Meister Eckhart

 

Ewige  Geburt

Deutsche Reden und Schriften des Meisters Eckhart

 

 

 

Ausgewählt, in unser Deutsch übertragen und mit Einleitung versehen

von

Wilhelm Willige

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Meister Eckhart

"Diz ist meister Eckhart, dem Gott nie ihts verbarc."

 

Eckhart lebte etwa von 1260 bis 1327. Er war Thüringer und trat als Jüngling in Erfurt in den Orden der Dominikaner ein. Da man seine hohe Begabung schon während seiner Lehrjahre erkannte, ward er auf die angesehene Hochschule zu Köln geschickt, wo der Geist des 1280 dort verstorbenen Albrecht des Großen (Albertus magnum), Begründers der mittelalterlichen systematischen Theologie, fortlebte und herrschte. In den neunziger Jahren war Eckhart Prior in Erfurt und Vicarius in Thüringen, vom September 1300 ab lector biblicus in Paris, wo er zum Magister promoviert wurde. 1303 wählte ihn der Orden zum Provinzialprior der Ordensprovinz Sachsen. Er hatte fortan die sechzig Klöster zu überwachen und zu bereisen, die in dem Gebiete zwischen Thüringen und der Nord- und Ostsee, zwischen Holland und Livland lagen; sein Sitz war in Erfurt. 1311 im Herbst ist er wieder in Paris als Hochschullehrer, von 1312 ab als solcher und als Prediger in Straßburg; 1320 ist er Prior in Frankfurt und wurde schließlich "Lesemeister" an der berühmten Kölner Hochschule, ein gefeierter Lehrer und Meister, ein heiliger Mensch. Manchen Jünger warb dort sein Wort, vor allem Seuse und Tauler. In seinen letzten Lebensjahren ward er in Avignon beim Papst als Irrlehrer verklagt, wobei ihm besonders verdacht wurde, daß er seine "verwirrenden" Lehren in deutscher Sprache verkündete. Allen Anschuldigungen und Untersuchungen gegenüber blieb er aufrecht und sich getreu. Noch ehe ein endgültiges Urteil erfolgte, ist er verstorben. Bald nach seinem Tode wurden seine Schriften vom Papste verboten und geächtet, — der Hauptgrund, weshalb ihr Wortlaut sehr unvollkommen und fehlerhaft überliefert worden ist.

Warum erneuern wir heute sein Bild, seine Lehre? Vielleicht kann selten einer so wie er uns den ersehnten neuen Sinn des Daseins, unserer innere Einung mit Gott und Welt Volk finden helfen. Wiewohl ganz eingebettet in christliche Vorstellungsweise, ist es doch ursprüngliche Religion, was hier gelehrt wird, und obgleich sich Eckhart ganz als Jünger Jesu fühlte und es in einem tiefen Sinn auch war wie selten einer, ist er doch zugleich Meister in dem Sinne, wenn auch nicht dem Grade, in dem man den Galiläer so benannte.

Erst widerwillig dann willig hatten die Germanen die fremde christliche Lehre hingenommen und geglaubt. Allmählich nur verwuchs das Pfropfreis mit dem Stamm und trieb neue, eigene Blüten und Früchte, die eigensten und kräftigsten bisher in der "gotischen Zeit". Denn unser Meister steht ja nicht als vereinzelte Erscheinung in dem Deutschland seines Jahrhunderts. Er ist nur einer der edelsten Söhne seiner und der auf ihn folgenden Zeit. Der Geist, der in den Domen der "Gotik" herrscht, ist bei ihm Wort geworden. Wie in jenen Bauten die riesenhaften Stoffmassen beherrscht und geordnet werden von einem einzigen Drang: empor! Wie aus den schweren Grundquadern der Geist sich losringt, um immer leichter und leichter, stoffloser und beschwingter zu werden, wie ein Pfeiler über den andern gefügt ist, bis das von Stufe zu Stufe sich verjüngende Ganze mit einer letzten höchsten Spitze hinausragt ins Nichts, ins All, — so erbauten jene heiligen Menschen, Meister und Jünger, sich empor, von Stufe zu Stufe ein Stück ihres vergänglichen Ichs hinabwerfend, bis auch sie beim Nichts angelangt waren, wo in entrückter Schau sich ihnen der überstoffliche Gott zeigte, der Leiblose vor ihren verzückten Blicken sich verleibte. Sie wurden zu nichts, um ganz aufzugehen in ihm, der all ist.

Wohl stürzte manche dieser beschwingten Seelen hernieder von solcher Höhe und zerschmetterte oder mußte lahm am Boden den Tag der Heilung erharren, um aufs neue desto inbrünstiger den Flug ins Licht zu beginnen. —

Eckharts Verkündigung ist geboren aus dem unbedingten Zwang eines schöpferischen Urerlebens. Was er einmal von einer seiner Reden sagt: "Wäre hier niemand gewesen, ich hätte sie diesem Opferstocke predigen müssen", das läßt sich auf seine ganze Lehre anwenden. Nicht äußerer Anlaß, inneres Müssen zeugt sie. Der Kern seines Urerlebens ist eine ganz neue wesenhafte Gewißheit von der Menschwerdung Gottes in Jesus. Hieraus aber entspringt ihm als notwendige Forderung die Gottwerdung des Menschen: "Denn so wahr das ist, daß Gott Mensch geworden, so wahr ist der Mensch Gott geworden."

Der Weg zur Vergottung ist Entselbstung. Wer sich frei macht vom Vergänglichen in und außer ihm, der bekommt Anteil am Unvergänglichen, an der Ewigkeit, und dies allein ist Freiheit und Seligkeit des sich vergottenden Menschen. —

Von hier gewinnt der Meister auch den heiligen Sinnbildworten der Kirche ganz neuen Sinn ab. So ist zwar der "Vater" aller Dinge und Wesen leiblich-stofflich, aber für den Menschen gilt es noch eine ganz andere Gottes-Sohnschaft zu erringen, Gott sich zum zweiten Mal in höherem Sinne zum Vater zu machen: das aber geschieht nur durch ein jähes Durchbrechen des niederen leiblich-stofflichen Dunstkreis, durch einen Emporschwung in das ewig bereite offene Reich der Gnade, durch ein Sterben in der Welt, der Vergängnis und eine neue geistige Geburt in der Welt des Ewigen. So wird aus dem Menschenkind das Kind Gottes, vom heiligen Geiste gezeugt und jungfräulich geboren.

Das bedeutet nicht die Erstrebung eines weltfernen "mystischen" Ruhezustandes, — ganz im Gegenteil: das Göttliche ist erst dann wesenhaft im Menschen geboren und hat ihn ganz durchwachsen, wenn es hinausleuchtet im täglichen Schaffen, wenn es fruchtbar wird in allem Denken, Reden und Handeln. Eine andere Art der "Ruhe" ist's also, die er gewinnen soll: "den Fuß breit festen Grund, worauf er stehe", fest genug, um von hier aus "Welten zu bewegen".

Daß die Krone Eckhartscher Lehre der Wille zur Tat, zur Verwirklichung ist, erweist sich aus vielen seiner Reden und Schriften, am klarsten aber aus der Rede über "Maria und Marta", der schönsten und reichsten vielleicht seiner deutschen Reden. Sie behandelt den Besuch Jesu bei den zwei Schwestern, die als Verkörperung des Schauens und des Tuns mystisch geworden und verewigt sind. Unbedenklich stellt Eckhart den Gehalt, den man von je in dieser Geschichte gefunden hat, beinah auf den Kopf. Er preist die Marta, die Schaffende, liebend Tätige, als einen Menschen, der die höchste Stufe des Seins erklommen hat: "sie hatte lange und wahrhaft gelebt und Leben verleiht die edelste Erkenntnis." Daher kennt sie ihre jüngere Schwester genau und befürchtet, — so deutet es Eckhart — "daß Maria in solcher Lust (nämlich des Schauens und Hörens) verharren möchte und nicht vorwärts käme … Marta war so wesenhaft, daß ihr Wirken sie nicht hemmte, Wirken und Schaffen leitete sie hin zum ewigen Heile." Von Maria dagegen heißt es: "… sie saß in Wonne und Süße und war eben erst zur Schule gekommen und lernte leben. Aber Marta stand so wesenhaft da, drum sagte sie: Herr, heiße sie aufstehen, als ob sie sagte: Herr, ich wollte, daß sie nicht da säße in Wonne, ich wollte, daß sie leben lernte, damit sie vollkommen werde". Auch die Antwort Jesu deutet Eckhart ganz in seiner Weise: "Gib dich zufrieden, Marta, auch sie hat das beste Teil erwählt; dies soll ihr nicht fehlen … sie soll heilig werden wie du."

Von den drei Wegen der Seele in Gott, die Eckhart in derselben Rede beschreibt, ist Marta bereits den dritten gegangen, der am tiefsten in Gott hineinführt. Der geht "über alles, was man in Worte fassen kann" und Eckhart vermag von ihm nur zu stammeln: "Welch wunderbares Außen- und Innenstehen, begreifen und umgriffen werden, — schauen und geschaut sein, halten und gehalten werden, — daß ist das letzte, wo der Geist mit Ruhe verharrt, geeint mit der geliebten Ewigkeit."

Aber eben diese "Ruhe" ist es aus der Menschen wie Marta die Kraft schöpfen, ein ganzes Leben voll Wirkens und Schaffens zu beseelen und zu adeln, sie ist das große Einatmen der Seele, ohne das sie nicht ausatmen kann, sie ist der fruchtbare Grund, dem einzig und allein das wahre Schaffen entwachsen kann, das sich von der bloßen "Arbeit" nicht etwa durch eine feinere oder vornehmere Art der Betätigung unterscheidet, sondern durch den Grad der Beseelung, den ihm der Schaffende verleiht: "Arbeit tut man von außen, aber Schaffen ist es, wenn man mit sinnvoller Umsicht sich betätigt von innen her; solche Leute stehen inmitten der Dinge und leben doch nicht in den Dingen. Sie stehen ihnen sehr nahe und es ist doch nicht anders, als wenn sie dort oben bei dem höchsten Kreise ganz nahe der Ewigkeit ständen."

Gerade diese Seite der Eckhartschen Lehre wird von den meisten übersehen, sowohl von den kühlen Verstandesmenschen, der diesen religiös-schöpferischen Geist nur mit sehr kritischem Auge zu betrachten vermag und darum schwer Zugang zu seinem Wesentlichen findet, wie auch von dem Gefühlsschwelger, dem seelischen Genießer und Schmecker, dem auch Eckhart nur eine Sensation oder Berauschung, bestenfalls Befriedigung eines Bedürfnisses ist, nicht Antrieb zu neuem Leben und Wirken, und von dem daher gilt, was Marta für Maria befürchtet. So aufgefaßt bleibt das Wort all solcher Lehrer und Meister unfruchtbar, ja gefährlich. So ging es Nietzsche, als er Mode war, und auch Jesus hatte und hat solche "Jünger" genug, und das gleiche Schicksal muß Meister Eckhart teilen. Wer aber Ohren hat, der hört auch hier, zumal in unserer Zeit der Not, den Ruf zu rüstiger Tat, zur Verwirklichung des Geschauten: "Schreitet, solang ihr das Licht habt. Denn," so heißt es in dieser Rede, "wer da wirkt im Lichte, der schreitet empor in Gott frei und ledig aller Vermittlung: sein Licht ist sein Schaffen und sein Schaffen ist sein Licht."

 

 

 

Aus der Anreizung und Anweisung zum Schauenden Leben.

Es kommt von göttlicher gnade, daß der Mensch gern von Gott lesen oder sprechen hört, und dies ist der Seele eine edle Bewirtung. Gar an Gott gedenken, das ist süßer denn Honig. Aber Gott erkennen, das ist die ganze Hoffnung einer edlen Seele. Und wenn man sich mit Gott in der Liebe vereint, das ist ewige Freude, die soll man hier schmecken, je nachdem wie sich der Mensch dazu eignet. Ihrer sind allzu wenige, die sich ganz eignen zu dem beschauen des göttlichen wunderbaren Spiegels. Es sind wenig Leute, die das schauende Leben wahrhaft besitzen hier auf Erden. Etliche beginnen und vollenden es nicht. Das kommt daher, daß sie Martas (tätiges) Leben nicht wahrhaft geübt haben. Gleicherweise wie der Adler sein Kind verwirft, das nicht in die Sonne sehen kann, so ergeht es auch dem geistlichen Kinde. Wer hoch bauen will, der muß mit Festigkeit einen starken Grund legen. Der rechte Grund ist die wahre Gestalt und der Weg unseres Herrn Jesus Christus. Er sagte selber: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Dionisus sagt: "Sofern die Seele Gott folgen will in die Wüstenei der Göttlichkeit, muß der Leib hier außen Jesus folgen in williger Armut." — "Solcher Mensch geht müßig," sagt man. — Sankt Bernhard sagt: "Es ist kein Müßiggang, wenn man Gottes harrt, es ist eine Arbeit über alle Arbeit dem, der es nicht recht kann." Wer Gott suchen will der suche ihn in der Göttlichkeit. Auch Jesus sagt: "Will dich Vater oder Mutter oder was immer sonst hindern, davon sollst du ganz ablassen und Gott dienen ohne Hindernis." Der Philosoph sagt: "Der Mensch, der berührt wird von dem einfließen der ersten Ur-Sache, der braucht nicht Rat zu suchen bei menschlichem Verstande; er soll dem folgen was über allem Verstand ist, denn er ist berührt von der verborgenen ersten Wahrheit." …

 

Aus den Reden der Unterweisung

… Die Leute dürften nimmer soviel bedenken, was sie tun sollen; sie sollten vielmehr bedenken, was sie sein sollen. Wären die Leute gut und ihre Art, so müßten ihre Werke hell leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Nicht vermag man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun, man soll Heiligkeit gründen auf ein Sein; denn die Werke heiligen uns nicht, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig die Werke immer sind, so heiligen sie uns doch nicht, sofern sie Werke sind, sondern sofern wir sind und Wesen haben, sofern heiligen wir unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was es immer sei. Wer nicht von großem Wesen ist, welche Werke der auch wirkt, es wird nichts draus.

Merkt also, daß man allen Fleiß darauf verwenden soll, daß man gut sei, nicht so sehr was man tue oder welcherlei Art die Werke sind, sondern wie der Grund der Werke ist.

… Der Mensch soll Gott finden in allen Dingen und soll sein Gemüt gewöhnen, daß er allezeit Gott gegenwärtig habe im Gemüt, im Denken und im Begehren. Sieh zu, wie du deines Gottes inne bist, wenn du in der Kirche oder Zelle bist, dasselbe Gemüt behalt und trag es unter die Menge und in den Lärm und in das Fremde …

… "Ihr sollt sein wie Leute die allezeit wachen und harren ihres Herrn." Die harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, wann ihr Herr komme, des sie harren, und warten sein in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht dabei ist …

… Der Mensch soll kein genügen haben an einem gedachten Gott: wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll haben einen wesentlichen Gott, der fern ist vom Denken des Menschen und aller Kreatur. Der Gott vergeht nicht, der Mensch kehre sich denn eigenwillig ab …

… Der Mensch, der sich des Seinen ganz begeben hätte, der könnte Gott nimmer verlieren noch vermissen, bei keinem Werk. Geschähe es aber, daß der Mensch fehlträte oder übel redete oder Dinge über ihn kämen, die unrecht sind, während Gott im Beginn seines Werkes steht, so muß er notwendig den Schaden auf sich nehmen, aber von deinem Werk sollst du in keiner Weise lassen; dafür finden wir Vorbilder an Sankt Bernhard und vielen andern Heiligen. Solcher Zwischenfälle kann man nie ganz ledig werden. Aber weil etwa einmal Ratten unter das Korn Fallen, darum soll man edles Korn nicht verwerfen. In Wahrheit, wer rechten Sinnes ist und Gott recht kennt, dem diente all solches Erdulden und solche Zwischenfälle zu großem Heil. Denn den guten kommen alle Dinge zugute, wie Sankt Paulus und Augustinus sagen, ja, auch die Sünde.

… Darum duldet Gott gern den Schaden der Sünde und hat ihn sehr oft verhängt über die Menschen, die er ausersehen hat, sie zu großen Dingen heranzuziehen.

… Fliehen sollst du alle Sonderlichkeit, sei es in Kleidern, in der Speise, in hohen Worten oder Besonderheit der Gebärde, worin keine Förderung liegt. Aber doch sollst du wissen, daß dir nicht alle Sonderlichkeit verboten ist. Manche Besonderheit muß man zu mancher Zeit und bei manchen Leuten innehalten; denn wer ein Besonderer ist, der muß auch viel Besonderes tun zu mancher Zeit, auf vielerlei Art.

 

Jesus trat in den Tempel Gottes

und warf hinaus alle Verkäufer und Käufer.

Wir lesen in dem heiligen Evangelium, daß unser Herr in den Tempel ging und hinauswarf, die da kauften und verkauften, und sagte zu denen, die da Tauben feil hielten: "Tut das weg!" Er meinte das nicht anders, als daß er den Tempel rein haben wollte, als wollte er sagen: Ich habe ein Recht auf diesen Tempel und will allein darinnen sein und Herrschaft darin haben.

Wer ist nun dieser Tempel, worin Gott mit Macht Herrschaft üben will nach seinem Willen? — Das ist des Menschen Seele, die er so recht sich selber gleich gebildet und geschaffen hat, wie wir ja lesen, daß unser Herr sprach: "Machen wir den Menschen nach unsrem Bilde und Gleichnis." Und das hat er auch getan, und so gleich hat er des Menschen Seele sich selber gemacht, daß im Himmelreich wie im Erdreich Gott nichts so gleich ist wie allein des Menschen Seele. Darum will Gott diesen Tempel rein haben, daß auch nichts weiter darin sei als er allein, und dies darum, weil ihm dieser Tempel erst recht wohl gefällt, wenn er ihm so recht gleich ist, und weil ihm selber so wohl behagt in diesem Tempel, wenn er allein darin ist.

Nun merket auf: Wer waren die Leute, die dort kauften und verkauften und wer sind sie noch? Nun versteht mich recht: ich will jetzt durchaus nur von guten Leuten reden, dennoch will ich zunächst dartun, welches die "Kaufleute" waren und noch sind, die unser Herr hinausschlug und hinaustrieb, — denn das tut er noch allen denen, die da kaufen und verkaufen in diesem Tempel: er will ihrer nicht einen einzigen darin lassen. Seht: das alles sind Kaufleute, die sich hüten vor groben Sünden und wären gerne gute Leute und tun ihre guten Werke Gott zu Ehren, wie Fasten, Wachen, Beten und was es sonst gibt, allerhand gute Werke, — und tun sie doch darum, daß ihnen unser Herr etwas dafür gebe oder, daß Gott ihnen dafür etwas tue, was ihnen lieb sei: das sind alles Kaufleute. Das meinte ich im groben Sinne. Denn sie wollen das Eine für das Andere geben und wollen sie mit unserm Herrn handeln — und werden bei dem Kaufe betrogen. Denn alles was sie haben und wirken vermögen, das geben sie ja schon mit Hilfe Gottes. Dafür wäre ihnen Gott gar nichts zu geben schuldig noch zu tun, er wollte es denn gerne umsonst tun. Denn was sie sind, das sind sie durch Gott, und was sie haben, das haben sie von Gott und nicht von sich selber. Darum ist ihnen Gott für ihre Werke und für ihr geben gar nichts schuldig, er wolle es denn gerne tun aus Gnade und nicht für ihre Werke noch für ihre Gaben; denn sie geben nicht von dem ihren, sie wirken auch nicht aus sich selber, wie ja Gott selber sagt: "Ohne mich könnet ihr nichts tun." Dies sind höchst törichte Leute, die so mit unserm Herrn handeln wollen, sie erkennen von der Wahrheit wenig oder nichts. Darum schlug sie Gott aus dem Tempel und trieb sie aus. Es kann nicht beieinander bestehen das Licht und die Finsternis. Gott ist die Wahrheit und das Licht an sich selber. Wenn drum Gott kommt in diesen Tempel, so treibt er aus Unerkenntnis und Finsternis und offenbart sich selber mit Licht und mit Wahrheit. Gleich sind die Kaufleute hinweg, wenn die Wahrheit bekannt wird, und die Wahrheit begehrt keiner Kaufmannschaft. Gott trachtet nicht nach dem Seinen, in allen seinen Werken ist er ledig und frei und wirkt sie in wahrer Liebe. Ganz so tut auch jener Mensch, der mit Gott vereint ist; der steht auch ledig und frei in allen seinen Werken und wirkt sie aus Liebe und ohne "warum?", allein Gott zu ehren, und sucht nicht das Seine dabei, und Gott wirkt es in ihm.

Ich sage mehr: solange der Mensch irgend etwas sucht bei allen seinen Werken oder etwas begehrt von all dem, was Gott geben kann oder noch geben will, so ist er diesen Kaufleuten gleich. Willst du der Kaufmannschaft ganz ledig sein, so sollst du alles, was du vermagst an guten Werken, lauter und rein Gott zum Lobe tun und sollst dessen so ganz ledig stehen, als ob du gar nicht wärest. Du sollst auch nichts dafür begehren. Wenn du derart wirkest, so sind deine Werke geistlich und göttlich, und dann sind die Kaufleute aus dem Tempel getrieben ganz und gar und Gott allein ist darin, denn solcher Mensch meint nichts als Gott. — Seht, nun ist dieser Tempel also leer von allen Kaufleuten; der Mensch der nichts erstrebt als allein Gott und die Ehre Gottes, der ist wahrlich frei und ledig aller Kaufmannschaft in allen seinen Werken und sucht nicht mehr, was sein wäre.

Ich habe weiter gesagt, daß unser Herr zu den Leuten, die da Tauben feil hielten, sagte: "Tut dies weg! Tut dies hin!" Diese Leute trieb er nicht aus und schalt sie nicht sehr, sondern sagte sehr gütig: "tut dies weg!" so als wenn er sagen wollte: dies ist nicht böse, doch lenkt es ab von der lautren Wahrheit. Hieran erkennt einen etwas höhern Grad, auf den uns dieses Evangelium hinweist, die Leute nämlich, die ihre Werke in jener lautren Absicht tun und doch verhindert werden zum Besten zu kommen, weil sie noch irgendwie Gewerbe und Wechsel treiben mit der niederen Kreatur, vergleichbar den Wechslern und denen, die Tauben feilhielten, deren Bänke und Stühle der Herr umwarf. Denn wiewohl solches Gewerbe Anfangs in guter Absicht von etlichen unternommen ward, so war es doch unziemlich und späterhin mehr zu einem großen Mißbrauch der Habgier gediehen als zu Gottes Dienst. So geht es diesen Leuten heute noch. Denn wiewohl sie eine gute Absicht haben und ihre Werke rein um Gottes willen tun und das Ihre nicht dabei suchen, handeln sie doch nichtsdestoweniger noch in der Hörigkeit der Zeit und Zahl, des Zuvor und Hernach. Bei solcher Tätigkeit sind sie verhindert an der allerbesten und reinsten Wahrheit: daß sie sollten frei und ledig sein, wie unser Herr Jesus Christus frei und ledig ist und sich allzeit neu ohne Unterlaß und frei von Zeit empfängt von seinem himmlischen Vater und sich nun ohne Unterlaß völlig zurückgebiert mit dankbarem Preisen in die väterliche Hoheit, in gleicher Würdigkeit. Ebenso sollte der Mensch dastehen, der der allerhöchsten Wahrheit empfänglich werden und darin leben wollte ohne vor und nach und ohne Behinderung durch all die Werke und all die Bilder, die er je wahrnahm, ledig und frei in diesem nun neu empfangend göttliche Gabe und sie wieder gebärend im selben Augenblick mit dankbarem Lob in unserm Herrn Jesus Christus. Dann wären die "Tauben" und das "Wechseln" weg: das heißt die Behinderung und Knechtung durch all die Werke, die zwar gut sind, darin der Mensch nicht das Seine sucht, über die aber unser Herr in aller Güte sagte: "Tut dies weg! Tut dies ab!" als ob er sagen wollte: es ist gut, doch bringt es Ablenkung.

Wenn dieser Tempel so ledig von allen Widrigkeiten, das heißt von Hörigkeit und Unerkenntnis, so blickt er so schön und leuchtet so lauter und klar über alles, was Gott geschaffen hat, daß niemand ihm entgegenstrahlen kann als allein der unerschaffene Gott. Und in der Tat ist diesem Tempel auch niemand gleich als Gott. Alles was unter den Engeln steht, gleicht diesem Tempel keinesfalls. Und die höchsten Engel selber gleichen diesem Tempel nur in gewissem Grade und nicht ganz. Einigermaßen Gleichen sie der Seele an Erkenntnis und an Liebe. Doch ist ihnen ein Ziel gesetzt, darüber hinaus können sie nicht. Die Seele kann wohl weiter. Denn stünde die Seele eines Menschen, der noch lebte in der Zeit, dem obersten Engel gleich, der Mensch könnte dennoch in seiner freien Kraft unermeßlich hoch über den Engel kommen, in jedem Augenblick neu, ohne Maß, das heißt ohne erkennbare Form und in höherer Form als die Engel und alle erschaffene Vernunft. Gott allein ist frei und unerschaffen und darum ist er der Seele allein gleich durch die Freiheit, — nicht durch die Unerschaffenheit, denn die Seele ist erschaffen.  Und wenn sie kommt in das unvermischte Licht, so schlägt sie um in ihr Nichts und ist so fern von dem erschaffenen Ich in dem Nichts, daß sie mitnichten zurückkehren kann in ihre eigene Kraft, in ihr Erschaffenes Ich. Und Gott steht mit seiner Unerschaffenheit ihrem Nichtssein bei und erhält die Seele seinem Dasein. Die Seele hat gewagt zunichte zu werden und kann nun durch eigne Kraft nicht wieder zu sich kommen, so sehr ist sie in sich vergangen, wenn Gott ihr nicht beisteht. So muß es notwendig sein.

Jesus war hineingegangen in den Tempel und warf hinaus, die dort kauften und verkauften und sagte zu den andern: "tut das weg!" Seht, nun war niemand mehr drinnen als Jesus allein und er begann zu reden im Tempel. Das glaubt mir: will jemand anderes reden in dem Tempel der Seele als Jesus allein, so schweigt Jesus, weil er sich nicht heimisch fühlt, und er ist auch nicht heimisch in der Seele, denn sie hat fremde Gäste, mit denen sie reden will. Soll aber Jesus reden in der Seele, so muß sie allein sein und muß schweigen, um Jesus reden zu hören. Oh, dann geht er hinein und beginnt zu sprechen. Was spricht er? — Er spricht was er ist. — Und was ist er denn? — Er ist ein Wort des Vaters. In diesem Worte spricht der Vater sich selber und alle göttliche Natur und alles was Gott ist, ganz wie er es erkennt; er erkennt es aber wie es ist, und er ist vollkommen in seiner Erkenntnis und in seiner Kraft. So ist er auch vollkommen in seinem Sprechen. Wo er das Wort spricht, da spricht er sich und alle Dinge in Gestalt einer andern Person und gibt dem Wort dieselbe Natur, die er selber hat, und in diesem Worte sprechen alle vernunftbegabten Geister gemäß diesem Worte: nach dem Bilde, wie es in Gott verbleibt, nach dem Sohne, wie es hinausleuchtet, — nicht so wie ein beliebiges Wort für sich selber ist, ungleich in jeder Hinsicht jenem Worte, sondern sie haben das Vermögen bekommen aus Gnade Gleichheit zu empfangen mit jenem Worte und das Wort selber wie es an sich ist. Dies hat der Vater alles gesprochen mit dem Worte und alles, was in dem Worte ist. Hier könnte man sagen: Wenn nun der Vater dies gesprochen hat, was spricht dann Jesus in der Seele? Wie ich gesagt habe: der Vater spricht das Wort und spricht in dem Worte und sonst nicht, und Jesus spricht in der Seele. Der Sinn seines Sprechens ist, daß er sich selber offenbart und alles, was der Vater in ihm gesprochen hat, je nach dem wie empfänglich ein Geist ist.

