Ewige Geburt
Deutsche Reden und
Schriften des Meisters Eckhart Ausgewählt,
in unser Deutsch übertragen und mit Einleitung versehen von Wilhelm
Willige ____________________ Meister
Eckhart
"Diz ist meister Eckhart, dem Gott
nie ihts verbarc." Eckhart
lebte etwa von 1260 bis 1327. Er war Thüringer und trat als Jüngling in
Erfurt in den Orden der Dominikaner ein. Da man seine hohe Begabung schon
während seiner Lehrjahre erkannte, ward er auf die angesehene Hochschule zu
Köln geschickt, wo der Geist des 1280 dort verstorbenen Albrecht des Großen
(Albertus magnum), Begründers der mittelalterlichen
systematischen Theologie, fortlebte und herrschte. In den neunziger Jahren
war Eckhart Prior in Erfurt und Vicarius in
Thüringen, vom September 1300 ab lector biblicus in Paris, wo er zum Magister promoviert wurde.
1303 wählte ihn der Orden zum Provinzialprior der Ordensprovinz Sachsen. Er
hatte fortan die sechzig Klöster zu überwachen und zu bereisen, die in dem
Gebiete zwischen Thüringen und der Nord- und Ostsee, zwischen Holland und
Livland lagen; sein Sitz war in Erfurt. 1311 im Herbst ist er wieder in Paris
als Hochschullehrer, von 1312 ab als solcher und als Prediger in Straßburg;
1320 ist er Prior in Frankfurt und wurde schließlich "Lesemeister"
an der berühmten Kölner Hochschule, ein gefeierter Lehrer und Meister, ein
heiliger Mensch. Manchen Jünger warb dort sein Wort, vor allem Seuse und
Tauler. In seinen letzten Lebensjahren ward er in Avignon beim Papst als
Irrlehrer verklagt, wobei ihm besonders verdacht wurde, daß er seine
"verwirrenden" Lehren in deutscher Sprache verkündete. Allen
Anschuldigungen und Untersuchungen gegenüber blieb er aufrecht und sich
getreu. Noch ehe ein endgültiges Urteil erfolgte, ist er verstorben. Bald
nach seinem Tode wurden seine Schriften vom Papste verboten und geächtet, —
der Hauptgrund, weshalb ihr Wortlaut sehr unvollkommen und fehlerhaft
überliefert worden ist. Warum
erneuern wir heute sein Bild, seine Lehre? Vielleicht kann selten einer so
wie er uns den ersehnten neuen Sinn des Daseins, unserer innere Einung mit
Gott und Welt Volk finden helfen. Wiewohl ganz eingebettet in christliche
Vorstellungsweise, ist es doch ursprüngliche Religion, was hier gelehrt wird,
und obgleich sich Eckhart ganz als Jünger Jesu fühlte und es in einem tiefen
Sinn auch war wie selten einer, ist er doch zugleich Meister in dem Sinne,
wenn auch nicht dem Grade, in dem man den Galiläer so benannte. Erst
widerwillig dann willig hatten die Germanen die fremde christliche Lehre
hingenommen und geglaubt. Allmählich nur verwuchs das Pfropfreis mit dem
Stamm und trieb neue, eigene Blüten und Früchte, die eigensten und
kräftigsten bisher in der "gotischen Zeit". Denn unser Meister steht
ja nicht als vereinzelte Erscheinung in dem Deutschland seines Jahrhunderts.
Er ist nur einer der edelsten Söhne seiner und der auf ihn folgenden Zeit.
Der Geist, der in den Domen der "Gotik" herrscht, ist bei ihm Wort
geworden. Wie in jenen Bauten die riesenhaften Stoffmassen beherrscht und
geordnet werden von einem einzigen Drang: empor! Wie aus den schweren
Grundquadern der Geist sich losringt, um immer leichter und leichter,
stoffloser und beschwingter zu werden, wie ein Pfeiler über den andern gefügt
ist, bis das von Stufe zu Stufe sich verjüngende Ganze mit einer letzten
höchsten Spitze hinausragt ins Nichts, ins All, — so erbauten jene heiligen
Menschen, Meister und Jünger, sich empor, von Stufe zu Stufe ein Stück ihres
vergänglichen Ichs hinabwerfend, bis auch sie beim Nichts angelangt waren, wo
in entrückter Schau sich ihnen der überstoffliche Gott zeigte, der Leiblose
vor ihren verzückten Blicken sich verleibte. Sie wurden zu nichts, um ganz
aufzugehen in ihm, der all ist. Wohl
stürzte manche dieser beschwingten Seelen hernieder von solcher Höhe und
zerschmetterte oder mußte lahm am Boden den Tag der Heilung erharren, um aufs
neue desto inbrünstiger den Flug ins Licht zu beginnen. — Eckharts
Verkündigung ist geboren aus dem unbedingten Zwang eines schöpferischen
Urerlebens. Was er einmal von einer seiner Reden sagt: "Wäre hier
niemand gewesen, ich hätte sie diesem Opferstocke predigen müssen", das
läßt sich auf seine ganze Lehre anwenden. Nicht äußerer Anlaß, inneres Müssen
zeugt sie. Der Kern seines Urerlebens ist eine ganz neue wesenhafte Gewißheit
von der Menschwerdung Gottes in Jesus. Hieraus aber entspringt ihm als
notwendige Forderung die Gottwerdung des Menschen: "Denn so wahr das
ist, daß Gott Mensch geworden, so wahr ist der Mensch Gott geworden." Der
Weg zur Vergottung ist Entselbstung. Wer sich frei macht vom Vergänglichen in
und außer ihm, der bekommt Anteil am Unvergänglichen, an der Ewigkeit, und
dies allein ist Freiheit und Seligkeit des sich vergottenden Menschen. — Von
hier gewinnt der Meister auch den heiligen Sinnbildworten der Kirche ganz
neuen Sinn ab. So ist zwar der "Vater" aller Dinge und Wesen
leiblich-stofflich, aber für den Menschen gilt es noch eine ganz andere
Gottes-Sohnschaft zu erringen, Gott sich zum zweiten Mal in höherem Sinne zum
Vater zu machen: das aber geschieht nur durch ein jähes Durchbrechen des
niederen leiblich-stofflichen Dunstkreis, durch einen Emporschwung in das
ewig bereite offene Reich der Gnade, durch ein Sterben in der Welt, der
Vergängnis und eine neue geistige Geburt in der Welt des Ewigen. So wird aus
dem Menschenkind das Kind Gottes, vom heiligen Geiste gezeugt und
jungfräulich geboren. Das
bedeutet nicht die Erstrebung eines weltfernen "mystischen"
Ruhezustandes, — ganz im Gegenteil: das Göttliche ist erst dann wesenhaft im
Menschen geboren und hat ihn ganz durchwachsen, wenn es hinausleuchtet im
täglichen Schaffen, wenn es fruchtbar wird in allem Denken, Reden und
Handeln. Eine andere Art der "Ruhe" ist's also, die er gewinnen
soll: "den Fuß breit festen Grund, worauf er stehe", fest genug, um
von hier aus "Welten zu bewegen". Daß
die Krone Eckhartscher Lehre der Wille zur Tat, zur Verwirklichung ist,
erweist sich aus vielen seiner Reden und Schriften, am klarsten aber aus der
Rede über "Maria und Marta", der schönsten und reichsten vielleicht
seiner deutschen Reden. Sie behandelt den Besuch Jesu bei den zwei
Schwestern, die als Verkörperung des Schauens und des Tuns mystisch geworden
und verewigt sind. Unbedenklich stellt Eckhart den Gehalt, den man von je in dieser
Geschichte gefunden hat, beinah auf den Kopf. Er preist die Marta, die
Schaffende, liebend Tätige, als einen Menschen, der die höchste Stufe des
Seins erklommen hat: "sie hatte lange und wahrhaft gelebt und Leben
verleiht die edelste Erkenntnis." Daher kennt sie ihre jüngere Schwester
genau und befürchtet, — so deutet es Eckhart — "daß Maria in solcher
Lust (nämlich des Schauens und Hörens) verharren möchte und nicht vorwärts
käme … Marta war so wesenhaft, daß ihr Wirken sie nicht hemmte, Wirken und Schaffen
leitete sie hin zum ewigen Heile." Von Maria dagegen heißt es: "…
sie saß in Wonne und Süße und war eben erst zur Schule gekommen und lernte
leben. Aber Marta stand so wesenhaft da, drum sagte sie: Herr, heiße sie
aufstehen, als ob sie sagte: Herr, ich wollte, daß sie nicht da säße in
Wonne, ich wollte, daß sie leben lernte, damit sie vollkommen
werde". Auch die Antwort Jesu deutet Eckhart ganz in seiner Weise:
"Gib dich zufrieden, Marta, auch sie hat das beste Teil erwählt; dies
soll ihr nicht fehlen … sie soll heilig werden wie du." Von
den drei Wegen der Seele in Gott, die Eckhart in derselben Rede beschreibt,
ist Marta bereits den dritten gegangen, der am tiefsten in Gott hineinführt.
Der geht "über alles, was man in Worte fassen kann" und Eckhart
vermag von ihm nur zu stammeln: "Welch wunderbares Außen- und
Innenstehen, begreifen und umgriffen werden, — schauen und geschaut sein,
halten und gehalten werden, — daß ist das letzte, wo der Geist mit Ruhe
verharrt, geeint mit der geliebten Ewigkeit." Aber
eben diese "Ruhe" ist es aus der Menschen wie Marta die Kraft
schöpfen, ein ganzes Leben voll Wirkens und Schaffens zu beseelen und zu
adeln, sie ist das große Einatmen der Seele, ohne das sie nicht ausatmen
kann, sie ist der fruchtbare Grund, dem einzig und allein das wahre Schaffen
entwachsen kann, das sich von der bloßen "Arbeit" nicht etwa durch
eine feinere oder vornehmere Art der Betätigung unterscheidet, sondern durch
den Grad der Beseelung, den ihm der Schaffende verleiht: "Arbeit tut man
von außen, aber Schaffen ist es, wenn man mit sinnvoller Umsicht sich
betätigt von innen her; solche Leute
stehen inmitten der Dinge und leben doch nicht in den Dingen. Sie stehen
ihnen sehr nahe und es ist doch nicht anders, als wenn sie dort oben bei dem
höchsten Kreise ganz nahe der Ewigkeit ständen." Gerade
diese Seite der Eckhartschen Lehre wird von den meisten übersehen, sowohl von
den kühlen Verstandesmenschen, der diesen religiös-schöpferischen Geist nur
mit sehr kritischem Auge zu betrachten vermag und darum schwer Zugang zu
seinem Wesentlichen findet, wie auch von dem Gefühlsschwelger, dem seelischen
Genießer und Schmecker, dem auch Eckhart nur eine Sensation oder Berauschung,
bestenfalls Befriedigung eines Bedürfnisses ist, nicht Antrieb zu neuem Leben
und Wirken, und von dem daher gilt, was Marta für Maria befürchtet. So
aufgefaßt bleibt das Wort all solcher Lehrer und Meister unfruchtbar, ja
gefährlich. So ging es Nietzsche, als er Mode war, und auch Jesus hatte und
hat solche "Jünger" genug, und das gleiche Schicksal muß Meister
Eckhart teilen. Wer aber Ohren hat, der hört auch hier, zumal in unserer Zeit
der Not, den Ruf zu rüstiger Tat, zur Verwirklichung des Geschauten:
"Schreitet, solang ihr das Licht habt. Denn," so heißt es in dieser
Rede, "wer da wirkt im Lichte, der schreitet empor in Gott frei und
ledig aller Vermittlung: sein Licht ist sein Schaffen und sein Schaffen ist
sein Licht." Aus der Anreizung und Anweisung zum
Schauenden Leben.
Es
kommt von göttlicher gnade, daß der Mensch gern von Gott lesen oder sprechen
hört, und dies ist der Seele eine edle Bewirtung. Gar an Gott gedenken, das
ist süßer denn Honig. Aber Gott erkennen, das ist die ganze Hoffnung einer
edlen Seele. Und wenn man sich mit Gott in der Liebe vereint, das ist ewige Freude,
die soll man hier schmecken, je nachdem wie sich der Mensch dazu eignet.
Ihrer sind allzu wenige, die sich ganz eignen zu dem beschauen des göttlichen
wunderbaren Spiegels. Es sind wenig Leute, die das schauende Leben wahrhaft
besitzen hier auf Erden. Etliche beginnen und vollenden es nicht. Das kommt
daher, daß sie Martas (tätiges) Leben nicht wahrhaft geübt haben.
Gleicherweise wie der Adler sein Kind verwirft, das nicht in die Sonne sehen
kann, so ergeht es auch dem geistlichen Kinde. Wer hoch bauen will, der muß
mit Festigkeit einen starken Grund legen. Der rechte Grund ist die wahre
Gestalt und der Weg unseres Herrn Jesus Christus. Er sagte selber: "Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Dionisus sagt: "Sofern
die Seele Gott folgen will in die Wüstenei der Göttlichkeit, muß der Leib
hier außen Jesus folgen in williger Armut." — "Solcher Mensch geht
müßig," sagt man. — Sankt Bernhard sagt: "Es ist kein Müßiggang,
wenn man Gottes harrt, es ist eine Arbeit über alle Arbeit dem, der es nicht
recht kann." Wer Gott suchen will der suche ihn in der Göttlichkeit.
Auch Jesus sagt: "Will dich Vater oder Mutter oder was immer sonst
hindern, davon sollst du ganz ablassen und Gott dienen ohne Hindernis."
Der Philosoph sagt: "Der Mensch, der berührt wird von dem einfließen der
ersten Ur-Sache, der braucht nicht Rat zu suchen bei menschlichem Verstande;
er soll dem folgen was über allem Verstand ist, denn er ist berührt von der
verborgenen ersten Wahrheit." … Aus den Reden der Unterweisung
…
Die Leute dürften nimmer soviel bedenken, was sie tun sollen; sie sollten
vielmehr bedenken, was sie sein sollen. Wären die Leute gut und ihre Art, so
müßten ihre Werke hell leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke
gerecht. Nicht vermag man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun, man soll
Heiligkeit gründen auf ein Sein; denn die Werke heiligen uns nicht, sondern
wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig die Werke immer sind, so heiligen
sie uns doch nicht, sofern sie Werke sind, sondern sofern wir sind und Wesen haben,
sofern heiligen wir unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was es
immer sei. Wer nicht von großem Wesen ist, welche Werke der auch wirkt, es
wird nichts draus. Merkt
also, daß man allen Fleiß darauf verwenden soll, daß man gut sei, nicht so
sehr was man tue oder welcherlei Art die Werke sind, sondern wie der Grund
der Werke ist. …
Der Mensch soll Gott finden in allen Dingen und soll sein Gemüt gewöhnen, daß
er allezeit Gott gegenwärtig habe im Gemüt, im Denken und im Begehren. Sieh
zu, wie du deines Gottes inne bist, wenn du in der Kirche oder Zelle bist,
dasselbe Gemüt behalt und trag es unter die Menge und in den Lärm und in das
Fremde … …
"Ihr sollt sein wie Leute die allezeit wachen und harren ihres
Herrn." Die harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, wann ihr
Herr komme, des sie harren, und warten sein in allem, was da kommt, wie fremd
es ihnen auch sei, ob er nicht dabei ist … …
Der Mensch soll kein genügen haben an einem gedachten Gott: wenn der Gedanke
vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll haben einen wesentlichen Gott,
der fern ist vom Denken des Menschen und aller Kreatur. Der Gott vergeht
nicht, der Mensch kehre sich denn eigenwillig ab … …
Der Mensch, der sich des Seinen ganz begeben hätte, der könnte Gott nimmer
verlieren noch vermissen, bei keinem Werk. Geschähe es aber, daß der Mensch
fehlträte oder übel redete oder Dinge über ihn kämen, die unrecht sind,
während Gott im Beginn seines Werkes steht, so muß er notwendig den Schaden
auf sich nehmen, aber von deinem Werk sollst du in keiner Weise lassen; dafür
finden wir Vorbilder an Sankt Bernhard und vielen andern Heiligen. Solcher
Zwischenfälle kann man nie ganz ledig werden. Aber weil etwa einmal Ratten
unter das Korn Fallen, darum soll man edles Korn nicht verwerfen. In
Wahrheit, wer rechten Sinnes ist und Gott recht kennt, dem diente all solches
Erdulden und solche Zwischenfälle zu großem Heil. Denn den guten kommen alle
Dinge zugute, wie Sankt Paulus und Augustinus sagen, ja, auch die Sünde. …
Darum duldet Gott gern den Schaden der Sünde und hat ihn sehr oft verhängt
über die Menschen, die er ausersehen hat, sie zu großen Dingen heranzuziehen. …
Fliehen sollst du alle Sonderlichkeit, sei es in Kleidern, in der Speise, in
hohen Worten oder Besonderheit der Gebärde, worin keine Förderung liegt. Aber
doch sollst du wissen, daß dir nicht alle Sonderlichkeit verboten ist. Manche
Besonderheit muß man zu mancher Zeit und bei manchen Leuten innehalten; denn
wer ein Besonderer ist, der muß auch viel Besonderes tun zu mancher Zeit, auf
vielerlei Art. Jesus trat in den Tempel Gottes
und warf hinaus alle Verkäufer und
Käufer.
Wir
lesen in dem heiligen Evangelium, daß unser Herr in den Tempel ging und
hinauswarf, die da kauften und verkauften, und sagte zu denen, die da Tauben
feil hielten: "Tut das weg!" Er meinte das nicht anders, als daß er
den Tempel rein haben wollte, als wollte er sagen: Ich habe ein Recht auf
diesen Tempel und will allein darinnen sein und Herrschaft darin haben. Wer
ist nun dieser Tempel, worin Gott mit Macht Herrschaft üben will nach seinem
Willen? — Das ist des Menschen Seele, die er so recht sich selber gleich
gebildet und geschaffen hat, wie wir ja lesen, daß unser Herr sprach:
"Machen wir den Menschen nach unsrem Bilde und Gleichnis." Und das
hat er auch getan, und so gleich hat er des Menschen Seele sich selber
gemacht, daß im Himmelreich wie im Erdreich Gott nichts so gleich ist wie
allein des Menschen Seele. Darum will Gott diesen Tempel rein haben, daß auch
nichts weiter darin sei als er allein, und dies darum, weil ihm dieser Tempel
erst recht wohl gefällt, wenn er ihm so recht gleich ist, und weil ihm selber
so wohl behagt in diesem Tempel, wenn er allein darin ist. Nun
merket auf: Wer waren die Leute, die dort kauften und verkauften und wer sind
sie noch? Nun versteht mich recht: ich will jetzt durchaus nur von guten
Leuten reden, dennoch will ich zunächst dartun, welches die
"Kaufleute" waren und noch sind, die unser Herr hinausschlug und
hinaustrieb, — denn das tut er noch allen denen, die da kaufen und verkaufen
in diesem Tempel: er will ihrer nicht einen einzigen darin lassen. Seht: das
alles sind Kaufleute, die sich hüten vor groben Sünden und wären gerne gute
Leute und tun ihre guten Werke Gott zu Ehren, wie Fasten, Wachen, Beten und
was es sonst gibt, allerhand gute Werke, — und tun sie doch darum, daß ihnen
unser Herr etwas dafür gebe oder, daß Gott ihnen dafür etwas tue, was ihnen
lieb sei: das sind alles Kaufleute. Das meinte ich im groben Sinne. Denn sie
wollen das Eine für das Andere geben und wollen sie mit unserm Herrn handeln
— und werden bei dem Kaufe betrogen. Denn alles was sie haben und wirken
vermögen, das geben sie ja schon mit Hilfe Gottes. Dafür wäre ihnen Gott gar
nichts zu geben schuldig noch zu tun, er wollte es denn gerne umsonst tun.
Denn was sie sind, das sind sie durch Gott, und was sie haben, das haben sie
von Gott und nicht von sich selber. Darum ist ihnen Gott für ihre Werke und
für ihr geben gar nichts schuldig, er wolle es denn gerne tun aus Gnade und
nicht für ihre Werke noch für ihre Gaben; denn sie geben nicht von dem ihren,
sie wirken auch nicht aus sich selber, wie ja Gott selber sagt: "Ohne
mich könnet ihr nichts tun." Dies sind höchst törichte Leute, die so mit
unserm Herrn handeln wollen, sie erkennen von der Wahrheit wenig oder
nichts. Darum schlug sie Gott aus dem Tempel und trieb sie aus. Es kann nicht
beieinander bestehen das Licht und die Finsternis. Gott ist die Wahrheit und
das Licht an sich selber. Wenn drum Gott kommt in diesen Tempel, so treibt er
aus Unerkenntnis und Finsternis und offenbart sich selber mit Licht und mit
Wahrheit. Gleich sind die Kaufleute hinweg, wenn die Wahrheit bekannt wird,
und die Wahrheit begehrt keiner Kaufmannschaft. Gott trachtet nicht nach dem Seinen, in allen seinen Werken ist
er ledig und frei und wirkt sie in wahrer Liebe. Ganz so tut auch jener
Mensch, der mit Gott vereint ist; der steht auch ledig und frei in allen
seinen Werken und wirkt sie aus Liebe und ohne "warum?", allein
Gott zu ehren, und sucht nicht das Seine dabei, und Gott wirkt es in ihm. Ich
sage mehr: solange der Mensch irgend etwas sucht bei allen seinen Werken oder
etwas begehrt von all dem, was Gott geben kann oder noch geben will, so ist
er diesen Kaufleuten gleich. Willst du der Kaufmannschaft ganz ledig sein, so
sollst du alles, was du vermagst an guten Werken, lauter und rein Gott zum
Lobe tun und sollst dessen so ganz ledig stehen, als ob du gar nicht wärest.
Du sollst auch nichts dafür begehren. Wenn du derart wirkest, so sind deine
Werke geistlich und göttlich, und dann sind die Kaufleute aus dem Tempel
getrieben ganz und gar und Gott allein ist darin, denn solcher Mensch meint
nichts als Gott. — Seht, nun ist dieser Tempel also leer von allen
Kaufleuten; der Mensch der nichts erstrebt als allein Gott und die Ehre
Gottes, der ist wahrlich frei und ledig aller Kaufmannschaft in allen seinen
Werken und sucht nicht mehr, was sein wäre. Ich
habe weiter gesagt, daß unser Herr zu den Leuten, die da Tauben feil hielten,
sagte: "Tut dies weg! Tut dies hin!" Diese Leute trieb er nicht aus
und schalt sie nicht sehr, sondern sagte sehr gütig: "tut dies
weg!" so als wenn er sagen wollte: dies ist nicht böse, doch lenkt es ab
von der lautren Wahrheit. Hieran erkennt einen etwas höhern Grad, auf den uns
dieses Evangelium hinweist, die Leute nämlich, die ihre Werke in jener
lautren Absicht tun und doch verhindert werden zum Besten zu kommen, weil sie
noch irgendwie Gewerbe und Wechsel treiben mit der niederen Kreatur,
vergleichbar den Wechslern und denen, die Tauben feilhielten, deren Bänke und
Stühle der Herr umwarf. Denn wiewohl solches Gewerbe Anfangs in guter Absicht
von etlichen unternommen ward, so war es doch unziemlich und späterhin mehr
zu einem großen Mißbrauch der Habgier gediehen als zu Gottes Dienst. So geht
es diesen Leuten heute noch. Denn wiewohl sie eine gute Absicht haben und
ihre Werke rein um Gottes willen tun und das Ihre nicht dabei suchen, handeln
sie doch nichtsdestoweniger noch in der Hörigkeit der Zeit und Zahl, des
Zuvor und Hernach. Bei solcher Tätigkeit sind sie verhindert an der
allerbesten und reinsten Wahrheit: daß sie sollten frei und ledig sein, wie
unser Herr Jesus Christus frei und ledig ist und sich allzeit neu ohne
Unterlaß und frei von Zeit empfängt von seinem himmlischen Vater und sich nun
ohne Unterlaß völlig zurückgebiert mit dankbarem Preisen in die väterliche
Hoheit, in gleicher Würdigkeit. Ebenso sollte der Mensch dastehen, der der
allerhöchsten Wahrheit empfänglich werden und darin leben wollte ohne vor und
nach und ohne Behinderung durch all die Werke und all die Bilder, die er je
wahrnahm, ledig und frei in diesem nun neu empfangend göttliche Gabe und sie
wieder gebärend im selben Augenblick mit dankbarem Lob in unserm Herrn Jesus
Christus. Dann wären die "Tauben" und das "Wechseln" weg:
das heißt die Behinderung und Knechtung durch all die Werke, die zwar gut
sind, darin der Mensch nicht das Seine sucht, über die aber unser Herr in
aller Güte sagte: "Tut dies weg! Tut dies ab!" als ob er sagen
wollte: es ist gut, doch bringt es Ablenkung. Wenn
dieser Tempel so ledig von allen Widrigkeiten, das heißt von Hörigkeit und
Unerkenntnis, so blickt er so schön und leuchtet so lauter und klar über
alles, was Gott geschaffen hat, daß niemand ihm entgegenstrahlen kann als
allein der unerschaffene Gott. Und in der Tat ist diesem Tempel auch niemand
gleich als Gott. Alles was unter den Engeln steht, gleicht diesem Tempel
keinesfalls. Und die höchsten Engel selber gleichen diesem Tempel nur in
gewissem Grade und nicht ganz. Einigermaßen Gleichen sie der Seele an
Erkenntnis und an Liebe. Doch ist ihnen ein Ziel gesetzt, darüber hinaus
können sie nicht. Die Seele kann wohl weiter. Denn stünde die Seele eines
Menschen, der noch lebte in der Zeit, dem obersten Engel gleich, der Mensch
könnte dennoch in seiner freien Kraft unermeßlich hoch über den Engel kommen,
in jedem Augenblick neu, ohne Maß, das heißt ohne erkennbare Form und in
höherer Form als die Engel und alle erschaffene Vernunft. Gott allein ist
frei und unerschaffen und darum ist er der Seele allein gleich durch die
Freiheit, — nicht durch die Unerschaffenheit, denn die Seele ist
erschaffen. Und wenn sie kommt in das
unvermischte Licht, so schlägt sie um in ihr Nichts und ist so fern von dem
erschaffenen Ich in dem Nichts, daß sie mitnichten zurückkehren kann in ihre
eigene Kraft, in ihr Erschaffenes Ich. Und Gott steht mit seiner
Unerschaffenheit ihrem Nichtssein bei und erhält die Seele seinem Dasein. Die
Seele hat gewagt zunichte zu werden und kann nun durch eigne Kraft nicht
wieder zu sich kommen, so sehr ist sie in sich vergangen, wenn Gott ihr nicht
beisteht. So muß es notwendig sein. Jesus
war hineingegangen in den Tempel und warf hinaus, die dort kauften und
verkauften und sagte zu den andern: "tut das weg!" Seht, nun war
niemand mehr drinnen als Jesus allein und er begann zu reden im Tempel. Das
glaubt mir: will jemand anderes reden in dem Tempel der Seele als Jesus
allein, so schweigt Jesus, weil er sich nicht heimisch fühlt, und er ist auch
nicht heimisch in der Seele, denn sie hat fremde Gäste, mit denen sie reden
will. Soll aber Jesus reden in der Seele, so muß sie allein sein und muß
schweigen, um Jesus reden zu hören. Oh, dann geht er hinein und beginnt zu
sprechen. Was spricht er? — Er spricht was er ist. — Und was ist er denn? —
Er ist ein Wort des Vaters. In diesem Worte spricht der Vater sich selber und
alle göttliche Natur und alles was Gott ist, ganz wie er es erkennt; er
erkennt es aber wie es ist, und er ist vollkommen in seiner Erkenntnis und in
seiner Kraft. So ist er auch vollkommen in seinem Sprechen. Wo er das Wort
spricht, da spricht er sich und alle Dinge in Gestalt einer andern Person und
gibt dem Wort dieselbe Natur, die er selber hat, und in diesem Worte sprechen
alle vernunftbegabten Geister gemäß diesem Worte: nach dem Bilde, wie es in
Gott verbleibt, nach dem Sohne, wie es hinausleuchtet, — nicht so wie ein
beliebiges Wort für sich selber ist, ungleich in jeder Hinsicht jenem Worte,
sondern sie haben das Vermögen bekommen aus Gnade Gleichheit zu empfangen mit
jenem Worte und das Wort selber wie es an sich ist. Dies hat der Vater alles
gesprochen mit dem Worte und alles, was in dem Worte ist. Hier könnte man
sagen: Wenn nun der Vater dies gesprochen hat, was spricht dann Jesus in der
Seele? Wie ich gesagt habe: der Vater spricht das Wort und spricht in dem
Worte und sonst nicht, und Jesus spricht in der Seele. Der Sinn seines
Sprechens ist, daß er sich selber offenbart und alles, was der Vater in ihm
gesprochen hat, je nach dem wie empfänglich ein Geist ist. Zum
ersten offenbart er die väterliche Herrschaft in dem Geiste mit einer
unermeßlichen Gewalt. Wenn der Geist diese Gewalt an dem Sohne findet, so
wird er gewaltig zu jedem Fortschreiten, so daß er ebenbürtig und gewaltig
wird in allen Tugenden und in aller vollkommenen Lauterkeit, sodaß weder Lust
noch Leid noch alles, was Gott in der Zeit geschaffen hat, den Menschen
zerstören kann. Er bleibt mit Gewalt darinnen stehen wie in einer göttlichen
Kraft, der gegenüber alle Dinge zu klein und unvermögend sind. Und ferner offenbart sich Jesus in der Seele durch eine
unermeßliche Weisheit, die er selber ist, in der sich der Vater selber
bekennt mit all seiner väterlichen Kraft. Und dasselbe Wort, das auch die
Weisheit selber ist, und alles was darinnen ist, das alles ist dasselbe
Einig-Eine. Wenn diese Weisheit mit der Seele vereint wird, so ist ihr aller
Zweifel, alle Irrung und Verdüsterung allzumal abgenommen; sie ist gesetzt in
ein lauteres klares Licht, das Gott selber ist, wie der Prophet sagt:
"Herr, in dem Lichte werden wir das Licht sehen," das heißt: Herr,
durch dein Licht wird man erkennen das Licht in der Seele. Da wird Gott durch
Gott erkannt in der Seele, und so erkennt sie Kraft dieser Weisheit sich
selbst und alle Dinge, und auch die Weisheit selber an sich erkennt sie, und
durch dieselbe Weisheit erkennt sie die väterliche Herrschaft als fruchtbare
Zeugungskraft und die wesenhafte Stetigkeit in ungeteilter faltenloser
Einheit. Zum
dritten offenbart sich Jesus auch in unermeßlichen Süßigkeit und einem Reichtum,
der aus des heiligen Geistes Kraft quillt und überfüllt und einfließt in
überschwenglichem vollem Reichtum und Süßigkeit in alle empfänglichen Herzen.
