EINLEITUNG (zum zweiten Band)

 

 Wenn wir zu dem ehemaligen zweiten Band der

 

"Szenen aus dem Geisterreich“,

 

der nunmehr dem ersten völlig angegliedert wurde, keine Erläuterungen mehr geben, geschieht dies lediglich deshalb, weil Stilling hier keine Anmerkungen mehr brachte.

 

Erst nachdem der erste Band eine so begeisterte Aufnahme im In- und Ausland gefunden hatte, wurde der zweite geschrieben. Wie Stilling selbst erklärte, waren zwischen dem Erscheinen des ersten und zweiten Bandes umfassende innere Erleuchtungen und neue Kenntnisse um das Jenseitige hinzugekommen, die ihn zwangen, dem ersten Teil durch entsprechende Fußnoten das gleiche Milieu zu geben. Nur auf der passenden Grundlage konnte das neue Werk völlig von dem Leser aufgenommen und verarbeitet werden. In diesen 16. bis 27. Kapiteln tritt Stillings überragende Reife und wahre Christlichkeit derart erschöpfend und umfassend an den Tag, daß eine Hinzufügung unsererseits jetzt völlig fehl am Platz wäre.

Wenn ein Mensch sich selber in seiner letzten und höchsten Vollendung in Wort und Schrift erfaßt und niedergelegt hat für andere, dann kann ein Zweiter niemals zu diesem Erleben etwas von sich hinzutun, ohne dem Geschaffenen etwas von seinem Wert zu nehmen, das Vollkommene mit neuen Ansichten und Fragen vielleicht sogar zu verkleinern.

Vor allen Dingen aber kann man im Anregen unter Umstän­den die falsche Linie betreten und damit dem Ganzen letzten En­des noch den Stempel der "Halbheit“ aufdrücken.

Das aber wäre - gerade in diesem Falle - ein Fehler, der zu einem Übel ausarten könnte. Dessen darf sich niemand schul­dig machen, der gewissenhaft auf den Spuren der Vorangegan­genen sucht.

Nur der Mensch kann allen etwas Wahres geben, der in sich eine unumstößliche Wahrheit gefunden und für andere freige­macht hat.

Wir Menschen von heute, indessen wollen und müssen hin­überblicken zu jenen, die vor uns gestrebt und gerungen haben. Wir müssen auch einmal im vergangenen Denken untergehen können, um dann - auferstehend durch das eigene Gedanken­gut - uns selbsttätig dem Göttlichen vereinen zu können. Nur damit können wir - wie Schiller sagte:

"Neues Leben auf den Ruinen grünen sehen.“  

Auf den Ruinen! Stehen sie nicht täglich vor unseren Augen - diese Ruinen unserer Zeit?

Mahnen sie uns nicht mehr als jemals vorher an die Vergäng­1ichkeit alles Erdenseins und an die Möglichkeit, immer wieder auf dem Alten das Neue zu schaffen?

Darum wollen wir nicht trostlos auf sie schauen - nie mehr mit dem Gedanken:

"Wie war es  einst so  schön“

Sondern nur noch mit dem unumstößlichen Willen, aus der ein­stigen Größe und Schönheit mit neuer Kraft und bewußter Energie für uns das Neue in der irdischen und später in der himmlischen Welt zu bejahen.

Nur durch das "Ja" im Erdentun gesprochen, finden wir künf­tig das "Ja" zu allem, was der geistige Vater für uns bereit hält, und zu dem wir uns hier bereitgemacht haben.

 

 

 

E r s t e S z e n e.

 

Die Selbstmörder

 

Siona und Ich.

 

Siona. Du nahst dich mir aus dem Geräusch deines irdischen Wirkungskreises - es wird still in deiner Seele - dein inneres Ohr öffnet sich meiner Stimme - dein Sehnen nach Licht steigt zum Thron des Ewigen hinauf. Er winkt, ich soll dich belehren - öffne vor mir das Geheimste deines Herzens!

Ich. Unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit, es gehen jetzt so viele ungerufen aus diesem Leben in die Geisterwelt hinüber, daß es dem redlichen Christen - der ohnehin Ursache genug zum Sorgen und zum Klagen hat - über all dem Jammer des Selbstmords weh ums Herz wird. Männer von unbescholte­nem, ehrbarem Wandel, die glücklich und gesegnet in ihrem Hauswesen und Gewerbe waren, ihre Weiber und Kinder zärt­lich liebten und auch eben so geliebt wurden, gehen ohne wei­tere bekannte Veranlassung in die Einsamkeit und rauben sich selbst das Leben. Mädchen von untadelhafter Aufführung, lie­benswürdig und unschuldig, zerknirschen die Blüte ihres Lebens und schwinden hinüber ins Tal des Schweigens. Helden unserer Zeit - Riesen wie vor der Sintflut - sind sich selbst genug, sie bedürfen keines anderen Führers, als ihrer eigenen Vernunft; sie gehen - wie sie wähnen - ohne den Leitfaden der Vorsehung nötig zu haben, bloß durch ihre Klugheit geleitet, ihren Lebens­weg einher. - Plötzlich treten ihnen Hindernisse, unübersteig­liche Klippen in den Weg, wo sie ihr Leitstern verläßt; stolz, als unabhängige Selbstherrscher ihres Ich' s, schneiden sie ihren Lebensfaden ab und stürmen lästernd und empörend ins Geister­reich hinüber. Dort wird ein Knabe von acht bis zehn Jahren durch geile Weibspersonen, oder schon im Keim vergiftete Gas­senbuben, mit dem gefährlichen Geheimnis des Geschlechtstrie­bes bekannt. Ohne zu wissen, daß er einen Frevel tat, ein Laster, einen Hochverrat an der beleidigten göttlichen Majestät begeht, raubt er dem allmächtigen Schöpfer, seinem himmlischen Vater, das kostbarste Werkzeug der Menschen-schöpfung - spielt da­mit. - Und siehe! Ein Basilisk schlüpft aus dem Ei, das er in seinem Wesen ausgebrütet hat; dies Ungeheuer setzt sich in seiner durch die Glut der Hölle erhitzten Phantasie fest, und fängt da nun sein unendliches Nagen an. Als Jüngling und Mann sieht er nun zu spät ein, welch' ein herrliches Paradies er verscherzt und welch' eine Hölle er sich schon diesseits des Gra­bes in seiner Seele angezündet hat! - Sein bis auf Haut und Knochen ausgemergelter siecher, stinkender Körper ist ihm nun ein quälender Kerker und eine Folterbank, auf welcher er ausgespannt, ächzt, und wo seine Lüste als so viele höllische Furien an seinen Eingeweiden nagen; ermattet entflieht er seinem Ker­ker, er durchbricht eigenmächtig das baufällige Tor und schwankt betäubt und müde zum dunklen Hades hinüber. Freche Dirnen lüften dem unschuldigen Mädchen den Schleier der Schamhaftig­keit und unterrichten es im einsamen Greuel. Das unschuldige Lamm folgt, ohne zu wissen, was es tut, und sein Schicksal ist das nämliche, wie das des vorhin gedachten Knaben. Ernstlich kämpft und ringt eine fromme Seele durch Buße und Bekehrung zur neuen Geburt. - Sie erlangt Gnade und Vergebung ihrer Sünden durch den großen Versöhner; sie lebt nun christlich und wandelt vor Gott. - In irgend einem unbewachten Augenblicke schießt der Versucher einen feurigen Pfeil in ihren Sinn, sie glaubt eine unverzeihbare Sünde begangen zu haben; sie ringt um Gnade, sie kämpft und erlangt keine; sie fühlt sich schon verdammt, und endlich verzweifelt, sie reißt das Band zwischen sich und dem Körper gewaltsam entzwei, und sucht nun nackend im dunklen Totenbehälter den 'Trost, den sie in ihrem Käfig nicht finden konnte. Sage mir, göttliche Siona, was wird aus allen ungerufenen Ankömmlingen im Geisterreich?

Siona. Schwinge die Flügel der geheiligten reinen Phantasie!

Folge mir ins Unendliche! - Komm und siehe!

Ich. Ich sehe eine dunkle, endlose Weite - dämmernd wie in einer Dezembernacht, wenn das junge Licht, durch einen schwärzlichen Nebel verschleiert, alle Gegenstände in ein zwei­felhaftes Dasein verhüllt. - Ich sehe die Geisterwelt - den Totenbehälter - den Hades. Gott! wie schauerlich, wie leer, wie still! - Hier läßt sich's ausruhen, bis zum letzten Schritt hinauf oder hinunter - hier ist es nicht schrecklich, aber auch nicht an­genehm; hier ist es, wie es einer mitbringt, wenn er stirbt. Rechts gegen Morgen schimmert der Tag des ewigen Lebens über die endlose Gebirgsreihe herüber, vor mir weithin, und links ewige Nacht.

Siona. Schärfe deinen Blick dorthin, links hinüber gegen Nordwesten. - Siehst du nichts?

Ich. Noch sehe ich nichts - aber hier ist ein Ort, wo die Phan­tasie reichen Stoff zum Schaffen findet; mich dünkt, als sähe ich so etwas einer Stadt Ähnliches.

Siona. Du irrst nicht. - Wo die Natur aufhört, da fängt die Phantasie an, nur daß sie in der Gnade und in der Wahrheit in der Gegenwart Gottes bleibe, sonst kann sie nicht eine Stätte bereiten, an der der Erlöser keinen Teil hat, da ist auch keine Seligkeit, sondern Verdammnis. Du glaubst also etwas Stadt­ähnliches zu sehen? - Du hast recht, es ist die Wohnung ver­schiedener Arten der Selbstmörder, das Zuchthaus der Ewigkeit.

Ich. Hier im Hades eine Wohnung! - Dessen Natur ja sonst da rinnen besteht, keine Wohnung zu sein! Hier hat ja kein Wesen - kein Etwas - und kein Nichts eine bleibende Stätte.

Siona. Ganz richtig! Und eben darum ist es ein Aufenthalt für Selbstmörder; denn diese gehören nicht ins Leben, weil sie einen Abscheu dagegen haben, der im Tode mit dem abgeschiedenen Geiste hierher kommt, und ihn wie ein nagender Wurm immer verfolgt; nicht in den Tod, denn den hat ihnen der Herr über Leben und Tod noch nicht angewiesen - nicht in die Hölle ­denn dazu muß mancher gottlose Selbstmörder da erst reif wer­den; nicht in den Himmel: denn auch der frömmste und unschul­digste Selbstmörder muß ja erst den Abscheu gegen seinen Kör­per abgelegt haben, ehe er, mit seinen feinsten Teilen vereinigt, vollkommen selig werden kann.

Ich. Aber göttliche Freundin, das betrifft doch nicht alle Selbstmörder? - Denn es gibt Menschen, die sich in völliger Ver­rückung ganz schuldlos das Leben nehmen - Menschen, die vor­her fromm und tadelfrei gelebt haben, aber entweder durch Krankheit oder durch schwere unerträgliche Leiden so schwer­mütig geworden sind, daß sie nicht wissen, was sie tun. Diese können doch ebensowenig des Verbrechens des Selbstmordes wegen bestraft werden, als ein Schlafwandler, der sich von einer gefährlichen Höhe herabstürzt.

Siona. Du hast recht geurteilt; aber kein Sterblicher kann ent­scheiden, in was für einer Seelenstimmung irgend ein Mensch im Augenblick des Selbstmordes steht - und eben darum gilt hier vorzüglich jenes große Gesetz der Liebe: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Kein Mensch soll über einen Selbst­mörder ein Urteil fällen. - Doch so viel kann ich dir auch in Wahrheit versichern, daß bei weitem nicht alle Selbstmorde schuldlos sind. Aber komm! Du mußt zur Belehrung deiner Brü­der das Schicksal dieser armen Geister näher kennen lernen.

Ich. Auf den Schwingen der Phantasie, und zumal im Hades, kommt man schnell von einem Ort zum andern; ich schwebte durchs dunkle Tor in diesen Kerker, der einer weitläufigen Ruine ähnlich schien. Es kam mir vor, als wenn ich in einer durch Belagerung und Eroberung verödeten Stadt, in einer Dämmerung herumwandelte, in welcher man soeben Formen und Gestalten erkennen kann, deren ich denn auch einige sah, die mir Schauder und Entsetzen verursachten: ich bemerkte nämlich lebende und sich bewegende Totengerippe, welche von anderen Geistern wie gefangen gehalten und hin und her geführt wurden. Wer sind diese? - fragte ich meine himmlische Führerin.

Siona. Diese Totengerippe sind eben die abgeschiedenen Selbstmörder. - Sie können keine andere Form annehmen als diese; denn sie haßten ihren Körper - die Ursache ihres Todes bestand darinnen, daß die feinste Materie des Körpers, die Le­bensgeister, die das einzige Werkzeug des unsterblichen Geistes, ausmachen, wodurch er auf seinen Körper, und wodurch dieser wieder zurück auf jenen wirkt, dem Geiste unerträglich wurden. - Nun aber kann der menschliche Geist, dieser göttliche Funke, unmöglich ohne jene feinere Materie, ohne die Lebensgeister wirken. - Er ist unzertrennlich mit ihnen verbunden und heißt in der Vereinigung mit ihnen: Seele. Du kannst also denken, wie schrecklich dem armen Geiste zumute sein wird, wenn er aus der Betäubung des Todes erwacht, und nun findet, daß er keines­wegs dem unerträglichen Dasein durch seinen Tod entlaufen ist, sondern daß er sogar auf ewig da sein und da bleiben müsse?

Bei einem Menschen, der in seinem natürlichen Zustande stirbt, verhält sich die Liebe zum Körper, wie die Liebe zum Leben; daher nimmt der Geist alle Materie, die er nur brauchen kann, mit in den Hades, und erscheint er also in seiner vollkom­menen Gestalt. Hingegen der Selbstmörder nimmt ihrer aus Haß zum Leben so wenig mit, als nur möglich ist, und darum erscheint er hier in der scheußlichsten Gestalt des Totengerippes, und ist daher allen Geistern ein Greuel und dem ganzen Höllenreiche ein Spott und Gegenstand der äußersten Verachtung.

Ich. Auf diese Weise ist es also auch möglich, daß es Krank­heiten gibt, welche von der Beschaffenheit sind, daß sie die Le­bensgeister dem Geiste ekelhaft machen und ihn zum Selbst­mord verleiten können?

Siona. Das ist nicht allein möglich, sondern sogar ein gewöhnlicher Fall.

Ich. Aber dann verzeihe mir auch, himmlische Freundin, wenn ich's sehr streng finde, daß ein solcher Selbstmörder doch im Grunde nichts dafür kann, daß er eine solche Krankheit be­kommt und nach seinem Tode ein so hartes Schicksal ertragen muß.

Siona. Es kann sich zutragen, daß einem Manne seine Frau, oder einem Vater sein Kind, ohne sein Verschulden unerträglich wird; dies geht so weit, daß der Mann oder Vater endlich den Gegenstand seines Hasses ermordet. - Findest du es nun sehr streng, wenn ein solcher Mörder hingerichtet - mit dem Tode bestraft wird? -

Ich. Vergib mir, ich habe geirrt; ich erkenne jetzt die Sache in ihrem wahren Lichte; es kommt nämlich alles darauf an, ob der Selbstmörder in dem Zeitpunkte, wo er beschließt, sich das Leben zu nehmen, noch Gutes und Böses richtig und deutlich unterscheiden kann.

Siona. Du urteilst recht. - Aber es kommt zugleich auch noch darauf an, ob er durch wissentliche Sünden und Vergehungen an seiner Geistesschwäche oder an dem Ekel und Haß des Geistes gegen die Lebensgeister schuld sei?

Ich. Das ist wahr! - Aber dann kann ihm doch, wie mich dünkt, der Selbstmord nicht zugerechnet werden; denn diesen begeht er unschuldig; er ist also nur für die erste Sünde verant­wortlich.

Siona. Lieber Freund, so urteilst du als Mensch, aber vor dem göttlichen Gerichte gilt dein irdisches Kriminalrecht nicht. Men­schen können nicht anders, als nach positiven Gesetzen richten, weil sie nicht allwissend sind; aber Der, der Herzen und Nieren prüft, alle Ursachen und Wirkungen überschaut, der schätzt die Sünden nach ihrem wahren Gehalt, und dann sieht es fürchterlich mit einem solchen armen Adamskinde aus, wenn es nicht in den Erlösungsanstalten des Mittlers, Vergebung seiner Sün­den gesucht und gefunden hat.

Ich. Dank dir Göttliche, für deinen Unterricht. - Aber ich möchte doch gern nun noch näher über das Schicksal der Selbstmörder belehrt werden.

Siona. Folge mir! Dein Wunsch soll erfüllt werden.

Wie wenn man im Traum zwischen öden Ruinen, in schattigen Hallen einsam und schauerlich dahin zu schweben wähnt und Gespenster ahnet, so auch hier. - Endlich brachte mich meine Führerin in ein hohes und weites Dunstgewölbe, welches durch den Richter, der dort oben saß, furchtbar dämmernd erhellt wurde. Hoch und hehr saß da auf seinem Richterstuhl ein Engel, dessen gemäßigter Glanz einem lichten Gewölbe ähnlich war, so wie man es durch einen schwarzen Flor verschleiert ansieht, -  ich fragte Siona:

Wer ist dieser furchtbare Richter?

Siona. Einer von den Engeln des Todes, welche sonst den Auf­trag haben, den frommen Sterbenden beizustehen und ihre Seele von der sterblichen Hülle zu entlasten. Diese Todesengel sind die Richter der Selbstmörder: denn da es ihnen allein zukommt, die Menschen durch das Tal des Todes zu führen und auf dieser ihrer Pflichterfüllung ihre Seligkeit beruht, die sich so wie jene verhält, so entzieht ihnen jeder Selbstmörder einen Teil ihres Amtes, folglich auch einen Teil ihrer Belohnung. Zum Ersatze dafür haben sie das Recht, die Selbstmörder zu richten.

Ich. Ich begreife nicht, wie dieses Richten Ersatz für sie sein kann.

Siona. Dieses Richtgeschäft vertritt die Stelle des Dienstes, den sie den Sterbenden leisten, und so verlieren sie nichts dabei.

Ich. Vortrefflich! Aber ich sehe, daß hier ein Engel richtet: nach dem Ausspruch der heiligen Schrift sollen ja die Heiligen, das ist: Menschen, die hier weit in der Gottähnlichkeit vorge­rückt sind, die Welt richten.

Siona. Alle richtenden Engel sind verklärte Menschen, folglich Verwandte des Erlösers, der für sie Mensch wurde. Es gibt aber auch noch viele andere Engel, welche in vorigen Aeonen Be­wohner der Erde gewesen und ihrem Schöpfer treu geblieben sind, diese sind dienstbare Geister, welche um dererwillen, die die Seligkeit ererben sollen, ausgesandt werden. Indessen gibt es auch sehr viele dienende Engel, die Menschen gewesen sind. ­Kinder, welche vor den Jahren des Unterschieds sterben, werden solche Engel. - Plötzlich schwebte ein Selbstmörder herzu, der von zwei Dienern des Hades vor Gericht geführt wurde. Ich fragte Siona, wer diese Diener des Hades seien und bekam zur Antwort:

Der Hades hat einen Fürsten, dem die bösen Engel des Todes zu dienen untergeordnet sind. Diese suchen alle abgeschiedenen Geister, welche hier ankommen und noch nicht vollendet sind, das ist, die noch nicht sanftmütig, demütig und liebend genug zur Himmelsbürgerschaft sind, oder Christum noch nicht ganz angezogen haben, auf allerlei Weise zu verführen, zu verwirren, zu berücken, auch wohl zu quälen. Indessen, wenn sie es nur verlangen, so werden sie immer von guten Engeln begleitet, die ihnen so lange mit Unterricht an die Hand gehen, bis sie das noch Rückständige des menschlichen Verderbens durch die Wirkung des heiligen Geistes vollends abgelegt haben. Daß es einen solchen Fürsten des Hades gibt, der mit den bösen Todesengeln dereinst ein strenges Gericht wird aushalten müssen, das beweisen die Stellen Offenbarung Johannes 20. V. 13. 14., wo es in der deutschen Übersetzung heißt: Der Tod und die Hölle gaben ihre Toten usw. und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. In der griechischen Grundsprache heißt es aber nicht Gehenna, Hölle, sondern Hades, der Totenbehälter. Wie kann nun der Tod und der Totenbehälter in den feurigen Pfuhl geworfen und bestraft werden? - Das wäre ebenso widersinnig, als wenn einer sagt: Das Gefängnis sei aufgehangen oder mit dem Schwert hingerichtet worden! - Folglich wird vielmehr der Kerkermeister, der Fürst des Hades, mit seiner Dienerschaft, dem gesamten Heere der bösen Todesengel, die Scharfrichter des Ewigen sind, darunter verstanden.

Da der Selbstmörder sich selbst vor der bestimmten Zeit das Leben raubt, so sind keine guten Todesengel bei ihm, wenn er stirbt, sondern die bösen gesellen sich alsofort im Augenblicke des Abscheidens zu ihm, bemächtigen sich seines armen Geistes und bringen ihn vor dieses Gericht, wo er dann sein gerechtes Urteil empfängt, wie du jetzt erfahren wirst.

Ich richtete nun meinen Blick wieder auf den Selbstmörder, der mir wie ein kaum merkbares Dunstbild in Gestalt eines bis auf Haut und Knochen abgezehrten Menschen vorkam. Auf jeder Seite stand ein Todesengel, aus dessen Gesichte die Physiognomie eines Satans hervorblitzte. Der arme Sünder schien mir mit einer erbarmungswürdigen Miene um Gnade zu flehen und sie auch zu erwarten, und ich wurde vom innigsten Mitleiden gegen diesen armen Geist durchdrungen; ich hätte ihm, wenn ich Richter gewesen wäre, alles verziehen.

Mit einem durchdringenden Posaunenton sprach nun der furchtbare Richter: Sohn Adams, Merothai, entwickle deine Lebensrolle! Jetzt sah ich in dem Dunstbilde des Geistes eine Veränderung vorgehen. Es schienen ihn tausend Gestalten in reger Tätigkeit zu umschweben, aber mein Auge war für die Sprache der Geisterwelt noch nicht geöffnet; ich konnte ihre Schrift noch nicht lesen, daher wendete ich mich wieder an Siona und bat sie, mir zu erklären, was da im Geiste des Selbstmörders vorginge. Sie antwortete:

Dieser Merothai war immer ein braver, rechtschaffener Mann; er lebte recht glücklich mit seiner Familie, war wohlhabend und fürchtete Gott von Herzen, doch ohne viel davon zu reden, oder wie man zu sagen pflegt, den Schild des Christentums auszuhän­gen. Er war insgeheim wohltätig und bestrebte sich, seinen stillen Glauben durch verborgene edle Handlungen seinem Gott und Erlöser und durch sein unsträfliches Leben seinen Mitmenschen zu bezeugen. Einstmals, als er an einem sehr heißen Tage mit bloßem Haupt im Sonnenschein über die Straße ging, bekam er einen Sonnenstich; dadurch wurde sein Kopf so schwach, daß er zu Zeiten gleichsam Abwesenheit des Geistes hatte und von einer tiefverborgenen Schwermut gequält wurde, die manchmal bis zum Lebensüberdruß stieg. Indessen sein stiller, ohnehin zur Schwermut geneigter Charakter verbarg dies alles vor seinen Lieben, um sie nicht zu betrüben, bis er endlich einmal einen überfal1 bekam, der ihm zu mächtig wurde, wo er dann einen Spaziergang machte und sich dort das Leben raubte. Sieh, das ist das Wesentliche aus dem Gemälde seiner Lebensrolle, die du in ihm sich entwickeln siehst.

Kaum war dieser wichtige Zeitpunkt in der ganzen Existenz eines menschlichen Geistes vorüber, als der richtende Engel fortfuhr:

Merothai, dein Selbstmord wird dir nicht zur Sünde gerechnet:

zwei böse Todesengel überraschten dich zur Zeit deiner Ohnmacht, wo du nicht mit ihnen kämpfen konntest. Mit diesen Worten strahlte der furchtbare Richter schrecklich und schoß einen Blitz auf die beiden Mörder des Merothai, den er mit den Donnerworten begleitete: Fort, ihr Verfluchten, bis ihr zum Feuersee reif seid! Die beiden Schrecklichen stoben hin ins Un­endliche, und man sah sie nicht mehr.

Nun strahlte der Richter sanft, wie der anbrechende Tag, und in diesem Licht verwandelte sich Merothai in einen Knaben von sechs Jahren, er lächelte himmlisch und sein Blick war Seligkeit. Hättest du, fuhr der Richter fort, treu und ununterbrochen, be­ständig mit Wachen und Beten in der Gegenwart Gottes gewandelt, so hätte dir dein Trauergeist nicht geschadet. Du hättest Mut und Kraft zum Kampf bekommen und endlich in der Ge­meinschaft der Leiden des Erlösers siegreich überwunden. End­lich hätte ich oder einer meiner Brüder dich durch das dunkle Tal des Todes und unmittelbar hinüber ins Reich der Herrlich­keit geführt, und du wärest zur Würde der Überwinder erhoben worden, die du nun aber in Ewigkeit nicht erreichen kannst, sondern du wirst keine andere Seligkeit, als die, die frühzeitig sterbenden Kindern zuteil wird, erlangen.

Hierauf erschienen zwei andere Engel, die nun den Merothai ins Kinderreich, das ist in das Reich des Unterrichts, geleiteten, wo er seinem Urteil gemäß die Ewigkeit durchleben und immer die Seligkeit der Kinder genießen wird.

Mir schien dies Urteil etwas hart und dunkel zu sein, ich wandte mich daher an Siona und fragte: Sage mir doch, göttliche Lehrerin, warum wird dieser Selbstmörder des Selbstmordes wegen - den er doch in der Abwesenheit des Geistes beging ­auf die Ewigkeit hin - ohne ferneres Wachstum bloß mit der Kinderseligkeit begnadigt? Und können denn auch kleine, frühverstorbene Kinder nicht einen ebenso hohen Grad der Seligkeit erreichen, als Erwachsene?

Siona, Wer redlich und treu im Wachen und Beten und im Wandel vor Gott bleibt, der wird nie und auf keinen Fall ein Selbstmörder, denn sein immerwährendes Gebet erwirbt ihm so viel Kraft, als er zum Kampf gegen jeden Trauergeist nötig hat. Wenn er auch in Geistesabwesenheit geraten sollte, so wird er doch durch die heiligen Engel in so sicheren Schutz genommen, daß sich ihm kein böser Todesengel auch nur von weitem nahen darf. Es ist also eine unbegreiflich große Barmherzigkeit des Welterlösers, daß er diesem armen Schächer noch diese Gnade an gedeihen läßt.

Was aber deine zweite Frage, die Seligkeit der Kinder, be­trifft, so kannst du ja leicht einsehen, daß ein Mensch, der viele Jahre mit allen Arten von Reizen und Versuchungen zur Sünde gekämpft und endlich überwunden, und so viel Gutes in seinem Leben gewirkt und ausgeübt hat, große Vorzüge der Seligkeit vor einem Wesen haben müsse, das bloß schuldlos ist, und in diesem Zustand in jenes Leben befördert wird. Indessen ist doch die Seligkeit der Kinder so groß, daß alle Erdenherrlichkeit und G1ückseligkeit für Jammer und Elend dagegen zu achten ist. Es ist die Seligkeit des nichtgefallenen Menschen.

Ich. Werden denn die Kinder in jenem Leben nicht immer an Vollkommenheiten wachsen und nach diesem Verhältnis auch immer seliger werden?

Siona. Allerdings! Sie werden immer vollkommenere - im­mer seligere Kinder - so wie die Erwachsenen immer vollkom­menere und immer seligere Erwachsene werden. Jeder wird nach seinem Tode in dem Zustand, worin ihn der Tod findet, befestigt, isoliert, und da der Mensch einen unendlichen Vervollkomm­nungs- und Beglückungstrieb hat, dem er in alle Ewigkeit folgt und in jedem Zustande folgen kann, so wird auch jeder Mensch das, was er im Tode war, was damals sein Charakter war, immer vollständiger, das ist, er vervollkommnet das, was er in den Hades bringt, bis in Ewigkeit. Da hast du einen Aufschluß, der dir über verschiedene Dunkelheiten und scheinbare Wider­sprüche, in Ansehung des Zustandes der Seelen nach dem Tode, Licht verbreiten kann, und wovon du in der Furcht des Herrn Gebrauch machen kannst. Ach, wende deinen Blick auf jenen furchtbaren Auftritt! -

Ich wandte mich um und sah ein neues schreckliches Riesengerippe - groß und abscheulich stand dieser Selbstmörder da. Es kam mir vor, als wenn eine dunkle, rote Glut in seinem Inner­sten brennte; aus seinen knochigen Augenhöhlen blitzten falbe Schwefelflämmchen hervor, und auf beiden Seiten standen zwei ungeheure, dicke, ungestaltete Zwerge, über deren Dasein der Riese vor innerem Ingrimm wütete, welches dann eben den bei­den Zwergen ganz höllische Freude verursachte.

Jetzt hatte sich der Richter wieder in seine sinaitische Ge­witterwolke verhüllt, sein Ansehen war furchtbare Majestät. Wer bist du? tönte die Gerichtsposaune.

Mit einem drachenähnlichen Gekrächze, welches zwischen den bebenden Zähnen des Riesen kaum verstehbar herausfuhr, ant­wortete er: Es gibt kein Wesen, dem ich eine Antwort schuldig bin!

Der Glanz des richtenden Engels wurde dunkler, röter und schrecklicher. - Die Stimme donnerte noch einmal: Wer bist du? - Der Riese schien vorwärts zu streben; ellenlang bohrten die Flammen aus seinen Augen; aus seinem Maul fuhr ein Schwefel­strahl mit den Worten: Ich bin ein frei erschaffenes Wesen und niemand eine Antwort schuldig. Donner und Blitz - in einem Augenblick - so fürchterlich, wie ich noch nie gehört hatte, schlugen auf das Gerippe hin. - Plötzlich schrumpfte es in eine unbeschreiblich scheußlich kleine Zwerggestalt zusammen, so wie eine große Kreuzspinne, wenn man sie in den Brennpunkt eines Zündglases bringt, und nun das eiterähnliche Blut in der Glut zischt und kocht.

Eine andere Donnerstimme befahl die Enthüllung seiner Le­bensrolle. Wie in dem scheußlichsten Gemische verwesender Materien die ekelhaftesten Gewürme und Ungeziefer durcheinander wimmeln, so irrten in der Larve des Sünders die nunmehr zu ewig nagenden Würmern gewordenen Ideen des ganzen verschwundenen Lebens durcheinander - es war, als wenn sie sich alle durcheinander mit Heißhunger verzehren wollten. Ich bemerkte, daß daher eine unaussprechliche Qual entstand, die den Unglückseligen zittern und beben und ihm die Zähne klap­pern machte.

O Siona, - rief ich, wer erträgt diesen Anblick?

Siona. Da siehst du, welchen Jammer sich der Mensch selbst bereiten kann! - Dieser Selbstmörder ist Schöpfer aller dieser Ungeheuer, die in seinem Innersten wüten. Gottes Langmut hat ihn lange getragen und seine Menschenliebe hat alles angewendet, um ihn zur Bereuung seiner Sünden zu leiten: aber er hat alle diese Mittel mit Hohn und Spott abgewiesen, jetzt ist nun der höchste Grad der Verdammnis nötig, um womöglich diesen harten Sinn zum Schmelzen zu bringen.

Ich. Darf ich dich wohl um die Erklärung seiner sich dort entwickelnden Lebensrolle bitten? Ich verstehe die Geistersprache noch nicht.

Siona. Dieser Mensch, der nunmehr hier Merah genannt wird, war in diesem Leben ein Gelehrter von der Klasse der schönen Geister. Sein Vater, ein ehrlicher, frommer Bürger in einem ge­wissen Landstädtchen, hatte ihn nach seiner Art gut erzogen, fleißig in die Schule geschickt und zu Haus zu allem Guten ange­halten. Da er nun frühzeitig sehr viele Geistesfähigkeiten zeigte und entwickelte, so beschloß sein Vater, ihn die Gottesgelehrt­heit studieren zu lassen. Zu dem Ende fing er schon im zehnten Jahre an, in seiner Vaterstadt, wo eine kleine lateinische Schule war, diese Sprache zu erlernen und sich so zu seinem Zwecke vor­zubereiten; aber eben mit dieser Vorbereitung wurde auch der erste Wurm gezeugt, aus dem all das Otterngezüchte entstanden ist, das ihn nun in Ewigkeit peinigen wird.

Seine Eltern hatten ein stilles, gutartiges Mädchen in ihrem Dienst, das aber nicht die geringste Vorstellung von den Folgen hatte, die aus gewissen, der Ehrbarkeit und Zucht zuwiderlaufenden Handlungen entstehen; diese Person war wollüstig und bediente sich des zehnjährigen unschuldigen Knaben, gewisse Reize zu befriedigen, welche körperliche Gesundheit und erhitzte Einbildungskraft in ihr erzeugten. Von diesem allem ahnten die Eltern ganz und gar nichts, es fiel ihnen leider nicht ein, daß so etwas möglich wäre. Ach Gott, wie viele Eltern befinden sich in nämlichen Falle! - Sie schlafen ruhig, währenddem der Feind den Keim der ewigen Verdammnis in die Seelen ihrer Kinder pflanzt und sie zu Priestern und Sklaven der gefährlichsten unter allen höllischen Furien macht!

Dieser Umgang war dem Knaben erwünscht, und als die Magd in andere Dienste ging, so suchte er nun selbst die nunmehr mit unzüchtigen Bildern angefüllte Phantasie zu befriedigen. Er suchte - und fand diese Befriedigung - bei seinesgleichen. Bu­ben, in Satans Schule unterrichtet, lehrten ihn Geheimnisse der Bosheit, die weder Feder noch Zunge auszudrücken wagt. Ein Unglück für ihn war, daß seine sehr gesunde Natur so lange einen Ekel vor solchen Greueln empfand, bis sie sich wieder gestärkt hatte. Dadurch kam es bei ihm nie zur Übersättigung oder Schwächung, folglich auch nie zu den schmerzhaften Folgen, womit die Natur die Verbrecher gegen ihre Gesetze straft, mithin auch nie zum Nachdenken und noch viel weniger zur Reue.

Indessen waren seine Eltern seinetwegen ganz ruhig. In ihren und aller Menschen Augen (seinen geheimen Kameraden der Bosheit ausgenommen) war er ein feiner, ehrbarer, sittsamer Jüngling, von dem man hoffte und glaubte, es werde dereinst ein vortrefflicher Prediger und Seelsorger aus ihm werden.

Bei dem allem ließ sich die warnende Stimme der Vaterliebe Gottes an ihm nicht unbezeugt; mehr als einmal belehrte sie ihn durch schreckliche Beispiele, die er an Sündern von seiner Art erfuhr, und oft blitzte ihm die Flammenschrift wie vom Sinai herunter in die Seele: Dein Ende auf diesem Wege ist das ewige Verderben! Allein nichts machte Eindruck auf ihn, denn er war einer von den Geistern, von denen Satan gleichsam von der Wiege an Besitz nimmt.

Ich. O Siona! Du sagst da etwas Schreckliches! - Kann denn Satan von eines unschuldigen Kindes Herzen oder Geist Besitz nehmen? - Streitet das nicht mit der Vaterliebe und Güte Gottes?

Siona. Hast du keine Kinder gekannt, welche ungeachtet der aufmerksamsten und christlichsten Erziehung zu Bösewichtern, zu Werkzeugen des Satans, Menschen zu verderben, gereift sind? Weißt du kein Beispiel, daß die heiligsten Männer sehr gottlose Kinder gehabt haben?

Ich. Ach ja! Ich weiß ihrer leider sehr viel - aber dadurch wird meine Frage nicht beantwortet.

Siona. Es gibt körperliche Anlagen, die durch natürliche Ursachen, auch ohne Verschulden oder aus Unwissenheit der El­tern entstehen, welche diesem oder jenem Laster besonders gün­stig sind; hier setzt sich nun frühzeitig der Feind Gottes und der Menschen fest, hier schärft er die Reize, erhöhet die Leidenschaft und erhitzt so die Phantasie, um den Wirkungen der vorberei­tenden Gnade so starke Hindernisse in den Weg zu legen, als nur immer möglich ist. Gott aber, der die ewige Liebe ist ­Jesus Christus, der nicht will, daß irgend ein Mensch verloren gehen soll - und der heilige Geist, der unaufhörlich vom Vater und Sohn in alle gefallenen Menschenseelen überströmt, bietet einer solchen Seele Hilfe genug dar, und sucht sie auf unzählige Arten und durch alle nur möglichen Mittel zu gewinnen, aber auf keine Weise zu zwingen. Der Wille muß vollkommen frei bleiben; folgt sie nun den. mächtigen Zügen und Aufforderungen der Gnade, wird sich ihr Wille fest und unwiderruflich bestim­men, das zu werden, was die ewige Liebe aus ihr machen will, so wird ihr auch auf ihr anhaltendes ernstliches Gebet so viel Kraft geschenkt, als sie zum Kampf gegen die Sünde und ihren Urheber bedarf. Du siehst also, daß die frühzeitigen Bösewichte auch die frühzeitigsten und dem Grade ihrer Bosheit angemessensten Mittel zur Bekehrung und Heiligung erhalten können, so daß sie sich an jenem Tage eben so wenig mit ihrem stärkeren Hange und mächtigeren sinnlichen Reizen entschul­digen können, als diejenigen, welche bei geringeren Anlagen zur Sünde verloren gehen.

Ich. Du hast meinen Zweifel gehoben, göttliche Lehrerin, nun erzähle mir doch ferner die Geschichte des unglückseligen Merah.

Siona. Es war nun an dem, daß er die hohe Schule beziehen sollte und seine Eltern hofften, ihn nach wenigen Jahren als wür­digen Religionslehrer wiederkommen zu sehen, wozu er ihnen auch durch sein äußeres heuchlerisches Betragen Grund zu geben schien; allein es ging ganz anders als sie erwarteten. Er bezog die Universität X ..... studierte vorzüglich Philosophie, die ihn bei seinem unbändigen Hang zum sinnlichen Genusse jeder Art, bald zum vollendeten Freigeist umschuf, und las dann die schlüpfrigsten Romane der größten Meister, welche in ihm das Meisterstück des Geistes unserer Zeit bald in aller seiner Stärke darstellten.

Bei dieser Richtung seines ganzen Wesens war er bei aller seiner Fertigkeit im Heucheln doch nicht fähig, Theologie zu studieren. Die Vorstellung von Gott, von Christo und von allen religiösen Tugenden sind einer solchen Seele, was der rasche Blick in die helle Mittagssonne den Augen ist, die lange im Dunkeln gewesen sind. Ein bloßer stoischer Philosoph kann den Christen heucheln, aber dem Epikuräer ist dies schlechterdings nicht möglich. Merah beschloß daher, um auch seine Eltern zu beruhigen, eine glänzende Bahn zu betreten, und zu diesem Zwecke eine Hauslehrersteile bei einer vornehmen Familie zu suchen. Um dazu zu gelangen, war kein gewisseres Mittel, als sich in den damals im höchsten Flor stehenden Illuminatenorden zu begeben. Dieser Vorsatz gelang ihm nach Wunsch; und da er ein sehr fähiger, schlangenkluger Kopf war, so wurde er in den wichtigsten Angelegenheiten des Ordens mit größtem Nutzen gebraucht, und in der nämlichen Absicht auch zum Hofmeister fürstlicher Kinder an einen gewissen Hof gebracht, wo er dann den geheimen Auftrag hatte, den Fürsten zu verdunkeln, hingegen seine ganze Dienerschaft, soweit er nur reichen konnte, zu erhellen.

Merah hätte vielleicht allmählich seinen Zweck erreicht und wäre zu einer hohen Stufe im Zivildienst hinaufgestiegen, wenn ihm nicht die französische Revolution einen weit näheren und seinem Charakter angemesseneren Weg zum Ziel gezeigt hätte. Hierzu kam aber noch ein mächtiger Beweggrund: seine Wollust atmende Seele mußte sich an dem fürstlichen Hofe allzusehr in den Schranken der Ehrbarkeit halten, dies wurde ihm nach und nach unleidlich, und er sehnte sich daher nach einer Freiheit, wo er ungestraft tun konnte, was er wollte. Zwar hatte er schon ein paar arme, bis dahin unschuldige Mädchen zu geheimen Kindsmörderinnen gemacht - Taten, die auch hier zuerst aus ihrem Dunkel enthüllt werden können. Aber das war ihm lange noch nicht genug; er lechzte nach dem Verbrechen, wie der Löwe nach Blut. Kaum war also die Revolution ausgebrochen, so suchte er Gelegenheit, sich in ihren Strudel zu stürzen, und er fand sie bald. Nun wurde er erst recht zum Empörer gegen Gott und die Natur; er wurde nach einander Plünderungs-Kommis­sarius, öffentlicher Ankläger und Deputierter, und spielte in allen diesen Fächern eine solche durchaus satanische Rolle, daß ihn Adramelech selbst darum beneidete, und von nun an darauf sann, ihn durch Selbstmord aus der menschlichen Gesellschaft zu vertilgen. Dies wurde von diesem Höllenfürsten folgender­maßen bewerkstelligt: Zwei Bösewichter, eben so lasterhaft, aber nicht so listig wie Merah, wurden von diesem, auf dem gehei­men Wege der schrecklichsten Verbrechen, sehr beleidigt. Sie sannen auf tödliche Rache; Merah merkte das, kam ihnen zuvor und brachte sie unter die Guillotine. - Diese beiden sind die zwei Zwerge, die du ihm dort zur Seite stehen siehst. Dadurch wurden gewisse nahe Verwandte, die eben damals sehr mächtig waren, gleichsam wütend, und um ihrer Rache zu entgehen, ent­leibte er sich selbst. Dies war also die treue Übersetzung der abscheulichen Hieroglyphe seiner Lebensrolle; und nun erscholl vom Richterstuhle her sein fürchterliches Urteil:

Merah! Du hast die menschliche Natur verleugnet und entweiht - du sollst nun auch auf ewig ihrer holden Gestalt beraubt sein; bilde dich nach deinem Charakter, und sei fortan der Sklave der niedrigsten Höllenbewohner und ein Scheusal aller bösen Geister. Alle Ungeheuer, die du in deinem Innersten aus­gebrütet hast, sollen dich ewig mit unnennbaren Qualen mar­tern, und ehe du hinfährst in's ewige Verderben, sollst du einen Blick in die Seligkeit tun, die du hättest ererben können, wenn du nur gewollt und die Langmut des Erlösers nicht gehöhnt hät­test. Dies Urteil spricht dir dein eigenes Gewissen. Die ewige Liebe aber fügt hinzu: es kommt auch jetzt noch auf dich an, deinen Jammer zu mildern. Kannst du in künftigen Aeonen dei­nen Stolz in wahre Demut, und deine Selbstsucht in wahre Got­tes- und Menschenliebe wandeln, so kannst du im Versöhnblute Hoffnung finden. Jetzt fahre hin an den Ort, der für dich be­reitet ist!

Die menschliche Einbildungskraft ist nicht fähig, die entsetz­liche Gestalt zu schildern, in die sich der unglückselige Geist nun verwandelte und dann verschwand. Seine beiden Begleiter wurden nun auch weggeblitzt: denn da sie keine Selbstmörder

waren, so wartete ein anderes Gericht auf sie.

Mir standen die Haare zu Berge, und ich wünschte mich aus dem Hades wieder ins Land der Lebendigen zurück. Allein Siona befahl mir, noch zu bleiben, damit ich das Schicksal noch mehre­rer Selbstmörder erfahren, und meine sterblichen Brüder und Schwestern warnen und belehren könnte, besonders in jetzigen Zeiten, wo der Selbstmord so häufig begangen wird.

Der richtende Engel nahm nun wieder die ruhig dämmernde Lichtgestalt an, und bald erschien ein trauriges Totengerippe zwischen zwei Schergen des Hades. Dieses arme Wesen stand da und bebte vor Angst, und nun erscholl abermals eine Stimme vom Throne her: Loschabeth, enthülle deine Lebensrolle! --

Dies geschah und Siona übersetzte sie mir folgendermaßen:

Dieser Geist, der nun Loschabeth heißt, war ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen wurde und sich dann ertränkte. Seine Lebensgeschichte ist folgende:

Die Eltern dieses jungen Mädchens sind feine und gesittete Weltleute aus einem der mittleren Stände. Es war ihnen viel daran gelegen, diese ihre Tochter nach ihrer Einsicht recht gut zu erziehen: sie wurde daher in feiner Näharbeit, im Zeichnen, im Klavierspielen und Singen unterrichtet; man hütete sich sehr, ihr einen unaufgeklärten, das heißt, christlichen Mann, zum Lehrer zu geben, sondern man wählte einen, der die Religion nach der Mode zu lehren verstand, indem er die leichte Moral des Wohlstandes ins rosenfarbene Gewand der Phantasie ein­kleidete, und ihr dann den erhabenen Namen des Christentums beilegte. Man machte ihr fein fühlendes Herz für Handlungen der Menschenliebe empfänglich, und lehrte sie auch, wie man sie ausüben müsse: allein den wahren Grund, aus dem alle edlen Taten und guten Werke fließen müssen, die unendliche Dank­barkeit gegen Christum dafür, daß Er den Menschen vom ewigen Verderben erlöset hat, erfuhr sie nie. Ihr Wohltun war also am Ende nichts anderes, als eine geistige Wollust, ein Kitzel der Eigenliebe, ein Präsent das man dem lieben Gott macht, damit Er die Lieblingssünden übersehen möchte. Bei allem dem wurde sie ein liebenswürdiges, angenehmes Mädchen, das allgemeinen Beifall hatte.

Dann hatten auch ihre Eltern den Grundsatz, man müsse die jungen heranwachsenden Mädchen früh in die Kreise erwach­sener Leute bringen, damit sie sich desto eher entwickeln und verständig werden möchten; sie bedachten aber nicht, daß eben dadurch zwar die Ansprüche der jungen Menschen, aber nicht auch die Fassungskräfte entwickelt werden. - Mädchen von zehn bis zwölf Jahren werden dann von weltgewandten jungen Männern schon so behandelt, wie wenn sie erwachsene Damen wären, und zum Tanz und Spiel aufgefordert. So werden allzu früh Ideen in die noch unreife Phantasie gebracht, denen Nerven und Körper noch nicht gewachsen sind. Um nun das ganze Un­glück zu vollenden, läßt man solche armen Geschöpfe - freilich moralische - Schauspiele und Romane lesen - wodurch dann endlich die Macht der Imagination so hoch gespannt wird, daß die Organisation des Körpers darunter erliegt und das arme Geschöpf nun mit Krämpfen gemartert wird.

Aus dieser überladenen Phantasie entsteht aber noch ein anderes, weit größeres Übel. Man möchte gar gern die Roman­- und Schauspielverwicklungen ins wirkliche Leben übertragen; daher verliebt man sich bloß schauspielmäßig, und ohne daß es ein solches frühreifes Mädchen nur von ferne ahnt oder im ge­ringsten will, wird es zur Kokette; und nun flieht jeder rechtschaffene, edeldenkende Jüngling vor einem solchen, übrigens gutmütigen, aber nach falschen Grundsätzen gebildeten Mädchen wir vor einer Schlange, und wenn sie endlich einer heiratet, so ist sie weder eine gute Gattin, noch gute Hausfrau, noch gute Mutter.

Dies war also die Methode, nach welcher Loschabeth  erzogen wurde; sie verlebte ein Schmetterlingsleben, sie flatterte buntfarbig geschmückt von Blume zu Blume, von Ball zu Ball, von Spiel zu Spiel, von Kränzchen zu Kränzchen, bis sie endlich ohne des Todesengels Winken selbst ins Licht flog, und so zum Hades hinüberschwankte.

Auf einem Ball, im Taumel des sinnlichen Vergnügens, hatte sich ein netter, bürgerlich gesitteter junger Mann in sie verliebt. Dieser Jüngling besuchte sie nachher öfter, sie gefiel ihm immer besser, und endlich verlobte er sich mit ihr. Da er aber noch kein Einkommen hatte, so konnte die Heirat noch nicht vollzogen werden; indessen wurde der Umgang fortgesetzt, und er hatte also nun auch Gelegenheit, ihre Lebensart und Aufführung genauer zu beobachten. Jetzt fand er allmählich, daß seine Geliebte auch gegen andere junge Männer zärtlich war. Dies erregte seine Eifersucht, er machte ihr Vorwürfe, und als diese nichts fruchteten, weil sie von Jugend auf diese Lebensart gewohnt war, so wurde er allmählich kalt, blieb endlich ganz weg und kündigte ihr nun in einem Briefe das Verlöbnis auf, wobei er dann auch seine Gründe anführte. Das hatte Loschabeth nicht erwartet. -

Sie glaubte diese Untreue nicht verdient zu haben, weil sie nicht wußte, daß ihre Aufführung fehlerhaft sei, indem sie nicht anders erzogen worden war. Sie weinte, sie klagte Sylphen, Drya­den und Nymphen ihr Leid, und wurde, wie billig, nicht gehört. Gott anzurufen, daran dachte sie nie, denn ihre Lehrer hatten ihr bewiesen, daß das Beten, diese einzige Zuflucht der Elenden, dieses einzige Rettungsmittel der Rettungslosen - nicht philo­sophisch, das ist, nicht vernünftig sei; folglich blieb der armen Seele nichts anderes übrig, als Verzweiflung. Sie ging spazieren, klagte und weinte in alle vier Winde, sprang in den Fluß und - ertrank!

Ich. Ach Gott! Die Erziehung dieses Mädchens ist jetzt, leider die herrschende; was kann und was wird aus der nächsten Gene­ration werden? - Satan hat in unseren Zeiten zwei Meister­stücke gemacht, das erste ist, daß er die Philosophen und philosophischen Religionslehrer zu bereden gewußt hat, - der Satan - existiere gar nicht, das sei nur so ein Geschwätz von Christus und seinen Aposteln, das ihnen nicht Ernst gewesen sei. Und das zweite ist, daß er sie demonstrieren gelehrt hat, das Beten könne gar nicht helfen, denn Gott tue doch, was Er wolle: da hätten ebenfalls die Verfasser der Bibel wieder mit den Kindern kindisch geredet; daher kommt dann eine solche Gottlosigkeit, die in der Geschichte kein Beispiel hat.

Siona. Deine Bemerkung ist sehr richtig; aus eben dieser verkehrten Gesinnung kommt es nun auch, daß Dichter und Dich­terlinge die unglückliche Loschabeth - diese Märtyrerin der Liebe, hoch und selig preisen, sie in den elysäischen Gefilden bewillkommnen, sie zur Götterwürde erheben, ihren betränten Rest ins einsame Dunkel des Gartens, nicht ferne vom beschat­teten Bache, zwischen Trauerweiden begraben, ihren Hügel mit Rosen bepflanzen, eine Urne hinaufstellen, an welcher ein schö­ner erlogener Spruch an den Wanderer steht, und keiner von allen diesen Priestern Apollos und der Musen ahnt nur von wei­tem, was mit dem verarmten unglücklichen Geiste hier vorgeht~ - Blicke dorthin und höre sein Urteil!

Die Stimme tönte vom Richterstuhl her:

Loschabeth! - Hier in diesem Trauerhause der Ewigkeit sollst du in einer einsamen Halle, auf einen Standpunkt angeheftet, unbeweglich stehen und solange in die Lustbarkeiten deines vergangenen Erdenlebens zurückschauen, bis sie dir alle zum Ekel geworden sind und nun deine Sehnsucht nach himmlischen Dingen rege wird; dann wirst du ins Reich des Unterrichts ver­setzt werden und die Seligkeit früh verstorbener Kinder ererben. Nun entferne dich! - Diener des Hades, bringt sie an ihren Ort.

Siona. Wir wollen ihr folgen, damit du ihren Zustand kennen lernen mögest.

Ich. Recht gerne! Aber sie dauert mich innig; ist denn kein Erbarmen über sie möglich?

Siona. Glaubst du denn, Gott erbarme sich weniger über seine Geschöpfe, als du? - Eben, weil er diesen Geist so selig machen will, als er es fähig ist, muß er in eine Lage versetzt werden, in welcher er am raschesten den noch anhangenden eitlen irdischen Sinn ableben kann. - So, wie Loschabeth jetzt ist, und in der Ge­sinnung würde sie es im Himmel keine Stunde aushalten, weil sie sich in die dortigen Gesellschaften noch weniger schicken würde, als ein grober, ungeschliffener Bauer, der keine zwei Stunden ohne Branntwein leben kann, in einer Versammlung von gelehrten Belletristen, die über Kosegartens, Matthisons und andere alte und neue Meisterstücke in Entzückung geraten können.

Jetzt verfügten wir uns an den Ort, wo nun Loschabeth auf eine sehr lange Zeit ihre Bleibstätte hatte. Das Ganze kam mir vor als ein schmallanges, unterirdisches, dumpfiges und dunkles Gewölbe, welches nur so viel vom scheinenden Mondsviertel er­hellt wird, als nötig ist, das bloße Dasein der Gegenstände zu erkennen. Dort stand sie nun an die Wand hingeheftet - die ehemalige Besiegerin der Herzen der Jünglinge, die Königin der Bälle und Schwelgerin des sinnlichen Genusses; dort stand der verarmte Geist - nackend - und von allem entfernt, was nur Genuß genannt werden kann. Ihm war nichts übrig geblieben, als der Lebensüberdruß im Tode und die heimwehartige Erinne­rung der vergangenen Freuden des Erdenlebens. Da stand die ehemalige Ismene in tiefer, ewiger Trauer; die einzige Erleich­terung im Jammer, das Weinen, war ihr unmöglich, denn der unsterbliche Geist ist nicht zum Weinen, sondern zum himmli­schen Jubel geschaffen, und dazu war Loschabeth noch nicht fähig. Sie stand da und empfand sich auch so, wie ein Gespenst in alten Ruinen, das nach den seit Jahrhunderten verhallten Tönen des Gelagegejauchzes lauscht, oder die in alten verborge­nen Truhen versteckten Schätze bewacht. O ihr Jünglinge und Mädchen - die ihr euer ganzes Dasein den Lustbarkeiten auf­opfert, den sinnlichen Genuß zum Lebenszweck macht, widmet dem Nachdenken über Loschabeths Schicksal eine ernste Stunde! Denkt nicht, es sei schwarzgallichte Dichtung. Nein! Die Dichtung ist Hülle einer ebenso gewissen als schrecklichen Wahrheit. Ich berufe mich auf die Erfahrung in jenem Leben, die euch bald genug ereilen wird. Ich entschwand mit Siona dem stillen Trau­ergewölbe und flehte um Gnade für die arme, abgeschiedene Seele, dann schwebten wir wieder zur hohen Gerichtshalle.

Bald stand wieder dort vor den dunstigen Schranken ein Selbstmörder zwischen seinen Häschern, ein blasses Gerippe. Es stand da fest und nicht drohend wie Merah, aber auch nicht bang und bebend wie Loschabeth; ich war begierig auf die Entwicklung

seiner Lebensrolle - sie ward befohlen, und Gejon gehorchte wie ein großer, edler Mann, der auf alles gefaßt ist.

Meine erhabene Dolmetscherin erzählte: Dieser Mann, der nun Gejon heißt, war in seinem Leben ein neumodischer Stoiker: ein Mensch, der die christliche Religion haßte und ihr zum Trotz tugendhaft und rechtschaffen war, um zu zeigen, daß man es auch ohne Religion sein könne - oder vielmehr sich einbildete, es sein zu können. Sein Vater war ein herzlich frommer Mann, dem es aber durchaus an Weisheit fehlte, seinen Sohn zu er­ziehen, denn er quälte sich von Jugend auf mit stundenlangem Lesen, Beten und Singen, und pflanzte also dem Knaben von der Wiege an Haß und Widerwillen gegen alles, was nur auf Religion Bezug hat, in die Seele. Der Vater bemerkte das mit Leidwesen, er glaubte, er habe die Sache noch nicht ernstlich ge­nug angegriffen und müsse also noch mehr Ernst anwenden; daher wurde noch länger gekniet und noch länger gelesen und gesungen, wodurch also natürlicherweise das Übel immer ärger wurde; denn der Knabe entlief endlich seinem Vater, ging in die Fremde, traf Leute an, die sich seiner annahmen, lernte die Handlung und heiratete dann eine reiche Frau, mit der er aber keine Kinder hatte. Diese starb und hinterließ ihm ein ansehn­liches Vermögen, von dem er reichlich leben konnte.

Ich. Erlaube mir, daß ich dich unterbreche; - die Bemerkung, welche du soeben über Gejons Erziehung gemacht hast, ist mir durch deinen Unterricht schon längst bekannt, und ich habe sie auch hin und wieder in meinen Schriften geäußert. Dies hat nun einige fromme Väter und Mütter, die ihre Kinder gern christlich erziehen möchten, verlegen gemacht; belehre mich doch über diesen Punkt und sage mir, was ich ihnen raten soll!

