Robert James Lees
Reise in die
Unsterblichkeit
Band 1
Das Leben jenseits der Nebelwand
Zum
Geleit
Mehr
als ein halbes Jahrhundert hat es gewährt, bis dieses einzigartige Buch*),
das in seiner englischen Original-Ausgabe bereits in hohen Auflagen erschienen
ist, dem Leser auch in deutscher Sprache vorgelegt werden kann. Infolge seines
zeitlosen Inhalts hat es in der Zwischenzeit auch nicht einen Jota an seiner
Bedeutung für das Abendland eingebüßt. Um dies besser verstehen
zu können, sei ein kurzes Wort der Einführung gegeben.
*)
„Reise in die Unsterblichkeit“ Band II im
gleichen Verlag.
Robert
James Lees war, wie sich aus einer eingehenden Beschäftigung mit seinem
Leben und Werk ergibt, ein Mystiker von hohem Rang, dem es auf Grund seines
vorbehaltlosen Glaubens und Dienens und eines bewunderungswürdigen
Opfermutes gelang, eine reale geistige Brücke zwischen unserer irdischen
Welt und den jenseitigen psychischen und rein geistigen Bereichen zu bilden. Seine
angeborene und völlig außergewöhnliche mediale Befähigung
schaffte hierzu auch physisch die Voraussetzung.
Die
folgende auf das Allerwesentlichste beschränkte Biographie möge
erkennen lassen, daß Robert James Lees alles andere als ein
„Spiritist“ war. Während den meisten heutigen Medien lediglich
Erkenntnisse von Bewohnern des Physischen Zwischenreiches übermittelt
werden, die selbst noch manchen Täuschungen und Irrtümern
unterliegen, stand Lees täglich im natürlichen geistigen Gedankenaustausch
mit hohen Geisteswesen, die ihm einen zweifelsfreien Einblick auch in das Leben
in den höheren geistigen Welten gewährten. Nur aus der Kenntnis der
Person Robert James Lees heraus wird seine (im englischen Original in einem
schlichten kurzen Vorwort gegebene) Versicherung verständlich und
glaubhaft, daß er nicht der Autor dieses Werkes war, sondern nur das
ausführende Werkzeug seiner Freunde im geistigen Reich.
Wer
sich von der Wahrhaftigkeit des Schreibers und seines Berichtes überzeugt
hat, möge die Tatsachen dieses Buches auf sich wirken lassen als das, was
sie sein sollen: nicht ein religionsschwärmerisches Trugbild, vielmehr der
Augenzeugenbericht aus dem ersten Lande, das eine Seele nach dem Verlassen der
Erde betritt. Dem ersten Land, wohlgemerkt, dem noch höhere unendlich
größere folgen.
Herausgeber
und Übersetzer freuen sich, daß seit der Fertigstellung der ersten
Auflage dieses Bandes auch die beiden weiteren Bände der Lees-Triologie. „Das elysische Leben“ und „Vor
dem Himmelstor“, in dem Doppelband „Reise in die Unsterblichkeit
II“ in deutscher Sprache vorgelegt werden konnten.
London und Krün/Obb.
Peter
Andreas
JOHN
_____________________________
*
Leben
und Werk des großen medialen Mystikers
Robert
James Lees
geboren am 12. August 1849 in Hinckley (Leicestershire) als
Sohn eines Orgelbauers
Im Jahre 1863 erschien in der Zeitschrift „Medium and Daybreak“ ein
Bericht, der Aufsehen erregte: der zwei Jahre zuvor (am 14.12.1861) verstorbene
Prinzgemahl Albert der Königin Viktoria, so hieß es, habe sich durch
das „Knabenmedium von Birmingham“, den damals 13-Jahre alten R.J.
Lees gemeldet. Der Bericht stammte von dem Chefredakteur dieser Zeitschrift,
James Burns, der dieses Ereignis mit erlebt hatte.
Zwei
Wochen später erschien Burns erneut in Birmingham mit zwei Fremden, die er
dem Jungen mit bürgerlichen Namen vorstellte*). Der junge James
berichtigte ihn jedoch sofort und erklärte der Wahrheit gemäß,
sie seien zwei Pairs vom Hofe, die die Königin in geheimer Mission geschickt
habe. Er nannte sie bei ihren wahren Namen. Der eine von ihnen war Lord Stanhope. Sie waren gesandt, um sich mit eigenen Augen von
der Wahrhaftigkeit des Berichtes zu überzeugen.
*) Ober diese und eine Reihe von
anderen bemerkenswerten mystischen Erlebnissen mit Robert James Lees wurde
nicht nur in den Zeitungen der damaligen Zeit, sondern auch in den
wissenschaftlichen Werken für dieses Gebiet, in Zeitschriften und
Büchern ausführlich berichtet. Siehe u.a. Arthur Findlay: „The
Curse of Ignorance Vol. II S. 950-953 und Reginald Lester: „Towards the
Hereafter, S. 23 ff.
In
Gegenwart der Pairs schrieb Lees mit der Handschrift des Prinzgemahls eine ihm
von diesem diktierte Botschaft an Königin Viktoria und unterschrieb mit
einem Kosenamen, der nur der Königin bekannt war.
Die
ihnen gegebenen Beweise müssen unumstößlich gewesen sein. Wie
anders läßt es sich erklären, daß die Königin einige
Zeit später das für ihren Ruf immerhin beträchtliche Risiko
einging (England hatte schon damals eine freie Presse!), den jungen Robert
James zu sich nach Schloß Windsor zu rufen, um ihn zu bitten, sich als
Medium zur Verfügung zu stellen? Aber R.J.L. war für Aufgaben
bestimmt, die kein anderer tun konnte; eine Bindung an den königlichen
Haushalt hätte ihn von diesen Aufgaben abgelenkt. Seine geistigen
Führer gaben, durch den Mund James‘, der Königin den Namen
eines Bediensteten auf Schloß Balmoral, John
Brown, der ihr als Medium dienen könne. Viktoria, die den Tod Alberts
nicht hatte verwinden können, befolgte diesen Rat sofort und berief John
Brown zu sich. Der urwüchsige, absolut nicht in das Hofleben passende
Schotte nahm dann bis zu seinem Tode 20 Jahre später eine dominierende
Rolle bei Hofe ein. Seine Stellung war in der Öffentlichkeit viel
umrätselt, seine Tagebücher wurden auf Geheiß der Königin
später verbrannt. Schon die verfassungsmäßige Bindung des
englischen Königshauses in die anglikanische Kirche machte es der
Monarchin gänzlich unmöglich, die wahren Gründe für ihr
enges Verhältnis zu dem schottischen Bauernsohn bekanntzugeben.
Der
Biograph E.E.P. Tisdall1 ist dem "Rätsel“ John Brown
nachgegangen und dabei ebenfalls auf R. J. Lees als Schlüsselfigur
gestoßen. Nach Browns Tod rief die Königin Lees noch mindestens acht
mal zu sich2. Lees Verbindung zum Hofe scheint auch in
führenden Regierungskreisen bekannt gewesen zu sein. Die beiden
größten Politiker der viktorianischen Zeit, Gladstone und Disraeli,
suchten seinen Rat3. Bei seiner letzten Audienz kurz vor ihrem Tode
bot Viktoria ihm einen Titel oder eine größere Geldsumme an —
Lees schlug
beides aus. Es ist nicht verwunderlich, daß der breiten
Öffentlichkeit über diese hochinteressante geschichtliche Episode
fast nichts bekannt wurde. Die offiziellen, vom Königshaus autorisierten
Biographien über Viktoria enthalten naturgemäß nichts
darüber.
1) Queen Viktorias John Brown, Stanley Paul & Co., London, und
„Queen Viktorias Private Life“, John Day,
New York, 1962 S. a. „Welt am Sonntag, 26.8.1962
2) Daily Express, 7.3.1931
3) „Two
Worlds“, 30.1.1931
Auch
der Arzt Sir Arthur Conan Doyle, der den meisten Lesern nur als Autor der
weltberühmten „Sherlock Holmes - Geschichten“ bekannt ist,
aber in damaliger Zeit zu den geachtetsten Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens gehörte und dessen Rat von Persönlichkeiten
wie Theodore Roosevelt, Edward VII. und Lloyd George gesucht wurde,
gehörte zu dem Freundeskreis unseres Autors. Conan Doyle erforschte 30
Jahre lang mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die spirituelle
Erscheinungswelt und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens (wie der „Manchester
Guardian“ am 22. Mai 1959 zu seinem 100. Geburtstag schrieb), „um
das Evangelium des Überlebens (nach dem Tode) zu predigen und den
größeren Teil seines Vermögens dafür zu opfern. Für
ihn wie für viele hervorragende Wissenschaftler —
Crookes,
Flammarion, Lodge — schien der Spiritualismus die
sinnvollste Antwort auf das religiöse Verlangen eines wissenschaftlich
trainierten Verstandes zu bieten.“
Die
außergewöhnlichen Fähigkeiten Robert James Lees’ wurden
schon zu frühen Zeiten wissenschaftlich untersucht. Der rasch erworbene
Ruf als Medium brachte den 14jährigen Jungen in Verbindung mit dem Arzt
und späteren Leiter des Queens Hospital in Birmingham, Dr. Richard Norris,
der James 6 Monate lang unter ständiger ärztlicher Kontrolle hielt. Dr.
Norris konnte unter anderem feststellen, daß der Junge in Trance Zeugnis
von detaillierten medizinischen Kenntnissen gab, die er sich unmöglich
selbst hätte aneignen können („Two
Worlds“, 30.1.1931). Die Leser der „Reise in die
Unsterblichkeit“ werden erfahren, daß unter den geistigen
Führern von Lees ein Arzt war.
Von
1864 bis 1868, insgesamt dreieinhalb Jahre, war der heranwachsende James
ständiger Gast der Spiritistengruppe in Birmingham, zu deren Versammlungen
er als Medium gebeten wurde. Eines Abends jedoch stellte der 19-jährige
fest, daß einige der erwachsenen Mitglieder der Gruppe unehrliches Spiel
trieben und die von ihnen beigesteuerten „Phänomene“ nur
vortäuschten. Diese Enthüllung wirkte wie ein Schock auf den jungen
Mann. Er verließ die Versammlung auf der Stelle, um —
gegen den Druck
seiner eigenen Familie — nie wieder zurückzukehren.
James
hatte damals noch nicht durchschaut, daß das Gebiet des Okkulten ein
Tummelplatz fragwürdiger Persönlichkeiten sein kann, die die
Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen zu kommerziellen oder anderen
selbstischen Zwecken ausnutzen, daß aber dieser dunklen Seite ein
grundechter Kern von unbestechlichen, kritischen und häufig
wissenschaftlich gebildeten Menschen gegenübersteht, die unwiderlegbare
Beweise für die Echtheit der von ihnen erlebten Phänomene fordern und
erhalten. Der größte Teil der Menschheit ist zur Verallgemeinerung
rasch bereit, ohne selbst die geringste Kenntnis von dem wahren Sachverhalt zu
haben. Man kann es dem persönlich beteiligten und deshalb tief betroffenen
19-jährigen James kaum verübeln, daß er sich fortan
leidenschaftlich gegen den Okkultismus wandte.
James
nahm nun zunächst eine Lehrstelle an und übersiedelte dann nach
seiner Eheschließung im Jahre 1870 nach Manchester, wo er
vorübergehend auch beim „Manchester Guardian“ tätig war.
1874 schloß er sich, immer noch von dem Gedanken beseelt, den Okkultismus
zu bekämpfen, dem anglikanischen Geistlichen Rev. Thomas Ashcroft an, der
auf Vortragsreisen in ganz England gegen den okkultischen
Betrug zu Felde zog (aber unterschiedslos alles als Betrug bezeichnete).
R.J.L.
— er ging 1877 nach London —
blieb 10 Jahre
lang mit Ashcroft verbunden. Seine medialen Fähigkeiten, die er in dieser
Zeit wohl nicht weiter entwickelt, aber keinesfalls verloren hatte, waren
für Ashcroft eine unschätzbare Hilfe. James brachte bei den
Vortragsabenden auf offener Bühne Tische und Stühle —
wie er meinte,
durch reine „Willenskraft“ — zum Rücken und
vollführte andere „Tricks“, alles in der Absicht, zu beweisen,
daß man in die von den Spiritisten auf Geisterhilfe
zurückgeführten Phänomene auch auf völlig
„normale“ Weise erzeugen könne.
Es
war vielleicht ein Stück Vorsehung, daß R.J.L. durch diese Periode
gehen mußte, in der er übrigens keineswegs ein Atheist war, sondern
seine Bibelstudien noch vertiefte, stets auf der Suche nach der spirituellen
Wahrheit. In bezeichnender Fairneß erklärte er aber auch
während dieser Zeit, daß er nicht zögern würde, seinen
Irrtum öffentlich einzugestehen, falls ihn Beweise eines Tages eines
anderen belehren sollten.
Dieser
Tag kam im November 1884, als R.J.L. von einem Bekannten dazu herausgefordert
wurde, seine „Betrugstheorie“ unter wissenschaftlichen Bedingungen
zu beweisen. Zusammen mit einem Dritten wurde eine Serie von Sitzungen nach
genau festgelegten Bedingungen vereinbart, bei denen James die Rolle des
Mediums übernahm. Zu seiner eigenen größten Überraschung
waren die dabei durch seinen Mund übermittelten Botschaften solcher Natur,
daß sie nicht von lebenden Menschen kommen konnten.
R.J.L.
wurde kraft der ihm zuteil gewordenen unwiderleglichen Beweise im wahrsten
Sinne des Wortes von einem „Saulus“ zu einem „Paulus“.
In der Zeitschrift „Light“ vom 22.5.1886 schreibt er nach weiterer
zweijähriger Erfahrung darüber unter anderem: „Ich könnte,
wenn nötig, noch fünfzig Beispiele aufzählen, von denen keines
durch die Theorie erklärt werden kann, die ich bisher vertreten habe.
Durch das Gewicht der Beweise bin ich dazu gezwungen, meine Einstellung zu
ändern und die demonstrierte Tatsache zu akzeptieren, daß
körperlose Freunde zu uns zurückkommen können, um uns
Mitteilungen zu machen. Damit meine ich nicht, daß alle Phänomene
des Spiritismus einen solchen Ursprung haben —
weit entfernt
davon. Ich glaube, daß ein großer Teil dessen, was der
„anderen Welt“ zugeschrieben wird, absolut nichts mit den
Verstorbenen zu tun hat und in jeder Weise das Resultat von psychologisch
erklärbaren Kräften ist, die von den Seanceteilnehmern entwickelt
werden …“
R.J.L.
stellt dann die Frage, warum er diese Beweise von seinen geistigen Führern
nicht schon früher erhalten habe und meint „Ich habe viel gelernt
während der letzten 12 Monate und kann jetzt sehen, daß ich ihnen
(den geistigen Führern) nicht die Gelegenheit dazu geben wollte. Ich suchte
nach den großen Wahrheiten der geistigen Welt, aber ich forschte nach
ihnen am falschen Platz und im falschen Geiste. Ich wollte nach meinen eigenen
Regeln überzeugt werden, versuchte, die Gesetze der Unendlichkeit meinem
eigenen kleinen Geist zu unterwerfen, statt der Unendlichkeit zu erlauben, mich
zu ihr emporzuheben. … Unsere ganze Suche geht nach
‚Zeichen und Wundern‘, in der Sucht nach sensationellen
Begebenheiten, bei der die wahren Lehren des Jenseits uns verloren gehen. Man
ruft die Geister, denen man gleich ist, und der Wunsch nach solchen
Taschenspieler-Leistungen zieht nur die Geister an, die in solchen Dingen
Befriedigung finden. Jene Freunde, die uns die höchsten und erhabendsten
Wahrheiten des geistigen Lebens demonstrieren können, sind anderer Art …
Bisher waren wir
zufrieden mit der Verbindung zu Geistern, die in den allermeisten Fällen
wenig mehr als wir selbst wußten; in ihrem Wunsch, als weise zu gelten
und unsere Neugier zu befriedigen, haben sie von Dingen gesprochen, über
die sie ebensowenig wußten wie wir. Daher der Widerspruch und die
Verwirrung, die heute bestehen. Es ist Zeit, daß solche Dinge ein Ende
haben … ich hoffe, daß die Zeit nicht fern ist, da der
Spiritismus sich der krankhaften Tendenz entledigt, die ihn zur Zeit umgibt,
und seine wahren Möglichkeiten erkennt: sich aufzuschwingen auf eine
größere Höhe, wo er seinen göttlichen Auftrag offenbaren
kann!“
Bald
nach den ersten, damals noch in Trance erhaltenen Beweisen hörte er,
diesmal allein und auf offener Straße, eine Stimme neben sich, die ihm
eine Botschaft für einen ihm völlig unbekannten Amerikaner auftrug,
der sich angeblich in einem bestimmten Londoner Hotel aufhalten sollte. (Die
Schwester des Amerikaners war gestorben.) Dieser Fall stellt einen prima
facie-Beweis dar, denn nicht nur die Angaben über Hotel, Namen und
Zimmernummer des Fremden stimmten, sondern dieser hatte selber noch keine
Ahnung von dem Todesfall (er wurde kurz darauf durch ein Telegramm
bestätigt). Telepathie, Gedankenlesen oder Erinnerung aus dem
„Tiefengedächtnis“ scheiden als mögliche Erklärungen
aus.
R.J.L.
hat in späteren Jahren ungezählte, noch viel erstaunlichere Beweise
seiner Verbindung mit einer Welt gegeben, die mehr weiß als wir. In
sieben Fällen half er durch die von seinen geistigen Führern
gegebenen Hinweise bei der Aufklärung von Kriminalfällen. Der
bekannteste dieser Fälle ist der des Londoner Frauenmörders
„Jack the Ripper“,1 der seine Opfer auf furchtbare Weise
verstümmelte und monatelang das Londoner East End in Schrecken setzte,
ohne je der Polizei eine Spur zu liefern.
1) Daily
Express, 7.3.31: „Es ist bekannt, daß Mr. Lees mehr als einmal von
der Königin Viktoria empfangen wurde, die an seinen übersinnlichen
Fähigkeiten interessiert war … und es
ist bekannt, daß er im Zusammenhang mit der Mordserie in Whitechapel (Jack die Ripper) erneut im Palast empfangen
wurde.
R.J.L.
war zu dieser Zeit bei Scotland Yard schon kein ganz Unbekannter mehr. Man nahm
die von ihm angebotene Hilfe an. Wenig später führte Lees die Polizei
vor das Haus des Verbrechers. Seine Schuld wurde einwandfrei festgestellt, doch
fand niemals ein Gerichtsverfahren statt. „Jack the Ripper“ war ein
bekannter Modearzt des Londoner Westend. Er litt, wie sich herausstellte, an
einer Spaltungspersönlichkeit, deren niederer Teil verbrecherisch und grausam
war — eine unheimlich realistische Verkörperung des
„Jekyll and Hyde“-Themas, die man in das Reich der
Kriminalliteratur verweisen würde, gehörte sie nicht zur
nachforschbaren Wirklichkeit. „Jack the Ripper“ beendete sein Leben
in einer Irrenanstalt.
„Daily
Express“ hat diesen Fall und den entscheidenden Anteil R. J. Lees‘
ausführlich beschrieben (7. März 1931), wenn die Zeitung auch die
medialen Quellen Lees‘ falsch interpretiert. Scotland Yard hat die Akten
und den Namen des Verbrecher-Arztes niemals veröffentlicht und auch R. J.
Lees zum Schweigen verpflichtet. Nach seinem Tode bemühten sich mehrere
Zeitungen vergeblich, den Namen von seiner Tochter zu erfahren, die als einzige
eingeweiht war.
Das
geistige „Erwachen“ Lees‘ fiel übrigens in eine Periode,
in der ihn das materielle Schicksal vor immer neue Prüfungen stellte und
Existenzsorgen ihn auf das stärkste bedrückten. Er war 1877 von
Manchester einem Ruf nach London gefolgt, um die Redaktion der Zeitschrift
„The British Architect“ zu
übernehmen, eines Unternehmens, das ihm später auf das übelste
mitspielte. R.J.L. hat sein Schicksal in jenen Jahren in dem weitgehend
autobiographischen Roman „The Heretic“
(Der Ketzer) beschrieben.
Trotz
der Prüfungen dieser Zeit ließ sich R.J.L. niemals daran hindern,
seinen Mitmenschen zu helfen, wo er nur konnte. So gründete er die
„Bruderschaft“, eine karitative Einrichtung für die
ärmeren Bevölkerungsschichten in Peckham (Süd-London), predigte
auf öffentlichen Plätzen und gab seine Hilfe als Medium und Heiler. Er
hat sein Leben lang nie einen Pfennig für diese Tätigkeit genommen.
Seine geistige Entwicklung nach 1886 schritt unterdessen immer weiter. Sie
wurde schließlich so stark, daß sich die Freunde und Lenker im
Jenseits in seiner Gegenwart bei vollem Tageslicht materialisieren konnten.
Diese Lichtwesen kamen — mit einer Ausnahme —
ausschließlich
aus dem reingeistigen Reich und nicht aus dem psychischen Zwischenreich, das
für fast alle Menschen die erste Stufe nach dem körperlichen Tode zu
sein scheint. Der Unterschied zwischen diesen beiden Reichen ist von R.J.L.
immer wieder betont worden; der Übergang von einem zum anderen
(„niemand kommt zum Vater, es sei denn er werde neu geboren“) wird
von Aphraar, dem Berichterstatter des vorliegenden
ersten Bandes, in dem dritten Bande, „The Gate of Heaven“
(„Vor dem Himmelstor“) anschaulich beschrieben.
In
seiner Schrift „My books —
how
they were written“ schildert R.J.L., wie es zur Entstehung des
ersten Bandes kam. Der Gedanke, James geistige Freunde um eine zur Veröffentlichung
geeignete Schilderung zu bitten, ging von einem kleinen Kreis von Menschen aus,
die R.J.L. besonders nahestanden. Erst nach langer und sorgfältiger
Überlegung wurde das Projekt von der „anderen Seite“ für
gut geheißen. James‘ Freunde im reingeistigen Reich fanden in Aphraar einen noch im Zwischenreich weilenden Menschen, der
als „Hauptperson“ des Buches geeignet schien. Aphraar
brachte ideale Voraussetzungen mit: Er war Engländer und erst seit so
kurzer Zeit durch den körperlichen Tod gegangen, sodaß das
viktorianische Zeitalter („Die Reise in die Unsterblichkeit“ wurde
1888 begonnen) für ihn noch selbsterlebte Wirklichkeit war. Gleichzeitig
aber war er ohne Laster, von edlem Charakter und unbelastet von orthodoxen
Glaubensvorstellungen. „Wir waren ein seltsam zusammengesetztes Quartett,
als wir mit der Arbeit begannen“, schreibt R.J.L. „Myhanene und Cynthus aus dem
reingeistigen Reich, ich, sterblicher Bewohner der Erde, stand am anderen Ende
der Skala, während der Zwischenzustand (wo die Gerösteten und
Gepeinigten nahe beieinander wohnen) durch Aphraar
vertreten war.
Der
Unterschied zwischen uns war in fast schmerzhafter Weise offenkundig. Er lehrte
mich mehr als alles andere, die Dreiteilung unserer Welt in Materie, Psyche und
reinen Geist zu begreifen. Myhanene, Cynthus und ich konnten unsere Körper ohne Anstrengung
aufrechterhalten; nicht so aber Aphraar, der für
mich nur mit Hilfe Myhanenes und einer vielleicht zum
Teil von mir entliehenen Energie sichtbar blieb. Während unserer ersten
Sitzung löste sich sein materialisierter Körper zwei Mal
plötzlich auf und mußte wieder neu aufgebaut werden.“
R.J.L.
beschreibt weiter, wie das eigentliche Diktat vor sich ging. Aphraar pflegte seine Erlebnisse zu erzählen,
während die anderen hier und dort Fragen und Hinweise anbrachten, um das
Bild abzurunden. Aphraar hatte sein Leben lang die
Liebe seiner Mutter entbehrt. Das letzte Kapitel der „Reise in die
Unsterblichkeit“ stellte daher für ihn das Erreichen eines Zieles
dar und man hielt es für richtig, den Band damit abzuschließen.
„Selten“, schreibt R.J.L., waren bei dem Diktat weniger als 4
Personen anwesend“.
*
Man
darf aus dieser „Teamarbeit“ aber nun nicht schließen,
daß R.J.L. mit dieser Niederschrift leichte Arbeit hatte. Das Gegenteil
war der Fall. Zeugen, die in seiner engsten Umgebung waren, wissen zu
berichten, daß er nach diesen Sitzungen häufig bewußtlos vor
Erschöpfung — jedoch sorgsam in einen Lehnstuhl
gebettet — aufgefunden wurde. Geistige Wesen
benötigen zur Materialisierung einer als „Ektoplasma“
bekannten stofflichen Materie, die sie aus den Zell-Emanationen lebender
Menschen aufbauen. Ein Medium gibt also ständig von seiner eigenen
Lebenskraft. In jeder Sitzung konnten deshalb nur wenige Seiten
niedergeschrieben werden; die gesamte Arbeit —
sie wurde nach
dem ersten Diktat noch einmal gründlich überarbeitet —
erstreckte sich
über nicht weniger als 10 Jahre!1)
1) Ich
habe im Studio in Leicester allein 5 handgeschriebene Manuskripte dieses Buches
in Händen gehabt, die noch viele weitere unveröffentlichte Tatsachen
über das Jenseits enthalten. Der Herausgeber.
Im
Jahre 1895, also noch 3 Jahre vor ihrem Abschluß, brach R.J.L. durch
körperliche Erschöpfung zusammen und wurde nach St. Ives an der
Nordwestküste Cornwalls geschickt. Das gesunde und ozonreiche Seeklima
schien nicht nur ihm selbst gut zu tun, sondern auch die Materialisierungen zu
erleichtern, sodaß die „Reise in die Unsterblichkeit“ 1898
erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Im Jahre 1900 zog die Familie Lees
nach Plymouth, wo James unter anderem das Amt des Predigers der
Kongregationalisten Gemeinde übernahm. Hier, von 1900 bis 1902, entstand
der autobiographische Roman „The Heretic“,
der das Schicksal des Autors über die vergangenen 25 Jahre
umschließt. Das weiche Klima der englischen Südküste war jedoch
seiner Gesundheit nicht zuträglich, sodaß die Familie 1902 nach Ilfracombe (Nord-Devon) übersiedelte.
R.J.L.
hat 26 Jahre in Ilfracombe gelebt, wenn er auch
häufig zu Vorträgen nach London und in andere Teile des Landes gerufen
wurde. Er hat während dieser Zeit ungezählten Menschen durch seine
medialen Heilkräfte geholfen. Gleichzeitig begann er mit der Niederschrift
(wiederum bei körperlicher Anwesenheit seiner Freunde) seines zweiten
Bandes „The Life Elylian“1), der in vieler Hinsicht eine
Ergänzung und Erläuterung des ersten ist. Das hier wiederum sehr
günstige Seeklima und die wohl etwas leichter darstellbare Materie des
Buches ermöglichten es, das Diktat in zwei Jahren abzuschließen.
1)
Dieses Buch ist in deutscher Übertragung unter dem Titel
„Das elysische Leben“ zusammen mit dem dritten Buch „Vor dem
Himmelstor“ als Band II der „Reise in die Unsterblichkeit“ im
gleichen Verlag erschienen.
Im
Jahre 1912 starb James Frau, die ihm 16 Kinder geschenkt hatte. Neue Sorgen und
Anforderungen setzten der Gesundheit des 66-jährigen schließlich so
zu, daß er dem Kräfteverzehr der Materialisation nicht länger
gewachsen war. Wie auch schon früher, benutzten ihn seine geistigen
Freunde jetzt nur noch als Sprachmedium, doch entwickelten sie das, was man bei
anderen als „Trancezustand“ zu bezeichnen pflegt, zu einer solchen
Vollendung, daß James auf öffentlicher Plattform mit den Zungen
seiner Freunde sprach, ohne daß seine Zuhörer das geringste davon
merkten. R.J.L. war zeitlebens ein Feind jeden auffälligen Gebarens in
spirituellen Dingen; für ihn, wie übrigens auch für seine
Kinder, die ja damit aufwuchsen, war der ständige Kontakt mit dem
geistigen Reich etwas Natürliches. Nur an einer leichten Veränderung
der Stimme und des Gesichtsausdrucks vermochten seine engsten Freunde zu
erkennen, daß er „unter Kontrolle“ stand.
Mit
Rücksicht auf den angegriffenen Gesundheitszustand James‘ wurde der
letzte Band der Trilogie, „The Gate of Heaven“ ihm durch
Hellhören (clairaudience) diktiert. Die nun
fehlende Möglichkeit direkter Zwiesprache und Rückfrage wurde auf
einem anderen Wege ausgeglichen. Schon in der „Reise in die
Unsterblichkeit“ wird gesagt, welche Möglichkeiten im Schlafleben
des Menschen verborgen sind1).
1) Eine ausführliche Beschreibung
findet sich in Band II.
R.J.L.
hatte mit Hilfe seiner geistigen Freunde dieses Schlafbewußtsein
mittlerweile bei sich so entwickelt, daß er es völlig mühelos
mit in das Wachbewußtsein hinübernehmen konnte. Die Niederschrift
des dritten Bandes wurde deshalb während der Schlafstunden James‘ im
engsten geistigen Kontakt mit seinen Freunden sozusagen
„vorbesprochen“ und konnte dann am Tage durch Hellhören (clairaudience) umso leichter und schneller erfolgen. In der
Tat brauchte er für „The Gate of Heaven“ nur 12 Monaten, eine
sehr kurze Zeit im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Werken.
Die
letzten 3 Jahre seines Lebens verbrachte R.J.L. in Leicester, um denen
näher zu sein, die Heilung oder Rat von ihm suchten. Seine Gesundheit war
längst nicht mehr kräftig genug, um die enorme physische Belastung
direkter Materialisationen — auf sich allein gestellt —
auszuhalten. In
spiritistischen Zirkeln hätte er mit Hilfe der physischen Gegenwart
anderer Sitzungsteilnehmer noch genug Phänomene erzeugen können, um
die Welt in Erstaunen zu versetzen. Aber James Lees hat sein Leben lang okkulte
Schaustellung gemieden, nachdem er einmal erfahren hatte, aus welcher
makellosen, reingeistigen Quelle seine Botschaften kamen.
In
Leicester verschlechterte sich seine Gesundheit weiter, und er starb
schließlich, 81-Jahre alt, am 11. Januar 1931. Seine Tochter hat
miterlebt, wie man „Drüben“ um das Leben dieses Menschen
kämpfte, dessen Mission noch nicht beendet war —
doch wo der
Körper zu schwach geworden ist, die Seele zu halten, hat offenbar auch die
Macht des Jenseits ein Ende.
*
Robert
James Lees war ein Medium, wie es der Menschheit nur selten geschenkt wird.
R.M. Lester1) nennt ihn „eines der berühmtesten Medien
aller Zeiten. Es hat ohne jeden Zweifel innerhalb der letzten Generationen kein
anderes Medium dieses Formats gegeben“ 2).
1) Col. Reginald M.
Lester: „Towards the Hereafter“. Lester
ist Gründer der „Churches Fellowship for Psychical Study“ in
London, einer offiziellen Organisation, der zahlreiche anglikanische
Bischöfe und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens
angehören.
2)
Die Autoren dieser Biographie haben die Zeugenaussagen seiner Tochter
Eva Lees und seines Sohnes Claudius Lees, beide Leicester, auf Tonbändern
festgehalten und deren Übereinstimmung, zum Teil unabhängig
voneinander, mit den Äußerungen Dritter festgestellt.
Aber
seine außergewöhnlichen Resultate waren nicht nur auf die ihm von
der Natur mitgegebene Befähigung zurückzuführen. Viele Menschen
haben eine mediale Veranlagung, die ihnen mehr oder weniger deutliche
Botschaften aus dem psychischen Zwischen-Reich zuträgt. Daß er
erwählt wurde, in direktem Verkehr mit Bewohnern der reingeistigen
Sphäre zu treten, ist in erster Linie ein Ergebnis seines im bedingungslosen
Glauben und Wirken nach den Geboten Christi gelebten Lebens.
Er
hat ungezählte Briefe von den Lesern seiner Bücher erhalten und
beantwortet; und immer wieder tauchte darin die Frage auf, durch welche Mittel
man zu einer direkten Kommunion mit den Lichtwesen gelangen könne. Lassen
wir ihn abschließend die Antwort selbst geben:1)
1) „My books —
how they were
written“.
„Das
Buch ‚der Ketzer‘ wurde unerwartet nötig durch den
ständigen Strom der Korrespondenz … in der gefragt wurde, ob mein
Vorwort wörtlich zu nehmen sei und durch welchen Entwicklungsprozeß
ich die Möglichkeit einer sichtbaren und fühlbaren Kommunion erreicht
hätte. Myhanene las schnell zwischen den Zeilen
dieser Anfragen und erlaubte nur die kurze Antwort, daß diese Entwicklung
in einem besonderen Band beschrieben werden würde, der sich in
Vorbereitung befand …1)
1)
Es handelt sich um das bereits erwähnte Buch:
„The Heretic“ (Der Ketzer)
Wer
dem Ruf nach einem solchen Dienst folgen will, muß ein Leben führen,
das der Erfüllung von Pflichten und Verantwortungen gewidmet ist. Jeder,
der den Lorbeer eines solchen Dienens zu tragen trachtet, möge erst einmal
darüber nachdenken, welch ein Preis dafür gezahlt, welche Schlachten
dafür geschlagen werden müssen und sich über die Natur des
unerbittlichen Schmelztiegels klar werden, durch den erst die notwendige
Vergeistigung gewonnen werden kann … Ich brüste mich weder
damit, noch beklage ich mich, sondern stelle einfach klare Tatsachen fest.
Hätte es auf den Gipfeln für mich nicht die himmlischen Visionen
gegeben, ich hätte niemals den Mut gehabt, die Schatten der Täler zu
betreten … Aber nach allem was ich heute
weiß, würde ich gerne noch einmal alles durchmachen, auch wenn ich
nur ein Zehntel der erzielten Resultate zu erhoffen hätte.«
Auf
die Nachrufe am Schluß dieses Bandes wird verwiesen. London,
im Herbst 1960
Peter Andreas
John
* * *
Auf
Erden galt ich als ein Menschenfeind. Das mag seltsam klingen als Einleitung zu
dem, was ich hier zu sagen habe, und deshalb möge mir eine kurze
Rückschau erlaubt sein, bevor ich meine Leser über die Grenze des
Diesseits in eine andere Welt führen kann.
Meine
Kindheit war von den Vorboten eines unfreundlichen Schicksals
überschattet. Meine Mutter starb bei meiner Geburt; mein Vater war ein
starrsinniger Calvinist, der sein Leben so minutiös einzuteilen liebte wie
man eine Bauzeichnung anfertigt. Versehen mit einem Amt im Verwaltungsrat
seiner Kirche und einem ausreichenden Bankguthaben, führte er ein Leben,
das in seiner Umgebung als „mustergültig“ angesehen wurde.
Nicht so selbstgerecht waren meine Geschwister, doch konnte ihre
schließlich fast in offene Rebellion ausartende Auflehnung gegen die
Methoden meines Vaters diesen niemals auch nur im geringsten beeinflussen. Ich
selbst hatte zu keinem Mitglied meiner Familie ein herzliches Verhältnis.
Nie sprach jemand mit mir über meine Mutter, kaum daß ihr Name hin
und wieder erwähnt wurde. Doch hatte ich immer das Gefühl, es
wäre alles anders gewesen, hätte sie noch gelebt. Meine früheste
Erinnerung ist ein „christlicher“ Kindergarten, dessen Leiter ich
wegen seiner Falschheit und Heuchelei verabscheute. Nur zu bald lernte ich jene
hassen, die im täglichen Leben wie im Gebet so gut zu lügen
wußten.
Bücher waren der ganze Trost meiner Kindheit. Sie wurden meine einzigen
Vertrauten, die Dichter meine engsten Freunde, während ich
für die
Menschen meiner Umgebung immer mehr Abneigung empfand.
Ich
interessierte mich für Religion, befaßte mich mit ihren Problemen,
aber ganz nach meinem eigenen Verstande und dem reinen Wort der Bibel, so wie
ich es verstand. Meine Beobachtungen beim Gottesdienst der verschiedenen Sekten
bestärkten in mir nur das Gefühl, daß sie weit mehr einer
äußeren Form dienten als dem wahren Geist des Christentums. So
lernte ich auch auf diesem Gebiet, mich nur auf mich selbst zu verlassen und
auf die Einsicht eines gerechten Gottes zu vertrauen, wenn ich in meinem
ehrlichen Bemühen auch vielleicht nicht alles richtig verstand.
Und
gerade dabei empfand ich, daß mir Hilfe zuteil wurde: geführt von
einer Kraft, die ich als Inspiration empfand, gelangte ich oft in die dunklen
Höfe und Gassen des Londoner Ostens, in denen Laster und Armut im
Übermaß zuhause sind und wo Hilfe am dringendsten benötigt und
am seltensten geleistet wird: wo die Bewohner nichts von höheren Dingen
verstehen, sondern vielmehr nach menschlichem Mitgefühl verlangen. Dort,
so fühlte ich, unter den Parias der menschlichen Gesellschaft, hatte ich
eine Botschaft zu bringen, die immer verstanden wurde, ein Evangelium zu
predigen, das nicht in taube Ohren fiel, eine Saat zu säen, die sechzig-
und hundertfältig aufgehen würde.
Im
England meiner Jugend waren es die Reichen, die die Tempel bauten, ihre Kirche
finanziell aufrecht erhielten und für das Gehalt ihres Geistlichen
aufkamen. Soweit sie nur tüchtig für ihr persönliches Heil
bezahlten, hielten sie es nur für recht und billig, dafür auch
entsprechende Belohnung zu erwarten. Anders die Armen. Für sie war nur die
weißgekalkte, schlecht beleuchtete und zugige Missionshalle da; sie hatten
anscheinend kein Recht, einen Empfang im Jenseits zu erwarten wie diejenigen,
für deren Abgang von dieser Welt ein geschmückter, vierspänniger
Leichenwagen bereitstand. All das brachte mich von Anfang an dazu, mein Herz
den Armen zuzuwenden.
Niemals
konnte ich verstehen, warum es auf dieser Welt Armut und in jener Verdammnis
geben sollte, und manchmal fühlte ich das Verlangen, recht bald von der
Erde zu scheiden, um der Vielzahl jener Trost geben zu können, deren Leben
im Diesseits ihnen ein Schuldkonto in der Hölle zu errichten schien.
Die
große Wandlung überkam mich unerwartet eines Abends, als ich mich
wieder einmal auf den Weg in die Armenviertel gemacht hatte. In Gedanken
verloren ging ich eine belebte Straße entlang, als ich plötzlich
einen Schrei hörte und ein Kind sah, das mitten auf der Fahrbahn unter die
Hufe eines Pferdegespanns geraten war. Der unglückliche kleine Kerl war
nicht weit entfernt von mir, sodaß ich —
nicht an meine
eigene Sicherheit denkend — hinzustürzte, ihn
ergriff, mich umwandte, und —
Irgend
etwas hatte mich berührt. Ich preßte den Jungen fester an mich und
machte einen Schritt vorwärts. Der Lärm ebbte ab, meine Umgebung
versank in Nichts, als ob ein großer Zauberer seinen Stab darüber
geschwungen hätte — dann aber lichtete sich das Dunkel
und ich fand mich, auf einem Wiesenhang liegend, in einem verzauberten Land
wieder.
Noch
immer hielt ich den Jungen in meinen Armen, doch ein Blick auf ihn belehrte
mich, daß sich mehr als nur die Umgebung verändert hatte. Als ich
ihm zu Hilfe geeilt war, hätte kaum jemand an dem barfüßigen,
ungekämmten und im ganzen Gesicht beschmutzten Kerlchen Gefallen finden
können — jetzt aber bot er einen wahrhaft
engelsgleichen Anblick! Mein eigener Straßenanzug war auf
rätselhafte Weise einem locker wallenden Gewand gewichen, das irgendwie
ein fester Bestandteil von mir zu sein schien. Bei alledem hatte ich in
gleichem Maße wie zuvor das Bewußtsein meiner selbst. Was war nur
geschehen?
Auch
mein Schützling war sich zweifellos der großen Veränderung in
und um uns bewußt, doch schaute er mich mit lachenden Augen an, ohne eine
Spur von Angst. Sicher wartete er auf ein erklärendes Wort, aber
Aufklärung hatte ich zunächst selbst bitter nötig!
Schließlich lehnte er den Kopf an meine Schulter und schlief ein. Ich
hielt ihn fest, während immer wieder eine Frage durch meinen Kopf ging: Wo
sind wir?
Ich
lag am Rande eines Wiesengrundes gebettet, der wie ein riesiges Amphitheater
geformt war; in seiner Mitte schienen die Akteure dieses Schauspiels mit der
Begrüßung von Neuankömmlingen beschäftigt. Hätte ich
begriffen, was vor meinen Augen lag, es wäre ein höchst angenehmer,
ja faszinierender Anblick gewesen, so aber war ich mehr von Neugierde als von
einem anderen Gefühl erfüllt.
Von
dem Schauspiel vor mir wußte ich weder Namen, Inhalt noch Mitwirkende.
Immerhin konnte ich aber erkennen, daß es sich um zwei verschiedene
Gruppen von Personen handelte: die einen, offenbar hier heimisch, trugen
Gewänder verschiedener Farbtönung. Einige dieser Farben hatte ich noch
nie gesehen. Die anderen, zahlenmäßig in der Minderheit, schienen
Fremde zu sein, die, gerade eingetroffen, auf die Hilfe der Einheimischen
angewiesen waren. Woher mochten sie kommen? Hinter ihnen erstreckte sich eine
Ebene, über die ständig neue Menschen hin- und hergingen, in der
Ferne aber eine dichte hohe Nebelwand, deren Umrisse sich seltsam deutlich
abhoben.
„Die
Sicht war so ungewöhnlich gut, daß ich trotz beträchtliche
Entfernung klar erkennen konnte, wie Menschen aus dem Nebel auf die Ebene heraustraten.
Gleichzeitig sah ich noch etwas sehr Erstaunliches, von dem ich nicht
wußte, ob es Wirklichkeit war oder optische Täuschung: Die
Gewänder der „Einheimischen“ verloren ihre Farbe, sobald sich
ihre Träger in Richtung auf die Nebelwand zu bewegten, bis in der Ferne
nur noch ein einheitliches Grau zu sehen war. Umgekehrt aber, wenn die
Betreffenden zurückkehrten, nahmen die Gewänder auf
unerklärliche Weise wieder ihre ursprünglich Farbe an. Ein magischer
Einfluß schien über der ganzen Szene zu liegen.
Als
ich die Nebelwand näher betrachtete, durchfuhr mich ein leichter
Kälteschauer, so, wie man ihn spürt, wenn man an einem unwirtlichen
und naßkalten Spätherbsttag aus dem Fenster blickt. Vielleicht war
es nur Mitleid mit denen, die dort auf die Ebene hinaustraten, denn viele von
ihnen schienen völlig erschöpft zu sein. Einige mußten von
ihren Beschützern herausgeleitet werden, manche wurden über die ganze
Ebene getragen, bis sie die Kraft hatten, wieder auf ihren Füßen zu
stehen.
Ich
weiß nicht, wie lange ich in diesen Anblick vertieft gewesen war, als ich
plötzlich Jemanden neben mir gewahrte. Ich stand auf, ihn zu
begrüßen, und erst jetzt wurde ich gewahr, daß um mich herum
auf dem Wiesenhang noch viele andere gelagert hatten, offenbar Fremde wie ich selbst.
Doch meine Aufmerksamkeit galt jetzt dem vor mir Stehenden, der mir gewiß
Antwort zu geben vermochte auf die vielen Fragen, die sich mir
aufdrängten. Er wußte, was in mir vorging, noch bevor ich das erste
Wort über die Lippen brachte. Auf den noch immer schlummernden Knaben
weisend, sagte er:
„Es
wird gleich jemand kommen, der alle deine Fragen beantwortet: meine Aufgabe ist
es, den Jungen mitzunehmen.
„Den
Jungen?“ fragte ich, unsicher, ob ich ihn hergeben sollte, „wohin?
Nach Hause?“ „Ja, nach Hause.“
„Aber
wie kommen wir wieder zurück? Wie sind wir überhaupt hierhergekommen,
wo sind wir?“
„Du
mußt noch eine Weile Geduld haben“, sagte er, „dann wirst du
alles wissen und verstehen.“
„Aber
träume ich nicht, ist das kein Fiebertraum?“
„Nein,
bald wirst du wissen, daß du bis
jetzt geträumt hast, nun aber bist du erwacht.“
„Dann,
bitte, sag mir, wo wir sind und wie wir hierherkamen, ich bin so verwirrt von
allem.“
„Du
bist in einem Land der Überraschungen, aber du brauchst nichts zu
fürchten, es wird dir nur Ruhe und Lohn für vergangene Mühe
bringen.“ „Das verwirrt mich nur noch mehr“, sagte ich
flehend. „Eben erst waren wir in London und ich habe den Jungen unter
einem Pferdegespann hervorgeholt. Dann versank alles, und im nächsten
Augenblick wachten wir hier wieder auf. Wo sind wir jetzt, wie nennt sich diese
Gegend hier?“
„Das
Land der Unsterblichkeit“, war die Antwort. Ich prallte zurück,
sprachlos vor dieser unerhörten Eröffnung, die dennoch in so ruhiger
und überzeugender Weise ausgesprochen wurde. Wir sollten tot sein? Das war
doch nicht möglich! Unter all den Theorien, die ich im Laufe der Jahre
über das „Jenseits“ aufgestellt und wieder verworfen hatte,
war niemals eine gewesen, die dem, was ich jetzt erlebte, auch nur entfernt
nahekam.
Dennoch,
die Sicherheit, mit der mein Gegenüber seine Antwort erteilt hatte,
ließ mich schnell die Fassung wieder gewinnen und die Hand ergreifen, die
er mir entgegen streckte. Ich war selber erstaunt über den blinden
Glauben, mit dem ich instinktiv die Worte dieses Mannes aufnahm, dessen
gütiger Ernst in diesem Augenblick jedes zweifelnde Wort unmöglich
machte.
„Nein!
Nicht tot!“ sagte er. „Könntest du sprechen, könntest du
hier stehen, wenn du tot wärest? —
— Wenn im
Erdenleben ein Mädchen das Haus ihrer Eltern verläßt, um ihrem
Ehegatten zu folgen, sagt man dann, sie sei tot? Ganz gewiß nicht!
Ebensowenig darfst du nun glauben, daß die Veränderung, die mit dir
vorgegangen ist, dich zu einem ‚Toten‘ gemacht hat.“
„Aber
zumindest habe ich eine Welt verlassen, um in eine andere Eingang zu
finden“, wandte ich ein. „Wenn ich also auch in dieser Welt lebe,
so bin ich doch für die andere tot.“
„Diese
Unterscheidung wirst du hier nie anzuwenden haben; ebenso wie es auf der Erde
verschiedene Lebensbezirke, Nationen und Oberhäupter gibt, gibt es auch in
diesem Leben viele Bereiche und Stadien unter der allesumfassenden Herrschaft
unseres Vaters — Gott. Tot bist du also nur in dem
Sinne, wie der Schüler nach dem Examen die Schule verläßt oder
das Mädchen ihr Elternhaus nach der Hochzeit.“
„Ich
verstehe Euch nicht.“
„Laß
mich dir ein Gleichnis sagen, über das du nachdenken kannst, bis ein
anderer gesandt wird, um dich näher zu unterweisen. Kinder lullt man in
den Schlaf, indem man ihnen Kinderlieder vorsingt, deren Gestalten in ihren
kleinen Köpfchen feste Formen annehmen, bis sie schließlich von der
Wirklichkeit des Lebens zerstört werden. Ebenso geht es den großen
Kindern, die in dieses Leben treten. Sie entdecken, daß sie von den irdischen
Vorstellungen über das Jenseits in einen spirituellen Schlaf gelullt worden
sind. Die Wahrheit, zu der sie erwachen, macht dieses Reich zu einem Land der
Überraschungen, wie du noch sehen wirst. Doch nun muß ich dich
verlassen und unseren kleinen Schützling zum Heim der Kinder bringen, wo
du ihn bald wiedersehen wirst.“
Mit
einem freundlichen Gruß ließ er mich allein mit meinen Gedanken
zurück. Sein Gleichnis deutete vieles an, was nur die Zukunft erhellen
konnte. Doch eines schien mir klar: ich hatte den Schritt getan, von dem es
kein Zurück gibt, hatte das „große Geheimnis“ erlebt,
doch — was hatte ich daraus gelernt? Bisher wußte ich
nur, daß sich der „Tod“ offenbar an mir vollzogen hatte, ohne
daß ich es spürte. Was würde nun kommen? Was immer es sein
würde, eines wußte ich: daß ich nichts zu fürchten
brauchte. Ich war nicht einmal besorgt. Ich war erfüllt von Vertrauen.
* * *
„Ein
Land der Überraschungen“, hatte der Fremde meine neue Umgebung
genannt. Wahrhaftig! Hätte er es nicht auch ein Land der Offenbarung
nennen können? Wie lange schon war ich hier —
eine Stunde —
einen Tag —
einen Monat?
Meinem Zeitgefühl nach mußte es nur wenige Minuten her sein,
daß ich den Jungen in den Straßen Londons vor dem
Überfahrenwerden retten wollte. Die in mir wirkende Offenbarung dagegen
war so stark, als wenn ich schon seit Jahren hier gewesen wäre …
Wie
seltsam, daß ich nichts darüber wußte, wie ich hierher
gekommen war. Ich war nicht gefallen, hatte keinen Schmerz gespürt, nicht
einmal das Gefühl, aus einer Ohnmacht erwacht zu sein. Wie viele Menschen
leben in der Angst vor dem Tode, wie viele Prediger malen die Schrecken des
Augenblicks aus, da die Seele Angesicht zu Angesicht mit dem Tode steht! Wie
ungemein verschieden davon war meine eigene Erfahrung!
O
HERR GOTT! Ich weiß noch nicht, wo Du bist oder wer Du bist, aber die
Offenbarung, die mir zuteil geworden ist, ist voll von Liebe und
Verheißung. Daher fühle ich, daß sie von Dir kam. Und meine
Seele ist voller Hoffnung. Ich weiß noch nicht, ob ich gerettet oder
verloren bin, doch in Deiner Gnade höre mich, in Deinem Erbarmen mit den
Menschen erlaube mir, wenn es möglich ist, meine Stimme noch einmal den
Sterblichen hörbar zu machen, dabei zu helfen, die Bürde des Irrtums
von den Schultern meiner Mitmenschen zu nehmen. Du weißt, wie blind und
unwissend oft selbst diejenigen sind, die vorgeben, Deine Kinder zu Dir zu
führen. Viele haben Deine unendliche Liebe noch nicht gespürt; viele
haben Deine Gnade noch nicht erlebt; viele tasten im Dunkeln, geblendet von erstarrter
Überlieferung, viele sind auf Abwege geraten. Die Verse Zions sind
vergessen worden in der Sucht nach Ruhm, Reichtum und Macht. Wenn irgend eine
Freude meiner hier wartet, o Gott, mein Vater, ich bin bereit, sie
dahinzugeben. Wenn mir Qualen der Hölle für meine Sünden
bevorstehen, ich will sie erdulden, wenn nur Du, in Deiner Gnade, mich
zurücksenden willst, den Menschen auf der Erde die Wahrheit Deiner
unendlichen Liebe zu verkünden und die Bürde des Zweifels von denen
zu nehmen, die Dich suchen, aber nicht kennen.
Wenn
eine starke Hand nur für einen Augenblick den Schleier fortreißen
und den Millionen auf der Erde die Zukunft zeigen könnte, wie sie wirklich
ist, welch eine Offenbarung wäre das! Der Menschheit würde es wie mir
selbst ergehen, der ich mehr als einmal gewarnt worden war, daß mein
Leben nur die Verdammung vor Gott nach sich ziehen würde. Und doch waren
die ersten Worte, die hier zu mir gesprochen wurden, voller Hoffnung und
Zuversicht. Wie anders ist es auf Erden, wo der Begriff Gottes
zurechtgeschnitten wird auf die Belange jeder Sekte! —
Aber
was ist das „Hier?“ Ich hatte noch keine Antwort darauf. War es das
Himmelreich? Sicherlich nicht! Wenn aber doch, wie unendlich entfernt war meine
Umgebung von der fiebertollen Vorstellung harfenspielender, singender
Engelschöre. Nein! Meine ganze Umgebung widersprach dem Begriff
„Himmel“. Was aber war sie dann? War es möglich, daß es
eine Art Zwischenreich gab? Dort über dem Kamm jenes Hügels wäre
der Thron des ewigen Gerichts, vor den auch ich zu treten hätte? Ich
empfand keine Furcht bei diesem Gedanken. Was ich gehört hatte,
erfüllte mich mit Zuversicht. Was immer mir auch bevorstehen mochte, ich
hatte keine Angst davor, es Schritt für Schritt zu durchstehen.
Es
ist eine verbreitete Vorstellung, daß wir bei unserem Eintritt in die
spirituelle Welt von Freunden und Verwandten begrüßt werden, die vor
uns dahingegangen sind, und in vielen Fällen ist dies auch so.
Seltsamerweise kam mir kein Gedanke an ein solches Willkommen, selbst nachdem
mir klargeworden war, welche Veränderung mit mir vorgegangen war, bis —
bis ich jemanden
meinen Namen sagen hörte, oder besser noch „fühlte“. Ich
wendete mich um und sah eine junge Frau, in ein Gewand von zartestem Rosa
gekleidet, den Hügel herab auf mich zukommen. In ihren Zügen, so
schien es mir, lag eine Ähnlichkeit mit jemandem, den ich vor langer Zeit
gekannt hatte, nur daß die Sorgenfalten von damals sich zu einem Ausdruck
verinnerlichter Schönheit gewandelt hatten. Ich hatte sie längst
vergessen gehabt, sie aber erinnerte sich meiner, und mit vor Freude
strahlenden Augen reichte sie mir die Hand zum Willkommen.
„Sei
tausendmal gegrüßt“, rief sie aus, „gerade eben erfuhr
ich, daß Du gekommen bist. Bin ich die Erste von denen, die dich
begrüßt?“
„Ja,
Helen, die Erste von denen, die ich kannte.“
„Das
freut mich sehr, ich hatte immer gehofft, daß es so sein würde. Ich
habe gebetet und darauf gewartet, um dir zu danken. Das war alles, was ich tun
konnte.“
„Danken?
Wofür?“ fragte ich erstaunt.
„Das
brauche ich dir nicht zu sagen“, antwortete sie, ‚unser Vater
weiß es und er wird dich belohnen.“
In
diesem Augenblick merkte ich, daß das Jenseits nicht nur ein Ortsbegriff
ist, sondern ebenso ein Zustand der Seele, und wahre Freundschaft ein
wesentlicher Faktor zur Vervollkommnung jenes Zustandes ist. Noch kurz vor
Helens Erscheinung war ich beinahe sicher, daß ich noch nicht im Himmel
sei, doch ihr Erscheinen hatte mich anders belehrt und mich mit
überwältigender Freude erfüllt. Mein Glücksgefühl war
so vollkommen, daß ich es mir vollkommener nicht hätte vorstellen
können, — und das nur durch die Gegenwart eines
Menschen, mit dem ich auf Erden nur in einem gewissen Grade bekannt war!
Ich
wußte nicht allzu viel von Helen. Ihre Mutter war buchstäblich
Hungers gestorben beim Versuch, drei Kinder und einen kranken Mann durch ihre
Arbeit als Scheuerfrau zu ernähren, während Helen ihr mit ihrem
kargen Lohn als Arbeiterin in einer Streichholzfabrik zu helfen suchte. Kaum 15
Jahre alt, hatte
Helen die ganze schwere Last, Vater und Geschwister zu ernähren, allein zu
tragen. Sie hielt tapfer aus und brachte es fertig, die Familie vor dem
Allerschlimmsten zu bewahren. Doch ging die Arbeit weit über ihre
Kräfte. Was sie verdienen konnte, war nie genug. Ausgemergelt und gebrochenen
Herzens schied auch sie schließlich aus dem irdischen Leben.
Ich
erfuhr von ihrem Schicksal kurz vor ihrem Tode, besuchte sie nochmals im
Krankenhaus und versuchte sie mit der Versicherung zu trösten, daß
für die Kinder gesorgt werden würde. Sie war unzugänglich
für die Bemühungen des Geistlichen, ihre Seele auf den Tod
vorzubereiten. Nur das Wohl der Kinder beschäftigte sie, ihr eigenes war
ihr gleichgültig. Und erst als ich ihr ein feierliches Versprechen gab,
schloß sie die Augen in Frieden. Nun, da ich sie wieder traf, empfand ich
selbst einen Trost, nach dem ich lange gesucht hatte: schwesterliche Liebe.
„Bist
du überrascht, daß ich die Erste bin, die dich
begrüßt?“ fragte sie.
„Ich
kann es kaum sagen: die Überraschungen häufen sich hier so sehr,
daß ich schon beginne, sie für etwas Natürliches zu
halten.“
„Wenn
nicht überrascht, bist du dann froh, mich wieder getroffen zu
haben?“
„Ja, Helen, mehr als froh“, antwortete ich, „sowohl um
deinet- als um meinetwillen. Du bist glücklicher hier, als du erwartet
hast, nicht wahr?“
“Ja,
viel glücklicher, und deine Voraussage, daß es so sein würde,
hat mein Glück noch vergrößert.“
„Es
schien mir immer“, antwortete ich, „daß das, was man aus
Liebe tut, nicht falsch sein kann. Ich habe mein Urteil nicht geändert,
obgleich mir in diesem Augenblick wohl bewußt ist, daß ich noch
viel weniger von Gott weiß als ich dachte.“
„Aber
Fred, Gott ist Liebe; das ist alles, was wir von ihm wissen. Komm
mit mir und laß dir erzählen, was ich über Gott gelernt habe,
seit ich hier bin.“
„Noch
nicht“, zögerte ich, „ich bin ja eben erst angekommen und
weiß noch nicht, wo ich hingehöre.“
„Das
wirst du ganz von selbst erfahren“, sagte sie, sich schon zum Gehen
wendend. „Komm jetzt nur mit.“
„Aber
muß ich zu niemanden hin, gibt es kein …
Lächelnd
betrachtete Helen mich, dem die Verwirrung und Unsicherheit auf der Stirn
geschrieben stand. „Ist es der Thron des himmlischen Gerichts, nach dem
du suchst?“
“Ja,
denn im Augenblick weiß ich nichts über meine Lage, noch wohin ich
mich wenden soll.“
Helen
lächelte immer noch. „Lieber Fred, je schneller du die irdischen
Vorstellungen ablegst, desto besser. Du hast die Halle des Gerichts schon
durchschritten und zeigst seinen Spruch auf dem Gewand, das du
trägst.“
„Durchschritten?
Wo? ich weiß nichts davon!“
„Vielleicht
nicht, aber das Gericht liegt in jenen Nebelschleiern, aus denen du so viele
hervorkommen siehst.“ Während sie dies sagte, zeigte Helen in die
Richtung, der meine Aufmerksamkeit vorher gegolten hatte.
„Bin
ich dort hergekommen?“
„Ja,
es ist die einzige Eintrittspforte zu diesem Leben!“
„Ich
habe keine Erinnerung daran, ich weiß nur, daß ich plötzlich
hier aufwachte, wo wir jetzt stehen.“
„Das
ist durchaus möglich, denn du gehörst zu denen, deren Austritt aus
der materiellen Welt so schnell vor sich ging, daß sie keine Erinnerung
daran haben. Ich denke oft, daß es eine große Gnade ist, auf diese
Weise herüberzukommen.“
„Warum?
Aber falle ich mit all meinen Fragen dir nicht zur Last?“
„Durchaus
nicht, Fred, es ist mir eine Freude, dir soviel zu erzählen wie
möglich, wenn ich auch selbst noch nicht sehr lange hier bin und du
später manche Fragen an andere wirst richten müssen, die mehr wissen
als ich.“
„Ich
meine, du bist jetzt gerade die richtige Lehrerin für mich“, sagte
ich. „Alles ist so anderes, als ich dachte. Ich bin wie ein Kind, das
alles erst lernen muß.“
„Ich
werde dir sagen, was immer ich vermag und du darfst nicht glauben, daß
deine Fragen jemals eine Last sein könnten. Niemand, der unsere Farbe
trägt, kann ermüden.“
„— — unsere Farbe
trägt?“ Ich verstand nicht.
