Leopold EngelDas
Tal der Glücklichen
Der Herr ... Nun lassen wir
diesen nördlichen Teil dieses elenden Landes wie auch den von ganz Afrika,
und daher sehet die unbekannte Mitte dieses Landes! Sehet hier noch hie und
da die Hütten zerstreut, sehet, dieses Land ist groß und ist ringsum
eingeschlossen von den unübersteiglichsten Bergen.
Sehet, das ist der einzige Punkt der Er de, da sich noch eine unverdorbene,
höchst gutmütige Menschenklasse vorfindet. Sehet, diese Menschen sind alle
noch im inneren Schauen, und außer einem von Mir abgesandten Jünger des
Apostels Thomas hat noch kein fremder Fuß dieses Land betreten. Und so ist
dieses freilich kleine Völklein, welches sparsam
nur die heißen Gegenden bewohnt, in Meiner reinen Lehre, die bis auf diese
Stunde noch nicht getrübt worden ist. Das ist zugleich der einzige kleine
Anhängepunkt, der die Erde noch verbindet mit Meinem Himmel, und merket euch
wohl, was Ich euch soeben sagen werde: Wenn ein frecher Fuß dieses Heiligtum
habsüchtig betreten wird, will Ich Meine Fackel über die Erde schleudern! Zitat aus dein Buch »12
Stunden«, Kap. Dritte Stunde * EinleitungVon jeher hat der nur zum kleineren Teile bekannte Erdteil Afrika die Wißbegierde der Forscher angestachelt. In seinem Innern,
das er hartnäckig durch allerhand äußere Hindernisse einer fragwürdigen
Zivilisation verschließt, birgt er gar viele noch unbekannte Wunder, deren
erste Mitteilungen wie Märchen klangen, bis deren Bestand durch wiederholte
Berichte bestätigt wurden. So zum Beispiel ist die Existenz der Zwergvölker
lange bezweifelt worden und hat sich schließlich doch bewahrheitet. Forscher, getrieben von Ruhmsucht, Ehrgeiz und Habgier nach leicht
erringbaren Naturschätzen, werden von Gesellschaften ausgerüstet, unter den
hochtrabenden Phrasen, Kultur zu verbreiten, die christliche Religion die
erlösungsbedürftigen Heiden zu lehren; sie werden Pioniere der Wissenschaft,
des Menschentums, genannt und dringen oft mit großer Kühnheit, die das
Goldfieber und die Herrschsucht zum Elternpaare hat, in fremde unbekannte
Gegenden ein. Soviel auch dem dunkeln Erdteil bereits abgerungen wurde, noch
verschließt er starr und finster sein Inneres den kecken Eindringlingen. Im
Innen gebieten gewaltige, unübersteigbare Gebirgsmassen ein unerbittliches
Halt; noch keines Europäers Fuß hat die gewaltigen, schneeigen Gebirgsketten
des Innern überschritten, die der Eingeborene scheu meidet, weil starke
Geister dort hausen sollen, die ein Eindringen unmöglich machen und mit
sicherem Tode den bedrohen, der ihren Frieden stört. Auch nach Europa sind Sagen mancher Art von diesen Gebirgen gelangt und
haben manchen Forscher gereizt, diese Gegenden des schwarzen Erdteiles zu
besuchen. Nie jedoch findet sich ein Eingeborener bereit, sich als Führer
herzugeben, sobald es heißt, jene beschneiten, wolkenumgebenen,
geheimnisvollen Höhlen seien das Ziel; ja, sie würden sich mit aller Gewalt
einem solchen Unterfangen widersetzen, aus Furcht vor der Rache der
schützenden, mächtigen Geister. Es scheint fast, als wenn gerade nach dem Herzen Afrikas sich die
Märchenwelt vor der neugierigen Zivilisation geflüchtet habe und sich dort
verschanzt vor der nüchternen, grämlichen, poesielosen Alltäglichkeit, welche
ihre bunten schillernden Schmetterlinge mit schmutzigen Händen fangen und sie
dann ihres herrlichen Flügelstaubes berauben möchte, der sie zum neckischen
Spiele im goldenen Sonnenstrahle befähigt. Ich besaß einen Freund von vortrefflichen Charaktereigenschaften, er war
reich, unabhängig, sehr wohltätig, galt aber im allgemeinen für einen
Sonderling. Das öffentliche und gesellschaftliche Leben hatte wenig Reiz für
ihn, er vermied es, mit den Menschen viel in Berührung zu kommen, und
stattete zum Beispiel Besuche nur soweit ab, als es die unbedingte
Höflichkeit erforderte. Sein größtes Vergnügen waren Reisen, denen er sich denn auch ausgiebig
hingab, so daß er stets dreiviertel des Jahres in
fremden Ländern zubrachte. Er war einer jener seltenen Kenner, die mit Genuß zu reisen verstehen, die sehr planvoll und
orientiert ihre Fahrt beginnen, nicht ins Blaue, nur um sagen zu können, ich
war dort, in die Welt hineinsteuern, sondern erst theoretisch zu Hause die
beabsichtigte Fahrt studieren, um sodann praktisch durch nichts aus der
Fassung gebracht werden zu können. Das Reisen hatte für ihn den Zweck, seine
Kenntnisse zu erweitern, und da er gewöhnt war, mit den Augen des Geistes
alle Dinge zu betrachten, so sammelte er nicht nur einen reichen Erfahrungsschatz,
sondern durchkostete innere Genüsse, von denen die meisten Reisenden keine
Ahnung haben. Er hatte es in dieser Art fast fünfzehn Jahre getrieben, als er mich
eines Tages mit der Nachricht überraschte, er rüste sich, um in das Innere
Afrikas einzudringen. Wirklich reiste er auch dahin ab und kehrte nach
Verlauf eines Jahres sonnenverbrannt, aber wohlbehalten zurück. — Es war eine
große Veränderung mit ihm vorgegangen, der sonst menschenscheue, schweigsame
Mann suchte jetzt mehr Gesellschaft als früher auf und suchte, einen Kreis
von Männern um sich zu versammeln, welche zu den Koryphäen der Wissenschaften
zählten. Er gab Gesellschaftsabende, an denen mit besonderer Vorliebe die
religiösen und sozialen Fragen von ihm vorgebracht wurden und suchte, die Meinung
seiner Gäste darüber zu erforschen. Es gab da manche sehr interessante
Disputation, denn — wie schon gesagt, jene Gäste bestanden aus den
angesehensten, geistreichsten Männern, die die Wissenschaft in sich
verkörperten und deren Urteil als das leitende, maßgebende der Zeit angesehen
werden konnte. Bei meinem Freunde entdeckte ich eine früher nicht vorhanden gewesene
Neigung zum Opponieren und eine zwar sehr geistreiche, aber dennoch oft etwas
mystische Weltanschauung, die das Kopf schütteln seiner Umgebung oft
hervorrief. Es lag ein Zug von Schwärmerei in seiner Rede, die auffallend
wurde und bei einigen seiner nächsten Freunde Besorgnis hervorrief. Sein
früherer wohltätiger Sinn artete in Verschwendung aus, man hörte, wie er arme
Leute in einer Weise unterstützte, die seinen eigenen Ruin herbeiführen mußte, so daß seine Verwandten
den Gedanken faßten, ihn unter Kuratel stellen zu
lassen. Ein derartiger Versuch schlug aber fehl, da er nur Verwandte
entfernten Grades besaß, die dadurch, daß er sein
Vermögen verschwendete, in keiner Weise geschmälert werden konnten. Der
einzige Geschädigte war nur er allein, nächste Blutsverwandte besaß er nicht
mehr. Diese selben Verwandten, zu deren Treiben er stets gutmütig lachte,
wurden eines Tages durch eine Einladung überrascht, die zu einem großen
Gesellschaftsabend in sein Haus aufforderte. Begierig folgten sie derselben. In den großen Räumen seines eigenen Hauses fand sich eine zahlreiche
Gesellschaft ein, bestehend aus jenen Männern der Wissenschaft, die schon
öfter seine Gastfreiheit genossen hatten und stets gerne seinen Einladungen
folgten. Die feindlichen, geldbesorgten Verwandten wurden von meinem Freunde
mit einer Liebenswürdigkeit empfangen, die irgendwelche peinliche Situation
gar nicht aufkommen ließ; er tat, als wäre nie etwas vorgefallen. Ein
glänzendes Mahl stand bereit, und sehr bald war eine lebhafte, geistreiche
Unterhaltung im Gange, deren Mittelpunkt, wie gewöhnlich, mein Freund
bildete. Es wurde von den Erfolgen der Wissenschaft gesprochen, und ein Professor
der Physik sang eine begeisterte Lobhymne auf die
Errungenschaften des Menschengeistes. "Der Mensch", so sagte er,
"ist in Wahrheit der Herrscher der Natur. Alle Kräfte sind uns untertan, wir haben die Entfernung und die Zeit durch
Dampf und Elektrizität überwunden, wir fliegen über den Erdboden mit
Windeseile, schreiben und sprechen von einer Stadt zur andern trotz weitester
Entfernung, und nicht lange wird es mehr dauern, so tun wir es den Vögeln
gleich und schwingen uns in die Lüfte, den reinen Äther zu atmen; die
Flugmaschine ist kein Wahn mehr, sie nähert sich mit Sicherheit der
Verwirklichung. Darum lebe der Menschengeist, er hat es herrlich weit
gebracht, er hat die Natur überwunden und ist ihrer Herr geworden." Von allen Seiten erhob sich freudige Zustimmung zu diesen Worten des
Redners, und fröhliches Gläserklirren bekräftigte die Wahrheit dieses
Ausspruches. Mit seiner ruhigen, klaren Stimme sprach mein Freund nun
folgendes: "Sie haben ganz recht, Herr Professor, den Scharfsinn des Menschen
so zu preisen, der viel Wunderbares hervorgebracht hat; ich habe Beweise
davon, wie nützlich diese Erfindungen sind. Vor einigen Tagen zum Beispiel besuchte ich eine arme, kranke Witwe. Ich
fand sie in größter Aufregung und Angst. Von ihrem einzigen Sohne, den sie
nur mit Widerstreben hatte zur See gehen lassen, waren bereits längere Zeit
keinerlei Nachrichten mehr eingegangen, und jetzt las sie unter den
Schiffsnachrichten, daß das Schiff, auf welchem sie
ihren Sohn wußte, an der Küste von Brasilien gescheitert
sei, ein Teil der Mannschaft wäre jedoch gerettet worden und befände sich in
Rio, dem Reiseziel des gescheiterten Schiffes. Lebt nun ihr Sohn? Befindet er
sich unter den Geretteten? Diese qualvollen Fragen bestürmten das zagende
Mutterherz. Ich eilte zum Telegraphenbüro, gab eine Depesche an das deutsche
Konsulat in Rio auf und konnte nach wenigen Stunden schon die Qual der
Zagenden verscheuchen, denn ihr Sohn lebte und hatte sich selbst auf dem
Konsulat gemeldet. Dieses Wunder bewirkte der Telegraph, es kostete nur zirka
50 Mark, das bißchen hin und her telegraphieren.
Die Witwe konnte selbstredend eine solche Summe nicht erschwingen, lebt sie
doch von einer solchen mehr als einen Monat. Aber schön ist diese Erfindung
doch, welche die Entfernung überwinden macht, wenn sie auch nur für die
geringere Menge der Zahlungsfähigen besteht. Ebenso bequem ist das städtische
Telefon. Die ganze Einrichtung kostet jährlich nur 90 Mark, eine Bagatelle
für den, der es hat; wer es nicht hat — nun, der kann persönlich hin und her
rennen; er mag lernen, mehr Geld zu verdienen, damit ihm die Segnungen der
Wissenschaft zugängig werden. — Sie sehen mich erstaunt an und meinen, was
ich eigentlich mit meinen Worten beabsichtige. Nun, ich als Mensch frage mich oft: Was nützt das höchste Raffinement des
Menschengeistes, mit dem er der Natur die Geheimnisse ablauscht, wenn deren
Nutznießung nur stets dem Geldmenschen zu Gebote steht? Ist die
Errungenschaft der Wissenschaft nicht Gemeingut? Hat nicht jeder sein Recht
auf das, was wir Kultur nennen? Wie kommt die Menschheit dazu, sich zu
spalten in solche, welche nur genießen, und solche, welche für die
Genießenden arbeiten, für letzteres Tun, aber obendrein nun von jedem Genuß ausgeschlossen werden?‘ "Aber das ist doch sehr einfach", fiel ein Justizrat, der
bedeutendste Jurist der Stadt, ihm ins Wort, "die gesellschaftliche
Ordnung bedingt nun einmal hoch und niedrig, reich und arm. Solange das, was
wir "die Gesellschaft" nennen, besteht, ist es so gewesen und wird
es so sein. Der Bestand der Gesellschaft regelt sich nach ihren Gesetzen zum
Schutze ererbter und erworbener Rechte. Wer da genießt, hat entweder selbst,
oder durch seine Vorfahren einst eine Arbeit geleistet, die ihm das von ihnen
angefochtene Recht verschafft hat. Ererbtes Recht ist aber ebenso unantastbar
wie selbst erworbenes, auf dieser Institution beruht unsere moderne
Gesellschaft, sie ist uns Gesetz geworden, das der Richter wohl zu beachten
hat. An diesem Gesetze dürfen wir nicht rütteln, weil ..." "Weil sonst das selbstherrliche Recht der Ererbung
und ausbeutenden Erwerbung zugrunde geht, nicht so, Herr Justizrat?"