Zum ersten offenbart er die väterliche Herrschaft in dem Geiste mit einer unermeßlichen Gewalt. Wenn der Geist diese Gewalt an dem Sohne findet, so wird er gewaltig zu jedem Fortschreiten, so daß er ebenbürtig und gewaltig wird in allen Tugenden und in aller vollkommenen Lauterkeit, sodaß weder Lust noch Leid noch alles, was Gott in der Zeit geschaffen hat, den Menschen zerstören kann. Er bleibt mit Gewalt darinnen stehen wie in einer göttlichen Kraft, der gegenüber alle Dinge zu klein und unvermögend sind.

Und ferner offenbart sich Jesus in der Seele durch eine unermeßliche Weisheit, die er selber ist, in der sich der Vater selber bekennt mit all seiner väterlichen Kraft. Und dasselbe Wort, das auch die Weisheit selber ist, und alles was darinnen ist, das alles ist dasselbe Einig-Eine. Wenn diese Weisheit mit der Seele vereint wird, so ist ihr aller Zweifel, alle Irrung und Verdüsterung allzumal abgenommen; sie ist gesetzt in ein lauteres klares Licht, das Gott selber ist, wie der Prophet sagt: "Herr, in dem Lichte werden wir das Licht sehen," das heißt: Herr, durch dein Licht wird man erkennen das Licht in der Seele. Da wird Gott durch Gott erkannt in der Seele, und so erkennt sie Kraft dieser Weisheit sich selbst und alle Dinge, und auch die Weisheit selber an sich erkennt sie, und durch dieselbe Weisheit erkennt sie die väterliche Herrschaft als fruchtbare Zeugungskraft und die wesenhafte Stetigkeit in ungeteilter faltenloser Einheit.

Zum dritten offenbart sich Jesus auch in unermeßlichen Süßigkeit und einem Reichtum, der aus des heiligen Geistes Kraft quillt und überfüllt und einfließt in überschwenglichem vollem Reichtum und Süßigkeit in alle empfänglichen Herzen. Wenn sich Jesus mit diesem Reichtum und mit dieser Süßigkeit offenbart und sich mit der Seele vereint, so fließt die Seele mit diesem Reichtum und mit dieser Süßigkeit in sich selber und aus sich selber und über alle Dinge weg aus Gnade mit Gewalt unmittelbar wieder in ihren Ursprung. Dann ist der äußere Mensch gehorsam seinem inneren Menschen bis an seinen Tod und ist in stetem Frieden im Dienste Gottes alle Zeit.

Daß Jesus auch in uns kommen möge hinauswerfend und abtuend alle Hindernisse Leibes und der Seele, daß wir mit ihm eins werden hier auf Erden und dort im Himmelreiche, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

"Ich muß in dem sein was meines Vaters ist."

"Es ist not, daß ich sei in den Dingen die meines Vaters sind." Dies Wort kommt uns recht gelegen. Denn ich bin willens zu reden von der Ewigen Geburt die nun zeitlich geworden ist und noch täglich geboren wird in der Seele innerstem: in ihrem Grunde, ohne allen Zufall. Wer dieser Geburt in sich gewahr werden will, dem ist vor allen Dingen not, daß er in den Dingen sei, die seines Vaters sind.

Was ist des Vaters Eigentum? Man eignet ihm vor den anderen Personen die Gewalt zu. Drum vermag sicherlich nimmer ein Mensch diese Geburt zu erleben oder ihr zu nahen, es geschehe denn mit großer Gewalt: der Mensch kann nicht zu dieser Geburt kommen, er entziehe sich denn allen Dingen mit allen seinen Sinnen. Und das muß mit großer Gewalt geschehen, daß alle Kräfte zurückgedrängt werden und von ihrem Werk abstehen sollen. Allen samt muß Gewalt geschehen, es geht nicht anders. Darum sprach Christus: "Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewaltigen reißen es an sich."

Nun erhebt sich hier eine Frage wegen dieser Geburt, ob sie ohne unterlaß geschieht oder nur zuweilen, wenn sich der Mensch hinein fügt und all seine Kraft anstrengt, daß er aller Dinge vergesse und allein hierinnen sich wisse. — So vernimm einen Unterschied: der Mensch hat eine wirkende Vernunft und eine leidende Vernunft und eine vermögende Vernunft. Die wirkende Vernunft, die steht allezeit gewärtig etwas zu wirken, es sei in Gott oder im Geschaffenen zu göttlicher Ehre und göttlichem Lob. Solches alles steht in ihrer macht und heißt Wirken. Sobald sich aber Gott dem Werk unterzieht, muß der Geist sich in einem leidenden Zustand halten. Die vermögende Vernunft hingegen schaut den beiden zu: was Gott erwirken und der Geist erleiden möge, daß er wohl beschaffen werde nach Möglichkeit. Eines besitzt er durch ein Wirken, nämlich daß der Geist selbst seiner pflegt; das andere hat er durch ein Leiden, nämlich daß Gott sich dem Werk unterzieht: dann soll und muß der Geist stille halten und Gott wirken lassen. Und ehe das angefangen wird von dem Geiste und von Gott vollbracht, hat der Geist ein Anschauen davon und ein vermögendes Erkennen, damit es alles wohl geschehen kann, und das heißt die vermögende Vernunft. Allein dies wird freilich viel versäumt und trägt dann keine Früchte. Wenn sich aber der Geist übt in rechter Treue, so unterzieht sich Gott dem Geist und dem Werke und sodann schaut und leidet der Geist Gott. Weil aber das Leiden und das Schauen Gott und dem Geiste in diesem einen Leibe beschwerlich ist, darum entzieht sich Gott dem Geiste zuweilen, und das ist was er damit sagt: "Eine Weile sehet ihr mich und wieder eine Weile sehet ihr mich nicht."

Als unser Herr die drei Jünger mit sich geführt hatte auf den Berg und ihnen alleine die Verklärung seines Leibes zeigte, die er von der Einung mit der Gottheit hatte und die wir auch haben sollen nach dem Urstand unsres Leibes, — als Sankt Peter das erschaute, wäre er gerne immerfort da geblieben. In der Tat, wo der Mensch ein Gut findet, von dem kann er sich nicht recht trennen, solange als es gut ist. Wo die Erkenntnis das findet, da muß die Liebe nachfolgen und die Erinnerung und die Seele überhaupt. Und da das unser Herr wohl weiß, darum muß er sich bisweilen verbergen. Denn die Seele ist eine unverfälschte Form des Leibes. Wo sie sich aber hinkehrt, dahin kehrt sie sich ganz und gar. Könnte sie also das Gut, das Gott ist, ohne unterlaß ganz unmittelbar schauen, so vermöchte sie sich in keiner Weise davon abzukehren, so daß sie auf den Leib einzuwirken aufhörte.

So geschah auch dem Paulus: wäre er hundert Jahre dort geblieben, wo er das Gut erkannte, er wäre die ganze Zeit nimmer zum Leibe zurückgekehrt, er hätte ihn gänzlich vergessen. Darum, weil sich das mit diesem Leben nicht verträgt noch dazu gehört, darum verdeckt es der getreue Gott, wann er will, und zeigt es auch, wann er will und wann er weiß, daß es dir am meisten nütze ist und sich am besten für dich eignet, gleich einem getreuen Arzte. Dieses Entziehen steht nicht bei dir sondern bei dem, des auch das Werk ist: der kann es tun und lassen, wenn er will und weiß wohl, wann es dir am meisten nütze ist. Es steht in seiner Hand zu zeigen, und zu schweigen, wenn es dir schädlich ist. Denn Gott ist kein Zerstörer der Natur, mehr noch: er vollendet sie, und das tut Gott je mehr und mehr, je nachdem daß du dich mehr dazu eignest.

Nun könntest du sagen: Ach Herr, da man hierzu eines von allen Bildern und von allen Werken ledigen Gemütes bedarf, die doch gleichwohl in unsern Kräften liegen, schon von Natur, was soll dann aus den äußeren Werken werden, die man doch zuweilen tun muß, wie Liebeswerke, die doch alle nach außen gewandt sind, wie das Lehren und Trösten der Bedürftigen: soll man dabei des andern beraubt werden? Auch die Jünger unseres Herrn gaben oft ihre Muße hin, und Paulus war so sehr mit den Leuten beladen und bekümmert, als ob er ihrer aller Vater wäre: soll man jenes großen Gutes darum beraubt sein, weil man sich derart in tugendlichen Werken übt?

Nun beachte wohl einen Unterschied in diesen Fragen: Eins ist gar edel, das andere ist sehr nützlich. Maria wurde sehr gelobt, daß sie das Beste erwählt hatte. Doch war auch Martas Leben gar nützlich, denn sie diente Christus und seinen Jüngern. Der heilige Thomas sagt, dort sei das wirkende Leben besser als das schauende, wo man in der Wirksamkeit ausgießt aus Liebe, was man in sich genommen hat in der Schauung. Da ist nichts als das Eine, denn man greift nirgend hin als in den selben Grund des Schauens und macht das fruchtbar in der Wirkung, und damit ja der Sinn des Schauens erfüllt. Mag sich dabei gleich eine Bewegung ereignen, es ist doch nichts als das Eine, es kommt aus Einem Ende: Gott, und geht wider in das selbe. Wie wenn ich in diesem Hause von einem Ende bis ans andre ginge, das wäre wohl Bewegung und wäre doch nichts als Eines in Einem. So hat man in dieser Wirksamkeit doch nichts andres als die eine Beschaulichkeit in Gott. Das eine ruhet in dem andern und ergänzt das andre. Denn Gott bezweckt bei der Vereinigung im Schauen die Fruchtbarkeit des Wirkens; im Schauen dienest du alleine dir selber, aber in den tugendlichen Werken dienst du der Menge.

Hierzu mahnt uns Christus mit all seinem Leben und mit dem Leben seiner Heiligen, die er alle hinausgetrieben hat die Menge zu lehren. Der heilige Paulus sagte zu Timotheus: "Lieber Freund, du sollst auspredigen das Wort." Meinte er das äußere Wort, da die Luft bewegt? Nein, sicher meinte er das inwendig geborne und doch verborgene Wort, das da liegt verdeckt in der Seele, das hieß er ihn predigen, daß es den Kräften kund würde und sie speise und sich der Mensch herausgäbe in all das äußere Leben, wo es der Nebenmensch bedürfe. Daß man das alles an dir finde und du es nach Kräften vollendest! Es soll in dir sein im Gedanken, in der Vernunft, im Willen und soll auch hinausleuchten in den Werken. So sagte Christus: "Euer Licht soll leuchten vor den Leuten." Er meinte die Leute, die allein nach Beschaulichkeit trachten und nicht nach tugendlicher Übung und sagen, sie bedürften dessen nicht, sie seien darüber hinaus. Die meinte Christus nicht, als er sagte: "Der Same fiel in ein gutes Erdreich und brachte hundertfache Frucht." Es sind die, die er meinte, als er sagte: "Der Baum, der nicht Frucht bringet, den soll man abhauen!"

Nun könntest du sagen: "Ach Herr, was soll das denn sein mit dem Stillschweigen, von dem ihr uns soviel gesagt habt? Wir brauchen ja viele Bilder. Ein jeglich Werk muß nach seinem eigenen Bilde geschehen, es seien inwendige oder auswendige Werke, es sei daß ich diesen lehre oder den tröste und dies und das verrichte: wie kann ich da Stille haben? Denn wenn die Vernunft erkennt und bildet und der Wille das will und das Gedächtnis sich dann daran heftet, sind dies nicht alles Bilder?" – Nun merkt auf! Wir haben vorher von einer wirkenden Vernunft und von einer leidenden Vernunft gesprochen. Die wirkende Vernunft haut die Bilder von den äußeren Dingen ab und entkleidet sie des Stoffes und des Zufalls und versetzt sie in die leidende Vernunft und gebiert ihr geistiges Bild in sie. Und wenn die leidende Vernunft von der wirkenden schwanger geworden ist, so behält und erkennt sie die Dinge mit Hilfe der wirkenden Vernunft. Doch vermag die leidende Vernunft die Dinge nicht in Erkenntnis festzuhalten, die wirkende muß sie aufs neue beleuchten. Seht: alles was die wirkende Vernunft tut in einem natürlichen Menschen, das selbe und noch weit mehr tut Gott in einem abgeschiedenen Menschen: er nimmt ihm die wirkende Vernunft ab und setzt sich selber dafür an ihre Stelle und wirkt dort selber all das was die wirkende Vernunft wirken sollte.

Wahrlich, wenn sich der Mensch gänzlich müßig macht und die wirkende Vernunft in sich schweigen läßt, so muß sich Gott dem Werk unterziehen und muß selber Werkmeister sein und sich selber gebären in die leidende Vernunft. Merk auf, ob es so ist. Die wirkende Vernunft kann nicht geben was sie nicht hat, noch kann sie zwei Bilder neben einander haben, sie hat eines zuerst und das andere danach. Die Luft und das Licht zeigen wohl viel Bilder und viel Farben nebeneinander, doch kannst du nur eins nach dem andern sehen. Ebenso tut die wirkende Vernunft, denn sie ist auch so. Aber wenn Gott an der Stelle der wirkenden Vernunft wirkt, so gebiert viele Bilder einander in einem Augenblick. Wenn dich Gott also zu einem guten Werke treibt, alsbald erbieten sich alle deine Kräfte zu allen guten Dingen. Dein Gemüt steht sogleich nach allem Guten. Alles Gute was du vermagst bildet sich aus und alles zugleich bietet sich dar in Einem Anschaun und zu gleicher Zeit. Traun, dies offenbart und beweist, daß es nicht der Vernunft Werk ist, denn solchen Adel und Reichtum hat sie nicht, vielmehr ist es dessen Werk und des Geburt, der alle Bilder zusammen in sich selber hat. Drum sagte Paulus: "Ich vermag alle Dinge in dem, der mich stärket, und in ihm bin ich von nichts geschieden." Hier sollst du wissen, daß die Bilder, diese Werke nicht dein sind: sie gehören dem Werkmeister der Natur, der das Werk und das Bild darein gelegt hat. Eigne es dir nicht zu, denn es ist sein und nicht dein. Wird es gleich zeitlich von dir empfangen, so wird es doch von Gott geboren und gegeben überzeitlich und in Ewigkeit über allem Bilde.

Nun könntest du fragen: "Sobald sich meine Vernunft ihres natürlichen Wirkens entschlagen und kein eigen Bild noch wirken mehr hat, woran soll sie sich denn festhalten? Denn sie muß sich immer an etwas festhalten, die Kräfte, es sei Gedächtnis, Vernunft oder Wille, wollen sich immer irgend woran heften und darinnen wirken." — Nun merkt auf die Belehrung.  Gegenstand und Festhalt der Vernunft ist Wesen; nicht Zufall, sondern das bloße lautre Wesen an sich selber. Wenn die Vernunft erst die Wahrheit eines Wesens erkennt, richtet sie sich gleich darauf und kommt zur Ruhe und sagt ihr Wort von dem Gegenstand vernunftgemäß. Solange die Vernunft des Wesens eigentliche Wahrheit nicht findet und nicht bis an seinen Grund rührt, so daß sie sagen kann: dies ist dies und ist so und nicht anders, solange bleibt sie ganz in einem Suchen und Harren und richtet sich auf nichts und ruht nicht; sie arbeitet noch und legt alles ab in solchem Suchen und Harren. Und so ist sie etwa ein Jahr oder mehr im Erharren einer natürlichen Wahrheit: wie diese sei, und muß gleich lange arbeiten um abzulegen, was sie nicht ist. Gerade solange bleibt sie ohne allen Anhalt und spricht auch kein Wort von irgendwelchen Dingen, weil sie den Grund der Wahrheit noch nicht mit wahrer Erkenntnis gefunden hat. Drum ruhet die Vernunft nimmer in diesem Leben. Gott offenbart sich nimmer so ganz diesem Leben, immer ist es noch ein nichts gegen das, was er ist. Wenngleich die Wahrheit auf dem Grunde ist, so ist sie doch verdeckt und der Vernunft verborgen. Solange dies ist, wird die Vernunft nicht festgehalten, daß sie irgend Ruhe hätte in einem unwandelbaren Gegenstande. Sie ruht noch nicht, sie harrt und bereitet sich noch zu dem Einen, das noch bekannt werden soll und noch verborgen ist. So kann der Mensch nimmer wissen, was Gott ist; aber eins weiß er wohl: was Gott nicht ist, und dessen entschlägt der vernunftreiche Mensch sich gänzlich. Währenddessen wird die Vernunft von keinem wesenhaften Gegenstande festgehalten: sie harrt wie der Stoff seiner Form. Wie der Stoff nicht ruht, er werde denn gefüllt in alle Formen, so ruht die Vernunft nimmer als allein in der wesenhaften Wahrheit, die alle Dinge in sich umschlossen hält. Am Wesen allein begnügt sie sich, und das entzieht ihr Gott Schritt für Schritt, auf daß er ihren Eifer wecke und reize, vorwärts zu schreiten und mehr und mehr zu erstreben und zu erfassen das wahre grundlose Gut, und daß sie sich nicht begnüge mit irgendwelchen Dingen und immer mehr Sehnsucht habe nach dem allerhöchsten Gute.

Nun könntest du sagen: "Ach Herr, ihr habt uns gar viel gesagt, daß alle Kräfte schweigen sollen, und führt nun hier in dieser Stille alles auf eine Sehnsucht und ein Begehren hinaus. Das wäre ein lautes Rufen und groß Geschrei nach etwas, das man nicht hätte; das benähme diese Ruhe und diese Stille, es wäre Begehrung oder Strebung oder Loben oder Danken oder was immer sich darin erzeugen oder erbilden kann, es wäre keine lautre Ruhe noch ganze Stille." — Hier vernehmt eine Unterscheidung: Wenn du dich gänzlich entblößt hast von dir selber und von allen Dingen und alles Eigenen auf jede Weise und dich zu Gott erhoben und mit Gott geeinigt und ihm dich überlassen hast mit aller Treue und in ganzer Liebe, was dann in dir geboren wird und dich ergreift, es sei äußerlich, es sei lieb oder leid, sauer oder süß, das ist keineswegs dein, es ist ganz und gar deines Gottes, dem du dich überlassen hast. Sage mir, wessen ist das Wort das gesprochen wird: des, der es spricht oder des, der es hört? Mag es gleich dem zufallen, der es hört, eigentlich ist es doch des, der es spricht oder gebiert. Nimm ein Gleichnis: die Sonne wirft ihren Schein in die Luft und die Luft empfängt das Licht und gibt es dem Erdreich und gibt uns damit die Möglichkeit den Unterschied aller Farben zu erkennen. Wie sehr nun das Licht auch der Erscheinungsform nach in der Luft sei, dem Wesen nach ist es doch in der Sonne: der Schein kommt eigentlich aus der Sonne und entspringt in der Sonne und nicht in der Luft; es wird von der Luft empfangen und von der Luft weiter gereicht allem was Lichtes empfänglich ist. Gerade so ist es in der Seele. Gott gebiert in der Seele seine Geburt und sein Wort und die Seele empfängt es und reicht es weiter an die Kräfte in mannigfacher Weise, bald in einem Begehren, bald in einem guten Streben, bald in Liebeswerken, bald in Dankbarkeit oder wie es immer dich berühre: es ist alles sein und mitnichten dein, was Gott da wirket; nimm es alles als das seine und nicht als das deine, wie geschrieben steht: der Heilige Geist heischet in ungestümem unzähligem Seufzen; er betet in uns, wir nicht. Der heilige Paulus sagt: "Niemand kann anders: Herr Jesus Christus! sagen als im Heiligen Geiste."

Dir ist vor allen Dingen not, daß du nichts an dich nehmest. Lasse dich gänzlich und laß Gott für dich und in dir wirken, wie er will. Dies Werk ist sein, dies Wort ist sein, diese Geburt ist sein und all das was du bist ganz und gar. Denn du hast dich gelassen und bist herausgetreten aus deinen Kräften und ihren Werken und deines Wesens Eigenheit. Darum muß Gott ganz und gar eingehen in dein Wesen und deine Kräfte, weil du dich aller Eigenheit beraubt und verwüstet hast; es steht ja geschrieben: die Stimme rufet in der Wüste. Laß diese ewige Stimme in dir rufen wie es ihr gefällt und sei deiner selber und aller Dinge wüst.

Nun könntest du sagen: "Ach Herr, wie soll sich dieser Mensch verhalten, der sein selber und aller Dinge ganz ledig und wüst werden soll? Soll dieser Mensch allezeit in einem Zustande des Wartens auf das Werk Gottes sein und selber gar nichts wirken, oder soll er selber bisweilen etwas wirken, wie beten und lesen und andere tugendliche Werke, es sei Predigt hören oder sich mit der Schrift befassen, da doch dieser Mensch nichts von außen herein nehmen soll sondern alles von inwendig, von seinem Gotte? Und wenn dieser Mensch diese Werke nicht tut, versäumt er dann etwas?" — So merkt auf. Alle auswendigen Werke sind darum eingesetzt und verordnet, daß der äußere Mensch durch sie auf Gott gerichtet und zu geistlichem Leben und guten Dingen geleitet werde, daß er von sich selber nicht abweiche zu irgendwelcher Ungemäßheit, und daß er gezäumt werde, damit er sich selber nicht entlaufe in fremde Dinge: das heißt, daß Gott, wenn er sein Werk wirken will, den Menschen bereit finde und ihn nicht erst von fernen und groben Dingen zurückholen muß. Denn je größer das Gelüst nach äußern Dingen um so schwerer ist das zurückkehren, je größer die Liebe, je schwerer das Leid, wenn es ans Scheiden geht.

Seht, dazu ist alles Wirken und Üben der Tugend erfunden, es sei Beten, Lesen, Singen, Wachen, Fasten, Buße tun und was sonst tugendliche Übungen sind, daß der Mensch darin gefangen werde und ferngehalten von fremden ungöttlichen Dingen. Darum, wenn der Mensch gewahr wird, daß der Geist Gottes in ihm nicht wirkt und daß der innere Mensch von Gott verlassen ist, so ist es gar sehr not, daß der äußere Mensch sich in allen Tugenden übe und sonderlich in denen, die ihm am förderlichsten und dienlichsten sind, aber ja in keiner Weise für ihn selber, vielmehr der Wahrheit zu Ehren: daß er nicht angezogen noch verleitet werde von groben Dingen, damit er so an Gott hafte, daß dieser ihn nahe finde, wenn er wiederkehren will, und wenn er sein Werk in der Seele wirken will, daß er sie nicht erst lange zu suchen braucht. Wenn sich aber der Mensch zur wahren Innerlichkeit hingefunden hat, so lasse er kühnlich ab von aller Auswendigkeit und wären es auch solche Übungen, zu denen du dich durch Gelübde verpflichtet hättest, von dem dich weder Papst noch Bischof entbinden könnten. Denn das Gelübde, das ein Mensch Gott tut, das kann niemand von ihm nehmen, denn ein jeglich Gelübde ist ein sich Gott verpflichten. Hätte nun ein Mensch viel gelobt, wie Beten, Fasten, Pilgerfahrt, — tritt er in einen Orden, so ist er der Gelübde dadurch ledig, denn in dem Orden wird er an alle Tugend und an Gott gebunden. Genau so meine ich es auch hier. Wie sehr sich ein Mensch zu mancherlei Dingen verpflichtet habe, kommt er so recht in die wahre Innerlichkeit, er ist ihrer aller ledig. So lange wie die Innerlichkeit währt, und sei es eine Woche, einen Monat oder ein Jahr, so lange versäumt weder Mönch noch Nonne je die Zeit, denn Gott, von dem sie gefangen sind, muß für sie eintreten. Wenn der Mensch wieder zu sich selber kommt, so vollbringt er die Gelübde je nach der Zeit, in der er sich befindet, aber was in der vergangenen Zeit, wie dich dünkt, versäumt sein mag, darüber brauchst du nicht nachzudenken, wie du es erfüllest, denn Gott erfülle es, solange er dich in seinen Dienst nahm; auch sollest du nicht wünschen, daß es durch aller Geschöpfe wirken erfüllt würde, denn das allermindeste von Gott getan ist besser als aller Geschöpfe Werk.

"Dies ist für Gelehrte und Erleuchtete Leute gesagt, die von Gott und von der Schrift erleuchtet sind. Was soll aber aus einem schlichten Laien werden, der nichts weiß noch versteht von leiblicher Bereitung und doch irgend ein Gelübde getan und auf sich genommen hat, es sei Gebet oder sonst etwas?" — Ich antworte: findet er, daß es ihn hindert und daß es ihn näher zu Gott bringt, wenn er seiner ledig ist, so sei er kühnlich seiner ledig, denn jedes Werk, das dich Gott näher rückt, ist das allerbeste. Das meinte auch Paulus, als er sagte: "Wenn das kommt, was vollkommen ist, so vergeht, was halb ist." Gar sehr ungleich sind einander die Gelübde, die man in eines Priesters Hand tut, wie die Ehe oder andre Verpflichtungen. Sie sind so gut, als ob man sie Gott selber in reiner Einfalt gelobte, und wenn einer dergestalt etwas gelobt, so ist es ein guter Vorsatz, daß er sich so mit Gott verbinden will und daran hat er einstweilen das Beste: Geschieht es jedoch, daß dem Menschen etwas Besseres bekannt wird, wovon er weiß und empfindet, daß es besser ist, so sei er des ersten durchaus ledig und getrost!

Dies ist gar leicht erweisen, denn man soll mehr die Frucht ansehen und die innere Wahrheit als die äußere Wirkung, wie Paulus sagt: "Die Schrift tötet (das heißt alle äußerliche Beschäftigung damit), aber der Geist macht lebendig," das heißt ein innerliches empfinden der Wahrheit. Dem sollst du mit aller List nachtrachten, und was dich damit am engsten zusammenfügen kann, dem sollst du folgen vor allem andren. Du sollst haben ein hocherhobenes Gemüte, nicht ein niederhangendes, — mehr noch: ein brennendes, und daß es in einer ledigen schweigenden Stille stehe! Du brauchst Gott nicht zu sagen, wes du bedarfst oder begehrst: er weiß es alles vorher. Christus sagte zu seinen Jüngern: Wenn ihr betet, so sollt ihr nicht viele Worte machen in eurem Gebete wie die Pharisäer, die wähnen erhört zu werden, wenn sie viel sprechen."

Daß wir hier dieser Ruhe und diesem inwendigen Schweigen so nachtrachten, daß das Ewige Wort in uns gesprochen und vernommen werde und wir eins werden mit ihm, dazu helfe uns der Vater und eben dies Wort und ihrer beider Geist.   Amen.

 

"In der Zeit ward der Engel Gabriel von Gott gesandt: Gegrüßet sei, du gnadenreiche, der Herr mit dir!"

Diese Worte schreibt Lukas: "In der Zeit ward der Engel Gabriel von Gott gesandt." In welcher Zeit? Im sechsten Monat, als Johannes sich regte in seiner Mutter Leibe.

Der mich fragte: warum beten wir, warum fasten wir, warum tun wir alle unsere Werke, warum sind wir getauft, warum ist Gott Mensch worden, was das Höchste ist? So spräche ich: darum, daß Gott geboren werde in der Seele und die Seele in Gott geboren werde. Darum ist alle Schrift geschrieben, darum hat Gott die Welt geschaffen und aller Engel wesen, daß Gott geboren werde in der Seele und die Seele in Gott geboren werde. Alles Kornes Natur meinet Weizen, alles Metal Gold, alle Geburt den Menschen. Ein Meister sagt: "Man findet kein Tier, das nicht irgend etwas gemein habe mit dem Menschen."

"In der Zeit." Zuerst, wenn ein Wort empfangen wird in meiner Vernunft, da ist es so lauter und zart, da ist es ein wahres Wort, — bis es zum Bilde wird in meinem Denken; zum dritten wird es gesprochen, äußerlich mit dem Munde und ist dann ein bloßes Kundtun des inneren Wortes. — Ebenso wird das Ewige Wort gesprochen inwendig im Herzen der Seele, in dem innersten, in dem lautersten; in dem Haupte der Seele, das heißt in der Vernunft, da geschieht die Geburt. Und wer auch nichts als ein wähnen und hoffen hiervon hätte, der möchte gerne wissen, wie diese Geburt geschieht und was dazu verhilft.

