Robert James Lees

Reise in die Unsterblichkeit

Band 3

Vor dem Himmelstor

 

VORWORT

Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, daß die “Reise in die Unsterblichkeit“ erschien. Sieben Jahre später folgte das “Elysische Leben“, und heute darf ich einer Leserschaft, die inzwischen auf ein Vielfaches gewachsen ist, voller Dankbarkeit den dritten Band in die Hände geben.

Manche mögen bei dem Gedanken erschrecken, daß die Pilgerfahrt Aphraars vom Ablegen des sterblichen Körpers bis zum Erreichen des Himmelstores, der “zweiten Geburt“, nach irdischer Zeitrechnung mehr als vierzig Jahre gedauert hat.

Aber irdische Zeitbegriffe gelten nicht im Jenseits, noch steht es irgendwo in der Bibel, daß die zweite Geburt (von der Christus zu Nikodemus sprach) sofort auf den irdischen Tod zu folgen hat.

Was Aphraar betrifft, so hat er während dieser Pilgerzeit eine Entwicklungsebene erreicht, die ihn die Dinge im vollen schattenlosen Licht der Wahrheit sehen läßt. Aber ich will ihm nicht vorgreifen. Mögen meine Leser ihm selber folgen und durch ihn selber erfahren, wie unüberwindlich jene Schutzmauern sind, die das Himmelreich umgeben, „auf daß nichts Unreines in es eingeht, noch wer Greuel und Lüge übt, sondern nur die geschrieben sind im Lebensbuche des Lammes“. (Offenbarung Joh.21,27)

Robert James Lees

*

Während ich beginne, diesen dritten Band meinem irdischen Freund in die Feder zu diktieren, weist er mich auf die vielen vorliegenden Briefe hin, in denen ich von Lesern des ersten und zweiten Bandes gebeten werde, bestimmte Fragen zu beantworten.

Zunächst aber habe ich meine Aufmerksamkeit auf ein Ziel zu richten, das durch die geheimnisvolle Äußerung Jesu Christi zu Nikodemus bestimmt ist: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!“. Nikodemus verstand ihn nicht, und mir scheint, die Gelehrten in fast zwei Jahrtausenden sind nicht sehr viel erfolgreicher gewesen.

Einstmals war ich ebenso blind. Aber durch die Gnade Gottes bin ich in das Licht geführt worden, in dem die Wahrheit erkennbar ist. Und mehr denn je drängt es meine Seele danach, der Erde zu sagen, was mir offenbar geworden ist, auf daß sie etwas von dem unwiderstehlichen Zauber himmlischer Musik spüre, die in den Worten liegt: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“.

Darum kann ich jetzt nicht innehalten, um Fragen zu beantworten. Soweit sie an dem Wege liegen den ich zu gehen habe, sollen sie ausführlich beantwortet werden. Alles andere ist von zweitrangiger Bedeutung gegenüber der Frage: Wie kann der Mensch von neuem geboren werden?

Eine Frage will ich jedoch noch beantworten, bevor ich den Faden aufnehme. Sie lautet: Wird in den ersten beiden Bänden der vollständige Ablauf der Geschehnisse berichtet, wie sie einer Aphraar ähnlichen Seele widerfahren würden, oder handelt es sich nur um einzelne Skizzen?

Es handelt sich um charakteristische Skizzen von Erlebnissen, die sich über zusammen fast dreißig Jahre erstrecken und nicht notwendigerweise in zeitlicher Reihenfolge erzählt werden. Eine chronologische Aufzählung hätte wenig Nutzen gehabt, denn es gibt keine festen Regeln oder “Lehrpläne“ in Gottes Universum. Jede Seele wird immer genau das vorfinden und erleben, was ihr selbst angemessen ist.

Gottes Gesetz ist vollkommen. Wir, die wir noch nicht vollkommen sind, können noch nicht die ganze Fülle seines Waltens erkennen. Aber eines weiß ich in dem Urteil, das auf jede Seele beim Betreten des Jenseits herniedergeht, zeigt sich die Gerechtigkeit Gottes mit einer überraschenden Milde. Es ist eine Göttlichkeit des Liebenden Mitleids, nicht des rächenden Zornes.

„Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe geben?“ (Matth.11,28) Kann es eine uns mit mehr Zuversicht erfüllende Einladung geben wie diese, die der Christus uns im Namen des Vaters zuruft?

Ehe ich meine Erzählung wieder aufnehme, möchte ich noch in Dankbarkeit der vielen wertvollen Dienste gedenken, die Sisvine* aus freiem Antrieb bei der mir übertragenen Mission leistete. Über einige werde ich in diesem Bande noch berichten.

Mögen meine Erlebnisse vor dem Himmelstor, die ich in diesem Bande schildere, meinen Lesern einen ersten Blick in ihre wahre Heimat gestatten und ihnen den eigenen Weg dorthin erleichtern.

Aphraar

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* Sisvine, eine englische Adlige, übernahm nach dem Tode von Frau Lees im Jahre 1912 einen Teil der geistigen Dienste, die erforderlich waren, damit die hohen Jenseitigen hier auf Erden durch R.J.Lees wirksam werden konnten. (Den anderen Teil des Schutzes übernahm seine Tochter Eva Lees.) Wie uns in diesem Buch berichtet wird, kommt es nur in ganz wenigen Ausnahmefällen vor, daß ein irdischer Bewohner wie Sisvine sich außerhalb des eigentlichen Schlafbereiches in den sieben Sphären des Zwischenreiches frei bewegen und selbst wie wir erfahren, Jenseitigen beim Überschreiten der Brücke zum ersten Himmel helfen kann.       Der Herausgeber

*   *   *

 

Ein neues Selbst erwacht

Habe ich meine Leser enttäuscht, weil ich so wenig von der einen Seele sprach, die ich mehr als alle andere zu finden begehrte — Vaone?

Hat man mein Schweigen als Enttäuschung und meine langen und häufigen Reisen — fern von ihrem Heim — als mangelnde Liebe oder Gleichgültigkeit angesehen? Wenn ja, so wäre das ein krasser Trugschluß.

Die Vaone, die ich fand, hatte die süßesten Träume übertroffen, die ich auf Erden von meiner Mutter geträumt hatte. Diese Erfahrung gilt nicht nur für mich. Wenn ihr jene wiederseht, die euch vorangegangen sind, so werdet ihr feststellen, daß sie euch nicht weniger, sondern unendlich viel mehr sind, als sie einstmals waren. Seid dessen gewiß.

Aber — als ich mich an meine neue Umgebung gewöhnt und etwas von den Gesetzen kennengelernt hatte, die in dieser Lebenssphäre herrschten, entdeckte ich, daß meine Liebe zum Christus noch unendlich größer wurde als die Liebe zu meiner Mutter. Es war dieselbe Liebe, nur in einem noch viel höheren Grade, die als göttliche Eigenschaft hier alles bestimmt und durchdringt.

Hatte ich meinen Lesern mehr als einen kurzen Blick in die für mich geheiligte Stätte verschafft, an der ich meine Mutter fand, ich hätte ein zutiefst persönliches Erlebnis entweiht, ohne mehr als der Neugier zu dienen.

Aber das ist Vergangenes, wenden wir uns der Gegenwart zu: Vaones Heim, das auch das meine wurde, lag in einem Tal, das wohl Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte, aber, wie ich bald spürte, jeder energiespendenden Kraft entbehrte.

Das Tal erstreckte sich in der Tat nur knapp jenseits des Bereichs, in dem die Erdeinflüsse noch sehr spürbar sind. Der einzige aktive Wunsch derer, die hier wohnen, ist auf Ruhe gerichtet.

Viele Seelen erreichen diesen Zustand sogleich, wenn sie die Erde verlassen haben, andere nach manchen Erfahrungen und Wegen durch die erdnahen Zonen, und viele erst, nachdem sie ihre Schulden abgetragen haben.

Für alle in den Stürmen des Lebens umhergeworfenen, in Versuchung geführten, oder mit Leid beladenen Seelen, ist diese Region ein idealer Zufluchtsort. Vaone, der dieses Tal nach einem kummerbeladenen Erdenleben Ruhe und Frieden bot, war hier glücklich und zufrieden. Ich aber, nach all dem, was ich gesehen und gelernt hatte, konnte nicht stillstehen. Höhere Sphären, auf die ich einen Blick hatte tun dürfen, riefen mich mit so musikalischer, unwiderstehlicher Stimme, daß mich auch die Liebe, die ich einst für die höchste aller gehalten hatte, nicht zurückhalten konnte.

Vaone schien das zu spüren. Ich hatte mich an einen Ort der Meditation zurückgezogen, als ich plötzlich ihre Hand auf meiner Schulter fühlte. Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört, Aphraar. Aber ich möchte dich gerne etwas fragen.“

„Frag‘ nur, du weißt, daß du mich nicht störst!“

„Hast du — eigentlich alles im Himmel so vorgefunden, wie du es erwartet hast?“

In Vaones Stimme war ein Ton besorgter Unsicherheit. Begann sie zu fühlen, daß es mich zu höheren Sphären zog, daß ihr eigenes Leben, so zufrieden sie auch damit sein mochte, noch unendlicher Erhöhung fähig war?

Einen Augenblick lang wagte ich ihr nicht zu antworten. Ich spürte, wie viel von dieser Antwort abhing und erkannte zum ersten Mal, welch‘ ungeheure Verantwortung auf den Schultern eines Mannes liegt, der ein Lehrender sein will. Ich sah, wie recht MYHANENE hatte, wenn er mir nicht erlaubte, von unserem Sprachrohr“ auf Erden Gebrauch zu machen, sofern nicht ein verantwortliches Mitglied seiner Gruppe zur gleichen Zeit zugegen war.

Nein, ich konnte es nicht wagen! Fast flehend sandte ich die geistige Bitte an MYHANENE: Komm und sprich an meiner Statt!

„Jetzt ist die Reihe an dir!“, war die Antwort. „Sag‘ ihr auf deine Weise, was du gesehen und gehört hast.“ Es gab also kein Entrinnen! Zum ersten Mal war mir in diesem Augenblick eine Aufgabe übertragen worden.

Ich nahm meinen Mut zusammen und wollte grade stockend beginnen, als etwas Seltsames geschah: Ein Strahl der Erleuchtung erhellte mein Bewußtsein. Er war kurz wie ein Blitzesleuchten, doch er reichte aus, um mir drei voneinander verschiedene Dinge deutlich einzuprägen: Vaones Erdenleben unter der herzlosen — persönlichen und geistigen — Herrschaft anderer; die tiefe Bedeutung der seelischen Befreiung durch den magnetischen Choral, und — weit am stärksten von allem — das Aufkeimen einer neuen Fähigkeit in mir selbst, die alle bisherigen Hemmnisse zu durchbrechen schien. Ein völlig neues Erkenntnisvermögen schien mir zugefallen zu sein.