Siona. Gott selbst gibt dir in diesem Stück das beste Muster der Erziehungsmethode durch sein Beispiel an die Hand; studiere diese Methode, so kannst du nicht irren. Die Eltern müssen nur selbst wahre Christen sein, - das ist, sich nicht durch langes Beten, Lesen und Singen auszeichnen - wer das nötig hat, in dem ist wahrlich noch wenig Kraft und Wesen des Christentums. - Wer anders keine Kräfte zum Gehen und Arbeiten hat, als die er durch stärkende Arzneien bekommt, mit dessen Gesund­heit sieht es übel aus. Wo der Geist Jesu Christi wohnt, da leuch­tet sein Licht hell und weitstrahlend aus Gedanken, Worten und Werken hervor, und Kinder, die im Glanze dieses Lichts von der Wiege an erwachsen, werden unbemerkt zur Bewirkung und Einwohnung dieses nämlichen Geistes vorbereitet, und es be­darf da keiner großen Kunst, Wissenschaft oder psychologischer Kenntnisse. Man rede nur immer mit Würde von Gott und Christo; man äußere immer die zärtlichste und ehrfurchtsvollste Liebe gegen den Erlöser; man gedenke seiner unaussprechlich großen Verdienste immer so, daß die Neugierde der Kinder dadurch rege gemacht wird; man sage ihnen immer weniger von ihm, als sie zu wissen wünschen, und doch rede man oft und mit der größten Ehrfurcht von Gott, aber nie lange, sondern immer kurz abgebrochen. Man erlaube ihnen Kinderspiele und sinn­liche Vergnügen, bezeige sich aber immer wehmütig und traurig, wenn sie heftige Begierden äußern. Wo es nur immer möglich ist, da suche man es so einzurichten, daß sich jede Ausschweifung durch eine schmerzhafte Folge selbst bestraft; man belohne nie ihre guten Handlungen mit irgend einem sinnlichen Genuß, sondern man präge ihnen tief in die Seele, daß alle edlen Hand­lungen erst in der seligen Ewigkeit, aber überschwenglich belohnt werden. Man mache eine Belohnung daraus, in der Bibel lesen zu dürfen, erlaube es aber niemals lange; schöne Vers­chen aus schönen Liedern, auch wohl Kernsprüche, läßt man sie zu Zeiten lernen, aber nur dann, wenn sie Lust dazu bezeigen. Die Lebensgeschichten und edlen Handlungen sehr frommer Menschen läßt man sie zum Vergnügen und zur Erholung lesen, doch nur immer so, daß ja kein Geschäft dadurch versäumt werde. Zum Beten gewöhnt man sie von Jugend auf, aber so, daß sie wenig um irdische, sinnliche Dinge bei ihrem himmlischen Vater anhalten, weil in diesen Fällen die Gebetserhörungen sel­tener sind und auch sehr geübte Beter erfordern, sondern man lehrt sie, um Weisheit und Verstand und um Kraft gegen das Böse zu kämpfen, beten; man führt sie dazu an, daß sie immer­fort um Erkenntnis des Willens flehen müssen, und bringt sie allmählich dahin, daß sie sich angewöhnen, mit Gott umzugehen und ganz von seiner Führung abhängig zu werden.

Ich. Ich danke dir, göttliche Siona, für diesen Unterricht! ­Aber ich bitte dich nun, in Gejons Lebensgeschichte fortzufahren.

Siona. Gejon wendete sein Vermögen sehr gut an; er tat den Armen Gutes, wo er nur Gelegenheit dazu fand, ließ junge Leute Handwerke lernen und studieren und half manchem jun­gen Paar in den Ehestand und zu Brot. Für sich selbst machte er keinen besonderen Aufwand, außer daß er einiges auf Natur- und Kunstseltenheiten verwendete. Übrigens lebte er eingezogen, mäßig und tugendhaft. Dies währte verschiedene Jahre, endlich aber hatte er die Unvorsichtigkeit, sich mit Leuten, denen er zu viel traute, in ein Geschäft einzulassen, wodurch er um all sein Vermögen kam; dies war nun der Wink für eine stolze Seele, nach eigener Willkür ein Leben zu verlassen, das ihm fernerhin kein Vergnügen mehr gewähren konnte. Als Natu­ralist glaubte er berechtigt zu sein, eine gewisse unglückliche Zukunft gegen eine ungewisse vertauschen zu dürfen. - Ein Wahnsinn, in den die menschliche Vernunft wohlverdienter Weise gerät, sobald sie die Quelle der Wahrheit, vorzüglich übersinnlicher Dinge, in sich selbst sucht; er ging also auf die Jagd und jagte seine arme Seele in den Hades. Dort steht sie nun, und du wirst nun hören, wie gerecht ihr Urteil ist.

Der Richter. Gejon, du stehst in der Überzeugung, du hättest das Sicherste gewählt, indem du schlechterdings nichts annahmst und nichts für wahr hieltest, als was deiner Vernunft einleuch­tete; du hast auch dieser Überzeugung gemäß gelebt. Du bist so tugendhaft gewesen, als es einem natürlichen Menschen nur immer möglich ist; dir soll also auch nach deiner Überzeugung geschehen, was du selbst für Recht erkennst. Du hast weder Him­mel noch Hölle nach dem Sinne der Bibel geglaubt, dir soll also auch keins von beiden zu teil werden; sondern du sollst in einer Gegend dieser Behälter deine ewige Wohnung finden und die Macht haben, deinen Aufenthalt nach deinen Ideen so, wie du wünschest, zu verschönern, und deine Gesellschaft soll aus Selbstmördern bestehen, die mit dir gleichen Charakters sind. Hast du gegen dieses Urteil etwas einzuwenden?

Gejon. Nein, würdigster Richter! Es ist in der Natur gegrün­det - ich werde da mein Wesen immer mehr vervollkommnen können. Aber ich habe in meinem Leben geglaubt, ich würde nach dem Tode in eine andere höhere Welt versetzt werden, wo ich durch andere erhabenere Wunder und Reichtümer der Natur meine Kenntnisse würde vermehren und meine Existenz er­höhen können!

Der Richter. Du hast richtig geglaubt, aber die Mittel, dein Wesen zu dieser höheren Welt geschickt zu machen, deinen Geist schon dort aus den Elementen dieser Welt zu nähren, damit er nun hier seine wahre Heimat finden und darin selig und über allen Betriff glücklich sein möchte, hast du ganz vernachlässigt; blicke in deine eigene Seele; empörte sich nicht dein Innerstes mit Wut, wenn du einen wahren Christen sahest? War dir nicht jeder ein Heuchler, und frohlocktest du nicht, wenn du Schwächen an ihm entdecktest? - Wie würdest du nun in der höheren Welt nur eine kleine Zeit ausdauern können, da sie keine an­deren Bewohner hat und auch keine anderen haben kann, als diese dir so verächtlichen Wesen? Und über das alles würde dir auch die ganze himmlische Natur so unleidlich sein, als irgend einem Nachtvogel der sonnenhelle Tag! - Es bleibt also nun für dich nichts anderes übrig, als daß du dich aus Erfahrung belehrst, inwiefern deine Grundsätze richtig oder unrichtig waren. Diener des Hades, bringt ihn an seinen Ort! Gejon wurde abgeführt und wir folgten, um mich zu belehren, was für Folgen dieses Ur­teil haben würde.

In der Ostseite des Zuchthauses der Ewigkeit wurde Gejon von den Dienern des Hades verlassen; da stand er nun wie im Chaos, er konnte sich da eine Wohnung schaffen, so, wie er sie wünschte. - Allein in der Minute seiner Ankunft kamen noch fünf, die mit ihm das nämliche Urteil empfangen hatten, und diese sechs sollten nun da eine kleine Welt nach ihren Ideen schaffen und sich dann darin so glücklich und selig machen, als es ihnen möglich war.

Anfangs bewillkommneten sich diese sechs; die Ähnlichkeit ihres Schicksals und auch in der Hauptsache ihres Charakters machte sie bald zu Freunden, aber, - Gott - die Geistersprache tat erschreckliche Wirkung auf sie, denn da in der Geisterwelt keine andere Sprache stattfindet als das Denken, und jeder Geist im andern alles sieht, was er denkt, so geht die Befremdung, das Erstaunen, der Abscheu und der Ingrimm bei bösen Geistern und verdammten Seelen, dann, wann sie sich begegnen und einan­der mitteilen, über allen Begriff. Ein jeder besinne sich nur einmal seines unbekehrten Zustandes und der Gedankenreihe in demselben! - Welche lieblose und nachteilige Vorstellungen über andere Menschen darin vorkommen - welche Wünsche, Neigungen und Bilder da beständig aufsteigen - und haben wir es wohl dahin gebracht, daß wir alle unsere innersten Gedan­ken und Vorstellungen, ohne die geringste Ausnahme, laut und öffentlich jedermann könnten bekannt machen? - Freunde, Brüder, so lang das noch nicht geschehen kann, so lang sind wir auch noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. - Denn da liest jedermann, was in jedermanns Seele vorgeht, so wie in einem Buche oder einem lebenden Historiengemälde; und eben dies erhöht die Seligkeit unendlich, so wie es auch die Schrecken und Qualen der Verdammten grenzenlos macht. Ach, laßt uns bedenken, daß der heilige Gott und seine Engel, die um uns her sind, unaufhörlich in unsern Seelen lesen und unsere geheimsten Gedanken wissen! - Dies soll uns in ein heiliges Schaudern ver­setzen und uns zur beständigen, betenden Wachsamkeit antrei­ben, damit wir unablässig auf alles merken, was in unserer Seele vorgeht, und keinem Gedanken Raum geben, der nicht gottge­ziemend ist, oder den nicht jedermann wissen darf, sobald er nicht irgend eine Sache betrifft, bei welcher das Schweigen Tu­gend ist. Dies, meine Lieben ist eigentlich die einzige Übung des Christen, die größtenteils vom eigenen Willen und den eige­nen Kräften abhängt. - Wer in diesem Stück recht treu ist, den wird dann auch der Geist des Herrn unterstützen und weiter führen, dies ist's auch eigentlich, was die wahren Mystiker Wan­del in der Gegenwart Gottes nennen, wiewohl doch auch jene Übung diesen Wandel noch nicht allein ausmacht. Selig ist der, der es aus Erfahrung weiß!

Die sechs armen Geister bewillkommneten sich also anfangs gar freundlich, aber bald, nachdem einer in des andern Seele gelesen hatte, fuhren sie wild auseinander, dann standen sie, jeder allein, in einsamer Feme, und es schien mir, als wenn sie sich anstrengten, sich selbst zu verbergen; es kam mir vor, als wenn sie sich maskierten. - Nun näherten sie sich wieder einander, aber jeder durchschaute die Maske eines jeden, und so wur­den sie sich alle untereinander unausstehlich, klein und ver­ächtlich. Jeder floh wieder aus Scham in die Ferne, und nun stan­den sie und schienen sich zu bedenken, was denn nun bei diesen traurigen Umständen zu tun sei. Bald fing einer von ihnen an, mit seiner Imagination um sich her ins Chaos zu wirken, seine Einbildung wurde verwirklicht, und nun sah man eine Menge römische Altertümer mitten in angenehmen Lustgefilden, dies freute sie alle, jeder nahte sich und ergötzte sich an dem Anblick, doch kam keiner dem andern so nahe, daß er in seiner Seele lesen konnte. Bald imaginierte ein anderer, und siehe da, die ganze Herrlichkeit des ersten verschwand, und an deren Stelle stand nun eine paradiesische Gegend da, im englischen Gartenge­schmack, die wieder bezaubernd schön war. Allein der erste ergrimmte über die Zerstörung seiner Schöpfung und imaginierte stärker, und nun fingen auch die andern Viere an zu wirken, wo­durch dann eine solche unerträgliche Verwirrung entstand, daß alle sechs sich weit von einander entfernten, und dann jeder sich einen eigenen, von allen andern verschiedenen Wirkungskreis bildete, in welchem er sein Wesen für sich allein trieb. So hatte sich nun auch Gejon aus unserem Gesicht verloren, und wir waren nun wieder allein.

Ich. Sage mir, Siona, was wird nun aus diesen bejammerns­würdigen Geistern?

Siona. Du siehst, daß sie unmöglich in Gesellschaft leben kön­nen, so lange sie ihre Freiheit zu wirken behalten - und diese hatte ihnen die ewige Liebe eben deswegen vergönnt, um sie durch die Erfahrung zu überzeugen, wie elend und inkonsequent ihre so stolze Vernünftelei in ihrem Leben gewesen; - jetzt er­götzen sie sich nur eine Weile an ihren elenden Gewächsen; da sie aber kein Wesen ihrer Art hervorbringen können und dür­fen, so bleibt immer ihre Schöpfung leblos, und sie selbst sind einsam. - Wenn dann endlich der ganze Vorrat ihrer Vorstel­lungen erschöpft ist, so stehen sie da in ihrem unendlichen Hun­ger nackend und bloß, und nun ist es Zeit, daß der Herr sich ihrer erbarme und sie verdamme. Sie werden alsdann alle sechs zusammen in einen dunklen Behälter gebracht, wo jedem sein Gedächtnis und seine Vorstellungskraft, von der Geburt an bis an seinen Selbstmord vollkommen hergestellt, und in vollständige Selbsterinnerung gebracht wird, und zwar so, daß sie auch jeder andere vollständig erkennen muß. Dies ist nun die größte Qual für sie, die man sich denken kann. Jeder muß jeden im höchsten Grade verabscheuen und verachten, und eines jeden Grundtrieb ist denn doch unbändiger und empörender Stolz, und dessen allem ungeachtet sind sie ewig mit unauslös­lichen Fesseln aneinander geschmiedet.

Ich. Fürchterlich! Fürchterlich! Ach Gott, wie wichtig ist wahre Demut und Reinheit des Herzens!

Siona. Davon kann man hier überzeugt werden! Aber komm, ich muß dich noch an einen andern merkwürdigen Ort führen.

Wir schwebten wie im nächtlichen Traumgesicht, leicht zwi­schen alten Ruinen hin, und kamen im dämmernden Dunkel immer weiter, bis endlich die Gasse, in der wir waren, sich oben zuwölbte, und wir uns nun in einem langen Gang befanden; hier sah ich ein fürchterliches Schauspiel; an der einen Seite, längs der Wand hin, stand eine Reihe Selbstmörder gleichsam ange­fesselt; sie konnten sich nicht von der Stelle bewegen, und ge­genüber an der andern Seite standen eben so viele Ungeheuer, deren schreckliche und durchaus höllische Gestalt über alle Be­schreibung geht. Jedes Ungeheuer bestand aus einer unzählbaren Menge scheußlicher Würmer, die alle so sonderbar miteinan­der verschlungen und verbunden waren, daß daraus dann eine drachenähnliche Figur entstand, die man sich nicht schrecklich genug vorstellen kann. Alle diese gräßlichen Figuren standen auf der Lauer, jede beobachtete ihren gegenüberstehenden Mann, und wenn sie in demselben mit ihren grüngelben, leuch­tenden Augen irgend eine gewisse Veränderung bemerkte, schoß sie wie eine Klapperschlange auf ihn zu und gab ihm einen Hieb, von welchem der arme Geist gleichsam wie in ein Nichts zusammenfuhr, und dann in den schrecklichsten Schmerzen zit­terte und bebte.

Ich. 0 Siona, wer sind diese? - Ich halte das Anschauen die­ses Jammers nicht aus; laß uns wegeilen, das ist entsetzlich!

Siona. Lieber Freund, diese Qualen sind die einzig möglichen Mittel, die armen Unglücklichen zu retten, wie du selbst begreifen wirst, wenn ich dir dies Trauerspiel erkläre. Diese Geister, die du da siehst, sind lauter Jünglinge, die sich durch ein gewisses geheimes Laster der Unzucht nach und nach ge­schwächt haben, dadurch endlich blödsinnig, dann schwermütig, und zuletzt Selbstmörder geworden sind. Diese Ungeheuer gegenüber sind ihre eigenen Kinder, die sie mit sich selbst gezeugt haben; sobald nun ein unkeuscher Gedanke in einem von diesen Geistern aufsteigt, so empfindet das zu ihm ge­hörende Ungeheuer gegenüber einen peinlichen Schmerz, da­durch wird es bewogen, einen Ausfall auf den Geist zu tun, und so oft dies geschieht, bekommt der Drache einen neuen Zuwachs von einem Wurm. Wenn sich aber ein solcher Geist mit guten Gedanken, besonders mit gläubigem Andenken und Beten zum Erlöser beschäftigt, so dorren allmählich die Würmer ab, das Ungeheuer wird schwächer, bis es endlich ganz vernichtet ist. Dann wird der Geist, der zu ihm gehört, hinüber ins Kinderreich gebracht, da unterrichtet und erzogen, bis er der Kinderseligkeit fähig wird.

Noch einmal führte mich Siona in den Gerichtssaal, um einem Schauspiele von ganz anderer Art zuzusehen: Mild, glänzend, nicht furchtbar, sah jetzt der richtende Engel aus, als ein hämi­scher, riesenähnlicher Diener des Todes einen Geist brachte, der durch seinen Dienst sich selbst getötet hatte. Mit höhnischem, aber schrecklichem Lachen (so wie Teufel lachen), brüllte er dem Richter entgegen: Da hast du wieder eine gar fromme Seele, die von ganzem Herzen an Christum geglaubt hat - mache sie nun selig, wenn du kannst!

Der Richter: Entwickle dich, Maria!

Jetzt sah ich sanfte Figuren im milden Schimmer emporstei­gen, die mir Siona folgendergestalt erklärte:

Die Seele, die nun Maria heißt, war das Weib eines sehr frommen und wohlhabenden Handwerksmannes; beide lebten sehr vergnügt und christlich zusammen, und erzogen auch ihre Kinder in der Furcht Gottes: beide bestrebten sich durch Wachen und Beten im Glauben, in der Liebe und in der Heiligung zu wach­sen, und waren im Vertrauen auf Gott und in der Hoffnung des ewigen Lebens, aus wahrer Gottes- und Menschenliebe sehr wohltätig. Endlich, nachdem die Kinder fast erwachsen und zum Teil versorgt waren, starb ihr Mann; dies ertrug sie nicht mit der völligen christlichen Gelassenheit, wie sie hätte tun sollen. Indessen hielt sie sich doch in ihrem Innersten fest an Gott, und wich nicht ab vom Weg zum Leben; aber die Schwermut über den Tod ihres Gatten bemeisterte sich doch eines Winkels in ihrem Herzen, und dies benutzte nun der Satansengel, der dort neben ihr steht. Er setzte sich in diesem dunklen Flecken fest und schoß feurige Pfeile der Versuchung in den oberen Teil ihres Gemüts: weil da aber nun der Schild des Glaubens fehlte, so drangen diese Pfeile tief ein. Der Geist wurde krank, und die arme Seele, fest überzeugt, sie habe die Sünde wider den heili­gen Geist begangen. Alle Gründe, die man dagegen anführte, halfen nichts, und ehe man sich' s versah, hatte sich das arme Weib eine Schere in das Herz gestoßen, so daß sie auf der Stelle starb. Jetzt meint nun ihr boshafter Mörder, der Satansengel dort, wunder, welch ein Meisterwerk er vollbracht habe, aber er wird bald mit Zittern und Beben ganz etwas anderes erfahren.

Kaum hatte Siona ihre Erzählung beendigt, als ein himmli­scher Glanz die Halle erleuchtete, in welchem ein anderer Engel in seiner ganzen Herrlichkeit erschien. Zu diesem sprach der Richter: Mein Bruder Zuriel! Hier kann ich nicht urteilen. Maria war mein Weib!

Zuriel. Maria, dir sind deine Sünden, auch die des Selbstmords vergeben. Du sollst selig sein, und im Reiche des Unterrichts kleine Kinderseelen zu Engeln erziehen!

Maria wurde verklärt und bekam die Gestalt eines Kinder­engels. Der Richterengel nahte sich ihr, und sprach: ich werde dich oft besuchen, Maria!

Sie. Werden wir nicht ewig vereinigt sein, wie wir so oft wünschten und hofften?

Er. Ein unbewachter Augenblick hat dich unfähig dazu gemacht; aber ich werde oft bei dir sein, und du wirst vollkommen zufrieden und selig sein; ich führe dich hinüber zum Ziel deines Daseins und du, Zuriel, vertritt meine Stelle, bis ich wieder komme!

Zuriel setzte sich auf den Thron des Richters, aber nun ver­wandelte sich sein himmlischer Lichtschimmer in die Glut einer Feuersbrunst, und mit dem ernsten Richterblick und der Stimme des Donners sprach er zu dem höhnenden Satansengel:

Benthemuthah, wie oft hat die Langmut des Welterlösers deine Greueltaten übersehen, und du achtetest nicht darauf, son­dern häuftest Sünde auf Sünde! - Mariens Mord hat dein Maß voll gemacht. Von nun an soll Bethjalel deine ewige Wohnung sein. Zieh nun das Kleid an, das dorthin schicklich ist, und entferne dich!

Unbeschreiblich schrecklich sind die Gestalten der ewigen Sünder; keine Phantasie malt sie aus. Benthemuthah ent­schwand der Halle, wie dereinst sein König nach der letzten Empörungsprobe. - Müde kehrte ich aus dem Geisterreiche zu dem Erdenleben zurück; aber mit neuen Vorsätzen zum Kampf gegen alle, auch die subtilsten Reize der Eigenheit, will ich mich rüsten. Mit unermüdeter Treue will ich wachen und unablässig im Gebet un1 Licht und Kraft ringen; denn die Entscheidung meines ewigen Schicksals nach dem Tode ist eine sehr ernste Sache.

Brüder und Schwestern, denket ja nicht, Gott sei der Vater der Menschen, Er könne seine Kinder nicht unglücklich machen. Erinnert euch, daß er nun in Christo Vater der Menschen ist. Ohne Christentum aber ist Er ein schrecklicher Richter; und das mit Recht; denn was verdient der, der eine solche Anstalt zur Seligkeit nicht achtet und das Blut der Versöhnung mit Füßen tritt. - In der Seligkeit sollen die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein. - Wahrlich. Wahrlich, in der Ver­dammnis auch!

Z w e i t e  S z e n e.

 

Der Sieg des Glaubens

 

Der Sieg des Glaubens.

 

Wenn man jetzt in einsamer Stille ernst und ruhig über den Gang des Christen in diesem Leben nachdenkt - ja wahrlich! Dann ist es kein Wunder, wenn einen Angst und Schwermut überfällt! - Allenthalben siegt die Vernunft mit ihrer sogenann­ten Aufklärung; der Glaube des Christen wird für erbarmungs­würdigen Aberglauben erklärt, und derjenige, der sich noch an ihn hält, gehört beinahe unter die Klasse der Verrückten, derer, die den Verstand verloren haben. Spricht und schreibt man auch liebreich und vernünftig von der Sache, und bittet die größten Meister in der Aufklärung um gründliche Widerlegung und Un­tersuchung, so wird man mit einem höhnischen Blick abgewiesen, oder man nimmt die gewöhnliche Rezensentenart an, und tadelt, ohne Gründe anzugeben, und damit ist es zu Ende.

Da harrt nun der Christ auf die hohe Entwicklung von oben - er harrt und fleht; aber es scheint, als wenn ihn Gott nicht mehr hörte: ja es scheint, als ob die Aufgeklärten recht hätten, und auf den Fall wäre er der Elendeste und Betrogenste unter den Menschen. Freilich, wenn man alle Gänge der Vorsehung beobachtet, wenn man mit Assaph ins Heiligtum geht, dann glaubt man gewiß, Fußtritte zu bemerken, die für Natur und Menschen zu tief eingedrückt zu sein scheinen; aber so ganz ge­wiß ist es dann doch auch noch nicht, ob nicht auch diese Vor­fälle natürlich, das ist, von der schaffenden Gottheit in den Plan der Welt eingewebt worden sind. - Diese und noch vielerlei ähnliche Gedanken dängen sich in unseren Zeiten so mancher rechtschaffenen, wahrheitssuchenden Seele unwillkürlich auf, und es ist wahrlich der Mühe wert, daß man alle möglichen Gründe aufsuche, um sie zu beruhigen und ihren schwachen Glauben zu stärken. Ich hoffe, folgende Szene, die mir Siona in einer feierlichen Stunde erzählte, soll viele wichtige Gründe dieser Art enthalten.

Ernst und tief anbetend stand Ameniel, der Engel der Wahr­heit auf einem Hügel im Reiche des Lichts, er schaute forschend in die weite Ferne, als ob er etwas erwartete, die ganze Fülle der Schönheit der ihn umkreisenden ewigen himmlischen Na­tur schien keinen Eindruck auf ihn zu machen; er schaute ins Weite, so wie ein Feldherr, wenn er dem Ausgang eines wichtigen Kampfes seiner Kriegsvölker zuschaut, und noch nicht recht sieht, wo es hinaus will.

Adoniel, einer von den vertrautesten Dienern des Herrn, der ehemals nach der schweren Versuchung in der Wüste, und beson­ders auch in Gethsemane, Himmelsstärkung gebracht hatte, zog von weitem auf seinem goldenen, mit purpurnen Strahlen um­kreisten Wolkenwagen einher, es schien, als ob er eine weite Reise vor hätte.

Sei mir gegrüßt, Bruder Ameniel sprach er im melodischen Rezitativ, so wie die Engel sprechen, als er ihm nahe kam.

Ameniel. Die Wonne der Seligkeit dir, Bruder Adoniel. Ist's dir erlaubt, mir zu entdecken, was die Absicht deiner vorhaben­den Reise ist?

Adoniel. Ich habe den Auftrag an dich, daß du mich begleiten sollst; du stehest und sinnest nach über die traurige Lage des Christentums; du siehst, wie der Glaube erlöscht und dies macht dich ernsthaft und nachdenkend, und das mit Recht; aber komm mit mir, wir wollen einen großen Glaubenskämpfer von seiner sterblichen Hülle entkleiden, und ihn hierher ins Land des Schauens führen.

Ameniel. Wer ist der Glückliche?

Adoniel. Thamim ist hier sein Name; ich will dir seine Le­bensgeschichte erzählen. Thamim ist der Sohn frommer Eltern, die ihn in wahrer christlicher Ehrfurcht erzogen, und dann dem geistlichen Stande widmeten; von der Wiege an entwickelten sich große Talente in ihm, und sein Hunger nach Wahrheit ging über alles. Vornehmlich war ihm Jesus Christus Ziel und Zweck seines Wollens und Wünschens: da er nun bei reiferen Jahren den Geist der Zeit näher kennen lernte und nun fand, mit wel­chen scheinbaren Gründen die Wahrheit von der Erlösung durch Christum und die göttliche Würde seiner Person bekämpft wurde, so machte er sich' s zur vollkommensten Pflicht, solche Gründe für jene unaussprechlich wichtige Wahrheit ausfindig zu machen, die schlechterdings durch keine menschliche Ver­nunft widerlegt werden konnten.

Indessen wurde er Prediger in einer großen Stadt; er verwal­tete sein Amt mit seltener Treue; nicht allein auf der Kanzel, sondern allenthalben, wo sich nur Gelegenheit darbot, zeugte er vom Gottmenschen Christus, und das Evangelium war immer die Quelle, woraus er schöpfte. Es gibt auf Erden kein Mittel zur Belehrung, dessen er sich nicht bediente, um seine Mitmenschen zu dem großen Ziele zu führen, das seine Seele erfüllte. Alle seine Schriften (und deren ist eine große Menge) haben unter allen Formen und Gestalten keinen anderen Zweck, als Jesum Christum den gekreuzigten, auferstandenen, und nun zur Rech­ten des Vaters sitzenden Fürsten des Lebens und der Herrlich­keit, zu bekennen, und Ihm wahre Verehrer zu werben, und das, was er lehrte, befolgte er auch treulich in seinem Leben und Wandel.

Indessen drückte denn doch der Geist der Zeit diesen großen Mann mit seinen blendenden Zweifeln: die Möglichkeit, zu irren, die jedem helldenkenden Menschen so einleuchtend wahr ist, machte ihn oft traurig, und in diesen Stunden der Dunkelheit drängten sich ihm immer die Vorstellungen dieser Möglich­keit in allerlei Larven auf. Ach, seufzte er dann, wie mancher große und edle Mann glaubt, seine Grundsätze seien unerschüt­terlich fest, und am Ende findet er denn doch oft, daß er geirrt habe. Großer Gott, wenn das auch mein Fall wäre - wie unaussprechlich unglücklich wäre ich dann! - Diese Stunden des Kampfes erzeugten endlich den festen Entschluß in ihm, nicht eher mit Beten, Ringen und Kämpfen nachzulassen, bis er durch sinnliche Erfahrungen von Jesu Christo und seiner Wahrheit vollkommen überzeugt wäre. Dieser Entschluß wankte nie; seine Augen und Ohren waren beständig gespannt, um ein sinnliches Zeichen vom Herrn zu ersehen und zu erforschen, aber er ersah und erforschte nichts. Im Gegenteil, er wurde oft durch seine Sinne getäuscht, und doch wankte sein Glaube nie, er wurde im Gegenteil immer fester und immer beständiger, und all sein Predigen, Lehren und Schreiben war nichts als Gebet und Glau­ben an Jesum Christum, den Sohn Gottes - das Bedingnis seines Glaubens wurde nie sinnlich erfüllt und doch wurde sein Glaube immer stärker.

Dazu kam nun noch eine ebenso starke Glaubensprobe; er teilte den Notleidenden mit, ohne zu rechnen, und ohne auf sein Vermögen Rücksicht zu nehmen. Durch andere Umstände und Mißgeschicke geriet er nach und nach in große Schulden, aber das hinderte ihn nicht, im festen Glauben und Vertrauen von dem, was er in Händen hatte, immer reichlich den Armen auf alle mögliche Weise zu helfen; indessen wurden seine Schul­den immer größer, und mit ihnen wuchs sein Vertrauen auf Gott.

Ameniel. Der Glaube dieses Mannes ist kühn und darf nicht nachgeahmt werden.

Adoniel. Du hast recht, himmlischer Bruder! - Es ist ein ewiges Grundgesetz für den Christen, daß er sich nie nach der Führung eines andern bilden darf, sondern er muß lauterlich auf den Herrn sehen, der jeden nach Maßgabe seines eigenen Charakters zum Ziele leitet. Da dies nun von vielen nicht be­obachtet wird, indem sie sich nach irgendeinem vorzüglich frommen Menschen modeln wollen, so geraten sie leicht auf Abwege und erleiden hernach Schiffbruch im Glauben. Thamim ist daher nicht Muster in der Materie des Glaubens; aber ein großes er­habenes Beispiel im Geist des Glaubens.

Endlich verfiel er in eine langwierige, höchst schmerzhafte Krankheit; an inneren geheimen Tröstungen fehlte es ihm nicht, sein Geist war ruhig und heiter, aber seine Vernunft sah denn doch keinen Schimmer von sinnlicher Gotteserfahrung, und zur Bezahlung seiner Schulden zeigte sich kein Ausweg, und doch wankte sein Glaube nicht, er bleibt fest und unbeweglich wie ein Fels.

Ameniel. Thamim ist ein großer Mann Gottes; wie groß wird nun seine Freude sein, wenn er sieht, wie herrlich der Ausgang seiner Glaubensprobe ist. Komm, wir wollen zu ihm eilen, ihn zu entbinden. Gelobet sei der Herr, der Erbarmer, der auch den kühnsten Glauben krönen will!

Ameniel stieg auf Adoniels Wolkenwagen; Mit der Geschwin­digkeit des Flügels der Morgenröte fuhren sie die Milchstraße hernieder, und ein langer goldener Lichtstreifen blieb hinter ihnen zurück. Bald sahen sie den Erdplaneten, diesen Schauplatz des Geheimnisses und der Erlösung, unter ihren Füßen hinrol­len, sie senkten sich seitwärts, hüllten sich in ihre Schleier und standen unbemerkt an Thamim’s Kampflager.

Der Engel des Todes stand dort gegenüber in sein Dunkel verhüllt, und harrte sehnlich auf den Wink, seine Sichel schwin­gen zu dürfen; der große Kämpfer arbeitete mühselig und sein ganzes Wesen war Gebet um Erbarmung. Endlich rückte der goldene Zeiger an seiner Lebensuhr auf den vom Herrn über Leben und Tod bestimmten Punkt; aus dem Allerheiligsten er­scholl die Stimme, Engeln nur hörbar: - "Sein Kampf sei voll­endet!" - Nun schwang der Todesengel seine Sichel und rief:

Sterbliche Hülle - werde Staub! Erlöste Seele, schwinge dich zum ewigen Urlicht! - Und Thamim entschlummerte.

Jetzt umarmten sich die drei Engel und jauchzten vor Wonne über den glücklich errungenen Sieg ihres irdischen Bruders, des­sen Seele sich nun sanft und ruhig aus ihrem Körper loswand; so, wie nach einem schweren Gewitter in der Nacht der Vollmond strahlend aus den finstern Wolken hervortritt und nun die betränten Fluren überglänzt, so stieg Licht aus der Leiche Thamim' s empor; und wie man aus einem nächtlichen, schweren, langwierigen und ängstlichen Traum erwacht, so erwachte jetzt Thamim zum ewigen Morgen, er staunte um sich her, er ahnte seinen Übergang und glänzte heller.

Adoniel. Willkommen, vollendeter Bruder! Du hast einen gu­ten Kampf gekämpft - du hast redlich Glauben behalten, fort­an ist dir nun auch die Krone der Gerechtigkeit zugeteilt; komm mit uns, sie zu empfangen.

Thamim. Wer seid ihr, strahlende Fürsten? Werde ich nicht durch meine Sinne getäuscht? Ist das nun wirkliche sinnliche Gotteserfahrung? O täuscht mich nicht! - Seid Engel Gottes, so wie ihr es zu sein scheint!

Adoniel. Du hast im Dunkeln geglaubt. - Du wirst nun doch im Lichte nicht zweifeln wollen? Komm und siehe!

Thamim. Verzeiht mir, ihr Himmelsbürger! Ja, ich fühle in meinem ganzen Dasein, daß ich selig bin. - Nein, das ist keine Täuschung, mein Selbstbewußtsein ist größer und wahrer als jemals. Ach, ich fange an mit vollen Atemzügen aus der unversiegbaren Quelle der Seligkeit zu trinken; lehrt mich eine Sprache, womit ich meine Empfindungen ausdrücken kann!

Adoniel. Deine Empfindungen und Vorstellungen sind die Sprache der vollendeten Gerechten, wir verstehen dich ganz.

Thamim. Aber wer tilgt meine Schulden? - Wer versorgt meine lieben Verlassenen? - Ich habe auf den Herrn mein Ver­trauen gesetzt bis zum Tode, und traue ihm auch jetzt noch fest; wird nun auch dies Vertrauen gekrönt werden?

Adoniel. Es ist gekrönt: der Engel, der die Pläne der Vor­sehung ausführt, wirkt in der Nähe und Ferne, er bildet Werk­zeuge zur vollständigen Rettung, die deine kühnsten Erwartun­gen übertrifft.

Thamim. Gelobt sei der Herr, der meinen irrenden Glauben nicht beschämt hat! - Jetzt fange ich an zu erkennen, wo ich ge­fehlt habe; der Herr, der Sündentilger, wird mir diesen Irrtum nicht zurechnen; aber wenn er mit mir rechten wollte, ich würde auf Tausend nicht Eins antworten!

Adoniel. Du bist rein durch die Erlösung, von Sünden ist hier keine Rede mehr. Komm zu unseres Herrn Freude!

Auch der Todesengel lächelte Thamim selige Freude zu; dann aber hüllte er sich wieder in seine Trauerwolke, die der Herr aus den Tränen der Reue Adam’s und Even's schuf, nachdem sie ge­fallen und aus dem Paradies vertrieben waren. Der Ernteengel ging hin, einen großen Mann mit Gewalt aus seiner Bahn zu reißen, damit er sich nicht zum Abgrund verirren möchte.

Ameniel. Komm erst in meine Arme, mein Bruder! Ich fing durch die Kraft des Herrn das achtzehnte Jahrhundert auf der Erde so an, wie du es endigst.

Thamim. Bist du denn auch einer von Adam's Nachkommen?

Ameniel. Ich bin August Hermann Franke!

Thamim (im vollen Jubel der Umarmung). Möchten wir beide ewig beisammen leben und wirken können!

Ameniel. Das wird geschehen; denn im Reich der Herrlichkeit, so wie in allen Himmeln, werden die Seelen zusammengeordnet, die sich ihrer Führung und ihrem Charakter nach ähnlich sind.

Adoniel. Kommt, Brüder, wir müssen weiter, - der Herr winkt zu andern Geschäften.

Die drei seligen Brüder des Reiches Gottes schwangen sich nun empor, aber sie hatten Befehl, ihren neuen Bruder Thamim durch den Hades zu führen. Bei dem Eintritt in diese dunkle, schwei­gende Wüste, und bei dem Anblick der Scharen abgeschiedener Geister, die dort vor dem Morgengebirge gruppenweise umherwandelten, staunte Thamim und sagte: Meine Ahnungen haben mich also nicht getäuscht. Dürfen wir hier nicht ein wenig ver­weilen? Ich möchte gern das Geschäft der Heiligen, die die Men­schen richten, näher kennen lernen.

Adoniel. Darum wirst du hierher geführt, mein Bruder! Indem sie noch redeten, kam der Engel Malachiel über das Gebirge einher, er schwebte hoch auf seiner Wolke, deren Saum das Licht der Ewigkeit vergoldete - dann senkte er sich herab in die Schatten des Hades, und die Wolke glänzte sanft wie pur­purnes Abendrot; so wie er daher zog, teilten sich die Scharen in weitem Kreis, und harrten staunend, wen jetzt das Gericht treffen würde. Jetzt rief Malachiel mit einer Donnerstimme: Aluabon komm vor Gericht! -

Alsbald erschien ein sehr ansehnlicher Mann, der mit Zuver­sicht hervortrat und sich so dahinstellte, als einer, der die strengste Prüfung bestehen kann; eine große Menge abgeschie­dener Seelen nahte sich, und sie schlossen einen weiten Kreis um Aluabon und seinen Richter, denn er war in Seinem Leben ein sehr gelehrter und auch wegen seines tugendhaften Wandels und vieler lehrreichen Schriften sehr berühmter und allgemein hochgeschätzter Mann gewesen, folglich war jeder neugierig, was für ein Schicksal auf ihn warte.

Malachiel. Aluabon, du warst ein ansehnlicher Lehrer der christlichen Religion; dir war viel anvertraut, ich bin gesandt, Rechenschaft von dir zu fordern, wie du dein Amt verwaltet hast. - Nun bekenne aufrichtig, was war nach deinem Begriff der Zweck der Sendung Jesu Christi?

Aluabon. Die Menschheit reine und wahre Tugend zu lehren und von allen Banden des Aberglaubens und der Schwärmerei frei zu machen.

Malachiel. Ist denn vor Christo reine und wahre Tugend nicht gelehrt worden?

Aluabon. Ja, aber nicht so vollständig und als das eigentliche Augenmerk der Bestimmung des Menschen.

Malachiel. Hättest du das alte Testament einer gründlichen und unparteiischen Betrachtung gewürdigt, so würdest du allent­halben gefunden haben, daß das, was du reine und wahre Tu­gend nennest, Ziel und Zweck aller Anstalten des levitischen Gottesdienstes gewesen, und überall auch so gelehrt worden sei. Christus hat auch keine einzige Sittenregel zuerst vorgetragen, alle waren schon vorher bekannt.

Aluabon. Verzeihe mir, du Himmlischer. - Darauf habe ich nie meine Aufmerksamkeit gerichtet; indessen ist das wahr, was du sagst. Aber das jüdische Volk achtete doch nicht auf die sittlichen Gesetze, sondern es hing bloß an den äußeren Zeremonien, und war ganz im Aberglauben versunken; deswegen kam nun Christus, um sein Volk und die gesamte Menschheit die wahren Pflichten gegen Gott und den Nächsten zu lehren und sie vom Aberglauben und dem mühseligen Opferdienst zu befreien.

Malachiel. Das sagst du - hat das aber auch Christus als den wahren Zweck seiner Sendung bestimmt? - Im Gegenteil be­hauptet er, er sei der wahre Sohn Gottes, er sei vor Grundlegung der Welt schon in Herrlichkeit bei dem Vater gewesen, und bezeugt, er werde nach seinem Leiden und Sterben wieder aufer­stehen, in den Himmel fahren, zur Rechten der Majestät Gottes sitzen und wieder kommen, um die Lebendigen und die Toten zu richten. Er behauptet, das Recht zu haben, Sünden zu ver­geben, und vom Tode zu erwecken, wen er wolle. Er gibt seine Menschwerdung, sein Leiden und Sterben als das einzige Mit­tel an, die Menschheit selig zu machen von ihren Sünden, und setzt fest, daß dies der eigentliche Zweck seiner Sendung, und daß die Beobachtung seiner Lehre das Kennzeichen der Wieder­geburt und der Erlösung sei; daß er gekommen sei, dem Teufel seine Macht zu nehmen und seine Werke zu zerstören: zum Be­weis dessen trieb er die bösen Geister aus den Besessenen. Ihm wurde zu Zeiten göttliche Ehre erzeigt, und Er nahm diese Ehre an und billigte jene Anbetung; jetzt sage mir aufrichtig, wie du alles ansiehst?

Aluabon. Christus mußte sich nach den Begriffen und Vor­urteilen der Juden richten, wenn er seinen Zweck erreichen wollte. Sie hingen fest an ihrem Opferdienste; um sie davon los zu machen, gab er seinen künftigen Tod als ein Opfer an. Weil das Volk einen Messias, einen Befreier von aller Dienstbarkeit erwartete, so gab er sich für diesen Messias aus. Um sich An­sehen zu verschaffen, nahm er göttliche Ehre an, und ebenso richtete er sich auch in Ansehung des Satans nach den Begriffen des Volks, und bediente sich auch in seiner Lehrart der erhabenen orientalischen Bilder, und dies alles, bloß um Nutzen zu stiften.

Malachiel. Aluabon, merke wohl auf das, was ich dir jetzt sagen will. - Gesetzt, ein helldenkender Mann nehme sich vor, ein Volk, das noch im Finstern wandelt, voller Vorurteile und Aberglauben ist, zu erleuchten, oder nach deiner Sprache, aufzuklären; ich will dir ein Land zum Beispiel geben, das noch im finstersten Papsttum lebt. - Hier finge nun dieser Mann damit an, zu lehren, er sei gekommen, um für das Volk zu sterben, dann würden sie keiner Messe mehr bedürfen. Um seine Lehre zu bestätigen, bezöge er sich immer auf die lügenhaften Legen­den der sogenannten Heiligen, dann klärte er die Leute keines­wegs über den Aberglauben der Zauberei und des Geistersehens auf, sondern er heilte sogar häufig sogenannte bezauberte Per­sonen, und bezeugte, daß Hexerei, Bündnisse mit dem Satan und dergleichen, möglich seien. Ich will ferner den Fall stellen, eine solche Nation habe stolze, hochtrabende Redensarten und Aus­drücke, und dieser Reformator bediente sich derselben ebenfalls -- sage mir, Aluabon sage mir, was würdest du von diesem Menschen urteilen? - Sagt dir nicht dein innerstes Wahrheits­gefühl, daß ein solcher schamloser, abscheulicher Betrüger ver­diene, aus der menschlichen Gesellschaft vertilgt zu werden? ­Spricht nicht dein Gewissen laut in dir, daß du Jesum Christum, den Herrn der Herrlichkeit, deiner Überzeugung gemäß, still­schweigend, für solch einen Bösewicht erklärt hast? Hast du nicht Begriffe in die dir zum Unterricht anvertraute Jugend ge­legt, aus denen bald diese schreckliche Lästerung notwendig ent­stehen muß? - Und nun, - was hat dich bewogen, so zu glauben und so zu lehren?

Aluabon. Ach, furchtbarer Richter, von dieser Seite habe ich die Sache nie angesehen; die Philosophie, und überhaupt die Ge­lehrsamkeit stellten mir die buchstäblichen Lehren des Evange­liums so dumm und läppisch vor, daß ich mich ihrer schämte, und um doch Amt und Brot nicht zu verlieren, bequemte ich mich zu den Mitteln, deren man sich jetzt allgemein bedient, indem man die natürliche Religion Christentum nennt und die Bibel auch so erklärt.

Malachiel. Hast du in der ganzen Natur noch keine Beispiele angetroffen, wo die stärkste menschliche Vernunft Dinge für dumm und läppisch erklärte, die sie nachher als große und wich­tige Wahrheiten erkannte?

Aluabon. O ja, leider!

Malachiel. Fiel dir das denn nie in der allerwichtigsten Ange­legenheit der ganzen Menschheit ein?

Aluabon. Ach Gott, der Gedanke stieg mir wohl zu Zeiten auf, aber er zerstörte meine Ruhe und so zerstreute ich ihn wie­der durch andere Gegenstände.

Malachiel. Siehst du, wie du die Winke der züchtigenden Gnade verscherzt hast! - Jetzt wirst du nun mit Scham und Reue sinnlich erfahren, daß Jesus Christus die reine heilige Wahrheit gelehrt hat, und daß alles, was Er und seine Apostel gesagt haben, nach dem einfältigen Wortverstande müsse ge­glaubt und erklärt werden.

Aluabon. Ich sehe ein mit Entsetzen und unaussprechlicher Wehmut, wie sehr ich geirrt, und wie schwer ich gesündigt habe; gibt es aber nun kein Mittel mehr zu meiner Erlösung?

Malachiel. Die Erfahrung muß dich nun belehren, ob die schweren Leiden der jammervollen Ewigkeit vermögend sind, deine Ichheit in wahre Gottes- und Menschenliebe zu verwan­deln, und dich so zur Himmelsbürgerschaft geschickt zu machen; denn wahrlich, wahrlich, die große Erkenntnis der Wahrheit macht niemand selig. Fahre hin zu Deinesgleichen! - Dein eige­ner Zug wird dich führen, wohin du gehörst!

Adoniel. Bruder Thamim, kennst du diesen armen unglücklichen Geist?

Thamim. Es war mir so, als ob ich ihn kennte, allein ich konnte mich seiner nicht erinnern.

Adoniel. Es war Philofrast, den du wohl gekannt, wegen sei­nes großen Genies und seiner bürgerlichen Rechtschaffenheit so hoch geschätzt und geliebt hast, ob du gleich seine Grundsätze nicht billigtest. Du mußtest sein Urteil anhören, um dich zu überzeugen, daß man solche Männer nicht durch Beifall und Freundschaft in ihrem falschen System bestärken und sicher machen dürfe. Der Christ ist liebreich und dienstfertig gegen alle Menschen, auch gegen die Feinde, aber er muß sich hüten, durch vorzügliche Freundschaft mit am Joch der Ungläubigen zu ziehen.

Thamim. Ich fühle mit tiefer Beschämung, wie sehr ich da ge­fehlt habe. Es lag in meiner Seele ein tief verborgener, mir nicht hell genug einleuchtender Zug der Eigenliebe; ich wollte es nicht gern mit den großen, allgemein geschätzten Männern ver­derben, um der Schmach, Christi zu entgehen, und ich Armer täuschte mich mit dem Trugschluß, es geschehe bloß, um auch auf die großen Modemänner desto besser wirken zu können! Wie betrügerisch ist das menschliche Herz! - Der Herr verzeihe mir auch diesen, ehemals verborgenen Fehler!

Adoniel. Er ist dir längst um des Todes des Herrn willen, so wie alle deine Sünden verziehen, denn du hast doch öffentlich und laut gegen die Irrtümer dieser Zeit, folglich auch dieses Mannes, gezeugt. Aber siehe, Malachiel setzt sein Richteramt fort.

Malachiel’s Stimme tönte wieder: Jedidjah, nahe dich mir! ­Tief gebeugt, mit Wehmut belastet, schwebte eine soeben im Hades angekommene Seele herzu. - Sie stand da wie ein armer Sünder, dem sein Todesurteil gesprochen werden soll.

Malachiel. Sage mir doch, Jedidjah, warum stehst du so schwermütig vor mir? - Drückt dich noch die Last deiner Sünden?

Jedidjah. Ich darf meinen Mund nicht auftun vor dem Herrn. Er kennt mein Herz, und ich weiß, daß sein Gericht immer ge­recht ist; sein Wille geschehe an mir in Zeit und Ewigkeit.

Malachiel. Enthülle die Rolle deines Lebens!

Wie ein Wanderer, der in grausender Einöde zwischen him­melhohen einsturzdrohenden Felsen einhersteigt und den gewissen Tod vor den Augen zu sehen wähnt, nunmehr aber auf einmal in ein herrliches Luftgefilde tritt und seine Heimat in der Nähe sieht; so erschien jetzt Jedidjah in dem Glanze sei­nes Lebensgemäldes, und Thamim wurde vor freudigem Erstaunen wie emporgehoben, als er in ihm seinen Freund den großen Dulder Arnfried erkannte; seine Geschichte ist kurz folgende:

Arnfried, nunmehr Jedidjah, war der Sohn reicher Eltern, die ihm in seiner Jugend einen Hofmeister hielten, der ihn in allerlei nützlichen Wissenschaften und auch in Kenntnissen der christlichen Religion unterrichtete, doch so, daß das Herz daran wenigen oder gar keinen Anteil nahm. Er wuchs also als ein bürgerlich gesitteter und wohlerzogener Jüngling auf und bezog die hohe Schule, auf welcher er zum Arzt gebildet werden sollte, weil seine Neigung vorzüglich auf Naturkunde ging. Hier war seine Aufführung untadelhaft und er verwendete Geld und Kräfte zweckmäßig. Ungeachtet er nie Gefallen an rohen und wilden Zusammenkünften der Studenten hatte, so wurde er doch einstmals verleitet, einem sogenannten Klub beizuwohnen, in welchem es recht ordentlich und gesittet hergehen sollte. Arnfried fand sich also des Abends daselbst ein. Man war lustig, man trank eine Flasche Punsch nach der andern, bis endlich die Köpfe erhitzt waren, und nun kam es zum Disputieren über nichtsbedeutende Gegenstände. Einer unter dieser Gesellschaft hatte aber seine besondere Freude an gewagten und vermessenen Ausfällen auf die Religion. Er suchte eine gewisse Größe des Geistes im Lästern, und da er nun anfing, berauscht zu werden, so hielt seine Zunge kein Maß und Ziel mehr, er schäumte Worte der Höllen gegen den Erlöser aus. Ein Teil der Gesellschaft lachte darüber, ein anderer schwieg, und einige bezeugten ihr Mißfal­len, unter diese gehörte auch Arnfried. Endlich trat einer gegen ihn auf, und befahl ihm ernstlich zu schweigen. - Der Lästerer nahm das übel, es kam zum Herausfordern, und auf der Stelle zum Duellieren, wo dann der wütende Mensch tödlich verwundet wurde; er lebte noch zwei Stunden, sein Ende war fürchterlich und schrecklich, er tobte der Ewigkeit entgegen, und fuhr mit Fluchen hin ins ewige Verderben.

Die ganze Gesellschaft war darnieder gedonnert. Der Täter ergriff die Flucht und ging nach Amerika, wo er im Krieg ge­blieben ist.

Diese Geschichte machte den tiefsten und beharrlichsten Ein­druck auf Arnfried. Die Welt ward ihm zu enge, und auf der Universität war nun seines Bleibens nicht mehr; er schrieb seinen Eltern den ganzen Vorfall, und bat sie aufs wehmütigste, sie möchten ihm doch erlauben, die Handlung zu lernen. Seine Bitte wurde endlich erhört, und er fand Gelegenheit, auf ein ansehn­liches Kontor zu kommen. Hier kam ihm nun die erbannende Vaterliebe in Christo entgegen; denn einer von den Handlungs­gehilfen war ein wahrer Christ, dieser suchte auf den Grund seiner Schwermut zu kommen, und erfuhr ihn auch bald. Eigent­lich hatte sich in jener fürchterlichen Stunde die Idee bei Arn­fried festgesetzt, der Mensch könne seinem Schicksal nicht ent­gehen; wer also zum Unglück bestimmt sei, werde unglücklich, er möge tun, was er wolle. Der arme Mensch war also in die Fesseln des Determinismus geraten, und wer diesen schrecklichen Tyrannen kennt, der weiß, wie schwer es ist, seiner los zu werden.

Indessen gelang es doch dem frommen Freund, ihn eines Bes­seren zu belehren. Arnfried geriet in einen wohltätigen Buß­kampf; er wurde gründlich erweckt und empfing in seinem In­nersten die Versicherung, daß ihm seine Sünden vergeben seien. Bei dem allem aber blieb eine geheime Schwermut in seiner Seele, von der er sich nie befreien konnte, und die ihm zum Feuer einer siebenfachen Läuterung dienen mußte. Eben diese Schwermut war auch die Ursache, daß er mit sehr vielen from­men und erleuchteten Männern, und also auch mit Thamim be­kannt wurde, weil er bei ihnen Rat für seine Seelenkrankheit suchte.

Mit der Zeit kam es auch dazu, daß er selbst eine eigene Hand­lung errichtete; er heiratete eine sehr fromme und bemittelte Jungfrau, die ihn so glücklich machte, als man es nur immer durch den Ehestand werden kann. Mit dieser lebte er einige Jahre gleichsam in den Vorhöfen des Himmels, sie erbauten und er­weckten sich wechselweise, aber mitten im Genuß der Glück­seligkeit riß der Engel des Todes dies süße Band entzwei, denn als Arnfried an einem Abend mit seiner Frau über einen breiten Fluß fahren mußte und ein Sturm entstand, so schlug das Boot um, er wurde gerettet, und sie wurde nie wieder gefunden. Be­täubt und erstarrt kam Arnfried in seine Wohnung zurück, er tat, was er in seiner Lage tun mußte, er warf sich wie ein Schlachtopfer hin zu den Füßen des Herrn, und hörte nicht auf zu beten, zu ringen und zu kämpfen, bis er mit tiefer Seelenruhe und von Grund seines Herzens sagen konnte: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei ge­lobet und mein Wille seinem allein guten Willen ewig aufge­opfert!

Arnfried hatte keine Kinder und sein Vermögen war beträcht­lich; aber die Handlungsgeschäfte fingen nun an, ihm beschwer­lich zu werden; er flehte daher zu Gott um Aufschluß über seinen künftigen Wirkungskreis. Sein Flehen wurde auch erhört, aber wie gewöhnlich auf eine ganz unerwartete Weise; denn in we­niger als zwei Jahren wurde er von allen zeitlichen Gütern gänz­lich entblößt. Bankerotte ansehnlicher Häuser, denen er ge­traut hatte, und andere kaum denkbare Unglücksfälle nahmen ihm beinahe alles weg, und was er noch erübrigte, reichte kaum hin, um seine eigenen Schulden zu bezahlen. Dies alles überfiel ihn in kurzer Zeit, gleichsam Schlag auf Schlag, und jetzt war wiederum kein anderer Rat für ihn übrig, als sich dem Willen Gottes aufzuopfern. Er tat dieses großmütig und redlich; und warf sich nun mit völliger Verzichtung seines eigenen Wollens und Begehrens in die Vaterarme Gottes.

Jetzt war Arnfried arm, ohne Brot und ohne Beruf; er sah auch gar keinen Ausweg vor sich, und doch traute er der Vor­sehung, ohne zu wanken; indessen mußte er doch auch das seinige tun, und Gelegenheit suchen, unterzukommen. Gern hätte er sich wieder in Handlungsdienste begeben, aber jeder­mann scheute sich und schämte sich, einen so angesehenen Mann in Dienste zu nehmen; er beschloß daher, in eine entfernte Ge­gend zu gehen und da jeden ehrlichen Broterwerb anzunehmen, den ihm der Herr anweisen würde. Durch eine gnädige Fügung des himmlischen Vaters kam er in die Nähe der Stadt, in wel­cher Thamim Prediger war, durch dessen Mitwirkung er in einer ansehnlichen Fabrik als Werkmeister angestellt wurde. Hier lebte und wirkte er nun eine geraume Zeit ruhig und wohl­tätig; allein dies war nur Stärkung zu noch größeren Leiden; es gefiel dem Herrn, ihn mit einer langwierigen und schmerzhaften Krankheit zu belegen, womit seine innere Schwermut und sein Seelenleiden immer verbunden blieb. Da er nun in diesem Zu­stande seinem Geschäft nicht gehörig vorstehen konnte, so wurde er verabschiedet, und es hatte nun das Ansehen, daß er wohl sein Brot vor den Türen werde suchen müssen. Allein dazu ließ es sein himmlischer Führer nicht kommen. Thamim brachte es dahin, daß er als Lehrer in einem Waisenhause angestellt wurde, wo er unbeschreiblich nützlich auf die armen Kinder wirkte und sie dem großen Kinderfreunde zuführte. Zum Un­glück war aber der Prediger dieses Waisenhauses ein Neuling, der unter der Inspektion des vorhin verurteilten Aluabon' s stand. Dieser Prediger hielt nun den guten Arnfried für einen Schwärmer, und glaubte, er verführe die Waisenkinder zu einem ängstlichen Aberglauben, daher arbeitete er insgeheim an seiner Entlassung, worin ihn Aluabon so kräftig unterstützte, daß die Sache bald ausgeführt wurde, und Arnfried ohne Brot war.

Arnfried blieb aber auch jetzt nicht untätig; Thamim brachte es bei verschiedenen wohlhabenden Freunden dahin, daß ihm jährlich eine hinlängliche Summe ausgesetzt wurde, mit welcher er ohne Sorgen leben konnte; nun schrieb er allerhand kleine Erbauungsbücher und schaffte auf allerhand Weise vielen Nutzen, bis ihn endlich der Engel des Todes, an dem nämlichen Tage, an welchem auch Thamim starb, von seinen Banden erlöste.

Nun stand Arnfried (Jedidjah) vor seinem Richter, er schim­merte wie der Morgenstern am anbrechenden Tage, wenn Läm­merwolken mit vergoldeten, purpurnen Säumen langsam unter ihm herwallen.

Malachiel. Jedidjah! Das Blut der Erlösung hat seine volle Wirkung an dir getan - komm zum Erbteil der Heiligen im Licht. Willkommen Thamim! - Ihr himmlischen Brüder, führt diesen vollendeten Gerechten zu mir; er und sein Freund Jedid­jah sollen ewig zusammen wohnen und wirken. Der Ewige wird ihnen große Dinge anvertrauen; kommt zum Reiche der Herr­lichkeit!

Adoniel, Ameniel, Thamim und Jedidjah stiegen auf Mala­chiel’s Wolkenwagen und erhoben sich mit ihm in die Höhe des ewigen Morgens. Unaussprechliche Wonne der Seligkeit durch­strömte Jedidjah; er schwieg und feierte, und Thamim verherr­lichte den Erhabenen, den Gottmenschen Immanuel, mit neuer himmlischer Zunge. Beide Freunde schlossen sich schweigend in ihre Arme, und schauten mit staunenden Blicken in die un­endlichen und strahlenden Gefilde der himmlischen Reiche, deren Herrlichkeit kein irdischer Verstand zu fassen vermag.

Bald sahen sie von ferne weit und breit die Stadt Gottes glänzen, und hinter ihr erhob sich der Berg Zion mit dem Tem­pel der Ewigkeit. Malachiel nahm den Zug seitwärts und führte seine Begleiter in die Nähe der Stadt auf einen erhabenen Hügel. von welchem man die durchsichtigen goldenen Gassen und durch die Perlentore in unabsehbarer Länge durchschauen konnte. Hier stand nun ein Palast, der wie Topas glänzte, wenn er schön ge­schliffen auf Gold gelegt wird, er strahlte prächtig im Glanze des ewigen Lichts, und hier kehrte Malachiel ein. Hier gingen sie nun durch einen langen Säulengang von diamantenem Schimmer in allen Farben des Regenbogens und kamen bald in einen großen Saal, wo Thamim verschiedene seiner frommen Vorfah­ren fand, die ihn himmlisch bewillkommten, so wie man' s irdisch nicht erzählen kann; auch Jedidjah fand da einige seiner Freunde.

