. Dann werde ich den Code entschlüsseln und die
eigentliche Botschaft nennen, die ich ihr senden will. Für diesmal will ich
nicht mehr sagen. Kein Wunder, daß alle, die das
hörten, etwas verwirrt waren. Komplizierter ging es wirklich nicht. Aber was
blieb uns anderes übrig, als genau nach Houdinis Anweisungen zu verfahren?! Am folgenden Tag begab sich Mr. Fast
und Mr. John W. Stafford, Mitherausgeber des Scientific American, in die
Payson Avenue 67 zu der ihnen bis dahin unbekannten Mrs. Houdini. Sie las das
Protokoll und den Codetext aufmerksam durch und sah dann die beiden Herren
mit großer Bewegung an. »Es ist alles richtig«, sagte sie — und nachdem sie
einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte sie lächelnd: »Sagte er
"Rosabelle"?« Sie konnte es nicht mehr erwarten,
mit ihrem Mann zu sprechen, und da sie nach einem Sturz in der
vorangegangenen Woche noch nicht wieder laufen konnte, bat sie die Besucher,
Mr. Ford und ein paar Gäste als Zeugen schon anderntags zu ihr zu bringen. An der Seance in Mrs. Houdinis
Wohnung nahmen sieben Personen teil. Außer der Gastgeberin und mir waren drei
Herren meiner Houdini-Experimentiergruppe anwesend und zwei persönliche
Bekannte von Mrs. Houdini. Kaum war ich in Trance, meldete sich Fletcher: »Derselbe Herr wie neulich abend ist
hier und bittet mich zu sagen: "Hallo, mein Schatz." Er wird heute
den Codetext dechiffrieren, aber zuvor soll Bess ihm sagen, ob sie soweit
alles verstanden hat.« Mrs. Houdini sagte: »Ja, alles!« Fletcher darauf: »Er lächelt beruhigt
und sagt, nun könne er fortfahren. Er bittet Bess, ihren Trauring abzuziehen
und ihm zu sagen, was "Rosabelle" bedeute.« Mrs. Houdini streifte den Ring ab,
hielt ihn vor sich und sang leise: Rosabelle,
sweet Rosabelle, I love you
more than I can tell; O‘er me you
cast a spelt, I love you,
my Rosabelle! Als sie geendet hatte, sagte
Fletcher: »"Ich danke dir, mein Schatz", läßt er Bess ausrichten.
"Weißt du noch: Dieses Lied sangst du vor vielen Jahren in unsrer ersten
gemeinsamen Show."« Mrs. Houdini vermochte vor
Ergriffenheit nur zu nicken. »Und jetzt«, ließ sich Fletcher
wieder vernehmen, »möchte er etwas von Bess wissen, was ihm außer ihr kein
anderer Mensch auf der Welt sagen kann. Er macht eine Geste, als ziehe er
umständlich einen Vorhang auf. Sie sollen ihm sagen, was er damit meint.« Mrs. Houdini antwortete, ohne
überlegen zu müssen, auf Französisch: »Je tire le rideau comme ca.« (»So
ziehe ich den Vorhang auf.«) Es handelte sich offenbar wieder um
eine Erinnerung an einen gemeinsamen Auftritt in ihrer Frühzeit. Nun endlich
sah Houdini bestätigt, daß tatsächlich eine Verbindung zwischen ihm und
seiner Frau zustande gekommen war, und zögerte nicht länger, uns die
eigentliche Botschaft zu entschlüsseln. Er erklärte: »Der eigentliche Codetext beginnt mit
dem Wort nach ROSABELLE und umfaßt neun Wörter. Das zweite Wort heißt ANSWER;
der zweite Buchstabe im Alphabet ist 8. Das nächste Wort ist TELL; der dritte
Buchstabe nach 8 ist E. Damit haben wir die erste Silbe: BE …« Das war aber erst der Anfang. Die
Dechiffrierung wurde nun für den Nichteingeweihten immer komplizierter —
besser gesagt: es wurde immer höhere Mathematik —‚ und es genügt an dieser
Stelle vielleicht, wenn ich darauf verweise, wo man die exakte vollständige
Aufschlüsselung nachlesen kann,23 und nun gleich zum Endergebnis
komme. Houdini sagte abschließend: Die Botschaft, die ich meiner Frau senden wollte, lautet: ROSABELLE
BELIEVE! (»Rosabelle, glaube!«) Ich habe, als ich noch bei euch war, alles drangesetzt, zu beweisen, daß
ein Fortleben nach dem Tode nicht möglich sei. Ich weiß jetzt, daß ich
unrecht hatte, und würde das, was ich getan habe, gern ungeschehen machen.
Sagt allen, die durch meine Schuld ihren Glauben an das Jenseits verloren
haben, von dieser Botschaft. Gebt sie der ganzen Welt weiter. Die Botschaft wurde tatsächlich der
ganzen Welt weitergegeben, denn Zeitungen in aller Welt berichteten darüber.
Aber Houdini hatte auch mit seiner Prophezeiung recht, daß sich ein Sturm
erheben würde. Es ließ sich nicht feststellen, wer mit den Verleumdungen
begonnen hatte, doch sie wurden von vielen Seiten aufgegriffen und nicht nur
unüberprüft wiederholt, sondern sogar noch verschärft. Es hieß zum Beispiel,
Mrs. Houdini habe den Codeschlüssel an einen vermögenden Spiritisten
verkauft, der ihn dann mir zugespielt habe. Das war natürlich absurd. Mrs.
Houdini war weder in Geldnot noch hatte sie irgendein Interesse, gemeinsame
Sache mit jenen Spiritisten zu machen, die ihr Mann und auch sie so
leidenschaftlich bekämpft hatten. Es gab auch keine dritte Person, die aus
früheren Zeiten der Zusammenarbeit mit Houdini den Code gekannt und mir
verkauft hätte; und wäre es so gewesen, dann hätten mir noch immer die
Identifizierungsfragen Houdinis gefehlt. Und hätte ich diese wiederum mit
Mrs. Houdini vorbesprochen oder ihr gar abgekauft, dann allerdings hätte ich
gern noch ein paar Dollar draufgelegt für das Zugeständnis, den Code für
meinen »Gebrauch« und mit Rücksicht auf mein Publikum etwas vereinfachen zu
dürfen. Denn ich bin nun einmal kein guter Mathematiker. Es gab glücklicherweise jedoch auch
Presseleute, die für die Integrität aller an der »Houdini-Affäre« beteiligten
Persönlichkeiten einstanden und die haarsträubenden Behauptungen durch
einfache Überlegungen des gesunden Menschenverstandes ad absurdum führten. Es
wurden eidesstattliche Erklärungen von Mrs. Houdini, Mr. Stafford vom
Scientific American und Mr. Zander von United Press veröffentlicht, aber es
schien, als spuke der alte, der irdische Houdini noch in allzu vielen Köpfen
und gönne dem neuen, jenseitigen keine Daseinsberechtigung unter uns.
»Believe!« erwies sich wieder einmal als eine für viele Menschen unseres
materialistischen Jahrhunderts unerträgliche Zumutung. Ein Ökologe, mit dem ich befreundet
bin, sagte mir einmal, sehr beunruhigt über die Zerstörung unserer
natürlichen Umwelt: »Es gibt nur eins, was uns hindert,
saubere Luft, reines Trinkwasser und unverseuchte Nahrungsmittel zu erhalten
— das Unvermögen, daran zu glauben, daß das überhaupt möglich ist. Im
Augenblick, da wir sicher sind, daß eine solche "heile Welt"
wiederherstellbar ist und daß es sich rentiert, sie wiederherzustellen,
werden wir sie schnellstens schaffen.« Ich denke mir, daß ein ähnliches
Unvermögen für unsere Unfähigkeit verantwortlich sein müsse, die Furcht vor
dem Tode und einem schrecklichen oder zumindest sehr ungewissen »Danach« zu
überwinden. Angesichts eines dem Menschen scheinbar angeborenen konsequenten
Nichtglaubenwollens ist das Angebot von Beweisen eigentlich müßig. Sie würden
nicht einmal beachtet werden. Der Mensch will es offenbar gar nicht
anders. Er zieht es vor, sich zu fürchten und Katastrophen auf sich zukommen
zu sehen, ob es nun ökologische sind oder eschatologische. Eine Tragödie ist
nun einmal spannender zu verfolgen, als eine Heilsgeschichte, zumindest,
solange es andere betrifft. Die anderen, das sind jährlich 50 Millionen. So
hoch liegt zur Zeit die Sterberate der Menschheit. Höchstens jedem
Hunderttausendsten ist bewußt, daß er weiterleben wird: nicht in der Hölle,
nicht im Himmel, sondern in der Bewußtseinsebene der Jenseitigen. Da dies gewiß vielen meiner Leser
»nicht ins Gehirn will«, möchte ich fragen: Was ist das Gehirn? Diese Frage hat noch keine Antwort
gefunden, die alle Autoritäten befriedigt hätte, obgleich sie
anerkanntermaßen eine der wichtigsten ist, die jemals von Menschen gestellt
wurde und dementsprechend die klügsten Köpfe aller Zeiten beschäftigt hat.
Ist das Gehirn, wie manche sagen, ein Sekretionsorgan, das Bewußtsein
produziert, so wie die Leber Galle? In diesem Fall würde, ebenso wie eine
tote Leber keine Galle mehr produziert, das Bewußtsein enden, wenn das Gehirn
seine Funktion einstellt. Oder ist es, wie andere Gelehrte behaupten, ein
Organ, das eher mit der Lunge verglichen werden kann und von einer
allumfassenden Bewußtheit ständig jenes Quantum an Bewußtsein bezieht, das
eine Psyche zu ihrer Erhaltung benötigt —‚ so wie die Lunge aus der
Atmosphäre genau jenes Maß an Sauerstoff bezieht, welches der Körper in jedem
Augenblick benötigt? Über diese beiden Alternativen hat
man sich nie einig werden können. Technologisch denkende Wissenschaftler
sehen sich genauso wie der Mann auf der Straße dermaßen in rationelle,
profitbringende Tätigkeit eingespannt, daß sie nicht gewillt sind, Vorgänge
zu untersuchen, die dazu angetan sind, das mechanistische Universum und die
»Leber-Theorie« des Gehirns in Frage zu stellen. Kosmologisch denkende
Wissenschaftler hingegen finden das Beweismaterial für das geistige Universum
und die »Lungen-Theorie« des Gehirns so überwältigend, daß sie zu ihrer
Überzeugung stehen, obgleich das derzeitige materialistisch-wissenschaftliche
Regime ihnen kaum Möglichkeit gibt, sich Gehör zu verschaffen, und sie, wo
immer sich die Gelegenheit bietet, mit Verachtung bestraft. Die Wichtigkeit dieser Streitfrage
ist allen klar. Wenn menschliche Personalität mit dem Aufhören der
Hirntätigkeit enden sollte, wäre die Spekulation über ein Fortleben
überflüssig. Wenn das Gehirn jedoch eine »Bewußtseinspumpe« ist, die einem
Organismus kleine Ströme kosmischer Wahrnehmung, die von einer schwachen,
aber wachsenden Bewußtseinseinheit genutzt und vertragen werden können,
einpumpt, würde ein Gehirn überflüssig werden, sobald die Psyche stark genug
geworden ist, um aus eigener Kraft fortbestehen zu können. Man braucht kein
Wasserversorgungssystem mit seinem komplizierten Arrangement von Pumpen und
Rohren, Ventilen und Hähnen, wenn man in einem breiten Wasserstrom schwimmt. Eine Anzahl überlegener Köpfe hat
erkannt, daß vom Begreifen der kosmischen Funktion des menschlichen Gehirns
die eigentliche Zukunft der Menschheit abhängt. In der mechanistischen
Auffassung von der Entstehung der Natur (da diese die momentane konventionelle
Weisheit darstellt und jedem Schulkind bekannt ist, dürfte eine Beschreibung
sich hier erübrigen) sehen sie einen verhängnisvollen Irrglauben, indem der
Mensch ständig und blindlings mit Atomen und Molekülen herumfummelt, bis er
schließlich mit ihnen in die Luft fliegt. Durch das kosmische Bewußtsein
dagegen sei der eigentliche Sinn von bisher unerklärten Aspekten des
menschlichen Bewußtseins erfaßbar und der fruchtbringender Neuanfang
wissenschaftlicher Forschung auf unendlich verbreiterter Basis möglich. Einer der mutigsten und gelehrtesten
Pioniere dieses neuen Denkens, der in Bereiche vorgedrungen ist, die später
eingehender von Freud, C.G.Jung, Dewey und anderen erforscht werden sollten,
war William James. Da es James war, der als erster jene Brücke des
Verständnisses errichtet hat, über die rationale Gewißheit und intuitiv
erahntes Geheimnis bequem und sogar ganz glücklich zueinanderzukommen und im
gleichen Weltkonzept zu koexistieren vermögen, müssen wir die Hauptpunkte
seiner Einsichten näher betrachten, bevor wir die allerjüngsten Erfahrungen
über das Leben nach dem Tode voll würdigen können. Enzyklopädien und Lehrbücher
bezeichnen William James als einen der vier Begründer der modernen
Psychologie, neben Wilhelm Wundt, John Dewey und Sigmund Freud. Jeder von
ihnen stützte sich auf das Werk der anderen: Wundt steuerte die Grundlagen
der experimentellen Techniken bei, die seitdem in der psychologischen
Forschung angewandt werden, James das Konzept des Studiums der menschlichen
Persönlichkeit in der Gesamtheit ihrer Funktionen, Freud die Prinzipien der
Psychoanalyse, Dewey das Konzept der geistigen Aktivität als Mittel zur
Lösung der aus direkter menschlicher Erfahrung erwachsenden Probleme. William James, nicht nur Psychologe,
sondern unbestritten einer der einflußreichsten Denker der amerikanischen
Wissenschaftsgeschichte, stammte aus einer wohlhabenden
schottisch-englisch-irischen Presbyterianerfamilie. Von seinem
hochgebildeten, aber ruhelosen Vater erbte er — wie auch sein ein Jahr
jüngerer Bruder, der Schriftsteller Henry James, einer der Bahnbrecher der
modernen Romantechnik — die Vielseitigkeit seiner Begabungen und Interessen,
aber auch die Unrast. Nach Schulbesuchen in New York, Frankreich und der
Schweiz trat er zunächst in das theologische Seminar von Princeton ein, wo er
alsbald eine wütende Aversion gegen »organisierte Religion« entwickelte.
Kurze Zeit widmete er sich dem Kunststudium, dann bezog er die
Harvard-Universität, um Medizin und Physiologie zu studieren, aber nach dem
Abschlußexamen wußte er immer noch nicht, was er anfangen sollte. Als
Assistent des in Cambridge lehrenden Schweizer Zoologen Louis Agassiz nahm er
an einer Expedition in das Amazonasgebiet teil, anschließend ging er nach
Deutschland, um Vorlesungen des berühmten Physikers Helmholtz zu hören. In
diesen ganzen Jahren und von Kindheit an war James häufig krank gewesen. Er
litt unter Depressionen und hatte mehrmals Selbstmordabsichten. Vielleicht
war es diese frühe Erfahrung, die sein großes Verständnis für unerforschte und
paranormale Vorgänge in Gehirn und Seele weckte. Schlagartig endete diese
Periode der Unausgeglichenheit, als er im Alter von achtundzwanzig Jahren das
Werk des französischen Philosophen Charles Renouvier für sich entdeckte,
dessen Lehre auf Kants »praktischen Postulaten« Freiheit, Gott und
Unsterblichkeit beruhte. Das entscheidende Kennzeichen des menschlichen
Charakters ist nicht sein Automatismus, hatte Renouvier erkannt, sondern sein
unstillbarer Drang nach immer größerer Gedanken- und Handlungsfreiheit durch
den Gebrauch jener Fähigkeit, die von allen Kreaturen nur er besitzt: des
freien Willens. Für den jungen William James war das wie eine Offenbarung.
»Mein erster Akt des freien Willens«, so schrieb er, »wird es sein, an den
freien Willen zu glauben«. Dieser Entschluß befreite seine aufgestaute
schöpferische Kraft, und mit einer ungewöhnlichen Energie startete er seine
weit ausgreifenden Forschungen, die ihm bleibenden Ruhm einbringen sollten. 1872 wurde William James Instruktor
für Anatomie und Physiologie an der Harvard-Universität und vier Jahre später
Professor für Psychologie und Philosophie. Auf diesem Lehrstuhl wirkte er
einunddreißig Jahre lang als Verfechter eines antimaterialistischen
»radikalen Empirismus« und Begründer des Pragmatismus, der vorherrschenden
Schule der modernen amerikanischen Philosophie. Sein zweibändiges Hauptwerk,
"Prinzipien der Psychologie", das 1890 erschien, wurde von Natur-
und Geisteswissenschaftlern der ganzen Welt sogleich als der Meilenstein für
einen epochalen Neubeginn erkannt. Es löste die etablierten Schriften über
»Seelenkunde« ab und führte den funktionalen Gesichtspunkt in die Psychologie
ein. Eine Periode raschen Fortschritts im Verständnis der
Diesseits-Aktivitäten des menschlichen Geistes war die Folge. James ging
davon aus, daß die Wirklichkeit unfixierbar, vielgestaltig und fließend — mit
einem Wort: »pluralistisch« — sei, so daß das Individuum seine Erfahrungen
nur selbst machen und nie im voraus wissen könne, wohin sie ihn führen. Auch
das die Wirklichkeit empfindende Bewußtsein dachte er nicht als statische
Funktion des Gehirnapparats, sondern als fließenden Strom. Nie hat James die Tatsache
abgestritten, daß ein großer Teil der menschlichen Aktivität aus einfachen
Automatismen besteht. Gleichzeitig ist sein Funktionalismus jedoch auch das
Fundament seiner Überzeugung, daß das menschliche Bewußtsein viel mehr ist
als ein Netzwerk von Stimulus-Reaktions-Zyklen. Seine direkte Beobachtung
geistigen und körperlichen Verhaltens überzeugte ihn, daß ein gründliches
Verstehen der »Maschine Mensch« eine Voraussetzung für das Verständnis des
»Phänomens Mensch« in seiner Gesamtheit sei. Seine Studien über geistigen
Funktionalismus erledigten viele falsche Vorstellungen über Gott und
Unsterblichkeit und führten ihn zu der Entdeckung höherer Funktionen im
Menschen, die von keiner der erdgebundenen mechanistischen Theorien erklärt
werden können. Von den vier Begründern der modernen Psychologie bekannten nur
James und Freud, daß sie sich der gewaltigen, widerhallenden Nebentöne
unserer Wahrnehmungen bewußt waren. Freud ist sich dieser »Begleitmusik« zu
spät in seinem Leben bewußt geworden, als daß sie noch irgendeinen Einfluß
auf die bereits florierende Schule seiner Psychoanalyse hätte haben können,
die seinen Namen trägt. James dagegen entdeckte die signifikanten
Variationsmöglichkeiten der Bewußtseinslage schon zu einem frühen Zeitpunkt
seiner Laufbahn. Er schrieb eingehend über die Phänomene, die sich unabhängig
von den Leitseilen mechanistischer Psychologie abspielen, und schuf die Basis
für eine sorgfältige Untersuchung dieser Vorgänge. Aus diesem Grunde müssen
wir, wenn wir beabsichtigen, die ganze Erlebniswirklichkeit und
Erfahrungsmöglichkeit des Menschen endlich in das Blickfeld
wissenschaftlicher Forschung zu bringen, zu dem von William James gelegten
Fundament und den Einsichten zurückkehren, die die späteren Freudianer so
offensichtlich übergingen. Es war für James Weg zur Philosophie
entscheidend, daß er mit seiner Auffassung, die durch religiöse Erfahrung aufbrechenden
Kräfte seien ebenso wirklich und wichtig wie die der sinnlichen Wahrnehmung
und der Natur, an die Grenzen der Psychologie, so wie sie damals betrieben
wurde, stieß. Sie konzentrierte sich ganz auf eine sorgfältige Erforschung
des Menschen, wie er ist, um ihm seine unmittelbaren psychischen Probleme
lösen zu helfen, und schloß die Erwägung des kosmischen Ursprungs der
Daseinsfunktion und der letzten Bestimmung des Menschen aus. Sie erhob die
Laboratoriumsanalyse und den Mythos der Objektivität zu einem anderen
Wahrnehmungsarten übergeordneten Rang, der nach James Meinung unverdient war.
So gab er die akademische Psychologie auf, weil sie ihm als eine »enge«
Wissenschaft erschien. Ihre grundlegenden Erkenntnisse übertrug er nun auf
die Philosophie, wo, wie er glaubte, die Suche nach der letzten Wahrheit
einen größeren Aktionsradius haben würde. Seine Methode, jegliches
philosophisches Wissen allein auf die unmittelbare menschliche Erfahrung zu
stützen, war die gleiche, die er schon in der Psychologie angewandt hatte.
Bei der Beschäftigung mit so gewaltigen Problemen wie der Existenz Gottes und
der Unsterblichkeit ging er nicht von Autoritäten, vorhandenen Theorien und
Argumentationen aus, sondern von dem, was lebendigen Menschen wirklich
passiert war. James legte sich nie übereilt fest. Es dauerte zehn Jahre — in
denen er nur vorsichtig formulierte Essays über seine Untersuchungen dieser
Fragen veröffentlichte —‚ bevor er die ersten Schlußfolgerungen wagte, und
selbst diese waren mit Vorbehalten gespickt, da ihm vieles noch unbestätigt
schien. Natürlich kann man bezweifeln, daß
seine Definition der Ewigkeit den Ansprüchen der zeitgenössischen
Geistlichkeit genügte. Aber er hielt es für einwandfrei erwiesen, daß es
rettende spirituelle Mächte gibt, mit denen man in »Krisensituationen«
Kontakt aufnehmen kann. Die Frage der Unsterblichkeit hingegen war durch die
inzwischen als Faktum anerkannte Möglichkeit der Telepathie, der
Gedankenübertragung, viel schwieriger und komplexer geworden. Um einen
Fortlebensbeweis zu erbringen, der auch den höchste Ansprüche stellenden
Skeptikern genügen könne (James sympathisierte voll und ganz mit ihnen und
legte ihre strengen Maßstäbe auch stets an seine eigenen Arbeiten an), würde
man Beweismaterial präsentieren müssen, das nicht mit irgendeiner denkbaren —
bewußten oder unbewußten — Form der Übertragung von Gedanken irgendwelcher
lebendiger menschlicher Wesen erklärt werden könnte. Immer wieder stieß er
auf Vorgänge, deren Erklärung durch die Telepathie-Hypothese weit absurder
schien, als eine Erklärung durch die logischere Fortlebens-Hypothese. Doch
solange die Telepathie-Hypothese überhaupt in Betracht gezogen werden konnte,
war das Problem des Lebens nach dem Tode für ihn nicht wissenschaftlich
geklärt. Eine Gelegenheit, über diese Fragen
und den Stand seiner diesbezüglichen Forschungsarbeit zu sprechen, bot sich
James, als er 1902 zu Vorlesungen an der Universität von Edinburgh eingeladen
wurde. Diese zwanzig Vorlesungen, die er in Buchform unter dem Titel
"Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit"
veröffentlichte, skizzieren die Grundlinien der Anschauung über das Leben
nach dem Tode, an der James für den Rest seines Lebens festhielt. In ihrer
zwingenden Verschmelzung der spirituellen und wissenschaftlichen Erfahrung
des Menschen sind sie unübertroffen. »Man erinnere sich«, schrieb Jacques
Barzun von der Columbia-Universität 1958 in einer Würdigung des Buches, »daß
James von der Psychologie zur Philosophie gelangt ist. Seine ideenreichen
Vorlesungen von 1902 sind bis zum heutigen Tage ein Markstein in der
Geschichte dieser Wissenschaft. Bevor er zur Psychologie kam, war James
Physiker und Arzt, so daß sein Fortschreiten vom Studium der Materie zum
Studium der religiösen Sehnsüchte des Menschen entscheidend von der
Naturwissenschaft, also von der in diesem Jahrhundert am meisten bewunderten
und aufschlußreichsten wissenschaftlichen Denkweise mitbestimmt wurde.« Irgendeine Stelle aus einem so
reichen und tiefschürfenden Werk wie "Die religiöse Erfahrung"
zitieren, bedeutet, das Verbrechen einer Entstellung oder Verstümmelung zu
riskieren. Trotzdem will ich das Risiko auf mich nehmen. Es handelt sich um
eine meiner Lieblingsstellen, eine Passage aus James Erörterung religiöser
Grundeinstellungen: »Es gibt einen nur religiösen
Menschen bekannten Gemütszustand, in welchem der Wille, sich selbst zu
behaupten und durchzusetzen, der Bereitschaft gewichen ist, zu schweigen und
ein Nichts in den Fluten und Wasserbächen Gottes zu sein. In dieser
Gemütsverfassung ist das, was wir am meisten fürchteten, für uns zur Erlösung
geworden, und die Stunde unseres moralischen Todes hat sich in die
Geburtsstunde unsrer Seele verwandelt. Die Zeit der Spannung in unserer Seele
ist vorüber; sie ist dem Zustand glücklicher Ruhe, tiefbefriedigten Aufatmens
und dem Gefühl der Ewigkeit gewichen, das keine Angst um eine drohende
Zukunft mehr kennt. Die Furcht wird nicht nur unterdrückt wie durch bloße
Moralität, nein, sie ist vollkommen getilgt und ausgerottet … Das religiöse
Gefühl ist also eine positive Erweiterung des Lebenskreises des Menschen. Es
verschafft ihm eine neue Machtsphäre … Wenn die Religion irgendeine besondere
Bedeutung für uns hat, so ist es, meines Erachtens, diese Erweiterung unserer
Gefühlswelt, diese enthusiastische Hochstimmung in solchen Fällen, da die
Moral allein höchstens ihr Haupt neigt und sich fügt. Sie sollte nichts
Geringeres bedeuten als dieses neue Reich der Freiheit, in dem es keinen
Kampf mehr gibt, wo die Musik der Sphären in unserem Ohr tönt und Güter der
Ewigkeit sich unseren Blicken darbieten.«24 Natürlich sind nicht alle
Ausführungen von James so lyrisch; er ist ja von Haus aus Anatom und
Laboratoriumspsychologe. Eine für ihn typischere Bemerkung findet sich in
seinen Harvard-Vorlesungen über Unsterblichkeit. Hier räumt er eindeutig ein,
daß Denken eine Hirnfunktion ist. Daß dieses in irgendeiner Weise mit der
Unsterblichkeitsthese kollidieren könne, verneint er: »Wenn auch unser
Bewußtsein, wie wir es jetzt verstehen, genaugenommen die Funktion eines
vergänglichen Gehirns sein mag, ist es doch keineswegs ausgeschlossen, daß
das Leben fortdauert, wenn das Gehirn selbst tot ist.« Er fährt fort zu
erklären, daß die Natur viele Beispiele einer produktiven Funktion, die mit
anderen Funktionen kombiniert ist, liefert: »Der Drücker einer Armbrust hat eine
auslösende Funktion. Er hebt das Hindernis auf, das die Sehne festhält, und
läßt den Bogen in seine ursprüngliche Form zurückschnellen ... Die Tasten
einer Orgel haben nur eine transmissive, also eine Weiterleitungsfunktion.
Die Töne der verschiedenen Pfeifen entstehen durch die hindurchstreichenden
schwingenden Luftsäulen. Aber die Luft wird nicht in der Orgel
hervorgebracht. Die Orgel selbst, im Unterschied zum "Windkasten",
ist nur ein Apparat, um die Luft durch diese bestimmten Formen in die Umwelt
hinauszusenden ... Wenn wir das Bewußtsein eine Funktion des Gehirns nennen,
so dürfen wir dabei nicht nur an die Funktion des Hervorbringens denken,
sondern müssen auch die des Auslösens und Durchlassens in Betracht ziehen.« James meinte, daß das Gehirn
möglicherweise wie ein Prisma wirken und Strahlen durchlassen bzw. brechen
könne. »Wie auch immer: Unsere Abhängigkeit vom Gehirn in diesem Leben würde
keineswegs ein unsterbliches Leben ausschließen.« Und an seine Zuhörer und
Leser gewandt: »Sie dürfen an Unsterblichkeit glauben, ob Sie nun von dieser
Erlaubnis Gebrauch machen wollen oder nicht.«25 Ich habe das immer
als Aufforderung betrachtet, die Intelligenz meines Gehirns lieber zur
Erweiterung meines Bewußtseins zu nutzen, statt die Möglichkeit einer solchen
Erweiterung auszuschließen. Seine endgültige Meinung über
Unsterblichkeitserfahrungen äußerte James in einem Artikel im American
Magazine im letzten Jahr vor seinem Tode. Er bezog sich darin auf einige der
Höhepunkte seiner fünfundzwanzig Jahre langen Erfahrung als Parapsychologe.
»Ich möchte vor allem die Alltäglichkeit dieser Phänomene belegen«, schrieb
er. »Ich werde immer wieder gefragt, was man von dieser oder jener
"außergewöhnlichen" Geschichte denken soll, denn die Irrtumsquellen
bei irgendwelchen Beobachtungen seien selten vollständig eruierbar. Aber
schwache Stengel machen starke Bündel, und wenn die Geschichten gewisse
Übereinstimmungen zeigen, die alle in eine bestimmte Richtung weisen, bekommt
man das sichere Gefühl dafür, zu erkennen, ob man in der unmittelbaren Nähe
von echten Phänomenen ist.« Er bestätigte das zweifelsfreie
Vorhandensein eines echten medialen Kommunikationsbedürfnisses. »Was
derartige reale und natürliche außersinnliche Phänomene betrifft, die von der
orthodoxen Wissenschaft ignoriert werden, bin ich durch sie nicht im
geringsten irritiert; ich bin völlig davon überzeugt, daß es sie gibt.«
Nichts in dieser endgültigen Erklärung deutet auf eine Änderung seines zehn
Jahre zuvor in der Religiösen Erfahrung vertretenen Standpunkts. James wies
vielmehr nochmals auf die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen
lebend-telepathischer und körperlos-spiritualistischer Kommunikation hin und
forderte zu intensivierter Forschung auf. »Es kommt vor allem darauf an,
Tatsachenbeweise beizubringen.« In diesem Zusammenhang nannte er die
diesbezüglich wichtigste Arbeit, die damals im Entstehen begriffen war: »Ich
habe den größten Respekt vor den geduldigen Bemühungen der Herren Myers,
Hodgson und Hyslop.« James H. Hyslop, der bereits erwähnte
Professor für Philosophie an der Columbia-Universität, war im Jahre 1906
maßgeblich an der Gründung der American Society for Psychical Research
beteiligt. Bis zu seinem Tode (1920) hat er unermüdlich dazu beigetragen, die
Techniken zur Erforschung außersinnlicher Vorgänge zu verbessern. Dr. Richard Hodgson, Mitglied der
British Society for Psychical Research (SPR), deren amerikanische Sektion er
bis zu seinem Tod (1905) leitete, war bekannt für seine rücksichtslose Bloßstellung
betrügerischer Machenschaften, seinen Skeptizismus und seine beharrliche
Forderung, daß zur Überzeugung der wissenschaftlichen Welt bei allem, was als
Faktum deklariert werden sollte, die peinlichste Sorgfalt angewandt werden
müsse. Die Forschungsergebnisse von Frederic
Myers, besonders seine Studien der Lebensbedingungen nach dem Tode, sind für
uns von so großer Wichtigkeit, daß sie ein Extrakapitel erfordern. Hier sei
nur gesagt, daß er Professor für klassische Philologie in Cambridge, Gründungsmitglied
und zeitweise Vorsitzender der Britischen Gesellschaft für Parapsychologie —
und nicht zuletzt ein brillanter Essayist und begabter Lyriker war. William James hätte bei seiner
Würdigung der Verdienste großer Parapsychologen seiner Zeit eigentlich auch
den Engländer Sir Oliver Lodge erwähnen müssen, doch galt er zu Anfang
unseres Jahrhunderts noch in erster Linie als Physiker und Mathematiker.
Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Radiologie und die Elektronentheorie. Zu
seinen wichtigsten Entdeckungen gehören ein Verfahren zur Bestimmung der
Wanderungsgeschwindigkeit gefärbter Ionen und die Erzeugung kurzer
elektrischer Schwingungen. Daraus mag man schon ersehen, daß wir es hier mit
einem Naturwissenschaftler reinsten Wassers zu tun haben. Und doch widmete er
die Hälfte seines langen Lebens auch der Erforschung außersinnlicher
Wahrnehmungen. Er ist der einzige unter den zu Weltruhm gelangten Nestoren
der Parapsychologie, den ich persönlich kannte und mit dem ich während meiner
Aufenthalte in England zusammengearbeitet habe. Er überlebte seine Kollegen
aus den Pionierjahren um viele Jahre und starb, neunundachtzig Jahre alt,
erst 1940. Als ich Sir Oliver 1927 kennenlernte,
war er ein rüstiger Siebziger und zeigte sich dem jungen, noch unbekannten
und schüchternen Medium gegenüber so höflich, so interessiert und skeptisch
zugleich, wie es nur eine souveräne Persönlichkeit vermag. Als
Naturwissenschaftler konnte er — trotz allem, was er selbst sozusagen am
eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren hatte — nicht aus seiner Haut
und witterte zunächst einmal Bluff, wenn er von neuen medialen Talenten
hörte. Als Aushängeschild der SPR mußte er in der Tat besonders vorsichtig
sein; denn es war ihm natürlich bekannt, daß Gegner dieser Institution keine
Gelegenheit ungenutzt ließen, sie in Verruf zu bringen. Es schien Lodge zu
amüsieren, daß man ihn »Präsident eines Vereins zur Beglaubigung von
Betrügereien« nannte, doch insgeheim leistete er, als sei er ein
Meisterschüler von Sherlock Holmes, regelrechte Detektivarbeit, um für die
zahlreichen umstrittenen Fälle von »Übersinnlichkeit« den Betrugs- oder
Wahrheitsbeweis zu erbringen. Er hatte bereits zwei theoretische
Werke über die Fortlebensfrage veröffentlicht — "Das Fortleben des
Menschen" und "Reason and Belief" ("Vernunft und
Glaube") —‚ als ihm auf diesem Gebiet unerwartet eine persönliche
Erfahrung zuteil wurde, von der die Öffentlichkeit mit großer Bewegung
Kenntnis nahm. Sein Sohn Raymond war als junger
britischer Offizier in Frankreich gefallen. Zu der Zeit arbeitete Sir Oliver
an seinen Fortlebensforschungen, die mittlerweile fast seine ganze Zeit in
Anspruch nahmen, noch anonym, das heißt, ohne daß die Medien, mit denen er
experimentierte, seinen wahren Namen kannten. Es waren insgesamt drei Medien:
Mrs. Katherine Kennedy, eine automatische Schreiberin, Mrs. Gladys Osborne
Leonard, die psychokinetisch begabt war, dabei hauptsächlich in Trance
arbeitete; und Mr. A. Vout Peters, ebenfalls ein Trancemedium. Zu dieser Zeit — ich komme noch
ausführlich darauf zurück — war es nicht ungewöhnlich, daß Lodges 1901
verstorbener SPR-Kollege, Frederic Myers, durch Medien Verbindung mit seinen
diesseitigen Freunden aufnahm. Die erste Vorankündigung von Raymonds Tod kam
in einer Mitteilung von Myers, die als »Faunus«-Botschaft bekannt wurde. Raymond Lodge fiel am 14. September
1915 im Alter von sechsundzwanzig Jahren. Am 8. August 1915 — also mehr als
einen Monat davor — wurde durch das berühmte amerikanische Medium Lenore
Piper in Greenfield, Massachusetts, eine kurze Botschaft von Myers an Lodge
notiert. Sie wurde im Rahmen des internationalen Korrespondentennetzes, das
die Parapsychologen aufgebaut hatten, sofort an Lodge gesandt. Nicht Myers
selbst, sondern sein Vermittler Dr. Hodgson sprach durch das Medium. Die Botschaft
lautete: »Nun, Lodge, obwohl wir nicht ganz im gleichen Zustand sind wie in
früheren Zeiten, ist es uns doch möglich, Nachrichten zu geben und zu
empfangen. Myers sagt, er sehe Sie in der Rolle des Dichters, und er wird als
Faunus agieren. Faunus! Verrall wird das verstehen.« Es war mittlerweile schon bekannt,
daß Myers, der im Diesseits ein hervorragender Kenner der klassischen Kultur
gewesen war, seine Botschaften oft in die Form von Anspielungen auf
griechische und lateinische Dichtung oder andere klassische Werke kleidete,
um seine Identität eindeutig zu beweisen. »Verrall« war Mrs. Arthur Verrall,
die Witwe eines angesehenen Professors für klassische Philosophie in
Cambridge und selber eine Expertin für antike Literatur. Sie erkannte und
deutete die Stelle sofort. In den Oden des Horaz gibt es eine Episode, in der
der Dichter von Faunus, dem Schutzgott der Poeten, vor einem umstürzenden
Baum bewahrt wird. Man entnahm daraus, daß Lodge durch einen Schicksalsschlag
bedroht war und daß Myers in der Rolle des Beschützers sein möglichstes tun
wollte, ihn davor zu bewahren. Am 25. September 1915, also elf Tage
nach Raymonds Tod, hielt Sir Olivers Gattin mit Mrs. Leonard eine
Tischrücken-Seance ab. Damals kannte das Medium die Identität der
Sitzungsveranstalterin noch nicht. Auch der Tod des Sohnes ihrer Partnerin
war Mrs. Leonard nicht bekannt. Es wurde daher nicht versucht, mit Raymond in
Verbindung zu treten. Nichtsdestoweniger kam die folgende Botschaft von ihm:
»Sag Vater, daß ich ein paar Freunde von ihm getroffen habe.« Mrs. Lodge
fragte, ob er irgendeinen Namen nennen könnte. Die Antwort lautete: »Ja,
Myers.« Zwei Tage darauf hatte Sir Oliver eine Trancesitzung mit dem gleichen
Medium. In dieser Seance verkündete Mrs. Leonards weiblicher Kontrollgeist
Feda, daß Raymond bei ihr sei. Sie sagte: »Er findet es schwierig hier, aber er
hat viele gute Freunde, die ihm helfen … Er weiß, daß er einen Haufen Arbeit
vor sich hat, sobald er sich ein wenig eingewöhnt hat. Er sagt, er bezweifle
fast, ob er jemals imstande sein werde, die Arbeit zu bewältigen, doch habe
man ihm versichert, daß er es schaffen würde. Er scheint zu wissen, welcher
Art die Arbeit ist … Zunächst wird er an der "Front" helfen müssen
… Er weiß, daß sie, wenn sie herüberkommen und aufwachen, immer noch Angst
haben … Manche wehren sich sogar noch, so daß viele gebraucht werden, die
erklären, helfen, beruhigen. Sie wissen nicht, wo sie sind und warum sie hier
sind. "Die Leute denken, ich sage bloß, ich sei glücklich, um sie
glücklicher zu machen, doch das trifft nicht zu. Ich habe unzählige Freunde
getroffen. Ich kenne sie nicht alle … sie sagen, sie wollten mir später
erklären, warum sie mir helfen." Er hat Ausbilder und Lehrer. Er zeigt
mir den Buchstaben M [Myers]: "Ich habe das Gefühl, jetzt zwei Väter zu
haben, meinen früheren und einen neuen …" Vor ein oder zwei Tagen wurde
ihm eine Last von der Seele genommen; er fühlt sich nun aufgeschlossener,
leichter und glücklicher. Zuerst war er recht verwirrt. Er konnte keine
Orientierung finden "Aber das dauerte nicht lange", sagt er,
"und ich denke, ich hatte viel Glück; man hat mir bald erklärt, wo ich
bin."« Am gleichen Tag hatte Mrs. Lodge eine
Trancesitzung mit Mr. Peters. Es kam folgende Botschaft: »Dieser Herr, der
Gedichte geschrieben hat — ich sehe den Buchstaben M —‚ hilft Ihrem Sohn,
sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.« Kurz darauf schnellte Peters in
seinem Stuhl hoch, schnalzte mit den Fingern und schrie fast: »Mein Gott! Wie
Vater jetzt wird sehen können! Viel besser als jemals zuvor.« Bei einem Tischrücken mit Mrs.
Leonard zwei Wochen später meldete sich Myers und bestätigte, daß die
»Faunus«-Botschaft ein Versprechen sein sollte, Raymond und seinen
Angehörigen während des Übergangsstadiums zu helfen. Zwei Tage später, am 29.
Oktober, hatte Lodge eine Sitzung mit Mr. Peters, in der Myers
»Beschützerrolle« gegenüber Raymond nochmals bestätigt wurde: »Die vernünftige Art, mit der Sie das
Thema in der Familie behandeln, hat Raymond geholfen, wieder zu sich zu
kommen … Es wäre sonst sehr viel schwieriger gewesen ... Er sagt: "F.M.
hat mir sehr geholfen, mehr als Sie ahnen" … Nun sagt er: "Um
Gottes willen, Vater, reiß den Damm nieder, den die Leute aufgerichtet haben.
Wenn du nur sehen könntest, was ich sehe: Hunderte von gebrochenen Männern
und Frauen. Wenn du nur die Jungen auf unserer Seite sehen könntest, die noch
ausgeschlossen sind, würdest du deine ganze Kraft dieser Aufgabe widmen"
... Ich soll Ihnen sagen, daß das Gefühl bei der Ankunft hier das einer
großen Enttäuschung war, er hatte keine Ahnung vom Tod. Das zweite war Trauer
…dies ist ein Stadium, in dem die Menschen die äußere Schale abwerfen — die
Schale der Konvention, der Gleichgültigkeit, wird zerschlagen, und jedermann
denkt nach, wenn auch einige recht selbstsüchtig.« Von jetzt an erholte sich Raymond
ganz allmählich wie von einem traumatischen Schock. Er war sich der
Möglichkeiten seiner Situation voll bewußt und begierig, sie zu nutzen.
Während der Sitzungen in dieser Erholungsperiode wurde die auf unserer Seite
häufig aufgeworfene Frage »Können Menschen im Jenseits schlafen?« wenigstens
zum Teil beantwortet. Raymond hatte einen jungen Mann namens Paul getroffen,
der ihm bei seinen Orientierungsbemühungen half. Der Bericht über ihre
Beziehung wurde in einer automatischen Niederschrift von Mrs. Kennedy
festgehalten: »Paul sagt mir, daß er seit seinem
siebzehnten Lebensjahr hier sei; er ist ein drolliger Kerl; jeder scheint ihn
gern zu haben … Es scheint hier die Regel zu sein, Paul zu rufen, wenn man
mal nicht weiter weiß.« Hier schaltet sich Paul selbst ein: »Raymond hat die
ganze Zeit seit der letzten Nacht geschlafen.« Paul erklärte dann, was
Raymond mit »Enttäuschung bei der Ankunft« gemeint hatte. Es sei die
allgemeine Enttäuschung Neuangekommener bei der Feststellung, wie schwierig
es sei, Freunden und Angehörigen beizubringen, daß sie noch lebten: »Die
Lebenden können es jedesmal kaum glauben, daß wir zu ihnen gesprochen haben.
Sie beharren darauf, daß es unmöglich sei … Die Lebenden glauben einfach, daß
ihre Lieben tot sind. Es ist schrecklich, immer wieder von den Jungen hier zu
hören, daß niemand mit ihnen spricht.« Bei einer anderen Sitzung während der
Erholungsperiode berichtete Feda, Mrs. Leonards Kontrollgeist: »Raymond hat
bis jetzt noch nicht völlig gelernt, sich hier "aufzubauen". Er
findet es immer noch schwierig, hat aber viele Freunde, die ihm helfen.« Mitte November, zwei Monate nach
seinem Tode, war Raymond im vollen Besitz seiner neuen Kräfte, fühlte sich in
seiner Umgebung zu Haus und war in der Lage, sie in Einzelheiten zu
schildern. Durch die Bewältigung der schwierigen Kommunikationsprobleme
seiner selbst viel sicherer geworden, gab er einen ganz persönlichen,
unreflektierten, impressionistischen Bericht darüber, wie die Dinge für ihn
aussahen und sich anfühlten, ohne zu analysieren, ob seine Welt völlig
geistig, quasi-körperlich, wirklich oder geträumt war, und auch ohne die
vielen anderen Fragen zu beachten, nach deren Beantwortung die Parapsychologen
lechzen. In einer Sitzung mit Mrs. Leonard erzählte er ihr einfach, was er
sah und empfand, und das Medium gab es an die Seanceteilnehmer weiter: »Dort, wo er ist, fühlt man nicht so
real wie hier. Wände erscheinen ihm durchsichtig. Das Schöne, das ihn mit
seiner neuen Umgebung aussöhnt, ist, daß die Dinge so fest und körperhaft
erscheinen … Die erste Person, die ihm begegnete, war sein Großvater. Und
dann kamen andere, von denen er zum Teil nur gehört hatte. Sie alle schienen
so körperlich zu sein, daß er kaum an sein Hinübergehen glauben konnte. Er
lebt in einem Haus — ein Haus aus Ziegeln —‚ und es gibt Bäume und Blumen,
und der Boden ist fest und kompakt … Die Nacht folgt dem Tag nicht, wie sie
es auf Erden tut. Manchmal scheint es dunkel zu werden, weil er es dunkel
haben möchte, aber die Zeitspanne zwischen Helligkeit und Dunkelheit ist
nicht immer gleich lang … "Was mich immer wieder beschäftigt", sagt
er, "ist, wie das alles gemacht ist, aus was es besteht. Bis jetzt habe
ich das nicht herausfinden können ... Eine Zeitlang glaubte ich, daß die
Bauten, Blumen und Bäume und der solide Boden Gedankengebilde seien — durch
Gedanken geformt; aber das ist es nicht, es ist mehr dran" … Seine
Hauptaufgabe ist, den armen Kerlen zu helfen, die — durch den Krieg — in die
Geisterwelt buchstäblich hineingeschossen werden.« Auf die Frage, ob Raymond in die
Zukunft sehen könne, kam die Antwort: »Manchmal glaube ich, daß ich das kann,
aber es ist nicht einfach, zu prophezeien. Nein, ich glaube nicht, daß ich
wirklich mehr weiß als im Leben.« Bei der nächsten Sitzung mit dem
gleichen Medium, nur ein paar Tage später, ging die Kombination von Erste-
und Dritte-Person-Berichterstattung kaum noch durcheinander, und Raymond kam
sogar deutlicher durch, wenn er in der ersten Person und für sich selbst
sprach: »Wenn ich zu euch komme, soll keine Trauer herrschen. Ich möchte
nicht das Gespenst sein, das auf einem Fest erscheint. Es darf keinen
einzigen Seufzer geben …« Nach seiner Kleidung befragt, sagte
Raymond: »Alles ist maschinell hergestellt. Können Sie sich mich in weißen
Gewändern vorstellen? Im Anfang wollte ich nichts davon wissen und wollte sie
nicht tragen. Es war wie mit einem, der unerwartet in ein Land mit heißem
Klima kommt — ich wußte ja nicht, wohin ich kam. Man beschließt, zuerst
vielleicht seine eigenen Sachen zu tragen, aber bald kleidet man sich wie die
andern, die hier wohnen. Es ist gestattet, bis zur Akklimatisierung irdische
Kleidung zu tragen. Man läßt uns gewähren; man zwingt niemanden. Ich glaube
nicht, daß ich die Jungen jemals dazu bringen kann, mich in weißen Gewändern
zu akzeptieren.« Bei einer späteren Sitzung sprach
Raymond über seinen neuen Körper: »Mein Körper ist dem vorigen sehr ähnlich.