Plötzlich konnte ich frei sprechen.

„Nein,, Vaone, es ist alles hier ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber versteh‘ mich nicht falsch: wenn ich deine Frage richtig auslege, dann entspricht das Leben hier nicht ganz deinen eigenen Erwartungen. Bei mir ist es genau umgekehrt — ich kann kaum die Worte finden, um auszudrücken, wie sehr es meine größten Erwartungen übertrifft. Ich will versuchen, dir zu erklären, worin dieser Unterschied zwischen uns besteht.“

„Ja, bitte hilf mir, Aphraar.“

„Nach besten Kräften, soweit ich dazu fähig bin. Aber, ich muß vorweg etwas feststellen, was du zu meiner Überraschung noch nicht erkannt zuhaben scheinst.“

„Und das ist —?“

„Daß weder du noch ich bisher den Himmel erreicht haben.“

„Aphraar! Was soll das bedeuten? Unser Leben hier ist doch kein Traum; oder willst du sagen, wir haben den Himmel nicht erreicht, sondern erst eine Zwischenstufe?“

„Genau das. Ich weiß, diese Vorstellung widerspricht allem, was man dich auf Erden glauben gelehrt hat. Aber liegen nicht auch im Erdenleben zwischen dem Neugeborenen und dem erwachsenen Menschen die Stufen der Kindheit und Jugend? Ebenso muß die Seele durch einen Prozeß der Reifung und Stärkung gehen, bevor aus einem Sünder ein Engel werden kann. Beweist das nicht die Notwendigkeit eines Zwischenreiches?

„Wir brauchen nicht beunruhigt darüber zu sein, daß wir gegen unsere Erwartung diesen — soll ich sagen — Ankleideraum — vor dem eigentlichen Festsaal vorfinden. Was dich betrifft, so hat er das eigentliche Fest bisher nur hinausgezögert; ich aber bin mehr als beglückt über das, was ich erlangen durfte und freue mich, wie auch du es tun solltest, auf das, was uns noch offenbart werden soll.

Während ich sprach, spiegelte sich auf Vaones Zügen abwechselnd Hoffnung und ein Schatten des Zweifels wider. Schließlich aber hellte sich ihr Gesicht völlig auf. Ich war überrascht, daß meine wenigen Worte so erfolgreich waren, aber gleichzeitig fühlte ich: dies ging nicht von mir aus. Jener geheimnisvolle Strahl der Erleuchtung hatte ein Etwas zurückgelassen, einen Impuls, der mich lenkte und mir eingab, was ich zu sagen hatte. Und das mit einer Sicherheit und in einer sprachlichen Form, wie sie mir niemals zuvor eigen gewesen war.

„Ich beginne zu fühlen“, sagte Vaone endlich, „wieviel es gibt, wovon ich nichts weiß. Als ich zu dir kam, hing es über mir wie eine ruhelose Unsicherheit, ein Gefühl der Enttäuschung, das allen meinen Vorstellungen vom Himmel widersprach. Deshalb kam ich. Während du sprachst, schien sich alles zu ändern — die Enttäuschung gab einem Bewußtsein Platz, daß alles, alles von Geheimnissen durchdrungen ist: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Kannst du mir sagen, was das bedeutet?“

„Ich kann es dir in einem einzigen Satz sagen“, erwiderte ich, mehr als dankbar für ihr Geständnis, denn es enthüllte mir klar, was in ihr vorging.

„Es ist dein eigenes Erwachen zum Leben. Das Leben ist ein Mysterium — ein Geheimnis so tief, so unerhört groß, so überwältigend, daß vielleicht nur das Auge Gottes es jemals ganz durchdringen kann. Sein erster heller Strahl ist eben im Begriff, deine Seele zu berühren.

„Du mußt es fühlen, sehen selbst erkennen. Niemand außer Gott kann dir sagen, wo es herkommt und wo es hinführt. Rüste dich darauf, IHN mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu suchen, und folge Dem, der alleine fähig ist, dich zum wahren Licht des Lebens zu führen.“

Vaone antwortete nicht, sondern wandte sich ab und schritt langsam fort. Genau so, wie ich mich mehrmals schweigend von MYHANENE abwandte, wenn er mich vor eine seiner Offenbarungen gestellt hatte.

Ich folgte ihr nicht. Ich wußte alles war gut. Und es schien als hätte ich im Augenblick genug zu tun, um mit meinem neuen Selbst vertraut zu werden.

*

Meine Leser werden sich vielleicht daran erinnern, wie ich, in der Begleitung CUSHNAS, den Punkt der Erinnerung“ berührte und betäubt vor den Offenbarungen stand, die auf mich einstürzten. Ein zweiter Strahl der Erleuchtung hatte diese Entwicklung jetzt auf eine neue Stufe gehoben.

Ich versuchte, darüber nachzudenken, als Vaone gegangen war. Ich sah plötzlich, daß ich unsichtbar und unbewußt in diesem Punkt gelenkt worden war. Von dem Zeitpunkt an, als ich nach meinem körperlichen Tode auf dem Wiesenhang erwachte, hatte ich — äußerlich beschäftigt mit MYHANENE, CUSHNA und anderen — auf irgendeine geheimnisvolle, unerkannte Weise mit neuen unsichtbaren Freunden in Verbindung gestanden.

Wir alle gehen den Weg nach Emmaus. „Vom Herrn kommen die Schritte des Menschen; was versteht der Mensch von seinem Weg?‘, sagte Salomo. Der Intellekt mag gegen das Erfordernis des Geistes rebellieren, nach ‚dem Glauben zu wandeln, nicht nach dem Anschein‘. Aber im Reiche des Geistes ist der Intellekt nicht Herrscher! Er mag seine Hand ausstrecken; seine Fingerspitzen mögen sogar den seidenen Saum berühren, mehr aber kann er niemals tun

Der Glaube aber wird das Gewand des Geistes und den lebensspendenden Segen erringen, der nur dem Gehorsam zuteil wird.

Ich weiß, wovon ich spreche. Seit diesem Gespräch mit Vaone hat sich die Offenbarung fortgesetzt, bis ich erkennen konnte, daß die äußeren Erscheinungsformen immer nur vorübergehend sind, während die verborgenen, in der Gegenwart unsichtbaren, wahrhaft und ewig sind.

Was ist Glaube?

Ich komme darauf später noch zu sprechen und will hier nur andeuten: Die Seele erschließt sich immer in der vierten Dimension — vom Körperlichen zum Geistigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Der Glaube ist eine Art tele-mikroskopische Fähigkeit, die die Seele im Innern des Seins entdeckt. Wenn diese Fähigkeit nutzbar gemacht wird, durchdringt und erhellt sie die innere Dunkelheit und ermöglicht auch der noch im Körper befangenen Seele, in der Zukunft zu leben, als wäre diese bereits gegenwärtig.

Wenn diese uns allen innewohnende Kraft der Seele einmal klar erkannt ist, dann kann es nicht mehr den geringsten Zweifel geben, daß „der Glaube eine Zuversicht ist auf das, was man hoffet, eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht“ (Hebräer,11,1).

Wenn die Wandlung, die diese Offenbarung in mir vollbracht hat, auch bei dir eingetreten ist, mein lieber Leser, dann wirst du eher verstehen, was mit der zweiten Geburt“ gemeint ist.

*   *   *

 

Im Vorhof

Tief in Gedanken versunken, war ich wohl ein gutes Stück Weges gegangen, als ich plötzlich bemerkte, daß sich die Landschaft vor mir völlig gewandelt hatte.
Ich stand vor einem — nun, nennen wir es ein botanisches Wunder. Es war ein Hain aus riesigen Bäumen, dessen wunderbar ebenmäßige Proportionen dem Schiff einer Kathedrale entsprachen, mit Chorgängen an beiden Seiten, die diesen architektonischen Eindruck noch verstärkten.

Seine Länge mochte dreihundert Meter oder mehr betragen, seine Breite und Höhe standen im genauen Verhältnis dazu. Auf beiden Seiten standen zwölf Bäume in gleichen Abständen — nicht einfache Stämme, etwa wie grobe normannische Säulen, sondern gleich gotischen Pfeilern von äußerster Ebenmäßigkeit. Die Seiten waren von dichtem Blätterwerk ausgefüllt, das von riesigen blühenden Büschen zu stammen schien, während das Laub der Bäume hoch oben das Dach bildete.

Der Boden war von dichtem, samtenem Rasen bedeckt, in den die Füße wie in einen weichen Teppich einsanken. Und am Fuße eines jeden Stammes schien ein mit duftendem Moos ausgelegter Ruheplatz angelegt zu sein. Auch hier und dort im Haupt- und Seitenschiff sah ich Plätze, die offensichtlich zum Ausruhen bestimmt waren.

Im Mittelpunkt der Anlage befand sich ein leicht vertieft liegender Springbrunnen, dessen korallenfarbenes Becken an seinen Rändern in ein zartes, von Wasserpflanzen durchranktes Flechtwerk ausmündete. Die zarten Fäden des tanzenden Wassers vervollkommneten den Eindruck einer Märchenszene. Gegenüber, auf der anderen Seite des Brunnens, schien der Boden sanft — kaum sichtbar — anzusteigen; ein Eindruck, der sich bis über das Ende der Anlage hinaus fortsetzte.

Als ich meine Augen dieser ansteigenden Fläche folgen ließ, erblickte ich an ihrem Ende, mir genau gegenüber, etwas Unerwartetes: zwei runde Türme verbunden durch eine zarte Brücke, die von ähnlichem Baustoff wie das Wasserbecken zu sein schien und ebenfalls von Rankengewächsen bedeckt war. Beide Türme hatten Doppeltore, die in dem weichen Licht wie Perlmutt schimmerten.

Wie seltsam, daß ich dieses Bauwerk nicht sofort bemerkt hatte! Meine Augen wanderten vom Brunnen zum Brückentor und wieder zurück. Bestand eine Verbindung zwischen ihnen, und was hatte das alles zu bedeuten? Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl völliger Hilflosigkeit. Ich stand vor einem gänzlich undeutbaren Mysterium, an der Schwelle irgend eines für mich bedeutsamen Ereignisses, dessen Herannahen ich nur ahnen konnte.