Der heilige Paulus sagt: "Als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn." Der heilige Augustinus sagt, was "Erfüllung der Zeit" sei: "Wo nimmer Zeit ist, da ist Erfüllung der Zeit." Dann ist der Tag voll, wenn vom Tage nichts mehr blieb. Es ist eine Notwahrheit: alle Zeit muß fort sein, wo sich diese Geburt anhebt, denn es gibt nichts was diese Geburt so sehr hindert wie die Zeit und Erschaffenes. Das ist eine gewisse Wahrheit, daß Zeit weder Gott noch die Seele berühren kann. Könnte die Seele von Zeit berührt werden, sie wäre nicht Seele, und könnte Gott von Zeit berührt werden, er wäre nicht Gott. Wäre es aber möglich, daß die Zeit die Seele berühren könnte, so könnte Gott nimmer in ihr geboren werden. Wo Gott geboren werden soll in der Seele, da muß alle Zeit abgefallen sein oder sie muß der Zeit entfallen sein mit ihrem Wollen und Begehren.

Ein anderer Sinn von "Erfüllung der Zeit": Wer die Kunst und die Macht hätte, daß er die Zeit und alles was in der Zeit von sechstausend Jahren je geschah und noch geschehen soll bis ans Ende zusammenziehen könnte in ein gegenwärtiges Nu, das wäre Erfüllung der Zeit. Das ist das Nu der Ewigkeit, da die Seele in Gott alle Dinge neu und frisch und gegenwärtig erkennt und doch mit der Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. Ich las in dem Büchlein Eines, der ergründen konnte, daß Gott die Welt jetzt macht wie am ersten Tage da er sie erschuf. Darin ist Gott reich und das ist Reich Gottes. Die Seele, in der Gott geboren werden soll, die muß der Zeit entfallen und die Zeit muß ihr entfallen, sie soll sich emporschwingen und soll stille stehen beim hineinschauen in diesen Reichtum Gottes; da ist Weite ohne Weite und Breite ohne Breite; da erkennt die Seele alle Dinge und erkennt sie vollkommen. Die Meister beschreiben, wie weit der Himmel sei: die mindeste Kraft, die in meiner Seele ist, ist weiter als der weite Himmel, ganz zu schweigen von der Vernunft, die weit ist über alle Weite: in dem Haupte der Seele, in der Vernunft, bin ich einem Orte tausend Meilen jenseits des Meeres ebenso nahe wie dem Ort, darinnen ich jetzt stehe. In dieser Weite und in diesem Reichtum Gottes, da erkennt die Seele alles, da entfällt ihr nichts und da braucht sie auf nichts zu warten.

"Der Engel ward gesandt." Die Meister sagen, daß der Engel Menge eine Zahl über alle Zahl ist. Ihre Menge ist so groß, daß sie keine Zahl umfassen kann. Ihre Zahl kann auch nicht gedacht werden. Wer Unterschiede begreifen könnte ohne Zahl und ohne Menge, dem wären hundert wie eins. Wären hundert Personen in der Gottheit, — wer Unterschiede begreifen könnte ohne Zahl und Menge, der erkennt doch, daß nur Ein Gott ist. Es wundern sich Ungläubige Leute und etliche Ungelehrte Christenleute, und auch einige Pfaffen wissen davon so wenig wie ein Stein, die nehmen die drei Personen wie drei Kühe oder drei Steine. Aber wer die Unterschiede in Gott zu begreifen weiß über Zahl und Menge hinaus, der erkennt, daß drei Personen Ein Gott sind.

Auch ist der Engel so erhaben: die besten Meister sagen, jeder Engel habe eine vollkommene Wesensart. Wäre ein Mensch, der alles das hätte, was alle Menschen haben an Gewalt und an Weisheit und anderen Dingen, das wäre ein Wunder; und doch wäre er nichts als ein Mensch und wäre noch fern von den Engeln. So hat jeder Engel eine vollkommene Wesensart und ist gesondert von den andern wie ein Tier von einem andern, das anderer Natur ist. Durch die Menge solcher Engel ist Gott reich, und wer das erkennt, der erkennt Gottes Reich. Sie zeugen von Gottes Reich wie ein Herr bezeugt wird von der Menge seiner Ritter. Darum heißt er bei uns ein Herr der Heere. Und diese ganze Menge der Engel, wie erhaben sie seien, sie haben zu helfen und mitzuwirken, wo Gott geboren wird in der Seele, das heißt sie haben Lust und Freude und Wonne an der Geburt. Sonst tun sie nichts dabei, kein Geschöpf kann dabei etwas tun, denn Gott wirkt die Geburt alleine, vielmehr haben die Engel hierbei nur Dienste zu verrichten. Alles was Engel und Geschöpfe dabei wirken, ist dienstliche Verrichtung." Der Engel war Gabriel benannt." Er tat auch so wie er hieß. — Er hieß ja so wenig Gabriel wie Konrad; niemand kann des Engels Namen wissen; wo der Engel benannt wird, dahin kam nie ein Meister noch ein Sinn; vielmehr ist er namenlos. Die Seele hat auch keinen Namen; so wenig man für Gott einen eigenen Namen finden kann, so wenig kann man für die Seele einen eignen Namen finden, obgleich darüber große Bücher geschrieben sind. Ein Zimmermann, — das ist nicht sein Name, sondern man nimmt den Namen von dem Werk her, dessen Meister er ist. Den Namen Gabriel nahm er von dem Werke, dessen Bote er war; denn Gabriel bedeutet Kraft. In dieser Geburt wirkt Gott kraftvoll oder wirkt Kraft. Was meint all die Kraft der Natur? Sie will sich selber wirken. Was meint jegliche Natur, die ein Gebären bewirkt? Sie will sich selber wirken: Die Natur meines Vaters wollte seiner Natur nach einen Vater wirken. Da dies nicht sein konnte, da wollte sie etwas wirken, das ihm in allen Dingen gleich wäre. Da die Kraft gebrach, da wirkte sie etwas, das ihm so gleich wie möglich wäre, das war ein Sohn. Wo aber die Kraft noch mehr gebricht oder ein andrer Unfall geschieht, da wirkt sie einen noch ungleicheren Menschen. Aber in Gott ist volle Kraft, darum wirkt er seinesgleichen in seiner Geburt. Alles was Gott ist an Gewalt und an Wahrheit und an Weisheit, das gebiert er allzumal in die Seele. Der heilige Augustinus sagt: "Was die Seele liebet, dem wird sie gleich," liebt sie irdische Dinge, so wird sie irdisch, liebt sie Gott, so könnte man fragen: wird sie dann Gott? — Sagte ich das, es klänge unglaublich denen, die zu schwachen Sinn haben und es nicht begreifen. Aber Sankt Augustinus sagt: "Ich sage es nicht, sondern ich weise euch an die Schrift, die da spricht: ich habe gesagt, daß ihr Götter seid." Wer etwas hätte von dem Reichtum, davon ich zuvor gesprochen habe, einen Blick oder nur eine Hoffnung oder eine Zuversicht, der begriffe dies wohl. Nie ward ein Geborenes so verwandt noch so gleich noch so eins (mit dem Gebärer) wie die Seele mit Gott wird in dieser Geburt. Wenn es irgendwodurch verhindert wird, daß sie nicht in allen Dingen Ihm gleich wird, so ist nicht Gottes Schuld. Soweit ihr die Gebrechen entfallen, soweit macht er sie sich gleich. Daß der Zimmermann nicht ein schönes Haus schaffen kann aus wurmstichigem Holze, das ist nicht seine Schuld, es liegt an dem Holze. Ebenso ist es beim göttlichen Wirken in die Seele. Könnte sich der geringste Engel erbilden oder geboren werden in der Seele, dagegen wäre diese ganze Welt nichts; denn in einem einzigen Fünklein des Engels grünet, sproßt und leuchtet alles was in der Welt ist; diese Geburt aber wirkt Gott selber, der Engel kann dabei nichts tun als dienstliche Verrichtungen.

"Ave!" das heißt: ohne Weh. Wer da ohne Kreatur ist, der ist ohne Weh und ohne Hölle, und wer am wenigsten Kreatur ist und hat, der hat am wenigsten Weh. Ich sage manchmal: wer von der Welt am wenigsten hat, der hat am meisten von ihr. Niemand ist die Welt so eigen wie dem, der die ganze Welt gelassen hat. Wißt ihr, wodurch Gott ein Gott ist? Dadurch ist Gott ein Gott, daß er ohne Kreatur ist. Er nannte sich nie in der Zeit. In der Zeit ist Kreatur und Tod, diese sind in gewissem Sinne verwandt, und wenn die Seele der Zeit entfallen ist, dann ist weder Weh noch Pein in ihr, auch Ungemach wird ihr da zur Freude. Alles was je erdacht werden konnte an Lust und an Freude, an Wonne und an Liebesgenuß, — hält man es gegen die Wonne, die in dieser Geburt liegt, so ist es nicht mehr Freude.

"Du Gnadenreiche!" Das mindeste Werk der Gnade ist seiner Natur nach erhabener als alle Engel. Augustinus sagt: "Ein Gnadenwerk, das Gott wirkt, etwa daß er einen Sünder bekehrt und zu einem guten Menschen macht, das ist gewaltiger als daß Gott eine neue Welt erschüfe." Es ist Gott so leicht Himmel und Erde umzukehren, wie mir einen Apfel umzukehren in meiner Hand. Wo Gnade ist in einer Seele, die ist so lauter und ist Gott so gleich und so verwandt; und doch ist Gnade ohne Wirken, wie es auch in der Geburt, von der ich zuvor gesprochen habe, kein Wirken gibt. Gnade wirkt kein Werk. Sankt Johannes hat nie ein Zeichen getan. Das Werk, das der Engel in Gott zu tun hat, das ist so erhaben, daß nie ein Meister noch ein Sinn zu ihm dringen konnte, daß sie das Werk begreifen könnten. Von dem Werk aber fällt ein Span ab, wie ein Span von einem Haus abfällt, den man abhaut: ein Blick, wo der Engel — als sein Niederstes — der Himmel berührt, — davon grünt und blüht und lebt alles, was in dieser Welt ist. Ich spreche zuweilen von zweien Bornen — ob es gleich wunderlich klingt, wir müssen nach unserm Sinne reden —: ein Born, daraus die Gnade entspringt, daraus der Vater gebiert seinen eingeborenen Sohn: von diesem Borne geht die Gnade aus. Ein andrer Born ist, wo die Geschöpfe aus Gott fließen, der ist so fern von dem Born daraus die Gnade entspringt wie der Himmel von der Erde. Gnade wirkt nicht. Wo das Feuer seinesgleichen trifft, da schadet und brennt es nicht; nur die Hitze des Feuers, die brennt, doch wo die Hitze feuriges Wesen trifft, da brennt sie nicht und ist unschädlich; dennoch auch wo Hitze in dem Feuer enthalten ist, da ist sie von dem wahren Wesen des Feuers so fern wie der Himmel von der Erde. Gnade wirket nie ein Werk. Sie ist zu zart dazu. Werk ist ihr so fern wie der Himmel von der Erde. Ein Innesein und ein Anhaften und ein Einen mit Gott, das ist Gnade, und da ist "Gott mit", denn das folgt hierauf:

"Gott mit dir." Da geschieht die Geburt. Es soll niemandem unmöglich dünken hierzu zu kommen. Was schadet mit das, wie schwer es ist, wenn er es nur wirkt? Alle seine Gebote sind mir leicht zu halten. Er heiße mich doch alles was er wolle, das achte ich für gar nichts, das ist mir alles gering, wenn Er mir seine Gnade gibt. Es sagen etliche, sie hätten es nicht; darauf sage ich: das ist mir Leid; ersehnest du es aber? — "Nein." — Das ist mir doch leider. Kann man es nicht haben, so habe man doch eine Sehnsucht darnach. David spricht: "Ich habe ersehnt ein Sehnen, Herr, nach deiner Gerechtigkeit." Das wir Gott so ersehnen, daß er in uns geboren werden will, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Aus dem Buch der göttlichen Tröstung.

Der edle Lehrer Sankt Paulus sagt in seiner Epistel diese Worte: "Gesegnet sei Gott der Vater unsres Herrn Jesu Christi, ein Vater der Barmherzigkeit und ein Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Betrübnis." Nun ist dreierlei Betrübnis, die den Menschen anfällt und bedrängt in dieser Fremde: die eine ist Schaden an äußerlichem Gut, die zweite an seinen liebsten Freunden, die dritte an ihm selber, wie Schach, Ungemach, Schmerzen des Leibes und Leid des Herzens.

Darum bin ich willens in diesem Buch zu geben etliche Lehre, an der sich der Mensch trösten kann in allem seinem Ungemach, in Betrübnis und Leid.

… Sankt Augustinus sagt: "Gott weilt nicht fern noch lange. Willst du, daß dir nichts fern noch lange bleibe, so füge dich zu Gott, denn da sind tausend Jahre wie der Tag, der heut ist." Ebenso sag ich: in Gott ist nicht Traurigkeit noch Leid noch Ungemach. Willst du ledig sein alles Ungemaches und Leides, so halte dich und kehre dich zu Gott und zu Gott allein. Sicherlich, alles Leid kommt davon, daß du dich nicht allein zu Gott kehrst. Stündest du gebildet und geboren allein in die Gerechtigkeit, wahrlich, dich vermöchte ebenso wenig irgend etwas leidend zu machen wie die Gerechtigkeit: Gott selber. Salomo sagt: "Den Gerechten betrübet nichts, was ihm auch geschehen mag." Er sagt nicht: den gerechten Menschen oder den gerechten Engel oder dies und das, was es so an gerechten Dingen gibt; denn was daran gerecht ist und daß es gerecht ist, das ist Sohn und hat Vater auf Erden, ist Kreatur und gemacht und geschaffen, denn sein Vater ist Kreatur, gemacht und geschaffen. Aber der lauter Gerechte, soweit er keinen erschaffenen noch gemachten Vater hat, und die Gerechtigkeit: das allein ist Gott. Gerechtigkeit kann ihn nicht leidend machen, denn alle Freude, Lust und Wonne ist Gerechtigkeit und wenn Gerechtigkeit den Gerechten leidend machte, so macht sie sich selber leidend. Unebnes und Ungerechtes aber könnte den Gerechten nicht leidend machen, denn alles was erschaffen ist, das ist weit unter ihm und übt keinen Eindruck noch Einfluß auf den Gerechten noch gebiert es sich gar in ihm, des Vater Gott allein ist.

Darum soll der Mensch beflissen sein, daß er sich seines Selbstes entbilde und aller Kreatur und keinen Vater kenne als Gott allein. Dann kann ihn nichts leidend machen oder betrüben, weder Gott noch Kreaturen, weder Geschaffenes noch Ungeschaffenes, und all sein Wesen, Leben, Erkennen und Lieben und Wissen ist aus Gott und in Gott, ist Gott.

Noch ein zweites gibt es, das man wissen muß, das auch den Menschen tröstet in all seinem Ungemach. Das ist die Gewißheit, daß der Gerechte und gute Mensch sich ungleich, ja unaussprechlich mehr freut an dem Werke der Gerechtigkeit, als er oder auch der oberste Engel Wonne und Freude hat in seinem natürlichen Wesen und Leben. Darum gaben auch die Heiligen fröhlich ihr Leben hin um die Gerechtigkeit.

Nun sag ich: wenn dem guten und gerechten Menschen Schade Geschieht von außen her und er bleibt gleichen Mutes und im Frieden seines Herzens unbewegt, dann wird wahr was ich gesagt habe: daß den Gerechten  nichts betrübt von all dem, das ihm geschieht. Ist es aber so, daß er betrübt wird von dem äußerlichen Schaden, wahrlich, so ist es gar billig und ein weises Gericht, das Gott verhängt hat, daß der Schade dem Menschen geschehen ist, der da wollte und auch wähnte gerecht zu sein und den so kleine Dinge noch betrüben konnten. Und ist es denn also ein Gericht Gottes, wahrlich so soll er sich nicht betrüben, sondern soll sich freuen, weit mehr als seines eignen Lebens, des sich der Mensch doch mehr freut und das einem jeglichen Menschen werter ist als all diese Welt (denn was hilft dem Menschen all die Welt, wenn er nicht mehr wäre!).

Das dritte Wort, das man wissen kann und soll, ist dies: In natürlicher Wahrheit ein einiger Brunnen, eine lebende Ader aller Güte, wesenhafter Wahrheit und ganzen Trostes ist Gott allein, und alles, was Gott nicht ist, hat in sich selber natürliche Bitterkeit und Untrost und Leid und legt nichts hinzu zu der Güte, die von Gott ist, die Gott allein ist, sondern sie mindert und bedeckt und verbirgt die Süßigkeit und Wonne und den Trost, den Gott gibt.

Nun sag ich weiter: alles Leid kommt von Liebe zu dem, was der Schaden mir entrissen hat. Ist mir also Schaden an äußerlichen Dingen leid, so ist ein sicheres Zeichen, daß ich äußerliche Dinge liebe und in Wirklichkeit Leid und Untrost liebe. Ist es denn ein Wunder, daß ich leidig werde, da ich doch Leid und Untrost liebe und auch mein Herz dies sucht und meine Liebe das tut, das Gottes eigen ist, der Kreatur gibt? Ich kehre mich zu der Kreatur, aus der von Natur Untrost kommt und kehre mich ab von dem, aus dem von Natur Trost und Freude kommt. Ist es dann ein Winder, daß ich leidig und traurig werde? Wahrlich, unmöglich ist es Gott und all der Welt, daß der Mensch wahren Trost finde, der Trost sucht bei den Kreaturen. Wer aber Gott allein liebte in der Kreatur und die Kreaturen allein in Gott, der fände wahren und rechten und gleichen Trost allenthalben …

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Kein Unglück oder Schaden ist je ganz ohne Glück, kein Schaden ist bloß Schaden. Darum sagt Sankt Paulus, daß Gottes Treue und die ihm eigenen wesenhafte Güte es nicht leidet, daß irgendein Leid oder eine Prüfung ganz unleidlich und übermäßig sei. Er schafft allezeit etwas Tröstliches, womit man sich behelfen kann; denn es sagen auch die Heiligen und die heidnischen Meister, daß Gott und Natur es nicht leidet, daß es etwas nur Böses und Übles gebe.

Ich nehme an, ein Mensch hat hundert Mark, von denen er vierzig verliert und die anderen sechzig behält. Will der Mensch allzeit an die vierzig denken, die er verloren hat, so bleibt er ungetrost und traurig. Wie könnte der jemals getröstet und ohne Leid sein, der sich dem Schaden und Leide zuwendet und das in sich nährt und immer hineinschaut und es wehleidig anschaut und sich mit seinem Schaden unterredet? Und der Schaden liebkost ihn dafür und sie schauen sich an von Antlitz zu Antlitz? Wäre es aber so, daß er sich den sechzig Mark zukehrte, die er noch hat, und den vierzigen, die verloren sind, den Rücken zudrehte, sich die sechzig vor Augen stellte und sie anschaute und mit ihnen liebäugelte, so würde er sicherlich getröstet. Was wirklich da ist und gut ist, das kann trösten. Was aber nicht da ist noch gut ist und nicht mein ist und mir verloren ist, das muß nötig Leid und Trost bringen und Betrübnis.

Darum sagt Salomon: "In den Tagen des Leidens und der Betrübnis vergiß nicht die Tage der Güte und Freude!" Das heißt soviel wie: wenn du in Leid bist und in Unglück, so gedenke des Guten und des Glückes, das du noch vor dir hast und halt es fest zu deinem Heil.

Auch das muß jenen Menschen trösten, daß er bedenkt, wieviel Tausende es gibt, die, wenn sie die sechzig Mark hätten, die er noch hat, sich große Herren und Damen zu sein dünkten, und wie reich die wären und von Herzen froh und Gott gar dankbar.

Wieder ein andres, das den Menschen trösten muß: Ist er siech und in großen Schmerzen seines Leibes, hat aber sein Dach und seine Notdurft an Speise und Trank der Ärzte, an Bedienung seines Gesindes, am Mitgefühl und Beistand seiner Freunde, was soll der tun? — Was tun arme Leute, die dasselbe und noch mehr und größer Ungemach haben und niemand haben, der ihnen kaltes Wasser gebe! Sie müssen das trockne Brot suchen in Regen, in Schnee, in großer Kälte von Haus zu Haus. Darum, willst du getröstet werden, so vergiß die, denen es besser geht, und gedenke immer derer, die schlimmer dran sind!

Weiter sage ich: alles Leid kommt von Lust und von Liebe! Denn Liebe und Lust ist Leides Anfang — und Ausgang! Darum, hab ich Leid um vergängliche Dinge, so hab ich noch Lust und Liebe zu vergänglichen Dingen und habe noch nicht Gott mit meinem ganzen Herzen lieb und liebe noch nicht was Gott von mir geliebt wissen will. Ist es da ein Wunder, wenn mir Gott verhängt, daß ich Not und Leid erdulde?

Sankt Augustinus sagt: "Herr, ich wollte dich nicht verlieren, ich wollt aber mit dir die Kreaturen besitzen; das kam von meiner Gierigkeit, und darum verlor ich dich; denn dir ist es zuwider, daß man neben dir — du Wahrheit! — die falschen Kreaturen besitze." Er sagt anderswo noch, daß der allzu gierig ist, dem es an Gott alleine nicht genügt. Wie könnten dem Gottes Gaben in den Kreaturen genüge tun, der an Gott und in Gott kein Genügen findet?

Einen guten Menschen soll nicht befriedigen noch trösten, sondern eine Pein soll ihm sein alles was Gott fremd und ungemäß ist. Er soll alle Zeit sagen: Herr Gott und mein Trost! und verweisest du mich an irgend etwas außer dir, so gib mir einen andren dich, denn ich will nichts als dich! Als unser Herr dem Mose alle Güter gelobte und ihn in das heilige Land sandte, das doch schon hinwies aufs Himmelreich, da sagte Mose: "O Herr! Sende mich nicht, du wolltest denn selber mitkommen!"

All unsre Neigung, Lust und Liebe gehört dem, was uns gleichartig ist; denn alle Dinge lieben und neigen sich zu einander infolge der Gleichheit. Der reine Mensch liebt alle Reinheit, der gerechte liebt und neigt zur Gerechtigkeit. Und von dem, was dem Menschen innig vertraut ist, redet sein Mund; drum sagt unser Herr, daß der Mund aus des Herzens Fülle redet, und Salomon sagt, daß des Menschen Arbeit in seinem Munde ist. Darum ist es ein sicheres Zeichen, daß nicht Gott in des Menschen Herzen ist, wenn es noch Außen Neigung und Trost sucht.

Und darum soll sich ein guter Mensch gar sehr schämen, vor Gott und vor sich selber, wenn er noch gewahr wird, daß Gott nicht in ihm ist, daß Gott der Vater nicht in ihm wirket, sondern die leidige Kreatur noch in ihm lebt und wirkt. Darum sagt David im Psalter und beklagt es: "Tränen waren mein Trost Tag und Nacht, solange man noch zu mir sagen konnte: wo ist dein Gott?" Denn Neigung zum Äußerlichen und Lust und Trost finden am Untrost und danach mit Lust verlangen und viel davon reden: das ist ein sicheres Zeichen, daß Gott nicht in mich leuchtet noch wirket. Und ferner sollte ein solcher sich auch vor guten Leuten schämen, daß sie des an ihm gewahr werden. Ein guter Mensch soll nie Schaden noch Leid beklagen, er soll allein das beklagen, daß er noch Wehklagen in sich gewahr wird.

Die meisten sagen, daß unten an dem Himmel Feuer ist weit und breit und unmittelbar, von gewaltiger Hitze; und doch wird der Himmel nirgend von ihm berührt! Und nun sagt eine andre Schrift, daß das Niederste der Seele edler ist als des Himmels Höchstes. Wie kann aber der Mensch sich vermessen, daß er ein himmlischer Mensch sei und daß sein Herz im Himmel sei, wenn er noch berührt wird und leidig wird durch so kleine Dinge?

Nun komm ich zu etwas andrem. Ein guter Mensch kann nicht sein wer nicht will was Gottes besonderer Wille ist; denn sinnlos wäre es, daß Gott irgend etwas wolle, das nicht gut ist. Und gerade dadurch, daß Gott es will, wird und ist es notwendig gut, ja das Beste. Und darum lehrte unser Herr die Apostel und uns durch sie, und wir bitten alle Tage, daß Gottes Wille geschehe, — und doch, wenn Gottes Wille kommt und sich verwirklicht, so klagen wir und sind traurig und betrübt.

Seneca, ein heidnischer Meister fragt: "Was ist der beste Trost im Leiden und Ungemach?" und sagt: "daß der Mensch alle Dinge nehme als ob er sie erwünscht und erbeten hätte." Wenn du gewünscht und gebetet hast, daß alle Dinge durch Gottes und nach Gottes Willen geschehen, und es geschieht nun, so zürne nicht! Ein heidnischer Meister sagt: "König und oberster Vater und einziger Herr des hohen Himmels! Alles was du willst, des bin ich bereit: gib mir Willen und den Willen nach deinem Willen!"

Ein guter Mensch soll Gott darin vertrauen und glauben und gewiß sein und Gott so gut wissen, daß es der göttlichen Güte und Liebe unmöglich sei mit anzusehen, wenn dem Menschen irgend ein Leid zustößt: entweder will er dem Menschen ein viel größer Leid ersparen oder ihn auch auf Erden um so Herrlicher erquicken oder etwas viel besseres damit erreichen oder daraus machen, wodurch Gottes Erhabenheit mehr und herrlicher zutage trete; doch wie das auch sei, schon allein darum weil es Gottes Wille ist, daß es geschieht, soll des guten Menschen Wille so in Gottes und mit Gottes Willen eins und geeinigt sein, daß der Mensch das selbe wolle wie Gott, auch wenn es sein Verderben, ja seine Verdammnis wäre! Darum wünscht Sankt Paulus von Gott geschieden zu sein, falls es Gott und Gottes Macht erfordern.

Ein recht vollkommener Mensch soll sich selber so in den Tod hineingewöhnt und sich aus seinem Selbst so hinausgebildet und in Gott und in Gottes Willen hinübergebildet haben, daß es nun doch all seine Fälligkeit ist, daß er sich selbst und alles andere nicht wisse und Gott allein wisse, nichts wisse noch auch wissen wolle als Gottes Willen und Gott ebenso erkenne wie ihn Gott erkennt, wie Sankt Paulus sagt. Gott erkennt alles was er erkennt und will lieben alles was er liebt in sich selbst, im willen seiner selbst. Unser Herr sagt: "Das ewige Leben ist: Gott allein zu erkennen."

Darum sagen die Meister, daß die Seligen im Himmelreiche die Kreaturen erkennen entblößt aller kreatürlichen Bilder in dem einzigen Bilde, das Gott ist und worin Gott sich selber und alle Dinge weiß liebt und will. Und das lehrt uns Gott selber beten und begehren, wenn wir sprechen: Vater unser, der da ist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name, — das heißt: dich erkennen ganz allein. Zu uns komme dein Reich: daß ich nichts habe, daß ich nichts achte und wisse denn dein Reich. Davon spricht das Evangelium: Selig sind die Armen des Geistes, das heißt die an Wollen Armen. Und wir bitten Gott, daß sein Wille werde auf Erden, das heißt in uns, wie im Himmel, das heißt in Gott selber. Ein solcher Mensch ist so eins und einwillig mit Gott, daß er all das will, was Gott will und in der Weise wie Gott es will. Darum, wenn Gott denn aus irgendwelchem Grunde will, daß ich auch Sünde getan habe, so wollte ich nicht, daß ich sie nicht getan hätte. Denn so geschieht Gottes Wille auf Erden, das heißt in Missetat, wie im Himmel, das heißt im Wohltun. So will der Mensch Gottes entbehren um Gottes Willen und von Gott getrennt sein um Gottes Willen, und das ist allein die rechte Reue meiner Sünde, so ist mir Sünde Leid ohne leiden …

… Ein andrer Trost ist dies: ein guter Mensch —, je mehr er gut ist und aus Güte allein geboren und ein Bild der Güte, desto mehr ist ihm unlieb und eine Bitterkeit und Schade alles Vergängliche und darum ist das Verlieren ihm: los werden und Verlieren Leid und Ungemach und Schaden. Wahrlich, Leid verlieren ist ein wahrer Trost, denn alles Ungemach, Leid und Untrost ist äußerliches Gut, und daß soll der Mensch nicht als Schaden beklagen. Er soll vielmehr klagen, wenn ihm Trost und Gemach unbekannt ist und wahrer Trost ihn nicht trösten kann. Er soll viel mehr klagen, daß er nicht gänzlich entbildet ist der Vergänglichkeit und nicht Hingebildet und gepflanzt ist und allen ein Bild ist der Güte.