Wenn sich Jesus mit diesem Reichtum und mit dieser Süßigkeit offenbart und
sich mit der Seele vereint, so fließt die Seele mit diesem Reichtum und mit
dieser Süßigkeit in sich selber und aus sich selber und über alle Dinge weg
aus Gnade mit Gewalt unmittelbar wieder in ihren Ursprung. Dann ist der
äußere Mensch gehorsam seinem inneren Menschen bis an seinen Tod und ist in
stetem Frieden im Dienste Gottes alle Zeit. Daß
Jesus auch in uns kommen möge hinauswerfend und abtuend alle Hindernisse
Leibes und der Seele, daß wir mit ihm eins werden hier auf Erden und dort im
Himmelreiche, dazu helf uns Gott. Amen. "Ich muß in dem sein was
meines Vaters ist."
"Es
ist not, daß ich sei in den Dingen die meines Vaters sind." Dies Wort
kommt uns recht gelegen. Denn ich bin willens zu reden von der Ewigen Geburt
die nun zeitlich geworden ist und noch täglich geboren wird in der Seele
innerstem: in ihrem Grunde, ohne allen Zufall. Wer dieser Geburt in sich
gewahr werden will, dem ist vor allen Dingen not, daß er in den Dingen sei,
die seines Vaters sind. Was
ist des Vaters Eigentum? Man eignet ihm vor den anderen Personen die Gewalt
zu. Drum vermag sicherlich nimmer ein Mensch diese Geburt zu erleben oder ihr
zu nahen, es geschehe denn mit großer Gewalt: der Mensch kann nicht zu dieser
Geburt kommen, er entziehe sich denn allen Dingen mit allen seinen Sinnen.
Und das muß mit großer Gewalt geschehen, daß alle Kräfte zurückgedrängt
werden und von ihrem Werk abstehen sollen. Allen samt muß Gewalt geschehen,
es geht nicht anders. Darum sprach Christus: "Das Himmelreich leidet
Gewalt, und die Gewaltigen reißen es an sich." Nun
erhebt sich hier eine Frage wegen dieser Geburt, ob sie ohne unterlaß
geschieht oder nur zuweilen, wenn sich der Mensch hinein fügt und all seine
Kraft anstrengt, daß er aller Dinge vergesse und allein hierinnen sich wisse.
— So vernimm einen Unterschied: der Mensch hat eine wirkende Vernunft und
eine leidende Vernunft und eine vermögende Vernunft. Die wirkende Vernunft,
die steht allezeit gewärtig etwas zu wirken, es sei in Gott oder im
Geschaffenen zu göttlicher Ehre und göttlichem Lob. Solches alles steht in
ihrer macht und heißt Wirken. Sobald sich aber Gott dem Werk unterzieht, muß
der Geist sich in einem leidenden Zustand halten. Die vermögende Vernunft
hingegen schaut den beiden zu: was Gott erwirken und der Geist erleiden möge,
daß er wohl beschaffen werde nach Möglichkeit. Eines besitzt er durch ein
Wirken, nämlich daß der Geist selbst seiner pflegt; das andere hat er durch
ein Leiden, nämlich daß Gott sich dem Werk unterzieht: dann soll und muß der
Geist stille halten und Gott wirken lassen. Und ehe das angefangen wird von
dem Geiste und von Gott vollbracht, hat der Geist ein Anschauen davon und ein
vermögendes Erkennen, damit es alles wohl geschehen kann, und das heißt die
vermögende Vernunft. Allein dies wird freilich viel versäumt und trägt dann
keine Früchte. Wenn sich aber der Geist übt in rechter Treue, so unterzieht
sich Gott dem Geist und dem Werke und sodann schaut und leidet der Geist
Gott. Weil aber das Leiden und das Schauen Gott und dem Geiste in diesem
einen Leibe beschwerlich ist, darum entzieht sich Gott dem Geiste zuweilen,
und das ist was er damit sagt: "Eine Weile sehet ihr mich und wieder
eine Weile sehet ihr mich nicht." Als
unser Herr die drei Jünger mit sich geführt hatte auf den Berg und ihnen
alleine die Verklärung seines Leibes zeigte, die er von der Einung mit der
Gottheit hatte und die wir auch haben sollen nach dem Urstand unsres Leibes,
— als Sankt Peter das erschaute, wäre er gerne immerfort da geblieben. In der
Tat, wo der Mensch ein Gut findet, von dem kann er sich nicht recht trennen,
solange als es gut ist. Wo die Erkenntnis das findet, da muß die Liebe
nachfolgen und die Erinnerung und die Seele überhaupt. Und da das unser Herr
wohl weiß, darum muß er sich bisweilen verbergen. Denn die Seele ist eine
unverfälschte Form des Leibes. Wo sie sich aber hinkehrt, dahin kehrt sie
sich ganz und gar. Könnte sie also das Gut, das Gott ist, ohne unterlaß ganz
unmittelbar schauen, so vermöchte sie sich in keiner Weise davon abzukehren,
so daß sie auf den Leib einzuwirken aufhörte. So
geschah auch dem Paulus: wäre er hundert Jahre dort geblieben, wo er das Gut
erkannte, er wäre die ganze Zeit nimmer zum Leibe zurückgekehrt, er hätte ihn
gänzlich vergessen. Darum, weil sich das mit diesem Leben nicht verträgt noch
dazu gehört, darum verdeckt es der getreue Gott, wann er will, und zeigt es
auch, wann er will und wann er weiß, daß es dir am meisten nütze ist und sich
am besten für dich eignet, gleich einem getreuen Arzte. Dieses Entziehen
steht nicht bei dir sondern bei dem, des auch das Werk ist: der kann es tun
und lassen, wenn er will und weiß wohl, wann es dir am meisten nütze ist. Es
steht in seiner Hand zu zeigen, und zu schweigen, wenn es dir schädlich ist.
Denn Gott ist kein Zerstörer der Natur, mehr noch: er vollendet sie, und das
tut Gott je mehr und mehr, je nachdem daß du dich mehr dazu eignest. Nun
könntest du sagen: Ach Herr, da man hierzu eines von allen Bildern und von
allen Werken ledigen Gemütes bedarf, die doch gleichwohl in unsern Kräften
liegen, schon von Natur, was soll dann aus den äußeren Werken werden, die man
doch zuweilen tun muß, wie Liebeswerke, die doch alle nach außen gewandt
sind, wie das Lehren und Trösten der Bedürftigen: soll man dabei des andern
beraubt werden? Auch die Jünger unseres Herrn gaben oft ihre Muße hin, und
Paulus war so sehr mit den Leuten beladen und bekümmert, als ob er ihrer
aller Vater wäre: soll man jenes großen Gutes darum beraubt sein, weil man
sich derart in tugendlichen Werken übt? Nun
beachte wohl einen Unterschied in diesen Fragen: Eins ist gar edel, das
andere ist sehr nützlich. Maria wurde sehr gelobt, daß sie das Beste erwählt
hatte. Doch war auch Martas Leben gar nützlich, denn sie diente Christus und
seinen Jüngern. Der heilige Thomas sagt, dort sei das wirkende Leben besser
als das schauende, wo man in der Wirksamkeit ausgießt aus Liebe, was man in
sich genommen hat in der Schauung. Da ist nichts als das Eine, denn man
greift nirgend hin als in den selben Grund des Schauens und macht das
fruchtbar in der Wirkung, und damit ja der Sinn des Schauens erfüllt. Mag
sich dabei gleich eine Bewegung ereignen, es ist doch nichts als das Eine, es
kommt aus Einem Ende: Gott, und geht wider in das selbe. Wie wenn ich in
diesem Hause von einem Ende bis ans andre ginge, das wäre wohl Bewegung und
wäre doch nichts als Eines in Einem. So hat man in dieser Wirksamkeit doch
nichts andres als die eine Beschaulichkeit in Gott. Das eine ruhet in dem
andern und ergänzt das andre. Denn Gott bezweckt bei der Vereinigung im
Schauen die Fruchtbarkeit des Wirkens; im Schauen dienest du alleine dir
selber, aber in den tugendlichen Werken dienst du der Menge. Hierzu
mahnt uns Christus mit all seinem Leben und mit dem Leben seiner Heiligen,
die er alle hinausgetrieben hat die Menge zu lehren. Der heilige Paulus sagte
zu Timotheus: "Lieber Freund, du sollst auspredigen das Wort."
Meinte er das äußere Wort, da die Luft bewegt? Nein, sicher meinte er das
inwendig geborne und doch verborgene Wort, das da liegt verdeckt in der
Seele, das hieß er ihn predigen, daß es den Kräften kund würde und sie speise
und sich der Mensch herausgäbe in all das äußere Leben, wo es der Nebenmensch
bedürfe. Daß man das alles an dir finde und du es nach Kräften vollendest! Es
soll in dir sein im Gedanken, in der Vernunft, im Willen und soll auch
hinausleuchten in den Werken. So sagte Christus: "Euer Licht soll
leuchten vor den Leuten." Er meinte die Leute, die allein nach
Beschaulichkeit trachten und nicht nach tugendlicher Übung und sagen, sie
bedürften dessen nicht, sie seien darüber hinaus. Die meinte Christus nicht,
als er sagte: "Der Same fiel in ein gutes Erdreich und brachte
hundertfache Frucht." Es sind die, die er meinte, als er sagte:
"Der Baum, der nicht Frucht bringet, den soll man abhauen!" Nun
könntest du sagen: "Ach Herr, was soll das denn sein mit dem
Stillschweigen, von dem ihr uns soviel gesagt habt? Wir brauchen ja viele
Bilder. Ein jeglich Werk muß nach seinem eigenen Bilde geschehen, es seien
inwendige oder auswendige Werke, es sei daß ich diesen lehre oder den tröste
und dies und das verrichte: wie kann ich da Stille haben? Denn wenn die
Vernunft erkennt und bildet und der Wille das will und das Gedächtnis sich
dann daran heftet, sind dies nicht alles Bilder?" – Nun merkt auf! Wir
haben vorher von einer wirkenden Vernunft und von einer leidenden Vernunft
gesprochen. Die wirkende Vernunft haut die Bilder von den äußeren Dingen ab
und entkleidet sie des Stoffes und des Zufalls und versetzt sie in die
leidende Vernunft und gebiert ihr geistiges Bild in sie. Und wenn die
leidende Vernunft von der wirkenden schwanger geworden ist, so behält und
erkennt sie die Dinge mit Hilfe der wirkenden Vernunft. Doch vermag die
leidende Vernunft die Dinge nicht in Erkenntnis festzuhalten, die wirkende
muß sie aufs neue beleuchten. Seht: alles was die wirkende Vernunft tut in
einem natürlichen Menschen, das selbe und noch weit mehr tut Gott in einem
abgeschiedenen Menschen: er nimmt ihm die wirkende Vernunft ab und setzt sich
selber dafür an ihre Stelle und wirkt dort selber all das was die wirkende
Vernunft wirken sollte. Wahrlich,
wenn sich der Mensch gänzlich müßig macht und die wirkende Vernunft in sich
schweigen läßt, so muß sich Gott dem Werk unterziehen und muß selber
Werkmeister sein und sich selber gebären in die leidende Vernunft. Merk auf,
ob es so ist. Die wirkende Vernunft kann nicht geben was sie nicht hat, noch
kann sie zwei Bilder neben einander haben, sie hat eines zuerst und das
andere danach. Die Luft und das Licht zeigen wohl viel Bilder und viel Farben
nebeneinander, doch kannst du nur eins nach dem andern sehen. Ebenso tut die
wirkende Vernunft, denn sie ist auch so. Aber wenn Gott an der Stelle der
wirkenden Vernunft wirkt, so gebiert viele Bilder einander in einem
Augenblick. Wenn dich Gott also zu einem guten Werke treibt, alsbald erbieten
sich alle deine Kräfte zu allen guten Dingen. Dein Gemüt steht sogleich nach
allem Guten. Alles Gute was du vermagst bildet sich aus und alles zugleich
bietet sich dar in Einem Anschaun und zu gleicher Zeit. Traun, dies offenbart
und beweist, daß es nicht der Vernunft Werk ist, denn solchen Adel und
Reichtum hat sie nicht, vielmehr ist es dessen Werk und des Geburt, der alle
Bilder zusammen in sich selber hat. Drum sagte Paulus: "Ich vermag alle
Dinge in dem, der mich stärket, und in ihm bin ich von nichts
geschieden." Hier sollst du wissen, daß die Bilder, diese Werke nicht
dein sind: sie gehören dem Werkmeister der Natur, der das Werk und das Bild
darein gelegt hat. Eigne es dir nicht zu, denn es ist sein und nicht dein. Wird
es gleich zeitlich von dir empfangen, so wird es doch von Gott geboren und
gegeben überzeitlich und in Ewigkeit über allem Bilde. Nun
könntest du fragen: "Sobald sich meine Vernunft ihres natürlichen
Wirkens entschlagen und kein eigen Bild noch wirken mehr hat, woran soll sie
sich denn festhalten? Denn sie muß sich immer an etwas festhalten, die
Kräfte, es sei Gedächtnis, Vernunft oder Wille, wollen sich immer irgend
woran heften und darinnen wirken." — Nun merkt auf die Belehrung. Gegenstand und Festhalt der Vernunft ist
Wesen; nicht Zufall, sondern das bloße lautre Wesen an sich selber. Wenn die
Vernunft erst die Wahrheit eines Wesens erkennt, richtet sie sich gleich
darauf und kommt zur Ruhe und sagt ihr Wort von dem Gegenstand vernunftgemäß.
Solange die Vernunft des Wesens eigentliche Wahrheit nicht findet und nicht
bis an seinen Grund rührt, so daß sie sagen kann: dies ist dies und ist so
und nicht anders, solange bleibt sie ganz in einem Suchen und Harren und
richtet sich auf nichts und ruht nicht; sie arbeitet noch und legt alles ab
in solchem Suchen und Harren. Und so ist sie etwa ein Jahr oder mehr im
Erharren einer natürlichen Wahrheit: wie diese sei, und muß gleich
lange arbeiten um abzulegen, was sie nicht ist. Gerade solange bleibt
sie ohne allen Anhalt und spricht auch kein Wort von irgendwelchen Dingen,
weil sie den Grund der Wahrheit noch nicht mit wahrer Erkenntnis gefunden
hat. Drum ruhet die Vernunft nimmer in diesem Leben. Gott offenbart sich
nimmer so ganz diesem Leben, immer ist es noch ein nichts gegen das, was er
ist. Wenngleich die Wahrheit auf dem Grunde ist, so ist sie doch verdeckt und
der Vernunft verborgen. Solange dies ist, wird die Vernunft nicht
festgehalten, daß sie irgend Ruhe hätte in einem unwandelbaren Gegenstande.
Sie ruht noch nicht, sie harrt und bereitet sich noch zu dem Einen, das noch
bekannt werden soll und noch verborgen ist. So kann der Mensch nimmer wissen,
was Gott ist; aber eins weiß er wohl: was Gott nicht ist, und dessen
entschlägt der vernunftreiche Mensch sich gänzlich. Währenddessen wird die
Vernunft von keinem wesenhaften Gegenstande festgehalten: sie harrt wie der
Stoff seiner Form. Wie der Stoff nicht ruht, er werde denn gefüllt in alle
Formen, so ruht die Vernunft nimmer als allein in der wesenhaften Wahrheit,
die alle Dinge in sich umschlossen hält. Am Wesen allein begnügt sie sich,
und das entzieht ihr Gott Schritt für Schritt, auf daß er ihren Eifer wecke
und reize, vorwärts zu schreiten und mehr und mehr zu erstreben und zu
erfassen das wahre grundlose Gut, und daß sie sich nicht begnüge mit
irgendwelchen Dingen und immer mehr Sehnsucht habe nach dem allerhöchsten
Gute. Nun
könntest du sagen: "Ach Herr, ihr habt uns gar viel gesagt, daß alle
Kräfte schweigen sollen, und führt nun hier in dieser Stille alles auf eine
Sehnsucht und ein Begehren hinaus. Das wäre ein lautes Rufen und groß
Geschrei nach etwas, das man nicht hätte; das benähme diese Ruhe und diese
Stille, es wäre Begehrung oder Strebung oder Loben oder Danken oder was immer
sich darin erzeugen oder erbilden kann, es wäre keine lautre Ruhe noch ganze
Stille." — Hier vernehmt eine Unterscheidung: Wenn du dich gänzlich
entblößt hast von dir selber und von allen Dingen und alles Eigenen auf jede
Weise und dich zu Gott erhoben und mit Gott geeinigt und ihm dich überlassen
hast mit aller Treue und in ganzer Liebe, was dann in dir geboren wird und
dich ergreift, es sei äußerlich, es sei lieb oder leid, sauer oder süß, das
ist keineswegs dein, es ist ganz und gar deines Gottes, dem du dich
überlassen hast. Sage mir, wessen ist das Wort das gesprochen wird: des, der
es spricht oder des, der es hört? Mag es gleich dem zufallen, der es hört,
eigentlich ist es doch des, der es spricht oder gebiert. Nimm ein Gleichnis:
die Sonne wirft ihren Schein in die Luft und die Luft empfängt das Licht und
gibt es dem Erdreich und gibt uns damit die Möglichkeit den Unterschied aller
Farben zu erkennen. Wie sehr nun das Licht auch der Erscheinungsform nach in
der Luft sei, dem Wesen nach ist es doch in der Sonne: der Schein kommt
eigentlich aus der Sonne und entspringt in der Sonne und nicht in der Luft;
es wird von der Luft empfangen und von der Luft weiter gereicht allem was
Lichtes empfänglich ist. Gerade so ist es in der Seele. Gott gebiert in der
Seele seine Geburt und sein Wort und die Seele empfängt es und reicht es
weiter an die Kräfte in mannigfacher Weise, bald in einem Begehren, bald in
einem guten Streben, bald in Liebeswerken, bald in Dankbarkeit oder wie es
immer dich berühre: es ist alles sein und mitnichten dein, was Gott da
wirket; nimm es alles als das seine und nicht als das deine, wie geschrieben
steht: der Heilige Geist heischet in ungestümem unzähligem Seufzen; er betet
in uns, wir nicht. Der heilige Paulus sagt: "Niemand kann anders: Herr
Jesus Christus! sagen als im Heiligen Geiste." Dir
ist vor allen Dingen not, daß du nichts an dich nehmest. Lasse dich gänzlich
und laß Gott für dich und in dir wirken, wie er will. Dies Werk ist sein,
dies Wort ist sein, diese Geburt ist sein und all das was du bist ganz und
gar. Denn du hast dich gelassen und bist herausgetreten aus deinen Kräften
und ihren Werken und deines Wesens Eigenheit. Darum muß Gott ganz und gar
eingehen in dein Wesen und deine Kräfte, weil du dich aller Eigenheit beraubt
und verwüstet hast; es steht ja geschrieben: die Stimme rufet in der Wüste.
Laß diese ewige Stimme in dir rufen wie es ihr gefällt und sei deiner selber
und aller Dinge wüst. Nun
könntest du sagen: "Ach Herr, wie soll sich dieser Mensch verhalten, der
sein selber und aller Dinge ganz ledig und wüst werden soll? Soll dieser
Mensch allezeit in einem Zustande des Wartens auf das Werk Gottes sein und
selber gar nichts wirken, oder soll er selber bisweilen etwas wirken, wie
beten und lesen und andere tugendliche Werke, es sei Predigt hören oder sich
mit der Schrift befassen, da doch dieser Mensch nichts von außen herein
nehmen soll sondern alles von inwendig, von seinem Gotte? Und wenn dieser
Mensch diese Werke nicht tut, versäumt er dann etwas?" — So merkt auf.
Alle auswendigen Werke sind darum eingesetzt und verordnet, daß der äußere
Mensch durch sie auf Gott gerichtet und zu geistlichem Leben und guten Dingen
geleitet werde, daß er von sich selber nicht abweiche zu irgendwelcher
Ungemäßheit, und daß er gezäumt werde, damit er sich selber nicht entlaufe in
fremde Dinge: das heißt, daß Gott, wenn er sein Werk wirken will, den
Menschen bereit finde und ihn nicht erst von fernen und groben Dingen
zurückholen muß. Denn je größer das Gelüst nach äußern Dingen um so schwerer
ist das zurückkehren, je größer die Liebe, je schwerer das Leid, wenn es ans
Scheiden geht. Seht,
dazu ist alles Wirken und Üben der Tugend erfunden, es sei Beten, Lesen,
Singen, Wachen, Fasten, Buße tun und was sonst tugendliche Übungen sind, daß
der Mensch darin gefangen werde und ferngehalten von fremden ungöttlichen
Dingen. Darum, wenn der Mensch gewahr wird, daß der Geist Gottes in ihm nicht
wirkt und daß der innere Mensch von Gott verlassen ist, so ist es gar sehr
not, daß der äußere Mensch sich in allen Tugenden übe und sonderlich in
denen, die ihm am förderlichsten und dienlichsten sind, aber ja in keiner
Weise für ihn selber, vielmehr der Wahrheit zu Ehren: daß er nicht angezogen
noch verleitet werde von groben Dingen, damit er so an Gott hafte, daß dieser
ihn nahe finde, wenn er wiederkehren will, und wenn er sein Werk in der Seele
wirken will, daß er sie nicht erst lange zu suchen braucht. Wenn sich aber
der Mensch zur wahren Innerlichkeit hingefunden hat, so lasse er kühnlich ab
von aller Auswendigkeit und wären es auch solche Übungen, zu denen du dich
durch Gelübde verpflichtet hättest, von dem dich weder Papst noch Bischof
entbinden könnten. Denn das Gelübde, das ein Mensch Gott tut, das kann
niemand von ihm nehmen, denn ein jeglich Gelübde ist ein sich Gott verpflichten.
Hätte nun ein Mensch viel gelobt, wie Beten, Fasten, Pilgerfahrt, — tritt er
in einen Orden, so ist er der Gelübde dadurch ledig, denn in dem Orden wird
er an alle Tugend und an Gott gebunden. Genau so meine ich es auch hier. Wie
sehr sich ein Mensch zu mancherlei Dingen verpflichtet habe, kommt er so
recht in die wahre Innerlichkeit, er ist ihrer aller ledig. So lange wie die
Innerlichkeit währt, und sei es eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, so
lange versäumt weder Mönch noch Nonne je die Zeit, denn Gott, von dem sie
gefangen sind, muß für sie eintreten. Wenn der Mensch wieder zu sich selber
kommt, so vollbringt er die Gelübde je nach der Zeit, in der er sich
befindet, aber was in der vergangenen Zeit, wie dich dünkt, versäumt sein
mag, darüber brauchst du nicht nachzudenken, wie du es erfüllest, denn Gott
erfülle es, solange er dich in seinen Dienst nahm; auch sollest du nicht
wünschen, daß es durch aller Geschöpfe wirken erfüllt würde, denn das
allermindeste von Gott getan ist besser als aller Geschöpfe Werk. "Dies
ist für Gelehrte und Erleuchtete Leute gesagt, die von Gott und von der
Schrift erleuchtet sind. Was soll aber aus einem schlichten Laien werden, der
nichts weiß noch versteht von leiblicher Bereitung und doch irgend ein
Gelübde getan und auf sich genommen hat, es sei Gebet oder sonst etwas?"
— Ich antworte: findet er, daß es ihn hindert und daß es ihn näher zu Gott
bringt, wenn er seiner ledig ist, so sei er kühnlich seiner ledig, denn jedes
Werk, das dich Gott näher rückt, ist das allerbeste. Das meinte auch Paulus,
als er sagte: "Wenn das kommt, was vollkommen ist, so vergeht, was halb
ist." Gar sehr ungleich sind einander die Gelübde, die man in eines
Priesters Hand tut, wie die Ehe oder andre Verpflichtungen. Sie sind so gut,
als ob man sie Gott selber in reiner Einfalt gelobte, und wenn einer
dergestalt etwas gelobt, so ist es ein guter Vorsatz, daß er sich so mit Gott
verbinden will und daran hat er einstweilen das Beste: Geschieht es jedoch,
daß dem Menschen etwas Besseres bekannt wird, wovon er weiß und empfindet,
daß es besser ist, so sei er des ersten durchaus ledig und getrost! Dies
ist gar leicht erweisen, denn man soll mehr die Frucht ansehen und die innere
Wahrheit als die äußere Wirkung, wie Paulus sagt: "Die Schrift tötet
(das heißt alle äußerliche Beschäftigung damit), aber der Geist macht
lebendig," das heißt ein innerliches empfinden der Wahrheit. Dem sollst
du mit aller List nachtrachten, und was dich damit am engsten zusammenfügen
kann, dem sollst du folgen vor allem andren. Du sollst haben ein
hocherhobenes Gemüte, nicht ein niederhangendes, — mehr noch: ein brennendes,
und daß es in einer ledigen schweigenden Stille stehe! Du brauchst Gott nicht
zu sagen, wes du bedarfst oder begehrst: er weiß es alles vorher. Christus
sagte zu seinen Jüngern: Wenn ihr betet, so sollt ihr nicht viele Worte
machen in eurem Gebete wie die Pharisäer, die wähnen erhört zu werden, wenn
sie viel sprechen." Daß
wir hier dieser Ruhe und diesem inwendigen Schweigen so nachtrachten, daß das
Ewige Wort in uns gesprochen und vernommen werde und wir eins werden mit ihm,
dazu helfe uns der Vater und eben dies Wort und ihrer beider Geist. Amen. "In der Zeit ward der Engel
Gabriel von Gott gesandt: Gegrüßet sei, du gnadenreiche, der Herr mit dir!"
Diese Worte schreibt Lukas: "In der Zeit ward der
Engel Gabriel von Gott gesandt." In welcher Zeit? Im sechsten Monat, als
Johannes sich regte in seiner Mutter Leibe. Der
mich fragte: warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere
Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch worden, was das Höchste
ist? So spräche ich: darum, daß Gott geboren werde in der Seele und die Seele
in Gott geboren werde. Darum ist alle Schrift geschrieben, darum hat Gott die
Welt geschaffen und aller Engel wesen, daß Gott geboren werde in der Seele
und die Seele in Gott geboren werde. Alles Kornes Natur meinet Weizen, alles
Metal Gold, alle Geburt den Menschen. Ein Meister sagt: "Man findet kein
Tier, das nicht irgend etwas gemein habe mit dem Menschen." "In
der Zeit." Zuerst, wenn ein Wort empfangen wird in meiner Vernunft, da
ist es so lauter und zart, da ist es ein wahres Wort, — bis es zum Bilde wird
in meinem Denken; zum dritten wird es gesprochen, äußerlich mit dem Munde und
ist dann ein bloßes Kundtun des inneren Wortes. — Ebenso wird das Ewige Wort
gesprochen inwendig im Herzen der Seele, in dem innersten, in dem lautersten;
in dem Haupte der Seele, das heißt in der Vernunft, da geschieht die Geburt.