fiel mein Freund, den wir Kristjan nennen wollen,
ein und fuhr also fort: "Nun, ich meine, wenn an Stelle der
Gesellschaft, das ist also ein Haufen die Macht innehabender
Persönlichkeiten, das Menschentum gesetzt würde, so brauchten wir weder
Gesetz noch Rechtsprechung, denn beides ist im Menschen schon vorhanden und
braucht nicht erst durch die knifflige Kunst beider Rechte gelehrt zu werden. Der Mensch fühlt in sich sehr wohl, was recht und was unrecht ist; denn
die göttliche Wahrheit im Menschenherzen läßt sich
nicht totschlagen, sie erhebt stets wieder ihr Haupt zum Grausen der
sogenannten "Gesellschaft", die ja allerdings von ihr alles zu
fürchten hat, nämlich die Entreißung des
egoistischen Genusses, die Begrenzung der Trägheit, das Ende des arbeitslosen
Erwerbes. Der arbeitslose Erwerb ist der idealste Wunsch des heutigen
Kulturmenschen, die möglichste Vermeidung der körperlichen Arbeit, das höchste
Ziel unseres Dampfzeitalters; beide bedingen Ausbeutung, einesteils der
Mitmenschen, andernteils der Naturkräfte, zur Erbauung sinnreicher Maschinen. Es ist klar, daß diese Prinzipien in einen
Abgrund führen müssen, weil die einseitige Ausbildung des Menschen, nur nach
der Seite der möglichsten Vollkommenheit des irdischen Lebensgenusses, alle
Rücksicht auf den dem Menschen innewohnenden höheren Geist verdrängt, ihm den
sittlichen Grund seines Menschenbewußtseins
untergräbt und die Ziele seines Lebens verfälscht, die ihn immer mehr von
Gott abbringen, anstatt ihn Ihm zuzuführen." Eine salbungsvolle Stimme, die eines Superintendenten, erhob sich nun aus
dem Gemurmel der Gesellschaft, die augenscheinlich meines Freundes Rede sehr mißbilligte: "Lieber Freund, die Kirche, der
anzugehören ich das geringe Verdienst besitze, hat sich noch jederzeit
bestrebt, den Menschen Gott zuzuführen. Wir haben immer gesucht in dieser
Zeit des offenbaren Frevels, wo der Unglaube und die Genußsucht
herrschen, den Menschen seinem wahren Ziele zuzuführen." "Sie werden mich verbinden, mir zu erklären, worin Sie dieses Ziel
erblicken, Herr Superintendent", fragte mein Freund. — "Nun, selig
zu werden!", war die Antwort des Kirchenlichtes. — "Und worin
besteht diese Seligkeit? Wie wird man selig?", fragte Kristjan weiter. Ein strafender Blick fiel auf meinen also fragenden und etwas spöttisch
dreinschauenden Freund. Superintendent: "Sollten Sie Ihre Schulzeit
schon so vergessen haben? Jedes Kind könnte Ihnen diese Frage
beantworten!" Kristjan: "Ich möchte diese Beantwortung aber nicht
von Kindern, sondern von Männern hören, und wiederhole meine Frage: Wie wird
man selig?" Superintendent: "Dadurch, daß man Willen
Gottes erfüllt!" Kristjan: "Und was ist denn nun der Wille
Gottes?" Superintendent: "Zweifelsohne die Lehre Christi: Liebe Gott über
alles und deinen Nächsten wie dich selbst!" "Sie sind völlig meiner Ansicht, mein werter Herr
Superintendent", rief mein Freund Kristjan in
spöttischem Tone, "doch wie erfüllt denn die Welt diese so höchst
einfache, erhabene Lehre? — Sie zum Beispiel, mein Herr Justizrat, nebst
allen Ihren Herren Kollegen, leben doch jedenfalls nur von der Nichtliebe,
vom Haß, von der Streitsucht des Nächsten, und je
mehr es Ihnen gelingt, durch schneidige Verteidigung des Schuldigen diesen loszureisen, durch rücksichtsloses Vorgehen im
sogenannten Interesse Ihrer Klienten diesen Vorteile zu verschaffen, je höher
wächst Ihr Ruhm und die Ehre. Je schneidiger, das heißt liebloser,
rücksichtsloser, um so besser für den Geldschrank!" "Ich muß doch sehr bitten, mich und meinen
Stand nicht von diesem Standpunkte aus zu betrachten", entgegnete scharf
der Justizrat. Kristjan: "Jeder andere würde aber wohl der
Wahrheit nicht ganz entsprechen, ich sage das, selbst auf die Gefahr hin,
mich einer Verbalinjurie* schuldig zu machen. (*Beleidigung durch Worte) Übrigens ist es mit der so viel gerühmten Wissenschaft nicht anders
bestellt. Nicht aus Liebe für den Nächsten, sondern einzig und allein für den
Egoismus werden die Erfindungen ausgebeutet. Nicht dem Gemeinwesen, nur der
bevorzugten Clique, dem Kapital, kommen die Errungenschaften der Wissenschaft
heutzutage zugute. Das Patentwesen, zum sogenannten Schutze des geistigen
Eigentums, ist ein klarer Beweis dafür. In der heutigen Zeit der gegenseitigen Ausraubung sind schließlich diese
Gesetze nötig geworden, weil die Menschheit gewöhnt ist, sich nicht als
Nächste, sondern als Räuber zu betrachten, von denen einer vor dem andern
stets mit geladener Pistole auf der Hut sein möchte. Abhilfe muß hier geschaffen werden, darüber ist man einig, aber
wie? Etwa durch die Kirche? Diese dürfte das kaum vermögen, denn in der
Theorie lobt natürlich jeder die Vortrefflichkeit der Christuslehre, in der
Praxis aber ist sie ein überwundener Standpunkt. Die Kirchen, längst nicht mehr ein Sammelpunkt frommer Andacht, sind
sonntags ja leidlich gefüllt, ungefähr wie jeder reinliche Mensch mindestens
sonnabends ein Bad nimmt, so wird auch sonntags der Mensch einer geistigen
Katzenwäsche unterzogen. Für Momente, im günstigsten Falle, taucht er sich in
das Wasser eines geistigen Empfindens, meistens aber fließt jeder Eindruck an
den unempfindlichen Seelen ab, und in der Woche darauf wird flott in alter
Weise drauflos gelebt. Der Kirchenbesuch ist Form- und Modesache geworden,
abgesehen davon, daß die Wahrheit dort auch nicht
stets zu finden ist." Wieder erhob sich die Stimme des Superintendenten: "Sie scheinen
heute in sehr übler Laune zu sein. Wenn die Kirche nicht die Wahrheit bietet,
wo fände man sie dann?" "Wo?", fiel lebhaft mein Freund (Kristjan)
ein. "Die Wahrheit hat sich dorthin zurückgezogen, wo heutzutage
allerdings die wenigsten sie vermuten. In das Herz des Menschen. Hier
schlummert sie, und wehe dem, der ihre Stimme erstickt. Es kommt für jeden
Menschen die Zeit, wo alle Laster der Eitelkeit, der Ehrsucht, der Lüge, der
Gewalt sie nicht am lauten Sprechen verhindern kann und wo sie dann als
fürchterlicher Richter erscheint, der die Taten des Menschen abwägt gegen das
allen bekannte, göttliche Gesetz der Nächstenliebe. Der Mensch hat mit seinem
irdischen Leben noch nicht ausgelebt. Sie lächeln, meine Herrschaften, über den Gedanken des strafenden und
lohnenden Jenseits; nun, wir werden sehen, wer heute über fünfzig Jahre, also
an einem Tage, wo wohl niemand mehr von uns leiblich unsere Erde bewohnt, am
besten lacht. Sie, die Sie meistens das Jenseits als ein Märchen betrachten,
oder ich, der ich von einem Fortleben nach dem Tode überzeugt bin!" "Mein lieber Freund!", sagte im überlegenen Tone ein berühmter
Arzt, "Ihre Begeisterung ist sehr schön, aber wo sollte denn in dem
Körper dieses merkwürdige Ding, das da fortlebt, stecken? Der Mensch, dessen
Lebensfunktionen von der Ernährung abhängen und vom Blutkreislauf, ist ein so
völlig materielles Produkt der vegetativen, gütigen Mutter Natur, wie jedes
andere Ding. Er hat seinen Anfang, seine Blüte- und Verfallzeit und
schließlich das Ende. Die sogenannte "Seele" erklärt sich sehr wohl
aus dem Aufeinanderwirken der Atome und Moleküle
und den hieraus resultierenden Kräften. Wir brauchen keineswegs auf
unbeweisbare, phantastische, abgelebte Märchen zurückzugreifen, um
Erklärungen für das sogenannte Seelenleben zu finden!" Kristjan: "Und weil die Wissenschaft, deren
Vertreter, Herr Doktor, Sie sind, uns sagt, es gibt keine Seele und die
Wissenschaft doch entschieden recht hat, denn sie beweist ja alles
haarscharf, wenn auch oft durch Hypothesen, die von uns mehr Glauben fordern
als die altbiblischen Wundergeschichten, so ist das auch wahr, und folglich
brauchen wir auch keine Seelensorge, keine Religion, keine Moral, wohl aber
das Recht des Stärkeren, und öffnen hiermit dem Tiermenschen alle Tore, allen
Lüsten die unbeschränkteste Berechtigung. Gerade aus der Medizin heraus sind
durch die Leugnung des Seelenmenschen und die Vergötterung des Tiermenschen
Behauptungen entstanden, die der Sittlichkeit Hohn sprechen und das
Individuum von der Verantwortlichkeit für seine Taten freizusprechen suchen.
Was sollen wir uns denn auch mit solchen Lappalien wie Moral, Sitte, edles Selbstbewußtsein und Streben plagen, wenn jeder Grund
fehlt, den Menschen als etwas anderes als nur ein höher organisiertes Tier
anzusehen? Geadelt wird der Mensch erst durch das Bewußtsein
seiner edlen Abstammung, das Wissen, daß diese
kurze Erdenperiode nur die Vorschule eines höheren, besseren Lebens ist und daß sein hiesiges Leben die Grundlage, der Anfang, ist,
auf dem sich jenes höhere Leben aufbaut. Wahrhaftig, es lohnte sich nicht,
dieses irdischen Daseins, wenn dessen Inhalt das ein und alles wäre!" "Wenn es für das Gegenteil nur einen deutlichen Beweis gäbe!",
seufzte ein Großindustrieller, der durch seine Wohltätigkeit bekannt war,
"wie gerne würde man sich da einen Schatz im Himmel erwerben!" —
"Ich habe diesen Beweis!", entgegnete mein Freund Kristjan ruhig. Von allen Seiten tönte ihm ein
"Wirklich?" entgegen, in allen Tonfärbungen des Zweifels, Spottes,
dem sodann die Aufforderung folgte, diesen Beweis kundzugeben. — Er kam
dieser Aufforderung nach durch Erzählung, die ich mir wörtlich gemerkt habe. Kristjan begann mit seiner Erzählung: Allerdings habe ich diesen Beweis eines besseren, jenseitigen, höheren
Lebens, aber nur für mich allein, denn was ich als solchen vorbringen kann,
sind Erlebnisse, die von Ihnen vielleicht als eine Geschichte aus
"Tausend und einer Nacht" angesehen werden und Ihnen nicht
beweiskräftig sein dürften, falls meine Glaubwürdigkeit nicht unanfechtbar in
Ihren Augen dasteht. Selbst, wenn ich vermute, daß
letzteres nicht der Fall ist, so sollen Sie doch alles hören, weil ich ein
Zeugnis geben will dessen, was mein Handeln innerhalb der letzten Zeit beeinflußt hat, weswegen ich sogar mit den Gerichten in
nächste Beziehung kam und mit den Segnungen des vormundschaftlichen
Verfahrens bekannt wurde!" Er verneigte sich bei diesen Worten leicht zu
seinen etwas verlegen dreinschauenden Verwandten hin und fuhr dann also fort: "Als ich vor etwas länger als jetzt einem Jahre eine Forschungsreise
nach Afrika unternahm, geschah dieses lediglich nur aus dem Grunde, weil ich
hoffte, aus dieser Reise Vorteile für meinen inneren Menschen zu ziehen. Die
Großartigkeit der unbekannten, innerafrikanischen Natur lockte mich, ich
wollte noch ferner die Werke Gottes an ihr studieren, wollte seine Gesetze
ergründen, um so meine Erkenntnis zu bereichern, die ich sodann meinen
Menschenbrüdern nicht vorenthalten wollte. Ich fürchtete mich nicht vor den
Eingeborenen, wußte ich doch, daß
diese harmloser sind, als allgemein ausgeschrien wird, und daß ihre sogenannte Wildheit und Rachsucht mehr eine Frucht
des beispiellosen, unwürdigen Auftretens der Europäer ist als angeborene
Grausamkeit, wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß
ihre Begriffe über Leben und Tod, Menschlichkeit und Menschenwürde andere
sind als die unsrigen. Damit will ich nicht sagen schlechter, denn ein
Kannibale, der seinen Feind totschlägt und auffrißt,
handelt doch manchmal noch menschlicher als ein zivilisierter Europäer, der
seinem Feinde listige Fallstricke legt, ihn vermittelst der Gesetze verfolgt,
ihn ruiniert und langsam zu Tode hetzt, damit er in Verzweiflung ende. Die
Wilden lieben das summarische, wir das langsame, quälende, unserer
sogenannten Ehre mehr Genugtuung und Befriedigung gebende Verfahren." * Erlebnisse im Mondgebirge"Mich reizte das sagenhafte Mondgebirge, jener Alpenzug,
der, noch völlig unerforscht, der Sitz sagenhafter Berichte ist. Es gelang
mir, mit meiner Expedition bis dorthin zu dringen, ohne daß
ich allzu große Schwierigkeiten zu überwinden gehabt hätte; nicht aber war
ich imstande, weder meine von der Küste mitgenommenen Leute noch die dortigen
Eingeborenen zu bewegen, mit mir weiter vorzudringen und jene Gipfel zu
besteigen, die ein großes Geheimnis zu verbergen schienen, das zu ergründen
meine Wißbegierde anspornte. Die Eingeborenen belehrten mich, auf und hinter jenen Bergen hausten
mächtige Geister, die es ihnen grimmig vergelten würden, falls ich von meinem
Unternehmen nicht abließe. Sie wußten viel von
dortigen Dämonen zu erzählen, daß sie gütig seien,
solange ihre Ruhe nicht gestört würde, aber daß sie
andernfalls ein Eindringen mit dem sichern Tode straften. Alles das reizte
mich nur noch mehr. Jene Höhen erschienen mir als ein Ziel, nach dem ein fast
unerklärliches Sehnen mich erfaßte, dem ich
unmöglich widerstehen konnte. Ich beschloß, nötigenfalls
allein vorzudringen. Vergebens war alles Abraten. Ich befahl meinen Leuten,
sich hier zu lagern und meine Rückkehr zu erwarten und suchte, die erregten
Eingeborenen dadurch zu beruhigen, daß ich
versprach, die Geister mit meinem Leben selbst zu versöhnen, falls sie mir
zürnen würden. — So machte ich mich auf den Weg. Nach beschwerlichem Marsche
erreichte ich den Fuß des Gebirges und begann den Aufstieg. Die Großartigkeit der Natur überwältigte mich. Majestätische Ruhe lag
überall ausgebreitet, kein lebendes Wesen war zu sehen, nicht einmal
gefiedertes Volk war sichtbar. Ich stieg rüstig bergan. Über Felsen, durch
Gestrüpp und Gräser, durch Waldungen und weitere Triften erkletterte ich die
Höhe und kam langsam, aber doch sicher meinem Ziele immer näher. Nichts
zeigte sich von Geistern, keine tückischen Kräfte bedrohten mich, überall war
tiefe, geheimnisvolle Stille. Die Einsamkeit der majestätischen Gottesnatur
erzeugte in mir eine Andacht, der sich kein Mensch von einigem Empfinden in
solcher Lage wird erwehren können, es ist, als spräche der Geist Gottes zu
uns mit leisem Flüstern: Da siehe Meine Werke, bewundere Meine Allmacht, aber
liebe mich, das ist alles, was ich von dir verlange, und ich werde es dir
vergelten tausendfach! Ich hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt und ruhte auf einem
Felsblock von dem beschwerlichen Marsche aus, das Auge verloren auf die unter
mir liegende, herrliche Tropenlandschaft gerichtet; plötzlich erfaßte mich ein eigentümliches Gefühl, als wäre ich
nicht mehr allein und würde beobachtet. Unwillkürlich faßte
ich mein Gewehr fester, das geladen in meinem Arme ruhte, und meine Blicke
richteten sich geheimnisvollen Magneten, der mich zu sich zog. Ich konnte das
beklemmende Empfinden des Beobachtetseins nicht
loswerden, verließ meinen Platz und begann direkt, dem Gipfel des Berges zuzuklettern. Mit großer Anstrengung und aller Ermüdung spottend, verfolgte ich mein
mühsames Unternehmen, bis ich endlich vor mir eine Art Terrasse des Berges
sah, die willkommenen Ruheplatz verhieß. Mein Gewehr über der Schulter
gehängt, die Provianttasche an der Seite, mit beiden Händen einen Stab, den
ich als Bergstock benutzte, fassend, hatte ich nur Augen, meinen Füßen einen
Stützpunkt zu suchen und achtete nicht auf das, was über mir — etwa in der
Höhe — vorging. Da fiel ein Schatten auf meinen Weg, und aufschauend gewahrte
ich am Rande jener Felsenterrasse, der ich zustrebte, einen jungen Menschen
stehen, dessen Aussehen mich stutzen machte. So hatte meine Phantasie sich
stets den jungen Jakob vorgestellt, als er die Schafe Labans weidete. Freundlichen Blickes reichte er mir die Hand, um meinen Aufstieg zu
erleichtern, aber dieser klare Blick enthielt eine solche magische Gewalt, daß ich meinte, mich nie mehr von diesen Augen abwenden
zu können. Ich sah vor mir einen Jüngling von unzweifelhaft arischer
Abstammung, gebräunter Hautfarbe, schwarzem, kurzen Lockenhaar und edelster
Gestalt, gekleidet — wie die Hirten des Altertums — mit kurzer Tunika und
Sandalen an den Füßen. Meine erstaunten Blicke musterten diesen so unverhofft
aufgetauchten jungen Menschen, doch ergriff ich beherzt die dargebotene Hand
und schwang mich mit einem Satz hinauf zur Terrasse neben ihn. "Willkommen, Fremdling!", sprach er mich mit angenehmer Stimme
in meiner Muttersprache an. War ich vorher erstaunt gewesen, so war meine
Verblüffung jetzt geradezu grenzenlos, hier in dieser Wildnis die Laute
meines Landes zu hören. Hastig fragte ich ihn, wer er sei. Der Jüngling
lächelte und sagte: "Ruhe erst ein wenig, wir haben noch einen weiten
Weg." Er wies nach einer anscheinend tiefen Höhle, die sich in dem Felsen
zeigte und deren Inneres Kühlung und Schutz vor der glühenden Sonne bot.