… Noch ein andres gibt es, diesem ähnlich: kein Gefäß kann zweierlei Trank in sich haben. Soll es Wein haben, so muß man notwendig das Wasser ausgießen, ganz leer und lauter muß es werden. Drum, willst du göttliche Freude empfangen, so mußt du notwendig das Endliche ausgießen und hinauswerfen.

Drum spricht Sankt Augustinus: Gieße aus, daß du erfüllet werdest! Lerne nichtminnen, auf daß du lernest minnen! Wende dich ab, auf daß du hingewendet werdest! Mit eigentlichen Worten: alles was aufnehmen und empfänglich sein soll, das soll und muß leer sein. Die Meister sagen uns: hätte das Auge irgend Farbe in sich selber, dort wo es erkennt, er erkennte weder die Farbe die es hat noch die es nicht hat; wenn es aber aller Farbe bloß ist, dann erkennt es dadurch alle Farbe. Die Wand hat Farbe an sich und darum erkennt sie weder ihre eigene Farbe irgend eine Farbe und hat keine Lust an der Farbe, weder am Golde noch am Kohlschwarzen. Das Auge hat sie nicht und hat sie doch in Wahrheit, denn es erkennt sie mit Lust und Wonne.

Und darum, je vollkommener und bloßer die Kräfte der Seele sind, desto vollkommener und wahrhaftiger nimmt sie auf was sie empfängt und hat größere Wonne und wird mehr eins mit dem was sie aufnimmt, so sehr, daß die oberste Kraft der Seele, die aller Dinge bloß ist und mit dem Nichts keine Gemeinschaft mehr hat, nichts minderes empfängt, als Gott selber in seinem eigenen Wesen. Und die Meister sagen, daß dieser Vereinung, diesem Durchbruch, dieser Wonne sich nichts vergleichen kann. Darum sagt unser Herr gar bemerklich: selig sind die Armen in dem Geiste. Arm ist der, der nichts hat, der ein Armer des Geistes ist. Und damit will er sagen: ebenso wie das Auge arm und bloß ist aller Farbe und empfänglich aller Farbe, so ist auch, wer arm ist des Geistes, empfänglich aller Geister und alles Geistes. Gott ist ein Geist, und Frucht des Geistes ist Liebe, Friede und Freude. Bloß, arm, leer sein, nichts haben verwandelt die Natur: Leerheit macht Wasser bergaufwärts klimmen und manch andres Wunder, wovon wir jetzt nicht sprechen wollen.

Darum, willst du ganzen Trost und Freude finden in Gott, so sieh, daß du bar seist alles Vergänglichen, alles Trostes vom Vergänglichen. Sicherlich, solange noch das Vergängliche dich trösten kann, findest du nimmer rechten Trost. Wenn dich aber nichts mehr trösten kann als Gott, wahrlich, so tröstet dich Gott und mit ihm und in ihm alles was Wonne ist. Tröstet dich, was außer Gott ist, hast du weder hier noch dort. Tröstet dich aber Vergängliches nicht und schmecket dir nicht, so findest du beides: hier und dort.

Vermöchte der Mensch einen Becher gänzlich leer zu machen und leer zu erhalten von allem was füllen mag, auch von Luft, ohne Zweifel, der Becher verließe und vergäße aller seiner Natur, und Leerheit trüge ihn auf bis an den Himmel. Ebenso trägt bloß, arm und leer sein aller Vergängnis die Seele auf zu Gott, in Gott …

Auch das muß uns unzweifelhafte Gewißheit sein, daß selbst natürliche menschliche Tugend so edel und so kraftvoll ist, daß ihr kein äußerliches Werk zu schwer ist noch groß genug, daß sie sich daran und darin erfüllen könnte und darin ganz Gestalt werden. Und darum gibt es ein inneres Werk, das nicht Zeit noch Raumumschließen kann noch umfassen, und in diesem selben ist, was Gott und göttlich und Gott gleich ist, den weder Zeit noch Raum umschließt. Es ist allenthalben und allezeit gleich gegenwärtig und auch darin Gott gleich … Auch kann ebenso wenig jemand das innere Werk der Tugend hindern als man Gott hindern kann. Das Werk scheint und leuchtet Tag und Nacht, das Werk lobt und singt Gottes Lob in einem neuen Gesang. …

Für diese Lehre haben wir eine offenbare Bestätigung am Steine: dessen äußeres Werk ist, daß er niederstürze und liege auf der Erde; dieses Werk kann behindert werden, fällt er doch nicht allezeit und ohne unterlaß. Ein anderer Werk aber gehört dem Steine noch inniger, und das ist sein immerwährendes Streben niederwärts und ist ihm angeboren. Das kann ihm weder Gott noch Kreatur noch sonst jemand nehmen. Dieses Werk wirket der Stein ohne Unterlaß Nacht und Tag. Wenn er tausend Jahre da oben läge, er strebt hinab nicht minder noch mehr als am ersten Tage. Ganz ebenso sag ich von der Tugend, sie hat ein inneres Werk: wollen und streben zu aller Güte und eilen und ankämpfen gegen all das, was böse und übel ist, Gott und der Güte ungleich … Und all ihre Klage und Leid ist, wenn Leid in sie fallen kann, daß dies Leiden um Gott zu klein ist und alle äußern Werke in der Zeit zu klein sind, sodaß sie sich nicht ganz und vollkommen erweisen und darin Gestalt werden kann. …

Auch darin ist das innere Werk göttlich und gotthaft und hat Teil an göttlicher Eigenschaft, daß, gleicherweise wie die ganze Schöpfung (und wenn tausend Welten wären) nicht eines Haares Breite besser ist als Gott allein, ebenso sage ich und hab es zuvor gesagt, daß das äußre Werk, seine Länge noch seine Weite, seine Fülle noch seine Größe, keinesfalls die Güte des inneren Werkes mehrt: es hat seine Güte in sich selber. Darum kann das äußere Werk nimmer klein sein, wenn das innere groß ist, und da äußere kann niemals groß und gut sein, wenn das innere klein oder nichtig ist. Ja, das innere Werk hat in sich allezeit umschlossen alle Größe, Weite und Länge des äußern Werkes. — Wer all sein Wesen nur von Gott nimmt und aus Gottes Herzen schöpft, den nimmt Gott zum Sohn, der wird Sohn, geboren in des himmlischen Vaters Schoße. Nicht so das äußre Werk; sondern es empfängt inmitten des innern Werkes seine göttliche Güte und wird ausgetragen und ausgegossen in einem Niederstürze der verkleideten Gottheit, mit Unterschied, mit Menge, mit Teilen, was wie alles derartige Gott selber fern und fremd ist. …

Gott liebt um seiner selbst Willen und schafft alles um seiner selbst Willen, das heißt: er liebt um der Liebe und schafft um des Schaffens Willen. Wenn ohne Zweifel hätte Gott seinen eingebornen Sohn in Ewigkeit nicht geboren, wäre geboren haben nicht Gebären. Und darum sagen die Heiligen, daß der Sohn derart ewiglich geboren ist, daß er ohne Unterlaß noch geboren wird. Auch hätte Gott die Welt nie geschaffen, wenn Erschaffenheit nicht Schaffen wäre: darum hat Gott die Welt so geschaffen, daß er sie noch ohne Unterlaß schafft. …

Und darum wer von Gott geboren ist, Gottes Sohn, der liebt Gott um sein selber Willen, das heißt, er liebt Gott um des Gottliebens und wirkt alle seine Werke um des gotthaften Wirkens Willen, und wird Liebens und Wirkens nimmer müde, und alles, was er liebt, ist ihm eine Liebe. Darum ist wahr, daß Gott die Liebe ist und, was ich schon Anfangs sagte, daß der gute Mensch will und wollte alle Zeit leiden um Gott, nicht nur gelitten haben. Er hat, was er liebt: Leiden um Gott, und erleidet Gott, und darum und dadurch ist er Gottes Sohn, nach Gott und in Gott gestaltet. Er liebt um sein selbst Willen, das heißt, er liebt um Liebe und wirkt Werkes wegen. Und darum liebt Gott und wirkt ohne Unterlaß, und Wirken ist Gottes Natur, sein Wesen, sein Leben, seine Seligkeit; und ebenso der Sohn Gottes, ein guter Mensch, soweit er Gottes Sohn ist, will durch Gott leiden, durch Gott wirken, und das ist sein Wesen, sein Leben, sein Wirken, seine Seligkeit. Und so sagt unser Herr: Selig sind, die da leiden um der Gerechtigkeit Willen. …

Davon wie das Innigste und das Oberste der Seele schöpft und aufnimmt Gottes Sohn und auch Gottes Sohn werde in des himmlischen Vaters Schoß und Herzen, das suche nach dem Ende dieser vorweg genommenen Worte, in der Rede "Vom edlen Menschen" …

 

Von dem edlen Menschen

Unser Herr sagt im Evangelium: Ein edler Mensch zog aus in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen und kam wieder. Unser Herr lehrt uns in diesen Worten, wie edel der Mensch von Natur beschaffen ist, und wie göttlich das ist, wozu er durch Gnade gelangt. Auch wird in diesen Worten ein großer Teil der heiligen Schrift berührt.

Man soll zum ersten wissen und es ist auch geoffenbart, daß der Mensch in sich hat zweier Art Naturen: Leib und Geist. Darum sagt eine Schrift: wer sich selber erkennt, der erkennt aller Kreaturen, denn alle Kreaturen sind entweder Leib oder Geist. Vom menschlichen besagt die Schrift, daß in uns ist ein Mensch äußerlicher und ein anderer Mensch innerlicher Art. Zum äußern Menschen gehört alles, was der Seele nur anhaftet, ergriffen und vermischt mit dem Fleische, und eine gewöhnliche Verrichtung hat in einem jeglichen Gliede leibhaftig, wie das Auge, das Ohr, die Zunge, die Hand und dergleichen. Das alles nennt die Schrift den alten Menschen, den irdischen Menschen, den äußeren Menschen, den feindlichen Menschen, einen dienstbaren Menschen.

Der andre Mensch, der in uns ist, das ist der innere Mensch, den heißt die Schrift einen neuen Menschen, einen himmlischen Menschen, einen jungen Menschen, einen Freund, einen edlen Menschen. Und hierzu sagt unser Herr, daß ein edler Mensch ausfuhr in ein fernes Land und gewann sich ein Reich und kam wieder. Auch muß man noch wissen, daß Sankt Jeronimus und auch die Meister übereinstimmend bezeugen, daß ein jeglicher Mensch dadurch, daß er ein Mensch ist, einen guten Geist hat, einen Engel, und einen bösen Geist, einen Teufel. Der gute Engel rät und erstrebt ohne Unterlaß, was gut ist, was göttlich ist, was Tugend und himmlisch und ewig ist. Der böse Geist rät und erstrebt dem Menschen allezeit, was zeitlich und vergänglich ist, was Untugend ist, böse und teuflisch. Derselbe böse Geist hat nur immer sein liebkosen mit dem äußeren Menschen und durch ihn gelangt er heimlich allezeit zu dem inneren Menschen, gerade wie auch die Schlange ihr Liebkosen hatte mit der Frau Eva und durch sie mit dem Mann Adam. Der innere Mensch ist Adam, der Mann in der Seele. Das ist der gute Baum, der ohne Unterlaß gute Frucht bricht, von dem unser Herr spricht. Es ist der Acker, darein Gott sein Bild und sein Gleichnis gesät hat und den guten Samen sät, die Wurzel aller Weisheit, aller Kunst, aller Tugend, aller Güte, Samen göttlicher Natur. Dieser Same ist Gottes Sohn, Gottes Wort.

Der äußere Mensch ist feindlich und der böse hat das Unkraut darauf gesät und geworfen. Von diesem Menschen sagt Sankt Paulus: Ich finde in mir, was mich hindert und zuwider ist dem, was Gott gebeut und rät und was Gott hat geboten und gesprochen und noch spricht in dem Höchsten, im Grunde meiner Seele. Und anderswo sagt er und klagt: O weh mir Unseligem Menschen! wer erlöst mich von dem Leib meines tödlichen Fleisches? Und wieder anderswo, daß des Menschen Geist und Fleisch allezeit wider einander streiten. Das Fleisch rät Untugend und Bosheit, der göttliche Geist rät Liebe Gottes, Friede, Freude und alle Tugend. Wer da folgt und lebt nach dem Geiste, nach seinem Rat, der gehört dem ewigen leben. Wer dem Fleische folgt, der stirbt. Der innere Mensch ist der, von dem unser Herr sagt, daß ein edler Mensch auszog in ein fernes Land, und ist der gute Baum, von dem Gott sagt, daß er allezeit gute Frucht bringt und nimmer böse, denn er will Güte und neigt zur Güte, zur Güte, die in sich selber schwebt unberührt von diesem und von jenem. Der äußere Mensch ist der böse Baum, der nimmer gute Frucht bringen kann.

Vom Adel des inneren Menschen, des Geistes und vom Unadel des äußeren Menschen, des Fleisches, sprechen auch die heidnischen Meister Tullius und Seneca, daß keine rechtschaffene Seele ist ohne Gott. Der Same Gottes ist in uns; hätte er einen guten Anleiter und fleißigen Arbeiter, so nähme er desto besser zu und wüchse auf zu Gott, des Same er ist, und die Frucht würde gleichermaßen eine Gottesnatur.

Birnbaums Same wächst zum Birnbaum und Nußbaums Same zum Nußbaum: Same Gottes in Gott zu Gott. Geschieht es aber, daß der gute Same einen törichten und bösen Anleiter hat, so wächst Unkraut dazwischen und bedeckt und verdrängt den guten Samen, daß er nicht hervorleuchtet noch sich auswachsen kann. Doch sagt Origenes, ein großer Meister: Da nun Gott selber diesen Samen eingesät und eingedrückt und eingeboren hat, so kann er wohl bedeckt werden und verborgen, aber niemals vertilgt noch in sich verlöscht: er glüht und glänzt, leuchtet und brennt und wendet sich ohne Unterlaß zu Gott.

Der erste Grad des inneren, neuen Menschen, sagt Sankt Augustinus, ist, daß der Mensch lebt nach dem Bilde guter und heiliger Leute, aber noch an Stühlen geht und sich hält an den Wänden und labt sich noch mit der Milch.

Der zweite Grad ist, daß er nunmehr nicht allein auf die äußeren Bilder sieht, auch guter Leute, sondern er läuft und eilt zu guter Lehre, zum rate Gottes und göttlicher Weisheit und kehrt den Rücken der Menschheit zu und das Antlitz Gott und kriecht der Mutter aus dem Schoß und lacht den himmlischen Vater an.

Der Dritte Grad ist, daß der Mensch mehr und mehr sich der Mutter entzieht und ihrem Schoß ferner und ferner wird und entflieht der Sorge und abwirft die Furcht, wie wenn er könnte ohne Ärgernis allen Leuten Übel und Unrecht tun: es gelüstete ihn doch nicht, denn er ist durch Gottes Liebe so gebunden und Gott angetraut in wahrem Eifer, daß er ihn gesetzt hat und geführt in Freude und Seligkeit und Süßigkeit, wo ihm alles zuwider ist, was Gott ungemäß und fremd ist und ungeziemend.

Der vierte Grad ist, daß er mehr und mehr zunimmt und verwurzelt wird in der Liebe, in Gott, daß er allezeit bereit ist, hinzunehmen alle Anfechtung, Versuchung, Widrigkeit und Leid willig und gern, begierig und fröhlich.

Der fünfte Grad ist, daß der allenthalben mit sich selbst in Frieden lebt, still ruhend in Fülle und Genuß der obersten unaussprechlichen Weisheit.

Der sechste Grad ist, daß der Mensch entbildet ist und überbildet von Gottes Ewigkeit und gekommen ist in ganze Vollkommenheit und vergessen hat alle Vergänglichkeit und zeitliches Leben und emporgezogen ist und hinübergefahren in göttliche Gestalt, ein Kind Gottes geworden ist.

Darüber hinaus, noch höher gibt es keinen Grad, dort ist ewige Ruhe und Seligkeit. Denn das Ziel des inneren neuen Menschen ist ewiges Leben.

Von diesem inneren edlen Menschen, dahinein Gottes Bild, Gottes Same gedrückt und gesät ist — wie der Same und das Bild göttlicher Natur und göttlichen Wesens und Gottes Sohn erscheine und man sein gewahr werde und wie er auch zuweilen verborgen werde, davon sagt der große Meister Origenes ein Gleichnis: Gottes Sohn, Gottes Bild sei in der Seele Grund als ein lebender Brunnen. Wer aber Erde, das ist irdische Begierde, darauf wirft, der trübt und bedeckt ihn, so daß man ihn nicht gewahr wird noch erkennt. Jedoch bleibt er in sich selber lebend, und wenn man die Erde, die von Außen darauf geworfen ist, abnimmt, so erscheint er, und man wird seiner gewahr. Er sagt, diese Wahrheit sein ausgedrückt im ersten Buche Mose, wo geschrieben steht, daß Abraham in seinem Acker lebende Brunnen gegraben hatte und übeltätige Leute füllten die Brunnen mit Erde, und darnach, als die Erde herausgeworfen ward, da erschienen die Brunnen lebend.

Noch ein andrer Gleichnis paßt hierzu: Die Sonne scheint ohne Unterlaß, doch wenn eine Wolke oder ein Nebel zwischen uns und der Sonne ist, so werden wir des Scheines nicht gewahr. Und gar wenn das Auge Krank ist und siech in sich selber, so ist ihm der Schein unbekannt. Auch habe ich zuweilen ein deutliches Gleichnis gesagt: Wenn ein Meister Bilder macht von Holz oder von Stein, so Trägt er nicht das Bild in das Holz hinein, sondern schneidet die Späne ab, die das Bild verborgen und bedeckt hatten. Er gibt dem Holze nichts, er nimmt ihm und gräbt heraus die Verdeckung und nimmt hinweg, was sich angesetzt hat, und hierauf erglänzt, was darunter verborgen war. Dies ist der Schatz, der verborgen liegt im Acker, wie unser Herr sagt im Evangelium.

Sankt Augustinus sagt: Wenn des Menschen Seele sich gänzlich empor wendet in die Ewigkeit, in Gott allein, so scheint und leuchtet das Bild Gottes; wenn aber die Seele sich auswärts kehrt, sei es auch zu äußerlicher Tugendübung, so wird das Bild sogleich verdeckt. Dem gleich es auch, daß die Frauen das Haupt bedeckt haben und die Männer haben es bloß nach Sankt Paulus Lehre; alles was sich in der Seele niederwärts wendet, das strebt nach dem gleichen, darein es sich neigt: eine Deckung, ein "Kopftuch"; was sich aber aufwärts hebt in der Seele, das ist bloßes Bild Gottes und Geburt Gottes, unbedeckt bloß in entblößter Seele, in dem edlen Menschen. So wird Gottes Bild, Gottes Sohn, der Same göttlicher Natur in uns nimmer vertilgt, ob er schon verdeckt werde. David sagt im Psalter: Obschon in den Menschen mancherlei Nichtigkeit durch Leid und Jammer Falle, dennoch bleibt er im Bilde Gottes und das Bild in ihm. Das wahre Licht leuchtet in die Finsternis, allein man wird seiner nicht gewahr.

Im Buch der Liebe heißt es: beachtet nicht, daß ich braun bin, ich bin dabei doch wohlgestalt und schön, die Sonne hat mich nur verfärbt. Die Sonne ist das Licht dieser Welt. Dies soll heißen, daß auch das Höchste und das Beste, das geschaffen und gemacht ist, das Bild Gottes in uns noch verdeckt und verfärbt. Salomon sagt: Nehmt ab den Rost vom Silber, so leuchtet und glänzt das allerlauterste Gefäß, das Bild Gottes in der Seele.

Und das ist, was unser Herr meint mit diesen Worten, wenn er sagt, daß ein edler Mensch auszog. Denn der Mensch muß aus allen Bildern und aus sich selber herausgehen und dem allen ganz fern und ungleich werden, wenn er den Sohn aufnehmen will und soll und Sohn werden indes Vaters Schoß und Herzen. Alle Vermittlung ist Gott fremd.

Gott sagt: Ich bin der erste und der letzte. Unterschied gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen, denn von Natur sind sie einig. Die göttliche Natur ist eins und jegliche Person ist auch eins und ist dasselbe eine, das die Natur ist. Unterschiede im Sein und in Wesenheit gelten als ausgeglichen und sind es. Nur wo es nicht innen ist, da erfährt und hat und bewirkt es Unterschiede. Und darum: in dem Einen findet man Gott, und Eins muß der werden, der Gott finden soll. Unser Herr sagt: Ein Mensch ging aus. Im Unterschiedlichen findet man weder das Eine, noch das Sein, noch Gott, noch Rast, noch Seligkeit, noch Genüge. Sei Eins, daß du Gott kannst finden! Und wahrlich, wärest du recht Eins, so bliebest du auch Eins im Unterschiedenen und Unterschied würde dir Eins und könnte dich nimmermehr hindern. Eins bleibt gleicherweise Eins in tausend mal tausend Steinen wie in vier Steinen, und tausend mal tausend ist ebenso wahrhaft eine simple Zahl wie vier.

Ein heidnischer Meister sagt, daß das Eine geboren ist aus dem obersten Gott. Seine Eigenschaft ist Sein, eins mit dem Einen. Wer es sucht unterhalb Gottes, der betrügt sich selber. Derselbe heidnische Meister sagt zum vierten, daß dies eine mit nichts eigentliche Freundschaft hat, als mit Jungfräulichem, Magdlichem, wie Sankt Paulus sagt: ich hab euch keusche Jungfrauen angetraut dem Einen. Und ebenso soll der Mensch mit vereint sein dem Einen, das Gott ist allein.

Denn so spricht unser Herr: Ein Mensch ging aus. Mensch im eigentlichen Sinn des Wortes nach dem lateinischen, das bedeutet einerseits den, der sich ganz unter Gott neigt und alles, was er ist und was sein ist, und empor auf Gott schaut, nicht auf das Seine, das er hinter sich, unter sich und bei sich weiß; das ist vollkommene und eigentliche Demut. Den Namen hat er von der Erde, davon will ich nun nicht mehr sprechen. Ferner bedeutet das Wort Mensch etwas, das über der Natur steht, über der Zeit und über all dem, das zur Zeit hinneigt oder was nach Zeit schmeckt, noch Raum oder Leibhaftigkeit. Noch höher hinauf hat der Mensch mit dem nichts, keine Gemeinschaft irgend welcher Art mehr, und das heißt, daß er nicht nach diesem oder dem gebildet und geschaffen ist und nichts wisse vom Nichts, daß man vom Nichts in ihm gar nichts finde und das Nichts so ganz von ihm genommen sei, daß man allein bei ihm finde: bloßes Wesen, Wahrheit und Güte. Und wer so beschaffen ist, der ist ein edler Mensch. — Noch gibt es eine andre Art, darzutun, was unser Herr einen edlen Menschen heißt:

Man muß nämlich wissen, daß wer Gott hüllenlos erkennt, mit ihm zugleich auch die Kreatur erkennt. Denn Erkenntnis ist ein Licht der Seele und alle Menschen begehren von Natur Erkenntnis, und besser Ding gibt es ja auch nicht. Erkenntnis ist ein Gut. Nun sagen die Meister: Wenn man die Kreaturen in sich selber erkennt, das ist eine "Abenderkenntnis", da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfach unterschieden. So man aber die Kreaturen in Gott erkennt, das ist eine "Morgenerkenntnis", da schaut man die Kreaturen ohne alle Scheidung, allen Bildern entbildet, aller Gleichheit entglichen in dem einen, das Gott selber ist. Auch dies ist der edle Mensch, von dem unser Herr sagt: ein edler Mensch ging aus. Edel deshalb, weil er eins ist und Gott und Kreatur im Einen erkennt. — Noch in einem andern Sinn will ich sagen, was ein edler Mensch ist. Ich sage:

Wenn der Mensch, die Seele und der Geist, Gott schaut, so weiß und erkennt er sich auch erkennend, das heißt, er erkennt, daß er schaut und Gott erkennt. Nun dünkt es einige Leute und scheint auch ganz glaublich, daß die Blume und der Kern der Seligkeit in der Erkenntnis liege, wenn der Geist erkennt, daß er Gott erkennt. Denn wenn ich alle Wonne hätte und wüßte es nicht, was hälfe mir das und was für Wonne wäre mir das? Dies möchte ich freilich nicht mit völliger Gewißheit behaupten. Mag es wahr sein, daß die Seele ohne das nicht selig wäre, so beruht doch ihre Seligkeit nicht darauf; denn das erste, wovon die Seligkeit abhängt, ist, daß die Seele Gott schaut Hüllenlos: dann nimmt sie all ihr Wesen und ihr Leben und schöpft alles, was sie ist, aus dem Grunde Gottes und weiß nichts vom Wissen noch von Liebe noch von irgend etwas anderem. Sie wird stille ganz und allein in dem Wesen Gottes, sie weiß nichts als Wesen und Gott. Wenn sie aber weiß und erkennt, daß sie Gott schaut und liebet und erkennt, das ist ein hinausschlagen und zurückfallen in die erste, die natürliche Ordnung. Denn niemand erkennt sich als weiß, der nicht weiß ist. Darum wer sich weiß erkennt, der baut und richtet auf über dem Weiß Sein und gewinnt sein Erkennen nicht unmittelbar; er muß schon von der Farbe Wissen und Sein erkennen und Wissen von dem Ding nehmen, das eben weiß ist; er schöpft Erkennen nicht aus der Farbe an sich selbst allein, sondern vom Farbigen oder Weißen; so erkennt er sich als weiß. Sich weiß erkennen ist viel weniger und äußerlicher als weiß sein. Ein anderes ist die Wand und wieder wein anderes das Fundament, worauf die Wand gebaut ist.

Die Meister sagen, es sei eine andere Kraft, durch die das Auge sieht, und eine andere Kraft, durch die es erkennt, daß es sieht. Das erste, das Sehen selbst, nimmt es durchaus von der Farbe, nicht vom Ding, das farbig ist. Hierbei ist es außer acht gelassen, ob dieses farbige ein Stein oder ein Holz sei, ein Mensch oder ein Engel; darauf nur, daß es Farbe hat, beruht all sein wesen.

So sag ich: der edle Mensch nimmt und schöpft all sein Wesen, Leben und Seligkeit aus Gott, bei Gott und in Gott ganz allein, nicht aus dem Gott erkennen, schauen oder lieben oder was dergleichen ist. Und darum sagt unser Herr sehr schön: das sei ewig Leben, Gott allein zu erkennen als einen wahren Gott, nicht: erkennen, daß man Gott erkennt. Wie sollte der Mensch sich erkennen als Gott erkennenden, der sich selber nicht erkennt! Denn sicherlich, der Mensch erkennt sich selber und alle anderen Dinge nicht, er erkennt nur Gott, indem er selig wird und selig ist in der Wurzel und im Grunde der Seligkeit. Wenn aber die Seele erkennt, daß sie Gott erkennt, so erkennt sie Gott und sich. Nun ist es, wie ich schon sagte, eine andere Kraft, durch die der Mensch sieht, und eine andere Kraft, durch die er weiß und erkennt, daß er sieht. Wahr ist es, daß jetzt, hier, in uns die Kraft edler und höher ist, durch die wir wissen und erkennen, daß wir sehen, als die Kraft, durch die wir sehen; denn die Natur beginnt ihre Arbeit mit dem Schwächsten; aber Gott beginnt seine Arbeit mit dem Kräftigsten und Vollkommensten. Natur macht den Mann aus dem Kinde und das Huhn aus dem Ei, aber Gott macht den Mann vor dem Kinde und das Huhn vor dem Ei. Natur macht das Holz zuerst warm und heiß und dann schafft sie das Wesen des Feuers. Aber Gott gibt zuerst das Wesen aller Kreatur und darnach in der Zeit und doch ohne Zeit, was zur Zeit gehört. Gott gibt auch den Heiligen Geist eher als die Gaben des Heiligen Geistes. Und ebenso sagt ich, daß es Seligkeit nicht gibt, ohne daß der Mensch erkenne und wohl wisse, daß er Gott schaut und erkennt; dennoch wollte Gott nicht, daß meine Seligkeit davon abhänge! Wem es anders gefällt, der mache das mit sich aus; aber er tut mir Leid. Hitze des Feuers und Wesen des Feuers sind gar ungleich und erstaunlich fern von einander in der Natur, obwohl sie gar nahe sind in der Zeit und im Raum.