„Du
hast richtig gehört. Bald wirst du verstehen, daß jeweils die Farbe
des Gewandes ein genauer Gradmesser für den geistigen Zustand eines jeden
von uns ist. Doch das kannst du wohl erst begreifen, wenn du es selbst gesehen
hast.“
„Aber
sag mir, warum du es für besser hältst, in dieses Leben so
einzutreten, wie ich es — ungewollt —
getan
habe?“
„Betrachte
einmal den Eintritt der Seele in dieses Leben als Geburt und nicht als Tod, die
Krankheit vorm Tode als Geburtswehen und schließlich die Zeit gleich nach
dem Tode als den Zustand der Schwäche nach Operation oder Geburt —
ich glaube, dann
wirst du mich verstehen. Schau nur“, und Helen zeigte wieder auf die
Nebelwand, „wie vielen dort drüben geholfen werden muß, wie
viele einhalten müssen, um Kraft zum Vorwärtsgehen zu schöpfen,
wie manche sogar getragen werden. Ist es da nicht besser, so zu kommen, wie du
es tatest?“
„Wenn
du es so betrachtest, natürlich“, antwortete ich, „aber du
weißt ja, daß wir gewohnt waren, diese Dinge genau umgekehrt zu
sehen.“
„Das
eben war der große Irrtum, der hier nun berichtigt werden muß. Der
Mensch begeht durchweg den Fehler, das Erdenleben als Hauptform und nicht
vielmehr als untergeordnete Form seiner Existenz zu betrachten. Als geistiges
Wesen sollte er schon auf Erden lernen, alle Dinge vom Geistigen her zu sehen,
ebenso wie der Schuljunge, der vom klugen Erzieher dazu gebracht wird, seine
Studien nach dem Nutzen einzuschätzen, den sie ihm in späteren Jahren
einmal bringen werden. Das Leben erschöpft sich nicht auf der Erde, noch
ist diese überhaupt eine abgeschlossene Lebensform. Ich möchte sie
eher ein Anfangsstadium nennen, das seine erste Fortsetzung hier bei uns
findet. Hier müssen zunächst die Irrtümer beseitigt werden,
bevor wir weitergehen können. Doch darüber wirst du sehr bald
Näheres erfahren.“
„Ich
würde gerne noch etwas über jene „Halle des Gerichts“
wissen. Wenn ich sie ohne Bewußtsein passiert habe —
und so muß
es doch gewesen sein —‚ wie konnte dann ein gerechter
Spruch über mich gefällt werden?“
„Die
Vorstellung von einem Richterstuhl ist ein Mißverständnis. Man hat
die Heilige Schrift an einer Stelle wörtlich ausgelegt, wo sie nur eine
Parabel enthielt.“
„Meinst
du damit, daß es diesen Ort überhaupt nicht gibt?«, fragte ich
aufs höchste überrascht.
„Ja,
es ist ein Trugschluß, soweit man sich darunter ein Erscheinen vor den
Schranken eines Gerichts und den Spruch durch eine Richterpersönlichkeit
vorstellt. Der wirkliche Urteilsspruch vor dem Gericht Gottes ist viel
gerechter und unfehlbarer. Kein Beweismaterial wird dabei verlangt, außer
dem, das der Angeklagte von selbst anbietet. Erinnerst du dich an den Spruch,
der über meinem Krankenbett hing? ‚Vor Gott besteht keine Täuschung,
denn was der Mensch säet, wird er auch ernten‘. Gottes Gericht kann
sich nicht irren, denn kein Mensch wird vor dieses gerufen, um als Zeuge
über seinen Mitmenschen auszusagen.“
„Wenn
die Seele durch jene Nebelregion geht, wird sie von den Attributen des
fleischlichen Körpers befreit. Alles, was auf Erden künstlich
angenommen wurde — zu welchen Zwecken auch immer, alles
Falsche, alle Tünche, fallen von ihm ab. Das ist die Aufgabe des Nebels —
alles
aufzulösen außer dem Spirituellen. Durch ihn werden alle Siegel des
Erdenlebens gebrochen; was verborgen war, tritt zutage; die Bücher werden
offengelegt.“
„Wie
töricht ist der Mensch, der angesichts des Todes, von Furcht getrieben
glaubt, durch äußere Annahme irgend einer Glaubensform die
bösen Taten seines ganzen Lebens ungeschehen zu machen und freien Eintritt
zu erhalten in das Reich der ewigen Freude. Nein, Fred! Wenn das Sterbliche
abfällt, bildet sich aus der Substanz des Geistigen eine natürliche
Hülle, deren Farbe von unseren Werken auf der Erde, unserer Haltung in der
Vergangenheit bestimmt wird, nicht aber von unseren Lippenbekenntnissen. Und
diese Farbe ist der gerechte Urteilsspruch, den die Seele kraft des
unbestechlichen göttlichen Gesetzes über sich selber gesprochen
hat.“
„Dann
setzt Ihr also die Taten über den Glauben?“
„Die
Taten verhalten sich zum Glauben genau wie der Geist zum Körper.
‚Glaube ist nichts ohne Taten‘. Jesus hat gelehrt: ‚Gott
vergibt jedem nach seinen Werken, nicht nach seinem
Glauben‘ und nichts als Liebe und gute Taten können die Seele auf
ihrem Weg in dieses Leben begleiten. Alle Glaubensformen bleiben in jener
Nebelwand zurück.“
„Wer
kann dann gerettet werden?“
„Wir
glauben, daß jeder Einzelne, als Kind Gottes, schließlich gerettet
wird; und würde es einer nicht, so wäre es allein seine eigene
Schuld."
„Und
warum?“
„Weil
das Gericht kein endgültiges ist. Es bestimmt nur die Stellung, die die
Seele beim Eintritt in dieses Leben annehmen muß. Unbenommen bleibt ihr
das Vermögen, sich höher zu entwickeln und die Hilfe derer zu
heischen, die immer bereit sind, anderen zu helfen, die noch nicht die gleiche
Stufe erreicht haben wie sie. Der Richterspruch ist daher weder endgültig,
noch rachsüchtig, er läßt jeden Bewährungs- und Gnadenweg
offen.“
„Willst
du damit sagen, Helen, daß es etwas wie eine Hölle nicht
gibt?“
"Keinesfalls
will ich das sagen“, war die bestimmte Antwort. „Wir haben
Höllen, deren Qualen weit schlimmer sind als deine Phantasie es ausmalen
kann. Aber auch sie sind nur Purgatorien zur Reinigung der Seele und so ein
Werkzeug der Liebe Gottes, wie du bald einsehen wirst."
Ich
kam mir vor wie ein Schulkind, dessen Erziehung sehr fehlerhaft gewesen war und
das nun entdecken mußte, daß es alles von neuem zu lernen hatte.
Meinen Dank für ihre Hilfe wies Helen zurück.
„Du
wirst sehen“, sagte sie „daß auf deinem Wege hier alle
Vorkehrungen zum Umlernen für dich bereits getroffen sind. Man lernt
schnell hier, wenn man sich darum bemüht. Es ist ein tätiges Leben,
in das du eintrittst. Jeder, der arbeiten kann, hat eine bestimmte Mission.
Mein Platz ist gegenwärtig hier, die Neuangekommenen zu betreuen. Man hat
mich in all den Dingen unterrichtet, nach denen sie gewöhnlich zuerst
fragen.
Aber
das „Gericht“ ließ mich noch nicht los. Wenn der Spruch sich
nur nach unseren Taten auf Erden richtet, was hatte es dann mit der
reichen Belohnung auf sich, die den Gläubigen so großzügig
versprochen wird?
„Bei
diesem Gericht“, war Helens Antwort, „wird jede Handlung, jeder
Beweggrund und was sonst dazugehört, in der ihm zukommenden Form gewogen und
nach seinem Reingehalt beurteilt. Ist die Ursache einer wohltätigen
Handlung aus reiner Nützlichkeit für den ‚Wohltäter‘
entstanden, wird sie nach den Hintergedanken beurteilt und schlägt sich
nicht auf der Waagschale des geistigen Lebens nieder. Großzügige
Spenden für philanthropische Zwecke beispielsweise, die aus politischen
oder anderen persönlichen Gründen gegeben werden, sind wirkungslos
durch ihren Nutzen für den Spender. Der Bau einer Kirche oder eines
Krankenhauses mit Geldern, die auf unmoralische Weise verdient wurden, wird
ausgelöscht durch das Elend der Menschen, die das Opfer des Geldverdienens
waren. Opferbereite Liebe dagegen, die Schmerz und Not aus Mitgefühl
für den schwachen und unglücklichen Bruder lindern will, abseits vom
Blick der Öffentlichkeit, die Bereitschaft, etwas zu geben, was man selber
braucht, das Erdulden aller Widrigkeiten, bis Gott sie von selbst aufhebt, der
Beistand für den Schwachen gegen den Starken —
auch wenn er mit
bösen Nackenschlägen verbunden ist —‚
die Bereitschaft,
über nichts zu richten, wo nur die äußeren Umstände
bekannt sind: das sind Dinge, die vom himmlischen Gericht mit einem „Wohl
getan“ belohnt werden. Du siehst, alle Menschen haben hier die gleichen
Chancen, und diejenigen, denen auf der Erde Reichtum und Macht anvertraut war,
tragen umsomehr Verantwortung.“
„Würdest
du dann sagen, daß man den Besitz von Geld und Gut ablehnen soll?“
„Durchaus
nicht, aber die Menschen sollten lernen, daß ihnen alles nur von Gott
anvertraut ist und daß sie in jener Nebelwand über Soll und Haben
Rechenschaft ablegen müssen. Gott hat die Erde so eingerichtet, daß
für jedes seiner Kinder genug da sein müßte, jedoch die Starken
haben den Schwachen so viel genommen, daß Luxus auf der einen und Not auf
der andern Seite herrschen. Vor dem himmlischen Gericht genügt es nicht,
zu sagen, daß Geld und Gut auf ehrliche Weise verdient wurden. Gott hat
uns aufgegeben, unsere Güter in Liebe zu unseren Nächsten zu
verwenden. Nimm einen Mann, der sein Vermögen unter seine Kinder aufgeteilt
hat. Würde er ruhig zusehen, wie der älteste Sohn den Teil des
Jüngeren an sich reißt? Und sollte Gott weniger gerecht sein, als
wir es von einem solchen Vater erwarten? Sicherlich nicht! Das Gesetz der
Nächstenliebe gilt mehr vor Gott als das bürgerliche Recht und der
Spruch seines Gerichts richtet sich nur danach, ob wir diese Liebe anwendeten
oder nicht.“
„Wenn
man nun gerne ein gutes Werk tun möchte, aber von den Umständen daran
gehindert wird, wie wird das beurteilt?“
„Diese
Frage werden dir bald andere besser beantworten, als ich es kann. Immerhin kann
ich dir vielleicht einen Hinweis geben, wenn ich von einem der ersten
Empfänge berichte, an denen ich nach meiner Ankunft hier teilnahm.“
„Was
bedeutet das: Empfänge, hier im Himmel", fragte ich erstaunt.
Helen
lächelte. "Sie sind wohl etwas anders als auf Erden. Wenn einer von
uns über die Grenze geht, um einen müden Pilger von drüben
heimzubringen, nennen wir das einen ‚Empfang‘. Bei der Gelegenheit,
von der ich erzählen wollte, ging OMRA selbst hinüber, um den Bruder
zu empfangen.“
„Wer
ist OMRA?“
„Der
Gouverneur des Staates, in dem wir uns befinden. Er ist der
höchstentwickelte Geist, den ich außer Jesus gesehen habe.“
„Du
hast also auch IHN gesehen, Helen?“
„Ja,
einmal, aber nur von ferne. Doch laß mich dir diesen Empfang schildern.
Der Mann, den wir herübergeleiten wollten, war Insasse eines
Arbeitshauses. Ich werde diese Szene niemals vergessen. Als sich OMRA seinem
ärmlichen Lager näherte, erblickten ihn die schon brechenden Augen
des alten Mannes. ‚John, John‘, rief er seinen Gefährten an,
der neben dem Bett in einem Stuhl eingeschlafen war, ‚ich gehe jetzt, es
holt mich jemand! John!, siehst du nicht, wie hell das Zimmer ist? Sieh doch
die vielen Engel! Und
—
und —
nein, nicht
Jesus! Doch nicht für mich!: Sein gebrechlicher Körper, der sich in
der Aufregung halb erhoben hatte, fiel auf die Kissen zurück. Der
Gefährte fand ihn tot, als er erwachte. Der Geist hatte sein
Gefäß, den Körper, abgeworfen.
OMRA
legte seinen Arm um unseren Freund und hieß ihn willkommen. Mit
bestürzten, fast furchtsamen Blicken schaute der Neuankömmling auf
die große Zahl derer, die zu seinem Empfang gekommen waren, ‚Das
alles ist doch nicht für mich‘, stammelte er. ‚Es muß
ein Irrtum sein! Seid Ihr meinetwegen gekommen?‘“
„Ja,
gewiß, mein Bruder“, sprach OMRA. —
„wir irren
uns nicht, sie alle stehen dir jetzt zur Seite“.
„Aber
—
aber das kann
doch nicht für mich sein! Ich bin kein guter Mensch gewesen! Mein Gott,
was habe ich getan?“
“Den
Hungrigen, den Ärmsten, den Kranken hast du geholfen“, war OMRAs
Antwort.
“Ach, jetzt weiß ich, daß Ihr Euch geirrt habt. Ich bin fast
mein ganzes Leben lang im Armenhaus gewesen; ich hatte niemals Geld, um Gutes
zu tun. Ich wußte, daß es nicht für mich sein konnte“.
„Du
hast dein Essen einmal einem hungrigen Jungen gegeben“, sagte OMRA.
„Du gabst ein paar Schuhe, das du selbst kaum entbehren konntest, einem
abgerissenen Landstreicher. Du gabst deine Brille einer armen alten Frau,
obwohl du ohne sie fast nicht mehr lesen konntest. Du wachtest am Bett eines
kranken Kameraden und pflegtest ihn wieder gesund; Du warst geduldig in der dir
auferlegten Armut und hast andere getröstet und sie mit ihrem Schicksal
versöhnt — nicht wahr?“
„Nun
ja, ich habe den alten Bill ein wenig betreut —
aber er
hätte dasselbe für mich getan. Von dem andern weiß ich nicht
mehr viel.“
„Aber
wir wissen es; solche Taten werden niemals vergessen bei uns, und es gibt noch
viele mehr, die du hättest tun mögen, wäre es in deiner Macht
gewesen. Guter Wille gilt vor Gott so viel, als wäre die Tat
ausgeführt; so siehst du also, daß wir uns nicht irren.“
Inzwischen
war unser neuer Freund aus der Nähe seines irdischen Körpers
fortgeleitet worden und erhielt seine neuen Gewänder, in denen er unter
dem Jubel zahlreicher Seelen in ein Heim Einzug hielt, wie es für ihn und
seinesgleichen im Himmel bereitsteht.“
„Seine
Überraschung muß mindestens so groß gewesen sein, wie meine
eigene“, meinte ich nachdenklich. „Aber wo sind diese Heime, von
denen du sprichst? Ich habe noch nichts gesehen, das wie ein Gebäude
aussieht.“
„Sie
sind jenseits dieses Hügels. Bist du noch nicht oben gewesen?“
Ich
verneinte.
„Dann
laß uns hinaufgehen. So kannst du den Nebeln den Rücken kehren und
ich kann dir einen weiteren Teil des Landes zeigen.“
* * *
Niemand
im Erdenleben würde mich jemals einen Enthusiasten genannt haben. Steif,
langweilig, temperamentlos, prosaisch, phlegmatisch und sogar dumm sind
Attribute, die mir mancher viel eher zugeschrieben hätte, niemals aber das
des Enthusiasmus. Dazu gehören Phantasie und Dankbarkeit; das eine
besaß ich nicht, während man mir vom anderen ständig
versicherte, daß ich nichts davon kenne. Was aber im alten Leben gegolten
hat, gilt es ebenso auch im neuen? Ändern sich Charakter und Temperament
so wenig, bleiben wir so sehr das, was wir waren, daß alles für das
Erdenleben Gültige auch hier fortbesteht? Diese Fragen gingen mir durch
den Sinn- ohne daß ich die Kraft und das Wissen besaß, sie zu
beantworten. Ich spürte sehr wohl, daß einige Veränderungen mit
mir vorgegangen waren, aber ob sie grundlegend waren, konnte ich nicht
feststellen. Vielleicht würde die Zukunft zeigen, daß diese Gedanken
nur unter dem Eindruck des Augenblicks entstanden waren. Niemals war ich
früher neugierig gewesen, doch seitdem ich mich hier gefunden hatte, gab
es für mich nur ein ständiges: Wie? Wann? Woher? Warum?
Während
mein Sinn noch in diesen Überlegungen befangen war, hatten wir den Gipfel
des Hügels erreicht. Ein herrlicher Anblick bot sich mir dar. Noch einen
Augenblick vorher wäre ich eher geneigt gewesen, in umgekehrter Richtung,
auf die Nebelwand hin, zu gehen. Helen schien dies zu spüren und sagte:
„Es
ist ganz natürlich, daß du dorthin zurückgehen möchtest,
aber es wäre nicht gut im Augenblick.“
„Warum?“
„Die Nachwirkungen des alten Lebens sind dort so stark, daß es dir
schwer fallen würde, wieder zurückzukommen. Wenn einmal die
Anziehungskraft gebrochen ist, kannst du unbesorgt dort hingehen und die
Neuankömmlinge beobachten.“
„Welche
Anziehungskraft?“ fragte ich.
„Die
deines Körpers. Wenn der Übergang so abrupt vor sich geht, wie in
deinem Fall, besteht der magnetische Kontakt zwischen Körper und Seele
für kurze Zeit noch weiter und die Seele fühlt einen fast
unwiderstehlichen Drang, zum Körper zurückzukehren …
Mit Nachdruck sagen oft sie:
„Lebewohl!“
und bleiben dennoch an der
Türe stehn.
Wenn endlich sie von dannen gehn,
so ruft ihr Herz: „Kehr
noch einmal zurück!“
Um
diesen Einfluß zu überwinden und dich freizumachen, schlug ich dir
vor, erst einmal mit mir zu gehen. Jetzt hast du auch schon die Kraft dazu.
Laß uns gehen.“
„Fühlen
denn alle, die hier am Hügel verweilen, diese Anziehungskraft?“
fragte ich.
„Ja,
aber man veranlaßt sie, diesen Platz doch so schnell wie möglich zu
verlassen.“
„Ich
sehe aber, daß einige sich hier gar nicht zurückgehalten
fühlen.“
„Das
ist richtig. Ihr Körper ist durch lange Krankheit oder Alter schon
müde geworden. Darum können sie ihn leichter zurücklassen. Und
darum hindert sie nichts, gleich weiter an ihren Bestimmungsort zu
gehen.“
„Wie
lange hält die Anziehungskraft gewöhnlich an?“
„Das
ist sehr verschieden; oft sind Einflüsse am Wirken, über die die
Seele keine Kontrolle hat, sie zögern die Befreiung hinaus. So werden
beispielsweise viele, lange nachdem der Einfluß des Körpers
überwunden ist, dadurch in seelischen Fesseln gehalten, daß ihre
Lieben auf der Erde um sie trauern.“
„Wie
ist das möglich?“
„Ich
sagte dir schon, daß Liebe die größte Kraft ist, die wir
kennen; die Seele unterliegt ihrem Einfluß, sobald sie den Körper
verläßt. Der Kummer der Hinterbliebenen auf Erden hat daher einen
starken Einfluß auf die vom Körper gelöste Seele —
er ist wie ein
Anker, der ihren Geist an die Erde fesselt. Es bereitet uns manchmal
große Schwierigkeiten, diesen schädlichen Einflüssen
entgegenzuwirken. Die Zurückgebliebenen würden sich ganz gewiß
weniger haltlos dem Schmerz hingeben, könnten sie nur einmal Zeuge davon
sein, welche Wirkung er auf den Hinübergegangenen ausübt.“
„Aber
wird der Geist denn nicht gezwungen, sich davon zu lösen?“
„Nein!
Wir wenden niemals Zwang in diesem Leben an. Jeder behält seinen freien
Willen, dessen Ausübung unweigerlich seine Belohnung oder Bestrafung nach
sich zieht.“
„Das
alte Leben hat keine besondere Anziehungskraft mehr für mich und ich
möchte es unter den gleichen Bedingungen nicht nochmals leben: Laß
uns gehen, wie du vorschlägst.“
Indessen
erreichten wir den Gipfel des Hügels.
Ich
war wie verzaubert von dem Anblick, der sich vor mir entfaltete. Vom Fuße
einer sanften Mulde, die in das satteste, weichste Grün gebettet war, das
ich je gesehen hatte, erstreckte sich nach allen Richtungen eine Landschaft,
deren Reichtum an Farben meine Sinne fast betäubte. Ich hatte den Himmel
über Italien gesehen, aber seine wolkenlose Pracht war nur ein
hoffnungslos schwacher, lebloser Abglanz des erhabenen, von der Kraft der
Unendlichkeit erfüllten Firmaments, vor dem ich nun wie ein staunendes
Kind stand. Ich hatte die mosaikartige, farbenprächtige Schönheit der
orientalischen Landschaft gesehen — sie schien schal und öde
gegenüber der überwältigenden Vielfalt von Farbtönen vor
meinen Augen. Jeder Stein, jeder Baum und jede Pflanze war hier von
Schwingungen kosmischer Kraft belebt, alles wirkte wie ein harmonisches Zusammenschmelzen
von tausend und abertausend Stimmen, wie ein Choral zur Verkündigung,
daß der Tod besiegt ist. Über dem Horizont, der Schwelle der
Zukunft, stand sichtbar die Verheißung des ewigen Lebens.
Doch
warum versuche ich das Unmögliche? Oftmals reichen nicht einmal auf Erden
Worte aus, um die Schönheit der Natur zu beschreiben, um wieviel mehr
müssen sie vor der Pracht der himmlischen Szene kapitulieren, vor der die
Seele in schweigender, tiefer Bewunderung steht? O ihr alle, die ihr mühselig
und beladen seid, müde, krank und verbraucht vom Kampf um eine
Selbstbehauptung auf Erden, laßt euerer kühnsten Phantasie freien
Lauf, träumt von allem Überfluß an Schönheit, den eure
Sinne sich vorstellen können, stellt die höchsten Erwartungen,
vervielfältigt das Ergebnis ins Tausendfache —
und begreift,
wenn ihr könnt! Doch selbst wenn ihr die höchste Höhe eurer
Phantasie erreicht habt, sie wird nicht mehr sein als ein schwacher Abglanz
dessen, was euch erwartet, wenn euer müder Fuß dies Land erreicht. —
Vom
Fuße des Hügels, auf dem wir standen, zweigten wohl an die hundert
verschiedene Wege in alle Richtungen der Landschaft, jeder von einer ganz
besonderen Farbe, wie auch das Ziel oder die Gegend, in die er führte. Die
dunkleren dieser Wege bogen schon im Vordergrund nach rechts oder links ab, je
nach ihrer Schattierung stärker und stärker abfallend, bis sie
scheinbar im Boden versanken. Die helleren dagegen führten —
wiederum je nach
ihrer Tönung — bergauf, und in der Mitte des Ganzen
streckte sich ein gerader Weg von makellosem Weiß, der geradewegs auf
einen Torbogen von strahlender Reinheit führte, der sich in der Ferne
abhob.
Helen
hatte mich für eine Weile mit diesem Anblick allein gelassen. Als sie
zurückkehrte, brachte sie mehrere Freunde mit, die ich aus der
Vergangenheit gut kannte. Wir setzten uns nieder, tauschten Erinnerungen aus
und sprachen über die Zukunft in einer Atmosphäre friedvollen
Vertrauens, wie es mir bisher fremd gewesen war. Jeder meiner Freunde schien in
unerklärbarer Weise zur Erhöhung meines Glücksgefühls
beizutragen, und selbst heute, da ich so viel mehr weiß als damals, denke
ich an dieses Wiedersehen mit besonderer Bewegung zurück.
„Du
beginnst jetzt wohl die Bedeutung der farbigen Gewänder zu
begreifen“, meinte Helen nach einiger Zeit.
„Ja,
es fällt mir auf, daß jeder Wanderer hier den Weg einschlägt,
dessen Farbe der seines eigenen Kleides entspricht. Aber wer sind die anderen
dort, die verschiedenfarbige Gewänder tragen —
teils rosa,
teils brillanthelles blau?
„Es
sind Boten oder Lehrer, einer von ihnen, Eusemos, hat
dir zur Zeit deines Unfalls zur Seite gestanden und dich dorthin gebracht, wo
ich dich fand. Sieh, dort ist er. Er wird dich mit sich nehmen, um dich mehr zu
lehren, als ich es kann.“
Eusemos war ein Grieche und schön wie ein Apollo. Zwar
erinnerte ich mich nicht, sein Gesicht schon vorher gesehen zu haben, doch
verbannte sein Lächeln sofort den Gedanken, daß
wir Fremde
seien. Als ich mich erhob, schloß er mich in die Arme und hielt mich fest
in wortlosem Willkommen.
„Bist
du jetzt etwas ausgeruht“, fragte er schließlich.
„Ja“,
antwortete ich, „aber noch ganz verwirrt.“
„Das
ist durchaus nichts Ungewöhnliches; die Offenbarungen, die der Seele bei
ihrer Ankunft in diesem Lande harren, sind darauf abgestimmt, sie zu überwältigen,
bis sie den einfachen Schlüssel gefunden hat, der die Lösung aller
Fragen ermöglicht.“
„Wer
wird mich lehren, diesen Schlüssel zu finden?“ fragte ich.
„Ich
selbst, wenn du es willst.“
„Wer
würde nicht wünschen, das große Geheimnis kennenzulernen. Meine
Seele hungert danach! Wie nennt Ihr diese mächtige Kraft, diesen
Schlüssel?“
“Liebe“,
war Eusemos‘ Antwort. „Dieses Leben, in
allen seinen Stadien, seinen unendlich vielfältigen Formen, ist weiter
nichts als eine Symphonie über das eine Thema —
Liebe. Du,
lieber Bruder, sollst nun teilnehmen an diesem unerschöpflichen Quell und Myhanene hat mich gebeten, dich einzuführen in alles,
das ich zu zeigen fähig bin.“
„Wer
ist Myhanene?“
„Einer
der Abgesandten aus dem nächsten Stadium. Er ist Herrscher über
mehrere Städte oder Bezirke in diesem Gebiet.“
„Aber
ist nicht Gott der Herrscher?“
„Gewiß,
er ist der Höchste, der König der Könige und Herrscher über
alles; aber unter ihm sind viele Statthalter —
Cherubim,
Seraphim, Erzengel, denen die verschiedenen Reiche und Provinzen dieses Lebens
anvertraut sind. Myhanene ist nur einer der
geringsten unter ihnen.“
„Auch
das“, sagte ich, „ist eine Überraschung für mich.“
„Das
glaube ich gern, obwohl es keine zu sein brauchte, denn alles ist dem Menschen
durch Gottes Wort klar gesagt worden. Der grundlegende Irrtum des Menschen
liegt in der Auffassung, daß seine Seele schon auf Erden eine
endgültige Wahl für die Ewigkeit treffen soll, statt das Erdenleben
als das Anfangsstadium seiner unendlichen Entwicklung anzusehen. Die der Erde
zukommende Aufgabe ist es, die Seele in der Aufgabe der Nächstenliebe zu
schulen, um sie auf die höheren Pflichten dieses Lebens
vorzubereiten. Abstrakte Spekulationen theologischer Art gehören nicht zu
dieser Aufgabe, besonders wenn die daraus erwachsenden Lehren auf unbestimmten
Theorien und nicht auf absolutem Wissen beruhen.
Du
wirst vielleicht erstaunt sein, zu hören, daß wir auf dieser Seite
des Lebens uns über viele Dinge nicht zu sprechen berufen fühlen,
über die sich unsere Brüder auf Erden schon längst fertige
Meinungen gebildet haben. Wir haben zu warten, bis wir im Laufe unserer
Entwicklung erkennen können, was uns heute noch ein Geheimnis sein mag.
Die Schüler einer Elementarklasse werden ja auch nicht gleich in den hohen
Wissenschaften unterrichtet, und schon gar nicht von Lehrern, die selbst noch
lernbedürftig sind. Unser Vater kennt die Bedürfnisse und
Fähigkeiten seiner Kinder selbst viel zu gut, als daß er ihre
geistige Erziehung so unvollkommen eingerichtet hätte.“
Es
fiel mir auf, daß Eusemos in allen seinen
Erklärungen an Vernunft und Logik appellierte und ich drückte meine
Bewunderung darüber aus.
„Das
stimmt“, war die Antwort, „alle Gesetze haben ihren Ursprung in
Gott. Sie können, soweit wir sie überhaupt begreifen, auch
vernunftsgemäß erklärt werden. Die sogenannten Naturgesetze
sind geistige Gesetze, die auf die materielle Welt übertragen sind.
Richtig verstanden können sie uns als ein Zeichen für den geistigen
Fortschritt dienen. Der Machtkampf auf Erden hat leider zu einer
Überbetonung der äußeren Form geführt, während der
den Gesetzen innewohnende Geist in Vergessenheit geriet. Irrtum und Fehldeutung
entspringen daraus. Nimm zum Beispiel die orthodoxe Vorstellung vom Himmel.
Stelle dir vor, allen, die durch die Nebelwand treten, werde eine Harfe in die
Hand gedrückt, auf daß sie in ein ewiges „Halleluja“
einstimmen. Was würden Händel, Mozart, Beethoven und tausend andere,
die die Gesetze der Harmonie kennen, von solch einem Konzert unmusikalischer
Stimmen halten? Diese und andere Vorstellungen halten auch nicht für einen
Augenblick lang ernsthaftem Nachdenken stand.“
„Das
mag sein. Aber ich weiß nicht, wie sich Menschen eine bessere Vorstellung
von diesem Leben machen sollten, bin ich doch selbst von allem so
überrascht, obgleich ich absolut kein Freund des Orthodoxen war.“
„Was
ist das Überraschende dabei? ist es etwa unwirklich? Nur der Mensch hat
sich eine so unnatürliche Vorstellung davon gemacht. Der Übergang von
der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit ist nur eine Stufe in der Entwicklung der
Seele, wie die Wandlung der Blüte zur Frucht. Das Naturgesetz wird in
keinem Falle durchbrochen; es wird nur auf einen neuen Abschnitt angewendet, um
das Ziel zu erreichen. Niemals wird aus einer Apfelblüte ein Pfirsich
entstehen, noch eine Rose aus der Knospe eines Gänseblümchens. Und
genau das gleiche Gesetz gilt für den Übertritt vom irdischen Leben
in das geistige; das eine ist die Ergänzung und Fortführung des
anderen. Dennoch lehrt man die Menschen, sie könnten, allein durch einen
Glaubensakt im Augenblick der körperlichen Auflösung für ihre
Seele das vollbringen, was für das Gänseblümchen unmöglich
ist.“
„Es
ist wohl weniger, daß man dem Menschen diese Kraft zuschreibt“,
meinte ich, „sondern daß Gott in seiner Allmacht diese Wandlung
vollbringen kann. Ich habe niemals eine Konfession behaupten hören, sie
selbst besäße diese Kraft; überall wird sie Gott allein
zugeschrieben.“
„Grundsätzlich
magst du wohl recht haben“, erwiderte mein Begleiter, „in der
Praxis aber meint der Mensch, er besitze selbst alle Macht, Gott aber habe
damit nichts zu tun.“
„Ich
verstehe immer noch nicht ganz.“
„Vielleicht
kann ich dir das an einem gewiß nicht ungewöhnlichen Beispiel besser
zeigen. Gott, so heißt es, hat bestimmte Vorkehrungen für die
Erlösung des Menschen getroffen, vorausgesetzt, daß dieser seine
Sünden bereut. Die Reue obliegt seinem eigenen Gewissen, also bestimmt er
sein Schicksal selbst.“
„Und
ist es denn nicht so?“ fragte ich.
„Soweit
ihm nicht vergeben werden kann, bevor er Reue zeigt, ja. Wogegen ich mich
wende, ist die Auffassung, daß der Mensch eine plötzliche Wandlung
seiner Seele vollzieht, sobald er beschließt, zu bereuen. Laß uns
folgenden Fall betrachten und sage mir dann, ob ich Recht habe: ein Mann, dessen
Leben mit Ausschweifungen, Grausamkeit und Mord befleckt ist, weiß seine
letzte Stunde gekommen und schreckt vor dem Unentrinnbaren zurück.
Während der Henker schon auf ihn wartet, spricht der
Gefängnisgeistliche in der Zelle auf den zum Tode Verurteilten ein,
versichert ihm, daß sich alles noch zum Besten wenden kann, daß
Gott bereit ist zu vergeben, daß Christus und die Engel darauf warten,
seine Seele heimzubringen. Wenige Minuten bleiben nur noch, und das Schicksal
des Verbrechers in Ewigkeit scheint von seiner eigenen Entscheidung in diesen
Augenblicken abzuhängen. Wo, so frage ich dich, bleibt, wenn diese
Auffassung zuträfe, da noch eine Macht in Gottes Hand? Man sagt ja diesem
Mann, daß nur er selbst der absoluten und sofortigen Vergebung seiner
Sünden im Wege steht, ganz gleich, was er im Leben getan hat.“
„Aber
selbst Reue ist doch eine Gabe Gottes“, warf ich ein.
„Das
weiß ich wohl und will es keinesfalls herabsetzen. Doch deshalb hat Reue
noch lange nicht die Macht, die ihr zugeschrieben wird. Nehmen wir an, ein Mann
hat sich ein Bein gebrochen oder sich sonstwie in Schwierigkeiten gebracht,
weil er die Warnungen seiner Freunde in den Wind geschlagen hat. Wenn er den
Erfolg sieht, bereut er seine Torheit. Aber bewahrt ihn die Reue vor den Folgen
seines unbesonnenen Tuns? Gewiß nicht. Das gleiche Gesetz gilt in Bezug
auf die Seele.“
„Wie
würdest du denn das Gesetz Gottes den Menschen nahebringen?“
„Du
findest es in den einfachen Worten in der Bibel: ‚Es gilt kein Ansehen
der Person vor Gott!‘ Von jedem seiner Kinder verlangt Er gehorsame Liebe
und danach brüderliche Zuneigung gegenüber allen unseren Mitmenschen,
ohne Ausnahme. Das ist das ganze Gesetz Gottes. Es wird strengstens
durchgesetzt und hat für jede Verletzung seine Strafe. Gott vergilt jedem
nach seinen Werken, und was der Mensch säet, das wird er auch
ernten.“
Eusemos‘ Worte riefen in mir erneut den sehnlichen Wunsch
wach, der mich schon zuvor beseelt hatte; auf die Erde zurückzukehren, um
meinen Schwestern und Brüdern die Wahrheit der Lehre Christi ins
Gedächtnis zu rufen; sie bestärkten mich in der Hoffnung, daß
dieser Wunsch irgendwie in Erfüllung gehen könnte, sodaß ich
fragte: „Wenn der Übergang in dieses Leben nur ein Punkt der
Entwicklung ist und keine Trennung, ist es dann nicht möglich für
uns, auf die Erde zurückzukehren und zu helfen, daß diese schweren
Irrtümer beseitigt werden?“
„Es
könnte möglich sein“, war die Antwort, „aber eine solche
Mission würde notwendigerweise mit den eingefleischten
Glaubensvorstellungen in Konflikt geraten und so manchen Geistlichen in Aufruhr
bringen. Wie du weißt, sind solche Verkündigungen schon mehr als
einmal als ein Werk des Teufels gebrandmarkt worden.“
„Aber
wir haben doch sicher die Macht, solche Widerstände zu besiegen und eine
Wahrheit zu verkünden, die an die Vernunft und den gesunden
Menschenverstand appelliert?“
„Das
ist nicht so einfach wie du glaubst. Es ist seit altersher gelehrt worden,
daß die Bibel, als Wort Gottes, der kritischen und gelehrten Auslegung
bedarf, um richtig verstanden zu werden. Dies ist geradezu die Grundlage der
verschiedenen Konfessionen; sie setzt voraus, daß geschulte Männer
da sind, die die Bibel nach den Vorstellungen ihres jeweiligen Glaubens lesen
und erklären.“
„Dann
glaubst du also, daß die Wurzel des Übels in der Existenz von so
vielen verschiedenen Konfessionen liegt?“
„Zum
Teil; aber das Hauptübel ist, daß die Bibel zum unfehlbaren Diktator
gemacht und behauptet wird, daß sie die ganze und endgültige
Botschaft Gottes an die Menschheit enthält. Sie selbst nimmt dies gar
nicht für sich in Anspruch, noch stände ein solcher Anspruch im
Einklang mit dem Wirken Gottes. Er schenkt uns Tag für Tag das Licht der
Sonne, schickt den Regen und beschert jedem Jahr seine besondere Ernte. Das
gleiche Gesetz gilt in allen Bereichen der Schöpfung. Ist es
vernünftig, anzunehmen, daß Gott anders im Umgang mit seinen Kindern
verfährt und die Auslegung seiner Botschaft denen
überläßt, die sich das zum Beruf erwählt haben? Selbst die
Rivalität zwischen den Religionen läßt eine solche Annahme
nicht zu. Denn sie läßt sich niemals mit Gottes Liebe zu seinen
Kindern in Einklang bringen.“
„Deine
Worte sind ein Beweis, daß die Menschheit auf eine bessere Zukunft hoffen
darf“, sagte ich, „aber sage mir noch, wie es denen ergeht, die auf
der Erde den Geboten ihrer Konfession gefolgt sind.“
„Im
Reich der Seelen wird jeder Mensch für seine eigenen Vorsätze und
Taten verantwortlich gemacht. Wo Strafe vonnöten ist, dann nur zum Zwecke
der Besserung und Heilung, nicht aber aus Rache. Die Vernunft ist das
höchste Gut, das dem Menschen gegeben wurde, deshalb wird von ihm
erwartet, daß er sie befragt und bei all seinem Tun anwendet. Wenn er auf
Grund dieser Gabe Gott von allen Lebewesen am ähnlichsten ist, wäre
es dann noch vernünftig, zu glauben, er dürfe sie nur für die
Funktionen des Alltaglebens anwenden, nicht aber für die viel wichtigeren
seiner Seele? Eine solche Vorstellung wäre doch gewiß eine
Beleidigung des Schöpfers. Hier aber tritt eine Schwierigkeit auf: die
natürliche Folge des freien Gebrauchs der Vernunft auf Erden wäre
gleichzeitig das Ende so mancher heute noch vornehmlich verkündeten Gebote
und Dogmen der Konfessionen. Wenn ein Mensch nun, trotz Gottes Botschaft und
der ihm von Gott gegebenen Vernunft, kritiklos die Glaubensdiktate und
-spekulationen anderer Menschen übernimmt, dann darf er sich nicht
wundern, wenn seine Seele Zwangsläufig die Konsequenzen tragen
muß.“
„Wie
soll ein Mensch es aber besser wissen, wenn man ihm die Bibel
vorenthält?“ fragte ich.
„Das
ist keinesfalls meine Absicht“, sagte Eusemos.
„Die von ihr gegebenen Aufschlüsse über die Wege Gottes im
Umgang mit seinen Kindern sind unschätzbare Fingerzeige für den
Menschen. Da Gott immer derselbe bleibt, sind die Aufzeichnungen der
Vergangenheit ebenso wertvoll für die Gegenwart wie für die Zukunft.
Die Menschen, die die Bücher der Bibel schrieben, sprachen und lebten mit
Gott. Sie zeichneten ihre Erfahrungen gewiß nicht auf, um spätere
Generationen daran zu hindern, gleich ihnen mit Gott zu verkehren. Unter keinen
Umständen wollen wir deshalb den Menschen die Bibel vorenthalten. Doch zu
glauben, daß unser Vater seit jenen Zeiten nicht mehr direkt zu uns
spricht, hieße Ihn der gröbsten Günstlingswirtschaft zeihen.
Denn warum sollte er zu Abraham, Sokrates oder Buddha gesprochen haben und
nicht auch zum Menschen der Gegenwart sprechen? Sein Licht strahlt zu allen
Zeiten und in allen Ländern; Menschen mögen irren, aber Gott bleibt
immer derselbe.“
„Wenn
die Menschen die Bibel nach ihrem wahren Wert messen werden, wenn sie nach
ihrem spirituellen Gehalt suchen, statt nach sektiererischer Auslegung, wenn
sie nach der Wahrheit mehr als nach priesterliche Anerkennung suchen, wenn sie
die Boten der Liebe tatsächlich als Engel des Himmels und nicht als
Abgesandte der Hölle erkennen, dann werden sie hinter sich unsere Stimmen
in der Sprache der noch verborgenen Offenbarung hören: ‚Dies ist der
Weg, geht ihn, und das Königreich unseres Vaters wird auch auf Erden
herrschen‘. Wenn diese Zeit anbricht, wird unsere Welt hier nicht mehr so
voller Überraschungen für die zahllosen Pilger sein, die täglich
zu uns kommen.“
„Wie
würde die Erde aussehen, falls das einträte? fragte ich.
„Komm
und sieh selbst.“
* * *
Eusemos führte mich den Hügel hinab auf den Punkt zu, von
dem die verschiedenen Pfade ausgingen und der als allgemeiner Treffpunkt und
Wegkreuzung von einem ständigen Kommen und Gehen der vielen Pilger
erfüllt war. Es gab keinen sichtbaren Grund dafür, warum sie alle
über diesen Punkt gehen mußten, keine Schranke, die sie gehindert
hätte, in irgend eine beliebige Richtung zu wandern, kein Tor, vor dem sie
um Einlaß zu bitten hatten, noch einen Kontrollpunkt, an dem ihre
persönliche Eignung geprüft wurde. Dennoch wurde diese Stelle von
allen, ob sie kamen oder gingen, in stillschweigender Übereinkunft
passiert. Das Ganze bot eine Szene, die mich, je näher wir kamen, um so
stärker fesselte. Zum ersten Mal war mir jetzt klar bewußt,
daß der Tod endgültig hinter uns lag, und während ich meinen
Schritt einen Augenblick verhielt, ging mir erneut die fast unvorstellbare
Veränderung durch den Sinn, die mit meiner Umwelt seit jenem letzten
Augenblick auf Londons Straßen vor sich gegangen war, ohne daß ich
selbst oder mein Bewußtsein sich geändert hätten. Jede kleinste
Einzelheit, die ich hier bisher erlebt hatte, schien ein Himmelreich in sich
selbst zu bergen, und doch schien alles nur eine bescheidene Ankündigung
dessen, was uns an Herrlichkeiten im Hause unseres Vaters noch erwartet.
Was
sich vor meinen Augen begab, bildete innerhalb der irdischen Vorstellung vom
Himmel ein Hauptthema. Und da wir mit dem Tode auch die Zeit hinter uns
gelassen hatten, gab es keinen Grund, warum ich dieses Thema, das wohl die
Phantasie eines jeden Menschen schon einmal beschäftigt hat, nicht in
seiner Wirklichkeit studieren sollte. Mein Gefährte spürte meinen
Wunsch und blieb schweigend an meiner Seite stehen. Was sich vor meinen Augen
abspielte, erfüllte mich mit einem unsagbaren Glücksgefühl: es
war ein tausendfältiger Sieg über den Tod! Mann und Frau, Eltern und
Kinder, Bruder und Schwester, Freund und Freund feierten hier ein Wiedersehen
nach mehr oder weniger langer Trennung und mit der Gewißheit, daß
sie nun nicht mehr getrennt werden konnten. Hände, die in den
Nebelschleiern erstarrt waren, lösten sich zu Händedruck und
Umarmung, wissend, daß der Tod sie nie mehr lähmen würde.
Augen, die auf Erden blind waren, richteten sich aufleuchtend auf die Helfer,
die sie aus der Dunkelheit geleitet hatten. Ohren lauschten der Musik einer
Stimme, die sie geliebt hatten und Zungen lösten sich zu Worten voller
Dankbarkeit. Vor dieser Szene vergaß ich völlig, daß nur ich
von niemanden erwartet wurde, den ich gekannt hatte. Ich war so versunken in
der Betrachtung des Glücks der anderen, daß mir gar nicht der
Gedanke kam, ich sei allein.
Und
das war ich ja auch nicht. Stand nicht ein Freund neben mir, der, obwohl mir
vorher unbekannt, mir schon lieb und teuer war wie ein Bruder? War mir nicht
noch mehr zuteil geworden als vielen anderen durch den Empfang, den mir Helen
bereitet hatte, durch die Zusammenkunft mit alten Freunden, die ich eben erst
verlassen hatte? Ich war kein Außenseiter hier, eher ein Bevorzugter, der
sich frei fühlen durfte, in seines Vaters Reich zu gehen, wohin er wollte.
Daß dies wirklich ein Vorrecht war, das keineswegs von allen geteilt
wurde, sollte ich gleich darauf erfahren. Als ich mir die bunte Menge etwas
näher anschaute, fiel mein Auge erst auf eine, dann auf zwei, drei und
mehr Gestalten, die sich ängstlich zu bemühen schienen, unerkannt
durch das Gedränge zu gelangen. Die Furcht, von jemandem erkannt zu
werden, stand ihnen auf den Gesichtern geschrieben. Der Anblick dieser
Unglücklichen erschloß mir eine Erkenntnis, die eindringlicher war,
als es Worte jemals hätten sein können: Selbst hier, im Reiche
unseres Vaters, gab es eine Schattenseite des Daseins, eine Wirklichkeit von
Himmel und Hölle, wenn auch anders, als die Menschen es sich vorstellen
mochten.
Eben
hatte ich mit tiefer Anteilnahme beobachtet, wie vor mir zwei junge Menschen —
offensichtlich
Bruder und Schwester, von denen der junge Mann gerade eingetroffen war —
zusammentrafen.
Ihre Gesichter waren von einer schlechthin unbeschreiblichen Freude
überstrahlt. „Ist solch ein Übermaß an
Glückseligkeit zu fassen? Ich fürchte, alles ist nur ein Traum und
ich werde dies in Kürze selbst ernüchtert feststellen
müssen.“ Als mir dieser Gedanke durch den Kopf ging, fiel mir eine
in ein rötlich braunes Gewand gekleidete Frau auf, die das Geschwisterpaar
mit einem Gesichtsausdruck beobachtete, aus dem panischer Schrecken sprach. Der
Angstschweiß lief ihr von der Stirn und ihre Beine schienen vor Schreck
gelähmt zu sein. Ganz offensichtlich machte sie verzweifelte
Anstrengungen, von diesem Platze fortzukommen, bevor ihre Gegenwart von den
beiden entdeckt wurde. Immer wieder versuchte sie davonzueilen, doch jedesmal
schien eine unsichtbare Macht ihr Vorhaben zu vereiteln. Jeder Fluchtversuch
brachte sie nur näher an das glückliche Geschwisterpaar, das sie noch
nicht bemerkt hatte. In äußerster Verzweiflung fand sie sich
schließlich direkt neben den beiden, die sie so zu fürchten schien.
Niemand zeigte irgend ein Zeichen des Mitgefühls, keine Hand wies ihr den
ersehnten Ausweg; sie war inmitten zahlreicher Menschen so völlig allein,
daß ich mehr als einmal den Drang spürte, hinunterzugehen und ihr zu
helfen. Doch irgend etwas hielt mich zurück, sagte mir, es sei besser,
wenn ich den Dingen ihren Lauf ließ und nicht eingriff.
An
die Stelle gebannt stand die Frau dort wie ein gemeiner Verbrecher, der den
Spruch des Gerichts erwartet. Der Jüngling sah sie und schrak zurück,
das Mädchen aber — mit einem Ausdruck unendlichen
Mitleids in den Augen, tat, was bis zu diesem Augenblick niemand getan hatte:
sie bahnte einen Weg für die Frau. Und wenn sie dabei etwas sagte, so
waren es nur Worte der Güte und des Mitgefühls. Die Gesten des
Mädchens gaben der Übeltäterin —
daß sie
eine solche war, schien mir sicher — neue Kraft. Als sie
davonlief, der ihr gewiesenen Richtung folgend, begleitete sie ein leuchtender
Lichtstrahl aus den Augen ihrer Wohltäterin und setzte sich, blitzend wie
ein Juwel, auf ihren Schultern nieder.
„Hast
du jenen Strahl gesehen?“ fragte mein Begleiter, der den Vorfall gleich
mir beobachtet hatte.
„Ja“,
antwortete ich, „was bedeutet er?“
„Es
ist die Vergebung des Mädchens für irgend ein großes Unrecht,
das die Frau ihr angetan hat. Dieses Licht wird bei ihr bleiben, bis sie seine
Bedeutung erkannt und die Strafe für ihre Sünde bezahlt hat. Es wird
einen großen Einfluß auf ihre Errettung ausüben.“
„Arme
Seele! Wohin wird sie gehen? Wie traurig doch, daß unter all den Lieben
hier niemand auf sie wartete, keiner ihr nur Rat und Hilfe geben wollte.“
„Das
würde den Gesetzen widersprechen“, sagte Eusemos
ernst, „und so etwas gibt es hier nicht. Nur diejenigen werden erwartet,
die ein Willkommen verdienen. Aber wenn du die Frau noch weiter beobachten
willst, wirst du sehen, wohin sie geht.“
„Glaubst
du nicht, daß sie sich in ihrer Unsicherheit verirren
könnte?“, fragte ich.
„Kann
ein Mensch im Wasser des Meeres leben oder ein Fisch gleich den Adlern durch
die Lüfte fliegen? Ebensowenig kann er an einen Ort gehen, für den er
untauglich ist. Wir brauchen keine Engel mit Flammenschwertern, um unsere Tore
zu bewachen.“
„Aber
sieh doch“, rief ich, „sie geht ja falsch! Ihr Kleid hat eine ganz
andere Farbe als der Weg, den sie eingeschlagen hat.“
„Warte
nur ab“, war Eusemos‘ Antwort.
In
ihrer kopflosen Angst war die Frau, einmal aus dem Gedränge heraus, in den
nächst besten Weg hineingelaufen. Ihr ganzes Trachten ging danach, aus der
gefürchteten Nähe des Mädchens so schnell wie möglich
fortzukommen, und da sie ihr alleiniges Heil in der Flucht sah, bot sie ihre
letzten Kräfte dazu auf. Vergeblich!
Nach
kurzer Strecke mußte sie zitternd einhalten —
war es vor
Erschöpfung und Aufregung — oder wollte sie nur Luft
schöpfen? Jetzt suchte ihr Arm nach einem Halt, doch keiner war da, und
nun wendete sie sich — zurück! Trotz der Entfernung
konnte ich in der strahlend klaren Atmosphäre, die hier herrschte,
deutlich den Ausdruck letzter Verzweiflung auf ihrem Gesicht erkennen. Irgend
etwas zwang sie zur Rückkehr — genau dorthin also, von wo
sie geflohen war. Noch ein zweiter und ein dritter Fluchtversuch blieben ohne
Erfolg, jedesmal wurde sie von unsichtbarer Gewalt wieder
zurückgestoßen.
Plötzlich
fand sie sich auf einem Pfade, dessen Farbe der ihren entsprach, und ohne
Anstrengung konnte sie nun vorwärtsgehen. Er führte abwärts, bis
sie weit unten schließlich unseren Blicken entschwand.
„Arme
Seele“, sagte ich, „wo wird der Weg sie hinführen?“
„Es
gibt zahllose unterirdische Höhlen, in die nur wenig Licht dringt. An
solche Orte gehen sie und ihresgleichen, um sich vor denen zu verbergen, die
auf Erden ihre Opfer waren und die sie nun über alles fürchten.
Furcht und Schrecken sind ihre Hölle. Sie wissen und sehen nicht, was um
sie herum vorgeht und glauben, daß jeder, der sich ihnen nähert, nur
gekommen ist, um Rache an ihnen zu nehmen. Dort müssen sie bleiben, bis
eine Seele, die etwas besser daran ist, ihr Zutrauen gewinnen und sie
veranlassen kann, ihren Aufenthaltsort gegen einen weniger erbärmlichen zu
tauschen. Das wird dann der erste Schritt in Richtung auf das ewige Glück
sein, das jede Seele erringen kann. Doch laß uns nun weitergehen.“
Wir
kamen für eine Weile nur recht langsam vorwärts, denn überall
traf mein Begleiter andere, die gleich ihm auf einem Botengang waren, und sie
alle hatten ein freundliches Grußwort für mich. Als wir das
Weichbild des von so vielen Menschen erfüllten Bezirks erreicht hatten,
sagte Eusemos plötzlich:
„Ich
merke wohl, daß du das Schicksal jener Frau nicht in Einklang bringen
kannst mit dem einfachen Gesetz der Liebe, das allein dieses Leben
regiert.“
„Du
hast recht“, antwortete ich, „und ich wäre dir dankbar, wenn
du mir dies erklären könntest.“
„Gerne.
Du wirst sehen, daß Gott zu allen gut ist und seine Gnade
über allem walten läßt. Ja, es gibt für mich kaum ein
besseres Beispiel dafür als das, welches du mitangesehen hast.“
„Wie
meinst du das?“
„Als
die Frau zu fliehen versuchte, sahst du, wie sie zuerst den Weg einschlug, auf
dem wir uns jetzt befinden und sahst auch, daß niemand zu ihr sprach und
sie auf ihren Irrtum aufmerksam machte. Nun aber sag mir: spürst du nicht
die gelöste Heiterkeit, das Gefühl des Glücks und des Friedens
sich mit jedem Schritt vergrößern, den wir vorwärtsgehen? Was
war es wohl, das sie, gegen ihren Willen, auf diesem Weg zur Rückkehr
zwang?
„Ich
kann es nicht sagen.“
„Ein
ganz natürliches Gesetz. Was für dich eine Quelle sich immer
steigernder Freude ist, bedeutete für sie das genaue Gegenteil. Sie
versuchte, in ein ihr nicht gemäßes Element einzudringen, wie ein
Fisch, der auf dem Trockenen zu leben versucht. Aus eigenem freien Willen trieb
sie ihre Seele auf Erden in einen Zustand, der in diesem Leben seine
Fortsetzung findet. Sie kann nicht, selbst wenn sie wollte, einfach einen
anderen annehmen. Sie hat ihr Schicksal selbst bestimmt, und die gütige
Vorsehung Gottes erspart ihr die zusätzliche Pein, die ihr bevorstünde,
wenn sie hier in einer ihrem Seelenzustand fremden Atmosphäre leben wollte
oder müßte. Darum wurden Orte eingerichtet wie der, zu dem sie jetzt
gegangen ist. Sie wird nicht aufgegeben oder der Gnade derer überlassen sein,
die dort jetzt ihre Gefährten sind. Andere, von einer höheren Ebene,
werden hinuntergehen und zu ihr und ihresgleichen sprechen, werden ihnen
Hoffnung eingeben, ihnen die helfende Kraft der Reue schildern, sie zu
überreden suchen, von dort fortzugehen und sie schließlich auf dem
Weg nach oben leiten — zu Glück und Freuden.“
„Dann
ist sie also nicht zur Hölle gefahren, wo das Feuer nie
erlöscht?“ fragte ich.
„Das
Feuer der Hölle ist einer jener bildlichen Begriffe, die zu Unrecht
wörtlich ausgelegt worden sind“, antwortete er. „Es wurde von
Jesus gesagt, ‚er wird taufen mit dem heiligen Geist und mit
Feuer‘. Von sich selber sagte er, ‚ich kam, um Feuer auf die Erde
zu senden‘. Auch wird uns in der Bibel gesagt, Gott sei ‚ein
verzehrendes Feuer‘. Würdest du nun dieses Feuer so wörtlich
verstehen wie das Feuer der Hölle?“
„Nein,
ganz gewiß nicht“, sagte ich.
„Aber
gibt es irgend einen triftigen Grund, weshalb wir hier unterschiedliche
Maßstäbe anlegen müßten?“
„Nein,
nicht daß ich es wüßte. Außer daß es eben
überlieferte Sitte ist, vom Feuer der Hölle zu sprechen.“
„Das
ist es eben. Diese Überlieferung ist eine ständige Quelle der
Verwirrung, des Widerspruches, der Unwissenheit. Das Wort Gottes ist sowohl
Geist als auch Wahrheit und muß nach dem Geist ausgelegt werden, statt
nach dem Buchstaben. Der Buchstabe ist nur die Form, in der der Geist Ausdruck
findet, nicht anders als der Körper die fleischliche Ausdrucksform der
Seele ist. Das Feuer des Geistes aber ist die Liebe. Wenn wir also hören,
daß Gott ein verzehrendes Feuer ist, so ist das nur eine andere
Ausdrucksweise für den Begriff ‚Gott ist Liebe‘. Nun wissen
wir, daß Liebe zur Leidenschaft entarten kann, wenn sie nicht
gezügelt wird, und in kurzer Zeit alle Bindung zum Höheren verliert.
In diesem Zustand wird der Mensch eine Beute seiner eigenen unersättlichen
Lust. Alles Schlechte in ihm liefert willig Nahrung für die Flammen
solcher Leidenschaft. Wenn ein solcher Mensch seinen Körper verlassen
muß, wohin kann er gehen? Einen Fall hast du selbst gesehen, aber es gibt
andere von weitaus furchtbarerer Verworfenheit. Für diese anderen
wäre selbst der Ort noch unerträglich, zu dem jene Frau jetzt
gegangen ist! Dennoch aber werden sie nicht aus Rache bestraft. Gott hat einen
Aufenthaltsort für sie geschaffen, der ihrem Seelenzustand angemessen ist.
Dort stürzen sie sich in ihrer Verblendung wieder hinein in den Wirbel
ihrer hemmungslosen Leidenschaften, ohne zu wissen, daß sie jetzt ernten,
was sie selbst gesät haben und daß das unauslöschliche Feuer Gottes
in ihnen brennen wird, um seine Aufgabe zu erfüllen.“
„Auch
das Wort ‚unauslöschlich‘ ist nur ein Beweis für die
Liebe unseres Vaters, denn dieses Feuer kann nur die Spreu verzehren. Die Zeit
wird kommen, wo Niedertracht und Leidenschaft verzehrt sind und nur der Weizen
übrigbleibt. Das geheiligte Feuer erlischt niemals völlig in ihnen,
und dieses Feuer ist es, das die Seele vor dem Äußersten
bewahrt.“
„Weißt
du dies“, fragte ich mit großem Eifer, „oder hoffst du nur,
daß es so ist?“
„Wir
wissen es. Es ist weiter nichts, als eine Wirkung des einzigen großen
Lebensgesetzes, das überall hier herrscht. Auch auf Erden könnte das
so sein. Nur tragen die vielen Worte, die die Menschen machen, jedes wahre
Wissen zu Grabe; und das Licht der Erleuchtung wurde auf diese Weise zum Schweigen
gebracht und in die Dunkelheit dieser Gruft vertrieben. Hier wirst du keine
Predigten darüber hören, wie du das Wort zu verstehen hast. Für
uns heißt Predigen: Handeln. Und alles Handeln hat allein die
göttliche Liebe als Beweggrund. Wer in der Liebe wohnt, wohnt in Gott und
Gott in ihm. Es ist das Evangelium der Liebe, wie es den Menschen
verkündet wurde.“
„Was
für ein Evangelium der Liebe verkündest du! Da begreife ich,
daß ‚Liebe nie versagt‘. Welch eine Musik wäre dies
für die Menschen auf Erden!“ Eusemos
Antwort hatte mir das gewaltige und doch so einfache Gesetz offenbart, das in
meiner neuen Umgebung Anfang und Ende bedeutete. Aber immer noch dachte ich an
die Frau, deren Weg wir zuvor beobachtet hatten.
