Robert James Lees
Reise in die Unsterblichkeit
Band 3
Vor dem Himmelstor
VORWORT
Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, daß die “Reise in die Unsterblichkeit“
erschien. Sieben Jahre später folgte das “Elysische Leben“,
und heute darf ich einer Leserschaft, die inzwischen auf ein Vielfaches
gewachsen ist, voller Dankbarkeit den dritten Band in die Hände geben.
Manche mögen bei dem Gedanken erschrecken,
daß die Pilgerfahrt Aphraars vom Ablegen des
sterblichen Körpers bis zum Erreichen des Himmelstores, der “zweiten
Geburt“, nach irdischer Zeitrechnung mehr als vierzig Jahre gedauert hat.
Aber irdische Zeitbegriffe gelten nicht im
Jenseits, noch steht es irgendwo in der Bibel, daß die zweite Geburt (von
der Christus zu Nikodemus sprach) sofort
auf den irdischen Tod zu folgen hat.
Was Aphraar betrifft, so hat er während dieser
Pilgerzeit eine Entwicklungsebene erreicht, die ihn die Dinge im vollen
schattenlosen Licht der Wahrheit sehen läßt. Aber ich will ihm nicht
vorgreifen. Mögen meine Leser ihm selber folgen und durch ihn selber
erfahren, wie unüberwindlich jene Schutzmauern sind, die das Himmelreich
umgeben, „auf daß nichts Unreines in es eingeht, noch wer Greuel
und Lüge übt, sondern nur die geschrieben sind im Lebensbuche des
Lammes“. (Offenbarung
Joh.21,27)
Robert
James Lees
*
Während ich beginne, diesen dritten Band
meinem irdischen Freund in die Feder zu diktieren, weist er mich auf die vielen
vorliegenden Briefe hin, in denen ich von Lesern des ersten und zweiten Bandes
gebeten werde, bestimmte Fragen zu beantworten.
Zunächst aber habe ich meine Aufmerksamkeit
auf ein Ziel zu richten, das durch die geheimnisvolle Äußerung Jesu
Christi zu Nikodemus bestimmt ist: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,
wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht
sehen!“. Nikodemus verstand ihn nicht, und mir scheint, die Gelehrten in
fast zwei Jahrtausenden sind nicht sehr viel erfolgreicher gewesen.
Einstmals war ich ebenso blind. Aber durch die Gnade
Gottes bin ich in das Licht geführt worden, in dem die Wahrheit erkennbar
ist. Und mehr denn je drängt es meine Seele danach, der Erde zu sagen, was
mir offenbar geworden ist, auf daß sie etwas von dem unwiderstehlichen
Zauber himmlischer Musik spüre, die in den Worten liegt: „Also hat
Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß
jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben
habe“.
Darum kann ich jetzt nicht innehalten, um Fragen zu
beantworten. Soweit sie an dem Wege liegen den ich zu gehen habe, sollen sie
ausführlich beantwortet werden. Alles andere ist von zweitrangiger
Bedeutung gegenüber der Frage: Wie kann der Mensch von neuem geboren
werden?
Eine Frage will ich jedoch noch beantworten, bevor
ich den Faden aufnehme. Sie lautet: Wird in den ersten beiden Bänden der
vollständige Ablauf der Geschehnisse berichtet, wie sie einer Aphraar
ähnlichen Seele widerfahren würden, oder handelt es sich nur um
einzelne Skizzen?
Es handelt sich um charakteristische Skizzen von
Erlebnissen, die sich über zusammen fast dreißig Jahre erstrecken
und nicht notwendigerweise in zeitlicher Reihenfolge
erzählt werden. Eine chronologische Aufzählung hätte wenig Nutzen
gehabt, denn es gibt keine festen Regeln
oder “Lehrpläne“ in Gottes
Universum. Jede Seele wird immer
genau das vorfinden und erleben, was
ihr selbst angemessen ist.
Gottes Gesetz ist vollkommen. Wir, die wir noch
nicht vollkommen sind, können noch nicht die ganze Fülle seines
Waltens erkennen. Aber eines weiß ich —
in dem Urteil, das auf jede Seele beim
Betreten des Jenseits herniedergeht, zeigt sich die Gerechtigkeit Gottes
mit einer überraschenden Milde.
Es ist eine Göttlichkeit des Liebenden Mitleids, nicht des rächenden
Zornes.
„Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe
geben?“ (Matth.11,28) Kann
es eine uns mit mehr Zuversicht erfüllende Einladung geben wie diese, die
der Christus uns im Namen des
Vaters zuruft?
Ehe ich meine Erzählung wieder aufnehme,
möchte ich noch in Dankbarkeit der vielen
wertvollen Dienste gedenken, die Sisvine* aus freiem Antrieb bei der mir
übertragenen Mission leistete. Über einige werde ich in diesem Bande
noch berichten.
Mögen meine Erlebnisse vor dem Himmelstor, die
ich in diesem Bande schildere, meinen Lesern einen ersten Blick in ihre wahre
Heimat gestatten und ihnen den eigenen Weg dorthin erleichtern.
Aphraar
____________
* Sisvine, eine englische Adlige,
übernahm nach dem Tode von Frau Lees im Jahre 1912 einen Teil der geistigen Dienste, die erforderlich waren, damit die hohen
Jenseitigen hier auf Erden durch R.J.Lees wirksam
werden konnten. (Den anderen Teil des Schutzes übernahm seine Tochter Eva
Lees.) Wie uns in diesem Buch berichtet wird, kommt es nur in ganz wenigen
Ausnahmefällen vor, daß ein irdischer Bewohner wie Sisvine sich
außerhalb des eigentlichen Schlafbereiches in den sieben Sphären des
Zwischenreiches frei bewegen und selbst wie wir erfahren, Jenseitigen beim
Überschreiten der Brücke zum ersten Himmel helfen kann. Der Herausgeber
* * *
Habe
ich meine Leser enttäuscht, weil ich so wenig von der einen Seele sprach,
die ich mehr als alle andere zu finden begehrte — Vaone?
Hat
man mein Schweigen als Enttäuschung und meine langen und häufigen
Reisen — fern von ihrem Heim — als mangelnde Liebe oder
Gleichgültigkeit angesehen? Wenn ja, so wäre das ein krasser
Trugschluß.
Die
Vaone, die ich fand, hatte die süßesten Träume
übertroffen, die ich auf Erden von meiner Mutter geträumt hatte.
Diese Erfahrung gilt nicht nur für mich. Wenn ihr jene wiederseht, die
euch vorangegangen sind, so werdet ihr feststellen, daß sie euch nicht
weniger, sondern unendlich viel mehr sind, als sie einstmals waren. Seid dessen
gewiß.
Aber
— als ich mich an meine neue Umgebung gewöhnt und etwas von den
Gesetzen kennengelernt hatte, die in dieser Lebenssphäre herrschten,
entdeckte ich, daß meine Liebe zum Christus noch unendlich
größer wurde als die Liebe zu meiner Mutter. Es war dieselbe Liebe,
nur in einem noch viel höheren Grade, die als göttliche Eigenschaft
hier alles bestimmt und durchdringt.
Hatte
ich meinen Lesern mehr als einen kurzen Blick in die für mich geheiligte
Stätte verschafft, an der ich meine Mutter fand, ich hätte ein
zutiefst persönliches Erlebnis entweiht, ohne mehr als der Neugier zu
dienen.
Aber
das ist Vergangenes, wenden wir uns der Gegenwart zu: Vaones Heim, das auch das
meine wurde, lag in einem Tal, das wohl Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte,
aber, wie ich bald spürte, jeder energiespendenden Kraft entbehrte.
Das
Tal erstreckte sich in der Tat nur knapp jenseits des Bereichs, in dem die
Erdeinflüsse noch sehr spürbar sind. Der einzige aktive Wunsch derer,
die hier wohnen, ist auf Ruhe gerichtet.
Viele
Seelen erreichen diesen Zustand sogleich, wenn sie die Erde verlassen haben,
andere nach manchen Erfahrungen und Wegen durch die erdnahen Zonen, und viele erst, nachdem sie ihre
Schulden abgetragen haben.
Für
alle in den Stürmen des Lebens umhergeworfenen, in Versuchung
geführten, oder mit Leid beladenen Seelen, ist diese Region ein idealer
Zufluchtsort. Vaone, der dieses Tal nach einem kummerbeladenen Erdenleben Ruhe
und Frieden bot, war hier glücklich und zufrieden. Ich aber, nach all dem,
was ich gesehen und gelernt hatte, konnte nicht stillstehen. Höhere
Sphären, auf die ich einen Blick hatte tun dürfen, riefen mich mit so
musikalischer, unwiderstehlicher Stimme, daß mich auch die Liebe, die ich
einst für die höchste aller gehalten hatte, nicht zurückhalten
konnte.
Vaone
schien das zu spüren. Ich hatte mich an einen Ort der Meditation
zurückgezogen, als ich plötzlich ihre Hand auf meiner Schulter
fühlte. Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört, Aphraar. Aber ich
möchte dich gerne etwas fragen.“
„Frag‘
nur, du weißt, daß du mich nicht störst!“
„Hast
du — eigentlich alles im Himmel so vorgefunden, wie du es erwartet
hast?“
In
Vaones Stimme war ein Ton besorgter Unsicherheit. Begann sie zu fühlen,
daß es mich zu höheren Sphären zog, daß ihr eigenes
Leben, so zufrieden sie auch damit sein
mochte, noch unendlicher Erhöhung fähig war?
Einen
Augenblick lang wagte ich ihr nicht zu antworten. Ich spürte, wie viel von
dieser Antwort abhing und erkannte zum ersten Mal, welch‘ ungeheure
Verantwortung auf den Schultern eines Mannes liegt, der ein Lehrender sein will.
Ich sah, wie recht MYHANENE hatte, wenn er mir nicht
erlaubte, von unserem “Sprachrohr“
auf Erden Gebrauch zu machen, sofern nicht ein verantwortliches Mitglied seiner Gruppe zur gleichen
Zeit zugegen war.
Nein,
ich konnte es nicht wagen! Fast flehend sandte ich
die geistige Bitte an MYHANENE: Komm und sprich an meiner Statt!
„Jetzt
ist die Reihe an dir!“, war die Antwort. „Sag‘ ihr auf deine
Weise, was du gesehen und gehört hast.“ Es gab also kein Entrinnen!
Zum ersten Mal war mir in diesem Augenblick eine Aufgabe übertragen
worden.
Ich
nahm meinen Mut zusammen und wollte grade
stockend beginnen, als etwas Seltsames geschah: Ein Strahl der Erleuchtung
erhellte mein Bewußtsein. Er
war kurz wie ein Blitzesleuchten, doch er reichte aus, um mir drei voneinander
verschiedene Dinge deutlich
einzuprägen: Vaones Erdenleben unter der herzlosen —
persönlichen und geistigen — Herrschaft anderer; die tiefe Bedeutung
der seelischen Befreiung durch den magnetischen Choral, und — weit am
stärksten von allem — das Aufkeimen einer neuen Fähigkeit in
mir selbst, die alle bisherigen Hemmnisse zu durchbrechen schien. Ein völlig neues
Erkenntnisvermögen schien mir zugefallen zu sein.
Plötzlich
konnte ich frei sprechen.
„Nein,,
Vaone, es ist alles hier ganz
anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber versteh‘ mich nicht
falsch: wenn ich deine Frage richtig auslege, dann entspricht das Leben hier
nicht ganz deinen eigenen Erwartungen. Bei mir ist es genau umgekehrt —
ich kann kaum die Worte finden, um auszudrücken, wie sehr es meine
größten Erwartungen übertrifft. Ich will versuchen, dir zu
erklären, worin dieser Unterschied zwischen uns besteht.“
„Ja,
bitte hilf mir, Aphraar.“
„Nach
besten Kräften, soweit ich dazu fähig bin. Aber, ich muß vorweg
etwas feststellen, was du zu meiner Überraschung noch nicht erkannt
zuhaben scheinst.“
„Und
das ist —?“
„Daß
weder du noch ich bisher den Himmel erreicht haben.“
„Aphraar!
Was soll das bedeuten? Unser Leben hier ist doch kein Traum; oder willst du
sagen, wir haben den Himmel nicht erreicht, sondern erst eine
Zwischenstufe?“
„Genau
das. Ich weiß, diese Vorstellung widerspricht allem, was man dich auf
Erden glauben gelehrt hat. Aber liegen nicht auch im Erdenleben zwischen dem
Neugeborenen und dem erwachsenen Menschen die Stufen der Kindheit und Jugend?
Ebenso muß die Seele durch einen Prozeß der Reifung und
Stärkung gehen, bevor aus einem Sünder ein Engel werden kann. Beweist
das nicht die Notwendigkeit eines Zwischenreiches?
„Wir
brauchen nicht beunruhigt darüber zu sein, daß wir gegen unsere
Erwartung diesen — soll ich sagen — Ankleideraum — vor dem
eigentlichen Festsaal vorfinden. Was dich betrifft, so hat er das eigentliche
Fest bisher nur hinausgezögert; ich aber bin mehr als beglückt
über das, was ich erlangen durfte und freue mich, wie auch du es tun
solltest, auf das, was uns
noch offenbart werden soll.
Während
ich sprach, spiegelte sich auf Vaones Zügen abwechselnd Hoffnung und ein
Schatten des Zweifels wider. Schließlich aber hellte sich ihr Gesicht
völlig auf. Ich war überrascht, daß meine wenigen Worte so
erfolgreich waren, aber gleichzeitig fühlte ich: dies ging nicht von mir
aus. Jener geheimnisvolle Strahl der Erleuchtung hatte ein Etwas
zurückgelassen, einen Impuls, der mich lenkte und mir eingab, was ich zu
sagen hatte. Und das mit einer Sicherheit und in einer sprachlichen Form, wie
sie mir niemals zuvor eigen gewesen war.
„Ich
beginne zu fühlen“, sagte Vaone endlich, „wieviel es gibt,
wovon ich nichts weiß. Als ich zu dir kam, hing es über mir wie eine
ruhelose Unsicherheit, ein Gefühl der Enttäuschung, das allen meinen
Vorstellungen vom Himmel widersprach. Deshalb kam ich. Während du
sprachst, schien sich alles zu ändern — die Enttäuschung gab
einem Bewußtsein Platz, daß alles, alles von Geheimnissen durchdrungen
ist: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kannst du mir sagen, was das
bedeutet?“
„Ich
kann es dir in einem einzigen Satz sagen“, erwiderte ich, mehr als
dankbar für ihr Geständnis, denn es enthüllte mir klar, was in
ihr vorging.
„Es
ist dein eigenes Erwachen zum Leben. Das Leben ist ein Mysterium — ein
Geheimnis so tief, so unerhört groß, so überwältigend,
daß vielleicht nur das Auge Gottes es jemals ganz durchdringen kann. Sein
erster heller Strahl ist eben im Begriff, deine Seele zu berühren.
„Du
mußt es fühlen, sehen selbst erkennen. Niemand außer Gott kann
dir sagen, wo es herkommt und wo es hinführt. Rüste dich darauf, IHN
mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu suchen, und folge Dem, der alleine
fähig ist, dich zum wahren Licht des Lebens zu führen.“
Vaone
antwortete nicht, sondern wandte sich ab und schritt langsam fort. Genau so,
wie ich mich mehrmals schweigend von MYHANENE
abwandte, wenn er mich vor eine seiner Offenbarungen gestellt hatte.
Ich
folgte ihr nicht. Ich wußte alles war gut. Und es schien als hätte
ich im Augenblick genug zu tun, um mit meinem neuen Selbst vertraut zu werden.
*
Meine
Leser werden sich vielleicht daran erinnern, wie ich, in der Begleitung CUSHNAS, den “Punkt
der Erinnerung“ berührte und betäubt vor den Offenbarungen
stand, die auf mich einstürzten. Ein zweiter Strahl der Erleuchtung hatte
diese Entwicklung jetzt auf eine neue Stufe gehoben.
Ich
versuchte, darüber nachzudenken, als Vaone gegangen war. Ich sah
plötzlich, daß ich unsichtbar und unbewußt in diesem Punkt gelenkt worden
war. Von dem Zeitpunkt an, als ich nach meinem körperlichen Tode auf dem
Wiesenhang erwachte, hatte ich — äußerlich beschäftigt
mit MYHANENE, CUSHNA und
anderen — auf irgendeine geheimnisvolle, unerkannte Weise mit neuen
unsichtbaren Freunden in Verbindung gestanden.
Wir
alle gehen den Weg nach Emmaus. „Vom Herrn kommen die Schritte des
Menschen; was versteht der Mensch von seinem Weg?‘, sagte Salomo. Der
Intellekt mag gegen das Erfordernis des Geistes rebellieren, nach ‚dem
Glauben zu wandeln, nicht nach dem Anschein‘. Aber im Reiche des Geistes
ist der Intellekt nicht Herrscher! Er mag seine Hand ausstrecken; seine
Fingerspitzen mögen sogar den seidenen Saum berühren, mehr aber kann
er niemals tun
Der
Glaube aber wird das Gewand des Geistes und den lebensspendenden Segen
erringen, der nur dem Gehorsam zuteil wird.
Ich
weiß, wovon ich spreche. Seit diesem Gespräch mit Vaone hat sich die
Offenbarung fortgesetzt, bis ich erkennen konnte, daß die
äußeren Erscheinungsformen immer nur vorübergehend sind,
während die verborgenen, in der Gegenwart unsichtbaren, wahrhaft und ewig
sind.
Was
ist Glaube?
Ich
komme darauf später noch zu sprechen und will hier nur andeuten: Die Seele
erschließt sich immer in der vierten Dimension — vom
Körperlichen zum Geistigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Der Glaube
ist eine Art tele-mikroskopische Fähigkeit, die die Seele im Innern des
Seins entdeckt. Wenn diese Fähigkeit nutzbar gemacht wird, durchdringt und
erhellt sie die innere Dunkelheit und ermöglicht auch der noch im
Körper befangenen Seele, in der Zukunft zu leben, als wäre diese
bereits gegenwärtig.
Wenn
diese uns allen innewohnende Kraft der Seele einmal klar erkannt ist, dann kann
es nicht mehr den geringsten Zweifel geben, daß „der Glaube eine Zuversicht
ist auf das, was man hoffet, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht
sieht“ (Hebräer,11,1).
Wenn
die Wandlung, die diese Offenbarung in mir vollbracht hat, auch bei dir
eingetreten ist, mein lieber Leser, dann wirst du eher verstehen, was mit der “zweiten Geburt“ gemeint
ist.
* * *
Tief
in Gedanken versunken, war ich wohl ein gutes Stück Weges gegangen, als
ich plötzlich bemerkte, daß sich die Landschaft vor mir völlig
gewandelt hatte.
Ich stand vor einem — nun, nennen wir es ein botanisches Wunder. Es war
ein Hain aus riesigen Bäumen, dessen wunderbar ebenmäßige
Proportionen dem Schiff einer Kathedrale entsprachen, mit Chorgängen an
beiden Seiten, die diesen architektonischen Eindruck noch verstärkten.
Seine
Länge mochte dreihundert Meter oder mehr betragen, seine Breite und
Höhe standen im genauen Verhältnis dazu. Auf beiden Seiten standen
zwölf Bäume in gleichen Abständen — nicht einfache
Stämme, etwa wie grobe normannische Säulen, sondern gleich gotischen
Pfeilern von äußerster Ebenmäßigkeit. Die Seiten waren
von dichtem Blätterwerk ausgefüllt, das von riesigen blühenden
Büschen zu stammen schien, während das Laub der Bäume hoch oben
das Dach bildete.
Der
Boden war von dichtem, samtenem Rasen bedeckt, in den die Füße wie in
einen weichen Teppich einsanken. Und am Fuße eines jeden Stammes schien
ein mit duftendem Moos ausgelegter Ruheplatz angelegt zu sein. Auch hier und
dort im Haupt- und Seitenschiff sah ich Plätze, die offensichtlich zum
Ausruhen bestimmt waren.
Im
Mittelpunkt der Anlage befand sich ein leicht vertieft liegender Springbrunnen,
dessen korallenfarbenes Becken an seinen Rändern in ein zartes, von
Wasserpflanzen durchranktes Flechtwerk ausmündete. Die zarten Fäden
des tanzenden Wassers vervollkommneten den Eindruck einer Märchenszene.
Gegenüber, auf der anderen Seite des Brunnens, schien der Boden sanft
— kaum sichtbar — anzusteigen; ein Eindruck, der sich bis über
das Ende der Anlage hinaus fortsetzte.
Als
ich meine Augen dieser ansteigenden Fläche folgen ließ, erblickte
ich an ihrem Ende, mir genau gegenüber, etwas Unerwartetes: zwei runde
Türme verbunden durch eine zarte Brücke, die von ähnlichem
Baustoff wie das Wasserbecken zu sein schien und ebenfalls von
Rankengewächsen bedeckt war. Beide Türme hatten Doppeltore, die in
dem weichen Licht wie Perlmutt schimmerten.
Wie
seltsam, daß ich dieses Bauwerk nicht sofort bemerkt hatte! Meine Augen
wanderten vom Brunnen zum Brückentor und wieder zurück. Bestand eine
Verbindung zwischen ihnen, und was hatte das alles zu bedeuten? Für einen
Augenblick hatte ich das Gefühl völliger Hilflosigkeit. Ich stand vor
einem gänzlich undeutbaren Mysterium, an der Schwelle irgend eines
für mich bedeutsamen Ereignisses, dessen Herannahen ich nur ahnen konnte.
Erst
nach geraumer Weile konnte ich meinen Blick von den Brunnen und Türmen
abwenden und beginnen, mir die Personen anzusehen, die hier und dort ruhten
oder wandelten — denn, obwohl ich es noch nicht erwähnte, der Hain
war keineswegs menschenleer. Die Ablenkung tat mir wohl, und ich begann, die
vielfältigen, mir zum Teil noch unbekannten Farben zu studieren, in denen
die Gewänder dieser Fremden leuchteten.
Ich
war noch ganz ins Studium dieser wunderbaren Farben vertieft, als ich
plötzlich einen Mann bemerkte, der von der entgegengesetzten Seite des
Hains auf mich zukam. Im gleichen Augenblick hatte ich das überzeugende
Gefühl: Dort kommt der, der mich führen wird!
Es
gab auch keinen Zweifel, daß er mich bereits kannte, denn er kam
über die lange Strecke geradewegs auf mich zu, nickte vielleicht hier und
dort einer anderen Seele zum Gruße zu, aber hielt niemals inne. Er
bewegte sich mit der sicheren Gelassenheit, die allen Bewohnern der
höheren Sphären eigen ist.
Nun
stand er vor mir.
„Ich
bin RAEL, ein Freund OMRAS und MYHANENES, in deren Namen ich dir jede Unterstützung
anbieten möchte, derer du bedarfst.“
Mit
einer Gebärde bot er mir an, auf dem weichen Moos Platz zu nehmen.
„Ich
kenne MYHANENE gut und habe mich daran gewöhnt,
ihn fast als einen Bruder zu betrachten“, sagte ich, als wir uns
niedergesetzt hatten. „Aber für OMRA bin ich
so gut wie ein Fremder, und ich habe einige Scheu vor ihm.“
„Das
kann ich wohl verstehen. Ich kenne die Umstände, unter denen du ihn sahst.
Du hattest vielleicht ein ähnliches Gefühl, als du zum ersten Male MYHANENE trafst — deshalb bin ich sicher, daß
du OMRA bald ebenso lieben wirst, wenn du ihn
besser kennst.“
„Und
wenn du dich einen Fremden nennst“, fuhr mein neuer Gefährte mit dem
Anflug eines schelmischen Lächelns in seinen Augen fort, „so ist das
eine starke Empfehlung für mich. Es gibt einen Spruch, den wir als
höchstes Gebot ansehen. Er lautet: „Vergesset nicht, gastfrei gegen
Fremde zu sein, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt“
(Hebräer,13,2).“
„Ich
fürchte, diese Möglichkeit ist bei mir gänzlich
ausgeschlossen“, sagte ich. „Aber wie wußte OMRA von meiner Ankunft hier? Ich bin nur durch Zufall an
diesen Ort geraten.“
„Bist
du soweit gereist, ohne zu bemerken, daß wir hier viele Mittel zur
Verständigung haben, die auf Erden unbekannt sind?“
„Nein,
durchaus nicht; aber in diesem Falle, wo ich selbst nichts dazu tat, um meine
Gegenwart bekannt zu machen, überrascht es mich doch, daß OMRA davon weiß.“
„Nun,
mein Freund, du hast wohl noch einige neue Entdeckungen vor dir! Ich hoffe, dir
dabei behilflich sein zu können.“
„Ich
begreife nur nicht …“
Ich
zögerte, und sofort kam RAEL mir zu
Hilfe. „Ich weil schon, was dich bewegt, und deine Verwirrung
überrascht mich keineswegs. Wie die Kinder Israels, als sie den Jordan gen
Kanaan überschritten hatten, brauchst du eine führende Stimme und eine hilfreiche
Hand. Wie unbedingt nötig das ist, wirst du bald entdecken. Ich bin beauftragt, dich zu begleiten
und möchte dich auf meine eigene Weise über alle Schwierigkeiten
hinwegbringen. Ich hoffe, daß du dann das Tor im Triumph durchschreiten
wirst.“
„Nur
bis zum Tor dort hinten?“, fragte ich überrascht. Sollen wir uns
dort wieder trennen?“
„Nur
bis zum Tor“, wiederholte er mit ruhigem Nachdruck. „Aber
vielleicht ist die Reise dorthin länger, als die Entfernung anzuzeigen
scheint! Was, wenn es ein Fall von “so
nah und doch so fern“
wäre? Wußtest du noch nicht, wie voll von Überraschungen dieses
Leben ist?“
„Oh,
gewiß. Nur schien mir das klare Landschaftsbild vor uns kaum geeignet,
Überraschungen zu bergen.“
RAEL ließ sich nicht aus seiner
Reserve locken.
„Ja,
man sollte das kaum für möglich halten. Aber ich schlage vor, du
behältst dies im Sinn, wir kommen vielleicht später darauf
zurück … Zunächst wirst du andere Fragen haben, die dich
unmittelbar interessieren.“
„Ich
hätte eine Menge Fragen“, antwortete ich, „aber ich bin noch
so verwirrt, daß ich kaum weiß, wie ich sie stellen soll.“
„Dann
laß‘ mich dies für dich tun! Und ohne unnötige
Erklärungen, denn wenn es etwas über deine Vergangenheit gibt, mit
dem ich in diesem Augenblick noch nicht vertraut bin — ist das eine neue
Überraschung für dich? — dann können wir es leicht
später einfügen.
„Wir
können deine Fragen also vorerst auf des Naheliegendste beschränken: “Wo bin ich?‘ und “Wie kam ich hierher?‘
„Ja.“
„Wir
nennen dies den Hain der Stimmen. Er ist der Vorhof zu jenem Tor dort
drüben, das zu passieren den bedeutendsten Schritt auf dem Pilgerwege
bildet.
„Dieser
Schritt ist die mystische zweite Geburt, von der Christus zu Nikodemus sprach.
Sie ist von unendlich größerer Bedeutung als das Abwerfen des
Körpers und von Gott dazu bestimmt, vor dem körperlichen Tode
erreicht zu werden — obwohl dies nur sehr wenigen Menschen gelingt.
„All‘
deine Erlebnisse und das, was man dich seit deiner Ankunft im Jenseits lehrte,
hatten das eine Ziel, dich für diesen Schritt vorzubereiten. Hinter allem
stand der Zweck, die langsame Entfaltung jener geheimnisvollen Fähigkeiten
zu fördern, die du in dir zu spüren beginnst. Du gleichst einem Kinde
kurz vor der Geburt: Deine ganze Kraft ist darauf gerichtet, dich von deinen
gegenwärtigen Fesseln zu befreien und die grenzenlose Freiheit der
unsterblichen Seele zu erringen.“
„Willst
du damit sagen, daß ich vorwärtsgehen muß, daß ich keine andere Wahl, keinen
freien Willen in dieser Sache habe?“
Der
freie Wille spielt nur eine beschränkte Rolle, wenn man sich an einem
dramatischen Höhepunkt befindet. Ich möchte eher sagen, die Natur
übernimmt die Führung in uns und führt die Entwicklung zu Ende.
Dennoch will ich nicht soweit gehen, zu sagen, du mußt vorangehen. Aber ich sage entschieden,
daß du das tun wirst.“
„Bist
du dessen sicher? Ich frage nicht aus Spitzfindigkeit, sondern weil ich gerne
deine Bestätigung hören möchte.“
„Ich
verstehe dich vollkommen“, antwortete RAEL,
„und entspreche gern deinem Wunsch. Wenn du jetzt die freie Wahl
hättest hier zu bleiben oder zur Erde zurückzukehren, was
würdest du wählen?“
Ich
mußte lachen. „Kann es da einen Zweifel geben?“ „Wohl
kaum, aber laß‘ uns doppelt sicher gehen“, fuhr er fort.
„Nochmals vor die Wahl gestellt, würdest du hier an unserer
Ruhestelle bleiben wollen, oder vorwärts zum Tor hin gehen?“
„Ich
bekenne mich geschlagen. Natürlich möchte ich zum Tor gehen“,
sagte ich, mich in Vorbereitung bereits von meinem Sitz erhebend.
Aber
ich wurde sanft zurückgehalten. „Nicht so eilig. Ich wußte,
was du wählen würdest, denn die vor uns liegenden Dinge haben hier
immer eine größere Anziehungskraft als die bereits erreichten; ja,
sie sind unwiderstehlich. Nun aber komm“ — und damit erhob sich
mein Begleiter selbst — „und laß uns OMRA begrüßen.“
* * *
RAEL hatte das seltene Talent,
Wissensdurst zu wecken, indem er seine Themen in ansprechenden Farben und
Formen umriß, dann aber innehielt ohne den erzeugten Durst zu
befriedigen. Aber darin lag gerade die faszinierende Wirkung seiner
Unterweisung. Ein begehrter Schatz, der uns nur von ferne gezeigt wird, unseren
Augen wieder entschwindet, der von uns erst gesucht werden muß, um
endlich gefunden zu werden, ist um vieles kostbarer, als wenn er uns in die
Hände gelegt wird.
Mir
war gesagt worden, ich nähere mich dem wichtigsten Augenblick auf dem
Pilgerpfade der Seele. Wie ruhig, fast beiläufig, hatte RAEL dies ausgesprochen, um sich im nächsten
Augenblick schon wieder einem anderen Thema zu widmen!
Während
wir den Hain durchschritten, mußte ich eine Flut von Fragen auf meinen
Lippen ersticken. Ich ahnte, wußte wohl, daß ein mächtiger
Strom mich erfaßt und aus dem stillen Wasser in die ins Ewige
mündende Flut getragen hatte. Ich zitterte fast vor dieser Erkenntnis, die
die einzige war, die RAELS Worte zuließen. Und ich
wünschte, allein zu sein.
Mein
Begleiter, der schweigend neben mir hergeschritten war, erfaßte meinen
Gedanken, noch ehe ich ihn zuende gedacht hatte.
„Vielleicht“,
sagte er sanft, „wirst du auf deinem Wege durch die Zeitalter niemals
wieder einen Platz finden, der einen solch unauslöschlichen Eindruck in
dir hinterläßt wie dieser “Hain
der Stimmen“. Es wäre
sinnlos, wollte ich alles zu erklären suchen, was ich damit meine —
du könntest es noch nicht verstehen. Sieh‘ nur zum Beispiel die
Vielfalt der Farben und den Schmuck der Gewänder! Wenn du ihre Bedeutung
verstehen gelernt hast, wirst du erkennen, was von dieser Stunde an mit deiner
Seele vorgeht. Und niemals wird dir die Frische dieses ersten Eindrucks
verloren gehen!
„Unbewußt
streckst du deine Arme aus, um das Kommende zu empfangen, und deshalb muß
ich dich jetzt für eine kurze Weile allein lassen. Mögest du die
Stimmen hören, die in diesem Heiligtum durch jeden deiner Sinne zu dir
sprechen, mögen deine Augen einen Blick auf die Unendlichkeit erhaschen,
in die du einzutreten im Begriff bist!“ RAEL
ließ mich allein.
Er
hätte kein besseres Beispiel aussuchen können als die Vielfalt der
Gewänder, die die anderen Seelen in diesem Hain trugen, um mich erkennen
zu lassen, daß ich noch völlig an der Schwelle einer neuen
Entwicklung stand. Ich hatte zwar als eines der ersten Dinge nach meiner
Ankunft im Jenseits gelernt, daß jede Farbe ihre eigene Bedeutung hat,
wobei die dunkleren niedrigere und die helleren höhere Stufen anzeigten.
Aber nie hatte ich geahnt, welche ungeheure Vielfalt der Abstufungen und
Zusammenstellungen es gab. Sie zeugten von Graden der seelischen Entwicklung,
die mir noch ein unergründbares Geheimnis schienen, von einer ganzen Welt
noch bevorstehender Offenbarungen, von Herrlichkeiten, deren Glanz mich
geblendet hätte, wären meine Augen nicht noch barmherzig verbunden gewesen.
Aber
wenn ich auch die einzelnen Akkorde der mich umgebenden majestätischen
Musik noch nicht deuten konnte, ihre Wirkung auf meine Seele war deshalb nicht
minder stark. In den Tiefen meines Seins klang ein Echo — war es Musik
oder waren es wirkliche Stimmen? — — dem ich entzückt und
begierig lauschte. Süße, kräftigende Ströme umspielten
mich und füllten mich mit einem Lebensbewußtsein, dem nichts
Irdisches vergleichbar war. Alles rief zur inneren Einkehr, der Friede, das
beredte Schweigen, das opalisierende weiche Licht dieses wundersamen Ortes.
