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Meister
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_________________________________________ 1. Vom SchweigenWir begehen das Fest von
der ewigen Geburt, die Gott der Vater geboren hat und ohne Unterlaß in der
Ewigkeit gebiert, während dieselbe Geburt jetzt in der Zeit und in der
Menschennatur sich ereignet. Der heilige Augustin sagt, diese Geburt geschehe
immer. So sie aber nicht in mir geschieht, was hilft es mich dann? Denn daß
sie in mir geschehe, daran liegt alles. Wir haben ein Wort des
Weisen: »Da alle Dinge mitten in einem Schweigen waren, da kam in mich von
oben hernieder von dem königlichen Stuhle ein verborgenes Wort.« Von diesem
Wort soll diese Predigt handeln. »Inmitten des Schweigens
ward mir zugesprochen ein verborgenes Wort.« Ach, Herr, wo ist dies Schweigen
und wo ist die Stätte, in der dieses Wort gesprochen wird? Es ist in dem Lautersten,
das die Seele aufweisen kann, in dem Edelsten, in dem Grunde, ja, in dem
Wesen der Seele! Das ist das Mittel: Schweigen; denn da hinein kam nie eine
Kreatur oder ein Bild, und die Seele hat da nicht Wirken noch Verstehen, und
weiß kein Bild davon, weder von sich selbst noch von irgend welcher Kreatur. Alle
Werke, die die Seele wirkt, wirkt sie mit den Kräften. Alles, was sie
versteht, versteht sie mit der Vernunft. Wenn sie denkt, tut sie es mit dem
Gedächtnis. Wenn sie begehrt, tut sie es mit dem Willen, und dergestalt wirkt
sie mit den Kräften und nicht mit dem Wesen. All ihr Wirken nach Außen haftet
immer an einem Mittel. Die Kraft des Sehens bewirkt sie nur durch die Augen,
anders kann sie kein Sehen bewirken oder zustande bringen. Und ebenso ist es
mit allen andern Sinnen. All ihr Wirken nach Außen bewirkt sie durch ein
Mittel. Aber in dem Wesen ist kein Werk, daher hat die Seele im Wesen kein
Werk als die Kräfte, mit denen sie wirkt, die fließen aus dem Grunde des
Wesens, oder vielmehr: in diesem Grunde ist das Mittel Schweigen, hier ist
allein Ruhe und eine Wohnung für diese Geburt und für dieses Werk, daß Gott
der Vater allda sein Wort spreche, denn dieses ist von Natur nur dem
göttlichen Wesen ohne irgend ein Mittel zugänglich. Gott geht hier in die
Seele mit seinem Ganzen, nicht mit seinem Teil. Gott geht hier in den Grund
der Seele hinein. Niemand rührt an den Grund der Seele als Gott allein. Die
Kreatur kann nicht in den Grund der Seele, sie muß in den Kräften außen
bleiben. Da mag sie ihr Bild betrachten, mit Hilfe dessen sie eingezogen ist
und Herberge empfangen hat. Denn jedesmal, wenn die Kräfte der Seele mit der
Kreatur in Berührung kommen, nehmen und schöpfen sie Bilder und Gleichnisse
von der Kreatur und ziehen sie in sich. Auf diese Weise entsteht ihre
Kenntnis von der Kreatur. Die Kreatur kann nicht näher in die Seele kommen,
und die Seele nähert sich jeder Kreatur nur dadurch, daß sie zunächst willig
in sich ein Bild empfängt. Und von dem gegenwärtigen Bild aus nähert sie sich
den Kreaturen, denn das Bild ist ein Ding, das die Seele mit den Kräften
schöpft. Mag es ein Stein, ein Pferd, ein Mensch oder was immer sonst sein,
das sie kennen lernen will, immer nimmt sie das Bild hervor, das sie von
ihnen abgezogen hat, und auf diese Weise kann sie sich mit ihnen vereinigen.
Aber immer wenn ein Mensch auf diese Weise ein Bild empfängt, muß es notwendigerweise
von Außen durch die Sinne hereinkommen. Darum ist der Seele kein Ding so
unbekannt, wie sie sich selbst. Es sagt ein Meister, die Seele könne von sich
kein Bild schöpfen oder abziehen. Darum kann sie sich selbst ganz und gar
nicht kennen lernen. Denn Bilder kommen alle durch die Sinne herein: daher
kann sie kein Bild von sich selbst haben. Daher kennt sie alle andern Dinge,
nur sich selber nicht. Von keinem Ding weiß sie so wenig, wie von sich
selbst, um des Mittels willen. Und das müsset ihr auch wissen, daß sie innen
frei ist, und ohne alle Mittel und Bilder auskommt, und das ist auch die
Ursache, daß sich Gott frei mit ihr vereinigen kann ohne Bilder oder
Gleichnisse. Du darfst das nicht lassen, du mußt die Möglichkeit, die du
einem Meister zugestehst, Gott ohne alle Schranken zugeben. Je weiser aber
und mächtiger ein Meister ist, um so unmittelbarer geschieht auch sein Werk
und um so einfacher ist es. Der Mensch hat viele Mittel in seinen äußern
Werken; bis er diese Werke hervorbringt, wie er sie in sich gebildet hat,
dazu gehört viel Vorbereitung. Die Meisterschaft und das Werk des Mondes und
der Sonne sind Erleuchten; das tun sie gar schnell. Sobald sie ihren Schein
ausgießen, in demselben Augenblick ist die Welt an allen Enden voller Licht.
Aber über ihnen ist der Engel, der bedarf noch weniger der Mittel für seine
Werke und hat auch weniger Bilder. Der alleroberste Seraphim hat nur noch ein Bild. Alles was die unter ihm
Stehenden in Mannigfaltigkeit wahrnehmen, nimmt er in einem wahr. Aber Gott
bedarf keines Bildes und hat auch kein Bild: Gott wirkt in der Seele ohne
alles Mittel, Bild oder Gleichnis, ja, tief in dem Grunde, wo nie ein Bild
hinkam, als er selbst mit seinem eigenen Wesen. Das kann keine Kreatur tun. Wie gebiert Gott Vater
seinen Sohn in der Seele? Wie die Kreaturen tun, in Bildern und in
Gleichnissen? Wahrlich, nein! sondern: ganz in der Weise, wie er in der
Ewigkeit gebiert, nicht minder und nicht mehr. Ja freilich, wie gebiert er
da? Merket auf. Seht, Gott Vater hat eine vollkommene Einsicht in sich selbst
und ein abgründliches Durchkennen seiner selbst, ohne jedes Bild. Und so
gebiert Gott Vater seinen Sohn in wahrer Einsicht göttlicher Natur. Seht, in
derselben Weise und in keiner andern gebiert Gott der Vater seinen Sohn im Grunde
der Seele und in ihrem Wesen und vereinigt sich also mit ihr. Denn wäre da
irgend ein Bild, so wäre keine wahre Einheit da, und an der wahren Einheit
liegt all ihre Seelheit und Seligkeit. Es kann gefragt werden, ob
diese Geburt besser im Menschen geschehe und vollbracht werde, wenn er sein
Werk tue und sich so in Gott hineinbilde und hineindenke, oder wenn er sich
in einem Schweigen oder in einer Stille und in einer Ruhe halte und so Gott
in ihm spreche und wirke, wenn er also allein auf Gottes Werk in ihm warte? Ich weise darauf hin, meine
Reden und Werke sind allein guten und vollkommenen Menschen gewidmet, in
denen vor allem das würdige Leben und die edle Lehre unseres Herrn Jesu
Christi lebendig ist. Die sollen nun erfahren, daß das Allerbeste und
Alleredelste, wozu man in diesem Leben kommen kann, das ist, daß du
schweigest und Gott allda wirken und sprechen lassest. Wo alle Kräfte von
allen ihren Werken und Bildern abgezogen sind, da wird dies Wort gesprochen.
Darum sprach er: »Mitten im Schweigen
ward zu mir das heimliche Wort gesprochen.« Und darum, so du alle Kräfte
allermeist einziehen kannst und in ein Vergessen aller Dinge und ihrer Bilder
geraten, die du je in dich zogst, und je mehr du der Kreatur vergissest, um
so näher bist du diesem und um so empfänglicher. Könntest du aller Dinge
zumal unwissend werden, ja könntest du in ein Unwissen deines eigenen Lebens
kommen, wie es Sankt Paulus geschah, als er sprach: »Ob ich in dem Leib war
oder nicht, das weiß ich nicht, Gott aber weiß es wohl« - da hatte der Geist
alle Kräfte so ganz in sich gezogen, daß er des Körpers vergessen hatte, da
wirkte weder Gedächtnis noch Verstand, noch die Sinne, noch die Kräfte;
ebenso geschah es Moses, da er die vierzig Tage auf dem Berge fastete und
doch nicht schwächer wurde - so sollte der Mensch allen Sinnen entweichen und
all seine Kräfte nach innen kehren und in ein Vergessen aller Dinge und
seiner selber kommen. In diesem Sinne sprach ein Meister zur Seele: zieh dich
zurück von der Unruhe äußerer Werke, flieh also und verbirg dich vor dem
Gestürm äußerer Werke und inwendiger Gedanken, sie schaffen nur Unfrieden.
Aber wenn Gott sein Wort in der Seele sprechen soll, muß sie in Friede und
Ruhe sein, und dann spricht er sein Wort und sich selbst in der Seele, nicht
ein Bild, sondern sich selbst. Dionysius spricht: Gott hat kein Bild oder
Gleichnis seiner selbst, denn »gut« oder »wahr« gehört zu seinem Sein. Gott
wirkt alle seine Werke in sich selbst und aus sich selbst in einem
Augenblick. Du darfst nicht glauben, Gott habe, als er Himmel und Erde und
alle Dinge machte, heute eines gemacht und morgen das andre. Zwar schreibt
Moses so. Er wußte es gleichwohl viel besser: er tat es nur um der Leute
willen, die es nicht anders verstehen und fassen konnten. Gott tat nicht mehr
dazu als das eine: er wollte und sie wurden. Gott wirkt ohne Mittel und ohne
Bilder. Je mehr du ohne Bild bist, je mehr du seines Einwirkens empfänglich
bist, und je mehr du in dich gekehrt und selbstvergessen bist, um so näher
bist du diesem. Hierzu ermahnte Dionysius
seinen Jünger Timotheus und sprach: Lieber Sohn Timotheus, du sollst mit
unbekümmerten Sinnen dich über dich selbst hinausschwingen und über alle
deine Kräfte und über Weisen und über Wesen in die verborgene stille
Finsternis, auf daß du zu einer Erkenntnis des unbekannten übergöttischen
Gottes kommest. Es muß ein Wegsehen von allen Dingen sein. Gott verschmäht es
in Bildern zu wirken. Nun könntest du fragen: was
wirkt denn Gott ohne Bild im Grund und im Wesen? Das kann ich nicht wissen,
denn die Kräfte können nur in Bildern wahrnehmen und müssen alle Dinge in
ihrem eigenen Bild wahrnehmen und erkennen. Sie können nicht einen Vogel in
eines Menschen Bild erkennen, und darum, da alle Bilder von außen
hereinkommen, ist es ihr verborgen, und das ist das allernützlichste. Denn
Unwissen bringt sie zum Wundern, und bewirkt es, daß sie diesem nachjagt,
denn sie findet wohl, daß es ist, sie weiß nur nicht, wie und was es ist.
Wenn aber der Mensch die Ursache der Dinge kennt, sofort ist er auch der
Dinge müde und sucht wieder ein andres zu erfahren und hat doch immer einen
Jammer, diese Dinge zu wissen und hat doch kein Dabeibleiben, darum: die
unerkannte Erkenntnis hält sie bei diesem Bleiben und läßt sie doch nicht zur
Ruhe kommen. Davon sprach ein
heidnischer Meister ein schönes Wort zu einem andern Meister: Ich werde etwas
in mir gewahr, das glänzet in meiner Vernunft; ich merke wohl, daß es etwas
ist, aber was es sei, das kann ich nicht verstehen, aber es dünkt mich, wenn
ich es begreifen könnte, dann kennte ich alle Wahrheit. Da sprach der andere
Meister: Wohlauf, dem folge nach! Denn könntest du es begreifen, so hättest
du alles Gute beisammen und hättest ein ewiges Leben. In diesem Sinne sprach
auch Sankt Augustin: Ich werde etwas in mir gewahr, das meiner Seele
vorspielt und vorschwebt: würde das in mir vollendet und befestigt, das müßte
ewiges Leben sein. Es verbirgt sich und tut sich doch kund; es kommt aber auf
eine verstohlene Weise, als wolle es der Seele alle Dinge nehmen und stehlen.
Aber damit, daß es sich ein wenig zeigt und offenbart, wollte es die Seele
reizen und nach sich ziehen und sie ihres Selbst berauben und benehmen. Davon
sprach der Prophet: »Herr, nimm ihnen ihren Geist, und gib ihnen dafür deinen
Geist.« Das meinte auch die liebende Seele, als sie sprach: »Meine Seele
zerschmolz und zerfloß, als die Liebe ihr Wort sprach: als sie einging, da
müßte ich hinschwinden.« Das meinte auch Christus, als er sprach: »Wer etwas
um meinetwillen läßt, der wird hundertfältig wieder nehmen, und wer mich
haben will, der muß auf sich selbst und auf alle Dinge verzichten, und wer
mir dienen will, der muß mir folgen, er darf nicht dem Seinen folgen.« Nun könntest du sagen:
Wahrlich, Herr, ihr wollt den natürlichen Lauf der Seele umkehren! Ihre Natur
ist, daß sie durch die Sinne wahrnimmt und in Bildern; wollt ihr die Sache
umkehren? Nein! Was weißt du, was für Rangstufen Gott in die Natur gelegt
hat, die noch nicht alle beschrieben sind, ja, die noch verborgen sind? Denn
die von den Stufen der Seele schrieben, waren noch nicht weiter gekommen, als
ihre natürliche Vernunft sie trug; sie waren nicht auf den Grund gekommen,
daher mußte ihnen viel verborgen sein und blieb ihnen unbekannt. Alle
Wahrheit, die die Meister je lehrten mit ihrer eigenen Vernunft und ihrem
Verstand oder in Zukunft lehren bis an den jüngsten Tag, die verstanden nie
das mindeste von diesem Wissen und diesem Verborgenen. Wenn es schon ein Unwissen
heißt und eine Unerkanntheit, so hat es doch mehr in sich drinnen als alles Wissen
und Erkennen von außen: denn dies Unwissen des Äußern reizt und zieht dich
von allen Wissensdingen und auch von dir selbst. Das meinte Christus, als er
sprach: »Wer sich nicht selbst verleugnet und nicht Vater und Mutter läßt und
alles was äußerlich ist, der ist meiner nicht würdig.« Als ob er spräche: Wer
nicht alle Äußerlichkeit der Kreaturen läßt, der kann in diese göttliche
Geburt weder empfangen noch geboren werden. Ja, wenn du dich deines Selbst
beraubst und alles dessen, was äußerlich ist, dann findest du es in Wahrheit.
Zu dieser Geburt verhelfe uns Gott, der neu geboren ist in Menschengestalt,
daß wir armen Leute in ihm göttlich geboren werden, dazu verhelfe er uns
ewiglich. Amen. 2. Vom Unwissen»Wo ist, der geboren ist
als König der Juden?« - Höret nun, wie diese Geburt vor sich geht. Die ewige Geburt bringt
allewege großes Licht in die Seele, denn es ist die Art des Guten, daß es
sich ergießen muß, wo immer es ist. In dieser Geburt ergießt sich Gott mit
solchem Licht in die Seele, daß das Licht so groß wird im Wesen und im Grunde
der Seele, daß es sich hinausschleudert und in die Kräfte und auch in den
äußern Menschen überfließt. Dieses Lichtes wird der Mensch wohl gewahr. Stets
wenn er sich zu Gott kehrt, gleißt und glänzt in ihm ein Licht und gibt ihm
zu erkennen, was er tun und lassen soll, und viel gute Lehre, wovon er vorher
nichts wußte und verstand. »Woher weißt du das?« Merk auf. Dein Herz wird
mächtig angefaßt und von der Welt abgekehrt. Wie anders könnte das geschehen
als durch diese Erleuchtung? Die ist so zart und wonnig, daß dich alles
verdrießt, was nicht Gott oder göttlich ist. Sankt Augustin sagt: Es gibt
viele, die Licht und Wahrheit gesucht haben, aber nur immer draußen, wo sie
nicht war. Und dann sind sie zuletzt so weit abgekommen, daß sie nimmermehr
heim und nicht mehr hineinkommen. Wer also Licht finden will und
Unterscheidung aller Wahrheit, der warte auf diese Geburt in sich und im
Innern und nehme ihrer wahr: so werden alle Kräfte und der äußere Mensch
erleuchtet. Denn sowie Gott das Innere mit der Wahrheit berührt hat, so wirft
sich das Licht in die Kräfte und der Mensch versteht alsdann mehr als ihm
jemand lehren könnte. Daher spricht der Prophet: »Ich habe mehr gewußt als
alle, die mich je lehrten.« Hier erhebt sich eine
Frage. Da Gott Vater allein im Wesen und im Grund der Seele gebiert und nicht
in den Kräften, was geht es die Kräfte an? Was soll ihr Dienst hier, daß sie
sich herbemühen und feiern helfen sollen! Wozu ist das not, da in den Kräften
nichts geschieht? Das ist gut gefragt. Aber beachte die folgende
Unterscheidung. Eine jede Kreatur wirkt ihr Werk um eines Zweckes willen. Der
Zweck ist jederzeit das erste in der Meinung und das letzte im Werke. Daher
beabsichtigt Gott mit allen seinen Werken einen seelischen Zweck, das heißt:
sich selbst, und will die Seele mit all ihren Kräften zu ihrem Zweck führen,
das heißt: zu Gott selbst. Darum wirkt Gott all seine Werke, darum gebiert
der Vater seinen Sohn in der Seele, daß alle Kräfte der Seele zu ihrem Zwecke
kommen. Er trachtet nach allem was in der Seele ist, und ladet es alles zur
Bewirtung und zu Hofe. Nun hat sich aber die Seele mit den Kräften nach außen
zerteilt und zerstreut, jede in ihr Werk: die Sehkraft in das Auge, die Kraft
des Gehörs in das Ohr, die Kraft des Schmeckens in die Zunge, und daher sind
ihre Werke um so weniger im stände inwendig zu wirken: denn jede zerteilte
Kraft ist unvollkommen. Darum muß sie, wenn sie inwendig kräftig wirken will,
alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie von allen zerteilten Dingen zu
einem inwendigen Wirken sammeln. Sankt Augustin sagt: Die Seele ist mehr wo
sie liebt, als wo sie dem Leib Leben gibt. Ein Gleichnis: Es war
einmal ein heidnischer Meister, der hatte sich der Rechenkunst zugewandt, und
saß vor Stäben und zählte sie und ging seiner Wissenschaft nach. Da kam einer
und zog sein Schwert (er wußte nicht, daß es der Meister war) und sprach:
»Sprich schnell, wie du heißest, oder ich töte dich.« Der Meister war so sehr
in sich gekehrt, daß er den Feind nicht sah noch hörte, noch merken konnte,
was er wollte. Und als der Feind lange und viel gerufen hatte und der Meister
immer noch nicht sprach, da schlug ihm jener den Kopf ab. Dies war um eine natürliche
Kunst zu gewinnen. Wie ungleich mehr sollten wir uns allen Dingen entziehen,
und alle unsere Kräfte sammeln, um die einige, grenzenlose, ungeschaffene
ewige Wahrheit zu schauen und zu erkennen! Hierzu sammle alle deine Vernunft
und all dein Nachdenken: kehre das in die Tiefe, worinnen dieser Schatz
verborgen liegt. Wisse, wenn dies geschehen soll, mußt du allen anderen
Werken entfallen und mußt in ein Unwissen kommen, wenn du dies finden willst. Es erhebt sich wieder eine
Frage. Wäre es nicht angemessener, daß eine jede Kraft ihr eigenes Werk
behielte, und daß keine die andre an ihren Werken hindre, und daß sie auch
Gott nicht an seinen Werken hindre? In mir kann eine Art kreatürliches Wissen
sein, das nichts hindert, wie Gott alle Dinge ohne Hindernis weiß, wie es bei
den Seligen der Fall ist. Nun achtet auf den folgenden
Unterschied. Die Seligen sehen in Gott ein Bild, und in dem Bild erkennen sie
alle Dinge, ja Gott selbst sieht überhaupt nur in sich und erkennt in sich
alle Dinge. Er braucht sich nicht von einem zum andern zu wenden, wie wir es
müssen. Wäre es so bestellt in diesem Leben, daß wir allezeit einen Spiegel
vor uns hätten, in dem wir in einem Augenblick alle Dinge in einem Bilde
sähen und erkennten, so wäre uns Wirken und Wissen kein Hindernis. Da wir uns
nun aber von einem zum andern wenden müssen, darum können wir uns nicht bei
dem einen aufhalten ohne Hinderung des andern. Denn die Seele ist so ganz
verbunden mit den Kräften, daß sie mit ihnen überall hinfließt, wo sie
hinfließen, denn bei all den Werken, die sie wirken, muß die Seele dabei sein
und zwar mit Aufmerksamkeit, sie vermöchten sonst mit all ihrem Wirken ganz
und gar nichts. Fließt sie also mit ihrer Aufmerksamkeit äußerlichen Werken zu, so muß sie
notwendigerweise um so schwächer bei ihrem inneren Werke sein, denn zu dieser
Geburt will und muß Gott eine ledige, unbekümmerte, freie Seele haben, in der
nichts sein darf als er allein, und die auf nichts und auf niemanden warten
darf als auf ihn allein. Das meinte Christus, als er sprach: »Wer etwas
anderes liebt als mich, und Vater und Mutter und diesen anderen Dingen gut
ist, der ist meiner nicht wert. Ich bin nicht auf die Erde gekommen, um
Friede zu bringen, sondern das Schwert, auf daß ich alle Dinge abschneide,
und den Bruder, das Kind, die Mutter, den Freund von dir trenne, die fürwahr deine
Feinde sind.« Denn was dir lieb ist, das ist fürwahr dein Feind. Will dein
Auge alle Dinge sehen und dein Ohr alle Dinge hören und dein Herz aller Dinge
gedenken, so muß wahrlich von all diesen Dingen deine Seele zerstreut werden. Darum spricht ein Meister:
Wenn der Mensch ein inwendiges Werk wirken will, so muß er all seine Kräfte
in sich ziehen, wie in einen Winkel seiner Seele, und muß sich verbergen vor
allen Bildern und Formen, und da kann er dann wirken. Da muß er in ein
Vergessen und in ein Nichtwissen kommen. Es muß in einer Stille und in einem
Schweigen sein, wo dies Wort gehört werden soll. Man kann diesem Wort mit
nichts besser nahen als mit Stille und mit Schweigen: dann kann man es hören
und alsdann versteht man es ganz in dem Unwissen. Wenn man nichts weiß, dann
zeigt und offenbart es sich. Nun könntet ihr sagen:
Herr, ihr setzt all unser Heil in ein Unwissen. Das klingt wie ein Mangel.
Gott hat den Menschen geschaffen, daß er wisse; wo Unwissen ist, da ist
Verneinung und Leere. Der Mensch ist, das muß wahr sein, ein Tier, ein Affe,
ein Tor, solange er im Unwissen verharrt. Das Wissen aber soll sich formen zu
einer Überform, und dies Unwissen soll nicht vom Nichtwissen kommen,
vielmehr: vom Wissen soll man in ein Unwissen kommen. Dann sollen wir wissend
werden des göttlichen Unwissens, und dann wird unser Unwissen geadelt und
geziert mit dem übernatürlichen Wissen. Und hier wo wir uns empfangend
verhalten, sind wir vollkommener als wenn wir wirkten. Darum sprach ein
Meister, daß die Kraft des Hörens auf viel höherer Stufe stände als die Kraft
des Sehens, denn man lernt mehr Weisheit mit dem Hören als mit dem Sehen und
lebt hier mehr in der Weisheit. Man erzählt von einem heidnischen Meister,
daß seine Jünger, als er im Sterben lag, in seiner Anwesenheit von viel Kunst
und großer Erkenntnis redeten, da hob er sein Haupt noch als Sterbender auf
und hörte zu und sagte: »Fürwahr, ich möchte diese Kunst noch lernen, daß ich
sie in der Ewigkeit anwenden kann.« Das Hören bringt mehr herein, aber das Sehen
zeigt mehr hinaus. Und darum werden wir im ewigen Leben viel seliger sein in
der Kraft des Hörens als in der Kraft des Sehens. Denn das Werk des Hörens
des ewigen Wortes ist in mir, und das Werk des Sehens geht von mir, und beim
Hören bin ich empfangend, und beim Sehen wirkend. Unsere Seligkeit aber liegt
nicht an unsern Werken, vielmehr daran, daß wir Gott empfangen. Denn um so
viel höher Gott steht als die Kreatur, um so viel höher steht das Werk Gottes
als das meine. Ja, aus grenzenloser Liebe hat Gott unsere Seligkeit in ein
Empfangen gelegt, indem wir mehr empfangen als wirken, und bei weitem mehr
nehmen als geben, und jede Gabe bereitet die Empfänglichkeit für eine neue,
ja für eine größere Gabe, eine jede göttliche Gabe erweitert die Empfänglichkeit
und das Begehren nach einer größeren Empfängnis. Und darum sagen etliche
Meister, daß darin die Seele Gott ebenmäßig sei. Denn so grenzenlos Gott im
Geben ist, so grenzenlos ist auch die Seele im Vernehmen oder Empfangen. Und
wie Gott im Wirken allmächtig ist, so ist die Seele ein Abgrund des Nehmens,
und darum wird sie mit Gott und in Gott überformt. Gott soll wirken und die
Seele soll empfangen, er soll in ihr sich selbst erkennen und lieben, sie
soll erkennen mit seiner Erkenntnis und soll lieben mit seiner Liebe, und
darum ist sie viel seliger vom seinen als vom ihren, und ihre Seligkeit
beruht mehr in seinem Wirken als in ihrem. Den Sankt Dionysius fragten
seine Jünger, warum sie alle von Timotheus an Vollkommenheit überholt würden?
Da sprach Dionysius: Timotheus ist ein gottempfangender Mann. Wer sich darauf
recht verstünde, der überholte alle Menschen. Und so ist dein Unwissen nicht
ein Mangel, sondern deine oberste Vollkommenheit, und dein Nicht-tun ist so
dein oberstes Werk. Und so in dieser Weise mußt du alle deine Werke abtun und
all deine Kräfte zum Schweigen bringen, wenn du in Wahrheit diese Geburt in
dir erleben willst. Willst du den geborenen König finden, so mußt du alles,
was du sonst vielleicht findest, überholen und zu Boden werfen. Daß wir das
alles überholen und verlieren, was diesem geborenen König nicht wohlgefällt,
dazu verhelfe uns der, der darum zum Menschenkind geworden ist, damit wir
Gotteskind werden. Amen. 3. Von der DunkelheitMan liest im Evangelium,
als unser Herr zwölf Jahre alt war, da ging er mit Maria und Joseph nach
Jerusalem in den Tempel, und als sie von dannen gingen, da blieb Jesus im
Tempel, ohne daß sie es wußten, und als sie nach Hause kamen und ihn
vermißten, suchten sie ihn unter den Bekannten und Unbekannten und unter den
Verwandten und in der Menge und fanden ihn nirgends, sie hatten ihn in der
Menge verloren und mußten daher wieder hingehen, von wo sie gekommen waren,
und als sie wieder an den Anfang kamen, in den Tempel, da fanden sie ihn. So ist es in Wahrheit;
willst du diese edle Geburt finden, so mußt du alle Menge verlassen und mußt
zum Anfang zurückkehren und in den Urgrund, von dem du ausgegangen bist. Alle
Kräfte der Seele und ihr Werk sind bloß Menge; Gedächtnis, Verstand und Wille
vermannigfaltigt sich alle, darum mußt du sie alle lassen: Sinnlichkeit,
Vorstellungen und alles, worin du dich selbst findest oder suchst. Dann
kannst du diese Geburt finden, aber sonst wahrlich nicht. Er ward nie unter
Freunden oder Verwandten und Bekannten gefunden, vielmehr verliert man ihn da
völlig. Darum haben wir eine Frage
hierüber: ob der Mensch diese Geburt etwa finden könne in etlichen Dingen,
die zwar göttlich sind, aber von außen hineingetragen durch die Sinne, wie
einige Vorstellungen von Gott, zum Beispiel, daß Gott gut, weise, barmherzig
oder etwas dergleichen ist, was die Vernunft schöpfen kann und was auch
göttlich ist: ob man in all diesem diese Geburt etwa finden könne? In
Wahrheit, nein! Obwohl das alles gut und göttlich ist, ist es doch alles von
außen durch die Sinne hineingetragen worden: es muß alles von innen auf von
Gott herausquellen, wenn diese Geburt eigen und rein hineinleuchten soll, und
all dein Werk muß sich hinlegen und all deine Kräfte müssen den seinen dienen
und nicht den deinen. Soll dies Werk vollkommen sein, so muß es Gott allein
wirken, und du darfst es allein empfangen. Wo du mit deinem Willen und deinem
Wissen wahrhaft ausgehst, da gellt Gott wahrhaft und willig mit seinem Wissen
ein und leuchtet da in Klarheit. Wo sich Gott aber wissen will, da kann dein
Wissen nicht bestehen und zu nichts dienen. Du brauchst nicht zu wähnen,
deine Vernunft könne noch so wachsen, daß du Gott erkennen könntest, sondern
wenn Gott in dir göttlich leuchten soll, dazu fördert dich ein natürliches
Licht keineswegs, es muß vielmehr zu lauter Nichts werden und völlig
ausgehen; und dann kann Gott mit seinem Licht hineinleuchten und bringt all
das mit sich, das dir ausgegangen ist, und tausendfach mehr, und eine neue
Form dazu, die alles in sich schließt. Nun könntest du sagen:
»Wahrlich, Herr, was soll dann meine Vernunft, wenn sie so untätig stehen muß
ohne alles Wirken? Ist das der nächste Weg, daß ich mein Bewußtsein zu einer
unerkannten Erkenntnis erhebe, die es doch nicht geben kann? Denn erkennte
ich etwas, so wäre es nicht Unerkanntheit und wäre nicht frei und losgelöst:
soll ich denn ganz und gar in Dunkelheit stehen?« Ja gewiß, du wirst nie
besser stehen können als wenn du dich völlig in Dunkelheit und Unwissen
setzest. »Ach, Herr, muß ich alles abtun, läßt sich das gar nicht wenden?«
Nein, wahrhaftig, das läßt sich wirklich nicht wenden. »Was ist aber diese
Dunkelheit, wie heißt sie oder wie ist ihr Name?« Ihr Name ist lediglich:
Möglichkeit des Empfangens, das der seienden Dinge nicht bedürftig ist und
dahin sollst du gebracht werden. Und das läßt sich nicht ändern. Wie die
Materie nicht ruhet, bis sie mit allen Formen erfüllt ist, so ruht auch die
Vernunft nimmer, bis sie erfüllt ist mit allem, was in ihr möglich ist. Es spricht ein heidnischer
Meister: Die Natur hat nichts, was rascher wäre als der Himmel, der
überrascht alle Dinge mit seinem Lauf. Aber sicherlich! des Menschen
Bewußtsein überrascht ihn noch mit seinem Lauf. Bliebe es in seinem Vermögen
wirksam und hielte es sich unverhöhnt und unzerrissen von niedern und groben
Dingen, es flöge höher als der höchste Himmel und ließe nimmer ab, es käme in
das Allerhöchste und würde da gespeist und geführt von dem allerbesten Gut,
das Gott ist. Und darum ist es nützlich,
dieser Möglichkeit nachzufolgen, und sich frei und losgelöst zu halten, und
allein dieser Dunkelheit und diesem Unwissen nachzufolgen und nachzuhängen
und nachzuspüren und nicht davon abzulassen, so ist es dir wohl möglich, den
zu erreichen, der alle Dinge ist. Und je mehr in dir selbst Wüste ist und
Unwissenheit aller Dinge, je näher kommst du diesem. Von dieser Wüste steht
bei Jeremias geschrieben: »Ich will meine Freundin in die Wüste führen und in
ihrem Herzen mit ihr sprechen. « Das wahre Wort der Ewigkeit wird allein in
der Ewigkeit ausgesprochen, wo der Mensch Wüste ist und seiner selbst und
aller Mannigfaltigkeit entfremdet. Nach dieser Wüste und Fremde begehrte der
Prophet, als er sprach: »Ach, wer gibt mir Flügel wie die Taube hat, auf daß
ich fliegen könnte, wo ich Ruhe finde?«Wo findet man Ruhe und Rast? Wahrlich,
da wo man aller kreatürlichen Dinge entworfen und entwüstet und entfremdet
ist. In diesem Sinne sagt David: »Ich erwählte lieber, verworfen und
verschmäht zu sein im Haus meines Gottes, als große Ehren und Reichtum zu
haben in der Taberne der Sünder.« Nun könntest du sagen:
»Fürwahr, Herr, muß das immer und notwendig so sein, daß man aller Dinge
entfremdet und zerwüstet ist, äußerlich und innerlich, der Kräfte und ihrer
Werke, muß das alles hinab? Das ist ein schwerer Stand, wenn Gott den
Menschen so ohne seinen Aufenthalt läßt, wenn Gott der Menschen Verlassenheit
so dehnt, daß er nicht in ihm ist, leuchtend oder zusprechend oder wirkend,
wie Ihr hier lehret und meinet. Wenn der Mensch so in lauter Nichts steht,
ist es dann nicht besser, daß er etwas tue, um diese Dunkelheit und
Entfremdung zu vertreiben, zum Beispiel, daß er bete oder lese oder eine
Predigt höre oder andere Werke tue, was doch Tugenden sind, mit denen man
sich helfen soll?« Nein, das sollst du in Wahrheit wissen: ganz und sehr
stille und ganz und gar leer zu verharren ist dein allerbestes. Das merke.