Gerne folgte ich der Aufforderung, streckte mich auf den trockenen, weichen
Sand, der den Boden der Höhle bedeckte, neugierig den jungen Menschen
betrachtend, der nun am Eingang stand und aufmerksam in die weite Ebene
blickte, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Mich hatte der Marsch hungrig
und durstig gemacht. Ich griff daher nach den Stärkungen der Provianttasche
und lud den rätselhaften Unbekannten ein, teilzunehmen an meinem Mahle. Er
dankte freundlichst und sah mir lächelnd zu, wie ich hastig meinen Vorräten
zusprach. Ich verhielt mich längere Zeit stillschweigend, kannte ich doch die
Sitte der Eingeborenen sehr wohl, die da verlangt, eine neue Bekanntschaft
nicht durch vieles Fragen einzuleiten, sondern erst ein möglichst ruhiges,
würdevoll schweigsames Benehmen anzunehmen. Die Mißachtung
dieser Sitte kann die ärgsten Unzuträglichkeiten herbeiführen. Ich beendete
daher schweigend mein Mahl, packte in aller Ruhe meine Provianttasche
zusammen und sah dann meinen noch immer stumm dastehenden Unbekannten fragend
an. "Ich stehe ganz zu deinen Diensten und will dich zu den Meinen
führen", sagte er ruhig. Ich war wiederum überrascht, denn er hatte eine
genaue Antwort auf meine unausgesprochene Gedankenfrage gegeben. "Wer
sind die Deinen?", fragte ich, während ich unwillkürlich für mich
überlegte, ob ich es auch wagen könne, ohne weiteres zu folgen. "Du
kommst zu Freunden und wirst deine Waffen nicht brauchen, diese sind nutzlos
bei uns!", sagte er, wieder in richtiger Erkenntnis meines
Gedankenganges. "Bei uns herrscht der Friede! Im Frieden bin ich dir
entgegengekommen und werde dich mit diesem leiten, bis du uns verläßt. Mein Vater harret deiner schon längst. Es ist
derjenige, der mich hier dich erwarten hieß. Er sah dich in unser Land
kommen, und da du guter, edler Gesinnung bist, so hat er dich beschützt. Uns
ist mehr möglich, als du ahnst! Ich zog dich, seit du in Gesichtsweite bist,
mit meinem Willen hierher und beobachtete dein Kommen, sonst hättest du den
Weg nicht gefunden." Mein Erstaunen war jetzt der Gewißheit
gewichen, einem Geheimnis gegenüberzustehen, das ich jedenfalls lösen wollte.
Der junge Mensch hatte stets auf meine blitzartig auftauchenden Gedanken
geantwortet, noch ehe ich diese in Worte einzukleiden vermochte. Meine
früheren Studien über sogenannte okkulte Wissenschaften gaben mir den
Schlüssel, daß hier eine Gedankenübertragung stattfand,
wodurch eine derartige schnelle Unterhaltung ermöglicht wurde. Die
eigentümliche Sehnsucht nach dieser Höhe, die mich im Tale erfaßt hatte, das Gefühl des Beobachtetseins,
während ich mich allein wähnte, kam mir jetzt in den Sinn; entschlossen sagte
ich zu dem jungen Menschen: "Ich bin bereit, dir zu folgen!" Freundlich nickend rief er mir zu: "Komme, deine Fragen werden dir
bei uns beantwortet werden!" und schritt in das Innere der Höhle. Ich
folgte. Ein schmaler gewundener Gang öffnete sich wie ein Tunnel, wir
schritten hinein. Bald umgab uns dichte Finsternis, und ich blieb stehen.
Mein Führer faßte mich an der Hand und zog mich
nach sich, ohne daß irgendein Hindernis meine
Tritte nun mehr störte. Wir gingen lange Zeit in diesem von der Natur erbauten
Tunnel, als plötzlich aus der Ferne ein Stern aufschimmerte, der — allmählich
größer werdend — sich schließlich als das Ende des Tunnels erwies, in das das
helle Tageslicht hereinflutete. Wir erreichten den
Ausgang der Höhle, und nun bot sich meinem überraschten Blick ein ganz
außerordentliches Bild. Vor mir öffnete sich ein Bergkessel, der vielleicht
fast eine Meile* im Durchmesser haben mochte. Völlig unzugängliche hohe
Berge, deren kahle Gipfel hoch in die Wolken ragten, schienen jeden Zugang zu
diesem abgeschiedenen Orte zu verschließen. (*alt-österreichische Meile) Allem Anschein nach bot die Höhle, die wir durchwandert hatten, den
einzigen Zugang zu diesem verborgenen, bergumgrenzten Tal. Ein Durchblick
oder eine tiefere Einsenkung des Ring-Gebirges, wodurch ein Hinterland zu
erblicken gewesen wäre, war nicht ersichtlich. Das zu meinen Füßen liegende
Tal war von zahlreichen Bächen durchströmt, die in einen klaren, anscheinend
sehr tiefen See sich ergossen. An den Ufern des Sees wuchs die ganze Fülle
der tropischen Flora, und aus dem dunklen Grün der Palmen und mannigfaltigen
Gebüsche lugten freundliche, helle Wohnhäuser hervor, die nach orientalischer
Art gebaut waren. Das Ganze machte den Eindruck, wie sich meine Phantasie
oftmals die biblischen Ortschaften der Prophetenzeit vorgestellt hatte. Ein
unsagbarer Friede ruhte auf der Landschaft, kein Hauch regte sich, da von den
schützenden, riesigen Bergketten die Luftströmungen abgehalten wurden. Mein Führer ermahnte mich, ihm genau zu folgen, weil der Abstieg nunmehr
beschwerlich würde. Er führte mich über Geröll und durch hohe Gewächse in
Schlangenwindungen den Berg hinab. Sein kraftvoller Arm mußte
mich oftmals stützen, und ich bewunderte die Sicherheit, mit der dieser
Jüngling spielend und mühelos die größten Hindernisse überwand, während ich
im Schweiße meines Angesichts der großen Anstrengung manchmal zu unterliegen
drohte. Leicht, als hätte er Flügel, sprang er auf Felsblöcke und zog mich
nach sich; dann wieder rollte er große Steine beiseite, damit mein Fuß
besseren Stützpunkt fasse, so daß ich die Kraft
nicht begreifen konnte, welche in dem doch nicht herkulischen Körper wohnen mußte. Wir hatten bei unserem Abstieg die Richtung nach einem Sattelvorsprung des
Gebirges eingeschlagen, auf dem ein größeres Gebäude stand, das gewisserart die Umgebung zu beherrschen schien. Jedenfalls konnte man von ihm aus das ganze Tal leicht überschauen, und
mein Führer sagte mir, daß dieses das Ziel unserer
Wanderung sei. Wir traten nun in einen Wald ein und gewahrten gebahnte Wege,
die wir beschritten. "Gleich sind wir am Ziel", rief er mir ermutigend zu, wiederum
im richtigen Erkennen meines unausgesprochenen Wunsches, "doch ist das
für dich Schwierigste noch auszuführen." Diese Worte waren mir nicht
angenehm, da meine Erschöpfung einen Höhepunkt erreicht hatte, der mit dem
gänzlichen Versagen meiner Kräfte gleichbedeutend war. Ich schleppte mich
mehr, als daß ich ging, und als der junge Mann nun
stille stehend nach einer Lichtung wies, gewahrte ich — näher tretend, daß die jäh abfallende Felswand vor uns einen
fürchterlichen Abgrund öffnete. Es war unmöglich, weiter vorzudringen,
schauerliche Tiefen schnitten jeden Weg vor uns ab. Von unten herauf lachten
die freundlichen, einladenden Wohnhäuser aus dem tiefen Grün herauf, aber es
war keine Möglichkeit vorhanden, dieselben zu erreichen, ich hätte denn des
Adlers Flügel besitzen müssen. Lächelnd sah der Jüngling mich an und wies auf meine Fragen, wo der Weg
sich fortsetze, direkt hinunter in die schauerliche Tiefe. Entsetzt sah ich
ihn an, glaubte ich doch in diesem Augenblick einen Wahnsinnigen vor mir zu
haben. Bald jedoch wurde ich eines Besseren belehrt. Von unten, aus dem
Abgrund herauf, dicht an der glatten Felsenwand, erhob sich plötzlich ein
schmales Gerüst, wie aus einer Theaterversenkung, auf dem mehrere Personen
Platz hatten. Der junge Mann faßte meine Hand und
zog mich, dasselbe betretend, nach sich. Ich sah jetzt, daß
eine Art Fahrstuhl die Verbindung zwischen der Höhe und dem Tale herstellte, mußte jedoch sofort schwindelnd die Augen schließen, als
ich die fürchterliche Tiefe erschaute, und hielt mich bebend an meinem Führer
fest. Die Fahrt ging rasend schnell hinab in das Tal. Mir verging der Atem, ich wagte nicht, die Augen zu öffnen, da — ein
leichter Stoß, das Gefährt ruhte, wir waren unten. Schaudernd maß ich die
fürchterliche Höhe der Felsen, in deren Gestein die kunstvolle Maschinerie in
mir unerklärlicher Weise eingefügt war. Und dann, umherblickend, bemerkte ich
mehrere kräftige, herrliche Mannesgestalten, ähnlich wie mein Führer
gekleidet, die hier anscheinend das Wächteramt vertraten. Achtungsvoll
begrüßten uns diese. Einer von ihnen trat auf mich zu und forderte mich
freundlich auf, mein lästiges Gepäck und die Waffen ihm anzuvertrauen. Ich
tat es. Wenige Schritte entfernt gewahrte ich ein freundliches Häuschen, vom
Gebüsch fast versteckt. Von dort hörte ich munteres Pferdegewieher, und
gleich darauf brachte ein Knabe ein gezäumtes Pferd, welches mein Führer mich
zu besteigen bat. Ich war wie unter einem Banne, es kam mir nicht der Gedanke
eines Widerspruches, nicht die Frage in den Sinn, was man mit mir vorhabe.