Ich
weiß nicht, wie lange ich allein gewesen war. Plötzlich sah ich RAEL und OMRA auf mich
zukommen; nicht vom Tor her, sondern von der entgegengesetzten Seite des Hains.
Ich
wollte ihnen entgegengehen, aber eine zarte Stimme, deren Ursprung ich nicht
begriff, hielt mich zurück.
RAEL und OMRA
ließen durch nichts erkennen, daß sie mich gesehen hatten —
zu meiner Erleichterung, denn ich fühlte noch immer eine starke
Befangenheit in mir. Ich hatte OMRA ja nur
ein einziges Mal vorher gesehen — und das bei einer feierlichen
Weihehandlung. Und nach dem, was RAEL mir
über die Bedeutung des vor mir liegenden Schrittes gesagt hatte, erwartete
ich jetzt eine ähnlich förmliche Handlung im Hinblick auf meine
eigene Person.
Welch
ein Irrtum OMRA gab mir ein weiteres Beispiel jener
grenzenlosen Güte, in der sich geistige Größe dem Dienste
Gottes hingibt — ein zweiter MYHANENE, zu
dessen Füßen man glücklich und unbesorgt sitzen darf.
Die
beiden waren jetzt dicht vor mir angelangt, und RAEL schien OMRA etwas zu erklären, das dessen ganze
Aufmerksamkeit beanspruchte. Plötzlich aber wendete er sich zu mir um,
richtete seine strahlenden Augen auf mich und legte brüderlich seine Hand
auf meine Schulter.
„Ah,
Aphraar, sei herzlich willkommen an diesem Abschnitt deiner Reise!“
„Ich
danke dir ebenso herzlich für deinen Gruß“, erwiderte ich,
„aber im Augenblick begreife ich selber noch nicht, an welchem Punkt
meiner Reise ich wohl angelangt bin.“
Das
soll nicht zu deinem Nachteil sein. Wir erwarten nicht, daß ein
Neugeborenes die Wissenschaft seines Geburtsvorganges versteht.“
„Ich
glaube zu wissen was du damit sagen willst“, meinte ich, „aber
damit endet mein Wissen auch. Ist es mir erlaubt, um nähere Erklärung
zu bitten?“
Durchaus.
Es ist die natürlichste Bitte, die du an dieser Stelle aussprechen kannst
und ein Ausdruck deiner Bereitschaft, vorwärts zu gehen. Alles, was du zur
Aufhellung dieses Mysteriums erbittest — denn ein solches ist es, noch
über deine Erwartungen hinaus — soll dir zuteil werden; das ist
Gottes Gesetz.
„Aber
laß mich dir sagen, daß sich dieses Thema als weit tiefgreifender
und umfangreicher erweisen wird, als du es bisher ahntest. Alles aber, was
hiermit im Zusammenhang steht, wollen wir dir in seinen vielseitigen Auswirkungen
erläutern und durch praktische Beispiele belegen.
OMRA machte eine kurze Pause, aber noch
bevor ich eine Frage stellen konnte, fuhr er fort.
„Der
Mensch ist, was seinen körperlichen Leib betrifft, ein Teil des
Tierreichs. Es sei denn, er werde von neuem geboren, so kann er das Reich
Gottes nicht sehen. Sein Schöpfer hat aus dem Staub der Erde den Leib
geschaffen, der dazu bestimmt ist, dem Ebenbilde Gottes — der Seele
— als irdisches Gefäß zu dienen. Eines Tages zerbricht dieses
Gefäß. Die Seele aber wird frei und beginnt, wie die Raupe, sich
ihrer neuen Umgebung anzupassen und sich fortzuentwickeln, bis zu dem Tage, an
dem ein Schmetterling aus ihr wird. Du hast seit dem Tage deines irdischen
Todes eine solche Zeit der Anpassung durchgemacht und bist jetzt im Begriff,
das letzte Staubkorn der Erde von dir abzuwerfen und in das wahre geistige
Leben einzutreten.“
“Ich
hatte gewiß schon von der Vorstellung einer zweiten Geburt
gehört“, sagte ich, „aber es war ein leerer theologischer
Begriff für mich, der mir nichts sagte.“
„Darin
bist du keineswegs eine Ausnahme! Der Meister sprach: Das Reich Gottes ist
gleich einem Schatz, der in einem Felde verborgen ist. Dasselbe besagt das
Gleichnis: Der geistige Schatz im irdenen Gefäß. Aber aller
Scharfsinn der Menschen auf der Erde ist darauf gerichtet, die Materie zum
Richtaß des Lebens zu machen, statt sie als Diener des Geistes zu werten!
Das gesamte System des Umlernens hier bei uns ist eine Notwendigkeit nach dem
ehernen Gesetz, daß in das Himmelreich „nichts Unreines eingehen
wird, das da Greuel tut und lügt, sondern nur die geschrieben sind im
Lebensbuche des Lammes (Offenb.21,27).“
„Und
wonach wird beurteilt wer das ist?“
„Einzig
allein danach, ob ein Mensch seine zweite Geburt erlebt hat! Die Seele kann
niemals die Früchte des Paradieses kosten, ehe sie nicht das Tor passiert
hat. Sei aber ohne Sorge, was dich selbst betrifft. Gott bringt seine Kinder
nicht an diesen Ort, um ihnen dann die notwendige Kraft vorzuenthalten.“
Ich
gewann mein Vertrauen wieder zurück. „Und darf ich dieses wunderbare
Mysterium weiter kennen und verstehen lernen?“
„Du
darfst nicht nur, du mußt. Nicht, weil man dich an der Ausübung
deines freien Willens hindert, sondern weil Gottes unwandelbare Liebe eine so
unwiderstehliche Macht auf dich ausübt, daß du ihrem Einfluß
nachgeben und folgen mußt, wo sie dich hinführt. Deine geistigen
Augen öffnen sich der Wahrheit, dein Intellekt wird verdrängt vom
Glanze der Offenbarung, die fortan heller und heller für dich leuchten
wird, bis zu dem Tage, an dem deine Füße nicht mehr irregehen
können.“
* * *
Kaum
hatten wir uns auf einer der weichen, duftenden Moosbänke niedergelassen,
als mir bewußt wurde, daß OMRA mich
nicht zum weiteren Gespräch, sondern zur Meditation eingeladen hatte. Und
während er schwieg, sank ich — wie soll ich es nennen — in
einen Zustand des Halbbewußtseins, der meine innere Wahrnehmung
tausendfach zu verstärken schien.
Vor
meinem inneren Auge öffnete sich eine Vision von unendlicher
Schönheit, einem lyrischen Märchen gleich. Ich befand mich in einem
Amphitheater — ganz allein. Der Umkreis des Bauwerks wurde von
schmuckvollen, mit blühenden Kletterpflanzen bedeckten Säulen
gebildet, die verhältnismäßig kleine Grundfläche war von
schwellendem Moos bedeckt. Der Zuschauerraum bestand aus nur einem einzigen
Sitz — für mich! Etwa drei Schritt vor mir führte eine breite
Treppe auf die Bühne, die aber, abgesehen von drei kurzen Sockeln in der
Mitte und einem vierten höheren dahinter, völlig leer war.
Das Licht war nicht übermäßig hell, aber von einer Klarheit und
übersinnlichen Ausdruckskraft, die mich völlig in den Bann schlug.
Und je länger ich hinblickte, desto klarer wurde die Atmosphäre, als
ob Schleier nach Schleier vor meinen Augen davongezogen wurde, auf daß
ich das Unsichtbare selber erblicken möge.
Zu
welchem Mysterium war dies das Vorspiel? Ich schaute mich um — niemand
war da, der mir helfen konnte, keine ratende Stimme, keine führende Hand.
Oder doch? Ich lauschte — ja, da war eine Stimme, unendlich sanft,
musikalisch und gütig:
„Schau
und erkenne!“
Die
Stimme wirkte wie der Stab eines Dirigenten, der sein Orchester zum Einsatz
ruft. In Sekundenschnelle belebte sich die Szene. Über dem höheren
Sockel erschien eine leuchtende Wolke, dehnte sich aus, teilte sich und
ließ ein kleines Kindlein sichtbar werden, gerade groß genug, um
auf dem schmalen Schaft Halt zu finden. An dem Sockel zu seinen
Füßen aber erschien in leuchtenden Lettern (1.Moses,1,27):
SO
SCHUF GOTT DEN MENSCHEN IHM ZUM BILDE,
ZUM
BILDE GOTTES SCHUF ER IHN.
Ich
bedurfte keines Dolmetschers, der mir die Bedeutung dieses Bildes zu
erklären hatte; es selbst hatte die unwiderstehliche Gewalt der
Offenbarung. Ich blickte auf das wahre Ebenbild der menschlichen Seele, wie sie
von Gott im Anfang erschaffen worden war. Und wieder kam die Stimme:
IN
IHM WOHNT DIE GANZE KÖRPERLICHE FÜLLE
DER
GOTTHEIT !
Kann
ein Mensch das fassen? Kann er die unglaubliche Höhe ermessen, auf die
Gott die von ihm zuerst Erschaffenen stellte? Und wenn er es erahnt, so mag er
innehalten und in die Tiefe des Abgrunds aus Sinneslust, Lüge und
Heuchelei blicken, in den die Menschheit heute geraten ist. Dann vielleicht mag
er fühlen, wie groß der Abfall von Gott gewesen ist und wieviel zu
tun übrig bleibt, um das Menschengeschlecht wieder in seinen Urzustand zu
versetzen.
Denkt
darüber nach, geduldig und beständig, bis die Erkenntnis tief in das
Mark eures Bewußtseins eindringt. Dann vielleicht werdet ihr begreifen
lernen, was die Erlösung durch Jesus Christus für uns bedeutet. Den
Weg dazu zeigte der Meister selber einem, der ihn nach der Erlösung fragte
(Lukas,10,25-28): „Du
sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dies tu‘,
und du wirst leben.“ Denn die Nächstenliebe ist die Erfüllung
des Gesetzes, wenn sie praktisch geübt wird. Nur zu glauben, genügt
nicht. „Die Teufel glauben und zittern.“ Die drei noch leeren
Sockel auf der Bühne, die eine Art Bogen zu bilden schienen, ließen
mir plötzlich bewußt werden, daß die Vision noch keineswegs
vollkommen war. Und für einen Augenblick drohte mich meine Einsamkeit und
Hilflosigkeit fast zu überwältigen. Die völlige Stille, das
unerklärliche Bewußtsein der Gegenwart einer unsichtbaren Macht
erfüllten mich mit zitternder Ehrfurcht. Wie lange sollte die Spannung andauern?
Meine Augen wanderten von einem Sockel zum andern, nach einer Antwort suchend.
Da endlich —
VERTRAUE
AUF DEN HERRN
WARTE
GEDULDIG AUF IHN
Wiederum
hatte die weiche, gütige Stimme gesprochen, und sie löste meine
Spannung vollkommen. Ich wußte jetzt, daß die Pause der Stille kein
Zufall war, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, der zweifellos meiner
Vorbereitung auf das Folgende zu dienen hatte. Ich fühlte, daß der
Grund meines Wartens bei mir selber lag, aber ich bangte nicht mehr. Ich war
bis hierher gelangt; das Begonnene, dessen war ich sicher, würde zur
Vollendung geführt werden. Es bedurfte nur meines sehnsüchtigen
Verlangens, dann würde die Antwort nicht ausbleiben.
Und
so war es auch.
Gott
bleibt einer wahrhaft aufrichtigen und geduldig wartenden Seele niemals die
Antwort schuldig. Es mag lange dauern, bis die Seele sich so auf Gott
eingestellt hat, daß sie in der Lage ist die zarten Schwingungen seiner
Stimme zu empfangen. Aber wem es gelingt, sich aus den störenden Mißklängen
des materiellen Lebens in das stille Heiligtum Seiner eigenen Seele
zurückzuziehen um Ihm zu lauschen, der wird Ihn hören, wie ich Ihn
hörte.
Die
Stimme kam weich und sanft wie ein Windeshauch, perlend hell und rein wie das
Läuten einer Silberglocke. Ich werde vielleicht nie erfahren, woher sie
kam — sie schien sowohl in mir selbst zu tönen, als auch
außerhalb das ganze Rund bis zum Überfließen anzufüllen.
Es wäre müßig, wollte ich versuchen, die Schönheit ihrer
Sprache wiederzugeben. Der Inhalt ihrer Botschaft aber lautete:
„Auf
dem ewigwährenden Pilgerpfade des Lebens, der einst in Gott endet hast du
bereits zwei Stufen überwunden. Du hast die Befreiung vom Körper
erlebt und hast dem Schlaf und anderen Hilfsmitteln zur Stärkung der Seele
Lebewohl gesagt. Nun stehst du kurz vor dem Ende der dritten Stufe, an dem du
allen Zweifel und alle Ungewißheit hinter dir lassen mußt.“
„Die
dritte Stufe …“ Hier schien die Stimme für kurze Zeit einen
nachdenklichen Ton anzunehmen. „Dies bringt uns zum Problem des Kreises
und der mystischen Bedeutung der Zahlen; Dinge, mit denen du dich jetzt noch
nicht auseinandersetzen kannst. Möge es für den Augenblick
genügen, daß du deine Aufmerksamkeit auf die dreifache Darstellung
des Kindes auf den Sockeln richtest, als Hilfsmittel der Analyse deiner selbst.
Laß mich erklären: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde,
als eine Dreiheit aus Körper, Seele und Geist. Oben siehst du das Kind in
seiner äußerlichen Erscheinung — eine in Eins verschmolzene
Dreiheit. Auf den unteren Sockeln siehst du dasselbe Kind nach seinen drei
Komponenten getrennt, auf daß bei dem göttlichen Gericht jeder
Einfluß des Lebens, ob gut oder böse, genau auf seinen Ursprung
zurückgeführt werde. Linker Hand wird alles zum Körperlichen
gehörende registriert, beginnend mit einer genauen Feststellung aller
Mängel, mit denen das Kind geboren wurde. Für alle diese Mängel
wird der Richterspruch den gebührenden Ausgleich gewähren.“
„Zur
Rechten findest du das Bild der Seele aufgezeichnet, die psychischen und
Charaktereigenschaften mit denen das Kind ins Leben tritt und die es erwirbt.
Du kannst erkennen, daß auch hier alles genau auf seinen Ursprung
zurückgeführt ist. Umwelteinflüsse
werden ebenso berücksichtigt wie der Wille, sich selbst zu behaupten. In
der Mitte aber steht der reine Geist vor dir, dein wirkliches Selbst in allen
Stadien deiner Reise. Jeder deiner Wünsche, Ziele und Beweggründe
wird dir, befreit von allen
Hüllen der Verkleidung, im vollen Licht Gottes bloßgelegt. Sei nicht
verzagt, wenn du das ersehnte Ergebnis dieser Rechnung noch nicht wahrnehmen
kannst. Erwarte es in Geduld — es kann nicht ausbleiben!“
Die
Stimme erlosch. Sie war, wie ich feststellen sollte, nur der Prolog zu der
mystischen “Szene des Gerichts“, mit der ich nun allein gelassen
war. Aber sie hatte mir ermöglicht, alles von Anfang an zu verstehen. Der
Mensch war im Bilde Gottes mit Körper, Seele und Geist geschaffen, die, in
vollkommener Weise aufeinander abgestimmt, durch Gehorsam zur Vollendung der
Sohnschaft Gottes bestimmt waren. Aber der Gedanke des Dienens war dem Fleisch
lästig. Der Verstand als Teil des Fleisches plante den Aufstand gegen
Gott, und die Sünde war das Ergebnis.
Ein
Teil der Szene vor mir veränderte sich. Ich sah mich selbst als ein
kleines Kind auf dem hohen Sockel, aber welch eine erschreckende
Veränderung auf den niedrigeren‘ Jetzt wußte ich, warum man
mich auf Erden einen Eigenbrötler und Menschenfeind genannt hatte. Ich sah
jedes Samenkorn der Sünde, alle Ausflüchte, Täuschungen und
Heucheleien. Ein unerbittliches Gesetz aber legte jedes dieser Körner, ja
auch den winzigsten Teil der Ernte aus ihnen, dem in die Waagschale, der es
gesät hatte.
So
folgte ich dem Schauspiel meines Lebens. Es ist unmöglich, die
Eindringlichkeit dieses erschütternden Erlebnisses in Worten zu schildern.
Es ist eine Erfahrung, die jede Seele durchzumachen hat, so sicher wie Geburt
und Tod.
Ich
war gebannt und zerknirscht wie der Übeltäter, dessen Taten vor
Gericht verlesen werden. Mein Gewissen und Gedächtnis schienen
aufzubrechen, um Zeugnis gegen mich abzulesen: „Es ist nichts verdeckt,
das nicht wird entdeckt werden, und nichts verborgen, das man nicht erfahren
wird“ (Math.10,26). Aber als Antwort flüsterten andere Stimmen:
„Meine Gedanken sind nicht deine Gedanken, noch sind deine Wege die
meinen. Das Gericht birgt den Schlüssel zum Tor der Rettung“.
Ich
weiß nicht, wie lange diese Prüfung anhielt. Endlich kamen wir zu
dem Tage, da ich in London vor die Räder eines Fuhrwerkes stürzte, um
ein Kind zu retten. Ich erreichte es, hob es auf und — ein Schleier legte
sich über die Szene. Ganz langsam hob er sich.
Alles
hatte sich verändert! Ich lag auf dem Wiesenhang, auf dem ich nach meinem
körperlichen Tode aufgewacht war. In meinen Armen hielt ich — das
Kind vom höchsten Sockel!
* * *
„Wollen
wir jetzt weitergehen?“
OMRAS Stimme war sanft und melodisch wie
zuvor, doch nach meinem Versunkensein in die Vision schreckte sie mich beinahe
auf.
Ich
war noch halb betäubt und auch durchaus nicht gewiß, was mein
Erlebnis, besonders aber die Abschlußszene auf dem Wiesenhang, zu
bedeuten hatte.
„Darf
ich wohl eine Frage stellen?“, begann ich, als wir uns erhoben, um
gemächlich durch den Hain zu wandeln.
„Eine
nur? Du hast sicher viele. Ich will sie gerne beantworten. Womit wollen wir
beginnen?“
„Ich
bin einigermaßen überrascht“, sagte ich, „daß am
Ende der Vision keine — soll ich sagen Entscheidung? —
erfolgte.“
OMRA schwieg für einen Augenblick.
Dann fragte er, scheinbar arglos, „Wo schloß die letzte Szene denn
ab?“
„Auf
dem Wiesenhang, wo ich nach meinem körperlichen Tode aufwachte.“
Nochmals eine vielsagende Pause.
„Das
scheint mir eher auf einen Beginn als auf einen Abschluß
hinzudeuten“, sagte er schließlich.
Ich
war verwirrt. „Aber welche Bedeutung hat denn das letzte Bild
gehabt?“
„Eine
äußerst wichtige. Um dir das zu erklären, möchte ich ein
wenig vorgreifen und dir die Vorgänge so schildern, wie du sie erst
erkennen kannst, wenn du das Tor erreicht hast.
„Von
dort wirst du zurückblicken. Wir wollen diesen Rückblick jetzt nicht
bis zum ersten Ursprung des Lebens verfolgen, sondern nur bis zu einem Punkt,
an dem sozusagen zwei Flüsse zusammentreffen und sich zu einem Strom
vereinigen, der einst in den Ozean münden wird. Die erste Strecke dieses
Stroms ist das Erdendasein des Menschen, das nichts anderes als das Kindesalter
der Seele ist. Die einfache Lektion, die sie dabei zu lernen hat, ist:
“Kinder sollen einander lieben“.
„Am
Ende dieser Entwicklungsstufe zeigt eine Prüfung, wieweit das Ziel
erreicht ist, und die Seele geht an den Ort, der ihr nach dem Ergebnis dieser
Prüfung zukommt. Aber während die Kinder in der Elementarklasse von
niemandem daran gehindert werden, ihrer Persönlichkeit freien Ausdruck zu
geben, herrscht in den gehobenen Klassen ein strengeres Regiment. Jedes Kind
wird hier der Gehorsamsdisziplin unterworfen. Dies hast du unter der Anleitung MYHANENES und seiner Freunde ja selbst beobachten
können.“
„Ja,
gewiß“, sagte ich, immer noch etwas verwirrt. „Aber wann hat
denn dann bei mir jene Prüfung zum Abschluß der Elementarklasse
stattgefunden?“
„Du
stellst diese Frage sehr zu Recht. Wenn ich sagte, daß in den gehobenen
Klassen Gesetz und Ordnung erzwungen werden, so bedeutet das nicht, daß
alle nach dem gleichen Schema behandelt werden. Jeder Schüler wird nach
den Eigenschaften eingestuft, die er mitbringt. In vielen Fällen —
so auch in deinem — sind diese Eigenschaften günstig genug, um die
Verschiebung der Prüfung bis zu dem Punkt zu rechtfertigen, an dem du dich
jetzt befindest.
„In
solchen Fällen erhält der Betreffende eine Art Reisefreibrief mit der
nötigen Hilfe und Lenkung, wie sie dir zuteil geworden ist. Dadurch hast
du viel gesehen, gehört und gelernt. Deine wißbegierige Seele ist
reichlich beköstigt worden. Deine Sehnsucht nach mütterlicher Liebe
hat dich vorwärts getragen und dir eine Liebe offenbart, die noch
größer ist und in deren Verfolgung du jetzt die geringere für
eine Weile verlassen hast. Ist es nicht so?“
Ich
nickte. „Weit mehr als das! Ich habe mehr erhalten als ich es würdig
war. All das erkenne ich freudig und dankbar an. Aber ich weiß noch immer
nicht, warum die Vision meines Lebens nicht mit einer Entscheidung
abschloß?‘
Mitfühlende
Güte sprach aus OMRAS Augen, als er mich bei diesen
Worten anschaute. Um seine Lippen spielte ein wissendes, geduldiges
Lächeln. Und sehr leise fragte er: „Waren deine Ohren taub und deine
Augen blind, daß du das Urteil nicht hören und sehen konntest? Oder
war es zu göttlich, als daß es den äußeren Sinnen
anvertraut werden konnte? Ich sagte dir schon, daß sich die Geschehnisse
hier nicht mit mechanischer Förmlichkeit abspielen. Konntest du nicht,
dessen eingedenk, die glanzvolle Anerkennung erkennen, die das Urteil dir
brachte?“
Ich
hielt den Atem an. „Das Urteil? Es wurde also doch verkündet?“
Ja“,
lächelte OMRA. „Aber vielleicht erwarte ich
zuviel zu einem Zeitpunkt, da die Geburtswehen dir so sehr zu schaffen
machen.“
„Oh,
ich bitte dich, OMRA“, rief ich, immer
ungeduldiger werdend, „warum verschleierst du deine Worte in
Mystizismus?“
„Du
wirst gleich klare Antwort erhalten Aphraar. Aber laß mich vorher sagen,
daß das, was du Mystik nennst, die natürliche Sprache der Seele ist.
Daß du diese Sprache noch nicht verstehst, liegt einfach daran, daß
du die letzten Einflüsse der Erde noch nicht abgelegt und die volle
Freiheit des Geistes noch nicht errungen hast. Ich erwähne das, weil du
bald in der Lage sein wirst, zurückzublicken und den Weg zu erkennen, auf
dem du die letzten Fesseln des Fleisches von dir abwarfst.“
„Die
letzten Fesseln des Fleisches?“, rief ich aufs höchste
überrascht. „Ich glaubte, ich hätte sie längst
abgelegt!“
OMRA schüttelte lächelnd den
Kopf. „Nein, mein Freund, du berührst da einen der
größten und häufigsten Irrtümer, die in Bezug auf das
Jenseits gemacht werden. Du wirst das noch klar erkennen. Doch nun zurück
zu deiner Vision: sie endete nicht mit dem Augenblick, als du vor einen
fahrenden Wagen sprangst, um ein Kind zu retten, sondern auf dem Wiesenhang, wo
du nach dem “Tode“ das Bewußtsein wieder erhieltest —
das Kind in deinen Armen. Unterstreicht das nicht die Tatsache, daß das
Leben unvergänglich ist? Kein Bruch trat ein, sondern nur die Szene der
Handlung änderte sich. Ich glaube, das erklärt dir, warum die Vision
bis ins Jenseits geführt wurde?“
„Ja,
ich beginne das jetzt zu begreifen.“
„Dann
bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Ich will gerne deine Meinung gelten
lassen, daß die Analyse deines Lebens einen Schuldsaldo aufwies, als die
Vision an jener entscheidenden Szene im Londoner East-End angelangt war.
Wäre das Urteil darüber, ob du die Lektion des Erdenlebens —
angewandte Nächstenliebe — bewältigt hast, an diesem Punkt
gefallen, du wärest vielleicht “gewogen und zu leicht
befunden“ worden.
„Aber
Gott ist gerecht und gnädig zugleich. Ganz gewiß wird er in seiner
Rechnung eine Tat berücksichtigen, die im entscheidenden Augenblick mitten
in der Ausführung begriffen war. Du hattest gesehen, daß das Kind in
Gefahr war. Instinktiv stürztest du vor und wurdest mitsamt dem Knaben von
dem Gespann überrollt. Dein Instinkt zu helfen war so stark, daß du
keinen Augenblick an deine eigene Sicherheit dachtest. Du hattest also deine
Lektion, an deinen Lebensumständen gemessen, soweit gelernt, daß sie
ein Teil deines Selbst geworden war. Wie Christus sich für uns hingab, so
folgtest du ihm, als du dein Leben opfertest, um das Kind zu retten.
„Indem
du dein Leben verlorst ― fandest du es! Und das Urteil der letzten Szene,
die dich erwachend mit dem Kind in deinen Armen zeigt, ist
unmißverständlich ein “Wohlgetan“.“
Ich
begriff noch immer nicht. „Aber OMRA“,
stammelte ich hervor, „die Ernte eines ganzen Lebens kann doch nicht
durch eine einzige unüberlegte Handlung umgekehrt werden?“ „Es
wundert mich nicht, daß dich das überrascht, wenn ich dich auch
daran erinnern muß, daß dies nicht deine erste Überraschung in
diesem Leben ist. Und in Kürze werden ihr noch eine ganze Menge anderer
folgen. Was aber die “einzige unüberlegte Handlung“ betrifft,
so war sie deinem Wesen nicht so fremd, wie du annimmst. Hilfeleistung für
die Schwachen, mitfühlende Worte und Blicke und auch geistige
Unterstützung, waren mehr ein Teil deiner Natur als du zu glauben geneigt
bist. Das Gesetz Gottes sorgt dafür, daß nicht eine einzige dieser
Taten der Nächstenliebe verloren geht. Wie der Himmel deine letzte
“unüberlegte Handlung“ bewertete, zeigte man dir bereits, wenn
du es auch nicht erkannt hast — „Sag es mir, ich bitte dich, wann
und womit?“
„Bisher
habe ich nur von der Saat gesprochen“, sprach OMRA mit Betonung, „aber keinen Versuch gemacht, die
Ernte abzuschätzen, ob sie nun dreißig-, sechzig- oder hundertfach
sein wird. Es genügt, wenn ich dir zeige, wie die göttliche
Gerechtigkeit jene eine letzte Handlung wertet, mit der du deine
körperliche Hülle abwarfst und in dieses Leben eintratest. Indem du
dein Leben verlorst, fandest du es, und das Kind, das du mit dir brachtest, war
— —„
„War
— ja?“
„Das
Kind auf dem höchsten Sockel während des Beginns deiner Vision, das
du für das Christuskind hieltest. “Ihr tatet es für
mich“!“
Ich
schwieg. OMRAS Offenbarung senkte sich über mich
und hüllte mich in ihren Segen ein.
* * *
Wir
hatten den Hain während unseres Gesprächs anscheinend ziellos in
mehreren Richtungen durchwandelt; doch mein Begleiter schien genau zu wissen,
wo er ging. Auf mir unerklärliche Weise nämlich schienen die
einzelnen Punkte dieser Zauberlandschaft die Worte OMRAS jeweils zu beleuchten und mein Verständnis zu
vertiefen. Ich begann zu begreifen, was RAEL gemeint
hatte, als er davon sprach, daß ich mich in meinem ganzen künftigen
Leben an diesen Ort erinnern würde. Hier wirkte Gott. Er ist ein Gott, der
die Juwelen seines Königreichs nicht auf den Marktplätzen der Erde
zur Schau stellt. Er verbirgt sie tief im Geheimnis seiner Gegenwart, dort, wo
Diebe keinen Zugang haben.
Wie
mit dem Hain, so verhielt es sich mit meinem Begleiter. Man mußte ihn
näher kennenlernen, um seinen Wert zu ermessen. MYHANENE und seine Helfer hatten mich mit unendlicher
Güte und Geduld darauf vorbereitet, das zu empfangen, was OMRA mir jetzt gab. Sie hatten mein Denken von all den
unnötigen und störenden Überbleibseln befreit, die mir aus
meinem Erdenleben anhingen. OMRA konnte
mich deshalb sofort in die Schatzkammer seines Wissens führen.
Er
tat dies mit einer verblüffenden, gelassenen Selbstverständlichkeit.
Er sah voraus, woran es mir fehlen werde, weckte hier und dort durch einen
geschickten Hinweis meinen Wissensdurst und befriedigte ihn dann mit so
leichter Hand und so vollkommen, daß ich niemals das Gefühl hatte,
belehrt zu werden. Dazu fühlte ich mich in seiner Gegenwart sogar noch
mehr “zu Hause“ als ich es in Vaones Heim getan hatte.
Gewöhnlich
erfordert es scharfe Konzentration, um Dinge, wie sie OMRA mir jetzt sagte, in logischer Folge zu durchdenken und
zu begreifen. Aber ich stellte verwundert fest, daß ich, während ich
OMRAS Worten aufmerksam folgte, gleichzeitig
die bezaubernden Schönheiten und Überraschungen des durchwanderten
Hains mit größter Klarheit in mich aufnehmen konnte. Und mehr noch.
Unter
dem Horizont meines geteilten, aber auf seltsame Weise dennoch lückenlosen
Bewußtseins dämmerte der Schein eines noch viel stärkeren,
allesumfassenden Lichts. In mir schien sich ein inneres Auge zu öffnen,
dazu bestimmt, eine mir noch unbekannte Dimension der Seele zu entdecken. Noch
konnte ich die Umrisse dieses neuen Universums des Geistes nicht erkennen. Doch
seine Sonne schickte ihre ersten kündenden Strahlen über den Horizont
meines Bewußtseins. Ich wußte es — OMRA brauchte es mir nicht zu sagen: das sich in mir
öffnende geistige Organ war weit mehr als ein Auge, es war der Spiegel der
Offenbarung, die meine Seele auf den Weg des Einsseins mit dem Christus
führen sollte. Nicht lange mehr, und die Pfeile dieses neuen Lichtes
würden mich erreichen und mir den Weg zeigen, der die Seele zu ihrem
rechtmäßigen Erbe als Kind Gottes führt.
„OMRA“, rief ich, „weißt du, was mit mir
geschieht — ―?“
„Ich
weiß“, fiel mein Mentor mir ins Wort. „Sei guten Mutes! Es
ist alles so, wie es sein soll. Warte nur geduldig, bis das unverhüllte
Licht dich in seiner ganzen wunderbaren Fülle erreicht!“
Wir
setzten uns an den Rand eines mit Seerosen bedeckten Springbrunnens.
Während OMRA sich grüßend einigen
Freunden in der Nähe zuwandte, fiel ich in eine neue Träumerei.
Welch
eine Wanderung hatte mich zu diesem Punkt geführt! Ich hatte Hunger und
Durst gelitten, war freudlos, wurde verlacht und verfolgt, war erschöpft
am Wegesrand gestürzt — ein Spielball des Schicksals. Aber die Nacht
war nun beendet und der Morgen des ewigen Tages war angebrochen. Denen auf der
Erde, deren Hoffnung und Glaube unter der drückenden Bürde des
Schicksals verschüttet wurde, möchte ich zurufen: Gebet nicht auf.
Fasset euch ein Herz und setzet den Weg fort — ihr werdet es nicht
bereuen!
„Wenn
du genug geruht hast“, sagte plötzlich OMRA neben mir mit rücksichtsvoller
Zurückhaltung, „bin ich gern bereit, dir bei deinen nächsten
Schritten zu helfen“
Ich
war auf den Füßen, noch bevor OMRA geendet
hatte. „Sollen wir sofort damit anfangen?“
Mein
Begleiter lächelte nachsichtig.
„Gewiß,
warum sollten wir nicht?“
Keine
Spur des Tadels für meine ungestüme Ungeduld klang in dieser Antwort.
Eher vielleicht ein gütiger, halbverschleierter Humor, den ich auch in
seinem Blick zu lesen glaubte.
„Wir
werden uns jetzt dem Tor zuwenden“, begann OMRA, und nur mit Mühe konnte ich den Ausruf
unterdrücken, der mir auf den Lippen lag: „Werden wir
hindurchgehen?“
Wir
können uns ihm nähern, aber du wirst feststellen, daß du es
noch nicht passieren kannst. Der Weg ist nicht versperrt, aber du hast noch
nicht die Kraft und das Vertrauen, ihn zu beschreiten. Zwar bist du der
Aufnahme in Gottes Reich würdig befunden worden, aber deshalb noch nicht
Herr der neuen Kräfte, die dir zufließen. Alle, die das Tor
passieren, müssen diese Kräfte völlig beherrschen. Als du mich
deshalb fragtest, ob wir das Tor durchschreiten werden — ―“
„Der
Gedanke ging mir nur durch den Sinn, als du das Tor erwähntest“,
wandte ich entschuldigend ein.
