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Gerhard
Gollwitzer Der Mensch als Mann und Weib Sexualität und eheliche Liebe –
in der Schau Emanuel Swedenborg 01,0 –
Streifzug durch die heutige Diskussion der Sexualität und Ehe Einstweilen Erhält sie das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe, die Natur nämlich. Auf diese einfache
Formel hat Schiller die beiden Existenzkräfte und zugleich bewegendsten
Probleme der Menschheit gebracht. Das zweite ist heute in Gärung geraten, und
sein Wetterleuchten zwingt dazu, die alte Frage nach dem Sinn der
Geschlechter und ihren Beziehungen in Liebe und Ehe neu aufzurollen. Im
Abendland lag Jahrhunderte lang ein Schatten darauf, das Geschlechtliche war
tabu, es gehörte zum Bereich des Gefährlichen, ja des Unreinen, Sündigen
schlechthin, war leider aber nötig zur Fortpflanzung! Nur mühsam wurde es
reguliert durch die Institution der Ehe, aber in der Öffentlichkeit ‑
und zu Kindern! ‑ sprach man möglichst wenig von dem, was doch alle
taten. Weit auseinander stehen die
katholische Auffassung der Ehe als Sakrament ‑ Papst Paul VI. berief
sich nach dem letzten Konzil mehrmals auf das von Gott gegebene Naturgesetz
und die stets gleichbleibende Lehre der Kirche - und die schon in der
Confessio Augustana säkularisierte protestantische Auffassung: „Die Ehe ist
ein äußerlich weltlich Ding. Denn so der Ehestand allein darum sollt ein Sakrament
heißen, daß Gott denselbigen eingesetzt und befohlen hat, so müßten die anderen
Ämter und Stände auch Sakrament genannt werden, die auch in Gottes Wort und
Befehl gehen, als Obrigkeit und Magistrat etc.“ Eine Bresche schlugen die Romantiker,
insbesondere Schleiermacher und Novalis, als sie das hohe Lied des der
Religion verschwisterten Eros sangen, und Franz von Baader mit seiner
„Erotischen Philosophie“. Doch blieb die offizielle kirchliche Einstellung
davon unberührt. Für sie galt die Maxime: Hauptzweck der Ehe ist die Fortpflanzung,
Nebenzweck die gegenseitige Hilfeleistung. Die Lust bei der geschlechtlichen
Vereinigung aber wohnte nahe oder gar in der Lust am Bösen. Das schlug sich noch im Entwurf eines
westdeutschen Strafgesetzbuches aus dem Jahr l962 nieder, das den Tatbestand
der Unzucht dann als gegeben ansieht, wenn es „dem Handelnden darauf ankommt,
eigene oder fremde Geschlechtslust zu erregen oder zu befriedigen“. In den
Leitsätzen eines evangelischen Arbeitskreises für Sexualethik von 1932 ist zu
lesen: „Der Geschlechtstrieb ist kein unbezähmbarer Naturtrieb wie Hunger und
Durst. Es ist eine der Großtaten des Christentums, die Menschheit von dem
Überdruck dieses Triebes befreit zu haben“. Da war wohl der Wunsch der Vater
des Gedankens, denn in Wahrheit sah man das „sexuelle Verhalten des Menschen
mit Vergrößerungsgläsern“, das heißt, man nahm das Sexualleben gerade dadurch
so wichtig, daß man darüber nur in einer Art „Geheimtuerei“ sprach (Kehl‑Zeller).
„Die Christenheit ist in ihrem Bemühen, um des Himmelreichs willen der Geschlechtslust
zu entsagen, immer lüsterner geworden. Und Nietzsche sagte, das Christentum
habe dem Eros Gift zu trinken gegeben: er sei aber daran nicht gestorben,
aber entartet“ (Mächler). Für den unvoreingenommenen Blick war
es immer seltsam und erstaunlich, wieviel Skrupel die Kirchen in bezug auf
die Geschlechtlichkeit quälten, wieviel skrupelloser sie dagegen andere, weit
unsittlichere Phänomene wie z.B. das Kriegführen und „Töten auf
Staatsbefehl“ (Baade) behandelte. Noch heute gilt in der Militärseelsorge
der Bereich des Sexuellen als „Gefahrenzone Nummer Eins“ und darauf konzentrieren
sich die Bemühungen um „Sittlichkeit“ in erster Linie, während man der für
das Militär viel näherliegenden Frage des „Tötens auf Staatsbefehl“ ausweicht
und darin recht großzügig war und ist. Bei der jüngst veranstalteten Tagung
einer evangelischen Akademie über „Kunst, Moral und Kirche“ ging es
ausschließlich um das Gebiet des Sexuellen, so als sei im Film und in den
Illustrierten die Leinwand und das Papier durch Erzeugnisse, die den Krieg,
das Morden, das Killen verherrlichen, nicht ebenso „schmutzig“ wie durch Sex
und Nackedeis, so als seien die moralischen Gefährdungen durch geistige
Lethargie, Wirtschaftswundernarkose, Rennen nach Geld und Macht und
Versklavung durch Massenmedien, um nur einiges zu nennen, den sexuellen nicht
mindestens ebenbürtig. Robert Kehl‑Zeller ist dem
Verhältnis des Christentums zur Geschlechtlichkeit nachgegangen und hat die
bisherige negative Bewertung auf allerlei Fehldeutungen der Bibel
zurückgeführt. Wenn man gewisse moraltheologische Werke konsultiert, könne
man, so schreibt er, meinen, die Bibel sei voll von eindeutigen
Verurteilungen der Sexualität und der geschlechtlichen Lust. "Das ist
aber keineswegs der Fall. Die biblische Grundlage jener sexualfeindlichen und
namentlich lustfeindlichen Anschauungen liegt in gewissen Formulierungen
einer späten Schichtung der Bibel, mit denen andere Stellen in Widerspruch zu
stehen scheinen. Die Quelle des bisherigen christlichen Antisexualismus
liegt bei Näherem Zusehen entgegen der allgemeinen Auffassung -
überraschenderweise primär weder in der Bibel noch im urtümlich christlichen
Gedankengut, sondern in einer vorchristlichen griechischen Philosophie"
und in den Paulus Briefen. Nachdem sich die Gesellschaft von der
kirchlichen Aufsicht weitgehend freigemacht hatte, nachdem man offener über
Sexus und Eros zu reden und das Selbstverständliche, allen wohl Bekannte,
unvoreingenommen zu behandeln begann, ja nachdem schließlich das Pendel nach
der anderen Seite hin ausschlug und der Zaun derart demoliert wurde, daß die
Luft heute sexuell vibriert und die Eheschranken kaum mehr als nur formal der
allgemeinen sexuellen Anarchie standhalten, beschäftigt man sich überall in
neuer Weise mit dem Rätsel der Teilung des Menschen in zwei Geschlechter,
fragt nach neuen Regelungen ihrer Beziehungen und sucht tiefere Begründungen
für die Ehe. Auch die beiden Großkirchen beginnen ihren einstigen Sexual‑Negativismus
zu überwinden; auf einem evangelischen Kirchentag vertrat ein Theologe sogar
die Auffassung, die Menschen seien durch die heutige Offenheit in
geschlechtlichen Fragen „anständiger“ geworden als zur Zeit der Prüderie und
heuchlerisch doppelten Moral. Die Frau eines anglikanischen Geistlichen
brachte den Vorschlag ein, die Kirche solle endlich ein Lehrbuch über Liebe
und Ehe herausgeben, da viele junge Leute keinen blassen Dunst davon hätten,
wenn sie sich mit einem Partner einließen. Es sei doch lächerlich, daß „bloß
der Teufel echten Sex haben“ solle. Neue Aspekte der katholischen Ehelehre
brachte das II. Vatikanische Konzil: Die Ehe wird nicht mehr einseitig vom
Dogma oder gar vom Kirchenrecht her gesehen, sondern in der ganz
menschlichen Wirklichkeit. Das Leibliche in der Ehe wird ernst genommen. Der
Schwerpunkt der Äußerungen liegt beim II. Vaticanum nicht auf Familie und
Familienmehrung, sondern auf der Ehe, dem ehelichen Leben, dem personalen
Verhältnis von Mann und Frau. Zum ersten Mal ist in offiziellen kirchlichen
Texten in so ausführlicher Weise von Liebe die Rede, zum ersten Mal auch von
der körperlichen Vereinigung von Mann und Frau so, daß sie nicht wie im Kirchenrecht
als Zeugungsakt charakterisiert wird, sondern als Liebesakt, als eine Bezeugung,
Vertiefung und Bereicherung der ehelichen Liebe. Zwar ist auch von der
Fruchtbarkeit die Rede, aber nicht davon, daß der einzelne eheliche Akt
wesentlich mit der Zeugung verknüpft sei, sondern daß die Ehe und die
eheliche Liebe insgesamt etwas mit der Zeugung zu tun habe. Gerade die Verdächtigung des sexuellen
Bereichs und die moralische Aberanstrengung bei seiner Unterdrückung im Abendland
mußte zwangsläufig in Überbewertung umschlagen, wobei übrigens nicht zu
vergessen ist, daß darin nur zutage tritt, was unter der Decke offizieller
Sittlichkeit und Konvention unablässig beliebt war und getrieben wurde. Die
Feinde, die alte Sexfeindlichkeit und die heutige Hypersexualisierung - von
der Fortpflanzung ohne Lustgewinn zum Lustgewinn ohne Fortpflanzung! - sind
aber feindliche Brüder, sich darin gleich, daß sie nur verschiedene
Vorzeichen vor dem gleichen Klammerinhalt sind in der Klammer steht im Grunde
ein Fragezeichen, denn eine tiefere Sinndeutung der geschlechtlichen Differenzierung
des Menschen fehlt nach wie vor. Karl Barth schrieb richtig: „Die Einheiligung
des Geschlechtslebens steht in der katholischen und in der evangelischen Ethik
noch aus. Sie muß ausstehen, solange man sie überhaupt in der Ethik sucht und
sie nur ethisch und moralisch begründet, wie z.B. Barth: „Das in der Ehe sich
vollendende Verhältnis von Mann und Frau ist gesegnet, hat eine Verheißung.
Sie empfangen diesen Segen durch Gottes Gebot und sonst nicht“. Auch die Psychologie
hilft nicht viel weiter, denn „die spezifische Eigenart von Mann und Frau
liegt irgendwo über und hinter dem Bereich, in welchem solche (psychologische)
Typologien (des Männlichen und Weiblichen) relativ möglich sein mögen“ Will man sich aber nicht mit der
Feststellung begenügen, daß „der Sinn der Trennung der Arten in zwei
Geschlechter nicht klar ist: denn in der Natur ist nichts vollkommen klar,
dann geht es eben um das „Irgendwo über und hinter“! Will man die Verschiedenartigkeit
von Mann und Frau nicht nur als „fundamentale Gegebenheit“ hinnehmen, dann
muß man danach fragen, auf welchem „Fundament“ sie denn beruht. Neuerdings wird dafür das Verhältnis
der Partnerschaft angeboten. Für Barth ist das Entscheidende im Verhältnis
von Mann und Frau „der Bereich der Mitmenschlichkeit“; Mann und Frau sind die
„Urform alles Du, Mensch und Mitmensch“, darum ist dem Mann „ein Gefährte der
um ihn sei“ gegeben worden. Doch wiederum bleibt die entscheidende Frage
offen, warum es ein Gefährte besonderer, anderer Art, eine Gefährtin, war!
Nach Strasser heißt „Liebe: aktiv Güte bis zur Hingabe und Opferbereitschaft,
heißt: Mensch unter Menschen seines der Gewinn „ist die freie Entfaltung
jeder Persönlichkeit in freiwilliger Gebundenheit an alle“. Aber wiederum
erhebt sich die Frage: brauchte und braucht es dazu zwei Geschlechter? Dem Trend zur Soziologie folgend trat
andererseits die gesellschaftliche Begründung der Ehe in den Vordergrund.
Schelsky: „Die Ehe muß von der Familie her verstanden werden“; der Theologe
Hausster: „Zuerst war die Familie da, die Sippe stiftete die Ehe, die Ehe
entsteht für die Familie“, und darum ist „die wechselseitige
Beistandsleistung Pflicht der Ehegatten“. Es sei ein Erbübel, zu glauben, daß
Ehe und Familie überhaupt etwas mit Glück zu tun haben“, an Stelle von Glück
sei „Opfer“ zu setzen und Dienst, nur als dienende Hingabe, als Opfer für den
anderen könne die Ehe heute gerettet werden. Aber schon meldet sich eine
andere soziologische Meinung zum Wort: Annemarie Weber schreibt: „Die soziale
Nützlichkeit des Verheiratetseins ist heute stark in den Hintergrund
getreten“ und es bleibt nur noch: „Ehe ist eine anständige Lebensform, in
welcher die Entspannung und das Gleichmaß der Erotik zu dem Bewußtsein der
Verantwortung und der Fürsorge für einen anderen Menschen tritt.
Wesensmerkmale der Ehe sind: urkundliche Genehmigung der Verbindung,
gemeinsame Wohnung, Vermögensregelung, Namensänderung. Hinzu kommt das Zeugen
von Kindern, dann das gemeinsame Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit.
Streifzug durch die heutige Diskussion und Wohlstand. Man sieht:
metaphysische Wesenszüge hat die Ehe nicht. Heute ist es müßig, von der Ehe
zu sprechen, als sei sie noch immer die einheitliche Form für das
Zusammenleben eines Mannes mit und einer Frau“. Ja, nach Christoph Bartels widersprechen
der Einseitigkeit, mit der Ehe und Familie als die lebendige Zelle der Gemeinschaft
erscheine, viele Tendenzen unserer Zeit, für die die Ehe nur eines von vielen
Modellen für das Zusammenleben ist: „Es scheint mir noch keineswegs
ausgemacht, ob nicht neben der Ehe Freundschaft, Kommunitäten, kleine
überschaubare und verpflichtende personale Gruppierungen in immer stärkerem
Maße zu lebendigen Zellen der Gemeinschaft werden“. So wie sie es in anderen
Kulturen lange Zeit waren und noch sind, könnte man hinzufügen. Aber wieder stoßen wir auf den
gravierenden Punkt: Was hat das zu innerst mit der Geschlechterfrage zu tun? Partnerschaft,
Mitmenschlichkeit, menschliche Gruppierung und Zweckgemeinschaft kann es
ebenso in gleichgeschlechtlichen Beziehungen geben, und die zitierten
Forderungen treffen genauso auf diese zu. Während man sich in einem Bildungswerk
kürzlich tagelang über Ehe, Einehe oder Gruppenehe unterhielt, wurde die
Frage „Worauf ist der Mensch überhaupt angelegt“ nur gestreift, obwohl man
doch ohne intensives Daraufeingehen jene Probleme nicht zuständig behandeln
kann. Wie rasch und oft wie pathetisch wird bei der Trauung gesagt: „Was
Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ - aber was und
wie hat er denn zusammengefügt? Über Psychologie und Soziologie, über
Ethik und Verhaltensanleitungen hinaus mußte man nach einer kosmologischen,
ontologischen, theologischen Deutung der Geschlechterteilung suchen; nur
hier wäre das „Irgendwo über und hinter“ zu finden, nur dies konnte zu einer
„Einheiligung“ der ehelichen Liebe führen und eine neue Grundlage für die
Ehe schaffen. Die meisten „neueren Theorien haben den kosmologischen
Gesichtspunkt verloren und sind fast ausschließlich psychologisch geworden.
Die verfeinerte Psychologie der Liebe hat, indem sie eine scharfsinnige
Kasuistik ausbildete, unsere Aufmerksamkeit von der kosmischen, elementaren
Seite der Liebe abgelenkt. Überdies hieße es, den Gegenstand verkleinern, wollten
wir die Betrachtung der Liebe darauf Streifzug durch die heutige Diskussion
beschränken, was Männer und Frauen füreinander fühlen. Das Thema ist viel
weiter, und Dante glaubte, die Liebe bewege die Sonne und die anderen
Gestirne“ (Ortega y Gasset). Und ebenso oft hat man den natürlichsten, elementarsten
Ausgangspunkt außer acht gelassen, nämlich den der Frage nach dem Sinn des
physischen Unterschieds der Geschlechter, nach dem Grund der jede andere
Erregung übertreffenden Lust im Orgasmus und nach der Notwendigkeit des
Zusammenwirkens von Mann und Frau zur Erhaltung des Menschengeschlechts.
Gerade dies elementarste, sich aufdrängendste Wort des Schöpfers aber gilt es
einzusehen und zu verstehen, statt davon abzusehen. „Der gewürdigte Seher unserer Zeiten,
rings um den die Freude des Himmels war, zu dem die Geister durch alle Sinnen
und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten“, Emanuel Swedenborg,
von dem Goethe so sprach, hat dies Unternomen. Er bleibt nicht dabei stehen,
daß es so ist, wie es ist, daß es die zwei Geschlechter gibt, die nun einmal
so und so geartet sind und die eben einigermaßen miteinander auskommen
müssen, sondern geht weiter zum Warum und zu den sich daraus ergebenden Folgerungen.
„Welch Schade, daß so viele Personen aus Vorurteil diese Perlen mißkennen“,
klagte schon Oberlin. 02,0 - Emanuel Swedenborg und sein Werk über die
"Eheliche Liebe" 02,1 - Leben
und Wirkung Emanuel Swedberg wurde 1688 in
Stockholm geboren. 1719 wurde er geadelt und hieß nun Swedenborg. 1772 starb
er in London. In der ersten Hälfte seines Lebens war er Naturforscher,
Physiologe, Anatom, Ingenieur ‑ eines der Universalgenies jener Zeit,
Leibniz in manchem ähnlich. Zudem war er Mitglied des Aufsichtsrats der
schwedischen Bergwerke, des schwedischen Reichsrats und der Stockholmer und
Petersburger Akademie der Wissenschaften. Emerson schreibt von ihm in seinen
"Repräsentanten des Menschengeschlechts": "Er schien durch die
Mannigfaltigkeit und die ungeheure Größe seiner Kräfte die Zusammenballung
mehrerer Personen zu sein. Ein Riese in der Literatur, läßt er sich durch
ganze Fakultäten von gewöhnlichen Gelehrten nicht messen. Seine kühne
Gegenwart würde die Amtstrachten in ängstliches Geflatter bringen. Sein
eminenter Geist ragt hoch über alle Zeiten. Den Wahrheiten, die aus Swedenborgs
Werk in allgemeinen Umlauf gelangten, begegnet man heute jeden Tag. Sie
beeinflussen die Anschauungen und Glaubensbekenntnisse aller Kirchen, wie
auch das Denken von Menschen, die keiner Kirche angehören." Diese Wirkung betrifft zum Teil schon
den anderen Swedenborg. 1744 - 45 wurde er durch mehrere, sein weiteres Leben
entscheidende Christusvisionen zum Seher berufen: "Ich kann heilig
beteuern, daß mir der Herr selbst erschienen ist und mich gesandt hat, zu
tun, was ich tue, und daß er zu diesem Zweck das Innere meines Geistes aufgeschlossen
hat, damit ich die Dinge, die in der geistigen Welt sind, sehen und alle, die
dort sind, hören könne". Auf der Schwelle zum europäischen Gelehrtenruhm
und gerade als ihn das Bergwerkskollegium einstimmig zu seinem Präsidenten
wählte, wandte er sich um: "Ich entsagte aller weltlichen Gelehrsamkeit
und Ruhmsucht und arbeitete in geistigen Dingen, wie mir der Herr befahl, zu
schreiben. Diese sind: die Öffnung der geistigen Welt und die Erklärung des
inneren Sinnes der Bibel, durch den eine Verbindung des Menschen mit dem
Herrn und eine Zusammengesellung mit den Engeln stattfindet." Nun teilten sich die Meinungen über
ihn. Die einen hielten ihn für verrückt, ja schizophren, wogegen freilich
die Klarheit und konsequente Durchführung seiner späteren Werke spricht. Ihr
Wortführer war Kant, doch werden leider über dessen einem, negativen Urteil
seine vorausgehenden und nachfolgenden positiven Urteile in Deutschland
verschwiegen. In einer seiner letzten Vorlesungen sprach er vom "erhabenen
Swedenborg" und übernahm, teils fast wörtlich, dessen Metaphysik und
Darstellung des doppelten, geistig-natürlichen Wesens des Menschen. Für
andere aber wurde gerade dieser Swedenborg zum entscheidenden Anreger, so für
Goethe, dem in Deutschland wohl am meisten zu danken ist, daß "Swedenborgs
Gedanken in allgemeinen Umlauf gelangten", für die Romantiker, für
Balzac, der ihn den "Buddha des Nordens" nennt, Baudelaire und
Strindberg, für Oberlin und Vater Werner, den Gründer des Reutlinger
Bruderhauses, für Helen Keller, die in ihrem Buch "Licht in mein
Dunkel" berichtet, was sie Swedenborg für ihre außergewöhnliche
Entwicklung verdankte, und für Rudolf Steiner. 02,2 - De amore coniugali - de amore
scortatorio 1768 erschien in Amsterdam Swedenborgs
Werk über die eheliche Liebe: "Delitiae sapientiae de amore conjugali;
post quas sequuntur voluptates insaniae de amore scortatorio. - Die Wonnen
der Weisheit, betreffend die eheliche Liebe; dann die Wollüste der Torheit,
betreffend die buhlerische Liebe“. Wie alle Werke des ehemaligen Gelehrten
ist auch dieses systematisch, umständlich, mit vielen Wiederholungen
geschrieben, und mehr als andere ist es durchsetzt mit
"memorabilia" ‑ Denkwürdigkeiten, Visionsberichten. Im
Folgenden wurde versucht, das Wesentliche seiner Schau herauszuschälen, ohne
sie zu verändern. Swedenborg beschäftigt sich in diesem
Werk mit einem der schwierigsten und heikelsten Themen der Psychologie und
Anthropologie, der Ethik und der Religionsphilosophie: mit der Bedeutung der
Sexualität und Ehe in der göttlichen Welt- und Heilsordnung. Seiner, die
christliche Ethik revolutionierenden Auffassung nach gehört das Geschlechtliche
und die Liebe von Mann und Frau keineswegs nur dem niedrigeren, Swedenborg
und sein Werk animalischen Bereich des Menschen an, sondern hat ihren
Ursprung im großen Lebenszusammenhang der Schöpfung. "Die größte
Bedeutung der visionären Theologie Swedenborgs kommt seiner Theologie der
Geschlechter zu", sagt Ernst Benz: "Swedenborg ist seiner Zeit weit
vorausgeeilt, indem er seine theologische Begründung der Ehe auf einer neuen
Theologie des Geschlechts ausgebaut hat. Die wahre Ehe ist die Form der
Gemeinschaft von Mann und Frau, in der sie sich in wahrer und vollkommener
Liebe nicht nur zu einer äußeren Verbindung, sondern auch zu einer seelischen
und geistigen, alle Stufen des persönlichen Lebens umfassenden Personeneinheit
zusammenfinden. Dieser Trieb zur Ganzheit ist bereits für die eheliche Liebe
auf Erden bestimmend, denn er ist im Wesen des Mannes und der Frau selbst
angelegt. Allerdings wird diese völlige Vereinigung im Bereich der irdischen
Leiblichkeit nur selten erreicht; erst im Himmel ist sie in ihrer
Vollkommenheit möglich. Die Voraussetzung ist dabei und darin liegt die
kühnste Folgerung seiner Metaphysik der Liebe, daß die geschlechtliche
Differenzierung in Mann und Frau auch nach dem Tode in der gleichen Weise
fortdauert. In der Differenzierung und Wiedervereinigung der Geschlechter zu
eitler Personeneinheit spiegelt sich ein Urgesetz der Verwirklichung des
göttlichen Lebens überhaupt wieder. Gerade an diesem Punkt kam Swedenborg
mit der traditionellen Jenseitsvorstellung in Konflikt. Die Engellehre stand
seit Augustin im Zeichen einer ins Metaphysische erhobenen Prüderie. In den
kirchlichen Jenseitserwartungen, wie sie zuerst Augustin formuliert hatte,
kommen zwei seiner religiösen Grundanschauungen unweigerlich in Konflikt:
einerseits glaubt er an eine leibliche Auferstehung, andererseits ist für ihn
das Geschlechtliche die Sphäre der Sünde schlechthin. Er beseitigt diesen
Konflikt durch die seltsamsten Spekulationen, die sich in seinem Werk über
den Gottesstaat finden: bei ihrer Aufnahme in die himmlische Welt werden die
Leiber der auferstandenen Männer und Frauen in einen geschlechtslosen Zustand
verwandelt, in dem aber die sekundären Geschlechtsmerkmale erhalten bleiben.
Erst bei Swedenborg ist diese Auffassung überwunden. Die Anschauungen vom Jenseits wurden
von der reformatorischen Theologie als eine Art Anhängsel weiter
mitgeschleppt: man hielt sich auch weiterhin an die herkömmlichen
Vorstellungen des katholischen Mittelalters, in denen der Himmel tatsächlich
als eine Art großes Kloster erschien, in dem geschlechtslose Engelwesen in
ewigen Chören den Herrn priesen. Bei Swedenborg ist dieser Rest der monastischen
Frömmigkeitshaltung des Mittelalters überwunden. Seine Lehre hat aufs
stärkste die Anschauungen der Dichter der Romantik und der Philosophie des
deutschen Idealismus beeinflußt. Wenn heute die kirchliche Theologie in
ihrer notgedrungenen Bemühung, zum Phänomen des Geschlechts eine neue
Einstellung zu Sünden, sich im wesentlichen darauf beschränkt, die Frage der
Erlaubtheit oder Nichterlaubtheit der Pille zu diskutieren, so könnte der
Ketzer Swedenborg unsere Zeit ganz unabhängig von dem Inhalt seiner einzelnen
Anschauungen wenigstens dieses lehren, daß es für die Kirche wichtiger wäre,
mit einer neuen Theologie des Geschlechts, und das heißt mit einer neuen
Theologie der Ehe, sich an die Spitze der geistigen und sittlichen
Entwicklung zu stellen und auf die Bewältigung der unserer Generation
gestellten Probleme eine maßgebliche theologische Antwort zu geben und einer
entsprechenden Lebensform den Weg zu ebnen, als mit wehenden Talaren hinter
der Entwicklung der Pharmakologie oder anderen technischen Erfindungen
herzulaufen". 02,3 - Wunschtraum oder tiefsinniger
Entwurf? Swedenborg war nicht verheiratet. Man
hat daraus einerseits gefolgert, er bringe deshalb keine wirkliche Einsicht
und keine eigene Erfahrung für sein Thema mit. Wir wissen aber, daß er sich
in den Jahren vor seiner Berufung auch auf diesem Gebiet nicht von den
Männern seines Standes unterschieden hat und den sexuellen Umgang aus
Erfahrung kannte und ebenso, daß er die Ehen um ihn her genau beobachtet hat.
Man hat andererseits gefolgert, der Sänger dieses hohen Liedes der ehelichen
Liebe habe seine Saiten so hoch gestimmt, weil er sich damit einen
Wunschtraum von der Seele sang, ja seinen Wunschtraum in den Kosmos, in die
ganze Schöpfung, in den Schöpfer projizierte. Beide Auffassungen sind gleich
oberflächlich‑billig, wie beim Studium seines Werkes bald erkennbar
wird. "Es werden auch in Zukunft Platons 'Symposion', Franz von Baaders
'Erotische Philosophie' und Swedenborgs Schrift über 'Die eheliche Liebe'
für die Geschichte des menschlichen Geistes mehr bedeuten als bloße
Phantasien enttäuschter Junggesellen“. Man verstehe Swedenborg recht: Es hat
keinen Sinn, Wunschträume zu träumen, um sich dem Jetzt und Hier, den
irdischen Realitäten zu entziehen. Aber es hat wohl Sinn, Wunschträume zu
träumen, um sich dadurch die höchste Qualität, das eigentlich Gemeinte und
Anzustrebende klar zu machen. Nur dann ahnen wir wenigstens, worauf es ankommt
und spannen uns zum Höchstmöglichen. Nur wenn wir auf ein großes Ziel blicken
und unserem Leben einen großen Entwurf zugrundelegen, ersticken wir nicht im
Detail des Alltags. Freilich: was Swedenborg schaut und entwirft, oder
besser gesagt nach-schaut und nachentwirft, ist ja nicht sein Wunschtraum,
sondern die einzig wirkliche, das Irdische wirkende und durchwirkende, es
belebende, geistige Wirklichkeit. Deshalb kann er auch beide aufeinander
beziehen, so nahtlos Gleichzeitig von beiden handeln und selbst im
Allerirdischsten und Unmenschlichsten noch die Spuren des Geistigen und
Göttlichen aufzeigen. In einem Gespräch in der geistigen
Welt über den Ursprung der ehelichen Liebe und ihre Kraft und Potenz meldet
sich, nach dem Bericht Swedenborgs in einer seiner
"Denkwürdigkeiten", ein "Afrikaner" zu Wort: "Ihr
Europäer leitet den Ursprung der ehelichen Liebe von der Geschlechtsliebe ab,
wir dagegen leiten ihn ab vom Schöpfer des Himmels und der Erde. Ist die
eheliche Liebe nicht eine reine, keusche, heilige Liebe? Sind nicht die
Engel des Himmels in ihr? Ist nicht das ganze Menschengeschlecht und daher
der ganze Himmel die Frucht dieser Liebe? Ihr leitet die eheliche Kraft aus
mancherlei rationalen und physischen Ursachen ab, wir aber leiten sie aus
dem Zustand der Verbindung des Menschen mit dem Schöpfer des Weltalls ab.
Die wahrhaft eheliche Liebe ist nur den wenigen bekannt, die ihm nahe sind.
Daraufhin bestätigten die Engel, daß er recht habe". Swedenborg geht aus von der
Erforschung der vollkommensten Art der Geschlechterbeziehung, ja von der sich
darin darstellenden Schöpfungsidee, weil erst und nur von hier aus ein
erleuchtendes Licht auf das unübersehbare Gelände der mannigfaltigen
Variationen des Themas in der Menschheit und im Leben des einzelnen Menschen
und in das oft so verwickelte, undurchsichtige Gestrüpp der Liebesverhältnisse,
Liebschaften und Liebeshändel fällt. Das Innerste der Schöpfung und des
Schöpfers ist und bleibt Rätsel und Geheimnis, bestenfalls ahnbar, aber der
Mensch muß aus eingeborenem Drang und Auftrag zumindest versuchen, den
Schleier ein wenig zu lüften und das Geahnte zu formulieren. Zumal heute,
werde Swedenborg sagen, in dieser Menschheitsperiode, für die er in der geistigen
Welt das Losungswort „Nun licet = Nun ist es erlaubt, mit der Vernunft in die
Geheimnisse des Glaubens einzudringen“ gelesen hatte, oder, um mit
Bonhoeffer zu sprechen, heute, da der Mensch "mündig" wird. 02,4 - Hinweise des Herausgebers 1. Der Text des lateinischen Originals
wurde teils wortgetreu, teils freier übertragen, Schachtelsätze wurden
aufgelöst, adjektivbeladene Nebensätze in Hauptsätze verwandelt und
Wiederholungen, oft kurz aufeinander folgend, vermindert oder
zusammengezogen. Wie aus den Absatznummern hervorgeht, wurden die Absätze
teils in ihrer Reihenfolge belassen, teils sinngemäß auf die Kapitel
verteilt. Der Nachdruck einer wortgetreuen Ausgabe, "aus der
lateinischen Urschritt übersetzt", erschien im Swedenborg Verlag Zürich
unter dem Titel „Die eheliche Liebe“. 2. Die Übertragungen der Begriffe und
Formulierungen Swedenborgs ins Deutsche bereiten einige Schwierigkeiten,
einerseits weil sie eigenwillig sind, andererseits weil in den letzten
zweihundert Jahren mancher Begriff seine Bedeutung geändert hat, endlich
weil die Begriffe in dem von ihm behandelten Bereich Überhaupt schwankend und
mehrdeutig sind. Man schlage nur in den Lexika nach und wird bemerken, wie
verschieden dort z.B. "Seele" oder "Geist" interpretiert
wird! Wir geben deshalb am Schluß einige Hinweise. 3. Im Folgenden sind die Ausführungen
Swedenborgs in Times New Roman, die Erläuterungen und Zusätze des
Herausgebers in Kursiv gesetzt. Die in Klammern beigefügten Zahlen geben die
Absatznummern im Werk "Die Eheliche Liebe" an, Zitate aus anderen
Werken sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Geschlechtsliebe – eheliche Liebe – buhlerische Liebe 03,0 -
Der große Lebenszusammenhang 03,1 -
Visibilia et invisibilia Swedenborg sieht alles Lebendige im
großen Schöpfungszusammenhang, in dem alles sich zum Ganzen webt, eins aus dem anderen wirkt und strebt. Von dieser Einsicht aus betrachtet er
auch den Menschen, seine geschlechtliche Differenzierung, die Sexualität und
die eheliche Liebe. Er bleibt nicht stehen bei den Phänomenen, sondern sucht
ihre Herkunft, ihre Ursachen und das mit ihnen Gemeinte zu ergründen und von
hier aus ihren Sinn einzusehen und ihre oft so rätselhaften Erscheinungsformen
zu verstehen. Am Anfang steht die Einsicht, daß das
Sichtbare, Hörbare, Greifbare, das mit den Sinnen Wahrnehmbare nicht die
ganze Schöpfung ist sondern daß es unlösbar mit einer anderen, der geistigen
Welt verbunden ist, von der her es eigentlich lebt, dessen letzte, äußerste
Verwirklichung es ist. Darum ist umgekehrt das Geistige nicht hinter, sondern
in den Erscheinungen zu suchen und zu finden, nicht indem wir von ihnen absehen,
sondern indem wir sie einsehen. Das Materielle ist nicht nur Materie,
irgendwie aussehend und funktionierend und vom Menschen für seine Zwecke zu
verbrauchen, das Unsichtbare, Geistige andererseits ist nicht etwas
Abstraktes, Luftiges, das mit jenem nichts zu tun hat. Ihr habt euch einen vom Materiellen
abgezogenen, abstrahierten Begriff des Geistigen gemacht, und es erschien
euch deshalb wie leer, während es doch die Fülle von allem ist (207). Beide
existieren nicht isoliert nebeneinander und voneinander, sondern bilden einen
innigen und bündigen Zusammenhang. Die Natur ist Darstellung des Geistigen
und zuletzt Göttlichen. Auch in all ihrer Brechung ist sie, mit einem Wort
des Malers Cezanne", das Schau‑Spiel, das der Pater omnipotens
aeterne Deus vor unseren Augen ausbreitet". Ihr Aussehen bedeutet etwas,
deutet auf etwas hin, ist ein Zeiger zu dem, aus dem sie gewirkt ist und
lebt. Zwischen beiden Welten besteht
Entsprechung. Deshalb fragt Swedenborg die letzte, äußerste
Schöpfungswirklichkeit nach ihrem inneren Sinn, nach der sie wirkenden
Ursache, nach der eigentlichen Wirklichkeit, nach dem Urbild. Alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis, das „nur“ ist von Goethe nicht
diminuitiv gemeint, sondern im Gegenteil jede andere Auffassung
ausschließend: nichts anderes als Gleichnis. Swedenborgs Begriff
correspondentia = Entsprechung bezeichnet das Gemeinte genauer als die
vieldeutigen Begriffe Gleichnis und Symbol. Er spricht damit die Art und
Weise der Verbindung beider Welten an und den Hebel für die Belebung und
Lenkung der materiellen Welt. Nach der Ordnung der Entsprechung fließt das
Geistige in das Natürliche ein und gestaltet es. Dies besteht, das heißt
entsteht fortwährend nur aus jenem. "Es gibt kein Natürliches, das nicht
seinen Ursprung im Geistigen hätte", deshalb ist es Repräsentation
dieser Ursprünge. "Das Gesetz der Entsprechung ist das des Einfließens
des Geistigen in das irdische und damit das der Schaffung und Erhaltung aller
Kreatur. Seine Kenntnis führt aus der Welt der Wirkungen hinauf in die der
Ursachen (und endlich in die der Causae finales). Alles, was je in der natürlichen
Welt erscheint, ist Abbild des Reiches des Herrn, so durchaus, daß nichts in
der Sternenwelt und auf Erden existiert, das nicht in seiner Art Geistiges
abbildete. Von daher stammt die Verschiedenheit der Formen, von daher die
Ordnung der Dinge, von daher ihr Funktionieren im allgemeinen und im
einzelnen. An keinem Tier findet sich ein Härchen, an keinem Vogel ein
Federchen, an keinem Fisch ein Grätchen, das nicht vom Geistigen herrührte.
Alle Dinge in der Natur sind äußerste Bilder. Weil nun alles und jedes vom
Geistigen und zuinnerst vom Göttlichen her besteht, das heißt fortwährend
entsteht, und alles, was davon her ist, nichts anderes sein kann als Bild dessen,
wodurch es entstanden ist. So folgt, daß das sichtbare Weltall nichts anderes
ist als eine Schaubühne, die das Reich des Herrn vorbildet. Das irdische ist
das Letzte, in das der göttliche Einfluß des Herrn sich endigt." Dem heutigen Abendländer ist diese Art
der Naturbetrachtung fremd geworden. Der schon zu Swedenborgs Zeit um sich
greifende Naturalismus hat gesiegt und beherrscht heute die Hörsäle,
Laboratorien, technischen Betriebe und Zeitschriften. Und doch ist
Swedenborgs Weltanschauung aus Welt-Anschauung viel einleuchtender als die
Vorstellung, die Natur sei nichts als Materie und Energie, Materiearsenal und
Energiequelle, in sich rotierend, aus sich selbst lebend, ohne Zusammenhang
mit dem Geistigen - das sich dann ins Abstrakte verflüchtigt. Sie ist zwar
alles dies auch, ist auch ein in mathematischen Formeln darstellbares
Beziehungssystem von Energiequanten, auch eine funktional zweckmäßige
Apparatur, aber sie ist darüber hinaus und darinnen noch weit mehr: "Sie
ist Kreatur, Offenbares Geheimnis" (Goethe). Von seinem Einblick in die
Entsprechungs‑Beziehungen leitete Swedenborg auch seine Bibelinterpretation
ab. Die in der Bibel genannten Dinge wie Sonne, Mond und Sterne, Erdreich,
Tiere und Pflanzen, Ölbaum und Weinstock, Essen und Trinken wie auch Throne,
Stecken und Stab, um nur einiges zu nennen, sind nicht bloße Veranschaulichungen
oder poetische Ausmalungen und schon gar nicht Allegorien, sondern exakt
entsprechende Bilder, genaue Zeichen für Geistiges. In ihnen spricht der
Schöpfer und Erhalter in der für die Erdenmenschen allein verständlichen Art
und Weise von sich, von seinen Absichten mit der Schöpfung und dem Menschen.
"Das Wort (die Bibel) ist in seinem inneren Sinn geistig. Vom Herrn
niedersteigend geht es durch die Engelshimmel. Das Göttliche Selbst, das in
sich unerkundbar ist, wird im Niedersteigen der Fassungskraft der Engel und
zuletzt der Menschen angepaßt. Daher stammt der geistige Sinn des Wortes, der
inwendig im natürlichen ist, wie der Gedanke in der Rede und das Wollen in
der Tat." "Ich war von einer inneren Freude
erfüllt, die ich am ganzen Leibe verspürte. Alles dünkte mir auf eine
überschwengliche Art hinaufzuführen, gleichsam in die Höhe zu fliegen und in
einem unendlichen Mittelpunkt zu enden. Hier war amor ipse, die Liebe selbst.
Von hier aus breitete es sich in Kreisen wieder aus und stieg hernieder in
einer unbegreiflichen Kreisbewegung." So schreibt Swedenborg nach
seiner ersten Schau in die geistige Welt. Was wir summarisch und oft ohne
viel Nachdenken "Leben" nennen, ist „der HERR“. "Er ist das
Leben selbst, das Leben in sich, entstehungslos, ewig. Die göttliche Liebe,
die das Urleben ist, kann in ihrem Grundwesen vom Menschen nicht gedacht
werden, denn sie ist unendlich und überschwenglich. Aber der Mensch kann im
"sich Ausbreitenden, Niedersteigenden", in der Schöpfung etwas
davon ahnen, spüren, ja erkennen. Als Kern der Schöpfung schaut der Seher die
"Sonne der geistigen Welt (mundi spiritualis), aus der alles Geistige
als aus seinem Urquell hervorquillt, hervorgehend aus Gott. Sie ist nicht
Gott, sondern sie ist von Gott, die erste Sphäre um ihn von ihm. Mittels
dieser Sonne wurde das Weltall geschaffen. Nichts darin lebt als allein der
Herr. Alles wird durch das Leben aus ihm bewegt." "Der Herr erscheint den Engeln
als Sonne, aus der Wärme und Licht hervorgeht". Beide schaffen, zusammenwirkend,
die Schöpfung. "Die Wärme ist die ausgehende göttliche Liebe, das
Göttlich Gute, das Licht ist die ausgehende göttliche Weisheit, das Göttlich
Wahre. Das All ist ein ineinandergreifendes Werk aus der Liebe durch die
Wahrheit. Sie sind unterscheidbar Eines, so sehr Eines, daß man sie zwar im
Denken unterscheiden, nicht aber in Wirklichkeit trennen kann. Die Liebe ist
in der Weisheit, die Weisheit existiert aus der Liebe. Das Sein, die Liebe,
tritt ins Dasein mittels der Weisheit und ihr gemäß. Das Sein muß dasein und
ausgehen, damit es schaffe." Die Schöpfung trägt das Impressum des
Schöpfers: "Da Gott alles in allem des Weltalls ist, besteht es — das
heißt: entsteht fortwährend aus der geistigen Welt wie die Wirkung aus der
wirkenden Ursache. Die natürliche Sonne hat aus der Sonne der geistigen
Welten ihr Leben. Durch sie wird Gottes Leben der letzten Stufen der
Schöpfung, den Weltkörpern, vermittelt. So ist es das Körperliche, in das der
Himmel zuletzt endigt und auf dem er als auf seiner Grundlage ruht".
Oettinger formulierte, Swedenborg folgend: "Leiblichkeit ist das Ende
der Wege Gottes". "In Dreieinheit ist aus der göttlichen
Dreieinheit alles geschaffen. Sie ist im Höchstgroßen, der ganzen Schöpfung,
und im Allerkleinsten, im Wurm, im Stein (und Atom), und sie ist auch im
Menschen. Die Vollkommenheit selbst ist im Herrn
(und nur im Herrn). Aus ihm ist die Sonne der geistigen Welt, die das erste
Hervorgehende Seiner Liebe und Seiner Weisheit ist, und von hier lebt alles
der Reihe nach bis zum Untersten oder Äußersten." 03,3 - Amor ipse - amor humanus Wir bemerken bereits, daß im Zentrum
der Ausführungen Swedenborgs mit "Liebe" etwas Allgemeineres und
Umfassenderes gemeint ist als im landläufigen Sinn. Wir sprechen von
Geschlechtsliebe, Vaterlandsliebe, Naturliebe oder Gottesliebe, wir
"lieben" den oder jenen, dies oder das, den Mann, die Frau, die
Eltern, die Kinder, die Menschen, das Volk, eine Aufgabe, ein Buch, eine
Landschaft, Gott. Um uns aber über jenes Zentrale klar zu werden, müssen wir
von den Wirkungen zur Ursache zurückgehen und, von den geliebten Objekten
absehend, unseren Blick auf das liebende Subjekt richten. Dann erkennen wir
die Liebe als dessen aktivste Eigenschaft, aufgrund von deren Beschaffenheit
jene Gegenstände ausgewählt werden, als Aus‑sich‑herausgehen,
Hinwendung, selbstlose Hingabe, Streben nach Vereinigung. Die Neigungen und
Begierden, Wünsche und Sehnsüchte sind nicht die Liebe, sondern gehen von ihr
aus; Lust und Freude oder Trauer sind Folgen, sie stimmen das Subjekt je
nach Erreichung oder Nichterreichung seines Ziels. Die Liebe vermählt sich
mit dem geliebten Gegenstand, umfängt und umhüllt ihn. Sie ist Dauerzustand,
Klima, nicht vorüberbehendes Aufflammen, sie ist belebende Wärme,
Lebenswärme. Klima "und " Wärme "
haben Grade, Wärme ist Feuer oder milde Glut, sie kann sich abkühlen, das
Nachlassen der Liebe kann sich zur Lauheit vermindern und endlich in ihr
Negativum, in Kälte umschlagen. Liebe und Haß sind feindliche Brüder aus
einem und demselben Stamm, gleichen Wesens, doch entgegengesetzter Art; die
Liebe schafft Eintracht, der Haß Zwietracht, die Liebe ist Bejahung und will
Vereinigung, der Haß ist Verneinung und will Trennung, die Liebe drängt auf
Vervollkommnung und Harmonie, der Haß auf Disharmonie. Auch der Haß ist
Wärme, aber verzehrendes Feuer, das verbrennen und vernichten will, statt
erwärmen und beleben. Swedenborg schildert mehrmals, wie das höllische Feuer,
die Hitze des Hasses, die höllische Lebenswärme sich als Kälte offenbart, das
heißt als das, was sie eigentlich ist, als Gegensatz zur Liebe, wenn vom
Himmel her die echte Wärme oder Liebe eindringt. Die Liebe oder Lebenswärme in der
Schöpfung, in den Geschöpfen rührt von der Liebeswärme des Schöpfers her, sie
ist deren Ausfluß und Abbild. Liebe an sich und in sich, Liebe selbst, amor
ipse, ist einzig und allein im Herrn als Sein göttlicher Wesenskern,
ausstrahlend das Ewig‑Gute, vermählt in Einheit mit der von der göttlichen
Liebe durchwärmten Wahrheit, der göttlichen Weisheit, mit ihr vereinigt zu
leuchtendem Feuer oder warmem Licht. Aus der göttlichen Liebe Weisheit oder
dem Ewig‑Guten‑Wahren geht die Schöpfung hervor. 03,4 - Das trinitarische Prinzip Dreieinheit und Dreigliederung
bestimmen deshalb alles Erschaffene. Da sind drei Reiche - voneinandergetrennt,
aber zusammengehörend! -: Die himmlische Welt, die Welt der Engel; die
Geisterwelt, die Welt der Geister, in die der Mensch nach dem sterben zuerst
eintritt, beide i Folgenden oft zusammengefaßt in "die geistige
Welt", und die natürliche, materielle Welt, der Kosmos, die Erde, die
Welt der Menschen. Da strahlt die Sonne Wärme und Licht aus und weckt und
schafft als Wirkung die Schöpfung, das Leben der Erde. Da ist auf der Erde
das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich. Da sind die Elemente
der sichtbaren Gestaltung: Kreis, Kugel und Gerade, und aus ihnen entstehend
ihre Verbindungen wie Zylinder, Wellenlinie, Ellipse. Da ist im menschlichen
Gemüt Wollen, Denken und Handeln, oder Trieb‑Neigung-Gefühl,
Denkfähigkeit‑ratio und Vewirklichung‑Tun. Ganz allgemein gesagt:
Alles ist erschaffen in die und durchzogen von der Dreieinheit causa finalis,
causa efficiens, usus, also erstens Endzweck, Endabsicht, Zielidee, Urimpuls;
Zweitens "Ursache", das heißt das, was wir gemeinhin Ursache
nennen, was aber besser Mittelsache heißen sollte; Drittens Wirkung,
Verwirklichung, Nutzen, Nutzwirkung. Swedenborg hat sich damals unermüdlich
bemüht, den Blick auf das dreigradige Schöpfungs‑ oder Wirkungsprinzip
zu lenken und ihm für die Welt‑ und Menschenanschauung Geltung zu
verschaffen, ohne großen Erfolg, denn das flache, zweigradige
Kausalitätsprinzip hatte seinen Siegeszug bereits begonnen. Die Zweigradigen
Prinzipien Ursache‑Wirkung und Theorie‑Praxis beherrschen bis
heute die Wissenschaft und unser aller Erkenntnis und Urteil bis in den
Alltag. Beide setzen seiner Meinung nach zu spät an und vergessen, Wasen der
sogenannten Ursache und der Theorie vorausgeht und vorausgehen muß, causa
finalis, die Ur‑Sache, die Zielidee, der Zielentwurf, die sich ihre
causa efficiens, ihre "Ursache", besser Mittel‑Sache, und
ihre Theorie suchen und sie finden, sie als geeignet auswählen und ausbilden,
um sich im Dritten, im usus, in der Wirkung, in der Praxis, im Produkt zu
verwirklichen: "In jeder vollendeten Sache ist ein Dreifaches. Der
Ordnung nach folgen aufeinander causa finalis, causa efficiens, usus. Die
erstere ist nichts, sie bleibt wirkungslos, wenn sie sich nicht nach einer
wirkenden 'Ursache' umsieht, und beide zusammen sind nichts, wenn sie sich
nicht in der Nutzwirkung vollendete Causa finalis bringt durch causa
efficiens usus, Nutz‑Wirkung, hervor. Hat man dies gehörig erfaßt, dann
kann man daraus ersehen, daß das Weltall ein vom Ersten bis zum Letzten
zusammenhängendes Werk ist, das die göttliche Liebe (causa finalis), die
göttliche Weisheit (causa efficiens) und die Nutzwirkung in sich schließt. Es
besteht, das heißt entsteht fortwährend aus fortlaufenden
Verwirklichungen", die vom Urleben, der göttlichen Liebe, ausgehen, von
der göttlichen Weisheit in Form gebracht und als Erschaffenes hervorgebracht
werden. Heute mehrt sich die Erkenntnis der
Verflachung unserer Einsicht durch das zweigradige Prinzip. In der
Naturwissenschaft beginnt man das unzulängliche Kausalitätsprinzip durch das
dreigradige „Wirkungsprinzip“ abzulösen. Max Planck schreibt: „Durch das
Wirkungsprinzip wird in den Begriff der Ursächlichkeit ein ganz neuer Gedanke
eingeführt: zu der causa effisiens, der Ursache, welche aus der Gegenwart in
die Zukunft wirkt und die späteren Zustände als bedingt durch frühere
erscheinen läßt, gesellt sich die causa finales, welche umgekehrt die Zukunft,
nämlich ein bestimmt angestrebtes Ziel, zur Voraussetzung macht und daraus
den Verlauf der Vorgänge ableitet, welche zu diesem Ziel hinführen“. Wir sind
auf diesen Zentralgedanken Swedenborgs so ausführlich eingegangen, weil ohne
ihn seine Schau der ehelichen Liebe und seine Erklärung der Teilung des
Menschen in zwei Geschlechter nicht zu verstehen ist. Auch im Nachdenken über die Bewältigung
der Zukunft macht sich, um ein anderes Beispiel zu nennen, die Bemühung um
eine tiefere Schau bemerkbar. „Jede Planung wird von der Absicht bestimmt,
die Sachverhalte auf die sie sich richtet, selbst hervorzubringen. In diesem
Sinn gehört Planung weder in den Bereich der reinen Theorie, noch in den
Bereich der reinen Praxis; sie bewegt sich auch nicht in irgendeinem
undurchsichtigen Zwischengelände, in dem sich Theorie und Praxis unkontrollierbar
überschneiden. Planung gehört vielmehr in den noch viel zu wenig erforschten
Bereich des dritten Grundvermögens der menschlichen Vernunft".
Swedenborg würde sagen: „Dieser viel zu wenig erforschte bereich“ ist der
des bislang übersehenen ersten (causa finalis), „nicht dritten“ — großen
Grundvermögens. Am durchdachtesten und
ausdrücklichsten hat Rudolf Steiner auf die Dreigliederung des Menschen und
der Welt hingewiesen wovon leider die Offizielle Naturwissenschaft,
Anthropologie und Psychologie, Gemeinschaftskunde und Politik noch kaum
Notiz nehmen zu müssen glaubten. 04,1 - Die Stellung des Menschen in
der Schöpfung Was ist der Mensch? Wie ist seine
Stellung in der Schöpfung, und welche Rolle hat er in ihr zu spielen?
"Das Wesen der Liebe besteht darin, andere außer sich zu lieben, eins
mit ihnen zu sein und sie aus sich zu beglücken. Diese Eigenschaften der
Liebe führten zur Erschaffung des Weltalls und sind der Grund seiner
Erhaltung. Das Eigentliche der Liebe ist, andere lieben und mit ihnen durch
Liebe verbunden werden, nicht aber sich selbst lieben. Die Verbindung der
Liebe kommt vom Wechselseitigen, und Wechselseitiges gibt es nicht bei Einem
allein. Wirkliche Liebe kann nur sein und dasein in anderen, die man liebt,
und von denen man geliebt wird. Das ist bei aller Liebe so, im höchsten Grad
aber, unendlich, in der Ur-Liebe. Was diese betrifft, so kann lieben und
wieder geliebt werden nicht stattfinden in solchen, in denen sich etwas von
dem Unendlichen oder von der Liebe in sich findet. Das Göttliche ist einzig,
fände sich Gottgleiches in anderen, so wäre es Gott selbst, und Gott wäre die
Selbstliebe. Von dieser aber kann sich in Gott nichts finden, denn sie ist
völlig entgegengesetzt Seinem Wesen", dem Wesen der Liebe. "Die universelle causa finalis,
der universelle Endzweck der Schöpfung ist die Verbindung des Schöpfers mit
dem erschaffenen Weltall. Diese ist nur möglich durch Subjekte, in denen Sein
Göttliches wie in sich sein, in denen es wohnen und bleiben kann. Diese müssen,
damit sie Seine Wohnungen und Bleibestätten seien, Seine Liebe und Seine Weisheit
wie aus sich (in eigener Verantwortung, Selbstbestimmung und freier
Entscheidung) aufnehmen können. Sie müssen wie von selbst sich zu ihm erheben
und sich mit ihm verbinden können. Diese Subjekte sind die Menschen, und
durch diese Verbindung ist der Herr gegenwärtig in jedem erschaffenen Ding.
Alles Erschaffene ist am Ende um des Menschen willen da. Gott hat das Weltall
aus keinem anderen Grunde und zu keinem anderen Zweck geschaffen, als daß ein
Menschengeschlecht und aus diesem ein Himmel entstehe. Die Zielidee der
Erschaffung des Weltalls ist, daß ein Engelshimmel existiere", das heißt
ein Reich der echten Gegenüber-Wesen, der echten, gemeinten Menschen, „aus
denen sich der Himmel bildet“. Das Menschengeschlecht ist die
"Pflanzschule des Himmels". Diesen Gedanken zitierte Goethe in
seinem letzten Gespräch mit Erkermann: "Gott hat den Plan gehabt, sich
auf dieser Materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern
zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die
niederen heranzuziehen." Welche Glorifizierung, aber auch
welche Verantwortungsbelastung des Menschen! Er ist Sinn, Sammel- und
Angelpunkt, Schlüsselfigur der Schöpfung, nicht Gott gleich, aber „Ihm zum
Bilde, in Seine Ähnlichkeit“ geschaffen. Diese berühmten Worte erklärt ein
Engel nach Swedenborgs Bericht folgendermaßen: „Bild Gottes meint
Aufnahmegefäß Gottes, und weil Gott die Liebe selbst und die Weisheit selbst
ist, so meint Bild Gottes: Aufnahmegefäß dieser Liebe und Weisheit im Menschen.
Die Ähnlichkeit Gottes aber ist die vollkommene Ähnlichkeit, der vollkommene
Anschein, als ob Liebe und Weisheit im Menschen selbst wären und somit
gänzlich sein eigen, denn der Mensch empfindet nicht anders, als daß er aus
sich liebe und aus sich weise sei oder, daß er aus sich das Gute, das Sache
der Liebe ist, wolle und das Wahre, das Sache der Weisheit ist, denke. In
Wahrheit ist gar nichts sein eigen, sondern alles von Gott. Die Ärmlichkeit
oder der Anschein, als sei die Liebe und die Weisheit oder das Gute und das
Wahre im Menschen wie sein eigen, macht aber möglich, daß der Mensch Mensch
ist und, daß er mit Gott verbunden werden und so in Ewigkeit leben kann. Der
Mensch ist (oder besser: wird) dadurch Mensch, daß er das Gute wollen und das
Wahre einsehen kann ganz wie aus sich selbst, dennoch soll er wissen, daß
beides von Gott ist. Demgemäß legt Gott sein Bild im Menschen an." 04,2 - Die Struktur des Menschen Der Mensch ist Seele (anima) Geist
(mens) und Leib oder seelisch- geistig‑leibliches Wesen. Das Leben des
Schöpfers fließt belebend ein in sein Innerstes, seine innerste oder oberste
oder erste Region die Seele (anima), es gestaltet sich aus in seinem Inneren,
seiner inneren oder mittleren oder zweiten Region, im Gemüt (mens), und
bewirkt Realisierung im Äußeren, in der äußeren oder unteren oder dritten,
letzten Region, im Natürlichen, das ist im menschlichen Leib und in dessen
Handlungen. Alle drei zusammen sind Der Mensch, er hat nicht Seele, Gemüt
oder Leib, sondern ist Seele-Gemüt‑Leib als Untrennbare Einheit.
"Da der Herr die göttliche Liebe and Weisheit ausströmt" und aus
beiden vereint Leben schafft, "so ist, damit Er im Menschen wohne und
ihm Leben geben könne, notwendig, daß in diesem Aufnahmegefäße sind: in der
menschlichen Seele (anima) die Fähigkeit zur Aufnahme der ewigen Liebe und
Weisheit, im menschlichen Gemüt (mens) die Fähigkeit des Wollens (voluntas)
und die des Denkens (intellectus)". Deshalb ist die Seele die
himmlische, das Gemüt die geistige, der Leib die natürliche Region im
Menschen. "Es gibt ein allgemeines
Einfließen (vom Herrn her) in die Seelen der Menschen. Es ergießt sich in
sie, weil die Seele das Innerste oder Höchste des Menschen ist. Von dort
dringt es herab in das, was sich außerhalb und unterhalb befindet und belebt
es je nach dem Grad der Aufnahme. Die Wahrheiten gehen zwar gehört oder
gelesen in den Menschen ein und werden auf diese Weise dem Gemüt unterhalb
der Seele eingepflanzt, doch wird er durch sie nur zur Aufnahme jenes aus dem
Herrn Einfließenden vorbereitet (und zur Öffnung für dessen Aufnahme
vorbereitet)." Was in der Seele geschieht und sich
aus ihr herabsenkt oder "aus dem Seelengrund aufsteigt", wirkt sich
nach außen oder unten aus, zunächst im Gemüt, in dessen Wollen und Denken.
Das Gemüt ist nicht der Fluß, sondern das Flußbett des Seelenstroms. Seine
Art und Form ist die Nutzwirkung der Seele, ihre Liebeswärme ist der Ursprung
des Wollens, ihr Trieb der Ursprung der Neigungen, Emotionen, Affekte,
Reizungen, Wünsche, Sehnsüchte, Lüste. Ihre Erleuchtung ist der Ursprung des
Denkens, Wissens, Einsehens, Ordnens und Planens, die jenem Ausrichtung geben
und es „in Form bringen“. Wie das Gemüt geartet ist und was in ihm geschieht,
wirkt sich nach außen oder unten aus in den Verwirklichungen des Gewollten
und Gedachten, im Natürlichen, im Leib und in den Handlungen, Taten, Werken.
„Das Wollen kann ohne Denken nicht handeln, sondern ist blind und tappt im
dunklen; der Verstand ist das Licht, aus dem der Wille sieht“. Aus beiden
gehen die Taten, Handlungen, Verwirklichungen hervor, und erst diesen sind
jene wirklich: „Das menschliche Gemüt ist wie ein Erdreich, das so beschaffen
ist wie es angebaut wird; in den Taten und Werken stellt es sich dar. Des
Menschen Wollen und Denken, das heißt sein inwendiges, haben ihre
Vollständigkeit erst im Auswendigen, in dem sie sich begrenzen. Ohne solche
Begrenzung sind sie wie das Unbegrenzte, das noch nicht existiert und somit
auch noch nicht im Menschen (seinem Wesen wirklich eingelebt und zugehörig)
ist. Der geistige Leib des Menschen stammt nicht anderswoher.“ Die Liebe der Seele ist des Menschen
Wesenskern, Grundklima, Grundintention, Grundhaltung, wie auch immer die
Gegenstände der Liebe und ihre Erregungszustand wechseln mögen. Sie wirkt
sich bis ins Letzte aus, aber andererseits wirkt da Äußerste, Letzte
auch wiederum zurück in das Gemüt und
in die Seele. Die Menschwerdung erfolgt hin und her auf beiden Wegen. Ihm
sind charakteristische Veranlagungen oder Färbungen angeboren, aber er
beginnt sein Dasein als unfertiges Wesen, als hilfloser und Unmündiger
Säugling und entfaltet sich körperlich und geistig zum ausgereiften,
seelisch‑geistig‑körperlich "fertigen" Menschen, zum
ausgeprägten Individuum, das durch sein Leben aus den Anlagen sein Eigenes
gemacht hat und weiterhin macht. So wird er - soll er werden! - aus einem anfänglich natürlichen ein
geistiger Mensch, dessen Seele und Gemüt sich dem göttlichen Einfluß öffnen
und Aufnahmegefäß des göttlichen Lebens sind. Ewig, das heißt auch nach dem
irdischen Tod in der geistigen Welt weitergehend, vollzieht sich dieser
wechselseitige Menschwerdungs‑ und Gestaltungsprozeß. 04,3 - Der Mensch als Bürger zweier
Welten Längst ist schon offensichtlich, daß
der Mensch Bürger zweier Welten ist. Durch ihn „wird die natürliche Welt mit
der geistigen verbunden. Er ist das Mittel dieser Verbindung, denn in ihm ist
gleichzeitig die natürliche und die geistige Welt. Der innere Mensch weilt
immerzu in der geistigen Welt, die nicht entfernt von ihm ist", also
nicht ein späteres "Jenseits". Er lebt schon auf Erden "als
Geistwesen in jener Welt und denkt aus dem Licht jener Welt. Ja, die
Verknüpfung der Seelen der Menschen mit denen der Geister und Engel ist so
innig, daß er, würden diese von ihm entfernt, wie ein Klotz tot niederfiele.“
Jeder von uns gehört deshalb schon auf Erden, je nach seinem inneren Zustand
und seiner Lebenstendenz, zu Gemeinschaften von Geistwesen und lebt in einem
unsichtbaren Gespinst von geistigen Beziehungen, so wie mit den Menschen
dieser Erde, seiner Familie, seines Volkes, seiner Zeit. Im Sterben geht der
Mensch in jene andere Welt hinüber, von der hiesigen Existenzart in jene
andere, ihm innerlich längst vertraute. Freilich ist dieser Schritt ein so einschneidendes
Erlebnis im Leben des Menschen - das ja viel länger währt als nur die kurze
Spanne seines Erdenlebens! -, weil die geistige Welt totaliter ist als die
irdische, obwohl beide im großen Lebenszusammenhang unlösbar zusammengehören.
"Der Mensch stirbt nicht, sondern wird vom körperlichen getrennt, das
ihm auf der Erde zum Gebrauch gedient hatte. Der Mensch selbst lebt, denn er
ist Mensch, nicht durch den Körper, sondern durch den Geist. Er geht, wenn er
stirbt, von der einen Welt in die andere über. Merkwürdigerweise hat dann
kaum einer etwas über die andere Welt gewußt, obwohl er doch eine ganze Menge
hatte wissen können, wenn er nur seine Vernunft hätte gebrauchen wollen. Er
bekümmerte sich aber nicht um das Leben nach dem Tode, sondern nur um das auf
der Erde. Da alles, was im Körper lebt und wirkt, einzig dem Geist und nichts
davon dem Körper angehört, so folgt, daß der Geist der eigentliche Mensch
ist oder, daß der Mensch an sich betrachtet ein Geistwesen ist, das auch
gleiche Gestalt hat, denn alles, was im Menschen lebt und empfindet, gehört
seinem Geiste an und in ihm ist vom Haupt bis zu den Fußsohlen nichts, was
nicht lebt und empfindet. Daraus folgt, wie schon gesagt, daß der Mensch auch
Mensch bleibt und lebt, wenn der Körper im Sterben von seinem Geiste
abgetrennt wird.“ Wenn die Dinge so liegen, dann ist es
auch möglich, daß dann und wann ein Mensch schon während seines Erdenlebens
in jene Welt schauen darf. Im Gegensatz zu Traum, Halluzination, Einbildung oder
Folge von Schizophrenie sind die Visionen der Seher Einblicke in jenes „Land
des Wesens und der Wahrheit“, in jene Welt von Geistwesen, in jenen großen
Lebenszusammenhang. Die Seher sind nicht nur wie wir alle unbewußte Bürger
der beiden Welten, sondern leben zu den Stunden der Schau bewußt in beiden
gleichzeitig. Swedenborgs Werk über die eheliche Liebe beginnt mit den
Sätzen: Ich sehe voraus, daß viele das Folgende für Erfindungen der
Phantasie halten werden, allein ich versichere, daß es wirklich Geschehenes
und Gesehenes ist, gesehen nicht in einem Betäubungszustand, sondern in
völligem Wachsein. Denn es hat dem Herrn gefallen, sich mir zu offenbaren,
und Er hat hiefür das Inwendige meines Gemütes aufgeschlossen, worauf mir
gegeben wurde, gleichzeitig in der geistigen und in der natürlichen Welt zu
sein. Und später heißt es: Mancher, der nur seinen Sinnen traut, wird sagen:
,Wenn die Menschen nach dem Tode weiterleben, würde ich sie sehen und hören'
oder ,Wer ist jemals vom Himmel herab- oder von der Hölle heraufgestiegen und
hat davon erzählt?' Das aber war und ist nicht möglich, denn die Engel des
Himmels und die Geister der Höhe können nicht mit Menschen reden, außer mit
solchen, deren innere Regionen vom Herrn aufgeschlossen und vom Herrn zubereitet
wurden. Es hat dem Herrn gefallen, dies bei mir zu tun, auf daß der Zustand
des Himmels und der Hölle und der Zustand des Menschen nach dem Tode nicht
unbekannt bleibe. Kürzer oder länger lebt der Mensch
nach dem Tod in der „Geisterwelt“ (mundus spirituum), in der Zone der
Sichtung seines Innwendigen und des allmählichen Zutagetretens seiner wahren
Geistgestalt. "Dann liegt offen zutage, wie der Mensch innerlich während
seines Erdenlebens beschaffen war. Alsdann wird entfernt und von ihm
weggenommen, was mit seiner innersten Liebe nicht eins ausmacht"; dann
"kann keiner mehr heucheln, denn seine Geistgestalt wird zum Ebenbild
seiner Neigungen und Gedanken". Und je nach seinem Wesenskern und
demzufolge seiner Zugehörigkeit zu Gemeinschaften von Geistern und Engeln
während seines Erdenlebens strebt er dann zu diesen. Oben tauchte das Wort
"Hölle" auf. Davon muß nun die Rede sein, von jener Gegenwelt der
Himmel, der Engel, vom Bereich des Bösen und Falschen, der Störung der Schöpfungsharmonie,
von den Teufeln, Satanen, Dämonen, von denen wir unten grauenhafte
Schilderungen lesen werden. Wie wir hörten, ist der Mensch aus allen
Kreaturen durch seine Sonderstellung herausgehoben. Er wurde "zum Bild
des Schöpfers, in dessen Ähnlichkeit" geschaffen, das heißt er ist
selbst Schöpfer, er hat die Gaben der Vernunft und der Selbstbestimmung, er
ist mündig gegenüber allen anderen Geschöpfen. Aber das heißt auch: er trägt
damit eine unvergleichbar größere Verantwortung für sich und für die ganze
Schöpfung. Er allein kann, obzwar auch er in Wahrheit nur reagiert und nicht
aus sich selbst lebt, doch so agieren, als ob er aus sich selbst entscheide
und schaffe. Ja, er muß, um seiner Stellung im Schöpfungsganzen zu genügen
und den Sinn und die Aufgabe seiner Stellung erfüllen zu können, fähig sein,
wie aus sich selbst zu agieren. Richtig, im Sinn des Schöpfers agieren heißt
für den Menschen warm und licht, liebevoll und weise sein zu wollen und das
zu tun, wozu ihn die ewige Liebe und die ewige Weisheit immerfort beleben,
erwärmen und erleuchten. Der Mensch kann aber auch unrichtig agieren,
nämlich aus Selbstliebe der irdischen Welt verfallen; im Dünkel, selbst
Schöpfer und Lebensquell zu sein, sich deshalb selbst liebend und in
Verengung auf den irdischen Bezug seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt
vergessend und verratend; von sich selbst erwärmt, das ist in Wahrheit kalt,
und von sich selbst erleuchtet, das ist in Wahrheit Verdunkelt; sich selbst
liebend, das ist in Wahrheit lieblos, und von seiner eigenen Urteilskraft
überzeugt, das ist in Wahrheit töricht. Diese Kälte und Verfinsterung sind
nicht die gleichwertigen Gegenpole der Wärme und des Lichtes, sondern deren
minus, deren Verminderungen bis zum fast-nicht‑mehr‑warm‑
und ‑hell‑sein. Fast, denn ganz wäre Auslöschung des Lebens. "Die geistige Wärme des Menschen
ist seine Lebenswärme. Diese wird im Wort 'Feuer' genannt, die Liebe zum
Herrn und die Liebe zum Menschen himmlisches Feuer, die Selbst‑ und
Weltliebe höllisches Feuer. Das letztere entspringt aus der gleichen Quelle
wie jenes, aus der einzigen Quelle des Lebens, nämlich aus der Sonne des
Himmels und zuinnerst aus dem Herrn. Es wird aber höllisch durch die Art
derer, die es aufnehmen. Denn aller Einfluß aus der geistigen Welt wird
verschieden bestimmt und gestaltet durch die Aufnahmeformen, in die er
einfließt, nicht anders als die Wärme und das Licht aus der Sonne der
irdischen Welt: die aus ihr in Wälder und Blumenbeete einfließende Wärme
lockt angenehme und liebliche Düfte hervor, ebendieselbe Wärme aber,
einfließend in Exkremente oder Aas, bewirkt Fäulnis und zieht üble Dufte und
Gestank heraus." Im Menschen selbst liegt also der
Ursprung des Bösen. Nicht so freilich, als sei dieser Ursprung bei der
Schöpfung in den Menschen gelegt worden, sondern so, daß er selbst ihn sich
eingepflanzt hat, indem er unmenschlich agierte. So kam das Böse in die Welt
und in seinem Gefolge das Falsche. Und diese Welt des selbstherrlichen und
weltverengten Menschen setzte und setzt sich fort in die irdische und in die
geistige Welt. Der sogenannte "Sündenfall" war ein langsam
fortschreitender Abfall der Menschheit nach dem ersten,
"paradiesischen" Äon, als sie Gefallen an sich selbst und am
irdischen Dasein fand und dadurch ihren Sinn und ihr Ziel aus dem Auge
verlor. Durch Generationen wiederholt und vermehrt und in der geistigen Welt
fortgesetzt, hat das Böse und Falsche die ganze Schöpfung angesteckt. Daraus
entstanden die Gegenwelten der Himmel, die Höllen, bevölkert mit Menschen, die
nach ihrem Sterben dort Geister wurden. Der Mensch entscheidet durch seine
Innerste Haltung und seine spirituale, soziale und personale
Selbstverwir1elichung auf der irdischen Wegstrecke seines Lebens, wohin er im
anderen Leben kommt, welche weitere Entwicklung er dort nimmt. Er bestimmt
hier, wohin es ihn dort zieht: "Der Mensch bringt sich selbst in die
Hölle, nicht der Herr. Alle Menschen werden für den Himmel geboren, keiner
für die Hölle. Der Herr will das Heil aller, aber Seine Barmherzigkeit ist
nicht ein unvermitteltes Erbarmen, das darin bestünde, alle nach Willkür
selig zu machen, wie auch immer sie gelebt haben. Weil derjenige, der ein
böses Leben geführt hatte, auch nach seinem Tode in seiner innersten Neigung
bleibt, kann er nicht lange bei den Engeln und guten Geistern, die ihn in
Empfang nehmen, verweilen. Er trennt sich allmählich von ihnen, bis er
schließlich zu Geistern kommt, deren Leben mit dem, das er auf Erden geführt
hatte, übereinstimmt." Es muß noch klar gestellt werden, was
auch Swedenborg betont, daß nicht Gott und Teufel/Satan sich als gleichrangig
gegenüberstehen, so als wäre ein Teufel oder Satan auch Gott, eine
Gegengottheit. Wir dürfen nicht sagen Gott und Teufel‑Satan, sondern
können nur von Engeln und Teufeln/Satanen oder von Himmeln und Höllen als
vergleichbaren Gegensätzen sprechen. Welche Verheerungen hat jenes falsche
"und", jene falsche Gleichstellung von Gott und Teufel/Satan, das
heißt von Schöpfer und Geschöpf, schon angerichtet! So anschaulich das bekannte
Wort "Der liebe Gott muß immer zieh'n, dem Teufel fällt's von selber
zu!" auch klingt, so gefährlich falsch ist es doch formuliert. Es kann
nur lauten: "Die Engel müssen immer zieh'n, den Teufeln fällt's von
selber zu!" Und ebenso falsch ist es, vom Menschen als einem Wesen
"zwischen Gott und Teufel“ zu sprechen, richtig ist nur: „zwischen Engel
und Teufel“. Das gleiche gilt für „gut“ und „böse“,
„wahr“ und „falsch“. Sie sind nicht die zwei gleichwertigen Seiten derselben
Sache. Nur Gutes und Wahres ist lebendig und Leben wirkend, nur die ewige
Liebe und Weisheit ist wirklich Leben. Wendet sich der Mensch ihnen nicht
zu, sondern von ihnen ab, dann vermindern sie sich zum weniger Guten und Wahren
und können umschlagen ins gar nicht mehr Gute und gar nicht mehr Wahre, ins
Un‑Gute und Un-Wahre. Böses und Falsches dürfen also nie als
gleichwertige Gegenpole, Haß, Rachsucht Besitzgier und Torheit nie als gegenpolige
Lebensquellen verstanden werden. Im Bösen und Falschen lebende Menschen sind
in Wahrheit, von dem aus gesehen was den lebendigen Menschen ausmacht,
geistig tot. 05,0 - Der Ursprung der ehelichen Liebe 05,1 - Die Ehe des Guten und Wahren Man hat mehrere innere und äußere
Entstehungsgründe der ehelichen Liebe erörtert, allein der innerste oder
allgemeinste Ursprung aller ist der aus der Ehe des Ewig‑Guten und Ewig‑Wahren.
Bisher hat niemand den Ursprung dieser Liebe von da hergeleitet, weil man
nicht wußte, daß es eine so entscheidende und innige Vermählung des Ewig‑Guten
mit dem Ewig‑Wahren, der Liebe mit der Weisheit im Allwalten des
Schöpfers gibt. Dies war auch deshalb unbekannt, weil das Gute nicht wie das
Wahre im Lichte des Denkens erscheint und deshalb seine Erkenntnis verborgen
blieb und sich der Forschung entzog. Dem Blick der natürlichen Vernunft erscheint
das Gute so entfernt vom Wahren, daß es keinerlei Verbindung zu geben
scheint. Sagt man: Das ist gut! dann denkt man nicht im mindesten an Wahres;
sagt man: Das ist wahr! dann denkt man ebensowenig an Gutes. Deshalb meinte
man, das Wahre habe nichts mit dem Guten zu tun und der Mensch sei
verständig und weise, das heißt Mensch, je nach den Wahrheiten, die er denkt,
spricht, schreibt und glaubt, nicht aber zugleich je nach dem Guten in ihm.
In Wahrheit gibt es kein Gutes ohne Wahres und kein Wahres ohne Gutes, und
zwischen beiden besteht jene ewige Ehe, die der Ursprung der ehelichen Liebe
ist (83). Alles im Weltall bezieht sich auf das
Gute und Wahre. Beide sind die Universalien der Schöpfung, denn sie sind im Schöpfer,
ja sie sind Er selbst. Da das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit
angehört, da der Inhalt der Liebe das Gute ist und die Weisheit auf das Wahre
hin ausgerichtet, da somit die Liebe aus Gutem und die Weisheit aus Wahrem
besteht, werden im Folgenden bald diese, bald jene genannt und kann man auch
sagen: im Herrn ist die Liebe und die Weisheit und diese sind Er selbst.
Ihnen entsprechen die Wärme und das Licht der Sonne, aus denen alles Leben
auf Erden sein Sein hat und gemäß deren Verbindung alles hervorsproßt. Die natürliche
Wärme entspricht der geistigen, der Liebe, und das natürliche Licht dem
geistigen, der Wahrheit (60, 84). Da also der Herr‑Gott‑Schöpfer
die Liebe selbst und die Weisheit selbst ist und von Ihm das Weltall wie ein
von Ihm hervorgehendes Werk erschaffen wurde, findet sich in allem und jedem
Erschaffenen etwas Gutes und etwas Wahres von Ihm (85). Es gibt kein isoliertes Gutes und kein
isoliertes Wahres, sondern überall sind beide miteinander verbunden. Es ist
nicht möglich, sich vom Guten eine Vorstellung zu machen, ohne ihm etwas
hinzuzufügen, das es darstellt und offenbart. Das aber bezieht sich auf das
Wahre. Ohne dies Hinzugefügte ist das Gute prädikatlos und daher ohne
Bestimmtheit, ohne Zustand, ohne Beschaffenheit. Das gleiche gilt für das
Wahre ohne jene Grundintention, die sich auf das Gute bezieht. Das Gute ist
das Wesen oder das Sein; durch das Wahre existiert es und wird es geformt.