Und wer auch nichts als ein wähnen und hoffen hiervon hätte, der möchte gerne
wissen, wie diese Geburt geschieht und was dazu verhilft. Der
heilige Paulus sagt: "Als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen
Sohn." Der heilige Augustinus sagt, was "Erfüllung der Zeit"
sei: "Wo nimmer Zeit ist, da ist Erfüllung der Zeit." Dann ist der
Tag voll, wenn vom Tage nichts mehr blieb. Es ist eine Notwahrheit: alle Zeit
muß fort sein, wo sich diese Geburt anhebt, denn es gibt nichts was diese
Geburt so sehr hindert wie die Zeit und Erschaffenes. Das ist eine gewisse Wahrheit,
daß Zeit weder Gott noch die Seele berühren kann. Könnte die Seele von Zeit
berührt werden, sie wäre nicht Seele, und könnte Gott von Zeit berührt
werden, er wäre nicht Gott. Wäre es aber möglich, daß die Zeit die Seele
berühren könnte, so könnte Gott nimmer in ihr geboren werden. Wo Gott geboren
werden soll in der Seele, da muß alle Zeit abgefallen sein oder sie muß der
Zeit entfallen sein mit ihrem Wollen und Begehren. Ein
anderer Sinn von "Erfüllung der Zeit": Wer die Kunst und die Macht
hätte, daß er die Zeit und alles was in der Zeit von sechstausend Jahren je
geschah und noch geschehen soll bis ans Ende zusammenziehen könnte in ein
gegenwärtiges Nu, das wäre Erfüllung der Zeit. Das ist das Nu der Ewigkeit,
da die Seele in Gott alle Dinge neu und frisch und gegenwärtig erkennt und
doch mit der Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. Ich las in dem
Büchlein Eines, der ergründen konnte, daß Gott die Welt jetzt macht wie am
ersten Tage da er sie erschuf. Darin ist Gott reich und das ist Reich Gottes.
Die Seele, in der Gott geboren werden soll, die muß der Zeit entfallen und
die Zeit muß ihr entfallen, sie soll sich emporschwingen und soll stille
stehen beim hineinschauen in diesen Reichtum Gottes; da ist Weite ohne Weite
und Breite ohne Breite; da erkennt die Seele alle Dinge und erkennt sie
vollkommen. Die Meister beschreiben, wie weit der Himmel sei: die mindeste
Kraft, die in meiner Seele ist, ist weiter als der weite Himmel, ganz zu
schweigen von der Vernunft, die weit ist über alle Weite: in dem Haupte der
Seele, in der Vernunft, bin ich einem Orte tausend Meilen jenseits des Meeres
ebenso nahe wie dem Ort, darinnen ich jetzt stehe. In dieser Weite und in
diesem Reichtum Gottes, da erkennt die Seele alles, da entfällt ihr nichts
und da braucht sie auf nichts zu warten. "Der
Engel ward gesandt." Die Meister sagen, daß der Engel Menge eine Zahl
über alle Zahl ist. Ihre Menge ist so groß, daß sie keine Zahl umfassen kann.
Ihre Zahl kann auch nicht gedacht werden. Wer Unterschiede begreifen könnte ohne
Zahl und ohne Menge, dem wären hundert wie eins. Wären hundert Personen in
der Gottheit, — wer Unterschiede begreifen könnte ohne Zahl und Menge, der
erkennt doch, daß nur Ein Gott ist. Es wundern sich Ungläubige Leute
und etliche Ungelehrte Christenleute, und auch einige Pfaffen wissen davon so
wenig wie ein Stein, die nehmen die drei Personen wie drei Kühe oder drei
Steine. Aber wer die Unterschiede in Gott zu begreifen weiß über Zahl und
Menge hinaus, der erkennt, daß drei Personen Ein Gott sind. Auch
ist der Engel so erhaben: die besten Meister sagen, jeder Engel habe eine
vollkommene Wesensart. Wäre ein Mensch, der alles das hätte, was alle
Menschen haben an Gewalt und an Weisheit und anderen Dingen, das wäre ein
Wunder; und doch wäre er nichts als ein Mensch und wäre noch fern von den
Engeln. So hat jeder Engel eine vollkommene Wesensart und ist gesondert von
den andern wie ein Tier von einem andern, das anderer Natur ist. Durch die
Menge solcher Engel ist Gott reich, und wer das erkennt, der erkennt Gottes
Reich. Sie zeugen von Gottes Reich wie ein Herr bezeugt wird von der Menge
seiner Ritter. Darum heißt er bei uns ein Herr der Heere. Und diese ganze
Menge der Engel, wie erhaben sie seien, sie haben zu helfen und mitzuwirken,
wo Gott geboren wird in der Seele, das heißt sie haben Lust und Freude und
Wonne an der Geburt. Sonst tun sie nichts dabei, kein Geschöpf kann dabei
etwas tun, denn Gott wirkt die Geburt alleine, vielmehr haben die Engel
hierbei nur Dienste zu verrichten. Alles was Engel und Geschöpfe dabei
wirken, ist dienstliche Verrichtung." Der Engel war Gabriel
benannt." Er tat auch so wie er hieß. — Er hieß ja so wenig Gabriel wie
Konrad; niemand kann des Engels Namen wissen; wo der Engel benannt wird,
dahin kam nie ein Meister noch ein Sinn; vielmehr ist er namenlos. Die Seele
hat auch keinen Namen; so wenig man für Gott einen eigenen Namen finden kann,
so wenig kann man für die Seele einen eignen Namen finden, obgleich darüber
große Bücher geschrieben sind. Ein Zimmermann, — das ist nicht sein Name,
sondern man nimmt den Namen von dem Werk her, dessen Meister er ist. Den
Namen Gabriel nahm er von dem Werke, dessen Bote er war; denn Gabriel
bedeutet Kraft. In dieser Geburt wirkt Gott kraftvoll oder wirkt Kraft. Was
meint all die Kraft der Natur? Sie will sich selber wirken. Was meint
jegliche Natur, die ein Gebären bewirkt? Sie will sich selber wirken: Die
Natur meines Vaters wollte seiner Natur nach einen Vater wirken. Da dies
nicht sein konnte, da wollte sie etwas wirken, das ihm in allen Dingen gleich
wäre. Da die Kraft gebrach, da wirkte sie etwas, das ihm so gleich wie
möglich wäre, das war ein Sohn. Wo aber die Kraft noch mehr gebricht oder ein
andrer Unfall geschieht, da wirkt sie einen noch ungleicheren Menschen. Aber
in Gott ist volle Kraft, darum wirkt er seinesgleichen in seiner Geburt.
Alles was Gott ist an Gewalt und an Wahrheit und an Weisheit, das gebiert er
allzumal in die Seele. Der heilige Augustinus sagt: "Was die Seele
liebet, dem wird sie gleich," liebt sie irdische Dinge, so wird sie
irdisch, liebt sie Gott, so könnte man fragen: wird sie dann Gott? — Sagte
ich das, es klänge unglaublich denen, die zu schwachen Sinn haben und es
nicht begreifen. Aber Sankt Augustinus sagt: "Ich sage es nicht, sondern
ich weise euch an die Schrift, die da spricht: ich habe gesagt, daß ihr
Götter seid." Wer etwas hätte von dem Reichtum, davon ich zuvor
gesprochen habe, einen Blick oder nur eine Hoffnung oder eine Zuversicht, der
begriffe dies wohl. Nie ward ein Geborenes so verwandt noch so gleich noch so
eins (mit dem Gebärer) wie die Seele mit Gott wird in dieser Geburt. Wenn es
irgendwodurch verhindert wird, daß sie nicht in allen Dingen Ihm gleich wird,
so ist nicht Gottes Schuld. Soweit ihr die Gebrechen entfallen, soweit macht
er sie sich gleich. Daß der Zimmermann nicht ein schönes Haus schaffen kann
aus wurmstichigem Holze, das ist nicht seine Schuld, es liegt an dem Holze.
Ebenso ist es beim göttlichen Wirken in die Seele. Könnte sich der geringste
Engel erbilden oder geboren werden in der Seele, dagegen wäre diese ganze
Welt nichts; denn in einem einzigen Fünklein des Engels grünet, sproßt und
leuchtet alles was in der Welt ist; diese Geburt aber wirkt Gott selber, der
Engel kann dabei nichts tun als dienstliche Verrichtungen. "Ave!"
das heißt: ohne Weh. Wer da ohne Kreatur ist, der ist ohne Weh und ohne
Hölle, und wer am wenigsten Kreatur ist und hat, der hat am wenigsten Weh.
Ich sage manchmal: wer von der Welt am wenigsten hat, der hat am meisten von
ihr. Niemand ist die Welt so eigen wie dem, der die ganze Welt gelassen hat.
Wißt ihr, wodurch Gott ein Gott ist? Dadurch ist Gott ein Gott, daß er ohne
Kreatur ist. Er nannte sich nie in der Zeit. In der Zeit ist Kreatur und Tod,
diese sind in gewissem Sinne verwandt, und wenn die Seele der Zeit entfallen
ist, dann ist weder Weh noch Pein in ihr, auch Ungemach wird ihr da zur
Freude. Alles was je erdacht werden konnte an Lust und an Freude, an Wonne
und an Liebesgenuß, — hält man es gegen die Wonne, die in dieser Geburt
liegt, so ist es nicht mehr Freude. "Du
Gnadenreiche!" Das mindeste Werk der Gnade ist seiner Natur nach
erhabener als alle Engel. Augustinus sagt: "Ein Gnadenwerk, das Gott
wirkt, etwa daß er einen Sünder bekehrt und zu einem guten Menschen macht,
das ist gewaltiger als daß Gott eine neue Welt erschüfe." Es ist Gott so
leicht Himmel und Erde umzukehren, wie mir einen Apfel umzukehren in meiner
Hand. Wo Gnade ist in einer Seele, die ist so lauter und ist Gott so gleich
und so verwandt; und doch ist Gnade ohne Wirken, wie es auch in der Geburt,
von der ich zuvor gesprochen habe, kein Wirken gibt. Gnade wirkt kein Werk.
Sankt Johannes hat nie ein Zeichen getan. Das Werk, das der Engel in Gott zu
tun hat, das ist so erhaben, daß nie ein Meister noch ein Sinn zu ihm dringen
konnte, daß sie das Werk begreifen könnten. Von dem Werk aber fällt ein Span
ab, wie ein Span von einem Haus abfällt, den man abhaut: ein Blick, wo der
Engel — als sein Niederstes — der Himmel berührt, — davon grünt und blüht und
lebt alles, was in dieser Welt ist. Ich spreche zuweilen von zweien Bornen —
ob es gleich wunderlich klingt, wir müssen nach unserm Sinne reden —: ein
Born, daraus die Gnade entspringt, daraus der Vater gebiert seinen
eingeborenen Sohn: von diesem Borne geht die Gnade aus. Ein andrer Born ist,
wo die Geschöpfe aus Gott fließen, der ist so fern von dem Born daraus die
Gnade entspringt wie der Himmel von der Erde. Gnade wirkt nicht. Wo das Feuer
seinesgleichen trifft, da schadet und brennt es nicht; nur die Hitze des
Feuers, die brennt, doch wo die Hitze feuriges Wesen trifft, da brennt sie
nicht und ist unschädlich; dennoch auch wo Hitze in dem Feuer enthalten ist,
da ist sie von dem wahren Wesen des Feuers so fern wie der Himmel von der
Erde. Gnade wirket nie ein Werk. Sie ist zu zart dazu. Werk ist ihr so fern
wie der Himmel von der Erde. Ein Innesein und ein Anhaften und ein Einen mit
Gott, das ist Gnade, und da ist "Gott mit", denn das folgt hierauf: "Gott
mit dir." Da geschieht die Geburt. Es soll niemandem unmöglich dünken
hierzu zu kommen. Was schadet mit das, wie schwer es ist, wenn er es nur
wirkt? Alle seine Gebote sind mir leicht zu halten. Er heiße mich doch alles
was er wolle, das achte ich für gar nichts, das ist mir alles gering, wenn Er
mir seine Gnade gibt. Es sagen etliche, sie hätten es nicht; darauf sage ich:
das ist mir Leid; ersehnest du es aber? — "Nein." — Das ist mir
doch leider. Kann man es nicht haben, so habe man doch eine Sehnsucht
darnach. David spricht: "Ich habe ersehnt ein Sehnen, Herr, nach deiner
Gerechtigkeit." Das wir Gott so ersehnen, daß er in uns geboren werden
will, dazu helf uns Gott. Amen. Aus dem Buch der göttlichen
Tröstung.
Der
edle Lehrer Sankt Paulus sagt in seiner Epistel diese Worte: "Gesegnet
sei Gott der Vater unsres Herrn Jesu Christi, ein Vater der Barmherzigkeit
und ein Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Betrübnis."
Nun ist dreierlei Betrübnis, die den Menschen anfällt und bedrängt in dieser
Fremde: die eine ist Schaden an äußerlichem Gut, die zweite an seinen liebsten
Freunden, die dritte an ihm selber, wie Schach, Ungemach, Schmerzen des
Leibes und Leid des Herzens. Darum
bin ich willens in diesem Buch zu geben etliche Lehre, an der sich der Mensch
trösten kann in allem seinem Ungemach, in Betrübnis und Leid. …
Sankt Augustinus sagt: "Gott weilt nicht fern noch lange. Willst du, daß
dir nichts fern noch lange bleibe, so füge dich zu Gott, denn da sind tausend
Jahre wie der Tag, der heut ist." Ebenso sag ich: in Gott ist nicht
Traurigkeit noch Leid noch Ungemach. Willst du ledig sein alles Ungemaches
und Leides, so halte dich und kehre dich zu Gott und zu Gott allein.
Sicherlich, alles Leid kommt davon, daß du dich nicht allein zu Gott kehrst.
Stündest du gebildet und geboren allein in die Gerechtigkeit, wahrlich, dich vermöchte
ebenso wenig irgend etwas leidend zu machen wie die Gerechtigkeit: Gott
selber. Salomo sagt: "Den Gerechten betrübet nichts, was ihm auch
geschehen mag." Er sagt nicht: den gerechten Menschen oder den gerechten
Engel oder dies und das, was es so an gerechten Dingen gibt; denn was daran
gerecht ist und daß es gerecht ist, das ist Sohn und hat Vater auf Erden, ist
Kreatur und gemacht und geschaffen, denn sein Vater ist Kreatur, gemacht und
geschaffen. Aber der lauter Gerechte, soweit er keinen erschaffenen noch
gemachten Vater hat, und die Gerechtigkeit: das allein ist Gott.
Gerechtigkeit kann ihn nicht leidend machen, denn alle Freude, Lust und Wonne
ist Gerechtigkeit und wenn Gerechtigkeit den Gerechten leidend machte, so
macht sie sich selber leidend. Unebnes und Ungerechtes aber könnte den
Gerechten nicht leidend machen, denn alles was erschaffen ist, das ist weit
unter ihm und übt keinen Eindruck noch Einfluß auf den Gerechten noch gebiert
es sich gar in ihm, des Vater Gott allein ist. Darum
soll der Mensch beflissen sein, daß er sich seines Selbstes entbilde und
aller Kreatur und keinen Vater kenne als Gott allein. Dann kann ihn nichts
leidend machen oder betrüben, weder Gott noch Kreaturen, weder Geschaffenes
noch Ungeschaffenes, und all sein Wesen, Leben, Erkennen und Lieben und
Wissen ist aus Gott und in Gott, ist Gott. Noch
ein zweites gibt es, das man wissen muß, das auch den Menschen tröstet in all
seinem Ungemach. Das ist die Gewißheit, daß der Gerechte und gute Mensch sich
ungleich, ja unaussprechlich mehr freut an dem Werke der Gerechtigkeit, als
er oder auch der oberste Engel Wonne und Freude hat in seinem natürlichen
Wesen und Leben. Darum gaben auch die Heiligen fröhlich ihr Leben hin um die
Gerechtigkeit. Nun
sag ich: wenn dem guten und gerechten Menschen Schade Geschieht von außen her
und er bleibt gleichen Mutes und im Frieden seines Herzens unbewegt, dann
wird wahr was ich gesagt habe: daß den Gerechten nichts betrübt von all dem, das ihm geschieht.
Ist es aber so, daß er betrübt wird von dem äußerlichen Schaden, wahrlich, so
ist es gar billig und ein weises Gericht, das Gott verhängt hat, daß der
Schade dem Menschen geschehen ist, der da wollte und auch wähnte gerecht zu
sein und den so kleine Dinge noch betrüben konnten. Und ist es denn also ein
Gericht Gottes, wahrlich so soll er sich nicht betrüben, sondern soll sich
freuen, weit mehr als seines eignen Lebens, des sich der Mensch doch mehr
freut und das einem jeglichen Menschen werter ist als all diese Welt (denn
was hilft dem Menschen all die Welt, wenn er nicht mehr wäre!). Das
dritte Wort, das man wissen kann und soll, ist dies: In natürlicher Wahrheit
ein einiger Brunnen, eine lebende Ader aller Güte, wesenhafter Wahrheit und
ganzen Trostes ist Gott allein, und alles, was Gott nicht ist, hat in sich
selber natürliche Bitterkeit und Untrost und Leid und legt nichts hinzu zu
der Güte, die von Gott ist, die Gott allein ist, sondern sie mindert und
bedeckt und verbirgt die Süßigkeit und Wonne und den Trost, den Gott gibt. Nun
sag ich weiter: alles Leid kommt von Liebe zu dem, was der Schaden mir
entrissen hat. Ist mir also Schaden an äußerlichen Dingen leid, so ist ein
sicheres Zeichen, daß ich äußerliche Dinge liebe und in Wirklichkeit Leid und
Untrost liebe. Ist es denn ein Wunder, daß ich leidig werde, da ich doch Leid
und Untrost liebe und auch mein Herz dies sucht und meine Liebe das tut, das
Gottes eigen ist, der Kreatur gibt? Ich kehre mich zu der Kreatur, aus der
von Natur Untrost kommt und kehre mich ab von dem, aus dem von Natur Trost
und Freude kommt. Ist es dann ein Winder, daß ich leidig und traurig werde?
Wahrlich, unmöglich ist es Gott und all der Welt, daß der Mensch wahren Trost
finde, der Trost sucht bei den Kreaturen. Wer aber Gott allein liebte in der
Kreatur und die Kreaturen allein in Gott, der fände wahren und rechten und
gleichen Trost allenthalben … — — — Kein
Unglück oder Schaden ist je ganz ohne Glück, kein Schaden ist bloß Schaden.
Darum sagt Sankt Paulus, daß Gottes Treue und die ihm eigenen wesenhafte Güte
es nicht leidet, daß irgendein Leid oder eine Prüfung ganz unleidlich und
übermäßig sei. Er schafft allezeit etwas Tröstliches, womit man sich behelfen
kann; denn es sagen auch die Heiligen und die heidnischen Meister, daß Gott
und Natur es nicht leidet, daß es etwas nur Böses und Übles gebe. Ich
nehme an, ein Mensch hat hundert Mark, von denen er vierzig verliert und die
anderen sechzig behält. Will der Mensch allzeit an die vierzig denken, die er
verloren hat, so bleibt er ungetrost und traurig. Wie könnte der jemals
getröstet und ohne Leid sein, der sich dem Schaden und Leide zuwendet und das
in sich nährt und immer hineinschaut und es wehleidig anschaut und sich mit
seinem Schaden unterredet? Und der Schaden liebkost ihn dafür und sie schauen
sich an von Antlitz zu Antlitz? Wäre es aber so, daß er sich den sechzig Mark
zukehrte, die er noch hat, und den vierzigen, die verloren sind, den Rücken
zudrehte, sich die sechzig vor Augen stellte und sie anschaute und mit ihnen
liebäugelte, so würde er sicherlich getröstet. Was wirklich da ist und gut
ist, das kann trösten. Was aber nicht da ist noch gut ist und nicht mein ist
und mir verloren ist, das muß nötig Leid und Trost bringen und Betrübnis. Darum
sagt Salomon: "In den Tagen des Leidens und der Betrübnis vergiß nicht
die Tage der Güte und Freude!" Das heißt soviel wie: wenn du in Leid
bist und in Unglück, so gedenke des Guten und des Glückes, das du noch vor
dir hast und halt es fest zu deinem Heil. Auch
das muß jenen Menschen trösten, daß er bedenkt, wieviel Tausende es gibt,
die, wenn sie die sechzig Mark hätten, die er noch hat, sich große Herren und
Damen zu sein dünkten, und wie reich die wären und von Herzen froh und Gott
gar dankbar. Wieder
ein andres, das den Menschen trösten muß: Ist er siech und in großen
Schmerzen seines Leibes, hat aber sein Dach und seine Notdurft an Speise und
Trank der Ärzte, an Bedienung seines Gesindes, am Mitgefühl und Beistand
seiner Freunde, was soll der tun? — Was tun arme Leute, die dasselbe und noch
mehr und größer Ungemach haben und niemand haben, der ihnen kaltes Wasser
gebe! Sie müssen das trockne Brot suchen in Regen, in Schnee, in großer Kälte
von Haus zu Haus. Darum, willst du getröstet werden, so vergiß die, denen es
besser geht, und gedenke immer derer, die schlimmer dran sind! Weiter
sage ich: alles Leid kommt von Lust und von Liebe! Denn Liebe und Lust ist
Leides Anfang — und Ausgang! Darum, hab ich Leid um vergängliche Dinge, so
hab ich noch Lust und Liebe zu vergänglichen Dingen und habe noch nicht Gott
mit meinem ganzen Herzen lieb und liebe noch nicht was Gott von mir geliebt
wissen will. Ist es da ein Wunder, wenn mir Gott verhängt, daß ich Not und
Leid erdulde? Sankt
Augustinus sagt: "Herr, ich wollte dich nicht verlieren, ich wollt aber
mit dir die Kreaturen besitzen; das kam von meiner Gierigkeit, und darum
verlor ich dich; denn dir ist es zuwider, daß man neben dir — du Wahrheit! —
die falschen Kreaturen besitze." Er sagt anderswo noch, daß der allzu
gierig ist, dem es an Gott alleine nicht genügt. Wie könnten dem Gottes Gaben
in den Kreaturen genüge tun, der an Gott und in Gott kein Genügen findet? Einen
guten Menschen soll nicht befriedigen noch trösten, sondern eine Pein soll
ihm sein alles was Gott fremd und ungemäß ist. Er soll alle Zeit sagen: Herr
Gott und mein Trost! und verweisest du mich an irgend etwas außer dir, so gib
mir einen andren dich, denn ich will nichts als dich! Als unser Herr dem Mose
alle Güter gelobte und ihn in das heilige Land sandte, das doch schon hinwies
aufs Himmelreich, da sagte Mose: "O Herr! Sende mich nicht, du wolltest
denn selber mitkommen!" All
unsre Neigung, Lust und Liebe gehört dem, was uns gleichartig ist; denn alle
Dinge lieben und neigen sich zu einander infolge der Gleichheit. Der reine
Mensch liebt alle Reinheit, der gerechte liebt und neigt zur Gerechtigkeit.
Und von dem, was dem Menschen innig vertraut ist, redet sein Mund; drum sagt
unser Herr, daß der Mund aus des Herzens Fülle redet, und Salomon sagt, daß
des Menschen Arbeit in seinem Munde ist. Darum ist es ein sicheres Zeichen,
daß nicht Gott in des Menschen Herzen ist, wenn es noch Außen Neigung und
Trost sucht. Und
darum soll sich ein guter Mensch gar sehr schämen, vor Gott und vor sich
selber, wenn er noch gewahr wird, daß Gott nicht in ihm ist, daß Gott der
Vater nicht in ihm wirket, sondern die leidige Kreatur noch in ihm lebt und
wirkt. Darum sagt David im Psalter und beklagt es: "Tränen waren mein
Trost Tag und Nacht, solange man noch zu mir sagen konnte: wo ist dein
Gott?" Denn Neigung zum Äußerlichen und Lust und Trost finden am Untrost
und danach mit Lust verlangen und viel davon reden: das ist ein sicheres
Zeichen, daß Gott nicht in mich leuchtet noch wirket. Und ferner sollte ein
solcher sich auch vor guten Leuten schämen, daß sie des an ihm gewahr werden.
Ein guter Mensch soll nie Schaden noch Leid beklagen, er soll allein das
beklagen, daß er noch Wehklagen in sich gewahr wird. Die
meisten sagen, daß unten an dem Himmel Feuer ist weit und breit und
unmittelbar, von gewaltiger Hitze; und doch wird der Himmel nirgend von ihm
berührt! Und nun sagt eine andre Schrift, daß das Niederste der Seele edler
ist als des Himmels Höchstes. Wie kann aber der Mensch sich vermessen, daß er
ein himmlischer Mensch sei und daß sein Herz im Himmel sei, wenn er noch berührt
wird und leidig wird durch so kleine Dinge? Nun
komm ich zu etwas andrem. Ein guter Mensch kann nicht sein wer nicht will was
Gottes besonderer Wille ist; denn sinnlos wäre es, daß Gott irgend etwas
wolle, das nicht gut ist. Und gerade dadurch, daß Gott es will, wird und ist
es notwendig gut, ja das Beste. Und darum lehrte unser Herr die Apostel und
uns durch sie, und wir bitten alle Tage, daß Gottes Wille geschehe, — und
doch, wenn Gottes Wille kommt und sich verwirklicht, so klagen wir und sind
traurig und betrübt. Seneca,
ein heidnischer Meister fragt: "Was ist der beste Trost im Leiden und
Ungemach?" und sagt: "daß der Mensch alle Dinge nehme als ob er sie
erwünscht und erbeten hätte." Wenn du gewünscht und gebetet hast, daß
alle Dinge durch Gottes und nach Gottes Willen geschehen, und es geschieht
nun, so zürne nicht! Ein heidnischer Meister sagt: "König und oberster
Vater und einziger Herr des hohen Himmels! Alles was du willst, des bin ich
bereit: gib mir Willen und den Willen nach deinem Willen!" Ein
guter Mensch soll Gott darin vertrauen und glauben und gewiß sein und Gott so
gut wissen, daß es der göttlichen Güte und Liebe unmöglich sei mit anzusehen,
wenn dem Menschen irgend ein Leid zustößt: entweder will er dem Menschen ein
viel größer Leid ersparen oder ihn auch auf Erden um so Herrlicher erquicken
oder etwas viel besseres damit erreichen oder daraus machen, wodurch Gottes
Erhabenheit mehr und herrlicher zutage trete; doch wie das auch sei, schon
allein darum weil es Gottes Wille ist, daß es geschieht, soll des guten
Menschen Wille so in Gottes und mit Gottes Willen eins und geeinigt sein, daß
der Mensch das selbe wolle wie Gott, auch wenn es sein Verderben, ja seine
Verdammnis wäre! Darum wünscht Sankt Paulus von Gott geschieden zu sein, falls
es Gott und Gottes Macht erfordern. Ein
recht vollkommener Mensch soll sich selber so in den Tod hineingewöhnt und
sich aus seinem Selbst so hinausgebildet und in Gott und in Gottes Willen
hinübergebildet haben, daß es nun doch all seine Fälligkeit ist, daß er sich
selbst und alles andere nicht wisse und Gott allein wisse, nichts wisse noch
auch wissen wolle als Gottes Willen und Gott ebenso erkenne wie ihn Gott
erkennt, wie Sankt Paulus sagt. Gott erkennt alles was er erkennt und will
lieben alles was er liebt in sich selbst, im willen seiner selbst. Unser Herr
sagt: "Das ewige Leben ist: Gott allein zu erkennen." Darum
sagen die Meister, daß die Seligen im Himmelreiche die Kreaturen erkennen
entblößt aller kreatürlichen Bilder in dem einzigen Bilde, das Gott ist und
worin Gott sich selber und alle Dinge weiß liebt und will. Und das lehrt uns
Gott selber beten und begehren, wenn wir sprechen: Vater unser, der da ist in
den Himmeln, geheiligt werde dein Name, — das heißt: dich erkennen ganz
allein. Zu uns komme dein Reich: daß ich nichts habe, daß ich nichts achte
und wisse denn dein Reich. Davon spricht das Evangelium: Selig sind die Armen
des Geistes, das heißt die an Wollen Armen. Und wir bitten Gott, daß sein
Wille werde auf Erden, das heißt in uns, wie im Himmel, das heißt in Gott
selber. Ein solcher Mensch ist so eins und einwillig mit Gott, daß er all das
will, was Gott will und in der Weise wie Gott es will. Darum, wenn Gott denn
aus irgendwelchem Grunde will, daß ich auch Sünde getan habe, so wollte ich
nicht, daß ich sie nicht getan hätte. Denn so geschieht Gottes Wille auf
Erden, das heißt in Missetat, wie im Himmel, das heißt im Wohltun. So will
der Mensch Gottes entbehren um Gottes Willen und von Gott getrennt sein um
Gottes Willen, und das ist allein die rechte Reue meiner Sünde, so ist mir
Sünde Leid ohne leiden … …
Ein andrer Trost ist dies: ein guter Mensch —, je mehr er gut ist und aus
Güte allein geboren und ein Bild der Güte, desto mehr ist ihm unlieb und eine
Bitterkeit und Schade alles Vergängliche und darum ist das Verlieren ihm: los
werden und Verlieren Leid und Ungemach und Schaden. Wahrlich, Leid verlieren
ist ein wahrer Trost, denn alles Ungemach, Leid und Untrost ist äußerliches
Gut, und daß soll der Mensch nicht als Schaden beklagen. Er soll vielmehr
klagen, wenn ihm Trost und Gemach unbekannt ist und wahrer Trost ihn nicht
trösten kann. Er soll viel mehr klagen, daß er nicht gänzlich entbildet ist
der Vergänglichkeit und nicht Hingebildet und gepflanzt ist und allen ein
Bild ist der Güte. …
Noch ein andres gibt es, diesem ähnlich: kein Gefäß kann zweierlei Trank in
sich haben. Soll es Wein haben, so muß man notwendig das Wasser ausgießen,
ganz leer und lauter muß es werden. Drum, willst du göttliche Freude
empfangen, so mußt du notwendig das Endliche ausgießen und hinauswerfen. Drum
spricht Sankt Augustinus: Gieße aus, daß du erfüllet werdest! Lerne
nichtminnen, auf daß du lernest minnen! Wende dich ab, auf daß du hingewendet
werdest! Mit eigentlichen Worten: alles was aufnehmen und empfänglich sein
soll, das soll und muß leer sein. Die Meister sagen uns: hätte das Auge
irgend Farbe in sich selber, dort wo es erkennt, er erkennte weder die Farbe
die es hat noch die es nicht hat; wenn es aber aller Farbe bloß ist, dann erkennt es dadurch alle Farbe. Die
Wand hat Farbe an sich und darum erkennt sie weder ihre eigene Farbe irgend
eine Farbe und hat keine Lust an der Farbe, weder am Golde noch am
Kohlschwarzen. Das Auge hat sie nicht und hat sie doch in Wahrheit, denn es
erkennt sie mit Lust und Wonne. Und
darum, je vollkommener und bloßer die Kräfte der Seele sind, desto
vollkommener und wahrhaftiger nimmt sie auf was sie empfängt und hat größere
Wonne und wird mehr eins mit dem was sie aufnimmt, so sehr, daß die oberste
Kraft der Seele, die aller Dinge
bloß ist und mit dem Nichts keine Gemeinschaft mehr hat, nichts minderes
empfängt, als Gott selber in seinem eigenen Wesen. Und die Meister sagen, daß
dieser Vereinung, diesem Durchbruch,
dieser Wonne sich nichts vergleichen kann. Darum sagt unser Herr gar
bemerklich: selig sind die Armen in dem Geiste. Arm ist der, der nichts hat,
der ein Armer des Geistes ist. Und damit will er sagen: ebenso wie das Auge
arm und bloß ist aller Farbe und empfänglich aller Farbe, so ist auch, wer
arm ist des Geistes, empfänglich aller Geister und alles Geistes. Gott ist
ein Geist, und Frucht des Geistes ist Liebe, Friede und Freude. Bloß, arm,
leer sein, nichts haben verwandelt die Natur: Leerheit macht Wasser
bergaufwärts klimmen und manch andres Wunder, wovon wir jetzt nicht sprechen
wollen. Darum,
willst du ganzen Trost und Freude finden in Gott, so sieh, daß du bar seist
alles Vergänglichen, alles Trostes vom Vergänglichen. Sicherlich, solange
noch das Vergängliche dich trösten kann, findest du nimmer rechten Trost.