Ohne Schaden kannst du dich nicht wieder irgend zu Dingen wenden. Das ist
sicher: du wärest gern bereit, ein Teil von dir und ein Teil von ihm, das
aber kann nicht sein. Du kannst des Bereitseins nicht einmal denken oder
begehren, wenn nicht Gott vorher, da ist. Gesetzt aber, es sei geteilt, das
Bereitsein und das Wirken oder Eingießen sei dein und sein, was ja möglich
ist, so mußt du wissen, daß Gott wirken und eingießen muß, sobald er dich
bereit findet. Du darfst nicht wähnen, es sei mit Gott wie mit der Person
eines Zimmermanns, der wirkt und nicht wirkt wie er will, es steht in seinem
Willen, wie er Lust hat zu tun und zu lassen. So steht es aber nicht um Gott:
sondern wenn Gott dich bereit findet, so muß er wirken und sich in dich
ergießen, ebenso wie wenn die Luft lauter und rein ist, die Sonne sich
ergießen muß und sich dessen nicht enthalten kann. Fürwahr, es wäre ein arg
großer Fehler an Gott, wenn er nicht große Werke in dich wirkte und großes
Gut in dich gösse, sowie er dich frei und entblößt findet. Es lehren uns die Meister,
daß in demselben Moment, wo die Materie des Kindes im Mutterleib bereit ist,
in demselben Augenblick gießt Gott in den Leib den lebendigen Geist, das
heißt die Seele, die des Leibes Form ist. Es ist ein Augenblick bereit zu
sein und einzugießen. Wenn die Natur auf ihr Höchstes kommt, so tritt Gottes
Gnade ein: in demselben Moment, wo der Geist bereit ist, geht Gott hinein ohne
Aufschub und ohne Zögern. Im Buch der Geheimnisse steht geschrieben, daß
unser Herr dem Volke entbot: »Ich stehe vor der Tür und klopfe und warte, wer
mich einläßt, mit dem will ich schmausen.« Du brauchst ihn nicht zu suchen,
nicht da und nicht dort: er ist nicht entfernter als vor der Türe des
Herzens, da steht er und harrt und wartet, wen er bereit findet, der ihm
auftue und ihn einlasse. Du brauchst ihn nicht in der Ferne zu rufen: ihn
kommt das Warten, bis du auftust, härter an als dich. Er bedarf deiner
tausendmal mehr als du seiner: das Auftun und das Hineingehen ist nur ein
Moment. Nun könntest du fragen: Wie
kann das sein? Ich empfinde ihn doch nicht. Nun paß auf. Das Empfinden ist
nicht in deiner Gewalt, sondern in seiner. So es ihm ansteht, so zeigt er
sich, und kann sich verbergen, so er will. Das mußt du wissen: Gott kann
nichts leer oder hohl lassen; daß irgend das geringste leer oder hohl sei,
das kann der Naturgott nicht leiden. Darum, wenn es dich dünkt, du fändest
ihn nicht und er sei nicht in dir, dem ist nicht so. Denn wäre irgend etwas
leer unterm Himmel, es wäre was es wollte, groß oder klein, so zöge es
entweder der Himmel zu sich hinauf, oder er müßte sich herniederneigen und
den Himmel hineingießen. Gott, der Meister der Natur, leidet es durchaus
nicht, daß irgend etwas leer sei. Darum steh still und wanke nicht, denn du
kannst dich zur Stunde von Gott abwenden und kommst dann nimmermehr zu ihm. Du könntest fragen: Soll
der Mensch sich kasteien, und versäumt er etwas, wenn er sich nicht in der
Busse übt? Höre. Alles Bußleben ist neben andern Ursachen darum erfunden, sei
es nun Fasten, Wachen, Beten, Geißeln, härene Hemden tragen, hart liegen oder
was sonst immer, das ist alles darum erdacht, weil der Leib und das Fleisch
sich allezeit dem Geist entgegengestellt. Der Leib ist ihm viel zu stark, ein
richtiger Kampf ist immerzu unter ihnen, ein ewiger Streit. Der Leib ist hier
kühn und stark, denn er ist hier zu Hause, die Welt hilft ihm, die Erde ist
sein Vaterland, ihm helfen hier alle seine Verwandten: die Speise, der Trank,
die Schönheit: das ist alles gegen den Geist. Der Geist ist hier fremd, aber
im Himmel sind alle seine Verwandten
und sein ganzes Geschlecht: da ist er gar heimisch. Um dem Geist zu Hilfe zu
kommen in dieser Fremde und das Fleisch etwas zu schwächen in diesem Streit,
damit der Leib den Geist nicht überwindet, darum tut man ihn den Zaum der
Bußübungen an und darum bedrückt man ihn, damit der Geist sich seiner
erwehren könne. Da man ihm das tut, damit er ein Gefangener sei, so lege ihm,
wenn du ihn tausendmal besser fangen und beladen willst, den Zaum der Liebe
an. Mit der Liebe überwindest du ihn am allerschnellsten und mit der Liebe
belädst du ihn am stärksten. Und darum stellt uns Gott mit keinen Dingen so
sehr nach, wie mit der Liebe. Denn mit der Liebe geht es just ebenso, wie mit
der Angel des Fischers. Der Fischer kann den Fisch nicht erhalten, wenn der
sich nicht an der Angel fängt. Wenn er nach der Angel schnappt, dann ist der
Fischer seiner sicher: wohin sich der Fisch dann wendet, hin oder her, der
Fischer hat ihn ganz sicher. So spreche ich auch von der Liebe: wer von ihr
gefangen wird, der hat das allerstärkste Band und doch eine süße Bürde. Wer
diese süße Bürde auf sich genommen hat, der erreicht damit mehr und kommt
weiter damit als mit all der Busse und Strenge, die je Menschen üben könnten.
Er kann auch sanft und geduldig alles tragen und leiden, was ihn trifft und
was Gott über ihn verhängt. Nichts macht dich Gott so eigen, und durch nichts
wird Gott dir so eigen als durch dieses süße Band. Wer diesen Weg gefunden
hat, der suche keinen andern. Wer an dieser Angel haftet, der ist so
gefangen, daß der Fuß und die Hand, der Mund, die Augen, das Herz und alles
was am Menschen ist, das muß alles Gott zu eigen sein. Und darum kannst du
diesen Feind niemals besser überwinden, daß er dir nicht schade, als mit der
Liebe. Wer in diesem Stricke gefangen ist und in diesem Wege wandelt, welch
Werk er immer wirke, das wirkt die Liebe. Seine Ruhe ist besser als eines
andern Wirken. Darum warte allein auf diese Angel, so wirst du selig
gefangen, und je mehr gefangen desto mehr befreit. Daß wir so gefangen und
befreit werden, dazu verhelfe uns der, der selber die Liebe ist. Amen. 4. Von stetiger FreudeDie Seele hat etwas in sich,
ein Fünklein der Vernünftigkeit, das nimmer erlischt, und in dies Fünklein
versetzt man das Bild der Seele als in das oberste Teil des Bewußtseins; und
es ist auch ein Erkennen in unsern Seelen, das äußern Dingen nachgeht,
nämlich das sinnliche und Verstandeserkennen, das in Gleichnissen und in der
Sprache vor sich geht, das verbirgt uns dies. Wie sind wir Söhne Gottes? Das
ist, daß wir ein Wesen haben mit ihm. Doch was wir darunter verstehen, daß
wir Söhne Gottes sind, das ist zu verstehen von dem äußern Verstehen und von
dem innern Verstehen. Das innere Erkennen ist, was sich vernünftig fundieret
auf das Wesen unserer Seele. Doch ist es nicht das Wesen der Seele, es ist
vielmehr darein gewurzelt und ist etwas vom Leben der Seele. Wir sagen, daß
das Verstehen etwas Lebendes der Seele sei, das heißt vernünftiges Leben, und
in diesem Leben wird der Mensch geboren zu Gottes Sohn und zu dem ewigen
Leben, und dies Erkennen ist ohne Zeit, ohne Raum, und ohne Hier und ohne
Jetzt. In diesem Leben sind alle Dinge eins und alle Dinge gemeinsam, alle
Dinge alles in allem und allem geeinigt. Gott macht, daß wir ihn
selbst erkennen, und sein Wesen ist sein Erkennen, und es ist dasselbe, daß
er mich erkennend macht, und daß ich erkenne, und darum ist sein Erkennen mein:
wie das, was der Meister lehrt und der Schüler gelehrt wird, ein und dasselbe
ist. Und wenn also sein Erkennen mein ist, und wenn seine Substanz sein
Erkennen ist und seine Natur und sein Wesen, so folgt daraus, daß sein Wesen
und seine Substanz und seine Natur mein ist. Und wenn also seine Substanz,
sein Wesen und seine Natur mein ist, so bin ich der Sohn Gottes. Seht,
Brüder, welche Liebe uns Gott geschenkt hat, daß wir Sohn Gottes heißen und
sein eigen. Merkt, wie wir Söhne Gottes
werden: wenn wir dasselbe Wesen haben, das der Sohn hat. Wie ist man der Sohn
Gottes oder wie weiß man es, wenn Gott niemandem gleich ist? Das ist wahr.
Wenn es also Gottes Natur ist, daß er niemandem gleich ist, so ist es
notwendig, daß wir dazu kommen, daß wir nichts sind, auf daß wir in dasselbe
Wesen gesetzt werden können, das er selbst ist. Daher kann ich, wenn ich dazu
komme, daß ich mich in Nichts umbilde und Nichts in mich umbilde, und
hinaustrage und hinauswerfe, was in mir ist, in das reine Wesen des Geistes
versetzt werden. Da muß alles ausgetrieben werden, was Gleichnis ist, daß ich
in Gott verwandelt werde und eins mit ihm werde und eine Substanz und ein
Wesen und eine Natur und der Sohn Gottes. Und wenn das geschehen ist, dann
ist nichts in Gott verborgen, was nicht offenbar wird und was nicht mein
wird. Denn dann werde ich weise und mächtig und ganz wie er und ein und
dasselbe mit ihm. Dann wird Zion ein Wahrsehender, ein wahrer Israel, das
heißt ein sehender Mann: Gott, denn ihm ist nichts verborgen in der Gottheit.
Da wird der Mensch in Gott geführt. Aber damit mir nichts verborgen bleibe
und alles offenbar werde, darf in mir kein Gleichnis und kein Bild mehr
vorhanden sein, denn kein Bild kann uns die Gottheit oder sein Wesen öffnen.
Bliebe irgend ein Bild in dir oder irgend ein Gleichnis, so würdest du nimmer
eins mit Gott. Damit du also mit Gott eins seist, darf nichts in dir
eingebildet oder ausgebildet sein, das heißt, alles was in dir verborgen ist,
muß offen und hinausgeworfen werden. Es gibt zweierlei Geburt
der Menschen: eine in der Welt und eine aus der Welt, das heißt geistig in
Gott. Willst du wissen, ob dein Kind geboren werde und ob es entledigt sei,
das heißt, ob du zu Gottes Sohn gemacht seist: solange du Leid in deinem
Herzen hast um irgend ein Ding [es sei denn um Sünde], solange ist dein Kind
nicht geboren. Hast du Herzeleid, so bist du nicht Mutter, du bist vielmehr
in der Gebarung und nahe der Geburt. Daran darfst du nicht zweifeln, wenn du
traurig bist um dich oder um deinen Freund, so ist es nicht geboren, es ist
aber nahe an der Geburt. Aber dann ist es vollkommen geboren, wenn der Mensch
von Herzen kein Leid empfindet um irgend ein Ding: dann hat der Mensch das
Wesen und die Natur und die Substanz und die Weisheit und die Freude und
alles was Gott hat, dann wird dieses Wesen des Sohnes Gottes unser und in
uns, und wir kommen in dieses Wesen Gottes. Christus sagt: »Wer mir
nachfolgen will, der verleugne sich selbst und hebe sein Kreuz auf und folge
mir.« Das heißt: Wirf alles Herzeleid hinaus, auf daß in deinem Herzen nichts
als stetige Freude sei. Dann ist das Kind geboren. Wenn dieses Kind in mir
geboren ist, sähe ich gleich meinen Vater und alle meine Freunde vor meinen
Augen tot, mein Herz wäre darum nicht bewegt. Aber würde mein Herz von diesem
bewegt, so wäre das Kind in mir nicht geboren, aber vielleicht wäre es nahe
der Geburt. Ich sage, Gott und die Engel haben so große Freude über jedes
Werk eines guten Menschen, daß dem keine Freude zu vergleichen ist. Darum
sage ich: wenn das Kind in dir geboren wird, so hast du so große Freude über
jedes gute Werk, das in dieser Welt geschieht, daß deine Freude die
allergrößte Stetigkeit wird, so daß sie sich nicht ändert. Und bin ich ganz
in das göttliche Wesen verwandelt, so wird Gott mein und alles was er hat.
Dann habe ich rechte Freude, die nicht Leid noch Pein von mir nehmen kann,
denn dann bin ich in das göttliche Wesen versetzt, wo kein Leiden Platz hat.
Wenn du also dazu kommst, daß du um nichts mehr Leid noch Kummer trägst und
daß dir alles eine reine Freude ist, dann ist das Kind in Wahrheit geboren.
Daß uns dies widerfahre, das walte Gott. Amen. 5. Von der Stadt der SeeleIntravit Jesus
in quoddam castellum et mulier qaedam excepit illum etc. (Luc. X, 38). Ich habe eben
ein Wörtlein auf lateinisch gesprochen, das im Evangelium steht und auf
deutsch also heißt: »Unser Herr Jesus Christus ging in ein Städtchen und ward
von einer Jungfrau empfangen, die ein Weib war.« Fürwahr, achtet nun
aufmerksam dieses Worts. Es muß notwendig so sein, daß der Mensch, von dem
Jesus empfangen ward, eine Jungfrau war. Jungfrau heißt soviel, wie ein
Mensch, der aller fremden Bilder ledig ist, so ledig wie er war als er nicht
war. Seht, nun könnte man fragen: Der Mensch, der geboren und zu vernünftigem
Leben vorgeschritten ist, wie kann der so frei von allen Bildern sein, wie
damals als er nicht war, da er doch viel weiß, und das sind alles Bilder: wie
kann er dann frei sein? Nun achtet auf die
Unterscheidung, auf die ich euch hinweisen will. Wäre ich so vernünftig, daß
alle Bilder, die je Menschen empfangen haben, und die in Gott selbst sind,
vernünftig in mir stünden, und zwar, daß ich sie, im Tun und im Lassen, ohne
Eigenschaft begriffen hätte, ohne Vor und ohne Nach, daß sie vielmehr in
diesem gegenwärtigen Nil frei und ledig nach dem liebsten Willen Gottes
stünden, um dem ohne Unterlaß
nachzukommen, dann wäre ich in Wahrheit Jungfrau, unbehindert von allen
Bildern, und wahrlich so wie ich war als ich nicht war. Wie die Meister
sagen, daß gleich und gleich allein eine Sache der Einheit sei, so muß auch
der Mensch keusch sein und Jungfrau, der den keuschen Jesus empfangen will. Ich sage ferner, daß eine
Kraft in der Seele ist, die nicht Zeit noch Fleisch berührt, sie fließt aus
dem Geiste und bleibt in dem Geiste und ist ganz geistig. In dieser Kraft ist
Gott allzumal grünend und blühend in aller Freude und in aller Ehre, wie er
in sich selber ist. Da ist so herzliche Freude und so unbegreiflich große
Freude, daß niemand genug davon sagen kann. Denn der ewige Vater gebiert
seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne Unterlaß, so daß diese Kraft den Sohn
des Vaters mitgebären hilft und sich selber denselben Sohn in der einigen
Kraft des Vaters. Und hätte ein Mensch ein ganzes Königreich oder allen
Reichtum der Erde, und ließe das rein um Gottes willen und würde einer der
ärmsten Menschen, der je auf Erden lebte, und gäbe ihm dann Gott so viel zu
leiden, als er je Menschen auferlegt hat, und litte er alles dies bis an
seinen Tod, und gäbe ihm dann Gott einen Augenblick zu schallen, wie er in
dieser Kraft ist: seine Freude würde so groß, daß all dies Leiden und diese
Armut dann noch zu klein wäre. Ja, gäbe ihm Gott gar hernach kein Himmelreich
mehr, er hätte dann doch noch zu großen Lohn empfangen für alles, was er je
gelitten: denn Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nu. Wäre der Geist
allezeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern.
Denn das Nu, worin Gott den ersten Menschen machte, und das Nu, worin der
letzte Mensch vergehen soll, und das Nu, worin ich spreche, die sind gleich
in Gott, und es ist nichts als ein Nu. Nun seht, dieser Mensch wohnt in einem
Licht mit Gott, darum ist in ihm weder Empfangen noch Nachfolgten, sondern
eine gleiche Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit gar viel abgenommen
und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum empfängt er nichts Neues von
künftigen Dingen und von keinem Zufall, denn er wohnt in einem Nu, allezeit
neu grünend und ohne Unterlaß. Solche göttliche Herrlichkeit ist in dieser
Kraft. Noch eine Kraft gibt es,
die auch unkörperlich ist: sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und
ist ganz geistig. In dieser Kraft ist Gott ohne Unterlaß glimmend und
brennend mit all seinem Reichtum, mit all seiner Süßigkeit und mit all seiner
Wonne. Wahrlich, in dieser Kraft ist so große Freude und so große maßlose
Wonne, daß niemand wahr genug davon sprechen und künden kann. Ich sage aber,
gäbe es einen einzigen Menschen, der hierin einen Augenblick in Wahrheit und
vernünftig die Wonne und die Freude schaute: alles was er leiden könnte und
was Gott von ihm gelitten haben wollte, das wäre ihm alles wenig und sogar
nichtig, ja ich sage: es wäre ihm zumal eine Freude und eine Wohltat. Ich habe manchmal gesagt,
es sei eine Kraft im Geiste, die allein frei sei. Zu Zeiten habe ich gesagt,
es sei eine Hütte des Geistes; zu Zeiten habe ich gesagt, es sei ein Licht
des Geistes; zu Zeiten habe ich gesagt, es sei ein Fünklein. Ich sage aber
jetzt: es ist weder dies noch das. Es ist überhaupt kein Etwas; es ist höher
über dies und das als der Himmel über der Erde. Darum nenne ich es jetzt in
einer edleren Weise als ich es früher nannte, und doch geht es über Edelkeit
und Gradunterschiede und Weisen hinaus und ist darüber erhoben. Es ist von
allen Namen frei und von allen Formen ganz los, ledig und frei, wie Gott in
sich selbst ledig und frei ist. Es ist so ganz eins und einfach, wie Gott
eins und einfach ist, daß man auf keine Weise es anschaulich machen kann.
Dieselbe Kraft, von der ich gesprochen habe, in der ist Gott blühend und
grünend mit all seiner Gottheit und der Geist in Gott, in derselben Kraft,
worin der Vater seinen eingeborenen Sohn gebiert, wahrlich wie in sich
selber, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben Sohn und sich selber,
und ist derselbe Sohn in diesem Licht, und ist die Wahrheit. Könntet ihr mit
meinem Herzen zuhören, ihr verstündet wohl, was ich spreche, denn es ist
wahr, und die Wahrheit spricht es selbst. Seht, nun paßt auf, so eins
und einfach ist diese Stadt in der Seele, von der ich euch spreche, und die
ich meine, und über alle Weise erhaben, daß die edle Kraft, von der ich
gesprochen habe, nicht würdig ist, jemals einen Augenblick hineinzublicken,
und ebenso die andere Kraft, worin Gott glimmt und brennt, die darf auch
niemals hineinblicken, so gar eins und einfach ist diese Stadt, und so über
aller Weise und allen Kräften ist dies einig Eine, daß ihm niemals Kraft oder
Weise zuschauen kann, ja nicht einmal Gott selbst. Mit guter Wahrheit! und so
wahr Gott lebt, Gott selbst schaut niemals einen Augenblick hinein und hat
nie hineingesehen, insofern er sich darstellt in einer Weise und in der
Eigenschaft seiner Personen. Dies ist gut zu verstehen, denn dies einig Eine
ist ohne Weise und ohne Eigenschaft. Und wenn daher Gott jemals hineinblicken
soll, so muß es ihn alle seine göttlichen Namen und seine persönliche
Eigenschaft kosten: das muß er alles vorher lassen, wenn er je hineinblicken
soll. Wie er einfach eins ist, ohne alle Weise und Eigenschaft: da ist er
nicht Vater und nicht Sohn und nicht heiliger Geist in diesem Sinne, und ist
doch ein Etwas, das nicht dies und nicht das ist. Seht, so wie er eins ist
und einfach, so kommt er in das Eine, das ich eine Stadt in der Seele heiße,
und sonst kommt er auf keine Weise hinein: sondern so kommt er hinein und ist
darin. In diesem Stück ist die Seele Gott gleich und auf keine andere Weise.
Was ich euch gesagt habe, ist wahr: dafür stelle ich euch die Wahrheit als
Zeugen und meine Seele als Pfand. Daß wir eine solche Stadt seien, in der
Jesus eingeht und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie
ich gesagt habe, das walte Gott. Amen. 6. Vom namenlosen GottUnser Herr sprach: »Frau,
die Zeit wird kommen und ist schon jetzt, wo die wahren Anbeter den Vater im
Geist und in der Wahrheit anbeten, und solche suchet der Vater.« Nun achtet auf das erste
Wörtlein, wo er spricht: »Die Zeit wird kommen und ist schon jetzt.« Wer da
den Vater anbeten will, der muß sich in die Ewigkeit versetzen mit seinem
Begehren und mit seiner Zuversicht. Es gibt einen obersten Teil der Seele,
der steht über der Zeit und weiß nichts von der Zeit noch vom Leibe. Alles
was je geschah vor tausend Jahren, der Tag, der vor tausend Jahren war, der
ist in der Ewigkeit nicht ferner, als diese Stunde, wo ich jetzt stehe, und
der Tag, der nach tausend Jahren kommen wird oder soweit du zählen kannst,
der ist in der Ewigkeit nicht ferner als diese Stunde, worin ich jetzt stehe. Nun spricht er: »Die beten
an den Vater.« Ach, wie viele gibt es, die beten die Kreatur an und kümmern
sich darum, und das sind gar törichte Leute. Sobald du Gott anbetest um der
Kreatur willen, so bittest du um deinen eigenen Schaden, denn sobald die
Kreatur Kreatur ist, trägt sie Bitterkeit und
Schaden und Übel und Ungemach in sich. Und darum geschieht den Leuten ganz
recht, die Ungemach und Bitterkeit davon haben. Warum? Sie haben darum
gebeten. Alle Dinge, die in der Zeit
sind, haben ein Warum. Wie der, der einen Menschen fragte: »Warum issest du?«
»Damit ich Kraft habe.« »Warum schläfst du?« »Aus demselben Grunde.« Und so
sind alle Dinge, die in der Zeit sind. Aber wer einen guten Menschen fragte:
»Warum liebst du Gott?« »Ich weiß nicht, um Gottes willen.« »Warum liebst du
die Wahrheit?« »Um der Wahrheit willen.« »Warum liebst du die Gerechtigkeit?«
»Um der Gerechtigkeit willen.« »Warum liebst du die Güte?« »Um der Güte
willen.« »Warum lebst du?« »Wahrlich, ich weiß nicht! Ich lebe gerne.« Die
Meister sagen, die Seele habe zwei Gesichter, und das obere Gesicht schauet
allezeit Gott, und das niedere Gesicht blickt etwas herab und das berichtet
die Sinne, und das oberste Gesicht ist das oberste der Seele, das steht in
der Ewigkeit und hat nichts mit der Zeit zu schaffen und weiß nichts von der
Zeit und vom Leibe. Und ich habe manchmal gesagt, daß darin etwas verborgen
liege wie ein Ursprung alles Guten und wie ein leuchtendes Licht, das
allezeit leuchtet, und wie ein brennender Brand, der allezeit brennt, [und
der Brand ist nichts anderes als der heilige Geist]. Die Meister sagen, aus dem
obersten Teil der Seele, fließen zwei Kräfte. Die eine heißt Wille, die
andere Vernunft, und die Vollkommenheit der Kräfte liegt in der obersten
Kraft, die da Vernunft heißt. Die kann nimmer ruhen. Sie will nicht Gott wie
er der heilige Geist ist und wie er der Sohn ist, und fliehet den Sohn. Sie
will auch nicht Gott wie er Gott ist. Warum? Da hat er Namen, und wären
tausend Götter, sie bricht sich immer mehr Bahn, sie will ihn da, wo er keine
Namen hat: sie will etwas Edleres, etwas Besseres als Gott, wie er Namen hat.
Was will sie denn? Sie weiß nicht: sie will ihn, wie er Vater ist. Sie will
ihn, wie er ein Grund ist, aus dem Güte entspringt; sie will ihn, wie er ein
Kern ist, aus dem Güte fließt; sie will ihn wie er eine Wurzel ist, eine
Ader, in der Güte entspringt, und da ist er allein Vater. Nun spricht unser
Herr: »Es erkennet niemand den Vater als der Sohn, und den Sohn niemand als
der Vater.« In Wahrheit, wenn wir den Vater erkennen wollen, so müssen wir
Sohn sein. Ich habe einmal drei böse Wörtlein gesprochen, die mögt ihr als
drei böse Gewürze aufnehmen, auf die ihr trinken müßt. Zum ersten, wollen wir
Sohn sein, so müssen wir einen Vater haben. Denn des Sohnes Leben hängt an
dem Vater, und des Vaters Leben hängt an dem Sohn, und darum kann niemand
sagen: ich bin Sohn, wenn er keinen Vater hat, und der Mensch ist in Wahrheit Sohn, der da
alle seine Werke aus Liebe wirkt. - Das zweite, was den Menschen allermeist
zum Sohn macht, das ist Gleichmut. Ist er krank, so sei er ebenso gern krank
wie gesund, gesund wie krank. Stirbt ihm ein Freund, in Gottes Namen; wird
ihm ein Auge ausgeschlagen, in Gottes Namen. - Das dritte, was ein Sohn haben
soll, das ist, daß er sein Antlitz nach nichts mehr wendet als nur nach dem
Vater. O, wie edel ist die Kraft, die da über der Zeit steht und die da ohne
Raum steht! Denn damit, daß sie über der Zeit steht, hat sie alle Zeit in
sich geschlossen und ist alle Zeit, und wie wenig einer auch von dem hätte,
was über der Zeit steht, der wäre gar bald reich geworden, denn was jenseits
des Meeres ist, ist der Kraft nicht ferner als was jetzt gegenwärtig ist. Und
von denen spricht er »Solche suchet der Vater.« Seht, so liebkost uns Gott,
so flehet uns Gott an und Gott kann nicht warten, bis sich die Seele
geschmückt und von der Kreatur zornig entfernt hat, und es ist eine sichere
und eine notwendige Wahrheit, daß es Gott so not tut, uns zu suchen, als ob
all seine Gottheit daran hange, wie es auch der Fall ist. Und Gott kann unser
so wenig entbehren, wie wir seiner, und könnte es auch sein, daß wir uns von
Gott abwenden könnten, so könnte sich doch Gott nimmer von uns abwenden. Ich
sage, ich will Gott nicht bitten, daß er mir gebe, ich will ihn auch nicht
loben für das, was er mir gegeben hat, sondern ich will ihn bitten, daß er
mich würdig mache zu empfangen, und will ihn loben, daß er die Natur und das
Wesen hat, daß er geben muß. Wer das Gott nehmen wollte, der nähme ihm sein
eigenes Wesen und sein eigenes Leben. Daß wir so in Wahrheit Sohn werden,
dazu verhelfe uns die Wahrheit, von der ich gesprochen habe. Amen. 7. Vom innersten GrundeEs spricht ein Meister:
»Gott ist ein Mensch geworden, davon ist das ganze Menschengeschlecht erhöht
und geehrt. Darüber können wir uns wohl freuen, daß Christus, unser Bruder,
aus eigener Kraft über alle Chöre der Engel gefahren ist und zur rechten Hand
des Vaters sitzt.« Dieser Meister hat recht gut gesprochen; aber wahrlich,
ich mache mir nicht viel daraus. Was hülfe es mich, wenn ich einen Bruder
hätte, der ein reicher Mann wäre und ich ein armer, er weise und ich ein Tor?
Ich spreche etwas anderes und dringenderes: Gott ist nicht allein Mensch
geworden, sondern er hat menschliche Natur angenommen. Es sagen die Meister
gewöhnlich, alle Menschen seien gleich edel von Natur. Aber ich sage
wahrhaftig: alles Gute, was alle Heiligen besessen haben, und Maria die
Gottesmutter, und Christus gemäß seines Menschtums, das ist mein eigen in
dieser Natur. Wo der Vater seinen Sohn im Innersten Grunde gebiert, da hat
diese Natur ein Hineinschweben. Diese selbe Natur ist eins und einfach. Hier
kann wohl etwas herausschauen und herzuhängen, das ist das eine Nichts. Ich spreche von einem
anderen und von einem schwereren. Wer in der Nacktheit dieser Natur ohne
Mittel dastehen soll, der muß aus aller Person herausgegangen sein, so daß er
dem Menschen, der jenseits des Meeres ist, den er nie von Angesicht erblickt
hat, ebensosehr Gutes gönnt als dem, der bei ihm ist und sein trauter Freund
ist. Solange du deiner Person mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du nie
gesehen, solange bist du wahrlich im Unrecht und du schautest nie einen
Augenblick in diesen einfachen Grund. Du hast freilich in einem abgezogenen
Bild die Wahrheit wie in einem Gleichnis gesehen, es war aber nicht das
beste. Zum zweiten sollst du reines Herzens sein, und das Herz ist allein
rein, das alle Erschaffenheit vernichtet hat. Zum dritten sollst du das
Nichts los sein. Es ist eine Frage, was in
der Hölle brenne? Die Meister sagen gewöhnlich: Das tut der Eigenwille. Aber
ich sage wahrlich: das Nichts brennt in der Hölle. Ein Gleichnis: Man nehme
eine brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Sagte ich, die Kohle brenne
meine Hand, so täte ich ihr gar unrecht. Soll ich eigentlich sagen, was mich
brennt? Das tut das Nichts, weil die Kohle etwas in sich hat, was meine Hand
nicht hat. Seht, eben dieses Nichts brennt mich. Denn hätte meine Hand alles
das in sich, was die Kohle ist und leisten kann, so hätte sie völlige
Feuernatur. Wenn einer dann alles Feuer, das je brannte, nähme und auf meine
Hand schüttete, so könnte es mich nicht schmerzen. In gleicher Weise also
spreche ich: Weil Gott und alle die, die im Angesicht Gottes sind, in der
rechten Seligkeit etwas in sich haben, was die nicht haben, die von Gott
getrennt sind, dieses Nichts allein peinigt die Seelen mehr, die in der Hölle
sind, als Eigenwille oder irgend ein Feuer. Ich sage wahrlich: so viel Nichts
dir anhaftet, so sehr bist du unvollkommen. Wollt ihr darum vollkommen sein,
so müßt ihr das Nichts los sein. Darum heißt ein Wörtlein:
»Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt,« das sollt ihr nicht
für die äußere Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank, ihr sollt es für
die innere Welt verstehen. So wahr der Vater mit seiner einfachen Natur den
Sohn natürlich gebiert, so wahr gebiert er ihn in des Geistes Innigstem, und
das ist die innere Welt. Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund
Gottes Grund. Hier lebe ich außer meinem Eigenen, wie Gott außer seinem
Eigenen lebt. Wer nur einen Augenblick in diesen Grund geblickt hat, dem
Menschen sind tausend Pfund rotes geschlagenes Gold nicht mehr als ein
falscher Heller. Aus diesem Innersten Grund heraus sollst du alle deine Werke
wirken ohne ein Warum. Ich sage wahrlich: solange du deine Werke um des
Himmelreichs, oder um Gottes, oder um deiner ewigen Seligkeit willen von eher
wirkst, so lange bist du wahrlich im Unrecht. Man kann dich freilich so
hingehen lassen, aber es ist nicht das Beste. Denn wahrlich, wenn du glaubst,
du gelangest durch Innigkeit, durch Andacht, durch Willfährigkeit oder besondere
Anstalten eher zu Gott als am Herd oder im Stall, so tust du nichts andres
als wenn du Gott nähmest und wickeltest ihm einen Mantel um den Kopf und
stecktest ihn unter eine Bank. Denn, wer Gott in einer Weise sucht, der nimmt
die Weise und läßt Gott, der in der Weise verborgen ist. Aber wer Gott ohne
Weise sucht, der nimmt ihn, wie er an sich selbst ist, und dieser Mensch lebt
mit dem Sohne, und er ist das Leben selbst. Wer das Leben tausend Jahr lang
fragte: Warum lebst du? wenn es antworten sollte, spräche es nichts anderes
als: Ich lebe darum, weil ich lebe. Das kommt daher, daß das Leben aus seinem
eigenen Grunde heraus lebt und aus seinem Eigenen quillt: darum lebt es ohne
Warum, indem es sich selber lebt. Wer nun einen wahrhaften Menschen, der aus
seinem eigenen Grunde heraus wirkt, fragte: Warum wirkst du deine Werke? wenn
er recht antworten sollte, spräche er nichts anderes als: Ich wirke, weil ich
wirke. Wo die Kreatur endet, da
beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nichts anderes von dir, als daß du aus
dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, und Gott Gott
in dir sein lassest. Das geringste kreatürliche Bild, das sich in dir bildet,
ist ebenso groß wie Gott. Warum? Weil es dich eines ganzen Gottes beraubt.
Denn wo dies Bild hineingeht, da muß Gott und seine ganze Gottheit weichen.
Aber wo dies Bild hinausgeht, da geht Gott hinein. Gott begehrt so gewaltig
danach, daß du aus dir selbst, in kreatürlicher Weise, hinausgehst, als ob
all seine Seligkeit daran liege. Fürwahr, lieber Mensch, was schadet es dir,
daß du Gott gönnest, daß er Gott in dir sei? Geh doch Gott zu lieb aus deinem
Selbst heraus, so geht Gott dir zu lieb aus seinem heraus. Wenn diese zwei
hinausgehen, was dann zurückbleibt, ist ein einfach Eines. In diesem Einen gebiert
der Vater seinen Sohn in dem Innersten Brunnen. Da erblühet der heilige Geist
und da entspringt in Gott ein Wille, der der Seele zugehört. Und solange der
Wille unberührt von allen Kreaturen und von aller Erschaffenheit steht, so
lange ist der Wille frei. Christus spricht: »Niemand kommt in den Himmel, als
wer vom Himmel gekommen ist.« Alle Dinge sind aus Nichts erschaffen, darum
ist ihr eigentlicher Ursprung Nichts. Insofern sich dieser edle Wille zu den
Kreaturen neigt, so verfließt er mit diesen Kreaturen in ihr Nichts. Nun ist eine Frage, ob
dieser Wille so verfließe, daß er niemals mehr wiederkommen könne? Die
Meister sagen gewöhnlich, er komme nie wieder, insofern er in der Zeit
verflossen ist. Aber ich sage: Wenn dieser Wille sich einen Augenblick von
sich selbst und von aller Erschaffenheit wieder zu seinem Ursprung hinwendet,
so steht der Wille in einer rechten, freien Art da und ist frei, und in
diesen Augenblick wird alle verlorene Zeit wiedergebracht. Die Leute sagen
oft zu mir: Bittet für mich. Da denke ich: Warum geht ihr heraus? Warum
bleibt ihr nicht bei euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt
doch alle Wahrheit wesenhaft in euch. Daß wir so wahrhaft in ihm bleiben und
alle Wahrheit ohne Mittel und ungeteilt in rechter Seligkeit besitzen mögen,
das walte Gott. Amen. 8. Von der Vollendung der Zeit»In der Zeit ward der Engel
Gabriel gesandt von Gott.« In welcher Zeit? Im sechsten Monat, als Johannes
im Mutterleib zappelte. Wenn mich nun einer fragte: Warum beten wir oder
warum fasten wir oder wirken wir all unser Werk? so antworte ich: Darum, daß
Gott in unserer Seele geboren werde. Warum ist alle Schrift geschrieben und
warum hat Gott die Engelsnatur und alle Welt geschaffen? Darum allein, daß
Gott in der Seele geboren werde. Alles Kornes Natur meint Weizen, alles
Schatzes Natur Gold, alle Gebarung meint Mensch. Wie ein Meister spricht,
gibt es kein Tier, das nicht etwas mit dem Menschen in der Zeit gemein hat. Sankt Paulus spricht: »In
der Vollendung der Zeit sandte Gott seinen Sohn.« Sankt Augustin ward
gefragt, was das sei, die Vollendung der Zeit? Vollendung der Zeit ist, wenn
der Tag nicht mehr ist: dann ist der Tag vollendet. Es ist eine sichere
Wahrheit, wo diese Geburt geschehen soll, da muß alle Zeit hinab sein, denn es
gibt nichts, was diese Geburt so sehr hindert, als Zeit und Kreatur. Es ist
eine notwendige Wahrheit, daß die Zeit an Gott und die Seele nicht rühren
kann. Könnte Zeit an die Seele rühren, so wäre sie nicht Seele. Könnte Gott
von der Zeit berührt werden, so wäre er nicht Gott. Eine
andere Vollendung der Zeit! Wer die Kunst und die Macht hätte, daß er die
Zeit und alles, was in sechstausend Jahren je geschah oder noch geschehen
wird bis an das Ende der Welt: wenn einer das heranziehen könnte in ein
gegenwärtiges Nu, das wäre Vollendung der Zeit. Das ist das Nu der Ewigkeit,
wo die Seele alle Dinge in Gott erkennt, so neu und so frisch und in
derselben Lust, wie ich sie jetzt gegenwärtig habe. Die mindeste Kraft in
meiner Seele ist weiter als der weite Himmel. Ich sehe ab von der Vernunft,
in der ist Weite über Weite, in der bin ich so nahe dem Ort, der tausend
Meilen weg ist, als dem Ort, worin ich jetzt stehe. Die Meister sagen, die
Menge der Engel sei ohne Zahl, ihre Zahl könne nicht begriffen werden. Wer aber
ohne Zahl und ohne Menge unterscheiden könnte, dem wäre hundert wie eins.