Manchmal kneife ich mich selbst, um zu sehen, ob er wirklich ist, und er
ist‘s, aber es tut nicht so weh, wie wenn ich früher den fleischlichen Körper
kniff. Die anderen Organe scheinen nicht nach den gleichen Prinzipien zu
arbeiten wie vorher. Sie können also wohl nicht ganz die gleichen sein, wenn
es auch den Anschein hat. Ich kann mich irgendwie freier bewegen.« Dann wechselt der Dialog abrupt in
die dritte Person über: »Ja, er hat Wimpern und Augenbrauen wie im Leben und
eine Zunge und Zähne. Er hat jetzt einen neuen Zahn anstelle eines anderen,
der nicht ganz in Ordnung gewesen war … Er kannte einen Mann, der einen Arm
verloren hatte und jetzt einen neuen hat. Ja, er hat jetzt wieder zwei Arme.
Als er in der Astralsphäre anlangte, schien es zuerst noch, als ob ihm ein
Arm fehle; er war einfach unvollständig. Aber nach einer Weile wurde er immer
vollständiger, bis er einen neuen Arm hatte … Wenn jemand ganz zerschossen
und verstümmelt ist, dauert es einige Zeit, bis der Geist-Körper sich
vervollständigt und wieder komplett ist. Er sondert eine gewisse Menge einer
Substanz ab, die zweifellos ätherischer Natur ist, und diese muß wieder
verdichtet werden. Der Geist ist natürlich nicht zerschossen, aber er ist
doch irgendwie angegriffen … Körper sollten nicht mit Absicht verbrannt
werden. Wir haben manchmal schreckliche Scherereien mit Leuten, die zu
schnell nach dem Tod verbrannt worden sind … Man scheint sich gesagt zu
haben: "Schnell, schaff ihn aus dem Weg, da er nun einmal tot ist."
Das sollte man jedoch nicht vor Ablauf von sieben Tagen tun.« Dann: »Ich glaube nicht, daß Männer
und Frauen sich in der gleichen Weise wie auf Erden gegenüberstehen, obwohl
sie die gleichen Gefühle füreinander haben; aber sie bringen sie nicht auf
die gleiche Weise zum Ausdruck. Hier scheint es keine Geburten zu geben …« —
»Er hat jetzt nicht den Wunsch, zu essen, aber er sieht einige, die das tun.
Er sagt, daß sie irgend etwas bekommen, was ganz wie irdische Nahrung
aussieht. Kürzlich kam ein Bursche her, der durchaus eine Zigarre haben
wollte … Er hat insgesamt vier bekommen, aber jetzt sieht er keine mehr an.
Sie scheinen nicht mehr den gleichen Genuß zu bieten; so ganz allmählich
verlieren sich wohl solche Angewohnheiten. Aber wenn sie neu angekommen sind,
wollen sie alles mögliche haben. Einige wollen unbedingt Fleisch essen, andern
verlangt es nach Alkohol … Raymond kann die Sonne und die Sterne sehen, spürt
aber keine Hitze oder Kälte. Doch nicht, weil die Sonne hier ihre Wärme
verloren hat, sondern weil er nicht mehr denselben Körper hat, der
Temperaturunterschiede empfinden konnte. Wenn er in Kontakt mit der irdischen
Welt kommt und sich manifestiert, dann spürt er wieder ein bißchen Kälte oder
Wärme — zumindest wenn ein Medium anwesend ist —‚ nicht aber, wenn er einfach
nur "zum Herumschauen" kommt.« Menschen, die sehr an ihren vierbeinigen
Lieblingen hängen, wird es interessieren, zu erfahren, daß Raymond auch einen
Hund gesehen hat augenscheinlich das gleiche Tier, eine Hündin namens Curly,
von dem einige Jahre zuvor durch ein anderes Medium Myers gesprochen hatte. Feda: »Raymond hat keine Löwen und
Tiger, aber Pferde, Katzen, Hunde und Vögel zu sehen bekommen ... Er sagt, er
habe schon soviel gesehen, doch sei es ihm noch nicht möglich, es durch ein
Medium in Worte zu fassen. Ihm ist jetzt alles so klar, was auf Erden geschieht.
Er denkt oft, daß er jetzt schwerelos durchs Leben fliegen könnte, wenn es
möglich wäre, ganz zurückzukehren.« Aber dann, als wollte er Feda
korrigieren, schaltete Raymond sich wieder selber ein und sagte: »Werdet ihr
es wohl sehr egoistisch finden, wenn ich gestehe, daß ich gar nicht mehr
zurück möchte? — Ich würde dies hier für nichts in der Welt mehr aufgeben
wollen.« Von da an, nach Erwähnung von
»Hunderten von Dingen, über die ich euch immer gerade dann erzählen möchte,
wenn ich vom Medium weit entfernt bin und keine Verbindung zu bekommen ist«,
konzentrierte sich Raymond darauf, durch Kenntnisse gewisser Umstände,
familiärer Angelegenheiten, von denen nur er wissen konnte, zu beweisen, daß
das sich mitteilende Wesen tatsächlich Raymond Lodge war. Danach ließen die
Eindringlichkeit der Informationen und ihr Gehalt allmählich nach, wie das
schon in so vielen Fällen geschehen ist. Man hat fast den Eindruck, daß
Raymond seine Rolle des pflichtbewußten Sohnes, der seinem Vater bei der
Forschungsarbeit hilft, leid geworden war und sich fortan nur noch um seine
eigenen Angelegenheiten kümmern wollte. Als er sich das letztemal meldete,
machte Raymond noch die nicht nur in literarischer Hinsicht interessante
Beobachtung, daß in seiner, Sphäre bereits Buchtexte vorbereitet worden sind,
die nur auf eine Gelegenheit warten, dem Gedankenapparat kongenialer Autoren
eingegeben und auf Erden veröffentlicht zu werden. War vielleicht Sir Oliver selbst
einer dieser auserwählten »kongenialen Autoren« und Raymonds Bericht von
höherer Warte zur Veröffentlichung in unserer Welt vorherbestimmt? So wollen wir nicht spekulieren. Fest
steht jedoch, daß Lodge im Dienste seiner Forschung und im Andenken an seinen
zeitweilig gewissermaßen wiedergekehrten Sohn 1916 ein aufsehenerregendes
Buch veröffentlichte. "Raymond, or Life and Death"26 —
so lautete der Titel — ist als der erste detaillierte Erfahrungsbericht der
modernen Zeit über den Hinübergang einer Seele in eine andere Sphäre und über
die dortigen Seinsprobleme in die Geschichte der Parapsychologie eingegangen.
(Die zuvor von mir zitierten Auszüge aus Raymonds Botschaften habe ich diesem
Buch entnommen.) Lodge wäre jedoch nicht ein Naturforscher par excellence
gewesen, wenn ihn das bewegende, ja, schockierende Erlebnis einer
Verständigung mit dem im Krieg gefallenen Sohn nur emotional berührt hätte.
Sowohl er als auch seine gleichfalls als Parapsychologin wirkende Frau waren
sich der für den Fortschritt ihrer Wissenschaft unermeßlich großen Bedeutung
dieser Kommunikation bewußt und werteten sie dementsprechend ohne
Befangenheit, selbstkritisch und in Zusammenarbeit mit persönlich
unbeteiligten Forschern streng analytisch aus. Welche Wörter waren es, die
einwandfrei bewiesen, daß der Mitteilende Raymond war und kein anderer? Inwieweit
konnten die Kommunikationen durch telepathische, psychometrische oder andere
Einflüsse »infiziert« worden sein? Ist es möglich, daß Raymond in einigen
Fällen in einer Art halbschlafendem Traumzustand war und in anderen ganz
wach? Da Raymond kein geschulter Wissenschaftler war, mußten seine
Beschreibungen rein impressionistischer Natur sein. Welche wissenschaftlichen
Schlußfolgerungen über die Strukturen und die Energien der jenseitigen Welt
konnten aus seinen Eindrücken gezogen werden? Das Ergebnis der Untersuchung war
nicht nur die Bestätigung der Authentizität des »Raymond-Phänomens«, die
später von vielen Wissenschaftlern bekräftigt wurde. Vor allem ließen sich
einige bisher nur vage formulierte Hypothesen über das Leben nach dem Tode
nun präzisieren, und die gesamte Fortlebensforschung diesseits und jenseits
des Atlantiks empfing völlig neue Impulse. Fast alle Erfahrungen, die wir
seitdem dazugewonnen haben, werden noch immer an dem Buch Raymond gemessen
und mit Raymonds Aussagen verglichen. Lodge sah die sensationelle Wirkung
seines Buches voraus und wollte unbedingt verhindern, daß es in anfälligen
Gemütern gefährliche Verwirrung stiftet. Deshalb setzte er an den Schluß
einen »Rat für Hinterbliebene«, in dem es heißt: »Es könnte sich vielleicht die Frage
erheben, ob ich denn wohl allen Angehörigen verstorbener Personen empfehle,
soviel Zeit und Aufmerksamkeit auf die Herstellung von Kommunikationen und
deren Aufzeichnung zu wenden, wie ich es getan habe. Eine solche Empfehlung
werde ich ganz gewiß nicht geben. Es handelt sich um mein spezielles
Forschungsgebiet, und ein Wissenschaftler nimmt oft den Außenstehenden nahezu
unverständlich große Mühen auf sich. Ich empfehle den Menschen jedoch, sich
zu vergegenwärtigen, daß ihre Toten weiterhin aktiv, anteilnehmend und
glücklich sind — in gewissem Sinn lebendiger denn je.« Alle führenden Persönlichkeiten der
British Society for Psychical Research — Sidgwick, Gurney, Myers, Hodgson,
Lodge — setzten die Erforschung der außersinnlichen Wahrnehmungen nach ihrem
Tode von der anderen Sphäre aus fort. Sie erschienen häufig in Seancen mit
Beweismaterial, oder hilfreichen technischen Hinweisen. Von den Pionieren,
die William James erwähnte, hat jedoch nur Myers versucht, eine ausführliche
Beschreibung des unendlichen Universums jenseits des Erdenlebens zu geben.
Hodgson erteilte Aufschlüsse darüber, wie die Körperlosen in der Lage sind,
fähige Medien zu erkennen und sich ihrer zu bedienen. Hyslop gab einige
wichtige Hinweise auf die reale Struktur des Jenseits. Nach Meinung von Lodge verdanken wir
Hodgson Erkenntnisse von eminenter Bedeutung, ohne die die Parapsychologie in
dieser Richtung keine nennenswerten Fortschritte mehr hätte machen können. Er
klassifizierte die Methoden und möglichen Quellen der Trance-Kommunikation
und des automatischen Schreibens und bewies die Richtigkeit seiner Hypothese
durch Demonstrationen. Ferner lieferte er Material, das ein für allemal die
Annahme widerlegte, daß alle mediumistische Kommunikation auf der Fähigkeit
des Mediums beruhe, durch Telepathie Auskünfte aus dem Bewußtsein lebender
Personen zu beziehen. Diese Einschränkung der Telepathie-Theorie war eine
entscheidende Voraussetzung für die ernsthafte Diskussion der
Kommunikation-mit-Toten-Theorie. Wir alle besitzen außer unserem
physischen Körper einen mit ihm verbundenen ätherischen oder Astralleib.
Begabte Medien, sagte Dr. Hodgson, verfügen über gewisse Vorräte einer
besonderen Art von Energie oder Kraft, die den in ätherischen Regionen
Lebenden als »Licht« erscheinen. Mrs. Piper, das von William James entdeckte
und von Hodgson besonders genau studierte Medium, hatte zwei solcher
ätherischer Energiezentren, eins, das mit ihrem Kopf, und ein weiteres, das
mit ihrem rechten Arm und der Hand verbunden war. »Ich will indes nicht
behaupten«, betonte der vorsichtige Gelehrte, »daß ich imstande sei, diese
Erscheinung befriedigend zu erklären.« Die Wirksamkeit dieser Energiezentren
demonstrierte er in einer Sitzung, in der eine körperlose Person unter
Nutzung von Mrs. Pipers »Kopf-Kraft« verbal und eine zweite mittels Arm und
Hand des Mediums durch automatisches Schreiben sich, voneinander getrennt, in
zusammenhängenden Serien von Botschaften mitteilten. Hodgsons Angriff auf die
Alleingültigkeit der Telepathie-Theorie basierte unter anderem auf einer
sorgfältigen Zusammenstellung der immensen Fülle von Material, das
nachweislich nicht aus lebenden Gehirnen stammen könne. Er machte auch
minuziöse Aufzeichnungen über typische Fälle von Irrtümern, Verschwommenheit,
Stockung, automatischer Wiederholung und Überblendung während der
Kommunikation. Er stellte eine recht überzeugende These auf — zu kompliziert,
als daß wir hier näher auf sie eingehen könnten — für die Möglichkeit, daß
das jenseitige Wesen sich in einen traumähnlichen rückwärtsgewandten
Bewußtseinszustand versetze, um das Medium erreichen zu können. Er wies
ferner darauf hin, wie mühevoll es sein müsse für jemanden, der gewohnt war,
die fast vollautomatisch funktionierende Maschine seines Körpers bestmöglich
zu nutzen, nun plötzlich ganz neue Lebenstechniken zu erlernen, einen ihm
völlig fremden physischen Mechanismus zu beherrschen. Die tatsächlichen
Ergebnisse entsprächen genau dem, was man in einer solchen Situation erwarten
könne: Anfangs Unbeholfenheit und Verzagtheit, doch je länger man trainiere,
um so gewandter werde man. Hodgson zeigte immer wieder, daß die
Berücksichtigung solcher Handikaps bei seinen Seance-Praktikanten viel
sinnvollere Resultate erbrachte, als wenn das Material wie telepathische
Eindrücke von lebenden Sendern behandelt würde. Auch machte er auf die
Klarheit der Erinnerung kürzlich verstorbener Kinder im Gegensatz zu der
Vergeßlichkeit von solchen, die schon vor längerer Zeit als Kinder
hinübergegangen waren, aufmerksam. Es entspricht genau dem, was man von sich
normal entwickelnden diesseitigen wie jenseitigen Individuen erwarten kann. Professor Hyslop widmete sich vor
allem der Frage, aus was denn wohl jene andere Sphäre bestehe. Wenn es nicht
der gleiche atomare, molekulare, ionisierte, korpuskulare und
elektromagnetische Stoff ist, aus dem die irdische Welt besteht, bleiben
verschiedene Möglichkeiten, welcher Art er sein könnte. Vieles deute darauf
hin, daß das geistige Leben nach dem Tode rein geistig und schöpferisch sei.
Zugegeben, da in einem spirituellen Leben kein Raum für sinnliche Gelüste
sein kann, bleibt uns wohl nur unsere geistige Kapazität als
Grundausstattung. »Es ist das innere Leben, das fortdauert«, schrieb er, »und
nicht das körperliche.« Da das Innenleben so weitgehend von
erinnerter Sinneserfahrung, eingefahrenen Automatismen und eingefleischten
Denkgewohnheiten geprägt ist, wird einiges davon uns auch in der anderen
Sphäre noch eine Zeitlang anhaften. Der Geist des Verstorbenen, so kann man
vernünftigerweise annehmen, wird sich als vorläufigen Notbehelf ein
einigermaßen lebenswertes Faksimile der alten Sinneswelt vorspiegeln, während
er sich an die Gegebenheiten des Lebens in jener rein geistigen Natur
allmählich zu gewöhnen versucht. Diese geistige Welt würde dem Adepten immer
realer vorkommen, bis sie ihm schließlich sogar »sehr kompakt«, wie Raymond
sagte, erscheint. Die freundlichen Wesen, die den Neuankömmling in der
körperlosen Welt in Empfang nehmen, sind bemüht, ihm in seiner Entwicklung zu
helfen. Sie kennen seine einstweiligen Bedürfnisse und nähren vorübergehend
die erforderlichen Illusionen, bis der Geist sich genügend angepaßt hat, um
mit seiner neuen Situation allein fertig zu werden. Hyslop gelang es auch, die beiden
scheinbar einander widersprechenden Ansichten über die Zustandsform des
Jenseits auf einen Nenner zu bringen. Die einen postulierten, daß das
zukünftige Leben sich in einer Welt mit im wesentlichen gleichen Prinzipien
abspiele wie in der hiesigen, nur würden diese äußerlichen Merkmale den
physischen Sinnen nicht zugänglich sein. Andere vertreten die Meinung, daß
die Welt jenseits des Todes rein geistiger Natur sei. »Das ist nicht
notwendigerweise widersprüchlich«, schrieb Hyslop. Tatsächlich sind beide
Systeme bereits im irdischen Leben miteinander verbunden. Wir führen sowohl
ein Leben der äußeren Wahrnehmung wie das eines inneren Bewußtseins, der
Reflexion, Imagination und Meditation. »Es gibt keinen Grund, warum solch
eine Kombination nicht auch im jenseitigen Universum vorherrschen soll,
obschon vielleicht in einer anderen "Mischung".« Ich möchte eine Art Gretchenfrage
stellen: Wie stehen wir zu den rein geistigen — man könnte auch sagen:
gedanklichen — Vorgängen unseres Lebens und der Welt um uns herum? Würden
nicht bei einer Meinungsumfrage, ob materielle (physische) Faktoren
heutzutage eine wichtigere Rolle spielen als geistige, die meisten Befragten
spontan mit »ja« antworten? Und doch ist das ein Trugschluß. Zum Beweis
einige ganz gewöhnliche Beispiele aus dem Alltag: Auch in unserer gegenwärtigen Welt
sind geistige und physische Strukturen unentwirrbar vermischt. Ich habe das
Bedürfnis nach Gesellschaft (geistig). Ich stelle eine telefonische
Verbindung her (physisch) und verabrede mit einem Freund, daß wir uns an einem
bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit treffen (physisch). Unsere
Telefonapparate erzeugen Schwingungen (physisch), welche als Worte (geistig)
empfangen und unmittelbar in Verständigung (geistig) umgesetzt werden. Die Kinder in den meisten Bundesstaaten
der USA sind gesetzlich verpflichtet, zwölf Jahre lang die Schule zu
besuchen. Einen großen Teil ihrer Zeit dort widmen sie rein geistiger
Aktivität: der Aufnahme von Gedankeneindrücken, deren Verarbeitung durch
eigene geistige Bemühung und der Reproduktion des Gelernten zur Kontrolle des
Unterrichtserfolges durch den Lehrer. Auch ein sehr großer Teil des
Geschäftslebens ist gedanklicher Art. Ein erfinderischer Kopf hat eine Idee
(geistig) für ein Produkt, für die Werbung, für den Verkauf usw. (physisch).
Seine Idee wird umgesetzt in Zeichnungen und Niederschriften (physisch), die
sie dem Denkvermögen (geistig) anderer verständlich machen, damit die Sache,
um die es geht, in »physische Realität« übertragen werden kann. Das Ausmaß, in dem Gedankenstrukturen
unsere diesseitige Welt physischer Existenz beherrschen, ist viel größer, als
man sich normalerweise klarmacht. Jedes Kleidungsstück, das wir anlegen,
jedes Gerät, Möbelstück, Fahrzeug, das wir benutzen, jedes Gebäude, das wir
betreten, jedes Geldstück, das wir ausgeben oder erhalten, jede Handlung, die
wir vornehmen, jede Bewegung, an der wir beteiligt sind, alles verdankt seine
Existenz einem ursprünglichen Akt reiner Gedankentätigkeit. Selbst die Natur
hat Anteil an dieser geistigen Beziehung. Das Lied der Amsel, der Duft der
Blume haben ihren Ursprung in geheimnisvoll strukturierten Kräften, deren
Ausgangspunkt geistiger Art ist. Wenn man die »physischen Realitäten«,
die unseren Sinnen so vertraut geworden sind, analysiert, erkennt man, daß
sie genauso geheimnisvoll sind wie die geistige Welt und aus ihr entspringen.
Physiker sagen uns, daß diese körperliche Welt aus einer Kombination von
elektromagnetischen und Trägheits-Gravitationskräften besteht. Wir können den
Kräften Namen geben und einige ihrer Auswirkungen benennen, aber niemand kann
sagen, was sie wirklich sind. Dichter und Musiker sprechen mit
Überzeugung von ästhetischen Strukturen, die für sie ebenso real und kompakt
sind wie Stahl- und Steinstrukturen für den Baumeister (dessen Bauwerk mit
dem immateriellen Gedanken im Gehirn eines Architekten angefangen hat). Auf
jedem Gebiet, gleichgültig welches Alter oder welche Beschäftigung wir haben,
begegnen wir der unausweichlichen Realität gedachter Formen. Wo ist die Heimat dieser gedachten
Formen? Wodurch werden sie in physische Strukturen übertragen? Über die
feststehende Tatsache hinaus, daß geistige Kraft (Energie) Gesetzen folgt,
die unabhängig sind von den Gesetzen, die Physisches regeln, weiß die
Wissenschaft zu dieser Frage nur wenig zu sagen. Ein Jahrhundert der
hypnotischen, telepathischen und psychokinetischen Experimente hat bewiesen,
daß Gedankenkraft direkt über Entfernung übermittelbar ist und daß sie mit
Leichtigkeit Schranken überwindet, die alle anderen Arten von Kräften aufhalten
würden. Wir wissen heute, daß Gedankenkraft nicht nur Gegenstände in Bewegung
zu setzen vermag, sondern sogar Bilder auf Filme fixieren kann. (Der
»Gedankenfotograf« und frühere Hotelpage Ted Serios aus Chicago ist
inzwischen zu einer parapsychologischen Berühmtheit geworden, und aufgrund
der unantastbaren Dokumentation von Dr. Jule Eisenbud kommt heute hoffentlich
niemand mehr auf die Idee, hinsichtlich dieses Phänomens auf die
Betrugshypothese zu pochen.) Wir brauchen also nichts Mystisches,
nichts Okkultes zu beschwören, um die Basis für unseren nächsten Schritt zum
Verständnis des Lebens nach dem Tode zu schaffen. Die beiden erforderlichen
Voraussetzungen haben eine breite experimentelle Grundlage: 1. Reine Gedankenstrukturen sind im menschlichen
Leben von erstrangiger Bedeutung. 2. Solche Strukturen können in der menschlichen
Gesellschaft und in der Natur unabhängig von irgendwelchen physischen
Erscheinungen existieren. Diese beiden Feststellungen bilden
die Brücke zwischen der Welt unserer groben physischen Sinne und dem
jenseitigen Leben, in einer weitgehend, wenn auch wohl nicht völlig geistigen
Welt. Wie die antike Historie, so kennt
auch die moderne Geschichte zahllose Fälle, in denen Menschen, die sich
während ihres körperlichen Daseins für das Leben im Jenseits interessierten,
nach ihrem Hinübergang in jene Sphäre Wege gefunden haben, von dort zu
berichten — oft jedoch in einer Sprache, die sich von unserer unterscheidet.
Sie sprechen etwa in der Bildersprache der Poesie, der Religion oder
Mythologie, der Kunst oder auch in einem Dialekt, in einem völlig unbekannten
Idiom. Diesen Leuten glaubt natürlich so leicht niemand. Die glaubhafte
Sprache unserer Zeit ist die der Naturwissenschaftler. Wer ernst genommen
werden und überzeugen will, muß das wohl oder übel akzeptieren und sich
entsprechend ausdrücken. Okkultisten und Esoterikern fällt das meistens sehr
schwer. Sie machen aus der Not eine Tugend und ziehen die geistige
Sonderstellung, die Isolation, vor. Jenseitsforscher sollten indessen anders
denken, und für die größten von ihnen war das eine Selbstverständlichkeit,
sogar für den klassischen Philologen Frederic Myers, der, bevor er seine
Lebensaufgabe in parapsychologischer Forschung fand, vor allem durch seine profunden
Essays über antike Dichtung bekannt geworden war. Mit den physikalischen
Theorien, die zu Einsteins Entdeckungen führten, und mit den grundlegenden
Erkenntnissen der modernen Physiologie und Psychologie war er jedoch ebenso
vertraut. Myers begann seine Forschungen mit
äußerster Skepsis. Er und seine Mitarbeiter waren — strenger noch als Lodge
und Hodgson — die rücksichtslosesten Ikonoklasten und Betrugsentlarver, die
es auf diesem Gebiet je gegeben hat. Ihre Beweisansprüche waren so rigoros,
daß verärgerte Medien die Forschungsgruppe als »Gesellschaft zur
Unterdrückung von Beweismaterial« bezeichneten. Nur der unerbittliche Druck
der sich stetig ansammelnden Zeugnisse überzeugte Myers schließlich, daß das
Fortleben des Menschen nach dem Tode ein Faktum sei. Danach sah er seine
Hauptaufgabe nicht etwa darin, diese Tatsache zu beweisen — das war ja
bereits geschehen —‚ sondern die Bezeugungen dieser Tatsache in eine Sprache
zu bringen, die auch ein tief im Dogma physikalischer Lehre vergrabener
Verstand begreifen kann. Niemand war sich der Komplexität, der
scheinbaren oder echten Widersprüchlichkeit der mit dem Fortlebensgedanken
verbundenen »technischen« Probleme mehr bewußt als Myers. Niemand verstand
besser die begründete Skepsis der Naturwissenschaftler ebenso wie die der
sogenannten breiten Masse. Wir alle, die wir von klein auf mit einer
materialistischen Weltanschauung konfrontiert worden sind, vermögen neue
Ideen nur dann zu glauben, wenn sie uns in einer uns vertrauten Sprache
präsentiert werden. Mehr als seine Einzigartigkeit ist es das, was Myers
Zeugnis einen besonderen Wert gibt: Er spricht »unsere Sprache«. Zur Zeit von Myers Tod im Jahre 1901
standen einer generellen Anerkennung der Tatsache des Fortlebens vor allem
zwei große Hindernisse im Wege. Ich erwähnte sie bereits. Das eine war die
Telepathie-Hypothese. Nachdem die Telepathie einmal als ein reales und immer
wieder vorkommendes Phänomen gesichert war, überstürzte man sich förmlich,
alle Kommunikationen, die aus der jenseitigen Welt stammten, als bewußte oder
unbewußte Phantasterei des Mediums zu erklären, das seine Informationen in
Wahrheit durch Gedankenübertragung bzw. »Anzapfung« des Bewußtseins lebender
Menschen bezogen habe. Myers erkannte dies als einen zwar berechtigten,
jedoch widerlegbaren Einwand an. Unermüdlich suchte er nach neuen
Demonstrationsmethoden, die bei der Kommunikation mit Verstorbenen jede
Möglichkeit einer Gedankenübertragung im irdischen Bereich ausschlossen. Nach
seinem Tode erst erschien sein zweibändiges Werk "Human Personality and
Us Survival of Bodily Death" ("Die Persönlichkeit des Menschen und
ihr Überleben des körperlichen Todes"), das einen Meilenstein in der
Geschichte der Fortlebensforschung darstellt und doch nicht mehr ist als nur
eine mit dem begrenzten irdischen Wissen erarbeitete Vorstudie zu seinem
Hauptwerk, das uns zwei Jahrzehnte nach seinem Eintritt in die jenseitige
Sphäre mittels »verteilter Botschaften« (Cross-Correspondences) in
automatischen Schriften erreichte. Die zweite und noch größere Schwierigkeit
war das Fehlen irgendeiner allgemein akzeptierten theoretischen Basis, auf
welcher ein materialistisch orientierter Wissenschaftler die Strukturmodelle
eines fortdauernden und erweiterten Lebens errichten konnte. Myers erklärte
dies durch die Demonstration von Gedankenkräften und Gedankenformen, wobei er
sich einer Psychologen bereits vertrauten Sprache bediente. Es ist nicht erforderlich, die
wissenschaftliche Terminologie zu kennen, um Myers zu verstehen. Wir kennen
beispielsweise alle die Wendung »in Gedanken verloren sein«. Myers würde
fragen: »Verloren — warum und an was?« Natürlich ist man an die »Realitäten«
der Alltagswelt verloren. Aber die moderne Naturwissenschaft hat uns
bewiesen, daß diese Realitäten illusorisch sind. Der Tisch, der so kompakt
aussieht, der menschliche Körper, der so substantiell erscheint, sind, wie
die Wissenschaft uns gezeigt hat, hauptsächlich leerer Raum.27 Die
großen relativen Entfernungen zwischen dem kleinen Nukleus und den wirbelnden
Elektronen des Atoms zeigen, daß alle scheinbare Solidität im Raum Illusion
ist. Der in Gedanken »Verlorene« befindet sich in einer geistigen Welt, wo es
keine solchen Illusionen gibt, also ist er im Grunde gar nicht »verloren«.
Myers und auch viele andere würden behaupten, daß diejenigen, die nie in
geistige Regionen vorgedrungen seien, die in Wahrheit Verlorenen sind — sie
sind schlafwandelnde Roboter. So wäre denn der in Gedanken verlorene Mensch
der Wirklichkeit am nächsten, denn sie ist ihrer Natur nach geistig. Die »verteilten Botschaften« waren
mit Myers Signatur versehene Nachrichten, die von verschiedenen automatischen
Schreibern in Trance empfangen wurden. Diese Botschaften kamen
bruchstückweise an, so daß der Text eines einzelnen Mediums allein keinen
Sinn ergab. Sobald diese Fragmente aber nach einem bestimmten Code (nach dem
damals gebräuchlichen Clearinghouse-System) zusammengesetzt worden waren,
stellten sie eine völlig klare Aussage dar.28 Es wurden dazu
Medien ausgewählt, die einander nicht kannten und die keine Ahnung von den
entlegenen klassischen Quellen hatten, die Myers zusätzlich zu seiner
Signatur zu benutzen pflegte, um sich zu erkennen zu geben. Der allgemeine
Charakter und die Kontinuität dieser Botschaften blieben ein
Vierteljahrhundert lang unverändert, obwohl man mit ganz verschiedenen
Medien-Teams arbeitete. Medien fielen aus durch Tod, Krankheit oder andere
Gründe und wurden durch neue ersetzt, von denen manche noch nie von
Cross-Correspondences gehört hatten und allesamt keine speziellen Kenntnisse von
klassischer Literatur hatten. Ich möchte mit Myers Schilderungen
der Lebensbedingungen im Jenseits anläßlich einer Sitzung mit Mrs. Leonard
beginnen, bei der, wie schon berichtet, Sir Oliver Lodge mit seinem Sohn
Raymond Verbindung aufgenommen hatte. Lodge hatte Myers zu dessen Lebzeiten
nicht persönlich gekannt. Das Interesse des Physikers an der Parapsychologie
war erst zu Beginn des Jahrhunderts, kurz nach Myers‘ Tod erwacht. Die
Bekanntschaft der beiden Männer war also rein »außersinnlich«. Lodge erzählte seinem Sohn von einer
Bemerkung, die der verstorbene Myers durch ein anderes Medium gemacht hatte
und die besagte, daß die Existenzstufe, auf der sich Raymond momentan
befände, dem entspräche, was wir mit »Illusion« bezeichnen würden. Lodge
wollte wissen, was Raymond von dieser Behauptung halte. Raymond erklärte,
Myers, mit dem er inzwischen so gut bekannt sei, daß er ihn mit »Onkel Fred«
anrede, sei gerade bei ihm, und sie würden gemeinsam versuchen, diesen
Zustand zu beschreiben. Raymond sagte, daß es viele Parallelen zwischen der
Stufe, auf der er und Myers sich befänden, und der irdischen Existenzform
gebe. Hier wie dort, so sagte er, würden viele der Dinge, die wir brauchen,
durch göttlichen Plan geschaffen und viele andere, vor allem die materiellen
Güter unseres Lebens, würden mit den eigenen Kräften aus den zur Verfügung
stehenden Grundstoffen geschaffen. Und in beiden Fällen ist der Seinszustand
zeitbegrenzt, sozusagen nur für vorübergehenden Gebrauch gedacht, bis das
Individuum bereit ist, zur nächsthöheren Lebensstufe weiterzuschreiten. Im
irdischen Leben seien die Gegenstände aus etwas gemacht, was wir mit Materie
bezeichnen. In Raymonds Sphäre seien alle Bedarfsartikel zwar von den Wesen
selbst, doch aus einem viel feineren Material durch Geisteskraft geschaffen. »Ihr lebt in einer Welt der
notwendigen Illusionen«, sagte Raymond, »die ihr braucht, um eure Arbeit tun
zu können. Wir leben in einer erweiterten illusorischen Welt, an ihrem
äußersten Rand. Wir sind mehr in Berührung mit der Realität als ihr; denn
Geist und Seele gehören zur Welt der Realität. Alles andere — er meinte die
materiellen Dinge — ist in gewissem Sinne für eine Zeitlang unentbehrliches
Hilfsmittel, später aber überflüssig und daher vergänglich. Nur Geist und
Seele sind unzerstörbar und unvergänglich.« Der größte Teil von Myers Vortrag
über das Jenseits kam durch ein irisches Mädchen, Geraldine Cummins aus Cork,
zu uns. Myers begann seine systematische Beschreibung des jenseitigen Lebens
erst, nachdem er mehr als zwanzig Jahre lang in seiner neuen Umgebung gewesen
und die Cross-Correspondences sowie andere Arbeiten, die die Tatsache des
Fortlebens demonstrieren sollten, vorbereitet hatte. Miß Cummins war kein
Berufsmedium. Obwohl Tochter eines Professors, hatte sie keine naturwissenschaftliche,
psychologische oder philosophische Bildung, aber sie hatte zwei Theaterstücke
geschrieben, die am Dubliner Abbey Theater aufgeführt worden waren. Wenn sie
das Bedürfnis hatte, automatisch zu schreiben, setzte sie sich hin, bedeckte
ihre Augen mit der linken Hand und konzentrierte sich auf einen Zustand
völliger Stille. Dies führte eine Art Halbschlaf herbei. Wenn das
automatische Schreiben begann, war es, »als ob durch ihren Arm von einem
Fremden, dem sie helfen wollte, ein endloses Telegramm durchgegeben würde«.
Ihre rechte Hand ruhte auf einem Schreibblock, und irgend jemand assistierte
ihr durch Entfernung der vollgeschriebenen Seiten und Wiederauflegen ihrer
Hand auf jedes neue Blatt. Sie schrieb sehr schnell. Normalerweise, sagte Miß
Cummins, benötigte sie zum Schreiben eines kurzen Artikels von ca. 800
Wörtern sieben oder acht Stunden. Beim automatischen Schreiben schaffte sie
bis zu 2000 Wörtern in wenig mehr als einer Stunde. Das Material schien für
eine schnelle Durchsage vorbereitet worden zu sein: mit Kapitelüberschriften,
aber ohne Interpunktion und Einteilung in Abschnitte und ohne
Wortzwischenräume. Der Text lief also ohne Unterbrechung hintereinander weg.
Myers skizzierte Struktur und Lebensbedingungen im Jenseits sehr detailliert.
Alles in allem übermittelte er in den Jahren 1924 bis 1931 genug, um damit
ein Buch von mittlerem Umfang füllen zu können. Um die volle Bedeutung von Myers
Botschaften zu ermessen, wäre es gut, wenn wir uns einmal das Konzept vor
Augen halten würden, auf das — obgleich von ihm nie besonders hervorgehoben —
seine ganze Kommunikation aufgebaut ist: die Bewußtseinsentwicklungs- oder
Nach-Darwinsche Evolutionstheorie. Gemäß dieser Hypothese, die von Bergson,
Bucke, Julian Huxley, Teilhard de Chardin, C.G.Jung und anderen entwickelt
wurde, bewirkt die Evolution hauptsächlich eine zunehmende Befähigung für
eine breitere und tiefere Sinneswahrnehmung, während die ständig wachsende
Vielfalt physischer Formen nur ein Nebenprodukt dieses zentralen evolutionären
Vorgangs sei.29 Erdwürmer, zweischalige Muscheln und
Entenmuscheln, die ein »einfaches Bewußtsein« besitzen, leben in einem
verschwommenen Traum. Ihr Lebensraum besteht aus ein paar Kubikzentimetern
Erde; nur schwach nehmen sie Licht, Dunkelheit, Hitze, Kälte, Hunger und
Fortpflanzungstrieb wahr. Auf der Stufe der Reptilien, Vögel und Säugetiere
nimmt das Bewußtsein entsprechend dem immer größer werdenden
Wahrnehmungsvermögen immer mehr zu. Im Menschenleben ist eine Erweiterung des
Bereichs all dessen, was das Individuum wahrzunehmen vermag, das
Hauptkennzeichen einer Progression von der Kindheit bis zur Reife. Wenn die
Reife erreicht ist, gibt es immer noch große Unterschiede für das »Niveau«
der Wahrnehmung. Zum Beispiel: Während das Bewußtsein der einen Frau sich auf
den Ehemann, das Haus, die Kinder und die Einkaufszentren beschränkt, ist das
Bewußtsein einer anderen in der Lage, neben all diesen Dingen auch Musik,
Bücher und die darstellende Kunst in ihren Interessenbereich einzubeziehen. Das Wahrnehmungsniveau beider Frauen
mag sich ändern. Die erstere entwickelt vielleicht plötzlich ein Interesse
für Religion, das ihr die Augen öffnet für das Dilemma der ganzen Menschheit.
Die andere entwickelt vielleicht zusätzlich zu ihren schon vorhandenen
Interessen eine intensive Anteilnahme an gesellschaftlichen Belangen und
gewinnt dadurch mehr Verständnis für die Sozialmaschinerie. Beide Frauen
werden — um einen häufig von Myers gebrauchten Ausdruck zu verwenden — schon
im Diesseits »zu einer höheren Bewußtseinsebene fortgeschritten« sein. In
ähnlicher Weise wird der ursprünglich von Börsenkursen, Familie und Angeln
»besessene« Mann vielleicht ein Interesse an Kunst und Sprachen entwickeln
und so sein Bewußtseinsniveau erweitern, bevor er das Diesseits verläßt. Jedes
menschliche Wesen, das sich geistig beweglich gehalten hat und zu weiterer
Evolution nicht durch krankhafte Einflüsse unfähig ist, wird durch ständig
sich erweiterndes und vertiefendes Verstehen physischer, geistiger und
spiritueller Zusammenhänge in seiner Entwicklung immer nur fortschreiten. Die Myers-Kommunikationen halten
fest, daß die evolutionäre Schubkraft zu immer größerer
Bewußtseinserweiterung permanent, kosmisch und ewig sei und infolgedessen
nicht mit dem Tode aufhöre. Das Hauptziel der Schöpfung seien nicht
physische, sondern geistige Formen, die sich mit Leichtigkeit von einer
physischen Form zu lösen vermögen, um eine andere anzunehmen und in einem
reicheren, tatkräftigeren Dasein zu leben. Im irdischen Leben nehmen wir im Zuge
unseres Bewußtseinswachstums verschiedene körperliche Formen an und legen sie
wieder ab — die des Säuglings, des Kleinkindes, des Jugendlichen, des jungen
Erwachsenen, reifen Erwachsenen usw. Im jenseitigen Leben setzt sich nicht
allein der evolutionäre Drang nach Bewußtseinserweiterung fort, sondern er
ist auch wieder begleitet von einer Folge von Verkörperungen. Diese
jenseitigen Körper sind jedoch von leichterem, feinerem, mit hoher Energie
gespeistem Material, dessen Gehalt an seelisch-geistiger Energie immer mehr
zunimmt. Nach zwanzig Jahren »jenseitiger
Jenseitsforschung« konzipierte Myers die sieben Hauptstadien des Lebens nach
dem Tode, jedes Stadium mit seiner eigenen Eintrittsphase, Periode der
Entwicklung und Periode der Vorbereitung auf die nächsthöhere Stufe. Stufe
Eins bezeichnete den Augenblick des Todes. Stufe Zwei ist der Zustand des
Individuums unmittelbar nach dem Hinübergang. Myers bezeichnet diese Phase
wechselweise als »Zwischenregion« und »Hades«. Diese Stufe ist kurz und wird
durch den Eintritt in eine stabilere Welt, die »Region der Illusion« (Stufe
Drei) abgelöst. Es folgt Stufe Vier, die »Region der Farbe« oder die »Welt
des Eidos« genannt. Hochqualifizierte Seelen dürfen dann in die »Region der
Flamme« oder die »Welt des Helios« (Stufe Fünf) aufsteigen. Die Stufen Sechs
und Sieben, »Region des Lichts« und »Zeitlosigkeit«, sind von so vollendeter
spiritueller Natur, so nahe dem Gipfel der göttlichen Kreativität, daß keine
Worte sie zu beschreiben vermögen, sie infolgedessen irdischen Wesen nicht
begreiflich gemacht werden können. Die Situation ist vielleicht mit der eines
Arztes zu vergleichen, der versuchen würde, einem Säugling die Funktion der
innersekretorischen Drüsen zu erklären. Myers hat dieses Fortschreiten von
Stufe zu Stufe anhand von Fallbeschreibungen illustriert. Doch bevor ich mit
dem Bericht über Myers fortfahre, ist vielleicht der Hinweis angebracht, daß
zu der Zeit, als Myers sowohl auf Erden wie später vom Jenseits mittels
Medien wirkte, die Reinkarnationstheorie von Psychologen und Parapsychologen
noch nicht sonderlich beachtet wurde. Seither aber, und besonders angesichts
der jüngsten Forschungsarbeiten von Jan Stevenson, Professor der Psychologie
von der Universität von Virginia, wird die Möglichkeit der Reinkarnation sehr
viel ernster genommen.30 Auch in dieser Hinsicht, ebenso wie in
der Bewußtseins-Evolutionstheorie, erwies sich Myers als seiner Zeit weit
voraus. Myers erste Fallstudie beschäftigte
sich mit »Walter«. Er war einer von vier Söhnen einer Familie der Mittelklasse,
die von dem Einkommen, das die berufliche Tätigkeit des Vaters erbrachte,
ausreichend leben konnte. Es war eine »familienbewußte« Familie, mit einer
dominierenden Mutter, die die Erfüllung ihres Lebens darin sah, für ihre
Kinder dazusein, auf die sie sehr stolz war. Man war selbstbewußt, stolz und
reserviert, betrachtete sich als dem Durchschnitt der Menschheit überlegen
und kümmerte sich kaum um Angelegenheiten außerhalb des Familienkreises. Walter war der besondere Liebling der
Eltern. Er heiratete, aber die Ehe war nur von kurzer Dauer. An die
grenzenlose Bewunderung gewöhnt, mit der seine Mutter ihn überhäufte, konnte
er sich nicht an eine Frau gewöhnen, die ihn realistischer einschätzte. Es
kam zu heftigen Auseinandersetzungen und schließlich zur Scheidung. Walter
kehrte nach Hause zu seiner Mutter zurück und widmete sich ganz dem
Geldverdienen. Als geschickter Börsenspekulant hatte er große Erfolge. Nach
dem Tode seiner Eltern lebte er in einem teuren City-Club und erfreute sich
dort für den Rest seines Lebens jenes Nimbus, der im diesseitigen Leben
Finanzgenies zu umgeben pflegt. Er starb und erreichte nach der schon
beschriebenen Übergangsphase Stufe Zwei, die »Zwischenregion« oder »Hades«. Wenn ein Baby aus dem Fötusstadium
des Bewußtseins zu sinnlichen Wahrnehmungen gelangt, so schläft, träumt und
ruht es die meiste Zeit, während an das Erdenleben bereits Gewöhnte sich
seiner Bedürfnisse annehmen, deren es sich erst nach und nach bewußt wird.
Ebenso ist es, sagt Myers, beim Eintritt in Stufe Zwei. In der volkstümlichen
Überlieferung heißt es, daß an einem Sterbenden im letzten Augenblick
Erinnerungen an sein ganzes Leben wie ein blitzartig ablaufender Film
vorüberziehen. Wenn das wahr ist, scheint es eine Vorschau auf Myers
»Zwischenregion« oder »Hades« zu sein; denn während dieser Periode befand
sich Walter, wenn er nicht fest schlief, in einem Zustand des Wachträumens:
Ständig sah er Erinnerungsbilder seines vergangenen Lebens vor seinem
geistigen Auge. Es ist offensichtlich das Stadium, das in der christlichen
Überlieferung als »Hölle« bezeichnet wird. Ob es aber im überlieferten Sinne
»höllisch« ist oder nicht, hängt vom Erinnerungsgehalt der jeweiligen Psyche
ab. Handelt es sich um finstere Episoden und schreckliche Erfahrungen, werden
freilich auch diese »repetiert« — aber nicht sie allein, sondern ebenso die
angenehmeren Erinnerungen. Myers nennt dieses Zwischenspiel die »Reise durch
die Bildergalerie«. Auch Raymond Lodge hat von entsprechenden Erlebnissen in
diesem Stadium berichtet. Während Walters Reise den
Erinnerungspfad hinab entdeckte er wieder seine alte Zuneigung zu seiner
Mutter und das wohlige Gefühl der Bewunderung und Geborgenheit, das sie ihm
vermittelt hatte. Als er kräftiger wurde, sein Vorstellungsvermögen zunahm,
war er in der Lage, eine idealisierte Version seines Elternhauses und der
Heimatstadt wiederzuschaffen und ganz glücklich unter seiner Meinung nach
idealen Bedingungen zu leben. Auf Stufe Drei — der »Stufe der
Illusion« oder »Welt gleich nach dem Tode« — war alles Gegenständliche für
ihn so formbar, wie er es durch seine imaginative Kraft gerade zu gestalten
vermochte. Die Gegenstände brauchen nicht wie die widerspenstigen irdischen
Materialien durch die Hände von Handwerkern und Arbeitern zu gehen. Walter hatte
jetzt keine Probleme außer einem Übermaß an Zeit. Da er immer das Spekulieren
mit Aktien geliebt hatte, sah er sich nach »Gleichgesinnten« um. Natürlich
fand er auch welche, und genauso wie auf Erden war er auch hier im
Börsengeschäft sehr erfolgreich und häufte wieder eine Menge Kapital an. Doch
brachte ihm das viele Geld in seiner neuen Umwelt nicht die gleiche
Bewunderung und Macht ein, wie er es in seinem irdischen Leben gewohnt war.