Wenn dich aber nichts mehr trösten kann als Gott, wahrlich, so tröstet dich
Gott und mit ihm und in ihm alles was Wonne ist. Tröstet dich, was außer Gott
ist, hast du weder hier noch dort. Tröstet dich aber Vergängliches nicht und
schmecket dir nicht, so findest du beides: hier und dort. Vermöchte
der Mensch einen Becher gänzlich leer zu machen und leer zu erhalten von
allem was füllen mag, auch von Luft, ohne Zweifel, der Becher verließe und
vergäße aller seiner Natur, und Leerheit trüge ihn auf bis an den Himmel.
Ebenso trägt bloß, arm und leer sein aller Vergängnis die Seele auf zu Gott,
in Gott … Auch
das muß uns unzweifelhafte Gewißheit sein, daß selbst natürliche menschliche
Tugend so edel und so kraftvoll ist, daß ihr kein äußerliches Werk zu schwer
ist noch groß genug, daß sie sich daran und darin erfüllen könnte und darin
ganz Gestalt werden. Und darum gibt es ein inneres Werk, das nicht
Zeit noch Raumumschließen kann noch umfassen, und in diesem selben ist, was
Gott und göttlich und Gott gleich ist, den weder Zeit noch Raum umschließt.
Es ist allenthalben und allezeit gleich gegenwärtig und auch darin Gott
gleich … Auch kann ebenso wenig jemand das innere Werk der Tugend hindern als
man Gott hindern kann. Das Werk scheint und leuchtet Tag und Nacht, das Werk
lobt und singt Gottes Lob in einem neuen Gesang. … Für
diese Lehre haben wir eine offenbare Bestätigung am Steine: dessen äußeres
Werk ist, daß er niederstürze und liege auf der Erde; dieses Werk kann
behindert werden, fällt er doch nicht allezeit und ohne unterlaß. Ein anderer
Werk aber gehört dem Steine noch inniger, und das ist sein immerwährendes
Streben niederwärts und ist ihm angeboren. Das kann ihm weder Gott noch
Kreatur noch sonst jemand nehmen. Dieses Werk wirket der Stein ohne Unterlaß
Nacht und Tag. Wenn er tausend Jahre da oben läge, er strebt hinab nicht
minder noch mehr als am ersten Tage. Ganz ebenso sag ich von der Tugend, sie
hat ein inneres Werk: wollen und streben zu aller Güte und eilen und
ankämpfen gegen all das, was böse und übel ist, Gott und der Güte ungleich …
Und all ihre Klage und Leid ist, wenn Leid in sie fallen kann, daß dies
Leiden um Gott zu klein ist und alle äußern Werke in der Zeit zu klein sind,
sodaß sie sich nicht ganz und vollkommen erweisen und darin Gestalt werden
kann. … Auch
darin ist das innere Werk göttlich und gotthaft und hat Teil an göttlicher
Eigenschaft, daß, gleicherweise wie die ganze Schöpfung (und wenn tausend
Welten wären) nicht eines Haares Breite besser ist als Gott allein, ebenso
sage ich und hab es zuvor gesagt, daß das äußre Werk, seine Länge noch seine
Weite, seine Fülle noch seine Größe, keinesfalls die Güte des inneren Werkes
mehrt: es hat seine Güte in sich selber. Darum kann das äußere Werk nimmer
klein sein, wenn das innere groß ist, und da äußere kann niemals groß und gut
sein, wenn das innere klein oder nichtig ist. Ja, das innere Werk hat in sich
allezeit umschlossen alle Größe, Weite und Länge des äußern Werkes. — Wer all
sein Wesen nur von Gott nimmt und aus Gottes Herzen schöpft, den nimmt Gott
zum Sohn, der wird Sohn, geboren in des himmlischen Vaters Schoße. Nicht so
das äußre Werk; sondern es empfängt inmitten des innern Werkes seine
göttliche Güte und wird ausgetragen und ausgegossen in einem Niederstürze der
verkleideten Gottheit, mit Unterschied, mit Menge, mit Teilen, was wie alles
derartige Gott selber fern und fremd ist. … Gott
liebt um seiner selbst Willen und schafft alles um seiner selbst Willen, das
heißt: er liebt um der Liebe und schafft um des Schaffens Willen. Wenn ohne
Zweifel hätte Gott seinen eingebornen Sohn in Ewigkeit nicht geboren, wäre
geboren haben nicht Gebären. Und darum sagen die Heiligen, daß der Sohn
derart ewiglich geboren ist, daß er ohne Unterlaß noch geboren wird. Auch
hätte Gott die Welt nie geschaffen, wenn Erschaffenheit nicht Schaffen wäre:
darum hat Gott die Welt so geschaffen, daß er sie noch ohne Unterlaß schafft.
… Und
darum wer von Gott geboren ist, Gottes Sohn, der liebt Gott um sein selber
Willen, das heißt, er liebt Gott um des Gottliebens und wirkt alle seine
Werke um des gotthaften Wirkens Willen, und wird Liebens und Wirkens nimmer
müde, und alles, was er liebt, ist ihm eine Liebe. Darum ist wahr, daß
Gott die Liebe ist und, was ich schon Anfangs sagte, daß der gute Mensch will
und wollte alle Zeit leiden um Gott, nicht nur gelitten haben. Er hat, was er liebt: Leiden um Gott, und erleidet Gott,
und darum und dadurch ist er Gottes Sohn, nach Gott und in Gott gestaltet. Er
liebt um sein selbst Willen, das heißt, er liebt um Liebe und wirkt Werkes
wegen. Und darum liebt Gott und wirkt ohne Unterlaß, und Wirken ist Gottes
Natur, sein Wesen, sein Leben, seine Seligkeit; und ebenso der Sohn Gottes, ein guter Mensch, soweit
er Gottes Sohn ist, will durch Gott leiden, durch Gott wirken, und das ist sein Wesen, sein Leben, sein Wirken,
seine Seligkeit. Und so sagt unser Herr: Selig sind, die da leiden um der
Gerechtigkeit Willen. … Davon
wie das Innigste und das Oberste der Seele schöpft und aufnimmt Gottes Sohn
und auch Gottes Sohn werde in des
himmlischen Vaters Schoß und Herzen, das suche nach dem Ende dieser vorweg
genommenen Worte, in der Rede "Vom edlen Menschen" … Von dem edlen Menschen
Unser
Herr sagt im Evangelium: Ein edler Mensch zog aus in ein fernes Land, sich
ein Reich zu gewinnen und kam wieder. Unser Herr lehrt uns in diesen Worten,
wie edel der Mensch von Natur beschaffen ist, und wie göttlich das ist, wozu
er durch Gnade gelangt. Auch wird in diesen Worten ein großer Teil der
heiligen Schrift berührt. Man
soll zum ersten wissen und es ist auch geoffenbart, daß der Mensch in sich
hat zweier Art Naturen: Leib und Geist. Darum sagt eine Schrift: wer sich
selber erkennt, der erkennt aller Kreaturen, denn alle Kreaturen sind
entweder Leib oder Geist. Vom menschlichen besagt die Schrift, daß in uns ist
ein Mensch äußerlicher und ein anderer Mensch innerlicher Art. Zum äußern
Menschen gehört alles, was der Seele nur anhaftet, ergriffen und vermischt
mit dem Fleische, und eine gewöhnliche Verrichtung hat in einem jeglichen
Gliede leibhaftig, wie das Auge, das Ohr, die Zunge, die Hand und
dergleichen. Das alles nennt die Schrift den alten Menschen, den irdischen
Menschen, den äußeren Menschen, den feindlichen Menschen, einen dienstbaren
Menschen. Der
andre Mensch, der in uns ist, das ist der innere Mensch, den heißt die
Schrift einen neuen Menschen, einen himmlischen Menschen, einen jungen
Menschen, einen Freund, einen edlen Menschen. Und hierzu sagt unser Herr, daß
ein edler Mensch ausfuhr in ein fernes Land und gewann sich ein Reich und kam
wieder. Auch muß man noch wissen, daß Sankt Jeronimus und auch die Meister
übereinstimmend bezeugen, daß ein jeglicher Mensch dadurch, daß er ein Mensch
ist, einen guten Geist hat, einen Engel, und einen bösen Geist, einen Teufel.
Der gute Engel rät und erstrebt ohne Unterlaß, was gut ist, was göttlich ist,
was Tugend und himmlisch und ewig ist. Der böse Geist rät und erstrebt dem
Menschen allezeit, was zeitlich und vergänglich ist, was Untugend ist, böse
und teuflisch. Derselbe böse Geist hat nur immer sein liebkosen mit dem
äußeren Menschen und durch ihn gelangt er heimlich allezeit zu dem inneren
Menschen, gerade wie auch die Schlange ihr Liebkosen hatte mit der Frau Eva
und durch sie mit dem Mann Adam. Der innere Mensch ist Adam, der Mann in der Seele.
Das ist der gute Baum, der ohne Unterlaß gute Frucht bricht, von dem unser
Herr spricht. Es ist der Acker, darein Gott sein Bild und sein Gleichnis
gesät hat und den guten Samen sät, die Wurzel aller Weisheit, aller Kunst,
aller Tugend, aller Güte, Samen göttlicher Natur. Dieser Same ist Gottes
Sohn, Gottes Wort. Der
äußere Mensch ist feindlich und der böse hat das Unkraut darauf gesät und
geworfen. Von diesem Menschen sagt Sankt Paulus: Ich finde in mir, was mich
hindert und zuwider ist dem, was Gott gebeut und rät und was Gott hat geboten
und gesprochen und noch spricht in dem Höchsten, im Grunde meiner Seele. Und
anderswo sagt er und klagt: O weh mir Unseligem Menschen! wer erlöst mich von
dem Leib meines tödlichen Fleisches? Und wieder anderswo, daß des Menschen
Geist und Fleisch allezeit wider einander streiten. Das Fleisch rät Untugend
und Bosheit, der göttliche Geist rät Liebe Gottes, Friede, Freude und alle
Tugend. Wer da folgt und lebt nach dem Geiste, nach seinem Rat, der gehört
dem ewigen leben. Wer dem Fleische folgt, der stirbt. Der innere Mensch ist
der, von dem unser Herr sagt, daß ein edler Mensch auszog in ein fernes Land,
und ist der gute Baum, von dem Gott sagt, daß er allezeit gute Frucht bringt
und nimmer böse, denn er will Güte und neigt zur Güte, zur Güte, die in sich
selber schwebt unberührt von diesem und von jenem. Der äußere Mensch ist der
böse Baum, der nimmer gute Frucht bringen kann. Vom
Adel des inneren Menschen, des Geistes und vom Unadel des äußeren Menschen,
des Fleisches, sprechen auch die heidnischen Meister Tullius und Seneca, daß
keine rechtschaffene Seele ist ohne Gott. Der Same Gottes ist in uns; hätte
er einen guten Anleiter und fleißigen Arbeiter, so nähme er desto besser zu
und wüchse auf zu Gott, des Same er ist, und die Frucht würde gleichermaßen
eine Gottesnatur. Birnbaums
Same wächst zum Birnbaum und Nußbaums Same zum Nußbaum: Same Gottes in Gott
zu Gott. Geschieht es aber, daß der gute Same einen törichten und bösen
Anleiter hat, so wächst Unkraut dazwischen und bedeckt und verdrängt den
guten Samen, daß er nicht hervorleuchtet noch sich auswachsen kann. Doch sagt
Origenes, ein großer Meister: Da nun Gott selber diesen Samen eingesät und
eingedrückt und eingeboren hat, so kann er wohl bedeckt werden und verborgen,
aber niemals vertilgt noch in sich verlöscht: er glüht und glänzt, leuchtet
und brennt und wendet sich ohne Unterlaß zu Gott. Der erste Grad des inneren, neuen Menschen, sagt Sankt Augustinus, ist,
daß der Mensch lebt nach dem Bilde guter und heiliger Leute, aber noch an
Stühlen geht und sich hält an den Wänden und labt sich noch mit der Milch. Der zweite Grad ist, daß er nunmehr nicht allein auf die äußeren Bilder
sieht, auch guter Leute, sondern er läuft und eilt zu guter Lehre, zum rate
Gottes und göttlicher Weisheit und kehrt den Rücken der Menschheit zu und das
Antlitz Gott und kriecht der Mutter aus dem Schoß und lacht den himmlischen
Vater an. Der Dritte Grad ist, daß der Mensch mehr und mehr sich der Mutter entzieht
und ihrem Schoß ferner und ferner wird und entflieht der Sorge und abwirft
die Furcht, wie wenn er könnte ohne Ärgernis allen Leuten Übel und Unrecht
tun: es gelüstete ihn doch nicht, denn er ist durch Gottes Liebe so gebunden
und Gott angetraut in wahrem Eifer, daß er ihn gesetzt hat und geführt in
Freude und Seligkeit und Süßigkeit, wo ihm alles zuwider ist, was Gott
ungemäß und fremd ist und ungeziemend. Der vierte Grad ist, daß er mehr und mehr zunimmt und verwurzelt wird in
der Liebe, in Gott, daß er allezeit bereit ist, hinzunehmen alle Anfechtung,
Versuchung, Widrigkeit und Leid willig und gern, begierig und fröhlich. Der fünfte Grad ist, daß der allenthalben mit sich selbst in Frieden lebt,
still ruhend in Fülle und Genuß der obersten unaussprechlichen Weisheit. Der sechste Grad ist, daß der Mensch entbildet ist und überbildet von
Gottes Ewigkeit und gekommen ist in ganze Vollkommenheit und vergessen hat
alle Vergänglichkeit und zeitliches Leben und emporgezogen ist und
hinübergefahren in göttliche Gestalt, ein Kind Gottes geworden ist. Darüber
hinaus, noch höher gibt es keinen Grad, dort ist ewige Ruhe und Seligkeit.
Denn das Ziel des inneren neuen Menschen ist ewiges Leben. Von
diesem inneren edlen Menschen, dahinein Gottes Bild, Gottes Same gedrückt und
gesät ist — wie der Same und das Bild göttlicher Natur und göttlichen Wesens
und Gottes Sohn erscheine und man sein gewahr werde und wie er auch zuweilen
verborgen werde, davon sagt der große Meister Origenes ein Gleichnis: Gottes
Sohn, Gottes Bild sei in der Seele Grund als ein lebender Brunnen. Wer aber
Erde, das ist irdische Begierde, darauf wirft, der trübt und bedeckt ihn, so
daß man ihn nicht gewahr wird noch erkennt. Jedoch bleibt er in sich selber
lebend, und wenn man die Erde, die von Außen darauf geworfen ist, abnimmt, so
erscheint er, und man wird seiner gewahr. Er sagt, diese Wahrheit sein
ausgedrückt im ersten Buche Mose, wo geschrieben steht, daß Abraham in seinem
Acker lebende Brunnen gegraben hatte und übeltätige Leute füllten die Brunnen
mit Erde, und darnach, als die Erde herausgeworfen ward, da erschienen die
Brunnen lebend. Noch
ein andrer Gleichnis paßt hierzu: Die Sonne scheint ohne Unterlaß, doch wenn
eine Wolke oder ein Nebel zwischen uns und der Sonne ist, so werden wir des
Scheines nicht gewahr. Und gar wenn das Auge Krank ist und siech in sich
selber, so ist ihm der Schein unbekannt. Auch habe ich zuweilen ein
deutliches Gleichnis gesagt: Wenn ein Meister Bilder macht von Holz oder von
Stein, so Trägt er nicht das Bild in das Holz hinein, sondern schneidet die
Späne ab, die das Bild verborgen und bedeckt hatten. Er gibt dem Holze
nichts, er nimmt ihm und gräbt heraus die Verdeckung und nimmt hinweg, was
sich angesetzt hat, und hierauf erglänzt, was darunter verborgen war. Dies
ist der Schatz, der verborgen liegt im Acker, wie unser Herr sagt im
Evangelium. Sankt
Augustinus sagt: Wenn des Menschen Seele sich gänzlich empor wendet in die
Ewigkeit, in Gott allein, so scheint und leuchtet das Bild Gottes; wenn aber
die Seele sich auswärts kehrt, sei es auch zu äußerlicher Tugendübung, so
wird das Bild sogleich verdeckt. Dem gleich es auch, daß die Frauen das Haupt
bedeckt haben und die Männer haben es bloß nach Sankt Paulus Lehre; alles was
sich in der Seele niederwärts wendet, das strebt nach dem gleichen, darein es
sich neigt: eine Deckung, ein "Kopftuch"; was sich aber aufwärts
hebt in der Seele, das ist bloßes Bild Gottes und Geburt Gottes, unbedeckt
bloß in entblößter Seele, in dem edlen Menschen. So wird Gottes Bild, Gottes
Sohn, der Same göttlicher Natur in uns nimmer vertilgt, ob er schon verdeckt
werde. David sagt im Psalter: Obschon in den Menschen mancherlei Nichtigkeit
durch Leid und Jammer Falle, dennoch bleibt er im Bilde Gottes und das Bild
in ihm. Das wahre Licht leuchtet in die Finsternis, allein man wird seiner
nicht gewahr. Im
Buch der Liebe heißt es: beachtet nicht, daß ich braun bin, ich bin dabei
doch wohlgestalt und schön, die Sonne hat mich nur verfärbt. Die Sonne ist
das Licht dieser Welt. Dies soll heißen, daß auch das Höchste und das Beste,
das geschaffen und gemacht ist, das Bild Gottes in uns noch verdeckt und
verfärbt. Salomon sagt: Nehmt ab den Rost vom Silber, so leuchtet und glänzt
das allerlauterste Gefäß, das Bild Gottes in der Seele. Und
das ist, was unser Herr meint mit diesen Worten, wenn er sagt, daß ein edler
Mensch auszog. Denn der Mensch muß aus allen Bildern und aus sich selber
herausgehen und dem allen ganz fern und ungleich werden, wenn er den Sohn
aufnehmen will und soll und Sohn werden indes Vaters Schoß und Herzen. Alle Vermittlung
ist Gott fremd. Gott
sagt: Ich bin der erste und der letzte. Unterschied gibt es weder in der
Natur Gottes noch in den Personen, denn von Natur sind sie einig. Die
göttliche Natur ist eins und jegliche Person ist auch eins und ist dasselbe
eine, das die Natur ist. Unterschiede im Sein und in Wesenheit gelten als
ausgeglichen und sind es. Nur wo es nicht innen ist, da erfährt und hat und
bewirkt es Unterschiede. Und darum: in dem Einen findet man Gott, und Eins
muß der werden, der Gott finden soll. Unser Herr sagt: Ein Mensch ging aus.
Im Unterschiedlichen findet man weder das Eine, noch das Sein, noch Gott,
noch Rast, noch Seligkeit, noch Genüge. Sei Eins, daß du Gott kannst finden!
Und wahrlich, wärest du recht Eins, so bliebest du auch Eins im Unterschiedenen
und Unterschied würde dir Eins und könnte dich nimmermehr hindern. Eins
bleibt gleicherweise Eins in tausend mal tausend Steinen wie in vier Steinen,
und tausend mal tausend ist ebenso wahrhaft eine simple Zahl wie vier. Ein
heidnischer Meister sagt, daß das Eine geboren ist aus dem obersten Gott.
Seine Eigenschaft ist Sein, eins mit dem Einen. Wer es sucht unterhalb
Gottes, der betrügt sich selber. Derselbe heidnische Meister sagt zum
vierten, daß dies eine mit nichts eigentliche Freundschaft hat, als mit
Jungfräulichem, Magdlichem, wie Sankt Paulus sagt:
ich hab euch keusche Jungfrauen angetraut dem Einen. Und ebenso soll der
Mensch mit vereint sein dem Einen, das Gott ist allein. Denn
so spricht unser Herr: Ein Mensch ging aus. Mensch im eigentlichen Sinn des
Wortes nach dem lateinischen, das bedeutet einerseits den, der sich ganz
unter Gott neigt und alles, was er ist und was sein ist, und empor auf Gott
schaut, nicht auf das Seine, das er hinter sich, unter sich und bei sich
weiß; das ist vollkommene und eigentliche Demut. Den Namen hat er von der
Erde, davon will ich nun nicht mehr sprechen. Ferner bedeutet das Wort Mensch
etwas, das über der Natur steht, über der Zeit und über all dem, das zur Zeit
hinneigt oder was nach Zeit schmeckt, noch Raum oder Leibhaftigkeit. Noch
höher hinauf hat der Mensch mit dem nichts, keine Gemeinschaft irgend welcher
Art mehr, und das heißt, daß er nicht nach diesem oder dem gebildet und
geschaffen ist und nichts wisse vom Nichts, daß man vom Nichts in ihm gar nichts
finde und das Nichts so ganz von ihm genommen sei, daß man allein bei ihm
finde: bloßes Wesen, Wahrheit und Güte. Und wer so beschaffen ist, der ist
ein edler Mensch. — Noch gibt es eine andre Art, darzutun, was unser Herr
einen edlen Menschen heißt: Man
muß nämlich wissen, daß wer Gott hüllenlos erkennt, mit ihm zugleich auch die
Kreatur erkennt. Denn Erkenntnis ist ein Licht der Seele und alle Menschen
begehren von Natur Erkenntnis, und besser Ding gibt es ja auch nicht.
Erkenntnis ist ein Gut. Nun sagen die Meister: Wenn man die Kreaturen in sich
selber erkennt, das ist eine "Abenderkenntnis", da sieht man die
Kreaturen in Bildern mannigfach unterschieden. So man aber die Kreaturen in
Gott erkennt, das ist eine "Morgenerkenntnis", da schaut man die
Kreaturen ohne alle Scheidung, allen Bildern entbildet, aller Gleichheit
entglichen in dem einen, das Gott selber ist. Auch dies ist der edle Mensch,
von dem unser Herr sagt: ein edler Mensch ging aus. Edel deshalb, weil er
eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt. — Noch in einem andern Sinn
will ich sagen, was ein edler Mensch ist. Ich sage: Wenn
der Mensch, die Seele und der Geist, Gott schaut, so weiß und erkennt er sich
auch erkennend, das heißt, er erkennt, daß er schaut und Gott erkennt. Nun dünkt
es einige Leute und scheint auch ganz glaublich, daß die Blume und der Kern
der Seligkeit in der Erkenntnis liege, wenn der Geist erkennt, daß er Gott
erkennt. Denn wenn ich alle Wonne hätte und wüßte es nicht, was hälfe mir das
und was für Wonne wäre mir das? Dies möchte ich freilich nicht mit völliger
Gewißheit behaupten. Mag es wahr sein, daß die Seele ohne das nicht selig
wäre, so beruht doch ihre Seligkeit nicht darauf; denn das erste, wovon die
Seligkeit abhängt, ist, daß die Seele Gott schaut Hüllenlos: dann nimmt sie
all ihr Wesen und ihr Leben und schöpft alles, was sie ist, aus dem Grunde
Gottes und weiß nichts vom Wissen noch von Liebe noch von irgend etwas
anderem. Sie wird stille ganz und allein in dem Wesen Gottes, sie weiß nichts
als Wesen und Gott. Wenn sie aber weiß und erkennt, daß sie Gott schaut und
liebet und erkennt, das ist ein hinausschlagen und zurückfallen in die erste,
die natürliche Ordnung. Denn niemand erkennt sich als weiß, der nicht weiß
ist. Darum wer sich weiß erkennt, der
baut und richtet auf über dem Weiß Sein
und gewinnt sein Erkennen nicht unmittelbar; er muß schon von der Farbe
Wissen und Sein erkennen und Wissen von dem Ding nehmen, das eben weiß ist;
er schöpft Erkennen nicht aus der Farbe an sich selbst allein, sondern vom
Farbigen oder Weißen; so erkennt er sich als weiß. Sich weiß erkennen ist
viel weniger und äußerlicher als weiß sein. Ein anderes ist die Wand und
wieder wein anderes das Fundament, worauf die Wand gebaut ist. Die
Meister sagen, es sei eine andere Kraft, durch die das Auge sieht, und eine
andere Kraft, durch die es erkennt, daß es sieht. Das erste, das Sehen
selbst, nimmt es durchaus von der Farbe, nicht vom Ding, das farbig ist.