Auf einmal glänzte die Herrlichkeit des Herrn durch den Saal hin, und Jesus Christus, der König des Himmels und der Erde stand da, und mit dem Ton, der Tote ins Leben ruft, mit der Stimme der ewigen Liebe sprach Er: Thamim und Jedidjah! Hier ist eure ewige Wohnung - und euer Geschäft soll sein, zur Seligkeit der Heiden zu wirken. Malachiel wird euch unter­richten.

Dank und Anbetung war jetzt jedes Wesen, der Herr ent­fernte sich, und nun erfuhr Thamim mit Entzücken, daß Mala­chiel der Bischof der Brüdergemeinde, der selige Spangenberg war. Beide umarmten sich und begannen ihren neuen Wirkungs­kreis, dessen Geschichte erst in jenem Leben erzählt werden kann.

 

D r i t t e   S z e n e.

 

Lohn der Treue

 

Ermüdet von mancherlei Berufsgeschäften, suchte ich auf meinem Spaziergang einsame Gegenden. Ich geriet endlich in einen Buchenwald, wo ich unter dem dämmernden grünen Gewölbe in Gedanken vertieft, den wunderbaren Wegen nachdachte, auf denen die ewige Liebe die Menschen zu ihrem großen Ziele zu führen pflegt. Die langwierigen Leiden, die ich an mir und anderen von jeher erfahren, und deren endlicher Ausgang dem sterblichen Auge ins Dunkel der Zukunft verhüllt ist, mach­ten mich schwermütig. Ich geriet, wie gewöhnlich, in flehendes Sehnen nach Licht, und bat Siona, die mich immer ungesehen umschwebt, wenn ich die Reinigung des Herzens bewahre, um Unterricht. Bald bemerkte ich das sanfte Lispeln ihrer holden Stimme, ich horchte ihren süßen Lehren zu, sie sprach:

Erhebe deine Seele aus dem schwülen Dunstkreise des Erdenlebens, der weder zum Sehen noch zum Hören der himmlischen Wahrheit geschickt ist. Reinige und öffne dein Ohr, ich will dir den Lohn ausharrender Treue erzählen.

Warnfried war der Sohn eines braven Handwerksmannes; auch er lernte das Leinenweberhandwerk und heiratete dann ein frommes Mädchen, das ein Haus und ein kleines Gütchen hatte. Beide jungen Leute fingen ihren Ehestand recht christlich an, und dienten Gott mit aufrichtigem Herzen. Im Anfange schien es auch, als ob sie Gott im Irdischen segnen würde; allein bald zeigte sich das Gegenteil. Die guten Menschen konnten sich bei all ihrem Fleiß kaum die Notdurft erwerben, und endlich wurde ihre Wohnung unvermutet ein Raub der Flammen.

Warnfried fand nun, daß man ihm kaum so viel Geld auf sein kleines Gütchen leihen würde, als notwendig wäre, eine notdürftige Hütte zu bauen, er behalf sich also in einem armseligen Hüttchen, welches er von Brettern zusammensetzte. Er und Kunigunde, seine treue Gattin, waren auch so zufrieden; sie dienten ihrem Gotte und Erlöser treu und aufrichtig, arbeiteten mit allem Fleiß und mit aller Treue, und setzten ihre Hoffnung auf das große Ziel des Christen. Nun verfiel aber auch der gute Mann in eine schwere und langwierige Krankheit. Kunigunde blieb standhaft im Glauben und Vertrauen auf Gott, sie verdop­pelte ihren Fleiß, verpflegte ihren Mann und drei kleine Kinder mit unübertrefflicher Treue, und man hörte nie einen Laut der Ungeduld oder des Zagens von ihr. Indessen ging denn doch alles hinter sich, das Gütchen wurde verschuldet, und es schien, als wenn der Konkurs unvermeidlich wäre. Doch dazu kam es nicht, Warnfried fand Gelegenheit, es teuer zu verkaufen, daß er seine Schulden vollkomn1en bezahlen konnte und noch etwas übrig behielt.

Jetzt waren aber die guten Leute ohne Mittel, ihr Brot zu erwerben; sie flehten um Hilfe und diese erschien. Ein reicher Mann nahm sich ihrer an, er verpachtete ihnen ein sehr schönes Gut unter sehr billigen Bedingungen; sie zogen dahin und wirtschafteten mit aller Vorsicht und mit größtem Fleiß, so daß sie im Zeitlichen vorwärts zu kommen schienen.

Allein bald zeigte sich eine neue Prüfung, - die weit schärfer war als alle vorhergehenden. Der Gutsherr war ein Wollüstling. Er suchte die junge schöne Kunigunde zu Fall zu bringen; er stellte ihr auf alle mögliche Weise nach; sie widerstand ihm rit­terlich, und überwand auch hier. Da nun der Versucher sah, daß alle seine Mühe vergeblich war, so fing er an, die armen Leute auf die bitterste Weise zu verfolgen, so daß ihnen am Ende nichts anderes übrig blieb, als ihre Kinder an die Hand zu nehmen, im Namen Gottes und im Vertrauen auf Ihn in die weite Welt zu gehen, und dann zu erwarten, was ihr himmlischer Vater mit ihnen vornehmen würde. Sie brachten etwas weniges an Geld zusammen, verließen ihre bisherige Wohnung und ihr Vater­land, und pilgerten nach einer Gegend hin, wo sie glaubten Ar­beit zu finden.

Nach ein paar Tagreisen war ihr Geldvorrat fast verschwunden, und noch zeigte sich keine Hoffnung. Müde, traurig und flehend setzten sie sich nahe vor dem Tore einer großen Stadt auf eine Bank am Wege um auszuruhen. Ein Bürger, der aus der Stadt kam, um spazieren zu gehen, sah diese fremden Leute da sitzen, ihr ganzes äußeres Wesen zog ihn an. Freundlich fragte er sie: Ihr guten Leute, wo kommt ihr her? Warnfried erzählte ihm kurz ihre ganze Geschichte, welcher der Bürger aufmerk­sam zuhörte. Als nun dieser erfuhr, daß Warnfried ein Leinewe­ber sei, riet er ihnen, zwei Stunden weiter zu gehen, dort sei ein Städtchen, in welchem eine Baumwollweberei errichtet worden, da würden sie Arbeit finden; dann gab er ihnen noch ein Stück Geldes, und unterrichtete sie hinsichtlich des Weges, den sie nehmen müßten.

Die beiden frommen Eheleute dankten ihrem himmlischen Vater und dem guten Bürger mit Tränen, und wanderten auf das Städtchen zu, wo sie auch bald Arbeit fanden und sich eine kleine, wohlfeile Wohnung mieteten. Hier blieben sie etliche Jahre, aber sie brachten sich nur kümmerlich durch; denn mit der Fabrik wollte es nicht fort, und zudem war an diesem Ort alles sehr teuer. Endlich erfuhren sie, daß acht Stunden weiter, an einem sehr wohlfeilen Orte, auch eine solche Fabrik angelegt worden, und daß die Eigentümer derselben rechtschaffene Leute seien; dies bewog dann Warnfried und seine Frau, dahin zu ziehen. Dort fanden sie endlich ihr redliches Auskommen; in­dessen konnten sie nichts erübrigen, und als Warnfried vollends anfing zu kränkeln, so fingen die guten Leute auch wieder an, Mangel zu leiden.

Nun wohnte aber an diesem Orte ein Gelehrter, der in herrschaftlichen Diensten stand; er und seine Frau waren gottesfürchtig, und obgleich sie nicht reich waren, so beflissen sie sich doch der Wohltätigkeit und Menschenliebe, so gut sie konnten. Diese wurden aufmerksam auf Warnfried’s Familie und suchten sie auf alle mögliche Weise zu unterstützen. Endlich erlag der fromme Dulder seiner Kränklichkeit. Er bekam die Auszehrung und starb im festen Vertrauen auf seinen Erlöser und mit der gewissesten Überzeugung, der himmlische Vater werde seine lie­ben Hinterlassenen auch väterlich versorgen.

Kunigunde ertrug diesen Vorausgang ihres geliebten Reisegefährten auf dem mühseligen Lebenswege mit wahrem christlichem Heldenmute. Der älteste Sohn lernte des Vaters Handwerk, und sie suchte sich nebst ihren beiden Töchtern mit Baumwollspinnen zu ernähren. Redlich, aber ärmlich brachte sich diese fromme Witwe noch einige Jahre durch; aber nun wurde auch sie kränklich, so daß sie die meiste Zeit im Bette in den größten Gichtschmerzen zubringen mußte. Aber selbst im Bette kratzte sie noch Baumwolle, und unter gottseligen Gesprächen spannen die Kinder so fleißig, daß sie sich kaum Zeit zum Essen und zum Schlafen nahmen.

Endlich ahnte auch Kunigunde ihre nahe Auflösung mit hoher Freude; sie ließ ihren Sohn zu sich kommen, dem sie einen Brief an obigen gelehrten Freund in die Feder diktierte. In diesem Brief äußerte sie mit wahrer apostolischer Salbung ihre erhabene christliche Gesinnung, und mit seltener Freimütigkeit und Zu­versicht übergab sie ihm ihre Kinder zur Versorgung. Bald darauf entschlief Kunigunde, und der gelehrte Freund hat ihr Testa­ment redlich erfüllt.

Ich. Die Szene ihres Überganges in jene Welt hätte ich sehen mögen.

Siona. Ich will sie dir in aller Herrlichkeit darstellen. Richte das Auge der Imagination auf die Bilder, die ich dir vorführen werde.

Ernst und feierlich saß der Erhabene auf dem Urthron, und vor ihm an den Stufen harrten tausend Seraphim auf seine Befehle. Jenseits ihrem Kreise feierte Hanniel. - Er stand schweigend und schaute ehrfurchtsvoll ins Angesicht des Königs aller Welten, als ob er den Wink zur Ausrichtung seiner Aufträge erflehen wollte. Endlich erscholl die Stimme vom Throne her:

Hanniel, sie hat auch der Prüfung letzte mit Geduld und Glauben ausgehalten, führe sie zu ihrer Bestimmung.

Hellstrahlend, mit neuem Lichte überkleidet, neigte sich Hanniel mit unaussprechlichem Dank zu den Füßen der Majestät Gottes, trat dann hervor auf den Rand des hohen Zions, und durchlief mit seinen sanftglänzenden Augen die Kreise der Schöpfung, bis er dort den dunklen Punkt, die nächtliche Erde, unter den Heerscharen der Welten entdeckte.

Wie sich ein Blitz in der segensschwangern Wolke plötzlich entzündet, und nun hinfährt - nicht zu töten, sondern den Pest­hauch zu tilgen, der den armen Wanderer ungesehen umschwebt; so strahlte Hanniel hin ins enge dunkle Gäßchen der Stadt, wo Kunigunde kämpfte. Da stand er, sein Herz wallte dem engen Kreise dieser Lieben entgegen. Tätig, voller frommen Gesin­nungen, saßen die Kinder, und die Mutter lag im Bette und rang mit dem starken Gewappneten, der unaufhörlich Pfeile der Schmerzen auf sie losdrückte.

Kunigunde. Kinder, ich leide schreckliche Schmerzen, aber doch wird mir auf einmal so wohl. Es müssen wohl Engel um uns her sein. - Ach ja, mein Heiland! Dich stärkte ja auch ein Engel, als du in Gethsemane kämpftest. Du stärkst auch mich!

Eine Tochter. Ja, liebe Mutter, es wird uns auch so wohl, wir sprachen soeben unter uns davon, es ist uns so zumute, als wenn wir recht glücklich werden sollten.

Kunigunde. Ich fühle, daß ich bald überwunden habe, der Herr wird mit euch sein!

Hanniel zum Todesengel, der in seiner Wolke gehüllt, des Winkes harrte. - Himmlischer Bruder, löse die Bande, die die Seele an die zerbrechliche Hülle knüpften! - Hanniel wandte sein Gesicht weg, und der Engel der Ernte schwang seine Sichel und sprach: Verwese, du Wohnplatz der Leiden, bis du das Un­verwesliche anziehen wirst - und du, Siegerin, eile zur Krone. –

Kunigunde (die den vor Wonne strahlenden Hanniel vor sich sieht). Herr Jesus! Du erscheinst mir wie der Maria Magdalena!

Hanniel. Ich bin nicht dein Erlöser, liebe Seele, sondern ein Mitgenosse der Erlösung. Du hast überwunden, besinne dich!

Kunigunde. Wie ist das? - Mir war so weh, so ohnmächtig, es war mir, als stürbe ich und auf einmal träumte mir, es kam mir vor, als wenn ich in einem engen Gewölbe, in einem Keller wäre, es war stockfinster um mich her, und ich ängstigte mich sehr. Auf einmal strahlte ein herrliches Licht wie ein Regenbo­gen aus einer Ecke her, ich lief dahin und siehe, da war eine enge Spalte, durch die ich hinausschlüpfte und dich nun vor mir sah.

Hanniel. Du träumst nicht mehr! Besinne dich! Johanna ist nun dein ewiger Name!

Johanna. Jesus Christus, wie ist mir? - Ich glänze wie du.

Ach, mein Gott! Jetzt weiß ich, daß ich gestorben bin; ich fühle himmlischen Frieden, ich bin selig!

Hanniel. Ja, Erlöste des Herrn, du bist selig! - Komm, ich bin gesandt, dich zu unseres Herrn Freude heimzuholen.

Johanna stammelte unaussprechlichen Jubel, und beide schwangen sich ohne Aufenthalt durch den Hades, auf die Höhe der östlichen Gebirge, Johanna überschaute mit unbeschreiblichem Staunen die ganze Weite des Kinderreichs und rief aus:

"Das ist freilich noch nie in eines Menschen Herz gekommen, was der Herr bereitet hat, denen, die ihn lieben!“

Hanniel. Und doch ist dies nur die Morgenröte der Herrlich­keit, es ist der Ort der Seligkeit für Kinder und Unmündige.

Johanna. Aber verzeihe mir, wie soll ich dich denn nennen?

Bist du ein Engel? - Oder bist du auch ein Mensch gewesen, wie ich? -

Hanniel. Johanna  Ich war dein Mitwanderer in deiner Pilgrimschaft.

Johanna. Du mein Mitwanderer! Hab' ich dich denn gekannt?

Hanniel. Willst du dein erstes Söhnchen sehen, das dir im zweiten Jahre seines Erdenlebens starb?

Johanna. O du Strom der Seligkeit, wie kann ich dich trinken! - Eile, du himmlischer Bruder, und führe mich zu meinem Jakob!

Hanniel umschlang den neuen Engel mit seinem Arm, und so schwebten sie sanft über die flachen smaragdenen Täler hin; ein purpurner Schimmer strahlte aus der Morgenröte herüber, und ein kühlendes Hauchen voll Geist und Leben durchdrang die Jo­hanna, und sie fing an, neue große Entwicklungen ihrer Begriffe zu bekommen, und was sie jetzt noch nicht hatte, das ahnte sie in der Nähe.

So ging der Zug bald zwischen Luftwäldchen durch, bald längs silbernen Strömen, bald über Blumengefilde, die wie Brillanten im siebenfachen sanften Lichte strahlten, bis sie endlich an einen ziemlich erhabenen Hügel kamen, der mit lauter Lebensgebü­schen und Zionischen Palmen bepflanzt war. Hier stieg ein Pa­last empor, der wie durchsichtiger parischer Marmor hell poliert im Morgenlicht schimmerte. Hanniel führte seine Begleiterin durch hohe Säulengänge, die aus Perlen gebaut zu sein schienen: aber alles war Geist und Leben, alles war dämmernd, hehr und erhaben.

Jetzt traten sie in eine Halle; unbeschreiblich schön war ihr Bau, wie aus Wolken der Morgenröte, zitronengelb mit pur­purnen Säumen, aber nicht gemalt, sondern aus Licht und Leben bereitet. Hier harrten viele - aber ein Jüngling, hold und lieb­lich, schön wie das Urbild der Menschheit, in lasurnes Lichtge­wand mit silbernen Sternen übersät, gekleidet; lächelnd wie der schönste Maimorgen, entriß sich einem ältlichen Engel und kam herzu. - "Meine Mutter", rief er in der Sprache der Engel und der ältliche Engel: - Jakobs Erzieherin, rief "Meine Toch­ter!'~ - und Hanniel strahlte Seligkeit aus seinen Augen auf Johanna und rief: "Mein holdes Weib!" - Johanna ward mit siebenfachem Sonnenlichte verklärt, und ihr Jubel war unaus­sprechlich.

Wie kann ich Wandler im Staube durch Worte des Staubes Le­ben und Seligkeit stammeln? Brüder und Schwestern, die ihr dies leset, ringet und kämpfet mit Ausharrung. Was auf uns wartet, ist der Mühe wert.

Die ganze himmlische Gesellschaft schwang sich nun hinüber ins Lichtreich, und empfing auf der saphirnen Tafel in Hanniels Tempel erhabene Aufträge.

 

V i e r t e  S z e n e.

 

Jesus Christus in seinem menschlichen Charakter

 

Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert, und meine geliebten Brüder und Schwestern haben dies Gedicht mit Vergnügen und Segen gelesen. Die Himmlische führte mich mit meinem seligen Freunde bis vor den Urthron der Ewigkeit; aber da verließ sie mich, und ich sank müde und betäubt aus dem Empyreum wieder zur Dunsthülle herab.

In dieser feierlichen Morgenstunde gedenke ich meines Freun­des vor dem Herrn. Sein heißes Forschen nach der Erkenntnis Jesu Christi, seine ernsten und tiefen Untersuchungen des menschlichen Angesichts, der Physiognomien der Tugenden und des Lasters, sein Sehnen nach hellen und reinen Blicken in den Charakter des Herrn, als Mensch betrachtet, ging lebhaft an meiner Seele vorüber. Auch in mir entstand oder erwachte wie­der das Verlangen, Jesum in seinem irdischen Wandel näher zu kennen, um mich in dem gewöhnlichen täglichen Leben und Umgang mit den Menschen nach ihm bilden zu können. Siona sah mein billiges Wünschen, und sie versetzte mich wieder in der Hülle der Einbildungskraft, in die Gefilde des Reichs der Herrlichkeit.

Israel heißt nun der verklärte Lavater - er stand auf der Zinne des hohen Zions, sein Geist schwamm im Meere der Se­ligkeit, die Umarmung des Königs aller Wesen, an dem er sich zu Tode geliebt hatte, erhob ihn zur Größe des Seraphs; er dachte nun Gedanken der Ewigkeit, und sein neu entwickeltes himmlisches Empfindungsorgan durchschaute Welträume; was er ehemals in seinen Aussichten in die Ewigkeit durch ein trü­bes trügliches Glas ahnend zu erblicken gemeint hatte, das sah er jetzt nach der Wahrheit im reinsten Lichte.

Indem er so dastand und seine Augen dem Morgenstern ähnlich, im Anschauen der großen goldenen Stadt mit ihren Per­lentoren weidete, schwebte ein majestätisch glänzender Engel mit offenen Armen herzu - wie himmlischer Harfenton tönten ihm die Worte entgegen: Willkommen, Israel Lavater dein Freund Jesanjah - ehemals Heinrich Heß, ruft dich zu erhabenen Geschäften! - Komm in meine Arme, du Freund meines Erdenlebens!

Israel Lavater. Gelobt sei der Herr! (sie umarmen sich und feiern).

Jesanjah. Wir werden ewig mit einander leben und wirken.

Felix Heß, Pfenninger und noch andere deiner Freunde, nebst mir, wir alle wohnen hier unten am Fuß des Berges - dort, wo die hohe Altane wie Gold im Feuer hervorstrahlt, auf der du unsere Freunde herumwandeln siehst. Unser Geschäft ist, den aus dem Lande der Sterblichkeit und dem Hades hier angekom­menen Erlösten des Herrn, je nach dem Charakter, ihren Beruf und Wirkungskreis anzuweisen.

Israel L. Da müßt ihr, himmlische Brüder, mich belehren. ­Wie kann ich Herzen- und Nierenprüfer sein?

Jesanjah. Der Wille des Herrn drückt sich jedem von uns auf der saphirnen Tafel seines Tempels aus, und zwar jedem nach seinem Charakter und seinen Fähigkeiten gemäß. Du wirst über alles bald hinlänglichen Aufschluß bekommen.

Israel L. Mein ganzes Wesen ist erweitert wie ein Weltraum, und der unermeßliche Ozean der Seligkeit durchflutet alle Sphä­ren meines Wollens, Denkens und Empfindens.

Jesanjah. Und dieses Durchfluten wird dir ewig neu bleiben, weil dir immer neue Genüsse zuströmen.

Israel L. Halleluja, dem der auf dem Throne sitzt, Ihm sei Ehre und Ruhm, Preis und Dank in Ewigkeit.

Jesanjah. Ewiger Bruder! Ich habe einen Auftrag an dich;

Maria, die Mutter der Menschheit des Herrn, die Königin des Kinderreichs, wünscht dich zu sehen und zu sprechen.

Israel L. Wieder ein neuer Strom der seligen Fülle. Ich bebe vor Freuden, sie zu sehen, du nennst sie die Königin des Kinder­reichs? -

Jesanjah. Sie hat unter der Leitung des Herrn die oberste Auf­sicht über das ganze Reich des Unterrichts: denn sie war ja die Erzieherin des Ersten und Größten aller Menschen. Siehst du dort die paradiesische Ebene auf einer der niedrigsten Höhen des Zions? - Siehst du das weite und breite Paradies um die sil­berglänzende Burg her? - Dort wohnt sie!

Israel L. Wir schweben hinüber.

Ich wage es nicht, die Herrlichkeit der ehemals armen Bürgerin von Nazareth zu beschreiben; alle Bilder der irdischen Natur sind tote Farben für das Reich des ewigen Lebens. Denke dir, brüder­licher und schwesterlicher Leser eine weite, große und hohe Halle, blendend silberweiß im goldenen Schimmer, in welchem das siebenfache Regenbogenlicht im stärksten Feuer unaufhör­lich abwechselt, und in dem sich die unaussprechlichen Wunder der Ewigkeit in lebenden Gemälden immerwährend und abwech­selnd darstellen. Dadurch belehrt der Vater der ewigen Natur alle Himmelsbürger ; dies lebendige Wort ist ihre Bibel.

Hier fand mein Freund die hohe Maria und ihre Freundinnen, Maria Magdalena, Salome, Maria und Marta von Bethanien, nebst ihrem Bruder Lazarus, auch sah er hier Abraham, David und mehrere wichtige Personen des Altertums; alle ruhten auf Thronen von Silbergewölke, das im silberfarbigen Lichtstrome wallte.

Israel Lavater kam am Arm seines Freundes. Die innigste De­mut hätte ihn zu Füßen aller dieser Verherrlichten niederge­beugt, wenn er nicht tief empfunden hätte, daß er dies nur dem Herrn schuldig sei. - Auch diese bejahrten Himmelsbürger hät­ten vor Demut niederknien mögen, wenn sie nicht die näm­liche Empfindung aufrecht gehalten hätte.

Innige Herzensdemut ist der goldene Grund des neuen Jerusalems und Hochmut die Glut des Pfuhls, der mit Feuer und Schwefel brennt.

Maria. Wonne der Seligkeit dir, mein himmlischer Bruder, du erster Blutzeuge der zwölften Stunde! Willkommen im neuen Jerusalem!

Israel L. Sei mir gegrüßet du Hochbegnadigte. - Dein Anblick erhöht meine Seligkeit!

(Maria und hernach auch alle Anwesenden umarmten ihn.

Alle setzten sich in weitem Kreise; Israel Lavater und sein Freund, Jesanjah Heinrich Heß, setzten sich auch zwischen sie. Wie wird es uns dereinst in einer solchen Gesellschaft sein? ­Laßt uns ringen bis aufs Blut, damit wir eine solche Seligkeit nicht versäumen!)

Maria. Himmlischer Bruder! Ich freue mich deines Weibes und deiner zurückgelassenen Freundinnen; auch der Herr hatte in seinem irdischen Leben Freundinnen. Diese Engel hier, die mich seit ihrer Verklärung beständig mit ihrem Rat unter­stützen; wir beten für deine Gattin, Töchter, Söhne, Freunde und Freundinnen, daß sie der Herr in schweren Kämpfen, die ihnen bevorstehen, kräftig unterstützen und vor dem Falle be­wahren möge. Deine Anna, deine Töchter und Freundinnen sol­len einst, wenn sie treu bleiben, diesem Kreise einverleibt wer­den, ich will den Herrn um diese Gnade bitten.

(Israel Lavater zerschmolz in zärtlicher Empfindung, und sein ganzes Wesen war Dank und Feier. Was aber von jeher der heißeste Wunsch seines Herzens gewesen war, den menschlichen Charakter des Herrn zu kennen, das wurde auch jetzt wieder rege in seiner Seele.)

(Und nun, 0 Siona, leite du meinen Gedankengang, daß ich nichts eigenes mit einmische, sondern rein und lauter dies himm­lische Gespräch in den toten Buchstaben einkleide und dann ströme Feuer und Geist, Licht und Wärme in die Seele jedes Lesers.)

Israel L. Der Erhabene und Hochgelobte war immer der Ge­genstand meiner Betrachtungen und meiner innigsten Liebe. - Ich bitte dich, du Gebenedeite unter den Weibern, unterrichte mich doch in der großen Wissenschaft des Charakters unseres Herrn. Wie war sein Leben und Betragen als Mensch und worin unterschied er sich von andern Menschen? - War er auch kör­perlich schön?

Maria. Ich erfülle deinen Wunsch sehr gerne, mein himmli­scher Bruder! Die Erinnerungen an mein ehemaliges Erdenleben und an den Umgang mit dem Herrn, als Mensch, erhöhen meine Seligkeit.

Jesus war ein wohlgebildeter Mann. An seinem ganzen Kör­per war kein Fehl; er war etwas länger als mittlere Statur, mehr hager als stark, und er hatte die Physiognomie des David'schen Hauses. - Noch jetzt in seiner Herrlichkeit wirst du einige Ähnlichkeit zwischen David und Ihm bemerken. Sein Haar war gold­gelblich und sein Angesicht rötlich, seine Augen glänzend blau und schön. Das Haar hing in sanftwallenden Locken um Hals und Schultern. Bei dem allen war Er so schön nicht, daß Er Aufsehen machte; nur dann, wenn man Ihn lange und aufmerk­sam betrachtete, entdeckte man das Edle, Große, Schöne und Er­habene in seiner Bildung sowohl als in seinem Betragen. Über­haupt, wer nicht wußte, wer Er war, und Ihn nur so flüchtig beobachtete, der bemerkte nichts als den gewöhnlichen guten, braven rechtschaffenen Mann. Er sprach im gemeinen Umgang sehr wenig, was Er aber sagte, war immer zutreffend. Während seinem Schweigen ruhte ein tiefer, etwas schwermütiger Ernst auf seiner Stirne und Er sah dann immer aus als einer, der ein geheimes Leiden hat. Ich fragte ihn einst: Lieber Sohn, Du siehst ja immer leidtragend aus, fehlt Dir etwas? - Er blickte mich durchdringend, feierlich, ernst und zärtlich an und sagte: Mutter, erinnere dich des Schwerts, von dem dir Simeon weissagte, ­aber ich bitte, darüber frage mich nicht mehr; ich muß den Wil­len dessen erfüllen, der mich gesandt hat. Wenn Er mit der Miene sprach, so entdeckte auch ein blödes Auge etwas Ehr­furchterweckendes, Ungewöhnliches, mit einem Worte, etwas Göttliches in seinem Angesicht; dies Göttliche bemerkte man vorzüglich auf seiner Stirne, an dem himmlischen Feuer, das aus seinen Augen blitzte, und an einem unbeschreiblichen Zug, um seine Lippen. Von dem an ahnte ich mit tiefer Schwermut ein außerordentliches Leiden, das ich aber gar nicht mit seiner Be­stimmung vereinigen konnte; ich empfahl also Gott die Sache und schwieg.

Eben diese Miene und diesen Blick hatte Er auch, wenn er mit den Pharisäern und Vorgesetzten meines Volkes sprach. ­Ich konnte oft nicht begreifen, wie es möglich wäre, daß auch die stolzeste und verwegenste Seele nicht vor dieser unwidersteh­baren Gewalt seines Blickes und des Ausdrucks seiner Rede in den Staub niedersänke und anbete. Allein sie waren blind und je mehr sich ihnen seine innewohnende Gottheit aufdrang, desto rasender wurden sie.

Unbeschreiblich war sein Blick und seine Miene, wenn Er Leidende tröstete, oder im Kreise seiner Freunde und Freundin­nen sein liebevolles Herz ausschüttete. Das Göttliche, Sanfte in seinen Lippen, die ewige Liebe in seinen Augen, die Wonne der Wehmut auf seiner Stirne, 0 das alles wirkte so mächtig auf alle, die zugegen waren, daß man sich des Anbetens nicht enthalten konnte. Ich habe nie einen Menschen gesehen, auf dessen An­gesicht sich die Seele so rein ausgedrückt hatte, als auf dem Sei­nigen. - Das war aber kein Wunder, denn weder Leidenschaft, noch Verstellung hatten je einen Zug in sein Gesicht eingeprägt, noch viel weniger es beherrscht, jeder Zug war äußerst beweglich und der Macht der innewohnenden Gottheit gehorsam. Daher kam es denn auch, daß Jeder, der kein Vorurteil gegen Ihn hatte, mit Liebe und Ehrfurcht für Ihn eingenommen wurde. Aus eben der Ahnung der verborgenen unaussprechlichen Majestät in seinem innersten Wesen rührte auch die sonderbare Erscheinung her, daß keine einzige Frauensperson Ihn auch nur von ferne fleischlich liebte, wie schön und anziehend auch sein äußeres An­sehen war. Man mußte ihn zärtlich lieben, aber dieses Lieben war die reinste Freundschaft.

Israel L. Wie war er aber als Kind? - Betrug er sich auch wie andere Kinder, in Ansehung der Kinderspiele, der sinnlichen Be­gierden und dergleichen?

Maria. Er weinte, wie andere Kinder, wenn Ihm etwas fehlte, aber nie leidenschaftlich, nie ärgerlich oder jähzornig, sondern Er war ruhig und immer geschäftig. Er spielte, aber der Zweck seiner Spiele war immer groß und auf Wohltätigkeit gerichtet. Mit guten Kindern ging Er gerne um, und dann diente Er ihnen; Er lehrte sie, und alle seine Lehren waren als Kind schon vor­trefflich - seine Gespielen wurden in seinem Umgang besser. Bösen Kindern ging Er immer aus dem Wege, oder sie Ihm. Ich hielt ihn jedoch immer in meiner Aufsicht, unter meinen Augen; denn ich wußte, was bei dieser erhabenen Person meine Pflicht war. Sein Verstand entwickelte sich sehr früh; ich unterrichtete ihn selbst, und in seinem fünften Jahre konnte er schon lesen, und was er las, das faßte Er alsofort und verstand es. Jetzt fing ich vorsichtig an, Ihm etwas von seiner Bestim­mung zu sagen: Ich erzählte Ihm, daß mir der Engel Gabriel seine Geburt vorausverkündigt, und mir befohlen habe, ihn Jehoschuah (Jesus, Seligmacher oder Heiland) zu nennen, denn Er werde Sein Volk von ihren Sünden befreien. Ewig ist mir der Augenblick gegenwärtig, als ich Ihm dies zum erstenmal ent­deckte. Da bemerkte ich zuerst den göttlichen Blick, von dem ich vorhin sagte, seine Augen strahlten, seine Stirne erhob sich, auf seinen Lippen ruhte ein himmlisches Lächeln, und er schaute mit einer unaussprechlichen Miene empor. Mutter, fing er an, ich werde also wohl der Maschiach (Messias) sein? Ja, mein Sohn, antwortete ich, der Herr vollende sein Werk an Dir! ­Von nun an begann sein Forschen nach den heiligen Schriften. Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit fand Er alle Sprüche, die sich auf Ihn bezogen, und Er unterschied sehr genau, was mit Grund oder Ungrund auf den Messias gedeutet wurde. In seinem zehnten Jahre übertraf er schon die Schriftgelehrten in der Er­kenntnis Moses und der Propheten sehr weit, denn Er hatte schon als Kind den festen Grundsatz, daß in der Religion nichts verbindlich sei, als was in der heiligen Schrift gegründet wäre.

Israel L. Sagte Er das wohl auch zu Zeiten, daß es irgend ein Rabbi hörte?

A1aria. Nein, ich überzeugte Ihn bald, daß Er sich von seiner hohen Bestimmung nicht das Geringste merken lassen dürfe, bis Ihn der Herr auf eine außerordentliche und ganz unbezweifel­bare Weise dazu aufforderte; unter uns aber sprachen wir täg­lich davon.

Israel L. Hast du Ihm auch wohl etwas von seiner geheimnis­vollen Geburt gesagt?

Maria. Ich sagte Ihm, Joseph sei sein Pflegevater, der Ruach Jehovah (der Geist Jehova's), sei aber sein wahrer, rechter Va­ter, der Ihm den Joseph zum irdischen Führer und Versorger an­gewiesen habe. Dabei blieb's auch immer. Bei reiferem Alter aber verstand Er das Geheimnis seiner Geburt besser als ich; es wurde aber nie deutlich davon gesprochen. Von der Zeit an, als ich Ihm dies zum erstenmal sagte, gewöhnte Er sich daran, besonders wenn wir unter uns waren, Gott seinen Vater zu nennen. Er tat dies mit Ausdruck und Würde.

Israel L. Sage mir, wie war doch eigentlich die Geschichte, als du ihn im zwölften Jahre seines Alters verloren hattest und im Tempel wieder fandest?

Maria. Genau so, wie es der Evangelist Lukas erzählt: Wir fanden zu Jerusalem, wie gewöhnlich, Bekannte und Freunde. Jetzt aber, da wir meinen Sohn zum erstenmal dahin brachten, gab es Aufsehen, denn bei aller Verschwiegenheit war denn doch das Gerücht von Ihm allgemein, und wer auf den Messias harrte, der wurde aufmerksam auf Ihn. Alle unsere Bekannten und Freunde nahmen Ihn zu sich. Jeder wollte Ihn bei sich haben, und bei aller Bescheidenheit leuchtete denn doch immer das ver­borgene Göttliche aus Ihm hervor. Daher kam's nun, daß wir Ihn in Jerusalem wenig sahen, wir waren auch nicht bekümmert um ihn, denn Er war immer in guten Händen und Er war selbst klug genug, um sich vor Unfällen in acht zu nehmen. Bei unserer Abreise stellten wir uns nichts anderes vor, als Er sei mit galiläi­schen Freunden vorausgegangen und wir würden Ihn am Abend in der Herberge wohl finden; als das aber nun nicht geschahe, so fühlte ich Simeons Schwert zum erstenmal. Wir gingen zurück und suchten; an den Tempel aber dachten wir am wenigsten; denn da Er mit seiner Bestimmung sehr vorsichtig und zurück­haltend war, so konnte es uns nicht einfallen, daß Er sich dort mit den vornehmsten Personen des Volkes einlassen und sich ihnen in seiner verborgenen Herrlichkeit zeigen würde. Indessen da wir Ihn doch nirgends fanden, so fiel uns erst ein, Er könnte auch wohl im Tempel sein; wir gingen hin, und siehe, da stand Er mitten in einem Kreise von großen, vornehmen und gelehrten Männern, Priestern, Leviten, Pharisäern, Sadduzäern, Gesetzge­bern und dergleichen. Wir erschraken beide herzlich über diesen Anblick, besonders auch darum, weil ich in den Mienen dieser Leute freilich großes Erstaunen und Verwunderung, aber auch tiefen, verachtenden Neid entdeckte. Es war ihnen unerträglich, daß ein armer, zwar reinlich, aber ganz gemein gekleideter Knabe aus Nazareth in Galiläa so viel Erkenntnis hatte, und ihnen ihre oft verfänglichen Fragen so treffend beantwortete, daß sie selbst darüber beschämt werden mußten. Wäre Er in einer ansehnlichen Familie zu Jerusalem, oder aus einer andern ansehnlichen Stadt gewesen, so würden sie es eher ertragen haben; allein jetzt verachteten sie Ihn bei allem ihrem Staunen.

Natürlicherweise war die Rede von seiner Lieblingsmaterie, vom Messias, gewesen; und ungeachtet der eine oder der andere darauf angespielt hatte, ob Er sich selbst für den Messias hielte - denn Er hatte es gewagt, auch hier Gott seinen Vater zu nen­nen, und dies war ihnen aufgefallen - so war Er doch immer mit großer Klugheit ausgewichen: endlich fragte Ihn einer: Sage mir Knabe, wie du heißest? - Antwort: Jehoschuah. - So, dann bist du wohl der Messias selbst: Antwort: Wen mein Vater sendet, der ist' s; und selig sind die, die ihn hören und an ihn glauben. Das Erstaunen über diese Frage währte noch, als wir hereintra­ten. Mit verdrießlicher Miene sagte ich zu ihm: Kind, warum behandelst du uns auf diese Art? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Ruhig sah er mich an und antwortete: Warum habt ihr mich gesucht? Wißt ihr denn nicht, daß es nötig ist, an den Orten zu sein, die meinem Vater zu­gehören? - Nun ging Er mit uns fort. Damals verstanden wir nicht, was Er damit hatte sagen wollen; eigentlich war aber seine Meinung, wir hätten Ihn ja nicht nötig gehabt zu suchen, denn wir hätten leicht denken können, daß Er sich da aufhalten würde, wo gleichsam der sichtbare Wohnplatz seines eigentli­chen Vaters sei, und also nur gleich in den Tempel gehen kön­nen. Wir hatten auch damals noch den rechten Begriff von seiner Sendung nicht. Wir stellten uns nicht vor, daß Er als Lehrer auf­treten würde, sondern wir glaubten, Er würde unter der Leitung seines himmlischen Vaters nach und nach zum Throne seines Vorfahren Davids emporsteigen; dahin schienen uns alle Weis­sagungen zu deuten, und daher kam es auch, daß wir Ihn unter den Gelehrten im Tempel nicht vermuteten.

Israel L. Man hörte und las viel von Wundern, die Er in seiner Jugend getan haben sollte, ist das wohl wahr?

Maria. Nicht eine einzige Handlung hat Er verrichtet, die man ein Wunderwerk nennen könnte. Johannes sagte ja ausdrück­lich: die Verwandlung des Wassers in Wein auf der Hochzeit zu Kana sei sein erstes Wunderwerk gewesen, und so verhält sich's auch.

Israel L. Es gibt zärtlich denkende Seelen im irdischen Leben, denen einige Äußerungen des Herrn gegen dich hart und streng vorkommen: Zum Beispiel, eben bei dieser Hochzeit, äußertest du die Sorge über den Weinmangel, und Er antwortete dir: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen - meine Stunde ist noch nicht gekommen. Und ein andermal, als Er unter einer Menge Men­schen saß, die seinen Lehren zuhörten, sagte man ihm: Siehe, deine Mutter und Brüder sind draußen. Darauf antwortete Er, indem Er mit der Hand um sich her auf die Anwesenden hinwies:

Diese sind mir Mutter und Brüder! - Auch dieses lautet etwas hart.

Maria. Dies alles sind Mißverständnisse, die aus der Sprache herrühren; im Gegenteil, Er hat mich bis in seinen Tod immer als Mutter und Freundin geliebt und geehrt. In meinem Vaterlande war es durchgehends gebräuchlich, daß erwachsene Mannspersonen ihre Mutter Ischa, Frau nannten. Auf der Hochzeit sagte Er zu mir: Frau, was geht das dich und mich an'? - Meine Stunde ist noch nicht gekommen, oder, der Zeitpunkt, wo ich helfen kann, ist noch nicht da, denn so oft Er ein Wunder wirken sollte, so ahnte Er das deutlich vorher, aber Er tat nie eher den Macht­spruch, bis Er den Antrieb der in ihm wohnenden Gottheit spürte.

Was aber den zweiten Fall betrifft, so ist ja auch die Ver­wandtschaft derer, die aus Gott geboren sind, viel erhabener und inniger, weil sie auf der Einigkeit des Glaubens und des Wirkens beruht, als die fleischliche Blutsverwandtschaft! - Die geistliche Verwandtschaft währt ewig; die fleischliche aber, wenn sie nicht durch jene geheiligt wird, hört im Tode wieder auf. ­Dies wollte der Herr seinen Zuhörern durch sein eigenes Bei­spiel zeigen.

Israel L. Erhabene Mutter des Herrn! Ich habe in meinem sterblichen Leben immer geglaubt, ein Teil der Seligkeit würde auch darin bestehen, daß sich die vollendeten Gerechten von ihrem irdischen Leben unterhalten würden; ich wage es darum auch ferner, den Charakter des Herrn von dir zu erforschen. Darf ich das?

Maria. Du hast recht geglaubt, frage nur weiter!

Israel L. Man liest in den Evangelien, daß Joseph ein Zim­mermann gewesen sei; wahrscheinlich hat sich auch der Herr bis zum Antritt seines Amtes damit beschäftigt.

Maria. Joseph war überhaupt ein Holzarbeiter, Zimmermann und Schreiner; was von Holz in einer Haushaltung gebraucht wurde, das machte er und sowie seine Söhne erwuchsen, so hal­fen sie ihm, denn er mußte uns alle mit seinem Handwerk er­nähren. Daß mein Sohn dabei sehr geschäftig und auch sehr ge­schickt war, das läßt sich von seinem Charakter leicht denken.

Israel L. Aber ich bitte dich, sage mir doch, wie war das, daß sogar seine Brüder nicht an Ihn glaubten?

Maria. Das war sehr begreiflich und in der verdorbenen menschlichen Natur gegründet; denn ob sie gleich alle die wun­derbaren Umstände wußten, die bei seiner Geburt vorgefallen waren, so kam ihnen doch seine arme, niedrige Lebensart gar nicht übereinstimmend mit dem Charakter eines künftigen Königs der Juden vor; sie glaubten auch, es schicke sich besser für seine Bestimmung, wenn Er sich dem Kriegsstande widmete, um mit der Zeit die Römer aus dem Lande zu jagen, als daß er beständig in der Schrift forschte; und überhaupt sahen sie sein sanftes, duldendes und demütigendes Betragen als einen Cha­rakterzug an, der sich gar nicht zur Würde des Messias schickte, dann mischte sich auch wohl etwas Neid dazwischen. Aber auch diese langwierige Prüfung seines häuslichen Lebens war Ihm nötig, damit Er auch in diesem Stücke wie andere Menschen ver­sucht würde. Und am Ende wurden doch seine Brüder noch seine größten Verehrer und Apostel.

Israel L. Im irdischen Leben sind auch den innigsten Verehrern des Herrn noch viele Dinge in der Natur des hochgelobten Er­lösers dunkel. Einige glauben, Er habe gar keine Leidenschaften und gar keine Reize zur Sinnlichkeit gehabt, und andere vermenschlichen Ihn zu sehr. Sage mir doch die eigentliche Beschaf­fenheit seines inneren Wesens.

Maria. Er war ganz vollkommen so wie andere Menschen, der Unterschied bestand bloß darin, daß sein Körper ganz ohne irgend ein Gebrechen war, und daß seine sittlichen Kräfte mit den sinnlichen in vollkommenem Gleichgewicht standen. Er war also allen Versuchungen zur Sünde ausgesetzt, aber Er hatte auch die Kraft, jeder Versuchung vollkommen zu widerstehen, so daß er immer den Sieg davontrug, ohne auch nur im geringsten zu sündigen. Er war sich der Ihm innewohnenden Gottheit be­wußt, aber diese Gottheit hielt sich in seinem Wesen verborgen, so daß Er ihre Einwirkung nur dann empfand, wenn seine menschliche Natur zum Kampfe zu schwach war, oder wenn Er ein Wunder verrichten oder zukünftige Dinge vorhersagen wollte. Sein Gemüt war unaufhörlich in der Gegenwart Gottes, all seine Gedanken, Worte und Handlungen entstanden aus die­sem Lichte, daher war auch alles, was er dachte, sagte und tat, gerade so, wie es sein mußte; nichts war überflüssig, nichts zu wenig, und nichts zu unrechter Zeit und am unrechten Orte.

Israel Lavater. Man sollte doch denken, diese vollkommene Frömmigkeit hätte einen tiefen Eindruck auf alle, die ihn kann­ten und mit Ihm umgingen, machen müssen.

Maria. Wer Ihn kannte, der hielt Ihn für einen guten from­men jungen Mann, und für mehr konnte ihn auch niemand hal­ten, der nicht auf' s vertrauteste mit Ihm bekannt war, weil Er äußerst eingezogen lebte. In unterhaltende Gesellschaften junger Leute kam Er gar nicht; nicht, daß Er sie gemißbilligt hätte, wenn es ehrlich und ordentlich zuging; sondern weil Er keine Zeit dazu hatte, und Scherz und Frohsinn von der Art gar nicht zu seiner Bestimmung paßte. Immer ruhte ein feierlicher Ernst auf seiner Stirne und seinen Augenbrauen, denn Er war das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug; diese Bürde erlaubte Ihm keine Freude, aber auf seinen Lippen wohnte eine unaus­sprechlich ruhige, heitere, göttliche Herzensgüte und aus seinen Augen strahlte die gewisse zuversichtliche Hoffnung des Wohl­gelingens seines großen Erlösungsplanes.

Israel Lavater. Nun möchte ich aber gerne auch noch seinen Charakter während seines Lehramtes entwickeln hören. Welches war die Veranlassung oder der Wink, der ihn aus seiner häus­lichen Stille abrief?

Maria. Die Veranlassung dazu war die Taufe des Johannes.

Ich habe Ihm erzählt, was es mit der Geburt des Sohnes Zacha­rias und der Elisabeth für eine Bewandtnis habe, und daß dieser vor Ihm hergehen und Ihm den Weg bereiten sollte, folglich wartete Er darauf, wann dieser öffentlich seinen Beruf antreten würde. Aber auch da war Er noch nicht voreilig, sondern Er war­tete nun auch noch die innere Aufforderung seiner Gottheit ab.

Israel Lavater. Hatten sich diese beiden merkwürdigen Per­sonen wohl vorher gesehen und gekannt?

Maria. Niemals. Jeder lebte eingezogen für sich. Beide wandelten vor Gott und taten nicht das Geringste ohne seinen Wil­len. Der aber hatte ihnen beiden diese vorläufige Bekanntschaft nicht erlaubt. Sogar als Jesus zur Taufe Johannes kam, erkannte Ihn dieser noch nicht. (Joh. 1, 31. 33).

Als nun das Gerücht von der Taufe Johannes im ganzen Lande erscholl und großes Aufsehen machte, so fing nun auch der Herr an, sich auf seinen großen Zweck vorzubereiten. Er hörte auf zu arbeiten, und blieb in der Einsamkeit, im beständigen Gebet, bis endlich sein innerer Ruf kam und Er in aller Stille fort und zum Jordan eilte; dort wurde Er nun durch das bekannte Zeichen und eine Stimme vom Himmel von Johannes erkannt, und von nun an wies Johannes auf Ihn, und kündigte Ihn als den Erlöser an.

Israel Lavater. Was hatte es eigentlich für eine Bewandtnis mit der Versuchung in der Wüste?

Maria. Es war durchaus notwendig, daß die Menschheit Christi genau die nämliche, wo nicht noch eine stärkere Probe bestand, als Adam im Paradiese; um diese zu bewerkstelligen, bekam er einen inneren Antrieb, auf ein sehr rauhes und wüstes Gebirge zu gehen, und da zu fasten und zu beten. Er folgte die­sem Triebe und nährte sich einige Wochen kümmerlich von wildwachsenden Früchten, Kräutern und Wurzeln; die Forderung von der innewohnenden Gottheit an Ihn geschah deswegen, um die Reize seiner sinnlichen Natur aufs höchste zu spannen, und gerade um diese Zeit nahte sich Ihm eine herrliche Lichtengels­gestalt, die Er aber nicht kannte, denn seine Gottheit zog sich in Ihm zurück und überließ Ihn sich selbst, seiner eigenen menschlichen Vernunft. Es war eine heitere mondhelle Nacht, als diese Erscheinung vor Ihm hinschwebte und freundlich zu Ihm sprach: Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist, so hast Du nicht nötig zu hungern, Du bist ja dann allmächtig, und kannst diesen Stein in Brot verwandeln? Jesus war gewohnt, alles mit Sprüchen aus der Schrift zu belegen. Er beantwortete also diese Versuchung mit den Worten Mosis: Der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht. Er gab damit dem Versucher zu verstehen, daß viele in die Natur ausgesprochenen Worte des Schöpfers zur Nahrung dienten, und daß es aufs Brot nicht allein ankäme, wenn der Mensch Nahrung bedürfe.

Satan fand in dieser ersten Probe, daß die Seele Jesus die sinnliche Natur ganz in ihrer Gewalt habe, und daß die Frucht vom verbotenen Baum keine Wirkung auf Ihn tun würde, doch hatte er noch einen Versuch, ob er die Eitelkeit, Wunder zu tun, nicht in Christo rege machen könnte. Er faßte Ihn also mit starkem Arm, führte Ihn nach Jerusalem und stellte Ihn oben auf den Turm des Tempels an das Geländer und sprach: Du mußt doch beweisen, daß Du Gottes Sohn bist; nun heißt es aber von dem, der sein Vertrauen auf Gott setzt: Er wird seinen En­geln über dir Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest; also, spring da hinab! - Hier hatte der Versucher keinen andern Zweck, als den Herrn ums Leben zu bringen; denn er wußte sehr wohl, daß die Wunderkraft der willkürlichen Eitelkeit nicht zu Gebote stünde; aber Jesus wußte es auch und beantwortete diese satanische Bosheit wiederum, mit dem Spruch: Du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen! - Es ist teuflisch, wenn ein Mensch seinen Herrn und Gott probieren will, ob er auch Wort halte.

Hierauf brachte ihn Satan wieder in die Wüste, worin Er vor­hin gewesen war; und da sie aus einem sehr hohen Gebirge besteht, so führte er Ihn auf die höchste Spitze desselben und zeigte Ihm nun, bei dem glänzenden Lichte der aufgehenden Sonne, in der weiten und fernen Aussicht die herrlichen und fruchtbaren Länder, und weiterhin die Gegenden und Lagen der blühendsten Weltreiche; dann sprach er nun völlig satanisch: Siehe, alle diese Reiche und Länder stehen unter meiner Herrschaft; aber ich will sie dir alle geben, dich zum Könige über das alles machen, wenn du mich nur für deinen Oberherren erkennest und mir göttliche Ehre erzeigest.

Hier hatte sich der Versucher nun ganz bloß gegeben, er hatte die drei mächtigsten Leidenschaften der menschlichen Natur, die Sinnlichkeit, die Eitelkeit und den Stolz zu erregen versucht und nicht nur nichts ausgerichtet, sondern sich auch selbst aus bloßer höllischer Leidenschaft entlarvt. Jetzt trat Jesus als Ober­winder auf und sprach mit gebietendem feierlichem Ernste: Nun kenne ich dich - hinweg mit dir, Satan! Die Schrift sagt: Du sollst anbeten deinen Herrn und Ihm allein dienen! Satan er­schien in seiner schrecklichen Gestalt und verschwand.

So wie unsere ersten Eltern durch ihren Sündenfall den Um­gang mit den Engeln verscherzt hatten, so hatte nun der zweite Adam durch seine wohlbestandene Probe diesen Umgang wieder eröffnet; denn nun kamen sie und brachten ihm Nahrung. Bald darauf kam Er aus der Wüste; mit einem ungewöhnlichen Hel­denmut gestärkt, trat Er nun seine Laufbahn an.

Israel Lavater. Man wundert sich oft im sterblichen Leben, warum doch Christus nur eine so kurze Zeit gelehrt und eigent­lich keinen schriftlichen Unterricht für seine Verehrer hinter­lassen habe.

Maria. Dies rührt aus dem Mißverstande her, den man von der Sendung Jesus hat. Sein Hauptzweck war, durch sein Leiden und Sterben die Menschheit von der Herrschaft der Sünde zu erlösen und sie dadurch selig zu machen; wer an dieser Wohltat teil haben wollte, der mußte an Ihn, als den Seligmacher, glau­ben. Um die Menschen zu diesem Glauben zu bringen, machte Er sie immer aufmerksam auf die pünktliche Erfüllung der Schrift an seiner Person, und zeigte durch seine Wunder, daß Er wirk­lich eine göttliche Person und der versprochene Erlöser sei; und damit jeder wissen könne, ob Er den wahren, seligmachenden Glauben habe, so lehrte Er die erhabendsten Pflichten, wozu der Mensch verbunden ist, und die niemand ohne diesen Glauben ausüben kann. Seine Sittenlehren sollten also nicht Ursache, son­dern Wirkung, nicht der Grund der Seligkeit, sondern das Kenn­zeichen sein, daß man durch die Erlösungsanstalten teil an der Seligkeit haben werde. Zu diesem allem war kein langes Leben und kein langwieriges Lehramt nötig. Sobald er hinlänglichen Glaubensgrund gelegt hatte, sobald konnte er zu seinem Haupt­zweck, für die Menschheit zu sterben, übergehen.

Israel Lavater. Ich habe manchmal den treffenden Witz be­wundert, den der Herr bei gewissen Gelegenheiten zeigte: z. B. als sie Ihn wegen dem Zinsgroschen fragten, bei der Erzählung vom barmherzigen Samariter, bei dem Urteil über die Ehebre­cherin usw. Man sollte daraus schließen, Er habe ein sehr hei­teres, aufgewecktes und lebhaftes Temperament gehabt.

Maria. Er hatte einen alles durchdringenden Verstand und eine anziehende Lebhaftigkeit; aber das alles war mit dem Schleier der Bescheidenheit verhüllt. Er beherrschte sich ganz, im gewöhnlichen Umgang war Er die Herzensgüte selbst, und bis zur höchsten Einfalt sanftmütig: aber wenn Ihm jemand etwas vorheucheln oder Ihn ausholen wollte, dann wurde das Bild ma­jestätisch, göttlich, durchdringend, und Er fertigte solche Men­schen so treffend und so ruhig hinblitzend ab, daß sie rot und bleich wurden und wegschlichen. Bei den Vorstehern des Volkes vermehrte dann diese Obergewalt des Verstandes den Haß ge­gen Ihn.·

Israel Lavater. Ach erzähle mir doch, du himmlische Schwe­ster noch so Verschiedenes aus seinem gewöhnlichen Leben! Es ist Wonne, auch für den seligen Geist, alles, auch das ge­ringste, von Ihm zu wissen.

Maria. Auch mir ist's Wonne, von Ihm zu erzählen: Er war im Essen und Trinken sehr mäßig und genoß nichts um des Wohl­geschmacks, sondern bloß um der Nahrung willen. Es gab Spei­sen, die er vorzüglich liebte; aber wenn Er Lust dazu merkte, so aß Er sie nicht; ein andermal, wenn Er gleichgültig dabei war; dann genoß Er sie. In seiner Kleidung und übrigen Lebensart war Er äußerst reinlich und ordentlich, und im Kleinen wie im Großen pünktlich. Alles, was sonst gleichgültig ist, war es Ihm nicht mehr, sobald er merkte, daß es irgend jemand, sogar einem Kinde, unangenehme Empfindungen machte, daher kam es denn auch, daß Ihn alle Kinder gern hatten und sich ebenso zu Ihm drängten, wie alle guten Menschen.

Israel Lavater. Aber wie kam es doch, daß Er den Judas Ischa­riot zum Apostel wählte?

Maria. Weil Judas anfänglich ein guter Mensch war.

Israel Lavater. Wußte denn der Herr nicht zum voraus, daß dieser Judas so schrecklich ausarten würde?

Maria. Man hat im irdischen Leben die richtigen Begriffe nicht, die man von seiner Natur haben sollte: Jesus war als Mensch ebenso wenig allwissend als andere Menschen; die in Ihm wohnende Gottheit hielt sich immer in seinem Innersten verborgen, nur dann, wenn er Wunder wirken oder zukünftige Dinge vorher wissen sollte, dann strahlte die Gottheit in seinen Verstand und Imagination und so wußte und konnte Er dann, was Er wissen und können mußte. Nicht lange vor seinem Leiden wurde Ihm erst offenbar, daß Ihn Judas verraten würde, und erst nach seiner Himmelfahrt entsiegelte Er das Buch der göttlichen Ratschlüsse, und erfuhr also auch da erst die Zeit seiner Wie­derkunft und der Gründung seines Reiches; vorher sagte Er ja ausdrücklich zu seinen Jüngern, daß Er den Tag nicht wisse.

Israel Lavater. Wie kam aber Judas in der Gesellschaft des besten der Menschen zu einem so schrecklichen Verfalle?

Maria. Judas war von jeher ein stiller, fleißiger und sparsamer Mensch gewesen. Da er nun eine besondere Zuneigung zu Jesus hatte und an Ihn glaubte, so nahm Er ihn unter die Zahl seiner Jünger auf. Wegen seiner Wirtschaftlichkeit übertrug ihm der Herr die Sorge für alles, was er mit seiner Gesellschaft be­durfte. Judas hatte also auch die Kasse und besorgte Einnahme und Ausgabe. Dies diente ihm endlich zum Fallstrick, er wurde allmählich geizig; und weil er sah, daß Jesus die andern Jünger lieber hatte als ihn, welches ganz natürlich war - er bekam öfters Verweise, die bei andern nicht nötig waren, - so wurde er auch neidisch, und so verschlimmerte sich sein Charakter, bis zum Grade der Verräterei. Indessen muß man sich gar nicht vorstellen, daß Judas seinen Herrn gehaßt und sich an Ihm habe rächen wollen! Nein, das kam in seine Seele nicht; er glaubte von Herzen, daß Jesus der wahre Messias sei, und eben dieser starke Glaube machte, daß es ihm nie einfiel, seine Verräterei könne seinen Lehrer zum Tode bringen. Er hatte ihn so viele Wunder wirken sehen, daß es ihm die größte Gewißheit war, sein Herr werde sich wohl zu retten wissen; indessen würden die Juden einmal tüchtig angeführt, und das schade ihnen nicht, und er bekäme Geld. Als er aber nachher sah, daß es wirklich mit Jesus zum Tode ging, so lagerte sich eine Welt auf seine Seele; denn nun fand er alle seine Hoffnungen vereitelt, und das Gefühl der Blutschuld wütete in seinem Gewissen.

Israel Lavater. Aber wie war euch Lieben zumute, als ihr sahet, daß es mit Ihm zu einer so schrecklichen Hinrichtung kam?