Wären gleich hundert Personen in der Gottheit, so erkennte er doch, daß nur ein Gott ist. Daß Gott in uns geboren
werde, das walte Gott. Amen. 9. Ein Zweites vom namenlosen GottWenn die Seele in die
namenlose Stadt kommt, da ruht sie aus; wo alle Dinge Gott in Gott sind, da
ruhet sie. Die Stadt der Seele, die Gott ist, die ist ungenannt. Ich sage,
daß Gott ungesprochen ist. Einen unserer ältesten Meister, der die Wahrheit
schon lange und lange vor Gottes Geburt gefunden hat, ehe der Christenglaube
vorhanden war, wie er jetzt ist, den dünkte es, daß alles, was er von den
Dingen sprechen könnte, etwas Fremdes und Unwahres in sich trüge; darum
wollte er schweigen. Er wollte nicht sagen: Gebt mir Brot, oder gebt mir zu
trinken. Aus dem Grunde wollte er nicht von den Dingen sprechen, weil er von
ihnen nicht so rein sprechen konnte, wie sie aus der ersten Ursache
entsprungen seien: darum wollte er lieber schweigen, und seine Notdurft zeigte
er mit Zeichen der Finger. Da nun er nicht einmal von den Dingen reden
konnte, so schickt es sich für uns noch mehr, daß wir ganz und gar schweigen
müssen von dem, der da ein Ursprung aller Dinge ist. Nun sagen wir, Gott sei ein
Geist. Dem ist nicht so. Wäre Gott eigentlich ein Geist, so wäre er
gesprochen. Sankt Gregorius spricht: Wir können von Gott nicht eigentlich
sprechen. Was wir von ihm sprechen, das müssen wir stammeln. 10. Von guten GabenIch pflege oft ein Wörtlein
zu sprechen und es ist auch wahr: Wir rufen alle Tage und schreien im
Paternoster: Herr, dein Wille geschehe! Wenn aber dann sein Wille geschieht,
so wollen wir zürnen und ergeben uns nicht in seinem Willen. Was er auch tut,
daß müßte uns das Beste dünken und am allerbesten gefallen. Die es so zum
besten nehmen, die bleiben allewege in ganzem Frieden. Ihr aber sprecht
manchmal: Ach, wäre es anders gekommen, so wäre es besser, oder wäre es nicht
so gekommen, so wäre es vielleicht besser gekommen. Solange dich das dünkt,
gewinnst du nimmer Frieden. Du sollst es zum allerbesten nehmen. Ich sprach einst: Was
eigentlich gewortet (ins Wort Gefaßt) werden kann, das muß von innen
herauskommen und von seiner Form ausgehen und darf nicht von außen
hineingehen. Das lebt eigentlich im Innigsten der Seele. Da sind dir alle
Dinge gegenwärtig und innerlich lebend und suchend und sind im Besten und im
Höchsten. Warum empfindest du das nicht? Da bist du nicht heimisch. Je höher
im Rang ein Ding ist, um so allgemeiner ist es. Den Sinn habe ich gemein mit
den Tieren und das Leben mit den Bäumen. Das Sein ist mir noch tiefer innen,
das habe ich gemein mit allen Kreaturen. Der Himmel ist mehr als alles, was
daneben ist, darum ist er auch höher im Range. Die Liebe steht hoch im Rang,
weil sie allgemein ist. Es scheint schwer, daß unser Herr geboten hat, man
solle den Mitchristen lieben wie sich selbst. Dies faßt der gemeine Mann
gewöhnlich so auf, man solle sie in demselben Sinne lieben, in dem man sich
selber liebt. Nein, so soll es nicht sein. Man soll sie ebensosehr lieben wie
sich selbst, und das ist nicht schwer. Wollt ihr's gut merken, so ist es mehr
Lohnes wert als ein Gebot. Das Gebot scheint schwer, und der Lohn ist
begehrenswert. Wer Gott liebt, wie er ihn lieben soll und muß (ob er will
oder nicht), und wie ihn alle Kreaturen lieben, der muß seinen Mitmenschen
lieben wie sich selbst und sich seiner Freuden und Ehren freuen und danach
trachten wie nach seiner eigenen Ehre, und nach dem Fremden wie nach dem
Seinen. Und so ist der Mensch allezeit in Freuden, in Ehren und in Nutzen, so
ist er ganz wie im Himmelreich und so hat er stärkere Freuden, als wenn er
sich allein seines Gutes freute. Und wisse in Wahrheit, ist
dir mehr an deiner eigenen Ehre als an der eines andern gelegen, so ist es
unrecht. Wisse, wenn du das deine suchst, da findest du Gott nimmer, wenn du
nicht rein Gott suchst. Du suchst etwas mit Gott, Lind tust gerade so wie
wenn einer aus Gott eine Kerze machte, mit der man etwas sucht, und wenn man
das Ding findet, so wirft man die Kerze weg. So tust du: was du mit Gott
suchst, das ist nichts, Nutzen, Lohn, Innerlichkeit oder was es auch sei; du
suchst nichts, darum findest du auch nichts. Alle Kreaturen sind lauter
Nichts. Ich sage nicht, daß sie gering sind oder wenig sind: sie sind gar nichts.
Wer kein Sein hat, ist nichts. Alle Kreaturen haben kein Sein, denn ihr Sein
hängt an der Gegenwart Gottes. Kehrte sich Gott einen Augenblick ab, sie
würden zunichte. Ich sprach manchmal und so ist es auch: Wer die ganze Welt
nähme und Gott dazu, der hätte nicht mehr als wenn er Gott allein hätte. Alle
Kreaturen haben nicht mehr ohne Gott, als wer eine Mücke hätte ohne Gott,
ganz ebenso, nicht weniger und nicht mehr. Fürwahr, nun achtet auf ein wahres
Wort. Gäbe ein Mensch tausend
Pfund Goldes, auf daß man damit Kirchen und Klöster baute, so wäre das ein
großes Ding. Aber doch hätte der viel mehr gegeben, der tausend Pfund für
nichts achten könnte: der hätte viel mehr getan als jener. Als Gott alle
Kreaturen schuf, da waren sie so erbärmlich und so eng, daß er sich nicht
darin bewegen konnte. Jedoch die Seele machte er so sich gleich und so eben
das Nämliche, damit er sich der Seele hingeben könnte: denn was er ihr sonst
geben könnte, das achtet sie nicht. Gott muß mir sich selbst zu eigen geben,
so wie er sich selbst gehört, oder es wird mir nichts und es schmeckt mir
nichts. Wer ihn so ganz empfangen will, der muß sich selbst ganz ergeben
haben und aus sich selbst herausgegangen sein. Ich ward einst gefragt, was
der Vater im Himmel täte? Da sprach ich: Er gebiert seinen Sohn, und dies
Werk ist ihm so reizend und gefällt ihm so gut, daß er nichts anderes mehr
tut, und aus ihnen beiden erblüht der heilige Geist. Wenn der Vater seinen
Sohn in mir gebiert, so bin ich dieser Sohn und kein anderer; unter Menschen
gibt es da einen und dort einen, aber da bin ich derselbe und kein anderer.
Gottes Natur ist, daß er gibt, und sein Wesen hängt daran, daß er uns gibt,
wenn wir demütig sind. Sind wir das nicht, so empfangen wir auch nichts und
tun ihm Gewalt an und töten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig
ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele. Es spricht ein Wörtlein:
»Die beste Gabe kommt von oben herab, vom Vater der Lichter.« Daß wir
bereitet seien, die beste Gabe zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der
Vater der Lichter. Amen. 11. Von unsagbaren Dingen»Fürchtet nicht, die euch
körperlich töten wollen, denn die Seele können sie nicht töten,« denn Geist
tötet nicht Geist. Geist gibt dem Geist Leben. Die euch töten wollen, das ist
Blut und Fleisch, und das stirbt miteinander. Das Edelste, was am Menschen
ist, ist das Blut, wenn es guten Willens ist. Aber das Ärgste, was am
Menschen ist, ist das Blut, wenn es bösen Willens ist. Siegt das Blut über
das Fleisch, so ist der Mensch demütig, geduldig und keusch und hat alle
Tugend in sich. Siegt aber das Fleisch über das Blut, so wird der Mensch
hochfahrend, zornig und unkeusch und hat alle Untugend in sich. Nun paßt auf, ich will
jetzt sagen, was ich nie gesagt habe. Als Gott den Himmel, die Erde und alle
Kreaturen schuf, da wirkte Gott nicht; er hatte nichts zu wirken; in ihm war
auch kein Werk. Da sprach Gott: »Wir machen einen Gleichen.« Schöpfen ist ein
leichtes Ding, das tut man, wenn und wie man will. Aber was ich mache, das
mache ich selbst aus mir selbst und in mir selbst und drücke mein Bild ganz
und gar darein. Als Gott den Menschen
machte, da wirkte er in der Seele sein Werk des Gleichen, sein wirkendes und
sein immerwährendes Werk. Das Werk war so groß, daß es nichts anderes war als
die Seele: die war das Werk Gottes. Gottes Natur, sein Wesen und seine
Gottheit hängt daran, daß er in der Seele wirken muß. Gottes Segen, Gottes
Segen! Wenn Gott in der Seele wirkt, dann liebt er sein Werk. Das Werk ist
die Liebe und die Liebe ist Gott. Gott liebt sich selbst und seine Natur,
sein Wesen und seine Gottheit. In der Liebe, worin Gott mich liebt, liebt er
alle Kreaturen. Nicht als Kreaturen liebt er sie, sondern die Kreaturen als
Gott. Mit der Liebe, worin Gott sich liebt, liebt er alle Dinge. Nun will ich sagen, was ich
nie gesagt habe. Gott empfindet und schmeckt sich selbst. Mit dem Geschmack,
womit Gott sich schmeckt, schmeckt er alle Kreaturen, nicht als Kreaturen,
sondern die Kreaturen als Gott. In dem Geschmack, womit Gott sich schmeckt,
schmeckt er alle Dinge. Nun paßt auf. Alle Kreaturen nehmen ihren Lauf zu
ihrer höchsten Vollkommenheit. Nun bitte ich euch, vernehmet bei der ewigen
Wahrheit und bei meiner Seele. Nun will ich sagen, was ich nie gesagt habe:
Gott und Gottheit unterscheiden sich so sehr wie Himmel und Erde. Ich sage
mehr: Der innere und der Mensch
unterscheiden sich gleichfalls so sehr wie Himmel und Erde. Der Himmel steht
viel tausend Meilen darüber. Gott wird und wird zunichte. Nun komme ich
wieder auf meine Rede: Gott schmeckt sich selbst in allen Dingen. Die Sonne
wirft ihren lichten Schein aus auf alle Kreaturen, und worauf die Sonne ihren
Schein wirft, das zieht sie in sich und verliert doch nicht ihre
Scheinhaftigkeit. Alle Kreaturen geben ihr Leben um ihres Wesens willen auf. Alle Kreaturen tragen
sich in meine Vernunft hinein, damit sie in mir vernünftig sind. Ich allein
bringe alle Kreaturen zu Gott zurück. Wartet, was ihr alle tut.
Nun komme ich wieder auf meinen innern und äußere Menschen. Ich betrachte die
Lilien auf dem Felde und ihren lichten Schein und ihre Farbe und alle ihre
Blätter. Aber ihren Duft sehe ich nicht. Warum? Weil der Duft in mir ist.
Aber auch was ich spreche, ist in mir, und ich spreche es aus mir heraus.
Alle Kreaturen schmecken meinem äußere Menschen als Kreaturen, als Wein und
Brot und Fleisch. Aber meinem innern Menschen schmeckt nichts als Kreatur,
sondern als Gabe Gottes. Und mein Innerster Mensch schmeckt sie nicht als
Gabe Gottes, sondern als immer und ewig. Ich nehme ein Becken mit Wasser und
lege einen Spiegel hinein und setze es unter das Rad der Sonne, so wirft die
Sonne ihren lichten Schein aus dem Rad und aus dem Boden der Sonne und
vergeht doch nicht. Das Widerspiegeln des Spiegels in der Sonne ist in der
Sonne. Ist Sonne und sie ist doch was sie ist. So ist es mit Gott. Gott ist
mit seiner Natur, seinem Wesen und seiner Gottheit in der Seele, und er ist
doch nicht die Seele. Das Widerspiegeln der Seele ist in Gott. Sie ist Gott
und sie ist doch was sie ist. Gott wird da zu allen Kreaturen Gottes
Sprechen, er wird da zu Gott. Als ich in dem Grunde, in
dem Boden, in dem Fluß und in der Quelle der Gottheit stand, da fragte mich
niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand, der mich fragte.
Als ich floß, da sprachen alle Kreaturen Gott. Fragte man mich: Bruder
Eckhart, wann gingt Ihr aus dem Hause? Da war ich drinnen. So sprechen alle
Kreaturen von Gott. Und warum sprechen sie nichts von der Gottheit? Alles,
was in der Gottheit ist, ist eins, und davon ist nichts zu sprechen. Gott
wirkt, die Gottheit wirkt nicht, sie hat nichts zu wirken, in ihr ist kein
Werk. Gott und Gottheit unterscheidet sich wie Wirken und Nichtwirken. Wenn
ich wieder in Gott komme, dann bilde ich nicht, so steht meine Mündung viel
höher als mein Ursprung. Ich allein bringe alle Kreaturen aus ihrer Vernunft
in meine Vernunft, daß sie in mir eins sind. Wenn ich in den Grund, in den
Boden, in den Fluß und in die Quelle der Gottheit komme, so fragt mich
niemand, woher ich komme oder wo ich gewesen sei. Da vermißte mich niemand,
das hört da alles auf. Wer diese Predigt
verstanden hat, dem gönne ich's gern. Wäre hier kein Mensch gewesen, so hätte
ich sie diesem Stocke predigen müssen. Es sind etliche arme Leute, die gehen
wieder heim und sagen: ich will mich auf den Stuhl setzen, und mein Brot
essen und Gott dienen. Ich sage aber in Wahrheit, diese Leute müssen verirrt
bleiben und können nimmer erreichen und erlangen, was die andern erreichen,
die Gott in Armut und Entblößtheit nachgehen. Amen. 12. Vom Leiden GottesEin Lehrer spricht: Du
reicher Gott, wie wohl wird mir, trägt meine Liebe Früchte dir! Unser Herr spricht zu einer
jeglichen liebenden Seele: »Ich bin euch Mensch gewesen, wenn ihr mir nicht
Götter seid, so tut ihr mir unrecht. Mit meiner göttlichen Natur wohnte ich
in eurer menschlichen Natur, so daß niemand meine göttliche Gewalt kannte und
man mich wandeln sah wie einen andern Menschen. So sollt ihr euch mit eurer
menschlichen Natur in meiner göttlichen Natur bergen, daß niemand eure menschliche
Schwäche an euch erkenne und daß euer Leben zumal göttlich sei, daß man an
euch nichts erkenne als Gott.« Und das geschieht nicht dadurch, daß wir süße
Worte und geistliche Gebärden annehmen und daß wir im Geruch der Heiligkeit
stehen oder daß unser Name fern und weit getragen werde und wir von Gottes
Freunden geliebt werden oder daß wir von Gott so verwöhnt und verzärtelt
sind, daß es uns vorkommt, Gott habe alle Kreaturen vergessen bis auf uns
allein, und daß wir wähnen, was wir von Gott begehren, das sei jetzt alles
geschehen. Nein, nicht also! Nicht das heischt Gott von uns; es steht ganz
anders. Er will, daß wir frei und
unbewegt gefunden werden, so man uns nachsagt, wir seien falsche und
unwahrhafte Leute, und was man sonst von uns sprechen kann, um uns unsern
guten Leumund zu nehmen, und nicht allein, daß man schlecht von uns spricht,
sondern auch schlecht gegen uns handelt und uns die Hilfe entzieht, die wir
für unsern Lebensbedarf nicht entbehren können, und nicht allein am Bedarf
göttlicher Dinge, sondern uns auch an unserm Körper schädigt, daß wir krank
werden oder sonst in schmerzliche Mühsal des Körpers verfallen, und wenn die
Leute, während wir in allen unsern Werken das allerbeste tun, das wir
ersinnen können, uns das zum allerbösesten kehren, das sie ersinnen können,
und wenn wir das nicht allein von den Menschen erdulden, sondern auch von
Gott, so daß er uns den Trost seiner Gegenwart entzieht und gerade so tut,
als wäre eine Mauer zwischen uns und ihm aufgerichtet, und wenn er, falls wir
mit unsrer Mühsal zu ihm kommen, um Trost und Hülfe zu suchen, sich dann
gegen uns benimmt, wie wenn er seine Augen vor uns schlösse, so daß er uns
nicht sehen noch hören will und er uns allein stehen läßt im Kampf mit unsern
Nöten, wie Christus von seinem Vater verlassen ward: sehet, dann sollten wir
uns in seiner göttlichen Natur bergen, daß wir in unserer Trostlosigkeit so
unerschüttert stünden, uns mit nichts anderm zu helfen als allein mit dem
Worte, das Christus sprach: »Vater, all dein Wille werde an mir vollbracht.« Gott ist ein so
beschaffenes Wesen, daß man es am besten mit Nichts erkennt. Wieso mit
Nichts? Dadurch, daß man alles Mittel abtut, aber nicht etwa bloß der Welt
entsagen und. Tugend haben, sondern ich muß auch die Tugend lassen, wenn ich Gott
unmittelbar sehen will; nicht so, daß ich der Tugend entsage, sondern die
Tugend soll in mir wesenhaft wohnen und ich soll über der Tugend wohnen. Wenn
so des Menschen Gedanken kein Ding mehr berühren kann, dann erst berührt er
Gott. Ein heidnischer Meister sagt, daß die Natur über die Natur nichts
vermag. Daher kann Gott von keiner Kreatur erkannt werden. Soll er erkannt
werden, so muß das in einem Licht über der Natur geschehen. Die Meister haben eine
Frage, woher das komme, wenn Gott die Seele über sie selbst und über alle
Kreaturen erhebe und er sie zu sich selbst heimgeführt habe, warum er denn
den Leib nicht auf eine höhere Stufe hebe, so daß er irdischer Dinge nicht
bedürfte? Dies beantwortet ein Meister - ich glaube, es ist Sankt Augustin -
und sagt folgendes: Wenn die Seele zur Vereinigung mit Gott gelangt, erst
dann ist der Leib vollkommen dazu gelangt, daß er alle Dinge zu Gottes Ehre
genießen kann. Denn um des Menschen willen sind alle Kreaturen ausgeflossen,
und was der Leib vernünftig von den Kreaturen genießen kann, das ist für die
Seele kein Abfall, sondern eine Erhöhung ihrer Würde, denn die Kreatur könnte
keine edlere Mündung finden, um wieder zu ihrem Ursprung zu gelangen, als den
rechten Menschen, der einen Augenblick seiner Seele gestattet, daß er in die
Vereinigung mit Gott hinaufgezogen wird. Denn zwischen Gott und der Seele ist
dann kein Hindernis, und sofern die Seele Gott in die Wüste der Gottheit
folgt, sofern folgt der Leib dem lieben Christus in die Wüste der
freiwilligen Armut, und wie die Seele mit der Gottheit vereint ist, so ist
der Leib mit der Wirkung wahrer Tugend in Christus vereint. So kann der
himmlische Vater wohl sprechen: »Dies ist mein lieber Sohn, in dem ich mir
selber wohl gefalle,« denn er hat nicht allein in die Seele geboren seinen
eingeborenen Sohn, nein, er hat sie selbst seinem eingeborenen Sohn geboren. Wohlauf, aus allertiefstem
Herzen! Mensch, was kann dir hart oder bitter zu leiden sein, wenn du recht
betrachtest, daß der, der da in der Form Gottes und im Tage seiner Ewigkeit
im Glänze der Heiligen war, und der zuvor geboren war als ein Strahl und eine
Substanz Gottes, daß der in den Kerker und den Leim deiner beschmeckenden
Natur kommt, die so unrein ist, daß alle Dinge, so rein sie sich ihr nahen,
in ihr stinkend und unrein werden, und daß er doch um deinetwillen gänzlich
hineingesteckt werden wollte? Was gibt es, das dir nicht süß sein sollte zu
leiden, wenn du die Bitternis deines Herrn und Gottes zusammenliest und wenn
du zurückdenkst an all die Bitternis und all die Schmach, die auf ihn fiel?
Welche Schmach und Schande er litt von den Fürsten und von den Rittern und
von den bösen Knechten und von denen, die den Weg vor dem Kreuze auf und
nieder gingen? Wie die Klarheit des ewigen Lichtes verspieen und verspottet
und verhöhnt ward? Fürwahr, welch eine große schuldlose Barmherzigkeit und
wohlbewährte Liebe, die mir an keinem Orte so vollkommen gewährt ward, als an
dem Orte, wo die Kraft der Liebe aus seinem Herzen brach! Darum mache dir ein
Bündel aus allerhand Bitternis deines Herrn und Gottes und laß es allezeit
zwischen deinen Brüsten wohnen, und sieh seine Tugend an und beschaue sie,
wie fördersam er dein Heil in allen seinen Werken bedacht hat, und gib wohl
acht, daß du ihm mit derselben Münze vergiltst seinen schändlichen,
schmachvollen Tod und seine schmerzhafte Natur, mit der er ohne Schuld für
deine Schuld gelitten hat, als ob es seine eigene Schuld wäre, wie er selbst
in dem Propheten von seinem Schmerze spricht, indem er sagt: »Seht, das leide
ich um meiner Verschuldung willen,« und wo er von der Frucht seiner Werke
spricht, da sagte er: »Seht, diesen Reichtum sollt ihr besitzen für eure
Werke,« und nennt unsre Sünde seine Sünde und sein Werk unsere Werke, denn er
hat unsere Sünde gutgemacht, als ob er sie selbst getan hätte, und wir
besitzen den Lohn seiner Werke, gerade als ob wir sie gewirkt hätten. Und
dies soll unsere Mühsal gering machen, denn der gute Ritter klagt nicht um
seine Wunden, wenn er den König ansieht, der mit ihm verwundet ist. Er bietet
uns einen Trank, den er zuvor getrunken hat. Er schickt uns nichts, was er
nicht vorher getan oder gelitten hätte. Darum sollen wir große Liebe zum
Leiden haben, denn Gott hat nie etwas anderes getan, solange er auf Erden
war. Daß wir so unsre menschliche Natur und all unsre Schwäche in göttliche
Natur verwandeln und verlieren, daß an uns nichts gefunden werde als lauter
Gott, das walte Gott. Amen. 13. Von der Einheit der DingeAls ich heute hierherging,
überlegte ich mir, wie ich euch so vernünftig predigen könnte, daß ihr mich
wohl verstündet, und ich dachte mir ein Gleichnis aus. Wenn ihr das recht
verstehen könntet, so verstündet ihr meinen Sinn und den Grund aller meiner
Meinungen, den ich immer predigte. Es war aber das Gleichnis von meinen Augen
und von dem Holze. Wenn mein Auge aufgetan wird, so ist es mein Auge. Ist es
zu, so ist es dasselbe Auge, wegen des Sehens geht dem Holze weder etwas ab
noch etwas zu. Nun merket recht auf. Geschieht aber das, daß mein Auge an
sich selbst eins und einheitlich ist und aufgetan und auf das Holz geworfen
wird mit einem Ansehen, so bleibt ein jegliches, was es ist, und doch werden
sie in der Wirksamkeit des Ansehens wie eines, so daß man sagen kann:
Auge-Holz, und das Holz ist mein Auge. Wäre aber das Holz ohne Materie und
ganz geistig, wie das Gesicht meiner Augen, so könnte man in Wahrheit sagen,
daß in der Wirksamkeit meines Gesichts das Holz und mein Auge aus einem Wesen
bestehen. Ist dies wahr von körperlichen Dingen, viel mehr wahr ist es von
geistigen Dingen. Ihr sollt wissen, mein Auge hat viel mehr Einheit mit den
Augen eines Schafes, das jenseits des Meeres ist, und das ich nie gesehen
habe, als mit meinen Ohren, mit denen es doch eins ist im Wesen; und das
kommt daher, weil das Auge des Schafes dieselbe Wirksamkeit hat wie mein
Auge, und daher spreche ich ihnen mehr Einheit im Wirken zu als meinen Augen
und Ohren, denn die sind im Wirken verschieden. Ich habe manchmal von einem
Licht gesprochen, das in der Seele ist und das ungeschaffen und unerschafflich
ist. Eben dieses Licht pflege ich allewege in meiner Predigt zu berühren, und
dieses Licht nimmt Gott unmittelbar und ohne Hüllen wahr, rein wie es an sich
selbst ist, und diese Wahrnehmung findet statt in der Wirksamkeit der
Hineingebärung. Da kann ich wahrlich sagen, dieses Licht hat mehr Einheit mit
Gott als mit sonst einer Kraft, mit der es doch im Wesen eins ist. Denn ihr
sollt wissen, dieses Licht ist im Wesen meiner Seele nicht höher im Rang als
die niederste oder allergewöhnlichste Kraft, die von Hunger oder Durst, Frost
oder Hitze befallen werden kann, und das kommt daher, daß das Wesen einfach
ist. Wenn man demnach die Kräfte im Wesen betrachtet, sind sie alle eins und
gleich im Rang; aber betrachtet man sie in ihren Werken, dann ist eine viel
edler und höher als die andere. Darum sage ich: wenn sich
der Mensch von sich selbst und von allen geschaffenen Dingen abkehrt, so weit
du das tust, so weit wirst du geeint und beseligt in dem Fünklein der Seele,
das nie Zeit oder Raum berührt hat. Dieser Funke entzieht sich allen
Kreaturen und will nur Gott, wie er an sich selbst ist. Er begnügt sich nicht
mit Vater oder Sohn oder heiligem Geist, und nicht mit den drei Personen,
sofern jede für sich in ihrer Eigenschaft dasteht. Ich sage wahrlich, eben
dieses Licht begnügt sich nicht mit der Eigenhaftigkeit der fruchtbaren
Beschaffenheit der göttlichen Natur. Ich will noch mehr sagen, was noch
wunderbarer lautet: ich sage in guter Wahrheit, dieses Licht begnügt sich
nicht mit dem einfachen stillstehenden göttlichen Wesen, das weder gibt noch
nimmt, sondern es will wissen, woher dieses Wesen kommt, es will in den
einfachen Grund, in die stille Wüste, wohin nie etwas Unterschiedenes, weder
Vater noch Sohn noch heiliger Geist, gedrungen ist; in dem Innigsten, wo
niemand heimisch ist, da begnügt es sich in einem Lichte, und da ist es
einiger als in sich selbst; denn dieser Grund ist eine einfache Stille, die
in sich selbst unbeweglich ist, und von dieser Unbeweglichkeit werden bewegt
und da empfangen ihr ganzes Leben alle Dinge, die vernünftig leben und sich
in sich selbst versenkt haben. Daß wir so vernünftig leben, das walte Gott.
Amen. 14. Wie Jesus am Stricke zogNemo potest
ad me venire, nisi pater meus
traxerit eum (Joh.6,44).
Diese Worte hat unser Herr Jesus Christus mit seinem süßen Mund im Evangelium
gesprochen, und sie bedeuten : »Niemand kann zu mir kommen, als den mein
Vater ziehet.« Nun sollen wir wissen,
bevor unser Herr Jesus Christus geboren wurde, zog der himmlische Vater aus
aller Kraft fünftausendzweihundert Jahre lang, ohne daß er einen einzigen
Menschen ins Himmelreich ziehen konnte. Als nun der Sohn sah, daß der Vater
sich abgemüht und so kräftig gezogen und doch nichts geschafft hatte, da
sprach er zu dem Vater: »Ich will sie mit den Seilen Adams ziehen,« gerade
als ob er sagte: Ich sehe wohl, Vater, daß du mit aller deiner Kraft nichts
schaffen kannst; darum will ich mit meiner Weisheit sie an den Seilen Adams
ziehen. Daher ließ der Sohn sich hernieder vom Himmelreich in den Leib unsrer
Frau und nahm da alle unsre leiblichen Gebrechen an sich, aber ohne die Sünde
und die Unvernunft, in die uns Adam geworfen hatte, und machte ein Seil aus
allen seinen Worten und seinen Werken und all seinen Gliedmassen und seinen
Adern und zog in all seiner Weisheit so sehr von Herzen, daß am Ende blutiger
Schweiß aus seinem heiligen Leib herausbrach. Und als er dreiunddreißig Jahre
lang gezogen hatte, ohne etwas zu schaffen, da sah er doch schon die Bewegung
und Loslösung aller Dinge; die wollten ihm folgen. Daher sprach er: »Würde
ich an das Kreuz erhöht, so zöge ich alle Dinge zu mir.« Daher ward er ans
Kreuz gespannt und legte allen seinen Glanz und alles, was ihn am Ziehen
hätte hindern können, ab. Nun gibt es drei Dinge, die
von Natur ziehen, und die hatte er alle bei sich am Kreuze. Daher zog er an
einem Vormittag mehr als vorher in dreiunddreißig Jahren. Das erste Ding, das
natürlich an sich zieht, ist Gleichheit, wie wir sehen, daß der Vogel den
Vogel anzieht, der ihm von Natur aus gleich ist. Mit dieser Gottheit und
Gleichheit zog er den himmlischen Vater zu sich, denn der ist ihm gleich an
Gottheit. Um ihn desto mehr an sich zu ziehen, damit er seines Zornes
vergesse, spricht er: »Herzlieber Vater, weil du die Sünde trotz all der
Opfer, die dir im alten Bunde gebracht wurden, nie vergeben wolltest, so sage
ich, mein Vater, deines Herzens eingeborener Sohn, der dir in allen Stücken
an Gottheit gleich ist, und in dem du allen Schatz göttlicher Liebe und
Reichtums geborgen hast: ich komme an das Kreuz, auf daß ich vor deinen
Vateraugen ein lebendiges Opfer werde, daß du die Augen deiner väterlichen
Barmherzigkeit senkst und mich ansiehst, deinen eingeborenen Sohn, und schau
mein Blut an, das aus meinen Wunden fließt und lisch das feurige Schwert aus,
mit dem du, in der Hand des Engels Cherubim, den Weg zum Paradies
verschlossen hast, damit jetzt alle frei hineingehen können, die in mir ihre
Sünde bereuen und beichten und büssen.« Das zweite, was natürlich
zieht, ist ein leerer Raum, wie wir sehen, daß das Wasser, wenn man die Luft
aus einem Rohr herauszieht, bis an den Mund hinaufläuft, denn wenn die Luft
hinausgeht, ist das Rohr leer; die Leere zieht dann das Wasser an sich. Also
machte sich unser Herr Jesus Christus leer, als er mit seiner Weisheit alle Dinge
an sich ziehen wollte, denn er ließ alles Blut ausfließen, das in seinem
Körper war, und dadurch zog er alle Barmherzigkeit und Gnade, die im Herzen
seines Vaters war, so vollständig und so reichlich an sich, daß es für die
ganze Welt genug war. Darum sprach der Vater: »Meiner Barmherzigkeit will ich
nimmer vergessen,« und sprach weiter: »Mein Sohn, nun sei kühn und stark,
denn du sollst das Volk allesamt in das Land geleiten, das ich verheißen
habe, in das Land himmlischer Freuden, das da überfließt vom Honig meiner
ewigen Gottheit und von der Milch deines Menschtums.« Drittens ziehen heiße
Dinge, wie wir sehen, daß die Sonne den Dampf von der Erde zum Himmel
hinaufzieht, daher ward auch unser Herr Jesus Christus am Kreuze heiß und
hitzig, denn sein Herz brannte am Kreuze wie eine Feueresse oder ein Ofen, wo
die Flamme an allen Enden hinausschlägt; so brannte er am Kreuze im Feuer der
Liebe zu aller Welt. Daher zog er auch mit der Hitze seiner Liebe alle Welt
an sich, denn sie gefiel ihm so sehr, daß niemand sich vor seiner Hitze
bergen konnte, wie Herr David im Psalter sagt. Denn nichts, was unser Herr
Jesus Christus je tat, geschah mit so großer Liebe, wie die Marter, die er am
Kreuze erlitt, denn da gab er seine Seele für uns, und wusch unsre Sünde in
seinem teuren Blute und brachte sich zum Opfer, um dem lebendigen Gott zu
dienen. Daher zog er uns auch mit seiner Liebe am Kreuze allgewaltig an sich,
so daß alle die, denen sein Tod und seine Marter zu Herzen geht, mit ihm in
Ewigkeit selig werden. Amen. 15. Von der Erkenntnis GottesUnser lieber Herr spricht,
daß das Reich Gottes nahe bei uns ist. Ja, das Reich Gottes ist in uns, und
Sankt Paulus spricht, daß unser Heil näher bei uns ist, als wir glauben. Nun
sollt ihr wissen, wie das Reich Gottes uns nahe ist. Hiervon müssen wir den
Sinn recht achtsam merken. Denn wäre ich ein König und wüßte es selbst nicht,
so wäre ich kein König. Aber hätte ich die feste Überzeugung, daß ich ein
König wäre, und meinten und glaubten das alle Menschen mit mir, so wäre ich
ein König und aller Reichtum des Königs wäre mein. So ist auch unsere
Seligkeit daran gelegen, daß man das höchste Gut, das Gott selbst ist,
erkennt und weiß. Ich habe eine Kraft in meiner Seele, die Gottes allzumal
empfänglich ist. Ich bin dessen so gewiß, wie ich lebe, daß mir kein Ding so
nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher als ich mir selber bin, mein Wesen
hängt daran, daß Gott mir nahe und gegenwärtig ist. Das ist er ebenso einem
Stein und einem Holze, aber sie wissen es nicht. Wüßte das Holz Gott und
erkennte es, wie nahe er ihm ist, wie es der höchste Engel erkennt, das Holz
wäre so selig wie der höchste Engel. Und darum ist der Mensch seliger als ein
Holz, weil er Gott erkennt und weiß, wie nahe ihm Gott ist. Nicht davon ist
er selig, daß Gott in ihm ist und ihm so nahe ist und daß er Gott hat,
sondern davon, daß er Gott erkennt, wie nahe er ihm ist, und daß er Gott
wissend und liebend ist, und der soll erkennen, daß Gottes Reich nahe ist. Wenn ich an Gottes Reich
denke, dann befällt mich tiefes Schweigen, seiner Größe wegen; denn Gottes
Reich ist Gott selbst mit all seinem Reichtum. Gottes Reich ist kein kleines
Ding: wer an alle Welten dächte, die Gott machen könnte, das ist nicht Gottes
Reich. Der Seele, in der Gottes Reich erglänzt und die Gottes Reich erkennt,
braucht man nicht predigen oder lehren, sie wird vom ihm belehrt und des
ewigen Lebens getröstet. Wer weiß und erkennt, wie nahe ihm Gottes Reich ist,
der kann mit Jakob sprechen: »Gott ist an diesem Ort und ich wüßte es nicht.«
Gott ist in allen Kreaturen
gleich nahe. Der Weise spricht: »Gott hat seine Netze und Stricke auf alle
Kreaturen ausgeworfen, so daß man ihn in einer jeden finden und erkennen
kann, wenn man es wahrnehmen will.« Ein Meister spricht: Der erkennt Gott
recht, der ihn in gleicher Weise in allen Dingen erkennt; und wenn einer Gott
in Furcht dient, ist es gut; wenn er ihm aus Liebe dient, ist es besser; aber
wer ihn in Fürchten lieben kann, das ist das allerbeste. Daß ein Mensch ein
Leben der Ruhe oder Rast in Gott hat, das ist gut; daß der Mensch ein Leben
der Pein mit Geduld trägt, ist besser; aber daß man in dem peinvollen Leben
seine Rast habe, das ist das allerbeste. Ein Mensch gehe auf dem Felde [und
spreche sein Gebet] und erkenne Gott, oder er sei in der Kirche und erkenne
Gott: wenn er Gott darum, weil er an einem Ruheplatz ist, eher erkennt, so
kommt das von seiner Schwäche, nicht von Gott, denn Gott ist in allen Dingen
und an allen Orten gleich und ist bereit, soweit es an ihm ist, sich überall
in gleicher Weise zu geben, und der erkennte Gott richtig, der ihn überall in
gleicher Weise erkennte. Wie der Himmel an allen
Orten gleich fern von der Erde ist, so soll auch die Seele gleich fern sein
von allen irdischen Dingen, und dem einen nicht näher sein als dem andern,
und sie soll sich gleichmütig halten in Liebe, in Leid, im Haben, im
Entbehren, in alledem soll sie zumal gestorben, gelassen und darüber erhoben
sein. Der Himmel ist rein und klar ohne alle Flecke, den Himmel berührt weder
Zeit noch Raum. Alle körperlichen Dinge haben keinen Raum darin. Er ist auch
nicht in der Zeit, sein Umlauf ist unglaublich schnell, sein Lauf ist ohne
Zeit, aber von seinem Lauf kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr
an der Erkenntnis Gottes als Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke und
Gott ist eins. Soll darum die Seele Gott erkennen, so muß sie ihn über der
Zeit und über dem Raum erkennen; denn Gott ist weder dies noch das, wie diese
Dinge der Mannigfaltigkeit; denn Gott ist eins. Soll die Seele Gott
erkennen, so darf sie mit dem Nichts keine Gemeinschaft haben. Wer Gott
sieht, der erkennt, daß alle Kreaturen nichts sind. Wenn man eine Kreatur mit
der andern vergleicht, so scheint sie schön und ist etwas; aber wenn man sie
mit Gott vergleichen will, so ist sie nichts. Ich sage mehr: soll die
Seele Gott erkennen, so muß sie auch ihrer selbst vergessen und muß sich
selbst verlieren; denn solange sie sich selbst sieht und erkennt, sieht und
erkennt sie Gott nicht. Wenn sie sich Um Gottes willen verliert und alle Dinge
verläßt, so findet sie sich in Gott wieder, weil sie Gott erkennt, und dann
erkennt sie sich selbst und alle Dinge (von denen sie sich geschieden hat) in
Gott in Vollkommenheit. Will ich das höchste Gut und die ewige Güte erkennen,
wahrlich, so muß ich sie erkennen, wie sie gut an sich selbst ist, nicht wie
die Güte geteilt ist. Will ich das wahre Wesen erkennen, so muß ich es
erkennen, - wie das Sein an sich selbst ist, das heißt in Gott, nicht wie es
in Kreaturen geteilt ist. In Gott allein ist das ganze
göttliche Wesen. In einem Menschen ist nicht ganzes Menschtum, denn ein
Mensch ist nicht alle Menschen. Aber in Gott erkennt die Seele ganzes
Menschtum und alle Dinge im Höchsten, denn sie erkennt sie in ihrem Wesen.