Das Wahre ist das Dasein des Seins, des Guten. Und ebenso ist es im Menschen:
die Aufnahmegefäße für das Gute, nämlich sein Wollen, seine Neigungen, und
für das Wahre, nämlich sein Denken, sein verstand, gehören und wirken
zusammen ebenso wie in seinem Körper deren Entsprechungen Herz und Lunge
(87). „Es gibt kein Wesen ohne Form und keine Form ohne Wesen. Das Gute ist
das Wesen, das durch das Wahre geformt wird. So ist es auch im Menschen: das
bloße Wollen tut nichts außer in Verbindung mit dem Denken, das bloße Denken
nichts außer in ehelicher Verbindung mit dem Wollen. Sprache und Handlung
fließen nicht aus dem bloßen Denken, sondern aus dem Wollen mittels des
Denkens. Und so auch im menschlichen Körper: das Herz kann kein Empfindungs‑
und Bewegungsleben hervorbringen ohne die atmende Lunge, die Lunge aber wird
vom pulsierenden Herzen mit Blut erfüllt“. Die gleiche Zusammengehörigkeit
und Wechselwirkung können wir in der Natur beobachten: Nur das mit der Wärme
vereinigte Licht wirkt Leben. Auch im Winter sind die Gefilde und Gärten vom
Licht erleuchtet, aber sie blühen und fruchten nicht. Erst wenn sich mit dem
Licht die Wärme vermählt, im Frühling und Sommer, wachsen, blühen und
fruchten sie dank dieser Verbindung (72). 05,2 - Die universelle eheliche Sphäre Da aus der Ehe des Guten und Wahren
alles Erschaffene und alle Arten der Liebe hervorgehen, ist sie die Grund‑
oder Fundamentalliebe aller himmlischen, geistigen und daher natürlichen
Liebesarten und ihrer aller Ursprung. Aus ihr gehen auch alle Arten des
liebenden Wollens im Menschen hervor, die den Himmel und das geistige Leben
in ihm ausmachen, das Gute dieser Ehe seine Liebe und das Wahre dieser Ehe
seine Weisheit. Wenn die Liebe zur Wahrheit hinzukommt und sich mit ihr
verbindet, dann erst wird die Liebe wirklich und wirksam Liebe, und wenn
andererseits die Wahrheit zur Liebe hinzukommt und sich mit dieser verbindet,
dann erst erwächst aus den aufgenommenen und erkannten Wahrheiten Weisheit
(65). Diese universelle eheliche Sphäre, die
vom Herrn unaufhörlich ausgeht, durchdringt und bestimmt das Weltall vom
Ersten bis zum Letzten, von den Engeln bis herab zu den Würmern und Atomen
(92). Nur von daher stammt die eheliche Liebe bei den Menschen; jene Sphäre
fließt immerwährend in sie und in die Engel ein, in Ewigkeit fort (93). Sie
ist auch die Sphäre der Erhaltung des Weltalls durch aufeinanderfolgende
Zeugungen und somit auch die Sphäre der Fortpflanzung (92). Von daher stammt
die Fortpflanzungs‑ und Bildekraft in den Samen der Tiere und Pflanzen
(238). Die Erhaltung der Schöpfung ist nichts anderes als ein fortwährendes und
beständiges Einfließen des Göttlich‑Guten und des Göttlich‑Wahren
in die von beiden als Nutzwirkung ausgegangenen und geschaffenen Formen, und
so ist das Bestehen oder die Erhaltung des Weltalls ein immerwährendes
Entstehen oder eine unaufhörliche Schöpfung (86). „Das Weltall ist ein vom Ersten bis
zum Letzten zusammenhängendes Werk, das die Liebe, die Weisheit und die
Nutzwirkung des Herrn als causa finalis, causa efficiens und usus in
unlösbarer Verbindung in sich schließt. Aller Liebe wohnt eine Zielidee inne,
aller Weisheit aber das Streben, diese Zielidee durch wirksame ,Ursachen, zur
Verwirklichung in Nutzleistungen zu befördern“. 05,3 - Die Elemente der Schöpfung Immer nur „Gutes und Wahres“, „Liebe
und Weisheit“, „Wärme und Licht“, „Wollen und Denken“! Das klingt freilich
simplifizierend, wenn man nicht Swedenborgs Weg von den unüberschaubar
vielfältigen Erscheinungen zurück zu den Ursprüngen, von den unzähligen
Entfaltungen und Variationen zu den wenigen Elementen mitgeht. Er schält aus
den Umhüllungen den Kern heraus. In allen seinen Werken treffen wir auf diese
Tendenz, und er formuliert das Gefundene in vielerlei Begriffen: „Das
Ursprüngliche - das Abgeleitete; das Hervorbringende - das Hervorgebrachte;
das Frühere - das Spätere; das Allgemeine - das Einzelne, Besondere; das
Einfache - das Zusammengesetzte; das Elementare - das die Elemente
Verquickende und Variierende; die Urquellen, Uranfänge, Urstände - die
ausgespielten Möglichkeiten. Im Allgemeinen liegt der Keim für alles
Spezielle; alles Einzelne zusammen gefaßt ist das Allgemeine, Umfassende“.
Alles Ursprüngliche ist unendlich teilbar und unendlich vervielfältigbar,
deshalb gibt es auch niemals ein Ende des Wissens, der Einsicht und der
Weisheit und niemals ein Ende der Variationen in der Schöpfung und der
Lebenszustände des Menschen von der Kindheit bis ans Ende des Erdenlebens und
danach in Ewigkeit (185). Wir lasen: „Das Gute und das Wahre,
die Liebe und die Weisheit sind die Universalien der Schöpfung“. Irdisches
sichtbare und greifbare Entsprechungen können das vor Augen führen, „sie
sind die äußersten Bilder“ so läßt sich z.B. die vielfältige Welt der
Formgebilde sortieren in zweierlei Gruppen, einerseits in das Gerundete,
Weiche, Fließende, andererseits in das Gerade, Eckige, Kantige. Fragen wir
nun weiter, wer in beiden Bezirken jeweils der „Herr“, welches Gebilde
jeweils die Elementarfigur ist, so kommen wir einerseits zu Kreis‑Kugel,
andererseits zu Gerade ‑ Stab, senkrecht auf der Waagerechten. Das
Gleichrund, Kreis ‑ Kugel, „rund und schön“, „rund und richtig“, ist
Elementarzeichen des Weichen, Warmen, Hüllenden, Bergenden, Heimat, Nest! -,
wie auch des von einem Zentrum allseitig Ausgehenden, Hervordrängenden.
Tiefer geschaut ist Kreis‑Kugel Entsprechungsgestalt der Triebe,
Neigungen, Emotionen, zutiefst der Liebe, des Guten. Die statische Gerade,
senkrecht auf der Waagerechten, dagegen sagt: Herrschaft, und die dynamische
Gerade, in eine Richtung weisend und zielend: Eindeutigkeit,
Zielgerichtetheit, Entscheidung, Ordnung, Planung. Sie
ist Entsprechungsfigur des Denkens, der ratio, zutiefst des Logos, der Weisheit,
des Ewig‑Wahren. Als beider Verbindung erscheinen die ersten abgeleiteten
Formen Zylinder, Schraubenlinie und Wellenlinie, beider innigste Vermählung
ist die Ellipse, das Ellipsoid. Von diesen ersten Verbindungen aus entfaltet
sich durch neue Verquickung und Variation die unausschaubare Gestaltenwelt
der Natur und der Menschenwerke. Jene innigste Vermählung beider
Elementarformen, Ellipse - Ellipsoid, bestimmt die Menschengestalt, ihr Zentrum,
das Rumpfskelett, Brustkorb mit Becken, und das Menschengesicht. Das heißt:
solchermaßen harmonisch vereinigt sollen Wollen und Denken ehelich zusammenwirken! Bekannter sind die Elemente der
Farbenwelt, die Grundfarben. Alle die unzählbaren Farben und Töne in Natur
und Kunst sind Mischungen und Variationen, Abtönungen und Schattierungen
erstaunlich weniger Grundfarben: Gelb, Rot, Blau. Ja, wir könnten - mit
Goethe - sogar noch zurückgehen auf Gelb und Blau. Endlich treffen wir auf viele solche
ehelichen Paare in der Bibel, z.B. Wärme und Licht, Essen und Trinken, Brot
und Wein im Abendmahl. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich
zum frischen Wasser“, Psalm 23, 2, Öl und Wein, „Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein“, Psalm 23, 5, Herz und Lunge, die Steine Jaspis
und Sarder, den roten und weißen Stein in der Vision des Johannes,
Offenbarung 4, 3 - ganz zu schweigen davon, daß „uns im Wort oft zweierlei
Ausdrücke begegnen, die als Wiederholungen ein und derselben Sache
erscheinen wie Freude und Fröhlichkeit, Gerechtigkeit und Gericht, Wüste und
Öde, Stecken und Stab, von denen sich stets der eine auf das Gute - und im
entgegengesetzten Sinn auf das Böse - der andere auf das Wahre - und im
entgegengesetzten Sinn auf das Falsche - bezieht.“ Allüberall die beiden Universalien der
Schöpfung und ihre ehelichen Verbindungen dank der universellen ehelichen
Sphäre, die vom Schöpfer ausgeht und alles im Weltall durchdringt und
bestimmt! 06,1 - Die Teilung des Menschen in
zwei Geschlechter „Der Mensch“ hieß es bisher. Diesen
universalen oder neutralen Menschen aber gibt es nicht. „Der Mensch“ tritt
nur auf als Mann oder Weib, als geschlechtlich so oder so bestimmtes Wesen.
Zwar gilt das vom Menschen Gesagte für jeden Menschen, aber es wirkt sich in
den Geschlechtern verschieden aus und stellt jedem andere Aufgaben. Wo aber
ist der Grund für die rätselhafte Teilung des Menschlichen zu finden? Landläufig ist es üblich, die eine
Seite des Menschen, die der Emotionen, des Wollens, der Liebe, als „das
Weibliche“ zu bezeichnen, die andere Seite dagegen, die des Denkens, des
Verstandes, der ratio, als „das Männliche“ und von daher die Unterschiede
der Geschlechter zu erklären. Tiefere Einsicht lehrt, daß es so nicht geht,
denn Mann und Weib stellen diese beiden Pole ja nicht rein und isoliert dar.
Beide enthalten sogenanntes Männliches und Weibliches, und beide sind, jeder
für sich, ganze Menschen, jeder für sich wollend und denkend, Gutes und
Wahres aufnehmend, jeder für sich handelnd. Man hat sich geholfen mit der
Idee der Prävalenz: des Männlichen im Mann und des Weiblichen im Weib. Dem
widerspricht die Erfahrung, daß der Mann durch und durch Mann ist ebenso wie
das Weib durch und durch Weib, innerlich wie äußerlich und in ihren
Geschlechtsfunktionen, daß beide nicht nur mehr so oder mehr so gefärbte
Erscheinungsformen des einen Wesens Mensch, sondern durch und durch
verschiedenartige Menschen sind, und endlich die Tatsache, daß die
Fortpflanzung eben nur möglich ist durch das Zusammenwirken dieser beiden
geschlechtlich verschiedenartigen Menschen. Offenbar ist also das geschlechtlich
Weibliche und das geschlechtlich Männliche nicht direkte Verleiblichung und
Personifizierung dessen, was man im allgemeinen Sprachgebrauch „das
Weibliche“ und „das Männliche“ nennt, und auch nicht direkte Entsprechung des
liebenden Weilens an sich oder des Ewig‑Guten, „Ewig‑Weiblichen“
und direkte Entsprechung der Weisheit an sich oder des Ewig‑Wahren,
„Ewig‑Männlichen“. Zwischen beiden muß ein tiefgreifender Unterschied
bestehen. 06,2 - Swedenborgs Deutung der
geschlechtlichen Differenzierung des Menschen Swedenborgs Idee wirkt auf den ersten
Blick konstruiert, künstlich, kompliziert. Nun, alle Beteiligten - und das
sind wir ja alle! - wissen, daß es sich hierbei um eine komplizierte, schwer
einzusehende und zu durchschauende Sache handelt. Jede zu einfache Deutung
wäre der Oberflächlichkeit verdächtig. Je länger man aber mit Swedenborgs Einsicht
umgeht, sie nicht nur nachdenkt, sondern meditiert, desto mehr leuchtet sie
ein und man bemerkt, daß sie die Tiefen dieses seltsamen Sachverhaltes
aufleuchtet. Seiner Schau des großen Lebenszusammenhanges zufolge kann es
nicht anders sein, als daß sich für ihn in der Differenzierung und im
Zusammenwirken der Geschlechter ein Urgesetz der Schöpfung, des Wesens des
Schöpfers und der Verwirklichung der Schöpfung widerspiegelt. Zum andern ist bei der Bemühung um
dieses Phänomen wichtig, es zuerst in seiner Reinheit, im Idealfall vor
Augen zu haben und vor Augen zu behalten, was damit gemeint ist und wie es
gemeint ist, bevor man sich seiner Problematik zuwendet. Weiß man nicht, wie
die eheliche Liebe ihrem Wesen nach und in ihrer Reinheit beschaffen ist und
wie sie beschaffen war, als sie zugleich mit dem Leben dem Menschen vom
Schöpfer eingepflanzt wurde, kennt man also nicht diesen ihren vollkommensten
Zustand, so fehlt der feste Standpunkt, von dem aus man sie und ihre
Verschiedenheiten bei den Menschen als von einem Anfang, auf den sie sich
zurückbeziehen, ableiten kann (57). „Der Mensch“ ist innerlich Wollen und
Denken. Er entfaltet sich in der vom Schöpfer gemeinten Weise und erfüllt
seine Aufgabe im Schöpfungsganzen, wenn sein Wollen auf die ihm aufgetragenen
Nutzleistungen zielt. Er schafft sie, indem er sein Wollen des Guten mit dem
Denken des Wahren, mit der Erkenntnis der Wahrheit verbindet, indem er
kennenlernt, versteht, einsieht, weise wird. Das heißt: Er ist Mensch, wenn
ihn das Gute erwärmt und das Wahre erleuchtet und beides sich in der Handlung
vereinigt und zu seinem eigenen Wohl und dem der Gemeinschaft auswirkt. Der Mensch wird Mensch, das heißt
geistig, oder die Weisheit entsteht im Menschen aus der Liebe, weise zu sein.
Die Weisheit aus dieser Liebe, also die vom liebenden Wollen erregte und von
der Wärme des Guten durchpulste Erkenntnis, nennen wir das Wahre des Guten
oder das Wahre aus dem Guten. Wenn aber der Mensch sich aus innerster Neigung
Weisheit erworben hat und diese in sich und sich um ihretwillen liebt, dann
bildet er die Liebe zu dieser Weisheit. Wir nennen sie das Gute des Wahren
oder das Gute aus diesem seinem Wahren. Also ist im Menschen eine doppelte
Liebe: die frühere, erste, nämlich die Liebe, weise zu sein, und die spätere,
zweite, nämlich die Liebe zur erworbenen Weisheit (oder: die erste, nämlich
die Liebe zum Ewig‑Wahren, zur Weisheit des Herrn, und die zweite,
nämlich die zur eigenen Weisheit). Bliebe diese letztere beim Menschen, dann
würde sie eine böse Liebe, nämlich Selbstliebe, Eitelkeit, Hochmut,
Einbildung. Damit sind wir bei dem Punkt angelangt, der zur Teilung des
Menschen in zwei Geschlechter führte: Darum wurde diese Liebe vom Menschen
weggenommen, auf daß sie ihn nicht verderbe. Die beiden Tendenzen, die
beiden Lieben wurden geteilt und den verschiedenartigen Menschenwesen zugeordnet:
das eine, der Mann, ist bestimmt durch die erste Liebe, das andere, die Frau,
durch die auf sie übertragene Liebe (88). Um die Entartung der sekundären
Liebe des Menschen‑Mannes in Selbstliebe zu verhindern, wird ihm im
Weib ein Teil seines Wesens in einem anders gearteten Menschen beigesellt. Swedenborg kommt mehrmals auf diesen
Grundgedanken zurück: Damit der Mensch nicht durch Selbstliebe und Stolz auf
die eigene Einsicht zugrunde gehe, wurde von der Schöpfung her vorgesehen,
daß die zweite Liebe auf das Weib übertragen und diesem von Geburt an eingepflanzt
werde. Die Frau liebt die Einsicht und Weisheit ihres Mannes und so den Mann,
sie zieht den Stolz ihres Mannes auf seine eigene Einsicht immerfort an
sich, löscht ihn bei ihm aus und macht ihn in sich lebendig. Dies wurde vom
Herrn vorgesehen, auf daß nicht der Stolz auf seine eigene Errungenschaft den
Mann betören möge, zu glauben, er sei verständig und weise aus sich selbst
und nicht vom Herrn (353). Nochmals: Das Innerste im Männlichen,
dessen Grundneigung ist die Liebe, weise zu werden; die Hülle derselben ist
die erworbene Weisheit. Die männliche Verwirklichung geschieht in
Auszeugungen seines Denkens, er ist erkennend und forschend, schöpferisch
und erfinderisch, konstruktiv und planend tätig, er formuliert und gestaltet
sich in seinen Produktionen, in Kunst, Wissenschaft, Politik, Sozialordnung,
Technik und Handwerk. Er ist also die mit Weisheit umhüllte Liebe. Das Innerste
im Weibe aber ist jene Weisheit des Mannes und deren Hülle ist die Liebe zu
ihr. Diese Liebe ist die weibliche Liebe, sie wird der Gattin durch die
Weisheit des Gatten gegeben. Die weibliche Verwirklichung besteht in der
Hingabe an den Mann und der Vereinigung mit ihm, im Empfangen und Austragen
seines Zeugens, seines Samens und im Gebären seines Kindes. Die frühere,
erste Liebe ist also die männliche Liebe, weise zu sein. Der Mann ist die
Weisheit der Liebe. Das Weib dagegen ist die Liebe zur Weisheit des Mannes
(32). Nochmals: Der Mann ist geschaffen, daß
er Weisheit werde, aus der Liebe, weise zu sein. Das Weib ist geschaffen, daß
es die Liebe des Mannes zu seiner Weisheit und gemäß derselben werde. Auf
diese Weise sind zwei Ehegatten die Formen und Bilder der Ehe der Liebe und
Weisheit oder des Guten und Wahren (66). Da es eine Verbindung des Guten und
Wahren (als Leitidee der Schöpfung) gibt und da diese wechselseitig ist, so
folgt, daß es ein Wahres des Guten oder ein Wahres aus dem Guten und ein
Gutes des Wahren oder ein Gutes aus diesem Wahren gibt. Das Wahre des Guten
oder das Wahre aus dem Guten ist im Manne, es ist das menschlich Männliche.
Das Gute des Wahren oder das Gute aus diesem Wahren ist im Weibe, es ist das menschlich
Weibliche (61). Anders gesagt: der Mensch‑Mann
ist Gott‑unmittelbar, der Mensch-Weib ist Gott‑mittelbar durch
den Mann. Da der Mann dank seiner Gottunmittelbarkeit ständig in Gefahr ist,
sich zu vergöttern, wird diese Gefahr durch das Weib gebannt: „Es ist nicht
gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gefährtin geben, die um
ihn sei, eine Hilfe, die zu ihm paßt“ 1. Mose 2, 18. 06,3 - Der biblische Schöpfungsbericht So also, von vorneherein als Mann und
Weib, trat der Mensch in Erscheinung: „Gott schuf den Menschen nach Seinem
Bilde, in Seine Ähnlichkeit. Mann und Weib schuf er sie“, heißt es 1. Mose 1,
27, und gleich darauf: „und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar
und mehret euch. Und Gott sah an alles, was Er gemacht hatte, und siehe, es
war sehr gut“, 28. 31. Und 1. Mose 5, 1 f.: „Da Gott den Menschen schuf,
machte Er ihn nach dem Bilde Gottes, und schuf sie einen Mann und ein Weib
und segnete sie und nannte ihren Namen Mensch“. Denn beide zusammen sind erst
„der Mensch“, und ihre Liebe zueinander mit allem, was irdisch dazugehört,
mit Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung, ist nicht eine Folge des
Sündenfalles, sondern von vorneherein in ihnen angelegt. Gemäß seiner Bibelexegese aufgrund der
Entsprechungen geht Swedenborg dem Sinn der Schöpfungsberichte nach. Der
zweite Schöpfungsbericht im 2. Kapitel des 1. Buches Mose lüftet ein wenig
den Schleier vor dem, was im Geheimen geschah. Dort heißt es, das Weib sei
aus der Rippe des Mannes geschaffen worden und der Mann habe, als ihm das
Weib zugeführt wurde, gesagt: „Dies ist Bein von meinen Gebeinen und Fleisch
von meinem Fleisch, und man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne
genommen ist“, 1. Mose 2, 22 f. Durch die Rippe der Brust wird im geistigen
Sinn des Wortes das natürliche Wahre bezeichnet, durch die Brust des Mannes
sein Wesentliches und Eigenes, nämlich seine Weisheit. In der Brust liegt
alles dem Menschen Angehörige wie in einem Zentrum, die Rippe hält die Brust
wie das Wahre die Weisheit. Das Weib wurde aus dem Manne geschaffen durch
Übertragung der diesem eigenen Weisheit, die sich aus dem natürlichen Wahren
bildet. Die Liebe zu seiner Weisheit aber wurde vom Mann auf das Weib übertragen,
auf daß im Menschen ohne tödliche Gefahr die schöpfungsgemäße eheliche Liebe
entstehen und wirken könne: im Menschen‑Mann braucht sich nun die Liebe
zur Weisheit nicht mehr als Selbstliebe verderblich auszuwirken, sondern sie
kann zur Liebe zu seiner Ehefrau werden. Diese wandelt gemäß der ihr
angeborenen Anlage die Selbstliebe des Mannes in Liebe zu ihr um. Nur ein
Mann, der nicht dem Dünkel eigener Einsicht verfallen ist, kann demnach seine
Frau wahrhaft ehelich lieben. Hat man dies Geheimnis der Erschaffung des
Weibes recht verstanden, dann versteht man auch, daß eine Frau in und durch
die Ehe fortwährend und mehr und mehr zur Ehefrau geschaffen und gebildet
wird aus ihrem Mann. Dies geschieht letztlich vom Herrn, der den Frauen die
Neigung, so zu tun, eingeflößt hat (193). 06,4 - Die verschiedene Wesensart von
Mann und Weib Die Frau nimmt das Ebenbild ihres
Mannes in sich auf und nimmt infolgedessen seine Gemütsbewegungen wahr,
sieht und fühlt sie. Das Weib ist aus dem Mann geschaffen, infolgedessen
liegt in ihr die Neigung, sich mit ihm zu vereinigen, gleichsam
wieder-zuvereinigen. Zum Zweck dieser Vereinigung wurde das Weib als die
Liebe zum Mann geboren und wird durch die Ehe mehr und mehr die Liebe zu
ihm, denn dann richtet sie ihre Gedanken fortwährend darauf, den Mann mit
sich zu verbinden. Dies geschieht dadurch, daß sie sich nach den Wünschen
seines Lebens richtet. Beide Ehegatten werden verbunden durch die Sphären,
die sie umgeben und sich im Allgemeinen und im Besonderen miteinander
vereinigen, je nach der Beschaffenheit der ehelichen Liebe bei der Ehefrau
und zugleich nach der Beschaffenheit der diese aufnehmenden Weisheit des
Ehemannes. Und sie werden verbunden durch die Aneignung der Kräfte des
Ehemannes durch die Ehefrau. Fortwährend wird vom Mann etwas in die Frau
übertragen und ihr als das ihrige einverleibt, und so wird in der Frau das
Ebenbild ihres Mannes gebildet, sodaß sie das, was in ihm ist, in sich und
daher gleichsam sich in ihm innewird, sieht und fühlt. Sie wird inne durch
das Gespräch, sie sieht durch das Anschauen, sie fühlt durch die Berührung
(173). Die Engel sagten mir, die Frau werde
mit dem Mann durch die Aneignung der Kräfte seines Vermögens, je nach ihrer
wechselseitigen Liebe, verbunden. Im Zeugungsstoff des Mannes sei seine Seele
und mit ihr verbunden das Innerste seines Gemütes enthalten. Er werde von der
Frau gänzlich aufgenommen, füge sich ihrem Leben hinzu und bewirke ein
einmütiges und immer einmütigeres Leben der Frau mit dem Mann und die
Vereinigung ihrer Seelen und Verbindung ihrer Gemüter. Dies sei von der Schöpfung
her so geordnet, damit die Weisheit des Mannes der Frau angeeignet werde und
auf diese Weise beide mehr und mehr „Ein Fleisch“ werden (172). Wir fügen Sätze zweier Kenner ihres
Geschlechtes ein, einer Frau und eines Mannes, die Swedenborgs Auffassung teilen,
Simone de Beauvoir: „Der Mann denkt sich ohne die Frau. Sie denkt sich nicht
ohne den Mann. Für die Frau ist die Liebe eine völlige Lebensaufgabe. Solange
sie liebt, geliebt wird und dem Geliebten notwendig ist, fühlt sie sich
völlig gerechtfertigt. Sie genießt Frieden und Glück. Im Mann und nicht in
der Frau hat sich bis jetzt der Mensch ,an sich, verkörpern können. Keine
Frau hat sich dazu für berechtigt gehalten“. Karl Scheffler: „Frauen handeln
aus Instinkt und treffen oft schon das Richtige, wenn sie nur empfinden. Es
ist mir in allen Jahrzehnten immer wieder erstaunlich und neu gewesen, zu
beobachten, wie viel lautere Natur im Wesen einer Frau sein kann und welche
Kraft der Intuition, wie viel Klingendes und Melodisches in diesem Naturlaut
enthalten ist. Die Frau kennt nicht den unhemmbaren Erkenntnistrieb, ihr
liegt gar nichts daran, ihre Gefühle formal zu realisieren. 06,5 - Die geschlechtsgebundene
Eigenart und Form Weil die universelle Sphäre der Ehe
des Guten und Wahren in die Subjekte gemäß der Form eines jeden einfließt,
nimmt sie der Mann gemäß seiner Form, mithin mit dem Denken auf, denn er ist
die intellektuelle Form; das Weib dagegen nimmt sie gemäß seiner Form, mithin
in das Wollen auf (192). Männlich ist, wahrzunehmen aus dem Denken, weiblich
ist, wahrzunehmen aus der Liebe. Der Verstand nimmt auch solches wahr, was
über dem Körperlichen und außerhalb des Irdischen ist, denn der Vernunft‑
und Geistesblick dringt bis dahin. Die Liebe des Weibes dagegen dringt nicht
über das hinaus, was sie fühlt; geht sie weiter, dann hat sie dies von der
Verbindung mit dem Verstand des Mannes her, denn Verstehen ist Sache des
Lichtes, Lieben aber Sache der Wärme. Was Sache des Lichtes ist, wird
geschaut, was Sache der Wärme ist, wird gefühlt (168). Oder: „Die Frau ist
nicht stark in der Logik, doch ist sie ein Stück Gedankenleserin und kann in
gewissen Dingen wie durch feste Wände sehen. Ihr Instinkt setzt den Mann
immer wieder in Erstaunen, während sie die logisch konstruktiven
Eigenschaften des Mannes bewundert. Durch diese gegenseitige Ergänzung wird
das Verhältnis schließlich unlöslich“. Oder: „Die Frau versucht, mit seinen
Augen zu sehen. Sie liest die Bücher, die er liest, sie interessiert sich für
die Ideen, die von ihm stammen“ (de Beauvoir). Oder, wie Jean Paul sagte,
wenn eine Frau liebt, dann füllt sie das ganz aus, der Mann hat daneben noch
zu tun. Der Mann nimmt das Wahre der Weisheit
aus der Göttlichen Ehe der Liebe und Weisheit im Herrn auf und mit ihm das
Gute der Liebe. Diese Aufnahme erfolgt im Denken mit Einsicht und
Verständnis, er ist geboren, um verständig zu werden. Die Neigung des
Mannes, zu wissen, zu verstehen und weise zu sein, kennzeichnet seine
Lebensalter: die Neigung zu wissen das Knabenalter, die zu verstehen das Jünglings‑
und erste Mannesalter, die weise zu sein das Mannesalter bis zum Greisenalter.
Da er aber verständig nur werden kann aus Drang dazu, steigert der Herr diesen,
das heißt die Liebe zur Wahrheit, in ihm gemäß seinem Streben, weise zu sein.
Seine Grundtendenz zielt deshalb auf Dinge, die Sache des Denkens sind oder
in denen es vorherrscht. Und endlich stammt von daher auch sein
Zeugungsvermögen (90): Entsprechung seines Vermögens, durch Denken, Planen,
Ordnen und Entscheiden Werke hervorzubringen. Das griechische Wort gignomai =
erkennen = zeugen, das wir von der biblischen Sprechweise her kennen, deutet
auf diesen Entsprechungszusammenhang hin. Das Weib wird dazu geboren, das
Wollende, Liebende, aber das Wollen aus dem Denken des Mannes oder die Liebe
der männlichen Weisheit zu sein. Die Neigung des Weibes gilt dem Wissen, der
Einsicht und der Weisheit, aber nicht der eigenen, sondern der des Mannes und
deshalb dem Mann. Wahrhaft ehelich kann er nicht geliebt werden nur wegen
seiner Gestalt, die ihn äußerlich als Mann erscheinen läßt, sondern wegen
der Gabe, die in ihm ist und die sein Menschsein ausmacht (91). Da das Innere das Äußere oder das
Geistige das Leibliche stets in seine Entsprechung gestaltet, hat der Mann
eine andere Gestalt und eine andere Stimme als das Weib: Sein Körper ist
härter und rauher in Fleisch und Haut, der weibliche dagegen weicher und
zarter. Das männliche Gesicht ist strenger und herber; auch bärtig, das
weibliche dagegen rosiger und lieblicher. Der männliche Ton der Stimme ist rauher,
tiefer und lauter, der weibliche dagegen sanfter und heller. Die Redeweise
des Mannes ist ungestümer und heftiger, die der Frau dagegen bescheidener
und friedlicher. Seine Gebärden und Gesten sind entschiedener, stärker und
markanter, die der Frau dagegen ausgeglichener und sanfter. Auch das
Benehmen des Mannes ist oft roher und unmanierlicher als das der Frau. Beides
ist schon bei Knaben und Mädchen auf der Straße und im Schulhof zu
beobachten: ihrem angeborenen Naturell zufolge geht es bei den Buben lauter,
lärmender und wilder zu, oft mit Geschrei und Schlägereien, die Mädchen
dagegen sitzen schwätzend beieinander, spielen mit Kindern oder Puppen, nähen
Kleidchen, fallen einander um den Hals und schauen manchmal bewundernd zu den
Buben hinüber (218). Auch geht von den Männern die Aktivität, die Erregung
zum geschlechtlichen Verkehr aus, da sie fähig und willens zur Besamung sind,
die Frauen dagegen befinden sich im Zustand der Vorbereitung zur Aufnahme,
zur Empfängnis (219). Mit einem Wort: nichts ist bei ihnen gleich, aber alles
eignet sich zur Verbindung. Im Mann ist alles männlich bis in die kleinsten
Körperteile sowie auch in seinem Charakter und in jedem Begriff seines
Denkens und jeder Regung seines Gefühls. Desgleichen ist im Weib alles weiblich
(33). 06,6 - Männliche und weibliche
Menschengestalt Erinnern wir uns an das oben über die
Entsprechungen der Elementarformen Kreis‑Kugel und Gerade Gesagte,
dann ist nun zu ergänzen: Das bei Mann und Frau nur gering unterschiedene
Knochengerüst zeigt beider gemeinsames allgemein Menschliches. Das darüber
Gespannte, das Skelett umhüllende Äußere aber - Muskeln, Sehnen, Fleisch,
Haut - also das, was ihr Aussehen kennzeichnet, weist die Unterschiede auf.
Die Gestalt des Mannes ist straffer, strenger als die des Weibes, mehr von
der Geraden bestimmt, die bildnerisch sagt: Herrschaft, Aktivität und ratio
Denken, Ordnen, Planen. Die Gestalt des Weibes dagegen ist weicher,
schmiegsamer, mehr vom Runden bestimmt, das bildnerisch sagt: Gefühl,
Neigung, Wärme, Liebe. Besonders deutlich zeigen die Geschlechtsorgane die
Entsprechung des Körperlichen mit dem Geistigen, mit der verschiedenartigen
Wesensart der Geschlechter: das männliche Glied zeigt in Aktion, erigiert,
den Stab, die zielgerichtete Gerade, dazu bestimmt, bei der innigsten
körperlichen Vereinigung in die Frau einzudringen, um das männlich Eigenste
auszuzeugen; die kreisrunde Öffnung des Weibes nimmt den Eindringling
liebeselig auf, umhüllt ihn warm und empfängt den Zeugesamen des Mannes.
Bezeichnend ist auch, daß das männliche Organ immer zu sehen ist und sich
nach außen darbietet gemäß dem männlichen Drang, nach außen, in die Welt zu
wirken. Daß andererseits das weibliche Aufnahmeorgan ebenso verborgen ist,
wie die der Frau angeborene Klugheit, ihre Liebe nicht aufdringlich zu
zeigen, und daß sie es nur in der geheimnisvollen Stille der
Liebesbereitschaft dem Mann offen darbietet. Eine indische Legende möge dieses
Kapitel beschließen: Zuletzt schuf der Schöpfer einen Mann.
Und sofort wurde die Schöpfung ein Gegenstand des Wunders und der Schönheit,
indem sie wie ein Bild im Spiegel des menschlichen Geistes reflektiert wurde.
Dann streifte der Mann allein in der Welt umher, bewunderte Blumen, Bäume und
Tiere und kam schließlich zu einem Teich. Da rief er, sich im Spiegel der
Wasserfiche erblickend, aus: „Dies ist das schönste von allen Geschöpfen“.
Und er jagte unaufhörlich durch die ganze Welt, um es zu finden, nicht
wissend, daß er sich selbst suche. Als er erkannte, daß er, trotz aller seiner
Bemühungen, es immer nur auf der Oberfläche von Teichen zu sehen bekomme,
wurde er traurig und verlor jedes Interesse an der Welt. Als der Schöpfer
dies sah, sagte er zu sich selbst: „Ach, dies ist eine Schwierigkeit, die ich
nicht voraussah. Sie geht natürlicherweise auf die Schönheit meines Werkes
zurück. Aber was ist nun zu tun? Denn der Mann, den ich zum Spiegel meiner
Welt machte, hat sich im Spiegel seiner eigenen Schönheit gefangen. Ich muß
dies Übel auf irgendeine Art heilen. Aber ich kann keinen anderen Mann schaffen,
denn dann hätte der Kreis des Alls zwei Mittelpunkte, noch kann ich dem
Umfang der Natur etwas hinzufügen, denn sie ist in sich selbst vollkommen.
Irgendetwas Drittes ist daher nötig, nichts Wirkliches (aber auch nichts
Unwirkliches), denn dann wäre es ja ein Nichts; Es muß an der Grenze von Sein
und Nichtsein schweben“. So sammelte er die Spiegelungen auf den Oberflächen
der Teiche und machte daraus ein Weib. Dieses aber begann, sobald es
erschaffen war, zu schreien und sagte: „Ach! Ach! Ich bin und ich bin nicht“.
Da erwiderte der Schöpfer: „Du törichtes Zwischending! Du bist nur ein
Nichtseiendes, wenn Du allein stehst, verbunden mit dem Mann aber bist Du
real, indem Du an seiner Substanz teilhast.“ 07,0 - Die Missionen der Geschlechter Der Mann bildet die Weisheit vor, das
Weib die Liebe zu seiner Weisheit. Diese Liebe ist also nicht die frühere,
primäre Liebe, sondern eine sekundäre Liebe, die dem Weibe zuteil wird durch
die Weisheit des Mannes (21). Mann und Weib wurden erschaffen, um die
eigentliche Form der Ehe des Guten und Wahren zu sein: Der Mann, um das
Denken des Wahren, also die Form des Wahren zu sein, das Weib, um das Wollen
des Guten, also Form des Guten zu sein. Beiden ist die Neigung zur Verbindung
in Einheit eingepflanzt, sie machen dann Eine Form aus, die der Form des
ehelich vereinigten Guten und Wahren nacheifert. Wir sagen nacheifert, weil
sie diese Form nicht wirklich ist, denn das Gute, das sich mit dem Wahren im
Mann verbindet, rührt unmittelbar vom Herrn her, das Gute des Weibes aber,
das sich mit dem Wahren im Manne verbindet, ist in der Menschheit vom Herrn
mittelbar durch das Weib. Es gibt also zweierlei Gutes, ein innerliches und
ein äußerliches; beide verbinden sich mit dem Wahren im Ehemann und bewirken,
daß er beständig im Denken des Wahren und von daher auch gleichzeitig in der
Weisheit durch die wahrhaft eheliche Liebe ist (100). Das klingt zunächst wie eine
Zurücksetzung der Frau, wie ein Rückfall in jene Zeiten, in denen sich die
Theologen darüber stritten, ob Weiber Menschen seien und in denen Thomas von
Aquin schrieb: „Die Frau ist ein verfehlter Mann“. Modern gesagt: Die
treibende Kraft bei der Frau ist (nach Freuds Theorie) ihr Neid auf den Penis.
Das führt zu dem Wunsch nach dem Penis ihres Mannes, einem Wunsch, der
niemals wirklich erfüllt wird, bis sie durch die Geburt eines Sohnes einen
Penis erhält. Kurz, die Frau ist ein mißglückter Mann, dem etwas fehlt. Nach der langen Zeit der Unterdrückung
der Frau, zum mindesten der Behandlung als zweitrangiges Menschenwesen, hat
sich heute das Blatt gewendet. Man spricht von Gleichberechtigung von Mann
und Frau und der Gleichstellung beider im Berufsleben. Man verwischt beider
Verschiedenartigkeit und versucht, den Unterschied zu neutralisieren. Das
gilt freilich kaum von den gesellschaftlichen Riten und von der Teilnahme an
wichtigen Gremien. Deshalb ist in den letzten Jahren in den USA eine
revolutionäre Bewegung zur Befreiung der Frauen rasch angewachsen. Das alte
Schema - der herrschende Mann, die dienende Frau - wird verworfen, die verhängnisvollen
Folgen der Jahrtausende alten einseitigen Männerherrschaft mit ihrer
ungehemmten Brutalität und ihrer Unterdrückung und Ausbeutung sowohl der untergebenen
Männer und der Frauen wie der Natur wird angeprangert. Die „Feministinnen“
weigern sich, weiterhin billig zu kaufende und schlecht bezahlte Sexualobjekte,
Haushälterinnen und Heimchen am Herd zu sein. Sie lehnen mit Betty Friedan
den „Weiblichkeitswahn“ ab, der die Frauen zu sanften, gehorchenden, kinderproduzierenden
Müttern und mit Trivialitäten kämpfenden Hausfrauen degradiert und sie
ausschließlich als Sexualwesen definiert. Sie bekämpfen den „Sexismus“, der
den Frauen aufgrund bestimmter Merkmale eine bestimmte Rolle zuschreibt, aus
der auszubrechen unmöglich ist und die den Erfindern dieser Rolle viele
Vorteile bringt, ja die aufgrund der spezifischen Art dieser Unterdrückung
die Frauen eng an ihre Unterdrücker fesselt. Sie können die männliche
Aggressivität nur ein wenig mildern, indem sie ihre Unterwerfung deutlich zum
Ausdruck bringen durch die „Institution Liebe“. Diese beruht also auf Angst.
„Liebe“ ist, so schrieb eine Feministin, „ein euphorischer Zustand der
Phantasie, in dem das Opfer seinen Unterdrücker zum Erlöser macht“. Die
üblichste Lage der Frau beim Geschlechtsakt, das unten Liegen, deuteten sie
als Symbol für ihre Stellung in der Gesellschaft, das Unterliegen. Also: Wir
Frauen wollen und werden uns aus den zwangsläufig repressiven heterosexuellen
Beziehungen befreien und schlagen vor: Errichtung von Frauenkommunen und
anderen Gegeninstitutionen bis hin zur institutionalisierten lesbischen
Liebe und der Forderung nach beschleunigter Bereitstellung eines Systems zur
extrauterinen Entwicklung des Embryos. Das heißt also: nach Jahrtausenden der
Herrschaft des Mannes über die Frau nun ‑ da man sich heterosexuelle
Beziehungen nur noch zwangsläufig mit Repression des einen Teils vorstellen
kann - das isolierte Nebeneinander, nicht aber das gemeinte gleichwertige
Miteinander! Von Swedenborgs Schau her kann weder von Rivalität der Geschlechter
noch vom Pochen des Mannes auf seinen Vorzug die Rede sein. Man kann ihn im
oben genannten Sinn nur dann mißverstehen, wenn man nicht beachtet, daß ja
erst und nur Mann und Weib zusammen der Mensch sind, und wenn man ihre
spezifischen Anlagen und Aufgaben aus dem Auge verliert. Es gibt spezielle
Aufgaben des Mannes und ebensolche der Frau, beiden eigentümlich und nicht
auszutauschen (174). Bailey betont zwar richtig, Gott habe den
Menschen von vorneherein als sexuelle Polarität von Mann und Frau geschaffen,
meint aber, die Auffassung der männlichen Priorität schließe „jede Idee einer
echten Begegnung und Hingabe zwischen Mann und Frau aus und tendiere dahin,
ihren Ausdruck nur im Narzißmus, in der Selbstliebe, zu finden“. Er trifft
damit genau den Punkt, von dem aus Swedenborg die geschlechtliche
Differenzierung des Menschen ableitet, nämlich von dessen Gefahrdung durch
„die Selbstliebe, den Narzißmus“. Aber nicht die Auffassung der männlichen
Priorität schließt jede Idee einer echten Begegnung und Hingabe zwischen Mann
und Frau aus, sondern die falsche Schlußfolgerung aus dieser Priorität durch
den wichtigtuerischen Mann, der vergißt, warum es neben ihm eine andere Art
Mensch gibt und geben muß. Die Frau hat ja sogar etwas vor dem Mann voraus:
sie darf ungestraft dessen erworbene Weisheit lieben, sie rühmen, stolz auf
sie und deshalb auf ihn sein, ja noch mehr: sie ist die eigentliche Konstante
der ehelichen Liebe, dank der die beiden getrennten Menschenarten wieder Ein
Mensch werden. Ehe wir darauf eingehen, sei
hingewiesen auf eine von den Biologen entdeckte Bestätigung dieses „primär -
sekundär“, „unmittelbar - mittelbar“ oder des Sachverhalts, daß der Mann
primär der Mensch ist mit allen menschlichen Anlagen und Verwirklichungsmöglichkeiten.
Faktisch freilich wurde von ihm im geheimen Schöpfungsgeschehen vor der
Schöpfung, vor dem Zutagetreten des Menschen als Mann und Weib, etwas
abgetrennt, mit dem er, um voller Mensch zu werden, wiedervereinigt werden
soll. Zwar nicht mehr zu Einer Leibperson, aber zu Einer Geistperson, zu
jenem Einen Engel der Swedenborg einmal erscheint (Denkwürdige Kunde: „Die
Gestalt der ehelichen Liebe“). Dennoch verkörpert er über das Mannsein hinaus
immer auch und noch die Idee „Mensch“, alle menschlichen Anlagen und
Möglichkeiten in sich enthaltend, die männlichen und weiblichen, biologisch
formuliert die X- und die Y‑Chromosomen, während das Weib nur die eine,
weibliche, Anlage, die X‑Chromosomen, in sich birgt: „Der Mensch
besitzt 46 Chromosomen. Ordnet man sie nach ihrer Größe, so ergeben sich 23
Paare, die sich aus je einem Chromosom des Vaters und der Mutter zusammensetzen.
Eines dieser Paare ist ungleich in seiner Form und wird gebildet von den
beiden Geschlechtschromosomen X und Y eines männlichen Individuums.
Verantwortlich für das Geschlecht des Kindes ist stets und nur der Vater,
denn nur in seinem Erbgut ist das Y‑Chromosom enthalten. Führt das
Spermium im Augenblick der Befruchtung der weiblichen Eizelle ein Y‑Chromosom
zu, so entsteht die Kombination XY, das heißt das Erbbild eines Sohnes.
Vererbt der Vater jedoch ein X‑Chromosom, so verbindet sich dieses X
mit dem X‑Chromosom der Eizelle zum Erbbild eines Mädchens“. „Staub lieber als ein Weib sein, das
nicht reizt!“, ruft Kleists Penthesilea. Weniger stürmisch gesagt: jedes
weibliche Wesen, jedes Mädchen und jede Frau, will bezaubern, entzücken,
reizen, und wir erfuhren schon, daß ihm dieser Drang zuinnerst eingepflanzt
ist und daß ohne diese Reizungen des Weibes der Mann nicht bereit wäre, sich
seiner „Liebe zum eigenen Denken“ und zu sich selbst zu begeben, um sie „los
zu werden“. Die Sphäre der ehelichen Liebe wird vom weiblichen Geschlecht vom
Herrn her direkt aufgenommen und nur durch die Frau vom Mann (223). Oberschwellig,
von außen gesehen und scheinbar, geht die Aktivität zur geschlechtlichen und
ehelichen Verbindung vom Mann aus, unterschwellig und innerlich aber von der
Frau. Der Mann verführt, das Weib ist verführerisch. Und in ihm, dem Weib,
ist deshalb das Sexuell‑Sinnliche enger gekoppelt mit dem Seelischen
und Geistigen, die Liebkosung mit Herzlichkeit, Zärtlichkeit und geistiger
Zuwendung zu einem bestimmten Partner, als im Mann. Wie oft ist zu beobachten,
daß dieser nur sexuell aufflammt neben und außerhalb seiner eigentlichen
Existenz und oft unterhalb seines Niveaus, und daß so mancher seine
sexuellen Bedürfnisse rasch und ziemlich wahllos befriedigt, eben weil sie
nicht innerste, sondern nur physische Bedürfnisse sind. Die Ausnahmen von der
weiblichen Regel, die Prostituierte und die männische Frau, bestätigen sie
nur. Das Innerste zeigt sich im Äußeren, Körperlichen: der weibliche Körper
ist erogener, schon sein Anblick erregt sexuell stärker als der männliche.
(Das machen sich heute die Illustrierten und Filmfabrikanten zunutze!) Die Frau ist nicht nur Erweckerin,
sondern auch Trägerin und Hüterin, Hegerin und Pflegerin der ehelichen Liebe,
deren Konstante. Sie „hängt“ stärker am einmal gewählten Mann, sie ist
treuer. „Die besondere Natur der weiblichen Erotik leitet die Frau zur
Monogamie“, bemerkt Simone de Beauvoir. Denn zum Wesen der ehelichen Liebe
gehört das Streben nach inniger Vereinigung mit dem Geliebten und zum Einswerden
der beiden getrennten Menschenteile, das sich nur allmählich, also bei lang
dauernder Zweisamkeit entwickelt. Die universelle eheliche Sphäre wird
vom weiblichen Geschlecht aufgenommen und von ihm auf das männliche übertragen.
Die männliche Form ist die Verstandes‑Form, die weibliche aber ist die
Wollens‑Form. Die Verstandes‑Form kann nicht aus sich selbst in
ehelicher Wärme erglühen, sondern nur aus der verbindenden Wärme eines
Subjektes, dem sie von der Schöpfung her eingepflanzt ist. sie kann jene
Wärme nur aufnehmen durch die ihr beigefügte Wollens‑Form der Frau, die
auch die Form des Liebens ist. Da das weibliche Geschlecht dem männlichen die
eheliche Sphäre einflößt, wird das Gemüt des Mannes von dem bloßen Gedanken
an die Frau entzündet und zur fortpflanzenden Gestaltung erregt (223). Und
da diese Sphäre auch die der Zeugung ist, stammt aus ihr auch die
Geschlechtsliebe (92). Daß diese Sphäre vom Ehemann allein
von seiner Gattin her aufgenommen wird, ist heutzutage ein Geheimnis, und
doch weiß im Grunde jeder Bräutigam und angehende Ehemann davon. Regt ihn
denn nicht alles, was von der Braut ausgeht, auf eheliche Weise an, wogegen
ihn das, was von anderen weiblichen Wesen ausgeht, kalt läßt? Ebenso ist es
auch bei denen, die in wahrhaft ehelicher Liebe zusammenleben: weil beide,
Mann und Frau, eine Sphäre ihres Lebens umgibt, kehren sich die Männer, die
ihre Frau innig lieben, dieser zu und blicken sie freundlich an; die dagegen,
welche ihre Frau nicht wirklich lieben, wenden sich von ihr ab und schauen
nur scheu zu ihr hin. Daran, daß der Ehemann die eheliche Sphäre einzig und
allein von seiner Ehefrau aufnimmt, wird die wahrhaft eheliche Liebe erkannt
und von der unechten, falschen und kalten ehelichen Liebe unterschieden
(224). Die Liebe kann nichts anderes als lieben und sich vereinigen, damit
sie wieder geliebt werde. Das ist ihr Wesen und ihr Leben und als solches
sind die Frauen geboren. Wie die Wärme, die Flamme und das Feuer sind sie
beständig wirksam. Beim Mann dagegen ist keine solche Neigung, denn er ist
Aufnehmer des liebenden Wollens der Frau, und der Zustand der Aufnahme ist
bald größer, bald geringer, je nach den Sorgen um öffentliche Geschäfte oder
der Hingabe an eine berufliche Aufgabe und je nach den Veränderungen der
Wärme im Gemüt aus mancherlei Ursachen (160). Das Weib ist die Wollensform,
der Mann die Verstandesform, und diese kann nicht aus sich selbst in
ehelicher Liebe erwärmen, sondern nur aus der Verbindung suchenden und verbindenden
Sphäre eines Subjektes, dem sie von der Schöpfung her eingepflanzt ist (223). Die Lust und das Vermögen zur
ehelichen Vereinigung mit der Frau wechselt beim Mann sowohl nach den
Zuständen des Gemüts wie nach denen des Körpers, denn das Denken ist nicht so
beständig in seinen Neigungen. Jenes wird bald nach oben, bald nach unten
getragen, ist bald in heiterem und klarem, bald in trübem und verdüstertem
Zustand, ist bald mit angenehmen, bald mit unangenehmen Gegenständen beschäftigt.
Und weil das Gemüt während seiner Tätigkeit auch im Körper ist, entfernt sich
der Ehemann bald von der ehelichen Liebe, bald nähert er sich ihr wieder. Je
nachdem tritt die Lust und das Vermögen in dem einen Zustand zurück und
erwacht wieder in dem anderen (221). Bei ihm ist die Neigung zur Verbindung
mit der Frau unbeständig und wechselnd, die Frau dagegen denkt immerzu aus
Liebe an die Neigung des Mannes zu ihr, in der Absicht, ihn mit sich zu
verbinden. Ihr Denken an den Mann wird zwar durch die häuslichen Geschäfte
unterbrochen, allein sie bleibt doch fortwährend im Gefühl ihrer Liebe. Dies
trennt sich bei den Frauen nicht wie bei den Männern von den Gedanken (169). Simone de Beauvoir: „Männer haben zu
gewissen Zeiten ihres Lebens leidenschaftliche Liebhaber sein können, es gibt
aber keinen einzigen unter ihnen, den man als großen Liebenden ansprechen
könnte“. Männer wurden berühmt als Großes Schaffende, als Herrscher und als
Gestalter, Frauen dagegen als Liebende, „für die Frau ist die Liebe völlige
Lebensaufgabe“. Und Ortega y Gasset: „Der Mann empfindet die Liebe vorzüglich
als eine heftige, geliebt zu werden, während die Fran zuerst ihre eigene
Liebe fühlt, den warmen Strom, der aus ihrem Wesen dem Geliebten
entgegenbricht und sie zu ihm hintreibt. Es pflegt die liebende Frau in
Verzweiflung zu bringen, daß, wie sie wohl fühlt, der Mann, den sie liebt,
niemals ganz und gar bei ihr ist. Immer findet sie ihn ein wenig abwesend,
als hätte er, als er zu ihr kam, Provinzen seiner Seele in der Welt zerstreut
vergessen. Und umgekehrt hat es jeden feinfühligen Mann wohl mehr als einmal
beschämt, daß er unfähig ist zu der unbedingten Hingabe, der restlosen
Gegenwart, welche die Frau in die Liebe legt. Darum weiß der Mann sich immer
täppisch in der Liebe und ungeschickt für die Vollkommenheit, welche die Frau
diesem Gefühl zu geben versteht“. 07,3 - Die geheime Klugheit der Frau Von seiten der Frau geschieht das
Vereinigen der Seelen und Gemüter in geheimer Weise, weshalb es heißt, das
Weib sei erschaffen worden, während der Mann schlief: „Gott der Herr ließ
einen tiefen Schlaf auf Adam fallen, und er schlief ein. Dann nahm Er eine
von seinen Rippen und baute sie zum Weib“, 1. Mose 2, 21 f. Das in den Schlaf
versenktsein des Mannes meint im inneren Sinn seine völlige Unwissenheit davon,
daß das Weib aus ihm gebildet wurde und wird, die Frauen aber haben davon her
die ihnen eingepflanzte Klugheit und Umsicht, nichts von ihrer Liebe
aufdringlich verlauten zu lassen und ebenso wenig von der Annahme der Lebensneigungen
des Mannes und der Übertragung seiner Weisheit in sie. Dies ist notwendig,
auf daß eheliche Liebe, Freundschaft und Vertrauen und daraus die Seligkeit
des Zusammenwohnens und das Lebensglück entstehe und befestigt werde. Wir
lesen weiter, daß dem Manne aufgegeben wurde, Vater und Mutter zu verlassen
und dem Weibe anzuhängen, 1. Mose 2, 24. Unter „Vater und Mutter“ wird im
geistigen Sinn das Eigene des Wollens und des Denkens verstanden. Dies ist todbringend für den Mann,
wenn es bei ihm bleibt. Nun aber kann er der Gattin „anhangen“, das heißt
sich der Liebe zu ihr hingeben und ihre Liebe zu ihm aufnehmen, woraus
wechselseitig die eheliche Liebe entsteht (194). Heutzutage ist den Männern verborgen,
daß die Liebe und daher die Neigung zur Verbindung mit der Frau von der Frau
eingeflößt wird, ja es wird von ihnen bestritten. Die Frauen bestärken sogar
die Meinung der Männer, daß nur sie wirklich liebten und die Frauen ihre
Liebe aufnähmen, oder daß die Männer Liebe seien, die Frauen aber Gehorsam.
Sie freuen sich herzlich, wenn die Männer das glauben. Daß sie die Männer so
irreführen, geschieht aus mehreren Gründen, die alle der Klugheit und Umsicht
der Frauen angehören. In Wahrheit aber wird die Liebe den Männern von den
Frauen eingeflößt und beigebracht, weil sie nur in ihnen ihren Sitz hat.
Einst war in der geistigen Welt hievon die Rede und um den Streit zu
schlichten und das Geheimnis zu lüften, wurden von den Männern alle Frauen
samt den Ehefrauen entfernt und zugleich mit ihnen auch die Sphäre der
Geschlechtsliebe und der ehelichen Liebe weggenommen. Nun gerieten die Männer
in einen ihnen ganz fremdartigen und vorher nie empfundenen Zustand, über den
sie sich sehr beklagten. Dann wurden die Frauen und Ehefrauen zurückgeführt,
und sie sprachen die Männer freundlich an, aber selbst auf Liebkosungen
reagierten die Männer kalt, wandten sich ab und sagten untereinander:
"Was soll das? Was will das Weibervolk?“ Und als diese und jene zu ihrem
Gatten sagte, sie sei doch seine Ehefrau, antwortete er: „Was Ehefrau!? Ich
kenne dich nicht!“ Nachdem nun aber die Frauen über diese Kälte und
Gleichgültigkeit der Männer zu trauern und zu weinen begannen, wurde die
Sphäre der weiblichen Geschlechtsliebe und der ehelichen Liebe, die den
Männern entzogen war, wiederhergestellt. Nun kehrten sie sogleich wieder in
ihren vorigen Zustand zurück, die Eheleute in den ihrigen, die Liebhaber des
weiblichen Geschlechts in den ihrigen. Auf diese Weise wurden die Männer
davon überzeugt, daß in ihnen nichts von ehelicher Liebe, ja nicht einmal von
Geschlechtsliebe wohne. Dessenungeachtet brachten nachher die klugen
Ehefrauen ihre Männer wieder zur alten Meinung zurück (161). Den Frauen ist die Wahrnehmung der
Gemütsbewegungen ihrer Männer und die Mäßigung derselben durch ihre Klugheit
angeboren wegen des Endziels der ehelichen Liebe, der Verbindung beider zur
Einheit. Dies gehört zu den in den Frauen verborgenen Geheimnissen. Sie
nehmen wahr durch die drei Sinne Gesicht, Gehör und Gefühl, und sie mäßigen,
ohne daß die Ehemänner davon das Geringste wissen (166). Ja, sie verbergen
ihre Wahrnehmung und halten sie vor ihren Männern geheim aus notwendigen
Gründen, denn nur so wird die eheliche Liebe, die Freundschaft und das
Vertrauen, die Seligkeit des Zusammenwohnens und das Glück des Lebens
befestigt. Ohne dies Wirken im Geheimen würden sie die Männer dem Bett, der
gemeinsamen Wohnung und dem Haus entfremden, denn den meisten Männern wohnt
zutiefst eheliche Kälte inne aus Gründen, die unten erörtert werden. Diese
Kälte bräche, wenn die Frauen ihr Geheimnis enthüllten, aus ihren
Schlupfwinkeln hervor und kühlte zuerst das Innere des Gemüts, dann die Brust
und von da aus das Letzte der Liebe, das der Zeugung gewidmet ist, ab, sodaß
die Hoffnung auf das Lebensglück verschwände (167). Diese Weisheit der Frau
ist im Mann ebensowenig zu finden, wie die Weisheit des Mannes in der Frau:
er nimmt aus dem Denken wahr, sie aus der Liebe; er nimmt wahr, was über
Körper und Welt hinausgeht, weil der Blick der Vernunft bis dahin dringt, sie
dagegen bleibt in das begrenzt, was sie fühlt. Denken ist Sache des Lichtes,
Lieben Sache der Wärme; Was Sache des Lichtes ist, wird geschaut, was Sache
der Wärme ist, wird gefühlt. Geht eine Frau über ihr Weibliches hinaus und
tritt damit hervor, so ist das eine Folge ihrer Verbindung mit der
Verständigkeit des Mannes (168). Jeder aufmerksame Beobachter hat
bemerkt, wie unterschwellig, verhalten, ohne Zwang und Gewalt eine Ehefrau
auf ihren Mann einwirkt. Ihr Gestaltungsdrang gilt der Schaffung einer
besonderen Atmosphäre, ihres „Klimas“, durch das sie indirekt den Mann
beeinflußt, kaum merkbar, aber allgegenwärtig, unaufhörlich und unausweichlich.
Man hat den „Schleier“ das Zeichen der Frau genannt und die Scham eine
typisch weibliche Eigenschaft, denn sie verheimlicht und verhüllt gern ihr
Wesen, und die scheinbar widersprechende Kehrseite der Medaille bestätigt
das: den Erwählten, Geliebten überrascht sie oft mit Einfällen aus ihrer, ihm
immer ein wenig Unheimlichen Heimlichkeit; ihm enthüllt sie sich, ihm gibt
sie sich preis, für ihn öffnet sie ihre sonst dem Anblick verborgene
Geschlechtsregion. 07,4 - Die dem Mann und der Frau
eigentümlichen Aufgaben Der Mann liebt sein Werk, seine
Hingabe gilt der personalen Selbstverwirklichung im Beruf, der Forschung und
Entdeckung, der schöpferischen Arbeit und Gestaltung in Kunst, Wissenschaft,
Politik, Technik, Wirtschaft, Handel, Organisation, er will veröffentlichen
und in der Öffentlichkeit wirken. Die Frau liebt eine Person, ihre Hingabe
gilt dem geliebten Menschen. Der Mann ist vielseitig und oft auf mehreren Gebieten
gleichzeitig tätig, die Frau ist einseitig, auf ihren Mann und ihre Familie,
ihr Hauswesen und häusliches Klima konzentriert. Der Mann ist anspruchsvoll
in bezug auf sein oft vielfältiges Werk, die Frau ist anspruchsvoll in bezug
auf ihr ein‑fä1tiges Werk, die Vervollkommnung des Menschen, der ihr
Mann und sie zusammen ist. Der Mann hat den Trieb, geistig und leiblich zu
zeugen, sein Eigenstes aus sich hervorzubringen, sein Inneres zu äußern, die
Frau hat den Trieb, geistig und leiblich zu empfangen und auszutragen,
aufzunehmen und das vom Mann Aufgenommene hervorzubringen. Dies, das Kind,
übertrifft an Realität und Intensität unermeßlich alles vom Mann allein
Hervorgebrachte und beweist aufs neue, daß nur der zweisame Mensch, Mann und
Frau zusammen, der Mensch ist. Es gibt spezielle Aufgaben des Mannes
und ebensolche der Frau, beiden eigentümlich, nur dem einen oder dem anderen
zugeordnet und nicht austauschbar, denn Mann und Frau unterscheiden sich wie
die Weisheit und die Liebe zur Weisheit, wie der Gedanke und die Neigung zu
ihm. Bei den Aufgaben des Mannes herrscht das Denken, das sich zur Weisheit
erheben soll, vor, bei denen der Frau das Wollen, das Gefühl, die Liebe.
Beide verrichten ihre Geschäfte von ihrer Eigenart her, und diese sind ihrer
Natur nach verschieden, obgleich dann in aufeinander folgender Ordnung
miteinander Verbindbar. Viele glauben, auch die Frauen könnten die Geschäfte
der Männer verrichten, wenn sie nur, wie die Knaben, von Jugend auf dazu
angeleitet würden, doch das führt bestenfalls zur ähnlichen Ausübung, nicht
aber zum eigentlichen, durchschauenden Verständnis, wovon aber die
sinnbezogene Ausübung abhängt. Deshalb werden Frauen immer das Urteil der
Männer zu Rate ziehen, worauf sie dann das erwählen, was ihrer Liebe gemäß
ist. Manche meinen, auch die Frauen könnten den Scharfblick ihres Verstandes
in die Sphäre des Lichtes, in die die Männer einzudringen vermögen, erheben
und die Dinge von dieser Höhe aus durchschauen, zu dieser Meinung gebracht
durch die Schriften gelehrter Frauen. Doch als diese in der geistigen Welt
geprüft wurden, erfand man sie nicht als Ergebnisse produktiver Genialität
und Weisheit, sondern als geistreiche Resultate der Beredsamkeit. Sie
erschienen zwar wegen der Eleganz und Abrundung des Stils erhaben und
gelehrt, jedoch nur für die, welche geistreich für weise halten. Ebensowenig
aber können Männer die der Frau eigentümlichen Aufgaben übernehmen und sie gehörig
besorgen, weil ihre Neigungen von den weiblichen grundverschieden sind (174,
175). Am eklatantesten offenbart sich der
Unterschied der Geschlechter und ihr unaustauschbarer Auftrag in ihrer
sexuellen Funktion. In der körperlichen Vereinigung „gibt sich die Frau dem
Mann hin“, nimmt ihn, sein aktives Zeugungsglied, in sich auf, empfängt
seinen Samen, die Quintessenz seines Wesens, bildet in ihrem Leib das Kind,
trägt das Empfangene aus, gebiert es und pflegt es. Daher die biblische Redeweise
„und sie gebar ihm“. Deshalb wird das Mädchen durch eine Liebesbeziehung
viel tiefer getroffen und verändert als der Mann. Deshalb ist die erste
intensive Begegnung mit ihm im ersten Geschlechtsakt für die Frau viel
einschneidender und entscheidender als für den Mann, wie ja auch die daraus
hervorgehende Folge, die Empfängnis des männlichen Samens, in ihr eine
gravierende, neunmonatelange Veränderung einleitet. 07,5 - Echter und falscher Wettstreit
der Geschlechter Aus dem allen geht hervor, daß es
sinnlos ist, aus der „Priorität des Mannes“ einen Vorrang des Männlichen und
eine Zweitrangigkeit des Weiblichen abzuleiten. Sie stehen nicht unter‑,
sondern nebeneinander, jedes für das andre notwendig zur echten
Menschwerdung. Man konnte ebensogut sagen, jedes Geschlecht hat vor dem
anderen etwas voraus. Ein Wettstreit ist nur fruchtbar und sinnvoll, wenn
Mann und Frau ihre grundverschiedene Rolle so männlich und so weiblich wie
nur möglich spielen. „Mit ihrer
Mission steht die Frau neben dem Mann, nicht unter ihm. Die rechte
Frau findet ihr Genügen im Hervorbringen wirklichen Lebens; den Ruhm des symbolischen
Gestaltens überläßt sie den Geschöpfen, die sie getragen, genährt und zur
Tatenlust entflammt hat. Auch sie ist Bildnerin; ihr Material aber ist der
lebendige Mensch. Wo Mütterlichkeit ist, da wird das Urgeheimnis unmittelbar
gelebt und bedarf nicht des Symbols. Mißachtet die Frau die ihr von der
Natur gesetzten Grenzen und tritt sie mit dem männlichen Talent in
Wettbewerb, so findet in vielen Fällen eine Vermännlichung statt: der
seelischen Geschlechtsverkehrung entspricht eine physische. Wo Weiber aber
männisch werden, da werden die Männer jederzeit weibisch. Auf den Höhen der
Kultur, wo das echte Talent herrscht, unterscheiden sich die Geschlechter
stark voneinander, wo jedoch Dekadenz herrscht, da haben die Geschlechter das
Bestreben, sich einander anzunähern, im Geistigen, im Gesichtsausdruck, in
den Gewohnheiten, in der Handschrift, kurz in allem“ (Scheffler). Der verirrte Ehrgeiz der Frau, sich zu
den speziellen Aufgaben des Mannes zu drängen, ist im Grunde ein letzter
Ausläufer, nämlich ein Aufbegehren gegen die Jahrhunderte alte, hergebrachte
Prävalenz des Mannes und soziale Zurücksetzung der Frau. „Die freie Frau wird
eben erst geboren, wenn sie sich selbst erobert haben wird“, sagt Simone de
Beauvoir. Das wird aber nur geschehen, wenn sie echte Frau wird, nicht aber
wenn sie sich aus Ärger über ihre bisherige Zurücksetzung, ja Unterdrückung
in falsche Rivalität einläßt und mit dem Mann in dessen scheinbar wichtigeren
und imposanteren Gehegen in peinlichen Wettstreit gerät. 08,0 - Das Ewig‑Weibliche und -Männliche und das
menschlich Weibliche und Männliche 08,1 - Verschiedenartige Bedeutungen
von „männlich“ und „weiblich“ Wir sind schon darauf aufmerksam
gemacht worden, daß mit „weiblich“ und „männlich“ zweierlei gemeint sein
kann. Erstens sind es psychologische und charakterologische Begriffe.
„Weiblich“, das ist Gefühlsbetontheit, ja Gefühlsseligkeit, Hingabefähigkeit,
Weichheit, Wärme, Liebe, Aufnahme‑ und Hingabefähigkeit, kurz all das,
was man landläufig „typisch weiblich“ nennt; „männlich“, das ist ratio, Denk‑
und Urteilskraft, Klarheit, ordnender und planender Verstand, Scharfsinn, Feinsicht,
Organisation und Herrschaft, kurz all das, was man landläufig „typisch männlich“
nennt. Negativ ausgedrückt: Gefühlsduselei‑ und ‑überschwang,
Unlogik, sich selbst aufgebende Anschmiegsamkeit, und auf der anderen Seite
kalter Rationalismus, Lieblosigkeit, Herrschsucht. Zweitens sind „männlich“
und „weiblich“ physiologische und anthropologische Begriffe. Sie meinen die
beiden leiblichen Erscheinungsformen des Menschen, den Mann und das Weib. Wir haben weiterhin bemerkt, daß
beides nicht in Deckung zu bringen ist, weswegen man vorsichtiger mit beiden
Begriffen umgehen sollte. Der Mensch Mann und der Mensch Weib enthält beides
Erstgenannte, wenn auch das Weib seelisch‑geistig vom „Weiblichen“, der
Mann seelisch‑geistig vom „Männlichen“ stärker geprägt ist. Doch
trifft die Idee der Prävalenz des einen oder anderen nicht den Kern, denn
Mann und Frau sind nicht zu größeren oder kleineren Teilen, sondern durch und
durch Mann oder Frau, männlich oder weiblich. In den Geschlechtsorganen ist
die Zuordnung des Männlichen zum Mann, des Weiblichen zum Weib exklusiv und
unvermißbar! „Ein Mann ist bis in seinen kleinsten Bestandteil, ja bis in
die Bezirke des Geistigen ein Mann, wie eine Frau umfassend Frau ist“, sagt
der Mediziner ebenso, wie Swedenborg: Das Männliche im Mann ist im Ganzen
und in allen Teilen männlich, und ebenso ist das Weibliche im Weibe im
Ganzen und in allen Teilen weiblich (37), so ganz, daß das eine nicht in das
andere verändert werden kann (31). Wir wiederholen zusammenfassend: Das
Innerste des Männlichen ist die Liebe - also das gemeinhin „Weibliches“
Genannte! ‑, die Hülle derselben ist die Weisheit - oder das gemeinhin
„Männliches“ Genannte! -, der Mann ist also die mit Weisheit umhüllte Liebe.
Oder, anders gesagt, der Mann ist zuinnerst Wollen, das sich im Denken bewußt
wird und formt, oder er ist Neigung zum Denken und das heißt zuhöchst zur
Wahrheit, also Streben, weise zu werden (32). Benennen wir seine Struktur mit
den psychologisch‑charakterologischen Begriffen, dann ist er zuinnerst
„weiblich“, von außen gesehen aber, die „Umhüllung“ dieses Inneren zeigend,
„männlich“. Dagegen ist das Innerste im Weibe jene Weisheit des Mannes ‑
also das gemeinhin „Männliches“ Genannte! -, die Hülle derselben ist die
Liebe zu dieser - also das gemeinhin
„Weibliches“ Genannte! Oder, wiederum andersgesagt, die Frau ist zuinnerst
das männliche Denken, die männliche Verstandestätigkeit, Einsicht und
Weisheit, die vom Manne in sie übertragen wurde und wird und die sie von ihm,
sich ihr zuneigend, liebend aufnimmt. Benennen wir auch ihre Struktur psychologisch‑charakterologisch,
dann ist sie zuinnerst „männlich“, von außen gesehen aber, die Umhüllung
dieses Inneren zeigend, „weiblich“. Beide stellen also Liebe und Weisheit,
Lieben und Weisesein, Wollen und Denken sozusagen „verschränkt“ dar, und
somit ist doch der Mann „männlich“, die Frau „weiblich“ - von außen gesehen! Aber nun kommt hinzu die andere
entscheidende Einsicht: Die primäre Liebe ist die männliche Liebe, die Liebe
weise zu sein, und sie wird dem Manne vom Herrn mitgeteilt als Auftrag und
als Grundintention seines Denkens. Die Liebe des Weibes dagegen ist die
sekundäre weibliche Liebe, die der Frau vom Herrn durch die Weisheit des
Mannes gegeben wird, in beider Vereinigung in wahrhafter Ehe von ihrem
Gatten. Daher ist der Mann die Weisheit der Liebe, das Weib aber die Liebe zu
dieser, das heißt zur männlichen Weisheit (32). Der Mann schließt also beides
originär in sich, was, wie oben erwähnt, in der Chromosomenverteilung
physisch ablesbar wird. 08,2 - Swedenborgs Schau in Goethes
„Chorus mysticus“ Gehen wir noch einen Schritt weiter
und tiefer, vom Geschöpf zum Schöpfer, dann können wir die Liebe an sich und
in sich, die ewige Liebe im Schöpfer das Ewig‑Weibliche nennen und das
Wahre an sich und in sich, die ewige Weisheit das Ewig‑Männliche. Wir
wissen nun, daß dies nicht mit dem menschlich Weiblichen und menschlich
Männlichen verwechselt werden darf und daß beide nicht direkte Darstellungen
des Ewig‑ oder Göttlich‑Weiblichen und ‑Männlichen sind.
Goethe, der Swedenborgs Schau tief in sich aufgenommen hatte, kannte diesen
entscheidenden, im allgemeinen Sprachgebrauch wie in der Psychologie so oft
verwischten Unterschied. Der „Chorus mysticus“ am Ende des Faust beginnt mit
jenen Zeilen, die Swedenborgs Art der Welt‑Anschauung, der Schau der
sichtbaren Welt als Entsprechung der sie unaufhörlich wirkenden geistigen
Welt, Prägnant und umfassend charakterisiert: Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis. Und der Chorus schließt mit den
Zeilen: Das Ewig‑Weibliche Zieht uns hinan. Nicht das menschlich Weibliche (das
uns „so anzieht!“),sondern - man beachte die Schreibweise! - das Ewig‑Weibliche,
das Göttlich‑Weibliche, die ewige Liebe, die „uns hinanzieht“,
vorhergenannt die „Flammen, die fröhlichen“ und „Heilige Gluten“ und „Ewiger
Wonnebrand, glühendes Liebesband“ und „Höchste Herrscherin der Welt“. Es ist
das Ur‑Wollen, das „Urleben“. Dementsprechend ist das Ewig‑Männliche
die Göttliche Weisheit, das Wahre in sich oder das Ur‑Denken, der Logos,
in den letzten Faust‑Szenen genannt der „lichte Tag den ewigen Scharen“,
die „reine Luft, die der Geist atmet“, die „Klarheit“, zu der sich die
„liebenden Scharen wenden“ sollen. Aus ihrer beider ehelicher Verbindung,
begründet im Wesen des Schöpfers, dargestellt in irdischer Entsprechung in
der Sonne mit ihrer gleichzeitigen Wärme‑ und Lichtausstrahlung, geht
das Leben der Schöpfung hervor, die Verwirklichung, „alle Deine hohen Werke“. Vorher hieß es: „Steigt hinan zu
höherem Kreise, wachset immer unvermerkt“, am Schluß heißt es: „. . . zieht
uns hinan“. Das deutet auf die zweistimmige Art und Weise unserer
Menschwerdung hin: Von außen, von uns Menschen aus gesehen ist das Erste
unser eigenes „Uns-strebend‑bemühen“, unser „Nichtleiden, was das Innere
stört“, unser „Hinansteigen"“. Von innen, vom Schöpfer aus gesehen, aber
ist das Erste, der wirkliche Impuls unserer geistigen Menschwerdung, jenes
Ewig‑Weibliche, das Göttliche Lieben, das uns „hinanzieht“. 09,0 - Geschlechtsliebe und eheliche Liebe 09,1 - Die dreierlei Arten der
Geschlechtsliebe Als Geschlechtsliebe bezeichnet
Swedenborg dreierlei: Erstens die allen Menschen eingeborene Liebe zum
anderen Geschlecht, den Bereich der Sexualität mit dem Geschlechtstrieb,
zweitens die zeitlich erste Stufe der späteren ehelichen Liebe, den
Ausgangspunkt intensiver und dauernder Beziehungen von Mann und Frau, also
die „Verliebtheit“, drittens die im Physischen stecken gebliebene Beziehung
zum anderen Geschlecht, wahl‑ und regellos zu mehreren Partnern, neben‑
oder nacheinander. Die beiden ersten Arten betreffen den ganzen Menschen als
seelisch‑geistig‑leibliche Einheit, die dritte dagegen, der Sex,
die bloß sinnliche Erregung und Triebbefriedigung, betrifft nur das Leibliche
und ist vom gemeinten Menschen aus gesehen tierisch. Die zweite Art, die
Verliebtheit, ist meist heftiger, brennender, leidenschaftlicher als die
spätere eheliche Liebe, diese aber ist tiefer, milder, wärmender. Jene
fesselte einen Partner an den anderen, in diesem Stadium ist man von ihm
„gefangen“, diese dagegen ist freies Zusammenspiel, und gerade in ihm kommt
der Mensch wirklich zur Freiheit. Die pure Geschlechtsliebe ist
unersättlich, ungeläutert und selbstsüchtig und bleibt so, wenn der Mensch
nicht wirklich Mensch wird; in der ehelichen Liebe ist sie gesättigt durch
die Konzentration auf Einen Menschen und geläutert durch Vergeistigung, ohne
etwas von ihrer Lust verloren zu haben; die Verbindung zweier Menschen, bei
der jeder seine eigene Freude in der des anderen sucht und findet. 09,2 - Der Unterschied von
Geschlechtsliebe und ehelicher Liebe Was mit der Pubertät zu keimen, zu
rumoren, uns zu beunruhigen beginnt, ist die unterste, äußerste Stufe der
späteren ehelichen Liebe. Sie rührt unbewußt davon her, daß mit dem Beginn
der zweiten Stufe der Menschwerdung, das ist mit dem erwachenden Streben, zu
wissen, Kenntnisse zu erwerben, einzusehen, der zum Jüngling heranreifende
Knabe spürt, daß er nun das andere Menschenwesen brauchen wird, um diese
Stufe recht zu durchstehen und zur letzten zu gelangen. Sexualtrieb, sexuelle
Erregung, Flirt ist die zeitlich erste Stufe der eigentlichen menschlichen
Liebe, der ehelichen Liebe, denn noch ist der Partner auswechselbar, noch ist
die Partnerwahl unverbindlich. Geschlechtsliebe und eheliche Liebe gehören
zwar zusammen, daher das gleiche Wort „Liebe“, aber sie sind etwas
Verschiedenes, daher die verschiedenen Prädikate. Weder ist jede „Liebe“ von Jüngling
und Mädchen und Mann und Frau von vorneherein und immer echte menschliche
Liebe, noch ist jede „Ehe“ wirkliche Ehe. Oft ist diese nur die leidliche
Regulierung der Geschlechtsliebe oder nur Interessen‑ und
Gewohnheitsgemeinschaft. „Zuerst sind alle Ehemänner in ihre Frauen verliebt;
eine Liebe jedoch, die in voller Kraft bei engstem Zusammenleben viele
Jahrzehnte aushalten, sich stetig verwandeln, erneuern und im Kern doch
unwandelbar bleiben soll, ist so selten wie das Talent. Gemeinhin geht
Verliebtheit in Vertrautheit und Gewohnheit über, und so entsteht die engste
menschliche Interessengemeinschaft“ (Scheffler). Im Folgenden ist mit
„Eheliche Liebe“ nur die wahrhaft eheliche Liebe gemeint, nicht das, was man
heute gemeinhin auch so nennt. Dies ist im Grunde oft nur eine eingeschränkte
Geschlechtsliebe (98). Jedem Menschen ist von der Schöpfung
und infolgedessen von der Geburt her ein inneres und ein äußeres Eheliches
eingepflanzt, ein geistiges und ein natürliches. Er kommt zuerst in dieses
und mit dem Geistigwerden in jenes. Das innere Eheliche ist zuerst verhüllt;
bleibt der Mensch im natürlichen, äußeren Ehelichen stecken, dann verschließt
er sich, bis er zuletzt nichts mehr davon weiß, ja es ein Hirngespinst nennt.