„Das
ist mir wohl bewußt, lieber Bruder.“ OMRAS Blick zeigte mir, daß mein Einwand ihm durchaus
nicht unlieb war. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen,
daß Worte und Gedanken fortan gleichermaßen hörbar sein
werden. Das ist eine der vielen Offenbarungen, die dir hier zuteil werden
sollen und deren Anwendung du in der vor dir liegenden neuen Lebenssphäre
lernen mußt. Die Beherrschung dieser Fähigkeiten wird dir bei deiner
Mission von größtem Wert sein!“
„Bei
meiner Mission?“
„Gewiß,
du wirst, wie es dein eigener Wunsch ist, an MYHANENES
Wirken auf der Erde teilnehmen. Du hast die ersten Versuche dazu ja schon
gemacht — unter gewissen Beschränkungen, die sich
naturgemäß aus der Unvollkommenheit deines Wissens und deiner
Kräfte ergaben. Jetzt bist du im Begriff, das Fehlende nachzuholen.“
„Und
was die Frage der Zugänglichkeit des Himmels betrifft“, fuhr OMRA fort, „so wird sie für deine Mission von
besonderer Bedeutung sein. Du wirst den Menschen die Lehre Christi ins
Gedächtnis rufen müssen, daß das Schauspiel des Lebens aus drei
großen Akten besteht. Der erste ist die irdische, sterbliche Spanne, die
im Vergleich zur Ewigkeit des Lebens nur die Kindheit der Seele ist —
wiewohl auch das Kind, sobald es zwischen Gut und Böse zu unterscheiden
gelernt hat, Strafe für Ungehorsam erleiden muß. Am Ende dieses
Aktes fällt der Vorhang, Tod genannt, der das Spiel jedoch keineswegs
abschließt, sondern nur den Szenenwechsel zum zweiten Bild einleitet: der
Schul- und Lehrzeit der Seele.
„Dieser
Schauplatz, der manchmal auch das Purgatorium, Zwischenreich oder die sieben
Sphären genannt wird, ist dazu bestimmt, allen irdischen Ballast, Irrtum
und theologischen Nebel fortzuräumen und die Seele auf ihre wahre Stellung
als Kind Gottes vorzubereiten. In einem Gleichnis Jesu Christi ist von dem
Acker die Rede, auf dem die Seele die Ernte ihres kindlichen Verhaltens
einbringen muß, in einem anderen spricht er von der Rechnungslegung, die
jeder Mensch für seine Taten zu leisten hat, auf daß er nach dem
Saldo belohnt oder bestraft werde. Immer aber wird das Urteil von dem Einen
gefällt, der in seiner Liebe alle Menschen erretten will.
„Im
dritten, letzten und ewigen Akt schließlich, hat die von den
Schwächen des Fleisches gereinigte Seele ihre volle Reife erreicht und
tritt das Erbe des Himmelreichs an. Jesus Christus versäumte es nicht, auf
den grundsätzlichen Unterschied zwischen diesem Bereich und den beiden
vorangegangenen hinzuweisen: “Ihr müsset von neuem geboren
werden“ — oder denk an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der vom
Vater unter großen Freuden empfangen wird und den Kuß des
Willkommens, den Ring und kostbare Kleider erhält. Ich kann diesen letzten
Akt jetzt nur mit wenigen Worten umreißen. Aber du wirst Gelegenheit
haben, alle diese Dinge selbst eingehend zu studieren, sobald du dich von den
letzten Einflüssen des Erdenlebens gelöst hast.
„Du
warst vorhin überrascht, daß du diese Einflüsse noch nicht hinter
dir gelassen hast. Darum habe ich in meinem Gleichnis das Leben mit einem
Schauspiel in drei Akten verglichen. Nimm einmal an, ein Mensch leidet an einer
ansteckenden Krankheit. Wird man den Patienten nicht auch auf Erden
sorgfältig isolieren, auf daß die Krankheit sich nicht
verbreite?“
Ich
nickte bejahend.
„Nun
denn, so wollen wir Sünde und Ungehorsam gegen Gott die ansteckenden
Krankheiten der Seele nennen. Dann sollte es kaum überraschend sein,
daß die kranken und noch genesenden Seelen hier im Jenseits einer
Quarantäne unterworfen werden. Du selbst stehst jetzt an der Grenze des
Quarantänegebiets. Rekonvaleszenten dürfen bis hierher gelangen, wo
sie der prüfenden Vision ihres eigenen Lebens unterworfen werden, wie du
sie selber erlebt hast.
„Dort
drüben ist das Tor zur Stadt des ewigen Lebens. Doch“ — und
jetzt sprach OMRA mit großem Nachdruck —
„es darf dort durchaus nichts Unreines eingehen, noch wer Greuel und
Lüge übt, sondern nur, die geschrieben sind im Lebensbuche des
Lammes“ (Offenb.21,27).
„Bis
hierher und nicht weiter. Vor diesem Tor muß alles abgelegt werden, was
von der Erde ist, denn “Fleisch und Blut können das Erbe des
Himmelreichs nicht antreten“. Um hindurch zu gelangen, mußt du
“von neuem geboren“ werden. Der in dich eingehauchte Gottesgeist
muß sich seiner Hüllen entledigen, der innewohnende Engel muß
vom Menschlichen getrennt werden. Dann, und keinen Augenblick früher,
wirst du das Recht und die Kraft besitzen, das Tor zu passieren.
„Siehst
du also, wo die große Scheidelinie ist, Aphraar? Sie liegt hier vor uns,
nicht aber beim körperlichen Tode, wie die Menschen glauben. Die Zeit, die
sich für dich nun ihrem Ende zuneigt, war nicht das eigentliche, ewige
Leben, sie war nur die Vorbereitung darauf.“
* * *
Wir
hatten uns inzwischen dem oberen Ende des Hains genähert, und vor uns
öffnete sich ein neuer, unsagbar zauberhafter Ausblick auf die Landschaft
in Richtung des Tores, das etwa noch eine halbe Meile entfernt sein mochte. Die
ganze Umgebung strahlte tiefen Frieden aus und schien von einer
stärkeverleihenden Kraft gesättigt zu sein.
Atmosphäre,
Licht, Farben und Düfte verbanden sich hier in vollkommener Harmonie, die
durch die farbigen Gewänder der hier und dort wandelnden oder ruhenden
Seelen eher noch verstärkt wurde. Jedermann bewegte sich mit
größter Gelassenheit und einer selbstverständlichen
Brüderlichkeit gegenüber den anderen.
Alter,
Sorgen, Zweifel, Krankheit, Schwäche — von keiner dieser
Eigenschaften des Fleisches war noch eine Spur zu eindecken.
Ich
hatte im Jenseits schon manche Beispiele “unirdischer“
Schönheit gesehen, aber niemals war mir ihre Vielfalt — besonders in
den Farben der Gewänder ― so aufgefallen wie hier. Meine
Aufmerksamkeit wurde vor allem von einer Gestalt gefesselt, deren Robe sich von
denen der anderen abhob. Nicht daß sie etwas Augenheischendes an sich
hatte — im Gegenteil, ihre überaus zarten Farben deuteten eher
Bescheidenheit an. Aber im Augenblick, als ich diese Seele sah, erinnerte ich
mich dessen, was von einem Anderen geschrieben worden war: „― und
konnte doch nicht verborgen bleiben.“ (Markus,7,24).
Bei
flüchtigem Hinsehen schien das Gewand in cremefarbenem Perlmutt
getönt. Aber sobald ich genauer schaute, wurde ich gewahr, daß es
aus sich selbst in einem Kaleidoskop von schimmernden Farben pulsierte,
für die ich keinen Namen weiß. Die Unaufdringlichkeit ihrer Wirkung
schien in vollkommenem Einklang mit der Haltung des Trägers zu stehen.
Diesen hätte man auch in einer großen Menschenmenge nicht
übersehen können; er bedurfte keines feierlichen Gepränges
für seinen Rang. Und dementsprechend bewegte er sich — ein
Fürst unter Feudalherren — mit größter
Natürlichkeit.
Eine
Weile lang war ich völlig in den Anblick vor uns versunken. Er war in
allen Einzelheiten von so unsagbarer Vollkommenheit, daß ich mich
schließlich zu fragen begann, ob er Wirklichkeit sei.
Ich
wandte mich an OMRA. „Ich weiß nicht, wie
ich mich ausdrücken soll … ist all dies vor uns Wirklichkeit oder
nur eine neue Vision, die gleich wieder vorüber sein wird?“
Warum
zweifelst du an der Wirklichkeit?“
„Weil
— — ich wünschte, ich hätte die Worte, um
auszudrücken, was ich meine. Ich würde es verstehen, wenn mich all
das hier nur mit einem Gefühl des “Heimkehrens“ in die Arme
der Familie Gottes erfüllen würde. Aber es ist weit mehr — es
ist zu
viel! Es ist alles, was ich wünschen könnte, und noch
tausendfach mehr, so daß die Fülle mich überwältigt und
wie eine Flutwelle mit sich trägt, ich weiß nicht wohin. Deshalb
frage ich: ist es Wirklichkeit oder ein Traum?“
„Ja,
ich verstehe das wohl.“ OMRA nahm mich
beim Arm und führte mich weiter in die sanft schwellende Ebene hinaus.
„Das alles-durchdringende Gefühl des “Daheimseins“ hier
ist der Grund dafür, warum dieser Ort ein Treffpunkt ist, an dem
ständig Seelen aus allen Stufen der himmlischen Hierarchie anzutreffen
sind. Aber darüber hinaus ist auch noch ein persönlicher Faktor
dabei, der für dich im Augenblick der wichtigere ist. Der Vorgang der
zweiten Geburt bringt es natürlicherweise mit sich, daß du neue,
höhere Kräfte erwirbst, wie sie zum ewigen Leben gehören. Wenn
du also Zweifel spürst, ob all das hier Wirklichkeit ist, dann liegt das
daran, daß du vor einem Ergebnis stehst, ohne gezwungen zu sein, den
Vorgang vorher logisch durchzudenken. Mit anderen Worten: die Offenbarung ist
bestimmend geworden und der Verstand nimmt künftig erst den zweiten Platz
ein
„Versuche,
das zu begreifen und dich daran zu gewöhnen, der höheren Kraft zu
gehorchen, dann wird es keinen Platz für Zweifel mehr geben.“
„Ich
wünsche nichts mehr“, rief ich, „als daß ich schon die
Kraft hätte deinem Rat zu folgen!“
„Hab
ein wenig Geduld. Wenn einmal der erste Lichtstrahl durch die Finsternis
gebrochen ist, kann der Morgen nicht mehr fern sein.“
„Du
erwähntest, daß Angehörige der höheren Hierarchien hierher
kommen. Ich sah eben eine höchst bemerkenswerte Persönlichkeit, die
in ein Gewand von ganz ungewöhnlichen Farben gekleidet war. Könnte
diese Seele aus einer solchen Hierarchie gekommen sein?“
„Ja.
Es ist WALLOUMELE. Es liegen noch zwei Sphären
zwischen dieser hier und der seinen. In seinem Erdenleben hat er die tiefsten
Abgründe menschlichen Leidens ausgelotet und das hat ihn in besonderer
Weise befähigt, Menschen zu helfen, die in verzweifelter Not sind.“
„Kann
man ― ―“
OMRA
schaute mich mit einem belustigten, aber ermutigenden Lächeln an.
„Ja?
— Kann man …?“
„Ich
hatte Hemmungen, die Frage auszusprechen, aber wenn es nicht zu kühn ist:
kann man ihn wohl ansprechen?“
Noch
immer lächelte mein Begleiter. „Sollte deine Erfahrung dir nicht
selbst die Antwort darauf geben können?“
Kaum
waren diese Worte ausgesprochen, als jemand von hinten seine Hand auf meine
Schulter legte. Eine glockenreine Stimme klang an mein Ohr: „So treffen
wir uns also wieder, Aphraar! Und ich denke, in glücklicheren
Umständen als ehemals?“
Ich
wandte mich um und blickte WALLOUMELE ins
Antlitz.
„Wieder?
—“, war das Einzige, das ich stammeln konnte. „Gewiß
doch, — wieder! Hast du Peter Stone, den Bootsmann aus Putney, gänzlich vergessen? Ist die Erinnerung an
Clarice völlig ins Nichts gesunken?“
Ein
prüfender Blick traf mich bei dieser zweifellos mit Vorbedacht gezielten
Frage, aber in ihm lag mehr Mitgefühl als Anklage.
Dennoch
schlug mein Herz schneller. „Das sind alte Wunden“, sagte ich.
„Willst du sie wieder öffnen?“
„Ist
es immer noch eine Wunde?“ Ein beschwichtigendes Lächeln spielte auf
WALLOUMELES Lippen. „Wenn dem so
wäre, würdest du schwerlich hier stehen. Und selbst wenn es noch eine
Wunde wäre, ich würde sie nur öffnen, um Öl und Wein
hineinzugießen.“
Und
damit, mir die Verlegenheit um eine Antwort ersparend, wandte er sich an OMRA.
„Unser
Freund Aphraar, oder Frederick, wie er damals hieß, war an einem
kritischen Punkt seines Erdenlebens von einem Menschen verlassen worden, der
ihm mehr bedeutete als das Leben selbst. So glaubte er, sein Kreuz nicht
länger tragen zu können und schleppte sich ans Ufer der Themse
— du magst dir denken, in welcher Absicht. Aber ich stand an jenem Tage
Wache als Bootsmann Peter. Wir kamen in ein Gespräch, in dessen Verlauf
die Bürde so viel leichter wurde, daß unser Freund versprach, sie zu
tragen zu versuchen. Ich glaube, er hat dies mit gutem Erfolg getan.“
Sich
wieder mir zuwendend, fuhr WALLOUMELE
fort:
„Ich
glaube, es war wohl zwei Monate später, als du im Londoner Eastend den armen Philip Ranger
trafst. Du halfst ihm und lerntest damals durch ihn das “Klein-Bethel“ kennen, jene Armenmission, in der du bald ein
dir wohl angemessenes Betätigungsfeld unter den Hilfslosen, Irrenden und
Gefallenen fandest.“
„War
das ganze zwei Monate später?“, fragte ich. „Ich meinte, es
wäre kaum halb so lange gewesen.“
„Ah“,
rief WALLOUMELE mit einem strahlenden Lächeln,
„das Kreuz muß doch viel leichter geworden sein, wenn dir die Zeit
so schnell verstreichen konnte. Ja, es war fast auf den Tag zwei Monate später, als wir uns zum
zweitenmal trafen.“
„Zum
zweitenmal?“, wiederholte ich in fassungslosem Staunen. „Du willst
doch nicht andeuten, daß — ―“
Nein,
lieber Bruder, ich brauche nichts anzudeuten. Die Zeit ist gekommen, da ich
offenheraus sprechen kann, in der der Schleier gelüftet werden muß,
auf daß du zurückblickend etwas von den Geheimnissen begreifst, in
die dein Pilgerweg auf Erden hier und dort eingehüllt war. Dann wirst du
auch sehen, wie Dinge, in denen du niemals Gottes Fügung vermutet
hättest, dazu bestimmt waren, dich auf dem Wege hierher zu geleiten.
“Gott hat dich seinen Engeln anvertraut“; Er ist derselbe Gott wie ehedem, und das Wirken seiner
Engel ist heute notwendiger als jemals zuvor!
„Damals,
als Clarice dich herzlos verließ, ohne daß du Schuld daran getragen
hättest, war deine Treue so groß, daß du dein Leben dafür
zu opfern bereit warst. Aber wurde nicht auch Abraham zurückgehalten, als
er den Isaak auf dem Berge von Morija opfern wollte?
So wurde ich als “Bootsmann“ zu deiner Rettung entsandt.
„Aber
mein Werk war erst zur Hälfte getan, als ich dir in Putney
Lebewohl sagte. Der so Gerettete mußte noch zu einem Werke gelenkt
werden, bei dem seine Gaben und seine Treue im Weingarten des Herrn zur Wirkung
kommen würden. So nahm ich, als sich wieder die Gelegenheit bot, eine
andere Gestalt an, die des Philipp Ranger im Eastend. Dort fandest du ein Feld, auf dem Arbeiter immer
fehlten, aber umso dringender benötigt wurden.
„Du
bist ein weiteres Siegel für meine Arbeit im Namen des Herrn; darum bin
ich heute hier, dich zu begrüßen. Die Früchte deiner Mühen
sollen dir bald gezeigt werden. Aber selbst jetzt ist dein Werk noch nicht
abgeschlossen. Du hast dich freiwillig MYHANENES
Mission angeschlossen und wirst zur Erde zurückkehren, um anderen zu
helfen. Sei dieser Aufgabe nur so treu, wie du es deiner früheren warst,
dann wird dein Lohn groß sein! Aber ich habe hier noch einen besonderen
Fall, bei dem ich dich gerne um deine Unterstützung gebeten hätte
— es handelt sich um niemand anderen als die arme Clarice selber.“
Nichts
hätte mich in diesem Augenblick mehr überraschen können, —
aber WALLOUMELE tat, als bemerke er nichts und fuhr
fort: „Sie war nur ein dummer kleiner Schmetterling, und gewiß kein
seltener. Eines Tages erblickte sie ein männliches Exemplar von
buntschillernder Pracht und beschloß, es sich zu eigen zu machen. Sie
verbrannte sich fürchterlich am gleißenden Licht und fiel in ein
Labyrinth der Finsternis, aus dem sie keinen Weg heraus finden kann. Willst du
zu ihr gehen? Wenn du ihre Untreue mit Vergebung und Mitgefühl vergiltst,
wirst du mehr für ihre Rettung tun können als irgend eine andere
Seele. Willst du das tun?“
„Wenn
du glaubst, daß ich ihr helfen kann“, antwortete ich, „dann
gibt es keinen Dienst, den ich freudiger übernehmen würde“ Aber
in meinem Herzen blieb ein starker Zweifel ob meiner Befähigung.
„Es
genügt mir, zu wissen, daß du zu gehen bereit bist.“ WALLOUMELE schien meine Gedanken genau zu kennen, denn er
fügte hinzu: „Sei guten Mutes. Wo dein Vermögen endet, wird
Gott das Übrige tun.“
Damit
grüßte er und nahm Abschied von uns.
* * *
Welch
ein Meister war WALLOUMELE ! Er hatte mich an den
dunkelsten Tag meines Erdendaseins erinnert, um im nächsten Augenblick den
Schleier von meinen Augen zu nehmen und mir zu zeigen, wie die Hand Gottes an
eben diesem Tiefpunkt den Keim zum höchsten Segen legte. Er hatte mir
offenbart, wie aus dem Senfkorn einer — scheinbaren —
Zufallsbegegnung der Lichtbogen des Heils erwuchs, der mich nach Gottes
Vorsehung zu den Höhen trug, auf denen wir uns jetzt begegneten. Und dann
hatte er als wahrer Jünger des EINEN,
dem er nachfolgte, mit zwingender Überzeugung die Folgerung gezogen:
„Gehet hin und tuet ein Gleiches!“
Und
war das Wunder der Gnade denn bisher nicht nur zur Hälfte erfüllt?
Waren nicht zwei Seelen von dem Schiffbruch betroffen, aus dem er mich gerettet
hatte? Die andere, deren perfide Treulosigkeit das Unglück hervorgerufen
hatte, kämpfte noch immer, hilflos und verzweifelnd, mit dem Orkan ihres
Schicksal?
War
ihre Seele für Gott nicht von gleichem Wert? Sie hatte mir Unrecht getan,
aber Gott hatte zu meiner Rettung eingegriffen. War es jetzt nicht an mir, mich
als Werkzeug der Gnade Gottes anzubieten? Würde ich nicht Anteil an ihrer
Sünde nehmen, überließe ich sie ihrem Schicksal?
Diese
und andere Gedanken gingen mir durch den Sinn, als sich WALLOUMELE entfernt hatte. OMRA neben mir
überließ mich für eine Weile meinen Gedanken. Erst als ich mich
ihm wieder zuwandte, begann er zu sprechen.
„Nun,
hast du die Frage selbst beantworten können?“
„Welche
Frage meinst du?“
„Ob
man mit WALLOUMELE sprechen kann!“
„Du
mußt verzeihen“, bat ich. „Ich hätte wissen sollen, da
in diesen Gefilden hier niemand unzugänglich ist.“
„Es
gibt nichts zu verzeihen, lieber Aphraar. Jeder, den du hier um dich siehst,
hat die gleiche Reise gemacht wie du. Jeder hat dieselben Fragen gestellt und
hat lernen müssen, wie du jetzt lernst. Die Erinnerung daran bestärkt
uns alle nur in der Freude, den nach uns Kommenden helfen zu
dürfen.“
„Helfen
zu dürfen“, wiederholte ich. „Aus deinen Worten klingt jene
grenzenlose Gebe-Bereitschaft, die ich seit dem Tage meiner Ankunft im Jenseits
immer wieder erfahren durfte. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, ob
diese Großzügigkeit nicht über jedes vernünftige Maß
hinaus gehen kann? Ich meine, im Hinblick auf die Gegenleistungen, die sie auf
Seiten des solcherart Beschenkten voraussetzt. Jetzt hat WALLOUMELE das Register der Wohltaten sogar
rückwirkend auf meine Erdentage ausgedehnt. Wie kann ich jemals hoffen all
das zurück zu geben?“
„Ich
verstehe sehr wohl, was dich bewegt“, antwortete OMRA. „Und ich könnte dir eine befriedigende
Antwort darauf geben, wäre es nicht besser, du fändest sie sehr bald
selbst. Aber laß mich dich nur an einen Fall erinnern, an Helen, jenes
mutterlose junge Mädchen, das sich für seine Geschwister
buchstäblich zu Tode arbeitete. Du ahnst wohl nicht, was deine Hilfe
gegenüber Helen für deine eigene Seele wiegt?“
„Ich
dachte nie daran, aber da du es sagst, beginne ich dies ein wenig besser zu
verstehen. Wenn dem so ist, ist dann nicht jeder Mensch sein eigener
Erretter?“
„So
er in Christus lebt und seinem Beispiel folgt — in werktätiger Liebe
und nicht nur durch Glauben allein. Deshalb dürfen wir niemals eine
Gelegenheit auslassen, niemanden von unserer Türschwelle weisen, bis wir
getreu die uns auferlegte Verpflichtung erfüllt haben. Das ist eine der
Lehren, die hier vor dem Tor erlernt sein müssen.“
„Vor
dem Tor?“ Erst OMRAS geschicktes Überlenken
erinnerte mich wieder daran, wo ich war.
„Ja“,
antwortete mein Begleiter, nachsichtig lächelnd. „Ich muß wohl
ein wenig stärker aufs Ziel hin steuern. Vieles wäre noch zu sagen,
aber anderes ist gänzlich unentbehrlich, wenn du das Tor passieren sollst.
Deshalb muß ich die weniger wichtigen Dinge jetzt übergehen und dich
daran erinnern, daß wir ein Ziel vor uns haben.“
„Vergib
mir, wenn ich säumte; ich glaube, ich habe dich noch nicht einmal nach der
tieferen Bedeutung des Tores gefragt!“
„Nun,
Aphraar ich sagte schon, daß es die große Scheidelinie darstellt,
über die hinaus nichts Unwürdiges dringen kann. Sie wird durch eine
erbarmungslose Abwehr gesichert, die, obwohl du sie noch nicht erblickt hast,
zwischen uns und dem Tore liegt und über die niemals ein Unwürdiger
gelangen könnte.“
„Das
scheint fast unglaublich.“ Ich spähte kritisch den Boden vor uns ab,
ohne etwas zu entdecken.
„Wir
werden sehr bald dort sein. Und wenn wir davor stehen, wirst du erkennen, wie
vollkommen Gott sein Reich gegen Eindringlinge schützt. Das
Vorgelände des Tores steht all denen zur Verfügung, die Hilfe und
Anleitung suchen, um es zu erreichen. Aber es gibt eine Grenze, über die
keiner gelangen kann, der nicht gänzlich dafür gerüstet
ist“
„Verzeih
bitte.“ Ich hielt inne und legte unwillkürlich, wie um Schutz suchend,
meine Hand auf den Arm meines Begleiters. „Ich habe das Gefühl,
daß die Offenbarungen mich hier buchstäblich überwältigen.
Ich fühle mich ihnen nicht gewachsen und möchte mich am liebsten in
eine Ecke verkriechen, um meine Sinne wieder zu sammeln, bevor sie vollends
durcheinander gewirbelt werden.“
Wieder
zeigte OMRA sein ruhiges, gütiges Lächeln.
„Du
hast von dem was dir bevorsteht, keine unliebsamen Folgen zu befürchten.
Auch laß dich nicht entmutigen, wenn du nicht gleich alles verstehst. Die
große Prüfung, der du entgegengehst, gilt allein deinem Glauben,
deiner Zuversicht in die Allmacht Gottes. Denke einmal daran, wie Paulus den
Glauben beschrieb — “Glaube ist das Wesen der Dinge, auf die wir
hoffen, der Beweis von Dingen, die wir nicht sehen“ (Hebräer,11,1).
„Wenn
du dir das zum Richtmaß machst und danach strebst, wirst du die Höhe
erklimmen. Nicht lange mehr, und dir wird offenbar werden, was jetzt noch ein
Mysterium ist. Gottes Wege sind nicht immer die Wege der Menschen. Aber wie du
aus deiner Vision im Hain und aus den Worten WALLOUMELES
gelernt hast: Seine Geheimnisse werden offenbar, sobald die Zeit gekommen ist.
„Ich
nehme innigen Anteil an deinen Schwierigkeiten; aber laß mich dir zu
deinem Trost sagen, daß sie keineswegs nur dir widerfahren, sondern so
gut wie allen Seelen, die für die notwendige, aber doch kurze Zeit
hier verweilen müssen. Es steht nicht in Gottes Plan, daß dem so
ist; im Gegenteil, es ist einzig die Folge falscher Vorstellungen, die den
Pilgern von selbsternannten irdischen Ratgebern auf den Weg gegeben wurden. Nur
allzuviele jener Ratgeber versichern ihren Anhängern, daß das von
ihnen erteilte konfessionelle Zeugnis einen mühelosen Zugang zum
Himmelreich garantiert. Sie übersehen oder leugnen sogar die strenge
Prüfung, der ein jeder an den Schranken der Ewigkeit unterworfen wird.
„Du
selbst trägst ein solches ungültiges Zeugnis zwar nicht mit dir, hast
aber unvermeidlich doch etwas von der Geisteshaltung in dich aufgenommen. Die
ererbten Vorstellungen sitzen so fest und tief, daß selbst die Lehrzeit
im Jenseits, die hinter dir liegt, nicht alle Spuren hat verwischen
können. Solange aber noch eine Spur davon in dir ist, kannst du das Tor
nicht erreichen.“
„Aber
sagtest du nicht, daß das Urteil in meiner Vision mir den Weg dazu
öffne?“
„So
ist es auch! Du hast das Recht, den Schritt zu tun, sobald du den letzten Hauch
des Zweifels abgelegt hast, der dich im Augenblick noch hindert. Die Waage
Gottes mißt unendlich fein, doch ihr Urteil ist von sehr greifbarer
Wirklichkeit, glaube mir das!
„Aber
laß uns vorwärts gehen und sieh‘ selbst.“
Wir
beschleunigten unsere Schritte in Richtung auf das Tor. Ich erwähnte
schon, daß der Boden gewellt war und leicht — kaum sichtbar —
anstieg. Als wir den Kamm dieser Erhöhung erreichten, sah ich mit eigenen
Augen, was OMRA gemeint hatte:
Zwischen
uns und dem Tor lag ein furchtbarer, gähnender Abgrund. Seine Ränder
waren glatt wie eine Mauer, seine Tiefe verlor sich unergründlich in
schwarzer Finsternis. Er mochte etwa hundert Meter breit sein — nach
irdischen Maßen geschätzt — und nirgends konnte ich eine
Brücke oder anderes Mittel zum Hinübergelangen erblicken.
Unwillkürlich
schreckte ich zurück und wandte meine Augen ab. Erst nach einer Weile, als
OMRA bis an den Rand des Schlundes vorangegangen
war und mir seine Hand als Stütze bot, wagte ich mich furchtsam
vorwärts. Die gähnende Leere des Abgrundes raubte mir die Sprache.
Hilflos starrte ich meinen Begleiter an, aus dessen Zügen jetzt das
vertraute Lächeln geschwunden war. OMRA war zu zartfühlend,
als daß er angesichts dieses furchtbaren Bollwerkes vor den Toren der
Ewigkeit Genugtuung über meine Niederlage verspürt hätte. An
einem solchen Ort wäre ein “Habe ich nicht recht gehabt?“
unnötig und gefühllos gewesen. Wenn ich in seinen Zügen etwas
lesen konnte, dann war es tiefes Mitgefühl.
Dennoch,
er hatte mich hierhergebracht und war viel zu gewissenhaft, als daß er
seine Aufgabe unerfüllt lassen würde. Taktvoll schweigend ließ
er mir zunächst genügend Zeit, mich an den Anblick vor uns zu
gewöhnen. Und als er endlich sprach, teilte er mir gleich eine neue
Überraschung mit.
„Wir
stehen hier am äußersten Rande einer Welt, die durch den Abgrund vor
uns von der nächsten Welt getrennt ist. Die beiden Welten stehen in einem
Verhältnis zueinander wie ein Planet zum anderen, aber sie sind auch
ebensosehr voneinander getrennt. Wenn du nun von einem zum anderen reisen
müßtest, wie würdest du das zu vollbringen suchen?“
„Muß
der Abgrund überquert werden?“
OMRA hatte genau auf diese Frage
zugesteuert. „Es gibt keinen anderen Weg, um das Tor zu erreichen“,
antwortete er.
„Dann
kann ich mir höchstens vorstellen, daß mir ein anderer seine Kraft
leiht und mich hinüber trägt, wie MYHANENE mich
einst zu seinem Heim trug.“
OMRA lächelte. „Nein, lieber
Freund, das wäre hier nicht erlaubt. Wer das Tor erreichen will, muß
den Abgrund aus eigener Kraft überqueren.“
„Aber
wo ist die Brücke oder das Gefährt, um das zu
ermöglichen?“
Mein
Begleiter lächelte noch immer. „Die Brücke von einer Welt zur
anderen ist jetzt schon da, aber vor deinen Augen liegt ein Schleier, so
daß du sie nicht sehen kannst. Eben dies ist ein Ausdruck dafür,
daß du noch nicht gerüstet bist. Doch vielleicht kann ich dir
helfen, wenigstens einen schwachen Eindruck davon zu gewinnen.“
Damit
legte er für einen Augenblick seine Hände über meine Augen. Als
er sie fortnahm, konnte ich die schattenhaften Umrisse einer Brücke
ausmachen — so zart und schwach, als wäre sie aus den winzigen
Kristallen eines Rauhreifs gebaut.
„Nun“,
fragte OMRA, „kannst du deinen Weg
erkennen?“
„Er
sieht gefährlich aus“, meinte ich, zögernd und unsicher.
„Würdest du dich darauf wagen?“
Aber
gewiß, ich bin häufig hinüber und herüber gegangen. Sieh
doch, dort drüben kommen gerade mehrere Freunde von der anderen Seite auf
uns zu. Zeigen sie Furcht oder Sorge? Im Gegenteil, sie schenken der
Brücke gar keine Aufmerksamkeit und sind ganz in fröhlichem
Gespräch befangen. Jetzt bleiben sie sogar lebhaft sprechend mitten darauf
stehen! Sie sind sich des gähnenden Schlundes unter ihnen garnicht
bewußt und verhalten sich nicht anders, als schritten sie auf
Granitfelsen!“
Ich
beobachtete das Näherkommen dieser ins Gespräch vertieften, sorglos
dahinschlendernden Gruppe mit einem Gefühl, das gefährlich nahe an
den Neid kam.
„Ich
bitte dich, OMRA, sag mir: Was ist es, das jene dort
mir so sehr voraus haben?“
„Sehr
einfach — die Zuversicht, den in Liebe verankerten Glauben. Die
Überquerung dieses Abgrundes ist die große Probe auf den Glauben!
Bisher konnten die geistigen, moralischen und selbst die körperlichen
Gewohnheiten der Erde dir auf deinem Wege folgen und dich beeinflussen, indem
sie dich zum Beispiel an deiner Fähigkeit zum Überschreiten der
Brücke zweifeln lassen. Hier muß die letzte Faser irdischen
Einflusses abgeworfen werden und du begreifst, wie wörtlich Hiob zu nehmen
ist: “Nackt bin ich von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich
wieder dahinziehen“ (1,21).
„Dabei
hast du den Vorteil, nicht mit strenggläubigen religiösen
Vorstellungen hierher gekommen zu sein. Viele Seelen versuchen auch hier noch,
die Lehrsätze ihrer Sekten weiter mit sich zu nehmen, bis wir sie daran
erinnern, daß “die Weissagungen, Sprachen und Kenntnisse
dahinfallen“ und daß jedes “Stückwerk aufhören
wird, wenn das Vollkommene da ist“ (1.Kor.XIII,9-10). Denn: “Durch die Gnade seid ihr gerettet,
vermittelst des Glaubens, und das nicht durch euch, Gottes Gabe ist es“
(Eph.2,8).