Maria. Uns allen war unaussprechlich übel zumute; doch gewährten uns die Winke, die er so oft von seinem Leiden ge­geben hatte, einen Schimmer von Hoffnung, der uns aufrecht er­hielt. Indessen durchkämpften wir von seiner Gefangennehmung an bis zu seiner Auferstehung drei schreckliche Tage.

Israel Lavater. Wie betrugen sich die Bürger zu Jerusalem in diesen Tagen?

Maria. Alles war still, man sah wenig Menschen auf den Gas­sen; auch der rohe Haufe, der mit den Ratsherrn auf Golgatha gespottet hatte, war nun ruhig und nachdenkend; es war über­haupt eine allgemeine Empfindung. - Ein Gefühl, man habe sich übereilt und ein großes Unrecht begangen. Selbst Pilatus war unruhig, grämlich, und machte dem jüdischen Rate die bit­tersten Vorwürfe. Herodes aber sah auf sie alle von oben herab und triumphierte, daß er an der Untat keinen Anteil habe.

Israel Lavater. Aber wie war euch bei der ersten gewissen Nachricht von seiner Auferstehung?

Maria. So wie dir, als du aus dem Tode zum Leben erwachtest.

Israel Lavater. Gelobt sei der Herr in Ewigkeit! - Sage mir doch, in welchem Augenblick seines Erdenlebens war Er wohl am erhabensten? Wo und wann machte Er den tiefsten Eindruck als Gottmensch auf die Seinigen?

Maria. überhaupt am letzten Abend, als Er das Abendmah1 einsetzte, und nun das große, unaussprechlich herrliche Gebet aussprach, welches Johannes von Wort zu Wort aufbewahrt hat. Überhaupt hat Johannes seine Redensarten und Ausdrücke am genauesten getroffen.

Israel Lavater. Ach, der unendlich Geliebte und Ewigliebende, wie kann man Ihm in Ewigkeit vergelten, was Er für uns getan hat?

Maria. Er hat alles aus Liebe getan, und bloß durch Gegen­liebe wird Ihm alles vergolten. Liebe ist die Seligkeit Gottes und der Menschen.

Auf einmal strahlten die Lichtfarben heller in Marias Halle.

Vom hohen Zion ergoß sich ein Ozean von Herrlichkeit. Alle Heere der Seraphim bildeten sich im weiten Kreise und Maria mit ihrer Gesellschaft vereinigten sich mit diesen Heeren. Jeder an seinem gebührenden Ort. Es war eine hohe Siegesfeier. In irgend einer von den Millionen Welten hatte ein Geschlecht ver­nünftiger Wesen eine höhere Stufe erstiegen, worüber sich der Herr mit allen Heiligen freute!

Siona! Ich ermatte. - Vergönne meinem sterblichen Staube, daß er wieder neue Kräfte sammle! Nur in der Vorstellung, sich zu den Sphären der Heiligen hinaufschwingen zu wollen, ist ein vergeblicher Versuch. Leite du meinen Gang, du Geist des Vaters und des Sohnes, damit meine Flügel dereinst zu diesem Aufschwung taugen mögen. Amen!

 

 

Fünfte Szene.

Die Seligkeit der Kinder

Wenn ich an meine sechs frühverstorbenen Kinder denke, so wünsche ich oft zu wissen, wie es ihnen gehe. Daß sie selig sin.d, daran zweifle ich nicht; aber wie sie selig sind, das weiß ich nicht. Ein dringendes Verlangen zu dieser Kenntnis hab' ich auch eben nicht; denn ich werde es zu seiner Zeit wohl erfahren. Um aber doch zärtlich liebenden Eltern einen dämmernden Blick in das Schicksal ihrer früh entflohenen Lieben zu gewähren, bat ich Siona um eine Szene aus dem Kinderreiche, sie erhörte meine Bitte, und was ich in der Imagination sah, das teile ich Ihnen hier mit.

Ich sah eine Gegend im Kinderreiche, die mir eine der schön­sten zu sein schien. Der ewige sanftglänzende Morgen strömte sein mäßiges Licht über einen Hügel her, der mit gelind wehen­den, unaussprechlich schönen, grünen Gebüschen bewachsen war. Ein perlenfarbiger Duft senkte sich leise an der Seite herab, den das Morgenlicht mit einem Regenbogen kränzte.

Vor diesem Hügel her erstreckte sich eine sanfte abhängige Ebene, die untenher mit einem kristallenen Bach begrenzt wurde. Rechts hinüber sah ich Alleen, die im schönsten Perspektiv wie ins Unendliche fortliefen, und über denen unbeschreiblich schöne Gestalten schwebten, die mit Tönen, der Harmonika ähnlich, den Herrn der Herrlichkeit lobten.

Linker Hand floß gleichsam ein enges Tal zwischen Luftwäl­dem hin, durch welches obiger Silberbach schweigend hinweg­eilte, um die Harmonien nicht zu stören, die von allen Wesen der himmlischen Natur dem Schöpfer entgegen tönten.

Fünfte Szene.

 

Die Seligkeit der Kinder

 

Wenn ich an meine sechs frühverstorbenen Kinder denke, so wünsche ich oft zu wissen, wie es ihnen gehe. Daß sie selig sind, daran zweifle ich nicht; aber wie sie selig sind, das weiß ich nicht. Ein dringendes Verlangen zu dieser Kenntnis hab' ich auch eben nicht; denn ich werde es zu seiner Zeit wohl erfahren. Um aber doch zärtlich liebenden Eltern einen dämmernden Blick in das Schicksal ihrer früh entflohenen Lieben zu gewähren, bat ich Siona um eine Szene aus dem Kinderreiche, sie erhörte meine Bitte, und was ich in der Imagination sah, das teile ich Ihnen hier mit.

Ich sah eine Gegend im Kinderreiche, die mir eine der schön­sten zu sein schien. Der ewige sanftglänzende Morgen strömte sein mäßiges Licht über einen Hügel her, der mit gelind wehen­den, unaussprechlich schönen, grünen Gebüschen bewachsen war. Ein perlenfarbiger Duft senkte sich leise an der Seite herab, den das Morgenlicht mit einem Regenbogen kränzte.

Vor diesem Hügel her erstreckte sich eine sanfte abhängige Ebene, die untenher mit einem kristallenen Bach begrenzt wurde. Rechts hinüber sah ich Alleen, die im schönsten Perspektiv wie ins Unendliche fortliefen, und über denen unbeschreiblich schöne Gestalten schwebten, die mit Tönen, der Harmonika ähnlich, den Herrn der Herrlichkeit lobten.

Linker Hand floß gleichsam ein enges Tal zwischen Luftwäl­dern hin, durch welches obiger Silberbach schweigend hinweg­eilte, um die Harmonien nicht zu stören, die von allen Wesen der himmlischen Natur dem Schöpfer entgegen tönten.

Wie ein großer grüner Sammet, mit kaum sichtbarem Silber­flor überzogen und mit Millionen Edelsteinen, die in ihrem sanften Feuer äugeln, übersäet, lag da vor mir jene Ebene; der Schatten des perlenduftenden Hügels dämmerte über die Land­schaft hin, und im sanft hingleitenden Bache spiegelte sich das Haupt des Hügels mit seiner aus dem Purpur der Morgenröte sich bildenden Krone.

Lebende Wesen - vielleicht die Ideale unseres irdischen Vo­gelreichs - schwebten leise in mäßiger Höhe über den unbe­schreiblich schönen Blumen und Kräutern, deren Duft vermut­lich ihre Nahrung war. Auch größere hinschwebende, unbegreif­lich schöne, bald sichtbare, bald unsichtbare und dann wie bleich rosenfarbenes Glas durchsichtige Gestalten, eilten gleichsam schneller, bald hieher, bald dorthin, es schien, als ob sie bestimmt wären, die Produktion der, himmlischen Natur zu besorgen.

Indem ich mein Geistesauge an diesen Schönheiten weidete, wandelten verklärte Menschen aus den Alleen herüber; ein ält­licher Engel führte Kinderseelen auf diese paradiesische Flur. Die kleinen Engel waren sehr geschäftigt, alles zu sehen, zu berühren und zu empfinden. Sie schienen über alles, was ihnen vorkam, ganz entzückt zu sein. Einer von ihnen schmiegte sich an den Führer und sprach:

Sage mir doch, Abitob, wie bin ich in das schöne Land gekom­men? - Gestern war ich noch sehr krank; ich war an einem sehr dunklen - sehr traurigen Orte; meine Mutter saß bei mir und weinte, und andere Leute weinten auch. Ich hatte so viele Schmerzen, und jetzt bin ich so gesund und so froh; aber ich möchte doch gern wieder zu meiner Mutter gehen.

Abitob. Lieber Elidad! Deine Mutter wird zu dir kommen, wenn der Herr will; jetzt mußt du nun den Herrn kennen lernen, der dich und das alles geschaffen hat.

Elidad. Der Herr, der mich und das alles gemacht hat, muß sehr gut sein. Mir ist so wohl - ich bin gar nicht krank mehr - und das alles ist so schön, und ich hab' auch nun so gute, liebe Knaben, die mit mir spielen, und du bist auch ein so guter Vater, wenn ich nur eine gute Mutter hätte; die andere Mutter, die so weinte, habe ich nicht mehr.

Abitob. Sieh dich einmal um! - Kennst du deine Base Eli­sabeth nicht, die dich doch so lieb hatte und dich so treulich ver­pflegte?

Elidad. Ja, die ist aber gestorben!

Abitob. Ja, sie ist gestorben, aber nun ist sie hier im Himmel.

Elidad. Ist das denn der Himmel? - Bin ich denn auch im Him­mel? Sag' mir doch, lieber Vater, wie bin ich hieher gekommen?

Abitob. Deine Base Elisabeth hat dich hierher geholt, du warst sehr krank und konntest auf der traurigen Erde nicht wieder ge­sund werden.

Elidad. Ach, das ist sehr gut! - Aber wo ist denn meine Base, die mich in den Himmel geholt hat?

Elisabeth. Sieh, mich an, Johannes, nun heißest du Elidad und ich heiße Jedid, Sieh mich an! Jetzt sind wir zusammen im Him­mel, ich bin nun deine Mutter!

Elidad. Nun bin ich froh, nun fehlt mir nichts mehr, wenn nur auch die andere Mutter, die so um mich weinte, hierher kommt.

Abitob. Sie wird auch kommen, wenn sie fertig ist, sie hat noch viel zu tun.

Elidad. Meine Mutter und du auch, meine jetzige Mutter, ihr sagtet immer; wenn man gestorben sei und fromm wäre, so käme man in den Himmel, und nun bin ich doch nicht gestorben; wie ist denn das? - Ich war sehr krank - nun schlief ich ein ­nun wurde ich wieder wach, und da bin ich nun schon im Him­mel?

Abitob. Dein Einschlafen war sterben, du bist gestorben!

Elidad. Bin ich gestorben? - Ich bin ja nicht in der Erde, im Grab, sondern im Himmel!

Abitob. Betrachte dich einmal recht, besieh doch deine Hände und Füße und alles, was an dir ist! - War das alles sonst auch so?

Elidad. Ach siehe! - Nein das war ganz anders. - Alles an mir war so schwer; und wenn ich fort wollte, so mußte ich laufen, und dann wurde ich müde; wenn ich in die Höhe klettern wollte,. so wurde mir das sauer, und dann fiel ich oft, und das tat mir dann so weh, daß ich weinen mußte. - Jetzt ist alles ganz an­ders, wo ich hin will, da flieg' ich hin, ich kann in die Höhe fliegen und hab' doch keine Flügel, auch falle ich nicht, alles ist so leicht, so sonderbar, aber das alles ist sehr gut; denn nun kann ich bald auf die höchsten Berge kommen und alles recht besehen. Ach, das ist doch gar schön, gar gut!

Abitob. Sind denn das noch die nämlichen Hände und Füße ­ist das noch der nämliche Leib, den du sonst hattest?

Elidad. Nun sehe ich’s! - Ich hab' einen andern Leib, der viel besser ist. Aber wo ist denn der erste schwere Leib hingekom­men?

Abitob. Den haben deine Eltern auf dem Kirchhof begraben.

Elidad. Ach, so ist das! - Jetzt begreif' ich's - da wird nun meine Mutter erst recht geweint haben, - die arme Mutter! Aber es ist doch recht einfältig, daß die Leute weinen, wenn man den schweren Leib, der doch so unbequem, so wenig nütze ist, in die Erde scharrt; man bekommt ja dann einen weit besseren Leib. Wissen das die Menschen auf der Erde nicht?

Abitob. Sie wissen es wohl, aber doch nicht recht, und dann weinen sie auch darum, weil sie ihre Lieben in ihrem Leben nicht wiedersehen.

Elidad. Das ist ja gut! Hier ist es ja weit besser, und sie kom­men ja dann auch hieher. Aber sage mir doch, lieber Vater, wie hab' ich denn diesen so gar schönen Leib bekommen? Den hatte ich doch sonst nicht?

Abitob. Der Herr, der diesen schönen Himmel gemacht hat, der gab dir auch, als du im Sterben einschliefst, den schönen Leib, und als du erwachtest, so hattest du ihn.

Elidad. (Jauchzt und freut sich hoch.) Ach, das ist doch noch weit schöner als sonst, wenn mir meine Mutter sagte: Morgen soll dir auch das Christkindchen etwas bescheren, und ich er­wachte dann des Morgens, so stand da so viel Schönes; das dann mein war; aber das alles mag ich nun nicht mehr haben, das ist nun gar nicht schön mehr. Hat er mir den schönen Leib zum Christkindchen gegeben?

Abitob. Der Herr ist das Christkindchen selbst.

Elidad. Der Herr ist das Christkindchen? - Ist denn der große Herr, der alles gemacht hat, ein Kind?

Abitob. Er war einmal ein Kind auf der Erde und so ein Knabe wie du; dann wuchs er und ward ein Mann, und zum Andenken, daß Er ein Kind war, schenken die Leute auf der Erde ihren Kin­dern etwas Angenehmes, damit sie Ihn lieb haben sollen.

Elidad. Nun, deswegen hab' ich ihn nicht lieb, sondern darum, daß Er mir einen so schönen Leib gegeben und einen so schönen Himmel gemacht hat. Aber sage mir doch, mein lieber Vater, wie ist es denn gekommen, daß er nun ein so großer Herr gewor­den ist? Ich bin ja auch ein Kind und im kann doch so nichts machen, und auch die großen Leute, die sterben und hieher kom­men, können es nicht, oder können nur sie es nicht?

Abitob. Nein, sie können es nicht; aber der Herr war nicht allein Mensch, wie du und andere Menschen, sondern Er war auch zugleich Gott.

Elidad. Ja, das glaub ich. - Dann kann Er wohl so alles recht schön machen? Aber du sagst, Er wäre auch ein Kind und ein Knabe gewesen wie ich; was machte er doch auf der dunklen, schweren Erde, Er hätte hier bleiben sollen, hier ist es ja viel schöner!

Abitob. Lieber Elidad! Dann wärst du nimmermehr hieher gekommen, du hättest auch nie diesen schönen Leib bekommen.

Elidad. Nicht? - Warum nicht? - Er war ja Gott, da konnte Er ja doch einen so schönen Himmel, und einen so schönen Leib machen. Auf der Erde hat er das doch nicht gelernt, da kann man das nicht.

Abitob. Warum geben die Eltern auf der Erde bösen, gottlosen Knaben, die sich im Kot wälzen und sich mit andern Kindern rupfen und schlagen, keine schönen Kleider?

Elidad. Da würden sie nicht wohl daran tun, denn sie würden sie verderben und das wäre schade.

Abitob. Und wenn sie dann auch so fliegen könnten wie du, - und hätten so viele Gesundheit und Mut, als du jetzt hast, was würden sie dann anfangen?

Elidad. Ach, das würde nicht gut sein. Was würden solche Kin­der für Unheil anfangen!

Abitob. Siehst du, lieber Elidad! Darum gab der liebe Gott den Menschen nicht einen so schönen Leib und einen so schönen Himmel; sie würden das alles schrecklich gemißbraucht haben.

Elidad. Sind denn nun die Menschen besser geworden, daß sie es nun nicht mißbrauchen?

Abitob. Sie können nun besser werden, wenn sie nur wollen; und deswegen eben wurde der liebe Gott ein Mensch.

Elidad. Ach, nun hab' ich den lieben Gott, der nun auch Mensch ist, noch einmal so lieb. Aber wie hieß denn der Gott­mensch, als er auf der Erde war?

Abitob. Er hieß Jesus Christus.

Elidad. Ach ja, der Herr Jesus, oder auch der Herr Christus! Von Ihm hat mir meine Mutter so viel erzählt - daß Er das Christkindchen wäre, daß Er auf der Erde gelebt habe, und daß Er mit vielen Schmerzen hingerichtet worden sei, und das alles nur, um die Menschen selig zu machen. Aber nun kann ich doch nicht begreifen, wie die Menschen dadurch besser werden kön­nen, daß der Herr Mensch wurde und so schmerzlich starb.

Abitob. Das wirst du nun hier verstehen lernen. Jetzt kannst du es freilich noch nicht begreifen.

Elidad. Aber es gibt doch auch viele gottlose Menschen, die kommen doch nicht hieher, die würden ja auch hier alles ver­derben; warum hat doch der Herr Christus nicht alle gut gemacht?

Abitob. Weil sie nicht alle gut sein wollen! Denn vielen schmecken die Erdenlustbarkeiten besser als das Frommsein, und so kommen sie dann auch nicht hierher.

Elidad. O, die armseligen, einfältigen Menschen! - Wüßten sie nur, was ich weiß, wie fromm würden sie sein. - Ach, darf ich nicht wieder auf die Erde gehen? - Ich will den armen Menschen sagen, wie gut es hier ist! Sie sollten doch nur ja recht fromm sein.

Abitob. Wenn ein Vater zwei Knaben hätte und er sagte zu ihnen: Kinder, ich muß euch ernähren und Kleider geben, darum müßt ihr auch recht brav sein und fleißig arbeiten. Nun erführe aber der eine Knabe von einem Bedienten im Hause, daß der Vater ganz außerordentlich schöne Sachen für die zwei Knaben aufgehoben hätte, die er ihnen schenken wollte, wenn sie recht brav und fleißig wären, er nähme ihn auch wohl heimlich mit, ließe ihn durch ein Fenster die schönen Sachen sehen: nun sage mir, Elidad, wenn nun dieser Knabe auch rechtschaffen und fleißig wäre, aber der andere, der nichts davon wußte, wäre es auch, welcher wäre dann der Beste?

Elidad. Jetzt begreif' ich das auch. - Nein, der erste Knabe möchte ich nicht sein - man kann ja nicht wissen, ob er auch von Herzen gut ist; aber von dem an dem weiß man's gewiß. Nein, nun mag ich nicht mehr auf die Erde. Aber die Menschen wissen ja doch, daß sie in den Himmel kommen, wenn sie fromm sind. Freilich, daß es so gut hier ist, das wissen sie wohl nicht.

Abitob. Desto schlimmer für sie! Siehe, so gut ist der Herr!

Er hat ihnen so viel vom Himmel offenbart, als ihnen zur Auf­munterung nötig ist.

Elidad. Aber sage mir einmal, lieber Vater, wie ist es denn nun hier? - Wie kann ich aber nun hier im Himmel beweisen, daß im gut und fromm bin? - Hier ist es ja keine Kunst! - Ich wollte, ich wäre noch ein Mensch und wüßte vom Himmel nichts, damit ich's auch dem. Herrn beweisen könnte, daß ich recht treu wäre, und ihm nicht um des Himmels willen diente, sondern weil ich Ihn lieb hätte.

Abitob umarmte und küßte den Elidad. -

Du holder Engel, sprach er, so dachte auch der Herr: Er wollte Mensch werden wie du, aus Liebe zu Gott, und Er wollte auf die Erde gehen wie du, um die Menschen selig zu machen, also aus Liebe zu den Menschen; deine Liebe zu Gott und den Menschen wird dir auch hier Mittel genug an die Hand geben, zu zeigen, daß du gut und fromm bist.

Jetzt kam ein majestätischer Engel, der viele Kinderengel um sich her hatte. Er lächelte dem Elidad zu und sprach zu ihm; Komm' zu mir, mein Kind!

Elidad nahte sich ihm etwas schüchtern. - Du glänzest so sehr; wer bist du denn, sagte er.

Der Engel. Ich bin derjenige, von dem dir deine Mutter er­zählte, daß er die Kinder so lieb habe, und der gesagt hat:

"Lasset die Kinder zu mir kommen!“  

Elidad. Ach, das war ja der Herr! - Bist du mein lieber Herr Jesus? - Ach, ich sehe es ja an den schönen roten Sternen auf deinen Händen und Füßen; meine Mutter erzählte mir's. Ach, was soll ich anfangen? - Laß mich wieder auf Erden in meinen schweren Körper -  ich will auch für dich sterben.

Der Herr. Elidad, komm in meine Arme! - ,,Wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hinein kommen." –

 

 

 

 

Eickels Verklärung

Eine Scene aus der Geister Welt.

Zum freundschaftlichen Andenken von Johann Heinrich Jung

Der Weltweisheit und Arzneygelahrtheit Doctor, Churpfalzischer Hofrath, und der Staatswirtschafts ordentlicher Professor in Marburg.

Aus "Sammlung einiger Predigten" zum Andenken an den Tod des Dionysus Eickel, ref. Prediger zu Elberfeld, erschienen Elberfeld 1788

Sechste Szene

 

Verschiedene Wirkungen der Bekehrung am Ende des Lebens

 

Man hat nun auch unter der Leitung der Aufklärung die Frage: Ob ein großer Sünder, der auf dem Totenbette noch Buße tut, auch selig werde, dahin entschieden, daß dies nicht möglich sei, weil dazu ein frommes, der Sittenlehre Jesu gemäßes Leben erfordert werde. Antwortet man ihnen aber darauf, ja, wer kann denn selig werden, so wissen sie weiter nichts darauf zu sagen, als: Gott kenne die schwachen Kräfte des Men­schen, Er werde wohl Gnade für Recht ergehen lassen, und es mit dem übrigens gutherzigen Gemüt so genau nicht nehmen. Daß ein merklicher Widerspruch in diesen Behauptungen ver­steckt liege, sieht jeder Nachdenkende leicht ein, aber man sucht auch durch dergleichen Sophismen so durchzuschleichen, damit man die altmodische Lehre der Obskuranten vom Fall Adams und von der Erlösung durch das Leiden und Sterben Christi, ohne großes Aufsehen zu machen, umgehen könne.

Aus diesem Grunde rührt nun auch die neologische Pastoral­regel her, daß es unnötig und absurd sei, wenn Prediger die ar­men Sünder im Gefängnis noch zu bekehren suchten, und man tadelt entweder bitter oder mit Verachtung solche abergläubige Schwärmerei, oder man spottet sogar darüber.

Wahrlich! Wahrlich, es gehört viel Glaubensmut und Stand­haftigkeit dazu, um heutzutage die verachtete Lehre vom Kreuze des verachteten Christus öffentlich unter Christen zu bekennen, und wenn je die Worte des Apostels - "Hofften wir in diesem Leben allein auf Christum, so wären wir die Elendesten unter allen Menschen", (1. Kor. 5, 19) anwendbar waren, so sind sie's jetzt. Wie ruhig und wie geehrt könnte ich unter meinen Zeit­genossen leben, wenn ich in der Stille meinem Gotte nach meiner Überzeugung diente und als Schriftsteller mich bloß auf meinen Beruf einschränkte. Gott weiß, wie manchen Kampf es mich gekostet hat, bis ich mein, ohnehin zur Menschengefällig­keit und zur Eitelkeit geneigtes Gemüt unter die Herrschaft gebracht habe, und dem höheren mächtigeren Zuge folgsam geworden bin. Aber wehe mir, wenn jene Neigung herrschend ge­worden wäre, ich würde dann der Knecht sein, der sein Pfund vergrub, und folglich auch sein schreckliches Schicksal haben.

Indessen ist es denn doch, auch für die erleuchtete Vernunft eine schwere Frage, wie es möglich sei, daß ein gänzlich um­gekehrter und zum Guten fest entschlossener Wille, einen in Laster und Greueltaten verhärteten Geist alsofort zur Himmelsbürgerschaft geschickt machen könne. - Wiederum, was für Mittel bei dem Bekenntnis dieser Lehre angewendet werden müssen, damit der Sünder nicht dadurch sicher gemacht werde und seine Bekehrung bis aufs Totenbett verschiebe. Das gewöhnliche Mittel, man könne nicht wissen, ob man stürbe, oder ob man auf dem Sterbebette Besonnenheit und Gelegenheit haben werde, sich bekehren zu können - ist für den Leichtsinn zu schwach und nicht dringend genug, denn jeder hofft, die Gelegenheit zu haben, und läßt es dann darauf ankommen.

Ich flehte um Belehrung über diesen wichtigen Punkt und Siona erzählte mir in einer stillen, einsamen Feierstunde fol­gende Szene aus dem Geisterreiche :

Zwei große Verbrecher Raschang und Tobam, wurden gefan­gen, überführt und zum schmählichen Tode verdammt, die Obrigkeit dachte christlich und gab ihnen Zeit zur Bekehrung, und der Prediger des Ortes, ein wahrer evangelischer Lehrer, wendete die kräftigsten Mittel an, um sie zur gründlichen Er­kenntnis ihres Sündenelendes und zum reumütigen Zufluchtneh­men zum großen Versöhner zu bewegen. Soviel Menschen beurteilen können, erreichte er seinen Zweck vollkommen. Beide schienen in der Verfassung eines wahrhaft versöhnten Sünders den Tod zu leiden.

Raschang und Tobam erwachten im Hades zur Unsterblich­keit, sie staunten in die endlose Wüste hin, und nahten sich einer unübersehbaren Menge abgeschiedener Seelen, die vor den Mor­gengebirge ihres Gerichts harrten.

Raschang. Ich glaubte, wir würden sofort in den Himmel kom­men, wenn wir gestorben wären.

Tobam. Glaubst du denn, daß wir wert sind, in den Himmel aufgenommen zu werden?

Raschang. Wert sind wir' s nicht, aber wir haben uns doch bekehrt, wir haben Buße getan, und Christus hat denen, die das tun, den Himmel versprochen.

Tobam. Wenn ich mein ganzes Leben überdenke, so fühle ich tief, daß ich ohne ein Wunder der Barmherzigkeit Gottes nicht selig werden kann, könnte ich jetzt wieder als Kind auf die Welt geboren werden, 0, ich würde kämpfen bis aufs Blut, und gewiß mit aller Treue Gott dienen.

Raschang. Würdest du das aber können? - Die menschliche Natur ist zu schwach dazu!

Tobam. Ja, aber ich will es ernstlich, - und ich würde nicht nachlassen zu beten, bis ich Kraft bekäme.

Raschang. Jetzt hilft uns aber all das Wünschen nichts, ich verlasse mich nun auf das Versprechen, daß diejenigen selig werden sollen, die wahre Buße getan haben. Da ich mich nun von Herzen bekehrt habe, so hoffe ich auch, ich werde Gnade er­langen.

Jetzt nahte sich ihnen ein Engel in verhüllter Majestät, er hatte ihnen im Tode beigestanden und sie unsichtbar in den Hades geführt. Folgt mir, sprach er zu ihnen, damit euer Schick­sal entschieden werde! Sie folgten ihm mit Freuden und kamen bald in eine hellere, erhabenere Gegend, in eine weite Fläche. Hier schien die ewige Natur den Anfang ihrer Versuche zu himmlischen Gefilden zu machen. So wie in den ersten Frühlingstagen bei warmen Sonnenblicken hin und wieder ein Märzblümchen hervorbricht, einzelne Grasspitzen lichtgrün aus der toten Erde entsprießen, und am verdorrt scheinenden Gebüsche hie und da eine Knospe aufquillt, so bemerkte man die entfernten Kräfte des Himmels; auch wehte die Luft des ewigen Morgens erquickenden Tau herüber, der die lechzende Seele stärkte.

Hier fanden sie nun kleinere und größere Gesellschaften ­auch einsam wandelnde Menschenseelen. Der Engel führte sie in diese Kreise, schwieg und überließ sie sich selbst.

Tobam. Ach, Bruder, hier ist gut sein, hier möchte ich ewig wohnen, komm, wir wollen da zu der Gesellschaft gehen, die so ruhig, friedlich und froh ist. Raschang schwieg und folgte.

Die Gesellschaft empfing sie freundlich; Tobam nahte sich demütig und sprach; Ach, ihr himmlischen Brüder! Verzeiht mir, daß sich euch ein so großer Sünder, wie ich bin, zugesellt; ich wäre zwar der ewigen Verdammnis würdig, aber die unendliche Barmherzigkeit des Herrn hat mich Teil an seiner Erlösung neh­men lassen, Er hat mir meine Sünden verziehen - verzeihet ihr mir auch?

Die Gesellschaft. Wir sind alle verdammniswürdige Sünder, aber auch uns ist Barmherzigkeit widerfahren; komm zu uns, du bist uns willkommen!

Raschang stand in einiger Entfernung, er schien mißvergnügt. - Tobam nahte sich ihm freundlich und sprach; Bruder, ist dir nicht wohl? Wie ist das, dein Gemüt ist unruhig.

Raschang. Ich schäme mich - du bekennst gleich, du wärest ein großer Sünder; es ist ja genug, wenn es Gott weiß.

Tobam. Ich will öffentlich allen Himmeln erzählen, welch ein großer Verbrecher ich bin, damit die Barmherzigkeit, die der Herr an mir getan hat, allen Heerscharen bekannt, und Er so durch mich verherrlicht werde. - Aber ich wittere Totengeruch! - Dein Ansehen verändert sich, ich muß von dir weichen! Ach, Raschang, dein schreckliches Geschwür war nur oben zugeheilt, nun bricht es mit viel stärkerer Bösartigkeit wieder auf. Ach, drücke es rein aus, damit kein Tropfen Eiter zurückbleibe, du bist sonst ewig verloren!

Raschang. Ach, mir wird so ohnmächtig, ich kann es hier nicht länger aushalten!

Tobam ging wieder zur vorigen Gesellschaft, Raschang aber entfernte sich, er entwich gegen Westen, wo auch in der öden, dunklen Wüste viele Gruppen von Gesellschaften beieinander wandelten. Der Engel folgte ihm, nahte sich ihm und sprach:

Raschang, deine Bekehrung war nicht aufrichtig vor Gott! Blicke einmal tief in dein Gemüt und sage mir, warum suchtest du Gnade bei Gott? -

Raschang schwieg und wendete sich weg. Der Engel fuhr fort: Siehe, du hast aus Furcht vor der ewigen Verdammnis Buße getan; du bereutest deine Sünden bloß, um der Strafe zu entgehen, und der Seligkeit teilhaftig zu werden.

Raschang. Ja, das ist wahr! Aber ist das denn nicht genug? ­Was muß ich denn noch mehr tun?

Der Engel. Prüfe dich genau und untersuche dein Innerstes, ob du, wenn dir die Obrigkeit dein Leben geschenkt hätte, auf Er­den noch ein frommer, Gott ganz ergebener Christ geworden sein würdest. Ob du nicht vielmehr allmählich in dein vori­ges Lasterleben verfallen, oder, wenn du den Scharfrichter ge­fürchtet hättest, ob du denn doch nicht ein böser Mensch ge­blieben wärest? - Tobam tat Buße, weil er die Sünde als schreck­lich erkannte: er würde sie selbst in die Hölle verabscheuen, du aber tatest Buße, weil dir nur die Folgen der Sünde schrecklich waren. Sobald diese Furcht behoben wird, so bist du wieder ein Sünder wie vorher, und du würdest es im Himmel sein, wenn es möglich wäre, daß du im gegenwärtigen Zustande da leben könntest. Raschang, der Grund deines Gemüts ist noch nicht geändert; die neue Geburt aus dem Geiste Gottes fehlt ihm noch.

Raschang. Sage mir, du furchtbarer Unbekannter, was muß ich denn nun tun?

Der Engel. Siehe, Raschang, der Stolz ist die Wurzel der Sünde. Kannst du dich jener Gesellschaft nähern und ihr sagen, wer du bist? Kannst du ihr dein Herz so ganz offen darlegen und dann ihren Spott und Verachtung ohne Zorn und mit völliger Zustimmung ertragen? Wenn du dies kannst, wirst du Er­leichterung spüren, und wenn du diese Demütigung so lang fort­setzest, bis dein Stolz ganz überwunden ist, so wirst du dich den besseren Gesellschaften wieder nähern können, und nach und nach zum Himmelreich geschickt werden.

Raschang. Wie kommt es aber, daß die Menschen auf der Erde eine so strenge Buße nicht nötig haben? - Da braucht man ja den andern Menschen seine Sünden nicht zu offenbaren, warum muß ich es denn hier tun?

Der Engel. Im sterblichen Leibe ist die Seele doch mit dem Körper vereinigt: dort ist alles so eingerichtet, daß dem gefalle­nen Menschen die Bekehrung und Wiedergeburt am leichtesten wird. Die sinnliche Natur gibt dort Stärke und Erholung im Lei­den, diese mangelt aber hier ganz. Sie muß aber auch mangeln, denn die ewige Liebe will einmal, daß sich der Sünder bekehren soll; - je hartnäckiger er nun ist, desto strengere Mittel sind auch nötig. Im irdischen Leben kommt der Mensch erst zu seiner Existenz, er hat noch nicht gesündigt, sondern er bringt nur die Neigung zum Sündigen mit auf die Welt. Von der Geburt an fangen die Erlösungsanstalten und Gnadenmittel an, auf ihn zu wirken, und wirken fort bis an seinen Tod. Wenn er nun diese vernachlässigt, so sind strengere Mittel nötig, um einen so har­ten, unbeugsamen Geist zur Rückkehr zu bringen; und je härter und widerspenstiger ein solcher Geist ist, je länger er wider­strebt, desto strenger auch seine Rettungsanstalten.

Raschang. Aber warum hat mir Gott einen so harten Sinn ge­geben; warum wendete er in meinem Leben auf Erden nicht so strenge Mittel an, daß ich dadurch gründlich bekehrt wurde?

Der Engel. Wenn durch unvermeidliche Wirkungen der Natur ein Mensch mehr zum Bösen geneigt wird, als der andere, so gibt ihm auch Gott nach eben dem Verhältnis mehrere Gelegenhei­ten, Bewegungsgründe und Anleitungen zur Überwindung. Durchdenke dein Leben, so wirst du Proben genug davon finden; und war nicht Tobam ein eben so verruchter Bösewicht wie du? -- Bedenke nur, du fragtest eben, warum Gott nicht auf Erden so strenge Mittel gebraucht hätte, daß du dadurch gründlich bekehrt worden wärest. Gibt' s denn wohl ein strengeres und mäch­tigeres Mittel zur Buße, als die Gefangenschaft und das schimpf­liche Ende eines Missetäters auf dem Schafott? - An Tobam tat es seine volle Wirkung und an dir nicht; wer war daran schuld? Besinne dich, Raschang! Alle deine Sünden sind dir um des Leidens und Sterbens Christi willen gänzlich verziehen, ihrer soll in Ewigkeit nicht mehr gedacht werden; denn du hast sie ernstlich bereut, und Vergebung der Sünden erlangt. Aber damit hast du dich nun beruhigt, du hast deinen Willen nicht ganz unbedingt dem Herrn so aufgeopfert, daß du, wenn dir das Leben geschenkt worden wäre, ihm von ganzem Herzen und aus allen Kräften gedient hättest. - Du hättest dich im Gefühl der Ver­gebung deiner Sünden beruhigt, und dann wieder fortgesündigt wie vorher. Jetzt folge nun meinem Rate, den ich dir vorhin ge­geben habe, damit dein Zustand nicht schrecklicher werden möge! Hier werden die Leiden der Ewigkeit immer größer, je länger du deine Rückkehr verschiebst, und diese besteht in nichts anderem, als im Tode der stolzen Eigenliebe.

Raschang wandte sich traurig um, und nahte sich der ersten, westlichen Gesellschaft, an die ihn der Engel angewiesen hatte. Scham und Stolz kämpften mit dem Verlangen, selig zu werden; er nahte sich, und sprach schüchtern. Ich bin ein großer Sünder, erlaubet mir, daß ich in eure Gesellschaft kommen darf.

Einer aus ihnen antwortete. Das sind wir wohl alle; aber wer bist du denn, und was hast du getan?

Raschang besann sich, der Engel nahte sich wieder, und er­mahnte ihn redlich, seine Sünden zu bekennen und seine Ge­schichte zu erzählen, aber Raschang besann sich; und nun trat ein anderer unbekannter Geist herzu und sagte: Nein, dieser Gesellschaft nicht; komm, ich will dich zu einer andern führen, der du alles sagen darfst.

Der Engel wandte sich ernst und traurig weg, und Raschang folgte dem neuen Führer weiter gegen Westen. Hier fand er nun viele Seelen beisammen stehen, die mit anscheinendem Vergnügen unruhig durcheinander liefen und sich gelegentlich mit Er­zählungen unterhielten. Raschang empfand hier weniger Wider­stand in seinem Gemüte; er trat also hinzu, und entdeckte sich, wer er wäre; man horchte ihm aufmerksam zu und freute sich seiner Ankunft; dies machte ihn kühner. Er ging also weiter und fing nun auch an, seine Greueltaten zu erzählen; allein jetzt bemerkte er, daß man anfing ihn zu verachten, ihm Vorwürfe zu machen und sich von ihm zu entfernen.

Noch einmal trat der Engel zu ihm und sprach: Raschang, kehre um; wenn du weiter gehst, so bist du ewig verloren. Aber die Verachtung und der Spott, den er soeben bemerkt hatte, war tief in sein Herz gedrungen, und hatte seinen Stolz noch mehr angefacht; als ihm daher der andere Führer noch einmal winkte und sagte: komm, ich führe dich an einen Ort, wo man dir freundlich begegnen wird - so zog ihn sein innerer Hang un­aufhaltbar fort und der Engel verließ ihn auf immer.

Raschang kam nun noch weiter gegen Westen, wo man den Morgenschimmer des Himmels nur noch von ferne bemerkte. Hier traf er eine Menge Seelen an, die mit Ungestüm ihr Wesen trieben, und sich mit der Erinnerung der Untaten ihres vergangenen Lebens unterhielten. Raschang bekam mehr Mut, sein Herz wurde freier, auch er fing an, seine Greuel zu erzählen, und das gefiel ihnen, sie erkannten ihn für ihren Bruder. Aber nun fing er auch an, zu empfinden, was es zu sagen habe, ein Mitglied dieser Brüderschaft zu sein; hier zerrann das letzte Bächlein der Lebensquelle aus den Wunden des Erlösers; das sanfte Beruhigende des Wortes des Lebens: dir sind deine Sün­den vergeben, losch in Raschang's Seele aus, und die Wut der Leidenschaften stellte sich wieder ein. Die Erzählung der Sünden des einen fachte die Lust des andern an, oft belogen sie sich un­tereinander; und da nun ein jeder in der Seele des andern lesen konnte, so entdeckte jeder auch eine solche Lüge und spottete darüber, wodurch denn der Stolz und die Scham des Lügners bis zur Wut rege wurde: daher kam die Unruhe und das Toben durcheinander.

Eine solche Gesellschaft wird bald reif zur Verdammnis. Bald erschien also auch hier der richtende Engel, jeder entwickelte seine Lebensrolle, verwandelte sich in die Karikatur, die seinem Wesen gemäß war, und wurde dann durch seinen eigenen Zug unaufhaltbar an den Ort des ewigen Verderbens hingerissen, wohin ihn seine Natur bestimmte.

Während dieser schrecklichen Entscheidung des Schicksals Raschang’s ruhte Tobam bei seinen Brüdern, die eben solche begnadigte Sünder waren, wie er; sie unterhielten sich von den großen und unbegreiflichen Wundern der Barmherzigkeit Got­tes in Christo. Engel gingen ab und zu, und unterrichteten sie in dem, was ihnen als zukünftigen Bürgern des Reiches Gottes zu wissen nötig war: denn da sie bis an ihr Ende große Sünder gewesen waren, so waren ihre Seelen noch nicht an die Ausübungen der Gottseligkeit gewöhnt, und diese müssen praktisch, und dem Geiste wesentlich werden, ehe man als Bürger des Rei­ches Gottes wirken kann.

Tobam war insonderheit tief gebeugt wegen der unaussprech­lichen Gnade, die ihm widerfahren war; als daher einstmals der Engel Salem eine belehrende Unterredung mit ihnen hatte, so sprach Tobam mit innigst bewegtem Gemüte: Sage mir doch, Engel des Herrn, wie ist es möglich, daß ein Mensch, der in sei­nem Leben Sünde auf Sünde gehäuft, und durchaus nichts als Böses getan und die größten Greuel verübt hat, noch am Ende seines Lebens Gnade bei Gott finden kann?

Salem. Der ewige Vater aller Wesen und des Menschen hat in seinem Ratschluß festgesetzt, daß das Leiden und Sterben des menschgewordenen Sohnes Gottes die Bedingung sein sollte, unter welchem Er alle Sünden aller Menschen, vom ersten an bis auf den letzten, so vergeben und vergessen wolle, als wenn sie nie begangen worden wären; doch mit dem unausbleiblichen Vorbehalt, daß nur der Mensch teil an dieser Gnade haben könne, der von ganzem Herzen die begangenen Fehler bereut, den unüberwindlichen Willen faßt, nie wieder zu sündigen, und sich dann in wahrem Glauben an den Heiland der Menschen zum ewigen Eigentum hingibt, und sich von seinem Geiste bewirken und heiligen läßt. Wer aber diesen Ratschluß Gottes zur Selig­keit der Menschen nicht annimmt, den verurteilt die Gerechtig­keit nach seinem eigenen Verdienst, und die Erlösungsanstalten des Herrn gehen ihn nichts an. Siehst du nun, wie es möglich ist, daß dir deine schweren Sünden vergeben werden konnten?

Tobam. Wie es zugeht, daß Gott die Sünden vergibt, das sehe ich wohl ein, aber wie es möglich ist, das begreife ich nicht. Ich habe einmal bei einem nächtlichen Einbruch einen Knecht erschlagen, der seines Herrn Güter beschützen wollte und sich wehrte; diesen Mord kann doch keine Erlösung und keine Ver­gebung mehr ungeschehen machen, am wenigsten kann ich' s. Ein andermal hatte eine arme Witwe, aus Furcht, bestohlen zu werden, ihre besten Sachen einem reichen Verwandten in Ver­wahrung gegeben; diesen Mann beraubte ich, und nahm auch der armen Witwe ihre Sachen mit; sie wurde nun vollends ganz arm, sie grämte sich und starb, und ihre Kinder betteln. Auch habe ich einen Knaben ermordet, weil ich befürchtete, er möchte mich verraten. Meiner Verbrechen ist kein Ende, und doch sind sie mir alle vergeben; ich bin beruhigt darüber, aber tief, unend­lich tief gebeugt! Könnte ich doch allen, die ich so schwer be­leidigt habe, in Ewigkeit dienen! O wie gerne, wie gerne würde ich wieder in' s sterbliche Leben zurückkehren und das größte Elend ausstehen, wenn ich nur dadurch das Geschehene unge­schehen machen, oder denen, die ich beleidigt habe, ihren Scha­den ersetzen könnte!

Salem lächelte, und winkte dem Tobam, dieser folgte ihm; der Engel führte ihn nordöstlich an die Grenze des Kinderreichs und stellte ihn auf einen Hügel, von dem er einen Teil des ersten Himmels übersehen konnte; Tobam stand bei dem Anblick dieser Himmelsdämmerung tief gebeugt, betete an und feierte. Nun erhub sich Salem und rief Nathan! - Bald schwebte ein Ver­klärter herzu, dem die selige Ruhe aus seinem ganzen Wesen her­vorglänzte. Nathan, sprach der Engel zu ihm, hier siehe deinen Mörder! - Nathan glänzte heller: Gelobt sei der Herr in Ewigkeit, daß ich dich hier finde, rief er, und umarmte Tobam. Dieser verging fast vor Beugung und antwortete: Wie kannst du dich freuen, daß ich hier bin, - ach vergib, vergib!

Nathan. Der Herr hat dir vergeben, und ich preise Ihn dafür, denn du bist mein größter Wohltäter unter allen Menschen.

Tobam. Wieso? Das begreif ich nicht!

Nathan. Ich hatte zwar ein bürgerliches ehrbares Leben ge­führt, aber von der neuen Geburt war ich noch weit entfernt. Dies machte denn auch, daß ich mich in eine junge verheiratete Frau verliebte, so wie sie in mich; den Tag nach deinem Ein­bruch wäre der Ehebruch förmlich vollzogen worden, wenn du mich nicht gerettet hättest, und da ich nicht auf der Stelle tot blieb, sondern noch einige Wochen schwere Leiden und Schmer­zen auszustehen hatte, so bediente sich die ewige Liebe dieses Mittels, um mich ganz zu sich zu ziehen, ich bekehrte mich herz­lich und fand Gnade und Vergebung der Sünden.

Während dem hatte auch Salem die arme Witwe und den er­mordeten Knaben herbeigerufen: Beide waren verklärte Engel.

Salem. Siehe, Tobam, diese ist die beraubte Witwe. Und du Salome! Dieser ist der, der dich beraubt hat!

Auch hier stand Tobam wie ein armer Sünder vor dem Ge­richte, aber Salome flog in seine Arme. Freude der Seligkeit dir, rief sie; du bist mein Retter. Gelobt sei der Herr, der Erbarmer, der auch dich gerettet hat.

Tobam. Die Wunder der Ewigkeit sind unbegreiflich! - Wie bin ich denn dein Retter geworden?

Salome. Ein böser, liederlicher, junger Mensch hatte, meines wenigen Vermögens wegen, um mich geworben, ich hatte ihm die Ehe versprochen und wäre zuverlässig mit ihm in's Verderben geraten. Da aber nun das, was ich hatte, verloren war, so kündigte er mir sein Versprechen auf, ich grämte mich tödlich darü­ber, aber während meiner Krankheit zog mich der Vater, der Erbarmer, zum Sohne, und ich fand Gnade und Vergebung der Sünden. Siehe, so wurdest du mein Retter.

Salem. Und dieser Knabe hier wäre der größte Bösewicht geworden, wenn er am Leben geblieben wäre; das Gebet seiner frommen verklärten Mutter hat ihn gerettet und du warst das Werkzeug.

Tobam. Die Wege des Herrn sind unbegreiflich, seine Werke groß und erhaben. Er braucht also die größten Verbrecher, um die herrlichsten Zwecke dadurch zu erreichen. Sind aber auch Raschang’s besondere Verbrechen, an denen ich keinen Teil habe, solche Mittel zum Guten gewesen?

Salem. Alle Verbrechen, alle Sünden, die die Menschen und bösen Geister begehen, werden gelenkt, daß sie Gutes bewirken müssen. Darin besteht eben die Regierungsweisheit des durch Leiden und Sterben vollendeten erhabenen Erlösers, der nun zur Rechten der Majestät sitzt und alle Gewalt hat im Himmel und auf Erden; und darin besteht auch eben ein Teil des Geheimnis­ses der Erlösung. - Christus hat durch seine Menschwerdung und durch die Ausführung des ewigen verborgenen Ratschlusses Gottes, seines Vaters, die Macht erlangt, alle freien Handlungen der Menschen so zu lenken, daß die Sünden hier im Geisterreiche lauter gesegnete und zur Seligkeit der bekehrten und begnadig­ten Adamskinder abzweckende Folgen haben müssen. Auf diese Weise geschieht also der strengen und unerbittlichen Gerechtig­keit Gottes vollkommene Genüge - denn die Sünde wird durch ihre gesegneten Folgen in der Hand des Weltregenten zur Er­füllerin dieser Gerechtigkeit; und diese göttlich-weise Methode zu regieren ist nun eben die Gerechtigkeit Christi, an welcher der bußfertige Sünder so Teil nimmt, als wenn er sie selbst aus­geübt hätte.

Siehe, Tobam jetzt begreifst du, wie Gott alle Sünden des ganzen menschlichen Geschlechts, um Christi willen, so vollkom­men vergeben kann, als wenn sie nie begangen und die ersten Menschen nie gefallen wären; denn Christus braucht sie alle zu Beglückungs- und Segnungsmitteln der Menschheit.

Ebenso wird dir nun begreiflich, wie auch dem größten Sün­der seine Sünden um Christi willen nicht mehr können zugerech­net werden, sobald er durch den Glauben sich mit Ihm vereinigt hat und nun von seinem Geiste bewirkt wird; denn seine Sünden sind ohnehin durch die Gerechtigkeit Christi getilgt und da er nun ein Geist mit ihm ist, so wirkt er nun auch ewig der Gerech­tigkeit Christi gemäß, und muß also auch ewig mit Ihm selig sein.

Dann aber ist' s auch ewig so gewiß, daß ein Mensch, der in seinen Sünden stirbt und sich durch den Glauben Christo nicht einverleibt hat, unmöglich an der Gerechtigkeit Christi teilhaben könne: den er sündigt immer fort, und vermehrt also immer die Masse er Sünden, indem sie die Gerechtigkeit Christi zu mindern und ihren giftigen Stachel zu töten sucht. Darum müssen ihm auch notwendig seine Sünden zugerechnet und er nach Verhältnis des Gras seines bösen Willens gestraft wer­den, damit diese Strafe wieder als ein Mittel der Gerechtigkeit Christi dazu dienen möge, den bösen Willen, als die Wurzel der Sünde, nach und nach auszudorren, damit auch noch dieser Geist erlöst werden möge, jedoch durch' s Feuer.

Tobam. Ich fühle in meinem Innersten, wie sich der Quell der Seligkeit mir öffnet. O Dank dir, du Himmlischer, für diese Be­lehrung. -

Salem. Ein Sünder, der durch das Versöhnblut gereinigt ist, entwickelt seine Lebensrolle nur von seiner Bekehrung an; die­ses aber ist bei dir kurz vor deinem Ende geschehen, folglich hast du nichts zu entwickeln. - Ich kündige dir also hiemit im Namen dessen, der auf dem Throne sitzt, an, daß du von nun an in deines Herrn Freude eingehen sollst.

Tobam wurde jetzt zum Engel verklärt, und ihm wurde ein Wirkungskreis angewiesen, der sich zu seinen Anlagen schickte und worin er nun ewig zum Besten des Reichs Gottes tätig sein, und wieder gut machen könnte, was er in seinem Leben auf Er­den verdorben hatte.

Ich danke dir, O, Siona, für diese belehrende Szene - sie zeigt uns, daß nicht jede, auch noch so ernstlich scheinende Buße, am Ende des Lebens zur Seligkeit hinreichend sei. Nur der Sünder, der sich nicht bloß aus Furcht vor der Verdammnis, und aus Verlangen, selig zu werden, bekehrt, sondern bei dem ein so gründlicher Haß gegen die Sünde entsteht, daß er, wenn er auch noch sehr lange auf Erden leben und den schwersten Kampfweg durch­dringen müßte, dennoch treu bleiben, und endlich redlich über­winden würde. Es ist also ganz gewiß und eine ausgemachte Wahrheit, daß ein Mensch, der seine Buße und Bekehrung bis auf das Totenbett verschieben will, gerade entgegengesetzte Gesinnungen habe, denn er liebt die Sünde, und will sie genießen, so lange er kann, und bloß die Furcht vor der Verdammnis, und die Hoffnung, selig zu werden, sind der Grund seines oberfläch­lichen Willens zur Bekehrung; und gerade diese Menschen sind zur wahren, bis auf den Grund gehenden Reue auf dem Toten­bette am wenigsten geschickt. Wer also seine Buße bis an sein Lebensende vorsätzlich verschiebt, dem wird diese Gnade schwer­lich und vielleicht nie zu Teil werden.

Daß aber ein wahrhaft bekehrter und gründlich gebesserter Sünder bald zum Reiche Gottes und zur Bürgerschaft des Him­mels geschickt werden könne, ist sehr vernünftig und begreiflich: denn die wahre Bekehrung besteht in einer vollständigen Er­kenntnis seiner eigenen Sünden; diese bewirkt eine ebenso voll­ständige Reue: diese erzeugt Geringschätzung seiner selbst, je nach dem Grade der Sündhaftigkeit, folglich wahre Demut. Da­mit geht dann der unüberwindliche Vorsatz gepaart, nie wieder zu sündigen; das Gefühl des Mangels an Kraft und der großen Verschuldigungen treibt zu Christo, der Sünder erlangt Gnade, Kraft und Vergebung der Sünden. Dies erzeugt einen Grad der Liebe, der dem Grade der Sündhaftigkeit und ihrer Vergebung gleich ist; Demut und Liebe sind die Eigenschaften, die den Geist zur Himmelsbürgerschaft fähig machen, mithin kann der größte Sünder, wenn er gründlich bekehrt ist, gar bald zur Bürgerschaft des Himmels gelangen, und in diesem Falle könnte man sagen: der größte Sünder sei alsdann der demütigste und liebevollste, folglich auch zur Himmelsbürgerschaft der geschickteste; in die­ser Beziehung sagt auch Christus, es würde mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tue, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Allein bei allem dem hat denn doch derjenige einen großen Vorzug, der sich durch einen vieljährigen Kampf gegen die Sünde und Fortschritte in der Heiligung, Erfahrung und Erkenntnis in den Wegen Gottes und Geheimnissen der Erlösung erworben hat. Dieser wird ein mitwirkender Geschäftsmann im Reiche Gottes, wenn jener nur als gemeiner Bürger einen seiner Fähigkeit angemessenen Wir­kungskreis bekommt. Darum sei, was du bist, und werde, was du werden kannst! –

 

i e b t e  S z e n e

 

Ein pantomimisches Drama in der Geisterwelt

 

Die Schlafenden schlafen des Nachts, und die Betrunkenen sind des Nachts betrunken, sagt der Apostel. Aber die Schla­fenden träumen jetzt, es sei Tag; sie wähnen, ihr Traumlicht der Aufklärung sei die Sonne; im Taumel der Trunkenheit halten sie ihren Rausch für Tatkraft und die Schwärmerei ihrer vom Wein der Philosophie benebelten Vernunft für Weisheit. Da wandelt dann der Altgläubige mit der Leuchte des Evangeliums unter ihnen herum, und sucht sich auf seinem schmalen Wege durch das Gewühl durchzudrängen. Spott, Verachtung, Versper­rung des Weges, Rippenstöße und glänzende Verführungssucht stürmen auf ihn zu; da hat er dann große Ursache, wachsam und nüchtern zu sein, und sich durch alle Schwierigkeiten durchzubeten und durchzukämpfen.

Kinder, es ist die letzte Stunde! - Jetzt laßt uns treu und ehrlich aushalten, der heiße Kampf geht bald vorüber; aber es tut weh, unter den Kindern Adams, unter Geschwistern, so verkannt zu sein, und sie in der Gefahr zu sehen, ohne Rettung verloren zu gehen. Vater der Menschen - großer Erbarmer und kämpfet in Gethsemane und auf Golgatha - rette, was zu retten ist und uns, deine Kinder, führe mit starker Hand durch den Jordan hinüber - hinüber in dein Reich! Amen!

Die menschliche Gesellschaft drückt mich - da freut man sich des Friedens, hofft goldene Zeiten, schwärmt von einer Lust­partie zur andern, und freut sich der Aufklärung und seines eige­nen Daseins; zeigt man Bedenklichkeit, so beruft man sich auf die vorigen Zeiten; man sagt ganz unbefangen und leichtsinnig: Es war ehemals noch schlimmer, und wurde doch wieder besser; in der Welt ist das nicht anders; es ist ja Friede und hat keine Gefahr; man zuckte die Achseln über mich, und sagt, ich sei ein schwermütiger Schwärmer.

Darum betrauere ich meine Zeitgenossen; denn es ist nicht lange mehr hin, so werden sie traurig, ich aber und alle Schwär­mer meinesgleichen werden uns dann hoch freuen!

Darum wähle ich auch so gerne einsame Spaziergänge, tröste mich der Zukunft, und freue mich, daß mich der Herr würdigt. in diesen letzten Zeiten einer seiner letzten Zeugen und Boten an seine Christenheit zu sein. Mag mir dann auch widerfahren, was allen meinesgleichen und meinem Herrn und Meister selbst widerfahren ist. Er wird dann auch Kraft geben - sein Wille geschehe!

Ich wandelte vor kurzem in der Abenddämmerung auf mei­nem, von Menschen entfernten, abgelegenen Spazierwege, und dachte über die Vergangenheit und Zukunft nach; ich sehnte mich nach Aufschluß über die nahen Schicksale der kleinen Herde des Herrn, und Siona führte folgende Szene an meiner Seele vor­über.

Ich befand mich in meiner Imagination auf einem Hügel; ge­gen Süden und Norden hin strich ein langes, schroffes Felsen­gebirge, dessen Gipfel die Wolken berührte; dadurch wurde die Gegend, die ich überschaute, in zwei große Hälften geteilt. Die westliche war dunkeldämmernd und ganz eben wie der unbe­grenzte Ozean; im tiefsten Westen ruhte weit und breit ein schweres Gewitter und man sah gleichsam in abgemessenen Pausen schwefelgelbe Blitze hin und her zucken. Die ganze, große, unermeßliche Fläche stellte dem Auge meines Geistes ein Gewirr von Gegenständen dar, das man nur mit vieler Mühe auseinan­dersetzen konnte.

Gegen Osten hin sah ich eine eben so große Fläche; im äußer­sten Horizont stieg der schönste Morgen in einem unermeßlichen Lichtkreis empor. Das Ganze schien mir eine neue Erde zu sein, als wenn sie so eben dem Worte des Schöpfers entquollen wäre. Am Fuße meines Hügels hinab keimten Grasspitzen, Schlüssel­blümchen, Märzviolen und Röschen aus der jungfräulichen Erde hervor, weiterhin ruhte ein kühler, perlenweißer Duft, in lan­gen Streifen hin und wieder; er brütete auf den Keimen der weisen Allmacht, aus denen die Schätze der folgenden Jahrhunderte emporreifen sollten. Hier ahnete mein Geist den Standpunkt seines zukünftigen Wirkungskreises - dort wird der Herr ver­kläret, dort ist gut sein dachte ich, aber zum Hüttenbauen ist es noch zu früh.