Da jedes Bedürfnis durch unmittelbare Imagination befriedigt werden konnte,
wurde kein Geld benötigt, und nur wenige machten sich etwas daraus. Walter
war enttäuscht und unbefriedigt. Dieses Gefühl verstärkte sich noch,
als er immer deutlicher erkannte, daß die Liebe seiner Mutter kindisch und
besitzgierig war. Sie glich der eines kleinen Mädchens, das mit seiner Puppe
spielt. Andererseits begriff er jetzt aber auch, warum sein Vater eines Tages
nicht mehr so stolz auf seinen Sohn gewesen war wie zuvor. Der Vater gehörte
zu denen, die keinen Sinn darin sahen, Geld zu scheffeln, wenn man es nicht
unbedingt brauchte. Mehr und mehr mußte Walter erkennen, daß in geistiger
Hinsicht tatsächlich nicht viel mit ihm los war. Er fühlte sich eingeengt
zwischen seines Vaters Mißbilligung und der Affenliebe seiner Mutter, und er
wünschte sich weit fort — aber wohin? Immer mehr sehnte er sich nach den
»alten Zeiten« im Börsenhandel zurück, wo er als Finanzgenie gegolten und
viele bewundernde Blicke auf sich gelenkt hatte. Er begann etwas zu spüren,
was dort »die Erdanziehungskraft, der Geburtsdrang« genannt wird, und kehrte
schließlich zu Stufe Zwei zurück, wo er noch einmal das Stadium der Rückschau
durchmachte. Auch das nützte nichts. Es verlangte ihn immer mehr, zu Stufe
Eins zurückzukehren, zur Erde. Walter hatte einen Bruder namens Martin,
der viele Jahre vor Walters Tod im Krieg gefallen war, und eine Schwester
Mary, die ganz jung gestorben war. Mary und Martin besaßen einen weiteren
Horizont als Walter und auch als die Eltern. In beiden war infolge irdischer
Erlebnisse, die sie weit über die engstirnigen Voreingenommenheiten des
Familienkreises hinausgeführt hatten, schließlich die Befähigung für ein
verständnisvolles Interesse an ihren Mitmenschen erwacht. Auch sie waren nach einer Periode in
der Traumruhe von Stufe Zwei zu den imaginativ geschaffenen, alten
heimatlichen Verhältnissen zurückgekehrt. Aber ihr Verweilen auf dieser
Bewußtseinsebene war nur von kurzer Dauer. Sie erkannten die Begrenztheit der
vertrauten Umwelt und der herkömmlichen Beschäftigungen; sie sehnten sich nicht
wie Walter nach einer Rückkehr zum Erdenleben, sondern nach
bewußtseinserweiternden Erfahrungen in neuen Dimensionen. Und so schritten
sie zur Stufe Vier, der »Region der Farbe« oder »Welt des Eidos«. Martin konnte später auch den Vater
auf diese höhere Bewußtseinsebene führen. Der Mutter aber gelang es nicht,
sich von ihrem abgöttisch geliebten Sohn zu entfernen, um ihn seinen Weg
allein finden zu lassen. Auch sie blieb auf der Stufe Zwei. Nicht alle Erfahrungen auf der
dritten Stufe seien so trübe wie im Falle dieser eben beschriebenen Familie,
sagt Myers. Statt im Familienkreis kann sich der Gruppentrieb in einem
Spezialinteresse, einer Religion, einem Beruf, einer Kunst oder irgend etwas
anderem manifestieren, das Menschen zusammenzubringen vermag. Da die
Verständigung gedanklich erfolgt, spielen Sprachbarrieren keine Rolle und
ebensowenig irdisches Zeitmaß. So ist es durchaus möglich, daß eine Seele
sich zu einer Gruppe gezogen fühlt, deren Mitglieder fremden Völkern und
längstvergangenen Jahrhunderten angehören. Obwohl ein Individuum mehrere
Generationen lang auf Stufe Drei verharren kann, muß schließlich ein
Entschluß gefaßt werden: Das Individuum kehrt entweder zur vorigen Stufe
zurück, oder schreitet fort zur Stufe Vier. Doch zuvor können Seelen die
Gelegenheiten nutzen, eines der großen Wunder dieser Bewußtseinsebene zu
erfahren: eine Reise durch einen Abschnitt der »Großen Erinnerung«. Ebenso
wie man auf Erden zu einem Filmarchiv gehen kann, um sich Filme von
bedeutenden irdischen Ereignissen seit Erfindung der Filmkamera anzusehen,
kann man auf Stufe Drei Geschehnisse seit Beginn der Menschheitsgeschichte
vor sich ablaufen sehen. Alles, was jemals geschah, ist vom kosmischen
Gedächtnis festgehalten worden. »Ich bin bisher nur bis zum Eidos,
der Stufe Vier, gelangt«, schrieb Myers durch die Hand von Miß Cummins, »mein
Wissen ist deshalb leider begrenzt.« Er ist auch hier, wie einst auf Erden,
als Erforscher des Wesens der menschlichen Natur, des Menschenlebens und
Universums und der Beziehung zwischen beiden tätig. Es ist sein erklärtes
Ziel, so weit wie möglich in das Geheimnis, das ihm nach und nach enthüllt
wird, einzudringen und dann mit der Hilfe von dafür Empfänglichen dem
»kollektiven Geist der Menschheit« Berichte über die neuen Erkenntnisse zu
schicken. »Der Reisende, der das mühsame Unternehmen durchhält, die
Reichweite seiner Sensitivität und seines Verständnisses auszudehnen, wird
ein stetig größer werdendes Vermögen, immer neue Bereiche des schöpferischen
Universums wahrzunehmen, bei sich feststellen … Wer bis hierher gekommen ist,
wird den Wunsch haben, auf der Bewußtseinsleiter weiter aufzusteigen. In den
meisten Fällen wird die Sehnsucht nach einer körperlichen Erd-Existenz zu
Asche verbrannt sein.« Immer wieder betont Myers im Verlauf
seiner langen Durchgabeserien, daß er über die tatsächliche Erfahrung anderer
Daseinsweisen spricht und nicht nur darüber theoretisiert und spekuliert.
»Hier auf Stufe Vier muß man alle starren intellektuellen Strukturen und
Dogmen, gleich ob wissenschaftlich, religiös oder philosophisch, hinter sich
lassen.« Diesen Punkt hebt Myers mit solcher Eindringlichkeit hervor, daß er
die Stufe Vier auch die Phase der »Zerstörung des alten Weltbildes« nennt. In
dieser hat Myers zum erstenmal Schwierigkeiten mit der Formulierung dessen,
was er erlebt, in irdischer Ausdrucksweise. »Der Mensch hat leider nicht die
Fähigkeit, sich einen nie gehörten neuen Laut, eine nie gesehene neue Farbe,
oder ein nie empfundenes neues Gefühl vorzustellen. Es ist daher unmöglich,
ihm die unendliche Vielzahl neuer Töne, Farben und Gefühle, wie wir sie in
der "Region der Farbe" erfahren, zu beschreiben.« Myers versuchte dennoch, wenigstens
einige ihrer Eigenschaften mitzuteilen: »Es gibt hier Blumen in für irdische
Wesen unvorstellbaren Formen und strahlenden Farben. Diese Farben und diese
Strahlen, wie sie im irdischen Spektrum nicht enthalten sind, werden bei uns
in Gedanken und nicht in Worten zum Ausdruck gebracht. Worte sind für uns
nicht mehr von Bedeutung. Die Seele allein muß auf dieser Bewußtseinsstufe
alles begreifen; sie kennt Sorgen, aber keine irdischer Art; sie kennt
Ekstase, aber keine irdische Ekstase. Der Geist drückt sich auf direktere
Weise aus: Wir können die Gedanken anderer Seelen vernehmen.« Auf dieser Stufe ist laut Myers alles
auf unvorstellbare Weise intensiver, energiegeladener. Diese neue Energie
erfordert einen neuen Körper, um ihr Ausdruck zu geben, und so schafft sie
ihn sich. Er hat Ähnlichkeit mit der alten irdischen Form, ist aber viel
strahlender und schöner und besser für seine neue Existenzform geeignet. Das
Bewußtsein ist kontinuierlich, es bedarf keines Schlafes mehr. Es gibt jedoch
nicht nur Wahrheit, Liebe und Schönheit, sondern auch Feindschaft, Haß und
Zorn. »Eine feindliche Mentalität ist imstande, einen Teil unseres aus Licht
und Farben bestehenden Körpers mit einem mächtigen Gedankenstoß zu verletzen
und zu zerstören. Man muß lernen, Schutzstrahlen auszusenden. Wenn irgend
jemand auf Erden dein Feind war und man einander haßte, wird das alte Gefühl
wieder aufwachen, wenn man sich hier begegnet.« Was auf dieser Stufe in der
Hauptsache angestrebt wird, ist, besser verstehen zu lernen, wie der Geist
Energie und Lebenskraft, die Quellen aller äußerlichen Erscheinungen,
steuert. Hier ist man frei von den schweren Beschränkungen des irdischen
Daseinsmechanismus. »Ich brauche meine Gedanken nur für einen — bei euch
sogenannten — Moment zu konzentrieren«, sagt Myers, »um eine Personifikation
meiner selbst zu schaffen und diese quer durch die ungeheuren Weiten unserer
Welt zu einem Freund zu schicken, zu jemand, der mit mir im Einklang ist.
Sogleich erscheine ich vor diesem Freund, obwohl ich weit von ihm entfernt
bin. Meine Personifikation unterhält sich — wohlgemerkt: in Gedanken, nicht
in Worten — mit diesem Freund. Und die ganze Zeit lenke ich das Gespräch aus
einer ungeheuren Entfernung, um schließlich, sobald es beendet ist, die aus
Gedanken geschaffene Selbst-Personifikation wieder aufzuheben, so daß sie
verschwindet.« Da Myers zur Zeit seiner Mitteilungen
an uns noch nicht über die Stufe Vier hinausgelangt war, sind seine Berichte
über noch höhere Bewußtseinsstufen weniger detailliert und spekulativer. Doch
scheint er immerhin vom »Hörensagen« genügend erfahren zu haben, um
einigermaßen beschreiben zu können, wie es weitergeht. Um von einer Stufe zur nächsthöheren
fortschreiten zu können, sei so etwas wie Tod und Wiedergeburt erforderlich,
sagt er. Es wird angenommen, daß auf der vierten Stufe dank der intensiven
Erfahrung von »tiefster Verzweiflung und höchster Verzückung« die letzten
Reste der kleinlichen Emotionen und Feindseligkeiten abgestreift werden und
die Seele endgültig und völlig von ihrer Erdverbundenheit befreit wird. Der
Geist ist nun in der Lage, kosmische Bereiche kennenzulernen. Auf Stufe Fünf
erhält man eine Art Flammenkörper, der einen befähigt, Reisen durch das
stellare Universum zu machen, ohne durch seine Temperaturen und Turbulenzen
geschädigt zu werden. Die sechste Stufe ist die »Region des Lichts«. Es ist
die Stufe derjenigen Geister, die alle Aspekte der gesamten Schöpfung kennen-
und verstehengelernt haben. Myers bezeichnet diese Stufe des Lichts auch als
die der »reinen Vernunft«. Die auf dieser Stufe befindlichen Seelen werden
folgendermaßen beschrieben: »Sie vermögen jetzt ohne Form zu
leben, als weißes Licht in dem reinen Gedanken ihres Schöpfers. Sie sind in
die Reihen der Unsterblichen eingegangen … Sie haben das endgültige Ziel der
Bewußtseinsevolution erreicht.« Myers wußte, daß selbst die nur
andeutende Beschreibung der Bewußtseinsebenen in den oberen Regionen das
Begriffsvermögen des durchschnittlichen Erdbewohners übersteigt — außer in
Intuitionsblitzen. Daß er uns trotzdem Details mitzuteilen versuchte, geschah
meiner Ansicht nach einfach, weil er uns wenigstens die Existenz solcher
Welten wissen lassen wollte. Durch die Versicherung, daß es keinen
endgültigen Tod gibt, sondern nur Veränderungen des Bewußtseins, wollte er
ein für allemal jegliche Todesfurcht aus unseren Herzen verbannen. Als Trancemedium habe ich
hauptsächlich mit den Regionen zu tun gehabt, die Myers als Stufe Zwei und
Drei bezeichnet. Ganz selten nur habe ich Wesen aus den hohen Regionen
spiritueller Entwicklung erreicht. Die unteren Stufen sind eben diejenigen
des jenseitigen Lebens, die sich dem Verständnis des durchschnittlichen
Erdbewohners am schnellsten und besten erschließen. Wir müssen auch in
Betracht ziehen, daß der größte Teil der Seelen, sagen wir ruhig: die
»Durchschnittsseelen«, für sehr lange Zeit — manchmal Jahrhunderte — oder für
immer auf der dritten Stufe bleiben, ohne sich um weiteres Fortschreiten zu
bemühen, weil sie glauben, es sei schon der höchste Himmel. Wenn man bedenkt, daß uns Myers
Berichte, festgehalten in den automatischen Schriften von Miß Cummins, in den
frühen dreißiger Jahren erreichten, ist es erstaunlich, wie modern einiges
von dem, was er uns zu sagen hat, sich anhört. Bevölkerungsexplosion,
Umweltverschmutzung, zum Krieg treibende Komplotte von Industrie und Militär,
die beängstigende Entwicklung der politischen Maschinerie zur Beherrschung
des menschlichen Geistes, der übermäßige Materialismus, der unser Leben
bestimmt — lauter »brennende« Themen der gegenwärtigen öffentlichen
Diskussion —‚ waren schon vor einem Menschenalter Gegenstand ernster
Warnungen Professor Myers. Es wird vielfach fälschlicherweise
angenommen, daß diejenigen, die ins Jenseits hinübergegangen sind,
»automatisch« die Fähigkeit erwerben, die Zukunft zu sehen. Nein, sie können,
wie auch Raymond bestätigte, nicht die Zukunft sehen, sie können höchstens
Zukunftstrends erkennen, und das ist etwas ganz anderes. »Niemand vermag das
Geheimnis der Zukunft ganz zu erfahren«, schrieb Myers. »Aber die Seelen, die
in Eidos weilen, vermögen nebelhaft die Richtung des menschlichen Denkens zu
sehen und infolgedessen zukünftige Entwicklungen vorauszusagen.« Die eigenen
diesbezüglichen Beobachtungen erregten seine große Besorgnis: «Ich bitte die
heutigen Männer und Frauen inständig, das menschliche Wesen nicht als
Maschine zu betrachten, in dem rastlosen Lärm all jener monströsen Räder und
Rädchen, die unsere heutige Zivilisation unaufhörlich in Bewegung halten,
bleibt wenig Muße und Ruhe für stille Betrachtung oder philosophische
Meditation, aus denen alles wahre Wissen entspringt. Welch düsteres Geschick erwartet
die Kinder der Zukunft, wenn sie jener seelenlosen Kreatur, der Maschine,
dieser letzten, vollendeten Verkörperung des Gottes
"Materialismus", zum Opfer fallen!« Myers machte auch auf die Gefahren
des radikalen Nationalismus aufmerksam, der die Menschheit in sich
gegenseitig hassende und fürchtende nationale Gruppen zersplittert. Dies
verhindere die Erkenntnis, daß die ganze Menschheit eine Einheit ist und daß
ihre Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. »Entweder stürzen sich die
Nationen ins Verderben durch immer neue Kriege, oder sie verelenden durch
ständig steigenden Bevölkerungszuwachs.« Zum Umweltproblem äußert er sich: »Weder Schönheit noch Gesundheit
können erhalten bleiben und gedeihen, wenn Nationen, Wirtschaftssysteme und
Maschinen einander zerstören.« Maschinendenken gefährde die geistige
Entwicklung des Menschen am meisten: »Ein seelenloser Mechanismus sollte
Diener, nicht Meister des denkenden Menschenwesens sein. Die heutige
Menschheit sollte das Ideal der Qualität, statt das der Quantität anstreben.« Ich bin oft gefragt worden, ob ich
wisse, wie es Selbstmördern im Jenseits ergeht. Myers diesbezüglicher
Standpunkt ist weniger moralisch als realistisch. Der extrem negative,
depressive Geisteszustand des Selbstmörders zur Zeit seiner
selbstzerstörerischen Tat begleitet ihn hinüber und behindert ihn
außerordentlich bei der Anpassung an die neue Situation. Das geht oft so
weit, daß er beim Erwachen zum neuen Bewußtsein gar nicht erkennt, daß er
gestorben ist, und die Entdeckung, daß er seinen physischen Körper nicht mehr
unter Kontrolle hat, kann ihn erneut in extreme Panik versetzen. Wenn er sich
dann schließlich darüber klar ist, daß er sich ja selbst getötet hat, wird er
möglicherweise — so wie im Falle des Sohnes von Bischof James Pike, von dem
wir noch hören werden seine Tat bitter bereuen. »Die Stimmung, die den Selbstmörder
zur Selbstvernichtung treibt«, ließ Myers durch Miß Cummins wissen, »umhüllt
ihn auch hier noch wie eine Wolke, von der wir ihn unter Umständen lange Zeit
nicht befreien können. Seine emotionale Verwirrung richtet eine Schranke um
ihn auf, die nur durch seine eigenen Anstrengungen durchbrochen werden kann,
vor allem durch den mit aller Kraft seiner Seele ausgesandten Hilferuf an
erfahrenere Wesen.« Plötzlicher Tod, wie er in unserer
Zeit der Kriege und der Unfallkatastrophen alltäglich geschieht, ist ein
weiteres Thema, das viele Fragen ausgelöst hat. Auch hier vertritt Myers
einen praktischen Standpunkt. »Der Nachteil eines plötzlichen Todes besteht
hauptsächlich darin, daß die Psyche keine Zeit hatte, sich umzustellen.
Jemand, der plötzlich in jungen Jahren getötet wird, verweilt zuweilen noch
eine ganze Zeitlang gedanklich in irdischen Regionen, bevor er sich über
seine Situation im klaren ist. In seiner Geistesverfassung begreift er nur
langsam, daß er der Hilfe anderer jenseitiger Wesen bedarf, um sich
zurechtzufinden, und er zögert oft, ihre Hilfe anzunehmen.« In meiner eigenen
Erfahrung als Medium habe ich allerdings auch viele Fälle kennengelernt, bei
denen der plötzliche Tod allem Anschein nach keine besondere Abweichung vom
normalen Hinübergang zur Folge gehabt hat. Die normale Transition, sagt
Myers, ist ein friedliches Gleiten in einen angenehmen, ruhevollen, manchmal
sogar seligen Schlaf. Hierbei löst sich der Astralleib — jenes strahlende
»Double«, das unseren physischen Leib vom Embryonalstadium an begleitet und
das den Medien, die die Fähigkeit besitzen, eine Aura wahrzunehmen, sichtbar
ist. Myers mißbilligt den Gebrauch von
Drogen zur Erleichterung und Beschleunigung des Hinübergehens unheilbarer
Kranker nicht, obwohl er meinte, daß dem Sterbenden ein paar
Vorbereitungstage zugestanden werden sollten. »Unter diesen Bedingungen ist
der barmherzige Arzt völlig gerechtfertigt in dem, was das Gesetz immer noch
für Mord erklärt.« Man werde sehr viel mehr über Krankheit wissen, wenn die
Ärzte den Zusammenhang zwischen Körper und Geist noch besser erkannt haben. Welche Auswirkungen haben
Hirnschäden, oder fortgeschrittene Senilität auf das jenseitige Leben? Hier
erinnert uns Myers wieder daran, daß das »Double« oder der Astralleib, der
Träger der Persönlichkeit nach dem Tode, von der Empfängnis an bei uns ist.
Alles, was der physische Körper erfährt, wohnt auch dem Astralleib inne.
»Alters- oder Hirnschäden können das Individuum nur zeitweise daran hindern,
seine Intelligenz zu bekunden … Nach dem Tode steht der Seele ihr gesamtes
fundamentales Erinnerungszentrum und geistiges Vermögen in ihrem Astralleib
zur Verfügung.« Es ist viel darüber gerätselt worden,
wie sich der Astralkörper ohne Nahrung erhält. Myers erklärt: »Ätherisches
Leben wird durch kosmische Strahlen gespeist, die unsere Umgebung mit
wunderbarem Licht erhellen und — in irgendeiner mir unverständlichen Weise —
das Leben unserer Körper erhalten.« Es gab und gibt Menschen — z.B. die
stigmatisierte Therese Neumann aus Konnersreuth —‚ die diese Strahlen für die
Ernährung ihres physischen Körpers nachweislich bereits auf Erden zu
verwenden vermochten. Sie haben viele Jahre ohne irdische Nahrung gelebt. Wie
sie das geschafft haben, darüber ist von Medizinern, Psychologen und
Theologen unendlich viel gemutmaßt und geschrieben worden. Enträtseln ließ
sich das Phänomen bisher nicht — jedenfalls nicht für unsere
materialistisch-naturwissenschaftlich denkenden Wissenschaftler. Myers äußerte die Ansicht, daß es auf
anderen Planeten Leben gebe, das dem unseren ähnlich sei. Er glaubt nicht,
daß das Unvermögen unserer Sinne und Instrumente, sie wahrzunehmen, als
Gegenbeweis gewertet werden könne. Wie er sagt, senden und empfangen wir ja
nur auf solchen Wellenlängen, auf die unsere gesamte »Instrumentation«
abgestimmt ist. Ein Radio- oder Fernsehgerät, das über eine bestimmte
Wellenskala verfügt, kann bekanntlich keine Sendungen von Stationen außerhalb
dieser Skala übertragen, selbst wenn diese ganz in der Nähe liegen und von
starken Sendern kommen würden. Unsere Unfähigkeit, irgend etwas anderes als
irdische Phänomene wahrzunehmen, ändere nicht das geringste daran, daß
überirdische, kosmische und spirituelle Aktivität von ungeahnter Intensität
ständig um uns her wirksam sei. Myers Report ist sensationell, doch
steht er glücklicherweise nicht allein und beispiellos da. Seine Aussagen
decken sich weitgehend mit einer Reihe anderer Jenseitsberichte, und zwar
auch mit entsprechenden Übermittlungen aus fremden Kulturbereichen (ich
erinnere in diesem Zusammenhang nur an Yogananda). Freilich fallen auch
Widersprüche zu anderen Darstellungen auf, nicht zuletzt im Vergleich mit
Detailangaben von Myers und Raymond Lodge. So ist etwa die Möglichkeit einer
Rückkehr ins Diesseits — durch Reinkarnation oder wie auch immer — dem jungen
Raymond offenbar unbekannt, während Myers im »Fall Walter« als Lösung des
Dilemmas eine »Wiedergeburt« auf Erden für solche, deren Anpassungsschwierigkeiten
»drüben« unüberwindlich sind, für durchaus denkbar hält. Zweifellos gibt uns
der ganze Reinkarnationskomplex im Rahmen der Jenseitsforschung nach wie vor
die größten Rätsel auf. Niemand hat jemals ein Wesen in
seiner Ganzheit gesehen. Wir sehen den physischen Körper und bestenfalls
einige kinetische Effekte, die von ihm ausgehen, aber die eigentliche
Persönlichkeit der Person ist unsichtbar. Wir empfinden sie wohl, jedoch
nicht so sehr mittels unserer groben fünf Sinne, sondern vielmehr durch die
viel feineren Wahrnehmungsmedien unseres Beta-Körpers. Ein Teil von uns ist
also auf Erden bereits unsichtbar, und dieser Teil ist es, der den Tod
überdauert und im Jenseits erst sichtbar wird. Mit dieser Information meldete sich
in den fünfziger Jahren eine Stimme, die Fletcher als Mrs. Ruth Finley
vorstellte. Sie erklärte sich bereit, auf Fragen einer Seanceteilnehmerin zu
antworten, die beharrlich nach der Beschaffenheit des Bewußtseins im Jenseits
gefragt hatte. Im Verlauf von sieben Sitzungen übermittelte Mrs. Finley, was
sie dazu sagen konnte, und eines Tages erhielten wir von ihr sogar einen
offenbar sorgfältig vorbereiteten Bericht über den Mechanismus medialer
Trance. Wir müßten bedenken, so sagte sie,
daß jedes Individuum ein Energiekomplex mit einem für uns sichtbaren
physischen und einem im Diesseits normalerweise unsichtbaren
geistig-seelischen Körper sei. Der physische Körper bestehe aus einer
bestimmten Art Energie, die sich mit einer verhältnismäßig niedrigen
Vibrationsrate bewege. Innerhalb der Modulationsbreite ihrer Frequenz besäßen
die verschiedenen Organe — Herz, Leber, Hirn usw. — unterschiedliche
Schwingungszahlen. Dieses Muster physischer Energien werde von einem geistig-seelischen
Körper, der in völlig anderen Frequenzen vibriere und aus sehr viel
»raffinierteren« Energien zusammengesetzt sei — er ist unter der Bezeichnung
Beta- oder Astralkörper bekannt —‚ durchdrungen. Diese feineren Energien
werden vom Tod nicht betroffen. Wenn die Vibrationen der physischen Stufe
aufhören, löst sich der Beta-Körper — die Seele — vom Alpha-Körper und geht
allmählich über in sein eigentliches Milieu im grenzenlosen Raum des
Universums, wo sich die stärkeren Energien sammeln. Die Welt ist voll von verschiedenen
Energieformen, die nebeneinander oder miteinander existieren, zum Beispiel
Hitze-Licht in einer Feuerstelle, Hitze-Licht-Elektrizität in einer Glühbirne
und Elektrizität-Magnetismus-Triebkraft-Bewegung in einem Elektromotor. Auf Erden
gilt als primäre Energie die Elektrizität. Im gesamten Universum ist die
alles bewegende und beherrschende Energie das Bewußtsein. Obwohl alle
Bewußtseinseinheiten feinere Schwingungen aussenden als von unseren groben
fünf Sinnen wahrgenommen werden können, gibt es Variationen innerhalb dieser
Einheiten. Alle Radiowellen haben eine von allen Wärmequellen verschiedene
Frequenz, aber innerhalb der Radiofrequenz können individuelle Sendestationen
identifiziert werden. In ähnlicher Weise besitzen die individuellen
Beta-Körper charakteristische Vibrationen, was für das Verständnis des
»Funktionierens« eines Mediums von größter Bedeutung ist. Mrs. Finley sagte
durch Fletcher: Im gewöhnlichen Erdenleben besteht unter normalen Bedingungen ein
ständiger Austausch zwischen den geistig-seelischen und den
physisch-zellularen Energien. Wenn also der geistig-seelische Körper des
Mediums sich für eine beliebige Zeit loslösen möchte, muß eine andere
geistig-seelische Einheit mit einem Energiemuster von etwa der gleichen
Frequenz mit der Körperenergie des Mediums zusammenwirken, um dessen normalen
Zustand aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise wird die körperlose Person
vorübergehend dadurch, daß sie einen lebenden menschlichen Körper — wenn auch
nicht ganz — bewohnt, zu einem scheinbar körperlich lebenden Individuum. Auf
diese Weise ist Ford in der Trance und auf die Dauer des Jenseitskontaktes
gewissermaßen tot, währenddessen sein physischer Körper von Fletcher bewohnt
wird. Aber selbst wenn Ford damit einverstanden sein sollte, könnte dieser
Austausch nicht für immer sein. Warum nicht? — Das vermochte Mrs.
Finley nicht zu erklären. Leider kenne sie selbst auch noch nicht alle
Zusammenhänge, bedauerte sie, da sie ja erst kurze Zeit »drüben« sei. (Sie
war 1955 gestorben.) Um diese Zusammenhänge im
wörtlichsten Sinn, nämlich die des Energieaustauschs von Lebenden und Toten,
hatte sich Ruth Finley schon auf Erden bemüht — wenn auch lange Zeit
insgeheim. Sie war eine kluge, weltgewandte Frau, die mit beiden Beinen im
Leben stand und doch trotz aller äußerlichen Nüchternheit und Geschäftigkeit
eine außergewöhnlich starke sensitive Begabung hatte. Nach dem Studium an der
Universität ihrer Heimatstadt Akron, Ohio, war sie um 1910 nach Cleveland
gegangen, um sich in das Berufsleben zu stürzen. Sie begann unter ihrem
Mädchennamen Ruth Ebright als Redakteurin der Frauenseite der Cleveland
Press, heiratete den Rechtsanwalt und Journalisten Emmet Finley, war in den
nächsten Jahren Feuilletonchefin des Washington Herald, dann stellvertretende
Chefredakteurin von McClures Magazine und übernahm schließlich die Leitung
einer Frauenzeitschrift. Nebenbei war sie im politischen Ausschuß der
National Federation of Business, also des Nationalen Unternehmerverbandes,
und des Professional Womens Club tätig. Sie schrieb zahllose Zeitungsartikel,
zwei Bücher über inneramerikanische Probleme und eines mit dem Titel Our
Unseen Guest (»Unser unsichtbarer Gast«). Es wurde ein Bestseller, aber
niemand kannte den Autor, denn es war anonym erschienen. Ruth Finley wußte
sehr wohl, daß ein Buch über außersinnliche Erlebnisse in der starr
materialistisch orientierten Zeit der Weltwirtschaftskrise das Ende ihrer
Karriere hätte bedeuten können. Nur wenigen Eingeweihten war bekannt, daß
»Joan«, eines der begabtesten Trancemedien unseres Jahrhunderts, mit der
erfolgreichen Journalistin Mrs. Finley identisch war. Zu diesen Eingeweihten gehörten auch
Stewart Edward White und seine Frau, Elizabeth (genannt Betty) Grant White,
die ebenfalls eine — nach irdischen Maßstäben jedenfalls — unglaubliche
Geschichte zu erzählen hatten. White war Naturforscher, Weltreisender und
Autor von mehr als vierzig Büchern über seine Funde und Forschungen in allen
Teilen der Erde. Er besaß die akademischen Grade eines Bachelor of Arts und
Magister of Arts der Universität von Michigan und hatte außerdem ein
juristisches Staatsexamen an der Columbia-Universität abgelegt. Wenn er nicht
auf Reisen war, lebte er mit seiner Frau in Burlingame, Kalifornien. »Vor dem
17. März 1919«, schreibt White, »hatte ich mich wenig um paranormale Vorgänge
gekümmert. Hätte man mich nach meinen Ansichten darüber befragt, würde ich
wahrscheinlich eher eine skeptische Haltung eingenommen haben. Ich wußte, daß
zahlreiche "Geisterscheinungen" als Humbug entlarvt worden waren.« An jenem 17. März 1919 kamen ein paar
Freunde zu Besuch, die ein neues Spielzeug mitbrachten, das gerade groß in
Mode war — ein Ouija-Brett31. »Wir waren zu Beginn des Spiels in
ausgelassener Stimmung«, berichtet White. »Plötzlich aber änderte sich das
auf ganz unerwartete Weise. Die Tafel wurde energisch, redete sozusagen
Fraktur mit uns. "Warum stellen Sie so alberne Fragen?"
buchstabierte sie, was die Anwesenden schlagartig ernüchterte. Dann
wiederholte sie mehrmals den Namen "Betty".« Mrs. White, die sich nur kurz und
vergeblich an dem Brett versucht und es dann aufgegeben hatte, war überzeugt,
daß es ein Trick der anderen war, sie noch einmal an das Ouija-Brett zu
locken. Schließlich ließ sie sich dazu bewegen, wieder mitzumachen. Im selben
Moment, wo ihre Finger das Brett berührten, reagierte dieses mit
überraschender Intensität. »Nimm einen Bleistift«, forderte es wieder und
wieder. Mehr »sagte« es indessen nicht. Mrs. White hatte von automatischem
Schreiben gehört, und ein paar Tage später nahm sie wirklich, »so zum Spaß«,
einen Bleistift zur Hand, legte ein Blatt Papier vor sich auf den Tisch und
ließ sich in eine Art Dämmerzustand versinken. Der Bleistift setzte sich in
Bewegung, genauso wie der Ouija-Indikator sich bewegt hatte, und schrieb. Am
Abend erzählte sie es ihrem Mann und zeigte ihm das Geschriebene. Nun war Whites Interesse geweckt. Er
assistierte seiner Frau, indem er während der nächsten automatischen
Schreibvorgänge die vollbeschriebenen Blätter wegnahm und durch neue
ersetzte, sich Notizen machte und ihr zwischendurch, wenn sie ermattete, gut
zuredete. Betty war sich nicht im geringsten bewußt, was sie schrieb. Die
Wörter kamen zuerst ganz langsam: Interpunktion, Absätze und Großbuchstaben
fehlten, alles war ohne Trennung aneinandergereiht. Die Geschwindigkeit
beschleunigte sich von Mal zu Mal. Der Diktierende oder Schreiber, wer auch
immer es sein mochte, flößte White tiefen Respekt ein; nie war das
Geschriebene sinnlos oder albern. Die zu Beginn angekündigte Absicht war,
Bettys Bewußtsein für den Empfang und die Weitergabe wichtiger Informationen
zu präparieren. Fast sechs Monate nach Beginn des
automatischen Schreibens informierte der Schreiber die Whites, daß er bald
aufhören würde. Das geschah dann auch. Und nun, da der Text anscheinend
vollständig war, mußte er irgendwie ausgewertet werden. White wußte, daß der
Inhalt aus Bettys eigenem Unterbewußtsein gekommen, daß er aber ebensogut das
Werk eines fremden Wesens sein konnte. Fest stand: Auf eine unbekannte Weise
zapfte Betty eine normalerweise nicht zugängliche Wahrnehmungsquelle an. Die
Beschäftigung mit dem so erlangten Material lohnte sich, wo immer es
herstammen mochte. Auf einer Geschäftsreise las White
das Buch "Our Unseen Guest", das von hochinteressanten
Trance-Experimenten handelte. Betty und er beschlossen, die darin
beschriebene Kommunikationsmethode zu versuchen. Betty fiel schnell in
Trance. »Sie entglitt in eine Art befreites oder doppeltes Bewußtsein. Aus
diesem Zustand heraus berichtete sie über verschiedene Erfahrungen. Ihre
Sprechweise war anfangs stockend und stotternd, die Sätze blieben
fragmentarisch, als ob sie große Schwierigkeiten mit der Formulierung hätte,
was wahrscheinlich darauf zurückzuführen war, daß sie gleichzeitig zwei
Bewußtseinszustände auf einen Nenner zu bringen hatte. Der normale, von dem
aus sie sprach, war der untergeordnete, während sie die eigentliche
Wahrnehmung in einem tieferen Bewußtseinszustand machte. »Wir kamen äußerst langsam voran«,
teilt White mit. »Wenige kurze Sätze erforderten manchmal eine ganze Stunde.
Doch wie schon beim Schreiben wurde auch hier die Geduld belohnt. Bettys
Bericht aus dem "tieferen Bewußtsein" wurde schließlich so flüssig,
daß ich, obwohl ich ein flotter Stenograph bin, manchmal Mühe hatte, mitzukommen.« Nach anderthalb Jahren hatte White
vierhundert maschinen geschriebene Blätter mit Aufzeichnungen über die
Tranceberichte seiner Frau gesammelt. Beide waren inzwischen völlig davon
überzeugt, daß sie es mit klar denkenden, zielbewußten außerirdischen Intelligenzen
zu tun hatten und von diesen zur Arbeit an einem wichtigen Projekt
herangezogen worden waren. Die Whites nannten ihre Partner »Die
Unsichtbaren«. Offenbar beabsichtigten diese Wesen mit Hilfe von Mrs. White
einen Leitfaden für das Jenseits zu erstellen, der die im Diesseits Lebenden
auf ihr Reiseziel und ihren Aufenthalt nach dem Tode vorbereiten sollte.
White veröffentlichte diese Übermittlungen als Buch unter dem Titel "The
Betty Book".32 Auf ihre Fragen nach der Art von
Welt, in der die Unsichtbaren lebten, hatten die Whites zunächst eine Abfuhr
erfahren: »Um unsere Welt verstehen zu können, fehlen Ihnen noch die nötigen
verstandesmäßigen Voraussetzungen.« Trotz dieses Dämpfers machte Betty schon
während der »Probereisen« ihres tieferen Bewußtseinszentrums in diese andere
Dimension einige Beobachtungen. Einmal bemerkte sie, daß es ein »viel
größerer, angenehmer Ort« sei, ein andermal, daß sie genauso behandelt wurde
wie im Diesseits ein neugeborenes Baby. Inzwischen machte der Erwerb der
»nötigen verstandesmäßigen Voraussetzungen« Fortschritte. Die Tragödie des materialistischen
Zeitalters wurde folgendermaßen umrissen: »Die Welt schämt sich des Geistes.
Sie kasteit ihn genauso wie die alten Asketen den Körper kasteiten …
Akzeptiert die natürlichen menschlichen Instinkte und allen Lebensgenuß, aber
laßt sie von der Lebenskraft des Geistes durchdrungen sein!« Fortschritt
bedeutet Aktion: »Bloße intellektuelle Erkenntnis einer Wahrheit ist ohne
Bedeutung … Manifestiert sie in Handlungen! Der erste Schritt hat auf der
irdischen Seite zu erfolgen; dann können wir das, was unbewußt in euch
steckt, fördern und können unsererseits in Aktion treten.« »Undeutlich spüre ich Leute um mich
herum«, sagte Betty einmal, »so wie man Leute in einem verdunkelten Raum um
sich spürt … Die Sache mit der menschlichen Aura stimmt … so wie man eine
Aura der Wärme empfindet, wenn man sich einem Feuer nähert; bei Menschen ist
sie ebenfalls nur in einem gewissen Radius wahrnehmbar.« Auf einer ihrer
»Reisen ins Jenseits« steigerte sich ihre Neugier in bezug auf die Ernährung
dort bis zu dem Punkt, wo sie selbst ein dringendes Bedürfnis spürte, zu
essen. »Ich brauche Nahrung! Es ist ein Instinkt, ein Bedürfnis nach
Wachstumssubstanz. Eine merkwürdige Art Nahrung; man scheint sie nicht
einzunehmen und die Rückstände nicht wieder auszuscheiden. Es sind eher Atome
von Kraft. Man fügt sie irgendwie der Gesamtheit seiner Substanz hinzu. Ich
weiß einfach nicht, wie das vor sich geht.« Hier unterbrach sie einer der
Unsichtbaren: »Dieses Substanz-Ansammeln braucht eine gewisse Zeit. Eines
Tages aber ist es beendet, und man ist in der Lage, seine Tätigkeit hier bei
uns aufzunehmen.« Die Frage, wie wir von den im
Jenseits Lebenden gesehen werden können, wurde folgendermaßen beantwortet:
»Unsere Linsen können euch nicht sehen, wie ihr euch selbst seht. Unsere
Augen sind für die andere, dauerhafte Art Körper geschaffen. Sie nehmen jene
ungreifbaren Eigenschaften wahr, die ihr die geistigen nennt. Nur mit größter
Anstrengung vermögen wir Materie zu sehen.« Im Jenseits kann man jederzeit ohne
lästige Körperbewegung von einem Ort zum anderen wechseln, so wie in der Welt
der Träume. »Nehmen wir an«, sagte einer der Unsichtbaren, »ihr könntet euch durch
ein Super-Telefon tatsächlich an den entfernten Ort versetzen, mit dem ihr in
Verbindung kommen wollt. Gibt euch das nicht eine ungefähre Vorstellung von
den räumlichen Verhältnissen in einem weiteren Bewußtseinsfeld?« Betty
kommentierte: »Es scheint eine direkte, unbehinderte Kraft zu sein, die die
gegenseitige Verständigung der im Jenseits Lebenden ermöglicht.« Fletcher ergänzte später einmal diese
Erklärung, als er gefragt wurde, woher denn "seine Leute« im voraus
wüßten, wer bei welcher Seance anwesend sein würde. Er sagte: Wir haben unsere eigene Form des Telefons. Irgendwie erfahren die
Körperlosen — ich kann Ihnen leider ebensowenig sagen, wie das genau
funktioniert, wie Sie mir werden erklären können, auf welche Weise »denken«
oder »erfahren« Funktioniert —‚ daß bei einer Seance ein irdischer Teilnehmer
anwesend sein wird, für den sie sich interessieren. Man spürt meistens auch,
ob der Zeitpunkt der Kontaktaufnahme günstig ist, aber da kann man sich so
irren wie in eurer Sphäre mit der Wettervorhersage. Es wirken zu viele
unwägbare Faktoren mit. Aber es ist so: Wenn einer der Körperlosen mit einem
von euch in Verbindung treten möchte, dann versetzt er sich einfach zu mir
oder zu irgendeinem anderen, dessen Aufgabe es ist, solche Kontakte zu vermitteln,
und schon befindet er sich am gewünschten Ort. Ist die Seance zu Ende,
verschwindet der Körperlose an meiner Seite so schnell, wie er gekommen ist.
Ich weiß nicht, wohin er sich begibt und ob ich ihn jemals wieder neben mir
wahrnehmen werde. Wenn er sich auf eine höhere Bewußtseinsstufe einstellt,
kommen wir nicht mehr zusammen. Fletcher konnte uns über das System
der Bewußtseinsebenen wenig sagen. Es war nicht sein Metier, dies zu
erforschen. Wir dürfen nicht vergessen, daß er, bei aller Charaktergröße und
Sensibilität, ein Mann von durchschnittlicher Bildung war und nicht speziell
an wissenschaftlichen, oder gar systemanalytischen Fragen interessiert. Was die verschiedenen
Bewußtseinsstufen betrifft, so bestätigten Bettys Unsichtbare Myers Angaben, obgleich
sie sich nicht über Einzelheiten verbreiten wollten. »Ihr alle lebt ja auch
auf verschiedenen Bewußtseinsstufen. Jede Stufe verschafft bestimmte
Privilegien. Es ist wie beim Aufwärtssteigen. Jeder Schritt muß neuen
sicheren Boden gewinnen, bevor der nächste getan werden kann. Ihr befindet
euch jetzt auf der Ebene der dämmernden Erkenntnis.« Ein großer Teil des Dreiergesprächs
zwischen Betty, als Medium, den Unsichtbaren und White als »Interviewer«
befaßte sich mit dem Problem des Dienstes an den Mitmenschen. Je weiter man
im Studium der geistigen Prinzipien weiterschreite, sagten sie, desto mehr
bekümmere einen das Handikap, das durch ungenügendes Bewußtsein verursacht
wird. Dies führe dazu, daß man mit dem Geist des Helfenwollens erfüllt wird,
mit dem Wunsch, die spirituellen Erkenntnisse, die zur Harmonie führen,
anderen mitzuteilen. Da dies aber gleichbedeutend mit geistiger Beeinflussung
ist, erregt es sofort Widerspruch und Opposition, so daß man schließlich
Gefahr läuft, die gleiche Feindseligkeit, den gleichen Haß
heraufzubeschwören, der ursprünglich und immer wieder den Verlust der
geistigen Einsicht verursacht und der Welt Unheil gebracht hat. Es geht also
darum, der Opposition mit Festigkeit gegenüberzutreten und sich nicht in den
Wirbel destruktiver Emotionen hineinziehen zu lassen. Mit diesem Problem befaßten sich die
Unsichtbaren mit großem Eifer, da sie seine Lösung als einen der Grundpfeiler
ihrer Mission betrachteten. »Ihr sollt euch nicht vor der Auseinandersetzung
drücken; das würde Schwäche bedeuten. Ihr könnt auch nicht gleichgültig
bleiben; das wäre Grausamkeit. Andererseits dürft ihr euch nicht in den
Strudel erbitterter Meinungskämpfe ziehen lassen; es würde nur die
Feuersbrunst verbreiten.« Was soll man also tun? Der Rat der
Unsichtbaren war, daß man zuerst die Stärkung seines eigenen geistigen
Gleichgewichts im Auge behalten solle, indem man sich ganz auf das erweiterte
Bewußtsein, das man erreicht hat, stütze. »Man kann seinen Freund nicht aus
dem Sumpf ziehen, wenn man nicht selbst einen festen Stand hat.« Im Besitze
des seelischen Gleichgewichts, mit einem auf höherer Stufe operierenden
Bewußtsein kann man dann mittels rein geistiger Projektionen versuchen, das
gleiche Zentrum energetischen Potentials in seinem Gegenüber zu wecken, das
zuvor in einem selbst erweckt worden ist. Auf diese Weise, so sagten die
Unsichtbaren, könne man die emotionalen Stürme der Konfrontation und
Kontroverse bestehen. So wurde Bettys Wunsch, mehr über das
Leben nach dem Tode zu erfahren, durch den Auftrag, in ihrem unmittelbaren
Erdenleben geistig effektiver zu werden, abgelenkt. Doch ignorierten die
Unsichtbaren ihre Neugier nicht ganz. Nachdem sie ihr ihre Hauptaufgabe
»eingehämmert« hatten, entsprachen sie Bettys Wunsch auf überraschende Weise. Und hier begegnen wir wieder Ruth
Finley, die später im Leben von Stewart und Betty White und noch später in
meiner eigenen medialen Erfahrung eine so große Rolle spielen sollte. Es traf
sich, daß 1922 acht ungewöhnliche Persönlichkeiten aus verschiedenen Gegenden
der USA während des ganzen Monats Januar in New York waren. Es waren der
Journalist Mr. Gaines und seine Frau, die mediale Fähigkeiten in Halbtrance
besaß; der Geschäftsmann Mr. Cameron mit seiner Frau Margaret, deren aus
ihrem automatischen Schreiben hervorgegangenes Buch "The Seven
Purposes" ("Die sieben Ziele")33 ein Bestseller
geworden war; die Finleys, deren telepathische Abenteuer als »Darby und Joan«
zwei Jahre vorher unter dem Titel "Our Unseen Guest" erschienen
waren — und die Whites. Diese acht, die sich gegenseitig vom Hörensagen
kannten, veranstalteten eine Serie von elf Seancen. Das Ergebnis war eine
Reihe von Phänomenen, die niemand von ihnen jemals vorher erlebt hatte. Die besagten Manifestationen gehörten
der »physikalischen« Kategorie an. Das war insofern schon überraschend, als
alle Teilnehmer so wie ich selbst eigentlich den psychischen Medien
zuzuordnen waren. Auf der ersten Sitzung dieser Reihe übernahmen
Kontrollgeister die Führung und verkündeten durch die Medien Betty und Joan (alias
Mrs. Finley) das Programm: nämlich den Beta-Körper vorzuführen. Wenn dieser ätherische Körper, der
bislang nur wenigen Sensitiven sichtbar war, tatsächlich dem gewöhnlichen
Wahrnehmungsvermögen normaler Menschen erfahrbar gemacht werden konnte, würde
das für die Parapsychologie von unschätzbarer Bedeutung sein. Es würde eine
akzeptable Brücke bilden zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Natürlich
hatte es solche Demonstrationen schon seit undenklichen Zeiten gegeben. Aber
der Skeptizismus des 20. Jahrhunderts lehnt ja alles ab, was man nicht selbst
gesehen, gefühlt und gemessen hat, und pflegt Berichte, die nicht mit den
materialistischen Dogmen übereinstimmen, kurzerhand als betrügerisch oder
zumindest als unglaubhaft zu bezeichnen. Hier ergab sich eine nahezu ideale
Forschungssituation. Alle Teilnehmer waren durch Leistungen, die außerhalb
des paranormalen Bereichs lagen, im materialistischen System etabliert. Zudem
hatten sie alle als Skeptiker angefangen und sich große Mühe gegeben, ihre
außersinnlichen Fähigkeiten geheimzuhalten. Durch Betrug oder gefälschte
Berichterstattung wäre also nichts zu gewinnen gewesen. Indem ich hier die Voraussetzungen
für physikalische Phänomene beschreibe, nehme ich für mich nicht mehr
Glaubwürdigkeit in Anspruch als jeder andere Forscher auf diesem Gebiet.