„Auf
diese Gabe wartest du jetzt. Du stehst hier, noch bevor du wirklich bereit
bist, sie zu empfangen. Zunächst mußt du noch etwas anderes lernen,
bevor der Ruf zum Überqueren der Brücke an dein Ohr dringt.“
* * *
Ein
sanfter Druck auf meinen Arm zeigt mir an, daß OMRA zum Verlassen unseres augenblicklichen Standortes
bereit war. Ich aber stand noch immer wie gebannt. Noch niemals hatte ich einen
so verzehrenden Wunsch gespürt wie hier; jeder Funke meiner Seele
drängte danach, das Tor zu erreichen, das so nah und doch so fern vor uns
lag.
OMRA schwieg und machte keinen Versuch, zum
Aufbruch zu mahnen. Er verstand — er war den gleichen Weg gekommen. Und
so wartete er geduldig, obwohl er einen besseren Weg zum Ziele wußte.
Geraume
Zeit standen wir noch so und beobachteten viele beim Überqueren der jetzt
wieder unsichtbaren Brücke — denn die Sehkraft, die OMRA mir verliehen hatte, war inzwischen wieder
geschwunden.
Ich
wurde unwillkürlich an die unglückliche Frau erinnert, die ich kurz
nach meinem Eintreffen im Jenseits beobachtet hatte. Auch sie war ein
Neuankömmling. Aber anders als ich damals konnte sie sich nicht frei
bewegen. Alle ihre verzweifelten Versuche fruchteten nichts; immer wieder
mußte sie umkehren, bis sie den einen Pfad gefunden hatte, der dem
trübseligen Zustand ihrer Seele entsprach.
Gewiß,
ich war besser daran als sie. Zwar konnte auch ich jetzt den gewünschten
Weg nicht gehen; aber während sich damals niemand erboten hatte, der Frau
zu helfen, genoß ich den Rat und Beistand eines hohen Führers.
Dennoch: verstand ich meinen nächsten Schritt besser als diese Unglückliche?
Wieder kam mir OMRA zur Hilfe. Ich hatte ganz
vergessen, daß meine Gedanken hier nicht mehr verborgen blieben!
„Wenn
du Vergleiche anstellst“, sagte er in einem Ton der
Selbstverständlichkeit, als hätten wir schon die ganze Zeit davon
gesprochen, „wenn du Vergleiche anstellst, mußt du Sorge tragen,
die Ähnlichkeiten nicht überzubewerten. Das ist einer der
häufigsten Fehler auf Erden. Der Vorfall, an den du dachtest, hat wohl
gewisse Ähnlichkeiten mit deiner Lage hier, aber sie sind
oberflächlich und nicht vergleichbar.
„Beide
seid ihr nicht fähig, einen bestimmten Weg einzuschlagen — gut,
soweit trifft die Parallele zu. Aber schon die Frage nach dem
“Warum“ ergibt einen Unterschied wie Tag und Nacht. Die Frau konnte
ihren Weg nicht wählen, weil ihre Seele von Sünden befleckt war, die
erst gebüßt werden mußten. Du dagegen bist würdig
befunden worden und stehst bereit; doch mußt du zunächst noch
lernen, daß auch jene dienen, die nur bereitstehen! Unterwerfung
gegenüber Gott, gehorsame Befolgung Seines Wortes ist das erste Zeichen
der Sohnestreue, ob das Geheiß nun “Vorwärts“ oder
“Stillestehen“ lautet. Und gesegnet sind die, deren Liebe so stark
ist, daß Geheiß und Ausführung zugleich erfolgen, die Frage
nach dem “Warum? “ der Zukunft überlassend.
„Selbst
der Engel im Angesicht des allmächtigen Gottes weiß nicht alles,
wenn das Geheiß ihn erreicht. Wenn er an seinem Bestimmungsort ist, mag
er dort neue Weisungen vorfinden — doch erst nach seiner Rückkehr
kann er zu erfahren hoffen, welche Früchte sein Auftrag getragen hat. Was
dich aber selbst betrifft, vertraue auf das “Wohl getan“, das dir
bereits zuteil geworden ist, und warte ruhig und ergeben auf deinen
nächsten Auftrag. Möge es dir genügen, zu wissen, daß der
Große Baumeister des Universums dich geschaffen und dich bis hierher
gebracht hat, damit du in seinem unergründlichen Plan einen Platz
einnehmen kannst, der von keiner anderen Seele in der ganzen Schöpfung
ausgefüllt werden kann.“
„Ist
das nicht Fatalismus?“, rief ich, erschrak aber im gleichen Augenblick
über mein Ungestüm und bat um Verzeihung.
„Du
brauchst dich nicht zu entschuldigen, Aphraar“, entgegnete OMRA sanft. „Es genügt schon, daß meine
Worte eine Unklarheit hinterlassen haben, die beseitigt werden muß. Nun,
ich habe vom Erdenleben schon als der Kindheitsstufe der Menschen gesprochen.
Gott, der Vater, läßt seine Kinder gewähren und sorgt nur
dafür, daß sie seine sehr einfachen Gebote und Verbote kennen.
Deshalb hat der Mensch im Erdenkleide seinen freien Willen und kann, innerhalb gewisser
Grenzen, tun was ihm beliebt. Das bedeutet — wie du weißt —
keineswegs, daß er auch ungestraft gegen die Gebote des Vaters
verstoßen darf. Im nächsten Stadium, wenn der fleischliche
Körper abgeworfen ist, gilt diese Handlungsfreiheit nicht mehr. Schule und
Lehrzeit sind mit Zwang und Ordnung verbunden; die Seele wird dieser Disziplin
unterworfen, bis sie gereinigt ist und sich von selber unter die lenkende Hand
des Vaters begibt. Dann wird, ja muß sie diesen Ort hier vor dem
Himmelstor erreichen. Ich glaube, wenn du die Dinge so sehen lernst, wird jeder
fatalistische Gedanke von selbst entschwinden.“
„Sicherlich“,
gab ich kleinlaut zu. „Ich erröte jedesmal über meine eigene
Kühnheit, wenn ich dir solche Fragen stelle.“
OMRA schmunzelte. „Dann laß mich
dir sagen, daß das Erröten nur ein irdisches Überbleibsel ist,
das du noch nicht abgelegt hast. Aber, obwohl du künftig nicht mehr
erröten darfst, frage dennoch, wann immer du eine Auskunft wünschst.
Wenn ich selbst in die höheren Sphären gerufen werde, stelle ich
jedesmal fest, daß ich doch mehr Fragen habe, als ich es vorher für
möglich hielt.“
„Ich
wünschte nur“, sagte ich, „daß ich mich für deine
Großzügigkeit irgendwie erkenntlich zeigen könnte. Es verwirrt
mich geradezu, daran zu denken, wie sehr du dich um mich bemühst.“
OMRA lachte offenheraus, als er meine
Verlegenheit sah. „Laß dich nur davon nicht stören, mein
lieber Bruder! Du wirst das im Augenblick vielleicht kaum verstehen —
aber es ist eine Regel des Lebens, das vor dir liegt, daß jede Seele
genau in dem Maße reicher wird, in dem sie einer anderen gibt. Deshalb
löschst du selber mit jeder neuen Frage die Verpflichtung aus, die du noch
aus der Antwort auf die vorangegangenen fühlen magst.“
Ich
schwieg. Dies war etwas, das noch über mein Begriffsvermögen ging.
OMRA schien auch das zu wissen, denn er
lenkte ohne Überleitung wieder auf sein voriges Thema zurück.
„Ich sagte dir, daß der Große Baumeister des Universums dich
geschaffen und bis hierher geführt hat, weil es in seinem Bauwerk einen
bestimmten Platz gibt, den nur du ausfüllen kannst. Deshalb hast du keinen
Grund, zu befürchten, daß du dein Ziel nicht erreichen
könntest. Gott will, daß “alle Menschen gerettet werden“
(1.Tim.2,4) und in seiner Allmacht wird er diesen seinen Plan zu Ende
führen.
„In
den höheren Gefilden, in die du einzutreten im Begriff bist, baut Gott
einen strahlenden Tempel der Kirche Christi, dessen Schluß-Stein der
Christus selber sein wird. Er, den die Priester und Schriftgelehrten auf Erden
nicht des Lebens würdig fanden, wird an der Spitze des siebenfachen
Heiligtums des Allerhöchsten stehen! Vor seiner Herrlichkeit werden Worte
versagen. Sein Tempel wird auf die Propheten und Apostel gegründet sein,
gebaut aus lebendigen Seelen Ost, West, Nord und Süd, aus aller Herren
Länder, heilig und fleckenlos rein!“
„Und
werden alle, die ihm folgen, diesen einzigartigen Tempel bilden?“, fragte
ich.
„Nicht
alle, nein! Nur jene, die der höchsten Ehre für würdig befunden
werden. Für die anderen aber wird es fast unbegrenzte Möglichkeiten
geben, bei seiner Ausgestaltung zu helfen und in ihm Gott zu finden. Manchmal
versuche ich in der Meditation, mich in diese wunderbare Vision zu versetzen,
bis das blendend weiße Licht ihrer Reinheit so stark wird, daß ich
es nicht mehr ertragen kann. Es ist,
als wenn Myriaden von kostbaren Edelsteinen — die Seelen der
Helden und Heiligen, die im Glauben an Ihn selbst die unsagbarsten Qualen und
Versuchungen überwanden — um einen flammend weißen Stern
gruppiert sind und sein Licht von Ewigkeit zu Ewigkeit widerspiegeln. Das wird
das neue Jerusalem sein!“
„Wenn
ich dich so sprechen höre“, sagte ich ein wenig zaghaft, „dann
kann ich gut verstehen, daß nur wenige, sehr wenige, jemals hoffen
dürfen, diesem Heiligtum anzugehören. Aber wie gesegnet werden schon
alle sein, die diese Stadt betreten und an seiner Herrlichkeit teilhaben
dürfen.“
„Es
freut mich, daß du dies sagst, und es wird dir auch verstehen helfen,
daß selbst der geringste Erdeneinfluß nicht über die trennende
Kluft vor uns hinweggelangen kann.“
„Das
erinnert mich an eine andere Frage ―“
„Du
möchtest wissen, ob die Kluft auch bestünde, wenn niemals Sünde
auf die Erde gekommen wäre?“
„Ja,
auch dann. Der Abgrund besteht nicht der Sünde wegen; er ist eine
natürliche Scheidelinie zwischen Materie und Geist. Beide sind so
verschieden voneinander wie Licht und Finsternis und können nicht
vermischt werden. Wäre der Mensch nicht in Sünde gefallen, er
könnte sich der Brücke auf einem viel besseren Weg nähern.
Dieser Weg wird leider niemals mehr benützt.“
„Ist
er denn immer noch offen?“
„Gewiß.
Aber die herrschenden Umstände machen seine Benutzung fast gänzlich
unmöglich. Er kann jedoch als Hilfsmittel dienen. Wenn du mit mir kommen
willst, kann ich dir dies von einem anderen Standort aus besser
erklären.“
* * *
OMRAS Absicht sollte offenbar doch nicht
so schnell verwirklicht werden. Denn kaum hatte ich die Augen gehoben, um noch
einmal einen sehnsüchtigen Blick auf die Brücke zu werfen, als ich
Eilele und MYHANENE inmitten einer Gruppe anderer Freunde
auf uns zukommen sah.
Eilele
begrüßte mich herzlich. „Dies ist Dracine“,
stellte sie mir die Schwester an ihrer Seite vor, „und wir hoffen, die
ersten zu sein, die dich an diesem gesegneten Ort begrüßen
dürfen.“
„Nicht
ganz die ersten“, wehrte ich ab. „OMRA hier und RAEL haben sich schon seit einer ganzen Weile meiner
angenommen, und auch WALLOUMELE sprach mir von Dingen, die
mir unvergeßlich bleiben werden.“
„Dann
schätze dich glücklich, ihn hier angetroffen zu haben.“ Es war Dracine, die jetzt sprach, und impulsiv ergriff sie meine
Hände dabei. Dann rief sie, zu einer andern Schwester gewandt, die ich
noch nicht kennengelernt hatte: „Tasha, Aphraar
hat mit WALLOUMELE gesprochen!“
Und
gleich darauf wieder zu mir: „Erschien er dir nicht als die vollkommenste
Verkörperung der göttlichen Liebe, die du bisher gefunden
hast?“
„Ja“,
antwortete ich. „Er rührte in mir Tiefen an, die ich niemals zuvor
auch nur geahnt hätte.“
„Das
kann ich vielleicht besser verstehen als die meisten anderen“, warf Tasha
jetzt ein. „Ich hatte das Glück, in La-yong-la‘s Erdentagen in seiner unmittelbaren Nähe zu
sein.“
Ich
blickte erstaunt zu Tasha herüber. „Warum nennst du ihn La-yong-la?“
„Weil
ich von seinen Erdentagen spreche, lieber Bruder. Damals hieß er
so.“
„Aber
ist das nicht etwas verwirrend, wenn verschiedene Namen für dieselbe
Person gebraucht werden?“
MYHANENE, der bisher mit OMRA gesprochen hatte, trat herzu und antwortete mir.
„Es
ist durchaus nicht verwirrend, lieber Aphraar. Im Gegenteil, es spart uns
häufig viele Erklärungen, wenn wir ein besonderes Stadium in der
Entwicklung einer Seele bezeichnen wollen. Selbst auf Erden gibt es ja Titel,
um das Voranschreiten eines Menschen im öffentlichen Leben zu kennzeichnen!
Die verschiedenen Namen sagen uns ebensoviel, wie den Erdenmenschen die Titel.
Du wirst im geistigen Reich niemals zwei Seelen gleichen Namens finden. Das
gilt für die ganze Himmelsfamilie, obwohl ein jeder von uns nacheinander
mindestens zehn Namen erwerben kann, die sich alle auf ein bestimmtes Stadium
seines Aufstiegs beziehen.
„Du
erhieltest einen Namen, als du im Jenseits eintrafst; wenn du die Brücke
dort passierst, wirst du ihn gegen neuen eintauschen. Aber für alle
Ewigkeit wird man von dir als Aphraar sprechen, wenn von deiner ersten
“Schulzeit“ Jenseits die Rede ist. Das gleiche gilt für WALLOUMELE. Auf Erden war er La-yong-la,
aber in den Sphären unseres Reiches hat er nacheinander ARETA, CAERELL und WALLOUMELE geheißen. Bei dem letzteren Namen nennen
wir ihn hier, aber er hat noch einen anderen und höheren. Dieser wird aber
von uns hier niemals gebraucht, ausgenommen, sein Träger in einer
bestimmten offiziellen Eigenschaft handelt.“
„Darf
ich fragen, wer WALLOUMELE auf Erden war und seit wann
er hier ist?“
„Völker
haben das gleiche Schicksal wie einzelne Menschen; sie werden geboren
blühen zur Reife und schwinden dahin; WALLOUMELE gehörte einem Volk
an, dessen Spuren verloren gingen, noch bevor die Grundmauern von Babylon und Chaldea errichtet wurden. Es hatte sich in einem Hochtal
des Altaigebirges angesiedelt, wo es Gold und Edelsteine fand, die diesem
ehemaligen Nomadenstamm unerhörten Reichtum brachten. Das abgelegene Tal
war leicht gegen Eindringlinge zu verteidigen, und unter der Herrschaft einer
Dynastie von Königinnen entwickelte sich das kleine Völkchen zu einer
kulturellen Blüte, bis die Schlange des Neides in die Königsfamilie
eindrang, Tod und Zerstörung bringend.
„WALLOUMELE war der einzige Sohn der letzten Königin.
Die Geschichte seiner Leiden unter den teuflischen Ränken einer
verräterischen Verwandten ist noch heute ein klassisches Epos bei uns.
Tasha war eine Dienerin seiner Mutter. Laß dir später einmal diese
einzigartige Tragödie von ihr erzählen; dann wirst du noch besser
verstehen, warum wir WALLOUMELE hier so verehren!‘
Und
zu Tasha gewandt, fügte er hinzu: „Hörst du, Tasha, welche
Mission ich dir eben auftrage? Ich beneide Aphraar fast um diese Aussicht, die
Geschichte* WALLOUMELE’s
aus so berufenem Munde zu hören.“
*) Diese Geschichte hat Robert Lees
später in dem Buch, “The Car of Phoebus“ aufgezeichnet. (Nur
in englischer Sprache er schienen. Der Herausgeber)
Und
während Tasha lächelnd einwilligte, nahm mich Dracine
beim Arm und führte mich fort.
Nun,
Aphraar, was ist es für ein Gefühl, von einem solchen Familienkreis
überrumpelt zu werden, ohne daß man vorher jemand um Erlaubnis
gefragt hat?“
„Ich
spüre gar kein Verlangen, mich dagegen zu wehren“, lachte ich.
„Haben alle Ankömmlinge hier einen solchen Empfang?“
„Ich
glaube wohl. Es wäre so gut wie unmöglich für eine Seele, ganz
ohne Hilfe bis hierher zu gelangen. Und jeder von uns hat so viele Freunde,
daß es leicht ist, eine Gruppe zu bilden, die den Ankömmling
willkommen heißt. MYHANENE erwähnte, daß er
dich hier begrüßen wolle, und wir alle boten uns sofort an, ihn zu
begleiten“
„Aber
ihr kanntet mich doch nicht.“
„Ein
Grund mehr für uns, denn du sollst ja künftig zu uns gehören!
Wir sind hier einander nicht Fremde, sondern Mitglieder einer großen
Familie. Jeder Zuwachs erhöht das Glück dieser Familie und macht den
Himmel um noch einen Grad strahlender. Glaube mir, die ganze unendliche
Himmelsfamilie möchte am liebsten in einen einzigen machtvollen Ruf
ausbrechen, dessen Echo in den tiefsten Winkeln der Hölle vernehmbar ist:
Wir warten auf Euch, auf daß unser Glück vollkommen werde!
Wir
kannten dich nicht, doch kennen wir dich jetzt und haben entdeckt, daß
der Himmel eine bestimmte Süße barg, die wir noch nicht gekostet
hatten. Komm! Laß uns in den Hain zurückgehen und von neuem die
Schätze zählen, die der Vater für uns bereitet hat.“
Es
wäre sinnlos, wollte ich beschreiben, was dieser Empfang für mich
bedeutete. Es gibt Dinge, die sich der Kunst des Wortes entziehen, für die
die Erde keine Sprache hat. Doch was mir hier zuteil wurde, wird für ewig
in das Innerste meiner Seele eingemeißelt sein. Ein Gleiches wirst du,
lieber Leser, eines Tages selbst erleben. Dann erst wirst du mich ganz
verstehen.
* * *
OMRA und ich verabschiedeten uns von unseren
Freunden, aber nur, wie mir versichert wurde, damit mein Mentor nun seine
Unterweisung an einem andern Ort fortsetzen und abschließen könne.
Bald würden wir wieder zurückkehren.
Wir
näherten uns dem Ende des Hains. Weder OMRA noch ich
sprachen ein Wort. Wie hätte man hier auch sprechen können? Der ganze
Umkreis war von einer schweigenden Andacht erfüllt, die mit jedem Schritt
voran immer eindringlicher wurde. Ich muß meinen Begleiter wohl beinahe
furchtsam angesehen haben, denn er hob jetzt seine Hand zu einer beruhigenden
Geste, verlangsamte seinen Schritt und blieb schließlich stehen, als
wolle er mich auf etwas aufmerksam machen.
Ja,
jetzt spürte ich es: ein korallenzarter Duft kam auf uns zu. Er drang
durch die Stille auf meine Sinne wie der Ton eines feinen, seidenweichen
Instrumentes. Dieser Ton wurde stärker, deutlicher und stieg endlich zu
einem jubelnden Crescendo auf, als wären tausend unsichtbare Engelsstimmen
eingefallen.
Ich
lauschte, auf die Stelle gebannt und im Tiefsten meiner Seele angerührt.
Die der Musik im jenseits innewohnenden Kräfte hatte ich schon
kennengelernt, als ich jenem unvergeßlichen magnetischen Choral beiwohnen
durfte. Aber damals hatte ich nur ihre Erscheinungsform und Wirkung gesehen.
Erst hier, an der Schwelle des Himmels, wurde mir eröffnet, welche
Harmonien das Reich Gottes für seine heimkehrenden Kinder bereithält;
daß es einen geheiligten Born der Musik gibt, in dem alle Elemente der
Schöpfung zusammengefaßt, gereinigt, aufeinander abgestimmt und
ineinander verwoben werden, bis sie in einen einzigen Akkord göttlicher
Offenbarung münden.
OMRA sprach erst, als die Offenbarung
abgeklungen war und wir aus dem Hain auf
die ihn umgebende Ebene hinaustraten die auf dieser Seite von einer
Vielzahl wildblühender Büsche bedeckt war.
Nun,
was hältst du von der prophetischen Segnung, die uns mit auf den Weg
gegeben worden ist?“
„Ich
kann es nicht sagen“, erwiderte ich zögernd. „Die
Offenbarungen überrollen mich hier wie Brecher in der Meeresbrandung. Es
gelingt mir nicht einmal, mit meinen Füßen Halt zu finden.“
„Das
ist keineswegs überraschend; ich würde mich sogar wundern, wäre
es anders! Aber wenn du dich gesammelt hast und das, was dir jetzt noch als ein
Chaos erscheint, in Ruhe überblicken kannst, wirst du erkennen, daß die
scheinbar verwirrende Überfülle nach einem bis ins Letzte
vorbereiteten Plan geregelt und geordnet ist. Deine augenblickliche Lage
läßt sich etwa mit der eines Orgelschülers vergleichen, der zum
erstenmal vor der verwirrenden technischen Fülle seines Instrumentes
steht. Aber wenn sich der Meister an die Orgel setzt und der Schüler die
ganze Herrlichkeit der Musik in sich aufnimmt wird seine Seele Flügel
bekommen — die technischen Schwierigkeiten werden vergessen, die Zweifel
an seinen Fähigkeiten geschwunden sein.
„Du
befindest dich in einem Übergangszustand. Altes versinkt und alles wird
neu. Bisher hast du geträumt — jetzt wachst du zum wahren Leben auf.
Und bist naturgemäß überrascht dabei festzustellen, daß
die als unverrückbar angesehenen Grundtatsachen deiner Vergangenheit hier
nicht nur unnötig sind, sondern in der Tat überhaupt nicht
existieren. Der Satz, daß “Fleisch und Blut nicht das Erbe des
Königreichs antreten können“, wird Wirklichkeit! Dieses Erlebnis
erwartet alle, die hier ankommen: Wenn die aufgehende Sonne der Ewigkeit die
Nebelstreifen der Sterblichkeit verbannt, entdeckt die Seele, daß mit dem
Abstreifen von “Fleisch und Blut“ auch das ganze philosophische
Rüstzeug der Weisen überflüssig geworden ist. Der Geist wird in
einer anderen Dimension tätig als der Verstand es war — ein
Reflektionsspiegel, der sein ganzes Licht unmittelbar und ohne
Zwischenträger von der Sonne aller Sonnen nimmt.
„Sorge
dich nicht, lieber Aphraar. Du hast deine Gaben dem HERRN zu Füßen gelegt, und sie sind bereits
angenommen worden. Deine Verwirrung ist jetzt nicht mehr die Folge mangelnder
Befähigung, die Brücke zu kreuzen, sondern eher durch die
überwältigende Größe der Erbschaft zu erklären, die
du anzutreten im Begriff bist. Sobald du dein mit Christus gemeinsames Erbe
erkennst, wirst du auch das Vertrauen haben, den großen Schritt zu
tun.“
Während
OMRA sprach, hatten wir eine Strecke der vor uns liegenden offenen Landschaft
durchschritten, deren zauberhafter Blütenreichtum in einer Weise, die ich
mit Worten nicht ausdrücken kann, eine vollkommene optische Ergänzung
dessen war, was mich bewegte. So war es überall hier — nichts
fehlte, nichts war am falschen Platz, nichts überflüssig, und nichts
hätte man sich wünschen können, was nicht sofort zur
Verfügung stand.
Die
Zeit hatte aufgehört mahnend ihr Pendel zu schwingen. Ich stand an der
Grenze des ewigen Jetzt. Das Gestern war ein Traum, aus dem ich für immer
erwacht war, das Morgen eine unerforschte Unmöglichkeit, denn das ewige
Heute reicht, soweit die ewige Sonne ihre Strahlen schickt.
„Werden
wir eine andere Brücke benutzen?“
Wir
hatten den Hain inzwischen ein gutes Stück hinter uns gelassen und
näherten uns in schräger Richtung wieder dem Abgrund, den ich hier
und dort zwischen den Büschen hindurch auftauchen sah.
OMRA schüttelte den Kopf.
„Nein,
es gibt nur einen Weg, um hinüberzukommen.“
„Das
bekümmert mich nicht“, antwortete ich. „Ich bin durchaus nicht
so ungeduldig darauf, einer derart verzauberten Landschaft den Rücken
zukehren.“
OMRA tat, als habe er meine Antwort nicht
gehört. Jedenfalls schwieg er und schien völlig mit der Untersuchung
einer besonders prachtvollen Blüte beschäftigt zu sein, die er gerade
entdeckt hatte. Aber auf seinem Antlitz lag ein nachsichtiges Lächeln.
Schließlich sagte er:
„Wir
beginnen jetzt schon die belebende Luft zu verspüren, die von drüben
herüberweht. Du wirst bald ihre anregende Wirkung fühlen.“
„Meinst
du, wir sollten umkehren?“ Ich war nicht sicher, ob in OMRAS Bemerkung nicht eine Andeutung der Rückkehr enthalten
war.
„Im
Augenblick noch nicht. Ich möchte, daß du vorher noch einen Blick
auf den großen Erdenkreis wirfst, um einen Begriff von den verschiedenen
Sphären und Einflüssen zu bekommen, die sie umgeben. Dann wirst du
auch deinen eigenen Werdegang besser verstehen können. Wollen wir
gehen?“
„Gewiß‘,
willigte ich ein. „Ich habe keinen anderen Wunsch, als mich gänzlich
deiner Führung zu überlassen. Wenn mir neue Kräfte erwachsen
sollen, dann kann ich nur hoffen, es wird mir auch die Kraft gegeben, dir zu
zeigen, wie sehr ich mich in deiner Schuld fühle.“
„Ich
weiß, du willst davon nichts hören“, fügte ich hinzu, als
OMRA abwehrend die Hand hob, „aber wenn
ich noch eine Frage nur der Belehrung wegen stellen darf — kann man nicht
sagen, daß du im wahrhaftigen Sinne ein “mit Gott zusammen
Arbeitender“ (1.Kor.3,9) bist?“
„Nicht
im Geringsten!“ OMRAS Antwort kam unverzüglich und
sehr bestimmt. „Wenn wir Gelegenheit dazu haben, hoffe ich, dich mit der
Schilderung meines Erdenlebens davon überzeugen zu können, daß
ich dieses Reich als alles andere denn als Heiliger betreten habe. Laß
dir versichern, daß mein freier Wille recht beträchtlich in die
falsche Richtung gegangen war.“
*
Wir
hatten inzwischen den entscheidenden Punkt unseres Ausfluges erreicht und hielten
inne — nicht nur am Rande des Abgrunds — sondern, so schien es, am
äußersten Saume der Welt!
Vor
uns lag, soweit das Auge reichte, die grenzenlose Leere des Raums.
Dann — ich weiß nicht, wie mir geschah — OMRA hatte meine Hand ergriffen, und den Bruchteil einer
Sekunde später schwebten wir irgendwo inmitten dieses unendlichen Raums.
Unter uns aber erblickte ich einen gigantischen, in mehreren Farben
schimmernden kreisrunden Wellenbogen.
Ich
mußte an die prismatische Landschaft denken, die Eusemos
mir auf dem “Berge Gottes“ gezeigt hatte, und OMRA nahm diesen meinen Gedanken sofort auf.
„Jene
Landschaft, die du damals sahst“, erklärte er, „beeindruckte
dich durch ihre Farbenharmonie. Aber du warst blind gegenüber ihrer
mystischen Bedeutung, und Eusemos machte keinen
Versuch, sie dir zu erklären. Selbst jetzt noch, nach allem, was du von MYHANENE und seinen Freunden gelernt hast, wirst du beim
Anblick des Kreisbogens dort unten an einen riesigen dreifarbigen Ball erinnert
— grün, rosa und grau in Schattierungen, wie ihn Kinder zum Spielen
benutzen mögen.
„Du
hast keine Vorstellung von seiner verborgenen Bedeutung. Wie könntest du
auch — bisher hast du dich in deinem Leben fast ausschließlich auf
die Beobachtung äußerer Erscheinungen beschränkt. Du hattest
nicht die Kraft, das Wesen der Dinge zu erkennen und ihre Geheimnisse zu
lösen. Das Erdenleben ist die Kindheit der Seele, und Kinder sind immer
mehr an den Muscheln am Strand, am harmlosen Plätschern im Wasser
interessiert als an Gezeiten, Winden und der Navigation. Jetzt ist es an der
Zeit für dich, zu erkennen, welche Veränderung mit dir vorgeht. Laß
mich dir helfen, den Schleier zu heben, die Siegel zu brechen und zu begreifen,
mit welcher Schönheit und Vollkommenheit Gott seine Pläne entworfen
hat.“
Damit
legte OMRA seine Hand auf meinen Arm, und meine Augen
wurden sehend. Was ich sah, habe ich durch James, meinen irdischen Helfer,
durch eine farbige Querschnitt-Tafel sinnbildlich wiedergeben lassen.
Ich
bedauere nur, daß es unmöglich ist, die Feinheit der
Farbschattierungen nachzubilden. Denn die jeweilige Farbtönung ist ganz
und garnicht willkürlich oder zufällig — sie ist immer ein
genaues Gegenstück des ihr entsprechenden seelischen Schwingungszustandes.
Daß der fleischliche Körper einen Dunst ausstrahlt, bedarf keiner
Beweisführung. Aber während diese körperliche Ausdünstung
nur gelegentlich für unsere Geruchsorgane wahrnehmbar ist, wird die
seelische Ausstrahlung immer sofort sichtbar und kann an ihrer Färbung bestimmt
werden. Sie bildet gewissermaßen die Kleidung der Seele, an deren Farbe
diese „von jedermann erkannt und gelesen“ wird. (2.Kor.3,2).
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Das Seelenreich |
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Erklärung: Der äußere
Kreisbogen bezeichnet die Grenzen des Seelen oder Zwischenreichs. Die
einzelnen Zonen bedeuten: E: Die Erde. Die (unwirklich gewordene) materielle
Welt ist durch einen gestrichelten Kreis angedeutet. I-VII: Die sieben Sphären, die
„Schulklassen‘, in denen die Seele nach der Befreiung vom
Körper aufgenommen und auf ihr künftiges rein geistiges Dasein vorbereitet
wird. VIII: Die Zone der Primitiven, der
Naturvölker, die hier ihrer Entwicklung gemäß unterrichtet
werden. IX: Der Schlafbereich. X: Die große „Kinderstube‘ zur
Aufnahme und Unterrichtung von Kinderseelen, die entweder hinübergingen,
bevor sie geboren wurden oder bevor sie zwischen Gut und Böse
unterscheiden konnten. * Die
erste reingeistige Sphäre, der “erste Himmel“ liegt jenseits
des Kreisbogens! |
Die
Kreisform des Bildes vor mir zeigte an, daß Gott sein Erschaffer war
— ohne Anfang und ohne Ende, das Emblem der Ewigkeit. Aber dennoch war
eine Keimzelle da, ein mikroskopisch kleiner Mittelpunkt, um den sich alles
bewegte.
Unsere
Bildtafel zeigt eine untere und eine obere Gruppe von ineinander
übergehenden Kreisen (a bis ). Das Gebilde ist in der Mitte unterteilt,
läßt aber als Ganzes klar die Umrisse einer Acht erkennen. Wenn ich
die Zeit hätte, über die mystische Bedeutung dieser Ziffer zu
sprechen, würden wir feststellen, daß ihr Auftreten mehr als ein
Zufall ist. Zahlen haben im geistigen Reich eine Bedeutung, die weit über
die mathematische hinausgeht. Viele Bücher könnten darüber
geschrieben werden, ohne daß das Thema erschöpft wäre.
Andeutungsweise
will ich aber dies sagen; wir wissen, daß die Ziffer 7 in der Bibel
gebraucht wird, um die Vollendung verschiedener Zyklen zu bezeichnen,
beispielsweise die Woche oder die Zahl der Jahre für eine bestimmte
Schicksalsperiode. Aber während ein Kreislauf auf diese Weise geschlossen
wird, fängt der nächste schon an. Dies bezeichnen wir mit der Ziffer
8, die zum “ersten Tag“ der neuen Woche wird — zum Tage der
Auferstehung. Das Symbol in unserem Erdenbild weist in prophetischer Weise
darauf hin; es erlaubt einen kurzen Blick auf den Zweck, den der Schöpfer
wahrscheinlich im Sinn gehabt hat, als er die Grundmauern für die Erde und
den Himmel um sie herum legte.
Die
sieben Sphären unseres Bildes sind übrigens dieselben, von denen bei
fortgeschrittenen, im rechten Geiste veranstalteten spiritistischen Sitzungen
so oft gesprochen wird. Selten aber wird ihre Ordnung erklärt, und das
gerade möchte ich im folgenden versuchen.