Wird er aber geistig, dann beginnt er, etwas davon zu ahnen, zu wissen, wahrzunehmen
und nach und nach dessen Lieblichkeit und Wonne zu fühlen. Die Verhüllung
des Inneren verdünnt sich, zerfließt, löst sich auf und wird zerstreut. Dann
bleibt zwar das äußere Eheliche erhalten, aber es wird fort und fort von
innen her von seinen Hefen geläutert und gereinigt, so lange, bis es zum Angesicht
des inneren wird und zugleich dessen Leben und Freuden und Kräfte in sich
zieht. Man könnte glauben, das zurückbleibende sei dem vorigen äußeren
Ehelichen ähnlich, doch die Engel sagten mir, sie seien einander völlig
unähnlich. Sie verglichen das vom inneren durchzogene äußere Eheliche einer
edlen Frucht, deren lieblicher Geschmack und Geruch sich über deren Oberfläche
verbreitet und diese zu seiner Entsprechung bildet. Sie verglichen es auch
mit einer Scheune, deren Vorrat niemals abnimmt, sondern fortwährend ergänzt
wird. Das vom inneren getrennte äußere Eheliche dagegen verglichen sie mit
dem Weizen auf der Wurfschaufel: wird sie hin und her gerüttelt, so bleibt
nur die Spreu zurück, die der Wind zerstreut (148). Die eheliche Liebe ist in der Geschlechtsliebe
wie der Edelstein in seiner Mutter (97). Die Geschlechtsliebe ist allgemein
und jedem eigen, von der Schöpfung her der Seele des Menschen eingepflanzt
wegen der Fortpflanzung des Menschengeschlechts (46). Sie ist die Liebe zu
mehreren und mit mehreren des anderen Geschlechts; die eheliche Liebe
dagegen ist die Liebe zu Einer oder Einem. Die Geschlechtsliebe hat der
Mensch gemeinsam mit den Tieren; die eheliche Liebe dagegen ist, als geistige
Liebe, nur dem Menschen angehörig und eigentümlich, denn der Mensch ist
geschaffen und geboren, um geistig zu werden. Soweit er geistig wird, legt er
die Geschlechtsliebe ab und zieht die eheliche Liebe an (48). Die Geschlechtsliebe
ist dem natürlichen Menschen eigen, die eheliche Liebe aber dem geistigen,
jener begehrt nur natürliche Verbindungen und deren körperliche Lust, dieser
aber eine innere Verbindung und aus dieser geistige Wonnen. Er erkennt, daß
dies nur mit Einem Partner möglich ist, mit dem er fortwährend mehr und mehr
eins werden kann und empfindet auch, daß sich diese Wonnen mit den Graden der
innigen Verbindung erhöhen, fortwährend in Ewigkeit (38). Schon zu jeder Beziehung zum anderen
Geschlecht, soweit sie nicht reine Promiskuität oder bloße sexuelle
Befriedigung durch irgend ein Objekt ist, dessen man durch Geld oder Gewalt
habhaft werden kann, gehört etwas von dieser Ausschließlichkeit. Auch der
Casanova will im Augenblick des Entflammtseins und für die Tage oder Wochen
der Verliebtheit genau und nur diese eine Frau und konzentriert auf sie
seine Intensität. An dieser Verengung auf eine bestimmte Person des anderen
Geschlechts flackert etwas von dem auf, was die eigentlich menschliche, die
wahrhaft eheliche Liebe kennzeichnet und auszeichnet, und auch dieses
Aufblitzen, hat seinen Ursprung in der schöpfungsmäßig begründeten ehelichen
Liebe, wenn es auch nur ein kurzlebiger und rasch vorübergehender Splitter
davon ist. 09,3 - Der Zusammenhang von ehelicher
Liebe und Menschwerdung Die Geschlechtsliebe gehört dem
äußeren oder natürlichen Menschen (94), die eheliche Liebe aber dem inneren
oder geistigen Menschen an. Je mehr der Mensch verständig und dann weise
wird, desto mehr wird er innerlich und geistig und desto vollkommener wird
die Form seines Gemütes. Diese Form nimmt die Sphäre der ehelichen Liebe auf,
denn sie empfindet und fühlt in ihr den geistigen Lustreiz, der inwendig beseligt,
und von da aus wird auch der natürliche Lustreiz beseligt (95). Jeder wird
als ein körperlicher Mensch geboren, dann wird er innerlicher natürlich oder
sinnlich. Danach, je nachdem er die Verständigkeit liebt, vernünftig und endlich,
wenn er nicht stehen bleibt, sondern die Weisheit liebt, geistig. Bei diesem
Fortschreiten vom Wissen über die Verständigkeit zur Weisheit verändert das
Gemüt seine Form: es wird mehr und mehr aufgeschlossen und verbindet sich
näher mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Herrn. Daher wächst seine
Liebe zum Wahren und sein Streben nach dem Guten des Lebens. Bleibt der
Mensch auf der ersten Strecke des Weges zur Weisheit stehen, so bleibt die
Form seines Gemütes natürlich und nimmt den Einfluß der universellen Sphäre
der Ehe des Guten und Wahren nicht anders auf, als es die Subjekte des
Tierreichs tun. Ihnen, die ganz natürlich sind, wird ein solcher Mensch
ähnlich; er liebt in gleicher Weise das andere Geschlecht (94). Bleibt er
aber nicht stehen, dann ist die Liebe zum anderen Geschlecht zwar zuerst
körperlich und beginnt vom Körperlichen her, dann sinnlich, denn alle Sinne
ergötzen sich an ihrem allgemeinen Wesen, und natürlich, ähnlich wie bei den
Tieren, als eine noch wahllose Liebe zum anderen Geschlecht, dann aber, weil
der Mensch geboren wurde um geistig zu werden, wird sie vernünftig und
endlich geistig, das heißt wahrhaft ehelich. Diese geistig gewordene Liebe
fließt und wirkt ein in die vernünftige, in die sinnliche und zuletzt in die
körperliche, weil diese ihre letzte Unterlage ist, und durchwirkt sie. Aus
der natürlichen wächst die geistige, eheliche Liebe, wenn der Mann die
unbestimmte, wahllose Lust aufgibt und sich einer Einzigen weiht, mit deren
Seele er seine Seele vereinigt (447). Sobald er sein Augenmerk auf sie
richtet und sein Leben mit ihrem Leben verbinden will, wird die Begierde zur
keuschen Neigung und die Lüsternheit zur menschlichen Liebe (448). Nur der Mensch kann geistig werden,
deshalb ist die eheliche Liebe nur ihm eigen. Nur er kann sein Denken über
die natürlichen Triebe erheben und von da aus auf sie herab sehen, ihre
Beschaffenheit beurteilen, sie tadeln, bessern oder entfernen. Dies ist dem
Tier nicht möglich, denn seine Triebe sind völlig mit seinem angeborenen
Wissen vereinigt, weshalb es sich nicht zur Einsicht und noch weniger zur
Weisheit erheben kann. Das Tier wird vom eingepflanzten Trieb seines Wissens
geführt wie ein Blinder von einem Hund, dem Menschen dagegen ist das
vermögen, weise zu sein, das Eins ausmacht mit der ehelichen Liebe, angeboren
(96). „Die letzte Grundlage, das Äußerste
und Irdischste kann einem Erdreich verglichen werden, das so ist, wie es
angebaut wird, dem, wenn es vorbereitet ist, ein edler Same eingepflanzt
wird“. Der Mensch gleicht auch einem Baum, der aus einem Samen aufwächst,
dazu aber der Pflege, der Rodung und Kräftigung des Bodens und der
Beobachtung durch den Gärtner - der er selbst gleichzeitig ist! - bedarf. Was
die Geschlechtsliebe betrifft, so ist auch sie zuerst eine körperliche Regung
vom sich entwickelnden Körper aus, dann wird sie zur sinnlichen Erregung,
zur allgemeinen Beunruhigung, danach natürlich, das heißt ähnlich wie in den
Tieren als unbestimmte Anziehung durch das andere Geschlecht. Weil aber der
Mensch dazu geboren ist, geistig zu werden, wandelt sie sich ins Vernünftige,
zuerst ins Natürlich‑Vernünftige, dann ins Geistig‑Vernünftige
und schließlich ins Geistige. Die nun geistige Liebe wirkt zurück in den
Vernunftbereich und von diesem in die sinnliche Liebe und endet wieder im
Körperlichen als ihrer letzten Unterlage. Dort ist, im seligsten Akt, alles
Geistige, Vernünftige, Sinnliche und Körperliche beisammen. Die bloße Geschlechtsliebe
oder die unstete Befriedigung des Geschlechtstriebes gehört dem natürlichen
Menschen an, und sie kann sogar ins Natürlich‑Vernünftige aufsteigen,
von geistiger und das heißt menschlicher Liebe zum anderen Geschlecht kann
aber erst die Rede sein, wenn diese ehelich wird. Die Geschlechtsliebe wird
somit aus einer natürlichen zu einer geistigen oder aus einer tierischen zu
einer menschlichen, wenn der Mensch die unbestimmte Lust aufgibt und sich
einer oder einem Einzigen weiht und beider Seelen sich vereinigen (447). 09,4 - Der Weg der ehelichen Liebe Mit der Geschlechtsliebe nimmt die
eheliche Liebe zwar ihren Anfang, aber sie entsteht nicht aus ihr, sondern
aus dem allmählichen Fortschreiten zur Weisheit, die dann in der ehelichen
Liebe ans Licht tritt, weil die Weisheit und diese Liebe unzertrennliche
Gefährten sind. Zuerst wird das andere Geschlecht summarisch geliebt und mit
liebevollen Augen betrachtet. Der Jüngling schaut sich um, prüft und wählt,
und aus eingepflanzter, im Inneren seines Gemüts verborgener Neigung zur Ehe
mit Einer wird sein Äußeres sanft erwärmt. Die Geschlechtsliebe ist nur das
zeitlich Erste der ehelichen Liebe, nicht deren Ursprung. Sie ist nicht deren
Erstes, wenn man das in Wahrheit Erste, Vorzügliche im Gemüt und in dessen
innerstem Streben ins Auge faßt: die causa finalis, die Zielidee, den
Endzweck. Hiezu gelangt der Mensch erst nach und nach durch Mittel, die nicht
dies Erste, sondern nur Wege zu ihm sind (98). Dann sieht die eheliche Liebe
jene zeitlich erste Geschlechtsliebe nicht vor, sondern hinter sich, nicht
über, sondern unter sich wie etwas im Weiterschreiten Überholtes. So blickt
einer, der von seiner ersten Stelle aus durch mehrere Ämter zu hoher Würde
emporsteigt, auf die durchlaufenen Stationen zurück und sieht sie hinter und
unter sich, so wendet einer am Ende einer Reise den Blick zurück auf das, was
er gesehen und erlebt hat (99). „Der Weg der ehelichen Liebe geht vom
Herzen zu den Sinnen, und nur wenn der weg von dort zurück wieder zum Herzen
führt, kann sich die Liebe der Gatten durch die leibliche Vereinigung mehren.
Diese Wegrichtung umkehren zu wollen, heißt die eheliche Liebe gefährden“
(Saller). Am Anfang einer Ehe scheint die
Geschlechtsliebe gleichsam verbunden mit der ehelichen Liebe, im Fortgang
der Ehe aber werden sie getrennt: bei denen, die geistig sind, wird die
wahrhaft eheliche Liebe eingeflößt und der Geschlechtsliebe übergeordnet, bei
denen, die natürlich sind, geschieht das Gegenteil (48). Die anfängliche
Liebe in der Ehe ahmt die wahrhaft eheliche Liebe nach und stellt sie
andeutend im Bilde dar. Dann aber wird die an sich unkeusche Geschlechtsliebe
ausgestoßen und an ihrer Stelle die Liebe zu Einer aus dem anderen Geschlecht,
das heißt die wahrhaft eheliche und darum keusche Liebe eingepflanzt. Sie
kann immerhin erkannt werden aus dem ersten Zustand, wenn sie sich in die
Herzen der Jünglinge oder Jungfrauen einschleicht und eindringt, sodaß sie
ein bestimmtes Wesen des anderen Geschlechts zu lieben beginnen und
schließlich zur Braut oder zum Bräutigam begehren, und noch mehr, wenn sich
die Zeit ausdehnt bis endlich die Hochzeit naht, und weiterhin bei der
Hochzeit selbst und in den Flitterwochen. Da spürt jeder, daß diese Liebe
die Fundamentalliebe aller Liebe ist und daß in ihr alle Genüsse und Wonnen
bis zu den letzten zusammengefaßt sind (58). 10,0 - Die Ehe des Herrn mit der
Ecclesia Der Mensch ist nicht von Geburt an
Mensch im vollen Sinne des Wortes. Er ist zwar von vorneherein „fertig“, was
seine Anlagen betrifft, aber nicht fertig, was die Verwirklichung betrifft.
Er soll werden, wozu er geschaffen ist. Mensch werden aber heißt geistig
werden, „von dem sich‑Geistigen (sich Vergeistigen) des Lebens Jahre
zählen“ (Hölderlin). was meint Swedenborg mit „geistig“? Nicht das, was wir
heutigen Europäer damit bezeichnen, nämlich gescheit, wissenschaftlich
gebildet. Das ist für ihn nur die erste, unterste, äußerste Stufe, Sache des
Knaben‑ und Jünglingsalters, noch dem Natürlichen zugehörig. „Geistig“
oder „weise“ kennzeichnet aber die letzte, höchste, innerste Stufe der
Menschwerdung, die auf Erden begonnen und in Ewigkeit fortgesetzt wird.
Geistig sein heißt, die Wahrheit denken, den Sinnzusammenhang der Schöpfung
einsehen und zum Herrn aufsehen, in der dem Menschen aufgegebenen
Verantwortung leben, sich dessen bewußt, daß der Mensch als entscheidendes
Geschöpf eine Aufgabe für die ganze Schöpfung zu erfüllen hat. 10,2 - Die drei Regionen im Menschen Der Mensch ist im Unterschied von den
Tieren Mensch, weil sein Inneres drei Regionen enthält. Er kann von der
unteren in die mittlere und von da in die obere erhoben und so ein Engel des
Himmels, das heißt wirklich Mensch werden. Dies ist ihm möglich dank seiner
Fähigkeit zu denken, denn zuerst erhebt er nur seinen verstand bis zu dieser
Höhe. Dies ist der erste Schritt, bleibt er dabei stehen, geht die Einsicht
nicht in die Liebe seines Wollens ein und wird nicht auch dieses zugleich
mit jenem erhoben, dann wird er nicht geistig, sondern bleibt dennoch
natürlich. Die Fähigkeit zur Erhebung des Verstandes weicht nie von ihm, er
behält sie immerfort, denn nur so kann er durch immer neue Einsichten in das
Gute und Wahre wachsen, reifen und erhöht werden. Aber stets gilt: nur durch
vernünftige Vertiefung des Wissens und der Erkenntnisse und zugleich durch
Verwirklichung der Einsichten im Leben reift auch der Wesenskern, die Liebe
des innersten Wollens, und nähert sich das Menschliche seiner
Vollkommenheit, wird der Mensch mehr und mehr Mensch. Im anderen Fall bleibt
die Liebe seines Wollens natürlich, nur sein Verstand schwingt sich von Zeit
zu Zeit empor und abwechselnd geht es so auf und ab (495). Ohne die
Fähigkeit, sein Denken über sein Wollen, seinen Verstand über seine Liebe zu
erheben, wäre der Mensch nicht Mensch, sondern Tier. Diesem fehlt diese
Fähigkeit. Er könnte dann nicht sichten, auswählen, entscheiden und demgemäß
gut, sinnvoll und zweckmäßig handeln, nicht ins eigentlich Menschliche
erhoben und endlich zum Himmel geführt werden (498). 10,3 - Der Gang der Menschwerdung Wenn das Denken beginnt, aus sich
selbst vernünftig zu werden und aus eigener Vernunft einzusehen und das
vorzusehen, was einem echten Leben zu Vorteil und Nutzen gereicht, wenn der
junge Mensch also beginnt, sein Leben selbst „in die Hand zu nehmen“, dann
dient das zur Grundlage, was durch die Eltern und Lehrer dem Gedächtnis eingeprägt
wurde. Bis dahin dachte er nur aus den in das Gedächtnis niedergelegten
Dingen und befolgte sie, nun aber tritt eine Wendung ein: er denkt aus
eigener Vernunft darüber nach, bringt die in seinem Gedächtnis befindlichen
Dinge, je nachdem ihn seine Triebe und Neigungen führen, in eine neue Ordnung
und beginnt damit sein eigenes Leben. Zugleich mit der beginnenden eigenen
Denktätigkeit wird seine Stimme männlich, denn das Denken macht den Mann und
seine Männlichkeit (447). Und je weiter der Mensch vom Wissen zum Einsehen
und Verstehen und endlich zur Weisheit fortschreitet, verändert auch sein
Gemüt seine Form: es wird mehr und mehr aufgeschlossen und verbindet sich
näher mit dem Himmel und durch den Himmel mit dem Schöpfer. Damit wächst
seine Liebe zum Wahren und sein Streben nach dem Guten des Lebens (94). Der Mensch hat die Fähigkeit, zu
wissen, einzusehen und weise zu sein. Das Wissen ist Sache der Erkenntnisse,
das Einsehen Sache der Vernunft, das Weisesein Sache des Lebens. In ihrer
Fülle umfaßt und enthält die Weisheit alle drei: Erkenntnis, Vernunft und
lebendige Verwirklichung. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage, aus ihnen wird
die Vernunft gebildet und aus beiden erwächst die Weisheit, nämlich das
vernünftige Leben nach den Wahrheiten, die man erkannt hat. Die Weisheit ist
also gleichermaßen Sache der Vernunft wie des Lebens: sie wird Weisheit,
indem sie von der Einsicht her das Leben vernünftig bestimmt, sie ist
Weisheit, wenn die Einsicht von der Verwirklichung im Leben her immer
vernünftiger wird (130). Jeder wird im Heranwachsen zuerst in das Natürlich‑Menschsein
eingeführte was durch Wissenschaft, Kenntnisse und Vernunftbegriffe
geschieht. In das Geistig-Menschliche wird er eingeführt durch die Liebe zu
nützlichem Wirken, zur Liebtätigkeit. Je nachdem er in dieser lebt, ist er
geistig, im anderen Fall ist er natürlich, auch wenn er noch so scharfsinnig
denkt und weise urteilt (426). Die Urältesten auf Erden erkannten nur die
Lebensweisheit als Weisheit an, bei den späteren Philosophen galt die
Vernunftweisheit als Weisheit, heutzutage gar halten viele schon die
Wissenschaft für Weisheit und die wissenschaftlich Gebildeten für weise: so
ist die Weisheit vom Gipfel ins Tal gesunken (130). 10,4 - Weisheit und Intelligenz Das Weisesein übersteigt also weit das
„Gescheitsein“. Erst die Verwirklichung des Gedachten erhebt die Erkenntnis
zur Weisheit und macht aus dem denkenden Menschen den weisen Menschen. In
Indien ist der bei uns weithin zerrissene Zusammenhang noch
selbstverständlich, wie Medard Boss berichtet. Ein indischer Gelehrter sagte
ihm, das übliche wache Denken erreiche eine Grenze, über die hinaus die
wesentliche Wahrheit über den Menschen und seine Welt nicht mehr begrifflich
in Besitz zu nehmen sei: „Vielleicht
hängt mit dem bloßen Erdenkenwollen der Wahrheit die in Indien
unvorstellbare Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Bücher und dem faktischen
Leben vieler westlicher Philosophen zusammen. Der Denker, der nicht auch
seinen Einsichten gemäß im Alltag handelt, der nicht das Opfer zu bringen
bereit ist, sich ihnen mit seinem ganzen Wesen zu unterstellen, der nimmt
nach indischer Ansicht seine Philosophie selbst nicht ernst genug, als daß er
hoffen dürfte, mit seinen Schriften und Worten auch nur einen Hund von seinem
Schattenplatz weglocken zu können. Wer von der Wahrheit, der Liebe und
Fürsorge, von der Askese schreibt und den Mut predigt, sich den Anforderungen
des Lebens zu stellen, in seinem täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen
jedoch der Lüge fähig ist, Freunde sitzen läßt und sie quält, genießerisch
lebt und vor den Schwierigkeiten seiner Umweltsituation auskneift, der würde
in Indien seinen schönen und gescheiten Reden zum Trotz zu den leichtfertigen
Taschenspielern gerechnet werden, über die man auf Jahrmärkten zu lachen
pflegt“. 10,5 - Der Mensch als Ecclesia Wo aber ist der Richtweiser und der
Maßstab für das, was gut und wahr ist, zu finden? Der Mensch wird geistig
durch das Geistige der ecclesia, der „Kirche“ (130),lesen wir, und stoßen
damit auf ein Wort, das bei Swedenborg einen anderen als den landläufigen
Sinn hat. Er meint mit Kirche nicht in erster Linie Institutionen und
Organisationen, nicht theologische Lehrgebäude, nicht Kult, sondern gebraucht
das Wort vor allem im Sinne von ecclesia = Haus des Herrn. Jeder Mensch, der
geistig, also Mensch wird, ist solch eine Kirche: "Kirche ist im
einzelnen Menschen, und im weiteren Sinn bilden mehrere Mensch‑Kirchen
eine Kirche. Der Mensch als Gemeinschaft von Menschen ist die Kirche von
vielen, der Mensch als einzelner ist die Kirche in jedem einzelnen dieser
vielen. Die Kirche als Gesamtheit setzt sich aus vielen ähnlichen Einzelnen
zusammen“. Wie wird der Mensch ecclesia? Die zwei
Elemente der Kirche im Menschen sind das Wahre, das der Mensch vom Herrn her
inne wird, und das Gute des Lebens. Das erstere bewirkt die Gegenwart des
Herrn im Menschen, das andere die Verbindung mit Ihm. Jenes ist Sache des
Lichtes, dieses Sache der Wärme (72). „Freilich ist der Herr bei jedem
Menschen fortwährend gegenwärtig, denn ohne Seine Gegenwart würde der Mensch
nicht leben, doch Er dringt und besteht darauf, daß der Mensch Ihn bewußt
aufnimmt. Dies ist dann Seine Ankunft im Menschen, dessen „Morgendämmerung“,
von der an sein Denken geistig erleuchtet wird und er zur Weisheit
fortschreitet, indem er die aufgenommenen Wahrheiten mit seinem Wollen verbindet,
danach lebt und das Gute tut. Die beständige Gegenwart des Herrn bewirkt, daß
der Mensch vernünftig wird und geistig werden kann. Dies geschieht durch das
vom Herrn als Sonne in der geistigen Welt ausgehende Licht, das der Mensch in
sein Denken aufnimmt. Es ist die Wahrheit, dank der er vernünftig wird. Die Ankunft
des Herrn hingegen findet nur bei denen statt, die mit diesem Licht die
Wärme, das heißt mit der Wahrheit die Liebe verbinden. Die aus jener Sonne
hervorgehende Wärme ist die Liebe zum Herrn und die Liebe zum Mitmenschen.“ Was Sache des geistig Menschwerdens
oder der Kirche ist, hat seinen Sitz im Innersten des Menschen. Was die
Gesellschaft, die soziale Fürsorge und die Mitmenschlichkeit angeht, hat
seine Stelle unter diesem. Was zur individuellen Verwirklichung im Beruf, in
Kunst, Wissenschaft oder Technik, gehört, bildet beider Fußbank. Jenes Erste
hat seinen Sitz im Innersten des Menschen, weil er sich dadurch mit dem
Himmel und durch den Himmel mit dem Herrn verbindet und umgekehrt der Herr
dabei in ihn eingeht. Das Zweite liegt unter jenem Geistigen, weil es der
Auswirkung in die Welt zugehört und dazu beiträgt, die Gemeinschaft von
Menschen zu einer menschlichen zu machen. Das Dritte endlich wurde die
Fußbank genannt, weil es die Grundlage ist, in die alles ausläuft und auf der
es ruht. Dort wird ins Sinnlich‑Faßbare ausgestaltet, was sich darüber
im Gemüt und zuhöchst oder zuinnerst in der Seele entfaltet hatte. Man kann
diese Ordnung auch dem menschlichen Körperbau vergleichen: Das Erste ist das
Haupt, das Zweite der Rumpf, das Dritte die Glieder, Arme und Hände, Beine
und Füße. Wenn alle drei, das Geistige, das Mitmenschliche und das
Natürliche, oder das Spirituale, das Soziale und das Personale ihrer Ordnung
nach zusammenwirken, ist der Mensch ein vollkommener Mensch. Das Geistige
erleuchtet dann mit seinem Licht aus dem Himmel, der Wahrheit, und belebt mit
seiner Wärme aus dem Himmels der Liebe, den inneren Menschen und in ihm
wächst Lebensweisheit; er tut das Gute zum Besten seiner Seele, seiner Mitmenschen
und seiner eigenen Verwirklichung ( 130). Die den Menschen geistig, weise, zum
echten Menschen machende Beziehung zum Schöpfer stellt die Bibel im Bild von
Bräutigam und Braut dar, so z.B. Joh. 3, 29, Matth. 9, 15, Offenbarung 19, 7.
9, Matth. 25, 1‑10. Der Herr wird im Worte Bräutigam und Mann genannt,
die Kirche Braut und Weib, und die Verbindung des Herrn mit der Kirche und
andererseits der Kirche mit dem Herrn heißt eine Ehe (117). Die eheliche
Liebe steht in Entsprechung mit der Ehe des Herrn und der Kirche; so wie der
Herr die Kirche liebt, will Er, daß die Kirche Ihn liebe, und ebenso sollen
Mann und Frau sich gegenseitig lieben (62). 10,6 - Mann und Weib zusammen sind
Ecclesia Aus dieser Verbindung und Liebe von
Schöpfer und Geschöpf, von Herr und Kirche, von Christus und Gemeinde als
Bräutigam und Braut leiteten die beiden Konfessionen ihre Eheethik ab und
begründeten von daher die Heiligkeit der Ehe. In der katholischen Kirche
wurde die Ehe zum Sakrament erklärt, weil sich in der natürlichen Ordnung eine
übernatürliche Ordnung spiegle, im Verhältnis Mann‑Frau das Verhältnis
Bräutigam‑Christus zu Braut‑Gemeinde. Und auf der evangelischen Seite
schrieb Karl Barth: Gott schuf „den Menschen als Mann und Frau und so zu
seinem Ebenbild“, nämlich „zum Gleichnis des Gnadenbundes, des Verhältnisses
zwischen Ihm und seinem Volk, zwischen Christus und der Gemeinde“. Genau
besehet sagt dieses Gleichnis aber nichts aus über den Grund und Sinn der
Teilung des Menschen in zwei verschiedene Geschlechter, nichts über ihre
Beziehung zueinander und nichts für die rechte Führung einer Ehe. „Gemeinde“
können auch nur Männer oder nur Frauen, Verheiratete oder Ehelose sein.
Freilich hat dieses Verhältnis etwas mit der Menschwerdung zu tun und also
auch mit der Ehe, aber wo und wie ist der Zusammenhang? Die Begründung der Heiligkeit der Ehe
im Verhältnis von Bräutigam-Christus und Braut‑Gemeinde muß darüber
hinaus angefochten werden, weil sie zur Herrschaft des Mannes und
Zurückstellung, ja Unterdrückung der Frau im Abendland führte. Wenn man
sagt: Die Ehe - also die Gemeinschaft
von Mann und Frau - ist „Sinnbild, Abbild, Veranschaulichung, Zeichen der
Gemeinschaft von Gott und Mensch“ (Barth) oder „Gott und Mensch sind und
bleiben im Verhältnis der Partnerschaft und sind durch die Liebe verbunden.
Die Ehe ist das Bild, das Symbol, ja der aktive Nachvollzug dieser
Partnerschaft. Wie Gott sein Volk und wie Christus seine Kirche liebt, so
sollen die Ehegatten einander lieben“ (Bovet). Wenn man so sagt, dann muß
also jeweils der eine Ehepartner die Stelle Gottes, der andere die Stelle des
Menschen einnehmen. Ist dafür Mann und Frau austauschbar? Geschieht es
abwechselnd durch Mann und Frau? Oder kommt jeweils nur eine reine von ihnen
in Frage, nämlich für die Stelle Gottes‑Christi der Mann, für die
Stelle des Menschen, der ecclesia die Frau? In diesem Sinne schrieb Paulus:
„Der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie Christus ist das Haupt der
Gemeinde“ und „Ihr Männer, liebet eure Frauen, gleichwie Christus auch
geliebt hat die Gemeinde“, Eph. 5, 23. 25. Die Anschauung hat Jahrhunderte
lang die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau im Abendland bestimmt.
Heute spüren wir mit Unbehagen, daß da etwas nicht stimmt, nicht stimmen
kann! Der Schöpfer und das Geschöpf, Gott und Mensch sind nicht gleichwertige
Partner, wie es Menschen untereinander, wie es die menschlichen Ehepartner
sind. Das hat Swedenborg erkannt und richtig gestellt: Es besteht keine
Entsprechung des Mannes mit dem Herrn und des Weibes mit der Kirche, weder
in den Ehen der Engel im Himmel noch in denen der Menschen auf Erden (126).
Wenn man sagt, so wie der Herr das Haupt der Kirche, so sei der Mann das
Haupt des Weibes, das heißt, der Mann stelle den Herrn und das Weib die
Kirche dar, dann vergißt man, daß allein der Herr das Haupt der Kirche ist,
der Mensch aber, Mann und Frau und mehr noch Ehemann und Ehefrau
zusammengenommen, die Kirche (125). Nach dieser Erkenntnis wird man
einsehen müssen, daß die menschliche Ehe, die Vereinigung von Mann und Frau,
nicht „Nachvollzug“ der ‑ gar nicht möglichen - „Partnerschaft von Gott
und Mensch“ sein kann in dem Sinne, wie die Bibel von Herr ‑ Kirche,
Christus ‑ Gemeinde spricht. Diese Beziehung gilt nur für den Vollzug
der Menschwerdung. 10,7 - Ursprung und Analogie der
ehelichen Liebe Die eheliche Liebe hat ihren Ursprung
in der Ehe des Guten und Wahren und steht in Analogie mit der Liebe des
Herrn und der Kirche. Sie ist deshalb himmlisch, geistig und heilig, rein und
lauter vor jeder anderen Liebe. Aus diesen beiden Ehen stammt die eheliche
Liebe wie ein Absenker ab, sie sind die Heiligkeiten selbst. Wenn sie aus
ihrem Urheber aufgenommen werden, werden sie beständig geläutert und gereinigt
( 64). Vom Ursprung wurde schon gehandelt,
die Analogie meint die Aufgabe des Menschen, Mann und Frau zusammen, Mensch
zu werden und zeigt den Weg, wie er, Mann und Frau für sich und Mann und Frau
zusammen, geistig, Kirche, Mensch werden kann: zuerst muß hierfür der Mann
in der Haltung der ,Braut, des liebenden Weibes stehen, nämlich in der Liebe
zur Wahrheit des Herrn, zum Ewig‑Männlichen, aufnahmebereit für den
„Bräutigam“, um solchermaßen "Kirche“ zu werden und sich zum wahren
Menschsein hin in Gang zu setzen. Dann kann das Weib seine Funktion erfüllen,
nämlich die zweite Liebe des Spannes, die zu seiner Weisheitserrungenschaft,
von ihm abziehen und auf sich Überleiten, um ihn dadurch davor zu bewahren,
sich selbst zu bewundern, in Stolz und Eitelkeit, in Männischkeit zu
verfallen, sodaß er dann unbelastet von seiner zweiten Liebe, einzig für
seine erste frei ist. Dann führen beide zusammen ein rundes Leben, sind beide
einander gleich nötig und gleichrangig für das Menschwerden des Menschen. Die Kirche wird vom Herrn im Manne und
durch den Mann im Weibe gebildet, und wenn sie in beiden gebildet ist, dann
ist sie in ihrem Vollbestand (63). In der Ehe in wahrhaft ehelicher Liebe
werden beide Ein innerlicher und immer innerlicherer Mensch, denn diese Liebe
schließt das Inwendige der Gemüter auf, und wenn und wieweit es aufgeschlossen
ist, wird der Mensch mehr und mehr Mensch. Menschwerden heißt beim Ehemann
mehr Ehemann, bei der Ehefrau mehr Ehefrau werden (200). Eheliche Liebe kann
nicht entstehen, wenn ein Mann im Dünkel eigener Einsicht aus Liebe zu sich,
zu seiner Weisheit bleibt (193), strebt er danach, ein völligerer Mensch zu
werden, dann sucht er, sich mit einer Genossin zu verbinden, um mit ihr Ein
Mensch zu werden (59). Die eheliche Liebe mehrt die Vollkommenheit der beiden
Ehegatten, und dadurch werden beide mehr und mehr wahrer Mensch. Durch die
eheliche Verbindung erfüllen sie sich mit dem eigentlich Menschlichen,
nämlich dem Verlangen, die Weisheit zu lieben und weise zu sein (52). Die
eheliche Liebe verhält sich gemäß dem Zustand der Kirche im Menschen, weil sie
sich gemäß dem Zustand der Weisheit in ihm verhält (130). Die heilige Liebe strebt zu der
höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf, Gleicher Ansicht der Dinge, damit
in harmonischem Anschaun sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. (Goethe) 10,8 - Die Ehe als Heimstätte der
Menschwerdung Da die eheliche Liebe ihrem Ursprung
und ihrer Entsprechung gemäß himmlisch, geistig, heilig, rein und lauter vor
jeder anderen Liebe der Engel und der Menschen, ja die Grundliebe aller
himmlischen und geistigen Liebe ist, kann sie nur in denen wohnen, die sie
vom Herrn in sich aufnehmen und mit Ihm ein Leben als Kirche leben. Das sind
Menschen, die sich mit dem Herrn verbinden und von Ihm den Engeln zugesellt
werden. Sie fliehen alle außerehelichen Liebesarten, die die Seelen verderben,
und soweit ein Ehepartner sich von solchen Gelüsten seines Wollens und solchen
Absichten seines Denkens befreit, wird in ihm die eheliche Liebe gereinigt
und nach und nach geistig, zuerst während seines Erdenlebens, hernach im Himmel.
Freilich kann weder bei Engeln noch bei Menschen eine Liebe je ganz rein
sein, aber der Herr sieht auf die Grundtendenz und der Mensch wird, wenn er
diese reinigt und darin verharrt, zur Reinheit geführt und schreitet darin
fort. In solchen Menschen keimt das Himmlische der ehelichen Liebe. Die dagegen
im nur natürlichen Menschsein stecken bleiben, das heißt, in denen diese
Liebe nur vom Körper her ihre Wollust zeitigt, können sich weder dem Himmel
noch einem Engel nahen, ja nicht einmal mit einem Menschen, den die eheliche
Liebe belebt, echte Gemeinschaft haben. Ich sah Geister, die zur Hölle
tendierten, sich einem Engel nähern, der sich mit seiner Gattin ergötzte:
beim Zuschauen verwandelten sie sich in Furien und suchten dann in Höhlen und
Gruben Unterschlupf. Der Widerwille gegen das ihnen ungleichartige Reine des
Himmels trieb sie dorthin, und erst bei ihren Spießgesellen war ihnen wieder
wohl (71). Die Ehe ist die Heimstätte der
Menschwerdung, aber nur die können in ihr sein, die in ehelicher Liebe sich
zum Herrn wenden, die Wahrheiten lieben und das Gute tun (458). Sie ist
abhängig vom Zustand der Weisheit im Menschen, ist verbunden mit ihm und
verhält sich ihm gemäß (447). „Erkennt man, daß eine wahrhaft in
Gemüt und Geist organische Geschlechtsverbindung als reine Ehe nicht ohne
die Vermittlung eines beiden Gliedern höheren Prinzips oder Agens entstehen
und bestehen kann, so erkennt man dieses höhere regierende Prinzip als ein
religiöses, welch immer eine Vorstellung man auch damit verbinden mag. So wie
man anerkennen wird, daß nur durch eine solche Vermittlung Mann und Weib an
Gemüt und Geist sich wechselseitig zum wahrhaften Menschenbild (welches
Gottes Bild ist) zu ergänzen vermögen. Wo es nun aber an der Wirksamkeit
eines höheren bildenden Prinzips mangelt, da fällt die Ehe entweder zur
Gemeinheit und Nullität herab oder noch tiefer in positive Schlechtigkeit. Im
ersteren Falle nämlich sind oder werden sich Mann und Weib an Gemüt und Geist
indifferent und treiben nur unter der Firma „Hans Stein & Comp.“ ihre
Wirtschaft fort. Im zweiten Falle aber gehen sie in Gemüt und Geist zwar
ineinander ein, aber im schlimmen Sinne, indem der Mann seine Hochfahrt mit
der niederträchtigen Schlangenlist des Weibes, das Weib letztere mit der
Hochfahrt des Mannes ergänzt, womit beide zum dämonischen Bilde sich
ergänzen. Man soll aber nicht glauben, daß in dieser gemischten Welt es
irgend eine Ehe gebe, in der nicht jede dieser drei Formen sich abwechselnd
wirklich zeigten oder jede sich nickt wenigstens bestrebte und versuchte,
sich als die Ehe dominierend zu machen. Man soll nicht glauben, sage ich, daß
es in dieser gemischten Welt andere als gemischte Ehen gebe, ja daß die
wahrhafte Ehe selber den Menschen gegeben und nicht durch ihr ganzes Leben hindurch
ihnen nur aufgegeben sein kann“
(Franz von Baader). 10,9 - Auftrag und Verantwortung der
Christenheit Schon in seinem Werk „Himmlische
Geheimnisse im Worte Gottes“ berichtet Swedenborg, wie wenige aus der
„christlichen Welt“ in den Himmel eingeführt werden können, weil sie zwar
„das Wort“ haben und vom Herrn wissen, aber nicht danach leben. Nun erweitert
er diese Beobachtung in bezug auf die Beziehung der Geschlechter und deren
Gestaltung in der Ehe: Nirgends sonstwo auf Erden ist der Herr so bekannt und
kann Er so angegangen werden, als wo Sein Wort ist, und von der Anerkennung
des Herrn und dem Leben nach Seinen Geboten nimmt die wahrhaft eheliche Liebe
ihren Anfang und Ausgang, ihre Einführung und Befestigung. Es ist freilich
offensichtlich, daß trotzdem die wahrhaft eheliche Liebe in der Christenheit
recht selten ist, denn nur wenige wenden sich wirklich an den Herrn und verbinden
ihr Leben mit Ihm. Viele „glauben“ nur, wie man so sagt, „glauben“ an das von
der Kirche Gelehrte, leben aber nicht danach (337). Die wahrhaft eheliche Liebe hält im
Menschen gleichen Schritt mit dem Zustand der Kirche in ihm, das heißt
wieweit er Haus des Herrn ist. In den biblischen Wahrheiten ist der Herr
gegenwärtig und nur dort, wo die Wahrheit bekannt ist, kann es das wahrhafte
und keusche Eheliche geben, nur dort kann es sich verwirklichen - kann, muß
nicht, aber freilich kann. Und dort kann es sich auch auf die Kinder weitervererben
mit dem Vermögen und der Neigung, weise zu werden (142). Eheliche Wonne,
Wohlgefühl und Freude wird einzig und allein vom Herrn geschenkt, aber nur
denen, die sich allein an Ihn wenden und nach Seinen Geboten leben, und an
wen sonst sollte man sich wenden, da doch durch Ihn allein alles gemacht ist,
was gemacht ist, da Er auf Erden erschienen ist und die Worte gegeben hat,
die „Geist sind und Leben“, Joh. 5, 63, und da allein von ihm alles Leben
ausgeht. Mit denen, die sich an Ihn wenden und auf Seine Stimme hören und
nach Seinen Geboten leben, ist Er durch die Liebe verbunden: „Wer Meine
Gebote hat und sie hält, der ist einer der Mich liebt, und Ich werde ihn
lieben und Mich ihm offenbaren und Wohnung bei ihm machen“, Joh. 14, 21-23
(336). Den Gemütern der Christen könnte das
echte Eheliche tiefer eingepflanzt sein als denen, die den Herrn und das
Wort nicht kennen und die in Vielweiberei leben, und sie könnten für jene
Liebe empfänglicher sein (33). Der Mensch, der das Wort des Herrn kennt und
dadurch ecclesia werden kann, hat vor anderen die Fähigkeit voraus, wiedergeboren
und somit geistig zu werden wie auch zur wahrhaft ehelichen Liebe
aufzusteigen, denn beides hängt untrennbar zusammen. Aber deshalb ist auch
seine Abirrung folgenschwerer als die jener Menschen, die in Unkenntnis des
Herrn nur natürlichen Ehebruch begehen. In der Christenheit wird die Ehe des
Guten und Wahren und die Ehe des Herrn mit der Kirche durch Polygamie und
Hurerei doppelt entweiht und doppelter Ehebruch begangen: natürlicher und
geistiger zugleich. Nicht nur die natürliche, sondern auch die geistige Ehe
wird dadurch gespalten (339). Anders gesagt: Wenn der Mensch sich
seiner selbst bewußter wird, wenn er aus einem dumpferen zu einem lichteren
Ichbewußtsein aufsteigt - und dies geschah menschheits-geschichtlich mit der
„Zeitwende“, mit der Offenbarung des Schöpfers in Jesus -, dann wandelt und
vermehrt sich auch seine Persönliche Verantwortung. Jean Gebser resümiert
nach der Betrachtung der Ehen in außereuropäischen Kulturkreisen: „Was bei
dieser Eheform erschrecken mag, das ist die Beziehungslosigkeit, die sich in
diesen Ehen zu manifestieren scheint. Für uns ist die Grundlage menschlicher
Beziehung die des Ich zum Du, jene Persönliche Beziehung zwischen den Geschlechtern,
die in den angeführten japanischen Beispielen sowie in den indischen,
russischen und peruanischen fehlt oder doch zumindest für uns zu fehlen
scheint. Dabei sei nicht übersehen, daß viele eheliche Beziehungen auch
heute noch, nicht nur in Süd‑, Mittel- und auch Nordamerika, von Afrika
ganz zu schweigen, sondern selbst in Europa) das in seiner Mehrheit erst vor
knapp zweihundert Jahren zu einem Ichbewußtsein erwacht ist, nichts anderes
sind als vornehmlich vegetative Bindungen - ein Grund für das weitgehende
Versagen in der Ehe, weil die Partner nicht den mitmenschlichen Forderungen
unserer inzwischen erreichten Bewußtseinsstruktur zu genügen vermögen,
nachdem sie die Herzenseinfalt des steinzeitlichen Menschen verloren haben,
und somit die rein vegetative und ichlose Bindung allein nicht mehr tragfähig
ist“. Was ist „keusch“? Da schon von
keuscher ehelicher Liebe“ die Rede war, offenbar nicht die Enthaltsamkeit von
sexuellen Beziehungen, die Ehelosigkeit, die Askese ‑ und damit die Erniedrigung
des Sexuellen als unrein, Befleckend, zu meiden -, sondern die
schöpfungsgemeinte Beziehung von Mann und Frau in der Ehe, die alles zu ihrer
Vereinigung Gehörende in sich schlieft, erhöht und heiligt! Keusch oder nicht‑keusch kann
nur von dem, was zur Ehe gehört, ausgesagt werden, denn beiden Geschlechtern
ist das Eheliche vom Innersten bis herab zum Letzten, Äußersten eingepflanzt
und ihm gemäß verhält sich der Mensch in bezug auf seine Gedanken und
Neigungen und daher Äußerungen und Handlungen. Das erhellt noch deutlicher
aus dem Gegensatz: das einem Menschen innewohnende Unkeusche hört man schon
der Stimme an und kann es weiterhin jedem gesprochenen Wort entnehmen. Der
Ton der Rede stammt aus der Neigung des Wollens, ihr Inhalt aus dem Denken,
beide offenbaren, daß das Wollen mit allem ihm Zugehörigen und das Denken mit
allem ihm Zugehörigen und mit dem Gemüt auch alles Körperlichen, daß also
vom Innerlichsten bis zum Letzten alles voll von Unkeuschem ist wie einer
ihm entströmenden Sphäre. Das gleiche gilt vom Keuschen: bei diesem ist vom Innersten
bis zum Äußersten alles keusch, bewirkt von der Keuschheit der ehelichen
Liebe. Daher sagt man, dem Reinen sei alles rein, dem Unreinen aber alles
unrein (140). 11,2 - Nur die wahrhaft eheliche Liebe
ist keusch Die wahrhaft eheliche Liebe ist die
Keuschheit selbst, ihre Reinheit ist die Keuschheit (139), weil sie vom Herrn
her stammt und in Analogie zur Ehe des
Herrn mit der Kirche steht, weil sie der Ehe des Guten und Wahren entspricht,
weil sie geistig ist, weil sie die Grundliebe und das Haupt aller Arten der
himmlischen und geistigen Liebe ist, weil sie die Pflanzschule des
Menschengeschlechts und aus diesem des Himmels ist, weil sie deshalb auch bei
den Engeln ist und weil ihre nutzbringende Wirkung vortrefflicher als alle
übrigen ist. Somit ist sie in Ursprung und Wesen rein und heilig und keusch
und kann die Reinheit und Heiligkeit und folglich die Keuschheit selbst
genannt werden (143). Deshalb sind auch alle ihre Freuden und Wonnen keusch.
Sie steigen in den Himmel auf, gehen in ihn ein und verbinden sich mit den
Wonnen der ehelichen Liebe der Engel (144). Keusch kann nur die Ehe Eines Mannes
mit Einer Frau sein, da nur in diesem Fall die eheliche Liebe nicht im
natürlichen Menschen wohnt und bleibt, sondern sich ins Geistige erhebt, in
den geistigen Menschen eindringt und sich nach und nach den Weg zur geistigen
Ehe öffnet und sich mit ihr verbindet. Dies geschieht gemäß dem Wachstum der
Weisheit und dies wiederum gemäß der Einpflanzung und Ausbreitung der Kirche
vom Herrn (141). Der ersten Liebe vor und nach der
Hochzeit haftet noch Geschlechtsliebe an. In wie weit der Mensch nach und
nach aus einem natürlichen ein geistiger wird, das heißt das Vernünftige, das
zwischen Himmel und Welt mitten inne steht, aus dem Einfluß des Himmels zu
atmen beginnt und von der Weisheit angeregt und erfreut wird, wird sein Gemüt
in eine höhere Atmosphäre erhoben, in das himmlische Licht und in die
himmlische Wärme, worin die Engel sind. und in wie weit damit die Weisheit
und die Liebe zu ihr in den Ehegatten wachsen, so weit wird in ihnen die
eheliche Liebe nach und nach gereinigt und sublimiert und mehr und mehr
keusch (145). Allerdings gibt es weder bei den Menschen noch bei den Engeln
eine völlig keusche oder reine eheliche Liebe; immer ist etwas Nichtkeusches,
Nichtreines da, gesellt sich bei und hängt sich an. Der Herr sieht aber den
Endzweck, den Vorsatz oder die Absicht des Wollens, und soweit der Mensch
sich auf ihn hin ausrichtet und darin beharrt, wird er in die Reinheit
eingeweiht und nähert sich ihr mehr und mehr (146). Die eheliche Keuschheit entsteht nur,
wenn der Mensch geistig wird. Bleibt er natürlich und enthält sich der
Hurerei, so enthält sich doch nicht sein Geist derselben, und so liegt,
obwohl es ihm scheint, er sei durch Enthaltsamkeit keusch, doch immer die
Unkeuschheit inwendig verborgen wie der Eiter in einer nur äußerlich
geheilten Wunde (149). Es gibt auch eine nicht‑keusche
eheliche Liebe, die dennoch nicht Unkeuschheit ist, nämlich die von zwei
Ehegatten, die sich aus äußerlichen Ursachen der Wirkungen der Geilheit
enthalten. Doch ist hier nur die Form keusch, nicht aber ist das keusche
Wesen in ihr (139). Keuschheit kann nicht von Kindern,
Knaben und Mädchen, Jünglingen und Jungfrauen ausgesagt werden, bevor sie in
sich Geschlechtsliebe empfinden. Sie wissen ja noch nichts vom Ehelichen,
deshalb kann auch von Keuschheit keine Rede sein. Diese ist bei ihnen wie
Nichts, und ein Nichts kann man weder wollen noch denken. Nach diesem Nichts
steigt freilich etwas auf, wenn sie das Erste der ehelichen Liebe, das der
Geschlechtsliebe angehört, spüren. Nur in Unkunde dessen, was Keuschheit
wirklich ist, nennt man oft Kinder und Jugendliche keusch (150). Auch
Eunuchen kann Keuschheit nicht zugesprochen werden (151), und ebensowenig
denen, die sich nur äußerlicher Gründe wegen der Ehebrüche enthalten, z.B.
aus Furcht vor dem Gesetz und seinen Strafen oder vor Verlust des guten Rufes
und der Ehre, aus Furcht vor den Vorwürfen der Frau und daher unruhiger
Häuslichkeit oder vor der Rache des Ehemannes, aus Armut, Geiz oder Impotenz,
oder endlich aus bloßer Feigheit, körperlich das zu tun, was man im Geiste
doch begeht (153). 12,1 - Vorrang der Ehelosigkeit? Heute schlagen die Wellen des Sex hoch
empor, nachdem man Jahrhunderte lang die Oberflache des Meeres der
geschlechtlichen Beziehungen mühsam geglättet hatte, obwohl es darunter immer
mächtig rumorte. Um den Wasserspiegel ruhig zu erhalten, goß man darauf auch
noch das Öl der als reiner, keuscher, geistiger empfohlenen Ehelosigkeit. Da
die Kirchen die Heiligkeit der Ehe allein vom Verhältnis Christus‑Kirche
ableiteten, kann, wie schon gesagt, auch eine nur männliche oder nur
weibliche Menschengruppe Braut‑Gemeinde sein, ja, der Ehelose kann in
einem reineren, ungestörteren, nicht durch Sexuelles befleckten Verhältnis
zum Bräutigam Christus stehen. Die kirchliche Lehre gab deshalb dem
Eheverzicht, der Enthaltsamkeit vom Geschlechtsverkehr, der Askese den
Vorrang vor der Ehe oder legte zum mindesten diesen Weg als Gott ebenso
wohlgefällig nahe. Man berief sich auf Jesus. Nach seinen
Worten über Ehe und Ehescheidung sagen die Jünger: „Steht die Sache eines
Mannes mit seiner Frau so, dann ist's nicht ratsam, ehelich zu werden“, und
Jesus antwortet: „Dies Wort fassen nicht alle, sondern nur die, denen es
gegeben ist. Denn es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten
worden sind, und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben.
Wer es fassen kann, der fasse es!“, Matth. l9, 10 -12. Das bedeutet: die einen
enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an dazu unfähig sind, die
anderen, weil sie von Menschen für die Ehe untauglich gemacht wurden, die
dritten, weil sie um des Himmels willen auf die Ehe verzichten. Das wird
meist dahin interpretiert, daß Jesus den beiden vom Menschen unverschuldeten
und körperlichen Gründen für Ehelosigkeit einen dritten selbstgewählten,
berechtigten, ja höchst empfehlenswerten geistigen gegenübergestellt habe.
Wie aber sollte der Herr seine Schöpfung so verraten und das, was Er doch
selbst geschaffen und in den Menschen gelegt hat, derart erniedrigen, daß Er
selbst empfiehlt, es zu meiden? Nein, Jesus zählt hier die drei Gründe der
Ehelosigkeit nacheinander auf und stellt sie der Ehelichkeit gegenüber: „Es
gibt . . . Oder es gibt . . . oder es gibt . . . „; auf den letzteren werden
wir unten zu sprechen kommen. „Das Wort“ von der wahren Ehelichkeit - „Habt
ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer sie (den Menschen) von Anfang an als Mann
und Weib geschaffen hat und gesagt: Darum wird ein Mensch Vater und Mutter
verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden Ein Leib sein. Somit
sind sie nicht mehr zwei, sondern Ein Leib. Was Gott zusammengefügt hat, das
soll der Mensch nicht scheiden“, Matth. 19, 4-6, dies Wort von der vom Schöpfer gemeinten
Zusammenfügung der beiden Geschlechter in der ehelichen Liebe „faßt nicht
jedermann, sondern nur der, dem es gegeben ist“, der den Grund und den Sinn
dieser Zerteilung und Wiederzusammenfügung versteht. Man berief sich auch auf Paulus: „Was
aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt, so ist es für den Menschen
gut, kein Weib zu berühren. Aber um der Verhütung von Unzuchtssünden willen
soll jeder seine Frau und jede ihren Mann haben“, 1. Kor. 7, 1-2. Ein
wahrhaft dürftiger Grund, der von wenig Einsicht in die von Jesus
angesprochene Schöpfungsordnung zeugt! „Ich wünschte freilich, daß alle
Menschen wären wie ich“, nämlich ehelos. „Ich sage aber den Unverheirateten
und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich
jedoch nicht enthalten können, so mögen sie heiraten; denn es ist besser, zu
heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. Bist du frei von einer Frau, so
suche keine Frau!“ 1. Kor. 7, 7-9 und 27. Aber das sind Worte des Paulus, aus
den ihn umgebenden chaotischen sexuellen Zuständen wohl zu verstehen, nicht
aber Worte des Herrn! Er schreibt ja selbst: „Dies sage ich als Zugeständnis,
nicht als Befehl und: so ist es „nach meiner Meinung“, wenn er auch
hinzufügt: „Ich glaube aber, den Geist Gottes zu haben“, 1. Kor. 7, 6. 40. Er
fürchtet, die Ehe ziehe „von des Herrn Sache“ ab: „Wer ledig ist, der sorgt
für des Herrn Sache, wie er dem Herrn gefallen möge; der Verheiratete aber
sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er seiner Frau gefallen möge. Die Unverheiratete
sorgt sich um die Dinge des Herrn, damit sie heilig sei an Leib und Geist,
die Verheiratete dagegen sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie ihrem Mann
gefallen möge“, 1. Kor. 7, 32-34.
Seltsam und unbegreiflich ist dabei nur, warum der Schöpfer, dem es doch
darum gegangen sein muß, im Menschen ein Geschöpf zu schaffen, das sich „um
Seine Dinge sorge, wie er Ihm gefalle“ und das „heilig an Leib und Geist“
sein solle, diesen Menschen in zwei verschiedenartige Geschlechter geteilt
und ihm damit eine so peinliche und so drückende Bürde auferlegt hat, der man
am besten entgeht, indem man sie ignorierte. Deutlich spricht der Wunschtraum
aus dem Satz eines modernen Theologen: Im Himmel sind die Menschen „bewußt
denkende Persönlichkeiten, mit himmlischer Leiblichkeit versehen, die frei
ist von irdischer Geschlechtlichkeit.“ Eine recht sonderbare Begründung der
Ehelosigkeit lesen wir endlich bei Karl Barth: „Die Folge der Ehe, nämlich
die Zeugung des Kindes, war nur im Judentum so wichtig, weil der Messias
gezeugt werden mußte seit Er da war,
ist auch der Eheverzicht rechtens“. Die Folge so vertrackter Gedankengänge
ist also auch noch die Verständnislosigkeit für die ewige Dynamik der
Schöpfung, „deren Erhaltung eine fortlaufende Kette von Zeugungen ist.“ 12,2 - Gleichstellung von Ehe und
Ehelosigkeit? Heute bemühen sich Psychologen, der
Ehe wenigstens den gleichen Rang wie der Ehelosigkeit zu verschaffen: „Der
Christ weiß, daß auch die Askese ein Weg zu Gott ist, aber es sollte klarer
und nachdrücklicher betont werden, daß eine vollkommen gelebte menschliche
Liebe gleichfalls von Gott Zeugnis ablegt“. Oder man begründet die Aufwertung der Ehe aus der
in ihr möglichen intensiven Wechselbeziehung und Partnerschaft: Als Ebenbild
Gottes ist der Mensch ein „Wesen in der Beziehung“, ist die menschliche
Existenz essentiell „Existenz in der Gemeinschaft“. Diese Gemeinschaft ist
Primär Gemeinschaft zwischen Mann und Frau, sexuelle Gemeinschaft, denn
nirgendwo sonst erfährt und verwirklicht der Mensch so umfassend seine
Bestimmung, in gegenseitiger Ergänzung, in persönlicher Kommunikation Mensch
zu werden. Aber dann tönt es wieder von der anderen Seite: Viele Tendenzen
unserer Zeit widersprechen dieser Einseitigkeit, mit der hier Ehe und Familie
als „die lebendige Zelle der Gemeinschaft“ erscheinen. Nochmals zusammengefaßt beide Wege als
gleich möglich und empfehlenswert: „Das Ebenbild Gottes wird nicht von
vollkommenen Einzelmenschen dargestellt wie etwa in der Antiken sondern von
partnerschaftlichen Paaren. Diese können aber grundsätzlich zwei verschiedene
Formen haben, zwei verschiedenen Typen angehören: Die Ehe ist die Form von
Partnerschaft, in der Mann und Frau zwar nicht verschmelzen, aber dennoch
„ein Fleisch“ werden, was wir am besten übersetzen mit „ein neues Geschöpf“
oder „eine neue Person“. Daneben gib es eine andere Form von Partnerschaft,
in der Mann und Frau ledig, d.h. Kreis bleiben. Sie bilden miteinander keine
neue Person, sondern sie bleiben zwei freie Personen, wenn auch partnerschaftlich
verbunden. Man kann nicht sagen, die partnerschaftliche Ordnung gelte für die
Ledigen „weniger“ als für die Verheirateten, aber sie ist bei ihnen anders.
Es gelten bei beiden verschiedene „Spielregeln“ der Partnerschaft. Auch eine
solche Beziehung kann die wesentlichen Kennzeichen echter Partnerschaft
besitzen, insbesondere die Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung und das
gemeinsame Vor‑Gott‑Stehen“(Bovet). So schwankt man hin und her und kommt
bestenfalls zur Gleichrangigkeit von Ehe und vielartiger nichtehelicher
Partnerschaft. Das ist nur möglich, wenn man „nicht die Geschlechtlichkeit in
den Mittelpunkt stellt, sondern die Partnerschaft“, aber das muß man doch,
wenn man sein Thema „Sexualethik und sexuelle Partnerschaft“ nicht verfehlen
und das Spezificum der mannweiblichen Beziehungen nicht ignorieren will. Man
vermischt zweierlei grundverschiedene Problemkreise, den der Beziehungen der
Geschlechter und den der allgemein mitmenschlichen Beziehungen, miteinander.
Beim ersteren steht eben gerade und unabdingbar die Geschlechtlichkeit im
Mittelpunkt, der andere gehört zur Lebensaufgabe jedes Menschen, sei er Mann
oder Frau. Und man vermischt die eheliche „Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung
und das gemeinsame Vor‑Gott‑Stehen“ von Mann und Frau, unlösbar
verbunden mit ihrer verschiedenartigen Form des Menschseins, mit der mitmenschlichen,
karitativen und sozialen und Menschengemeinschaft gestaltenden „Liebe,
Treue, gegenseitigen Verantwortung“ und dem „gemeinsamen Vor‑Gott‑Stehen“
aller Menschen. In Swedenborgs Schau hat beides seinen
ihm eigenen, grundverschiedenen und nicht austauschbaren Platz. Der
Eheverzicht kann zur Se1bsterziehung und Läuterung und zur „Sorge um die
Dinge des Herrn“ von Nutzen sein, aber immer kommt es darauf an, daß der
Mensch dennoch und dabei die Idee des Schöpfers nicht aus den Augen verliert,
deren Sinn und Ziel eben nicht die Isolierung der Geschlechter, sondern ihre „Zusammenfügung“
ist. “Wer es fassen kann, der fasse es!“ Die leibliche Enthaltsamkeit vom
Abgleiten in Hurerei ist nicht schon Keuschheit, wie viele meinen. Sie ist
es nur, wenn sie geistig ist. Der Geist des Menschen, sein Gemüt mit seinen
Neigungen und Gedanken bewirkt das Keusche oder Unkeusche bis zum Körperlichen
(153). Der Stand der Ehe ist dem der Ehelosigkeit aber vorzuziehen, weil sein
Ursprung von der Schöpfung her die Ehe des Guten und Wahren, der Liebe und
Weisheit, des Wollens und Denkens ist und weil eine Entsprechung desselben
mit der Ehe des Herrn und der Kirche besteht. Da die Kirche und die eheliche
Liebe einander beständig begleiten, ist die Nutzwirkung der wahrhaft
ehelichen Verbindung von Mann und Weib ausgezeichnet vor allen übrigen
Nutzwirkungen der Schöpfung. Auf ihm beruht der Ordnung gemäß die
Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts und des Engelshimmels. Die Ehe
ist die Vervollständigung des Menschen, durch sie wird er vollständiger
Mensch. Stellt man dagegen den Satz auf, der Stand der Ehelosigkeit sei
besser als der Stand der Ehe, so folgt daraus, daß die Ehen nicht so heilig
sind, ja daß besonders im weiblichen Geschlecht die Keuschheit nur denen zukomme,
die sich der Ehe enthalten und beständige Jungfrauschaft geloben, außer noch
anderem, was aus diesem unwahren Satz hervorgeht (l56). Keuschheit kann auch nicht generell
denen zugeschrieben werden, die der Ehe entsagt und beständige Ehelosigkeit
gelobt haben, denn sie verstoßen infolge ihres Gelübdes die eheliche Liebe,
die allein keusch ist. Da ihnen dennoch von der Schöpfung und von der Geburt
her die Neigung zum anderen Geschlecht innewohnt, geht sie, eingeschränkt
und unterdrückt, allzuleicht in eine Glut über, die vom Körper in den Geist
aufsteigt, diesen anfällt und ihn befleckt. Wirklich keusch sind von denen,
die diesen Stand gewählt haben, um sich von der Welt zurückzuziehen und sich
dem Dienste Gottes zu weihen, nur die, in denen die Liebe zum wahrhaft
ehelichen Leben entweder vor ihrem Entschluß vorhanden war oder nachher
entsteht und bleibt, denn nur in Beziehung auf die Liebe zu diesem Leben
kann, wie gesagt, von Keuschheit und Reinheit gesprochen werden (155). Somit
hat der Stand der Ehe wegen seines Ursprungs, seines Wesens und seiner
Funktion für die Schöpfung Vorrang vor dem der Ehelosigkeit. 12,4 - Das Lebenspensum der Ehelichen
und der Ehelosen Wir wissen, daß nicht jeder Mensch
während seines Lebens auf Erden den rechten Partner findet oder nicht jeder
mit dem Partner, dem er wahrhaft ehelich verbunden sein könnte, verheiratet
ist. Entscheidend ist nach Swedenborg, daß der Mensch vom rechten Ziel weiß
und es ersehnt und sein Gemüt nicht dem Wunsch nach ehelicher Verbindung
entfremdet, daß man spürt, daß er als Nur‑Mann, sie als Nur‑Weib
nicht ganzer Mensch sein kann. Im Erdenleben haben beide Stände, der ehelose
und der eheliche, ihre Probleme: Der unverheiratete Mann hat es schwerer,
„geistig“ zu werden, denn er muß selbst besorgen was Sache seiner Partnerin wäre,
und die Gefahr der Eitelkeit lauert desto mehr, je höher er steht. Die
unverheiratete Frau sehnt sich im allgemeinen mehr nach einer Ehe als der
Mann, weil sie spürt, daß ihre besten Kräfte brach liegen und auch in einer
Ersatzaufgabe nicht völlig zum Zuge kommen. Sie kann die Liebesfähigkeit, ihr
Lebenselement, nicht „an den Mann bringen“. Ist der Mann verheiratet, aber
nicht mit der richtigen Partnerin, dann hilft ihm auch die Ehe wenig, ja sie
kann ihm Fesseln anlegen, sodaß er, wie Paulus sagt, „sich sorgt um die
Dinge der Welt, nämlich wie er der Frau gefalle“. Ist die Frau mit dem
falschen Partner verheiratet, dann hat sie es leichter, trotzdem ihre
Hingabefähigkeit in der Ehe oder in einem sozialen Dienst wachsen und reifen
zu lassen. Für beide Teile aber gilt, daß manche Ehelose innerlich ehelicher
gesonnen sind als äußerlich Verheiratete. Das Lebenspensum ist immer gleich
schwer. Viele vergessen bei der Heirat, daß zur Führung und Gestaltung einer
rechten Ehe Phantasie, Rücksichtnahme, ständiges Aufeinander‑Eingehen,
stündlich neuer Einsatz und täglich neue Hochzeit nötig sind. Es ist nicht
so leicht, wie es besonders jungen Menschen scheint, „eine Ehe so zu leben,
daß sie die ihr eigene tiefe Idee verkörpert, daß sie wie ein Kunstwerk erscheint.
Die auf höherem Niveau geführte Ehe setzt ein gehobenes Menschentum bei der
Frau wie beim Mann voraus. Beide dürfen nicht müde werden, an ihrer Gemeinschaft
zu bauen, unablässig müssen sie die Verantwortung fühlen, nie dürfen sie
bequem werden. Die Aufgabe, die das Größte und Kleinste Umfaßt, ist für beide
Geschlechter dieselbe, muß jedoch verschiedenartig gelöst werden“. 13,0 - Die innige Verbindung der
Seelen und Gemüter 13,1 - Das Streben nach Verbindung zur
Einheit Vom Herrn gehen viele Sphären aus, so
z.B. die Sphäre der Erhaltung des geschaffenen Weltalls, die Sphäre der
Beschützung des Guten und Wahren gegen das Böse und Falsche, die Sphäre der
Besserung und Wiedergeburt, die Sphäre der Unschuld und des Friedens, die
Sphäre der Barmherzigkeit. Die universelle Sphäre aller Sphären aber ist die
eheliche Sphäre, weil diese auch die Sphäre der Fortpflanzung und so die
altüberragende Sphäre der Erhaltung des geschaffenen Weltalls durch einander
folgende Zeugungen ist. Deshalb sind Ehen auch in den Himmeln, und zwar die
vollkommensten im dritten oder obersten Himmel, und deshalb gibt es dergleichen
außer in den Menschen auch in allen Tierwesen bis zu den Würmern hinab und
auch in allen Pflanzen von den Ölbäumen und Palmen bis zu den geringsten Gräsern.
Daß diese Sphäre noch universeller ist als die Sphäre der Wärme und des
Lichtes, die aus der Sonne unserer Welt hervorgehen, kann die Vernunft daraus
erkennen, daß sie auch bei Abwesenheit der Sonnenwärme wirkt, im Winter, und
bei Abwesenheit des Sonnenlichtes, in der Nacht. Das rührt daher, daß sie aus
der Sonne des engelischen Himmels herstammt, deren Wärme und Licht, das heißt
Gutes und Wahres, immer ausgeglichen verbunden und darum in fortwährendem
Frühling sind (222). Die universelle Sphäre der ehelichen
Liebe oder die dem Guten und Wahren von der Schöpfung her eingepflanzte
Neigung sich in Eins zu verbinden, stammt daher, daß das Eine aus dem Anderen
gebildet ist: die Weisheit aus der Liebe, weise zu sein, oder das Wahre aus
dem Guten und die Liebe zur Weisheit aus dieser Weisheit oder das Gute des
Wahren aus diesem Wahren. Wechselseitig streben sie danach, sich wieder zu
vereinigen und sich in Eines zu verbinden. Dies geschieht bei den Männern,
die in der echten Weisheit sind, und bei den Frauen, in denen die Liebe zu
dieser Weisheit im Manne wohnt, also bei denen, die in der wahrhaft ehelichen
Liebe sind (89). Da die Fähigkeit zur Verbindung des
Männlichen mit dem Weiblichen schon von der Schöpfung her eingepflanzt ist
und ihnen deshalb fortwährend innewohnt, verlangt und strebt das eine nach
der Vereinigung mit dem anderen. Die Liebe, an sich betrachtet, ist nichts
anderes als der Wunsch und aus diesem das Streben nach Verbindung, die
eheliche Liebe ein Streben nach Verbindung zur Einheit. Mann und Frau sind so
geschaffen, daß aus zweien gleichsam Ein Mensch werden kann oder Ein Fleisch.
Dann sind sie miteinander Ein Mensch in seinem Vollbestand; ohne diese
Vereinigung sind sie zwei und jedes für sich wie ein geteilter oder halber
Mensch (37). Jeder Mensch besteht aus Seele, Gemüt und Körper; die Seele ist
sein Innerstes, das Gemüt sein Mittleres, der Körper sein Äußerstes und
Letztes. Die Seele ist ihrem Ursprung nach himmlisch, das Gemüt geistig, der
Körper natürlich, irdisch. Das, was dem Ursprung und Ziel nach himmlisch und
geistig ist, ist nicht im Raum und erscheint nicht im Raum, so die Seelen und
Gemüter der Menschen. Eben darum aber können sie, im Gegensatz zu den
Körpern, wie in Eins verbunden werden, und dies geschieht bei Ehegatten, die
sich gegenseitig innig lieben. Es wurde gesagt „wie in eins“, denn da das
Weib aus dem Mann erschaffen wurde und jene Verbindung eine Art von
Wiedervereinigung ist, so ist sie nicht eine Verbindung in Eins, sondern eine
Anschließung, eng und nahe je nach der ehelichen Liebe bis zum verzückten
Aneinanderschmiegen bei denen, die in der wahrhaft ehelichen Liebe sind.
Diese Anschließung kann man auch ein geistiges Zusammenwohnen nennen; es
findet statt bei den Ehegatten, die sich zärtlich lieben, so weit sie auch
räumlich voneinander entfernt sein mögen (158). „Eheleute sollen so leben,
daß sie abwesend mit heiterer Rührung aneinander denken. Und sie sollen in
Großmut miteinander wetteifern. Die Gleichheit der Interessen muß bis zur
Identität gehen, denn sie sollen ,eine einzige moralische Person' ausmachen“
. Das Wollen der Frau verbindet sich mit
dem Denken des Mannes und infolgedessen das Denken des Mannes mit dem Wollen
der Frau. Wie schon gesagt, wird der Mann geboren, daß er Denken sei, die
Frau aber daß sie liebendes Wollen jenes Denkens des Mannes werde. Deshalb
gibt es eine eheliche Verbindung des Wollens der Frau mit dem Denken des
Mannes und eine rückwirkende Verbindung des Denkens des Mannes mit dem Wollen
der Frau. Da zwischen beiden die engste Verbindung besteht, kann das eine
Vermögen in das andere eingehen und durch diese und in dieser Vereinigung
Freude empfinden (159). Die Frauen sind als Liebe geboren, die Männer aber,
mit denen sie sich vereinigen sollen, damit sie wieder geliebt werden, sind
Aufnehmer dieser Liebe. Die Liebe kann nichts anderes als lieben und sich vereinigen,
um wieder geliebt zu werden; das ist ihr Leben. Deshalb ist die Liebe und das
Streben nach Vereinigung in den Frauen fortwährend wirksam und beständig und
fortdauernd. Beim Mann dagegen ist die Bereitschaft zur Aufnahme bald vorhanden,
bald nicht vorhanden und die Neigung zu jener Verbindung unbeständig und
wechselnd je nach den Sorgen, die eine Unterbrechung bewirken, oder nach den
Veränderungen der Wärme in seinem Gemüt aus mancherlei Gründen (160). 13,2 - Die allmähliche Verbindung Die Verbindung der Ehegatten geschieht
nach und nach, von den ersten Tagen der Ehe an, und sie wird bei denen, die
in der wahrhaft ehelichen Liebe sind, in Ewigkeit immer inniger und inniger.
Die erste Wärme der Ehe verbindet nicht, denn sie hat noch etwas von
Geschlechtsliebe in sich, die Sache des Körpers, nicht des Geistes ist. Was
aus dem Körper ist, währt nicht lange; die Liebe aber, die aus dem Geist im
Körper ist, dauert fort. Sie dringt in die Seelen und Gemüter der Ehegatten
zugleich mit Freundschaft und Vertrauen ein, und so entsteht die eheliche
Liebe, die die Herzen öffnet und ihnen die Seligkeiten der Liebe einhaucht
(162). Von jedem Menschen geht eine geistige
Sphäre aus den Regungen seiner Liebe hervor. Sie umgibt ihn und strömt in
die natürliche Sphäre, in die des Leiblichen ein, und beide verbinden sich
miteinander. Nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren und ebenso den
Bäumen, Früchten und Blumen, ja sogar den Metallen entströmt fortwährend eine
natürliche Sphäre. So ist es auch in der geistigen Welt: die den Subjekten
dort entströmenden Sphären sind geistig, ganz besonders die aus den Geistern
und Engeln, denn sie haben inwendigere Regungen der Liebe und daraus
Wahrnehmungen und Gedanken. Alles Sympathische und Antipathische hat hier
seinen Ursprung, auch alle Verbindung und Trennung, Gegenwart und Abwesenheit,
denn das Gleichartige oder Zusammenstimmende bewirkt Verbindung und
Gegenwart, das Ungleichartige oder Widerstrebende dagegen Trennung und Abwesenheit.
In der geistigen Welt wird die Entfernung der Subjekte durch die Sphären
bestimmt. Den Einsichtigen ist bekannt, was solche geistigen Sphären auch in
der natürlichen Welt bewirken; die Zuneigungen der Ehegatten zueinander haben
hierin ihren Ursprung: einmütige und zusammenstimmende Sphären vereinigen
sie, widrige und mißhellige dagegen trennen sie, denn die ersteren sind
angenehm und erfreulich, die letzteren dagegen unangenehm und unerfreulich.
Die Engel, denen ein klares Innewerden der Sphären gegeben ist, sagten mir:
Jeder Teil des Menschen, inwendig in ihm und auswendig an ihm, erneuert sich
fortwährend durch Auflösung und Neubildung, und von daher stammt die
fortwährend ausströmende Sphäre. Diese umgibt ihn rundum, freilich dichter
vorne, von der Brust her, dünner hinten vom Rücken her, und die vordere
verbindet sich mit dem Atem. Deshalb liegen Ehegatten, deren Gesinnungen und
Neigungen voneinander abweichen, im Ehebett voneinander abgewandt, Rücken
gegen Rücken, die dagegen, deren Gesinnungen und Neigungen harmonieren,
einander zugekehrt. Die Sphären, die aus jedem Teil des Menschen
hervorgehen, verbreiten sich weit um ihn her; sie verbinden oder trennen
Eheleute nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich, und daraus entstehen
alle Unterschiede und Mannigfaltigkeiten der ehelichen Liebe. Endlich sagten
sie, die von einer zärtlichen Frau ausströmende Sphäre der Liebe werde im
Himmel wie Wohlgeruch empfunden, noch weit lieblicher, als auf Erden vom jungen
Ehemann in den ersten Tagen nach der Hochzeit (171). Die Ehegatten werden,
sich verbindend, mehr und mehr Ein Mensch (177), denn die wahrhaft eheliche
Liebe ist eine Vereinigung der Seelen, eine Verbindung der Gemüter und ein
Streben nach Verbindung in der Brust und von da aus im Körper (179). 13,3 - Die Idee des Ewigen in der Ehe Die in der wahrhaft ehelichen Liebe
sind, schauen auf das Ewige, denn in dieser Liebe ist Ewigkeit. Im Ehemann
wächst die Weisheit, in der Ehefrau die Liebe in Ewigkeit fort, und in diesem
Wachsen und Fortschreiten gehen beide völliger und völliger in die
Seligkeiten des Himmels ein. Würde die Idee des Ewigen ausgerissen oder
durch ein Ereignis den Gemütern entfallen, dann wäre es, als würden sie aus
dem Himmel geworfen. In welcherlei Zustand Ehegatten im Himmel geraten, wenn
in sie die Idee des zeitlich Begrenzten anstelle des Ewigen eindringt,
durfte ich einmal miterleben: Als ein himmlisches Ehepaar bei mir war, wurde,
um mir den Unterschied zu zeigen, einem redegewandten Gaukler erlaubt, von
ihnen die Idee des Ewigen zu entfernen. Da begannen sie laut zu klagen, sie
könnten nicht mehr leben, und fühlten einen nie gekannten Jammer. Als ihre
Gesellen dies wahrnahmen, wurde der Gaukler hinausgeworfen, und augenblicklich
kehrten sie erlöst zur Idee des Ewigen zurück und umarmten sich zärtlich. Ein
andermal beobachtete ich in der geistigen Welt ein Ehepaar, das zwischen der
Idee des Ewigen und der des Zeitlichen in der Ehe schwankte, da sie beide
innerlich unähnlich waren. Mit der Idee des Ewigen erfüllte sie zugleich
herzliche Freude, trat aber an deren Stelle die des zeitlichen Begrenzten,
dann sprachen sie: „Was heißt Ehe?“, und sie sagte: „Ich bin nicht Ehefrau,
sondern Bettgenossin“, und er: „Ich bin nicht Ehemann, sondern Beischläfer!“
Schließlich trennten sie sich, aber später, als beide die Idee des Ewigen in
ihre Auffassung von der Ehe aufnahmen wurden sie innerlich Ähnlichen als
Gatten beigesellt. Auch die sich zärtlich liebenden irdischen Ehepaare denken
ihre Ehe ewig und durchaus nicht trennbar durch den Tod. Denken sie an
diesen, dann schmerzt sie das, aber der Gedanke der Fortdauer nach dem
Hinscheiden richtet sie wieder auf (216). „Der Verheiratete scheint mir dies als
eigen zu haben: es gibt für ihn kein für sich sein mehr. Zwei Existenzen sind
verwoben, eine ist für die andere ganz unausweichlich ihr Schicksal und
lernt, in Beobachtung dieser zarten Gefahr, sich täglich mehr auf das
Wachsen, Atmen, Reifen, Antworten, den geheimen Schmerz des anderen ein;
selbst das in schweigender Brust Verschlossene würde doch durch eine unbewachte
Gebärde für den anderen ein Licht oder ein Schatten werden; und es ist, als
ob sie beide im Schlafe sprächen und jedes im Geheimnis des anderen tief
eingelassen lebte. Dies steigert sich mit den Jahren und ist ganz unabhängig
von allem leidenschaftlichen Wesen. Kinder geben diesem Zustand noch eine so
reiche und schwere Folge, daß sie gar nicht auszusprechen ist. Nun sind
freilich in unserer Zeit die heiligen Ringe des irdischen Gemeinschaftslebens
auseinandergeborsten; aber das hindert nicht, daß ins Geblüt des
Verheirateten fragmentarisch und unvollendbar, aber doch deutlich und bis
zur Herzensbitte gestaltet alle die Erfahrungen der Daseinsringe treten, in
die er durch diesen Zustand aufgenommen ist“
(Max Kommerell). 14,0 - Die Fülle der ehelichen Liebe 14,1 - Die Seligkeiten der ehelichen
Liebe Die jede andere Lust übertreffende,
hinreißende Erregung aller Sinne, der Reiz aller Reize und Genuß aller
Genüsse, die Seligkeit aller Seligkeiten auch noch im nur
sinnlich-körperlichen Vollzug ist letzter Absenker der himmlischen Fundamental‑
und Universalliebe. Ist der Orgasmus und seine Wirkung auch von noch so kurzer
Dauer, wird er auch von noch so untauglichen Subjekten erlebt, so ist seine Erregung
und Lust dennoch nur von jener himmlischen Abkunft her zu erklären. In ihm
sind alle Lustreize, alle Freuden und Wonnegenüsse von den ersten bis zu den
letzten zusammengefaßt, alle Glückseligkeiten, Entzückungen und Vergnügungen,
die irgend vom Herrn, dem Schöpfer, in den Menschen gelegt werden können. Freilich
gilt das in seiner ganzen Fülle nur von einem sich ehelich liebenden Paar, in
dem dadurch das Innerste der Körper und das Innerste der Gemüter so erweitert
wird, wie die Wasserader ihre Quelle aufbricht und durchfließt (68). Da die
wahrhaft eheliche Liebe heutzutage auf Erden selten ist, sodaß man kaum weiß,
daß es sie wirklich gibt und wie sie beschaffen ist, seien ihre Freuden mit
Worten von Engeln beschrieben: Die innigsten Freuden der ehelichen Liebe,
die den Seelen angehören, in die zuerst das Eheliche der Liebe und Weisheit
oder des Guten und Wahren vom Herrn einfließt, sind nicht wahrnehmbar und
deshalb unaussprechlich. Sie sind Freuden des Friedens und der Unschuld. Aber
sie werden im Niedersteigen mehr und mehr wahrnehmbar: in den oberen
Regionen des Gemütes als Seligkeiten, in den unteren Regionen als
Glücksgefühle, in der Brust als Lustreize aus diesen, und aus der Brust
ergießen sie sich in alles und jedes im Körper und vereinigen sich endlich im
Letzten, im Geschlechtsakt, zur Wonne der Wonnen (69). Die Brust ist der
Sammelplatz, das Zentrum, gleichsam ein königlicher Hof, und der Körper eine
volkreiche Stadt um ihn her. Alles, was von der Seele und vom Gemüt aus in
den Körper ausläuft, fließt zuerst in die Brust ein. Hier ist der Sitz der
Herrschaft über alle Teile des Körpers, denn hier ist das Herz und die Lunge:
das Herz herrscht durch den Blutkreislauf, die Fülle der ehelichen Liebe die
Lunge durch den Atem überall. Wenn die Seelen und Gemüter der Ehegatten in
wahrhaft ehelicher Liebe vereint sind, dann fließt diese liebesselige
Vereinigung in die Brust und durch diese in den Leib ein und bewirkt das
Verlangen nach leiblicher Verbindung. Die eheliche Liebe treibt dies Verlangen
zu ihrem Letzten hin, um ihre Lust und Wonne in Fülle zu erleben und zu
genießen (179). 14,2 - Die eheliche Vereinigung als
Zusammenfassung aller Wonnen Swedenborg wird nicht müde, die
Seligkeiten der ehelichen Liebe in den Menschen und in den Engeln zu
schildern: Die eheliche Liebe ist ein Streben nach Verbindung zur Einheit.