Hierbei ist es außer acht gelassen, ob dieses farbige ein Stein oder ein Holz
sei, ein Mensch oder ein Engel; darauf nur, daß es Farbe hat, beruht all sein
wesen. So
sag ich: der edle Mensch nimmt und schöpft all sein Wesen, Leben und
Seligkeit aus Gott, bei Gott und in Gott ganz allein, nicht aus dem Gott
erkennen, schauen oder lieben oder was dergleichen ist. Und darum sagt unser
Herr sehr schön: das sei ewig Leben, Gott allein zu erkennen als einen wahren
Gott, nicht: erkennen, daß man Gott erkennt. Wie sollte der Mensch sich
erkennen als Gott erkennenden, der sich selber nicht erkennt! Denn
sicherlich, der Mensch erkennt sich selber und alle anderen Dinge nicht, er
erkennt nur Gott, indem er selig wird und selig ist in der Wurzel und im
Grunde der Seligkeit. Wenn aber die Seele erkennt,
daß sie Gott erkennt, so erkennt sie Gott und sich. Nun ist es, wie ich schon
sagte, eine andere Kraft, durch die der Mensch sieht, und eine andere Kraft,
durch die er weiß und erkennt, daß er sieht. Wahr ist es, daß jetzt, hier, in
uns die Kraft edler und höher ist, durch die wir wissen und erkennen, daß wir
sehen, als die Kraft, durch die wir sehen; denn die Natur beginnt ihre Arbeit
mit dem Schwächsten; aber Gott beginnt seine Arbeit mit dem Kräftigsten und
Vollkommensten. Natur macht den Mann aus dem Kinde und das Huhn aus dem Ei,
aber Gott macht den Mann vor dem Kinde und das Huhn vor dem Ei. Natur macht
das Holz zuerst warm und heiß und dann schafft sie das Wesen des Feuers. Aber
Gott gibt zuerst das Wesen aller Kreatur und darnach in der Zeit und doch
ohne Zeit, was zur Zeit gehört. Gott gibt auch den Heiligen Geist eher als
die Gaben des Heiligen Geistes. Und ebenso sagt ich, daß es Seligkeit nicht
gibt, ohne daß der Mensch erkenne und wohl wisse, daß er Gott schaut und
erkennt; dennoch wollte Gott nicht, daß meine Seligkeit davon abhänge! Wem es
anders gefällt, der mache das mit sich aus; aber er tut mir Leid. Hitze des
Feuers und Wesen des Feuers sind gar ungleich und erstaunlich fern von
einander in der Natur, obwohl sie gar nahe sind in der Zeit und im Raum. Gottes
Schauen und mein Schauen sind einander sehr fern und ungleich. Darum sagt
unser Herr so schön, daß ein edler Mensch ausfuhr in ein fernes Land, sich
ein Reich zu gewinnen, und zurückkehrte. Denn der Mensch muß in sich selber
eins sein und muß suchen in sich selber und im Einen und empfangen im einen:
das heißt nichts anderes als Gott schauen. Und das zurückkehren, das ist das
Wissen und erkennen, daß man Gott erkennt und weiß. Alles Gesagte hat schon
zuvor gesagt der Prophet Ezechiel, wenn er sagt, daß ein mächtiger Adler mit
großen Flügeln, mit langen Gliedern voll mancherlei Federn, kam zu dem
lautern Berge und nahm das Mark oder den Kern des höchsten Baumes und riß ab
das oberste Laubwerk und brachte es herab. Was unser Herr einen edlen
Menschen heißet, das nennt der Prophet einen großen Adler. Wer
ist edler, als wer zur Hälfte geboren ist aus dem höchsten und Besten, was
Kreatur vermag und zur andern Hälfte aus dem innigsten Grunde göttlicher
Natur und Einsamkeit? Unser Herr sagt beim Propheten Hosea: Ich will die
edlen Seelen führen in eine Einöde und will da sprechen in ihre Herzen, eines
mit dem Einen, eins vom Einen, eins im Einen und im Einen das Eine ewiglich. Darin erschien die Liebe Gottes bei
uns, daß Gott
seinen eingeborenen Sohn in die
Welt sandte,
damit wir leben durch ihn.
Darin
ist uns erzeigt und erschienen Gottes Liebe zu uns, daß er seinen
eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir leben mit dem Sohne
und in dem Sohne und durch den Sohn. Wäre wo ein reicher König, der eine
schöne Tochter hätte und sie eines armen Sohne gäbe, — alle die zu dem
Geschlechte gehörten würden dadurch erhöht und geadelt. Ebenso sagt ein
Meister: "Gott ist Mensch geworden; dadurch ist erhöht und geadelt alles
menschliche Geschlecht und wir können uns des wohl freuen, daß Christus,
unser Bruder, ist aufgefahren aus eigener Kraft über alle Chöre der Engel und
sitzet zur Rechten Hand des Vaters." Dieser Meister hat wohl gesprochen;
aber wahrlich, ich gebe nicht viel darauf! Was hälfe es mir, hätte ich einen
Bruder, der ein reicher Mann wäre, — und ich wäre dabei ein armer? Was hälfe
mir, hätte ich einen Bruder, der ein weiser Mann wäre, und ich wäre dabei ein Tor? Ich sage etwas
anderes und näherliegendes: Gott ist nicht bloß Mensch geworden, er hat auch
menschliche Natur angenommen. Die
Meister sagen allgemein, daß alle Menschen ihrer Natur nach gleich edel
seien, und ich sage: wahrlich, all das Gut, das alle Heiligen besessen haben
und Maria, Gottes Mutter und Christus durch sein Menschtum, — das ist mein
eigen in dieser Natur. — Nun könntet ihr mich fragen: Wenn ich in dieser
Natur alles das habe, was Christus durch sein Menschtum zu leisten vermag,
wie kommt es dann, daß wir Christus erhöhen und verehren als unsern Herrn und
unsern Gott? — Das kommt daher, daß er ein Bote von Gott zu uns gewesen ist
und hat uns zugetragen unsre Seligkeit: ja, die Seligkeit, die er uns zutrug,
die war unser. Wo der Vater seinen Sohn gebiert im innersten Grunde, da hält
diese Natur ihren Einzug. Diese Natur ist einig und einfach. Ich
sage ein Weiteres, ein Schweres: wer in der unmittelbaren Nacktheit dieser
Natur bestehen will, der muß sich aller Personen entschlagen haben, so daß er
dem Menschen der Jenseits des Meeres ist, den er nie mit Augen sah,
ebensoviel Gutes gönne wie dem Menschen, der bei ihm und sein trauter Freund
ist. Solange du deiner Person mehr gutes gönnst als dem Menschen den du nie
gesehen, so gehst du gänzlich irre, auch schautest du nie auch nur einen
Augenblick in jenen einfaltigen Grund. Du magst wohl in einem abgezogenen
Bilde die Wahrheit wie in einem Gleichnisse gesehen haben, aber das Beste
blieb dir verhüllt. — Zweitens mußt du reines Herzens sein, und rein ist das
Herz allein, in dem alle Erschaffenheit vernichtet ward. — Zum dritten sollst
du ledig sein des "Nicht". Eine Frage ist: was in der Hölle brenne?
Die Meister sagen allgemein: das tut der Eigenwille. Aber ich sage bestimmt:
das "Nicht" brennt in der Hölle. Ein Gleichnis! Man nehme eine
brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Sagte ich, daß die Kohle meine
Hand brennt, so täte ich ihr sehr unrecht. Soll ich aber sagen, was
eigentlich mich brenne: das "Nicht" tut es, denn die Kohle hat
etwas in sich, was meine Hand nicht hat. Und seht: eben dieses
"Nicht" brennt mich. Hätte aber meine Hand all das in sich, was die
Kohle ist und leisten kann, so hätte sie durchaus Feuers Natur. Nähme dann
einer all das Feuer, das je brannte, und schüttete es auf meine Hand, das
könnte mich nicht peinigen. Gleichweise sage ich: weil Gott und alle, die vor
dem Angesicht Gottes in wahrer Seligkeit sind, etwas in sich haben, was die
nicht haben die von Gott getrennt sind, — dieses "Nicht" peinigt
die Seelen, die in der Hölle sind, mehr als Eigenwille oder irgendwelches
Feuer. Ich sage: wahrlich, soviel "Nicht" dir anhaftet, ebenso
unvollkommen bist du. Darum: wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr des
"Nicht" ledig sein. Ferner
besagt das Wörtlein, das ich vorgelegt habe: "Gott hat seinen
eingeborenen Sohn gesandt in die Welt." Das sollt ihr nicht für die
auswendige Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank, ihr sollt es
verstehen für die innere Welt. So wahr der Vater mit seiner einigen Natur
seinen Sohn natürlich gebiert, so gewiß gebiert er ihn in des Geistes
innerlichstes, und das ist die "innere Welt". Hier ist Gottes Grund
mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie
Gott lebt aus seinem Eignen. Wer in diesen Grund je schaute einen Augenblick,
dem Menschen sind tausend Mark roten geschlagenen Goldes wie ein falscher
Heller. Aus diesem innersten Grund heraus sollst du wirken alle deine Werke,
ohne zu fragen warum. Ich sage bestimmt: solange du deine Werke wirkst ums
Himmelreich oder um Gott oder um deine ewige Seligkeit von außen her, so
gehst du gänzlich irre; man kann dich wohl ertragen, doch das Beste bleibt
dir versagt. Denn wahrlich, wer Gott mehr zu gewinnen wähnt durch
"Innerlichkeit" durch "Andacht", durch Süßigkeit und in
abgesonderter Vereinigung als beim Feuer oder im Stalle, der tut nicht
anders, als wenn er Gott nähme und wickelte ihm einen Mantel um das Haupt und
steckte ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in besonderer Form sucht, der
empfängt die Form und verliert Gott, der in der Form verborgen ist. Aber wer
Gott sucht fern von besonderer Form, der empfängt ihn, wie er in sich selber
ist, und der Mensch "lebt mit dem Sohne" und ist selber das Leben.
Wenn einer das Leben fragte tausend Jahre lang: warum lebest du? Sollte es
antworten, es spräche nichts anderes als: ich lebe darum, daß ich lebe! Das
kommt daher: weil Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und quillt aus seinem
eigenen Grunde, darum lebt es ohne "Warum?", indem es sich selber
lebt. Wenn nun einer einen wahrhaften Menschen fragte, der da wirkt aus
seinem eignen Grund heraus: warum wirkest du deine Werke? — sollte er recht
antworten, er spräche nichts anderes als: ich wirke darum, daß ich wirke. Wo
die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nicht mehr von
dir als, daß du aus dir selbst herausgehst, aus der kreatürlichen Art, und
lasse Gott Gott sein in dir. Das kleinste
kreatürliche Bild, das sich je in dir bildet, ist so groß wie Gott. Wieso? Es
hält dich ab von einem ganzen Gott. Denn gerade wo dieses Bild einzieht, da
muß Gott weichen und alle seine Gottheit. Wo dies Bild aber entweicht, da
zieht Gott ein. Gott begehrt so sehr danach, daß du aus dir selbst, deiner
kreatürlichen Art herausgehst, als ob all seine Seligkeit daran hinge. Ei
lieber Mensch, was schadet dirs, wenn du Gott
gönnest, daß er Gott sei in dir? Geh aus dir selbst heraus ganz und gar um
Gottes Willen, so geht Gott ganz und gar aus dem seinen heraus um
deinetwillen. Wo zweie so aus sich herausgehen, — was da bleibt, das ist ein
einiges Einssein. In dieser Einung gebiert der Vater seinen Sohn in dem
innersten Quell. Da blühet auf der heilige Geist und da entspringt in Gott
ein Wille, der gehört der Seele an. Und solange der Wille unberührt steht von
allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit, ist der Wille frei. Christus
sagt: "Niemand kommt zum Himmel als wer vom Himmel gekommen ist." Alle
Dinge sind erschaffen aus nichts,
darum ist ihr rechter Ursprung das Nichts. Sobald sich dieser edle Wille den
Kreaturen zuneigt, so verfließt er mit den Kreaturen in ihr Nichts. Nun
besteht die Frage, ob dieser Wille so verfließe, daß er nimmer zurückkommen
könnte. — Die Meister sagen allgemein, daß er nimmer zurückkomme, soweit er
mit dem Zeitlichen verflossen ist. Aber ich sage: Wenn sich dieser Wille von
sich selber abwendet und von aller Erschaffenheit einen Augenblick wieder in
seinen Ursprung, dann steht der Wille in seiner rechten freien Art und ist
frei, und in diesem Augenblicke wird alle verlorene Zeit wiedergebracht. Die
Leute sagen oft zu Mir: Bittet für mich! — Dann denke ich: warum geht ihr
aus? Warum bleibt ihr nicht bei euch selber und greift in eurer eigen Gut?
Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch! — Daß wir so wahrhaft in Ihm
bleiben müssen und alle Wahrheit besitzen unmittelbar und ohne Unterschied in
wirklicher Seligkeit, dazu helft uns Gott!
Amen. Ihr sollt wissen, daß das Reich
Gottes nahe ist.
Unser
lieber Herr sagt, daß das Reich Gottes ganz nahe bei uns ist. Ja, das Reich
Gottes ist in uns, und der heilige Paulus sagt, daß unser Heil näher bei uns
ist als wir glauben. Und nun sollt ihr wissen, wie das Reich Gottes uns nahe
ist. Mit Fleiß müssen wir auf den Sinn dieses Wortes merken. Denn wäre ich
ein König und wüßte es nicht, so wäre ich kein König. Aber hätte ich den
festen Glauben, daß ich ein König wäre, und meinten und glauben dies alle
Menschen mit mir und ich wüßte bestimmt, daß alle Menschen das meinten und
glaubten, so wäre ich ein König und all der Reichtum des Königs wäre mein.
Wenn mir aber eines der drei Dinge gebräche, so könnte ich kein König sein.
Ebenso hängt auch unsere Seligkeit daran, daß man erkenne und wisse das
höchste Gut, das Gott selber ist. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die
ganz und gar empfänglich ist für Gott. Ich bin des so gewiß wie, daß ich
lebe: daß mir kein Ding so nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher als ich mir
selber bin, mein Sein hängt daran, daß Gott mir nah und gegenwärtig sei.
Ebenso ist er’s auch einem Stein und einem Holze, aber sie wissen's nicht.
Wüßte das Holz und erkännte, wie nahe er ihm ist,
so wie der höchste Engel das erkennt, — das Holz wäre so selig wie der höchste
Engel. Und darum ist der Mensch seliger den ein Holz, weil er Gott erkennt
und weiß, wie nah ihm Gott ist. Und ebenso viel mehr ist er selig, wie er es
mehr erkennt, und ebenso viel minder ist er selig, wie er es minder erkennt.
Nicht davon ist er selig, daß Gott in ihm ist und ihm so nahe ist und daß er
Gott hat; aber davon daß er Gott erkennt und daß er ein Gott wissender und
liebender ist; und der soll erkennen, daß Gottes Reich nahe ist. Wenn
ich nachdenke über Gottes Reich, das macht mich oft verstummen seiner
Großheit wegen; denn Gottes Reich das ist Gott selber mit all seinem
Reichtum. Gottes Reich ist kein kleines Ding: wenn einer alle Welten
bedächte, die Gott zu machen vermöchte, das ist Gottes Reich nicht. In
welcher Seele aber Gottes Reich erscheint und die Gottes Reich erkennt, der
braucht man nicht zu predigen noch lehren: sie wird davon gelehrt und
versichert des ewigen Lebens. Wer weiß und erkennt, wie nah ihm Gottes Reich
ist, der kann mit Jakob sagen: „Gott ist an dieser Stätte, und ich wußte es
nicht.“ Gott
ist uns in allen Geschöpfen gleich nahe. Der weise Mann sagt: „Gott hat seine
Netze und Stricke über alle Geschöpfe ausgespreitet, so daß man ihn in einem
jeglichen finden kann und erkennen, wenn man es wahrnehmen will.“ Ein Meister
sagt: der erkennt Gott recht, der ihn in allen Dingen gleich erkennt. Und
Gott mit Furcht dienen, das ist gut, ihm aus Liebe dienen das ist besser,
aber die Liebe zur Furcht hinzunehmen können ist das Allerbeste. Wenn ein
Mensch ein ruhiges rastendes Leben in Gott hat, das ist gut; wenn der Mensch
peinvolles Leben hat in Geduld, das ist besser; aber daß man gar Rast habe in
peinvollem Leben, das ist das Allerbeste. Ein Mensch gehe auf dem Felde und
spreche sein Gebet und erkenne Gott, oder er sei in der Kirche und erkenne
Gott: erkenne er Gott hier mehr darum, weil er an einer rastlichen Stätte
ist, so kommt es von seiner Gebrechlichkeit und nicht Gottes wegen; denn Gott
ist gleich in allen Dingen und an allen Orten und ist bereit sich
gleicherweise zu geben, soweit es an ihm liegt, und nur der erkennte Gott
wahrhaft, der ihn allenthalben gleich erkannte. Der
heilige Bernhard sagt: Warum erkennt mein Auge den Himmel und meine Füße
nicht? Das kommt daher, daß mein Auge dem Himmel verwandter ist als meine
Füße. Soll meine Seele nun Gott erkennen, so muß sie Himmelreich sein*). Was
bringt nun die Seele dazu, daß sie Gott in sich erkenne und wisse, wie nahe
ihr Gott ist? Nun merket. Der Himmel kann keinen fremden Eindruck empfangen,
ihm kann keine Not und Pein eingedrückt werden, die ihn entsetze. Ebenso muß
die Seele gefestigt und bestätigt sein in Gott, die Gott erkennen soll, daß
sich nichts in sie drücken könne, weder Hoffnung noch Furcht, weder Freude
noch Jammer, weder Lust noch Leid noch irgend, was sie entsetzen könnte. [*)
Vergleiche Goethe: Wär' nicht Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt es nie
erblicken. Läg' nicht in uns des
Gottes eigne Kraft, Wie könnt uns göttliches
entzücken?] Der
Himmel ist auch an allen Orten gleich fern von der Erde. Geradeso soll auch
die Seele gleich fern sein von allen irdischen Dingen, so daß sie dem einen
nicht näher sei als dem andern, und soll sich gleich verhalten in Lust in
Leid im Haben und Entbehren; was es auch sei, sie soll dazu gänzlich
gestorben, gelassen und hoch erhaben stehen. Der Himmel ist rein und klar und
ohne alle Flecke, denn Himmel rührt nicht Zeit noch Raum: Alle leiblichen
Dinge haben darin leinen Raum, und auch in der Zeit ist er nicht, sein Umlauf
ist unglaublich schnell, sein Lauf ist ohne Zeit, aber von seinem Laufe kommt
die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie die
Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke und Gott ist Eins. Darum, soll die
Seele Gott erkennen, so muß se ihn über der Zeit und Raum erkennen, Denn Gott
ist weder des noch das, wie diese mannigfaltigen Dinge: Gott ist Eins. Soll
die Seele Gott sehen, so muß sie auf kein Ding sehen in der Zeit. Denn
derweile die Seele Zeit oder Raum erkennt oder irgend dergleichen Bilder, so
vermag sie Gott nimmer zu erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so
muß es zuvor von aller Farbe geschieden sein. Soll die Seele Gott erkennen,
so darf sie mit dem Nichts keine Gemeinschaft haben: Wer Gott sieht, der
erkennt, daß alle Geschöpfe nichts sind. Wenn man ein Geschöpf gegen de
andern hält, so erscheint es schön und ist etwas, aber wenn man es gegen Gott
hält, so ist es nichts. Ich
sage ferner: soll die Seele Gott erkennen, so muß sie auch sich selber
vergessen und muß sich selber verlieren; denn solange sie sich selber sieht
und erkennt, sieht und erkennt sie Gott nicht. Wenn sie sich Gott wegen
verliert und alle Dinge verläßt, so findet sie sich wieder in Gott, sobald
sie Gott erkennt, und dann erkennt sie sich selber und alle Dinge, davon sie
sich geschieden hat, in Gott vollkommen. Soll ich das höchste Gut und die
ewige Güte erkennen, wahrlich, so muß ich sie erkennen, wo sie gut ist in
sich selber, nicht wo die Güte geteilt ist. Soll ich das wahre Wesen
erkennen, so muß ich es erkennen, wo das Wesen in sich selber ist, das ist in
Gott, nicht wo es geteilt ist, in Geschöpfen. In
Gott allein ist das göttliche Wesen. In einem Menschen ist nicht ganze
Menschheit, denn ein Mensch ist nicht alle Menschen. Aber in Gott erkennt die
Seele ganze Menschheit und alle Dinge auf das höchste, denn sie erkennt sie
nach dem Wesen. War ein Mensch in einem schön gemalten Hause, so weiß er viel
mehr davon als ein andrer, der nie hinein kam und viel davon sagen wollte.
Ebenso bin ich überzeugt, so wahr ich lebe und Gott lebt: soll die Seele Gott
erkennen, so muß sie ihn erkennen über der Zeit und dem Raum. Und eine solche
Seele erkennt Gott und weiß wie nahe Gottes Reich ist, das heißt Gott mit all
seinem Reichtume. Die Meister in der Schule haben viele Zweifel, wie das
möglich sei, daß die Seele Gott zu erkennen vermöge. Es kommt nicht von
Gottes Strenge, daß er viel fordert von Menschen: es kommt von seiner großen
Milde, daß er will, daß die Seele sich weiter mache auf daß sie viel
empfangen und er ihr viel geben könne. Niemand
soll denken, daß es schwer sei hierzu zu kommen, wiewohl es schwer klingt und
auch schwer ist im Anfang und bei dem Abscheiden und Sterben für alle Dinge.
Aber wenn man hineinkommt, so wird kein Leben leichter noch lustvoller noch
liebreicher sein; denn Gott ist gar eifrig, daß er allzeit bei dem Menschen
sei und ihn lehre, wie er ihn zu sich bringe, wenn anders er folgen will. Nie
begehrte ein Mensch irgendein Ding so sehr, wie Gott begehrt, daß er den
Menschen dazu bringe ihn zu erkennen. Gott ist allezeit bereit, aber wir sind
sehr unbereit, Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne, Gott ist innen,
wir sind außen, Gott ist heimisch, wir sind fremde. Der Prophet sagt: „Gott
führt die Gerechten durch einen engen Weg in die breite Straße, daß sie
kommen in die Weite und in die Breite, das ist in die wahre Freiheit des
Geistes, der Ein Geist mit Gott geworden ist.“ Daß wir ihm alle folgen, daß
er uns bringe in sich, dazu helf uns Gott.
Amen. Die Stunde kommt und ist jetzt, da
die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.
Dies
steht geschrieben in Sankt Johannes Evangelium, — aus langer Rede nur ein
Wörtlein. Unser Herr sagt: „Weib, die Zeit muß kommen und ist schon jetzt, da
die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit, und solche
suchet der Vater.“ Beachtet
das erste Wort, das er sagt: „Die Zeit muß kommen und ist schon jetzt.“ Wer
immer den Vater anbeten will, der muß sich mit seinem Begehren und mit seiner
Hoffnung ins Ewige begehen. Es gibt einen obersten Teil der Seele, der steht
über der Zeit und weiß nichts von der Zeit noch vom Leibe. Alles was je
geschah vor tausend Jahren, der Tag, der vor tausend Jahren war, der ist im
Ewigen nicht entfernter als diese Stunde, in der ich mich jetzt befinde, oder
der Tag der über tausend Jahre kommen soll, oder wieviel du nur zählen
kannst, er ist im Ewigen nicht entfernter als diese Stunde, darinnen ich
jetzt stehe. Nun
sagt er „daß die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der
Wahrheit.“ — Was ist die Wahrheit? Wahrheit ist so edel. — wäre es möglich,
daß Gott sich von der Wahrheit abwendete, ich wollte mich an die Wahrheit
heften und wollte Gott lassen; aber Gott ist die Wahrheit und alles was in
der Zeit ist, oder alles, was Gott je erschuf, das ist die Wahrheit noch nicht. Er
sagt: „die den Vater anbeten.“ Ach wieviel sind derer, die die Kreaturen
anbeten und sich damit belasten! Das sind gar törichte Leuchte. Sobald du
Gott anbetest um der Kreatur willen, so bittest du um deinen eigenen Schaden,
sofern die Kreatur Kreatur ist, trägt sie in sich Bitterkeit und
Schaden und Übel und Ungemach. Und darum geschieht den Leuten gar recht, die
dann Ungemach und Bitterkeit haben. Warum? Sie haben darum gebeten. Ich
habe gesagt: wer Gott sucht, um irgend etwas durch Gott zu suchen, der findet
Gott nicht. Wer aber Gott allein sucht „in der Wahrheit“, der findet nimmer
Gott allein; denn alles, was Gott bieten kann, das findet er mit Gott. Suchst
du Gott und suchst ihn um deines eigenen Nutzens oder um deiner eignen
Seligkeit Willen, so sucht du nicht in Wahrheit Gott. Darum sagt er, daß die
wahren Anbeter den Vater anbeten,
und er spricht gar gut. Ein guter Mensch, — wer zu dem spräche: „Warum suchst
du Gott?“ — dem erwiderte er: „Darum, weil er Gott ist.“ — „Warum suchst du
die Wahrheit?“ — Darum, weil sie Gerechtigkeit ist.“ Solche Leute sind auf
dem rechten Wege. Alle Dinge, die in der Zeit sind, haben ihr warum: Wer
einen Menschen fragte: „Warum ißest du?“ dem würde zur Antwort: „Darum, damit
ich Kraft habe.“ — „Warum schläfst du?“ — Aus demselben Grunde.“ Und so ist
mit allen Dingen, die in der Zeit sind. Aber ein guter Mensch, wer den
fragte: „Warum liebst du Gott?“ dem sagt er: „Ich weiß nicht. Um Gott.“ —
„Warum liebst du Wahrheit?“ — „Um Wahrheit.“ — „Warum liebst du Gerechtigkeit?“
— „Um Gerechtigkeit.“ — Warum liebst du Güte?“ — „Um Güte.“ — „Warum lebst
du.“ — „Traun, ich weiß nicht, — ich lebe gerne!“ Ein
Meister sagt: wer nur einmal berührt wird von der Wahrheit und von der
Gerechtigkeit und von der Güte, — und wenn alle Pein der Hölle damit
verbunden wäre, der Mensch könnte sich nimmer nur einen Augenblick davon
trennen. Er sagt noch mehr: wer immer der Mensch ist, der von diesen dreien
berührt wird, von der Wahrheit, von der Gerechtigkeit und von der Güte, — so
unmöglich es Gott ist, daß er sich von seiner Göttlichkeit trenne, so
unmöglich ist diesem Menschen, daß er sich von diesen dreien trenne. Jesus
sagt: „die den Vater Anbeten.“ Warum sagt er „den Vater“? Suchst du allein
Gott, — alles was er gewähren kann, findest du zugleich mit Gott. Es ist eine
gewisse Wahrheit und ist eine Notwahrheit und ist eine geschriebene Wahrheit,
und wäre es nicht geschrieben, so wäre es doch wahr, und hätte Gott mehr, er
könnte es dir nicht verbergen und müßte dir's offenbaren, und er gibt dir's,
und ich habe oft gesagt: er gibt dir's in Form der Geburt. Die
Meister sagen, die Seele habe zwei Antlitze: das obere Antlitz schauet
allezeit Gott und das untere Antlitz blickt ein wenig hernieder und belehrt
die Sinne. Das obere Antlitz, das ist das Höchste der Seele, das steht in der
Ewigkeit und hat nichts zu schaffen mit der Zeit und weiß nichts von der Zeit
und vom Leibe. Und oft hab ich gesagt, daß es in ihnen verborgen liegt als
ein Ursprung alles guten und als ein leuchtend Licht, das allezeit leuchtet,
und als ein brennender Brand, der allezeit brennt, und der Brand ist nichts
andres als der heilige Geist. Die
Meister sagen, daß aus dem obersten Teil der Seele zwei Kräfte fließen. Die
eine heißt Wille, die andre Vernunft. Die Vollkommenheit der Kräfte beruht
auf der obersten Kraft, der Vernunft; die kann nimmer ruhen. Sie will nicht
Gott, sofern er der heilige Geist ist und sofern er der Sohn ist, sie flieht
den Sohn. Sie will auch nicht Gott, sofern er Gott ist. Warum? — Da hat er
noch Namen! Und wären tausend Götter, sie bricht immer weiter hindurch, sie
will ihn dort, wo er keinen Namen mehr hat. Sie will etwas edleres, etwas
besseres als den Gott, der Namen hat. Was will sie denn? — Sie weiß: sie will
ihn, wo er der Vater ist. Darum sagt Sankt Philippus: „Herr zeigt uns den
Vater, das genügt uns.“ Sie will ihn, dafern er ein Mark ist, aus dem Güte
urspringt, sie will ihn, wo er ein Kern ist, von dem Güte ausfließt, sie will
ihn, wo er eine Wurzel ist, eine Ader, in der Güte urspringt, und dort allein
ist er Vater. Nun
sagt unser Herr: „Es erkennt niemand den Vater als der Sohn und den Sohn
niemand als der Vater.“ Sollen wir den Vater in der Wahrheit erkennen, so
müssen wir Sohn sein. — Ich habe manchmal drei Worte gesagt, die nehmt nun
als drei Gläser Muskat und trinkt sie! Zum ersten: wollen wir Sohn sein, so
müssen wir einen Vater haben, denn es kann niemand sagen, er sei Sohn, er
habe denn einen Vater, und niemand ist Vater, er habe denn einen Sohn. Ist
der Vater tot, so sagt der Sohn: Er war mein Vater. Ist der Sohn tot, so sagt
der Vater: er war mein Sohn. Denn des Sohnes Leben hängt am Vater und des
Vaters Leben am Sohn. Und der Mensch ist in Wahrheit Sohn, der alle seine
Werke aus Liebe wirkt. — Das andre, was den Menschen am meisten zum Sohn
macht, ist Gleichmut: ist er siech, daß er ebenso gern siech sei wie gesund
und gesund wie siech. Stirbt ihm sein Freund — in Gottes Namen; wird ihm ein
Auge ausgeschlagen — in Gottes Namen. Das Dritte, das ein Sohn haben soll
ist, daß er sein Haupt nirgend hinneigen kann als an den Vater. Ach, wie edel
ist die Kraft, die da steht über der Zeit, die da steht ohne Stätte! Denn
dadurch, daß sie über der Zeit steht, hält sie in sich alle Zeit umschlossen
und ist alle Zeit. Man halte ihn für noch so gering, — wer über der Zeit
steht, der ist gar sehr Reich geworden. Denn was jenseits des Meeres ist, das
ist solcher Kraft nicht entfernter, als was jetzt hier gegenwärtig ist. Und
von diesen sagt Er: „Solche suchet der Vater.“ Seht,
so liebkost uns Gott, so fleht uns Gott an. Er kann es nicht erwarten, bis
sich die Seele aus der Kreatur geschält und an Ihn geschmiegt hat. Und es ist
eine gewisse Wahrheit, daß es Gott Not tut, daß er uns suche, gerade als ob
alle seine Göttlichkeit daran hinge. Und das tut sie auch. Gott kann unser so
wenig entbehren wie wir seiner, und wäre es möglich, daß wir uns von Gott
abkehrten, so könnte sich Gott nimmer von uns abkehren. Ich
sage, daß ich Gott nicht bitten will, daß er mir gebe, ich will ihn auch
nicht loben für das, was er mir gegeben hat, sondern ich will ihn bitten, daß
er mich würdig mache zu empfangen, und will ihn loben, daß er von solcher
Natur und solchem Wesen ist, daß er geben muß. Wer das Gott nehmen wollte,
der nähme ihm sein eigen Wesen und sein eigen Leben. Daß
wir so in Wahrheit Sohn werden, dazu helfe uns die Wahrheit, von der ich
gesprochen habe. Amen. Jesus trat in eine Burg und ein
Weib empfing ihn.