Ich fühlte in meinem Inneren die Aufforderung, die westliche Fläche näher zu untersuchen; ich wandelte also den Hügel hinab und ehe ich an seinen Fuß kam, wehte mir eine betäubende, lau­lichte Luft entgegen; sie trug einen Leichengeruch auf ihren mat­ten Schwingen, Moder und Verwesung schien die Quelle zu sein, aus welcher dieser Pesthauch einherschlich und ich bemerkte zähe, klebrichte Meteore, welche in der niedern Luft unstät umherschwankten und allerlei seltsame Gestalten bildeten. Sonder­bar und schrecklich kam es mir aber vor, daß man unten, in eini­ger Entfernung vom Hügel, keine Spur mehr von ihm entdecken konnte: alles schien von hier aus ein unübersteigliches Gebirge zu sein. Es kam mir vor, als ob eine magische Decke über diesem Hügel hinge; wenn man sich ihm aber näherte und nur ein wenig hinanstieg, so verschwand die Täuschung und man sah nur den Morgenschimmer über den Hügel her. Ich machte nachher die Bemerkung, daß dieser optische Betrug lediglich von dem durch und durch verdorbenen Dunstkreise des Abendlandes herrührte.

Da ich nun aber willens war, mich in diesem zwar fürchterlichen, aber für den Wahrheitsforscher äußerst merkwürdigen Lande etwas umzusehen und mich nach seiner eigentlichen Be­schaffenheit zu erkundigen, so befürchtete ich, nicht ohne Grund, ich möchte den Rückweg nach dem Hügel nicht wiederfinden und suchte deswegen mit genau forschendem Blick ein Merkzeichen an diesem Gebirge, allein ich fand keines, das mir sicher genug gewesen wäre. Indem ich so dastand und überlegte, was ich tun sollte, nahte sich mir ein Mensch, der bis auf Haut und Knochen ausgezehrt war - sein Gesicht war aber sehr heiter und ange­nehm und, was mir am seltsamsten vorkam, seine Ausdünstung und sein Odem hatte einen stärkenden und erquickenden Wohl­geruch, der einem in dieser tötenden Atmosphäre äußerst ange­nehm war. Ich grüßte ihn freundlich und klagte ihm meine Angelegenheit; sehr heiter lächelnd und liebevoll antwortete er mir: "Dir soll geholfen werden!“ - Dann zog er aus seiner Tasche ein Perspektiv hervor und sagte: "Dies brauchst du, so lange du hier bist; ohne dies Werkzeug wärest du rettungslos verloren.“ Ich eilte, um es zu versuchen, und siehe da, - ich sah den Hügel mit aller seiner Herrlichkeit und das sanft glänzende Morgenlicht oben darüber. Ich freute mich hoch und äußerte meinen herzlichen Wunsch, ein solches Perspektiv eigentümlich zu besitzen. "Das behältst du“, versetzte der Freund; "unser Herr sendet dies herrliche Werkzeug hieher, um jeden damit zu bedienen; allein wenige machen leider Gebrauch davon.

Ich. Das ist doch sonderbar! Man sollte denken, alles müßte aus diesem traurigen Aufenthalte über den Hügel hin in das herrliche Land eilen.

Er. Nichts weniger als das; man hält den Hügel mit seinem schönen Morgenglanze, so wie man ihn durch das Perspektiv sieht, für optischen Betrug; man sagt, die natürlichen Augen müssen doch wohl richtig sehen, denn der Schöpfer habe gewiß seine Geschöpfe nicht durch trügliche Sinneswerkzeuge getäuscht.

Ich. Das hat er freilich nicht; aber die Luft ist so schwer, so neblicht und trübe, daß man mit den besten Augen unrichtig sieht.

Er. Du urteilst ganz recht; und was das Schlimmste ist, an dieser grundverdorbenen ungesunden Luft sind die Einwohner dieser Gegend selbst schuld.

Ich. Wie ist das möglich?

Er. Sie empfinden wohl, daß sie von Natur kraftvoll und unge­sunder sind, als sie ihrer Organisation und Anlagen nach sein sollten; sie glaubten aber, Gott habe sie so geschaffen, sie sollten und müßten gerade diese Klasse Wesen auf der unendlichen Stufenleiter erschaffener Dinge sein, und sie müßten sich ihrer Natur nach immer mehr und mehr vervollkommnen. Dieses ist auch an sich richtig und wahr, allein sie verwerfen die wahren Mittel dazu, und bedienen sich statt derselben gerade derjenigen Mittel wodurch sie immer unvollkommener und ihre Um­stände immer trauriger werden; denn sie stellen den Grundsatz fest: Gott habe der Natur, in welcher sich seine Geschöpfe be­finden, auch die Eigenschaft gegeben, daß diese Geschöpfe darin­nen ihre Bestimmung erreichen könnten, welches an sich wie­derum wahr ist. Allein wenn nun diese Geschöpfe einen freien Willen, haben und durch ihre freien Handlungen die Natur, in der sie leben, so verderben, daß sie gerade entgegengesetzte Wir­kung tut, so ist ja wohl auch natürlich, daß sie immer ungesunder werden, und gerade dies ist der Fall mit den armen Einwohnern dieses Landes. Anfänglich trennte kein Gebirge das westliche Land von dem östlichen; vom ewigen Morgen bis an den ewigen Abend war alles eine neue Erde und ein klarer, fruchtbarer Strom lebendigen Wassers, der dem Aufgang aus der Höhe entquoll, verbreitete sich in tausend Bächen ins Unendliche und erfüllte alles mit segnender Fruchtbarkeit. Hier schuf nun Gott dieses freihandelnde Geschlecht und setzte es in diese junge Natur, die es immer mehr und mehr veredeln, immer urbarer machen, sich selbst dadurch vervollkommnen, und sich gegen das Urlicht hin, im Osten, immer mehr ausbreiten und also auch immer mehr veredeln sollte. Nun wohnt aber im tiefsten Westen eine Klasse feindseliger Geister, die Gott in eine noch schönere Natur ge­schaffen hatte. Diese wollten sich von Gott unabhängig machen und empörten sich gegen ihren Schöpfer. Daher türmte die Allmacht große Gebirge gegen sie auf, die den Lebensstrom von ihrem Lande ablenkten, wodurch es zu einer ungeheuer stinkenden Pfütze, noch weit schlimmer als dieses unser Land, gewor­den ist.

Diese feindseligen Geister waren neidisch auf unser Ge­schlecht; sie suchten es zu verführen und ihres Landes zu bemeistern und dieses gelang ihnen, leider, allzugut: der Hauptver­führer machte uns weiß: Gott habe uns das Vermögen gegeben, zu erkennen, was böse und gut, recht oder unrecht sei; es sei also auch ewiges Recht der Natur, daß wir uns selbst unsere Ge­setze geben, uns selbst regieren müßten; denn freie Wesen könn­ten unmöglich von irgend einem anderen Wesen, ohne die größte Ungerechtigkeit und Tyrannei beherrscht werden. Dieser Trug­schluß fand Eingang, unser Geschlecht empörte sich auch, und auf einmal türmte die Allmacht auch uns diese Gebirge in den Weg, und schnitt uns dadurch den Strom des Lebens und den Fort­schritt gegen Osten ab. Nun verwandelten sich nach und nach alle stehenden Gewässer in stinkende Pfützen, die ganze Natur modert, und wir würden alle vernichtet werden, wenn wir nicht von Natur unsterblich wären.

Indessen, der Schöpfer und Vater aller Wesen erbarmte sich unser. Sein ewiges Wort, der König des Lichts, brach durch das Gebirge und warf diesen Hügel auf: sieh' dort, an seinem Fuße ist eine Quelle lebendigen Wassers; diese rinnt immer, und ver­breitet sich dahin, wohin sie einer leitet; wer daraus trinkt, der wird gesund, sein Verstand wird nüchtern, und sein Wesen nä­hert sich immer mehr der göttlichen Natur.

Ich. Das ist ein trauriger Zustand! Aber belehre mich weiter! Wie suchen denn die geistigen Bewohner dieses Landes ihren Zustand zu verbessern?

Er. Luft, Wasser, und alles, was dieser Boden hervorbringt, ist betäubend und schwächend; anstatt daß es den wirkenden T eil der Organisation nähren und stärken sollte, nährt und stärkt es den leidenden Teil derselben. Trink aus jener Quelle: - verwahre dein Fernrohr wohl - und komm mit mir - ich will dir die Beschaffenheit dieses Landes und seiner Einwohner zeigen.

Ich trank aus der Lebensquelle des Hügels, faßte mein Fernrohr in die Hand und folgte meinem Führer.

Wir wandelten zwischen einigen Gruppen von Bäumen und Gebüschen durch und sahen hin und wieder einige Geister still und gerade mit geschlossenen Augen stehen, genau so, als wenn sie Schatten wären; sie regten sich nicht, und man bemerkte kein Zeichen des Lebens an ihnen. Wer sind diese; fragte ich meinen Führer, und warum sehen sie so abgezehrt aus? - Eben dies be­merkte ich auch mit Verwunderung an dir; sage mir doch, woher kommt das?

Er. Ich machte dir soeben bemerklich, daß die hiesigen Nah­rungsmittel die leidenden Teile unseres Ichs nährten, das geistig wirkende Prinzip aber betäubten und schwächten; wer nun die hiesige Natur bloß zur Notdurft braucht und sich aus dem Le­bensbrunnen sättigt, der bekommt die Gestalt, die du an mir und jenen dort Stehenden siehst; unser wirkender Teil wird stark und der Bewirkte schwach; wir behalten nun unsere Besonnen­heit und hoffen auf unsere Erlösung aus diesem Lande des Jam­mers.

Ich. Warum stehen diese Geister aber so unbeweglich und so hingepflanzt da, als wenn kein Leben in ihnen wäre?

Er. Sie stehen in der Meinung, man müsse sich aller Wirksam­keit in dieser Natur enthalten und sich bloß allein von der Le­bensquelle nähren: in ihrem Innern aber richten sie ihr Anden­ken und ihr Gemüt unaufhörlich zu Gott.

Ich. Täten sie aber nicht besser, wenn sie auf andere Geister wohltätig wirkten, um sie auch zu guten Gesinnungen zu bewe­gen und sie vom drohenden Verderben zu retten?

Er. Daß dies meine Pflicht ist, das weiß ich; ob's aber die ihrige sei, das weiß ich nicht. - Der Herr hat vielerlei Werkzeuge; diese sind reine, edle Wesen, er wird sie zu brauchen wissen.

Ich. Du hast recht - und ich hatte unrecht, so zu fragen.

Wir gingen nun weiter und fanden Geister, die wie ungeheure Zwerge schmutzig und ekelhaft aussahen; ihre Köpfe waren un­förmlich dick, der obere Teil der Stirn ragte weit hervor, desglei­chen auch das Kinn; die Nase und der Mund aber lagen tief zurück. Diese Wesen arbeiteten an einer tiefen Grube, in welcher hin und wieder ein trübes Wasser hervorquoll, von welchem sie mit großer Begierde tranken; sie zankten sich über die Erfindung dieser Quellen, weil jeder die Ehre der ersten Entdeckung haben wollte; je mehr sie tranken, desto berauschter und desto dursti­ger wurden sie; des Grabens, Trinkens und Zankens war also kein Ende.

Ich. Werden diese wohl auch selig werden?

Er. Nicht eher, als bis der Herr kommt.

Wir wendeten uns nordwestlich und trafen bald eine große Pfütze an, die mit Schilf angefüllt zu sein schien; hin und wieder schimmerten Throne, die mir so vorkamen, als ob sie aus Torf­stücken aufgemauert wären: sie hatten einen Glast, der etwas regenbogenähnliches zeigte; so wie die kupferfarbenen Häut­chen, die auf unreinen Wassern gleißen. Die Wesen dieser Region hatten ungeheuer dicke Bäuche, aber Arme und Füße wie die Spinnen; die Stirn lag glatt und breit zurück, der Mund aber strebte vorwärts im breiten Kreise; sie schienen sich alle recht wohl zu befinden, und wenn sie das faule Wasser ihres Elements einschlürften, so fingen sie an zu jubeln und sehr froh zu sein. Auf jedem Thron saß einer von ihnen, der einen dickeren Bauch und breiteren Mund als die andern hatte, ein Diadem von Bin­sen zierte sein Haupt und ein goldgelber Stern, aus Stroh ge­flochten, glänzte auf seiner Brust.

Diese Archonten fingen von Zeit zu Zeit an, wunderbare Töne von sich zu geben, die aber immer anders waren als die vorigen; sobald dieser Laut erscholl, versammelten sich Heere um sie her, die sich dann alle bemühten, diese Töne nachzuma­chen. Schrecklich und bedauernswürdig kamen mir diese Geister vor - eine Baracke voll Betrunkener, aus der verworfensten Menschenklasse, ist nichts gegen sie.

Mein Führer winkte mir links gegen Abend; wir wandelten eine Weile in dunklen, Schwermut einflößenden Gängen und kamen dann auf eine große Ebene, die voll Geister war, welche alle durcheinander hin und her eilten, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu betreiben hätten, ihre Gestalt war sonderbar. Sie waren eigentlich auch Zwerge von sehr kleiner Statur, aber der Kopf verlängerte sich oben in einen hohen Kegel, welcher sich in einer scharfen Spitze endigte, so daß einer den andern mit seinem Kopfe durchbohren konnte, und wirklich bestand auch ihre Rache darin, daß der Beleidigte seinen Feind so bestrafte. Ich bemerkte auch, daß diese Köpfe bei weitem nicht alle gleich dick, gleich hoch und gleich spitzig waren. Einige liefen auch krumm und schneckenförmig aufwärts, andere bogen sich sichelförn1ig vorwärts, und wieder andere waren gegen oben zu beweglich, so daß sie die Spitze lenken konnten, wohin sie wollten. Diese hatten auch Widerhaken an den Spitzen und sahen abscheulich aus, bei allen aber war der Kopf länger als der übrige Körper und das Gesicht war unter der Mitte der ganzen Statur.

Indem wir unter diesen Wesen umherwandelten, kamen wir endlich an einen Ort, auf dem sich die ganze Betriebsamkeit der großen Menge dieser himmelbohrenden Geister vereinigte; viele hundert arbeiteten an einer ungeheuer langen Kette, die wie Messing aussah; andere webten große und breite Tücher, so fein wie ein Spinngewebe; wieder andere bereiteten eine feine harzige Tünche, mit der sie die Tücher bestrichen und luftdicht machten; und endlich waren viele mit Destillieren beschäftigt. Was sie machten, wußte ich nicht. Ich fragte meinen Führer, was das alles zu bedeuten habe?

Er. Freund, das Geschäft dieser Wesen ist wichtig und so schrecklich, daß es das große Gericht, welches diesem lande des Jammers bevorsteht, bewirken wird. Diese Geisterklasse arbei­tet an einem ungeheuer großen Luftballon, an welchem diese Kette angeheftet werden soll; diesen wollen sie steigen lassen, wenn jenes drohende Gewitter gegen Abend näher kommt, und so soll er ihnen dann zum Gewitterableiter dienen; die armen Tröpfe sehen aber nicht ein, daß eben dies das Einschlagen des Gewitters befördern wird. Aber komm, du sollst noch schreck­lichere Dinge sehen!

Er führte mich eine weite Strecke hin gegen Westen - hier entdeckte ich einen großen See, das Wasser sah schwärzlich aus, aber es war sehr hell, ganz und gar nicht trübe; recht vorn in ·der Mitte am See wurde ein sehr großer und hoher Turm gebaut, von dessen Spitze man das ganze Land sollte übersehen können, er war beinahe fertig. Ich war verlangend, zu wissen, was alle diese Anstalten bezweckten, und mein Führer gab mir darüber folgende Auskunft: Dieser Turm, sagte er, ist zu einer ­Wasserkunst bestimmt; auf seiner höchsten Spitze wird eine Windmaschine angebracht, welche durch die erforderliche An­zahl Pumpensätze das Wasser aus dem See in einen großen Be­hälter oben auf den Turm hebt, aus welchem es dann durch Röhren ins ganze Land geleitet werden soll.

Ich. Aber was für Eigenschaften hat das Wasser?

Er. Dies Wasser ist ein Spiritus, der aus dem aufrührerischen Lande gegen Westen ausdünstet, in die Höhe steigt, dann wie­der, in Tropfen gebildet, herabfällt und sich in diesem See sammelt; es ist stark berauschend, und zwar so, daß diejenigen, - die viel davon trinken, gleichsam wütend werden und tobend alles vernichten, daher wirst du auch bemerken, daß alle Geister die­ser Gegend weit unruhiger, ärgerlicher und beleidigender sind. als alle anderen, die du bisher gesehen hast und noch sehen wirst.

Ich. Wie, wenn nun ihnen aber ihr Vorhaben gelingt, - wenn ­dies höllische Wasser durch' s ganze Land verteilt wird, so müs­sen ja auch alle Geister des ganzen Landes, insofern sie davon trinken, rasend werden?

Er. Es wird ihnen gelingen, aber dadurch werden sie auch den vor ihren Augen verborgenen Ratschluß des über alles Erhabe­nen ausführen: Alle, die noch zur Besinnung zu bringen sind, werden durch die Folgen, welche die törichten Bemühungen aller Klassen der hiesigen Geister, besonders aber dies höllische Was­ser nach sich zieht, folglich durch die Erfahrung belehrt werden, daß es keinen andern Weg zur Rettung für sie gebe, als der Ge­nuß des Wassers aus der Lebensquelle; sie werden also daraus trinken, das Perspektiv bekommen, den Hügel finden und sich dann hinüber ins Land des Friedens retten. Sobald der Letzte hinüber ist, wird jener Gewitterableiter seine Dienste tun. Ein Sturmwind wird das Wetter schleunigst über das ganze Land füh­ren; dadurch wird die Windmaschine so stark pumpen, daß der ganze See erschöpft und über das Land verteilt wird; alle werden davon trinken, und des Rasens und Tobens wird kein Ende sein, und das alles nennen sie dann Tätigkeit zum allgemeinen Be­sten. Der Gewitterableiter richtet nun das elektrische Feuer des Blitzes in das geistige Giftwasser, welches sich allenthalben ent­zündet und so den Pfuhl erzeugt, der mit Feuer und Schwefel brennt, in welchem dann auch diejenigen, die sich ihm bereitet haben, empfangen werden, was ihre Taten wert sind. Dieser schreckliche allgemeine Brand wird sich aber auch gegen Westen verbreiten, und das Land der Erzempörer ebenfalls in einen Feu­ersee verwandeln.

Ich. Wird’s noch lange währen, bis es zu diesem schrecklichen Gerichte kommt? - Mir wird's bange; laß uns hier wegeilen!

Hierauf brachte mich mein Führer südwestlich an einen ab­gelegenen Ort; hier war der Leichengeruch kaum auszuhalten; mein Begleiter reichte mir aber eine Flasche, aus welcher wir uns beide erquickten; indessen, wir mußten doch wegeilen, wenn wir nicht betäubt zu Boden sinken wollten; das wenige, was ich hier sah und erfuhr, machte, daß mir die Haare zu Berge stan­den. Hier war der Ort, wo der noch minderjährige König der himmelbohrenden Spitzköpfe erzogen wurde; sein Ansehen war schrecklich und abscheulich, der Körper war ein ungeheuer dicker, aber sehr kleiner Zwerg. Der Kopf aber verlängerte sich in eine große Riesenschlange, die mit goldenen, purpurnen, grü­nen und himmelblauen Flecken und Streifen prangte, und sich mit großer Kraft in die Höhe erstreckte; dies Wesen war niemals ruhig, sondern der himmelbohrende Schweif mit seinem stähler­nen Widerhaken wand sich immer aufwärts und strebte bald hier, bald dort empor, als wenn er in der Höhe etwas zu bekämp­fen suchte. Eins aber war mir vorzüglich merkwürdig: ich ge­dachte gleich anfangs zäher, klebrichter, leuchtender Meteore; für solche hielt ich sie damals auch, aber jetzt erfuhr ich erst, wer sie seien. Diese glänzenden Lufterscheinungen waren ebenfalls Geister von einer besonderen Gattung; ihre Nahrung war eine besondere Pflanze, die sie an geheimen, unzugänglichen Orten erzogen, und dann tranken sie aus dem schwarzen See; aus die­sen beiden Säften entstand nun in ihrem Wesen ein leuchtender Phosphorus, den sie für himmlisches Licht ausgaben. Das trüg­liche, dämmernde Licht, das diese unstät und flüchtig in der Luft umherschwärmenden Geister sparsam verbreiteten, war auch das einzige, was diesem Jammerlande einige Dämmerung gewährte; wer das Perspektiv nicht brauchte, der kannte kein anderes Licht. Die mageren Geister aber hatten ihre Augen so durch das Per­spektiv gestärkt, daß ihnen der über den Hügel herschimmernde Morgen so viel Licht gab, als sie brauchten. Durch diese Menge von Irrwischgeistern waren alle Klassen der Einwohner, die ma­geren ausgenommen, so irre geworden, daß sie den wahren ewi­gen Osten nicht mehr wußten, sondern den Westen mit seinem Gewitter dafür hielten, und glaubten, daß die Blitze Strahlen des Urlichts seien.

Diese Irrwischgeister waren die Erzieher des jungen Königs; sie nährten ihn auch mit ihrer geheimen Speise, und tränkten ihn aus dem schwarzen See, woher es dann kam, daß er auch schon zu schwimmen anfing, und es fehlte nicht viel mehr, so war er auch schon so verfeinert, daß er sich in der dicken Dunstluft emporschwingen, und sich dann aus der Höhe als ein schreck­liches, rotglühender Meteor zeigen konnte; das war denn auch der Zeitpunkt, wo er als Gott und König des Landes zu herrschen anfangen sollte. Ich fragte meinen Führer, ob es noch lange bis dahin sei - und ob diese schreckliche Regierung lange dauern werde.

Er. Wir werden an einen Ort kommen, wo man dir darüber Aufschluß geben wird. Dieser König des Verderbens wird uns magere Geister zwingen wollen, von seiner Giftpflanze zu essen und aus dem schwarzen See zu trinken; dann wird er den Entschluß fassen, die Wasserquelle des Lebens zu verstopfen; aber gerade in diesem Zeitpunkt wird der Herr uns, die wir ihm treu geblieben sind, über den Hügel an einen sichern Ort der Ruhe bringen, und nun wird der Gewitterableiter seine schreckliche Wirkung tun. Das Land wird in Brand geraten, und diese Glut wird den himmelstürmenden König lähmen, so daß er von seiner Höhe herab in den Feuersee stürzen wird.

Ich. Eines ist mir überaus merkwürdig, nämlich, daß die Gei­ster sich selbst ihr ganzes Gericht und ihre ganze schreckliche Strafe bereiten.

Er. Das ist eben eine der weisesten Regierungsmaximen un­seres Herrn: Diese unglücklichen Wesen können Gott hernach unmöglich die Schuld geben, sie hatten die Lebensquelle ebenso wie wir, und das Fernrohr bekamen sie umsonst; aber sie woll­ten sich selbst helfen und durch ihre eigene Vernunft und Kraft herrschen und ihr Gebiet auch über Geister verbreiten; nun er­fahren sie die Folgen, die ganz natürlich und keine göttliche Da­zwischenkunft sind.

Nun wendeten wir uns wieder links, etwas vorwärts gegen das Gebirge zu und kamen an einen Ort, wo wir Geister antrafen, die in einem großen Laboratorium arbeiteten. Diese Wesen waren von ganz besonderer Gestalt; sie waren alle verlarvt; alle hatten Masken, die den mageren Geistern ähnlich waren; wenn sie aber diese Verkleidung ablegten, so waren sie von der Klasse der leuchtenden Meteore, oder auch Spitzköpfe. Die Geister waren die gefährlichsten unter allen; denn nur wenige magere Geister, die ein gutes Gesicht hatten, konnten durch oder hinter die Maske schauen; die schwächeren aber hielten sie für ihres­gleichen und wurden dann von ihnen hintergangen und ins Ver­derben gestürzt. Dies ging so zu:

Da die Lebensquelle von den meisten Einwohnern weit ent­fernt ist, so wurden von jeher aus allen Klassen Wasserträger bestellt, die mit reinen Gefäßen aus der Lebensquelle schöpften und es so allen Einwohnern zutragen mußten, damit es nieman­dem daran fehlen möchte. Dies Geschäft war sehr ehrwürdig und nützlich. - Nun gab es aber viele solche Wasserträger die ihre Krüge und Gefäße gar nicht rein hielten, auch wohl nicht aus der Quelle selbst, sondern aus dem Bächlein schöpften, das von ihr herabrinnt und schon den hiesigen Erdgeschmack ange­nommen hat, woher es denn kam, daß die Wasserträger verächtlich wurden; hierzu halfen nun die Irrwischgeister aus allen Kräften, und unter dem Vorwand, die Einwohner besser zu be­dienen und diese uralte nützliche Zunft der Wasserträger zu reformieren, zogen sie allmählich das ganze Geschäft an sich, da aber bei weitem die meisten Einwohner den Irrwischen nicht trauten, so legten sie nun die Larven an und verkleideten sich in die Gestalt der Wasserträger. Der ganze Jammer aber besteht darin, daß sie das Lebenswasser verfälschten und das Fernrohr für Aberglauben erklärten. Jene Verfälschung geschieht hier in diesem Laboratorium, denn da sie vorgeben, die Lebensquelle sei zwar ein gutes Quellwasser, sie habe aber unreine minera­lische Teilchen in sich aufgelöst, welche die subtilen Nahrungs­wege verstopfen, und verursachten, daß die Geister die Aus­zehrung bekämen und hypochondrisch würden, die man ja deut­lich an uns wahrnehmen könne, so müßte man sie destillieren und korrigieren. Dies geschieht nun so, daß sie Wasser aus dem schwarzen See dazu mischen, und es dann zusammen destillieren. Dies destillierte Wasser ist nun noch gefährlicher, als das, wel­ches im See selbst geschöpft worden: denn dies kennt man allso­fort am Geruch und Geschmack, so daß man sich davor hüten kann; jenes aber schmeckt noch immer nach der Lebensquelle, und so werden diejenigen, welche nie aus der reinen Quelle selbst getrunken haben, betrogen; wobei das nun noch das allerschlimmste ist, daß man die schädlichen Folgen davon nicht eher merkt, als bis man sie nicht mehr für schädlich hält und der Kopf schon so spitz geworden ist, daß man den spitzigsten und höchsten für den schönsten hält.

Wie geht es aber zu, sagte ich zu meinem Führer, daß ihr ma­geren Geister euch nicht vereinigt und selbst reines Wasser holt, um es unter alle Geisterklassen auszuteilen?

Er. Das geschieht auch schon einigermaßen; allein eben an der innigen Vereinigung fehlt es noch; auch gibt es noch hier und da ehrliche Wasserträger von der alten Art, aber ihre Zahl nimmt doch mehr und mehr ab. Wenn nun unsereiner Wasser holt und es den Geistern anbietet, so sagt der eine, "du holst das Wasser in einem Kruge, der nicht die gehörige Form hat;“ der andere: "du hast ja den Gang und den Schritt nicht, der den Wasserträgern geziemt;" der dritte: "dein Kleid schickt sich für einen Wasserträger nicht;" der vierte: "dein Wasser hat den rechten Geschmack nicht, es muß etwas süßlicht sein;" der fünfte: „es muß einen säuerlichen, pikanten Geschmack haben;" der sechste: „es muß etwas gesalzen schmecken," und der siebente: „es muß kühlend sein und gar keinen Geschmack haben." Wie kann man nun da etwas richten, indem die Geschmackswerk­zeuge so verdorben sind, daß jedem das Wasser anders schmeckt, als dem andern?

Ich. Das ist ein erbärmlicher, beklagenswürdiger Zustand!

Er. Das ist es allerdings; aber doch kann ich dir zum Troste sagen, daß es eine sehr große Menge magerer Geister gibt, und daß täglich noch immer mehrere angeworben werden. Komm, ich will dir nun auch zum Trost und zur Beruhigung die Herrlichkeit dieses Landes zeigen.

Wir gingen eine weite Strecke fort und wandten uns dann gegen Osten, gegen den Hügel zu. Hier bemerkte ich eine ge­sundere Luft, man konnte freier atmen, und es kam mir so vor1 als wenn mir ein Frühlingsduft entgegen wehete, und mir däuchte, ich könnte den Hügel und den Morgenschimmer oben darüber mit bloßen Augen erkennen; hier wurde mir wohl. ­Bald kamen wir auf eine grüne Ebene, durch welche ein kleines Bächlein Lebenswasser langsam und sanft fortrieselte; an die­sem Bächlein saßen viele kleine Gesellschaften magerer Geister, die gar ruhig und liebreich miteinander umgingen; sie tranken aus dem Bache und reichten den weiter entfernten in reinen kristallenen Schalen so viel von diesem Wasser, als zu ihrem Unterhalte nötig war. Hier war es dämmernder Morgen, und man sah den Hügel ziemlich deutlich.

Ich fragte meinen Führer, wie lange diese noch so harren müßten.

Er. Bis sich der Drachenkönig in die Höhe schwingt und die schwarze Wassermaschine ihre Wirkung tut.

Ich. Ist' s aber noch lange bis dahin?

Er. Komm, du sollst erfahren, was du erfahren darfst.

Wir folgten dem Bächlein aufwärts (denn abwärts verlor es sich in der weiten Wüste), und fanden noch viele magere Geister, welche aber einzeln umherwandelten und sich nicht in Gesell­schaften bildeten; dieser Einsiedler waren sehr viele, daß ich mich herzlich über ihre große Anzahl freute. Aber wie kommt es, fragte ich, daß diese frommen Geister nicht einander mitteilen, nicht Gesellschaften bilden?

Er. Das ist eben noch ihr Fehler - jeder glaubt von jedem an­dern, es sei noch nicht so recht mit ihm; seine eigenen Einsichten aber hält er für die allein wahren.

Ich. Lieber Freund, das ist schlimm, die Einigkeit des Geistes ist der Grund der Liebe; die Liebe bindet die Geister in Garben, in Gesellschaften und nur die Garben können in unseres Herrn Scheuem geerntet werden, einzelne Halme und Ähren fallen den Ährenlesern in die Hände.

Er. Du hast ganz recht! Eben darum steht auch diesen Gei­stern noch eine große Prüfung und Sichtung bevor. Diese wird sie zu Selbsterkenntnis bringen; was dann die Probe besteht, wird erhalten werden, und die andern werden verloren gehen.

Ich. Worin mag wohl diese Probe bestehen?

Er. Das will ich dir sagen: Die Spitzköpfe werden immer mäch­tiger, und durch Gottes gerechtes Verhängnis auf eine kurze Zeit allgemein herrschend werden, dann nämlich, wenn der große Drache emporsteigt. Während der Zeit künsteln die Masken im­mer mehr an ihrem Giftwasser, und die Irrwische werden durch allerhand verführerische Mittel die Vereinigung der Geisterklas­sen dadurch bewirken, daß sie alle zu überreden suchen, das Giftwasser sei das wahre Wasser des Lebens; und da es einen angenehmen, pikanten Geschmack hat, auch berauscht, munter und lustig macht, so wird ihnen ihr Plan bei den meisten Geistern gelingen; auch viele der mageren werden diese Versuchung nicht überwinden, sondern ihnen zufallen, und nur die auserlesensten und edelsten werden getreu bleiben, aber dafür werden sie dann auch vorzüglich vor allen andern belohnt werden. Es ist bekla­genswürdig und höchst traurig, daß sich gleichsam alle Umstände vereinigen, um den Plan der Verführer zu befördern; je länger man in diesem schrecklichen Lande lebt, desto mehr gewöhnt man sich an die verpestete Luft und an den tötenden Leichen­geruch. Wenn man nicht täglich und stündlich von dem Lebens­wasser trinkt, so macht es einen hernach weh und übel, man be­kommt Erbrechen, und mit der Zeit einen Ekel dagegen; trinkt man nun von dem schwarzen Giftwasser dazwischen, so ist es vollends geschehen; das hiesige Klima wird einem zum ange­nehmen natürlichen Aufenthalt und dann gehört viel dazu, um sich wieder ans Lebenswasser zu gewöhnen. Siehe, das macht eben die Prüfung und die Überwindung der Versuchung so schwer. Ehemals, als man von den Spitzköpfen und ihrem schwarzen See noch nichts wußte, da war das Aushalten der Probe viel leichter.

Ich. Werden aber keine Versuche gemacht, diese Einsiedler mit einander zu verständigen, und sie alle zusammen mit allen andern mageren Geistern in eine friedliche, sich herzlich liebende Gesellschaft zu vereinigen?

Er. O ja, es wird stark daran gearbeitet; allein die eigentliche große Vereinigung in Eine Herde wird erst dann zustande kom­men, wenn der Sturm aus Westen sie zusammen auf ein Häuflein weht.

Wir wandelten indessen immer ostwärts dem Bächlein nach und kamen nun endlich zur Quelle, am Fuße des Hügels.

Das erste, was mir hier in die Augen fiel, war eine tiefeinwärts gehende Höhle oder Grotte, aus welcher mir mit dem sanftrau­schenden kühlen Bach ein höchst angenehmes, erquickendes Lüft­chen entgegenwehte. Mein ganzes Wesen wurde gestärkt und erfrischt. Ich fragte meinen Führer, ob man nicht in die Höhle bis an die Quelle selbst gehen dürfe?

Er. O ja, allerdings!

Ich. Es ist aber finster und wir haben kein Licht; können wir uns dann nicht verirren?

Er. Eben dann würden wir uns am ersten verirren, wenn wir mit einem Licht hineingehen; man sieht dann so viele Selten­heiten, Naturwunder und merkwürdige Seitenhöhlen, daß man darüber des rechten Weges vergißt und nie zur eigentlichen rechten Quelle kommt; alle diese Seitenhöhlen geben aber auch eine mehr, die andere weniger, kleine Bächlein ab, die den Hauptbach verstärken.

Ich. Wie kann man aber im Finstern den rechten Weg finden?

Er. Auf eine sehr leichte und einfache Art; es kommt nur darauf an, daß man's weiß. Jetzt stehe einmal still - kannst du nun nicht ganz genau in deinem Angesicht empfinden, woher die kühle, erquickende, beständig fortwehende Luft kommt?

Ich. O ja, das kann ich sehr genau wahrnehmen.

Er. Nun, so gehe nur ruhig ohne Furcht schnurgerade dem Wind entgegen, so wirst du gewiß zur Hauptquelle kommen.

Ich. Aber ich möchte doch auch gerne die übrigen Merkwürdig­keiten dieser Höhle kennen lernen.

Er. Dein Wunsch wird erfüllt - aber es kann nicht eher ge­schehen, als bis du an der Hauptquelle gewesen bist.

Ich. Das ist doch sehr sonderbar!

Er. Du wirst es dann gar nicht sonderbar, sondern sehr natür­lich finden; gehe nur genau dem Luftstrom entgegen, so kann es dir gar nicht fehlen.

Ich folgte dem Rat meines Führers, und bemerkte nach einiger Zeit gerade vor mir hin einen sehr angenehmen bläulichen Schimmer, aus dem mir der erquickende Wind entgegen wehte. Jetzt beschleunigte ich meine Schritte und kam bald in eine geräumige, viereckige, über und über vergoldete Kammer; sie schien mir mit meiner Vorstellung, die ich mir von dem Allerhei­ligsten im Tempel zu Jerusalem machte, überein zu kommen. An der Ostseite dieses vortrefflichen Aufenthalts war eine viereckige Öffnung, mit schönen goldenen Einfassungen geziert; hier schaute ich mit unaussprechlicher Freude in das östliche Land; der ewige Morgen strahlte mir entgegen, und durch diese Öffnung strömte aus jenen paradiesischen Gegenden die reine Himmelsluft in die Grotte und weiter hinaus ins westliche Land. Dies Fenster war also an der Morgenseite des Hügels, dessen Sohle ich durchwandert hatte. Ich stand an diesem Fenster und blickte in den sanften Morgen, um meine Augen zu stärken. Mit dem ewigen Winde des Aufgangs aus der Höhle flutete seli­ger Friede durch mein ganzes Wesen, und es war mir, als wenn mir jemand ins Ohr gelispelt hätte: Hier kannst du ausharren! So wird mir einst sein, wenn der Ernteengel ungesehen mir nahe ist - und sich mein Geist den Fesseln im Staube entwindet.

Eine große Ebene in endloser Weite und Breite lag da vor meinen Augen; der Hügel grünte wie im kommenden Mai, und von seinem Fuße an bis weithin verklärte sich das keimende Grün im bläulichen Morgenduft. Gewächse von aller Art ent­wanden sich der jungfräulichen Erde, und man glaubte sie wach­sen zu sehen. Große Gedanken gingen jetzt in meiner Seele vor­über. - Noch ruhte einsame Stille auf den Fluren des Landes Bengulah, noch steigen keine Zinnen von Hephzibah empor. (Jes. 62, 4.) Aber bald werden friedfertige Scharen vollendeter Gerechten wie auenwässernde Bäche nach allen Richtungen hin­strömen, und auch ich werde unter ihnen sein! Nicht eine Wol­kensäule, die den Gesetzgeber auf Sinai einhüllt, wird vor ihnen herziehen, sondern Jehoschuah, Jesus Christus, wird sie anfüh­ren und ihnen das Land austeilen. - Darum - fürchte dich nicht, du kleine Herde, es ist des Vaters Wohlgefallen, dir dies Reich zu bescheiden!

Ich muß mich von diesem Fenster losreißen .- ich muß hin­gehen und wirken, so lange mein Weg währt, damit ich nichts versäume und am großen Feierabend mitgehen kann.

Diese goldene Kammer enthielt aber noch eine große Merk­würdigkeit, nämlich die Quelle des Lebenswassers; genau in der Mitte war eine Vertiefung im Boden, die ein Grab zu sein schien; aus diesem Grabe stiegen fünf Quellen sanft in die Höhe, sie. füllten den Sarkophag an und flossen dann in einem starken Bach durch eine Öffnung gegen Westen. Ich trank aus dieser Quelle und fühlte mich neu belebt und gestärkt zum Fortpilgern.

Ich wäre vielleicht noch lange hier geblieben, wenn mich mein Führer nicht zum Wegeilen angetrieben hätte. An diesem Fen­ster, sagte er zu mir, steht man nur zuzeiten, um sich zu stärken, aber nicht, um da die Stunden des Wirkens zu verschwenden. ­Komm, ich will dir noch mehrere wichtige Sachen zeigen! ­Hiemit öffnete er eine Tür an der Nordseite und hieß mich da hineintreten. Dieses Zimmer war inwendig perlenfarbig ohne irgend einen andern Schmuck, auch hier war ein Fenster gegen Osten, aber so hoch, daß man ohne Leiter und Treppe nicht durch dasselbe ins östliche Land sehen konnte. Man sah also nichts, als den Morgenschimmer und das war auch für die, welche hier ihre Geschäfte zu verrichten hatten, hinlänglich. Hier saßen sieben Männer um eine runde Tafel auf Sesseln und viele magere Geister beschäftigten sich an besonderen Tischen und durch eine Türe gegen Westen gingen viele Boten ab und zu. Die sieben Männer waren außerordentlich ehrwürdig und ernsthaft, sie un­terredeten sich leise, kaum hörbar, von merkwürdigen Dingen; ich verstand vieles, das mir aber als ein Geheimnis zu behandeln anbefohlen wurde; auch ging eins und anderes vor, das mir in wichtigen Fällen in der Zukunft Wink und Warnung geben kann. Diese waren die Engel der sieben Zeitläufe, von dem ersten Pfingstfest an bis auf das große letzte, wenn der Geist des Herrn über alles Fleisch ausgegossen werden wird. Der siebente, Nee­mann, hatte jetzt den Vorsitz, und als Direktoren saßen ihm zur Rechten und Linken Ahabathahi und Sariam. Diese drei werden den Beschluß machen und Ahabathahi wird die lange geprüfte Herde dem Erzhirten vorführen.

Ernst und feierlich saßen die Sieben da - und ich sah ihnen an, daß es bald zum Ende kommen würde, denn die Hoffnung des ewigen Lebens strahlte aus ihren Augen. So blickt ein Feld­herr in den Kampf, wenn er vom Hügel herab rechts und links Befehle erteilt und sein Plan gut ausgeführt wird.

Ich hätte gerne gefragt, ob es noch weithin bis zum Ziel sei? ­Allein mein Führer warnte mich und versicherte mich, daß ich an einem andern Orte hinlänglich Nachricht über diesen Punkt erhalten würde. Mir war hier ganz schauerlich! - Hier war die verborgene Majestät Gottes nicht sichtbar, aber spürbar, gegenwärtig.

Vor hier gingen wir wieder durch die goldene Kammer, und mein Begleiter öffnete an der Südseite eine andere Türe, welche in ein merkwürdiges Zimmer führte. Dieses war die Kammer der heiligen Geheimnisse; auch hier war an der Ostseite ein Fen­ster, aber so niedrig, daß man dadurch hätte sehen können, wenn es nicht mit Kristallen von ganz sonderbaren Gestalten und For­men ausgefüllt gewesen wäre: dadurch wurde das Licht nicht nur in seine sieben Farben geteilt, sondern es wurde eine hierogly­phische Schrift dadurch an der gegenüberstehenden Wand vorge­stellt, die immer in den bestimmten Zeitpunkten den Ratschluß des Ewigen und über alles Erhabenen offenbarte; hier erholten sich auch die sieben Gemeindeengel Rats, wie wenn sie es be­durften und ein sehr ansehnlicher Geist oder Engel, namens Eschmareer, bemerkte alles, schrieb es in ein Buch und erklärte auch dem Wißbegierigen, was ihm zu wissen dienlich war. Hier erfuhr ich nun einen Termin, aber nicht auf Tag und Stunde, sondern mir wurde ein Zeitraum von sehr langer Dauer gezeigt, innerhalb welchem der Herr kommen und dem Jammer ein Ende machen würde.

Hier sah ich auch eine genaue Karte und Beschreibung der Höhle oder Grotte, in welcher ich mich befand; ich erfuhr die Sel­tenheiten jedes Orts und ihre Beziehung auf das Ganze. Von hier aus öffnete sich in einer Ecke der Westseite eine Tür, welche der Eingang zu allen Seitenhöhlen war; neben der Tür war ein Leit­faden angeknüpft, den man nur in die Hand zu nehmen und ihm zu folgen brauchte; so führte er den Wanderer in gehöriger Ord­nung, ohne zu irren, durch alle labyrinthischen Gänge, und zwar so, daß immer ein merkwürdiger Ort, so wie er sich dem Auge eröffnete, auch dem folgenden sein Licht mitteilte. Wenn man a1so die letzte Grotte betrachten wollte, so mußte man die Sel­tenheiten aller vorigen kennen, sonst begriff man nichts oder doch  sehr wenig von ihren Geheimnissen.

Freunde und Freundinnen! - Brüder und Schwestern! - Denkt über diese Bilderschrift, die ich euch hier mitgeteilt habe, ruhig nach! Ihr werdet keiner näheren Erklärung bedürfen; der Geist, der mich anhauchte, wird auch euch anhauchen, und wir werden uns verstehen. Der Herr lege Segen auf dieses Anwehen, damit es zum Wachen und Beten treiben möge. Amen!

S i e b t e  S z e n e

 

Ein pantomimisches Drama in der Geisterwelt

 

Die Schlafenden schlafen des Nachts, und die Betrunkenen sind des Nachts betrunken, sagt der Apostel. Aber die Schla­fenden träumen jetzt, es sei Tag; sie wähnen, ihr Traumlicht der Aufklärung sei die Sonne; im Taumel der Trunkenheit halten sie ihren Rausch für Tatkraft und die Schwärmerei ihrer vom Wein der Philosophie benebelten Vernunft für Weisheit. Da wandelt dann der Altgläubige mit der Leuchte des Evangeliums unter ihnen herum, und sucht sich auf seinem schmalen Wege durch das Gewühl durchzudrängen. Spott, Verachtung, Versper­rung des Weges, Rippenstöße und glänzende Verführungssucht stürmen auf ihn zu; da hat er dann große Ursache, wachsam und nüchtern zu sein, und sich durch alle Schwierigkeiten durchzubeten und durchzukämpfen.

Kinder, es ist die letzte Stunde! - Jetzt laßt uns treu und ehrlich aushalten, der heiße Kampf geht bald vorüber; aber es tut weh, unter den Kindern Adams, unter Geschwistern, so verkannt zu sein, und sie in der Gefahr zu sehen, ohne Rettung verloren zu gehen. Vater der Menschen - großer Erbarmer und kämpfet in Gethsemane und auf Golgatha - rette, was zu retten ist und uns, deine Kinder, führe mit starker Hand durch den Jordan hinüber - hinüber in dein Reich! Amen!

Die menschliche Gesellschaft drückt mich - da freut man sich des Friedens, hofft goldene Zeiten, schwärmt von einer Lust­partie zur andern, und freut sich der Aufklärung und seines eige­nen Daseins; zeigt man Bedenklichkeit, so beruft man sich auf die vorigen Zeiten; man sagt ganz unbefangen und leichtsinnig: Es war ehemals noch schlimmer, und wurde doch wieder besser; in der Welt ist das nicht anders; es ist ja Friede und hat keine Gefahr; man zuckte die Achseln über mich, und sagt, ich sei ein schwermütiger Schwärmer.

Darum betrauere ich meine Zeitgenossen; denn es ist nicht lange mehr hin, so werden sie traurig, ich aber und alle Schwär­mer meinesgleichen werden uns dann hoch freuen!

Darum wähle ich auch so gerne einsame Spaziergänge, tröste mich der Zukunft, und freue mich, daß mich der Herr würdigt. in diesen letzten Zeiten einer seiner letzten Zeugen und Boten an seine Christenheit zu sein. Mag mir dann auch widerfahren, was allen meinesgleichen und meinem Herrn und Meister selbst widerfahren ist. Er wird dann auch Kraft geben - sein Wille geschehe!

Ich wandelte vor kurzem in der Abenddämmerung auf mei­nem, von Menschen entfernten, abgelegenen Spazierwege, und dachte über die Vergangenheit und Zukunft nach; ich sehnte mich nach Aufschluß über die nahen Schicksale der kleinen Herde des Herrn, und Siona führte folgende Szene an meiner Seele vor­über.

Ich befand mich in meiner Imagination auf einem Hügel; ge­gen Süden und Norden hin strich ein langes, schroffes Felsen­gebirge, dessen Gipfel die Wolken berührte; dadurch wurde die Gegend, die ich überschaute, in zwei große Hälften geteilt. Die westliche war dunkeldämmernd und ganz eben wie der unbe­grenzte Ozean; im tiefsten Westen ruhte weit und breit ein schweres Gewitter und man sah gleichsam in abgemessenen Pausen schwefelgelbe Blitze hin und her zucken. Die ganze, große, unermeßliche Fläche stellte dem Auge meines Geistes ein Gewirr von Gegenständen dar, das man nur mit vieler Mühe auseinan­dersetzen konnte.

Gegen Osten hin sah ich eine eben so große Fläche; im äußer­sten Horizont stieg der schönste Morgen in einem unermeßlichen Lichtkreis empor. Das Ganze schien mir eine neue Erde zu sein, als wenn sie so eben dem Worte des Schöpfers entquollen wäre. Am Fuße meines Hügels hinab keimten Grasspitzen, Schlüssel­blümchen, Märzviolen und Röschen aus der jungfräulichen Erde hervor, weiterhin ruhte ein kühler, perlenweißer Duft, in lan­gen Streifen hin und wieder; er brütete auf den Keimen der weisen Allmacht, aus denen die Schätze der folgenden Jahrhunderte emporreifen sollten. Hier ahnete mein Geist den Standpunkt seines zukünftigen Wirkungskreises - dort wird der Herr ver­kläret, dort ist gut sein dachte ich, aber zum Hüttenbauen ist es noch zu früh.

Ich fühlte in meinem Inneren die Aufforderung, die westliche Fläche näher zu untersuchen; ich wandelte also den Hügel hinab und ehe ich an seinen Fuß kam, wehte mir eine betäubende, lau­lichte Luft entgegen; sie trug einen Leichengeruch auf ihren mat­ten Schwingen, Moder und Verwesung schien die Quelle zu sein, aus welcher dieser Pesthauch einherschlich und ich bemerkte zähe, klebrichte Meteore, welche in der niedern Luft unstät umherschwankten und allerlei seltsame Gestalten bildeten. Sonder­bar und schrecklich kam es mir aber vor, daß man unten, in eini­ger Entfernung vom Hügel, keine Spur mehr von ihm entdecken konnte: alles schien von hier aus ein unübersteigliches Gebirge zu sein. Es kam mir vor, als ob eine magische Decke über diesem Hügel hinge; wenn man sich ihm aber näherte und nur ein wenig hinanstieg, so verschwand die Täuschung und man sah nur den Morgenschimmer über den Hügel her. Ich machte nachher die Bemerkung, daß dieser optische Betrug lediglich von dem durch und durch verdorbenen Dunstkreise des Abendlandes herrührte.

Da ich nun aber willens war, mich in diesem zwar fürchterlichen, aber für den Wahrheitsforscher äußerst merkwürdigen Lande etwas umzusehen und mich nach seiner eigentlichen Be­schaffenheit zu erkundigen, so befürchtete ich, nicht ohne Grund, ich möchte den Rückweg nach dem Hügel nicht wiederfinden und suchte deswegen mit genau forschendem Blick ein Merkzeichen an diesem Gebirge, allein ich fand keines, das mir sicher genug gewesen wäre. Indem ich so dastand und überlegte, was ich tun sollte, nahte sich mir ein Mensch, der bis auf Haut und Knochen ausgezehrt war - sein Gesicht war aber sehr heiter und ange­nehm und, was mir am seltsamsten vorkam, seine Ausdünstung und sein Odem hatte einen stärkenden und erquickenden Wohl­geruch, der einem in dieser tötenden Atmosphäre äußerst ange­nehm war. Ich grüßte ihn freundlich und klagte ihm meine Angelegenheit; sehr heiter lächelnd und liebevoll antwortete er mir: "Dir soll geholfen werden!“ - Dann zog er aus seiner Tasche ein Perspektiv hervor und sagte: "Dies brauchst du, so lange du hier bist; ohne dies Werkzeug wärest du rettungslos verloren.“ Ich eilte, um es zu versuchen, und siehe da, - ich sah den Hügel mit aller seiner Herrlichkeit und das sanft glänzende Morgenlicht oben darüber. Ich freute mich hoch und äußerte meinen herzlichen Wunsch, ein solches Perspektiv eigentümlich zu besitzen. "Das behältst du“, versetzte der Freund; "unser Herr sendet dies herrliche Werkzeug hieher, um jeden damit zu bedienen; allein wenige machen leider Gebrauch davon.

Ich. Das ist doch sonderbar! Man sollte denken, alles müßte aus diesem traurigen Aufenthalte über den Hügel hin in das herrliche Land eilen.

Er. Nichts weniger als das; man hält den Hügel mit seinem schönen Morgenglanze, so wie man ihn durch das Perspektiv sieht, für optischen Betrug; man sagt, die natürlichen Augen müssen doch wohl richtig sehen, denn der Schöpfer habe gewiß seine Geschöpfe nicht durch trügliche Sinneswerkzeuge getäuscht.

Ich. Das hat er freilich nicht; aber die Luft ist so schwer, so neblicht und trübe, daß man mit den besten Augen unrichtig sieht.

Er. Du urteilst ganz recht; und was das Schlimmste ist, an dieser grundverdorbenen ungesunden Luft sind die Einwohner dieser Gegend selbst schuld.

Ich. Wie ist das möglich?

Er. Sie empfinden wohl, daß sie von Natur kraftvoll und unge­sunder sind, als sie ihrer Organisation und Anlagen nach sein sollten; sie glaubten aber, Gott habe sie so geschaffen, sie sollten und müßten gerade diese Klasse Wesen auf der unendlichen Stufenleiter erschaffener Dinge sein, und sie müßten sich ihrer Natur nach immer mehr und mehr vervollkommnen. Dieses ist auch an sich richtig und wahr, allein sie verwerfen die wahren Mittel dazu, und bedienen sich statt derselben gerade derjenigen Mittel wodurch sie immer unvollkommener und ihre Um­stände immer trauriger werden; denn sie stellen den Grundsatz fest: Gott habe der Natur, in welcher sich seine Geschöpfe be­finden, auch die Eigenschaft gegeben, daß diese Geschöpfe darin­nen ihre Bestimmung erreichen könnten, welches an sich wie­derum wahr ist. Allein wenn nun diese Geschöpfe einen freien Willen, haben und durch ihre freien Handlungen die Natur, in der sie leben, so verderben, daß sie gerade entgegengesetzte Wir­kung tut, so ist ja wohl auch natürlich, daß sie immer ungesunder werden, und gerade dies ist der Fall mit den armen Einwohnern dieses Landes. Anfänglich trennte kein Gebirge das westliche Land von dem östlichen; vom ewigen Morgen bis an den ewigen Abend war alles eine neue Erde und ein klarer, fruchtbarer Strom lebendigen Wassers, der dem Aufgang aus der Höhe entquoll, verbreitete sich in tausend Bächen ins Unendliche und erfüllte alles mit segnender Fruchtbarkeit. Hier schuf nun Gott dieses freihandelnde Geschlecht und setzte es in diese junge Natur, die es immer mehr und mehr veredeln, immer urbarer machen, sich selbst dadurch vervollkommnen, und sich gegen das Urlicht hin, im Osten, immer mehr ausbreiten und also auch immer mehr veredeln sollte. Nun wohnt aber im tiefsten Westen eine Klasse feindseliger Geister, die Gott in eine noch schönere Natur ge­schaffen hatte. Diese wollten sich von Gott unabhängig machen und empörten sich gegen ihren Schöpfer. Daher türmte die Allmacht große Gebirge gegen sie auf, die den Lebensstrom von ihrem Lande ablenkten, wodurch es zu einer ungeheuer stinkenden Pfütze, noch weit schlimmer als dieses unser Land, gewor­den ist.

Diese feindseligen Geister waren neidisch auf unser Ge­schlecht; sie suchten es zu verführen und ihres Landes zu bemeistern und dieses gelang ihnen, leider, allzugut: der Hauptver­führer machte uns weiß: Gott habe uns das Vermögen gegeben, zu erkennen, was böse und gut, recht oder unrecht sei; es sei also auch ewiges Recht der Natur, daß wir uns selbst unsere Ge­setze geben, uns selbst regieren müßten; denn freie Wesen könn­ten unmöglich von irgend einem anderen Wesen, ohne die größte Ungerechtigkeit und Tyrannei beherrscht werden. Dieser Trug­schluß fand Eingang, unser Geschlecht empörte sich auch, und auf einmal türmte die Allmacht auch uns diese Gebirge in den Weg, und schnitt uns dadurch den Strom des Lebens und den Fort­schritt gegen Osten ab. Nun verwandelten sich nach und nach alle stehenden Gewässer in stinkende Pfützen, die ganze Natur modert, und wir würden alle vernichtet werden, wenn wir nicht von Natur unsterblich wären.

Indessen, der Schöpfer und Vater aller Wesen erbarmte sich unser. Sein ewiges Wort, der König des Lichts, brach durch das Gebirge und warf diesen Hügel auf: sieh' dort, an seinem Fuße ist eine Quelle lebendigen Wassers; diese rinnt immer, und ver­breitet sich dahin, wohin sie einer leitet; wer daraus trinkt, der wird gesund, sein Verstand wird nüchtern, und sein Wesen nä­hert sich immer mehr der göttlichen Natur.

Ich. Das ist ein trauriger Zustand! Aber belehre mich weiter! Wie suchen denn die geistigen Bewohner dieses Landes ihren Zustand zu verbessern?

Er. Luft, Wasser, und alles, was dieser Boden hervorbringt, ist betäubend und schwächend; anstatt daß es den wirkenden T eil der Organisation nähren und stärken sollte, nährt und stärkt es den leidenden Teil derselben. Trink aus jener Quelle: - verwahre dein Fernrohr wohl - und komm mit mir - ich will dir die Beschaffenheit dieses Landes und seiner Einwohner zeigen.

Ich trank aus der Lebensquelle des Hügels, faßte mein Fernrohr in die Hand und folgte meinem Führer.

Wir wandelten zwischen einigen Gruppen von Bäumen und Gebüschen durch und sahen hin und wieder einige Geister still und gerade mit geschlossenen Augen stehen, genau so, als wenn sie Schatten wären; sie regten sich nicht, und man bemerkte kein Zeichen des Lebens an ihnen. Wer sind diese; fragte ich meinen Führer, und warum sehen sie so abgezehrt aus? - Eben dies be­merkte ich auch mit Verwunderung an dir; sage mir doch, woher kommt das?

Er. Ich machte dir soeben bemerklich, daß die hiesigen Nah­rungsmittel die leidenden Teile unseres Ichs nährten, das geistig wirkende Prinzip aber betäubten und schwächten; wer nun die hiesige Natur bloß zur Notdurft braucht und sich aus dem Le­bensbrunnen sättigt, der bekommt die Gestalt, die du an mir und jenen dort Stehenden siehst; unser wirkender Teil wird stark und der Bewirkte schwach; wir behalten nun unsere Besonnen­heit und hoffen auf unsere Erlösung aus diesem Lande des Jam­mers.

Ich. Warum stehen diese Geister aber so unbeweglich und so hingepflanzt da, als wenn kein Leben in ihnen wäre?

Er. Sie stehen in der Meinung, man müsse sich aller Wirksam­keit in dieser Natur enthalten und sich bloß allein von der Le­bensquelle nähren: in ihrem Innern aber richten sie ihr Anden­ken und ihr Gemüt unaufhörlich zu Gott.

Ich. Täten sie aber nicht besser, wenn sie auf andere Geister wohltätig wirkten, um sie auch zu guten Gesinnungen zu bewe­gen und sie vom drohenden Verderben zu retten?

Er. Daß dies meine Pflicht ist, das weiß ich; ob's aber die ihrige sei, das weiß ich nicht. - Der Herr hat vielerlei Werkzeuge; diese sind reine, edle Wesen, er wird sie zu brauchen wissen.

Ich. Du hast recht - und ich hatte unrecht, so zu fragen.

Wir gingen nun weiter und fanden Geister, die wie ungeheure Zwerge schmutzig und ekelhaft aussahen; ihre Köpfe waren un­förmlich dick, der obere Teil der Stirn ragte weit hervor, desglei­chen auch das Kinn; die Nase und der Mund aber lagen tief zurück. Diese Wesen arbeiteten an einer tiefen Grube, in welcher hin und wieder ein trübes Wasser hervorquoll, von welchem sie mit großer Begierde tranken; sie zankten sich über die Erfindung dieser Quellen, weil jeder die Ehre der ersten Entdeckung haben wollte; je mehr sie tranken, desto berauschter und desto dursti­ger wurden sie; des Grabens, Trinkens und Zankens war also kein Ende.