Mann und Frau sind so geschaffen, daß aus ihnen beiden gleichsam Ein Mensch
werden kann. Werden sie Eins, dann sind sie zusammen Ein Mensch im
Vollbestand, ohne diese Verbindung sind sie zwei und jeder - jede wie ein
geteilter oder halber Mensch (37). Der Stand der wahrhaften Ehe eines
Mannes und einer Frau ist das Kleinod des menschlichen Lebens und die
Heimstätte der Menschwerdung im Menschen. Das geht aus allem darüber schon
Gesagten hervor: Des Menschen Leben ist so beschaffen wie die eheliche Liebe
in ihm, denn sie bildet das Innerste seines Lebens. Das Leben der Weisheit,
die mit ihrer Liebe zusammen wohnt, und das Leben der Liebe, die mit ihrer
Weisheit zusammenwohnt, ist das Leben der gemeinsamen Seligkeit beider
Partner. Der Mensch ist eine durch diese Liebe lebende Seele. Es sei auch
wiederholt: Nur mit Einer Frau oder Einem Mann ist wahrhaft eheliche
Freundschaft, Vertraulichkeit und höchstes Glück der geschlechtlichen
Vereinigung möglich, weil nur dann eine eheliche Vereinigung auch der Gemüter
stattfindet. In der ehelichen Liebe liegen alle himmlischen Seligkeiten,
geistigen Wohlgefühle und daher natürlichen Wonnen beisammen und gehen aus
ihr hervor, von Urbeginn an für die vorgesehen, in denen der Sinn der
wahrhaft ehelichen Liebe wohnt (457 ). In der ehelichen Liebe sind alle
Freuden und Wonnegenüsse von den ersten bis zu den letzten zusammengefaßt,
weil ihr Ursprung in der Ehe des Guten und Wahren, die vom Herrn herrührt, zu
finden ist, und weil diese Liebe so beschaffen ist, daß sie mit dem anderen,
den man von Herzen liebt, alle Freuden teilen, ja sie in ihn übertragen und
daraus selbst die seinigen schöpfen will. Und dies will unendlich mehr die Göttliche
Liebe im Herrn. Sie will sich in den Menschen übertragen, den Er zum
Aufnahmegefäß der Liebe und der Weisheit, die aus Ihm hervorgehen, geschaffen
hat. Und weil Er ihn als dieses Aufnahmegefäß geschaffen hat - den Mann zur
Aufnahme der Weisheit, die Frau zur Aufnahme der Liebe zur Weisheit des
Mannes ‑, hat Er auch vom Innersten her den Menschen die eheliche
Liebe eingegossen, um alles Selige, Beglückende, Angenehme und Erfreuliche,
das einzig aus Seiner Liebe durch Seine Weisheit hervorgeht, in sie
übertragen zu können. Die in der wahrhaften ehelichen Liebe leben, sind die
rechten Aufnehmenden. Ihre Zustände sind Unschuld, Friede, Gemütsruhe,
innigste Freundschaft, volles Vertrauen und gegenseitiges Verlangen, einander
alles Gute zu erweisen (180). 14,3 - Einheiligung des Sexuellen In der wahrhaft ehelichen Liebe wird
der Sex, die Sinnenfreude in der geschlechtlichen Vereinigung, nicht
überwunden oder ausgelaugt, sondern erst in ihr wird die Lust im
Geschlechtsakt zur wahren, dauernden Seligkeit, ohne Gier, ohne Geilheit und
ohne nachfolgenden Überdruß und Ekel. In diesem Sinn „reichen Mann und Weib
und Weib und Mann an die Gottheit an“, sind „Mann und Weib den Göttern
gleich“, wie wir es in der „Zauberflöte“ mit Mozarts Klängen hören. Nur in
diesem Sinn, denn daß auch die Menschen Geschöpfe sind und nicht Götter und
schon gar nicht Gott, das wird gerade von Swedenborg immer wieder betont.
Karl Barth hat gegen die auch von Swedenborg beeinflußte Auffassung
Schleiermachers und der Romantiker von der Ehe und der Verbindung von
Religion und Erotik eingewandt, dies sei ein „übergriff in Apotheose“, die
das Menschliche „der Kreatursphäre entrückt. Der Mensch wird zum Subjekt der
Heilsgeschichte, zum Spender der Gnade. Aus der Analogie (Gott‑Mensch =
Christus‑Braut) wird Identität. Den Ort der Kreatur - wo Gott als Gott
erkennbar ist und wo Gott Menschen sucht und findet und wo Gott Gebote
aufrichtet - hat man mutwillig verlassen“, indem man „die Liebenden zu Göttern“
erhoben hat. Wohl sind die Romantiker zuweilen über das Ziel hinausgeschossen,
aber sie haben etwas zutiefst Wahres gespürt. Barth bemerkt nicht, daß er,
weil er die Analogie der Seligkeit bei der geschlechtlichen Vereinigung von
Mann und Frau mit der ehelichen Vereinigung des Ewig‑Weiblichen mit dem
Ewig‑Männlichen im Schöpfer sowie die Analogie des Zeugens, Empfangens
und Gebärens des Kindes mit der Göttlichen Schöpferlust in der Schöpfung
Seiner Schöpfung nicht sieht, den Geschlechtsverkehr der bloßen Triebbefriedigung
und Fortpflanzungstechnik anheim gibt. Vor lauter Eifer für den Hinweis auf
die prinzipielle Andersartigkeit des Kreators entwürdigt er die „Kreatursphäre“
zur vom Schöpfer getrennten Materie, ihre Lust zur bloßen Sinnenlust und
verläßt „mutwillig“ den Ort, von dem aus uns ganz besonders intensiv und
transparent eine Ahnung von dem tiefen Zusammenhang zwischen Kreator und
Kreatur geschenkt werden kann. Er vereitelt damit selbst die einzige
Möglichkeit der Erfüllung seiner Forderung nach „Einheiligung des
Geschlechtslebens“. Swedenborg blutet die eheliche
Verbindung von Mann und Frau nicht aus zur Partnerschaft, Mitmenschlichkeit,
agape ‑ wozu ja nicht zweierlei Menschen nötig wären! -, sondern er
führt gerade das Allerirdischste darin, die Lust bei der körperlichen
Vereinigung, zurück und hinauf in die letzten und höchsten Zusammenhänge und
heiligt sie damit. Horst Bannach berichtet, er sei bei der Planung eines
Zeitschriftenheftes über die Liebe gefragt worden: „Welche Liebe ‑ die
Agape oder die andere?“ und fährt fort: „So ist das bei uns. Wir haben
mehrere Sorten Liebe, und die Philosophen unter uns pflegen zu bedauern, daß
wir für diese verschiedenen Sorten - Agape, Eros, Sexus - nur das eine Wort
Liebe zur Verfügung haben. Man sollte sie sorgfältig auseinanderhalten
können, mindestens doch die himmlische und die irdische Liebe, damit kein
heftiger Drang und kein ungezügelter trieb die reine Landschaft trübt. Die
Folgen dieser Zertrennung sind verheerend. In unserer himmlischen Liebe brennt
kein Feuer mehr, und die irdische Landschaft ist verwildert. Wer weiß, ob
die Liebe zwischen Mann und Frau das Muster abgegeben hat für alles, was den
Namen Liebe verdient. Und zu vermuten ist, daß alle, die sich dessen
schämen, die die Liebe geläuterter und sauberer machen wollen, an ihrer
Zerstörung arbeiten. 14,4 - Das hohe Lied der ehelichen
Liebe Hören wir noch einmal Swedenborg: Da
die eheliche Liebe die Fundamental‑Liebe aller guten Liebesarten ist
und dem Allereinzelnsten des Menschen eingepflanzt, übertrifft ihr Angenehmes
das Angenehme aller anderen Liebesarten. In dieser Liebe ist alle Lust von
der ersten bis zur letzten, von der innersten bis zur äußersten versammelt
(68). Der Mann nimmt vom Weibe die schöne Röte ihrer Liebe an, die Frau vom
Manne den glänzenden Schimmer seiner Weisheit, denn die beiden Ehegatten sind
den Seelen nach vereinigt, und in beiden gemeinsam erscheint die Fülle des
Menschlichen (192). Ich habe von Engeln gehört, daß sie
wahrnahmen, wie die Wonnen der ehelichen Liebe bei ihnen erhöht und erfüllt
werden, wenn sie von keuschen irdischen Ehegatten zu ihnen heraufsteigen. Auf
die Frage, ob es sich so auch mit den letzten Freuden verhalte, antworteten
sie leise: „Wie denn anders? Sind diese nicht jene in ihrer Fülle?“ (144) Ein
Engel sagte: „Wir zwei sind Eins, ihr Leben ist in mir, mein Leben ist in
ihr. Wir sind zwei Gestalten, aber Eine Seele. Unsere Vereinigung ist wie die
der zwei Kammern in der Brust, dem Herzen und der Lunge: sie ist mein Herz,
und ich bin ihre Lunge. Und weil wir hier unter Herz die Liebe und unter
Lunge die Weisheit verstehen, so ist sie die Liebe meiner Weisheit, und ich
bin die Weisheit ihrer Liebe, ihre Liebe umhüllt von außen her meine
Weisheit, und meine Weisheit ist von innen her in ihrer Liebe“. Da ward
unsere Umgebung wie mit Gold überzogen, und ich fragte: „Woher kommt dies?“
Er antwortete: „Vom flammenden Licht, das wie Gold glänzt und alles
bestrahlt und durchdringt, während wir über die eheliche Liebe sprechen. Die
Wärme aus unserer Sonne die in ihrem Wesen Liebe ist, entbindet sich dabei
und färbt das Licht, das in seinem Wesen Wahrheit ist, mit ihrem Gold, und
dies geschehe weil die eheliche Liebe in ihrem Ursprung das Spiel der Weisheit
und der Liebe ist. Von daher stammt auch das Ergötzliche dieses Spiels in der
ehelichen Liebe und aus ihr das in unserer Liebe (75). Swedenborg steht mit seiner Schau der
ehelichen Liebe vom Sexuellen bis zum Himmlischen im Abendland einsam da,
nicht so einsam aber, wenn wir uns weiter umschauen. Mit seinem Hymnus auf
die eheliche Liebe, die Fundamental‑ und Universalliebe aller
himmlischen und irdischen Liebesarten, trifft er sich mit der uralten
indischen Schau. Ein indischer Hymnus auf die Trinität, die hinter der für den
ersten Blick verwirrenden vielfältigen Götterwelt steht, lautet: Vischnu ist Schiwa Schiwa ist Brahma Eins ist die Gestalt Sie sind die drei: Wischnu, Schiwa, Brahma. Edel sind sie Schöpfer der Welt Beschützer der Welt Seiend aus sich selbst. Sie sind der Herr Mann und Weib zugleich. Die Zweigeschlechtlichkeit ist
urangelegt im Schöpfer. In Ihm ist das Ur‑Sein und das Ur‑Dasein,
die ewige Liebe und die ewige Wahrheit, seiend aus sich selbst, aus denen die
Schöpfung als Wirkung hervorgeht. Und da die Inder alles anschaulich
darstellen, sind ihre Tempel erfüllt mit Plastiken von göttlichen
Liebespaaren: der Gott hat stets seine Schakti bei sich und wird in Umarmung
und Liebesspiel mit ihr gezeigt. Androgyne Götterbilder endlich, zur hälfte
männlich, zur Hälfte weiblich, wollen sagen: dieses Männliche und Weibliche
gehören innig zusammen, und aus dieser innigsten Vereinigung entsteht
fortwährend alle Schöpfung. „Diese Anerkennung der Liebe und Sinnenlust als
eines essentiellen Teiles alles wahren Lebens und die daraus erwachsene Kultivierung
der Liebe haben sich auf das ganze indische Leben ausgewirkt und schon
frühzeitig in den Künsten, in der Poesie, in den Märchen, Sagen und Liedern
des Volkes ihren Niederschlaggefunden. Erst im Gleichklang der männlichen und
weiblichen Kräfte ersteht der ganze Mensch. ‑ Was wir heute an
Heuchelei auf der einen und an bestialischliebeloser Nur‑Sexualität
auf der anderen Seite in der weißen Welt erleben, ist dem Inder
gleichermaßen fremd. Wie sehr die Problematik des Geschlechtlichen geradezu
erst geschaffen wird, läßt sich an der inneren Revolution Asiens heute
ständig beobachten“ (Hans Hasso von
Veltheim ‑ Ostrau). 15,0 - Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts 15,1 - Mann – Weib - Kind; das
Trinitarische Prinzip Die ganze Schöpfung ist, wie wir oben
gesehen haben, vom trinitarischen Schöpfer her, durch das trinitarische
Prinzip gekennzeichnet. Auch aus der ehelichen Verbindung von Mann und Frau
entsteht ein Drittes als Verwirklichung, als Nutzwirkung: das Kind. Es ist
die wirklichste menschliche Verwirklichung, und nur der ganze Mensch, das
heißt Mann und Frau gemeinsam, kann sie vollbringen. Gegen ein Kind sind alle
Dinge, die dem Menschen sonst gelingen können, sei es die Kathedrale von Reims
oder die Fahrt auf den Mond, nur gering. Alle Tätigkeiten im Weltall schreiten
vom Endzweck aus durch die Mittel‑Ursachen zu Wirkungen fort. Diese
drei sind unteilbar Eines; nur zur klärenden Vorstellung kann man sie teilen.
Die Zielidee ist nichts Wirkliches, wenn sie nicht auf die beabsichtigte
Verwirklichung hinzielt, und beide können nichts ausrichten, wenn nicht eine
Mittel‑Ursache sie stützte, klärt und verbindet. Dies trinitarische
Prinzip hat seinen Ursprung im Schöpfer und Erhalter des Weltalls, von dem
immerfort Liebe, Weisheit und nutzbringende Wirkung als Eines ausgehen (400).
Die Erhaltung des Weltalls ist nichts als ein fortwährendes Einfließen des
ehelich vermählten Göttlich Guten und Göttlich Wahren in die von Ihm
erschaffenen Formen. Das Bestehen oder die Erhaltung der Schöpfung ist ein
unaufhörliches Entstehen, eine immerwährende Schöpfung (86) oder eine nie
abreißende Kette von Zeugungen (92). Die Lust des nutzbringenden Wirkens
nimmt ihr Wesen aus der Liebe und ihre Existenz aus der Weisheit. Sie ist
die Seele und das Leben aller himmlischen Freuden (5). 15,2 - Die Sphäre der Fortpflanzung Die vom Herrn ausgehende universelle
eheliche Sphäre ist auch die Sphäre der Fortpflanzung, das ist der Zeugung
und Befruchtung und der Erhaltung des Weltalls durch aufeinanderfolgende
Zeugungen (92). Alles im Weltall aber ist letztlich um des menschlichen
Geschlechts willen da, damit sich aus ihm der Engelshimmel bilde, durch den
die Schöpfung zum Schöpfer, von dem sie ausging, zurückkehrt (85). Die wahrhaft
eheliche Liebe ist die rechte Pflanzschule des menschlichen Geschlechts und
aus diesem des Engelshimmels (143). Diese Idee Swedenborgs zitierte Goethe
in seinem letzten Gespräch mit Eckermann: „Gott hat sich nach den bekannten,
imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben können,
vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt
aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus, jahrein in den
Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hatte ihm sicher wenig Spaß gemacht,
wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage
eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen.“ Das die ganze Schöpfung durchziehende
Fortschreiten von der Zielidee über die Mittel‑Ursache zur Wirkung
finden wir auch in der Sphäre des Erzeugens und des Schutzes des Erzeugten:
Zielidee oder Endzweck ist hier das Wollen oder die Liebe, zu erzeugen,
Mittel‑Ursache ist die Liebkosung, die Empfängnis und das Tragen des
Embryo, Wirkung ist die hervorgebrachte Leibesfrucht, das Kind. Diese drei
sind Eines, obwohl sie in der Natur zeitlich nacheinander erfolgen (401).
Die göttliche Liebe, die göttliche Weisheit und die göttliche Nutzwirkung,
die zusammen das Eine Göttliche Wesen ausmachen und als Eines vom Herrn
ausgehen, fließen in die Seelen der Menschen ein, in ihre Neigungen und
Gedanken, in ihre leiblichen Triebe und endlich in ihre Zeugungs‑ und
Empfängnisregion, in der alles, was vom Ursprung herkommt, beisammen ist.
Das Göttlich Dreieinige wird beim Herabsteigen in den Leib des Menschen in
Entsprechendes verwandelt. Die Schöpfung ist Göttliche Nutzwirkung aus der
Göttlichen Liebe durch die Göttliche Weisheit, und alle Befruchtungen,
Fortpflanzungen und Zeugungen sind Fortsetzungen der Schöpfung. Die vornehmste
aller Nutzwirkungen, ihrer aller Inbegriffe, ist die der ehelichen Liebe von
Mann und Frau, denn von ihr kommt die Fortpflanzung des Menschengeschlechts
und aus diesem der Engelshimmel (183). Weil diese Nutzwirkung alle anderen
übertrifft, wurden in die eheliche Liebe alle Seligkeiten, Glücksgefühle und
Genüsse, alles Angenehme und Liebliche, das vom Herrn, dem Schöpfer, in den
Menschen gelegt werden konnte, zusammengefaßt (68). 15,3 - Die Anteile des Vaters und der
Mutter am Kind „Wahre Liebe weist über sich hinaus.
Die Liebe der Gatten bildet auf geheimnisvolle Weise im Kinde, der Frucht der
Liebe, ein bleibendes Ebenbild ihres liebenden Einsseins. Kein Band knüpft
die eheliche Liebe stärker zusammen. Denn das Kind ist die Selbstdarstellung
der ehelichen Partner in leiblicher und seelischer Hinsicht. In jedem Kinde
wird diese Selbstdarstellung ehelicher Gemeinschaft aufs neue sichtbar“
(Walter H. Schmitz) . Die Seele des Kindes stammt vom Vater,
ihre Umkleidung von der Mutter. Der Vater kehrt, wo nicht in den Söhnen und
Töchtern, so doch in den Enkeln und Urenkeln wie im Bilde wieder, denn die
Seele ist das Innerste des Menschen und dieses kann zwar in den nächsten
Nachkommen verhüllt sein, kommt aber in der weiteren Nachkommenschaft wieder
zum Vorschein. Analoges ist aus der Botanik bekannt: die Erde ist die
gemeinsame Mutter der Pflanzen, sie nimmt die Samen wie im Mutterleib in sich
auf, empfängt sie, umkleidet sie, trägt und gebiert sie und erzieht sie gleichsam
wie die Mutter ihre vom Vater empfangenen Kinder (206). Aus uralter, heute weithin verloren
gegangener Einsicht in das Geheimnis des Lebens wußte man einst, daß alles
und jedes, was im Körper geschieht, einen geistigen Ursprung hat, so z.B.
daß aus dem Wollen, das geistig ist, die leiblichen Handlungen, und aus dem
Denken, das geistig ist, die Reden hervorgehen, ferner, daß das natürliche
Sehen aus dem geistigen, das heißt aus dem Denken herstammt wie auch das
natürliche Hören aus dem geistigen, das heißt aus der Aufmerksamkeit des Verstandes
und zugleich aus der Willfährigkeit des Wollens, und das natürliche Riechen
aus dem geistigen, das heißt aus der Wahrnehmung, und so weiter. In gleicher
Weise sind auch die männlichen Samen geistigen Ursprungs. Die Alten wußten,
daß sie aus den Wahrheiten herstammen, die das Denken erfaßt, und daß von den
Männern aus der geistigen Ehe des Guten mit dem Wahren, die in das Weltall
einfließt, nichts anderes aufgenommen wird, als das Wahre und Dinge, die sich
auf das Wahre beziehen. Im Übergang zum Körper werden diese zu Samen
gestaltet; diese sind also, geistig verstanden, Wahrheiten in bezug auf die
Gestaltung. Wenn die männliche Seele niedersteigt, dann steigt auch das Wahre
nieder. Dies geschehe, so sagten jene Weisen, dadurch, daß die Seele, die das
Innerste des Mannes und in ihrem Wesen geistig ist, dem eingepflanzten Trieb
zur Fortpflanzung ihrer selbst folgend sich bildet, kleidet und zum Samen
wird. Das könne tausend und abertausend Mal geschehen, weil die Seele eine
geistige Substanz ist, die nicht Ausdehnung und materielles Volumen, sondern
Fülle hat. Bei der Samenbildung wird nicht ein Teil herausgenommen, sondern
ein Ganzes hervorgebracht ohne Verlust des hervorbringenden Ganzen. Deshalb
ist die Seele in den kleinsten Behältern, den Samen, ebenso wie im größten,
im Körper. Die männliche Seele ist Ursprung des Samens, weil die Männer das
Vermögen haben, die Wahrheiten ihrer Weisheit fortzupflanzen wie auch Nutzen
zu schaffen, das heißt Gutes als Nutzwirkung der Wahrheiten. Ich fragte im
Himmel: „Und wie wird aus der männlichen Seele das Weibliche fortgepflanzt?“
und erhielt die Antwort: „Es ist eben jenes Gute, das die Wahrheiten
hervorbringen, oder das verständige Gute, das in seinem Wesen das Wahre ist“
(220). Ebenso wie die Frage „Wohin?“ - wohin
geht es mit dem Menschen nach dem Tod? - hat die Frage „Woher?“ - woher stammen unaufhörlich die neuen Menschen?
‑ die Menschheit seit eh und je beschäftigt. Leiblich entstammen sie
einem Menschenpaar, aber die Seelen? Auch diese? Ist jede körperliche auch
zugleich eine seelisch‑geistige Neuschöpfung, oder inkarniert sich im
neuen Körper eine früher auf Erden dagewesene Seele? Die letztere Auffassung
scheidet für Swedenborg aus. Er spricht einmal davon, daß nach dem „silbernen
Zeitalter“ die in Bildern, in Entsprechungen sich darstellende innere Lebensgeschichte
eines Menschen, sein Werden in Stufen, seine immerwahrende Wandlung, sein
oftmaliges „Sterben“ und „Neugeborenwerden“ allmählich buchstäblich‑materiell
und irdisch‑wörtlich als Folge von Wieder‑Verkörperungen
mißverstanden wurde. „Das Leben ist eine Folge von Toden und Auferstehungen“
(Rolland), wir sind unser Leben lang, also in Ewigkeit, auf dem Weg, wirklich
Menschen zu werden, das heißt im anderen Leben Engel. Nach Swedenborgs Schau
entsteht im Augenblick der Befruchtung eines Eies ein neuer seelisch‑geistig‑körperlicher
Mensch, und das ist möglich, weil die ewige Weisheit Samen, das ist
Wahrheiten, als ewig unversiegbare Quelle in unendlicher Fülle in sich birgt. 15,4 - Die Vererbung von Anlagen auf
die Kinder Es ist bekannt, daß die Eltern den
Kindern ihre Anlagen weitervererben, daß den Kindern somit eine den Eltern
ähnliche Liebe und Einstellung zum Leben angeboren wird. Das betrifft aber
nur die Grundanlagen, nicht die besonderen Neigungen und die Lebensweise.
Auch in diese können die Kinder hineingeraten, doch sorgt die göttliche Vorsehung
auch immer dafür, daß schlimme Erbschaften gebessert werden können (202). In der Ehe eines Mannes und einer
Frau, die wahrhaft eheliche Liebe vereint, wird die Frau mehr und mehr
Ehefrau und der Mann mehr und mehr Ehemann. Beider Formen werden von innen
her nach und nach vervollkommnet und veredelt und die von ihnen abstammenden
Kinder ziehen das Eheliche des Guten und Wahren von den Eltern her an sich
(200-202). Sie erben die guten Anlagen und Fähigkeiten ihrer Eltern; die
Söhne: inne zu werden, was zur Weisheit gehört, die Töchter: zu lieben, was
die Weisheit lehrt. Jedem Menschen ist von der Schöpfung her das Eheliche des
Guten und Wahren eingepflanzt, denn es erfüllt das ganze Weltall vom Ersten
bis zum Letzten, vom Menschen bis zum Wurm, und ebenso das Vermögen, die
unteren Regionen des Gemüts aufzuschließen bis zur Verbindung mit den oberen,
die im Licht und in der Wärme des Himmels sind. Doch ist Kindern aus echten
Ehen eine besondere Fertigkeit und Leichtigkeit vererbt, das Gute mit dem
Wahren und das Wahre mit dem Guten zu verbinden, mithin weise zu werden, und
auch die Fähigkeit, das in sich aufzunehmen, was Kirche ausmacht und zum
Himmel gehört. Sie können durch die elterliche Erziehung tiefer und tiefer
darin eingeleitet und hernach, eigenen Urteils mächtig, vom Herrn eingeführt
werden (204 f). Alle Kinder haben von Geburt her das
Eheliche des Guten und Wahren als Anlage in sich, weil dies von der Schöpfung
her in die Menschenseele eingepflanzt ist. Es fließt vom Herrn in den
Menschen ein und macht sein menschliches Leben aus. Doch geht dieses Eheliche
oder jene Fundamentalliebe, die eheliche Liebe, von der Seele aus in das
Gemüt und in den Körper und wird in jedem Menschen verschieden variiert oder
aber sogar in sein Entgegengesetztes verändert, nämlich in die Begattung des
Bösen mit dem Falschen. Dann wird das Gemüt von unten zugeschlossen oder
völlig in die entgegengesetzte Richtung verdreht. So also - nach oben offen,
nur halb offen, verschlossen oder ganz nach unten ausgerichtet - wird es als
Veranlagung von den Eltern den Kindern vererbt (203). Man kennt das aus
vielen Beobachtungen, weiß auch, daß Kinder aus geschiedenen Ehen mehr als
andere für Ehescheidung anfällig sind. Auch von der Einsicht in die für das
Leben der Schöpfung entscheidende Wirkung der ehelichen Liebe her ist zu
verstehen, daß für Swedenborg Ehelosigkeit nicht gottgewollt sein und
niemals als gleichrangige Möglichkeit neben der Ehe stehen kann. Wurde die
Liebe der Geschlechter bisher in den christlichen Kirchen als leider zur
Fortpflanzung des Menschengeschlechts notwendiges Übel geduldet und in gesetzlich
geregelte Bahnen kanalisiert, so sucht man heute, beunruhigt durch die
moderne Entwicklung, neue Maximen. Im letzten römischen Konzil stand der
alten Auffassung - allem anderen übergeordneter Sinn und Zweck der Ehe ist
die Fortpflanzung - die moderne Auffassung gegenüber: „Die intime
Vereinigung der Gatten ist legitim, auch wenn sie nicht der Zeugung dient“.
Swedenborg ist es völlig fremd, die beiden Wesenszüge der Ehe gegeneinander
auszuspielen oder den einen dem anderen über ‑ oder unterzuordnen. Sie
gehören für ihn innig als Dreieinheit von Mann‑Frau‑Kind
zusammen. Gerade deshalb konnte er, wie wir unten sehen werden, recht reale
Ratschläge und Erlaubnisse geben, wenn nur die echte eheliche Grundtendenz im
Menschen erhalten bleibt. 15,6 - Das heutige Problem der
Übervölkerung der Erde Ein uns heute auf den Nägeln
brennendes Problem kannte Swedenborg freilich nur in der Theorie: das der
Übervölkerung der Erde, der „Bevölkerungsexplosion“ und der demzufolge
notwendigen Einschränkung der Fortpflanzung. Doch es darf nicht, wie
allermeist, in erster Linie aus dem Blickwinkel der Liebe und Ehe betrachtet
werden, isoliert von anderen Zeiterscheinungen. Die Störung der Schöpfungsordnung
- nicht nur durch die Verhinderung einer rechten, erst im Kind sich vollendenden
Ehe, sondern auch durch die Verhinderung des oftmaligen Einfließens des männlichen
Samens in die Frau, wodurch beider eheliche Verbindung empfindlich erschwert
wird - diese Störung ist eine Folge der durch Wissenschaft und Technik
möglich gewordenen Manipulation der Natur und des Naturhaushalts. Seltsamerweise
unterscheidet sich die Haltung der Kirchen zur Frage der Geburtenregelung
völlig von der zu anderen, sie offenbar weit weniger beunruhigenden
Errungenschaften und Eingriffen der modernen Medizin. Und doch haben erst
diese, so die erfolgreiche Minderung der Säuglings- und Kindersterblichkeit
und die künstliche Lebensverlängerung alter Menschen, jenes Problem
aufgeworfen. Macht man das eine vorbehaltlos mit, sieht man es als „selbstverständlich“,
als nichtfragwürdig, ja als gottgewollt an und sagt hier Ja, dann muß man
auch zur Geburtenkontrolle und zur Pille Ja sagen. Mit diesen Bemerkungen
wollen wir weder einem Rückzug der Medizin noch einer Verhinderung der
Geburtenregelung das Wort reden, sondern nur das Problem aus dem sexuellen
und ehelichen Bereich in denjenigen transponieren, in den es eigentlich
gehört: in den medizinischen und in den politischen. Man wird unglaubwürdig,
wenn man sich einerseits auf die Bibel beruft, den Satz „Wachset und mehret
euch!“ zitierend, und andererseits das andere Wort „Leben hat seine Zeit,
Sterben hat seine Zeit!“ aus der panischen Angst vor dem Sterben, die die
westliche Welt gekennzeichnet, ignoriert. Und man wird unglaubwürdig, wenn
man einerseits den alten Satz „Schickt Gott das „Häsle“, so gibt er auch das
„Gräsle“ zitiert, andererseits aber tatenlos zusieht, wie die Mittel zur
Hervorbringung der für die Ernährung einer unbehindert wachsenden Menschheit
nötigen „Gräsle“ durch eine irrsinnige, Billiarden verschlingende Rüstung
sinnlos vergeudet oder diese Mittel verseucht werden. 16,0 - Eheliche Liebe und Kinderliebe 16,1 - Die Sphäre des Hervorbringens
und die Sphäre der Erhaltung Aus Beobachtungen kann man ebenso
schließen, daß die eheliche Liebe und die Liebe der Eltern zu ihren Kindern
miteinander verbunden ist, wie daß sie nichts miteinander zu tun haben. Auch
Ehegatten, die im Herzen uneins sind, lieben ihre Kinder, ja zuweilen
zärtlicher als die einmütigen. Im tiefsten Grund aber gehören beide Liebesarten
zusammen, so wie das Erste im Letzten oder der Uranfang in der Wirkung enthalten
ist. Das Erste ist die Hervorbringung der Nachkommenschaft, das Letzte die
Sorge um diese. Da viele bei ihren Überlegungen vom Letzten, von den
Wirkungen ausgehen, von da aus Folgerungen ziehend, nicht aber von den Ursachen,
verirren sie sich allzuleicht in dunkles Gewölk und geraten zu
Scheinbarkeiten und Täuschungen. Um dem zu entgehen, sei nun die innerliche
Verbindung der ehelichen Liebe mit der Kinderliebe ins Licht gestellt (385). Zur Erhaltung des Weltalls gehen vom
Herrn zwei universelle oder allgemein waltende Sphären aus, die des
Erzeugens und die des Schutzes des Erzeugten, die des Hervorbringens und die
der Erhaltung des Hervorgebrachten. Sie erfüllen die geistige und die
natürliche Welt und schaffen die Endwirkungen der finalen Ursachen, die Er
bei der Schöpfung vorherbestimmt hat und in ihr vorsieht. Wir nennen alles,
was aus einem Subjekt hervorgeht und es umgibt und umwallt, Sphären so z.B.
gibt es die Sphäre der Wärme und des Lichts aus der Sonne um sie her, die
Sphäre des Lebens aus einem Menschen um diesen her, die Sphäre des Geruchs
aus einem Gewächs um dieses her, die Sphäre der Anziehung aus einem Magneten
um diesen her. Die allgemein waltenden Sphären, von denen nun die Rede ist,
sind aus dem Herrn um Ihn her und gehen von der Sonne der geistigen Welt aus.
Durch diese Sonne geht vom Herrn die Sphäre der Wärme und die des Lichtes
oder die der Liebe und die der Weisheit aus, um die nutzbringenden Wirkungen
zu schaffen. Diese Sphäre der Wirkungen hat aber verschiedenartige Aspekte
und deshalb Namen: die göttliche Sphäre, die für die Erhaltung des Weltalls
durch aufeinanderfolgende Zeugungen sorgt, heißt die Sphäre des Erzeugens;
die göttliche Sphäre, die für die Erhaltung des Erzeugten, für die
Generationen von ihren Anfängen bis in ihre Fortentwicklungen sorgt, heißt
die Sphäre des Schutzes des Erzeugten (386). Diese beiden allgemein waltenden
Sphären machen eins aus mit der Sphäre der ehelichen Liebe und mit der Sphäre
der Kinderliebe (387). Die Liebe zum Erzeugen setzt sich fort in die Liebe
zum Erzeugten. Beide Sphären fließen in alles Himmlische, Geistige und
Irdische ein, weil alles, was vom Herrn ausgeht, das geschaffene Weltall bis
in die allerletzten Teile durchdringt und augenblicklich vom Ersten ausgehend
auch im Letzten vorhanden ist. Wie die Sphäre der ehelichen Liebe allüberall
waltet, so auch die der Kinderliebe, die die ganze Schöpfung und die Erde
durchzieht von den Menschen und Tieren bis zu den Pflanzen, deren Samen in
den Hülsen wie in Wickelkissen und in der Frucht wie in einem Haus verwahrt
und mit Saft gleich der Milch ernährt werden, ja bis zu den Mineralien, bei
denen Edelsteine und edle Metalle in Matrizen und Kapseln verborgen und
verwahrt sind (389). 16,2 - Die Sphäre der Kinderliebe Von der Schöpfung her ist geordnet,
daß die schutzlosen und hilfebedürftigen Neugeborenen und Jungen erhalten,
bewahrt, beschützt und versorgt werden, sonst würde das Weltall zugrunde
gehen. Die Sphäre der Kinderliebe ist die Sphäre des Schutzes derer, die sich
nicht selbst schützen und versorgen können. Da dies bei dem Geschöpf, dem
Selbstbestimmung eignet, nicht unmittelbar vom Herrn geschehen kann, hat Er
dem Menschen - Vater, Mutter, Pfleger - die Kinderliebe eingepflanzt. Diese
wissen freilich nicht, daß eine solche Sphäre vom Herrn her in ihnen wohnt,
denn sie nehmen das Einfließen nicht wahr und noch weniger Seine Allgegenwart.
Der Einsichtige aber sieht, daß dies nicht Sache der Natur, sondern des
Altwaltens der göttlichen Vorsehung ist, die in der Natur durch die Natur
wirkt. Daß Väter und Mütter ihre Kinder schützen und versorgen, weil diese
sich nicht selbst schützen und versorgen können, ist nicht der Grund der
Kinderliebe, sondern nur ihre der Vernunft faßbare Ursache. Jede vom Herrn ausgehende und
einfließende Sphäre verwandelt sich im Subjekt oder Träger in die besondere
Sphäre seines Lebens. Jedes beseelte Subjekt hat das Gefühl, es liebe aus
sich selbst, denn es empfindet jenen Einfluß nicht, und indem es also aus
sich selbst liebt, macht es auch die Liebe zu den Kindern zu seiner eigenen.
Es sieht sich in ihnen und sie in sich und vereinigt sich so mit ihnen. Aus Fügung
der göttlichen Vorsehung regt die vom Schöpfer ausgehende Sphäre der Erhaltung
des Erzeugten alle Geschöpfe an, wandelt sich in jedem in seine eigene und
bestimmt jedes, den guten wie den bösen Menschen, die zahmen wie die wilden
Tiere, scheinbar aus Eigenliebe und aus Liebe zu seiner Art, seine
Nachkommen zu lieben, zu schützen und zu versorgen, sonst würden nur wenige
überleben (392). Da die Sphäre der ehelichen Liebe von
den Frauen aufgenommen und durch sie auf die Männer übertragen wird, verhält
es sich ebenso mit der Kinderliebe, die ursprünglich aus der ehelichen Liebe
stammt. Deshalb übertrifft die Kinderliebe der Mütter die der Väter an
Zärtlichkeit. Schon bei den Mädchen ist, im Gegensatz zu den Knaben, die
liebreiche und zutunliche Neigung zu Kindern zu beobachten: sie tragen sie
oder deren Abbilder, die Puppen, herum, kleiden sie gerne an, küssen sie und
drücken sie an ihr Herz. Nur scheinbar rührt die Liebe der Frauen zu den Kindern
davon her, daß sie diese im Mutterleib mit ihrem Blut ernähren, ihnen ihr eigenes
Leben zueignen und deshalb von vorneherein sympathisch mit ihnen vereinigt
sind. In Wahrheit liegt nicht hierin der Ursprung der Kinderliebe, ja sie
würden ein untergeschobenes Kind ebenso zärtlich lieben wie ihr echtes, auch
werden Kinder oft von Ammen, Kindermädchen und Pflegerinnen mehr geliebt als
von den eigenen Müttern. Auch daraus geht hervor, daß die Kinderliebe allein
von der jedem Weibe eingepflanzten ehelichen Liebe herrührt (393). 16,3 - Die Unschuld des Kleinkindes In die Kinder und durch sie in die
Eltern fließt auch die Sphäre der Unschuld ein und regt an. Man nennt die
Kinder unschuldig und Engel, weiß aber nicht, daß ihre Unschuld vom Herrn
einfließt, der die Unschuld selbst und ihr Urgrund ist (395). Unschuld und
Friede sind die zwei inwendigsten Zustände des Himmels, unmittelbar vom Herrn
ausgehend. Er ist die Unschuld selbst und der Friede selbst. Er wird wegen
der Unschuld das Lamm genannt und der Fürst des Friedens, Jes. 9, 5, und
kraft Seines Friedens spricht Er: „Den Frieden lasse ich euch, Meinen
Frieden gebe ich euch“, Joh. 14, 27. Die Unschuld ist das Grundsein alles
Guten und der Friede das Beseligende in seiner Lust (394). Die Unschuld der
Kindheit regt die Eltern an, wenn sie aus den Äuglein strahlt und sich in
Gebärden und Lallen und erstem Gepappel ausdrückt. Die Kinder haben
Unschuld, weil sie noch nicht von sich aus denken und noch nicht wissen, was
gut oder böse, wahr oder falsch ist. Sie haben noch keine Klugheit aus
Eigenem und kein durch Selbst‑ und Weltliebe erworbenes Eigenes. Sie
schreiben nichts sich selber zu, sondern nehmen alles dankbar von den Eltern
an, zufrieden mit dem kleinsten Geschenk. Sie sorgen sich nicht um Nahrung
und Kleidung und nicht um die Zukunft und richten ihren Blick nicht
begehrlich auf Gewinn und Besitz. Sie lieben ihre Eltern, Pflegerinnen und
Spielkameraden und lassen sich führen, merken auf und gehorchen (395). Die Unschuld des Herrn fließt in die
Engel des dritten, obersten oder innersten Himmels ein und geht von hier
durch die unteren Himmel und in die Kinder ein, die sich wie plastische
Formen, empfänglich für das Leben des Herrn, verhalten. Doch wurden die Eltern
davon nicht angeregt, wenn nicht auch sie diesen Einfluß in ihren Seelen und
in den inwendigsten Regionen ihrer Gemüter aufnähmen. Im anderen muß etwas
Gleichartiges und Angemessenes sein, das Zuneigung, Aufnahme und Verbindung
bewirken und eine Gemeinschaft entstehen lassen kann. Mit der in die Seelen
der Eltern einfließenden Unschuld verbindet sich die der Kinder, und zwar
zuerst mittels der leiblichen Sinne: das Auge ergötzt sich aufs Innigste am
Anblick des Kindleins, das Ohr an dessen Reden, die Nase an dessen Geruch.
Mehr aber als sie alle bewirkt der Tastsinn die Verbindung: mit Vergnügen
werden Kinder auf dem Arm getragen, umarmt und geküßt, besonders von den
Müttern; wie gern stillen sie es und wie freuen sie sich, wenn das Kind ihr Gesicht
mit den Händchen berührt und wenn sie das nackte Körperchen streicheln, ja
es mit unermüdlicher Sorgfalt reinigen und wickeln. Durch den Tastsinn teilen
sich ja auch die Liebesgefühle der Ehegatten am innigsten mit, denn die Hände
sind das Letzte und Äußerste des Menschen und in ihnen ist sein Erstes,
Innerstes konzentriert anwesend. Deshalb rührte Jesus die Kindlein an, heilte
Kranke durch Berührung und wirkte Heilung den Ihn Berührenden; deshalb
geschehen auch Einweihungen durch Handauflegung (396). Auch bei den Tieren
bewirkt die Unschuld innige Verbindung durch Berührung, denn alles vom Herrn
Ausgehende durchdringt das ganze Weltall bis zu den Pflanzen und Mineralien
und geht in die Erde selbst ein, die aller Mutter ist. Sie steht im Frühling
im Zustand der Bereitschaft zur Aufnahme der Samen wie ein Mutterleib, sie
empfängt sie, hegt sie, trägt sie, brütet sie aus, säugt, kleidet, erzieht
und behütet sie und liebt das ihr Entsprossene (397). 16,4 - Kinderliebe und Erziehung
geistiger und natürlicher Eltern Die Verbindung der Seelen und Gemüter
setzt sich in den häuslichen Geschäften fort. Die des Mannes vereinen sich in
vieler Hinsicht mit denen der Frau und die der Frau schließen sich denen des
Mannes an, woraus gegenseitige Hilfeleistung erwächst. Hauptsächlich
verbindet beide die gemeinschaftliche Sorge für die Erziehung der Kinder,
gesellt sie zusammen und verknüpft sie. Freilich unterscheiden sich beider
Anteile auch hierin: zu den besonderen Pflichten der Frau gehört das Stillen
des Säuglings, die Erziehung des Kleinkindes und die Unterweisung der
Mädchen bis zu deren Hochzeit, dem Manne dagegen obliegt der Unterricht der
Knaben nach der Kindheit bis zum Jünglingsalter und zur Selbständigkeit. Aber
beide Teile vereint wiederum gemeinsame Beratung und die gemeinsame Fürsorge
für die Kinder. Beide Aufgaben, die verschiedenartigen und die gemeinsamen,
verbinden die Gemüter der Ehegatten zur Einheit (176). Die Kinderliebe ist bei geistigen und
natürlichen Ehepaaren scheinbar die gleiche, doch von innen besehen zeigt
sich der Unterschied. Nachdem geistige Eltern die Süßigkeit der Unschuld bei
ihren Kleinen gekostet haben, lieben sie die heranwachsenden Kinder wegen
deren Verständigkeit, Lebensfrömmigkeit und Neigung und Anstelligkeit zum
Dienst in der Gesellschaft. Deshalb sorgen sie für ihre Bedürfnisse und
stehen ihnen bei, auf daß sie, zuerst umhegt von der Harmonie der Eltern, später
in gleicher Art geistig, beruflich und ehelich leben. Entwickeln sich die
Kinder aber nicht den elterlichen geistigen Maßstäben gemäß, dann tritt
Entfremdung ein, und es bleibt den Eltern nur zu tun, was sie schuldig sind.
Auch bei den natürlichen Eltern stammt die Kinderliebe aus der Sphäre der
Unschuld, doch wird sie bald von Eigenliebe verhüllt. Wie sich selbst, so
lieben solche Eltern auch ihre Kinder als Teil ihrer selbst. Anfänglich küssen
und umarmen sie die Kleinen, drücken sie an die Brust, liebkosen sie und fühlen
sich wie Ein Herz und Eine Seele mit ihnen, nachher aber, wenn die Sphäre der
Unschuld zurücktritt, lieben sie ihren Nachwuchs nicht wegen dessen etwaiger
Lebensfrömmigkeit und vernünftigen und sittlichen Verständigkeit und nehmen
auch wenig Rücksicht auf innere Neigungen, sondern begünstigen
Äußerlichkeiten. An diese hängen sie ihren Stolz und verschließen die Augen
vor den Fehlern, entschuldigen diese oder treiben sie sogar hoch. Ihre Liebe
zur Nachkommenschaft ist zugleich Selbstliebe, sie hängen äußerlich an den Kindern,
gehen aber nicht auf sie ein, wie sie ja auch nicht in sich gehen (405). Der Unterschied der Liebe zu den
kleinen und großen Kindern bei den Geistigen und bei Natürlichen stellt sich
deutlich nach dem Tod heraus. Dann erinnern sich die meisten Väter ihrer
Kinder, die vor ihnen von der Erde geschieden sind, und sie stellen sich
beiderseits gegenwärtig dar und erkennen einander. Die geistigen Väter betrachten
die Kinder genau und fragen nach ihrem Zustand, freuen sich, wenn es ihnen wohl
ergeht, bedauern, wenn es ihnen übel geht, unterhalten sich mit ihnen und
weisen sie auf das himmlische Leben hin. Dann trennen sie sich von ihnen,
nachdem sie sie ermuntert haben, nun ihr eigenes Leben zu führen und nicht
mehr auf den leiblichen Vater, sondern auf den einzigen Vater aller, den
Herrn, zu schauen. Anders die natürlichen Väter: sie ziehen ihre Kinder an
sich und kleben an ihnen und ergötzen sich immerfort an ihrem Anblick und am
Gespräch mit ihnen. Wird solch einem Vater gesagt, das eine oder andere Kind
sei ein Satan, dann ignoriert er das und entläßt es nicht aus seinem Kreis,
selbst wenn er sieht, daß es Schaden zufügt und Böses tut. Damit eine solche
Rotte nicht weiteres Unheil stifte, wird sie in die Hölle verwiesen und
zerstreut (406). Ich sah in der geistigen Welt Väter, die mit Haß und Ingrimm
auf kleine Kinder blickten und sie am liebsten umgebracht hätten. Sobald
ihnen aber, obgleich fälschlich, eingeflüstert wurde, das seien ihre eigenen
Kinder, verflog der Abscheu, und sie liebten sie leidenschaftlich (407). Auch in nur äußerlich ehelichen
Verhältnissen ohne wirkliche eheliche Liebe liebt die Frau ihre Kinder, und
dadurch entsteht auch eine engere Verbindung mit dem Mann. Das hat seinen
Grund darin, daß jedem Weib von der Schöpfung her die eheliche Liebe
eingepflanzt ist und zugleich mit dieser die Liebe zum Hervorbringen und zum
Hervorgebrachten, die sich in das Kind ergießt und dem Mann übermittelt
wird. Aus dem gleichen Grund lieben auch unzüchtige Frauen ihre Kinder, denn
das von der Schöpfung her den Seelen Eingepflanzte ist unvertilgbar und
unausrottbar (409). 16,5 - Die Kinder in der geistigen
Welt Wenn kleine Kinder sterben, werden sie
sogleich nach ihrem Hinscheiden auferweckt, in den Himmel erhoben und
weiblichen Engeln übergeben, die während ihres Erdenlebens Kinder lieb
gehabt hatten. Weil diese aus mütterlicher Zärtlichkeit allen Kindern, nicht
nur ihren eigenen, zugetan waren, nehmen sie die Neulinge herzlich auf und
umhegen sie wie deren leibliche Mutter. Sie haben soviele Kinder um sich, wie
sie aus geistiger Mutterliebe wünschen. Im Himmel werden die Kleinen dann
unter der unmittelbaren Obhut des Herrn gepflegt und erzogen, denn Er ist
dort der Vater aller, der sie leitet und dem sie alles, was sie empfangen,
dankbar zuschreiben. Der Himmel der Unschuld erfüllt und beseligt sie, bis
sie, herangewachsen, in einen anderen Himmel versetzt werden zur Belehrung
in Verständigkeit und Weisheit (410). Von der ersten Engelmutter lernen sie
sprechen. Zuerst modulieren sie nur Gefühlsregungen in Tönen, in denen sich
Gedachtes ankündigt, dann artikuliert sich ihre Sprache, da Vorstellungen aus
der Neigung ins Denken eingehen. Der Unterricht ist ganz anschaulich, das
benützend, was sie sehen und was ihre Augen entzückt. Weil es geistigen Ursprungs
ist, fließt dabei Himmlisches in sie ein und öffnet das Inwendige ihrer
Gemüter. So wachsen sie heran, Einsicht und Weisheit bilden ihre Nahrung, und
was die Gemüter nährt, speist auch die Leiber. Haben sie die Volljährigkeit
erreicht, dann bleiben sie in alle Ewigkeit in diesem Alter, in Kraft und
Schönheit, und werden mit einem Engel ehelich verbunden (411). In den Schlußszenen des „Faust“ sagt
der Pater Seraphinus zu den seligen Knaben: Steigt hinan zu höherm Kreise Wachset immer unvermerkt, Wie, nach ewig reiner Weise, Gottes Gegenwart verstärkt. Denn das ist der Geister Nahrung, Die im freisten Äther waltet, Ewigen Liebens Offenbarung, Die zur Seligkeit entfaltet. Viele meinen, die Kinder blieben im
Himmel Kinder und würden sogleich nach dem Tode Engel. Da aber die Einsicht
und Weisheit den Engel macht, sind die Kinder nicht Engel, sondern bei den
Engeln; erst wenn sie verständig und weise geworden sind, werden sie Engel.
Sie werden von der Unschuld der Kindheit zur Unschuld der Weisheit geleitet,
von der äußeren zur inneren Unschuld, und dahin entfaltet enthält ihre
Unschuld der Weisheit die der Kindheit, die bis dahin als Unterlage diente.
Je weiser die Engel sind, desto unschuldiger sind sie; deshalb erscheinen die
Engel des obersten oder innersten Himmels vor den Augen der Geister von ferne
gesehen wie nackte Kinder. Sowohl die Kindheit wie die Nacktheit entspricht
der Unschuld. Auch von Adam und Eva wird berichtet, sie seien, als sie im
Stand der Unschuld waren, nackt gewesen und hätten sich nicht geschämt (413). 17,0 - Von den Veränderungen der
Lebenszustände von Mann und Weib 17,1 - Die Zustandsveränderungen der
Ehe Die Lebenszustände der Menschen werden
genannt Kindheit, Knabenalter, Jünglingsalter, Mannesalter, Greisenalter.
Sie schreiten von Augenblick zu Augenblick stetig fort, und jeder Mensch,
der lange genug auf Erden lebt, geht nach und nach vom einen zum anderen bis
zum letzten über. Der Mensch kann einem Baum verglichen werden, der in jedem
Zeitteilchen, auch im allerkleinsten, aus dem in die Erde gefallenen
Samenkorn wächst und sich ausbreitet. Diese Fortschreitungen sind auch
Veränderungen der Zustände; jedes Folgende fügt dem Vorhergegangenen etwas
Neues hinzu. Die Veränderungen, die im Innern des Menschen vor sich gehen,
sind noch stetiger zusammenhängend als die in seinem Äußeren, denn das Innere
des Menschen gehört einer höheren Stufe an und ist erhaben über das Äußere.
Auf der höheren Stufe geschieht im selben Augenblick Tausenderlei, während
im Äußeren nur ein Einziges vor sich geht. Die Zustandsveränderungen im
Innern sind solche des Wollens und seiner Neigungen und des Denkens und
seiner Gedanken. Die Zustandsveränderungen jener beiden Lebensvermögen des
Menschen erfolgen von der Kindheit an bis zum Ende seines Erdenlebens und
nachher in Ewigkeit, weil es kein Ende des Wissens, noch weniger der Einsicht
und noch viel weniger der Weisheit gibt. In ihrem Umfang ist Unendlichkeit
und Ewigkeit wegen ihrer Herkunft aus dem Unendlichen und Ewigen. Daher
sagten die alten Philosophen, alles sei unendlich teilbar, und wir fügen
hinzu: alles ist unendlich vervielfältigbar (185). Jeder Zustand hat seine Form und jeder
neue bringt eine neue Form hervor. Kein Lebenszustand des Menschen ist einem
vorherigen gleich und fortwährend verändert sich die Form seines Inneren
(186), doch gehen diese Veränderungen bei Mann und Frau verschieden vor sich.
Die Zustandsveränderungen von der Kindheit bis zur Pubertät haben das Ziel,
beider Formen heranzubilden: beim Mann die Form des Denkens, bei der Frau
die des Wollens. In der nächsten Epoche kommt die eheliche Neigung hinzu, die
des Jünglings zum Mädchen und die des Mädchens zum Jüngling. Und weil die
Mädchen - in den Himmeln ebenso wie auf Erden - aus angeborener Klugheit
diese Neigungen verbergen, so wissen hier wie dort die Jünglinge nichts
anderes, als daß sie in den Mädchen die Liebe erregen, und so muß es ihnen ja
auch scheinen, weil vom Mann der Anreiz und die Aktivität ausgeht. In
Wahrheit aber haben sie diese aus dem Einfluß der Liebe vom schönen Geschlecht
(187). Bei den Männern findet eine Erhebung
des Gemüts in höheres Licht, bei den Frauen eine Erhebung des Gemüts in
höhere Wärme statt, und die Frau fühlt die Wonnen ihrer Wärme im Licht ihres
Mannes. Unter dem Licht bei den Männern wird die Einsicht und Weisheit
verstanden, unter der Wärme bei den Frauen die eheliche Liebe; die aus der
Sonne der geistigen Welt hervorgehende Wärme wird in den Frauen zu der sich
mit der Einsicht und Weisheit der Männer verbindenden ehelichen Liebe. Die
beiderseitigen Erhebungen gleichen denen vom Nebel in die reine Luft und von
dieser in den Äther; die des Mannes ist eine Erhebung in höhere Einsicht und
von dieser in die Weisheit, die der Frau ist eine Erhebung in eine keuschere
und reinere eheliche Liebe bis zum Ehelichen, das von der Schöpfung her in
ihrem Innersten verborgen liegt. Das beginnt jeweils mit der Aufschließung
bei den Männern durch die Weisheit, bei den Frauen durch die eheliche Liebe,
und entfaltet sich als fortschreitende Erhebung von Region zu Region (188). 17,2 - Mann und Weib vor und in der
Ehe Die Lebenszustände beider Geschlechter
sind vor der Ehe andere als in der Ehe. Die ersten sind die einer Neigung zur
Ehe, wechselnd und verschieden in den Individuen, vom Gemüt her mehr und
mehr fühlbar im Körper. Die Zustände nach der Heirat sind die der Verbindung
und der Zeugung und Empfängnis. Beide unterscheiden sich wie Absicht und
Verwirklichung (190). Die Lebenszustände der Ehegatten verändern sich
aufeinander folgend je nach der Verbindung ihrer Gemüter durch die eheliche
Liebe. Je nachdem diese Verbindung inniger wird oder aber Veränderungen der
Lebenszustände von Mann und Frau sich lockert, ist die eheliche Liebe bei den
Gatten wechselnd oder verschiedenartig: wechselnd bei den ersteren, denn
auch bei ihnen tritt sie zuweilen zurück, während sie dennoch innerlich in
ihrer Wärme bleibt; verschiedenartig, bald Wärme bald Kälte bei den anderen,
die einander nur äußerlich lieben. Bei ihnen spielt der Körper die erste
Rolle und ergießt seine Brunst rings umher und reißt die unteren Regionen
des Gemütes in die Gemeinschaft mit sich fort. Bei denen, die einander innerlich
lieben, spielt das Gemüt die erste Rolle und zieht den Körper in die Gemeinschaft
mit sich empor. Es scheint zwar, als steige die Liebe immer vom Körper in die
Seele, von den Sinnen in den Geist, weil sie, sobald der Körper Reize
auffängt, durch die Augen wie durch Türen in das Gemüt oder durch das Sehen
als dem Vorhof in die Gedanken eindringt. In Wahrheit aber steigt sie aus
dem Gemüt herab und wirkt auf die unteren Regionen deren Verfassung gemäß
ein. Deshalb handelt das geile Gemüt geil, das keusche aber keusch: dieses
ordnet sich den Körper unter, jenes aber wird vom Körper befehligt (191). Was der Mensch körperlich ausführt,
beginnt in seinem Geist: der Mund spricht nicht von sich aus, sondern das
Denken des Gemüts äußert sich durch ihn, die Hände handeln nicht und die Füße
gehen nicht ohne einen Impuls des Wollens im Gemüt. So spricht und handelt
also das Gemüt durch seine leiblichen Organe und prägt und färbt die Reden
und Handlungen. Durch fortwährenden Einfluß bestimmt das Gemüt den Körper zu
mit ihm übereinstimmenden gleichzeitigen Handlungen, und die Körper sind deshalb,
innerlich betrachtet, Formen der Gemüter, organisiert zur Ausführung der
Befehle der Seelen. Dies wurde vorausgeschickt, um zu erläutern, warum auch
im ehelichen Leben zuerst die Gemüter miteinander geistig vereinigt werden
müssen, bevor sich die Körper vereinigen. Nur so wird die Ehe nach der Hochzeit,
wenn sie auch körperlich vollzogen wird, zugleich eine Geistehe, nur dann
lieben die Gatten einander geistig und von da aus auch leiblich (310). Wenn eheliche Liebe die Gemüter zweier
Menschen verbindet und sie zur Ehe bildet, dann verbindet und bildet sie dazu
auch ihre Körper. Das Gemüt ist nicht nur innerlich im ganzen Körper, sondern
insbesondere in den Geschlechtsorganen, die eine eigene Region unterhalb der
anderen Regionen bilden. In sie wirken die Gemüter der in ehelicher Liebe
Vereinigten ein, in sie laufen deren Formen aus, dorthin richten sich ihre
Neigungen und Gedanken. Die Auswirkungen des durch andere Liebesarten
angeregten Gemüts dringen nicht dorthin, sie wirken auf andere Regionen ein
und bringen andere Tätigkeiten hervor. Daraus ergibt sich: wie die eheliche
Liebe in den Gemütern zweier Menschen beschaffen ist, so auch in ihren
Geschlechtsorganen. Die Ehe der Geister soll nach der Hochzeit auch eine Ehe
der Körper und damit erst eine vollständige Ehe werden; ihre Art aber wird
davon bestimmt, wie sie im Gemüt ist: ist sie geistig‑keusch und von
Heiligkeit durchdrungen, dann bleibt sie so auch in den Körpern und dort in
ihrer Fülle (310). 17,3 - Abhängigkeit des letzten
Zustands vom ersten Immer ist der letzte Zustand so
beschaffen wie er aus der aufeinander folgenden Ordnung entstehen mußte. Ihr
gemäß wurde er gebildet und hat sein Dasein. Das Erste gestaltet durch seinen
Einfluß das der Ordnung nach Folgende und von da aus das Letzte, so die
innersten Impulse im Menschen seine Weisheit, im Staatsmann seine Klugheit,
im Gelehrten seine Gelehrsamkeit. So macht auch alles, was er in der
Kindheit erlebt und erfährt, den Menschen zum Mann oder zur Frau, so wird aus
dem Samen ein Trieb, ein Bäumchen, ein Baum, und so macht alles, was sich vor
der Hochzeit in Bräutigam und Braut entfaltet und fortschreitet, die Ehe.
Alles Vorhergehende wirkt sich in solchen Reihenfolgen aus, und alle
zusammen bilden das Letzte. Seine Beschaffenheit wird vom Ausgangspunkt der
Reihen aus durch die Reihenfolgen bestimmt, der erste Einfluß wirkt sich im
Endresultat aus. Auf die Ehe bezogen: Die Gemütszustände der Ehepartner
haben, der Reihenfolge nach fortschreitend, Einfluß auf den Zustand ihrer
Ehe, obwohl beide wenig von dem aufeinander Folgenden, das sich in ihre
Gemüter aus dem Vorhergehenden eingepflanzt hat und nun darinnen wohnt,
wissen. Und doch gibt gerade dies ihrer ehelichen Liebe und damit ihrer Ehe
die Form, bildet den Zustand ihrer Gemüter und bestimmt ihre künftigen
gemeinsamen Umgangsformen. Die Geistigen schreiten in richtiger Ordnung fort,
denn die eheliche Liebe steigt aus den Gemütern in die Herzen nieder und
verbreitet sich von da aus in die Körper, sodaß sie als ganze Menschen die
Wonnen der Ehe vorempfinden und in festlicher Stimmung sind, ihre festlichen
Gefühle einander mitteilen und so in die Freuden der ehelichen Liebe
eingeführt werden. Sie sehen dabei auf zum Herrn, und der Herr besorgt und
leitet die Ordnung in ihnen; deshalb ist ihr Vorbereitungszustand und wird
ihr Ehestand innerlich keusch und warm. Bei den Natürlichen dagegen bildet
sich ein anderer Zustand aus der unrichtigen Ordnung der Reihenfolgen: sie
schreiten in verkehrter Richtung fort und sehen auf sich, nicht aber auf zum
Herrn. Ihr Ehezustand ist infolgedessen innerlich voll Unkeuschheit und
Kälte, und mit deren Zunahme nehmen auch die Verschließungen des Gemüts zu.
Die Ader wird verstopft, und die Quelle trocknet aus (313). 17,4 - Die Ordnung der
Entwicklungsstufen der Ehe Der wahrhaft ehelichen Liebe ist die
Ordnung eingestaltet, daß sie aufsteigt und niedersteigt: von ihrer ersten
Wärme an steigt sie allmählich aufwärts zu den Seelen der Gatten mit dem
Streben, in ihnen durch immer inwendigeres Aufschließen der Gemüter
Verbindungen zu bewirken. Es gibt nichts anderes, das so kräftig aufschließt
und das Innere der Gemüter stärker und geschickter öffnet. Aber im gleichen
Maß, wie sich diese Liebe zu den Seelen hin erhebt, steigt sie auch abwärts
in die Körper und bekleidet sich auf diese Weise. Doch ist wohl zu beachten,
daß die eheliche Liebe im Niedersteigen ebenso beschaffen ist wie in der
Höhe: ist sie wirklich in der Höhe, so steigt sie keusch nieder, ist sie
aber nicht wirklich in der Höhe, so wird und bleibt sie unkeusch, den unteren
Regionen des Gemüts verhaftet (302). Die Seelen der ersteren sagen sich los
von der unbeschränkten Geschlechtsliebe und weihen sich Einem Partner, mit
dem sie als Ziel eine immerwährende und ewige Vereinigung und deren zunehmende
Seligkeiten vor Augen haben. Dies nährt ihre Hoffnung auf immerwährende
Erquickung ihrer Gemüter. Anders bei den Unkeuschen: bei ihnen ist nur eine
Ehe des Leibes, nicht aber eine des Geistes. Steigt etwas von Geistehe in
ihren Seelen auf, so fällt es doch bald in die nur körperlichen Begierden
zurück, senkt sich infolge der unkeuschen Triebe jählings in den Leib und
befleckt das Letzte, Äußere der ehelichen Liebe mit ungeistig‑sinnlicher
Glut. Und so wie ihre Liebe im Anfang durch diese entbrannte, erlischt sie
auch schnell und geht in Kälte über (304). Von der ersten Wärme bis zur ersten
Flamme, das ist die Ordnung der Entwicklungsstufen der ehelichen Liebe von
ihrem Ausgangspunkt bis zu ihrem ersten Ziel. Die „erste Wärme“ der ehelichen
Liebe nimmt nach und nach zu, bis sie zur „ersten Flamme“ wird, nämlich mit
und nach der Hochzeit. Jede Ordnung schreitet von ihrem Ersten zu ihrem
Späteren und von diesem aus zu ihrem Letzten fort, immerzu geht ein Erstes,
eine causa finalis, in ein Späteres, eine causa efficiens oder Ursache, und
endlich in ein Letztes, in die Verwirklichung über, ein Schritt folgt dem
nächsten und übernächsten. Deshalb bleibt, wie so oft zu beobachten, die
eheliche Liebe in ihrem späteren Fortschreiten so, wie sie von ihrer ersten Liebe
über die Erwärmung der Gemüter bis zu ihrer ersten Flamme geartet war. Sie
entfaltet sich so, wie sie in ihrer ersten Wärme war: wenn keusch, dann wird
ihre Keuschheit und Geistigkeit im Fortschreiten befestigt und bereichert,
wenn unkeusch, dann nimmt ihre Unkeuschheit noch zu, bis alle Keuschheit und
Geistigkeit, wovon während der Zeit vor der Ehe äußerlich etwas vorhanden
war, verschwindet und die Ehe unkeusch und ungeistig wird (311). Heiratet ein Mann oder eine Frau
übereilt, ohne Vorbereitungszeit, ohne allmähliche Entfaltung der ersten
Wärme, überrumpelt von körperlicher Brunst, dann verbrennt das Mark des
Lebens und verzehrt sich selbst. Mit Mark ist das Innere des Gemüts und des
Körpers gemeint, dies wird von der übereilten Liebe verbrannt, weil diese
sofort mit der Flamme beginnt, die die geheimen Stätten, in denen die eheliche
Liebe als in ihren Ausgangspunkten ihren Sitz hat und von denen aus sie ihren
Anfang nehmen soll, aussaugt und verdirbt. Kurz: beginnt die Ehe mit der
Sinnenglut des Körpers, dann wird sie keine innere, wahrhaft eheliche,
sondern eine äußere, kernlose, schalige, ihres echten Wesens beraubt (312). Dem Mann steht die Wahl der Ehegattin
aus verschiedenen Gründen zu: Erstens: Er
ist geboren, Verstand zu sein, und nur das Denken vermag Übereinstimmendes
und Nichtübereinstimmendes zu
durchschauen. Die Frau dagegen ist geboren, Liebe zu sein, sie hat
nicht den Scharfblick jenes Lichtes und würde sich durch Weisungen ihrer
Liebe zur Ehe bestimmen lassen; obwohl sie Männer von Männern zu unterscheiden
weiß, wird ihre Liebe doch leicht durch Scheinbarkeiten und durch Wünsche der
Sinne verleitet. Zweitens: Im
Mann wohnt gemeinhin die Geschlechtsliebe, das heißt ein allgemeiner Drang
zum anderen Geschlecht, darum haben die Männer einen freieren Überblick und
mehr Fähigkeit zur Auswahl. Drittens: Für
die Männer ist es nicht unschicklich, über die Liebe zu reden und sie zu
offenbaren, wohl aber für die Frauen; darum steht dem Mann die Wahl und die
Werbung zu. Den Frauen bleibt freilich die Wahl unter den Freiern, aber diese
Wahl ist eine beschränkte, die der Männer dagegen eine unbeschränkte (296). Doch darf ein Mädchen nie zur
Verbindung mit einem Mann, den es nicht liebt, gezwungen werden, denn die
Einwilligung ist nötig für eine Ehe, sie führt den Geist in die Liebe ein.
Eine wider Willen gegebene, abgenötigte Einwilligung kann nicht geistige, sondern
nur leibliche Verbindung bewirken. Dann verwandelt sich die Keuschheit, die
im Geist ihren Sitz hat, in Wollust, wodurch die eheliche Liebe in ihrer
ersten Wärme verdorben wird (299). Nach der Einwilligung oder Verlobung
sollen sich beider Seelen zueinander hinneigen, die allgemeine Liebe zum
anderen Geschlecht soll sich auf nur Eine oder Einen richten. Sie erkennen
dann gegenseitig die inneren Neigungen und werden, weil sie sich aneinander
anschließen, zu innerster Liebesfreudigkeit verbunden. Schon vor der Hochzeit
finden sich ihre Gemüter in immer innigerer Zusammengesellung, und so wächst
die eheliche Liebe von ihrer ersten Wärme bis zur hochzeitlichen Flamme
(301). Die Hochzeit ist dann die Einführung in einen neuen Zustand: die
Jungfrau wird zur Ehegattin, der Jüngling zum Ehemann, und beide Ein Fleisch.
Die Ehe vereinigt die beiden zu Einer menschlichen Form (306). Man muß zwischen berechtigter und
unberechtigter Eifersucht unterscheiden. Die erstere findet sich bei
Ehegatten, die einander zärtlich lieben, und ist ein gerechter und kluger
Eifer, daß ihre Liebe nicht gekränkt werden möge, in Kummer übergehend, wenn
sie verletzt wird. Die andere tritt bei denen auf, die von Natur mißtrauisch
sind oder, oft infolge von Gallenleiden, eine krankhafte Gemütsverfassung haben.
Es gibt Leute, die jede Art von Eifersucht für einen moralischen Fehler
halten, besonders Männer mit lockeren Sitten. Das lateinische Wort zelotypia
kommt von zelus = Eifer und typus = Bild, doch gibt es einen Typus oder ein
Bild sowohl der berechtigten wie der unberechtigten Eifersucht (357). Der Eifer oder die eifernde Liebe ist
wie loderndes Liebesfeuer, denn er ist flammende Liebe und diese ist geistige
Wärme und in ihrem Ursprung wie Feuer. Eifern und aus Eifer handeln heißt in
der Kraft der Liebe handeln; freilich erscheint diese, wenn sie aufgebracht
ist, fast wie überanstrengt und erbittert, weil sie gegen den kämpft, der die
Liebe kränkt. Die Eifersucht kann also auch die Verteidigerin und Beschützerin
der Liebe genannt werden. Jede Liebe entbrennt, wenn Gefahr heraufzieht, daß
sie aus ihren Freuden vertrieben werden soll, in Unwillen und Zorn, wird aber
gar eine alles beherrschende Liebe angetastet, dann entstehen innere Aufwallung
und Erhitzung, die brennendes Leid im Gefolge haben. Eifersucht ist demnach
nicht der höchste Grad der Liebe, sondern die aufflammende Liebe. Die Liebe
und die Gegenliebe sind wie zwei Verbündete; wenn aber die Liebe des einen
der des anderen Leid zufügt, dann werden sie gleichsam Feinde, denn die Liebe
ist das Sein des Lebens eines Menschen, und wer die Liebe angreift, der
greift das Leben selbst an, und die Folge ist ein Zustand von Erbitterung
gegen den Angreifer, der das Leben bedroht. Kurz: die Liebe ist wie die Wärme
des Feuers und sie erwärmt auch die Leiber; je brennender sie ist desto mehr
erhitzen sich die Menschen. Die Eifersucht aber ist wie loderndes
Liebesfeuer (358). Das Flammen oder Lodern der eifernden
Liebe ist ein geistiges Flammen und Lodern. Wird die Liebe des Lebens
angefochten, dann entzündet sich die Wärme des Lebens zum hellen Brand und
wehrt sich gegen den Angreifer wie gegen einen Feind, und zwar mit einer
Macht und Kraft, die der Flamme gleicht, die aus einem Feuer emporschlägt,
wenn es angefacht wird. Dann funkeln die Augen, dann glüht das Antlitz, dann
zittert die Stimme, dann zuckt die Gebärde. Das geschieht, auf daß die Liebe
oder Lebenswärme nicht ausgelöscht werde mit all ihrer Munterkeit, ihrer Lebensfreude
und ihrem Glücksgefühl (359). Die menschliche Form ist in ihrem
Innersten von der Schöpfung her die Form des liebenden Wollens und des weisen
Denkens; in jedem Menschen sind Neigungen der ewigen Liebe und Wahrnehmungen
der ewigen Weisheit in vollkommener Ordnung zur jeweiligen Einheit zusammengesellt.
Es leuchtet ein, daß, wenn die Liebe angefochten oder gekränkt wird, auch
jene ganze Form mit allem, was sie enthält, im selben Augenblick bedroht
wird. Weil aber alle Subjekte in ihrer Form beharren sollen und wollen, verteidigt
sich die angegriffene Liebe, begehrt auf, leistet Widerstand, und zwar durch
ihr Denken, durch Vernunftgründe und Vorstellungen, von denen sie sich
Erfolg erhofft. Diese sind gleichsam die Holzscheite, die die Glut speisen
und die Erhitzung in Flammen verwandeln. Geschähe das nicht, dann bestünde
Gefahr, daß die Form zerfiel. Man kann auch sagen, die Liebe verhärtet durch
Gedanken ihre Form zu Stacheln, die sie ausspreizt. Ist Widerstand nicht
möglich, dann verfällt sie in Angst und Schmerz, weil sie das Verlöschen des
inneren Lebens befürchten muß. Geht die Gefahr vorüber, ist sie nicht mehr
zur Selbstverteidigung gezwungen, dann mildert sich ihre Form, sie erweicht
und erblüht und zeigt sich gelinde, lieblich, sanft und anlockend (360 f). 18,3 - Der Unterschied des Eifers für
das Gute vom
Eifer für das Böse Weil der Eifer Sache der Liebe ist,
unentbehrlich, aber auch gefährlich, gibt es wie zweierlei Liebesarten so
auch zweierlei Eifer: den für das Gute und das damit zusammenhängende Wahre
und den für das Böse und das damit zusammenhängende Falsche, und beide sind
ebenso unabsehbar mannigfaltig wie die Engel des Himmels und die Geister der
Hölle. Diese und jene sind Gestalten ihrer Liebe, und es gibt keinen
einzigen, der einem anderen vollkommen gleich ist, auch wenn sie sich ins
Unendliche vermehren (362). Im Äußeren erscheinen beide Eifer gleich, nämlich
als Aufwallung, Aufbegehren, Zorn und Erhitzung, denn in beiden lodert die
Liebe. Wir können das z.B. bei einem Redner beobachten, wenn er sich ereifert
und dann die Stimme bebt, das Gesicht glüht und der Körper in Schweiß gerät.
Im Innern aber sind beide Eifer grundverschieden (363). Das Verhältnis des
Inneren zum Äußeren des Menschen kann anschaulich gezeigt werden an einer Nuß
oder Mandel: das Innere des guten Menschen ist gleich einem guten, würzigen
und fruchtbaren Kern, außen umgeben von einer unauffälligen natürlichen
Schale, das Innere des Bösen dagegen ist wie ein bitterer, fauler, wurmiger,
unfruchtbarer Kern, von außen mit einer ähnlichen natürlichen Schale umgeben
(364). Der Eifer der guten Liebe birgt in
seinem Inneren Liebe und Freundschaft, der Eifer der bösen Liebe dagegen Haß
und Rachsucht. Der Eifer der guten Liebe ist wie eine himmlische Flamme, die
nie verheerend losbricht, sondern sich nur verteidigt; er brennt alsbald ab
und läßt nach, wenn die Anfechtung vorüber ist. Der Eifer der bösen Liebe
dagegen ist wie eine höllische Flamme, die hervorstürzt und den anderen
verzehren will; er dauert auch nach dem Ausbruch fort und verlöscht nicht.