Erst nach geraumer Weile konnte ich meinen Blick von den Brunnen und Türmen abwenden und beginnen, mir die Personen anzusehen, die hier und dort ruhten oder wandelten — denn, obwohl ich es noch nicht erwähnte, der Hain war keineswegs menschenleer. Die Ablenkung tat mir wohl, und ich begann, die vielfältigen, mir zum Teil noch unbekannten Farben zu studieren, in denen die Gewänder dieser Fremden leuchteten.

Ich war noch ganz ins Studium dieser wunderbaren Farben vertieft, als ich plötzlich einen Mann bemerkte, der von der entgegengesetzten Seite des Hains auf mich zukam. Im gleichen Augenblick hatte ich das überzeugende Gefühl: Dort kommt der, der mich führen wird!

Es gab auch keinen Zweifel, daß er mich bereits kannte, denn er kam über die lange Strecke geradewegs auf mich zu, nickte vielleicht hier und dort einer anderen Seele zum Gruße zu, aber hielt niemals inne. Er bewegte sich mit der sicheren Gelassenheit, die allen Bewohnern der höheren Sphären eigen ist.

Nun stand er vor mir.

„Ich bin RAEL, ein Freund OMRAS und MYHANENES, in deren Namen ich dir jede Unterstützung anbieten möchte, derer du bedarfst.“

Mit einer Gebärde bot er mir an, auf dem weichen Moos Platz zu nehmen.

„Ich kenne MYHANENE gut und habe mich daran gewöhnt, ihn fast als einen Bruder zu betrachten“, sagte ich, als wir uns niedergesetzt hatten. „Aber für OMRA bin ich so gut wie ein Fremder, und ich habe einige Scheu vor ihm.“

„Das kann ich wohl verstehen. Ich kenne die Umstände, unter denen du ihn sahst. Du hattest vielleicht ein ähnliches Gefühl, als du zum ersten Male MYHANENE trafst — deshalb bin ich sicher, daß du OMRA bald ebenso lieben wirst, wenn du ihn besser kennst.“

„Und wenn du dich einen Fremden nennst“, fuhr mein neuer Gefährte mit dem Anflug eines schelmischen Lächelns in seinen Augen fort, „so ist das eine starke Empfehlung für mich. Es gibt einen Spruch, den wir als höchstes Gebot ansehen. Er lautet: „Vergesset nicht, gastfrei gegen Fremde zu sein, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebräer,13,2).“

„Ich fürchte, diese Möglichkeit ist bei mir gänzlich ausgeschlossen“, sagte ich. „Aber wie wußte OMRA von meiner Ankunft hier? Ich bin nur durch Zufall an diesen Ort geraten.“

„Bist du soweit gereist, ohne zu bemerken, daß wir hier viele Mittel zur Verständigung haben, die auf Erden unbekannt sind?“

„Nein, durchaus nicht; aber in diesem Falle, wo ich selbst nichts dazu tat, um meine Gegenwart bekannt zu machen, überrascht es mich doch, daß OMRA davon weiß.“

„Nun, mein Freund, du hast wohl noch einige neue Entdeckungen vor dir! Ich hoffe, dir dabei behilflich sein zu können.“

„Ich begreife nur nicht …“

Ich zögerte, und sofort kam RAEL mir zu Hilfe. „Ich weil schon, was dich bewegt, und deine Verwirrung überrascht mich keineswegs. Wie die Kinder Israels, als sie den Jordan gen Kanaan überschritten hatten, brauchst du eine führende Stimme und eine hilfreiche Hand. Wie unbedingt nötig das ist, wirst du bald entdecken. Ich bin beauftragt, dich zu begleiten und möchte dich auf meine eigene Weise über alle Schwierigkeiten hinwegbringen. Ich hoffe, daß du dann das Tor im Triumph durchschreiten wirst.“

„Nur bis zum Tor dort hinten?“, fragte ich überrascht. Sollen wir uns dort wieder trennen?“

„Nur bis zum Tor“, wiederholte er mit ruhigem Nachdruck. „Aber vielleicht ist die Reise dorthin länger, als die Entfernung anzuzeigen scheint! Was, wenn es ein Fall von so nah und doch so fern wäre? Wußtest du noch nicht, wie voll von Überraschungen dieses Leben ist?“

„Oh, gewiß. Nur schien mir das klare Landschaftsbild vor uns kaum geeignet, Überraschungen zu bergen.“

RAEL ließ sich nicht aus seiner Reserve locken.

„Ja, man sollte das kaum für möglich halten. Aber ich schlage vor, du behältst dies im Sinn, wir kommen vielleicht später darauf zurück … Zunächst wirst du andere Fragen haben, die dich unmittelbar interessieren.“

„Ich hätte eine Menge Fragen“, antwortete ich, „aber ich bin noch so verwirrt, daß ich kaum weiß, wie ich sie stellen soll.“

„Dann laß‘ mich dies für dich tun! Und ohne unnötige Erklärungen, denn wenn es etwas über deine Vergangenheit gibt, mit dem ich in diesem Augenblick noch nicht vertraut bin — ist das eine neue Überraschung für dich? — dann können wir es leicht später einfügen.

„Wir können deine Fragen also vorerst auf des Naheliegendste beschränken: Wo bin ich?‘ und Wie kam ich hierher?‘

„Ja.“

„Wir nennen dies den Hain der Stimmen. Er ist der Vorhof zu jenem Tor dort drüben, das zu passieren den bedeutendsten Schritt auf dem Pilgerwege bildet.

„Dieser Schritt ist die mystische zweite Geburt, von der Christus zu Nikodemus sprach. Sie ist von unendlich größerer Bedeutung als das Abwerfen des Körpers und von Gott dazu bestimmt, vor dem körperlichen Tode erreicht zu werden — obwohl dies nur sehr wenigen Menschen gelingt.

„All‘ deine Erlebnisse und das, was man dich seit deiner Ankunft im Jenseits lehrte, hatten das eine Ziel, dich für diesen Schritt vorzubereiten. Hinter allem stand der Zweck, die langsame Entfaltung jener geheimnisvollen Fähigkeiten zu fördern, die du in dir zu spüren beginnst. Du gleichst einem Kinde kurz vor der Geburt: Deine ganze Kraft ist darauf gerichtet, dich von deinen gegenwärtigen Fesseln zu befreien und die grenzenlose Freiheit der unsterblichen Seele zu erringen.“

„Willst du damit sagen, daß ich vorwärtsgehen muß, daß ich keine andere Wahl, keinen freien Willen in dieser Sache habe?“

Der freie Wille spielt nur eine beschränkte Rolle, wenn man sich an einem dramatischen Höhepunkt befindet. Ich möchte eher sagen, die Natur übernimmt die Führung in uns und führt die Entwicklung zu Ende. Dennoch will ich nicht soweit gehen, zu sagen, du mußt vorangehen. Aber ich sage entschieden, daß du das tun wirst.“

„Bist du dessen sicher? Ich frage nicht aus Spitzfindigkeit, sondern weil ich gerne deine Bestätigung hören möchte.“

„Ich verstehe dich vollkommen“, antwortete RAEL, „und entspreche gern deinem Wunsch. Wenn du jetzt die freie Wahl hättest hier zu bleiben oder zur Erde zurückzukehren, was würdest du wählen?“

Ich mußte lachen. „Kann es da einen Zweifel geben?“ „Wohl kaum, aber laß‘ uns doppelt sicher gehen“, fuhr er fort. „Nochmals vor die Wahl gestellt, würdest du hier an unserer Ruhestelle bleiben wollen, oder vorwärts zum Tor hin gehen?“

„Ich bekenne mich geschlagen. Natürlich möchte ich zum Tor gehen“, sagte ich, mich in Vorbereitung bereits von meinem Sitz erhebend.

Aber ich wurde sanft zurückgehalten. „Nicht so eilig. Ich wußte, was du wählen würdest, denn die vor uns liegenden Dinge haben hier immer eine größere Anziehungskraft als die bereits erreichten; ja, sie sind unwiderstehlich. Nun aber komm“ — und damit erhob sich mein Begleiter selbst — „und laß uns OMRA begrüßen.“

*   *   *

 

Omra zeigt mir wo ich stehe

RAEL hatte das seltene Talent, Wissensdurst zu wecken, indem er seine Themen in ansprechenden Farben und Formen umriß, dann aber innehielt ohne den erzeugten Durst zu befriedigen. Aber darin lag gerade die faszinierende Wirkung seiner Unterweisung. Ein begehrter Schatz, der uns nur von ferne gezeigt wird, unseren Augen wieder entschwindet, der von uns erst gesucht werden muß, um endlich gefunden zu werden, ist um vieles kostbarer, als wenn er uns in die Hände gelegt wird.

Mir war gesagt worden, ich nähere mich dem wichtigsten Augenblick auf dem Pilgerpfade der Seele. Wie ruhig, fast beiläufig, hatte RAEL dies ausgesprochen, um sich im nächsten Augenblick schon wieder einem anderen Thema zu widmen!

Während wir den Hain durchschritten, mußte ich eine Flut von Fragen auf meinen Lippen ersticken. Ich ahnte, wußte wohl, daß ein mächtiger Strom mich erfaßt und aus dem stillen Wasser in die ins Ewige mündende Flut getragen hatte. Ich zitterte fast vor dieser Erkenntnis, die die einzige war, die RAELS Worte zuließen. Und ich wünschte, allein zu sein.

Mein Begleiter, der schweigend neben mir hergeschritten war, erfaßte meinen Gedanken, noch ehe ich ihn zuende gedacht hatte.

„Vielleicht“, sagte er sanft, „wirst du auf deinem Wege durch die Zeitalter niemals wieder einen Platz finden, der einen solch unauslöschlichen Eindruck in dir hinterläßt wie dieser Hain der Stimmen. Es wäre sinnlos, wollte ich alles zu erklären suchen, was ich damit meine — du könntest es noch nicht verstehen. Sieh‘ nur zum Beispiel die Vielfalt der Farben und den Schmuck der Gewänder! Wenn du ihre Bedeutung verstehen gelernt hast, wirst du erkennen, was von dieser Stunde an mit deiner Seele vorgeht. Und niemals wird dir die Frische dieses ersten Eindrucks verloren gehen!

„Unbewußt streckst du deine Arme aus, um das Kommende zu empfangen, und deshalb muß ich dich jetzt für eine kurze Weile allein lassen. Mögest du die Stimmen hören, die in diesem Heiligtum durch jeden deiner Sinne zu dir sprechen, mögen deine Augen einen Blick auf die Unendlichkeit erhaschen, in die du einzutreten im Begriff bist!“ RAEL ließ mich allein.