Gottes Schauen und mein Schauen sind einander sehr fern und ungleich. Darum sagt unser Herr so schön, daß ein edler Mensch ausfuhr in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und zurückkehrte. Denn der Mensch muß in sich selber eins sein und muß suchen in sich selber und im Einen und empfangen im einen: das heißt nichts anderes als Gott schauen. Und das zurückkehren, das ist das Wissen und erkennen, daß man Gott erkennt und weiß. Alles Gesagte hat schon zuvor gesagt der Prophet Ezechiel, wenn er sagt, daß ein mächtiger Adler mit großen Flügeln, mit langen Gliedern voll mancherlei Federn, kam zu dem lautern Berge und nahm das Mark oder den Kern des höchsten Baumes und riß ab das oberste Laubwerk und brachte es herab. Was unser Herr einen edlen Menschen heißet, das nennt der Prophet einen großen Adler.

Wer ist edler, als wer zur Hälfte geboren ist aus dem höchsten und Besten, was Kreatur vermag und zur andern Hälfte aus dem innigsten Grunde göttlicher Natur und Einsamkeit? Unser Herr sagt beim Propheten Hosea: Ich will die edlen Seelen führen in eine Einöde und will da sprechen in ihre Herzen, eines mit dem Einen, eins vom Einen, eins im Einen und im Einen das Eine ewiglich.

 

Darin erschien die Liebe Gottes bei uns, daß Gott

seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte,

damit wir leben durch ihn.

Darin ist uns erzeigt und erschienen Gottes Liebe zu uns, daß er seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir leben mit dem Sohne und in dem Sohne und durch den Sohn. Wäre wo ein reicher König, der eine schöne Tochter hätte und sie eines armen Sohne gäbe, — alle die zu dem Geschlechte gehörten würden dadurch erhöht und geadelt. Ebenso sagt ein Meister: "Gott ist Mensch geworden; dadurch ist erhöht und geadelt alles menschliche Geschlecht und wir können uns des wohl freuen, daß Christus, unser Bruder, ist aufgefahren aus eigener Kraft über alle Chöre der Engel und sitzet zur Rechten Hand des Vaters." Dieser Meister hat wohl gesprochen; aber wahrlich, ich gebe nicht viel darauf! Was hälfe es mir, hätte ich einen Bruder, der ein reicher Mann wäre, — und ich wäre dabei ein armer? Was hälfe mir, hätte ich einen Bruder, der ein weiser Mann wäre,  und ich wäre dabei ein Tor? Ich sage etwas anderes und näherliegendes: Gott ist nicht bloß Mensch geworden, er hat auch menschliche Natur angenommen.

Die Meister sagen allgemein, daß alle Menschen ihrer Natur nach gleich edel seien, und ich sage: wahrlich, all das Gut, das alle Heiligen besessen haben und Maria, Gottes Mutter und Christus durch sein Menschtum, — das ist mein eigen in dieser Natur. — Nun könntet ihr mich fragen: Wenn ich in dieser Natur alles das habe, was Christus durch sein Menschtum zu leisten vermag, wie kommt es dann, daß wir Christus erhöhen und verehren als unsern Herrn und unsern Gott? — Das kommt daher, daß er ein Bote von Gott zu uns gewesen ist und hat uns zugetragen unsre Seligkeit: ja, die Seligkeit, die er uns zutrug, die war unser. Wo der Vater seinen Sohn gebiert im innersten Grunde, da hält diese Natur ihren Einzug. Diese Natur ist einig und einfach.

Ich sage ein Weiteres, ein Schweres: wer in der unmittelbaren Nacktheit dieser Natur bestehen will, der muß sich aller Personen entschlagen haben, so daß er dem Menschen der Jenseits des Meeres ist, den er nie mit Augen sah, ebensoviel Gutes gönne wie dem Menschen, der bei ihm und sein trauter Freund ist. Solange du deiner Person mehr gutes gönnst als dem Menschen den du nie gesehen, so gehst du gänzlich irre, auch schautest du nie auch nur einen Augenblick in jenen einfaltigen Grund. Du magst wohl in einem abgezogenen Bilde die Wahrheit wie in einem Gleichnisse gesehen haben, aber das Beste blieb dir verhüllt. — Zweitens mußt du reines Herzens sein, und rein ist das Herz allein, in dem alle Erschaffenheit vernichtet ward. — Zum dritten sollst du ledig sein des "Nicht". Eine Frage ist: was in der Hölle brenne? Die Meister sagen allgemein: das tut der Eigenwille. Aber ich sage bestimmt: das "Nicht" brennt in der Hölle. Ein Gleichnis! Man nehme eine brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Sagte ich, daß die Kohle meine Hand brennt, so täte ich ihr sehr unrecht. Soll ich aber sagen, was eigentlich mich brenne: das "Nicht" tut es, denn die Kohle hat etwas in sich, was meine Hand nicht hat. Und seht: eben dieses "Nicht" brennt mich. Hätte aber meine Hand all das in sich, was die Kohle ist und leisten kann, so hätte sie durchaus Feuers Natur. Nähme dann einer all das Feuer, das je brannte, und schüttete es auf meine Hand, das könnte mich nicht peinigen. Gleichweise sage ich: weil Gott und alle, die vor dem Angesicht Gottes in wahrer Seligkeit sind, etwas in sich haben, was die nicht haben die von Gott getrennt sind, — dieses "Nicht" peinigt die Seelen, die in der Hölle sind, mehr als Eigenwille oder irgendwelches Feuer. Ich sage: wahrlich, soviel "Nicht" dir anhaftet, ebenso unvollkommen bist du. Darum: wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr des "Nicht" ledig sein.

Ferner besagt das Wörtlein, das ich vorgelegt habe: "Gott hat seinen eingeborenen Sohn gesandt in die Welt." Das sollt ihr nicht für die auswendige Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank, ihr sollt es verstehen für die innere Welt. So wahr der Vater mit seiner einigen Natur seinen Sohn natürlich gebiert, so gewiß gebiert er ihn in des Geistes innerlichstes, und das ist die "innere Welt". Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie Gott lebt aus seinem Eignen. Wer in diesen Grund je schaute einen Augenblick, dem Menschen sind tausend Mark roten geschlagenen Goldes wie ein falscher Heller. Aus diesem innersten Grund heraus sollst du wirken alle deine Werke, ohne zu fragen warum. Ich sage bestimmt: solange du deine Werke wirkst ums Himmelreich oder um Gott oder um deine ewige Seligkeit von außen her, so gehst du gänzlich irre; man kann dich wohl ertragen, doch das Beste bleibt dir versagt. Denn wahrlich, wer Gott mehr zu gewinnen wähnt durch "Innerlichkeit" durch "Andacht", durch Süßigkeit und in abgesonderter Vereinigung als beim Feuer oder im Stalle, der tut nicht anders, als wenn er Gott nähme und wickelte ihm einen Mantel um das Haupt und steckte ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in besonderer Form sucht, der empfängt die Form und verliert Gott, der in der Form verborgen ist. Aber wer Gott sucht fern von besonderer Form, der empfängt ihn, wie er in sich selber ist, und der Mensch "lebt mit dem Sohne" und ist selber das Leben. Wenn einer das Leben fragte tausend Jahre lang: warum lebest du? Sollte es antworten, es spräche nichts anderes als: ich lebe darum, daß ich lebe! Das kommt daher: weil Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und quillt aus seinem eigenen Grunde, darum lebt es ohne "Warum?", indem es sich selber lebt. Wenn nun einer einen wahrhaften Menschen fragte, der da wirkt aus seinem eignen Grund heraus: warum wirkest du deine Werke? — sollte er recht antworten, er spräche nichts anderes als: ich wirke darum, daß ich wirke.

Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nicht mehr von dir als, daß du aus dir selbst herausgehst, aus der kreatürlichen Art, und lasse Gott Gott sein in dir. Das kleinste kreatürliche Bild, das sich je in dir bildet, ist so groß wie Gott. Wieso? Es hält dich ab von einem ganzen Gott. Denn gerade wo dieses Bild einzieht, da muß Gott weichen und alle seine Gottheit. Wo dies Bild aber entweicht, da zieht Gott ein. Gott begehrt so sehr danach, daß du aus dir selbst, deiner kreatürlichen Art herausgehst, als ob all seine Seligkeit daran hinge. Ei lieber Mensch, was schadet dirs, wenn du Gott gönnest, daß er Gott sei in dir? Geh aus dir selbst heraus ganz und gar um Gottes Willen, so geht Gott ganz und gar aus dem seinen heraus um deinetwillen. Wo zweie so aus sich herausgehen, — was da bleibt, das ist ein einiges Einssein. In dieser Einung gebiert der Vater seinen Sohn in dem innersten Quell. Da blühet auf der heilige Geist und da entspringt in Gott ein Wille, der gehört der Seele an. Und solange der Wille unberührt steht von allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit, ist der Wille frei. Christus sagt: "Niemand kommt zum Himmel als wer vom Himmel gekommen ist." Alle Dinge sind erschaffen aus nichts, darum ist ihr rechter Ursprung das Nichts. Sobald sich dieser edle Wille den Kreaturen zuneigt, so verfließt er mit den Kreaturen in ihr Nichts.

Nun besteht die Frage, ob dieser Wille so verfließe, daß er nimmer zurückkommen könnte. — Die Meister sagen allgemein, daß er nimmer zurückkomme, soweit er mit dem Zeitlichen verflossen ist. Aber ich sage: Wenn sich dieser Wille von sich selber abwendet und von aller Erschaffenheit einen Augenblick wieder in seinen Ursprung, dann steht der Wille in seiner rechten freien Art und ist frei, und in diesem Augenblicke wird alle verlorene Zeit wiedergebracht.

Die Leute sagen oft zu Mir: Bittet für mich! — Dann denke ich: warum geht ihr aus? Warum bleibt ihr nicht bei euch selber und greift in eurer eigen Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch! — Daß wir so wahrhaft in Ihm bleiben müssen und alle Wahrheit besitzen unmittelbar und ohne Unterschied in wirklicher Seligkeit, dazu helft uns Gott!   Amen.

 

Ihr sollt wissen, daß das Reich Gottes nahe ist.

Unser lieber Herr sagt, daß das Reich Gottes ganz nahe bei uns ist. Ja, das Reich Gottes ist in uns, und der heilige Paulus sagt, daß unser Heil näher bei uns ist als wir glauben. Und nun sollt ihr wissen, wie das Reich Gottes uns nahe ist. Mit Fleiß müssen wir auf den Sinn dieses Wortes merken. Denn wäre ich ein König und wüßte es nicht, so wäre ich kein König. Aber hätte ich den festen Glauben, daß ich ein König wäre, und meinten und glauben dies alle Menschen mit mir und ich wüßte bestimmt, daß alle Menschen das meinten und glaubten, so wäre ich ein König und all der Reichtum des Königs wäre mein. Wenn mir aber eines der drei Dinge gebräche, so könnte ich kein König sein. Ebenso hängt auch unsere Seligkeit daran, daß man erkenne und wisse das höchste Gut, das Gott selber ist. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die ganz und gar empfänglich ist für Gott. Ich bin des so gewiß wie, daß ich lebe: daß mir kein Ding so nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher als ich mir selber bin, mein Sein hängt daran, daß Gott mir nah und gegenwärtig sei. Ebenso ist er’s auch einem Stein und einem Holze, aber sie wissen's nicht. Wüßte das Holz und erkännte, wie nahe er ihm ist, so wie der höchste Engel das erkennt, — das Holz wäre so selig wie der höchste Engel. Und darum ist der Mensch seliger den ein Holz, weil er Gott erkennt und weiß, wie nah ihm Gott ist. Und ebenso viel mehr ist er selig, wie er es mehr erkennt, und ebenso viel minder ist er selig, wie er es minder erkennt. Nicht davon ist er selig, daß Gott in ihm ist und ihm so nahe ist und daß er Gott hat; aber davon daß er Gott erkennt und daß er ein Gott wissender und liebender ist; und der soll erkennen, daß Gottes Reich nahe ist.

Wenn ich nachdenke über Gottes Reich, das macht mich oft verstummen seiner Großheit wegen; denn Gottes Reich das ist Gott selber mit all seinem Reichtum. Gottes Reich ist kein kleines Ding: wenn einer alle Welten bedächte, die Gott zu machen vermöchte, das ist Gottes Reich nicht. In welcher Seele aber Gottes Reich erscheint und die Gottes Reich erkennt, der braucht man nicht zu predigen noch lehren: sie wird davon gelehrt und versichert des ewigen Lebens. Wer weiß und erkennt, wie nah ihm Gottes Reich ist, der kann mit Jakob sagen: „Gott ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht.“

Gott ist uns in allen Geschöpfen gleich nahe. Der weise Mann sagt: „Gott hat seine Netze und Stricke über alle Geschöpfe ausgespreitet, so daß man ihn in einem jeglichen finden kann und erkennen, wenn man es wahrnehmen will.“ Ein Meister sagt: der erkennt Gott recht, der ihn in allen Dingen gleich erkennt. Und Gott mit Furcht dienen, das ist gut, ihm aus Liebe dienen das ist besser, aber die Liebe zur Furcht hinzunehmen können ist das Allerbeste. Wenn ein Mensch ein ruhiges rastendes Leben in Gott hat, das ist gut; wenn der Mensch peinvolles Leben hat in Geduld, das ist besser; aber daß man gar Rast habe in peinvollem Leben, das ist das Allerbeste. Ein Mensch gehe auf dem Felde und spreche sein Gebet und erkenne Gott, oder er sei in der Kirche und erkenne Gott: erkenne er Gott hier mehr darum, weil er an einer rastlichen Stätte ist, so kommt es von seiner Gebrechlichkeit und nicht Gottes wegen; denn Gott ist gleich in allen Dingen und an allen Orten und ist bereit sich gleicherweise zu geben, soweit es an ihm liegt, und nur der erkennte Gott wahrhaft, der ihn allenthalben gleich erkannte.

Der heilige Bernhard sagt: Warum erkennt mein Auge den Himmel und meine Füße nicht? Das kommt daher, daß mein Auge dem Himmel verwandter ist als meine Füße. Soll meine Seele nun Gott erkennen, so muß sie Himmelreich sein*). Was bringt nun die Seele dazu, daß sie Gott in sich erkenne und wisse, wie nahe ihr Gott ist? Nun merket. Der Himmel kann keinen fremden Eindruck empfangen, ihm kann keine Not und Pein eingedrückt werden, die ihn entsetze. Ebenso muß die Seele gefestigt und bestätigt sein in Gott, die Gott erkennen soll, daß sich nichts in sie drücken könne, weder Hoffnung noch Furcht, weder Freude noch Jammer, weder Lust noch Leid noch irgend, was sie entsetzen könnte.

[*) Vergleiche Goethe:

Wär' nicht Auge sonnenhaft,

Die Sonne könnt es nie erblicken.

Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

Wie könnt uns göttliches entzücken?]

Der Himmel ist auch an allen Orten gleich fern von der Erde. Geradeso soll auch die Seele gleich fern sein von allen irdischen Dingen, so daß sie dem einen nicht näher sei als dem andern, und soll sich gleich verhalten in Lust in Leid im Haben und Entbehren; was es auch sei, sie soll dazu gänzlich gestorben, gelassen und hoch erhaben stehen. Der Himmel ist rein und klar und ohne alle Flecke, denn Himmel rührt nicht Zeit noch Raum: Alle leiblichen Dinge haben darin leinen Raum, und auch in der Zeit ist er nicht, sein Umlauf ist unglaublich schnell, sein Lauf ist ohne Zeit, aber von seinem Laufe kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie die Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke und Gott ist Eins. Darum, soll die Seele Gott erkennen, so muß se ihn über der Zeit und Raum erkennen, Denn Gott ist weder des noch das, wie diese mannigfaltigen Dinge: Gott ist Eins.

Soll die Seele Gott sehen, so muß sie auf kein Ding sehen in der Zeit. Denn derweile die Seele Zeit oder Raum erkennt oder irgend dergleichen Bilder, so vermag sie Gott nimmer zu erkennen. Wenn das Auge die Farbe erkennen soll, so muß es zuvor von aller Farbe geschieden sein. Soll die Seele Gott erkennen, so darf sie mit dem Nichts keine Gemeinschaft haben: Wer Gott sieht, der erkennt, daß alle Geschöpfe nichts sind. Wenn man ein Geschöpf gegen de andern hält, so erscheint es schön und ist etwas, aber wenn man es gegen Gott hält, so ist es nichts.

Ich sage ferner: soll die Seele Gott erkennen, so muß sie auch sich selber vergessen und muß sich selber verlieren; denn solange sie sich selber sieht und erkennt, sieht und erkennt sie Gott nicht. Wenn sie sich Gott wegen verliert und alle Dinge verläßt, so findet sie sich wieder in Gott, sobald sie Gott erkennt, und dann erkennt sie sich selber und alle Dinge, davon sie sich geschieden hat, in Gott vollkommen. Soll ich das höchste Gut und die ewige Güte erkennen, wahrlich, so muß ich sie erkennen, wo sie gut ist in sich selber, nicht wo die Güte geteilt ist. Soll ich das wahre Wesen erkennen, so muß ich es erkennen, wo das Wesen in sich selber ist, das ist in Gott, nicht wo es geteilt ist, in Geschöpfen.

In Gott allein ist das göttliche Wesen. In einem Menschen ist nicht ganze Menschheit, denn ein Mensch ist nicht alle Menschen. Aber in Gott erkennt die Seele ganze Menschheit und alle Dinge auf das höchste, denn sie erkennt sie nach dem Wesen. War ein Mensch in einem schön gemalten Hause, so weiß er viel mehr davon als ein andrer, der nie hinein kam und viel davon sagen wollte. Ebenso bin ich überzeugt, so wahr ich lebe und Gott lebt: soll die Seele Gott erkennen, so muß sie ihn erkennen über der Zeit und dem Raum. Und eine solche Seele erkennt Gott und weiß wie nahe Gottes Reich ist, das heißt Gott mit all seinem Reichtume. Die Meister in der Schule haben viele Zweifel, wie das möglich sei, daß die Seele Gott zu erkennen vermöge. Es kommt nicht von Gottes Strenge, daß er viel fordert von Menschen: es kommt von seiner großen Milde, daß er will, daß die Seele sich weiter mache auf daß sie viel empfangen und er ihr viel geben könne.

Niemand soll denken, daß es schwer sei hierzu zu kommen, wiewohl es schwer klingt und auch schwer ist im Anfang und bei dem Abscheiden und Sterben für alle Dinge. Aber wenn man hineinkommt, so wird kein Leben leichter noch lustvoller noch liebreicher sein; denn Gott ist gar eifrig, daß er allzeit bei dem Menschen sei und ihn lehre, wie er ihn zu sich bringe, wenn anders er folgen will. Nie begehrte ein Mensch irgendein Ding so sehr, wie Gott begehrt, daß er den Menschen dazu bringe ihn zu erkennen. Gott ist allezeit bereit, aber wir sind sehr unbereit, Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne, Gott ist innen, wir sind außen, Gott ist heimisch, wir sind fremde. Der Prophet sagt: „Gott führt die Gerechten durch einen engen Weg in die breite Straße, daß sie kommen in die Weite und in die Breite, das ist in die wahre Freiheit des Geistes, der Ein Geist mit Gott geworden ist.“ Daß wir ihm alle folgen, daß er uns bringe in sich, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Die Stunde kommt und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.

Dies steht geschrieben in Sankt Johannes Evangelium, — aus langer Rede nur ein Wörtlein. Unser Herr sagt: „Weib, die Zeit muß kommen und ist schon jetzt, da die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit, und solche suchet der Vater.“

Beachtet das erste Wort, das er sagt: „Die Zeit muß kommen und ist schon jetzt.“ Wer immer den Vater anbeten will, der muß sich mit seinem Begehren und mit seiner Hoffnung ins Ewige begehen. Es gibt einen obersten Teil der Seele, der steht über der Zeit und weiß nichts von der Zeit noch vom Leibe. Alles was je geschah vor tausend Jahren, der Tag, der vor tausend Jahren war, der ist im Ewigen nicht entfernter als diese Stunde, in der ich mich jetzt befinde, oder der Tag der über tausend Jahre kommen soll, oder wieviel du nur zählen kannst, er ist im Ewigen nicht entfernter als diese Stunde, darinnen ich jetzt stehe.

Nun sagt er „daß die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit.“ — Was ist die Wahrheit? Wahrheit ist so edel. — wäre es möglich, daß Gott sich von der Wahrheit abwendete, ich wollte mich an die Wahrheit heften und wollte Gott lassen; aber Gott ist die Wahrheit und alles was in der Zeit ist, oder alles, was Gott je erschuf, das ist die Wahrheit noch nicht.

Er sagt: „die den Vater anbeten.“ Ach wieviel sind derer, die die Kreaturen anbeten und sich damit belasten! Das sind gar törichte Leuchte. Sobald du Gott anbetest um der Kreatur willen, so bittest du um deinen eigenen Schaden, sofern die Kreatur Kreatur  ist, trägt sie in sich Bitterkeit und Schaden und Übel und Ungemach. Und darum geschieht den Leuten gar recht, die dann Ungemach und Bitterkeit haben. Warum? Sie haben darum gebeten.

Ich habe gesagt: wer Gott sucht, um irgend etwas durch Gott zu suchen, der findet Gott nicht. Wer aber Gott allein sucht „in der Wahrheit“, der findet nimmer Gott allein; denn alles, was Gott bieten kann, das findet er mit Gott. Suchst du Gott und suchst ihn um deines eigenen Nutzens oder um deiner eignen Seligkeit Willen, so sucht du nicht in Wahrheit Gott. Darum sagt er, daß die wahren Anbeter den Vater anbeten, und er spricht gar gut. Ein guter Mensch, — wer zu dem spräche: „Warum suchst du Gott?“ — dem erwiderte er: „Darum, weil er Gott ist.“ — „Warum suchst du die Wahrheit?“ — Darum, weil sie Gerechtigkeit ist.“ Solche Leute sind auf dem rechten Wege. Alle Dinge, die in der Zeit sind, haben ihr warum: Wer einen Menschen fragte: „Warum ißest du?“ dem würde zur Antwort: „Darum, damit ich Kraft habe.“ — „Warum schläfst du?“ — Aus demselben Grunde.“ Und so ist mit allen Dingen, die in der Zeit sind. Aber ein guter Mensch, wer den fragte: „Warum liebst du Gott?“ dem sagt er: „Ich weiß nicht. Um Gott.“ — „Warum liebst du Wahrheit?“ — „Um Wahrheit.“ — „Warum liebst du Gerechtigkeit?“ — „Um Gerechtigkeit.“ — Warum liebst du Güte?“ — „Um Güte.“ — „Warum lebst du.“ — „Traun, ich weiß nicht, — ich lebe gerne!“

Ein Meister sagt: wer nur einmal berührt wird von der Wahrheit und von der Gerechtigkeit und von der Güte, — und wenn alle Pein der Hölle damit verbunden wäre, der Mensch könnte sich nimmer nur einen Augenblick davon trennen. Er sagt noch mehr: wer immer der Mensch ist, der von diesen dreien berührt wird, von der Wahrheit, von der Gerechtigkeit und von der Güte, — so unmöglich es Gott ist, daß er sich von seiner Göttlichkeit trenne, so unmöglich ist diesem Menschen, daß er sich von diesen dreien trenne.

Jesus sagt: „die den Vater Anbeten.“ Warum sagt er „den Vater“? Suchst du allein Gott, — alles was er gewähren kann, findest du zugleich mit Gott. Es ist eine gewisse Wahrheit und ist eine Notwahrheit und ist eine geschriebene Wahrheit, und wäre es nicht geschrieben, so wäre es doch wahr, und hätte Gott mehr, er könnte es dir nicht verbergen und müßte dir's offenbaren, und er gibt dir's, und ich habe oft gesagt: er gibt dir's in Form der Geburt.

Die Meister sagen, die Seele habe zwei Antlitze: das obere Antlitz schauet allezeit Gott und das untere Antlitz blickt ein wenig hernieder und belehrt die Sinne. Das obere Antlitz, das ist das Höchste der Seele, das steht in der Ewigkeit und hat nichts zu schaffen mit der Zeit und weiß nichts von der Zeit und vom Leibe. Und oft hab ich gesagt, daß es in ihnen verborgen liegt als ein Ursprung alles guten und als ein leuchtend Licht, das allezeit leuchtet, und als ein brennender Brand, der allezeit brennt, und der Brand ist nichts andres als der heilige Geist.

Die Meister sagen, daß aus dem obersten Teil der Seele zwei Kräfte fließen. Die eine heißt Wille, die andre Vernunft. Die Vollkommenheit der Kräfte beruht auf der obersten Kraft, der Vernunft; die kann nimmer ruhen. Sie will nicht Gott, sofern er der heilige Geist ist und sofern er der Sohn ist, sie flieht den Sohn. Sie will auch nicht Gott, sofern er Gott ist. Warum? — Da hat er noch Namen! Und wären tausend Götter, sie bricht immer weiter hindurch, sie will ihn dort, wo er keinen Namen mehr hat. Sie will etwas edleres, etwas besseres als den Gott, der Namen hat. Was will sie denn? — Sie weiß: sie will ihn, wo er der Vater ist. Darum sagt Sankt Philippus: „Herr zeigt uns den Vater, das genügt uns.“ Sie will ihn, dafern er ein Mark ist, aus dem Güte urspringt, sie will ihn, wo er ein Kern ist, von dem Güte ausfließt, sie will ihn, wo er eine Wurzel ist, eine Ader, in der Güte urspringt, und dort allein ist er Vater.

Nun sagt unser Herr: „Es erkennt niemand den Vater als der Sohn und den Sohn niemand als der Vater.“ Sollen wir den Vater in der Wahrheit erkennen, so müssen wir Sohn sein. — Ich habe manchmal drei Worte gesagt, die nehmt nun als drei Gläser Muskat und trinkt sie! Zum ersten: wollen wir Sohn sein, so müssen wir einen Vater haben, denn es kann niemand sagen, er sei Sohn, er habe denn einen Vater, und niemand ist Vater, er habe denn einen Sohn. Ist der Vater tot, so sagt der Sohn: Er war mein Vater. Ist der Sohn tot, so sagt der Vater: er war mein Sohn. Denn des Sohnes Leben hängt am Vater und des Vaters Leben am Sohn. Und der Mensch ist in Wahrheit Sohn, der alle seine Werke aus Liebe wirkt. — Das andre, was den Menschen am meisten zum Sohn macht, ist Gleichmut: ist er siech, daß er ebenso gern siech sei wie gesund und gesund wie siech. Stirbt ihm sein Freund — in Gottes Namen; wird ihm ein Auge ausgeschlagen — in Gottes Namen. Das Dritte, das ein Sohn haben soll ist, daß er sein Haupt nirgend hinneigen kann als an den Vater. Ach, wie edel ist die Kraft, die da steht über der Zeit, die da steht ohne Stätte! Denn dadurch, daß sie über der Zeit steht, hält sie in sich alle Zeit umschlossen und ist alle Zeit. Man halte ihn für noch so gering, — wer über der Zeit steht, der ist gar sehr Reich geworden. Denn was jenseits des Meeres ist, das ist solcher Kraft nicht entfernter, als was jetzt hier gegenwärtig ist. Und von diesen sagt Er: „Solche suchet der Vater.“

Seht, so liebkost uns Gott, so fleht uns Gott an. Er kann es nicht erwarten, bis sich die Seele aus der Kreatur geschält und an Ihn geschmiegt hat. Und es ist eine gewisse Wahrheit, daß es Gott Not tut, daß er uns suche, gerade als ob alle seine Göttlichkeit daran hinge. Und das tut sie auch. Gott kann unser so wenig entbehren wie wir seiner, und wäre es möglich, daß wir uns von Gott abkehrten, so könnte sich Gott nimmer von uns abkehren.