Das ganze Abenteuer war so seltsam, erschien mir so märchenhaft, daß ich mich ohne Zögern völlig dem Augenblicke hingab,
wohl wissend, daß, wenn man Böses mit mir vorhabe,
jetzt doch jeder Widerstand nutzlos sei und nur ein würdiges Benehmen von
Vorteil sein könne. Doch — wie gesagt, ich fürchtete mich nicht, denn diese
völlig waffenlosen Männer hatten nur ein das höchste Zutrauen erweckendes
Benehmen an sich. Das kräftige Pferd, das mich trug, schritt munter vorwärts,
mein erster Führer und derjenige Mann, welcher mein Gepäck abgenommen hatte,
schritten schweigend nebenher und führten mich auf guten Wegen dem schon
erwähnten, das Tal beherrschenden Hause zu, das jetzt durch Bäume teilweise
verborgen war. Nach längerer Wanderung tauchte es plötzlich aus dem Grün hervor. Mitten
auf der Plattform des Hügels, umgeben von mächtigen Palmen und blühenden Büschen,
erhob sich ein mächtiges, morgenländisch gebautes, herrliches Gebäude von
höchster architektonischer Schönheit, ein weiter Hof mit Nebengebäuden schloß sich an der einen Seite an, während die anderen
Seiten ein prachtvoller, sorgsam gepflegter Blumengarten, der sich den Hügel
hinab zog, umgab. Ich sah mich in eine Märchenwelt versetzt. Kostbare
Statuen, plätschernde Brunnen, springende Fontänen schmückten diesen Garten,
herrliche, liebliche Blumen von nie gesehener Pracht und Größe dufteten, dazu
der goldige Sonnenschein, das lichte Blau des Himmels, die riesigen,
schneeigen Gipfel der gewaltigen Berge, die den Hintergrund malerisch
umschlossen, der Blick in das köstliche, friedvolle Tal vor uns, alles das
war von berauschender Schönheit, von überwältigender Erhabenheit. Wollte sich
während des Rittes doch manchmal zweifelnde Sorge um mein Wohlergehen wieder
einschleichen, jetzt schwand diese völlig, denn Menschen, die diese Gegend
bewohnten und solche Kunstwerke, wie dieser Garten war, zu schaffen verstanden,
konnten nur hochgesittet und unmöglich anders als gastfreundlich sein. Aus der Tür des prächtigen Hauses trat jetzt ein großgewachsener,
würdiger Mann in mittleren Jahren hervor, gefolgt von einigen Männern,
anscheinend den Dienern des Hauses. Mein junger Führer eilte ihm entgegen und
wurde von ihm umarmt, sie wechselten einige Worte und sodann rief mir der
Mann, der — wie ich sofort erkannte — der Hausherr war, einen freundlichen
Friedensgruß zu und forderte mich auf, einzutreten. Ich folgte ohne Zögern,
wurde von dem Hausherrn ebenfalls umarmt, leicht auf die Stirne geküßt und sodann in ein hohes, freundliches Gemach
geführt, das angenehme Kühlung spendete. Ich war mit dem gebietend
aussehenden Manne allein. Selten hatte ich einen Menschen von so hoheitsvollem, edlen Aussehen
gesehen. Eine priesterliche Würde ging von ihm aus, die durch die weiße, bis
zur Erde reichende faltige Kleidung wesentlich verstärkt wurde. Seine
Bewegungen zeigten einen königlichen Anstand, seine tiefe, wohlklingende
Stimme war von geradezu fesselndem Eindruck, die Klarheit und der Glanz
seiner Augen von einer Gewalt, die auch den verstocktesten Sünder hätten
erzittern lassen. Staunend blickte ich auf das reiche, orientalisch
geschmückte Gemach, die kunstvollen Teppiche und Vorhänge, die teilweise
europäische Ausstattung des Gerätes und den lächelnd auf mich schauenden
Hausherrn, der augenscheinlich wohlgefällig mich betrachtete und dem
gegenüber ich mir vorkam wie ein befangener Bürger, der unerwartet und zum
ersten Male seinem Fürsten gegenübersteht. "Nochmals willkommen, Freund!", redete er mich an und reichte
mir die Hand. "Du wunderst dich, hier mitten in einer erwarteten Wildnis
ein gesittetes Volk zu treffen. Nun, wie gefällt dir diese Offenbarung des
Geheimnisses, dem du zustrebtest? Entspricht es deinen Erwartungen?" Ich erwiderte: "Freund, wer du auch seist, gestatte, daß ich zuvor von all dem Seltsamen, das ich schon
gesehen, mich ein wenig erhole und zunächst meine Sinne an das Unerwartete
gewöhne. Ich bin verwirrt. Mitten in dem geheimnisvollen Afrika finde ich
Menschen, die meine Sprache reden, finde ein Paradies, finde Kultur und
Sitte, während jenseits der Berge alles so anders ist. Wie ist es möglich, daß unsere Welt nichts von euch weiß?" — "Weil
wir es so wollen nach dem Willen des Höchsten", antwortete ernst der
Hausherr, "und gegen meinen Willen hättest auch du nie und nimmer diesen
Weg gefunden. Du gehörst zu unserem Geschlechte, irrtest verloren unter jenen
Menschen umher, die da glauben, die Herren dieser Erde zu sein, du suchtest
uns — wenn auch unbewußt, und so zog ich dich
hierher, damit du das innere Kleinod finden mögest, das jeder sucht und
wenige finden." Erstaunt sah ich auf den Sprecher. Dieser fuhr fort: "Hat dich nicht
der Unfriede in dir fast verzehrt, trieb dich der Durst nach reiner
Erkenntnis nicht von Land zu Land, suchtest du nicht selbst eine Zeitlang
durch sinnloses Vergnügungsleben dich zu betäuben, weil du daran
verzweifeltest, Wahrheit zu finden; denn alles erwies sich dir als Täuschung und
eitler Selbstbetrug: das Wissen und Können der Welt, das Leben und Treiben
der Menschen. Gähnte dich nicht die Leere des Daseins, das dir so ohne Zweck
und Ziel erschien, wie ein offener Höllenrachen an, dem du doch niemals
entfliehen zu können vermeintest? Siehe, es gab eine Stunde in deinem Leben, die entscheidend für dich sein
sollte. Du hattest das Wissen der Welt in dir aufgespeichert und erkanntest,
wie wenig dieses geeignet ist, um die Lebensrätsel zu lösen. Du hattest dem
Wesen des Lebens nachgeforscht, doch weder Retorte noch Seziermesser konnten
dir dieses erklären, denn du suchtest Gott im Äußeren, und so konnte Er sich
dir auch nicht offenbaren; dadurch fühltest du dich vereinsamt und verlassen,
und dieses grauenhafte Bewußtsein der Öde warf dich
einstens in deinem Studierzimmer mit so großer
Gewalt zu Boden, daß du im innersten Herzen
aufschriest: Gott — da droben, wenn Du bist, so offenbare Dich mir, und ich
will Dich preisen!" Heiße Tränen weintest du, und als durch diese dein schweres Herz sich
erleichtert hatte, fiel dein Blick auf ein neues Werk über Afrika, das von
dir achtlos zur Seite geschoben war. Zündend fiel der Gedanke in deine Seele,
dorthin zu wandern, und verließ dich nicht wieder. Du führtest dein Vorhaben
aus, und jener Aufschrei, der hier bei uns einen Widerhall gefunden hat, wird
dich erlösen; du sollst den langgesuchten Frieden finden!" Staunend sah ich den Sprecher an und fragte stammelnd: "Wer bist du,
daß dir diese Dinge bekannt sind? In jener Stunde
war ich allein, keines Menschen Auge hat mich gesehen, und dennoch ist dir
nicht nur das Äußere, sondern auch der geheimste Gedanke meiner Seele
bekannt. Bist du ein allwissender und allsehender Gott? Seid ihr Götter, die
nur im scheinbaren Fleischleibe auf Erden wallen?" Mein Wirt sagte ernst: "Und sollen wir Menschen nicht Götter werden,
nicht Götter sein? Ist der stolze Name »Ebenbild Gottes«, den der Mensch
trägt, nicht ein Zeugnis dessen, daß er vollkommen
werden soll, wie der Vater im Himmel es ist? Was wunderst du dich, wenn du in
dieser segensvollen Abgeschiedenheit Menschen findest, die auf dem Wege zur
Vollkommenheit dir ein wenig voraus sind? Freilich, da staunst du und bietest
ein getreues Bild der allgemeinen Menschheit dar, die jenseits dieser Höhen
in den Ländern der sogenannten Zivilisation wohnen. Diese staunen, sobald
etwas über den Rahmen ihrer selbstgemachten Begriffe hinausgeht; alles das
ist ihnen dann unfaßbar und unwahr, es ist ein
Schwindel. Willst du nicht auch grübeln, auf welche weltläufige Art ich etwa
Kunde von dir erhalten habe, um jetzt einen schlauen Betrug auszuführen, ein
Gaukelspiel, um vor dir als höheres Wesen zu gelten? Sieh um dich, du bist
bei mir, sogar in meiner Gewalt, was könnte es für einen Zweck haben, dich —
den Fremdling, der uns nichts nützen kann mit seiner mitgebrachten Kultur —
täuschen zu wollen? Darum habe sehende Augen, lerne bei uns, da du uns nichts
lehren kannst!" Ich schwieg eine Weile beschämt, hatte doch der Hausherr sofort die in
mir aufsteigenden Gedanken erkannt und ihnen Ausdruck gegeben und sprach
dann: "Freund, wer du auch seist, führe mich aus diesem Chaos
widerstreitender Gefühle heraus, damit ich imstande bin zu lernen. Leite mich
an, meine Gedanken zu beherrschen, denn ich sehe, diese sind dir alle offenkundig,
und ich fürchte fast, diese unheimliche Wissenschaft könnte hindernd zwischen
uns treten." Lächelnd sagte der Hausherr: "Was hindert dich denn, alle
feindlichen Gedanken zu verbannen? Unter den sogenannten Kulturmenschen ist Mißtrauen Lebensklugheit, und die Kunst, das Innere
entgegengesetzt dem glatten Äußeren zu gestalten, der höchste Triumph
gesellschaftlichen Formenwesens; doch hier bist du ja bei den Wilden, denn
von eurer gewohnten Kultur findest du bei uns keine Spur. Hier ist Offenheit
Naturgesetz, dem Menschen lesen wir die Gedanken von der Stirne. Täuschung
ist nur möglich da, wo mißachtete Sittenreinheit
das Geistesauge trübt; bei uns gilt nicht die gesellschaftliche Form, sondern
die Übereinstimmung von Gedanken und Tat, geleitet durch die Liebesweisheit
als höchsten Triumph des Lebens. Verbanne darum jedes Mißtrauen,
jage es hinüber, weit hinter jene unübersteigbaren Berge; hier wohnt nur
Brüderlichkeit und Wahrheit, du hast hier nichts zu fürchten. Komm, ruhe hier
aus und laß uns plaudern, wie es Menschen geziemt,
die sich als Brüder erkennen. Frage, ich werde antworten! Willst du dich
stärken, so genieße von diesen Speisen." Mit diesen Worten entnahm er einem Schrank ein Körbchen frischer
Tropenfrüchte und setzte einen Krug, gefüllt mit köstlichem Weine, auf einen
Tisch. Ich streckte meine noch vom Wege ermatteten Glieder auf ein Polster
aus und griff wacker zu. Nach kurzer Pause fragte ich meinen Wirt:
"Erkläre mir, mein Freund, wie ist es möglich, meine Gedanken zu
erkennen? Auch deinem Sohne war dies ein leichtes, wie ich schon an mir
erfahren habe. Worauf beruht diese wunderbare Gabe, deren Möglichkeit bei uns
geleugnet wird?" Er antwortete: "Weil wir das Lebensziel des Menschen erkennen und
das Gesetz erfüllen. Du verstehst mich nicht; nun wohl, so höre: Nimm
irgendein Buch, du wirst die geschriebenen oder die gedruckten Buchstaben
leicht entziffern und den Sinn, den sie umkleiden, ohne Mühe begreifen, weil
dir die Kunst des Lesens sehr geläufig ist. Kommt nun ein Mensch, der — diese
Kunst noch nicht verstehend — das Buch betrachtet und — weil er die krausen
Zeichen nicht deuten kann — behauptet, es sei unmöglich, aus ihnen einen Sinn
abzuleiten, so wird deine Kunst deswegen doch bestehen bleiben und deren
einfache Gesetze dem Kenner klar ersichtlich sein. So ist es auch hier. Das
Leugnen der Nichtkenner wird das Gesetz nicht aufheben. Was schafft denn in
dem Worte das Verständnis, der Laut oder der Begriff, der mit den Lauten
verbunden ist? Gewiß nur der Begriff, der Laut ist
nur das Übertragungsmittel von einer Person zur andern! Nun denke: Wenn sich
das Übertragungsmittel ändert, würde sich dann der Begriff auch übertragen
lassen? Gewißlich, denn die Schrift zum Beispiel
ist schon ein solches Mittel. Ich frage dich nun, auf welchem Wege verstehst
du die durch Laute oder in der Schrift eingekleideten Begriffe? Jedenfalls
dadurch, daß in deinem Gehirn durch den Reiz des
Lautes oder des Buchstabenbildes der umkleidete Begriff in deiner Seele
klargestellt oder erweckt wird. Liegt aber in deiner Seele nicht bereits der
Begriff, so kann er auch nicht erweckt werden. Der Mensch versteht sodann
nicht das Übermittelte, weil sein Wissen eine Lücke aufweist, die erst
ausgefüllt werden muß, indem er lernt. Würden nun
zwei Menschen, in deren seelischem Vorstellungsvermögen genügend Begriffe,
also Wissen, aufgespeichert liegen, noch ein anderes, bisher unbekanntes
Mittel finden als nur den Reiz des Lautes oder Buchstabenbildes, um diese
Begriffe in der Seele gegenseitig zu erwecken, so würden sie sicherlich sich
ebenso geläufig verstehen können, als wie auf den allgemein gekannten Wegen.