Er hätte kein besseres Beispiel aussuchen können als die Vielfalt der Gewänder, die die anderen Seelen in diesem Hain trugen, um mich erkennen zu lassen, daß ich noch völlig an der Schwelle einer neuen Entwicklung stand. Ich hatte zwar als eines der ersten Dinge nach meiner Ankunft im Jenseits gelernt, daß jede Farbe ihre eigene Bedeutung hat, wobei die dunkleren niedrigere und die helleren höhere Stufen anzeigten. Aber nie hatte ich geahnt, welche ungeheure Vielfalt der Abstufungen und Zusammenstellungen es gab. Sie zeugten von Graden der seelischen Entwicklung, die mir noch ein unergründbares Geheimnis schienen, von einer ganzen Welt noch bevorstehender Offenbarungen, von Herrlichkeiten, deren Glanz mich geblendet hätte, wären meine Augen nicht noch barmherzig verbunden gewesen.

Aber wenn ich auch die einzelnen Akkorde der mich umgebenden majestätischen Musik noch nicht deuten konnte, ihre Wirkung auf meine Seele war deshalb nicht minder stark. In den Tiefen meines Seins klang ein Echo — war es Musik oder waren es wirkliche Stimmen? — — dem ich entzückt und begierig lauschte. Süße, kräftigende Ströme umspielten mich und füllten mich mit einem Lebensbewußtsein, dem nichts Irdisches vergleichbar war. Alles rief zur inneren Einkehr, der Friede, das beredte Schweigen, das opalisierende weiche Licht dieses wundersamen Ortes.

Ich weiß nicht, wie lange ich allein gewesen war. Plötzlich sah ich RAEL und OMRA auf mich zukommen; nicht vom Tor her, sondern von der entgegengesetzten Seite des Hains.

Ich wollte ihnen entgegengehen, aber eine zarte Stimme, deren Ursprung ich nicht begriff, hielt mich zurück.

RAEL und OMRA ließen durch nichts erkennen, daß sie mich gesehen hatten — zu meiner Erleichterung, denn ich fühlte noch immer eine starke Befangenheit in mir. Ich hatte OMRA ja nur ein einziges Mal vorher gesehen — und das bei einer feierlichen Weihehandlung. Und nach dem, was RAEL mir über die Bedeutung des vor mir liegenden Schrittes gesagt hatte, erwartete ich jetzt eine ähnlich förmliche Handlung im Hinblick auf meine eigene Person.

Welch ein Irrtum OMRA gab mir ein weiteres Beispiel jener grenzenlosen Güte, in der sich geistige Größe dem Dienste Gottes hingibt — ein zweiter MYHANENE, zu dessen Füßen man glücklich und unbesorgt sitzen darf.

Die beiden waren jetzt dicht vor mir angelangt, und RAEL schien OMRA etwas zu erklären, das dessen ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Plötzlich aber wendete er sich zu mir um, richtete seine strahlenden Augen auf mich und legte brüderlich seine Hand auf meine Schulter.

„Ah, Aphraar, sei herzlich willkommen an diesem Abschnitt deiner Reise!“

„Ich danke dir ebenso herzlich für deinen Gruß“, erwiderte ich, „aber im Augenblick begreife ich selber noch nicht, an welchem Punkt meiner Reise ich wohl angelangt bin.“

Das soll nicht zu deinem Nachteil sein. Wir erwarten nicht, daß ein Neugeborenes die Wissenschaft seines Geburtsvorganges versteht.“

„Ich glaube zu wissen was du damit sagen willst“, meinte ich, „aber damit endet mein Wissen auch. Ist es mir erlaubt, um nähere Erklärung zu bitten?“

Durchaus. Es ist die natürlichste Bitte, die du an dieser Stelle aussprechen kannst und ein Ausdruck deiner Bereitschaft, vorwärts zu gehen. Alles, was du zur Aufhellung dieses Mysteriums erbittest — denn ein solches ist es, noch über deine Erwartungen hinaus — soll dir zuteil werden; das ist Gottes Gesetz.

„Aber laß mich dir sagen, daß sich dieses Thema als weit tiefgreifender und umfangreicher erweisen wird, als du es bisher ahntest. Alles aber, was hiermit im Zusammenhang steht, wollen wir dir in seinen vielseitigen Auswirkungen erläutern und durch praktische Beispiele belegen.

OMRA machte eine kurze Pause, aber noch bevor ich eine Frage stellen konnte, fuhr er fort.

„Der Mensch ist, was seinen körperlichen Leib betrifft, ein Teil des Tierreichs. Es sei denn, er werde von neuem geboren, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Sein Schöpfer hat aus dem Staub der Erde den Leib geschaffen, der dazu bestimmt ist, dem Ebenbilde Gottes — der Seele — als irdisches Gefäß zu dienen. Eines Tages zerbricht dieses Gefäß. Die Seele aber wird frei und beginnt, wie die Raupe, sich ihrer neuen Umgebung anzupassen und sich fortzuentwickeln, bis zu dem Tage, an dem ein Schmetterling aus ihr wird. Du hast seit dem Tage deines irdischen Todes eine solche Zeit der Anpassung durchgemacht und bist jetzt im Begriff, das letzte Staubkorn der Erde von dir abzuwerfen und in das wahre geistige Leben einzutreten.“

“Ich hatte gewiß schon von der Vorstellung einer zweiten Geburt gehört“, sagte ich, „aber es war ein leerer theologischer Begriff für mich, der mir nichts sagte.“

„Darin bist du keineswegs eine Ausnahme! Der Meister sprach: Das Reich Gottes ist gleich einem Schatz, der in einem Felde verborgen ist. Dasselbe besagt das Gleichnis: Der geistige Schatz im irdenen Gefäß. Aber aller Scharfsinn der Menschen auf der Erde ist darauf gerichtet, die Materie zum Richtaß des Lebens zu machen, statt sie als Diener des Geistes zu werten! Das gesamte System des Umlernens hier bei uns ist eine Notwendigkeit nach dem ehernen Gesetz, daß in das Himmelreich „nichts Unreines eingehen wird, das da Greuel tut und lügt, sondern nur die geschrieben sind im Lebensbuche des Lammes (Offenb.21,27).“

„Und wonach wird beurteilt wer das ist?“

„Einzig allein danach, ob ein Mensch seine zweite Geburt erlebt hat! Die Seele kann niemals die Früchte des Paradieses kosten, ehe sie nicht das Tor passiert hat. Sei aber ohne Sorge, was dich selbst betrifft. Gott bringt seine Kinder nicht an diesen Ort, um ihnen dann die notwendige Kraft vorzuenthalten.“

Ich gewann mein Vertrauen wieder zurück. „Und darf ich dieses wunderbare Mysterium weiter kennen und verstehen lernen?“

„Du darfst nicht nur, du mußt. Nicht, weil man dich an der Ausübung deines freien Willens hindert, sondern weil Gottes unwandelbare Liebe eine so unwiderstehliche Macht auf dich ausübt, daß du ihrem Einfluß nachgeben und folgen mußt, wo sie dich hinführt. Deine geistigen Augen öffnen sich der Wahrheit, dein Intellekt wird verdrängt vom Glanze der Offenbarung, die fortan heller und heller für dich leuchten wird, bis zu dem Tage, an dem deine Füße nicht mehr irregehen können.“

*   *   *

 

Meine Vision

Kaum hatten wir uns auf einer der weichen, duftenden Moosbänke niedergelassen, als mir bewußt wurde, daß OMRA mich nicht zum weiteren Gespräch, sondern zur Meditation eingeladen hatte. Und während er schwieg, sank ich — wie soll ich es nennen — in einen Zustand des Halbbewußtseins, der meine innere Wahrnehmung tausendfach zu verstärken schien.

Vor meinem inneren Auge öffnete sich eine Vision von unendlicher Schönheit, einem lyrischen Märchen gleich. Ich befand mich in einem Amphitheater — ganz allein. Der Umkreis des Bauwerks wurde von schmuckvollen, mit blühenden Kletterpflanzen bedeckten Säulen gebildet, die verhältnismäßig kleine Grundfläche war von schwellendem Moos bedeckt. Der Zuschauerraum bestand aus nur einem einzigen Sitz — für mich! Etwa drei Schritt vor mir führte eine breite Treppe auf die Bühne, die aber, abgesehen von drei kurzen Sockeln in der Mitte und einem vierten höheren dahinter, völlig leer war.
Das Licht war nicht übermäßig hell, aber von einer Klarheit und übersinnlichen Ausdruckskraft, die mich völlig in den Bann schlug. Und je länger ich hinblickte, desto klarer wurde die Atmosphäre, als ob Schleier nach Schleier vor meinen Augen davongezogen wurde, auf daß ich das Unsichtbare selber erblicken möge.

Zu welchem Mysterium war dies das Vorspiel? Ich schaute mich um — niemand war da, der mir helfen konnte, keine ratende Stimme, keine führende Hand. Oder doch? Ich lauschte — ja, da war eine Stimme, unendlich sanft, musikalisch und gütig:

„Schau und erkenne!“

Die Stimme wirkte wie der Stab eines Dirigenten, der sein Orchester zum Einsatz ruft. In Sekundenschnelle belebte sich die Szene. Über dem höheren Sockel erschien eine leuchtende Wolke, dehnte sich aus, teilte sich und ließ ein kleines Kindlein sichtbar werden, gerade groß genug, um auf dem schmalen Schaft Halt zu finden. An dem Sockel zu seinen Füßen aber erschien in leuchtenden Lettern (1.Moses,1,27):

SO SCHUF GOTT DEN MENSCHEN IHM ZUM BILDE,

ZUM BILDE GOTTES SCHUF ER IHN.

Ich bedurfte keines Dolmetschers, der mir die Bedeutung dieses Bildes zu erklären hatte; es selbst hatte die unwiderstehliche Gewalt der Offenbarung. Ich blickte auf das wahre Ebenbild der menschlichen Seele, wie sie von Gott im Anfang erschaffen worden war. Und wieder kam die Stimme:

IN IHM WOHNT DIE GANZE KÖRPERLICHE FÜLLE

DER GOTTHEIT !