Ich. Werden diese wohl auch selig werden?

Er. Nicht eher, als bis der Herr kommt.

Wir wendeten uns nordwestlich und trafen bald eine große Pfütze an, die mit Schilf angefüllt zu sein schien; hin und wieder schimmerten Throne, die mir so vorkamen, als ob sie aus Torf­stücken aufgemauert wären: sie hatten einen Glast, der etwas regenbogenähnliches zeigte; so wie die kupferfarbenen Häut­chen, die auf unreinen Wassern gleißen. Die Wesen dieser Region hatten ungeheuer dicke Bäuche, aber Arme und Füße wie die Spinnen; die Stirn lag glatt und breit zurück, der Mund aber strebte vorwärts im breiten Kreise; sie schienen sich alle recht wohl zu befinden, und wenn sie das faule Wasser ihres Elements einschlürften, so fingen sie an zu jubeln und sehr froh zu sein. Auf jedem Thron saß einer von ihnen, der einen dickeren Bauch und breiteren Mund als die andern hatte, ein Diadem von Bin­sen zierte sein Haupt und ein goldgelber Stern, aus Stroh ge­flochten, glänzte auf seiner Brust.

Diese Archonten fingen von Zeit zu Zeit an, wunderbare Töne von sich zu geben, die aber immer anders waren als die vorigen; sobald dieser Laut erscholl, versammelten sich Heere um sie her, die sich dann alle bemühten, diese Töne nachzuma­chen. Schrecklich und bedauernswürdig kamen mir diese Geister vor - eine Baracke voll Betrunkener, aus der verworfensten Menschenklasse, ist nichts gegen sie.

Mein Führer winkte mir links gegen Abend; wir wandelten eine Weile in dunklen, Schwermut einflößenden Gängen und kamen dann auf eine große Ebene, die voll Geister war, welche alle durcheinander hin und her eilten, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu betreiben hätten, ihre Gestalt war sonderbar. Sie waren eigentlich auch Zwerge von sehr kleiner Statur, aber der Kopf verlängerte sich oben in einen hohen Kegel, welcher sich in einer scharfen Spitze endigte, so daß einer den andern mit seinem Kopfe durchbohren konnte, und wirklich bestand auch ihre Rache darin, daß der Beleidigte seinen Feind so bestrafte. Ich bemerkte auch, daß diese Köpfe bei weitem nicht alle gleich dick, gleich hoch und gleich spitzig waren. Einige liefen auch krumm und schneckenförmig aufwärts, andere bogen sich sichelförn1ig vorwärts, und wieder andere waren gegen oben zu beweglich, so daß sie die Spitze lenken konnten, wohin sie wollten. Diese hatten auch Widerhaken an den Spitzen und sahen abscheulich aus, bei allen aber war der Kopf länger als der übrige Körper und das Gesicht war unter der Mitte der ganzen Statur.

Indem wir unter diesen Wesen umherwandelten, kamen wir endlich an einen Ort, auf dem sich die ganze Betriebsamkeit der großen Menge dieser himmelbohrenden Geister vereinigte; viele hundert arbeiteten an einer ungeheuer langen Kette, die wie Messing aussah; andere webten große und breite Tücher, so fein wie ein Spinngewebe; wieder andere bereiteten eine feine harzige Tünche, mit der sie die Tücher bestrichen und luftdicht machten; und endlich waren viele mit Destillieren beschäftigt. Was sie machten, wußte ich nicht. Ich fragte meinen Führer, was das alles zu bedeuten habe?

Er. Freund, das Geschäft dieser Wesen ist wichtig und so schrecklich, daß es das große Gericht, welches diesem lande des Jammers bevorsteht, bewirken wird. Diese Geisterklasse arbei­tet an einem ungeheuer großen Luftballon, an welchem diese Kette angeheftet werden soll; diesen wollen sie steigen lassen, wenn jenes drohende Gewitter gegen Abend näher kommt, und so soll er ihnen dann zum Gewitterableiter dienen; die armen Tröpfe sehen aber nicht ein, daß eben dies das Einschlagen des Gewitters befördern wird. Aber komm, du sollst noch schreck­lichere Dinge sehen!

Er führte mich eine weite Strecke hin gegen Westen - hier entdeckte ich einen großen See, das Wasser sah schwärzlich aus, aber es war sehr hell, ganz und gar nicht trübe; recht vorn in ·der Mitte am See wurde ein sehr großer und hoher Turm gebaut, von dessen Spitze man das ganze Land sollte übersehen können, er war beinahe fertig. Ich war verlangend, zu wissen, was alle diese Anstalten bezweckten, und mein Führer gab mir darüber folgende Auskunft: Dieser Turm, sagte er, ist zu einer ­Wasserkunst bestimmt; auf seiner höchsten Spitze wird eine Windmaschine angebracht, welche durch die erforderliche An­zahl Pumpensätze das Wasser aus dem See in einen großen Be­hälter oben auf den Turm hebt, aus welchem es dann durch Röhren ins ganze Land geleitet werden soll.

Ich. Aber was für Eigenschaften hat das Wasser?

Er. Dies Wasser ist ein Spiritus, der aus dem aufrührerischen Lande gegen Westen ausdünstet, in die Höhe steigt, dann wie­der, in Tropfen gebildet, herabfällt und sich in diesem See sammelt; es ist stark berauschend, und zwar so, daß diejenigen, - die viel davon trinken, gleichsam wütend werden und tobend alles vernichten, daher wirst du auch bemerken, daß alle Geister die­ser Gegend weit unruhiger, ärgerlicher und beleidigender sind. als alle anderen, die du bisher gesehen hast und noch sehen wirst.

Ich. Wie, wenn nun ihnen aber ihr Vorhaben gelingt, - wenn ­dies höllische Wasser durch' s ganze Land verteilt wird, so müs­sen ja auch alle Geister des ganzen Landes, insofern sie davon trinken, rasend werden?

Er. Es wird ihnen gelingen, aber dadurch werden sie auch den vor ihren Augen verborgenen Ratschluß des über alles Erhabe­nen ausführen: Alle, die noch zur Besinnung zu bringen sind, werden durch die Folgen, welche die törichten Bemühungen aller Klassen der hiesigen Geister, besonders aber dies höllische Was­ser nach sich zieht, folglich durch die Erfahrung belehrt werden, daß es keinen andern Weg zur Rettung für sie gebe, als der Ge­nuß des Wassers aus der Lebensquelle; sie werden also daraus trinken, das Perspektiv bekommen, den Hügel finden und sich dann hinüber ins Land des Friedens retten. Sobald der Letzte hinüber ist, wird jener Gewitterableiter seine Dienste tun. Ein Sturmwind wird das Wetter schleunigst über das ganze Land füh­ren; dadurch wird die Windmaschine so stark pumpen, daß der ganze See erschöpft und über das Land verteilt wird; alle werden davon trinken, und des Rasens und Tobens wird kein Ende sein, und das alles nennen sie dann Tätigkeit zum allgemeinen Be­sten. Der Gewitterableiter richtet nun das elektrische Feuer des Blitzes in das geistige Giftwasser, welches sich allenthalben ent­zündet und so den Pfuhl erzeugt, der mit Feuer und Schwefel brennt, in welchem dann auch diejenigen, die sich ihm bereitet haben, empfangen werden, was ihre Taten wert sind. Dieser schreckliche allgemeine Brand wird sich aber auch gegen Westen verbreiten, und das Land der Erzempörer ebenfalls in einen Feu­ersee verwandeln.

Ich. Wird’s noch lange währen, bis es zu diesem schrecklichen Gerichte kommt? - Mir wird's bange; laß uns hier wegeilen!

Hierauf brachte mich mein Führer südwestlich an einen ab­gelegenen Ort; hier war der Leichengeruch kaum auszuhalten; mein Begleiter reichte mir aber eine Flasche, aus welcher wir uns beide erquickten; indessen, wir mußten doch wegeilen, wenn wir nicht betäubt zu Boden sinken wollten; das wenige, was ich hier sah und erfuhr, machte, daß mir die Haare zu Berge stan­den. Hier war der Ort, wo der noch minderjährige König der himmelbohrenden Spitzköpfe erzogen wurde; sein Ansehen war schrecklich und abscheulich, der Körper war ein ungeheuer dicker, aber sehr kleiner Zwerg. Der Kopf aber verlängerte sich in eine große Riesenschlange, die mit goldenen, purpurnen, grü­nen und himmelblauen Flecken und Streifen prangte, und sich mit großer Kraft in die Höhe erstreckte; dies Wesen war niemals ruhig, sondern der himmelbohrende Schweif mit seinem stähler­nen Widerhaken wand sich immer aufwärts und strebte bald hier, bald dort empor, als wenn er in der Höhe etwas zu bekämp­fen suchte. Eins aber war mir vorzüglich merkwürdig: ich ge­dachte gleich anfangs zäher, klebrichter, leuchtender Meteore; für solche hielt ich sie damals auch, aber jetzt erfuhr ich erst, wer sie seien. Diese glänzenden Lufterscheinungen waren ebenfalls Geister von einer besonderen Gattung; ihre Nahrung war eine besondere Pflanze, die sie an geheimen, unzugänglichen Orten erzogen, und dann tranken sie aus dem schwarzen See; aus die­sen beiden Säften entstand nun in ihrem Wesen ein leuchtender Phosphorus, den sie für himmlisches Licht ausgaben. Das trüg­liche, dämmernde Licht, das diese unstät und flüchtig in der Luft umherschwärmenden Geister sparsam verbreiteten, war auch das einzige, was diesem Jammerlande einige Dämmerung gewährte; wer das Perspektiv nicht brauchte, der kannte kein anderes Licht. Die mageren Geister aber hatten ihre Augen so durch das Per­spektiv gestärkt, daß ihnen der über den Hügel herschimmernde Morgen so viel Licht gab, als sie brauchten. Durch diese Menge von Irrwischgeistern waren alle Klassen der Einwohner, die ma­geren ausgenommen, so irre geworden, daß sie den wahren ewi­gen Osten nicht mehr wußten, sondern den Westen mit seinem Gewitter dafür hielten, und glaubten, daß die Blitze Strahlen des Urlichts seien.

Diese Irrwischgeister waren die Erzieher des jungen Königs; sie nährten ihn auch mit ihrer geheimen Speise, und tränkten ihn aus dem schwarzen See, woher es dann kam, daß er auch schon zu schwimmen anfing, und es fehlte nicht viel mehr, so war er auch schon so verfeinert, daß er sich in der dicken Dunstluft emporschwingen, und sich dann aus der Höhe als ein schreck­liches, rotglühender Meteor zeigen konnte; das war denn auch der Zeitpunkt, wo er als Gott und König des Landes zu herrschen anfangen sollte. Ich fragte meinen Führer, ob es noch lange bis dahin sei - und ob diese schreckliche Regierung lange dauern werde.

Er. Wir werden an einen Ort kommen, wo man dir darüber Aufschluß geben wird. Dieser König des Verderbens wird uns magere Geister zwingen wollen, von seiner Giftpflanze zu essen und aus dem schwarzen See zu trinken; dann wird er den Entschluß fassen, die Wasserquelle des Lebens zu verstopfen; aber gerade in diesem Zeitpunkt wird der Herr uns, die wir ihm treu geblieben sind, über den Hügel an einen sichern Ort der Ruhe bringen, und nun wird der Gewitterableiter seine schreckliche Wirkung tun. Das Land wird in Brand geraten, und diese Glut wird den himmelstürmenden König lähmen, so daß er von seiner Höhe herab in den Feuersee stürzen wird.

Ich. Eines ist mir überaus merkwürdig, nämlich, daß die Gei­ster sich selbst ihr ganzes Gericht und ihre ganze schreckliche Strafe bereiten.

Er. Das ist eben eine der weisesten Regierungsmaximen un­seres Herrn: Diese unglücklichen Wesen können Gott hernach unmöglich die Schuld geben, sie hatten die Lebensquelle ebenso wie wir, und das Fernrohr bekamen sie umsonst; aber sie woll­ten sich selbst helfen und durch ihre eigene Vernunft und Kraft herrschen und ihr Gebiet auch über Geister verbreiten; nun er­fahren sie die Folgen, die ganz natürlich und keine göttliche Da­zwischenkunft sind.

Nun wendeten wir uns wieder links, etwas vorwärts gegen das Gebirge zu und kamen an einen Ort, wo wir Geister antrafen, die in einem großen Laboratorium arbeiteten. Diese Wesen waren von ganz besonderer Gestalt; sie waren alle verlarvt; alle hatten Masken, die den mageren Geistern ähnlich waren; wenn sie aber diese Verkleidung ablegten, so waren sie von der Klasse der leuchtenden Meteore, oder auch Spitzköpfe. Die Geister waren die gefährlichsten unter allen; denn nur wenige magere Geister, die ein gutes Gesicht hatten, konnten durch oder hinter die Maske schauen; die schwächeren aber hielten sie für ihres­gleichen und wurden dann von ihnen hintergangen und ins Ver­derben gestürzt. Dies ging so zu:

Da die Lebensquelle von den meisten Einwohnern weit ent­fernt ist, so wurden von jeher aus allen Klassen Wasserträger bestellt, die mit reinen Gefäßen aus der Lebensquelle schöpften und es so allen Einwohnern zutragen mußten, damit es nieman­dem daran fehlen möchte. Dies Geschäft war sehr ehrwürdig und nützlich. - Nun gab es aber viele solche Wasserträger die ihre Krüge und Gefäße gar nicht rein hielten, auch wohl nicht aus der Quelle selbst, sondern aus dem Bächlein schöpften, das von ihr herabrinnt und schon den hiesigen Erdgeschmack ange­nommen hat, woher es denn kam, daß die Wasserträger verächtlich wurden; hierzu halfen nun die Irrwischgeister aus allen Kräften, und unter dem Vorwand, die Einwohner besser zu be­dienen und diese uralte nützliche Zunft der Wasserträger zu reformieren, zogen sie allmählich das ganze Geschäft an sich, da aber bei weitem die meisten Einwohner den Irrwischen nicht trauten, so legten sie nun die Larven an und verkleideten sich in die Gestalt der Wasserträger. Der ganze Jammer aber besteht darin, daß sie das Lebenswasser verfälschten und das Fernrohr für Aberglauben erklärten. Jene Verfälschung geschieht hier in diesem Laboratorium, denn da sie vorgeben, die Lebensquelle sei zwar ein gutes Quellwasser, sie habe aber unreine minera­lische Teilchen in sich aufgelöst, welche die subtilen Nahrungs­wege verstopfen, und verursachten, daß die Geister die Aus­zehrung bekämen und hypochondrisch würden, die man ja deut­lich an uns wahrnehmen könne, so müßte man sie destillieren und korrigieren. Dies geschieht nun so, daß sie Wasser aus dem schwarzen See dazu mischen, und es dann zusammen destillieren. Dies destillierte Wasser ist nun noch gefährlicher, als das, wel­ches im See selbst geschöpft worden: denn dies kennt man allso­fort am Geruch und Geschmack, so daß man sich davor hüten kann; jenes aber schmeckt noch immer nach der Lebensquelle, und so werden diejenigen, welche nie aus der reinen Quelle selbst getrunken haben, betrogen; wobei das nun noch das allerschlimmste ist, daß man die schädlichen Folgen davon nicht eher merkt, als bis man sie nicht mehr für schädlich hält und der Kopf schon so spitz geworden ist, daß man den spitzigsten und höchsten für den schönsten hält.

Wie geht es aber zu, sagte ich zu meinem Führer, daß ihr ma­geren Geister euch nicht vereinigt und selbst reines Wasser holt, um es unter alle Geisterklassen auszuteilen?

Er. Das geschieht auch schon einigermaßen; allein eben an der innigen Vereinigung fehlt es noch; auch gibt es noch hier und da ehrliche Wasserträger von der alten Art, aber ihre Zahl nimmt doch mehr und mehr ab. Wenn nun unsereiner Wasser holt und es den Geistern anbietet, so sagt der eine, "du holst das Wasser in einem Kruge, der nicht die gehörige Form hat;“ der andere: "du hast ja den Gang und den Schritt nicht, der den Wasserträgern geziemt;" der dritte: "dein Kleid schickt sich für einen Wasserträger nicht;" der vierte: "dein Wasser hat den rechten Geschmack nicht, es muß etwas süßlicht sein;" der fünfte: „es muß einen säuerlichen, pikanten Geschmack haben;" der sechste: „es muß etwas gesalzen schmecken," und der siebente: „es muß kühlend sein und gar keinen Geschmack haben." Wie kann man nun da etwas richten, indem die Geschmackswerk­zeuge so verdorben sind, daß jedem das Wasser anders schmeckt, als dem andern?

Ich. Das ist ein erbärmlicher, beklagenswürdiger Zustand!

Er. Das ist es allerdings; aber doch kann ich dir zum Troste sagen, daß es eine sehr große Menge magerer Geister gibt, und daß täglich noch immer mehrere angeworben werden. Komm, ich will dir nun auch zum Trost und zur Beruhigung die Herrlichkeit dieses Landes zeigen.

Wir gingen eine weite Strecke fort und wandten uns dann gegen Osten, gegen den Hügel zu. Hier bemerkte ich eine ge­sundere Luft, man konnte freier atmen, und es kam mir so vor1 als wenn mir ein Frühlingsduft entgegen wehete, und mir däuchte, ich könnte den Hügel und den Morgenschimmer oben darüber mit bloßen Augen erkennen; hier wurde mir wohl. ­Bald kamen wir auf eine grüne Ebene, durch welche ein kleines Bächlein Lebenswasser langsam und sanft fortrieselte; an die­sem Bächlein saßen viele kleine Gesellschaften magerer Geister, die gar ruhig und liebreich miteinander umgingen; sie tranken aus dem Bache und reichten den weiter entfernten in reinen kristallenen Schalen so viel von diesem Wasser, als zu ihrem Unterhalte nötig war. Hier war es dämmernder Morgen, und man sah den Hügel ziemlich deutlich.

Ich fragte meinen Führer, wie lange diese noch so harren müßten.

Er. Bis sich der Drachenkönig in die Höhe schwingt und die schwarze Wassermaschine ihre Wirkung tut.

Ich. Ist' s aber noch lange bis dahin?

Er. Komm, du sollst erfahren, was du erfahren darfst.

Wir folgten dem Bächlein aufwärts (denn abwärts verlor es sich in der weiten Wüste), und fanden noch viele magere Geister, welche aber einzeln umherwandelten und sich nicht in Gesell­schaften bildeten; dieser Einsiedler waren sehr viele, daß ich mich herzlich über ihre große Anzahl freute. Aber wie kommt es, fragte ich, daß diese frommen Geister nicht einander mitteilen, nicht Gesellschaften bilden?

Er. Das ist eben noch ihr Fehler - jeder glaubt von jedem an­dern, es sei noch nicht so recht mit ihm; seine eigenen Einsichten aber hält er für die allein wahren.

Ich. Lieber Freund, das ist schlimm, die Einigkeit des Geistes ist der Grund der Liebe; die Liebe bindet die Geister in Garben, in Gesellschaften und nur die Garben können in unseres Herrn Scheuem geerntet werden, einzelne Halme und Ähren fallen den Ährenlesern in die Hände.

Er. Du hast ganz recht! Eben darum steht auch diesen Gei­stern noch eine große Prüfung und Sichtung bevor. Diese wird sie zu Selbsterkenntnis bringen; was dann die Probe besteht, wird erhalten werden, und die andern werden verloren gehen.

Ich. Worin mag wohl diese Probe bestehen?

Er. Das will ich dir sagen: Die Spitzköpfe werden immer mäch­tiger, und durch Gottes gerechtes Verhängnis auf eine kurze Zeit allgemein herrschend werden, dann nämlich, wenn der große Drache emporsteigt. Während der Zeit künsteln die Masken im­mer mehr an ihrem Giftwasser, und die Irrwische werden durch allerhand verführerische Mittel die Vereinigung der Geisterklas­sen dadurch bewirken, daß sie alle zu überreden suchen, das Giftwasser sei das wahre Wasser des Lebens; und da es einen angenehmen, pikanten Geschmack hat, auch berauscht, munter und lustig macht, so wird ihnen ihr Plan bei den meisten Geistern gelingen; auch viele der mageren werden diese Versuchung nicht überwinden, sondern ihnen zufallen, und nur die auserlesensten und edelsten werden getreu bleiben, aber dafür werden sie dann auch vorzüglich vor allen andern belohnt werden. Es ist bekla­genswürdig und höchst traurig, daß sich gleichsam alle Umstände vereinigen, um den Plan der Verführer zu befördern; je länger man in diesem schrecklichen Lande lebt, desto mehr gewöhnt man sich an die verpestete Luft und an den tötenden Leichen­geruch. Wenn man nicht täglich und stündlich von dem Lebens­wasser trinkt, so macht es einen hernach weh und übel, man be­kommt Erbrechen, und mit der Zeit einen Ekel dagegen; trinkt man nun von dem schwarzen Giftwasser dazwischen, so ist es vollends geschehen; das hiesige Klima wird einem zum ange­nehmen natürlichen Aufenthalt und dann gehört viel dazu, um sich wieder ans Lebenswasser zu gewöhnen. Siehe, das macht eben die Prüfung und die Überwindung der Versuchung so schwer. Ehemals, als man von den Spitzköpfen und ihrem schwarzen See noch nichts wußte, da war das Aushalten der Probe viel leichter.

Ich. Werden aber keine Versuche gemacht, diese Einsiedler mit einander zu verständigen, und sie alle zusammen mit allen andern mageren Geistern in eine friedliche, sich herzlich liebende Gesellschaft zu vereinigen?

Er. O ja, es wird stark daran gearbeitet; allein die eigentliche große Vereinigung in Eine Herde wird erst dann zustande kom­men, wenn der Sturm aus Westen sie zusammen auf ein Häuflein weht.

Wir wandelten indessen immer ostwärts dem Bächlein nach und kamen nun endlich zur Quelle, am Fuße des Hügels.

Das erste, was mir hier in die Augen fiel, war eine tiefeinwärts gehende Höhle oder Grotte, aus welcher mir mit dem sanftrau­schenden kühlen Bach ein höchst angenehmes, erquickendes Lüft­chen entgegenwehte. Mein ganzes Wesen wurde gestärkt und erfrischt. Ich fragte meinen Führer, ob man nicht in die Höhle bis an die Quelle selbst gehen dürfe?

Er. O ja, allerdings!

Ich. Es ist aber finster und wir haben kein Licht; können wir uns dann nicht verirren?

Er. Eben dann würden wir uns am ersten verirren, wenn wir mit einem Licht hineingehen; man sieht dann so viele Selten­heiten, Naturwunder und merkwürdige Seitenhöhlen, daß man darüber des rechten Weges vergißt und nie zur eigentlichen rechten Quelle kommt; alle diese Seitenhöhlen geben aber auch eine mehr, die andere weniger, kleine Bächlein ab, die den Hauptbach verstärken.

Ich. Wie kann man aber im Finstern den rechten Weg finden?

Er. Auf eine sehr leichte und einfache Art; es kommt nur darauf an, daß man's weiß. Jetzt stehe einmal still - kannst du nun nicht ganz genau in deinem Angesicht empfinden, woher die kühle, erquickende, beständig fortwehende Luft kommt?

Ich. O ja, das kann ich sehr genau wahrnehmen.

Er. Nun, so gehe nur ruhig ohne Furcht schnurgerade dem Wind entgegen, so wirst du gewiß zur Hauptquelle kommen.

Ich. Aber ich möchte doch auch gerne die übrigen Merkwürdig­keiten dieser Höhle kennen lernen.

Er. Dein Wunsch wird erfüllt - aber es kann nicht eher ge­schehen, als bis du an der Hauptquelle gewesen bist.

Ich. Das ist doch sehr sonderbar!

Er. Du wirst es dann gar nicht sonderbar, sondern sehr natür­lich finden; gehe nur genau dem Luftstrom entgegen, so kann es dir gar nicht fehlen.

Ich folgte dem Rat meines Führers, und bemerkte nach einiger Zeit gerade vor mir hin einen sehr angenehmen bläulichen Schimmer, aus dem mir der erquickende Wind entgegen wehte. Jetzt beschleunigte ich meine Schritte und kam bald in eine geräumige, viereckige, über und über vergoldete Kammer; sie schien mir mit meiner Vorstellung, die ich mir von dem Allerhei­ligsten im Tempel zu Jerusalem machte, überein zu kommen. An der Ostseite dieses vortrefflichen Aufenthalts war eine viereckige Öffnung, mit schönen goldenen Einfassungen geziert; hier schaute ich mit unaussprechlicher Freude in das östliche Land; der ewige Morgen strahlte mir entgegen, und durch diese Öffnung strömte aus jenen paradiesischen Gegenden die reine Himmelsluft in die Grotte und weiter hinaus ins westliche Land. Dies Fenster war also an der Morgenseite des Hügels, dessen Sohle ich durchwandert hatte. Ich stand an diesem Fenster und blickte in den sanften Morgen, um meine Augen zu stärken. Mit dem ewigen Winde des Aufgangs aus der Höhle flutete seli­ger Friede durch mein ganzes Wesen, und es war mir, als wenn mir jemand ins Ohr gelispelt hätte: Hier kannst du ausharren! So wird mir einst sein, wenn der Ernteengel ungesehen mir nahe ist - und sich mein Geist den Fesseln im Staube entwindet.

Eine große Ebene in endloser Weite und Breite lag da vor meinen Augen; der Hügel grünte wie im kommenden Mai, und von seinem Fuße an bis weithin verklärte sich das keimende Grün im bläulichen Morgenduft. Gewächse von aller Art ent­wanden sich der jungfräulichen Erde, und man glaubte sie wach­sen zu sehen. Große Gedanken gingen jetzt in meiner Seele vor­über. - Noch ruhte einsame Stille auf den Fluren des Landes Bengulah, noch steigen keine Zinnen von Hephzibah empor. (Jes. 62, 4.) Aber bald werden friedfertige Scharen vollendeter Gerechten wie auenwässernde Bäche nach allen Richtungen hin­strömen, und auch ich werde unter ihnen sein! Nicht eine Wol­kensäule, die den Gesetzgeber auf Sinai einhüllt, wird vor ihnen herziehen, sondern Jehoschuah, Jesus Christus, wird sie anfüh­ren und ihnen das Land austeilen. - Darum - fürchte dich nicht, du kleine Herde, es ist des Vaters Wohlgefallen, dir dies Reich zu bescheiden!

Ich muß mich von diesem Fenster losreißen .- ich muß hin­gehen und wirken, so lange mein Weg währt, damit ich nichts versäume und am großen Feierabend mitgehen kann.

Diese goldene Kammer enthielt aber noch eine große Merk­würdigkeit, nämlich die Quelle des Lebenswassers; genau in der Mitte war eine Vertiefung im Boden, die ein Grab zu sein schien; aus diesem Grabe stiegen fünf Quellen sanft in die Höhe, sie. füllten den Sarkophag an und flossen dann in einem starken Bach durch eine Öffnung gegen Westen. Ich trank aus dieser Quelle und fühlte mich neu belebt und gestärkt zum Fortpilgern.

Ich wäre vielleicht noch lange hier geblieben, wenn mich mein Führer nicht zum Wegeilen angetrieben hätte. An diesem Fen­ster, sagte er zu mir, steht man nur zuzeiten, um sich zu stärken, aber nicht, um da die Stunden des Wirkens zu verschwenden. ­Komm, ich will dir noch mehrere wichtige Sachen zeigen! ­Hiemit öffnete er eine Tür an der Nordseite und hieß mich da hineintreten. Dieses Zimmer war inwendig perlenfarbig ohne irgend einen andern Schmuck, auch hier war ein Fenster gegen Osten, aber so hoch, daß man ohne Leiter und Treppe nicht durch dasselbe ins östliche Land sehen konnte. Man sah also nichts, als den Morgenschimmer und das war auch für die, welche hier ihre Geschäfte zu verrichten hatten, hinlänglich. Hier saßen sieben Männer um eine runde Tafel auf Sesseln und viele magere Geister beschäftigten sich an besonderen Tischen und durch eine Türe gegen Westen gingen viele Boten ab und zu. Die sieben Männer waren außerordentlich ehrwürdig und ernsthaft, sie un­terredeten sich leise, kaum hörbar, von merkwürdigen Dingen; ich verstand vieles, das mir aber als ein Geheimnis zu behandeln anbefohlen wurde; auch ging eins und anderes vor, das mir in wichtigen Fällen in der Zukunft Wink und Warnung geben kann. Diese waren die Engel der sieben Zeitläufe, von dem ersten Pfingstfest an bis auf das große letzte, wenn der Geist des Herrn über alles Fleisch ausgegossen werden wird. Der siebente, Nee­mann, hatte jetzt den Vorsitz, und als Direktoren saßen ihm zur Rechten und Linken Ahabathahi und Sariam. Diese drei werden den Beschluß machen und Ahabathahi wird die lange geprüfte Herde dem Erzhirten vorführen.

Ernst und feierlich saßen die Sieben da - und ich sah ihnen an, daß es bald zum Ende kommen würde, denn die Hoffnung des ewigen Lebens strahlte aus ihren Augen. So blickt ein Feld­herr in den Kampf, wenn er vom Hügel herab rechts und links Befehle erteilt und sein Plan gut ausgeführt wird.

Ich hätte gerne gefragt, ob es noch weithin bis zum Ziel sei? ­Allein mein Führer warnte mich und versicherte mich, daß ich an einem andern Orte hinlänglich Nachricht über diesen Punkt erhalten würde. Mir war hier ganz schauerlich! - Hier war die verborgene Majestät Gottes nicht sichtbar, aber spürbar, gegenwärtig.

Vor hier gingen wir wieder durch die goldene Kammer, und mein Begleiter öffnete an der Südseite eine andere Türe, welche in ein merkwürdiges Zimmer führte. Dieses war die Kammer der heiligen Geheimnisse; auch hier war an der Ostseite ein Fen­ster, aber so niedrig, daß man dadurch hätte sehen können, wenn es nicht mit Kristallen von ganz sonderbaren Gestalten und For­men ausgefüllt gewesen wäre: dadurch wurde das Licht nicht nur in seine sieben Farben geteilt, sondern es wurde eine hierogly­phische Schrift dadurch an der gegenüberstehenden Wand vorge­stellt, die immer in den bestimmten Zeitpunkten den Ratschluß des Ewigen und über alles Erhabenen offenbarte; hier erholten sich auch die sieben Gemeindeengel Rats, wie wenn sie es be­durften und ein sehr ansehnlicher Geist oder Engel, namens Eschmareer, bemerkte alles, schrieb es in ein Buch und erklärte auch dem Wißbegierigen, was ihm zu wissen dienlich war. Hier erfuhr ich nun einen Termin, aber nicht auf Tag und Stunde, sondern mir wurde ein Zeitraum von sehr langer Dauer gezeigt, innerhalb welchem der Herr kommen und dem Jammer ein Ende machen würde.

Hier sah ich auch eine genaue Karte und Beschreibung der Höhle oder Grotte, in welcher ich mich befand; ich erfuhr die Sel­tenheiten jedes Orts und ihre Beziehung auf das Ganze. Von hier aus öffnete sich in einer Ecke der Westseite eine Tür, welche der Eingang zu allen Seitenhöhlen war; neben der Tür war ein Leit­faden angeknüpft, den man nur in die Hand zu nehmen und ihm zu folgen brauchte; so führte er den Wanderer in gehöriger Ord­nung, ohne zu irren, durch alle labyrinthischen Gänge, und zwar so, daß immer ein merkwürdiger Ort, so wie er sich dem Auge eröffnete, auch dem folgenden sein Licht mitteilte. Wenn man a1so die letzte Grotte betrachten wollte, so mußte man die Sel­tenheiten aller vorigen kennen, sonst begriff man nichts oder doch  sehr wenig von ihren Geheimnissen.

Freunde und Freundinnen! - Brüder und Schwestern! - Denkt über diese Bilderschrift, die ich euch hier mitgeteilt habe, ruhig nach! Ihr werdet keiner näheren Erklärung bedürfen; der Geist, der mich anhauchte, wird auch euch anhauchen, und wir werden uns verstehen. Der Herr lege Segen auf dieses Anwehen, damit es zum Wachen und Beten treiben möge. Amen!

 

A c h t e  S z e n e

 

Die Pietisten

 

 

In der ersten Auflage des ersten Teils der Szenen aus dem Geisterreiche hatte die vierzehnte Szene eben diesen Titel. Da­mals wollte ich die falschen Scheinheiligen, welche diesen Namen brandmarken, kenntlich machen und vor ihnen und ihrer Denkart warnen, gutdenkende Seelen aber, die auch durch den Namen Pietisten von andern unterschieden werden, bedauerten, daß ich dieser Szene diese Überschrift gegeben hätte. - Ich bedauerte es nun auch, bat deshalb im grauen Manne um Verzeihung und änderte in der zweiten Auflage den Titel - die Pietisten - in die Überschrift: Die christlichen Pharisäer.

Indessen möchte ich auch gerne meinen Brüdern und Schwe­stern, den wahren Pietisten eins und anderes ans Herz legen, und dies bewog mich, auch in diesen Teil eine Szene mit dem näm­lichen Titel einzurücken. Leset und beherzigt sie, meine Freunde!

Die Verschiedenheit der Meinungen in Nebensachen, die man zu Hauptsachen macht, ungeachtet der wahre Glaubensgrund bei allen einerlei ist, trennt noch immer die Gemüter der besten Menschen. - Ach Gott, bedenkt doch, wie kann eine Herde zu einem Hirten, wie kann eine philadelphische Gemeinde aus Euch werden, wenn jeder auf seiner Rechthaberei besteht und jeder seine eigene spezielle Führung zur einzigen wahren macht? -­ Euer aller Heiligtum und Seligkeit beruht einzig und allein auf der Erlösung durch Christum; das glaubt Ihr alle, habt es auch alle erfahren; warum vereinigt Ihr Euch nun in diesem Einen, das not ist, und laßt dann jedem in allen übrigen Nebensachen seine Überzeugung? - Wenn er dann auch irren sollte, so wird ihn der Geist gewiß in alle Wahrheit leiten, wenn er es nur redlich meint - und ist dies der Fall nicht, so hilft alles nichts. -­ Wir - meine Lieben - wir dürfen einmal nicht verurteilen, son­dern unsere Sache ist: lieben. - Der Herr, der allein die Wahr­heit ist, wird zur Erntezeit seine Schnitter senden, die das "Jäten“ besser verstehen als wir. Nun leset folgende Szene - so wie ich diese Wahrheit in Bilder eingekleidet habe.

Mein innerer Beruf drängt mich seit vielen Jahren, auf die Einigkeit des Geistes, auf innere, nicht äußere Vereinigung aller wahren christlichen Religionsparteien zu wirken, und in diesem Drang führt Siona in einer einsamen, stillen Stunde diese Szene meiner Seele vorüber:

Ich befand mich in meiner Imagination in den östlichen Ge­birgen zwischen dem Schattenreiche und dem Reiche des Unter­richts oder dem Kinderreiche. Es war mir so, als wenn ein Wan­derer in der Nacht einen gefährlichen Wald durchgeirrt und nun den östlichen Rand desselben erreicht hat, starke Engelwachen sichern nun den Wanderer, und er schaut, wie an einem schönen, dämmernden Frühlingsmorgen, über eine paradiesische Ebene hin, in deren Ferne er froh seine Heimat ahnet.

Mir däuchte, ich stände in der Mitte am östlichen Abhange eines Hügels; von mir hinab verflächte er sich und ging allmäh­lich in die Ebene über. Himmlisch schön war diese Gegend; der Ostwind fächelte mir Wohlgerüche zu, welche Millionen paradiesischer Pflanzen ausdufteten, und ich sah viele abgeschiedene Seelen in stolzer Ruhe einsam umherwandeln; mehrenteils ging jede gleichsam in tiefen Betrachtungen, für sich allein, selten sah ich zwei und noch seltener drei zusammen gehen.

Ich nahte mich im Geiste einem, der zunächst unten am Fuße des Hügels tiefsinnig einher ging; zugleich bemerkte ich einen andern, der von ferne diesem entgegenkam. Beide schienen sich zu kennen. Ei, willkommen, Misthoriah, kommst du nun auch aus dem Lande der Sterblichen im Lande des Friedens an?

Misthoriah. Ja, ich bin zum ewigen Leben erwacht - wie ich nun wahrnehme, aber wer bist du denn? - Ich kenne dich nicht!

Der Erste. Nenne mich hier Schabathon, ich bin ...

Misthoriah. Das ist nun der erste Genuß der Seligkeit, dich hier anzutreffen. Ach, welch eine Sicherheit, welch eine Ruhe! ­Gott Lob, wir sind selig!

Schabathon. Ja, selig sind wir - und dieser Zustand, worin wir uns befinden, ist schon weit mehr wert, als wir, unserer grund verdorbenen Natur nach, erwarten konnten. Gelobet sei der Herr in Ewigkeit - und doch empfinde ich in meinem In­nersten ein tief verborgenes Sehnen nach dem Anschauen des über alles geliebten! - Ich bin schon einige Zeit hier in seliger Ruhe; aber - einsam - wandle ich im Frieden - aber ich habe noch nichts, noch keine fernere Ahnung von Jesus Christus er­fahren; auch hat sich noch keiner von den Verklärten des Him­mels gezeigt; ich weiß nicht, woran es fehlt, denn daß ich selbst daran schuld bin, ist keinem Zweifel unterworfen.

 

Erleucht' mich, Herr, mein Licht!

Ich bin mir selbst verborgen,

Und kenne mich noch nicht;

Doch Du wirst für mich sorgen!

Ich merke dieses zwar,

Ich bin nicht wie ich war,

Indessen führ ich wohl,

Ich sei nicht, wie ich soll.

 

Misthoriah. Das ist sonderbar! - Aber ich sehe da viele ein­sam wandeln, hast du dich ihnen, oder haben sie sich dir nicht genähert?

Schabathon. O ja, mehrmals, aber entweder finden sie etwas an mir, oder ich etwas an ihnen, das keine brüderliche Vereini­gung zuläßt.

Misthoriah. Ihr seid also noch unreinen Herzens und könnet also auch Gott nicht schauen - nicht vollkommen selig sein.

Schabathon. Das ist allerdings richtig: aber meine Unreinig­keit kann ich nicht finden, das ist eben meine Klage.

Misthoriah. Komm, Bruder, wir wollen uns dem nahen, der da unten wandelt, sein Ansehen gefällt mir.

Sie gingen und ich ging mit; die drei grüßten sich brüderlich; ich erfuhr, daß der Geist, den wir besuchten, Zedekiel hieß. Nun begann folgendes Gespräch.

Misthoriah. Ich bin soeben aus dem Lande der Sterblichen in diesem Lande des Friedens angelangt; ich traf diesen meinen Herzensfreund, Schabathon, an, mit dem ich viele Jahre den Buß­- und Verleugnungsweg gewandelt habe; ich fand ihn zu meiner Verwunderung ganz allein, und er klagte mir, daß er noch nicht zum Anschauen des Herrn gelangen könne. Wie mir bedünkt, so besteht der ganze Fehler darin, daß alle, die hier für sich ein­sam wandeln, noch nicht reines Herzens sind, denn sobald das ist, so bald müßtet ihr Gott schauen, und vollkommen selig sein.

Zedekiel. Du hast vollkommen recht, lieber Bruder! Aber du äußerst da schon einen Gedanken, der mich von dir zurückstößt. Du sagst, du hättest mit deinem Freunde viele Jahre den Buß- ­und Verleugnungsweg gewandelt, da doch derjenige, der alsofort im tiefsten Gefühl seines Sündenelends, dem Herrn sein ganzes Herz hingibt und es durch seinen Geist reinigen läßt, mit der Buße und Verleugnung fertig ist; denn der neue Mensch wird nun herrschend, und dann kostet die Verleugnung aller sinn­lichen Dinge keine Mühe mehr, die Buße hat ein- für allemal ein Ende.

Schabathon und Misthoriah sahen sich traurig an und wichen schon zurück, als ein alter Patriarch herzunahte, der mir tiefe Ehrfurcht und hohe Ahnung von seiner erhabenen Würde ein­flößte. Ich bemerkte, daß er seine Heiligkeit verbarg; sein Na­me war Phanuel. Dieser Ehrwürdige winkte den beiden Wei­chenden freundlich und sprach: Liebe Brüder, warum entfernt ihr euch?

Schabathon. Dieser Bruder tadelt uns, daß wir viele Jahre den Buß- und Verleugnungsweg gewandelt haben, und hat uns des­wegen im Verdacht, daß wir uns dem Herrn und seinem Geiste nicht so ganz zur Reinigung und Heiligung übergeben hätten.

Phanuel. Habt ihr das denn so ganz vollkommen und untadel­haft getan, daß darüber gar keine Bemerkung stattfindet?

Beide. Der Herr erbarme sich unser, hätten wir das so vollkommen getan, wie es getan sein muß, so wäre freilich mancher saure Bußkampf und manche schwere Verleugnung erspart wor­den; aber du weißt, wie schwach die verdorbene menschliche Na­tur ist - und eben dies muß ja doch auch dieser Bruder Zedekiel erfahren haben, und doch war er so bald mit seiner Buße und. Verleugnung fertig.

Phanuel. Aber was geht das euch an, wenn er früh damit fertig wurde? Wenn er euch die Wahrheit gesagt hat, so müßt ihr sie mit Dank annehmen. Seht ihr nun, woran es euch noch fehlt? ­Euer Herz sagt euch, daß Zedekiel recht hat, und doch entfernt ihr euch von ihm - und warum? Weil noch ein feiner Rest von Eigenliebe in euch rückständig ist, der den Tadel nicht ertragen kann, und sich in den Schleier der Wahrheit einhüllt, als sei Zedekiel' s Weg nicht ganz richtig vor dem Herrn!

Beide. Ja, du Himmlischer, du hast ganz recht! Dieser Rest der Eigenliebe leuchtet uns klar ein; aber das ist uns noch dunkel, wie Zedekiel so bald durchkommen konnte.

Phanuel. Die Gnade des Herrn bewirkt Jeden nach seinem Charakter und muß ihn so bewirken. Zedekiel war rauschenden, heftigen Gemüts; was er ergriff, das hielt er fest, ohne es je­mals wieder zu verlassen: er war von Jugend auf wild, unbändig, und eilte von einer Sünde zur andern; auf einmal wurde er in einer Predigt tief gerührt und erschüttert; in seinem Innersten eröffnete sich die Hölle mit allen ihren Qualen; er suchte Tod und Vernichtung und fand sie nicht, endlich wandte er sich mit aller seiner Heftigkeit zum erlösenden Erbarmer, er hörte nicht auf zu ringen, zu kämpfen und auszuhalten, bis das Wort des Herrn - "dir sind deine Sünden vergeben" - durch sein ganzes Wesen erscholl; nun ergriff er mit einem nie zu erschütternden Glauben die Gerechtigkeit Christi und eilte nun von einem Grade der Gottseligkeit zum andern. Dagegen habt ihr beide von Jugend auf sittlich gelebt; ihr habt den Buß- und Glaubensweg in unmerklichen Graden durchwandelt, und mußtet also unaufhörlich wachend, betend, büßend und verleugnend in der Gegenwart Gottes bleiben; euer Weg und Zedekiel’s Weg sind beide der wahre; nur die Art, ihn zu gehen - ist verschieden.

Zedekiel. Wie tief durchdringt mich deine Rede, himmlischer Bruder! Ich habe gröblich geirrt - ich Sünder ohne Gleichen! ­Jesus Christus vergib, 0 vergib mir! Auch ich glaubte, jeder müsse den Weg so rasch gehen, wie ich ihn gegangen habe und bedachte nicht, daß unter allen Sündern keiner des Raschgehens so nötig hatte, wie ich. O Brüder! - Kommt in meine Arme, wir sind alle Erlöste des Herrn! -

Misthoriah. Gelobt sei der Herr, der Erbarmer ! Vergib, O Bruder mein liebloses Urteil.

Schabathon. Vergib auch mir; du Teurer! Wir wollen ewig vereint bleiben und den, der auf dem Throne sitzt, verherrlichen!

Phanuel. Eure Wonne würde noch um vieles erhöht worden sein, wenn ihr euch jenseits noch durch den Geist Jesu Christi von dieser Eigenheit hättet reinigen lassen. Aber kommt mit mir, wir wollen weitergehen; der Zweck meiner Sendung ist, die Erlösten des Herrn, die in diesen Vorhöfen einsam umherirren, zu sammeln.

Sie gingen weiter und ich wandelte im Geiste mit. Bald ent­deckten wir zwei ansehnliche Männer, an denen das verborgene Licht ahnend durchschimmerte; sie sprachen ernstlich miteinan­der, im Augenblick unserer Annäherung aber trennten sie sich und beide waren sehr traurig.

Phanuel. Bleibt, Brüder! - Ich habe Worte der Erbarmung an euch! -

Ahabdalim und Gadol näherten sich uns mit Wehmut.

Phanuel. Was fehlt euch ihr Lieben? Warum seid ihr so traurig?

Ahabdalim. Ich kann diesen sonst so vortrefflichen Bruder nicht von der großen Wahrheit überzeugen, daß der Geist durch­aus alles um Christi willen für Kot und Unflat auf den Gassen achten muß. Wir kannten uns im irdischen Leben sehr gut; einer schätzte und liebte den andern; aber ich suchte beständig die Niedrigkeit, ich besuchte die Armen und Kranken, ging schlecht gekleidet und schränkte mich in meiner Haushaltung bloß auf die Notdurft ein. Dieser Bruder Gadol aber liebte den Umgang mit den Großen der Welt, er ging sauber und nach der Mode gekleidet, trug kostbare Ringe an den Fingern, alles war prächtig in seinem Hause, die Großen und Vornehmen besuchten auch ihn, und er fand sich auch zuzeiten bei ihren Lustbarkeiten ein; dies alles ziemt den Christen nicht, und doch kann ich ihn nicht davon überzeugen.

Gadol. Ich habe dir aber so oft unwidersprechlich bewiesen, daß ich eben so, wie du, meine Ringe, meine Kleider, meine Hausgeräte, kurz alle Pracht des Erdenlebens, für Kot und des Ansehens nicht wert geachtet habe. Du müßtest doch jetzt davon deutlich überzeugt sein, da du ja siehst und im Licht erkennest, daß ich jetzt nicht die geringste Anhänglichkeit mehr an der­gleichen Sachen habe; aber daß du den Schmutz und die Unrein­lichkeit in deiner Haushaltung dermaßen überhandnehmen lie­ßest, daß man ohne Grausen nicht mit dir essen konnte, das war nicht recht - der Christ darf durchaus nicht, auch im Äußern nicht, unrein sein.

Phanuel Aber, liebe Brüder! Wie könnt ihr über Gegenstände, die ja nun alle vergangen sind und hier durchaus nicht mehr stattfinden, noch Worte wechseln und das Zusammenfließen im Geist der Liebe aufhalten? Ihr habt im Erdenleben beide reichlich gesäet, und könntet nun ohne Aufhören ernten, wenn ihr euch nicht selbst aufhieltet.

Ahabdalim. Verzeihe, du Himmlischer! - Freilich finden jene Gegenstände, die uns beide trennten, nun nicht mehr statt; aber so lange Gadol noch nicht erkennt, daß der Grund und die Ge­sinnung, aus denen diese Lebensart entstand, nicht christlich sind, so lange er noch in diesen Grundsätzen beharrt, so lange ist ja keine Vereinigung in der Liebe möglich.

Gadol. Gerade so ist auch mein Fall!

Phanuel. Sage mir, Ahabdalim, glaubst du denn nicht, daß der Herr auch Werkzeuge brauche, die auf die Großen der Erde, Fürsten, Regenten, Reiche und Gewaltige wirken müssen, damit auch sie unterrichtet, bekehrt und errettet werden mögen?

Ahabdalim. Allerdings - und eben in diesem Wirkungskreis hat Gadol viel gewirkt und viel ausgerichtet.

Phanuel. Gut, aber, lieber Bruder, die Großen der Erde, die noch nicht bekehrt sind, werden einem Manne, der sich ihnen nicht nach ihrem Geschmacke darstellt, der nicht einen feinen gebildeten Umgang hat, der sich nicht so kleidet, wie sie es zu sehen gewohnt sind, der ihnen also auffallend und unangenehm ist, kein Gehör geben, und ihm den Zutritt zu ihnen nicht er­lauben; folglich kann er auch nicht auf sie wirken. Nun höre ferner. Gadol war von Jugend auf leichtsinnig, er achtete weder auf Putz noch auf Reinlichkeit, eben so wenig waren ihm die Stände unter den Menschen eine wichtige Sache; alles war ihm gleichgültig, nur sinnlicher Genuß, Wollust und Wissenschaften, besonders Musik und Dichtkunst waren Gegenstände seiner Lei­denschaften. Nun zog ihn der Herr allmählich zu sich, und er fand ihn zum Dienste seiner Religion nach allen seinen Anlagen eben darum am geschicktesten, weil Pracht, Eitelkeit und welt­liche Ehre für ihn nicht gefährlich waren, und er seine Leiden­schaften alle in den Kreuzestod hingeopfert hatte. Du aber hingst von Jugend auf am Putz, an Pracht und am Glänzen; deine Nei­gung ging dahin, ein großer und reicher Mann in der Welt zu werden; als du nun bekehrt wurdest, so sahst du alle diese Greuel in ihrem stärksten Lichte ein, und um sie zu vermeiden, aus Ab­scheu gegen sie, wichest du ihnen so weit aus dem Wege, als du konntest, und wirktest nun im Segen auf die Armen, Elenden und Verlassenen. - Seht ihr nun, wo es fehlt? - Jeder glaubt, sein Weg sei der einzig wahre, und verurteilt nun seinen Bruder, der den nämlichen Weg nur auf eine andere Weise wandelt, wie er. Wenn jeder an seinem Bruder nur das Gute aufsucht, und das Mangelhafte an sich selbst, so wird die Liebe wachsen und die Einigkeit des Geistes nach und nach hergestellt werden; und wenn einer am andern etwas sieht, das ihm nicht gefällt, so soll er ihn brüderlich erinnern, und seine Erklärung darüber in Liebe anhören, und so lange alles zum Besten deuten, als der christ­liche Glaubensgrund richtig ist.

Ahabdalim und Gadol erkannten ihren Irrtum, sie umarmten sich innig, und ihre Seelen flossen über von inniger Liebe und Dank gegen den Herrn. Beide schlossen sich an uns an, und nun wandelten wir weiter. Bald trafen wir eine ziemlich große Gesellschaft an; alle diese Seelen standen im Kreise und unter­redeten sich ruhig miteinander; ich merkte alsofort, daß sie Theosophen waren.

Der ehrwürdige Verborgene, der uns führte, redete sie an, und sprach: Was macht ihr hier, liebe Brüder? Was hält euch auf, daß ihr noch immer in den Vorhöfen bleibt?

Einer von ihnen, der der Vornehmste zu sein schien und Schealthiel hieß, antwortete: Himmlischer Unbekannter, wir haben den Herrn in seinem Worte und in der Natur gesucht; wir haben unsere Grundverdorbenheit erkannt und im großen Geheimnis der Erlösung Gnade gefunden, auf diesem Wege erlang­ten wir durch die erbarmende Liebe Gottes mancherlei Einsichten in die Verborgenheiten der himmlischen Natur, der Prinzipien des göttlichen Wesens, in die göttliche Regierung, in die endliche Wiederherstellung aller abgefallenen Geister, in das Gei­sterreich und in die Zeichenkunde der erschaffenen Natur. Die Kenntnisse, die wir erlangt hatten, lehrten wir mündlich und schriftlich, und glaubten auch Nutzen dadurch gestiftet zu haben: allein andere Christen und erweckte Seelen tadelten uns des­wegen, und glaubten, diese Grundsätze seien schädlich, nur das Eine, das Nötigste müßte gelehrt werden, weiter nichts. Jetzt sind wir nun hier. Jeder, der uns sieht, weicht uns aus, und auch wir finden einen Widerstand in uns, wenn wir uns ihnen nähern und uns mit ihnen vereinigen wollen. Rate uns, Ehrwürdiger, was wir tun sollen? - Währenddem, daß Schealthiel redete, nahten sich von allen Seiten die einsamen Wanderer, und horchten seh­nend, was Phanuel antworten würde.

Phanuel. Liebe Brüder, euer Weg war sehr gefährlich; der Herr hat euch bewahrt, ihr seid glücklich gerettet, aber ein feines Selbstgefallen in eurem Lichte hat sich unvermerkt in eurem Wesen festgesetzt; ihr habt nicht so ganz lauter und einfältig die euch anvertrauten Geheimnisse gelehrt, es lag ein geheimer Stolz auf eure Weisheit im Seelengrunde verborgen; und solche göttliche Geheimnisse dürfen auch nicht ohne besondere Ver­anlassung und Gewißheit des göttlichen Wohlgefallens öffent­lich bekannt gemacht werden. Sobald ihr die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, erkennet, so wird auch der wiedergeborene Wille diesen Rest der gefallenen Natur verabscheuen, und er wird im Glanz des Erlösungswerks verschwinden wie ein Schat­ten in der aufgehenden Sonne .

Schealthiel und seine Gesellschaft standen tief gerührt; sie erkannten ihren Fehler und waren nun versöhnt und begnadigt. Nun redete aber auch Phanuel die herbeieilenden Scharen an und sprach:

Kommt, ihr Erlöste des Herrn, und freut euch des Guten, das er in jeder Seele, je nach ihrem Charakter, bewirkt hat! - Ta­delt denn die Rose die Lilie, daß sie keine Rose ist, oder das niedrige Veilchen die Tulipane, daß sie nicht riecht! Kommt, ver­herrlicht den Herrn in der Mannigfaltigkeit seiner Werke, und freuet euch seiner Gnade!

Währenddem Phanuel so redete, fing er an, seine Majestät zu enthüllen; er strahlte in blendendem Lichte, wie ein Engel des Herrn, und nun entdeckten alle, daß er der selige Gerhard Terstegen war. Alle jauchzten ihm entgegen, alle wurden ver­klärt, und nun schwangen sich alle mit ihm empor, und dem ewi­gen Morgen entgegen.

N e u n t e  S z e n e

 

 

Eickels Verklärung

 

Eickel war ein sehr frommer und verdienstvoller Prediger zu Elberfeld im Herzogtum Berg. Ich war in dieser blühenden Han­delsstadt sieben Jahre ausübender Arzt, und Eickel war mein wahrer Freund; wir trafen uns gar oft am Krankenbette, und daher hatte ich Gelegenheit, diesen trefflichen apostolischen Mann ganz kennen zu lernen. Als ich nun hier in Marburg im Jahre 1788 seinen Tod erfuhr, so feierte ich durch ein Gedicht - Eickels Verklärung, eine Szene aus der Geisterwelt - sein An­denken.

 

Dieses Gedicht wurde in Elberfeld von Buchhändler Giesen verlegt und überall wohl aufgenommen. Dies bewegte mich, es dieser Sammlung der Szenen aus dem Geisterreich ein­zuverleiben, und es so der Vergessenheit zu entreißen.

 

Z e h n t e  S z e n e

 

Die ewige Ehescheidung

 

 

Es ist, leider oft der Fall, daß Eheleute verschiedener Ge­sinnungen sind, so daß der eine Ehegatte den Weg zum Leben, und der andere den Pfad des ewigen Verderbens wandelt, oder auch, daß fromme Eltern gottlose Kinder, und begnadigte Kin­der unbußfertige Eltern haben. Das schreckliche Schicksal, wel­ches auf alle diejenigen wartet, die in diesem Leben die Erlö­sungsgnade verscherzt haben, muß notwendig den frommen Ehe­gatten, frommen Eltern oder Kindern schwer auf der Seele lasten, und man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß sich kaum eine vollkommene Seligkeit denken lasse, wenn man eine Per­son, die man so herzlich liebt, in der Verdammnis weiß.

 

Himmlische Lehrerin, göttliche Weisheit! Siona, lehre mich dies Geheimnis einsehen, damit ich meine lieben Brüder und Schwestern unterrichten und ihnen zeigen möge, was sie hier zu tun haben, damit sie dort die Freuden des ewigen Lebens unge­trübt mögen genießen können. Amen!

 

Siona erhörte mich, und führte folgende Szene dem Anschau­ungsvermögen meiner Seele vorüber.

 

Ich befand mich in der Einbildung im Reiche der Schatten der noch nicht gerichteten Geister; indem ich so umher wandelte und über die Scharen der Verstorbenen und die unendlich man­nigfaltigen Schicksale, die ihrer nun harren, nachdachte, so entdeckte ich eine Gruppe, die meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Zwei soeben aus dem irdischen Leben ankommende See­len hielten sich mit den Armen umschlungen und zwei Engel be­gleiteten sie; beide waren Eheleute und zusammen in einem Schiffbruch ertrunken; drei Kinder mit eben so vielen Engeln folgten ihnen nach. Sie hatten mit ihren Eltern das gleiche Schick­sal gehabt; und nun sollte jedes vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, und dann empfangen, je nachdem jedes in seinem Leben gewirkt und was es sich da erworben hatte.

Die drei Kinder wurden alsofort von ihren Engeln weggeführt, um sie in's Kinderreich zu versetzen. Beide Eltern seufzten über diese Trennung; die Kinderengel aber trösteten sie und sagten; wenn ihr bei dem Erlöser Gnade findet, so werdet ihr sehr bald eure Kinder verklärt wieder sehen und euch ihrer hoch erfreuen.

Jetzt ließen auch die andern Engel das Ehepaar allein und beobachteten es aus der Ferne.

Der erste Engel, der den Mann abgeholt hatte, redete den an­dern mir verstehbar an. Lieber Bruder, sprach er, bei diesem Ehe­paar wird es, leider eine ewige Scheidung geben; du hast die Frau geführt, wer ist sie, und was hat sie für einen Charakter?