(Übrigens: Obgleich ich oft Zeuge solcher Erscheinungen war und, wie ich noch
berichten werde, auf einem Tiefpunkt meines Lebens das Phänomen mit mir
selbst geschehen sah, vermag ich sie doch nicht hervorzurufen.) Hier ist die
inzwischen schon traditionelle Erklärung für Vorgänge dieser Art: Wie wir schon gehört haben, deckt
sich während seines irdischen Lebens der physische Alpha-Körper mit dem
Beta-Körper. Obwohl dieser Beta-Körper in erster Linie geistiger, emotionaler
und spiritueller Natur ist, verbleiben ihm während seines Verweilens auf den
Stufen Zwei und Drei des Jenseits, wie sie Myers bezeichnet hat, gewisse
physische Eigenschaften. Im Gegensatz zu dem physischen Körper aber, der
»synthetisch« ist, das heißt, der aus Verbindungen besteht (ein Ohr oder
Finger kann abgeschnitten werden und der Körper trotzdem weiterleben), ist
der Beta-Körper gewissermaßen aus einem Stück und unteilbar. Auf Erden sowie
auf der zweiten und dritten Stufe der höheren Bewußtseinsstruktur des
Jenseits ist dieser Beta-Körper der Sitz der Seele, des »wahren Ich«. Unter
gewissen besonderen Umständen kann der Beta-Körper den physischen Körper
verlassen. Dieses Ereignis ist die Grundlage für außerkörperliche
Erfahrungen, etwa der Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig anwesend zu sein
(Bilokation — ein Individuum wird deutlich gesehen, während sein physischer
Körper sich in Wirklichkeit woanders befindet). Der Beta-Körper vermag als Sitz der
Seele, wenn er will, sich verschiedener Eigenschaften des physischen Körpers
zu bedienen. In der parapsychologischen Forschung gilt es als Binsenwahrheit,
daß geistig-seelische Energie den Vorrang vor körperlicher Substanz hat und
sich ihrer bedient, wenn sie stark genug ist. Hierfür gibt es auf der Erde
viele Beispiele und Parallelen, auf die ich schon einmal hingewiesen habe.
Wir wissen, daß physisch nichts geschehen kann, wenn es nicht zuvor geistig
vollzogen wurde. Bevor eine Brücke oder ein Haus gebaut, irgendein Produkt
hergestellt wird, muß erst die geistige Konstruktion erstellt werden. In ähnlicher Weise können physische
Materialien auf Wunsch des Geistes umgearbeitet werden. Die zersprungene
Bronzeglocke von gestern kann, eingeschmolzen werden, um als Bronzestatue
oder als neue Glocke wiederzuerstehen. Es gibt Aufzeichnungen über physische
Phänomene, die darauf schließen lassen, daß Auflösung und Neuerstehung von
Substanz direkt, das heißt, ohne die Dienste einer zwischengeschalteten
Mechanik, erreicht werden können, wenn die Kraftquellen die nötige Stärke
besitzen. Dies demonstriert der »Apport«, bei dem Gegenstände, die sich
nachweislich ganz woanders befanden, aufgelöst, transportiert worden und in
ihrer ursprünglichen Form wieder zusammengesetzt am Ort der Seance erschienen
sind. Die White-Gaines-Finley-Cameron-Sitzungen
wurden völlig unter jenseitiger Leitung durchgeführt. Diese bestand aus
Wesen, die sich »Doktor«, »Stephen«, «Anne« (oder »Lady Anne«, eine Dame aus
dem 17. Jahrhundert, die von ihren Gefährten mit besonderem Respekt behandelt
wurde) und »Joe«, der verstorbene Sohn der Gaines, nannten. Nachdem die
gestellte Aufgabe theoretisch erörtert worden war, wurden waghalsig anmutende
Phänomene demonstriert, die zunächst nicht auf dem Programm gestanden hatten.
Der Beta-Körper von Ruth Finley trennte sich von ihrem physischen Körper und
war für alle in vollem Tageslicht sichtbar, und später, als der Abend kam, in
lavendelfarbenem Licht als lumineszierender Umriß. Die Experimentatoren aus
dem Jenseits sagten, daß der Beta-Körper magnetisch aktiv sei und daß seine
Anwesenheit ein Absinken der Temperatur im Raum verursachen würde. Sie gaben
Anweisung, dies mit Meßinstrumenten nachzuprüfen. Die Behauptung wurde
bestätigt. In der reichhaltigen Literatur über
außerkörperliche Erfahrungen finden sich manchmal Erwähnungen eines
»silbernen Bandes«, das den Alpha- mit dem Beta-Körper verbinde. Wenn im
Erdenleben Beta sich vom physischen Leib trennt, bleiben angeblich die beiden
Körper durch dieses Band miteinander verbunden. Es ist so elastisch, daß Beta
das ganze Universum umrunden könnte, ohne von dem physischen Körper getrennt
zu werden. Beim Tode des physischen Körpers löst sich dieses Band, und der
Beta-Körper schreitet als Träger der Seele zu den Erfahrungen der zweiten,
der dritten und der weiteren Bewußtseinsebenen fort. Bei der Loslösung von
Ruth Finleys Beta von ihrem Körper war das silberne Band deutlich sichtbar
und fühlbar. Es ist offenbar jenes Band, das durch das Wort Salomos »… ehe
denn der silberne Strick wegkomme …« (Prediger 12,6) bekannt ist. Bei einer anderen Sitzung, auf der
die Fähigkeit des Geistes, Materie aufzulösen und wieder zusammenzusetzen,
demonstriert wurde, verschwand Mrs. Finleys physischer Körper mehrere Male
für jeweils etwa dreißig Sekunden, um dann völlig unverändert an der Stelle,
wo sie sich befunden hatte, wiederzuerscheinen. Porträts verschiedener
verstorbener Personen manifestierten sich, das heißt, nicht Beta-Körper
erschienen, sondern wie von Künstlerhand gemachte Porträtskizzen, die in
einem leuchtenden »Material« sichtbar wurden, das möglicherweise mit dem von
verschiedenen Forschern Ektoplasma genannten Stoff identisch ist. Eines davon
war eine Skizze von Mrs. Finleys Vater, ein weiteres das des Gaines-Sohnes.
Beide waren deutlich zu erkennen. Zum Abschluß der Experimente gaben
die jenseitigen Experimentatoren eine Zusammenfassung ihrer Position
gegenüber der dogmatischen Wissenschaft: Ein gewisser Fortschritt bei der
Durchdringung der Mauer, die diese um sich errichtet habe, sei bereits
gemacht worden. »Und doch sind wir für eine volle Konfrontation mit dem
Skeptizismus noch nicht bereit.« 1937 veröffentlichte Stewart White
einen Bericht über diese Begebenheiten in einem Anhang zum "Betty
Book". Im April 1939 starb Betty. Stewart und Betty waren
fünfunddreißig Jahre verheiratet gewesen. Nun hatte Stewart Ursache, sich
einige der Offenbarungen ins Gedächtnis zurückzurufen, die das Leben nach dem
Tode betrafen und die ihm während der elf New Yorker Sitzungen übermittelt
worden waren. »Das Ich als Beta lebt fort«, hatte Joe Gaines gesagt. »Wir
besitzen eine Form, Farbe, ein Gewicht und mehr Sinnesorgane als ihr.«
Stewart war fest überzeugt, daß auch Betty so weiterexistiere. Bei unzähligen
Gelegenheiten — die erste eine halbe Stunde nach ihrem Tode — hatte er deutlich
ihre Gegenwart gespürt: »Das vertraute Gefühl des Beisammenseins, das man
manchmal hat, wenn man sich im gleichen Raum befindet, vielleicht jeder mit
einem Buch beschäftigt.« Es wurde kein Wort gewechselt, aber das Erlebnis des
Beisammenseins war so stark, daß Worte nicht nötig waren. White erinnerte
sich an die Äußerung Jenseitiger, daß die Verständigung in ihren Regionen
unmittelbar, geistig und wortlos sei: Er nahm an, daß sich ihre Verbindung
fortan auf diese Art dokumentieren würde und erwartete keine weitere
Verständigung durch Worte. Im September des gleichen Jahres flog
White geschäftlich an die Ostküste. Emmet und Ruth (»Darby und Joan«) Finley
lebten jetzt in Huntington, Long Island. Natürlich wurde eine Seance
abgehalten. Es sollte die erste einer ganzen Reihe werden. Nach
sechsmonatigem Schweigen hatte Betty nun einiges zu sagen — etwas Wichtiges,
das sie ausführlich darlegen wollte, wofür sie aber allerhand Zeit benötigen
würde. Stewart machte wie gewöhnlich sorgfältige Aufzeichnungen. Diese Aufzeichnungen
wurden später in Erzählform umgegossen und 1940 unter dem Titel "Das
uneingeschränkte Weltall" als Buch veröffentlicht. Betty war der Auffassung, daß sie als
erstes über jeden Zweifel hinaus ihre Identität nachzuweisen habe, was sie
dann auch tat. Durch die Vermittlung der in Trance befindlichen Joan begann
sie »ganz ruhig und fließend mit sicherer und intimer Kenntnis unseres
gemeinsamen Lebens« zu Stewart zu sprechen. Sie erwähnte dabei »nicht nur
eines, sondern Dutzende« von Details aus dreißig Jahren des Zusammenlebens,
die nur ihr selbst und Stewart — den sie mit dem nur von ihr selbst während
ihres irdischen Lebens verwendeten Kosenamen »Stewt« anredete — bekannt sein
konnten. Nach ihrem minuziösen
Identitätsnachweis stürzte sich Betty mit dem gleichen Eifer auf das, was sie
als ihre Hauptaufgabe bei dieser Kommunikationsserie ansah: die Teilnehmer
davon zu überzeugen, daß es nur ein Universum gibt. In einer langen Reihe von
Seancen mit Joan als Medium schweifte sie nie von diesem Thema ab, außer
gelegentlich, um Beispiele von illustrativem und sonstigem
Dokumentationsmaterial zu nennen. Auf diese Weise wurde die erste abgerundete
Folge von Berichten in der Ichform über das Leben nach dem Tode geschaffen,
das seit den Offenbarungen von Frederic Myers ein Vierteljahrhundert früher
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden war. Zwar hatte Myers mit einer
Erfahrung von zwanzig Jahren im Jenseits gesprochen, während Betty nur ein
paar Monate Jenseits-Erfahrung besaß. Nichtsdestoweniger ist ihre Aussage von
einzigartigem Wert. Das, was sie Myers voraus hatte, war, daß sie infolge
ihrer medialen Begabung bereits vor ihrem Tod zwanzig Jahre lang in den
jenseitigen Regionen »gereist« war. Die Genauigkeit, mit der sie das ihr
sichtbare Gelände schildert, verleiht ihrem Bericht besondere
Überzeugungskraft — obwohl ihre Erfahrung wahrscheinlich auf Stufe Zwei und
Drei beschränkt war, während Myers die komplette Struktur aller
Bewußtseinsebenen zu beschreiben versuchte. Immerhin hat sie aber sein Konzept
unterstützt: »Manche Individuen«, meldete sie, »leben in entfernteren Räumen
des Alls.« In seinem Kommentar zu Bettys
Ausführungen schreibt White: Die Menschheit hatte seit eh und je die Vorstellung, es gebe zwei völlig
verschiedene Seinszustände, die voneinander wie durch eine Mauer getrennt
seien — die »Auf Erden«- und die »Im Himmel«-Vorstellung. Diese Aufteilung
wurde natürlich in allen nur möglichen Terminologien ausgedrückt. Die
Vorstellung aber bleibt immer dieselbe, in jedem Zeitalter, bei jedem Volk,
in jedem Glaubensbekenntnis. Betty nannte sie eingeschränktes und uneingeschränktes Universum,
verneinte aber die Mauer dazwischen. Es war ihre Aufgabe, in diesen
Ausführungen die Mauer niederzureißen. Um dies zu ermöglichen, wies sie
zuerst darauf hin, daß es in Wirklichkeit gar nicht zwei Welten gibt, sondern
einzig zwei Aspekte ein und desselben Universums. Wir leben hier im
eingeschränkten Aspekt, eine Behauptung, die wahrscheinlich keiner von uns
leugnen wird. Setzt man dies voraus, so folgt logischerweise, daß Betty im
anderen Aspekt, im uneingeschränkten, lebt. Dies aber, so versichert sie
erstaunlicherweise, ist nicht der Fall. Im Gegenteil, sie lebt in beiden
Aspekten, im gesamten Universum, sowohl im eingeschränkten Bereich — diesem
kleinen Prozentsatz des Ganzen, den wir hier auf der Erde bewohnen — als auch
im riesigen und geheimnisvollen uneingeschränkten Bereich, den wohl unsere
Wissenschaft, wie sie versichert, erahnt, aber von dem wir bislang noch so
gut wie nichts wissen. Für Betty gibt es ein einziges homogenes Universum,
weil unsere Hindernisse für sie gar keine sind. Also sind wir gezwungen, unser Erde-Himmel-Bild zu berichtigen. Wir
selbst leben nur in einem winzigen Ausschnitt eines alleinigen Universums,
und wir werden durch die Hindernisse in Schranken gehalten, die aber nur uns
behindern. Diese Hindernisse haben mit Bettys Seinszustand nichts zu tun, sie
sind uns angeboren und sind sogar teilweise unser eigenes Produkt. Überdies
sind sie weit mehr, als wir bisher erkannt haben, durch uns selbst
veränderbar — wenn wir nur wüßten, wie. Dies ist eines der Dinge, die uns
Betty zu zeigen versuchte: in welchem Ausmaß und wie. Und damit berühren wir
den praktischen Wert ihrer Ausführungen für uns, gerade jetzt, in der Gegenwart.
Besonders für die Gegenwart. »Es gibt nur ein Universum.« Wann
immer ich dieses Leitmotiv Bettys höre, muß ich an eine Episode denken, die
ich in einer meiner eigenen Sitzungen erlebt hatte. Eine Frau, die gerade
ihren Mann verloren hatte, besuchte mich in der Hoffnung, Kontakt mit ihrem
verstorbenen Mann aufnehmen zu können. Die Verbindung kam zustande, sie und
ihr Mann unterhielten sich, und sie sagte unter Tränen, wie verzweifelt sie
sei, seit er »fortgegangen« sei. Prompt kam die Antwort: »Aber ich bin ja gar
nicht fortgegangen.« Dies war im wesentlichen das gleiche, was Bettys
Botschaft beinhaltete. Unsere verstorbenen Angehörigen sind nicht
»fortgegangen«. Sie leben im gleichen Universum wie wir. Was ihr Leben von
dem unsrigen hauptsächlich unterscheidet, ist, daß sie mehr Freiheit haben.
In der Schilderung dieser Freiheit und der Sicherheit, die sie einem gibt,
liegt die besondere Stärke von Bettys Bericht. In Beantwortung einer Frage von Darby
sagte Betty: »Ihr glaubt an Unsterblichkeit. Damit eines Tages der
wissenschaftliche Beweis erbracht werden kann, müßt ihr fortfahren, die
Grundlagen für solche Beweise zu legen. Ich möchte einen Kurs einschlagen,
der später wissenschaftlich weiterverfolgt werden kann … Ich möchte
versuchen, die Möglichkeit, daß die beiden Welten ein- und dasselbe sind, in
Begriffen aus der Technik begreiflich zu machen.« Dann kam der Vergleich mit dem
Ventilator. Eine der Erscheinungen, die uns die Vorstellung von zwei
verschiedenen oder getrennten Universen aufgezwungen haben, ist die Frequenz,
sagte Betty. Wenn ein Ventilator in voller Stärke arbeitet, das heißt, wenn
die Flügel sich mit hoher Geschwindigkeit drehen, können wir scheinbar durch
sie hindurchsehen. Jedenfalls nehmen wir die Flügel selbst nicht mehr wahr.
»Meine Koexistenz mit euch ist analog. Wenn ihr euch auf meine hohe Frequenz
einstellen könntet, so würdet ihr mich sehen. Wie es jetzt ist, schaut ihr
durch mich hindurch. Ich bin "nicht da".« Einer der Sitzungsteilnehmer fragte
Betty einmal: »Ist es von eurer Seite aus gesehen nicht vielleicht so: Ihr
könnt uns sehen, wie man Fische in einem Aquarium beobachtet. Wir bewohnen
das gleiche Universum, aber wir können nicht mit ihnen zusammenleben.« Betty
schien diesen Vergleich zu akzeptieren und ergänzte ihn durch die
Fotografie-Parallele. Eine Schwarzweißfotografie registriert eine Realität.
Eine Farbfotografie registriert die gleiche Realität, gibt sie aber viel
genauer wieder als die Schwarzweißaufnahme. »Dies half uns zu begreifen«,
schrieb White, »wieso gleiche Dinge verschieden gesehen werden können.« Betty
betonte: »Wenn ihr die richtige Frequenz entdecken würdet, so könntet ihr das
ganze Universum entschleiern. Das bedeutet zwar noch nicht, daß ihr es schon
bewohnen könnt. Es würde bedeuten, daß ihr sicher wißt, daß ich darin
weiterlebe.« Als nächstes unternahm es Betty, ein
Bild ihrer »jetzigen Existenz zu skizzieren«. Sie begann damit, daß sie Joans
Seanceteilnehmer daran erinnerte, daß es viele Dinge gibt, die man mit
unseren Sinnen nicht wahrzunehmen vermag, deren Existenz aber mit Hilfe von
Instrumenten nachgewiesen werden kann. Der Unterschied zwischen den beiden
Daseinsformen beruhe also hauptsächlich auf einem unterschiedlichen
»Wahrnehmungsmechanismus« — die jenseitigen Instrumente oder Sinne seien eben
sehr viel feiner gestimmt als die diesseitigen. »Wenn ich euch berühre, ist
das für mich genauso wirklich wie früher. Wir können euch sehen … Eure und
meine Welt sind die gleiche, nur seid ihr euch der meinen nicht bewußt. Ich
sehe beide … Wir haben ziemlich viel Arbeit mit Menschen, die plötzlich zu
uns herüberkommen und nicht wissen, was mit ihnen geschieht.« Sie sprach dann
von dem großen Vorteil, den diejenigen besäßen, die schon etwas Bescheid
wüßten und in der Lage wären, die andere Welt »ganz selbstverständlich und
sicher« zu betreten. »Der Tod ist viel einfacher als die Geburt. Die Erde ist
für die Individualisierung bestimmt.« Immer wieder ist von
Seanceteilnehmern nach der Bedeutung der Sexualität im Jenseits gefragt
worden. Die Antworten weisen trotz großer Unterschiede in der Formulierung
durchaus Übereinstimmung auf. Jesus antwortete ausweichend, daß es im
Jenseits keine Ehen gebe, sondern, daß man dort »den Engeln gleich« sei.
Raymond Lodge berichtete: »Kinder werden hier nicht geboren.« Und Betty White
bestätigte, daß die Erde und nicht das Jenseits die »Welt des Geborenwerdens«
sei. Die höhere Bewußtseinssphäre setze logischerweise voraus, daß die
Grundbedingung, nämlich die Entstehung eines Wesens mit einem Alpha- und
einem Beta-Körper, bereits vollzogen sei. In welcher Form Sexualität
weiterbesteht, deutet ein Bericht an, der dem Schriftsteller Basil King durch
automatisches Schreiben eines Mediums namens Jennifer durchgegeben wurde.
Darin heißt es: »Die Geschlechtsunterschiede bleiben erhalten, da sie Teil
der Individualität sind. Die Geschlechter kommen einander näher durch
Sympathie, doch stärker als durch körperliche Merkmale unterscheiden sie sich
durch charakteristische Begabungen … Die Flamme ihres geistigen Kontakts ist
schöpferische Leidenschaft, aus der nicht neue Wesen entstehen, sondern neue
Kräfte sich entfalten.« Bei der Darstellung ihres
Jenseitsbildes war Betty nicht allein auf sich selbst angewiesen. Oft sagte
sie: »Ich weiß es nicht so recht … einen Moment, ich werde mich erkundigen.«
Meistens fragte sie Lady Anne, die mehrere Jahrhunderte Erfahrung hatte und
besonders drastische Vergleiche liebte. Einmal sagte sie: »Der
Wahrnehmungsmechanismus einer Wanze verhält sich zu eurem
Wahrnehmungsmechanismus etwa so wie der eure zu unserm.« Das irdische
Bewußtsein, erklärte sie weiter, sei einem Universum angepaßt, in dem man mit
unzählig vielen geistigen und stofflichen Strukturen kollidieren kann. »Ihr
stoßt an eine Mauer. Ihr stoßt an Raumgrenzen. Entfernung behindert euch, und
ihr müßt sie unter großen Anstrengungen überwinden. Ihr stoßt gegen Zeit.
Wenn ihr sagt: "Ich habe keine Zeit", meint ihr damit, daß die
fixierte Dauer von einem Tag oder einem Jahr euch behindert. Ihr stoßt gegen
Gedanken; anderer Leute Denken blockiert, behindert euch.« In seiner anregenden Interpretation
des Betty-Berichts sagt Emmet Finley: In unserer Welt gibt es zum Beispiel etwas, das wir Elektrizität nennen.
Wir kennen ihre Essenz nicht, alles, was wir von ihr wissen, ist die Art und
Weise, in welcher sie im eingeschränkten Universum wirkt. Im
uneingeschränkten Universum ist ihre Essenz bekannt, und sie wird verwendet.
Und dies erklärt auch, warum Betty, als wir sie fragten, ob es in ihrer Welt
Elektrizität, Sauerstoff, Ziegelsteine und Stöcke gebe, mit Ja antwortete …
Immer aber fügte sie hinzu, sie kenne und verwende diese Dinge nicht in deren
eingeschränktem Aspekt, sondern in deren Essenz. Dies sei leichter zu verstehen, fährt
Finley fort, wenn man sich an das erinnere, was die Physiker uns seit vielen
Jahren erklären: daß es solche materielle Substanz, wie wir sie in der
Vergangenheit verstanden haben, nicht gebe. Es gebe nur Aggregatzustände der
Energie. Und natürlich verschiedene Arten, diese Energie wahrzunehmen. Man betritt ein dunkles Zimmer. Man stolpert herum und sieht nichts. Dies
ist der eine Aspekt. Nun findet man den Lichtschalter und durchflutet das
Zimmer mit Licht. Jetzt braucht man nicht mehr zu stolpern, man sieht die
Möbel und Bilder, Farben und Formen. Dies ist der andere Aspekt. Und doch
betreffen beide Aspekte dasselbe Zimmer. Und es ist dasselbe Zimmer, in
welchem man sich die ganze Zeit aufgehalten hat. Man ist immer noch drin und
wird weiterhin drin sein. Man nimmt den Raum in seinem eingeschränkten Aspekt
wahr. Betty nimmt ihn in der Essenz wahr. Wer hat schon einmal die beiden Seiten einer Münze zugleich gesehen? Das
wäre nur mit Hilfe von Spiegeln möglich. Und doch wird niemand, der die eine
Seite einer Münze ansieht, die Existenz der anderen Seite leugnen oder etwa
abstreiten, daß beide Seiten zur selben Münze gehören. Während einer der Sitzungen, in denen
Joan durch Fletcher zu uns sprach, ließ sie sagen: »Mister Ford ist manchmal
sogar in unserer Welt … Er läßt sich von seinem eigenen Interesse an dem, was
hier vorgeht, so fortreißen, daß er unversehens auf unsere Seite herüberkommt
und jemand anders bei euch drüben die Stellung halten läßt. Wie ich schon
erwähnte, können "Körperlose", die ungefähr sein Energiemuster
besitzen, also Fletcher zum Beispiel, sein Leben für kurze Zeit
aufrechterhalten.« Einer der Seanceteilnehmer wollte
später von mir wissen, ob ich mich an irgendeinen dieser Ausflüge ins
Jenseits erinnern könne. Ich mußte das verneinen. Welche Reisen ich auch in
jene Region gemacht haben mochte, sie sind meiner bewußten Erinnerung völlig
verschlossen. Für mich war jede Trance ein tiefer, traumloser Schlaf. Man hat
mir Nadeln ins Fleisch gestochen, und ich bin nicht aufgewacht. Doch erinnere
ich mich, einen Trip nach drüben einmal unfreiwillig und sozusagen hinter
Fletchers Rücken unternommen zu haben. Wir haben bisher fast ausschließlich
von akustischen Verbindungen mit dem Jenseits gesprochen und die mindestens
ebenso häufig bezeugten optischen Einblicke Lebender in diese Sphäre außer
acht gelassen. Das geschah mit Absicht und aus drei Hauptgründen: Erstens
habe ich schon darauf hingewiesen, daß ich persönlich körperliche oder auch
nur bildliche Erscheinungen nicht hervorzubringen vermag. Zweitens ist die
Literatur über die visuelle Manifestation von »Geistern« so umfangreich, daß
man sich über diese Phänomene leicht an anderem Ort orientieren kann.
Drittens geben Sprechkontakte mit Verstorbenen zweifellos besseren Aufschluß über
das Leben nach dem Tode als optische Erscheinungen, die ja zumeist stumm
sind, also nichts tatsächlich bezeugen bzw. berichten. Ich möchte hier jedoch — wie gesagt,
mit allen Vorbehalten — ein eigenes Erlebnis berichten: Vor einer Reihe von Jahren war ich
sehr krank. Die Ärzte wußten, daß eigentlich keine Hoffnung mehr war, aber
sie taten selbstverständlich weiterhin alles, was in ihrer Macht stand. Man
brachte mich in eines der sogenannten Sterbezimmer des Krankenhauses von
Coral Gables, Florida, und meinen Freunden wurde mitgeteilt, daß ich die
Nacht wahrscheinlich nicht überleben werde. Wie aus weiter Entfernung, ohne
etwas anderes als eine leichte Neugier zu empfinden, hörte ich einen der
Ärzte einer Schwester zuflüstern: »Geben Sie ihm eine Spritze, warum soll er
es nicht leichter haben!« Ich ahnte, was er mit »es« meinte, aber ich hatte
keine Furcht. Ich überlegte nur, wie lange das Sterben wohl dauern würde. Wenige Augenblicke später schwebte
ich über meinem Bett. Ich konnte meinen Körper liegen sehen, aber er
interessierte mich so wenig wie irgendein anderer Gegenstand im Zimmer. Ich
empfand nichts als Frieden, ein Gefühl, daß nun alles gut sei. Dann fiel ich
in eine zeitlose Leere. Als ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, schwebte
ich durch den Raum, schwerelos und körperlos. Und doch war ich »ich selbst«
und befand mich in einem grünen, rings von Bergen umgebenen Tal, das in Licht
und Farben von unbeschreiblicher Leuchtkraft getaucht war. Von überall her
kamen Leute auf mich zu, Menschen, die ich gekannt und tot geglaubt hatte. An
viele hatte ich seit Jahren nicht mehr gedacht, aber jeder, den ich einmal
gern gehabt hatte, schien zu meiner Begrüßung gekommen zu sein. Alle waren
mehr durch Persönlichkeitsmerkmale als durch ihr Äußeres wiederzuerkennen.
Ihr Alter hatte sich verändert. Einige, die als ältere Menschen gestorben
waren, erschienen jetzt jung, andere, die als Kinder dahingeschieden waren,
begrüßten mich als Erwachsene. Ich war schon oft in fremde Länder
gereist und dort von Freunden in Empfang genommen worden, die es sich nicht
nehmen ließen, mir die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimat zu zeigen. Genauso war
es jetzt. Doch nie zuvor war mir ein so überaus herzlicher Empfang bereitet
worden. Alles, was mich, ihrer Meinung nach, interessieren konnte, wurde mir
gezeigt, und meine Erinnerung an all das ist mir so deutlich geblieben wie
meine Erinnerung an die schönsten irdischen Gegenden, die ich gesehen habe:
Die Schönheit eines Sonnenaufgangs, von einem Gipfel der Schweizer Alpen
betrachtet, die Blaue Grotte von Capri, die Heiligtümer Indiens, sind meinem
Gedächtnis nicht stärker eingeprägt worden als die spirituelle Welt, in der
ich, wie ich wußte, nun weilte. Etwas hat mich überrascht: Einige
Leute, die ich zu sehen erwartet hätte, waren nicht da. Ich fragte nach
ihnen. Doch im gleichen Augenblick schien sich ein dünner, durchsichtiger
Film über meine Augen zu legen. Das Licht wurde schwächer, und die Farben
verloren an Leuchtkraft. Diejenigen, mit denen ich gerade gesprochen hatte,
konnte ich nicht mehr erkennen, aber wie durch einen Nebel sah ich jetzt die
anderen, nach denen ich gefragt hatte. Auch sie waren wirklich, doch als ich
sie anblickte, spürte ich, wie mein Körper schwerer wurde; irdische Gedanken
gingen mir durch den Sinn. Mir war klar, daß ich eine niedrigere Sphäre vor
mir sah. Ich rief die Freunde beim Namen; sie schienen mich auch zu hören,
aber ich konnte nicht verstehen, was sie antworteten. Dann war alles vorbei.
Ein sanftes Geschöpf, das wie ein Symbol ewiger Jugend aussah, aber Kraft und
Intelligenz ausstrahlte, stand neben mir. »Mach dir keine Sorgen um sie«,
sagte es. »Sie können hierherkommen, wann immer sie wollen, sofern sie es
mehr als alles andere wünschen.« Übrigens herrschte um mich herum
große Geschäftigkeit. Alle waren unaufhörlich mit geheimnisvollen Besorgungen
unterwegs und schienen sehr glücklich zu sein. Einige, mit denen ich früher
durch enge Bande verbunden gewesen war, zeigten sich hier nicht sonderlich an
mir interessiert. Dafür wurden andere, die ich nur flüchtig gekannt hatte,
jetzt meine Gefährten. Ich erfuhr, daß dies richtig und natürlich sei. Hier
bestimme das Gesetz der Geistesverwandtschaft unsere Beziehungen. Irgendwann — ich hatte keinerlei
Zeitgefühl mehr — fand ich mich vor einem blendend weißen Gebäude stehen. Als
ich eingetreten war, bedeutete man mir, in dem riesigen Vorraum zu warten,
bis über meinen Fall entschieden worden sei. Durch große Türen konnte ich
zwei lange Tische sehen, an denen Leute saßen und sprachen — sie sprachen
über mich. Schuldbewußt begann ich mit einer Bestandsaufnahme meines Lebens.
Sie ergab kein sehr erfreuliches Bild. Die Leute an den Tischen waren mit der
gleichen Bilanz beschäftigt, aber das, was mir Kummer machte, schien für sie
weniger gravierend zu sein. Die herkömmlichen Sünden, vor denen man mich als
Kind gewarnt hatte, wurden kaum beachtet. Aber es gab ernste Besorgnisse
wegen solcher »Delikte« wie Selbstsucht, Egoismus, Dummheit. Wiederholt fiel
das Wort »Verschwendung« — nicht im Sinne von Ausschweifung und
Liederlichkeit, sondern als Vergeudung von Energien, Talenten und
Gelegenheiten. Auf der anderen Seite wurden lobend einige geringfügige Dinge
erwähnt, die wir alle von Zeit zu Zeit tun, ohne ihnen irgendwelche Bedeutung
beizumessen. Die »Richter« versuchten, die Grundzüge meines Lebens
herauszufinden. Sie erwähnten, daß ich versäumt hätte, das zu erfüllen,
»wovon er wußte, daß er es fertigzustellen haben würde«. Es schien, daß mir
eine Aufgabe zugedacht gewesen war, die ich nicht erfüllt hatte. Es hatte
offenbar einen Plan für mein Leben gegeben, den ich nicht begriffen hatte.
»Sie schicken mich wieder zurück«, dachte ich voller Bedauern. Nie habe ich
herausfinden können, wer diese Leute waren. Als man mir sagte, daß ich in meinen
Körper zurückkehren müsse, in diese gemarterte, kranke Hülle, die ich in dem
Krankenhaus in Florida zurückgelassen hatte, wehrte ich mich heftig. Ich
stand vor einer Tür. Ich wußte, wenn ich hindurchginge, würde ich wieder dort
sein, wo ich hergekommen war. Ich beschloß, mich nicht von der Stelle zu
bewegen. Wie ein bockiges Kind stemmte ich meine Füße gegen den Türrahmen und
schlug wild um mich. Plötzlich fühlte ich, wie ich durch leeren Raum stürzte.
Ich öffnete die Augen und blickte in das Gesicht einer Krankenschwester. Ich hatte
mehr als zwei Wochen im Koma gelegen. Man kann meinen Ausflug ins Jenseits
natürlich rundweg als einen Traum erklären, intensiviert durch die Injektion
eines bewußtseinsverändernden Medikaments. Merkwürdig wäre in diesem Fall
allerdings, wie mich dann Verstorbene — z.B. Joan — bei dieser oder jener
Gelegenheit im Jenseits angetroffen haben können. Weder ich noch irgendein
anderer hatte der noch lebenden oder der unsichtbaren Ruth Finley von meiner
»Traumreise« erzählt. Angenommen, sie hätte diesen einen Aufenthalt in jener
Sphäre, der mir so gut erinnerlich ist, aus meinem Gedächtnis abgelesen,
bliebe doch die Frage, aus welchen Quellen sie das Wissen über meine anderen
Kurzvisiten bezogen haben könnte, von denen ich selbst nicht die geringste
Ahnung hatte. Interessanterweise stimmen meine
Eindrücke von der Ankunft und dem freundlichen Empfang im Jenseits weitgehend
mit denen überein, die im Jahre 1917 der Forscher Edward C. Randall durch das
Medium Emily S. French erhielt: Selbst der gelehrteste Wissenschaftler unter den Erdbewohnern hat nicht
die geringste Vorstellung von den Eigenschaften des Stoffes, der Substanz,
aus der das Universum — das sichtbare und das unsichtbare — besteht. Ich
hatte sie jedenfalls nicht, als ich noch im Diesseits lebte, obwohl dies mein
spezielles Forschungsgebiet war. Das, was wir sehen und berühren können,
alles, was physisch oder greifbar ist, ist nur die niedrigste Form von
Lebenskraft … Bei meiner Ankunft hier wurde ich von meinen Lieben begrüßt,
die herbeigeeilt waren, um mich willkommen zu heißen, genauso
selbstverständlich, wie jemand, der von einer langen Reise auf Erden nach
Hause zurückkommt, begrüßt wird. Ihre Körper waren nicht von gleicher
Konsistenz, wie sie im Erdenleben gewesen waren, aber sie waren dem meinen
ähnlich. Dann sagte man mir, daß mein Körper noch der gleiche sei wie auf
Erden, nur ohne die fleischliche Hülle. Dies sei eine notwendige
Voraussetzung für den Eintritt in das höhere Leben; unsere Körper besäßen
Kontinuität. Ferner, daß ich jetzt auf einer Stufe angelangt wäre, auf der
alles ätherisch sei — das heißt, aus einem Stoff bestünde, der sich in
völliger Harmonie mit meinem Geist befinde. Alles schien sich völlig
natürlich anzufühlen und anzusehen. Mein Geist war klar, die
Alterserscheinungen waren verschwunden, ich war ein Mann im Vollbesitz seiner
geistigen Fähigkeiten. Was mich nach dem Wiedersehen mit meinen Angehörigen
am meisten beeindruckte, war die Wirklichkeit und Greifbarkeit von allem und
jedem … Es ist unser Bestreben, die Gesetzmäßigkeit des Fortlebens zu
erklären und die Fakten so einfach zu schildern, daß es für alle verständlich
ist … Dadurch, daß man sich seiner physischen Hülle entledigt, nähme man, so
heißt es, Unsterblichkeit an. Aber in Wirklichkeit ist man immer unsterblich
gewesen … Wir verständigen uns untereinander durch einfache
Gedankenprojektion.36 In jeder Familie gibt es einen
Angehörigen, der schon einmal an der Schwelle des Todes stand und der, von
dort zurückgekehrt, von einer Dimension zu berichten wußte, die er den
anderen, den Unerfahrenen, kaum zu beschreiben vermochte. Ich weiß von einem
Mann, der in seiner Jugend (jetzt ist er Kongreßmitglied) schwer erkrankt war
und in tiefer Bewußtlosigkeit lag. Seine Mutter rief Freunde zusammen, und
sie beteten gemeinsam um seine Genesung. Er wurde gesund — und bat seine
Mutter, ihn nie wieder »zurückzuholen«. Das Land, das er gesehen habe, sei
viel herrlicher als das, in dem sie jetzt lebten. In jedem Krieg kommt es zu solchen
Erlebnissen außerhalb des Körpers. C. K. Jenkins, damals britischer Soldat,
wurde 1917 in den Kämpfen bei Ypern verwundet. »Mein Körper«, berichtete er,
»wurde so rasch von mir weggerissen, daß ich nicht einmal merkte, wie er
stürzte. Ich ging ohne ihn weiter und fühlte mich durch und durch lebendig und
frei.« Nach seiner Genesung sagte er, das Erlebnis habe ihn gelehrt, daß sein
Körper nicht sein wahres Ich sei, sondern nur ein Mantel oder eine Haut, die
er trage. Sam Bourne, ein Londoner
Feuerwehrmann, wurde während des Zweiten Weltkrieges bei einem deutschen
Fliegerangriff schwer getroffen. »Ich hörte ein Heulen«, sagte er, »und dann
hatte ich meinen Körper verlassen. Ich sah meine irdische Hülle unter einem
schweren Balken liegen. Ich selbst befand mich etwa anderthalb Meter höher,
war frei wie ein Vogel in der Luft und hatte keine Schmerzen. Ich war mir
jeder Einzelheit im Raum bewußt und hatte auch eine Gestalt. Am Fenster saß
eine Freundin, und ich dachte: Ich muß ihr helfen! Dann kehrte ich mit einem
Schlag — ich kann es nur als Donnerschlag bezeichnen — in meinen Körper
zurück, und Soldaten retteten uns. Nie werde ich das köstliche Gefühl der
Freiheit und der Leichtigkeit vergessen, das ich empfand, als ich in meinem
Astralleib lebte. Warum sich sorgen, wenn das der "Tod" ist?«37 Der Psychologie des 20. Jahrhunderts
ist es nie gelungen, solche Erlebnisse »wegzuanalysieren« oder sie auf die
Ebene gewöhnlicher Träume herunterzuwiegeln. Erlebnisse außerhalb des Körpers
weisen in der Regel bestimmte Eigentümlichkeiten auf, die für Träume nicht
charakteristisch sind. Da ist zunächst das Gefühl, sich an einem tatsächlich
existierenden Ort — nicht in einem nebulosen Traumland — zu bewegen und
tatsächlich existierende Gegenstände in allen Einzelheiten zu sehen, den
eigenen physischen Körper mit eingeschlossen. Da wird ferner häufig jenes
leuchtende Silberband gesehen, das Körper und Seele verbindet, und man weiß
plötzlich, daß die beiden Körper getrennt werden und der physische Körper
stirbt, wenn die Schnur zerreißt. Diese und andere Umstände »sind unerklärlich«,
schrieb der Psychologe Robert Crookall 1965, »wenn wir nicht von der
Hypothese ausgehen, daß es tatsächlich einen "Astral"- oder
"Seelen"-Körper gibt. Zwar sind viele der
Doppelgängererscheinungen, von denen berichtet wird, zweifellos
Halluzinationen, viele aber mit Bestimmtheit real.«38 Zahlreiche psychologische Forscher
sind überzeugt, daß die so häufig beobachtete »Aura«, dieses Leuchten, das
manchmal sogar mit Instrumenten registriert werden kann, eine Ausstrahlung
des Astralkörpers ist. Medial veranlagte Menschen vieler Jahrhunderte und
Kulturen haben bestimmte aurale Farben bestimmten Gegebenheiten zugeordnet.
Weiß um den Kopf herum, beispielsweise, zeigt eine in geistig-seelischer
Beziehung hochstehende Natur an, daher die Heiligenscheine, die Künstler des
Mittelalters den Heiligen um die Köpfe malten. Die Gabe des Aurasehens muß aber auch
heute verhältnismäßig häufig sein. Ich kann aus dem Stegreif mehr als dreißig
Leute nennen, die sie besitzen. Aus der Zusammensetzung von Licht, Farbe und
Intensität der Strahlung können sie die körperliche und seelische Gesundheit
einer Person ablesen. Der begabteste geistige Heiler unserer Zeit, Edgar
Cayce39, stellte seine medizinische Diagnose, indem er die Aura
seiner Patienten beobachtete. Hellseher, die die Aura sehen können, haben das
Gefühl, es mit ihrer normalen Sehkraft zu tun. »Ich sehe sie, das ist alles.
Sie ist einfach da.« Andererseits muß man die Interpretation der
verschiedenartigen Auraerscheinungen üben, wie das Lesen einer
Röntgenaufnahme. Ein Freund beschrieb mir einmal seine ersten Erfahrungen auf
diesem Gebiet folgendermaßen: »Man kann es mit der Abstimmung eines Radios
oder eines Fernsehempfängers vergleichen. Als ich mich in Halbtrance auf die
Aura einstimmte, wurde die Alltagserscheinung der Person verschwommen.
Danach, als ich mich wieder auf das normale Sehen umstellte, konnte ich die
Aura kaum mehr wahrnehmen.« Es war Shafica Karagulla, Professorin
an der New Yorker Staatsuniversität, eine hervorragende Medizinerin und
Psychiaterin, die vor wenigen Jahren, gegen den Widerstand vieler ihrer
Kolleginnen, der Auraforschung endlich wissenschaftlichen Respekt verschafft
hat.40 Frau Karagullas fähigste Aura-Deuterin, eine Geschäftsfrau
mit dem Decknamen »Diane«, sieht die Aura in ungewöhnlichen Einzelheiten.
Ihre Elemente stehen für sie sichtbar in unmittelbarer Beziehung mit den
wichtigsten Organen des physischen Körpers, den Nervenzentren und den Drüsen.
Einmal diagnostizierte sie einen Darmverschluß, von dem bis dahin weder
Patient noch Arzt etwas wußten. Durch Röntgenaufnahmen wurde die aurale
Diagnose bestätigt und der Verschluß durch chirurgischen Eingriff behoben.
Ein andermal sagte Diane anderthalb Jahre vorher den Ausbruch einer schweren
Erkrankung (der Parkinsonschen Krankheit) voraus. Das, betonte sie, habe
nichts mit Präkognition zu tun, man müsse nur die Veränderungen in der
auralen Struktur richtig zu deuten wissen. Drei bis vier Stunden brauchte sie
für eine vollständige Deutung. Diane »erschaute« Gemütsstörungen und
Stimmungsbeeinträchtigungen ebenso klar aus der Aura und sagte eines Tages
der Ärztin auf den Kopf zu, daß sie über einen bestimmten Patienten sehr
verärgert sei — es stimmte. Frau Dr. Karagulla hatte jedoch geglaubt, sie
habe sich gut in der Hand und ließe sich nichts anmerken. Gefragt, woher sie
das wisse, erklärte Diane, sie sähe im Ausstrahlungsbereich der Ärztin
»kleine, rote Flecken, wie Masern«. Sie formen, sagte sie, ein etwa dreißig
Zentimeter breites Oval um den Körper. Ein Kraftkörper durchdringe den physischen
Leib, so sehe sie es, und bilde etwa zwei Zentimeter über unserer Haut eine
zweite. Daß der menschliche Körper eine
Ausstrahlung hat, ist der Wissenschaft seit 1923 bekannt, als es dem
Leningrader Wissenschaftler Alexander Gurwitsch gelang, sie zu messen.41
George W. Crile bewies, daß das Gehirngewebe in den sichtbaren infraroten und
ultravioletten Bereichen eine Ausstrahlung hat. Die stärkste menschliche
Ausstrahlung — von Dr. Otto Rahn von der Cornell-Universität beobachtet —
geht von den Fingerspitzen der rechten Hand aus, eine Tatsache, die geistigen
Heilern seit langem bekannt und von Nutzen ist. Einige medial veranlagte
Menschen haben eine so starke Ausstrahlung, daß sie in keinem Unternehmen
arbeiten können, in dem man mit unentwickelten Fotofilmen zu tun hat.
Berühren sie diese, ja, nähern sie sich ihnen nur, werden die Filme sofort
»belichtet«. Dieser Effekt hat zur Entdeckung und Weiterentwicklung neuer
fotografischer Möglichkeiten und neuer Aufgaben der Fotografie im Dienst der
Parapsychologie geführt. In der Sowjetunion hat in den letzten Jahren die
Aurafotografie42 gute Fortschritte gemacht und in den USA, wie
schon erwähnt, Ted Serios fotografische Abbildungen von Gedankenprojektionen
geliefert. Eine Vervollkommnung dieser Technik und ihre eines Tages
hoffentlich von vielen erlernbare Anwendung könnte für die Erforschung der
Jenseitskommunikation von allergrößtem Nutzen sein, etwa zur dokumentarischen
Bestätigung des Phänomens gefühlsmäßiger Anwesenheit von Verstorbenen unter
uns. (Ich komme darauf noch zurück.) Vielleicht können die Medien in nicht
allzu ferner Zukunft sogar damit rechnen, daß »Geisterfotografien«, genauer
gesagt, Fotos von sichtbaren Manifestationen, nicht mehr von vornherein den
Verdacht der Fotomontage oder der »getürkten« Aufnahme erwecken. Schuld daran
sind nicht zuletzt unser Modebewußtsein und unsere Kriterien für Kitsch:
Viele Menschen können und wollen sich nun einmal nicht damit abfinden, daß
die Erscheinungen aus dem Jenseits tatsächlich in den wallenden weißen Gewändern
der Märchenbuchgespenster auftreten. Daß dies jedoch nach wie vor so ist und
sich auch die soeben Verstorbenen erst langsam an diese Kleidervorschrift
gewöhnen müssen, bestätigte uns schon Raymond Lodge. Hier folgt ein Bericht
aus jüngster Zeit, und zwar handelt es sich um einen der äußerst seltenen
Fälle von gleichzeitig optischer und akustischer Wahrnehmung Jenseitiger —
wenn auch leider keine Kommunikation stattfand. Berichterstatter, Augen- und
Ohrenzeuge in einer Person ist der über den Verdacht der Phantasterei
erhabene Wissenschaftler Professor Ralph Harlow vom Smith College, Cambridge,
Massachusetts. In einer 1960 veröffentlichten Arbeit
verfocht er die These, daß wir durch eine geringfügige Veränderung im
Spielraum unseres Schwingungs-Wahrnehmungsvermögens in der Lage sein müßten,
in der anderen Welt lebende Personen zu erkennen. Wir seien bereits nahe
daran, und in seltenen Augenblicken hätten einzelne Menschen die Chance,
sozusagen »den Himmel offen« zu sehen. Er erzählte von einem Erlebnis, das er
und seine Frau hatten, als sie an einem Frühlingsmorgen in der Nähe von
Ballardville, Massachusetts, spazierengingen. Aus einiger Entfernung hinter uns hörten wir auf einmal das gedämpfte
Gemurmel von Stimmen. Ich sagte zu Marion: »Wir haben Gesellschaft.« Marion
nickte und blickte sich um. Wir sahen nichts, aber die Stimmen kamen näher,
und zwar in einem schnelleren Tempo, als wir gingen. Es war also anzunehmen,
daß die noch unsichtbaren Spaziergänger uns bald überholen würden. Plötzlich
merkten wir, daß die Geräusche nicht nur hinter uns, sondern auch über uns
waren, und wir blickten hinauf. Ungefähr drei Meter über uns, ein wenig zu
unserer Linken, schwebte eine Gruppe strahlender Geschöpfe. Wir standen wie
vom Donner gerührt und starrten hinauf. Es waren sechs junge Frauen, die in
wallende, weiße Gewänder gekleidet und in ein ernsthaftes Gespräch vertieft
waren. Nichts deutete darauf, daß sie uns bemerkt hatten. Ihre Gesichter
waren ganz klar zu erkennen. Eine Frau, die ein wenig älter als die übrigen
zu sein schien, war von besonderer Schönheit. Sie redete lebhaft auf eine
jüngere Erscheinung ein, deren Rücken uns zugekehrt war und die zu der
Redenden aufschaute. Weder Marion noch ich konnten verstehen, was sie sagten,
obwohl ihre Stimmen deutlich zu hören waren. Sie schienen an uns
vorbeizuschweben, und ihre anmutigen Bewegungen schienen ganz natürlich — so
sanft und friedlich wie der Morgen selber. Im Vorüberschweben wurde ihre
Unterhaltung leiser, bis die Gruppe schließlich ganz verschwunden war. Wir
standen noch immer regungslos an der gleichen Stelle. Dann blickten wir
einander an, jeder mit dem Gedanken, ob der andere wohl das gleiche gesehen
hatte. »Komm«, sagte ich und führte meine Frau zu einer gefällten Birke. Wir
setzten uns, und ich sagte: »Was hast du gesehen? Erzähl es mir ganz genau
mit allen Einzelheiten. Auch, was du gehört hast.« Sie wußte, worauf ich
hinauswollte, daß ich meinen Augen und Ohren nicht traute und daß ich
feststellen wollte, ob ich Halluzinationen gehabt hatte. Ihre Antwort stimmte
in jeder Hinsicht genau mit dem überein, was meine eigenen Sinne wahrgenommen
hatten. »Für Sekunden«, sagte sie ruhig, »muß sich der Schleier zwischen
unserer Welt und der der Toten gelüftet haben.« So wunderbar solche Erscheinungen
durch den Äther schwebender schöner Frauen auch sein mögen — sie erinnern
uns, die wir davon nur lesen oder hören, unwillkürlich leider an altmodische
Kitschpostkartenbilder, und sie sind auch für die Forschung nicht sonderlich
aufschlußreich. Für den Psychologen viel interessanter ist ein weniger
spektakuläres, ein buchstäblich unscheinbares Phänomen, das relativ häufig
vorkommt, lange andauert und äußerst intensiv auftreten kann, obwohl nichts
zu sehen und nichts zu hören ist: Ich meine die gefühlsmäßige Anwesenheit
Verstorbener. Sie ist in der Literatur aller Zeiten und Völker immer wieder
dokumentiert worden — unter anderem von Goethe43 —‚ und sie bildet
oft die Ausgangssituation für einen späteren akustischen oder psychokinetischen
Kontakt mit dem Jenseitigen. So begann es beispielsweise auch mit Betty
White. Ihr Mann berichtet: Betty war für mich in der zufriedenstellendsten Art und Weise
»zurückgekommen«. Auch stand ich mit dieser Erfahrung nicht allein. Ich
erhielt aus dem ganzen Lande Zuschriften, die einen in verwundertem Ton, die
andern von Leuten, die Betty nur zufällig und vor vielen Jahren gekannt
hatten. Sie alle versuchten mir ihr Gefühl für Bettys Gegenwart zu erklären:
»Ich fühlte mich plötzlich glücklich und gehoben, ohne jeden äußeren Anlaß.