„Intravit Jesus in quoddam castellum et mulier quaedam excepit illum.“ — Ich hab ein Wörtlein gesagt, vorerst auf
latein, das steht geschrieben in dem Evangelium und heißt zu deutsch: „Unser
Herr Jesus Christus ging auf eine Burg und ward empfangen von einer Jungfrau,
die ein Weib war.“ Ja,
beachtet dieses Wort aufmerksam: es muß notwendig so sein, daß sie eine
Jungfrau war, der Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau, das
bedeutet soviel wie ein Mensch, der ledig ist aller fremden Bilder, geradeso
ledig wie, als er noch nicht war. — Seht, nun könnte man fragen: der Mensch,
der geboren ist und vorwärts geschritten im vernünftigen Leben, — wie könnte
der aller Bilder so ledig sein wie, als er noch nicht war; denn er weiß doch
gar vieles, und das sind alles Bilder; wie kann er da ledig sein? — So hört
die Unterscheidung, ich will es euch erklären: Wäre
ich so vernünftig, daß alle Bilder vernunftmäßig in mir wären, die alle
Menschen je in sich aufgenommen haben und die in Gott selber sind, — wären
sie nicht mein Eigentum, sodaß ich keines als Eigentum an mich genommen hätte
im Tun oder lassen, weder früher noch später, daß ich vielmehr in diesem
gegenwärtigen Nu frei und ledig stünde gewärtig des liebsten Willens Gottes,
um ihn zu tun ohne Unterlaß, wahrhaftig, so wäre ich Jungfrau, ungehemmt
durch alle Bilder so gewißlich wie ich es war, als ich nicht war. Ich
behaupte aber, wenn der Mensch Jungfrau ist, das benimmt ihm durchaus nichts
von all den Werken, die er je getan, — und steht er im höchsten Sinne
magdlich und frei ohne Hemmungen da, gleichwie Jesus ledig und frei ist und
magdlich in sich selber. Wie die Meister sagen, daß gleich und gleich allein
der Vereinigung fähig sei, so muß auch der Mensch Magd sein, Jungfrau, der
den magdlichen Jesus empfangen soll. Nun
merkt und seht mit Fleiß! Wenn jetzt der Mensch immerdar Jungfrau bliebe, so
käme nimmer eine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es
unerläßlich, daß er ein Weib sei. Weib ist das edelste Wort, das man der
Seele zusprechen kann, und ist noch edler als Jungfrau. Daß der Mensch Gott
empfängt in sich, das ist gut, und in solcher Empfänglichkeit ist er Magd.
Der aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser: denn fruchtbar werden
durch die Gabe, das allein ist dankbar sein für die Gabe, und der Geist ist
Weib in widergebärender Dankbarkeit, wo er Gott Jesus zurückgebiert in das
Väterliche Herz. Viel
gute Gaben werden empfangen in Jungfräulichkeit und werden nicht wieder
hinausgeboren in weiblicher Fruchtbarkeit, mit dankbarem Lob gegen Gott. Die
Gaben verderben und werden alle zunichte, so daß der Mensch nimmer Seliger
noch besser davon wird. Da ist ihm seine Jungfräulichkeit zu nichts nütze,
wenn er nicht nach der Jungfräulichkeit ein Weib ist mit ganzer
Fruchtbarkeit. Daher rührt aller Schaden. Darum hab ich gesagt: „Jesus ging
auf eine Burg und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“ Das
muß so sein, wie ich euch beweisen habe. Eheleute
bringen des Jahres wenig mehr als eine
Frucht. Aber für dieses Mal meinen Ich andre Eheleute: alle die leibeigen
gebunden sind an Gebete, Fasten, Wachen und allerhand äußerliche Übungen und
Kasteiungen. Irgend einem Werke leibeigen zu sein, das dir die Freiheit nimmt
in diesem gegenwärtigen Nu Gottes zu warten und ihm allein zu folgen in dem
Lichte, mit dem er dich anweisen will zum tun und lassen, frei und neu in
einem jeglichen Nu, als ob du nichts andres habest noch wollest noch könnest:
— irgend eine Leibeigenschaft oder ein vorgenommenes Werk, das dir jene
Freiheit immer wieder benimmt, das nenne ich ein „Jahr“, darin deine Seele
keine Frucht bringt, solange sie nicht das Werk getan hat, dem du dich zu
eigen verschrieben hast. Und du vertrauest weder Gott noch dir selber, du
habest denn dein Werk vollbracht; anders hast du keinen Frieden, und darum
bringst du auch keine Frucht, du habest denn dein Werk getan. Und das währt
ein „Jahr“, und auch dann ist die Frucht noch recht dürftig, denn sie ist aus
der Leibeigenschaft eines Werkes hervorgegangen und nicht aus Freiheit. Das
nenne ich „Eheleute“, denn sie sind gebunden durch Leibeigenschaft. Diese
bringen wenig Früchte und auch die sind, wie gesagt, noch dürftig vor Gott. Eine
„Jungfrau“ aber, „die ein Weib ist“, frei und ungebunden ohne
Leibeigenschaft, die ist Gott und sich selber allezeit gleich nahe. Die
bringt viel Früchte, und die sind groß und nicht geringer als Gott selber
ist. An dieser Frucht, an dieser Geburt erkennt man jene „Jungfrau, die ein
Weib ist“, die gebiert alle Tage Hundertmal oder tausendmal, ja unzählbar oft
ist sie Gebärerin und wird fruchtbar aus der alleredelsten Tiefe heraus; noch
besser gesagt, aus derselben Tiefe, aus der der Vater sein Ewiges Wort
gebiert, daraus wird sie fruchtbar im Gebären. Denn Jesus, das Licht und der
Glanz des väterlichen Herzens (wie Sankt Paulus sagt, ist er eine Zier und
ein Glanz des väterlichen Herzens und durchleuchtet mit Gewalt das väterliche
Herz) dieser Jesus ist mit ihr vereint und sie mit ihm, und sie leuchtet und
glänzt mit ihm als ein einziges Eines und als ein lautre helles Licht in dem
väterlichen Herzen. Ich
habe öfters gesagt, daß eine Kraft in der Seele ist, die wird weder von der
Zeit noch vom Fleische berührt, sie fließt aus dem Geiste und bleibet in dem
Geiste und ist durchaus geistig. In dieser Kraft blüht und grünt Gott mit all
der Freude und mit all der Gewalt, die er in sich selber Hat. Da ist so
herzliche Freude und so unbegreiflich große Freude, daß es niemand je ganz
aussagen kann. Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser
Kraft ohne Unterlaß, so daß dese Kraft mitgebiert den Sohn des Vaters und
sich selber als diesen Sohn in der ewigen Kraft des Vaters. Und hätte ein
Mensch ein ganzes Königreich oder alles gut der ganzen Erde und ließe das
aufrichtig und gänzlich und würde der ärmsten Menschen einer, der je auf
Erden lebt, und Gott gäbe ihm dann so viel zu leiden, wie er je einem
Menschen gab, und er litte dies alles bis an seinen Tod, und Gott gäbe ihm
dann einen Augenblick zu schauen wie er ist in jener Kraft: seine Freude wäre
so groß, daß ihm all sein Leiden und seine Armut noch zu gering wäre. Ja,
gäbe ihm Gott auch hernach nimmer mehr Teil am Himmelreich, er hätte dennoch
übergroßen Lohn empfangen um alles, was er je erlitt: denn Gott ist in dieser
Kraft als in dem ewigen Nu. Wäre der Geist allezeit mit Gott vereint in
dieser Kraft, der Mensch könnte nicht altern. Denn das Nu, darinnen Gott den
ersten Menschen machte, und das Nu, darinnen der letzte Mensch vergehen wird,
und das Nu, darinnen ich jetzt spreche, die sind in Gott gleich und sind
nichts als ein Nu. Nun schaut: dieser Mensch wohnt in einem
Lichte mit Gott; darum ist in ihm kein Leiden mehr, auch keine Zeitfolge
sondern eine gleiche Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alle Wandlung
abgenommen und alle Dinge leben wesenhaft in ihm. Darum bringen ihm die
künftigen Dinge und was ihm sonst zufällt nichts neues, denn er wohnet in einem
Nu allzeit neu grünend ohne Unterlaß. Solch göttliches Herrentum ist in
dieser Kraft! Noch
eine Kraft gibt es, die ist auch unleiblich: sie fließt aus dem Geiste und
bleibet im Geiste und ist durchaus geistig. In dieser Kraft ist Gott selbst
ohne Unterlaß glimmend und brennend mit all seinem Reichtum mit all seiner
Süßigkeit und mit aller seiner Wonne. Wahrlich! in dieser Kraft ist so große
Freude und so große maßlose Wonne, daß niemand wahrheitsgemäß darüber
sprechen noch sie offenbaren kann. Ich
behaupte aber, wäre ein einziger Mensch, der mit seiner Vernunft einen
Augenblick die Wonne und die Freude darinnen wirklich schauen könnte: alles
was er je leiden müßte und was Gott von ihm gelitten haben wollte, das wäre
ihm alles gering, ja ein Nichts; ich sage noch mehr: es wäre ihm allzumal
eine Freude und ein Glück. Willst
du genau wissen, ob dein Leiden dein sei oder Gottes, so kannst du es hieran
merken: Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es auch sei, das
Leiden tut dir weh und ist dir schwer zu tragen. Leidest du aber um Gott,
allein um Gott, das Leiden tut dir nicht weh und ist dir auch nicht schwer,
denn Gott trägt die Last. Das ist volle Wahrheit: wäre ein Mensch, der leiden
wollte um Gott und rein um Gott allein und fiele all das Leiden zugleich auf
ihn, das alle Menschen je erlitten und das die ganze Welt zusammen hat, das
täte ihm nicht weh und wäre ihm auch nicht schwer, denn Gott trüge die Last.
Wenn mir einer einen Zentner auf meinen Nacken legte und ein andrer trüge ihn
dann auf seinen Nacken, ich legte ebenso gern hundert drauf wie einen, denn
es wäre mir nicht schwer und täte mir auch nicht weh. Kurz gesagt: Was der
Mensch leidet um Gott und um Gott allein, das macht er ihm leicht und süß. Wie
ich am Anfang sagte, womit wir unsre Predigt begangen: „Jesus ging auf eine
Burg und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“ Warum? das
mußte so sein, daß sie eine Jungfrau und auch ein Weib war. Ich hab euch auch
gesagt, daß Jesus empfangen ward; ich hab euch aber nicht gesagt, was die
„Burg“ sei, drum will ich jetzt davon sprechen. Ich
habe oft gesagt es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Zuweilen
hab ich gesagt, es sei eine Hütte des Geistes, und zuweilen, es sei ein Licht
des Geistes, und zuweilen wieder, es sei ein Funklein. Jetzt aber sage ich:
es ist weder dies noch das. Dennoch ist ein etwas, das ist höher über „dies
und das“ als der Himmel über der Erde; darum benenne ich es jetzt auf eine
vornehmere Weise als ich es je nannte, und doch straft es alle Vornehmheit
und alle Weise und Lügen und ist darüber erhaben! Es ist von allen Namen frei
und aller Formen ledig, bloß und gänzlich frei, wie Gott in sich selber ledig
und frei ist. Es ist so ganz eins und einfaltig wie Gott eins und einfaltig
ist, so daß man auf keine Weise es erspähen kann. Jene Kraft von der ich
zuvor sprach, darin ist Gott blühend und grünend mit all seiner Göttlichkeit
und der Geist wiederum in Gott; in derselben Kraft, in der der Vater seinen
eingeborenen Sohn gebiert, und so wahrhaft wie er in sich selber lebt so wahr
lebt er in dieser Kraft, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben Sohn
und ist derselbe Sohn in diesem Lichte und ist die Wahrheit. Könnet ihr
fühlen mit meinem Herzen, — ihr verstündet wohl, was ich rede, denn es ist wahr,
und die Wahrheit sagt es selber. — Und
nun seht und fühlt es: so einzig und einfaltig, hoch über allem sagbaren, ist
die Burg, von der ich nun rede, die ich jetzt meine, in der Seele, daß jene
edle Kraft, von der eben sprach, nicht würdig ist jemals nur einen Augenblick
hineinzulugen, und auch die andere Kraft, in der Gott glimmt und brennt, auch
die vermag nimmer hineinzulugen, so ganz einzig und einfältig ist diese Burg,
so erhaben über alle Rede und über alle Kräfte ist dieses einzig Eine, daß
nimmer eine Kraft noch Redeweise noch Gott selber hineinlugen kann. In
Wahrheit und so wahr Gott lebt, lugt er da nimmer einen Augenblick hinein und
lugt auch nie hinein, sofern er sich in der Form und Eigenschaft der Personen
befindet. Das ist leicht zu erkennen, denn dieses einzig Eine ist ohne Form
und ohne Eigenschaft. Und darum, soll Gott jemals dahineinlugen, so muß es
ihn all seine göttlichen Namen kosten und seine persönliche Eigenschaft: Das
muß er alles zuvor lassen, wenn er je dahineinlugen will, nur wo er einfältig
eins ist ohne alle Form und Eigenschaft, wo er nicht Vater noch Sohn noch
heiliger Geist ist in diesem besondern Sinne, und doch ein etwas ist, das
weder dies noch das ist, — seht, nur da kommt er in das Eine, das ich eine
Burg in der Seele nenne, und anders kommt er in keiner Weise hinein. So aber
kommt er hinein und ist darinnen, und mit dem Teile ist die Seele Gott gleich
und anders nicht. Was
ich euch gesagt habe, das ist wahr, des rufe ich euch die Wahrheit zum zeugen
und setze meine Seele zum Pfande. — Daß wir derart seien eine Burg, in die
Jesus hinaufgehe und empfangen werde, um ewig in uns zu bleiben in der Weise
wie ich eben sagte, dazu helf uns Gott.
Amen. Ein neu Gebot gebe ich euch: daß
ihr euch gegenseitig liebt, so wie ich euch geliebt habe.
In
dem heiligen Evangelium, das uns Johannes schreibt, daß unser Herr zu seinen
Jüngern sprach: „Ein neu Gebot geb ich euch: daß ihr euch unter einander
lieben sollt wie ich euch geliebt habe, denn daran werden die Leute erkennen,
daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr liebe zueinander habt.“ Nun
finden wir dreierlei Liebe, die unser Herr hat und in der wir uns ihm
angleichen müssen. Die eine natürlich, die andre ist Gnade, die dritte ist
göttlich, wiewohl ja in Gott nichts ist, es sei denn gleichfalls Gott. Wir
aber müssen es so betrachten wie es in uns emporklimmt vom Guten zum Besseren
und vom Besseren zum Vollkommenen. In Gott jedoch gibt es weder minder noch
mehr, er ist allein eine einfaltige lautre wesenhafte Wahrheit. Die
erste Liebe, die Gott hat, daran sollen wir lernen, wie ihn seine natürliche
Güte dazu zwang, daß er alle Kreaturen erschuf, deren er von Ewigkeit her
schwanger geworden war, nach dem Gebilde seiner Vorsehung, auf daß sie seiner
Güte genießen mit ihm. Und unter allen Kreaturen liebt er eine nicht mehr als
die andren: denn wieviel jegliche zu empfangen weit genug ist, so reich
ergießt er sich in sie. Wäre meine Seele so weit und so tief wie einer der
Seraphim, der noch nichts in sich hat, Gott gösse es in mich so ungeschmälert
wie in den Seraph. Gerade wie wenn wer einen kugelrunden Kreis machte, der um
und um aus Pünktchen bestände, und mittendrin einen Punkt: dem Punkt wären
die andern Pünktchen alle ganz gleich nah und fern, und sollte ihm ein
Pünktchen näher kommen, das müßte von seiner Stelle rücken; denn der
Mittelpunkt bleibt fest mittendrin. Ebenso ist es mit dem göttlichen Wesen:
es ist kein außer sich suchendes sondern ganz ein in sich selber bleibendes.
Soll es dazu kommen, daß die Kreatur von ihm empfange, so muß es notwendig
geschehen, daß sie aus sich selber gerückt werde. Wenn man von dem Menschen
redet, so redet man von allen Kreaturen; und Christus selber sagte zu seinen
Jüngern: „Gehet hin und prediget das Evangelium allen Kreaturen,“ denn alle
Kreaturen sind vereinigt im Menschen. Aber Gott, der gießt sich in alle
Kreaturen wesenhaft, in jegliche soviel sie empfangen kann. Dies
ist uns eine gute Lehre, daß wir alle Kreaturen gleich lieben sollen mit
allem was wir von Gott empfangen haben, ist uns jedoch eine von Natur näher
durch Verwandtschaft oder durch Freundschaft, daß wir doch aus göttlicher
Liebe allen den gleichen Anteil am selben Gute gönnen. Es scheint zuweilen,
daß ich einen Menschen mehr liebe als den andern; aber ich habe das gleiche
Wohlwollen auch für irgendeinen andern den ich nie sah, dieser bietet sich
mir nur mehr dar, und darum kann ich mich in ihn mehr ergießen. So liebt Gott
alle Kreaturen gleich und erfüllt sie mit seinem Wesen und so sollen wir von
Liebe überströmen auf alle Kreaturen. Das findet man viel bei den Heiden, daß
sie zu diesem liebereichen Frieden natürlicher Erkenntnis kamen; denn so sagt
ein heidnischer Lehrer: „Der Mensch ist ein Tier, das von Natur sanftmütig
ist.“ Die
andre Liebe Gottes ist die geistige, mit der er in die Seele und in den Engel
fließt, wie ich ja schon sagte, daß die vernünftige Kreatur aus sich selber
entrückt werden muß durch ein Licht, das über dem natürlichen Lichte ist. Da
alle Kreatur in ihrem natürlichen Lichte soviel Lust hat, so muß das größer sein,
das sie daraus wegzieht in ein Licht der Gnade. Denn in dem natürlichen
Lichte hat der Mensch Lust an sich selber, aber das Licht der Gnaden, das
unsagbar größer ist, das benimmt dem Menschen die eigne Lust und zieht ihn in
sich selber. Darum sagt die Seele in der Liebe Buche: „Zieh mich dir nach
durch den Schmack deiner göttlichen Süßigkeit.“ Nun
kann man Gott nicht lieben, man muß ihn erst erkennen; denn der wesenhafte
Punkt, der Gott ist, der steht mittendrin, gleich fern und nah allen
Kreaturen, soll ich dem genähert werden, so muß meine natürliche Vernunft
entrückt werden durch ein Licht das ihr über ist. Wie wenn mein Auge ein
Licht wäre und so stark wäre, daß es mit seiner Kraft das Licht der Sonne
aufnähme und damit eins würde, so geschähe es nicht allein durch seine Kraft,
sondern durch das Licht der Sonne geschähe es, wie sie in sich selber ist.
Ebenso ist es mit meiner Vernunft. Vernunft, die ein Licht ist, kehre ich die
von allen Dingen ab und richte sie gegen Gott, so wird, da ja Gott ohne Unterlaß
von Gnaden überströmt, meine Vernunft erleuchtet und vereint in Liebe und
wird darin Gott erkennen und lieben, wie er in sich selber ist. — Hierdurch
werden wir unterwiesen, wie Gott überströmt vom Lichte der Gnaden und wie wir
mit unsrer Vernunft nahen sollen diesem gnadenreichen Lichte und aus uns
selber gezogen werden und emporklimmen in ein Licht, das Gott selber ist. Die
dritte Liebe Gottes: an ihr sollen wir lernen, wie Gott seit Ewigkeit
ausgeboren hat seinen eingeborenen Sohn und gebiert ihn jetzt und ewiglich;
und so liegt er im Kindbette wie eine Frau die geboren hat in einer jeglichen
guten dargebrachten und eingewohnten Seele. Diese Geburt ist seine
Geisteskraft, die ewig urspringend ist aus seinem Väterlichen Herzen, in dem
er alle seine Wonnen hat. Und alles was er vollbringen kann, das zehrt er auf
in dieser Kraft, die seine Geburt ist und er suchet nichts außer sich. Alle
seine Wonne hat er in seinem Sohne und er liebt nichts als seinen Sohn und
alles was er in sich findet; denn der Sohn ist ein Licht, das da ewiglich
geleuchtet hat in dem väterlichen Herzen. Sollen
wir dahinein kommen, so müssen wir emporklimmen vom natürlichen Lichte in das
Licht der Gnaden und darin wachsen bis in das Licht, das der Sohn selber ist.
Da werden wir geliebt im Sohne von dem Vater mit der Liebe, die der heilige
Geist ist, die da ewiglich entsprungen ist und hervorgeblüht ist zu seiner
Ewigen Geburt und emporblühet von dem Sohne zum Vater als ihrer beider Liebe.
— Ich denke manchmal daran, was der Engel zu Maria sprach: „Gegrüßet seist du
gnadenreiche!“ Was hülfe mir, daß Maria voll Gnaden wäre, ich sei denn auch
gnadenreich? Und was hülfe mir, daß der Vater seinen Sohn gebäre, wenn ich
ihn nicht auch gebäre? Darum gebiert Gott seinen Sohn in einer vollkommenen
Seele und liegt so im Kindbett drinnen, auf daß sie ihn hinfort hinausgebäre
in allen ihren Werken. So sollen wir geeint werden durch die Liebe des
heiligen Geistes mit dem Sohn und durch den Sohn den Vater erkennen und uns
in ihm lieben und ihn in uns mit ihrer beider Liebe. Wer
nun vollkommen sein will in der dreifachen Liebe, der muß notwendig vier
Dinge haben: 1.- die wahre Abgeschiedenheit von aller Kreatur, 2.- ein wahres Lea-Leben, das heißt ein wirkendes
Leben, das bewegt werde vom Grunde der Seele aus durch die Bereitung des
heiligen Geistes, 3.- ein wahres Rahel-Leben, das ist ein schauendes
Leben, 4.- einen klimmenden Geist. Ein
Jünger befragte seinen Meister über die Rangordnung der Engel; da belehrte
ihn der Meister und sagte: „Geh hinweg und versenke dich in dich selber
solange, bis du es verstehst, und gib dich dann mit deinem Wesen hin und
schau, daß du nichts andres bist als was du an ihnen findest. So dünkt dich
zunächst, daß du Engel mit ihnen seiest, und wenn du dich in ihrer aller Wesen
hingibst, so wird dich bedünken, daß du alle Engel mit allen Engeln seiest.
Der Jünger ging hinweg und versenkte sich in sich selber, solange bis er dies
alles in der Tiefe als Wahrheit erfand. Da ging er wieder zu dem Meister und
dankte ihm und sagte: „Mir ist geschehen wie du gesagt hast. Als ich mich
hingab an das Wesen der Engel und emporklomm in ihr Wesen, da däuchte mich
zuletzt, daß ich alle Engel mit den Engeln wäre.“ Da sagte der Meister: „Oh,
kommst du ein wenig weiter zu dem Ursprung hin, so soll wunder über Wunder
mit deiner Seele gewirkt werden; denn solange der Mensch emporklimmt und
empfängt mit Mitteln der Kreatur, ist er noch nicht zur Ruhe gekommen. Wenn
er aber emporklimmt in Gott, da empfängt er in dem Sohne mit dem Sohne von
dem Vater alles, was Gott vollbringen kann.“ Daß
wir so emporklimmen von einer Liebe in die andre und geeinigt werden in Gott
und darinnen ewiglich selig bleiben, dazu helf uns Gott. Amen. Stark wie der Tod ist die Liebe.
(Auf Maria Magdalene) „Fortis
es tut mors dilectio.“ — Ich hab ein Wörtlein
gesprochen auf latein, das steht geschrieben im hohen Liede und heißt also:
„De liebe ist stark wie der Tod.“ Dieses Wort kann man anwenden zum Lobe der
heiligen Maria Magdalene, von der die heiligen Evangelisten soviel
geschrieben haben, so daß ihr Lob und Preis durch alle Welt der Christenheit
so hoch geehrt wird, daß nicht viel desgleichen sonst begegnet ist. Und
wiewohl viel Gnade und Tugend von ihr gerühmt wird, so hat doch die übergroße
und heiße Liebe zu Christus so unaussprechlich in ihr gebrannt und so stark
in ihr gewirkt, daß sie nicht unbillig nach dieser Wirkung dem Tod verglichen
werden kann. Deshalb kann wohl von ihr gesagt werden: „Stark wie der Tod ist
die Liebe.“ Nun
müssen wir hier drei Dinge beachten, die der leibliche Tod an dem Menschen
tut, und die auch de Liebe bewirkt im Geist des Menschen: das erste: daß er den Menschen
beraubt und ihm alle vergängliche Dinge nimmt, so daß sie der Mensch
nimmermehr haben noch benutzen kann, wie er vorher tat; das zweite: daß sich der Mensch
trennen muß von all dem Guten, das Leib und Seele haben möchten an
geistlichen Dingen, an Gebet und Andacht und auch an Tugend und heiligem
Leben und all den guten Dingen, daraus ein geistlicher Mensch Trost, Wonne
und Freude gewinnen könnte, so daß er sich nimmermehr darin üben kann, als
ein Mensch, der eben tot auf Erden ist; das dritte: daß der Tod den Menschen
hinwegnimmt aus all dem Lohn und der Würde, die er noch verdienen könnte,
denn nach dem Tode kann der Mensch nimmermehr nur um Haaresbreite weiter
vorwärt kommen im Himmelreich als gerade soviel, wie er verdient hat. Dieser
drei Dinge müssen wir uns gewärtigen von dem Tod, der da ist eine Scheidung
des Leibes und der Seele. Da
nun unsres Herrn Liebe stark ist wie der Tod, so tötet sie den Menschen
geistlich und scheidet die Seele in gewisser Weise vom Leibe. Und dies
geschieht dann, wenn sich der Mensch gänzlich verläßt und sich ein selbst
entschlägt und von sich selber sich scheidet. Dies geschieht aus übermäßiger
hoher Kraft der Liebe, die so liebreich töten kann. Drum wird sie ein zartes
Siechtum genannt und ein lebender Tod; denn dies sterben ist ein eingießen
des ewigen Lebens und ein Tod des fleischlichen Lebens, und damit fängt der
Mensch jetzt an, sich selber zum Heile zu leben. Nun
tut dieser süße liebreiche Tod drei Dinge an dem Menschen, da er ja so
gewaltig ist, daß er den Menschen tötet und ihn nicht bloß siecht macht.
Viele Leute siechen erst lange ehe sie sterben, etliche aber siechen nicht
lange und etliche sterben eines jähen Todes. Und ebenso sind auch etliche
Menschen, die gar lange mit sich selber zum Rate gehen, ehe sie sich selber
überwinden und sich um Gottes willen gänzlich verlassen. Denn oft tun sie so,
als verließen sie sich selber und stürben und drehen sich dann wieder um und
suchen noch einen eignen Nutzen. Und solange sie noch einen Eigennutz bei
sich selber für sich selber suchen und nicht ganz lauter Gottes Willen, so
lange sind sie noch nicht recht tot sondern liegen sterbend und siechend in
ihrem Widerwillen, so lange, bis zuletzt die Gnade Gottes, das ist die Liebe,
über sie siegt, daß sie ihrem Eigennutz gänzlich absterben. Und diesen
Eigennutz, diese Eigensucht (die des Menschen Leben und Natur ist) kann
niemand ertöten als allein die Liebe, die stark ist wie der Tod; anders kann
man solche Art der Eigensucht nicht töten als durch de Liebe. Darum leiden
auch, die in der Hölle sind, so große Pein, weil sie alle ihren eignen Nutzen
begehren und daß sie der Pein ledig wären; dies aber kann ihnen nimmer
widerfahren, und darum sterben sie des ewigen Todes, weil die Begier ihres
Eigennutzes nicht tot ist, und kein Ding kann ihnen davon helfen als allein
die Liebe, von der sie ganz ausgeschlossen sind. Und darum ist die Liebe
nicht allein so stark wie der leibliche Tod, sondern auch viel stärker als
der Höllentod, der den Verdammten ja nicht helfen kann wie dieser liebende
Tod, der allein ertöten kann das Leben der Begierde und des Eigennutzes. Und
dies geschieht in drei Stufen. Zum ersten scheidet dieser Tod (das heißt die
Liebe) den Menschen von vergänglichen Dingen, von Freunden, Gütern, Ehren und
von allen Kreaturen, so daß er kein Ding mehr um seiner selbst willen hat
oder benutzt und kein Glied rührt mit Vorbedacht zu eignem Nutzen oder Willen.