— Ein solches Mittel gibt es: Es ist der Wille! Wird dieser genügend geübt, so daß die
ausgehenden Willensimpulse empfunden und aufgenommen werden, so ist das
Verständnis nicht schwierig. Jeder Gedanke ist aber mit einem Willensimpuls
verbunden, sonst könnte die Seele ihm nicht gewisserart
Leben einhauchen und ihm solchen Nachdruck geben, daß
der Mensch von sich sagt: Dieser Gedanke lebt und herrscht in mir. Bin ich
nun empfindlich genug, diese Reihe von noch so schwachen Gedanken,
Willensimpulsen zu empfinden — und ich empfinde sie, ähnlich wie du das
Gespräch anderer hören oder nicht hören kannst, je nach deinem Interesse — so
lese ich auch deine geheimsten Gedanken, weil du nicht denken kannst, ohne
denken zu wollen, und dieses Wollen der Verräter wird. Wir sind hier sehr geübt, Willensäußerungen zu empfinden, weil unsere
Erziehung dahin geht, vor allen Dingen den Willen zu üben. Wir gehen von dem
Grundsatz aus, daß zuerst der Mensch, um seinem
Daseinsziele gerecht werden zu können, sich selbst beherrschen muß. Das will besagen, daß er
nicht etwa nur äußere Selbstbeherrschung zu zeigen vermag, während im Innern
der Sturm tobt, sondern daß er jede seelische
Regung gründlich zu beherrschen versteht, so daß
diese nie über den Willen in Gestalt der Leidenschaft sich erheben könne,
sondern stets von diesem regiert wird. Lediglich äußere Selbstbeherrschung
ist Verstellung, die wir hassen. Innere und äußere Selbstbeherrschung, die
unzertrennlich auftreten müssen, sind eine Tugend, die den Menschen zur Höhe
des wahren Menschentums führt. Durch diese Tugend vermögen wir viel, weit
mehr, als unsere Brüder in den sogenannten zivilisierten Ländern, die sich so
gerne als Herren der Natur betrachten und doch nur die Sklaven derselben
sind, wenn sie auch goldene Ketten tragen." Verwundert fragte ich: "Wie, meine Brüder wären Sklaven? Blüht nicht
Kunst und Wissenschaft in jenen Ländern, sind die Erfindungen der Neuzeit
nicht Triumphe des siegreichen Menschenverstandes?" Ernst entgegnete mein Gastgeber: "Freund, im Laufe der Zeiten hat es
schon oftmals Völker gegeben, die den Verstand wohl auszubilden wußten, die Großes leisteten,
von denen die Geschichte zu berichten weiß, die Künste, Wissenschaften
trieben; und wo sind deren Spuren nun geblieben? Verweht ist deren Dasein,
und die jetzige Welt meint, das sei das allgemeine Schicksal, dem nicht zu
entgehen ist, Neues müsse stets auf Altes folgen, und es sei eitel zu meinen,
es könne, was vom Menschensinn erschaffen wurde, jemals von ewiger Dauer
sein. Und dennoch könnte sehr wohl das einmal Errungene unvergänglich den
kommenden Geschlechtern erhalten werden, wenn nur die rechten Wege benutzt
und nicht mißachtet würden. Es genügt nicht, nur zu
schaffen! Damit das Geschaffene von Dauer sei, muß
ihm Erhaltungskraft gegeben werden, die da ausbaut, verbessert und ergänzt.
Nun sieh, damit diese Erhaltungskraft sich äußere, wirst du des Willens
wieder nicht entbehren können. Leicht ist es dir ersichtlich, daß eine liederliche Arbeit weniger dauerhaft sein wird
als eine ernst verfertigte. Zur einen brauchst du weniger, zur andern mehr
Anstrengung des Willens, und diese dadurch mitgegebene, verschiedene
Erhaltungskraft zeigt sich auch bald recht ersichtlich an dem Werke. Die
Werke, die geschaffen werden zum Zwecke des Genusses — und was die Menschheit
schafft, hat meist nur diesen Zweck — sollen auch schnell zustande kommen,
damit der Genuß recht bald ermöglicht werde, und
damit tragen sie den baldigen Verfall schon in sich, denn es ist liederliche
Arbeit, die der Zeit nicht widersteht. Nur das hat Dauer, dem der ernste
Wille Erhaltungskraft verleiht und das dadurch auch der Zeit zu trotzen
vermag! — Doch besser als alle Worte wird dir das Beispiel zeigen, was der
Wille bei uns vermag. Komm, folge mir, laß uns
einen Rundgang machen, damit du die Bewohner dieses Tales kennenlernst! Oder
fühlst du dich noch ermüdet?" Ich verneinte, denn wunderbarerweise empfand ich keine Spur mehr der
früheren Erschöpfung, und gerne war ich bereit, meinem Wirte zu folgen. —
Mein Gastgeber führte mich nun hinaus. Wir gingen den Hügel hinunter zu jenen
freundlichen Häusern, die ich von der Höhe aus schon bemerkt hatte. Ich will
darüber kurz sein: Ich habe dort Menschen gesehen, die weder Zwietracht noch
Neid, noch Rang kannten, sondern die als Brüder miteinander verkehrten,
brüderlich sich unterstützten und vor allen Dingen hohes geistiges Wissen
besaßen. Jene Fähigkeit, welche mich so sehr in Erstaunen gesetzt hatte, die
Gedanken anderer zu lesen, besaßen sie alle; es war daher unmöglich, daß die Lüge und der Trug sich breitmachen konnten, ein
nutzloses Beginnen, das sofort die Verachtung aller zur Folge gehabt hätte. Die freigebige Natur gewährte ihnen zum Lebensunterhalte alles, jedoch wußten sie die treibenden Kräfte derselben durch eine
wunderbare Willenskraft zu verstärken und zu benutzen. Ihre Felder und
Fruchtbäume trugen einen Segen, wie er mir bisher unbekannt war und
unglaublich erschien; später erst wurde es mir klar, welche Gesetze ihre
Fruchtbarkeit bewirkten. Wunderbar war die Wirkung ihrer Willenskraft, die
sie ausübten, gegenseitig sowohl auf sich, als auf alle anderen lebenden
Wesen. Auf Entfernungen, wohin der Ruf der Stimme nicht gelangte,
verständigten sie sich mit Leichtigkeit durch den Willenstelegraph
(Telepathie); das Gesetz war dasselbe, welches mein Gastgeber entwickelt
hatte. Die Tiere gehorchten ihrem unausgesprochenen Willen ebenso, wie die
mühsam abgerichteten Tiere unserer Kulturländer, nur weit williger und genauer.
Mein Führer zeigte mir das glückliche Familienleben der Talbewohner. Beide
Geschlechter lebten hier, sich liebevoll ergänzend; hier gab es keine
Herrschsucht, keine Emanzipation. In dem gegenseitigen Bestreben, sich Liebe
zu bezeugen, suchte auch kein Teil die Grenzen zu überschreiten, die jedem
Geschlechte gezogen sind. Wahre Erkenntnis der Pflichten zeigte sich allezeit
in ihrem Handeln. Das Alter wurde von ihnen geehrt, wie ich es nie bei
anderen Völkern gesehen, und diese Ehrfurcht war begreiflich, da die Last des
Alters von den Greisen nicht empfunden wurde; denn dort fand ich nur alte
Menschen, die nicht nur im vollen Besitze ihrer Körperkräfte waren, sondern
infolge ihrer Erfahrung und ihres inneren Lebens auch im Besitze erhöhter
Geisteskräfte und des umfangreichsten Wissens. Nicht dieser kurze Gang allein
überzeugte mich von alledem, sondern ein längerer Aufenthalt, der mir unter
diesen wahrhaften Menschen gewährt wurde, gab mir ein Urteil, das auch
spätere Eindrücke nur bestätigten. Als wir aus einem Hause traten, wohin mich mein Gastgeber geführt hatte,
um das patriarchalische Familienleben und die geordnete harmonische Lebensart
der Insassen kennenzulernen, ward mir ein gewaltiger Schrecken zuteil. Aus
der Türe zuerst heraustretend, gewahrte ich dicht vor mir einen mächtigen
Löwen, der zähnefletschend mich anknurrte und anscheinend sich sprungbereit
machte. Schnell riß ich meinen Revolver, den ich an
der Seite trug, hervor, um mich zu verteidigen, streckte den bewaffneten Arm
aus und fühlte mich sofort wie gelähmt. Der Hausherr, dessen Heim wir soeben
verlassen wollten, hatte zu mir hin abwehrend eine Handbewegung ausgeführt,
die es mir sogleich unmöglich machte, nur noch ein Glied zu rühren. Sodann
schritt er eilig vor, faßte das gewaltige Tier an
seiner zottigen Mähne, rief ihm einige Worte zu und gehorsam trabte dieser
König der Wüste einem Winkel des Hauses zu, wo er sich niederlegte. Lächelnd wandte der Mann sich zu mir, dem jetzt erst die Lähmung aus den
Gliedern wich, und sagte: „So gefährliche Haustiere habt ihr in eurem Europa
nicht; hier bei uns sind sie willkommene harmlose Gäste, die uns nicht
schaden, sondern dienen. Dein Revolver war unnütz zur Verteidigung und würde
ohne meinen Eingriff meinen Kindern einen Spielgenossen geraubt haben, der
ihnen lieb und teuer geworden ist." Wir verabschiedeten uns, und unterwegs drückte ich meinem Gastgeber meine
Verwunderung über das Abenteuer aus. Er sagte mir: "Du magst hieraus
erkennen, wie wenig ihr und wie sehr wir Herren unserer Umgebung sind. Jeder
unserer Knaben wird ohne Furcht dem reißendsten Tiere entgegentreten und es
durch seinen ungebeugten Willen, der sich in seinem Blicke ausspricht, zu
bändigen wissen; ja wir ermuntern sie dazu, damit sie diese Kraft üben. Es
bedarf keiner Waffen, unser Wille genügt uns, und daß
er kräftig ist, hast du an dir soeben selber erfahren. Mit allen deinen
Waffen — Jagdgewehr, Revolver und Pistolen — würdest du als Feind hier nichts
ausrichten. Jeder dieser Talbewohner würde dich mit einem einzigen Willensimpuls
gerade so lähmen, als es jener Besitzer des Löwen tat, dem du voreilig sein
Tier niederschießen wolltest." Nachdenklich ging ich neben meinem Führer weiter. Ich kam mir mit meiner
Zivilisation, mit meinem Können recht erbärmlich vor, schrumpfte doch das,
worauf ich bisher glaubte, stolz sein zu können, zu einem Nichts zusammen.
Wir gelangten durch herrliche blumige Gärten und reich gesegnete Felder zu
jenem See, dessen spiegelglatte Fläche mich auf der Höhe so freundlich angeäugt hatte. Vor uns sah ich in mäßiger Entfernung
eine Insel, zu der jedoch keine Brücke führte. Dichtes Laubholz und schlanke
Palmen verhüllten geheimnisvoll das Innere. Mir schien es, als schimmerte
hinter dem tiefen Grün die weiße Fläche eines Gebäudes hervor. Ich fragte meinen
Führer, was das sei. Er antwortete: "Hier ist der Ort, wo wir Ihn, den
Geber des Lebens, den Quell unseres Seins verehren, wo wir uns vereinen mit
Ihm, der der alleinige wahre Herrscher ist. Ich darf dich noch nicht dorthin
führen, denn unvorbereitet würde die Helligkeit des Ortes dich ergreifen und
dir schaden anstatt nützen. Willst du eine Zeitlang bei uns verbleiben, so
wird dir auch das Mysterium jenes Tempels offenbar werden, dessen Schimmer
durch das Grün bricht." — Erregt rief ich: "Freund, darf ich
bleiben? Ein freudigeres Anerbieten ist mir noch nie geworden!" Ernst
ergriff er meine Hand und sprach: "Wir verjagen dich nicht, wenn du dich
nicht selbst verjagst; dem Strebenden steht alles offen, doch nur im Streben
können wir Freunde bleiben und Brüder. Mein Haus ist fortan das deine!" Ich sah diesem seltenen Manne ins Auge, und mir ward, als zöge meine
ganze Seele sich hin zu ihm; er aber wies mit der Hand nach jener Insel, und
da ward es mir, als rauschte es geheimnisvoll von dort herüber, als flüsterten
die Wellen des Sees ein Lied, das meine Sinne umschmeichelte und mit einer
Traumvision mein Denken umgab. Das Sehnen, die heiße Liebe, die mich zu
meinem Führer ergriff, flüchtete hinüber zu jener unbekannten Insel, aus
deren Inneren ein Blitzstrahl aufzublitzen schien, der mein Herz traf und
schwingende Töne auf seinen Lichtwellen trug, die sich zu Lauten, zu Worten
bildeten. Jetzt vernahm ich leise, wie aus weiter Ferne melodiöser Gesang,
Stimmen im Jubelchor dem Höchsten lobsangen, und über diesen Gesang hinweg
vernahm ich eine entfernte, wohllautende Stimme, welche sprach: "Liebe
Mich in deinem Nächsten, so ehrst du Mich und Meine Werke!" Die wohltuende, ruhige Sprache meines Führers erweckte mich aus meinem
Traum. Er forderte mich auf, ihm zu folgen, und — noch berauscht von dem, was
meine Seele erfuhr — willigte ich seiner Aufforderung. Wir gelangten alsbald
zurück zu seinem herrlichen Heim. Ich blieb nun Gast im Hause meines Freundes, der sich Chorillus
nannte und die Würde eines Oberpriesters ausübte. Was ich hier gelernt, kann
ich nur teilweise aussagen, denn schwerlich würde ich volles Verständnis
dafür finden. In seinem Hause, im Verkehr mit seiner Familie lernte ich den
Frieden der Seele finden, den ich so lange gesucht und nicht gefunden. Das
Wesen der Gottheit ward mir entschleiert, und enthüllt standen die
Lebensgeheimnisse und das große Geistesgesetz vor meinen Augen, nach deren
Kenntnis es erst gelingt, wahrhafter Mensch zu sein. * Wir saßen an einem heranbrechenden Abend in
jenem herrlichen Garten unter schattenspendenden Palmen und blühenden
Büschen, als Chorillus mir folgende Aufklärungen
gab: "Siehe um dich: Alles, was du siehst, ist gefesteter Wille! Jedes
Blatt, jeder Stein, jedes Pflänzchen wird nur
erhalten von dem in ihm wohnenden Lebensprinzip, und was ist dieses im
Grunde? Doch nichts als ein Ding, das sein Werde, seine Wesenhaftigkeit erst
aus jenem Urborn erhalten hat, der mit »Gott«
bezeichnet wird und der der Inbegriff alles Seins, alles Lebens — kurz, der
Schöpfung ist. Zöge diese Allmacht, in deren innerstem Kern das Wort der
Schöpfung sich einstens regte und dadurch das
"Werde" hinausdonnerte, in die Räume der
Ewigkeit, Ihren erhaltenden Willen zurück, so würde Vernichtung alsogleich die Folge sein. Im Menschen will sich die Gottheit selbst betrachten. In ihm soll, ohne daß er darum selbst die Gottheit ist, noch jemals werden
kann, das Ebenbild der Gottheit erwachen, das dem Vater ähnlich ist, das
vollkommen ist, als wie es der Vater ist. Was gehört dazu? Sicherlich das,