Ein Mensch, der in einem schön gemalten Hause wohnt, weiß viel mehr davon als
ein anderer, der nie hineinkam und viel davon sagen wollte. Daher ist es mir
so gewiß als ich lebe und Gott lebt: wenn die Seele Gott erkennen will, muß
sie ihn über Zeit und Raum erkennen. Und eine solche Seele erkennt Gott und
weiß, wie nahe Gottes Reich ist, das heißt Gott mit all seinem Reichtum. Die
Meister haben viel Fragens in der Schule, wie das möglich sei, daß die Seele
Gott erkennen könne? Es liegt nicht an Gottes Strenge, daß er viel von den
Menschen heischt; es liegt an seiner großen Milde, daß er will, daß die Seele
sich weiter mache, auf daß sie viel empfangen und er ihr viel geben könne. Niemand soll denken, es sei
schwer hierzu zu kommen, wiewohl es schwer klingt und auch wirklich im Anfang
schwer ist, im Abscheiden und Sterben aller Dinge. Aber wenn man hineinkommt,
so ist kein Leben leichter und fröhlicher und lieblicher; denn Gott gibt sich
gar große Mühe, allezeit bei dem Menschen zu sein, und lehrt ihn, damit er
ihn zu sich bringt, wenn er anders ihm folgen will. Es begehrte nie ein
Mensch so sehr nach einer Sache, als Gott begehrt, den Menschen dazu zu
bringen, ihn zu erkennen. Gott ist allzeit bereit, aber wir sind sehr
unbereit; Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne; Gott ist drinnen, aber
wir sind draußen; Gott ist zu Hause, wir sind in der Fremde. Der Prophet
spricht: »Gott führt die Gerechten durch einen engen Weg in die breite
Strasse, daß sie in die Weite und in die Breite kommen, das heißt: in wahre
Freiheit des Geistes, der ein Geist mit Gott geworden ist.« Daß wir ihm alle
folgen, daß er uns in sich bringe, das walte Gott. Amen. 16. Von der ArmutDie Seligkeit tat ihren
Mund der Weisheit auf und sprach: »Selig sind die Armen des Geistes, das
Himmelreich ist ihrer.« Alle Engel und alle Heiligen und alles was je geboren
ward, muß schweigen, wenn diese ewige Weisheit des Vaters spricht; denn alle
Weisheit der Engel und aller Kreaturen ist lauter nichts vor der Weisheit
Gottes, die grundlos ist. Diese Weisheit hat gesagt, daß die Armen selig
seien. Nun gibt es zweierlei Armut. Die eine ist eine äußerliche Armut und
die ist gut und ist sehr an dem Menschen zu loben, der es mit Willen tut
unserm Herrn Jesus Christus zulieb, weil er sie selber auf Erden geübt hat.
Von dieser Armut will ich nichts weiter sagen. Aber es gibt noch eine andere
Armut, eine inwendige Armut, von der dies Wort unseres Herrn zu verstehen
ist, das er sagt: »Selig sind die Armen des Geistes oder an Geist.« Nun bitte
ich euch, ihr möchtet so sein, daß ihr diese Rede versteht, denn ich sage
euch bei der ewigen Wahrheit, wenn ihr der Wahrheit, von der wir jetzt reden,
nicht gewachsen seid, so könnt ihr mich nicht verstehen. Etliche Leute haben
mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir antworten. Bischof Albrecht sagt, der
sei ein armer Mensch, dem alle Dinge, die Gott je schuf, nicht Genüge tun,
und das ist gut gesagt. Aber wir sagen es noch besser und nehmen Armut in
einem höheren Sinne. Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts
weiß und nichts hat. Von diesen drei Punkten will ich sprechen. Zum ersten also heißt der
ein armer Mensch, der nichts will. Diesen Sinn verstehen etliche Leute nicht
recht; das sind die Leute, die peinlich an Pönitenzien und äußerlichen
Bußübungen festhalten (daß die Leute in großem Ansehen stehen, das erbarme
Gott!) und sie erkennen doch so wenig von der göttlichen Wahrheit. Diese
Menschen heißen heilig nach dem äußere Ansehen, aber von innen sind sie Esel,
denn sie verstehen es nicht, die göttliche Wahrheit zu unterscheiden. Diese Menschen
sagen, der sei ein armer Mensch, der nichts will. Das deuten sie so, der
Mensch solle so sein, daß er an keinen Dingen seinen Willen mehr erfülle,
vielmehr danach trachten solle, dem allerliebsten Willen Gottes zu folgen.
Diese Menschen sind nicht übel daran, denn ihre Absicht ist gut; darum sollen
wir sie loben; Gott und seine Barmherzigkeit erhalte sie. Aber ich sage mit
guter Wahrheit, daß sie keine armen Menschen und nicht armen Menschen
gleichzustellen sind. Sie sind in der Leute Augen groß geachtet, die sich auf
nichts Besseres verstehen. Doch sage ich, daß sie Esel sind, die von
göttlicher Wahrheit nichts verstehen. Mit ihren guten Absichten können sie
vielleicht das Himmelreich erlangen, aber von dieser Armut, von der ich jetzt
künden will, von der wissen sie nichts. Wenn mich nun einer fragt,
was denn ein armer Mensch sei, der nichts will, so antworte ich und spreche
so. Solange der Mensch das hat, was in seinem Willen ist, und solange sein
Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der Mensch hat nicht
die Armut, von der wir sprechen wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen,
mit dem er dem Willen Gottes genug tun will, und das ist nicht das rechte.
Denn will der Mensch wirklich arm sein, so soll er seines geschaffenen Willens
so entledigt sein, wie er war als er nicht war. Und ich sage euch bei der
ewigen Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen
und irgend nach der Ewigkeit und nach Gott begehret, so lange seid ihr nicht
richtig arm; denn das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts
erkennt und nichts begehrt. Als ich in meiner ersten
Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte
nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkenner
meiner selbst nach göttlicher Wahrheit; da wollte ich mich selbst und wollte
kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte
ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge. Aber als ich aus meinem
freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich
einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war
was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr geschaffenes Wesen anfingen, da
war Gott nicht in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott. Nun
sagen wir, daß Gott danach daß er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der
Kreatur ist und nicht so große Fülle, als die geringste Kreatur in Gott hat.
Und gäbe es das, daß eine Fliege Vernunft hätte und vernünftig den ewigen
Abgrund göttlichen Wesens, aus dem sie gekommen ist, suchen könnte, so sagen
wir, daß Gott mit alledem, was Gott ist, die Fliege nicht ausfüllen und ihr
nicht genug tun könnte. Deshalb bitten wir darum, daß wir Gottes entledigt
werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaft werden, wo die
obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und
wollte was ich war, und war was ich wollte. So soll der Mensch arm sein des
Willens und so wenig wollen und begehren wie er wollte und begehrte, als er
nicht war. Und in dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will. Zum zweiten ist der ein
armer Mensch, der nichts weiß. Wir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte
so leben als ob er nicht lebte, weder sich selbst noch der Wahrheit noch
Gott. Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner sagen, daß der Mensch,
der diese Armut haben soll, alles haben soll, was er war als er nicht lebte,
in keiner Weise lebte, weder sich, noch der Wahrheit, noch Gott, er soll
vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, daß selbst nicht Erkennen
Gottes in ihm lebendig ist; denn als der Mensch in der ewigen Art Gottes
stand, da lebte in ihm nichts anderes: was da lebte, das war er selbst. Daher
sagen wir, daß der Mensch so seines eigenen Wissens entledigt sein soll, wie
er war als er nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, und frei
dastehe, als wie er von Gott kam. Nun ist die Frage, wovon
allermeist die Seelheit abhänge? Etliche Meister
haben gesagt, es komme auf das Begehren an. Andere sagen, es komme auf
Erkenntnis und auf Begehren an. Aber wir sagen, sie hänge nicht von der
Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele,
aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt
nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas hat weder vor noch nach und
es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch
verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu
wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise
Gottes verzehrt. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, daß
er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und dann kann der Mensch
Armut sein eigen nennen. Die Meister sagen, Gott sei Wesen und zwar ein
vernünftiges Wesen und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder
Wesen, noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum
ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge. Wer nun des
Geistes arm sein will, der muß alles seinen eigenen Wissens arm sein, als
einer, der nichts weiß und kein Ding, weder Gott, noch Kreatur, noch sich
selbst. Dagegen ist es nicht so, daß der Mensch begehren solle, den Weg
Gottes zu wissen oder zu erkennen. In der Weise, wie ich gesagt habe, kann
der Mensch arm sein seines eigenen Wissens. Zum dritten ist der ein
armer Mensch, der nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das sei
Vollkommenheit, daß man nichts von den leiblichen Dingen dieser Erde hat, und
das ist in einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer es mit Willen tut.
Aber dies ist nicht der Sinn, den ich meine, Ich habe vorhin gesagt, der sei
ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben
will, daß er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so entledigt sei,
wie er war als er nicht war. Von dieser Armut sagen wir, daß sie die
ursprünglichste Armut sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, der
die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. Wer so des Wissens und Erkennens
ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offenbarste
Armut. Aber die dritte Armut, von der
ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich daß der Mensch nichts hat. Nun gebt ernstlich acht;
ich habe oft gesagt, und es sagen es auch große Meister, der Mensch solle
aller Dinge und aller Werke, sowohl innerlich wie äußerlich, so entledigt
sein, daß er eine Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken könne.
Jetzt aber künden wir es anders. Steht die Sache so, daß der Mensch aller
Dinge ledig steht, aller Kreaturen und seiner selbst und Gottes, und ist es
noch so in ihm bestellt, daß Gott eine Stätte in ihm zu wirken findet, so
sagen wir: solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der
tiefsten Armut, denn Gott ist nicht der Meinung mit seinen Werken, der Mensch
solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken könne, sondern das ist
eine Armut des Geistes, daß der Mensch Gottes und aller seiner Werke so ledig
steht, daß Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei,
worin er wirken will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den Menschen so
arm, so ist Gott sein eigenes Werk empfangend und ist eine Eigenstätte seiner
Werke damit, daß Gott ein Wirken in sich selbst ist. Allhier erlangt der
Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt
ist und das er in Ewigkeit leben soll. Daher sagen wir, daß der
Mensch arm dastehen soll, daß er kein Raum sein und keinen haben soll, worin
Gott wirken könne. Wenn der Mensch einen Raum behält, dann behält er
Unterschiedenheit. Darum bitte ich Gott, daß er mich Gottes quitt mache, denn
unwesenhaftes Wesen und Sein ohne Dasein ist über Gott und über
Unterschiedenheit; da war ich selbst, da wollte ich mich selbst und erkannte
mich selbst diesen Menschen machend, und darum bin ich Ursache meiner selbst
nach meinem Wesen, das ewig ist, und nach meinem Wesen, das zeitlich ist. Und
darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist,
niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich
gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin,
das soll sterben und soll zunichte werden, denn es ist des Tages; darum muß
es mit der Zeit verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und
ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich
nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht
nötig, dies zu verstehen. Ein
großer Meister sagt, sein Münden stünde höher als sein Entspringen. Als ich
aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist da. Nun kann mich das
nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden,
wo ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig stehen des Willens Gottes
und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott
noch Kreatur, sondern ich bin was ich war und was ich bleiben soll jetzt und
immerdar. Da erhalte ich einen Ruck, der mich über alle Engel schwingen soll.
Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, daß mir Gott nicht genug sein
kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir
wird in diesem Münden zu teil, daß ich und Gott eins sind. Da bin ich was ich
war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche
Ur-Sache, die alle Dinge bewegt. Allhier findet Gott keine Stätte im
Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, daß er ewiglich gewesen
ist und immer bleiben soll. Allhier ist Gott im Geist eins, und das ist die
tiefste Armut, die man finden kann. Wer diese Rede nicht
versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser
Wahrheit nicht gewachsen ist, so lange wird er diese Rede nicht verstehen,
denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar
gekommen aus dem Herzen Gottes. Daß wir so leben mögen, daß wir es ewig
empfinden, das walte Gott. Amen. 17. Von Gott und der WeltDas Allerbeste, das Gott
dem Menschen je tat, das war, daß er Mensch ward. Davon will ich eine
Geschichte erzählen, die wohl hierher gehört. Es war ein reicher Mann und
eine reiche Frau, da stieß der Frau das Unglück zu, daß sie ein Auge verlor,
dessen ward sie sehr betrübt. Da kam der Herr zu ihr und sprach: »Frau, warum
seid ihr so betrübt? Ihr sollt darüber nicht betrübt sein, daß ihr euer Auge
verloren habt.« Da sprach sie: »Herr, ich bin nicht darum betrübt, weil ich
mein Auge verloren habe; ich bin darum betrübt, weil es mich dünkt, ihr
müßtet mich nun weniger lieb haben.« Da sprach er: »Frau, ich habe euch
lieb.« Danach nicht lange nachher stach er sich selbst ein Auge aus und kam
zu der Frau und sprach: »Frau, damit ihr nun glaubt, daß ich euch lieb habe,
habe ich mich euch gleich gemacht: ich habe nun auch nur noch ein Auge.« Die Meister sagen: alle
Kreaturen wirken daraufhin, daß sie gebären und sich dem Vater gleich machen
wollen. Ein anderer Meister sagt: Jede wirkende Ursache wirkt allein um ihres
Zweckes willen, daß sie Rast und Ruhe in ihrem Zwecke finde. Dies ist der
Mensch, der konnte gar schwerlich glauben, daß ihn Gott so lieb hat, bis Gott
endlich sich selbst ein Auge ausstach und menschliche Natur annahm. Dies ist
Fleisch geworden. In principio. Ein Kind ist
uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Ein Meister sagt: Alle Kreaturen
wirken nach ihrer ersten Lauterkeit und ihrer allergrößten Vollkommenheit.
Also hat Gott getan. Er hat die Seele nach der allerhöchsten Vollkommenheit
geschaffen und hat in sie gegossen alle seine Klarheit in der reinen Erstheit
und ist doch unvermischt geblieben. Nun merke! Ich sprach
neulich an einem Ort: Als Gott alle Kreaturen schuf, sollte er da nicht
vorher etwas geschaffen haben, das ungeschaffen war, das Bilder aller
Kreaturen in sich trug? Das ist der Funke, der ist Gott so nahe, daß er ein
einiges ungeschiedenes Eins ist und das Bild aller Kreaturen ohne Bild und
über Bild in sich trägt Eine Frage ward gestern unter großen Gelehrten
erörtert. Mich wundert, sprach ich, daß niemand das allergeringste Wort
ergründen kann, und fragt ihr mich, ob ich, wenn ich ein einziger Sohn bin,
den der himmlische Vater ewiglich geboren hat, dann ewiglich Sohn gewesen
sei, so antworte ich: ja, und nein. Ja, ein Sohn: indem der Vater mich
ewiglich geboren hat; und nicht Sohn: entsprechend der Ungeborenheit. In principio.
Hier ist uns zu verstehen gegeben, daß wir einziger Sohn sind, den der Vater
ewiglich aus dem verborgenen Verstand der ewigen Verborgenheit geboren hat,
indem er im ersten Beginne der reinen Erstheit blieb, die da eine Fülle aller
Reinheit ist. Hier habe ich ewiglich geruht und geschlafen in der verborgenen
Erkenntnis des ewigen Vaters, innen bleibend, ungesprochen. Aus der
Lauterkeit hat er mich ewiglich geboren als seinen eingeborenen Sohn selber
in das Bild seiner ewigen Vaterschaft, damit ich Vater sei und den gebäre,
von dem ich geboren bin. In gleicher Weise, als ob einer vor einem hohen
Berge stünde und riefe: »Bist Du da?« und der Schall und der Hall riefe
wieder: »Bist Du da?« Oder er spräche: »Komm heraus« und der Schall
antwortete: »Komm heraus!« Ja, wer in dem Lichte das Holz sähe, da entstünde
ein Engel und ein Vernünftiger und nicht allein vernünftig, es würde lauter
Vernunft, in der reinen Erstheit, die da eine Erfüllung aller Reinheit ist.
So tut Gott: er gebiert seinen eingeborenen Sohn in das höchste Teil der
Seele. Und während er seinen Sohn in mich gebiert, gebäre ich ihn wieder in
den Vater. Das war nicht anders, als daß Gott den Engel gebar, während er,
der Gott, von der Jungfrau geboren wurde. Ich dachte (es ist schon
manches Jahr her), wenn ich gefragt würde, wieso jede Grasspinne der andern
so ungleich wäre, dann antwortete ich: daß alle Grasspinnen so gleich sind,
das ist noch wunderbarer. Ein Meister sprach; daß alle Grasspinnen so
ungleich sind, das kommt von der Verschwendung der göttlichen Güte, die er
verschwenderisch in alle Kreaturen gießt, damit seine Herrlichkeit desto mehr
offenbart werde. Da sprach ich: es ist wunderbarer, daß alle Grasspinnen so
gleich sind, und sprach: wie alle Engel in der reinen Erstheit alleins sind,
so sind alle Grasspinnen in der reinen Erstheit alleins, und alle Dinge sind
alleins. Ich dachte manchmal, wenn
ich mich im Freien erging, der Mensch könne mit der Zeit dazu kommen, daß er
Gott zwingen kann. Wäre ich hier oben und spräche zu ihm: »Komm herauf!« das
wäre schwer. Aber spräche ich: »Setz dich hier nieder!« das wäre leicht. So
tut Gott. Wenn der Mensch sich demütigt, so kann Gott in seiner Güte sich
nicht enthalten, er muß sich neigen und in den demütigen Menschen ergießen,
und dem Allergeringsten gibt er sich mit seinem Allermeisten und gibt sich
ganz und gar. Was Gott gibt, das ist sein Wesen, und sein Wesen ist seine
Güte, und seine Güte ist seine Liebe. Alles Leid und alle Freude kommt von
der Liebe. Ich überlegte unterwegs,
als ich hierher gehn wollte, ich sollte zu Hause bleiben, ich würde doch naß
vor Liebe. Wenn auch ihr naß geworden seid, so wollen wir es sein lassen. -
Freude und Leid kommt von der Liebe. Der Mensch soll Gott lieben, denn Gott
liebt den Menschen mit all seiner höchsten Vollkommenheit. Die Meister sagen,
alle Dinge wirken daraufhin, daß sie sich dem Vater gleich gebären wollen,
und sagen: die Erde flieht den Himmel; flieht sie niederwärts, so kommt sie
niederwärts zum Himmel; flieht sie aufwärts, so kommt sie zu dem Niedersten
des Himmels. Die Erde kann dem Himmel nicht entfliehen: sie fliehe auf oder
nieder, der Himmel fließt in sie und drückt seine Kraft in sie und macht sie
fruchtbar, es sei ihr lieb oder leid. So tut Gott dem Menschen: der ihm
entfliehen möchte, der läuft ihm in den Schoß, denn ihm sind alle Winkel
offen. Gott gebiert seinen Sohn in dir, es sei dir lieb oder leid, du
schlafest oder wachest, Gott tut das Seine. Daß der Mensch das nicht
empfindet, das liegt daran, daß seine Zunge mit dem Unflat der Kreatur
beschmutzt ist und das Salz der göttlichen Liebe nicht hat. Hätten wir die
göttliche Liebe, so schmeckten wir Gott und alle die Werke, die Gott je
wirkte, und wir empfingen alle Dinge von Gott und wirkten dieselben Werke
alle, die er wirkt. In dieser Gleichheit sind wir alle ein einziger Sohn. Gott schuf die Seele nach
seiner höchsten Vollkommenheit, daß sie eine Geburt seines eingeborenen
Sohnes sein sollte. Da er dies wohl erkannte, so wollte er herausgehen aus
der heimlichen Schatzkammer seiner ewigen Vaterschaft, in der er im ersten
Beginne der reinen Erstheit geblieben war und ewig geschlafen und
herausgesprochen hat. Da hat der Sohn das Zelt seiner ewigen Glorie
aufgeschlagen und ist herausgekommen aus dem Allerhöchsten, weil er seine
Freundin holen wollte, die ihm der Vater ewiglich vermählt hatte, daß er sie
heimbrächte in das Allerhöchste, aus dem sie gekommen ist Darum ging er
hinaus und sprang herzu wie ein Jüngling und litt Leid aus Liebe. Aber nicht
für immer ging er hinaus, er wollte wieder hineingehen in seine Kammer, das
heißt, in die stille Dunkelheit der verborgenen Vaterschaft. Als er ausging
aus dem Allerhöchsten, da wollte er hineingehen mit seiner Braut und wollte
ihr die verborgene Heimlichkeit seiner Gottheit offenbaren, wo er mit sich
selbst und mit allen Kreaturen ruht. In principio heißt so viel
wie ein Anfang allen Wesens. Es gibt auch ein Ende alles Wesens, denn der
erste Beginn ist um des letzten Endes willen. Ja, Gott selbst ruht nicht da,
wo er der erste Beginn ist, sondern er ruht da, wo er ein Zweck und ein Ende
ist und ein Rasten alles Wesens, nicht daß dies Wesen da zunichte würde,
sondern es wird da vollendet zu seiner höchsten Vollkommenheit. Was ist das
letzte Ende? Es ist die Verborgenheit der Dunkelheit der ewigen Gottheit und
ist unbekannt und ward nie erkannt und wird niemals erkannt. Gott bleibt
darin sich selbst unbekannt, und das Licht des ewigen Vaters hat ewiglich
darin geschienen, und die Dunkelheit begreift das Licht nicht. Daß wir zu
dieser Wahrheit kommen, dazu verhelfe uns die Wahrheit, von der wir
gesprochen haben. Amen. 18. Von der Erneuerung des Geistes»Ihr sollt erneuert werden
an eurem Geiste, der da mens heißet,« das heißt ein Bewußtsein. So spricht
Sankt Paulus. Nun sagt Augustin, daß an dem ersten Teil der Seele, das da
mens heißt oder Bewußtsein, mit dem Wesen der Seele eine Kraft geschaffen
hat, die die Meister einen Verschluß oder Schrein geistlicher Formen oder
formloser Bilder heißen. Diese Kraft macht den Vater der Seele gleich durch
seine ausfließende Gottheit, von der er den ganzen Hort seines göttlichen
Wesens in den Sohn und in den heiligen Geist mit persönlicher Unterscheidung
gegossen hat, wie die Gedächtniskraft der Seele den Kräften der Seele den
Schatz der Bilder ausgießt. Wenn nun die Seele mit dieser Kraft irgendwelche
Bildlichkeit schaut, sei es das Bild eines Engels oder ihr eigenes Bild, so
ist es gar mangelhaft. Schaut sie Gott wie Gott ist oder wie er Bild ist oder
wie er drei ist, es ist mangelhaft. Wenn aber alle Bilder der Seele
abgeschieden werden und sie allein das einig Eine schaut, so findet das
nackte Wesen der Seele das nackte formlose Wesen göttlicher Einheit, das da
ist ein überwesendes Wesen, empfangend, in sich selbst liegend. O Wunder über
Wunder, welch edles Empfangen ist das, daß das Wesen der Seele nichts anderes
empfangen kann als allein die Einheit Gottes! Nun spricht Sankt Paulus: »Ihr
sollt erneuert werden am Geiste.« Erneuerung befällt alle Kreaturen unter
Gott; aber Gott befällt keine Erneuerung, er ist ganz Ewigkeit. Was ist Ewigkeit? Paßt auf.
Die Eigenheit der Ewigkeit ist, daß Dasein und Jungsein in ihr eins ist, denn
die Ewigkeit wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte und nicht allewege
wäre. Nun sage ich: die Seele befällt Erneuerung, insofern sie Seele heißt,
denn sie heißt darum Seele, weil sie dem Körper Leben gibt und eine Form des
Körpers ist. Sie wird auch von der Erneuerung betroffen, insofern sie Geist
heißt. Darum heißt sie ein Geist, weil sie von hier und von jetzt und von
aller Natürlichkeit abgeschieden ist. Aber insofern sie ein Bild Gottes ist
und namenlos wie Gott, da tritt keine Erneuerung an sie heran, sondern allein
Ewigkeit, wie in Gott. Nun paßt auf! Gott ist namenlos, denn von ihm kann
niemand etwas sprechen oder verstehen. Darum sagt ein heidnischer Meister:
Was wir von der ersten Ursache verstehen oder sprechen, das sind wir mehr
selbst, als daß es die erste Ursache wäre, denn sie ist über allem Sprechen
und Verstehen. Sage ich nun: Gott ist gut, so ist es nicht wahr, sondern ich
bin gut, Gott ist nicht gut. Ich sage mehr: ich bin besser als Gott, denn was
gut ist, kann besser werden; was besser werden kann, kann das Allerbeste
werden. Nun ist Gott nicht gut, daher kann er nicht besser werden. Und wenn
er also nicht besser werden kann, so kann er auch nicht allerbest werden,
denn diese drei sind fern von Gott: gut, besser und allerbest, denn er ist
über allem. Sage ich ferner: Gott ist weise, so ist es nicht wahr: ich bin
weiser als er. Sage ich ferner: Gott ist ein Wesen, so ist es nicht wahr: er
ist ein überschwebendes Wesen und eine überwesende Nichtheit. Daher sagt
Sankt Augustin: Das Schönste, was der Mensch von Gott sprechen kann, das ist,
daß er vor Weisheitsfülle schweigen kann. Daher schweig und schwatze nicht
von Gott, denn damit, daß du von ihm schwatzest, lügst du, tust also Sünde.
Willst du nun ohne Sünde sein und vollkommen, so schwatze nicht von Gott. Du
sollst auch nichts verstehen unter Gott, denn Gott ist über allem Verstehen.
Es sagt ein Meister: Hätte ich einen Gott, den ich verstehen könnte, ich
wollte ihn nimmer für Gott halten. Verstehst du nun etwas unter ihm, davon
ist er nichts, und damit, daß du etwas unter ihm verstehst, kommst du in eine
Unverstandsamkeit, und von der Unverstandsamkeit
kommst du in eine Tierheit; denn was an den Kreaturen unverständig ist, das
ist tierisch. Willst Du nicht tierisch werden, so verstehe nichts von dem ungeworteten Gotte. »Ach, wie soll ich denn tun?« Du
sollst ganz und gar entsinken deiner Deinheit und
sollst zerfließen in seine Seinheit und es soll
dein Dein in seinem Mein ein Mein werden, so gänzlich, daß du mit ihm ewiglich
verstehst seine ungewordene Istigkeit und seine
ungenannte Nichtheit. Nun spricht Sankt Paulus:
»Ihr sollt erneuert werden am Geiste.«Wollen wir nun am Geiste erneuert
werden, so müssen die sechs Kräfte der Seele, sowohl die obersten wie die
untersten, jede einen goldenen Ring am Finger haben, vergoldet mit dem Golde
göttlicher Liebe. Nun achtet auf die niedersten Kräfte, es sind ihrer drei.
Die erste heißt Einsicht, rationale; an der sollst du einen goldenen Ring
haben, das ist das Licht, auf daß deine Einsicht zu allen Zeiten ohne Zeit
mit dem göttlichen Lichte erleuchtet sei. Die andere Kraft heißt die
Zürnerin, irascibilis; an der sollst du einen Ring
haben, das ist dein Friede. Warum? Darum: wenn in Frieden, dann in Gott; wenn
aus Frieden, dann aus Gott. Die dritte Kraft heißt Begehrung: concuspiscibilis; an der sollst du Genügsamkeit haben,
damit du dich mit allen Kreaturen, die unter Gott sind, begnügst; aber mit
Gott sollst du dich niemals begnügen, denn von Gott kannst du nie genug
haben: je mehr Gottes du hast, je mehr begehrst du seiner; denn könntest du
dich mit Gott begnügen, so daß Gott vom Genug betroffen würde, so wäre Gott
nicht Gott. Du mußt auch an jeder von
den obersten Kräften einen goldenen Ring haben. Der obersten Kräfte gibt es
auch drei. Die erste heißt eine behaltende Kraft, memoria. Diese Kraft
vergleicht man dem Vater in der Dreifaltigkeit. An der sollst du einen
goldenen Ring haben, nämlich ein Behalten, damit du alle ewigen Dinge in dir
behalten sollst. Die andere heißt Verstand, intellectus. Diese Kraft
vergleicht man dem Sohne. An der sollst du auch einen goldenen Ring haben,
nämlich Erkenntnis, damit du Gott zu allen Zeiten erkennen sollst. Und zwar
wie? Du sollst ihn erkennen ohne Bild, ohne Mittel und ohne Gleichnis. Soll
ich aber Gott so unmittelbar erkennen, so muß vollends ich er werden und er
ich werden. Ich sage mehr: Gott muß vollends ich werden, und ich vollends Gott,
wie völlig eins, daß dies Er und dies Ich ein Ich werden und sind, und in der
Istigkeit ewig ein Werk wirken; denn solange dies
Er und dies Ich, das heißt Gott und die Seele, nicht ein einziges Hier oder
ein einziges Jetzt sind, solange könnte dies Ich mit dem Er niemals
zusammenwirken oder eins werden. Die dritte Kraft heißt Wille, voluntas.
Diese Kraft vergleicht man dem heiligen Geiste. An der sollst du einen
goldenen Ring haben, nämlich die Liebe, damit du Gott lieben sollst. Du
sollst Gott lieben ohne Liebheit, daß heißt nicht darum, weil er liebevoll
sei, denn Gott ist unliebevoll; er ist über aller Liebe und Liebheit. »Wie
soll ich denn Gott lieben?« Du sollst Gott nichtgeistlich lieben, das heißt,
deine Seele soll nichtgeistig sein und aller Geistigkeit entkleidet; denn
solange die Seele geistförmig ist, hat sie Bilder; solange sie Bilder hat,
hat sie nicht Einheit noch Eintracht; solange sie nicht Eintracht hat, liebte
sie Gott nicht recht, denn bei rechter Liebe kommt es auf die Eintracht an.