Kann ein Mensch das fassen? Kann er die unglaubliche Höhe ermessen, auf die Gott die von ihm zuerst Erschaffenen stellte? Und wenn er es erahnt, so mag er innehalten und in die Tiefe des Abgrunds aus Sinneslust, Lüge und Heuchelei blicken, in den die Menschheit heute geraten ist. Dann vielleicht mag er fühlen, wie groß der Abfall von Gott gewesen ist und wieviel zu tun übrig bleibt, um das Menschengeschlecht wieder in seinen Urzustand zu versetzen.

Denkt darüber nach, geduldig und beständig, bis die Erkenntnis tief in das Mark eures Bewußtseins eindringt. Dann vielleicht werdet ihr begreifen lernen, was die Erlösung durch Jesus Christus für uns bedeutet. Den Weg dazu zeigte der Meister selber einem, der ihn nach der Erlösung fragte (Lukas,10,25-28): „Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dies tu‘, und du wirst leben.“ Denn die Nächstenliebe ist die Erfüllung des Gesetzes, wenn sie praktisch geübt wird. Nur zu glauben, genügt nicht. „Die Teufel glauben und zittern.“ Die drei noch leeren Sockel auf der Bühne, die eine Art Bogen zu bilden schienen, ließen mir plötzlich bewußt werden, daß die Vision noch keineswegs vollkommen war. Und für einen Augenblick drohte mich meine Einsamkeit und Hilflosigkeit fast zu überwältigen. Die völlige Stille, das unerklärliche Bewußtsein der Gegenwart einer unsichtbaren Macht erfüllten mich mit zitternder Ehrfurcht. Wie lange sollte die Spannung andauern? Meine Augen wanderten von einem Sockel zum andern, nach einer Antwort suchend. Da endlich —

VERTRAUE AUF DEN HERRN

WARTE GEDULDIG AUF IHN

Wiederum hatte die weiche, gütige Stimme gesprochen, und sie löste meine Spannung vollkommen. Ich wußte jetzt, daß die Pause der Stille kein Zufall war, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, der zweifellos meiner Vorbereitung auf das Folgende zu dienen hatte. Ich fühlte, daß der Grund meines Wartens bei mir selber lag, aber ich bangte nicht mehr. Ich war bis hierher gelangt; das Begonnene, dessen war ich sicher, würde zur Vollendung geführt werden. Es bedurfte nur meines sehnsüchtigen Verlangens, dann würde die Antwort nicht ausbleiben.

Und so war es auch.

Gott bleibt einer wahrhaft aufrichtigen und geduldig wartenden Seele niemals die Antwort schuldig. Es mag lange dauern, bis die Seele sich so auf Gott eingestellt hat, daß sie in der Lage ist die zarten Schwingungen seiner Stimme zu empfangen. Aber wem es gelingt, sich aus den störenden Mißklängen des materiellen Lebens in das stille Heiligtum Seiner eigenen Seele zurückzuziehen um Ihm zu lauschen, der wird Ihn hören, wie ich Ihn hörte.

Die Stimme kam weich und sanft wie ein Windeshauch, perlend hell und rein wie das Läuten einer Silberglocke. Ich werde vielleicht nie erfahren, woher sie kam — sie schien sowohl in mir selbst zu tönen, als auch außerhalb das ganze Rund bis zum Überfließen anzufüllen. Es wäre müßig, wollte ich versuchen, die Schönheit ihrer Sprache wiederzugeben. Der Inhalt ihrer Botschaft aber lautete:

„Auf dem ewigwährenden Pilgerpfade des Lebens, der einst in Gott endet hast du bereits zwei Stufen überwunden. Du hast die Befreiung vom Körper erlebt und hast dem Schlaf und anderen Hilfsmitteln zur Stärkung der Seele Lebewohl gesagt. Nun stehst du kurz vor dem Ende der dritten Stufe, an dem du allen Zweifel und alle Ungewißheit hinter dir lassen mußt.“

„Die dritte Stufe …“ Hier schien die Stimme für kurze Zeit einen nachdenklichen Ton anzunehmen. „Dies bringt uns zum Problem des Kreises und der mystischen Bedeutung der Zahlen; Dinge, mit denen du dich jetzt noch nicht auseinandersetzen kannst. Möge es für den Augenblick genügen, daß du deine Aufmerksamkeit auf die dreifache Darstellung des Kindes auf den Sockeln richtest, als Hilfsmittel der Analyse deiner selbst. Laß mich erklären: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde, als eine Dreiheit aus Körper, Seele und Geist. Oben siehst du das Kind in seiner äußerlichen Erscheinung — eine in Eins verschmolzene Dreiheit. Auf den unteren Sockeln siehst du dasselbe Kind nach seinen drei Komponenten getrennt, auf daß bei dem göttlichen Gericht jeder Einfluß des Lebens, ob gut oder böse, genau auf seinen Ursprung zurückgeführt werde. Linker Hand wird alles zum Körperlichen gehörende registriert, beginnend mit einer genauen Feststellung aller Mängel, mit denen das Kind geboren wurde. Für alle diese Mängel wird der Richterspruch den gebührenden Ausgleich gewähren.“

„Zur Rechten findest du das Bild der Seele aufgezeichnet, die psychischen und Charaktereigenschaften mit denen das Kind ins Leben tritt und die es erwirbt. Du kannst erkennen, daß auch hier alles genau auf seinen Ursprung zurückgeführt ist. Umwelteinflüsse werden ebenso berücksichtigt wie der Wille, sich selbst zu behaupten. In der Mitte aber steht der reine Geist vor dir, dein wirkliches Selbst in allen Stadien deiner Reise. Jeder deiner Wünsche, Ziele und Beweggründe wird dir, befreit von allen Hüllen der Verkleidung, im vollen Licht Gottes bloßgelegt. Sei nicht verzagt, wenn du das ersehnte Ergebnis dieser Rechnung noch nicht wahrnehmen kannst. Erwarte es in Geduld — es kann nicht ausbleiben!“

Die Stimme erlosch. Sie war, wie ich feststellen sollte, nur der Prolog zu der mystischen “Szene des Gerichts“, mit der ich nun allein gelassen war. Aber sie hatte mir ermöglicht, alles von Anfang an zu verstehen. Der Mensch war im Bilde Gottes mit Körper, Seele und Geist geschaffen, die, in vollkommener Weise aufeinander abgestimmt, durch Gehorsam zur Vollendung der Sohnschaft Gottes bestimmt waren. Aber der Gedanke des Dienens war dem Fleisch lästig. Der Verstand als Teil des Fleisches plante den Aufstand gegen Gott, und die Sünde war das Ergebnis.

Ein Teil der Szene vor mir veränderte sich. Ich sah mich selbst als ein kleines Kind auf dem hohen Sockel, aber welch eine erschreckende Veränderung auf den niedrigeren‘ Jetzt wußte ich, warum man mich auf Erden einen Eigenbrötler und Menschenfeind genannt hatte. Ich sah jedes Samenkorn der Sünde, alle Ausflüchte, Täuschungen und Heucheleien. Ein unerbittliches Gesetz aber legte jedes dieser Körner, ja auch den winzigsten Teil der Ernte aus ihnen, dem in die Waagschale, der es gesät hatte.

So folgte ich dem Schauspiel meines Lebens. Es ist unmöglich, die Eindringlichkeit dieses erschütternden Erlebnisses in Worten zu schildern. Es ist eine Erfahrung, die jede Seele durchzumachen hat, so sicher wie Geburt und Tod.

Ich war gebannt und zerknirscht wie der Übeltäter, dessen Taten vor Gericht verlesen werden. Mein Gewissen und Gedächtnis schienen aufzubrechen, um Zeugnis gegen mich abzulesen: „Es ist nichts verdeckt, das nicht wird entdeckt werden, und nichts verborgen, das man nicht erfahren wird“ (Math.10,26). Aber als Antwort flüsterten andere Stimmen: „Meine Gedanken sind nicht deine Gedanken, noch sind deine Wege die meinen. Das Gericht birgt den Schlüssel zum Tor der Rettung“.

Ich weiß nicht, wie lange diese Prüfung anhielt. Endlich kamen wir zu dem Tage, da ich in London vor die Räder eines Fuhrwerkes stürzte, um ein Kind zu retten. Ich erreichte es, hob es auf und — ein Schleier legte sich über die Szene. Ganz langsam hob er sich.

Alles hatte sich verändert! Ich lag auf dem Wiesenhang, auf dem ich nach meinem körperlichen Tode aufgewacht war. In meinen Armen hielt ich — das Kind vom höchsten Sockel!

*   *   *

 

Das Urteil

„Wollen wir jetzt weitergehen?“

OMRAS Stimme war sanft und melodisch wie zuvor, doch nach meinem Versunkensein in die Vision schreckte sie mich beinahe auf.

Ich war noch halb betäubt und auch durchaus nicht gewiß, was mein Erlebnis, besonders aber die Abschlußszene auf dem Wiesenhang, zu bedeuten hatte.

„Darf ich wohl eine Frage stellen?“, begann ich, als wir uns erhoben, um gemächlich durch den Hain zu wandeln.

„Eine nur? Du hast sicher viele. Ich will sie gerne beantworten. Womit wollen wir beginnen?“

„Ich bin einigermaßen überrascht“, sagte ich, „daß am Ende der Vision keine — soll ich sagen Entscheidung? — erfolgte.“

OMRA schwieg für einen Augenblick. Dann fragte er, scheinbar arglos, „Wo schloß die letzte Szene denn ab?“

„Auf dem Wiesenhang, wo ich nach meinem körperlichen Tode aufwachte.“ Nochmals eine vielsagende Pause.

„Das scheint mir eher auf einen Beginn als auf einen Abschluß hinzudeuten“, sagte er schließlich.

Ich war verwirrt. „Aber welche Bedeutung hat denn das letzte Bild gehabt?“

„Eine äußerst wichtige. Um dir das zu erklären, möchte ich ein wenig vorgreifen und dir die Vorgänge so schildern, wie du sie erst erkennen kannst, wenn du das Tor erreicht hast.

„Von dort wirst du zurückblicken. Wir wollen diesen Rückblick jetzt nicht bis zum ersten Ursprung des Lebens verfolgen, sondern nur bis zu einem Punkt, an dem sozusagen zwei Flüsse zusammentreffen und sich zu einem Strom vereinigen, der einst in den Ozean münden wird. Die erste Strecke dieses Stroms ist das Erdendasein des Menschen, das nichts anderes als das Kindesalter der Seele ist. Die einfache Lektion, die sie dabei zu lernen hat, ist: “Kinder sollen einander lieben“.