Ich sage, daß ich Gott nicht bitten will, daß er mir gebe, ich will ihn auch nicht loben für das, was er mir gegeben hat, sondern ich will ihn bitten, daß er mich würdig mache zu empfangen, und will ihn loben, daß er von solcher Natur und solchem Wesen ist, daß er geben muß. Wer das Gott nehmen wollte, der nähme ihm sein eigen Wesen und sein eigen Leben.

Daß wir so in Wahrheit Sohn werden, dazu helfe uns die Wahrheit, von der ich gesprochen habe.   Amen.

 

Jesus trat in eine Burg und ein Weib empfing ihn.

Intravit Jesus in quoddam castellum et mulier quaedam excepit illum.“ — Ich hab ein Wörtlein gesagt, vorerst auf latein, das steht geschrieben in dem Evangelium und heißt zu deutsch: „Unser Herr Jesus Christus ging auf eine Burg und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“

Ja, beachtet dieses Wort aufmerksam: es muß notwendig so sein, daß sie eine Jungfrau war, der Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau, das bedeutet soviel wie ein Mensch, der ledig ist aller fremden Bilder, geradeso ledig wie, als er noch nicht war. — Seht, nun könnte man fragen: der Mensch, der geboren ist und vorwärts geschritten im vernünftigen Leben, — wie könnte der aller Bilder so ledig sein wie, als er noch nicht war; denn er weiß doch gar vieles, und das sind alles Bilder; wie kann er da ledig sein? — So hört die Unterscheidung, ich will es euch erklären:

Wäre ich so vernünftig, daß alle Bilder vernunftmäßig in mir wären, die alle Menschen je in sich aufgenommen haben und die in Gott selber sind, — wären sie nicht mein Eigentum, sodaß ich keines als Eigentum an mich genommen hätte im Tun oder lassen, weder früher noch später, daß ich vielmehr in diesem gegenwärtigen Nu frei und ledig stünde gewärtig des liebsten Willens Gottes, um ihn zu tun ohne Unterlaß, wahrhaftig, so wäre ich Jungfrau, ungehemmt durch alle Bilder so gewißlich wie ich es war, als ich nicht war.

Ich behaupte aber, wenn der Mensch Jungfrau ist, das benimmt ihm durchaus nichts von all den Werken, die er je getan, — und steht er im höchsten Sinne magdlich und frei ohne Hemmungen da, gleichwie Jesus ledig und frei ist und magdlich in sich selber. Wie die Meister sagen, daß gleich und gleich allein der Vereinigung fähig sei, so muß auch der Mensch Magd sein, Jungfrau, der den magdlichen Jesus empfangen soll.

Nun merkt und seht mit Fleiß! Wenn jetzt der Mensch immerdar Jungfrau bliebe, so käme nimmer eine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es unerläßlich, daß er ein Weib sei. Weib ist das edelste Wort, das man der Seele zusprechen kann, und ist noch edler als Jungfrau. Daß der Mensch Gott empfängt in sich, das ist gut, und in solcher Empfänglichkeit ist er Magd. Der aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser: denn fruchtbar werden durch die Gabe, das allein ist dankbar sein für die Gabe, und der Geist ist Weib in widergebärender Dankbarkeit, wo er Gott Jesus zurückgebiert in das Väterliche Herz.

Viel gute Gaben werden empfangen in Jungfräulichkeit und werden nicht wieder hinausgeboren in weiblicher Fruchtbarkeit, mit dankbarem Lob gegen Gott. Die Gaben verderben und werden alle zunichte, so daß der Mensch nimmer Seliger noch besser davon wird. Da ist ihm seine Jungfräulichkeit zu nichts nütze, wenn er nicht nach der Jungfräulichkeit ein Weib ist mit ganzer Fruchtbarkeit. Daher rührt aller Schaden. Darum hab ich gesagt: „Jesus ging auf eine Burg und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“ Das muß so sein, wie ich euch beweisen habe.

Eheleute bringen des Jahres wenig mehr als eine Frucht. Aber für dieses Mal meinen Ich andre Eheleute: alle die leibeigen gebunden sind an Gebete, Fasten, Wachen und allerhand äußerliche Übungen und Kasteiungen. Irgend einem Werke leibeigen zu sein, das dir die Freiheit nimmt in diesem gegenwärtigen Nu Gottes zu warten und ihm allein zu folgen in dem Lichte, mit dem er dich anweisen will zum tun und lassen, frei und neu in einem jeglichen Nu, als ob du nichts andres habest noch wollest noch könnest: — irgend eine Leibeigenschaft oder ein vorgenommenes Werk, das dir jene Freiheit immer wieder benimmt, das nenne ich ein „Jahr“, darin deine Seele keine Frucht bringt, solange sie nicht das Werk getan hat, dem du dich zu eigen verschrieben hast. Und du vertrauest weder Gott noch dir selber, du habest denn dein Werk vollbracht; anders hast du keinen Frieden, und darum bringst du auch keine Frucht, du habest denn dein Werk getan. Und das währt ein „Jahr“, und auch dann ist die Frucht noch recht dürftig, denn sie ist aus der Leibeigenschaft eines Werkes hervorgegangen und nicht aus Freiheit. Das nenne ich „Eheleute“, denn sie sind gebunden durch Leibeigenschaft. Diese bringen wenig Früchte und auch die sind, wie gesagt, noch dürftig vor Gott.

Eine „Jungfrau“ aber, „die ein Weib ist“, frei und ungebunden ohne Leibeigenschaft, die ist Gott und sich selber allezeit gleich nahe. Die bringt viel Früchte, und die sind groß und nicht geringer als Gott selber ist. An dieser Frucht, an dieser Geburt erkennt man jene „Jungfrau, die ein Weib ist“, die gebiert alle Tage Hundertmal oder tausendmal, ja unzählbar oft ist sie Gebärerin und wird fruchtbar aus der alleredelsten Tiefe heraus; noch besser gesagt, aus derselben Tiefe, aus der der Vater sein Ewiges Wort gebiert, daraus wird sie fruchtbar im Gebären. Denn Jesus, das Licht und der Glanz des väterlichen Herzens (wie Sankt Paulus sagt, ist er eine Zier und ein Glanz des väterlichen Herzens und durchleuchtet mit Gewalt das väterliche Herz) dieser Jesus ist mit ihr vereint und sie mit ihm, und sie leuchtet und glänzt mit ihm als ein einziges Eines und als ein lautre helles Licht in dem väterlichen Herzen.

Ich habe öfters gesagt, daß eine Kraft in der Seele ist, die wird weder von der Zeit noch vom Fleische berührt, sie fließt aus dem Geiste und bleibet in dem Geiste und ist durchaus geistig. In dieser Kraft blüht und grünt Gott mit all der Freude und mit all der Gewalt, die er in sich selber Hat. Da ist so herzliche Freude und so unbegreiflich große Freude, daß es niemand je ganz aussagen kann. Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne Unterlaß, so daß dese Kraft mitgebiert den Sohn des Vaters und sich selber als diesen Sohn in der ewigen Kraft des Vaters. Und hätte ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles gut der ganzen Erde und ließe das aufrichtig und gänzlich und würde der ärmsten Menschen einer, der je auf Erden lebt, und Gott gäbe ihm dann so viel zu leiden, wie er je einem Menschen gab, und er litte dies alles bis an seinen Tod, und Gott gäbe ihm dann einen Augenblick zu schauen wie er ist in jener Kraft: seine Freude wäre so groß, daß ihm all sein Leiden und seine Armut noch zu gering wäre. Ja, gäbe ihm Gott auch hernach nimmer mehr Teil am Himmelreich, er hätte dennoch übergroßen Lohn empfangen um alles, was er je erlitt: denn Gott ist in dieser Kraft als in dem ewigen Nu. Wäre der Geist allezeit mit Gott vereint in dieser Kraft, der Mensch könnte nicht altern. Denn das Nu, darinnen Gott den ersten Menschen machte, und das Nu, darinnen der letzte Mensch vergehen wird, und das Nu, darinnen ich jetzt spreche, die sind in Gott gleich und sind nichts als ein Nu. Nun schaut: dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm kein Leiden mehr, auch keine Zeitfolge sondern eine gleiche Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alle Wandlung abgenommen und alle Dinge leben wesenhaft in ihm. Darum bringen ihm die künftigen Dinge und was ihm sonst zufällt nichts neues, denn er wohnet in einem Nu allzeit neu grünend ohne Unterlaß. Solch göttliches Herrentum ist in dieser Kraft!

Noch eine Kraft gibt es, die ist auch unleiblich: sie fließt aus dem Geiste und bleibet im Geiste und ist durchaus geistig. In dieser Kraft ist Gott selbst ohne Unterlaß glimmend und brennend mit all seinem Reichtum mit all seiner Süßigkeit und mit aller seiner Wonne. Wahrlich! in dieser Kraft ist so große Freude und so große maßlose Wonne, daß niemand wahrheitsgemäß darüber sprechen  noch sie offenbaren kann. Ich behaupte aber, wäre ein einziger Mensch, der mit seiner Vernunft einen Augenblick die Wonne und die Freude darinnen wirklich schauen könnte: alles was er je leiden müßte und was Gott von ihm gelitten haben wollte, das wäre ihm alles gering, ja ein Nichts; ich sage noch mehr: es wäre ihm allzumal eine Freude und ein Glück.

Willst du genau wissen, ob dein Leiden dein sei oder Gottes, so kannst du es hieran merken: Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es auch sei, das Leiden tut dir weh und ist dir schwer zu tragen. Leidest du aber um Gott, allein um Gott, das Leiden tut dir nicht weh und ist dir auch nicht schwer, denn Gott trägt die Last. Das ist volle Wahrheit: wäre ein Mensch, der leiden wollte um Gott und rein um Gott allein und fiele all das Leiden zugleich auf ihn, das alle Menschen je erlitten und das die ganze Welt zusammen hat, das täte ihm nicht weh und wäre ihm auch nicht schwer, denn Gott trüge die Last. Wenn mir einer einen Zentner auf meinen Nacken legte und ein andrer trüge ihn dann auf seinen Nacken, ich legte ebenso gern hundert drauf wie einen, denn es wäre mir nicht schwer und täte mir auch nicht weh. Kurz gesagt: Was der Mensch leidet um Gott und um Gott allein, das macht er ihm leicht und süß.

Wie ich am Anfang sagte, womit wir unsre Predigt begangen: „Jesus ging auf eine Burg und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.“ Warum? das mußte so sein, daß sie eine Jungfrau und auch ein Weib war. Ich hab euch auch gesagt, daß Jesus empfangen ward; ich hab euch aber nicht gesagt, was die „Burg“ sei, drum will ich jetzt davon sprechen.

Ich habe oft gesagt es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Zuweilen hab ich gesagt, es sei eine Hütte des Geistes, und zuweilen, es sei ein Licht des Geistes, und zuweilen wieder, es sei ein Funklein. Jetzt aber sage ich: es ist weder dies noch das. Dennoch ist ein etwas, das ist höher über „dies und das“ als der Himmel über der Erde; darum benenne ich es jetzt auf eine vornehmere Weise als ich es je nannte, und doch straft es alle Vornehmheit und alle Weise und Lügen und ist darüber erhaben! Es ist von allen Namen frei und aller Formen ledig, bloß und gänzlich frei, wie Gott in sich selber ledig und frei ist. Es ist so ganz eins und einfaltig wie Gott eins und einfaltig ist, so daß man auf keine Weise es erspähen kann. Jene Kraft von der ich zuvor sprach, darin ist Gott blühend und grünend mit all seiner Göttlichkeit und der Geist wiederum in Gott; in derselben Kraft, in der der Vater seinen eingeborenen Sohn gebiert, und so wahrhaft wie er in sich selber lebt so wahr lebt er in dieser Kraft, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben Sohn und ist derselbe Sohn in diesem Lichte und ist die Wahrheit. Könnet ihr fühlen mit meinem Herzen, — ihr verstündet wohl, was ich rede, denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selber. —

Und nun seht und fühlt es: so einzig und einfaltig, hoch über allem sagbaren, ist die Burg, von der ich nun rede, die ich jetzt meine, in der Seele, daß jene edle Kraft, von der eben sprach, nicht würdig ist jemals nur einen Augenblick hineinzulugen, und auch die andere Kraft, in der Gott glimmt und brennt, auch die vermag nimmer hineinzulugen, so ganz einzig und einfältig ist diese Burg, so erhaben über alle Rede und über alle Kräfte ist dieses einzig Eine, daß nimmer eine Kraft noch Redeweise noch Gott selber hineinlugen kann. In Wahrheit und so wahr Gott lebt, lugt er da nimmer einen Augenblick hinein und lugt auch nie hinein, sofern er sich in der Form und Eigenschaft der Personen befindet. Das ist leicht zu erkennen, denn dieses einzig Eine ist ohne Form und ohne Eigenschaft. Und darum, soll Gott jemals dahineinlugen, so muß es ihn all seine göttlichen Namen kosten und seine persönliche Eigenschaft: Das muß er alles zuvor lassen, wenn er je dahineinlugen will, nur wo er einfältig eins ist ohne alle Form und Eigenschaft, wo er nicht Vater noch Sohn noch heiliger Geist ist in diesem besondern Sinne, und doch ein etwas ist, das weder dies noch das ist, — seht, nur da kommt er in das Eine, das ich eine Burg in der Seele nenne, und anders kommt er in keiner Weise hinein. So aber kommt er hinein und ist darinnen, und mit dem Teile ist die Seele Gott gleich und anders nicht.

Was ich euch gesagt habe, das ist wahr, des rufe ich euch die Wahrheit zum zeugen und setze meine Seele zum Pfande. — Daß wir derart seien eine Burg, in die Jesus hinaufgehe und empfangen werde, um ewig in uns zu bleiben in der Weise wie ich eben sagte, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Ein neu Gebot gebe ich euch: daß ihr euch gegenseitig liebt, so wie ich euch geliebt habe.

In dem heiligen Evangelium, das uns Johannes schreibt, daß unser Herr zu seinen Jüngern sprach: „Ein neu Gebot geb ich euch: daß ihr euch unter einander lieben sollt wie ich euch geliebt habe, denn daran werden die Leute erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr liebe zueinander habt.“

Nun finden wir dreierlei Liebe, die unser Herr hat und in der wir uns ihm angleichen müssen. Die eine natürlich, die andre ist Gnade, die dritte ist göttlich, wiewohl ja in Gott nichts ist, es sei denn gleichfalls Gott. Wir aber müssen es so betrachten wie es in uns emporklimmt vom Guten zum Besseren und vom Besseren zum Vollkommenen. In Gott jedoch gibt es weder minder noch mehr, er ist allein eine einfaltige lautre wesenhafte Wahrheit.

Die erste Liebe, die Gott hat, daran sollen wir lernen, wie ihn seine natürliche Güte dazu zwang, daß er alle Kreaturen erschuf, deren er von Ewigkeit her schwanger geworden war, nach dem Gebilde seiner Vorsehung, auf daß sie seiner Güte genießen mit ihm. Und unter allen Kreaturen liebt er eine nicht mehr als die andren: denn wieviel jegliche zu empfangen weit genug ist, so reich ergießt er sich in sie. Wäre meine Seele so weit und so tief wie einer der Seraphim, der noch nichts in sich hat, Gott gösse es in mich so ungeschmälert wie in den Seraph. Gerade wie wenn wer einen kugelrunden Kreis machte, der um und um aus Pünktchen bestände, und mittendrin einen Punkt: dem Punkt wären die andern Pünktchen alle ganz gleich nah und fern, und sollte ihm ein Pünktchen näher kommen, das müßte von seiner Stelle rücken; denn der Mittelpunkt bleibt fest mittendrin. Ebenso ist es mit dem göttlichen Wesen: es ist kein außer sich suchendes sondern ganz ein in sich selber bleibendes. Soll es dazu kommen, daß die Kreatur von ihm empfange, so muß es notwendig geschehen, daß sie aus sich selber gerückt werde. Wenn man von dem Menschen redet, so redet man von allen Kreaturen; und Christus selber sagte zu seinen Jüngern: „Gehet hin und prediget das Evangelium allen Kreaturen,“ denn alle Kreaturen sind vereinigt im Menschen. Aber Gott, der gießt sich in alle Kreaturen wesenhaft, in jegliche soviel sie empfangen kann.

Dies ist uns eine gute Lehre, daß wir alle Kreaturen gleich lieben sollen mit allem was wir von Gott empfangen haben, ist uns jedoch eine von Natur näher durch Verwandtschaft oder durch Freundschaft, daß wir doch aus göttlicher Liebe allen den gleichen Anteil am selben Gute gönnen. Es scheint zuweilen, daß ich einen Menschen mehr liebe als den andern; aber ich habe das gleiche Wohlwollen auch für irgendeinen andern den ich nie sah, dieser bietet sich mir nur mehr dar, und darum kann ich mich in ihn mehr ergießen. So liebt Gott alle Kreaturen gleich und erfüllt sie mit seinem Wesen und so sollen wir von Liebe überströmen auf alle Kreaturen. Das findet man viel bei den Heiden, daß sie zu diesem liebereichen Frieden natürlicher Erkenntnis kamen; denn so sagt ein heidnischer Lehrer: „Der Mensch ist ein Tier, das von Natur sanftmütig ist.“

Die andre Liebe Gottes ist die geistige, mit der er in die Seele und in den Engel fließt, wie ich ja schon sagte, daß die vernünftige Kreatur aus sich selber entrückt werden muß durch ein Licht, das über dem natürlichen Lichte ist. Da alle Kreatur in ihrem natürlichen Lichte soviel Lust hat, so muß das größer sein, das sie daraus wegzieht in ein Licht der Gnade. Denn in dem natürlichen Lichte hat der Mensch Lust an sich selber, aber das Licht der Gnaden, das unsagbar größer ist, das benimmt dem Menschen die eigne Lust und zieht ihn in sich selber. Darum sagt die Seele in der Liebe Buche: „Zieh mich dir nach durch den Schmack deiner göttlichen Süßigkeit.“

Nun kann man Gott nicht lieben, man muß ihn erst erkennen; denn der wesenhafte Punkt, der Gott ist, der steht mittendrin, gleich fern und nah allen Kreaturen, soll ich dem genähert werden, so muß meine natürliche Vernunft entrückt werden durch ein Licht das ihr über ist. Wie wenn mein Auge ein Licht wäre und so stark wäre, daß es mit seiner Kraft das Licht der Sonne aufnähme und damit eins würde, so geschähe es nicht allein durch seine Kraft, sondern durch das Licht der Sonne geschähe es, wie sie in sich selber ist. Ebenso ist es mit meiner Vernunft. Vernunft, die ein Licht ist, kehre ich die von allen Dingen ab und richte sie gegen Gott, so wird, da ja Gott ohne Unterlaß von Gnaden überströmt, meine Vernunft erleuchtet und vereint in Liebe und wird darin Gott erkennen und lieben, wie er in sich selber ist. — Hierdurch werden wir unterwiesen, wie Gott überströmt vom Lichte der Gnaden und wie wir mit unsrer Vernunft nahen sollen diesem gnadenreichen Lichte und aus uns selber gezogen werden und emporklimmen in ein Licht, das Gott selber ist.

Die dritte Liebe Gottes: an ihr sollen wir lernen, wie Gott seit Ewigkeit ausgeboren hat seinen eingeborenen Sohn und gebiert ihn jetzt und ewiglich; und so liegt er im Kindbette wie eine Frau die geboren hat in einer jeglichen guten dargebrachten und eingewohnten Seele. Diese Geburt ist seine Geisteskraft, die ewig urspringend ist aus seinem Väterlichen Herzen, in dem er alle seine Wonnen hat. Und alles was er vollbringen kann, das zehrt er auf in dieser Kraft, die seine Geburt ist und er suchet nichts außer sich. Alle seine Wonne hat er in seinem Sohne und er liebt nichts als seinen Sohn und alles was er in sich findet; denn der Sohn ist ein Licht, das da ewiglich geleuchtet hat in dem väterlichen Herzen.

Sollen wir dahinein kommen, so müssen wir emporklimmen vom natürlichen Lichte in das Licht der Gnaden und darin wachsen bis in das Licht, das der Sohn selber ist. Da werden wir geliebt im Sohne von dem Vater mit der Liebe, die der heilige Geist ist, die da ewiglich entsprungen ist und hervorgeblüht ist zu seiner Ewigen Geburt und emporblühet von dem Sohne zum Vater als ihrer beider Liebe. — Ich denke manchmal daran, was der Engel zu Maria sprach: „Gegrüßet seist du gnadenreiche!“ Was hülfe mir, daß Maria voll Gnaden wäre, ich sei denn auch gnadenreich? Und was hülfe mir, daß der Vater seinen Sohn gebäre, wenn ich ihn nicht auch gebäre? Darum gebiert Gott seinen Sohn in einer vollkommenen Seele und liegt so im Kindbett drinnen, auf daß sie ihn hinfort hinausgebäre in allen ihren Werken. So sollen wir geeint werden durch die Liebe des heiligen Geistes mit dem Sohn und durch den Sohn den Vater erkennen und uns in ihm lieben und ihn in uns mit ihrer beider Liebe.

Wer nun vollkommen sein will in der dreifachen Liebe, der muß notwendig vier Dinge haben:

1.-     die wahre Abgeschiedenheit von aller Kreatur,

2.-     ein wahres Lea-Leben, das heißt ein wirkendes Leben, das bewegt werde vom Grunde der Seele aus durch die Bereitung des heiligen Geistes,

3.-     ein wahres Rahel-Leben, das ist ein schauendes Leben,

4.-     einen klimmenden Geist.

Ein Jünger befragte seinen Meister über die Rangordnung der Engel; da belehrte ihn der Meister und sagte: „Geh hinweg und versenke dich in dich selber solange, bis du es verstehst, und gib dich dann mit deinem Wesen hin und schau, daß du nichts andres bist als was du an ihnen findest. So dünkt dich zunächst, daß du Engel mit ihnen seiest, und wenn du dich in ihrer aller Wesen hingibst, so wird dich bedünken, daß du alle Engel mit allen Engeln seiest. Der Jünger ging hinweg und versenkte sich in sich selber, solange bis er dies alles in der Tiefe als Wahrheit erfand. Da ging er wieder zu dem Meister und dankte ihm und sagte: „Mir ist geschehen wie du gesagt hast. Als ich mich hingab an das Wesen der Engel und emporklomm in ihr Wesen, da däuchte mich zuletzt, daß ich alle Engel mit den Engeln wäre.“ Da sagte der Meister: „Oh, kommst du ein wenig weiter zu dem Ursprung hin, so soll wunder über Wunder mit deiner Seele gewirkt werden; denn solange der Mensch emporklimmt und empfängt mit Mitteln der Kreatur, ist er noch nicht zur Ruhe gekommen. Wenn er aber emporklimmt in Gott, da empfängt er in dem Sohne mit dem Sohne von dem Vater alles, was Gott vollbringen kann.“

Daß wir so emporklimmen von einer Liebe in die andre und geeinigt werden in Gott und darinnen ewiglich selig bleiben, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Stark wie der Tod ist die Liebe.

(Auf Maria Magdalene)

„Fortis es tut mors dilectio.“ — Ich hab ein Wörtlein gesprochen auf latein, das steht geschrieben im hohen Liede und heißt also: „De liebe ist stark wie der Tod.“ Dieses Wort kann man anwenden zum Lobe der heiligen Maria Magdalene, von der die heiligen Evangelisten soviel geschrieben haben, so daß ihr Lob und Preis durch alle Welt der Christenheit so hoch geehrt wird, daß nicht viel desgleichen sonst begegnet ist. Und wiewohl viel Gnade und Tugend von ihr gerühmt wird, so hat doch die übergroße und heiße Liebe zu Christus so unaussprechlich in ihr gebrannt und so stark in ihr gewirkt, daß sie nicht unbillig nach dieser Wirkung dem Tod verglichen werden kann. Deshalb kann wohl von ihr gesagt werden: „Stark wie der Tod ist die Liebe.“

Nun müssen wir hier drei Dinge beachten, die der leibliche Tod an dem Menschen tut, und die auch de Liebe bewirkt im Geist des Menschen:

das erste: daß er den Menschen beraubt und ihm alle vergängliche Dinge nimmt, so daß sie der Mensch nimmermehr haben noch benutzen kann, wie er vorher tat;

das zweite: daß sich der Mensch trennen muß von all dem Guten, das Leib und Seele haben möchten an geistlichen Dingen, an Gebet und Andacht und auch an Tugend und heiligem Leben und all den guten Dingen, daraus ein geistlicher Mensch Trost, Wonne und Freude gewinnen könnte, so daß er sich nimmermehr darin üben kann, als ein Mensch, der eben tot auf Erden ist;

das dritte: daß der Tod den Menschen hinwegnimmt aus all dem Lohn und der Würde, die er noch verdienen könnte, denn nach dem Tode kann der Mensch nimmermehr nur um Haaresbreite weiter vorwärt kommen im Himmelreich als gerade soviel, wie er verdient hat.

Dieser drei Dinge müssen wir uns gewärtigen von dem Tod, der da ist eine Scheidung des Leibes und der Seele.

Da nun unsres Herrn Liebe stark ist wie der Tod, so tötet sie den Menschen geistlich und scheidet die Seele in gewisser Weise vom Leibe. Und dies geschieht dann, wenn sich der Mensch gänzlich verläßt und sich ein selbst entschlägt und von sich selber sich scheidet. Dies geschieht aus übermäßiger hoher Kraft der Liebe, die so liebreich töten kann. Drum wird sie ein zartes Siechtum genannt und ein lebender Tod; denn dies sterben ist ein eingießen des ewigen Lebens und ein Tod des fleischlichen Lebens, und damit fängt der Mensch jetzt an, sich selber zum Heile zu leben.

Nun tut dieser süße liebreiche Tod drei Dinge an dem Menschen, da er ja so gewaltig ist, daß er den Menschen tötet und ihn nicht bloß siecht macht. Viele Leute siechen erst lange ehe sie sterben, etliche aber siechen nicht lange und etliche sterben eines jähen Todes. Und ebenso sind auch etliche Menschen, die gar lange mit sich selber zum Rate gehen, ehe sie sich selber überwinden und sich um Gottes willen gänzlich verlassen. Denn oft tun sie so, als verließen sie sich selber und stürben und drehen sich dann wieder um und suchen noch einen eignen Nutzen. Und solange sie noch einen Eigennutz bei sich selber für sich selber suchen und nicht ganz lauter Gottes Willen, so lange sind sie noch nicht recht tot sondern liegen sterbend und siechend in ihrem Widerwillen, so lange, bis zuletzt die Gnade Gottes, das ist die Liebe, über sie siegt, daß sie ihrem Eigennutz gänzlich absterben. Und diesen Eigennutz, diese Eigensucht (die des Menschen Leben und Natur ist) kann niemand ertöten als allein die Liebe, die stark ist wie der Tod; anders kann man solche Art der Eigensucht nicht töten als durch de Liebe. Darum leiden auch, die in der Hölle sind, so große Pein, weil sie alle ihren eignen Nutzen begehren und daß sie der Pein ledig wären; dies aber kann ihnen nimmer widerfahren, und darum sterben sie des ewigen Todes, weil die Begier ihres Eigennutzes nicht tot ist, und kein Ding kann ihnen davon helfen als allein die Liebe, von der sie ganz ausgeschlossen sind. Und darum ist die Liebe nicht allein so stark wie der leibliche Tod, sondern auch viel stärker als der Höllentod, der den Verdammten ja nicht helfen kann wie dieser liebende Tod, der allein ertöten kann das Leben der Begierde und des Eigennutzes.