Außerhalb
der sieben Kreise haben wir noch drei andere Regionen die sich in unserer
Kreiszeichnung recht eigentümlich ausmachen. Wir kommen später noch
auf sie zu sprechen. An dieser Stelle will ich nur sagen, daß diese drei
Bereiche es waren, die durch ihre grüne, graue und rosa Färbung dem
Ganzen das Ansehen eines farbigen Kinderballs verliehen.
Um
kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, möchte ich betonen,
daß unsere Zeichnung weder die materielle Welt darstellt (mit Ausnahme
der durch einen kleinen gestrichelten Kreis angedeuteten relativen Position der
Erde), noch das geistige Reich, sondern ausschließlich das psychische
oder Seelische Zwischenreich, in das der Mensch nach seinem körperlichen
Tode zunächst eingeht. Das Psychische liegt immer zwischen Materie und
Geist. Gott mußte es ebenso schaffen, wie er zwischen Tag und Nacht die
Dämmerung legte. Unsere fleischliche Geburt ist der Eintritt in dieses
Weltgebäude an dem mikroskopisch kleinen Punkt in seiner Mitte, von dem
der Radius des Himmelszirkels geschlagen wird. Jedes Kind betritt die Welt im
Kleide der Unschuld. Wenn Jesus Christus sagte „Es sei denn, ihr bekehret
euch und werdet wie kleine Kinder, so könnt ihr das Himmelreich nicht
betreten“, dann sind wir zu der Annahme berechtigt, daß ein
neugeborenes Kind das Richtmaß der Unschuld ist, die für den
Eintritt in das geistige Reich gefordert wird. Das Wort “Ihr müsset
von neuem geboren werden“ unterstreicht dies noch. (Matth.18,3)
Ebenfalls
dürfen wir annehmen, daß jedes Kind frei von persönlicher
Unreinheit ist, bis es „weiß, das Böse zu verweigern und das
Gute zu wählen“. An diesem Punkt beginnt es, Verantwortung für
seine eigenen Handlungen auf sich zu nehmen und entfernt sich, je nach der
getroffenen Wahl, aus seinem bisherigen neutralen Zustand. Natürlich kann
es von Sünden belastet sein, die seine Eltern oder andere in es
hineinlegten. Das Kind mag sein Leben lang unter den Folgen solcher
Sünden, unter Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu leiden
haben. Aber auf den unschuldig Leidenden wartet im Jenseits ein ebenso
großer Ausgleich, während die schuldigen Eltern nach Gottes
unfehlbarem Gesetz das von ihnen Gesäte bis zum letzten Heller abzutragen haben.
Aber
laßt uns annehmen, das herangewachsene Kind beschließt aus freiem
Willen, ungehorsam gegen Gott zu sein. Genau dies ist die Sünde, auf die
die Doktrin vom Sündenfall gegründet ist. Adam versuchte, sich vor
Gott zu verbergen, als er wider dessen Geheiß gehandelt hatte und sah,
wie die Sünde sein Unschuldsgewand befleckt hatte.
Ist
der erste Schritt getan, so kann es schnell abwärts gehen, weiter und
weiter, bis der körperliche Tod eingreift und der Abtrünnige sich im
faulen Schmutz der Schweine (im Altägyptischen war das Wort Schwein
gleichbedeutend mit Teufel!) wiederfindet. Er liegt in der tiefsten Hölle,
die ein Kind der Erde erreichen kann (1), am Rande des Seelentodes; aber er kann
nicht sterben. Die Sünde ist groß, aber Gott ist größer
— allmächtig — und er, dessen Wort nicht gebrochen werden
kann, hat versprochen: „Ich werde sie aus der Gewalt des Totenreiches
erlösen, vom Tode sie loskaufen (Hosea,13,14).
Wie
die Jakobsleiter in den Himmel, so hat Gott auch für die Hölle eine
Leiter nach oben geschaffen. Ihre Füße stehen im Schmutz des
niedersten Schweinepfuhls, auf daß das Opfer der Versuchung, wenn es aus
seiner Sündenorgie erwacht, die Sprossen erklimmen möge.
In
der nächsten Stufe — die ich auf meiner Reise durch die Hölle
mit Ladas schon selbst gesehen hatte — kämpfen die Seelen
verzweifelt und unablässig gegen den Skorpionstachel ihres erwachenden
Gewissens, umgeben von den Boten Gottes, die nur auf eine Möglichkeit
warten, helfend ihre Hände auszustrecken.
In
die dritte Stufe erhielten wir bereits durch die Erzählung Maries im
Kapitel “Ernte der Eifersucht“ einen guten Einblick. Von CUSHNA wußte ich etwas über die Mittel, die
angewendet werden, um solche Seelen aus Finsternis, Qual und Verzweiflung in
das Licht der Freiheit und Hoffnung zu führen.
Jetzt
steigen wir aus den unterirdischen Gruben und Höhlen der drei tiefsten
Regionen herauf und erreichen die vierte Sphäre — dieselbe, in der
ich nach meiner Ankunft im Jenseits aufwachte. Nicht weit entfernt sehen wir
die Nebelwände, die die Erde einhüllen. Wie nahe der Erde wir hier
sind, werde ich noch weiter erläutern, wenn ich auf die unmittelbar
angrenzende Schlafregion (IX) zu sprechen komme. Die Erde und diese beiden
Zonen sind von der gleichen hellgrauen Färbung!
Wäre
genügend Licht in den Höhlen gewesen, die wir verlassen haben, wir
hätten sehen können, wie die Farbe der Seelenkleider sich
veränderte. Vom dunkelsten Braun immer heller werdend bis zum Ockergelb
und schließlich zum Grau. Vom Erdenkreis (4) an aufwärts geht das
Grau in eine Vielfalt von Farben und Schattierungen über, die immer heller
strahlender und durchscheinender werden, je höher die Seele steigt.
Unser
Bild läßt auf einen Blick erkennen, daß der Erdenkreis (4) den
Mittelpunkt des ganzen seelischen Reichs bildet. Er ist in eine obere und eine
untere Hälfte durch geschwungene Linien geteilt, die allegorisch das
Gleichgewicht der göttlichen Waagschalen andeuten. Aber am besten
läßt sich diese Sphäre vielleicht mit dem Erdgeschoß
eines großen Zollhauses an der Grenze zweier Reiche vergleichen. Hier
wird alles mitgeführte Gut inspiziert, die Kontrabande wird beschlagnahmt,
die Pässe werden geprüft und sorgsam mit Sichtvermerken versehen. Ist
der Reisende nicht gesund, so wird er zur Quarantäne in einen der Kellerräume
eingewiesen. Und viele müssen ihre stolzen Kleider gegen Gewänder
eintauschen, an denen jedermann ablesen kann, wohin sie weiterreisen werden.
Dieser Kleiderwechsel ist häufig eine der größten
Überraschungen für die Neuankömmlinge. Auf einen solchen Fall
werde ich noch zu sprechen kommen.
Im
oberen Teil dieser Sphäre erreichen wir die ersten Gebäude —
das Ruheheim etwa, in dessen Nähe ich dem magnetischen Choral beiwohnte,
das Heim des Assyrers und andere.
Dann,
in der fünften Sphäre, erreichen wir die Stadt des Ausgleichs. Dort,
gerade jenseits der Grenze des Erdeinflusses, traf ich meine Mutter —
Vaone — wieder. Von dort aus haben mich meine Leser auf meinen Reisen
begleitet bis hierher — an den äußeren Rand der siebten
Sphäre.
Aber
bevor wir weitergehen, wollen wir noch einen Blick auf jene anderen drei
Regionen (VIII, IX, X) werfen, die wir bisher kaum beachteten. Wir haben
gesehen, welche Vorkehrungen für die zivilisierten, moralisch
verantwortlichen Kulturrassen getroffen worden sind. Aber der Schöpfer,
dessen Wille es ist, daß alle Bröcklein aufgesammelt werden,
mißt den Seelen der heidnischen, unzivilisierten Welt denselben Wert bei.
Er hat deshalb für ihre Vervollkommnung ebenso sorgfähig Vorsorge
getroffen. Diese verlorenen, verachteten, primitiven Seelen gleichen in mancher
Beziehung Kindern, die das Rechte nicht vom Falschen zu unterscheiden
vermögen.
Darum
hat ER eine Wohnung für sie bereitet (VIII), die auf der gleichen Ebene
liegt wie die niederen Sphären für die Kulturvölker, aber frei
von deren Unreinheiten und Strafen ist. In diesem geschützten Reservat
werden die primitiven Rassen ganz nach ihren eigenen Bedürfnissen
behandelt, um schließlich in die allumfassende himmlische Familie
aufgenommen werden zu können.
Ich
habe schon angedeutet, daß die Zone IX der Bereich ist, in dem sich die
Seelen der Erdenmenschen während der Stunden des Schlafes bewegen
können, ihnen nahestehende “Verstorbene“ treffen und
Belehrungen erhalten. Diese Schlafregion durchschneidet den Erdenkreis (4), hat
die gleiche Farbe und ist von ihr nur durch einen hauchdünnen Schleier
getrennt. Wir haben schon eine ganze Reihe von Beispielen für solche
“Schlafbegegnungen“ kennengelernt und wissen auch, daß die
große Mehrzahl der Menschen bei der Rückkehr ins
Wachbewußtsein leider jede Erinnerung daran verliert. Ein wenig
später will ich aber noch einen Fall schildern, bei dem eine Leserin
meines ersten Bandes mir im Schlaf zustand wertvolle Hilfe leistete.
Das
Vorhandensein der letzten Zone (X) sollte geeignet sein, so manches kummervolle
Herz auf Erden zu trösten und mit Freude zu erfüllen! Denn in diese
Ecke des Himmels gehen die Seelen der Kinder, die tot geboren wurden.
Vollführte ein Kind im Leibe der Mutter auch nur eine einzige
bewußte und eigene Bewegung, so hat es gelebt. Die erste Bewegung war die
Geburt einer neuen Seele — und diese kann niemals sterben!
Von
diesem Augenblick an bis zu dem Punkt, an dem es “zwischen Gut und
Böse“ zu unterscheiden lernt, steht jedes Kind unter der
Fürsorge eines besonders dafür bestimmten Engels. Deshalb auch sagte
der Meister: „Sehet, daß ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet;
denn ich sage euch, daß ihre Engel im Himmel immer das Antlitz des Vaters
erblicken.“
Wenn
diese unbefleckten kleinen Seelen nicht in ihrem Erdenkörper bleiben
können, werden sie direkt in diese Kinderstube des Himmels gebracht und
dort auf das Leben im
geistigen Reich vorbereitet. Sie sind zwar sündenlos, doch durchaus nicht
immer frei von ererbten schlechten Anlagen oder vorgeburtlichen
Einflüssen, denen die Mutter unterlegen haben mag. Diese müssen
vollständig beseitigt werden. Denn auch für Kinder gilt das eherne
Gesetz: Es darf absolut nichts Unreines das Himmelreich betreten!
* * *
Ich
glaube, es ist sehr wichtig, wenn ich an dieser Stelle eines besonders betone:
Niemand kann aus eigener Kraft in eine Sphäre gelangen, deren Schwingungen
höher sind als die seines eigenen Entwicklungszustandes. Es ist immer die
höhere Sphäre, die zur niedrigeren herunterstrahlt und ihre Boten
schickt. Deshalb hat kein Magier, kein Suchender auf der Erde die
Fähigkeit, ein Geisteswesen zu beeinflussen, das höher steht als er
selbst. Das gilt auch für die spiritistischen Séancen.
Man
mißverstehe mich nicht. Ich verdamme nicht die Suche an sich — Gott
verhüte, daß ich auch nur die geringste Anstrengung verachte, den
Menschen das Weiterleben nach dem irdischen Tode zu beweisen, so
kümmerlich der Erfolg oft auch sein möge. Gott hat sich, wenn der
Vorfall wahrheitsgetreu wiedergegeben worden ist, einmal sogar der Stimmbänder
eines Esels bedient (4.Mose,22,28). Aber weil er dies unter gewiß ganz
ungewöhnlichen Umständen tat, dürfen wir noch lange nicht
folgern, daß das Schreien jedes Esels als die Stimme Gottes zu gelten
hat.
Nicht
ist gefährlicher und dämonischer als Irrtum im Kleide der Wahrheit.
Deshalb ist jedermann gehalten, die Warnung des Johannes zu beachten:
„Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie von
Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten ausgezogen in die Welt“ (1.Joh.4,1).
Deshalb
müßt ihr völlig gewiß sein, daß euer Suchen nicht
zu einem Trugbild führt. Ihr habt ein Recht, nein, ihr habt die Pflicht
dies festzustellen. Laßt das Gebet immer am Anfang eures Strebens stehen,
welcher Form dieses auch sei. Große Dinge sind zwangsläufig auch
immer mit großen Risiken verbunden. Ich habe schon darauf hingewiesen,
wie stark die vierte Sphäre — die Pforte, durch die der Eintritt
erfolgen muß — in mehr als einer Beziehung an die Welt der Materie
gebunden ist. Ihre Bewohner sind zum größten Teil Neuankömmlinge
und deshalb mit dem Jenseits noch nicht viel besser vertraut als die
Erdenmenschen selber. Jene, die aus einer niederen (Reinigungs-)sphäre in die vierte Zone zurückgekehrt sind,
schweigen gewöhnlich über ihre persönlichen Erfahrungen. Aber gerade
diese Erdensphäre ist der große Marktplatz auf dem die
Bedürfnisse der großen Mehrheit aller spiritistischen Sitzungen
befriedigt werden. Mögen sich alle, die Kenntnis von solchen Dingen haben,
darüber Rechenschaft zu geben suchen, wie selten einer der sich
kundgebenden Geister aus der fünften Sphäre spricht.
Ich
leugne keineswegs die Echtheit der Kundgaben selber, wenngleich auch hier der
Schein zuweilen trügen mag. Worauf es mir ankommt ist, daß Seelen
aus der vierten Sphäre — wie lange sie auch schon im Jenseits sein
mögen — nicht fortgeschritten genug sind, um mit einiger Glaubwürdigkeit über geistige Dinge
zu sprechen.
Für
den Menschen, der die Verbindung zum Jenseits sucht, ist es von
allergrößter Wichtigkeit, daß er sich zunächst selber
prüft und sich gänzlich darüber klar wird, welcher Art die
Seelen sein werden, die vielleicht auf seinen Ruf antworten. Ich möchte
ihm raten, sich bei dieser Selbsteinschätzung eher unter zu bewerten als
zu hoch. Die geistigen Gesetze der gegenseitigen Anziehung können nicht
ausgeschaltet werden — ebensowenig wie die physikalischen Gesetze, die
uns davor warnen, ein Streichholz an ein Faß Schießpulver zu
halten!
Beginnst
du dich zu fragen, lieber Leser, wohin ich dich führe? Habe ich eine
Türe der Hoffnung geöffnet, nur um sie wieder zuzuschlagen und
über deine Vertrauensseligkeit zu lachen? Das verhüte Gott! Wo du
stehst, habe auch ich gestanden. Ich weiß, wie heilig die Suche nach der
Wahrheit ist, da ich mein Erdenleben lang dieselbe Sehnsucht hatte. Ich
weiß um die ergreifende Feierlichkeit der Stunde, in der wir uns dem
brennenden Busch nähern. Es gibt Menschen, die in ihrer Jagd nach dem
Wundersamen und Verborgenen “hineineilen, wo Engel zu treten
fürchten“. Ihnen möchte ich sagen:
Kehret um; wohin wir gehen, ist kein Platz für euresgleichen! Denen aber,
die gebrochenen Herzens sind, die Licht in der Finsternis ihres Lebens suchen,
reiche ich meine Hand.
Um
auf den rechten Weg zu gelangen, muß der Mensch alle seine Kräfte
aufbieten, um sich in Einklang mit den Bedingungen des geistigen Lebens zu
setzen. Er mag kein
Heiliger sein — aber wenn er sich seiner Fehler bewußt ist und mit
heiligem Ernst nach Reinheit strebt, so wird dies, gewissermaßen auf
Bewährung, als bare Münze angenommen werden. Deshalb also wird keine
wirklich hungrige Seele mit leeren Händen davongeschickt.
Das
Gebet oder ein sehnsüchtiger Wunsch ist der “Funkspruch“
zwischen der in die Materie eingeschlossenen Seele und dem Jenseits, der die
erste Verbindung ermöglicht. Wer aufrichtig und reinen Herzens betet, kann
nicht irre gehen. Der Funkspruch kann, je nach der Welle, auf der er abgesandt
wird, nur einen von zwei Empfangsbereichen erreichen: entweder den von Gott
eingerichteten oder den seiner Feinde.
„Wann
antwortet Gott auf ein Gebet?“
Als
ich OMRA diese Frage stellte, meinte er
lächelnd, „So kann man natürlich nur auf Erden fragen. Ich will
dir eine Gegenfrage stellen, Aphraar: Wenn du beim Betreten eines Raumes den
Schalter drehst, erhältst du dann Licht?“
„Natürlich“,
sagte ich. „Wenn die Lichtanlage in Ordnung ist.“
Ich
hatte mir die Antwort selbst gegeben. Alles hängt von dem bedingenden
“Wenn“ ab. Christus sagte: „Wenn ihr in mir bleibet und meine
Worte in euch bleiben, möget ihr bitten, was ihr wollt, so wird es euch
widerfahren“ (Joh.15,7).
Das
einleitende “Wenn“ ist
dabei eine unabdingbare Voraussetzung, die von den Menschen bei ihren Gebeten
nur allzu oft vergessen wird. Es ist der einzige Schlüssel zur
Verwirklichung dessen, um was gebeten wurde!
Ich
habe bereits gesagt, daß es mir fern liegt, den aufrichtigen, in Demut
Suchenden zu entmutigen. Der Séanceraum und das Medium mögen ihm im
Einzelfall willkommene Dienste leisten. Aber dennoch sollten sie bei der
Verbindung zwischen den beiden Welten eher als Ausnahme denn als Regel
angesehen werden. Es gibt einen anderen, wirklich königlichen und
natürlichen Weg zwischen Diesseits und Jenseits, der unvergleichlich
besser ist und jede Täuschung ausschließt: Den Schlaf.
Gott
hat in der Schlafregion des Zwischenreiches eine natürliche Schule
geschaffen, in der die während der Nachtstunden vom Körper befreite
Seele besser auf ihre Zukunft im Jenseits vorbereitet werden kann, als durch
alle Lehren der Erde. Sollen wir wirklich glauben, daß Gott die
Möglichkeiten zur Verbindung mit seinem Reich auf Séancen und
Trancemedien beschränkt hat? Lassen wir die Sonne nur durch
Reflektionsspiegel auf uns scheinen und spüren wir die freien Winde des
Himmels nur durch den Kaminfang?
Laßt
uns die Bibel befragen. „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf
die Menschen überfällt, da öffnet ER das Ohr der Menschen
… daß er seine Seele von der Grube zurückhalte und sein Leben
bewahre, damit es nicht umkomme durchs Schwert“ (Hiob,15,18).
Von
Anfang an hat Gott diesen Weg benutzt, um die Menschen zu belehren, denn er
hatte sie nicht etwa als intelligenzbegabte Tiere geschaffen, sondern nach
seinem eigenen Bilde — als Kinder seines Geistes. Und welcher gute Vater
verzichtet darauf, seine Kinder — so sie sich nicht in Ungehorsam bewußt
von ihm abwenden — zu belehren und zu erziehen?
Für
diesen Zweck ist der Schlafbereich da, wo ungezählte, als Lehrer
befähigte Seelen bereitstehen, um den Erdenkindern den rechten Weg zu
weisen. Diese Unterweisung ist in jedem Fall genau den Bedürfnissen des
Einzelnen angepaßt. Und die Weisheit Gottes, die dem Menschen
während seines Schlafes diesen Weg geöffnet hat, hat auch dafür
gesorgt, daß seine Betreuer ihn ebenso in den Stunden des Wachens
erreichen können. Denn seine Engel wird er für dich aufbieten,
daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Ps.90,11). Die
Verständigungsmöglichkeiten, die diesen Engeln zur Verfügung
stehen, sind so vielfältig, wie die Ursachen, die ihr Eingreifen erfordern
mögen.
Noch
eins, damit kein Mißverständnis entstehe. Es heißt: „Im
Traume, wenn tiefer Schlaf
die Menschen überfällt …“ Nicht also die wirren
Träume in den Stunden flachen Schlafs, oder kurz vor dem Erwachen, an die
wir uns am ehesten erinnern, entstammen solchen Erlebnissen aus dem
Schlafbereich unseres Weltenbildes (IX). Dorthin gelangt die Seele nur im Tiefschlaf.
Ich
weiß sehr wohl, daß es schwer für die Menschen unserer Zeit
ist, sich soweit von ihren Fesseln zu befreien, daß sie sich wieder an
ihr Schlafleben erinnern können. Ich sage bewußt
“wieder“, denn dieses Erinnerungsvermögen ist ein
natürliches Erbe der Menschheit das in Jahrtausenden lediglich mehr und
mehr verschüttet wurde. Es kann zurückgewonnen werden. Aber jede
Seele muß sich selbst darum bemühen — niemand kann es ihr
schenken. Der Weg dazu führt wieder über das Gebet — in der
Stille eures Kämmerleins. Betet darum, reinen Herzens, bis sich die
Türen der Erinnerung öffnen und ihr das wieder besitzet, was euch als
Kindern Gottes von Rechts wegen zukommt.
*
Habe
ich meinen Lesern zuviel zugemutet? Ist unser Weltbild mit seinem offenen
Verbindungsweg durch den Schlafbereich zuviel für das menschliche
Begriffsvermögen? Dann kann ich nur dieses erneut betonen: Obwohl ich von
einem Standort spreche, wo der Glaube durch klare, offene Erkenntnis ersetzt
worden ist, bestehe ich nicht darauf, daß man mein Wort annimmt, wenn es
der Vernunft und Logik des einzelnen Lesers nicht standhalten mag. Ich bitte
nur darum, ernsthaft darüber nachzudenken, was ich gesagt habe, und
— je nach dem Urteil darüber — entsprechend zu handeln. Ich
spreche in brüderlicher Liebe über die Dinge, wie ich sie erlebt
habe, und bin mir meiner Verantwortung wohl bewußt.
Und
habt Geduld! Dem, der den richtigen Weg eingeschlagen hat, wird nach und nach
jede geistige Gabe geschenkt werden, derer er bedarf. Jeder Mensch hat seine
eigene Aufgabe, und die möglichen geistigen Gaben sind so zahlreich, wie
die Gnade Gottes unendlich ist. Seid auf der Hut vor den falschen Wegweisern
und achtet darauf, daß die Vorbedingungen erfüllt sind; dann wird
allen, die anklopfen, geöffnet werden.
* * *
Ich
war allein — in einem uferlosen Meer der Offenbarung. Jeder Windeshauch,
jedes Kräuseln dieses Meeres schien die unfaßbare Schönheit,
Majestät und Vollkommenheit der Schöpfung noch zu erhöhen. Alles
um mich herum war ein einziges Gedicht, geboren aus einem Traum der Liebe im
Herzen Gottes, ein Kunstwerk in Farbe, Ton, Duft und Licht, ein Regenbogen des
Lebens, der die Ewigkeit überbrückt.
Ich
war allein — treibend, träumend, verloren im All der Offenbarung,
das mich von allen Seiten umgab; jeder Hauch, der meine Wange berührte,
jeder Ton, der mein Ohr liebkoste, jeder Duft, der meine Seele erfrischte,
schien sein Echo in einer neuen und noch wunderbareren Gnade zu finden —
bis ich nachgab und in den Schlaf sank.
RAEL weckte mich auf. Leise war er an
mein Lager getreten, und als ich die Augen öffnete, fragte er scherzend:
„Soll ich dich mit dem Ruf des Propheten erwecken: Erwache, der du da
schläfst?“
„Ich
wünschte eigentlich“, antwortete ich, „daß ich
weiterschlafen und meinen Traum fortsetzen könnte.“
„Das
glaube ich gern. Aber der Schlaf ist für die Kinder der Nacht. Wir, die
wir dem Tage angehören, müssen tätig sein. OMRA hat mich gebeten, dich zu einem Ort zu begleiten, an
dem du kurz nach deiner Ankunft schon einmal warst. Wollen wir gehen?“
„Ich
füge mich ganz deinen Wünschen“, sagte ich. „Ich bin von
den Offenbarungen, die hier auf mich einstürzen, so überwältigt,
daß ich keinen eigenen Gedanken fassen kann.“
„Es
könnte auch kaum anders sein! Ein Dorfjunge, der plötzlich und zum
erstenmal in eine Großstadt versetzt wird, wäre ein sehr schwacher
Vergleich zu deiner Lage. Darum stehen wir ja bereit, um dir beizustehen, bis
du deinen Weg allein findest. Wollen wir also gehen?‘
Ohne
auf meine Antwort zu warten, legte RAEL seine
Hand sanft auf meine Schulter, und im Augenblick — ohne daß ich mir
einer Anstrengung bewußt wurde — standen wir auf dem Kamm des
Hügels, wo ich einstmals Eusemos getroffen
hatte, im Schwerpunkt des Seelenreiches, dem Mittelpunkt der vierten
Sphäre. Hinter uns lag der Hang, auf dem mich Helen gefunden hatte, zu
unserer Rechten die Nebelwand und vor uns die prismatische Landschaft mit ihrer
ständig wechselnden, belebten Szenerie.
Wenn
ich bisher “im Fluge“ von einem Ort zum anderen reiste, war ich mir
immer bewußt, daß ich mich fortbewegte — und dies
außerdem nur dank der Hilfe meines jeweiligen Begleiters. Beides galt
nicht für diesen Fall. RAEL hatte
mich nur berührt — und wie durch Zauberhand standen wir an unserem
Ziel!
Ich
traute kaum meinen Augen. „Was ist geschehen?“, stammelte ich,
hilflos meinen Begleiter anblickend.
RAEL
lächelte. „Wir haben ganz einfach nur einen weiteren Schritt in
deiner Entwicklung getan. Bei alledem, was jetzt auf dich eindrängt, ist
es nicht verwunderlich, wenn du gelegentlich vergißt, daß du dich
mitten in deiner zweiten Geburt befindest. Deine Aufmerksamkeit wird fast ganz
von den Geschehnissen um dich in Anspruch genommen; wir aber, die wir dir beim
Abwerfen der letzten irdischen Hemmnisse zu helfen haben, verfolgen
ständig deine Fortschritte, auf daß wir dich so bald als
möglich zum Ziele führen können.“
„Unsere
Blitzreise“, fuhr RAEL fort, „stellt also einen
weiteren Schritt in der gewünschten Richtung dar. Vielleicht verstehst du
das besser, wenn ich dir von vorneherein die großen Zusammenhänge
erkläre.“
„Ich
wäre mehr als dankbar dafür!“, rief ich.
„Nun,
dann laß mich beginnen, indem ich dich daran erinnere, daß die
menschliche Intelligenz — auf Erden — auf die Kenntnis oder
Beherrschung von nur drei Dimensionen beschränkt ist: Länge,
Höhe und Breite. Der in seinem Körper verstrickte Mensch weiß
nichts von dem Wesen und der Quelle des Lebens, das hinter dem Schleier der
äußeren Erscheinung liegt. Und eines der größten und tiefsten
Probleme die er nicht gelöst hat, ist — er selbst! Wenn aber die
Schatulle, den Edelstein enthalten soll, sich durch nichts öffnen
läßt, welcher Wert ist dann den Meinungen, Theorien und
wissenschaftlichen Schlüssen derer beizumessen, die sich über den
Edelstein streiten?
„Indem
sie diesen blinden Führern folgte, deren Gesichtskreis ganz allein von der
Materie und vom kalten Intellekt bestimmt ist, hat die Menschheit den Weg
verloren und ist in eine Wildnis der Sünde und Rebellion gegen Gott
geraten. Jetzt steht die Ernte bevor, und wir — die Arbeiter auf dem
Acker Gottes — sind beauftragt, die Erde mit der Verkündung der
Schrift zu wecken: “Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“.
Dieses Bild besteht nicht aus Fleisch und Knochen, sondern aus reinem Geist!
„Die
Eigenschaften der Gottheit sind dreierlei: Allmacht, Allwissen und
Allgegenwart. Und genau diese drei Eigenschaften sind auch das Erbe der
Gottes-Kindschaft; sie sind in die Menschen hineingelegt, um erweckt zu werden,
wenn Zeit reif ist.
„In
Zahl und Reihenfolge ihrer Entfaltung entsprechen die göttlichen
Eigenschaften dem dreifältigen Wesen des Menschen — Körper,
Seele und Geist. Dem Körper wurde bei Schöpfung Allmacht im irdischen
Bereich verliehen: „Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und
mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. Herrschet
über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und
über alles Lebendige, was auf Erden sich regt!“
„Und
obwohl der Mensch in Sünde verfiel und Gott untreu wurde, hat Gott sich an
sein Wort gehalten. Der Mensch hat wahre Wundertaten vollbracht. Aber seine
Eroberungen sind wider das Gesetz errungen worden, das ihm Gehorsam auferlegte.
Der Mensch lauschte den Einflüsterungen der Finsternis und streckte seine Hand
in frevelndem Ungehorsam nach dem Erbe Gottes aus. Vergeblich!
„Als
es den Anhängern der materiellen Wissenschaft und Philosophie nicht
gelingen wollte, das Szepter der Macht an sich zu reißen, da sie den
Schöpfer nicht zwingen konnten, sich ihnen zu stellen, kamen sie
ungeachtet dessen, was sie nach außen hin auch bekennen mochten, zu dem
falschen Schluß: Wir können keinen Gott finden.
„Die
zweite göttliche Eigenschaft ist das Allwissen. In ihrem Verhältnis
zu den anderen ist sie vergleichbar mit der menschlichen Seele, die weder
materiell noch geistig ist, sondern ein ätherisches Ebenbild des
Körpers und Charakters — das Zwielicht zwischen Nacht und Morgen.
Sie umspült das Körperliche und ermöglicht die Verbindung; von
der einfachsten Form des Hellwissens bis zur freien Sicht des Gottnahen. Vor
allem aber ist sie der Träger unseres Ichs, das sich in den Stunden des
irdischen Schlafs vom Körper befreit. Die Wissenschaft belächelt
diese biblische Wahrheit als Aberglauben. Aber gerade auf diesem Felde wird der
Kampf zwischen Materie und Geist ausgefochten. Seine Ergebnisse sind noch
wechselhaft, doch über seinen Ausgang kann es keinen Zweifel geben.
„Die
dritte Eigenschaft des Gottes, in dessen Bilde wir geschaffen sind — die
Allgegenwart — gehört der geistigen Sphäre zu. Die Seele hat
die letzten Spuren irdischer Unreinheit abgelegt und tritt das ganze Erbe des
Königreiches an. Wir werden frei in Christus — in der Tat so frei,
daß wir uns mit der Fähigkeit der Allgegenwart in der vierten
Dimension bewegen können.“
„Der
vierten Dimension? Was ist das?“
„Das
Reich des unbegrenzt Geistigen. Als OMRA dich an
den Rand des Abgrunds brachte, schrecktest du zurück, nicht wahr?“
„Allerdings;
war das verwunderlich?“
„Nein,
es war eine ganz natürliche Reaktion, hervorgerufen durch Furcht ―
ein irdisches Anhängsel! OMRA verstand
das sofort und führte dich andere Wege, damit der in dir arbeitende
Entwicklungsprozeß abgeschlossen werden könne.“
„Wann
wird das sein? Hast du eine Ahnung?“
„Ja,
Aphraar, die Anzeichen sind zu deutlich, als daß noch Zweifel
möglich wären. Du hast das Ziel bereits erreicht.“
„Bist
du sicher?“
RAEL nickte. „Absolut. Der Beweis
wurde mir durch die Art und Weise gegeben, in der du mich hierher begleitet
hast.“
„Aber
wie?“, rief ich. „Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“
„Natürlich
nicht.“ RAEL mußte herzhaft über
meine Verwirrung lachen. „Soll ich es dir erklären?“
„Ja
bitte“, drängte ich.
„Ist
dir nicht aufgefallen, daß du für die Reise hierher weder auf meine
aktive Unterstützung angewiesen warst, noch überhaupt eine
Fortbewegung bemerktest?“
„Ja, aber wie kam das?“
„Weil
du bereits den Bruch mit den letzten Erdeneinflüssen vollzogen hast. Damit
trittst du das geistige Erbe der dritten Eigenschaft Gottes an — die
Allgegenwart. Sie erlaubt die ungehemmte Bewegungsmöglichkeit einer Seele
jeweils bis zu dem Punkt der Reinheit, den zu erreichen sie die innere
Stärke hat. Denn es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß alle diese
göttlichen Eigenschaften sogleich in der Vollkommenheit vorhanden sind. Wie
alle anderen Gaben Gottes werden sie uns zur rechten Zeit eingepflanzt und
entwickeln sich dann ganz in dem Maße, in dem wir unser Streben darauf
richten. Wir alle tragen die Umrisse des göttlichen Bildes in uns. Aber
seine Farben und Details müssen wir selber einfügen, während wir
von Stufe zu Stufe in der Hierarchie des Himmels emporklimmen.