Kein Stich durchs Herz — nur ein ausgelassener und frecher Rippenstoß.« —
»Ich glaubte es nicht aushalten zu können. Aber den ganzen Abend hindurch
hatte ich ein Gefühl von Betty und ein Gefühl des Friedens, das ich nie für
möglich gehalten hätte.« — »Wenn ich an Betty denke, so kann ich mir
unmöglich irgendein Gefühl der Verlassenheit aufzwingen. Sie ist einfach
hier.« — »Es war eine erstaunliche Erfahrung von wunderbarer Gewalt … Ich
rief einfach nach ihr, und sie war augenblicklich gegenwärtig, und dies mit
solcher Intensität, daß ich selbst völlig über den Haufen geworfen wurde.«44 Eine junge Frau aus meiner Gemeinde
erzählte mir einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes folgendes: »Jetzt mußte
ich die Kinder großziehen, und niemand half mir. Ich konnte meinen Kummer
kaum ertragen und war wütend auf Gott, weil er mir so früh meinen James
weggenommen hatte. Ich verstand nicht, wie man einen solchen Gott als gut
bezeichnen konnte. Ich weiß nicht, wie es geschah — eines Tages war plötzlich
mein Mann wieder bei mir. Er war mutiger, stärker und ausgeglichener, als ich
ihn je gesehen hatte.« »Haben Sie ihn denn gesehen?« fragte
ich. »Aber nein — er ist doch kein dummes
Gespenst!« »Hören Sie ihn vielleicht?« »Wie sollte ich ihn denn hören
können, wenn ich ihn auch nicht sehe? Er ist einfach da, ich weiß nicht, ob
Sie das verstehen, und hilft mir bei der Erziehung unserer Kinder.« Was hier geschehen ist, läßt sich als
kontinuierliches außersinnliches Erlebnis definieren: Die Frau hatte, ohne
sich dessen bewußt zu sein, ihre medialen Eigenschaften eingesetzt. Ein
Psychologe könnte, den Fall »verharmlosend«, sagen, daß hier eine Art
Projektion vorliege. Ich meine, daß Projektion und mediale Befähigung nicht
unvereinbar sind. Wie dem auch sei: Das Bezeichnende an dieser Geschichte ist
die Selbstverständlichkeit, mit der viele Menschen — besonders jene
sogenannten Durchschnittsmenschen, die von Medialität noch nie etwas gehört
haben — ihre eigenen außersinnlichen Erfahrungen akzeptieren, wenn sie ihnen
im Alltagsleben nützlich sind. Sie weisen jeden Verdacht, daß sie dem
Okkultismus huldigen und der Geisterseherei verfallen seien, mit Entrüstung
von sich, denn an ihren Erlebnissen ist ja nichts Mystisches, nichts
Schauerliches. Sie leben nicht in einer Märchenbuchwelt, sondern in der
Wirklichkeit wie alle andern auch. Dergleichen habe ich gerade in den
letzten Jahren so oft erlebt, daß ich davon überzeugt bin: Wir nähern uns
einem Zeitpunkt, von dem an außersinnliche Wahrnehmungen nicht mehr als
paranormal oder gar abnorm, sondern als eine »reelle Chance« betrachtet
werden wird — etwa genauso reell wie die mögliche Ausbildung einer bestimmten
künstlerischen Befähigung, für die eine gewisse Grundbegabung oder auch nur
Lust und Liebe vorhanden sein müssen. Natürlich wird es für die Qualität der
außersinnlichen Fähigkeit dann ebensolche mehr oder weniger verbindlichen
Maßstäbe geben wie für jedes andere Talent, und die Gefahr, daß jeder, der
seine telepathischen Kräfte so weit wie möglich aktiviert, sich gleich in
öffentlichen Seancen produzieren will, dürfte genauso gering sein wie die,
daß jeder, der Klavier- oder Geigespielen lernt, Konzertvirtuose werden
möchte und auch wird. Die allgemeine Einsicht in die Tatsache aber, daß ein
solches Bewußtseinstraining möglich und nutzbringend sein kann, würde die
Menschheit einen großen Schritt weiter an die unerschlossenen Dimensionen
heranbringen, die nach Meinung der Zukunftsforscher das 21. Jahrhundert uns
eröffnen wird. Einer der Pioniere des neuen Zeitalters,
als dessen Geburtsstunde wir die erste Landung auf dem Mond ansetzen können,
ist Captain Edgar D. Mitchell, der 1964 am berühmten Massachusetts Institute
of Technology zum Doktor der Aeronautik und Astronautik promovierte und seit
1966 in Houston, unserem Zentrum der Weltraumfahrt, maßgeblich an der
Vorbereitung der Mondexploration beteiligt ist. Er macht kein Hehl daraus,
daß ihn im Zusammenhang mit der beginnenden Erschließung des Universums noch
ganz andere Fragen interessieren als geologische, physikalische,
physiologische usw. — Fragen, die für die NASA nicht nur uninteressant,
sondern sogar tabu zu sein scheinen: die Bedingungen telepathischer
Kommunikation zwischen Weltraum und Erde und ihre praktische
Einsatzmöglichkeit für die Raumfahrt. Als Mitchell mich eines Tages
aufsuchte, hatte er bereits auf verschiedenen Gebieten der außersinnlichen
Wahrnehmung persönliche Erfahrungen gesammelt. Er berichtete mir von
Experimenten mit automatischem Schreiben, von »Präkognitionsblitzen« und
hellseherischen Momenten. Aber es waren mehr oder weniger Zufallserlebnisse
gewesen. Nun wollte er die Kräfte, die da in ihm am Werk waren, aktivieren,
und er fragte mich, ob ich ihm dabei helfen könne. Ich war überrascht und erfreut, einem
Mann zu begegnen, der es wagte, aus dem Gefängnis der Technologie
auszubrechen und im Weltraum gewissermaßen eigene Wege einschlagen zu wollen,
selbst auf die Gefahr hin, als Außenseiter — wenn nicht gar als Verräter —
der materialistischen Gesellschaft zu gelten. Er weihte mich in einen
mutigen, großartigen Plan ein, und ich versprach, zur Verwirklichung dieses
Unternehmens beizutragen, so gut ich es vermag. Wir kamen nun öfter zusammen.
Mehr darüber kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.45 Jedes verantwortungsbewußte Medium
sieht ein, daß es erforderlich ist, die von ihm hervorgebrachten Phänomene
objektiv und kritisch-wissenschaftlich zu untersuchen. Dabei muß es in Kauf
nehmen, daß solche Untersuchungen strapaziös und langweilig sind und manchmal
überflüssig erscheinen, etwa dann, wenn es sich um Manifestationen handelt,
die bereits mehrfach geprüft und dokumentiert worden sind. Andererseits gibt
es viele Fragen, auf die auch das beste Medium noch keine Antwort beibringen
konnte, nicht einmal von den Mehr-Wissenden im Jenseits, und deren Klärung
man sich weiterhin von der Wissenschaft erhofft. Es sollte daher
selbstverständlich sein, daß man als »Hauptzeuge« den Untersuchungen nicht
aus dem Wege geht, auch wenn sie einem bisweilen übertrieben inquisitorisch
vorkommen mögen. Ich meine, jeder gewissenhafte
Arbeiter hat soviel von einem Perfektionisten an sich, daß er mit seiner
Leistung nie ganz zufrieden ist. Mit Sicherheit kann ich das von den
begabtesten unter den heute lebenden Medien sagen, die ich kenne. Wir sind
uns unserer Unzulänglichkeit viel schmerzlicher bewußt als unsere Kritiker,
denn wir kennen die Schwierigkeiten und Fehlerquellen aus erster Hand. Ich habe in mehr als vierzig Jahren
rund achttausend Seancen abgehalten, und die fähigsten und hartnäckigsten
Wissenschaftler dreier Generationen haben mein Wirken und mich selbst
unzählige Male unter die Lupe genommen. Sie haben Elektronengeräte eingesetzt
und Detektive, sie haben mich nicht nur auf Herz und Nieren geprüft, sondern
kaum ein Organ meines Körpers außer acht gelassen, sooft es darum ging, die
physiologischen Veränderungen in der Trance und während der Kommunikation mit
anderen Wesen festzustellen. Sie haben getestet und analysiert,
was es zu testen und zu analysieren gab und am Ende der Untersuchung das
Faktum der aufgetretenen Phänomene bestätigt — geklärt und als realen
Sachverhalt in unseren Wissenskatalog aufgenommen haben sie es noch nicht.
Ich weiß nicht, wieviele Manifestationen über welche Zeiträume hinweg noch
geprüft werden müssen, ehe man solche Vorgänge ad hoc akzeptiert wie
irgendeine beliebige physikalische Erscheinung. Ich fürchte, ich werde diesen
Tag nicht mehr erleben. Ich bin, wie so viele sensible
Menschen, kein optimistischer Prüfungskandidat. Die Erinnerung an einige
besonders harte, man kann auch sagen, besonders hinterhältige Examen
verursacht mir noch heute Herzklopfen, obwohl ich sie im Grunde stets
unverhofft gut bestanden habe. Das ist ein Geschenk, das ich besonders zu
schätzen weiß, denn es gibt eine große Zahl durchaus hochbegabter Medien und
Sensitiver, die völlig versagen oder sogar unbewußt betrügen, sobald sie sich
examiniert fühlen. Einige von ihnen wurden in den zwanziger Jahren das Opfer
des Magiers Howard Thurston, der, wie der böse Geist des kurz zuvor
verstorbenen Spiritistenschrecks Houdini, durch die Staaten reiste und seine
Vorführungen von Zaubertricks mit diffamierenden Äußerungen über
betrügerische Medien würzte. Eines Tages las ich in der New York
World, Thurston habe bereits dreihundert falsche Medien entlarvt, und der
Glaube an außersinnliche Wahrnehmung habe in den USA seiner Meinung nach mehr
Familien zerrüttet als der Alkohol. Ich setzte eine Gegendarstellung auf,
aber die Zeitung war nicht daran interessiert, sie abzudrucken. »Unsere Leser
wollen keine trockenen Argumente, sondern eine Story«, erklärte mir der
Redakteur, und ein Freund, dem ich davon erzählte, hatte sogleich eine kühne
Idee. Die Story dazu sollte natürlich ich liefern. Es war bekannt, daß Thurston vor der
Vorführung seiner Hauptnummer jedermann zehntausend Dollar bar auf die Hand
versprach, der den nun folgenden Trick nachzumachen imstande wäre. Es folgte
eine, zugegeben, ganz geschickte Parodie auf das Hellsehen, wobei eine
aufblasbare Gummipuppe als »Medium« fungierte, oder eine taschenspielerische
Nachahmung von psychokinetischen und ähnlichen Phänomenen. Danach kam der
obligate Vortrag darüber, daß alle »Übersinnlichen« mit Tricks arbeiteten nur
nicht so geschickt wie er, Thurston. Mein Freund schlug mir vor, den
Magier mit seinen eigenen Methoden anzugreifen und ihm zehntausend Dollar
anzubieten, für den Fall, daß es ihm gelänge, meine Übermittlungen in der
Trance zu wiederholen oder als Betrug zu entlarven. Vor der Herausforderung,
sagte ich, sei mir nicht bange, aber woher sollte ich das Geld nehmen?
Vielleicht war ich insgeheim jedoch ganz froh, daß das Experiment schon aus
finanziellen Gründen nicht durchführbar war, denn als man mir die Summe
einige Tage später zur Verfügung stellte, verließ mich der Mut. Mein Freund
hatte einen Mäzen aufgetrieben, Mr. John Bowman, den Präsidenten eines
Hotelkonzerns, der möglicherweise weniger an meine Fähigkeiten als an den
Publicity-Effekt eines solchen Matches glaubte. Den Austragungsort bestimmte
natürlich er, und für ihn kam nur die Carnegie Hall in Frage. Thurston nahm die Herausforderung an;
ich konnte nicht mehr zurück. Der Reklamerummel war bereits angelaufen. Man
versprach dem Publikum eine »übernatürliche Sensation«, ein Duell zweier
Geisterbeschwörer, eine Art Stierkampf. Mir war nicht wohl bei diesem
Vergleich. Wer von uns beiden mochte von der Öffentlichkeit für die Rolle des
Stiers vorgesehen sein? Ich trainierte ein bißchen die Trance, bereitete mich
im übrigen aber nicht weiter vor — was hätte ich tun können, da ich doch kein
Trickbetrüger war? —‚ sondern verließ mich auf den treuen Beistand Fletchers. Die Carnegie Hall war an jenem Abend
bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich hatte den Eindruck, daß alle Magier,
Medien, Journalisten, Showbusiness-Manager und sensationslüsternen Leute der
USA versammelt waren. Als Herausforderer betrat ich die Bühne als erster und
verlangte von dem in der ersten Reihe sitzenden Thurston zunächst nur, daß er
mir nicht dreihundert, sondern nur fünfundzwanzig Medien mit Namen nennen
solle, die er als Betrüger entlarvt habe. Thurston erhob sich und nannte
drei, von denen keines mehr lebte. Meine Antwort lautete: »Ich könnte Ihnen
mehr nennen, Mr. Thurston!« und bekam den ersten Applaus. Dann forderte ich
ihn auf, wenigstens einige Familien zu nennen, denen die Beschäftigung mit
außersinnlichen Phänomenen Unglück gebracht habe. Er antwortete, daß er auf
diese Frage nicht vorbereitet sei und keine Namen parat habe. Ich hätte
leicht einige nennen können, denn natürlich gibt es immer und überall
Menschen, die unter gefährlichen religiösen oder anderen Wahnvorstellungen
leiden. Meine dritte Forderung: Thurstons
angeblich allen Medien überlegene Gummipuppe sollte mir den Namen meines
Großvaters nennen. Wahrlich ein Kinderspiel für jeden echten Gedankenleser.
Thurston erklärte, daß er seine Gummipuppe nicht mitgebracht habe und daher
nicht auftreten könne. Die weitere Veranstaltung fand ohne
ihn statt. Es wurde eine meiner erfolgreichsten Massen-Seancen. Fletcher war
hervorragend in Form. Die Presse schrieb: »Ford siegt durch k.o. in der
zweiten Runde.« Thurston behauptete gegenüber Reportern, sein Agent habe ihn
in diese Situation hineingetrieben, er selbst wäre immer gegen die
Houdini-»Masche« gewesen. Ich hoffte nur, daß er sie nun fallenlassen würde. Vier Jahre später war ich für ein
paar Tage in Detroit und konnte es mir nicht versagen, Thurston
wiederzusehen, der in dem größten Variete der Stadt auftrat. Er war nun auf
dem Höhepunkt seines Ruhmes. Das Publikum schien den Reinfall in der Carnegie
Hall vergessen zu haben, nicht aber der Magier selbst. Mit Erstaunen las ich
im Programmheft: »Geistertrick. — Diese Nummer will keineswegs religiöse
Gefühle verletzen.« Nachdem er diesen Trick gezeigt
hatte, rief er den Beleuchtern zu, sie sollten den Scheinwerfer, der bis
dahin ihn angestrahlt hatte, auf eine bestimmte Person im Saal richten. Er
zeigte in die Richtung, in der ich saß. Gleich darauf hatte mich der
Lichtkegel gefunden. Irgend jemand mußte Thurston von meiner Anwesenheit informiert
haben. Jetzt wird er sich rächen, dachte ich und war auf alles gefaßt, nur
darauf nicht: Thurston trat an die Rampe und sagte, indem er den Arm nach mir
ausstreckte, als könne er mich von dort aus auf die Bühne geleiten: »Meine Damen und Herren, was ich
Ihnen eben vorgeführt habe, war nichts als ein Trick. Aber unter Ihnen ist
ein Mann, der Ihnen tatsächlich ein Gespräch mit einem Ihrer Lieben, der
nicht mehr unter den Lebenden weilt, vermitteln kann. Es ist Arthur Ford.«
Dann bat er mich, zu ihm zu kommen. Wir saßen an diesem Abend noch lange
zusammen und wurden Freunde. »Damals in New York«, gestand er mir, »hatte ich
keine Ahnung, über was ich mich lustig machte. Erst durch Sie ging mir ein
Licht auf. Seitdem kenne ich die Grenzen der Magie — und ich habe selbst
einige Male außersinnliche Erlebnisse gehabt, die mich vollkommen
überzeugten. Ich bin jetzt sogar Mitglied der Amerikanischen Gesellschaft für
parapsychologische Forschung.« In einer aufsehenerregenden
Vorlesung, die Professor Curt Ducasse 1951 im Swarthmore-College gehalten
hat, erörterte er eine Anzahl der Schwierigkeiten bei der richtigen
Beurteilung dessen, was während der Trance geschieht oder geschehen kann.
Diese Möglichkeiten umfassen beabsichtigten Betrug, unbeabsichtigten oder
unbewußten Betrug, Beeinflussung des Mediums durch ein fremdes Bewußtsein,
echte Kommunikation mit anwesenden oder abwesenden lebenden Personen oder
Verstorbenen und eine Kombination mehrerer dieser Faktoren. Ducasse belegte
an Beispielen die Gründlichkeit, mit der die Forscher bei ihrer Untersuchung
des Mediums zu Werke zu gehen pflegen. Laienhafte Skeptiker behaupten immer
wieder, daß Medien sich entweder direkt oder durch Mittelsleute rechtzeitig
alle erdenklichen Informationen über die Verwandten oder Bekannten der
Personen, deren Erscheinen auf einer Seance geplant ist, besorgen. Um im
Falle von Mrs. Lenore Piper, dem von William James entdeckten Medium, die
Betrugshypothese auszuschalten, wurden sowohl Mrs. Piper als auch ihr Ehemann
vor einer wichtigen Seance mehrere Monate lang Tag und Nacht durch Detektive
überwacht, um herauszufinden, ob sie sich nach Lebensumständen oder
Familiengeschichten von Leuten erkundigten, mit deren spiritueller oder
körperlicher Anwesenheit bei der kommenden Sitzung zu rechnen war. »Nichts
auch nur im geringsten Verdächtiges wurde gefunden.« Übrigens wurden die
Seanceteilnehmer stets unter fiktiven Namen eingeführt. Manchmal waren sie
noch nicht im Raum, als das Medium in Trance fiel, und wenn sie dann
hereinkamen, setzten sie sich so, daß das Medium sie nicht hätte sehen
können, selbst wenn es seine Augen offen gehabt hätte. Auf Reisen
übernachteten die Pipers in Quartieren, die von ihren Betreuern ausgesucht
worden waren, und sie wurden selbstverständlich auch dort von ihnen
überwacht. Ihre gesamte Post wurde geöffnet und gelesen. Trotzdem erbrachten Lenore Pipers
Seancen immer wieder überzeugende Beweise von Jenseitskontakten. Viele der
Informationen, die sie weitergab, hätten nicht einmal von Geheimagenten
ausgekundschaftet werden können, selbst wenn man ihnen beliebig viel Zeit
dafür gegeben hätte. Dennoch kamen die Forscher aus Vorsicht erst, nachdem
sie das Medium, ihre Angehörigen und Freunde und ihren ganzen Lebenswandel
mehrere Jahre lang unter genauer Beobachtung gehabt hatten, zu dem Schluß,
daß die Chance, sich spezielle und intime Informationen über soviele anonyme
Sitzungsteilnehmer aus allen Teilen der Welt und deren verstorbene Angehörige
zu beschaffen, gleich Null gewesen sei: »Es bleibt also nur die Erklärung«,
sagte Ducasse, »daß diese Informationen paranormalen Ursprungs waren.« Als nächstes wurde die Möglichkeit
einer anderen Informationsquelle untersucht, die vor allem von Anhängern der
animistischen Richtung benannt wird. Sie behaupten, daß ein Medium sehr wohl
in der Lage sei, auf telepathischem Wege Erinnerungen, Gefühle, Absichten und
Erfahrungen, die im Gedächtnis und Unterbewußtsein irgendwo auf der Welt
lebender Menschen gespeichert seien, zu empfangen. Aber zur Aufdeckung des
tatsächlichen Geschehens während der Seance hätte man noch mehr voraussetzen
müssen. Diese sekundären Personen müßten in der Lage sein, »automatisch oder
absichtlich, und zwar mit außergewöhnlichem Talent zur Imitation«, die
jenseitigen Angehörigen der verschiedenen Sitzungsteilnehmer wesensmäßig oder
gar stimmlich zu kopieren. Wie Ducasse betont, ist hypnotische
Trance nicht das gleiche wie mediale Trance, obgleich die beiden Zustände
leicht verwechselt werden können. »Die hypnotisierte Person vermag mit
erstaunlicher Überzeugungskraft die Rolle irgendeiner anderen zu spielen, die
sie als Ergebnis der Suggestion zu sein glaubt.« Bei zahlreichen
Gelegenheiten wurden den in hypnotischer Trance Befindlichen wahllos Namen
irgendwelcher Persönlichkeiten suggeriert mit dem Resultat höchst lebendiger
Interpretation. Da in Trance Befindliche oft hellseherische, präkognitive und
telepathische Kräfte auf einmal entwickeln, würde jede streng
wissenschaftliche Analyse medialer Vorgänge sämtliche Möglichkeiten, die in
einer einzigen Seance durcheinandergemischt sein können, in Betracht zu
ziehen haben. Der »Reinheits-«— oder »Qualitätsgrad« der Arbeit eines Mediums
ist sehr unterschiedlich. Doch kann man einen hohen Prozentsatz aller
untersuchten Fälle von Kommunikation mit Jenseitigen als »rein« oder »hoch
qualifiziert« bezeichnen. Im Fall von Mrs. Piper sind erfahrene Forscher, wie
Professor Hyslop, zu dem Ergebnis gekommen, daß irgendwelche anderen Schlüsse
als der, daß der Teilnehmer durch das Medium tatsächlich mit seinen toten
Angehörigen gesprochen habe, »zu viele neue Unwahrscheinlichkeiten ins Spiel
bringen würde«.46 Auch dafür noch ein Beispiel: Am 19. März 1917 hatte Mrs. Hugh
Talbot, eine Witwe, eine Seance mit dem Medium Mrs. Gladys Leonard. Es waren
verschiedene Zeugen anwesend. Mrs. Talbots Bericht lautet: Mrs. Leonards Kontrollgeist Feda gab eine sehr genaue Beschreibung der
äußeren Erscheinung meines Mannes; anschließend sprach mein Mann selbst. Er
versuchte mir seine Identität zu beweisen, und allmählich war ich davon
überzeugt, daß er es tatsächlich war. Alles, was er sagte, oder was Feda für
ihn sagte, war klar und einleuchtend. Es wurde von vergangenen Begebenheiten,
die nur ihm und mir bekannt waren, gesprochen; Gegenstände, die ihm gehörten und
die an sich keinerlei Wert besaßen, für ihn aber, wie ich wußte, von
besonderem Interesse waren, wurden genau und korrekt beschrieben, und er
wollte wissen, ob ich sie noch besaß … Er versicherte mir, daß der Tod kein
wirkliches Ende sei, daß das Leben ähnlich wie das irdische weiterginge und
daß er sich überhaupt nicht verändert fühle … Plötzlich begann Feda mit der
ermüdenden Beschreibung eines Buches. Sie sagte, es sei aus Leder und von
dunkler Farbe. Sie versuchte mir die ungefähre Größe anzugeben …
»Genaugenommen ist es kein Buch, es ist nicht gedruckt. Man würde es nicht
als ein Buch bezeichnen, da es Handschriftliches enthält.« Es dauerte eine
Weile, bis ich mit dieser Beschreibung überhaupt etwas anfangen konnte, aber
schließlich fiel mir ein in rotes Leder gebundenes Notizbuch meines Mannes
ein, das er, glaube ich, sein »Logbuch« genannt hatte … Ich fragte: »Ist es
ein rotes Buch?« Hier entstand eine Pause. Feda und mein Mann waren sich
offenbar unschlüssig. Sie hielten das für möglich, doch glaubte er, daß es
dunkler sei. Dann sagte Feda: »Er weiß nicht sicher, ob es Seite 12 oder 13
ist, es ist so dick, aber er möchte, daß Sie danach suchen und nachsehen. Es
würde ihn interessieren, ob ein gewisser Textauszug drinsteht.« Ich war von alledem nicht sonderlich erbaut. Es schien alles so vage und
so bedeutungslos. An das Buch erinnerte ich mich gut, da ich oft
hineingesehen und mich gefragt hatte, ob es Zweck hätte, es aufzubewahren.
Außer allem möglichen, was mit Schiffen zu tun hatte und mit der Arbeit
meines Mannes, enthielt es, wie ich mich deutlich erinnerte, noch ein paar
private Aufzeichnungen und Verse. Aber der Hauptgrund, weshalb ich von diesem
Thema abzukommen wünschte, war meine Überzeugung, daß das Buch nicht mehr zu
finden sein würde. Entweder hatte ich es weggeworfen, oder es war mit einer
Menge anderer Dinge in einem Abstellraum ein paar Häuser weiter gelandet …
Feda aber wurde immer beharrlicher: »Er ist sich nicht sicher, wegen der
Farbe. Es gibt zwei einander ähnliche Bücher; er meint jenes, in dem sich
vorn eine Sprachenübersicht befindet … Wollen Sie bitte auf Seite 12 oder 13
nachsehen? Es würde ihn so sehr interessieren. Er besteht darauf, er bittet
Sie, es ihm zu versprechen.« Am gleichen Tag nach dem Abendessen bat mich meine Nichte, die die Sache
viel ernster nahm als meine Schwester und ich selbst, nach dem Buch zu suchen
… Ich ging zum Bücherregal und fand schließlich ganz hinten auf dem obersten
Brett zwei verstaubte Notizbücher, die meinem Mann gehörten und in die ich
noch nie hineingesehen hatte. Das eine, in abgegriffenes schwarzes Leder
gebunden, entsprach in der Größe etwa der Beschreibung, und ich öffnete es
geistesabwesend, immer noch überlegend, ob ich jenes rote, das ich eigentlich
suchte, wohl vernichtet oder nur weggepackt hatte. Da fiel zu meinem größten
Erstaunen mein Blick auf eine »Übersicht über semitische und arabische
Sprachen«! Es war die erwähnte Sprachenübersicht! Mrs. Talbot schlug dann die Seite 13
auf und fand dort in der Handschrift ihres Mannes folgenden Auszug aus einem
Buch mit dem Titel "Post Mortem", verfaßt von einem anonymen Autor: »Durch ein gewisses Geflüster, von dem man wohl annahm, daß ich es nicht
mehr hören konnte, und aus gewissen neugierigen oder mitleidigen Blicken,
die, wie man glaubte, ich ebenfalls nicht mehr wahrzunehmen in der Lage war,
merkte ich, daß ich dem Tode nahe war … Im gleichen Augenblick begann meine
Seele nicht nur über die zukünftige Glückseligkeit zu sinnen, sondern über
die Glückseligkeit, die ich bereits empfand. Ich sah längstvergessene
Gegenstände, Schulfreunde, Gefährten meiner Jugend, meines Alters, die mich
anlächelten. Sie lächelten nicht traurig, denn zu Mitleid bestand keine
Veranlassung, sondern sie zeigten das Lächeln der Zuneigung, das Menschen
miteinander wechseln, die glücklich sind. Ich sah meine Mutter, meinen Vater,
meine Schwestern, die ich alle überlebt hatte. Sie sprachen nicht, aber sie
teilten mir wortlos ihre unveränderte Liebe mit. Zu dem Zeitpunkt, als sie
alle erschienen, versuchte ich mir über meine körperliche Situation
klarzuwerden … das heißt, ich versuchte meine Seele mit dem Körper, der auf
meinem Bett in meinem Haus lag, in Verbindung zu bringen … vergeblich. Ich
war tot.« Mr. Talbot hatte sich diesen Text
vermutlich lange vor seinem Tod notiert, und er hatte nie mit seiner Frau
darüber gesprochen. Sie wiederum hatte nie zuvor in das Notizbuch
hineingeschaut. Hätte sie jedoch Buch und Text gekannt und das Medium diese
Kenntnis »ganz einfach« aus Mrs. Talbots Gedächtnis bezogen, so hätte der
Kontrollgeist Feda nicht so vage Angaben gemacht und den Sender selbst, Mrs.
Talbot, auf eine falsche Spur (zu einem ganz anderen Notizbuch) führen
können. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, daß irgendein anderer Lebender
von diesen Aufzeichnungen wußte und sie dem Medium irgendwie übertragen hat. Das Risiko, daß keiner der
Beteiligten mit diesen ebenso komplizierten wie dürftigen Angaben etwas
anfangen konnte, war zu groß, um einen Schwindel »lohnenswert« erscheinen zu
lassen. Hier traf also in besonderem Maße zu, was Hyslop in Zusammenhang mit
seinen eigenen Erfahrungen formuliert hatte: Die Annahme eines Betruges, oder
einer Gedankenübertragung, hätte den Fall unwahrscheinlicher gemacht als die
Annahme, daß es sich um einen echten Jenseitskontakt handelt. Man sollte meinen, daß notorische
Skeptiker, die sich auf ihr besonders ausgeprägtes rationales Denkvermögen
berufen, auch ausgesprochen rationell denken. Das trifft jedoch nicht immer
zu. Viele lassen die aufwendigsten und umständlichsten Erklärungsversuche für
das, was in einer Seance geschieht, eher gelten als wesentlich einfachere und
logischere. Daß ein Medium ein weltweites Informationsnetz unterhält, das
heißt, über Informanten und andere gut bezahlte — oder gar »ehrenamtliche«
Helfershelfer in allen Kontinenten und in jedem Dorf verfügt, daß es ferner
entweder eine Datenverarbeitungsanlage für sich arbeiten läßt, oder ein
monströses Gedächtnis besitzt, das selbst wie ein Computer funktioniert — so
etwas akzeptieren manche Argwöhnische lieber als die Annahme eines bei allen
Menschen latent vorhandenen, jedoch bei den allermeisten (noch)
unterentwickelten sechsten Sinnes mit allen Folgerungen, die sich daraus
ergeben können. Unzählige Male habe ich mir nach
einer Seance — vor allem nach einer sehr erfolgreichen sagen lassen müssen,
es sei nicht auszuschließen, daß ich mir die Angaben, die Fletcher gemacht
habe, vorher »besorgt« haben könnte. In sehr vielen Fällen lautet dann meine
Gegenfrage: »Wie aber hätte ich wissen können, daß Sie heute hier erscheinen
und mir bzw. Fletcher diese und jene Frage stellen werden?« Und oft kann ich
noch hinzufügen: »… da ich doch nicht einmal Ihren wirklichen Namen kenne!« Wenn ich es mit jemandem zu tun habe,
der wenigstens die Möglichkeit des Gedankenlesens anerkennt — worüber ich
stets schon sehr froh bin —‚ kommt nun gewiß der Einwand, ich hätte die
Botschaften aus seinem eigenen Hirn abgelesen. Frage ich nun, ob ihm denn
alles, was ich gesagt habe, in Erinnerung gewesen oder zumindest in seinem
Unterbewußtsein »abgelagert« sei, kommt als Antwort höchst selten ein klares
Ja. In den meisten Fällen müssen einzelne Angaben erst überprüft werden,
durch Nachfragen in der Verwandtschaft, Nachlesen in alten Büchern usw.
Anderes bezieht sich auf die Zukunft, ist also zur Zeit noch gar nicht
verifizierbar, und einige Aussagen lassen sich ziemlich eindeutig als
Irrtümer identifizieren — meist handelt es sich hier um genaue Namensformen,
exakte Daten, Formeln und ähnliches. Hätte ich in diesen Fällen etwa im
Bewußtsein des anderen falsche Auskünfte gefunden, da er sie doch, wie sich
durch seine Korrektur herausstellt, richtig weiß? Das scheint ausgeschlossen.
Wahrscheinlicher ist, daß ich mich beim Gedankenlesen »verlesen« habe, zum
Beispiel, weil der Text im Bewußtsein des anderen »verwischt« oder mein
Empfang durch andere Einflüsse unzureichend war. Allerdings könnte sich das
nur auf solches Wissen beziehen, das ich im Bewußtsein eines anderen Lebenden
überhaupt zu finden vermag. Mindestens fünfzig Prozent aller Botschaften, die
Fletcher und ich vermittelt haben, waren jedoch nachweislich nicht auf diesem
Wege zu erhalten. Das läßt sich nicht wegdiskutieren oder durch irgendeine
Hypothese, sei es die Betrugshypothese oder die animistische
Telepathie-Hypothese, erklären. Ich selbst weiß für alle diese Botschaften —
ob sie nun leicht kontrollierbar sind oder nicht, ob sie Fehler enthalten
oder hundertprozentig zutreffen — nur eine Erklärung, und das ist eben die:
Die Kommunikation mit den Jenseitigen ist weit davon entfernt, perfekt zu
sein und von vielen noch undefinierten und unbeeinflußbaren Imponderabilien
abhängig.47 Wir brauchen uns nur an den Stand der
Nachrichtentechnik vor nicht einmal fünfzig Jahren zu erinnern und an die
Handikaps, die es auf diesem Gebiet zu überwinden gab — und noch immer zu
überwinden gibt. Es überlege sich ein jeder nur einen Augenblick lang, wie
viele Telegramme auch heute noch verstümmelt ankommen, wie viele
Telefongespräche mittendrin unterbrochen werden, ganz zu schweigen von den
häufigen Bild- und Tonstörungen im Fernsehen und von dem oft verhängnisvollen
Ausfall von Funkverbindungen. Für alle diese Pannen, die zu jeder Stunde
vorkommen, gibt es irgendwelche Erklärungen, nämlich unzählige verschiedene
Möglichkeiten, von schlichtem »menschlichem Versagen« bis zu atmosphärischen
Störungen, was schon wieder in beiden Fällen sehr vage ausgedrückt ist, und
dennoch ist der Laie, sind wir alle, mit solchen Begründungen zufrieden.
Tolerant lassen wir als Entschuldigung die »Tücke des Objekts« gelten —
überall: nur nicht bei außersinnlieber Wahrnehmung! Da bestehen wir auf
»alles oder nichts«. Natürlich haben auch wir — Fletcher
und ich — uns zu perfektionieren versucht, und wir werden inzwischen selbst
mit der größten Schwierigkeit, der schon mehrmals beschriebenen Problematik
bei der Durchgabe von Eigennamen, sehr viel besser fertig, und Fehler kommen
nur noch in Ausnahmefällen vor. Aber auch das hat zu neuen, verstärkten Verdachtsmomenten
geführt. Im Jahre 1955 war ich zu Gast bei Dr. Melvin L. Sutley,
dem Direktor des Wills Eye Hospitals in Philadelphia, und es fanden sich nach
dem Dinner, »wie zufällig«, immer mehr Gäste ein, Kollegen des Hausherrn aus
der Klinik und von der Universität wie auch Nachbarn und Bekannte der Hausfrau.
Es war unmöglich, alle zu begrüßen und sich die Namen zu merken — falls sie
überhaupt Namen nannten. Wie zu erwarten, bat man mich um eine Seance, und
wie ebenfalls zu erwarten, sagte danach, als man die Ergebnisse diskutierte,
ein Herr mit spöttischem Lächeln zu mir: »Ich bin überrascht, was Sie sich
alles gemerkt haben. Sie haben ja das ganze Who‘s Who auswendig gelernt.« »Wieso?« fragte ich. »Stehen Sie denn im Who‘s Who?« »Ich nicht, aber mein Großvater. Ich fand in Sutleys
Bibliothek einen alten Band und konnte Ihre Angaben nachprüfen.« Ich weiß nicht genau, ob der Herr, dessen Namen ich nicht
kannte, nur Spaß machte, oder ob er tatsächlich annahm, ich hätte mir die
Namen der Gäste vorher besorgt und mich im Who‘s Who und in wer weiß welchen
anderen Nachschlagewerken über die Lebensdaten ihrer Verwandten und Bekannten
informiert. Allein der Gedanke an eine solche Sisyphusarbeit sollte, meine
ich, jeden Vernünftigen zu der Einsicht bringen, daß ein solcher Aufwand
absurd wäre. Immerhin bestätigte mir der Zweifler, daß Fletcher alle Namen,
Daten und Adressen, die der Verstorbene zu seiner Identifizierung übermittelt
hatte, fehlerfrei durchgegeben hatte. Wir hatten also dazugelernt! Dafür noch
ein zweites Beispiel von der gleichen Seance. Anwesend war auch der bereits in einem früheren Kapitel
zitierte Dr. William Francis Swann vom Franklin-Institut in Swarthmore,
Pennsylvania, und aus dem Jenseits meldete sich seine Frau Mabel. Nach dem
üblichen Abtausch von Identifizierungsfragen sagte sie voraus, daß Swann in
Kürze eine ehrenvolle Einladung des englischen Colleges erhalten werde, an
dem er früher studiert habe. Der Rektor des College, Sir R. H., sei sehr
stolz auf die wissenschaftlichen Erfolge seines ehemaligen Schülers. Swann
war der Name dieses Rektors unbekannt, er fand ihn aber sogleich in einem
Nachschlagewerk. Demnach leitete R. H. das College bereits sei 1948. Ein paar Monate später erhielt Swann ein Schreiben, in dem
es hieß, der Vorstand des Colleges habe ihn zum Ehrenmitglied ernannt und
lade ihn ein, anläßlich des bevorstehenden Jubiläumstages des Instituts den
Festvortrag zu halten. Swann erinnerte sich an die Vorhersage seiner Frau,
wunderte sich aber, daß der Brief nicht von jenem Sir R. H., den sie genannt
hatte, unterschrieben war, sondern von einem Rektor namens R. P. L. Er
erzählte mir davon, und ich mußte zugeben, daß hier keine Übereinstimmung
vorlag. Sollte sich Fletcher geirrt haben? Swann bedankte sich für die
Einladung und erkundigte sich nach Sir R. H. Er erfuhr, daß dieser vor einigen
Monaten gestorben war — wie wir feststellten, ein paar Tage vor der Seance im
Hause Dr. Sutleys. Er hatte die Vorbereitungen für die
Jubiläumsfeierlichkeiten noch eingeleitet und Dr. Swann als Festredner
vorgeschlagen. Alle diese Zusammenhänge hatte am Tag der Seance kein
Irdischer wissen, ahnen oder sich ausdenken können — und auch fleißiges Lesen
im Who‘s Who hätte mir nicht weitergeholfen. Ist es nicht menschlich, daß man auf solche unbewußt
erzielten, aber bewußt, also mit Geisteskraft, trainierten Ergebnisse ein
wenig stolz ist? Auch ein Medium braucht diesen Ansporn, er gibt ihm neue
Energie zu abermals erhöhter Konzentration. Freilich darf man den Effekt der Konzentration und aller
»Techniken«, die man zwangsläufig entwickelt, um sich für die nächsten
Seancen »fit« zu machen, nicht überschätzen. Nicht der Aufbietung aller
geistigen — und natürlich auch körperlichen — Kräfte verdankt man oft im
entscheidenden, nicht bewußt erlebten Moment ein eklatantes Ergebnis, sondern
ganz einfach der Tatsache, daß der Mensch, gemäß einer alten Binsenwahrheit,
mit seinen Aufgaben wächst. So kann man sagen, daß ich manche spezielle
mediale Fähigkeit in mir möglicherweise gar nicht entdeckt hätte, wenn ich
nicht in der Trance spontan mit dem mir noch unbekannten Problem konfrontiert
worden wäre. Anders ausgedrückt: Einen Teil meines Erfolges verdanke ich den
Teilnehmern an meinen Seancen. Hätte mir dieser oder jener vor Beginn der
Sitzung gesagt, daß er beabsichtige, mich auf einem Gebiet der
außersinnlichen Wahrnehmung auf die Probe zu stellen, auf dem ich mich bis
dahin noch nicht oder ohne Erfolg versucht hatte, so hätte ich sicherlich
bedauernd die Achsel gezuckt. Buchstäblich ohne zu wissen, wie mir geschah,
von einer Frage überrumpelt, habe ich in der Trance dennoch Probleme gelöst,
die eigentlich nicht auf meinem Programm standen zum Beispiel psychometrische
Aufgaben. Die Psychometrie, kurz definiert: das Hellsehen durch
Betasten von Gegenständen, ist ein seit Urzeiten nachgewiesenes Phänomen, das
bis heute noch nicht zufriedenstellend erklärt werden konnte. Es scheint, daß
Gegenstände ihre Vergangenheit mit sich herumtragen wie Menschen ihre
Erinnerungen und daß bestimmte Personen unter bestimmten Bedingungen diese
Vergangenheit wahrnehmen können. Die Sitzung, auf der ich mich unverhofft als Psychometer
erwies, fand am 10. März 1967 in Philadelphia statt. Das im folgenden
zitierte Protokoll wurde von der Teilnehmerin Mrs. Roth angefertigt; Ich nahm zum erstenmal
an einer Seance teil. Dr. W. G. Roll von der Psychical Research Foundation in
Durham hatte mich an Mr. Ford verwiesen. Ich gab Fletcher durch
Mr. Ford einen Fingerhut, der, wie ich sicher war, meiner verstorbenen
Großmutter gehört hatte. Fletcher erzählte mir etwas über die Herkunft des
Ringes und nannte den Anfangsbuchstaben der ersten Besitzerin — es stimmte
meiner Ansicht nach nichts davon. (Meine Mutter sagte mir später, daß
sie den Fingerhut nicht von meiner Großmutter, sondern von einer inzwischen
verstorbenen Freundin meiner Großmutter bekommen hatte. Meine Eltern
bestätigten mir, daß alles, was Fletcher gesagt hatte, eindeutig auf diese
Frau zutraf.) Dann gab ich Fletcher,
wieder durch Mr. Ford, einen Gegenstand, der meinem Onkel gehört hatte.
Fletcher bezeichnete zutreffend unseren Verwandtschaftsgrad, den Wohnort und
die Todesursache meines Onkels … Plötzlich sprach durch Mr. Ford eine Stimme,
die in Akzent und Modulation der meines Onkels glich, und mir stockte der
Atem: Was die Stimme sagte, war ein feststehendes Scherzwort zwischen uns
gewesen, das nur für ihn und mich Bedeutung hatte. »Nun, ist es James?«
fragte Fletcher. Ich stutzte, denn ich hatte meinen Onkel stets »Jim«
genannt. Aber dann fiel mir ein, daß sein Taufname natürlich »James« gewesen
sein muß. Hätte Fletcher bzw. Mr. Ford den Namen meines Onkels meinem
Gedächtnis »entnommen«, hätte er »Jim« sagen müssen; da er ihn aber von
meinem Onkel selbst hatte, nannte er ihn »James«. Ich gab mich jedoch noch
nicht zufrieden und bat Fletcher, mir zu beweisen, daß er tatsächlich meinen
Onkel Jim bei sich hatte. Darauf fragte mich Fletcher, ob der Name »Raymond«
im Zusammenhang mit Rundfunk oder Fernsehen eine bestimmte Bedeutung für mich
hätte. Ich konnte damit nichts anfangen, und der Kontakt mit Onkel Jim brach
ab. (Später bestätigten mir fünf Personen unabhängig voneinander, daß Onkel
Jim einmal in der Raymond Avenue gewohnt und bei der Rundfunkgesellschaft RCA
gearbeitet hatte.) Ruth Montgomery berichtet in ihrem Buch "A Search for
the Truth" ("Auf der Suche nach der Wahrheit") einen ähnlichen
Fall: Obwohl Ford hauptsächlich in Trancemedium und weniger
Psychometer ist, gab ich ihm einmal eine Taschenuhr und fragte ihn, ob er mir
etwas über den Besitzer sagen könne. Er hielt sie ein paar Minuten lang
zwischen den Handtellern und begann sich dann die Arme zu massieren, als ob
sie ihn schmerzten. »Die Uhr gehörte Ihrem Vater«, sagte er. »Er litt an
Schmerzen, die sich von den Schultern bis in die Hände zogen. Ich spüre
seinen Schmerz.« Es war so, wie er sagte: Als mein Vater älter wurde, stand er
oft nachts auf und ließ sich heißes Wasser über die Arme laufen, um die
schrecklichen Schmerzen zu lindern, die die Ärzte nicht heilen konnten. Da
dies nur im engsten Familienkreis bekannt war, konnte Ford es nicht auf
gewöhnlichem Weg erfahren haben. Unverhofft zugefallen wie die Fähigkeit zur Psychometrie
ist mir eines Tages auch die zum automatischen Zeichnen. Auch hier war es
beinahe so, als habe der Seanceteilnehmer sie mir mitgebracht — und am Schluß
der Sitzung leider wieder mitgenommen. Vor einigen Jahren kam ein Japaner mit seinem Dolmetscher
zu mir. Er stellte sich als Dozent an der Technologischen Fakultät der
Universität Tokio vor und bat mich zu versuchen, die Verbindung mit einem
verstorbenen Kollegen herzustellen, den er um eine dringende Auskunft
ersuchen wolle. Er hatte eine Kamera mitgebracht, aber nicht in erster Linie
deswegen, um mich im Trancezustand zu fotografieren, sondern weil sich seine
Fragen an den jenseitigen Kollegen an den Apparat knüpften. Also gut, ich
wollte mich bemühen, dem weitgereisten Techniker zu helfen. Ich fiel in Trance, und alles Weitere erfuhr ich erst nach
dem Erwachen. Man übergab mir nicht nur, wie üblich, das Protokoll, sondern
auch ein Blatt mit einer Zeichnung, die wie die Skizze irgendeiner
technischen Vorrichtung aussah, mir aber nicht das geringste besagte. Dem
Report entnahm ich mit Erstaunen folgendes: Fletcher hatte ziemlich schnell
den gewünschten Kollegen des Japaners ausfindig gemacht und ihn über jene
»Telefonleitung des Geistes«, von der schon mehrfach die Rede war, zu sich
gerufen. Nun gab es aber nicht nur sprachliche Verständigungsprobleme,
sondern vor allem technische. Fletcher wußte nicht, wie er die Botschaft,
also die Antwort auf die Frage meines Besuchers in Worte fassen sollte. Die
fachlichen Begriffe fehlten ihm oder schienen ihm unübertragbar. Deshalb
sagte er: »Der Mann hier will die Sache aufzeichnen. Vielleicht geht es so.