zunächst den Willen des Allvaters zu erkennen und diesen zu erfüllen; denn da
es nur einen Willen gibt, so kann neben diesem nichts bestehen, noch ohne
diesen Einen, der alles umfaßt, durch andere Wege
Vollkommenheit erreichbar sein, oder es müßte denn
der Begriff der Vollkommenheit als teilbar gedacht werden, welche Möglichkeit
in sich selbst zerfällt. Will der Mensch vollkommen werden, so muß er sich mit dem schöpferischen Willen vereinigen,
denn dieser ist die Vollkommenheit, in ihm ruht alle Wahrheit, höchstes Sein,
Erkenntnis, und tust du das, so erfüllest du das Geistesgesetz. Des Menschen
Glück liegt in der Vereinigung mit Gott! Diese Vereinigung kann nur von Nutzen sein, wenn sie freiwillig
geschieht. Gezwungen herbeigeführt, wird der Mensch Maschine, nicht Ebenbild
der Gottheit, und solch Geschöpf kann auch der Schöpfer nicht für Seinen
erhabenen Zweck gebrauchen, denn in Ihm ist Freiheit, die die Vollkommenheit
gewährt; folglich muß sie auch im Ebenbild
erreichbar sein. Der Mensch, der dieses Ziel erfassen soll, wird darum so gestellt, daß er wie außer Gott sich fühlt; er kann sich Ihm
entgegenstellen im innersten Trotz, kann einen neuen Gott sich schaffen,
falls er will, kann selbst sich blenden und die Gottheit, die ihn rings
umgibt und deren Gesetze, die sich als Naturgesetze offenbaren, leugnen, doch
eines kann er nicht: er kann nicht Ihren Willen brechen! Die Vollkommenheit, die in der Gottheit ruht, ist nur durch Vereinigung
erreichbar. Es gibt nur eine Vollkommenheit, nur einen Gott,
und der eine Wille sagt: "Werdet vollkommen, wie Ich es
bin!" Und darum ist auch nur der eine Weg zu Gott. Dieser Weg heißt:
Demütige dich! Geschöpf, du bist ein Wesen, das heißt, ein Ichbewußtsein ruht in dir, und dieses bäumt sich auf in
dir und sucht im Trotz sein eigen Selbst eigenwillig zur Geltung zu bringen;
es möchte aus sich selbst das Leben erringen, das immer nur Geschenk der
Gottheit sein kann, weil es aus Ihr geflossen ist. Willst du, Geschöpf,
wahrhaft leben, so gib diesen Irrtum auf, als sei außer Gott noch ein anderes
Leben. Demütige dich! Schließe dich als Teil dem Ganzen an und wisse, daß du nur so stark bist, nicht im trotzigen Erheben des
eigenen kleinen, nur geborgten Willens, sondern im Erfassen und Durchfließenlassen des mächtigen Gotteswillens, der das
Glück, die Wohlfahrt, die Liebe dann bedeutet. Der Mensch, der da noch
glaubt, andere Wege gehen zu können als die der Vereinigung mit Gott, sucht
in den Naturgesetzen die Kraft selbst, während diese doch nur der Ausdruck
der Kraft sind. Er erkennt diese Gesetze wohl, weiß sie auch zu benutzen,
aber den dahinter steckenden Kraftwillen fängt er nicht ab. Das Naturgesetz
ist der Ausdruck des unabänderlichen Willens. Darum kann er alle Dinge, die
dem Naturgesetze unterworfen sind, verschieben, verändern und überraschende
Erscheinungen hervorrufen und meint nun, die Naturgesetze zu beherrschen, wie
wenn er aus einem Vulkan einen kleinen Lavastrom abgelenkt hätte, der nun zu
allerhand kleinlichen Experimenten benutzt werden kann, doch dem Vulkan kann
er deswegen noch lange nicht gebieten. In seiner Torheit bildet sich trotzdem
der Mensch das ein und prahlt mit seinem Können. Blicke hin nach jenen Ländern, die deine Heimat heißen. Wie blähen sich
die Menschen dort auf und nennen sich Herren der Natur, die Tröpfe! Ist einer
krank, so wird ihm eingetrichtert, was die Chemie im Laboratorium gebraut,
und diese Tränke sollen nun Genesung bringen, doch daß
die Menschenseele, in der der Willenstropfen aus dem Reiche der Gottheit
schlummert, imstande ist, das Wohnhaus Körper rein zu halten und alles Kranke
zu entfernen, das kommt euch nicht in den Sinn. In Gott, in der
Vollkommenheit ist auch Gesundheit; Krankheit hat da nicht Platz. Vereinet
euch mit Ihm, lasset Seine Kraft durch euch fließen, und mit einem Schlage
ist der Mensch gesund. So geschieht es bei uns, und darum hat es auch in
diesem Tale noch niemals einen Kranken je gegeben. In Gott ist Fülle, und Er gibt reichlich, was Seine Geschöpfe brauchen.
Wir vereinen uns im Gebet mit der Gottheit, sie weiß, was wir bedürfen, sie
segnet uns. Wir segnen unsere Felder, und tausendfältig ist die Frucht, die
sie uns geben. Dort draußen, wo nur der Eigennutz, die Habsucht herrschen,
dort kann ein Segnen nichts nützen, denn die Vollkommenheit kann nicht mit
dem sich einen, der nur des Gewinnes halber diese Einigung verlangt. Wer noch
vermeint, aus sich allein heraus könne er schaffen und dauernde Werke
vollbringen, der verfällt in Ichbegründung und öffnet damit allem Leid die
Tore. Hier hast du auch den Grund des vielen Wehs, worüber Völker, Menschen
klagen und wofür Gott verantwortlich gemacht wird, obwohl die eigene Torheit
all das Leid verursacht. Die Begründung des Ichs ist das Unglück des Menschen
und der Völker. Diese Ichbegründung, das Sträuben gegen die Gottvereinigung,
welch letztere nur allein das Glück in sich birgt, bedingt den Erfahrungsweg
des freien Geschöpfes, den es sich abkürzen oder verlängern kann. Jedes Wesen ist zum Glück geboren, und dieses Drängen, das Glück zu
erfassen, zu erreichen, ist der alleinige Reiz des Daseins. Jedes Geschöpf
ahnt, daß es ein Glück gibt, es ringt danach und
scheut keine Mühe, zum Glück zu gelangen. Gott hat durch Offenbarung dem
Menschen längst gezeigt, worin das wahre Glück besteht und wie es zu
erreichen ist. Doch eigenwillig sucht der Mensch seine Wege, er will es
besser wissen als der Schöpfer und glaubt es nicht, daß
seine selbstgemachten Begriffe falsche sind. Er sucht im Materiellen, im
Äußeren, im vergänglichen Schein, was nur im Geistigen, im Innern zu suchen
ist. Er vergißt und verschließt sich der
Erkenntnis, daß äußeres irdisches Glück nur
wahrhaft Frieden geben kann, wenn es im Innern zuerst eine Stätte gefunden
hat. Er macht sich daher besondere Glücksbegriffe wie Reichtum, Wohlleben,
Untätigkeit, gut Essen und Trinken und allerhand sinnliche Freuden. Die
Begriffe dieses Glückes sind ihm unfehlbares Gesetz, und die Vorstellung
seiner Geistesidee als Inhaber solchen Glückes krankt an dem Glauben, daß sein Gott auf diese Bitte hin ihm diese Dinge
schaffen muß, damit er glücklich sei. Der Mensch
klammert sich an diesen, ihm behagenden, selbstgeschaffenen Gott, der nur ein
Götze ist und der nun auch alles verfluchen muß,
was seinem Götzendienste nicht entspricht; denn diese Ichbegründung lehrt
durch ihren Götzen, alles das sei gegen Gott, was gegen die selbstgemachten
menschlichen Gebräuche und gegen deren dunkle Erkenntnis sei. Ja, es ist gegen den Götzen, und solange die Kraft der Ichbegründung
besteht, welche diese Narrheit bestehen läßt, so
lange wütet auch der Götze durch die Menschen gegen andersdenkende Menschen.
Dieser mit allen menschlichen Schwächen ausgestattete, zum Gott erhobene
Götze kann nicht bestehen bleiben, denn die Vollkommenheit sagt: "Ich
bin euer Herr und Gott, ihr sollet nicht andere Götter haben neben Mir!"
Darum führt diese Ichbegründung von selbst zum Leid, zum Schmerz, weil das,
was die Menschen erst sich willig schaffen in selbstgewolltem Dünkel, nicht
Bestand haben kann ohne Unterstützung des wahren Gotteswillens; und so
vernichtet denn die herbe Erfahrung das gleißende Gebäude der Ichbegründung. Die Lehre Gottes ist verkündet aller wegen, zeigt allbekannte Wege und
gleicht einem Rechenexempel, von dem der Rechenmeister sagt: Sieh, zweimal
zwei ist vier! Erkennst du diese Wahrheit, so wirst du — darauffußend,
stets richtige Rechnungen erhalten und zufrieden sein. Der Mensch aber sagt
verstockt: Nein, ich glaube es nicht und sage: zwei mal zwei ist fünf! Um
diesen Toren zu überzeugen, bleibt dem Rechenmeister nichts übrig, als ihn
rechnen zu lassen mit seiner falschen Formel, und die ewigen falschen
Resultate, das eigenwillig herbeigeführte Leid werden erziehend auf ihn
wirken, bis er schließlich doch gezwungen ist, die einzig richtige Formel
anzuerkennen. * Jetzt erkennt die erwachende Menschenseele, daß
die Wege nicht zum Glück führen, die nur eine Summe äußerer menschlicher
Wünsche in sich enthalten und daß, was außer diesen
stand und oft töricht als Ketzerei bezeichnet und mit Fanatismus und
Intoleranz leidenschaftlich verfolgt wurde, gerade zum Glücke führt. Jetzt
blitzt es auf. Vernichtung der Ichbegründung! Das Verlangen, nicht sich
selbst, sondern der Allgemeinheit zu dienen, führt zum wahren Glück, zur
Gottvereinigung. Seligkeit ist nicht Besitz vergänglicher Güter, sondern
Erreichung der unvergänglichen. Und bin ich verbunden mit dem ewigen Gott, so
bin ich ein Teil in Ihm und in der Ewigkeit unsterblich." * Ich fragte nun Chorillus, wie die Verbindung
mit Gott am sichersten erreicht würde, und er antwortete mir: "Deine
Frage ist das Geheimnis allen Lebens, sie schließt die Antwort eigentlich
schon in sich, und eben weil gerade dieses Geheimnis so einfach ist, wird es
von den Menschen nicht gefunden. Lasse das Trennungsgefühl nicht in dir
aufkommen, so wirst du mit Gott auch verbunden sein. Frage die Menschen, ob
sie sich mit Gott verbunden fühlen. Sie werden dir alle mit Nein antworten.
Nun frage sie weiter, warum sie nein sagen müssen. Die wenigen, wirklich
Aufrichtigen werden dir bekennen, daß irgendein
Gefühl der Schuld das Hindernis ist; die andern werden mit leeren Ausreden,
mit Nichtwissen, oder mit Lügen diese unbequeme Frage ablehnen, und du wirst
daran die geistig Trägen, die Unwilligen, Verstockten und auch Boshaften
erkennen können, die lieber sich jeder Erkenntnis verschließen, nur um den
inneren Richter, jenes Schuldgefühl zu übertäuben. Empfindest du aber in dir das die Verbindung hemmende Schuldgefühl, so
wirst du auch imstande sein, das zu meiden, was es hervorrief, und du wirst
dich reinigen und schließlich zu dem Gefühl der Annäherung und Verbindung mit
Gott gelangen. Je mehr du fortschreitest, um so mehr offenbart sich dir dann
auch die Gotteskraft, und in dieser Verbindung wirst du schließlich
ausgerüstet sein mit ihr und Dinge vollbringen können, die der Unwissende
nicht begreift noch für möglich hält. In Gott ist alles, denn Gott ist alles in allem. Bist du in und mit Gott,
so hast du auch alles, denn der Vater gibt die Kraft dem Sohne, und ihr
sollet vollkommen sein wie der Vater. Ahnst du nicht, welche ungeheure
Verheißung in diesen Worten liegt?" * Es drängte sich mir eine Frage auf die Lippen, und zagend fragte ich:
"Chorillus, fühlst du dich verbunden mit Gott,
dem Vater?" — Ernst und einfach antwortete mir Chorillus:
"Ja, mein Freund! Es ist unsere Aufgabe, hier an diesem abgeschiedenen
Ort, den keines Menschen Fuß ohne des Höchsten Willen betreten kann, die
Verbindung aufrechtzuerhalten, welche das Ziel eines jeden Menschen sein
sollte. Unendliches Unglück und Wehe würde es bedeuten, fände sich dieser
Erdball ganz verfinstert. Glüht unter der Asche irgendwo noch so ein
schwaches Fünkchen, so kann bei rechter Pflege doch jederzeit ein helles
Feuer daraus entfacht werden. Das Glaubensfeuer darf nicht erlöschen! Wir
hüten es, wir unbekannten Talbewohner, nicht aus Ichbegründung, nicht um des
Lohnes willen, nur aus Liebe zu Gott und zu unseren Menschenbrüdern. Alle
Kraft erhalten wir durch Ihn, und der Geist Gottes führt uns ein in alle
Geheimnisse Seiner Schöpfung und Seines Wesens. Ich habe nie deine Sprache vorher gesprochen, aber ich verstehe und
spreche sie jetzt, weil ich in Verbindung mit Gott bin und in Ihm nichts
Fremdes, Ihm Unbekanntes ist. Ich erfahre aus demselben Grunde, was jenseits
dieser Berge geschieht, soweit es nötig ist, es zu wissen, und ohne Tageszeitung
sind wir hier über alle Vorkommnisse schneller und gründlicher orientiert,
als Telegraph und Post die Nachrichten übermitteln können, denn Gott ist
allgegenwärtig und bedarf der menschlichen Einrichtungen nicht. Bist du mit
Gott verbunden, so hast du alles, alles! Dann erst bist du Herrscher in dir
und außer dir, kein Spielball mehr der Naturkräfte, denen scharfsinnige Köpfe
einige leichte Fesseln anzulegen wissen, sondern Kenner des Gesetzeswillens
Gottes, dem alle Kräfte untertan sind; denn diese
sind die Wirkungen Seines beständigen Willens, und du findest alsdann jedwede
Herrschaft in und durch Gott." Staunend blickte ich auf Chorillus und sagte
leise: "Gott kann niemand sehen und das Leben behalten, wie kann der
Mensch sich denn da mit Ihm so eng verbinden, daß
die Allkraft durch ihn hindurchfließt?" — Er
antwortete: "Mein Freund, wüßtest du klar und
deutlich, was die Liebe vermag, du würdest nicht so töricht fragen. Dieser
ist alles möglich, diese ist der Urgrund allen Seins, in ihr liegen alle Schlüssel
verborgen, sie löst alle Rätsel. Die Gottesliebe ist unergründlich, und nur
durch die Liebe werden wir Gott ähnlich. Du sahest jene Insel, von der ich dir sagte:
Dort verehren wir Ihn, den Heiligsten. Es führt kein Weg, keine Brücke zu
ihr; umgeben von Wasser ist sie ein abgeschlossenes Heiligtum. Entzünde in
dir die wahre Liebe, so wird dich die Sehnsucht hinführen zu unserem Tempel.