„Bei
dem Schritt, den du jetzt zu tun im Begriff bist, wirst du die Grenzen von Zeit
und Raum hinter dir lassen; beide werden fortan keine Bedeutung mehr für
dich haben. Tausend Jahre werden wie ein Tag für dich sein und ein Tag wie
tausend Jahre, was deine Leistungs- und Erkenntnisfähigkeit betrifft. Der
Gedanke an Vergangenheit und Zukunft wird dir immer fremder werden,
während du dich deinem neuen Leben in der geistigen, der vierten Dimension
anpaßt. Du wirst die Kraft entwickeln, immer und überall “zu
sein“, erst in der Vergangenheit und dann in der Zukunft des einen,
ewigen Jetzt. Unsere Reise hierher war ein erstes Beispiel: Wir wünschen
etwas — und es geschieht im gleichen Augenblick.“
„All
das ist fast zu wunderbar, als daß ich es schon ganz fassen
könnte“, sagte ich. „Aber werde ich jenen furchtbaren Abgrund
jetzt wirklich überqueren können?“
„Ja,
und er wird dir jetzt auch nicht mehr so furchtbar erscheinen. Ich wäre
nicht einmal überrascht, wenn du dir der Überquerung garnicht
bewußt wirst. Aber bevor wir zurückkehren, möchte ich,
daß du hier noch Gelegenheit hast, festzustellen, wie anders die Szene
vor uns heute auf dich wirkt als damals.“
* * *
(Lukas,10,30)
Ich merkte schnell, worauf es RAEL abgezielt
hatte. Die Landschaft vor mir bot äußerlich denselben Anblick wie
damals, als ich sie in der Begleitung Helens und Eusemos‘
das erste Mal gesehen hatte. Was sich verändert hatte, war ich selbst
— der Betrachter. Damals hatte ich den starken Wunsch verspürt, in
Richtung auf die Nebelwand zurückzugehen, bedingt durch die
Anziehungskraft der Erde; heute dagegen fühlte ich mich in die entgegengesetzte
Richtung gezogen. Damals nahm ich die vielen verschiedenfarbigen Wege dieser
prismatischen Landschaft als eine interessante optische Erscheinung in mich
auf; heute war jede kleinste Farbschattierung dieses Panoramas eine lebendige
Erkenntnis für mich. Damals war ich darüber erstaunt, daß man
es vielen Neuankömmlingen überließ, sich in dieser scheinbaren
Wirrnis von Wegen zurechtzufinden; heute sah ich die Weisheit und liebende
Güte, sich hinter dieser Anordnung verbarg.
Mein
Begleiter hatte mich hierher gebracht, um mir eine Anschauungslektion über
den Fortschritt zu geben, den ich unter der Anleitung von MYHANENE und seinen Freunden gemacht hatte.
„Siehst
du Aphraar“, sagte RAEL neben mir, „es gibt
Rückblicke, die das Vertrauen und den Eifer zum Fortschritt stärken!
Du kannst in der Szene vor uns heute die Tiefen mancher Dinge ausloten, die dir
damals ein unlösbares Geheimnis schienen. Und wenn du später erneut
hierher zurück kehrst, wirst du noch tiefer sehen können. So
öffnen sich Werke Gottes von Mal zu Mal zu immer größeren
Offenbarungen.“
„Wenn
dem so ist“, fragte ich, „gewinnt dann nicht jede Stelle unseres
Pilgerweges rückblickend ähnliche Anziehungskraft wie der Hain der
Stimmen?“
„In
gewissem Sinne ja. Aber der Hain und seine Umgebung bedeuten etwas ganz
Besonderes für jede Seele, die ihn durchschritten hat, ist er das was der
Ölberg für den Meister war — der Ort, von dem aus er zum Himmel
aufstieg, nachdem er die letzten Fesseln des Fleisches abgeworfen hatte. Dort
wird das Sterbliche endgültig im Siege überwunden.“
„Jetzt
beginne ich erst die unerhörte Bedeutung dieses Ortes richtig zu
begreifen!“, rief ich. „Wie seltsam, daß ich bisher nicht
— — —„
„Warte,
was geschieht denn da?“, unterbrach mich RAEL und
zeigte auf zwei Seelen, die sich auf uns zu bewegten. „Die beiden
scheinen ein besonderes Problem zu haben. Der eine ist einer unserer Helfer,
der andere — ich brauche dir das wohl kaum zu sagen — ist ein
Neuankömmling. Er scheint sich gegen irgend etwas zur Wehr zu setzen, das
er als ungerecht empfindet.“
Das ungleiche
Paar war noch nicht ganz zu uns herangekommen, als der eine auch schon RAEL anrief.
„Stimmt
es, daß Sie hier eine verantwortliche Stellung innehaben?“
„Wenn
ich irgendwie behilflich sein kann“, antwortete mein Begleiter,
„stehe ich gerne zur Verfügung.“
„Ich
suche jemand, der einen sehr ernsten Mißstand beseitigen kann; jemand,
der Autorität ausübt. Sind Sie befugt, in solchen Dingen zu
entscheiden?“
RAEL blickte mitleidig auf den erbosten
Mann. „Wollt Ihr mir nicht sagen, was Euch bekümmert? Wir alle hier
sind nicht nur verantwortlich, anderen Dienste zu leisten, sondern tun es auch
gern.“
„Aber
sind Ihre Dienste amtlich und befugt?“
„Wollt
Ihr mir nicht Eure Beschwerde sagen?“, wiederholte RAEL freundlich drängend. Wenn ich dann keine Hilfe zu
leisten vermag, kann ich Euch sofort zu jemandem bringen, der dazu
befähigt ist.“
„Nun
gut. Aber muß ich meine Beschwerde noch nennen?“ Mit einer
Gebärde des Abscheus breitete der Fremde die Arme aus. „Sehet mich
an, meinen schmutzigen Aufzug. Spricht er nicht für sich selbst?“
„Arme
Seele, ja, er spricht nur allzu deutlich für sich selbst. Wer seid
Ihr?“
Aber
RAEL erhielt eine scharfe, hochmütige
Antwort.
„Ich
habe Sie nicht um Ihr Mitleid gebeten, junger Mann! Ich darf wohl erwarten,
daß man mir den Respekt zollt, der meiner Stellung angemessen ist.“
„Dann
darf ich nochmals fragen Wer seid Ihr?“
„Ich
bin der Dechant ―“
RAEL unterbrach ihn: „Ihr wollt
sagen, Ihr wart der
Dechant …“
„Ich
bin es immer noch, bis ich über meine Amtsführung Rechenschaft
abgelegt habe.“
*) Hier greift Aphraar ein Erlebnis
heraus, um zu zeigen, wie die Bewertung der im Jenseits Ankommenden stets nur
nach ihren Taten, niemals aber nach dem äußeren Schein, den sie
bisher vielleicht für ausschlaggebend ansahen, erfolgt. Ob es sich, wie in
diesem Fall, um einen Geistlichen handelt oder um den Angehörigen eines
anderen Berufes, ist hierbei von völlig untergeordneter Bedeutung. Der
Herausgeber
„Seid
Ihr denn nicht durch eine Handlung Gottes aus Eurem Amt entfernt worden?“
„Nach
Gottes Beschluß ruhe ich jetzt von meiner Arbeit aus, aber nur, um meinen
Lohn entgegenzunehmen. Wollt Ihr etwa sagen, daß die Lumpen, die man mir
angezogen hat, ein Teil meines Lohnes sein sollen?“
RAEL beeilte sich nicht, zu antworten. Er
blickte auf den erregten Mann mit einem Ausdruck unendlichen Mitleids.
Schließlich fragte er mit leiser Stimme:
„Entspricht
der Lohn nicht deinen Erwartungen?“
Der
Ton, in dem diese Frage gestellt wurde, überraschte seinen Gegenüber
und schien ihn zu entwaffnen. Ein wenig zerknirscht kam die Antwort:
„Ich
hatte mich weniger auf persönliche Erwartungen verlassen als auf
Versprechungen.“
„Welche
Versprechungen?“ RAELS Frage kam forschend, aber ebenso
sanft wie zuvor. „Und hast du ihrer immer mit einem wahrhaft
bußfertigen Herzen gedacht, oder nur, weil du die Bibelstellen auswendig
gelernt hattest und ihre Nennung zu deinem Amt gehörte?“
Aber
noch lebte der rebellische Geist in unserem Kirchendiener. Gereizt fragte er:
„Welches Recht habt Ihr zu diesem Kreuzverhör?“
„Das
Recht eines älteren Bruders, der, um Hilfe gebeten, sehnlichst
wünscht, ein schmerzhaftes Mißverständnis zu beseitigen.“
„Dann
sorgt bitte zuerst dafür, daß ich anständige Kleider bekomme.
Dieser Lumpenaufzug hier ist ein ganz übler Scherz. Dann bin ich bereit,
zu hören, was Ihr sonst zu sagen habt.“
Als
ich dies hörte, dachte ich an das Wort von der “Engelsgeduld“,
die hier im wörtlichsten Sinne auf die Probe gestellt wurde. Aber RAEL schien mit jedem Satz nur noch ruhiger und
selbstbeherrschter zu werden.
„Bist
du noch nicht lange genug hier“, fragte er, „um entdeckt zu haben,
daß deine Kleidung, so erbärmlich sie ist, einen Teil deiner selbst
bildet? Daß sie ganz dir angepaßt, ganz mit dir verwoben ist, und
daß niemand sie ändern kann als nur du selbst?“
„Das
wollen wir sehen!“ Mit einer ungläubigen, verächtlichen Geste
wandte sich der Angesprochene ab und begann wie wild an seinen Kleiderfetzen zu
zerren. Die Folgen dieser Anstrengung, das verhaßte Gewand abzuwerfen,
waren beredter, als jeder Überzeugungsversuch es hätte sein
können. Es war, als wollte er sich selbst in Stücke reißen.
Mit
einem Schmerzensschrei ließ der Mann von seinem Vorhaben ab und wandte
sich uns in stummer Verzweiflung wieder zu.
„Mein
armer, unglücklicher Bruder“, sprach RAEL ernst.
„Denn so traurig dein Zustand zur Zeit ist, du bist nach wie vor ein
Mitglied der großen Familie. Vielleicht versuchst du dies zu begreifen
und daran zu denken, daß ich immer bereit sein werde, dir zu helfen. Du
kannst dies wohl schwerlich so verstehen, wie ich es meine, denn ein solches
Angebot nach so kurzer Bekanntschaft muß dich vermuten lassen, daß
ein Hintergedanke dabei im Spiel ist. Nun, du wirst bald begreifen lernen,
daß Unehrlichkeit und Heuchelei bei uns nicht verborgen werden kann
— jeder von uns trägt seinen Charakter für alle lesbar mit
sich. Ich hätte nicht nach deiner Vergangenheit zu fragen brauchen, ich
konnte sie an deinem Gewand nur allzu deutlich erkennen. Ich wollte dir nur
dein eigenes, so gewohnheitsmäßig ausgesprochenes Bekenntnis in
Erinnerung bringen: „Wir sind alle wie ein unrein Ding und all‘
unsere Rechtschaffenheit ist gleich schmutzigen Lumpen“ — aber du
wolltest nicht hören.“
„Vergeßt
Ihr die Sakramente? Sind sie denn nutzlos?“
„Jede
Gabe Gottes wird zu einem Sakrament, wenn sie rechtmäßig, getreu und
ehrfürchtig angewendet wird — ein äußerliches Zeichen
einer inneren, geistigen Gnade. Andererseits aber kann das heiligste Symbol des
Himmels nicht nur wirkungslos sein, sondern den Weg zu Irrtum und Sünde
bereiten, wenn es leichtfertig oder frevlerisch mißbraucht wird. Das eine
Sakrament aber, dessen Beachtung Gott den Erdenmenschen gebietet, ist die
Liebe. Es kann durch kein Ritual ersetzt werden — es ist einfach,
natürlich und allumfassend.“
RAELS Stimme wurde um noch einen Ton
weicher als zuvor. „Was kann ich nun tun, um dir zu helfen, arme Seele?
Warum warst du so blind und taub? Warum täuschtest du dich so sehr,
daß du nicht auf dich selbst bezogst, was du anderen predigtest:
„Wehe euch, Ihr Schriftgelehrten und Pharisäer; denn Ihr
verschließt das Himmelreich gegen die Menschen — weder werdet ihr
selber dort eingehen, noch laßt ihr die hinein, die hinein wollen“
(Matth.23,13). Allzu leichtfertig hast du es gewagt, eine Stellung von heiliger
Verantwortung zu übernehmen, obwohl du sie nicht verstandest; ein
geistiges Amt auszuüben, zu dem du nicht berufen warst; den Menschen einen
Weg zu weisen, den du selber nicht kanntest — du mußt nun notwendig
die Ernte deiner Vermessenheit einbringen. Es gibt kein Entrinnen.“
Von
dem Hochmut des also Angesprochenen war nichts mehr übrig, als RAEL geendet hatte. Furchtsam meinte er:
„Was
du gesagt hast, mag stimmen. Aber bin ich nicht irgendwie auch ein Opfer? Ich
habe das von dir gerügte System nicht erfunden, sondern von meinen
Vorvätern als geachtetes Erbe übernommen. Muß man mir
dafür nicht mildernde Umstände zubilligen?“
„Gewiß,
mein Bruder. Du hast ein Recht darauf, daß dieses berücksichtigt
wird, und so wird es geschehen. Laß‘ uns für einen Augenblick
niedersitzen, damit ich dir etwas über das Wirken des Vaters erzählen
kann, dessen Liebe auch dich überstrahlt.“
Wir
nahmen auf dem Kamm des Hügels Platz. „Die Bestimmung eines jeden
Lebens auf der Erde — ohne Ausnahme —“, begann RAEL, läßt sich in den Schriften finden, die uns
vom Leben Jesu überliefert sind. Manche Erläuterung dazu und viele
andere Dinge, soweit sie wesentlich sind, finden wir in den anderen Teilen der Heiligen Schrift. Das Gesetz
und die Propheten sind nicht ein theologischer Kodex, nach dem einige Menschen
die übrigen regieren dürfen, sondern Sinnbilder, für Kinder
bestimmt, auf daß die älteren den jüngeren die einfachen Regeln
der Nächstenliebe besser verständlich machen können. Die
Ursprünge der Bibel sind derart vielfältig, daß diese
Geschichten nicht in geordneten, aufeinanderfolgenden Kapiteln erzählt
werden können. Aber die Gleichnisse, auf die es ankommt, sind wie Juwelen
in sie eingebettet — und gewiß nicht schwer zu finden.
„Vielleicht
wird es dir helfen, wenn ich versuche, dein eigenes Leben und Wirken an Hand
dieser biblischen Wegweiser einzuordnen. Ich denke an die Geschichte vom guten
Samariter. Du nimmst dabei den Platz des Opfers ein, das der Stadt des
großen Königs den Rücken gekehrt hatte, um sich auf den Weg
nach Jericho zu begeben — ungeachtet des von altersher auf dieser Stadt
lastenden Fluches (Josua,6,26).
„Damit
ging das Opfer den Weg der Sünde und wurde von den Räubern
überfallen. Diese aber schlugen ihn und “ließen ihn halb tot
liegen“. Dieses Gleichnis ist von Meisterhand gezeichnet und ist voller
Offenbarungen für jene, deren geistige Augen und Ohren offen sind —
selbst noch in dem, das unausgesprochen bleibt. Wie könnte die Lage, in
der ich dich vorfand, besser beschrieben werden als mit den Worten
“ließen ihn halb tot liegen“?
„Und
dennoch hast du den Tod nur zur Hälfte erlitten. Der Weg von Jerusalem
nach Jericho ist der Weg des Todes, aber Jericho wurde zerstört, so
daß derjenige, der den Räubern längs des Weges entrinnen
könnte, am Ende keine Stadt finden würde. Deshalb — wenn du auf
deiner Reise das “Alleräußerste“ erreichen solltest, so
gibt es dort kein Ende für dich, sondern nur den Rückweg. Niemand
kann im Schmutz des Schweinetrogs ersticken, denn ein ewiger Arm hält ihn
fest bis selbst der Verworfenste den Rückweg ersehnt — so wenig er
es sich zuerst eingestehen mag.
„Ich
sage damit nicht, daß du diese schreckliche äußere Grenze
erreichen mußt — das sei ferne von mir! Dein Platz ist bestimmt und
du wirst zu ihm finden, ohne daß dich jemand dorthin zerrt. Aber wenn wir
voneinander Abschied nehmen, kann dir unser Bruder Eldare
hier vielleicht einige Schwierigkeiten ersparen, wenn er dir den Weg weist, den
du aus dem Tale nehmen mußt. Dann kannst du alleine fortschreiten. Aber
obwohl du deinen ersten Aufenthaltsort ganz allein suchen kannst, weiß
ich dennoch genau, wie deine Wahl ausfallen wird.“
„Wollt
ihr es mir dann nicht sagen?“, bat der andere, noch kleinlauter als
zuvor.
„Werde
ich mit anderen Geistlichen zusammen sein, da doch jeder an seinen Ort
geht?“
Wieder
ließ sich RAEL Zeit mit seiner Antwort, und seine
Züge spiegelten womöglich noch größeres Mitleid. Dann
sagte er mit Nachdruck:
„Es
gibt keine Geistlichen hier. Solche und andere Unterscheidungen werden von der
Nebelbank dort drüben restlos fortgewaschen. Das Bühnenspiel
irdischer Eitelkeiten ist aus. Der Vorhang hat sich gesenkt, und manch einer
der Hauptdarsteller sucht hier bei uns jetzt das Brot, nach dem er hungert. Ich
kann es dir nicht geben, weil du deine Seele durch dein eigenes Verhalten auf
Erden so geschwächt hast, daß kräftige Nahrung deine Leiden zur
Zeit nur vergrößern würde. Du brauchst sorgfältige
Behandlung. Vielleicht wird sie schmerzhaft, ja drastisch sein, vielleicht
mußt du durch einen babylonischen Ofen hindurch; aber verzweifle nicht,
das Feuer wird nur der Reinigung dienen und kann dich niemals töten.
„Vielleicht
wirst du es in deinem Schmerz nicht bemerken, aber auf allen deinen Wegen
— selbst mitten im Feuerofen, wird Einer bei dir sein und über dich
wachen und dich zur Freiheit führen wenn die Zeit gekommen ist. An diesem
Tage wirst du ein anderer Mensch sein. Deine Augen werden geöffnet sein,
und zurückblickend wirst du mit Verwunderung und Dank feststellen, wie
hebend gütig der Vater zu dir war.
„Ich
wünschte, ich könnte dich vor allem bewahren, was noch vor dir liegt;
aber die Saat ist gesät und die Ernte muß eingebracht werden. Doch
wenn wir uns dereinst wiedertreffen, wirst du mir bestätigen, daß
dein Gewinn weit größer als der Preis gewesen ist, den du zahlen
mußtest.“
Damit
ließen wir den Mann mit seinem Helfer allein.
Kaum
ein anderer Fall hat wie dieser mich in dem Wunsch bestärkt, etwas dazu beitragen
zu können, daß die bitteren Folgen menschlichen Fehlgehens gemildert
werden. Als wir uns entfernten, sah ich mich noch mehrere Male nach dem
Unglücklichen um. Schließlich konnte ich mein Verlangen nicht mehr
für mich behalten.
„Hätten
wir ihm nicht noch in irgend einer Weise helfen können?“ fragte ich RAEL.
„Nein“.
Die Antwort kam lakonisch, aber — wie mir die Art zeigte, in der RAEL den Kopf dabei schüttelte — alles andere
als gleichgültig. „Dieser Fall ist nicht ganz so, wie es in deinen
unerfahrenen Augen den Anschein hat. Jeder Versuch von uns, mehr zu tun,
wäre im Augenblick nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Eldare ist viel besser befähigt, dieser armen Seele zu
helfen, als du oder ich.“
„Verzeih
mir, wenn ich hartnäckig erscheine, aber wenn wir mit ihm in Verbindung
blieben; könnten wir dann nicht besser helfen, wenn unsere
Unterstützung willkommen ist?“
„Woher
weißt du, ob inzwischen nicht andere, noch wichtigere Aufgaben unserer
warten? Und daß wir nicht feststellen müßten, daß längst
andere, besser befähigte Seelen mit dem beauftragt worden sind, was dir
vorschwebt? Und noch etwas, was dich überraschen wird: So weit es mir
gestattet ist, die Dinge zu lesen, war unsere Begegnung mit diesem Manne in
einem tieferen Sinne eine Prüfung für dich! Sie sollte feststellen,
ob du, der du gerade die Kräfte der vierten Dimension gemeistert hast, auf
ihre Anwendung zu verzichten bereit wärest, um eine Mission zu
übernehmen, deren Ausgang auch dir selbst zweifelhaft erscheinen
mußte. Deine Reaktion ist geistig von ebensolcher Bedeutung, als wenn du
den angebotenen Dienst tatsächlich geleistet hättest, und der Lohn
wird dir zufallen.“
„Oh
RAEL“, rief ich, „wie unwürdig
fühle ich mich dieser Vorsehung, die mich von einer Offenbarung zur
anderen führt! Ich weiß noch nicht einmal klar, welcher Art die
Sünde ist, die jenen Mann zu Fall gebracht hat.“
„Ich
will es dir gerne erklären. Sein zerlumpter Aufzug ermöglichte es
mir, sein Leben wie ein offenes Buch zu lesen. Bald wirst du das in der gleichen
Weise tun können; aber es ist weder nötig, noch ratsam, allzu genau
hinzuschauen. Wir sind keine Richter, sondern Helfer. Es ist nicht unsere
Sache, festzustellen, ob der letzte Heller abgezahlt worden ist, sondern
vielmehr, den Unglücklichen unsere Kraft zu leihen, auf daß sie ihre
Fesseln im ersten möglichen Augenblick ablegen können. Natürlich
sollten jene, die mit dieser ersten Hilfe unmittelbar betraut sind, die
allgemeinen Umstände und Symptome eines Falles kennen. Diese sind bei
unserem irregegangenen Kirchenmann sehr einfach: eine Art geistiger
Versteinerung, entstanden aus einem mechanischen und unaufrichtigen
Formalismus, der jedes geistigen Lebens entbehrte.“
„Du
sagtest aber, daß einem Menschen nicht angerechnet werde, was er von
seinen Lehrern und Vorvätern übernommen hat.“
„Darum
habe ich ja betont, daß wir keine Richter sind. Aber ganz so einfach sind
die Dinge nun wieder nicht. Denke an dich selbst! Ein Mensch hat in den meisten
Fällen die Kraft, auf einem Wege umzukehren, den er in seinem Herzen als
falsch und unaufrichtig erkannt hat. Kein Mensch ist vollkommen; alle werden
bei ihrer Ankunft im Jenseits danach beurteilt, wie weit sie sich bemüht
haben, in ihrem persönlichen Lebenskreis das Ziel der Vollkommenheit
anzustreben.
„Laß
mich mit einem Beispiel schließen, das uns der Meister selbst gegeben
hat. Erinnerst du dich der Frau, die eine Flasche kostbarer Salbe über
seinem Haupt ausgoß? Er äußerte keine Meinung darüber, ob
das Tun der Frau vernünftig war oder nicht. Aber von den Beweggründen
für dieses Tun sagte er: “Sie hat getan, was sie
konnte“.“
* * *
Wir
waren wieder in jener verzauberten, von blühenden Büschen bedeckten
Landschaft, aus der RAEL mich zu unserer Reise fortgeholt
hatte.
Als
er vorschlug, die Rückreise anzutreten, hatte mich mein Begleiter mit
gespieltem Ernst aufgefordert, doch nur ja darauf zu achten, auf welche Weise
sich unsere Fortbewegung vollzöge.
Ich
wollte antworten: „Ich werde mein Bestes tun“, aber ich kam nur bis
zu „Ich wer …“, als die Ortsveränderung bereits eine
vollzogene Tatsache war.
Sichtlich
belustigt über meine Verwirrung fragte RAEL:
„Nun, willst du deine Eindrücke nicht besser gleich berichten, bevor
die Erinnerung daran nachläßt?“
In
diesem Augenblick gesellte sich OMRA uns zu.
„Ich
sehe schon, wie du unserem Freund einen Streich gespielt hast“, drohte er
RAEL scherzhaft mit dem Finger. Und dann zu mir
gewandt: „Aber laß dich‘s nicht bekümmern, Aphraar. Ihr
hättet zwar auch auf viel langsamere Weise zurückkehren können,
aber die Wiederholung der Blitzreise wird es RAEL
ermöglichen dir etwas zu erklären, was dir bei deiner künftigen
Aufgabe wertvoll sein wird!‘
„Dann
will ich ihm gerne verzeihen“, lachte ich.
„Das
ist großzügig von dir, Aphraar“, fiel RAEL im gleichen Ton ein. „Aber glaube nicht, OMRA hätte sich die Gelegenheit zu dem gleichen
kleinen Scherz entgehen lassen, wenn eine nützliche Lehre damit verbunden
gewesen wäre“
„Ich
weiß, daß ich in guten Händen bin, was auch immer
geschieht“, antwortete ich. „Und auf die nützliche Lehre bin
ich nun wirklich gespannt.“
„So
laß uns denn zur Pflicht zurückkehren. Du hast einen praktischen
Beweis dessen erlebt, was wir die vierte Dimension nennen. Die Nutzanwendung,
von der OMRA spricht, bezieht sich auf das Gebet.
Sicher ist dir der pseudo-philosophische Einwand gegen die Wirksamkeit des
Betens bekannt, der noch immer in manchen Köpfen auf Erden geistert. Das
Argument lautet etwa so:
„Die Vorstellung, daß
ein Gebet in irgend einer Weise die Dinge unseres täglichen Lebens beeinflussen
kann, ist nicht nur trügerisch, sondern absolut unmöglich. Denn
zweifellos ist doch die erste Frage, welche Entfernung die Worte des Betenden
zurücklegen müssen, bevor sie das Ohr Gottes erreichen. Und die
nächste Frage, wie schnell sich das Gebet im Raume fortbewegt? Nehmen wir
ruhig einmal an, daß Gott auf dem der Erde nächsten Fixstern —
Sirius — wohnt, und daß das Gebet die unvorstellbare
Geschwindigkeit des Lichts besitzt — 300’000 Kilometer in der Sekunde. Dann wird es noch
immer mehr als acht Jahre dauern, bis das Gebet seinen Bestimmungsort erreicht
hat. Wie könnte es unter solchen Umständen unser tägliches Leben
beeinflussen? Man braucht den Fall nur darzulegen um ihn ad Absurdum
zuführen.“
„So
oder ähnlich reden sie, die Materialisten, deren Kenntnisse auf die drei
Dimensionen beschränkt sind. Sie wissen nicht, daß das Gebet ein
rein geistiges Ding ist, das keinerlei physikalischen Grenzwerten unterworfen
werden kann. Die Lichtgeschwindigkeit ist im Vergleich zur Geschwindigkeit des
Gebets ein wahres Schneckentempo. Der Geist kennt weder Zeit noch Entfernung,
wenn er im Lichte Gottes steht.“
*
„Ah“,
rief OMRA, „unser Diskurs ist gerade im
rechten Augenblick beendet, denn dort kommt MYHANENE mit
unserer Schwester Sisvine.“
„Wer
ist Sisvine?“, fragte ich. „Ich kenne sie noch nicht.“
„Wirklich
nicht? Ihre Bekanntschaft dürfte gerade für dich besonders
interessant sein. Ihr Hiersein ist, wie MYHANENE
bestätigen wird, ein Erfolg deines Wirkens auf Erden.“
Meines
Wirkens auf Erden? Wie kommt sie dann hierher? Gewiß irrst du
dich!“, rief ich.
„Du
wirst sehen, daß ich mich nicht irre, wenn ich dir auch versichern darf,
daß Sisvine ein ganz außergewöhnlicher Fall ist. Sie war eine
Suchende. Ernsthaft und unermüdlich forschte sie nach dem lebendigen Brot
der Wahrheit und fand dabei schließlich die Bücher, die du unserem
Helfer auf Erden diktiert hast. Sie folgte deiner Botschaft. Sie betete um
Hilfe, auf daß ihr die Wege des Schlaflebens eröffnet würden,
und ihr wurde mehr geschenkt, als sie erwartet hatte. Heute vermag sie,
während ihr Körper ruht, die Grenzen der Schlafregion zu
durchstoßen und die meisten Stunden mit uns zu verbringen. Sie hilft uns
sogar bei unseren Missionen.“
„OMRA“, rief ich, „das scheint doch
unglaublich!“
„Ich
sagte schon, daß es sehr ungewöhnlich ist, Aber wäre es nicht an der
Zeit, daß du es aufgibst, vom Unmöglichen zu sprechen, lieber
Aphraar? Das ganze Werk der Offenbarung, in dem du gerade erst zu lesen
begonnen hast, enthält Dinge von denen Paulus sagte: “Das Auge hat
nicht gesehen, das Ohr hat nicht gehört, noch sind ins Herz eingegangen
die Dinge, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1.Kor.2,9). Du
darfst sicher sein, daß im Schoße der Unendlichkeit noch
Offenbarungen harren, die selbst die Erzengel in sprachloses Erstaunen
versetzen werden. Sprich deshalb nicht mehr von Unglaublichem, sondern sei
bereit, ehrfürchtig der Dinge zu warten, die sich dir mit jedem Schritt
hinan tiefer und schöner offenbaren werden.“
Inzwischen
waren MYHANENE und seine Begleiterin herangekommen.
Sisvine trat auf mich zu und begrüßte mich warm und herzlich wie
einen alten Freund.
„Wir
brauchen einander nicht vorgestellt zu werden, Aphraar; du bist mir durch deine
Bücher bereits gut bekannt, und ich möchte dir aus ganzer Seele für das danken, was sie
mir gegeben haben.“
Sisvine
hakte sich unter meinen Arm und zog mich zu einem Spaziergang fort,
während die anderen zurückblieben.
Vergeblich
versuchte ich, den angebotenen Dank abzuwehren, der nicht mir gebührte,
sondern Gott — und wenn schon einer Menschenseele, dann MYHANENE, ohne den man niemals von mir gehört
hätte. Umsonst! Sisvine erwies sich als eine hartnäckige und sehr
energische kleine Person.
So
gab ich es auf, mich zu wehren. „Wenn du schon darauf bestehst, deinen Dank
zum Ausdruck zu bringen“, fragte ich sie, „würdest du mir dann
vielleicht bei einer Mission helfen, die ich bald zu unternehmen hoffe?“
„Wenn
es irgendwas gibt, das ich zum Ausgleich meiner großen Dankesschuld tun
kann, so brauchst du es nur zu nennen. Nur mußt du daran denken,
daß ich allein durch besondere Gunst hier bin — ―“
„Sind
wir das nicht alle?“, unterbrach ich.
„In
gewisser Weise, ja. Aber meine Bewegungsfreiheil während der Schlafstunden
ist eine wirklich außergewöhnliche, vielleicht sogar einzigartige
Gunst. Deshalb darfst du nicht zuviel von mir erwarten. Aber ich verspreche dir
fest, daß du in mir überall, wo ich dir Hilfe zu leisten vermag,
eine freudige Mitarbeiterin finden wirst.“
So
gingen wir eine Weile plaudernd weiter, bis Sisvine plötzlich stehenblieb
und ausrief: „Laß uns doch die herrliche Aussicht hier
genießen!“
Wo
waren wir? Das
Gespräch mit Sisvine und ihre fesselnde Persönlichkeit hatten mich so
in Bann gehalten, daß ich unsere Umgebung überhaupt nicht bemerkt
hatte. Meine Überraschung, ja Bestürzung, war deshalb vollkommen, als
ich jetzt um mich blickte.
Wir
standen genau in der Mitte jener allesbedeutenden Brücke und
blickten in den gähnenden, in unergründlicher Finsternis endenden
Abgrund zu unseren Füßen!
Es
verschlug mir den Atem, als ich erkannte, welchen Schritt ich unbewußt
getan hatte. Aber mein Vertrauen verließ mich nicht, noch wurde ich in
dieser Prüfung allein gelassen. Um uns herum tauchten jetzt nicht nur OMRA, RAEL und MYHANENE auf, sondern auch WALLOUMELE, RHAMYA und andere Freunde, die mir auf meinem langen Wege
hierher geholfen hatten. Und gleich darauf noch eine große Schar von
Seelen, die ich auf Erden gekannt hatte.
Welch
eine Versammlung! Wie hätte ich in ihrer Mitte jemals Furcht empfinden
können. Meine Augen wanderten von Antlitz zu Antlitz, und auf allen las
ich das Leuchten des Willkommens. Meine Seele erhob sich in unsagbarer Freude.
Dann — wie auf ein unhörbar geflüstertes “Still“
— senkten alle die Köpfe, um den mystischen Segen entgegenzunehmen.
Nun
sprach WALLOUMELE zu mir.
„Worte,
mein lieber Sohn, können niemals zum Ausdruck bringen, was uns im
innersten Schrein der Seele bewegt. Unser Herr und Meister wußte das
wohl, als er sein Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählte. Wir hören
des Vaters Geheiß, die Tiefe seines Gefühls aber läßt
sich nicht ahnen: “Bringet das beste Feierkleid her und ziehet es ihm an
und gebet ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße; und
bringet das gemästete Kalb her und schlachtet es. Lasset uns essen und
fröhlich sein. Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig, er
war verloren und ist wieder gefunden worden.“ (Lukas.15,11-32)
„Diesem
Beispiel folgend, haben wir hier an der Grenze der beiden Welten eigentlich nur
zwei Worte zu sprechen. Du, für den nach der Vorsehung Gottes der ewige
Tag angebrochen ist, mußt “Lebewohl“ zu den fliehenden
Schatten des Gestern sagen; uns aber wird der Vorzug zuteil, das zweite Wort zu
sprechen: “Willkommen“. Es soll der Grundton einer Hymne des
Friedens werden, die immer und ewig in deiner Seele klingen wird.