„Sage
mir doch“, bat ich meinen Begleiter, „wie läßt sich
dieses Gesetz der allmächtigen Liebe damit vereinbaren, daß man
diese Frau das Glück anderer mitansehen ließ, bevor sie ihren Weg
fand?“
„Du
glaubst, daß dies ihre Bestrafung noch verschärfen könnte? Nun,
das will ich für den Augenblick gerne zugeben. Doch du mußt
zunächst einmal daran denken, daß sie den gleichen Weg kam, den alle
anderen kommen. Auch ist alles, was sie hier durchgemacht, die natürliche
Folge bewußter Sünde, denn Dinge, die in Unwissenheit oder ohne
Absicht begangen wurden, werden im Urteil, das in der Nebelregion gefällt
wird, nicht als Sünde registriert. Diejenigen aber, die in bewußter
Absicht gefrevelt haben oder in schuldhafter Nachlässigkeit, oft durch
viele Jahre hindurch, und gegen die innere Stimme ihres Gewissens handelten,
empfangen den unvermeidlichen Lohn. Es ist nur natürlich, daß ihr
Schmerz vergrößert wird, wenn sie erkennen, wie es sein könnte,
wenn sie anders gehandelt hätten.“
„Aber
könnte dieser zusätzliche Stachel ihnen nicht erspart werden?“
„Nein,
Gott wendet sich niemals ab, um die Folgen menschlicher Torheit nicht zu sehen!
Und selbst der zusätzliche Schmerz, von dem du sprichst, ist nur
möglich durch das gleiche Gesetz der Liebe. Wenn es ihr jetzt auch noch
nicht bewußt ist, so hat doch diese Frau etwas gelernt, das ihr bald
Hoffnung und Trost geben wird. Sie weiß, daß es kein Himmelstor
gibt, an dem ein Engel steht, um sie zurückzuweisen, und es wird ihr bald
verständlich gemacht werden, daß das einzige Hindernis zum ewigen
Glück in ihr selbst liegt. Wenn sie das erst einmal begreift, wird
für sie der Weg frei sein. Sie wird einsehen, daß ihre Bestrafung
zur Reinigung der Seele nötig war und nicht aus Rache erfolgte. Das wird
der Grundstein sein, auf den die ihr Helfenden ihre Beweggründe aufbauen
können, bis sie erkennt, daß sie selbst in der Dunkelheit nicht
vergessen ist und daß, auch wenn sie es nicht wußte, die Hand
Gottes über ihr war.“
Ich
dankte Eusemos für seine Worte, die mir immer
mehr das Wirken der göttlichen Gnaden offenbarten. Doch schon wieder
tauchte eine neue Frage in mir auf.
„Es
gibt doch viele, die von der Geburt bis zum Tode geistig nicht in der Lage
sind, Recht vom Unrecht zu scheiden. Wie werden sie bei ihrer Ankunft hier
beurteilt?“
„Gottes
Gerechtigkeit wird auch dem Letzten von ihnen ungeschmälert und unfehlbar
zuteil“, war die Antwort, „und die Strafe wird in jedem Falle den
wirklichen Sünder treffen. Von einem irdischen Gericht würde ein
Kleptomane oder sonst nicht zurechnungsfähiger Mensch vielleicht in eine
Heilanstalt eingewiesen, aber doch jedenfalls nicht bestraft werden. Warum
sollte Gott weniger gerecht sein? Ein mißgestalteter Körper, ein
kranker Geist sind oft kein Zufall, sondern die Folge irgend einer Sünde,
für die jemand die Strafe zu tragen hat. Wer, meinst du, wird das wohl
sein? Das Gesetz ist unerbittlich und es lautet: Jeder Mensch muß
Rechenschaft ablegen über die Taten, die er im Fleische begangen hat. Zu
diesen Taten, für die wir einzustehen haben, gehört auch die schwere
Sünde, Leben zu zeugen, ohne daran zu denken, daß Körper und
Geist des Kindes vielleicht eine erbliche Belastung tragen müssen —
und so dem Kind
die Sünden des Vaters oder der Mutter aufbürden. Doch bestraft wird
immer der Verantwortliche! Die Sünden müssen wohl von den Nachkommen
am eigenen Körper und Geist getragen werden, doch die Taten, die die
Kinder in Geistesschwäche begangen haben mögen, werden vor Gott nicht
ihnen zugerechnet, sondern ihren Vätern!“
„Es
ist fürchterlich, sich das vorzustellen“, sagte ich nachdenklich.
„Es
ist nichtsdestoweniger wahr, — was der Mensch säet, das
wird er ernten.“
*
Ich
war zu sehr in unsere Unterhaltung vertieft gewesen, sodaß ich meine
Umgebung nur flüchtig betrachtete. Jetzt aber blieb mir nicht länger
eine Veränderung bei meinem Begleiter verborgen: er war umgeben von einer
in weichem Licht strahlenden Aura, die von Augenblick zu Augenblick intensiver
wurde. Gleichzeitig spürte ich deutlich, wie ein Kraftstrom von ihm auf
mich überging, der es mir erst ermöglichte, auf unserem Wege
fortzuschreiten. Dieser Weg bildete genau die Mitte und die Krönung der
uns umgebenden Landschaft und mit ihm, so wurde mir jetzt offenbar, hatte es
eine ganz besondere Bewandtnis. Mit jedem Schritt, den wir vorwärts taten,
wurde die Atmosphäre leichter und lichter. Um uns war eine durchscheinende
Kraft, die unseren Weg wie ein Bündel hellgoldener Sonnenstrahlen
erscheinen ließ, auf denen wir mehr zu fliegen als zu schreiten schienen.
Eine zarte und federleichte Luft umhüllte uns, die jedes Gefühl der
Schwere zu verbannen schien. Ein Lufthauch voller Süße und Ruhe
streichelte uns und hielt uns wie in liebender Umarmung, und die Strahlen einer
ewigen Sonne durchdrangen unser Selbst mit einem göttlichen Glanz, so wie
ihn Moses auf dem Berge Sinai gesehen haben mochte.
Für
mich war alles wie ein herrlicher Traum, in dem Wirkliches und Unwirkliches in
vollkommener Harmonie zusammenklang, so daß ich nicht einmal
Überraschung empfand. Hin und wieder ertappte ich mich bei der
Vorstellung, es könne wirklich nur ein Traum sein, aus dem ich —
um eine
Enttäuschung reicher — nur zu bald wieder erwachen
würde. Mein Begleiter mochte den kalten Schauder gespürt haben, mit
dem mich dieser Gedanke durchzuckte, denn er zog mich näher zu sich heran
und beantwortete meine Gedanken mit einer jener halbbewußten
Träumereien, wie sie für dieses Leben so charakteristisch sind und
die weit mehr Ermutigung und Anregung als irgendwelchen Tadel enthalten. Ich
erfaßte mehr von ihrem Geist als von den einzelnen Worten. Da ich ihn aber
nicht bitten wollte, das Gesagte zu wiederholen, kann ich es leider nur
ungefähr wiedergeben:
Die Träume alle sind,
wie Wachsein, wahr
Die Seele hebt sich auf
erlauchte Höh‘n …
Wie wollten solche Freude wir
verschmäh‘n?
Der Schlaf gebeut dem Herzen: Höre auf mit Klagen!
Die Seele blickt umher mit
hellen starken Augen
und bald erreicht sie die
versprochene Heimat.
Des Menschen ewiger Teil ist
seine Seele,
sein Körper lebt kaum
eine Zeitenstunde.
Vom Berg des Schlafs winkt
sie in Tag-Visionen
über den Fluß froh
den Geliebten zu,
die in dem Land der Ewigkeit
schon weilen.
Ob Kind, ob Mann, ob
Mädchen, alle träumten
und träumen wieder.
Selbst den bedrückten Menschen
bringt dies Trost.
Einst, wenn der letzte Schlaf
sich auf dich senkt,
geht deine Seele in den
Himmel ein:
dein Traum wird ohne Spuren
sein!
Ich
besaß in diesem Augenblick weder die Fähigkeit zu antworten, noch
hatte ich eine Gelegenheit dazu. Denn als wir jetzt stehen blieben,
öffnete sich vor uns ein Panorama von so unbeschreiblicher Pracht,
daß es mich alles andere vergessen ließ.
Von
unserem Ausgangspunkt aus gesehen hatten die zahlreichen Wege in verschiedenen
Farbtönen das Landschaftsbild beherrscht. Zu unseren Füßen lag
ein Weg von dunkelster Farbe, schwärzlichem Rot, auf dem ich jene
unglückliche Frau hatte unter dem Hügel verschwinden sehen. Jeder
nächst höhere Pfad hatte eine hellere Tönung, und erst in der
Mitte erstreckte sich, wie ein Prisma zur Krönung des Ganzen, jener Strahl
von blendender Reinheit, auf dem wir gegangen waren. Die Anordnung dieser Wege
erschien mir jetzt als ein prophetisches Wahrzeichen, das den natürlichen
und ununterbrochenen Fortschritt anzeigte, den die Seele auf dieser Seite des
Daseins machen darf. Mein Herz war von Freude erfüllt.
In
weiter Ferne über dem westlichen Horizont standen die Nebelwände. Sie
erschienen mir von hier aus nicht schwarz und kalt, wie ich sie vorher
empfunden hatte, sondern wie durchdrungen von einem weichen, karmesinroten
Gewebe — ähnlich vielleicht den
Wolkenzügen am Horizont, die die Sonne vor ihrem Sinken noch einmal
flammend aufleuchten läßt. Nach Osten zu jedoch zog sich eine
Bergkette, über deren Gipfel Strahlen göttlichen Glanzes
herniederkamen, die das ganze Land vor uns einhüllten. Es war, als ob eine
unsichtbare Sonne im Westen unterginge, während im Osten schon ein neues
Gestirn — eine göttliche Sonne —
ihren Lauf
begann. Zwischen diesen beiden Horizonten sah ich, soweit wenigstens das Auge
reichte, überall ruhende Gestalten, die gleich mir erst vor Kurzem dieses
Reich betreten haben mochten.
Unser
Weg führte in direkter Linie auf eine majestätische Gebirgskette zu,
deren Höhe mein Vorstellungsvermögen übertraf. Ich suchte den
höchsten Gipfel; doch meine Augen wurden geblendet von dem strahlenden
Licht, das von dort oben auf uns niederkam. Auf Erden wäre ein solches
Gebirge wahrscheinlich die Grenze zwischen zwei Nationen. Warum sollte es hier
anders sein? Rechts und links vor dieser mächtigen Wand lagen Ebenen
offenbar gewaltigen Ausmaßes; Hügel und Täler, Seen und
Flüsse, Terrassen und Plateaus, Parks und Weiden, Haine und Gärten,
Städte und Dörfer wechselten in unendlicher Vielfalt miteinander,
bildeten aber auch auf unbeschreibliche Weise ein Ganzes von vollkommener
Harmonie. Jedes Gebäude, jedes Gebüsch, jedes Rinnsal schien seine
eigene ganz bestimmte Aufgabe zu haben, wie ein Steinchen in einem Mosaik von
ergreifender Schönheit. Und doch war all dies noch nicht der Himmel
selbst, sondern nur eine Provinz an der Peripherie, eine der vielen Stationen,
an denen sich Gottes Kinder auf ihrem Weg zum Vater ausruhen können.
Ich
sollte es mit diesem Versuch, das Unmögliche zu vollbringen und meinen
Brüdern auf Erden die Wunder einer für ihre Wissenschaft nicht
faß- und meßbaren Welt zu schildern, vielleicht genug sein lassen.
Auch bin ich mir der Unvollkommenheit bewußt, mit der ich die von mir
erkannte und erlebte Wahrheit zu schildern in der Lage bin. Für den
Augenblick will ich mehr als zufrieden sein, wenn ich meinen Lesern
verständlich machen konnte, daß das Dasein im „Jenseits“
kein vages Dahinschweben in einer Ätherwolke ist. Für uns ist es so
wirklich und greifbar, wie die Erde für euch. Wenn ich daher zur
Beschreibung der Schönheit und Größe dieses Lebens Begriffe
verwende, mit denen meine Brüder auf der Erde vertraut sind, so bedeutet
das nicht, daß es etwa stofflich eben so grob und unbehauen ist wie
manche Lebenserscheinungen auf der Erde, sondern vielmehr, daß mir die
verständlichen Worte fehlen, es ausreichend zu beschreiben.
Während
ich in die Betrachtung des himmlischen Panoramas versunken war, kam mir zum
Bewußtsein, daß sich meine Sehkraft um ein Vielfaches erhöht
hatte. In der kristallklaren Atmosphäre konnte ich bis zu den
äußersten Ausläufern des Horizonts jede Einzelheit erkennen.
Vor meinen Augen öffneten sich ganze Kontinente von berauschender
Fülle und Schönheit und umgeben von glitzernden Meeren und
Wasserläufen. Häuser und Paläste erstrahlten im schattenlosen
Licht einer ewigen Sonne. Verschwenderisch waren sie mit Terrassen, Gärten
und Laubengängen von solchen Ausmaßen ausgestattet, daß ihr
Anblick wohl dem schlafenden Nimrod als das Königliche Babylon erschienen
wäre. Porphyr, Marmor, Alabaster, Malachit und Jaspis genügen auch
nicht annähernd, um die lebendige Schönheit der himmlischen „Baustoffe“
und ihrer vielförmigen Mosaike hervorzubringen. Da gibt es Farben und
kostbare Steine, die die Erde nie gesehen hat Die Bauten Ägyptens, die
Tempel Griechenlands und die Werke der größten Bildhauer —
sie alle
verblassen — werden zu einem Nichts vor diesem
lebendigen Reich Gottes.
Die
Landschaft war von zahllosen Personen belebt, die sich mit der Herzlichkeit und
Gelassenheit von Menschen bewegten, die keinen Zeitbegriff, keine Hetze, keine
tägliche Mühsal und Beschwernis kennen. Angehörige aller Rassen
verkehrten völlig zwanglos und ohne jedes Vorurteil untereinander. Keine
kalte Förmlichkeit, Herablassung oder Gönnerschaft schien ihr
Zusammenleben zu bestimmen, vielmehr die Überzeugung, daß jeder auf
seine Weise dazu beitragen konnte, seine Mitmenschen noch glücklicher zu
machen.
Ich
konnte den Blick nicht von diesem zutiefst mein Herz anrührenden
Schauplatz des Glücks und des Friedens abwenden. Und während ich noch
über die unfaßliche Kraft nachdachte, die alles um uns
erfüllte, flüsterte ein Windhauch in mein Ohr:
Heut ruhen sie von ihrem
Tagwerk aus.
Kaum daß der Wind sich
legte, ringsum Stille.
Die Freunde sind mit ihnen,
die vermißten,
die ihnen ewiglich verloren
schienen.
Kaum daß der Sorge
Tränen ganz getrocknet,
krönt sie ein Frieden,
da sie neu vereint.
Nun ruhen sie, da sie sich
endlich trafen,
und niemals wird ein Morgen
für sie kommen.
Als
ich mich genügend gefaßt hatte, wandte ich mich an meinen Begleiter:
„Wie heißt dieser Ort?“
„Der
Berg Gottes. Es ist einer der Vorräume zum Himmel.“
„Wenn
dies nur ein Vorraum ist, wie groß muß dann die Herrlichkeit im
inneren Tempel sein?“
Demütig
klang seine Antwort: „Ich weiß es nicht.“ Seine Worte
erklangen mit einer solchen Sehnsucht, daß ihr Echo noch heute in mir
nachschwingt.
„Gibt
es noch andere Eingänge von der Erde als diesen?“ fragte ich.
„Ja,
viele.“
„Und
sind sie alle gleich?“
„Gewiß.“
„Aber
etwas erstaunt mich doch ein wenig, nämlich: daß Hautfarbe und
Charakter jeder Rasse und Nation auch hier beibehalten sind.“
„Die
irrtümliche Vorstellung, daß dem nicht so wäre, ist auf Erden
weit verbreitet“, sagte Eusemos. „Und
doch gibt es keinen Grund dafür, besonders wenn man sich so sehr mit der
Bibel beschäftigt hat wie in deinem Lande. Sagt nicht Johannes in seiner
Offenbarung: ‚und siehe, eine große Volksmenge, welche niemand
zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und
Sprachen …’ (Offenbarung 7, 9.)
„Nun
siehst du selber, daß die Menschen ihre Herkunftsmerkmale behalten haben.
Ist es etwas anderes als die Bestätigung der biblischen Vision?“
Ein
mildes Lächeln legte sich über seine Züge, als er meine
Verwirrung sah. „All diese fehlerhaften Vorstellungen, lieber Bruder,
sind nur die Folgen der wenig folgerichtigen Methoden, die die Menschen beim
Studium ihrer heiligen Bücher anwenden. Tatsachen und Sinnbilder, Parabeln
und Geschichtliches werden ständig durcheinandergeworfen, um irgendwelche
sehr bedeutungslose Beweggründe nachzuweisen, sodaß die meisten
Menschen schließlich außerstande sind, das eine vom andern zu
unterscheiden. Gleichzeitig hindert der unnötige Nachdruck, der auf manche
Stellen ungeachtet des Zusammenhanges gelegt wird, die meisten Menschen daran,
in erster Linie die einfachen Lehren der von ihnen so ehrfürchtig
gehaltenen heiligen Schrift zu erfahren und zu erkennen. Ich sah vorhin dein
Erstaunen, als ich erwähnte, daß Myhanene
hier ein Herrscher ist. Du sahst so ungläubig drein, als hätte ich
etwas völlig Unmögliches ausgesprochen.“
„Das
war nur, weil ich nicht wußte, daß es hier noch eine andere Kraft
außer Gott gibt.“
„Die
gibt es auch nicht! Aber seine Macht wird durch sorgsam auserwählte
Statthalter verwaltet. Daran ist nichts Erstaunliches, wenn man die Bibel
richtig liest. Jesus hat in dem Gleichnis von den Talenten klar zu verstehen
gegeben, daß die Weisen unter den Dienern zum Herrscher über zwei,
fünf oder zehn Städte gesetzt werden sollen. Er versprach seinen
Jüngern, daß sie dereinst Richter sein werden, und seinen
Anhängern, daß die Zeit kommen würde, wo sie zusammen mit ihm
herrschen werden. Was du jetzt hier vorfindest, ist weiter nichts als die
Bestätigung dessen, was verkündet wurde. Ebenso irrtümlich ist
die Vorstellung von der Lebensform im Jenseits überhaupt. Jesus lehrte
seine Jünger, daß im Hause seines Vaters viele Wohnungen sind.
Hesekiel und Johannes sahen himmlische Städte in ihren Visionen, und von
Jerusalem wurde den Pilgern gesagt, daß es ein mächtiges und
erhabenes Gegenstück im höchsten Himmel habe. Vermutlich wären
sie aufs höchste verblüfft, wenn ihnen jemand versichern würde,
daß es alle diese Dinge im Jenseits wirklich gibt. Sie würden
uns der Gotteslästerung beschuldigen.
In
der Tat scheinen die Menschen auch heute noch nichts Vernünftigeres
gefunden zu haben als die Vorstellung, das Leben im Himmel bestehe in einer Art
Umherschweben im Äther und damit wäre die ewige Ruhe gefunden. —
Jetzt aber,
lieber Freund, muß ich dich allein lassen, bis Cushna
eintrifft, der dich auf deinem Wege weiter führen wird.“
Während
unseres Gesprächs waren wir vor einem friedvollen Hain angelangt, und mein
Begleiter machte eine Handbewegung auf die Bäume zu, als ob er sagen
wollte, daß mein nächster Betreuer daraus hervortreten würde.
„Ich
bin dir sehr dankbar für alles, was du mich gelehrt hast“, sagte
ich, während Eusemos mich zum Abschied in die
Arme schloß, „aber darf ich noch eine letzte Frage stellen? Kannst
du mir sagen, warum ich so hoch über meinen eigenen Zustand hinaussteigen
und all das sehen konnte, was du mir zeigtest, während die arme Frau einen
vorbestimmten Weg gehen und ihn selbst finden mußte?“
„Ja!
Bei uns haben Boten oder Lehrende die Möglichkeit, etwas von ihrer
spirituellen Kraft an jene abzugeben, denen sie helfen. Manchmal können
sie ihre Schutzbefohlenen auf größere Höhen bringen, um sie
einen Blick auf das tun zu lassen, was sie in Zukunft erwartet. Dies
fördert den Drang des Schülers nach weiterer Fortentwicklung. Der
Punkt, an dem wir auf den Kontinent hinunterblickten, war der Höchste zu
dem ich dich bringen konnte — hoch genug jedenfalls, um
dich die Kraft der Liebe, mittels der sich die ganze Gemeinschaft
allmählich zu Gott erheben kann, besser verstehen zu lassen.“
Damit
sagte er mir Lebewohl und entschwand meinen Blicken mit der Geschwindigkeit
eines Blitzstrahls. Ich war wieder allein, doch mein Herz war froh.
* * *
Eines
der stärksten Merkmale des Lebens im Jenseits ist das unfehlbare
Aufeinander-Abgestimmtsein jedes Ereignisses mit dem
Ort und der Zeit, an dem es eintritt. Jeder Wunsch steht auf das engste in
Verbindung mit der Gelegenheit zu seiner Verwirklichung. Man hatte mir gleich
zu Beginn gesagt, ich befände mich in einem Lande der Überraschungen.
Und jetzt, da ich ein wenig Zeit zum Nachdenken hatte, erschien mir als eine
der größten, daß alles Geschehen —
äußerlich,
seelisch und geistig — in vollkommener Harmonie verlief.
Solange mein Begleiter neben mir weilte, waren alle meine Sinne auf das
höchste angespannt, um durch ihn so viel wie möglich zu sehen und zu
lernen, ohne daß ich viel Zeit zum Nachdenken hatte. Wieviel Neues ich
noch unverarbeitet in mir aufgenommen hatte, war mir selbst nicht bewußt
—
zweifellos aber
meinem Lehrer. Deshalb ließ er mich allein, um mir Gelegenheit zu geben,
auszuruhen und meinen Zuwachs an Wissen zu überdenken. Sobald ich allein
war, erfüllte mich eine dankbare Freude, daß ich diese Gelegenheit
jetzt hatte. Gleichzeitig kam es wie eine Offenbarung über mich, daß
dieser Platz und kein anderer von Anbeginn an, ja schon im früheren Leben,
für mich bestimmt war.
Ich
stand unmittelbar vor einem Hain, der zu beiden Seiten, im rechten Winkel von
dem Weg abzweigte, den wir gekommen waren. Wohl eine Meile weit erstreckten
sich die stattlichen Bäume, die so geordnet waren, daß sie einen
sanften Abstieg bildeten und sich mit ihren Zweigen zart berührten. Direkt
über mir ein Dach, das selbst die großartige architektonische
Schönheit der Westminster Abbey weit übertraf, in der ich früher
so viele Stunden trostreicher Andacht verbrachte. Blätter gleich farbigem
Glas gaben den Sonnenstrahlen eine duftige Zartheit, die mich einhüllte
und liebkoste. Ein smaragdener Baldachin lud mich ein, unter ihm auszuruhen und
die Früchte von aberhundert Gebeten zu ernten, die auf der Erde ohne
Antwort geblieben waren.
Ich
war jetzt vollends in die natürliche Kathedrale getreten. Über meinem
Kopf rauschten die Blätter ihr Lied, und zu meinen Füßen
breitete sich ein dichter, duftiger Blumenteppich. Aus der Entfernung
tönte das Plätschern eines Wasserfalls und vollendete die Harmonie,
von der alles und jedes hier durchdrungen war. Die süßen Stimmen
gefiederter Sänger brachten mir zum Bewußtsein, daß auch die
Vögel im himmlischen Paradies ihr Leben fortsetzen.
Der
Hain lag inmitten einer parkartigen Landschaft, die mit vielen kleineren, aber
starken und weitausladenden Bäumen bestanden war. In ihren Schatten
schmiegten sich weiche, mit Moos und Blumen gepolsterte Ruheplätze, auf
denen ich hier und dort Menschen liegen sah. Andere wandelten umher mit
vorsichtigen, langsamen Schritten, wie sie ein Rekonvaleszent nach dem
Verlassen des Krankenlagers zu machen pflegt. Wirklich machte die ganze
Umgebung auf mich den Eindruck eines Genesungsheimes, und das schien mir nichts
Ungewöhnliches. Denn braucht nicht auch die Seele nach der Trennung vom
Körper, nach vielleicht bitteren und schmerzhaften Erfahrungen einen Platz,
an dem sie ausruhen und Kraft für ein neues Leben gewinnen kann? Kein
Zweifel, daß auch ich dieser Ruhe bedurfte und nun diese Stätte in
Anspruch nehmen durfte. So suchte ich mir denn einen freien, moosgepolsterten
Platz unter den Zweigen eines Baumes und legte mich nieder.
Ich
fiel in einen Wachtraum, von dem ich weder weiß, wie lange er dauerte,
noch daß meine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet waren.
Es war unendlich viel mehr als eine der Ruhepausen, wie man sie sich auf der
Erde mehr als Folge einer Überanstrengung der verfügbaren Kräfte
nimmt. Mich durchströmte ein Gefühl zurückkehrender Kraft und
Jugend — ein Ahnen, das immer mehr zur
Gewißheit wurde, daß sich das Rad des Lebens schneller und
schneller zurückdrehte und ich die Kraft wiedergewann, die mir seit vielen
Jahren entschwunden war. Es war eine Art Trancezustand, dem ich mich willig und
mit großer Dankbarkeit hingab; jeder Augenblick bereitete mir neue
Überraschungen und tausend Fähigkeiten schienen sich plötzlich
in mir zu entfalten, deren ich mir bisher nie bewußt gewesen war. Als ob
ich in Fesseln gelegen hätte, die nun gesprengt wurden, meine Seele mit
jubelnder Freiheit erfüllend. Eine Stimme flüsterte mir zu, daß
all dies nicht ein kurzer Traum sei, sondern ein endgültiger Sieg
über Vergangenes.
Es
ist unmöglich, diese überwältigende Offenbarung jemandem
ausreichend zu beschreiben, der sie an sich selbst noch nicht erfahren hat.
Alles in mir trank und dürstete immer noch mehr nach dem Born
unaussprechlicher Kraft, der auf mich zufloß. Jede Faser meines
Körpers bebte unter den geistigen Strömen, die ihn plötzlich
belebten. Halb berauscht, erfüllt und umgeben von unirdischer Wonne fiel
ich zurück und versank in den Verjüngungsschlaf des Paradieses.
*
Wie
lange ich geschlafen habe, kann ich nicht sagen. In diesem Leben wird die Zeit
nach den erzielten Ergebnissen gemessen und nicht nach den Umdrehungen eines
Uhrzeigers. Ich weiß nur noch, daß bei meinem Erwachen all die
Veränderungen vollzogen waren, die sich beim Einschlafen bereits
angekündigt hatten. Die Furchen auf meinem Antlitz waren fort, die grauen
Strähnen in meinem Haar verschwunden. Jede Müdigkeit schien wie
weggeblasen und meine neuen Kräfte schienen so vollkommen in mein Wesen
eingefügt, daß — obgleich Bewußtsein,
Erinnerungsvermögen und meine Persönlichkeit mit ihren Wünschen
und Hoffnungen die gleichen geblieben zu sein schienen —
ich mir ebenso
stark einer neuen und stärkeren Lebensnatur bewußt war, einer Natur,
die Müdigkeit und Enttäuschung fortan nicht mehr kennen sollte.
Im
gleichen Augenblick geschah etwas, das zu meinen seltsamsten Erfahrungen in
diesem Leben gehört. Kaum hatte ich mich aus der Umarmung des Schlafes
gelöst, als ich fühlte, daß er mich jetzt für immer
verlassen würde. Ich kann nicht sagen, woher dieses Gefühl kam, aber
es war absolute Gewißheit. Es berührte mich seltsam —
Schmerz,
Zweifel, Enttäuschung und die hundert anderen Begleiterscheinungen des
Erdenlebens sind Dinge, die man leichter ablegt. Aber Schlaf —
ist doch der am
stärksten benötigte und bei weitem der treueste Freund der Menschheit
und der einzige Wohltäter für die Armen und Bedrängten. Er
spendet seine Gaben immer aufs neue selbst dem armseligsten Vagabunden, der bei
ihm Vergessen sucht. In seiner Nichtachtung der Person ist er
gottähnlicher als irgend ein anderes Geschenk der Erde. Der große
Tröster gibt sich allen gleichermaßen zu eigen. Die ihn unstet
schelten, wissen nicht, daß der Fehler in ihnen selbst liegt. Er ist die
sicherste Brücke zwischen diesseits und jenseits, öffnet die Tore des
Todes und läßt die, die sich liebten, wieder zusammenkommen. Das
alles war der Schlaf auch für mich; er war mein bester Freund auf Erden,
der einzige, der mich niemals im Stiche ließ.
Jetzt
mußten wir voneinander scheiden — für immer. Er hatte mich
zur Grenze seines Reiches geleitet, mein Weg ging weiter in eine Zukunft ohne
Nacht. Und deshalb fiel es mir nicht schwer, von diesem treuen Gefährten
Abschied zu nehmen; dies war für mich ein weiterer Schritt hinauf auf de
Leiter des Lebens. Möge er denen, die ihn brauchen, ein ebensolcher
Wohltäter sein wie mir während meines ganzen Lebens auf Erden.
Ich
hatte mich kaum halb aufgerichtet, als mein Blick auf einen Mann fiel, der so
aussah, als sei er der Arzt in dem „Sanatorium“, das mich umgab.
Während er langsam näher kam, verweilte er hier und dort bei anderen
Menschen, die gleich mir hier ruhten — kurz, wie der Doktor bei der
Visite. Dies gab mir Gelegenheit, ihn zu beobachten, bevor er zu mir kam; denn
ich hegte die freudige Erwartung, daß dies seine Absicht sei.
Anders
als Eusemos, war er von recht kleiner Statur, doch
schlank, sodaß er nicht eigentlich klein wirkte. Seinem ganzen Aussehen
nach war er Ägypter. Er hatte leuchtend dunkle Augen, die Güte und
Frohsinn ausstrahlten. Er sah aus wie ein junger Mensch, doch in seinem Tun,
seinen Bewegungen lag etwas, das ihm ein hohes Alter zuzuschreiben schien —
ein sehr hohes,
dessen Erfahrung vielleicht nur zu tragen war durch die jugendliche Kraft und
Zuversicht, die er zur Schau trug. Es war nichts von der Nervosität und
Spannung um ihn, die man oft an jungen Männern wahrnimmt, denen
Autorität gegeben ist. Im Gegenteil, jede kleinste Handlung, die er
vollführte, erfolgte mit einer Geduld und Gründlichkeit, als gäbe
es außer ihr nichts Wichtigeres. Es war offensichtlich, daß
„Zeit“ für ihn nichts bedeutete, während er einem
Patienten das Lager ordnete, oder einem anderen, der ein wenig zu gehen
wünschte, den Arm um die Schulter legte, um ihn zu stützen. Bei
jedem, den er auf diese Weise betreute, verweilte er ein wenig, um sich dann
mit einem freundlichen Winken der Hand zu verabschieden und sich nach dem
Nächsten umzusehen, der ihn brauchte.
Während
er sich mir auf diese Weise langsam näherte, konnte ich ihn ausgiebig
beobachten und verlor schließlich wie von selbst jedes Gefühl,
daß er ein Fremder für mich sei. Ich hatte mich von meinem Lager
erhoben, doch der halb scherzhafte, halb vorwurfsvolle Blick in seinen Augen
ließ mich meine Absicht vergessen, dafür um Entschuldigung zu
bitten, daß ich mich auf diesem Blumenbeet zur Ruhe gelegt hatte. Er trat
auf mich zu, ergriff meine Hand, legte seinen Kopf zur Seite und fragte mit
einem Lächeln in den Augenwinkeln: „Darf ich dich diesmal
beglückwünschen?“
„Diesmal?“
fragte ich, vergeblich in meinem Gedächtnis forschend, wo ich ihn
vielleicht schon gesehen haben könnte.
„Nun
—“,
sagte er gedehnt
und drohte mir dabei scherzhaft mit dem Finger, „das letztemal habe ich
dich beim Schlafen ertappt.“
„Ja,
ich habe geschlafen“, sagte ich etwas verwirrt, „aber es tut mir
sehr leid, wenn ich Euch damit eine Ungelegenheit bereitet habe.“
„Still
und kein Wort der Entschuldigung! Was natürlich ist, ist richtig und
braucht dir nicht leid zu tun. Und was die „Ungelegenheiten“
betrifft, so hast du sie hinter dir gelassen, als du durch die Nebel kamst und
ich fürchte, du wirst sie nie wieder erleben, denn es gibt sie nicht in
diesem Leben.“
„Dann
hoffe ich wenigstens, daß ich dich durch mein Schlafen nicht aufgehalten
habe, denn ich vermute, du bist der Freund, den ich hier treffen soll.“
„Ja,
ich bin CUSHNA. Und dein Schlaf — er war weit mehr ein
vorgesehener Punkt im Programm als eine Störung.“
„Das
freut mich zu hören. Aber sag mir, habe ich lange geschlafen?. Ich habe
nicht den geringsten Zeitbegriff.“
„Ich
auch nicht“, sagte er mit einem humorvollen Achselzucken, das ich schon
vorher an ihm wahrgenommen hatte. „Das macht uns wohl ein wenig
rückständig gegenüber der Erde, aber vielleicht ist das nur gut,
denn einmal haben wir keine Uhren hier, und zum anderen würden sie nicht
gehen, hätten wir sie.“
„Warum
nicht?“
„Laß
es mich erklären. Dieser liebliche Ort hier ist ein Platz zum Ausruhen,
und alle, die hier um uns sind, sind zu diesem Zweck hergekommen. Es war also
absolut nichts Ungewöhnliches, daß ich dich schlafend angetroffen
habe. Nun, vor sehr, sehr langen Jahren, wohl in den Kinderjahren der Erde,
soll die Zeit einmal zu Besuch hierher gekommen sein. Und sie war so angetan
von diesem Ruheplatz, daß sie stehen blieb und niemand sie seither wieder
in Bewegung zu bringen vermochte. Darum kann ich dir nicht sagen, wie lange du
geschlafen hast, und darum würden hier auch keine Uhren gehen. Ist das
eine Erklärung?“
„Sie
ist ausgezeichnet! Aber ich bin überrascht …“
„Das
ist verständlich“, unterbrach er mich, ehe ich fortfahren konnte.
„Die Überraschung ist ein Bestandteil dieses Lebens und ein sehr
angenehmer Begleiter, mit dem man gern Bekanntschaft macht. Wenn sie die Erde
besucht, verkleidet sie sich oft und kommt gerne in den Schattenstunden des
Lebens, sodaß nur wenige Menschen spüren, mit welchem Abgesandten
Gottes sie zu tun haben. Doch hier wirst du sie bald lieben lernen und mit
Entzücken ihrer Silberstimme lauschen, die bis in den entferntesten Winkel
reicht. Keiner der Engel bringt uns soviel Freude wie sie und ihre Besuche sind
uns immer willkommen.“
„Es
war eigentlich schon eine Überraschung für mich“, meinte ich,
„daß ich hier schlafen konnte.“
„Warum?
Die Müdigkeit ist die Braut des Schlafes, sie gehören zusammen. Wenn
jemand infolge einer Krankheit stark erschöpft ist, muß er auch nach
dem Überstehen der Krise seinem Körper noch Ruhe gönnen. Und
wenn die Krankheit nach längerem Kampf obsiegt und den Körper von der
Seele scheidet, setzen wir dann ein Wunder voraus, um die in diesem Kampf auch der
Seele zugefügte Erschöpfung sofort ungeschehen zu machen? Alles in
der Natur, Pflanzen, Tiere und Gestein, hat seine Ruhezeit. Warum sollte es bei
einer müden Seele nicht ebenso sein? Erst Ruhe und Schlaf geben ihr wieder
jugendliche Kraft und in diesem Schlaf wird zugleich die Müdigkeit
für immer zurückgelassen.“
„Schlafen
denn alle Menschen nach der Ankunft in diesem Leben?“
„Nicht
unbedingt. Der Schlaf trennt zwei seelische Entwicklungszustände wie die
Nacht zwei Tage trennt. Unter den Menschen, die hierher kommen, befinden sich
auch solche, die im Augenblick noch nicht die Entwicklung erreicht haben, um
schon auf den Schlaf verzichten zu können. Diese führen ein
ähnliches Leben, wie sie es auf Erden geführt haben, bis sie eines
Tages zu einem Ruheheime wie diesem gelangen, und dort über den Bereich
des Müdewerdens hinausschreiten, um danach niemals mehr schlafen zu
brauchen. Doch gibt es auch andere, die die spirituelle Ebene schon auf der
Erde erreichen, sodaß sie hier nur zur Gewöhnung kurze Zeit verbringen,
um sich dann auf den Weg zu ihrer höheren Heimat zu begeben.“
„Die
Gewöhnung kommt mir im Augenblick noch so schwierig vor —
alles ist so
völlig anders, als ich es erwartete. Es gibt so viele Offenbarungen
für mich, daß ich fast glaube, es wird eine Ewigkeit dauern, bis ich
alles verstanden habe.“
„Wir
werden niemals alles verstehen, lieber Bruder“, antwortete Cushna mit einem tiefen Ernst, wie ich ihn vorher nicht an
ihm bemerkt hatte. „Ich selbst beginne gerade erst, zu verstehen, und
andere, die viel größere Höhen erreicht haben, sagen dasselbe.
Die erhabenste Seele, die wir hier kennen, sagt, daß sie erst an einem
Ufer steht, vor sich die Weite der Unendlichkeit, die zu durchmessen Ewigkeiten
währt. Sie weiß nicht, was es am anderen Ufer noch zu erkennen und
zu entdecken gibt, ehe sie die Fülle des Heils erkennen kann, die Gott
für sie bereitet hat. Wir können nur danach streben, alles zu
erkennen, was uns hier umgibt. Wenn uns das gelungen ist, wird uns das
göttliche Gesetz zu höheren Bereichen führen. So steigen wir
Stufe um Stufe auf der Leiter, deren Spitze an den Thron Gottes gelehnt
ist.“
„Wenn
ich meine bescheidenen Kräfte bedenke und sehe, daß jede meiner
Fragen hundert neue auftut, erschreckt mich fast der Gedanke, wie lange es
dauern wird, bevor ich überhaupt anfangen kann, hinaufzusteigen. Was ich
bisher gesehen habe — scheint mir —
werde ich mir
noch in tausend Jahren nicht zu eigen gemacht haben —
wie darf ich da
hoffen?“
„Ich
kann sehr gut verstehen, was du fühlst“, sagte Cushna
mit Wärme. „Mir ging es einst nicht anders und die Erinnerung daran
läßt es mir umsomehr zur Freude werden, dir zum Beginn deiner Reise
zu helfen. Was die Zeit betrifft, die du benötigen wirst, so sorge dich
nicht deswegen. Wie ich schon sagte, steht die Zeit hier still und du wirst
keinen Nachteil daraus erleiden, wie lange es auch immer dauert. In dieser
Hinsicht unterscheidet sich unsere Arithmetik von der auf der Erde: wenn du all
die Spannen zusammenzählst, die zur Vollendung deiner spirituellen Erziehung
nötig sein mögen, so wird dir doch immer noch das gleiche Maß
an Unendlichkeit übrigbleiben. Wenn du etwas siehst, das du nicht
verstehst, frage; — und frage so lange, bis dir
erschöpfend Antwort geworden ist. Auf diese Weise wirst du gut vorankommen
und jede Seele auf deinem Weg wird dir mit Freuden helfen.“
„Das
habe ich schon erfahren. Seit meiner Ankunft habe ich nichts als Fragen an alle
gestellt, die ich traf.“
„Fahre
fort damit, du wirst sehen, daß Wissen leichter zu erwerben ist, als du
im Augenblick glaubst.“
„Ich
werde deinen Rat nicht vergessen. Aber sage mir noch dies: ist es üblich,
daß alle Neuankömmlinge so herumwandeln, wie ich es schon tun
durfte?“
„Das
Gesetz der Liebe, das uns hier allein regiert, paßt sich jedem Einzelfall
an, wobei nur das Ziel — die größte Wirkung in
jeder Hinsicht zu erzielen — das gleiche bleibt. Aus
diesem Grunde prüfen die Wächter an der Nebelwand jede ankommende
Seele, nicht um sie zu richten — das gehört nicht zu
ihrer Aufgabe — sondern um ihnen so weit wie
möglich zu helfen. Sie haben Erfahrung im Lesen der Charaktere, erfassen
die seelische Entwicklung jedes Einzelnen und geben im Gedankenflug ihre
Berichte an übergeordnete Stellen, die über die im Einzelfalle
notwendige Hilfe entscheiden. In kürzerer Zeit, als ich jetzt zur
Erklärung benötige, sind alle Vorkehrungen getroffen und einer oder
mehrere Helfer ausgesandt, um den Neuankömmling zu empfangen —
auf der Ebene
oder einem Wiesenhang, wie du ihn selbst kennengelernt hast.“
„Wie
erkennen die Helfer in der Menge gerade denjenigen, der ihnen anvertraut werden
soll?“
„An
seinem Gewand.“
„Aber
wo so viele das gleiche Gewand tragen, kommen da nicht häufig
Verwechslungen vor?“
„Niemals.
Die Helfer sind zu gründlich auf ihre Aufgabe vorbereitet, um jemals fehl
zu gehen. Die Farben der Gewänder mögen dir gleich erscheinen, in
Wirklichkeit aber gibt es zahlreiche feine Unterschiede, deren jeder eine ganz
bestimmte seelische Verfassung anzeigt, nach der sich wiederum die Betreuung
durch die Helfer richtet. Fehler gibt es dabei nicht.“
„Die
Farben sind also ein unfehlbarer Gradmesser?“
„Sie
sind es. Es gibt eine Art spiritueller Farbenchemie, deren Wirken von dem Leben
bestimmt wird, das man auf der Erde geführt hat und keine Anstrengung kann
ihre Äußerungen ändern oder verfälschen. Wer von den
Unsrigen dein Gewand sieht — eine Mischung von rosa und
blau — weiß sofort, daß in dir der Drang nach
Wahrheit wohnt und ein aufgeschlossener Geist, sie zu empfangen. Denn blau
bedeutet Wahrheit und rosa Mitgefühl mit dem Nächsten. Dein Gewand
verrät noch andere Einzelheiten, die von deiner Wahrheitssuche und deinen
Enttäuschungen in der Vergangenheit zeugen. Wer immer hier auf dich
trifft, wird besorgt sein, dir alle Hilfe zu leisten, um diese Mißerfolge
des Erdenlebens wettzumachen. Darum wirst du auch angeregt, solange wie
nötig herumzureisen und deinen Durst nach Wahrheit zu befriedigen. Jetzt
aber, wenn du genug ausgeruht bist, will ich dich etwas besser mit deiner
näheren Umgebung und unseren Aufgaben hier bekannt machen.“
Wir
erhoben uns, und Cushna führte mich, den Arm um
meine Schulter gelegt, in der Richtung fort, aus der ich ihn hatte kommen
sehen.
„Ging
ich fehl in der Annahme, daß dieser Ort eine Art Heim für Genesende
ist?“ fragte ich.
„Nicht
sehr, ich möchte dir gerade an einem Beispiel die Methode erläutern,
mit denen wir hier Kranke und Schwache behandeln.“
* * *
Während
wir so dahingingen, hörte ich plötzlich ein Glockenspiel in der
Ferne. Im gleichen Augenblick wurde ich von einer unerklärlichen
Begeisterung gepackt, einer Verzauberung, die mit jedem Schritt stärker
wurde und mich schließlich bis ins Innerste durchbebte und beherrschte.
Zuletzt fühlte ich mich durch irgend einen unsichtbaren, doch äußerst
fühlbaren Einfluß angetrieben, der Einladung zu folgen, die diese
rhythmischen Glockenzungen von nah und fern sandten. Unklar blieb mir, aus
welchem Grunde sie einen solchen Einfluß auf mich gewinnen konnten. Das
in mir erzeugte Gefühl war ebenso neu wie berauschend, ja einfach nicht zu
beschreiben. Auch schien die Wirkung des himmlischen Glockenrufs nicht auf mich
beschränkt zu sein, denn ich gewahrte sie ebenso bei meinem Begleiter.
Dennoch schien dieser Klang, ohne daß ich es mir erklären konnte,
mich ganz persönlich um Hilfe und Beistand anzurufen, die einzig von mir
gewährt werden konnten. Aber warum wandte sich der Ruf ausgerechnet an
mich, dem hier noch alles fremd war, mit einer Dringlichkeit, die keinen
Aufschub duldete? Warum galt er nicht ausschließlich denen, die jetzt von
allen erdenklichen Himmelsrichtungen auf das gleiche Ziel zustrebten? Als ich
aber die Gesichter derer betrachtete, die in meiner Nähe gingen, bemerkte
ich schnell, daß auch sie von einem unerklärlichen Drang beherrscht
und magnetisch angezogen wurden.
Mein
Begleiter hatte ohne Zweifel meine Verwirrung bemerkt, doch als ich mich ihm
zuwandte, lächelte er nur, und mein Mund blieb stumm. So gingen wir
vorwärts, gehorsam dem alles beherrschenden Impuls folgend. Wenig
später sah ich in der Ferne die Umrisse stattlicher Gebäude durch die
Bäume schimmern. Der Gedanke, zum erstenmal die Architektur des Himmels
aus der Nähe bewundern zu dürfen, erfüllte mich noch mehr mit
erwartungsvoller Freude und Ungeduld. „Wird das mein eigenes Heim
sein?“ fragte ich mich im Stillen, nur um aus mir selbst sofort eine
verneinende Antwort zu erhalten. Die Erkenntniskraft dieses Lebens schien sich
mir auch in den kleinsten Dingen kundzugeben.
Wir
traten aus dem baumbestandenen Park ins Freie und vor unseren Augen lag das Ziel
—
ich wußte
sofort, daß es das Ruheheim oder Sanatorium war, in dessen Bereich auch
mein eigener Hain gelegen hatte. Seine Architektur verriet auf den ersten
Blick, wozu es diente: als eine Schutzburg des Ausruhens, eine Zwingburg der
Freude für jeden, der es betrat. In einem Zusammenklang von
unaufdringlicher Größe und makelloser Reinheit schien es in seinen
Fundamenten auf der göttlichen Allmacht zu ruhen, schien jeder Baustein,
jeder Teil durchpulst vom Geist göttlicher Gnade und Vergebung. Verehrung,
Dankbarkeit, Anbetung und Ehrfurcht schienen die Wächter der vier
Türme zu sein.
Im
Vordergrund der Anlage lag ein Amphitheater von riesigen Ausmaßen, das
auf drei Seiten von großen Tribünen umsäumt war. Das Ganze
bildete ein vollkommenes Viereck, an dessen Ecken die vier Türme einen
korinthischen Säulengang abschlossen, der mehr aus Ebenholz denn aus
Marmor gebaut zu sein schien. Die Säulenfüße waren stark wie
die Ecksteine einer Pyramide und mit kunstvollen Reliefs geschmückt,
während Statuen von größter Vollkommenheit die
Zwischenräume füllten. Von den silbern schimmernden Turmspitzen klang
aus der Höhe die Musik der Glocken, de mich so unwiderstehlich angezogen
hatte.
Gebannt
stand ich und schaute auf diese Szene, die nichtsdestoweniger von vollkommener
Natürlichkeit war und den harmonischen Mittelpunkt des himmlischen Parks
bildete, den wir durchwandert hatten. Als Cushna
weiterging, folgte ich ihm mechanisch, bis mir bewußt wurde, daß er
offenbar keinen der Eingänge benutzen wollte, die sichtbar vor uns lagen.
Für einen Gedankenbruchteil mochte ich gezögert haben, denn er wandte
sich jetzt zu mir, um mir zu versichern, daß wir an das Ziel meiner
Wünsche — das Amphitheater —
gelangen
würden. Dann führte er mich zu dem Hauptteil des Gebäudes, der
zuvor meinen Blicken verborgen war. Wir waren kaum eingetreten, als die Glocken
schwiegen, sodaß Cushna mich, ohne mir mehr
zeigen zu können, einen Gang in Richtung auf den Versammlungsplatz
führte. Ein Vorhang wurde beiseitegerafft —
ich stand im
Amphitheater!
Soll
ich versuchen, dieses Bild zu beschreiben? Menschen auf allen Seiten, wohin ich
blickte, und um uns eine Atmosphäre reinsten Friedens. Ich fühlte
deutlich, daß ich ein Ziel erreicht hatte; eine Periode der
Ungewißheit lag hinter mir. Ich tat einen tiefen Atemzug und war
erfüllt von Freude und Dankbarkeit.
Der
blumenbedeckte Boden der weiten Arena war an einigen Stellen zu aromatischen,
federleichten Ruhelagern aus Moos ausgeformt. Cushna
machte mich auf die verschiedenen Duftreize aufmerksam, die von diesen Lagern
ausgingen und forderte mich auf, eines von ihnen auszuprobieren. Dabei
erklärte er mir, wie der von diesen Stellen besonders stark ausgehende
Magnetismus für die Kräftigung und Heilung der Seele wirkt. Dann
geleitete er mich zu einem freien Sitz und übergab mich in die Obhut eines
Freundes.
Inzwischen
hatte sich das Auditorium gefüllt. Der dauernde Zustrom neuer
Ankömmlinge riß plötzlich ab, und für den letzten von
ihnen war gerade noch ein letzter Platz frei. Reihe über Reihe
glücklicher Gesichter konnte ich erblicken. Die Gewänder von
verschiedenen Farben, doch nur in den helleren Schattierungen. Die unteren
Reihen waren besetzt mit Kindern in makellos weißen Kleidern oder solchen
von zartester Tönung. Hinter ihnen folgten Jünglinge und Mädchen
zu Tausenden und über diesen Frauen in noch größerer Zahl.
Schließlich Rang über Rang von Männern, bis an den
äußersten Rand des riesigen Halbkreises. Jede Rasse war vertreten,
und alle zusammen ergaben ein Bild, das auf das harmonischste abgestimmt war —
das Bild einer
einzigen Familie Gottes, in der niemand gegen den anderen Haß oder
Vorurteile hegte. Katholik und Protestant, Moslem und Hindu, Buddhist und
Sektenanhänger saßen beieinander in Demut, Frieden und Eintracht,
geeint vom allmächtigen Band einer göttlichen Kraft.
Ich
war noch immer versunken in diesen Anblick, als der erste Ton jenes
unvergeßlichen Chorals erklang. Aller Augen richteten sich plötzlich
auf den Himmelsdom, von wo im Glanze eines sprühend hellblauen Lichts eine
Taube herniederkam. Sie hielt etwas im Schnabel, das noch hundertfach
stärker strahlte und die riesige Arena in ein überirdisches Licht
tauchte. Wie auf ein Signal erhoben sich alle —
ohne daß
es dabei das geringste Geräusch gab — und beugten in Demut den
Kopf.
Einen
Augenblick später entschwand die Taube unseren Blicken, während das
strahlende Juwel aus ihrem Schnabel langsam, als sei es eine Luftblase, in
unsere Mitte niedersank. Immer näher kam es herab, wurde größer
und nahm noch mehr zu an strahlendem Glanz. Ich verfolgte es mit pochendem
Herzen, bis es schließlich über dem Boden mit einem weichen hellen
Klang in Myriaden kristallener Pünktchen zersprang, die über uns
herniedersprühten und bis zum Schluß auf dem Haupt eines jeden von uns
als sichtbares Zeichen des göttlichen Segens verharrten.
Wir
setzen uns wieder und verweilten für sieben Takte in Schweigen; dann
erklang im Pianissimo die Anfangsmelodie des ersten Gesanges. Doch was für
ein Gesang war das! Es war ein harmonischer Zusammenklang magnetischer Wellen
und nicht ein einziger artikulierter Laut war zu hören. Ich schaute um
mich und sah violette Strahlen von den Köpfen der Männer ausgehen,
sich in der Mitte des Rundes vereinigen, um dann in Kreisen, bald
größer, bald kleiner, den Raum zu durchziehen. Die Bewegung der
Strahlenkurve erzeugte — je nach ihrer Größe und
Geschwindigkeit — tiefere oder höhere
Tonschwingungen. Die Melodie war so süß und glockenrein, daß
Worte sie nur gestört hätten. Was mich am meisten beeindruckte, war
die vollkommene Harmonie aller Rassen, Religionen und Sprachen, die hier ihren
Triumph feierte und die Erde und Himmel aufforderte, es ihr gleich zu tun:
„Sieh, wie so gut und schön es für Brüder ist, in Ewigkeit
zusammen zu leben!“
Mit
dem Ausklingen des ersten Chores verlangsamten sich die magnetischen Kreise,
trafen und umschlossen einander, um sich schließlich wie ein Baldachin
über die Arena zu legen. Nun setzten die Jünglinge und Mädchen
mit einem Zweiklang von blauen und goldgelben Stimmen ein, der langsam zum
Crescendo anschwoll. Schließlich fielen auch die Frauen ein —
Schwingungen aus
zartestem Rosa, die sich mit anderen zu einem herrlichen Dreiklang vereinten,
wie der Tau, der auf die Berge Zions herniedersank. Mit den reinen Stimmen der
Kinder erreichte der tausendstimmige Chor schließlich seinen vollen
Umfang — und dieser war von so
majestätischer durchdringender Kraft, daß er alle Himmel zu
füllen schien. Dann strömten alle Harmonien oben, unten und rundherum
mit allen Akkorden und Stimmen, über die die Natur gebietet, zu der
allumfassenden Bekräftigung zusammen: „So gebot der Herr seinen
Segen, beständiges Leben immerdar.“ Mehr und mehr farbige Kreise
bildeten sich zu einem Baldachin über unseren Häuptern, und jeder
Klang, jedes Echo, erzeugte neue Farbensymphonien. Als endlich der
Schlußakkord ertönte, hatte sich über uns eine Wolke aus
feinsten Farbströmen aller Schattierungen gesammelt, die alsbald als
sichtbares Zeichen unseres Dankes an Gott himmelwärts emporstieg.
Doch
noch bevor sie unseren Augen entschwunden war, setzte ein neuer Klang von noch
süßeren Stimmen ein. Ergriffen wurde ich gewahr, daß die
Kristalltropfen auf unseren Häuptern die Antwort Gottes gaben und das
„Amen“ hinter die Huldigung seiner Kinder setzten.
Bis
zu diesem Augenblick hatte Cushna als Lenker in der
Mitte der Arena gestanden, umgeben von einer Anzahl junger Männer und
Frauen, die sich im Rhythmus der Musik bewegten. Auf meine Frage wurde mir
gesagt, daß der Choral nur als Einleitung zu der eigentlichen Zeremonie
diene. Durch ihn werde ein magnetischer Zustand erzeugt, der für die
Behandlung der Patienten günstig sei. Bei genauerem Hinsehen war denn auch
deutlich zu erkennen, daß sich nicht alle magnetischen Ströme mit
der Wolke verflüchtigt hatten; vielmehr waren einige in Form eines zarten,
äthergleichen Schleiers zurückgeblieben, der die Arena
ausfüllte. Trotz seiner Zartheit besaß dieses Etwas jedoch mehr
„Substanz“ als eine Wolke und die Helfer auf dem Rasen bewegten
sich in ihm wie Badende in flachem — wenngleich luftleichten —
Wasser. Der
Anblick schien mir wie die Luftspiegelung eines Sees, die für eine gewisse
Zeit zum Verweilen gebracht worden war, auf daß einige Kinder der
Schöpfung die letzten Spuren des Erdenlebens in ihr fortwüschen.
Jetzt
aber wurde meine Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt, der das große
Rund durch den gleichen Korridor betreten hatte, durch den auch ich gekommen
war. Seine große aufrechte Gestalt war von einem strahlend-hellgrauen
Gewand umschlossen, über dem er einen weiten Mantel trug. Haltung und
Aussehen erinnerten an einen Araberscheich, doch sprach aus seinen milden
Gesichtszügen keine Spur von unnahbarer Amtswürde. Um Kopf,
Hüfte, Hand- und Fußgelenke trug er Streifen aus einem mir
unbekannten Metall; sie waren mit Edelsteinen besetzt, von denen Lichtstrahlen
ausgingen, die sich an Haupt, Rumpf und Gliedern zu sechs Strahlenkronen
vereinigten und ihrem Träger eine besondere Kraft zu verleihen schienen.
Der
Fremde war, begrüßt von einem Lichtstrahl des Willkommens, jetzt in
die Mitte der Arena getreten und beugte sein Haupt zur Begrüßung Cushnas, während dessen Helfer sich auf dem gleichen
Wege zurückzogen. „Wer ist das“, fragte ich meinen Nachbarn.
„Siamedes, ein Meister des Magnetismus. Er wird den Choral
leiten.“
„Vermutlich
ein Orientale?“
„Richtig.
Er ist Assyrer.“
Es
blieb uns keine Zeit mehr zum Sprechen. Der Assyrer hob seine Hand, die im
Augenblick von einer seegrünen, transparenten Wolke umgeben war. Dann
beschrieb er mit majestätischer Gebärde einen Kreis und schleuderte
so den Farbkranz in die Luft. Nach kurzer Pause ein zweiter, dritter und
vierter Schwung, deren jeder einen neuen Farbstreifen hervorbrachte. Es war,
als ob ein großer Dirigent den Taktstock gehoben hätte. Wenige
Sekunden später setzte das Orchester der tausend und abertausend Stimmen
ein, formte sich zu einer machtvollen Hymne, die wiederum Wellen magnetischer
Farben entstehen ließ. Es waren sanfte Wellen und Linien —
keine Kreise wie
zuvor — und jede Stimme zeugte ihre eigene Farbe, rosa und
blau, braun und tiefrot, grün und gold, weiß und violett umschlangen
und durchflossen sich, verwebten zu neuen Farben und fügten zu der Musik
einen besonderen Wohlgeruch, bis die Luft erfüllt war von duftenden
Schwingungen, die sich bei jedem Akkord zu neuer Form und Gestalt
veränderten.
Als
das Amphitheater schließlich wie ein wogendes Meer angefüllt war mit
Farbe, Wohlklang und Duft, hob der Assyrer von neuem seine Hand, diesmal, um in
die Farbschleier um uns Lichttropfen zu werfen, die wie Juwelen in der Sonne
funkelten und sich zu Myriaden nach allen Richtungen ausbreiteten. Endlich ging
vom Kopf des Adepten ein Lichtsignal aus: die Musik ebbte langsam ab, aber
Düfte, Licht und Farben blieben zurück.
Inzwischen
hatten die Helfer die Patienten hereingetragen und sie —
unter der
Aufsicht Cushnas —
mit
größter Behutsamkeit auf die Mooslagen gebettet —
ganz so, als
hätten sie körperliche Gebrechen und nicht seelische. Aufmerksam
verfolgte der Assyrer den Zustand der Patienten, beobachtete, wie jeder von
ihnen neue Kräfte gewann, wie das Bad in den liebkosenden Wellen
magnetischer Lebenskraft die erwünschte Heilung brachte.
Die
tausendköpfige Sängerschar verharrte in völliger Ruhe und
Ausgeglichenheit.
Mit
dem Ergebnis zufrieden, schlug sich der Assyrer schließlich seinen Mantel
wieder um die Schultern, hob die Arme und schwang sie mit königlicher
Geste hin und zurück. Die Wirkung war frappierend: ein mystisches Gesetz,
durch ihn ausgelöst, schied die Farbströme voneinander und formte
einzelne Gebilde, aus ihnen, die wie Früchte und Blumen, oder reich
geschmücktes, edelsteinbesetztes Brokat anmuteten. Andere wieder bildeten
herrliche Sinnzeichen und Banner, die die ganze Arena ausfüllten,
während sich das Weiß der Kinderstimmen zu Dekorationen aus
strahlend weißem Spitzengewirk formte. In wenigen Sekunden war der
Schauplatz umgewandelt in ein Stadion, wie es für eine Dankesfeier oder
den Empfang eines heimgekehrten Königs geschmückt sein mag.
Wem
konnte diese grandiose Demonstration dienen als der Ehre Gottes? Siamedes hatte die Hände zum Himmel emporgehoben und
seine Gedanken auf IHN gerichtet, der alles sichtbar-unsichtbar lenkt und in
dessen geheiligte Nähe nur unbefleckte Reinheit gelangen kann. Wir knieten
nieder, und — obwohl ich keine Worte hören
konnte — vernahm ich die Worte seines Gebetes:
„Dein, O Herr, ist die Größe, die Macht und die Herrlichkeit,
der Sieg und das Königreich; Dein ist alles im Himmel und auf Erden, in
Deiner Hand liegt es, den Deinen Stärke und Größe zu geben. So
danken wir Dir und preisen Deinen herrlichen Namen.“
In
diesem Gebet war keine Selbstanklage: Vertrauen und absoluter Glaube machten
das unnötig, und Gott verlangt nichts Unnötiges. In reiner Demut
legte der Assyrer das Wohl derer, denen zu helfen er auserwählt war, in
die Hände dessen, von dem alle Hilfe kommt.