Das kommt daher, daß das Innere des in der Liebe zum Guten Lebenden an sich
zutunlich, milde, überlegen, freundlich und wohlwollend ist und das Äußere
mäßigt, das, um sich zu schützen, auffährt und hart reagiert. Anders bei den
Bösen: ihr Inneres ist roh, von vorneherein feindselig, haßerfüllt und
rachgierig, und selbst nach einer Versöhnung glimmt der Eifer noch unter der
Asche fort. Wo nicht auf Erden so doch nach dem Tod bricht das Feuer wieder
aus (365). Weil der Eifer bei beiden im Äußeren
gleich erscheint, wird er in der Bibel auch von Gott ausgesagt. Er wird ein
„eifernder Gott“ genannt, der „zürnt, entbrennt, sich rächt, straft, in die
Hölle wirft“. Das muß mißverstanden werden, wenn man nichts vom Unterschied
beider Arten des Eifers weiß und wenn man nicht den Entsprechungsbezug des
Irdischen zum Geistigen und Göttlichen kennt. Weiß man aber davon, dann
versteht man, daß sich darin in Wahrheit die Barmherzigkeit, Huld und Liebe
des Herrn oder das Gute selbst, freilich erregt durch das Böse und Falsche im
Menschen, irdischen Vorstellungen entsprechend darstellt (366). 18,4 - Die verschiedene Arten der
Eifersucht Der Eifer für die wahrhaft eheliche
Liebe ist der stärkste Eifer, weil diese die höchste Liebe, das Haupt aller
Liebesarten ist. Sie gestaltet in der Ehefrau die Form der Liebe und im
Ehemann die Form der Weisheit, sie vereinigt beide zu Einer Form und läßt von
ihnen nur ausgehen, was die Art der Weisheit und zugleich der Liebe in sich
trägt. Dieser Eifer ist die Eifersucht, zelotypia, das Urbild oder der Typus
des Eifers (367). Wir unterscheiden: Erstens: Die
Eifersucht bei Ehepaaren, die in wahrhaft ehelicher Liebe verbunden sind.
Bei ihnen ist die Eifersucht begründet in der Furcht vor dem Verlust ewiger
Seligkeit, nicht nur der eigenen, sondern auch der des Partners und im Schutz
gegen diesen Verlust. Sie lodert daher wie ein Feuer gegen eine Gefahr für
die Ehe auf und schützt sie (371), wenn der eine der sich zärtlich Liebenden
fürchtet und schmerzlich besorgt ist, die Gemeinsamkeit könnte zerstört werden
(372). Zweitens: Die
Eifersucht bei Ehepaaren, bei denen die Gemüter noch nicht aber die Seelen
vereinigt sind. Sie finden in der Verbindung ihrer Gemüter geistige Ruhe und
liebliche Früchte und können sich keine Entzweiung vorstellen. Droht eine solche,
dann wird Eifersucht erregt und bricht hervor gegen den, der die Verbindung
anficht und stören will. Da ihre Liebe dahin zielt, daß sie Eins seien,
schaudern sie vor der Gefahr einer Trennung, ja schon, wenn sich auch nur
scheinbare Anzeichen dafür ankündigen, daß sie auseinandergerissen werden
könnten (368). Drittens: Die
Eifersucht in nur natürlichen Ehen. Bei nur natürlichen Männern, die mit
Einer Frau leben, lodert die Eifersucht rasch auf. Sie entbrennen vor Zorn
gegen den Einbrecher in ihre Ehe, erkalten dann aber oft gegenüber ihrer
Frau. Leben solche Männer in Polygamie, wie z.B. im Orient, dann verwahren
sie ihre Frauen wie Gefangene gegen andere Männer, auf daß ja keiner diese
lüstern anblicke, und schnauben vor Wut, wenn sie entdecken, daß eine der
Frauen listig einen heimlichen Liebhaber einläßt. Diese Eifersucht lodert
von der Glut der Rachgier (369). Viertens: Die
Eifersucht bei Ehegatten, die sich nicht lieben. Auch hier ist Eifersucht
möglich, hauptsächlich wegen Verletzung der Ehre, aus Furcht vor Schädigung
des Rufes oder aus Besorgnis um den Zerfall des Hauswesens. Viele Männer
wollen wegen ihrer Kraft oder Tapferkeit oder Leistung hochgeachtet werden
und sind dann in gehobener Gemütsstimmung. In einem Fehltritt ihrer Frau
sehen sie eine Verletzung ihrer Ehre und Mißachtung ihrer Vortrefflichkeit
und sind daher rasch eifersüchtig. Die Eifersucht aus Furcht vor Schädigung
des Rufes hängt mit der vorigen zusammen, wobei noch der Ärger über das Zusammenwohnen
mit der untreuen Frau hinzukommt. Die Eifersucht aus Besorgnis um den Zerfall
des Hauswesens erklärt sich aus der Furcht, die Gattin werde den Mann
schließlich verachten und die häuslichen Pflichten vernachlässigen (373). Fünftens:
Krankhafte Eifersucht. Es gibt Männer, die immerfort argwöhnen, ihre Frau
sei ihnen untreu, und sie schon für eine Ehebrecherin halten, wenn sie nur hören
oder sehen, daß sie mit oder von anderen Männern freundlich spricht. Wird die
krankhafte Phantasie lange genährt, dann gerät das Gemüt in die Fänge
ähnlicher Geister und kann nicht leicht wieder daraus gerettet werden. Auch
setzt sich diese Eifersucht im Körper fest, verunreinigt das Blut und führt
oft zur Abnahme der Kräfte, die wiederum Erschlaffung des Gemüts und
Sichgehenlassen in Scheltworten verursacht und schimpfliche Behandlung der
Frau, ja Irrsinn zur Folge hat (374). Es gibt da und dort Sippen, die an
dieser Eifersuchtskrankheit leiden. Die Frauen müssen dabei viel Ungemach von
ihren eifersüchtigen Männern erdulden, sie werden mit Argusaugen überwacht,
jede Unterhaltung mit anderen Männern wird ihnen verboten, sie werden
eingesperrt und mit Todesdrohungen erschreckt, wenn ein Verdacht auf sie
fällt. Der Grund für derartig ungebändigtes Eifersuchtsfeuer ist oft darin
zu finden, daß man sich allem Geistigen widersetzt oder feindlich gegen alle
Kirchen oder aber fanatisch für eine Kirche ist. Auch die Rachsucht ist
zuweilen der Grund dafür; sie hemmt jeden Einfluß echter ehelicher Liebe,
saugt ihn auf, verschlingt ihn und verwandelt ihre Freudenreize, die
himmlisch sind, in höllische Rachgier, die man an der Gattin als dem
nächstliegenden Objekt ausläßt (375). 18,5 - Gründe für fehlende Eifersucht Der Ursachen für mangelnde oder
überhaupt nicht vorhandene Eifersucht gibt es mehrere: sie fehlt Eheleuten,
welche die eheliche Liebe nicht höher achten als nichtehelichen
Geschlechtsverkehr und sich um ihren guten Ruf nicht kümmern, also eigentlich
verheiratete Buhler sind. Andere meiden die Eifersucht, weil diese ihre
Gemütsruhe stört und weil sie es aufgegeben haben, die Frau zu hüten. Sie
meinen, sie werde gerade dadurch zur Untreue gereizt und es sei daher besser,
die Augen zu verschließen. Wieder andere verwerfen die Eifersucht als eine
schlechte Eigenschaft, andere als Zeichen von Schwächlichkeit, andere um das
Hauswesen nicht zu gefährden und nicht öffentlichen Schimpf wegen weiblicher
Untreue heraufzubeschwören. Von selbst verliert sich die Eifersucht, wenn
impotente Männer ihren Frauen jede Freiheit gestatten, manchmal um dadurch
doch noch zu Erben zu kommen. Endlich gibt es buhlerische Ehen, in denen
beide Teile sich mit gegenseitigem Einverständnis volle Freiheit zur
Lustbefriedigung einräumen und dabei ohne Eifersucht freundlich zusammenwohnen
(376). 18,6 - Der Unterschied der männlichen
und weiblichen Eifersucht Ich fragte einmal Engel nach dem Sitz
der Eifersucht und sie sagten, dieser sei im Denken des Mannes, der die
eheliche Liebe von der Gattin aufnimmt und erwidert. Ihre Beschaffenheit
verhalte sich gemäß dem Weisheitsgrad des Mannes. Durch den männlichen
Verstand schütze sich die eheliche Liebe wie das Gute durch das Wahre und
somit schütze die Frau das, was mit dem Mann zur Gemeinschaft verbindet,
durch den Mann. Vom Mann werde die Eifersucht auch auf die Frau übertragen,
ebenso wie die eheliche Liebe von der Frau auf den Mann. Deshalb tritt sie
bei geistigen Menschen, die in wahrhaft ehelicher Liebe vereint sind, gleichermaßen
hervor und schützt beide gegen verletzende Absichten. Wegen ihres
verschiedenen Ursprungs unterscheide sich männliche und weibliche
Eifersucht: die männliche entspringt dem Denken, die weibliche dem Wollen,
das sich der Verständigkeit des Mannes angebildet hat; die männliche könne
einer Flamme der Hitze oder des Erzürntseins verglichen werden, die weibliche
aber einem verborgen glimmenden Feuer, das niedergehalten wird aus allerlei
Ursachen, wie z.B. aus Furcht oder aus Rücksicht auf den Mann, aus Rücksicht
auf beider Liebe oder aus geheimer Klugheit, den Mann von Aufdringlichkeit
zu verschonen, aber dennoch sein Gewissen zu erregen (372. 379). 19,0 - Freundschaft und scheinbare
Liebe in der Ehe 19,1 - Die scheinbar eheliche Liebe Es ist bekannt, daß viele Ehepaare zusammenleben, obwohl ihnen die
Wärme der echten ehelichen Liebe fehlt. Das wäre nicht möglich, wenn es nicht
Arten von scheinbarer Liebe gäbe, die der echten ehelichen Liebe ähnlich sind
und deren Wärme nachahmen. Sie sind notwendig und nützlich, und ohne sie
könnte die menschliche Gesellschaft nicht bestehen (271). Es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe nicht erscheint und doch da
ist, und es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe erscheint und doch nicht
da ist. Das Äußere ist oft Scheinbarkeit und läßt nicht immer auf das Innere
schließen. Entscheidend ist, ob der eheliche Sinn im Wollen eines Menschen
wohnt und bewahrt wird, in welchem Zustand der Ehe oder Ehelosigkeit auch
immer er sich befinden möge. Der Ehesinn ist gleichsam die Waage, womit die
wahrhaft eheliche Liebe gewogen wird (531). Gemeinhin werden die Ehen aufgrund von äußeren Neigungen geschlossen,
denn man weiß heute kaum etwas vom inneren Menschen und den inneren Neigungen.
Auch treten diese bei den Frauen nicht hervor, ja sie ziehen sie ihrem
Naturell gemäß in die geheimen Stätten ihres Gemüts zurück. Den einen Mann
veranlaßt die Neigung zur Erweiterung seines Besitzes, den anderen die zur
Erwerbung des Lebensunterhalts, den dritten das Trachten nach Auffallen in
der Gesellschaft zur Heirat. Den einen lockt die Schönheit eines Mädchens,
den anderen die Übereinstimmung der Gesinnungen und Gedanken, einer „fällt
herein“ aus rasch aufflammender Sympathie, ein anderer aber legalisiert einen
Gewohnheitsbund, nur selten aber werden die Übereinstimmungen oder Kontraste
der innersten Neigungen erforscht (274). Wenn nicht diese die Gemüter
vereinigen, lösen sich die Ehen im Hause auf. „Im Hause“, damit meinen wir im
Stillen, privatem, und das geschieht oft schon bald, wenn die vor der
Hochzeit immerhin lodernde Flamme allmählich verlöscht und am Ende in Kälte
übergeht (275). Trotzdem sollen die Ehen Freundschaft und scheinbare Liebe in
der Ehe fortgesetzt werden bis ans Ende des irdischen Lebens, um das sonst unvermeidliche
gesellschaftliche Chaos zu verhüten, und das ist möglich dank den allmählich
entstehenden äußeren Neigungen, als da sind die Zuneigungen in der unteren
Region des Gemüts, die zwar denen in der oberen Region nicht gleich sind,
aber gleich erscheinen, oder die oft hilfreichen Konventionen oder die
Gemeinschaft des Besitzes oder Geschäftes oder gemeinsame Arbeit. Ferner
verbindet der geschlechtliche Verkehr und die Liebe zu den Kindern. Auch die
wachsende Vertraulichkeit und gemeinsame Geheimnisse sind der Zuneigung
förderlich(276 f.). Alles, was Ehepaare einander an Freundschaft und Gunst erweisen, ist
eine Folge des auf Lebenszeit geschlossenen Bundes und der ehelichen
Gemeinschaft. Die Liebe ist oft nur eine scheinbar eheliche Liebe, die
Neigungen sind nur äußere, die die inneren nachahmen, dennoch erscheint die
äußere Liebe oft wie die innere und die äußere Freundschaft wie die innere
(278), und das ist nützlich und für das gesellschaftliche Leben notwendig.
Wir können dies eheliche Verstellungen nennen, müssen sie aber ihres Nutzens
für das Zusammenleben wegen wohl unterscheiden von heuchlerischer
Verstellung (279). 19,2 - Die eheliche Verstellung Die ehelichen Scheinbarkeiten oder Verstellungen zielen auf die Erhaltung
der Ordnung im Hauswesen und die gegenseitige Hilfeleistung. Ist die hierfür
eigentlich nötige Übereinstimmung der Gemüter nicht vorhanden, dann kann sie
auch durch eine sich äußerlich als solche darstellende Freundschaft bewirkt
werden (283). Sie zielen weiterhin auf die einmütige Sorge für die kleineren
und größeren Kinder (284). Auch ist ihnen der besonders für den Mann nötige
häusliche Friede zu verdanken. Mancherlei beschäftigt sein Denken,
mancherlei beunruhigt oder gar verdüstert sein Gemüt. Er braucht zuhause eine
Zufluchtsstätte, um die oft stürmischen Gedanken zu beruhigen und sein Gemüt
aufzuheitern. Dankbar nimmt er die ihm von seiner Frau entgegengebrachte
Freundlichkeit auf und diese gibt sich alle Mühe, die Gemütswolken zu
zerstreuen, die sie mit Scharfblick bei ihm wahrnimmt (285). Solche, wenn
auch nur äußeren, Freundschaftsbezeugungen überbrücken auch manchen Zwist und
manche Entfremdung und tragen zur Wiederversöhnung bei (289). Und endlich
bannt eine Freundschaft, die, weil sie unter Ehelichen stattfindet, der
ehelichen Liebe ähnlich ist die Gefahr des Auseinanderbrechens der häuslichen
Gemeinschaft, wenn der geschlechtliche Verkehr aufhört. Verharrt dann die
Frau in keuscher Gunst gegenüber dem Mann, so leben sie auch im Alter
liebevoll und freundlich zusammen, und der gegenseitig hilfreiche Umgang
bleibt erhalten (290). Eheliche Verstellungen, das heißt scheinbar eheliche Bemühungen um
Liebe und Freundschaft trotz widerstreitender Wesenstendenzen können sogar
Besserung und Entwicklung zum Geistigen bewirken, weil der mit einem
natürlichen Partner durch die Ehe verknüpfte geistige Mensch ja nichts mehr
beabsichtigt, als die Besserung und Vergeistigung des anderen und des
gemeinsamen Lebens. Dies geschieht von der männlichen Seite her durch kluge
und anmutige Gespräche und durch Gefälligkeiten, die sich der Sinnesart der
Frau anschmiegen. Zeigt sich bei ihr in Gesinnung und Benehmen keine Wirkung,
dann bemüht er sich wenigstens um Anbequemung wegen der Erhaltung der
häuslichen Ordnung und der gegenseitigen Hilfeleistung sowie wegen der
Kinder. Auch bei Ehegatten, die beide nur natürlich sind, kann das gleiche
geschehen, freilich aus anderen Endabsichten, so z.B. auf daß auch der andere
sich gleichermaßen sittlich betrage oder sich seinen Wünschen füge, auch wegen
des häuslichen Friedens oder des guten Rufes oder um Begünstigungen durch
Verwandte zu erlangen. Solche Absichten gehen bei den einen aus der Klugheit
ihrer Vernunft, bei anderen aus natürlicher Höflichkeit, bei wieder anderen
aus Angewohnheiten hervor. Es kommt auch vor, daß solche scheinbar ehelichen
Gunstbezeugungen nur außerhalb des Hauses gewährt werden, um sich den Ruf
guter Ehe zu verschaffen, nicht aber zuhause. Dann freilich sind sie nur
täuschendes Spiel (282). 19,3 - Der Kampf um die Herrschaft in der Ehe Nur mühsam kann durch scheinbare Liebe und Freundschaft verdeckt
werden, was oft nach den ersten Ehejahren an Eifersüchteleien wegen der Herrschaft
im Haus und in der Ehe verborgen glimmt oder offen ausbricht: „Wer ist Herr
im Haus? Wer hat die Pantoffeln an?“ Kennt man die wahrhaft eheliche Liebe
nicht und hat für ihre Seligkeiten keinen Sinn, dann stellt sich an ihrer
Stelle eine Begierde ein, die den trügerischen Schein dieser Liebe annimmt,
und daraus entspringt das Streben nach Herrschaft. Von den Männern wird nun
höhere Macht in Anspruch genommen, weil sie eben Männer sind, und den Frauen
ein geringerer Einfluß eingeräumt, weil diese eben nur Frauen sind. Schließlich
bringt es der Mann so weit, daß die Frau völlig abhängig von ihm ist, seinen
Launen dient und zur Sklavin wird. Ist aber die Frau von dieser Herrschsucht
besessen und erreicht nach wechselnden Erfolgen ihr Ziel, dann muß der Mann
ihr gehorchen und wird ihr Sklave. Hat sie das Heft in die Hand bekommen,
dann wird sie allerdings durch die Furcht vor berechtigter Trennung im Zaum
gehalten und hütet sich, ihre Macht übermäßig auszuweiten. Unter dem Schein
ehelicher Liebe führt sie ein freundlich‑geselliges Leben mit ihrem
Mann. Was aber ist das für eine Freundschaft oder gar Liebe zwischen einer
Frau als Herrin und einem Mann als Knecht oder zwischen einem Mann als Tyrann
und einer Frau als Sklavin? (291) In der anderen Welt gestanden mir Männer, sie hätten, ohne sich dessen
auf Erden recht bewußt zu sein, in schrecklicher Angst vor ihren Frauen
gelebt, gehorsam deren Launen, untertänig deren Winke befolgend, wie die
niedrigsten Knechte. So feige Kerle habe es nicht nur unter Männern
„niedriger“ Stände, sondern auch unter hohen Würdenträgern, ja tapferen und
berühmten Feldherrn gegeben. Nie hätten sie es gewagt, mit ihren Frauen
anders als freundlich zu reden und sich ihren Wünschen zu widersetzen,
obwohl sie diese tödlich gehaßt hätten, und auch die Frauen seien in Rede und
Benehmen freundlich gegen sie gewesen und hätten manchem Wunsch ein geneigtes
Ohr geschenkt. Sie könnten, so sagten sie, bis heute nicht begreifen, wie
eine solche Antipathie im Innern bei gleichzeitiger Sympathie im Äußeren möglich
gewesen sei. Von den Frauen erfuhr ich, daß die Unterjochung der Männer in
ungebildeten Kreisen durch Schelten und dann wieder Freundlichsein geschehe,
in den Kreisen der Gebildeten durch beharrliches Bitten und durch
hartnäckigen Widerstand mit Berufung auf das Recht der Gleichheit in der Ehe.
Alle aber wissen, daß die Männer hartnäckigen Vorstellungen ihrer Frauen
nicht widerstehen können und, einmal nachgebend, ihnen ausgeliefert sind,
wobei es für die Frauen ratsam ist, sich dann und wann wieder freundlich und
einschmeichelnd zu benehmen. Die schlimmsten dieser Sorte bringen es freilich
fertig, bis zum letzten Atemzug auf ihren eigensinnigen Forderungen zu bestehen.
Ich hörte aber auch Entschuldigungen von Frauen für solches Betragen: sie
sagten, sie würden nicht so gehandelt haben, wenn sie nicht vorausgesehen
hätten, welche Verachtung, ja Verstoßung sie hätten erleiden müssen, wenn es
den Männern gelungen wäre, sie zu unterjochen. Sie hätten also aus Notwehr zu
diesen Waffen gegriffen. Und sie fügten noch die Mahnung an die Männer hinzu,
diese sollten doch den Frauen ihre Rechte lassen und, wenn sie hin und wieder
Kälte gegen sie empfänden, sie doch nicht geringer als Dienstmägde behandeln
(292). 20,0 - Von den Ursachen der Kälte, Trennung und Scheidung 20,1 - Innere Ursachen der Erkaltung der ehelichen Liebe Allzu oft verändert sich die zärtliche voreheliche Zuneigung in Gleichgültigkeit.
Der Mensch ist nach der Geburt zunächst nur körperlich da ‑ obwohl von
vorneherein alle Anlagen für alles Weitere in ihm latent vorhanden sind -,
dann wird er natürlich, dann vernünftig und endlich geistig. So sollte es
sein, so sollte er stufenweise fortschreiten, wobei das Körperliche die
Grundlage für das Folgende, darein Eingesäte ist. Nur so wird er mehr und
mehr Mensch. Ähnliches geschieht in der Ehe: der Mensch wird vollständiger
Mensch, wenn er sich mit einer Partnerin verbindet, mit der er Einen Menschen
ausmachen soll. Dies geschieht im ersten Zustand des gemeinsamen Lebens
einigermaßen im Bild, und es sollte nun vom Sinnlich‑Körperlichen
fortschreiten bis zur innigsten Verbindung beider zur Einheit. Oft aber
bleibt nur eine schwache Rückerinnerung an die ersten Ehetage und Jahre
übrig, denn diejenigen, die nur das Sinnlich‑Körperliche und
bestenfalls noch das Vernünftige lieben, können mit ihrer Gattin nicht wie in
Eins verbunden werden, und schließlich erkaltet auch die untere, äußere Liebe
(59). Wie geistige Wärme so gibt es auch geistige Kälte, wie Liebe so auch
Lieblosigkeit. Geistige Kälte ist nicht etwas Eigenes, sondern eine Minderung
oder endlich Abwesenheit von geistiger Wärme, oder in den Subjekten ein
Beraubtsein von geistiger Wärme. Die geistige Wärme kommt aus der Sonne der
geistigen Welt, in ihr ist die himmlische Sonne, die vom Herrn ausgeht. In
deren Mitte ist Er selbst, die reine Liebe. Von jener Sonne geht Wärme und Licht
aus, die Wärme ist in ihrem Wesen Liebe, das Licht in seinem Wesen Weisheit.
Die Sonne der irdischen Welt ist dazu geschaffen, die geistige Wärme und das
geistige Licht aufzunehmen in ihre Wärme und in ihr Licht und diese mittels
der Atmosphären bis zu den letzten Dingen auf Erden zu tragen, um die Endzwecke
zu verwirklichen, die der Herr in Seiner Sonne vorgesehen hat, wie auch die
geistigen Dinge mit entsprechenden Hüllen zu bekleiden mit materiellen
Stoffen, zur Auswirkung der letzten Zwecke in der Natur. Dies geschieht, wenn
die geistige Wärme in der natürlichen wirkt, das Gegenteil aber, wenn beide
getrennt sind, und also auch bei denen, die das Geistige vom Materiellen
trennen, nur die Natur und das Irdische lieben und das Geistige verwerfen. Bei
ihnen schwindet die geistige Wärme bis zur Kälte und die beiden Wärmen oder
Liebesarten, die von der Schöpfung her übereinstimmen, werden zu entgegengesetzten.
Die Wärme, die herrschen soll, wird zur dienenden und umgekehrt, und mit dem
Zurücktreten der geistigen Wärme, der die Herrschaft gebührt, verliert sie
sich in den Subjekten und erkaltet. Ich habe in der geistigen Welt vernommen,
daß Geister, die lediglich natürlich sind, in der Nähe von Engeln von
heftiger Kälte ergriffen werden (235). Geistige Kälte in den Ehen ist der Grund für die Entzweiung der Gemüter,
und ihr folgt Gleichgültigkeit, Uneinigkeit, Verachtung, Widerwille, Abscheu
und endlich meist auch Trennung von Tisch und Bett. Dies geschieht, wenn die
erste Liebe verflogen ist und zur Kälte wird (236). Die eigentlichen Ursachen
für das Erkalten sind nicht äußere, sondern innere, von denen jene herrühren
(237). Es wurde bereits dargelegt, daß das den Menschenseelen innewohnende
Streben des Guten und Wahren, sich in Eins zu verbinden, der eigentliche
Ursprung der ehelichen Liebe ist. Ebenso wurde gesagt, daß sich die eheliche
Liebe im Menschen gemäß dem verhält, wieweit er „Kirche“, das heißt durch die
„Hochzeit“ mit dem „Herrn ‑ Bräutigam“ geistig wird. Er ist dazu geschaffen,
daß er immer inwendiger werden und immer näher eingeführt oder erhoben
werden kann zu jener Ehe des Guten und Wahren und so in die wahrhaft eheliche
Liebe, soweit, daß er den Zustand ihrer Glückseligkeit inne wird. Der
Ursprung der Kirche und der Ursprung der ehelichen Liebe befinden sich in Einem
Wohnsitz und sie umschlingen einander fortwährend in gegenseitiger Umarmung
(238).Wo aber eines von beiden fehlt, gibt es auch keine wirkliche eheliche
Liebe, ja tritt an ihre Stelle Kälte (239). Dann verspottet man die Wahrheit,
daß die eheliche Liebe sich dem Zustand des Kirche-Seins gemäß verhalte, ja
damit überhaupt etwas zu tun habe, und das ist eigentlich zu verzeihen, denn
für solche Menschen ist Umarmung Umarmung, ohne Unterschied. Ihr Inwendiges
wird allmählich mehr und mehr verschlossen und gleichsam im Leibe verstopft
und auch die Geschlechtsliebe sinkt ab zu einer gemeinen und wird in der
untersten Region zu Brunst und Geilheit (240). Wird nur der eine Ehepartner geistig, der andere aber nicht, dann müssen
die Seelen notwendig uneins sein. Wirkliches eheliches Zusammenleben wird unmöglich,
bei dem ungeistigen Gatten dringt Kälte ein, und schließlich ist er nicht
mehr imstande, den anderen offen anzublicken, mit ihm ein Gespräch zu führen,
ihn liebevoll zu berühren, gar nicht zu reden von den nicht offenbaren
Gedanken, die sich aus jener Kälte einschleichen (241). Wenn diese Ursachen
der Kälte im Innern die gleiche Kälte im Äußeren bewirken würden, gäbe es
ebenso viele Trennungen, doch ist bekannt, daß viele dennoch wie Liebende
und Freunde zusammenleben. Gleichwohl lauert die Kälte inwendig verborgen
und wird manchmal auch wahrgenommen und empfunden. Die Neigungen entfernen
sich voneinander, wenn auch nicht die in Reden und im Benehmen geäußerten
Gedanken wegen der scheinbaren Freundschaft und Gunst (244). 20,2 - Äußere Ursachen der Erkaltung Von den äußeren Ursachen der
Erkaltung führen wir an: Erstens: die Ungleichheit der Gesinnungen, das heißt der
äußeren Triebe und daher stammenden Neigungen, die hauptsächlich durch
Erziehung, Umgang und daraus sich bildende Gewohnheiten eingepflanzt werden,
und auch der Ansichten, die man mit der Zeit über die und jene Lebensart
gefaßt hat. Auch die Ungleichheit der Sitten oder der Bildung gehört hierher
(246). Zweitens: die Meinung, die eheliche Liebe sei eins mit deren
Gegensatz, der buhlerischen Liebe. Wenn man beide gleichsetzt und ihren
Unterschied nicht kennt oder leugnet, dann wird die Gattin als Weibchen und
die Ehe als „Verhältnis“ angesehen. Der Mann ist in diesem Fall ein
Ehebrecher, wenn auch nicht in körperlicher, so doch in geistiger Beziehung.
Die unvermeidliche Folge ist, daß sich schließlich Verachtung, Abneigung, ja
Abscheu einstellt (247). Drittens: der Streit der Ehegatten um die Herrschaft. Die
Herrsch‑ und Vorrangssucht verdrängt die Vereinigung des Wollens und
die Freiheit der Meinung, auf die die eheliche Liebe abzielt, sie zerschneidet
und zerteilt das beiderseitige Wollen und verwandelt die Freiheit der
Meinung in Knechtschaft. Würden solche Gemüter geöffnet und mit geistigem Blick betrachtet, so
würden sie als Kämpfer mit Dolchen erscheinen, die einander bald zornig, bald
freundlich ansehen; zornig, wenn sie in heftiger Erregung ihrer
Herrschbegierde sind, freundlich, solang sie Hoffnung auf den Sieg haben oder
wenn die sexuelle Lust sie überwältigt. Nach dem Sieg des. einen über den
anderen zieht sich die Kampfeslust in das Inwendige des Gemüts zurück, doch
verbleibt daselbst eine verborgene Unruhe (248). Viertens Müßiggang und daher
rührende Ausschweifung. Der Mensch ist zu nützlichem Wirken geschaffen, denn
dieses enthält, sammelt und vollendet das vereinigte Gute und Wahre, aus
deren Ehe jede Schöpfung sowie auch die wahrhaft eheliche Ehe hervorgeht.
Durch die Beteiligung an nützlichen Werken in Studium oder Beruf oder Gesellschaft
wird das Gemüt eingeschränkt und begrenzt wie in einen Kreis, innerhalb
dessen es nach und nach in menschliche Form gebildet wird (249). Dreierlei fließt als Eines vom Herrn in die Seelen ein: Liebe, Weisheit
und nützliches Wirken. Liebe und Weisheit existieren nur in ideeller Weise,
nur in der Neigung und im Denken des Gemüts; in der nützlichen Wirkung aber
existieren sie in reeller Weise, weil zugleich im Handeln und Wirken des
Körpers, und da haben sie auch Bestand. Die Liebe zum nützlichen Wirken hält
das Gemüt zusammen, daß es nicht zerfließt und umherschweift (16). Das
Gegenteil widerfährt denen, die sich dem Nichtstun, dem Müßiggang, der
Trägheit ergeben. Ihr Gemüt ist nicht eingeschränkt und wohltätig umgrenzt;
ein solcher Mensch läßt infolgedessen alles Eitle und Tolle und
„Interessante“ aus der Umwelt und von seinem Körper her in sein Gemüt eindringen,
es ganz davon erfüllen und sich zu Ab‑ und Ausschweifungen fortreißen.
Die eheliche Liebe wird dadurch ausgetrieben, das Gemüt wird stumpf und der
Körper erlahmt und der ganze Mensch wird schließlich unempfänglich für jede
lebenskräftige Liebe und insbesondere für die eheliche Liebe, aus der wie aus
einer Quelle Rührigkeit und Munterkeit des Lebens einströmen (249). Endlich weisen wir noch hin auf andere Ursachen der Kälte, wie zu
großen Altersunterschied oder ungleiche gesellschaftliche Stellung, wofern
die Gleichheit der Gesinnungen und Gesittung und die Anbequemung des einen
Gatten an die Wünsche des anderen die Unterschiede nicht überbrücken und sie
sich trotzdem zusammengesellen. Doch bewirkt selbst der beste Wille oft nur
eine sklavische Verbindung, und diese ist im Grunde eine kalte, bestenfalls
lauwarme. Der gesellschaftlich niedriger gestellte Partner ist in Gefahr,
groß zu tun, worüber der höher gestellte dann schamhaft erröten muß. In den
Himmeln gibt es solche Unterschiede nicht, dort befinden sich alle in der
Blüte der Jugend und bleiben darin, dort achten alle das nützliche Tun der
anderen gemäß den erzielten Leistungen, dort betrachten alle einander als Brüder
und ziehen nicht die Würde des Standes der Vortrefflichkeit der Nutzwirkung
vor, sondern diese jener, dort gibt auch das eingebrachte Vermögen keinen Ausschlag,
denn dieses besteht in den Fähigkeiten, weise zu sein, demgemäß jeder
besitzt, was er braucht (250). Geringfügigere, wenn auch oft irreparable Ursachen von ehelicher Kälte
sind z.B. die aus der fortwährenden Berechtigung zum Geschlechtsverkehr entstehende
Gleichgültigkeit, sodaß die Freude daran schwindet, ja zum Überdruß wird.
Dies ist oft bei solchen zu beobachten, die leichtfertig von der Ehe und der
Frau denken oder die aus ihrer Liebe die unkeusche Geschlechtsliebe nicht
entfernt haben. Um die daraus entstehende Erkaltung zu verhindern, machen
kluge Gattinnen zuweilen das Erlaubte zum Nichterlaubten und widersetzen und
entziehen sich dem Gatten (256). Wir erwähnen als Erkaltungsursache auch noch
die Zudringlichkeit der Gattin und ihr zu vieles Reden von Liebe, gleich
falsch wie das Gegenteil, das Schweigen (258). Oder jene häufige Erscheinung,
daß der Mann bei Tag und Nacht von seiner Gattin denkt, sie wünsche und
verlange geschlechtlichen Umgang, und daß andererseits die Gattin vom
Ehemann annimmt, er wolle ihn nicht (259). Auch erkaltet die eheliche Liebe, wenn die Ehe als Fessel und als gesetzlich
geschützter Zwang empfunden wird, aber im Grunde ist dies meist nicht die
Ursache, sondern bereits die Folge vorherigen Wärmeschwundes. Diese Empfindung
wird noch gesteigert, wenn der eine Ehepartner auf sein Recht pocht und die
gesetzliche Rechtskraft dieser unzerreißbaren Fessel noch unterstreicht.
Welcher Gegensatz zu denen, die von der ehelichen Liebe himmlisch denken und
dies innerlichst fühlen! Bei ihnen ist das Bündnis mit seinen Verpflichtungen
in die Herzen geschrieben und die gegenseitige Liebe, nicht das Gesetz, verknüpft
sie. Sie empfinden daher alles, was zu dieser Liebe gehört, als etwas Freies,
Freiwilliges. Wirkliche Freiheit ist nur dort, wo man liebt; ich habe von den
Engeln vernommen, die Freiheit der wahrhaft ehelichen Liebe sei die
allerfreieste Freiheit, weil sie die Liebe aller Liebe sei (257). 20,3 - Berechtigte Trennungsgründe Ist auch daran festzuhalten, daß eine Ehe nicht auf Zeit, sondern auf
ewig geschlossen werden soll, so gibt es doch berechtigte Ursachen von
Trennungen. Erstens fehlerhafte Beschaffenheiten des Gemüts, denn wenn die
Gemüter allzu verschieden sind, das eine gesund, das andere krank, löst sich
die anfängliche Verbindung und schwindet die eheliche Liebe. Wir zählen auf:
Wahnsinn, Irrsinn, Stupidität, schwere hysterische Erkrankung, Störrigkeit,
die sich dem, was der andere verlangen kann, nicht fügt, übergroße
Schwatzlust und Unfähigkeit, etwas anderes als Unsinn zu reden, nicht zu
zügelnder Drang, die häuslichen Geheimnisse auszuplaudern oder zu zanken, zu
schlagen, zu stehlen und zu betrügen, endlich Vernachlässigung der Kinder,
Unsauberkeit, Üppigkeit, Verschwendungssucht, Trunkenheit, Schamlosigkeit
(252). Zweitens fehlerhafte Beschaffenheit des Körpers, womit nicht
vorübergehende, sondern unheilbare Krankheiten gemeint sind, solche, die
durch Ansteckung den Tod verursachen, sodann solche, die wegen schädlicher
Ausflüsse, Ausdünstungen, Ausschläge eine Zusammengesellung unmöglich machen
(253). Drittens verheimlichte Impotenz (254). Grund für Ehescheidung, also nicht Trennung, ist allein der Ehebruch.
Jesus sagte: „Wer sein Weib entläßt, es sei denn wegen deren Hurerei, und
eine andere freit, der begeht Ehebruch“, Matth. 19, 9. Wenn ein verheirateter
Mensch, Mann oder Frau, aus Vorsatz und bewußter Verachtung der Ehe Ehebruch
begeht, dann setzt er sich in völligen Gegensatz zur Ehe, und wenn Gegensatz
auf Gegensatz wirkt, dann wird der eine, nämlich die so empfindliche Ehe, zerstört
bis auf den letzten Lebensfunken. Sogleich weicht der Himmel zurück und die
Hölle stellt sich ein und die Gemüter werden völlig getrennt (255). 21,0 - Abirrungen und Verirrungen Sex, Lüsternheit,
Hurerei 21,1 - Der Mensch zwischen Gut und Böse Der Mensch kann dank der ihm gegebenen Fähigkeit zur Selbstbestimmung
und Freiheit der Entscheidung in echter Re‑Aktion auf die Aktion des
Schöpfers, Ihm zugewandt leben, als sein Mitarbeiter auf der Erde, oder aber
seine Begabungen pervertieren in Ichsucht, Selbstliebe, Eitelkeit und in
Befangenheit der Sicht auf die sinnlich wahrnehmbare Welt und der Geltung in
ihr. Ebenso kann er die Begabung der ehelichen Liebe in ihren Gegensatz
verkehren, nämlich in der Geschlechtsliebe stecken bleiben, sodaß sie in
tierhafte Sexualität und Triebbefriedigung entartet. Seit einer frühesten
Periode der Menschheit, in der sich Menschen von der gemeinten Reaktion weg
zur selbstherrlichen, weltzugewandten Aktion entschieden - in der Bibel als
„Sündenfall beschrieben - ist die Menschheit anfällig für das Böse und Falsche.
Infolge dieser nicht rückgängig zu machenden Tatsache muß sich jeder einzelne
und jede Menschengruppe stündlich verantwortungsbewußt prüfen, wohin der Weg
geht, denn seither lauert stets die Gefahr des Irrens und Sichverirrens. „Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden, was euch das Innere stört,
dürft ihr nicht leiden“, wie von selbst, so als müsse er es von sich aus
schaffen, muß sich der Mensch stemmen gegen das selbstische Eigene, und der
erste Schritt zur wahren Menschwerdung ist, das „nicht zu leiden, was das
Innere stört“. Dazu muß es in sein Bewußtsein treten, muß gesehen, erkannt
werden, um gemieden werden zu können. Doch er ist nicht allein, sondern stets
umgeben von helfenden Engelwesen, die ihm zur Seite kämpfen, die wissen:
„Drängt es sich gewaltig ein, müssen wir tätig sein“, „Liebe nur Liebende
führet herein“, nur sie können nach dem Tod in die Gemeinschaft der wahren
Menschen, der Engel, kommen. Hiermit steht Swedenborg im Gegensatz zu vielen Theologen der Großkirchen,
die den „Sündenfall“ als historisch einmaliges, plötzliches und von da an
alle Menschen unentrinnbar bestimmendes Ereignis auffassen, aus dem nur für
die wenigen Menschen der Christenheit nach Christi Tod ein Ausweg durch den
Glauben an die Wirkung seines Todes in Aussicht steht. Für Swedenborg ist
eine „Erb‑Sünde“, das heißt eine Verdammung aller Menschen nach jenem
Ereignis, nicht denkbar, wohl aber eine seitherige Erbveranlagung und
Erbgefahr. Zwar ist seither das Böse in der Welt, zwar vererben seither die
Eltern ihren Kindern die Anlage dafür, aber jeder Mensch ist zugleich auch
ein neuer Mensch, ein Mensch für sich, mit allen Chancen. Jene Auffassung
führte zu der Äußerung: „Das Neue Testament ist der Meinung, der Wille des
Menschen - und damit der ganze Mensch - ist dem Bösen und somit der
Unfreiheit verfallen“. Swedenborg würde antworten: Auch bei mir könnt ihr
lesen: „Das Eigene des Menschen ist böse“, aber ihr müßt es im Zusammenhang
lesen: Wenn der Mensch sein Eigenes verabsolutiert und sich damit selbst vergottet,
sich auf sich selbst zurückkrümmt und aus dem groben Lebenszusammenhang absondert,
„sündigt“ - und das ist ihm dank der für seine Aufgabe nötigen Entscheidungsfreiheit
immer möglich!-, dann wird er böse und irrt, dann ist er dem Bösen verfallen
und dann gerät er in die Fange der ihm gleichgesinnten Geister, der Teufel
und Satane. Aber der Mensch ist anders gemeint, und auch heute noch ist jeder
Mensch so gemeint, auch heute noch ist niemand der Unfreiheit verfallen,
sondern hat Selbstbestimmung, und wenn ihr nicht auf gewisse theologische Auffassungen
hört, sondern auf die erschienene Wahrheit, dann hört ihr: „Ihr sollt
vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“. Das ist das
Leitbild, zu dem ihr euch entscheiden sollt, auf das ihr hin leben sollt und
auf das hin ihr euch in der geistigen Welt weiter entwickeln dürft, wenn ihr
auf Erden den Grund dafür gelegt habt. 21,2 - Eheliche und buhlerische Liebe Im zweiten Teil seines Werkes kommt Swedenborg auf den Gegensatz zur
Ehelichen Liebe zu sprechen, auf die wahllos schweifende und die nur sinnlich‑körperliche
Vereinigung der Geschlechter, den bloßen Sex, die „buhlerische“ Liebe. Die Wärme
der ehelichen Liebe schwindet bis zu ihrem Gegenpol, der Kälte; die Ehe des
Guten und Wahren geht über in die Verkoppelung des Bösen und Falschen, das
Geistigwerden bleibt im Natürlichen stecken, die Keuschheit und Reinheit
schlägt um in Lüsternheit, der Himmel in Hölle. Der Partner ist dann nicht
Gegenstand der wechselseitigen Neigung, Förderung und Lust, sondern des
selbst-süchtigen Genusses zur Steigerung der eigenen Wollust. Wir sollten
von der ehelichen Liebe besser nicht als „Ideal“ sprechen, das im realen
Leben doch nur Phantom bleibe, irrealer Idealball, Utopie, fernes Wunschbild,
so fern und unerreichbar, daß es eigentlich sinnlos sei, es allzu ernst zu
nehmen und sich ihm zu nähern zu versuchen, sondern als Normalfall, als der
einzig wirklich menschlichen, für den Menschen gemeinten Erfüllung seiner
Anlagen und Möglichkeiten, von der es freilich in der Realität so oft abwärts
geht in untermenschliche Abirrungen, Abnormitäten. Wie es in der geistigen
Welt im entgegengesetzten Lager, in dem nicht die echten, sondern die
pervertierten Menschen hausen, in unmenschlichen Gestalten, sich gegenseitig
hassend, statt sich liebend, sich quälend, statt einander Gutes zu tun, sich
nun gegenseitig so behandelnd, wie sie auf Erden ihre Umwelt behandelt haben
oder am liebsten behandelt hätten, ihrer Wollust dröhnend und gleichzeitig
vom Überdruß und Ekel angewidert, wie es also dort in den Höllen zugeht, das
schildert Swedenborg so Grauenhaft, daß man an Dantes „Inferno“ erinnert
wird. Die Hölle strotzt von Unreinigkeit, deren Ursprung die schamlose,
häßliche buhlerische Liebe ist. Jeder Lustreiz einer Liebe stellt sich in der
geistigen Welt in entsprechender Gestalt dar und ist entsprechend riechbar.
Die Gestalten, in denen sich die geilen Lustreize der buhlerischen Liebe
zeigen, sind Bestien, Schweine und Schlangen zwischen Exkrementen und Kot,
die Gerüche sind faulige und brandige Ausdünstungen (430). 21,3 - Der Ursprung der buhlerischen Liebe Die in das Weltall einfließende eheliche Sphäre ist in ihrem Ursprung
göttlich, in ihrem Fortgang bei den Engeln im Himmel himmlisch und geistig,
bei den Menschen natürlich, bei den Tieren animalisch. Da diese Sphäre von
den Subjekten aufgenommen wird und da die Aufnahme gemäß den Formen der aufnehmenden
Subjekte erfolgt, konnte und kann diese Sphäre, die in ihrem Ursprung heilig
ist, in den Subjekten in eine nicht heilige, ja sogar in eine entgegengesetzte
verkehrt werden (225). Die Sphäre der ehelichen Liebe senkt sich vom Himmel herab, die Sphäre
der ihr entgegengesetzten buhlerischen Liebe steigt von der Hölle herauf
(435). Beide Sphären begegnen einander in der geistigen Welt in der
Geisterwelt, in der natürlichen Welt aber im Vernunftgebiet des Menschen. Von
oben her fließt die Ehe des Guten und Wahren, von unten her die des Bösen und
Falschen ein, und die menschliche Vernunft kann sich beiden Seiten zuwenden
und den jeweiligen Einfluß aufnehmen (436). Dank seiner Selbstbestimmung und
Freiheit kann und muß sich der Mensch entscheiden (437), und er kann und muß
dies wie aus sich selbst tun. Ohne Vernunft und Freiheit wäre er nicht
Mensch, sondern Tier, könnte sich nichts als sein Eigenes aneignen und sich
als ihm angehörend einprägen. Nur dank seiner Entscheidungsfreiheit kann er
abwägen und die Waagschalen nach der oder jener Seite heben oder senken
(438). 21,4 - Der Kontrast der Lustreize Beide Sphären führen ihre erregenden Lustreize mit sich, und laufen auf
das eine Fundament aus, in dem sie sich sammeln, erfüllen und befriedigen.
Deshalb werden eheliche und buhlerische Liebkosungen im Liebesspiel und im
Orgasmus als gleich empfunden. Nur vom Innern her kann der Unterschied wahrgenommen
werden, so wie das Böse nur aus dem Guten, nicht aber das Gute aus dem Bösen
erkannt werden kann (439). Und gerade die unheimliche Dynamik des von aller
menschlichen Ausrichtung entbundenen sexuellen Triebs ist ein Beweis für die
zentrale Bedeutung der geschlechtlichen Beziehungen. Ihre unterste Stufe,
abgelöst vom Geistig‑Menschlichen, fällt den Menschen mit Naturgewalt
an, „Treibt ihn um“, „macht ihn fertig“, fähig zu untertierischen Exzessen. Die Geschlechtsliebe ist die Quelle, aus der sowohl die eheliche Liebe
wie die buhlerische abgeleitet werden kann; Unzucht und Hurerei sind nicht
gleich Geschlechtsliebe, sondern sie kommen von dieser her. Sie wohnt in
jedem Menschen (445), hat man aber keine genaue Kenntnis von ihren
Unterschieden und Graden, dann vermengt man das Böse mit dem Guten und macht
aus allem einen Brei (444). Die Geschlechtsliebe folgt der beginnenden Tätigkeit
des Denkens, Verstehens und Urteilens, und wie diese sich hebt oder senkt,
so auch jene. Weisheit ist, den Geschlechtstrieb in Schranken zu halten und
auf Einen Partner zu konzentrieren, Torheit, ihr freien Lauf zu lassen. Droht
sie im Anfang ihrer Betätigung in Unzucht abzugleiten, dann muß sie durch
sittliche und geistige Anspannung zur Ordnung gerufen werden (446). Sie wird
aus einer natürlichen zu einer geistigen, wenn der Mensch die vage, wahllose,
unfixierte Lust aufgibt und sich einem Einzigen weiht und dessen Seele mit
der seinen vereinigt (447). Wie die eheliche Liebe das Innere des Gemüts nach oben öffnet und es
über das körperlich, sinnlich und natürlich Leibgebundene erhebt und in das
Licht und die Wärme des Himmels erhebt, so verschließt umgekehrt die
uneheliche Liebe zum anderen Geschlecht das innere des Gemüts und drängt
sein Wollen in den Leib und seine nur körperlich‑sinnlichen Lüste
hinab und entfremdet es je tiefer desto weiter dem Himmel (497). Die Kirche
bei allen Menschen und bei jedem einzelnen auf Erden entspricht dem Reich des
Herrn in den Himmeln. Der Herr verbindet beide in Eins. Er unterscheidet die
auf Erden Lebenden nach ihren innersten Liebesarten, wie Er in der geistigen
Welt Himmel und Höllen auseinander hält. Schon während ihres Erdenlebens
ziehen die Menschen gleichgesinnte Geister an sich, diejenigen, welche in den
keuschen Lustreizen der ehelichen Liebe sind, werden vom Herrn gleichen
Engeln der Himmel beigesellt, die anderen, die in den schamlosen und
häßlichen Lustreizen der buhlerischen Liebe sind, ziehen Gleichgesinnte aus
den Höllen an sich. In deren Nähe empfinden die Engel die übelriechenden
Ausdünstungen der Hölle und ziehen sich zurück. Es sind die Entsprechungen
der unsauberen Liebesarten, die aber den Höllengeistern so angenehm sind wie
der Kot den Schweinen (431). 21,5 - Die Ambivalenz des Geschlechtlichen Alles in der Welt ist ambivalent, alles hat seinen Gegenpol: der des
Lichtes ist die Abwesenheit des Lichtes, die Finsternis, der der Wärme ist
die Abwesenheit der Wärme, die Kälte, der des Glücks, der Seligkeit, der
Freude ist deren Abwesenheit in Unglück, Unseligkeit und Traurigkeit, der
des Guten ist die Abwesenheit jeglichen Guten, das Böse, der des Wahren ist
die Abwesenheit jeder Wahrheit, das Falsche. So hat auch die eheliche Liebe
ihren Gegensatz, die Hurerei, die buhlerische Liebe. Allerdings werden nun
diejenigen, die ihr verfallen sind, einwenden, da sei kein Gegensatz, denn
diese beiden Lieben unterscheiden sich in ihrer Aktion im Geschlechtsakt in
keiner sinnlich wahrnehmbaren Weise voneinander. Daraus geht aber nur
hervor, daß man allein von der Kenntnis des Wahren her das Falsche, allein
von der Erfahrung des Guten her das Böse, und allein vom Wissen um die
Beschaffenheit der ehelichen Liebe her die der buhlerischen Liebe erkennen
kann. Nicht aus der Finsternis erkennt man das Licht, sondern nur aus dem
Licht die Finsternis (425). Wird einer, der sich von der ehelichen Liebe abgewandt hat, aufgefordert,
vernünftig darüber nachzudenken, daß seine lüsterne Liebe zu Abwechslungen
und sexuellen Triebhandlungen der keuschen ehelichen Liebe entgegengesetzt
ist, so tut er dies doch nur in Verbindung mit seinen Lustreizen und kommt
zum Resultat, daß seine Vernunft in seinem Verhalten nichts sehen könne, was
seinen innersten Neigungen, nämlich den süßen sinnlichen Erregungen seines Leibes
zuwiderlaufe. Darin bestärkt, vernimmt er mit ungläubiger Miene alles, was
über die Wonnen der ehelichen Liebe gesagt wird, bestreitet es und siegt und
zerstört als Sieger vom Äußeren zum Inneren hin alles Eheliche in sich (426).
Der erste Schritt ist, die buhlerische Liebe der ehelichen gleichzustellen.
Ihm folgt bald der zweite, die eheliche Liebe in sich zu verderben und zu
zerstören, bis schließlich nur noch Abneigung und Ekel bleibt (423). Die buhlerische Liebe ist der ehelichen Liebe entgegengesetzt wie die
Verkoppelung des Bösen und Falschen der Vermählung des Guten und Wahren, und
somit ist auch beider Ursprung diametral entgegengesetzt (427). Das Böse
liebt das Falsche und will es mit sich verbinden; wer im Bösen ist, vermählt
sich mit dem Falschen, wer im Falschen ist, nimmt das Böse in sein Bett zum
Beischlaf. Er begründet die Hurerei des Bundes aus dem Bösen durch das
Falsche und begeht sie aus dem Falschen durch das Böse (428). Freilich
erscheint im menschlichen Vollzug der Gegensatz der Lustreize beider
entgegengesetzten Liebesarten nicht, denn der Lustreiz der bösen Liebe ist
im Äußeren dem der guten gleich: jener äfft diesen nach. Im Innern aber sind
sie grundverschieden, denn der Lustreiz der bösen Liebe ist lauter Begierde
zum Bösen, das Böse ist ein Knäuel solcher Begierden, der Lustreiz der guten
Liebe dagegen besteht aus unzähligen Neigungen zum Guten, das Gute selbst ist
gleichsam ein Bündel dieser vereinigten Neigungen. Dieses Bündel und jener
Knäuel wird aber vom Menschen ohne Unterschied empfunden, er wird nicht inne,
ob das Äußere allein oder aber das Innere im Äußeren wirkt. Erst im anderen
Leben, nach Ablegung des Äußeren, wird das Innere bloßgelegt und nun wird
deutlich wahrnehmbar, wieweit der Mensch nur natürlich‑äußerlich oder
geistig‑innerlich war (427). Die buhlerische Liebe ist der ehelichen entgegengesetzt wie der nur natürliche
dem geistigen Menschen. Natürlicher Mensch ist jeder, wenn er geboren wird
und heranwächst und dann in Kenntnisse und Wissenschaften eingeführt wird.
Er wächst seinen Anlagen und den ihm angeborenen Fähigkeiten nach in das
Verständige und in das vernünftige - das heißt: er sollte so wachsen!— und
endlich in das Geistige und wird, wie oben dargelegt, Kirche. Er wird dahin
geführt durch die Liebe, für das Gemeinwohl zu wirken, in Liebtätigkeit das
mit dem Wahren vermählte Gute zu verwirklichen. Je nachdem jemand so lebt,
wird und ist er geistig, je nachdem er es nicht tut, bleibt er natürlich,
auch wenn er noch so scharfsinnig denkt und noch so vernünftig urteilt.
Beides kann sich im Äußeren verwechselbar gleichen. Im Inneren aber
Abirrungen und Verirrungen ist es grundverschieden. Erhebt sich der vom Geistigen
abgetrennte natürliche Mensch auch noch so hoch in das Licht der Vernunft, so
fällt er doch, seinem Inneren nach besehen, in Lüsternheit anstelle echter
Liebe. Seine Selbstliebe ist der Liebe zum Herrn stracks entgegengesetzt wie
seine lüsterne Liebe der keuschen ehelichen Liebe (426). So macht die buhlerische Liebe den Menschen mehr und mehr zum Nichtmenschen,
den Mann zum Nichtmann, das Weib zum Nichtweib. Dies wird deutlich an ihrem
Gegensatz: wer in der wahrhaft ehelichen Liebe ist, wird mehr und mehr geistig
und mehr und mehr weise und demgemäß mehr Mensch. Bei ihm wird das Inwendige
des Gemütes mehr und mehr geöffnet, bis er den Herrn sieht und anerkennt, und
je mehr er dahin strebt, desto mehr wird er Mensch, freundlich und aufmerksam
im Umgang mit den Mitmenschen, und nach dem Tod ein Engel des Himmels, denn
der Engel ist dem Wesen und der Form nach der echte Mensch. Das Gegenteil
erlebt der von der buhlerischen Liebe Besessene: er bleibt im Natürlichen
stecken und ist Mensch nur, was sein Denken und dessen Höhenflüge betrifft,
nicht aber seinem Wollen nach, denn dieses ist an den Körper und dessen Lüste
gefesselt. So ist er also nur halb oder scheinbar Mensch. Er wirkt nur in
seinen Reden und seinem Gehaben mit Kollegen und bei akademischen
Veranstaltungen weise, in sich selbst aber sieht er auf das wirklich Geistige
herab und neigt zu Schamlosigkeit und Lüsternheit. Nur der äußeren Gestalt
nach ist dieser Gaukler Mensch, der inneren Form nach aber Nicht‑Mensch.
Im Lichte des Himmels erscheinen solche Menschen wie sie innerlich sind: die
Gesichter voll Eiterbeulen, die Leiber mit Höckern, die Stimmen heiser und
krächzend, die Gebärden possenhaft (432). Der Mensch ist Mensch, vom Tier dadurch unterschieden, daß sein Gemüt
in Regionen eingeteilt ist und die höheren Regionen enthält. Er hat die Fähigkeit,
sein Denken bis in die oberste, die des Himmels und der Engel, zu erheben.
Wird aber nicht auch sein Wollen, sein Trieb und seine Neigung, gleichzeitig und
gleichförmig dorthin erhoben, so bleibt er dennoch natürlich und wird nicht
geistig. Zwar behält er immer die Fähigkeit der Erhebung des Denkens, sonst
könnte er nicht geändert oder gebessert werden durch Gedanken des Guten und
Wahren und Anschauungen der Vernunft, aber nur wenn er nach diesen lebt, wird
auch sein Wollen erhoben und das Menschliche vervollkommnet. Anders, wenn er
das Gedachte, Erkannte und Eingesehene nicht im Leben verwirklicht: dann wird
er nur zeitweise geistig, schwingt sich nur dann und wann empor, läßt sich
aber bald wieder in die Lüste des Natürlichen und des Körpers herab. So geht
es abwechselnd nach oben und nach unten, nach oben oft nur um für weise
gehalten zu werden und einen guten Namen zu haben (495), und mit der Zeit
nimmt doch das Natürliche mit seiner Liebe zu Besitz, zu nur sinnlichen
Vergnügungen, zu Ehrsucht und Eigenliebe, zur Verblendung durch das
Materielle und Sinnliche überhand (496). 21,7 - Grade der Unzucht und Hurerei Es gibt Grade der Qualitäten des Bösen wie es auch Grade der Qualitäten
des Guten gibt. Die Unzucht ist eine leichte, wenn und soweit sie auf die
eheliche Liebe abzielt und diese vorzieht. Sie ist Sache des natürlichen,
noch nicht gereinigten Menschen, und je nachdem dieser sich dem gereinigten
Zustand nähert, wird sie als leichteres Böses abgestreift. In den Augen des
Herrn wie in denen der Engel und der Weisen gilt die Absicht und das Ziel als
die Seele der Handlungen und begründet Be- oder Entschuldigung, Schuld oder
Unschuld. Hält man dagegen Ehe und Hurerei für das gleiche und unterscheidet
sie nur als gesetzlich und gesellschaftlich Erlaubtes oder Unerlaubtes, dann
vermengt man sie wie Wein und Schmutz in Einem Becher, mischt sie auch in der
Ehe und entweiht sie dadurch. Solche Menschen können nur schwer oder gar
nicht gereinigt werden (453). Unzucht ist die lüsterne Begehrlichkeit, die aus dem natürlichen Menschen
hervorgeht, denn dieser ist der Sitz der Begierden und Lüste. Der Unzüchtige
blickt umherschweifend und ohne zu unterscheiden auf das andere Geschlecht
hin. Erst wenn er sein Augenmerk auf Eine oder Einen richtet und beginnt,
sein Leben mit dem Leben des anderen zu verbinden, wird die Begierde zur
keuschen Neigung und die Lüsternheit zur menschlichen Liebe (448). In der
Unzucht kann inwendig die eheliche Liebe verborgen sein wie im Natürlichen
das Geistige. Entfaltet es sich aus dem Natürlichen und im Natürlichen, dann
umgibt es dieses wie die Rinde das Holz, wie die Scheide den Degen und dient
ihm auch zum Schutz vor Verletzung. Die Unzucht kann jederzeit so verwandelt
werden, wenn nur die eheliche Liebe gewünscht und gesucht wird; sinkt sie
aber ab, dann verfällt sie der unflätigen und nur sinnlich‑wollüstigen
Liebe, dem Gegenteil der ehelichen Liebe. Auch in der geschlechtlichen
Vereinigung in einer Ehe ist beides möglich, und oft ist das eigentlich Geile
nur mit dem Schein des Geistig‑Ehelichen ummantelt (449). Ebenso muß man Hurerei aus Grundsatz und Vorsatz von der aus Übereilung
und Überrumpelung des Verstandes durch die Sinne unterscheiden (432). Eine
„leichtere“ Buhlerei während der Ehe oder, anders gesagt, ein geringfügiger,
„einfacher“ Ehebruch ist oft nur aufwallende Unzucht und hinterläßt wenig Spuren;
sie tut der ehelichen Liebe nur geringen Abbruch, wenn nur im Grunde diese
bleibt. Anders der vorsätzliche und vom entscheidenden Unterschied nichts
wissende oder ignorierende Ehebruch: die Neigung dazu zerstiebt nicht und
wird nach der Aufwallung nicht zunichte, sondern wurzelt ein, tut der Liebe
zum Ehepartner Abbruch und führt schließlich zur Erkaltung der ehelichen
Wärme. Wie oft findet dann ein Mann die Konkubine liebenswerter als die
Gattin, denn der Umgang mit ihr ist vom Zwang der lebenslänglichen
Ehepflicht entbunden und deshalb oft verlockender, zudem ist hierbei
Abwechslung möglich! Anfänglich meint er noch, er könne sich ja dank seiner
Freiheit wieder in den Hafen der Ehe zurückbegeben und solche Anwandlungen
aus sich entfernen, allmählich aber wurzelt die buhlerische Liebe in ihm ein,
verschließt das Inwendige seines Gemüts für die eheliche Liebe, und er wird
der Fähigkeit und Neigung zum ehelichen Leben beraubt (468). Dies gilt selbstverständlich
auch für die Frau. Trotzdem wird oft der Schein der Ehe aufrechterhalten und
das gemeinsame häusliche Leben fortgesetzt, sei es um eine Ehebruchsklage zu
vermeiden, sei es wegen der Vorteile des häuslichen Lebens, sei es aus
finanziellen Gründen, sei es wegen der Kinder (469). 21,8 - Zügellose Ausschweifung Die zügellose Sucht zur Ausschweifung führt am Ende oft zum Widerwillen
gegen das andere Geschlecht und vernichtet schließlich jede Möglichkeit der
ehelichen Liebe. Sie steigert das durch die Ehe erzwungene Zusammenleben bis
zum Ekel und die anfängliche Erkaltung zur völligen Kälte. Da doch immer
wieder die Begierde aufflammt, Neues und neue Reize bei neuen Partnern zu
erleben und sich mit ihnen auf neue Weisen zu ergötzen, verfallen manche,
wenn sie des gewöhnlichen Ehebruchs überdrüssig geworden sind, darauf,
jungfräuliche Mädchen zu verführen oder Unwillige zu vergewaltigen. So
steigert man sich von Erregung zu Erregung, von Abirrung bis zur perversen
Verirrung und mißbraucht das andere Geschlecht als Leckerbissen und bloßen
Gegenstand der Triebbefriedigung und des Genusses (501-514). 21,9 - Vorsichtige Ratschläge für
unverheiratete junge Männer Wie klar sich Swedenborg über die sexuelle Dynamik war, geht daraus
hervor, daß er jungen Männern, die der Geschlechtstrieb „Umtreibt“ bevor sie
heiraten können - und das ist heute in gewissen Berufen erst spät, zuspät,
möglich - einen sehr realistischen Vorschlag macht. Manche seiner
Zeitgenossen haben an dieser seiner Offenherzigkeit Anstoß genommen, und doch
hatte er auch hierbei die entscheidende Bedeutung der Ehe für den Einzelnen
und für die Gesellschaft im Auge. Rundum sah er sie bedroht und ließ sich,
nur um sie zu retten, zu Zugeständnissen bewegen: Heutzutage ist es vielen
oft erst spät möglich, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen, und
doch kann bei wenigen bis dahin der Drang der männlichen Kraft verschlossen
gehalten und für eine Ehegattin aufbewahrt oder das Bedürfnis einer
menschlichen und geschlechtlichen Verbindung eingedämmt werden. So müssen
also Mittel und Wege gesucht werden, um zu verhüten daß die eheliche Liebe
mittlerweile verdirbt, und um unterschiedslose Ausschweifungen zu zügeln und
einzuschränken und den Drang in einen begrenzteren Zustand, der dem ehelichen
Leben nähersteht, abzuleiten. Dadurch würden auch Ehebrüche und Entehrungen
von Mädchen vermieden. Leichter haben es die mit so geringer
Geschlechtsliebe, daß sie ihren Trieben widerstehen können, schwerer die, bei
denen eine zu große Einschränkung des Triebes und allzu heftige Erregung
Nachteile verursachen kann. Um ihre unmäßige und unordentliche Leidenschaft
zu zügeln und zu einigem Maß und einiger Ordnung zu bringen, zeigt sich oft
kein anderer Ausweg als die Zuflucht zu einer Geliebten. Aber auch dieser Umgang
muß einem einzigen Partner vorbehalten sein und darf nicht mit mehreren
erfolgen, weil sonst der junge Mensch der ehelichen Liebe entfremdet wird
und im natürlichen Zustand verhaftet bleibt oder gar in den sinnlichen
hinabfällt (450, 459, 460). Entscheidend ist, ob man den Unterschied zwischen einem solchen
Verhältnis und der Ehe verwischt und ignoriert oder aber ihn im Auge behält
und immer das Verlangen nach wirklicher ehelicher Einigung im Herzen behält.
Die Liebe bleibt in einem bloßen Verhältnis eine natürliche, äußerliche und
unkeusche und darf nicht mit der geistigen, innerlichen und keuschen Liebe
der Ehe verwechselt werden. Beide können dadurch auseinandergehalten werden,
daß man der vorehelichen Partnerin nicht die Ehe verspricht und ihr auch
keine Hoffnung darauf macht. Läßt man daraus eine Liebe zur Ehe entstehen, so
kann man mit keinem Recht ohne Verletzung der ehelichen Verbindung zurücktreten,
tritt man dennoch zurück und ehelicht eine andere, so wird in beiden Teilen
der ehelichen Liebe Schaden zugefügt. Beginnt der junge Mann ein solches
Verhältnis mit einem unberührten Mädchen, führt er es in eine solche
Liebesfreundschaft ein und lebt mit ihr zusammen, nimmt er also ein eheliches
Bündnis vorweg, so muß er doch die beständige Absicht haben, sie zu seiner
Gattin zu machen, wenn es ihm endlich möglich ist (460). 22,0 - Der Zustand der Geschlechter nach dem Tod 22,1 - Die erste Phase des Lebens
in der geistigen Welt Aus der Diffamierung des Sexuellen und der Ahnungslosigkeit vor seinem
Zusammenhang mit dem Geistigen und Himmlischen entstand die Vorstellung, daß
die Seligen im Himmel endlich ledig der Sünde, und das hieß eben ledig des so
peinlichen Sexuellen, seien, also geschlechtslose Neutren. Aber auch bei
positiverer Einstellung zum Sexuellen herrscht doch weiterhin die Meinung,
der Tod beende auch die Ehe: „Die Ehe ist zwar von Gott gewollte und
geheiligte Ordnung unter den Menschen; aber sie ist eine Beziehung, die nur
für das irdische Leben gilt. Jenseits der Todesgrenze gleicht das Leben der
Menschen vor Gott dem der Engel, der Gottesboten in den himmlischen Räumen“,
das man sich eben nur geschlechtslos vorstellen kann. Im Gegensatz zu der in
einem modernen christlichen Ehebuch geäußerten Auffassung: „Die Ehe ist eine
Hypotheke, die mit dem Tod gelöscht wird“ und auch zu der Trauformel: „. . .
bis daß der Tod euch scheidet“, erreicht nach Swedenborg die Ehe ihre höchste
Entfaltung und Fülle überhaupt erst nach dem Tode im anderen Leben. Freilich
nur die wahrhaft eheliche Liebe, nicht jede irdische Liebe! Wie schon oben dargelegt, geht der Mensch mit dem irdischen Sterben in
die andere, geistige Welt über. Dort wird jeder zuerst in jene geistige Welt
eingeführt, welche die Geisterwelt genannt wird. Hier wird er zubereitet,
bis sein Äußeres und sein Inneres übereinstimmen und Eins ausmachen. In der
irdischen Welt machen sie oft zweierlei aus, in der geistigen Welt aber ist
es nicht möglich, ein derart zerteiltes Gemüt zu haben. Nach dem Tod wird
jeder, wie er innerlich war (48). Entscheidend dafür ist sein innerstes
Wollen, seine Liebe: Die Liebe ist das Sein oder Wesen des Lebens im
Menschen, das Denken ist das Dasein oder die Existenz seines Lebens. Sein
Denken bildet zuinnerst mit seiner Liebe eine Einheit, ein Ganzes, und nur soweit
seine Gedanken innigst mit seiner Liebe verbunden sind, gehören sie ihm wirklich
an. Der Mensch denkt aus seiner Liebe, von ihr erhält sein Denken Tendenz und
Ausrichtung, und wenn er in Freiheit ist, spricht und handelt er gemäß seinem
Wollen (36). Die Liebe, die Grundneigung seines Wollens, sein Wesenskern, ist
des Menschen ureigenstes Leben, das gemeinsame Leben seines Körpers und
seiner Gedanken. Sie ist die Wärme des Lebens in ihm, seine Lebenswärme.
Daher stammt auch die Röte seines Blutes (34). Jeder Mensch ist die Gestalt
seiner Liebe (35), deshalb ist der Mensch nach dem Tod nicht sein Denken,
sondern sein innerstes Wollen, und er legt dann alles ab, was nicht damit
übereinstimmt. Nur seine Liebe bleibt über den irdischen Tod hinaus, denn sie
ist sein Leben, ja er selbst (36). Was du innig liebst, das bleibt. Was du innig liebst, wird nicht hinweggerafft. Was du innig liebst, ist dein wahres Erbe. Der Rest ist Schlacke. Allmählich nimmt der Mensch dann das Angesicht und die Gestalt, die
Stimme und die Gebärden der Liebe seines Lebens an. Daher ist der Himmel
allen unendlichen Mannigfaltigkeiten der Neigungen der Liebe zum Guten, die
Hölle dagegen den Mannigfaltigkeiten der Neigungen der Liebe zum Bösen gemäß,
geordnet (36). Der Mensch ist, was seine Neigungen und Gedanken betrifft, schon
während seines Erdenlebens mitten unter Engeln und Geistern. Er ist ihnen so
beigesellt, daß er nicht von ihnen getrennt werden kann, ohne sein Leben zu
verlieren (28). Ist das Gemüt in einer Gesellschaft des Himmels, so hat es
die gleichen Absichten und Gedanken wie die zu dieser Gehörenden, ist es in
einer Gesellschaft der Hölle, so gleicht es deren Mitgliedern. Solang der
Mensch auf Erden lebt, wandert er von einer Gruppe zur anderen, je nach den
Veränderungen seines Wollens und Denkens, nach dem Tode aber werden seine Wandlungen
zusammengefaßt und je nach dem Ergebnis wird ihm sein Ausgangsort bestimmt
(530). 22,2 - Das Fortleben des Menschen als Mann oder Weib Der Mensch ist nach dem Tod nicht jener bloße „Geist“, von dem man
meist keine oder nur eine vage Vorstellung hat (29). Er ist auch dann Mensch,
freilich nicht mehr ein Erdenmensch, sondern ein geistiger Mensch, ein
Geistwesen (31). Und weil der Mensch Mann oder Weib ist und das Männliche und
das Weibliche von Grund auf verschieden sind, so ganz, daß das eine nicht in
das andere verändert werden kann, folgt, daß der Mensch nach dem Tod als Mann
oder als Frau fortlebt (32). Beide sind so geschaffen, daß sie nach
Verbindung streben, ja nach einer so innigen Verbindung, daß sie Eins werden,
und da dieser Vereinigungstrieb allem im Mann und allem im Weib eingeprägt
ist, kann er mit dem Körper nicht verlöschen und vergehen (46). Im ersten Zustand nach dem Tod, dem äußeren, kommen die Ehegatten zusammen,
sie erkennen sich, gesellen sich zueinander und leben eine Zeitlang miteinander.
In diesem Zustand kennt keiner des anderen innerste Neigung, weil diese noch
verborgen liegt. Im darauffolgenden, inneren Zustand dagegen offenbart sie
sich. Sind beider Neigungen übereinstimmend, so setzen sie ihr eheliches
Leben fort, sind sie es nicht, so lösen sie es auf. Wenn ein Mann mehrere
Gattinnen hatte, dann verbindet er sich im ersten äußeren Zustand der Reihe
nach mit ihnen, tritt er aber in den inneren Zustand ein, dann nimmt er eine
an oder verläßt alle. Dasselbe geschieht mit einer Frau, die mehrere Männer
hatte, nur verbindet sie sich nicht mit ihnen, sondern stellt sich ihnen nur
dar. Übrigens erkennen die Männer seltener ihre Frauen als diese ihre Männer,
denn die Frauen haben ein innerlicheres Wahrnehmen der ehelichen Liebe als
die Männer (47). Auf Erden können beinahe alle ehelich verbunden werden, weil dies hier
nach den äußeren Neigungen geschieht, während die inneren, die oft
voneinander abweichen, nicht zur Erscheinung kommen und bei vielen kaum
durchschimmern. Der Körper verschlingt sie, verhüllt sie mit seinen Unreinigkeiten
oder verbirgt sie. Dank der von Kind auf erlernten Verstellungskunst kann
sich jeder in jede Neigung versetzen, die er bei einem anderen wahrnimmt, und
sie an sich locken und sich mit ihr verbinden. Dies wäre nicht möglich, wenn,
wie in der geistigen Welt, die inwendigen Neigungen ebenso wie die äußeren in
Gesicht und Gebärden sichtbar, in der Stimme hörbar und mit der Nase gerochen
und empfunden würden. Dann würden sich die sich abstoßenden Gemüter rasch
voneinander trennen (272). Wenn aber der materielle Körper abgelegt wird,
kommen die Gleichartigkeiten oder Ungleichartigkeiten zur Erscheinung und nun
werden die Ähnlichen verbunden und die Unähnlichen geschieden (273). Trennungen nach dem Tode finden auch statt, weil die irdischen Verbindungen
selten aus innerer Empfindung der Liebe geschlossen werden, sondern oft nur
aus äußeren Gründen, so z.B. aus der Liebe zu Reichtum und Besitz oder zur
Würden und Ehrenstellen. Auch verlocken mannigfache Reize dazu, wie Schönheit
oder sexuelle Begierde. Auch werden viele Ehen innerhalb der
Wohngemeinschaften, Städte und Dörfer, geschlossen, wo die Auswahl beschränkt
ist, und meist nur mit gesellschaftlich Gleichrangigen. Da aber die innere,
nicht die äußere Verbindung die eigentliche Ehe ausmacht, wird ihre wahre Art
erst offenbar, wenn der Mensch das Äußere ablegt und das Innere enthüllt wird
(49). 22,3 - Zwei Ehegatten im Himmel
= ein Engel Zuweilen bleiben frühere Verbindungen erhalten, zuweilen werden neue
mit Gleichgesinnten geknüpft. Dies geschieht denen, die schon auf Erden eine
liebevolle eheliche Verbindung ersehnt und vom Herrn erfleht hatten. Dann
wird dem Mann eine für ihn passende Gattin, der Frau ein ebensolcher Gatte
gegeben, denn in den Himmel können nur solche aufgenommen werden, die innerlich
vereinigt sind oder wie in Eins vereinigt werden können. Dort werden zwei
Ehegatten nicht zwei, sondern Ein Engel genannt (507). Zwei echte Ehegatten werden durch den Tod des einen nicht wirklich
getrennt, weil der Geist des Verstorbenen immerfort mit dem Geist des noch
nicht Verstorbenen zusammenlebt bis zum Tod des anderen. Dann kommen sie
wieder ganz zusammen und vereinigen sich wieder völlig und lieben sich noch
zärtlicher als vorher, weil sie in der geistigen Welt sind (321). Die in wahrhaft ehelicher Liebe leben, fühlen sich schon im irdischen
Dasein wie Ein vereinter Mensch oder wie „Ein Fleisch“. Da es heutzutage auf
Erden nur wenig wahrhaft eheliche Liebe gibt, und da hier die Ehegatten zudem
mit einem so groben Körper umhüllt sind, daß das Gefühl dafür, Ein
vereinigter Mensch oder Ein Fleisch zu sein, absorbiert wird und abstumpft,
endlich da die, welche ihre Ehepartner nur äußerlich und nicht innerlich
lieben nichts davon hören wollen, kann dies leichter als aus dem Munde eines
Erdenbewohners aus dem eines Himmelsbewohners bestätigt werden: Solche, die
schon Äonen hindurch mit ihren Ehegatten gelebt haben, versicherten, daß sie
sich in dieser Weise, als Ein Mensch, vereinigt fühlen, der Mann mit seiner
Frau, die Frau mit ihrem Mann, gegenseitig und wechselseitig (178). Sie wurden
Ein Mensch gemäß dem Wachstum der ehelichen Liebe und werden als Ehegatten
Zwei, nämlich Ehemann und Ehefrau, genannt, Einer aber, wenn man vom Engel
spricht (177). Auf Erden kann kaum wahrgenommen werden, daß die Ehe in den Seelen und
Gemütern andere, neue Formen schafft, denn hier sind diese mit einem materiellen
Körper umkleidet, durch den das Innere nur selten durchscheint. Zumal in
unseren Tagen lernen die Menschen schon früh, sich zu verstellen und ihre
Neigungen zu verstecken. In der geistigen Welt dagegen zeigt sich die
Veränderung durch die Ehe deutlich, da die Menschen nun Engel und Geister
sind, zwar auch in menschlicher Gestalt, aber entblößt von den Hüllen, die
aus der Materie gebildet wurden. Nun zeigt die Gestalt des Gemütes deutliche
Unterschiede zwischen denen, die wahrhaft ehelich leben und den im Grunde
Ehelosen. Die ersteren haben eine inwendigere Schönheit, der Mann nimmt von
der Frau die schöne Röte ihrer Liebe an und die Frau vom Mann den glänzenden
Schimmer seiner Weisheit, und in beiden erscheint das Menschliche in seiner
Fülle (192). 22,4 - Geistige Fortpflanzung im Himmel Da die Verbindungsfähigkeit und -Sehnsucht von Mann und Frau inwendig
in allem einzelnen des Mannes und allem einzelnen der Frau liegt, bleibt die
gegenseitige und wechselseitige Liebe der Geschlechter im Menschen auch nach
seinem Tod (37). Und da auch im anderen Leben der Mann Mann und das Weib Weib
ist und bleibt und beiden die Neigung zur Vereinigung eingeboren ist und
bleibt, suchen sie auch hier einen ähnlichen Umgang wie auf Erden. Im Himmel
ist die eheliche Liebe nun rein, keusch und heilig, und daher ist die
Vereinigung inniger und vollkommener, erfreulicher und beglückender (51). In den himmlischen Ehen findet auch Fortpflanzung statt, aber nicht von
Kindern, sondern geistige Fortpflanzung, nämlich von Neigungen und Gedanken
(52). Die beiden Ehegatten werden durch die letzten ehelichen Freuden und
Genüsse mehr und mehr zur Ehe des Guten und Wahren vereinigt, und Neigungen
und Weisheiten sind die Kinder, die daraus hervorgehen. Zudem werden die
Gatten infolge des fortwährenden Einfließens neuer Kräfte verjüngt und
erleuchtet. Im Greisenalter gestorbene Menschen kehren in den Frühling ihres
Lebens und in die Kräfte jenes Alters zurück und bleiben so in Ewigkeit (44). 22,5 - Der Ehesinn als Waage der ehelichen Liebe Es gibt Ehen, in denen die eheliche Liebe nicht erscheint und doch da
ist, und Ehen, die wahrhaft ehelich scheinen und es doch nicht sind. Dafür
gibt es mancherlei Ursachen, aber sie sind nur zum Teil auf Erden erkennbar.