Geben Sie Mr. Ford bitte Papier und Bleistift.« Man legte einen Schreibblock
vor mich auf den Tisch, drückte mir einen Bleistift zwischen Zeigefinger und
Mittelfinger der rechten Hand, und ich richtete mich etwas auf, wie jemand,
der über seiner Arbeit am Schreibtisch eingenickt war und nun wieder
weitermachen will. Dann begann ich langsam und so, als überlege ich mir jeden
Strich, etwas zu zeichnen — selbstverständlich mit geschlossenen Augen. Was dabei herauskam, war die Skizze irgendeines Details an
einer Kamera. Ich konnte wenig damit anfangen, doch der Japaner war
hocherfreut. Es sei wohl keine ausgefeilte Darstellung, aber sie genüge
vollkommen, denn sie liefere ihm genau die Antwort auf seine Frage. Nun könne
er wieder weiterarbeiten. Glücklich lächelnd ging er fort … Seitdem habe ich
nie wieder automatisch zeichnen dürfen, schade! Woher aber kam diese Zeichnung einer offensichtlich
abhanden gekommenen oder durch den Tod des japanischen Spezialisten nicht
ausgeführten Erfindung? Es ist wohl überflüssig, darauf hinzuweisen, daß ich
sie mir nicht selbst ausgedacht haben kann. Aus dem Bewußtsein meines Gastes,
des japanischen Kamerakonstrukteurs, kann ich sie auch nicht entnommen haben,
denn in dessen Gehirn steckte diese Kenntnis ja noch gar nicht drin. Also
könnte ich sie, nach der animistischen Hypothese, nur aus dem Bewußtsein
eines anderen lebenden Erfinders »geklaut« haben. Von welchem aber? Es hat
sich meines Wissens später keiner gemeldet, der meinen japanischen Besucher
des Plagiats oder Diebstahls bezichtigt hätte. Indessen stand fest, daß der
ehemalige Kollege, mit dem Fletcher ihn in Verbindung brachte, tatsächlich
nicht mehr unter den Lebenden weilte. Ducasse hat in der schon zitierten grundlegenden Vorlesung
ausdrücklich betont, daß sein genaues Studium von Hunderten von
Protokollniederschriften die sogenannte Depersonalitionshypothese, also jene
Annahme, daß das Medium seine Kenntnisse oder Botschaften von einer
»sekundären Person« beziehe, habe unwahrscheinlich erscheinen lassen. »Einige
der schärfsten Denker, die mit größter Skepsis an diese Dinge herangegangen
sind und sie jahrelang äußerst kritisch untersucht haben, sind schließlich zu
dem Ergebnis gelangt, daß wenigstens in einer ganzen Reihe von Fällen allein
die Hypothese des Fortlebens nach dem Tode plausibel sei«, sagte Ducasse. Hyslop war der Meinung, daß die allgemeine Abneigung der
Wissenschaftler, die Fortlebenshypothese zu akzeptieren, hauptsächlich auf
Furcht beruhe. Es gäbe keine theoretischen Schwierigkeiten, die dem
vorbehaltlosen Glauben an ein Leben nach dem Tode im Wege stünden. Doch würde
es für die Wissenschaft einen völlig neuen Start bedeuten. »Die umwälzenden
Folgen — philosophisch, moralisch, religiös und politisch — eines
wissenschaftlichen Beweises für das Fortleben im Jenseits lassen ein
vorsichtiges Verhalten in einer so wichtigen Sache geboten erscheinen.« Ducasse resümierte: »Die Annahme, daß individuelles
bewußtes Leben in irgendeiner Form nach dem Tode weiterexistiert, kann als
entweder durch die Naturwissenschaften oder die Philosophie bestätigt
betrachtet werden. Denn es gibt den empirischen Nachweis, daß der Geist nach
dem Tode weiterlebt und daß er gelegentlich eine Verbindung mit den Lebenden
zustande zu bringen vermag.« Als Ducasse dies 1951 den Studenten von Swarthmore
vortrug, entstand allgemeines Geraune. Einerseits imponierte den Studenten
der Mut, mit dem ein angesehener Professor in dem soeben angebrochenen
Atomzeitalter über ein rein metaphysisch-spiritistisches Thema sprach;
andererseits waren viele von ihnen der Ansicht, daß dieser Mut sozusagen verschwendet
sei, und sie schienen recht zu haben. Seine Ausführungen waren zu jenem
Zeitpunkt als wissenschaftliches und öffentliches Diskussionsthema einfach
undenkbar — noch weniger denkbar als ein halbes Jahrhundert zuvor zu
Lebzeiten von William James, Myers und Lodge oder zweihundert Jahre früher,
als Swedenborg seine Visionen vom Jenseits publizierte. Die Zeit war noch immer nicht reif. Die breite
Öffentlichkeit erfuhr von paranormalen Erscheinungen bestenfalls aus der
Boulevardpresse, als billige Sensationsmeldung, oder als Schauermärchen
aufgebauscht — und der »Mann auf der Straße« wußte im allgemeinen, was er
davon zu halten hatte: nämlich gar nichts. Vielleicht wurde der eine oder andere nachdenklicher oder
hellhöriger durch das persönliche Leid, das der Koreakrieg über viele
Amerikaner brachte. Aber immer noch galt die Möglichkeit außersinnlicher
Wahrnehmung durch Sensitive und Medien als ein obskurer Geheimtip, und noch
wurden sie vorwiegend mit Jahrmarktsgauklern und Kartenlegern in einen Topf
geworfen, wie eine Umfrage ergab. Das änderte sich erst in den sechziger
Jahren allmählich, und einen wesentlichen Beitrag zu vernünftiger,
vorurteilsloser Aufklärung auf diesem Gebiet leisteten einige amerikanische
Fernsehstationen. Erkenntnisse der Parapsychologie und die
Unsterblichkeitshypothese, die auf der Jenseitskommunikation basiert, wurden,
wenn auch noch nicht allgemein akzeptiert, so doch wenigstens zu einem
diskutablen Thema. Das Massenmedium Television nahm sich der Psychomedien an
und ließ unter anderem auch mich zu Wort kommen. Das Fernsehen mit seiner irritierend grell leuchtenden und
lautstarken Technik war ein neuer, raffinierter Test für meine mediale
Arbeit. Wieder einmal hatte ich keine Ahnung, ob die Sache in dieser für mich
— und erst recht für Fletcher — völlig fremden Umwelt funktionieren würde,
und wieder einmal blieb mir nichts anderes übrig, als die Dinge fatalistisch
auf mich zukommen zu lassen. Es war im Jahre 1967. Allen Spraggett, Redakteur für
religiöse Angelegenheiten beim Toronto Star, hatte ein Buch über
spiritistische Phänomene geschrieben, und James A. Pike, der als Verfechter
fortschrittlicher Ansichten über alltägliche Fragen des christlichen Glaubens
bekannt gewordene Bischof der Episkopalkirche von Kalifornien, und ich waren
eingeladen worden, Spraggetts Buch im Fernsehen zu diskutieren. Vor dem
Gebäude der Canadian Broadcasting Corporation in Toronto traf ich mit Bischof
Pike zusammen, und bevor wir noch über das Thema sprachen, über das wir uns
sogleich vor Hunderttausenden von Fernsehzuschauern äußern sollten, bat er
mich um eine private Seance. Etwas leichtsinnig, und ohne genau zu wissen, um
was es Pike eigentlich ging, schlug ich vor: »Wie wäre es, wenn wir die
Seance vor der Fernsehkamera abhielten — jetzt gleich?« Bischof Pike stimmte zu, die verantwortlichen Herren des
Kanadischen Fernsehens waren einverstanden, und so boten wir, statt eines
theoretischen Gesprächs über das Unsterblichkeitsproblem ein Live-Interview
mit verschiedenen Jenseitigen, die uns Fletcher, erstmals in der Rolle als
»Moderator«, heranbrachte. Es meldeten sich mehrere Personen, die Pike gekannt hatte
— und schließlich sein Sohn, James Pike junior, genannt Jim. Er war es, mit
dem der Bischof vor allem in Verbindung zu kommen wünschte. Um keine verdächtige Sentimentalität zu erwecken, möchte
ich das Bewegende an dieser Zwiesprache zwischen Vater und Sohn nicht
eingehender schildern, sondern mich auf die Fakten beschränken, die zutage
traten. Sie waren erschütternd genug; ganz Kanada und weite Teile der USA
wurden Zeuge eines Bekenntnisses, das man nicht anders als typisch für unsere
Zeit und zugleich typisch für die Ewigkeit des Jenseits bezeichnen kann. Im Februar 1966 hatte sich der einundzwanzigjährige
Student Jim Pike in einem kleinen Hotelzimmer in New York erschossen. Der
Entschluß des Sohnes, aus dem Leben zu gehen, war für die Eltern völlig
unbegreiflich, zumal er kein erklärendes Abschiedswort hinterlassen hatte.
Eine Krankheit, berufliche Schwierigkeiten, oder Mißhelligkeiten mit den
Angehörigen, schieden aus. Das Verhältnis zwischen dem Sohn und den Eltern
war bis zuletzt sogar außergewöhnlich harmonisch gewesen. Ungefähr zwei Wochen nach Jims Beerdigung traten in der
Wohnung des Bischofs, der zu Gastvorlesungen im englischen Cambridge weilte,
merkwürdige Phänomene auf, die an Poltergeister erinnerten. Sie wurden außer
von Pike selbst von seinem Sekretär und einem Geistlichen, Mr. David Barr,
beobachtet. Eines morgens blieben alle Uhren in der Wohnung Punkt acht Uhr
neunzehn stehen. Genau um diese Stunde — übertragen auf die Westeuropäische
Zeit — hatte Jim sich in New York das Leben genommen. Dann tauchten plötzlich
überall in den Räumen auseinandergebogene Sicherheitsnadeln und Büroklammern
auf, deren Spitzen Uhrzeigern glichen, die ebenfalls diese Zeit anzeigten.
Bücher, die irgendeine Beziehung zu Jim hatten, lagen nicht mehr auf ihrem
ursprünglichen Platz. Gesang- und Gebetbücher fand Pike an Stellen
aufgeschlagen, die vom ewigen Leben handelten. Einmal rumorte es, während
Pike, Barr und der Sekretär im Arbeitszimmer zusammen waren, in einem
Schrank. Pike öffnete rasch die Tür und fand die darin aufbewahrten Kleider
am Boden liegen und durcheinandergewühlt. Ein Gast, dem der Bischof von
diesen Erscheinungen berichtete, meinte: »Wenn sich so etwas doch einmal in
meiner Gegenwart ereignen würde!« Und sofort löste sich, in Anwesenheit von
drei weiteren Zeugen, der Rasierspiegel, den Jim einige Monate zuvor während
seines Besuchs in Cambridge benutzt hatte, vom Kommodenaufsatz und segelte
sanft auf den Boden. Als Mervyn Stockwood, der Bischof von Southwark, der sich
mit Fragen der Parapsychologie und des Spiritismus beschäftigte, von diesen
Vorgängen hörte, vermutete er, daß Jim Pike verzweifelt versuchte, mit seinem
Vater in Kontakt zu kommen. Er brachte daher seinen Kollegen Pike mit einem
Medium, Mrs. Edna Twigg, zusammen. Sie wußte nicht, wer ihr Seancepartner
war, übermittelte Pike jedoch Botschaften, die nur von seinem verstorbenen
Sohn stammen konnten. Der Geistliche Mr. John Pierce-Higgins, der Pike als
Zeuge begleitete, erklärte später aufgrund seines Protokolls, Jim habe seinem
Vater durch das Medium mitgeteilt, daß er seinen Selbstmord aufs tiefste
bedauere, er habe seinen Eltern nicht weh tun wollen und wünschte, er könnte
seine unbedachte Tat ungeschehen machen. Er habe unter dem Druck von
Examensangst gehandelt, »aber er sagte auch etwas über Drogen« und daß er
»einfach durchgedreht« habe. Als er sich auf dem Londoner Flughafen von
seinem Vater verabschiedete, um nach New York zurückzufliegen, habe er
geahnt, daß etwas Schreckliches mit ihm geschehen würde. Mehr als diese Andeutung über den Grund seines
Selbstmordes hatte Jim offenbar nicht gemacht. Nun, ein Jahr später, in der
Seance vor den surrenden Fernsehkameras, fragte Pike seinen Sohn nach
Einzelheiten über seinen Tod. Jim antwortete: »Ich kann dir nur soviel sagen: Es begann mit einem
gewissen Halverston —« Fletcher korrigierte den Namen gleich darauf: »Er heißt
wohl Halverson. Er ist jetzt auch hier. Muß kurz nach dem Jungen
rübergekommen sein. Kennen Sie einen Mann dieses Namens?« »Es kann sein«, sagte Bischof Pike zögernd. »Ich erinnere
mich, den Namen gehört zu haben. Aber persönlich kenne ich ihn wohl nicht.« »Denken Sie in Ruhe nach«, schlug Fletcher vor. »Er heißt
Marvin mit Vornamen und hatte etwas mit moderner Musik und Kunst zu tun.« »Jetzt erinnere ich mich«, sagte Pike. »Dieser Marvin
Halverson war, glaube ich, für den National Council of Churches tätig. Soviel
ich weiß, arbeitete er für den Nationalen Kirchenrat über das Verhältnis der
Glaubensgemeinschaft zur modernen Musik und Kunst. Wir hatten vor Jahren eine
Fernsehdiskussion zusammen. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört.« Was Bischof Pike nun von seinem Sohn erfuhr, war nicht nur
für ihn ein schwerer Schock, sondern gleichsam ein Menetekel für die gesamte
junge Generation der Vereinigten Staaten. Jim gestand, durch diesen Halverson
während seiner Collegezeit in Berkeley, Kalifornien, zum Genuß von Drogen
verleitet worden zu sein. Er nannte vor allem eine Droge — LSD. Er habe sich
von diesem Zwang befreien wollen, indem er den Studienort wechselte und nach
New York ging, doch habe er dort einige seiner Collegekameraden
wiedergetroffen und unter ihrem Einfluß wieder Drogen genommen. Sein Selbstmord
sei die Folge eines Horrortrips gewesen. Auf einmal wäre ihm das Leben nicht
mehr lebenswert vorgekommen. Sogleich nach der Seance, noch während der Fernsehsendung,
telefonierten wir mit Leuten in Los Angeles und in London, die uns bestätigen
konnten, was Jim und was andere Jenseitige gesagt hatten. Jims Angaben wurde
bis ins kleinste Detail bestätigt. Natürlich hatte es keinen Sinn, Fragen zu
stellen, die den Befragten diskriminieren konnten. Fletcher hatte übrigens auch von einem alten Mann slawisch-jüdischer
Abstammung gesprochen, der Jim geholfen habe, sich dort einzugewöhnen. »Das kann nur Jims Großvater mütterlicherseits sein. Er
war ein russischer Jude«, sagte Pike. »Hier ist auch ein Mann namens Louis Pitt. Er sagt, er
kenne Sie, war Universitätsgeistlicher«, meldete Fletcher. »Stimmt«, bestätigte Pike. »Pitt war mein Vorgänger an der
Columbia-Universität. Bei der Wahl zum Bischof hatte er mehrmals Pech. Er war
sozusagen immer Brautjungfer, nie Braut.« »Und hier spricht Mrs. Carol Rede, mit der Sie gut bekannt
waren, als Sie Pfarrer waren an der Kirche St. John the Divine in New York.
Sie hat eine persönliche Bitte an Sie … « »Ich erinnere mich noch sehr gut an Sie«, sagte Bischof
Pike, »aber ich wußte nicht, daß sie gestorben ist.« Alle Botschaften, die in dieser Seance durchkamen, waren
allein für Pike bestimmt und zum Teil sehr privater Art. Für den
Außenstehenden war, vom Inhalt der Nachricht her, nur das Gespräch mit seinem
Sohn bewegend, und dennoch war das Echo auf diese Sendung überwältigend. Alle
Zeitungen berichteten darüber und zitierten, ohne an der Lauterkeit dieser
Feststellung zu zweifeln, Bischof Pikes abschließende Worte: »Es stimmte alles, doch vieles konnte in seiner vollen
Bedeutung leider nur ich verstehen. Die Details der Botschaften gingen weit
über das hinaus, was ich bewußt, und, wie ich vermute, auch unbewußt, in
meinem Gedächtnis gespeichert haben kann.« Wir verabredeten weitere gemeinsame Seancen, und wir
freuten uns auf eine lange fruchtbare Zusammenarbeit. Doch es sollte anders
kommen. Schon im nächsten Jahr kam Bischof Pike auf tragische Weise ums
Leben. Die ganze Welt nahm an seinem Schicksal und der fehlgeschlagenen
Rettungsaktion Anteil. Auf eigene Faust und ohne genügende Kenntnisse von den
Tücken der Wüste hatte er eine Fahrt mit einem Kleinwagen durch die Wüste
Negev zu den Fundstätten der Schriftrollen vom Toten Meer unternommen. Auf
der unwegsamen Wüstenpiste hatte er eine Panne und entschloß sich
verhängnisvollerweise, sich zu Fuß bis zur nächsten Siedlung durchzuschlagen.
Er verlor die Orientierung, und das Suchkommando, das seine Frau alarmiert
hatte, forschte vergebens nach ihm. Zu dieser Zeit fuhr ich gerade mit Jerome Ellison im Auto
durch Connecticut. Er fragte mich etwas und bemerkte, daß ich abwesend war.
Es vergingen einige Minuten, ehe ich wieder »zurück« war und mich bei Ellison
entschuldigte: »Sorry, ich versuchte eben, Pike zu finden. Er ist irgendwo in
der israelischen Wüste.« Ich hatte ganz klar Pikes Situation erfaßt, seine
Empfindungen in seinen letzten Stunden. Aber ich vermochte ihm nicht zu
helfen. Ich kann nur hoffen, daß er in diesen Augenblicken meine Anwesenheit
so deutlich gespürt hat wie ich die seine. Ein paar Tage später meldete die Presse, daß man ihn
gefunden hatte. Er war in der Gluthitze der Wüste, weitab von jeder Piste,
verschmachtet. Ob Fletcher uns noch einmal zusammenbringt? Die Fernsehsendung mit Bischof Pike und mir löste in der
Öffentlichkeit eine Welle des Interesses und der Einsicht aus. Die
Anteilnahme an meiner Arbeit war aufmunternd und rührend, manchmal auch schon
beängstigend. Ich bekam bergeweise Post von Menschen, die plötzlich bei sich
selbst außersinnliche Wahrnehmungen entdeckt haben wollten, mir ihre
Erlebnisse berichteten und mich um Begutachtung ihrer »Manifestationen«
baten. Andere brannten darauf, mediale Talente zu entwickeln, und wollten bei
mir »Mediumistik« studieren. Man kann sich denken, daß eine gewissenhafte
Beantwortung dieser Zuschriften außerordentlich schwierig war. Schließlich
ist mediales Training kein Ausgleichssport für jedermann, obwohl die
Grundübungen niemanden schaden könnten — im Gegenteil. Und viele wollen nicht
warten, bis diese Erkenntnis Allgemeingut geworden ist. Noch muß man mit Verständnislosigkeit rechnen, wie sie mir
ein junger Mann kürzlich beschrieb. Timothy Freejoy, kaufmännischer
Angestellter in einer Maschinenfabrik, kam an einem Montagmorgen fünf Minuten
zu spät ins Büro und begrüßte seinen Chef arglos mit den Worten: »Guten Morgen, Boß. Wie geht es Ihrer unsterblichen Seele
heute früh?« Der Boß runzelte nur die Stirn und sah demonstrativ und
mißbilligend auf seine Armbanduhr. »Tut mir leid, daß ich zu spät gekommen bin«, meinte
Timothy und fing an, auf seinem Schreibtisch herumzukramen, »aber meine
Meditation hat heute früh etwas länger gedauert. Ich fiel in Trance, und
schon ging es los, wie mir mein Bruder hinterher erzählt hat. War
hochinteressant. Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, aber sie
sollten es selbst einmal probieren.« Der Boß stellte keine weiteren Fragen, denn
selbstverständlich hatte er sofort erkannt, daß Freejoy ein Spinner ist. Im
Geiste strich er ihn von der Liste derjenigen, die für eine Gehaltserhöhung
vorgesehen waren. Beförderungen haben nur solche verdient, die ihren
»gesunden Menschenverstand« unter Beweis stellen. Und was gesund ist, das
weiß der Boß. Ich will weder einer neuen Weltanschauung noch einer neuen
Mode Vorschub leisten, oder gar Ratschläge zur Verwirklichung von fixen Ideen
erteilen. Eine fixe Idee ist es aber auch, daß das Thema »Außersinnliche
Wahrnehmung als reelle Chance für alle« nicht — oder heute noch nicht —
nüchtern zu erörtern sei. Ich habe ja bereits nachgewiesen, daß solche
Wahrnehmungen keineswegs stets mit religiösen, oder einfach schwärmerischen
Vorstellungen zu tun haben. Selbst im Altertum traten solche Erscheinungen
nicht nur unter religiösen Vorzeichen auf, wie man aufgrund der
überlieferten, vorwiegend sakralen Literatur vermutet hat. (Denken wir doch
nur an den Mann, der Julius Caesar vor den Iden des März warnte!) Auch mit
»Askese« hat die Freilegung neuer Wahrnehmungskanäle, meiner Erfahrung nach,
nichts zu tun. Die Vorstellung, daß, höhere Einsichten zu haben, das
Privileg frommer, weltabgewandter Einsiedler sei, ist merkwürdigerweise noch
immer sehr lebendig. Viele medial Begabte, die den rechten Weg suchten, so
auch ich, haben die Erfahrung des heiligen Hieronymus nachvollzogen: Um zu
einem kontemplativen Leben zu gelangen, suchte er in einem Kloster Zuflucht.
Die Leere und Weltfremdheit der mönchischen Lebensweise und die
Unzulänglichkeit der berufsmäßigen Einsiedler zerrten jedoch an seinen Nerven
und beeinträchtigten seinen Verstand. Er versuchte es redlich und kehrte dann
in den »normalen Alltag« zurück. Es gibt natürlich leuchtende Ausnahmen, doch im
allgemeinen hat sich asketisches Leben nicht als erfolgreicher Weg zu
geistiger Höherentwicklung erwiesen. Ich habe verhältnismäßig viel Zeit in
westlichen Klöstern und östlichen Ashrams zugebracht. Von geistigem Fortschritt
war kaum etwas zu merken, dafür aber die geistige Verkümmerung nur allzu
offensichtlich. Ich stieß auf kaum verschleierte Genußsucht, neurotische
Sexualität, wie zum Beispiel spontane Ejakulationen während der Andacht. In
dem Bestreben, völlig normale biologische Prozesse zu sublimieren und zu
eliminieren, kann gerade das, was ein Mensch abtöten möchte, zur Besessenheit
werden. Ich habe innerhalb der Klostermauern Heuchelei, Eifersucht, Streit
und hochgradige Psychopathen gefunden. Ich fand jedoch nirgends eine Rechtfertigung für Askese;
weder in der eigenen Erfahrung noch durch Beobachtung, weder in der Literatur
noch in den religiösen Geboten. Jesus folgte einem Rhythmus, den Arnold
Toynbee treffend als »Zurückgezogenheit und Wiederkehr« bezeichnet hat.
Manchmal, so heißt es, »zog er sich in sich selbst zurück« und meditierte.
Dann wieder ging er, nach seinen eigenen Worten, unter die Menschen »und
trank und aß«. Es gibt keine Angaben darüber, daß er verheiratet war, doch
zahlreiche Beweise dafür, daß er nicht kontaktarm und weltfremd war. Andererseits ist es unmöglich, ein Leben geistigen
Wachstums zu führen und sich gleichzeitig triebhaften Ausschweifungen
hinzugeben. Das haben mich meine Erfahrungen mit Drogen und mit Alkohol ein
für allemal gelehrt. Wem es gelungen ist, nicht in die Fallstricke der Süchte
zu stolpern, oder sich wieder aus ihnen zu befreien, dem wird es nicht
schwer, die natürlichen Triebe in die geregelte Ordnung seines Lebens
einzugliedern. Die Welt ist unser Kloster. Das Bestreben, geistigen
Grundsätzen die ihnen gebührende Geltung zu verschaffen, ist unsere
mönchische Übung. Es gibt ein Sprichwort, daß schlammiges Wasser klar werde,
wenn es eine Zeitlang stillsteht. Dasselbe geschieht mit der Psyche. Die
Unruhe setzt sich, wenn man wartet, alles Ablenkende ausschaltet und lauscht.
Diese geistige Sammlung muß nicht unbedingt »Meditation« im Sinne des großen
Yogananda sein, oder als christliches Exerzitium betrieben werden. Ihr Sinn
ist nicht Flucht aus dem Alltag, sondern seine Bewältigung und das
gesteigerte Erkennen der alltäglichen Gegebenheiten des Daseins. Viele
Menschen sind der völlig unrealistischen Auffassung, daß Meditation — wenn
sie gelingt — geradewegs zu wunderbaren übernatürlichen Erlebnissen führt,
und um mit Erfolg zu meditieren, müsse man den Körper absolut unter Kontrolle
haben — und dazu sehr viel Zeit! Doch wir, die wir in der westlichen Welt
leben, haben nicht die Muße und sind gewöhnlich auch nicht willens, uns in
lange Perioden der Meditation zu versenken, oder uns den strengen Regeln der
Yogis und der mittelalterlichen christlichen Mystiker zu unterwerfen. Wir
haben eher das Bedürfnis, die Zeit, die uns zur Verfügung steht, auf die
aktivste Weise zu nutzen. Man hat mich oft gefragt, welche Konzentrationstechnik ich
bevorzuge, wieviel Zeit ich für die geistige Einstimmung auf meine mediale
Aufgabe verwende, welchen diesbezüglichen Rat ich anderen geben könne.
Genaugenommen habe ich kein Rezept, es sei denn, daß man »Ungezwungenheit«
als ein solches anerkennt. Es muß alles wie ein natürlicher Ablauf vor sich
gehen. Manchmal finde ich auf diese Weise erst vor dem Einschlafen die Zeit,
mich in die Ruhe hineinzumeditieren, die ich brauche, um die Dinge aus der
inneren Schau zu betrachten. Manchmal schlafe ich sogar ein, während mein
Geist sich, völlig losgelöst, mit einem Problem beschäftigt, das an mich
herangetragen wurde. Das Unterbewußtsein beginnt zu arbeiten, und am nächsten
Morgen wache ich oft mit der Lösung auf. Auf diese Weise konnte ich schon
vielen Menschen helfen. Jeder Anfänger sollte sich einen Platz suchen, an dem es
in dieser von Lärm erfüllten Welt so ruhig wie möglich ist. Er sollte soviel
Licht ausschließen wie nur möglich und sich so bequem und entspannt
hinsetzen, wie er kann. Als ich mit Yogananda studierte, saßen wir immer auf
dem Boden, wie es im Osten Tradition ist, wo Stühle bis vor kurzem
verhältnismäßig selten waren. Die meisten von uns sind nicht gewandt genug,
um die typischen Positionen — »Asanas« — der Yogis einnehmen zu können. Die
Hockstellung hat gewisse Vorteile, denn sie entspannt den ganzen Körper.
Wichtig ist, daß man die Wirbelsäule ganz gerade hält, und das kann man am
besten, wenn man sich flach auf den Boden legt. Konzentration ist die erste Lektion und wesentlich für weitere
Fortschritte. Sich konzentrieren heißt, den Geist auf einen Punkt richten.
Dazu braucht man einen Gegenstand, auf den man sich konzentrieren kann. Es
gibt Menschen, die es anfangs schwierig oder unmöglich finden, sich auf einen
abstrakten Begriff zu konzentrieren. Sie können das gleiche erreichen, indem
sie einen Gegenstand wählen, der ihnen etwas bedeutet: einen Ring, eine Rose,
eine Vase. Ich kenne einen Mann, der sich auf einen einsamen See zu
konzentrieren pflegte, den er einst in einem von Bergen umschlossenen Tal
gesehen hatte. Es ist gleichgültig, worüber man meditiert, wichtig ist, sich
nicht ablenken zu lassen, bis man sich tief, vielleicht sogar völlig
eingefühlt hat und sich mit dem Gegenstand seiner Meditation in vollkommenem
Einklang befindet. Ein wichtiges, ja, unerläßliches Hilfsmittel ist eine gute
Atemtechnik. Weil darüber schon soviel hochtrabender Unsinn geschrieben
worden ist, verzichte ich auf die Fachbegriffe in Sanskrit und Hindi. Es ist
unnötig, sich mit mystischen und okkulten Ausdrücken zu belasten. Es gibt
Schwierigkeiten genug; man braucht keine zusätzlichen zu schaffen. Das
Entscheidende beim Atmen ist ein bestimmter Rhythmus; er erleichtert es
einem, sich loszulösen. Man wird nach kurzer Zeit feststellen, daß der
Begriff, der Gegenstand, oder der Mensch, den man sich vergegenwärtigen will,
beim Einatmen näherzukommen scheint und sich entfernt, wenn man durch den
Mund ausatmet. Das ist eine Übung, um die geistigen Organe, die ihre Kraft
verloren haben, wieder anzuregen. Die Armmuskeln würden genauso erschlaffen
wenn man den Arm wochenlang stillegte. Hat man einmal seinen Atemrhythmus
gefunden, kann man ihn allmählich bis zur halben Anfangsgeschwindigkeit
reduzieren. Hält man den Atem eine oder zwei Sekunden lang — nicht länger —
an, hört auch der Geist auf zu arbeiten. Man wird schließlich jenen
Schwebezustand erreichen, der anzeigt, daß es gelungen ist, sich völlig zu
konzentrieren. Es ist allerdings unsinnig, sich diesem Zeitpunkt durch
magische Beschwörungsformeln nähern zu wollen, oder Techniken und Riten
fremder Kulturen, vor allem der orientalischen, ohne umfassendes Studium der
geistigen Welt, aus der sie hervorgegangen sind, zu imitieren. Nachahmung
führt leicht zu Selbsttäuschung und diese auf gefährliche Bahnen. Daß dies in
weitaus stärkerem Maße noch für die Benutzung von Drogen gilt, versteht sich
von selbst. Und nun der wichtigste Rat: Fürchten Sie sich nicht, wenn Sie das
Gefühl haben, sich von Ihrem Körper zu lösen. Das kann zu einem
unüberwindlichen Hindernis werden, so wie etwa beim Schwimmen die Angst,
keinen Grund mehr zu haben. So wenig wie die Fertigkeit des Schwimmens von
Nutzen ist, wenn man sich nicht ins tiefe Wasser wagt, so wenig fruchtet die
Bemühung um Meditation, wenn man sich vor ihrem Zielpunkt ängstigt.
Meditation bedeutet keinen Verlust der Kontrolle über sich selbst, sondern
das Gegenteil: Erringung der höchsten Kontrolle. Wer das weiß, der wird die
Angst vor tiefer Versenkung verlieren, und eine neue Wahrnehmungsebene wird
sich für ihn auftun. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, an dem mir
meine medialen Fähigkeiten nicht mehr beunruhigend erschienen. Ich möchte den
Vergleich anstellen, daß ich mir wie ein Pferd vorkam, dem plötzlich die
Scheuklappen abgenommen worden sind. Ich fühlte mich nicht mehr eingeengt;
die Welt hatte für mich größere Dimensionen angenommen. Vor allem aber hatte
das Leben einen neuen, erweiterten Sinn erhalten, denn offensichtlich stellte
der Tod kein Ende des menschlichen Wirkens dar. Wäre man bereit, die Tatsachen anzuerkennen, die jetzt —
fast ein halbes Jahrhundert später — unverrückbar feststehen, bedeutete dies
das plötzliche Ende der materiellen Kausalität in der Wissenschaft und des
Positivismus in der Philosophie. Die Ideologien müßten revidiert werden und geistig-seelische
Qualitäten und Vorgänge, die man heute noch nicht anerkennt, in den
Mittelpunkt unserer Lebensanschauung treten. Glaubensfragen, von vielen als
unwesentlich beiseite geschoben, müßten den ihnen zukommenden Vorrang
erhalten. Das Leben eines jeden Individuums müßte neu geplant werden,
zugeschnitten auf eine Lebensdauer über den biologischen Tod hinaus. Juristen
und Soziologen müßten neue gesellschaftliche Werte setzen, die einer in die
Unendlichkeit verlängerten menschlichen Existenz entsprächen. Diese Entwicklung wird durch Furcht gehemmt. Das Leben
kann sich nicht frei und ungehindert entfalten, wenn es täglich von der
Furcht vor der Auslöschung überschattet wird. Daher ist die großartigste
Gabe, die einem das Leben schenken kann, die Lösung von der Todesfurcht. Dies
ist die Überzeugung aller, die mit echten medialen Fähigkeiten ausgestattet
sind. Den Menschen über Todesangst und die Trauer um einen Verstorbenen
hinwegzuhelfen, habe ich stets als eine meiner Hauptaufgaben betrachtet. Mein
höheres Ziel indessen ist es, überzeugend zu lehren und zu beweisen, daß es
ein Weiterleben gibt — nicht um Neurosen zu züchten, sondern um Tatsachen
festzustellen. Der Mensch hat das Recht zu erfahren, welcher Art das
Universum ist, in dem er lebt. Was ihm hilft, ist die Wahrheit. Es gilt, den
Tod als eine unserem Dasein zugehörige vorübergehende Erschütterung zu
akzeptieren, als den notwendigen Verwandlungsakt einer Metamorphose. Ich bin keineswegs sicher, daß diejenigen unbedingt das
Richtige tun, die in Seancen die vertraute Gemeinschaft verstorbener
geliebter Menschen wiedergewinnen wollen. Hier, so will mir scheinen, gelten
die üblichen irdischen Grundsätze. Extreme Abhängigkeit, gleich welcher Art,
übt im allgemeinen einen hemmenden Einfluß auf die Entwicklung des Charakters
aus. Es gibt auch im physischen Leben einen Zeitpunkt, zu dem der einzelne
sich aus alten Abhängigkeiten lösen und auf sich selbst gestellt weiterleben
muß. Die Erfahrung, daß die Jenseitigen — mit Ausnahme der gewissermaßen
professionellen Kontrollgeister wie Fletcher — nur noch eine bestimmte,
relativ kurze Zeit nach ihrem Tod Verbindung mit den Lebenden suchen und dann
ihre Teilnahme an persönlichen und irdischen Problemen mehr und mehr
nachläßt, deutet auf eine weise Maßnahme von höherer Instanz hin, eine
lebenslange emotionale Abhängigkeit zwischen den Bewohnern der diesseitigen
und der jenseitigen Sphäre möglichst zu unterbinden. Dieses Buch49 habe ich mit der Gewißheit
begonnen, daß es mein letztes sein wird. Ich habe so viele Herzattacken
hinter mir, daß ich schon ziemlich verbohrt sein müßte, nicht zu sehen, daß
die allerletzte nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Ich verabscheue
es, krank zu sein. Aber sterben? — das ist etwas anderes. Ich habe es einmal
»ausprobiert« und fand, daß es eine der ganz großen, unvergeßlichen,
ekstatischen Erfahrungen meines Daseins war. Ich kann nicht einsehen, warum
der wahre Tod weniger erhebend sein sollte als der vorausempfundene. Und doch
werde ich in meiner letzten Stunde nicht ohne Beklemmung sein. Sri Yukteswar,
der Guru meines Lehrers Yogananda, erklärte seine Schwäche im Angesicht des
Todes mit einem wunderbaren, einleuchtenden Vergleich: »Ein lange seiner
Freiheit beraubter Vogel zögert, sein gewohntes Gefängnis zu verlassen, wenn
die Tür plötzlich offensteht.« Ich hoffe, daß ich, wenn meine Zeit gekommen ist, die
Aufgabe, die mir in der Erdensphäre zugedacht war, erfüllt haben werde: die
besonderen Gaben, die mir ganz ohne mein Verdienst verliehen wurden, dafür zu
nutzen, irdische Gemüter von der Furcht vor dem Tode als dem endgültigen Ende
zu befreien und den Offenbarungen des Lebens eine neue Dimension
hinzuzufügen, indem ich ein wenig den Vorhang hob für einen Blick in die
jenseitige Region, die uns alle erwartet. Gewiß sind viele Fragen noch ungeklärt. Aber gibt es denn
Wissen auf irgendeinem Gebiet ohne offene Fragen? Nicht hier jedenfalls und
nicht heute. * Am 4. Januar 1971 ist Arthur Ford im Alter von fast
vierundsiebzig Jahren gestorben. Die letzten seiner rund achttausend Seancen
hielt er für zwei Mediziner, einen US-Senator und einen Astronauten ab. Nach dem Tode von Ford haben viele gefragt: »Was wird
Fletcher jetzt tun? Wird er seinem Freund, dessen guter Geist er
fünfundvierzig Jahre lang war, nun im Jenseits zur Seite stehen? Wir er sich
ein anderes Medium suchen, um das Gespräch mit den Lebenden fortzusetzen?
Oder wird er für immer verstummen?« Bis heute hat sich Fletcher nicht wieder gemeldet. Es
heißt, dies sei ein Zeichen dafür, daß er zu einer höheren Bewußtseinsebene
aufgestiegen ist und damit dem Diesseits fernergerückt. Die Zusammensetzung des vorliegenden Bandes aus zwei
Werken Arthur Fords und der Tod des Autors machten die Erweiterung der von ihm
besorgten Anmerkungen notwendig. Die folgenden dokumentarischen Erläuterungen
und Quellenangaben stammen also teils vom Verfasser und teils vom Verlag. _________________________ 1) Jerome Ellison
unterscheidet "psychische" Medien, die Botschaften lebender oder
verstorbener Personen übermitteln, ohne daß diese sichtbar werden, und
"physikalische" Medien, die psychokinetische Erscheinungen
hervorrufen, z.B. durch Einwirkung geistiger Kräfte allein Gegenstände zu
bewegen vermögen, Lichter (Aura) oder "Geister" sehen lassen
können. 2) Wernher von
Braun: "Immortality", in "This Week", 24.1.1967. 3) Paramahansa
Yogananda: Autobiographie eines Yogi, München 1957. 4) Zitiert nach American Association for the Advancement of
Science, Section L, 28.12.1954, Berkeley, Kalifornien. 5) Stellungnahmen
von Nobelpreisträgern der naturwissenschaftlichen Disziplinen zu Fragen der
Parapsychologie siehe auch in Arthur Koestler, "Die Wurzeln des
Zufalls", Scherz Verlag, Bern/München/Wien 1972, S.53 ff, u.ö. 6) Über die Ergebnisse
der parapsychologischen Forschung in der UdSSR berichtet ausführlich das Buch
von Sheila Ostrander und Lynn Schröder, "PSI. Die wissenschaftliche
Erforschung und praktische Nutzung übersinnlicher Kräfte des Geistes und der
Seele im Ostblock", Scherz Verlag, Bern/München/Wien 1971. 7) Aniela Jaffé
(Hrsg.): Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G.Jung, Zürich/Stuttgart 1963,
S. 159 f. 8) Jaffé, a.a.O.,
S.373 — Sandor Ferenczi (1873—1933), ungarischer Psychologe und Nervenarzt,
war einer der ersten Anhänger Freuds. Daß Freud trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber
paranormalen Vorgängen und ihrer Erforschung im Jahre 1909 bereits
persönliche Erlebnisse außersinnlicher Wahrnehmungen gehabt hatte, berichtet
Hans Bender in Parapsychologie. Entwicklung, Ergebnisse, Probleme, Darmstadt
1966. Dort heißt es: "Es war im Jahre 1906, als die kleine Gruppe der
Getreuen Freud zu seinem fünfzigsten Geburtstag eine Medaille schenkte, die
auf der Vorderseite des Meisters Profil im Basrelief und auf der Rückseite
eine griechische Zeichnung des Königs Ödipus vor der Sphinx zeigt. Umrahmt
ist die Zeichnung von einem Vers aus König Ödipus von Sophokles: "Der das berühmte Rätsel löste / und ein gar
mächtiger Mann war." "Bei der Überreichung dieser Medaille" — so
berichtet Jones im zweiten Band seiner Freud-Biographie — ereignete sich ein
merkwürdiger Zwischenfall. Als Freud die Inschrift las, wurde er blaß,
unruhig und fragte mit erstickter Stimme, wer diese Idee gehabt habe. Er
benahm sich wie ein Mensch, dem ein Geist erschienen ist …" Als Federn
ihm gesagt hatte, dies sei seine Idee gewesen, berichtete Freud: Als junger
Student habe er unter den Arkaden der Wiener Universität die Büsten früherer,
berühmter Professoren betrachtet. Damals habe er sich in der Phantasie ausgemalt,
daß dort künftig seine Büste stände und darunter gerade diese Worte aus dem
Ödipus des Sophokles graviert seien, die er jetzt auf der Medaille vor sich
sehe. Am 4. Februar 1955 fand unter den Arkaden der Wiener
Universität die feierliche Enthüllung der Büste Freuds — von dem Bildhauer
Königsberger 1922 geschaffen — statt. Auf ihrem Sockel ist die Zeile aus dem
König Ödipus von Sophokles eingraviert." 9) Ernest Jones:
"Sigmund Freud. Leben und Werk", Frankfurt/M 1969, S. 389. 10) Dorothy Bomar Bradley u. Robert A. Bradley: "Psychic
Phenomena. Revelations and Experiences", West Nyack 1967. 11) Zitiert nach John Kobler: "ESP", in Saturday Evening
Post, 9.3.1968. — Vgl. auch Ostrander/Schröder, a.a.O., S. a210 f., sowie
Gleve Backster: "Evidence of a Primary Perception in Plant Life",
in "International Journal of Parapsychology", Vol. 10, Nr.4, New
York 1968. 12) Vgl. dazu Hans
Bender: "Unser sechster Sinn. Telepathie, Hellsehen und Psychokinese in
der parapsychologischen Forschung", Stuttgart 1971. 13) Stewart E.
White: "Das uneingeschränkte Weltall. Eine Alphysik des universalen
Bewußtseins", Vorwort von C.G.Jung, Zürich 1963, S. 12. 14) Walter Yeeling
Evans-Wentz (Hrsg.): "Das tibetanische Totenbuch, oder
Nach-Tod-Erfahrung auf der Bardo-Stufe", hrsg. nach der englischen
Fassung des Lama Kazi Dawa-Samdup, kommentiert von C.G.Jung, Zürich 1960 u.ö.
— Hieraus auch die folgenden Zitate. 15) Richard Maurice Bucke: "Cosmic Consciousness", New
York 1901. 16) Von Eileen
Garrett liegen folgende Bücher in Nachkriegsausgaben vor: "Adventures in
the Supernormal", New York 1959, und Awareness, New York 1968. 17) John Lamond: Sir Arthur Conan Doyle, Nachwort von Lady Conan
Doyle, London 1931 18) Zitiert nach
der Dokumentation in Tomorrow, Herbst — Den gleichen Ablauf des
Luftschiffunglücks schilderten die Münchner Neuesten Nachrichten vom
6.10.1930. Die Zeitung brachte ein Extrablatt heraus mit der Schlagzeile:
"Katastrophe der englischen Luftfahrt." Weiter hieß es: "Das
englische Riesenluftschiff R 101, das Samstag abend auf dem Londoner
Flugplatz Cardington zu einer Indienfahrt gestartet war, ist Sonntag früh,
kurz nach 2 Uhr, bei Beauvais, 6o km nordwestlich von Paris, verunglückt. Von
den Insassen sind 46 verbrannt, 8 Personen haben zum Teil lebensgefährliche Verletzungen
davongetragen." — Technische Einzelheiten über die Ursache des Absturzes
brachte die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 8.10.1930. Die Angaben stimmen
weitgehend mit dem Inhalt der Botschaft überein, die Uvani von Kapitän Irvin
übermittelte. 19) Louis K. Anspacher: The Challenge of the Unknown, New York 1947. 20) Ruth Montgomery: A Search for the Truth, New York 1967. 21) Bücher von Ruth
Montgomery über parapsychologische Themen: "The Psychic World and
You", New York 1963; "Ich sehe die Zukunft". "Die Voraussagen der
Jeane Dixon", Hamburg 1965; "A Search for the Truth", New York
1967; "Here and Hereafter", New York 1968. 22) Rosemary Brown:
Musik aus dem Jenseits, Wien/Hamburg 1971. — Obwohl die Jenseitskontakte von
Mrs. Brown mit Persönlichkeiten früherer Jahrhunderte den Erfahrungen von
Raymond Lodge, Frederic Myers und vor allem Arthur Fords widersprechen, seien
hier Stellungnahmen von namhaften Zeitgenossen angeführt, die die
außergewöhnlichen musikalischen Phänomene miterlebt und geprüft haben. Der Bischof von Southwark, Mervyn Stockwood, schreibt im
Vorwort zu "Musik aus dem Jenseits": "Rosemary Brown wohnt auf der anderen Seite des
Tooting Bec Common, etwa eine Viertelstunde vom bischöflichen Amtssitz
entfernt. Obwohl ich schon vor elf Jahren in diesen Sprengel kam, lernte ich
sie erst im Frühjahr 1970 anläßlich eines Dinners kennen, das von der
Zeitschrift "Psychic News" gegeben wurde. Es waren einige hundert
Personen geladen, und eine der Programmnummern waren Musikstücke, dargeboten
von Rosemary Brown. Ihre bemerkenswerte Leistung ließ das Publikum
aufhorchen, erweckte lebhaftes Interesse und zog Diskussionen nach sich. Ich
glaube unvoreingenommen feststellen zu können, daß keiner der Anwesenden an
ihrer Integrität zweifelte, wie immer man das Phänomen Rosemary Brown auch
erklären mag. Sie ist überzeugt, mit Liszt und anderen großen Komponisten in
Verbindung zu stehen. Sie sieht sie, sie spricht mit ihnen und wird zur
Übermittlerin ihrer neuesten Werke. Es steht mir nicht zu, die
technische Qualität der Musik zu beurteilen, aber manche Leute, die mehr
davon verstehen als ich, sind der Ansicht, daß die Kompositionen stilgerecht
geschrieben sind, mit einem Wort, daß sie echt klingen. Wenn Rosemary Brown
ihr Leben der Musik gewidmet hätte und eine hervorragende Pianistin wäre,
gäbe es dafür möglicherweise eine einfache Erklärung. Aber das ist nicht der
Fall. Rosemary Brown wuchs in verhältnismäßig bescheidenen Verhältnissen auf
und hatte weder Geld noch Zeit für eine musikalische Ausbildung. In den letzten
Jahren lebte sie als fleißige Hausfrau und Mutter in ihrem Heim in Balham.