Ein
Mantel absoluter Stille fiel über die Versammlung, als Gottes Antwort kam:
eine goldene Strahlenwolke senkte sich hernieder und umgab den Assyrer als
sichtbares Zeichen der Gegenwart Gottes. Das Werk konnte beginnen! Siamedes trat auf das erste Krankenlager zu. Auf dem
Moosbett lag eine junge Frau, deren Körper fast bis zur Unkenntlichkeit
entstellt war. Fast jeder Körperteil trug irgendeine Prothese, doch nicht
etwa, um ihr zu helfen, sondern vielmehr um sie zu peinigen und ihre Glieder in
verkrümmte und unnatürliche Formen zu zwingen. Ihre Augen waren
verdreht, um das Sehvermögen zu beschränken, die Beine waren
verkrümmt und verunstaltet.
*
Wir
müssen an dieser Stelle wohl für einen Augenblick innehalten.
Zunächst sei noch einmal nachdrücklich betont, daß die so
sichtbaren Verstümmelungen spiritueller Natur waren. Wiewohl mich
der Anblick damals überraschte und bestürzte, so fand ich es
später durch noch gründlicheren Augenschein bestätigt, daß
dogmatische und andere Fesseln, die auf Erden einer nach Wahrheit
dürstenden Seele auferlegt werden, Fehlwuchs und Verkrümmungen
hervorrufen, die für den Seelenkörper so wirklich sind wie
chirurgische Veränderungen am physischen Leib. Wie für alle anderen,
hat Gott auch für diese bedauernswerten Seelen Vorkehrungen getroffen, um
sie unmittelbar nach ihrem Eintritt in dieses Leben von ihren Fesseln zu
befreien. Und der Choral, den ich miterleben durfte, diente vor allem diesem
Zweck. Ich möchte nicht die Vermutung aufkommen lassen, daß ich bei
seiner Schilderung einer dichterischen Phantasie habe die Zügel
schießen lassen; die Wahrheit ist oft weit seltsamer als alles, was sich
der Mensch ausdenken kann. So habe ich in diesem Bericht nichts anderes
geschildert als die reinen Tatsachen, wie ich sie vorfand — und wie meine
Leser sie eines Tages selbst vorfinden werden.
Vielleicht
sind meine Beschreibungen für manchen zu nüchtern, zu
„materiell“, als daß sie der irdischen Vorstellung vom Leben
im Jenseits gerecht werden könnten. Ich kann es nicht ändern und bin
bestrebt, die Dinge dieses Lebens in der Sprache der Erde so anschaulich
wiederzugeben, daß sich der Leser etwas darunter vorstellen kann, auch
wenn diese Sprache notwendigerweise hinter der Wirklichkeit, der allumfassenden
Harmonie des himmlischen Lebens, zurückbleiben muß. So stumpf daher
die Wiedergabe auch sein mag, — mit dieser Einschränkung
entspricht mein Bericht der vollen Wahrheit. Wer versuchen wollte, ihn aus
seiner für die Erdenmenschen bestimmten Sprache ins Spirituelle
zurück zu übersetzen, möge sich einen Rat zu eigen machen, der
ihm einen guten Teil seiner Schwierigkeiten zu lösen helfen wird.
Der
Tod bringt eine Veränderung, jedoch eben nur diese eine! Im
physischen Auflösungsprozeß ändert sich die Materie, Du selbst
änderst dich nicht! Von der Bühne deines Lebens tritt eine Welt ab,
um von einer anderen abgelöst zu werden und der Kulissenwechsel geschieht —
im Augenblick
des Todes — in Sekundenschnelle. Die Materie
löst sich für dich auf, um fortan nur noch als unsteter Schatten zu
bestehen, den man aufsuchen muß, um ihn zu bemerken. Ebenso
plötzlich nimmt eine andere, bisher visionäre Welt für dich
greifbare Gestalt an; sie ist von ewiger Dauer und Gültigkeit, sie ruht in
der Unendlichkeit. Ihre Einwohner sind durch die Pforte der Unsterblichkeit
gegangen. Bedenke dies, lieber Leser, wenn du die folgenden Zeilen liest. Dann
wirst du auch verstehen, warum ich nicht gezögert habe, eine Sprache zu
gebrauchen, die am ehesten geeignet ist, dir klarzumachen, daß die
Umgebung, in der ich mich bewege, für mich genauso greifbar und wirklich
ist, wie die Erde zur Zeit für dich!
Vielleicht
kann noch eine andere Überlegung den Verdacht widerlegen, ich ließe
bei der Beschreibung spiritueller Entstehungen meiner Phantasie freien Raum: es
ist bekannt, daß sich Ausschweifungen und Laster der Eltern,
Unglücksfälle und hundert andere vorgeburtliche Einflüsse zum
körperlichen und geistigen Schaden eines Kindes auswirken können.
Warum also sollte es unwahrscheinlich sein, daß die Seele ähnlichen
Mißbildungen unterworfen ist, wenn ihr während des Erdenlebens eine
Art geistiger Zwangsjacke angelegt wurde, wenn sie in Irrtum oder
Anmaßung befangen war? Ob mein ungläubiger Leser sich von solchen
Argumenten überzeugen läßt oder nicht —
es ändert
nichts an den Tatsachen und dem ihnen zugrunde liegenden Gesetz, das er eines
Tages selber erkennen wird. Wohlgemerkt: die aus eigener Sünde an der
Seele entstehenden Krankheiten können nur durch langsame und schmerzvolle
Prozesse ausgeheilt werden. Seelische Gebrechen, die ohne eigene Schuld durch
die Sünde anderer oder die Gewalt der Umstände entstanden, werden
dagegen durch Maßnahmen, wie sie in diesem Kapitel geschildert sind,
schnell geheilt werden.
Aber
nun zurück in die Arena.
Ich
hatte jede Bewegung des Assyrers verfolgt, und zuerst schien es, als sei alle
seine Mühe vergebens. Die Patientin schien kaum noch einen Funken Leben in
sich zu haben und ich dachte für einen Augenblick —
vergessend,
daß es einen Tod ja nicht mehr gab — es wäre besser, dieses
erbarmungswürdig verstümmelte Wesen in Frieden entschlafen zu lassen.
Bald stellten sich jedoch Anzeichen ein, daß die junge Frau sehr wohl
fühlte, was mit ihr vorging. Mit zarterer Sorgfalt, als sie eine Mutter
für ihr Kind üben könnte, lösten und beseitigten die
Hände des Assyrers Fessel auf Fessel. Als die letzte gefallen war, wurde
der Erfolg offensichtlich: die Patientin dehnte und streckte sich im
Gefühl der Freiheit und fiel schließlich, wohlig gebettet, in den
tiefen Schlaf des Wiedergesundens. Es war, als wenn ein Mensch aus einem
furchtbaren Alptraum erwacht und, fühlend, daß der Schrecken
gebrochen ist, erleichtert wieder in die Kissen zurückfällt, ohne das
volle Wachbewußtsein erlangt zu haben.
Siamedes, der jede Bewegung der jungen Frau mit gespannter
Aufmerksamkeit und tiefster Anteilnahme verfolgt hatte, richtete sich nun auf,
um sich dem nächsten Patienten zuzuwenden.
Ich
bat meinen Nachbarn um eine Erklärung des Geschehens.
„Ich
glaube gern“, war die Antwort, „daß all dieses dich mit
ungläubigem Staunen erfüllt. Es muß notwendig so sein, bis dir
die Gesetze vertraut sind, von denen unser Leben hier regiert wird, bis du
erkannt hast, ein wie genaues Abbild des Lebens es ist, das du hinter dir
gelassen hast. Heuchelei und Scheinheiligkeit sind Masken, die vom Menschen
abfallen, wenn er die Nebelwand passiert. Übrig bleibt der wirkliche
Mensch — ob niedrig oder edel —
um zu erkennen
und von allen anderen erkannt zu werden. In dieser Welt gibt es keine Mittel,
das Brandmal der Sünde zu verbergen, gleich, ob es durch eigene Schuld
oder die eines Anderen entstanden ist. Alles wird sichtbar.
Für
die geübten Augen von Siamedes, Cushna und tausenden anderer Helfer ist der wirklich
Schuldige oder die Ursache jeder seelischen Mißbildung auf den ersten
Blick erkennbar, und kraft eines unerbittlichen Gesetzes, vor dem es kein
Ausweichen gibt, fällt die Strafe für jeden Irrtum und jede
Sünde auf ihren Urheber. Der gerechte Ausgleich vollzieht sich für
alles, was im Fleische begangen wurde. Es ist ein trauriger Irrtum, zu meinen,
daß im Tode alle Menschen gleich sind, daß dies ein neues Leben
sei, in dem alle Vergangenheit durch den Tod ausgelöscht ist. Alles Leben
ist nur eine Fortsetzung dessen, was vorher war. Wer in dieses Leben tritt,
beginnt nur ein neues Kapitel — das Buch, und was in ihm
bisher geschah, bleiben dasselbe.
In
den neuen Kapiteln aber müssen die Fehler und Irrtümer der
vergangenen berichtigt, muß schuldig Gebliebenes nachgeholt werden. Der
Mensch wird auf der Waage Gottes gewogen, und gegen seinen Spruch gibt es kein
Mittel außer der Reue. Du wirst keine Bestechung oder Begünstigung
hier finden und keine Täuschung. Jeder Mensch erscheint so, wie er
wirklich ist.
Die
Patienten dort unten waren auf der Erde das Opfer geistiger Vergewaltigung.
Wären sie gleichgültig oder blindgläubige kleine Seelen gewesen,
es hätte kein Anlaß bestanden, sie zu fesseln. Sie ahnten und
suchten wohl die ewige Wahrheit Gottes, waren aber zu schwach, sich den
Kräften zu widersetzen, die keinen geistigen Widerstand dulden wollten, weil
er ihnen gefährlich werden konnte. Geistig geknebelt und gefesselt,
unterdrückt von fremdem Willen, haben diese Menschen ihr Leben lang gegen
die Übermacht der Umstände gekämpft. Während ihre Seele
danach verlangte, den Willen Gottes zu tun, wurde ihr Geist durch engstirnige
Regeln eingeengt. Oder ihr Körper und Intellekt wurden gezwungen, sich
für ein materielles Ziel abzurackern. Mannigfache Gaben und
Möglichkeiten, ja ganze Leben wurden vergeudet. Für all das werden
die Verantwortlichen gerichtet.
Während
jeder Schuld die gerechte Sühne folgt, findet das Übermaß an
Pein, das die Opfer ertragen haben, seinen gerechten Ausgleich. Mit der
Sühne haben wir hier nichts zu tun; das allumfassende Gesetz dieses Lebens
sorgt von selber dafür, daß jede Seele erntet, was sie einst
gesät hat. Wir sind hierher gekommen, um Anteil zu nehmen an der
Erlösung der Opfer, die nach dem gleichen Gesetz unverzüglich von
ihren Fesseln befreit werden müssen. Wir helfen dabei, diesen Seelen
wieder Lebenskraft zu geben, damit sie die volle Entfaltung erlangen, an der
sie auf Erden gehindert wurden, so sehr sie auch danach strebten.“
„Es
muß in diesem System der durch Gesetz verbürgten Gerechtigkeit doch
aber auch die Gnade und Barmherzigkeit geben?“ fragte ich.
„Jede
Eigenschaft Gottes hat das ihm zugewiesene Wirkungsfeld“, war die
Antwort. „Sie kann und darf nur auf dem Gebiet wirken, für das unser
Vater sie vorgesehen hat. Nimm einmal an, daß Gnade in einem einzigen
Fall vor Gerechtigkeit gehen würde — die Folge wäre eine Ungerechtigkeit
gegenüber denen, die unter den Missetaten des Sünders zu leiden
hatten, sofern ihnen nicht gleichzeitig Gnade zuteil werden kann; da jeder nach
dem gleichen Grundsatz behandelt werden muß, würde es
schließlich nur noch die Gnade geben, und jede gerechte Sühne
würde unmöglich. Das Gesetz wäre gebrochen und die Sünde
könnte sich ungehemmt und frei von Furcht austoben. In seiner unendlichen
Weisheit hat Gott deshalb Gesetze geschaffen, die der menschlichen Natur und ihrer
Entwicklung entsprechen, ohne daß der Schatten eines Fehlurteils
möglich ist.“
„Auf
der Erde gibt es die Gnade. Der Mensch, der immer neue Schicksalsprobleme
gestellt bekommt und sich selbst das größte Rätsel ist, bedarf
ihrer. Wie oft wäre wohl das Menschengeschlecht schon von der Erde
vertilgt worden, wenn für jede Übertretung ein unerbittliches Gesetz
gewaltet hätte! Nein — göttlich vollkommene
Gerechtigkeit kann nicht auf eine so unvollkommene grobe Form der Existenz
angewendet werden; wer auch könnte auf Erden von sich behaupten, daß
er sie ertrüge? Ist nicht vielmehr das Fernbleiben der göttlichen
Gerechtigkeit von der Erde so offensichtlich, daß es oft genug als
„Beweis“ für die angebliche Nichtexistenz Gottes herhalten
muß? „Das Recht ist die Macht“ —
dieser Spruch
ist im Laufe der Zeiten zum Leitsatz des menschlichen Lebens geworden. Die
Besitzenden werden erhöht, die Armen erniedrigt und verfolgt. ‚Ist
das gerecht?‘ wirst du mich fragen, und ich antworte dir: Nein und
tausendmal nein! Aber selbst das größte Unrecht des Menschen kann
Gott nicht dazu bringen, seine Wege zu ändern und seine Gnade auf Erden
durch himmlisches Recht zu ersetzen.“
„Gott
gibt jedem von uns die Zeit, sich seiner Gnade durch tätiges Leben
würdig zu erweisen, sich zu reinigen, bevor er zur Verantwortung gezogen
wird. Wenn aber der Mensch seinen Körper verläßt, geht er
gleichzeitig aus dem Reich der Gnade über in das Reich der Gerechtigkeit.
Die Nebelwände bilden die Grenze zwischen den beiden, den Gerichtshof,
durch den jede Seele hindurchmuß. Die Gnade kann sie über diese
Schwelle nicht begleiten, und jeder steht allein, sein eigener Zeuge und sein
eigener Richter. Die Taten seines Erdenlebens sprechen das Urteil, gegen das es
keine Berufung gibt.“
„Aber
die Vergebung der Sünden, wie steht es damit?«, fragte ich.
„Das
kommt später. Die Bestrafung erfolgt für Sünden, die wir an
unseren Mitmenschen begangen haben; sie müssen gesühnt werden und
werden niemals vergeben. Niemand, nicht einmal Gott, hat die Macht, andere
Sünden zu vergeben als jene, die gegen ihn selbst gerichtet waren; das
wäre gegen sein eigenes Gesetz. Erst wenn die Strafe für die
Sünden am Nächsten rechtmäßig verbüßt ist, hat
die bereuende Seele die Kraft, Gott um Vergebung ihrer Sünden gegen IHN zu
bitten, und sie wird immer gern gewährt. Aber es ist nötig, daß
der Sünder erst seinen Bruder versöhnt, denn nur wer reinen Herzens
ist, kann in die Nähe Gottes aufsteigen, wo Christus seine endgültige
Erlösung vollzieht.“
Das
war die Lösung des Problems, das mich so oft beschäftigt hatte! Ich
wußte, daß mein Lehrer nicht seine eigene Meinung vortrug, sondern
die Wahrheit sprach, wenn sie auch noch so sehr von allem abwich, was ich auf
Erden gehört hatte. Wieder stieg aus der Tiefe meiner Seele der Wunsch
auf, einen Weg zu finden, durch den ich die Erde erreichen und meinen blinden
und unwissenden Brüdern die Wahrheit verkünden könnte. Ich hatte
jedoch nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn mein Freund lenkte jetzt wieder
meine Aufmerksamkeit auf das Geschehen in der Arena.
Dort
waren inzwischen alle Patienten von den Fesseln befreit, die ihre Seele auf
Erden gebunden hatten. Man hatte die schwersten Fälle zuerst behandelt, um
dann die endgültige Heilung aller möglichst zum gleichen Zeitpunkt zu
erreichen. Gebannt verfolgte ich, wie sich die verkrüppelten Glieder der
Kranken unter dem Einfluß des sie umgebenden Farbschleiers dehnten und
entspannten, bis schließlich das ganze magnetische Spektrum aufgesogen
und lediglich noch um die Lagestätten herum sichtbar war. Jetzt lenkte der
Assyrer magnetische Strahlen von einzelnen seiner Helfer auf die Genesenden,
bis diese sich in andern Farbstrahlen brachen, die von den Liegenden
auszuströmen begannen. Ein Zeichen dafür, daß ihre Seelen zu
ihrer natürlichen Verfassung zurückgefunden hatten.
Wir
waren am Schluß der Zeremonie angelangt. Siamedes
löste mit einer Bewegung seines Armes die zu Blumen, Früchten und
Wimpeln geformten Farbgebilde zu allen Seiten der Arena und ließ sie wie
weiche Wolkenkissen über die Schlummernden streichen, wobei das Hin und
Her dieser Bewegung eine süße, unendlich sanfte Melodie erzeugte.
Schließlich verklang auch sie, und was an farbigen Schleiern verblieben
war, hob sich hinan, über unsere Köpfe. Unsere Patienten lagen in
tiefem Schlaf, aus dem sie bald zu einem neuen Leben geweckt werden sollten,
das ihnen bisher verschlossen war.
Ich
sann darüber nach, ob noch andere Kräfte in diesem Magnetismus
verborgen sein könnten, dessen Wirkung ich so deutlich vor Augen hatte.
Das offenbare Wunder, das an diesen verstümmelten Seelen vollbracht worden
war, regte in mir die Hoffnung, daß ich meinen Lehrer vorhin falsch
verstanden hatte. „Ist es denn nicht Gnade, die diesen Seelen erwiesen
worden ist?“ fragte ich ihn, auf die Schlafenden zeigend.
„Nenne
es Gerechtigkeit! Bisher waren sie die Opfer eines Unrechts, dem sie keinen
Widerstand entgegensetzen konnten. Wir hatten ihnen nur dabei zu helfen, die
Auswirkungen dieses Unrechts zu beenden und den ihnen zukommenden Zustand
wiederzufinden. Du darfst den Begriff „Recht“ nicht mehr mit den Maßstäben
der Erde messen. Bei uns ist Recht absolute Gerechtigkeit, die jeden,
auch den kleinsten Umstand mit in ihr Urteil einbezieht, ohne einen Schatten
der Unsicherheit oder Begünstigung.“
„Aber
könnte man nicht sagen: Gerechtigkeit, gemildert durch Gnade?“
„Nein!
Absolute Gerechtigkeit bedarf keiner Milderung. Du bist daran gewöhnt, bei
der Vorstellung von Rechtsprechung automatisch an Freiheitsentziehung zu
denken. Das ist auf der Erde so, nicht aber hier bei uns. Du mußt
verstehen lernen, daß es nur eine absolute Gerechtigkeit geben kann. Wenn
du auf irgend einer Seite Gnade hinzufügst, wird die Waage der
Gerechtigkeit nicht mehr stimmen und Unrecht die Folge sein.“
Ich
begriff, daß ich einen Denkfehler begangen und den Begriff „Recht
und Gerechtigkeit“ nach irdischen Vorstellungen ausgelegt hatte.
Das
Werk war getan. Siamedes streckte seine Hände
aus, um Gott zu danken, während alle auf die Knie niedersanken. Mit
ehrfürchtiger Miene hob der Assyrer den Strahlenkranz empor, der ihn
bisher umgeben hatte. Vibrierend und gleißend stieg der Strahlenmantel in
die Höhe, unserer aller Seelen wie mit tausend Glocken zum Lobe Gottes
füllend.
Noch
verharrte die Menge in tiefstem Schweigen; ich wußte, daß sie auf
den göttlichen Segen wartete, der die Schlafenden in die Wirklichkeit
dieses Lebens rufen würde, in das sie ohne Bewußtsein eingetreten
waren, der ihnen die Erkenntnis bringen würde, daß sie die
große Schwelle überschritten hatten und aller Fesseln und Knebel
ledig waren. Dieses Erwachen mußte eine noch größere
Offenbarung für sie sein, als das meine für mich! Welch eine
Veränderung hatte ihre Seele durchgemacht, seit sich der Tod auf Erden
ihnen nahte! Wie würden sie es aufnehmen —
wie begreifen —
daß alles
Wirklichkeit war und kein eitler Traum?
Die
Antwort auf diese Frage sollte nicht lange ausbleiben. Plötzlich schien
sich das Firmament zu öffnen: von jenem Lichtbogen im Zenith des
großen Weges, auf dessen halber Höhe ich selbst vor kurzer Zeit
gestanden hatte, bahnte ein Strahl göttlichen Glanzes sich seinen Weg zu
uns und tauchte das riesige Rund in goldene Fülle. Doch das war erst der
Anfang. Ich traute meinen Augen nicht, als ich auf diesem Strahl einen im
gleißenden Licht schimmernden Triumphwagen herniederfliegen sah. In
Sekundenschnelle war das prächtige Gefährt in unserer Mitte und,
nachdem ihm ein Insasse entstiegen war, verschwand es sogleich wieder auf
demselben Wege.
Der
Fremde war ein junger Mann, fast noch ein Jüngling, von anmutiger und
edler Erscheinung, und, besonders auffallend, vereinigte er in seinem Aussehen
die Unschuld eines Kindes mit der Weisheit des hohen Alters. Ich liebte ihn als
meinen Bruder im Augenblick, da ich ihn sah. Er flößte mir Vertrauen
ein, er bannte jeden Gedanken der Furcht, doch gleichzeitig auch den des Hochmuts
und der Überheblichkeit. Stärke und Sanftmut schienen in vollendeter
Weise in ihm vereinigt, kurz, alle Eigenschaften, die sich ein Mann bei einem
Freunde wünscht. Seine Augen strahlten von Liebe und Güte. Er war ein
König, aber sein Königtum bestand darin, zu dienen und den Schwachen
zu helfen.
Für einen Augenblick hielt er inne, um den Gruß der anderen zu
erwidern, dann schritt er zur Ausübung seines Amtes —
die Schlafenden
in den Tag zu erwecken, der keinen Abend kennt.
Behutsam
beugte er sich über jeder der neugeborenen Seelen, löste das Band des
letzten Schlummers und, wenn sie erstaunt die Augen öffneten, hob er sie
in herzlicher Umarmung auf die Füße, um sie willkommen zu
heißen im neuen Leben.
Nochmals
erhob sich die Menge im Rund, um eine Hymne zu singen —
ein
„Willkommen daheim“, das von den dankbaren Herzen inbrünstig
erwidert wurde.
Als
sich die Besucher zu zerstreuen begannen, blieb der Fremde mit dem Assyrer in
der Halle zurück. „Wer ist es?“ fragte ich meinen Begleiter.
„MYHANENE
!“
* * *
Das
Amphitheater war beinahe leer. Die ehemaligen Patienten empfingen, noch immer
etwas verwirrt, die Glückwünsche alter Freunde, während Myhanene, Siamedes und Cushna allein im Gespräch zurückblieben. Nur mich
hielt es noch auf meinem Sitz zurück. In meiner Brust regte sich ein
Wunsch, den ich meinem Begleiter nicht einmal anzudeuten wagte, wiewohl keine
Absicht dahinter war. Kein Widerstand war möglich gegen diesen Wunsch und
nichts anderes schien mir wichtig in diesem Augenblick. Es war wie eine
Flutwelle, doch im doppelten Sinne, sie ging zurück, ebbte ab, wurde
kleiner und kleiner, bis ich schließlich entmutigt aufstand, um zu gehen.
In diesem Augenblick schoß ein Lichtstrahl zu uns herüber, und mein
Begleiter sagte:
„Myhanene würde gerne mit dir sprechen.“
Meine
Hoffnung, mein sehnlichster Wunsch, wurde nun doch noch erfüllt!
Ich eilte auf ihn zu, so schnell es eben ging. Er kam mir entgegen, legte
seinen Arm um meine Schultern und sagte nur zwei Worte: „Mein
Bruder!“ Mehr hätte ich in diesem Augenblick nicht aufnehmen
können; es sagte alles und bedeutete mir mehr als tausend Worte zugleich.
Den Arm liebevoll in den meinen gelegt führte er mich zurück zu Cushna und dem Assyrer.
Worte
sind auch dem Menschen auf der Erde gegeben, aber er spricht sie mit einem
scharfen, metallischen Klang. Welche Tonfülle, welche Musik Worte sein
können, erfuhr ich erst hier und jetzt. Myhanenes
Worte waren gleich einem Akkord, den man niemals wieder vergißt. Sie
sanken hinab in meine Seele wie ein Bleilot auf den Meeresgrund, erst einen
bleibenden Grundklang anstimmend, dann eine glockenreine Melodie, etwas nie
zuvor Gehörtes, dessen Echo das uferlose Meer der Unendlichkeit mit
Harmonie zu füllen schien. Myhanene schwieg, als
lausche er selbst diesem Echo, ich aber war überwältigt. Welche
Höhen, welche Wonnen mußte es noch geben, wenn nur zwei Worte solche
Wirkung haben konnten!
Selbst
wenn ich in diesem Augenblick hätte sprechen können, ich hätte
es nicht gewagt, um nicht den Nachhall seiner Stimme zu zerstören. Noch
heute kann ich dieses Erlebnis nur in seiner äußeren Erscheinung
begreifen; es ganz zu erfassen wird eine Aufgabe der Ewigkeit sein. Und bis zum
heutigen Tage klingt das Echo dieser Stimme in meinem Innersten nach, ist der
Grundton zu aller Freude und wird es bleiben, bis ich die noch
süßere Musik SEINER Stimme ertragen kann.
Der
Assyrer riß mich aus meinen Gedanken und fragte, ob mir der Choral
gefallen habe.
„Ich
bin kaum fähig, mich auch nur über das Geringste vernünftig zu
äußern“, meinte ich zaghaft. „Ich bin wie verstrickt in
ein Netz von unfaßlichen Dingen, das es mir unmöglich macht, Worte
für meine Gedanken und Gefühle zu finden.“
„Glücklicherweise
erwartet man von dir auch gar nicht, daß du alles, was du siehst, sofort
verstehen und einordnen kannst. Du wirst diese Fähigkeit aber im Laufe der
Zeit erlangen. Unsere Zeremonie ist ein Beispiel dafür, welche Methoden
wir anwenden, um auf Erden geschehenes Unrecht wieder gutzumachen und
diejenigen zu belohnen, die im Fleische versucht haben, ihre Pflicht zu tun,
auch wenn ihnen kein Erfolg beschieden war.“
„Die
Pflicht wäre leicht zu erfüllen“, antwortete ich, „wenn
die Menschen in einer Kampfpause des Lebens nur einmal einen kurzen Blick auf
das Nachher tun könnten. Aber ich möchte noch gern wissen, ob man in
diesem Leben immer eine so sichtbare Antwort auf sein Gebet erhält wie
jene Wolke, die vorhin nach der Anrufung auf Euch niederkam?“
„Mein
lieber Bruder!“ — es war Myhanene,
der jetzt sprach, — „kein inbrünstiges Gebet,
weder hier noch auf Erden, dürfte ohne bestimmte und sichtbare Antwort
bleiben. Wenn du früher deinen Vater oder einen Freund um etwas batest,
erwartetest du dann nicht auch eine Antwort?“
„Sicherlich,
von unseren Mitmenschen; aber in diesem Fall waren wir ja sozusagen auf
gleicher Ebene. Von Gott aber, als geistigem Wesen, haben wir auch immer nur
eine Antwort in geistiger Hinsicht erwartet.“
„Du
vergißt, daß deine Bitte sich vermutlich auf dich selbst bezog. Da
du selbst Materie warst, mußte die Antwort auch notwendigerweise
materiell sein! Wenn du zum Beispiel für Nahrung gebetet hast, um vom
Hunger bedrohten Menschen zu helfen, mußte die Antwort nicht in Form von
Brot kommen, statt in geistiger Nahrung für die Seele?“
„Durchaus,
und Gott würde das Gebet beantwortet haben, indem er in die Herzen seiner
Menschen den Gedanken senkte, zum Kauf solcher Nahrung praktisch
beizutragen.“
„Glaubst
du, es gereicht Gott zur Ehre, wenn wir jene seine Menschen nennen, die
erst an eine einfache Tat der Menschlichkeit denken, wenn er sie dazu bringt?
Hätte nicht die Nächstenliebe sie von selbst dazu bringen
sollen?“
„Das
gebe ich gern zu; doch‘ da jede Gabe von IHM kommt, würde ich auch
ein solches Resultat als Antwort auf meine Bitte auffassen.“
„Aber
du hast keinen schlüssigen Beweis dafür, daß dein Gebet
höher gestiegen ist, als die Decke des Raumes, in dem es gesprochen wurde.
Was du als Antwort Gottes ansiehst, war weiter nichts als ein Akt der
Nächstenliebe anderer Menschen. Die Juden wären ohne eine mündliche
und unzweideutige Antwort nicht zufrieden gewesen?“
„Das
war zu biblischen Zeiten, aber man muß doch berücksichtigen,
daß solche Dinge seit langem nicht mehr geschehen, ihre Wiedererweckung
würde als unnatürlich und den heutigen Wegen Gottes widerstrebend
angesehen.“
„Dort
liegt dein Irrtum! Sage lieber, sie geschehen nicht mehr, weil
unnatürliche und irrige Lehren die Oberhand gewonnen haben. Gott ist
derselbe gestern, heute und in Ewigkeit, und solange das so ist, ist „das
was war, auch das was sein wird“. Es müßte Aufgabe der Kirche
zu allen Zeiten sein, diese Wahrheit klar darzutun, zu zeigen, daß die
überlieferten Dinge der Vergangenheit wahr sein müssen, weil sie in
entsprechender Weise auch heute geschehen können. Das folgt einfach
daraus, daß es IHN gibt und daß ER unwandelbar ist. Seine Werke
gelten nicht für ein bestimmtes Volk, eine Zeit, oder einen besonderen
Ort, sondern — wie ER selbst —
für alle
und für immerdar. Jede andere Auslegung ist falsch und unlogisch.“
„Aber
besteht noch die Notwendigkeit für so sichtbare Zeichen, seitdem durch
Jesus die vollkommene Offenbarung erfolgt ist? Bitte versteht meine Frage nicht
falsch; ich frage nur, um die Wahrheit zu erfahren, wie ihr sie aus eurer
unendlich größeren Sicht und Erfahrung kennt.“
„Frage
nur immer frisch drauf los. Wir freuen uns, wenn wir Irrtümer beseitigen
und auf Irrtümer aufmerksam machen können. Dagegen steht es uns nicht
an, über die Notwendigkeit sichtbarer Zeichen auf Erden zu urteilen. Es
genügt zu wissen, daß sie einstmals von Gott versprochen wurden und
dieses Versprechen niemals widerrufen worden ist. In der Offenbarung Jesu —
die Frage ihrer
Vollständigkeit wollen wir im Augenblick dahingestellt sein lassen —
waren sichtbare
Zeichen ein wichtiges Mittel, dessen er sich zur Bestätigung seiner
Mission bediente. Er verkündete auch, daß denjenigen, die ihm im
Glauben folgen, ähnliche Zeichen zuteil werden würden —
ein Versprechen,
das in der frühen Geschichte der Kirche eingelöst wurde. Daraus
folgt, daß solche sichtbaren Beweise von der Existenz Gottes in Seinem
Wesen und Wirken einbegriffen sind, und daß sie es auch heute sein
sollten.“
„Worin
liegt nun nach Eurer Ansicht die Wurzel aller Irrtümer und
Mißverständnisse, denen wir unterliegen?“
„Sie
haben verschiedene Ursachen. Vor allem, daß der Bibel eine falsche Rolle
zugewiesen wird, wenn man unterstellt, daß sie das Wort Gottes
ist, also eine vollendete und vollständige Offenbarung, statt sie als das
zu nehmen, was sie ist: das Wort Gottes an ein ganz bestimmtes Volk, zur geistigen
Führung unter ganz bestimmten Gegebenheiten, und damit nur ein Fragment
jener Offenbarung, die in uralten Zeiten begann und bis zum jüngsten Tag
fortgesetzt werden wird.
Jesus
schrieb kein Gesetz für seine Jünger, noch beauftragte er jemanden,
es für ihn zu tun, nachdem er gegangen war. Sein Auftrag war, zu predigen,
und das auch nur unter den Eingebungen des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist
also hatte nach seinem Willen die Offenbarung fortzusetzen bis zum Ende aller
Tage.
Eine
andere Quelle des Irrtums ist, daß die Bibel durch immer neue Auslegungen
zur Lösung all jener Probleme herangezogen wurde, die im Laufe der
Jahrhunderte durch den technischen und intellektuellen Fortschritt auftraten.
Was in dem einen Jahrhundert gilt, kann in den nächsten längst
überholt, ja falsch sein. Das verzweifelte Bemühen, die
Autorität der Bibel ohne Ausnahme aufrecht zu erhalten und den Text den
jeweiligen Lebensbedingungen entsprechend auszulegen, hat zu zahllosen
Spaltungen und Sektenbildungen geführt, deren jede den Irrtum auf ihre
eigene Weise austrieb — meist dadurch, daß einer
Bibelstelle weit mehr Bedeutung zugemessen wurde, als ihr zukam, und ohne
Beziehung zu vielen anderen Stellen, die man hätte genau entgegengesetzt
auslegen können. Zahllose enge Dogmen haben sich allmählich immer
weiter verbreitet und unvermeidlich zu der Irrlehre geführt, daß
Prophetie und göttliche Zeichen der Vergangenheit angehören. Hinzu
kam, daß die Kirche auf Grund ihrer Überlieferung und Autorität
das lebendige Wort Gottes und seine Mysterien für eigene Machtzwecke
mißbrauchte. So mußten Irrtum und Ratlosigkeit die unvermeidliche
Folge sein.“
„Selbst,
wenn wir dies als richtig annehmen und auch nicht die Möglichkeit leugnen,
daß es tatsächlich Priester gibt, die durch Verhüllung eines
Teils der Wahrheit oder Fälschung aus eigennützigen Motiven Irrtum
verbreiten, so werdet ihr doch nicht leugnen wollen, daß es viele
aufrichtige Menschen gibt, die nach der Wahrheit und dem Trost des Herrn
suchen. Wie ist es zu erklären, daß auch ihnen sichtbare Zeichen der
Allgegenwart Gottes vorenthalten werden?“
„Niemals
war Gott ohne Zeugen. Gläubige Wächter im Tempel hielten stets das
Licht der Offenbarung brennend und die gottgesandte Weisung lebendig. Die
Geschichte zeugt von solchen Beispielen, wo einzelne Menschen unter
großen Opfern die Offenbarung hochhielten, von der die Kirche abgefallen
war. Ihre Erfahrungen drückten nichts als die gleiche Wahrheit aus, die
ich dir hier erkläre. Diese Menschen dachten selbständig und suchten,
wenn ihnen ein Blick in das Reich Gottes gewährt wurde, nicht gleich
angstvoll nach einer Bestätigung durch einen Fachgelehrten. Sie
öffneten sich einfach der Stimme ihrer Seele: ‚Sprich Herr, Dein
Knecht höret!‘ Ohne daß sie sich dazu der Hilfe eines
Priesters bedienten, wuchsen sie zur Gemeinschaft der Heiligen auf, die keines
Mittlers bedarf.“
„Du
weißt selbst“, fuhr Myhanene fort,
„was die große Masse auf Erden von solchen Menschen denkt. Man
hält sie für hysterische, abergläubische oder nicht ernst zu
nehmende Leute, die man allenfalls, ein wenig bemitleidet. Oder noch weit
schlimmer, man bezichtigt sie, den Täuschungen des Satans zu unterliegen.
Die Kirche hält sich gewöhnlich streng von ihnen fern und feuert
Warnschüsse aus der festen Bastion ihrer Tradition. Wenn aber Tradition
das lebendige Wort Gottes überdeckt, ist es dann ein Wunder, daß die
Tage biblischer Gottesgegenwart vorbei sind und die Menschen jeden Gedanken
daran ungläubig belächeln?“
„Soll
man denn das Wort vom ‚Glauben, der Berge versetzt‘ etwa
wörtlich nehmen?“
„Es
gibt materielle, seelische und geistige Berge“, antwortete mein Mentor,
„und die beiden letzteren sind ebenso schwer zu bewegen wie der erstere,
vielleicht sogar schwerer. In allen Fällen bedarf es der Hilfe Gottes,
doch mit ihr ist jedes Ding möglich. Auch bei der Heilung unserer
Patienten vorhin haben wir ‚Berge versetzt‘. Wie das möglich
wat? Nicht durch untätiges Zuschauen, sondern weil alle Anwesenden ihr
Äußerstes gaben. Siamedes erbat erst den
Segen Gottes, als alle eigenen Kräfte restlos ausgegeben waren und er
wußte, daß er von sich aus nicht mehr tun konnte. Jetzt aber auch
erst jetzt — mußte die Hilfe Gottes kommen, gerufen von
seinem tiefen Glauben und dem der tausendköpfigen Menge. Von solcher Macht
angezogen, konnte Gott nicht zögern. So sollte und könnte es
auf der Erde sein, aber stattdessen bringt man den Leidenden oft noch
ärgere Wunden bei.“
„Es
besteht doch wohl auf Erden kaum Gelegenheit, solches zu tun, wie ich es eben
sah, selbst wenn die Menschen die Kraft dazu hätten“, wagte ich
einzuwenden.
„Gott
ist viel zu gerecht und weise“, antwortete Myhanene,
„um von irgend einem Menschen etwas Unmögliches zu verlangen. Wenn
die Menschen doch wenigstens mit der Kraft und Hilfe ihres Glaubens das zu
vollbringen suchten, was im Bereich ihrer irdischen Fähigkeiten liegt!
Nichts dergleichen! Sie haben vergessen, daß sie zu Mithelfern Gottes
bestimmt waren, wie es hier soeben demonstriert worden ist, und wurden in dem
Glauben bestärkt, daß es genügt, die Hände fromm in den Schoß
zu legen und Gott alles zu überlassen. Wenn Gott etwas für die
Menschen tut, dann immer nur zusammen mit den Menschen! Es steht gewiß
nicht in Gottes Gesetz, daß der Herr die Arbeit tut und der Diener nur
Wünsche und Befehle auszusprechen habe!“
„Wenn
du Gott bittest, den Bau deines Hauses zu segnen und zu fördern, kannst du
sicher sein, daß er damit warten wird, bis du selber zunächst die
Fundamente gelegt hast. Auf Erden scheint man meist zu glauben, man brauche
Gott nur seine Wünsche mitzuteilen und könne dann auf die
Ausführung warten. Wenn aber Gott selber eingreift, dann spürt man es
nicht und vereitelt seine Pläne. Nehmen wir an, Gott wird angerufen, um
einer durch die Zeitereignisse mittel- und obdachlos gewordenen Gruppe Unglücklicher
zu helfen. Da es in diesem Reich weder Geld noch Gold gibt, kann das nur durch
eine Fügung Gottes geschehen, die sich auf der Erde in einer ganz
bestimmten Hinsicht wirtschaftlich auswirkt —
also etwa durch
einen ganz unerwarteten Geschäftsgewinn, eine ebenso unerwartete Erbschaft
oder einen anderen ‚Glückszufall‘. Was wird geschehen? Der
Auserwählte, dem plötzlich 100 000 Mark oder mehr in den Schoß
fallen, wird von seinen Mitmenschen als ‚Glückspilz‘ oder ‚geschickter
Geschäftsmann‘ beglückwünscht, das Geld wird gewinnbringend
angelegt und der Ausersehene hält sich für einen klugen Mann. Sollte
er aber doch noch an die Hilfsbedürftigen denken, so wird er nach einiger
Überlegung vielleicht 100 Mark spenden.“
Myhanene war noch nicht zu Ende.
„Vielleicht
hältst du dieses Beispiel nicht für beweiskräftig; laß uns
also noch ein anderes nehmen: Gott beschließt, daß das Geld direkt
an die Bedürftigen gelangen soll und beauftragt deshalb einen Abgesandten
aus dem Jenseits, es in eigener Person zu überbringen. Würde dieser
Bote — nach dem Spender befragt —
die Wahrheit
sagen, so würde es gewiß nicht lange dauern, bis man ihn der
Gotteslästerung beschuldigt, an den Pranger gestellt oder für
verrückt erklärt hätte. Du siehst also, daß Gott nicht
direkt eingreifen und sich einer Masse zu erkennen geben kann, die
überzeugt zu sein scheint, daß die Zeit der ‚Zeichen und
Wunder‘ endgültig vorbei ist.“
„Ich
muß zugeben, das ist nur allzu wahr“, meinte ich nachdenklich.
„Aber nachdem sich diese Überzeugung in Jahrhunderten menschlichen
Irrtums gebildet hat, taucht die Frage auf, wieweit der Einzelne dafür
verantwortlich gemacht werden kann.“
„Sei
ohne Sorge, auch der geringste Einfluß, ob gut oder böse, der auf
einen Menschen ohne dessen Zutun eingewirkt hat, wird bei dem Urteil in den
Nebelwänden voll berücksichtigt. Niemand aber entgeht der
Verantwortung für den Gebrauch des eigenen Verstandes, mit dem die Natur
ihn ausgestattet hat. Wenn jemand auf Erden behauptet, er glaube an den Gott,
von dem es heißt, er belohne einen jeden nach seinen Werken, so erwartet
das himmlische Gericht von ihm, daß er sich danach verhalten hat,
daß also sein Glaube nicht nur ein Bekenntnis ohne Taten war. Wer sagt,
daß er glaubt, ohne entsprechend zu handeln, muß die Folgen tragen.
Wohl aber dem, von dem es heißen wird —
er hat getan was
in seinen Kräften stand — !
Jetzt
wirst du auch begreifen, warum die äußere Form eines Bekenntnisses
nicht mehr zählt, sobald ein Mensch vor das himmlische Gericht tritt.
Niemals wird eine Seele danach gefragt werden. Umsomehr aber wird sie danach
bemessen werden, ob ihr Bekenntnis zu Gott sich in Liebe und guten Werken an
ihren Mitmenschen gespiegelt hat oder nicht. Siamedes
und Cushna werden dir an einigen Beispielen das
Wirken des Gerichts zeigen. Und später will ich dich selbst zu einigen der
‚Häuser des Friedens‘ führen. Bis dahin —
möge des
Vaters reicher Segen mit dir und deinem Bemühen sein, die Wahrheit zu
erfahren! Friede sei mit dir!“
Wir
hatten die Außenseite des Forums erreicht und Myhanene
verließ uns, nachdem er jeden gesegnet hatte. Auch der Assyrer nahm
Abschied von uns, nachdem er Cushna und mich gebeten
hatte, ihn daheim zu besuchen. Myhanenes Worte hatten
mein Wissen erheblich erweitert. Er hatte mit größter
Selbstverständlichkeit von einem unerbittlich strengen Gericht gesprochen.
Ich wäre wohl sehr niedergeschlagen gewesen, hätten mir nicht alle
seine Worte ein Tor der Hoffnung gezeigt. Das Tor war noch immer angelehnt,
bereit, geöffnet zu werden!
* * *
Aus
Hoffnung erwächst Zuversicht
Als
ich mit Cushna allein war, wurde ich erst gewahr,
daß sich die riesige Zuschauermenge innerhalb kürzester Zeit ohne
das geringste Aufheben in alle Richtungen zerstreut hatte. Auf Erden hätte
es Gedränge gegeben, Hast und laute Worte, herkömmliche
Begrüßungen und vieles andere. Auf keinen Fall wären die drei
Hauptpersonen einer Veranstaltung nach deren Abschluß ungestört
geblieben. Hier aber hatte Myhanene, der Assyrer und Cushna eine Unterhaltung über die tiefsten Dinge mit
mir führen können, ohne auch nur eine Sekunde lang abgelenkt zu
werden. Als wir schließlich die Arena verließen, lag sie leer und
in völliger Stille da, als wäre sie nie bevölkert gewesen.
Cushna wandte sich zu mir: „Ich möchte dich jetzt gerne
zu einer Schwester führen, um deren Wohl ich besonders besorgt bin. Du
wirst ihr Schicksal erfahren und viel daraus lernen können.“
„Dann
ist der Palast hier nicht dein Zuhause?“
„Keineswegs“,
antwortete Cushna, der sich anschickte, mich in eine
Richtung zu führen, die genau entgegengesetzt zu dem Wege lag, den wir
gekommen waren. „Mein Haus ist eine Stätte für Kinder, an deren
Betreuung ich meine größte Freude finde. Dies Gebäude hier ist
nur eine zeitweilige Ruhestation für solche Genesende, wie wir sie soeben
behandelt haben. Auch sie gehen von hier aus weiter.“
„Gehen
wir jetzt zu deinem Heim?“
„Nein,
mein Freund. Bevor du seine Eigenart und Aufgabe voll verstehen kannst,
mußt du noch viel lernen. Aber recht bald, hoffe ich, wirst du so weit
sein und dann wirst du auch den kleinen Burschen wieder sehen, mit dem du
zusammen durch die Nebelwände kamst.“
„Ist
er bei dir? Wie geht es ihm?“, rief ich überrascht.
„Sachte,
eines nach dem andern!“, sagte mein Begleiter lächelnd und schnitt
mit einer Handbewegung ein halbes Dutzend weiterer Fragen ab, die ich schon auf
der Zunge hatte. „Er ist bei mir, und es kann ihm gar nicht anders als
gut gehen.“
„Was
mögen seine Freunde und Verwandten über seinen Tod empfunden haben?
Ich habe gedacht …“
„Erst
einmal beruhige dich“, kam wieder eine Mahnung auf meine ungestüme
Frage. „Bedenke, daß in diesem Leben niemand nach der Uhr sieht.
Wir haben genügend Zeit, jede Frage einzeln zu stellen und einzeln zu
beantworten. Ich kann dir sagen, daß sein Hinscheiden keine große
Trauer ausgelöst hat. Er gehörte zu einer vielköpfigen Familie,
die hart um das tägliche Brot zu kämpfen hat. Nach dem ersten Schock
wurde er deshalb nicht mehr allzu schmerzlich vermißt.“
„Aber
woher weißt du das alles?“ fragte ich.
„Mit
dieser Frage betreten wir ein Gebiet, das wiederum neu für dich ist. Es
ist durchaus nicht schwierig für uns, etwas über einen
Neuankömmling in diesem Reich zu erfahren. Zwischen dem Kind und seinem
zurückgelassenen fleischlichen Körper besteht noch ein feiner Faden
der Verbindung. Wir brauchen ihm nur zu folgen, um an der Stätte seines
Erdendaseins Erkundigungen einzuziehen.“
„Wie
ist das möglich, Cushna?“, stieß ich
hervor, während mein Herz wild bei dem Gedanken zu klopfen begann,
daß mein sehnlichster Wunsch wirklich und wahrhaftig erfüllbar war!
Doch im nächsten Moment erschrak ich schon vor meiner eigenen
Kühnheit, verstummte und blickte scheu auf Cushna,
voller Sorge, ich könnte ihn mißverstanden haben. Mein Begleiter
ließ in keiner Weise erkennen, ob er meine Beklemmung bemerkt habe; im
Gegenteil spielte ein freundlich belustigtes Lächeln um seine Lippen, als
er jetzt ruhig antwortete:
„Wie
anders, glaubst du, könnte das wohl geschehen, als jemanden zu diesem
Zweck zur Erde zu entsenden?“
„Was“,
rief ich, „jemanden von hier?“
„Natürlich!
Glaubst du, ein Erdenbürger könnte uns zuverlässige Nachrichten
vermitteln?“
„Aber
ist so etwas denn wirklich möglich?“
„Warum
nicht?“, fragte Cushna in seiner schalkhaft
ruhigen Art zurück, statt mir eine direkte Antwort zu geben.
„Ich
weiß nicht, Cushna“, rief ich, „aber
ich werde zwischen Hoffnung und Zweifel hin- und hergeworfen. Sag mir, ist es
tatsächlich so oder nicht?“
„Es
ist ganz bestimmt so, mein Freund, so schwer begreiflich es auch für dich
sein mag. Myhanene sprach zu dir von einem
unwandelbaren Gott — und das bedeutet unwandelbare
Gemeinschaft mit IHM. Völker in biblischen und vorbiblischen Zeiten
erfreuten sich dieser Verbindung und sie muß notwendigerweise auch heute
noch bestehen.“
„Ich
bezweifle deine Worte nicht, doch was du mir sagst, geht weit über meine
Erwartungen hinaus, auch wenn ich es innerlich immer gehofft habe. Hilf mir
bitte und sage, ob du all dies aus eigener Erfahrung weißt?“
„Ja!
Und bei einer solchen Mission, zu der mich Myhanene
auf die Erde entsandte, sah ich auch zum ersten Mal die Schwester, die wir
jetzt besuchen werden.“
„Erzähl
mir bitte etwas mehr davon; das wird mir helfen, das fast Unfaßbare zu
begreifen!“
„Ein
Freund und Mithelfer, der noch auf Erden lebt, hatte an Myhanene
eine Bitte gerichtet und ich wurde mit der Antwort entsandt. Während
unseres Gesprächs, über das du noch Näheres erfahren wirst,
bemerkte ich ganz in der Nähe eine junge Frau, die ganz offensichtlich
dringend seelische Hilfe benötigte. Ich sprach sie an, doch sie konnte mich
nicht hören. Auch andere Mittel, mit denen ich ihre Aufmerksamkeit zu
erwecken suchte, waren fruchtlos. So beschrieb ich sie und ihren Zustand
unserem Freunde und erfuhr von ihm alles, was ich wissen mußte, um ihr
helfen zu können. Mit welchem Erfolg, wirst du nachher selbst
sehen.“
„Muß
ich daraus schließen, daß der fleischliche Tod einer ständigen
Verbindung zwischen Himmel und Erde überhaupt nicht im Wege steht?“
„Nein!
Mit einer solchen Annahme würdest du entschieden zu weit gehen! Aber
gleichzeitig sollst du wissen, daß die Schwierigkeiten einer solchen
Verbindung nicht unüberwindlich sind. Du hast gesehen, daß die
Grenzlinie zwischen den beiden Welten aus einer Nebelwand besteht. Mit ihr
hängen unsere Schwierigkeiten zusammen, denn sie wird immerfort durch die
Einflüsse verändert, die von der Erdenseite her auf sie einwirken. Du
wirst das besser verstehen, wenn du einmal Gelegenheit haben wirst, dieses
Phänomen selber zu studieren. Zunächst mag es dir genügen, zu
wissen, daß alle Widerstände überwunden werden
können.“
„Glaubst
du, daß mein sehnlichster Wunsch, wieder mit den Menschen auf der Erde in
Verbindung zu treten, jemals in Erfüllung gehen wird?“
„Aber
gewiß, wenn es dein Wunsch ist. Ich kann mir keine schönere Aufgabe
vorstellen als dabei zu helfen, Furcht und Zweifel unter unsern Brüdern
und Schwestern auf Erden zu beseitigen. Diese Aufgabe, mit der Gott einige der
mächtigsten seiner Diener betraut hat, geht langsam und schwierig voran,
aber sie hat schon Wunderbares vollbracht und muß fortgeführt
werden, bis jeglicher Irrtum und alle Unwissenheit von der Erde geschwunden
sind.“
Cushna sah wohl meine Ungeduld, denn er fuhr fort: „Sobald du
dazu in der Lage bist, auf die Erde zurückzukehren, wird es an einer
Gelegenheit nicht fehlen; bis dahin aber mußt du Geduld haben. Du wirst
bald feststellen, daß es großer Geschicklichkeit bedarf, die
Menschen von ihren Irrtümern zu befreien und ihnen stattdessen die
Wahrheit zu geben. Diese Fähigkeit kann nur durch großen Fleiß
und intensives Studium der Gesetze und Bedingungen des geistigen Lebens
erworben werden. Es ist besser, einen alten Irrtum bestehen zu lassen, statt
ihn auszureißen und an seine Stelle einen neuen zu setzen. Genau das aber
geschieht in vielen Fällen durch unbefähigte Seelen, die Verbindung
mit der Erde suchen, bevor sie irgend etwas Wertvolles vermitteln könnten —
außer der
Erkenntnis, daß die Seele unsterblich ist.“
„Ist
es denn möglich“, fragte ich ungläubig, „daß
Menschen aus diesem Leben auf die Erde zurückkehren und Falsches lehren
können?“
„Es
ist nicht nur möglich, sondern traurigerweise nur allzu häufig der
Fall. Wenn man auch in Betracht ziehen muß, daß es, —
einige
vorsätzlich böswillige, wegen ihrer Sünde an die Erde gefesselte
Seelen ausgenommen — aus Unwissenheit und nicht mit
Absicht geschieht. Ich will dir auch erklären, wie dies möglich ist:
jede Seele wird nach dem Eintritt in dieses Leben zunächst von dem Wunsch
erfüllt, der auch dich beseelt — zur Erde zurückzukehren
und dort zu verkünden, wie ganz anders und von den Erwartungen abweichend
hier alles ist. Nur wenige haben aber gleichzeitig auch den Wunsch, Gesetze und
Bedingungen dieses Lebens so kennenzulernen und zu studieren wie du. Die
große Mehrzahl ist für geraume Zeit zufrieden mit dem, was sie
vorfindet und macht keine Anstrengungen, ihre Kenntnisse zu erweitern. Ohne
andere Aufgaben, die sie ablenken könnten, lernen diese Menschen nur zu
bald, wie sie sich mit der Erde in Verbindung setzen können. Getrieben von
dem Verlangen, ihr Weiterleben nach dem ‚Tode‘ mitzuteilen, brechen
sie das Schweigen zwischen den beiden Welten und finden sich dabei
plötzlich vor tausend Fragen gestellt, über die sie sich zu
informieren unterlassen haben. Das Ergebnis kannst du dir selber
ausmalen!“
„Stell
dir nur einmal vor“, fuhr Cushna fort,
„du selbst würdest dich in diesem Augenblick mit einem Medium auf
der Erde in Verbindung setzen und würdest gefragt, ob Kinder im Jenseits
aufwachsen und, wenn ja, durch welche Methoden sie unterrichtet werden? Oder,
was häufig gefragt wird, ob du einen Erdenmenschen auf deine
Bewußtseinsebene emporziehen kannst? Die erste Frage würdest du
vielleicht mit ‚Nein‘ beantworten, da du während des Chorals
Kinder beobachtet hast, und das wäre schon falsch. Die zweite Frage
könntest du gar nicht beantworten und zu der dritten könntest du
höchstens eine Vermutung aussprechen. Deine Freunde auf der Erde aber
würden sofort alles für bare Münze und als
unumstößliche Tatsache hinnehmen, da sie von dem Glauben beherrscht
sind, daß der Aufenthalt im Jenseits automatisch so etwas wie Allwissenheit
verleiht. Wenn darüber hinaus dein Wunsch zur Verbindung mit der Erde
erfüllt worden wäre, bevor du Gelegenheit gehabt hättest, das
vor Kurzem Gesehene und Gehörte zu erleben —
hättest du
überhaupt etwas Gültiges über das Leben auf dieser Seite des
Schleiers aussagen können?“
„Natürlich
nicht“, mußte ich zugeben.
„Nun,
ebensowenig können es andere. Darum, sage ich, ist es besser, einen alten
Irrtum auf Erden bestehen zu lassen, als ihn durch einen neuen zu ersetzen.
Wenn Unwissende Botschaften auf die Erde senden, so entstehen daraus meist
zahlreiche Widersprüche. Und diese Widersprüche liefern gerade denen
ein Argument, die die Existenz des Jenseits oder die Möglichkeit einer
Verbindung mit ihm von vornherein abstreiten.
„Ist
es denn dir und den anderen, die tiefere Kenntnis von den Dingen haben, nicht
möglich, solchen Irrtum zeugenden Botschaften vorzubeugen?“
„Manchmal,
aber nicht sehr oft! Immerhin gelingt es uns in diesen Fällen, Körner
der Wahrheit zu streuen, die ihre Früchte hervorbringen. Aber in der
großen Mehrzahl der Fälle werden wir durch ein sehr mächtiges
geistiges Gesetz daran gehindert, überhaupt einzugreifen.“
„Was
für ein Gesetz sollte das sein?“ fragte ich erstaunt.
„Du
hast schon gesehen, daß wir hier durch ein Gesetz geistiger Harmonie
miteinander in Verbindung kommen, daß verwandte Seelen zu einander
finden. Nun, das gleiche Gesetz von Anziehung und Abstoßung gilt auch
für die Beziehungen zwischen den beiden Welten. Ich selbst habe
gewöhnlich die Erfahrung machen müssen, daß die Menschen auf
der Erde, denen ich etwas mitteilen wollte, in irgend einer Weise von einer
dogmatischen Meinung besessen waren, die sie daran hinderte, die geistige
Wahrheit unvoreingenommen zu erforschen. Die vorgefaßte Meinung dieser
Menschen war ein solcher Störungsfaktor, daß ich meist zum
Rückzug gezwungen war und das Feld solchen überlassen mußte,
die in ihrer Unwissenheit das falsche Dogma noch bekräftigten.“
„Und
es war nicht möglich, den Menschen die Unwissenheit ihrer Besucher aus dem
Jenseits zu enthüllen?“
„Aus
dem einfachen Grunde nicht, weil der niedrigere geistige
Bewußtseinszustand dieser Seelen mehr der Geisteshaltung jener Menschen
entgegenkam, die in ihren Seancen Kontakt mit dem Jenseits suchten. Meine Worte
fielen auf taube Ohren, wurden sogar als falsch und trügerisch bezeichnet.
Man betrachtete mich als unerwünschten Eindringling und ich zog die
Konsequenzen. Ich habe kein Recht, mich jemandem aufzudrängen, dem meine
Gegenwart unangenehm ist. Diese Menschen, magst du sie Spiritisten nennen oder
anders, fanden genau das, was sie suchten —
nicht die
Wahrheit, sondern eine Bestätigung ihrer Ansichten. Wir können nichts
daran ändern und müssen warten, bis sich eine günstige
Gelegenheit ergibt, die Wahrheit zu demonstrieren.“
„Und
wie beurteilst du die Aussichten dafür?“ Ich fragte das nicht ohne
Bangen, denn die Schwierigkeiten, die Cushna
aufgezählt hatte, schienen auch meine eigenen Wünsche in weite Ferne
zu rücken.
„Ich
bin sicher, daß die Gelegenheit kommen wird“, sagte er mit einer
ruhigen Zuversicht, die meinen Glauben sofort wieder aufrichtete. „Die
Menschheit beginnt jetzt zu entdecken, daß die Wahrheit unendlich und
nicht mit irdischen Mitteln zu erfassen ist. Mehr Menschen als jemals zuvor
suchen Gott, heben ihre Augen empor und beten um das himmlische Brot. Und das
Manna fällt Tag für Tag auf sie hernieder! Die Wahrheit muß
endlich obsiegen, wenn uns die Weisheit auch lehrt, ihren Sieg in Geduld
vorzubereiten. Der Tag wird kommen, an dem die Armeen Gottes auf Erden
unübersehbar groß sein werden. Dann wird sich die Prophezeiung
erfüllen, werden sich die beiden Welten tatsächlich vereinigen und
das Königreich Gottes und seines Christus, in dem die reine Wahrheit
herrscht, wird bestehen auf Erden für ewig und immerdar!“
* * *
Ich
weiß nicht, welche Entfernung wir während dieses Gesprächs
zurückgelegt hatten. Die Landschaft war verändert —
unsere neue
Umgebung fiel besonders durch die Vielzahl ruhiger und abgeschiedener Winkel
auf, die sich zu beiden Seiten boten, wobei wir selbst keinerlei Pfad zu folgen
schienen und ich mir schließlich wie in einem Labyrinth vorkam. Die
Atmosphäre war schwer im Vergleich zu der, an die ich mich zuletzt
gewöhnt hatte. Der Wind — wenngleich nicht kalt —
brachte eine
ungewohnte Kühle; die Bäume waren von tiefen Schatten umgeben; die
Blumen hatten nicht mehr die strahlende Pracht, die ich noch am „Hain der
Ruhe“ bewundern konnte. Alles hier schien darauf hinzudeuten, daß
wir uns an einem Ort des Übergangs befanden, an dem die Schwere irdischer
Last noch nicht überwunden war.