Das einzig Entscheidende ist der im Wollen eines Menschen wohnende und dort
bewahrte eheliche Sinn, in was für einem Ehezustand er sich auch befinden
möge. Dieser Ehesinn ist gleichsam die Waage, mit der die eheliche Liebe
gewogen wird. Jeder Mensch wird im anderen Leben nach seinem Zustand als
vernünftiger und geistiger Mensch danach beurteilt und daraufhin erforscht,
wie es um seinen ehelichen Sinn, das heißt um die Sehnsucht nach dem Ehestand
als dem Kleinod und der inneren Heimstätte des menschlichen Lebens, Zustand
der Geschlechter nach dem Tod bestellt war. War er auf dem Weg zur wirklichen
Menschwerdung, dann wird für ihn eine Ehe im Himmel vorgesehen, wie auch
immer seine Ehe auf Erden gewesen sein mag. Deshalb soll man nie aus den
Scheinbarkeiten einer Ehe und auch nicht aus der Scheinbarkeit eines buhlerischen
Lebens darauf schließen, ob einer zuinnerst jenen Ehesinn hat oder nicht:
„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ (531). 22,6 - Das Los der Irdisch Ehelosen Alle wahrhaft ehelichen Ehen werden vom Herrn eingeleitet und geschlossen.
Die göttliche Vorsehung geht bis ins Allereinzelnste und ist allumfassend in
bezug auf die Ehen und in den Ehen. Alles Angenehme des Himmels quillt aus
dem Angenehmen der ehelichen Liebe wie erfrischendes Wasser aus der Quelle.
Immerzu wird dafür gesorgt, daß eheliche Paare geboren werden, und sie werden
unter der Leitung des Herrn beständig für die Ehe erzogen, ohne daß der Knabe
oder das Mädchen davon weiß. Herangewachsen finden sich Jüngling und Mädchen
wie durch geheime Führung irgendwo zusammen und erkennen sogleich, wie aus
Instinkt, daß sie einander innerlich gleichen. Sie denken, als wenn es ihnen
eine innere Stimme sagte: „Dies ist die meinige! Dies ist der meinige!“ Und
wenn sie in ihren Gemütern einige Zeit damit umgegangen sind, gestehen sie
es einander und gehen auf die Ehe zu. Man sagt, dies geschehe schicksalhaft
oder durch Instinkt oder Eingebung und meint damit eine geheime Führung, und
so ist es auch: der Herr schließt die inneren Ähnlichkeiten auf, sodaß sie
einander sehen und erkennen. Doch Er sieht solches auch für irdisch Ehelose,
die nach der wahrhaft ehelichen Liebe und einem wahrhaft ehelichen Partner
verlangen vor, und sorgt dafür daß sie in der anderen Welt einen ihnen
innerlich ähnlichen Menschen finden (229). Glückliche Ehen werden für sie
vorgesehen, in die sie aber erst, wenn sie im Himmel sind, eintreten. Die auf Erden in Klöstern waren, werden nach überstandenem Klosterleben,
das nach dem Tod noch eine Weile fortdauert, freigesprochen und daraus entlassen
und erhalten Freiheit für ihre Wahl, ob sie nun ehelich leben wollen oder
nicht. Wollen sie ehelich leben, so werden sie in eine Ehe eingeführt, wollen
sie es nicht, so werden sie zu den Ehelosen neben dem Himmel geführt,
entbrennen sie aber nun in sexueller Lust, so werden sie hinabgeworfen. Die
Ehelosen sind abgesondert zu Seiten des Himmels, weil die Sphäre der
beständigen Ehelosigkeit die der ehelichen Liebe, die eigentliche himmlische
Sphäre ist, anfeindet (54). Ich fragte Engel, ob die, welche sich der Frömmigkeit beflissen, dem
Gottesdienst ganz ergeben und so den Ablenkungen der Welt und den sexuellen
Lüsten entzogen und ewige Jungfrauschaft gelobt hatten, in den Himmel
aufgenommen werden und dort, ihrem Glauben gemäß, unter den Seligen
hervorragen. Sie gaben zur Antwort: Sie werden zwar aufgenommen, doch werden
sie traurig und ängstlich, gehen aus freien Stücken fort und werden
entlassen. Außerhalb des Engelhimmels werde ihnen dann der Weg zu
gleichgearteten Genossinnen geöffnet, bei denen sie sich erholen und
erheitern und einander erfreuen (155). 22,7 - Jesu Gespräch mit den Sadduzäern Man hat die Geschlechtslosigkeit der Engel oft vom Wort Jesu „in der
Auferstehung freien sie nicht und werden nicht gefreit, sondern sind den
Engeln gleich“, abgeleitet. Eine genaue Interpretation könnte klarstellen,
daß diese Worte überhaupt nicht von der Geschlechter ehe handeln, sondern
vom Verhältnis Schöpfer ‑ Geschöpf oder Herr ‑ Kirche. Die Frage
der Sadduzäer, welchem Mann eine siebenmal verheiratete Frau „in der
Auferstehung“ angehören werde, war eine jüdisch‑konfessionelle
Fangfrage. Den Sadduzäern, die nicht an ein Fortleben des Menschen nach dem
Tode glaubten, ging es dabei gar nicht um die Frage der Geschlechter und der
Ehe und das Schicksal der Eheleute, sondern um die Frage des Lebens nach dem
Tode, der Auferstehung von den toten. Deshalb verliert Jesus, der sie
durchschaut, in seiner Antwort kein Wort über die Ehe, sondern geht sofort
zum eigentlich gemeinten Problem über: „In der Auferstehung werden sie weder
freien noch sich freien lassen, weder heiraten noch sich heiraten lassen, sondern
sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel“, Matth. 22, 30., und noch
deutlicher bei Lukas: „Denn sie können hinfort nicht sterben; denn sie sind
den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind“,
20, 36. Er führt vom irdischen Sichverheiraten hinüber zur eigentlich gemeinten
Frage, ob der Mensch nach dem Tod weiterlebe und welche Folgen das irdische
Leben für das andere Leben habe. Die erste Frage beantwortet er mit den
Worten: "Habt ihr nicht gelesen von der Toten Auferstehung, was euch von
Gott gesagt ist, der da spricht: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott
Isaaks und der Gott Jakobs? Gott ist aber nicht ein Gott der Toten, sondern
der Lebendigen“, Matth. 22, 31 f., und wieder noch deutlicher bei Lukas:
„Daß aber die Toten auferstehen hat ja auch Moses gezeigt bei dem Dornbusch,
wenn er den Herrn nennt den ,Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott
Jakobs'. Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn
sie leben Ihm alle“, 20, 37f. Die zweite Frage führt er ebenso rasch auf das eigentlich gemeinte
Problem über. Niemand denkt wohl bei dem Wort „Himmel“ an den blauen Himmel
über der Erde, bei dem Wort freien aber klebt man am irdisch‑äußeren
Sinn. Es geht aber um das Geschick des Menschen in der geistigen Welt. Dafür
ist, wie wir oben gelesen haben, entscheidend, als welcher er hinübergeht,
welchen Wesenskern er mit hinübernimmt, das heißt, was für eine Ehe des
Guten und Wahren er auf Erden, dank seiner geistigen Verbindung mit dem Herrn
als Kirche oder mit dem Bräutigam als Braut, verwirklicht hat. Um diese Ehe
geht es hier, um dieses „freien und sich freien lassen“, um dieses
„verheiraten und verheiratet werden“. Diese ehelichen Verbindungen, diese das
Erdenleben andauernden Hochzeiten geschehen aber entscheidend während der
irdischen Lebensphase des Menschen. Sie formen sein Wesen, in ihnen wird die
Art seiner nachtödlichen Existenz grundlegend festgelegt, sie sind nur hier
auf Erden zu vollführen, nicht mehr nach dem Tod, dafür ist das Erdenleben
da. Später ist es zu spät dazu, „denn sie können hinfort nicht sterben“, sind
nicht mehr in der irdisch‑sterblichen Lebensphase, sondern bereits in
der, in der sich alles schon endgültig entschieden hat. Dann sind sie „wie
die Engel im Himmel“, das heißt dieser Ehe nach Entschiedene, und wenn die
Entscheidung für das Hinauf in den Engelshimmel gefallen ist, dann sind sie
„Kinder Gottes, Söhne Gottes, Söhne der Auferstehung“ oder „Söhne des
Brautgemachs“, Matth. 9, 15. Der Herr lehrt in diesem Gespräch (Matth. 22, 2-31, Mark. 12, 18-27,
Luk. 20, 27-38) zweierlei: erstens, daß der Mensch nach dem Tod aufersteht
und lebt, wie auch im Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus, Luk.
26, zweitens, daß man im Himmel nicht heiratet. Daß hiermit geistige Heiraten
gemeint sind, ergibt sich aus den Worten: ´denn sie können hinfort nicht
sterben`, das heißt jetzt ist alles grundsätzlich entschieden, jetzt sind
sie ´Söhne Gottes`. Unter ´Geistiger Hochzeit` wird die Verbindung mit dem
Herrn verstanden, die auf Erden geschieht, und wie sie auf Erden geschehen
ist, so ist sie auch in der geistigen Welt geschehen (41). Und damit beantwortet sich die andere Frage von selbst, welche Ehe
jener Frau nach dem Tode erhalten bleiben wird. Welche - oder vielleicht
keine? „In der Auferstehung“ wird auch aufgedeckt werden, wie es sich
zuinnerst in diesen Ehen verhalten hat. MEMORABILIA - DENKWÜRDIGE KUNDE AUS DER GEISTIGEN WELT 23,0 - Des Sehers Blick in die geistige Welt Ich sehe voraus, daß viele Leser das Folgende für Erfindung und Phantasterei
halten werden, allein ich versichere, daß es wirklich Geschehenes und Gesehenes
ist, gesehen nicht in einem Betäubungszustand, sondern in völligem Wachsein.
Denn es hat dem Herrn gefallen, sich mir zu offenbaren; und Er hat hierfür
das Inwendige meines Gemüts aufgeschlossen, worauf mir gegeben wurde,
gleichzeitig in der geistigen und in der irdischen Welt zu sein (1). Weil die Menschen von Kindheit an dahingehend unterrichtet werden, daß
der Mensch erst nach dem Jüngsten Gericht auferstehen und leben werde und
dies als ein vom Verstand nicht zu fassender Glaubenssatz hinzunehmen sei,
war notwendig, vom Gegenteil aus eigener Anschauung zu berichten. Mancher,
der nur seinen Sinnen traut, wird sagen: „Wenn die Menschen nach dem Tod
weiterlebten, würde ich sie sehen und hören“ oder: „Wer ist jemals vom Himmel
herab- oder von der Hölle heraufgestiegen und hat davon erzählt?“ Das war und
ist aber nicht möglich, denn die Engel des Himmels und die Geister der Hölle
können nur mit solchen reden, deren innere Regionen vom Herrn aufgeschlossen
und die von Ihm zur Aufnahme der Wahrheit zubereitet wurden. Es hat dem Herrn
gefallen, dies bei mir zu tun, auf daß der Zustand des Himmels und der Hölle
und der Zustand des Menschen nach dem Tode nicht unbekannt bleibe und schließlich
geleugnet werde (39). Swedenborg spricht oft von der Schwierigkeit, in den Möglichkeiten
unseres irdisch ‑menschlichen Denkens und Sprechens, in unseren Denkbegriffen
und Kategorien von den geistigen Wirklichkeiten zu berichten. Unsere
heutigen begrifflichen Formulierungen sind zudem für eine Denkwelt
zugeschliffen, die sich weit von andersartigen Erkenntnismöglichkeiten, von
urtümlichen Schaukräften entfernt hat. Ein Engel sagt einmal zu ihm: Willst
du, daß wir näher kommen? Dann aber nimm dich in acht, daß der flammende
Glanz des Himmels, aus dem wir herkommen, nicht zu tief in dich eindringe.
Aus seinem Einfluß werden zwar die höheren Ideen eures Denkens erleuchtet,
allein in der Welt, in der du lebst, sind sie nicht in Worte zu fassen. Nimm deshalb
das, was du sehen und hören wirst, deiner Vernunft gemäß auf und stelle es
für euer Denken faßbar dar. Das hat er so klar und verständlich wie nur
möglich versucht, dennoch wird man seine Schauungen nur verstehen, wenn man
sie nicht nur begrifflich nachvollzieht, sondern sie - was uns Kindern des
Rationalismus und Naturalismus schwer fällt! - nachschaut und meditiert. „In geistiger Weise denken ist Denken ohne Zeit und Raum, in irdischnaturgemäßer
Weise denken ist Denken mit Zeit und Raum, darum können sich die Geister
Gottes Wesen von Ewigkeit und Seine Allgegenwart ohne Raum vorstellen und
auf diese Weise etwas erfassen, was die Ideen des irdischen Menschen weit
überfliegt. Die menschlichen Begriffe, mit denen man die inwendigen Dinge
erfassen und formulieren kann, sind dafür ungeeignet, weil sie Naturhaftes
in sich schließen. In den Himmeln wird derlei dargestellt und ausgedrückt
mittels eines Wechselspiels von himmlischem Licht und himmlischer Flamme, und
dies in so völliger Genüge, daß die tausend und abertausend Innewerdungen
sich kaum niederbegeben können in etwas Innewerdendes im Menschen. Doch
bietet sich, was sich im Himmel begibt, in der Geisterwelt in Vorbildungen
von Gebilden dar, die sich in Ähnlichkeiten dem nähern, was in der irdischen
Welt in Erscheinung tritt und hierzu in Entsprechung steht.“ Ein Engel spricht von einer weiteren Schwierigkeit: „Schon in einer
kleinsten, scheinbar einfachen Substanz findet sich Zahlloses. Der Mensch
kann das kaum glauben, weil er immer nur das Einfache und den einfachen
Gegenstand wahrnimmt und nur aus dem Sinnlich-Faßbaren urteilt. Schon zu
einer einfachen Handlung aber wirken Myriaden von bewegenden Fasern zusammen
und ebenso zur Aussprache eines Wortes unzählige Bildungen der Lippen, Bewegungen
der Zunge und der Kehle, der Stimmritze und der Luftröhre, der Lunge und des
Zwerchfells mit all ihren Muskeln und Fasern. Da also schon die Wahrnehmung
von Irdischem so grob ist, wie grob erst werden die Wahrnehmungen von
Geistigem sein, das einer reineren Welt angehört, weit entfernt vom Sinnlichen
und anders geartet. Paulus nennt das, was er aus dem dritten Himmel vernahm,
´Unaussprechliches` und sagt: ´Wir reden von der heimlichen, verborgenen
Weisheit Gottes. Gott hat es uns offenbart durch seinen Geist`. Der
natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist, es ist ihm
Torheit, und er kann es nicht erkennen, denn es muß geistig aufgefaßt sein.“ Man hat gerügt, daß „in Swedenborgs Himmel soviel gesprochen wird“.
Nun, schon von einer Reise nach Paris berichtet jeder etwas anderes, je nach
Beruf oder Interesse; ein Maler anderes als ein Verkehrsfachmann, ein
Musiker anderes als einer, der auf amourose Abenteuer aus ist. Swedenborgs
Visionsberichte beginnen oft damit, daß er sagt, über welches Problem er
nachgedacht habe, und er schließt dann an, was ihm hierzu in der geistigen
Welt eröffnet wurde. Er war sein Leben lang Wissenschaftler und als solcher
insbesondere an der verbalen Klärung der ihn beschäftigenden Sachverhalte interessiert.
Daß er aber in der geistigen Welt nicht nur zuhört und spricht, sondern auch
schaut und Ereignisse miterlebt, wird der Leser auf Schritt und Tritt
bemerken. Sein Freund Graf Höpken ermahnte ihn einmal, nicht zu viele Visionsberichte
in seine Werke aufzunehmen: „Ich stellte diesem verehrungswürdigen Mann in
ziemlich ernster Weise vor, daß er am besten tun würde, seinen schönen
Schriften nicht so viele Offenbarungen beizumischen, aus welchen die Unwissenheit
nur einen Gegenstand des Scherzes und des Spottes mache. Allein er
antwortete mir, daß dies nicht von ihm abhänge und daß er zu alt sei, um mit
geistigen Dingen zu spielen, und zu sehr bekümmert um seine ewige Seligkeit,
um sich mit solchen närrischen Einwänden zu befassen, wobei er mir bei seiner
Hoffnung auf die Seligkeit versicherte, daß keine Einbildungskraft in ihm
diese Offenbarungen hervorgebracht habe, welche wahr seien und gegründet auf
das, was er gehört und gesehen habe.“ 23,1 - Der Mensch im anderen Leben „In der geistigen Welt wurde mir mitgeteilt: Wer da meint, der Mensch
sei nach dem Tod nur Seele und Geist und davon eine Vorstellung wie von
dünnem Äther oder Lufthauch hat, wer da meint, der Mensch werde erst nach
dem Tag des Jüngsten Gerichts fortleben, wer nichts weiß von der geistigen
Welt, in der die Engel und Geister, die Himmel und Höllen sind, der kann auch
nicht glauben, daß es im Himmel Ehen gibt.“ „Der Mensch lebt auch nach dem irdischen Tod als Mensch. Dies war
verwunderlicherweise auch bei den Christen unbekannt oder wurde angezweifelt,
obwohl diese doch das Wort des Herrn und daraus Erleuchtung über das ewige
Leben haben könnten. Der Herr selbst lehrt: ´Habt ihr nicht gelesen von der Auferstehung
der Toten? Gott ist nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott, denn Ihm
leben sie alle - Matth. 22, 30-31 und Lukas 20, 37-38. Mit den Neigungen und
Gedanken seines Gemüts ist der Mensch immerzu inmitten von Engeln und
Geistern und ihnen so eng beigesellt, daß er von ihnen nicht getrennt werden
kann, ohne aufzuhören zu sein. vom Urbeginn der Schöpfung an kam und kommt
jeder Mensch nach dem Tod zu den Seinigen, das heißt zu den ihm
Gleichgesinnten, er wurde und wird zu ihnen ´versammelt`, wie es in der Bibel
heißt. Zudem hat jeder Mensch ein allgemeines Innewerden, das ist ein
Einfließen der himmlischen Wahrheiten in das Innere seines Gemüts, dank dem
er diese inwendig aufnimmt und gleichsam schaut, also auch die Wahrheit, daß
der Mensch nach dem Tod weiterlebt. Daher sagt man, wenn ein naher Mensch gestorben
ist und man sein Denken über das Materiell‑Körperliche erhebt: ´Er ist
in Gottes Hand` oder ´Ich werde ihn nach meinem eigenen Tod wiedersehen und
aufs neue ein Leben mit ihm anknüpfen`.“ „Wer könnte nicht schon mit der Vernunft einsehen, daß der Mensch nach
dem Tode nicht jener bloße Geist ist, den sich manche als Lufthauch oder
Äther vorstellen, sehnsüchtig auf die Wiedervereinigung mit seinem Körper
harrend? Wer vermöchte nicht zu sehen, daß sein Zustand in diesem Fall
niedriger wäre als der der Tiere, deren Seelen nicht fortleben und die
deshalb nicht in solcher Angst, Sehnsucht und Erwartung bangen? Wäre der
Mensch nach dem irdischen Tod solch ein Geist, dann müßte er ja im Weltall
umherirren oder irgendwo bis zum Jüngsten Gericht aufbewahrt werden, und alle
seit Jahrtausenden wären noch immer in diesem angstvollen zustand, denn jede
Erwartung erzeugt und steigert Angst. Nichts wäre dann beklagenswerter denn
als Mensch geboren zu werden.“ „Der Mensch ist auch im anderen Leben Mensch, freilich nicht ein körperlicher,
sondern ein geistiger. Dennoch erscheint er sich völlig als der gleiche,
sodaß es ihm zuerst vorkommt, als lebe er noch in der irdischen Welt: er ist
weiterhin die Form seiner Neigungen und Gedanken, seines Wollens und Denkens,
und bleibt deshalb in Gestalt, Stimme und Benehmen der gleiche. Er ist nun
ein Geistwesen, doch bemerkt er diesen Unterschied nicht, weil er seinen
jetzigen Zustand nicht mit dem vorigen vergleichen kann. Ich habe Geister oft
sagen hören, sie wüßten nichts anderes, als noch im vorigen Leben zu sein,
nur sähen sie die nicht mehr, mit denen sie dort beisammen waren, dagegen
andere, die von dort abgeschieden. Das rührt eben daher, daß sie nun in der
geistigen Welt sind und hier nur ihresgleichen sehen können. Der Unterschied
zwischen dem Geistigen und Materiellen ist wie der zwischen dem Vorherigen
und Nachherigen. Das erstere kann, weil es reiner ist, dem anderen, Gröberen
nicht erscheinen, ebensowenig wie das Gröbere dem Reineren, und also auch
nicht der Engel dem Erdenmenschen, und umgekehrt.“ „Während seines Erdenlebens liegt der geistige Mensch im materiellen
wie in einer Hülle verborgen. Entscheidend ist nach dem Tod seine innerste
Liebe, seine Grundtendenz, sein Wesenskern. Von der Liebe kann man sich
keinen bestimmten Begriff bilden oder sie im Licht des Verstandes darstellen,
denn sie entspricht der Wärme, nicht dem Licht. Man sagt deshalb, sie sei
etwas Unbestimmtes, nicht Faßbares. Aber gerade sie ist das eigentliche Leben
des Menschen, nicht nur das Leben seines Körpers als Ganzes und all seiner
Neigungen und Gedanken, sondern auch das Leben aller einzelnen Teile. Man
kann davon etwas erkennen, indem man sich fragt: Wenn ich die Anregungen der
Liebe wegnehme, vermag ich dann noch etwas zu denken und zu tun? Erkaltet
nicht mit Trieb und Neigung der Liebe auch mein Denken, Reden und Handeln,
erwarmen sie aber nicht, wenn jene erwarmt? Von des Menschen Liebe, als
seiner Lebenswärme, bewirkt vom Feuer der Himmelssonne, die lauter Liebe ist,
stammt auch die Wärme des Blutes und dessen Röte.“ „Die Liebe ist das Sein oder das Wesen des Lebens im Menschen, das
Denken ist das Dasein oder die Existenz seines Lebens. Er denkt aus seiner
Liebe und gemäß derselben und spricht und handelt ihr wenn er in Freiheit
ist. Das Sprechen und das Handeln fließt nicht aus dem Denken, sondern aus
der Liebe mittels des Denkens. Nach dem Tod ist der Mensch also nicht sein
Denken, sondern seine Neigung und deren Denken oder seine Liebe und deren Einsicht.
Er legt dann alles mit seiner Liebe nicht Übereinstimmende ab und nimmt
allmählich Gesicht und Gestalt, Stimme und Gebärde, Benehmen und Sitte seiner
Lebensliebe an. Der ganze Himmel ist gemäß den Mannigfaltigkeiten der
Neigungen zum Guten geordnet, die Hölle dagegen gemäß allen Neigungen zum
Bösen.“ „Die unendlichen Verschiedenartigkeiten der Gesichter lassen erkennen,
daß jeder Mensch seine eigene Liebe hat, verschieden von der jedes anderen.
Das Angesicht ist ein Entsprechungsbild der Liebe, und die Gesichtszüge
wechseln je nach deren Neigungen. Die von der Liebe ausgehenden Wünsche
sowie alle Freuden und Leiden sind von ihnen abzulesen. Allerdings ist der
innere, geistige Mensch weit mehr Gestalt seiner Liebe als der äußere,
irdische, denn dieser hat von Kindheit an gelernt, sich zu verstellen und andere
Neigungen und Wünsche zur Schau zu stellen als seine ureigenen. Der nach dem
Tod fortlebende Geistmensch aber ist die offenbarende Darstellung seiner
Liebe.“ „Weil der Mensch nach dem Tode als Mensch weiterlebt, der Mensch aber
männlich oder weiblich und beides grundverschieden, nicht austauschbar oder
vom einen ins andere veränderbar ist, lebt der Mann im anderen Leben als
Mann, das Weib als Weib. Im Mann ist alles männlich, im Weib alles weiblich,
bis in die kleinsten Körperteile und in jede Regung des Gefühls und jeden
Begriff des Denkens; infolgedessen bleibt in ihnen auch der von der Schöpfung
her in sie eingepflanzte Drang zur Verbindung und alles dieser Verbindung
Dienliche. Beide streben und verlangen nach Vereinigung zur Einheit. Beide
sind so geschaffen, daß aus zweien Ein Mensch werden kann und will, und ohne
dies Einswerden sind sie nicht in ihrem Vollbestand. Daher gibt es auch im
Himmel, wo der Mensch vollkommener Mensch in vollkommener Form ist, Ehen“
(aus „Himmlische Geheimnisse“). 23,2 - Die Enthüllung des inneren Menschen nach dem Tod Jeder Mensch wird nach seinem Tod in der geistigen Welt von Engeln
auferweckt. Nach dieser seiner „Auferstehung“ folgt in der Geisterwelt die Sichtung
seines Inneren: „Löset die Flocken los, die ihn umgeben“, auf daß das
Äußerlich‑Irdische, der „Erdensohn abgestreift“ werde (Goethe, Faust
II). Dann wird sein Inneres, sein Wesenskern offenbar, und er gesellt sich
aus eigenstem Antrieb denen bei, mit denen er schon während seines
Erdenlebens verbunden war. Die Engel des Himmels sowohl wie die Geister der Hölle sind Menschen,
erstere in vollkommener Gestalt, letztere in unvollkommener und oft kaum mehr
menschlicher Gestalt (27). Sie sind Geistwesen mit Sprache und Sinnen (31).
in ihren Gestalten sowie in den Gegenständen ihrer Umgebung stellt sich ihr Inwendiges
dar und tritt in „ Vorbildungen“ - Tages‑ und Nachtzeiten,
Landschaften, Bäumen und Pflanzen, Tieren und Vögeln, Häusern und Wohnungen -
hervor, die Entsprechungen seelischgeistiger Zustände sind. „In der geistigen Welt offenbart sich das wahre Wesen des Menschen; das
dortige Äußere ist Ebenbild des Inneren. Das Auswendige macht mit dem Inwendigen
Eins aus, das Inwendige stellt sich im Auswendigen gestalthaft dar. So wird
also mit einem Blick erkannt, wie jeder innerlich beschaffen ist. Die einen
sind Abbilder ihres Himmels, die anderen Abbilder ihrer Hölle. An jedem wird
in der geistigen Welt aus seiner menschlichen oder unmenschlichen Form erkannt,
wieviel er vom Herrn aufnimmt oder nicht aufnimmt, und das heißt wieweit er
wirklich Mensch ist. Ist er vom Herrn im Guten und Wahren und hieraus in der
Weisheit und Einsicht, dann hat er auch vollkommene Menschengestalt.
Umgekehrt ist es in der Hölle: die dort erscheinen im Lichtschein des Himmels
nicht als Menschen, sondern als Ungeheuer, denn sie sind im Bösen und
Falschen, also im Gegenteil des Guten und Wahren. Die Bösen erscheinen in der
Entsprechungsgestalt ihres Bösen und Falschen, also, weil sie im Gegenteil
der tätigen, himmlischen Liebe sind, als schreckliche Ungeheuer. Unter sich
sehen sich die Höllischen als Menschen, doch das ist Täuschung: sobald ein wenig
Licht aus dem Himmel eingelassen wird, verwandeln sie sich in jene Mißgestalten,
die sie an sich sind. Weil das Licht des Himmels die göttliche Weisheit ist,
werden in diesem Licht alle so erkannt, wie sie wirklich beschaffen sind.
Wenn die Höllen geöffnet werden, erscheint etwas Feuriges mit Rauch wie bei
Feuersbrünsten: etwas dicht Feuriges aus den Höllen, in denen die Liebe zu
sich, und etwas Flammiges in denen, in welchen die Liebe zu Besitz und
Einfluß in der Welt herrscht.“ „Wie in der geistigen Welt das Inwendige eines jeden offen zutage liegt
in seinem Gesicht und in seiner Gestalt und nicht das Geringste verborgen
bleibt, erscheint auch der Erdenmensch, wenn er seinem Geiste nach von den
Engeln gesehen wird: ist er gut, dann als schöner Mensch je nach der Art
seines Guten, ist er böse, dann als Mißgestalt, häßlich je nach der Art
seines Bösen.“ 23,3 - Engel und Teufel in Goethes "Faust" Goethe hat sich bei der Abrundung seines Faust mit den in der geistigen
Welt spielenden letzten Szenen des II. Teils der Tragödie an das bei
Swedenborg Gelesene erinnert. Er läßt die „Engel“ und die „seligen Knaben“
und anderseits die „Teufel“ und „Satane“ in den Gestalten auftreten, die der
nordische Seher in den Himmeln und Höllengeschaut hat: die Engel als
„himmlische Heerscharen“ in der „Glorie von oben“, als „edlen Geisterchor“
und „junge Geisterschar“ in schönster menschlicher Gestalt, „lieblich“ mit
„holden Gliedern“, als „liebende Flammen“, aus Liebe tätig, „tüchtig“, den
Menschen beizustehen, „freundliche Spuren zu wirken“ und die Teufel zu
„treffen“, daß sie „fliehen“, endlich „die Liebenden in den Himmel“ hereinzufahren
und ihnen „mit herzlichem Willkommen zu begegnen“. Die Teufel und Satane dagegen
erscheinen als „Herrn vom graden, Herrn vom krummen Horne, von altem Teufelsschrot
und Korne“. „Der greuliche Höllenrachen tut sich auf; Eckzähne klaffen, dem
Gewölb des Schlundes entquillt der Feuerstrom in Wut und in dem Siedequalm
des Hintergrundes seh` ich die Flammenstadt in ewiger Glut. Nun wanstige
Schuften mit den Feuerbacken! Klotzartige, kurze, nie bewegte Nacken! Ihr
Firlefanze, flügelmännische Riesen, greift in die Luft, versucht euch ohne
Rast, die Arme strack, die Klauen scharf gewiesen. Hiobsartig, Beul' an
Beule, der ganze Kerl, dem's vor sich selber graut“, der die Gesänge der
Engel als „Mißtöne, garstiges Geklimper“ hört, „von oben kommt`s mit
unwillkommnem Tag“, dem sich die von den Engeln gestreuten Rosen in „giftig
klare Flammen“ und in „eklen Gallertquark“ verwandeln: „Es klemmt wie Pech
und Schwefel mir im Nacken. Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt,
ist dies das Liebeselement? Der ganze Körper steht im Feuer“. So werden wir
den himmlischen und höllischen Geistern in den folgenden Berichten begegnen. 23,4 - Von den Entsprechungen des menschlichen Körpers mit dem „Größten
Menschen“ „Wunderbares darf ich berichten und beschreiben: Der ganze Himmel ist
gebildet als Entsprechung des Herrn, der ganze Mensch als Entsprechung des
Himmels und durch den Himmel des Herrn. Dies ist in der geistigen Welt nicht
nur den Engeln, sondern auch den Geistern, ja sogar den bösen bekannt. Die
Engel entnehmen daraus die tiefsten Geheimnisse, die im Menschen, im Kosmos
und in der irdischen Natur verborgen sind. Wenn ich auf einen Teil des menschlichen
Körpers zu sprechen kam, kannten sie nicht nur dessen Bau und Organe, ihre
Funktionen und Wirkungen, sondern noch unzählig mehr von seiner Ordnung und
Aufgabe, und zwar aus dem Einblick in die himmlische Ordnung, der die Ordnung
und Aufgabe der Glieder oder Organe im menschlichen Körper entspricht.“ „So wurde ich darüber belehrt, daß nicht nur das, was dem menschlichen
Gemüt, das heißt seinen Neigungen und seinem Denken, angehört, in Entsprechung
steht zum Geistigen und Himmlischen, sondern ebenso alles in seinem Körper.
Ferner, daß der Mensch nur von daher entsteht und fortwährend besteht, und
endlich, daß er ohne diese seine Entsprechung mit dem Himmel und durch
diesen mit dem Herrn, also des Früheren und Ersten mit dem Späteren, nicht
einen Augenblick leben könnte, sondern ins Nichts zerfallen würde.“ „Ich durfte weiterhin erfahren, daß nicht nur der Himmel im allgemeinen
den Menschen belebt, sondern daß dies die himmlischen Gemeinschaften bewirken,
die ja nach ihrer besonderen Art diesem oder jenem Glied oder Organ des
Körpers zugeordnet sind. Diesen Gemeinschaften entsprechen die einzelnen
Eingeweide, Bewegungs‑ und Empfindungsorgane und Glieder, und aus
ihnen fließt Himmlisches und Geistiges der Ordnung gemäß in den Menschen ein
und bringt die Wirkungen hervor, die der Mensch wahrnimmt. Die göttliche und
daher die himmlische Ordnung endigt im Irdischen und im Körperlichen des
Menschen als im Äußersten ihrer Ordnung und ihres Einflusses. Zusammen
bilden diese Gemeinschatten den Größten Menschen (homo maximus) als dessen
Glieder und Organe. Je mehr Menschenwesen zu ihm stoßen, desto mehr nehmen
seine Kräfte und Wirkungen zu.“ „Alle Geister und Engel erscheinen als Menschen, mit menschlichem
Antlitz und in menschlicher Gestalt, mit menschlichen Organen und Gliedern,
weil ihr Innerstes zu dieser Gestalt hinstrebt. Der Herr allein weiß, wie der
erste Keim im Ei und dann im Mutterleib und wie ebenso das Innerste des
Menschen zur Bildung der menschlichen Form hinstrebt und hintreibt. Die Form
des Himmels geht in jeden Menschen ein und will ihn sich gleich machen, also
zu einem Menschen, und wer eine Entsprechung des Himmels ist, nämlich in und
aus der Liebe zum Herrn und in Liebtätigkeit für seine Mitmenschen lebt,
gehört seinem Geist nach zum Himmel, wenn auch seinem Leib nach noch zur
Erdenwelt. Er ist ein kleiner Himmel in menschlicher Gestalt.“ "Eines Morgens war ich im Umgang mit Engelgeistern und bemerkte,
daß deren gewohntes Zusammenwirken von Wollen, Denken und Reden bis in die
Hölle drang und sich dort fortsetzte, sodaß es schien, als wirkten sie mit
den Höllischen zusammen. Das rührte daher, daß das Gute und Wahre, das in den
Engeln ist, sich bei den Höllischen wie durch einen unerklärlichen Wechsel in
Böses und Falsches verwandelt, und zwar stufenweise in den Graden seines
Hinabfließens bis es sich in der Hölle in das Zusammenwirken der Begierden
des Bösen mit den Überredungen zum Falschen verkehrt. Auf diese Weise werden
die Höllen, obwohl sie nicht im Größten Menschen sind, auch zu einer Ganzheit
gemacht, in der Ordnung erhalten und vom Herrn regiert und bilden so auch
Gemeinschaften, nämlich die den himmlischen diametral entgegengesetzten. So
heiter und hell die Lichtsphäre und so sommerlich die Wärme in den Himmeln
ist, so dicht vernebelt und finster ist die Atmosphäre in den Höllen und so
eisig die dortige Kälte, entsprechend den Falschheiten und dem Haß der
Höllischen.“ „Der Herr allein ist der Mensch, und nur soweit der Engel, der Geist
oder der Erdenmensch sein Wesen von Ihm hat, ist er wahrer Mensch. Niemand
glaube, ein Mensch sei schon Mensch, weil er einen menschlichen Körper mit
Gehirn, Eingeweiden und Gliedern hat - dies alles ist nur materiell‑irdisch,
und er hat es mit den Tieren gemein. Der Mensch ist Mensch, weil er wie ein
Mensch wollen und denken und sich dadurch auf das einzig und eigentlich
Menschliche, nämlich auf den Herrn hin ausrichten, Ihn aufnehmen und sich mit
Ihm verbinden kann. Im anderen Leben wird offenbar, wieweit er wirklich
Mensch ist, das heißt sich jenes Menschliche durch die Aufnahme angeeignet
hat. Die es angenommen haben, werden mit Einsicht und Weisheit und daher mit
unaussprechlicher Seligkeit begabt und Engel, das ist: wahre Menschen. Die
dagegen, die es nicht angenommen haben, die sich selbst geliebt, ja verehrt
und folglich das als alleiniges Ziel verfolgt haben, was ihnen selbst und der
Erdenwelt angehört, werden nach dem kurzen Erdenlauf im anderen Leben aller
scheinbaren Einsicht entkleidet und stumpfsinnig. Da ihr inneres Leben dem
wirklichen Leben völlig entgegengesetzt ist, stehen sie nicht in Entsprechung
mit den Organen und Gliedern des Körpers, sondern mit deren Entartungen und
Krankheiten, mit Krankheitsstoffen in den feineren Teilen des Blutes, die
Kälte und Erstarrung und tödliche Erkrankungen bewirken, und mit dem Urin,
der eine unreine, unbrauchbare und also auszustoßende Körperflüssigkeit ist“
(Aus „Himmlische Geheimnisse“). 23,5 - Von der himmlischen
Harmonie „Viele bringen nach ihrem Abscheiden von der Erde die Meinung ins
andere Leben, Hölle sei für jeden das gleiche und Himmel sei für jeden das
gleiche. In Wahrheit gibt es, wie ich in der geistigen Welt erfahren durfte,
in beiden unausdenkliche Unterschiede und Mannigfaltigkeiten. Nie hat einer
den gleichen Himmel wie ein anderer; ebensowenig wie zwei völlig gleiche
Menschen gibt es gleiche Engel oder Geister. Als ich dies nur als Möglichkeit
dachte, entsetzten sich die Geister und Engel und klärten mich auf: Alle
Einheit bildet sich aus dem Zusammenklang vieler Verschiedener und ist so
beschaffen wie deren Grundstimmung. Nie kann es Einheit schlechthin als
Uniformität geben, sondern nur einheitlich zusammenstimmende Symphonie von
vielen verschiedenartigen Einzelnen. Sie nimmt qualitativ mit der Quantität
zu. Ähnliche Einzelne bilden in der geistigen Welt eine Gemeinschaft und alle
die vielartigen Gemeinschaften zusammen den Himmel und andererseits die
Hölle.“ „Die himmlische Einheit wirkt allein der Herr durch die ewige Liebe.
Einmal zählte ein Engel nur die allerallgemeinsten Gattungen der Freuden der
Geister und des untersten Himmels auf, und schon diese ergaben Hunderte.
Daraus kann man darauf schließen, wie unzählbar viele Sondergattungen und gar
wieviel Arten dieser Gattungen es gibt, und sind ihrer schon hier so viele,
wieviel mehr müssen die höheren Himmel umfassen!“ „Gleichwie im menschlichen Körper alles und jedes zu allgemeinen und
speziellen Zwecken zusammenwirkt, so ist es auch im Reich des Herrn, das
gleichsam Ein Mensch ist und deshalb der Größte Mensch, homo maximus, genannt
wird. Dort trägt jeder auf seine Weise das Seinige zu den Seligkeiten aller
bei, nach einer allein vom Herrn stammenden und fortwährend erhaltenen
Ordnung. Sie hat ihren Ursprung darin, daß sich der Himmel als Ganzes auf den
Herrn bezieht, wie auch im Besonderen jede Gemeinschaft und jeder Einzelne“
(Aus „Himmlische Geheimnisse“). Ich sah in der geistigen Welt eine Wolke, in Wölkchen zerteilt. Einige
waren blau, andere dunkel. Sie kämpften gleichsam miteinander, und da und
dort brachen aus ihnen Strahlen, bald scharf wie Dolche, bald stumpf wie alte
Degen. Doch war dieser scheinbare Kampf der verschiedenfarbigen Wölkchen nur
Sinnspiel und geschah über einem Haus, in dem sich Knaben und junge und alte
Männer versammelt hatten. „Was gibt es dort?“ fragte ich. „Da werden Jünglinge
in die Weisheit eingeführt!“ Ich ging auch hinein und sah ein Podium und
darum Sitzreihen und über dem Podium eine Tribüne, auf der ein weiser Mann
saß und die Themen angab. Das erste war: „Was ist die Seele? Wie ist sie beschaffen?“
Da entstand eine Unruhe, und Stimmen wurden laut, wie: „Welcher Mensch konnte
jemals erkennen und erfassen, was die Seele und wie beschaffen sie ist? Das
übersteigt doch den menschlichen Horizont!“ Aber von der Tribüne her hörte
man: „Nein, nein, das geht nicht über euren Verstand, sondern liegt in und
vor ihm. Denkt nur darüber nach!“ Da standen fünf für diesen Tag ausgewählte Jünglinge auf und bestiegen
nacheinander das Podium. Jeder legte dabei ein opalfarbenes Untergewand und
ein mit Blumen durchwirktes Obergewand an und setzte einen Hut auf, den ein
mit Saphiren durchsetzter Rosenkranz zierte. Der Erste begann: „Von der
Schöpfung an wurde noch nie einem Menschen offenbart, was die Seele ist und
wie beschaffen sie ist. Das ruht als Geheimnis im Herrn! Nur das wissen wir,
daß sie im Menschen wie eine Königin residiert, und viele Forscher versuchten
herauszufinden, wo ihr Sitz im Menschen sei. Einige vermuteten ihn in der Zirbeldrüse
zwischen dem Groß- und Kleinhirn, weil der Mensch von diesen beiden Gehirnen
aus regiert wird und jene Drüse beide anregt. Von den Gehirnen gehen
Wirkungen aus, die den Menschen vom Kopf bis zum Fuß bestimmen. Das erschien
vielen als wahr oder zumindest wahrscheinlich, aber es wurde später
verworfen“. Er legte Gewand und Hut ab und ging hinweg, und sein Nachfolger
bekleidete sich und sagte: „Man ahnt zwar, was die Seele ist und wie beschaffen sie zu sein
scheint, aber um ihren Sitz wird nur herumgeraten. Sicherlich befindet er
sich im Kopf, denn hier denkt der Verstand und strebt das Wollen, und hier
sind auch, im Gesicht, die Sinnesorgane des Menschen. Wo sich ihr Sitz aber
genau befindet, wage ich nicht zu behaupten. Einmal stimme ich denen zu, die
ihn den drei Kammern des Großhirns zuweisen, dann wieder denen, die sich für
die Gehirnnerven, oder denen, die sich für die Hirnhaut entschieden haben.
Für alles sprach etwas, für jeden etwas anderes. Entscheidet aber ihr und
wählt das Richtigere!“ Er stieg herab und übergab das Gewand dem Dritten. Dieser entwickelte Folgendes: „Wie soll ich junger Mensch eine so erhabene
Frage beantworten? Auch ich kann nur Mutmaßungen äußern über den Sitz der
Seele. Ich vermute ihn im Herzen und von daher im Blut, und ich begründe dies
damit, daß das Herz mit seinem Blut sowohl den Leib wie den Kopf regiert. Es
sendet das Blut aus in die Adern und erhält, nährt und belebt das ganze
organische System des menschlichen Körpers. Auch las ich in der Heiligen
Schrift: ´Du sollst Gott lieben von ganzer Seele und von ganzem Herzen`, und:
´Gott schaffe im Menschen eine neue Seele und ein neues Herz, oder: ´Das
Blut ist die Seele des Fleisches`!“ Nun kam der Vierte an die Reihe: „Auch ich bin der Ansicht, daß sich
der Scharfsinn erfolglos mit dieser Frage abmüht, denn niemand wird sie je
beantworten können. Doch blieb ich für mein Teil bei der überlieferten
Auffassung, die Seele sei im Ganzen des Menschen und darum auch in allen
seinen Einzelteilen. Ich halte es für Unsinn, ihr irgendwo in einem
Körperteil einen besonderen Sitz zuzuweisen. Auch ist die Seele eine geistige
Substanz, von der nicht Ausdehnung und Ort auszusagen ist, sondern nur Einwohnen
und Erfüllen. Wer meint nicht das Leben, wenn er die Seele nennt, und das
Leben ist doch nicht nur in einem Einzelteil, sondern im Ganzen.“ Der Letzte schloß die Antworten ab: „Ich will mich nicht dabei aufhalten,
den Sitz der Seele zu bestimmen, sondern mich darüber äußern, was sie ist und
wie beschaffen sie ist. Jeder stellt sich die Seele als etwas Reines vor, dem
Äther, der Luft oder dem Wind vergleichbar. Aus ihr kommt dem Menschen
Lebenskraft infolge seiner Vernünftigkeit, die er dem Tier voraus hat. Ich
wurde in dieser Auffassung bestärkt dadurch, daß man sagt, der Mensch hauche
seine Seele aus oder gebe seinen Geist auf, wenn er stirbt. Man hält also
auch die nach dem Tod fortlebende Seele für einen solchen Hauch, in dem denkendes
Leben enthalten ist. Ihr habt gesagt, die Antwort auf eure Frage übersteige
nicht unseren Verstand - so ersuche ich euch also, uns dieses Geheimnis zu
offenbaren!“ Dann legte er die Gewänder ab und setzte sich wieder. Nun richteten sich aller Augen auf den weisen Mann, der die Frage vorgelegt
hatte, und da er merkte, daß man von ihm Auskunft erwarte, ging er zum Podium
und sprach, die Hand ausstreckend: „Merktwohl auf! Wer glaubt nicht, daß die
Seele das innerste und feinste Wesen des Menschen sei? Was aber ist ein Wesen
ohne Form? Ja, die Seele ist eine Form, sie ist die Form alles dessen, was
zur Liebe, und alles dessen, was zur Weisheit gehört. Alles zur Liebe
Gehörige und von ihr Ausgehende nennt man Triebe, Neigungen, Emotionen,
Affekte, und alles zur Weisheit Gehörige und von ihr Ausgehende Denken,
Wahrnehmen, Einsehen, Verstehen. Dieses aus jenem und daher mit ihm bildet
Eine Form, in der sich Unzähliges so in Ordnung, Reihenfolge und Zusammenhang
findet, daß man es Eines nennen kann. Das ist auch richtig, weil man nichts
davon wegnehmen und nichts hinzufügen kann, ohne die Form zu verändern. Eine
solche Form ist, wie gesagt, die menschliche Seele. Alles, was zur Liebe, und
alles, was zur Weisheit gehört, alles im Gemüt Gewollte und Gedachte sind
ihre Wesensbestandteile, und von der Seele her sind sie auch im Kopf und im
Leib des Menschen. Ihr heißt Geister und Engel und habt während eures Erdenlebens
geglaubt, die Geister und Engel seien so etwas wie Winde oder ätherische
Wesen und ihnen gleich auch die Seelen - jetzt aber seht ihr, daß ihr
wahrhaftig, wirklich und tatsächlich Menschen seid, die Menschen, als die ihr
auf der Erde gelebt und in eurem materiellen Körper gedacht habt. Ihr wußtet,
daß dieser Körper nicht lebt und denkt, sondern eine geistige Substanz in
ihm, und diese nanntet ihr Seele. Ihre Form kanntet ihr nicht, aber jetzt
seht ihr sie. Ihr alle seid jene Seelen, über deren Unsterblichkeit ihr so
viel gehört, nachgedacht und geschrieben habt, und weil ihr Formen der Liebe
und Weisheit von Gott seid, könnt ihr in Ewigkeit nicht sterben. Die Seele
ist also die menschliche Form, von welcher nichts weggenommen und der nichts
hinzugefügt werden kann. Sie ist die innerste Form aller Formen des Gemütes
und des Leibes. Und weil die äußeren Formen von den innersten sowohl Wesen
wie Form empfangen, darum seid ihr so, wie ihr vor euch und uns erscheint,
Seelen. Kurz: die Seele ist der Mensch selbst, weil sie der innerste Mensch
ist und deshalb ist ihre Form vollständig und vollkommen menschliche Form.
Sie ist aber nicht selbst Leben, sondern das nächste und innerste
Aufnahmegefäß des Lebens aus dem Schöpfer und so eine Wohnung des Herrn.“ Einige zollten Beifall, andere sagten: „Wir wollen es überdenken!“ Als
ich wegging, sah ich über dem Haus an Stelle jener Lufterscheinung mit dem
Wolkenkampf eine weiße Wolke ohne gegeneinander kämpfende Strahlen. Ihre
Helligkeit drang durch das Dach ein und erleuchtete das Innere, und ich
hörte, daß vorgelesen wurde: „Der Herr blies in die Nüstern des Menschen die
Seele der (beiden) Leben, und der Mensch ward zur lebendigen Seele“ (315). 25,0 - Die Ehe des Guten und Wahren Als ich um Mitternacht erwachte, sah ich gen Osten einen Engel, der in
seiner Rechten ein licht glänzendes Blatt hielt. Darauf stand mit goldenen
Buchstaben geschrieben: Ehe des Guten und Wahren. Aus der Schrift schimmerte
ein breiter Lichtkreis hervor, glänzend wie die Morgenröte im Frühling. Der
Engel stieg hernieder, und dabei verwandelte sich die Schrift aus Gold in
Silber‑ Kupfer‑, Eisen‑ und endlich in Rostfarbe. Zuletzt
schien es, als trete der Engel in ein dunkles, dichtes Gewölkein und
durchschreite es, bis er in der Geisterwelt, in die alle Menschen nach ihrem
Tod zuerst kommen, anlangte. Hier war das Blatt nicht mehr zu sehen, und der
Engel sagte zu mir: „Frage die, welche hierher kommen, ob sie mich oder etwas
in meiner Hand sehen!“ Es kamen Scharen von allen Himmelsrichtungen, und ich
fragte die aus Morgen und Mittag, die in der Welt Gelehrte gewesen waren,
aber sie sagten, sie sähen nichts. Da fragte ich die aus Abend und
Mitternacht, die den Worten der Gelehrten geglaubt hatten, aber auch sie
sahen nichts. Schließlich, als die meisten anderen schon weggegangen waren,
meldeten sich einige Einfältige, die dank ihrem Gutsein auf Erden etwas Wahres
geahnt hatten, und sagten, sie sähen einen Mann in schöner Kleidung, der ein
Blatt in der Hand halte, und sie entzifferten dann auch die Schrift. Ja, sie
sprachen den Engel an und baten ihn, er möge sagen, was das bedeute, und er
sagte: „Im ganzen Himmel und in der ganzen Welt gibt es nichts, das nicht
Gutes und Wahres ehelich verbunden in sich birgt, denn alles Belebte und
Beseelte und Unbelebte und Unbeseelte ist aus der Ehe des Guten und Wahren
und wiederum zu dieser erschaffen. Nichts ist nur zum Guten oder nur zum
Wahren erschaffen, ja beide sind isoliert nichts Wirkliches und Wirksames,
sondern werden es erst durch ihr eheliches Zusammenwirken und sind dann von
gleicher Beschaffenheit wie dieses. Im Herrn, dem Schöpfer, aber ist das
göttlich Gute und das göttlich Wahre in seiner ewigen Fülle. Des Schöpfers
Sein ist das Göttlich Gute, Sein Existieren das Göttlich Wahre, und Er ist
auch beider Vereinigung selbst, in Ihm machen sie in unendlicher Weise Eins
aus. Weil also diese zwei in Ihm Eins sind, so sind sie auch in allem und
jedem von Ihm Geschaffenen Eins, und dadurch ist der Schöpfer mit allen
Geschöpfen durch einen ewigen Bund gleich dem der Ehe vereinigt.“ Einige von denen, die vorher die Schrift nicht gesehen hatten, waren
noch in der Nähe geblieben und sagten jetzt: „Ja, ja, wir fassen es!“ Da
forderte sie der Engel auf, sich ein wenig von ihm abzuwenden, und dann das
Gleiche zu sagen. Sie gehorchten ihm und sagten nun: „Dem ist nicht so!“ Nun fuhr der Engel fort und sprach von der Ehe des Guten und Wahren bei
Ehegatten: „Wenn die Gemüter zweier Ehegatten ehelich verbunden sind, der
Mann als das Wahre und die Frau als sein Gutes, dann haben beide teil an den
seligen Wonnen der Unschuld und am Glücklichsein der Engel des Himmels. Die
Zeugungskraft des Ehemannes ist im Zustand beständigen Frühlings, im Streben
und in der Kraft, sein Wahres fortzupflanzen, und die Frau ist im Zustand
immerwährender Empfängnis seiner Wahrheiten aus ehelicher Liebe. Die
Weisheit, die dem Mann alsdann vom Herrn geschenkt wird, empfindet nichts
freudiger, als sich fortzupflanzen, und die Liebe zur Weisheit des Mannes,
die der Frau eigen ist, empfindet nichts köstlicher, als sie gleichsam im
Mutterschoß zu empfangen, auszutragen und zu gebären. In diesen geistigen
Fortpflanzungen haben auch die irdischen ihren Ursprung.“ Der Engel verabschiedete sich nun mit dem Friedensgruß und erhob sich
wieder und stieg, nachdem er das dichte Gewölk hinter sich hatte, zum Himmel
empor. Dabei erglänzte das Blatt wieder wie zuvor, gemäß den Graden seiner
Auffahrt. Und siehe, der Lichtkreis senkte sich herab und zerstreute das Gewölk,
und der Himmel wurde heiter vom Sonnenschein (115). 26,0 - Was bedeutet „rechts“ und „links“? In Seelenruhe und süßem Frieden lustwandelte ich in der geistigen Welt,
als ich auf einmal in der Ferne einen Hain sah mit einem Laubengang, der auf
ein prächtiges Gebäude zuführte. Jungfrauen und Jünglinge und Frauen und
Männer gingen hinein. Ich näherte mich dem Park und fragte einen Wächter, ob
ich auch eintreten dürfe. Er maß mich mit den Augen, und als ich nach dem
Grund fragte, sagte er: „Ich blicke dich an, um zu erforschen, ob das
Friedvolle in deinem Gesicht vom Lieblichen der ehelichen Liebe herrührt!
Hinter diesem Laubengang ist nämlich ein kleiner Garten und mitten darin das
Haus zweier Neuvermählter, denen ihre Freundinnen und Freunde gratulieren. Da
ich nicht weiß, wer kommen wird, wurde mir gesagt, ich würde an den
Gesichtern erkennen, wen ich einlassen dürfe“. Alle Engel können aus den
Gesichtszügen die Herzenslust der Geister ablesen, und so leuchtete für ihn
mein heiteres Nachdenken über die eheliche Liebe aus meinen Augen hervor und
erhellte mein Gesicht. Er gestattete mir, einzutreten. Ich ging durch den Laubengang
in den Garten, dessen Büsche und Blumen lieblich dufteten. Sie standen
paarweise beieinander, und ich hörte, daß solche Gärten um die Häuser
erscheinen, in denen Hochzeiten gefeiert werden, und daß sie deshalb
Hochzeitsgärten genannt werden. Dann betrat ich das Haus und erblickte die
Brautleute, die sich bei den Händen hielten und miteinander sprachen. Ihre Gesichter
waren Ebenbilder der ehelichen Liebe und ihre Unterhaltung offenbarte deren
Lebenskraft. Auch ich wünschte ihnen Glück und Segen und ging dann wieder
hinaus in den Garten und mit anderen nach rechts auf eine Gruppe von Jünglingen
zu. Sie sprachen über die eheliche Liebe, und dies Thema übte auf alle eine
geheime Anziehungskraft aus. Ich gebe wieder, was ich hörte, und insbesondere, was ein Weiser sagte:
„Die göttliche Vorsehung waltet in allem und in jedem einzelnen und daher
auch allumfassend in den Ehen und im besonderen in den himmlischen Ehen.
Alle Seligkeiten des Himmels entspringen den Lustgefühlen der ehelichen Liebe
wie süße Wasser einer lieblichen Quelle. Darum wird vom Herrn allezeit
vorgesehen, daß Knaben und Mädchen als künftige Ehepaare geboren werden.
Ohne davon zu wissen, wachsen sie heran und werden dafür im Geheimen
erzogen. Ist es an der Zeit, dann treffen sich beide wie zufällig irgendwo,
fallen sich in die Augen, spüren instinktiv ihre innere Gleichartigkeit, und
eine innere Stimme sagt dem Jüngling: Das ist die meinige! und dem Mädchen:
Das ist der meine! Nachdem sie beide dasselbe eine Zeitlang in ihren Herzen
bewegt haben, sprechen sie es aus und bekennen sich zueinander. ´Wie zufällig´
und ´instinktiv` sagten wir: so erscheint das vom Herrn Vorgesehene, bevor es
erkannt wird!" Nach dieser Einleitung fuhr man fort: „In jedem auch noch so unscheinbarsten
Teil des Menschen, sei er Mann oder Weib, ist etwas Eheliches, freilich ein
anderes beim Mann als beim Weib. In jeder Einzelheit des Männlich-Ehelichen
liegt die Fähigkeit, sich mit dem Weiblich‑Ehelichen zu verbinden, und
umgekehrt. Denkt zum Beispiel nur an die Ehe des Wollens und Denkens in jedem
Menschen, die sich vereint auf alles im Gemüt und im Leib auswirkt. Und denkt
weiter an die aus einfachen Elementen zusammengefügten Komplexe: da sind zwei
Augen, zwei Ohren, zwei Nasenöffnungen, zwei Wangen, zwei Lippen, zwei Arme
mit Händen, zwei Lenden, zwei Füße und zwei Gehirnhälften, zwei Herzkammern,
zwei Lungenflügel, zwei Nieren, zwei Hoden, und wo nicht zwei sind, da ist
doch innen Zweiteilung. Das alles hat seinen Grund darin, daß überall und
immer das eine dem Wollen, das andere dem Denken angehört und beide auf
wunderbare Weise aufeinander einwirken und zusammen eine Einheit bilden: die
zwei Augen Ein Sehen, die zwei Ohren Ein Hören, die zwei Nasenöffnungen Ein
Riechen, die zwei Lippen Ein Reden, die zwei Hände Eine Handlung, die zwei
Füße Einen Gang, die zwei Gehirnhälften Eine Wohnung des Gemüts, die zwei
Herzkammern Eine lebendige Durchblutung des Leibes, die zwei Lungenflügel
Einen Atem, und so fort.“ Da erschien zur Rechten ein roter Blitz und zur Linken ein weißer,
beide waren mild und gingen durch die Augen in die Gemüter ein und
erleuchteten auch diese. Dem folgte ein Donner, und auch dieser war wie ein
sanftes Rollen aus dem Engelshimmel. „Dies ist Zeichen und Erinnerung, daß
ich dem Gesagten noch etwas beifügen soll!“, sagte der weise. „Das
Rechtsseitige jener Paare bedeutet ihr Gutes, das Linksseitige ihr Wahres.
Jenes bezieht sich auf das Wollen, dieses auf das Denken, und beide sind ehelich
in Eins verbunden. So zum Beispiel ist die rechte Hand des Menschen
Entsprechung des Guten, die linke Entsprechung des Wahren seiner Macht,
weshalb der Herr sagte: ´Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, dann reiße es
aus, und wenn dich deine rechte Hand ärgert, dann haue sie ab!` Er meinte
damit: wenn das Gute böse wird, dann stoße es ab! Oder erinnert euch daran,
daß Er den Fischern gebot, das Netz auf der rechten Seite des Schiffes
auszuwerfen, und als sie ihm gehorchten, fingen sie viele Fische. Damit
meinte er, sie sollten das Gute der Liebtätigkeit lehren und dadurch viele
Menschen zur echten Gemeinschaft anregen und vereinigen“ Abermals erschienen zwei Blitze, noch milder als die vorigen, aber nun
hatte der linke Blitz seinen Glanz vom roten Feuer des rechten. Der Weise
schloß: „Das ist das Zeichen der Bestätigung meiner Worte aus dem Himmel! Das
Feurige des Himmels ist Sinnzeichen des Guten, das Weiße Sinnbild des Wahren,
der vom Feuer des rechten Blitzes herrührende Glanz des linken zeigt, daß Licht
nichts anderes ist als der Glanz jenes Feuers“. Ergriffen von den Worten und
den Blitzen gingen nun alle heim (316). 27,0 - Von den Auswirkungen der Liebe und Weisheit In der östlichen Gegend der geistigen Welt erschien mir ein Hain von
Palmen und Lorbeerbäumen und in seiner Mitte ein Garten. Ich ging auf dessen
Türe zu, und sie wurde von einem Wächter geöffnet. Auf meine Frage nach dem
Namen des Gartens antwortet er: „Adramandoni, die Wonne der ehelichen Liebe!“
Ich ging hinein und hindurch zwischen blühenden Sträuchern und Ölbäumen,
unter denen Weinstöcke wuchsen, die jene mit ihren Zweigen verbanden und umrankten.
Auf einem runden Rasenplatz saßen Paare um einen Springbrunnen. Mit ihnen
führten zwei Engel ein Gespräch, und als ich dem Rondell nahe war, hörte ich,
daß es um den Ursprung der ehelichen Liebe und deren Freuden ging. Man sprach
zuerst von der schwierigen Erforschung und Wahrnehmung dieses Ursprungs, weil
er göttlich‑himmlisch sei, nämlich verborgen liege in der göttlichen
Liebe und Weisheit und beider Nutzwirkung, die als Eines vom Herrn ausgehen
und daher als Eines in die Menschenseelen einfließen. Von daher, so erfuhr
ich, dringen sie in die Neigungen und Gedanken der Menschen ein und von
diesen in die Brust und endlich in die Region der Geschlechtsorgane, in der
alles vom Ursprung Ausgehende und Einfließende beisammen ist und mit allem
Aufeinanderfolgenden die eheliche Liebe vollendet. Nach dieser allgemeinen Einleitung gaben einige dem Gespräch seine
besondere Richtung. „Wir haben vernommen, daß der Ursprung der ehelichen
Liebe göttlich‑himmlischer Art ist, daß sie deshalb als Einheit der
drei Wesenteile, die zusammen das Eine göttliche Wesen ausmachen, vom Herrn
ausgeht und in das Innerste des Menschen einfließt, sich im Herabsteigen in
Analoges und Entsprechendes verwandelnd. Könnten wir uns diesmal mit dem
dritten, dem ausgehenden göttlichen Wesenteil, der Nutzwirkung.
beschäftigen?“ Die Engel gingen darauf ein: „Liebe und Weisheit sind ohne fruchtbringende
Wirkung bloße Begriffe des abstrakten Denkens, die nach einigem Verweilen im
Gemüt wie Winde verfliegen. Vereinigen sie sich aber zu einer Handlung und
wirken zu ihr und in ihr als Einheit zusammen, dann erst verwirklichen sie
sich. Von der Liebe geht die Initiative zum Tätigsein aus und sie hat nur
Bestand, wenn sie wirkt; die Weisheit kann nur entstehen und bestehen aus der
Liebe und in gemeinsamer Wirksamkeit mit ihr. Wir definieren also die Nutzwirkung
als Tun des Guten aus Liebe durch Weisheit. Jede Tat, die aus Liebe durch
Weisheit vollbracht wird, heißt gut. Liebe ohne Weisheit wäre etwas
Abgeschmacktes, Liebe mit Weisheit ohne Nutzwirkung nichts als bloße Gemütsaufblähung.
Alle drei einander wechselseitig anregend und vereinigt machen nicht nur den
Menschen aus, sondern sind der Mensch, ja, sie pflanzen die Menschheit fort:
Im Samen des Mannes ist seine Seele in vollkommen menschlicher Form; im Mutterleib
wird er mit Substanzen aus den reinsten Naturteilchen umhüllt und materiell‑körperlich
ausgebildet. Diese Nutzwirkung ist die höchste und letzte der göttlichen
Liebe durch die göttliche Weisheit.“ Zum Schluß faßten die Engel zusammen: „Alle Zeugungen, Befruchtungen
und Fortpflanzungen sind Fortsetzungen der Schöpfung, und dies kann nirgendwo
anders herrühren als aus der Vermählung der göttlichen Liebe mit der
göttlichen Weisheit in der göttlichen Nutzwirkung. Von daher ist das ganze Weltall
entstanden und wird von daher erhalten.“ Hierauf fragten die Versammelten weiter: „Stammen daher auch die
unzähligen und unaussprechlichen Wonnen der ehelichen Liebe?“, und die Engel
antworteten: „Ja! Auch sie gehören zu den Nutzwirkungen der ewigen Liebe und
Weisheit: die Liebe ergötzt sich mit der Weisheit, die Weisheit spielt mit
der Liebe wie die Kinder. Und wie diese heranwachsen, so verbinden auch sie
sich immer inniger bis zu den Wonnen der Hochzeiten, Ehen und Fortpflanzungen,
mannigfaltig in alle Ewigkeit. Dies geschieht inwendig in den Nutzwirkungen.
Die himmlischen Anfänge sind nicht wahrzunehmen, sondern erst, wenn sie im
Menschen niedersteigen und in den Körper eingehen. Jene himmlischen Hochzeitsspiele
senken sich in die Seele als Frieden und Unschuld und in das Gemüt als Glück
und Freude, äußern sich in der Brusthöhle als Verlangen nach inniger Freundschaft
und enden, beständig von der Seele her ernährt, in der Region der
Geschlechtsorgane als seligste Lust, die jede andere weit übertrifft. Und
daraus folgt auch die vor allen anderen ausgezeichnete Nutzwirkung: die
Fortpflanzung des Menschengeschlechtes und aus diesem des Engelshimmels!“ Nun erschienen auf den Köpfen einiger Teilnehmer Blumenkränze: Zeichen
dafür, daß sie mit ihrem Denken tiefer in die ewigen Wahrheiten eingedrungen
waren. 28,0 - Vom Ursprung der menschlichen Geschlechter Einst unterhielten sich Engel über die menschliche Einsicht und Weisheit,
und ich fasse zusammen, was ich hörte: Für die Aufgabe des Menschen mußte
ihm die Fähigkeit gegeben werden, wie aus sich selbst zu wollen und zu
denken, in Selbstverantwortung und freier Selbstbestimmung. Daher hält er
gemeinhin seine Einsicht und Weisheit für sein eigen und glaubt, alles was er
aus dem Wollen erstrebt und aus dem Denken versteht, stamme aus ihm selbst,
während er in Wahrheit geboren ist mit der Fähigkeit, vom Herrn aufzunehmen
und sich anzueignen, was dann zu seinem – scheinbar - Eigenen wird. Er neigt
immer dazu, sich selbst zuzuschreiben, was Begabung ist, und sich
dessentwegen selbst zu lieben, und steht ständig in Gefahr, durch Selbstliebe
und Eitelkeit zugrunde zu gehen. Deshalb wurde in der Schöpfung vorgesehen:
Die Liebe des Menschen-Mannes zu seiner Verständigkeit, Einsicht und Weisheit
wird auf das Menschen‑Weib übertragen und ihm eingepflanzt, auf daß
nur das Weib die Errungenschaften des Mannes und damit ihn liebe. Immerfort
zieht die Frau den männlichen Stolz auf seine Einsicht und Weisheit an sich,
löscht ihn im Mann aus und macht ihn in sich lebendig. Sie umhüllt ihren Mann
mit ehelicher Liebe, erregt diese Liebe in ihm und erfüllt sie über alles Maß
mit Köstlichkeiten. Nur so war zu verhindern, daß die Selbstbewunderung den
ungeteilten Menschen so betört, daß er dem Glauben verfällt, er sei aus sich
selbst verständig, einsichtig und weise, nicht aber vom Herrn her, bis zu dem
Wahn, er sei Gott gleich, sei selbst ein Schöpfer und der Quell seiner Erkenntnis
und Weisheit“ (353). 29,0 - Die Regionen der ehelichen Liebe Eines Morgens beschäftigte mich die Frage: in welcher Region des
menschlichen Gemüts hat die wahrhaft eheliche Liebe ihren Wohnsitz und in
welcher die eheliche Kälte? Ins Nachdenken vertieft, sah ich zwei Schwäne gen
Norden fliegen und bald darauf zwei Paradiesvögel gen Süden und zwei Tauben
gen Osten. Dann lenkten auch die Schwäne und Paradiesvögel ihren Flug gen
Osten, und alle flogen vereint auf einen hochragenden Palast zu, den Ölbäume,
Palmen und Buchen umgaben. Der Palast hatte drei Stockwerke, also drei Reihen
von Fenstern. Durch die unteren flogen die Schwäne, durch die mittleren die Paradiesvögel
und durch die oberen die Tauben hinein. „Verstehst du, was du siehst?“, fragte ein Engel, der zu mir gekommen
war. „Ein wenig!“, antwortete ich, und er erklärte mir: „Der Palast ist ein
Sinnbild der ehelichen Liebe und ihrer Wohnsitze im menschlichen Gemüt, über
die du nachgedacht hast. Im obersten Geschoß, in das die Tauben einflogen,
wohnt sie als Liebe zum Guten mit ihrer Weisheit, im mittleren, in das die
Paradiesvögel einflogen, als Liebe zum Wahren mit ihrer Einsicht, im unteren,
in das die Schwäne einflogen, als Liebe zum Tun in Gerechtigkeit und
Redlichkeit mit ihrem Wissen. Dasselbe bedeuten die dreierlei Vögel, ebenso
wie die dreierlei Bäume um den Palast. Wir im Himmel nennen die oberste
Region die himmlische, die mittlere die geistige, die untere die natürliche
und stellen sie uns wie drei Wohnungen eines Hauses vor, eine über der anderen,
mit Aufstiegsmöglichkeiten von einer zur anderen, von einer niedrigeren zu
einer höheren, und jede Wohnung mit zwei Zimmern, eines für die jeweilige
Liebe und das andere für ihre Weisheit, ihre Einsicht oder ihr Wissen, oder
eines für das jeweilige Wollen und das andere für das zum Wollen gehörige
Denken und mit einem dritten Zimmer gegen Osten, in dem sich jeweils beide
wie auf ihrem Ehebett zusammengesellen. So ist dieser Palast also ein Bild
der Geheimnisse der ehelichen Liebe.“ Nun regte sich in mir der Wunsch, das Innere zu sehen, und ich bat,
eintreten zu dürfen. Er antwortete: „Nur die dürfen ihn betreten, die im
dritten Himmel sind, weil in ihnen alles zur vollstimmigen Wirklichkeit
wird. Von ihnen habe ich gehört, was ich dir berichtet habe. Der Gemahl wohnt
im Zimmer des Denkens, seine Gemahlin in dem des Wollens“. Ich fragte weiter,
wie es denn aber mit der ehelichen Kälte stehe, und er erwiderte: „Auch sie
kann bis in der obersten Region wohnen, aber nur im Gemach des Denkens,
während das Gemach des Wollens verschlossen ist. Der Verstand nämlich mit
seiner Erkenntnis der Wahrheiten kann so oft er will in dies Gemach
hinaufsteigen, wenn ihn aber nicht der Wille zum Guten begleitet und
gleichzeitig in sein Gemach eingeht, dann wird dies verschlossen und im
anderen greift Kälte um sich, eben die eheliche Kälte.“ Er zögerte, noch mehr über dies Sinnbild der ehelichen Liebe mitzuteilen,
und schloß: „Genug für diesmal! Untersuche nun, ob du es verstehst: wenn
nein, wozu dann mehr? Wenn ja, dann ein andermal mehr!" (270) 30,0 - Gibt es im Himmel eine Liebe der Geschlechter? Einstmals erblickte ich in der geistigen Welt drei neu angekommene
Geister, die umherstreiften, sich alles betrachteten und sich danach erkundigten.
Sie wunderten sich darüber, daß sie auch jetzt lebendige Menschen waren,
ganz wie zuvor, und auch ähnliche Dinge sahen wie früher, denn sie wußten,
daß sie von der Erde abgeschieden waren, hatten dort aber geglaubt, sie
würden erst nach dem Tag des „Jüngsten Gerichts“ wieder Menschen sein. Um
allen Zweifels ledig zu werden, betrachteten und berührten sie sich und die
anderen und die Dinge um sich her und vergewisserten sich so auf tausenderlei
Weise, daß sie Menschen seien wie einst, außer daß sie nun alles in klarerem
Licht, höherem Glanz und vollkommener Gestalt sahen. Da begegneten ihnen
zwei Engelgeister, hielten sie an und fragten: „Woher seid ihr?“, worauf sie
antworteten: „Wir sind von der Erde abgeschieden und leben nun weiter in
einer Welt. Wir sind also von einer Welt in eine andere gewandert. Darüber
wundern wir uns!“ Zwei von ihnen waren Jünglinge, und aus ihren Augen blitzte ein Flämmchen
von Geschlechtsliebe hervor, deshalb fragten die Engelgeister: „Ihr habt wohl
Frauen gesehen?“, und sie bejahten es. Da sie gern mehr über den Himmel
erfahren wollten, berichteten die Engel: „Im Himmel ist alles herrlich und
licht. Auch dort gibt es Männer und Frauen, so schöne Frauen, daß man sie die
personifizierte Schönheit, und so weise Männer, daß man sie die
personifizierte Weisheit nennen könnte. Beide gehören zusammen, wie sich
wechselseitig aufeinander beziehende und zueinander passende Formen“. Und als
die Neulinge fragten, ob dort auch die Gestalten denen auf der Erde gleich
seien, erhielten sie zur Antwort: „Ganz gleichartig! Nichts ist vom Mann
weggenommen und nichts vom Weib. Auch in der geistigen Welt ist der Mann ein
Mann und das Weib ein Weib, im Himmel in himmlischer Vollkommenheit. Geh
abseits und untersuche bei dir, ob dir etwas zum Mannsein fehlt!“ Aber sie wollten das Gespräch fortsetzen und fragten: „In der Welt, aus
der wir abgeschieden sind, haben wir gehört, daß es im Himmel keine Ehe gebe,
weil man Engel sei. Kann es denn dann eine Liebe von Mann und Frau geben?“
Die Engelgeister antworteten: „Ja! Freilich findet sich dort nicht eure Geschlechtsliebe,
sondern eine engelische Geschlechtsliebe, die keusch ist und nicht erregt
von sinnlicher Lust!“ Da fuhren die Neulinge auf: „Eine Geschlechtsliebe ohne
sinnliche Erregung - was ist denn das für eine Sache?“ Und sie seufzten:
„Oh, wie trocken sind die himmlischen Freuden! Welcher Jüngling kann sich da
den Himmel wünschen? Eine solche Liebe ist doch tot!“ Da lächelten die
Engelgeister und erwiderten: „Die engelische Geschlechtsliebe ist dennoch
voller Wonnen! Sie ist die lieblichste Schwellung aller Kräfte der Seele und
von da aus aller Teile der Brust. Es ist, als spiele das Herz mit der Lunge,
woraus Atem und Laut und Sprache hervorgehen, und daher ist der Verkehr der
beiden Geschlechter das reine, himmlische Entzücken selbst.“ Sie machten nun aber auf die Voraussetzungen aufmerksam: „Alle Neuankommenden,
die zum Himmel aufsteigen wollen, werden geprüft. wie es mit ihrer Keuschheit
steht. Sie werden zum Umgang mit schönen Frauen des Himmels zugelassen, und
diese erkennen an der Stimme und Rede, am Gesicht, an den Augen, an den
Mienen und an der ausströmenden Sphäre, welcher Art die Neigung zum anderen
Geschlecht ist. Vor der unkeuschen fliehen sie und melden den ihrigen, sie
hätten Satyrn oder Faune gesehen. Und wirklich verwandeln sich jene Neulinge
nun und erscheinen vor den Augen der Engel ihrem Inwendigen gemäß: zottig und
mit Füßen wie von Kälbern oder Leoparden. Sie werden rasch entfernt, um nicht
mit ihrer tierischen Begierde die Himmelsluft zu verpesten.“ „Also gibt es doch keine Geschlechtsliebe im Himmel“, folgerten die
Neuen, „denn eine keusche Geschlechtsliebe ist ihres Lebenselements beraubt!
Der Umgang der jungen Männer mit den Mädchen ist dann ein trockenes Vergnügen
- wir aber sind nicht Steine oder Klötze, sondern haben lebendige Augen und
Sinne!“ Jetzt wurden die Engelgeister unwillig: „Ihr habt keine Ahnung, was
keusche Liebe zwischen den Geschlechtern ist, weil ihr noch nicht keusch
seid! Diese Liebe ist die eigentliche Wonne des Gemüts und von da aus des
Herzens, und ihre Freuden sind inniger und reicher als mit Worten zu
schildern ist. Sie wohnt in den Engeln, weil nur sie die wahrhaft eheliche
Liebe haben. Nichts hat sie gemein mit der unkeuschen Geschlechtsliebe, denn
sie gilt ausschließlich Einer Frau und ist eine Liebe des Geistes und von ihm
aus des Leibes, nicht aber umgekehrt“. Da freuten sich die neuen Geister nun
doch: „So gibt es also auch im Himmel Liebe zwischen Mann und Frau, denn was
ist die eheliche Liebe anderes?“ Aber die Engelgeister forderten sie auf,
tiefer nachzudenken: „Erwägt, was wir gesagt haben, dann werdet ihr inne
werden, daß eure Liebe zum anderen Geschlecht eine außereheliche Liebe ist,
von der ehelichen unterschieden wie die Spreu vom Weizen, wie das Tierische
vom Menschlichem. Würdet ihr im Himmel Frauen fragen, was außereheliche Liebe
ist, so bekämt ihr zur Antwort: Was soll das sein? Von was redet ihr? Fragt
ihr aber, was die wahrhaft eheliche Liebe ist, dann kenne ich ihre Antwort:
Sie ist nicht wahllose Liebe zum anderen Geschlecht, sondern die zu einem
bestimmten Partner. Erblickt der Jüngling das ihm vom Herrn vorgesehene
Mädchen und dieses ihren Jüngling, dann entbrennt in ihrer beider Herzen das
Eheliche, und sie werden inne, daß sie die Seinige und er der Ihrige ist.