„Am Ende dieser Entwicklungsstufe zeigt eine Prüfung, wieweit das Ziel erreicht ist, und die Seele geht an den Ort, der ihr nach dem Ergebnis dieser Prüfung zukommt. Aber während die Kinder in der Elementarklasse von niemandem daran gehindert werden, ihrer Persönlichkeit freien Ausdruck zu geben, herrscht in den gehobenen Klassen ein strengeres Regiment. Jedes Kind wird hier der Gehorsamsdisziplin unterworfen. Dies hast du unter der Anleitung MYHANENES und seiner Freunde ja selbst beobachten können.“

„Ja, gewiß“, sagte ich, immer noch etwas verwirrt. „Aber wann hat denn dann bei mir jene Prüfung zum Abschluß der Elementarklasse stattgefunden?“

„Du stellst diese Frage sehr zu Recht. Wenn ich sagte, daß in den gehobenen Klassen Gesetz und Ordnung erzwungen werden, so bedeutet das nicht, daß alle nach dem gleichen Schema behandelt werden. Jeder Schüler wird nach den Eigenschaften eingestuft, die er mitbringt. In vielen Fällen — so auch in deinem — sind diese Eigenschaften günstig genug, um die Verschiebung der Prüfung bis zu dem Punkt zu rechtfertigen, an dem du dich jetzt befindest.

„In solchen Fällen erhält der Betreffende eine Art Reisefreibrief mit der nötigen Hilfe und Lenkung, wie sie dir zuteil geworden ist. Dadurch hast du viel gesehen, gehört und gelernt. Deine wißbegierige Seele ist reichlich beköstigt worden. Deine Sehnsucht nach mütterlicher Liebe hat dich vorwärts getragen und dir eine Liebe offenbart, die noch größer ist und in deren Verfolgung du jetzt die geringere für eine Weile verlassen hast. Ist es nicht so?“

Ich nickte. „Weit mehr als das! Ich habe mehr erhalten als ich es würdig war. All das erkenne ich freudig und dankbar an. Aber ich weiß noch immer nicht, warum die Vision meines Lebens nicht mit einer Entscheidung abschloß?‘

Mitfühlende Güte sprach aus OMRAS Augen, als er mich bei diesen Worten anschaute. Um seine Lippen spielte ein wissendes, geduldiges Lächeln. Und sehr leise fragte er: „Waren deine Ohren taub und deine Augen blind, daß du das Urteil nicht hören und sehen konntest? Oder war es zu göttlich, als daß es den äußeren Sinnen anvertraut werden konnte? Ich sagte dir schon, daß sich die Geschehnisse hier nicht mit mechanischer Förmlichkeit abspielen. Konntest du nicht, dessen eingedenk, die glanzvolle Anerkennung erkennen, die das Urteil dir brachte?“

Ich hielt den Atem an. „Das Urteil? Es wurde also doch verkündet?“

Ja“, lächelte OMRA. „Aber vielleicht erwarte ich zuviel zu einem Zeitpunkt, da die Geburtswehen dir so sehr zu schaffen machen.“

„Oh, ich bitte dich, OMRA“, rief ich, immer ungeduldiger werdend, „warum verschleierst du deine Worte in Mystizismus?“

„Du wirst gleich klare Antwort erhalten Aphraar. Aber laß mich vorher sagen, daß das, was du Mystik nennst, die natürliche Sprache der Seele ist. Daß du diese Sprache noch nicht verstehst, liegt einfach daran, daß du die letzten Einflüsse der Erde noch nicht abgelegt und die volle Freiheit des Geistes noch nicht errungen hast. Ich erwähne das, weil du bald in der Lage sein wirst, zurückzublicken und den Weg zu erkennen, auf dem du die letzten Fesseln des Fleisches von dir abwarfst.“

„Die letzten Fesseln des Fleisches?“, rief ich aufs höchste überrascht. „Ich glaubte, ich hätte sie längst abgelegt!“

OMRA schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, mein Freund, du berührst da einen der größten und häufigsten Irrtümer, die in Bezug auf das Jenseits gemacht werden. Du wirst das noch klar erkennen. Doch nun zurück zu deiner Vision: sie endete nicht mit dem Augenblick, als du vor einen fahrenden Wagen sprangst, um ein Kind zu retten, sondern auf dem Wiesenhang, wo du nach dem “Tode“ das Bewußtsein wieder erhieltest — das Kind in deinen Armen. Unterstreicht das nicht die Tatsache, daß das Leben unvergänglich ist? Kein Bruch trat ein, sondern nur die Szene der Handlung änderte sich. Ich glaube, das erklärt dir, warum die Vision bis ins Jenseits geführt wurde?“

„Ja, ich beginne das jetzt zu begreifen.“

„Dann bleibt mir nicht mehr viel zu sagen. Ich will gerne deine Meinung gelten lassen, daß die Analyse deines Lebens einen Schuldsaldo aufwies, als die Vision an jener entscheidenden Szene im Londoner East-End angelangt war. Wäre das Urteil darüber, ob du die Lektion des Erdenlebens — angewandte Nächstenliebe — bewältigt hast, an diesem Punkt gefallen, du wärest vielleicht “gewogen und zu leicht befunden“ worden.

„Aber Gott ist gerecht und gnädig zugleich. Ganz gewiß wird er in seiner Rechnung eine Tat berücksichtigen, die im entscheidenden Augenblick mitten in der Ausführung begriffen war. Du hattest gesehen, daß das Kind in Gefahr war. Instinktiv stürztest du vor und wurdest mitsamt dem Knaben von dem Gespann überrollt. Dein Instinkt zu helfen war so stark, daß du keinen Augenblick an deine eigene Sicherheit dachtest. Du hattest also deine Lektion, an deinen Lebensumständen gemessen, soweit gelernt, daß sie ein Teil deines Selbst geworden war. Wie Christus sich für uns hingab, so folgtest du ihm, als du dein Leben opfertest, um das Kind zu retten.

„Indem du dein Leben verlorst ― fandest du es! Und das Urteil der letzten Szene, die dich erwachend mit dem Kind in deinen Armen zeigt, ist unmißverständlich ein “Wohlgetan“.“

Ich begriff noch immer nicht. „Aber OMRA“, stammelte ich hervor, „die Ernte eines ganzen Lebens kann doch nicht durch eine einzige unüberlegte Handlung umgekehrt werden?“ „Es wundert mich nicht, daß dich das überrascht, wenn ich dich auch daran erinnern muß, daß dies nicht deine erste Überraschung in diesem Leben ist. Und in Kürze werden ihr noch eine ganze Menge anderer folgen. Was aber die “einzige unüberlegte Handlung“ betrifft, so war sie deinem Wesen nicht so fremd, wie du annimmst. Hilfeleistung für die Schwachen, mitfühlende Worte und Blicke und auch geistige Unterstützung, waren mehr ein Teil deiner Natur als du zu glauben geneigt bist. Das Gesetz Gottes sorgt dafür, daß nicht eine einzige dieser Taten der Nächstenliebe verloren geht. Wie der Himmel deine letzte “unüberlegte Handlung“ bewertete, zeigte man dir bereits, wenn du es auch nicht erkannt hast — „Sag es mir, ich bitte dich, wann und womit?“

„Bisher habe ich nur von der Saat gesprochen“, sprach OMRA mit Betonung, „aber keinen Versuch gemacht, die Ernte abzuschätzen, ob sie nun dreißig-, sechzig- oder hundertfach sein wird. Es genügt, wenn ich dir zeige, wie die göttliche Gerechtigkeit jene eine letzte Handlung wertet, mit der du deine körperliche Hülle abwarfst und in dieses Leben eintratest. Indem du dein Leben verlorst, fandest du es, und das Kind, das du mit dir brachtest, war — —„

„War — ja?“

„Das Kind auf dem höchsten Sockel während des Beginns deiner Vision, das du für das Christuskind hieltest. “Ihr tatet es für mich“!“

Ich schwieg. OMRAS Offenbarung senkte sich über mich und hüllte mich in ihren Segen ein.

*   *   *

 

Die große Scheidelinie

Wir hatten den Hain während unseres Gesprächs anscheinend ziellos in mehreren Richtungen durchwandelt; doch mein Begleiter schien genau zu wissen, wo er ging. Auf mir unerklärliche Weise nämlich schienen die einzelnen Punkte dieser Zauberlandschaft die Worte OMRAS jeweils zu beleuchten und mein Verständnis zu vertiefen. Ich begann zu begreifen, was RAEL gemeint hatte, als er davon sprach, daß ich mich in meinem ganzen künftigen Leben an diesen Ort erinnern würde. Hier wirkte Gott. Er ist ein Gott, der die Juwelen seines Königreichs nicht auf den Marktplätzen der Erde zur Schau stellt. Er verbirgt sie tief im Geheimnis seiner Gegenwart, dort, wo Diebe keinen Zugang haben.

Wie mit dem Hain, so verhielt es sich mit meinem Begleiter. Man mußte ihn näher kennenlernen, um seinen Wert zu ermessen. MYHANENE und seine Helfer hatten mich mit unendlicher Güte und Geduld darauf vorbereitet, das zu empfangen, was OMRA mir jetzt gab. Sie hatten mein Denken von all den unnötigen und störenden Überbleibseln befreit, die mir aus meinem Erdenleben anhingen. OMRA konnte mich deshalb sofort in die Schatzkammer seines Wissens führen.

Er tat dies mit einer verblüffenden, gelassenen Selbstverständlichkeit. Er sah voraus, woran es mir fehlen werde, weckte hier und dort durch einen geschickten Hinweis meinen Wissensdurst und befriedigte ihn dann mit so leichter Hand und so vollkommen, daß ich niemals das Gefühl hatte, belehrt zu werden. Dazu fühlte ich mich in seiner Gegenwart sogar noch mehr “zu Hause“ als ich es in Vaones Heim getan hatte.

Gewöhnlich erfordert es scharfe Konzentration, um Dinge, wie sie OMRA mir jetzt sagte, in logischer Folge zu durchdenken und zu begreifen. Aber ich stellte verwundert fest, daß ich, während ich OMRAS Worten aufmerksam folgte, gleichzeitig die bezaubernden Schönheiten und Überraschungen des durchwanderten Hains mit größter Klarheit in mich aufnehmen konnte. Und mehr noch.