Das Wasser wird dich tragen, und auf der kristallenen Flut wirst du, wie wir
es tun, zu unserer Insel wandeln können, die dir das höchste Mysterium
enthüllt, das der Liebe Gottes. Was nützet dir alles Wissen, es wäre eine
hohle Nuß, dringst du nicht zu diesem innersten
Geheimnis, wodurch dir alles offenbar werden kann. Ergreife und entzünde in
dir diese Liebe, so löst sich alles, was dir noch unklar ist, und der nächste
Weg zu Gott zeigt sich alsdann!" — Chorillus
erhob sich und ließ mich in tiefen Gedanken allein zurück. Liebe! — Dieses Wort von so unendlicher Bedeutung, von so geheimnisvoller
Tiefe und so oft mißdeutet, es erfaßte
mein ganzes Sinnen. Wie ergreife, wie entzünde ich die Liebe in mir? Wie
liebe ich ein Wesen, das ich nicht sehen, nicht ergründen kann? Die Familie meines Gastfreundes, in der ich lebte und die mich mit
größter Freundlichkeit aufgenommen hatte, bestand aus seiner Gattin, seinem
Sohne, der mich in dieses Tal geführt hatte, und einer Tochter von
ungewöhnlicher Schönheit. Mutter und Tochter besorgten das innere Hauswesen
und waren wenig für mich sichtbar. Die Anmut und Reinheit, die sich im Wesen
der Tochter ausprägten, hatten mich von Anfang an gefangengenommen. Alle jene
Damen der europäischen Gesellschaft, die vordem den mir bekannten Kranz der
Weiblichkeit ausmachten, erschienen mir wie Karikaturen im Vergleich zu
dieser Jungfräulichkeit, die unbewußt des von ihr
ausgehenden bestrickenden Reizes lebte und die Herzen besiegen mußte. Ich wußte, daß Chorillus, der so gut die Gedanken zu lesen verstand,
auch meine Empfindungen dieser Art kannte; nie jedoch berührte er diese. Die
Ermahnung, die Liebe in mir zu entzünden, gab daher meinem Gedankengang eine
Richtung, die wohl verzeihlich erscheinen wird, zumal ich dieses holde Wesen
auf der Terrasse vor dem Hause sah, den dem Hause zuschreitenden Vater freudig
begrüßend. "Liebe, Liebe?", fragte meine Seele. Ist diese Liebe zu Gott
gleich jener Liebe, die der Mann zu einem Weibe fühlt? Ist denn auch diese
Liebe nicht eine reine Flamme, die den Abglanz des Göttlichen in sich birgt?
Beseligt nicht die gegenseitige Liebe, öffnen sich nicht die Pforten des
Himmels den Liebenden, fühlen nicht auch diese sich entrückt dem Getriebe der
Welt, nur in dem Bewußtsein des gegenseitigen
In-sich-Aufgehens? Lebt nicht in dem Weibe auch mein Nächster, den ich lieben
soll? Tue ich Unrecht, wenn ich also ein weibliches Wesen mit der ganzen Glut
meines Herzens umfasse und dieser meiner Göttin mein ganzes Wesen weihe, um
in ihrem Besitze glücklich zu sein und zu beglücken? Während ich so sann, drängte sich mir ein Bild auf aus meiner Vergangenheit.
Längst hatte ich die kleine Episode vergessen und — merkwürdig, nicht
loszukommen war jetzt von diesem Bilde: Es ist die belebte Straße einer
Großstadt. Ein altes Mütterchen steht frierend an der zugigen Straßenecke.
Bittend sprechen ihre tränenden Augen deutlicher als die abgerissen
gemurmelten Worte, die ein Almosen erflehen. Ich reiche ihr mitleidsvoll ein
Geldstück. Kaum ist es geschehen, so wendet sich ein hübsches Blumenmädchen
zu mir, bietet mir lächelnd und knicksend einen Strauß an. Ich nehme ihn,
reiche dem schelmisch neckenden Dinge, ohne nach dem Preis zu fragen, ein
Geldstück und sehe der niedlichen Dirne begierig nach. Das gereichte
Geldstück hatte den dreifachen Wert dessen, welches das alte Mütterchen
erhalten hatte. Warum steht dieses längst vergessene Bild so deutlich, plötzlich vor
meiner Seele? Mein Gewissen legt mir die Frage vor. Weshalb machtest du hier
einen Unterschied, wo war die Bedürftigkeit? Handeltest du gerecht? Mich
ärgerte nachträglich jetzt meine, vor langen Jahren begangene Handlungsweise. Dort oben auf der Terrasse steht noch das schöne Mädchen, ihr Blick
schweift in die Ferne, sie sieht mich nicht, der ich, von blühenden Büschen
gedeckt, sie bewundern kann. Heiß wallt es mir im Herzen auf. Hinstürzen
möchte ich zu ihr, die liebliche Gestalt an mich reißen und zu ihren Füßen
das Geständnis meiner Liebe stammeln. Ja, das ist Liebe! Die Liebe, die Gott
in die Herzen der Menschen gelegt hat, damit sie glücklich sein sollen auf
Erden und Ihm dann danken für dieses göttliche Geschenk. Ich ertrage es
nicht, dieses sehnende Gefühl, dieses brennende Verlangen, jetzt ist der
Augenblick geeignet, mich der Jungfrau zu offenbaren. Sie ist allein, darum
hin zu ihr und dann zu Chorillus, ihm zu sagen, wie
schnell die Liebe mich ergriffen und entzündet hat. Doch sieh, da naht sich Chorillus seiner
Tochter. Ich erschrecke, — warum? Er führt sie in das Haus. Unwillkürlich
ducke ich mich hinter die blühenden Büsche, damit sein Blick mich nicht
treffe, — weshalb? Ich bin mir doch keiner Schuld bewußt!
— Und doch, ich fühle in mir ein unbehagliches Gefühl, als hätte ich eine
Schuld begangen. Schritte tönen hinter mir den Weg entlang, der von den
Wohnungen der Talbewohner durch den Garten hinauf zur Höhe führt. Als wäre
ich auf böser Tat ertappt, so fahre ich auf und sehe den Sohn des Chorillus heranschreiten.
Freundlich grüßte mich der schöne Jüngling. Ich aber konnte seinen klaren
Blick nicht ertragen und schlug die Augen zu Boden, wußte
ich doch nur zu genau, daß ihm meine noch nicht
überwundene Erregung und meine geheimen Gedanken unverborgen
waren. Er trat zu mir und sagte sanft: "Freund, hat dich die Leidenschaft
wieder gepackt? Warum erschrickst du vor mir? Ist es nicht die Aufgabe des
Menschen, zu kämpfen und zu erkennen? Glaubst du, ich würde dich verurteilen,
weil du noch ringst und deine inneren Kräfte noch nicht gänzlich entwickelt
hast? — Oh nein, fürchte das nicht! Komm, laß uns
ruhen!" Er nahm den Platz ein, den vorher sein Vater eingenommen hatte,
und ich gesellte mich zu ihm. "Du weißt nicht, von wo ich komme; ich
will es dir sagen: Ich habe soeben meine Braut verlassen und komme aus dem
Hause ihrer Eltern." — Überrascht sah ich den Jüngling an, ergriff seine
Hand und rief aus: "So liebst auch du ein weibliches Wesen, daß du als deine Frau einst heimzuführen gedenkst? Oh
sprich, du siehst das Chaos meiner Gefühle, löse mir das Wesen der reinen
menschlichen Liebe. Was ist diese Liebe, und wie ist sie gerecht vor
Gott?" — "Ich will versuchen, dir diese Fragen zu beantworten und
hoffe, daß du mich verstehst: Was ihr in euren Ländern Liebe nennet, ist meistens nicht gemein mit
deren wahrem Wesen. Empfindet ihr eine habsüchtige Neigung, etwas zu
gewinnen, so glaubt ihr Liebe zu empfinden. Angeregt durch den
Schönheitssinn, empfindet ihr ein Wohlgefallen, und mit diesem regt sich der
Wunsch nach genießendem Besitz. Dieses Wunschgefühl steigert sich oft bis zur
Tollheit, und das soll dann Liebe sein. Diese leidenschaftliche Empfindung im
Menschen verlangt alles von dem Gegenstande, auf den sie sich richtet und so
wohl Mann als auch Weib, die ihr verfallen, sind alsbald nur geneigt, alles
von dem anderen Teile zu verlangen, selbst jedoch möglichst wenig zu geben.
Nach einer Zeit des Rausches, nachdem die Leidenschaft nicht mehr in verzehrenden
Flammen auflodert, folgt dann meistens die Reue, die Enttäuschung, selbst der
Haß. In der Zeit jedoch, wo sie noch brennt,
findest du bei beiden Teilen mißtrauende
Eifersucht, die Tyrannei und Unfrieden im Gefolge hat. Diese große Sammlung
höllischer, quälender Eigenschaften, die — je nach der bändigenden
Willenskraft des einzelnen, zügellos sind, oder in gewissen Grenzen der
Wohlerzogenheit verbleiben, nennt die Welt dann Liebe, und nach dem Grade der
meist nur zerstörenden Wirkungen bildet sich die Torheit ein, die Kraft der
Liebe bemessen zu können. Wie so ganz anders ist doch die reine, wahre Liebe! Diese stellt es nicht
als Hauptbedingung auf, zu besitzen und so zu genießen — nein, sie will vor
allen Dingen selbstlos geben und fragt nicht, überlegt nicht, ob eine
Gegengabe auch gewährt wird. Wahre Liebe weiß auch zu leiden, zu entsagen,
während die unwahre sofort bei einer derartigen Forderung in Wut und Haß sich verwandelt, denn alles, was der Selbstsucht zu
nahe tritt, wird von dieser rachsüchtig bekämpft. Wahre Liebe zu den Menschen macht auch keinen Unterschied der Person, ob
alt, jung, schön oder häßlich im Äußeren; sie umfaßt alles mit gleicher Sanftmut, wie auch Gott allen
seinen Geschöpfen ohne Unterschied seine Segnungen gewährt. Liebst du ein
Mädchen, so soll nicht der Besitz desselben dir die Hauptsache sein, so daß du sie eifersüchtig hütest, sondern die gegenseitige
Ergänzung hast du im Auge zu halten. Fehlt diese, so kann ein Rausch der
Sinne dir diesen Mangel nicht ersetzen, sondern tiefste Reue ist die sichere
Folge. Findest du aber die gesuchte Ergänzung, so wird auch eine jemalige Trennung unmöglich werden; denn was sich ergänzt
zu einer harmonischen Einheit, was also Gott demnach zusammen gefügt, das
kann auch ewig nicht mehr getrennt werden. Was aber — und wie oft, ja meist
geschieht es so bei euch — nur Ergänzung der gegenseitigen Begierde fand,
ohne innere tiefere Harmonie, das hat auch — trotz aller äußeren Bande — nie
sich angehört und trennt sich wieder, sobald es kann. Du liebst meine Schwester, Freund. Ist deine Liebe ganz rein?
Leidenschaft schafft Leiden, Unreinheit das Gefühl der Schuld. Du verstehst
mich wohl: In Gott allein ist die reinste Liebe. Bist du verbunden mit Ihm,
so fallen alle Schlacken von dir ab. Doch dazu gehört ein starker, großer,
unerschütterlicher Wille, ein inneres, strahlendes Glaubensfeuer. Sodann
erwacht eine Liebe, die höher steht als die Liebe der Geschlechter
untereinander, selbst wenn diese eine reine ist. Diese erfaßt
beide, Mann und Weib, und wohl denen, die in harmonischer Ergänzung
verbunden, sodann sich von ihr leiten lassen, denn diese sind Gotteskinder
durch sie geworden. Wir Talbewohner können Ihn, den Herrn, nicht vergessen um eines Weibes
oder Mannes willen, darum ist aber auch unsere Ehe anders geartet als die der
Welt. Herrschsucht und gegenseitige Betrübung, Mißverstehen, kennen wir nicht; denn diese herrschen nur
dort, wo die Ergänzung fehlt, und ohne diese besteht bei uns keine Ehe." Mich ergriffen die Worte des jungen Mannes tief, und — seine Hand
ergreifend, rief ich aus: "Oh, hätte ich deine Weisheit, wie glücklich
wäre ich!" — "Lebe in Gott, so hast du alles. Ich besitze nichts.
Nur in Ihm ist die Fülle, Er ist die Quelle, die uns alles gewährt!" —
Er stand auf, und — nach der Insel zeigend, die das Heiligtum barg, fuhr er
fort: "Suche Ihn und sei gewiß: Er wird sich
finden lassen!" — Schnellen Schrittes entfernte sich der Jüngling und
ließ mich allein. Die Sonne war untergegangen, und mit der den Tropen eigentümlichen
Geschwindigkeit, ohne Übergang der Dämmerung, brach die Nacht herein. In
kurzer Zeit herrschte ringsum tiefe Stille, die Sterne schauten flimmernd vom
hohen Himmelsgewölbe, und der Mond warf sein mildes Licht auf die zur Ruhe
sich rüstende Erde herab. Doch in mein Herz wollte keine Ruhe einziehen.