Liebe begegnet Liebe und verbindet sogleich die Seelen und die Gemüter und
dringt von da aus in die Brust und nach der Hochzeit in die Körper und wächst
von Tag zu Tag, bis sie nicht mehr zwei, sondern wie Ein Mensch sind. Kann es
denn eine Liebe der Geschlechter geben, die nicht so wechselseitig und
einander entgegenkommend ist, nach ewiger Vereinigung strebend? So würden
sie sprechen, und wir fügen hinzu: im Himmel weiß man nichts von nur leiblich‑sinnlicher
Liebe, weder daß es sie gibt noch daß sie möglich ist.“ Nun erkundigten sich die Neulinge danach, ob es dann im Himmel auch den
letzten Genuß zwischen Mann und Frau gebe, dem irdischen ähnlich, und sie
bekamen zur Antwort: „Denselben, nur ist er weit seliger, denn das Wahrnehmen
und Empfinden der Engel übertrifft das der Erdenmenschen weit an Schärfe und
Feinheit! Was wäre denn Liebe ohne Kraft? Und ist nicht diese Kraft das Maß,
der Gradmesser und die Grundlage jeder Liebe, ihre Grundfeste und Vollendung?
Es ist ein allgemeines Gesetz, daß immer und überall Dasein, Fortdauer und
Bestehen des Ersten im Letzten gründet und sich sammelt. Gäbe es nicht auch
im Himmel letzte Freuden, so gäbe es dort auch keine eheliche Liebe!“.
„Entstehen aus diesen letzten Freuden auch Kinder - wenn keine, wozu dienen
sie dann?“. „Keine natürlichen Kinder, wohl aber geistige! Die beiden
Ehegatten werden mittels der letzten Freuden mehr und mehr zur Ehe des Guten
und Wahren vereinigt, und diese ist die Ehe der Liebe und Weisheit:
Liebesneigungen und Weisheitsgedanken sind die aus ihrer Ehe geborenen
Kinder. Weil der Mann daselbst Weisheit ist und die Frau die Liebe zu seiner
Weisheit und beide geistig sind, können hier nur geistige Nachkommen gezeugt,
empfangen und geboren werden. Und weil dies unaufhörlich geschieht, werden
die Engel nach dem Liebesgenuß nicht traurig wie manche auf Erden, sondern
heiter. Fortwährend fließen in sie neue Kräfte ein, die verjüngen, erwärmen
und erleuchten. Alle kehren im Himmel in den Frühling ihrer Jugend und in
die Kräfte dieses Lebensalters zurück oder wachsen dorthin heran und bleiben
so in Ewigkeit.“ Nach all diesen Auskünften klärten sich die Mienen der neu Angekommenen
auf und wurden heiter; Sehnsucht nach dem Himmel erfüllte sie und Hoffnung
auf dortige Hochzeiten, und sie schlossen: „Wir wollen uns um ein reines
Leben bemühen, auf daß unsere Wünsche erfüllt werden“ (44). Von der Erde neu angekommene Geister sprachen über den Himmel, und
einer, der schon mehr von ihm wußte, erzählte: „Dort gibt es wundervolle
Dinge, kaum vorstellbar prächtig: paradiesische Gärten und kunstreiche
Paläste aus Gold, Silber und Edelsteinen, majestätisch gewölbte Gänge und
köstlich ausgestattete Räume. Die Bewohner dieser Welt, die Engel, sind von
beiderlei Geschlecht und alle im blühenden Lebensalter. Beide Geschlechter
verbindet allein die eheliche Liebe und, worüber ihr euch wundern werdet, die
Männer stehen immerzu in voller Potenz“. Da lachten die Neuen, besonders
darüber, daß es da keine andere Liebe zwischen den Geschlechtern geben und
die Fähigkeit der Männer zum Geschlechtsgenuß unaufhörlich andauern soll, und
riefen: „Du erzählst Märchen: Wer soll das glauben?“ Plötzlich stand ein Engel in ihrer Mitte und sagte: „Hört mich an! ich
bin ein Engel des Himmels und lebe mit meiner Gattin schon lange - ihr würdet
sagen tausend Jahre - immer in der Jugendblüte, in der ihr mich vor euch
seht. Das habe ich unserer gegenseitigen ehelichen Liebe zu verdanken. Und
ich kann euch versichern, daß ich jene Fähigkeit immerzu hatte und habe. Ihr
haltet das für unmöglich, deshalb will ich euch einiges darüber mitteilen,
soviel eben eurem Fassungsvermögen angemessen ist: Offenbar ist euch der Urzustand der Menschheit unbekannt. Es war der
Zustand der Unschuld: das Inwendige des Gemüts war bis zum Herrn hin geöffnet,
und darum waren in ihm Liebe und Weisheit oder Gutes und Wahres ehelich
vermählt. Weil das Gute der Liebe und das Wahre der Weisheit einander fortwährend
lieben, wünschen sie auch fortwährend vereinigt zu werden, und wenn das
Inwendige des Gemüts geöffnet ist, fließt die geistige eheliche Sphäre
immerzu ein mit ihrem nie nachlassenden Streben und bringt jene Fähigkeit
mit sich. Des Menschen Seele, angelegt zur Ehe des Guten und Wahren, der
Liebe und Weisheit, des echten Wollens und Denkens, strebt fortwährend dazu,
diese Ehe zu vollziehen, Frucht zu bringen und ihr Ebenbild darzustellen. Von
der Seele aus wirkt das Streben nach außen weiter in den Körper; und in den
Körpern zweier Ehegatten läuft es in die letzten Wonnen der Liebe aus. Könnt
ihr nun verstehen, woher jene fortwährende Potenz stammt und daß sie im
Zustand der innigsten Vereinigung zweier Seelen ihren Ursprung hat? Das Gleiche gilt von der immerwährenden Fruchtbarkeit: die überall
waltende Sphäre der Hervorbringung und Einpflanzung des Himmlischen, der
Liebe angehörig, des Geistigen, der Weisheit angehörig, und des Natürlichen
der Auszeugung angehörig, geht unaufhörlich vom Herrn aus und erfüllt den
ganzen Himmel, die ganze geistige Welt und das ganze Weltall, somit auch
Seele und Leib des Menschen. Dort erregt sie den Wunsch und verleiht die
Kraft, zu zeugen und zu empfangen. Dies geschieht freilich nur bei denen, die
sich vom Herrn in den Urstand der Schöpfung zurück‑ und einführen
lassen, sodaß der Übergang von der Seele durch die oberen und unteren
Regionen des Gemüts bis zum Letzten des Leibes offensteht, so bei uns Engeln.
Durch den Einfluß aus jener allumfassenden Sphäre werden unsere Kräfte immer
wieder erneuert, und das erhält uns in immer froher Stimmung. Die wahrhaft
eheliche Liebe ist unsere Frühlingswärme, die alles zum Treiben, Wachsen,
Blühen und Fruchten bringt; in den himmlischen Ehepaaren ist sie das immerwährende
Frühlingselement. Die himmlischen Befruchtungen sind allerdings andere als die irdischen,
nämlich geistige Befruchtungen, die dem Guten und Wahren angehören. Die Frau
nimmt die Liebe zur Weisheit des Mannes in sich auf, und durch die Aufnahme der
Fortpflanzungen seiner Seele wird sie zur Liebe der Weisheit ihres Mannes
gebildet. Das erfüllt sie mit Seligster Wonne. Unaufhörlich nimmt in der
Gattin die Liebe mit ihrer innigsten Freundschaft und beim Mann die Weisheit
mit ihrer Beseligung in alle Ewigkeit zu. Das ist der Zustand der Engel des
Himmels!“ Nun sah der Engel jene ungläubigen Geister an und sagte noch: „Ihr
wißt, daß ihr eure Gattinnen geliebt habt, wenn in euch Liebeskraft war, aber
nach dem Genuß habt ihr euch oft von ihnen abgewandt. Wir im Himmel lieben
unsere Frauen nicht infolge jener Kraft, sondern haben sie infolge unserer
Liebe, und wir haben sie fortwährend, weil uns mit ihnen fortwährend eheliche
Liebe verbindet. Ihr müßt Ursache und Wirkung umkehren, um dies zu begreifen!
Ich könnte euch noch vieles mitteilen von der ehelichen Liebe, die vom
Urbeginn der Schöpfung an beiden Geschlechtern eingepflanzt ist, oder von der
Zeugungsfähigkeit der Männer, das heißt ihrer Fähigkeit, die Weisheit aus
Liebe zum Wahren unendlich zu vervielfältigen, oder von den Leistungen und
Schöpfungen der ehelichen Liebe.“ Der Engel schwieg, die Anwesenden aber waren durch seine Worte fröhlich
gestimmt und riefen: „0, wie glücklich ist der Zustand der Engel! Sage uns,
wie auch wir uns ihm nähern können!“ Da antwortete der Engel: „Liebt Einen
Menschen des anderen Geschlechts ausschließlich, ohne euch je von ihm an andere
zu verlieren, und wendet euch an den Herrn, so wird euch gegeben werden, was
ihr wünscht! Merkt euch aber: ihr könnt das ehelich Böse nicht fliehen, wenn
ihr nicht auch alles andere Böse flieht, denn jenes Böse umgreift alles
andere. Und wenn ihr es nicht flieht, könnt ihr euch auch nicht wirklich an
den Herrn wenden, und der Herr kann euch nicht als die Seinen annehmen!“ Die
Engel entfernten sich und die Geister gingen nachdenklich von dannen (355,
356). 32,0 - Von den Freuden der Weisheit Einst sah ich in der geistigen Welt sieben Frauen in einem Rosengarten
an einer Quelle sitzen und daraus Wasser schöpfen. Mein aufmerksames zuschauen
fiel ihnen auf und eine winkte mir, näher zu kommen. Als ich bei ihnen war,
fragte ich, wer und woher sie seien. Sie antworteten: „Wir sind Ehefrauen und
unterhalten uns über die seligen Gefühle der ehelichen Liebe. Aus Vielerlei
schließen wir, daß sie eng mit denen der Weisheit zusammenhängen“. Diese
Antwort erfreute mich dermaßen, daß ich dadurch geistig innerlicher und
heller wurde als sonst, und ich bat sie, einige Fragen stellen zu dürfen. Auf
ihre Einwilligung hin begann ich: „Wie könnt ihr Frauen denn etwas von
diesem Zusammenhang wissen?“ Sie erwiderten: „Davon wissen wir aus der
Entsprechung der Weisheit bei den Männern mit den seligen Gefühlen der ehelichen
Liebe bei uns. Diese erhöhen oder vermindern und gestalten sich ganz gemäß
der Weisheit bei unseren Männern!“ Ich fuhr fort: „Wohl weiß ich, daß die
Schmeicheleien der Männer und die Heiterkeiten ihres Gemüts euch anregen und
heiter stimmen und daß ihr euch von Herzen darüber freut, aber ich wundere
mich über eure Meinung, dies habe etwas mit ihrer Weisheit zu tun! Wißt ihr
denn, was und von welcher Art diese Weisheit ist?“ Da wurden sie unwillig und
fragten dagegen: „Meinst du wirklich, wir wüßten nicht, was Weisheit ist, während wir
doch bei unseren Männern immerzu auf sie merken und sie täglich aus ihrem
Munde aufnehmen? Weißt du nicht, daß wir unaufhörlich, vom Morgen bis in die
Nacht, an den Zustand unserer Männer denken? Kaum ein Stündchen entfernt sich
unser anschauendes Denken ganz von ihnen, kaum eine Weile ist es von ihnen
abwesend, während die Männer freilich tagsüber, abgelenkt durch ihre Geschäfte,
weniger an uns denken. So wissen wir, welcher Art ihre Einsicht und Weisheit
ist, die sich in uns wonniglich zu fühlen gibt. Die Männer nennen ihre Weisheit
geistig-vernünftig und geistig‑sittlich; von der ersteren sagen sie,
sie sei Sache des Verstandes und der Erkenntnisse, von der anderen, sie sei
Sache des Wollens und des Lebens. Sie verbinden beide zu Einer und behaupten,
die Gefühle dieser Einen Weisheit verwandeln sich zu seligen Gefühlen in unserer
Brust und von da aus auch in der ihrigen, sie kehrten also dorthin zurück,
von wo sie ausgegangen waren.“ Ich bat sie, mir noch mehr zu eröffnen, und sie fuhren fort: „Es gibt
geistige und von ihr ausgehend vernünftige und sittliche Weisheit. Geistige
Weisheit ist, den Herrn anzuerkennen als den Schöpfer der Himmel und des
Weltalls und von Ihm Wahrheit aufzunehmen; daher kommt die geistige
Vernünftigkeit. Leben die Männer ihr gemäß, dann entsteht die geistige
Sittlichkeit. Beide zusammen nennen unsere Männer die Weisheit, und sie
lassen uns ahnen, daß sie durch die wahrhaft eheliche Liebe bewirkt wird. Sie
erklären uns auch den Grund dieser Wirkung: Durch jene Weisheit wird das
Inwendigere ihrer Gemüter und daher auch ihrer Leiber geöffnet und
durchlässig für den ungehinderten Übergang der ehelichen Liebe vom Ersten zum
Letzten, vom Innersten zum Äußersten, und davon hängt ihr Zufluß, ihre Fülle
und ihre Kraft ab. Die geistig‑vernünftige und die geistig‑sittliche
Weisheit bestärkt die Männer darin, ausschließlich uns, ihre Gattinnen, zu
lieben und alle Gelüste nach anderen Frauen abzulegen. In dem Maß, als dies
geschieht, wird unsere Liebesverbindung dem Grad nach erhöht und der
Beschaffenheit nach vervollkommnet. Und im gleichen Maß verfeinern und verdeutlichen
sich in uns die süßen Genüsse, die in uns den Lustreizen der Neigungen und
den Klarheiten der Gedanken unserer Männer entsprechen.“ Nun fragte ich nach der Weise der Übermittlung, und sie erklärten mir:
„Bei jeder Verbindung durch Liebe muß Aktion, Aufnahme und Reaktion oder Wirken,
Aufnahme und Rückwirkung stattfinden. Der selige Zustand unserer weiblichen
ehelichen Liebe ist der des Tätigseins, des Wirkens, der Zustand der
männlichen Weisheit dagegen ist der des Aufnehmens. Er ist zugleich
rückwirkend, und die Rückwirkung hängt vom Innewerden ab und wird von uns in
unserer Brust mit wonnigen Gefühlen empfunden. Von dem, was daraus als
letzter, körperlicher Genuß folgt, laß uns schweigen! Vielleicht verstehst du
nun, daß die Seligkeiten in unserer Brust in Entsprechung stehen mit dem
Zustand der Weisheit in unseren Männern.“ Da erschien von ferne etwas wie eine fliegende Taube mit einem Baumblatt
im Schnabel; näher kommend war es ein Knabe mit einem beschriebenen Blatt in
der Hand. Er reichte es mir mit den Worten: „Lies das vor den Ohren dieser
Jungfrauen der Quelle!“ Und ich las: „Sage den Erdenbewohnern: Es gibt eine
bei euch kaum bekannte, wahrhaft eheliche Liebe mit tausend Wonnen und
Genüssen. Nur der wird sie kennen lernen, der sich als Kirche mit dem Herrn
vermählt!“ Ich fragte noch warum er die Frauen „Jungfrauen der Quelle“
genannt habe, und sie klärten mich auf: „Wir heißen jetzt so, weil wir an
dieser Quelle Sitzen und Neigungen zu den Wahrheiten der Weisheit unserer
Männer sind. Die Neigung zum Wahren wird Jungfrau genannt. Die Quelle bedeutet
das Wahre der Weisheit, der Rosengarten um uns her die Köstlichkeit des
Trinkens von dieser Quelle!“ Hierauf flocht eine von ihnen einen Rosenkranz,
besprengte ihn mit Wasser aus der Quelle und setzte ihn auf den Hut des
Knaben mit den Worten: „Empfange die Seligkeiten der Einsicht! Dein Hut ist
Entsprechung der Einsicht, dieser Rosenkranz Entsprechung ihrer Wonnen!“ Der
Knabe ging hinweg und erschien von weitem wieder als eine fliegende Taube,
mit Rosen bekränzt (293). 33,0 - Von den seligen Gefühlen der ehelichen Liebe Wieder sah ich die sieben Frauen zwischen Rosen sitzen, aber diesmal
war es ein prächtiger Rosenhain. Verschiedenfarbige Rosen standen in Kreisen:
den äußersten bildeten purpurfarbige, den nächsten goldgelbe, den nächst
inneren blaue, den innersten glänzend saftgrüne Rosen. Inmitten dieses
regenbogenfarbenen Rosenrondells war ein kleiner See mit klarem Wasser. Und
wieder riefen mich die Frauen zu sich und fragten: „Hast du jemals etwas
Schöneres gesehen?“ "Nein!“ „Solches wird vom Herrn von einem Augenblick
zum anderen geschaffen und hat, wie alles, was Er macht, vorbildende oder
hinweisende Bedeutung. Errate, was es meint - wir vermuten, es bedeute die
Fülle der ehelichen Seligkeit!“ Ich aber berichtete, wie es mir ergangen war, als ich das an der Quelle
im Rosengarten Gehörte den mir bekannten Frauen auf der Erde weitererzählte:
„Ich sagte zu ihnen: ich wurde belehrt, daß ihr in eurer Brust selige Gefühle
hegt, die eurer ehelichen Liebe entspringen und die ihr euren Männern je nach
deren Weisesein mitteilen könnt; ebendarum seht ihr sie von Morgen bis Abend
immerzu an und lenkt im Geheimen ihre Gemüter zum Weisesein, um daraus selbst
glücklich zu werden. Ich erwähnte auch, was ihr unter Weisheit versteht,
nämlich geistig‑vernünftige und geistig‑sittliche Weisheit, und
was ihr mir inbezug auf das Glück der Ehe sagtet, nämlich daß ein Mann einzig
seine Frau lieben und alles Gelüsten nach anderen Frauen ablegen solle. Und
ich vergaß auch nicht das, was ihr mir von den Seligkeiten in eurer Brust und
von da aus im Körper mitgeteilt habt. Aber auf alles hin lachten jene Frauen
lauthals und winkten ab: „Was soll das heißen, wir wissen nichts von dieser
ehelichen Liebe, vielleicht haben unsere Männer etwas davon - woher sollen
wir denn solche wonnigen Gefühle haben? Ja, gegen die sogenannten letzten
Genüsse sträuben wir uns sogar zuweilen, denn sie sind uns unangenehm wie
Vergewaltigungen. Schau uns doch an: Du wirst in unseren Gesichtern keine
Spur jener ´Liebe` entdecken! Was dir diese sieben Weiber gesagt haben von
ihrem Achtgeben auf der Männer Gefallen und Vorliebe in der Absicht, daraus
Seligkeit und Genuß zu Schöpfen, ist Geschwätz und Gaukelei!“ Ich
hinterbringe euch ihren Widerspruch. Was sagt ihr dazu?“ Darauf erwiderten die Frauen im Rosengarten: „Freund, du kennst die
Weisheit und Klugheit der Frauen noch lange nicht. Weißt du denn nicht, daß
sie diese vor den Männern völlig verstecken, und zwar aus keinem anderen
Grund, als um ja geliebt zu werden? Jeder Mann, der nicht geistig, sondern
nur natürlich‑vernünftig ist - und das sind doch bei euch viele! - ist
immer in Gefahr, gegenüber seiner Gattin zu erkalten, doch ist ihm das
innerlich verborgen. Eine weise und kluge Frau aber bemerkt es wohl und genau
und verheimlicht ihm deshalb viel von ihrer ehelichen Liebe, zieht sie in
ihre Brust zurück und verbirgt sie hier so, daß davon kaum etwas in ihrem
Gesicht, im Ton ihrer Rede und in ihrem Benehmen erscheint. Sie weiß, daß in
dem Maß, wie sie herausdringt, der Mann dies allzuleicht und oft als Aufdringlichkeit
empfindet und diese ihn so abstößt, daß die daraus folgende Erkaltung sich
bis in sein Letztes hin auswirkt und ihn der häuslichen Gemeinschaft und der
ehelichen Verbindung entfremdet.“ Ich fragte weiter: „Woher stammt aber denn diese in den Männern lauernde
Erkaltung, ja eheliche Kälte?“ Sie antworteten: „Aus dem Unverstand so
vieler Männer in geistigen Dingen! Darum neigen sie im Innern zur Kälte ihrer
Gattin gegenüber, wogegen sie bei Buhlerinnen erwarmen. Da die eheliche
Liebe und die buhlerische Liebe einander entgegengesetzt sind, wird die
eheliche Liebe zur Kälte, wenn die buhlerische erwarmt, und wenn beim Mann
diese Kälte herrscht, dann erträgt er kein Zeichen der Liebe von Seiten
seiner Frau. Eben darum verheimlicht diese in solchen Fällen weislich und
klug ihre Liebesgefühle und hält nur eine freundliche Atmosphäre im Haus
aufrecht, denn nur so kann der Mann von der einfließenden buhlerischen Sphäre
befreit und geheilt werden. Allerdings haben Frauen solcher Männer oft auch
nicht wie wir selige Gefühle in der Brust, sondern nur Wollustgefühle im
Körper, solche also, die auf Seiten des Mannes seinen Wollustgefühlen der
buhlerischen Liebe entsprechen. Aber jede wahrhaft ehelich liebende, keusche
Frau bemüht sich auch um einen unkeuschen Gatten, und weil allein Weisheit
ihre Liebe aufnehmen kann, versucht sie, seine Torheit in Weisheit zu
verwandeln und ihn dahin zu bringen, keine andere außer ihr zu begehren.
Hierfür greift sie zu tausenderlei Mitteln, alles vermeidend, was ihren Mann
aus ihre Absicht aufmerksam machen könnte, denn sie weiß wohl, daß sich Liebe
nicht erzwingen läßt, sondern nur in Freiheit erblühen kann. Um ihr Ziel zu
erreichen, kann sie ihren Mann sogar unfreundlich ansehen, ihn barsch
anfahren, ja ihm zürnen und mit ihm zanken, und dabei hegt sie im Herzen doch
innige und zarte Liebe zu ihm. Deshalb ist sie auch in jedem Augenblick zur
Wiederversöhnung bereit.“ Nun kamen die Männer der sieben Frauen und brachten uns Trauben, doch
schmeckten die einen köstlich süß, die anderen dagegen widerlich sauer.
„Warum habt ihr denn auch schlechte Trauben mitgebracht?“ fragten die Frauen
erstaunt, und die Männer erklärten: „Weil wir in unseren mit den eurigen
vereinigten Seelen inne wurden, daß ihr mit diesem Mann von der wahren
ehelichen Liebe gesprochen habt. Und wie diese Trauben alle äußerlich gleich
sind, innerlich aber, dem Geschmack nach, grundverschieden, so unterscheiden
sich innerlich auch die Wonnegenüsse der Weisheit von den ihnen Äußerlich
ähnlichen Wollüsten der Torheit“. Wieder kam nun ein Knabe herein mit einem
beschriebenen Blatt in der Hand und forderte mich auf, es vorzulesen. Ich
las: „Wisset, daß die Seligkeiten der ehelichen Liebe bis zum obersten Himmel
aufsteigen und sich unterwegs und dort mit den Seligkeiten aller himmlischen
Liebesarten verbinden und in ewig währende Wonne eingehen, denn die
Wonnegefühle der ehelichen Liebe sind mit denen der Weisheit unlösbar verbunden! Wisset aber auch, daß die Wollüste der
buhlerischen Liebe bis zur untersten Hölle hinabsinken und sich unterwegs und
dort mit den Lüsten aller höllischen Liebesarten verbinden und so in ihre
Unseligkeit eingehen, das heißt in völlige Verarmung an echter Freude.
Unlösbar ist auch hier der Zusammenhang, nämlich der Wollust der buhlerischen
Liebe mit der Lust der Torheit“. Und die Frauen und Männer begleiteten den
Knaben bis zu seinem Aufsteigen in den Himmel (294). 34,0 - Die Keuschheit der ehelichen Liebe Ich hörte aus dem Himmel liebliche Musik: Frauen sangen gemeinsam ein
Lied. Die himmlischen Gesänge sind tönende Gefühle; wie die Gedanken durch
Worte, so werden dort die Gefühle durch Töne ausgedrückt. Die Engel
entnehmen dem Ebenmaß und dem Fluß der Melodie das Motiv der Gefühle. Viele
Geister waren diesmal bei mir und einige rätselten, um welches Thema es bei
diesem Gesang gehe. Sie rieten auf mancherlei; einige meinten, er drücke die
Verlobungsgefühle eines Bräutigams und einer Braut, andere, die
Hochzeitsgefühle eines Ehepaares aus, wieder andere entschieden sich für die
erste Liebe nach der Vermählung. Dann aber erschien ein Engel unter uns und
klärte uns auf: „Sie besingen die keusche Liebe der Geschlechter! Da fragten
die Umstehenden: „Was ist denn das: keusche Liebe der Geschlechter?“, und der
Engel antwortete: „Sie ist die von aller Vorstellung unreiner Lust freie
Liebe eines Mannes zu einem Mädchen oder einer Frau, und umgekehrt!“. Darauf
verschwand er. Der Gesang währte fort, und da nun bekannt war, was besungen
wurde, hörte ihn jeder gemäß dem Zustand seiner Liebe: er klang dem einen
symphonisch, dem anderen unharmonisch und trist, ja, manchen mißtönig und
heiser. Plötzlich verwandelte sich der Platz der Zuhörer in einen Tagungsraum,
und man hörte den Ruf: „Untersucht diese Liebe!“ Nun kamen noch mehr Geister,
dazu auch Engel in weißen Gewändern. Zuerst meldeten sich diejenigen, die
sich Ehe und Keuschheit nicht zusammenreinem konnten: „Wer vermag es, sich
beim Anblick eines schönen Weibes oder eines liebreizenden Mädchens seine
Begierden zu zügeln und sich so rein zu erhalten, daß er nur die Schönheit
liebt, ohne das geringste Verlangen, sie zu besitzen und zu genießen? Was
kann die jedem Mann angeborene Begierde in Keuschheit verwandeln, sodaß sie
gar nicht mehr vorhanden ist? Kann die Geschlechtsliebe, wenn sie von den
Augen aus eindringt, bei dem Gesicht des Weibes stehen bleiben? Es ist eitles
Geschwätz, wenn die Engel sagen, es gebe eine ´keusche Liebe` und diese sei
gar noch die allersüßeste, und sie sei nur möglich bei Ehemännern, die in der
wahrhaft ehelichen Liebe sind: können denn die, wenn sie schöne Weiber sehen,
mehr als wir die Vorstellungen ihres Denkens in der Höhe halten und gleichsam
schweben lassen, sodaß sie nicht herabsinken und zu dem hinneigen, was die
Liebe wirklich ausmacht?“ Danach kamen die zu Wort, in denen zugleich Kälte und Wärme war, Kälte
gegenüber ihren Frauen, Wärme gegenüber dem weiblichen Geschlecht: „Was soll
´keusche Liebe der Geschlechter` sein? Das ist eine contradictio in adjecto,
ein Ding, dem man ein unpassendes Prädikat hinzufügt! Wie kann denn diese
´keusche` Liebe die allersüßeste sein, wenn die Keuschheit sie ihrer Süßigkeit
beraubt? Ihr wißt doch alle, wo diese ihren Sitz hat; wird sie also daraus verbannt,
wo bleibt denn dann ihre süße Lust?“ Nun aber wandten einige ein: „Wir waren mit den Schönsten der Schönen
beisammen und haben doch kein Verlangen nach ihrem Besitz gefühlt. Wir
wissen daher, was keusche Liebe der Geschlechter ist!“ Doch darüber mokierten
sich ihre Nebenmänner: „Damals wart ihr eben aus Überdruß impotent! Das ist
aber nicht diese keusche Liebe, von der hier offenbar die Rede ist, sondern
das Letzte der unkeuschen Liebe.“ Schließlich wurden die Engel unwillig und
forderten einige zur Rechten auf, ihre Meinung zu äußern, was nun auch
geschah: „Es gibt eine Liebe des Mannes zum Mann oder des Weibes zum Weib,
eine Liebe des Mannes zum Weib und eine Liebe des Weibes zum Mann. Diese
drei Liebesarten sind völlig verschieden voneinander. Die Liebe des Mannes
zum Mann ist gleichsam die Liebe des Verstandes zum Verstand, denn der Mann
ist geschaffen und wird geboren, um Verständigkeit und endlich Weisheit zu
werden. Die Liebe des Weibes zum Weib ist gleichsam die Liebe des Gefühls zum
Gefühl für die Verständigkeit des Mannes, denn das Weib ist geschaffen und
wird geboren, um Liebe zur Verständigkeit und Weisheit des Mannes zu werden.
Diese beiden Liebesarten dringen nicht bis in die Brust vor, sondern bleiben
draußen stehen und berühren sich nur. Sie verbinden zwei Menschen nicht
innigst. Trotz Freundschaft bekämpfen sich daher Männer oft mit Vernunftgründen
wie Wettkämpfer und Frauen mit ihren Gefühlen und Begierden wie Boxerinnen.
Um etwas völlig anderes handelt es sich bei der Liebe von Mann und Frau. Die
Liebe des Mannes zum Weib ist die Liebe des Denkens zur dieses liebenden Neigung
oder die Liebe der Verständigkeit zum Gefühl für diese. Sie dringt zutiefst
ein und verbindet. Das Streben nach dieser Verbindung ist die geistige und
daher keusche eheliche Liebe. Nur bei denen ist sie zu finden, die wahrhaft
ehelich vereinigt sind Sie lassen den Einfluß der sie aus dem Körper einer
fremden Frau anfallenden Liebe nicht herein, sondern nur den aus dem Körper
ihrer Gattin. So lieben sie das weibliche Geschlecht und verabscheuen doch
alles Unkeusche. Ihre keusche Liebe des anderen Geschlechts ist innige geistige
Freundschaft mit deren Süßigkeit und Kraft“. Die Engel fügten hinzu: „Auch
wir haben Untersuchungen über diese Arten der Liebe angestellt und haben dafür
viele Geistergesellschaften durchwandert. Nur bei den Engeln des höchsten
Himmels, die aus wahrhaft ehelicher Liebe in immerwährender Kraft sind, haben
wir die Ausstrahlung dieser Liebe in unsere Herzen empfunden und dabei tief
gefühlt, daß sie an Süße jede andere Liebe übertrifft.“ Da hielten sich viele der Umstehenden die Ohren zu und riefen: „Euer
Geschwätz belästigt unsere Ohren! Was ihr sagt, ist für uns wertlos!“ Nun
schwoll jener Gesang wieder an, noch lieblicher als zuvor, aber vielen
Unkeuschen klang er so dissonant, daß sie davonstürzten und flohen (55). 35,0 - Vom Ursprung der Schönheit In der Geisterwelt sah ich von ferne einen Palast, der von vielen
Leuten umringt war. Ich fragte einen, der auch hinging, was es dort gebe. Er
teilte mir mit, drei Neue seien von der Erde angekommen und in den Himmel
erhoben worden und hätten dort mit Staunen wundervolle Dinge gesehen, auch so
schöne Frauen wie bisher nirgends. Sie seien auf Erden, in Frankreich, Redner
gewesen, Meister der Beredsamkeit, und von jenem Anblick ergriffen, wollten
sie nun erfahren, wo der Ursprung dieser himmlischen Schönheit zu finden
sei. Als dies bekannt geworden war, seien von allen Seiten Neugierige herbeigeströmt.
Nun trat ich mit den anderen ein und sah darin drei Männer in der Mitte
stehen, angetan mit saphirfarbigen Gewändern, in welche Goldfäden eingewirkt
waren, sodaß sie je nach ihren Bewegungen aufglänzten. Einer von ihnen begann
über das von den Neuen gewünschte Thema zu sprechen: „Den Ursprung der Schönheit findet ihr in der Liebe; beide sind ein und
dasselbe: die Liebe durchschimmert vom Innersten her das Gesicht eines Mädchens
wie mit Flammenschein, sodaß es leuchtet wie das Morgenrot und der Purpur
ihres Lebens. Die Flamme des Inneren sendet Strahlen in ihre Augen, ergießt
sich von diesem Zentrum aus ringsum in ihr Angesicht und senkt sich in ihre
Brust hinab, wo sie das Herz entzündet. Und ebenso erregt dieses innere,
nach außen strahlende Feuer die Betrachter durch seine Wärme und sein Licht.
Die Wärme ist die Liebe von innen, das Licht ist ihre Schönheit. Alle Welt
stimmt darin überein, daß jeder liebenswert und schön ist gemäß dem, was und
wie er liebt; doch ist die männliche Schönheit eine andere als die weibliche.
Die männliche Liebe gilt dem Weisewerden und Weisesein, die weibliche
dagegen ist die Liebe zur Weisheit im Mann. In dem Maß, wie ein junger Mann
zuinnerst Liebe zum Weisesein ist, ist er liebenswert und schön für ein
Mädchen, das Mädchen aber ist für ihn liebenswert und schön je nach ihrem liebenden
Verlangen zur Aufnahme seiner Einsicht und Weisheit. Beider Liebe geht sich
entgegen und küßt einander, beider Schönheit wächst bei dieser Begegnung, und
solcherart gestaltet die Liebe die Schönheit zu ihrem Ebenbild.“ Seiner Rede folgte die des Zweiten: „Es wurde gesagt, die Liebe sei der
Ursprung der Schönheit. Dem kann ich nicht beipflichten. Welcher Mensch weiß
denn, was Liebe ist? Wer hat sie mit den Augen gesehen, wer sie mit einem
Gedanken erfaßt? Wo ist sie denn? Ich behaupte deshalb: In der Weisheit ist
der Ursprung der Schönheit zu finden, und zwar bei den Frauen in der in ihrem
Innersten verborgenen Weisheit, bei den Männern in der sich offenbarenden,
zutage tretenden Weisheit! Der Mensch ist Mensch nur dank seinem Vermögen, zu
denken, einzusehen und weise zu sein, dies belebt ihn. Deshalb achtet das
Mädchen bei einem jungen Mann darauf, wie klug und weise er ist, und der junge
Mann beurteilt ein Mädchen nach der Neigung ihrer geheimen Weisheit.
Freilich verstehe ich unter Weisheit die echte Weisheit, die Lebensweisheit,
nicht bloße Intelligenz. Wenn beide Weisheiten, die männliche und die weibliche,
die offen hervortretende und die verborgene, einander innerlich im Geiste
zweier Menschen nahen und sich umarmen und küssen, dann verbinden sich beide,
und allein dies ist die wahre Liebe, und sie erscheint als Schönheit. Mit
einem Wort: die Weisheit ist gleichsam das Licht oder der Glanz des inneren
Feuers, der die Augen erregt und daraus die Schönheit bildet.“ Zum Schluß sprach der Dritte: „Nicht in der Liebe allein und nicht in
der Weisheit allein findet ihr den Ursprung der Schönheit, sondern in beider
Vereinigung! Die Liebe zum Weisesein im jungen Mann und die Liebe zur
Weisheit im Mädchen wollen Eins werden. Das Mädchen liebt nicht die Weisheit
an sich, sondern liebt sie im jungen Mann, und ihretwegen ist er schön für
sie. Wenn er das im Mädchen sieht, dann sieht er sie als Schönheit. Die Liebe
bildet die Schönheit durch die Weisheit, und die Weisheit aus der Liebe nimmt
sie auf. Das zeigt sich offenbar im Himmel; ich sah dort die Mädchen und die
Frauen an und merkte auf ihre Schönheit, und dabei fiel mir ein Unterschied
auf: bei den Mädchen war sie nur wie ein Schimmer, bei den Frauen aber ein
lichter Glanz, bei den einen gleich Diamanten, die von Licht strahlten, bei
den anderen aber wie Rubine, die zugleich feurig blitzen. Die Schönheit ist ein entzückender Genuß des Gesichtssinns, entsprungen
aus dem Spiel der Liebe mit der Weisheit. Ihr Wechselspiel läßt die Augen
funkeln, und seine Blitze zucken von Auge zu Auge und verschönen die
Gesichter: Das Rote der Liebe und das Weiße der Weisheit und beider liebliche
Mischung läßt die Gesichter hold erglühen und aufstrahlen in Schönheit. In
den Angesichtern der Ehepaare im Himmel sah ich die Röte des Weißen bei der
Frau und das Weiße des Roten beim Mann und nahm wahr, daß sich beider Glanz
beim gegenseitigen Anblick erhöhte.“ Die Versammelten applaudierten dem Dritten und riefen: „Er hat gesiegt!“
Und alsbald erfüllte rotflammendes Licht den Palast mit Glanz und die Herzen
mit Wonne: es war das Licht der ehelichen Liebe! (381 bis 384) 36,0 - Von der Schönheit des Weibes Einst hatte ich in der geistigen Welt den Wunsch, den Tempel der Weisheit
zu sehen und befragte Engel nach dem Weg. Da sagten sie: „Folge dem Licht, so
wirst du ihn finden!“ Ich fragte: „Was heißt das: Folge dem Licht?“ Sie
erwiderten: „Unser Licht erglänzt mehr und mehr, je näher wir diesem Tempel
kommen, folge du deshalb der Zunahme seines Glanzes! Dies Licht geht vom
Herrn als Sonne aus und ist an sich betrachtet Weisheit“. So schritt ich also
in Begleitung zweier Engel voran, der Zunahme ihres Lichtglanzes nach,
erstieg den Gipfel eines Hügels im Süden und gelangte vor ein prachtvolles
Tor. Als der Wächter die Engel bei mir erblickte, öffnete er, und wir
betraten einen kreisrunden Platz, den Palmen und Lorbeerbäume wie Säulen
umstanden. In seiner Mitte war der Tempel der Weisheit, umgeben von kleineren
Nachbildungen. In ihnen saßen die Weisen. Wir gingen zu einem hin, begrüßten
ihn, nannten den Grund unseres Besuches und erzählten auch, wie wir hergekommen
waren. Er hieß uns willkommen und bat uns, einzutreten. Ich sah, daß das
Innere zugleich zweigeteilt und doch ein Raum war. Er war geteilt durch eine
durchsichtige Wand wie aus reinstem Kristall, erschien aber deren
Durchsichtigkeit wegen wie ein einziger Raum. Ich fragte, was das bedeute,
und er antwortete: „Ich bin nicht allein, meine Gattin ist bei mir. wir sind
zwei und doch nicht zwei, sondern ´Ein Fleisch`.“ „Aber mir ist bekannt, daß
du ein Weiser bist“, wand ich ein, „was hat denn der Weise oder die Weisheit
mit einem Weib zu schaffen?“ Leicht unwillig verzog er die Miene und streckte
die Hand aus, und sogleich waren andere Weise aus den benachbarten Gebäuden
da, zu denen er scherzend sagte: „Dieser Besucher hat mich gefragt, was der
Weise oder die Weisheit mit einem Weib zu schaffen habe!“ Darüber lachten
alle und riefen aus: „Was ist denn der Weise oder die Weisheit ohne Weib, das
heißt ohne Liebe? Die Gattin ist doch die Liebe zur Weisheit des Weisen! Laßt
uns über die Weisheit sprechen, und zwar über ihre Ursache und insbesondere
über die Ursache der weiblichen Schönheit!“ Sie sagten der Reihe nach: „Die Frauen sind vom Herrn erschaffen als
Neigungen zur Weisheit der Männer, und diese Neigung ist die Schönheit
selbst“ und „das Weib ist vom Herrn mittels der Weisheit des Mannes
geschaffen, denn es ist vom Mann genommen. Daher ist es die vom Gefühl der
Liebe beseelte Gestalt der Weisheit. Weil aber das Gefühl der Liebe das Leben
selbst ist, darum ist das Weib das Leben der Weisheit oder die Schönheit
selbst“ und „den Frauen ist das Innewerden der Wonnegefühle der ehelichen
Liebe verliehen, und ihr ganzer Leib ist das Organ dieses Innewerdens. So ist
es doch nicht anders möglich, als daß die Wohnung dieses Innewerdens die
Schönheit ist!“ und „der Herr hat die Schönheit und die Anmut vom Mann auf
das Weib übertragen; darum ist der Mann ohne Wiedervereinigung mit seiner
Schönheit und Anmut finster, herb, trocken und unliebenswürdig. Er ist dann
nur für sich selbst weise, und das heißt töricht. Wird aber ein Mann mit
seiner Schönheit und Anmut im Weibe vereinigt, dann ist auch er lebendig,
anmutig und liebenswert“ und „die Frauen sind nicht um ihrer selbst willen
als Schönheiten geschaffen, sondern um der Männer willen, damit sie diese
weicher, milder, umgänglicher machen und ihre von sich aus kalten Herzen
erwärmen“ und „das Weltall ist vom Herrn als das vollkommenste Werk
erschaffen, nichts darin aber ist vollkommener als ein Weib, schön von
Angesicht und Gestalt und anmutig von Wesensart. Dies auf daß der Mann dem
Herrn für seine Freundlichkeit danke durch Aufnahme der Weisheit von Ihm.“ Nun erschien die Frau unseres ersten Freundes jenseits der kristallenen
Wand und sagte zu ihrem Gatten: "Rede auch du, wenn es dir
gefällt!" Und als er sprach, nahm ich in seiner Redeweise die aus seiner
Gattin stammende Lebendigkeit der Weisheit, im Ton seiner Stimme ihre Liebe
wahr. von Freude erfüllt, verabschiedete ich mich und ging denselben Weg zurück
(56). 37,0 - Warum das Weib nicht ihre Schönheit, der Mann nicht seine
Verständigkeit lieben darf Einst erörterten in der geistigen Welt einige Männer die Frage, ob eine
Frau, die nur ihre Schönheit und also sich wegen ihrer Schönheit liebt, auch
ihren Mann lieben könne. Zuerst kamen sie dahin überein, daß die Frau eine
doppelte Schönheit habe, eine natürliche, äußere, körperliche und eine
innere, geistige. Auch darin waren alle einer Meinung, daß diese beiden auf
Erden oftmals verschieden, in der geistigen Welt dagegen immer vereinigt
sind, denn dort ist die Schönheit die Form der Liebe und der inneren Haltung.
Deshalb werden nach dem Tode oftmals unschöne Frauen zu Schönheiten und
schöne irdische Frauen zu Häßlichkeiten. Nun traten einige Frauen herzu und
baten: „Laßt uns zugegen sein, weil ihr eure Meinungen aus dem Wissen
schöpft, uns aber die Erfahrung belehrt. Auch kennt ihr ja allzu wenig die
Liebe der Frauen!“ Die Männer fuhren in ihren Überlegungen fort und kamen zu dem ersten
Schluß: „Jede Frau will schön von Angesicht, Gestalt und von Sitten
erscheinen, weil sie als Neigung der Liebe geboren wurde und die Form dieser
Neigung eben die Schönheit ist. Ein Weib, das nicht schön sein will, ist kein
Wesen, das lieben und geliebt werden will, und also kein Weib!“ Die Frauen
fügten hinzu: „Die weibliche Schönheit hat ihren Ursprung in weichem
Zartgefühl und daher in feiner Empfindung. Darum liebt die Frau den Mann und
dieser die Frau. Doch das versteht ihr wahrscheinlich nicht“. Der zweite
Schluß der Männer hieß: „Eine Frau will vor der Hochzeit schön sein für die
Männer und nach der Hochzeit, wenn sie keusch ist, allein für ihren Mann“.
Hierzu bemerkten die Frauen: „Nachdem der Ehemann die natürliche Schönheit
der Gattin gekostet hat, sieht er nicht mehr auf diese, sondern auf ihre
geistige Schönheit, und um dieser willen liebt er auch ihre natürliche wieder
und erfreut sich an ihr, aber auf andere, neue Weise“. Die Männer endeten
mit ihrem dritten Schluß: „Eine Frau, die nach ihrer Verheiratung in der
gleichen Art schön sein will wie vorher, das heißt für alle Männer, und auch
dann noch alle Männer liebt und nicht nur ihren Mann, die also sich selbst um
ihrer Schönheit willen liebt und wünscht, daß diese von allen genossen werde,
zumal es ihrem Mann, nach euren Worten, mehr auf die andere Schönheit
ankommt: eine solche Frau hat die Liebe zum anderen Geschlecht, nicht aber zu
Einem daraus. Das ist offenbar!“ Daraufhin schwiegen die Frauen zuerst, dann
ließen sie sich leise vernehmen: „Gibt es ein Weib, das so von aller
Eitelkeit frei wäre, daß es nicht auch anderen Männern schön erscheinen will,
während sie zugleich ihrem Manne so erscheint?“ Das hörten Frauen im Himmel,
die schön waren, weil sie himmlische Neigungen darstellten. Sie bestätigten
die Schlüsse der Männer, setzten aber hinzu: „Nur sollen die Frauen ihre
Schönheit und Kleider und Schmuck um ihrer Ehemänner willen lieben und sich
von diesen her sehen!“ Angeregt durch die himmlische Bestätigung der Schlüsse der Männer
sagten jetzt die Frauen: „Ihr habt untersucht, ob eine Frau, die sich selbst
ihrer Schönheit wegen liebt, wohl auch ihren Mann wahrhaft lieben könne. Nun
wollen wir umgekehrt darüber sprechen, ob ein Mann, der sich seiner
Verständigkeit wegen liebt, seine Frau lieben könne! Bleibt da und hört zu!“
Auch sie kamen zu einem ersten Schluß: „Eine Frau liebt ihren Mann nicht
wegen dessen Aussehen, sondern wegen seiner Einsicht im Beruf und wegen
seiner Sitten und seinem Benehmen, und sie vereinigt sich mit der
Verständigkeit des Mannes und so mit ihm selbst. Wenn aber der Mann sich
selbst wegen seiner Verständigkeit liebt, dann zieht er diese von seiner Frau
ab und in sich selbst zurück, und daraus folgt Entzweiung statt Vereinigung.
Zudem heißt seine eigene Verständigkeit lieben soviel wie aus sich selbst
weise sein wollen, und das ist in Wahrheit Torheit. Er liebt dann seine
Torheit!“ Da warfen die Männer ein: „Vielleicht vereinigt sich die Frau auch
mit der Kraft des Mannes?“ Darüber lachten die Frauen und sagten: „Die Kraft
mangelt ihm nicht, wenn er seine Frau aus Verständigkeit liebt, sie mangelt
ihm aber, wenn er seine Torheit liebt. Verständigkeit ist es, allein seine
Frau zu lieben, Torheit aber, das weibliche Geschlecht zu lieben. Begreift
ihr das?“ Der zweite Schluß lautete: „Wir Frauen werden als Liebe zur Verständigkeit
der Männer geboren. Wenn die Männer selbst ihre Verständigkeit lieben, dann
kann sie nicht mit ihrer echten Liebe, nämlich der weiblichen, vereinigt werden.
Infolge dessen wird die Verständigkeit zur Torheit aus Stolz und Eitelkeit,
und die Wärme der ehelichen Liebe erkaltet. Welche Frau aber könnte ihre
Liebe mit Kälte vereinigen und welcher Mann die Torheit seines stolzes mit
jener Liebe zur Verständigkeit!“ Die Männer entgegneten: „Wie soll denn aber
der Mann von seiner Frau geehrt werden, wenn er nicht selbst seine
Verständigkeit hoch achtet?“ Die Frauen antworteten: „Aus Liebe, weil die Liebe
ehrt! Die Ehre kann nicht von der Liebe, wohl aber die Liebe von der Ehre
getrennt werden!“ Die Frauen beendeten nun ihre Überlegungen mit dem dritten
Schluß: „Ihr glaubt, eure Frauen zu lieben, seht aber nicht, daß ihr zuerst
von ihnen geliebt werdet und sie darum wieder liebt. Eure Verständigkeit ist
das Aufnahmegefäß dieser ihrer Liebe. Wenn ihr eure Verständigkeit in euch
selber liebt, wird diese zum Aufnahmegefäß eurer Selbstliebe, und diese
schließt die eheliche Liebe aus, weil sie keine Konkurrenz verträgt. Solang
ihr sexuell erregt seid, bleibt in euch dann nur buhlerische Liebe“. Darauf
schwiegen die Männer, dann murmelten sie: „Was meinen sie denn mit ´eheliche
Liebe`?“ Einige himmlische Ehemänner hatten zugehört und bestätigten die
Schlüsse der Frauen (330 - 331). In der geistigen Welt offenbarten mir Frauen, die als Kinder gestorben
und im Himmel aufgezogen worden waren, den Unterschied einer Jungfrau von
einer Ehefrau. Sie sagten: „Herangewachsen und mannbar geworden, begannen
wir, durch den Anblick von Ehepaaren angeregt, über das eheliche Leben
nachzudenken und es zu lieben. Wir sehnten uns danach, auch Ehefrauen und mit
einem Mann freundschaftlich und vertraulich verbunden zu sein, zudem wir dann
aus dem Haus des Gehorsams, dem wir allmählich entwachsen waren, entlassen
und selbständig wurden. Es ging uns damals nur um das Glück der Freundschaft
und des gegenseitigen vertraulichen Umgangs mit einem Mann, nicht aber um die
Befriedigung eines Triebes. Als es soweit war, verwandelte sich unser
jungfräulicher Zustand in einen neuen, von dem wir vor der Hochzeit nichts ahnten.
Es war ein Zustand der Ausdehnung aller Lebenskräfte unseres Leibes zur
Aufnahme der Gaben unserer Männer und zu deren Vereinigung mit unserem Leben,
um so seine Liebe und seine Gattin zu werden. Er begann im Augenblick unserer
Entjungferung. Nun entzündete sich die Flamme der Liebe zum Ehemann, und wir
empfanden die Gefühle jener Ausdehnung unseres Lebens als himmlische
Seligkeit“. Zum Schluß sagte eine: „Weil ich wie jede von uns durch meinen
Ehemann in diesen Zustand eingeführt wurde, er also von ihm allein herrührt
und also der seinige in mir ist, kann ich nur ihn allein lieben!“ (502) Eines Morgens weckte mich lieblicher Gesang, und im ersten Wachsein,
das innerlicher, friedevoller und süßer ist als das des Tages, wurde mein
Geist eine Weile außer dem Leibe gehalten. So konnte ich genau auf das
merken, was besungen wurde. Beim himmlischen Gesang geht das innerste Fühlen
als Melodie aus dem Mund hervor, der Klang belebt den Inhalt der Rede. Ich
nahm wahr, daß diesmal himmlische Frauen die Wonnen der ehelichen Liebe in
wunderbaren Variationen besangen. Nun verband ich dem Hören das Sehen und
sah, wie im Osten etwas wie ein goldener Regen erschien: es war der
herabsinkende Morgentau, durch die Strahlenbrechungen des Sonnenlichtes in
diese Gestalt verzaubert. Jetzt völlig erwacht, ging ich hinaus und fragte
einen mir begegnenden Engel, was dieser Regen bedeute. Er antwortete: „Ich sehe ihn immer, wenn ich im Nachdenken über die eheliche Liebe
bin. Er fällt von der Sonne auf einen Hof, in dem drei Männer mit ihren
Frauen wohnen. Ich will dich dorthin führen!“ So kam ich zu Häusern aus
Ölbaumholz, mit Zedernholzsäulen vor den Türen, und dort eingeführt bat ich
um die Erlaubnis, in Gegenwart der Männer mit den Frauen zu sprechen. Es
wurde bewilligt, und als die Frauen herbeikamen, sahen sie mir scharf in die
Augen. „Warum dies?“, fragte ich, worauf sie antworteten: „So können wir
sehen, welcher Art deine Neigungen und somit deine Gefühle und Gedanken in
bezug auf die Geschlechtsliebe sind. wir erkennen, daß du eifrig, aber keusch
über sie nachsinnst. Was sollen wir dir über sie sagen?“ Ich bat: „O, sagt
mir doch etwas von den Wonnen eurer ehelichen Liebe!“ Ihre Männer winkten
ihnen zu, und sie begannen mit der Frage: „Wer riet dir, darüber die Frauen
und nicht die Männer zu befragen?“ Ich gestand ihnen: „Der Engel, der mich zu
euch geführt hat, flüsterte mir ins Ohr, ich solle die Frauen befragen, denn
sie seien Aufnahmegefäße und Empfindungsorgane der ehelichen Liebe und als
jene Lieben geboren, deren Angehör jene Wonnen seien!“ Da lächelten sie und
rieten mir: „Sei aber klug und sage es nur durch die Blume weiter, das ist
eine in den weiblichen Herzen tief verborgene Weisheit, die nur einem in der
wahrhaft ehelichen Liebe lebenden Ehemann entdeckt wird.“ Nun gaben mir zuerst die Männer Auskunft: „Unsere Frauen kennen alle
Zustände unserer Gemüter. Nichts ist ihnen verborgen, sie sehen, nehmen wahr
und fühlen alles, was in unserem Wollen vor sich geht. Dagegen ist es nicht
auch umgekehrt so. Dies ist nur ihnen gegeben, weil sie zärtlichste Liebe
sind, beseelt von brennendem Eifer für die Erhaltung der ehelichen
Freundschaft, des ehelichen Vertrauens und so des beiderseitigen
Lebensglücks. Sie verschaffen es ihren Männern und sich selbst dank der ihnen
eingeborenen Weisheit, deren Klugheit ihnen eingibt, nicht zu sagen, sie
selbst liebten, sondern nur, sie würden geliebt“. Auf meine Frage nach dem
Grund dieses Verhaltens antworteten die Frauen: „Wenn nur das Geringste von
jener geheimen Wirklichkeit unseren Lippen entschlüpft, laufen wir Gefahr,
daß die Männer Kälte anwandelt und sie unserem Bett, Haus und Anblick
entfremdet. Freilich erfolgt das endgültig nur bei denen, die ihre Ehe nicht
heilig halten und daher ihre Frauen nicht aus geistiger Liebe lieben. Wir
hier dürfen einander unsere Geheimnisse anvertrauen.“ Jetzt wandten die Frauen den Blick auf ein gen Süden liegendes Fenster,
und siehe, es erschien eine weiße Taube mit silbern glänzenden Flügeln, auf
dem Kopf ein goldenes Krönlein. Sie saß auf einem Olivenzweig, und als sie
die Flügel auszubreiten begann, sagten die Frauen: „Das Erscheinen dieser
Taube ist für uns ein Zeichen der Erlaubnis, dir weiteres zu eröffnen! Jeder
Mann hat die fünf Sinne, wir Frauen aber haben noch einen sechsten: den aller
Wonnen der ehelichen Liebe des Mannes. Dieser Sinn hat seinen Sitz in unseren
Händen, wenn wir die Brust und die Arme und Hände unseres Mannes berühren,
und in unserer Haut, wenn wir von ihm gestreichelt werden. Alle Fröhlichkeit
und Lust seines Denkens, alle Freude seiner Seele und alle Heiterkeit seiner
Brust geht von ihm auf seine Frau über und wird wahrnehmbar, empfindbar und
Berührbar. Wir unterscheiden darin alles Einzelne, geradeso wie das Ohr die
Melodien oder die Zunge den Geschmack von Leckerbissen; mit einem Wort: die
geistigen Lustgefühle der Männer ziehen in uns gleichsam eine natürliche
Körperlichkeit an, deshalb nennen uns unsere Männer auch die Sinnesorgane
der keuschen ehelichen Liebe und ihrer Wonnen. Dieser Sinn unseres Geschlechts
entsteht, besteht, dauert und wird erhöht in dem Grad, wie die Männer uns
aus Weisheit und Verständigkeit und wir sie eben wegen dieser Eigenschaften
in ihnen lieben. Er wird in den Himmeln das Spiel der Weisheit mit ihrer
Liebe und der Liebe mit ihrer Weisheit genannt.“ Ich wollte noch mehr von der Mannigfaltigkeit ihrer wonnigen Freuden
erfahren, aber sie sagten nur: „Sie sind unendlich; mehr dürfen wir nicht
ausplaudern, denn die Taube ist weggeflogen!“ Ich wartete noch auf ihre
Rückkehr, aber vergebens. Da fragte ich die Männer: „Habt ihr einen ähnlichen
Sinn der ehelichen Liebe?“ Sie antworteten: „Wir haben ihn nur im Allgemeinen,
nicht im Besonderen. Unser allgemeines Seliges, Angenehmes, Liebliches
entstammt jenem Besonderen unserer Frauen. Es ist wie das Heitere des
Friedens“. Nun aber erschien vor dem Fenster ein Schwan auf einem Feigenbaumzweig,
breitete die Flügel aus und flog davon, und die Männer brachen unser Gespräch
ab: „Dies ist das Zeichen für uns, daß wir für diesmal nicht weiter über die
eheliche Liebe sprechen sollen!“ Und wir verabschiedeten uns (155). 40,0 - Von der geheimen Klugheit des Weibes Abermals erschien der goldene Regen, und ich erinnerte mich daran
worauf er sich herabsenkte, sowie an meinen Besuch bei den drei sich zärtlich
liebenden Ehepaaren. Ich wurde von ihm angezogen, aber diesmal bemerkte ich
beim Hineilen, daß er sich aus einem goldenen in einen purpurnen, dann in
einen scharlachroten und, als ich ganz nahe war, in einen opalisierenden
verwandelte. Ich traf die Paare unter freiem Himmel sitzend an, und fragte
die Frauen, ob jene weiße Taube später wieder erschienen sei: „Ja!“ sagten
sie, „und eben heute ist sie auch wieder da, und wir haben daraus
geschlossen, daß du wieder kommen werdest mit einer neuen Frage nach einem
Geheimnis der ehelichen Liebe“. „Warum sagt ihr: nach einem, da mich doch
nach der Eröffnung mehrerer Geheimnisse verlangt?“ Aber sie entgegneten begütigend:
„Es sind und bleiben Geheimnisse, und einige übersteigen eure Weisheit und
das Fassungsvermögen eures Verstandes! Unsere Weisheit ist eurer männlichen
überlegen, weil sie in eure Neigungen und Triebe eindringt, sie empfindet,
fühlt und sieht. Ihr seid euch ihrer kaum bewußt, und doch sind sie es, aus
denen und denen gemäß ihr denkt und weise seid. Wir kennen sie wohl, erspüren
sie aus euren Gesichtern und dem Ton eurer Rede, ja erfühlen sie aus Brust,
Atem und Wangen. Aus Liebeseifer für eure und zugleich unsere Glückseligkeit
verstellen wir uns, als wüßten wir nichts davon, doch lenken wir euch klug,
lassen zu und dulden, erzwingen aber nichts“. Ich fragte: „Woher kommt euch
solche Klugheit?“ Sie antworteten: „Sie ist uns von der Schöpfung und Geburt her eingepflanzt. Unsere
Männer nennen sie Instinkt, wir aber meinen, sie stamme aus der göttlichen
Vorsehung, auf daß die Männer durch ihre Frauen glücklich gemacht würden. Wir
haben von unseren Männern gehört, der Herr wolle, daß der männliche Mensch in
Freiheit gemäß seiner Vernunft handle, und Er selbst leite dessen Freiheit in
bezug auf seine Neigungen und Triebe von innen her, durch die Frau aber von
außen her, und so bilde Er Mann und Frau gemeinsam zu Einem Engel des
Himmels. Beides geschieht im geheimen, denn äußerlich erzwungene Liebe ist
keine echte Liebe. Heute dürfen wir noch offener sprechen: Wir werden zu
unserer Klugheit, die Neigungen und Triebe unserer Männer vorsichtig zu beeinflussen
und zu lenken, sodaß ihnen doch dünkt, sie handelten ganz aus eigener
Vernunft, auch aus dem Grunde bewogen, daß wir an ihrer Liebe unsere Freude
haben und nichts mehr wünschen, als daß sie ihre Freude an unseren Freuden
haben. Denn wenn diese bei ihnen an Wert verlieren, verebben sie auch in uns
und stumpfen ab.“ Eine der Frauen schaute hinaus und berichtete: „Meine Taube schwingt
ihre Flügel, also dürfen wir noch mehr entdecken! Wir haben allerlei
Veränderungen in den Gemütsbewegungen der Männer beobachtet, zum Beispiel,
daß sie gegen ihre Frauen kalt sind, wenn sie oberflächlich über den
Schöpfer und die Verbindung mit Ihm denken, auch wenn sie in überheblichem
Dünkel eigener Einsicht sind, wenn sie mit Begierde auf andere Frauen
schielen oder wenn sie von den Frauen Vorwürfe wegen mangelnder Liebe zu
hören bekommen. Je nach all diesem wechselt ihre Wärme und Kälte nach Grad
und Art. Wir nahmen dies wahr aus der Zurückziehung der Empfindung aus ihren
Augen, aus dem Klang ihrer Stimme und ihren körperlichen Reaktionen. Schon
aus diesem Wenigen kannst du ersehen, daß wir besser als die Männer selbst
wissen, ob ihnen im Grunde wohl oder übel ist, und weil sie sich nur wohl
befinden, wenn sie ihren Frauen gegenüber warm empfinden, sinnen wir in
unserer Seele unaufhörlich und mit einem für die Männer unergründlichen Scharfsinn
auf Mittel und Wege, die Männer warm zu stimmen.“ Da ließ sich etwas wie ein Klagelaut hören, und die Frauen riefen: „Das
ist unsere Taube: sie warnt uns, dem Verlangen nachzugeben, noch Geheimeres
zu entdecken, und meldet uns, daß dies nicht erlaubt ist! Du kannst ja den
Männern auf Erden offenbaren, was du gehört hast!“ Ich antwortete: „Ja, ich
will es tun; was sollte es schaden?“ Sie besprachen sich untereinander und teilten
mir dann mit: „Offenbare es, wenn du willst. Wir wissen wohl, welche Macht
der Überredung die Frauen haben; denn wisse, sie werden ihren Männern sagen:
Dieser Mann treibt sein Spiel mit euch! Es sind Possen, er scherzt, fällt auf
Scheinbarkeiten herein und nimmt männliche Witzeleien ernst; glaubt nicht
ihm, sondern uns, denn wir wissen, daß ihr Männer Liebe seid; wir aber sind
Gehorsam! Ja, offenbare es nur; die Ehemänner werden doch nicht auf deinen
Mund hören, sondern auf den ihrer Frauen, den sie küssen!“ (208) 41,0 - Vom ewigen Frühling im Himmel Als ich über die eheliche Liebe nachdachte, erschienen von ferne zwei
nackte Kinder mit Körbchen in den Händen. Tauben flogen um sie her. Als sie
näher kamen, sah ich, daß sie mit Blumengewinden geschmückt waren: Kränzchen
zierten ihre Haare, Girlanden aus Lilien und Rosen hingen von ihren Schultern
herab über die Brust, die eine Laubranke mit Oliven umschlang. Noch näher
besehen, erschienen sie nicht mehr als Kinder und nicht mehr nackt, sondern
als zwei Menschen in der ersten Blüte ihrer Volljährigkeit, bekleidet mit
Gewändern aus schimmernder Seide, in die wunderbare Blumen eingewoben waren,
und als sie endlich bei mir standen, wehte mich ein Duft wie aus Frühlingsgärten
an. Es waren zwei Ehegatten aus dem Himmel. Sie fragten mich: „Was hast du
gesehen?“, und als ich von allem berichtet hatte, lächelten sie und sagten,
sie hätten sich selbst nicht so, sondern immer in der gleichen Erscheinung
wie jetzt gesehen. Sie erklärten mir, in den mir bei ihrem Nahen erschienenen
Gestalten habe sich die eheliche Liebe dargestellt: deren Unschuld in der
kindlichen Nacktheit, deren Wonnen in den Blumengewinden, wie auch jetzt noch
in den eingewobenen Blumen, deren Frühlingswärme in dem lieblichen Duft. „Wir
sind schon Jahrhunderte lang Ehegatten und fortwährend in der Blüte unseres
Lebens. Unser erster Zustand war ähnlich dem der ersten Zeit der Ehe, und wir
glaubten, er sei die höchste Seligkeit. Da hörten wir aber von anderen in unserem
Himmel, es sei erst der Zustand der noch nicht durch das Licht gemäßigten
Wärme, der sich nach und nach harmonisiert, wenn der Mann an Weisheit wächst
und die Frau diese in ihrem Manne liebt. Die Zustandsveränderung erfolge
gemäß dem nützlichen Wirken beider in der Gesellschaft und ihrem gegenseitigen
Beistand in ihren Bemühungen. Daß es dich bei unserem Herannahen wie
Frühlingswärme und ‑duft anwehte, rührte daher, daß in unserem Himmel
die eheliche Liebe eben diese Wärme ist. Unsere Wärme ist diese Liebe, unser
Licht, mit dem sich die Wärme vereinigt, die Weisheit, und das nützliche
Wirken für die Gemeinschaft enthält beide in sich wie in seinem Schoß. Dieser
Frühling ist nur da, wo Wärme und Licht gleich sind. Die Wärme ergötzt sich
am Licht, und das Licht spielt mit der Wärme, die Liebe mit den Weisheit und
die Weisheit mit der Liebe. Das Licht unseres Himmels ist beständig; es gibt
nicht abendliche Dämmerung oder gar nächtliche Finsternis, denn unsere Sonne
geht nicht auf und unter, sondern steht immer nahe dem Zenit. So geht aus
ihrer Wärme und ihrem Licht unaufhörlicher Frühling hervor, und
Frühlingsluft entströmt denen, in welchen Liebe und Weisheit gleichmäßig
vereinigt sind. Unser Herr haucht dank deren ewiger Vermählung nichts als
Schöpferwirkung aus, die auch auf eurer Erde die Pflanzen aus dem Boden
hervorlockt und die Tiere zur Begattung treibt. Die irdische Frühlingswärme
schließt ihr Inneres auf bis in das Innerste, flößt ihnen das Eheliche ein
und steigert durch ihr beständiges Streben nach Fortpflanzung der Gattungen
ihre Zeugungskraft zum Vollgenuß. Beim Menschen aber ist diese nicht an
bestimmte Jahreszeiten gebunden, sondern er steht immerzu unter diesem Einfluß,
kann also zu jeder Zeit auch die Freuden der ehelichen Vereinigung genießen.
Die Männer sind vom Herrn geschaffen zur ununterbrochenen Aufnahme des
Lichtes, das ist der Weisheit vom Herrn, und die Frauen zur immerwährenden
Aufnahme der Wärme, das ist der Liebe zur Weisheit ihrer Männer.“ Nach diesen Worten reichte mir der Mann seine Hand und führte mich hin
zu Wohnungen solcher Ehepaare. „Diese Frauen, die jetzt blühend schön sind,
verließen die Erde als alte Mütterchen, und die Männer waren abgelebte
Greise, doch weil sie sich gegenseitig geliebt und die Unreinheit geflohen hatten,
wurden sie vom Herrn in ihr jetziges Alter mit seiner Vollkraft
zurückverwandelt“ (136). 42,0 - Hervortritt erster Jugendkraft „Die in gegenseitiger Liebe leben, nähern sich im Himmel mehr und mehr
dem Lenz ihres Lebens. Im Himmel heißt alt werden jung werden. Immer
blühender und seliger entfaltet sich dieser Frühling, fortschreitend mit den
unaufhörlich wachsenden Graden der gegenseitigen Liebe und mit fortwährender
Reinigung und Neuschöpfung. Alte Frauen, nach einem Leben im Aufschauen zum
Herrn, in Liebtätigkeit für ihre Mitmenschen und in glücklicher ehelicher Liebe
mit ihrem Mann an Altersschwäche gestorben, verjüngen sich im Himmel zur
Blüte vollkommener Weiblichkeit und einer Schönheit, die alle irdischen
Vorstellungen hinter sich läßt. Güte und Liebtätigkeit stellen in ihnen ihr
Ebenbild dar und bewirken, daß das Anmutige und Liebliche der tätigen Liebe
alle Teile ihres Angesichts und ihrer Gestalt durchstrahlt, sodaß sie durch
und durch Gestalten der ewigen Liebe sind. Mit einigen Geistern durfte ich
sie sehen, und wir staunten. Die Gestalt der Liebe, von der man im Engel eine
so lebendige Anschauung hat, zeigt, wie sie selbst es ist, die bildet und
sich abbildet. Die unbeschreibbare Schönheit dieser Gestalt offenbart anschaubar
die ewige Weisheit und regt in dem, der sie schaut, das innerste Leben seines
Gemüts an. Alle Menschen, die im Vertrauen zum Herrn, in der Erkenntnis des
Wahren und in tätiger Liebe gelebt haben, werden im anderen Leben zu solchen
Gestalten, solchen Schönheiten, und alle Engel bilden zusammen in unüberschaubarer
Mannigfaltigkeit den Himmel“ (aus: „Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes“). 43,0 - Die Gestalt der ehelichen Liebe Eines Morgens blickte ich zum Himmel auf und sah eine Himmelswölbung
über der anderen und sah, wie sich die erste auftat, dann die zweite, und
endlich die höchste, dritte. Zuerst wunderte ich mich darüber, aber bald
ließ sich eine Stimme hören wie mit Trompetenton, die rief: „Wir haben
vernommen und sehen jetzt, daß du über die eheliche Liebe nachsinnst, und da
auf Erden niemand weiß, was sie ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach ist, es
aber wichtig ist, davon zu wissen hat es dem Herrn gefallen, dir die Himmel
aufzutun. Nun kann in das Innere deines Gemüts erleuchtendes Licht einfließen
und du kannst die eheliche Liebe innewerden. Wir werden ein Ehepaar aus dem
höchsten Himmel zu dir hinabsenden“. Und siehe, es erschien ein Wagen, der
vom dritten Himmel herabfuhr, darin sah ich einen Engel. Als der Wagen näher
kam, sah ich jedoch zwei Engel in ihm. Der Wagen glänzte aus der Ferne wie
ein Diamant, und zwei Pferde waren ihm vorgespannt, weiß wie der Schnee, und
die im Wagen Sitzenden hielten in den Händen zwei Tauben. Sie riefen mir zu:
„Willst du, daß wir näher kommen? Dann aber nimm dich in acht, daß der
flammende Glanz des Himmels, aus dem wir herkommen, nicht zu tief in dich
eindringe. Aus seinem Einfluß werden zwar die höheren Ideen eures Denkens erleuchtet,
allein in der Welt in der du lebst, sind sie nicht in Worte zu fassen. Nimm
deshalb das, was du sehen und hören wirst, deiner Vernunft gemäß auf und
stelle es faßbar für euer Denken dar!“ Ich antwortete: „Ich will mich
vorsehen. Kommt näher!“ Sie kamen, und siehe, es war ein Ehemann mit seiner Gattin. Sie sagten:
„Wir sind Gatten, wir haben selig gelebt im Himmel vom ersten Weltzeitalter
an, und leben fortwährend in dem blühenden Alter, in dem du uns siehst“. Ich
betrachtete beide und wurde inne, daß sie die eheliche Liebe in ihrem Leben
und in ihrer Umkleidung darstellten, in ihrem Leben durch ihre Gestalten und
Gesichter, in ihrer Umkleidung durch ihre Gewänder und ihren Schmuck. Denn
alle Engel sind Gefühle der Liebe in menschlicher Gestalt, das herrschende
Gefühl leuchtet hervor aus ihrem Gesicht und ihm gemäß empfangen sie Kleider.
Deshalb sagt man im Himmel: Jeden kleidet sein Gefühl. Der Mann erschien
etwa in der Mitte zwischen Jugend und Mannesalter. Aus seinen Augen
schimmerte ein Lichtglanz der Weisheit seiner Liebe, und davon war sein
Gesicht strahlend wie von innen her, und dank dieser Ausstrahlung war seine
Haut gleißend und sein Gesicht blendend schön. Er trug einen Umhang und
darunter ein hyazinthfarbenes Gewand, umschlossen von einem goldenen Gürtel,
den drei Edelsteine zierten, zwei Saphire zu Seiten eines Karfunkels, rot zwischen
blau. Seine Hosen waren aus schimmernder Leinwand mit eingewobenen
Silberfäden, die Schuhe aus Seide. Dies war die Darstellungsform der ehelichen
Liebe im Manne. Bei der Frau war es so: sie erschien mir und erschien mir
auch nicht, sie erschien mir als die Schönheit selbst, und sie blendete mich,
weil diese unfaßbar ist. Auf ihrem Gesicht lag der Glanz des flammenden
Lichtes des dritten Himmels, und dies blendete meine Augen. Ich staunte, und
sie fragte mich: „Was siehst du?“ Ich antwortete: „Ich sehe nichts als die
Gestalt der ehelichen Liebe, aber ich sehe sie und sehe sie auch wieder
nicht!“ Hierauf wandte sie sich seitwärts, etwas von ihrem Manne weg, und nun
konnte ich sie ruhiger betrachten: Ihre Augen strahlten vom Licht ihres
Himmels, das flammend ist, weil es aus der Liebe zur Wahrheit stammt. In
jenem Himmel lieben die Frauen ihre Männer aus deren Weisheit und in ihr und
die Männer ihre Frauen aus deren Liebe zu ihnen und in ihr, und so werden
beide vereinigt. Kein Maler könnte ihre Gestalt abbilden, denn er hat nichts
so Glanzvolles auf seiner Palette, und solche Schönheit ist seiner Kunst
unerreichbar. Ihre Haare waren zur Schönheit ihrer Gestalt passend anmutig
geordnet und Juwelenrosetten waren in sie eingeflochten. Sie trug eine Kette
aus Karfunkeln, und daran hing eine Rosette aus Chrysolithen. Ihre Armbänder
waren aus Perlen. Bekleidet war sie mit einem scharlachroten Umhang über einem
purpurnen Kleid, das Rubine vorn zusammenhielten. Doch wechselten die Farben
je nach ihrem Hinblicken auf ihren Gatten, demgemäß schimmerten sie bald
mehr, bald minder, beim direkten Anschauen mehr, beim leichten Abwenden
weniger. Nun sprachen sie miteinander, und wenn der Mann sprach, sprach er
zugleich wie aus seiner Frau, und wenn die Frau sprach, sprach sie zu wie
aus ihrem Mann, so innig war die Vereinigung ihrer Seelen, aus denen ihre
Reden flossen. Dabei hörte ich auch den Ton der Sprache der ehelichen Liebe,
der aus den Freuden im Stande des Friedens und der Unschuld hervorgeht.
Schließlich sagten sie: „Wir werden abberufen, wir wollen gehen!“ Und nun
erschienen sie wieder auf dem Wagen fahrend und fuhren zwischen
Blumengefilden dahin, auf denen Öl und Orangenbäume standen. Als sie ihrem
Himmel nahe waren, kamen ihnen junge Frauen entgegen und führten sie hinein
(42). 44,0 - Von der Entstehung des Bösen Bei meinen Betrachtungen über die eheliche Liebe und ihren Gegensatz
besuchten mich zwei Engel und sagten: „Wir sind zu dir aus dem Himmel der Unschuld
gekommen und staunen über das, was du denkst. Wie kann es denn eine andere
Liebe zweier Menschen geben als die eheliche, die von der Schöpfung
herstammt? Wir kamen als kleine Kinder in den Himmel und sind dort, unter der
Leitung des Herrn erzogen, aufgewachsen, und als wir erwachsen waren, wurden
wir hochzeitlich verbunden. Weil wir von keiner anderen als der wahrhaft
bräutlichen und ehelichen Liebe wissen, haben wir, als uns deine Denkvorstellungen
einer anderen, uns fremden Liebe mitgeteilt wurden, nichts davon begriffen.
Sage uns also, wie diese sogenannte Liebe, die nicht von der Schöpfung her
besteht, sondern sogar ihr entgegengesetzt ist, möglich sein kann!“ Da freute ich mich darüber, daß ich mit solchen Engeln sprechen durfte,
und versuchte, ihnen mein Problem zu erklären: „Wißt ihr denn wirklich
nicht, daß es Gutes und Böses gibt?“ Aber die Engel fragten nun: „Wie konnte
das Böse entstehen, da doch im Urstand der Schöpfung nur das Gute da war?
Wenn etwas ist, muß es auch einen Ursprung haben, aber im Schöpfer kann doch
nicht der Ursprung des Bösen sein, weil es ja die Beraubung und Zerstörung
des Guten ist. Du sagst, es sei dennoch da und werde empfunden und es sei
nicht ein Nichts. Eröffne uns doch, woher dies ´Etwas` ist!“ Ich antwortete:
„Das Gute ist von der Schöpfung her in ihr, das Böse aber nicht, und doch ist
es nicht ein Nichts, obgleich es nicht Gutes ist. Jenes Urgute kann nämlich
im Menschen vom höchsten in niedrigere Grade absinken und demgemäß wird es
zum Nicht‑Guten, das wir Böses nennen. Dies Geheimnis kann nur aufgeschlossen
werden, wenn man weiß, daß niemand gut ist als allein der Schöpfer und daß es
nichts an sich Gutes gibt außer in Ihm. Sieht der Mensch auf Ihn und will von
Ihm geführt werden, dann ist er im Guten, wendet er sich aber von Ihm ab und
will nicht von Ihm geführt werden, dann ist er nicht im Guten, denn das Gute,
das er scheinbar tut, vollbringt er entweder aus Egoismus oder um sein Ansehen
in der Welt zu mehren. Es ist ein aus Ehrgeiz und Bemühung um Anerkennung und
Verdienst oder aus Verstellung und Heuchelei entstandenes ´Gutes`. Im Menschen
selbst liegt also der Ursprung des Bösen, nicht, als sei dieser Ursprung von
der Schöpfung her in den Menschen gelegt worden, sondern er entstand und entsteht
in ihm durch seine Abkehr vom Schöpfer und seine Hinwendung zu sich selbst.