Darum soll deine Seele nichtgeistig sein, frei von allem, was Geist ist, und
soll geistlos dastehen; denn liebst du Gott, wie er Gott ist, wie er Geist
ist, wie er Person ist und wie er Bild ist, das muß alles hinab. »Wie soll
ich ihn denn lieben?« Du sollst ihn lieben wie er ist: ein Nichtgott, ein
Nichtgeist, eine Nichtperson, ein Nichtbild, sondern: wie er ein bloßes,
pures, reines Eins ist, gesondert von aller Zweiheit, und in dem Einen sollen
wir ewiglich versinken von Nichts zu Nichts. Das walte Gott. Amen. 19. Von der NaturEs sagen unsere Meister,
alles was erkannt wird oder geboren wird, ist ein Bild, und sie sagen
folgendes: Wenn der Vater seinen eingeborenen Sohn gebären soll, so muß er
sein in ihm selbst bleibendes Bild gebären, das Bild in dem Grunde, so wie es
von Ewigkeit in ihm gewesen ist, formae illius, das heißt seine ihm selbst bleibende Form. Dies
ist eine Naturlehre, und es dünkt mich recht unbillig, daß man Gott mit
Gleichnissen, mit diesem oder jenem, aufzeigen muß. Dennoch ist er weder dies
noch jenes, und damit begnügt sich der Vater nicht, sondern er zieht sich
zurück in die Erstheit, in das Innerste, in den Grund und in den Kern der
Vaterschaft, wo er ewig drinnen gewesen ist, in sich selbst in der
Vaterschaft und wo er sich selbst verzehrt als Vater seiner selbst in dem
einig Einen. Hier sind alle Grasblättlein und Holz und Stein und alle Dinge
eins. Dies ist das Allerbeste und ich habe mich ganz darein vernarrt. Darum
fügt die Natur alles was sie leisten kann da hinein, das stürzt alles in die
Vaterschaft, auf daß sie eins und ein Sohn sei und all dem andern entwachsen
und allein in der Vaterschaft sei, und daß sie, wenn sie nicht darein sein
könne, doch wenigstens ein Gleichnis des Einen sei. Die Natur, die von Gott
ist, sucht nichts, was außerhalb von ihr ist, ja, die Natur, wie sie in sich
ist, hat nichts mit der Farbe zu tun, denn die Natur, die von Gott ist, die
sucht nichts anderes als Gottes Gleiches. Ich überlegte mir heute
Nacht, daß nur Gleiches aufeinander wirken kann. Ich kann kein Ding sehen,
das mir nicht gleich ist, und ich kann kein Ding erkennen, das mir nicht
gleich ist. Gott trägt alle Dinge verborgen in sich selbst, aber nicht in
dies oder das unterschieden, sondern eins in Einheit Das Auge hat auch Farbe
in sich, das Auge empfängt die Farbe, und das Ohr nicht. Das Ohr empfängt das
Getön und die Zunge den Geschmack. Es hat jedes das, mit dem es eins ist.
Demnach hat das Bild der Seele und Gottes Bild ein Wesen: da wir
Gottes Kinder sind. Und selbst wenn ich weder Augen noch Ohren hätte, so
hätte ich doch noch das Wesen. Ich habe öfters gesagt: die Schale muß
zerbrechen, und was darinnen ist, muß herauskommen: denn willst du den Kern
haben, so mußt du die Schale zerbrechen. Und wenn du daher die Natur nackt
finden willst, so müssen die Gleichnisse alle zerbrechen, und je weiter man
hineintritt, um so näher ist man dem Wesen. Vor ein paar Jahren war ich
nichts; nicht lange nachher aß mein Vater und meine Mutter Fleisch und Brot
und Kraut, das im Garten wuchs, und davon bin ich ein Mensch. Das konnte mein
Vater oder meine Mutter nicht bewirken, sondern Gott machte meinen Körper
unmittelbar und schuf meine Seele nach dem Allerhöchsten. Demnach besaß ich
mein Leben selbst (possedi me).
Dies Korn zielt auf den Roggen ab, dem wieder liegt es in der Natur, daß er
Weizen werden kann, darum ruht er nicht, bis er eben diese Natur erreicht.
Dies Weizenkorn hat es in der Natur, daß es alle Dinge werden kann, darum
geht es in sich und begibt sich in den Tod, auf daß es alle Dinge werde. Und
dies Erz ist Kupfer, das hat in seiner Natur, daß es Gold werden kann, darum
ruht es nicht, bis es eben diese Natur erreicht. Ja dies Holz hat in seiner
Natur, daß es ein Stein werden kann; ich sage noch mehr, es kann wohl alle
Dinge werden, es löst sich in ein Feuer und läßt sich verbrennen, damit es in
die Feuernatur verwandelt werde, und es wird eins dem Einen und hat ewig
dieselbe Natur. Ja, Holz und Stein und Bein und alle Grashalme haben allesamt
ein Wesen in der Erstheit. Und tut diese Natur das, was tut dann erst die
Natur, die da so nackt in sich selbst ist, die da weder dies noch das sucht,
sondern sie entwächst allem Anderssein und läuft alleins zur reinen Erstheit. 20. Von Gott und MenschPraedica verbum. Man liest ein
Wörtlein von meinem Herrn Sankt Dominicus, und
Sankt Paulus schreibt es, und es heißt zu deutsch also: »Sprich es heraus,
sprich es hervor, bring es hervor, und gebier das Wort.« Es ist eine
wunderliche Sache, daß ein Ding ausfließt und doch innen bleibt. Daß das Wort
ausfließt und doch innen bleibt, das ist gar wunderbar; daß alle Kreaturen
ausfließen und doch innen bleiben, das ist gar wunderbar; daß Gott gegeben
hat und daß Gott gelobt hat zu geben, das ist gar wunderbar und ist
unbegreiflich und unglaublich. Und das ist recht, und wäre es begreiflich und
glaublich, so wäre es nicht recht. Gott ist in allen Dingen. Je mehr er in
den Dingen ist, je mehr ist er aus den Dingen; je mehr er innen, je mehr er
außen ist. Ich habe es schon öfters gesagt, daß Gott all diese Welt jetzt ganz
und gar erschafft. Alles was Gott je vor sechstausend Jahren und mehr schuf,
als Gott die Welt machte, das schafft Gott jetzt zumal. Gott ist in allen
Dingen, aber insofern Gott göttlich ist und insofern Gott vernünftig ist, ist
Gott nirgends so eigentlich wie in der Seele [und in dem Engel, wenn du
willst], in dem Innersten der Seele und in dem Höchsten der Seele. Wo die
Zeit nie hinkam, wo nie ein Bild hineinleuchtete, im Innersten und im
Höchsten der Seele erschafft Gott die ganze Welt. Alles was vergangen ist und
alles was künftig ist, das schafft Gott im Innersten der Seele. Der Prophet spricht: »Gott
sprach eines und ich hörte zwei.« Das ist wahr: Gott sprach nie mehr als
eines. Sein Spruch ist nur einer. In diesem Spruch spricht er seinen Sohn und
den heiligen Geist und alle Kreaturen, und es ist nichts als ein Spruch in
Gott. Aber der Prophet spricht: »ich hörte zwei.« Das heißt: ich nahm Gott und Kreaturen wahr. Wo es Gott spricht,
da ist es Gott; aber hier ist es Kreatur. Die Leute glauben, Gott sei da und
da Mensch geworden. Dem ist nicht so, denn Gott ist hier ebensogut Mensch
geworden wie dort, und um und um ist er Mensch geworden, daß er dich als
seinen eingeborenen Sohn gebäre, nicht weniger und nicht mehr. Ich sprach
gestern ein Wörtlein, das steht im Paternoster und heißt: »Dein Wille werde.«
Es wäre sogar besser ausgedrückt, daß sein Wille werde, als daß ich sage:
mein Wille werde zu seinem. Daß ich es werde, das meint das Paternoster. Das
Wort hat zweierlei Sinn. Erstens: Sei für alle Dinge ein Schlafender, das
heißt, du sollst weder um Zeit noch um Kreaturen noch um Bilder wissen. Die
Meister sagen: Wenn ein Mensch recht schliefe, und schliefe er hundert Jahr,
er wüßte um keine Kreatur, er wüßte nichts von Zeit noch von Bild; und dennoch
kannst du wahrnehmen, daß Gott in dir wirkt. Darum spricht die Seele im Buch
der Liebe: »Ich schlafe und mein Herr wacht.« Darum kannst du, wenn alle
Kreaturen in dir schlafen, wahrnehmen, was Gott in dir wirkt. Er spricht zweitens ein
Wort: Arbeite in allen Dingen; das hat dreierlei Sinn in sich. Es heißt so
viel wie: Schaff deinen Nutzen in allen Dingen, denn Gott ist in allen
Dingen. Sankt Augustin spricht: Gott hat alle Dinge erschaffen, nicht daß er
sie werden ließe und dann seines Weges ginge, sondern er ist in ihnen
geblieben. Die Leute wähnen, sie hätten mehr, wenn sie die Dinge mit Gott
haben, als wenn sie Gott ohne die Dinge hätten. Aber das ist falsch, denn
alle Dinge mit Gott ist nicht mehr als Gott allein, und wer glaubte, wenn er
den Sohn und den Vater zugleich hätte, hätte er mehr als wenn er den Sohn
ohne den Vater hätte, der wäre im Irrtum. Darum nimm Gott in allen Dingen,
und das ist ein Zeichen, daß er dich als seinen eingeborenen Sohn geboren
hat, nicht weniger und nicht mehr. Der zweite Sinn ist: Schaff
deinen Nutzen in allen Dingen, das heißt: liebe Gott über allen Dingen und
deinen Nächsten wie dich selbst. Und liebst du hundert Pfund mehr bei dir als
bei einem andern, das ist unrecht. Hast du einen Menschen lieber als einen
andern, das ist unrecht; und hast du deinen Vater und deine Mutter und dich
selbst lieber als einen andern, es ist unrecht; und hast du die Seligkeit
lieber in dir als in einem andern, so ist es unrecht. »Gott schütze! Was sagt
ihr? Soll ich die Seligkeit nicht in mir lieber haben als in einem andern?«
Es gibt viele Gelehrte, die das nicht begreifen, und es dünkt sie gar schwer.
Aber es ist nicht schwer, es ist ganz leicht. Ich will dir zeigen, daß es
nicht schwer ist. Seht, die Natur hat zweierlei Absicht, was jedes Glied am
Menschen wirken soll. Die erste Absicht, die seine Werke ins Auge faßt, ist,
daß es dem Körper vor allem diene und danach einem jeden Gliede genau so wie
sich selbst, und nicht weniger als sich selbst, und es beachtet sich selbst
nicht mehr in seinen Werken als ein anderes Glied. Es soll vielmehr hilfreich
sein. Gott soll eine Regel deiner Liebe sein. Die zweite Meinung: deine Liebe
soll nur an Gott hängen und darum liebe deinen Nächsten wie dich selbst und
nicht minder als dich selbst. Liebst du die Seligkeit in Sankt Peter und in
Sankt Paul wie in dir selbst, so besitzest du dieselbe Seligkeit, die auch
sie haben. Also
das Wort: schaff deinen Nutzen in allen Dingen, das heißt: liebe Gott
ebensogern in Armut wie in Reichtum, und habe ihn so lieb in der Krankheit
wie in der Gesundheit, habe ihn so lieb in Prüfungen und so lieb in Leiden
wie ohne Leiden. Ja, je größere Leiden, je geringre Leiden, wie zwei Eimer:
je schwerer einer, je leichter der andre, und je mehr der Mensch gibt, um so
leichter ist ihm zu geben. Einem Menschen, der Gott liebt, wäre ebenso
leicht alle Welt zu schenken, wie ein Ei. Je mehr er gibt, je leichter ist
ihm zu geben, wie die Apostel: je schwerere Leiden sie hatten, je leichter
litten sie es. Das dritte: arbeite in
allen Dingen, das heißt: wo du dich in mannigfaltigen
Dingen befindest und anders als in einem bloßen reinen einfachen Wesen, daß
laß dir eine Arbeit sein; das heißt: Arbeit in allen Dingen füllet deinen
Dienst. Das heißt so viel wie: heb auf dein Haupt. Das hat zweierlei Sinn.
Der erste ist: leg ab alles was dein ist und gib dich Gott zu eigen; so wird
Gott dein eigen, wie er sein selbst eigen ist, und er ist dir Gott, wie er
sich selbst Gott ist, und nicht weniger. Was mein ist, das habe ich von
niemand. Habe ich es aber von einem andern, so ist es nicht mein, sondern des
andern, von dem ich es habe. Der zweite Sinn ist: heb
auf dein Haupt, das heißt: richte alle deine Werke auf Gott. Es sind viele
Leute, die das nicht begreifen, und das dünkt mich nicht wunderbar: denn der
Mensch, der dies begreifen soll, der muß sehr abgeschieden sein und erhoben
über all diese Dinge. Daß wir zu dieser Vollkommenheit kommen, das walte
Gott. Amen. 21. Vom TodMan liest von den heiligen
Märtyrern, deren man heute gedenkt, daß sie durch das Schwert gestorben sind.
Unser Herr sprach zu seinen Jüngern: »Selig seid ihr, so ihr etwas leidet um
meines Namens willen.« Nun sagt die Schrift von diesen Märtyrern, daß sie um
Christi Namen willen den Tod gelitten haben und durch das Schwert umgebracht
worden sind. Hier sollen wir drei Dinge
merken. Das erste, daß sie tot sind. Was man in dieser Welt leidet, das
endet. Sankt Augustin spricht: Alle Pein und alle Werke der Pein, das nimmt
alles ein Ende, und der Lohn ist ewig. Das zweite, das wir betrachten sollen,
daß dies ganze Leben tödlich ist, daß wir alle Pein und alle Mühsal, die uns
zustößt, nicht fürchten sollen, denn es nimmt ein Ende. Das dritte, daß wir
uns verhalten, als wären wir tot, daß uns nichts trübe, nicht Freude noch
Leid noch alle Qual. Es sagt ein Meister: Den Himmel kann nichts berühren.
Das meint, der Mensch ist ein himmlischer Mensch, dem alle Dinge nicht so
viel sind, daß sie ihn berühren können. Es sagt ein Meister: Da doch alle
Kreaturen so erbärmlich sind, woher kommt es denn, daß sie den Menschen so
leicht von Gott abwenden? Die Seele ist doch in ihrem Erbärmlichsten besser
als der Himmel und alle Kreaturen? Es antwortet ein Meister: es kommt davon,
daß er Gottes nicht so achtet wie er sollte. Täte er das, es wäre fast unmöglich,
daß er je abfiele. Und es ist nur eine gute Lehre, daß sich der Mensch in
dieser Welt so halten soll, als ob er tot wäre. Sankt Gregorius sagt, niemand
habe so viel Gott, als der, der im Grunde tot sei. Die vierte Lehre ist die
allerbeste. Er sagt, daß sie tot sind. Der Tod gibt ihnen ein Wesen. Es sagt
ein Meister: Die Natur zerbricht nie, ohne daß sie ein Besseres dafür gibt.
Wenn das die Natur tut, wie viel mehr tut es Gott: der zerbricht niemals, daß
er nicht ein Besseres gäbe. Die Märtyrer sind tot, sie haben ein Leben
verloren und haben ein Wesen empfangen. Ich bin gewiß, erkennte eine Seele
das geringste, was Wesen hat, sie wollte sich keinen Augenblick davon
abkehren. Das Erbärmlichste, was man in Gott erkennt, wie wenn einer eine
Blume verstünde, so wie sie ein Wesen in Gott hat, das stünde höher als die
ganze Welt. Das Erbärmlichste, das in Gott ist wie es Wesen ist, ist besser
als wenn einer einen Engel erkennte. Und dies sollte der Mensch
leidenschaftlich begehren und betrachten, daß das Wesen so hoch steht. Wir
preisen den Tod in Gott, auf daß er uns in ein Wesen wandle, das besser ist
als ein Leben; ein Wesen, darin unser Wesen lebt, wo unser Leben ein Wesen
wird. Der Mensch soll sich willig
in den Tod ergeben und sterben, damit ihm ein besseres Leben werde. Es muß
ein gar kräftiges Leben sein, in dem tote Dinge lebendig werden, in dem
selbst der Tod ein Leben wird. Bei Gott stirbt nichts: alle Dinge werden in
ihm lebendig. Sie sind tot (spricht die Schrift von den Märtyrern) und sind in
ein ewiges Leben versetzt, in das Leben, wo das Leben ein Wesen ist. Man soll
im Grunde tot sein, daß uns nicht Freude noch Leid berühre. Wir bitten drum
unsern lieben Herrgott, er möge uns helfen aus einem Leben, das geteilt ist,
in ein Leben, das eins geworden ist. Das walte Gott. Amen. 22. Was ist Gott?Was ist Gott und was ist
der Tempel Gottes? Vierundzwanzig Meister kamen zusammen und wollten sagen,
was Gott sei, und konnten es nicht. Hernach kamen sie zu geeigneter Zeit
wieder und jeder von ihnen brachte seinen Spruch mit, von denen nehme ich
jetzt zwei oder drei. Der eine sprach: Gott ist
etwas, gegen den alle wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind, und alles
was Wesen hat, ist von ihm und ist gegen ihn klein. Der zweite sprach: Gott ist
etwas, das da über Wesen ist und das in sich selbst niemandes bedarf und
dessen alle Dinge bedürfen. Der dritte sprach: Gott ist
eine Vernünftigkeit, die sich selbst erkennen will. Ich lasse das erste und das
dritte und spreche von dem zweiten, daß Gott etwas ist, das notwendig über
Wesen sein muß. Was Wesen hat, Zeit oder Raum, das gehört nicht zu Gott, er
ist über dasselbe; was er in allen Kreaturen ist, das ist er doch darüber;
was da in vielen Dingen eins ist, das muß notwendig über den Dingen sein.
Einige Meister wollten, die Seele wäre allein im Herzen. Dem ist nicht so,
und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ebensogut ganz und
ungeteilt im Fuß und im Auge. Nehme ich ein Stück von der Zeit, so ist es
weder der Tag heute noch der Tag gestern. Nehme ich aber ein Nu, das begreift
alle Zeit in sich. Das Nu, worin Gott die Welt machte, ist dieser Zeit ebenso
nahe, wie das Nu, worin ich eben spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nu
so nahe wie der Tag gestern war. Ein Meister sagt: Gott ist
etwas, das in Ewigkeit ungeteilt in sich selbst wirkt, das niemandes Hilfe
und keines Werkzeuges bedarf, und das in sich selbst bleibt, das nichts
bedarf und dessen alle Dinge bedürfen und nach dem alle Dinge trachten als in
ihr letztes Ende. Dies Ende hat keine Weise, es entwächst der Weise und geht
in die Weite. Sankt Bernhard sagt: Gott lieben, das ist weise ohne Weise.
Kein Ding kann über sein Wesen wirken. Gott aber wirkt über Wesen in der
Weite, wo er sich rühren kann, er wirkt in Unwesen Wesen; ehe ein Wesen war,
wirkte Gott. Große
Meister sagen, Gott sei ein absolutes Wesen; er ist hoch über Wesen, wie der
oberste Engel über einer Mücke. Und ich sage, es ist ebenso unrecht, Gott ein
Wesen zu heißen, als ob ich die Sonne bleich oder schwarz hieße. Gott ist weder
dies noch das. Und es sagt ein Heiliger: Wenn einer wähnt, er habe Gott
erkannt — wenn er etwas erkannt hat, so hat er etwas erkannt und hat also nicht Gott
erkannt. Kleine Meister lesen in der
Schule, alle Wesen seien auf zweierlei Weise geteilt, und diese Weisen
sprechen sie Gott völlig ab. Von diesen Weisen berührt Gott keine und er
entbehrt auch keine. Die erste, die am allermeisten Wesen hat, worin alle
Dinge Wesen annehmen, ist die Substanz, und das letzte, was am wenigsten
Wesen in sich trägt, heißt relatio, das ist in Gott
gleich dem allergrößten, das am allermeisten Wesen hat; sie haben ein
gleiches Bild in Gott. In Gott sind aller Dinge Bilder gleich; aber sie sind
ungleich dem Bild der Dinge. Der höchste Engel und die Seele und die Mücke
haben ein gleiches Bild in Gott. Gott ist nicht Wesen noch Güte. Güte klebt
an Wesen und ist nicht breiter als Wesen, denn wäre nicht Wesen, so wäre
nicht Güte, und Wesen ist noch reiner als Güte. In Gott ist weder Güte noch
Besseres noch Allerbestes. Wer sagte, daß Gott gut sei, der täte ihm ebenso
unrecht, als wer die Sonne schwarz hieße. Nun spricht doch Gott: niemand ist
gut als Gott allein. Was ist gut? Was sich dem Allgemeinen mitteilt. Den
heißen sie einen guten Menschen, der gemeinnützig ist. Darum sagt ein
heidnischer Meister, ein Einsiedler sei weder gut noch böse (dem Sinne nach),
weil er der Gemeinschaft und den Leuten nicht nützlich sei. Gott ist das
allgemeinste. Kein Ding teilt von dem Seinen mit, weil alle Kreaturen an sich
selbst nichts sind. Was sie mitteilen, das haben sie von einem andern. Sie
geben sich auch nicht selbst. Die Sonne gibt ihren Schein und bleibt doch
dastehen, das Feuer gibt seine Hitze und bleibt doch Feuer; aber Gott teilt
das Seine mit, weil er an sich selber ist, was er ist, und in allen den
Gaben, die er gibt, gibt er sich selbst immer am ersten. Er gibt sich als
Gott wie er ist in allen seinen Gaben, sofern es an ihm ist, daß einer ihn
empfangen könnte. Wenn wir Gott im Wesen
nehmen, so nehmen wir ihn in seiner Vorburg; denn Wesen ist seine Vorburg,
worin er wohnt. Wo ist er denn in seinem Tempel? Dies ist die Vernünftigkeit,
wo er heilig erglänzt, wie der andere Meister sagte, daß Gott eine Vernunft
ist, die in ihrer Erkenntnis allein lebt und in sich selbst allein bleibt,
und da hat ihn nie etwas berührt, denn er ist da allein in seiner Stille.
Gott in seiner Selbsterkenntnis erkennt sich selbst in sich selbst. 23. Vom persönlichen WesenGott ist die Liebe, und wer
in der Liebe wohnt, der wohnt in Gott und Gott in ihm. Gott wohnt in der
Seele mit allem dem, was er ist, und alle Kreatur. Darum: wo die Seele ist,
da ist Gott, denn die Seele ist in Gott Darum ist auch die Seele, wo Gott
ist, es sei denn, daß die Schrift lüge. Wo meine Seele ist, da ist Gott, und
wo Gott ist, da ist auch meine Seele, und das ist so wahr als Gott Gott ist. Nicht allein von Natur,
sondern über Natur freut sich meine Seele aller Freude und aller Seligkeit,
deren sich Gott selber freut in seiner göttlichen Natur, es sei Gott lieb
oder leid, denn deren ist nur eines, und wo eins ist, da ist alles, und wo
alles ist, da ist eins. Das ist eine sichere Wahrheit Wo die Seele ist, da
ist Gott, und wo Gott ist, da ist die Seele. Und sagte ich, daß es nicht so
sei, so spräche ich unrecht. Fürwahr, nun achtet auf ein
Wörtlein, das halte ich gar wert, denn ich gedenke dessen, wie eins er mir
ist, als ob er aller Kreatur vergessen habe und nicht mehr sei als ich
allein. Nun bittet für die, die mir empfohlen sind! Die da um ein Teil Gottes
oder um Gott bitten, die bitten unrecht; wenn ich um nichts bitte, so bitte
ich recht, und das Gebet ist recht und ist kräftig. Wer irgend etwas anderes
bittet, der betet einen Abgott an, und man könnte sagen, es wäre lauter
Ketzerei. Ich bitte nie so wohl als wenn ich um nichts bitte und für niemand,
weder für Heinrich noch für Konrad. Die wahren Anbeter beten Gott in der
Wahrheit an und im Geist [nämlich im heiligen Geist]; was Gott in der Kraft
ist, das sind wir im Bilde. Da erkennen wir wie wir erkannt sind, und lieben
wie wir geliebt sind. Das ist auch ohne Werk, denn die Seele ist da eins mit
dem Bilde und wirkt in der Kraft als Kraft; sie ist auch eins mit den
Personen und besteht im Vermögen des Vaters und in der Weisheit des Sohnes
und in der Güte des heiligen Geistes. Dies ist alles noch Werk in den
Personen; das Wesen darüber aber ist ohne Werk, sondern da ist alles eins,
Wesen und Werk, wo sie in Gott ist, ja wo die Personen in das Wesen
hineinreichen, da ist Werk und Wesen eins, da liebt sie die Personen, sofern
sie im Wesen innen bleiben und nie herauskommen, da ist ein reines
wesenhaftes Bild, es ist die wesenhafte Vernünftigkeit Gottes, der die reine
Kraft des Lebendigen ist, intellectus, was die Meister ein Vernehmendes
nennen. Nun
paßt wohl auf. Darum liebt sie erst das reine absolucio
des freien Wesens, das ohne Ort ist, das nicht liebt und nicht gibt, es ist
die bloße Istigkeit, die alles Wesens und aller Istigkeit beraubt ist. Da liebt sie Gott bloß nach dem
Grunde, da wo er ist, über alle Wesen. Wäre da noch Wesen, so nähme sie Wesen
in Wesen; es ist da nichts als ein Grund. Dies ist die höchste Vollkommenheit
des Geistes, wozu man in diesem Leben in der Art des Geistes kommen kann.
Aber das ist nicht die höchste Vollkommenheit, die wir jemals mit Leib und Seele
erreichen sollen, daß der gequälte Mensch allzumal in dieser Unterkunft
festgehalten werde, ein persönliches Wesen habe — sowie die Menschheit und
die Gottheit Christi ein persönliches Wesen ist — daß ich nun darin
Unterkunft habe, daß ich das persönliche Wesen selber sei allzumal in meinem
Selbstbewußtsein verharrend — wo ich doch in der Art des Geistes, in dem
Grunde, eins bin, so wie der Grund selbst ein Grund ist — und daß ich
hinwiederum in meinem äußeren Wesen dasselbe persönliche Wesen sei, das seines
Selbstbewußtseins völlig beraubt sei: dieses persönliche Wesen, Mensch-Gott,
entwächst vielmehr und schwebt über den äußeren Menschen hinaus, so weit, daß
er ihm nicht mehr folgen kann. Bleibt er in sich selbst stehen, so empfängt
er wohl den Einfluß der Gnade von dem persönlichen Wesen in mancherlei Weise,
Süßigkeit, Trost und Innigkeit, und das ist gut, aber es ist nicht das
Höchste. Bleibt er also in sich selbst in der Unterkunft seiner selbst, so
empfängt er wohl Trost aus Gnade und mit der Wirkung der Gnade, aber das ist
nicht sein Bestes; dann müßte der innere Mensch sich nach Geistesart aus dem
Grunde, in dem er eins ist, herausbiegen und müßte sich dem gnadenhaften Wesen zuwenden, von dem er
Gnade empfängt. Darum kann der Geist so niemals vollkommen werden, Leib und
Seele werden vollendet, wenn der innere Mensch in der Art des Geistes seinem
eigenen Wesen entrinnt, dahin, wo er im Grunde ein Grund ist; und ebenso muß auch der
äußere Mensch der eigenen Unterkunft beraubt werden und allzumal in dem
ewigen persönlichen Wesen aufgehen, das ein und dasselbe persönliche Wesen
ist. Nun
sind hier zwei Wesen. Das eine Wesen ist in der Gottheit das bloße substanzliche Wesen; das andere das persönliche Wesen,
und ist doch ein Untergrund: denn derselbe Untergrund, Christi
Persönlichkeit, ist auch der Untergrund der Seele, die Stätte des ewigen
Menschtums, und diese Unterkunft ist ein Christus, das leiblich Seiende wie
das Selbstbewußtsein der Person. Daher wollen wir auch eben dieser Christus
sein, damit wir ihm in den Werken nachfolgen, wie er in dem Wesen ein
Christus in menschlicher Art ist; denn da ich mit meinem Menschtum dieselbe
Art bin, so bin ich mit dem persönlichen Wesen dergestalt vereinigt, daß ich
aus Gnade in dem persönlichen Wesen eins und das persönliche Wesen selber
bin, denn Gott bleibt ewiglich im Grunde des Vaters und ich in ihm, ein Grund und ein und derselbe
Christus, eine Stätte meines Menschtums; es ist ebensosehr mein wie sein in einer Verkörperung des ewigen Wortes, auf
daß beide Wesen, Leib und Seele, in einem Christus vollendet werden, ein
Gott, ein Sohn. Daß uns das geschehe, das walte Gott. 1. Von den Stufen der SeeleWer zu seiner höchsten
Stufe und zur Anschauung des obersten Gutes, das Gott selbst ist, gelangen
will, der soll ein Kennen seiner selbst und der Dinge, die über ihm sind,
haben, bis zum höchsten, so kommt er zur höchsten reinen Erkenntnis. Darum,
lieber Mensch, lerne dich selbst erkennen, denn das ist dir besser als wenn
du die Kraft aller Kreaturen erkenntest. Wie du dich selbst erkennen sollst,
dafür merke zweierlei Weise. Zum ersten sollst du darauf
achten, ob deine äußeren Sinne an ihrer Stelle wohlgeordnet sind. Seht, nun
merkt, wie es um unsre äußere Sinne steht. Die Augen sind allzeit ebenso
bereit das Böse zu sehen wie das Gute. Ebenso ist das Gute auch von den Ohren
zu hören, und ebenso können auch die andern Sinne wahrnehmen. Daher sollt ihr
euch eifrig und mit großem Ernst zu guten Dingen zwingen. So viel von äußere
Sinnen. Nun vernehmet von den
innern Sinnen, das sind die Kräfte einer höheren Stufe, die in der Seele
sind, die niedersten und die obersten. Nun erfahret von den niedersten
Kräften. Die sind Mittel der obersten Kräfte und der äußeren Sinne. Darum
sind sie den äußere Sinnen so nahe gelegen: was das Auge sieht und das Ohr
hört, das bringen sie sofort in das Begehren. Ist es dann eine geordnete
Sache, so bringt das Begehren es sofort in eine zweite Kraft, die heißt
Anschauung. Die schaut es an und bringt es wiederum weiter zur dritten, die
heißt Vernünftigkeit. So wird es immer reiner, bevor es in die obersten
Kräfte kommt. Die Kraft der Seele steht auf so hoher Stufe, daß sie es ohne
Gleichnis und ohne Bild wahrnimmt und es in die obersten Kräfte hinaufträgt.
Da wird es im Gedächtnis aufbewahrt und im Verstande verstanden und im Willen
erfüllt. Das sind die obersten Kräfte der Seele, und sie sind in einer Natur.
Und alles was die Seele wirkt, das wirkt auch die einfache Natur in den
Kräften. Nun merkt auf, wie die
Seele zu ihrer obersten Stufe und ihrer größten Vollendung kommt. Es sagt ein
Meister: Gott wird in die Seele getragen und versetzt. So entspringt ein
göttlicher Liebesquell in der Seele, der trägt die Seele zu Gott zurück.
Seht, ihr sollt erfahren, wie das sei. Es sagt ein Heiliger: Alles was man
von Gott sprechen kann, das ist Gott nicht. Und es spricht ein anderer
Heiliger: Alles was man von Gott sprechen kann, das ist Gott. Und endlich
spricht ein großer Meister, daß sie beide die Wahrheit sagen. Wie diese drei
Heiligen sprechen, so spreche ich das Folgende: Wenn die Seele mit ihrem
Verstande etwas vom göttlichen Verstande versteht, so wird es dann sofort dem
Willen übergeben. So nimmt es der Wille in sich und wird eins damit und
alsdann erst bringt und versetzt er es in das Gedächtnis. Auf diese Weise
wird Gott in die Seele getragen und versetzt. Fürwahr, nun vernehmet von dem
göttlichen Liebesquell. Er fließt in der Seele über, so daß sich die obersten
Kräfte in die niedersten ergießen, und diese ergießen sich in den äußere Menschen
und erheben ihn aus aller Niedrigkeit, so daß er nichts wirken mag als
geistige Dinge. Wie der Geist wirkt gemäß göttlichen Werken, so muß der
äußere Mensch gemäß dem Geiste wirken. O Wunder über Wunder, wenn
ich an die Vereinigung denke, die die Seele mit Gott hat! Er macht die Seele
wonnefreudig, aus sich selbst zu fließen, denn alle genannten Dinge genügen
ihr nicht. Und da sie selbst eine genannte Natur ist, darum genügt sie sich
selbst nicht. Der göttliche Liebesquell fließt auf die Seele und zieht sie
aus sich selbst in das ungenannte Wesen in ihren ersten Ursprung, der Gott
allein ist. Obwohl ihm die Kreatur
Namen gegeben hat, so ist er doch an sich selbst ein ungenanntes Wesen. So
kommt die Seele in ihre höchste Vollendung. Fürwahr, Herzensfreunde,
nun höret weiter von den Stufen der Seele. Es sagt Sankt Augustin: gerade wie
es um Gott ist, so ist es auch um die Seele. Seht, wie sie gebildet ist nach
dem Bilde der heiligen Dreifaltigkeit, das erfahret bei der Auslegung Gottes. Gott ist dreifach von
Personen und ist einfach von Natur. Gott ist auch an allen Orten und an jedem
ist Gott zugleich. Das heißt so viel, als ob alle Orte ein Ort Gottes
wären. So steht es auch um die Seele. Gott hat Vorsehung aller Dinge und
bildet alle Dinge in seiner Vorsehung. Das alles ist Gott natürlich. So steht
es auch um die Seele. Sie ist auch dreifach an Kräften und einfach von Natur.
Die Seele ist auch in allen Gliedmassen und in jedem Glied ist sie zugleich.