Mein
Gefährte schlug jetzt einen Seitenweg ein, der durch dichte,
tiefhängende Zweige führte. Ich hatte Mühe, ihn nicht aus den
Augen zu verlieren und fragte mich, wie Cushna sich
hier überhaupt noch orientieren konnte. Von den Blättern kam soviel
Feuchtigkeit, daß ich fürchtete, bald durchnäßt zu sein;
auch bemerkte ich bald erschrocken, daß die Farbe unserer Gewänder
sich immer mehr auflöste. Als wir schließlich aus dem Laub ins Freie
hinaustraten, war das zarte Blau und Rose einem einförmigen Dunkelgrau
gewichen. Aber gleichzeitig war unsere Kleidung vollkommen trocken, obwohl
wahre Schauer von Tautropfen auf sie gefallen waren. Cushna,
der stehengeblieben war, um sich von mir einholen zu lassen, lächelte
über mein betroffenes Gesicht und beantwortete meine Fragen, noch ehe ich
sie geäußert hatte:
„Hier
erlebst du, auf eine wie liebevolle und wohltuende Weise unser Vater vorsorgt!
Jeder, der hierherkommt, um einen der hier zeitweilig lebenden Menschen zu
besuchen, macht die gleiche Veränderung durch, die wir eben jetzt an uns
erfahren. Ihr Sinn ist, daß wir den hier Lebenden als Gleichgestellte
erscheinen und ihnen so besser helfen können. Wie du gleich am Beispiel
von Marie, die wir besuchen wollen, feststellen wirst, bedürfen die
Bewohner dieser Gegend der größten Schonung und Behutsamkeit. Nur
von Myhanene besonders ausgesuchte Helfer werden
deshalb hierher entsandt.“
„Die
Patienten, die hier eine Stätte der Ruhe und Zuflucht gefunden haben, sind
meist erst kurz vorher aus unbeschreiblicher Qual entlassen worden. Es ist ein
Übergangsland nach dem Feuer der Hölle und die Seelen schweben noch
in einem Zustand halber Betäubtheit. Ihre Zuversicht ist noch nicht so
stark, daß sie die Furcht vor einer Rückkehr des Vergangenen
überwunden haben. Der einzige Weg, sie aus ihrer Interesselosigkeit zu
reißen, ist deshalb das Zusammensein mit Helfern aus höheren
Regionen, die ihnen durch ihr eigenes Beispiel den Beweis liefern, daß
sie auf Besseres hoffen dürfen.“
„Dann
ist die Veränderung unserer Kleider also auch eine Auswirkung des
großen Gesetzes der Liebe?“ fragte ich.
„Genau
das und nichts anderes“, war Cushnas Antwort.
Auf
einem sanften Hang vor uns stand eine besonders dichte Gruppe von Bäumen
mit tief herabhängenden Zweigen. Als wir sie umrundet hatten, sah ich,
daß sie ein liebliches kleines Tal verbergen sollten, in dem ein Haus
stand — das erste und einzige, das ich bisher in dieser Gegend gesehen
hatte. Ein Platz der Ruhe und Einsamkeit! Von allen Seiten gegen ungebetene
Einblicke geschützt, ohne Weg oder Pfad, konnte diese Stätte
wahrhaftig nur von denen gefunden werden, die ihr Ziel bereits kannten. Das
Haus war nicht groß — es hätte sonst auch nicht in diese
Umgebung gepaßt — aber außerordentlich freundlich und
malerisch anzuschauen und von einem reizvollen Garten umgeben. Eine Art
Ferienhaus, wie man es sich auf Erden wohl einmal wünscht, um seine Sorgen
zu vergessen, wenn es auch in seiner Einsamkeit kaum als dauernder Wohnort
geeignet ist.
Im
Garten erblickten wir jetzt zwei Frauen, die dort, die Arme liebevoll
eingehakt, auf und ab gingen. Noch bevor sie uns bemerkten, hatte ich erkannt,
daß die Kleinere der beiden der helfende Engel war, der nach dem Beispiel
des Heilands sein strahlendes Kleid abgelegt hatte, um seiner
unglücklichen Schwester beizustehen. Auf dem Antlitz der
Größeren waren die Spuren vergangenen Leids noch deutlich
abgezeichnet und sie schien sehr froh über die Anteilnahme ihrer
Gefährtin zu sein.
„Azena ist fast ständig hier, seit Marie
hierherkam“, sagte Cushna leise zu mir. Ich war
zu keiner Antwort fähig. Das Schauspiel vor meinen Augen hielt mich
völlig im Bann. Es war ein lebendiges Beispiel der Errettung, ein Bild
süßester himmlischer Liebe, das keines Wortes mehr bedurfte. Vor uns
löste sich ein Problem spiritueller Mathematik. Die Antithese des Lebens
— Himmel und Hölle, zerschmolz in einem Bogen der Göttlichkeit.
In diesem Bild begriff ich die gewaltige Verheißung, daß es keiner
Seele am Ende möglich ist, der Anziehungskraft zu widerstehen, die zur
Rettung der Verlorenen wirkt. Nicht daß die Einflüsse der Tiefe hier
nicht spürbar gewesen wären — nur allzu deutlich sprach die
Szene vor unseren Augen von dem stillen Kampf zweier Welten, der hier
ausgefochten wurde. Aber einen Zweifel daran, daß Wahrheit und Liebe
Siegen würden, konnte es nicht mehr geben, das fühlte ich genau. Tod,
Schmerz und Hölle sind sterblich. Einmal besiegt, können sie keine
Gewalt mehr ausüben.
Lange
Zeit, so schien es mir, hatte ich am gleichen Fleck gestanden — gebannt
von dem Schauspiel göttlicher Liebe, ohne daß die beiden Frauen uns
bemerkten. Endlich gab mir Cushna ein Zeichen,
daß wir uns nun zu erkennen geben sollten und sandte im gleichen
Augenblick einen kurzen funkelnden Lichtstrahl hinüber. Er wurde sofort
bemerkt, Marie strahlte geradezu vor Freude, als sie sah, wer gekommen war, und
schnell kam sie auf uns zugelaufen, um Cushna mit der
ganzen Liebe einer Tochter zu begrüßen. Im gleichen Augenblick war
ich an seiner Seite überflüssig, und da dieses Leben keine
Förmlichkeiten der Vorstellung erfordert, gesellte ich mich Azena zu. Ohne Übergang sprachen wir miteinander, als
wären wir alte Freunde.
„Erscheint
dir dieser Ort traurig und langweilig im Vergleich zu deinem eigenen
Heim?“ fragte ich sie.
„Aber
nein, alles andere als das“, rief Azena.
„Der Himmel ist mehr eine Frage des Zustandes, als eine der
Örtlichkeit. Dabei helfen zu können, daß unsere arme Marie ihre
Erinnerungen überwindet, ist für mich schon genug des Himmels!“
Beschämt
schwieg ich zu dieser Antwort auf eine Frage, die aus meiner eigenen
unvollkommenen Kenntnis entstanden war. Dann bat ich Azena,
mir den Ausblick auf die Landschaft zu zeigen, der sich von einer bestimmten
Stelle des Tales bot.
„Ja,
den mußt du sehen“, sagte Azena.
„Wir haben unserem lieben Doktor und Großvater täglich neu zu
danken, daß er diesen Platz für Marie ausgesucht hat.“
„Ich
glaube nicht, daß Cushna sehr wie ein
Großvater aussieht“, meinte ich, „wenn er auch vom Scheitel
bis zur Sohle ein Arzt ist.“ Aber vielleicht hatte Azena
nicht so unrecht — es war etwas an meinem väterlichen Freund, das
trotz seines jugendlichen Aussehens auf die Weisheit sehr hohen Alters
schließen ließ. Dieser Teil seines Wesens war für mich bisher
ein ungelöstes Rätsel gewesen.
„Du
hast recht“, antwortete Azena. „Er sieht
kein bißchen alt aus, nicht wahr? Aber das ist nur eine Eigenschaft der
ewigen Jugend, welcher wir uns hier erfreuen. Als er in dieses Leben eintrat,
war er trotzdem beides: Großvater und Arzt.“
„Ist
er schon sehr lange hier?“ „Cushna lebte
in der Frühzeit Ägyptens; ich glaube, noch vor dem Bau der
Pyramiden.“
„Und
erinnert er sich an sein Erdenleben?“
„Ich
bin überzeugt, daß er weder von seinem Erdendasein noch von seinem
jetzigen Leben ein einziges Geschehnis vergessen hat. Was ihm in unseren Augen
noch immer etwas von einem Großvater gibt, ist seine Freude, wenn er
einen Kreis der Unsrigen versammeln und ihnen zur Belehrung und Erbauung
Episoden aus seinem Leben erzählen kann. Er ist wohl der selbstloseste
Mensch, den ich je kennengelernt habe. Nie denkt er an sich selbst, sondern
immer nur an das Glück derer, mit denen er zusammen ist. Immer hat er neue
Pläne und Überraschungen; und wenn er sie vorbringt, tut er das in
einem halb um Nachsicht bittenden Ton, als habe er etwas Unrechtes getan.
— Aber jetzt laß mich dir erzählen, wie Marie hierher gekommen
ist. Cushna lernte sie schon auf der anderen Seite
der Nebelwand kennen, hat er dir davon erzählt?“
„Ja,
er sprach kurz davon.“
„Aber
er hat dir nicht erzählt, wie lange es dauerte und wie schwer es war,
bevor er ihre Aufmerksamkeit erringen konnte; von seinen Kämpfen mit
üblen Geistern, die sich an Maries Qualen weideten und alle seine
Mühen zu vereiteln suchten. Du weißt nicht, wie oft sein Versuch mißlang,
sie dieser fürchterlichen Umgebung zu entreißen und ihr zu zeigen,
daß nur sie selbst noch das Hindernis zu ihrer Rettung war, denn die
gerechte Sühne für ihre Schuld war bezahlt. Nur er selbst weiß
es wohl, und niemand wird es je erfahren, denn solche Dinge sind — gleich
tausend ähnlichen — für immer in seiner Brust begraben. Einiges
darüber weiß ich von Marie, wenn auch ihr Erinnerungsvermögen
glücklicherweise etwas getrübt ist, sodaß die überstandenen
Qualen nicht mehr die Oberhand gewinnen können. Erst nach heftigem, langem
Kampf konnte Cushna sie von sich selbst befreien und
zu seinem Heim bringen, wo er ständig an ihrer Seite wachte, bis sie aus
dem ersten tiefen Schlaf der Erschöpfung aufwachte. Seine
Beständigkeit und Ausdauer gewann erst ihr Vertrauen, dann ihre Liebe und
wurde so Ausgangspunkt für seine Aufgabe, sie dem Leben im Licht des
Himmels entgegenzuführen.“
Marie
war zuerst voller Angst, als Cushna ihr sagte, sie
werde eine Heimstatt für sich allein bekommen, wo sie noch besser ausruhen
könne. Ständig bei ihr bleiben konnte er nun einmal nicht, und so
suchte er diese Gegend ab, bis er dieses kleine Haus in seiner lieblichen
Umgebung fand, mit dem herrlichen Ausblick auf die in der Ferne erstrahlenden
Gefilde, in denen er selbst wohnt. Marie ist von der sanften Schönheit
dieses Ortes ganz erfüllt und immer wieder spricht sie von Cushna, wenn wir hier stehen und den Ausblick
genießen. Gewöhnlich besucht er uns nicht wie heute mit dir, sondern
im geraden Fluge. Als Cushna sich eben bemerkbar
machte, meinte Marie gerade — —
„Wie
lange wollt ihr sie noch warten lassen“, tönte es plötzlich
hinter unserem Rücken. Unser Freund hatte sich uns unbemerkt genähert
und sicher noch einen Teil des Gesprächs mitangehört, denn er sagte
jetzt, scherzhaft-drohend? „Azena, ich glaube,
du hast ein bißchen aus der Schule geplaudert — ich muß dir
wohl eine Rüge erteilen?“
„Du
bist ein lieber alter Großvater und verdienst einen Kuß!“ war
Azenas einzige Antwort, und damit schlang sie die
Arme um seinen Hals und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen.
„Oh,
diese Kinder“, seufzte Cushna und
schüttelte den Kopf in gespielter Entrüstung. Dann zu mir gewandt,
meinte er: „Vielleicht gehst du jetzt hinüber und leistest Marie
Gesellschaft, während ich dieses Kind hier ausschelte.“
„Du
könntest nicht schelten, selbst wenn du wolltest“, hörte ich Azena noch sagen, als ich mich fortbegab, um zu Marie zu
gehen.
Marie,
daran war kein Zweifel, sollte mir die Geschichte ihres Leidensweges
erzählen. Als ich auf sie zukam, flog ein Schatten der Traurigkeit
über ihr Antlitz, sodaß ich gerne auf alle Worte von ihr verzichtet
hätte. Aber wiederum trieb mich jene geheimnisvolle Macht voran, die in
diesem Reich alles durchdringt und alles in die richtige Bahn lenkt, wie wenig
wir es im Augenblick auch verstehen mögen. Instinktiv wußte ich,
daß Cushnas Absicht letzten Endes nur zum
Besten führen würde. Dennoch muß mein Gesicht in diesem
Augenblick wohl deutlich genug mein Mitgefühl verraten haben, denn Maries
schwaches Lächeln, das sie mir zur Begrüßung bot, blieb ein
tapferer Versuch, der schon im Ansatz erstarb. Cushna
hatte ihr über den Zweck meines Besuches alles Nötige gesagt,
sodaß sie sogleich zu erzählen begann:
„Ich
war das einzige Kind einer Millionärsfamilie aus dem amerikanischen
Süden, vergöttert von meinen Eltern und verwöhnt seit
frühester Jugend. Schon bald war ich daran gewöhnt, daß es
nichts gab, das mir verweigert werden durfte. So wurde ich — wenn auch
nicht böse oder grausam — doch fast zwangsläufig anmaßend
und selbstherrlich. Es gab nur ein Mädchen, das ich wirklich meine
Freundin nennen konnte — Sadie Norton. Ihre Familie hatte etwa den
gleichen gesellschaftlichen Rang wie meine. Ich war zudem etwas älter als
Sadie und konnte so eine Art Führungsanspruch geltend machen. Wir
verstanden uns gut und waren überall zusammen. Bei keinem Fest, keiner
Veranstaltung schien es ohne uns zu gehen. Noch bevor wir die zwanzig erreicht
hatten, wurden wir von jungen Männern umworben, die sich eine reiche
Heirat versprechen mochten. Wir aber machten uns, ohne selbst im Geringsten ans
Heiraten zu denken, einen Heidenspaß daraus, die Verehrer an der Nase
herumzuführen oder sie anderen Mädchen abspenstig zu machen.
Eines
Tages kam ein junger Mann aus sehr guter Familie in unsere Stadt, der auch bei Sadie‘s und meinen Eltern eingeführt wurde. Wir
beschlossen sofort, auch ihn ‚in die Zange zu nehmen‘, ihn uns
gegenseitig zuzuspielen, um ihn so von anderen Mädchen fernzuhalten und zu
foppen. Er aber nahm alles sehr ernst und nach weniger als einem Monat machte
er mir einen Heiratsantrag. Ich hatte ihn zwar inzwischen sehr schätzen
gelernt, dachte aber an meine Vereinbarung mit Sadie und lachte ihn aus. Auf
sein Drängen wies ich ihn schließlich sogar barsch zurück und schickte
ihn fort.
Natürlich
war ich überzeugt, daß er am nächsten Tage wiederkommen
würde. Doch meine Hoffnung wurde enttäuscht. Wochen später lud
mich Sadie — die ich inzwischen natürlich längst
verständigt hatte — zu ihrer Geburtstagsfeier ein. Als ich ihr Haus
betrat, lief sie auf mich zu und erzählte mir als letzte Neuigkeit,
daß Charles — dies war sein Name — ihr einen Antrag gemacht
habe. Und als ich schon zu frohlocken begann in der Erwartung des
Mordsspaßes, der jetzt zu kommen schien, fügte Sadie hinzu:
’ich habe ja gesagt‘. Ich war wie vom Blitz getroffen.
Maßloser Zorn, Eifersucht und enttäuschte Liebe stiegen in mir hoch
und brachten mein Blut in Wallung. In meinem Kopf begann es sich wie ein Wirbel
zu drehen — bewußtlos mußte man mich schließlich
forttragen.“
„Wochenlang
lag ich im Delirium zwischen Tod und Leben, von ohnmächtiger Wut bis zum
Wahnsinn gepeinigt. Sadie hatte an mir Verrat geübt, und, was schlimmer
war, auch Charlie getäuscht. Denn das wußte ich — sie
würde ihm nie die Gattin sein, die ich für ihn gewesen wäre.
Meine Eltern setzten alles in Bewegung, um mich abzulenken, und als die beiden
geheiratet hatten, gewann ich meine Fassung wieder. Ich war jetzt
äußerlich ruhig, aber innerlich schwor ich ewige Rache. Sie waren
fortgereist, ich aber war entschlossen sie zu finden, Sadie ihre
Niederträchtigkeit heimzuzahlen und ihr den Mann wieder fortzunehmen,
koste es, was es wolle.“
„Fünf
Jahre lang verbarg ich meinen Plan unter einer Maske scheinbarer
Gleichgültigkeit. Durch einen Zufall stellte ich eines Tages den neuen
Wohnort der beiden fest. Ich reiste hin, unter dem Vorwand, eine dort wohnende
Schulfreundin besuchen zu wollen. Es dauerte nicht lange, und ich traf Charles
— allein auf der Straße. Als er mich ansprach, wußte ich
sofort, daß seine Liebe zu mir noch lebte. Schnell fand ich heraus,
daß er seinen Fehler von damals bereute — seine Ehe war nicht
glücklich. Ich war fast wahnsinnig vor Freude, beherrschte mich aber mit
größter Anstrengung. Er gehörte mir — das wußte ich
— wenn ich jetzt keinen Fehler machte. Wir trafen uns noch einige Male
auf die gleich zufällige Art. Schließlich bat er mich um ein
heimliches Rendezvous. Erst nach längerem Zureden willigte ich —
scheinbar zurückhaltend — ein. Weniger als einen Monat später
floh er mit mir an die Ostküste, Frau und Kinder zurücklassend. Ich
hatte mein Ziel erreicht und Sadie ihren Verrat in gleicher Münze
zurückgezahlt.“
„Gott
hatte mich nach eigenem Willen gewähren lassen“, fuhr Marie fort,
„aber als mein Ziel kaum erreicht war, griff er ein. Nun, da die
jahrelange, von Rachsucht genährte künstliche Willensanspannung
plötzlich vorüber war, präsentierte mein Körper die
Rechnung. Ich brach gesundheitlich zusammen und war innerhalb von zwei Jahren
völlig invalide, dem sicheren Tode entgegengehend; Charlie verließ
mich. Wieder wurde ich von maßloser Eifersucht geschüttelt, und sie
leitete das Ende ein: Gehirnentzündung, Delirium und schließlich das
Nichts.“
„Als
ich erwachte, war es dunkel — fürchterliche Dunkelheit. Ich konnte
die absolute Nacht um mich her fast körperlich fühlen, und ich lag
auf einem nackten Boden — kalt wie ein Eisblock. Ich rief nach Charlie,
nach meinem Vater, meiner Pflegerin — keine Antwort außer dem Echo
meiner eigenen Stimme, das wie ein Hohngelächter klang. Wo war ich? Ich
versuchte mich zu erheben und fiel im gleichen Augenblick kraftlos wieder zu
Boden. Panischer Schrecken und Angst überfielen mich, ein Gefühl, bei
lebendigem Leib zu versteinern, ohne Stimme, Augenlicht oder Schlaf.“
„Vergebens
wünschte ich mir das Delirium zurück, in dem ich noch kurz vorher
gelegen hatte. Bei klaren Sinnen war ich einem eisigen, starren Terror
ausgeliefert, eine Gefangene im Reich der Verzweiflung. Ein abnorm gesteigerter
Fühl- und Tastsinn machte meine langsame Verwandlung in einen —
lebenden — Eisblock noch unerträglicher. Wo war ich? Wer waren meine
grausamen Peiniger? Wann endlich würde der Morgen anbrechen? Diese und
tausend andere Gedanken quälten mich in endloser Folge, und während
Hände, Füße, Augen und Zunge zu Eis erstarrten, schossen
Blutstöße ohnmächtiger Wut durch meine Adern.“
„Wie
lange dieser Zustand dauerte, kann ich nicht sagen. Meine Qual war
schließlich so unerträglich geworden, daß sie mein
Bewußtsein betäubte. Ich lag in einer Agonie, die außerhalb
von Zeit und Raum zu stehen schien. Als mein Bewußtsein schließlich
wieder einsetzte, lag ich zwar immer noch in absoluter Finsternis und
fürchterlicher Grabesstille, empfand aber die Qual weniger stark. Oder,
sollte ich lieber sagen, es war mir eine Pause gewährt worden,
während der nur eine andere, wenn möglich noch schlimmere Tortur
für mich bereitet wurde. Immer noch wußte ich nicht, wo ich war,
welche einschneidende Veränderung mit mir vorgegangen war. Aber ich
stellte fest, daß ich frei von körperlichem Schmerz war und mich sogar
bewegen konnte. Ich sehnte mich nach etwas Licht, um endlich wieder sehen zu
können, um zu erfahren, wo ich war.“
„Auch
von diesem Zustand weiß ich nicht, wie lange er dauerte. Er schien wie
die Unendlichkeit. Endlich sah ich ein Licht, schwach und in großer
Entfernung. Zu gleicher Zeit spürte ich eine Kraft, die mich
unwiderstehlich in Richtung auf das Licht fortzog. Erst war es ein ganz
schwaches Gefühl des Gleitens, dann nahm die Geschwindigkeit zu, bis ich
schließlich hochgerissen und wie von den Flügeln des Windes
fortgetragen wurde. Immer schneller, immer weiter ging ich in Richtung auf das
magische Licht, das mir dennoch nicht näher zu kommen schien. Mein Herz
war voller Furcht vor dem, was mir bevorstand, was es auch sein mochte.“
„Plötzlich
fiel ich direkt vor dem Licht zu Boden. Von wo, von wem, glaubst du, ging es
aus? Von dem einzigen Menschen, nach dem ich mich gesehnt, um dessen Gegenwart
ich gefleht hatte, — Charlie! Irgendwie fühlte ich, daß mein
brennender Wunsch, ihn zu sehen, etwas mit meiner seltsamen Luftreise hierher
zu tun hatte, und ich weinte und dankte dem unbekannten Wohltäter, der
mich aus meinem Gefängnis befreit und mich wieder zu dem Geliebten
geführt hatte.“
„Ich
trat in den Lichtkreis. Wie er sich verändert hatte. Sein schwarzes Haar
war von grauen Strähnen durchzogen, sein einst so ruhiges Gesicht voller
Sorgenfalten, sein Rücken gebeugt. Er mußte Vieles und sehr Bitteres
durchgemacht haben, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte. Als ich ihn erreichte,
flüsterte er meinen Namen, hob aber nicht den Kopf und bemerkte mich noch
nicht. Ich war glücklich! Er liebte mich noch, er war nicht zu Sadie
zurückgekehrt!“
„Als
ich in seine Augen blickte, durchbebte mich ein furchtbarer Schreck. Er sah
mich nicht, sondern blickte abwesend vor sich hin. Ich griff ihn bei den
Schultern und schüttelte ihn, von panischer Angst ergriffen. Er
schüttelte sich nur, als sei es ihm zu kalt. Ich begann an meinem Verstand
zu zweifeln. ‚Charlie‘, rief ich, ‚Charlie, kennst du mich
nicht mehr? Sag doch nur ein Wort! Ich war lange krank, aber ich habe dich
immer geliebt. Wir werden wieder glücklich sein. Komm, laß uns
fortgehen. Sag, daß du mich erkennst, Charlie, sag nur ein einziges
Wort‘!“
„In
diesem Augenblick stand er plötzlich auf, ergriff ein Buch und begann zu
lesen, ohne auch nur das geringste Zeichen gegeben zu haben, daß er mich
bemerkt hatte. Ich prallte entsetzt zurück. Was war mit ihm? Sein Benehmen
zeigte nichts Anormales — außer, daß er mich nicht sah. Es
gab keine andere Erklärung — ich mußte träumen. Nochmals
versuchte ich, mit ihm zu sprechen, ihn zum Reden zu bringen — umsonst.
Er lächelte nur, legte das Buch beiseite, wandte sich nach jemanden um,
den ich nicht sehen konnte und sagte etwas Belangloses, das offensichtlich an
eine andere Frau gerichtet war. War er zu Sadie zurückgekehrt? Wieder
wurde ich von wilder Eifersucht ergriffen, verlor den Rest meiner
Selbstbeherrschung. Ich spürte, daß eine dritte Person hinzutrat,
konnte sie aber weder sehen noch hören, was meine Qual noch mehr verstärkte.
Ich konnte jedes Wort, das Charlie sagte, verstehen, und was er sagte, hatte
nicht das Geringste mit mir zu tun. Ich existierte nicht für ihn!“
„Wer
war diese Frau? Sadie war es nicht, er nannte sie bei einem Namen, den ich
nicht kannte. Er hatte seine Vergangenheit verraten! Jetzt wußte ich, er
quälte mich absichtlich, er wußte genau, daß ich da war, ich
sollte Zeuge werden, daß er mit einer anderen Frau zusammen lebte. Die
Gewißheit, daß er nicht mehr an mich dachte, trieb mich zur
Verzweiflung, und in meiner grenzenlosen Eifersucht war ich bereit, ihn zu
töten. Aber bevor ich eine Bewegung machen konnte, erlosch das Licht und
ich stand wieder in ägyptischer Finsternis. Gleichzeitig sprach Charlie
weiter zu der fremden Frau. In meiner ohnmächtigen Wut versuchte ich, mich
auf die Stimmen hin zu tasten, um beide zu töten. Umsonst! Jetzt war ich
plötzlich ebenso lahm wie blind! Unfähig, mich zu bewegen, stand ich
da und mußte weiter einer Szene zuhören, die nur zu deutlich von
Zärtlichsein gegenüber meiner Rivalin zeugte.“
„Tausendmal
hätte ich in diesem Augenblick die eisige Starre meines vorherigen
Zustandes vorgezogen. Ich versuchte, Gott um Ohnmacht oder Betäubung zu
bitten, aber mein Gebet kam zurück wie ein Strom geschmolzenen Bleis,
senkte sich auf meinen Kopf und bohrte sich in mein Gehirn. Siedendheißer
Schrecken durchfuhr mich, als ich erkannte, daß meine Bestrafung erst
begonnen hatte, daß sie noch härter werden würde, und daß
es keinen, keinen Ausweg gab. Ich war gekettet an den, um dessentwillen ich
mein Leben zerstört hatte, ich sollte für Zeiten, die mir wie die
Ewigkeit schienen, jedes Stadium seines Verrats an mir — ohnmächtig,
aber mit hellwachen Sinnen — miterleben. Es gab keine Gnade, kein Mitleid
in dem Reich, in dem ich eine Gefangene war. Ich machte alle Qualen der
Hölle durch, ohne selbst den schwachen Trost zu haben, daß andere
mit mir litten. Ich war allein — hoffnungslos allein.“
„So
unnatürlich wach und scharf waren meine Sinne im Wahrnehmen dessen, was
mich bis zum Äußersten peinigte, daß ich alles getan
hätte, um fortzukommen, sei es auch zu neuen Peinigungen.
Schließlich schrie ich in letzter Verzweiflung: Gott oder Teufel, wer du
auch seist, der mich hört, ende meine Qual! Zerstöre mich, umnachte
meine Sinne, lösche mich aus! Hölle, erbarme dich meiner; öffne
deine Tore und nimm mich auf in deinen glühenden Krater! Hölle,
hörst du mich?“ — — —
Marie
war, während sie sprach, wieder die Frau geworden, die sie einst war.
Große Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn, ihre Augen leuchteten
wie im Wahnsinn und sie wand sich wie unter großen Qualen. Als sie
geendet hatte, fiel sie erschöpft zu Boden, bevor ich sie stützen
konnte. Im gleichen Augenblick eilten Cushna und Azena herbei.
„Pst!,
sagte Cushna, ohne die geringste Erregung zu
verraten, „laß sie schlafen, es wird ihr bald besser gehen.“
„Cushna“, rief ich verzweifelt, „kann das alles
wahr sein?“
„Ja,
es ist wahr, und noch viel mehr, das zu erzählen ihre Kräfte
übersteigt. Sie hatte die Saat ihrer Eifersucht mehr als zwanzig Jahre
lang geerntet, als ich sie fand.“
„Und
du hast sie gerettet. Ich kann jetzt gut verstehen, warum sie so sehr an dir
hängt.“
Aber
Cushna war zu sehr mit Marie beschäftigt, als
daß er hätte antworten können.
* * *
Ich
erinnere mich noch lebhaft, wie ich als Kind am Ufer der See saß, meine
Füße weit genug ausgestreckt, um von der anrollenden Brandung
überspült zu werden, und wie ich versuchte, angespülte
Gegenstände zu erhaschen, freudig erregt über jeden Erfolg,
enttäuscht über jedes Mißlingen. Mein jetziges Leben hatte eine
gewisse Ähnlichkeit mit jener Situation. Ich stand wieder am Rande des
Meeres — des unendlichen Meeres geistigen Lebens. Woge um Woge der
Offenbarung kam auf mich zu, zerschellte an meiner Unwissenheit und benetzte
mich mit einem Schauer des Wissens. Mir blieb keine Zeit, bei den Schätzen
zu verharren, die in meine Hände gespült wurden, immer neue
Überraschungen kamen auf mich zu, umgaben mich von allen Seiten.
Man
hatte mir gesagt, daß die Liebe das Maß aller Dinge sei und
daß ich dies bald ganz verstehen würde. Aber jetzt, so schien es
mir, war ich unversehens ins Wasser gefallen, ohne des Schwimmens kundig zu
sein. Was ich eben bei Marie erlebt hatte, war mehr, als ich zu begreifen oder
mir zu erklären vermochte. Es ist eine weit verbreitete Ansicht auf Erden,
daß die menschliche Seele mit dem Tode automatisch eine Art
‚Allwissenheit‘ erlangt und es keine Probleme mehr für sie
geben wird. Nichts ist falscher als das, und ich war dankbar dafür,
daß dieser alberne Glaube sich nicht bewahrheitete. Jede Frage, die ich
stellte, jedes Geschehen, das ich hier miterlebte, jeder Ton, der mein Ohr
traf, war eine kleine Offenbarung für sich und die Folge der einzelnen
Wellen war so rasch, daß ich mich in einem ständigen Zustand
ergriffenen Staunens befand. Das gilt bis auf den heutigen Tag, da ich diese
Worte diktiere. Was wäre wohl geschehen, wenn die volle Flut himmlischen
Wissens über mich hereingebrochen wäre, als ich jenseits der
Nebelwand erwachte — die volle Flut eines unendlichen Ozeans, von dem ich
auch heute noch nicht mehr als einen winzigen Bruchteil übersehen kann?
„Nein,
Gott setzt das geschorene Lamm keiner solchen Gewalt aus. Er kennt unser
Begriffsvermögen und lenkt die Entfaltung unserer Seele so, wie es am
besten für uns ist. Wie bei den Künsten und Wissenschaften auf der
Erde kann auch das Wissen im spirituellen Reich nur Stufe um Stufe gemeistert
werden. Nur im langsamen Voranschreiten wächst unsere Kraft, das Unendliche
zu begreifen, unser Leben dem des Gottessohnes anzugleichen, um
schließlich in die Gegenwart Gottes einzutreten.
Wie
sehr ich mich auch mühte, es war mir unmöglich, das eben Erlernte mit
dem universalen Gesetz der Liebe zu vereinbaren, das man mich gelehrt hatte.
Verstört und grübelnd stand ich vor der bewußtlos zu unseren
Füßen liegenden Marie, die von Cushna und Azena aufmerksam beobachtet wurde. Als sie
schließlich die Augen öffnete, waren die beiden sofort an ihrer
Seite. Wenig später sank Marie in den Armen ihrer Beschützerin in
einen tiefen Schlaf.
„Cushna“, rief ich, als wir kurz darauf die
Rückreise angetreten hatten, „wie kannst du das Gesetz der Liebe mit
der furchtbaren Szene vereinbaren, die ich eben miterlebt habe?“
„Ich
kann deine Bestürzung wohl verstehen“, antwortete er, „und ich
will versuchen, dir alles zu erklären. Vergiß zunächst niemals,
daß alles Leben ein Werden und Wachsen ist, ein Übergang von heute
auf morgen, bei dem jedes kleine Geschehnis am Rande seine Rolle spielt.
Plötzliche Veränderungen sind nur Schein; wenn wir näher
schauen, werden wir sehen, daß sie nur die Wirkung sind von Ursachen, die
schon seit langem — vielleicht still und unbeachtet — am Werk
waren. Jede Ausdehnung wirkt von innen nach außen. Du kannst nicht
‚sehen‘, wie die Blume ihre Blütenblätter entfaltet,
dennoch aber tut sie dies, während du sie noch aufmerksam beobachtest.
Ebenso ist es mit der Seele, sie hastet nicht vorwärts, sondern entfaltet
sich langsam, und ihre Entwicklung wird nur uns bewußt durch die Stadien,
die wir erreichen.“
„So
war es auch bei Marie. Es ist mir unmöglich, dir zu erzählen oder
verständlich zu machen, auf welche Weise sie allmählich aus der
furchtbaren Agonie erlöst wurde, in der ich sie zuerst antraf — von
der du einen Rest gerade gesehen hast. Du wirst diese Dinge besser verstehen,
wenn du später selbst einmal in einer solchen Mission tätig bist.
Laß mich dir jetzt nur versichern, daß es nicht gegen das Gesetz
der Liebe verstößt, wenn wir sie bitten, ihre Geschichte zu
erzählen. Die Beibehaltung der Persönlichkeit erfordert, daß
die Erinnerung niemals ausgelöscht wird. Die Narbe eines jeden Unrechts,
das wir begangen haben, wird bleiben, auch wenn sie uns keine Schmerzen mehr
bereitet, sobald wir die Strafe dafür bezahlt haben.“
„Marie
hat jetzt das Stadium der Genesenden erreicht, und jedesmal, wenn sie ihre
Geschichte erzählt, ist es wie ein neuer Verband auf der Wunde —
schmerzhaft im Augenblick, aber gut und nützlich in der Wirkung. Jeder
neue Bericht ist weniger schlimm als der vorhergegangenen, und der
Erschöpfungsschlaf in den sie versinkt, gibt ihr die zusätzliche
Kraft, die sehr wichtig für ihren Fortschritt ist. Ohne diese Korrektur
würde sie zufrieden sein, nach allem was war, jetzt nur ausruhen zu
dürfen, doch würde sie dabei nicht wirklich gesunden; sie von sich
selbst berichten zu lassen, ist deshalb das einzige Rezept, von Maries
Vergangenheit den schmerzenden Stachel zu nehmen und sie weiterzugeleiten in
eine glücklichere Zukunft.“
„Und
könnte das nicht auch dadurch erreicht werden, daß sie nur zu Azena darüber spricht?“
„Nein,
nicht so wirksam! Der Erfolg würde in keinem Verhältnis zum Aufwand
liegen, ein Kräfteverschleiß, wie du ihn hier nie finden wirst.
Außerdem, wenn sie sich nur Azena anvertraut,
wird sie nicht lernen, sich an die Freundschaft anderer Seelen zu
gewöhnen. Jeder Besucher veranlaßt sie, an anderen Dingen Interesse
zu nehmen. Wenn Azena sie eines Tages verlassen wird
— und das wird der Fall sein, wenn das Berichten ihrer Erlebnisse keinen
Erschöpfungsschlaf mehr nach sich zieht — wird sie sich so nach
anderen Menschen sehnen, daß sie selbst in eine glücklichere
Umgebung hineinfindet.“
„Und
wie lange wird das noch dauern?“
„Das
hängt ganz von den Umständen ab. Im Allgemeinen die gleiche Zeit wie
die des vorangegangenen Leidens.“
„Hast
du eine Ahnung, wie lange dies im Falle Marie dauerte?“
„Wie
ich dir schon sagte, nach irdischem Zeitmaß ungefähr zwanzig
Jahre.“
„Zwanzig
Jahre — welche Hölle muß das gewesen sein. Könnte sie
dies doch nur den tauben Ohren der Erde predigen! All das läßt in
mir den Wunsch nur noch brennender werden, nochmals zur Erde
zurückzukehren, um die Wahrheit zu verkünden. Ich möchte,
daß die Menschen wissen, daß nur ihre Lebensführung, daß
nur edle, selbstlose Taten in dieser Welt zum Guten für sie führen
können. Ich will ihnen sagen, daß jede Missetat gebüßt
werden muß, durch den, der für sie verantwortlich ist. Daß es
keine Hilfe, kein Ausweichen gibt, daß jede Seele ihre eigene Errettung
erarbeiten muß.“
Mein
Gefährte machte keinen Versuch, mich zu unterbrechen, aber auf seinen
Lippen spielte ein halb amüsiertes, halb trauriges Lächeln,
während er neben mir dahinschritt. Als ich geendet hatte, sagte er ruhig:
„Es
gibt Tausende, ja Millionen von Freunden hier, die von denselben Gefühlen
beherrscht waren, wie du es jetzt bist. Aber wenn die Gelegenheit zur
Ausführung kam, machten sie alle die gleiche Erfahrung. Zunächst wird
man auf der Erde deine Identität in Zweifel ziehen. Du wirst einen langen
und keineswegs erfreulichen Kampf bestehen müssen, nur um zu beweisen,
daß du ein Bote aus dem ‚anderen‘ Leben bist. Dann, wenn dir
dies bei einigen wenigen gelungen ist, werden sie von dir zahlreiche Zeichen
und Wunder erwarten, um den Beweis zu stärken und ihre Neugier zu
befriedigen. Wenn dir auch das gelungen ist und du darauf brennst, nun endlich
mit deiner Mission beginnen zu können, wird auf der anderen Seite ein
Neuer dazugebracht werden und sie werden verlangen, daß du die ganze
Prozedur seinetwegen von neuem beginnst. In der Tat, du wirst die
größte Sorgfalt anwenden müssen, um zu verhindern, daß
sie davonlaufen, bevor du begonnen hast, nur ein Korn der Wahrheit zu
säen.“
„Wenn
du aber bis dahin gelangst, dann werden sie behaupten, selber mehr über
unser Leben zu wissen als du selbst. Du mußt auf Widersprüche und
Einwände bei allem gefaßt sein, was du sagst, und nicht wenige
werden dir sogar sagen, daß du einen Irrtum predigst, der aus dem Reich
der Finsternis kommen dürfte, nur weil dein Bericht nicht mit ihren
eigenen Überzeugungen übereinstimmt. Ich muß dich warnen, im
Hinblich auf deine erhoffte Mission zur Erde zu optimistisch zu sein. Die
weitaus meisten der Menschen ziehen es vor, alles Wissen über das
sogenannte Jenseits bis auf den Tag aufzuschieben, an dem sie selber hier
ankommen. — Aber ich möchte deine Aufmerksamkeit jetzt auf andere
Dinge lenken.“
* * *
(Das Heim des Assyrers)
Mein
Enthusiasmus war durch Cushnas Worte etwas
gedämpft worden, und ich muß wohl recht betrübt dreingeschaut
haben, als er jetzt meinen Arm ergriff und mich aus meiner Nachdenklichkeit
riß. Wir standen auf dem Gipfel eines Berges, der sich mit anderen zu
einer Kette zusammenschloß, in deren Mitte ein weites Tal von
paradiesischer Schönheit lag. Vom jenseitigen Bergkamm ergoß sich in
silbrigen Kaskaden ein Strom ins Tal, der als majestätisches kristallenes
Band die Ebene in zwei fast gleiche Teile trennte. Etwa in der Mitte des Tales
teilte sich der Fluß für eine Strecke nach beiden Seiten, eine Insel
von etwa einer Meile Länge bildend. In ihrer Mitte erhob sich als
markanter Punkt dieses Panoramas ein palastartiges Gebäude.
Bisher
war mir niemals der Gedanke gekommen, es könnte im Jenseits so etwas wie
körperliche Arbeit geben. Der Anblick der Insel machte mir das
plötzlich bewußt, denn sie erweckte ganz den Anschein, als sei sie
von Menschenhand künstlich geschaffen worden.
Cushna bestätigte meine Gedanken augenblicklich und
erklärte, daß der Strom nach beiden Seiten geteilt worden war.
„Willst
du damit sagen, daß es körperliche Arbeit im Himmel gibt; ist er
nicht bereits etwas Vollkommenes?“ fragte ich höchst erstaunt.
„Um
deine zweite Frage zuerst zu beantworten — der Himmel, wie du ihn
gegenwärtig erlebst, ist kein Ort der Vollkommenheit. Ich weiß,
daß man ihn sich auf der Erde als vollkommen vorstellt, aber das steht
nirgends in der Bibel und findet nicht die geringste Bestätigung in den
Lehren Jesu, der zu seinen Jüngern sagte: ‚Ich gehe einen Ort,
für Euch bereiten‘. Etwas, das noch nicht bereitet war, kann auch
noch nicht vollkommen gewesen sein. Das Leben hier gibt vielmehr jedem Talent
die Möglichkeit, sich schöpferisch zu betätigen. Der Dichter
kann hier höhere Inspirationen empfangen — welchen Zweck hätte
das, könnte er sie nicht niederschreiben? Sollen Künste der
großen Maler und Bildhauer, eines Phidias, Raphael oder Michelangelo nur
eine kurze Erdenspanne gewährt haben, um dann für alle Zeiten zu
versiegen? Die Architekten, die Theben und Babylon, Athen und Rom bauten,
sollten ihnen die Hände gebunden sein, wenn sie alle Inspiration und Hilfe
bekommen, die sie nur jemals wünschen konnten? Sind ein Händel, ein
Mozart, ein Beethoven ihrer Musik müde oder haben sie die Quelle der
Klänge leergeschöpft?“
„Doch
lassen wir die Genies einmal beiseite; hat nicht auch ein Gärtner irgend
ein Ideal in seinem Beruf, das er gerne verwirklichen möchte, sollte ihm
dieser Ehrgeiz gerade dann versagt sein, wenn die Hindernisse, mit denen er auf
der Erde zu kämpfen hatte, nicht mehr bestehen? Du weißt, wie viele
Menschen — seien es Künstler, Baumeister, Wissenschaftler im
Erdenleben auf halbem Wege stecken bleiben, ohne Erfolg oder Anerkennung. Der
Himmel vergilt ihnen ihre Mühe, die sie einem Ideal zuwendeten, indem er
ihre Hoffnungen erfüllt. Ja, mein Freund, es gibt genug Möglichkeiten
hier, zu arbeiten, aber der große Unterschied dabei ist, daß keine
von ihnen Mühe und Plage bedeutet. Hier wird nicht für den
Lebensunterhalt gearbeitet, sondern aus Liebe zur Sache, um
äußerlich dem Ausdruck zu verleihen, was uns im Innersten bewegt.“
Ich
antwortete nichts. Versunken in Nachdenken schaute ich wieder hinüber auf
die Insel, wo der Palast meinen Blick auf sich zog. „Dort wohnt unser
Freund, der Assyrer“, sagte Cushna jetzt, der
meinen Augen gefolgt war. Seltsam! dachte ich, beinahe belustigt bei dem
Gedanken, daß es sich um einen Wohnort handeln konnte; es sah mir eher
aus wie eine riesige Blumenpyramide, zur Verschönerung des Tales in dessen
Mitte aufgerichtet. Der Grund für diesen Eindruck wurde deutlich, je mehr
wir uns jetzt dem Gebäude näherten. Es hatte zehn Stockwerke, jedes
ringsherum mit einer breiten Terrasse versehen. Die Ränder dieser
Terrassen waren bepflanzt mit Blumen, Sträuchern und schließlich
Palmen und anderen Bäumen, deren reiches Laubwerk einen dichten Kranz
bildete.
Am
Ufer des Flusses angelangt, wurden wir von Siamedes
begrüßt, der uns auf der Brücke entgegenkam. Als wir auf das
Gebäude zutraten, folgten uns viele neugierige Blicke von andern
Bewohnern, die — wie ich später erfuhr — noch nicht lange in
diesem Reich waren und vielleicht hofften, die Neuankömmlinge könnten
ihnen Nachricht von den Ihren auf der Erde bringen.
Das
Haus Siamedes‘ war eines der Ruheheime für
Seelen, die in ihrem Erdenleben Gutes getan hatten, aber müde und
zermürbt ihren Körper aufgaben. Hier konnten sie eine Weile ruhen und
betreut werden, um schließlich ihr verdientes Erbe anzutreten und den
Glanz des Lebens zu kosten, das sie erwartete. Der Zustand dieser
‚Patienten‘ ist oft recht unterschiedlich, und gewöhnlich
haben sie seit ihrem physischen Tode nichts von der Erde gehört.
Siamedes war anders gekleidet als während des großen
Chorals. Er trug ein langes wallendes Gewand von blitzendem Silbergrau, das in
einem pulsierenden Rhythmus abwechselnd von blauen und rosa Schimmern durchwebt
zu sein schien. Das erste Mal hatte ich ihn in seiner ‚Staatsrobe‘
gesehen, jetzt war er zuhause — doch immer noch eine königliche
Erscheinung! Doch verstehe man mich richtig: die Krone dieses Statthalters des
Königs der Könige war die des Dienens, sein Szepter strahlte
Güte und Reinheit, seine Anweisungen galten nur einem Ziel: dem wahren
Leben im Lichte der Liebe Gottes.
Ich
fühlte mich unwiderstehlich zu Siamedes
hingezogen, und er — schloß mich in die Arme. Wieder, schien es
mir, hatte sich ein weiterer Schritt der Vorsehung vollzogen, ein neues Blatt
war aufgeschlagen worden. Das alte, stumme Phantasiebild des Himmels schwand
mehr und mehr, und an seine Stelle trat eine viel schönere Wirklichkeit,
ein Leben, das ausgefüllt sein würde mit Aufgaben, von mir selbst
gewählt, die mich weiter emportragen würden.
Wir streiften durch die Räume des ausladenden Gebäudes, hier und dort
stehenbleibend, um mit den Bewohnern zu sprechen. Einer war gerade aus dem
Schlummer erwacht, in den ihn der Tod seines physischen Körpers versetzt
hatte. Ich konnte an ihm dieselbe Verwirrung beobachten, die ich selbst vor gar
nicht langer Zeit unter ähnlichen Umständen erfuhr. Ein anderer,
dessen Ruhezeit in Siamedes‘ Heim gerade
abgeschlossen war, wurde von Freunden abgeholt, die ihn an den für ihn
bereiteten Platz bringen sollten. — „Nach dem, was ich hier bisher
gehört habe, scheinen hier keine Choralgesänge zu erschallen“,
sagte ich schließlich zu Siamedes.
„Stimmt das?“
„Es
stimmt. Meine Patienten hier sind das genaue Gegenteil von denen, die du im
‚Haus der Genesung‘ gesehen hast, und sie brauchen eine ganz andere
Betreuung. Jene waren Opfer, die gegen ihre eigene Natur religiöser
Intoleranz unterlagen. Diese hier sind Oberwinder, die oft gegen große Hindernisse
ihren Weg zu Jesus Christus selbst gefunden haben.“
Eines
interessierte mich dabei besonders, nämlich die Rolle der einzelnen
Religionen. „Ist es möglich, zu sagen“, fragte ich Siamedes, „welche Konfession oder Religion den
höchsten Prozentsatz der Erlösten stellt?“
„Wir
kennen hier nur eine Religion — die Liebe! Von allen den durch Menschen
geformten Religionen oder Konfessionen besitzt keine ein Monopol auf die Liebe
zum Nächsten. Doch ernste und gewissenhafte Diener dieser wahren Religion
gibt es in allen. Ihr Gottesdienst ist Dienst an der Menschheit, ihre Litanei
edle Taten, ihre Gebete Tränen des Mitgefühls, ihre Predigten sind
das einfache Leben, ihre Gesänge das Trostwort für die
Unglücklichen, ihre Hoffnung der Himmel. Dies ist die einzige Religion,
die uns einen Paß für den Himmel ausstellen kann. Theologische
Systeme haben für uns hier nicht mehr Reiz, als sie es auf Erden hatten.
In jeder Seele aber schlummert das Ideal, dem die ganze Menschheit, wenn auch
meist unwissend und blind, aber doch im Innersten ahnend — zustrebt. Die
Lösung der politischen Probleme auf Erden, der Weg zum dauerhaften Frieden
liegt im Schoße der Zukunft und kann durch das Gesetz der Liebe
verwirklicht werden.“
Inzwischen
hatten wir das Gebäude durchschritten. In seinen vielen Hallen,
Gängen, Treppen und Räumen wies es nirgends eine Spur von Schatten
auf und selbst im Innersten des riesigen Baues war es ‚von selbst‘
hell wie am lichten Tage. Die Schönheit der Baukunst, die
künstlerische Ausschmückung zu beschreiben, fehlen mir die Worte. Das
größte Wunder aber entdeckte ich in der Mitte des Innenhofes. Es war
ein wirkliches Wunder — ein Gebilde, das gleichzeitig Quelle und Baum
war. Es erhob sich aus einem korallenfarbenen Bassin in Form einer vier bis
fünf Fuß breiten Wassersäule, die sich in fünfzehn
Fuß Höhe in Äste und Zweige zu teilen begann, von denen ein
jeder überreich mit Blättern, Blüten und Früchten behangen
war. Das Bild der Äste wechselte ständig — kaum war ein Blatt,
eine Blüte oder Frucht herangereift, so wurde sie wie von unsichtbarer
Hand gepflückt und in eines der vielen Gemächer davongetragen, die
auf den Hof mündeten. Das Gesetz der Natur schien im
‚Zeitraffer‘ vor unseren Augen abzurollen.
Während
ich noch wie gebannt auf dieses Wunder vor unseren Augen blickte, hatte Siamedes einige Blätter zu unseren Füßen
aufgelesen. Sie waren von einer lichten, fast smaragdgrünen Farbe und
samtweich anzufassen. Als ich sie genau geprüft hatte, preßte unser
Freund die Blätter zwischen seinen Handflächen zusammen. Ich
verspürte im gleichen Augenblick einen weichen zarten Duft, der mich
belebte und beseelte. Als Siamedes die Hände
wieder öffnete, war nur noch eine Spur von Feuchtigkeit verblieben, die
Blätter hatten sich aufgelöst. Der Assyrer lächelte, meine
Verwunderung bemerkend, und begann sogleich zu erklären:
„Dies
ist der Baum und auch das Wasser des Lebens für diejenigen, die hierher
kommen. Es ist ein Mittel, die aus dem Erdenleben nachhängende
Müdigkeit und Erschöpfung auszulöschen, ein Kraftborn etwa
gleich in der Wirkung wie der Choral. Es ist ein vollkommenes Ganzes,
paßt sich von sichtbarer Kraft gelenkt jeder Situation an, der es zu
dienen hat und läßt uns nichts zu tun übrig. Ein Born, der
Kummer und Tränen fortwäscht, Sorgenfalten glättet und die
Herzen mit Freude erfüllt. — Aber überzeuge dich selbst.“
Wir
überzeugten uns. Und die Vollkommenheit dessen, was wir auf unserem
Rundgang sahen, läßt sich nicht in Worte fassen, die auch auf der
Erde verständlich wären. An der Schwelle eines der vielen Zimmer, in
denen müde Kinder der Erde dem Erwachen in einem neuen Leben
entgegenschlummerten, hielt unser Gastgeber inne. Eine Mutter lag hier im
Schlaf, umgeben von dreien ihrer Kinder, die vor ihr gekommen waren. Siamedes erklärte uns, wie religiöse
Frömmelei und Unduldsamkeit der Verwandten sie und ihren Mann in
großes Leid gestürzt hatten, das sie tapfer ertrugen, um vor ihrem
eigenen Gewissen zu bestehen. Ihr Leben war ein Übermaß an Liebe
für den Mann und ihre dreizehn Kinder gewesen. Jetzt lag sie hier —
eine Heldin des Lebenskampfes, der schließlich doch ihre
körperlichen Kräfte überstiegen hatte, liebevoll beobachtet von
ihren Kindern, zwei Knaben und einem Mädchen, die in ihren reinen
weißen Gewändern wie wahre Engel aussahen. Sie waren gerufen worden,
da das Erwachen kurz bevorstand. Und in der Tat — einen Augenblick
später tat die Schläferin einen tiefen Atemzug, dehnte und streckte
sich. Siamedes setzte sich an den Rand ihres Lagers,
machte einige Handbewegungen über ihrem Kopf, wie um den Schlaf zu
zerstreuen, und nun war es soweit: ein langer Seufzer, eine Sekunde
ungläubiges Schweigen, gefolgt von einem „Mein Gott, wo bin ich
…“
„Mutter“,
riefen alle drei Kinder zugleich, stürzten auf das Lager und schlossen die
Erwachende in ihre Arme. —
Leise
verließen wir den Raum. Es war ein Augenblick, zu geheiligt, um von einem
Fremden beobachtet zu werden.
Wenig
später wurden die Vorhänge zurückgezogen und man führte die
Erwachte hinaus auf die Terrasse, die Welt ihres neuen Lebens zum ersten Mal zu
sehen. Zu meiner größten Überraschung sah ich Myhanene an ihrer Seite. Woher war er gekommen? Als ich das
Zimmer verließ, war er noch nicht da, und über die Terrasse war er
nicht gekommen.
„Myhanene hat sie von der Erde hergebracht“, sagte
jetzt Siamedes neben mir, „und darum ist er
jetzt, neben den Kindern, der erste, sie willkommen zu heißen. Ich hatte
keine Ahnung, daß er hier war!“
„Das
war er auch nicht. Als ich sie erwachen sah, habe ich ihn gerufen.“
„Wohnt
er hier in der Nähe?“
„Nah
und weit gibt es hier nur im geistigen Sinne“, antwortete er. „Aber
ich sehe schon, daß du mit unseren Mitteln der Verständigung und
Fortbewegung noch nicht vertraut bist. Erinnerst du dich noch, wie Myhanene während des Chorals einen Lichtstrahl
hinaussandte, als er dich sprechen wollte?“
„Nun,
diese Lichtstrahlen bewegen sich mit der Geschwindigkeit von Gedanken und
finden ihren Empfänger auf der Stelle, wo er auch sei. Und wenn
nötig, können wir mit der gleichen Geschwindigkeit selber an einen
anderen Ort reisen. Ein Gebet wird beantwortet, während wir es noch
sprechen. Der Gedanke von Zeit und Raum ist im geistigen Bereich aufgehoben.
Auch du selbst bist mit Cushna schon häufig auf
diese Weise ‚durch den Raum geflogen‘, nur ist das etwas so
Natürliches hier, daß du es garnicht bemerkt hast.“
Myhanene war inzwischen herzugetreten und nahm uns mit, der Schwester
zu ihrem Erwachen zu gratulieren. Die Kinder konnten uns kaum genug
erzählen, wie Siamedes für sie gesorgt
hatte, während sie bei ihrer Mutter wachten. Dann nahm Myhanene
sie bei der Hand und trat mit ihnen ‚durch die Luft‘ die Reise an
den Platz an, den Gott als Belohnung für ein opfervolles Leben bereitet
hat.
Siamedes führte mich indes durch die restlichen Teile des
Hauses. Von den vielen, die ich in den einzelnen Gemächern sah, ist mir
eine Schläferin besonders im Gedächtnis geblieben. Aus ihrem
Körper zogen sich feine, hellrote Strahlenbänder durch den Raum und
hinaus ins Freie, ohne daß ihr Ende abzusehen war. Mein Begleiter
erklärte mir, dies seien Bande, die durch den unbeherrschten Schmerz derer
erzeugt wurden, die die Schlafende auf der Erde zurückgelassen hatte.
Diese Bande zur Erde bereiten hier oft große Schwierigkeiten.
Wüßten die Hinterbliebenen doch nur, daß hemmungsloser Kummer
nicht ohne Einfluß auf die Betrauerten bleibt, daß er ihre Ruhe
stört, wie unbeabsichtigt das auch geschehen mag. Sollte der Schläfer
aufwachen, bevor die Kraft dieser
Bänder geschwächt werden kann — und das geschieht nicht selten
—‚ dann fühlt die Seele den Schmerz der Trauernden sehr
deutlich, ja kann dadurch zur Erde zurückgezogen werden. Und dort wird ihr
Schmerz eher noch größer werden, wenn sie entdeckt, daß sie
nichts tun kann, um sich den Trauernden bemerkbar zu machen und sie zu
trösten.
Im
vorliegenden Fall hatten Helfende von hier schon alles versucht, um den
Fluß des Kummers von der Erde aufzuhalten. Jetzt erwachte das
Mädchen und Siamedes sah das Unvermeidliche
kommen. Ich dachte an Cushna — er hatte uns
bereits wieder verlassen — und erzählte, was mir Cushna
über das Passieren der Nebelwand berichtet hatte. „Wenn er dieses
Mädchen auf ihrer erzwungenen Reise begleitet“, fügte ich mit
einem hoffnungsvollen Impuls hinzu, „vielleicht würde er mich sogar
mitnehmen?“
„Ich
werde Cushna rufen“, war die Antwort, und
unmittelbar darauf sandte Siamedes einen
Gedankenstrahl, der ebensoschnell beantwortet wurde. Gleich darauf stand Cushna neben uns.
Das
Erwachen, dessen Zeuge ich nun wurde, hätte ebenso schön und
friedvoll sein können wie das der Mutter der drei Kinder. Doch diesmal sah
die Wirklichkeit anders aus! Mögen meine Leser alles, was ich berichte, in
den Bereich der Phantasie verweisen — ich bitte sie um der Barmherzigkeit
willen, mir Glauben zu schenken und sich Selbstbeherrschung aufzuerlegen, wenn
sie um den „Verlust“ eines geliebten Menschen trauern. Es ist
schmerzlich, gewiß, aber das Gebot Gottes befiehlt uns nicht nur Liebe,
sondern auch Selbstverleugnung. Euer Verlust ist der Gewinn der
Hinübergegangenen. Wenn Ihr sie wirklich geliebt habt, tröstet Euch
in diesem Bewußtsein und versucht, Euch für sie zu freuen. Denn die
Liebe, und mit ihr der Schmerz, sind Kräfte, die nach Gottes Gesetz beide
Welten durchdringen; sie erreichen und beeinflussen die Dahingegangenen
stärker, als wenn sie noch auf der Erde wären. Wer aus Liebe trauert,
möge sich trösten und beherrschen. Wer nur aus Sentimentalität
oder weil es Sitte ist, der möge fortfahren — seine Trauer wird den
Fortgegangenen nie erreichen. Doch Liebe — reine, selbstlose Liebe hat
diese Kraft. Ihr würdet nicht weinen, könntet Ihr nur für einen
Augenblick sehen, was ich gesehen habe, sondern würdet zufrieden sein, die
Betrauerten in den Händen Gottes zu wissen, bis der Tag kommt, an dem Ihr
sie wiedersehen dürft.
Ich
konnte an der Schläferin inzwischen beobachten, wie die Bande des Schmerzes
mit dem Leichterwerden des Schlafes einen immer größeren
Einfluß gewannen. Im Halbschlaf murmelte sie mehrere Namen, öffnete
schließlich widerstrebend und halb betäubt die Augen, schien sich
dunkel zu erinnern und sah endlich mit Entsetzen die von ihr ausgehenden roten
Bänder. Dann bewegten sich ihre Lippen zu einem „Ich komme,
Liebes“, sie erhob sich — wobei die Bänder augenblicklich noch
mehr Kraft erlangten — und schritt erst zögernd, dann aber immer
rascher hinaus auf die Terrasse. Sie war jetzt offensichtlich in großer
Erregung, begann zu laufen, und hätte Cushna
mich nicht zurückgehalten, ich wäre ihr in den Weg gesprungen, um
einen Sturz von der Terrasse zu verhindern. Niemand hatte in diesem Stadium ein
Recht, in die Kraft einer zu Schmerz gewandelten Liebe einzugreifen. Sekunden
später stürzte sie sich über die Brüstung und war
verschwunden.
Cushna nahm mich an der Hand. Unsere Mission jenseits der Nebelwand
begann.
* * *
Meine
erste Rückreise zur Erde
Zum
ersten Mal war mir bewußt, daß wir nicht unsere Beine gebrauchten.