Unter dem Horizont meines geteilten, aber auf seltsame Weise dennoch lückenlosen Bewußtseins dämmerte der Schein eines noch viel stärkeren, allesumfassenden Lichts. In mir schien sich ein inneres Auge zu öffnen, dazu bestimmt, eine mir noch unbekannte Dimension der Seele zu entdecken. Noch konnte ich die Umrisse dieses neuen Universums des Geistes nicht erkennen. Doch seine Sonne schickte ihre ersten kündenden Strahlen über den Horizont meines Bewußtseins. Ich wußte es — OMRA brauchte es mir nicht zu sagen: das sich in mir öffnende geistige Organ war weit mehr als ein Auge, es war der Spiegel der Offenbarung, die meine Seele auf den Weg des Einsseins mit dem Christus führen sollte. Nicht lange mehr, und die Pfeile dieses neuen Lichtes würden mich erreichen und mir den Weg zeigen, der die Seele zu ihrem rechtmäßigen Erbe als Kind Gottes führt.

OMRA“, rief ich, „weißt du, was mit mir geschieht — ―?“

„Ich weiß“, fiel mein Mentor mir ins Wort. „Sei guten Mutes! Es ist alles so, wie es sein soll. Warte nur geduldig, bis das unverhüllte Licht dich in seiner ganzen wunderbaren Fülle erreicht!“

Wir setzten uns an den Rand eines mit Seerosen bedeckten Springbrunnens. Während OMRA sich grüßend einigen Freunden in der Nähe zuwandte, fiel ich in eine neue Träumerei.

Welch eine Wanderung hatte mich zu diesem Punkt geführt! Ich hatte Hunger und Durst gelitten, war freudlos, wurde verlacht und verfolgt, war erschöpft am Wegesrand gestürzt — ein Spielball des Schicksals. Aber die Nacht war nun beendet und der Morgen des ewigen Tages war angebrochen. Denen auf der Erde, deren Hoffnung und Glaube unter der drückenden Bürde des Schicksals verschüttet wurde, möchte ich zurufen: Gebet nicht auf. Fasset euch ein Herz und setzet den Weg fort — ihr werdet es nicht bereuen!

„Wenn du genug geruht hast“, sagte plötzlich OMRA neben mir mit rücksichtsvoller Zurückhaltung, „bin ich gern bereit, dir bei deinen nächsten Schritten zu helfen“

Ich war auf den Füßen, noch bevor OMRA geendet hatte. „Sollen wir sofort damit anfangen?“

Mein Begleiter lächelte nachsichtig.

„Gewiß, warum sollten wir nicht?“

Keine Spur des Tadels für meine ungestüme Ungeduld klang in dieser Antwort. Eher vielleicht ein gütiger, halbverschleierter Humor, den ich auch in seinem Blick zu lesen glaubte.

„Wir werden uns jetzt dem Tor zuwenden“, begann OMRA, und nur mit Mühe konnte ich den Ausruf unterdrücken, der mir auf den Lippen lag: „Werden wir hindurchgehen?“

Wir können uns ihm nähern, aber du wirst feststellen, daß du es noch nicht passieren kannst. Der Weg ist nicht versperrt, aber du hast noch nicht die Kraft und das Vertrauen, ihn zu beschreiten. Zwar bist du der Aufnahme in Gottes Reich würdig befunden worden, aber deshalb noch nicht Herr der neuen Kräfte, die dir zufließen. Alle, die das Tor passieren, müssen diese Kräfte völlig beherrschen. Als du mich deshalb fragtest, ob wir das Tor durchschreiten werden — ―“

„Der Gedanke ging mir nur durch den Sinn, als du das Tor erwähntest“, wandte ich entschuldigend ein.

„Das ist mir wohl bewußt, lieber Bruder.“ OMRAS Blick zeigte mir, daß mein Einwand ihm durchaus nicht unlieb war. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen, daß Worte und Gedanken fortan gleichermaßen hörbar sein werden. Das ist eine der vielen Offenbarungen, die dir hier zuteil werden sollen und deren Anwendung du in der vor dir liegenden neuen Lebenssphäre lernen mußt. Die Beherrschung dieser Fähigkeiten wird dir bei deiner Mission von größtem Wert sein!“

„Bei meiner Mission?“

„Gewiß, du wirst, wie es dein eigener Wunsch ist, an MYHANENES Wirken auf der Erde teilnehmen. Du hast die ersten Versuche dazu ja schon gemacht — unter gewissen Beschränkungen, die sich naturgemäß aus der Unvollkommenheit deines Wissens und deiner Kräfte ergaben. Jetzt bist du im Begriff, das Fehlende nachzuholen.“

„Und was die Frage der Zugänglichkeit des Himmels betrifft“, fuhr OMRA fort, „so wird sie für deine Mission von besonderer Bedeutung sein. Du wirst den Menschen die Lehre Christi ins Gedächtnis rufen müssen, daß das Schauspiel des Lebens aus drei großen Akten besteht. Der erste ist die irdische, sterbliche Spanne, die im Vergleich zur Ewigkeit des Lebens nur die Kindheit der Seele ist — wiewohl auch das Kind, sobald es zwischen Gut und Böse zu unterscheiden gelernt hat, Strafe für Ungehorsam erleiden muß. Am Ende dieses Aktes fällt der Vorhang, Tod genannt, der das Spiel jedoch keineswegs abschließt, sondern nur den Szenenwechsel zum zweiten Bild einleitet: der Schul- und Lehrzeit der Seele.

„Dieser Schauplatz, der manchmal auch das Purgatorium, Zwischenreich oder die sieben Sphären genannt wird, ist dazu bestimmt, allen irdischen Ballast, Irrtum und theologischen Nebel fortzuräumen und die Seele auf ihre wahre Stellung als Kind Gottes vorzubereiten. In einem Gleichnis Jesu Christi ist von dem Acker die Rede, auf dem die Seele die Ernte ihres kindlichen Verhaltens einbringen muß, in einem anderen spricht er von der Rechnungslegung, die jeder Mensch für seine Taten zu leisten hat, auf daß er nach dem Saldo belohnt oder bestraft werde. Immer aber wird das Urteil von dem Einen gefällt, der in seiner Liebe alle Menschen erretten will.

„Im dritten, letzten und ewigen Akt schließlich, hat die von den Schwächen des Fleisches gereinigte Seele ihre volle Reife erreicht und tritt das Erbe des Himmelreichs an. Jesus Christus versäumte es nicht, auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen diesem Bereich und den beiden vorangegangenen hinzuweisen: “Ihr müsset von neuem geboren werden“ — oder denk an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der vom Vater unter großen Freuden empfangen wird und den Kuß des Willkommens, den Ring und kostbare Kleider erhält. Ich kann diesen letzten Akt jetzt nur mit wenigen Worten umreißen. Aber du wirst Gelegenheit haben, alle diese Dinge selbst eingehend zu studieren, sobald du dich von den letzten Einflüssen des Erdenlebens gelöst hast.

„Du warst vorhin überrascht, daß du diese Einflüsse noch nicht hinter dir gelassen hast. Darum habe ich in meinem Gleichnis das Leben mit einem Schauspiel in drei Akten verglichen. Nimm einmal an, ein Mensch leidet an einer ansteckenden Krankheit. Wird man den Patienten nicht auch auf Erden sorgfältig isolieren, auf daß die Krankheit sich nicht verbreite?“

Ich nickte bejahend.

„Nun denn, so wollen wir Sünde und Ungehorsam gegen Gott die ansteckenden Krankheiten der Seele nennen. Dann sollte es kaum überraschend sein, daß die kranken und noch genesenden Seelen hier im Jenseits einer Quarantäne unterworfen werden. Du selbst stehst jetzt an der Grenze des Quarantänegebiets. Rekonvaleszenten dürfen bis hierher gelangen, wo sie der prüfenden Vision ihres eigenen Lebens unterworfen werden, wie du sie selber erlebt hast.

„Dort drüben ist das Tor zur Stadt des ewigen Lebens. Doch“ — und jetzt sprach OMRA mit großem Nachdruck — „es darf dort durchaus nichts Unreines eingehen, noch wer Greuel und Lüge übt, sondern nur, die geschrieben sind im Lebensbuche des Lammes“ (Offenb.21,27).

„Bis hierher und nicht weiter. Vor diesem Tor muß alles abgelegt werden, was von der Erde ist, denn “Fleisch und Blut können das Erbe des Himmelreichs nicht antreten“. Um hindurch zu gelangen, mußt du “von neuem geboren“ werden. Der in dich eingehauchte Gottesgeist muß sich seiner Hüllen entledigen, der innewohnende Engel muß vom Menschlichen getrennt werden. Dann, und keinen Augenblick früher, wirst du das Recht und die Kraft besitzen, das Tor zu passieren.

„Siehst du also, wo die große Scheidelinie ist, Aphraar? Sie liegt hier vor uns, nicht aber beim körperlichen Tode, wie die Menschen glauben. Die Zeit, die sich für dich nun ihrem Ende zuneigt, war nicht das eigentliche, ewige Leben, sie war nur die Vorbereitung darauf.“

*   *   *

 

Ich treffe Walloumele

Wir hatten uns inzwischen dem oberen Ende des Hains genähert, und vor uns öffnete sich ein neuer, unsagbar zauberhafter Ausblick auf die Landschaft in Richtung des Tores, das etwa noch eine halbe Meile entfernt sein mochte. Die ganze Umgebung strahlte tiefen Frieden aus und schien von einer stärkeverleihenden Kraft gesättigt zu sein.

Atmosphäre, Licht, Farben und Düfte verbanden sich hier in vollkommener Harmonie, die durch die farbigen Gewänder der hier und dort wandelnden oder ruhenden Seelen eher noch verstärkt wurde. Jedermann bewegte sich mit größter Gelassenheit und einer selbstverständlichen Brüderlichkeit gegenüber den anderen.

Alter, Sorgen, Zweifel, Krankheit, Schwäche — von keiner dieser Eigenschaften des Fleisches war noch eine Spur zu eindecken.

Ich hatte im Jenseits schon manche Beispiele “unirdischer“ Schönheit gesehen, aber niemals war mir ihre Vielfalt — besonders in den Farben der Gewänder ― so aufgefallen wie hier. Meine Aufmerksamkeit wurde vor allem von einer Gestalt gefesselt, deren Robe sich von denen der anderen abhob. Nicht daß sie etwas Augenheischendes an sich hatte — im Gegenteil, ihre überaus zarten Farben deuteten eher Bescheidenheit an. Aber im Augenblick, als ich diese Seele sah, erinnerte ich mich dessen, was von einem Anderen geschrieben worden war: „― und konnte doch nicht verborgen bleiben.“ (Markus,7,24).