Nach den Worten Sir George Trevelyans hatte sie keine musikalische
Vorbildung, kein angeborenes Talent, fast keine Ausbildung; sie war es nicht
gewohnt, Schallplatten zu spielen, in Konzerte zu gehen oder Radio zu hören.
Als Witwe mußte sie in erster Linie trachten, ihr mageres Einkommen
aufzubessern, indem sie täglich fünf Stunden lang für die Schulausspeisung
arbeitete. Meiner Meinung nach liegt die Erklärung dieses Phänomens im
Übersinnlichen. Sie ist in Rosemary Browns medialen Fähigkeiten begründet.
Leider hat das Wort "Medium" fatale Untertöne; genaugenommen
bedeutete es nicht mehr als "Vermittler", es bezeichnet jemanden,
der als Zwischenträger wirkt. Im Fall Rosemary Brown hat es den Anschein, als
wollte eine Gruppe von Musikern unter der Leitung Liszts und Chopins zur
Freude der Menschheit weitere Werke schaffen. Sie erwählten Rosemary Brown
als Vermittlerin. Natürlich wird diese Erklärung allen jenen absurd
erscheinen, die den Gedanken an ein Leben nach dem Tod ablehnen, und sie
werden zweifellos auf die alten Argumente wie "Telepathie" und
"Intuition" zurückgreifen, ohne zu definieren, was sie darunter
verstehen. Aber diese Erklärung ist nicht absurd für Menschen, die den Tod
für ein verhältnismäßig unwichtiges Ereignis in der Entwicklung der
Persönlichkeit halten. Da ich mich seit Jahren für Seelenforschung
interessiere, halte ich die Annahme für vertretbar, daß wir, jenseits des
Grabes, Leben in einer anderen Dimension mit gesteigerten Fähigkeiten
vorfinden werden. Wenn es so ist, kann man auch annehmen, daß dort Künstler
ihre besonderen Gaben weiter entwickeln werden. Es wäre in der Tat eine
seltsame Auffassung vom Jenseits, wenn jene, die in diesem Leben schöpferisch
nach Ausdruck rangen, im anderen Leben nicht die Möglichkeit erhalten
sollten, ihr Können weiter auszuüben. Warum Liszt und diese Gruppe von Komponisten Rosemary
Brown anstatt eines berühmten Pianisten oder Komponisten erwählten, können
wir nicht sagen. Vielleicht kommt hier neuerlich die biblische Methode zu
Wort, die Wahrheit durch die Bescheidenen und Demütigen enthüllen zu lassen.
Die Helden des Alten und des Neuen Testaments zeichneten sich durch
Rechtschaffenheit aus, nicht durch Geburt und Besitz. In einer Zeit, in der der Geist der Menschen vom
Materialismus ihrer Umwelt in Schranken gehalten wird und die Kirche
Schwierigkeiten hat, an ein höheres Dasein zu erinnern, bedeuten die
Erlebnisse der Rosemary Brown für alle Einsichtigen eine Herausforderung und
einen Hinweis. Es gibt eine Welt jenseits der unseren, und wir sollten uns
vor Augen halten, daß wir unser Leben im Schatten der Ewigkeit leben." Der Musikhistoriker Sir George Trevelyan bezeugt: "Ich saß mit Mrs. Brown zusammen am Klavier, und sie
beschrieb mir, was geschah. "Chopin ist hier", sagte sie. Diese
Sitzung hatte weder gespenstische noch spukhafte Züge. Chopin übermittelte
ihr ein Stück, das sie Abschnitt für Abschnitt direkt am Klavier
ausarbeitete, und nach zwanzig Minuten hatte sie es auswendig gelernt.
Musiker werden ermessen können, was diese Leistung bedeutet. Mrs. Browns
Zusammenarbeit mit Komponisten aus einer anderen Welt, die bei vollem
Bewußtsein erfolgt, ist etwas nie Dagewesenes, Einmaliges. Alle, die sich für
Musik interessieren und für die Möglichkeiten, mit geistigen Mächten
Gedankenaustausch zu pflegen, sollten sich ernsthaft und vorurteilsfrei mit
diesem Phänomen beschäftigen." Gutachten der Musikdozentin Mrs. Mary
Firth: "Ich testete Mrs. Browns Gehör und ihr Spiel vom Blatt.
Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, daß sie nicht einmal jene
grundlegenden musikalischen Fähigkeiten besitzt, die ich von jedem
Musikstudenten erwarten muß — schon gar von einem Studenten, der
komponiert." Gutachten des Komponisten Richard Rodney Bennett, dessen
Opern auch an deutschen Bühnen gespielt werden (z.B. "Napoleon
kommt", Bayerische Staatsoper, München 1968): "Viele Musiker sind imstande, zu improvisieren, aber
sie können keine Musik wie die vorliegende erfinden, ohne viele Jahre vorher
entsprechend geübt zu haben. Ich selbst hätte einige der
Rosemary-Brown-Beethoven-Stücke nicht erfinden können." Übrigens interessierte sich auch der Schlager- und
Chansonsänger Udo Jürgens für die musikalischen Manifestationen von Mrs.
Brown. Die Zeitschrift "Hör zu" berichtete darüber im Januar 1972
unter der Oberschrift "Mein neuer Hit kommt aus dem Jenseits": "Hätte Udo bei seiner Ankunft am Londoner Flughafen
die Wahrheit gesagt, man hätte ihn sicher als armen Irren oder albernen
Witzbold eingestuft. Denn wem hätte er schon … auf die übliche Frage: "Was werden Sie hier tun?" — begreiflich machen
können, daß er von einem 174-jährigen, dazu noch von Altmeister Franz
Schubert, erwartet werde? Udo Jürgens war zum Tee eingeladen worden bei Mrs. Rosemary
Brown, einem international bekannten Medium. Begleitet vom ZDF-Team unter Führung von Regisseur Peter
Behle ("Wünsch dir was") traf Udo Jürgens in dem baufälligen
Reihenhäuschen im Londoner Vorort Balham bei Witwe Brown ein. Meister
Schubert hatte der Endvierzigerin mitgeteilt, daß es "fabelhaft wäre,
für einen Sänger wie Jürgens ein Lied zu komponieren". So harrten alle in dem winzigen Zimmer mit den
zersprungenen Fensterscheiben in dem kleinen, von Unkraut umwucherten Haus
dessen, was da aus dem Jenseits kommen sollte. Und es kam auch. Ganz ohne Kristallkugel, brennende
Kerzen, ohne Simsalabim-Sprüche. Ganz schlicht, einfach und bescheiden. So
als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt sei, war er plötzlich da:
der Kontakt zwischen Dies- und Jenseits via Mrs. Brown. Doch um ein Haar wäre die ganze
"Kompositions-Aktion" ins Jenseits-Wasser gefallen, denn Schubert
verlangte einen Dolmetscher. Er spricht nämlich nur Deutsch, Rosemary Brown
nur Englisch. Was tun? Die Betroffenen waren ratlos. Und es wären wohl
nie mehr als ein paar geradebrechte Brocken geworden, wenn … Ja, wenn nicht Franz Liszt (gestorben 1886) da rasch
geholfen hätte. Nach Anfrage durch Rosemary Brown war er bereit. Er konnte
übersetzen. Jedenfalls begann das kleine Schauspiel pünktlich. So wie
man es in England liebt. Als das TV-Team drehfertig war, muß er gekommen
sein, der Herr Schubert. Gesehen oder gar gehört hat ihn freilich niemand.
Doch plötzlich war er da und ließ die Dame Brown flugs zum Klavier eilen, auf
dem ein Bild des Meisters teilnahmslos aus dem Rahmen blickte. Während die Fernseh-Scheinwerfer das Zimmer in
subtropisches Klima tauchten und die Kameras liefen, griff Rosemary Brown
eifrig und virtuos in die Tasten. Das also war sie — die Musik aus dem
Jenseits. "Ganz im Stile Schuberts", wie Udo Jürgens
verwundert versicherte. Summte zuerst und sang dann mit: Sanft fällt der Schnee im Winter — Rauh weht der Wind … und weiter: Können Blumen blühen? Kann der Frühling folgen? Wirst du morgen im Himmel erwachen … Udo Jürgens jedenfalls erwachte wieder, als der letzte Ton
verklungen war. Im Diesseits. Kaum wieder auf dem Boden der Realität, fragte
er: "War Schubert jetzt hier?" Rosemary Brown: "Ja, er war hier, hatte die Hand auf
meiner Schulter. Auf Ihrer übrigens auch, Mr. Jürgens. Denn sonst wäre der
Kontakt gar nicht möglich gewesen." Vielleicht aber sollte man doch nicht über diese Begegnung
mit einem mitleidigen Lächeln hinweggehen. Britische Musikwissenschaftler und
die englische Fernseh-Gesellschaft BBC haben sich ernsthaft mit Rosemary
Brown beschäftigt. "Sie ist als Musik-Medium ernst zu nehmen",
sagte Sir George Trevelyan, ein führender Musikwissenschaftler. "Ich bin
von ihrer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit überzeugt." Mrs. Brown, die nachweislich nie eine nennenswerte
musikalische Ausbildung genossen hat, schrieb in den letzten sechs Jahren 400
Musikwerke berühmter verstorbener Komponisten auf, die
musikwissenschaftlichen Untersuchungen standhielten. Vor einem Jahr erschien
sogar eine Langspielplatte mit "Jenseits-Musik" von acht
verstorbenen Komponisten. Kann man von Scharlatanerie sprechen? Kaum. Psychologen
bescheinigen ihr einen gesunden, ausgeglichenen Geisteszustand, der fernab
jeglicher Geltungssucht ist. Auch fällt sie bei ihrer Kontaktaufnahme mit dem
Jenseits nicht in Trance und benötigt auch keinerlei okkultistische
Hilfsmittel … (Gottfried Binder) 23) Ausführlicher
hat Ford die Dechiffrierung des Houdini-Codes in seinem Buch "Nothing so
Strange", New York 1958, S. 67-75, dargestellt. Houdinis Aversion gegen
Medien und seinen Entlarvungsfeldzug schildert — freilich aus der Sicht des
Magiers — Harold Kelloch in "Houdini. His Life Story", London 1928.
Die Übermittlung des Codetextes durch Fletcher/Ford fand wenige Monate nach
Erscheinen des Buches statt. 24) William James:
"Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit", Leipzig 1914,
S.37f. 25) William James:
Unsterblichkeit, Berlin 1926, S.12ff. — In diesem Vortrag, den William James
1893 an der Harvard-Universität hielt, ging er auch auf eine Frage ein, die
sich unwillkürlich jedem stellt, der sich eine "optische
Vorstellung" vom Leben nach dem Tode macht und dabei auf das Problem
einer "notgedrungen heillosen Überbevölkerung des Jenseits" stößt.
Da sich Ford zu dieser naheliegenden heiklen Frage nicht geäußert hat, seien
hier die Ausführungen des großen William James zu diesem Thema zitiert. Seine
Argumentation kann als klassisch und noch heute gültig angesehen werden. "Ist es nicht eine unglaublich und unerträglich große
Zahl von Wesen, denen nach unserer modernen Auffassung Unsterblichkeit
zugeschrieben werden muß? Ich möchte vermuten, daß für viele unter meinen
Zuhörern hier ein Stein des Anstoßes liegt, den ich gern beseitigen möchte. Die Veränderung unserer Größenbegriffe, die modernen
wissenschaftlichen Theorien und das durch sie veränderte sittliche Bewußtsein
haben für unser Problem neue Schwierigkeiten geschaffen. Für unsere Vorfahren war diese Welt klein und — mit
unseren modernen Vorstellungen verglichen — eine gemütliche Angelegenheit.
Sie bestand seit höchstens sechstausend Jahren. In ihrer Geschichte nahmen
ein paar Helden der Menschheit, Könige, Kirchenväter und Heilige den ganzen
Vordergrund ein; mit ihrer Bedeutung und ihren Verdiensten nahmen sie die
Aufmerksamkeit so gefangen, daß nicht nur sie, sondern auch alle, die ihnen
nahestanden, von einem Glanz umflossen schienen, den, ihrer Meinung nach,
auch die Allmacht selbst anerkennen und respektieren mußte. Diese
hervorragenden Persönlichkeiten und ihr Anhang bildeten den Kern in der Schar
der Unsterblichen; die minderen Helden und die Heiligen zweiter Ordnung kamen
danach, und die Leute ohne besondere Auszeichnung füllten die Lücken und den
Hintergrund aus. Die ganze Szenerie der Ewigkeit wirkte auf die Phantasie der
Gläubigen nie als eine überwältigend große oder unbehaglich überfüllte Bühne
(wenigstens soweit der Himmel und nicht die Hölle in Frage kam). Man könnte
das eine aristokratische Unsterblichkeitsvorstellung nennen; die Unsterblichen
(ich spreche, wohlgemerkt, nur vom Himmel, die Unsterblichkeit in der Qual
braucht uns hier nicht zu beschäftigen) waren immer eine Elite, eine
auserwählte und leicht zu übersehende Anzahl. Aber mit unserer Generation sind ganz andere
Größenvorstellungen über unsere abendländische Welt gekommen. Die
Entwicklungslehre verlangt von uns ganz andere Maßstäbe für Raum, Zeit und
Zahl im kosmischen Prozeß, als unsere Voreltern es sich träumen ließen. Die
Geschichte der Menschheit wächst allmählich aus der Tierwelt heraus und geht
in ihren Anfängen vielleicht bis auf die Tertiärepoche zurück. Daraus hat
sich allmählich anstatt der alten aristokratischen eine demokratische
Vorstellung von der Unsterblichkeit entwickelt. Denn mag auf der einen Seite
unser Denken ein wenig zynisch geworden sein, so hat doch auf der anderen
Seite durch die Weitsicht der Entwicklungslehre unser Mitgefühl an Weite
gewonnen. Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch sind diese
unsere halbtierischen vorgeschichtlichen Brüder. Gleich uns umschlossen von
dem ungeheuren Dunkel dieses geheimnisvollen Weltalls wurden sie geboren und
starben, litten und kämpften sie … Wie unwesentlich muß in den Augen Gottes
unser kleines Mehr an individueller Leistung sein, das doch weggeschwemmt
wird von dem weiten Ozean der Leistung der Menschheit im Ganzen, die stumm
und unentwegt ihre höchste Pflicht erfüllt in einem heroischen Lebenslauf! …
Eine Unsterblichkeit, von der diese Billionen von Mitstreitern ausgeschlossen
sein sollten, wird ein widersinniger Gedanke für uns. Daß Gaben persönlicher Kultur oder höhere religiöse
Vorstellungen zwischen uns und unseren Genossen beim Festmahl des Lebens
einen so tiefgehenden Unterschied begründen sollten, der uns ein ewiges Leben
sicherte und jenen nur Mühe und Leiden hienieden und zuletzt einen sinnlosen
Tod bescherte — dieser Gedanke ist zu absurd, als daß wir ihn ernst nehmen
könnten … Und können wir denn den Trennungsstrich selbst beim Menschen
ziehen? Wenn einige Geschöpfe weiterleben, warum nicht alle? Warum nicht die
stummen Tiere? So verlangt der Glaube an Unsterblichkeit, wenn wir uns ihm
hingeben, heute von uns die Ausdehnung auf so ungeheuer viele Wesen, daß
unsere Phantasie Schwindel überfällt und unser persönliches Empfinden davor
zurückschreckt, sich zur Höhe dieses Gedankens zu erheben. Die Annahme, zu
der wir getrieben werden, ist zu ungeheuerlich, und ehe wir diese Folgerung
zugeben, sind wir geneigt, die Voraussetzung selbst fallen zu lassen. Lieber
geben wir unsere eigene Unsterblichkeit auf, als daß wir uns zu dem Glauben
an eine Unsterblichkeit bekennen, die wir mit allen Kreaturen, die je waren
und je sein werden, sollten teilen müssen. Gewiß, das Leben ist ein hohes Gut
— aber doch nur, wenn seine Fülle nicht alles überflutet. Wir meinen, der
Himmel selbst und die kosmischen Räume und Zeiten müßten sich vor dem
Gedanken entsetzen, eine solche immerfort anschwellende Masse in alle
Ewigkeit aufnehmen zu sollen. Ich habe das sichere Gefühl, daß viele, vielleicht die
meisten von Ihnen, die hier als Hörer vor mir sitzen, in diesen Dingen ebenso
empfinden, wie ich es als Schüler der wissenschaftlichen Kultur unserer Tage
tue. Ich bin aber auch zu der Einsicht gelangt, daß in diesem Empfinden eine
furchtbare Täuschung steckt, und da die Erkenntnis dieser Täuschung meinen
eigenen Geist wieder frei gemacht hat, so fühlte ich, daß ich Ihnen, meinen
Hörern, einen Dienst erweisen würde, wenn ich Ihnen zeige, wo der Fehler
liegt. Es ist eine offenkundige Täuschung, und das Wunderbare ist
nur, daß nicht alle Welt sie durchschaut. Sie ist nur das Ergebnis einer
unbesiegbaren Blindheit, an der wir leiden, einem Unverständnis für den
inneren Wert fremden Lebens und einer Eitelkeit, die unsere eigene
Unfähigkeit in den weiten Kosmos hineinprojiziert und den Willen des
Absoluten an unseren eigenen kleinen Bedürfnissen mißt. Unsere christlichen
Vorfahren wurden mit dem Problem leichter fertig als wir. Wir leiden an einem
Mangel an Mitgefühl, an Sympathie für diese uns fremden Wesen; sie aber
hatten einen ausgesprochenen Widerwillen, eine Verachtung für alle jene
Kreaturen und legten naiverweise der Gottheit denselben Widerwillen bei. Sie
waren eben in Bausch und Bogen "Heiden", und darum empfanden unsere
Vorfahren eine große Freude bei dem Gedanken, daß der Schöpfer sie alle zum
Heizmaterial für das Höllenfeuer bestimmt hatte. Unsere Kultur hat uns in
diesem Punkte etwas menschlicher gemacht; aber als unsere Kameraden in den
Gefilden des Himmels können wir sie uns immer noch nicht vorstellen. Wir
haben gewissermaßen keine Verwendung für sie, und der Gedanke an ihr
Weiterleben bedrückt uns. Nehmen Sie als Beispiel all die Millionen von
Chinesen. Wer von Ihnen empfindet die Berechtigung ihrer Fortdauer in
unverminderter Zahl? Sicherlich nicht einer. Höchstens werden Sie ein paar
ausgewählte Exemplare am Leben zu erhalten wünschen, als Repräsentanten einer
interessanten und merkwürdigen Menschengattung; was aber den Rest angeht, der
in so übergroßen Massen daherkommt und den Sie sich überhaupt nur in dieser
abstrakt summarischen Weise als eine große Masse vorstellen können, so sind
Sie sicher, daß die einzelnen keinen persönlichen Wert besitzen. Gott selbst,
meinen Sie, könne sie nicht gebrauchen. Die Unsterblichkeit jedes einzelnen
müßte für ihn und das Universum eine ebenso unerträgliche Last sein wie für
Sie. So enden Sie in bezug auf die ganze Frage in einem geistigen
Schiffbruch, und lassen sich treiben; erst zweifeln Sie an der
Unsterblichkeit der Masse, dann verlieren Sie jede Sicherheit hinsichtlich
der Fortexistenz der eigenen Person, so sehr Sie doch das unzerstörbar
Wertvolle in ihr empfinden. Ich bin sicher, damit die Geisteshaltung vieler
von Ihnen bezeichnet zu haben. Aber ist eine solche Haltung nicht die Folge einer
mangelnden und dürren Phantasie? Sie nehmen diese Schwärme fremder
Menschenbrüder nur als das, was sie für Sie sind: ein verworrenes Gewimmel,
das sich auf Ihrer Netzhaut abmalt, bedrückend durch seine Unübersehbarkeit
und durch sein Durcheinander. Wie sie für Sie sich darstellen, so, meinen
Sie, müßten sie auch an sich sein. Für mich sind sie bedeutungslos, sagen
Sie, also sind sie an sich bedeutungslos. Derweil haben sie doch, ganz
unabhängig von dem äußeren Bild, in dem sie für Sie reale Gestalt gewinnen,
ihre eigene Realität für sich selbst in ihrer eigentümlichen Innenwelt voll
heftigsten Lebensdranges. Es sind Sie, die tot sind, tot wie ein Stein, und
blind und gefühllos in Ihrer Art, die Dinge zu betrachten. Ihre Augen sehen
ein Bild, dessen eigentliche Bedeutung Ihnen entgeht. Jedes dieser sonderbaren,
vielleicht auch abstoßenden Wesen ist von einer inneren Lebensfreude beseelt,
vielleicht heißer, als Sie sie in der eigenen Brust fühlen … Daß Sie es sich
weder vorstellen, noch verstehen, noch danach verlangen, daß Sie persönlich
kein Bedürfnis verspüren, fortzuleben, ist schlechthin gleichgültig. Daß Ihr
Interesse an einem bestimmten Punkt aufhört, sagt uns nichts über die an sich
bestehenden Interessen. Das Universum schafft mit jedem Lebewesen, das es aus
seinen schöpferischen Quellen hervorgehen läßt, einen Drang nach seinem Leben
und ein Verlangen nach dessen Fortdauer — wenn nirgends anders, so doch im
Herzen dieses Wesens selbst. Es ist unsinnig anzunehmen, daß, nur weil bei
uns selbst die Kraft, mit anderen Lebewesen mitzufühlen, so bald erlischt,
auch im Herzen des unendlichen Wesens selbst eine solche Übersättigung oder
ein Überdruß eintreten könnte. Es gibt da kein von vier Wänden umschlossenes
Zimmer, in das die Seelen hineinkämen und sich nun drängen und zusammenrücken
müßten, um neuen Bewohnern Platz zu machen. Jede neue Seele bringt ihre
eigene räumliche Welt, ihre eigene Wohnstätte mit; und diese Räume beengen
sich nicht gegenseitig — der Raum meiner Vorstellung etwa kommt in keiner
Weise dem Ihrigen ins Gehege. Die Summe des möglichen Gesamtbewußtseins scheint von
keinem Gesetz abhängig, das dem sogenannten Gesetz der Erhaltung der Energie
vergleichbar wäre. Wenn ein Mensch aufwacht oder geboren wird, braucht darum
nicht ein anderer einzuschlafen oder zu sterben, damit die Gesamtbewußtseinssumme
in der Welt konstant bleibt. Wilhelm Wundt hat sogar in seinem System der
Philosophie ein Gesetz des Universums formuliert, das er das Gesetz des
Wachstums der geistigen Energie nennt und ausdrücklich dem Gesetz der
Erhaltung der Energie in der physikalischen Welt gegenüberstellt. Es scheint
keine eigentliche Grenze für das Wachstum in geistigen Dingen zu geben; und
da jedes geistige Wesen, wo immer es erscheint, sich behauptet, sich
ausbreitet und ungestüm nach Fortdauer verlangt, so dürfen wir mit Recht und
buchstäblich sagen, ohne auf unsere privaten Sympathien und ihre Grenzen
weiter Rücksicht zu nehmen, daß der Zustrom individuellen Lebens im Weltall,
wie unermeßlich er auch sein mag, den Bedarf nie übersteigen kann. Das
Verlangen nach diesem Zuwachs ist in dem Augenblick da, in dem das neue Wesen
selber ins Dasein tritt, denn eben dieses neue Wesen verlangt nach der
Fortdauer seines Seins. Ich spreche, wie Sie sehen, vom Standpunkt aller jener
anderen Wesen aus, die sich ihres eigenen Daseins bewußt sind und sich
innerlich desselben erfreuen. Wenn wir Pantheisten sind, so können wir dabei
stehen bleiben. Wir brauchen dann nur zu sagen, daß durch diese Individuen
wie durch ebensoviele verschiedene Ausdrucksformen der ewige Geist des
Universums sein eigenes unendliches Leben bejaht und verwirklicht. Aber wenn
wir Theisten sind, können wir, ohne das Ergebnis zu verändern, weiter gehen.
Gottes Liebe, können wir dann sagen, ist so unerschöpflich, daß sie nach
einer buchstäblich endlosen Zunahme geschaffenen Lebens verlangt. Er kann
niemals ermatten oder müde werden, wie wir es bei solchem immer wachsenden
Zufluß tun würden. Sein Maß ist unendlich in allen Dingen. Sein Mitfühlen
weiß von keinem Überdruß und von keinem Zuviel. Sie werden nun, hoffe ich, mit mir einer Meinung darin
sein, daß die peinliche Vorstellung eines Himmels, der an Übervölkerung
leidet, eine leere Einbildung ist, ein Zeichen menschlicher Unfähigkeit, ein
Überbleibsel des alten, engherzigen aristokratischen Glaubens. "Verehre
den Meister, hebe deine Augen auf zu seiner Größe und der Weite des
Himmels", und du wirst glauben an ein demokratisch gestaltetes Weltall,
das nichts weiß von deiner kleinlichen Auswahl. Ich für mein Teil also bin wohl damit einverstanden, daß
alles Leben, das in den Wäldern dieser Welt aufwuchs und im Hauch ihres
Windes sich regte, unsterblich sei. Es ist eine bloße Tatsachenfrage, ob wir
auch die Blätter hinzuzurechnen haben. Die bloße, abstrakt genommene Größe
ihrer Anzahl, das scheinbar Zwecklose in der zahlreichen Wiederholung des
Gleichartigen, fällt nicht als Gegengrund ins Gewicht. Denn Größe, Zahl,
Gattungsgleichheit sind nur Formen unseres endlichen Denkens, an sich selbst
betrachtet aber und unabhängig von uns ist die eine Skala von Dimensionen und
Zahlen angewandt auf die Welt nicht wunderbarer und unbegreiflicher als die
andere, sofern Sie dem Universum überhaupt ein Sein zugestehen anstatt des
Nichtseins, das auch hätte herrschen können. Das Herz des Seins schließt
niemanden aus, wie unser armes kleines Herz es ihm vorschreiben möchte. Die
innere Bedeutung fremden Lebens geht hinaus über das, was wir kraft unseres
Mitfühlens umfassen können. Wenn wir in unserem eigenen Leben einen Wert
spüren, der uns ein Recht zu geben scheint, seine Fortdauer von der Natur zu
fordern, so lassen Sie uns doch auch duldsam sein gegen die Ansprüche, die
von fremdem Leben erhoben werden, mag es noch so zahlreich und mag es in
unseren Augen noch so wenig ideal sein. Aber auf keinen Fall lassen Sie uns
deshalb mißtrauisch werden gegen den Glauben an die eigene Fortdauer, der
doch aus der Tiefe unseres eigenen Bewußtseins stammt, weil unser Gefühl
versagt gegenüber dem Anspruch anderer Wesen auf Fortdauer ihrer Existenz.
Denn das hieße der Blindheit das Gesetz des Sehens überweisen." (a.a.O., S.21ff.) 26) Sir Oliver Lodge: "Raymond, or Life and Death", London
1916. Diesem
Werk sind alle folgenden Zitate der Raymond-Botschaften entnommen. — Auf
Deutsch erschien von Lodge: "Das Fortleben des Menschen. Eine
wissenschaftliche Studie über die okkulten Fähigkeiten des Menschen",
Bad Schmiedeberg/Leipzig o. J. (Vgl. auch Anmerkung 46.) In dem bereits zitierten Buch von Stewart E. White,
"Das uneingeschränkte Weltall" (vgl. Anmerkung 13 lesen wir, daß die
jenseitige Betty White durch das Medium Joan davor warnt, allzu
"Oliver-Lodgeisch" zu interpretieren. Die Diesseitigen sollten
keinen detaillierten, wörtlich auszulegenden Bericht über die Struktur des
Jenseits erwarten. Raymond Lodges Aussagen über "Zigarren,
Ziegelsteinhäuser und andere Dinge" seien "viel zu buchstäbliche
Übertragungen einer Parallelität. Sir Oliver ist ein sehr großer und
verständnisvoller Physiker. Er begriff teilweise, was Raymond ihm mitzuteilen
versuchte, verstand es aber nicht klar genug." Stewart E. White
kommentierte: "Wir konnten also bestenfalls hoffen, die Prinzipien ihres
Lebens zu verstehen, keineswegs aber alle konkreten Einzelheiten."
(a.a.O., S. 206 f.) 27) Darüber
Koestler in dem bereits zitierten Buch "Die Wurzeln des Zufalls"
(vgl. Anmerkung ): In seinem Werk "Das Weltbild der Physik" (1931)
stellte Sir Arthur Eddington sein berühmtes "Gleichnis von den zwei
Schreibtischen" vor. Der eine ist das alte Möbelstück, auf dem seine
Ellbogen beim Schreiben aufliegen; der andere ist der Tisch, wie ihn der
Physiker sieht und der fast gänzlich aus leerem Raum besteht, aus schierem
Nichts, das von unvorstellbar kleinen Teilchen durchsetzt ist, von
Elektronen, die um ihre Kerne wirbeln, von ihnen jedoch durch Entfernungen
getrennt sind, die hunderttausendmal größer als ihr eigenes Volumen sind. Und
dazwischen — nichts: Von diesen wenigen verlorenen Teilchen abgesehen, ist
das Innere des Atoms leer. Eddington gelangte zu dem Schluß: "In der Welt der Physik betrachten wir das Drama des
Lebens im Schattenspiel. Das Schattenbild meines Ellbogens ruht auf einem
schattenhaften Tisch, und meine Schattentinte fließt über schattenhaftes
Papier … Das offene Geständnis, daß die Physik sich mit einer Welt der
Schatten befaßt, ist einer der bezeichnendsten Fortschritte der neueren
Zeit." (a.a.O., S.55f) 28) Nicht nur
Myers, auch die Parapsychologen Henry Sidgwick und Edmund Gurney haben
mittels Cross-Correspondences Botschaften aus dem Jenseits gesandt. Die
Übermittlung nahm insgesamt dreißig Jahre in Anspruch und lieferte ca.
zweitausend Seiten Text automatischer Schrift. Zwischen 1906 und 1938
veröffentlichte das "Journal of the Society for Psychical
Research", London, ca. dreitausend Seiten Material (Wiedergaben,
Kommentare etc.) über diese Botschaften. 29) Vgl. die
Ausführungen in dem Kapitel "Die Evolution des Bewußtseins",
S.53ff. 30) Der Psychologe
Professor Ian Stevenson von der Universität von Virginia beschäftigt sich
seit einigen Jahren vor allem mit der Erforschung des Reinkarnationsphänomens.
Aufgrund von eingehenden Untersuchungen und Hypnoseexperimenten kam er zu dem
Schluß, daß die traditionelle Reinkarnationsvorstellung mehr
Wahrscheinlichkeit für sich in Anspruch nehmen könne als jede Alternative,
die zur Erklärung der nachgewiesenen Vorgänge aufgestellt wurde. 31) Im 19.
Jahrhundert aufgekommenes Instrument. Ein auf kleinen Rollen bewegliches
Brett (Planchette) bewegt sich beim Auflegen von ein oder zwei Fingern nach
verschiedenen Richtungen auf die Buchstaben zu, die rings um das Brett in
weitem Bogen ausgelegt worden sind. Die aus den bezeichneten Buchstaben
zusammengesetzten Wörter sind die Botschaft des "Geistes". 32) Stewart E. White: "The Betty Book. Excursions in to the
World of Other-Consciousness, Made by Betty between 1919 and 1936", New
York 1937. — Hieraus auch die vorangegangenen Zitate von White. 33) Die
bemerkenswerte Folge medialer Mitteilungen, die die angesehene
Schriftstellerin Margaret Cameron 1918 unter dem Titel "The Seven
Purposes" veröffentlichte, war das Werk einer Arbeitsgemeinschaft von
Unsichtbaren, die unter der Leitung einer verstorbenen Freundin, Mary K.,
helfend und warnend eingriffen. Die letzte Botschaft schloß mit den Worten: "Wir haben uns nur um zwei Dinge bemüht: einmal einer
Gruppe intelligenter Leute zu beweisen, daß diese Kraft [die bei der
Mitteilung verwendete Energie] tatsächlich besteht und zwischen eurer und
unserer Ebene praktische Anwendung finden kann, und zweitens, die Menschheit
vor dem Wesen und der unermeßlichen Tragweite bevorstehendes Kämpfe zu warnen
… Von der freien Wahl jener, die diese Wahrheit hören, hängt der weitere
Fortschritt der Welt ab." (13. Juni 1918) 34) White, "Das uneingeschränkte Weltall", a.a.O. 35) Basil King: "The Abolishing of Death", New York 1919.
— Berühmt wurde sein spiritistischer Roman "The Inner Shrine", New
York 1909. 36) Edward Caleb Randall: The Dead Have Never Died, New York 1917. —
Zum gleichen Thema schrieb Randall: "Life's Progression, Buffalo",
1906; "The Future of Man", Buffalo 1908; "Frontiers of the
After Life", New York 1922; "An Hour in the After Life",
Buffalo 1931. 37) Robert Crookall: "Intimations of Immortality", London
1965. 38) Crookall, a.a.O. 39) Vgl. Jess
Stearn: "Der schlafende Prophet. Prophezeiungen in Trance
"1911-1998, Genf 1972 (8. Aufl.), und Mary Ellen Carter:
"Prophezeiungen in Trance des größten Propheten der Gegenwart",
Genf 1971. 40) Shafica Karagulla: "Breakthrough to Creativity", Los
Angeles 1967. 41) Über Gurwitschs
"Mitogenetische Strahlung" informieren Ostrander/ Schroeder in
ihrem bereits zitierten Werk "PSI"(vgl. Anmerkung 6): "Alle lebenden Zellen produzieren eine unsichtbare
Strahlung." Mit dieser Behauptung elektrisierte der russische
Wissenschaftler Alexander Gurwitsch in den dreißiger Jahren die Welt. Er
veröffentlichte Forschungsergebnisse, die wie Psychokinese zwischen Pflanzen
aussahen. Er wählte die Wurzel einer frisch gekeimten Zwiebel als
"Sender" und montierte die Wurzel in eine Röhre. Die Wurzelspitze
richtete Gurwitsch auf eine weitere Zwiebelwurzel, den "Empfänger"
— ebenfalls in einer Röhre. Nach drei Stunden zählte Gurwitsch die Zahl der
Zellen in der offenen Seite des "Empfängers" und die auf der
verschlossenen Seite. Auf der offenen Seite, die dem "biologischen
"Beschuß" durch die andere Wurzel ausgesetzt war, ermittelte er ein
Viertel mehr Zellen. Die Zwiebelwurzel mußte also eine Art Energie
ausstrahlen. Gurwitsch installierte Quarzflächen zwischen den
Zwiebel-Sender und den Zwiebel-Empfänger. Die seltsame Energie strömte immer
noch durch. Er probierte Hefe als Empfänger aus. Die Gärungsrate der Hefe
steigerte sich um dreißig Prozent — genauso wie das Wachstum der Bakterien.
Bei Menschen stellte Gurwitsch fest, daß Muskelgewebe, oder die Hornhaut des
Auges, Blut und Nerven als "Sender" der — wie er sie nannte —
mitogenetischen Strahlung wirkten. Krebsgewebe strahlten ebenfalls, nicht
aber das Blut von Krebspatienten. Mehrere Krankenhäuser in Europa begannen
damit, diesen Bluttest zur Diagnose zu verwenden. Sie stellten fest, daß
Krankheit die Strahlung verstärkte. Wenn eine Person einige Minuten eine
Hefekultur hielt, war die Strahlung stark genug, kräftige Hefezellen zu
töten. Gurwitsch konnte die Strahlung von lebenden Wesen nicht
sehen, er konnte lediglich die Ergebnisse tabellarisieren. Niemand konnte
recht verstehen, was Gurwitsch entdeckt hatte und wodurch die Intensität der
sogenannten mitogenetischen Strahlung verursacht wurde. Gurwitsch stellte
eine Theorie biologischer Kraftfelder auf, aber sie wurde bald wieder
vergessen. Dann wandten die Kirlians die Hochfrequenzfotografie auf
Pflanzen an, und jedermann konnte seltsame Strahlen und Lichtfelder aus den
Pflanzen hervorschießen sehen. Heute überprüfen Biologen der
Kirow-Universität von Kasachstan die Entdeckung Gurwitschs von neuem, denn:
"Heute besteht eine neue Möglichkeit, die Ideen von Gurwitsch zu
bestätigen, die auf der Annahme von biologischem Plasma als dem Medium
beruhen, das die Kraft der Strahlungsfelder verstärkt." Die Kirlian-Fotografie könnte beweisen, daß eine Strahlung
aus lebenden Wesen kommt, die andere lebende Wesen beeinflussen kann.
Gurwitschs Entdeckung wirft auch auf anderen Gebieten viele Fragen auf.
Energie strömt aus Pflanzen — frischem Obst und Gemüse. Was bedeutet das
hinsichtlich lebender Nahrungsmittel? Stellt diese Energie in den Pflanzen
vielleicht den wahren Wert der Nahrung dar und wird dieser Wert durch unsere
Chemikalien, Kunstdünger, Sprays und konservierenden Zusätze zerstört?
Vielleicht könnte die Kirlian-Fotografie der Forschung in der Ernährung, der
Landwirtschaft, dem Gartenbau und verwandten Gebieten ganz neue Impulse
verleihen." (a.a.O., S.351f.) 42) Der Aura- oder
Kirlian-Fotografie ist in dem bereits zitierten Werk von Ostrander/Schroeder,
PSI, ein Abschnitt gewidmet, der als eine ideale, aufschlußreiche Ergänzung
zu Arthur Fords Ausführungen gelten kann und daher hier wiedergegeben sei: "Ein aufregendes Panorama von Farben — ganze Galaxien
von Lichtern — blau, golden, grün, violett, alle glänzend und funkelnd! Eine
nie gesehene Welt öffnete sich vor meinen Augen. Leuchtende Labyrinthe,
blitzend, blinkend, flammend. Einige der Funken waren bewegungslos, andere
wanderten über einen dunklen Hintergrund. Über den geisterhaften Lichtern
standen helle, vielfarbige Flammen und trübe Wolken." "Es ist unbeschreiblich. Elektrische Flammen leuchten
auf und dann Fackeln oder blaue oder orangefarbene Kronen. Flammendes Violett
und wilde Blitze. Einige Lichter glitzern beständig, andere kommen und gehen
wie Wandelsterne. Es ist phantastisch, ein geheimnisvolles Spiel — eine
Feuerwelt." "Wie ein Sommergewitter — Krater brachen aus — nicht
mit heißer Lava, sondern Strahlen wie das Nordlicht." Diese Berichte von einer erstaunlichen Welt pulsierender vielfarbiger
Lichter stammen nicht von Russen, die bei einer psychedelischen Show in
Ekstase gerieten. Sie waren nicht Visionen von Leuten auf einem LSD-Trip.
Diese leuchtenden Galaxien und farbigen strahlenden Labyrinthe kamen aus dem
menschlichen Körper. All das wurde sichtbar, als der Körper einer
Versuchsperson in ein Feld elektrischer Hochfrequenzströme gebracht wurde. War es die "Aura", die die Beobachter sahen,
diese Farbenhülle, die angeblich den Körper umgibt und die Medien und
Hellseher schon lange gesehen haben wollen? War es der "Astralleib"
— der leuchtende Energiekörper, den wir, wie die Medien behaupten, alle
besitzen? Es war jedoch keine Gruppe von Medien, die dieses Phänomen
studierte. Es waren Wissenschaftler — namhafte Gelehrte, Mitglieder des
Präsidiums der Akademie der Wissenschaften der UdSSR und Mitarbeiter
führender Institute und Universitäten der ganzen Sowjetunion. Nach zwanzig
Jahren Forschung begannen sie nun zu verstehen, welche seltsamen Kräfte des
menschlichen Körpers sie entdeckt hatten. Die Vorstellung von einer menschlichen Aura, die den
Körper umgibt, ist Jahrtausende alt. Bilder aus dem alten Ägypten, aus
Indien, Griechenland und Rom zeigen heilige Gestalten, von einer leuchtenden
Wolke umgeben. Diese Übereinstimmung mag tatsächlich auf Beobachtungen
von Hellsehern beruhen, die, wie berichtet, den Strahlenglanz um das Haupt
von Heiligen zu sehen vermochten. Das berühmte Medium, Mrs. Eileen Garrett,
berichtet in ihrem Buch "Awareness": "Ich habe immer jede Pflanze,
jedes Tier und jede Person von einer nebligen Umrandung umgeben
gesehen." Den Stimmungen des Menschen entsprechend ändert sich, wie Mrs.
Garrett sagt, die Farbe und die Konsistenz dieser "Umrandung". Hellseher weisen stets darauf hin, daß "Aura" im
Grunde eine falsche Bezeichnung ist; sie glauben vielmehr, daß der
menschliche Körper von einem anderen Energiekörper durchdrungen ist und daß
sie die Lumineszenz dieses zweiten Körpers, der nach außen strahlt, sehen.
Wir sehen, so sagten sie, etwas wie eine Sonnenfinsternis, der leuchtende
Astralleib wird völlig durch den physischen Körper verborgen. Paracelsus, der
Philosoph, Chemiker, Alchimist und Arzt, glaubte ebenfalls, daß ein
halbkörperlicher oder "Sternenkörper" im Fleisch lebt und sein
Spiegelbild ist. Zu Anfang unseres Jahrhunderts entdeckte Dr. Walter Kilner
vom St.-Thomas-Hospital in London, daß er, wenn er durch mit Dicyanid
gefärbte Glasscheiben schaute, die Aura um den menschlichen Körper sehen
konnte. Kilner zufolge war es eine Strahlungswolke, die sich über etwa 15 bis
20 Zentimeter erstreckte und deutliche Farben aufwies. Ermüdung, Krankheit
oder wechselnde Stimmungen konnten die Größe der Wolke und die Farben
verändern; die Strahlung wurde auch durch Magnetismus, Hypnose und
Elektrizität beeinflußt. Er entwickelte ein ganzes Repertoire von
Diagnosesystemen aus der Aura, und die Erforschung der Aura und der
Zusammenhänge mit Krankheitssymptomen dauert in Europa noch an. Einige Medien behaupten, man könne lernen, die Aura selbst
zu sehen. Wenn man in einem fast dunklen Raum vor einer leeren Wand stehe und
die Augen aufreiße, würde man leichte Spuren einer rauchartigen Energie aus
den Fingerspitzen kommen sehen. Diese rauchartige Umrandung zeige Farben, die
je nach Gesundheitszustand und Stimmung wechseln. Einen wichtigen Hinweis darauf, daß der menschliche Körper
tatsächlich Licht ausstrahle, erhielten die russischen Wissenschaftler im
Jahre 1939 aus Krasnodar, der Hauptstadt des Kubangebietes. "Wo kann ich
mir hier einen technischen Apparat reparieren lassen?" fragte ein
Institutsangestellter einen Kollegen. Reparaturen irgendwelcher Art sind in
Rußland immer ein Problem. Aber der Gefragte brauchte nicht lange zu
überlegen. Er sagte: "Gehen Sie zu Semjon Davidowitsch Kirlian. Er ist
der beste Elektriker von Krasnodar." Als Kirlian in das Forschungsinstitut kam, um das Gerät
abzuholen, sah er zufällig, daß ein Patient an einen Hochfrequenzapparat für
Elektrotherapie angeschlossen war. Und plötzlich bemerkte Kirlian einen
winzigen Lichtblitz zwischen den Elektroden und der Haut des Mannes.
"Ich möchte wissen, ob man das fotografieren könnte", überlegte er.
"Wenn ich nun eine fotografische Platte zwischen den Elektroden und der
Haut des Patienten anbrächte?" Die Elektroden waren jedoch aus Glas, und die Platte wäre
durch Lichteinwirkung verdorben gewesen, noch ehe die Maschine eingeschaltet
worden war. Er mußte eine Elektrode aus Metall verwenden, was wiederum
gefährlich war. "Schon gut", sagte er, als er die metallene
Elektrode an seiner eigenen Hand befestigte. "Für die Wissenschaft muß
man Opfer bringen!" Er schaltete das Gerät ein und fühlte einen stechenden
Schmerz in seiner Hand unter der Elektrode. Er hatte eine schwere Verbrennung
erlitten. Drei Sekunden später wurde das Gerät ausgeschaltet, und Kirlian gab
die Platte eilig in die Emulsion. Als das Bild in der Dunkelkammer entwickelt
war, konnte er darauf einen seltsamen Abdruck erkennen, eine Art Lumineszenz
in der Form der Umrisse eines Fingers. "Ich studierte das Bild mit einer
Mischung von Schmerz, Erregung und Hoffnung", sagte Kirlian. "Hatte
ich eine Entdeckung gemacht? Eine Erfindung? Das war noch nicht klar." Er stellte fest, daß Wissenschaftler das Phänomen schon
früher entdeckt hatten, es war aber nur in den Forschungsberichten
verzeichnet und dann vergessen worden. Kirlian ahnte, daß er auf etwas Neues
gestoßen sei, und er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen.
Andere Techniken, ohne Licht zu fotografieren, also Röntgenstrahlen, Infrarot
und Radioaktivität nützten ihm nichts. Er mußte sich ein völlig neues
Verfahren ausdenken, um auf einem Film die leuchtende Energie zu
fotografieren, die der menschliche Körper ausstrahlt. Zusammen mit seiner Frau Walentina, einer Lehrerin und
Journalistin, erfand Kirlian schließlich eine völlig neue Methode der
Fotografie, für die er insgesamt vierzehn Patente erhielt. Die Fotografie mit elektrischen Hochfrequenzfeldern
erfordert zunächst einmal einen speziell konstruierten
Hochfrequenz-Funkengenerator oder Oszillator, der 75'000 bis 200'000
elektrische Schwingungen in der Sekunde erzeugt. Der Generator kann mit
verschiedenen Klemmen, Platten, optischen Instrumenten, Mikroskopen oder
Elektronenmikroskopen verbunden werden. Der zu untersuchende Gegenstand
(Finger, Blatt usw.) wird zusammen mit dem Fotopapier zwischen die Klemmen
eingeführt. Wenn der Generator eingeschaltet wird, entsteht zwischen den
Klemmen ein Hochfrequenzfeld, das das Objekt augenscheinlich veranlaßt, eine
Art Biolumineszenz auf das Fotopapier auszustrahlen. Eine Kamera ist für
diese Art des Fotografierens nicht nötig. Ein von einem Baum gerissenes Blatt zeigte, wenn es in das
Feld eines Hochfrequenzstroms gelegt wurde, eine Myriade von Energiepunkten.