Es war keine Anstrengung nötig. Cushna hielt
mich an der Hand, und wenn es einer geistigen Energie bedurfte, um uns zu
unserem Ziele zu führen, so ging sie von ihm aus. Für mich war es ein
müheloses, schnelles und angenehmes Gefühl des Davongetragen-Werdens
durch die Luft. Hingegen — wir bewegten uns nicht in Gedankenschnelle.
Vielleicht war ich dazu noch nicht fähig, oder es gab andere Gründe,
über die Cushna an meiner Seite sich ausschwieg.
Mein Herz schlug schneller, als ich bald die Nebelwand vor uns liegen sah. Wie
würde die Erde aussehen für einen, der „von der anderen
Seite“ kam? Würde ich London sehen, würde ich es
wiedererkennen, welchen meiner Bekannten würde ich sehen?
Wir bewegten uns nahe vor dem Nebelmeer, und gerade als ich mich zu wundern
begann, daß wir nicht hineinsteuerten, fielen mir Helens Worte ein:
„Wenn wir zur Erde zurückkehren — hatte sie gesagt,
„fliegen wir über die Nebel hinweg.“ Und richtig! Genau das hatte
Cushna, der immer noch schwieg, vorgehabt.
Bevor
ich noch weiter überlegen konnte, waren wir am Ziel. Meine
Überraschung war vollkommen. Es war dunkel und kalt, und voller
Enttäuschung zögerte ich, weiter vorwärts zu dringen. Ich konnte
nicht ausmachen, wo oder in welcher Entfernung sich die Erdoberfläche
befand. Nirgends ein Licht! Endlich brach Cushna sein
Schweigen und fragte mich mit sanfter Ironie, welchen Eindruck die Erde wohl
auf mich mache.
„Ich
habe sie noch gar nicht gesehen“, rief ich, „und nicht ein Zeichen
des Lebens, es sei denn, daß die undeutlichen und verworrenen
Geräusche um uns von der Erde kommen!“
„Genau
das hatte ich erwartet“, war die Antwort. „Die Menschheit
mißversteht die Beziehung zwischen der materiellen und der geistigen
Seite dieses Lebens und du selbst hast diesen Irrtum noch nicht
überwunden. Er ist das größte Hindernis einer
Verständigung zwischen den beiden Seiten. Die Menschen auf der Erde gehen
von der völlig falschen Voraussetzung aus, daß der fleischliche
Körper der „richtige“ und überlegenere sei. Sie glauben,
daß mit dem Absterben dieses Körpers auch alle seine Eignungen und
Fähigkeiten zu bestehen aufhören. Arbeit, Fortschritt und Entwicklung
sind nach ihrer Meinung auf die Erde beschränkt. Der Seele billigt man
allerdings eine ätherische, ganz und gar passive Existenz zu. Der
größte Teil der Menschen glaubt, daß mit dem Grabe alles
Positive, Praktische, Schöpferische aufhört. Und unsere
Kirchenfreunde leiden oft an einer anderen Täuschung. Sie hängen an
der Vorstellung, daß Gott seine Offenbarung vor neunzehnhundert Jahren
mit Jesus Christus abgeschlossen hat. Deshalb, so meinen sie, ist jeder
Versuch, das ‚Schweigen des Grabes‘ zu brechen, eine Art
teuflischer Anschlag auf ihre Seele. Ein wenig ruhiges Nachdenken würde
alle diese Vorstellungen überwinden helfen.“
„Zur
ersten Auffassung ist zu erwidern, daß unsere Intelligenz — das
Gehirn — nicht mit dem Geist gleichzusetzen ist; sie ist allenfalls das
Instrument, durch das der Geist unter gewissen Umständen wirkt. Zwischen
beiden besteht ein unüberbrückbarer Graben, so tief und dunkel,
daß auch der Weiseste noch keine Verbindung entdeckt hat. Geistig Dinge
mit dem reinen Intellekt prüfen zu wollen, ist deshalb absolut
töricht. Wir könnten ebensogut behaupten ein Musiker ‚existiert
nicht‘, wenn lediglich die Saiten seines Instrumentes gerissen sind. Aber
die Haltung mancher Kirchen ist weniger folgerichtig. Die Bibel bringt zahllose
Beispiele vom Wirken der Engel. Das Auferstehen Christi
nach seinem körperlichen Tode ist der Grundpfeiler ihres Glaubens. Und
doch leugnen sie die Möglichkeit einer offenen Verbindung zwischen den
beiden Welten und erklären mit anderen Worten, das Wirken der Engel sei
eine Sache der Vergangenheit. Gott ist für sie, wenigstens in diese
Beziehung, nicht mehr der gleiche wie früher.“
„Du
hast völlig recht mit alledem“, warf ich ein. „Aber was hat
das damit zu tun, daß ich die Erde nicht wahrnehmen kann —
vorausgesetzt, daß wir nahe genug sind?“
„Du
wirst den Vergleich sofort verstehen“, fuhr Cushna
eindringlich fort. „Unsere Freunde auf der Erde glauben nicht an das
fortgesetzte Wirken der ‚Engel‘, weil sie uns nicht sehen
können. Du, auf der andern Seite stehend, kannst die Erde zu deinen
Füßen nicht wahrnehmen. Warum? Einfach weil du den Beobachtungsstandpunkt
geändert hast. Durch diese Änderung bist du für die Erde
unsichtbar geworden siehst nur noch mit spirituellen Augen und kannst —
aus ebendiesem Grunde — nun nicht mehr die physische Materie erkennen. So
unwirklich, wie die Menschen auf der Erde sich das Jenseits vorstellen, sind
sie es jetzt für dich selbst geworden. Trotz deines Wissens um das
materielle
Vorhandensein der Erde ist sie für dich fast immateriell geworden
während du selbst, das geistige Wesen, wirklich und wesenhaft bist. Eine
Umkehrung aller Werte. Hattest du nicht geglaubt, wir seien alle unsichtbare,
substanzlose, schemenhafte Seelen?“
„Gewiß,
aber meine Vorstellungen, wenn ich überhaupt daran dachte, waren immer
recht unklar.“
„Jetzt
kannst du verstehen, was bisher ein Geheimnis für dich war. Du selber
bleibst so wirklich wie jemals zuvor, aber alles andere hat sich geändert.
Die geistige Welt ist die objektive und natürliche geworden, die
materielle hat sich aufgelöst. Häuser, Bäume, und selbst die
Körper von Menschen sind für uns nur noch Dunstgebilde, die keinen
Widerstand mehr darstellen.“
„Cushna“, rief ich, überwältigt von der
Offenbarung, als mein Begleiter jetzt mit einer Handbewegung auf unsere
Umgebung wies und ich plötzlich die schleierförmigen Umrisse der
Dinge erkannte, die uns umgaben, „wie soll ich das alles
verstehen?“
„Du
mußt Geduld haben“, antwortete er. „Wer würde seine
Bemühungen aufgeben, weil er eine neue Sprache noch nicht beherrscht, wenn
er das Alphabet gelernt hat? Unser Wissen erwerben wir stufenweise. Mit der
Lösung weiterer Geheimnisse tun sich uns neue, größere Probleme
auf, bis zu dem Punkt, da alle Kräfte entfaltet sind und wir Gott sehen.
Wenn unsere Freunde auf Erden dies erkennen würden, könnten sie ihre
Aufgaben besser erfüllen.“
„Ich
beginne jetzt die Schwierigkeit einer Verständigung mit den Menschen
besser zu verstehen“, sagte ich. „Aber gibt es nicht einen Weg,
diese Hindernisse zu überwinden?“
„Ja!
die Liebe ist stärker als der Tod, und das eine große Gesetz, das
alles bei uns regiert, ist auch das Mittel, die Menschen zu erreichen und zu
retten. Sympathie, ob sie rein ist oder unrein, bildet eine natürliche
Brücke zwischen gleich und gleich, wie du schon an dem Fall des
Mädchens gesehen hast, das die Ursache unserer Mission hierher ist. Liebe
verbindet die Seelen über den großen Abgrund hinweg. Wenn eine
Mutter, die bei uns ist, nach menschlicher Vorstellung weiter über das
Wohlergehen ihres Kindes auf der Erde wachen kann, warum sollte dann der
umgekehrte Weg nicht möglich sein? Wenn die Lehren der Menschheit zugeben,
daß das eine möglich ist, wie können sie das andere ableugnen?
Gottes Äther trägt die Botschaft in beide Richtungen.“
„Gewiß,
aber es gibt da doch Hindernisse.“
„Zugegeben,
aber sie sind nicht natürlich. Würden die einfachen Lehren Jesu auf
der Erde befolgt, dann wäre die Hauptschwierigkeit schon beseitigt.“
„Ich
wünschte, ich wäre dieses erste Mal bei Tageslicht zur Erde
zurückgekehrt“, meinte ich. „Die Dunkelheit verwirrt mich noch
mehr, als ich es sonst gewesen wäre.“
„Schon
wieder ein Irrtum“, rief Cushna mit
offensichtlicher Belustigung. „Es ist voller Tag hier für die
Erdenmenschen, wenn er auch nichts ist gegen das schattenlose Licht des
geistigen Reiches.“
„Was
ist das für ein Schatten, der sich dort bewegt?“
„Ein
Mensch, in dem keine Geistigkeit ist, deshalb sehen wir ihn als dunklen
Schatten. Je mehr sich der Mensch dem Christus-Ideal nähert, desto
stärker wird sein Körper von dem geistigen Licht durchschienen.
Stärke und Farbe des Lichtes, das von einem Menschen ausgeht, verraten
seinen wirklichen Zustand. Man braucht ihn uns nicht zu sagen, eine
Täuschung ist unmöglich, denn niemand kann seine Ausstrahlung
verbergen.“
Cushnas Worte riefen die Stellen der Bibel in mein Gedächtnis;
„Das Licht scheint in die Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht
verstanden!“ und ein anderes: „Ihr seid das Licht der Welt!“
Wo hätte sich die wahre Bedeutung dieser Worte stärker offenbaren
können als hier, da ich die Erde zum ersten Male mit den Augen des Geistes
sah?
* * *
Ernte
der Blindheit und des Sehens
Mein
Gefährte ließ mir nicht lange Zeit zum Nachdenken. Er wies mich in
die Richtung, in der wir die Mission zu verrichten hatten, zu der wir gekommen
waren. Und ihm folgend, vermochte ich nach und nach die schattenhaften Umrisse
unserer Umgebung besser zu erkennen. Bald darauf erreichten wir einen Friedhof.
Seine Kreuze und Grabsteine waren graue Dunstgebilde für meine Augen,
geisterhaft wirkend und unwirklich. Und gleich darauf erkannte ich das Ziel
unserer Mission: ein Mädchen, am Rande eines frischen Grabes stehend und
neben ihr, sitzend und den Kopf weinend in die Hände vergraben, eine
andere junge Frau. Ich erkannte die Situation sofort. Hierher also hatte der
unbeherrschte Schmerz eine der ihren die Schwester gezogen, die wir vor Kurzem
im Haus Siamedes‘ hatten erwachen sehen. Ich
war gebannt von dieser Szene, sie war mein erster Anschauungsunterricht
über die Macht, mit der die Liebe den Tod überwindet. Die
purpurfarbenen Bänder, die ich schon vorher gesehen hatte, waren jetzt noch
heller und stärker, die beiden Seelen verbindend. Strahlen liebender
Gemeinschaft gingen ständig hin und her, erkannt und verstanden von der
einen, aber unsichtbar für die andere.
Ich
spürte einen kaum widerstehbaren Drang, hinzueilen und etwas zu tun; zu
versuchen, den Abgrund zwischen den beiden zu überbrücken. Cushna mußte mich zurückhalten, damit meine
Ungeduld nicht zerstöre, was sonst vielleicht zu erreichen möglich
war. Er war so ruhig und unbewegt wie die Grabsteine um uns, so ohne jedes
Zeichen der Anteilnahme, daß ich mich zu fragen begann, ob derselbe Mann
neben mir stand, der gegenüber Marie einer solchen Tiefe des
Mitgefühls fähig war. Später erst verstand ich, daß seine
Ruhe nur die Zuversicht des Wissens war. Seine Sinne waren aufs höchste
angespannt, bereit, einzugreifen, sobald sich die Gelegenheit dazu bot.
Es
war ein erschütternder Anblick, wie sich der Schmerz der Weinenden in
Purpurfäden um ihre Schwester rankte. Diese schien die Situation nur
allzugut zu begreifen. Hätte sie doch noch ein wenig länger ruhen,
hätte sie etwas Kraft gewinnen oder das Wissen erlangen können, wie
sie ihrer Schwester helfen könnte. So aber mußte sie hilflos und
tatenlos zusehen.
Heftiges
Weinen hatte inzwischen die Bande noch kürzer gezogen, und
schließlich stand die Schwester an der Seite der Trauernden, legte ihren
Arm um sie und küßte sie auf die Stirn. Ich konnte es kaum fassen
bei diesem Anblick, daß die innige Berührung von der anderen nicht
gespürt wurde. Aber es gab keinen Zweifel; der Schleier zwischen Geist und
Materie war unverkennbar. Cushna hielt jetzt den
Augenblick zum Handeln für gekommen. Er machte sich der älteren
Schwester bemerkbar und redete ihr zu, die Trauernde anzusprechen, was sie
seltsamerweise bisher selbst noch nicht versucht hatte.
Ihr
Gesichtsausdruck schien zu fragen „wenn sie mich nicht sehen kann, wie
kann sie mich dann hören?“, aber Cushna
ließ sich auf keine Erklärungen ein, ermutigte sie und versprach ihr
seine Hilfe. Sanft den Arm fortziehend, erhob sie sich jetzt, kniete dann direkt
vor der Schwester nieder und blickte sie fest an.
„Sarah,
liebe Sarah!“
Weich
und schwingend kamen diese Worte von ihren Lippen und sie schienen, schneller
als wir zu hoffen gewagt hatten, von Wirkung zu sein. Das Mädchen hob den
Kopf und schaute sich um, ungewiß, ob das Echo ihres eigenen Kummers sie
getäuscht oder ob sie wirklich eine Stimme gehört hatte. Liebe
kämpfte mit Furcht und Zweifel, mit einem starken Wunsch, bis
schließlich der Zweifel zu stark war und die Tränen wieder flossen.
Trotzdem,
es war weit mehr als wir erwartet hatten, und auch die ältere Schwester
hatte mehr Mut geschöpft. „Sprich nochmals“, forderte Cushna sie auf.
Wieder
erklang die musikalische Stimme, verstärkt in ihrer Intensität durch
ein Übermaß von Liebe. „Sarah, Liebste, weine nicht; ich
bin‘s, Lissie — ich hab deinen Kummer
gespürt und er hat mich vom Himmel zurückgebracht.“
Diesmal
wurde die Stimme deutlicher gehört. Sarah hob den Kopf hoch, bevor die
Schwester zu Ende gesprochen hatte und schaute, die Augen noch voller
Tränen, nach allen Seiten um sich. — Niemand war zu sehen, aber es
gab keinen Zweifel, die Stimme war ihr nur allzugut vertraut, wenn sie auch
weicher und feiner kam als ein Flüstern. Aber war es nicht vielleicht doch
nur alles Einbildung? — Cushna schien
entschlossen, einem neuen Zweifel vorzubeugen, trat hinzu und lieh seine eigene
Kraft. Gleichzeitig forderte er Lissie auf, die
Schwester noch einmal zu rufen. Diesmal war der Erfolg vollkommen. Sarahs
Antlitz wandelte sich in einen Ausdruck der Freude und Gewißheit; der
Zweifel war beseitigt. Sie sprang auf die Füße und eilte
heimwärts, die frohe Botschaft der Familie zu bringen.
Wir
folgten ihr. Während Cushna wieder völlig
ruhig war, befand ich mich in einem Zustand größter Verwirrung. Wenn
all das, was ich gerade erlebt hatte, Wirklichkeit war und nicht ein Traum,
dann mußte der ‚Tod‘ seinen Schrecken verlieren, und die
Worte Christi an Martha „wer lebt und an mich geglaubt, wird niemals
sterben“*) müßten auch auf Erden eine beweisbare Tatsache werden.
Die Entfernung, die uns von der Erde trennte, war so zusammengeschmolzen,
daß ein Flüstern sie überbrücken konnte. Nur noch ein
Schleier war da; vielleicht durchscheinend genug, um uns sichtbar werden zu
lassen. Ein Riß — und die Einheit der Welt war wieder hergestellt!
Aber
ich hatte mich zu früh gefreut.
Beflügelt
von ihrem Erlebnis war Sarah nach Hause geeilt, wie es Magdalena wohl getan
haben muß, als sie die Nachricht brachte, daß der Stein vom Grabe
Jesu weggerollt war.
„Sie
hat mit mir gesprochen, als ich an ihrem Grabe saß“, waren ihre
ersten Worte; kaum daß sie das Haus betreten hatte. „Ich konnte es
erst nicht glauben, aber dann sprach sie wieder und sagte, daß sie bei
mir sei. Immer noch war ich unsicher, aber dann hörte ich sie ein drittes
Mal — ganz bestimmt! Es gibt keinen Zweifel, sie ist nicht tot, sie ist
bei uns, auch wenn wie sie nicht sehen können. Lauscht nur still, und ihr
werdet sie ebenso hören können!“
Arme
Seele! Wir hätten die Wirkung voraussehen müssen: Eltern und Freunde
weinten nur noch mehr — zur Trauer kam der Kummer, daß der Schmerz
um den Verlust der Schwester dem Mädchen offenbar den Verstand umnebelt
hatte — — Sarah stand auf verlorenem Posten.
Vergeblich
versuchte Lissie, sich bemerkbar zu machen; ihre
sanfte Stimme konnte die Wand von Vorurteilen nicht durchdringen. Sie versuchte
noch einmal, zu sprechen, aber das kalte Wasser des menschlichen Vorurteils
hatte die junge Flamme der Überzeugung ausgelöscht. Auch Lissie selbst begann jetzt zu weinen. Der Abgrund, den sie
für einen Augenblick überbrückt hatte, war jetzt wieder so tief
und dunkel wie zuvor. Himmel und Erde waren sich ferner denn je.
Cushnas Aufmerksamkeit galt jetzt allein noch der älteren
Schwester. Seine Aufgabe war es, die bitter Enttäuschte und Verzweifelte
fortzuleiten von einem Ort, wo die Anziehungskraft der Liebe machtlos war gegen
den zerstörenden Einfluß blinden Aberglaubens. Seine Kraft gewann
jetzt die Oberhand über Lissie. Einen Augenblick
später waren Helfer zur Stelle, gerufen durch einen Gedankenstrahl, und
ihnen übergab Cushna das erschöpfte
Mädchen, um sie zum Hause Siamedes‘
zurückzubringen.
„Wie
lange wird sie diesmal schlafen?“ fragte ich Cushna,
als sie uns verließen.
„Schwer
zu sagen! wahrscheinlich so lange wie das erste Mal. Es richtet sich ganz nach
den Umständen.“
„Wird
sie nochmals hierher zurückkommen?“
„Sehr
gut möglich. Ich habe Fälle erlebt, wo Freunde auf unserer Seite
drei- und viermal zurückgezogen wurden. Andere werden vom Kummer ihrer
Familie so in den Bann geschlagen, daß sie fast seine Gefangenen werden
und es unendlich schwer ist, sie fortzubringen“.
„Wie
anders wäre es gewesen“, meinte ich, „wenn Sarah ihre
Schwester nicht nur gehört, sondern auch gesehen hätte!“
„Absolut
nicht! Es wäre nur als ein weiterer Beweis dafür angesehen worden,
daß das Mädchen den Verstand verloren habe.“
„Und
ich war so begeistert und optimistisch, als es Lissie
gelungen war, ihre Stimme hörbar zu machen.“
„Nun,
ich war es nicht“, meinte Cushna ernst.
„Die Erfahrung hat es mich anders gelehrt. Ich wäre optimistischer,
wenn die Menschen wenigstens die Möglichkeit einräumen würden,
daß wir über gewisse Kräfte verfügen, die in der
materiellen Welt nicht bekannt sind. Aber was können wir erwarten, solange
sie sich uns als schemenhafte Gebilde vorstellen, die irgendwo im All
herumschweben? Das heißt, wenn sie überhaupt daran glauben,
daß der Mensch nach dem sogenannten Tode weiterlebt. Wir sind für
sie wie uralte verstaubte Bücher auf dem Speicher, hoffnungslos unnütz
und sogar gefährlich zu studieren.“
„Entmutigt
dich das nicht bei deiner Arbeit?“
„Nein,
lieber Freund. Unser Wissen um die Gesetze Gottes sagt uns, daß der
Irrtum der Menschen die Wahrheit nur verzögern, sie aber niemals aufhalten
kann. Alles Tun und Denken auf der Erde kreist um die siebzig Jahre, die wir
dort zu leben haben; das Zeitliche überdeckt das Ewige; die Dinge, die
keinen Bestand haben, regieren das Beständige. Wir wissen es besser und
können deshalb warten, wenn nötig. Trotzdem wissen wir aber den
Zeitpunkt, zu dem wir tätig werden müssen.“
„Ist
es nicht überhaupt ein wenig gefährlich“, fragte ich,
„den Menschen die volle geistige Wahrheit zu sagen, vorausgesetzt,
daß man sie übermitteln kann?“
„Warum?
Sie bleibt die Wahrheit und ich habe keine Furcht vor den Folgen, die ein
Aussprechen der Wahrheit nach sich zieht. Stelle dir nur einmal vor, Marie
hätte die Möglichkeit, den Menschen klarzumachen, welchen Preis sie
für die Leidenschaft der Eifersucht zahlen mußte; glaubst du,
daß es viele geben würde, die freiwillig die gleiche Strafe auf sich
nähmen?“
„Nein,
du hast recht. Wenn sie erführen, was ich von Marie selbst erfahren habe,
würde es keiner wagen.“
„Und
darum sollten wir vor der Verkündung der vollen Wahrheit nicht
zurückschrecken — ‚Was irgend ein Mensch säet, das wird
er auch ernten‘, nur wird die Ernte eine natürliche sein und nicht
ein Urteil der Rache. Aber wir wollen uns jetzt nicht in eine Diskussion
verlieren. Ich will dir noch einen erfreulicheren Teil unserer Arbeit zeigen,
wo du wieder frische Hoffnung schöpfen kannst.“
Ich
hatte kaum Zeit, Cushna zu antworten, da waren wir
bereits an einem anderen Ort — in einem Raum, der zu meinem
größten Erstaunen fast ebenso feste Formen hatte wie wir selbst.
Erst später lernte ich, daß diese offenbare Verwandlung der
irdischen Materie auf die besondere geistige Entwicklung des Mannes
zurückzuführen war, der diesen Raum als Arbeitszimmer benutzte. Das
Gebäude war ein typisches Londoner Vorstadthaus, der Arbeitsraum im oberen
Stock aus einer Küche umgebaut, deren Geschirrleisten jetzt als
Bücherbord dienten. Am Tisch saß ein Mann, der noch kaum die Mitte
des Lebens erreicht zu haben schien.
„Gib
acht, wie anders die Wirkung meiner Worte jetzt sein wird als die Lissie‘s an ihre Schwester“, raunte mir Cushna zu. Dann sagte er, immer noch mit leiser Stimme:
„James!“
Sofort
hob der Lesende den Kopf, blickte in unsere Richtung und sagte erfreut:
„Oh, Cushna, bist du es?“
„Ja,
hast du viel zu tun?“
„Nicht,
wenn du da bist“, war die Antwort.
„Ich
möchte diesem Bruder hier zeigen, wie leicht wir uns mit dir unterhalten
können, deshalb möchte ich dich bitten, etwas für uns
niederzuschreiben.“
James
legte das Buch, in dem er gelesen hatte, beiseite, und nahm Papier und Feder
zur Hand. Cushna wandte sich an mich. Vielleicht möchtest
du selber etwas diktieren?“
Ich
hätte dies gerne getan, aber war in diesem Augenblick nicht fähig
dazu. Die Überraschung, die Cushna mir bereitet
hatte, war vollkommen gelungen. Ich stand sprachlos vor der Erkenntnis,
daß Geisteswelt und Materie — wenigstens in diesem Raum — so
zusammenrücken konnten, daß jeder Unterschied verschwand. Hier waren
keine zwei Welten mehr, sondern nur noch zwei Aspekte einer einzigen.
„Vielleicht
ist dies eine gute Gelegenheit zu einem deiner Stegreif-Verse, Cushna?“, fragte der wartende Schreiber jetzt.
„Nun
gut, nenne es — — —
Tod — ein Übergang
Brüder der Erde, auf der
meine Seele geboren:
Als ich einschlief,
dacht‘ ich,
ich müsse den Fluß
überqueren.
Nun aber sah ich,
es war eine Wolkenbank und
kein Fluß.
Menschen sagen, verborgen im
Düstern
läg‘ unser Grab,
daraus sich Dämonen und
Teufel erhöben.
Als ich den Weg mir bahnte,
kam an den Ort ich.
Aber ich sag‘ euch, es
war dort kein Tal.
Als Wächter, so sagt
man,
ständen Engel in vollem
Glanze
vor dem verschlossenen Tor.
Ungehindert ging ich
über die Ebene:
Wahrhaftig, ich sag‘
euch,
es gibt dort kein Tor.
Kein Tor, an dem Menschen der
Mut vergeht,
kein enges düsteres Tal,
kein Fluß auch, der
Deine Schritte hemmt.
Nichts als ein
Kältehauch, der mich durchfuhr,
dann: vollkommene Stille.
Erwachend stand ich bereits
am Hang
jenseits der
Nebelwand.“
So
ruhig und mit größter Selbstverständlichkeit hatte unser Freund
diese Zeilen niedergeschrieben als wenn ihm sein Chef einen Brief diktierte. In
diesen wenigen Minuten erkannte ich, daß, wenn es auf der ganzen Erde
kein anderes Bindeglied gäbe, schon dieses eine genügen würde,
um die beiden Stadien des Lebens aneinanderzuketten, ja daß man es so
stärken könnte, bis aller Irrtum auf Erden beseitigt und das letzte
abtrünnige Kind zum Vater heimgekehrt wäre.
Unser Freund legte das Geschriebene in ein Fach, in dem sich bereits eine Reihe
anderer Botschaften von Besuchern gleich uns befanden, denen er seine Dienste
zur Verfügung stellte. Dann fragte er: „Kann ich sonst noch etwas
für dich tun?“
„Nicht
im Augenblick“, sagte Cushna.
„Wirst
du Zangi bald sehn?“
„Ich
kann ihn rufen, wenn du etwas brauchst.“
„Du
könntest ihm sagen, daß es Elmer nicht besonders gut geht und
daß es nett wäre, wenn er ihn besuchen würde.“
„Was
fehlt ihm?“
„Oh,
wohl nichts gerade Ernstes, aber so hat er einen Vorwand, um nach Zangi zu fragen.“
„Sag
dem Jungen, daß ich Zangi sofort
benachrichtigen werde. Gott segne dich!“
Als
wir gegangen waren, erzählte mir Cushna,
daß die Verbindung mit dieser Familie bereits so vollkommen war,
daß mehrere der Kinder mit uns fast so leicht sprechen konnten wie der
Vater. Trotzdem unterschieden sie sich nicht von anderen Menschen. Immerhin
— hier war Gottes Gnade in außergewöhnlichem Maße
offenbar geworden. Das erforderte ein besonderes
Verantwortungsbewußtsein, und so erfolgten diese Zusammenkünfte
niemals im Angesicht einer neugierigen Menge. Nur wenige wurden eingeweiht, und
noch geringer war die Zahl derer, die hin und wieder selbst zugegen sein
durften. In der Gegenwart dieser Familie hatten es einige unserer Freunde sogar
fertiggebracht, einen festen irdischen Körper anzunehmen, wie es in
biblischen Zeiten die Engel taten, um einer bestimmten Hilfsmission, etwa des
Heilens, zu folgen. Die Anhänglichkeit des achtjährigen Elmer
für Zangi entsprang der Hilfe, die ihm dieser
geleistet hatte, als er ein ausgerenktes Fußgelenk auf der Stelle heilte.
Der Arzt hatte erklärt, es würde längere Zeit dauern, bis Elmer
den Fuß wieder gebrauchen könne.
Was Cushna mir da erzählte, hätte mir noch vor einer
halben Stunde ganz und gar unglaublich geklungen. „Du erzählst das
alles so“, rief ich schließlich, „als wäre es die
natürlichste Sache von der Welt.“
„Das
ist sie auch, wenn auf beiden Seiten reine, selbstlose Nächstenliebe
vorherrscht und ein aufnahmebereites Gemüt, das hören kann, wenn wir
sprechen. Wer die von Christus vorgelebten Voraussetzungen zu erfüllen
sucht, der wird eine Antwort erhalten, wenn er uns ruft. Dies war das Geheimnis
der Propheten, und in diesem Falle hast du nichts Neues erlebt, sondern nur
bestätigt gefunden, daß diese Dinge heute ebenso möglich sind
wie in ferner Vergangenheit. Ich weiß, das alles klingt höchst
seltsam und überraschend, aber das liegt nicht etwa daran, daß Gott
seine Gesetze auch nur im geringsten geändert hätte. Der Mensch hat
sich vielmehr mehr und mehr von der Wahrheit entfernt, indem er sein ihm von
Geburt gegebenes Recht der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott gegen das
„Linsengericht“ seiner selbstsüchtigen, auf materielle Ziele
gerichteten Strebungen verkaufte. Diese Tage des Irrtums sind aber
glücklicherweise gezählt. Eine solche unmittelbare Verbindung des
irdischen Lebens mit unserem Leben, wie du sie eben selbst erlebt hast, ist nur
ein Teil dessen, was ständig und tausendfältig möglich sein
wird.“
„Daß
auf Erden Glaube und Vernunft schlechthin als feindliche Brüder angesehen
wurden, was ich unbewußt als widersinnig empfand, war der tiefere Grund
dafür, daß ich der Kirche mein Leben lang fern blieb.“
„Nichts
schmerzt uns mehr“, fuhr Cushna fort,
„als die ablehnende Haltung, die die Kirchen fast überall gegen
diese Gemeinschaft mit der geistigen Welt einnehmen. Es wird als ein
Glaubensartikel gelehrt, daß böse Geister die Möglichkeit der
Verbindung mit dem Menschen besitzen und ausüben. Sie können denen,
die ihnen gleichen, erscheinen, sich mit ihnen verbünden, ja sogar ihre
Körper “besitzen“. Aber den im Glauben an Christus
verklärten Männern und Frauen, die von der Erde geschieden sind, wird
dieses Recht nicht zugestanden, weil man meint, daß Gott, nachdem die
Mission Christi erfüllt war, die Erlaubnis zum Verkehr zwischen Engeln und
Menschen zurückgezogen habe.“
„Es
ist nicht einmal nötig, auf Gottes ewigwährende, unveränderliche
Natur hinzuweisen, um diese Anschauung zu Fall zu bringen; sie macht ja Gott
willkürlich und ungerecht, indem sie seinen Feinden Vorteile
einräumt, die sie seinen Freunden versagt. Sie gibt den Kräften der
Finsternis alle Macht zur Versuchung, leugnet aber die gleiche Handlungsfreiheit
für die helfenden Geister des Lichts. Sie läßt uns breite
Straßen in den Abgrund schauen und verschließt zu gleicher Zeit die
hellsten Pfade zum wahren Leben. Man lehrt, daß Gott alle erlösen
wird die zu ihm kommen, versperrt aber gleichzeitig nahezu völlig den Weg,
der am einfachsten und sichersten zu Ihm führt.“
„Aber
haben denn“, so fragte ich, „böse Geister die gleichen
Möglichkeiten einer Verbindung zur Erde wie gute?“
„Präge
dir zwei sehr einfache Wahrheiten ein; sie werden dir viele Probleme lösen
helfen, die sonst unerklärlich erscheinen mögen. Die eine ist,
daß in keinem Stadium des Lebens ein Zwang ausgeübt wird. Du hast
bereits Beispiele hierfür gesehen. Jede Seele ist frei, ihre eigene Wahl
zu treffen, und naturgemäß wird sie das wählen, was ihr am
meisten entspricht. Auf Erden sind die Weiden der natürliche
Aufenthaltsort für das Vieh, das Wasser für die Fische, die Luft
für die Vögel. Es besteht kein Anlaß, die Gattungen durch Zwang
von einem Übertritt in andere Elemente fernzuhalten. Ebenso ist es bei
uns. Ein Sünder kann ebensowenig in der Region der Heiligen zuhause sein,
wie ein Schaf sich etwa gleich dem Adler in die Lüfte erheben
könnte!“
„Das
zweite, das du dir einprägen mußt, ist die Macht der Zuneigung; sie
ist fast allmächtig. Die ganze Schöpfung wird regiert von dem
Prinzip, das du bei Lissie und ihrer Schwester am
Werk gesehen hast: Gleiches zieht Gleiches an. Wenn diese
Anziehungskraft nicht durch Gegenkräfte unterbrochen wird, fühlen
sich die Seelen auf natürliche Weise voneinander angezogen, ob die sie
beseelende Kraft gut ist oder böse. Keine Seele auf unserer Seite aber ist
sich im Unklaren darüber, daß sie selber
indirekt für die Ergebnisse verantwortlich ist, die daraus entstehen
mögen. Solange die Menschen auf der Erde falsche Vorstellungen von diesen
Dingen haben, ist es nicht überraschend, daß
die niederen und unwissenden Geister die größere Anziehung zur Erde
finden.“
„Dann
betrachtest du den gegenwärtigen Zustand der Verbindung mit der Erde also
als mehr oder weniger negativ?“
„Absolut
nicht. In unserem jetzigen Zeitalter herrscht auf der Erde ein großer
Wissensdurst — ein Geist ernsthafter Wahrheitssuche. Im Menschen wohnt
seit je ein natürliches Sehnen, den Schleier zu heben, der die ewige
unsterbliche Welt vor seinen Blicken verbirgt. Tief in seinem Innern fühlt
er — auch wenn er es nie zugeben würde — daß
es einen Weg zu diesem Ziel gehen muß.
Unerschrockene Männer und Frauen waren, allen Widrigkeiten zum Trotz,
unermüdlich auf der Suche, bis der Schleier vor ihnen nachgab. Aber
während sie sich von Irrtümern auf einem Gebiet freimachten, hielten
sie nur allzu oft an anderen fest, sodaß sie
nicht die Geister anzogen, die von der Wahrheit restlos erfüllt waren,
sondern solche, die ihnen selber verwandt sind.“
„Ich
möchte dich mit allem Nachdruck darauf hinweisen, stets zwischen denen,
die ich die niedrigeren Freunde nannte und den niedrigeren Seelen
sorgfältig zu unterscheiden. Wenn wir auch nicht in die zwei Klassen
— gut und böse eingeteilt sind, so bestehen naturgemäß
zahllose Stufen der Entwicklung, sodaß es
unmöglich ist, irgendwo eine klare Trennungslinie zu ziehen. Die Geister
in dieser Welt aber, die von den auf Erden unermüdlich Suchenden angezogen
werden, sind ihnen auch im Hinblick auf ihren Entwicklungsgrad verwandt. Da sie
aber unter uns leben, so können sie bereits viele Wahrheiten vermitteln,
und so den Weg für höhere und machtvollere Verkünder der
Wahrheit bereiten. So sind die gegenwärtigen Aussichten durchaus nicht
entmutigend. Sie sind im Gegenteil hoffnungsvoll und vielversprechend.“
Auf
unserem Wege zurück hatten wir wieder die Nebelwand passiert. Cushna, der meinen Wunsch nach einem Blick auf den
Grenzbereich zwischen Himmel und Erde sofort spürte, führte mich zu
einem Punkt, der besonders gut zu einer Beobachtung geeignet war. Ich hatte
mich inzwischen an das düstere Licht gewöhnt, in dem für uns der
irdische Bereich erscheint, und konnte das Zusammentreffen von Licht und
Schatten im Grenzbereich gut beobachten.
Wiederum kam es mir zum Bewußtsein, daß es irrig ist, von zwei Welten zu sprechen. Es
sind vielmehr zwei Zustände einer Welt, durchdrungen, getragen und
zum Leben erweckt durch eine Essenz, die sich nur auf verschiedenen
Schwingungsebenen offenbart. Es ist kein guter Vergleich, aber ich möchte
für den Zweck der Beobachtung in diesem Augenblick die beiden
Zustände dem Meer und dem Lande gleichsetzen und die Nebelzone der Gischt,
die eine hohe Brandung erzeugt. Auf der Seite des Lichtreichs lag dieser
Nebelvorhang ruhig da, zur Erde zu aber rollte und hob er sich wie die
Flutwelle im ewigen Spiel der Natur. Manchmal war nur eine sanfte Bewegung
spürbar, aber gleich darauf konnte es geschehen, daß
sie Stärke gewann und vorschnellte, als wollte sie einer der Erde
entfliehenden Seele das ihr bestimmte neue Element entgegentragen. In der
Sprache dieses Vergleichs sahen wir manche, die gütig und sanft vom
Strande aufgehoben und hinausgetragen wurden, manchen aber auch, über den
die Woge mit Gewalt hereinbrach und ihn aus der Verankerung riß.
Welch
ein Wunder der Verwandlung wurde in dem kurzen Augenblick des Eintauchens in
den Nebel vollbracht. In dieser durchgreifenden Taufe, von der keiner
ausgenommen wurde, wurde aller Tand irdischer Pose hinweggespült,
die Verkapselung der Seele gebrochen, und der wahre Mensch kam zum Vorschein.
Nur die unsterbliche Substanz verblieb, sei sie gut oder böse, bestimmt
zum Himmel des wahren Lebens oder zum Fegefeuer der Sühne. So erkannte ich
das vollziehende Gericht. Wir sahen Männer, die Reichtümer
gescheffelt und sich eine Stellung von Rang erworben hatten, während sie
ihr Gewissen mit der trügerischen Hoffnung erstickten, daß
sich ihr Erfolg in der materiellen Welt auch günstig auf ihre Seele
auswirken müsse. Diese Hoffnung löste sich jetzt in Nichts auf, und
aus dem Nebel trat zitternd das nackte Ich hervor. Nur Taten und Gedanken
reiner selbstloser Liebe haben Bestand vor diesem unbestechlichen Gericht,
durch das wir alle hindurch müssen.
* * *
Während
ich diese gewaltige, sich immer erneuernde Szene beobachtete, fielen mir
mehrfach Gestalten auf, die in beiden Richtungen nicht durch den Nebel, sondern
über ihn hinweg schwebten, wie Cushna und ich es
selbst getan hatten. Das war an sich nicht weiter verwunderlich; sie konnten
auf einer ähnlichen Mission sein wie wir. Aber mindestens die Hälfte
dieser Passanten war auf das seltsamste gekleidet. Ich gab schließlich
das Raten auf und wandte mich an Cushna.
„Es
sind Schlafende, die ihre Freunde besuchen“, antwortete er.
„Ist
es möglich, daß es so viele wieder zur
Erde hinzieht?“ fragte ich erstaunt.
„Nein,
du verstehst mich falsch; ich meine nicht ‚Schlafende‘ von unserer
Seite, also wie Lissie etwa. Dies sind Menschen, die
noch auf Erden leben; aber in den Stunden ihres Schlafes kommt ihr
Seelenkörper zu uns herüber, um Freunde zu besuchen.“
“Cushna! Wie ist das möglich?“
Mein
Gefährte lachte schallend über die ungläubige Verwirrung, die
aus meinem Gesicht sprach.
„Ist
das eine neue Überraschung für dich? Ja, lieber Bruder, der Apostel
Paulus hatte schon mehr als recht, als er sagte: „… was kein Auge
gesehen noch kein Ohr gehört, noch in keines Menschen Herz gedrungen ist,
zu erfassen die Dinge, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.)
“Wir
können dich nur kleine Einblicke in die Wissensgebiete tun lassen, die dir
nun Zug um Zug eröffnet werden, bis du überwältigt sein wirst
von der Erkenntnis der grenzenlosen Vorsorge, die Seine unendliche Liebe
für unsere Glückseligkeit getroffen hat.“
„Versteh
ich dich richtig, Cushna? Meinst du, daß die Seele eines Menschen, der nicht
‚tot‘ ist, sondern nur schläft, sich vom fleischlichen
Körper lösen und sich in unseren Regionen mit denen, die
‚tot‘ sind, wieder vereinigen kann?“
„Genau
das meine ich! Ich kann dein Staunen darüber wohl verstehen, aber dies ist
trotzdem eine Tatsache. Du würdest es besser verstehen können, wenn
du vor dieser Erkundungs-Reise schon in deinem eigenen Heim gewesen
wärest.“
„Heim?“
Ungläubig und doch von einer unbeschreiblichen freudigen Vorahnung
erfüllt wiederholte ich dieses Wort, wobei zugleich viele neue Fragen in
mir auftauchten. Es schien mir wie eine Verheißung des innigsten
Wunsches, der mich je erfüllt hatte. Aber für den Augenblick
unterdrückte ich diese Regung und fragte: „Wie hätte ich das
denn wissen können?“
„Weil
du dort den Ort der Erinnerung erreicht hättest und dir alle Erfahrungen
deines Schlaf-Lebens wieder bewußt geworden
wären.“
„Das
klingt ja unglaublich!“
„Die
Dinge sind nicht immer so, wie sie uns erscheinen“, antwortete Cushna lächelnd. „Zunächst einmal solltest
du stets daran denken, daß der Mensch als
Ebenbild Gottes erschaffen wurde, was natürlich im geistigen und nicht im
körperlichen Sinne zu verstehen ist; denn Gott ist Geist. Dieser Teil des
Göttlichen, der sich im Menschen offenbart, hat auch die Eigenschaften
seines Ursprungs. Unser Geist also ist ein Teil der Ewigkeit. Auf Erden ist der
fleischliche Körper das Gefäß, durch das der Geist sich
offenbart, aber dieses Gefäß ist den Ermüdungserscheinungen der
Materie ausgesetzt und braucht deshalb Zeiten der Ruhe. Aber nur das Fleisch
wird ‚schwach‘, der Geist bleibt willig und lebendig. Die Nacht ist
bestimmt als Ruhepause für den Körper, nicht aber für den Geist,
der — wie bei uns, wo es keine Nacht gibt — dieser Ruhe nicht im
gleichen Sinne bedarf. Der Schlaf schaltet das Wachbewußtsein
als Teil unseres Körpers aus, nicht aber den unsterblichen Geist. Dieser
wird frei, ja er muß freiwerden vom
Körper, damit dieser sein Ruhebedürfnis befriedigen kann. Warum
sollte da der Geist, der keinen materiellen Beschränkungen unterliegt,
sich nicht in derselben Weise frei bewegen können wie der Geist derer, die
an keinen Körper mehr gefesselt sind?“
„Was
ist dann der Unterschied zwischen Schlaf und Tod?“
„Er
ist im Grunde sehr gering, soweit es das Verlassen des Körpers betrifft.
Im Falle des Schlafes ist jedoch Vorsorge für die Rückkehr des
Geistes in den Körper durch einen ‚Lebensfaden‘ getroffen,
eine silberbläuliche Nerven- Schnur, die eine Art Telefonverbindung
zwischen Seele und Körper darstellt. Solange dieser Faden nicht
unterbrochen wird, kann die Seele in den Körper jederzeit
zurückkehren. Ein Riß würde den
Schlaf in ‚Tod‘ verwandeln.“
„Und
wie findet der Schläfer zu seinem Ziel?“
“Wie
für alles, so ist auch dafür Sorge getroffen. Wie du bereits
weißt, geht jede Seele nach dem irdischen Tode an den Ort, der ihrem
Zustand entspricht. Nach dem gleichen Gesetz gibt es auch eine
‚Sphäre‘ für die uns besuchenden Schläfer. Es ist
eine Art Grenzgebiet, in dem sie ihre verstorbenen Freunde auf unserer Seite
treffen. Wenn du willst, können wir ein solches Gebiet einmal
besuchen.“
„Sehr
gerne! Aber sag mir, kommen denn alle Menschen während ihres Schlafes zu
uns?“
„Es
gibt nichts, was ihre Seelen daran hindern könnte, wenn sie den Wunsch
haben, und ich glaube, daß dies bei der
großen Mehrheit der Menschen der Fall ist.“
„Warum
scheint dann keiner nach dem Erwachen sich daran erinnern zu
können?“
„Dafür
gibt es zwei Gründe. Der eine ist sehr natürlich zu erklären:
wir besitzen, wie du weißt, für die Erdenmenschen keine
Körperlichkeit und bleiben ihnen daher unsichtbar. Zum anderen, bewegen
wir uns ja auf zwei völlig verschiedenen Schwingungsebenen, die nur durch
Liebe und Mitgefühl überbrückt werden können. Genau die
gleiche Kluft besteht zwischen dem menschlichen Gehirn und seinem spirituellen
Gegenpart; sie verhindert, daß die Erinnerung
des höheren Seelenbewußtseins in das
niedrigere Wachbewußtsein übertritt.
Dennoch ist diese Kluft nicht völlig unüberbrückbar. Wenn es
gelingt, die Schwierigkeiten zu überwinden, könnte das Schlaferlebnis
der Menschen eine sehr wichtige Rolle spielen.“
„Inwiefern?“
„Die
natürliche Funktion der Erinnerung könnte bewußt
gelenkt statt unterdrückt werden, so wie wir es bei Kindern finden.
Könnte man diese Funktion entwickeln, so kann die Wirkung auf die
menschliche Vorstellung vom ‚Tode‘ gar nicht hoch genug gewertet
werden. Die Mutter, um ein Beispiel zu nennen, die ihr geliebtes Kind verloren
hat, wird nicht mehr für den Rest ihres Lebens von 20, 30 oder vielleicht 40
Jahren von Trauer und Zweifeln über das Weiterleben nach dem Tode
erfüllt sein, sondern durch ihr Schlaferlebnis wissen, daß ihr Kind lebt und wird es sehen, so oft sie will.
Die Freude des Wiedersehens im ‚Tode‘ hängt doch davon ab, ob
und wieweit sie sich wiedererkennen. Während der Lebzeit
der Mutter hatte vielleicht noch keine Verbindung bestanden; die Mutter
erinnert sich nur an das Kind als Baby, während dieses selber nur sehr
schwach — wenn überhaupt — irgendwelche Vorstellungen von
seiner Mutter hat. Wenn dann der Tag der Wiedervereinigung kommt, erblickt das
Kind eine fremde Frau, in Sorgen ergraut und gebeugt. Und die Mutter? Wird sie
die in voller Blüte vor ihr stehende, engelsgleiche Gestalt als ihr Kind
wiedererkennen? Unter ‚irdischen‘ Umständen wäre das wohl
fast immer eine Unmöglichkeit.“
„Aber
Gott hat für solche Fälle besser vorgesorgt als es Menschen sich
vorstellen können. Wenn ein Kind auf Erden stirbt, kommt es mit den von
liebenden schmerzvollen Gedanken gebildeten Strahlenbündeln hierher, die
du bereits kennst. Aber bei Kindern werden solche Strahlen von einer Gegenkraft
neutralisiert, bis sie groß genug sind, um sie zu verstehen. Dies
geschieht durch den Schutzengel des Kindes, der nun gleichzeitig sein
Lehrmeister — oder Kindermädchen, wenn du willst — wird und
der die von der Mutter ausgehenden liebenden Gedanken auffängt und
seinerseits durch Liebe an das Kind weitergibt. Begeht die Mutter Sünden,
so stellt sie sich automatisch außer Verbindung mit dem Kind.“
„Nun
aber kommt das eigentlich Entscheidende: der Schlaf gibt der Seele der Mutter
Gelegenheit, ihr Kind allnächtlich zu besuchen. Sie kommt zu uns auf der
Schwingungsebene der Schlafenden und kann so ein rundes Drittel ihres
Erdenlebens bei dem Kinde verbringen, so unbewußt
der Mutter dies im Wachzustand auch immer sein mag. Sie weiß nicht, daß der innige Wunsch, ihr Kind ‚noch
einmal‘ zu sehen und zu sprechen, nichts anderes als die erste Auswirkung
ihres Schlafgedächtnisses ist, dessen Schwingungen das Wachgedächtnis
zu erreichen suchen. Nach einiger Zeit wird sie morgens mit dem Gefühl
aufwachen, im ‚Traum‘ ihr Kind gesehen zu haben. Gott hat die
Gebete erhört und bereits für diese Möglichkeit gesorgt, als er
die Grundmauern seines Reiches schuf.“
„Cushna“, rief ich, als mein Begleiter geendet hatte,
„wenn du so weitersprichst, wirst du jeden Gedanken an einen Tod einfach
fortwischen.“
„Wenn
Jesus dies nicht gelang“, antwortete er, „so kann ich niemals
hoffen, Erfolg zu haben. Nur wenige unter seinen Glaubenskindern sind sich
darüber im klaren, daß er das Wort
‚Tod‘ niemals von sich aus im Zusammenhang mit dem
Hinübertreten in das Jenseits benutzte. ‚Das Mägdelein ist
nicht gestorben, sondern es schläft‘ — hat man ihn nicht
dieser Worte wegen ausgelacht? Oder, ‚Unser Freund Lazarus schläft,
ich gehe um ihn aus dem Schlafe zu erwecken‘. — Nein, es gibt
keinen Tod! Jesus hat das wahre Leben in Unsterblichkeit ans Licht gebracht,
Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden!“
„Du
sprachst noch von einer zweiten Schwierigkeit, die der Erkenntnis des Schlafbewußtseins entgegensteht.“
„Ja,
es ist ein unnatürliches Hindernis und weit schwieriger als das, von dem
ich eben gesprochen habe. Verantwortlich dafür ist die Kirche, die ihre
gegenwärtige Lehre aufgeben müßte,
wenn das Schlafbewußtsein von jedermann erkannt
werden soll. Das natürliche Bewußtsein,
das wir als Kinder noch haben, wird mit dem Heranwachsen erstickt und als
törichter Aberglaube, wenn nicht sogar als ein Werk des Teufels verbannt.
Das Resultat ist eine fast unüberwindliche Schranke von Vorurteilen im
erwachsenen Menschen.“
„Das
Grundübel ist dabei die von den meisten Konfessionen angenommene Dogmatik,
wonach die Offenbarung Gottes mit der Bibel ein für allemal abgeschlossen
ist. Es gibt keine neuen Weiden mehr, auf die der Priester seine Schafe
führen kann, sondern nur noch die Auslegung eines vor 2000 Jahren
geschriebenen Gesetzes. Die Pflicht des Propheten ist es, auf der Spitze des
Turms zu stehen und Ausschau nach dem aufgehenden Stern wie nach den Feinden zu
halten. Aber wenn nichts Neues mehr zu erwarten ist, wozu dann noch der
Turm?“
„Während
der Priester unserer Zeit auf Hochschulen Theologie, Rhetorik und die
klassischen Bildungsfächer wie ein Jurist erlernt, ist der Prophet zu
allen Zeiten durch seine Fähigkeit bestimmt gewesen, die Offenbarungen
Gottes unmittelbar zu empfangen und weiterzugeben. ‚Höret meine
Worte‘, sagt Gott, ‚wenn ein Prophet unter Euch ist, so werde ich
mich ihm in einer Vision zu erkennen geben und werde zu ihm im Traume sprechen!“
„So
hat Gott für eine ständige Offenbarung vorgesorgt, ja sie
vorausgesagt, und das Schlafbewußtsein ist die
Hochschule, durch die sie vermittelt wird. Die Lehren Jesu stimmen hierin mit
dem ‚Gesetz Moses‘ vollkommen überein. ‚Denkt nicht was
oder wie ihr sprechen sollt, denn es wird euch gegeben werden in derselben
Stunde, da ihr sprechen werdet‘.“
„Gott
erschien Salomon im Schlafe und segnete ihn mit der Gabe der Weisheit. In einem
Traum wurde Joseph gewarnt, er solle nach Ägypten fliehen, und im gleichen
Zustand wurde ihm gesagt, er solle zurückkehren, denn die dem Jesuskinde
nach dem Leben getrachtet hatten, lebten nicht mehr. — Was bedarf es da
weiterer Worte? Die Tatsachen sind klar; wenn die Türen zum Schlafbewußtsein geöffnet werden, wird den Menschen
eine größere Offenbarung zuteil werden,
und für den Priester sowie die Kirchen, die nicht selbst Offenbarung
suchen, wird kein Platz mehr sein.“
„Aber
sicher würdest du doch den Menschen nicht raten, jedem Traum Glauben zu
schenken?“
„Ganz
gewiß nicht, lieber Freund; du hast vergessen, daß ich von der Notwendigkeit sprach, die bei den
Kindern vorhandenen natürlichen Anlagen zu pflegen und zu schützen.
Wie jede andere Gabe Gottes erfordert auch diese die sorgfältigste
Entwicklung und Anleitung, bevor sie in ihrer Anwendung vollkommen verläßlich ist.“
„Aber
wie kann man das Falsche vom Echten klar unterscheiden?“
„Das
ist durchaus nicht so schwierig. Jesus sagte: ‚An ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen‘. Das Ansehen eines Propheten ist zu allen Zeiten
davon abhängig gewesen, ob und wieweit sich seine Aussagen bewahrheitet
haben, ob also Gott aus ihm sprach oder seine eigene Phantasie. Nun, jede
Offenbarung kann und sollte nach denselben Regeln untersucht werden wie andere
noch ungeklärte Phänomene im Bereich der Wissenschaft. Wenn das in
Fülle vorhandene Beweismaterial erst einmal objektiv und gründlich
untersucht worden ist, wird die Unsterblichkeit keinen Augenblick länger
eine Sache des Glaubens sein, sondern eine anerkannte wissenschaftliche Tatsache.
Aber kirchliche Tabus haben der wissenschaftlichen Anerkennung bis zum heutigen
Tage Hindernisse in den Weg gelegt, und die Menschheit ist noch nicht frei
genug vom Aberglauben, um eine Untersuchung zu erzwingen, die von vielen
Kirchenmännern immer noch als ein Spiel mit dem Teufel bezeichnet
wird.“
„Was
du sagst, müßte für die Menschen ein
neues Evangelium eröffnen!“
„Es
ist das Evangelium! Dasselbe, das im Garten Eden verloren wurde, das
später Patriarchen und Propheten wie einen schwachen Schimmer sahen, das
für einen kurzen Augenblick in der Geschichte — im Leben Jesu
— wie die strahlende Sonne zur Erde durchbrach, nur um von den Schatten
theologischer Systeme wieder verdunkelt zu werden. Das Zwielicht ist vielerorts
so düster geworden, daß die Menschen den
Nazarener kaum erkennen würden, träfen sie ihn heute. Ich ziehe nur
die Wolken beiseite, die tausende von Sekten und Glaubensrichtungen vor die
Sonne gezerrt haben. Frei von Vorurteilen, von durch Menschenhand errichteten
Schranken sollst du sehen, was unser Vater für uns bereitet hat. —
Aber nun genug der Worte, siehe selbst!“
* * *
Wo
sich die auf Erden Schlafenden im Jenseits treffen
In
unser Gespräch vertieft, waren Cushna und ich in
dem Tal jenseits der Nebelwand angelangt, in dem ich bei meiner Ankunft zum Bewußtsein erwacht war. Von den mir dabei durch den
Kopf gehenden Gedanken sei einer wegen seines Einflusses, den er auf mich
ausübte, hier vermerkt: Gewiß kann niemand
mehr Mitleid besitzen als der Schöpfer mit seinen Geschöpfen. Wenn
aber selbst auf Erden ein Verbrecher im Gefängnis hier und da Besuche
empfangen kann, dann wäre es doch völlig unglaubhaft, wenn GOTT nicht den Menschen eine Möglichkeit
einräumte, mit ihren Lieben, die ihr körperliches Gewand ablegten, in
Verbindung zu treten. Hierbei wurde mir klar, daß
eben der Schlaf die von Gott bestimmte Möglichkeit zu einem
Zusammentreffen der voneinander getrennten Seelen bot. In einiger Entfernung zu
unserer Rechten lag ein bewaldetes Gelände, auf das die große
Mehrheit unserer “Schlafbesucher“ zustrebte. Wenig später
entdeckte ich, daß sich hinter diesem
natürlichen Vorhang ein dichter bevölkertes Zentrum verbarg, als ich
es seit meiner Ankunft in diesem Leben gesehen hatte. Und seltsam: alles hier
schien mir in seltsamer Weise bereits bekannt zu sein. Ich wußte,
daß ich an diesem Ort noch niemals gewesen war.
Und doch schien mir hier nichts fremd oder unerwartet zu sein. Hin und wieder
hielt ich inne, um idyllische Winkel zu bewundern, deren ich mich irgendwie
erinnerte, oder ich erwiderte den Gruß von Vorübergehenden mit einer
Selbstverständlichkeit, als hätte ich sie mein ganzes Leben lang
gekannt, wiewohl ich mich nicht erinnern konnte, sie jemals zuvor gesehen zu
haben.
Es
gab wohl nur eine Erklärung für all das: ich hatte in den letzten
Tagen so viel erlebt und Neues gesehen, daß
mein Verstand mit Unverarbeitetem vollgepfropft war. Nur das konnte mein
Erinnerungsvermögen so verwirrt haben, daß
ich Dinge meines bisherigen und meines neuen Lebens durcheinanderwarf. Mehrmals
wandte ich mich nach meinem Gefährten um, in der Hoffnung, er werde mir
aus dieser Schwierigkeit helfen. Cushna aber schien
in dumpfes Nachdenken versunken oder tat, als merke er nichts.
In
der Tat, ich ging jetzt sogar auf einem Pfad voran, von dem ich ‚wußte‘, er führte zu einer Stelle, wo wir
den malerischsten Ausblick auf die Stadt vor uns genießen konnten.
Schritt für Schritt wurde mir das Gelände immer vertrauter. Jetzt kam
ein verstecktes kleines Tal, jetzt die rosenumwachsene Brücke, auf der ich
für einen Augenblick innehielt, um den glockenreinen Plätschern des
Bächleins unter uns zu lauschen, — dann das moos- und blumenbedeckte
Ufer entlang auf den Fels zu, der mir noch die Sicht versperrte. Ein paar
Schritte weiter und — — Jetzt bedurfte es für mich keiner
weiteren Frage: Neben dem Stein stehend berührte ich den — Punkt der
Erinnerung, auf den mich Cushna bereits hingewiesen
hatte. Was war in Wirklichkeit geschehen? Auf dem ganzen Wege hierher war ich
auf das vorbereitet worden, was sich mir jetzt schlagartig auftat: die
Erinnerung an mein Schlafleben. Wie oft war ich in meinem irdischen Leben
mit dem unbestimmten Gefühl aus tiefem Schlaf erwacht, daß
ich irgendetwas Bedeutsames vergessen habe. Wenn ich dies auch als einen
schmerzlichen Verlust empfand, so war mein Gedächtnis einfach nicht in der
Lage, sich daran zu erinnern. Jetzt endlich wußte
ich es. Diese Umgebung und wunderbare Gemeinschaft, die ich in diesen
“Traumgefilden“ gepflegt und nach der ich mich im Stillen immer
wieder gesehnt hatte, war mir
bereits seit meiner Kindheit lieb und vertraut. Vor mir taten sich die tiefsten
Gründe meiner Träume auf, die ich so stark empfunden hatte, jedoch
auf Erden nie in mein Wachbewußtsein hatte
hinübernehmen können. Nach den täglichen Enttäuschungen und
Nackenschlägen des Lebens hatte ich hier Trost erhalten und Kraft
geschöpft. Hier wurde mir die Eingebung zuteil, einsamen und kranken
Menschen Hilfe zu bringen und hier hatte ich die Weisungen für mein Wirken
erhalten, die ich trotz der Gegnerschaft meiner Familie auf unsichtbaren Befehl
ausführte. Hier auch hatte ich die aus der Wahrheit entquellenden Ansporne
in mich aufgenommen, durch die ich meiner strenggläubigen Umgebung auf der
Erde als ein bedauernswerter Außenseiter erschien, den man vor sich selber
schützen mußte. Hier und in diesem
Augenblick schloß sich die kreisförmige
Bahn, auf der ich strebend, irrend und leidend mein Leben lang gezogen war.