Unruhig klopfte es, eine Anzahl Gedanken und Fragen durchstürmten meine
Seele. Ich blickte auf zum leuchtenden Sternenhimmel. Wenn je, so ist der
Anblick desselben — während ringsum tiefe Ruhe herrscht — geeignet, dem Menschen
einen Begriff von der Allmacht und Kraft Gottes zu geben, denn dieses
Gewimmel leuchtender Welten, die in geordneten Bahnen einherziehen,
ohne sich zu verwirren, sie sind dringlich redende Zeugen Seiner Weisheit und
Seiner Kraft. Wie klein fühlt sich da die Seele, wie wird sie durchdrungen von dem
Gefühle der eigenen Nichtigkeit, erkennt sie sich als Stäubchen im Raume, und
dennoch drängt sich ihr die Erkenntnis auf, daß sie
mehr als ein Nichts sein muß, da sonst ihr nicht
die Fähigkeit gegeben wäre, das Weltall mit ihren Sinnen zu durchdringen und
die Gesetze der Allmacht zu erkennen. "Habe ich diese Fähigkeit nur erhalten, damit das Bewußtsein meines Nichts mich zerschmettere und der
Verzweiflung überliefere? Dann bist Du grausam, Schöpfer der Welt! Habe ich
sie erhalten, damit ich Dich lediglich bewundere und anbete und in immer
tieferen Erschauen Deiner allmächtigen Kraft und unerforschlichen
unergründlichen Weisheit schließlich doch erkenne, daß
ich nichts und Du alles bist, so bin ich auch um nichts besser als ein
ohnmächtiger armer Sklave, dem nur des mächtigen Herrn Güte und Geduld das
Genießen von Seinen unerschöpflichen Schätzen gestattet. Wann also erhielt
ich dieses brennende Sehnen nach Erkenntnis, diese Sinne, vermöge welcher ich
beginnen kann, dieses Sehnen zu stillen, diese geistige Fähigkeit, die keine
Schranke kennt, das All zu durchdringen, diesen Gedankenflug, der weder Zeit
noch Raum kennt und schließlich dieses kurze Leben auf einem elenden,
vielleicht dem elendsten Planeten eines Sonnensystems, das doch nur wiederum
der Statthalter eines höheren und mächtigeren Systems ist? Gott, der Du dieses All beherrschest und durchdringest, ich finde nicht
den Schlüssel zu dem Zwecke des Daseins und Deines Waltens, wenn nicht höhere
Ziele Dich leiteten, das »Werde!« hinauszudonnern
in die Ewigkeit des Raumes, höhere Ziele, die Du vielleicht nur
verschleierst, damit der gemeine Menschenwitz sie nicht entheilige, doch die
Du jedem offenbaren wirst, der wahrhaft ein Verlangen danach trägt, sie zu erkennen." Diese Worte rief ich leise und sehnsuchtsvoll dem nächtlichen
Sternenhimmel zu, und da regte sich in mir ein Gedanke, so heiß und innig und
doch so friedvoll, so tief beseligend, es quoll empor aus innerstem Herzen,
erwartungsvoll und spähend. Mir war, als müsse jetzt, jetzt gleich eine mir
liebe, wenn auch gänzlich unbekannte Person vor mich hintreten und mich
umfassen voller Liebe und Freude, um mich ausruhen zu lassen an ihrem treuen
Herzen. Nicht galt es mir mehr, mein Weib zu erringen und dieses zu umfassen
im Gefühle der Liebe — nein, weit edler, höher und reiner zuckte es mir in
tiefster Seele auf, und meine Lippen lispelten inbrünstig:
"Vater, lieber Vater!" Ich sprang auf. Es zog mich fort, hin zu jenem Heiligtum, das
geheimnisvoll von den Wellen des Sees umrauscht
wurde. Eiligen Fußes lief ich hastig den mir bekannten Weg entlang, und bald
stand ich am Gestade des im Mondlicht silbern schimmernden Sees. Drüben erhob
sich dunkel die Insel. In ihrem Innern barg sie das Ziel, doch trennte mich
das Wasser. Bisher hatte ich nicht einmal daran gedacht, daß
dieses Hindernis mich abhalten würde, das Ziel zu erreichen. Die Sehnsucht,
die Erwartung ließ mich jedes Hindernis vergessen, doch jetzt schreckte der
Fuß vor den murmelnden Wellen zurück, die ihn benetzten, und Tränen stiegen
mir ins Auge, als ich die Erfüllung meines heißen Wunsches scheitern sah. Da rauschte es wieder so geheimnisvoll herüber wie damals, als ich mit Chorillus zum ersten Male diese Insel erblickte. Ein
Klingen und fernes Brausen schien aus dem Innern zu ertönen, es gestaltete
sich zu Lauten, zu Worten, und deutlich vernahm ich: "Liebe überwindet
alles, sie kennt kein Hindernis, doch glaube, glaube, — glaube!" Wieder wallte es in meinem Herzen heiß auf, und jubelnd zog es durch meinen
Sinn: "Ja Vater, ich glaube Dir, ich glaube an Dich!" Nur nach
jener Insel sah ich, mich kümmerte nicht mehr das Wasser. Ein Schritt
vorwärts, — und aufgehoben fühlte ich mich, getragen, fortgeführt. Ich betrat
jenseits den Boden, beschritt den unter hohen Bäumen und Palmen sich
windenden Weg und stand alsbald vor einem marmornen Tempel, dessen Tore weit
geöffnet waren. Sanftes Licht erhellte das Innere des Heiligtums. Niemand
wehrte mir den Eintritt. — * AusklangMein erzählender Freund hatte die letzten Sätze immer leiser gesprochen
und starrte jetzt traumverloren in das Leere. Die Gesellschaft, die
augenscheinlich unter den verschiedensten Empfindungen seiner Erzählung
zugehört, wurde schließlich ungeduldig, als er keinerlei Neigung zeigte,
diese fortzusetzen, und von verschiedenen Seiten tönte ihm ein "Nun, und
weiter?" entgegen. Mein Freund schreckte aus seinem Sinnen auf und sah die Frager ruhig an.
"Sind Sie denn in diesen geheimnisvollen Tempel eingedrungen, und was
fanden Sie dort?", fragte der Professor. — "Gewiß
tat ich das, und ich fand das entschleierte Isisbild,
die Wahrheit!" — "Das ist ja interessant. Darf man wissen, wie
dasselbe sich also entschleiert ausnimmt?", entgegnete spöttisch der
Professor. Mitleidig blickte ihn Kristjan an und
erwiderte: "Mich hat dessen Anblick, wie Sie sehen, nicht vernichtet,
wohl aber erleuchtet, mir hat er die Rätsel des Daseins und das größte
Geheimnis Gottes gelöst. Sie, werter Professor, könnten allerdings Gefahr
laufen, bei Lüftung des Schleiers arg enttäuscht zu werden, denn jene Statue
dürfte für Sie nicht einmal den Wert des Antiken besitzen!" — "Oho,
mein Lieber, wenn Sie so überzeugt davon sind, so lassen Sie Ihre Entdeckung
das Licht der Wissenschaft nicht scheuen, ich werde sehr objektiv
urteilen!", gab der Angeredete zur Antwort. "Nun gut, wir werden sehen. Hören Sie: Ich habe in jenem Tempel
erkannt, daß nur die unendliche Liebe des
Gottgeistes das Universum erschaffen hat, daß Gott
den Menschen wahrhaft wie ein Vater liebt und von dem Menschen wünscht — ja,
ihn sogar bittet, Ihn wiederzulieben als den freundlichen Vater und daß er ihm, seinem Kinde, alle eigene Macht und Kraft
geben will und wird, wenn es wahrhaft Ihn Selbst wiederliebt, damit es
vollkommen werde wie Er. Für dieses Ziel ist Ihm kein Opfer zu groß — ja, die
Allmacht beugt sich sogar dem niedrigen Willen ihrer Geschöpfe aus Liebe, sie
erträgt auch jetzt noch alles aus Liebe, und um die Liebe zu erwecken,
erschuf sie das Weltall und alles Lebende, gibt dem Menschen ein irdisches
Dasein, rüstet ihn aus mit allen Fähigkeiten, die zur Erkenntnis führen, —
kurz: Gott ist die Liebe, in Ihm finden wir alles!" Enttäuscht sagte der Professor und gleichzeitig der Superintendent:
"Aber das ist doch eine uralte Geschichte, uns längst bekannt!" —
Mein Freund erwiderte: "Wirklich, meine Herren? Nun, ich sagte ja
gleich, daß meine Entdeckung nicht einmal den Wert
des Antiken für Sie haben würde. Wenn aber diese Wahrheit so uralt ist, warum
lassen Sie denn diese nicht lebendig werden in Ihrem Herzen, sodaß sie auch genießbare Früchte hervorbringt? Ja, diese Wahrheit ist uralt, aber erkannt wurde sie bisher noch nicht.
Nur die Worte sind gehört worden, ohne mehr zu sein als Worte, aus Buchstaben
zusammengesetzt. Ihr untersuchet die Buchstaben sehr genau, erkläret höchst
geistreich, daß diese eben so
zusammengestellt sein müssen, weil sie — anders geordnet — dann andere Worte
ergeben könnten, vielleicht aber auch Unsinn, und darum sei es sehr
interessant zu wissen, wieso gerade diese Buchstaben sich wohl zu anderen
Worten und zu Unsinn zusammenleimen lassen. Den Geist jedoch, der in den äußeren Worten steckt, den seht und erkennt
ihr nicht, denn Wahrheit läßt sich nicht geben, sie
muß errungen werden. Die Gottheit selbst kommt, um
den Schleier des Isisbildes zu heben. Versucht es
aber der Mensch eigenwillig mit schuldiger Hand, so verfällt er in Stumpfheit
und Blödheit. Ihr wollt von mir wissen, was ich in dem Heiligtume sonst noch erfahren?
Suchet erst selbst jenes Tal zu erringen und in jenes Heiligtum einzudringen,
welches das Innerste, Geheimnisvollste jenes abgeschiedenen Ortes enthält, um
die Stimme des Vaters zu vernehmen. Aber macht es wie ich: Scheuet nicht den
Weg durch unfruchtbare Wüsten und Steppen, lasset alles zurück, was euch noch
an Menschen knüpfet, lasset euch von dem Vertrauen führen und von der
Zuversicht, falls ihr ermüdet seid, tragen. Ihr erreichet dann jenen
gesegneten Friedensort, wo die Menschenliebe Priesterschaft ausübt. Besiegt den Löwen des Eigenwillens, reißt aus dem Herzen die Begierde und
die Lust und lasset euch tragen voll festen Glaubens selbst über Schlünde,
die sonst den sicheren Tod in sich bergen, so erreichet ihr das heiligste und
köstlichste Ziel im Tempel des Vaters und könnet nun, unbeschadet für euer Leben,
die entschleierte Wahrheit sehen. Gelanget ihr dann zurück, so wird euch aus
der Priesterhand die wiedererrungene Unschuld zuteil." Diese Worte machten auf die Anwesenden einen ganz merkwürdigen Eindruck,
durchgängig aber einen abstoßenden. Der Physiker murmelte: "Hat man je
einen solchen Blödsinn gehört?" Der Arzt, zu dem sich die habgierigen
Verwandten gesellten, schüttelte den Kopf, zog die Stirne kraus und meinte
leise zu diesen: "Religiöser Wahnsinn mit beginnendem Größenwahn!" Der Superintendent stand auf und rüstete sich zum Fortgehen, während die
übrigen mit blödem Gesichtsausdruck meinen Freund anstarrten und offenbar
nicht recht wußten, wie sie seine Worte auffassen
sollten. Schließlich erhoben sich alle, und der Großindustrielle meinte verächtlich:
"Eh, Sie haben uns also da einen schönen Bären aufgebunden mit Ihrer
albernen Geschichte. Hätte nicht geglaubt, daß ein
Mann wie Sie so kolossal lügen könnte. Ich bedanke mich jedoch für weitere
derartige Späße!" Alle Anwesenden wandten sich nun der Türe zu, um das Haus zu verlassen,
als mein Freund mit lauter Stimme ausrief: "Noch einen Augenblick!: Als
ich aus jenem Tempel zurückkehrte, wo ich die heiligste Wahrheit vernommen
und erkannt habe, da brannte in meinem Herzen das heiße Verlangen, doch auch
meinen Stammesverwandten meine Erkenntnis zu bringen und diesen von dem
errungenen Glücke Mitteilung zu machen. Ich äußerte zu Chorillus
den Wunsch, zurückzukehren und ein Verkündiger meiner Erfahrungen zu werden.
Da widerriet er mir und sprach: Du wirst keinen Glauben finden. Man wird dir
in das Gesicht lachen und dich verspotten. Predigst du die Wahrheit, so wird
man sie für Lüge halten, denn nur, der reinen Herzens ist, stößt sich nicht
an ihrer Nacktheit. Nur, wer den Hauch der Gottheit verspürt und auf ihr
leises Wehen achtet, kann Erkenntnis erringen. Versuche es aber, ob du offene
Ohren findest und kehre dann mit der neuen Erfahrung zu uns zurück. Verzweifle aber nicht, wenn deine Erfahrungen böse sein werden, denn — ob
hier in unserem Tale, ob sonstwo in irgendeinem
Erdenwinkel: Wer den Tempel des Vaters sucht, vermag ihn überall zu finden,
nur wird leider das Naheliegende am wenigsten geachtet. Alle, die sich da
einen in der Liebe zum Vater, sind auch mit uns verbunden und unbewußte Talbewohner, unsere Brüder! — Ich sehe, Chorillus hat wahr gesprochen, und so gehet ihr eure
Wege, ich gehe die meinen!" "Was sollen wir diese Verrücktheit länger mit anhören?", sagten
absichtlich laut die Verwandten, nahmen den Arzt in ihre Mitte und gingen
eifrig und leise disputierend hinaus. Ihnen folgten die übrigen, und bald
waren die erleuchteten Räume menschenleer bis auf uns beide. Ich ergriff die Hand meines Freundes und fragte besorgt: "Was wirst
du tun? Jene brüten schlimme Pläne aus!" — "Fürchte nichts für
mich", erwiderte er, "ich bin gefeit gegen alle Anschläge. Doch wie
bist du gesinnt?" — "Ich glaube dir und erkenne die Wahrheit deiner
Worte; willst du mir folgen?" "Wohin?" "Zu Chorillus!" "Du weißt, ich habe teure Eltern hier, ich darf sie nicht verlassen,
und sagte Chorillus nicht, überall könne man ein
Talbewohner werden?" Mein Freund drückte mir die Hand und schwieg. — Wir schieden voneinander. Ein paar Tage später wollte ich ihn besuchen, da war das Haus von ihm
verlassen. Mein Freund hatte alles an eine fremde Familie verkauft und
bereits am Tage nach jenem merkwürdigen Abend sich aus der Stadt ohne
Abschied entfernt. — Niemand weiß, wohin er sich gewendet hat. — — — ——— *
——— [VH-LIF
2008] |