„Wir
erwarten nicht, daß du all dies verstehst, bevor deine Augen den
himmlischen Glanz erblickt haben. Dies ist erst deine Geburtsstunde; noch bist
du nicht über die Schwelle des ewigen Lichtes getreten! Aber Gott hat den
Atem eines höheren Lebens in deine Seele gehaucht. Sieh‘ um dich und
lausche den reinen Klängen der ewigen Liebe. Du wirst niemanden hier
finden, der dem heimgekehrten Sohn mißgönnt, was der Vater für
ihn bereitet hat, keine streberhaften Schmeichler, keine scheelen Blicke und
keine Selbstherrlichkeit — nichts von alledem könnte jemals die
Brücke passieren. So komm denn, der du gesegnet bist — willkommen
daheim.“
* * *
Es
würde Bände füllen, wollte ich beschreiben, wieviele alte
Freundschaften ich bei dieser unvergeßlichen Willkommensfeier erneuerte,
und wieviel neue ich knüpfte. Doch ich fürchte, ich säumte schon
zu lange. Denn der Weg über die zweite Hälfte der Brücke und
mein erster Schritt auf den Boden des ewigen Reiches lagen ja noch vor mir.
Deutlich
konnte ich dort drüben jetzt das herrliche Tor sehen, das meine Blicke
schon beim Betreten des Hains auf sich gezogen hatte. Es stand jedoch nicht
unmittelbar am Ende der Brücke, sondern etwas weiter zurück inmitten
eines großen Gartens von wahrhaft paradiesischer Schönheit. Im
Hintergrund führten zwei offene, rankenbewachsene Säulengänge
aus zart rosa schimmerndem Alabaster halbmondförmig von beiden Seiten auf
das Tor zu.
Die
meisten derer, die zu meiner Begrüßung auf die Brücke gekommen
waren, hatten sich bereits in den Garten begeben. Mit MYHANENE und einigen anderen Freunden, die
zurückgeblieben waren, trat nun auch ich den Rest des Weges zur anderen
Seite an.
MYHANENE legte seinen Arm liebevoll um meine
Schulter.
„Erinnerst
du dich der Bibelstelle, wo Jakob mit dem Engel ringt, Aphraar?“
„Ja
gewiß“, sagte ich. „Ich habe mich oft gefragt, wer dieser
Engel war. Glaubst du, es könnte der Heiland selber gewesen sein, wie
manche meinen?“
MYHANENE lächelte. „Ich weiß
es nicht, Aphraar. Vielleicht könnte WALLOUMELE
diese Frage beantworten. Aber es kommt mir im Augenblick weniger auf die Person
des Engels an, als auf etwas, das er tat.“
„Du
meinst, daß er Jakob auf die Hüftsehne schlug?“
„Nein,
auch das nicht. Was tat er sonst noch?“ MYHANENE
wollte auf etwas ganz besonderes hinaus — das konnte ich schon an dem
spielerisch-heiteren Ausdruck sehen der in seine Augen getreten war. Ich gab es
auf. „Mein Gedächtnis verläßt mich offenbar! Willst du
nicht selber die Antwort geben?“ Das Lächeln in den Augen meines
Begleiters vertiefte sich noch.
„Fragte
er nicht den Patriarchen nach seinem Namen?“
„Natürlich!
Wie konnte ich nur nicht darauf kommen. Aber warum eigentlich, da er ihn doch
schon gekannt haben mußte?“
„Um
dem Nachdruck zu verleihen, was folgen sollte! Biblische Namen wurden meist nur
solchen Menschen erteilt, die mit dem Namenswechsel auch eine neue Aufgabe
erhielten oder ihr Wesen veränderten. Jakob hatte in jener Nacht des
Ringens einen Krisenpunkt seines Lebens erreicht, und sein Kampf mit dem Engel
machte einen neuen Menschen aus ihm. Von diesem Punkte an würde der Name
Jakob nicht mehr angemessen gewesen sein. Es war ihm bestimmt, die ins
Heimatland führende Furt durch den Jabbokfluß
unter dem neuen Namen “Israel“ (Gotteskämpfer) zu
durchschreiten, “Denn du hast mit Gott und den Menschen gekämpft und
hast gewonnen.“
Wir
hatten das Ende der Brücke erreicht. MYHANENE hielt
inne und wandte sich mir voll zu. Seine Stimme klang zugleich zärtlich und
eindringlich.
„Auch
du, Aphraar, hast jetzt die eine große Krise deines Lebens hinter dir.
Nur noch ein Schritt, dann wirst du auf dem Boden des Heimatlandes stehen. Und
nun erinnere dich, daß der Meister seinem geliebten Jünger Johannes
versprach, daß er allen, deren Fuß dieses Land betritt, einen neuen
Namen geben werde. Nun denn — Aphraar, der Suchende, trifft nicht
länger zu, denn dein Suchen ist belohnt worden. Als ASTROEL, ein Stern Gottes, heißen wir dich auf diesem
Boden willkommen.“
Damit
zog er mich voran, und ich setzte meinen Fuß auf das ewige Land.
„Schreite vorwärts, von Stufe zu Stufe der Herrlichkeit, bis deine
Füße die geheiligten Straßen der göttlichen Stadt
betreten!“
Dergestalt
war mein Eintritt in den Garten vor dem Himmelstor. Auf den Schwingen eines
überwältigenden Glücksgefühls wandelte ich durch dieses
Wunderwerk göttlicher Schöpfung, in dem alles — Formen, Farben
und Düfte — bis ins kleinste Detail in vollkommener Harmonie
aufeinander abgestimmt war. Hier rauschten zierliche Brunnen, dort standen
blühende Bäume, unter denen kleine Erfrischungstafeln mit
Engelsnahrung und -trank angerichtet waren. Und ein jeder war darauf bedacht,
ein freundliches Wort des Willkomms und Glückwunsches an mich zu richten.
Alles
in mir sang und jubelte: Daheim! Mit dem ersten Schritt auf diesen heiligen
Boden hatte sich das Wort erfüllt: „Und alle Dinge werden
neu!“ Ich war nicht länger ein Betrachter, ich war ein TEIL meiner Umgebung geworden. Meine Augen und Ohren waren
geöffnet, die Siegel waren gebrochen. Oh Jakob! Im himmlischen Glanz
dieses neuen Morgens kann ich die tiefere Bedeutung deines Ringens erkennen.
Nun weiß ich, warum du den Engel nicht gehen lassen wolltest!
Ich
hatte mich für einen Augenblick von den anderen abgesondert und war durch
den Säulengang gewandelt, um die Überfülle der Ereignisse und
Offenbarungen noch einmal vor meinem inneren Auge passieren zu lassen. Als ich
aus der Kolonnade wieder in das schattenlose Licht des Gartens trat, sah ich Dracine auf mich warten.
„Komm,
Astroel“, rief sie fröhlich, „und
erzähle mir, wie es dir bei uns gefällt.“
„Gefällt?
Ich glaube, du weißt recht wohl, daß dieses Wort unendlich hinter
der Wirklichkeit zurückbleibt! Ich würde aber jetzt gerne ein Wort
mit MYHANENE sprechen.“
Möchtest
du ihn schelten?“, fragte sie schelmisch.
„Mache
dich nur über mich lustig! Im Gegenteil, ich möchte ihn fragen, ob
seine feierliche Versicherung, daß jeder Schritt voran immer noch
Schöneres und Besseres bringt, auch jetzt noch gilt.“
Meine
Begleiterin lachte mit mädchenhafter Ausgelassenheit.
„Ich
kann dir sagen, wie er antworten würde“, rief sie, stellte sich vor
mich, ergriff meine Hände, verstellte ihre Stimme und schüttelte in
gespieltem Ernst langsam den Kopf: „Nein, mein Bruder, denn es gibt keine
Grenzen für diese Versicherung. Sie gehört zu den Dingen, die in der
Unendlichkeit enden.“
„Nun,
bin ich nicht ein guter Stellvertreter für den weisen jungen
Meister?“
„Vorzüglich
in Ton und Haltung“, lachte ich. Aber ich bin nicht ganz so sicher
bezüglich des Inhalts. — Übrigens, es gibt auch noch jemand
anderen, den ich sprechen möchte. Weißt du, wo Sisvine ist?“
Dracine hielt einen Augenblick inne. „Ich weiß nicht, ob
sie noch hier ist — nein, es ist, wie ich dachte; sie ist
zurückgerufen worden. Sisvine kann sich ja hier nur aufhalten, solange ihr
Körper schläft. Und auch darin ist sie eine Ausnahme. Soweit ich
weiß, ist ihr Fall ganz einmalig.“
„Ich
hätte gerne gerade über ihr Schlafleben einiges von ihr
erfahren“, sagte ich. Außerdem hoffe ich, ihre Hilfe für eine
besondere Mission zu gewinnen.“
„Unter
diesen Umständen würde ich doch gleich mit MYHANENE sprechen“, meinte Dracine.
„Oder vielleicht noch besser mit WALLOUMELE,
solange er noch bei uns ist.“
„Ach“,
rief ich erfreut, „WALLOUMELE kennt den Fall, an den ich
denke. Es wäre vorzüglich, wenn ich Rat und Hilfe von ihm bekommen
könnte.“
WALLOUMELE war in einem anderen Teil
des Gartens, aber kaum hatten Dracine und ich ihn
erspäht, als wir uns auch schon zu ihm hinüber
“projizierten“. Es war nicht ein Blitzflug, wie ich ihn mit RAEL erlebt hatte, sondern ich kann es mangels besserer
Worte nur mit einem Ausstrecken unseres inneren Selbst bezeichnen.
WALLOUMELE wurde sich dieses
“Signals“ sofort bewußt, und obwohl kein Wort
übermittelt wurde, wußten wir, daß er unser Anliegen
verstanden hatte und uns entgegenkommen würde. In der Tat nahm er sogleich
von dem Freunde Abschied, mit dem er gesprochen hatte. Wir aber kehrten zu
unserem “Selbst“ zurück und begannen nun, ihm entgegenzugehen.
Dieses
unvorhergesehene Ereignis, das ich mangels eines besseren Wortes als
“Ausstrecken unseres Selbst“ bezeichnet habe, erweckte sofort mein
großes Interesse. Es sollte sich in der Folge als noch viel bedeutender
erweisen, als ich in diesem Augenblick ahnen mochte.
*
Wir
hatten jedoch kaum begonnen, unseren Weg anzutreten, als meine Umgebung
plötzlich ausgelöscht zu werden schien. Ich hatte das Gefühl,
als folge ich einem unsichtbaren Führer durch einen schwach erleuchteten
Korridor, der in eine Höhle einmündete, in deren schweigender
Finsternis ich allein gelassen wurde. Ich fürchtete mich nicht, noch
versuchte ich zu sprechen, denn mein Gedächtnis flüsterte mir zu:
„Der Herr hat gesagt, er werde in der Finsternis wohnen.“
Geduldig
wartete ich. Ich wußte, daß mein Glaube auf die Probe gestellt
wurde, und ich bewahrte ihn. Endlich senkte sich eine weiche, musikalisch-klare
Stimme in mein Bewußtsein. Es war wie ein Flüstern aus der Ferne. Ob
es aus mir selbst kam oder aus einer unsichtbaren Quelle — ich weiß
es nicht. Ich zweifle sogar, ob es in diesem Augenblick überhaupt eine
Unterscheidung zwischen “Innen“ und “Außen“ gab.
Die
Stimme sprach mit der Zuversicht einflößenden Autorität, die
ich schon während meiner Vision im Hain der Stimmen gespürt hatte.
Und als sie anhub, nahm ich gleichzeitig den ersten Lichtschimmer wahr.
„Kind
der Unendlichkeit, das du aus den Gärten des Herrn kommst, wir
begrüßen dich im Gewölbe des göttlichen Geheimnisses. Du
stehst in der Werkstatt des Schöpfers, dessen Liebe über deinen
Pilgerweg durch das Schattenland gewacht und der dich beschützt und
gelenkt hat durch den Dienst des Engels, der Glaube heißt. Dieser Dienst
endete, da du von der Brücke in den Garten tratest — die Schleier
vor den Augen des Glaubens wichen der freien Sicht der Erkenntnis. Die
Trübsal der Nacht hat geendet, die Sonne des ewigen Tages ist über
den Horizont gestiegen. Künftig wirst du wissen, ebenso wie man dich
kennen wird; die Siegel auf dem Buche des Lebens — das der Glaube nicht
lesen darf, da er es nicht verstehen könnte — werden nun
gelöst, die Schleier der Mysterien hinweggehoben, und Gottes Wirken wird
dir in allen Dingen des Lebens offenbar werden.
„Du
bist eingeladen, einzutreten, zu schauen und zu erkennen. Die Pläne,
Gesetze und Absichten der Schöpfung werden dir ebenso zum Studium
offengelegt werden, wie die hemmenden Einflüsse der Erde. Vom Beginn der
Schöpfung bis zu ihrer Vollendung wirst du alles erfahren können, was
du wünschst. Die Türen zu allen erdenklichen Studien sind für dich
weit geöffnet — von den einfachsten Lektionen bis zu den Kollegien,
Universitäten, Laboratorien, Bibliotheken und Museen. Dazu gesellt sich
die Vielzahl der großen Geister, die vor dir die Erde verlassen haben,
bis zu dem erlauchten Kreis der Söhne Gottes, die schon an der Wiege der Schöpfung
standen. Laß‘ dies dein Ziel sein, bis du den Glanz widerstrahlst,
den der Ewige Vater der Schöpfung gegeben hat, bis du seinem Bilde
gleichst und Ihn siehst, wie Er ist.“
Während
die Stimme sprach, überkam mich ein seltsames, nicht in Worten ausdrückbares
Gefühl, als habe sich die Finsternis um mich herum zu regen begonnen. Und
als sie geendet hatte, konnte ich in einem ersten zitternden Lichtschein eine
Bewegung wahrnehmen, als ob eine große Wolkenwand vor dem Licht auf dem Rückzug
sei. Immer stärker wurde diese Erscheinung, bis schließlich der
Morgen anbrach und die Tore des strahlenden Tages aufgestoßen wurden.
Vor
mir lag ein überwältigender Anblick, eine Offenbarung ohne Ende! Ich
stand in der Werkstatt der Unendlichkeit, im Mittelpunkt des
majestätischen Schöpfungskreises. Alle Dinge, die Gott zur
Ausführung seines großen Schöpfungsplanes braucht, waren bis in
die winzigste Einzelheit erkennbar. Entfernungen gab es nicht, denn besaß
ich nicht die Gabe des “Mich-Ausstreckens“? Ich bedurfte keines
Ratgebers, der mir die Vision zu erklären hätte. Im Licht des neuen
Tages, der mir aufgegangen war, war Sehen gleichbedeutend mit Wissen und
Verstehen.
Ich
weiß nicht, wie lange ich sprachlos, ergriffen und hingerissen vor dieser
unerhörten Offenbarung stand. So zahllos, so unendlich waren ihre
Lockungen, daß es mir schien, ich könnte Jahrtausende nur staunen,
ohne ein Ende zu finden.
Plötzlich
legte sich eine Hand auf meine Schulter. Aufs höchste verwirrt blickte ich
auf.
Vor
mir stand WALLOUMELE.
Sein
Blick sagte mir, daß er genau wußte, was vorgegangen war. Taktvoll fragte er:
„Du möchtest mich um Rat und Weisung bitten, Astroel.
Brauche ich zu sagen, wie gerne ich dazu bereit bin?“
„Ich
versuchte zu antworten, aber fand, daß ich zu aufgewühlt war, um
auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen.
WALLOUMELE nahm meine Hände in die
seinen und sah mich lange an. „Ich weiß; ich verstehe. Die Perlen
des Schweigens sind immer der beste Schmuck der Weisheit in einer solchen
Krise.“
„Krise?“,
stammelte ich.
„Ja,
denn das Erlebnis, das gerade hinter dir liegt, ist der Gipfelpunkt der
mystischen Geburt, deren allesüberragende Bedeutung Christus selber
bekräftigt hat: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das
Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus, gefangen wie alle Erdenmenschen im
Käfig der Materie, verstand ihn nicht. Solange nicht Gott seinen geistigen
Atem in einen Menschen eingehaucht hat, ist er blind gegenüber der
geistigen Wirklichkeit.
„Aber
du, mein lieber Astroel, hast den belebenden
Einfluß dieses Atems gespürt und bist mit seiner Hilfe vom groben
Pflaster der Materie über die Suchpfade der Wildnis, durch die
Kleiderkammern der Seele, in denen die letzten Erdeinflüsse abgelegt
werden, bis ins gelobte Land gelangt.
„Bis
zu diesem Augenblick ist dir verborgen geblieben, daß jeder Schritt
deines Weges nach einem sorgfältig vorbereiteten und überwachten Plan
geschah, da auch das unscheinbarste Ereignis dazu beitrug, dich von einem
irdischen Kettenglied zu befreien. Seit deiner Ankunft im Hain der Stimmen
beobachtete OMRA und RAEL jede
kleinste Veränderung in dir, bis deine Seele sich freigekämpft hatte
und es nur noch des federleichten Einflusses durch Sisvine bedurfte, um die
Waagschale einzuschwingen und dich in die Mitte der Brücke zu bringen, auf
daß deine Geburt im ersten Himmel verkündet werde!
„Noch
hast du nicht gelernt, deine neuerworbenen Fähigkeiten als
selbstverständlich anzuwenden. Niemand erwartet das auch von dir. Du bist
nicht in eine vernunftwidrige Gemeinschaft, sondern in eine Gemeinschaft der
höheren Vernunft aufgenommen worden. Der kaum flügge gewordene Vogel
fliegt nicht gleich bis zur Sonne.
„Aber
laß mich dich zudem ersten wohlgelungenen Versuch
beglückwünschen, deine neue Fähigkeit der Allgegenwart in die
Tat umzusetzen! Als du mich riefst, um meinen Rat zu erbitten, hatte ich diesen
Ruf bereits erwartet; und nichts, was seitdem geschah, blieb mir verborgen
— dank eben dieser Fähigkeit, die ich nun selber anwendete.
„Du
wirst sehen, daß es zu den am ehesten verzeihlichen Irrtümern der
Erdenmenschen gehört, wenn sie das Vorhandensein einer vierten Dimension
leugnen. Denn diese Fähigkeit der Allgegenwart ist ganz und gar geistiger
Natur. In der materiellen Welt ist sie die geheimnisvoll verborgene Ursache,
die hinter allen Erscheinungsformen liegt, in der psychisch-seelischen ein
Ziel, das sichtbar wird, in der geistigen aber das natürliche Erbe, das
wir in Gemeinschaft mit dem Christus antreten.“
„Und
jetzt —?“, fragte
ich, geriet aber sofort wieder ins Stocken. Ich wußte, daß WALLOUMELE noch nicht geendet hatte und durstete nach mehr,
aber meine Zunge schien gelähmt.
WALLOUMELE las mir meine Bitte an den
Augen ab.
„Und
nun“, sagte er, meine eigenen Worte aufnehmend, „kommen wir zum
letzten entscheidenden Punkt. Wenn du einst in Ruhe auf die letzte kleine
Strecke deines Pilgerweges zurückblicken kannst, wirst du verstehen, welch
ein großer Schritt voran noch hier im Garten auf dich wartete, als du die
Fähigkeit des Sich-Ausstreckens zum erstenmal bewußt anwendetest.
Aber es blieb noch ein anderer, entscheidender Schritt — einer, den du
allein und ohne Hilfe tun mußtest — bevor sich der Kreis deiner
geistigen Geburt schließen konnte. Er liegt jetzt hinter dir, und ich
möchte dir noch ein Wort dazu sagen.
„Du
warst aufs höchste
verwirrt, als ich plötzlich meine Hand auf deine Schulter legte, nicht
wahr? Die Erklärung liegt darin, daß du noch nicht gelernt hattest,
zwei völlig verschiedene Aspekte als solche zu erkennen und miteinander in
Einklang zu bringen. Als du auf mich zutratest, stieg dein Fuß über
die Grenze, an der sich das Endliche mit dem Unendlichen verbindet. Durch die
Kräfte der vierten Dimension, aber auf noch weit größere und
höhere Weise als du es mit OMRA und RAEL erlebtest, warst du durch das Tor der Allgegenwart
geschritten und standest in der Werkstatt der Schöpfung, eingehüllt
in die Dunkelheit des ungeschaffenen Lichts — wo Gott wohnt. Du
verharrtest an der Quelle aller Dinge, wo sich Allwissen und Allmacht zur
göttlichen Weisheit verbanden, bis daß deine des Sehens
würdigen Augen die Schleier des Mysteriums durchdrangen. Dann sahest und
verstandest du, ohne einer Erklärung zu bedürfen.
„In
diesem Lichte verschwanden alle Grenzen, es gab keine Hindernisse mehr, nichts
war mehr unmöglich!
„Du
standest am Urquell der Zeit des Raumes, des Wissens, der Weisheit.
Vergangenheit, Zukunft, Beginn und Ende schliefen friedvoll in den Armen des
ewigen Jetzt. Jedes Rinnsal der Intelligenz hatte seinen Ursprung im Quell der
Allmacht zu deinen Füßen. Du konntest beobachten, wie alle diese
kleinen Ströme ihren Lauf nahmen, bis sie zurückkehrten und sich
wieder in den Brunnen ergossen, aus dem sie geschöpft waren. Du standest
in dem Mittelpunkt, von dem aus der Radius alles Seins geschlagen wird, sei es
materiell, psychisch oder geistig. Und in diesem Laboratorium, in dem wahren
und schattenlosen Licht, wie es nur dort herrscht, durftest du deine
neuerworbene Fähigkeit zu einer Analyse jenes Elektrons im Mittelpunkt
alle Dinge benutzen.
„Was
sahst du? In jeder Eichel schlummern die Ursprünge von tausend
Eichenwäldern, aber in jenem weit unscheinbareren Atom fandest du nicht
nur ein mögliches Weltensystem, sondern ein ganzes Universum von Systemen
auf einen einzigen Punkt zusammengedrängt. Und dieser unsichtbare Punkt
ist — Gott.
„Wundere
dich nicht, daß ganze Zeitalter vorüberzugehen schienen,
während du dort standest. Denn deine Vision war zugleich prophetisch: sie
zeigte dir die Wege, die du nehmen wirst, wenn du von jenem Zentrum aus zur
Peripherie des Kreises gelangst; in die ganze Schönheit und Majestät
des göttlichen Ebenbildes!“
* * *
WALLOUMELES Worte hatten mich so in Bann
gehalten, daß ich garnicht bemerkte, wie Dracine
uns verlassen hatte und wir im Gespräch ein Stück Weges über die
moosbedeckten Wege gewandelt waren. Als ich aufsah, gesellten sich gerade MYHANENE und OMRA zu uns.
Nun
war der Augenblick gekommen, die Bitte an WALLOUMELE zu
richten, um deretwillen ich ihn hatte sprechen wollen.
„Dürfte
ich dich um deinen Rat wegen Clarice bitten“, begann ich, „da du
selbst es warst, der von ihr gesprochen hat? Ich habe seitdem sehr viel
über sie nachgedacht und könnte mir nichts Besseres vorstellen, als
ihr zu helfen, um damit ein wenig meinen Dank für die große Gnade zu
bezeugen, die mir zuteil geworden ist. Ich habe das Gefühl, daß
Sisvine mir in besonderer Weise dabei helfen könnte und gerne mitkommen
würde, wenn es ihr erlaubt wird. Wäre das wohl möglich?“
Ich
konnte von MYHANENES Gesicht ablesen, wie sehr er sich
freute, daß dieser Vorschlag von mir kam. WALLOUMELE
aber ließ sich nichts anmerken, sondern sah mich mit einem Blick an, der
in meine innerste Seele traf.
„Kannst
du ihr vergeben?“ fragte er.
„Es
gibt nichts, was ich ihr noch zu vergeben hätte“, antwortete ich.
„Ihr Verlust schlug mir eine Wunde, die tödlich gewesen wäre,
wenn du selbst sie nicht geheilt hättest. Aber sie tötete nicht meine
Liebe zu ihr. Seit ich erfahren habe, auf welch‘ wundersame Weise du zu
meiner Rettung kamst, ist diese Liebe stärker und reiner geworden. Und ich
glaube, ich kann nicht weiter vorwärtsgehen, bis Clarice bei uns ist. Darf ich nicht die beste Hilfe
für ihre Rettung in Anspruch nehmen, die verfügbar ist, und für
sie tun, was so viele auch für mich getan haben?“
„Ja,
du darfst es! Eine solche Liebe ist allmächtig — mehr brauche ich
nicht zu wissen! Aber was Sisvine betrifft, so hörst du besser das Urteil MYHANENES.“
„Im
Hinblick auf die Teilnahme von Sisvine sieht sie selbst, wie auch ich, keine
Schwierigkeiten“, versicherte uns MYHANENE.
„Doch laßt uns zunächst feststellen, wo Clarice zu finden
ist.“
Bei
den außerordentlichen Fähigkeiten und Erfahrungen, über die
meine drei Begleiter verfügten, war die gewünschte Auskunft schneller
zur Stelle, als ich dies aussprechen kann.
Clarice
befand sich in einer ähnlichen Lage wie Marie, als sie von CUSHNA gefunden wurde. MYHANENE
konnte jedoch berichten, daß Sisvine in ihrem Bemühen, die
Gefallenen aufzurichten, sogar einer Seele geholfen habe, die sich in einer
noch niedrigeren Sphäre befand. Sie würde darum nur zu froh sein, mir
in meinem Bemühen zur Seite zu stehen.
„Bist
du sicher, daß alle Umstände dafür sprechen, daß wir
Erfolg haben?“, warf WALLOUMELE
ein.
Ich
wurde mir bewußt, daß diese Frage dazu bestimmt war, in mir auch
die allerletzte Unsicherheit über die Erfüllung meines sehnlichsten
Wunsches auszulöschen. WALLOUMELE
verstand darum auch zu gut den Dank, der in dem stillen Blick enthalten war,
mit dem ich mich zu ihm wandte.
MYHANENE lächelte in zuversichtlichem
Vertrauen auf den Erfolg unserer geplanten Mission: „Möglich,
daß wir im Anfang auf Schwierigkeiten stoßen. Sisvine hat aber
bereits eine außergewöhnliche Begabung zur Überwindung solcher
Schwierigkeiten bewiesen. Sie, als eine “Schlafbewohnerin“, kann
manchmal besser auf erdgebundene Seelen einwirken, als uns das möglich
ist. Denn sie ist ihnen körperlich verwandter. Ich habe ihre unerwartete
Entwicklung bei diesen gelegentlichen Dienstleistungen auch darum mit
großem Interesse verfolgt, da sich hier möglicherweise ein neuer Weg
zeigt, auf dem sich das Schlafleben stärker mit dem Geistigen verbinden
könnte.“
WALLOUMELE war von MYHANENES Optimismus so beeindruckt, daß man die
Ausführung der Mission auf der Stelle beschloß. CUSHNA sollte uns begleiten. Sisvine stimmte freudig zu, als
sie bei ihrem nächsten Besuch von meinem Vorschlag hörte, und wenig
später traten wir unter CUSHNAS
Führung unseren Weg an.
Wir
hatten die meinen Lesern bereits bekannte prismatische Landschaft
überquert und bald den Eingang der Höhle erreicht, durch deren
labyrinthene Gänge wir unsern Weg finden mußten. Wie bei allen
Helfern, die in die niederen Sphären herabsteigen, änderte sich auch
bei CUSHNA und mir die Färbung unseres
Gewandes in ein neutrales Grau. Sisvines
“Schlafrobe“ dagegen war bereits grau und verlor nur ihren
schimmernden Glanz.
CUSHNA ging voraus. Das von ihm ausgehende
sanfte Licht ermöglichte es uns, den Weg durch die scheinbar endlosen
Windungen des unterirdischen Ganges mit einiger Sicherheit zu finden. Doch
— es schauderte mich bei dem Gedanken an jene, die nicht nur ihren Weg
durch diese Finsternis zu finden hatten, sondern gezwungen waren, inmitten der
Schrecken dieses Ortes zu bleiben! Ich weiß nicht, ob wir an anderen
Seelen vorübergingen, die sich vor uns versteckten. Aber niemand
antwortete auf CUSHNAS häufige Rufe.
Schließlich
endete der Gang in einem Gewölbe von offenbar großen Ausmaßen.
CUSHNA hielt inne und hob seine Hand zum
Zeichen, daß wir stille sein sollten.
„Sie
ist hier“, sagte er leise und ruhig, nach einem prüfenden Rundblick.
„Wo?
Laß mich zu ihr“ — und ich ließ die Hand Sisvines fallen, um nach vorn zu eilen. CUSHNA hielt mich zurück.
„Ihr
müßt sehr vorsichtig und geduldig sein“, sagte er, sonst
kommen wir nicht zum Ziel. An einem Ort wie diesem kennt man kein Vertrauen.
Wir müssen zunächst feststellen, wie ihre Gemütsverfassung ist,
und dann danach handeln.“
Wir
brauchten nicht lange zu warten, bis wir eine scharfe, feindselige Stimme
vernahmen:
„Wer
ist da? — — — Was wollt ihr? … Habe ich noch nicht
genug gelitten? … Ich habe euch nichts getan! … Warum wollt ihr
mich noch mehr quälen?“
Die
schmerzgeladene Verzweiflung der letzten Frage war furchtbar, aber CUSHNA ließ mich nicht zu Worte kommen. Er wartete
einen Augenblick, um sicher zu sein, daß sie geendet hatte; dann
flüsterte er mir zu: Jetzt — sprich ruhig und sanft, lege all dein
Mitgefühl in ein einziges Wort und rufe ihren Namen.“
„Clarice!“
Meine ganze Seele schwang in diesem Wort, das mir soviel bedeutete wie mein
eigenes Leben.
Totenstille.
— Dann — — war es ein Schluchzen oder ein verwünschendes
„Du!“ — — und wiederum Stille.
CUSHNA gab ein neues Zeichen.
„Clarice!“
Nichts.
Fast konnte ich die Spannung nicht mehr ertragen. War es wirklich ein
Schluchzen gewesen oder war es Hohn? Sollte ich nicht besser zu ihr eilen?
„Clarice! Hörst du mich nicht?“
Wieder
Schweigen. Doch dann ein hohnerfülltes Zischen.
„Dich
hören? — Jawohl, und ich kenne dich auch; und wenn du nicht —
Ein Stöhnen folgte. Sie war offenbar ausgerutscht oder gestürzt. CUSHNA hielt mich mit eisernem Griff zurück.
Als
alles ruhig war, gab er wieder das Zeichen. „Vergißt du
—“; aber ich kam nicht weiter.
„Vergessen?
Oh, wer wird mich lehren, jemals zu vergessen!“
„Deshalb
sind wir hierhergekommen“, sagte jetzt Sisvine auf ein Zeichen CUSHNAS. „Willst du dir von uns nicht helfen
lassen?“
„Wer
seid ihr und was wollt ihr?“
Wir
sind Freunde, und einer von uns ist —“
„Ihr
lügt! Niemals können Freunde hierherkommen; dies ist ein Pfuhl des
Bösen. Geht! Ihr vermehrt nur meine Qualen.“
„Clarice,
hast du Don Fred denn ganz vergessen?“ fragte ich. Und während ich
sprach, führte CUSHNA Sisvine behutsam zu der Stelle im
Dunkeln, wo sich Clarice verbarg.
„Don
Fred? Pah! Sagte ich nicht, daß ihr nur gekommen seid, um meine Qualen zu
verstärken? Ist nicht das Folterrad der Hölle schlimm genug, ohne
daß ihr ihm noch eine neue Drehung geben müßt?“
Inzwischen
aber hatte Sisvine die Unglückliche erreicht und antwortete nun an meiner
Stelle.
„Ich
möchte ihm eine neue Drehung geben — aber zurück, wenn du es
zuläßt“, sagte sie mit schwesterlichem Mitgefühl.
„Bist du nicht lange genug gefoltert worden, hast du nicht die Strafe
für deine Sünden voll bezahlt, sollte nicht die Stunde der
Erlösung gekommen sein?“
Behutsam
versuchte Sisvine, ihren Arm besänftigend um die Schultern der
Büßerin zu legen. Clarice stieß sie zuerst zurück,
ließ es dann aber widerstrebend zu, während Sisvine sagte: „Du
bliebst in deiner Einsamkeit und Verzweiflung nicht vergessen, man hat in Liebe
über dich gewacht, und — ―“
„Schweig!“,
schrie Clarice und riß sich ungestüm wieder los. „Erwähne
dieses verfluchte Wort niemals wieder vor mir. Zeigen Tiger Liebe, wenn sie das
lebende Fleisch von den Knochen ihrer Opfer reißen? Liebe — mein Gott
— dann möchte ich wissen, wie der Haß aussieht!“
„Ich
weiß sehr wohl, was du mit Tigern und Opfern meinst, liebe
Schwester.“ Vorsichtig trat Sisvine bei diesen Worten näher.