Der andere Engel. Mahbilah war schön und wollüstig, zugleich aber weich und gutherzig; sie konnte des sinnlichen Genusses nicht satt werden und gelüstete nach jeder schönen Mannesper­son. Noschang gefiel ihr vorzüglich, und sie auch ihm. Beide heirateten sich und lebten friedlich miteinander. Mahbilah suchte nun ihre geheimen Ausschweifungen ihrem Manne zu verber­gen, weil sie ihn nicht betrüben mochte und ihn auch wirklich liebte, sie lebte ihm auf alle Weise zu Gefallen und täuschte ihn durch ihre Weichherzigkeit so, daß er sie für vollkommen tugendhaft hielt. Durch die Predigt des nunmehr verklärten Razin wurde er bekehrt; nun nahm auch seine Frau diese Form und Sprache an, aber ohne daß ihr Herz gebessert wurde; sie setzte heimlich ihr Lasterleben fort und glaubte es sei eine Schwachheit, die ihr der Schöpfer ihrer Natur verzeihen würde. Sie hatte zu Zeiten wirklich auch gründliche Rührungen; die züchtigende Gnade ließ sich nicht unbezeugt an ihr, dies merkte dann ihr Mann, und glaubte nun vollends, seine Frau gehöre unter die Erlösten des Herrn. Zu Zeiten ahnte er auch wohl etwas von ihren Ausschweifungen; allein sie wußte ihn so darüber zu beruhigen, daß er sich zufrieden gab, und sich damit tröstete, daß allzu große Liebe ihre Schwäche sei, mit der sie zu kämpfen habe.

Indessen würde sie es endlich unter der Heuchlerlarve nicht mehr ausgehalten haben, denn ihre Leidenschaft wurde immer im Verborgenen genährt und es war bald an dem, daß sie zum öffentlichen Ausbruch kommen und sie zu einer weit schrecklicheren Verdammnis rief, ihren Mann und Kinder aber äußerst unglücklich machen würde, als sich die ewige Liebe ihrer er­barmte und die ganze Familie durch einen Schiffbruch aus dem ewigen Schiffbruch rettete. Die Verdammnis, die jetzt auf Mahbilah wartet, ist zwar schrecklich, aber doch mit der Qual nicht zu vergleichen, die sie würde haben ausstehen müssen, wenn ihr Plan ihr gelungen wäre.

Ihr Mann war Kaufmann, nun hatte er unter seinen Kontor­gehilfen einen, mit dem seine Frau in verbotenem Umgang lebte; nach und nach stieg ihre Leidenschaft, ihre Liebe zu diesem Menschen so hoch, daß sie ihren Mann und ihre Kinder zu ver­lassen beschloß, um mit diesem allein zu leben. Damit aber die­ses auf eine solche Art geschehen möchte, daß ihr Ruf und guter Name und auch ihr Mann im Glauben an ihre Treue erhalten würde, so mußte der Kontorgehilfe unter dem Vorwande seinen Abschied nehmen, daß er in England Gelegenheit hätte, in ein angesehenes Haus als Teilhaber einzutreten. Insgeheim aber sollte er an einer wohlbekannten Küste in einer Stadt sich auf­halten, nach welcher ihr Mann oft Handlungsgeschäften wegen reisen mußte; sie wollte ihn dahin begleiten und er sollte sie auf eine Art entführen lassen, die ihre Ehre und guten Namen sicherte. Sie wollten sich dann unter fremden Namen nach Ame­rika begeben und dort ihr übriges Leben zubringen. Alles wurde auch so ausgeführt, bis auf die Ankunft in der bestimmten Stadt, aber dazu kam es nicht; denn es entstand ein fürchterlicher Sturm, der sie etliche Tage auf dem Meere herumtrieb: Mahbilah empfand, daß sie an allem schuld war, in ihrem Herzen wütete Verzweiflung, und es wäre jetzt bloß darauf angekommen, Gott und ihrem Manne ihre Sünden zu bekennen und Buße zu tun, so wäre ihre Seele gerettet worden, aber auch dazu kam es nicht, denn die Hoffnung, ihren Geliebten bald zu sehen, und die Scham vor ihrem Manne hielten sie von dem Bekenntnis ab, bis endlich das Schiff an einer verborgenen Klippe scheiterte und kein Mensch davon kam.

Der erste Engel. Wie unaussprechlich gut ist doch der Herr! --­Die arme Mahbilah war nicht mehr ganz zu retten, darum wurde sie noch, so viel als möglich war, wenigstens gegen ein größeres Elend gesichert. Der Mann hätte vielleicht die schwere Probe nicht bestanden und wäre auch darüber ins zeitliche und ewige Verderben geraten und die Kinder waren dann auch, aus Mangel an einer guten Erziehung verloren gegangen. Darum sei der Herr gelobet, daß sie nun alle hier sind!

Der zweite Engel. Ja, der Herr ist groß und herrlich in seinen Werken. Er regiert mit wunderbarer Weisheit und macht alles wohl. Er sei gepriesen in Ewigkeit!

Ich näherte mich nun auch dem Ehepaar, um zu erfahren, was nun weiter aus ihnen werden würde. Beide wandelten in sich verschlossen einher, sie besannen sich auf ihr hingeschwundenes Leben, und dies Besinnen tat sehr verschiedene Wirkung. In Noschang’s ganzem Wesen waltete tiefe Ruhe und frohe Hoff­nung, aber das Gemüt der Mahbilah durchwühlte tobende Angst und der Jammer des Heimwehs nach dem vergangenen und ver­geblich erwarteten Genuß peinigte ihre Seele mit höllischen Qualen. Dazu kam noch das unsterbliche Gericht der Barmher­zigkeit Gottes, dessen furchtbare Entscheidung ihr folterndes Gewissen mit Grund ahnete; sie wandelte mühsam und wankend neben ihrem Noschang einher und schwieg.

Noschang bemerkte ihren tiefen Kummer. Liebe Mahbilah fing er endlich an, siehe, wir sind nun auf dem großen Stand­punkte, wo uns die Barmherzigkeit unseres hochgelobten Er­lösers zu seiner Herrlichkeit einführen wird, sei getrost und zweifle nicht! Er - der große Sündentilger - ist gnädig und barmherzig.

Mahbilah schwieg, aber sie schwieg schrecklich.

Ein edler frommer Wanderer pilgerte einsam und müde in der Abenddämmerung auf seinem Pfade fort. Zu ihm gesellte sich ein freundlicher Fremdling, der ihm seinen Weg durch holde Ge­spräche verkürzt; der Wanderer freut sich des Freundes, und die Hoffnung, länger mit ihm zu reisen, macht seinen Fuß leich­ter; schon sehen sie von ferne die friedliche Hütte, wo sie ruhen und sich erquicken sollten. Der Wanderer faßt seinen Gefährten am Arm, sieht ihm freundlich ins Gesicht, um die Freuden des nahen Ziels mit ihm zu teilen. - Aber er faßt nur eine modernde Leiche, er sieht einem Totengerippe in die leeren Augenhöhlen, er wittert einen tötenden Leichengeruch - er flieht und eilt zur Herberge und empfindet für den Freund nicht mehr Freundschaft, so auch Noschang. - Starr sah er Mahbilah an - nicht mehr sah er die reizende liebevolle Gattin - sondern ein drohendes Un­geheuer, das wie eine rote Glut aus ihrem Wesen herauszuschim­mern begann. Er wollte sich entfernen, aber ein richtender Engel, der auf seinem Wolkenwagen einherzog, befahl ihnen beiden zu bleiben und ihre Lebensrollen zu entwickeln. - Noschang Sün­denregister war verwischt und auf dem weißen, rein gebleichten Grund strahlte mit goldener Schrift die Bürgschaft der Gerechtig­keit Christi. Mahbilah entwickelte lauter Larven, hinter welchen Schlangenbrut zischte. Die menschliche, liebenswürdige Gestalt, das Ebenmaß der Schönheit schwand auf immer und die schreckliche Karikatur der gefallenen Geister, die Physiognomie des ewigen Abgrundes trat an ihre Stelle, ihre äußere Form ver­gestaltete sich nach den herrschenden Leidenschaften, und ihr ganzes Ansehen erregte Grausen und Abscheu; scheußlicher, ekelhafter läßt sich nichts denken, als die Gestalt eines abge­schiedenen Unzüchtigen, in dem nun die Leidenschaft das an­schaubare Phantom recht nach ihrer Natur formen kann.

Mahbilah flog hin in die ewige Nacht, wie ein Pestdampf, der im Finstern einen grünlichen Glast aushaucht und nun auf ein­mal vom Sturm verweht wird; Noschang aber folgte dem freund­lichen Wink des Richterengels, er schwang sich zu ihm in die Wolke und mit ihm hoch dem Lichtmeer des ewigen Morgens entgegen.

Nun begreif' ich, wie ein liebendes Ehepaar, von dem der eine Teil fromm, der andere gottlos ist, auf ewig getrennt werden kann, ohne daß die Seligkeit des frommen Gatten dadurch ge­trübt wird. In einer Ehe, wo eine solche Trennung zu befürchten ist, findet ohnehin keine wahre geistige Liebe statt; denn diese entsteht bloß und allein aus der Gleichförmigkeit der Gesinnun­gen und des Charakters. Diese kann aber nie in einer solchen Ehe zustande kommen, sondern hier beruht die ganze Anhänglich­keit des Einen an den Andern auf körperlicher Schönheit und physischen Bedürfnissen, die Anhänglichkeit aber ist in einer begnadigten Seele dem Geiste untertan und wird nie zur herr­schenden Leidenschaft. Sobald also der erlöste Geist die sündige Hülle abgelegt hat, so ist er auch von der Dienstbarkeit der fortpflanzenden Natur befreit, und die Liebe, die bloß darauf be­ruhte, hört ganz auf. Dagegen tritt Grausen und Abscheu an ihre Stelle, sobald sich nun der andern Ehegatte entwickelt und in einen Satan verwandelt, je nachdem es das eiserne Schicksal sei­ner Leidenschaft gebeut.

Bei diesen Erläuterungen könnte aber jemand fragen: ob denn die Leidenschaften nicht aus der körperlichen physischen Natur entstanden, folglich auch im Tode aufhörten? In diesem Fall könnten sie hernach im Geisterreiche nicht mehr fortwirken.

Hierauf dient zur Antwort: Allerdings liegt der Stoff der Materie der Wirksamkeit der Leidenschaften im Körper. So lange nun dieser Stoff, diese Materie nach den Gesetzen der Na­tur bewirkt wird, wie solches von den unvernünftigen Tieren geschieht, so geschieht dem Willen Gottes Genüge, und in diesem Fall entsteht eine Aktion, eine Tat, aber keine Pallion, keine Leidenschaft. Sobald aber der unsterbliche vernünftige Geist die angenehme Empfindung, den Genuß, den der gütige Schöpfer mit solchen physischen Aktionen verbunden hat, um zur rechten Zeit dazu anzulocken, zum Zweck macht, und also nicht die Folgen der Aktion, so wirkt er mit seinem freien Willen in die Gesetze der Natur. Anstatt ihnen zu folgen, ihnen gemäß zu handeln, mißbraucht er sie und wird zum Empörer gegen ihren und seinen Schöpfer. Er wiederholt also die Aktionen widernatürlich, bloß um seines Vergnügens willen. Nach den unwiderruflichen Ge­setzen der physischen Natur des Menschen stärken sich die Or­gane am meisten, die gebraucht werden, bis sie das übermaß endlich gar zerrüttet. Je mehr sie sich aber stärken, desto stärker werden auch ihre Reize, ihre Forderungen an den vernünftigen Geist; er folgt also auch dann, wenn ihn Vernunft und Gewissen überzeugen, er handle unrecht. Jetzt ist die Aktion zur Passion, zur Leidenschaft geworden, das ist, der vernünftige Geist wird nun von dem Genuß beherrscht, anstatt daß er den Gesetzen der Natur und des Gewissens gehorchen sollte.

In diesem Zustande bringen die physischen Reize des Körpers die Aktionen immer ins Gedächtnis und in die Imagination; diese reizen den Geist zum Genuß, und dieser dann den freien Willen zur Tat, und so geht es in einem ewigen Treiben immer fort. Das Rad der Natur entzündet sich in seinem unnatürlichen stärkeren Umschwung und gebiert so die Quelle der Hölle in sich selbst; denn wenn nun der Mensch stirbt, so bleibt der Kör­per zurück, die Lebensgeister aber, oder die dem elektrischen Fluidum ähnliche Lebensmaterie, die dem Geist ewig unentbehr­lich ist und mit ihm die Seele ausmacht, nimmt der Geist mit und bildet sich nun wieder zu einer Form, je nach seiner Natur. Jetzt hat er nun das Gedächtnis und die Imagination stärker, oder wenigstens in aller der Stärke wie vorher. Diese stellt ihm unauf­hörlich die ehemaligen Aktionen vor und erinnert ihn an ihren Genuß. Da aber die Organe dazu fehlen, so ist dieser Genuß un­möglich, daher ewiger Hunger ohne Sättigung, ein Zustand, der den Geist unaussprechlich elend macht.

Die Leidenschaften gehen also mit ins Geisterreich, aber nicht die Aktionen, und dies ist die Quelle der inneren Höllenqualen, die dann durch die äußeren noch vermehrt werden. Selig ist der, der Herr seiner Leidenschaften wird und ihren Brand im Blute des Erlösers löscht! -

Nach dieser furchtbaren Ehescheidung, vor welcher der gute, treue Gott jedes christliche Ehepaar bewahren wolle, bemerkte ich eine abgeschiedene Seele, welche einsam und traurig einher­ging; in einiger Entfernung wandelte eine andere; beide bemerk­ten sich und näherten sich einander.

Die erste. Friede und ewige Ruhe sei mit dir! Die  zweite. Und mit dir ebenfalls!

Die erste. So lange bin ich nun schon in diesem dunklen Auf­enthalt des Schweigens und der Ungewißheit, und noch sehe ich keinen Ausgang, keinen Weg zum Himmel. Oft werden Seelen gerichtet, und ich werde übergegangen; zuweilen gesellen sich gute Geister zu mir, aber bald verlassen sie mich auch wieder. Sie sagen mir, ich hätte noch Anhänglichkeit an Gegenstände des irdischen Lebens, von denen ich mich erst losmachen müßte, und dazu fühle ich keine Kraft in mir.

Die zweite. Auch ich bin schon einige Zeit hier und gerade das nämliche sagt man mir auch. Aber worin besteht denn eigent­lich deine Anhänglichkeit?

Die erste. Ach, ich hatte eine liebe Frau, einen Engel, den mir Gott zum Schutz und zur Rettung gab, eine wahrhaft aposto­lische Seele. Diese brachte mich zum Nachdenken über meinen gefährlichen Zustand, denn ich war im eigentlichen Sinne ein warmer Verehrer des dreifachen Götzen: Augenlust, Fleisches­lust und Hochmut. Ich wurde durch ihre ernste und liebreiche Überzeugung zur wahren Buße gebracht, ich wendete mich von Herzen zum großen Sündentilger und fand Gnade und Verge­bung der Sünde bei ihm. Von nun an suchte ich vor dem Herrn mit aller Treue, mit Wachen und Beten zu wandeln, aber es währte nicht lange, so bekam ich eine hitzige Krankheit, in wel­cher meine Frau mit unaussprechlicher Sehnsucht entweder um mein Leben oder um meine Seligkeit flehte. Das Erste wurde nicht erhört, denn ich starb schon am siebenten Tage, und das Zweite ist bis jetzt noch unerfüllt geblieben. Dann hatte ich auch eine einzige Tochter, die von Jugend auf von ihrer Mutter zum En­gel gebildet wurde, an der mein Herz hing und noch hängt. -

Ach, ich kann der Anhänglichkeit an diese lieben Menschen nicht los werden, und doch sehe ich auch wohl ein, daß dieser Zug rückwärts - meinen Zug vorwärts unausbleiblich hemmen muß. Herr, was soll ich tun, daß ich selig werde?

Die zweite. - Ich fange an, dich zu kennen - ich bemerke Ähnlichkeiten - hießest du nicht .... Du bist mein Vater!

Die erste. Ja, so hieß ich. - Bist du denn meine Eleonore? ­Bist du gestorben? - Deiner Mutter entflohen?

Die zweite. Die bin ich - und meine Mutter wird auch bald kommen; sie hatte die Auszehrung, so wie ich; drei Jahre warst du tot, als ich einen Blutsturz bekam, an dessen Folgen ich vier Jahre Vieles ausgestanden habe, und dann entbunden wurde; nun bin ich auch schon einige Zeit hier, ohne zum Licht zu kom­men; auch mir sagt man, daß mich eine irdische Anhänglichkeit zurückhalte; aber wie kann ich mich von einem Gegenstand losmachen, an dem mein Herz mit unauflöslichen ewigen Banden gefesselt war?

Die erste. Wer ist denn dieser Gegenstand?

Die zweite. Du wirst dich noch des jungen .... erinnern, wel­cher Theologie studierte, dann Kandidat und bei unserem Nach­bar · ... Hauslehrer wurde. Das angenehme, sanfte und christ­liche Wesen dieses jungen Mannes, seine ausnehmende Geschick­lichkeit und sein gesitteter Wandel rissen mich unaufhaltsam zu ihm hin; auch er fesselte sich an mich; wir versprachen uns ewige Liebe und uns zu heiraten, sobald er ein Amt bekommen würde. Kurz vor meinem Tode bekam er auch eine Versorgung; er flehte um mein Leben, aber vergebens; - ich entfloh ihm, und nun sehnt sich mein Geist zurück, das geliebte Bild schwebt mir immer vor Augen.

Der Vater stand bei dieser Erzählung traurig in sich gekehrt und schwieg, so auch seine Tochter.

Jetzt traten aber andere Personen auf den Schauplatz. Zwei Engel führten eine soeben abgeschiedene Seele herzu und dem ewigen Morgen entgegen. Hoch im Licht, wie der Morgenstern äugelt, erschien von ferne der Richterengel, und bald sank er herab zu der Neuangekommenen, der er mit froher Miene die Entwicklung gebot. - Ein Paradies Gottes war diese Rolle, voll von Früchten des ewigen Lebens; Vater und Tochter erkannten Gattin und Mutter, und ihre Herzen schmolzen wie Wachs in der Glut; sie wollten sich umarmen, aber sie durften nicht. Jetzt gebot auch der Engel dem Vater die Enthüllung seiner Lebens­geschichte, sie war rein und lauter, alle Sünden waren getilgt, Früchte waren gesäet, aber noch nicht reif, ein schwarzer Flor schien alles zu verhüllen, aber dieser verschwand im Anschauen der Gattin.

Nun enthüllte auch Eleonore ihre Rolle; sie war auch voller Lebensfrüchte, aber ein dichter Flor hing darüber; man konnte kaum erkennen, was darunter verborgen lag.

Der Richterengel. Du heißt nun Naemi; lege den Trauerflor ab! Der, den du liebtest, war deiner nicht wert; er heuchelte dir Frömmigkeit um deiner Schönheit und irdischen Vermögens willen. Aber heimlich lebte er in Lastern der Unzucht und in allen Sünden der Üppigkeit, darum hat dich der Herr durch den Tod dem künftigen Jammer entrissen.

Naemis Schleier schwand wie ein Wolkenschatten vom Blumenfeld, und dieser Garten des Herrn stand in voller Blüte.

Aber die Mutter - Josanna war ihr neuer Name - strahlte in ihrer Verklärung wie ehemals der Engel, als er in der Nacht den Hirten zu Bethlehem die Geburt des größten Menschen, des Sternenkönigs, verkündigte. Ebion, ihr Gatte, stand ihr gegenüber; tief gebeugt sprach er: Ach, möchte ich nur ewig in deiner Nähe bleiben dürfen! - Wieviel habe ich Armer ver­säumt - wie kann ich hoffen, gleichen Grad der Seligkeit mit dir zu genießen?

Der Richterengel. Sei zufrieden, Ebion, die ewige Liebe trennt die Erlösten, sich liebenden Ehegatten nie, wenn sie anders gleichen Willen und gleiches Verlangen beseelt. Die Verschiedenheit besteht nur darin, daß der Weitergeförderte einen größeren Wirkungskreis bekommt und darin auch größere Wonne genießt: als der, der auf einer geringeren Stufe steht. Und du, Naemi, wirst deiner Mutter beigesellt, du sollst ewig mit ihr leben und wirken.

Alle beide, Ebion und Naemi, wurden nun auch verklärt, und der Richterengel, der, wie man mir sagte, Fenelon war, nahm sie alle drei zu sich auf seinen Wolkenwagen und führte sie über das Gebirge dem Urlicht entgegen. -

Gern hätte ich mehreres über das Verhältnis der Ehegatten in jenem Leben mitgeteilt, allein die Zeit, die mir zu diesem Teil der Szenen aus dem Geisterreiche vergönnt ist, schwindet, ich kann für jetzt nicht mehr leisten. Sollten aber meine Lieben die Fortsetzung wünschen, so werde ich ihnen mit der Zeit ihren Wunsch gewähren.

Diejenigen, denen diese Einkleidung oder auch das Eingeklei­dete nicht gefällt, werden freundlich gebeten, durch ihren Tadel und Krittelei andern den Genuß dieser Seelenweide nicht zu ver­bittern oder auch mir den Stab zu brechen. Der Herr ist allein mein Richter und mein Erbarmer. Ihm die Ehre! Amen!

E l f t e  S z e n e

 

Das Schicksal der Namenchristen

 

Wenn man den Lebensgang der christlichen Menschheit nur einigermaßen aufmerksam betrachtet, so findet man, daß bei weitem der größte Teil des Volkes bürgerlich gesittet wandelt, die äußeren Religionsgebräuche seiner Kirche ordentlich beob­achtet und in seinem gesellschaftlichen Betragen ziemlich unta­delhaft ist. Was soll man nun von dem Schicksale dieser Menschenklasse nach dem Tode denken? - Vielleicht soll man gar nicht darüber urteilen? - Lieber Leser, über einzelne, über abgeschiedene Personen, die wir in diese Klasse ordnen, dürfen wir schlechterdings kein Urteil fällen. Wie können wir es wissen, was im Innern dieser Seelen vorgeht, ehe sie den großen Schritt aus der Zeit in die Ewigkeit tun? - Aber über die ganze Klasse, über Menschen überhaupt, die in einem solchen Zustande der Gleichgültigkeit sterben, müssen wir allerdings nachdenken; denn sollen wir das Urteil der Verdammnis über sie sprechen, so schaudert das menschenliebende Herz vor dem schrecklichen Ge­danken, so viele Menschen unglücklich zu wissen, bebend zu­rück, und dann wäre die kleine Anzahl der Auserwählten durch das kostbare Versöhnblut so teuer erkauft. Wollen wir sie aber auch in die Seligkeit versetzen, so sind die guten Seelen sehr zu bedauern, die mit so vielem Fleiß und Eifer kämpfen müssen, um das Kleinod zu erringen; die durch so viele Leidens- und Verleugnungswege geführt werden, ehe sie der Gnade Christo ver­sichert sein können, und deren Heiligungsweg mit ihren blut­triefenden Fußstapfen bezeichnet ist, und endlich würde ja auch durch diese Behauptung einer gefährlichen Sicherheit Tür und Tor geöffnet.

Ich suchte also die Wahrheit an ihrer Quelle, und mir ward durch folgende Szene in meinem Vorstellungsvermögen der Auf­schluß gegeben.

Sesai hatte einen schönen Kampf gekämpft, am Glauben nicht Schiffbruch gelitten und aufrichtig vor Gott gewandelt; seine Stunde schlug und er wurde von dem Engel Semaja ins Geister­reich geführt.

Sesai. Mir ist innig wohl, mein himmlischer Bruder, ich fühle mich selig in diesem dämmernden Lande - wo doch überall nicht das geringste ist, das mich erfreuen könnte, außer jenem herr­lichen Lichte, welches über das Gebirge herstrahlt und der er­frischenden Kühlung, die von dort herüber weht.

Semaja. Wenn ein Erlöster und Auserwählter des Herrn, der seinen Christenlauf redlich vollendet hat, seine irdische Hülle und die Sinnenwelt verlassen hat, so wird der innere tiefe Got­tesfriede, der bisher durchs Fleisch gleichsam gefangen gehalten wurde, frei, er erfüllt nun das ganze Wesen des Menschen, wie die Sonne hinter einem dunklen Gewölke hervortritt, und nun Fluren und Auen milde bestrahlt, so durchglänzt jener Friede die ganze Seele und erfüllt sie mit himmlischer Wonne; sie mag sein wo sie will, sie wäre selbst in der Hölle selig!

Sesai. Ach du herrlicher Bruder, der Herr sei gelobt, daß ich diese Wahrheit an mir selbst empfinde. Aber auf diese Weise wäre ja kein eigentlicher Ort der Seligkeit nötig, eine abgeschie­dene christliche Seele, die so, wie ich jetzt, die Quelle unaussprechlicher Wonne in sich selbst hat, ist ja schon glücklicher, als sie es je erwarten konnte und erwartet hatte.

Semaja. Du stellst dir die Sache sehr unrichtig vor, wenn du glaubst, dein ewiges Leben sei nichts weiter, als ein Zustand der Ruhe und des Genusses. Nein, lieber Bruder, alle deine erhöhten Kräfte müssen nun, ihrer Vorbereitung, Richtung und Bestim­mung gemäß, zum besten des Reiches Gottes tätig sein, und dazu ist ein Welt erforderlich, die der Natur ihrer Bewohner an­gemessen ist.

Sesai. Ich empfinde tief, daß du recht hast; der hohe Gottesfriede, den meine Seele jetzt so überschwenglich genießt, ist der Boden, auf den ich nun in vollkommener Abhängigkeit vom Herrn, in meinem künftigen Beruf edle Taten der Gottes- und Menschenliebe säen und pflanzen muß. Dann erst werden daraus paradiesische Lebensfrüchte erwachsen, deren Genuß dann die Seligkeit meiner Brüder und auch die meinige unendlich erhöhen wird.

Semaja. Du sprichst schon Wahrheit, wie unsereiner, und kommst doch erst aus dem Traumtal herauf! Verherrlicht werde der Herr durch dich bis in Ewigkeit.

Sesai. Amen! Amen! Sein ist alles, was an mir ist; nur ihm sei es geweiht! - Aber, mein herrlicher Bruder, ich habe eine Bitte an dich, ich würde dem Herrn und dir danken, wenn du sie mir gewähren könntest.

Semaja. Sage mir das Anliegen deines Herzens.

Sesai. Ich hatte verschiedene Nachbarn, die vor mir gestorben sind, deren Leben so beschaffen war, daß man sie weder zu den Frommen noch zu den Gottlosen zählen konnte. Sie lebten bürgerlich, ehrbar und taten niemand unrecht; sie beobachteten alle äußeren Pflichten der Religion, des Untertanen, des Ehegatten und des Vaters. Bei dem allem blieben sie in ihrem natürlichen Zustande; von wahrer Buße oder Bekehrung und Ausübung eigentlicher wahrer Christentugenden zeigte sich aber keine Spur, und so starben sie auch, ohne die geringste Äußerung irgend eines Verlangens nach der Gnade Gottes in Christo; wenn es nicht Vorwitz oder vorzeitige Neugierde ist, so wünschte ich zu wissen, was für ein Schicksal nach dem Tode auf diese Art Menschen wartet, besonders da sie millionenweise in der Chri­stenheit gefunden werden.

Semaja. Siehst du die unzählbaren Scharen abgeschiedener Seelen am Fuße des östlichen Gebirges?

Sesai. Ja, ich sehe sie - ich sehe auch, wie einzelne strahlende Engel über das Gebirge herüber kommen und einzelne Seelen abholen und hinüber führen; zugleich bemerke ich auch, daß sehr viele scharenweise gegen Westen hinfliehen, welche scheußliche

Gestalten annehmen und also wohl, leider, ins ewige Verderben verwiesen werden.

Semaja. Du siehst und urteilst ganz richtig; aber dem unge­achtet scheint doch die ungeheure Menge am Fuße des Berges eher zu- als abzunehmen; begreifst du nicht, woher das kommt?

Sesai. Ich stelle mir vor, daß alle, die von den Engeln nicht abgeholt oder verwiesen werden, zu einem von beiden Schicksalen noch nicht reif sind.

Semaja. Ganz richtig, aber wie stellst du dir einen Menschen vor, der weder zur Seligkeit, noch zur Verdammnis reif ist?

Sesai. Dank dir, himmlischer Bruder, jetzt begreife ich es. ­Die Menschenklasse also, deren Schicksal nach dem Tode ich zu wissen wünsche, ist zu keinem von beiden reif. Darum bleiben solche Seelen, weil ihrer unter allen Völkern und Ständen so viele sind, in so großer Menge hier stehen. Aber verzeihe mir, wenn meine Neugierde zu weit geht! - Ich möchte doch wissen, wie solchen Seelen eigentlich zumute ist?

Semaja. Alle, ohne Unterschied, sind sehr traurig. Aber in der Art ihrer Traurigkeit sind sie so verschieden, wie ihre Charak­tere. Wenn du näher davon unterrichtet sein und den Zustand deiner ehemaligen Nachbarn kennen willst, so wähle dir einen in Gedanken aus, mit dem du dich gern unterhalten möchtest, und fasse den Willen, bei ihm zu sein, so wird dich dein Wollen zu ihm hinziehen und ich werde dich begleiten.

Diesem Rate folgte Sesai; er und sein Begleiter schwangen sich weithin in die Ferne, und standen nun vor einem Geiste, der dem Sesai ganz unkenntlich war. Doch nach einigen Fragen und Ant­worten erkannten sich beide bald und der Nachbar, den wir um der Mißdeutung willen Kadar nennen wollen, schien sich etwas aufzuheitern, und nun begann folgendes Gespräch:

Kadar. Also du bist nun auch hier in diesem ewigen Trauer­lande? – O wie unglücklich sind wir!

Sesai. Ich bin nicht unglücklich, mein Freund, ich bin selig, mir ist hier so innig wohl, daß ich, wenn es Gottes Wille wäre, ewig hier bleiben könnte.

Kadar. So haben mir mehrere geantwortet, und alle, die so antworteten, wurden bald von den Engeln über das Gebirge ge­führt, dies Glück wirst du auch bald haben, und ich muß hier immerfort in der größten Schwermut forttrauern.

Sesai. Nun so sage mir doch aufrichtig worüber du eigentlich trauerst? - Ist es Entbehrung der ewigen Seligkeit, oder Sehn­sucht nach dem ehemaligen irdischen Leben, oder quälen dich deine Sünden?

Kadar. Ich habe lange genug Zeit gehabt, den Grund meines unsäglichen Kummers auszuspähen, das Heimweh nach dem für mich auf ewig verschwundenen Erdenleben peinigt mich. Ach, - wenn ich in dieser leeren dunklen Wüste an die frohen Stunden denke, die ich im Kreise meiner Lieben verlebt habe: wenn ich mich an den lieblichen Genuß erinnere, den ich von meinen Gütern und im Umgang mit meinen Freunden hatte, dann würde ich vor Kummer vergehen, wenn ich nicht unsterb­lich wäre.

Sesai. Wenn dir also die freie Wahl gelassen würde, ob du die ewige Seligkeit wählen, oder wieder in dein voriges Leben zu­rückkehren wolltest, so würdest du das letztere wählen?

Kadar. Ach, ich kenne ja die ewige Seligkeit nicht, ich weiß ja nicht, wie der Himmel beschaffen ist. Aber das auf ewig verlo­rene Leben kenne ich, und empfinde gar tief, wie wohl mir da­mals war, und wie wehe mir nun ist.

Sesai. Armer Freund, du weißt doch, daß es unmöglich ist, das verlorene Leben wieder zurückzubringen, - du weißt auch, daß alle deine zurückgelassenen Lieben nach und nach alle hierher kommen, und daß das Erdenleben so veränderlich ist. - Wende doch deine Aufmerksamkeit und dein Vorstellungs-Vermögen nunmehr vorwärts nach den unvergänglichen Gütern, denen du hier so nahe bist.

Kadar. Ach Freund, das ist mir schon oft gesagt worden; En­gel haben mich unterrichtet, was ich tun müßte, um zur Ruhe zu kommen, aber wie kann ich! - Lehre du den Maulwurf fliegen und in die Sonne schauen, und den Adler unter der Erde sich Gänge wühlen!

Sesai. Semaja - himmlischer Bruder, belehre ihn. - Das Mit­leiden trübt meine Seligkeit!

Semaja. Sein Innerstes ist noch nicht reif; er muß mit großem Ernst und unüberwindlicher Beharrlichkeit alle Vorstellungen der Vergangenheit bekämpfen, und so wie ihm irgend eine Erin­nerung aus seinem verschwundenen Leben einfällt, so muß er sie alsofort fahren lassen, und an dessen Stelle das Leiden und Ster­ben unseres erhabenen Erlösers betrachten. - Diese Vorstellungen muß er sich so lange wiederholen, bis sie ihm nach und nach angenehm und dadurch die Bilder der Vergangenheit in seinem Gedächtnisse verwischt werden. So wie nun die Ideen vom Versöhntod Christi dem Geist anfangen wichtig und rührend zu sein, so entsteht eine wohltätige Wonne der Wehmut und eine Sehn­sucht in ihm, die ihn dann allmählich dem Lichte näher, und endlich zur Ruhe bringt.

Sesai. O Kadar, folge diesem Rate; - du kannst noch gerettet werden!

Kadar. Ach Freund, ich bin wie gelähmt - wie kann ich? Semaja. Schwerer wird es dir jetzt - viel schwerer als ehemals, da du aber jene Gnadenzeit versäumt hast, so ist nun kein an­deres Mittel mehr für dich übrig. Aber mit allem Ernst der himm­lischen Liebe spreche ich dir tief in dein Inneres folgende Wahr­heit aus: Eile, meinem Rat zu folgen! - Denn wenn du hier im Reich der stillen Ruhe und des Nachdenkens noch nicht zur Er­kenntnis und zur Umkehr kommst, so wirst du an einen fürchter­lichen Ort verwiesen werden, wo qualvolle Läuterungsfeuer die süßen Bilder der Vergangenheit ausbrennen müssen.

Kadar. Ach du Himmlischer, ich bebe vor Angst und Jammer, ich wollte ja gern kämpfen, wenn ich nur Kraft hätte.

Semaja. Du wolltest gern? - Wolltest du auch vorhin? Kadar. Ich ahne von ferne etwas erleichterndes - ich wollte vorhin nicht, aber jetzt will ich.

Semaja. O Kadar. nähre diesen Keim deines Willens, und folge meinem Rat! - Auch hier noch ist die Kraft der allgenüg­samen Gnade in dem Schwachen mächtig - sei standhaft und kämpfe, so finden wir uns in den Wonnegefilden des Kinderreichs wieder. (Semaja und Sesai entfernen sich.)

Sesai. Glaubst du, daß Kadar gerettet wird?

Semaja. Ich hoffe das Beste; es kommt nun bloß auf die Be­harrlichkeit im Wollen an, dadurch verlängert er die Zeit seines hiesigen Aufenthalts; wird er dann auch im Wachen und Beten treulich kämpfen, so kann es ihm noch gelingen; doch gelangt eine solche Seele nie zu dem Grad der Seligkeit derer, die in ihrem irdischen Leben zur Überwindung gekommen sind. Sie gehört zur niedrigsten Klasse im Reiche Gottes, denn dieses muß ja auch seine Untertanen, sein gemeines Volk haben, und dahin bringen es dann endlich solche träge, schlaffe Namenchristen, wenn sie nach langen und schweren Verlängerungsproben im Hades sich noch endlich besinnen.

Sesai. O du ewige Liebe, wie gnädig bist du! Aber sind auch wohl die meisten Namenchristen so glücklich?

Semaja. Bei weitem nicht! - Die meisten versinken durch ihre Kraftlosigkeit ins Verderben, und müssen erst durch die Qua­len des geisten Läuterungsfeuers nach und nach gereinigt werden.

Sesai. Ach Gott, das ist traurig! Aber wäre es mir wohl er­laubt, mich noch nach einem meiner Bekannten, nach dem Na­dad, zu erkundigen?

Semaja. Wer war denn dieser Nadad?

Sesai. Er war ein wohlhabender Bürger und Handwerksmann; er führte ein ehrbares und untadelhaftes Leben, versäumte keine Kirche und kein Abendmahl, und überall, wo er lebte und webte, da mischte er Sprüche aus der Bibel und Strophen aus geistlichen Liedern in seine Gespräche; überall suchte er zu lehren und zu erbauen, und auf seinem Totenbette blieb er am predigen, bis ihm der Odem stillstand.

Semaja. Wir wollen zu ihm und uns nach seinem Zustand erkundigen.

Mit Schrecken bemerkte Sesai, daß sie der Zug westwärts, vom himmlischen Lichte abwärts führte. Ach, himmlischer Bruder! seufzte er, ich fürchte sehr, Nadad ist noch unglücklicher als Kadar.

Semaja. Davon wirst du dich bald überzeugen können. Siehst du dort in der erlöschenden Dämmerung einige Hügel?

Sesai. Kaum bemerke ich sie im scheidenden Lichte.

Semaja. Dort wird sein Aufenthalt sein, denn die Markt­schreier im Reiche Gottes pflegen da geläutert zu werden.

Sesai. Ach, ich fürchte sehr, daß er zu dieser Klasse gehört. Semaja und Sesai schwebten nun zwischen den Hügeln hin; der ewige Morgen fing hier an, zweifelhaft zu werden; er war nun das, was eine sternhelle Nacht ist. Im tiefsten Westen aber ahnete man etwas rötliches, und es war einem zu Zeiten so, als ob man einen dumpfen Donner gehört hätte. Die Hügel waren ungeheuer schroffe Felsstücke, die der Donner des Allmächtigen aus dem fernen Gehinnom hieher geschleudert hatte. Sie bilde­ten schlängelnd sich herumwindende enge Täler, in welchen der Hölle sich nähernde scheußliche Geistergestalten, teils einsam, teils gruppenweise herumirrten. Hier fanden sie nun auch den armen Nadad. Er stand erhoben auf einem niedrigen Felsstück, und vor ihm eine Anzahl Geister, die ihm zuhörten. So wie ein Fieberkranker im Delirium irre und unzusammenhängend spricht und die schönsten Wahrheiten und besten Begriffe durcheinan­der wirft und verunstaltet, so auch Nadad. In seinem Munde wurde hier alles, was heilig ist, herabgewürdigt, und seine schrecklichen Zuhörer lästerten, spotteten und höhnten ihn und das, was er sagte, auf eine recht höllische Weise. Dies marterte und betrübte dann den armen Redner tief, und doch fuhr er fort und suchte sie eines besseren zu belehren, allein alle seine Mühe war vergebens, das Spotten und Lästern wurde immer schlimmer und damit auch sein Jammer.

Nun nahete sich ihm Sesai und gab sich zu erkennen. Lieber Freund Nadad, fing er an, du bist unglücklich - du prüfst dich vergeblich; du predigst und der Herr hat dich nicht gesandt; du lehrest, ohne vom Geist Gottes unterrichtet zu sein; dadurch machst du nun, daß der Name des Erhabenen gelästert wird, und so häufest du dir die Gerichte des Allmächtigen auf den Tag des Zorns.

Nadad. Und auch du machst mir Vorwürfe - du, der du doch den Namen eines wahren Christen hattest. - Muß ich denn nicht allenthalben Jesum Christum und sein Wort bekennen, und wenn ich dazu bestimmt bin, der Hölle seine Ehre zu verkündigen und seinen Ruhm den bösen Geistern, was geht das dich an?

Semaja. Zürne nicht, verarmter Geist, damit du nicht die Hölle in deinem Innern anzündest! - Prüfe dich genau, so wirst du finden, daß du deine Ehre der Hölle und deinen Ruhm den bösen Geistern verkündigst. Der tiefversteckte Grund deines Scheinchristentums und deines Weissagens auf den Gassen und Stra­ßen ist Selbstsucht; du möchtest gern für einen hocherleuchteten apostolischen Mann gehalten werden, und hast doch nicht eine einzige apostolische Tugend an dir; statt von Herzen demütig zu sein, ohne welches niemand zur Bürgerschaft des Himmels ge­langen kann, suchst du sogar im Tempel des Herrn deine eigene Ehre. Anstatt durch Sanftmut deine Feinde zu besiegen, zürnest du und vermehrst dadurch die Glut der Hölle in dir und in ihnen; anstatt mit Lieben und Dulden wohltätig zu sein, machst du durch dein unberufenes Lehren und Predigen die Geister lästern und häufest also Zorn auf Zorn und Verdammnis auf Verdammnis.

Nadad. Deine Worte sind Wahrheit, aber sie martern mich mit höllischen Qualen. - Entfernt euch von mir, ihr Himmli­schen, ich kann eure Nähe nicht ertragen!

Semaja (indem er einen himmlischen Lichtstrahl auf ihn hin­fließen läßt, der ihn und seine Zuhörer wegscheucht.) Armer Nadad, das Entfernen ist leider an dir!

Semaja und Sesai wendeten sich nun wieder dem ewigen Mor­gen zu.

Sesai. Nadad’s Schicksal ist bedauernswürdig, und nur die Worte des Herrn, Matth. 7, 22: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissaget usw., geben mir den Aufschluß über die Gerechtigkeit desselben.

Semaja. Die Urteile der Menschen sind sehr trüglich; sie halten manchen für fromm, der in den Augen des Herzens- und Nierenprüfers ein Greuel ist, und viele werden gar nicht einmal für erweckt gehalten, die doch der Herr unter seine Auserwählten rechnet, und hier manchen tief erniedrigen und beschämen, der sich in seinem Herzen für weit besser und begnadigter hält, als sie.

Sesai. Unaussprechlich wichtig ist der Befehl des Herrn: "Rich­tet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" Aber nun hab ich noch ein Anliegen, mein himmlischer Bruder. Ich habe viele Jahre mit einem Manne an einem Orte gelebt, der uns allen ein Rätsel war. Sein Wandel war durchaus unsträflich, seine herzliche De­mut, seine Sanftmut, seine Geduld und seine unaussprechlich wohltätige Liebe äußerten sich bei allen Gelegenheiten, aber ohne den mindesten Prunk, ohne sich zeigen zu wollen. Die edelsten Werke der Liebe, die er kunstlos zu verstecken suchte, strahlten denn doch zu Zeiten aus ihrem verborgenen Heiligtum hervor und glänzten dann um so viel herrlicher. Bei dem allem konnte man nie erfahren, ob er von Herzen an Christum glaube. Immer verbarg er seine Meinung, wenn von dem Hochgelobten die Rede war; zwar sprach er mit Ehrfurcht und Liebe von Ihm, aber wenn man ihn auszuforschen suchte, ob er auch die Gottheit Christi und sein Versöhnungswerk glaubte, so wich er immer mit einer Art von Verlegenheit und Beschämtheit aus. Dieser Mann hieß Hoschieni, er starb nur einige Wochen vor mir; man war aufmerksam auf ihn während seiner Krankheit bis in sei­nen Tod, sein Betragen war sanft, duldend, lammsartig. Er er­kannte sich als den größten Sünder, aber daß er seine Zuflucht zu dem großen Sündentilger genommen hätte, darüber äußerte er kein Wort. Dürfte ich mich auch wohl nach ihm erkundigen?

Semaja. Wir wollen ihn aufsuchen.

Der Zug des Willens führte beide weithin gegen das östliche Gebirge zu; auf einem Hügel am Fuße desselben fanden sie den Hoschieni ruhig hin- und herwandeln und sich zu Zeiten mit andern abgeschiedenen Seelen unterreden. Sesai nahte sich ihm; beide erkannten und bewillkommten sich freundlich.

Sesai. Verzeihe mir, lieber vieljähriger Reisegefährte unserer irdischen Wanderschaft, daß ich dich aufsuche und mich nach dei­nem Zustand erkundige.

Hoschieni. Ich freue mich deines Hierseins und deines Frie­dens, der aus deinem Wesen zu mir herüberweht, auch ich emp­finde erhabenen Gottesfrieden, ob ich gleich noch nicht weiß, welches Schicksal auf mich wartet. Ich bin aber auch mit jedem zufrieden, denn ich weiß, daß sich der Herr aller seiner Werke erbarmet.

Sesai. Sprichst du da nicht zu viel? - Kennst du die Qualen der Abgeschiedenen dort im tiefsten Westen, und würdest du zu­frieden sein, wenn ihr Schicksal das deinige würde?

Hoschieni. Mit diesem inneren Frieden, der in uns beiden we­sentlich und bleibend ist, kann ihr Schicksal nie das unsrige werden, wir würden überall selig sein.

Sesai. Dieser Friede ist aber doch eine Frucht des Geistes Christi, die aus seinem hochheiligen Erlösungswerk hervorblühte und dann in uns erreifte.

Hoschieni. Lieber Bruder, ich empfinde tief, was du mir sagen willst; ich habe in meinem irdischen Leben viele schwere und langwierige Kämpfe um dieses Punkts willen bestehen müssen und die schwersten Leiden haben mich bestürmt; jetzt hoffe ich auf die erbarmende Gnade des Allgütigen, und was mir ehe­mals dunkel war, das werde ich nun bald im Licht erkennen.

Sesai. Verzeihe mir, wenn ich dich um die Ursache frage, warum du in deinem Leben nie die Gottheit Christi und sein Erlösungswerk offen und frei bekanntest?

Hoschieni. Eben aus dieser Quelle entstanden alle meine Lei­den, und damit du richtig über mein Betragen urteilen könnest, will ich dir die geheime Geschichte meines Herzens nach der Wahrheit erzählen. Ich wurde von Jugend auf von gottesfürch­tigen Eltern erzogen, die mich zu allem Guten anhielten und mir eine herzliche Liebe zu Gott und Christo einflößten. In diesem seligen Stande der Unschuld verlebte ich meine Jugend- und Jünglingsjahre. Aber nun mußte ich auf mein Handwerk wan­dern; auf dieser Wanderschaft geriet ich in eine gewisse Stadt, in welcher der vornehmste Prediger fast öffentlich gegen Chri­stum predigte und in vertrauten Gesprächen laut behauptete: Christus sei nichts mehr, als ein bloßer guter Mensch und Sitten­lehrer gewesen. Dies wußte er mit so triftigen Gründen vor­zutragen, daß mir angst und bang wurde, und von dieser Zeit an lagerte sich ein tiefer Kummer auf meine Seele, der auch bis in meinen Tod nicht von mir gewichen ist. Ich suchte alle die Gründe jenes Predigers zu widerlegen, ich las viele Bücher dafür und dawider, - allein nichts haftete, der Zweifel hatte sich mei­ner Vernunft dergestalt bemächtigt, daß mir keine Beweise Ge­nüge taten.

Bei dem allem aber war meine Liebe zu Christo und das Ver­langen nach Ihm so tief in meinem Wesen gegründet, daß ich jahrelang die schwersten Leiden ausgehalten hätte, wenn ich mir nur dadurch die Gewißheit der Wahrheit von Jesu Christo hätte erwerben können, aber ich habe sie ausgehalten, ohne zu diesem Ziele zu gelangen.

Ich faßte also den Entschluß, Jesum Christum immer so anzu­nehmen, wie er im Evangelium verkündigt wird; ich flehte be­ständig um Vergebung der Sünden um seines Verdienstes willen und um seinen heiligen Geist. Ich strebte unaufhörlich nach Licht und Kraft, um mit Wachen und Beten in der Gegenwart Gottes zu bleiben, und dem allem ungeachtet lastete der Zweifel auf mei­nem Gemüt, wie ein Berg hatte er sich auf meine Seele gelagert.

Nach vieljährigem Ringen und Kämpfen in diesem trostlosen Zustande entstand nach und nach in meinem inneren Seelen­grunde eine sehr wohltätige, einfache, ruhige Empfindung. Ich fühlte meine sittlichen Kräfte erhöht, und alle christlichen Tugenden wurden mir leichter, mein Gehorsam gegen die Gebote Christi, meine Geduld, meine Demut, meine Liebe zu Gott und den Nächsten wuchsen, und ich empfand gleichsam einen zweiten Menschen in mir. Der eine, den ich den Vernunftmenschen nennen möchte, stand unter dem Gehorsam des inneren neuen Men­schen; aber da jener unmöglich die Dinge begreifen kann, die des Geistes Gottes und ihm eine Torheit sind, und da ihm nun einmal die antichristlichen Truggründe eingeprägt waren, die ohne vernünftige Schlußfolgerung nicht ausgetilgt werden können, so stellte er immer dem inneren Menschen die dunklen Ideen des Zweifels vor, und dann entstanden die traurigen Fragen:

Wie aber, wenn dein inneres, verborgenes Friedensgefühl na­türlich wäre? - Wer kennt die Tiefen der menschlichen Natur? ­Vielleicht ist jene angenehme Empfindung eine natürliche Folge vom Wachen und Beten und von der Anstrengung, in der Gegen­wart Gottes zu bleiben! - Wie, wenn du dereinst am Ziel fän­dest, daß die ganze Sache des Christentums ebenso Irrtum und Täuschung wäre, als andere Religionen - und was dergleichen Einwürfe mehr waren. O, dann war mein Kampf schrecklich; aber immer endigte er sich mit dem festen, unüberwindlichen Entschluß, dem allen ungeachtet meinen dunklen Glaubenspfad mit aller Treue fortzuwandeln; ich richtete mein Gebet immer zu Christo und zum Vater in Christo, und ob ich gleich Beispiele genug von den auffallenden Gebetserhörungen hatte, die auch mein Glaubenslichtchen immer am Glimmen erhielten, so wurde ich doch in meinem Gebet um nähere Offenbarungen der Wahr­heit von Christo nie erhört. Mein Vernunftmensch mußte zwar gehorchen, aber überzeugt wurde er nie, weil alle Gründe, wo­durch die Bibel als Gotteswort unterstützt wird, bei ihm nicht hafteten; und jene Gebetserhörungen kamen ihm immer so vor, als ob es der Zufall so gefügt hätte, daß es so gerade ergangen wäre, als ich gebeten hatte.

Bei dem allem aber wuchs der innere Mensch an Kraft und Gnade: ich empfand das Wehen des Geistes des Herrn immer lebhafter; ich wurde immer gebeugter, und bekam immer tiefere Blicke in mein natürliches Verderben. Aber immer quoll auch die beruhigende Versicherung der Vergebung meiner Sünden wie ein Lebensstrom aus dem inneren Grund meiner Seele hervor.

Mit einem Worte; ich wurde nach und nach ein Nichts in meinen eigenen Augen, und Gott wurde mir alles!

Sesai. Das ist eine höchst wunderbare Führung!

Semaja. Lieber Bruder, solcher Führungen wirst du in Zu­kunft noch viele kennen lernen; der Herr ist wunderbar in seinen Wegen, denn er braucht mancherlei Werkzeuge in seinem Reich, und Er leitet mit großer Weisheit jeden Charakter, so wie es am schicklichsten ist, zu seiner Bestimmung. Wenn dies nur die kurzsichtigen Menschen bedächten und nicht richteten!

Sesai. Jawohl, darum kann auch die Warnung vor dem Urteil über andere nicht genug wiederholt werden. Aber, lieber Bruder Hoschieni, man sollte doch denken, die vielen inneren Wirkun­gen der Gnade hätten endlich deinen Vernunftmenschen über­zeugen müssen, daß Jesus Christus der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters und zur Erlösung des gefallenen Sünders.

Hoschieni. Glaube mir, Bruder Sesai - wenn ich in die Lage gekommen wäre, die Wahrheit des Evangeliums von Jesu Christo mit einem martervollen Tode und mit meinem Blute zu besiegeln, ja, ich hätte den vollkommenen Willen dazu gehabt, und ich hätte es, durch die Unterstützung der göttlichen Gnade, die in mir wohnt, gekonnt. Auch meine Vernunft gebot mir diesen Willen, und zwar aus dem Grundsatz der Sicherheit; denn sie schloß folgendergestalt. Ist das Evangelium von Christo wahr, so ist der Martertod um dieser Wahrheit willen Pflicht. - Daraus folgt aber unwidersprechlich, daß ein Mensch der zweifelt, die nämliche Pflicht auf sich habe, denn wenn das Evangelium auch nicht wahr wäre, so würde dieser höchste Grad der Gewissen­haftigkeit doch zuverlässig belohnt werden. Der innere neue Mensch aber empfand immer im dunklen nackten Glauben die gewisse Ahnung jener großen Wahrheit.

Oft überdachte ich ruhig meine ganze Führung und alle meine Erfahrungen, um Gründe - unwiderlegbare Gründe - zu finden, die auch die Vernunft beruhigen könnten; allein auch diese Mühe war vergebens, es blieb immer bei dem nackten, dunklen Glauben, in welchem ich ausgehalten habe bis an meinen letzten Odemzug. Jetzt erwarte ich nun ruhig und im Frieden, was der Herr nach seiner unergründlichen Barmherzigkeit aus mir machen wird.

Semaja. Deine Treue wird dir gewiß belohnt werden, denn wenn dir nun Jesus Christus wird offenbaret werden in seiner Herrlichkeit, den du nicht gesehen und doch geliebt hast, an Ihn glaubtest bei allen Widersprüchen deiner Vernunft, so wirst du dich freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, und das Ende eines dunklen und nackten Glaubens wird der Seele Seligkeit sein!

Hoschieni. Amen. Mir geschehe, wie du gesagt hast, - aber dann ist auch in allen Himmeln keiner, der dieser Seligkeit un­würdiger ist, als ich, denn ich habe der Gnade widerstrebt. Mein Vernunft- Mensch wurde nicht gläubig bis in den Tod, und noch jetzt ist er von der Wahrheit des Evangeliums nicht überzeugt. Er ist ein Thomas, der mit allen Sinnen empfinden will, ehe er glaubt, und dann ist es kein Glaube mehr, an den doch der Herr und seine Apostel die Seligkeit gebunden haben, sondern ein Schauen.

Semaja. Lieber Bruder, dein Zustand war eine philoso­phische Seelenkrankheit, die durch Schwäche des Seelenorgans entstand, indem sie nicht stark genug war, alle Gründe zu er­wägen, auf denen der wahre Glaube beruht.

Hoschieni. Aber hätte es denn kein Mittel gegeben, um mich von dieser Krankheit zu heilen?

Semaja. O ja, ernstlich mit Wachen und Beten nach Kraft und Licht ringen, ist das wahre Mittel! Du gebrauchst es auch treu­lich, aber es gefiel nun einmal dem Herrn, dich diesen Weg zu führen, und selig bist du, daß du diese äußerst schwere Prüfung mit Treue ausgehalten hast!

Hoschieni. Ihm gebührt die Ehre allein, und nicht mir. Aber sage mir, lieber Bruder Sesai, hast du keine Nachricht von dei­nem ältesten Bruder, der mit so unaussprechlicher Treue, Geduld und Liebe so viele Jahre das Evangelium von Jesu Christo unter den wilden Heiden verkündigte?

Sesai. Ich vermute, daß er schon in den seligen Gefilden den Gnadenlohn seines schweren Tagewerkes einerntet; denn wir haben in vielen Jahren nichts mehr von ihm gehört. Wenn mir der Herr so gnädig ist, mich in sein Reich aufzunehmen, so werde ich in seine Arme eilen, wenn es mir anders vergönnt wird, ihn zu sehen.

Semaja. Du hast richtig vermutet, er ist schon lange im Reich der Herrlichkeit, und du wirst ihn sehen.

Sesai fing an, vor Freude zu strahlen, auch Hoschieni glänzte.

Indem diese drei so dastanden und sich freuten, stand mit der Schnelle des Blitzes ein majestätischer Engel vor ihnen, und um ihn her in weitem Kreise glühte der Bogen des Friedens; Silber­gewölke wallte in weitem Kreise umher, und über demselben schwebte Uriel im himmlischen Strahlenglanze; sein Diadem durchblitzte alle sieben Farben, sowie er sein Haupt wandte.

Semaja, Sesai und Hoschieni standen gebückt und feierten. Uriel. Sei mir gegrüßt, Semaja! - Wo kommst du her in dei­nem Reisekleide?

Semaja. Ich habe diesen Bruder Sesai vom irdischen Staube entblößt und ihn hierher geführt.

Uriel. Ich bin gesandt, diese beiden, Sesai und Hoschieni zu ihrer Bestimmung zu führen: Sesai, entwickle die Rolle deines Lebens!

Wie nach einer Gewitternacht ein goldner Sonnenstrahl eine paradiesische Landschaft voll reicher Früchte verklärt, so strahlte im dämmernden Hades das ganze Gemälde der hingeschwunde­nen Tage des frommen Sesai, und in dem Augenblick wurde er mit himmlischer Herrlichkeit überkleidet. Er floß über von ju­belnder Freude.

Uriel. Hoschieni, offenbare dein Inneres!

Wenn ein Wanderer in der Nacht auf zweifelhaftem Weg mutig fortschreitet, und dann endlich auf einmal bei anbrechen­dem Morgen ins Freie heraustritt, sein Vaterland vor sich sieht, und dort, nicht ferne vor sich hin, den süßen Wohnplatz seines künftigen Lebens erblickt, und nun sieht, wie alle seine Lieben, die er für tot hielt, auf ihn zueilen, um· ihn mit offenen Armen zu empfangen, so empfindet er einen Schatten von dem, was in Hoschien’is Wesen vorging. Der schwarze Schleier, der über seiner Zukunft hing, schwand wie der Schatten bei strahlendem Lichte, und nun war seine Freude freilich herrlich und unaussprechlich.

Uriel genoß Seligkeiten im Anschauen dieser Verklärung der Erlösten des Herrn, und nun legte auch Semaja seine Hülle ab. - Er stand da - ein Engel Gottes in aller seiner Herrlichkeit, und nun erkannte Sesai seinen ehrwürdigen Vater, der ihn schon in der frühesten Jugend auf den Weg der Wahrheit geleitet hatte. Neuer Jubel erhob sich; der Hades wäre zum Himmel geworden, wenn das länger gewährt hätte. Darum lenkte Uriel seinen Wol­kenwagen, die drei andern gesellten sich zu ihm und erhoben siech über das Gebirge; - sie strahlten dort in der Höhe, wie der Mor­genstern, wenn er sich im Sonnenmeer gebadet hat, und nun die dämmernde Erde beäugelt.

Der erhabene Engel, der den Zug führte, schwang sich mit ihnen über das Kinderreich und über das Reich des Lichts hin, und nun standen sie auf dem smaragdenen Gebirge, welches das Reich des Lichts vom Reich der Herrlichkeit trennt.

Uriel. Seht, meine Brüder, dort auf dem erhabenen Hügel wohnt Semaja, ihm ist vom Herrn vergönnt, seine Söhne bei sich zu haben, sie arbeiten mit ihm in den Geschäften des Reiches Gottes.

Semaja. Ja, mein Sohn Sesai, dort ist dein ältester Bruder, er ist ein Fürst im Hause Gottes und ein Pfeiler in seinem Tempel.

Uriel. Dort, mein Bruder Hoschieni, wo sich der Palmenhain den Berg hinanlagert, ragt oben eine goldene Altane hervor, sie scheint in der Glorie des heiligen Berges zu schmelzen; da ist dein Wohnplatz; deinen künftigen Beruf wirst du auf der saphir­nen Tafel deines Tempels finden.