Daher sind alle Glieder ein Ort der Seele. Sie hat auch Vorsehung und
bildet die Dinge, die ihr möglich sind. Von allem, was man von Gott sprechen
kann, hat die Seele etwas Gleichnis. Nun will ich sprechen von
einer reinen Gotteserkenntnis. Ich habe euch im Auge, Bruder und Schwester,
weil ihr Gottes allerbeste Freunde seid und ihm allertrautest von allen, die
hier zuhören. Das Fliessen ist in der Gottheit eine Einheit der drei Personen
ohne Unterscheidung. In demselben Fluß fließt der Vater in den Sohn, und der
Sohn fließt zurück in den Vater und sie beide fließen in den heiligen Geist,
und der heilige Geist fließt zurück in sie beide. Darum spricht der Vater
seinen Sohn und spricht sich in seinem Sohne allen Kreaturen, alles in diesem
Fliessen. Wo sich der Vater wieder in sich zurückwendet, da spricht
er sich selbst in sich selbst. Auf diese Weise ist der Fluß in sich selbst
zurückgeflossen, wie Sankt Dionysius sagt. Darum ist dieser Fluß in der
Gottheit ein Sprechen ohne Wort und ohne Laut, ein Hören ohne Ohren, ein
Sehen ohne Augen. Darum spricht sich jede Person in der andern ohne Wort in
dem Flusse. Darum ist es ein Fluß ohne Fliessen. Hiervon vernehmet ein
Gleichnis von der edeln Seele, die hat etwas in sich, was diesem Fluß
besonders gleich ist: wo die obersten Kräfte und die Natur eine
Eigenschaft tragen, da fließt jede in die andere und spricht sich ohne Wort
und ohne Laut. Selig sei die Seele, die da im Anschauung des ewigen Lichtes
kommt. Nun könnte man sprechen:
Das ist alles schön und wohl gesprochen. Herzensfreund, wie geschieht das
nun, daß ich zu der Stufe gelange, von der du geschrieben hast? Seht, ihr
müßt wissen: Gott ist was er ist, und was er ist, ist mein, und was mein ist,
das liebe ich, und was ich liebe, das liebt mich und zieht mich an sich, und
was mich angezogen hat, dem gehöre ich mehr als mir selbst. Seht, darum
liebet Gott, dann werdet ihr Gott mit Gott. Davon will ich nichts weiter
sagen. Die auf sich selbst
verzichtet haben, und Gott in der rechten Entblößtheit nachfolgen, wie könnte
das Gott lassen, er muß ja seine Gnade in die Seele gießen, die sich so in
der Liebe vernichtet hat. Er gießt seine Gnade in sie und erfüllt sie und
gibt sich ihr selbst in Gnaden hin. Da schmückt Gott die Seele
mit sich selbst, gerade wie das Gold mit edlem Gestein geschmückt wird. Dann
bringt er die Seele in die Anschauung seiner Gottheit. Das geschieht in der
Ewigkeit und nicht in der Zeit. Doch hat sie einen Vorgeschmack in der Zeit,
dadurch daß hier von diesem heiligen Leben gesprochen worden ist. Das ist
darum geschehen, damit ihr das wißt, daß niemand zur höchsten Stufe der
Erkenntnis und des Lebens gelangen kann, ohne freiwilliger Armut nachzugehen
und den Armen gleich zu sein. Das ist für alle Leute das Allerbeste. Nun
loben wir Gott um seiner ewigen Güte willen, und bitten ihn, er möge uns schließlich
bei sich aufnehmen. Dazu verhelfe uns der Vater und der Sohn und der heilige
Geist. Amen. 2. Gespräch zwischen Schwester Kathrei und dem Beichtvater
Der Beichtvater geht oft zu
der Tochter und spricht: Sage mir, wie geht es dir jetzt. — Sie spricht: Es
geht mir übel, mir ist Himmel und Erde zu eng. — Er bittet sie, ihm etwas zu
sagen. Sie spricht: Ich weiß nicht, was so klar ist, daß ich es sagen könnte.
— Er spricht: Tu es Gott zulieb, sage mir ein Wort. — Er gewinnt ihr mit
vielem Bitten ein Wörtlein ab. Da redete sie mit ihm so wunderbar und so
tiefe Sprüche von der nackten Findung göttlicher Wahrheit, daß er spricht:
Weißt du, das ist allen Menschen unbekannt, und wäre ich nicht ein so großer
Gelehrter, daß ich es selbst in der Gotteswissenschaft gefunden hätte, so
wäre es mir auch unbekannt. — Sie spricht: Das gönne ich euch schlecht; ich
wollte, ihr hättet's mit dem Leben gefunden. — Er
spricht: Du sollst wissen, daß, ich davon so viel gefunden habe, daß ich es
so gut weiß, wie ich es weiß, daß ich heute die Messe gelesen habe. Aber daß
ich es nicht mit dem Leben in Besitz genommen habe, das ist mir leid. — Die
Tochter spricht: Bittet Gott für mich, und geht wieder in ihre Einsamkeit
zurück und verkehrt mit Gott. Es dauert aber nicht lange, so kommt sie wieder
vor die Pforte, fragt nach ihrem würdigen Beichtvater und spricht: Herr,
freuet euch mit mir, ich bin Gott geworden. — Er spricht: Gott sei gelobt!
Geh weg von allen Leuten in deine Einsamkeit, bleibst du Gott, ich gönne ihn
dir gern. — Sie ist dem Beichtvater gehorsam und geht in die Kirche in einen
Winkel. Da kam sie dazu, daß sie alles dessen vergaß, was je Namen trug, und
ward so fern aus sich selbst und aus allen erschaffenen Dingen herausgezogen,
daß man sie aus der Kirche tragen mußte, und sie lag bis an den dritten Tag,
und sie hielten sie für sicherlich tot. Der Beichtvater sprach: Ich glaube
nicht, daß sie tot ist. — Wisset, wäre der Beichtvater nicht gewesen, so
hätte man sie begraben. Man versuchte es mit allem, was man nur wußte, aber
man konnte nicht finden, ob die Seele noch in dem Körper sei. Man sprach: Sie
ist sicher tot. — Der Beichtvater sprach: Nein, gewiß nicht. — Am dritten Tag
kam die Tochter wieder zu sich. Sie sprach: Ach, ich Arme, bin ich wieder
hier? — Der Beichtvater war alsbald da und redete zu ihr und sprach: Laß mich
göttlichen Wortes genießen und tue mir kund, was du gefunden. — Sie sprach:
Gott weiß wohl, ich kann nicht. Was ich gefunden habe, das kann niemand in
Worte fassen. — Er sprach: Hast du nun alles, was du willst? — Sie sprach:
Ja, ich bin bewähret. – Er sprach: Wisse, diese Rede höre ich gerne, liebe
Tochter, rede weiter. — Sie sprach: Wo ich stehe, da kann keine Kreatur in
kreatürlicher Weise hinkommen. — Er sprach: Berichte mich besser. — Sie sprach:
Ich bin da, wo ich war, ehe ich geschaffen wurde, da ist bloß Gott und Gott.
Da gibt es weder Engel noch Heilige, noch Chöre, noch Himmel. Manche Leute
sagen von acht Himmeln und von neun Chören; davon ist da nichts, wo ich bin.
Ihr sollt wissen, alles was man so in Worte faßt und den Leuten mit Bildern
vorlegt, das ist nichts als ein Mittel zu Gott zu locken. Wisset, daß in Gott
nichts ist als Gott; wisset, daß keine Seele in Gott hineinkommen kann, bevor
sie nicht, so Gott wird, wie sie Gott war, bevor sie geschaffen wurde. — Er
sprach: Liebe Tochter, du sprichst wahr. Nun tu es um Gottes willen und rate
mir deinen nächsten Rat, wie ich dazu komme, daß ich dies Gut besitze. — Sie
sprach: Ich gebe euch einen getreuen Rat. Ihr wisset wohl, daß alle Kreaturen
von Nichts geschaffen sind und wieder zu Nichts werden müssen, ehe sie in
ihren Ursprung kommen. — Er sprach: Das ist wahr. — Sie sprach: So ist euch
genug gesagt. Prüfet, was ist Nichts ? — Er sprach: Ich weiß, was Nichts ist,
und weiß wohl, was weniger ist als Nichts. Das sollst du so verstehen; alle
vergänglichen Dinge sind vor Gott nichts. Wer also Vergängliches übt, der ist
weniger als Nichts. — Warum? — Er ist des Vergänglichen Knecht. Nichts ist
Nichts. Wer dem Nichts dient, ist weniger als Nichts. — Sie sprach: Das ist
wahr. Danach richtet euch, wenn ihr zu eurem Gut kommen wollt, und ihr sollt
euch vernichten unter euch selbst und unter alle Kreatur, so daß ihr nichts
mehr zu tun findet, damit Gott in euch wirken könne. — Er sprach: Du sagst die
Wahrheit. Ein Meister spricht: »Wer Gott als seinen Gott liebt und Gott als
seinen Gott anbetet und sich damit genügen läßt, das ist für mich ein
ungläubiger Mensch.« — Sie sprach: Selig sei der Meister, der dies je
gesprochen hat: er erkannte die Wahrheit. Ihr sollt wissen, wer sich damit
genügen läßt, mit dem, was man in Worte fassen kann: Gott ist ein Wort,
Himmelreich ist ein Wort; wer nicht weiter kommen will mit den Kräften der
Seele, mit Erkenntnis und mit Liebe, als je in Worte gefaßt ward, der soll
mit Fug ein Ungläubiger heißen. Was man in Worte faßt, das
begreifen die niedersten Sinne oder Kräfte der Seele. Damit begnügen sich die
obersten Kräfte der Seele nicht: sie dringen immer weiter voran, bis sie in
den Ursprung kommen, woraus die Seele geflossen ist. Ihr sollt aber wissen,
daß die Kraft der Seele nicht in den Ursprung kommen kann. Wenn die Seele in
ihrer Majestät über allen geschaffenen Dingen vor dem Ursprung steht, so
bleiben alle Kräfte draußen. Das sollt ihr so verstehen. Es ist die Seele
nackt und aller namentragenden Dinge entblößt, so steht sie eins in einem, so
daß sie ein Vorwärtsgehen in der bloßen Gottheit hat, wie das Öl auf dem
Tuche, das läuft immer weiter: so läuft die Seele weiter und fließt immer
vorwärts, solange als Gott das angeordnet hat, daß sie dem Leib in der Zeit
Wesen geben muß. Wisset, solange der gute Mensch auf Erden lebt, solange hat
seine Seele Fortgang in der Ewigkeit Darum haben gute Menschen das Leben
lieb. Wie die Guten hinaufgehen, so gehen die Bösen, die in Fehlern sind,
hinab. — Fürwahr, liebe Tochter, nun erkläre mir: Man spricht von der Hölle
und vom Fegefeuer und vom Himmelreich, und davon lesen wir gar viel. Nun
lesen wir aber auch, daß Gott in allen Dingen ist und alle Dinge in Gott. —
Sie sprach: Das sage ich dir gerne, soweit ich's in Worte fassen kann. Hölle
ist nichts als ein Wesen. Was hier das Wesen der Leute ist, das bleibt ihr
Wesen in Ewigkeit, so wie sie drin gefunden werden. Eine Menge Leute glauben,
sie hätten hier ein Wesen der Kreatur und dort besäßen sie ein göttliches
Wesen. Das kann nicht sein. Wisset, daß darin sich viele Leute täuschen. Das
Fegefeuer ist ein angenommenes Ding wie eine Busse, das nimmt ein Ende. Man
spricht vom jüngsten Tage, daß Gott da Urteil sprechen soll. Das ist wahr. Es
ist aber nicht so, wie die Leute wähnen. Jeder Mensch urteilt über sich
selbst: wie er da in seinem Wesen erscheint, so soll er ewiglich bleiben. —
Die Tochter redete immer weiter und kam mit der Rede auf Gott und sprach so
viel von Gott, daß der Beichtvater nur immer sprach: Liebe Tochter, rede
weiter. — Die Tochter sagte ihm so viel von der Größe Gottes und seiner Macht
und seiner Vorsehung, daß er von allen seinen äußere Sinnen kam, und man ihn
in eine stille Zelle tragen mußte, und da lag er eine lange Zeit, ehe er
wieder zu sich kam. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er Begierde,
daß die Tochter zu ihm käme. Die Tochter kam zu dem Beichtvater und sprach:
Wie geht es euch jetzt? — Er sprach: Von Herzen gut. Gelobt sei Gott, daß er
dich je zu einem Menschen schuf! Du hast mir den Weg zu meiner ewigen
Seligkeit gewiesen, ich bin zur Anschauung Gottes gekommen, und mir ist ein
wahres Wissen alles dessen gegeben, was ich von deinem Munde gehört habe.
Fürwahr, liebe Tochter, gedenke der Liebe, die du von Gott hast, und hilf mir
mit Worten und mit Werken, daß ich da, wo ich jetzt bin, ein Bleiben erlange.
— Sie sprach: Wisset, das kann nicht sein. Ihr habt nicht die rechte Natur
dazu. Wenn eure Seele und eure Kräfte in gewohnter Weise den Weg auf und
nieder gehen, wie ein Gefolge an einem Hofe aus und eingeht, und ihr das
himmlische Gefolge und alles, was Gott je schuf, so gut zu unterscheiden
versteht, wie ein Mann sein Gefolge kennt, dann sollt ihr den Unterschied
zwischen Gott und der Gottheit prüfen. Dann erst sollt ihr danach trachten,
daß ihr bewährt werdet. Ihr sollt euch nicht verirren, ihr sollt mit den
Kreaturen Kurzweil suchen, daß ihr keinen Schaden davon nehmt und auch sie
von euch keinen Schaden erleiden. Hiermit sollt ihr eure Kräfte heben, damit
ihr nicht in Raserei verfallet. Dies sollt ihr so oft tun, bis die Kräfte der
Seele gereizt werden, bis ihr in das Wissen gelangt, von dem wir vorhin
geredet haben. — Gelobt und geehrt sei der süße Name unsres Herrn Jesu
Christi. Amen. 3. Von der AbgeschiedenheitIch habe viele Schriften
gelesen, von heidnischen Meistern und von Propheten, und vom alten und neuen
Bund, und habe mit Ernst und ganzem Fleiß gesucht, was die beste und höchste
Tugend sei, mit der der Mensch sich auf dem nächsten Wege zu Gott verfügen
könnte, und mit der der Mensch ganz gleich wäre dem Bilde, wie er in Gott
war, indem zwischen ihm und Gott kein Unterschied war, bevor Gott die
Kreaturen erschuf. Und wenn ich alle Schriften durchforsche, so gut meine
Vernunft zu ergründen und erkennen vermag, so finde ich nichts anderes als
reine Abgeschiedenheit, die aller Kreaturen entledigt ist. Darum sprach unser
Herr zu Martha: »unum est
necessarium,« das heißt so viel wie: wer ungetrübt
und rein sein will, der muß eines haben, und das ist Abgeschiedenheit. Die Lehrer loben gar
gewaltig die Liebe, wie zum Beispiel Sankt Paulus mit den Worten: »Was ich
auch üben mag, habe ich nicht Liebe, so habe ich gar nichts.« Ich aber lobe
die Abgeschiedenheit mehr als alle Liebe. Zum ersten darum, weil das Gute an
der Liebe ist, daß sie mich zwingt, Gott zu lieben. Nun ist es viel mehr
wert, daß ich Gott zu mir zwinge als daß ich mich zu Gott zwinge. Und das
kommt daher, daß meine ewige Seligkeit daran liegt, daß ich und Gott
vereinigt werden; denn Gott kann sich passender mir anpassen und besser mit
mir vereinigen, als ich mit ihm. Daß Abgeschiedenheit Gott zu mir zwingt, das
bewähre ich damit: ein jedes Ding ist doch gerne an seiner natürlichen
Eigenstätte. Nun ist Gottes natürliche Eigenstätte Einfachheit und Reinheit;
die kommen von der Abgeschiedenheit. Darum muß Gott notwendig sich selbst
einem abgeschiedenen Herzen hingeben. — Zum zweiten lobe ich die
Abgeschiedenheit mehr als die Liebe, weil die Liebe mich dazu zwingt, alles
um Gottes willen auf mich zu nehmen, während die Abgeschiedenheit mich dazu
zwingt, daß ich für nichts empfänglich bin als für Gott. Nun steht es aber
viel höher, für gar nichts als Gott empfänglich zu sein, als um Gottes willen
alles zu tragen. Denn in dem Leiden hat der Mensch noch einen Hinblick auf
die Kreatur, von der er zu leiden hat. Die Abgeschiedenheit dagegen ist aller
Kreatur entledigt. Daß aber die Abgeschiedenheit für nichts als für Gott
empfänglich ist, das beweise ich: denn was empfangen werden soll, daß muß
irgendworin empfangen werden. Nun ist aber die Abgeschiedenheit dem Nichts so
nahe, daß kein Ding so zierlich ist, daß es in der Abgeschiedenheit enthalten
sein kann als Gott allein. Der ist so einfach und zierlich, daß er wohl in
dem abgeschiedenen Herzen sich aufhalten kann. Die Meister loben auch die
Demut vor vielen andern Tugenden. Ich lobe die Abgeschiedenheit vor aller
Demut, und zwar darum. Die Demut kann ohne die Abgeschiedenheit bleiben;
dagegen gibt es keine vollkommene Abgeschiedenheit ohne vollkommene Demut.
Denn vollkommene Demut zielt auf ein Vernichten seiner selbst; nun berührt
sich aber die Abgeschiedenheit so nahe mit dem Nichts, daß zwischen ihr und
dem Nichts kein Ding mehr sein kann. Daher kann es keine vollkommene
Abgeschiedenheit ohne Demut geben, und zwei Tugenden sind immer besser als
eine. Der andere Grund, warum ich die Abgeschiedenheit der Demut vorziehe,
ist das, daß die vollkommene Demut sich selbst unter alle Kreaturen beugt,
und eben damit begibt sich der Mensch aus sich selbst zu den Kreaturen. Aber
die Abgeschiedenheit bleibt in sich selbst. Nun aber kann kein Hinausgehen
jemals so hoch stehen wie das Darinbleiben in sich selbst. Die vollkommene
Abgeschiedenheit achtet auf nichts und neigt sich weder unter noch über eine
Kreatur: sie will nicht unten noch oben sein; sie will so für sich selbst
verharren, niemand zu Lieb und niemand zu Leid, und will weder Gleichheit
noch Ungleichheit, noch dies noch das mit irgend einer Kreatur gemein haben,
sie will nichts anderes als allein sein. Daher werden keinerlei Dinge von ihr
belästigt. Ich ziehe auch die
Abgeschiedenheit allem Mitleid vor, denn das Mitleid ist nichts anderes, als
daß der Mensch aus sich selbst heraus zu den Gebresten seines Mitmenschen
geht und davon sein Herz betrüben läßt. Dessen steht die Abgeschiedenheit
ledig und bleibt in sich selbst und läßt sich durch nichts betrüben. Kurz
gesagt: wenn ich alle Tugenden betrachte, so finde ich keine so ganz ohne
Fehler und so zu Gott führend wie die Abgeschiedenheit. Ein Meister, namens
Avicenna spricht: Die Stufe des Geistes, der abgeschieden ist, ist so hoch,
das alles, was er schaut, wahr ist, und was er begehrt, wird ihm gewährt, und
wo er gebietet, da muß man ihm gehorsam sein. Und ihr sollt das fürwahr
wissen: wenn der freie Geist in rechter Abgeschiedenheit steht, so zwingt er
Gott zu seinem Wesen; und könnte er formlos und ohne allen Zustand sein, so
nähme er Gottes Eigenschaft an. Das kann aber Gott niemandem geben als sich
selbst; daher kann Gott dem abgeschiedenen Geiste nicht mehr tun, als daß er
sich ihm selbst gibt. Und der Mensch, der in so ganzer Abgeschiedenheit
steht, wird so in die Ewigkeit verzückt, daß ihn kein vergängliches Ding
bewegen kann, daß er nichts empfindet, was körperlich ist, und der Welt tot heißt,
denn er empfindet und schmeckt nichts, was irdisch ist. Das meinte Sankt
Paulus, als er sprach: »Ich lebe und lebe doch nicht, Christus lebt in mir.«
Nun könntest du fragen, was denn die Abgeschiedenheit sei, wenn sie so edel
an sich selbst ist? Nun sollst du erfahren, daß richtige Abgeschiedenheit
nichts anderes ist als daß der Geist gegen alle Umstände, sei es Freude oder
Leid, Ehre, Schande oder Schmach, so unbeweglich bleibt, wie ein breiter Berg
gegen einen kleinen Wind. Diese unbewegliche Abgeschiedenheit bringt den
Menschen in die größte Gleichheit mit Gott. Denn daß Gott Gott
ist, das hat er von seiner unbeweglichen Abgeschiedenheit, und davon hat er
seine Reinheit und seine Einfachheit und seine Unwandelbarkeit. Will daher
der Mensch Gott gleich werden, soweit eine Kreatur Gleichheit mit Gott haben
kann, so muß er abgeschieden sein. Und du sollst wissen: leer sein aller
Kreaturen ist Gottes voll sein, und voll sein aller Kreatur ist Gottes leer
sein. Du sollst ferner wissen, daß Gott in dieser unbeweglichen
Abgeschiedenheit vorweltlich gestanden ist und noch steht, und sollst wissen,
als Gott Himmel und Erde erschuf und alle Kreaturen, das ging seine
unbewegliche Abgeschiedenheit so wenig an, als ob er nie Kreaturen geschaffen
hätte. Ich sage noch mehr: von allen Gebeten und guten Werken, die der Mensch
in der Zeit wirken kann, wird Gottes Abgeschiedenheit so wenig bewegt, als ob
nirgends in der Zeit ein Gebet oder ein gutes Werk geschähe, und Gott wird
gegen den Menschen dadurch so wenig huldvoller oder geneigter, wie wenn das
Gebet oder die guten Werke nicht vor sich gegangen wären. Ich sage noch mehr:
als der Sohn in der Gottheit Mensch werden wollte und ward und die Marter
erlitt, das ging die unbewegliche Abgeschiedenheit Gottes so wenig an, als ob
er nie Mensch geworden wäre. Nun könntest du sagen: So höre ich wohl, daß
alles Gebet und alle guten Werke verloren sind, wenn sich Gott ihrer nicht
annimmt, und daß ihn niemand damit bewegen kann, und man sagt doch, Gott will
um alle Dinge gebeten werden. Hier sollst du wohl auf mich achten und mich
recht verstehen (wenn es dir möglich ist), daß Gott mit seinem ersten Blick
(wenn wir von einem ersten Blick da reden wollen) alle Dinge ansah, wie sie
geschehen sollten, und mit demselben Blick sah, wann und wie er die Kreaturen
erschaffen sollte. Er sah auch das geringste Gebet und gute Werk, das jemand
je tun würde, und sah an, welches Gebet und welche Andacht er erhören sollte;
er sah, daß du ihn morgen eifrig anrufen und mit rechtem Ernst bitten wirst,
und dieses Anrufen und Gebet wird Gott nicht morgen erhören, denn er hat es
in seiner Ewigkeit gehört, bevor du Mensch wurdest. Ist aber dein Gebet nicht
vernünftig oder ohne Ernst, so wird es dir Gott nicht jetzt versagen, denn er
hat es dir in seiner Ewigkeit versagt. So hat Gott mit seinem ersten ewigen
Blick alle Dinge angesehen und wirkt gar nichts um eines Warums willen, denn
es ist alles ein vorgewirktes Ding. Und so steht Gott allezeit in seiner
unbeweglichen Abgeschiedenheit, während doch darum der Leute Gebet und gute
Werke nicht verloren sind, denn wer recht tut, dem wird auch recht gelohnt.
Philippus sagt: »Gott Schöpfer hält die Dinge in dem Lauf und der Ordnung,
die er ihnen im Anfang gegeben hat.« Denn bei ihm ist nichts vergangen und
auch nichts künftig, und er hat alle Heiligen geliebt, wie er sie
vorhergesehen hat, ehe die Welt ward. Und wenn es dazu kommt, daß sich das in
der Zeit zeigt, was er in der Ewigkeit angesehen hat, so wähnen die Leute,
Gott habe sich eine neue Liebe beigelegt; und wenn er zürnt oder etwas Gutes
tut, so werden wir gewandelt, er aber bleibt unwandelbar, wie der
Sonnenschein den kranken Augen weh und den gesunden wohl tut, und bleibt doch
für sich selbst unwandelbar derselbe Schein. Gott sieht nicht die Zeit, und in
seinem Sehen geschieht auch keine Erneuerung. In diesem Sinne spricht auch
Isidorus in dem Buch vom obersten Gute: Es fragen viele Leute, was Gott tat,
ehe er Himmel und Erde erschuf, oder woher der neue Wille in Gott kam, daß er
die Kreaturen schuf? und antwortete folgendes: Es stand nie ein neuer Wille
in Gott auf, denn obwohl es richtig ist, daß die Kreatur nicht für sich
selbst war, wie sie jetzt ist, so war sie doch verweltlich in Gott und seiner
Vernunft. Gott schuf nicht Himmel und Erde, wie wir vergänglich sagen, daß
sie wurden, sondern alle Kreaturen sind in dem ewigen Worte gesprochen. Nun
könnte ein Mensch fragen: Hatte Christus auch unbewegliche Abgeschiedenheit,
als er sprach: »Meine Seele ist betrübt bis in den Tod?« und Maria, als sie
unter dem Kreuze stand? und man spricht doch viel von ihrer Klage: wie kann
dies alles sich vertragen mit unbeweglicher Abgeschiedenheit? Hier sollst du
erfahren, was die Meister sprechen, daß in einem jeden Menschen zweierlei
Menschen sind: der eine heißt der äußere Mensch, das ist die Sinnlichkeit;
diesem Menschen dienen fünf Sinne, doch wirkt er mit der Kraft der Seele. Der
andere Mensch heißt der innere Mensch, das ist des Menschen Innerlichkeit.
Nun sollst du wissen, daß jeder Mensch, der Gott liebt, die Kräfte der Seele
in dem äußere Menschen nicht mehr anwendet, als die fünf Sinne zur Not
bedürfen; und die Innerlichkeit wendet sich nur insoweit zu den fünf Sinnen,
als sie ein Führer und Lehrer derselben ist und sie behütet, daß sie ihren
Gegenstand nicht tierisch benutzen, wie manche Leute tun, die ihrer
leiblichen Wollust nachleben wie die Tiere, die ohne Vernunft sind, und
solche Leute sollten eigentlich mehr Tiere als Menschen heißen. Und die
Kräfte, die die Seele überdies hat und den fünf Sinnen nicht gibt, gibt sie
alle dem innern Menschen, und wenn der einen hohen, edeln Gegenstand hat, so
zieht sie alle die Kräfte, die sie den fünf Sinnen geliehen hat, zu sich
heran, und es heißt dieser Mensch dann von Sinnen und verzückt, weil sein
Gegenstand ein unvernünftiges Bild ist oder etwas Vernünftiges ohne Bild. Und
wisset, daß Gott von jedem Geistmenschen begehrt, daß er ihn mit allen
Kräften der Seele liebt. Darum sprach er: »liebe deinen Gott von ganzem
Herzen.« Nun gibt es manche Menschen, die verzehren die Kräfte der Seele ganz
und gar in dem äußere Menschen. Das sind die Leute, die alle ihre Sinne und
Gedanken auf vergängliche Güter richten und nichts von dem inneren Menschen
wissen. Wie nun ein guter Mensch manchmal den äußere Menschen aller Kräfte
der Seele beraubt, wenn sie eine hohe Aufgabe hat, so berauben tierische
Leute den innern Menschen aller Kräfte der Seele, und gebrauchen sie für den
äußere Menschen. Nun mußt du wissen, daß der äußere Mensch in Tätigkeit sein
kann, während der innere gänzlich derselben entledigt und unbeweglich steht.
Nun war in Christus auch ein äußerer und ein innerer Mensch, und ebenso in
unserer Frau, und alles, was Christus und unsere Frau je von äußeren Dingen
redeten, das taten sie als äußerer Mensch, und der innere Mensch stand in
einer unbeweglichen Abgeschiedenheit. Nimm dafür ein Ebenbild: Eine Tür geht
in einer Angel auf und zu. Nun vergleiche ich das äußere Brett an der Türe
dem äußeren Menschen, und die Angel dem inneren Menschen. Wenn nun die Tür
auf und zu geht, so bewegt sich das äußere Brett hin und her, und die Angel
bleibt doch unbeweglich an einem Fleck und wird darum nicht im geringsten
verändert. In gleicher Weise ist es auch hier. Nun frage ich, was die
Aufgabe der reinen Abgeschiedenheit sei? Darauf antworte ich, daß weder dies
noch das ihre Aufgabe ist. Sie beruht auf einem bloßen Nichts, denn sie
beruht auf dem Höchsten, worin Gott mit seinem ganzen Wirken kann. Nun kann
Gott nicht in allen Herzen trotz all seines Willens etwas wirken. Denn obwohl
Gott allmächtig ist, so kann er doch nur wirken, wenn er Bereitschaft oder
Macht findet. Sein Wirken ist in den Menschen anders als in den Steinen;
dafür finden wir in der Natur ein Gleichnis. Wenn man einen Backofen heizt
und einen Teig von Hafer und einen von Gerste und einen von Roggen und einen
von Weizen hineinlegt, so ist nur eine Hitze in dem Ofen, und doch
wirkt sie nicht in allen Teigen gleich; denn der eine wird ein schönes Brot,
der andere wird rauh und der dritte noch rauher. Daran ist nicht die Hitze schuld,
sondern die Materie, die ungleich ist. Ebenso wirkt Gott nicht in allen
Herzen gleich, sondern je nachdem er Bereitschaft und Empfänglichkeit findet.
In den Herzen nun, in denen dies oder das ist, kann etwas sein, das Gott
hindert aufs höchste zu wirken. Soll daher ein Herz Bereitschaft für das Allerhöchste haben, so muß es auf
einem bloßen Nichts beruhen, und darin ist auch die größte Möglichkeit, die
es geben kann. Nimm dafür ein Gleichnis aus der Natur. Will ich auf eine
weiße Tafel schreiben, so kann etwas, das auf der Tafel geschrieben steht,
noch so erhaben sein, es stört mich doch, weil ich nicht darauf schreiben
kann; und wenn ich schreiben will, so muß ich alles auslöschen, was auf der
Tafel steht, und die Tafel paßt mir dann am besten zum Schreiben, wenn nichts
darauf steht. Ebenso ist es, wenn Gott aufs allerhöchste in mein Herz
schreiben will, dann muß alles aus dem Herzen heraus, was dies oder das
geheißen ist, und so steht es um das abgeschiedene Herz. Daher mag dann Gott
aufs allerhöchste seinen obersten Willen wirken, und so ist des
abgeschiedenen Herzens Aufgabe weder dies noch das. Nun frage ich aber: was
ist des abgeschiedenen Herzens Gebet? Ich antworte: Abgeschiedenheit und
Reinheit kann nicht bitten, denn wer bittet, der begehrt etwas von Gott, was
ihm zu teil werde, oder was Gott ihm abnehmen soll. Nun begehrt aber das
abgeschiedene Herz nach nichts und hat auch nichts, dessen es gerne ledig
wäre. Darum ist es allen Gebets entledigt, und sein Gebet ist nichts anderes
als mit Gott einförmig sein. In diesem Sinne können wir das Wort nehmen, das
Dionysius über Sankt Pauls Wort spricht: »Es sind ihrer viel, die alle nach
der Krone laufen, und sie wird doch nur einem zu teil.« Alle Kräfte der Seele
laufen nach der Krone, und sie wird doch allein dem Wesen zu teil. Dazu also
sagt Dionysius: Der Lauf ist nichts anderes als ein Abwenden von allen
Kreaturen und ein Vereinigen mit der Ungeschaffenheit. Und wenn die Seele
dazu kommt, dann verliert sie ihren Namen und zieht Gott in sich, daß sie an
sich selbst zunichte wird, wie die Sonne das Morgenrot anzieht, daß es
zunichte wird. Dazu bringt den Menschen nichts als reine Abgeschiedenheit.
Hierher kann auch das Wort, das Sankt Augustin spricht, passen: Die Seele hat
einen himmlischen Eingang in die göttliche Natur, wo ihr alle Dinge zunichte
werden. Dieser Eingang ist auf Erden nichts anderes als reine
Abgeschiedenheit. Und wenn die Abgeschiedenheit aufs höchste kommt, so wird
sie aus Bewußtsein bewußtlos und aus Liebe lieblos und vor Licht finster.
Darum können wir auch annehmen, was ein Meister spricht: Selig sind die Armen
des Geistes, die Gott alle Dinge gelassen haben, wie er sie hatte, als wir
nicht waren. Daß Gott in einem abgeschiedenen Herzen lieber ist als in allen
andern Herzen, das merken wir daran: wenn du mich fragst, was Gott in allen
Dingen suche, so antworte ich dir aus dem Buche der Weisheit, wo er spricht:
»In allen Dingen suche ich Ruhe.« Es ist aber nirgends ganze Ruhe als allein
in dem abgeschiedenen Herzen. Es kann sich aber kein Mensch für das göttliche
Einfließen anders empfänglich machen als dadurch, daß er mit Gott einförmig
wird, denn je nachdem ein Mensch mit Gott einförmig ist, ist er des
göttlichen Einfließens empfänglich. Daher scheidet die Bilder ab und einigt euch
mit formlosem Wesen, denn Gottes geistiger Trost ist zart, darum will er sich
niemandem bieten als dem, der leiblichen Trost verschmäht. Nun höret, vernünftige
Leute allesamt: es ist niemand fröhlicher als wer in der größten
Abgeschiedenheit steht. Es kann keine leibliche oder fleischliche Lust ohne
geistigen Schaden sein; wer darum im Fleisch ungeordnete Liebe sät, der ruft
den Tod herbei; und wer im Geist ordentliche Liebe sät, der erntet im Geist
das ewige Leben. Je mehr daher der Mensch vor dem Geschöpf flieht, um so mehr
läuft ihm der Schöpfer nach. Daher ist Abgeschiedenheit das allerbeste, denn
sie reinigt die Seele und läutert die Gewissen und entzündet das Herz und
erweckt den Geist und spornt die Begierde und vergoldet die Tugend und läßt
Gott erkennen und scheidet die Kreatur ab und vereint sie mit Gott; denn die
von Gott getrennte Liebe ist wie das Wasser im Feuer und die mit ihm
vereinigte Liebe ist wie der Waben im Honig. Nun paßt auf, vernünftige
Geister allesamt! Das schnellste Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist
Leiden, denn es genießt niemand mehr der ewigen Seligkeit als wer mit
Christus in der größten Bitternis steht. Es gibt nichts Galligeres als leiden
und nichts Honigsamer es als gelitten haben. Das sicherste Fundament, worauf
diese Vollkommenheit beruhen kann, ist Demut, denn wessen Natur hier in der
tiefsten Niedrigkeit kriecht, dessen Geist fliegt auf in das Höchste der
Gottheit, denn Freude bringt Leid und Leid bringt Freude. Der Menschen Tun
ist vielerlei: der eine lebt so, der andere anders. Wer in dieser Zeit zum
höchsten Leben kommen will, der nehme mit kurzen Worten aus dieser ganzen
Schrift die Lehre, mit der ich schließe: Halte dich abgeschieden von
allen Menschen, halte dich rein von allen eingezogenen Bildern, befreie dich
von alledem, was Unfall, Haft und Kummer bringen kann, und richte dein Gemüt
allzeit auf ein tugendhaftes Schauen, in dem du Gott in deinem Herzen trägst
als stetes Ziel, von dem deine Augen niemals ablassen; und was andere Übungen
angeht, als Fasten, Wachen, Beten, die richte darauf als auf ihren Zweck und
habe so viel davon, als sie dich dazu fördern können, so erreichst du das
Ziel der Vollkommenheit. Nun könnte jemand sagen: wer könnte den unverwandten
Anblick des göttlichen Vorbildes aushalten? Darauf antworte ich: niemand, der
heutzutage lebt. Es ist dir allein darum gesagt, damit du weißt, was das
Höchste ist, und wonach du trachten und begehren sollst. Wenn aber dieser
Anblick dir entzogen wird, so soll dir, wenn du ein guter Mensch bist, zu Mute
sein, als ob dir deine ewige Seligkeit genommen wäre, und du sollst bald zu
ihm wiederkehren, damit er dir wieder werde, und du sollst allezeit auf dich
selbst acht haben, und dein Ziel und deine Zuflucht soll darin sein, so sehr
es dir möglich ist. Herr, gelobt seist du ewiglich. Amen. 4. Von der ÜberfreudeWäre weder Hölle noch
Himmelreich, dennoch wollte ich Gott, süßer Vater, dich und deine hohe Natur
lieben, worin die Dreiheit in der Einheit steht. Seht, jetzt mögt ihr gerne
hören von all dem Heimlichen der hohen Natur der Dreieinigkeit. Die Personen
sind Gott in ihrer Persönlichkeit, Gottheit gemäß der Natur in der Einheit.