„Weil einige böse Dämonen dich verfolgen — „Bleib,
wo du stehst — keinen Schritt näher!“, schrie Clarice in
hemmungsloser Angst und Wut. „Wenn das Feuer meiner Erinnerung daran
aufflammt, kenne ich keine Grenzen mehr. Komm nicht in meine Reichweite, denn
jede Faser meines Körpers schreit nach Rache.“
CUSHNA legte seine Hand auf Sisvines Schulter. „Ich glaube, es ist aussichtslos
bei dieser Gemütsverfassung.“
„Noch
nicht, Daddie“, bat Sisvine. „Ich bin
sicher, daß wir doch noch Erfolg haben werden.“
„Nun
gut“, willigte CUSHNA ein. „Aber ich habe meine
Bedenken.“
Sisvine
wandte sich erneut an die Unglückliche. „Clarice, willst du dich
nicht beruhigen und —“
„Beruhigen?“,
kam es schneidend ironisch. „Könntest du in Ruhe eine Lawine
über dich rollen lassen und kühl bleiben, wenn dich ein Feuerofen
einschließt?“
„Wahrscheinlich
nicht“, gab Sisvine zu. „Aber höre mich doch bitte wenigstens
an, selbst wenn du nicht hören willst, was Fred zu sagen hat.“
„Ich
weiß schon, was er zu sagen hat! Er ist ein Mann und wird sich aus der
Schlinge ziehen, in dem er wieder von Liebe redet. Bah!“ — und sie
brach in ein hysterisches Lachen aus, „ausgerechnet er, der mich so treu
liebte, daß er sich, als ich ihn verließ unverzüglich in die
Arme einer —“
„Halt!“
— rief ich. Selbst um CUSHNAS willen
konnte ich nicht länger still bleiben. „Versündige dich nicht
erneut mit grundlosen Beschuldigungen, Clarice! Meine Liebe zu dir ist niemals
schwankend geworden und heute noch so rein, wie an dem Tage, da ich sie dir zu
Füßen legte. Als du mich verließest, verlor ich den Glauben an
die Frauen, so wie auch du inzwischen keinem Manne mehr Vertrauen schenken
willst. All die Jahre hindurch wartete, hoffte und betete ich um deine
Rückkehr, und hätte ich dich finden können — ganz gleich
wie oder wo — ich hätte dich ans Herz geschlossen und gegen die
ganze Welt verteidigt. Aber erst vor Kurzem erfuhr ich dein Schicksal von
Einem, der mich davor bewahrt hatte, mir in meinem Kummer um deinen Fortgang
das Leben zu nehmen. Ich bat ihn um Hilfe, auf daß ich dich finden und
retten könne.
„Dazu
sind wir jetzt hier — und zu nichts anderem. Denn ich liebe dich so sehr,
daß ich nicht den Himmel betreten könnte, solange ich dich hier
weiß.“
War
es Reue über ihre falsche Anklage, oder war es die Kraft meiner Worte
— ich weiß es nicht; aber die hysterische, rasende Wut Clarice‘s hatte sich gelegt, und sie hörte mir
schweigend zu. Als ich geendet hatte, folgte ein kurzer, von wachsender
Spannung erfüllter Augenblick der Stille, dann sprach sie ruhig und
überlegt — aber mit bitterem Sarkasmus:
„Es
war eine ausgezeichnete Idee, einen Juristen aus dir zu machen. Selbst der Satan
muß euch um euer magisches Geschick beneiden, das Schwarze als weiß
erscheinen zu lassen. Leider kenne ich dich aber schon und bin mit deinem Métier vertraut, sonst würdest du mich
vielleicht im Netz deiner glatten Lügen leicht fangen können. Geh!
Aus meinen Augen! Ich ertrage besser meine Tortur an diesem Ort, als daß
ich mich von euch zu noch Schlimmerem führen lasse.“
Es
war, als hätte mich ein eisiger Schauer angeweht. Aber wieder kam Sisvine
zu Hilfe.
„Aber
mich hast du doch bisher nicht gekannt, willst du nicht wenigstens mir
erlauben, dir zu helfen?“
„Fremde
müssen es sich gefallen lassen, daß man sie nach der Begleitung
beurteilt, in der sie sich befinden!“
Aber
Sisvine ließ sich nicht beirren.
„Bist
du ganz sicher, daß du Fred nicht Unrecht tust? Und dir selber
gefährlich schadest, indem du diese Gefühle gegen ihn hegst? Als du
ihn täglich trafst und hofftest, ihn zu heiraten, war er damals derselbe
Mann, den du jetzt in deiner Einbildung zu sehen glaubst? Würdest du deinen
guten Namen für einen solchen Mann aufs Spiel gesetzt haben, und dachten
andere etwa schlecht über ihn?“
Wieder
trat Sisvine bei diesen Worten der Unglücklichen näher, nahm dann
ihre Hand und fand auch keinen Widerstand mehr, als sie ihren Arm um Clarice‘s Hüfte legte. „Ich bitte dich,
liebe Schwester, nicht meinet- oder Freds wegen, sondern um deiner selbst
willen — denke über meine Worte einmal nach! Du kanntest ihn doch
genau; ich kannte ihn nicht, kenne ihn auch jetzt kaum. Ich bin euch beiden
eine Fremde; aber ich bin eine Frau, mit dem Herzen einer Frau und nur von dem
Wunsch beseelt, einer unglücklichen Schwester zu helfen.“
Sisvines Worte, mit großer Zärtlichkeit gesprochen,
verfehlten ihre Wirkung diesmal nicht. Der Groll und die schuldbewußte
Scham darüber, an diesem Ort entdeckt worden zu sein, schienen endlich
abzuflauen. Und als Sisvine schließlich bekräftigte, daß sie
uns gleichermaßen eine Fremde sei, horchte Clarice fühlbar
auf—.
„Kennst
du Fred wirklich ebensowenig wie mich selber?“
„Ja,
fast ebensowenig. Schon bei unserem ersten Treffen fragte er mich, ob ich ihm
bei einer Mission — die dir gelten sollte — helfen könne, und
beim nächsten wurde alles vereinbart. Willst du wissen, warum ich freudig
einwilligte? Ich werde es dir sagen.“
Sisvine
hatte inzwischen einen beinahe mütterlichen Ton eingeschlagen. „Wenn
du mich besser kennst, wirst du entdecken, wie schrecklich ich beim Anblick
selbst eines gequälten Tieres leide. Schon der Anblick einer schweren
Last, einer Peitsche, quält mich noch Stunden später. Wenn ich so
für Tiere empfinde, ist es dann ein Wunder, daß ich dies bei Kindern
und bei meinen Mitschwestern noch umso stärker tue? Ich wußte von
dir nur, daß du eine frühere Bekannte Aph
— Freds warst“, korrigierte sie schnell, „aber ich erfuhr,
daß du im Unglück seist. Darum bin ich mitgekommen. Und nun, da ich
hier bin, willst du mich dir nicht helfen lassen?“
„Nein,
du kennst mich ja nicht.“ Seufzend, verzweifelnd kamen diese Worte.
Tätest du es, du würdest mich nicht anrühren wollen. Ich will
dir erzählen, was ich für ein Mensch gewesen bin.“
„Ich
brauche es nicht zu wissen, und es würde an meiner Hilfsbereitschaft auch
garnichts ändern! Für mich genügt, daß du dringender Hilfe
bedarfst. Sagte nicht Christus “Ich verurteile dich nicht, gehe und
sündige nicht mehr“? Ich bin im gleichen Geiste gekommen, um dir zu
sagen, daß du nicht länger in der Sünde bleiben mußt,
wenn du deine Fehler erkannt und bereut hast. Niemand verlangt, daß du
dich dann noch hier verbergen sollst. Gott, der in deinem Herzen liest,
hört und kennt dein ganzes Geständnis. Warum solltest du es für
mich wiederholen? Und Er hat uns gesandt, um dich aus dieser
fürchterlichen Finsternis zu führen. Hast du jeden Wunsch nach den
reinen, unschuldigen Freuden des Lebens verloren, sehnst du dich nicht
zurück nach dem Glück, das du kanntest, bevor du in die Hände
des Versuchers fielst? Du bist schon allzulange hier gewesen. Willst du nicht
mit uns zurückgehen?
„Komm,
wir kennen den Weg und werden dich stützen.“
Während
Clarice mehr und mehr von dem Zauber dieser liebenden Stimme eingehüllt
wurde, bemerkte ich, daß sich um Sisvine eine zarte, silberhelle Aura
bildete. Es war dieselbe Erscheinung, die ich bei jenem magnetischen Choral
beobachtet hatte, dieselbe Essenz, mit der Siamedes
die geistig verkrüppelten Seelen geheilt und befreit hatte. Keine Hymne
begleitete hier das Wunder der erlösenden Liebe, aber meine wachen Sinne
spürten die Solostimmen aus Licht, Ton und Duft die dasselbe Wunder hier
in den Schluchten der Hölle wirkten. Dort wie hier: das Lösen der
Bande der Verbitterung, das ungläubige Staunen, dann langsam das Wachsen
von Vertrauen und Hoffnung. Schließlich brach der Quell der innersten
Seele hervor — hemmungslos schluchzend fiel Clarice in die Arme ihrer
neugefundenen Schwester.
Was
eine Seele in der Krise eines solchen Reuefiebers durchzumachen hat, kann nur
sie selbst — und Gott — jemals wissen. Doch glücklicherweise
war es von kurzer Dauer und löschte den Rest ihrer Schuld. Bald ebbte der
Sturm ab; CUSHNA sah, daß seine Tarnung nicht
länger vonnöten war, und sogleich wurde die Höhle durch das von
ihm ausgehende natürliche Licht sanft erleuchtet. Mit staunend
aufgerissenen Augen blickte Clarice zu uns herüber.
„Komm,
liebe Schwester“, bat Sisvine, „laß uns dich aus dieser scheußlichen
Höhle führen.“
Neues
Schluchzen. „Es geht nicht, es gibt keinen Weg hinaus.“
„Weißt
du das ganz gewiß? Komm und laß uns sehen, ob wir nicht einen
finden.“
„Das
meinte — — — ich nicht. Es ist ein Weg da — —
irgendwo — — aber niemand — — — darf
hinaus.“
„Wer
oder was kann uns daran hindern?“
„Der
Weg ist völlig finster, er hat unzählige Windungen — und viele
Fallgruben — — Und — — — die Torturen, die drohen
…“
„Sie
drohen nicht mehr, wenn wir ein Licht haben, um dir den Weg zu zeigen. Das Licht
der Liebe, das jetzt auf dich scheint, wird den ganzen Weg bei uns
bleiben.“
Clarice
stöhnte. „Ich kann nicht — wage es nicht. Wenn ihr die Qual
der Tortur kennen würdet, die ich auf mich ziehen werde, ihr würdet
mich nicht darum bitten.“ Ich sah, wie sie sich bei den letzten Worten
vor Furcht buchstäblich schüttelte.
„Darf
sie nicht mitkommen, CUSHNA?“, fragte Sisvine.
„Du warst schon viele Male auf solchen Missionen. Darf sie nicht
kommen?“
„Gewiß
darf sie! Darum sind wir ja hier. Komm, liebe Schwester, wir werden den Weg
anführen und dich stützen. Nichts kann dich zurückhalten als
deine eigene Weigerung!“
Die
sichere Bestimmtheit, mit der CUSHNA dies
sagte, schien ihr Vertrauen zu wecken. Sie tat einen Schritt vorwärts,
hielt aber sogleich wieder inne und legte sich mit einer flehenden Gebärde
die Hand vor die Augen.
„Oh
— mein Gott, mein Gott! Wenn ich es nur wagen könnte! Aber ich habe
nicht die Kraft;
ich könnte das Licht nicht ertragen.“
„Sisvine
und ich werden dich stützen“, sagte ich, „und das Licht wird
so langsam kommen, daß du den Übergang aus der Finsternis kaum
spüren wirst. Dein Vertrauen wird von Schritt zu Schritt wachsen, der
Schrecken dieser Höhlen wird von dir fliehen, und CUSHNA wird dich an einen Ort führen, wo du in Frieden
von deinen Leiden genesen kannst.“
Damit
nahmen wir sie in unsere Mitte und traten, geführt von CUSHNA, behutsam unseren Weg an. Zuerst mußten wir
häufig einhalten, weil unserem Schützling Kraft und Vertrauen
fehlten, aber je weiter wir gelangten, desto seltener wurden die Pausen. Bald
wurde das Licht stark genug, daß Clarice unsere stützenden Arme
entbehren konnte, doch blieb sie ständig zwischen uns, als wolle sie sich
an die ihr entgegengebrachte Liebe und Freundschaft anklammern. Sie sprach
nicht, aber ein gelegentlicher, halb unterdrückter Seufzer sagte mehr als
alle Worte.
Sisvine
verließ uns, kurz bevor wir die offene Ebene erreicht hatten — ihr
Körper auf der Erde stand vor dem Erwachen und verlangte die Seele
zurück. Und obwohl Clarice mich inständig bat, bei ihr zu bleiben,
nahm auch ich meinen — vorläufigen — Abschied, als wir das
volle Licht erreicht hatten. Ich wußte nicht nur, daß sie bei dem
erfahrenen Seelenarzt CUSHNA in den allerbesten Händen
war, sondern er zog es auch vor, seinen Schützling allein an den Ruheort
zu bringen, den er bereits für sie ausgesucht hatte. Dort sollte sie auch
weiter unter seiner Betreuung bleiben.
So
nahmen wir Abschied an der Schwelle eines neuen Tages, der einem jeden von uns
seinen eigenen Lebensbereich gibt — doch keine Trennung mehr kennt.
* * *
Bei
meiner Rückkehr in den Garten vor dem Himmelstor traf ich Eilele, die
Dichterin. Ich glaube, ich hätte mein Erlebnis mit Clarice niemandem
lieber erzählen mögen, als dieser sanften Seele. Eilele hörte
meinem langen Bericht geduldig zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen.
Als ich geendet hatte, sagte sie ohne ein Zeichen der Überraschung:
Ja,
genau so hatte ich erwartet, daß der Vater auf deinen Wunsch antworten
würde. Selbst in der Hölle sind “Alle Dinge
möglich“. Die besondere, durch dein Gebet erwirkte Gnade Gottes
bestand bei Clarice darin, daß sie den Rest ihrer Schuld dank eures
Einwirkens in einem alles verzehrenden letzten Fieber der Reue löschen
konnte. In diesem Fieberkampf sahst du eine der wunderbarsten Wirkungen
göttlicher Gnade, die es ermöglicht, daß eine kurze Spanne
wahrhafter Reue die Schuld großer Sünden tilgen kann, also
gleichbedeutend mit einer längeren Strafperiode ist.“
„Eilele“,
rief ich, du sprichst das alles aus, als ob es die größte
Selbstverständlichkeit sei. Ist es denn nicht ein unfaßbares
Wunder?“
„Gott
selber ist voller Wunder, warum also sollte ich überrascht sein, seine
Eigenschaften am Werk zu sehen, selbst wenn ich an deinem Erlebnis innig Anteil
nehme? Nur die unmeßbare Ewigkeit wird uns die ganze Größe und
das ganze Wunder Gottes enthüllen. Um sie ermessen zu können,
müssen wir von Stufe zu Stufe, von
Heiligkeit zu Heiligkeit klimmen, bis wir durch eine siebenfache
Weihe in jenen Kreis strahlender Reinheit gelangen, in dem wir Seinen vollen
Glanz widerspiegeln und Seinen Anblick ertragen können.“
„Ist
ein solches Ziel wirklich erreichbar?, fragte ich. „Die Zukunft, die du
ausmalst, reicht in so unvorstellbare Höhen, daß es mir schier
unmöglich erscheint, sie jemals zu erklimmen.“
Eilele
sah mich an und lächelte.
Ebenso
unmöglich erscheint es dem Kinde, daß es jemals seinem Vater
gleichen könnte. Und wenn du Clarice aus der Finsternis direkt an diesen
Ort gebracht hättest, würde sie dasselbe gesagt haben. Aber du
hättest ihr versichern können, nicht wahr, daß du selber
Schritt für Schritt die Reise hierher gemacht hast! Und so geht es auch
jenseits des Himmelstores dort drüben immer weiter hinan auf der
himmlischen Stufenleiter. Du weißt, daß wir das Ziel nicht durch
einen einzigen Sprung erreichen können. Aber wir haben die Ewigkeit vor
uns — eines Tages in dieser Ewigkeit werden wir an der Spitze
göttlicher Vollkommenheit angelangt sein.“
„Göttliche
Vollkommenheit — meinst du das wörtlich?“
Wieder
trat ein Lächeln auf die Züge Eileles.
Lieber Astroel, wenn schon Sterbliche die
Anmaßung haben, sich göttlich zu nennen, sollten wir dann diese
Bezeichnung nicht mit viel größerem Recht auf den höchsten Rang
der Himmelshierarchie anwenden dürfen? Auf dieser Stufe stehen die
Söhne Gottes, aber auch wir müssen sie schließlich erreichen,
denn wir sind ja dazu aufgerufen.“
„Darf
ich dich noch etwas anderes fragen? Glaubst du wirklich, daß es einen
neuen Himmel und eine neue Erde geben wird, oder war das nur bildlich
gesprochen?“
„Soweit
es mir bisher eröffnet worden ist“, antwortete Eilele mit
vorsichtiger Zurückhaltung, „war es sowohl wörtlich als auch
bildlich gemeint, es überschneidet beides und ist dennoch von keinem ein
Teil. Auf der Erde arbeiteten wir manchmal ein altes Kleidungsstück um und
machten ein “neues“ daraus. Eine solche Verwandlung etwa stelle ich
mir vor, wenn der Heiland sein neues Königreich auf Erden errichtet. Der
Zeitpunkt, an dem dies geschehen wird, ist nur Gott bekannt. Aber dessen bin
ich sicher: Er wird nicht noch einmal in der gleichen einfachen Gestalt
zurückkehren, sondern als allgewaltiger Herrscher, und der Wille Gottes
wird auf Erden getan werden wie im Himmel. Denke an den zweiten Psalm:
„Heische von mir, so will ich dir Völker zum Erbe geben und Enden
der Erde zu deinem Eigentum. Du sollst sie (die Könige der Erde) mit
eisernem Szepter zerschmettern“.“
„Darf
ich dir nun noch eine letzte Frage stellen?“
„Gewiß,
zehn, wenn du wünschst!“
„Ich
begreife, daß eine neue Erde nötig ist. Aber warum wird auch ein
neuer Himmel für erforderlich gehalten? Ist denn der Himmel nicht schon in
sich vollkommen?“
„Bei
dieser Verkündigung kannst du den Himmel nicht von der Erde trennen, Astroel. Denn als Gott die materielle Welt schuf, schuf er
auch den an die Erde angrenzenden Himmel (1.Mose,1,7-8) als den Bereich, in dem die Seele ihre irdischen
Unreinheiten ablegen und die geistigen Gesetze lernen könne. Dieses
Zwischenreich ist gemeint, nicht der Himmel nach der zweiten Geburt. Wenn aber
das Reich Gottes auf Erden herrscht, wird dieser “niedere“ Himmel
nicht mehr vonnöten sein. Das Paradies Gottes wird wiederum die Erde
berühren.“
*
Eilele
hatte geendet; doch noch ehe ich antworten konnte, rief sie: „Schau nur,
dort drüben kommen Dracine und der Gärtner.
Er wird dir gewiß einige besonders schöne Stellen in diesem Garten
zeigen wollen.“
“Sagtest
du Gärtner?“, fragte ich.
Der
Begleiter Dracines unterschied sich
äußerlich in keiner Weise von anderen Seelen hier. Aber ich hatte
das deutliche Gefühl — war es nicht sogar ein Herzklopfen? —
daß es eine besondere Bewandtnis mit ihm habe. Gottes Boten sind nicht
immer in königliche Gewänder gekleidet!
„Ich
weiß nicht, warum“, antwortete Eilele auf meine Frage, „aber
ich nenne ihn stets “Gärtner“, weil sein Betätigungsfeld
in diesem Garten hier liegt. Ich stelle mir gern vor, ich sei in den Garten
Gottes hineingepflanzt worden, so daß VOORMERE mir
hin und wieder ein wenig von seiner Aufmerksamkeit schenkt.“
„Ich
verstehe. Aber sage mir noch eines: wie vereinbart sich ein solches
ortsgebundenes Arbeitsfeld mit den unendlichen Möglichkeiten der
Höherentwicklung?“
„Du
begehst einen Denkfehler, Astroel. Es handelt sich
immer um freiwillige Aufgaben, niemals um von Gott erzwungene. War es nicht
ähnlich bei deiner Rettungstat für Clarice? Sie hat dich in keiner
Weise behindert, ja, sie wird dir helfen, das Tor zu passieren, und erst in
Ewigkeit wirst du deinen wirklichen Lohn kennen. Gott verbirgt oft unendliche
Möglichkeiten im Senfkorn unbedeutend erscheinender Dinge. Auch VOORMERE
kann so zurzeit an diesem Ort die besten Dienste leisten. Aber du kannst sicher
sein, daß ihn bald ein höherer Ruf erreichen wird.“
Inzwischen
waren Dracine und VOORMERE
herangekommen.
„Sind
wir Störenfriede?“ fragte Dracine,
schelmisch wie immer.
„Ein
solcher Zuwachs an Liebe und Weisheit könnte niemals störend
sein“, lächelte Eilele und rückte beiseite, ihre Schwester zum
Sitzen einladend.
„Da
ich keine dieser beiden Tugenden verkörpere“, meinte Dracine, sich niederlassend, „überlasse ich es VOORMERE, doppelte Krone zu tragen. Seht, wie er schon
abwehrend den Kopf schüttelt.“
Aber
Eilele ließ sich nicht ablenken. „Ich habe gerade versucht“,
sagte sie, „Astroel dabei zu helfen, die
Erlebnisse auf seiner langen Reise hierher miteinander in Einklang zu
bringen.“
„Ich
würde vorschlagen“, wandte sich VOORMERE an
mich, „dies einem späteren Zeitpunkt zu überlassen. Solange du
noch nicht in der Lage bist, die Einzelteile in das richtige Verhältnis
zueinander zu setzen, kannst du auch nicht das Ganze verstehen. Laß mich
ein Beispiel aus deinem früheren Beruf wählen: Ein großer
Adelssitz ist seit drei Generationen von Treuhändern verwaltet worden,
weil sich kein rechtmäßiger Erbe meldete. Eines Tages kommt ein
einfacher Landarbeiter zu dir, dem Rechtsanwalt, und legt dir so
überzeugende Dokumente vor, daß du seinen Fall übernimmst und
am Ende tatsächlich seinen Anspruch auf den Adelssitz durchsetzen kannst.
Wird dieser Bauernknecht, dessen Leben bislang ein einziger Kampf um das tägliche
Brot war, nun plötzlich alles begreifen und beherrschen, was die
Entscheidung des Gerichtes für ihn bedeutet — den Titel, die
Verwaltung der Liegenschaften, die Pachtverträge, die Bankgeschäfte
und das Leben in der eigenen Stadtwohnung?“
„Nein,
gewiß nicht“, gab ich zu. „Ich danke dir für dieses
Gleichnis; jetzt kann ich meine eigene Lage besser verstehen.“
„Und
selbst jetzt“, fuhr VOORMERE fort,
„hast du nur eine sehr begrenzte Vorstellung von dem Erbe, das du
antrittst. Ist es dir aufgefallen, daß du bisher noch nicht einen
einzigen Blick auf das getan hast, was hinter dem Himmelstor liegt?“
VOORMERES Frage war mit Bedacht und Absicht
gestellt — sie überraschte mich vollständig.
„N
— nein! Der Gedanke daran ist mir noch garnicht gekommen —
―.“
VOORMERE ließ nicht locker.
„Denke einmal weiter nach, Astroel. Hattest du
nicht das Gefühl, daß in den dir dort drüben im Hain und hier
im Garten gewährten Visionen jeder Schleier des Mysteriums fortgezogen
wurde? Aber prüfe dich nochmals — von dem Standpunkt, an dem wir
jetzt hier stehen — und du wirst entdecken, daß immer noch gewisse
Schleier zurückgeblieben sind, bevor deine Augen in die Unendlichkeit
blicken können. Du hast wunderbare Visionen erlebt, gewiß, aber sie
sind jedesmal vorübergegangen. Die wirklich freie Sicht aber, geht ins
ewige Licht, das niemals schwinden kann.
„Bisher
siehst und begreifst du die Teile, wie etwa diesen Garten hier. Doch vom Turm
des Himmelstores dort, wirst du über den Säulengang hinaussehen
können, der jetzt noch deine Sicht begrenzt — nicht nur den ganzen
Weg zurück, auf dein Erdenleben und deinen Pilgerzug zur zweiten Geburt,
sondern in entgegengesetzter Richtung in das Licht des ewigen Tages — bis
zur alles krönenden Glorie.
„Komm
ein Stück Weges mit mir, damit ich dir von einer besonderen Stelle aus
zeigen kann, wie sehr das Wissen vom Standpunkt abhängig ist. Wir werden
unsere beiden Schwestern bald wiedersehen.“
VOORMERE führte mich in einen von
duftenden, herrlich blühenden Büschen bestandenen Teil des Gartens,
der die Wildlandschaft, die ich mit OMRA
durchkreuzt hatte, an Schönheit und Zauber noch weit übertraf. Er
sprach nicht, sondern überließ mich meinen Gedanken und der
Verzückung über die Sinfonie der Farben, die uns von allen Seiten
umgab.
Aber
selbst dies war nur das Vorspiel zu dem, was wir bald darauf erblickten, als
wir auf einem durch sanfte Hügel führenden Pfad plötzlich eine
Ebene erreichten, die bisher meinen Augen verborgen geblieben war. Sie war an
drei Seiten von Hügelketten umgeben; die vierte Seite grenzte an den
Abgrund, der die beiden Welten trennt. Ihre Breite mochte etwa eine halbe Meile
betragen, ihre Länge noch etwas mehr.
Mit
ausgestreckter Hand zeigte VOORMERE auf
die Mitte dieser Ebene, wo ich ein riesiges, verwirrend buntes und seltsam
geformtes Blütengebilde erblickte, das von einem breiten Rasensaum umgeben
war.
„Das
ist der Anblick, von dem ich sprach!“
„Was
bedeutet es?“, fragte ich.
„Es
ist ein allegorisches Bild, dazu bestimmt, die verwirrende Fülle von
Erlebnissen zu ordnen, die eine neugeborene Seele wie du zu meistern hat. Wir
haben hier im Grenzland des Himmels viele solcher Bilder, die in der Ursprache
der Bibel sprechen. Sie sind von unwiderstehlicher Schönheit, beredter Ausdruckskraft
und leuchtender Offenbarung — sobald die Seele den Punkt gefunden hat,
von dem aus sie im wahren Lichte sieht. Bis das nicht der Fall ist, wird sie
nur eine ungereimte Fülle von Farben erblicken, in der ihr Auge weder Sinn
noch Harmonie entdecken kann.“
„Dann
ist es offenkundig, daß wir noch nicht den notwendigen Betrachtungspunkt
erreicht haben“, meinte ich.
„So
ist es“, lächelte VOORMERE,
„aber ich habe diesen Umweg absichtlich gewählt, um den Gegensatz zu
demonstrieren, von dem ich gesprochen habe. Von dieser Stelle aus ruft jenes
allegorische Bild dort drüben eine ähnliche Verwirrung in dir hervor,
wie du sie bei der ersten Anwendung deiner neuen Fähigkeiten
spürtest, nicht wahr? In beiden Fällen stehst du vor einem scheinbaren
Chaos; ich aber, der ich mit diesem Bilde gut vertraut bin, kann genau die
vielen kleinen Farbstriche und Schattierungen unterscheiden, die zusammen die
großartige Schönheit des Ganzen ausmachen.
„Nicht
lange mehr, und auch du wirst die Schönheit dieses Bildes erkennen und
zugeben müssen, daß man nicht eine Blüte daraus entfernen oder
umpflanzen könnte, ohne die Vollkommenheit des Ganzen zu stören. So
sehr kommt es auf den richtigen Standpunkt an, nicht nur vor Bildern, sondern
in allen Dingen des Lebens, wie ich dir jetzt zeigen werde.“
Damit
wendete sich VOORMERE zum Gehen, und wir erstiegen
einen der Hügel längs der Talmulde, durch die wir gekommen waren.
Es
gibt nur einen Maler, der die Vollkommenheit des Himmels auf Leinwand bannen
kann; nur einen Chemiker, der das Duftgeheimnis paradiesischer Blüten
kennt; nur einen Poeten, der die Hymne der Ewigkeit zu singen weiß; nur
einen Psychologen, der jemals die Reinheit der Liebe analysieren kann —
nur einen. VOORMERE war dieser Eine nicht, doch irgendwo,
irgendwie muß Sein Mantel die Schultern meines Begleiters berührt
haben, denn noch niemals hatte ich den Zauber einer solchen heiligen Wonne
gespürt, als auf diesem Weg den Hügel hinan. Die Erinnerung an MYHANENE, RHAMYA, OMRA und selbst an WALLOUMELE
verblaßte im Vergleich zu der von VOORMERE
ausgehenden Kraft, die jede Faser meiner Seele durchdrang und schwingen
ließ, als sei ich ein Instrument, auf das der himmlische Meister seinen
Bogen setzte.
Niemals
werden Worte vermögen, den Zauber dieses Emmausweges einzufangen —
es gibt Dinge, mein lieber Leser, die warten müssen, bis du denselben oder
einen ähnlichen Punkt auf deinem Pilgerpfade erreicht hast. Dann wirst
auch du verstehen.
Wir
hatten den Kamm des Hügel erreicht, und mit einer Handbewegung forderte
mich VOORMERE zum Niedersetzen auf.
Und
das war gut so. Denn der Anblick, der sich mir bot, als ich nun die Augen
wendete, traf mich mit der Wucht einer Lawine und verschlug mir so die Sprache,
daß ich nicht einmal eines Ausrufs der Überraschung fähig war.
Lange
und schweigend betrachtete ich das allegorische Bild, studiert jede Einzelheit,
umfaßte das Ganze — und verstand. Nun wußte ich, warum nicht
eine einzige Blüte verändert werden dürfte! Und ich wußte,
daß sich in mir eine
neue Wandlung vollzogen hatte, zu der der Gang mit VOORMERE nur die Vorbereitung gewesen war.
Ich
lauschte. Trug der weiche Wind, der von Hain herüberwehte, mir nicht eine
Stimme zu? Und ich vernahm die Worte aus der Schrift, die alles sagten, was
hier zu sagen war:
„Wer
kommt dort von Edom her, in tiefroten Kleidern von Bozra?
Prächtig sieht er aus in seinem Gewand, stolz tritt er auf in der
Fülle seiner Kraft.“ (Jesajas,63,1)
Es
war, als gäbe eine mächtige Orgel — irgendwo im Garten
verborgen — die Antwort darauf. Ihr Klang erreichte mich auf den Schwingen
einer duftsprühenden Flamme.
„Ich
bin‘s, der in Gerechtigkeit redet und mächtig ist zum Retten.“
Wieder
kam die Frage:
„Woher
ist denn das Rot an deinem Gewande und sehen deine Kleider aus wie die eines
Keltertreters?“
Und
wieder tönte die mystische Orgel: „Ich habe die Kelter allein
getreten, und von den Völkern stand mir niemand bei … und das Jahr
meiner Erlösung war gekommen. Und ich sah mich um, aber da war kein
Helfer, und ich entsetzte mich, aber niemand unterstützte mich; da half
mir mein Arm und mein Grimm.“
Wie
oft hatte ich über diese mir unerklärlichen Worte aus Jesaja,63 nachgedacht.
Die Sprache des Propheten hatte mich gefesselt, doch ihren Sinn hatte ich
niemals recht erfassen können. Jetzt aber, von meinem neuen Standpunkte
aus, schwand aller Zweifel dahin und die göttliche Allegorie lag offen vor
mir. Der königliche Hirte hatte sein prächtiges Gewand abgelegt und
war in den Abgrund gestiegen, wo der Ziegenhirt Edom sein Lager hat, um eines
seiner verlorenen Schafe wiederzufinden. Die Mühe, der Schmerz und die
Gefahren, die er bewältigte, waren in dem allegorischen Bilde klar
erkennbar.
Doch seine Suche wurde belohnt. Er fand das Verlorene, legte es um seine
starken Schultern und sprang mit einem kühnen Satz aus der Tiefe des
Abgrunds bis auf die Schwelle des Himmels.
Und
jetzt erkannte ich das Antlitz des guten Hirten, wiewohl ich ihn nie zuvor
gesehen hatte. Sein war die höhere Liebe, die zu finden ich meine Mutter
verlassen hatte. Ich hatte sie gefunden, und die Tore des Himmels öffneten
sich, um mir Einlaß zu gewähren.
Dann
― brach der Quell der Tiefe in mir auf. Seine fluten trugen mich mit sich
fort, und meine Seele floß über.
Ich
fiel auf die Knie und beugte mein Haupt. Ich weinte nicht — konnte nicht
weinen. Der Strom des neuen Quells hatte alle Tränen fortgewaschen und an
ihre Stelle ewige Freude gesetzt.
VOORMERE hatte mich verlassen, doch ich war
nicht allein! Eine andere, unsichtbare Hand streckte sich zu mir aus und hob
mich empor. Eine andere — weichere, süßere, zugleich unendlich
mächtigere Stimme sprach zu mir:
„Komm
höher hinan, freue dich mit mir, denn ich fand, was verloren war.“
Ich
blickte auf, sah den Sprecher nicht, doch fand alles um mich her
verändert. Umgeben von einer Schar von Freunden, bekannten und
unbekannten, stand ich innerhalb des Tores, das niemals bei Tage geschlossen
wird — und eine Nacht gibt es hier nicht.
* * *
Der Tempel aus lebendigen Seelen
…und ließen ihn halb tot liegen.
_______ * _______
[VH-LIF
2007]