Und dies geschieht in drei Stufen. Zum ersten scheidet dieser Tod (das heißt die Liebe) den Menschen von vergänglichen Dingen, von Freunden, Gütern, Ehren und von allen Kreaturen, so daß er kein Ding mehr um seiner selbst willen hat oder benutzt und kein Glied rührt mit Vorbedacht zu eignem Nutzen oder Willen. Und wenn dies geschehen ist, so fängt die Seele sogleich an, geistliche Güter zu suchen und zu begehren, wie Andacht, Gebet, Tugend, süßes Verlangen nach Gott und dergleichen geistliche Güter. Und in diesen lernt sie sich üben und sie genießen mit großer Wonne mehr als alles, was ihr zuvor lieblich schmeckte. Denn diese geistlichen Güter sagen ihr von Natur mehr zu als die leiblichen. Da ja Gott die Seele so geschaffen hat, daß sie nicht ohne Freude sein kann, darum sind ihr, wenn sie sich der leiblichen Ergötzungen ganz entschlagen hat und sich den geistlichen hingegeben, diese so wohlgefällig, daß sie viel schwerer von diesen scheiden mag, als sie vorher von den leiblichen schied. Denn das wissen die wohl, die es häufig erlebt haben, daß es oft leichter wäre diese Welt zu verlassen als einen Trost oder ein inniges Empfinden, das man etwa im Gebet empfängt oder in andren geistlichen Übungen.

Und dies alles ist noch kaum ein Anfang gegen das, was hernach folgt, was die Liebe fürder an dem Menschen wirkt. Denn ist die Liebe wirklich stark wie der Tod, so bewirkt sie schließlich, daß sie den Menschen zwingt aufzugeben und sich zu scheiden auch von aller geistlichen Labe und solchen Gütern, wie sie schon genannt wurden, so daß sich der Mensch frei und ledig drein ergibt um Gottes willen alles zu verlassen, woran seine Seele bisher Freude gehabt hat, begehrend oder suchend. Ach, Gott! wer könnte dies jemals vollbringen, deine Liebe zwinge ihn denn dazu, daß er dich um deinetwillen verließe und sich deiner um deiner selbst willen entschlüge! Welch besseres und kostbareres Opfer könnte man Gott darbringen und aufopfern als ihn selber um sein selbst willen? Aber wie selten ist dies, daß man ihm ihn selber als Gabe bringt und ihn selber um seinetwillen gebe, da doch jetzt (leider) schon so wenige sind, die sich des vergänglichen leiblichen Gutes ganz entschlagen möchten und so oft noch verleitet werden zu mancherlei Dingen, die sich ihnen darbieten. Wieviel weniger sind deren, die das geistliche Gut gern lassen möchten, gegen das doch alles leibliche Gut nicht zu rechnen ist. Denn dich Herr zu haben, (sagt ein Lehrer) das ist besser als alles was die Welt je gewann und gewinnen wird von Anfang bis auf den jüngsten Tag.

Wiewohl aber solche Hingegebenheit etwas sehr Hohes und über die Maßen seltenes ist, so ist doch noch ein Grad, der viel adliger und vollkommener den Menschen in sein allereigenstes einsetzt; und den wirkt die Liebe mit ihrer gewaltigen Stärke, wie der Tod, der das Herz bricht. Und das ist, wenn der Mensch auch auf das ewige Leben verzichtet und auf das ewige Gut und all das Gut, das er durch Gott oder durch alle seine Gaben jemals haben könnte, so daß er dies mit Willen oder mit Vorbedacht nimmermehr für sich selber und für sein Heil begehren oder suchen wolle oder jemals darum diene oder ihn die Zuversicht des ewigen Lebens je berühre oder erfreue oder seine Mühsal erleichtere. Dies ist der rechte Grad wahrer und vollkommener Hingegebenheit und zu dieser Gelassenheit läßt uns allein die Liebe, die stark ist wie der Tod, und tötet den Menschen in ihm selber und scheidet die Seele vom Leibe, so daß sie mit dem Leibe oder mit sonstigen Dingen nichts zu schaffen haben will zu ihrem Nutzen, und so scheidet sie sich von dieser Welt und fährt dahin, wo sie verdienet hat. Und wohin hat sie anders zu fahren verdient, als in dich, o ewiger Gott, da du ihr Leben sein mußt um dieses sterben der Liebe!

Daß uns dies widerfahre, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet und Frucht bringet.

Christus sagte zu seinen Jüngern: „Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet und viel Früchte bringet.“ Gott sprach zu ihnen und meinte uns alle, denn wir sind in der Nacht. Wer nun in der Nacht und Finsternis ist, der bedarf wohl des Lichtes, wenn er gehen soll. Nun sagt Christus: „Ich bin ein Licht der Welt.“ Darum sollen wir haften an der wahren Liebe zu diesem unsrem Haupte, so werden wir erleuchtet in Christo. Denn wenn eine Kerze brennt an ihrem obersten Teil durch die Kraft der Einung des Feuers, so verzehrt dieses die Materie, die ihm übergeben wird, und verwandelt sie in sich selber.

Nun merkt auf die Worte, die Christus sagte: „Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet …“ Damit meinte er, daß wir erhoben werden sollen über uns selber in das Licht der Gnaden. Hiervon spricht auch Prophet Jeremias: „Ich saß und erhob mich über mich selber.“ Ein solcher Mensch wird still sitzen und einsam, denn er wird sich heben über euch. In diesem „Sitzen“ ruht der Mensch von aller Anfechtung und schaut in dem Lichte, wohin er gehen muß: und dies ist der Weg der Tugenden, dies meinte Christus als er sagte: „Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet …“ „Sitzen und „gehen“ sind durchaus verschieden. Niemand kann den rechten Weg gehen, er habe denn zuvor gesessen in dem Lichte der Schauung und habe daraus die rechte Wegweisung geschöpft. Denn alle unsere Werke sollen Licht sein und sollen leuchten in der Finsternis unsrem Nächsten.

Nun sagt Dionysius: „Diese, die so außer sich selber gegangen sind und in dem Lichte der Wahrheit leben, die sind Götter und Kinder der Götter und der Götter Väter.“ Dies deutet Bischof Albrecht, indem er sagt: Der Götter Kinder, das sind die, die die heilige Schrift lesen oder lesen hören und sie innerlich verstehen und sie betätigen in guten Werken, bis daß sie die Wahrheit finden in Gott. Die Götter aber, das sind, die in Gott tot sind und an denen nichts mehr lebt außer Gott. Hiervon spricht Sankt Paulus: „Ihr seid tot und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott.“ Aber der Götter Väter, das sind die allervollkommensten, denn se sind versunken in ihnen, mehr noch: sie leben in Gott, denn in ihnen ist nun des ewigen Lebens Anfang.

Nun vernehmt von denen, die der Götter Kinder sind. Mit dem Lichte des Glaubens begreifen sie die Heilige Schrift, bis daß sie durch dieses Licht in den Tau der Gnaden kommen, und in dem Taue der Gnaden werden ihnen offenbar die Wege des ewigen Lebens. Hiervon spricht die Braut in der Liebe Buche: „Zieh mich dir nach in deine äußerliche Verlassenheit und in deine innerliche Vereinigung!“ Die äußerliche Verlassenheit, das ist nichts andres als die Abgeschiedenheit von aller Kreatur, die innerliche Vereinigung aber ist eine in sie gesenkte erlebte Wahrheit, von der sie weder Tod noch Leben scheiden kann. Dese sind Kinder der Götter und Söhne der Gewalt und der Weisheit und der Güte. Zu diesen sagt unser Herr in der Liebe Buche: „Ihr Fürstenkinder, wie wohl euch euer Gehen in euren Schuhen ansteht!“ Diese „Schuhe“, das ist der Heiligen Leben, die ziehen sie an die Füße des Geistes und der Liebe mit der Begier darinnen zu laufen.

Die Leute aber, die da Götter heißen, die sind in der Verborgenheit der göttlichen Einung; sie leben ein göttliches Leben. Was soll ich von ihnen sagen? Ihr Essen und Trinken, ihr Schlafen und all ihre Gewohnheiten, darin findet man nichts mehr außer Gott, — wenn es überhaupt einer erkennt. Wollte sie gleich jemand brennen, so flösse nichts weiter aus ihnen als das Mark der Göttlichkeit, das ist die Süßigkeit des heiligen Geistes, in dem sie saftreich geworden sind. Dies erkennt aber niemand als die Kinder des wahren Lichtes und der, in dem sie leben, das ist Gott. Aber die Kinder der Finsternis erkennen es nicht, denn ihr inneres ist erfüllt vom Geiste des ewigen Todes, davon wird das Licht zu einer Finsternis in ihnen und die ewige Süßigkeit zu einer Bitterkeit. So erleuchte uns Gott mir dem Lichte, darin wir in der Ewigkeit geschwebt haben, in seinem Sohne, daß wir der Finsternis entrinnen in das wahre Licht!

Die dritten Leute aber heißen Väter der Götter, die haben überstiegen die Bühle und die Berge und sind geflogen mit Begierde und mit Geisteskraft bis an das Rad der göttlichen wahren Sonne und die flammende Hitze des heiligen Geistes hat verbrannt und verzehrt all ihre Materie, so daß da nichts mehr sichtbar ist, als ein Licht in Gott. Und in dem Lichte sind sie gekommen in einen ruhenden Frieden, und den Frieden haben sie errungen durch ein lautres Gewissen, und der Friede kann nicht von ihnen genommen werden. Mir gebricht die Kraft von diesen Vätern zu sprechen, denn sie haben empfangen alle gute und vollkommene Gabe von dem Vater des Lichtes und sind gekommen an das Ziel, dahin sie die Tugend führte. Dies Ziel wunderte den hohen Adler Johannes in dem Buche der Geheimnisse. Da antwortete ihm Christus und sprach: „Ich bin der Anfang ohne Anfang und bin ein Ende ohne Ende.“   Amen.

 

In allen Dingen hab ich Ruhe gesucht.

1.

Der heilige Augustinus sagt: Meine Seele ist geschaffen nach Dir und von Dir, darum ist sie immerdar in Unruhe, bis daß sie zu Dir kommt. Denn in allen erschaffenen Dingen, die ich mit dem Geist überschaue, ist meiner Seele keine sichrere Stätte als in Dir Gott allein. Denn in dem Wonnebrunnen Deiner Wesenheit ist gesammelt und vereint aller Kreaturen Vollkommenheit, die in ihnen zerstreut und verteilt ist. Denn wäre eine Kreatur, die aller Kreaturen Adel an sich hätte, nach Art und Zahl, so könnte Gott nichts weiter geschaffen haben als sie allein, wie ich on dem Fermon geschrieben habe: „Wer mir nachfolgen will, der trage sein Kreuz.“ Darum, weil aller Kreaturen Seligkeit daran hängt, daß sie ruhen in dem ersten Gute, das aller Güter Ursprung ist, sagt Maria, unsre liebe Frau, dieses Wort von sich selber, durch das sie unseren innern Menschen in Demut verharren lehrt in einer Überflutung göttlichen Friedens; in ihm wird der Geist mit der Seele am innigsten vereint, ohne ihn nicht. Darum sagte sie: „Ich habe Ruhe meines inneren Menschen gesucht in allen Dingen.“

An dieser Rede möge man erkennen, daß göttliches Wesen in sich umschlossen halte aller Kreaturen Adel. Daher ist aller Kreatur Wesen ein Widerschein göttlichen Wesens. Sankt Johannes sagt: „Quod factum est, in ipso vita erat“ = alles was erschaffen ist, das war Leben in Gott. Das ihrem Urbild gemäße Sein aller Kreaturen ist in Gott ewiglich ein göttliches Leben gewesen. Darum ist mit den ersten Worten unsres Spruches „in allen Dingen“ gemeint, daß unsre liebe Frau Ruhe ihres innern Menschen gesucht hat bei dem ewigen Gute der göttlichen Natur, in der als in einem Wonnespiegel aller Kreatur Wesen ewiglich eins ist in göttlichem Wesen. Und das ist gemeint von den Urbildern aller Dinge in Gott, die ein göttlich Wesen sind.

Die Meister stellen drei große Fragen wegen der Urbilder in Gott, in denen edle Lehre und wonnesame Wahrheit liegt. Die eine Frage ist: ob aller Kreaturen Urbilder in der göttlichen natur ewiglich bestehen oder nicht? Die andre frage ist: ob es nur ein Urbild gebe oder mehr? Die dritte: ob das göttliche Begreifen von allen Dingen, die es erkennt, Urbilder habe oder ob es irgendwas erkenne ohne die Bilder?

Auf die erste Frage antwortet Meister Thomas, daß man notwendig annehmen müsse, daß in göttlichem Wesen ewig gewesen seien aller Kreaturen Urbilder. Das beweist er also: (Die drei Worte Bild, Form, Gestalt sind Ein Ding.) Daß nun eines Dinges Form, Bild oder Gestalt in meiner Seele ist, wie etwa einer Rose Bild, das hat zwei Gründe: einmal, damit ich nach der Gestalt des seelischen Bildes eine Rose auf ein körperliches Material malen kann, und anderseits, damit an dem inneren Bilde der Rose die äußeren Rosen mit Sicherheit erkenne, wenn ich sie auch nicht abzeichnen will, so wie ich auch die Gestalt eines Hauses in mir trage, das ich doch nicht bauen will. Auf diese zwei Arten müssen Urbilder in Gott sein. Denn allen natürlichen Dingen ist das gemeinsam, daß die natürliche Form das Wesen dessen, das geboren wird, also der Frucht einem Urbilde von derselben Gestalt auf rein natürliche Art gleicht, wie beim Menschen, wo die gebärende Kraft, des Vaters Menschtum, dem geborenen Menschtum des Sohnes gleicht; darum gebiert der Mensch einen Menschen, der Löwe einen Löwen, der Falke einen Falken, die Rose wächst aus einer Rose, nicht aus einem Kohlstrunk, das Feuer gebiert Feuer. Und ferner ist ein Urbild des Werkes in der wirkenden Kraft, nicht von rein natürlicher Art, sondern vernunftmäßig, wie das Haus von Stein und Holz, das hat sein Urbild in des Meisters wirkender Vernunft, der das äußere Haus diesem Bilde gleich macht so sehr er kann.

Da nun Gott diese ganze Welt geschaffen hat (nicht daß alle Kreaturen aus göttlichem Wesen entsprungen wären in natürlicher Geburt wie das Ewige Wort des Vaters, denn dann wäre die Kreatur Gott, was keinem gesunden Sinn einleuchtet, sondern die Natur der Kreatur weist das zurück als unmöglich und falsch) so hat Gott alle Kreaturen geschaffen mit der wirkenden Geisteskraft göttlicher Wesenheit. Darum mußte in der göttlichen Geisteskraft von Ewigkeit her eine Urform, ein Urbild sein, zu dessen Gleichnis Gott die Kreatur erschuf, und es gibt keine, deren Urbild Gott zuvor nicht in sich hätte.

Die zweite Frage ist: ob nur ein Urbild sei oder Mehr? Hierauf antwortet der Meister: daß in allen Dingen das letzte Ende des Werkes ganz eigentlich schon vorausbezweckt ist in des Werkes Beginn. Aller Welt letztes ende ist ihr Heil, und das ist die Hinordnung aller Kreaturen auf Gott, wie Aristoteles sagt. Darum muß die Ordnung der Welt ewiglich zuvor in Gott, dem Urbeginn, erkannt sein und bezweckt. Darum muß er in sich selber haben ein eigen Bild der Ordnung und deshalb muß er in sich selber auch einer jeglichen Kreatur besonderes Bild tragen. Wie der Meister in sich kein Urbild des ganzen Hauses haben könnte, hätte er nicht ein eignes Bild jeglichen Teils an dem Hause, so muß es auch bei Gott sein: So viel Bilder, soviel besondere Grade des Wesens erschaffener Dinge, die aus ihm geflossen sind; so hat eine Rose ihr besonderes Bild, das Veilchen ein anderes, der Mensch sein besonderes Bild und der Engel wieder ein anderes und so bei allen Dingen.

Und dies ist ein wonnesames Wunder, daß die Mannigfaltigkeit der Bilder bestehen kann in der Einfaltigkeit des göttlichen Wesens, in dem alle wesenhaften Dinge Ein Ding sind. Das muß man so verstehen. Das Urbild des Werkes ist in der wirkenden Vernunft des Meisters als ein Gegenstand der Geisteskraft, die es anschaut, als eine Spiegelung des Bildners, nach der er das leibhafte Werk gestaltet, und nicht als eine besondere Form der Geisteskraft selber, die die Vernunft innen bilde und sie zu vernunftgemäßem Werke übe. Das ist nicht gegen die Einfaltigkeit göttlicher Geisteskraft, daß sie mehr als ein Ding begreife und als Gegenstand anschaue. Aber das wäre gegen ihre Einfaltigkeit, wenn sie in sich selber gleichzeitig durch mannigfaltige Formen gestärkt und geformt würde zu dem Werke der Vernunft; dies kann allein das Innerste des göttlichen Wesens. Darum sind die unzähligen Urbilder in Gott, daß er sie schaut und ergreift, nicht daß durch sie seine Vernunft schaue. Das soll ihr so auffassen. Gott erkennt sein Wesen genauso weit wie es erkennbar ist an sich selber und soweit alle Kreaturen mit ihrem natürlichen Wesen ein widerscheinendes Gleichnis haben im göttlichen Wesen, und das alle Kreaturen eigene Gleichnis im göttlichen Wesen heißt das Urbild. Darum muß es so viele Bilder geben, als Stufen erschaffener Naturen damit verglichen werden.

Nun hört eine Frage: wie können die unzählbaren Bilder im göttlichen Wesen derart enthalten sein, daß sie das Wesen Gottes sind und ihrer doch viele sind an Zahl, da doch das Wesen Gottes nicht mehr ist als Eines? Das müßt ihr so verstehen. Die Urbilder nennen wir das Wesen Gottes, zwar nicht ausschließlich und an sich selber, aber sofern das eine Wesen Gottes ein Spiegel ist, der aller Kreaturen Wesen widergibt. Und da man in dem einen Wesen Gottes aller Dinge Gleichnis oder Urbild hat, darum sind der Bilder viele, aber das Wesen ist nur Eines. Gerade wie in einem Spiegel mancherlei Bilder erscheinen, — wäre aber in dem Spiegel ein Auge, das alle die Bilder als einen Gegenstand seiner Sehkraft zu sehen vermöchte, ohne daß sie ihm etwa innewohnten und die innere Kraft des Auges bildeten zum wirken in der Zeit oder zu starker Aufnahmefähigkeit des Gesichtssinnes, — so könnte der Bilder nicht mehr als eines sein.

Die dritte Frage war: ob Gott von allen Dingen, die er erkennt, Urbilder in sich habe oder ob er irgend etwas ohne Bild erkennt? Hierauf antwortet Meister Thomas so: Die Urbilder sind ein Ursprung oder Anfang der Schöpfung aller Kreaturen, darum heißen sie Bilder und so gehören sie zur wirkenden Erkenntnis. Anderseits sind die Bilder ein Anfang aller Erkenntnis der Kreaturen und heißen darum recht eigentlich ein Widerschein des Wesens der Kreatur. Darum hat Gott von allem, was er erkennt und sowie Er es erkennt, Urbilder.

Hier fordert die Wahrheit eine Frage: wie Gott das Böse erkenne, das an sich selber kein Wesen hat sondern eine Vergewaltigung des Wesens ist? Die Antwort ist: ich habe zuvor gesagt, aller Kreatur Wesen habe sein Urbild in Gott, und da Übel oder Sünde kein Wesen hat, daß es irgend etwas wäre (wie Dionysius sagt), und da es vielmehr das Gute im Guten oder das Wesen der Tugend vergewaltigt — wie Blindheit des Auges an sich selber nicht ist, aber die Sehkraft des Auges vergewaltigt —, darum erkennt Gottes Geisteskraft alle Sünde und alles Übel an dem Urbild der ihnen entgegengesetzten Tugenden, wie er etwa die Lüge erkennt an dem Bilde der Wahrheit.

Nunmehr vernimm, wie Gott aller Tugenden Wesen erkenne. Gott hat in dem ewigen Spiegel seiner wirkenden Geisteskraft aller Kreaturen Adel, natürlichen wie geistigen, darum erkennt er in Urbildern alle Wesen, die auf sich Selbststehenden sowie die diesen Zufallenden. Doch ist noch ein Unterschied unter den „Zufallenden“. Alle Wesen, die von Anbeginn mit dem ihnen zugefallenen unterscheidenden Merkmal verbunden sind, von denen hat Gott keine besonderen Bilder außer den Bildern ihrer Grundform; so hat er die weiße Farbe der Perle im Bilde der Perle und nicht in einem besonderen Bilde des Weißen. Aber alle die zufallenden Wesen die dem stehenden Wesen erst hernach zugefallen sind, die erkennt er in besonderen Bildern außerhalb der Bilder ihrer Grundform. Darum erkennt Gott alle die edlen dem Menschen zufallenden Dinge, wie zum Beispiel errungene Tugend oder Weisheit der Seele, in besonderen ewigen Urbildern, in denen alle Tugend und Weisheit der Seele widerscheint.

Da aber das Wesen der Gnade in keiner Kreatur von Natur sein kann, so wird die Gnade übernatürlich in der Seele Wesen als etwas ihr zufallendes geschaffen, und so wird auch der Glaube nebst andern göttlichen Tugenden der Seele übernatürlich eingeflossen, auch die Liebe und zuweilen göttliche Weisheit, wie den Aposteln und Propheten. Ebenso werden auch die sieben Gaben des heiligen Geistes übernatürlich der Seele eingeflossen, auch geistiges Entzücken ist ein ihr zufallender Einguß. Darum hat Gott Urbilder all der Gnaden in allen lauteren Kreaturen, an denen er alle ihnen zufallenden Gnaden erkennt.

In dem göttlichen Wesen sind auch besondere Urbilder, in denen der Glaube, die Zuversicht oder Hoffnung und die göttliche Liebe der Seele widerstrahlt, ob sie gleich eine Kreatur ist. In denselben Bildern erstrahlen auch alle die Gaben des heiligen Geistes, die zufallenden Wesens sind. Dies sage ich darum, weil die erste Gabe der Liebe, in der er alle Gaben gibt, er selber persönlich und wesenhaft it. Weil aber all die Heiligkeit der sieben Sakramente, in denen die Seele geheiligt und in ein gottartiges Leben versetzt wird, weil die darum gestiftet sind, daß sie Gnade in der Seele aufs neue bezeugen und wirken, darum schaut Gott alle die Sakramente in ewigen Urbildern und jegliches in einem besonderen. Darum rinnt und entspringt alle Reinheit der Taufe mit körperlichem Wasser aus der ewigen urbildlichen Taufe in jenem Spiegel göttlicher Natur. Ebenso grünet auch die Ehe aus der edlen Absicht der Natur, nach der die unstete Natur eines Vaters in der Ehe sich ganz wiedergebiert in ein unsterbliches Wesen, in die Seele des Kindes, daß sie an seine Stelle trete, und nichts weiter treibt die Natur dazu in ihrer edlen Begier (wie alle Kreaturen bezeugen) und in dieser Absicht tut sie aller Kreaturen Werk, und so grünt denn auch die Ehe aus dem Urbilde der Natur, wo man die heilige Ehe in ihrem Adel erhält ohne viehische Absicht, die göttlichen Bildern ganz und gar zuwider liefe. Und dasselbe sage ich auch von den andren Sakramenten. Auch hat Gott ebenso Urbilder all der Begierde, der Liebe, der göttlichen Eingebungen, der Andacht und Entrückung, in denen er sogleich liest und erkennt all das Begehren, das du in deinem Gebete vorbringen willst; an denselben Bildern erkennt die Seele eines Heiligen, den wir anrufen, all unser Begehren vom Anfang der Welt bis an das Ende in einem Blicke göttlichen Wesens, gleichwie die Engel alle Kreaturen und ihre eigenen Bilder in Gott schauen miteinander in dem Schauen göttlichen Wesens in der Morgenstunde, nicht in dem Abendschauen; denn sonst wüßten sie von unsrer Begier nach ihnen nichts.

2.

Weiter sollen wir erkennen, daß das ruhen des inneren Menschen in dem Wunder göttlicher Natur mit seinem Schauen und seiner göttlichen Liebe an Adel und an Entzückung aller Werke des äußeren Menschen übersteigt; wir erkennen es an neun Dingen:

Das Erste ist, daß die Ruhe des inneren Menschen von den höchsten Kräften abhängt, die im Menschtum liegen, und davon, ob diese auf ihren edelsten eigentlichsten Gegenstand gerichtet sind, auf von allem Zeitlichen, Vergänglichen losgelöste und freie Dinge; diese Kräfte sind Erkenntnis und Liebe. Des äußeren Menschen leben aber hängt von unsteter Sinnlichkeit ab. Darum sagt der heilige Gregorius: Rahel, die das innere Leben versinnbildlicht, bedeutet soviel wie ein Schauen des Ursprunges, aber Lea, ihre Schwester, bezeichnet das Leben des äußern Menschen, denn die hatte sieche Augen.

Das Zweite ist, daß des inneren Menschen Leben in schauen und lieben länger währt, — wenn es auch nicht immer in der Spannung des höchsten Schauens verharrt, denn die höchste Einstrahlung des Lichtes bleibt nicht lange in unverminderter Wirksamkeit, vergeht vielmehr schnell wie ein Strahl des Blitze vor den Augen. Der heilige Augustinus sagt: Weise Bestätigung des inneren Menschen im Erkennen und im Lieben kann wohl länger währen als das treiben des äußeren.

Das Dritte ist, daß des inneren Menschen Leben durch Ruhe, durch Ungeschäftigkeit und Unerschütterlichkeit des Geistes der Ruhe des ewigen göttlichen Wesens in etwas gleichkommt: wie sehr auch der Vater ewiglich bei dem Werk der Gebärung des Wortes gewesen ist, wie unser Herr sagt: „Mein Vater wirket bis auf diese Stunde,“ — das zerstörte seine Ruhe nicht. Aber des äußeren Menschen Leben ist in steter Unruhe leiblichen Ungemaches. Darum saß Maria, und Marta ging im Haus umher.

Das Vierte ist, daß das innere Leben sich selber genügt, mehr als das äußere. Denn der innere Mensch bedarf nichts weiter zu seinem Tun als eines wesen, das aller leiblichen Dinge frei ist, ohne Sorge lebt er rein durch die freien Kräfte der Seele, durch Erkenntnis und Liebe. Und je freier und lediger von allen sterblichen Dingen je adeliger ist des innern Menschen Leben bereit für Gott. Das Leben aber des äußeren Menschen bedarf mancher Dinge, die Betrübnis mit sich bringen, Worte und Werke, Nehmen und Geben, Essen und Trinken. Drum sagt Sankt Lukas, daß Marta, die de äußeren Menschen Leben darstellt, betrübt ward durch Sorgen um mancherlei Dinge; wie wohl man dies alles nötigenfalls um Gottes willen zustande bringt, wie man an den Werken der Barmherzigkeit sieht, so bringt es doch viel Betrübnis mit sich.

Das Fünfte ist, daß des inneren Menschen Leben unvergleichbar freudenreicher ist als das des äußeren. Darum sagt ein Meister: Lust des Erkennens hat keine Widersacher, aber alle Lust leiblicher Dinge hat Widersacher. Und der heilige Augustinus sagt: Marta ward betrübt, Maria lebte der Bewirtung des inneren Menschen. Ein Lehrer sagte hierzu: Marta redete Maria an und klagte über sie vor dem Ewigen Worte Christus Jesus. Warum antwortete ihr Maria nicht? Sie hörte es gar nicht, sie war nicht daheim bei sich selber. Wo war sie denn? Sie war mit dem inneren Menschen in dem Worte, des Wort sie hörte. Denn die Seele ist wahrhafter dort wo sie liebt als wo sie bloß natürliche Gaben spendet.

Das Sechste ist, daß des inneren Menschen Leben in göttlicher Erkenntnis und in Liebe um sein selbst willen begehrenswert ist. Aber das Leben des äußeren Menschen begehrt man nicht weiter als sofern es zu einem höheren Gute der Seele verhilft. Davon spricht der Weissager: „Ein Ding hab ich begehrt von dem Herrn und dieses werde ich suchen: daß ich sehe Gottes Willen und schaue seine göttliche Wohnstätte.“

Das Siebente ist, daß des inneren Menschen Leben auf göttliche dinge aus ist und das äußere auf menschliche Dinge. Davon sagt Sankt Augustinus: „Maria hörte das Wort, wo es entsprang; das ist des Menschen Wort, dem Marta diente.“

Das Achte ist, daß des inneren Menschen Leben auf den Kräften beruht, die der Seele am eigentlichsten zugehören. Die Kräfte aber die zu den äußeren Dingen dienen, sind uns mit den Tieren gemein, das ist das Sinnliche. Darum sagt David: „Herr, du nährst Menschen und Vieh.“ Und darnach sagte er: „Aber, Herr, wir Menschen werden dein Licht schauen in deines Wesens Lichte,“ das ist das Licht der Geisteskraft, durch das der Mensch unterschieden ist von allen Tieren.