Hoschieni. Mein ganzes Wesen spricht lauten Dank, und meine ewige Dauer soll ein immerwährendes Hallelujah sein.

Sanft, wie ein wallender Nebel, schwebten sie alle vier über die unaussprechlich schönen Fluren dieser himmlischen Landschaft hin, deren Naturfarben alle lebendiges Licht waren, in einem so hohen Grade, daß es kein sterbliches Auge würde er­tragen können.

Jetzt ging der Zug durch Semaja’s hohe Hallen. Alles schien in einem purpurnen Feuer zu glühen, und ein kühlender Duft mit Wohlgeruch wehte Geist und Leben in die Kommenden. Eliphal, Sesai' s ältester Bruder, schwebte ihnen entgegen.

Ich verstumme, - mein Stammeln setzt die Seligkeiten zu weit unter die wahre Beschaffenheit herab.

Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden alles in der Wahrheit schauen! –

Z w ö l f t e  S z e n e

 

Christus als Hoherpriester

 

Eljada und Senir waren soeben von ihrem Richterengel über das östliche Gebirge des Geisterreichs, über die Grenze in das Reich des Lichts gebracht und dann von ihm entlassen worden. Brüder, sprach er bei dem Hinschwinden, ehe ihr weiter befördert werden könnt, müßt ihr in dem Geheimnis der Erlösung noch näher unterrichtet und euer Glaube muß berichtigt werden, ehe ihr zum Schauen gelangen könnt. Eljada und Senir sahen dem scheidenden Engel mit Sehnsucht nach, und mit einmütiger Stimme fragten sie: Himmlischer Bruder, wer soll uns unterrich­ten? Mit strahlender Rechte zeigte er ihnen eine Burg auf einem Hügel und schwang sich dann empor.

Eljada. Lieber Bruder Senir! Hier ist gut sein für solche arme Sünder, wie wir sind, ist dieser Himmel mit seiner Herrlichkeit schon überschwenglich; der schönste irdische Maimorgen ist tot gegen diese holde Dämmerung, die so milde erquickend und wohltuend alle Farben des Lichts durchwandelt. Erinnere dich der schönen Gärten in aller Blütenherrlichkeit - sind sie nicht tote Gemälde gegen diese geistvolle Natur?

Senir. Jawohl, welch ein Reichtum an hervorkeimenden und blühenden Gewächsen, - in ihren Signaturen ahne ich erstaun­liche Geheimnisse - wie groß wird unsere Seligkeit sein, wenn wir unaufhörlich die Wunder der Weisheit, Allmacht und Liebe in ihren herrlichen Werken forschen und erkennen können?

Eljada. Du hast Recht, aber bei dem allen hat doch der Aus­spruch des Engels bei seinem Abschied einen tiefen und bleiben­den Eindruck auf mich gemacht. Wir sollen noch weiter befördert werden, wenn unser Glaube an die Erlösung durch Christum besser berichtigt und dahin vervollkommnet worden, daß er würdig ist, ins Schauen verwirklicht zu werden. Hast du diese Worte auch tief empfunden?

Senir. Unauslöschlich tief! Aber er zeigte uns ja die Burg dort auf jenem Hügel. - Siehe, wie prächtig sie über den Smaragd des Waldes von Palmen, Zedern und Lebensbäumen empor­glänzt, - sie scheint fließendes Silber zu sein, in dem sich der lasurne Horizont spiegelt. - Siehe! Engel wandeln auf ihrer Altane; wir wollen hineilen, dort werden wir den Unterricht fin­den, den wir suchen.

Wie zwei von der Morgenröte beleuchtete Lämmerwölkchen schwebten die beiden seligen Geister im reinen Äther über die Gipfel der Bäume den Hügel hinan, und standen nun auf der Zinne der Burg.

Eliasaph, der himmlische Bewohner dieses Hauses, nebst zwei besuchenden Nachbarn, Elipal und Asiel, wandelten dort und un­terhielten sich im Genuß seliger Wonne mit Gesprächen und Be­trachtungen über die wundersamen Führungen Gottes in ihrem ehemaligen Prüfungsleben. Sie bewillkommten die neuen An­kömmlinge, und nun führte sie Eliasaph jenseits der Burg hinab, wo im Hintergrunde eines Paradieses voller Früchte ein Tempel von rubinrotem Lichte weit umher strahlte. In diesen Tempel verfügten sich alle fünfe, um den Erhabenen zu feiern und seinen Willen zu vernehmen. Während dieser stillen heiligen Feier erschien die Flammenschrift auf der saphirnen Tafel, welche den Eliasaph unterrichtete, was er in Ansehung der neu angekom­menen Brüder zu tun habe.

Mit der überfließenden Liebe, die den Engeln eigen ist, führte Eliasaph seine Gäste in die Laube seines Gartens und nun be­gann folgendes Gespräch:

Eliasaph. Liebe Brüder, erzählt uns die Geschichte eures Lebens!

Eljada. Sehr gerne, ihr seligen Engel, gerne wollen wir euch er­zählen, wie viel Gutes der Herr an uns getan hat, und wie viele Mühe wir Ihn gekostet haben, um das aus uns zu machen, was wir nun geworden sind.

Wir sind beide Söhne sehr frommer Kaufleute, die in einer Stadt wohnten und ihr ganzes Leben in vertrauter Freundschaft und im Wandel vor Gott gemeinschaftlich zubrachten. Wir beide wurden also auch von Jugend auf in der wahren Gottesfurcht erzogen und im altevangelischen Christentum unterrichtet. Bei reiferen Jahren wollten uns unsere Väter in eine Erziehungsan­stalt der Brüdergemeinde bringen; allein dieses wurde ihnen von einem frommen Prediger, der aber Vorurteile gegen diese Gemeinde hatte, ernstlich widerraten. Da unsere Väter diese Anstalten auch nicht genug kannten, so unterblieb es, und nun kamen wir zu einem vorbildlich -gottseligen und gelehrten Manne, der sich ganz aus dem Geräusch der Welt zurückgezogen hatte, um ungehindert Gott zu dienen. Um aber doch zum Besten seines Reichs zu wirken, so nahm er junge Leute in Pension, die er dann selbst unterrichtete, erzog und dem Herrn zuzuführen suchte. Er war unverheiratet, und seine Schwester, eine ebenso fromme Person, versah den weiblichen Teil der Haushaltung.

Der liebe Mann hatte sich von Jugend auf durch das Lesen reiner mystischer Schriften gebildet, er wandelte unaufhörlich in der Gegenwart Gottes, mit der strengsten Selbstverleugnung alles eigenen Wollens und Wirkens. Kurz sein ganzes Leben war ein immerwährendes Wachen und Beten. Er setzte den gan­zen Grund seiner Seligkeit in das hochheilige Erlösungswerk Christi, und in den Glauben an Ihn, als unseren anbetungswür­digen Erlöser; aber seine Aufmerksamkeit war nur die Auswir­kung der Früchte des wahren Glaubens in seiner Seele, durch den heiligen Geist gerichtet, das verdienstvolle Leiden und Sterben Christi unterstellte er.

Nach eben diesem System wurden wir nun auch erzogen und gebildet; wir wandelten auch treulich, wo nicht mit vollkomme­nem, doch mit aufrichtigem Herzen, auf diesem Wege fort, und da wir gleichsam wie Brüder miteinander lebten, uns herzlich liebten und eines Sinnes waren, so beschlossen wir, unverheiratet und beisammen zu bleiben und in Kompagnie zu handeln. Wir ließen uns zu Boston in Amerika nieder, wo wir im Irdischen vielen Segen hatten, und viele Jahre nach unserer Erkenntnis mit vielem Straucheln, Fallen und Wiederaufstehen unseren Lebens­gang fortpilgerten. Während dieser Zeit starben unsere Väter und endlich auch unser geliebter Lehrer und geistlicher Vater. Es wird unsere Seligkeit erhöhen, wenn es uns vergönnt sein wird, diese drei vortrefflichen und geliebten Männer hier in ihrer Seligkeit zu umarmen! - So sehr wir nun auch glaubten, unserer Sache gewiß und überzeugt zu sein, daß unser Weg zum Leben der richtigste sei, so regte sich doch immer im Innern meiner Seele ein verborgenes Etwas, so oft ich im Neuen Testament von der Versöhnung des Sünders mit Gott durch das Blut Christi und von seiner Genugtuung für uns so wichtige Zeugnisse fand. Ich merkte, daß diese Lehre eigentlich die Hauptsache des christlichen Glaubens und die Grundfeste des alten und neuen Bundes sei; denn im alten starben die Tiere, für die Sünden der Menschen, und im neuen einmal für allemal der menschgewordene Sohn Gottes. Dies innere Etwas war ein mißbilligendes Gefühl eines Mangels in meinem Glauben. Ich wußte wohl und glaubte fest, daß die Sendung des erhabenen Erlösers in die Welt, sein heiliges Leben, Leiden und Sterben, der einzige Grund unserer Seligkeit sei; aber meine Vorstellung dieses großen Geheimnisses schränkte sich bloß auf zwei Gesichtspunkte ein:

1) Glaubte ich, daß Christus das alles, was Er gelitten, habe leiden müssen, damit Er dadurch, daß Er gelitten, Gehorsam lernte und so seine menschliche Natur im moralischen Sinn zur göttlichen Würde, zur höchsten sittlichen Vollkommenheit erheben, und also durch seinen Geist die, welche an ihn glauben, heiligen und dann auch die Regierung der Welt übernehmen könnte. Dann auch

2) war mir die Erlösung des menschlichen Geschlechts durch die Vorstellung begreiflich, daß nun Christus alle Sünden der Menschen als Mittel zu guten Zwecken gebrauchte und in seiner allweisen Regierung alles so lenkte, daß am Ende die Bestimmung des Menschen noch vollkommener erreicht würde, als wenn er nie gefallen wäre. Ich glaubte, daß auf diese Weise die Genug­tuung Christi und die Versöhnungslehre für den Glauben des Christen hinlänglich faßlich und keine weitere Erläuterung die­ses Geheimnisses nötig sei, - allein bei dem allem war doch mein Gemüt noch nicht ganz ruhig; meine tiefste Überzeugung belehrte mich, daß noch etwas mehr zum vollkommenen selig­machenden Glauben erfordert werde, und doch konnte ich nie in dieser Sache zum Licht und zu einiger Gewißheit kommen, und dann vermehrte auch das meine Unruhe, daß mein Herz bei der Betrachtung der unendlichen, unbegreiflich großen Liebe Gottes in Christo und der schrecklichen Leiden, die Er für uns ausgestanden, so kalt und gefühllos bliebe. - Mein Verstand erkannte und glaubte das alles, aber wie es mir schien, so nahm mein Herz zu wenig Anteil daran. Eben diese Beschaffenheit hat es auch mit diesem meinem Freunde Senir. Wir haben unsern irdischen Pilgerweg gemeinschaftlich gewandelt, gemeinschaft­lich verloren wir unser Leben in einem Schiffbruch, und auch hier haben wir gemeinschaftlich unser gnädiges Urteil empfan­gen. Jetzt bitten wir euch nun, ihr himmlischen Brüder, belehrt uns, was uns noch fehlt, um vom Glauben zum Schauen zu kom­men! - Alles, was wir sind, das hat der Herr durch schwere Läuterungsproben aus uns machen müssen; wir haben immer widerstanden, Er hat uns zwingen müssen, was wir haben oder werden sollten, das mußte Er uns geben und aus uns machen. Und ebenso verhält es sich nun auch mit dem noch übrigen dunklen Glaubensflecken. - Er muß ihn wegtilgen, wir können es nicht!

Eliasaph. Gelobet sei der Herr! Er macht alles wohl! - Ich bin euer Lehrer gewesen, dieser Bruder Elipal ist dein Vater, Eljada, - und du, Senir, bist dieses Bruders Usiel’s Sohn! - Willkommen hier in den Gefilden der Seligkeit! - Himmlische Umarmungen und unaussprechliche Wonne verklärten diese fünf Lichtsbürger ; sie strahlten wie die Sonne in aller ihrer Herrlichkeit.

Eliasaph. In dem dunklen Glaubenszustand, worin ihr gestorben seid, stand ich auch; aber nicht gar lange vor meinem Tod kam ich durch die Bekehrung eines großen Sünders zur Erkennt­nis und zum Licht. Dieser Mann hatte viele Jahre in allerhand Lastern und in der ausschweifendsten Sinnlichkeit gelebt; als er nun einstmals in einer Gesellschaft von Sündern seinesglei­chen die ganze Nacht durch mit ihnen getobt hatte, so entstand des Morgens ein Zank unter ihnen, es kam zu Schlägen, und einer aus der Gesellschaft wurde tötlich verwundet. Dieser Un­glückliche empfand nun vor seinem Ende die ganze Wut der Hölle in seiner Seele, seine Bekenntnisse und seine Klagen waren schrecklich und herzbrechend; dadurch wurde jener Mann so tief erschüttert, daß er in der größten Angst seiner Seele ausrief:

"Herr, was soll ich tun, daß ich selig werde?"

Ein frommer Prediger seines Orts nahm sich hierauf seiner an, er führte ihn durch einen seligen Bußkampf zum lebendigen Glauben an den Versöhnungstod unseres Erlösers. Dieses tat auch völlige Wirkung an ihm: denn von nun an brachte er auch die edelsten Früchte dieses Glaubens, und ich erfuhr nun in der Tat, das es ewig wahr sei, was der Herr sagt: "Es wird mehr Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Denn gegen diese Wärme, diese unaussprechliche Liebe zum Erlöser und diesen Ernst, im Christentum und überall Gutes zu wirken, war mein ganzer Wirkungskreis tot und ein bloßer Schatten. Jetzt entstand eine Unruhe und ein Sehnen in mir, das mit nichts zu vergleichen war. Ich prüfte mich tief und fand nun, daß der große Opfertod des Herrn an ihm seine Wirkung noch nicht getan habe. Diese Entdeckung beugte mich in den Staub; ich kämpfte einen schweren Kampf, bis alle subtile Höhen eigener Gerechtigkeit geebenet, ich zur wahren Demut und Erkenntnis meines Nichts gebracht wurde.

Jetzt durchstrahlte mein inneres Wesen ein reines, geistiges, himmlisches Licht, in welchem ich das Geheimnis des großen Opfertodes Jesu und sein Hohepriestertum nach der Ordnung Melchisedeks erkannte, und nun wurde auch mein Herz so warm, daß es vor Liebe und Dankbarkeit über diese unaussprech­liche Gnade Gottes gegen die Menschen hätte zerschmelzen kön­nen; jetzt erst fühlte ich meinen ganzen Willen geneigt, für Ihn den Tod zu leiden, und von nun an brachte mein Glaube erst wahre Früchte der Heiligung. In diesem Zustand blieb ich nun auch, bis ich endlich abgefordert und so lange an diesen Ort versetzt wurde, bis ich diejenigen, die ich auf dem Wege des Lebens geführt, auch zu diesem herrlichen Licht gebracht habe.

Eljada. Aber sage mir doch, verklärter Lehrer, wo haben wir es eigentlich versehen?

Eliasaph. Ich will euch nun über alles, was diese Sache betrifft, hinlänglichen Aufschluß geben. Es gibt sehr viele Menschen, die entweder von Jugend auf christlich erzogen wurden und daher langsam und allmählich geändert und gebessert werden, oder auch solche, die durch Bücherlesen und erbauliche Predigten be­wegt werden, von nun an von ganzem Herzen Gott zu dienen. Wenn nun solche Seelen nicht an Führer geraten, die ihnen den nächsten und richtigen Weg zeigen, sondern wenn sie sich selbst überlassen sind, oder auch Bücher lesen oder Menschen finden, die ihnen das innere verborgene Leben mit Christo in Gott empfehlen, so überspringen sie die enge Pforte, üben sich im Wandel in der Gegenwart Gottes, und wenn sie es auch von Her­zen und redlich meinen, so geht' s ihnen, wie es uns allen Fünfen ergangen ist, sie müssen dann hier im Kinderreich noch das nach­holen, was sie gleich anfangs hätten tun sollen.

Eljada. Aber jene Bücher oder Menschen, die das verborgene Leben mit Christo in Gott oder die reine Mystik empfehlen, sind doch wohl nicht schädlich?

Eliasaph. Keineswegs, - aber sie sind nicht für Anfänger, sie sind keine Milch für Säuglinge im Christentum, sondern dann, wann der Christ die erste Periode durchgegangen hat, dann erst sind solche Schriften sehr nützlich; denn sie erhalten ihn im Ernst und treiben ihn an zum Wachen und Beten, weil er sonst, wenn er den Bußkampf vollendet und die gnädige Vergebung seiner Sünden tief in seiner Seele empfunden hat, sich gar leicht auf dieses Faulbettchen hinlagert, einschläft und nun in süßen Träumen vom Verdienst Christi seine Lebenszeit verschlummert.

Eljada. Nun sage es doch, himmlischer Bruder, was solche Christen und was wir hätten tun müssen?

Eliasaph. Wenn der Mensch sich unwiderruflich entschlossen hat, ein wahrer Christ, das ist, ein Mensch zu werden, wie er seiner ursprünglichen Bestimmung allen seinen Anlagen nach werden soll, so ist das allererste, was er zu tun hat, daß er einen festen unwiderruflichen Entschluß faßt, ganz nach dem Willen Gottes zu leben, seinen eigenen Willen ganz zu verleugnen und mit Wachen und Beten in der Gegenwart Gottes zu wandeln, so wie auch wir uns dies alles zu tun bestrebt haben. Dies muß aber nun mit einem ebenso wichtigen Hauptpunkt verbunden werden, welchen wir versäumt haben. Jetzt muß er auch sein Leben aufs genaueste prüfen, sich alle die Sünden, die er von jeher begangen hat, lebhaft und mit ihren Folgen vorstellen. Die Heiligkeit und die Gerechtigkeit Gottes, mit allen ihren Forderungen an die Menschen, wohl erwägen und auch in seinem veränderten Zustande alle seine Gedanken, Worte und Werke genau und un­parteiisch prüfen und sie gegen jene göttlichen Forderungen hal­ten, damit er nach und nach sein unergründliches Verderben und seine Ohnmacht, den Willen Gottes zu erfüllen, nicht bloß ein­sehen, sondern auch empfinden möge! Denn wenn dies unter­lassen wird, so kommt der Mensch nie zur gründlichen Einsicht seines unaussprechlich großen Verderbens, folglich auch nicht zu der wahren Demut, ohne welche keiner ein Bürger des Himmels werden kann; ebenso wenig kann dann auch eine unüberwind­liche Sehnsucht nach der Erlösung durch Christum entstehen, weil man dies Bedürfnis nicht dringend empfindet. Mithin schwebt man so zwischen Himmel und Erden fort: man glaubt gutmütig, damit man glaube, man wird in der Treue im Wan­del vor Gott zwar vor schweren Sünden bewahrt, aber man ge­langt nicht zur wahren lebendigen Liebe zu Gott und Christo, und daher auch nicht zur wahren lebendigen Liebe zu dem Nächsten. Seht, ihr Lieben, das ist' s, woran es uns gefehlt hat und woran es noch vielen guten und redlich denkenden Seelen fehlt, die den mystischen Weg zum Leben gewählt haben; sie sind streng im Urteil gegen andere, weil sie sich selbst nicht genug kennen und sich für besser halten, als sie sind.

Senir. So wie es dem Blindgeborenen sein mußte, als ihm der Herr sein Gesicht gab, so ist es mir jetzt; mir fällt eine Hülle von meinem Blick in mein Inneres weg. Ich bin nackend ausge­zogen, und was ich vorhin nur kalt und tot wußte, das fühle ich nun warm und lebendig, nämlich, daß alles Gute an mir lauter Gnade Gottes, und alles Übrige ein Greuel in den Augen des Allerheiligsten ist. - Ach Gott, ich schäme mich, wie Adam, als er sich nackend fand; ich möchte mich ins fernste Dunkel hüllen - hier in der Wohnung der Seligen kann ich nicht bleiben.

Eljada. Das ist aufs genaueste auch meine Empfindung. ­Ach, Bruder Senir, laß uns wegeilen, wie können wir in dieser Blöße hier bleiben? (Beide suchen sich zurückzuziehen.) Eliasaph. Bleibt, Brüder, wir wollen uns in meine Wohnung an einen dunklen Ort verfügen - es ist noch einiges in eurem Innern zu enthüllen. -

Hierauf führte sie Eliasaph hinab in eine dunkle Halle, die nur darin vom Hades verschieden war, daß hier Himmelsluft wehte. Dann fuhr er fort:

Untersucht euch nun genau und prüft euch, ob nicht noch ein verborgenes Etwas in eurem Innern ist, das euch von dem Zu­fluchtnehmen zu Christo zurückgehalten hat?

Senir. Dies verborgene Etwas ist mir aufgedeckt, es besteht in folgender Bibellehre:

Das ganze verdorbene Menschengeschlecht liegt unter dem Fluch und Zorn Gottes. - Das ganze Geschlecht von Adam an bis auf den letzten Menschen, der geboren wird, hat den leib­lichen Tod und die ewige Verdammnis verdient, und es kann nicht anders begnadigt, der Zorn Gottes nicht anders gestillt werden, als wenn sich ein vollkommen unschuldiger, sünden­freier Mensch freiwillig hingibt und den schrecklichen Tod, den sogar der größte Verbrecher kaum verdient, für das menschliche Geschlecht leidet. Dazu wurde nun der Gottmensch Christus be­stimmt, und um das menschliche Geschlecht an diese Vorstellung zu gewöhnen, so mußten von Anbeginn an Tiere, unschuldige, reine Geschöpfe geschlachtet und für die Sünden der Menschen geopfert werden, weil ohne Blutvergießung keine Vergebung möglich ist - bis daß Christus das große Opfer vollendet hatte.

Dies ist unstreitig die Lehre der heiligen Schrift von der Er­lesung des Menschen und seiner Versöhnung mit Gott. Wir haben sie aus Ehrfurcht gegen Gott und sein heiliges Wort ge­glaubt, aber immer widersprach unser inneres Gefühl von Recht und Unrecht diesem Begriff und hinderte uns, ihn von ganzem Herzen anzunehmen. Dies ist eigentlich der Grund von allem, was uns noch am wahren Glauben mangelte.

Eliasaph. Du hast den rechten Punkt getroffen, lieber Bruder!

Das war auch unser Knoten, den wir lange nicht lösen konnten, der aber sehr leicht zu lösen ist, wenn man nur den rechten Hand­griff weiß. -

Gott schuf den Menschen rein und unsterblich und setzte ihn in eine Lage, wo er sich, seiner anerschaffenen Bestimmung ge­mäß, immer mehr vervollkommnen und zugleich auch immer glückseliger werden konnte; zugleich warnte er ihn vor einer Frucht, weil deren Genuß den Samen des Todes in seine Natur bringen würde.

Nun trat der Versucher herzu und sagte: Die Frucht kann euch doch Gott unmöglich verboten haben, denn wer sie genießt, der wird Gott gleich, und erkennt, was gut und böse ist. Daß dies der Mensch in seinen Willen aufnahm - daß nun der Gedanke in ihm aufstieg: "Also mißgönnt dir Gott diese Ähnlichkeit", und daß er nun mit dem Ungehorsam gegen den göttlichen Befehl auch noch die Empörung verband und seinem Schöpfer zum Trotz gleich sein wollte, das alles zusammen machte seinen Fall aus.

Dieser Fall zog nun folgende unvermeidliche Folgen nach sich: 1) durch den Genuß der verbotenen Frucht wurden alle sinn­lichen Reize und Lüste bis ins Unendliche erhöht; und 2) wurde der Trieb zur Verähnlichung mit Gott in Selbstsucht verwandelt.

Beides mußte, der Natur des Menschen gemäß, erblich wer­den: denn beides teilte sich den Kindern durch die in sie über­gehenden Säfte und durch die Erziehung mit.

Jetzt war also die göttliche Natur dem Menschen widerwärtig. und ebenso dem reinen und heiligen Gott die menschliche Natur. Da jede Abweichung von den Gesetzen Gottes und der Na­tur bei dem vernünftigen Wesen, ihrer Anlage und Einrichtung nach, schmerzhafte Folgen nach sich ziehen muß, weil sie eben dadurch von jeder Abweichung abgeschreckt und auf der Bahn ihrer Bestimmung erhalten werden sollen, indem vernünftige Wesen ja notwendig frei sein müßten, so war dies nun bei dem Menschen der Fall. Die Anordnung, die er in seinen Körper gebracht hatte, machte ihn von der äußeren Natur und seinen eigenen Wirkungen abhängig, so daß nun Schmerzen, Krank­heiten und endlich der Tod unvermeidlich wurden. Dies alles ge­reichte ihm eigentlich zu seinem Besten, denn wenn er in seiner Selbstsucht auf Erden unsterblich geblieben wäre, so würde er den Satan an Bosheit übertroffen haben; darum ist auch in die­sem Sinne der Tod der Sünden Sold, das ist eine Belohnung für die Sünde.

Wenn sich nun die heilige Schrift der Wörter: Zorn Gottes, Fluch und dergl. bedient, so will sie damit anzeigen, daß die Wirkungen der heiligen, reinen, göttlichen Natur auf die ver­dorbene, in den Augen Gottes abscheulich gewordene mensch­liche Natur gerade die nämlichen sind, als wenn ein frommer Vater über seine ungeratenen Kinder zornig wird und sie mit seinem Fluch so lange belegt, bis sie sich bekehren und wieder seinem Willen gemäß leben. Die Bibel muß so reden, wenn sie dem gemeinen Menschenverstand verständlich sein möge. Die natürlichen schmerzhaften Folgen des Falls Adams werden also auch unter dem Bilde der Strafe eines Missetäters vorgestellt, ob sie gleich eigentlich alle miteinander Besserungsmittel, das ist, eben das sind, was ein guter Vater zur Züchtigung über seine Kinder verhängt, um sie zu bessern. Daß in dem Wesen Gottes keine Veränderung vorgehe, kein Zorn im eigentlichen Verstande möglich sei, das versteht sich von selbst; der Sünder emp­findet die Gottheit als ein verzehrendes Feuer und der begnadigte Christ als eine wohltätige, belebende und erwärmende Sonne.

Die Hauptsache aber, die dem vernünftigen Unverstand des philosophischen Geistes aller Zeiten am widersinnigsten vor­kommt, ist nun der Punkt, daß dieser Zorn Gottes nicht anders gestillt werden kann, als durch den Tod und Blutvergießen un­schuldiger Tiere, und endlich sogar des reinsten und besten Men­schen. Das ist nun den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine 'Torheit und der heutigen philosophischen Vernunft unerträglich, und doch braucht man nur den Geist aus dem Buchstaben zu entwickeln, so ist alles Gott geziemend und sehr vernünftig.

Ein schwaches Bild oder Gleichnis von diesem hochheiligen Geheimnis kann die unparteiische Vernunft schon ziemlich be­ruhigen. Gesetzt den Fall, eine ganze Familie hätte sich durch frevelhafte Unvorsichtigkeit eine sehr gefährliche und schmerz­hafte Krankheit zugezogen, so daß nun nichts anders als der schreckliche Tod unvermeidlich zu erwarten wäre; ein einziges Mittel aber wäre noch übrig, um diese Familie zu retten und sie wieder vollkommen gesund zu machen, wenn sich nämlich ein vollkommen gesunder Mensch dazu verstünde, sich das Blut bis auf den letzten Tropfen abzapfen zu lassen, welches dann jeder Kranke ordentlich und mit gehöriger Diät tropfenweise einneh­men müßte. Da sich nun niemand zu diesem tötlichen Opfer für die unglückliche Familie verstehen wollte, so entschlöße sich endlich der älteste Sohn freiwillig und aus lauter Liebe zu seinen Ge­schwistern und deren Erhaltung dazu, indem er allein von der Vergiftung rein geblieben wäre. Weil es aber noch einige Zeit an­stehen müßte, indem dieser Erlöser und Heiland noch vieles zu verrichten hätte, bis er das große Opfer übernehmen könnte, so müßten die Kranken bis dahin, um sie an die Blutarznei zu gewöhnen, das Blut reiner Tiere einnehmen. Sagt, Brüder, wäre es nun vernünftig, wenn man in diesem Falle die Natur oder gar ihren Schöpfer der Grausamkeit beschuldigen wollte, weil sie nicht anders als durch Blut versöhnt werden könnten?

Eljada. O himmlischer Bruder, wie beruhigend! Ach, füge nun auch noch die Anwendung dazu!

Eliasaph. Sehr gerne! - Die geistliche Krankheit der mensch­lichen Krankheit besteht darin:

1) Daß die sinnlichen Reize die Reize zur Frömmigkeit weit überwiegen und

2) daß die Liebe zu Gott, als dem höchsten Gut, in Selbstsucht verwandelt worden ist.

Wenn diese Krankheit nun gründlich geheilt werden soll, so ist eine allmächtige, allgegenwärtige, jedem menschlichen Geiste zugängliche, das ist, eine wesentliche göttliche Kraft nötig, welche, wenn sie von dem freien Willen des Menschen ergriffen wird, nach und nach seine sinnlichen Reize schwächen, die Triebe zur Gottähnlichkeit beleben, den Blick in die abscheulichen Greuel des menschlichen Herzens und in die Tiefen der gött­lichen Liebenswürdigkeit erhellen, und so den Menschen wieder zu seiner wahren Bestimmung erheben kann.

Hierzu ist aber der einfache Geist Gottes nicht geeignet. Er kann sich keinem endlichen, und noch dazu so widrigen Wesen unmittelbar mitteilen. Es muß ein Mittelwesen da sein, das glei­cher Natur mit diesem Geiste Gottes und auch mit dem Menschen ist. Dieses Mittelwesen muß unzertrennlich mit dem Geiste Got­tes vereinigt sein, mit ihm nur ein Wesen ausmachen; es muß durchaus wahre, aber vollkommen reine menschliche Natur sein. Das Mittelwesen muß in allen möglichen Leiden, die nur irgend einem Menschen zustoßen können, unfehlbar zu helfen fähig sein. Es muß die allerschwersten Leiden, folglich die höchste See­lenangst und die größten Körperschmerzen, unter Schmach, Spott und Verachtung, mit der vollkommensten Sanftmut und Liebe, sogar gegen seine Peiniger erduldet und siegreich bestanden haben. Wenn nun dieser durch alle Proben bewährte Geist Christi in Vereinigung des Geistes Gottes auf irgend einen Lei­denden wirkt, so teilt er diesem seine eigene, in eben der Probe errungene Überwindungskraft mit und stärkt ihn zum Sieg.

Durch diesen Leidensweg wird nun aber auch diese menschliche Natur des Mittlers zur höchsten moralischen, und da sie nun auch mit dem Geist Gottes wesentlich und unzertrennlich vereinigt ist, zugleich auch zur göttlichen Würde erhoben; folglich in Verbindung mit diesem göttlichen, allwissenden und allmächtigen Geiste fähig, die Weltregierung zu versehen.

Diese Regierung geschieht nun folgendergestalt: Der allwaltende göttliche Geist Christi wirkt auf eine höchst weise, end­lichen Wesen unbegreifliche Art, durch unsichtbare Kräfte durch das Wort Gottes und daraus herfließende mündliche Lehren und Schriften. Der Geist Christi wirkt durch die äußere Natur, auch wohl unmittelbar selbst, auf die Gemüter der Menschen sowohl der Christen als der Nichtchristen, doch so, daß der Wille des Menschen vollkommen frei bleibt. Diejenigen nun, die diesen Winken und Vorstellungen folgen, ihren Willen ganz von sei­nem Geist leiten lassen und sich so seiner Führung übergeben, diese werden nach und nach in seine Natur vergestaltet. Sie sündigen immer weniger, und dadurch, daß sie durch Liebe, Demut und Sanftmut überall gegen die Wirkungen der verdorbenen menschlichen Natur kämpfen, werden sie Werkzeuge der Welt­regierung und des großen Erlösungswerkes. Alle Sünden aller Menschen werden nach und nach durch ihre Folgen Quellen un­endlichen Segens, Werkzeuge zur Vervollkommnung, Heiligung und Seligkeit aller Kinder des gefallenen Adams. Auf diese Weise wird dann die Erlösung vollkommen vollbracht, der Ge­rechtigkeit Gottes genug getan, und die Menschheit mit der Gottheit versöhnt, indem sie ihr Ebenbild wieder errungen hat.

Diese ganze Vorstellungsart aber ist für den gemeinen Menschenverstand, besonders unkultivierter Völker, und überhaupt der großen und allgemeinen Menschenklasse durchaus nicht faß­lich, und noch weniger fähig, harte Herzen zu rühren und dem heiligen Geist zugänglich zu machen, - deswegen wählte er in der heiligen Schrift immer die sinnlichsten, treffendsten, aber auch zusammenhängendsten Bilder, um jene erhabene Dinge und Wahrheiten auch dem einfältigsten und ungebildetsten Men­schen faßlich und tief rührend zu machen. Wie kann demnach das Erlösungswerk rührender und dem dümmsten Menschen be­greiflicher vorgestellt werden, als auf folgende Weise:

Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, ist aller Menschen Vater. Er schuf die Stammeltern heilig und gut, und setzte sie in ein gar herrliches Land, wo sie den Himmel auf Erden hatten. Nun verbot er ihnen aber von einer schädlichen Frucht zu essen, weil sie davon krank und sterblich werden würden, sie ließen sich aber durch ein böses feindseliges Wesen verführen, so daß sie doch von der Frucht aßen, und also ungehorsam und feind­selig gegen Gott, aber nun auch krank und sterblich wurden. Darüber wurde nun der große himmlische Vater sehr zornig, und nun erklärte Er den ungehorsamen Kindern, daß sie augenblick­lich aus dem guten Lande weg müßten, damit sie nicht noch gott­loser würden; Mühe, Jammer und Trübsal aller Art, und end­lich der Tod, mußten nun ihr unvermeidliches Schicksal sein, nun ihre sinnlichen Triebe im Zaum zu halten. Ob Er sie nun gleich ihrer woh1verdienten Strafe auf ewig überlassen und sie ganz verstoßen könnte, so wollte Er sich doch mit unendlicher Liebe ihrer erbarmen, und ihnen wieder ein Mittel an die Hand geben, wodurch sie, wenn sie es richtig brauchten, nach ihrem Tode eine unaussprechliche große Seligkeit erlangen könnten: es würde einst zu seiner Zeit ein vollkommen Heiliger aus ihrem Geschlecht erscheinen, der würde eine so große Liebe zu seinen Brüdern, den Menschen, haben, daß er ganz freiwillig und unge­zwungen alle die schrecklichen Strafen, die die Menschen durch ihren Ungehorsam und Sünden verdient hätten, auf sich nehmen und den schrecklichen Tod für sie ausstehen würde. Wer nun mit herzlicher Liebe auf diesen Erlöser hoffte, um seinetwillen gern alles erduldete, von Herzen an ihn glaubte, und den Willen Got­tes nach allen seinen Kräften befolgte, der würde selig werden. Um sich aber des großen Todes des Erlösers beständig zu erin­nern und ihn nicht zu vergessen, sollten sie von Zeit zu Zeit lebendige Tiere schlachten, besonders sollten sie auch dies Opfer bringen, wenn sie eine Sünde begangen hätten, und wenn dieses Opfer mit bußfertigem Herzen und mit dem Vorsatz geschehe, hinführe aus allen seinen Kräften die Sünde zu meiden, so wolle Er um des künftigen Erlösers willen ihnen gnädig sein usw.

Dies war eigentlich der in Bilder gehüllte Bibelbegriff des alten Bundes, der dem einen mehr, dem andern weniger klar sein mochte; überhaupt aber wurden die blutigen Opfer von An­beginn an, bei allen Heiden und entferntesten Nationen, als Ver­söhnungsmittel des Sünders mit Gott heilig geachtet und von keinem Volk unterlassen; woher es denn auch gewiß ist, daß schon die ersten Menschen hierüber eine göttliche Offenbarung und Befehl gehabt haben müssen, welches auch Abels Opfer 1. Mos. 4, 4 unwiderlegbar beweist. Zuverlässig wurde auch den ersten Menschen die Ursache und der Zweck der blutigen Opfer, ungefähr auf die Art, wie ich euch soeben gesagt habe, vorge­stellt. Allein die Unachtsamkeit ihrer Nachkommen machte, daß sie es außer Acht ließen und bloß bei ihren Opfern stehen blie­ben, indessen blieb denn doch eine dunkle Ahnung von einem künftigen Erlöser übrig, welche hernach durch den israelischen Gottesdienst, die Propheten und heiligen Männer immer klarer, deutlicher und ausführlicher gemacht wurde.

Als nun der Erlöser wirklich kam und das Erlösungswerk aus­führte - zu einer Zeit ausführte, als noch alle Welt zur Tilgung der Sünden Tiere opferte, so konnte ja keine zweckmäßigere Lehrart gewählt werden, als die, deren sich die Apostel bedienen, wenn sie sagten: "Hört nun auf zu opfern, Christus hat einmal für allemal seinen eigenen Leib zum blutigen Opfer für eure Sünden hingegeben. Glaubt nun an Ihn, folgt seinen Lehren und laßt euch durch seinen Geist regieren, so werdet ihr selig.

Und noch immer, wo die Menschheit längst die Opferideen vergessen hat, tut die apostolische Bekehrungsmethode die beste Wirkung. Man versuche es einmal, einem unbekehrten rohen Menschen die Erlösung auf die Art vorzutragen, wie ich sie euch faßlich gemacht habe, so wird man immer finden, daß es weiter keine Wirkung hervorbringt, als etwa eine kalte Bewunderung, in1 Fall er es auch begreift, dabei bleibt es dann. Auf das Herz und auf den Willen tut es gar keine Wirkung, daher ist diese Vorstellung blos für weit geförderte Seelen, die im dunklen Glauben stehen und deren Vernunft sich nicht beruhigen kann, und dann kann man auch der übermütigen philosophischen Ver­nunft dadurch zeigen, daß die Heilslehre nichts Unvernünftiges enthalte.

Sobald aber ein wahrer Christ, der diese Lehre aus Erfahrung predigen kann, sich der apostolischen Lehrart bedient, und einem solchen wilden und rohen Menschen Christum bekannt macht, wie er sich freiwillig und aus lauter Liebe für die Sünden der Menschen, zum schmählichsten Tod am Kreuz hingegeben und aufgeopfert habe, wie schrecklich also die Sünden in den Augen Gottes und wie groß die Menschenliebe des Erlösers sein müsse, so schmelzt das Herz wie Wachs, wenn anders noch Bekehrung möglich ist, und der heilige Geist bekennt sich augenblicklich zu diesem Vortrag und fängt seine Wirkung in dem weichgewor­denen Herzen an.

Man lese nur alle Missionsgeschichten, sowohl der Brüder- als anderer Gemeinden, so wird man diese Wirkungen allenthalben einerlei finden. Hottentotten und Grönländer, Malabaren und Eskimos, alle werden auf diese Art bekehrt, und alle bekommen den lammsartigen Sinn, den von jeher alle erlangten, die sich vom Geist des Herrn bewirken ließen.

Senir. Wir werden verklärt. Eljada! - Diese Rede hat unsern Glauben völlig erhellt.

Eljada. Gelobet sei der Erhabene, jetzt kennen wir erst den großen Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks recht, die Hülle ist weg, und wir glauben nun ganz an Ihn mit unbedingter Liebe, er mache nun aus uns, was Ihm wohlgefällt!

Auf einmal strahlte ein wunderbares siebenfarbiges Licht in diese Dunkelheit, und eine holde Stimme forderte sie alle fünfe ab in höhere Sphären.

 

 

 

 

Elim und Salem

Zwei Engel auf ihrer Reise zu Eickel's Sterbebette.

 

E l i m.

Du eilst mit schnellem Flug zur Erde nieder,

Wie Purpur glänzt dein silbernes Gefieder

Im Strahl vom ewigen Morgenrot.

Wo eilst du hin?

 

S a l e m.

Zu Eickel's Tod.

E l i m.

Zu Eickel's Tod, - zu ihm - dem Menschenfreund?

Der Tausende unaufgeblühter Kinder

In' s. Paradies verpflanzte - der dem Sünder

Den Weg zum Himmel wies -ist der gemeint?

 

S a l e m.

Der ist's! Ich hab' Befehl, den Todeskampf zu mildern,

Vor seinem Geist die Ehrenkron' zu schildern,

Die seiner harrt.

E l i m.

Ich geh' mit dir.

 

 

S a l e m.

Jehovah will' s - komm Bruder, folge mir!

Seitdem Johannes starb, seitdem Lebbäus litte,

War nie so ernst der Seraphinen Bitte,

Des Christen Tod und Übergang zu sehn.

Er sprach: - Es soll geschehn!

Sie werden dort auf Silberwolken sitzen

Um Eickel's. Bett, in ihren Händen blitzen

Die goldnen Harfen - wann der Todesengel zückt,

Den scharfen Pfeil in's Herze drückt,

Dann rauscht ihr Lobgesang.

 

 

E l i m.

Mein Bruder! Sage mir:

Du kanntest ihn, wem unsrer Fürsten war er gleich?

 

 

S a l e m.

Nicht Einem ganz - Sein Herz war weich

So wie Lebbäus Herz; Sein Geist entbrannte schier

Wie Petrus, wenn der Spötter Rotte lachte.

Doch, was ihn fast Johanni ähnlich machte,

Das war die sanfte Huld, die seinem Aug' entfloß,

Und stromweis - Liebe - in die Seele goß.

Die Wahrheit in Parabeln einzukleiden,

Durch Gleichnisse den Unsinn zu bestreiten,

Das hatt' er wohl vom Herren selbst gelernt,

Die Gründlichkeit von allem Schwulst entfernt,

Die flößt ihm Paulus ein. - Doch seine Sorgen

Für Menschenglück; die unbegrenzte Mühe

In seinem Dienst, das Ringen spät und frühe

Nach Licht und Kraft, von jedem Morgen

Bis in die Nacht, vermag kein Engel auszudrücken.

 

 

E l i m.

Wie glänzest du!

S a l e m.

Auch dein Gesicht ist Sonne,

Doch sage mir, wen füllet nicht mit Wonne

Ein solches Bild! Welch himmlisches Entzücken,

Den Willkomm bald vor Gottes Thron zu sehen!

 

 E l i m.

Komm, Salem! Komm, wir wollen stehen

An seinem Bett, die fromme Seele zu entbinden!

 

 

 

 

 

E i c k e l ' s   S t e r b e b e t t

 

Elim, Salem, Eickel.

 

E l i m.

Sieh! Wie er ruhig kämpft! - Komm! Weh' ihm Kühlung zu!

S a l e m.

Ich tu's; - der Zukunft Furcht entferne du,

Entferne weit von ihm das Schuldbuch seiner Sünden!

Der Herr hat's  weggetilgt.

E l i m.

Ich taue Morgenduft

Dem Kämpfer in's. Gesicht - die Himmels1uft

Verträgt er nicht - er fleht!

E i c k e l.

O welcher Friede,

Durchströmt mein Herz!

 

S a l e m.

Ein Echo von dem Liede

Des Chors, das aus der Höh'  hernieder tönt.

 

 

E l i m.

 

Er kommt!

S a l e m.

Wer kommt?

 

E l i m.

Ich wittre Totenluft! -

Der Todesengel kommt. - Er steigt aus seiner Gruft.

Ach Herr, erbarme dich!

- Sieh wie der Kranke stöhnt!

 

S a l e m.

Hilf, Bruder! Hilf! - Damit ich nicht erliege!

 

 

 

 

 

 

 

 

E l i m.

Ich habe Arznei von Golgatha zum Siege.

 

S a l e m.

Die wirkt! -

E l i m.

Ich ström' sie ihm ins Herz.

Sie lindert Krankheit - Tod - und jeden Schmerz.

Hör'! Die Posaune tönt! -

 

S a 1 e m.

Der Engel schwingt die Rechte,

Und zückt den Pfeil - gehüllt in Wetternächte

­Er zischt - und trifft! -

Der Todesengel

(mit einer Donnerstimme).

Du Menschenkind, sei Staub!

 

E l i m.

Sieh, wie er ringt! -

Wie ihm durch Mark und Bein der Todesschauer dringt! ­

Er stirbt!

 

S a l e m.

Wie dunkel ist es um uns her! -

Ihr Seraphinen! - Laßt die goldnen Harfen klingen!

Laßt ihren Silberton zum Ohr des Toten dringen!

Weckt ihn zum Leben auf!

 

E 1 i m.

Sieh, hoch und hehr! -

Weht Lebenskraft vom Thron Jehovas nieder;

Des Toten Geist ermann' sich wieder.

Sieh, wie der neue Mensch zum Engel sich verklärt!

 

E i c k e l.

Wo bin im jetzt? - Was hört mein Ohr? - Was fährt

So süß - und schauervoll durch alle meine Glieder?

Doch - Glieder hab' ich nicht - ich glänze - höre Lieder! 

Gott - welche Majestät! - Welch' Wohltun - welche Ruh! ­

Ich schwebe aufwärts - leicht - dem Thron der Liebe zu!

Wer seid ihr Strahlenmänner? --

 

S a l e m.

Deine Brüder! -

Sei froh! - Und selig! - Denn du lebest wieder,

Lebst ewig! - Komm! - Wir führ'n im Jubel dich

Zur Gottesstadt - Komm! - Und umarme mich!

 

E l i m.

Auch mich - du Gottesmann! Du hast mit Fleiß gesäet;

Jetzt erntest du - wer so lebt, der empfähet

Den Siegeskranz.

E i c k e l.

Herr Jesus! Welche Freude! -

So ist's denn wahr - was ich geglaubet habe! -

Und was ich ahnete jenseits dem Grabe?

o laßt mich, Brüder, -laßt noch einmal heute

Mich auf der Kanzel stehn! Jetzt könnt ich reden!

 

S a l e m.

Das geht nicht an! - Der Glaub' erringt die' Kron',

Das Schauen nicht; denn dieses ist schon Lohn

Für den, der glaubt.

E i c k e l.

Die für mich flehten, -

Mein Weib! - Die Freunde all - ach tröste sie!

 

E l i m.

Das tut der Herr - denn sie verläßt Er nie!

Sie hielten in der Prüfung aus wie du:

Vom goldnen Altar strömet hohe Ruh

Tief in ihr Herz.

E i c k e l.

Mein liebes Elberfeld! -

Du Acker Gottes - sei gesegnet! - Blühe!

Sei fruchtbar! - Herr! Bekröne doch die Mühe

Der Brüder dort! - Der Brüder in der ganzen Welt! -

 

S a l e m.

Schwing dich hinauf - hinauf zum Vaterland! ­

Ihr Seraphinen all - die Harfen nehmt zur Hand:

Und tönt den Sieg'sgesang den Sonnenweg hinan!

Wir führ'n ihn im Triumph durch diese Sternenbahn!

Gerades Wegs zum Thron.

 

E l i m.

Wie festlich ist es heute! -

 

E i c k e l.

Ich schweige, staun' - bet' an - Gott, ich vergeh' vor Freude!

 

C h o r.

Lob, Preis und Dank, dir Herrscher auf dem Throne!

Vor deiner Majestät erbebt die ganze Welt.

Lob, Preis und Dank, dem urgeschaffnen Sohne!

Der immer noch den Sieg behält.

 

Sie rotten sich, die Feinde seiner Krone

Und drohen seinem Reich den vollen Untergang.

Sie treten auf, und nähern sich mit Hohne

Dem Ewigen, mit Mut und Drang.

 

Er siehet sie, noch lächeln seine Blicke

Auch der Empörung Huld, dem Aufruhr Gnade zu.

Noch hält sein Arm der Blitze Grimm zurücke,

Gebeut der Rache-Flamme Ruh.

 

Noch sendet Er der Friedensboten viele,

Er sendet Eickel's hin und unterrichtet sie,

Sie retten dann noch manchen im Gewühle

Des Unsinns, und verzagen nie.

 

Dann aber wird sein Zorn zur Rache reifen,

Wenn solcher Männer Müh' vergebens wirkt und schafft,

Mit leisem Tritt wird lechzend sie ergreifen

Des Rächers Grimm in seiner Kraft.

 

Wie selig ist der Knecht, der ausgerungen

In diesem schweren Kampf, und nun gesieget hat!

Heil ihm! Ihm sei dies hohe Lied gesungen,

Zum Einzug in die Königsstadt.

 

Triumph! Es siegt der Herr durch seine Knechte!

Erzittert Welten all vor unserm Jubelton!

Triumph! Sinkt hin, ihr aller Himmel Mächte!

Und betet an vor seinem Thron!

 

Eickel vor dem Throne des Erlösers.

 

S a l e m.

 Dort ist der Herr! --

 

E i c k e l.

Allmächtiger! - Erbarmen! -

Das ahnet Keiner - was - und wie Du bist!

Wie furchtbar Liebe, Huld und Ernst gepaaret ist.

Du Unaussprechlicher! - Hab' Mitleid mit mir Armen! -

 

D e r  H e r r.

Komm her, mein Knecht! - Komm, ich bin dein Erlöser!

Du warst mir treu - und meine Gnad ist größer

Als deine Schuld. - Genieß, der Seligkeiten Fülle! -

 

D e r  C h o r.

Gelobet sei der Herr - und es gescheh' sein Wille! – Hallelujah! -

 

 

 

 

 

 

 

Wie denn von der Welt her nicht gehöret ist, noch mit Ohren gehöret, hat auch kein Auge gesehen, ohne Dich Gott! Was denen geschieht, die auf Dich Harren.
Jesaja 64

Elim und Salem

Zween Engel auf der Reiße zu Eickels Sterbebette.

Elim:

Du eilst mit schnellem Flug zur Erde nieder,

Wie Pupur glänzt dein silbernes Gefieder,

Im Stral vom ewgen Morgenroth.

Wo eilst Du hin?

Salem:

Zu Eickels Tod.

Elim:

Zu Eickels Tod? – zu ihm – dem Menschenfreund?

Der Tausende unaufgeblühter Kinder:

Ins Paradies verpflanzte – der dem Sünder

Den Weg zum Himmel wies – ists der gemeint?

Salem:

Der ists! – ich hab Befehl den Todeskampf zu mildern,

Vor seinm Geist die Ehren Kron zu schildern,

die seiner harrt.

Elim:

Ich geh mit dir.

Salem:

Jehova wills – komm Bruder folge mir!

Seitdem Johannes starb, seitdem Lebbäus litte,

War nie so ernst der Seraphinen Bitte,

Des Christen Tod und Uebergang zu sehn.

Er sprach: - es soll geschehn!

Sie werden dort auf Silberwolken sitzen

Um Eickels Bett, in ihren Händen blitzen

Die goldnen Harfen – wann der Todes Engel zückt,

Den scharfen Pfeil ins Herze drückt,

Dann rauscht ihr Lobgesang.

Elim:

Mein Bruder! Sage mir:

Du kanntest ihn, wem unsrer Fürsten war er gleich?

Salem:

Nicht einem ganz, - Sein Herz war weich

So wie Lebbäus Herz; - Sein Geit entbrannte schier

Wie Petrus, wenn der Spötter Rotte lachte.

Doch was ihn fast Johanni ähnlich machte,

Das war die sanfte Huld, die seinem Auge entfloß

Und Stromweis - Liebe – in die Seelen goß.

Die Wahrheit in Parabeln einzukleiden,

Durch Gleichnisse den Unsinn zu bestreiten

Das hatt er wohl vom Herren selbst gelernt.

Die Gründlichkeit von allem Schwulst entfernt,

Die flöst ihm Paulus ein. – Doch seine Sorgen

Für Menschen Glück; die unbegrenzte Mühe

In seinem Dienst; das Ringen spät und frühe

Nach Licht und Kraft, von jedem Morgen

Bis in die Nacht, vermag kein Engel auszudrücken.

Elim:

Wie glänzest Du!

Salem:

Auch dein Gesicht ist Sonne,

Doch sage mir, wen füllet nicht mit Wonne,

Ein solches Bild? – welch himmlisches Entzücken,

Den Willkomm bald vor Gottes Thron zu sehn!

Elim:

Komm Salem! – komm wir wollen stehen

An seinem Bett, die fromme Seele zu entbinden!

Eickels Sterbebette.

Elim, Salem, Eickel.

Elim:

Sieh! Wie er ruhig kämpft! – komm! Weh ihm Külung zu!

Salem:

Ich thuŽs; - der Zukunft Furcht entferne du,

Entferne weit von ihm das Schuldbuch seiner Sünden!

Der Herr hats weggetilgt.

Elim:

Ich thaue Morgenduft

Dem Kläger ins Gesicht; die Himmelsluft

Verträgt er nicht – er flieht!

Eickel:

O welcher Friede

Durchströmt mein Herz!

Salem:

Ein Echo von dem Liede

Des Chors, das aus der Höh hernieder tönt.

Elim:

Er kommt! –

Salem:

Wer kommt?

Elim:

Ich wittre Todenluft! –

Der Todes-Engel kommt – er steigt aus seiner Gruft.

Ach Herr erbarme Dich! – Sie wie der Kranke stöhnt!

Salem:

Hilf, Bruder! Hilf! – damit er nicht erliege!

Elim:

Ich habe Arzney von Golgatha zum Siege.

Salem:

Die würkt!!

Elim:

Ich ström sie ihm ins Herz.

Sie lindert Krankheit – Tod – und jeden Schmerz.

Hör! – die Posaune tönt! –

Salem:

Der Engel schwingt die Rechte,

Und zückt den Pfeil – gefüllt in Wetter Nächte –

Er zischt – und trift - !

Der Todes-Engel:

Mit einer Donnerstimme

Du Menschkind sey Staub!!! –

Elim:

Sieh wie er ringt! –

Wie ihm durch Mark und Bein der Todes Schauer dringt!

Er stirbt!! –

Salem:

Wie dunkel ist es um uns her!

Ihr Seraphinen! – lasst die goldnen Harfen klingen!

Laßt ihren Silberton zum Ohr des Toden dringen!

Weckt ihn zum Leben auf!

Elim:

Sieh hoch und hehr!

Weht Lebenskraft vom Thron JehovaŽs nieder,

Des Toden Geist ermannt sich wieder.

Sieh wie der neue Mensch zum Engel sich verklärt!!

Eickel:

Wo bin ich jetzt? – was hört mein Ohr? – was fährt

So süß – und schauervoll – durch alle meine Glieder?

Doch – Glieder hab ich nicht – ich glänze – höre Lieder!

Gott – welche Majestät! – welch Wolthun! – welche Ruh!

Ich schwebe aufwärts – leicht – dem Thron der Liebe zu!

Wer seyd ihr Stralen-Männer!

Salem:

Deine Brüder! –

Sey froh! – und seelig! – denn du lebest wieder –

Lebst ewig! – Komm! – wir führn im Jubel dich

Zu Gottesstadt – Komm! – und umarme mich!

Elim:

Auch mich – du Gottesmann! Du hast mit Fleiß gesäet,

Jetzt erndest du – wer so lebt der empfähet

Den Sieges Kranz.

Eickel:

Herr Jesus! – welche Freude! –

So ists denn wahr – was ich geglaubet habe! –

Und was ich ahndete jenseits des Grabe?

O lasst mich Brüder! Lasst noch einmal heute

Mich auf der Kanzel stehn! Jetzt könnt ich reden.

Salem:

Das geht nicht an! – Der Glaub erringt die Kron,

Das Schauen nicht; denn dieses ist schon Lohn

Für den der glaubt.

Eickel:

Die für mich flehten,

Mein Weib! – die Freunde all – ach tröstet sie!

Elim:

Das thut er Herr – denn die verlässt Er nie.

Sie hielten in der Prüfungaus wie du.

Vom goldenen Altar strömet hohe Ruh

Tief in ihr Herz.

Eickel:

Mein liebes Elberfeld!

Du Acker Gottes! Sey gesegnet! – blühe! –

Sey fruchtbar! – Herr! Bekröne doch die Mühe

Der Brücer dort! – der Brüder in der ganzen Welt!

Salem:

Schwing dich hinauf! Hinauf! – zum Vaterland! –

Ihr Seraphinen all! – die Harfen nehmt zur Hand!

Und tönt den Siegsgesang den Sonnenweg hinan!

Wir führn ihn im Triumph, durch diese Sternenbahn

Gerades Wegs zum Thron.

Elim:

Wie festlich ist es heute! - !

Eickel:

Ich schweige, staun – bät an – Gott! – ich vergeh für Freude!

Chor:

Lob, Preis und Dank, die Herrscher auf dem Throne!

Vor deiner Majestät erbebt die ganze Welt.

Lob, Preis und Dank, dem ungeschafnen Sohne!

Der immer noch den Sieg behält.

 

Sie rotten sich, die Feinde seiner Krone,

Und drohen seinem Reich den vollen Untergang.

Sie treten auf, und nähern sich mit Hohne

Dem Ewigen, mit Muth und Drang.

 

Er siehet sie, noch lächeln seine Blicke

Auch der Empörung Huld, dem Aufruhr Gnade zu.

Noch hält sein Arm der Blitze Grimm zurücke,

Gebeut der Flammen Rache, Ruh.

 

Noch sendet er der Friedenboten viele,

Er sendet Eickels hin, und unterrichtet sie.

Sie retten dann noch manchen im Gewühle

Des Unsinns, und verzagen nie.

 

Dann aber wird sein Zorn zur Rache reifen,

Wenn solcher Männer Müh vergebens würkt und schaft.

Mit leisem Tritt wird lechzend sie ergreifen

Des Rächers Grimm in seiner Kraft.

 

Wie seelig ist der Knecht der ausgerungen

In diesem schweren Kampf, und nun gesieget hat!

Heil ihm! Ihm sey dies hohe Lied gesungen,

Zum Einzug in die Königsstadt.

 

Triumph! Er siegt, der Herr, durch seine Knechte.

Erzittert Welten all! In unserm Jubelton.

Triumph! Sinkt hin! Ihr aller Himmel Mächte!

Und bätet an vor seinem Thron!

Eickel vor dem Thron des Erlösers

Salem:

Dort ist der Herr! - !

Eickel:

Allmächtiger! – Erbarmen! –

Das ahndet keiner – was – und wie Du bist!

Wie furchtbar Liebe, Huld und Ernst gepaaret ist.

Du unaussprechlicher! – hab Mitleid mit mir Armen! –

Der Herr:

Komm her mein Knecht! – komm ich bin dein Erlöser!

Du warst mir treu – und meine Gnad ist größer

Als deine Schuld. – Genieß der Seeligkeiten Fülle!

Der Chor:

Gelobet sey der Herr! – und es gescheh sein Wille!

Hallelujah! - !