Um die Ränder des Blattes waren türkisfarbene und rötliche Flammenmuster zu
sehen, die aus spezifischen Kanälen des Blattes kamen. Ein menschlicher
Finger, der in das Hochfrequenzfeld gebracht und "fotografiert"
wurde, erschien im Bild wie eine komplizierte topographische Karte mit
Linien, Punkten, Lichtkratern und Leuchtfeuern. Einige Teile des Fingers
sahen wie eine von innen erleuchtete Kürbislaterne aus. Die Fotografien gaben zunächst nur statische Bilder
wieder. Bald aber hatten die Kirlians ein optisches Spezialinstrument
entwickelt, mit dem sie das Phänomen in der Bewegung beobachten konnten.
Kirlian hielt seine Hand unter die Linse und schaltete den Strom ein. Die Hand sah wie die Milchstraße am nächtlichen
Sternenhimmel aus. Vor einem Hintergrund von Blau und Gold fand in der Hand
etwas statt, das einem Feuerwerk ähnelte. Vielfarbige Fackeln leuchteten auf,
dann Funken, Blitze und Lichter. Einige Lichter glühten längere Zeit wie
Leuchtkugeln, andere blitzten nur kurz auf; wieder andere funkelten in
Intervallen. In Teilen seiner Hand zeigten sich kleine Wolken. Gewisse
glitzernde Flammen wanderten funkelnde Labyrinthe entlang wie Raumschiffe,
die zu fernen Galaxien reisten. Was bedeuteten diese Flammen? Und was beleuchteten sie?
Die pulsierenden Funken trieben kein zufälliges Spiel. Die Kirlians legten ein frisches Blatt unter die Linse
eines Mikroskops, das mit dem Hochfrequenzgenerator verbunden war. Sie sahen
ein Bild, das dem der menschlichen Hand ähnelte. Dann versuchten sie es mit
einem halbverwelkten Blatt. Es sah wie eine nächtliche Großstadt aus, in der
die Lichter nach und nach erloschen. Dann nahmen sie ein fast völlig
verwelktes Blatt. Es gab fast keine Flammen, und die Funken und
"Wolken" bewegten sich kaum. Während sie es beobachteten, schien es
vor ihren Augen zu sterben, und sein Tod spiegelte sich im Bild der Energieimpulse.
"Wir schienen die Lebensaktivität des Blattes zu sehen", sagten die
Kirlians, "intensive, dynamische Energie in dem gesunden Blatt, weniger
in dem welken und nichts in dem toten Blatt." Die Kirlians untersuchten fast jede denkbare Substanz
unter ihrem Hochfrequenzmikroskop — Leder, Metall, Holz, Laub, Papier,
Münzen, Gummi. Das Lumineszenzmuster war bei jedem Objekt verschieden, aber
lebende Dinge hatten völlig andere Strukturdetails als nicht lebende. Eine
Metallmünze wies beispielsweise nur einen völlig gleichmäßigen Glanz um den
Rand herum auf. Ein lebendes Blatt bestand jedoch aus Millionen funkelnder
Lichter, die wie Juwelen glitzerten. Die Flammen längs der Ränder waren
jeweils verschieden. "Was wir durch das Mikroskop und unsere optischen
Instrumente sahen, erinnert an das Kontrollbrett eines großen Computers. Hier
und dort wurden Lichter heller oder schwächer. Waren es Signale der inneren
Vorgänge? Bei lebenden Dingen sieht man, wie sich die Signale des inneren
Zustands in der Helligkeit oder Trübheit oder Verfärbung der Flammen
spiegeln. Die innere Lebensaktivität des Menschen wird in diesen
'Lichthieroglyphen' niedergeschrieben. Wir hatten einen Apparat geschaffen,
der diese Hieroglyphen aufschrieb. Um sie aber lesen zu können, würden wir
Hilfe brauchen." 1949 verfügten die Kirlians schon über ein ganzes Arsenal
von selbstkonstruierten Instrumenten, durch die sie das Spiel von
Hochfrequenzströmen auf Menschen, Pflanzen und Tieren genauso wie auf
lebloser Materie untersuchen konnten. Sie hatten jetzt das Gefühl, daß sie
die Technik hinreichend vervollkommnet hatten, um die Resultate Biologen,
Physiologen, Botanikern und anderen wissenschaftlichen Spezialisten
vorzuführen. Bald pilgerten sowjetische Wissenschaftler scharenweise
nach Krasnodar. In etwa dreizehn Jahren kamen viele Hunderte von Besuchern:
Biophysiker, Ärzte, Physiologen, Elektronikfachleute, Kriminologen — sie alle
erschienen an der Tür des kleinen, einstöckigen Vorkriegs-Holzhauses an der
Kirowstraße in Krasnodar. Der bebrillte, schon etwas kahle Semjon, der die
Konzentration eines Schachmeisters ausstrahlt, und seine dunkelhaarige,
attraktive Frau Walentina empfingen die Gäste in den zwei schlichten Räumen,
in denen sie wohnten und arbeiteten. Eine kleine Diele war in ein winziges
Labor umgewandelt worden und mit komplizierten Instrumenten vollgestellt. Eines Tages kam der Direktor eines wissenschaftlichen
Forschungsinstituts. Er hatte zwei völlig gleich aussehende Blätter bei sich,
die die Kirlians mit ihrer neuen Methode fotografieren sollten. Diese
"Zwillingsblätter" waren von der gleichen Pflanzengattung und zu
genau der gleichen Zeit abgerissen worden. Aus zahlreichen Tests mit
verschiedenen Pflanzen wußten sie, daß jede Pflanzengattung ihr eigenes
unverwechselbares Energiebild zeigt. Die Fotos der beiden Blätter, die ihnen
der Wissenschaftler gegeben hatte, unterschieden sich jedoch scharf
voneinander. Stammten die Blätter doch von verschiedenen Pflanzengattungen?
Hatten die Kirlians einen Fehler gemacht? Sie wiederholten die Aufnahme mehrere Male — die
Ergebnisse blieben die gleichen. Die Lumineszenzen aus dem einen Blatt wiesen
kugelförmige Flammen auf, die symmetrisch über das ganze Bild des Blattes
verteilt waren. Das zweite Blatt zeigte winzige dunkle geometrische Muster,
die hier und dort Gruppen bildeten. Semjon und Walentina arbeiteten die ganze Nacht hindurch,
machten Aufnahme nach Aufnahme von den zwei Blättern. Aber wie sie die
Technik auch veränderten — die Ergebnisse blieben die gleichen. Enttäuscht
wiesen sie am anderen Morgen die Bilderserien ihrem berühmten Gast vor. Zu
ihrer Überraschung erhellte sich sein Gesicht vor Freude. "Sie haben es
gefunden", sagte er begeistert. Die zwei erschöpften Erfinder vergaßen ihre Müdigkeit, als
der Botaniker erklärte: "Beide Blätter sind tatsächlich von der gleichen
Pflanzengattung. Doch eine der Pflanzen war, wie ich vermutete, bereits mit
einer Krankheit infiziert. Sie haben mir das bestätigt! An der Pflanze, oder
an dem Blatt ist äußerlich nichts zu erkennen, was darauf hindeutet, daß sie
infiziert wurde und bald eingehen wird. Kein Test mit der Pflanze selbst
zeigte, daß etwas mit ihr nicht in Ordnung ist. Mit der
Hochfrequenzfotografie haben Sie die Krankheit der Pflanze sozusagen im voraus
diagnostiziert." Für die Kirlians war das eine elektrisierende Nachricht.
Sorgfältig untersuchten sie das erkrankte Blatt. (Die Pflanze, von dem es
stammte, ging einige Zeit später ein.) Die Kirlians erkannten allmählich, daß
die Galaxien funkelnder Lichter, die sie auf ihren Hochfrequenzfotografien
sahen, eine Art Energie-Gegenkörper des Blattes waren. Lange bevor sich die
Krankheit physisch in der Pflanze manifestierte und pathologische
Veränderungen sichtbar wurden, existierte sie bereits in diesem
"Phantom-Körper" der Energie. Die Institute schickten den Kirlians
nun Hunderte von "grünen Patienten", Blätter von Wein, Tabak, von
Obstbäumen usw. In jedem Fall konnten die Kirlians feststellen, ob die
Pflanze krank war oder nicht, indem sie die Energiekörper der Blätter in
Hochfrequenzfotos untersuchten. Indem man eine Pflanzenkrankheit diagnostiziert, bevor sie
tatsächlich eintritt, wird es möglich, den Krankheitsursachen
entgegenzuwirken und so vielleicht wertvolle Ernten zu retten. Die philosophischen Implikationen waren sogar noch
außergewöhnlicher. Es schien, als ob lebende Dinge zwei Körper hätten — den
physischen Körper, den jedermann sehen kann, und einen sekundären
"Energie-Körper", den die Kirlians in ihren Hochfrequenzfotos
beobachten konnten. Der Energiekörper schien nicht lediglich eine Strahlung
des physischen Körpers zu sein. Der physische Körper schien irgendwie zu
spiegeln, was in dem Energiekörper geschah. Wenn in dem Energiekörper der
Pflanze eine Störung des Gleichgewichts auftrat, deutete das auf eine
Krankheit hin, und allmählich würde der physische Körper diese Veränderung
spiegeln. Die Kirlians fragten sich, ob das auch für Menschen galt. Eines Tages erwarteten die Kirlians den Besuch von zwei
namhaften Wissenschaftlern eines Moskauer Instituts. Vor einem wichtigen
Besuch pflegten sie ihre empfindlichen Geräte genau zu prüfen, damit alles
für eine Demonstration bereit war. Aus einem unbekannten Grund wollte diesmal
das "temperamentvoll" optische Gerät nicht funktionieren. Ganz
gleich, wie sie den Apparat einstellten, das Bild zeigte sich durch die Linse
unscharf. Die Kirlians nahmen daraufhin das Gerät auseinander und setzten es
wieder zusammen. Immer noch war das Bild verschleiert. Sie überprüften ihre
anderen Geräte, um sicherzugehen, daß wenigstens diese in Ordnung waren. Auch
sie arbeiteten nicht richtig, wie Testfotos erwiesen. Auf den Bildern
erschienen nur dunkle Flecken und Wolken. Fast verzweifelt baute Kirlian
alles auseinander, Teile des Gerätes waren über den ganzen Arbeitstisch
verstreut. Er beugte sich vor, um etwas zu suchen, als ihm plötzlich
schwindlig wurde. Diese Schwindelanfälle waren immer die Ankündigung einer
Verschlimmerung der Gefäßerkrankung, an der er litt. Die einzige Therapie war
sofortige absolute Ruhe. Walentina brachte ihren Mann zu Bett und setzte in
Eile die Instrumente wieder zusammen. Die Gäste erschienen, und Frau Kirlian demonstrierte den
fotografischen Vorgang, indem sie die Fingerspitzen auf die Fotoplatten legte
und den Hochfrequenzstrom einschaltete. Alle Bilder waren völlig klar.
Walentina legte die Hand unter das Spezialinstrument für die direkte
Beobachtung. Auch das Spiel der Lichtfackeln auf ihrer Hand war klar und
deutlich. Die Wissenschaftler waren begeistert, die Demonstration war ein voller
Erfolg. Nachdem die Herren gegangen waren, taumelte Kirlian aus
dem Bett. War es nicht seltsam, daß alle Instrumente korrekt arbeiteten, als
Walentina sie bediente, während sie bei ihm gestreikt hatten? "Wir lösten uns an den Instrumenten ab. Es gab keinen
Zweifel. Meine Hände zeigten ein chaotisches, verschleiertes und wolkiges
Energiebild. Walentinas Hände wiesen ein klares Schema des sich entladenden
Energiestroms auf, die Flammen waren hell und scharf." Was Semjon zuvor
gesehen und für einen Fehler in der Linse oder der Einstellung gehalten
hatte, war in Wirklichkeit ein Warnzeichen seiner Erkrankung, das sich in dem
Energieschema seiner Hand zeigte, ehe sie sich physisch bemerkbar machte.
Jetzt, in der Krisis, zeigte sich die Krankheit im Hochfrequenzbild als ein
totaler Aufruhr der Energieflammen. "Nichts ist so schlimm, daß es nicht auch was Gutes
bringt", tröstete sich Semjon, als er sich im Bett erholte. Vielleicht
könnte man auf diese Weise alle Arten von Krankheiten diagnostizieren, lange
bevor sie als physische Störung auftraten. Vielleicht könnte sogar Krebs
erkannt werden, solange er nur eine Abweichung im Energieschema und noch
nicht ein Tumor im Körper war. Die Kirlians waren der Ansicht, daß sie eine
wichtige Entdeckung gemacht hatten, als sie feststellten, daß eine Krankheit
die aus dem Körper kommende Energieentladung gewaltig verändern konnte. "Unser optischer Spezialapparat macht uns mehr Kummer
als alles, was wir sonst gebastelt haben", klagten die Kirlians. Es wäre
schwer, sich ein kapriziöseres Instrument vorzustellen. Es mußte dreifach
eingestellt werden: die optischen Linsen, die Spannung und die
Hochfrequenzentladung. Der Erfolg jedes Experiments hing von allzu vielen
Details ab. Es war nicht leicht, dabei die Ruhe zu bewahren. Kirlian erprobte das Gerät für die Demonstration vor einem
weiteren bedeutenden Gast, als es neue Schwierigkeiten gab: "Ich
beobachtete meine Hand durch das Okular, als es plötzlich so aussah, als ob
die Flammen nicht mehr mitmachen wollten. Die violetten Flammen begannen zu
wirbeln, dann wurden sie gelbrosa; schließlich hörte das ganze Feld zu
schwimmen auf, und alles schien unklar zu werden." Die Kirlians ersetzten die Linsen, da sie glaubten, das
Glas sei überhitzt worden. Sie probierten es nochmals. Jetzt war alles in
Ordnung. Der Wissenschaftler kam, und die Demonstration begann. Die
statischen Fotos wurden gut, als Kirlian aber nervös die Hand unter die Linse
des heimtückischen optischen Geräts legte, spielte der Apparat wieder
verrückt. Durch das Okular konnte er den Hintergrund seiner Hand nicht sehen,
und die Kanäle der Lichtschemata waren unscharf. "Bitte, entschuldigen
Sie", bat er seinen Gast. "Ich muß den Apparat neu
einstellen." Hastig wechselte er die Linsen aus, setzte den Generator in
Betrieb — und wieder erschien das verteufelte, unscharfe Bild seiner Hand. Der Gast bat ungeduldig, selbst durch das Okular sehen zu
dürfen. Überraschenderweise schien ihm zu gefallen, was er sah. Kirlian
atmete erleichtert auf, und als sich das Interesse des Gastes an dem Phänomen
weiter steigerte, bemerkte er, wie seine nervöse Spannung nachließ und er
ganz ruhig wurde. In diesem Augenblick äußerte der Gast, daß er mit dem Bild,
das er sah, höchst zufrieden sei. Kirlian erinnerte sich plötzlich, daß die Zeit längst
abgelaufen war. Es war nicht ratsam, die Hand zu lange in dem
Hochfrequenzfeld zu lassen. Als er die Demonstration beendete, schaute er
selbst durch das Okular. Der Apparat arbeitete jetzt einwandfrei, obwohl er
ihn seit der letzten "Panne" nicht nochmals reguliert hatte. "Diese fürchterliche Maschine!" schimpften die
Erfinder. Gerade, wenn sie sie vorführen wollten, benahm sie sich wie ein
ungezogenes Kind. Bei zahlreichen Demonstrationen hatten die Kirlians den
gleichen Ärger, bis sie schließlich dahinterkamen: Es war nicht der Apparat,
sie waren es selbst, die die Schwierigkeiten machten. Ihre nervöse Erregung,
ihre Sorge, ob das Experiment gelingen würde, waren es, die sich in dem
Lichtpanorama spiegelten. Wenn es ihre Gäste verstanden hätten, den Code der Farben
und die Positionen der Flammen zu entziffern, hätten sie in den Händen der
Kirlians mehr als nur Lichtspiele gesehen. "Die Veränderungen im Energiebild vollziehen sich
sehr schnell", wissen die Kirlians jetzt. Zum Beweis schlagen sie den
Beobachtern nun vor, zwischendurch ein Glas Wodka zu trinken. Wenn sie dann
ihre eigenen Hände in der Hochfrequenzladung beobachten, können sie den
stimulierenden Geist des Alkohols sofort in vielfarbigen Flammen aus ihrem
Körper schießen sehen. Seit Jahrhunderten haben Medien ein Phänomen beschrieben,
das sie "Aura" nannten. Aus den Energiewolken, die sie rings um die
Menschen sahen, diagnostizierten sie Krankheiten und Gemütszustände.
Wahrscheinlich besteht diese Aura aus zahlreichen Elementen des menschlichen
Kräftefelds, einschließlich vielleicht der Wärmestrahlung, der
elektromagnetischen Felder, und vieler anderer Substanzen, die uns noch
unbekannt sind. Die Bilder der Kirlians scheinen mindestens einige Partikel
der Aura zu zeigen, Elemente, die bisher noch kein Instrument angezeigt oder
aufgezeichnet hat. Medien sagen oft, daß die Aura etwas mit der
"Frequenz" zu tun hat, und der Kirliansche Prozeß macht diese Form
der Aura sichtbar, indem er elektrische Hochfrequenzfelder durch lebende Dinge
schickt. Die Kirlians sagen, daß sich in den Fotografien der Biolumineszenz
bei wechselnden Frequenzen verschiedenartige Details zeigen, und zwar je nach
der dominierenden Frequenz. Vor etwas mehr als hundert Jahren hat der deutsche
Chemiker Karl von Reichenbach von ausgedehnten Forschungen über eine Art von
Lumineszenz berichtet, die von Menschen, Pflanzen und Tieren ausstrahle. Er
hatte sie nach dem nordischen Gott Odin "odische Kraft" genannt, um
das "Allesdurchdringende" anzudeuten. Merkwürdigerweise sind die
Berichte Reichenbachs mit dem identisch, was uns die Russen beschrieben und
was wir auf den Kirlianschen Fotos gesehen haben. Innerhalb von zwei Grundfarben, Blau und Gelbrot,
beschrieben Reichenbachs Medien "grüne, rote, orangefarbene und violette
Flammen, die auftauchen und verschwinden. Violettrot erscheint und erlöscht
in einem rauchartigen Dampf; alles vermischt mit vielen kleinen strahlenden
Funken und Sternen". In den Kirlianschen Farbaufnahmen von Pflanzenblättern
sahen wir die gleichen flammenden Grundfarben: Blau und Gelbrot. Reichenbach
meinte, die blauen und die rötlichgelben Farben deuteten an, daß die
"odische Energie" polarisiert sei. Dr. Walter Kilner in London, der gefärbte Linsen
verwendete, will das gleiche Phänomen gesehen haben. Auch seinen Berichten
nach ist die Aura aus Energie um den Körper in unaufhörlicher Bewegung, und
es schießen, wie auf den Kirlianschen Fotos, farbige Energieflammen von dem
Körper weg in den Raum. Schlechte Gesundheit, Müdigkeit und Depressionen wirken
Kilner zufolge auf die Aura ein. Er hat gelernt, anhand der Flammen und
Farben der Aura Diagnosen zu stellen. Er fand auch heraus, daß einige
Menschen die Farben ihrer Aura beliebig wechseln können. Er hat darüber in
seinem Buch "Die menschliche Aura" geschrieben. Die sowjetischen Wissenschaftler fragen sich nach wie vor:
Was ist diese Biolumineszenz? Einige behaupteten: "Diese Energie ist
weder elektrisch noch elektromagnetisch". Hat es Sinn, weiterzumachen, weiterzuforschen? Dreizehn
Jahre lang blieb das Schicksal der Kirlianschen Fotografie und ihres
phantastischen "neuen Fensters in das Unbekannte" ungeklärt. "Ich kenne die Kirlian-Fotografie schon lange",
sagte Gleb M. Frank, seinerzeit Direktor des Instituts für biologische Physik
an der Akademie der Wissenschaften und jetzt Chef der neuen
Wissenschaftsstadt Puschkino in der Nähe von Moskau, vor der sowjetischen
Presse. "Ich habe die Kirlian-Methode dem Laboratorium für angewandte
Fotografie und Kinematografie der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften
vorgeführt. Diese Technik muß für die gesamte Wissenschaft und Technik
erschlossen werden." Professoren der Medizin, wie Dr. S. M. Pawlenko,
Vorsitzender der Pathologie-Physiologie-Abteilung des Ersten Moskauer
Medizinischen Instituts, äußerten: "Die Kirliansche Fotografie kann für
die Frühdiagnose von Krankheiten, besonders bei Krebs, angewandt
werden." Der Mediziner Dr. Lew Nikolajewitsch Fedorow war von der
Kirlian-Methode hingerissen. Auf sein Drängen finanzierte das Ministerium für
Volksgesundheit einige der Forschungsarbeiten der Kirlians.
Unglücklicherweise starb Dr. Fedorow, und die Zuschüsse wurden eingestellt. Das Landwirtschaftliche Institut des Kubangebiets unter
der Leitung von P.F. Warukoi hatte den Eindruck, daß die Kirlian-Methode für
die Landwirtschaft äußerst förderlich sein könnte. "Wir wollen diese
Entdeckung studieren. Wir haben sogar das Geld zur Finanzierung des Projekts
aufgetrieben, aber die Regierung hat uns den notwendigen Stab von
Wissenschaftlern für unsere Forschungen verweigert." Dr. L.A. Tumerman, der führende sowjetische Biophysiker
vom Institut für Strahlungsforschung und physikalisch-chemische Biologie der
Akademie der Wissenschaften, drängte die Akademie, den Erfindern
Laboratoriumsplätze zur Verfügung zu stellen. Fast jeder Wissenschaftler, der die Hochfrequenzfotografie
und das bemerkenswerte Phänomen der Biolumineszenz gesehen hatte, ging mit
der Überzeugung weg, daß die Erfindung der Kirlians auf jedem Gebiet der
Wissenschaft und der Technik nützlich sein würde. Viele Forscher begannen mit
eigenen Experimenten. In der Zwischenzeit arbeiteten Semjon und Walentina
Kirlian — wie einst Marie und Pierre Curie auf der Suche nach dem Radium —
geduldig an dem Versuch weiter, die geheimnisvollen "leuchtenden
Hieroglyphen" zu enträtseln, die sie aus dem menschlichen Körper
pulsieren sehen. Allmählich füllten die Aufzeichnungen über ihre ständig
zunehmenden Entdeckungen zwei dicke Bände. Tag und Nacht in ihrem winzigen Laboratorium am Werk,
vervollkommneten sie auf eigene Kosten eine Methode nach der anderen. Sie
schufen neue optische Instrumente und neue Techniken, die es ermöglichten,
die Hochfrequenzfotografie mit einem Elektronenmikroskop zu verbinden. Das
patriotisch gesinnte Ehepaar stellte alle seine Patente dem Staat zur
Verfügung. Über ein Vierteljahrhundert lang hatten sie mühevolle und
kostspielige Experimente mit der geheimnisvollen menschlichen Energie
unternommen. Würden die Öffentlichkeit in der Sowjetunion und die übrige Welt
ihre bemerkenswerte Entdeckung je zu sehen bekommen? Anfang der sechziger Jahre gingen sowjetische Journalisten
für die Kirlians auf die Barrikaden. "Die Situation ist so schlimm wie
vor der Revolution", schrieb einer von ihnen, "als die zaristischen
Bürokraten entschieden, daß in dem Neuen zuviel Ungewißheit liege." Der
zornige Journalist fuhr fort: "Alle Wissenschaftler, die die Kirlians
arbeiten sahen, stimmen darin überein, daß ihre Forschungen für die Menschen
von größtem Nutzen sein können. Fünfundzwanzig Jahre sind verstrichen, seit
die Kirlians ihre Entdeckung gemacht haben. Und noch hat das zuständige
Ministerium keine Mittel bewilligt, weder für die Kirlians selbst, noch für
ein wissenschaftliches Institut, das diese Arbeit fortführen kann. Semjon Davidowitsch und Walentina Kirlian haben uns einen
Weg eröffnet, das Unsichtbare zu sehen. Aber was bedeutet diese Masse
farbiger Energie in unserem Innern? Die Lösung des Rätsels könnte unsere
gesamte Auffassung von uns selbst und von unserem Universum revolutionieren.
Es hat den Anschein, daß die Kirlians weit mehr entdeckt haben als lediglich
die Fotografierbarkeit der Aura. Gibt es so etwas wie einen "Astralleib", einen
Energiekörper, der sozusagen ein Duplikat unseres physischen Körpers ist?
Seit Jahrhunderten sprechen Schriftsteller, Okkultisten und Hellseher genauso
wie die Philosophen der Antike und der asiatischen Welt von einem
unsichtbaren zweiten Körper, den wir alle besitzen. Menschen, denen ein Glied amputiert wurde, spüren oft den
fehlenden Arm, das fehlende Bein noch, genauso, als ob der Körperteil noch
vorhanden wäre. Ärzte tun solche "Einbildungen" als eine
Wunscherfüllungs-Halluzination ab; sie sagen, Nerven registrieren noch
fehlende Glieder, oder, der Mensch habe den Hang, den Körper als ein Ganzes
zu betrachten. Medien und Hellseher haben jedoch oft behauptet,
"Phantomglieder" tatsächlich zu "sehen". Der fehlende Arm
oder das Bein befinde sich in einer fluiden Form noch mit dem Körper
verbunden. Einigen Medien zufolge ist der Astralleib größer als der
physische Körper, und die Aura, oder das Licht, das sie um den Körper
strahlen sehen, ist einfach der äußere Rand dieses unsichtbaren Doubles.
Eines der hervorragendsten und zuverläßlichsten Medien unserer Zeit, Eileen
Garrett, schreibt in Awareness: "Mein ganzes Leben lang war ich mir der
Tatsache bewußt, daß jedermann einen zweiten Körper besitzt — ein Double.
Nach östlicher Weisheitslehre und nach theosophischer Anschauung soll es ein
Energiekörper sein, ein magnetischer Raum, der mit dem physischen
menschlichen Corpus assoziiert ist, ein Raum, in dem die immateriellen Kräfte
des Kosmos, des Sonnensystems, der Planeten und der unmittelbaren Umgebung
des Menschen das physische Leben des Individuums integriert werden." Sie
sagt, das Double diene der Ausweitung des Bewußtseins. "Das Double ist
das Medium der telepathischen und hellseherischen Projektion." Wenn Mrs. Garrett recht hat, steht das Geheimnis der ASW
mit diesem sogenannten Astralleib in Verbindung. Welche wissenschaftlichen
Beweise besitzen wir jedoch für die Existenz dieses
"Energiekörpers"? Dr. Wilder Penfield von der McGill-Universität in Montreal
hat zahlreiche Operationen vorgenommen, bei denen er massive Teile des
Gehirns seiner Patienten entfernte. Trotzdem scheint der "Geist"
ohne Störung des Bewußtseins weiterzuarbeiten. "Vielleicht werden wir
immer gezwungen sein, uns ein spirituelles Element vorzustellen … eine
spirituelle Essenz, die fähig ist, den Mechanismus des Bewußtseins zu
kontrollieren. Die Maschine wird den Menschen und der Mechanismus wird die Natur
des Geistes nie ganz erklären", sagt Dr. Penfield. Ein Bericht des äußerst zuverlässigen englischen Mediums
Geraldine Cummins aus den dreißiger Jahren war für das, was wir in Rußland
entdecken sollten, überraschend relevant. "Der Geist wirkt nicht direkt
auf das Gehirn ein. Es gibt einen ätherischen Körper, der das Bindeglied
zwischen dem Geist und den Teilen des Gehirns darstellt … Viel mehr
korpuskulare Partikel, als die Wissenschaftler ahnen, wandern an Fäden von
dem ätherischen Körper oder Double zu gewissen Regionen des Körpers oder des
Gehirns. Ich möchte sie 'Lebenseinheiten' nennen … Dieser unsichtbare Körper,
den einige den 'Mechanismus' nennen, ist der einzige Kanal, durch den sich
Geist und Leben mit der physischen Gestalt in Verbindung setzen können.
Sollte ein Faden zwischen den beiden reißen, versagt die Kontrolle
augenblicklich. Jedes Tier hat einen eigenen unsichtbaren Körper, der aus
einer Art Äther besteht. Mit der Zeit sollte es möglich sein, ein Instrument
zu schaffen, durch das man diesen Körper wahrnehmen kann." Wenn dieses sogenannte Double je sichtbar gemacht werden
könnte, wären die Ergebnisse revolutionär. Nicht nur würde das unsere
Begriffe von uns selbst und von allen anderen Lebewesen revidieren, es würde
auch das Geheimnis aller paranormalen Erscheinungen erklären. Ist den Sowjets dieser Durchbruch bereits gelungen? Haben
sie das menschliche Double sichtbar und erforschbar gemacht? Die Kirlians
entdeckten die Hochfrequenzfotografie bereits 1939. In den sechziger Jahren
war die Untersuchung der Biolumineszenz-Phänomene in der gesamten UdSSR in
vollem Gang. Eines Tages setzte sich ein junger sowjetischer
Wissenschaftler, ein Experte für Kirlian-Fotografie, zu uns an den Tisch. Aus
seiner Aktenmappe holte er das Foto eines Pflanzenblatts, das stark
vergrößert war. Das Bild war nach der Kirlian-Methode in einem
Hochfrequenzfeld aufgenommen worden. Es war ein Bild, wie wir es schon
kannten: eine Menge leuchtender Flammen, Lichter über dem ganzen Blatt und
eine präzise Aura von Lumineszenz um die Ränder. Dann reichte er uns ein
zweites Foto. Es sah wie das andere Blatt aus, nur: Durch die Mitte der
rechten Blattseite schien eine Linie nach unten zu führen. Jenseits der Linie
schienen die funkelnden Umrisse und die Blattadern durchsichtiger, der
Hintergrund verschwommener. "Das ist das gleiche Blatt wie auf dem ersten
Bild", erklärte der junge Mann. "Das Blatt ist aber zerschnitten
worden. Ein Drittel wurde entfernt. Doch das Energieschema des ganzen Blattes
ist noch vorhanden." Mit anderen Worten, wir sahen tatsächlich den
"Geist" eines Blattteils. "Was ist das für eine Substanz?" fragten wir ihn
und wiesen auf den Teil des Blattes, der angeblich nicht mehr vorhanden war,
als die Aufnahme gemacht wurde. "Es ist eine Form von Energie", lautete die
Antwort. "Diese Energie mag ihren Ursprung in elektrischer Aktivität,
oder in elektromagnetischen Feldern haben, aber die Natur dieser Energie ist
völlig anders als jede, die wir kennen. Wir halten es für eine Art
Plasma." (In der Physik ist Plasma der vierte Zustand der Materie —
Ströme von ionisierten Teilchen.) "Was geschieht, wenn man mehr als ein Drittel des
Blattes wegschneidet?" "Dann stirbt das Blatt, und sein ganzer
'Energiekörper' verschwindet." "Wenn einem Menschen ein Finger, ein Arm oder ein
Bein amputiert wird, behält er dann ebenfalls noch einen
"Phantom-Körper", eine Art 'Geist' des Fingers, Arms oder
Beins?" "Ja", nickte der Wissenschaftler. Nach dem, was wir gesehen hatten, schienen die Sowjets
Beweise dafür zu haben, daß es in allen lebenden Dingen eine
Energie-Grundsubstanz gibt, einen unsichtbaren Körper oder eine Lumineszenz,
die unseren physischen Körper durchdringt. Aber welcher Art ist dieser
Körper? Wie funktioniert er? Woher kommt er? Den ersten Ansatz zu einer Erklärung fand man in der Nähe
der sowjetischen Weltraumzentren im fernen Kasachstan. In der
Kirow-Staatsuniversität von Alma-Ata drängte sich eine Gruppe von Biologen,
Biochemikern und Biophysikern um ein riesiges Elektronenmikroskop. Die
Kirlian-Apparatur hatte sich mächtig entwickelt. Jetzt war sie mit einem der
kompliziertesten elektronischen Geräte verbunden. Die Wissenschaftler, die
durch das Okular schauten, sahen in der lautlosen Hochfrequenzentladung
etwas, das bislang nur Hellsehern vorbehalten war. Sie sahen das
"Double" eines lebenden Organismus in Bewegung. Dutzende von Experimenten wurden mit dem Kirlian-Effekt an
lebenden Pflanzen, Tieren und Menschen vorgenommen. Was war dieses Double?
"Eine Art elementarer plasmaartiger Ansammlung, die aus ionisierten,
erregten Elektronen, Protonen und möglicherweise anderen Partikeln besteht?
Es ist kein chaotisches System. Es ist ein geordneter Organismus in sich und
agiert als Einheit." 1968 gaben Dr. W. Injuschin, Dr. V. Grischtschenko, Dr. N.
Worobew, Dr. N. Schuiskij, Dr. N. Fedorowa und Dr. F. Gibadulin ihre
Entdeckung bekannt. Alle lebenden Wesen — Pflanzen, Tiere und Menschen —
haben nicht nur einen physischen Körper, der aus Atomen und Molekülen
besteht, sondern aus einem Gegenstück-Energiekörper. Sie nannten ihn den
"biologischen Plasmakörper". In einer wissenschaftlichen Studie mit dem Titel Die
biologische Essenz des Kirlian-Effekts, veröffentlicht von der
Staatsuniversität von Kasachstan, beschrieben sie ihre Forschung am lebenden
"Energiekörper": "Die auf den Kirlian-Bildern sichtbare
Lumineszenz wird durch das Bioplasma und nicht durch den elektrischen Zustand
des Organismus verursacht." Eine der bemerkenswertesten Eigenarten
dieses vibrierenden, farbigen Energiekörpers in allen Lebewesen bestehe
darin, daß er "eine spezifische räumliche Organisation besitzt". Er
hat Gestalt. Innerhalb des Energiekörpers haben alle Vorgänge ihre
spezifische Bewegung, die der Energie in dem physischen Körper absolut
unähnlich ist. Der Bioplasmakörper ist auch polarisiert. In den letzten paar Jahren haben Wissenschaftler in vielen
Ländern das Postulat aufgestellt, daß den lebenden Dingen eine Art Matrix
(Grundsubstanz), eine Art unsichtbares Organisationsschema innewohnt. In der
Sowjetunion zerhackte beispielsweise Dr. Alexander Studitskij am Institut für
tierische Morphologie Muskelgewebe und packte es in eine Wunde im Körper
einer Ratte. Der Körper gestaltete daraus einen völlig neuen Muskel, so, als
ob er nur ein bestimmtes Organisationsschema anzuwenden brauche. Ein amerikanischer Neurologe stellte fest, daß er Spuren
des elektrischen Feldschemas von dem fehlenden Glied eines Salamanders finden
konnte. Andere Wissenschaftler haben etwas Protoplasma genommen, das zum Arm
eines Tierfötus heranwachsen sollte, und es an die Stelle des Beinansatzes
"gepflanzt". Ein Bein und nicht ein Arm entstand, was wieder auf
ein Organisationsfeld hinweist. Auf Fotos, die uns die Russen zeigten, sahen wir, daß der
Bioplasmakörper vollständig klar und in einem Hochfrequenzfeld sichtbar
zurückbleibt, wenn ein Teil des physischen Körpers weggeschnitten wurde. Wenn
der Energiekörper auch verschwindet, stirbt die Pflanze oder das Tier. "Es gibt ein feststehendes Verhältnis zwischen dem
physischen und dem Energiekörper, also zwischen der atomar-molekularen
Materie und dem plasmatischen Zustand lebender Wesen", berichteten die
Herren aus Alma-Ata. Die Energie jedes Lebewesens besteht aus der Energie
seiner physischen Zellen und der mobileren Energie des Bioplasmas, sagen
Injuschin, Grischtschenko und ihre Kollegen. Was erzeugt diese bioplasmatische Energie? Wie erneuern
wir unseren Energiekörper? Die kasachstanischen Wissenschaftler entdeckten,
daß es der Sauerstoff ist, den wir atmen, der einige seiner überzähligen Elektronen
und ein gewisses Quantum Energie in den Energiekörper umformt. In der
lautlosen Hochfrequenzentladung konnten sie den Ablauf dieses Vorgangs
tatsächlich sehen. Wie es scheint, lädt das Atmen den ganzen bioplasmatischen
Körper auf, erneuert unsere Reserven an vitaler Energie und trägt dazu bei,
gestörte Energiefelder auszugleichen. Bekanntlich hat die Yogaphilosophie von
jeher behauptet, daß das Atmen den ganzen Körper mit vitaler Kraft oder
"Prana" auflade. Daher schreibt Yoga auch bestimmte Atemübungen zur
Erhaltung der Gesundheit vor. Jetzt verstanden die Biologen von Alma-Ata allmählich,
warum das Einatmen ionisierter Luft bei vielen Arten von Krankheiten eine
heilende Wirkung hat. Die Sowjets sagen, daß viele Krankheiten dann beginnen,
wenn der Nachschub an Bioplasma gestört ist. Sie haben festgestellt, schon
das Besprühen einer Wunde beschleunige die Heilung, da die negativen Ionen
helfen, den Plasmakörper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. "Der Begriff des biologischen Plasmakörpers erschließt
neue Wege zum Verständnis für das Wachstum von Krebs, Tumoren und anderen
Krankheitsformen", schreiben die Biologen. Sie studierten auch den
Einfluß verschiedener Farben auf das Bioplasma. Sie fanden heraus, daß jede
Farbe die Aktivität des Bioplasmas verändert und darin spezifische
Oszillationen hervorruft. Blau schien beispielsweise die Entladung von
Biolumineszenz zu intensivieren. Vielleicht liegt die Voraussetzung für das
augenlose Sehen in den Reaktionen des menschlichen Bioplasmas auf Farbe. Man
stellte auch fest, daß schwache Magnetfelder die Lumineszenz des Bioplasmas
stabilisierten. Auf der Parapsychologie-Konferenz in Moskau lernten wir
einen der Forscher aus Alma-Ata, Dr. W. Injuschin, persönlich kennen. Er
erklärte: "Die Entdeckung der Kirlians hat die Möglichkeit erschlossen,
die plasmatischen Zustände des Organismus zu studieren. Durch den
biologischen Plasmakörper reagieren wir auf das gesamte kosmische Geschehen.
Unsere Biologen haben alle Arten von biologischen Reaktionen der Menschen,
Pflanzen und Tiere auf Störungen in der Sonne (oder Sonnenprotuberanzen)
registriert. Diese Störungen verursachen Veränderungen im ganzen
plasmatischen Gleichgewicht des Universums und wirken wiederum auf das
Bioplasma der lebenden Organismen ein. Das Ergebnis sind physische
Veränderungen, die wir sehen können." Die sowjetischen Erkenntnisse stimmten genau mit dem
überein, was Eileen Garrett gesagt hatte. Man fragt sich, ob die Sowjets bei
ihren Arbeiten über den bioplasmatischen Körper nicht nebenbei neue
wissenschaftliche Grundlagen für ein weiteres uraltes Forschungsgebiet
schaffen — für die Astrologie. Der Kosmobiologe Dr. Tschijewskij arbeitete intensiv über
die Einwirkung des 11 1/2 jährigen Zyklus der Sonnenprotuberanzen auf das
menschliche Leben. Seit Jahrhunderten haben Medien behauptet, daß es möglich
sei, den Astralleib nach Belieben vom physischen Körper zu trennen. Einige
meinten sogar, daß sie diesen Energiekörper nicht nur bewegen, sondern selbst
sogar darin "reisen" können. Die Sowjets untersuchen gegenwärtig
Yogis, die sich angeblich außerhalb ihres Körpers zu begeben vermögen. Man
sagt, daß dieser Energiekörper in Krisenzeiten, in der Trance, im Koma, oder
unter der Einwirkung von Drogen den physischen Körper verlassen könne. Dr.
Charles Tart von der Universität von Südkalifornien in Davis beginnt eben mit
Tests über die "Reisen außerhalb des Körpers". Harold Sherman, Schriftsteller, Medium und Direktor der
Parapsychologischen Forschungsstiftung in Arkansas, hat versucht, Personen zu
untersuchen, die behaupten, diese Erfahrung bereits gehabt zu haben. Beim Tod
soll dieser Energiekörper den physischen Körper endgültig verlassen und, wie
Medien wissen wollen, sein Leben in ätherischer Form fortsetzen. Es ist unwahrscheinlich, daß die Sowjets zur Zeit dabei
sind, das Leben nach dem Tode zu erforschen. Aber im Verlauf ihrer
ausgedehnten Forschung mit dem Kirlian-Effekt haben sie oft den Augenblick
des Todes fotografiert. Sie sahen, wie während des Todes einer Pflanze, oder
eines Tieres Funken und Flammen des bioplasmatischen Körpers in den Raum
schossen, wegschwammen und den Blicken entschwanden. Die Lumineszenz der
toten Tiere ließ immer mehr nach. Trotzdem konnten biologische Felddetektoren
aus einer Entfernung immer noch pulsierende Kraftfelder aus dem jetzt toten
Körper feststellen. Kommt diese Energie aus dem sich auflösenden
bioplasmatischen Körper? Vielleicht kann mit Hilfe der Kirlian-Fotografie
etwas mehr über das Geheimnis des Todes enthüllt werden. Von all den neuen, erregenden Forschungsergebnissen, von
denen wir hinter dem Eisernen Vorhang erfuhren, erschien uns die Entdeckung
der Kirlians als die wichtigste. Die Folgerungen daraus sind unendlich
vielfältig. Es gibt kaum eine Disziplin unseres Denkens — Philosophie,
Wissenschaft, Kunst, Religion und Medizin —‚ deren Grundlagen nicht durch die
Vorstellung verändert würden, daß in uns ein Energie- oder Astralkörper
existiert. Wir haben ihn den sekundären Körper genannt, aber vielleicht ist
es in Wirklichkeit der primäre Körper. Vielleicht sind wir durch ihn auf
vitalere Art mit allen Dingen im Universum verbunden, als wir bisher wußten. Für die Parapsychologie könnte das Vorhandensein eines
menschlichen Energiekörpers der Schlüssel zu jahrhundertealten Geheimnissen
bedeuten. Es scheint so, als ob Mrs. Garrett hinsichtlich der Existenz eines
solchen Energiekörpers, seiner Eigenschaften und des Einflusses der
Sonnenenergie auf diesen Körper recht hat. Hat sie auch mit der Erklärung
recht, daß dieser Energiekörper das Medium außersinnlicher Wahrnehmungen und
Geschehnisse ist?" (a.a.O., S.181ff.) 43) Goethe hat
gegenüber verschiedenen Personen über eigene Spukerlebnisse berichtet,
darunter auch über die "unsichtbare Bedienung", die er im oberen
Stockwerk seines Weimarer Hauses um sich spürte, eine alte Frau und ein
junges Mädchen. Der jungen Jenny von Pappenheim erzählte er: "Es war
wohl ein Traum, aber ganz wie Wirklichkeit … Eines Tages habe ich sie
gesehen. Die Alte wandte sich zu mir und sagte: 'Seit fünfundzwanzig Jahren
wohnen wir hier mit der Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein. Nun ist das
Mädchen ohnmächtig, und ich kann nicht gehen.' — Als ich genauer hinsah,
waren sie verschwunden." (Lily Braun, "Im Schatten der
Titanen", Braunschweig 1908. 44) White:
"Das uneingeschränkte Weltall", S. 24. 45) Wenige Tage
nach Arthur Fords Tod nahm Edgar D. Mitchell als Kommandant der "Apollo
14" auf dem Flug zum Mond erstmals telepathische Kontakte zwischen
Weltraum und Erde auf. Über das Ergebnis dieses Experiments berichteten u.a.
"The Journal of Parapsychology", Vol. Nr. 2, Juni 1971, und
"Psychic", September/Oktober 1971 (Interview mit E.D. Mitchell). 46) Sir Oliver
Lodge hat mehrere Kapitel seines Werks "Das Fortleben des Menschen"
(vgl. Anmerkung 26) dem Medium Lenore Piper gewidmet. Er schreibt u.a.: "Mrs. Piper wurde fast ununterbrochen beobachtet von
Professor James und anderen Gelehrten, vom Tage des ersten Auftretens ihres
Entrücktseins an, und zwar lange Jahre hindurch, und auch ihr Privatleben
(sie war in einem größeren Warenhaus in Boston angestellt) wurde überwacht. Dr. Hodgson z.B. brachte mehrere seiner Bekannten zu Mrs.
Piper, und manche von diesen haben dann aus den Trancereden der Mrs. Piper
über ihre verstorbenen Verwandten usw. Sachen gehört, von denen sie überzeugt
waren, daß Frau Piper sie nicht gekannt haben konnte, — daß sie überhaupt
nichts von den Privatangelegenheiten der Personen wissen konnte, die Dr.
Hodgson nach seiner Wahl, und ohne Namen zu nennen, in ihr Haus brachte. Ich
glaube sagen zu können, daß alle Sachverständigen, die Mrs. Piper sowohl wach
wie auch entrückt genügend beobachtet haben, um sich ein Urteil bilden zu
können, mit mir darin übereinstimmen: 1.- daß manche
offenbarten Tatsachen auch von den gewandtesten Geheimpolizisten nicht hätten
in Erfahrung gebracht werden können; 2.- daß, um manche
Sachen kennenzulernen, ein Aufwand an Zeit und Geld nötig gewesen wäre, die
Frau Piper niemals zur Verfügung gestanden haben; 3.- daß ihr Verhalten niemals
auch nur den leisesten Anlaß bot, ihr Betrug oder Hinterlist zuzutrauen.
Wenige Personen sind so lange und so peinlich beobachtet worden wie sie, und
bei allen Beobachtern hinterließ sie den Eindruck der Redlichkeit,
Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit." (a.a.O., S.179f.) 47) Unvorhersehbare
"Pannen" rufen manchmal gewisse Störenfriede unter den Jenseitigen
hervor, die aus Übermut oder Mißgunst den Kontrollgeist — und damit natürlich
auch die Seanceteilnehmer — durch alle möglichen "Zwischenrufe"
irreführen. Der irische Dichter und Visionär William Butler Yeats hat diese
Typen "Frustratoren" genannt. Darüber schreibt er in "A
Vision" (Neuausgabe 1962). — Arthur Ford war der Ansicht, daß
Frustratoren aus Fleisch und Blut mehr Schaden anrichten als diejenigen aus
dem Jenseits. 48) Bischof James
A. Pike hat sich inzwischen durch verschiedene amerikanische Medien aus dem
Jenseits gemeldet. Empfängerin der Botschaften ist seine Witwe, Mrs. Diane
Kennedy Pike, die, hellseherisch begabt, nach einer Vision eine genaue Skizze
der Gegend angefertigt hatte, in der man Pike einige Tage später tot auffand. 49) Gemeint ist Arthur Fords letztes Buch, "The Life beyond
Death, New York 1971. * *
* Fletcher - mein Kontaktmann im Jenseits Über die Nachteile der Vorurteile Experimente mit »Sherlock Holmes« Die ungeheuren Belanglosigkeiten Das Houdini-Trauma und der Houdini-Code Betty und Joan geben zu Protokoll Wanderer zwischen zwei Sphären ——— *
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