Und wenn dies geschehen ist, so fängt die Seele sogleich an, geistliche Güter
zu suchen und zu begehren, wie Andacht, Gebet, Tugend, süßes Verlangen nach
Gott und dergleichen geistliche Güter. Und in diesen lernt sie sich üben und
sie genießen mit großer Wonne mehr als alles, was ihr zuvor lieblich
schmeckte. Denn diese geistlichen Güter sagen ihr von Natur mehr zu als die
leiblichen. Da ja Gott die Seele so geschaffen hat, daß sie nicht ohne Freude
sein kann, darum sind ihr, wenn sie sich der leiblichen Ergötzungen ganz
entschlagen hat und sich den geistlichen hingegeben, diese so wohlgefällig,
daß sie viel schwerer von diesen scheiden mag, als sie vorher von den
leiblichen schied. Denn das wissen die wohl, die es häufig erlebt haben, daß
es oft leichter wäre diese Welt zu verlassen als einen Trost oder ein inniges
Empfinden, das man etwa im Gebet empfängt oder in andren geistlichen Übungen. Und
dies alles ist noch kaum ein Anfang gegen das, was hernach folgt, was die
Liebe fürder an dem Menschen wirkt. Denn ist die Liebe wirklich stark wie der
Tod, so bewirkt sie schließlich, daß sie den Menschen zwingt aufzugeben und
sich zu scheiden auch von aller geistlichen Labe und solchen Gütern, wie sie
schon genannt wurden, so daß sich der Mensch frei und ledig drein ergibt um
Gottes willen alles zu verlassen, woran seine Seele bisher Freude gehabt hat,
begehrend oder suchend. Ach, Gott! wer könnte dies jemals vollbringen, deine
Liebe zwinge ihn denn dazu, daß er dich um deinetwillen verließe und sich
deiner um deiner selbst willen entschlüge! Welch besseres und kostbareres
Opfer könnte man Gott darbringen und aufopfern als ihn selber um sein selbst
willen? Aber wie selten ist dies, daß man ihm ihn selber als Gabe bringt und
ihn selber um seinetwillen gebe, da doch jetzt (leider) schon so wenige sind,
die sich des vergänglichen leiblichen Gutes ganz entschlagen möchten und so
oft noch verleitet werden zu mancherlei Dingen, die sich ihnen darbieten.
Wieviel weniger sind deren, die das geistliche Gut gern lassen möchten, gegen
das doch alles leibliche Gut nicht zu rechnen ist. Denn dich Herr zu haben,
(sagt ein Lehrer) das ist besser als alles was die Welt je gewann und
gewinnen wird von Anfang bis auf den jüngsten Tag. Wiewohl
aber solche Hingegebenheit etwas sehr Hohes und über die Maßen seltenes ist,
so ist doch noch ein Grad, der viel adliger und vollkommener den Menschen in
sein allereigenstes einsetzt; und den wirkt die Liebe mit ihrer gewaltigen
Stärke, wie der Tod, der das Herz bricht. Und das ist, wenn der Mensch auch
auf das ewige Leben verzichtet und auf das ewige Gut und all das Gut, das er
durch Gott oder durch alle seine Gaben jemals haben könnte, so daß er dies
mit Willen oder mit Vorbedacht nimmermehr für sich selber und für sein Heil
begehren oder suchen wolle oder jemals darum diene oder ihn die Zuversicht
des ewigen Lebens je berühre oder erfreue oder seine Mühsal erleichtere. Dies
ist der rechte Grad wahrer und vollkommener Hingegebenheit und zu dieser
Gelassenheit läßt uns allein die Liebe, die stark ist wie der Tod, und tötet
den Menschen in ihm selber und scheidet die Seele vom Leibe, so daß sie mit
dem Leibe oder mit sonstigen Dingen nichts zu schaffen haben will zu ihrem
Nutzen, und so scheidet sie sich von dieser Welt und fährt dahin, wo sie verdienet
hat. Und wohin hat sie anders zu fahren verdient, als in dich, o ewiger Gott,
da du ihr Leben sein mußt um dieses sterben der Liebe! Daß
uns dies widerfahre, dazu helf uns Gott.
Amen. Ich habe euch gesetzt, daß ihr
gehet und Frucht bringet.
Christus
sagte zu seinen Jüngern: „Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet und viel
Früchte bringet.“ Gott sprach zu ihnen und meinte uns alle, denn wir sind in
der Nacht. Wer nun in der Nacht und Finsternis ist, der bedarf wohl des
Lichtes, wenn er gehen soll. Nun sagt Christus: „Ich bin ein Licht der Welt.“
Darum sollen wir haften an der wahren Liebe zu diesem unsrem Haupte, so
werden wir erleuchtet in Christo. Denn wenn eine Kerze brennt an ihrem
obersten Teil durch die Kraft der Einung des Feuers, so verzehrt dieses die
Materie, die ihm übergeben wird, und verwandelt sie in sich selber. Nun
merkt auf die Worte, die Christus sagte: „Ich habe euch gesetzt, daß ihr
gehet …“ Damit meinte er, daß wir erhoben werden sollen über uns selber in
das Licht der Gnaden. Hiervon spricht auch Prophet Jeremias: „Ich saß und
erhob mich über mich selber.“ Ein solcher Mensch wird still sitzen und
einsam, denn er wird sich heben über euch. In diesem „Sitzen“ ruht der Mensch
von aller Anfechtung und schaut in dem Lichte, wohin er gehen muß: und dies
ist der Weg der Tugenden, dies meinte Christus als er sagte: „Ich habe euch
gesetzt, daß ihr gehet …“ „Sitzen und „gehen“ sind durchaus verschieden.
Niemand kann den rechten Weg gehen, er habe denn zuvor gesessen in dem Lichte
der Schauung und habe daraus die rechte Wegweisung geschöpft. Denn alle
unsere Werke sollen Licht sein und sollen leuchten in der Finsternis unsrem
Nächsten. Nun
sagt Dionysius: „Diese, die so außer sich selber gegangen sind und in dem
Lichte der Wahrheit leben, die sind Götter und Kinder der Götter und der
Götter Väter.“ Dies deutet Bischof Albrecht, indem er sagt: Der Götter
Kinder, das sind die, die die heilige Schrift lesen oder lesen hören und sie
innerlich verstehen und sie betätigen in guten Werken, bis daß sie die
Wahrheit finden in Gott. Die Götter aber, das sind, die in Gott tot sind und
an denen nichts mehr lebt außer Gott. Hiervon spricht Sankt Paulus: „Ihr seid
tot und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.“ Aber der Götter
Väter, das sind die allervollkommensten, denn se sind versunken in ihnen,
mehr noch: sie leben in Gott, denn in ihnen ist nun des ewigen Lebens Anfang. Nun
vernehmt von denen, die der Götter Kinder sind. Mit dem Lichte des Glaubens
begreifen sie die Heilige Schrift, bis daß sie durch dieses Licht in den Tau
der Gnaden kommen, und in dem Taue der Gnaden werden ihnen offenbar die Wege
des ewigen Lebens. Hiervon spricht die Braut in der Liebe Buche: „Zieh mich
dir nach in deine äußerliche Verlassenheit und in deine innerliche Vereinigung!“
Die äußerliche Verlassenheit, das ist nichts andres als die Abgeschiedenheit
von aller Kreatur, die innerliche Vereinigung aber ist eine in sie gesenkte
erlebte Wahrheit, von der sie weder Tod noch Leben scheiden kann. Dese sind
Kinder der Götter und Söhne der Gewalt und der Weisheit und der Güte. Zu
diesen sagt unser Herr in der Liebe Buche: „Ihr Fürstenkinder, wie wohl euch
euer Gehen in euren Schuhen ansteht!“ Diese „Schuhe“, das ist der Heiligen
Leben, die ziehen sie an die Füße des Geistes und der Liebe mit der Begier
darinnen zu laufen. Die
Leute aber, die da Götter heißen, die sind in der Verborgenheit der
göttlichen Einung; sie leben ein göttliches Leben. Was soll ich von ihnen
sagen? Ihr Essen und Trinken, ihr Schlafen und all ihre Gewohnheiten, darin
findet man nichts mehr außer Gott, — wenn es überhaupt einer erkennt. Wollte
sie gleich jemand brennen, so flösse nichts weiter aus ihnen als das Mark der
Göttlichkeit, das ist die Süßigkeit des heiligen Geistes, in dem sie
saftreich geworden sind. Dies erkennt aber niemand als die Kinder des wahren
Lichtes und der, in dem sie leben, das ist Gott. Aber die Kinder der
Finsternis erkennen es nicht, denn ihr inneres ist erfüllt vom Geiste des
ewigen Todes, davon wird das Licht zu einer Finsternis in ihnen und die ewige
Süßigkeit zu einer Bitterkeit. So erleuchte uns Gott mir dem Lichte, darin
wir in der Ewigkeit geschwebt haben, in seinem Sohne, daß wir der Finsternis
entrinnen in das wahre Licht! Die
dritten Leute aber heißen Väter der Götter, die haben überstiegen die Bühle
und die Berge und sind geflogen mit Begierde und mit Geisteskraft bis an das
Rad der göttlichen wahren Sonne und die flammende Hitze des heiligen Geistes
hat verbrannt und verzehrt all ihre Materie, so daß da nichts mehr sichtbar
ist, als ein Licht in Gott. Und in dem Lichte sind sie gekommen in einen
ruhenden Frieden, und den Frieden haben sie errungen durch ein lautres
Gewissen, und der Friede kann nicht von ihnen genommen werden. Mir gebricht
die Kraft von diesen Vätern zu sprechen, denn sie haben empfangen alle gute
und vollkommene Gabe von dem Vater des Lichtes und sind gekommen an das Ziel,
dahin sie die Tugend führte. Dies Ziel wunderte den hohen Adler Johannes in
dem Buche der Geheimnisse. Da antwortete ihm Christus und sprach: „Ich bin
der Anfang ohne Anfang und bin ein Ende ohne Ende.“ Amen. In allen Dingen hab ich Ruhe
gesucht.
1. Der
heilige Augustinus sagt: Meine Seele ist geschaffen nach Dir und von Dir,
darum ist sie immerdar in Unruhe, bis daß sie zu Dir kommt. Denn in allen
erschaffenen Dingen, die ich mit dem Geist überschaue, ist meiner Seele keine
sichrere Stätte als in Dir Gott allein. Denn in dem Wonnebrunnen Deiner
Wesenheit ist gesammelt und vereint aller Kreaturen Vollkommenheit, die in
ihnen zerstreut und verteilt ist. Denn wäre eine Kreatur, die aller Kreaturen
Adel an sich hätte, nach Art und Zahl, so könnte Gott nichts weiter
geschaffen haben als sie allein, wie ich on dem Fermon
geschrieben habe: „Wer mir nachfolgen will, der trage sein Kreuz.“ Darum,
weil aller Kreaturen Seligkeit daran hängt, daß sie ruhen in dem ersten Gute,
das aller Güter Ursprung ist, sagt Maria, unsre liebe Frau, dieses Wort von
sich selber, durch das sie unseren innern Menschen in Demut verharren lehrt
in einer Überflutung göttlichen Friedens; in ihm wird der Geist mit der Seele
am innigsten vereint, ohne ihn nicht. Darum sagte sie: „Ich habe Ruhe meines
inneren Menschen gesucht in allen Dingen.“ An
dieser Rede möge man erkennen, daß göttliches Wesen in sich umschlossen halte
aller Kreaturen Adel. Daher ist aller Kreatur Wesen ein Widerschein
göttlichen Wesens. Sankt Johannes sagt: „Quod factum est, in ipso vita erat“ = alles was erschaffen ist, das war Leben in Gott.
Das ihrem Urbild gemäße Sein aller Kreaturen ist in Gott ewiglich ein
göttliches Leben gewesen. Darum ist mit den ersten Worten unsres Spruches „in
allen Dingen“ gemeint, daß unsre liebe Frau Ruhe ihres innern Menschen
gesucht hat bei dem ewigen Gute der göttlichen Natur, in der als in einem
Wonnespiegel aller Kreatur Wesen ewiglich eins ist in göttlichem Wesen. Und
das ist gemeint von den Urbildern aller Dinge in Gott, die ein göttlich Wesen
sind. Die
Meister stellen drei große Fragen wegen der Urbilder in Gott, in denen edle
Lehre und wonnesame Wahrheit liegt. Die eine Frage ist: ob aller Kreaturen
Urbilder in der göttlichen natur ewiglich bestehen oder nicht? Die andre
frage ist: ob es nur ein Urbild gebe oder mehr? Die dritte: ob das göttliche
Begreifen von allen Dingen, die es erkennt, Urbilder habe oder ob es irgendwas
erkenne ohne die Bilder? Auf
die erste Frage antwortet Meister Thomas, daß man notwendig annehmen müsse,
daß in göttlichem Wesen ewig gewesen seien aller Kreaturen Urbilder. Das
beweist er also: (Die drei Worte Bild, Form, Gestalt sind Ein Ding.) Daß nun eines
Dinges Form, Bild oder Gestalt in meiner Seele ist, wie etwa einer Rose Bild,
das hat zwei Gründe: einmal, damit ich nach der Gestalt des seelischen Bildes
eine Rose auf ein körperliches Material malen kann, und anderseits, damit an
dem inneren Bilde der Rose die äußeren Rosen mit Sicherheit erkenne, wenn ich
sie auch nicht abzeichnen will, so wie ich auch die Gestalt eines Hauses in
mir trage, das ich doch nicht bauen will. Auf diese zwei Arten müssen
Urbilder in Gott sein. Denn allen natürlichen Dingen ist das gemeinsam, daß
die natürliche Form das Wesen dessen, das geboren wird, also der Frucht einem
Urbilde von derselben Gestalt auf rein natürliche Art gleicht, wie beim
Menschen, wo die gebärende Kraft, des Vaters Menschtum, dem geborenen Menschtum
des Sohnes gleicht; darum gebiert der Mensch einen Menschen, der Löwe einen
Löwen, der Falke einen Falken, die Rose wächst aus einer Rose, nicht aus
einem Kohlstrunk, das Feuer gebiert Feuer. Und ferner ist ein Urbild des
Werkes in der wirkenden Kraft, nicht von rein natürlicher Art, sondern
vernunftmäßig, wie das Haus von Stein und Holz, das hat sein Urbild in des
Meisters wirkender Vernunft, der das äußere Haus diesem Bilde gleich macht so
sehr er kann. Da
nun Gott diese ganze Welt geschaffen hat (nicht daß alle Kreaturen aus
göttlichem Wesen entsprungen wären in natürlicher Geburt wie das Ewige Wort
des Vaters, denn dann wäre die Kreatur Gott, was keinem gesunden Sinn
einleuchtet, sondern die Natur der Kreatur weist das zurück als unmöglich und
falsch) so hat Gott alle Kreaturen geschaffen mit der wirkenden Geisteskraft
göttlicher Wesenheit. Darum mußte in der göttlichen Geisteskraft von Ewigkeit
her eine Urform, ein Urbild sein, zu dessen Gleichnis Gott die Kreatur
erschuf, und es gibt keine, deren Urbild Gott zuvor nicht in sich hätte. Die
zweite Frage ist: ob nur ein Urbild sei oder Mehr? Hierauf antwortet der
Meister: daß in allen Dingen das letzte Ende des Werkes ganz eigentlich schon
vorausbezweckt ist in des Werkes Beginn. Aller Welt letztes ende ist ihr
Heil, und das ist die Hinordnung aller Kreaturen auf Gott, wie Aristoteles
sagt. Darum muß die Ordnung der Welt ewiglich zuvor in Gott, dem Urbeginn,
erkannt sein und bezweckt. Darum muß er in sich selber haben ein eigen Bild
der Ordnung und deshalb muß er in sich selber auch einer jeglichen Kreatur
besonderes Bild tragen. Wie der Meister in sich kein Urbild des ganzen Hauses
haben könnte, hätte er nicht ein eignes Bild jeglichen Teils an dem Hause, so
muß es auch bei Gott sein: So viel Bilder, soviel besondere Grade des Wesens
erschaffener Dinge, die aus ihm geflossen sind; so hat eine Rose ihr
besonderes Bild, das Veilchen ein anderes, der Mensch sein besonderes Bild
und der Engel wieder ein anderes und so bei allen Dingen. Und
dies ist ein wonnesames Wunder, daß die Mannigfaltigkeit der Bilder bestehen
kann in der Einfaltigkeit des göttlichen Wesens, in dem alle wesenhaften
Dinge Ein Ding sind. Das muß man so verstehen. Das Urbild des
Werkes ist in der wirkenden Vernunft des Meisters als ein Gegenstand der
Geisteskraft, die es anschaut, als eine Spiegelung des Bildners, nach der er
das leibhafte Werk gestaltet, und nicht als eine besondere Form der
Geisteskraft selber, die die Vernunft innen bilde und sie zu vernunftgemäßem
Werke übe. Das ist nicht gegen die Einfaltigkeit göttlicher Geisteskraft, daß
sie mehr als ein Ding begreife und als Gegenstand anschaue. Aber das wäre
gegen ihre Einfaltigkeit, wenn sie in sich selber gleichzeitig durch
mannigfaltige Formen gestärkt und geformt würde zu dem Werke der Vernunft;
dies kann allein das Innerste des göttlichen Wesens. Darum sind die
unzähligen Urbilder in Gott, daß er sie schaut und ergreift, nicht daß durch
sie seine Vernunft schaue. Das soll ihr so auffassen. Gott erkennt sein Wesen
genauso weit wie es erkennbar ist an sich selber und soweit alle Kreaturen
mit ihrem natürlichen Wesen ein widerscheinendes Gleichnis haben im
göttlichen Wesen, und das alle Kreaturen eigene Gleichnis im göttlichen Wesen
heißt das Urbild. Darum muß es so viele Bilder geben, als Stufen erschaffener
Naturen damit verglichen werden. Nun
hört eine Frage: wie können die unzählbaren Bilder im göttlichen Wesen derart
enthalten sein, daß sie das Wesen Gottes sind und ihrer doch viele sind an
Zahl, da doch das Wesen Gottes nicht mehr ist als Eines? Das müßt ihr so
verstehen. Die Urbilder nennen wir das Wesen Gottes, zwar nicht
ausschließlich und an sich selber, aber sofern das eine Wesen Gottes ein
Spiegel ist, der aller Kreaturen Wesen widergibt. Und da man in dem einen
Wesen Gottes aller Dinge Gleichnis oder Urbild hat, darum sind der Bilder
viele, aber das Wesen ist nur Eines. Gerade wie in einem Spiegel mancherlei
Bilder erscheinen, — wäre aber in dem Spiegel ein Auge, das alle die Bilder
als einen Gegenstand seiner Sehkraft zu sehen vermöchte, ohne daß sie ihm
etwa innewohnten und die innere Kraft des Auges bildeten zum wirken in der
Zeit oder zu starker Aufnahmefähigkeit des Gesichtssinnes, — so könnte der
Bilder nicht mehr als eines sein. Die
dritte Frage war: ob Gott von allen Dingen, die er erkennt, Urbilder in sich
habe oder ob er irgend etwas ohne Bild erkennt? Hierauf antwortet Meister
Thomas so: Die Urbilder sind ein Ursprung oder Anfang der Schöpfung aller
Kreaturen, darum heißen sie Bilder und so gehören sie zur wirkenden Erkenntnis.
Anderseits sind die Bilder ein Anfang aller Erkenntnis der Kreaturen und
heißen darum recht eigentlich ein Widerschein des Wesens der Kreatur. Darum
hat Gott von allem, was er erkennt und sowie Er es erkennt, Urbilder. Hier
fordert die Wahrheit eine Frage: wie Gott das Böse erkenne, das an sich
selber kein Wesen hat sondern eine Vergewaltigung des Wesens ist? Die Antwort
ist: ich habe zuvor gesagt, aller Kreatur Wesen habe sein Urbild in Gott, und
da Übel oder Sünde kein Wesen hat, daß es irgend etwas wäre (wie Dionysius
sagt), und da es vielmehr das Gute im Guten oder das Wesen der Tugend
vergewaltigt — wie Blindheit des Auges an sich selber nicht ist, aber die
Sehkraft des Auges vergewaltigt —, darum erkennt Gottes Geisteskraft alle
Sünde und alles Übel an dem Urbild der ihnen entgegengesetzten Tugenden, wie
er etwa die Lüge erkennt an dem Bilde der Wahrheit. Nunmehr
vernimm, wie Gott aller Tugenden Wesen erkenne. Gott hat in dem ewigen
Spiegel seiner wirkenden Geisteskraft aller Kreaturen Adel, natürlichen wie
geistigen, darum erkennt er in Urbildern alle Wesen, die auf sich
Selbststehenden sowie die diesen Zufallenden. Doch ist noch ein Unterschied
unter den „Zufallenden“. Alle Wesen, die von Anbeginn mit dem ihnen
zugefallenen unterscheidenden Merkmal verbunden sind, von denen hat Gott
keine besonderen Bilder außer den Bildern ihrer Grundform; so hat er die
weiße Farbe der Perle im Bilde der Perle und nicht in einem besonderen Bilde
des Weißen. Aber alle die zufallenden Wesen die dem stehenden Wesen erst
hernach zugefallen sind, die erkennt er in besonderen Bildern außerhalb der
Bilder ihrer Grundform. Darum erkennt Gott alle die edlen dem Menschen
zufallenden Dinge, wie zum Beispiel errungene Tugend oder Weisheit der Seele,
in besonderen ewigen Urbildern, in denen alle Tugend und Weisheit der Seele
widerscheint. Da
aber das Wesen der Gnade in keiner Kreatur von Natur sein kann, so wird die
Gnade übernatürlich in der Seele Wesen als etwas ihr zufallendes geschaffen,
und so wird auch der Glaube nebst andern göttlichen Tugenden der Seele
übernatürlich eingeflossen, auch die Liebe und zuweilen göttliche Weisheit,
wie den Aposteln und Propheten. Ebenso werden auch die sieben Gaben des
heiligen Geistes übernatürlich der Seele eingeflossen, auch geistiges
Entzücken ist ein ihr zufallender Einguß. Darum hat Gott Urbilder all der
Gnaden in allen lauteren Kreaturen, an denen er alle ihnen zufallenden Gnaden
erkennt. In
dem göttlichen Wesen sind auch besondere Urbilder, in denen der Glaube, die
Zuversicht oder Hoffnung und die göttliche Liebe der Seele widerstrahlt, ob
sie gleich eine Kreatur ist. In denselben Bildern erstrahlen auch alle die
Gaben des heiligen Geistes, die zufallenden Wesens sind. Dies sage ich darum,
weil die erste Gabe der Liebe, in der er alle Gaben gibt, er selber
persönlich und wesenhaft it. Weil aber all die Heiligkeit der sieben
Sakramente, in denen die Seele geheiligt und in ein gottartiges Leben
versetzt wird, weil die darum gestiftet sind, daß sie Gnade in der Seele aufs
neue bezeugen und wirken, darum schaut Gott alle die Sakramente in ewigen
Urbildern und jegliches in einem besonderen. Darum rinnt und entspringt alle
Reinheit der Taufe mit körperlichem Wasser aus der ewigen urbildlichen Taufe
in jenem Spiegel göttlicher Natur. Ebenso grünet auch die Ehe aus der edlen
Absicht der Natur, nach der die unstete Natur eines Vaters in der Ehe sich
ganz wiedergebiert in ein unsterbliches Wesen, in die Seele des Kindes, daß
sie an seine Stelle trete, und nichts weiter treibt die Natur dazu in ihrer
edlen Begier (wie alle Kreaturen bezeugen) und in dieser Absicht tut sie
aller Kreaturen Werk, und so grünt denn auch die Ehe aus dem Urbilde der
Natur, wo man die heilige Ehe in ihrem Adel erhält ohne viehische Absicht,
die göttlichen Bildern ganz und gar zuwider liefe. Und dasselbe sage ich auch
von den andren Sakramenten. Auch hat Gott ebenso Urbilder all der Begierde,
der Liebe, der göttlichen Eingebungen, der Andacht und Entrückung, in denen
er sogleich liest und erkennt all das Begehren, das du in deinem Gebete
vorbringen willst; an denselben Bildern erkennt die Seele eines Heiligen, den
wir anrufen, all unser Begehren vom Anfang der Welt bis an das Ende in einem
Blicke göttlichen Wesens, gleichwie die Engel alle Kreaturen und ihre eigenen
Bilder in Gott schauen miteinander in dem Schauen göttlichen Wesens in der
Morgenstunde, nicht in dem Abendschauen; denn sonst wüßten sie von unsrer
Begier nach ihnen nichts. 2. Weiter
sollen wir erkennen, daß das ruhen des inneren Menschen in dem Wunder göttlicher
Natur mit seinem Schauen und seiner göttlichen Liebe an Adel und an
Entzückung aller Werke des äußeren Menschen übersteigt; wir erkennen es an
neun Dingen: Das Erste ist, daß die Ruhe des inneren Menschen von den höchsten
Kräften abhängt, die im Menschtum liegen, und davon, ob diese auf ihren
edelsten eigentlichsten Gegenstand gerichtet sind, auf von allem Zeitlichen,
Vergänglichen losgelöste und freie Dinge; diese Kräfte sind Erkenntnis und
Liebe. Des äußeren Menschen leben aber hängt von unsteter Sinnlichkeit ab.
Darum sagt der heilige Gregorius: Rahel, die das innere Leben
versinnbildlicht, bedeutet soviel wie ein Schauen des Ursprunges, aber Lea,
ihre Schwester, bezeichnet das Leben des äußern Menschen, denn die hatte
sieche Augen. Das Zweite ist, daß des inneren Menschen Leben in schauen und lieben
länger währt, — wenn es auch nicht immer in der Spannung des höchsten
Schauens verharrt, denn die höchste Einstrahlung des Lichtes bleibt nicht
lange in unverminderter Wirksamkeit, vergeht vielmehr schnell wie ein Strahl
des Blitze vor den Augen. Der heilige Augustinus sagt: Weise Bestätigung des
inneren Menschen im Erkennen und im Lieben kann wohl länger währen als das
treiben des äußeren. Das Dritte ist, daß des inneren Menschen Leben durch Ruhe, durch Ungeschäftigkeit
und Unerschütterlichkeit des Geistes der Ruhe des ewigen göttlichen Wesens in
etwas gleichkommt: wie sehr auch der Vater ewiglich bei dem Werk der Gebärung
des Wortes gewesen ist, wie unser Herr sagt: „Mein Vater wirket bis auf diese
Stunde,“ — das zerstörte seine Ruhe nicht. Aber des äußeren Menschen Leben
ist in steter Unruhe leiblichen Ungemaches. Darum saß Maria, und Marta ging
im Haus umher. Das Vierte ist, daß das innere Leben sich selber genügt, mehr als das
äußere. Denn der innere Mensch bedarf nichts weiter zu seinem Tun als eines
wesen, das aller leiblichen Dinge frei ist, ohne Sorge lebt er rein durch die
freien Kräfte der Seele, durch Erkenntnis und Liebe. Und je freier und
lediger von allen sterblichen Dingen je adeliger ist des innern Menschen
Leben bereit für Gott. Das Leben aber des äußeren Menschen bedarf mancher
Dinge, die Betrübnis mit sich bringen, Worte und Werke, Nehmen und Geben,
Essen und Trinken. Drum sagt Sankt Lukas, daß Marta, die de äußeren Menschen
Leben darstellt, betrübt ward durch Sorgen um mancherlei Dinge; wie wohl man
dies alles nötigenfalls um Gottes willen zustande bringt, wie man an den
Werken der Barmherzigkeit sieht, so bringt es doch viel Betrübnis mit sich. Das Fünfte ist, daß des inneren Menschen Leben unvergleichbar
freudenreicher ist als das des äußeren. Darum sagt ein Meister: Lust des
Erkennens hat keine Widersacher, aber alle Lust leiblicher Dinge hat
Widersacher. Und der heilige Augustinus sagt: Marta ward betrübt, Maria lebte
der Bewirtung des inneren Menschen. Ein Lehrer sagte hierzu: Marta redete
Maria an und klagte über sie vor dem Ewigen Worte Christus Jesus. Warum
antwortete ihr Maria nicht? Sie hörte es gar nicht, sie war nicht daheim bei
sich selber. Wo war sie denn? Sie war mit dem inneren Menschen in dem Worte,
des Wort sie hörte. Denn die Seele ist wahrhafter dort wo sie liebt als wo
sie bloß natürliche Gaben spendet. Das Sechste ist, daß des inneren Menschen Leben in göttlicher Erkenntnis
und in Liebe um sein selbst willen begehrenswert ist. Aber das Leben des
äußeren Menschen begehrt man nicht weiter als sofern es zu einem höheren Gute
der Seele verhilft. Davon spricht der Weissager: „Ein Ding hab ich begehrt
von dem Herrn und dieses werde ich suchen: daß ich sehe Gottes Willen und schaue
seine göttliche Wohnstätte.“ Das Siebente ist, daß des inneren Menschen Leben auf göttliche dinge aus
ist und das äußere auf menschliche Dinge. Davon sagt Sankt Augustinus: „Maria
hörte das Wort, wo es entsprang; das ist des Menschen Wort, dem Marta diente.“ Das Achte ist, daß des inneren Menschen Leben auf den Kräften beruht,
die der Seele am eigentlichsten zugehören. Die Kräfte aber die zu den äußeren
Dingen dienen, sind uns mit den Tieren gemein, das ist das Sinnliche. Darum
sagt David: „Herr, du nährst Menschen und Vieh.“ Und darnach sagte er: „Aber,
Herr, wir Menschen werden dein Licht schauen in deines Wesens Lichte,“ das
ist das Licht der Geisteskraft, durch das der Mensch unterschieden ist von
allen Tieren. Das Neunte spricht unser Herr selber aus, indem er sagt: „Maria hat den besten
Teil erwählt.“ Hierzu sagt Augustinus: Marta hat nicht etwas Böses, vielmehr
hat auch sie etwas Gutes, doch Maria hat das Beste. Denn ihr Teil ist
Auswirkung des inneren Menschen, das fängt hier an und währt ewig; das äußere
Leben aber mit den Werken der Erbarmung hat ein Ende, wo kein Jammer noch
Armut mehr ist, das heißt in der Ewigkeit. Aber wiewohl das innere Leben das
beste an sich selber ist, so ist doch bisweilen das äußere besser, wo
leibliche Hilfe Not tut; so ist es besser dem Hungrigen Essen zu geben als
sich derweile in innerlicher Schauung zu üben. Darum sagt ein Lehrer: Wo
immer ich eines Menschen äußerste Not sehe und ihm nicht helfe, da werde ich
schuldig an ihm, und der heilige Augustinus sagt: ich muß ihm helfen. Darum
ist bei rechter Not besser die Werke des äußeren Menschen aus Erbarmung zu
üben an mir oder dem Nächsten, als sich in eine innere Müßigkeit des inneren
Menschen zu setzen in Erkenntnis und Liebe. Das
ist's was wir hier lernen an der Art wie unsre liebe Frau geruht hat in dem
ewigen Gute. Daß wir so Ruhe suchen des innern Menschen und des äußern, dazu
helf uns Gott. Amen. Maria und Marta.