Seht, jetzt mögt ihr hören, was Gott und Gottheit ist. Das ist ein
Unterschied; den gewahrt meine Seele am Widerschein der hohen Einheit. Die
leuchtet in ihr eigenes Wesen ganz ohne Unterschiedenheit. Darin hat sie all
ihre Einheit verschlossen und doch mit Unterscheidung der hohen
Persönlichkeit. Der Fluß ist ursprünglich, in dem die Einheit lebt; das einig
Eine, das in sich selbst in dunkler Stille schwebt, ist ohne ein Bedürfen.
Niemand kann es verstehen, doch in seiner Selbstheit ist es offenbar. Das
Licht ist das erste in der Ursprünglichkeit, das den Geist hinausführt aus
seinem Wesen in die Verborgenheit, allbleibend, eingezogen, in die Dunkelheit
versunken. Allda wird er verlocket, allda wird er des Lichtes Dunkelheit
entkleidet, allda verliert er beide in der Abgründlichkeit, allda wird das
verborgene Wesen, der Geist, in der Einheit entfremdet, und doch ist's sein
Leben. O
grundlos tiefer Abgrund, in deiner Tiefe bist du hoch, in deiner Höhe tief!
Wie kann das sein? Das ist uns im Abgrund deiner Tiefe verborgen. Doch sagt
Sankt Paulus, es soll uns klar werden. In dieser Klarheit ist der Geist über
seine Selbstheit, ihn hat die Dreieinigkeit an sich gezogen. Da stirbt der
Geist allsterbend im Wunder der Gottheit, denn er hat in der Einheit keine
Unterschiedenheit; das Persönliche verliert seinen Namen in der Einheit. Wo
der Geist in der Einheit auf nichts beruht, da verliert er in göttlicher Art
jedes Mittel. Des Lichts wie der Dunkelheit ist er entledigt, der Materie wie
der Form. Ein Fünklein, so nackt, wie es geschaffen ist, ein Nichts von
seinem Nichts, das wird vom Etwas seines Nichts eingezogen. Eben das Nichts
ist Nacktheit im Wesen der Person, das den Geist wegführt und in die Einheit
schweben läßt. In dem Unbegreifen der hohen Einheit, die alle Dinge außer
sich in ihrer Selbstheit vernichtet, ist Eins ohne Unterschiedenheit, und
doch ein Etwas, das aus ihrer Selbstheit geschaffen ist. Dieses Eine, das ich
hier meine, ist wortlos. Eins und Eins vereint leuchtet da nackt in nackt. Wo
die zwei Abgründe in einer Gleichheit schweben, gegeistet und entgeistet, da ist ein hohes Wesen; wo sich Gott entgeistet, da ist Dunkelheit in einer unerkannten
bekannten Einheit. Das ist uns verborgen in der Tiefe seiner Stille. Alle
Kreaturen ergründen nicht das Etwas. Daß
wir uns selbst entsinken, dess freuen wir uns
heute, Und
danach sollt ihr trachten immerdar, ihr Leute, Und
in das Höchste eilen, das ist die Überfreude. 5. Die Seele auf der Suche nach GottDie Gott um Lohn mit äußere
Werken dienen, denen soll mit geschaffenen Dingen wie Himmelreich und
himmlischen Dingen gelohnt werden. Die aber Gott mit innerlichen Werken
dienen, denen soll mit dem gelohnt werden, was ungeschaffen ist, das heißt
mit den Werken der heiligen Dreifaltigkeit! Nun paß auf. Zerginge das
Feuer, so wäre kein Licht; zerginge die Erde, so wäre kein Leben; zerginge
die Luft, so wäre keine Liebe; zerginge das Wasser, so wäre kein Raum. Darum
ist Gott nicht Licht noch Leben noch Liebe noch Natur noch Geist noch Schein
noch alles, was man in Worte fassen kann. Es ist Gott in Gott, und Gott ist
aus Gott geflossen, und Gott befindet sich in sich selbst als Gott und befindet
sich in all seinen Kreaturen als Gott und befindet sich insbesondere in einer
edeln Seele. Der Vater ist allgewaltig in der Seele, der Sohn allweise, der
heilige Geist allliebend in der Seele und er liebt alle Kreaturen in gleicher
Liebe. Er zeigt sich ihnen aber ungleich, und dazu ist die Seele geschaffen,
daß sie es erkennen soll, wie es ist, und sich in die Reinheit des grundlosen
Brunnens göttlicher Natur versenken soll und da wie eins werden mit Gott, so
daß sie selbst sagen könnte, sie sei Gott. So abgezogen sollte die Seele in
sich selbst sein, daß sie keine gemachten oder genannten Dinge in sich bilden
kann, und sollte so entblößt in sich selbst sein, wie Gott aller Namen
entblößt ist, und sollte sich über sich selbst in ihren Gott erheben und sich
mit ihrem Gott für ihren Gott halten; denn Gott ist weder weiß noch schwarz
noch groß noch klein; er hat weder Raum noch Vergangenheit noch Zukunft und
die Seele ist ihm nur insofern gleich als sie sich über alle Geschaffenheit
hinwegsetzen kann. Die Seele ist eine Kreatur,
die alle genannten Dinge empfangen kann, und ungenannte Dinge kann sie nur
empfangen, wenn sie so tief in Gott empfangen wird, daß sie selbst namenlos
wird. Und das kann dann niemand wissen, ob Gott sie oder sie Gott ergriffen habe.
Dionysius sagt, daß Gott sich selbst in ihr begriffen habe und sie so ganz in
sich zieht, daß sie in sich selbst nichts mehr ist als Gott. Zu dieser
Erkenntnis ist die Seele geschaffen, daß sie mit einem Erguß göttlicher
Herrlichkeit in den Grund des grundlosen Brunnens zurückfließen soll, woher
sie geflossen ist, und erkennen soll, daß sie an sich selbst nichts ist. Das
Wahrste, das uns zugehört, das ist, daß wir erkennen, daß wir von uns selbst
aus nichts sind, und daß wir nicht wir selbst sind. Gott hat alle Dinge für
sich selbst getan und hat die Seele sich gleich gemacht, damit sie über allen
Dingen, unter allen Dingen, in allen Dingen und außerhalb aller Dinge sein
könne, und doch ungeteilt in sich selbst bleibe. Doch steht sie auf höherer
Stufe, wenn sie in der Wüstung verharrt, wo sie nichts ist und wo kein Werk
ist. Sankt Dionysius sagt: Herr, ziehe mich in die Wüste, wo du nicht
gebildet bist, damit ich in deiner Wüste alle Bilder verliere. Wenn die Seele
so über alle Dinge hinausgegangen ist, so spricht sie: Herr, ziehe mich in
die Gottheit, wo du nichts bist, denn alles, was etwas ist, halte ich nicht
für Gott. Ihren freien Willen gibt sie Gott und wirft sich in ihre Nacktheit
und spricht: Herr, ziehe mich in die Finsternis deiner Gottheit, auf daß ich
in der Finsternis all mein Licht verliere: denn alles, was man offenbaren
kann, halte ich nicht für Licht. Sie wird so mit Gott vereinigt, daß sie mehr
Gott wird, als sie an sich selbst ist. Etwas von Gott ist Gott ganz und gar,
und etwas von ihm birgt sein ganzes Wesen. Darum ist er in der niedrigsten
Kreatur ebenso vollkommen wie in der obersten. Ein Gleichnis: Der kleinste
Zapfen am Faß verschließt alles was darin ist, ebenso gut wie der größte.
Darum ruht sein Begreifen auf seiner väterlichen Kraft. Er begreift sich in
sich selbst in allen Kreaturen. Und das Begreifen hat er verhüllt mit dem
Gewande der Dunkelheit, daß ihn keine Kreatur so begreifen kann, wie er sich
selbst in sich selbst begreift. Was die Seele im Licht begreift, das verliert
sie in der Dunkelheit. Und doch trachtet sie nach der Dunkelheit, weil sie
das Dunkel wegsamer dünkt als das Licht. Allda verliert sie sich und das
Licht in der Dunkelheit. Die Kraft, die die Seele
zum Ziel bringt und sie aus sich selbst ohne ihr Zutun hinausführt, ist Gott.
Ich berühre das Münster, ich führe es aber nicht hinweg. Daß wir Gott
Materie, Form und Werk beilegen, geschieht um unserer groben Sinne wegen. Die
Meister sagen: ein Licht erleuchtet nicht und hat weder Form noch Materie und
ist doch Kreatur. Wer Gott kennen will wie er ist, der muß aller Wissenschaft
entledigt sein. Wo Gott weder Zeit noch Wesen hat, da ist er ungenannt. Nun paß auf, wann der
Mensch alle Kreatur ist. Wenn er ihrer aller Kraft in sich hat. Wenn der
Mensch mit den äußere Sinnen alle körperlichen Dinge erkennt und sich dann
abscheidet und doch ohne Berührung darin bleibt, und wenn er mit den innern
Sinnen alle geistigen Dinge erkennt und sich dann ebenfalls abscheidet und
ohne Berührung darin bleibt: dann erst ist der Mensch alle Kreatur und dann
erst ist er zu seiner Natur gekommen und ist bereit in Gott zu gehn. Daß wir
Gott nicht finden, das kommt daher: wir suchen ihn mit Gleichnissen, während
er doch kein Gleichnis hat. Alles, was die heilige Schrift beibringen kann, ist
mehr ihm ungleich als ihm gleich. Darüber sagt Origines, daß die Seele Gott
erforschen will, das kommt von ihrem vielen Beobachten. Erkennte sie sich
selbst, sie erkennte auch ihren Gott. Daß sich die Seele bildet und ihren
Gott bildet, das kommt bei ihr davon, daß sie zu viel beobachtet. Wenn sie in
die Gottheit versinkt, da geht ihr alles Beobachten verloren. Darüber sagt Dionysius zu
Timotheus: Mein Freund Timotheus, wirst du des Geistes der Wahrheit gewahr,
so geh ihr nicht mit menschlichen Sinnen nach, denn er ist sehr geschwinde:
er kommt als ein Sausen. Man soll Gott suchen mit Fremdheit, mit
Vergessenheit und mit Unsinnen, denn die Gottheit hat die Kraft aller Dinge
in sich und hat in keinen Dingen ihres Gleichen. Dionysius sagt, die Seele
hat ihre Kräfte auf ihr nacktes Wesen geworfen, so daß die oberste Kraft
allein wirkt. Darüber sagt ein Meister: wenn die oberste Kraft über die Werke
die Oberhand gewinnt, so gehen die andern alle in sie und verlieren ihr Werk,
und dann steht die Seele in ihrer richtigen Ordnung und in ihrem nackten
Wesen, und ihr nacktes Wesen ist ihre emporgezogene Klarheit, die hat aller
Dinge Kraft in sich. Darum sagt ein Meister: erkennte die Seele sich selbst,
so erkennte sie alle Dinge. Gott fließt in sich selbst
zurück, so daß er aller Kreaturen so wenig achtet als er tat wie sie nicht
waren. So soll auch die Seele tun. Diese soll mit dem Menschtum die Person
des Sohns begreifen, und mit der Person des Sohns den Vater, und den heiligen
Geist in ihnen beiden, und sie beide in dem heiligen Geist, und soll mit der
Person des Vaters das einfache Wesen begreifen und mit dem Wesen den Abgrund
und soll in dem Abgrund versinken ohne Materie und Form. Materie, Form,
Verstand und Wesen hat sie in der Einheit verloren, denn sie ist an sich
selbst zunichte geworden: Gott wirkt alle ihre Werke, er hält sie in seinem
Wesen und führt sie in seiner Kraft in die bloße Gottheit. Da fließt sie mit
der Gottheit in all das, worin Gott fließt. Sie ist aller Dinge Ort und sie
hat selbst keinen Ort. Dies ist der Geist der Weisheit, die weder Herz noch
Gedanken hat. 6. Von der Überfahrt zur GottheitWie die Sonne scheint, so
sieht das Auge; dann ist das Auge in der Sonne, und die Sonne im Auge.
Wohlauf, mein Freund, nun merke, was ich meine, denn ich traue mich kaum,
meine Meinung zu schreiben oder zu reden, weil in den Personen die göttliche
Natur ein Spiegel ist, wohin nie Sprache kommt. Soweit sich die Seele über
die Sprache erheben kann, so weit macht sie sich dem Spiegel gleich. In dem
Spiegel sammelt sich nur Gleiches. Als ich, Herr, in dir war,
da war ich unbedürftig in meinem Nichts, und dein Angesicht, daß du mich
ansahst, das machte mich bedürftig. Wenn das ein Tod ist, daß die Seele von
Gott scheidet, so ist auch das ein Tod, daß sie ans Gott geflossen ist, denn
jede Bewegung ist Sterben. Daher sterben wir von Zeit zu Zeit, und die Seele
stirbt allsterbend in dem Wunder der Gottheit, da sie göttliche Natur nicht
erfassen kann. In dem Nichts stürzt sie hinüber und wird zunichte. In diesem
Nichtsein wird sie begraben und mit Unerkenntnis wird sie vereint in den
Unbekannten und mit Ungedanken wird sie vereint in den Ungedachten und mit
Unliebe wird sie vereint in den Ungeliebten. Was der Tod erfaßt, das kann ihm
niemand mehr nehmen: er scheidet das Leben vom Körper und scheidet die Seele von Gott und wirft sie in die
Gottheit und begräbt sie in ihr, so daß sie allen Kreaturen unbekannt ist. Da
wird sie als Verwandelte im Grab vergessen, und sie wird unbegreiflich allen
Begreifern. Wie Gott unbegreiflich ist, so unbegreiflich wird sie. So wenig
man die Toten begreifen kann, die hier vom Körper sterben, so wenig kann man
die Toten begreifen, die in der Gottheit tot sind. Diesen Tod sucht die Seele
ewiglich. Wenn die Seele in den drei Personen getötet wird, dann verliert sie
ihr Nichte und wird in die Gottheit geworfen. Da findet sie das Antlitz ihres
Nichts. Darüber spricht unser Herr: »Meine Unbefleckte, du bist gar schön,«
und von der Unbegreiflichkeit seiner Schönheit spricht sie: »Du bist noch schöner.«
Da blickt sie in die geheimen Künste Gottes, daß Gott wunderbarerweise das
Nichts bedürftig gemacht hat, und es hat ihm doch nichts geschadet Sankt
Dionysius sagt: Das ist kein Wunder, daß Gott die Seelen mit seinem Angesicht
bedürftig gemacht hat, wo doch die Sonne ohne weiteres den Maden und den
Würmern im faulen Holze Leben gibt. So sieht die Seele Gottes Große an und
ihre Kleinheit, und wirft sich aus dem Herzen Gottes und aus allen Kreaturen,
und bleibt bei ihrem bloßen Nichts und die göttliche Kraft enthält sie in
ihrem Wesen. Sankt Dionysius sagt: Alle Dinge stehen nach dem Gebot Gottes
auf Nichts. Und wieder sagt er: Der Blick, der aus Gott in die Seele geht,
ist ein Beginn des Glaubens, daß ich glaube, was mir nie offenbart ward. So
weit als sich die Seele mit dem Glauben in das unbekannte Gut versenken kann,
so weit wird sie eins mit dem unbekannten Gut und wird sich selbst und allen
Kreaturen unbekannt. Sie weiß wohl, daß sie ist; aber sie weiß nicht, was sie
ist. Wenn sie alles das erkennt, was zu erkennen ist, erst dann kommt sie
hinüber in das unbekannte Gut Diese Überfahrt ist manchen Erkennern
verborgen. Die Seele ist ihrer Natur nach dergestalt: wo sie irgend ist, da
ist sie ganz und gar, in jedem Glied ist sie ganz und gar, und das kommt
daher: wo irgend Natur ist, da ist sie ganz und gar. Darum ist die Gottheit
an allen Orten und in allen Kreaturen und in jeder ganz und gar. Die ungenaturte
Natur naturt nur insoweit als sie sich naturen läßt. Sonst naturt sie
nicht, der Vater naturt seinen Sohn in der genaturten Natur, und doch ist der Vater der ungenaturten Natur so nahe wie der genaturten
Natur, denn sie ist eins mit ihm. Der Vater ist in der ungenaturten
Natur allein und auch der erste in der genaturten
Natur. Und in der genaturten Natur ist der Sohn mit
dem Vater naturend, und der Sohn naturt den heiligen Geist, und der heilige Geist ist mit
dem Vater und dem Sohne in der genaturten Natur und
er naturt nicht. In der ungenaturten
Natur sind sie eins, und die genaturte Natur
unterscheidet die Personen, und die Personen sind so ewig in ihren Personen,
wie die ungenaturte Natur in ihrer Natur ist, und
die genaturte Natur ist so ewig an sich, wie die ungenaturte Natur, und dies ist nichts als ein Gott und
drei Personen, die naturen die Kreatur, jede in
ihrer Natur, und geben ihnen Kraft und Werk, wie es ihnen am besten bekommt.
Eine jede Kreatur hat ihre Natur so lieb, daß sie keine andere haben wollte.
Ein Meister spricht: Könnte Gott von Reue ergriffen werden, so reute ihn, daß
er nicht allen Kreaturen göttliche Natur geben konnte. Gott ist an sich selbst ein
einfaches Gut und ungeteilt. Alle Namen, die die Seele Gott gibt, nimmt sie
aus sich selbst. Er ist dreifaltig und doch eins und allen Kreaturen gemein
und er ist den verbrannten Geistern und denen, die im Brande erloschen und in
ihm zunichte geworden sind, eine einfache Substanz. Selig ist die Seele, die
sich hinüberschwingt, um alle Dinge in der bloßen Gottheit zu empfangen. Die
Seele soll begraben werden im Angesichte Gottes, sie soll in den Himmel
gezogen werden, wo die drei Personen in der Einheit ihrer Natur darin wohnen.
Das ist die verborgene Gottheit, über die man nicht sprechen kann. Selig
sind, die die Überfahrt machen: denen werden alle Dinge, die doch allen
Kreaturen unbekannt sind, in der Wahrheit bekannt. Die Kreatur hat einen
Eingang in Gott, woran ihr Wesen liegt, und sie wirkt in der Kraft, die sie
bewegt, von Nichts zu Etwas zu kommen. Nun sagt Sankt Paulus und auch Sankt
Augustin: »Wie ist mir geschehen, daß ich von Nichts zu Etwas geworden bin,
und von einem Wurme Gott und von einer Kreatur Schöpfer?« Die Seele soll so
in Gott vereint sein, daß es ihr vorkommt, es sei nichts mehr als Gott
allein, und Gott schaffe nie mehr eine Kreatur als sie allein. Die Seele, die
diese Überfahrt tut, die kommt in eine Ruhe aller Dinge. Sie ist Gott, wie er
an sich selbst ist. Darüber spricht Christus selbst: »Ich bin euch Mensch
gewesen, und wenn ihr mir nicht Gott seid, so tut ihr mir unrecht.« Gott ist
Mensch geworden, damit wir Gott werden. Gott war mit göttlicher Natur in der
menschlichen Natur verborgen, so daß man da nichts erkannte als einen
Menschen. So soll sich die Seele in göttlicher Natur verbergen, so daß man an
ihr nur Gott erkennen kann. Gott ist nicht Natur, wie die Kreatur ist, die
das an sich hat, was eine andere nicht hat. Wer ein Bäcker und auch ein
Brauer wäre, von dem könnte man nicht sagen, er sei allein ein Brauer, weil
er auch ein Bäcker wäre. So ist Gott aller Naturen Natur, weil er aller
Naturen Natur unzerstückt in sich hat. Er ist Licht aller Lichter, er ist
Leben der Lebenden, er ist Wesen der Wesenden, er ist Sprache der
Sprechenden. Darum ist er aller Naturen Natur. Darüber sagt Sankt Dionysius:
Er kann deshalb nicht eine Natur heißen, weil er einfach ist und nichts
seines Gleichen ist. Und ferner sagt er: Man kann Gott nur mit Unerkenntnis
erkennen. Wenn Gott in die Seele kommt, so kommt er mit allen Dingen in sie.
Allein wenn Gott die Dinge einfach in sich hat, so hat sie die Seele doch
sprachlich mit Unterscheidung; Teufel und Engel und alle Dinge. So hat die Seele das
Vermögen, alle Dinge in Gott zu empfangen, und sie erkennt, was Gott in ihnen
ist und was sie in Gott sind, und sie schwingt sich auf in die Einfachheit
über alle Dinge in die Unerkenntnis. Darüber sagt Sankt Dionysius, das sei
Herrschaft, daß man über niedere Dinge hinwegsteige und über die, die daneben
sind, und sie in die höchsten bringe. Darüber spricht Christus: »Die mir
folgen, die will ich dahin bringen, wo ich bin.« Der Vater spricht sich in
dem Sohn in die Seele. Denn der Sohn, das Wort, ist des Vaters, so offenbart
der Vater sich der Seele in dem Worte, weil er in seiner göttlichen Natur
keine Gestaltung hat. Und ebenso spricht sich die Seele in demselben Worte in
den Vater zurück, weil sie keine Gestaltung hat in ihrem Nichts, darum läßt
sie ihr Etwas im Worte und wirft sich ungestaltet in den Ungestalteten. Die Gottheit ist ein
nacktes, einfaches Ding, das aller Dinge Kraft in sich hat über den Personen,
und sie kann sich niemandem hingeben und niemand kann sie völlig so
empfangen, daß sie allein in ihm bestehe. Darüber sagt Sankt Dionysius: Die
Gottheit hat alle Dinge. Darum sind die drei Personen in der Gottheit, die
die Gottheit offenbaren, jede von ihnen der andern und der Kreatur insoweit
als sie davon empfangen kann. Der Vater offenbart sich die Gottheit selbst
und offenbart sie seinem Sohn, und der Vater und der Sohn offenbaren sie dem
heiligen Geist, und die drei Personen offenbaren sie den Kreaturen, und die
Gottheit spielt mit der Sprache und vor der Sprache und über der Sprache, und
die Sprache kann sie nicht erfassen. Und wären nicht die drei Personen mit
ihrer Unterschiedenheit in der Gottheit, so wäre die Gottheit nie offenbart
worden und sie hätte nie Kreaturen geschaffen. Darum sind die ewigen Werke
eine Ursache der Kreatur. Die Offenbarung nimmt die Gottheit von den Dingen,
die niedriger sind als sie. Die allergrößte Vollkommenheit an den Kreaturen
ist mangelhaft. So geschieht es manchmal, daß der Mond sich vor die Sonne
stellt und den Sonnenschein ganz und gar empfängt; man sagt dann, die Sonne
sei verschwunden. So ist ein Stern, der wirft seine Kraft in den Mond und
entzieht ihn der Sonne; die Sonne nimmt dann von den Dingen, die unter ihr
sind, ihr Licht. Wenn so die Seele in das
reine Wesen der Gottheit kommt, so erkennt sie alle Dinge bis auf die
niedrigsten Kreaturen; so leuchtet sie sich selbst, und alle Dinge in ihr,
und erkennt in der Gottheit göttliche Natur und in dem Unterschied der
Personen verliert sie ihren Namen, und die drei Personen verlieren ihren
Namen in der Einheit, und alles was die Einheit umfassen kann, verliert
seinen Namen darin. Dann sinkt die Seele nichtswärts
dahin und alles soll dem Nichts der Gottheit sich nähern und die Kräfte
sollen mitkommen. Darüber sagt Sankt Dionysius: Die Gottheit ist zunichte
geworden. Damit meint er, daß die Seele mit ihrem nackten Wesen den Kräften
entgangen ist. Dann haben die Kräfte die Gottheit verloren und auch ihr
bloßes Wesen der Gottheit in den Personen und in den Kräften, und die Kräfte
haben ein Nachfolgen in das Wesen und sie widerstehen dem Sträuben der
Dreieinigkeit. Da verliert die Liebe ihren Namen und alle Dinge im Nichts der
Gottheit, da ist die Seele in ihr Etwas hineingeflossen. Im Nichts der Gottheit
hat der Vater seine Vollkommenheit, und die drei Personen ihre Einheit, und
sie geben allen Kreaturen ihre Vollkommenheit in ihr geschaffenes Etwas, und
die Seele fließt in ihrem Etwas im Nichts der Gottheit durch alle Dinge, und
sie berührt sie doch nicht im Etwas ihres Wesens. Darüber sagt Sankt
Dionysius, daß die Seele nicht berührt werde an ihrem Nichts im Nichts der
Gottheit, und daß die Seele auch die Gottheit nicht an ihrem Nichts berühre.
Da ist sie so groß,.... daß sie gleich ihm in einem Lichte fließt. Darüber
sagt Sankt Dionysius: Die Gottheit ist zunichte geworden, weil die Kräfte der
Seele sie nicht erfassen können. 7. Vom Zorn der SeeleDie liebende Seele wird
zornig von ihrer Selbsterkenntnis. Sie hat ein Antlitz empfangen gar
kräftiglich und ist rot und zornig wegen dessen, was über ihr geblieben ist,
das unerreichbar in Gott zurückbleibt, daß sie alles das nicht ist, was Gott
von Natur ist, und daß sie alles das nicht hat, was Gott von Natur hat. Nun sagen die Meister, das
sei auch ein arger Zorn, wenn ein Freund seinen Freund selbst und alles was
er hat, besitzen will. Die Seele sagt, ihr Zorn sei so grenzenlos, daß er
sich nicht mit ihr versöhnen könne. Das Band der Liebe ist ihr allzu stark.
Sie spricht: Ach, wer kann mich trösten? Mein Unglück ist gar zu groß! Wäre
ich Schöpfer einfach ohne Anfang und ohne Ende, und hätte ich die Kreaturen
geschaffen, und wäre er Seele wie ich bin, so wollte ich aus all diesem Wesen
herausgehen und wollte sie hereingehen lassen um Gott zu sein, und ich wollte
Kreatur werden; und würde das Gott stören, daß er sein Wesen von mir hätte,
so wollte ich, daß er mich vertilge, und wollte lieber zunichte werden, damit
er nur nicht von mir gestört würde. Wenn aber das so ist wie jetzt, daß
alles, was geschaffen ist, ein bißchen ewiges Wesen in menschlicher Natur hat
und darin ewig stehen bleiben muß, so weiß ich nicht, wohin ich mich wenden
soll, um einen Platz zu finden. Deshalb neige ich mich zurück in mich selbst,
da finde ich den schlechtesten Platz, noch schnöder als die Hölle, denn meine
Mängel treiben mich selbst hinaus. Aber ich will mich doch nicht aufgeben.
Hierher will ich mich setzen und hier innen will ich wohnen, und ich begehre,
Herr, daß du niemals mehr an mich denkst, und allen Kreaturen verbietest, sie
sollen mich nimmer trösten, und allen meinen Kräften verbietest, es soll
keine mehr vor dein Antlitz kommen, damit ich dich nicht störe. Der dritte Zorn der Seele
ist darüber, daß sie Gott sein wollte, und darüber, daß nirgends eine Kreatur
sei, wie Gott in seiner Ewigkeit war, bevor er Kreaturen erschuf, wodurch sie
die göttliche Natur in der Einheit genießen könnte, wie er damals tat. Doch
so sei ihm seine Liebe abhanden gekommen, denn es ist guten Dinges Art, daß
es sich mitteilt. Der vierte Zorn ist, daß
sie das reine Wesen rein sein wollte, und daß es also weder Gott noch Kreatur
geben solle. Sie fragt, was denn die drei Personen in der Gottheit sollten
und was die Kreaturen alle sollten. [Doch sagt sie, es könnte
keine Kreatur ohne ihr Werk sein. Darum müßten die drei Personen in der
Gottheit sein, und sie sind Ursache der Kreaturen. Gott hat Gott erhoben: die
Kreaturen, die er geschaffen hat, könnten ihn nicht erheben. Alles was die
Kreaturen Gott tun, gehört ihnen selbst: das Lob, das sie Gott geben können,
ist ihr eigenes.] FRAGMENTE und SPRÜCHE
Fragmente1. Alle Kreaturen sind ein
Fußstapfen Gottes. 2. Gott ist nicht ein
Zerstörer der Natur, er vollbringt sie vielmehr. 3. Der Mensch kann nicht
wissen, was Gott ist. Etwas weiß er wohl: was Gott nicht ist. 4. So gewaltig liebt Gott
meine Seele, daß sein Wesen und sein Leben daran liegt, daß er mich lieben
muß, es sei ihm lieb oder leid. Wer Gott das nähme, daß er mich liebt, der
nähme ihm seine Gottheit. 5. Wer Gott seinen Willen
gänzlich gibt, der fängt und bindet Gott, daß Gott nichts kann als was der
Mensch will. 6. Erkenntnis kommt von
Vergleichen. Weil also die Seele eine Möglichkeit hat, alle Dinge zu
erkennen, darum ruht sie nimmer, bis sie in das erste Bild kommt, wo alle
Dinge eins sind, und da ruht sie, das ist in Gott. In Gott ist keine Kreatur
von anderm Rang als die andre. Die Meister sagen: Wesen und Erkenntnis sind
ein und dasselbe. 7. Gott ist nirgends.
Gottes Geringstes, dessen ist alle Kreatur voll, und sein Größtes ist nirgends. 8. Wäre nicht Gott in allen
Dingen, die Natur wirkte oder begehrte in keinem Dinge etwas; denn es sei dir
lieb oder leid, magst du es wissen oder nicht: die Natur in ihrem Innigsten
sucht und meinet Gott. Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr nach
etwas zu trinken begehren, wenn nicht etwas von Gott darin wäre. Die Natur
meinte weder Essen noch Trinken, noch Kleider, noch Bequemlichkeit, noch
sonst etwas, wenn nicht Gott darin wäre, und sie jagt und bohrt immer mehr
danach, Gott darin zu finden. 9. Verginge das Bild, das
nach Gott gebildet ist, so verginge auch das Bild Gottes. 10. Die Vernunft ist
eindringend, sie begnügt sich nicht mit Güte oder Weisheit oder Wahrheit und
auch nicht mit Gott selbst. Es ist gute Wahrheit, sie begnügt sich so wenig
mit Gott wie mit einem Stein oder einem Baum. 11. So wahr das ist, daß
Gott Mensch geworden ist, so wahr ist der Mensch Gott geworden. 12. Das ist Gottes Natur,
daß er ohne Natur ist. 13. Gott kann, was er will,
darum hat er dich sich selbst völlig gleich gemacht und dich zu einem Bild
seiner selbst gemacht. Aber »ihm gleich«, das klingt wie etwas Fremdes und
etwas Entferntes; darum ist die Seele Gott nicht gleich, sie ist ganz und gar
das Gleiche wie er und dasselbe was er ist. Ich weiß und kann nicht weiter,
damit sei diese Rede zu Ende. 14.Wenn ich Gott nicht
zwinge, daß er alles tut, was ich will, dann gebricht es mir entweder an
Demut oder an Sehnsucht. 15. Wo sieht man Gott? Wo
nicht Gestern noch Morgen ist, wo ein Heute ist und ein Jetzt, da sieht man
Gott. Was ist Gott? Ein Meister spricht: Wenn das notwendig sein muß, daß ich
von Gott rede, so sage ich, daß Gottes etwas ist, was kein Sinn begreifen
oder erlangen kann: sonst weiß ich nichts von ihm. Ein anderer Meister sagt:
Wer das von Gott erkennt, daß er unbekannt ist, der erkennt Gott. Wenn ich in
Paris predige, so sage ich und darf es wohl sagen: alle hier in Paris können
mit all ihrer Wissenschaft nicht begreifen, was Gott in der geringsten
Kreatur, auch nur in einer Mücke, ist. Aber ich sage jetzt: die ganze Welt
kann es nicht begreifen. Alles was man von Gott denken kann, das ist Gott
ganz und gar nicht. Was Gott an sich selbst ist, dazu kann niemand kommen,
der nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst ist. Was Gott den
Engeln ist, das ist gar fern und niemand weiß es. Was Gott in einer
gottliebenden Seele ist, das weiß niemand als die Seele, in der er ist. Was
Gott in diesen niedern Dingen ist, das weiß ich ein wenig, aber sehr schwach.
Wo Gott in der Erkenntnis wohnt, da fällt alle natürliche Sinnlichkeit ab.