„Cushna“, rief ich, erschüttert und kaum der
Sprache mächtig, „jetzt weiß ich alles! Keine der Offenbarungen,
die du mir erschlossest, war größer als diese!“
Mit
gespieltem Ernst zog mein Freund die Augenbrauen hoch: „Willst du damit
sagen, daß du diesen Ort kennst?“
„Ihn
kennen? Hier bin ich ja zu Hause. Mein Erdenleben war alles andere als wirklich,
vielmehr ein Schlaf, in dem ich ruhelos von diesem hier träumte. Jetzt
aber bin ich erwacht. Alles, was ich bisher noch nicht begreifen konnte, wird
sich jetzt von selber klären!“
„Verstehst
du nun das, was ich dir über die Zwiefältigkeit
des Lebens gesagt habe?“
„Gewiß! Wie aber kommt es, daß
diese Erinnerung nicht schon im Augenblick des Todes zu mir kam?“
„Ganz
einfach, weil man dich sorgsam daran gehindert hat, den Punkt der Erinnerung zu
berühren, bis der geeignete Augenblick dafür gekommen war.“
„Weißt
du, die Umgebung war mir mit jedem Schritt vertrauter vorgekommen, als wir uns
diesem Felsen näherten. Ich wollte dich fragen, aber du schienst in
Gedanken versunken.“
„Ich
wollte absichtlich nicht sprechen. Du solltest besser deine eigene Erfahrung
sammeln. Und jetzt, da du dich zuhause fühlst, wirst du meine Dienste
entbehren können.“
„Ich
denke nur ungern daran, dich verlieren zu müssen“, antwortete ich.
„Verlieren
wirst du mich nicht, ich werde dich von Zeit zu Zeit sehen. Inzwischen aber
wirst du vielen alten Freunden begegnen, und jeder von ihnen wird dir
Aufklärung über alles, was du wissen willst, geben
können.“
*
Cushna war fort, aber ich war nicht allein. Wie hätte ich es
inmitten einer Umgebung sein können, in der jede Einzelheit eine Fülle
von Erinnerungen wachrief, die bisher in meinem Unterbewußtsein
geschlummert hatten. Wer kann sagen, welche kostbaren Schätze vergangener
Zeiten in unserem Schlafgedächtnis verborgen sind, des Tages harrend, da
sie ans Licht gebracht werden? Geheimnisse, die unser unstetes Leben auf Erden
niemals bewahren könnte, die zu überwältigend sind, als daß sterbliche Ohren ihnen standhalten könnten.
In den Stunden des Schlafs stiehlt sich die junge Seele ins Paradies davon, um
vorbereitet zu werden für den Tag, da sie sich voll entwickeln kann. Bis
dahin bleiben wir verhaftet an die Oberfläche unseres Geistes, nicht
ahnend der Tiefe und Schönheit, die zu ermessen er fähig ist. Es gibt
keine Worte, um dies Erwachen zu beschreiben. — Meine Gedanken wurden von
einer wohlbekannten Stimmen unterbrochen: „Hallo, Master Fred!“
Vor
mir stand Jimmy, ein dunkelhäutiger Freund, den ich in meiner Heimatstadt
hin und wieder ein wenig betreut hatte. Während wir noch Erinnerungen
austauschten, gab ich meiner Überraschung darüber Ausdruck, daß er als Neger auch hier seine Hautfarbe
beibehalten habe. Jimmy antwortete, nicht nur jedes Klima und jede Religion,
sondern auch jede Rasse habe ihren Platz im Reiche Gottes. „Viele
Weiße halten uns für minderwertig, aber wenn sie in den Himmel
kommen, müssen sie erkennen, daß wir in
den Augen des Herrn ebensoviel wert sind wie sie
selber! Und wäre es nicht auch hart für uns, wenn uns Gott hier
wirklich eine weiße Hautfarbe geben würde? Jeder würde lachen
und sagen: „Wir haben es ja immer gesagt.“ Nein, hier kümmert
sich niemand um die Farbe eines andern und alle müssen zusammen die
goldene Treppe hinaufsteigen!“
Als ich ihm sagte, daß mich Cushna
allein hier zurückgelassen hatte, erbot sich Jimmy, andere Bekannte
herbeizuholen und eilte davon.
Dies
also war die Stadt, in der die Vergangenheit auf die Waagschale geworfen werden
und ausgeglichen werden sollte. Auf Erden war ich oft bei dem fruchtlosen
Versuch, die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens mit der
Vorstellung von einem gerechten und barmherzigen Gott zu vereinbaren, an den
Rand des Atheismus getrieben worden. Warum muß
ein blinder Bettler sein ganzes Erdenleben lang sein Los in Armut und Dunkel
ertragen, während der im Luxus geborene, körperlich gesunde
Nichtstuer alle Dinge des Lebens zu seinen Füßen vorfindet? Welches
Gesetz scheint immer wieder Genius und Entbehrung miteinander zu verketten,
während geistige Mittelmäßigkeit mit Reichtum Hand in Hand
geht? Wo ist die Gerechtigkeit in einem Leben des Schmerzes, der seinen
Ursprung in den Sünden der Erzeuger dieses Lebens hat? Welche Macht ist
es, die sich dem Tyrannen in die Hände gibt, während der Heilige
machtlos, ja ohne Antwort auf sein Rufen bleibt?
Von
meinem jetzigen Standort aus konnte ich diese Fragen in einem neuen und
besseren Licht beantworten. Die Erde ist nicht das Alpha und Omega des Lebens,
ja sie ist nicht einmal zur Gänze unser erstes Leben. Der Mensch neigt in
seiner Unwissenheit dazu, der Erde eine ihr nicht zustehende Bedeutung
beizumessen. Die Dinge sehen ganz anders aus, wenn wir eines Tages den
Blickpunkt erreichen, den ich jetzt gewonnen hatte. Dunkelheit, Schmerz und
Elend herrschen nur auf der sterblichen Seite des Lebens; auf der
unsterblichen wird der Blinde sehend, der Stumme sprechend und der
Gelähmte geht frei und ohne Krücken — nicht nur nach dem Tode,
sondern schon in den Stunden seines Schlafes. Und wenn er die Erinnerung daran
auch nicht mit in den Tag hinübernehmen kann, vielleicht ist es doch ein
Anflug aus seinen Träumen, der in ihm nachklingt und ihn die Härten
seines Alltags immer wieder ertragen läßt.
Dies ist die strahlende, die belohnende Seite dieser “Stätte des
Ausgleichs“. Aber es gibt auch andere Seiten und sie sind so ernst, daß ich sie nicht übergehen darf. Ich bin hier
oft Zeuge gewesen, wie die Maske der Freundschaft vom Gesicht des Heuchlers
abfiel, wie der Lügner sich mit seinen eigenen Worten
überführte, der Intrigant von seinem Opfer bloßgestellt war.
Ich habe Mütter gesehen, die um die Liebe des Kindes bettelten, das sie
einst selber verloren und dann vergessen hatten. Aber auch Worte des Trostes
und der Zuneigung für die Verlassenen hörte ich. Ich habe gesehen, daß der Tod keine Macht hat, zwei Seelen zu trennen,
die nie mehr gehofft hätten, sich wiederzusehen.
Liebe
Freunde auf Erden, erinnert euch der Abschiedsgelübde die ihr denen gabt,
die vor euch dahingegangen sind und die ihr seitdem vergessen habt, ebenso wie
ihren Körper, der unter der Erde vergeht. Nein, euer Vater, eure Mutter,
euer Freund, liegen nicht dort im Grabe; sie sind nicht tot! In den
verschwiegenen Gängen des Schlafes trefft ihr sie, Nacht für Nacht!
Sie wissen um eure Untreue, sie mahnen euch immer wieder, und ebenso oft habt
ihr euer Versprechen wiederholt, bis nun hundert gebrochene Eide auf den Tafeln
eurer Seelen eingemeißelt sind! Haltet ein für eine Weile, und ihr
werdet das Gewicht der unerfüllten Gelübde auf eurem Gewissen
spüren, bis seine Stimme euch zwingt, euer Wort einzulösen. Es
betrifft nicht mehr euch und euren Freund allein. Sie stehen jetzt im Reiche
Gottes, und Gott selber wird von euch einst Rechenschaft fordern. Lauscht dem
letzten Echo eurer Versprechen, wenn die Morgenstunde euch zur Erde
zurückruft!
Und
ihr, die ihr trauert, trocknet eure Tränen und wißt,
daß eure Lieben nicht fortgegangen sind! Jene
Schwingungen aus dem Nirwana, die über euch noch spürbar sind, da ihr
die Augen öffnet, sie sind keine Illusion! Die Euren sind bei euch
gewesen, haben euch umarmt, haben mit euch gesprochen. Fühlt ihr nicht,
wie sehr ihre Liebe euch gestärkt hat? Sie haben eure Seele näher zu
Gott gebracht und werden euch dereinst erwarten und dorthin geleiten, wo ein
Platz für euch bereitet ist.
* * *
Wenn
ein Engel mich auf Erden besucht hätte — und mit Engel meine ich
einen “richtigen“ biblischen Engel in schneeweißem
Flügelkleide —‚ und hätte er mir gesagt, wieviele Freunde ich im Reiche der Schöpfung besitze,
ich hätte ihm kaum glauben können. Aber jetzt begann ich zu
begreifen, wie nahezu unmöglich es für einen Menschen ist, auf Erden
sein wirkliches Selbst zu begreifen. Könnte er den wahren Zustand der
Schöpfung nur für einen Augenblick erkennen, er würde im Staube
niedersinken und das Gebet seines Glaubens — nicht eines vorgeschriebenen
Bekenntnisses, sondern eines von der Allgegenwart Gottes belebten Glaubens
— würde lauten: „Führe Du mich weiter.“ Die
Flutwelle der Offenbarung dieses einen Augenblickes würde ihn so
überwältigen, wie jetzt mich bei der Erinnerung an mein Schlafleben.
Alle Bedrückung und Selbstsucht würde sie fortschwemmen.
Bisher
hatte ich bewußt niemanden im wahrsten Sinne
dieses Wortes meinen Freund nennen können; nicht, weil ich etwa nicht den
Wunsch dazu hatte, sondern weil die Umstände meines Lebens es nicht
zuließen. Jene, die nach ihrer Herkunft meine Freunde hätten sein
können, betrachteten mich als einen verrückten Außenseiter, der
kein Interesse an Dingen hatte, mit denen sich die Begüterten das Leben
angenehm gestalten, und der das Opfer eines krankhaften Dranges war, seine
freie Zeit unter den Armen zu verbringen. Wie konnte ich, der ich alle
herkömmliche Heuchelei haßte, Freundschaft
bei denen zu finden hoffen, die so dachten? Auch wäre es mir niemals in
den Sinn gekommen, sie für Geldeswert zu kaufen. Gewiß,
ich spürte mehr als einmal bei
meinen Schützlingen, den Ärmsten der Armen, was Freundschaft bedeuten
konnte. Aber hier bestand ein anderes Hindernis — die soziale Schranke.
Hätte ich sie gänzlich übersprungen, es wäre ein
willkommener Vorwand für jene gewesen, die mich am liebsten entmündigt
gesehen hätten und die ja nur auf den letzten “Beweis“
warteten, um mich, den Außenseiter der Familie, in einem
“Heim“ vor den Blicken der Gesellschaft zu verbergen. So war es
mein Schicksal, ohne wirkliche Freunde zu bleiben.
Die
“Stadt des Ausgleichs“, die ich mittlerweile betreten hatte, schien
auch diesen Mangel hundertfach wettzumachen! Von allen Seiten winkten sie mir
zu, glücklich lachende Gesichter, die mir in meinen Träumen nah
gewesen waren. So viele schienen es zu sein, daß
ich jeden Plan aufgab, sie der Reihe nach zu besuchen, sondern mich dem Zufall
anvertraute.
Schließlich
blieb ich vor einem Gebäude stehen, das mich besonders fesselte. Ohne daß man es mir sagte, wußte
ich, daß es das Heim für jene elternlosen
Kinder war, die in den großen Städten ihr Leben vom Verkauf von
Streichhölzern und Zeitungen fristeten. Viele Nächte hatte ich,
während mein Körper schlief, hier zugebracht und beobachtet, wie Gott
die Härten ausgleicht, die seine Kinder zu erdulden haben. Und selten kam
es vor, daß nicht ein Sendbote aus höheren
Regionen hier weilte, um die hungrigen und zerlumpten Straßenjungen zu
betreuen und ihnen zu sagen, daß ihr hartes
Schicksal ihnen einst tausendfach vergolten werden sollte.
Die Leser mögen hier die
sozialen Verhältnisse im England des 19. Jahrhunderts
berücksichtigen.
Hier
war es auch, wo diese Kinder lernten, sich gegenseitig zu helfen. Oft hatte ich
mich gewundert, wo diese Unglücklichen die Selbstlosigkeit und
Freundschaft lernen, die sie selbst unter den härtesten Bedingungen
füreinander zeigten. Jetzt wußte ich die
Antwort. Hier, in der Elementarschule des Himmels, zu der sie gerufen werden,
während ihre Körper in Kellern und Hausfluren schlafen, zeigen ihnen
Engel die praktische Anwendung der goldenen Regel der Menschenliebe. Wie
hätten auch ihre bloßen Füße das eisig-scharfe Pflaster
der Theologie betreten können? Sie wären vor dem ersten Hindernis
orthodoxer Lehre gestolpert und gefallen. Aber keine Furcht — der Himmel
hat für alle vorgesorgt, die ihn auf dem Wege über die Kirche nicht
finden können, — die Engel wissen den Weg und führen ihre
kleinen Pilger sicher heimwärts. Wir brauchen uns nicht um ihr Seelenheil
zu sorgen, nur weil sie dem sektiererischen Richtmaß nicht entsprechen.
Viele von ihnen werden vor dir den Weg gefunden haben und dich
begrüßen, wenn du einst selber dort eintrittst.
Hundert
fröhliche Stimmen begrüßten mich, als ich den Vorhang beiseite schob, um einzutreten, und im Augenblick war ich
von einer Schar kleiner Freunde umringt, die mich in ihre Arme schlossen. Es
schien fast unmöglich, daß diese
glücklichen, lachenden Kinder dieselben waren, die noch vor ein —
zwei Jahren hungernd und frierend an einer Straßenecke gestanden hatten,
um sich mit dem Verkauf von Streichhölzern oder Zeitungen ein paar
Pfennige zum Essen zu verdienen. Aber so und nicht anders war es. Was
würden jene Menschen, die in den Straßen der Städte die
zerlumpten Buben unwillig zur Seite schieben, wenn sie in ihren Weg geraten,
wohl sagen, wenn für einen Augenblick der Schleier fallen und die einfache
Wahrheit Gottes sichtbar werden würde? Wie anders könnte das
Erdenschicksal dieser Kinder dann sein! Aber würde die Besserung ihres
Loses nicht auch den Verlust des Ausgleichs bedeuten, der ihrer Seele zuteil wird? Nein, dieser Preis wäre zu hoch! Gott
weiß es am besten; aber niemand darf sagen, daß
wir deshalb weniger verpflichtet seien, unseren Mitmenschen auf Erden zu
helfen. Gottes Hilfe ist da, um die Unterlassungen der Menschen auszugleichen,
die Ernte dieser Unterlassungen aber wird der Mensch eines Tages selber zu
tragen haben.
Nicht
nur höhere Engel betreuen übrigens unsere kleinen Freunde in den
Stunden ihres Schlafes, auch ihre vom Tode erlösten Gefährten kommen
hierher. Es war ein rührendes Erlebnis ihnen zuzuhören, wie sie den
“Besuchern“ in begeisterten Worten den Gegensatz zwischen
Vergangenheit und Gegenwart schilderten, wie sie die Herzen ihrer Kameraden mit
Freude und Hoffnung erfüllten.
Ich
war mit dem Händeschütteln noch nicht zu Ende, als der Vorhang erneut
beiseite geschoben wurde und ein anderer Besucher
eintrat, dessen Erscheinen noch mehr Bewegung verursachte als das meine. Ich
brauchte einen Augenblick, um ihn wiederzuerkennen — es war Arvez, derselbe Helfer, der den Buben in seine Obhut
genommen hatte, mit dem zusammen ich nach meinem irdischen “Tode“
auf dem Wiesenhang aufgewacht war. Der Grund seines Erscheinens hier wurde mir
bald bewußt. Der bevorstehende Tod des
Körpers eines Menschen ist auf der anderen Seite des Lebens in jedem Falle
vorher bekannt, ob er durch einen Unfall eintritt oder nach langer Krankheit.
Die Ernte des Lebens ist ablesbar, man weiß in welchem Zustande sich die
Seele befindet und wo sie ihren ersten Aufenthaltsort zu nehmen hat. Die
Aufgabe Arvez‘ war es, solche Seelen, wenn er
zu ihnen gelangen konnte, bereits in den Stunden des Schlafes auf ihr neues
Leben vorzubereiten. Und jedes dieser Kinder wußte
das. Alle Augen richteten sich auf ihn und in allen stand die —
hoffnungsvolle — Frage geschrieben: „Bin ich es?“
Dürfen
wir uns wundern, wenn ein Schatten der Enttäuschung über die
Gesichter derer glitt, die noch nicht an der Reihe waren? Für den einen
Auserwählten würden alle Leiden und Entbehrungen bald vorüber
sein, für die anderen gab es vorläufig noch kein Ende. Trotzdem
— sie stimmten tapfer zu, als einer der ihren den Namen des Kameraden
ausrief, auf dem Arvez‘ Blick jetzt ruhte:
„Es ist Himpy, Jack; ich freue mich genau so,
als wenn ich es wäre.“
Arvez nahm Himpy Jack in die Arme, hob
ihn hoch und küßte ihn herzhaft auf die
Wange — der Kuß des Todes für einen
kranken, elenden, verlassenen Knirps in den Kellern und Hinterhöfen
Londons. Sein kleiner Freund, der eben den Ausruf getan hatte, trat neben ihn.
„Jack,
du wirst uns doch nicht vergessen, wenn du ganz hier wohnst?“
„Natürlich
nicht. Ist doch klar, daß ich hier immer
herkommen werde, wie jetzt auch!“
„Na,
ich glaube dir. Und wenn ich aufwache, will ich versuchen, mich zu erinnern und
nach dir sehen, bis Arvez dich holen kann.“
Das
werde bald geschehen, versprach Arvez, sobald es
möglich sei, die Seele ganz vom Körper zu lösen. Dann wandte er
sich zum Gehen, Himpy Jack an der Hand führend,
um ihm sein neues Heim zu zeigen.
Ich
hätte gern gewußt, wie dieses Heim
aussehen würde, so ging ich auf Arvez zu und
fragte, wohin es gehe.
„Zum
Hause einer Schwester, die dir nicht ganz unbekannt ist; willst du mit uns
kommen?“
„Mit
großer Freude“, antwortete ich. „Aber wird der Junge bei ihr
wohnen?“
„Fürs
erste. Er braucht Unterrichtung und Anleitung, und diese Aufgabe wird sie
übernehmen.“
Wir mußten offenbar eine große Entfernung
zurücklegen, um zu unserem Ziel zu gelangen, aber das Reisen in diesem
Reich ist keine Beschwernis, und die Zeit verfloß
rasch mit den vielen Fragen, die unser kleiner Schützling zu stellen
hatte. Auf alle erhielt er von Arvez eine geduldig
Antwort. Was er sagte, brachte auch viel Neues für mich.
Wir
passierten mehrere große Städte, deren Schönheit Jack und auch
mich mit staunender Bewunderung erfüllte. Rom, Athen, Karthago, Babylon, Theben und Ninive können in den Tagen ihrer
höchsten Blüte nur ein Schatten der himmlischen Städte gewesen
sein, die ihre geistigen Gegenstücke und Vorbilder waren.
*
Verzage
nicht, du gute Seele, wenn auf Erden dein Pilgerfuß auch niemals die
heilige Stätte betritt, die dein Herz ersehnt, wenn auch deine Augen
niemals das Land erblicken, das den lieblichsten aller Namen: Heimat
trägt. All dein Streben wird dort, wo die Sonne ewig scheint, schöner
als du je geträumt, Vollendung finden. Du Jude, dessen Fuß niemals
den Ölberg betrat, du Moslem, dessen Augen nie das Heiligtum in Mekka
sahen, du Katholik, der den Peters-Dom nur in seinen Träumen fand, und
jede ernste Seele, die in Gedanken ein Heiligtum ersehnt und verehrt, fasset
Mut! Wenn die Liebe euer Herz gereinigt hat und eure Hände sanft geworden
sind in wirkender Güte, wenn eure Augen Liebe ausstrahlen und eure Seelen
in Gewänder der Hilfe und Vergebung gekleidet sind, wenn Christus nach
Prüfung und Mühen in euch wieder geboren wird, dann werdet ihr das
Ziel erreichen, das herrlicher ist als alle eure Träume. Ja, die
Erfüllung wird dort, wo die Seele „in seinem Angesicht
erwacht“, alle eure Erwartungen weit hinter sich lassen!
* * *
Immer
neue überraschende Schönheiten boten sich uns auf unserem Wege an
diesen Städten vorbei. Oft wurden wir von den schweigenden Wundern, die
sich uns auftaten, tief ergriffen. Jetzt erreichten wir eine Hügelkette.
Hier hüllten uns alle nur denkbaren Wohlgerüche ein: ein wahrhaft
unbeschreiblicher Genuß! Am Fuße des Berges
unter uns bemerkten wir ein nicht allzu großes Haus von einem solchen
Ebenmaß, wie es sich nur die Seele eines Künstlers ersehnen konnte:
ein zur Wahrheit gewordener Traum eines müden Malers, Musikers oder
Dichters. Wahrhaftig, hier schien die Geburtsstätte der Schönheit,
der Harmonie, des schauenden Entzückens, wie auch der Grazie und des
Rhythmus zu sein! Echo und Gesang erhoben sich über die Hügel hinweg
und veranlaßten den See, sich silbrig zu
kräuseln. Vögel von traumhaftem Gefieder ließen ihre Hymnen aus
Bäumen von immergrüner Pracht ertönen. Durch und über alles
breitete der Himmel sein Firmament in so luftigen Tönen und Farben, wie
sie auf Erden kein Gegenstück haben.
Als
wir uns nun dem Hause näherten, kamen uns einige Freunde entgegen, unter ihnen
eine Frau, die ich kürzlich in der Schule getroffen hatte und die die
Kinder besonders gern mochten. Kaum erkannte Jack sie, als er auch schon mit
allen Anzeichen großer Zuneigung auf sie zulief. Keinerlei Scheu noch
Unbeholfenheit zeigte sich in dem Benehmen dieses Kindes der Armut. Denn der
Schlafteil seines Lebens hatte ihn bereits für die Bedingungen dieses
Lebens vorbereitet und geschult. Obwohl er sich in seinem Wachzustand in eine
niedrigere Verkleidung hüllen mußte, war
sein königliches Vorleben hier wohl entdeckt worden. Der Sohn eines
Königs kehrte aus seiner Verbannung heim. Niemand machte ihm hier seine
Rechte streitig, niemand fragte, welche Wege er wohl gewandert sei. Seine
vorübergehende Abwesenheit konnte, so wußte
jeder, jetzt nur noch kurze Zeit mehr andauern. Der kurze Zeitraum, den Jack
bis zu seiner Rückkehr auf die Erde hier weilte, war ganz mit
Beglückwünschungen und Freudenrufen erfüllt. Der Morgen brachte
ihn auf die Erde zum Verkauf von Streichhölzern zurück, bis ein
furchtbarer Husten ihm den Lebensfaden abschneiden sollte. In welchem Gegensatz
standen hier die beiden Lebensbedingungen: auf Erden unerkannt und verleugnet,
im Himmel aber von Freude erfüllt und willkommen geheißen!“
„Wenn
dies wirklich eine Tatsache ist, warum erinnern wir uns auf Erden dann nicht
daran?“ fragte ich Arvez.
„Nur,
weil wir irrtümlich glauben, alle Träume seien nichts als Launen des
Gehirns und es sei ein Hirngespinst, ein Märchen, daß
wir ein Schlafleben führen. Hat nicht Gott dem Salomo seine Weisheit in
einem Traum verheißen? Bediente sich nicht Gott des gleichen Mittels, als
er Josef im Traum aufforderte, mit dem Jesuskind nach Ägypten zu ziehen?
Das gleiche Mittel benutzt Gott auch heute. Aus eigener Torheit aber achten wir
nicht auf den Wahrheitsgehalt unserer Träume und stellen uns so Gott, der
nur unser Bestes wünscht, in den Weg.“
Als
die Zeit kam, daß Jack wieder auf die Erde
zurückkehren mußte, begleitet ihn Arvez bis zur Grenze der Nebelwand. Für mich aber
sollte nun ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen: ich durfte mit
meiner Gastgeberin sprechen, die mir, wie Arvez ja
schon bemerkt hatte, sehr wohl bekannt war. Wohl hatte ich sie in der
“Schule“ getroffen, als sie sich den Kindern mit großer Liebe
widmete. Ich kannte sie aber in einem noch weit tieferen Sinne. In der
Einsamkeit meines irdischen Lebens waren ihre Gedichte fast meine einzigen
vertrauten Gefährten gewesen. In ihr fühlte ich eine verwandte Seele,
die das Leben, wie ich es kannte, mit seinen tiefen Sehnsüchten und
Herzensnöten so ganz verstand. Nur hatte sie dieses Leben bezwungen und
eine Ruhe erreicht, nach der ich vergeblich gesucht hatte.
Nach
ihrem Tode erfuhr ich einiges über ihr Leben. Ihr Vater war ein
Geistlicher. Sie wurde zum Dienste wahrer Liebe erzogen, die Mittelpunkt und
Wirkungsbereich jeder wahren Religion ist und deren sich ständig
erweiternder und vertiefender Einfluß uns wie
auf einem mächtigen Strom in den unendlichen Ozean Gottes trägt.
Während sie so himmelwärts dahinglitt, warf sie das Sonnenlicht, das
auf sie fiel, in ihren Dichtungen zurück und erzählte von ihren
tiefsten Erfahrungen.
Auf
alle Stürme und Schwierigkeiten, von denen ich umringt war, übte ihre
reine Stimme einen wundervoll besänftigenden Einfluß
aus. Selbst, wenn die Stürme über ihr zusammenbrachen, so sang sie
von dem Frieden und verwebte beides, wie Schuß
und Faden, zu einem so wundervoll harmonischen Muster, daß
keine Spur eines Zweifels über die Gewißheit
des rechten Weges blieb. Ja, sie besaß die Schwingen des Glaubens, durch
die sie hoch über die Dunkelheit aufsteigen konnte, dorthin, wo die Sonne
der unbefleckten Wahrheit mit glorreichen Verheißungen zu einem neuen Tag
aufging. So konnte ihre führende Stimme die noch unwissenderen Seelen dazu
bewegen, ihr zu folgen, wie sie selbst Christus gefolgt war.
So
auch war ich ihr gefolgt und stand nun zum ersten Mal auf ihrer eigenen
Höhe. Du wirst es, lieber Leser, gewiß
verstehen, daß es mich drängte, hier zu
verweilen, um ihr für all das, was sie für mich getan hatte, aus
tiefster Seele zu danken.
„Als
Arvez mit dem Jungen hinter dem Hügel
verschwunden war, wandte sie sich mir zu, ergriff meine Hand und sagte
schlicht:
„Nun
können wir miteinander sprechen. Herzlich willkommen!“
„Laß mich für alles, was du für mich durch
deine Schriften getan hast, von ganzem Herzen danken!“ sagte ich.
„Solcher
Dank gebührt nicht mir, sondern allein Gott! Er füllte in seiner
großen Gnade meinen Krug so voll, daß er
überfließen mußte. Welche Musik auch
in meinen Versen erklang, sie rührte von den herniederfallenden Segnungen
und nicht von dem Krug, der die Becher füllte.“
„Gewiß“, erwiderte ich, „Seinen Namen
preist meine Seele. Und dennoch kann ich nicht an der Tatsache
vorübergehen, daß die Süße der
Musik eben aus diesem Gefäß quoll!“
„Das
ist wohl richtig“, erwiderte sie und, während ihre Blicke in die
Ferne schweiften, fügte sie in einem weichen kaum hörbaren und doch
eindringlichen Ton hinzu: „Eben darum gebührt IHM doppelter Dank.
Erschaffte ER nicht auch das Gefäß?“
„Laß uns in den Garten gehen“, fuhr sie fort,
als wollte sie von diesem Gedanken ablenken. „Dort können wir
inmitten der Blumen miteinander plaudern. Welch ein wunderbarer Ausgleich
für alle Mühen auf Erden ist es doch, mit einem solchen Heim
beschenkt zu werden!“
„Aber
dein Ideal vom Himmel wird dies hier wohl trotzdem nicht sein?“
„Nicht
mein früheres Ideal. Denn ich sehe jetzt, wo ich, vielleicht gemeinsam mit
der ganzen Menschheit, einen Fehler machte. So, wie ich es heute sehe, läßt sich unser Streben auf Erden, eine klare
Idee vom Himmel zu gewinnen, mit den Erfahrungen eines Bergsteigers
vergleichen, der bei Tagesanbruch von der Hütte aufbricht und dabei einen
sehnsüchtigen Blick auf den Gipfel richtet, den er erreichen möchte.
Tiefer Glaube verleiht unseren Schritten erst die notwendige Sicherheit und
führt uns über tausend Zweifel hinweg, an denen andere scheitern,
sowie sie auf ernste Schwierigkeiten stoßen.“
„Würdest
du heute, falls du wieder schreiben könntest, deine jetzigen Erfahrungen
dichterisch gestalten?“
„Warum
sollte ich denn heute nicht ebenso schreiben können?“ rief sie aus,
„wie andere doch auch singen können? Über Geburt und
frühes Kindesalter kommt ein Genie, welcher Art es auch sei, in seinem
sterblichen Zustand nicht hinaus. Erst hier vermag es zu wachsen, seine
Fähigkeiten auszuweiten und in ihren Vollgenuß
zu gelangen. Dort unten werden nur immer einzelne Noten der allumfassenden
Melodie von Engelslippen vernommen. Inmitten irdischer Zwietracht können
wohl kindhafte Finger auf der Fiedel streichen, der Vollklang der Harfe findet
dagegen keinen Widerhall.“
„Ich
danke Gott von ganzem Herzen, daß ich hier
schreiben darf. Die Buchstaben erlernte ich auf Erden. Nun versuche ich, die
Worte zu buchstabieren, aus denen meine Gesänge hier entstehen sollen. Du
hast meine erste Sonette vernommen. Laß mich
dir eine der hier entstandenen vorlesen.“
Als
sie dies sagte, wandte sie sich zum Hause, um schon nach wenigen Augenblicken
mit einem Buch zurückzukehren, aus dem sie mir vorzulesen begann:
In dem Vorraum wahren Lebens,
da kein Sturm noch Wetter
wütet,
warten wir nun auf der
Schwelle,
fern der Zwietracht, allem
Zank.
Unseres Herzens wildes
Schlagen,
heiß von Fieber, ist
besänftigt,
und wir rasten voll der Ruhe,
bis der Meister wiederkehrt.
Streit und Hader sind verklungen.
Da des Vaters Fest sich
kündet,
steht die Lebenssaat in
Blüte,
singen wir die Ernte heim.
Nicht ein Schritt nur von der
Erde
ist‘s zu GOTT, wie
Menschen lehrten.
Kaum, daß
wir das Todestal
noch im Erdgewand
durchschritten,
Abschiedstränen in den
Augen,
in der Stimme noch ein
Schluchzen:
könnten, hin- und
hergerissen,
wir schon voller Freude sein?
Nein, denn unser Herz muß ahnen,
welch ein Glanz und welche
Fülle
uns in Kürze wird
enthüllet,
da vom Buch die Siegel
fallen.
Würd‘ uns plötzlich
dies gegeben,
wären wir vom Licht
geblendet.
So bereiten wir geduldig
uns im Himmels-Vorhof vor.
Während
sie mir ihr Gedicht in verklärten, oft nur hingehauchten Worten vorlas,
schritten wir den Hügel hinunter. Ihr Zustand völliger Vergessenheit
gegenüber der äußeren Umgebung ergriff auch mich. Ihre vom
glühenden Pathos bewegte Stimme nahm mich ganz gefangen. Ein Schimmer des
wahren Himmels lag in ihr verborgen und wie durchtränkt waren ihre Worte
von tiefem Gottvertrauen. Außer Gott, mit dem sie sich so vollkommen
verbunden fühlte, hatte sie mich, wie alles um sich, vergessen.
Auch
nachdem sie geendet hatte, wagte ich noch nicht zu sprechen. Noch ganz gefangen
von den Eingebungen, die sie als ein von einer Vision erfüllter Engel
ausstrahlte, ging ich zur Seite.
Erst
als sie schließlich einen tiefen Atemzug tat, wurde sie sich zugleich
meiner Gegenwart wieder bewußt. Nun bemerkte
ich mit Erstaunen, daß wir indes weit gewandert
waren. Sie erhob ihre strahlenden Augen.
„Ist
dies nicht weit schöner und tiefer als die falschen Gedanken, die wir auf
Erden hegten?“
„Gewiß. Wie du sagst, hast du aber erst die Vorhalle
erreicht. Welch eine unbeschreibliche Herrlichkeit erwartet uns da erst im
Heiligtum selbst?“
„Wer
weiß das? Ich jedenfalls vermag dies noch nicht zu verstehen, obgleich
unsere Freunde sich alle Mühe geben, es mir näher zu erklären.
Es ist einfach unmöglich, alles das, was wir nicht selber mit eigenen
Augen gesehen haben, zu begreifen. Jeder Versuch, es dennoch zu tun, erzeugt
nur falsche Vorstellungen. Ich wenigstens vermag diese Wirklichkeit noch nicht
zu erkennen und will gerne so lange warten, bis meine Augen ihre Überhelle
vertragen können. Währenddes habe ich noch so viel zu lernen und so
viel Freude auf meinem Weg zur Läuterung zu erfahren.“
„Du
glaubst demnach, du müßtest noch mehr
Vorbereitungsstufen durchmessen, bevor du zu deinem endgültigen Heim
gelangst?“
„Aber
gewiß, wenn ich im Augenblick auch nicht
weiß, wie viele. Nur erhebt sich manchmal die Frage in mir, ob ich
überhaupt jemals die letzte erreichen werde. Kann es denn wirklich ein
Ende geben? Da Gott doch unendlich ist, wie könnten wir da an eine Grenze
gelangen? Erinnere dich nur, wie weit wir noch von jeder Heiligkeit entfernt
waren, als wir auf Erden unsere Reise begannen. Und welch eine kleine Strecke
haben wir bisher zurücklegen können. Vielleicht verstehst du nun, daß es notwendig noch unzählbare derartige
Stufen geben muß, bevor wir hoffen dürfen,
im ungetrübten Glanz Seiner Gegenwart zu stehen.“
„Heute
läßt mich mein erweitertes Wissen manchmal
denken, daß es gut wäre, wenn die
Erinnerung an unser Erdenleben ganz von uns genommen würde, bevor wir
Seinen Anblick ertragen können.“
„Was
aber sollen wir tun?“
„Ich
weiß es selber nicht. Ebenso wie andere kann auch dieses Problem allein
im Lichte einer noch höheren Erkenntnis gelöst werden. Darauf habe
ich zu warten. Für mich genügte es aber im Augenblick zu wissen: Gott
selbst nur kann sich deuten, nur ER versteht sich ganz!“
„Würdest
du nicht gerne die Zwischenstufen zu diesem Ziel so schnell wie möglich
erreichen?“
„Ja
und zugleich auch — nein“, antwortete sie langsam. „Ich
weiß sehr wohl, daß ich im Augenblick
noch garnicht die Fähigkeit habe, mich des
Glanzes der ganzen Herrlichkeit erfreuen zu können. Eher würde ich zusammenbrechen,
als daß ich mich im Angesichte dieses Zieles
schon erheben könnte. Ist ein Mensch etwa durch eine Operation von seiner
Blindheit geheilt, so muß er sich erst an das
Licht gewöhnen, ehe er allmählich seine neu gewonnene Sehkraft
gebrauchen kann. Wir alle aber sind blind gewesen und Gottes Licht kann sich
uns nur in dem Maße offenbaren, in dem wir selber es ertragen
können. Gott ist zu weise, um die geringste Möglichkeit eines
Scheiterns auch nur in Rechnung ziehen zu können. Nur durch unser eigenes
natürliches Wachstum kann sich unser aller Wunsch erfüllen, eines
Tages unserem Vater in Seinem unbeschreiblichen Licht von Angesicht zu
Angesicht gegenüberzustehen. Meinen gegenwärtigen Zustand aber
beeinträchtigt das in keiner Weise.“
„Mit
jedem Schritt tun sich mir immer neue Offenbarungen Seiner unendlichen Liebe
auf, und jede mir übermittelte Botschaft erhebt meine Seele zu einer
größeren Gottähnlichkeit. Wahrhaftig, der Becher meines
Glücks ist bis zum Rande gefüllt. Schon hier fühle ich mich im
Himmel. Mehr Freude, als ich sie bereits jetzt erleben darf, könnte ich
einfach nicht in mich aufnehmen. Inzwischen danke ich unserem Vater
ständig für Seine wunderbare Liebe, jetzt und in der Vergangenheit,
und erwarte in Zuversicht Seine kommenden Offenbarungen.“
„Und
wie siehst du heute, im Lichte deiner größeren Erfahrung, dein
früheres Erdenleben an?“
„Früher
hatte ich einmal geglaubt, ich würde es als eine geistige Befreiung
ansehen. Nun aber finde ich, daß ich selbst nur
eine Sklavin war, die noch nicht den geringsten Begriff von wahrer Freiheit
hatte, wie ich sie hier auf diesen herrlichen Hügeln atmen darf.“
„Du
weißt doch, daß wir die Erde wieder
erreichen können, um unsere früheren falschen Ideen zu
berichtigen?“
„Ja,
mit Hilfe eines unserer Freunde habe ich auch schon einige meiner Gedanken und
auch das, was ich dir vorgelesen habe, auf die Erde gelangen lassen. Ehe wir
aber größere Fortschritte machen können, haben wir noch manche
Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.“
„Nach
dem wenigen, was ich bisher erfahren habe, haben wohl besonders die Menschen,
die bereits seit längerer Zeit die Erde verlassen haben, Schwierigkeiten?
Oder was siehst du selber als das wichtigste Hindernis an?“
„Bei
deiner Vertrautheit mit meinen Schriften wirst du über das, was ich als
die Hauptschwierigkeit ansehe, einigermaßen überrascht sein. Aber
das zeigt nur, wie ganz anders die Dinge von unserer Seite hier angesehen
werden.“
„Die
Menschen auf Erden müssen begreifen, daß
niemals ein Buch*) an die Stelle des lebendigen Wortes Gottes treten kann. Gott
ist . Sein Wort ist, wie Er selbst, in jedem Augenblick eine uns
gegenwärtige lebendige Kraft. Was einmal niedergeschrieben wurde, kann
aber niemals mehr als eine geschichtliche Aufzeichnung der Worte Gottes sein,
die er früher einmal durch Moses, Samuel, Salomo, David und zuletzt Paulus
verkündet hat. Ebenso wie die Jahreszeiten, die Blumen, die Ernten, der
Sonnenschein sich ständig erneuern, so auch GOTT in der Allgegenwart der
von ihm auserwählten Zeit. Das gilt ebenso von Seinem Wort. Gott ist ein
ewig sich erneuernder Quell, aber kein stehendes Gewässer.“ *) gemeint ist die Bibel (der Herausgeber)
„Die
Menschen müssen es doch endlich zur Kenntnis nehmen, daß
Gott heute ebenso wie vor 2000 Jahren zu uns spricht. Sie selber
müssen nur bereit sein, Ihn sprechen zu lassen. Dann offenbart Er ihnen
seine ewigen Wahrheiten in der Gegenwart mit den Worten und dem
Verständnis der Gegenwart. Ja, dies haben unsere Brüder auf Erden zu
lernen. Sie werden die Erfahrung machen, daß
der Liebesdienst der Engel auf Erden ein unvergänglicher Kanal ist, durch
den Gottes Wort, das Evangelium Christi, das Evangelium der erlösenden
Liebe, unaufhörlich und sich ständig erneuernd zu ihnen
fließt.“
„Jeder
Baum rauscht, jede Blume atmet, der plätschernde Bach dort singt Liebe.
Sie trägt den Tau zu jedem Grashalm, der zephirsäuselnde Wind macht
sie zu seiner Melodie. Sie bestimmt die Architektur jedes Heims hier. Sie ist
die bewegende Kraft jeder Handlung, der Inhalt jeden Gebets. Aus ihrer eigenen
Freiheit entwarf die Liebe die Weiten des Himmels, schmückte jeden stillen
Winkel, breitete jede Ruhebank, auf der hier des Pilgers Seele ausruhen darf.
Ja alles, was in diesem glücklichen Land besteht, entspringt einzig und
allein der Liebe. Sie ist die Mutter und die Braut unseres Vaters zugleich
— was sollten wir anderes tun als sie ständig lobpreisen?“
„So
wird gewiß auch in deinem zukünftigen
Wirken auf Erden die Liebe Zweck und Ziel deiner Belehrung sein?“
„Das
war ja auch der Inhalt des Evangeliums Christi. In seiner Nachfolge sehen wir
es als die einzig mögliche Botschaft an, die vom Himmel zur Erde gelangen
kann. Ich möchte auch von der Liebe als der Krone des Sieges nach
bestandenem Kampfe singen, mit ihr den Edelmut der Jugend anspornen. Ihr Brot
kann die Hungrigen satt machen, ihre Wasser können die fiebernde Zunge des
Wüstlings kühlen, ihr Balsam die gebrochenen Herzen heilen. Mit Liebe
würde ich versuchen, alle schlechten menschlichen Eigenschaften und
Leidenschaften zu zügeln, Vorurteile, etwa der Kaste, der Rasse, der
Hautfarbe zu tilgen, Furcht, Bestrafung, Vergeltung zurückzuhalten und
jeden Wanderer zur Heimkehr zu bewegen. Ich würde dabei die vom Vater
selbst komponierte Musik ertönen lassen, um sie alle zu ihrem rechtmäßigen
Erbe heimzuführen.“
In
diesem Augenblick wurde unser Gespräch durch einen auf unseren Weg
fallenden sonnenhellen Lichtstrahl unterbrochen. Meine Begleiterin blickte auf
und rief freudig aus: „Ah, hier ist Myhanene!«
„Was
für eine Seele muß das sein“, fragte
ich, „daß ihr Kommen einen jeden so froh
macht? „Bist du ihm schon begegnet?«
„Ja.
Aber ich weiß doch noch recht wenig von ihm, obgleich ich ihn bereits
zweimal sah.“ „Je näher du ihn kennen lernst, um so mehr wirst
du ihn lieben“, antwortete sie. „Er ist einer der
heiliggesprochenen reinen Wesen, die, wo sie auch sind, den Himmel um sich
breiten. In der Helligkeit seines Glanzes ist die Luft von der Gegenwart
Christi wie erfüllt. Früh schon, als Kind, schied er von der Erde und
noch heute besitzt er die unschuldige Einfalt eines Kindes. In ihm erkennen
wir, wie tief wir durch eigenen Irrtum und Ungehorsam sinken mußten, wie unendlich weit wir uns damit von unserem
Vater entfernten. Durch die Reinheit seiner kindhaften Natur konnte er so hoch
aufsteigen, daß er zu einem Bindeglied zwischen
dem nächsten geistigen Bereich und dem unseren wurde.“
„Soll
ich daraus entnehmen, daß eine Verbindung
zwischen unserem jetzigen und dem nächsten Zustand schwierig herzustellen
ist?“
„Nein,
so ist es nicht gemeint. Du unterlegst dem Wort “schwierig“ wohl
eine nicht richtige Bedeutung, was ich am besten gleich berichtige. Die
Bedeutung bestimmter Begriffe hängt in ihrer besonderen Schattierung viel
von den Örtlichkeiten, der Umgebung und den Umständen ab, unter denen
sie gebraucht werden. Diese Tatsache führt leicht zu Mißverständnissen
und Verwirrung, die besonders dann augenscheinlich wird, wenn der eine mit
einem Wort etwas auszudrücken sucht, das dem anderen völlig unbekannt
ist. Darin liegt auch meine Schwierigkeit, wenn ich versuche, dir klar zu
machen, in welcher Weise Myhanene ein
Verbindungsglied zwischen unserem und dem nächsthöheren Zustand
bildet.“
„Je
mehr die Seele sich reinigt und ausdehnt, um so mehr vergrößern sich
ihre Kräfte und Fähigkeiten. Zugleich erfolgt damit eine
fortschreitende Enträtselung von Geheimnissen, ein klareres Begreifen
Gottes, eine tiefere Einsicht in Sein Wirken und die daraus folgerichtig
erwachsende, vollkommene Zukunft. Solche neuen Kräfte und Entwicklungen
bedürfen der Schulung. Jede Stufe des Lebens bildet so in sich selbst eine
weitere Klasse der Schule der Ewigkeit. In diesem Zusammenhang wirst du wohl
besser die große Aufgabe der “Zwischenstaatlichen“ wie Myhanene verstehen können, die den Zusammenhalt als
Bewohner beider Reiche wahren.“
„Ist
er denn nicht zugleich ein Herrscher einiger Bezirke der niedrigeren
Lebensbedingung?“
„Du
kannst ihn wohl als solchen bezeichnen. Und doch wird Myhanene
garnicht erfreut sein, wenn du ihn so nennst. Er
möchte nur als ein Freund, ein Berater und Lehrer angesehen werden. Sein
Amt selbst aber entspringt ganz aus seiner eigenen Lebensbedingung.“
„Selbst
aus meiner noch geringen Erfahrung muß ich dir
recht geben. Die Art, wie er sein Amt ausübt, war für mich ein unvergeßliches Erlebnis.“
„Jedes
Mal, wenn du ihn erneut triffst, werden dir zugleich auch neue Offenbarungen
zuteil“, antwortete sie. „Er ist der lebendige Beweis für des
Meisters Verheißung: ‚Der größte aber unter ihnen,
derselbe wird aller Diener sein!‘. Doch hier kommt er.“
* * *
Als Myhanene auf uns zukam, glaubte ich nicht nur, in ihm ein
lebendiges Beispiel der Demut — so hatte meine Begleiterin mir ihn
beschrieben — zu sehen. Er schien mir vielmehr zugleich als das von Jesus
uns vor Augen gestellte Ideal: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Von
ihm strahlte ein innerlicher Glanz aus, der wohl den Wahrheiten entstammte, die
er lebte und die ihn erst zu den größeren Höhen seiner
leuchtenden Heimat geführt hatten. Deutlich empfand ich: so wie er werden
auch wir sein, wenn wir selber diese Höhen erklommen haben.
So
trat er zu uns, begrüßte uns herzlich, umarmte uns beide und wandte
sich dann an mich:
„Von
Arvez erfuhr ich, daß
du hier seist. Möchtest du mich zu einem Fest begleiten, zu dem ich jetzt
gehe?“
„Gerne.
Daß du bei allen deinen Pflichten noch an mich
denkst, ist wirklich sehr freundlich von dir. Ich nahm fast an, du hättest
mich längst vergessen.“
„Hier
vergessen wir nie!“ Die Betonung lag auf dem ersten Wort, als wolle er
ihm besonderen Nachdruck verleihen.
„Du
hast recht. Nach meinen bisherigen Erfahrungen, vor allem mit Arvez und dem kleinen Burschen, den wir kürzlich von
der Schule hierher brachten, hätte ich gar nicht so denken sollen.“
„Wie
froh sind doch diese armen liebenswerten Kinder, wenn sie ihr hartes und
grausames Los endlich aufgeben können. Mit der Ankunft jedes einzelnen von
ihnen scheint mir dieses Leben noch heller zu werden. Manchmal wünschte
ich, das Gefühl mitzuempfinden, das einen solchen Menschen ergreift, wenn
er erfaßt, welche außerordentliche
Veränderung um ihn vorgegangen ist. Ich möchte fast sagen, wir
sollten dankbar dafür sein, daß Gott der
Menschheit erlaubt hat, zu sündigen. Bei keiner anderen Gelegenheit
können wir so tief die vollkommene Vergebung und Wiedergutmachung erfassen,
in der sich Gottes unvergleichliche Gnade kundtut.“
„Als
du kamst, Myhanene, wollte ich dich im Hinblick auf
den Jungen etwas fragen, was du mir vielleicht beantworten kannst.“
„Soweit
es mir möglich ist, gerne.“
„Warum
wurde er nicht an einem anderen Ort, sondern gerade hierher gebracht?
Hätte er nicht besser zu jemand anderen gehen sollen?“
„Nein.
Nicht, daß er ein Ausgestoßener
wäre. Aber er unterliegt wie jeder andere Mensch einem Gesetz. Für
jede auf Erden erzeugte Art und Beschaffenheit einer Seele ist bei uns
besondere Vorsorge getroffen. Geistig verwandte Seelen ziehen sich hier
gegenseitig an. So finden wir hier Freunde und Weggenossen. Unsere Schwester
findet sich von diesem kleinen heimatlosen Erdenkind angezogen. In ihrer
liebenden Fürsorge lernt er die Grundlage seines neuen Lebens
verstehen.“
„Ich
habe mich wohl nicht klar genug ausgedrückt“, erwiderte ich,
„ich meinte, ob er denn hier weder Vater noch Mutter hat, zu denen er
doch gewiß gehen möchte?“
„Ich
verstehe dich schon. Du unterliegst einem weit verbreiteten Irrtum, den ich am
besten gleich richtigstelle. Du mußt klar
zwischen körperlicher und geistiger Verwandtschaft unterscheiden. Nur die
letztere erkennen wir hier aus gutem Grund an.“
„Soll
aber nicht nach dem Bild, das man sich auf Erden allgemein vom Himmel macht,
die Familie hier wieder vollzählig zusammengeführt werden? Oder ist
auch das, wie so vieles, ein Irrtum?“
„Ja,
ein großer Irrtum. Bitte führe dir nur einmal die
Verschiedenartigkeit ein und derselben Familie in Bezug auf Geschmack,
Charakteranlagen und die geistige Entwicklung vor Augen. Bliebe diese Familie
auch hier zusammen, so könnte die für jeden Einzelnen getroffene
Vorsorge für seine Höherentwicklung unter den günstigsten
Bedingungen nicht wirksam werden. Unser Glück aber wird mehr als
zehnfältig erhöht, wenn wir wissen, daß
es dem Wohlergehen derer dient, die wir lieben, wenn sie sich getrennt von uns
in einer Umgebung befinden, die für sie die günstigen Bedingungen
bietet. Wir nennen mit Recht die körperliche Verwandtschaft auf Erden
Blutsverwandtschaft. Fleisch und Blut aber bestehen in diesem Leben
nicht.“
„Als
letzten Grund dafür, daß wir hier nur die
geistige Verwandtschaft anerkennen, nenne ich die Unmöglichkeit, den auf
Erden eng gezogenen Kreis der näheren Verwandten hier zu verwirklichen.
Damit Eltern und Kinder zusammengeführt werden können, müssen ja
zum mindesten zwei andere Familienkreise auseinander gehen. Auch die Tatsache, daß es hier keinen Zeitbegriff gibt, läßt deinen Gedanken als wirklichkeitsfremd
erscheinen. Wir haben in Wirklichkeit nur einen Vater: Gott, aus dessen Geist
wir geboren sind. Wir alle, Kinder dieses einen Vaters, sind
Brüder.“
„Würdest
du diese Lehre auch auf Erden verkünden?“
„Selbstverständlich.
Denn es ist ja die reine Wahrheit. Sagt doch das Evangelium Jesu Christi das
gleiche. Jede Unterscheidung in Klassen und Rassen oder der Sprache nach und
auch die Feindschaften zwischen Nationen sind in der Entfaltung dieses
Evangeliums ausgelöscht. Erst damit rückt die Verheißung: ‚Friede
auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind!‘ in den Bereich der
Verwirklichung.“
„Ich
beuge mich deiner Beweisführung“, erwiderte ich. »Heißt
das aber, daß unser kleiner Freund seine Eltern
niemals wiedersehen wird?“
„Das
weiß ich nicht“, antwortete Myhanene.
„Einmal ist mir nicht bekannt, wer und was seine Eltern sind; zum zweiten
wissen wir nicht, welche unendlichen Möglichkeiten unser Vater noch
für weitere Offenbarungen bereit hält. In der Meditation erfasse ich
manchmal einen Schimmer der glorreichen Möglichkeiten, die aus Gottes
grenzenloser Liebe zu uns entspringen. In solchen Visionen sah ich, wie die
letzte reuevolle Seele sich dem Throne Gottes näherte, während alle
Himmel, ergriffen vor Freude, im Schweigen verharrten, da Gott auch die letzte
Sünde vergab. In atemlosem Staunen sahen wir auf Christus, auf uns, in
Erwartung des höchsten Augenblicks, der Vollendung jeglicher
Erlösung.“
„Der
vollkommene Himmel, wer könnte das verstehen, vorwegahnen oder sich nur
ausmalen? Jede Gruppe, jeder Kreis, jeder Mensch vollendet! Jedes Gebet
gehört, jedes Ideal erreicht, jede Seele gerettet! An diesem Punkt, da die
mächtigen Tore der letzten Offenbarung weit geöffnet sind, mögen
wir erkennen, daß zwischen den Tagen des
fleischlichen Lebens und dieser Wiedervereinigung eine innerliche Verbindung
besteht.“
„Ist
es nicht ein Akt verwerflicher Ungerechtigkeit unserem Vater gegenüber,
auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß
Sein Erlösungsplan so vollständig ist und Er selbst in den
unmöglich erscheinenden Fällen vorgesehen hat, daß
alle Menschen gerettet werden? Gott liebt die Menschheit so, daß er in jedem Fall einen Weg der Errettung
weiß. Wäre es anders, wie könnte sich die Allmacht Gottes
erweisen?“
„Übersiehst
du nicht die Tatsache, daß die Erlösung
stark vom guten Willen des Einzelnen abhängt — einer Bedingung, die
stets der Einladung Gottes angeheftet ist?“
„Nein,
nichts vergesse ich dabei“, erwiderte er. „Da du an den freien
Willen des Menschen denkst, glaubst du im stillen, er könne sich der
höchsten Herrschaft Gottes entgegenstellen. Als wenn der Mensch fähig
wäre, sich IHM zu widersetzen! Umwelt und Lebensbedingungen sind in
Wirklichkeit Ausgangspunkt und äußere Grenze des vielgerühmten
freien Willens des Menschen. Mag auch der Mensch durch sein unnatürliches
Verhalten, seine Irrtümer und sein Aufbegehren die Vollziehung der
Erlösung hindern und verzögern, niemals kann er sie endgültig
verhindern. Seine endgültige Erlösung liegt allein in Gottes Hand.“
„Du
glaubst nicht, wie froh meine Seele in dieser Gewißheit
ist“, rief ich. „Als Eusemos zuerst mit
mir darüber sprach, schien mir diese Versprechung zu groß, zu
herrlich. Danach hat mir Cushna manches gezeigt, was
meine Hoffnung aufs neue erweckte. Nun haben meine Schwester und auch du mich
weiter über das wunderbare Wirken des göttlichen Geistes belehrt und
die bisher nur vage Hoffnung zur Gewißheit
werden lassen. Das ist für mich wahrhaftig eine Offenbarung, für die
ich dir mehr als dankbar bin. Aber gerne würde ich noch über
einen anderen Punkt von dir belehrt werden. Erlaubst du mir noch eine weitere
Frage?“
„Bitte
und du wirst empfangen“, war alles, was Myhanene
entgegnete. Aber aus seinem Blick erfuhr ich des Meisters Verheißung. So
viel des Geistes und des Einflusses Christi lag in diesen Worten, daß ich mich unwillkürlich umschaute, ob sich
nicht ein weiterer zu uns gesellt habe. Mir schien sein Gesicht weicher, sein
Ausdruck verinnerlichter und strahlender und ich beugte ehrfürchtig mein
Haupt.“
Würdest
du dies auch auf Erden lehren?“
„Ja“,
erwiderte er, „ich würde Gottes Weisungen vollkommen, einfach und
uneingeschränkt erklären.
„Welche
Macht würde uns dann von der Sünde zurückhalten?“
„Durch
dieses Evangelium würde sich alles ändern. Den Menschen wird heute
gelehrt, daß sie zu Gott kommen sollen, da sie
sonst Höllenqualen erleiden müssen. Ich glaube aber nicht, daß das Gottes idealer Weg ist. Soweit ich Gott
verstehe, würde Gott die Menschen weit lieber durch die sich offenbarende
Liebe zu sich heranziehen als durch die Geißel des Schreckens.“
Ich
war noch nicht überzeugt: „Aber das tierische Element ist in der
menschlichen Natur doch noch so stark, daß es
ohne eine zurückhaltende Kraft sehr schwierig wäre, die Massen in
Schach zu halten. Welchen Ansporn hätten sie für ein sittliches,
rechtschaffenes Leben, wenn sie die Lehre von der endgültigen
Erlösung erführen?“
Ich
sagte, ich würde Gottes Weisungen vollkommen erklären. Ich habe
volles Vertrauen, daß dies durchaus
genügt, ohne daß es dazu erdichteter
Theorien oder besonderer menschlicher Hilfsmittel bedarf. Laß
mich an den Fall von Marie erinnern, den du ja mit erlebt hast. Braucht man
mehr zu wissen als ihr Schicksal, um vor Eifersucht und allen aus ihr
entspringenden Übeln genügend gewarnt zu sein? Und doch währt
ihre Bestrafung nicht ewig. Sie hat die schwere Prüfung überstanden;
ihre Qual läßt nach, und eines Tages wird
sie ihren Platz unter den Heiligen im Licht einnehmen; nichts verbleibt,
wodurch ihre überstandene Sünde noch nach außen erkennbar
wird.“
„Versuche
einmal, deinen Geist über die Zeitalter hinweg auf den Zeitpunkt zu
richten, von dem ich selbst bisweilen einen kurzen Blick erhaschte und in dem
die Menschheit endgültig erlöst sein wird. Dort wirst du gleich jedem
anderen in der zahllosen Menge auch Marie in strahlend weißer Reinheit
finden. Keine der Seelen, die auf sie blickt, wird um die große
Sünde wissen, die sie gesühnt hat und die ihr vergeben ist. Wird sie
sie selber aber auch vergessen haben? Nein. Wohl wird die Qual der Sünde
vergangen und die Strafe vorüber sein, ohne äußere Spuren. In
ihrem Gedächtnis aber wird sie bewahrt bleiben! Selbst die Ewigkeit wird
nicht fähig sein, sie daraus zu löschen. Wie tief wird die Seele
bedauern, die in nahe Berührung mit Christus und Gott gekommen ist und
seine überfließende Liebe mit der er uns liebt, gefühlt hat, daß sie trotzdem gegen diese Liebe
sündigte.“
„Solch
ein Wissen hat gewiß eine die Sünde
hemmende Kraft; wenigstens sollte sie es nach dem Willen Gottes haben; ER
weiß es gewiß am besten. Darauf kann ich
es getrost beruhen lassen. Nun aber müssen wir gehen.“
* * *
Zum
Nachdenken fehlte es mir jetzt wahrlich nicht an Stoff. Mit jeder neuen
Erfahrung tat sich mir mehr und mehr die unendliche Weite der Herrlichkeit auf.
Sie ergriff mich so stark, daß ich das
Bedürfnis empfand, von dem Übermaß an Freiheit und Liebe erst
ein wenig auszuruhen.
Nur
zu gut konnte ich inmitten der lebendigen Gegenwart des Evangeliums Jesu
Christi die Worte des Paulus verstehen, daß der
Mensch selbst unter den günstigen Umständen hier auf Erden nur
„wie durch ein schwarzes Glas sehen kann“. Hier stand keine der
Offenbarungen, die ich selbst erleben durfte, im geringsten Gegensatz zu
Christi Lehren. Wurden Worte aus der Schrift angeführt, so standen an erster
Stelle stets Worte, die Jesus Christus gesprochen hatte, während die
seiner Jünger immer nur ergänzend hinzugezogen wurden. Auf der Erde
hatte ich es oft anders erlebt. So oft ich meiner Verwunderung darüber
Ausdruck gab, erwiderten meine Begleiter mir stets, daß
ja doch Jesus Christus der Mittler des “neuen Bundes“ sei
und wir daher zuerst aus seinen Worten die volle Wahrheit erfahren
könnten. Die Schriften der Apostel dagegen hätten eine weit geringere
Bedeutung, als wir das auf Erden fälschlich annehmen.