Sankt
Lukas schreibt im Evangelium, daß unser Herr Jesus Christus in ein Städtlein
ging; dort nahm ihn eine Frau auf, die hieß Marta, die hatte eine Schwester,
die hieß Maria; die saß zu den Füßen unsres Herrn und hörte sein Wort, aber
Marta ging umher und diente unserm Herrn. Drei
Dinge bewogen Maria zu den Füßen unsres Herrn zu sitzen. Das eine war, die
Güte Gottes hielt ihre Seele umfangen. Das andre war große unaussprechliche
Begier: sie begehrte und wußte nicht wie, sie wollte und wußte nicht was. Das
Dritte war süße Freude und Wonne, denn sie schöpfte aus den ewigen Worte, die
da rannen durch den Mund Christi. Marta
drängten auch drei Dinge, die bewogen sie umherzugehen und zu dienen dem
lieben Christus. Das eine war ihr fruchtreifes Alter und ein bis in das
tiefste hinein wohl geübter Wesensgrund, deshalb deuchte sie, daß niemand das
Werk so schön vollbringen werde wie sie. Das andre war eine weise Umsicht,
die das äußere Werk wohl verrichten konnte bis zum Letzten, was Liebe
gebietet. Das dritte war die hohe Würdigkeit des lieben Gastes. Die
Meister sagen, daß Gott bereit sei einem jeglichen Menschen an
vernunftgemäßen wie an Sinnlichen Dingen zu gewähren, was er auf das innigste
begehrt. Ob uns Gott gemäß unsrer Vernunft oder gemäß unsrer Sinnlichkeit
genüge tue, darin liegt ein großer Unterschied für de lieben Freunde Gottes.
Gewährung im Sinnlichen, das heißt, daß uns Gott Trost gibt, Lust und
Befriedigung, und hierin verwöhnt zu sein, das geht den lieben Freunden
Gottes ab und ist nicht nach dem inneren Sinn. Aber vernunftgemäße Gewährung,
das geht den Geist an. Ich nenn das vernunftgemäße Gewährung, wenn von aller
Lust auch der oberste Wipfel nicht herniedergebeugt wird, daß er nicht
ertrinke in der Lust, sondern mit Macht über ihr aufragt; denn wenn der
Vernunft Erfüllung zuteil wird, so vermag nicht Lust noch Leid der Kreatur
auch nur obersten Wipfel zu beugen. (Kreatur nenne ich alles, was man
unterhalb Gottes wahrnimmt.) Nun
sagt Marta: „Herr, heiße sie mir helfen!“ Dies sagte Marta nicht im Haß,
mehr: sie sagte es aus einer liebenden Zuneigung heraus, von der sie
Überwältigt ward. Wir müssen es so
nennen: liebevolle Neigung oder liebevolle Neckerei. — Aber wie? — Das
vernehmt. Sie sah, daß Maria umfangen war von Wonne, so sehr es ihre Seele
nur begehren konnte. Und Marta kannte Maria besser als Maria Marta, denn sie
hatte lange und wahrhaft gelebt, und leben verleiht die edelste Erkenntnis.
Durch Leben erkennt man Wonne und Licht besser als alles, was man in diesem
Leibe außer Gott empfangen kann, ja, noch um vieles lautrer als das ewige
Licht selber es verleihen konnte. Im ewigen Licht kann man sich selber nur
mit Gott vereint erkennen, aber nicht sich allein ohne Gott. Wo aber der
Mensch sich alleine sieht, da merkt er eher, was ihm gemäß oder ungemäß ist.
Das beweist der heilige Paulus und auch die heidnischen Meister. Paulus sah
in seiner Verzückung Gott und sich selber auf geistige Weise in Gott und doch
war billigerweise in ihm nicht eine jegliche Tugend bis aufs Letzte zu
erkennen, und das kam daher, daß er sich in Werken nicht bestätigt hatte. Die
Meister aber kamen durch Übung der Tugend zu so hoher Erkenntnis, daß sie
eine jegliche Tugend ihrem Urbild nach erkannten, tiefer als Paulus oder
irgendein Heiliger in seiner ersten Verzückung. So
stand auch Marta da. Darum sagte sie: „Herr, heiße sie mir helfen!“ als ob
sie sagte: meine Schwester dünkt, sie vermöchte, was sie wolle, solange sie
bei dir am Labequell sitzt; nun laß schauen, ob es so ist, und heiße sie
aufstehen und von dir geh! Das war eher ein liebevolles Scherzen als daß sie
es im wirklichen Sinne gemeint hätte. Maria war so voll Begier, — sie
begehrte und wußte nicht wie, sie wollte und wußte nicht was; wir haben sie
in Verdacht die liebe Maria, sie sitze etwa mehr aus Lust dort als zu
geistiger Förderung. Drum sagte Marta: „Herr, heiße sie aufstehen;“ denn sie
fürchtete, daß Maria in solcher Lust verharren möchte und nicht vorwärts
käme. Da
antwortete ihr Christus und sagte: „Marta Marta, du bist besorgt, du betrübst
dich um Vieles. Eins ist not. Maria hat das Beste Teil erwählt, das ihr
nimmer genommen werden kann.“ — Dieses Wort sagte Christus zu Marta nicht im
strafenden Tone; er antwortete ihr und gab ihr die Versicherung, daß Maria
werden solle, wie sie es wünschte. Warum
sagte Christus „Marta Marta“ und nannte sie zweimal? — Isidorus sagt: „Es it ohne Zweifel, daß Gott von der Zeit ab, da er Mensch
ward, nie einen Menschen mit Namen nannte, der dann verloren gegangen wäre.
Die er nicht nannte, bei denen steht es in Zweifel.“ Dies „nennen“ Christi
verstehe ich als ein ewiges Wissen. Unwandelbar stehen von Ewigkeit vor
Erschaffung aller Kreaturen in dem Buche des Lebens Vater, Sohn und Heiliger
Geist, — und was sonst darinnen verzeichnet steht und des Namen Christus laut
aussprach, — keiner dieser Menschen ging je verloren. — Warum
nannte er Marta zweimal? Er meinte, alles was es an zeitlichem und ewigem Gut
gäbe und eine Kreatur besitzen könne, das hätte Maria vollauf. Als er zum
ersten Male Marta sagte, da wies er auf ihre Vollkommenheit in zeitlichen
Wirken hin. Beim zweiten Male bezeugte er, alles was zu ewiger Seligkeit gehört,
auch das mangele ihr nicht. Darum sagte er: „Du bist besorgt,“ und meinte: du
stehst inmitten der Dinge, aber die Dinge hausen nicht in dir; und die stehen
in Sorgen, die in all ihrem Schaffen drinstehen, ohne daß es ihnen ein
Hemmnis würde. „Ohne Hemmnis“ sind die, die alle ihre Arbeit getreu
verrichten nach dem Vorbilde des ewigen Lichtes. Arbeit tut man von außen,
aber Schaffen ist es, wenn man mit sinnvoller Umsicht sich betätigt von Innen
her; solche Leute stehen inmitten der Dinge und Leben doch nicht in den
Dingen. Sie stehen ihnen sehr nahe und es ist doch nicht anders, als wenn sie
dort oben bei dem höchsten Kreise ganz nahe der Ewigkeit ständen. Denn alle
Kreaturen können vermitteln. Die Vermittlung ist zweifältig. Die eine Art,
ohne die ich nicht in Gott kommen kann, ist wirken und schaffen in der Zeit,
und das schmälert die ewige Seligkeit nicht. — Denn darum sind wir in die
Zeit gesetzt, daß wir durch Zeitliches vernunftgemäßes Schaffen uns Gott
nähern und angleichen. Die andre Art der Vermittlung heißt: frei werden von
all dem. Das meinte auch Sankt Paulus, als er sagte: „Löst auf die Zeit, die
Tage sind übel.“ Die Zeit auflösen heißt, daß man ohne Unterlaß aufgehe in Gott auf dem Wege
der Vernunft, und zwar nicht bloß bildlich sich unterscheide sondern in
vernunftgemäßer gelebter Wahrheit. Und „die Tage sind Übel“, das versteht so:
Tag weist auf Nacht, denn wäre keine Nacht, so wäre und heiße es auch nicht
Tag, denn es wäre alles ein Licht. Und das meinte Paulus; denn ein
erleuchtetes Leben ist allzu gering, wenn es dabei noch Verdüsterungen geben
kann, die einem hochgemuten Geist das ewige Heil umschleiern und umschatten.
Das meinte auch Christus, als er sagte: „Schreitet, solange ihr das Licht
habt!“ Denn wer da wirkt im Lichte, der schreitet empor in Gott frei und
ledig aller Vermittlung: sein Licht ist sein Schaffen und sein Schaffen ist
sein Licht. So
stand die liebe Marta da. Darum sagte er zu ihr: „Eins ist not.“ Ich und du
eine Stunde umfangen vom ewigen Licht — das ist „Eins“, da wird zwei zu eins.
Ein brennender Geist aber, der über allen Dingen, aber noch unterhalb Gottes,
nur am Umkreis der Ewigkeit steht, der ist noch „zwei“. Denn ohne Vermittlung
sieht er Gott nicht. Sein Erkennen und sein Wesen oder sein Erkennen und auch
nur die Bilder der Erkenntnis werden nimmer Eins. „Eins-sein“ heißt
Gott schauen in seiner Wesenheit ohne Vermittlung. Denn wo der Geist frei
wird von allen Dingen, da ist eines zwei und zwei wird eins: Licht und Geist,
die zwei sind eins in dem Umfangen ewigen Lichtes. Nun
hört, was „Umkreis der Ewigkeit“ ist. Die Seele hat drei Wege in Gott: Der eine ist, in vielfältigem Schaffen mit brennender Liebe in allen
Kreaturen Gott suchen. Das meinte König David, als er sagte: „In allen Dingen
hab ich Ruhe gesucht.“ Der andere Weg ist ein Weg über
allem Wege: frei und doch gebunden, hoch erhaben und weit entrückt zu sein
über sich und alle Dinge ohne Willen und ohne Bilder, ob es gleich wesenhaft
nicht lange bestehen kann. Das meinte Christus, als er sagte: „Selig bist du,
Petrus! nicht Fleisch und Blut nur erleuchten dich, — vielmehr ein
Erhobensein in das Geistige — daß du zu mir sagst: Gott. Mein himmlischer
Vater hat es dir geoffenbart.“ Sankt Peter sah Gott noch nicht unverhüllt.
Wohl war er über alle Vernunft hinaus durch des himmlischen Vaters Kraft
entrückt an den Umkreis der Ewigkeit, ja, ich sage, er ward von dem
himmlischen Vater so liebevoll und mit stürmischer Kraft umfangen, daß er
bewußtlos stand mit einem emporstaunenden Geiste, der entrückt ist über alle Vernunft
in die Gewalt des himmlischen Vaters. Dort ward dem heiligen Petrus
eingesprochen von oben mit einem süßen Tone, der erschaffen war, aber frei
von aller körperlichen Einwirkung, in einfaltiger Wahrheit, die Einigkeit
Gottes und des Menschen in der Person des himmlischen Vater-Sohnes. Ich
behaupte zuversichtlich: hätte Sankt Petrus Gott unmittelbar gesehen in
seiner Natur, wie er später tat und wie Paulus, als er in den dritten Himmel
entrückt ward, — ihm wäre die Sprache des obersten Engels zu grob gewesen. So
aber redete er mannigfache wohllautende Worte, deren der liebe Jesus gar
nicht bedurft hätte, denn er blickt in des Herzens und des Geistes Tiefe,
dort wo er ohne Hülle steht in der Freiheit wahrer Innerlichkeit. Das meinte
Sankt Paulus, als er sagte: „Es ward ein Mensch entrückt und hörte solche
Worte, die unaussprechlich sind allen Menschen.“ Hieran erkennt, daß Sankt
Peter an dem Umkreise der Ewigkeit stand und nicht in der Einung Gott
schauend in seiner Wesenheit. Der dritte Weg heißt Weg und ist doch ein Zuhause, das ist: Gott schauen
unvermittelt in seiner Wesenheit. Nun sagt der liebe Christus: „Ich bin Weg,
Wahrheit und Leben,“ Christus ein Sohn, Christus ein Vater, Christus ein
Geist, drei-einig, dreifach als Weg, Wahrheit und Leben, und doch eins: der
liebe Jesus. Außerhalb dieses Weges umringen uns alle Kreaturen und wollen
vermitteln; auf diesem Wege in Gott
geleitet durch seines Wortes Licht und umfangen von ihrer beider
Geistesliebe, — das geht über alles, was man in Worte fassen kann. — Nun
vernimm Wunder! Welch wunderbares Außen- und Innenstehen, Begreifen und
umgriffen werden, schauen und geschaut sein, halten und gehalten werden, —
das ist das letzte, wo der Geist mit Ruhe verharrt geeint mit der geliebten
Ewigkeit. — Kehren
wir zurück zu unsrer Rede: wie die liebe Marta und mit ihr alle Gottesfreunde
mit Sorge leben aber nicht in der Sorge. Und da ist zeitliches Werk so edel
wie irgendein sich Vereinen mit Gott, denn es vereint uns mit Gott so innig
wie das höchste, das uns je zuteil werden kann, — ausgenommen nur das Schauen
Gottes in seiner unverhüllten Natur. Darum sagt er: „Du stehst inmitten der
Dinge und inmitten der Sorgen,“ und meint, daß sie in ihren niederen Kräften
sich betrübte und bekümmerte, denn sie lebte nicht so verwöhnt in geistiger
Süße, sie war fern vom eigenen Genuß. Vor
allem auf drei Punkte sollen wir bei unsrem Wirken achtgeben. Diese sind, daß
man mit Ordnung und mit Vernunft und mit Bewußtsein wirke. „Mit Ordnung“,
darunter verstehe ich, daß man an allen Orten seiner nächsten Pflicht
entspreche; „mit Vernunft“, das heißt, daß man jederzeit das beste tut, das
man kennt; „mit Bewußtsein“ — daß man bei edlem Wirken die lebendige Wahrheit
in wonniger Gegenwärtigkeit empfinde. Wo diese drei Punkte sind, die verbinden
uns mit Gott so innig und sind so heilvoll wie alle Wonne der Maria Magdalena
in der Wüste. Nun
sagt Christus: „Du bist betrübt um vieles, nicht um das Eine.“ Das heißt:
wenn sie lauter und rückhaltlos ohne alle Tätigkeit emporgerichtet steht am
„Umkreis der Ewigkeit“, so betrübt sie sich, sobald sich irgend ein Ding einmischen will, so daß sie nicht
freudig dort oben bleiben kann. Solcher Mensch steht in Sorge und in
Betrübnis. Aber Marta stand in hehrer wohlgefestigter Tüchtigkeit und in
einem freien Gemüte, ungehemmt von allen Dingen: darum wünschte sie, daß ihre
Schwester in denselben Stand gesetzt würde; denn sie sah, daß jene nicht
wesenhaft feststand. Es war ihr hehrer Wesensgrund, aus dem heraus sie
wünschte, die Schwester möge in all dem fest stehen, was zum ewigen Heil
gehört. Darum sagt Christus: „Eins ist not.“ Was ist das? Das
Eine, das ist Gott. Und das ist not allen Kreaturen. Denn zöge Gott das Seine
in sich hinein, alle Kreaturen würden zunichte. Zöge Gott das Seine ab von
der Seele Christ, das, wodurch beider Geist geeinigt ist in der ewigen
Person, Christus bliebe bloße Kreatur. Da bedarf man wohl des Einen! Marta
fürchtete, daß ihre Schwester in der Wonne und Süße haften bliebe, und
wünschte, daß sie würde wie sie. Da sprach Christus, als ob er sagen wollte:
Gib dich zufrieden, Marta, auch sie hat den besten Teil erwählt; dies soll
ihr nicht fehlen; das Höchste, was Kreaturen zuteil werden kann, das soll ihr
werden: sie soll heilig werden wie du. — Vernehmt
die Lehre von der Tugend. Tugendhaftes Leben beruht gänzlich auf dem Willen.
Es gibt dreierlei Willen: 1.- der sinnliche, 2.- der vernünftige, 3.- der ewige Wille. Der
sinnliche Wille ermangelt der Lehre; er verlangt, daß man wahre Lehre
höre. Der vernünftige Wille ist der, daß man die Süße in alle Werke Jesu
Christi und der heiligen setze, das heißt daß man gleicherweise Wort, Wandel
und Werk beschicke im Hinblick auf das Höchste. Wenn dies vollbracht ist, so
gibt Gott ein Andres in der Seele Grund. Das ist ein ewiger Wille gemäß dem gütigen
Gebote des heiligen Geistes. Dann spricht die Seele: „Herr, sprich in mich,
was dein ewiger Wille sei!“ Wenn sie so genüge leistet dem, was hier
besprochen haben, und es Gott dann gefällt, so spricht der liebe Vater sein
Ewiges Wort in die Seele. Das ist ein Aufgeben des Willens in Gott. Nun
sagen die Leute, man müsse so vollkommen werden, daß uns keine Liebe mehr
bewegen könne und daß man unberührbar sei von Liebem und von Leidem. Sie tun
sich Unrecht. Ich behaupte, daß kein Heiliger je so erhaben war, daß er nicht
hätte bewegt werden können. Dagegen behaupte auch ich: das gelingt dem
Heiligen wohl in diesem Leibe, daß ihn nichts je abziehen kann von Gott. Ihr
wähnet, solange auch nur Worte euch in Lust oder Leid versetzen können, seiet
ihr unvollkommen? So ist es nicht. Auch Christus hatte dies nicht, das beweis
er, als sagte: „Meine Seele ist traurig bis in den Tod.“ Christus, dem
konnten Worte so weh tun, — wäre aller Kreaturen Weh auf eine Kreatur
gefallen, wie das Weh, das Christus hatte, und das lag am Adel seiner Natur
und an der heiligen Vereinung göttlicher und menschlicher Natur. Darum sage
ich: das Heil ward nie und nimmer erstritten von Einem, dem Pein nicht weh
tue und Freude wohl. Das geschieht nur zuweilen aus Güte, Liebe und Gnade; wie
wenn man einem Menschen seinen Glauben abspräche oder was man sonst will, und
der Mensch wäre ganz von Gnade überzogen, so stände er wohl gleichmütig in
Lust und Leid. — Aber das wird Heiligen wohl zuteil, daß sie nichts je von
Gott abziehen kann, und wird auch das Herz gepeinigt, als ob der Mensch nicht
in der Gnade stehe, daß doch der Wille bedingungslos auf Gott gerichtet
steht, so sprechend: „Herr, ich dir und du mir!“ Was ihn da anfällt, das
hindert das ewige Heil nicht, weil es ja nicht den obersten Wipfel des
Geistes befällt, da oben wo er in Einigkeit steht mit Gottes liebstem Willen. Nun
sagt Christus: „Um vieler Sorge willen wirst du betrübet.“ Marta war so
wesenhaft, daß sie ihr Wirken nicht hemmte, wirken und schaffen leitete sie
hin zum ewigen Heile. Maria mußte erst Marta werden, ehe sie ganz Maria
wurde; denn als sie zu Füßen unseres Herrn saß, da war sie noch nicht Maria:
sie war es wohl dem Namen nach, aber sie war es nicht der Wirklichkeit des
Geistes; denn sie saß in Wonne und Süße und war eben erst zur Schule gekommen
und lernte leben. Aber Marta stand so wesenhaft da; drum sagte sie:
Herr, heiße sie aufstehen, als ob sie sagte: Herr, wollte daß sie nicht da
säße in Wonne, ich wollte, daß se leben lernte, damit sie es wesenhaft
besäße: heiße sie aufstehen, daß sie vollkommen werde. — Sie hieß noch nicht
Maria, als sie zu Christi Füßen saß: ich nenne Maria einen wohl geübten Leib,
gehorsam weiser Lehre, und ich nenne Gehorsam: was die tiefste Einsicht
gebietet, daß der Wille dem genüge leiste. Denn das muß sein, daß man auch
vollbringe, was man für gut erkennt, es sei im Ablegen oder im Empfangen. Nun
wähnen unsre guten Leute das zu erringen, daß Gegenwärtigkeit sinnlicher
Dinge den Sinnen nichts sei. Das geht nicht an! Daß ein peinvolles Gelärme
meinen Ohren ebenso erfreulich sei wie ein süßes Saitenspiel, das kann ich
mir nimmer abringen! Aber soweit kann man kommen: daß ein sinnvoller
gottgeformter Wille entblößt stehe von aller natürlichen Lust, wenn es die
Einsicht für gut hält, daß sie dem Willen gebiete sich abzukehren, und daß
der Wille dann spreche: ich tue es gerne. Seht: da würde Kampf zur Lust, denn
was der Mensch mit großer Mühsal erstreiten muß, daß wird ihm eine
Herzensfreude, und dann wird es fruchtbar. Ferner
wollen etliche Leute dazu kommen, daß sie des Wirkens entledigt seien. Ich
sage: es kann nicht sein. Seit der
Zeit, da die Jünger den heiligen Geist empfingen, fingen sie erst an
Tüchtiges zu wirken. Dadurch daß Maria zu Füßen unsers Herrn saß, lernte sie,
sie war zur Schule gebracht und lernte leben. Aber hernach, als Christus zum
Himmel fuhr und sie den heiligen Geist empfing, da erst fing sie zu dienen an
und fuhr über Meer und predigte und lehrte und ward eine Dienerin der Jünger.
Wenn die Heiligen zu Heiligen werden, dann erst fangen sie an, dauerndes zu
wirken, denn dann sammeln sie einen Hort ewigen Heils. Was vorher gewirkt
wird, das tilgt Schuld und wendet Strafe ab. Dafür finden wir ein Zeugnis an
Christus: von dem Augenblick an, da Gott Mensch ward und Mensch Gott, da fing
er an zu wirken unsre Seligkeit bis zum Ende, da er starb am Kreuze. Kein
Glied war an seinem Leibe, das nicht eine besondere Tugend betätigte. Daß
wir ihm wahrhaft nachfolgen in Betätigung wahrer Tugend, dazu helf uns
Gott. Amen. Aussprüche.
Meister
Eckhart sagt: Die Heilige Schrift lehrt immer wieder, daß der Mensch seiner
selbst ledig werden soll. Denn so sehr du deiner selbst ledig bist, so sehr
bist du deiner selbst gewaltig, und so sehr du deiner selbst gewaltig bist,
so sehr bist du dein eigen, und so sehr du dein eigen bist, so sehr ist Gott
dein eigen und alles, was Gott je erschuf. Besser
wäre ein Lebemeister als tausend Lesemeister. Eines
Todes sterben in Liebe und Erkenntnis — der ist edler und werter als die
guten Werke, die die heilige Christenheit von Anbeginn bis jetzt wirkte in
Liebe und Sehnsucht und noch wirken wird bis an den jüngsten Tag. Diese
dienen allein jenem Tode, denn in diesem Tode entspringt das ewige Leben. Das
Gott stet ist, das macht alle Dinge laufen. Es ist etwas so freudenreiches,
daß es alle Dinge laufen macht, damit sie wiederkommen in das, daraus sie
gekommen sind; und es bleibt doch an sich selber unbeweglich, aber je edler
ein Ding ist, desto freudiger läuft es. Begegnungen.
Meister
Eckhart sagte zu einem armen Menschen: „Gott gebe dir guten Morgen, Bruder!“
— „Herr, habt ihr nur selber einen, — ich erlebe nie einen schlimmen.“ Er
sagte: „Wieso, Bruder?“ — „Denn alles, was mir Gott je gab zu leiden, das
litt ich fröhlich um seinetwillen, ja, ich dünkte mich seiner unwürdig, und
darum ward ich nie traurig noch betrübt.“ Er sagte: „Wo fandest du Gott zu
allererst?“ — „Wo ich alle Kreaturen ließ, da fand ich Gott.“ Er sagte: „Wo
hast du denn Gott gelassen, Bruder?“ — „In lautren reinen Herzen.“ Er sagte:
„Was für ein Mann bist du?“ — „Ein König.“ — „Über was?“ — „Über mein
Fleisch; denn alles, was mein Geist je begehrte von Gott, dabei war mein
Fleisch noch behender und schneller es zu wirken oder zu leiden als mein
Geist es zu empfangen.“ Er sagte: „Ein König muß ein Königreich haben: wo ist
denn dein Reich, Bruder?“ — „In meiner Seele.“ — „Wieso, Bruder?“ — „Wenn ich
verschlossen habe die Pforten meiner fünf Sinne und ich Gott mit ganzem
ernste ersehne, so finde ich Gott in meiner Seele so hell und heiter wie er im
ewigen Leben ist.“ — Du magst wohl heilig sein; wer hat dich heilig gemacht,
Bruder?“ — „Das hat mein Stillesein und mein hohes Denken und meine
Vereinigung mit Gott gemacht, das hat mich in den Himmel entrückt; denn ich
konnte nie ruhen bei irgendeinem Ding, das weniger war als Gott. Nun hab ich
ihn gefunden und habe Ruhe und Freude in ihm ewiglich, und das geht über alle
Königreiche.“ Meister
Eckharten begegnete ein schöner nackender Knabe. Da fragte er ihn von wannen
er käme. Er sagte: „Ich komme von Gott.“ — „Wo ließest du ihn?“ — „In
tugendhaften Herzen.“ — „Wohin willst?“ — „Zu Gott?“ — „Wo findest du ihn?“ —
„Wo ich alle Kreaturen ließ.“ — „Wer bist du?“ — „Ein König.“ — „Wo ist dein
Königreich?“ — „In meinem Herzen.“ — „Hüte es, daß es niemand außer dir
besitze!“ — „Das tu ich.“ — „Da führte er ihn in seine Zelle und sagte:
„Nimm, welchen Rock du willst.“ — „Dann wäre ich nimmer ein König!“ und
verschwand. Da war es Gott selber und hatte mit ihm seine Kurzweil. *
* * Aus der Anreizung und Anweisung zum Schauenden Leben. Aus den Reden der Unterweisung Jesus trat in den Tempel Gottes und warf hinaus alle Verkäufer und Käufer. "Ich muß in dem sein was meines Vaters ist." "In der Zeit ward der Engel Gabriel von Gott gesandt: Gegrüßet
sei, du gnadenreiche, …!" Aus dem Buch der göttlichen Tröstung. Darin erschien die Liebe Gottes bei uns, daß Gott seinen
eingeborenen Sohn in die Welt sandte, … Ihr sollt wissen, daß das Reich Gottes nahe ist. Die Stunde kommt und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater
anbeten werden im Geist und ... Jesus trat in eine Burg und ein Weib empfing ihn. Ein neu Gebot gebe ich euch: daß ihr euch gegenseitig liebt, so wie
ich euch geliebt habe. Stark wie der Tod ist die Liebe. Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet und Frucht bringet. In allen Dingen hab ich Ruhe gesucht. _______
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