Daß wir so in ein Licht entrückt werden, das Gott selber ist, um darin in
Ewigkeit selig zu sein, das walte Gott, Amen. 16. Das Wort, das Augustin
spricht: Was der Mensch liebt, das ist der Mensch, ist folgendermaßen zu
verstehen: Liebt er einen Stein, so ist er ein Stein, liebt er einen
Menschen, so ist er ein Mensch, liebt er Gott — nun traue ich mich nicht
weiter zu sprechen, denn sage ich, daß er dann Gott ist, so könntet ihr mich
steinigen wollen. 17. Den gerechten Menschen
ist es so ernst mit der Gerechtigkeit, daß sie, gesetzt den Fall, Gott: wäre
nicht gerecht, nicht eine Bohne sich um Gott kümmerten. 18. Alle Liebe dieser Welt
ist auf Eigenliebe gebaut. Hättest du die gelassen, so hättest du alle Welt
gelassen. 19. Ich überlegte mir
neulich, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren sollte. Ich will mich gar
sehr besinnen, denn wenn ich von Gott etwas nähme, so wäre ich unter Gott wie
ein Knecht unter seinem Herrn durch das Geben. Aber so sollen wir nicht sein
im ewigen Leben. 20. Einige einfältige Leute
glauben, sie sollten Gott sehen, als stünde er da und sie hier. Dem ist nicht
so. Gott und ich, wir sind im Erkennen eins. Nehme ich daher Gott in Liebe in
mich, so gehe ich in Gott ein. Wir sollen ihn Erkennende sein, ich ihn wie er
mich, nicht minder noch mehr, sondern einfach gleich. 21. Die Liebe nimmt Gott
selbst wie er Gott ist; und diesem Namen entfiel Gott. Güte, Liebe kommt
niemals vorwärts. Liebe nimmt Gott unter einem Fell, unter einem Kleid. Das
tut nicht der Verstand: der Verstand nimmt Gott, wie er in ihm bekannt ist;
da kann er ihn niemals begreifen im Meer seiner Grundlosigkeit. 22. Ein Meister, der aufs
allerbeste von der Seele gesprochen hat, sagt, daß alle menschliche
Wissenschaft niemals dahinter kommt, was die Seele sei. Da gehört
übernatürliche Wissenschaft dazu. Es gehen die Kräfte von der Seele in die
Werke hinaus. Davon wissen wir nichts, wir wissen wohl ein wenig davon, aber
was die Seele im Grunde sei, davon weiß niemand etwas. 23. Eine Kraft ist in der
Seele, der sind alle Dinge gleich süß; ja, das allerböseste und das
allerbeste, das ist alles gleich für diese Kraft, sie nimmt alle Dinge über
hier und über jetzt. Jetzt, das ist die Zeit, und hier ist der Raum. 24. Ich überlegte mir einst
(es ist noch nicht lange her): daß ich ein Mensch bin, das ist auch einem
andern Menschen mit mir gemein; daß ich sehe und höre und esse und trinke,
das tut auch ein anderes Tier; aber daß ich bin, das ist keines Menschen
sonst als allein mein, weder eines Menschen noch eines Engels noch Gottes,
außer sofern ich eins mit ihm bin. Alles, was Gott wirkt, das wirkt er in dem
Einen sich selbst gleich, und doch ist es in den Werken einander gar
ungleich. 25. Wer in der Zeit sein
Herz auf die Ewigkeit gestellt hat und in wem alle zeitlichen Dinge tot sind,
da ist Vollendung der Zeit. Ich sprach einst: die freuen sich nicht allezeit,
die sich freuen in der Zeit. Sankt Paulus spricht: »Freuet euch in Gott
allezeit.« Der freuet sich allezeit, der sich da freut über Zeit und
ohne Zeit. Drei Dinge hindern den Menschen, so daß er Gott in keiner Weise
erkennen kann. Das erste ist Zeit, das zweite Körperlichkeit, das dritte
Mannigfaltigkeit. Solange diese drei in mir sind, ist Gott nicht in mir und
wirkt nicht eigenhaft in mir. Sankt Augustin sagt: es kommt von dem Geiz der
Seele, daß sie viel begreifen und haben will, und sie greift in Zeit, in
Körperlichkeit und in Mannigfaltigkeit und verliert damit eben das was sie
hat. Denn solange mehr und mehr in dir ist, kann Gott in dir niemals wohnen
oder wirken. Diese Dinge müssen immer hinaus, wenn Gott hinein soll, es sei
denn, du hättest sie in einer höheren und besseren Weise, daß aus Menge eins
geworden wäre. Je mehr dann Mannigfaltigkeit in dir ist, um so mehr Einheit,
denn das eine ist in das andere verwandelt. Ich sprach einst: Einheit eint
alle Mannigfaltigkeit, aber Mannigfaltigkeit eint nicht Einheit. So wir
überhoben werden über alle Dinge, und alles, was in uns ist, aufgehoben wird,
so bedrückt uns nichts. Wäre ich rein gottmeinend, daß nichts über mir wäre
als Gott, so wäre mir gar nichts schwer und ich würde nicht gar so bald
betrübt. 26. Im Grunde der Seele ist
die Kraft, die in den Augen wirkt, ebenso hoch im Rang wie der Verstand, und
da ist der Fuß und das Auge gleich edel. Was die Seele in ihrem Grunde sei,
das ward noch nie gefunden. 27. Die Meister sagen, daß
die menschliche Natur mit der Zeit nichts zu tun habe, und daß sie ganz und
gar unberührbar sei und dem Menschen viel inniger und näher sei als er sich
selbst. Und darum nahm Gott menschliche Natur an und eignete sie seiner
Person. Da ward menschliche Natur zu Gott, weil er bloß menschliche Natur und
keinen Menschen annahm. Willst du also selber Christus sein und Gott sein, so
geh von alledem ab, was das ewige Wort sich nicht angenommen hat. Das ewige
Wort nahm keinen Menschen an sich: darum geh ab von dem, was Mensch an dir
ist und was du bist, und benimm dich bloß nach menschlicher Natur, so bist du
dasselbe an dem ewigen Worte, was menschliche Natur an ihm ist. Denn deine
menschliche Natur und seine hat keinen Unterschied: sie ist eins; denn was
sie in Christus ist, das ist sie in dir. 28. Kein Ding ist Gott so
sehr entgegengesetzt wie die Zeit. 29. »Er hatte keinen
Namen.« So ist die Dreifaltigkeit der Gottheit ohne Namen; denn alle die
Namen, die ihm die Seele gibt, die nimmt sie aus ihrem Verstande. Darüber
sagt ein heidnischer Meister in dem Buche, das »Licht der Lichter« heißt:
Gott ist überwesenhaft und übersprachlich und unverstandsam in Bezug auf das,
was natürliches Verstehen ist. 30. Ein Meister sagt: Eins
ist ein untersagendes Aussagen. Sage ich: Gott ist gut, da wird etwas
beigelegt. Eins ist ein untersagendes Aussagen und ein wehrendes Begehren.
Was meint Eins? Etwas, dem nichts beigelegt wird. Die Seele nimmt die
Gottheit, wie sie in ihr geläutert ist, wo nichts beigelegt wird, wo nichts
gedacht wird. Eins ist Untersagen des Aussagens. Alle Kreaturen haben irgend
ein Untersagen in sich; die eine sagt aus, daß es die andre nicht sei; ein
Engel sagt aus, daß er nicht eine andere Kreatur sei. Aber Gott hat ein
Untersagen alles Aussagens, er ist Eins und untersagt alles andere; denn
nichts ist außer Gott. Alle Kreaturen sind in Gott und sind die Gottheit
seiner selbst und wollen ihn ausfüllen. Er ist ein Vater aller Gottheit.
Darum eine Gottheit, weil nichts ausfließt, und nirgends etwas daran rührt,
und kein Wort gedacht wird. Damit, daß ich von Gott etwas aussage (sage ich
von Gott Güte aus, so kann ich Gott nicht aussagen), damit daß ich von Gott
etwas aussage, verstehe ich etwas unter ihm, was er nicht ist; eben das muß
hinab. Gott ist Eins, er ist ein Untersagen des Aussagens. 31. Eine Ursache, warum es
meiner unwürdig und mir zuwider wäre, Gott darum zu bitten, er möge mich
gesund machen, ist, daß ich den reichen liebevollen freigebigen Gott nicht um
eine solche Kleinigkeit bitten will und soll. Gesetzt, ich reiste hundert
oder zweihundert Meilen zum Papste, und wenn ich vor ihm käme, spräche ich:
»O Herr und heiliger Vater, ich bin mit großen Kosten auf beschwerlichen
Wegen zweihundert Meilen gereist, und bin hierher gekommen, um euch zu
bitten, mir eine Bohne zu schenken,« wahrlich, er selbst und jeder, der das
hörte, sagte mit Recht, daß ich ein großer Narr wäre. Nun ist das eine
sichere Wahrheit, daß alles Gut, ja alle Kreatur gegen Gott weniger als eine
Bohne ist. Darum verschmähte ich es mit Recht, wenn ich ein weiser und guter
Mensch wäre, darum zu bitten, gesund zu werden. 32. Seneca, ein heidnischer
Meister, spricht: Von großen und hohen Dingen soll man mit großen und hohen
Sinnen sprechen und mit erhobener Seele. Auch soll man sagen, daß man solche
Lehre nicht für Ungelehrte spreche oder schreibe. Dazu sage ich: wenn man
ungelehrte Leute nicht lehrt, so wird niemals jemand gelehrt, so kann niemand
lehren noch leben noch sterben; denn darum lehrt man die Ungelehrten, daß sie
aus Ungelehrten gelehrt werden. Wäre nichts Neues, so würde nichts Altes. 33. Dem gemäß, daß die
Gottheit in allen Dingen ist, ist sie die Seele aller Seelen. Die Gottheit
ist die Seele der Kreatur. 34. Sankt Dionysius sagt:
In Gott begraben werden ist nichts anderes als eine Überfahrt in das
ungeschaffene Leben. Die Kraft, in der die Verwandlungen der Seele vor sich
gehen, ist ihre Materie, und diese Kraft erkennt die Seele niemals bis auf
den Grund, denn es ist Gott, und Gott verwandelt sich nicht: die Seele treibt
ihre Verwandlungen in seiner Kraft. Darüber sagt Sankt Dionysius: Gott ist
ein Beweger der Seele. Darum ist die Form eine Offenbarung des Wesens.
Darüber sagt Sankt Dionysius, Form sei das Etwas des Wesens. Materie ohne
Form gibt es nicht. Darum ruht die Seele nimmer, bis sie in Gott kommt, der
ihre erste Form ist. Da vereinigt sich die Seele mit Gott, wie die Speise mit
dem Menschen: sie wird Auge in den Augen, und Ohr in den Ohren. So wird die
Seele Gott in Gott: mit jeder göttlichen Kraft vereinigt sie sich so, wie die
Kraft in Gott ist, und Gott vereinigt sich in der Seele so, wie jede Kraft in
der Seele ist, und die zwei Naturen fließen in einem Licht, und die Seele
wird allwesend zunichte. Was sie ist, das ist sie in Gott. Die göttlichen
Kräfte ziehen sie in sich, ohne hinzusehen, wie die Sonne alle Kreaturen
anzieht, ohne hinzusehen. Was Gott für sich selbst ist, das kann niemand
begreifen. Gott ist für sich selbst in allen Dingen, Gott ist alle Dinge in
allen Dingen und Gott ist jedem Dinge allzumal alle Dinge. So soll die Seele
sein. Gott ist keinem Dinge völlig nichts, Gott ist für sich selbst nicht
völlig nichts, Gott ist nichts, was man in Worte fassen kann. Hierüber sagt
Sankt Dionysius, daß Gott für sich selbst alle Dinge sei, das heißt, daß er
die Bilder aller Dinge trägt. Da trägt er sich in ein Nichts: da sind alle
Dinge Gott. Als wir nicht waren, da war Gott Hölle und Himmelreich und alle
Dinge. 35.Wir wollen allen Dingen
Geist sein, und alle Dinge sollen uns Geist sein im Geiste. Wir sollen alle
Dinge erkennen und uns mit allen Dingen gotten. 36. So unmöglich es ist,
daß Gott das Wesen verliert, das er ist, so unmöglich ist es, daß Gott sein
ewiges Wort in Bildern oder in Lauten aussprechen kann. 37. Die göttlich Armen
haben sich nicht allein von sich selbst befreit, sondern sie haben sich auch
von Gott befreit, und sind so sehr frei von ihm, daß er keinen Platz in ihnen
findet, wo er wirken könnte. Denn fände er einen Platz, worin er wirkte, so
wäre der Platz eines und er ein anderes. Diese Menschen haben keinen Platz,
und sie sind von aller zufälligen Form ganz und gar frei und bloß. Hier sind
alle Menschen ein Mensch und eben dieser Mensch ist Christus. Davon sagt ein
Meister, daß das Erdreich dieser Menschen nie entledigt ward und nie
entledigt werden wird, denn der Mensch schließt Himmel und Erde in sich. Wäre
der Mensch nicht, so wären sie auch beide nicht. 38. Alle Kreaturen jagen
Gott mit ihrer Liebe, denn es ist kein Mensch so unselig, daß er aus Bosheit
sündigte; sondern er tut es um seiner Lustgier willen. Es schlägt einer einen
tot; das tut er nicht, um etwas Böses zu tun, sondern es dünkt ihn, er selbst
käme, solange jener lebt, nimmer in sich selbst zum Frieden; darum will er in
Frieden Lust suchen, denn Friede bringt Freude. So jagt alle Kreatur Gott mit
ihrer Liebe, denn Gott ist die Liebe. So begehren alle Kreaturen der Liebe.
Wäre ein Stein vernünftig, er müßte Gott mit seiner Liebe jagen. Wer einen
Baum fragte, warum er seine Frucht trägt, wenn er Vernunft hätte, spräche er:
daß ich mich in der Frucht erneuere, das tue ich, um mich von neuem meinem
Ursprung zu nähern; denn dem Ursprung nahe sein, das ist lustvoll. Gott ist
der Ursprung und ist Lust und Liebe. 39. Gott ist überall in der
Seele und sie ist in ihm überall; also ist Gott ein All, und sie mit ihm ein
Alles in Allem. Sprüche1. Meister Eckhart spricht:
Wer in allen Räumen zu Hause ist, der ist Gottes würdig, und wer in allen
Zeiten eins bleibt, dem ist Gott gegenwärtig, und in wem alle Kreaturen zum
Schweigen gekommen sind, in dem gebiert Gott seinen eingeborenen Sohn. 2. Es spricht Meister
Eckhart: Nötiger wäre ein Lebemeister als tausend Lesemeister; aber lesen und
leben ohne Gott, dazu kann niemand kommen. Wollte ich einen Meister von der
Schrift suchen, den suchte ich in Paris und in den hohen Schulen hoher
Wissenschaft. Aber wollte ich nach vollkommenem Leben fragen, davon könnte er
mir nichts sagen. Wohin sollte ich dafür gehen? Allzumal nirgends anders als
in eine nackte entledigte Natur: die könnte mir kund tun, wonach ich sie in
Ehrfurcht fragte. Leute, was sucht ihr an dem toten Gebein? Warum sucht ihr
nicht das lebendige Heil, das euch ewiges Leben geben kann? Denn der Tote hat
weder zu geben noch zu nehmen. Und sollte ein Engel Gott ohne Gott suchen, so
suchte er ihn nirgends anders als in einer entledigten nackten abgeschiedenen
Kreatur. Alle Vollkommenheit liegt daran, daß man Armut und Elend und Schmach
und Widerwärtigkeit und alles, was dir zustoßen und dich bedrücken kann,
willig, fröhlich, frei, begierig und bereit und unbewegt leiden kann und bis
an den Tod dabei bleiben ohne alles Warum. 3. Meister Eckhart sprach:
Wem in einem anders ist als im andern und wem Gott lieber in einem als im
andern ist, der Mensch ist gewöhnlich und noch fern und ein Kind. Aber wem
Gott gleich ist in allen Dingen, der ist zum Mann geworden. Aber wem alle
Kreaturen überflüssig und fremd sind, der ist zum Rechten gekommen. Er ward auch gefragt: wenn
der Mensch aus sich selbst herausgehen wollte, ob er noch um etwas
Natürliches sorgen sollte? Da sprach er: Gottes Bürde ist leicht und sein
Joch ist sanft; er will es nirgends als im Willen; und was dem trägen
Menschen ein Graus ist, das ist dem hingerissenen eine Herzensfreude. Es ist
niemand Gottes voll als wer im Grunde tot ist. 4. Gott verhängt kein Ding
über uns, womit er uns nicht zu sich lockt. Ich will Gott niemals dafür
danken, daß er mich liebt, denn er kann es nicht lassen, seine Natur zwingt
ihn dazu; ich will dafür danken, daß er es in seiner Güte nicht lassen kann,
daß er mich lieben muß. 5. Meister Eckhart sprach:
Ich will Gott niemals bitten, daß er sich mir hingeben soll; ich will ihn
bitten, daß er mich leer und rein mache. Denn wäre ich leer und rein, so
müßte Gott aus seiner eigenen Natur sich mir hingeben und in mir beschlossen
sein. 6. Meister Eckhart spricht:
Daß wir Gott nicht zwingen, wozu wir wollen, das liegt daran, daß uns zwei
Dinge fehlen: Demut vom Grund des Herzens und kräftiges Begehren. Ich sage
das bei meinem Leben, - Gott vermag in seiner göttlichen Kraft alle Dinge,
aber das vermag er nicht, daß er dem Menschen, der diese zwei Dinge in sich
hat, nicht Gewährung schenke. Darum gebt euch nicht mit kleinen Dingen ab,
denn ihr seid nicht zu Kleinem geschaffen; denn weltliche Ehre ist nichts als
eine Verwandlung und ein Irrsal der Seligkeit. 7. Meister Eckhart der
Prediger sprach auch also: Es ward nie großere Mannhaftigkeit noch Streit
noch Kampf, als wenn einer sich selbst vergißt und verleugnet. 8. Bruder Eckhart predigte
und sprach: Sankt Peter sprach: ich habe alle Dinge gelassen. Da sprach Sankt
Jakob: wir haben alle Dinge weggegeben. Da sprach Sankt Johannes: wir haben
gar nichts mehr. Da sprach Bruder Eckhart: wann hat man alle Dinge gelassen?
So man alles das läßt, was der Sinn greifen kann, und alles, was man sprechen
kann, und alles, was Farbe machen kann, und alles, was man hören kann, dann
erst hat man alle Dinge gelassen. Wenn man so alle Dinge läßt, so wird man
von der Gottheit durchklärt und überklärt. 9. Wer werden will, was er
sein sollte, der muß lassen, was er jetzt ist. Als Gott die Engel schuf, da
war der erste Blick, den sie taten, daß sie des Vaters Wesen sahen und wie
der Sohn aus dem Herzen des Vaters herauswuchs recht wie ein grünes Reis aus
einem Baume. Diese freudenreiche Anschauung haben sie mehr als sechstausend
Jahre gehabt, und wie sie ist, das wissen sie heutigen Tages nicht mehr, als
damals, wie sie eben geschaffen waren. Und das kommt von der Große der
Erkenntnis: denn je mehr man erkennt, desto weniger versteht man. 10. Und also soll ein
Mensch sein Leben richten, der vollkommen werden will. Darüber spricht
Meister Eckhart: Die Werke, die der Mensch von innen wirkt, sind lustvoll,
sowohl dem Menschen wie Gott, und sind sanft und heißen lebendige Werke. Sie
sind Gott deswegen wert, weil er es allein ist, der die Werke in dem Menschen
wirkt, die von innen gewirkt werden. Diese Werke sind auch dem Menschen süß
und sanft, denn alle die Werke sind dem Menschen süß und lustvoll, wo Leib
und Seele mit einander einhellig werden. Und das geschieht in allen solchen
Werken. Diese Werke heißen auch lebendige Werke, denn das ist der Unterschied
zwischen einem toten Tier und einem lebenden Tier, daß das tote Tier nur von
einer äußeren Bewegung bewegt werden kann, das heißt: wenn man es zieht oder
trägt, und darum sind alle seine Werke tote Werke. Aber das lebende Tier
bewegt sich selbst, wohin es will, denn seine Bewegung geht von innen aus und
alle seine Werke sind lebende Werke. Recht in gleicher Weise heißen alle
Werke der Menschen, die ihren Ursprung von innen nehmen, wo Gott allein
bewegt, und die von dem Wesen kommen, unsere Werke und göttliche Werke und
nützliche Werke. Aber alle die Werke, die aus einer äußeren Ursache und nicht
aus dem innern Wesen geschehen, die sind tot und sind nicht göttliche Werke
und sind nicht unsere Werke. Auch spricht Meister Eckhart, daß alle die
Werke, die der Mensch von innen wirkt, willkürliche Werke sind. Was nun willkürlich
ist, das ist angenehm, und darum sind alle Werke, die von innen geschehen,
angenehm, und alle die Werke, die infolge äußerer Bewegung geschehen, sind
unwillkürlich und sind knechtisch, denn wäre das Ding nicht, das von außen
bewegt, so geschähe das Werk nicht, und darum ist es unwillkürlich und
knechtisch und unangenehm. 11. Meister Eckhart sprach,
es könne kein Mensch in diesem Leben so weit kommen, daß er nicht auch äußere
Werke tun solle. Denn wenn der Mensch sich dem beschaulichen Leben hingibt,
so kann er vor großer Fülle sich nicht halten, er muß ausgießen und muß im
wirkenden Leben tätig sein. Gerade wie ein Mensch, der gar nichts hat, der
kann wohl mild sein, denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein Mensch großen Reichtum hat und nichts gibt, der kann nicht
mild heißen. Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht
dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und darum sind alle
die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht äußeren Werken und
sich ganz und gar von äußerem Werk abschließen, im Irrtum und nicht auf dem
rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen Leben ist, kann
wohl und soll sich von allen äußere Werken freimachen, solange er im Schauen
ist; aber hernach soll er sich äußere Werken widmen, denn niemand kann sich
allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das wirkende
Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens. 12. Meister Eckhart und
auch andere Meister sagen, daß zwei Dinge in Gott sind: Wesen und Wahrnehmen,
das da relatio heißt. Nun sagen die Meister, daß
des Vaters Wesen den Sohn nicht in der Gottheit gebiert, denn nach seinem
Wesen sieht der Vater nichts anderes als in sein bloßes Wesen und schaut sich
selber darinnen mit all seiner Kraft, und da schaut er sich bloß ohne den
Sohn und ohne den heiligen Geist und sieht da nichts als Einheit seines
nämlichen Wesen. Wenn aber der Vater ein Anschauen und ein Wahrnehmen seiner
selbst in einer andern Person haben will, so ist des Vaters Wesen in dem Wahrnehmen
den Sohn gebärend, und weil er sich selbst in dem Wahrnehmen so wohlgefällt
und ihm das Anschauen so lustvoll ist, und weil er alle Lust ewig gehabt hat,
darum muß er dieses Wahrnehmen ewig gehabt haben. Darum also ist der Sohn
ewig wie der Vater, und aus dem Wohlgefallen und der Liebe, die Vater und
Sohn miteinander haben, hat der heilige Geist seinen Ursprung, und weil diese
Liebe zwischen Vater und Sohn ewig gewesen ist, darum ist der heilige Geist
ebenso ewig wie der Vater und der Sohn, und die drei Personen haben nur ein
Wesen und sind allein an den Personen unterschieden. 13. Meister Eckhart
spricht, Gott ist nicht allein ein Vater aller Dinge, er ist vielmehr auch
eine Mutter aller Dinge. Denn er ist darum ein Vater, weil er eine Ursache
und ein Schöpfer aller Dinge ist. Er ist aber auch eine Mutter aller Dinge,
denn wenn die Kreatur von ihm ihr Wesen nimmt, so bleibt er bei der Kreatur
und erhält sie in ihrem Wesen. Denn bliebe Gott nicht bei und in der Kreatur,
wenn sie in ihr Wesen kommt, so müßte sie notwendig bald von ihrem Wesen
abfallen. Denn was aus Gott fällt, das fällt von seinem Wesen in eine
Nichtheit. Es ist mit andern Ursachen nicht so, denn die gehen wohl von ihren
verursachten Dingen weg, wenn diese in ihr Wesen kommen. Wenn das Haus in
sein Wesen kommt, so geht der Zimmermann hinaus, und zwar darum, weil der
Zimmermann nicht ganz und gar die Ursache des Hauses ist, sondern er nimmt
die Materie von der Natur; Gott dagegen gibt der Kreatur ganz und gar alles,
was sie ist, sowohl Form wie Materie, und darum muß er dabei bleiben, weil
sonst die Kreatur bald von ihrem Wesen abfallen würde. 14. Es spricht Johann
Chrysostomus: Daß Gott in allen Kreaturen sei, das wissen wir und sagen es,
aber wie und welcher Weise, das können wir nicht begreifen. Doch Meister
Eckhart spricht, daß uns dies ganz klar sein kann, wenn wir für das Wort Gott
das Wort Wesen setzen. Nun sehen und merken wir alle wohl, daß in allen
Dingen Wesen ist. Wenn also Gott das eigentliche Wesen ist, so muß darum
notwendigerweise Gott in allen Dingen sein. 15. Meister Eckhart sprach:
Wie kommt der, der unwandelbar ist, und wie kommt der, der an allen Orten
ist? Zu wem kommt der, der in allen Herzen ist? Hierauf antworte ich: er
kommt nicht so, daß er irgend etwas werde oder für sich selbst irgend etwas
erreiche, sondern er kommt gestaltend, er kommt der da verborgen war und
offenbart sich selbst, er kommt als ein Licht, das da in den Herzen der Leute
verborgen war und in ihrer Vernunft, so daß es jetzt geformt werde mit der Vernunft
und in der Begierde und in dem Allerinnersten des Bewußtseins. Nun ist er
dergestalt in der Innerlichkeit, daß da nichts ohne ihn ist, und so kann da auch nichts mit ihm sein, sondern er
ist alles was da ist, allein. Daher kommt er so, wenn er sich dergestalt in
der Vernunft und in der Begierde erzeugt, daß da nichts ohne ihn und nichts
mit ihm ist, sondern die Vernunft und die Begierde sind seiner ganz voll, und
wer es derart merkt: nichts ohne ihn, nichts mit ihm, sondern völlig eine
Stätte Gottes, der weiß selber nicht, daß er für Gott eine Stätte ist, wie
David spricht: »Herr, das Licht deines Antlitzes ist ein Zeichen über uns,«
gerade als ob er sagte: du sollst schweigen und trauern und seufzen und von
der Vernunft Mittel empfangen und sie lauter in deine Begierde verwandeln,
auf daß du seine göttliche Heimlichkeit empfindest. Rede mit ihm wie einer
mit seinen Mitmenschen redet, und so wie du, wenn du mit Gott sprichst, »ich«
sagst, und wenn du von Gott sprichst, »Er«, so sage zu Gott: »Du.« Du sollst
alle Dinge vergessen und sollst allein Gott wissen und sollst sprechen: »du
bist mein Gott, denn du bist allein inwendig, du bist allein alle Dinge.«
Keine Kreatur ist Gottes empfänglich, als die nach Gottes Bild geschaffen
ist, also der Engel und des Menschen Seele: die sind Gottes empfänglich, daß
er in ihnen und sie in ihm seien. Andern Kreaturen ist Gott wesenhaft, sie
haben ihn nicht begriffen, sondern sie können nur ohne ihn nicht Wesen haben.
So steht es auch mit Gottes Gegenwart: nicht sie sehen Gott, sondern Gott
sieht sie in ihrem Allerinnersten; und auch mit seiner Macht: nicht vermag er
nichts ohne sie, sondern wir vermögen nichts ohne ihn. Darum aber, weil Gott
in der Seele wie in sich selber ist, heißt die Seele eine Stätte und auch eine
Stätte des Friedens, denn wo Gott ist wie in sich selbst, da ist Himmelreich
und Friede ohne Betrübnis, fröhlich und freudenvoll. Eine selige Seele ruht
in Gott ebenso und noch besser als in ihrem Eigentum. Der Mensch, der völlig und
rein aus sich selber herausgegangen wäre, der fände ganz und gar Gott in Gott
und Gott mit Gott. Der wirkt als Gleicher: denn alles was er ist, das ist er
Gott, und alles was er Gott ist, das ist er sich, denn Gott ist zugleich in
Etwas, und ist zugleich das Etwas, und das Etwas ist zugleich in Gott und ist
zugleich Gott, denn sie sind so ganz eins, daß das eine ohne das andere nicht
sein kann. 16. Meister Eckhart sprach,
daß wir in dem Wesen der Seele Gott gut sehen und erkennen können. Denn je
näher ein Mensch in diesem Leben mit seiner Erkenntnis dem Wesen der Seele
kommt, um so näher ist er der Erkenntnis Gottes. Und das geschieht allein
dadurch, daß wir die Kreatur ablegen und aus uns selbst herausgehen. Du
sollst wissen, obschon ich die Kreatur in Gott liebe, so kann ich doch Gott
niemals in der Kreatur so rein lieben wie in mir. Du sollst aus dir selbst
gehen und dann wieder in dich selbst: da liegt und wohnt die Wahrheit, die
niemand findet, der sie in äußere Dingen sucht. Als Maria Magdalena sich
aller Kreatur entschlug und in ihr Herz hineinging, da fand sie unsern Herrn.
Gott ist rein und klar: darum kann ich Gott nirgends finden als in einem
Reinen. Das Innerste meiner Seele aber ist klarer und reiner als jede
Kreatur; darum finde ich Gott am allersichersten in meinem Innersten. 17. Daß Gott in Ruhe ist,
das bringt alle Dinge zum Laufen. Etwas ist so lustvoll, das bringt alle
Dinge zum Laufen, daß sie zurückkommen in das, von dem sie gekommen sind, und
das doch unbeweglich in sich selber bleibt, und auf je höherer Stufe ein Ding
ist, um so lustvoller läuft es. 18. Gott kann ebensowenig
Gleichnisse leiden, als er leiden kann, daß er nicht Gott ist. Gleichnis ist
das, was nicht an Gott ist. In der Gottheit und in der Ewigkeit ist Einssein,
aber Gleichheit ist nicht Einssein. Bin ich eins, so bin ich nicht gleich.
Gleichheit ist nicht die Form des Wesens in der Einheit, dieses gibt mir
Einssein in der Einheit, nicht Gleichsein. 19. Was kann süßer sein als
einen Freund haben, mit dem du alles, was in deinem Herzen ist, besprechen
kannst wie mit dir selbst? Das ist wahr. 20. Was ist Gottes
Sprechen? Der Vater sieht auf sich selbst in einer einfachen Erkenntnis und
sieht in die einfache Reinheit seines Wesens, da sieht er alle Kreaturen
gebildet. Da spricht er sich selbst, das Wort ist klares Verstehen, und das
ist der Sohn. 21. Wenn man Mensch sagt,
so versteht man darunter eine Person; wenn man Menschtum sagt, so meint man
die Natur aller Menschen. Die Meister fragen, was Natur ist. Sie ist ein
Ding, das Wesen empfangen kann. Darum einigte Gott das Menschtum mit sich,
nicht den Menschen. Ich sage: Christus war der erste Mensch. Wieso? Das erste
in der Meinung ist das letzte am Werk, wie ein Dach das letzte am Hause ist. 22. Das oberste Antlitz der
Seele hat zwei Werke. Mit dem einen versteht sie Gott und seine Güte und was
aus ihm fließt. Daher liebt sie Gott heute und versteht ihn, und morgen
nicht. Darum liegt das Bild nicht in den Kräften infolge ihrer unsteten Art.
Das andere Werk ist in dem obersten Antlitz, das ist verborgen. In der
Verborgenheit liegt das Bild. Fünf Dinge hat das Bild an sich. Erstens, es
ist nach einem andern gebildet. Zweitens, es ist in sich selbst geordnet.
Drittens, es ist ausgeflossen. Viertens, es ist sich gleich von Natur, nicht
daß es göttlicher Natur wäre, aber es ist eine Substanz, die in sich selbst
besteht, es ist ein reines aus Gott geflossenes Licht, wo nicht mehr
Unterschiedenes ist, als daß es Gott versteht. Fünftens, es ist auf das Bild
geneigt, von dem es gekommen ist. Zwei Dinge zieren das Bild. Das eine: es
ist nach ihm gefärbt. Das zweite: es hat etwas Ewigkeit in sich. Die Seele
hat drei Kräfte in sich. In diesen liegt das Bild nicht. Aber sie hat eine
Kraft, das ist der wirkende Verstand. Nun sagt Augustin und der neue Meister,
daß darin zugleich liege Gedächtnis und Verstand und Wille, und diese drei
haben nichts Unterschiedenes. Das ist das verborgene Bild, das löst sich aus
dem göttlichen Wesen, und das göttliche Wesen scheint unmittelbar in das
Bild. Gottes Wille ist, daß wir heilig sein sollen und die Werke tun, mit
denen wir heilig werden. Heiligkeit beruht auf der Vernünftigkeit und dem
Willen. Die besten Meister sagen: Heiligkeit liegt im Grunde im Höchsten der
Seele, wo die Seele in ihrem Grunde ist, wo sie allen Namen und ihren eigenen
Kräften entwächst. Denn die Kräfte sind auch ein nach außen Gefallenes. Wie
man Gott keinen Namen geben kann, so kann man auch der Seele in ihrer Natur
keinen Namen geben. Und wo diese zwei eins werden, da ist die Heiligkeit. Wesen steht auf so hoher
Stufe, daß es allen Dingen Wesen gibt. Wäre kein Wesen, so wäre ein Engel
dasselbe was ein Stein. 23. Ein hoher Lesemeister
erzählte in einer Predigt in einer hohen Versammlung diese Geschichte: Es war
einmal ein Mann, von dem liest man in den Schriften der Heiligen, der
begehrte wohl acht Jahre, Gott möge ihm einen Menschen zeigen, der ihm den
Weg zur Wahrheit weisen könnte. Und als er in einem starken Begehren war, da
kam eine Stimme von Gott und sprach zu ihm: »Geh vor die Kirche, da findest
du einen Menschen, der dir den Weg zur Wahrheit weisen soll.« Und er ging und
fand einen armen Mann, dem waren seine Füße aufgerissen und voll Kot und alle
seine Kleider waren kaum drei Pfennig wert. Er grüßte ihn und sprach: »Gott
gebe dir einen guten Morgen« und jener erwiderte: »Ich hatte nie einen bösen
Morgen!« Er sprach: »Gott gebe dir Glück! wie antwortest du mir so?« Und er
erwiderte: »Ich hatte nie Unglück.« Er sprach wieder: »Bei deiner Seligkeit!
wie antwortest du mir so?« Er erwiderte: »Ich war nie unselig.« Da sprach er:
»Gebe dir Gott Heil! Kläre mich auf, denn ich kann es nicht verstehen.« Er
erwiderte: »Das will ich tun. Du sprachst zu mir, Gott möge mir einen guten
Morgen geben, da sagte ich: ich hatte nie einen bösen Morgen. Hungert mich,
so lobe ich Gott; bin ich elend und in Schande, so lobe ich Gott: und daher
hatte ich nie einen bösen Morgen. Als du sprachst, Gott möge mir Glück geben,
sagte ich, ich hatte nie Unglück. Denn was mir Gott gab oder über mich
verhängte, es sei Freude oder Leid, sauer oder süß, das nahm ich alles von
Gott für das Beste: deshalb hatte ich nie Unglück. Du sprachst, bei meiner
Seligkeit, da sagte ich: ich war nie unselig, denn ich habe meinen Willen so
gänzlich in Gottes Willen gegeben: was Gott will, das will auch ich, darum
war ich nie unselig, denn ich wollte allein Gottes Willen.« »Ach, lieber
Mensch, wenn dich nun Gott in die Hölle werfen wollte, was wolltest du dazu
sagen?« Da sprach er: »Mich in die Hölle werfen? Das wollt' ich sehen! Und
auch dann, würfe er mich in die Hölle, so habe ich zwei Arme, mit denen
umfaßte ich ihn. Der eine ist wahre Demut, den legte ich um ihn und umfaßte
ihn mit dem Arm der Liebe.« Und dann sprach er: »Ich will lieber in der Hölle
sein und Gott haben, als im Himmelreich und Gott nicht haben.« 24. Meister Eckharten
begegnete ein schöner, nackender Bube. Da fragte er ihn, woher er käme. Er
sprach: - Ich komme von Gott. - Wo verließest du ihn? - In tugendhaften Herzen. - Wohin willst du? - Zu Gott. - Wo findest du ihn? - Wo ich alle Kreaturen
verließ. - Wer bist du? - Ein König. - Wo ist dein Königreich? - In meinem Herzen. - Hüte dich, daß es niemand
mit dir teile. - Das tu ich. Da führte er ihn in seine
Zelle und sprach: - Nimm, welchen Rock du
willst. - Dann wäre ich kein König,
- und verschwand. Es war Gott selbst gewesen,
der mit ihm einen Spaß gemacht hatte. 8. Von der Vollendung der Zeit 9. Ein Zweites vom namenlosen Gott 18. Von der Erneuerung des Geistes 2. Gespräch zwischen Schwester Kathrei und dem
Beichtvater 5. Die Seele auf der Suche nach Gott 6. Von der Überfahrt zur Gottheit ________ *
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