Er war noch nicht in den ersten Menschen, sondern entstand erst, als Adam und
Eva, um mit der Schrift zu reden, der Schlange folgten, die sagte: ´An dem
Tag, da ihr vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen eßt, werdet ihr sein wie
Gott!` Das ´Essen` von jenem ´Baum` bedeutet, sich ernähren von der
Erkenntnis dessen, was gut und böse, und damit zusammenhängend, wahr und
falsch ist, und demzufolge zu glauben, man könne dies aus sich selbst
entscheiden, könne aus sich selbst verstehen und weise sein.“ Aber jetzt fragten die Engel: „Wie konnte sich dann der Mensch vom
Herrn, dem Schöpfer, ab‑ und sich selbst zuwenden, da er doch nur vom
Herrn her begabt, wollen, denken und folglich handeln kann? Wie konnte der
Herr dies zulassen?“ Ich erklärte ihnen: „Der Mensch ist so geschaffen, daß
alles, was er will und denkt und tut, ihm wie in ihm selbst liegend und aus
ihm selbst hervorgehend erscheint. Ohne diesen Schein wäre der Mensch nicht
Mensch, denn er könnte dann nicht Gutes und Wahres, das heißt nichts aus der
ewigen Liebe und der ewigen Liebe und der ewigen Weisheit aufnehmen, behalten
und sich zu eigen machen. Ohne diesen ihn belebenden Anschein der Freiheit
und Selbstbestimmung, des Selbstwollend Selbstdenkens und Selbsttuns könnte
er sich nicht in eigener Verantwortung und Entscheidung wie von sich aus mit
dem Herrn verbinden. Wenn er aber, dank jener Scheinbarkeit, darauf verfällt
zu glauben, er wolle, denke und handle aus sich selbst, dann verkehrt er das
Gute in sein Gegenteil und schafft so in sich den Ursprung des Bösen. Dieses
Böse, also die Selbstliebe, lenkt dann sein Denken und verkehrt das Wahre ins
Falsche, bis er schließlich nicht den Herrn, sondern sich selbst für den
Schöpfer und Maßstab hält, ja er begründet diese Auffassung eben dank dem in
ihn gelegten Vermögen, zu verstehen und wiese zu sein wie aus sich. Bei
seinem Herabsinken vom gemeinten Menschlichen verkehrt sich das in ihn
einströmende und ihn belebende Leben des Herrn und Sein Gutes und Wahres
allmählich ins Entgegengesetzte und wandelt sich um: das Gute in das Böse,
das Wahre in das Falsche.“ Die Engel dankten mir, bereiteten mich aber
zugleich auf ihren Abschied vor: „Weil du jetzt über eine Liebe nachsinnst,
die unserer ehelichen Liebe entgegengesetzt ist und dieses Gegenteil unsere
Gemüter traurig stimmt, wollen wir gehen. Friede sei mit dir!“ (444) 45,0 - Der richtige Aufbau des Menschen und seine Umkehrung Als ich einmal mit zwei Engeln von einem Besuch bei Geistern, die
zwischen Begierde und Einsicht schwankten, zurückkehrte, faßten die Engel
unsere Erlebnisse in die folgenden Aufschlüsse zusammen: „Der Mensch kann
sich in seinem Umgang mit anderen Menschen und mit irdischen Gütern dreierlei
Liebesarten hingeben: der Liebe zum Mitmenschen, das ist der Liebe,
nutzbringende Dienste zu leisten, der Liebe zum Besitz von Gütern und der
Selbstliebe, die über andere herrschen will. Die erste ist eine geistige
Liebe, die zweite eine weltlich-materielle Liebe, die dritte eine körperlich‑sinnliche
Liebe. Er ist wahrhaft Mensch, wenn die erste, die geistige Liebe sein
Haupt, die zweite, die materielle Liebe seinen Rumpf und die Selbstliebe
seine Beine und Füße bildet. Dann erscheint er vom Himmel aus gesehen in
Menschengestalt mit Engelsangesicht und einem Farbenkreis um sein Haupt.
Wenn aber die Weltliebe sein Haupt bildet, gleicht er einem Buckligen und
erscheint vom Himmel aus mit fahlem Totengesicht. Bildet gar die Selbstliebe
sein Haupt, dann ist er nicht ein Mensch, der auf den Füßen steht, sondern dessen
Gegenteil: auf den Händen gehend, den Kopf nach unten, die Hinterbacken nach
oben gerichtet. Vom Himmel aus gesehen, erscheint sein Gesicht schwarz. Beim
echten Menschen ist das Haupt zuoberst, zunächst dem Himmel, das Mittlere,
der Rumpf mit den Armen und Händen ist nach außen, zur Welt hin gerichtet,
auf dem Untersten, den Füßen, ruht er als Ich auf der Erde. Jene anderen
Menschen verdrehen diesen menschlichen Aufbau oder kehren ihn gar in sein
Gegenteil um“ (269). 46,0 - Wie man verschieden das gleiche sehen kann Einen vor kurzem von der Erde abgeschiedenen jungen Mann hörte ich in
der Geisterwelt mit frechen Prahlereien um sich werfen und sich seiner amourösen
Heldentaten rühmen. Zum Schluß sagte er: „Was ist trauriger als seine Liebe
einzukerkern und mit einer einzigen Frau zu leben, was ist angenehmer als
seiner Liebe freien Lauf zu lassen? Immer dieselbe, das ermüdet, nur die
Abwechslung regt an! Was ist süßer als Mädchen zu verführen, Ehemänner zu hintergehen
und galante Intrigen auszuhecken? Solche lustigen Streiche ergötzen das
Innerste Gemüt!“ Aber da warnten ihn die Umstehenden: „Rede nicht so! Du
weißt nicht, wo du bist, denn du bist hier neu, nämlich in der Welt, in der
alle von der Erde Abgeschiedenen erforscht werden, die Guten zubereitet für
den Himmel, die Bösen für die Hölle“. „Was Himmel, was Hölle!“, rief der Neue
lachend. „Ist nicht der Himmel da, wo man frei ist, und ist nicht der frei,
der lieben darf, wen er will? Hölle aber ist da, wo man Sklave ist, und der
ist ein Sklave, der an eine einzige Frau gefesselt ist!“ Da unterbrach ein Engel aus dem Himmel das Gespräch und rief „Komm
herauf zu uns, so will ich dir deutlich zeigen, was Himmel und Hölle ist, und
wie die innerlich aussehen, die wie du Hurerei treiben!“ Er zeigte den Weg, und
jener stieg hinauf. Er wurde zuerst in einen paradiesischen Garten geführt,
in dem Bäume und Blumen blühten und durch ihre Schönheit und ihren Duft die
Seelen mit Lebenswonne erfüllten. Er staunte, denn er befand sich jetzt in
seiner äußerlichen Anschauung, das heißt, er sah so wie auf Erden, wenn er
sich vernünftig gab. In seiner innerlichen Anschauung freilich, in der
sexuelle Triebhaftigkeit die Hauptrolle spielte, war er nicht wirklich
vernünftig gewesen. Um ihm seinen wahren Zustand zu zeigen, wurde nun sein
äußerer Gesichtssinn verschlossen und der innere geöffnet. Da riet er: „Was
sehe ich jetzt? Lauter stinkendes Zeug! Wo ist denn das Paradiesische hingekommen?
„Es ist um dich“, sagte der Enge], „aber es erscheint nicht als solches vor
deinem inneren Sehen, weil es von deinen innersten Neigungen ausgerichtet
wird, die beherrscht sind vom sexuellen Sichausleben. Dies verwandelt alles
Himmlische in Höllisches und sieht nur das dem Himmlisch-Paradiesischen
Entgegengesetzte! Jeder Mensch hat wie du ein inneres und ein äußeres Gemüt,
somit ein inneres und ein äußeres Sehen. Bei den Bösen ist das innere Gemüt
verdorben und denkt Unsinn, während sich das äußere vernünftig und weise
gibt. Bei den Guten dagegen ist das innere Gemüt von Gutem und Weisem erfüllt
und von daher auch das äußere. Und wie das Gemüt wirklich, das heißt
innerlich ist, sieht man in der geistigen Welt die Dinge.“ Nun verschloß der Engel wieder seinen inneren Gesichtssinn und ließ ihn
in den äußeren zurückkehren, und führte ihn in eine himmlische Stadt. Da sah
er prächtige Bauwerke aus Marmor und Edelsteinen und Bogengänge mit reich und
kostbar geschmückten Säulen, und wieder staunte er und rief: „Was sehe ich!
Pracht, nichts als wahre Pracht und höchste Kunst!“ Aber der Engel verschloß
wieder sein äußeres Sehvermögen und öffnete sein inneres, und da fuhr er
zurück: „Was sehe ich denn jetzt? Wo bin ich? Wo sind die Paläste, und wo ist
all die Kunst. Ich sehe Schutthaufen, Ruinen und Höhlen!“ Nochmals in sein
Äußeres zurückversetzt, wurde er in einen der Paläste geführt und bewunderte
die Tore, die Hallen, die Räume, die kostbar verkleideten Wände und die Möbel
und Geräte, himmlische Formen aus Gold und Edelsteinen, so kunstvoll
gefertigt, daß sie alle irdischen Kunstwerke unvorstellbar übertrafen. „Das
sind wahre Wunderwerke! So etwas hat noch nie ein Auge gesehen!“, brach er
staunend aus. Aber wieder rief er nach der Öffnung seines inneren Sehens:
„Nichts als verrottetes Gemäuer, hier aus Binsen, dort aus Stroh und morschem
Holz!“ Der Engel führte ihn weiter und machte zum letzten Mal die Probe. Jetzt
sah er schönste, liebreizende junge Frauen, so schön, weil sie Ebenbilder
ihrer himmlischen Neigungen waren, und sie sprachen ihn mit lieblichen
Stimmen an, aber diesmal riß die Erregung seinen Gesichtssinn sofort von
selbst in sein unkeusches Inneres zurück, und weil ein solches nichts von
himmlischem Liebreiz erträgt und umgekehrt von himmlischer Liebe nicht
ertragen werden kann, verschwanden die jungen Frauen aus seinem Auge, und
auch sie sahen ihn nicht mehr. Nach diesen Experimenten erklärte ihm der Engel die Ursache der Umkehrungen
seiner Anschauungen: „Ich merke, daß du in der Welt aus der du herkamst ein
doppelter Mensch gewesen bist: im Äußeren artig höflich und vernünftig, im
Inneren aber brutal, sittenlos und unvernünftig wegen deiner Hurerei und Ehebrecherei.
Solche Menschen können, wenn ihnen der Himmel geöffnet wird und solange sie
dort in ihrem Äußeren gehalten werden, Himmlisches sehen, wird aber ihr
Inneres entlarvt, dann verkehrt sich alles in sein Gegenteil, das heißt in
Höllisches! Wisse aber, daß in der geistigen Welt bei jedem nach und nach das
Äußere verschlossen und das Innere aufgetan und er dadurch zum Himmel oder
zur Hölle zubereitet wird. Weil aber das Böse des nur Geschlechtlichen mit
seinen Trieben und Exzessen das Innere des Gemüts mehr schändet als anderes
Böses, wird es notwendig zu solchen Abscheulichkeiten wie denen deines
Inneren hinabgezogen, das ist zu Höllen, die von Unrat stinken. Das Unkeusche
und Unzüchtige offenbart sich in der geistigen Welt als das, was es ist,
nämlich als Unsauberkeit und Unreinheit, und prägt seinen Trägern den
höllischen Charakter auf. Hüte dich davor, dich weiterhin deiner sexuellen
Heldentaten und deiner männlichen Leistungen zu rühmend. Ich sage dir voraus,
daß du so schwach werden wirst, daß du kaum noch weißt, wo deine Männlichkeit
geblieben ist, denn dies Los erwartet solche Prahler wie dich!“ Nachdenklich
geworden stieg der Geist herab und kehrte zu seinen Genossen zurück und
redete eine Weile bescheiden und keusch, aber nicht lange (477). 47,0 - In den Höllen der
sexuellen Ausschweifungen Die Qualität eines Menschen wird entscheidend von seinem Verhältnis zum
anderen Geschlecht bestimmt. Ist die eheliche Liebe äußerlich und innerlich
ausgetilgt, dann erwartet ihn in der anderen Welt ein jammervolles Los. Nach
dem ersten Zustand, in dem er seinem Äußeren entsprechend noch vernünftig
spricht und sich einigermaßen anständig benimmt, wird sein Inneres aufgedeckt,
und nun führt er sein eigentliches eigenes Leben und gibt sich ungehemmt
seinen wahren Lüsten hin. In liederlichen Bordellen zu Seiten der Höllen kann
er der Lust zur Abwechslung frönen, allerdings nur mit einer an einem Tag,
nicht mit mehreren zugleich. Dabei wird sein Inneres erforscht, und wenn sich
ergibt, daß ihm jene Lüste so zur zweiten Natur geworden sind, daß er nicht
davon lassen kann, wird er an einen Ort genau über der für ihn bestimmten
Hölle geführt. Dabei scheint es ihm, als falle er in Ohnmacht, anderen aber,
als sinke er mit aufwärts gerichtetem Gesicht nach unten. Und wirklich öffnet
sich unter ihm der Boden, und er wird von dem Abgrund verschlungen, in dem
er, vom wahren Menschsein her gesehen, schon während seines Erdenlebens gehaust
hatte. Ich durfte mit dort Versammelten sprechen. Ihresgleichen erscheinen
sie wie Menschen, um sich nicht vom gemeinsamen Umgang abzuschrecken, aus
einiger Entfernung gesehen dagegen als Mißgestalten, wie erstarrt und mit
fahlem Gesicht wie aus vergilbter Haut, weil in ihnen kein geistiges Leben
ist. Ihre Rede ist trocken, mager und traurig; sind sie hungrig, dann jammern
sie und brummen sonderbar; ihre Kleider sind zerrissen, und ihre Hosen ziehen
sie über den Bauch bis zur Brust hoch, weil sie keine Lenden haben, sodaß die
Füße da sitzen, wo man die Oberschenkel vermutet. Das weibliche Geschlecht
meiden sie, weil sie impotent sind. Dennoch können sie miteinander scheinbar
vernünftig reden, aber das geschieht aus Sinnestäuschungen, weil sie nur ein
Hautleben haben (510). Mein geistiges Sehen wurde geöffnet, und ich sah einen düsteren Wald,
darin eine Horde von satyrähnlichen Kerlen, mit struppiger Brust und Füßen
wie Kälber, Panther oder Wölfe oder mit Krallen statt Händen und Füßen. Sie
rannten umher wie wilde Tiere und riefen: „Wo sind Weiber?“ Darauf erschienen
ebenso mißgestaltete Huren. Die Satyrn packten sie und zerrten sie in eine
Höhle. Eine große, spiralig gewundene Schlange umlagerte die Höhle und hauchte
Gift in sie hinein, und auf den Ästen des Waldes krächzten und heulten wilde
Nachtvögel. Nach einer Weile krochen die Unholde aus der Höhle heraus und
wechselten in eine niedrige Hütte, ein Bordell, über. Dann zogen sich die
Huren zurück, die Satyrmänner aber unterhielten sich, und ich konnte dabei
von ferne zuhören. Sie sprachen zuerst über die Ehe und die mit Füßen wie
Kälber sagten: „Was sind Ehen anderes als erlaubte Hurereien, und was ist
lustiger als Ehemänner zu betrügen?“ Sie ernteten dafür klatschenden Beifall.
Über die Natur ließen sich die mit Füßen wie Panther aus: „Was gibt es denn
anderes als die Natur? Menschen und Tiere unterscheiden sich doch nur dadurch
voneinander, daß die Menschen artikuliert reden, die Tiere aber nur laute
Töne ausstoßen können. Beide haben ihr Leben von der Wärme und ihren
Verstand vom Licht der Natur!“ Da riefen die anderen: „Bravo! Ganz richtig!“
Schließlich kamen die mit den Füßen wie Wölfe auf die Religion zu sprechen:
„Was ist denn das, was man ´Gott` nennt oder das ´Göttliche´, anderes als das
Innerste der Natur? Was ist also die sogenannte Religion anderes als eine
Erfindung, um das Volk zu fangen und in Banden zu halten?“ Und wieder schrien
die Zuhörer: „Bravo!“ Dann brachen sie auf, und dabei bemerkten sie, daß ich sie von ferne
aufmerksam beobachtete. Erbost liefen sie aus dem Wald heraus und bedrängten
mich: „Was stehst du da und belauschst unser Gespräch?“ Ich entgegnete:
„Warum denn nicht? Was hindert mich daran?“ und berichtete freimütig, was ich
gehört hatte. Das beschwichtigte sie und nahm ihnen die Furcht, verraten zu
werden. Sie sprachen nun etwas bescheidener und legten ein besseres Benehmen
an den Tag, woraus ich schloß, daß sie einst vornehmen Ständen angehört
hatten. Als ich ihnen erzählte, in welcher Gestalt sie mir erschienen waren,
verwunderten sie sich, weil sie selbst sich untereinander wie Menschen sahen,
so wie sie jetzt in meiner Nähe auch als Menschen erschienen. Ich belehrte
sie darüber, daß sie mir von ferne nicht als menschliche Personen, sondern
als Gestalten ihres Inwendigen erschienen waren, also als Formen ihrer
Hurerei: „Jede böse Begierde stellt sich in der geistigen Welt als ihr
Ebenbild dar, das aber nicht von ihren Trägern selbst, sondern von den weiter
weg Stehenden gesehen wird. Wenn ihr das nicht glauben wollt, dann sollen
doch einige von euch in jenen Wald gehen. Ihr anderen aber bleibt hier und
seht ihnen nach!“ Sie schickten zwei zu jener Hütte und wirklich, dort sahen
diese so aus, wie ich beschrieben hatte. Sie begrüßten die Zurückkehrenden
als Satyrn und machten sich über sie lustig. Nun aber lenkte ich das Gespräch wieder auf ernsthafte Dinge und
fragte, ob sie je daran gedacht hätten, daß Ehebruch und Hurerei Sünde sei.
„Ach was, Sünde!“, riefen sie. „Wir wissen nicht, was das ist!“ Ich erinnerte
sie an die Zehn Gebote, aber sie lachten nur: „Was Zehn Gebote! Stehen die
nicht im Katechismus? Was geht uns Männer dieses Kinderbüchlein an?“ Auf die
Frage, ob sie jemals an die Hölle gedacht hätten, antworteten sie: „Wer ist
aus ihr herausgekommen und hat davon berichtet?“ „Und das Leben nach dem Tod?
Habt ihr auf Erden nie daran gedacht?“ „Das gleiche wie über das der Tiere!
Zuweilen auch an Gespenster, die aus Gräbern aufsteigen!“ Nun forderte ich
sie auf, zum Wald und zu jener Höhle hinüber zu sehen, und sie sahen dort die
große Schlange sich ringeln und Gift aushauchen und die unheimlichen Vögel
über ihr. ich fragte: „Was seht ihr?“ Erschreckt schwiegen sie. ich fragte
weiter: „Habt ihr dieses Schauderhafte denn nicht gesehen? Es ist das Abbild
eures Tuns in der Schande seiner Lüste!“ Da stand auf einmal ein Engel bei
uns und öffnete eine Hölle gegen Westen, in der sich ihnen Ähnliche befanden,
und befahl: „Seht dorthin!“ Wir sahen einen feurigen Pfuhl, und sie erkannten
darin einige Freunde aus der Erdenzeit, die sie zu sich einluden. Daraufhin
wandten sie sich rasch ab und entfernten sich von dem Wald; aber ich
beobachtete ihren Weg und bemerkte, daß sie sich nur verstellten, denn auf
Umwegen kehrten sie doch dahin zurück (521). In der geistigen Welt hörte ich einmal einem Gespräch über allerlei
Arten sexueller Befriedigung zu. Es war da die Rede vom besonderen Genuß des
Beischlafs mit unverdorbenen Mädchen oder Jünglingen, von dem mit
verheirateten Frauen, vom Geschlechtsverkehr mit Adeligen oder aber mit
Männern oder Weibern aus niedrigem Stand. Als ich über diese Mannigfaltigkeit
nachdachte, interessierte es mich, solche kennen zu lernen, die, selbst
verheiratet, den Verkehr mit Verheirateten allem anderen vorgezogen hatten.
Ich durfte zu ihnen gehen, und sie wurden gehalten, mit mir ihrem Lustgefühl
gemäß zu reden. Sie sagten, ihr einziges Vergnügen sei gewesen und sei es
noch, die Frauen anderer Männer zu beschlafen, und sie suchten sich immer
besonders schöne aus und verschafften sich diese auch mit viel Geld,
jedenfalls gelinge ihnen das bei den meisten. Auf die Frage, warum es denn
nicht auch ledige Frauen sein könnten, antworteten sie, das sei für sie
reizlos. Auf die weitere Frage, ob diese Frauen dann zu ihren Gatten
zurückkehren, erwiderten sie: „Entweder nicht oder aber frigid, weil sie
Huren geworden sind!“ „Habt ihr denn gar nicht daran gedacht, daß ihr
zweifachen Ehebruch betreibt und euch damit alles geistig Guten beraubt?“
Darüber lachten sie und fragten: „Was ist denn das: geistig gut?“ Ich aber bestand
darauf: „Nichts ist abscheulicher, als seine Seele mit der eines Ehemannes zu
vermischen! Wißt ihr denn nicht, daß im Samen die Seele des Mannes ist?“ Da
wandten sie sich weg und murmelten: „Was schadet denn das?“ Zuletzt sagte
ich: „Wenn ihr schon die göttlichen Gesetze nicht fürchtet, habt ihr dann
nicht wenigstens Angst vor den bürgerlichen?“ Sie erwiderten: „Nein! Nur
manchen Priestern gehen wir aus dem weg und verhehlen vor ihnen, was wir
treiben. Kommt es doch heraus, dann machen wir es in Güte mit ihnen ab!“
(483) Ich wurde auch mit dem Los derer, die am liebsten Unschuldige verführen,
bekannt gemacht. Arglistig ersinnen sie allerlei Kunstgriffe und wenden sie
bei denen an, die sie als Leckerbissen und erwünschte Opfer ihrer Lust ins
Auge fassen. Sie heucheln Liebe, Keuschheit, Frömmigkeit und erschleichen
sich Vertrauen und Freundschaft, schmeicheln sich ein und wecken Liebe. Dann
erregen sie die Sinnlichkeit und ergreifen am Schluß von der Ahnungslosen
Besitz. Nachdem solche Menschen die erste Periode nach dem Sterben, in der sie
sich noch in ihrem Äußeren befinden, also feine Manieren und einnehmende Redensarten
an den Tag legen, durchgemacht haben, beginnt die Periode der Entlarvung, in
der sie ihrem Inneren gemäß denken und handeln. Ihrer Lust wird nun freier
Lauf zum gewohnten Spiel gelassen, denn sie sollen nicht gerichtet werden,
bevor sie überführt sind. Zuerst bringt man sie zu Frauen, die das Gelübde
der Ehelosigkeit abgelegt haben, wobei sich offen zeigt, wie beschaffen ihre
Begierde ist Angesichts der unberührten Frauen betätigt sich sogleich ihre
Arglist und Schlauheit, aber ohne Erfolg. Danach werden sie zu unschuldigen
Mädchen geleitet, die sie in gleicher Weise zu berücken versuchen, aber
diesmal werden sie durch die solchen Wesen verliehene Macht schwer bestraft:
diese bewirken Erstarrung der Arme, Beine und Nacken und lassen sie in
Ohnmacht fallen. Wenn sie sich von ihrem Schrecken erholt haben, fliehen sie
schleunigst. Jetzt ist es soweit, daß ihnen der Weg zu feilen Dirnen eröffnet
wird. Die heucheln Unschuld, weisen sie zuerst ab und verspotten sie, werden
aber nach allerlei Versprechungen nachgiebig und geben sich preis. Nach einigen solchen Proben ist die Periode des Gerichts gekommen: sie
sinken, ihrer wahren Gesinnung überführt, in die Tiefe zu Ihresgleichen.
Dort in ihrer Hölle erscheinen sie von ferne wie Wiesel. Die schlimmsten von
ihnen werden noch weiter hinten in die Hölle der Betrüger ausgesetzt, in der
sie von weitem Schlangen aller Art gleichen. Als ich diese Hölle von nahe
sehen durfte, erschienen sie mir leichenblaß mit kalkartigem Gesicht, und
weil sie nichts als Begierde sind, reden sie gar nicht, sondern zucken nur
und murmeln allerlei nur ihren Genossen Verständliches. Zuweilen fliegen sie
wie gespenstische Larven umher, denn in ihrer Phantasie glauben sie zu
fliegen. Nach solchen Flügen kennt keiner den anderen mehr, weil ein Betrüger
dem anderen nicht traut und sich deshalb seinem Anblick entzieht. Zudem ist
alles Interesse am anderen Geschlecht aus ihnen geschwunden, und damit auch
alle Potenz (513, 514). 5. Männer, die nur darauf aus sind, unberührte Mädchen zu verführen werden
nach ihrem ersten Zustand in der geistigen Welt, in dem der Umgang mit Engeln
sie zu einiger Zurückhaltung und Sittsamkeit mäßigt, von ihrem Äußeren in
ihr Inneres versetzt und also in die Begierden, von denen sie auf Erden
beherrscht waren. Dies geschieht, um zur Erscheinung zu bringen, bis zu
welchem Grad sie so geartet waren, und damit sie, falls der Grad geringer
war, gebessert und zur Besinnung gebracht würden. Diejenigen aber, die von
ihrer Genußsucht völlig besessen waren und sich ihrer ´Diebstähle` und
herrlichen ´Beuten` rühmten, sind nicht davon abzubringen. Wenn sie in den
Höllen nur gemeine Dirnen treffen, suchen sie andernorts nach frischer Kost
und geraten dann an Huren, die sich schön aufputzen und Blumen ins Haar
stecken und sich für Jungfrauen ausgeben. Da entbrennen diese gierigen Männer
vor Lust und verabreden ein Stelldichein, aber wenn es an den Vollzug geht,
wird vom Himmel her das wahre Wesen ihrer Opfer enthüllt, sodaß sie
erscheinen wie sie innerlich sind: häßlich, widerlich und wie verrußt. Wenn
die Männer auch nach solchen Erfahrungen nicht zur Vernunft kommen, werden
sie in eine Hölle geworfen, die noch unter der jener Huren liegt, und dort
ihren Genossen beigesellt. Es wurde mir gesagt, dort befänden sich viele
Vornehme und Reiche, doch ist ihnen jede Erinnerung an ihre einstigen Würden
und Reichtümer genommnen, sodaß sie sich, aller Ehren beraubt, für geringe
Sklaven halten. Unter einander erscheinen sie sich zwar als Menschen, aber
vom Licht der Wahrheit her betrachtet, sind sie Ebenbilder ihres Inneren:
ihre Gesichter sind nicht mehr hübsch und anziehend wie einst, sondern
widerlich und ihr Gehaben ist nicht mehr freundlich und einnehmend, sondern
abschreckend. Sie torkeln wie lendenlahm und deshalb gekrümmt einher, ihr
Oberkörper hängt vornüber, als kippten sie im nächsten Augenblick nach vorne
um, und sie verbreiten einen abscheulichen Gestank. Ihre Gier ist in
Widerwillen umgeschlagen, und sie wenden sich voll Abscheu ab von jedem Weib.
So erscheinen sie in der Nähe gesehen, aus der Feme eher wie bellende Hunde
(505). Die von der brennenden Gier besessen waren Frauen zu vergewaltigen, und
deren Brunst sich noch steigerte, wenn ihre Opfer sich weigerten und sträubten,
gleichen Straßenräubern, die sich an Raub und Beute mehr als an rechtmäßig
Erworbenem ergötzen. Der Widerstand erhitzt sie, wenn sie aber spüren, daß er
nicht ernst gemeint ist, wird ihre Hitze wie durch hineingegossenes Wasser
gelöscht. Es ist bekannt, daß sich zuweilen auch Ehefrauen ihren Gatten versagen.
Sie tun das, wie man sagt, aus Instinkt, besser gesagt, aus jener ihnen
eingeborenen weiblichen Klugheit. Durch zeitweilige Verweigerung der Hingabe
und durch Widerstand wie gegen Nötigung, bewahren sie jene Ehemänner vor der
Gefahr des Erkaltens der ehelichen Liebe, die oft droht, wenn der fortwährend
erlaubte Verkehr zur Gewohnheit wird, oder auch wenn die Frau ihren Mann
durch Aufdringlichkeit verärgert. Bei den oben Genannten liegt der Fall freilich anders: die eheliche
Liebe wie auch die buhlerische Liebe ist in ihnen abgenützt und zur
Wiedererregung der sexuellen Lust wollen sie durch den zwang zur Überwindung
des Widerstands neu entzündet werden. Nach dem Überdruß am ehelichen Umgang
und dann auch am außerehelichen Verkehr zerreißt diese schnöde Lust alle
Schranken. Im anderen Leben trennen sie sich aus eigenem Antrieb von denen, die
noch in begrenzter Geschlechtsliebe sind, und erst recht von denen, die in
wahrhaft ehelicher Liebe leben. Sie werden listigen Weibern zugewiesen, die
nicht nur durch ihr Gerede, sondern auch durch Verstellung den Glauben an
ihre Keuschheit erwecken können. Sie ergehen sich im Lob der Keuschheit und
ihres hohen Wertes. Wenn nun der Vergewaltiger loslegt, gerät die
Komödiantin in Zorn, wehrt sich, flieht in ihr Zimmer, schließt die Tür ab
und setzt sich wie erschöpft nieder. So erregt sie im Verfolger die
zügellose Gier, die Tür einzuschlagen, hereinzustürzen und anzugreifen. Aber
sie fährt auf ihn los, zerkratzt ihm das Gesicht, zerreißt seinen Anzug und
ruft wütend um Hilfe: „Räuber! Mörder!“ Geht er dann zur Tat über, klagt sie und
bricht in Tränen aus, heult nach der Vergewaltigung, erhebt ein Zetergeschrei
und droht, Verderben über ihn zu bringen. Während dieser Hurenkomödie erscheinen
die Beteiligten von ferne wie kämpfende und heulende Katzen. Nach einigen
solchen Schlachten werden die Männer weggeführt in eine Höhle, wo sie zu
irgendeiner Arbeit angehalten werden. Weil sie aber wegen völliger Zerstörung
des ehelichen Sinns, des Kleinods des menschlichen Lebens, üblen Gestank
verbreiten, verweist man sie endlich an die Grenzen der Hölle. Da erscheinen
sie in der Nähe wie mit Haut überzogene Skelette, aus größerer Entfernung wie
Panther. Als ich mich ihnen einmal näherte, überraschte mich, daß sie Bücher
lasen: Ich wurde belehrt, dies rühre daher, daß sie auf Erden mancherlei über
Geistiges geredet, dies aber durch ihre verderbliche Lust verunreinigt
hatten. Ihr Trieb zum Vergewaltigen sei eben die Entsprechung der gewaltsamen
Verletzung des Geistigen der Ehe (511, 512). 48,0 - Die eheliche Liebe von einst bis heute Beim Nachdenken über die eheliche Liebe wandelte mich ein Verlangen
an, zu wissen, wie sie bei den Menschen beschaffen war, die in jenen
Zeitaltern gelebt hatten, die man das „goldene“, das „silberne“, das
„kupferne“ und das „eiserne“ nennt. Ich bat den Herrn, darin unterrichtet zu
werden, und siehe, es stand ein Engel bei mir. Der Engel sprach: „Ich bin gesandt, dein Führer und Gefährte zu sein.
Ich will dich zuerst zu denen geleiten, die im ersten Weltzeitalter gelebt
haben, das ´Goldenes Zeitalter` genannt wird. Der weg zu ihnen ist schwierig,
niemand kann ihn ohne einen vom Herrn gegebenen Begleiter gehen!“ Ich rüstete
mich, und wir wandten das Gesicht gen Osten und sahen in der Ferne einen
hohen Berg. Zuerst durchwanderten wir eine große Wüste, dann einen dichten,
dunklen Wald mit mehreren Fußpfaden, die der Engel aber als Irrwege
bezeichnete. Wenn der Herr nicht die Augen öffnet, sodaß man die von
Weinreben umrankten Ölbäume sieht und die Schritte vom einen zum anderen
lenkt, irrt der Wanderer ab zu den Höllen. Wir aber sahen jene Ölbäume und
die Weinranken mit ihren hyazinthfarbenen Trauben, folgten ihrer bogig
gewundenen Anordnung und kamen endlich zu einem Zedernhain. „Jetzt sind wir
schon auf dem Berg und nicht weit von seinem Gipfel“, sagte der Engel. Wir
gingen weiter und gelangten zu einem runden Feld, auf dem Schafe und Lämmer
weideten, und dann zu Zelten an Zelten, soweit das Auge reichte. „Jetzt sind
wir am Lager der Heerscharen des Herrn“, erklärte mein Begleiter, „doch wir
wollen den Weg gen Süden einschlagen, wo die Weisen sind, um mit einem von
ihnen zu sprechen.“ Unterwegs sah ich von ferne drei Knaben und Mädchen vor einer Tür
sitzen, als wir uns aber näherten, erschienen sie wie Männer und Frauen, und
der Engel sagte: „Alle Bewohner dieses Berges erscheinen von fern wie Kinder,
weil sie im Stand der Unschuld sind“. Sie liefen auf uns zu und fragten:
„Woher seid ihr? Wie seid ihr hierhergekommen? Ihr seht anders aus als die
unsrigen!“ Der Engel gab ihnen Auskunft, und nun lud uns einer der Männer
ein, sein Zelt zu betreten. Er war angetan mit einem hyazinthfarbenen
Obergewand und einem Untergewand aus weißer Wolle; sein Weib trug ein
Purpurkleid und darunter eine Bluse aus gesticktem Byssus. Weil in mir das
Verlangen war, ihre Ehe kennen zu lernen, sah ich bald den Mann und bald die
Frau an und bemerkte in ihren Gesichtern die Einheit ihrer Seelen und sagte:
„Ihr zwei seid ja Eins!“ Der Mann bestätigte: „Ja! Wir sind Eins, ihr Leben
ist in mir, und das meinige in ihr. Wir sind zwei Körper, aber eine Seele,
unsere Vereinigung ist wie die von Herz und Lunge in der Brust. Sie ist mein
Herz, und ich bin ihre Lunge, doch weil wir hier unter dem Herzen die Liebe
und unter der Lunge die Weisheit verstehen, so ist sie die Liebe meiner
Weisheit, und ich bin die Weisheit ihrer Liebe. Ihre Liebe umhüllt meine
Weisheit, und meiner Weisheit gilt ihre Liebe. Das bewirkt, wie du richtig
bemerkt hast, die Erscheinung der Einheit der Seelen in den Gesichtern.“ Ich fragte: „Wenn ihr so vereinigt seid, kannst du denn dann auch auf
andere Frauen hinblicken?“ Er antwortete: „Ich kann es, doch weil wir so
vereinigt sind, sehen wir beide zugleich hin, so kann kein Verlangen nach
anderen Frauen in mich eindringen. Ich sehe sie durch meine Gattin, die ich
einzig liebe; sie nimmt alle meine Neigungen wahr und läßt kein Mißheiliges
aufkommen. Uns hier ist es ebenso unmöglich, die Frau eines anderen mit
Lustbegier anzuschauen, wie es unmöglich ist, aus den höllischen Schatten den
Himmel zu sehen, und wir haben kein Wort für das, was du offenbar meinst“.
Ich merkte, daß er das Wort „Hurerei“ nicht aussprechen konnte, weil die
Keuschheit seines Himmels es nicht zuließ. Und mein Begleiter sagte: „Du
hörst jetzt, wie die Engel des Himmels reden; es ist die Sprache der
Weisheit!“ Ich sah mich um und staunte über das wie mit Gold überzogene Zelt. Der
Engel belehrte mich: „Das kommt von dem flammenden Licht, das wie Gold glänzt
und die Zeltplanen bestrahlt und durchdringt, während wir im Gespräch über
die eheliche Liebe sind. Dann entbindet sich die Wärme aus unserer Sonne,
deren Wesen Liebe ist, und färbt das Licht, dessen Wesen Weisheit ist, mit
ihrem Gold, denn die eheliche Liebe ist in ihrem Ursprung das Wechselspiel
der Liebe mit der Weisheit: Der Mann ist geboren, weise zu werden und
Weisheit zu sein, das Weib aber als Liebe zur Weisheit des Mannes. An diesem
Spiel der ehelichen Liebe und aus ihr ergötzen wir uns mit unseren Gattinnen
seit wir hier sind; seine Freuden sind nach Menge, Grad und Kraft herrlich
und übertreffen alle anderen. Sie werden uns geschenkt je nach unserer
Verehrung des Herrn, denn von Ihm fließt jene himmlische Vermählung der Liebe
und Weisheit in uns ein.“ Nun erschien ein helles Licht auf dem Gipfel inmitten der Zelte, und
ich fragte: „Woher kommt dieses Licht?“ Der Ehemann sagte: „Aus dem Heiligtum
unserer Gottesverehrung!“ „Ist es erlaubt, sich ihm zu nähern?“ „Ja!“ Ich
ging hin: es glich der Stiftshütte, und ich fragte: „Was ist darin?“ Er sagte
nur: „Eine Tafel mit der Aufschrift: Bund des Herrn mit den Himmeln“, nicht
mehr. Beim Weggehen fragte ich noch: „Hat keiner von euch auf Erden mit mehr
als einem Weibe gelebt?“ „Ich weiß hier unter uns keinen“, antwortete er,
„denn wir konnten nicht an mehrere denken. Doch es gab auf der Erde solche,
und sie sagten, alsbald seien dann die himmlischen Seligkeiten ihrer Seelen
zurückgewichen vom Innersten zum Äußersten des Körpers, und zugleich sei auch
ihre Potenz geschwunden. Sie mußten uns, sobald man das wahrnahm,
verlassen“. Er holte für mich zum Abschied einen Granatapfel mit goldenen
Samenkörnern aus dem Zelt, gab mir den Friedensgruß, und wir gingen hinweg. Tags darauf kam der Engel, der mich geführt hatte, wieder und fragte:
„Soll ich dich zu denen führen, die in dem Weltalter gelebt haben, das man
das ´silberne` nennt? Auch zu ihnen kann man nicht ohne Geleit gehen“. Ich
bejahte, und wir gingen zuerst zu einem Hügel zwischen Osten und Süden. Auf
seinem Gipfel zeigte er mir ein ausgedehntes Land, aus dem im Hintergrund
etwas wie ein Gebirge hervorragte. Vor uns lag ein Tal, dahinter eine Ebene
und hinter ihr eine ansteigende Anhöhe. Wir stiegen von unserem Hügel herab,
durchschritten das Tal und sahen da und dort Statuen aus Holz oder Stein: Menschenfiguren,
Tiere, Vögel und Fische. Ich fragte den Engel: „Was ist das? Sind das
Götzenbilder?“ Er antwortete: „Ganz und gar nicht! Es sind Sinnbilder von
allerlei Tugenden und geistigen Wahrheiten. Die Menschen dieses Zeitalters
kannten die Wissenschaft der Entsprechungen, und weil jeder Mensch, jedes
Tier, jeder Vogel und Fisch einer menschlichen Eigenschaft entspricht,
stellt jedes Bildwerk derartiges dar. In Ägypten nannte man dies die geheime
Bilderschrift.“ Wir gingen durch das Tal in die Ebene und sahen hier Pferde mit
allerlei seltsam geformten Wagen, die einen wie Adler, die anderen wie große
Fische, andere wie Hirsche oder wie Einhörner. Auch Lastwagen gab es und
Ställe. Als wir näher kamen, verwandelten sie sich in Menschenpaare, ins
Gespräch vertieft. Der Engel sagte: „Die vernünftige Einsicht der Menschen
des ´silbernen` Weltalters stellte sich von weitem als Pferd, Wagen und Stall
dar, das heißt als Entsprechungsgestalt des Verständnisses des Wahren,
dessen Lehre und der Unterweisungen. Du weißt ja, daß in unserer Welt alles
gemäß den Entsprechungen erscheint“. Wir setzten unseren Gang fort, stiegen
langsam bergan und gelangten zu einer Stadt mit Marmorpalästen mit
Alabasterstufen und Jaspissäulen und zu Tempeln aus kostbaren saphir‑
und lasurblauen Steinen: „Sie haben Steinhäuser“, erklärte der Engel, „weil
Steine die natürlichen und kostbare Steine die geistigen Wahrheiten
bezeichnen, denn diese Menschen hatten Einsicht aus den geistigen und infolgedessen
aus den natürlichen Wahrheiten. Ähnliches bedeutet auch das Silber.“ Auch hier erblickten wir Paare, und da wir gern eingeladen werden
wollten, führten uns zwei Eheleute in ihr Haus. Der Engel sprach für mich mit
ihnen: „Wir sind hierhergekommen, um von eurer Ehe zu erfahrene. Sie gaben
uns bereitwillig Auskunft: „Wir stammen aus asiatischen Völkern. Unser
Streben gehörte den Wahrheiten, durch die wir Einsicht erlangten. Es war das
Streben unserer Seelen und Gemüter, das unserer Sinne aber galt den
Darstellungen der Wahrheiten in Gestalten. Die Kenntnis der Entsprechungen
verband das Sinnliche unserer Körper mit den Wahrnehmungen unserer Gemüter
und vermehrte unsere Einsicht“. Der Engel bat sie, auch etwas von ihren Ehen
zu erzählen und der Mann sagte: „Es besteht Entsprechung der geistigen Ehe,
der Ehe des Wahren mit dem Guten, mit der natürlichen Ehe, der von Mann und
Weib, und weil wir uns mit der Entsprechungskunde beschäftigten, erkannten
wir, daß ´Kirche` mit ihrem Guten und Wahren nur bei denen sein kann, die in
der wahrhaft ehelichen Liebe mit Einer Frau leben. Die Ehe des Guten und Wahren
ist die Kirche im Menschen, der Ehemann ist das Wahre, die Ehefrau das Gute,
und jedes Gute kann kein anderes Wahres lieben als das seinige, so wie andererseits
jedem Wahren sein Gutes zugehört. Wäre es anders, so würde die innere Ehe,
die eben die Kirche ausmacht, zugrunde gehen und zu einer nur äußerlichen
absinken. Mit dieser steht aber nicht die Kirche, sondern der Götzendienst in
Entsprechung. Wir nennen deshalb die Ehe Eines Mannes mit Einem Weib und
Eines Weibes mit Einem Mann ein Heiligtum, die mit mehreren wäre für uns
Schändung des Heiligtums.“ Nun führten sie uns in ihr Haus: An den Wänden sahen wir Gemälde und
Silberstatuetten und fragten nach deren Bedeutung. „Es sind sinnbildliche
Darstellungen der Eigenschaften und Freuden der ehelichen Liebe, diese der
Einheit der Seelen, jene der Verbindung der Gemüter, diese der Eintracht der
Herzen, jene der daraus entquellenden Wonne.“ Während der Betrachtung sahen
wir eine Art Regenbogen aus dreierlei Farben, Purpur, Hyazinth und glänzend
Weiß, und der Purpur ging in Hyazinth über, das glänzende Weiß vermischte
sich mit Cyanenblau und floß über Hyazinth zurück in Purpur, der sich am
Schluß zu flammendem Strahlenglanz entfaltete. Der Ehemann fragte:
„Verstehst du dies?“, und als ich verneinte, erklärte er: „Der Purpur
bedeutet die eheliche Liebe des Weibes, das glänzende Weiß die Einsicht des
Mannes, die Hyazinthfarbe den Anfang der ehelichen Liebe vom Weibe her in der
Wahrnehmung des Mannes und die Mischung von Cyanenblau mit Weiß dessen nun
sich bildende eheliche Liebe. Das folgende zurückfließen zum Purpur und die
Entfaltung zum Strahlenglanz zeigte die zum Weib zurückkehrende eheliche Liebe
des Mannes. Jene Bildwerke an unseren Wänden entstehen, während wir, über die
eheliche Liebe und die von ihr gewirkte wechselseitige, successive und
gleichzeitige Vereinigung nachdenkend, den Farbenbogen unverwandt
betrachten.“ Ich sagte nachdenklich: „Das klingt für einen heutigen Erdenmenschen
recht mystisch und geheimnisvoll!“ Er erwiderte: „Für uns ist es das
keineswegs!“ Jetzt erschien in der Ferne ein von weißen Pferden gezogener
Wagen, und mein Begleiter sagte zu mir: „Dies ist für uns das Zeichen zum
Aufbruch!“ Unser Freund gab uns zum Abschied eine Rebe mit weißen Trauben und
Blättern, und siehe, die Blätter wurden silbern. Wieder kam der Engel, mein Führer und Begleiter, und forderte mich auf,
mit ihm zu gehen, diesmal zu den Himmelsbewohnern in der Abendgegend, die als
Menschen des ´kupfernen` Weltalters gelebt hatten. Ihre Wohnungen erstrecken
sich vom Süden über den Westen und ein wenig nördlich. Wir näherten uns vom
Süden her, durchwandelten einen Palmen‑ und Lorbeerbaumpark und trafen
auf Riesen, die uns fragten: „Wer hat euch durch den Park hereingelassen?“
Der Engel antwortete: „Der Herr des Himmels!“ Daraufhin erlaubten uns die
Wächter, unseren weg fortzusetzen. Als wir den Park verließen, sahen wir
einen Berg, der sich bis in die Wolken erhob, und vor uns Landhäuser an
Landhäusern mit Gärten und Hainen und Wiesen dazwischen. Wir gingen an ihnen
vorbei und bestiegen den Berg und bemerkten oben, daß wir eine große
Hochebene betraten, auf der sich eine Stadt mit Holzhäusern ausbreitete.
„Warum sind hier die Häuser aus Holz?“ fragte ich den Engel. „Weil Holz das
natürliche Gute bedeutet und diese Menschen damals in diesem Guten gewesen
waren. Auch das Kupfer bedeutet dasselbe, deshalb wurde jenes Zeitalter in
der alten Überlieferung nach dem Kupfer benannt. Die Heiligtümer sind hier
aus Ölbaumholz erbaut, im zentralen liegt das Wort, das den Bewohnern Asiens
vor dem israelitischen Wort gegeben war. Seine historischen Bücher werden
dort als ´Kriege des Herrn`, seine prophetischen Bücher als ´Lied` zitiert,
4. Mose 21, 14 und 27. Dies uralte Wort ist heute in Asien nicht mehr
bekannt, wird aber in der großen Tatarei noch aufbewahrt“. Er führte mich zu
einem Tempel, und wir sahen in seiner Mitte jenes Heiligtum, im hellsten
Licht strahlend, und er sagte: „Dies Licht entstrahlt jenem uralten Wort,
denn in den Himmeln leuchtet das Göttlich‑Wahre.“ Als wir weiter gingen, bemerkten wir, daß sich unsere Ankunft in der
Stadt herumgesprochen hatte. Man forderte Auskunft, woher wir seien und was
wir wollten, und wir erklärten: „Wir haben den Palmenwald durchquert, und die
Wächter ließen uns passieren, woraus ihr schließen könnt, daß wir nicht eigenmächtig,
sondern mit Erlaubnis hierher gelangten. Wir möchten über eure Ehen
unterrichtet werden. Lebt ihr mit Einer Gattin oder mit mehreren Frauen?“ Sie
antworteten: „Was? Mit mehreren? Das wäre doch Hurerei!“ Sie beauftragten
einen, uns von ihren Ehen zu berichten. Er geleitete uns in sein Haus zu
seiner Gattin und begann: „Von den ersten Zeiten, von den Menschen der Urzeit
auf Erden her, die in der wahrhaft ehelichen Liebe und in deren Kraft lebten
und jetzt im östlichen Himmel in seligstem Zustand weilen, haben wir
Ehegebote, die bei uns aufbewahrt werden. Wir sind ihre Nachkommen, und sie
haben uns Lebensregeln hinterlassen. Die über die Ehe heißen: „Söhne, wenn
ihr den Herrn und eure Mitmenschen lieben und in Ewigkeit weise und glücklich
werden wollt, dann raten wir euch: Lebt nur mit Einem Weibe! Weicht ihr von
diesem Rat ab, dann wird alle himmlische Liebe von euch fliehen und mit ihr
die innere Weisheit!“ Diesem Gebot haben wir gehorcht und als seine Weisheit
erfahren, daß der Mensch in dem Grad himmlisch und innerlich wird, als er
allein seine Gattin liebt, dagegen soweit natürlich und äußerlich, als er
sich davon entfernt. Ein solcher liebt im Grunde nur sich selbst und die
Vorstellungen seiner Phantasie, er ist in Wahrheit ein Narr und Tor. Wir hier
leben mit Einer Frau, und unsere Grenzen werden gegen Fremdlinge bewacht.
Versuchen sie einzudringen, dann werden sie ausgestoßen und stürzen hinweg;
die in Vielweiberei leben, in die mitternächtlichen Finsternisse, die
Ehebrecher in die westlichen Feuerbrünste, die Hurer zu den südlichen
Irrlichtern. Die mitternächtlichen Finsternisse sind die Stumpfsinnigkeiten
des Geistes und die Unkenntnis der Wahrheiten, die westlichen Feuerbrünste
sind die Lüste des Bösen, die südlichen Irrlichter die Verfälschungen des
Wahren; alle sind geistige Hurereien. Folgt mir nun in unsere Schatzkammer!“ Hier zeigte er uns Urkunden der Urzeit, auf Stein‑ und Holztafeln
geschrieben, dann solche des nächsten Zeitalters, auf Pergament überliefert,
darunter auch jene Ehegebote. Nach deren Besichtigung sagte mein Begleiter:
„Jetzt ist es an der Zeit, zu gehen!“ Der Mann brachte aus dem Garten Zweige
mit Früchten und Blättern und übergab sie uns mit den Worten: „Die Zweige
sind von einem Baum, der nur hier wächst und unserem Himmel eigentümlich ist.
Sein Saft verbreitet balsamischen Duft“. Wir verabschiedeten uns und gingen
auf einem unbewachten weg nach Osten, dabei verwandelte sich der Strauß in
glänzendes Erz, die obersten Spitzen aber in Gold. Zum vierten Mal lud mich der Engel ein: „Wir wollen nun die besuchen,
die im ´Eisernen` Zeitalter gelebt hatten: Asiaten aus der Zeit vor der
Ankunft des Herrn auf der Erde. Sie wohnen im Norden gegen Westen hin. Diese
Weltalter sind mit der dem Nebukadnezar erschienenen Bildsäule gemeint, deren
Haupt aus Gold, deren Brust und Arme aus Silber, deren Bauch und Füße aus
Eisen mit Ton vermischt bestanden, Daniel 2, 31-33“. Die Gegend, die wir durchschritten,
war verschiedenartig, je nach den Zustandsänderungen, welche die Sinnesarten
der Menschen, an denen wir vorbeikamen, bewirkten, denn in der geistigen Welt
sind die Räume und die Entfernungen Scheinbarkeiten gemäß den Zuständen der
Gemüter. Wir kamen in einen Wald von Buchen, Eichen und Kastanien, zur Linken
erschienen Bären, zur Rechten Leoparden, und als ich mich darüber wunderte,
sagte der Engel: „Es sind nicht Bären und Leoparden, sondern Menschen, die
den Bewohnern zur Wache dienen. Sie wittern mit der Nase die Lebenssphäre der
Vorübergehenden und überfallen die, welche geistig sind, denn die hiesigen
Menschen sind natürlich. Jene, die das Wort nur lesen, aber keine Lehre
daraus schöpfen, erscheinen von ferne wie Bären, die anderen, die das Falsche
daraus begründen, wie Leoparden.“ Als sie uns kommen sahen, wandten sie sich ab, und wir konnten weitergehen.
Nach dem Wald erschienen Gebüsche, dann Felder, mit Buxbaum eingefaßt, und
danach senkte sich das Land in ein Tal hinab, in dem viele Städte lagen. Wir
durchwanderten einige, bis wir dann eine größere betraten. Ihre Gassen
folgten keinem übersichtlichen Plan, die Gebäude waren übertünchte
Fachwerkhäuser, an den größeren Plätzen standen Tempel aus behauenem
Kalkstein, mit unterirdischem und oberirdischem Geschoß. Wir stiegen in eines
hinunter und sahen rings an den Wänden Götzenbilder in mancherlei Gestalt,
vor denen Leute knieten. Aus deren Mitte ragte der Kopf des Schutzgottes
dieser Stadt hervor. Beim Verlassen des Tempels erklärte mir der Engel, die
Götzenbilder seien einst bei den Vorfahren dieser Leute jene Sinnbilder der
geistigen Wahrheiten gewesen, die wir kennen gelernt hatten. Nachdem aber die
Kenntnis der Entsprechungen erloschen war, seien sie zuerst verehrt und dann
als Gottheiten angebetet worden, und so sei dieser Götzendienst entstanden. Draußen betrachteten wir die Menschen und ihre Kleidung. Ihre Gesichtsfarbe
erschien bläulich wie Stahl, und sie waren wie Komödianten gekleidet, mit
Schärpen um die Lenden und einer an der Brust anliegenden Tunika. Auf den
Köpfen hatten sie schiffartige Hüte. „Jetzt wollen wir uns über die Ehen der
Völker dieses Zeitalters unterrichten lassen“, unterbrach der Engel meine
Umschau, und wir gingen zu dem Haus eines Vornehmen, der einen turmartigen
Hut trug. Er nahm uns freundlich auf und bat uns einzutreten. In der Vorhalle
setzten wir uns nieder, und ich befragte ihn über die Ehen in dieser Gegend.
Er führte folgendes aus: „Wir leben mit zwei oder drei, manche mit noch mehr Frauen, weil
Abwechslung, Gehorsam und Ehrerbietung uns ergötzen. Mit einer einzigen Frau
gäbe es nicht das Erfreuliche der Abwechslung, sondern nur Überdruß aus dem
Einerlei, nicht verschiedenartig anschmiegenden Gehorsam, sondern nur
lästiges Immergleiches, und auch nicht das Beglückende der Herrschaft und
andererseits der Ehrerbietung, sondern widrigen Streit von Mann und Frau um
den Vorrang. Was ist denn das Weib? Es wird dazu geboren, dem Willen des
Mannes untertan zu sein und ihm zu dienen, nicht aber um zu herrschen. Daher
gebührt dem Mann im Haus königliche Majestät, und weil wir diese lieben, ist
sie unsere Lebensfreude“. Da warf ich ein: „Wo ist alsdann die eheliche Liebe,
die aus zwei Seelen Eine macht, zwei Menschen vereinigt und sie beseligt?
Diese Liebe kann doch nicht verteilt werden, denn dann erkaltet sie und wird
zur vorübergehenden Brunst“. Aber er verstand nicht, was ich meinte, und
erwiderte: „Was anders beseligt den Mann als gerade der Wetteifer der Frauen
um die Gunst des Vorzugs beim Mann?“ Er öffnete nun zwei Turen zum Frauengemach: übelriechendes Lüsternes
drang heraus, herrührend von der Polygamie, die zugleich ehelich und buhlerisch
ist. Ich schloß die Turen und fragte: „Wie kann euer Land bestehen, da ihr
keine eheliche Liebe kennt und Götzen anbetet?“ Er entgegnete: „Was die
eheliche Liebe betrifft, so wachen wir über unsere Weiber mit Eifersucht und
lassen niemand weiter ins Haus als nur bis zur Vorhalle, und weil Eifersucht,
muß doch auch eheliche Liebe da sein! Was die Götzenbilder angeht, so beten
wir sie ja nicht an, sondern versuchen mit ihrer Hilfe den Gott des Weltalls
zu denken; das ist uns nur möglich mittels sichtbarer Gestalten, da wir
unsere Gedanken nicht über das Körpersinnliche und also unsere Vorstellungen
von Gott nicht über das Sichtbare erheben können“. Ich wand ein: „Aber eure
Götzenbilder haben doch verschiedene Gestalten - wie kann denn aus ihnen die
Anschauung Eines Gottes hervorgehen?“ Hierauf antwortete er: „Das ist für uns
etwas Mystisches; in jeder der Gestalten liegt etwas von der Verehrung Gottes
verborgen!“ Ich sagte abschließend: „Ihr seid recht sinnlich‑körperlich
und habt keine echte Gottesliebe und keine geistige eheliche Liebe. Nur
diese doppelte Liebe aber bildet zugleich den Menschen und macht ihn aus
einem sinnlichen zu einem himmlischen!“ Da erschien draußen ein Blitz, und ich fragte: „Was soll dies?“ „Es ist
für uns das Zeichen, daß der Alte aus dem Osten kommen wird. Er belehrt uns
über Gott, den Einen und Allmächtigen, Ersten und Letzten. Er ermahnt uns
auch, die Götzenbilder nicht zu verehren, sondern nur als Sinnbilder der
Tugenden zu betrachten. Dieser Alte ist ein Engel, den wir verehren, und auf
den wir hören. Er richtet uns auf, wenn unser Gottesdienst verdunkelt und
wir den Bildern verfallen“. Wir verabschiedeten uns und verließen Haus und
Stadt. Wieder war der Engel da und sagte: „Willst du das jetzige Zeitalter
sehen, dann folge mir! Es ist jenes, von dem ihr beim Propheten Daniel lest:
´Du hast gesehen die Füße und Zehen von Eisen, vermischt mit Ton; das wird
ein zerteiltes Reich sein. Sie werden sie durch Menschensamen vermengen,
aber das eine wird mit dem anderen nicht zusammenhängen, gleichwie sich
Eisen und Ton nicht vermengen lassen`, 2, 41. 43. Unter dem ´Menschensamen`,
durch den Eisen und Ton vermengt werden, ohne zusammenzuhalten, wird das
verfälschte Wahre des Wortes verstanden“. Unterwegs erzählte er mir von den
Menschen, zu denen wir gingen: „Sie wohnen auf der Grenze zwischen Süden und
Westen, aber weit entfernt von denen, die in den ersten Weltaltern gelebt hatten,
und auch tiefer“. Wir durchwanderten einen furchtbaren Wald mit Sümpfen, aus
denen Krokodile ihre Köpfe herausstreckten und die Zähne zeigend ihre Rachen
gegen uns aufsperrten, und zwischen den Sümpfen liefen schreckliche Hunde
herum, drei‑ und zweiköpfige, mit entsetzlichen Kröpfen, und schauten
uns mißtrauisch an. Als wir sie glücklich hinter uns hatten, sahen wir
Drachen und Parder, wie in der Offenbarung Johannis beschrieben, und der
Engel belehrte mich: „Alle diese wilden Tiere sind keine Tiere, sondern
Entsprechungen der Begierden und Torheiten der Bewohner dieses Landes: die
Hunde ihrer Begierden, die Krokodile ihrer Betrügereien und Schlauheiten,
die Drachen und Parder ihrer Falschheiten und schlechten Neigungen. Die
Bewohner selbst leben erst weiter weg hinter einer großen Wüste, um so von
den Menschen aus den vorhergehenden Zeitaltern ganz getrennt zu sein. Sie
sind von jenen völlig verschieden, obwohl auch sie Köpfe über den Brüsten und
Brüste über den Lenden und Lenden über den Füßen haben. Aber in ihren Köpfen
ist nichts vom Gold, in ihren Brüsten nichts vom Silber, an den Lenden nichts
vom Erz, ja auch in den Füßen nichts vom reinen Eisen, sondern in ihren
Köpfen ist Eisen, vermischt mit Ton, in der Brust beides vermischt mit Silber
und in den Füßen alles vermischt mit Gold. Durch diese Verkehrung haben sie
sich aus Menschen in menschenähnliche Statuen verwandelt, in denen innerlich
nichts richtig geordnet ist! Das Oberste ist Unterstes, und was zum Haupt
gehört, sitzt in der Ferse; deshalb erscheinen sie wie Gaukler, die auf den
Ellenbogen kriechen, oder wie Tiere, die auf dem Rücken liegen, die Füße
hochstrecken und mit ihrem in die Erde vergrabenen Kopf den Himmel
anstarren.“ Nun durchquerten wir die nicht minder schreckliche Wüste. Steinhaufen
waren da und Gruben, aus denen Wasserschlangen hervorkrochen und Drachen herausflogen.
Es ging fortwährend bergab bis in ein Tal mit Hütten, die zusammen eine Art
Stadt bildeten. Die Häuser bestanden aus Stangen und Lehm und waren mit
Blech gedeckt, die zuerst winkeligen Gassen erweiterten sich und führten zu
Plätzen. Es war finster, weil der Himmel bedeckt war, und erst als wir empor
blickten, ward uns Licht gegeben, sodaß wir Menschen sahen. Ich fragte diese:
„Könnt ihr denn hier sehen?“ Sie antworteten: „Was fragst du da? Freilich
sehen wir und wandeln im Licht!“ Und der Engel erklärte: „Ihre Finsternis ist
für sie Licht, unser Licht aber Finsternis. Sie gleichen Nachtvögeln, sie
sehen niederwärts, nicht aufwärts!“ Wir schauten da und dort in die Hütten hinein und fragten, ob sie mit
einem einzigen Weibe lebten. Da riefen sie zischend: „Was? Bloß mit Einem
Weib? Oder mit Einer Dirne? Denn was sind die Weiber anderes? Nach unseren
Gesetzen dürfen wir allerdings nur mit Einer schlafen, aber außer Haus kann
man sich andere nehmen. Das gilt nicht als unanständig und unziemlich, ja wir
erzählen uns davon. So genießen wir in unserer Ungebundenheit mehr Wollust
als andere in ihrer Vielweiberei. Wir verstehen freilich nicht, warum man
bei uns das Leben mit mehreren Weibern offiziell verbietet, da es doch
überall anderswo gestattet war und noch heute ist. Das Leben mit nur einem
Weib ist Gefangenschaft, aber wir sprengen die Riegel, reißen uns aus dieser
Sklaverei los und machen uns frei! Wer verdenkt es einem Gefangenen, daß er
sich befreit, wenn es möglich ist?“ Hierauf erwiderten wir: „Freund, du
sprichst wie einer, dem tiefere Einsicht fehlt! Jeder mit nur einiger
Vernunft Begabte sieht ein, daß die Ehe heilig und himmlisch ist, die Hurerei
aber unheilig und höllisch. Jene ist bei den Engeln im Himmel, diese aber bei
den Teufeln in der Hölle!“ Da lachte er aus voller Brust und hielt uns für
einfältig oder verrückt. Jetzt lief ein Amtsbote herbei und rief: „Führt die beiden auf den Gesichtsplatz,
und wenn sie sich sträuben, dann schleppt sie mit Gewalt dahin. Sie sehen aus
wie Schatten, sie haben sich hereingeschlichen, sie sind Spione!“ Der Engel
raunte mir zu: „Sie sahen uns als Schatten, denn das Licht des Himmels, in
dem wir gehen, ist für sie Schatten, und der Schatten der Hölle ist für sie
Licht. Da sie nichts für Sünde und daher das Falsche für wahr halten, leuchtet
ihnen das Falsche wie den Satanen in der Hölle, und das Wahre verdunkelt sich
ihnen zu Schatten der Nacht“. Wir beruhigten den Boten: „Gewalt ist nicht
nötig, denn wir folgen dir freiwillig!“ Auf dem Platz war schon eine große
Menge zusammengeströmt, und einige Richter traten auf uns zu. Einer flüsterte
uns ins Ohr: „Gebt acht, daß ihr nicht gegen die Religion, die Verfassung und
die Sitten redet!“ Wir versicherten ihm, nicht dagegen, sondern dafür
sprechen zu wollen. Unsere erste Frage lautete: „Was gelten bei euch die
Ehen?“ Da murrte die Menge und rief: „Was wollt ihr hier mit Ehen? Ehe ist
Ehe!“ Wir fuhren fort: „Was sagt eure Religion über die Hurerei?“ Murrend
erwiderte man: „Was soll jetzt die Hurerei? Hurerei ist Hurerei! Wer ohne
Schuld ist, werfe den ersten Stein!“ Wir fragten zum dritten Mal: „Lehrt eure
Religion, daß die Ehe heilig und himmlisch, Ehebruch aber unheilig und
höllisch ist?“ Das war für viele der Anlaß zu Gelächter, Spott und Hohn:
„Fragt über religiöse Dinge die Priester, nicht uns! Sie sind dafür zuständig,
weil nichts, was zur Religion gehört, unter das Verstandesurteil fällt. Wißt
ihr nicht, daß der Verstand faselt, wenn er sich mit religiösen Geheimnissen
beschäftigt? Und überhaupt: was hat denn Ehe mit Religion zu tun? Das andächtige
Seufzen und der Glaube an Versöhnung, Genugtuung und Rechtfertigung macht die
Seelen selig, nicht die Werke!“ Einige sogenannte Weise warnten uns nun und
riefen: „Macht euch von hier weg! Das Volk wird ungehalten, wir befürchten
Aufruhr, kommt mit uns in den Garten hinter dem Rathaus, da können wir diese
Fragen unter uns besprechen!“ Wir folgten. Dort fragten sie uns,
woher wir seien und was wir hier vorhätten, und nun entspann sich folgendes
Gespräch: „Wir möchten unterrichtet werden über eure Auffassung von der Ehe.
Ist sie für euch etwas Heiliges?“ „Was heißt heilig? Eher Werke des Fleisches
und der Nacht!“ „Ist die Ehe dem nicht auch ein Werk des Geistes? Und was das
Fleisch vom Geist her tut, ist das nicht geistig? Und tut der Geist nicht
alles, was er tut, aus der Vermählung des Guten und Wahren? Und ist es nicht
die geistige Ehe, die eingeht in die natürliche Ehe, in die von Mann und
Frau?“ „Ihr nehmt diese Sache zu ernst und packt sie zu tiefsinnig an. Ihr
versteigt euch über das Vernünftige hinaus ins Geistige. Wer kann da oben
anfangen und dann herabsteigen und urteilen? Vielleicht habt ihr Adlerflügel
und könnt euch in die höchsten Regionen des Himmels erheben und alles
durchschauen - wir können es leider nicht!“ „Aber auch ihr sprecht ja vom
´Geistesflug`! Versucht doch einmal, die Idee der ehelichen Liebe Eines
Mannes mit Einem Weibe mitzudenken, in der alle himmlischen Seligkeiten,
Wonnen, Freuden, Reize und Genüsse versammelt sind und die vom Herrn gemäß
der Aufnahme Seines Guten und Wahren geschenkt wird!“ Da aber wandten sie
sich brüsk ab: „Diese Männer rasen! Sie dringen mit ihrem Denken in den Äther
ein und streuen Nüsse umher, indem sie Leeres weissagen!“ Dann drehten sie sich wieder uns zu und riefen: „Wir wollen geradezu
auf eure windigen Orakelsprüche und Träume antworten: Was hat die eheliche Liebe
mit der Religion und mit Gott zu tun? Ist sie nicht in jedem je nach dem
Zustand seiner Potenz? Ist sie nicht ebenso bei denen außerhalb der Kirche
wie bei denen innerhalb, ebenso bei den Heiden wie bei den Christen, ebenso
bei den Gottlosen wie bei den Frommen? Hat nicht jeder die Kraft dieser Liebe
entweder durch Vererbung oder infolge seiner Gesundheit, weil er mäßig lebt,
oder dank dem Klima? Kann sie nicht durch Medizin gestärkt und aufgestachelt
werden? Gibt es nicht Ähnliches bei den Tieren? Ist diese Liebe nicht Sache
des Fleisches, was aber hat das Fleisch mit dem Geist zu tun? Ist der
Orgasmus einer Ehefrau im Geringsten verschieden von dem einer Dirne?
Empfinden nicht beide die gleiche Lust mit dem gleichen vergnügen? Also ist
es Unsinn, den Ursprung der ehelichen Liebe von Heiligkeiten abzuleiten!“ Wir
entgegneten: „Ihr urteilt aus der Brunst der Geilheit und nicht aus der
ehelichen Liebe. Ihr wißt überhaupt nicht, was sie ist, weil sie bei euch
erkaltet ist! Eure Reden haben uns verstehen gelehrt, warum euer Zeitalter
genannt wird Eisen mit Ton vermischt. Beide können sich nicht verbinden und
haften nicht zusammen. Ihr macht die eheliche Liebe und die buhlerische
Liebe zu Einer, doch sie sind ebenso unverbindbar wie Eisen und Ton. Man
nennt euch Weise, aber ihr seid nichts weniger als das!“ Jetzt schrieen auch
sie von Zorn entbrannt und holten Volkshaufen, um uns hinauszuwerfen, aber
wir streckten aus der Macht des Herrn die Hände aus, und siehe, alsbald kamen
fliegende Schlangen, Hydren und Drachen über die Stadt und fielen die Menge
an, die erschrocken die Flucht ergriff. Beim Weggehen sagte der Engel zu mir:
„Täglich kommen hier neue Menschen von der Erde an. Die früher Gekommenen
werden von Zeit zu Zeit in Schlünde des Westens geworfen, die von ferne wie
Feuer‑ und Schwefelseen erscheinen!“ Auf dem Rückweg unterhielten wir uns über die Abwandlungen der
ehelichen Liebe in den Menschheitszeitaltern und ihr allmähliches Absinken,
das Schritt hielt mit der jeweiligen Liebe zum Herrn und seiner Anerkennung
als Schöpfer und Erhalter. Zum Schluß sagte der Engel, mein Führer und
Begleiter: „Ich nähre trotzdem die Hoffnung, daß die eheliche Liebe vom Herrn
wieder auferweckt werden wird, denn ihre Wiedererweckung bei den Menschen ist
immer möglich!“ (74-79) *
* * 1.
Sexualität
und eheliche Liebe – in der Schau Emanuel Swedenborg 2.
01,0 – Streifzug durch die heutige
Diskussion der Sexualität und Ehe 3.
02,0 - Emanuel Swedenborg und sein Werk
über die "Eheliche Liebe" 5.
02,2 - De amore
coniugali - de amore scortatorio 6.
02,3 - Wunschtraum oder tiefsinniger
Entwurf? 7.
02,4 - Hinweise des Herausgebers 8. 10.
Geschlechtsliebe – eheliche Liebe –
buhlerische Liebe 11.
03,0 - Der große Lebenszusammenhang 12.
03,1 - Visibilia et invisibilia 14.
03,3 - Amor ipse - amor humanus 15.
03,4 - Das trinitarische Prinzip 17.
04,1 - Die Stellung des Menschen in der
Schöpfung 18.
04,2 - Die Struktur des Menschen 19.
04,3 - Der Mensch als Bürger zweier Welten 20.
04,4 - Der Ursprung des Bösen 21.
05,0 - Der Ursprung der ehelichen Liebe 22.
05,1 - Die Ehe des Guten und Wahren 23.
05,2 - Die universelle eheliche Sphäre 24.
05,3 - Die Elemente der Schöpfung 26.
06,1 - Die Teilung des Menschen in zwei
Geschlechter 27.
06,2 - Swedenborgs Deutung der
geschlechtlichen Differenzierung des Menschen 28.
06,3 - Der biblische Schöpfungsbericht 29.
06,4 - Die verschiedene Wesensart von Mann
und Weib 30.
06,5 - Die geschlechtsgebundene Eigenart
und Form 31.
06,6 - Männliche und weibliche
Menschengestalt 32.
07,0 - Die Missionen der Geschlechter 33.
07,1 - Die Rolle des Mannes 34.
07,2 - Die Rolle des Weibes 35.
07,3 - Die geheime Klugheit der Frau 36.
07,4 - Die dem Mann und der Frau
eigentümlichen Aufgaben 37.
07,5 - Echter und falscher Wettstreit der
Geschlechter 38.
08,0 - Das Ewig‑Weibliche und
-Männliche und das menschlich Weibliche und Männliche 39.
08,1 - Verschiedenartige Bedeutungen von
„männlich“ und „weiblich“ 40.
08,2 - Swedenborgs Schau in Goethes
„Chorus mysticus“ 41.
09,0 - Geschlechtsliebe und eheliche Liebe 42.
09,1 - Die dreierlei Arten der
Geschlechtsliebe 43.
09,2 - Der Unterschied von
Geschlechtsliebe und ehelicher Liebe 44.
09,3 - Der Zusammenhang von ehelicher
Liebe und Menschwerdung 45.
09,4 - Der Weg der ehelichen Liebe 46.
10,0 - Die Ehe des Herrn mit der Ecclesia 47.
10,1 - Was heisst „geistig“? 48.
10,2 - Die drei Regionen im Menschen 49.
10,3 - Der Gang der Menschwerdung 50.
10,4 - Weisheit und Intelligenz 51.
10,5 - Der Mensch als Ecclesia 52.
10,6 - Mann und Weib zusammen sind
Ecclesia 53.
10,7 - Ursprung und Analogie der ehelichen
Liebe 54.
10,8 - Die Ehe als Heimstätte der
Menschwerdung 55.
10,9 - Auftrag und Verantwortung der
Christenheit 58.
11,2 - Nur die wahrhaft eheliche Liebe ist
keusch 59.
12,0 - Ehe und Ehelosigkeit 60.
12,1 - Vorrang der Ehelosigkeit? 61.
12,2 - Gleichstellung von Ehe und
Ehelosigkeit? 62.
12,3 - Der Vorrang der Ehe 63.
12,4 - Das Lebenspensum der Ehelichen und
der Ehelosen 64.
13,0 - Die innige Verbindung der Seelen
und Gemüter 65.
13,1 - Das Streben nach Verbindung zur
Einheit 66.
13,2 - Die allmähliche Verbindung 67.
13,3 - Die Idee des Ewigen in der Ehe 68.
14,0 - Die Fülle der ehelichen Liebe 69.
14,1 - Die Seligkeiten der ehelichen Liebe 70.
14,2 - Die eheliche Vereinigung als
Zusammenfassung aller Wonnen 71.
14,3 - Einheiligung des Sexuellen 72.
14,4 - Das hohe Lied der ehelichen Liebe 74.
15,0 - Die Fortpflanzung des
Menschengeschlechts 75.
15,1 - Mann – Weib - Kind; das
Trinitarische Prinzip 76.
15,2 - Die Sphäre der Fortpflanzung 77.
15,3 - Die Anteile des Vaters und der
Mutter am Kind 78.
15,4 - Die Vererbung von Anlagen auf die
Kinder 79.
15,5 - Sinn und Zweck der Ehe 80.
15,6 - Das heutige Problem der
Übervölkerung der Erde 81.
16,0 - Eheliche Liebe und Kinderliebe 82.
16,1 - Die Sphäre des Hervorbringens und
die Sphäre der Erhaltung 83.
16,2 - Die Sphäre der Kinderliebe 84.
16,3 - Die Unschuld des Kleinkindes 85.
16,4 - Kinderliebe und Erziehung geistiger
und natürlicher Eltern 86.
16,5 - Die Kinder in der geistigen Welt 87.
17,0 - Von den Veränderungen der
Lebenszustände von Mann und Weib 88.
17,1 - Die Zustandsveränderungen der Ehe 89.
17,2 - Mann und Weib vor und in der Ehe 90.
17,3 - Abhängigkeit des letzten Zustands
vom ersten 91.
17,4 - Die Ordnung der Entwicklungsstufen
der Ehe 94.
18,1 - Eifer und Eifersucht 95.
18,2 - Der Sinn des Eifers 96.
18,3 - Der Unterschied des Eifers für das
Gute vom Eifer für das Böse 97.
18,4 - Die verschiedene Arten der
Eifersucht 98.
18,5 - Gründe für fehlende Eifersucht 99.
18,6 - Der Unterschied der männlichen und
weiblichen Eifersucht 100.
19,0 - Freundschaft und scheinbare Liebe
in der Ehe 101.
19,1 - Die scheinbar eheliche Liebe 102.
19,2 - Die eheliche Verstellung 103.
19,3 - Der Kampf um die Herrschaft in der
Ehe 104.
20,0 - Von den Ursachen der Kälte,
Trennung und Scheidung 105.
20,1 - Innere Ursachen der Erkaltung der
ehelichen Liebe 106.
20,2 - Äußere Ursachen der Erkaltung 107.
20,3 - Berechtigte Trennungsgründe 108.
20,4 - Grund für Ehescheidung 109.
21,0 - Abirrungen und Verirrungen Sex,
Lüsternheit, Hurerei 110.
21,1 - Der Mensch zwischen Gut und Böse 111.
21,2 - Eheliche und buhlerische Liebe 112.
21,3 - Der Ursprung der buhlerischen Liebe 113.
21,4 - Der Kontrast der Lustreize 114.
21,5 - Die Ambivalenz des Geschlechtlichen 115.
21,6 - Mensch und Unmensch 116.
21,7 - Grade der Unzucht und Hurerei 117.
21,8 - Zügellose Ausschweifung 118.
21,9 - Vorsichtige Ratschläge für
unverheiratete junge Männer 119.
22,0 - Der Zustand der Geschlechter nach
dem Tod 120.
22,1 - Die erste Phase des Lebens in der
geistigen Welt 121.
22,2 - Das Fortleben des Menschen als Mann
oder Weib 122.
22,3 - Zwei Ehegatten im Himmel =
ein Engel 123.
22,4 - Geistige Fortpflanzung im Himmel 124.
22,5 - Der Ehesinn als Waage der ehelichen
Liebe 125.
22,6 - Das Los der Irdisch Ehelosen 126.
22,7 - Jesu Gespräch mit den Sadduzäern 127.
128.
2. Teil _ MEMORABILIA - DENKWÜRDIGE KUNDE
AUS DER GEISTIGEN WELT 129.
23,0 - Des Sehers Blick in die geistige
Welt 130.
23,1 - Der Mensch im anderen Leben 131.
23,2 - Die Enthüllung des inneren Menschen
nach dem Tod 132.
23,3 - Engel und Teufel in Goethes
"Faust" 133.
23,4 - Von den Entsprechungen des
menschlichen Körpers mit dem „Größten Menschen“ 134.
23,5 - Von der himmlischen Harmonie 135.
24,0 - Von der Seele 136.
25,0 - Die Ehe des Guten und Wahren 137.
26,0 - Was bedeutet „rechts“ und „links“? 138.
27,0 - Von den Auswirkungen der Liebe und
Weisheit 139.
28,0 - Vom Ursprung der menschlichen
Geschlechter 140.
29,0 - Die Regionen der ehelichen Liebe 141.
30,0 - Gibt es im Himmel eine Liebe der
Geschlechter? 142.
31,0 - Von den Ehen im Himmel 143.
32,0 - Von den Freuden der Weisheit 144.
33,0 - Von den seligen Gefühlen der
ehelichen Liebe 145.
34,0 - Die Keuschheit der ehelichen Liebe 146.
35,0 - Vom Ursprung der Schönheit 147.
36,0 - Von der Schönheit des Weibes 148.
37,0 - Warum das Weib nicht ihre
Schönheit, der Mann nicht seine Verständigkeit lieben darf 149.
38,0 - Vom Mädchen zur Gattin 151.
40,0 - Von der geheimen Klugheit des
Weibes 152.
41,0 - Vom ewigen Frühling im Himmel 153.
42,0 - Hervortritt erster Jugendkraft 154.
43,0 - Die Gestalt der ehelichen Liebe 155.
44,0 - Von der Entstehung des Bösen 156.
45,0 - Der richtige Aufbau des Menschen
und seine Umkehrung 157.
46,0 - Wie man verschieden das gleiche
sehen kann 158.
47,0 - In
den Höllen der sexuellen Ausschweifungen 48,0 -
Die eheliche Liebe von einst bis heute _______ *
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