Als
ich so mit Myhanene inmitten der Blumen und
Bäume dahinging, erforschte er die mich bewegenden Gedanken mit tiefem
Verständnis und jener liebenden Einfühlung, durch die er sich die
Herzen aller gewann. In einer wundervollen Gemeinsamkeit des Schweigens, die
mir eine weit reichere Ernte der Belehrung gewährte, als Worte dies
vermitteln könnten, kam er mir zu Hilfe. Denn es gibt Fälle, in denen
das Sehnen des menschlichen Geistes stärker ist als seine
Ausdrucksfähigkeit. Es gibt Tiefen des Gemüts, die unsere Sprache
niemals ausloten kann.
Mit
königlicher Leutseligkeit, aber zugleich kindhaft ungezwungen, führte
mich Myhanene in diesem geistentrückten
Zusammenfinden in den Palast seiner Erfahrungen, öffnete mir die
Türen zu Räumen von unbeschreiblicher Pracht. In ihnen standen Tische
voll der köstlichsten Speisen, nach denen die Seele hungerte. Im Namen
Jesu Christi bat er mich einzutreten, zu essen und zu trinken und — zu
leben.
Kaum,
daß ich mich meiner Schuhe entledigt hatte,
folgte ich seiner unausgesprochenen Einladung, überschritt die Schwelle,
wanderte durch die Hallen der Heiligen Bruderschaft und wurde festlich mit der
Wahrheit bewirtet. Das Orchester seines Herzens erfüllte mich zugleich mit
der Engelsmusik, die eine Vertonung der Bitte des Gethsemane-Gebetes zu sein
schien: „Auf daß sie alle eins seien, wie
Du Vater in mir und ich in Dir, daß auch sie in
uns eins seien“ (Joh.17.21.). So horchte ich ergriffen. In Verehrung und
Anbetung beugte ich mein Haupt vor der wunderbaren Möglichkeit, daß ein Gebet wahrlich seine reiche Erfüllung
finden kann.
Ist
mir auch jetzt die Landschaft vertraut, die ich damals zum ersten Mal mit Myhanene durchschritt, so kann ich mich doch nicht
erinnern, daß ich dabei auch nur die geringsten
Einzelheiten davon wahrnahm. Meine Umgebung war ausgelöscht, ich war
entrückt, gefangen wie im Traum. Doch eine Stimme bleibt in der Erinnerung
zurück, die sich wie ein Begleitklang durch diesen Zustand der Entrückung zog und die ich bewahre wie einen kostbaren
Schatz: „Wenn schon dein Zusammensein mit einem Diener dir so
süß erscheint, wie erst wirst du fühlen, wenn der Meister
selbst bei dir zu Gast ist! Wenn das Herz der Jünger trotz ihrer
furchtsamen, niedergeschlagenen und verwundeten Seelen auf dem Wege von Emmaus
entflammte, wie erst wird das Feuer sein, wenn du selber den Herrn siehst und
erkennst?“ Ich erinnere mich noch gut, wie ich darüber nachdachte,
wie ich dieses Erkennen herbeisehnte, um erst zu fürchten, dann aber zu
hoffen, daß noch viele Stufen erst
überwunden werden müssen, ehe es mir gewährt ist, die heiligen
Füße in Ehrfurcht zu berühren.
„Wir
sind da! Mit diesen Worten riß mich mein
Gefährte aus meiner wunderbaren Träumerei, und verwirrt rief ich
unwillkürlich: „Nein, nicht jetzt!“, mir einer mit Furcht vermischten
Hoffnung bewußt werdend, daß
ER, den ich so lange schon zu sehen hoffte, mir nahe sei.
Myhanene lächelte über mein Unbehagen mit einem Blick, aus
dem ein tiefes Verständnis für alle Gedanken sprach, die mich
gefangen genommen hatten. Er sprach dies jedoch nicht aus, sondern sagte nur
sehr ruhig:
„Das
Beste ist, so hat es mich die Erfahrung dieses Lebens gelehrt, man erreicht
erst einmal den Gipfel, ehe man zu verstehen sucht, was einen erwartet und wie
es auf einen wirken werde.“
Seine
in zweifacher Hinsicht für mich lehrreiche Bemerkung blieb nicht ohne
Eindruck auf mich. Das Tor zu meiner Träumerei war geschlossen, der Zauber
gebrochen. So konnte ich bewußt die Landschaft
vor mir betrachten, die wahrlich meine ungeteilte Bewunderung und Aufmerksamkeit
verdiente. Vor und unter uns lag eine Ebene von so überirdischer
Schönheit, daß ich einfach keine Worte
finde, um sie in ihrer Wirkung auf mich auch nur annähernd zu beschreiben.
Ihre Ausdehnung war so unfaßbar, daß mir der Mut fehlt, sie auch nur ungefähr
abzuschätzen. Ich stand berauscht vor der Offenbarung des wahren Elysiums,
wo:
Freude ewig jung und jenseits
Leid und Furcht
den weiten Kreis des ew‘gen Jahrs erfüllt.
Konnte
ich dies wirklich aus diesem Anblick lesen? Besteht ein unwandelbares Gesetz, daß Gott sich den Propheten in Träumen und
Nachtvisionen offenbart, dann müßte auch
heute noch das Himmelstor der Weissagung den Sängern wie den
priesterlichen Sehern offen stehen.
Nicht ist die Ernte
dichterischer Schau
mit zart gewebten hingehauchten
Tongemälden
das Höchste jeder
erdgesäten Saat,
noch war sie aus
“Gedankenformen“,
die hilflos noch aus Stoff
geboren.
Die Seele ist‘s des
Dichters, die der Wächter Nacht
durchs Tor der Sterblichkeit
aus dem Gefängnis freit
und sie zur Ruhe in des
Schlafes Zelle leitet.
Hier wachsen ihr des Geistes
Schwingen,
mit denen sie, von Engelhand
geleitet,
entzündet durch das Elysium, den — Himmel — streift.
Hier sammelt sie als
visionären Samen der Wahrheit Keim,
aus dem wir, von der Hoffnung
hell umstrahlt,
des Himmels Botschaft neu und
klar empfangen.
Prophetisch‘ Wort
entströmet dem Gesang
zur Hilfe allen, die sich müh‘n und härmen
und doch im Stillen besserer
Tage warten,
den Weg uns zur Erlösung
weisend:
ein wahr‘ Gesicht, das
uns der Sänger schenkte.
Wie
oft hatte ich in meinem Erdenleben mit meinem Gedächtnis gerungen, damit
es mir aus der mystischen Kammer des Schlafes die Erfahrungen der Nacht, die
noch dunkel in mir bewußt waren, wieder
freigab. Ich weiß, daß unendlich viele
Menschen in gleicher Weise wie ich empfinden. Nun, da ich auf die Landschaft
von unbeschreiblicher Schönheit vor mir schaute, wurde mir erst recht bewußt, wie in der Tat die Lebensbedingungen der
beiden Sphären bei allen, die Augen haben zu sehen und Ohren haben zu
hören, sich lebendig durchdringen. Jetzt verstand ich erst die tiefe
Bedeutung des Ausspruchs: „Ihr müßt
neu geboren werden.“ Erst dann können wir an den Offenbarungen der
geistigen Welt teilnehmen. Dies bleibt den Menschen so lange versagt, als sie
noch ganz in der stofflichen Welt aufgehen.
Mein
Begleiter überließ mich jetzt wieder ganz meinen Betrachtungen, aber
ließ mich zugleich alle Erkenntnisse trinken, die ich ohne eine so
wunderbare Hilfe nie hätte erfahren können. Diese liebenswerte Art
der Unterrichtung, zuerst dem Geist Zeit zu lassen, sich auf die neue Erfahrung
einzustellen und sich anzupassen, und dann durch Beantwortung von Fragen und
Erläuterungen eine weitere Klärung und Vertiefung des Erfahrenen zu
erreichen, wird hier allgemein angewandt.
Auch
der Anblick dieser wundervollen Landschaft schien mir zu bestätigen, daß wir jetzt wohl das Ziel unserer Reise erreicht
hatten. Allerdings konnten selbst die Gespräche, die wir auf dem Wege
hierher geführt hatten, mir keinen Anhalt dafür geben, welcher Art
wohl das Fest sei, zu dessen Teilnahme mich Myhanene
führen wollte. Da dieser Ort mir als ein Zaubergarten der Blumenzucht
erschien, mochte es sich vielleicht um eine Art Blumenfest handeln.
Die
Blüten jedes Baumes und Strauches, jeder Pflanze, waren von einer
Größe, einer Farbe und einem Duft mir unbekannter Art und zugleich
von einer Schönheit, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Palmenartige
Bäume streckten ihre durchscheinenden bernsteinfarbigen und rosa
Stämme gen Himmel. Von ihren Zweigen regneten buntfarbige wachsartige
Glocken auf die Häupter der darunter Sitzenden nieder.
Eine
Menge von Menschen strömte aus allen erdenklichen Richtungen auf die von
blühenden Bäumen übersäte Ebene zu, während von den
Galerien und Orchesterpodien bereits sanfte Klänge himmlischer Musik
ertönten. Kein Bauwerk war in der Nähe. Geduldig wartete die Menge
auf die Ankunft eines Oberen, der die Leitung der Veranstaltung übernehmen
würde.
„Da
hier ja nichts ohne einen bestimmten Zweck geschieht“, so wandte ich mich
schließlich an meinen Begleiter, „möchte ich dich fragen, was
dieses Zusammentreffen zu bedeuten hat.“
„Die
Teilnehmer an diesem Fest werden geprüft, ob sie auf der geistigen
Stufenleiter genug fortgeschritten sind, um höher zu steigen. Dieses Zusammentreffen
ist, wenn du es so nennen willst, ein ‘Urteilstag‘.“
„Du
scheinst aber noch nicht zu wissen, wer und wieviele
dieser Glücklichen die Prüfung bestehen werden?“
„Nein.
Wir wissen dies erst, wenn die Prüfung beendet ist. Dann aber heben sich
alle, die den Grad erreicht haben, so klar von den anderen ab, daß jeder Zweifel darüber, wer wirklich die
Prüfung bestanden hat, beseitigt ist. Die meisten kamen jedoch hierher, um
Zeugen dieser Verwandlung zu sein und an der Danksagung teilzunehmen.“
„Da
du ja bereits der Erweckung beigewohnt hast, die dem Eintreffen von
Neu-Ankömmlingen folgte, glaubte ich, es würde dich nun auch
interessieren, die darauf folgende Veränderung mitzuerleben.“
„Ja,
das interessiert mich wirklich sehr“, erwiderte ich, „und ich
verstehe auch jetzt besser den Sinn dieses Treffens, das mehr einer
Hochzeitsfestlichkeit als einem Abschiedsfest gleicht.“
„Das
ist richtig. Hier ist sich jeder Teilnehmer sehr wohl der Veränderung bewußt, die mit ihm möglicherweise vor sich
geht. Du hast ja schon im Knabenheim, wo ein jedes der Kinder wünschte und
hoffte, zum höheren Leben erwählt zu werden, ein gleiches Erlebnis
gehabt. Würde die durch den ‘Tod‘ ausgelöste Geburt auf
Erden richtig verstanden, so konnte sie dort einen gleichen Wunsch auslösen.“
„Mit
der Erreichung eines höheren Grades wird eine weitere Entwicklung der
geistigen Kraft im Menschen ausgelöst. Denn er wird von allen
Einflüssen, die hemmend auf seine weitere Entwicklung wirken könnten,
getrennt und zugleich mit anderen Menschen in Verbindung gebracht, die ihm
helfen können, eine höhere geistige Stufe zu erreichen. Wer hier
seine Freunde verläßt, wird von ihnen
nicht etwa völlig getrennt. Wie ein Bergführer auf gefährlichem
Pfad seine Schutzbefohlenen an einem Seil sicher nach sich zieht, so bleiben
diese Seelen durch das Band der Liebe mit denen, die diese Stufe heute noch
nicht mit ihnen erklimmen können, verbunden und verhelfen ihnen zu einem
baldigen und leichteren Aufstieg.“
Der
Ton einer Silberglocke drang an unser Ohr. Ich selbst hätte ihm kaum
Beachtung geschenkt, hätte er nicht auf viele andere wie das Signal eines
Jagdhorns als Zeichen des Beginns gewirkt. Alle Orchester schienen in den Ton
einzufallen und an verschiedenen Orten gruppierten sich Sängerchöre
in einer Richtung, die auf einen Zentralpunkt in unserer unmittelbaren Umgebung
zu deuten schien. Jetzt konnte ich ermessen, welch eine Menge von Menschen hier
zusammengeströmt war.
Der
zweite Schlag der unsichtbaren Glocke löste den Klang von tausend mir
unbekannten Instrumenten aus, einen unendlich zarten Wohlklang, der die
Ouvertüre zu bilden schien. Nun setzten auch die Stimmen der Chöre
ein, die in einer mit der Musik ganz in Einklang stehenden gleitenden Bewegung
voranschritten. So lauschte ich zum ersten Mal in meinem neuen Leben dem Gesang
der Erlösten. Ich empfand ihn wie ein Rauschen vieler Gewässer, die
zu „IHM, der uns erlöset und reingewaschen von unseren Sünden,
fließen, der uns zu Königen und Priestern Gottes erhebt von Ewigkeit
zu Ewigkeit.“
Noch
vermag ich nicht zu ermessen, ob die Musik des Magnetismus, die ich im Heim der
Ruhe vernahm oder die, die mich hier so tief ergriff, die schönere war.
Beide waren sie in ihrer Art gewiß vollkommen.
Sie unterschieden sich allenfalls voneinander, wie die Schönheit der Blume
von der eines Sonnenunterganges.
So
ganz war ich der magischen Wirkung dieses neu entdeckten Zaubers hingegeben, daß der musikalische Teil der Feier mir sehr kurz,
allzu kurz erschien. Kaum waren die letzten Töne verhallt — die
Versammelten schienen noch gebeugten Hauptes auf den Segen zu warten
—‚ da berührte mich Myhanene und
machte mich auf eine Lichtkugel aufmerksam, die über dem Raum des weiter
entfernten Bergkranzes stand und nun auf uns herniederfiel. Als ich mich meinem
Begleiter zuwandte, um eine Erklärung von ihm zu erbitten, bemerkte ich, daß er verwandelt und in vollem Glanz gekleidet war,
so, wie ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Wir sprachen kein Wort. Als aber
die Kugel den ganzen Gipfel des Hügels mit einem unfaßbaren
Strahlenkranz überzog, in den ich zu meinem Erschrecken selbst einbezogen
war, bedeutete er mir, dort wo ich war, stehenzubleiben und alles zu
beobachten. Er selbst ging dem Führer der himmlischen Heerschar, die sich
um uns versammelt hatte, zur Begrüßung entgegen.
So
stand ich inmitten der himmlischen Wesen, von denen die niedrigsten, wie ich
sehr wohl an ihrem Gewand erkennen konnte, den gleichen Rang einnahmen wie mein
hoher Freund, der mich gerade verlassen hatte. Ich fühlte mich
seltsamerweise in ihrer Mitte wie in einem vertrauten Kreis.
Der
Obere aber mußte einen weit höheren Rang
einnehmen, weit mächtiger sein, als alle anderen. Schon die tiefe
Ehrfurcht, mit der mein Freund ihm begegnete, und das Diadem der Herrlichkeit,
das er augenscheinlich als ein Zeichen seiner Würde trug, bewiesen dies.
Die große kristallene Weltkugel in seiner Hand erinnerte mich irgendwie
an das kleine leuchtende Juwel, das die Taube im magnetischen Chor im Schnabel
trug. Selbst aus der Entfernung, in der ich stand, schien sie mit einer mir
unerklärlichen Kraft zu erglühen und zu beben. Ließe Leben sich
sichtbar machen, so würde ich es Leben nennen — vielleicht auch
Heiligkeit, auch Liebe oder auch alle drei miteinander vereint. Mit einer
solchen Gewalt war die Luft von dieser Kraft durchdrungen, daß
ich alle Mühe hatte, auf meinem Platz stehen zu bleiben.
Worte
sind viel zu schwach, um diesen Oberen der Engel beschreiben zu können.
Aber selbst diese ehrfurchtgebietende Erscheinung konnte mich nicht daran
hindern, mir auszumalen, wie lange es wohl dauern würde, wenn wirklich
ewiger Fortschritt ein unveränderliches Gesetz sein sollte, bis ich die
Stufe erreicht haben könnte, die dieser Führer der Engel einnahm.
Knapp
unterhalb meines Standorts hatte der Obere, wie ein Monarch von seinen
Begleitern umgeben, auf einem Hügelvorsprung Aufstellung genommen. Welcher
Art würde wohl hier im Himmel die Ansprache sein, die er gewiß gleich an die Versammlung richten würde?
Nichts dergleichen geschah. Kein Wort wurde gesprochen. Langsam ging sein Blick
über die große Versammlung und auch ich fühlte die
unbeschreibliche Freude, der großartigen Offenbarung “Stille im
Himmel“ lauschen zu dürfen. Dieses wunderbare Kapitel des Mysteriums
der Göttlichkeit läßt sich nicht in
Worte fassen.
Inmitten
des Tempels der Heiligkeit, der seit Ewigkeit im Himmel besteht, trittst du ein
in das Heiligtum der Stille. Wieviel auch in ihm
weilen mögen, ewig ungebrochen waltet in ihm lautlose Stille.
Hier
beugt sich die Seele in tiefster Verehrung. Als Antwort empfängt das aus
vollendetem Glauben erwachsene Gebet die Stimme des Ewigen Vaters, der sich ihm
offenbart, ohne daß mehr ein Schleier sie
trennt. In diesem erhabenen Augenblick wird das Auge geöffnet und zum
ersten Mal sehen jene Gott, „die reinen Herzens sind“. Befanden
sich alle, die hier um uns waren, in diesem Heiligtum der Stille? Keineswegs.
Ich selber verstand dies damals noch nicht. Zugleich mit vielen anderen wohl
stand ich an der Schwelle und horchte dem ungebrochenen tiefen Frieden, der im
Heiligtum wohnte. Noch aber hörten wir nicht die Stimme des Vaters zu uns
sprechen. Das war die Prüfung, das Maß, nach dem die fortschreitende
Seele gemessen wurde, die feierliche Erklärung der mehr und mehr sichtbar
werdenden Annahme.
Die
Stille endete mit einem spontanen, von allen gleichzeitig vollführten
tiefen Atemzug des Dankes, gleich einem inbrünstigen
Amen, das die Seele nicht länger zurückhalten konnte. Und alle
fühlten, daß in diesem Schweigen eine
große, geheimnisvolle Veränderung Wirklichkeit geworden war: Einige
unter uns waren nicht vom Tod, nein, vom Leben zu einem noch überreicheren
Leben übergegangen. Doch allein jene, die die Stimme selber vernommen
hatten, wußten, wer diese Wandlung von
Herrlichkeit zu noch größerer Herrlichkeit vollbracht hatte.
Kaum
aber war das Amen verhallt, als der Obere der Engel an den Rand des
Felsvorsprungs trat und seine kristallene Weltkugel in der Luft
zerfließen ließ. Zuerst breitete sie sich oberhalb des Mittelpunkts
der Menge aus, bildete dort eine Lichtwolke, um sich im Zerfließen
langsam auf die Andächtigen herabzusenken. Obgleich der Schleier so
dünn wurde, daß man ihn völlig aus
dem Auge verlor, spürte man doch seinen köstlichen Duft, der den
süßesten mir bekannten Blumenduft bei weitem übertraf. Ich
konnte nur ahnen, daß er der Träger einer
Botschaft war, die in Kürze verkündet werden sollte. Nun war er am
Ziel und fiel wie ein Tau des Segens auf alle hernieder. Durch seinen Einfluß wurden einige, ja viele so sichtbar
verändert, daß nicht nur sie selber,
sondern auch wir das Urteil in unmißverständlicher
Sprache lesen konnten. Sie waren für reif erklärt, in höhere
Regionen hinaufzusteigen.
Eine
weitere Schar von Lichtgestalten stieg in diesem Augenblick von den Hügeln
herab, um mit einem freudigen Gesang des Willkommens die erwählten Freunde
zu begrüßen und sie zu ihren neuen Heimen zu geleiten. Ein
Jubelgesang der ganzen großen Versammlung beantwortete ihn. Die
Auserwählten erhoben sich, vereinten sich dem oberen Chor und die Feier war
— beendet.
* * *
Fern
im Beulahland
Der
Obere hatte sich mit seiner himmlischen Schar zurückgezogen. Die
Zurückgebliebenen umarmten sich voller Freude darüber, daß es ihnen erlaubt war, an diesem wunderbaren Fest
der Stille teilnehmen zu können. Auch von jenen, die selber den nächsten
Schritt voran noch nicht tun konnten, die noch nicht fähig waren, die
lautlose Stimme Gottes zu vernehmen, war keiner enttäuscht, wie die
meisten es unter solchen Umständen wohl auf Erden gewesen wären. Wir
alle fühlten uns gehoben, näher herangezogen und jetzt schon weit
besser vorbereitet für die Wandlung, die eines Tages mit vollkommener Gewißheit für jeden von uns eintreten
würde.
Selbst
sprach ich allerdings zu niemandem, obgleich viele an mir so nahe
vorübergingen, daß ich leicht ein
Gespräch hätte anknüpfen können. Aber irgendwie fühlte
ich mich, wenngleich ich ja jetzt auch als Bürger des unsterblichen Lebens
gelten konnte, noch nicht voll zugehörig. Nur durch ein
ungewöhnliches Entgegenkommen war es mir gewährt worden, mich,
gleichsam als Gast, mit den verschiedenen Stufen des himmlischen Lebens
vertraut zu machen. Wo ich hingehörte, wenn diese Besichtigungsreise
beendet sein würde, das wußte ich im
Augenblick selbst noch nicht.
Aber
ich vernahm doch zur Genüge aus den freudig bewegten Gesprächen der
vielen Zurückgebliebenen, daß sie gleich
mir bei diesem Fest der Stille stärker, gotterfüllter und
glücklicher geworden waren.
Kaum
war Myhanene von der Verabschiedung seiner hohen
Freunde zurückgekehrt, da konnte ich nicht länger an mich halten und
überschüttete ihn mit Fragen.
„Wer
war wohl der Obere dieser leuchtenden Engelschar?“
„Er
heißt OMRA. Mehr, fürchte ich, würdest du, wenn ich über
seinen Rang, seine Aufgaben und Pflichten sprechen würde, im Augenblick
doch nicht verstehen. Es bliebe dir ein Rätsel. So mußt
du dich vorerst mit seinem Namen zufriedengeben.“
„Werden
die — wie soll ich mich ausdrücken? —
„beförderten“ Freunde, die von hier fortgeleitet wurden, jetzt
mit ihm zusammenleben?“
„Nein,
sie gehen in die Nähe des Heimes unserer Schwester, der Dichterin —
wo ich dich fand.“
„Und
darf ich fragen, wo Omra wohnt?“
„Diesen
Ort könntest du nur durch eigenen Augenschein erfassen, und ich bin nicht
sicher, daß ich dir genügend Kraft leihen
kann, damit du selbst aus der Ferne einen Blick darauf werfen kannst. Die Kraft
seiner Herrlichkeit hast du ja selbst hier erlebt. Nur war sie der Umgebung
dieser Feier und den Menschen, die an ihr teilnahmen, angepaßt.
Der Glanz seines Besitzer jedoch strahlt die vollkommene natürliche
Reinheit aus, die von der Heiligkeit derer ausgeht, die Gott um so vieles
näher sind. Ich kann schwerlich hoffen, dir einen wirklichen Begriff von
Dingen zu vermitteln, für die Worte einfach nicht ausreichen. Ich kann nur
deine Sehnsucht weiter entfachen und dich nach und nach mit weiterem Stoff zum
Nachdenken versehen.“
„Meine
Seele dürstet wahrhaftig nach Wissen“, erwiderte ich; „ich
habe aber bereits so viel gesehen, daß meine
Aufnahmefähigkeit seine Grenzen findet. Aber entscheide du selbst. Du
weißt es auf alle Fälle besser wie ich.“
„Komm
mit mir. Im Himmel ist jeder Becher bis zum Rand gefüllt. Hier solltest du
dir die Verheißung Christi, die du gewiß
kennst, stets vor Augen halten: ‚Dem, der hat, wird gegeben werden, ein
gut Maß, überfließend voll!‘ Der Überfluß
aber kann nicht verloren gehen, er bleibt in den Tiefen des Gedächtnisses
und wird zum Vorschein kommen, wenn er gebraucht wird. Darum komm und sieh
entlang dem Paßweg deiner eigenen
zukünftigen Entwicklung so viel, als du zu fassen vermagst.“
Mit
einer bangen Freude ergriff ich die mir gebotene Hand. Ich war mir bewußt, daß ich noch
lange nicht weit genug fortgeschritten war, den Anblick der Herrlichkeit aus
eigener Kraft zu ertragen. Doch ich durfte volles Vertrauen zu meinem Begleiter
und die Gewißheit haben, daß
ich in seiner Hut vor Schaden sicher war.
Je
länger ich mit Myhanene, Cushna
und anderen zusammen war, desto stärker wurde mir auch bewußt,
wie ich mit den vielen Fragen, die ihre Belehrungen anregten, immer
hoffnungsloser in Rückstand kam. Je mehr die Beobachtung der Landschaft,
die wir durcheilten, meine volle Bewunderung in Anspruch nahm, um so
größer wurde der Durst nach Unterrichtung. Ich mußte
wiederum Myhanenes Hilfe in Anspruch nehmen.
„Bei
meiner Unterredung mit unserer Schwester“, begann ich, „schien es
mir, als wenn ihre Ansichten wesentlich von denen anderer abwichen. Kann das
stimmen oder sollte ich mich hierin geirrt haben?“
„Deine
Beobachtung war sicherlich richtig“, erwiderte er, „wir
unterscheiden uns in einzelnen Punkten unserer Meinung tatsächlich.“
„Wie
aber soll ich das verstehen? Ich hatte doch bestimmt erwartet, daß hier alle solche Uneinigkeiten endlich
aufhören.“
„Zwischen
Meinungsverschiedenheiten und Uneinigkeit besteht ein großer Unterschied,
lieber Bruder! Während auf Erden Unterschiede in der Meinung oft eine sehr
schmerzliche Uneinigkeit schaffen, kommt das hier nicht vor. Denn wir haben
gelernt, daß ‚nur die Wahrheit uns frei
macht‘. Auf der Erde hält man es für selbstverständlich, daß etwa der Geologe sich in der Beurteilung eines
Dogmas nach dem Theologen richtet. Andernfalls hält man ihn für einen
Ketzer oder Atheisten, der nicht in die Gemeinschaft der Gläubigen
gehört. Auch in fast allen anderen Lehrzweigen wird die gleiche Regel mehr
oder minder streng angewandt. Wie widersinnig ist das aber. Hat nicht derselbe
Gott, der die Feder beseelt, in gleicher Weise den Felsen beseelt? Hat er nur
etwa der — Tinte die volle Offenbarung zuteil werden
und den Rest der Chemie leer ausgehen lassen? Oder wurde sein Wille nur einzig
der Druckerpresse übermittelt, die anderen Künste und Handwerke einer
dauernden geistigen Armut überlassend?“
„Es
ist in Wirklichkeit, wie du leicht feststellen kannst, Vorsorge dafür
getroffen worden, daß im Mikrokosmos ebenso wie
im Makrokosmos die Gesetze der natürlichen Harmonie verwirklicht werden.
Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, daß kein
Mensch die Wahrheit ganz erfassen, geschweige denn ganz für sich in
Anspruch nehmen kann. Wie ein Blumenhändler die verschiedenartigsten
Blumen zu einem schönen bunten Strauß zusammenstellt, so auch werden
nach und nach die verschiedenartigsten Meinungen zu einem harmonischen
Gesamtbild zusammengefügt. Der eigene Verstand äußert sich
darin in seinem natürlichen Ton und Umfang und die so gewonnene vollkommene
Harmonie bringt den umfassendsten Akkord der Wahrheit hervor. Gewiß besteht, in Übereinstimmung hiermit, eine
Verschiedenheit der Ansichten im Hinblick auf weniger wichtige Dinge. Niemand
aber wird zugleich blau für rosa oder schwarz für gelb halten.“
Während
ich meinem Freund noch aufmerksam zuhörte, wurde ich gewahr, daß wir uns mit größter Geschwindigkeit
aufwärts bewegten. Die Atmosphäre wurde dünner und ich war
schließlich nicht mehr fähig, auch nur ein einziges Wort
hervorzubringen. Ich fühlte mich überwältigt von einem
seltsamen, unerklärlichen Gefühl, das alles andere als unangenehm
war. Mit wachsendem Ungestüm hob mich ein belebendes und zugleich
unwiderstehliches Glücksgefühl empor. Jedes Gefühl der Schwere,
der Furcht, des Zweifels, ja jegliches andere mit Ausnahme einer
unvorstellbaren Freude, hatte mich verlassen.
Ich
bemerkte, wie mein Begleiter sich bemühte, mir genügend von seiner
eigenen Kraft zu geben, damit es mir gelang, mit ihm aufzusteigen. Mir wurde bewußt, daß ich
allein ihm die treibende Kraft verdankte, die mich empor trug. Aber
gleichzeitig begann ich zu spüren, daß
selbst ihm dabei gewisse Grenzen gesetzt waren. Einen Augenblick lang schien
es, als sei unser Flug an der Grenze des Möglichen angekommen. Doch jetzt
legte Myhanene fest seinen Arm um mich und zog mich
so dicht an sich heran, daß ich von seiner
eigenen strahlenden Aura ganz und gar durchdrungen wurde. Jetzt fühlte
ich, daß ich aller Schwäche Trotz bieten
konnte. Mit einer einzigartigen Willensanstrengung, einem Blitzstrahl geistiger
Macht, trug er mich über den trennenden Raum hinweg, bis unsere
Füße den Gipfel eines der azurnen himmlischen Berge berührten.
Über welche Entfernung uns dieser Strahl trug, kann ich nicht ermessen,
doch die Geschwindigkeit muß außerordentlich
gewesen sein. Myhanenes Schnelligkeit der
Fortbewegung hatte mich erst kürzlich, als ich ihn im Heim des Assyrers
traf, aufs höchste überrascht. Jetzt konnte ich sie mir besser
erklären.
Als
ich aufzuschauen vermochte, breitete sich vor mir der Himmel in makelloser
Reinheit und in einer Schönheit und einem tiefen Frieden aus, wie ihn
menschliche Worte einfach nicht zu beschreiben vermögen. Alles, was ich
bisher erlebt hatte, schrumpfte über dem Anblick, der sich mir von diesem Gipfel
aus bot, zur völligen Bedeutungslosigkeit zusammen. Eine riesige Ebene von
unirdischer Reinheit und Schönheit erstreckte sich bis in die weitesten
Fernen. In weiter Entfernung, doch so klar und deutlich wie im Vordergrund,
hoben sich Kette auf Kette der himmlischen Berge ab. Dazwischen unzählige
Hügel mit ausgedehnten Terrassen, jede in Blicknähe der anderen, mit
Gebäuden, die von Blumengärten und Parks umgeben waren. Ein weiches
Licht schwebte gleich dem Schimmer, der eine Perle umspielt, über allem.
Wie Modelle sahen die auf herrlichen Emporen aneinander gereihten
Engel-Städte aus, über denen das Lächeln Gottes lag. Die
Schönheit und Herrlichkeit der Terrassen nahm noch zu, je höher sie
lagen. Eine große himmlische Stufenleiter schien bis in den Thronsaal der
Unendlichkeit zu führen. An den äußersten Grenzen der Terrassen
erhoben sich wie zum Ausgleich und zur Vollendung der himmlischen Architektur
und gleichsam als königliche Wächter die Gipfel der sich kreuzenden
Bergketten, in durchscheinender Färbung gebadet. Den Hintergrund dieser
Vision bildeten unbefleckte kristallene Säulen, deren Aufbau diamanten
funkelte und blitzte und das Licht einer noch verborgenen ewigen Sonne
zurückzustrahlen schien.
Myhanene ließ mir Zeit, den ganzen Zauber der Landschaft in
mich einfließen zu lassen. Dann deutete er auf ein Gebäude von
einfach unbeschreiblicher Pracht in der Ferne.
„Das
ist Omras Heim.“
Aber
auch das war noch nicht, wie ich erfuhr, der Himmel. Wir sahen auf das Beulah Land, das in der Entwicklung der Seele ein Bindeglied
zwischen der niederen und einer höheren Sphäre ist. Mein Freund hatte
bereits diese Ebene ohne Grenzen durchschritten, — er wies auf sein
eigenes Heim im Vordergrund — war selbst die göttliche Leiter weiter
hinaufgestiegen und hatte so, wie ich jetzt mit ihm, mit Omra
auf noch weit herrlichere Landschaften blicken dürfen. Omra
selbst hatte wiederum noch weit höhere und reinere erblickt. Wer aber
weiß, wie viele aufeinander folgende Emporen von noch größerer
Heiligkeit jede Seele erklimmen muß, ehe sie
IHN im Lichte seiner wahren Wirklichkeit zu sehen vermag?
Myhanene machte mir den Vorschlag, jetzt noch sein Haus anzusehen.
Ich aber war so überwältigt von dem, was ich soeben erleben durfte, daß ich ihn bat, mich zurückzubringen.
* * *
Welch
einen erzieherischen Wert hat hier selbst das kleinste Erlebnis! Es entfaltet
sich in der meditierenden Rückschau zu einer Kette von Erkenntnissen, ja
mehr noch von Beweisen des einen großen Gesetzes, das alles Leben hier
regiert. Ich erinnere mich zum Beispiel noch genau, wie ich kurz nach meiner
Ankunft Zeuge des fruchtlosen Versuchs jener bedauernswerten Frau wurde, die
einen für ihren geistigen Zustand ungeeigneten Weg zu gehen suchte. Eusemos erklärte mir damals, wie das Gesetz wirkt, das
sie daran hinderte und sie schließlich auf den ihr gemäßen Weg
führte. Cushna erläuterte mir das gleiche
dann im Fall von Marie. Und nun erlebte ich in Gegenwart von Myhanene ein gleiches an mir selber. Niemand hinderte mich,
seinen Vorschlag anzunehmen und sein Heim, eine Zufluchtsstätte der Ruhe,
zu besichtigen. Ich wußte, ich würde dort
mit Freuden begrüßt werden. Der einzige Hinderungsgrund lag in mir
selber. Mein geistiger Entwicklungszustand war der Atmosphäre, in der Myhanenes Heim lag, einfach noch nicht angepaßt.
Darum allein wünschte ich, in einen Bereich zurückzukehren, der
meiner augenblicklichen geistigen Stufe entsprach.
Eine
wunderbare Erfahrung, die alles Erhoffte bei weitem übertraf, öffnete
sich mir, während Myhanene mich noch immer
umfangen hielt — die zarte Zuneigung und Demut, mit der jene höheren
heiligen Naturen ihren schwächeren Brüdern helfen. Welche Kraft,
welche Hilfsquellen setzen sie hierfür ein! Wie spornen sie uns bei jeder
sich bietenden Gelegenheit an und ermutigen uns, ohne jede Aufdringlichkeit
alle Anstrengungen zu machen, um uns Schritt für Schritt weiter und
höher zu entwickeln. Ihre Liebe bemächtigt sich unserer Seele wie ein
starker Magnet und führt uns weit über eigene Kraft auf unserem Weg
voran, falls wir nicht selber jeden göttlichen Einfluß
ableugnen. Sie kennen keine Gönnerschaft und machen nicht den geringsten
Versuch, in uns das Gefühl einer Dankesschuld oder Verpflichtung ihnen
gegenüber zu wecken. Im Gegenteil: wie groß auch ihr Dienst für
uns ist, wie viel Freude sie uns auch gegeben haben, sie lassen uns immer
wieder fühlen, daß ihnen hierbei die weit
größere Glückseligkeit zufällt.*
*) In Erfüllung des Gebotes
Christi: „Gib, so wird Dir gegeben!“ (der Herausgeber)
Ich
hatte aber in Wirklichkeit weder das Recht noch die Kraft, die Hilfe in
Anspruch zu nehmen, die mir Eusemos, Cushna, Siamedes und nun Myhanene in so überreichen Maße gewährten.
Was trieb sie dazu? Ich erkannte es immer klarer: allein die Liebe,
dieser allen Meistern eigene Antrieb, der unangefochten sein Szepter im Reich der Unsterblichkeit schwingt. Sie
bewahrten mich bei Beginn meines neuen Lebens davor, daß
ich mit meinen Lebensbedingungen allzusehr zufrieden
war. Streben und Tätigsein ist das
natürliche Attribut der Seele, und so bemühten sie sich, in mir einen
starken Wunsch nach den viel herrlicheren Zuständen zu wecken, in denen
sie selber bereits lebten und mir als Ziel vor Augen zu führen, erst in
der Erlangung eigener Gottähnlichkeit die einzige und letzte Befriedigung
zu suchen.
Ja,
diese Lehre hatte ich ganz in mich aufgenommen und ihr Ziel war, wenigstens in
meinem Fall, nicht eitel. Myhanene sagte, neben mir
stehend, daß der Blick auf diese Gefilde
glorreicher himmlischer Herrlichkeit den Wunsch in mir entzünden
möge, diese Heimat meiner Freunde bald selbst durchwandern zu können.
Und wie recht hatte er! Ich grub in diesen Augenblicken die feste Absicht
unverlöschlich in mich ein, mich durch nichts von diesem Ziel abbringen zu
lassen. Aber der Ausgangspunkt zum Aufstieg in diese gewaltigen Höhen mußte mein eigenes Heim sein. Welcher Art dieses Heim
war und wo es lag — all dem hatte ich bisher kaum mehr als einen
flüchtigen Gedanken schenken können. Jetzt aber fühlte ich den
Wunsch in mir aufsteigen, dieses Heim zu erreichen. Mehr als ein vorübergehender
Ruheplatz würde es allerdings nicht sein, hatte ich doch bereits auf
andere Stätten geschaut, nach denen meine Seele lechzte wie nach einer
frischen Quelle. Wie überreich auch seine Schönheit sein mochte, ich
hatte bereits größere Herrlichkeiten erblickt, die nicht mehr aus
meinem Gedächtnis ausgelöscht werden konnten: Ehe ich diese
Stätten erhabener Schönheit und Ruhe nicht erreicht habe, werde ich
nie mehr ganz zufrieden sein. Werde ich es dann sein? Diese Frage erschien mir
im Augenblick müßig. Dagegen überkam mich wie ein Schatten das Bewußtsein, welch eine gar nicht abschätzbare
Entfernung im Augenblick noch zwischen meinem ersten Ziel, das ich mir im
Himmel gesetzt hatte, und meinem jetzigen Standort liegen mußte.
Myhanene spürte dies sofort. Sagte er auch kein
Wort, so erfüllte er mich doch sogleich mit einem Gedanken von so
wunderbarer Offenbarung, daß ich mich mehr
getröstet und erhoben fühlte, als alle Worte dies vermögen.
Auf
der Pilgerfahrt zu Gott gibt es für die Menschheit nur einen einzigen Weg.
Wohl sind die irdischen Strecken schlecht instand und schwer zu erkennen. Von
meinem jetzigen Standpunkt aber lag der Weg klar und unmißverständlich
vor mir. Dieser Weg war eine vollkommene Gerade. Gleichermaßen wie die
Natur trug er Gottes Gepräge und Siegel. An diesem Punkt wurde die Natur
mir zur Verkünderin der Gnade, und meine Seele wurde von der
verklärten Natur fortgetragen in ein Meer neuer Offenbarungen.
Das
große Entwicklungsgesetz der Natur kennt weder ein gewaltiges Tempo, noch
Sackgassen, noch Unterbrechungen oder scharfe Unterteilungen. Es erfüllt
seinen Auftrag in der Entfaltung von innen, angeregt von außen durch die
Kräfte der Nahrung. Gilt aber dasselbe Gesetz zu Beginn unseres Weges, wer
gibt uns dann ein Recht anzunehmen, daß es sich
außerhalb unserer Sichtweite ändert? Ist nicht Gott selbst
unwandelbar Schöpfer, Bewahrer und Vollender? Ist es nicht folgerichtig,
darum auch Sein Gesetz als unveränderlich zu betrachten?
Dieser
Gedanke tröstete mich und gab mir Kraft und Frieden. Ohne Zweifel war ich
noch weit von meinem Ziel entfernt. Wie lange es dauern würde, bis ich es
erreichte, das hing in erster Linie von mir selber ab. „Gott kennt keine
Unterschiede in der Person“. Es gibt keine Privatstraße, keine
Abkürzung querfeldein zum Throne Gottes, die etwa nur wenigen
Auserwählten vorbehalten wäre. Es gibt nur einen Weg, „den Weg
der Wahrheit und des Lebens“. Unmöglich kann, wer ein Leben lang
gegen die von Christus verkündeten Gesetze verstoßen hat —
kaum daß die letzte Gotteslästerung von
seinen Lippen verhallt ist, durch Bekenntnis seiner Sünden, sei es mit den
Lippen oder mit dem Herzen, sich den Gesetzen Gottes entziehen und mit einem
Sprung in seine Gegenwart gelangen.
Erst
muß der verlorene Sohn seiner wahren Bestimmung
bewußt geworden sein, sich endgültig von
seinen Ausschweifungen, von der Verspottung des Wahren und Guten befreit haben,
bevor er sich selbst erheben und zum Vater heimkehren kann. Erst dann kann er
seine lange Pilgerschaft beenden, ja in die Gemeinschaft der Heiligen als ein
Jünger Jesu Christi aufgenommen werden, um nie wieder in Versuchung zu
geraten. Auf diesem Wege wird er von Herrlichkeit zu Herrlichkeit geführt.
Schritt für Schritt entfaltet sich seine Seele. Durch die Reinheit und Heiligung,
die er gewinnt, wird er befähigt,
„Kraft
der unsterblichen Liebe
zu
wohnen im ewigen Licht.“
*
Nicht
sogleich entsprach mein Begleiter meinem Wunsch, unseren Besuch hier zu
beenden. In den Augenblicken, in denen mich meine eigenen Träumereien und
Überlegungen nicht vollkommen in Anspruch nahmen, empfand ich, wie er sich
an diesem Platz, angesichts seines eigenen Heims, vollkommen glücklich
fühlte. Ich spürte darüber hinaus seinen tiefen Wunsch, daß auch ich hier meine Heimat finden möge.
Obgleich ich dazu noch nicht bereit und fähig war, ließ er mir
dennoch die Zeit, in aller Ruhe auf dieses Land zu blicken, um noch mehr in mir
den Wunsch zu entfachen, bald und für lange Zeit hierher
zurückzukehren. Ein leichter Druck auf meinen Arm zeigte mir
schließlich an, daß er bereit sei, zu
gehen.
„Wie
lange bin ich eigentlich jetzt schon hier — in diesem Leben?“
fragte ich, als ich meiner Sprache wieder mächtig war.
„Nach
irdischer Rechnung nur wenige Wochen. Fühlst du dich etwa
müde?“ fragte er lächelnd.
„Durchaus
nicht. Ich fühle deutlich, daß ich niemals
mehr müde werde. Vor der Fülle der Erlebnisse, die bisher auf mich
eingedrungen sind, habe ich nur gar nicht mehr auf die Zeit geachtet.“
„Und
warum hast du soviel erlebt?“
„Ich
glaube, das weißt du besser als ich.“
„Ja,
du hast einfach viel gefragt. Dein ganzes Erdenleben glich einem langen
Fragezettel. Deine Mitmenschen verstanden dich allerdings nicht und konnten dir
daher deine Fragen, die du in Wahrheit an dich selbst wie an uns richtetest,
nicht zufriedenstellend beantworten. Und nun findest du hier nach und nach in
dem wenigen, was wir vorerst für dich tun können, alle Antworten. Vergiß aber nicht, daß
wir ja gerade erst mit der Unterrichtung begonnen haben. Und gern werden wir
bald damit fortfahren. Inzwischen bringe ich dich zu deinem Heim, wo du dich
ausruhen und dabei deine bisherigen Erfahrungen überschauen kannst.
Zugleich wirst du dich dort ganz von den noch immer an dir haftenden
körperlichen Einflüssen befreien, damit sie dir nicht bei den
weiteren Offenbarungen, die dich erwarten, hinderlich sind.“
„Mein
Heim“, wiederholte ich sinnend, „— erst als ich dein Heim
sah, tauchte in mir der Gedanke an mein eigenes Heim auf und wie weit es wohl
von deinem entfernt sein könnte. Sollte mir damit ein Hinweis auf bevorstehende
Ereignisse gegeben werden?“
„Das
kann stimmen“, erwiderte Myhanene, „aber
komm‘ und sieh selber.“
Unser
Weg führte uns durch Haine von malerischer Schönheit, die hier und da
von lieblichen Tälern und schimmernden Lichtungen unterbrochen wurden. Da
wir kaum anderen Seelen begegneten, konnten wir unsere Unterhaltung fortsetzen.
Während
wir uns noch unterhielten, bemerkte ich, daß
mein Freund augenscheinlich gleichzeitig mit Freunden in der Ferne durch
leuchtende Gedankenblitze in Verbindung stand und von Zeit zu Zeit auch
Antworten empfing. Allerdings konnte ich damals diese Gedankenstrahlen noch
nicht selber lesen, hielt es aber für besser, Myhanene
nicht um weitere Erklärungen zu bitten.
Als
wir gerade eine romantische Bergschlucht passierten, die meine besondere
Bewunderung erweckte und dadurch unser Gespräch ein Ende fand, trafen wir
plötzlich ganz unerwartet auf Cushna, Arvez und noch einige andere Freunde, die mir nicht bekannt
waren. Myhanene forderte sie auf, uns zu begleiten.
Ich war noch mehr erstaunt, als wir kurz darauf auch Eusemos
und eine Schar von Chorsängern trafen, die uns mit einem Willkommensgesang
begrüßten. Und während wir ihnen im Weitergehen noch
zuhörten, begegnete uns Azena mit einer Schar
von Frauen, die sich uns gleichfalls anschlossen. Die Zahl der Freunde, die uns
begleitete, wuchs mehr und mehr. Viele hatten ein Instrument bei sich, andere
trugen Blumenkränze, wie ich sie bereits bei besonderen Feierlichkeiten
gesehen hatte. Ohne daß wir es uns versahen,
waren wir die Hauptpersonen einer langen Prozession. Und alle stimmten in den
Jubelgesang zur Begrüßung meines Begleiters ein, dem, wie ich
staunend bemerkte, eine so große Liebe entgegengebracht wurde.
Wir
erreichten ein zwischen zwei Hügelketten liegendes enges Tal und erstiegen
schließlich einen der Gipfel. Eine majestätische Stadt, die aus rosa
Alabaster erbaut schien und mit nichts auf Erden auch nur annähernd zu
vergleichen war, lag ausgebreitet vor uns. Breite Prachtstraßen gingen
von einem regelmäßigen Quadrat nach allen vier Himmelsrichtungen
aus. Obgleich die reich geschmückten Bauten eine beträchtliche
Höhe aufwiesen, waren sie doch hauptsächlich einstöckig. Ihr
flaches Dach diente dem doppelten Zweck eines Gartens und eines Spazierweges.
Jeder Palast — nur diese Bezeichnung wird dem Eindruck gerecht —
war von Parks von beträchtlicher Ausdehnung umgeben, die dem Geschmack
ihrer Bewohner zu entsprechen schienen. Aber die Vielfalt der Einzelheiten
fügte sich als Ganzes zu einer vollkommenen Harmonie.
Das
Läuten der Glocken, das in die uns umgebende Musik einfiel, riß mich aus meinem Staunen über dieses
wunderbare Bild. Es war augenscheinlich das verabredete Zeichen für die
Bewohner der Stadt, die nun durch das Tor auf uns zuströmten, um uns zu
begrüßen. Eine der ersten war Helen, dichtauf gefolgt von Freunden,
die ich in den furchtbaren Behausungen der Londoner Slums kennengelernt hatte,
in die mich während meines Erdendaseins ein mir auch heute noch nicht voll
verständlicher geheimnisvoller Einfluß
führte. Ich hatte versucht, sie in ihrem unbarmherzig hart erscheinenden
Los zu trösten, hatte mich bemüht, sie mit meinem mir selbst noch
unklaren Gottesgedanken vertraut zu machen. Beim Anblick des einen oder anderen
erinnerte ich mich an das einmal gegebene, aber so lange schon vergessene
Versprechen, daß wir uns einmal im Jenseits
wiedersehen wollten. Nun waren sie gekommen, um dieses Versprechen
einzulösen, während ich von mir selber nur sagen konnte, daß ich doch wohl nur aus reinem Zufall
hierhergekommen war.
Aber
wie hatten sich alle, die ich einmal gekannt, hier verändert! Als wir
voneinander schieden, gehörten sie zu den Armen, ja Ärmsten der
Armen. Nun traten sie durch eine wunderbare Verwandlung als Könige und
Königinnen, als Priester und Priesterinnen des einen Gott Vaters vor mich
hin. Auch an Zahl schienen sie mir größer geworden, obgleich ich
jeden einzelnen wiedererkannte. Ich fühlte mich fürwahr aufs
höchste geehrt, ihre Freundschaft jetzt erneuern zu dürfen.
Kaum
hatten wir alle einander begrüßt und beglückwünscht, als
die Musik erneut einsetzte und die ganze versammelte Menge in den Chorgesang
des Willkommens einstimmte. Erst in diesem Augenblick wurde mir bewußt, daß diese
Ehrenbezeigungen niemand anderem, als mir selber entgegengebracht wurden. Noch
halb ungläubig wandte ich mich an Myhanene:
„Gilt
das alles wirklich mir?“
„Ja,
mein Bruder, in dieser Stadt wirst du bis auf weiteres dein Heim finden. Unsere
Freunde wollen dich hier willkommen heißen.“
Jetzt
erst begriff ich, daß die Gedankenblitze, die
meine Neugier erregt hatten, der Benachrichtigung von Cushna
und unseren anderen Freunden gedient hatten und zu einem in allen Einzelheiten
vorbereiteten Programm gehörten, dessen Mittelpunkt ich selbst war, ohne daß ich davon etwas gemerkt hatte.
Die
erneut sich bildende Prozession hinterließ jetzt einen imponierenden
Eindruck. Meine näheren Freunde befanden sich in meiner unmittelbaren
Umgebung; ich selbst, ob ich wollte oder nicht, im Mittelpunkt.
Auf
diesen außerordentlichen Empfang und die Zeichen aufrichtiger Zuneigung,
mit denen ich überschüttet wurde, konnte ich nur mit Tränen der
Freude und Dankbarkeit antworten. Selbst die Töne der Glocken sangen das
Lied des Willkommens. Als wir in eine der breiten Straßen in der Nähe
einbogen, sah ich die Anführer des Zuges bereits den Park eines Palastes
betreten, der wegen seiner außerordentlichen Architektur bereits aus der
Ferne vor allen anderen Bauten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Als
ich aber nun den Eingang des Parkes erreichte und seine
ganze Schönheit auf mich einstürzte, blieb ich verwirrt stehen und
fragte: wo ich hier sei. „Daheim“ war die einzige Entgegnung aus
dem Munde meines Freundes, der mich nun unter einem Einfluß
vorwärts führte, wie man ihn hier und da nur im Bereich der Träume
erleben darf.
Nun
näherten wir uns dem Hause und ich bemerkte, daß
die Vorhänge des Portals — in diesem Leben dienen sie als Türen
— weit zurückgezogen waren, wie um zu bezeugen, daß
alle herzlich eingeladen waren, einzutreten. Die Mehrzahl der Teilnehmer
entfernte sich jedoch zur Linken und zur Rechten, und ihr Gesang verstummte. Myhanene führte mich zum Eingang, wo ich in der
geräumigen Halle bereits eine größere Gesellschaft versammelt
fand, unter der ich die himmlische Schar erblickte, der ich beim Fest in Myhanenes Begleitung bereits begegnet war. Von einer
Gestalt in ihrer Mitte ging eine solche Lichtfülle aus, daß ich völlig geblendet war und nichts anderes
mehr bemerken konnte. Ich hielt inne. Mein Begleiter erriet meine Gedanken und
sagte leise zu mir: „Das ist Omra!“ Mir
blieb keine Zeit zu weiterer Überlegung. Als ich kaum auf der obersten
Stufe angekommen war, schloß mich Omra in seine Arme und sprach:
„Du
Geliebter, sei willkommen im Namen unseres Vaters! Erfreue dich nun der Ruhe
hier“. Dann hob er mein in Ehrfurcht gesenktes Haupt und küßte mich.
Ich
war von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl durchdrungen und —
ich schwieg. Wer auch könnte Worte finden, einem solchen Erlebnis gerecht
zu werden? Omra schien dies zu verstehen und
ließ daher auch kein Gefühl des Unbehagens über meine
Unbeholfenheit aufkommen.
„Welch
eine Menge Freunde hast du um dich versammelt“, sagte er aufmunternd.
„Blicke dich doch einmal um!“
Alle
meine Londoner Freunde standen in einer besonderen Gruppe am Fuße der
Stufen. Auf sie wies Omra, als er weiter sprach:
„Mein
Bruder, der Herr gab uns das Versprechen, daß
„die, die in Tränen säen, in Freuden ernten werden.“ In
ihnen hier magst du die Ernte deines Lebenswerkes erblicken, soweit sie bereits
in die Scheuern eingebracht ist. Zu ihnen kamst du mit einer Saat, die weit
kostbarer war, als du selber ahntest. Obgleich deine Hand zitterte, deine
Kenntnisse dir noch ungewiß erschienen,
sätest du sie aus. Zu diesem Zweck hatte Gott dich gesandt und durch sein
Wort alles vollendet. Der Erntetag ist nun
vorüber, das Werk vollbracht. Zu Gott, der dich aussandte und dir deine
Mission übertrug, kehrst du nun zurück und bringst deine Schafe mit
dir. Im Namen Christi, der uns erlöste, danke ich dir für deinen
Liebesdienst. Was du für diese getan, hast du IHM getan!“
Vergebens
suchte ich ihn davon zu überzeugen, daß
der Erfolg des Wenigen, das ich überhaupt hatte tun können,
diesen reichen Segen kaum rechtfertigte. Meine Bemühungen waren die einzig
leuchtenden Punkte in einem sonst fast unerträglichen Leben gewesen. Die
große Freude, die diese Arbeit mir bereitet hatte, war reichliche
Belohnung für die geringfügigen Opfer gewesen, die ich hier und da
vielleicht auf mich genommen hatte. Und schmerzlich war mir bewußt,
wie gering der Anteil meines Tuns gegenüber dem war, was ich versäumt
hatte zu tun.
Wenn
ich jetzt ausruhen und die Gesamtheit meines Werkes nochmals sorgfältiger
studieren könnte, so meinte Omra, dann
würde ich doch wohl besser verstehen, was ich wirklich getan habe. Darauf
gab er mir seinen Segen und verließ uns. Myhanene
blieb zurück, um mich nun durch mein Heim zu führen.
Könnte
ich nur die richtigen Worte finden, um auch nur einen ungefähren Eindruck
von der unbeschreiblichen Schönheit und Vollkommenheit dieses Heimes geben
zu können. Aber ich sehe ein, daß jeder
Versuch fehlschlagen müßte. Eine Tatsache
möchte ich jedoch schon darum nicht verschweigen, weil sie von so tiefer
Bedeutung für alle ist, die noch auf Erden weilen. Als Christus von den
vielen Wohnungen in seines Vaters Haus sprach, sagte er zu seinen Jüngern:
„Ich gehe und bereite einen Platz für Euch“ Ist aber auch
für die Einrichtung vorgesorgt? Dieser Gedanke kam mir jetzt zum ersten
Mal in den Sinn, und als Antwort wurde mir eine neue Offenbarung zuteil. Jeder
Einrichtungsgegenstand, jeder Schmuck stand in einem lebendigen Zusammenhang
mit einer Handlung, einem Gedanken, einer Eigenart meines irdischen Lebens. Ja,
er schien daraus hergestellt zu sein. Es war eine Entdeckung, die mich
völlig überwältigte. Wie hätte ich gewünscht, das
bereits früher gewußt zu haben!
Einer
der Räume enthielt eine Reihe von Bildern, die die Urkunden darstellten,
von denen Omra bereits gesprochen hatte. Ich konnte
mit einem Blick sehen, daß die Ergebnisse
meiner Handlungen durchaus nicht vollkommen waren. Klar war jedesmal
die ursprüngliche Absicht erkennbar, daneben aber auch die in jedem Fall
gemachten Fehler und die Irrtümer, die sich eingeschlichen und die Absicht
mehr oder minder verdorben hatten. Aus ihnen konnte ich deutlich die
Schwächen und Mängel erkennen, unter denen ich im Augenblick noch
litt und die ausgemerzt werden mußten, ehe ich
die Verbindung zum höheren Leben aufnehmen konnte.
Das
Studium der Urkunden ließ die noch zu bewältigende Arbeit erkennen.
Ein solches Heim in einer solchen Umgebung schloß,
das fühlte ich ganz deutlich, aber bereits die Hälfte des
angestrebten Erfolgs in sich. Hinzu kamen die neuen und größeren
Fähigkeiten, die ich jetzt besaß, und die liebende Führung, die
mir auf Schritt und Tritt zur Verfügung stand.
Jetzt
gingen wir an einer Tür vorbei, deren Vorhänge noch dicht zugezogen
waren. Wie gerne wäre ich hier eingetreten, wenn mich nicht eine
unsichtbare Kraft davor zurückgehalten hätte. Eine Stimme schien mich
aus der Stille zu rufen und ich hielt inne, um diesen Ruf zu beantworten. Mein
Begleiter aber, der zum mindesten so tat, als merke er nichts, lenkte meine
Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände, führte mich dann auf das Dach,
von dem ich einen Blick auf die Stadt werfen konnte, wie er mir sehr bald
vertraut und lieb werden sollte. Als meine innere Erregung abgeebbt war, sagte
mein Begleiter:
„Meine
angenehme Aufgabe ist nun vorerst beendet. Komm noch bitte einen Augenblick
mit, und dann werde ich von dir Abschied nehmen.“
Wieder
standen wir vor der Tür. Er deutete mir mit der Hand an, alleine
einzutreten und ging davon.
Ja,
ich wußte es jetzt. Hinter diesem Vorhang
wartete jemand auf mich, der mich besonders willkommen heißen wollte. Wie
lange hatte mein Herz nach dem Druck dieser Hand, nach dem Ton dieser Stimme
gerufen und sich gesehnt. Jemand, der sein Leben opferte, da er mir das Leben
gab, dessen Fortgang mich so unendlich viel entbehren ließ. Wie oft hatte
ich in der Dunkelheit meiner Verzweiflung ihren Namen gerufen, ohne daß mir eine Antwort zuteil wurde.
Wäre sie mir doch nur wenige Jahre erhalten geblieben, sodaß
ich mir eine Erinnerung an sie hätte bewahren können. Wie anders
wäre dann mein Leben verlaufen. Anstelle eines Menschenfeindes hätte
dann vielleicht ein Mann der Erneuerung der Welt dienen und Werke vollbringen
können, die der Erinnerung wert waren. Doch der mit meiner Geburt
verbundene Verlust blieb mein Schicksal. Das Kreuz aber, die Last meiner
Schwermut, sollte nun endlich und endgültig von meinen Schultern genommen
werden.
Erinnerst
du dich noch, lieber Leser, wie ich mich im Heim des Assyrers in gleicher Lage
befand wie jetzt du? Damals wandte ich mich fort, um nicht den Augenblick zu
stören, der wahrlich zu heilig ist, als daß
ein Fremder an ihm teilhaben dürfte. Du wirst gewiß
ein Verständnis dafür haben, daß ich
dich jetzt verlasse. Der Bereich jenseits des Vorhanges, vor dem ich nun stehe,
ist mir selber zu heilig, als daß ihn jetzt ein
Fremder betreten dürfte. Das launenhafte Fieber der Erde liegt hinter mir.
Durch die Güte unseres Vaters habe ich auf meiner Reise das Land der
Unsterblichkeit gefunden. In diesem Augenblick nehme ich herzlich von dir
Abschied, hebe behutsam die silbernen Falten des Vorhangs und finde mich in den
liebenden Armen — meiner Mutter.
* * *
Aus
Hoffnung erwächst Zuversicht
Meine
erste Rückreise zur Erde
Ernte
der Blindheit und des Sehens
Wo
sich die auf Erden Schlafenden im Jenseits treffen
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[VH-LIF
2007]