Das Neunte spricht unser Herr selber aus, indem er sagt: „Maria hat den besten Teil erwählt.“ Hierzu sagt Augustinus: Marta hat nicht etwas Böses, vielmehr hat auch sie etwas Gutes, doch Maria hat das Beste. Denn ihr Teil ist Auswirkung des inneren Menschen, das fängt hier an und währt ewig; das äußere Leben aber mit den Werken der Erbarmung hat ein Ende, wo kein Jammer noch Armut mehr ist, das heißt in der Ewigkeit. Aber wiewohl das innere Leben das beste an sich selber ist, so ist doch bisweilen das äußere besser, wo leibliche Hilfe Not tut; so ist es besser dem Hungrigen Essen zu geben als sich derweile in innerlicher Schauung zu üben. Darum sagt ein Lehrer: Wo immer ich eines Menschen äußerste Not sehe und ihm nicht helfe, da werde ich schuldig an ihm, und der heilige Augustinus sagt: ich muß ihm helfen. Darum ist bei rechter Not besser die Werke des äußeren Menschen aus Erbarmung zu üben an mir oder dem Nächsten, als sich in eine innere Müßigkeit des inneren Menschen zu setzen in Erkenntnis und Liebe.

Das ist's was wir hier lernen an der Art wie unsre liebe Frau geruht hat in dem ewigen Gute. Daß wir so Ruhe suchen des innern Menschen und des äußern, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Maria und Marta.

Sankt Lukas schreibt im Evangelium, daß unser Herr Jesus Christus in ein Städtlein ging; dort nahm ihn eine Frau auf, die hieß Marta, die hatte eine Schwester, die hieß Maria; die saß zu den Füßen unsres Herrn und hörte sein Wort, aber Marta ging umher und diente unserm Herrn.

Drei Dinge bewogen Maria zu den Füßen unsres Herrn zu sitzen. Das eine war, die Güte Gottes hielt ihre Seele umfangen. Das andre war große unaussprechliche Begier: sie begehrte und wußte nicht wie, sie wollte und wußte nicht was. Das Dritte war süße Freude und Wonne, denn sie schöpfte aus den ewigen Worte, die da rannen durch den Mund Christi.

Marta drängten auch drei Dinge, die bewogen sie umherzugehen und zu dienen dem lieben Christus. Das eine war ihr fruchtreifes Alter und ein bis in das tiefste hinein wohl geübter Wesensgrund, deshalb deuchte sie, daß niemand das Werk so schön vollbringen werde wie sie. Das andre war eine weise Umsicht, die das äußere Werk wohl verrichten konnte bis zum Letzten, was Liebe gebietet. Das dritte war die hohe Würdigkeit des lieben Gastes.

Die Meister sagen, daß Gott bereit sei einem jeglichen Menschen an vernunftgemäßen wie an Sinnlichen Dingen zu gewähren, was er auf das innigste begehrt. Ob uns Gott gemäß unsrer Vernunft oder gemäß unsrer Sinnlichkeit genüge tue, darin liegt ein großer Unterschied für de lieben Freunde Gottes. Gewährung im Sinnlichen, das heißt, daß uns Gott Trost gibt, Lust und Befriedigung, und hierin verwöhnt zu sein, das geht den lieben Freunden Gottes ab und ist nicht nach dem inneren Sinn. Aber vernunftgemäße Gewährung, das geht den Geist an. Ich nenn das vernunftgemäße Gewährung, wenn von aller Lust auch der oberste Wipfel nicht herniedergebeugt wird, daß er nicht ertrinke in der Lust, sondern mit Macht über ihr aufragt; denn wenn der Vernunft Erfüllung zuteil wird, so vermag nicht Lust noch Leid der Kreatur auch nur obersten Wipfel zu beugen. (Kreatur nenne ich alles, was man unterhalb Gottes wahrnimmt.)

Nun sagt Marta: „Herr, heiße sie mir helfen!“ Dies sagte Marta nicht im Haß, mehr: sie sagte es aus einer liebenden Zuneigung heraus, von der sie Überwältigt ward. Wir müssen es so nennen: liebevolle Neigung oder liebevolle Neckerei. — Aber wie? — Das vernehmt. Sie sah, daß Maria umfangen war von Wonne, so sehr es ihre Seele nur begehren konnte. Und Marta kannte Maria besser als Maria Marta, denn sie hatte lange und wahrhaft gelebt, und leben verleiht die edelste Erkenntnis. Durch Leben erkennt man Wonne und Licht besser als alles, was man in diesem Leibe außer Gott empfangen kann, ja, noch um vieles lautrer als das ewige Licht selber es verleihen konnte. Im ewigen Licht kann man sich selber nur mit Gott vereint erkennen, aber nicht sich allein ohne Gott. Wo aber der Mensch sich alleine sieht, da merkt er eher, was ihm gemäß oder ungemäß ist. Das beweist der heilige Paulus und auch die heidnischen Meister. Paulus sah in seiner Verzückung Gott und sich selber auf geistige Weise in Gott und doch war billigerweise in ihm nicht eine jegliche Tugend bis aufs Letzte zu erkennen, und das kam daher, daß er sich in Werken nicht bestätigt hatte. Die Meister aber kamen durch Übung der Tugend zu so hoher Erkenntnis, daß sie eine jegliche Tugend ihrem Urbild nach erkannten, tiefer als Paulus oder irgendein Heiliger in seiner ersten Verzückung.

So stand auch Marta da. Darum sagte sie: „Herr, heiße sie mir helfen!“ als ob sie sagte: meine Schwester dünkt, sie vermöchte, was sie wolle, solange sie bei dir am Labequell sitzt; nun laß schauen, ob es so ist, und heiße sie aufstehen und von dir geh! Das war eher ein liebevolles Scherzen als daß sie es im wirklichen Sinne gemeint hätte. Maria war so voll Begier, — sie begehrte und wußte nicht wie, sie wollte und wußte nicht was; wir haben sie in Verdacht die liebe Maria, sie sitze etwa mehr aus Lust dort als zu geistiger Förderung. Drum sagte Marta: „Herr, heiße sie aufstehen;“ denn sie fürchtete, daß Maria in solcher Lust verharren möchte und nicht vorwärts käme.

Da antwortete ihr Christus und sagte: „Marta Marta, du bist besorgt, du betrübst dich um Vieles. Eins ist not. Maria hat das Beste Teil erwählt, das ihr nimmer genommen werden kann.“ — Dieses Wort sagte Christus zu Marta nicht im strafenden Tone; er antwortete ihr und gab ihr die Versicherung, daß Maria werden solle, wie sie es wünschte.

Warum sagte Christus „Marta Marta“ und nannte sie zweimal? — Isidorus sagt: „Es it ohne Zweifel, daß Gott von der Zeit ab, da er Mensch ward, nie einen Menschen mit Namen nannte, der dann verloren gegangen wäre. Die er nicht nannte, bei denen steht es in Zweifel.“ Dies „nennen“ Christi verstehe ich als ein ewiges Wissen. Unwandelbar stehen von Ewigkeit vor Erschaffung aller Kreaturen in dem Buche des Lebens Vater, Sohn und Heiliger Geist, — und was sonst darinnen verzeichnet steht und des Namen Christus laut aussprach, — keiner dieser Menschen ging je verloren. —

Warum nannte er Marta zweimal? Er meinte, alles was es an zeitlichem und ewigem Gut gäbe und eine Kreatur besitzen könne, das hätte Maria vollauf. Als er zum ersten Male Marta sagte, da wies er auf ihre Vollkommenheit in zeitlichen Wirken hin. Beim zweiten Male bezeugte er, alles was zu ewiger Seligkeit gehört, auch das mangele ihr nicht. Darum sagte er: „Du bist besorgt,“ und meinte: du stehst inmitten der Dinge, aber die Dinge hausen nicht in dir; und die stehen in Sorgen, die in all ihrem Schaffen drinstehen, ohne daß es ihnen ein Hemmnis würde. „Ohne Hemmnis“ sind die, die alle ihre Arbeit getreu verrichten nach dem Vorbilde des ewigen Lichtes. Arbeit tut man von außen, aber Schaffen ist es, wenn man mit sinnvoller Umsicht sich betätigt von Innen her; solche Leute stehen inmitten der Dinge und Leben doch nicht in den Dingen. Sie stehen ihnen sehr nahe und es ist doch nicht anders, als wenn sie dort oben bei dem höchsten Kreise ganz nahe der Ewigkeit ständen. Denn alle Kreaturen können vermitteln. Die Vermittlung ist zweifältig. Die eine Art, ohne die ich nicht in Gott kommen kann, ist wirken und schaffen in der Zeit, und das schmälert die ewige Seligkeit nicht. — Denn darum sind wir in die Zeit gesetzt, daß wir durch Zeitliches vernunftgemäßes Schaffen uns Gott nähern und angleichen. Die andre Art der Vermittlung heißt: frei werden von all dem. Das meinte auch Sankt Paulus, als er sagte: „Löst auf die Zeit, die Tage sind übel.“ Die Zeit auflösen heißt, daß man  ohne Unterlaß aufgehe in Gott auf dem Wege der Vernunft, und zwar nicht bloß bildlich sich unterscheide sondern in vernunftgemäßer gelebter Wahrheit. Und „die Tage sind Übel“, das versteht so: Tag weist auf Nacht, denn wäre keine Nacht, so wäre und heiße es auch nicht Tag, denn es wäre alles ein Licht. Und das meinte Paulus; denn ein erleuchtetes Leben ist allzu gering, wenn es dabei noch Verdüsterungen geben kann, die einem hochgemuten Geist das ewige Heil umschleiern und umschatten. Das meinte auch Christus, als er sagte: „Schreitet, solange ihr das Licht habt!“ Denn wer da wirkt im Lichte, der schreitet empor in Gott frei und ledig aller Vermittlung: sein Licht ist sein Schaffen und sein Schaffen ist sein Licht.

So stand die liebe Marta da. Darum sagte er zu ihr: „Eins ist not.“ Ich und du eine Stunde umfangen vom ewigen Licht — das ist „Eins“, da wird zwei zu eins. Ein brennender Geist aber, der über allen Dingen, aber noch unterhalb Gottes, nur am Umkreis der Ewigkeit steht, der ist noch „zwei“. Denn ohne Vermittlung sieht er Gott nicht. Sein Erkennen und sein Wesen oder sein Erkennen und auch nur die Bilder der Erkenntnis werden nimmer Eins. „Eins-sein“ heißt Gott schauen in seiner Wesenheit ohne Vermittlung. Denn wo der Geist frei wird von allen Dingen, da ist eines zwei und zwei wird eins: Licht und Geist, die zwei sind eins in dem Umfangen ewigen Lichtes.

Nun hört, was „Umkreis der Ewigkeit“ ist. Die Seele hat drei Wege in Gott:

Der eine ist, in vielfältigem Schaffen mit brennender Liebe in allen Kreaturen Gott suchen. Das meinte König David, als er sagte: „In allen Dingen hab ich Ruhe gesucht.“

Der andere Weg ist ein Weg über allem Wege: frei und doch gebunden, hoch erhaben und weit entrückt zu sein über sich und alle Dinge ohne Willen und ohne Bilder, ob es gleich wesenhaft nicht lange bestehen kann. Das meinte Christus, als er sagte: „Selig bist du, Petrus! nicht Fleisch und Blut nur erleuchten dich, — vielmehr ein Erhobensein in das Geistige — daß du zu mir sagst: Gott. Mein himmlischer Vater hat es dir geoffenbart.“ Sankt Peter sah Gott noch nicht unverhüllt. Wohl war er über alle Vernunft hinaus durch des himmlischen Vaters Kraft entrückt an den Umkreis der Ewigkeit, ja, ich sage, er ward von dem himmlischen Vater so liebevoll und mit stürmischer Kraft umfangen, daß er bewußtlos stand mit einem emporstaunenden Geiste, der entrückt ist über alle Vernunft in die Gewalt des himmlischen Vaters. Dort ward dem heiligen Petrus eingesprochen von oben mit einem süßen Tone, der erschaffen war, aber frei von aller körperlichen Einwirkung, in einfaltiger Wahrheit, die Einigkeit Gottes und des Menschen in der Person des himmlischen Vater-Sohnes. Ich behaupte zuversichtlich: hätte Sankt Petrus Gott unmittelbar gesehen in seiner Natur, wie er später tat und wie Paulus, als er in den dritten Himmel entrückt ward, — ihm wäre die Sprache des obersten Engels zu grob gewesen. So aber redete er mannigfache wohllautende Worte, deren der liebe Jesus gar nicht bedurft hätte, denn er blickt in des Herzens und des Geistes Tiefe, dort wo er ohne Hülle steht in der Freiheit wahrer Innerlichkeit. Das meinte Sankt Paulus, als er sagte: „Es ward ein Mensch entrückt und hörte solche Worte, die unaussprechlich sind allen Menschen.“ Hieran erkennt, daß Sankt Peter an dem Umkreise der Ewigkeit stand und nicht in der Einung Gott schauend in seiner Wesenheit.

Der dritte Weg heißt Weg und ist doch ein Zuhause, das ist: Gott schauen unvermittelt in seiner Wesenheit. Nun sagt der liebe Christus: „Ich bin Weg, Wahrheit und Leben,“ Christus ein Sohn, Christus ein Vater, Christus ein Geist, drei-einig, dreifach als Weg, Wahrheit und Leben, und doch eins: der liebe Jesus. Außerhalb dieses Weges umringen uns alle Kreaturen und wollen vermitteln; auf diesem Wege in Gott geleitet durch seines Wortes Licht und umfangen von ihrer beider Geistesliebe, — das geht über alles, was man in Worte fassen kann. — Nun vernimm Wunder! Welch wunderbares Außen- und Innenstehen, Begreifen und umgriffen werden, schauen und geschaut sein, halten und gehalten werden, — das ist das letzte, wo der Geist mit Ruhe verharrt geeint mit der geliebten Ewigkeit. —

Kehren wir zurück zu unsrer Rede: wie die liebe Marta und mit ihr alle Gottesfreunde mit Sorge leben aber nicht in der Sorge. Und da ist zeitliches Werk so edel wie irgendein sich Vereinen mit Gott, denn es vereint uns mit Gott so innig wie das höchste, das uns je zuteil werden kann, — ausgenommen nur das Schauen Gottes in seiner unverhüllten Natur. Darum sagt er: „Du stehst inmitten der Dinge und inmitten der Sorgen,“ und meint, daß sie in ihren niederen Kräften sich betrübte und bekümmerte, denn sie lebte nicht so verwöhnt in geistiger Süße, sie war fern vom eigenen Genuß.

Vor allem auf drei Punkte sollen wir bei unsrem Wirken achtgeben. Diese sind, daß man mit Ordnung und mit Vernunft und mit Bewußtsein wirke. „Mit Ordnung“, darunter verstehe ich, daß man an allen Orten seiner nächsten Pflicht entspreche; „mit Vernunft“, das heißt, daß man jederzeit das beste tut, das man kennt; „mit Bewußtsein“ — daß man bei edlem Wirken die lebendige Wahrheit in wonniger Gegenwärtigkeit empfinde. Wo diese drei Punkte sind, die verbinden uns mit Gott so innig und sind so heilvoll wie alle Wonne der Maria Magdalena in der Wüste.

Nun sagt Christus: „Du bist betrübt um vieles, nicht um das Eine.“ Das heißt: wenn sie lauter und rückhaltlos ohne alle Tätigkeit emporgerichtet steht am „Umkreis der Ewigkeit“, so betrübt sie sich, sobald sich irgend ein Ding einmischen will, so daß sie nicht freudig dort oben bleiben kann. Solcher Mensch steht in Sorge und in Betrübnis. Aber Marta stand in hehrer wohlgefestigter Tüchtigkeit und in einem freien Gemüte, ungehemmt von allen Dingen: darum wünschte sie, daß ihre Schwester in denselben Stand gesetzt würde; denn sie sah, daß jene nicht wesenhaft feststand. Es war ihr hehrer Wesensgrund, aus dem heraus sie wünschte, die Schwester möge in all dem fest stehen, was zum ewigen Heil gehört. Darum sagt Christus: „Eins ist not.“ Was ist das?

Das Eine, das ist Gott. Und das ist not allen Kreaturen. Denn zöge Gott das Seine in sich hinein, alle Kreaturen würden zunichte. Zöge Gott das Seine ab von der Seele Christ, das, wodurch beider Geist geeinigt ist in der ewigen Person, Christus bliebe bloße Kreatur. Da bedarf man wohl des Einen! Marta fürchtete, daß ihre Schwester in der Wonne und Süße haften bliebe, und wünschte, daß sie würde wie sie. Da sprach Christus, als ob er sagen wollte: Gib dich zufrieden, Marta, auch sie hat den besten Teil erwählt; dies soll ihr nicht fehlen; das Höchste, was Kreaturen zuteil werden kann, das soll ihr werden: sie soll heilig werden wie du. —

Vernehmt die Lehre von der Tugend. Tugendhaftes Leben beruht gänzlich auf dem Willen. Es gibt dreierlei Willen:

1.-   der sinnliche,

2.-   der vernünftige,

3.-   der ewige Wille.

Der sinnliche Wille ermangelt der Lehre; er verlangt, daß man wahre Lehre höre. Der vernünftige Wille ist der, daß man die Süße in alle Werke Jesu Christi und der heiligen setze, das heißt daß man gleicherweise Wort, Wandel und Werk beschicke im Hinblick auf das Höchste. Wenn dies vollbracht ist, so gibt Gott ein Andres in der Seele Grund. Das ist ein ewiger Wille gemäß dem gütigen Gebote des heiligen Geistes. Dann spricht die Seele: „Herr, sprich in mich, was dein ewiger Wille sei!“ Wenn sie so genüge leistet dem, was hier besprochen haben, und es Gott dann gefällt, so spricht der liebe Vater sein Ewiges Wort in die Seele. Das ist ein Aufgeben des Willens in Gott.

Nun sagen die Leute, man müsse so vollkommen werden, daß uns keine Liebe mehr bewegen könne und daß man unberührbar sei von Liebem und von Leidem. Sie tun sich Unrecht. Ich behaupte, daß kein Heiliger je so erhaben war, daß er nicht hätte bewegt werden können. Dagegen behaupte auch ich: das gelingt dem Heiligen wohl in diesem Leibe, daß ihn nichts je abziehen kann von Gott. Ihr wähnet, solange auch nur Worte euch in Lust oder Leid versetzen können, seiet ihr unvollkommen? So ist es nicht. Auch Christus hatte dies nicht, das beweis er, als sagte: „Meine Seele ist traurig bis in den Tod.“ Christus, dem konnten Worte so weh tun, — wäre aller Kreaturen Weh auf eine Kreatur gefallen, wie das Weh, das Christus hatte, und das lag am Adel seiner Natur und an der heiligen Vereinung göttlicher und menschlicher Natur. Darum sage ich: das Heil ward nie und nimmer erstritten von Einem, dem Pein nicht weh tue und Freude wohl. Das geschieht nur zuweilen aus Güte, Liebe und Gnade; wie wenn man einem Menschen seinen Glauben abspräche oder was man sonst will, und der Mensch wäre ganz von Gnade überzogen, so stände er wohl gleichmütig in Lust und Leid. — Aber das wird Heiligen wohl zuteil, daß sie nichts je von Gott abziehen kann, und wird auch das Herz gepeinigt, als ob der Mensch nicht in der Gnade stehe, daß doch der Wille bedingungslos auf Gott gerichtet steht, so sprechend: „Herr, ich dir und du mir!“ Was ihn da anfällt, das hindert das ewige Heil nicht, weil es ja nicht den obersten Wipfel des Geistes befällt, da oben wo er in Einigkeit steht mit Gottes liebstem Willen.

Nun sagt Christus: „Um vieler Sorge willen wirst du betrübet.“ Marta war so wesenhaft, daß sie ihr Wirken nicht hemmte, wirken und schaffen leitete sie hin zum ewigen Heile. Maria mußte erst Marta werden, ehe sie ganz Maria wurde; denn als sie zu Füßen unseres Herrn saß, da war sie noch nicht Maria: sie war es wohl dem Namen nach, aber sie war es nicht der Wirklichkeit des Geistes; denn sie saß in Wonne und Süße und war eben erst zur Schule gekommen und lernte leben. Aber Marta stand so wesenhaft da; drum sagte sie: Herr, heiße sie aufstehen, als ob sie sagte: Herr, wollte daß sie nicht da säße in Wonne, ich wollte, daß se leben lernte, damit sie es wesenhaft besäße: heiße sie aufstehen, daß sie vollkommen werde. — Sie hieß noch nicht Maria, als sie zu Christi Füßen saß: ich nenne Maria einen wohl geübten Leib, gehorsam weiser Lehre, und ich nenne Gehorsam: was die tiefste Einsicht gebietet, daß der Wille dem genüge leiste. Denn das muß sein, daß man auch vollbringe, was man für gut erkennt, es sei im Ablegen oder im Empfangen.

Nun wähnen unsre guten Leute das zu erringen, daß Gegenwärtigkeit sinnlicher Dinge den Sinnen nichts sei. Das geht nicht an! Daß ein peinvolles Gelärme meinen Ohren ebenso erfreulich sei wie ein süßes Saitenspiel, das kann ich mir nimmer abringen! Aber soweit kann man kommen: daß ein sinnvoller gottgeformter Wille entblößt stehe von aller natürlichen Lust, wenn es die Einsicht für gut hält, daß sie dem Willen gebiete sich abzukehren, und daß der Wille dann spreche: ich tue es gerne. Seht: da würde Kampf zur Lust, denn was der Mensch mit großer Mühsal erstreiten muß, daß wird ihm eine Herzensfreude, und dann wird es fruchtbar.

Ferner wollen etliche Leute dazu kommen, daß sie des Wirkens entledigt seien. Ich sage: es kann nicht sein. Seit der Zeit, da die Jünger den heiligen Geist empfingen, fingen sie erst an Tüchtiges zu wirken. Dadurch daß Maria zu Füßen unsers Herrn saß, lernte sie, sie war zur Schule gebracht und lernte leben. Aber hernach, als Christus zum Himmel fuhr und sie den heiligen Geist empfing, da erst fing sie zu dienen an und fuhr über Meer und predigte und lehrte und ward eine Dienerin der Jünger. Wenn die Heiligen zu Heiligen werden, dann erst fangen sie an, dauerndes zu wirken, denn dann sammeln sie einen Hort ewigen Heils. Was vorher gewirkt wird, das tilgt Schuld und wendet Strafe ab. Dafür finden wir ein Zeugnis an Christus: von dem Augenblick an, da Gott Mensch ward und Mensch Gott, da fing er an zu wirken unsre Seligkeit bis zum Ende, da er starb am Kreuze. Kein Glied war an seinem Leibe, das nicht eine besondere Tugend betätigte.

Daß wir ihm wahrhaft nachfolgen in Betätigung wahrer Tugend, dazu helf uns Gott.   Amen.

 

Aussprüche.

Meister Eckhart sagt: Die Heilige Schrift lehrt immer wieder, daß der Mensch seiner selbst ledig werden soll. Denn so sehr du deiner selbst ledig bist, so sehr bist du deiner selbst gewaltig, und so sehr du deiner selbst gewaltig bist, so sehr bist du dein eigen, und so sehr du dein eigen bist, so sehr ist Gott dein eigen und alles, was Gott je erschuf.

Besser wäre ein Lebemeister als tausend Lesemeister.

Eines Todes sterben in Liebe und Erkenntnis — der ist edler und werter als die guten Werke, die die heilige Christenheit von Anbeginn bis jetzt wirkte in Liebe und Sehnsucht und noch wirken wird bis an den jüngsten Tag. Diese dienen allein jenem Tode, denn in diesem Tode entspringt das ewige Leben.

Das Gott stet ist, das macht alle Dinge laufen. Es ist etwas so freudenreiches, daß es alle Dinge laufen macht, damit sie wiederkommen in das, daraus sie gekommen sind; und es bleibt doch an sich selber unbeweglich, aber je edler ein Ding ist, desto freudiger läuft es.

 

Begegnungen.

Meister Eckhart sagte zu einem armen Menschen: „Gott gebe dir guten Morgen, Bruder!“ — „Herr, habt ihr nur selber einen, — ich erlebe nie einen schlimmen.“ Er sagte: „Wieso, Bruder?“ — „Denn alles, was mir Gott je gab zu leiden, das litt ich fröhlich um seinetwillen, ja, ich dünkte mich seiner unwürdig, und darum ward ich nie traurig noch betrübt.“ Er sagte: „Wo fandest du Gott zu allererst?“ — „Wo ich alle Kreaturen ließ, da fand ich Gott.“ Er sagte: „Wo hast du denn Gott gelassen, Bruder?“ — „In lautren reinen Herzen.“ Er sagte: „Was für ein Mann bist du?“ — „Ein König.“ — „Über was?“ — „Über mein Fleisch; denn alles, was mein Geist je begehrte von Gott, dabei war mein Fleisch noch behender und schneller es zu wirken oder zu leiden als mein Geist es zu empfangen.“ Er sagte: „Ein König muß ein Königreich haben: wo ist denn dein Reich, Bruder?“ — „In meiner Seele.“ — „Wieso, Bruder?“ — „Wenn ich verschlossen habe die Pforten meiner fünf Sinne und ich Gott mit ganzem ernste ersehne, so finde ich Gott in meiner Seele so hell und heiter wie er im ewigen Leben ist.“ — Du magst wohl heilig sein; wer hat dich heilig gemacht, Bruder?“ — „Das hat mein Stillesein und mein hohes Denken und meine Vereinigung mit Gott gemacht, das hat mich in den Himmel entrückt; denn ich konnte nie ruhen bei irgendeinem Ding, das weniger war als Gott. Nun hab ich ihn gefunden und habe Ruhe und Freude in ihm ewiglich, und das geht über alle Königreiche.“

Meister Eckharten begegnete ein schöner nackender Knabe. Da fragte er ihn von wannen er käme. Er sagte: „Ich komme von Gott.“ — „Wo ließest du ihn?“ — „In tugendhaften Herzen.“ — „Wohin willst?“ — „Zu Gott?“ — „Wo findest du ihn?“ — „Wo ich alle Kreaturen ließ.“ — „Wer bist du?“ — „Ein König.“ — „Wo ist dein Königreich?“ — „In meinem Herzen.“ — „Hüte es, daß es niemand außer dir besitze!“ — „Das tu ich.“ — „Da führte er ihn in seine Zelle und sagte: „Nimm, welchen Rock du willst.“ — „Dann wäre ich nimmer ein König!“ und verschwand. Da war es Gott selber und hatte mit ihm seine Kurzweil.

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      Inhalt

 

Ewige  Geburt

Meister Eckhart

Aus der Anreizung und Anweisung zum Schauenden Leben.

Aus den Reden der Unterweisung

Jesus trat in den Tempel Gottes und warf hinaus alle Verkäufer und Käufer.

"Ich muß in dem sein was meines Vaters ist."

"In der Zeit ward der Engel Gabriel von Gott gesandt: Gegrüßet sei, du gnadenreiche, …!"

Aus dem Buch der göttlichen Tröstung.

Von dem edlen Menschen

Darin erschien die Liebe Gottes bei uns, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt sandte,

Ihr sollt wissen, daß das Reich Gottes nahe ist.

Die Stunde kommt und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und ...

Jesus trat in eine Burg und ein Weib empfing ihn.

Ein neu Gebot gebe ich euch: daß ihr euch gegenseitig liebt, so wie ich euch geliebt habe.

Stark wie der Tod ist die Liebe.

Ich habe euch gesetzt, daß ihr gehet und Frucht bringet.

In allen Dingen hab ich Ruhe gesucht.

Maria und Marta.

Aussprüche.

Begegnungen.

 

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