Bei flüchtigem Hinsehen schien das Gewand in cremefarbenem Perlmutt getönt. Aber sobald ich genauer schaute, wurde ich gewahr, daß es aus sich selbst in einem Kaleidoskop von schimmernden Farben pulsierte, für die ich keinen Namen weiß. Die Unaufdringlichkeit ihrer Wirkung schien in vollkommenem Einklang mit der Haltung des Trägers zu stehen. Diesen hätte man auch in einer großen Menschenmenge nicht übersehen können; er bedurfte keines feierlichen Gepränges für seinen Rang. Und dementsprechend bewegte er sich — ein Fürst unter Feudalherren — mit größter Natürlichkeit.

Eine Weile lang war ich völlig in den Anblick vor uns versunken. Er war in allen Einzelheiten von so unsagbarer Vollkommenheit, daß ich mich schließlich zu fragen begann, ob er Wirklichkeit sei.

Ich wandte mich an OMRA. „Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll … ist all dies vor uns Wirklichkeit oder nur eine neue Vision, die gleich wieder vorüber sein wird?“

Warum zweifelst du an der Wirklichkeit?“

„Weil — — ich wünschte, ich hätte die Worte, um auszudrücken, was ich meine. Ich würde es verstehen, wenn mich all das hier nur mit einem Gefühl des “Heimkehrens“ in die Arme der Familie Gottes erfüllen würde. Aber es ist weit mehr — es ist zu viel! Es ist alles, was ich wünschen könnte, und noch tausendfach mehr, so daß die Fülle mich überwältigt und wie eine Flutwelle mit sich trägt, ich weiß nicht wohin. Deshalb frage ich: ist es Wirklichkeit oder ein Traum?“

„Ja, ich verstehe das wohl.“ OMRA nahm mich beim Arm und führte mich weiter in die sanft schwellende Ebene hinaus. „Das alles-durchdringende Gefühl des “Daheimseins“ hier ist der Grund dafür, warum dieser Ort ein Treffpunkt ist, an dem ständig Seelen aus allen Stufen der himmlischen Hierarchie anzutreffen sind. Aber darüber hinaus ist auch noch ein persönlicher Faktor dabei, der für dich im Augenblick der wichtigere ist. Der Vorgang der zweiten Geburt bringt es natürlicherweise mit sich, daß du neue, höhere Kräfte erwirbst, wie sie zum ewigen Leben gehören. Wenn du also Zweifel spürst, ob all das hier Wirklichkeit ist, dann liegt das daran, daß du vor einem Ergebnis stehst, ohne gezwungen zu sein, den Vorgang vorher logisch durchzudenken. Mit anderen Worten: die Offenbarung ist bestimmend geworden und der Verstand nimmt künftig erst den zweiten Platz ein

„Versuche, das zu begreifen und dich daran zu gewöhnen, der höheren Kraft zu gehorchen, dann wird es keinen Platz für Zweifel mehr geben.“

„Ich wünsche nichts mehr“, rief ich, „als daß ich schon die Kraft hätte deinem Rat zu folgen!“

„Hab ein wenig Geduld. Wenn einmal der erste Lichtstrahl durch die Finsternis gebrochen ist, kann der Morgen nicht mehr fern sein.“

„Du erwähntest, daß Angehörige der höheren Hierarchien hierher kommen. Ich sah eben eine höchst bemerkenswerte Persönlichkeit, die in ein Gewand von ganz ungewöhnlichen Farben gekleidet war. Könnte diese Seele aus einer solchen Hierarchie gekommen sein?“

„Ja. Es ist WALLOUMELE. Es liegen noch zwei Sphären zwischen dieser hier und der seinen. In seinem Erdenleben hat er die tiefsten Abgründe menschlichen Leidens ausgelotet und das hat ihn in besonderer Weise befähigt, Menschen zu helfen, die in verzweifelter Not sind.“

„Kann man ―

OMRA schaute mich mit einem belustigten, aber ermutigenden Lächeln an.

„Ja? — Kann man …?“

„Ich hatte Hemmungen, die Frage auszusprechen, aber wenn es nicht zu kühn ist: kann man ihn wohl ansprechen?“

Noch immer lächelte mein Begleiter. „Sollte deine Erfahrung dir nicht selbst die Antwort darauf geben können?“

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als jemand von hinten seine Hand auf meine Schulter legte. Eine glockenreine Stimme klang an mein Ohr: „So treffen wir uns also wieder, Aphraar! Und ich denke, in glücklicheren Umständen als ehemals?“

Ich wandte mich um und blickte WALLOUMELE ins Antlitz.

„Wieder? —“, war das Einzige, das ich stammeln konnte. „Gewiß doch, — wieder! Hast du Peter Stone, den Bootsmann aus Putney, gänzlich vergessen? Ist die Erinnerung an Clarice völlig ins Nichts gesunken?“

Ein prüfender Blick traf mich bei dieser zweifellos mit Vorbedacht gezielten Frage, aber in ihm lag mehr Mitgefühl als Anklage.

Dennoch schlug mein Herz schneller. „Das sind alte Wunden“, sagte ich. „Willst du sie wieder öffnen?“

„Ist es immer noch eine Wunde?“ Ein beschwichtigendes Lächeln spielte auf WALLOUMELES Lippen. „Wenn dem so wäre, würdest du schwerlich hier stehen. Und selbst wenn es noch eine Wunde wäre, ich würde sie nur öffnen, um Öl und Wein hineinzugießen.“

Und damit, mir die Verlegenheit um eine Antwort ersparend, wandte er sich an OMRA.

„Unser Freund Aphraar, oder Frederick, wie er damals hieß, war an einem kritischen Punkt seines Erdenlebens von einem Menschen verlassen worden, der ihm mehr bedeutete als das Leben selbst. So glaubte er, sein Kreuz nicht länger tragen zu können und schleppte sich ans Ufer der Themse — du magst dir denken, in welcher Absicht. Aber ich stand an jenem Tage Wache als Bootsmann Peter. Wir kamen in ein Gespräch, in dessen Verlauf die Bürde so viel leichter wurde, daß unser Freund versprach, sie zu tragen zu versuchen. Ich glaube, er hat dies mit gutem Erfolg getan.“

Sich wieder mir zuwendend, fuhr WALLOUMELE fort:

„Ich glaube, es war wohl zwei Monate später, als du im Londoner Eastend den armen Philip Ranger trafst. Du halfst ihm und lerntest damals durch ihn das “Klein-Bethel“ kennen, jene Armenmission, in der du bald ein dir wohl angemessenes Betätigungsfeld unter den Hilfslosen, Irrenden und Gefallenen fandest.“

„War das ganze zwei Monate später?“, fragte ich. „Ich meinte, es wäre kaum halb so lange gewesen.“

„Ah“, rief WALLOUMELE mit einem strahlenden Lächeln, „das Kreuz muß doch viel leichter geworden sein, wenn dir die Zeit so schnell verstreichen konnte. Ja, es war fast auf den Tag zwei Monate später, als wir uns zum zweitenmal trafen.“

„Zum zweitenmal?“, wiederholte ich in fassungslosem Staunen. „Du willst doch nicht andeuten, daß — ―“

Nein, lieber Bruder, ich brauche nichts anzudeuten. Die Zeit ist gekommen, da ich offenheraus sprechen kann, in der der Schleier gelüftet werden muß, auf daß du zurückblickend etwas von den Geheimnissen begreifst, in die dein Pilgerweg auf Erden hier und dort eingehüllt war. Dann wirst du auch sehen, wie Dinge, in denen du niemals Gottes Fügung vermutet hättest, dazu bestimmt waren, dich auf dem Wege hierher zu geleiten. “Gott hat dich seinen Engeln anvertraut“; Er ist derselbe Gott wie ehedem, und das Wirken seiner Engel ist heute notwendiger als jemals zuvor!

„Damals, als Clarice dich herzlos verließ, ohne daß du Schuld daran getragen hättest, war deine Treue so groß, daß du dein Leben dafür zu opfern bereit warst. Aber wurde nicht auch Abraham zurückgehalten, als er den Isaak auf dem Berge von Morija opfern wollte? So wurde ich als “Bootsmann“ zu deiner Rettung entsandt.

„Aber mein Werk war erst zur Hälfte getan, als ich dir in Putney Lebewohl sagte. Der so Gerettete mußte noch zu einem Werke gelenkt werden, bei dem seine Gaben und seine Treue im Weingarten des Herrn zur Wirkung kommen würden. So nahm ich, als sich wieder die Gelegenheit bot, eine andere Gestalt an, die des Philipp Ranger im Eastend. Dort fandest du ein Feld, auf dem Arbeiter immer fehlten, aber umso dringender benötigt wurden.

„Du bist ein weiteres Siegel für meine Arbeit im Namen des Herrn; darum bin ich heute hier, dich zu begrüßen. Die Früchte deiner Mühen sollen dir bald gezeigt werden. Aber selbst jetzt ist dein Werk noch nicht abgeschlossen. Du hast dich freiwillig MYHANENES Mission angeschlossen und wirst zur Erde zurückkehren, um anderen zu helfen. Sei dieser Aufgabe nur so treu, wie du es deiner früheren warst, dann wird dein Lohn groß sein! Aber ich habe hier noch einen besonderen Fall, bei dem ich dich gerne um deine Unterstützung gebeten hätte — es handelt sich um niemand anderen als die arme Clarice selber.“

Nichts hätte mich in diesem Augenblick mehr überraschen können, — aber WALLOUMELE tat, als bemerke er nichts und fuhr fort: „Sie war nur ein dummer kleiner Schmetterling, und gewiß kein seltener. Eines Tages erblickte sie ein männliches Exemplar von buntschillernder Pracht und beschloß, es sich zu eigen zu machen. Sie verbrannte sich fürchterlich am gleißenden Licht und fiel in ein Labyrinth der Finsternis, aus dem sie keinen Weg heraus finden kann. Willst du zu ihr gehen? Wenn du ihre Untreue mit Vergebung und Mitgefühl vergiltst, wirst du mehr für ihre Rettung tun können als irgend eine andere Seele. Willst du das tun?“

„Wenn du glaubst, daß ich ihr helfen kann“, antwortete ich, „dann gibt es keinen Dienst, den ich freudiger übernehmen würde“ Aber in meinem Herzen blieb ein starker Zweifel ob meiner Befähigung.

„Es genügt mir, zu wissen, daß du zu gehen bereit bist.“ WALLOUMELE schien meine Gedanken genau zu kennen, denn er fügte hinzu: „Sei guten Mutes. Wo dein Vermögen endet, wird Gott das Übrige tun.“

Damit grüßte er und nahm Abschied von uns.

*   *   *

 

Des Glaubens große Prüfung

Welch ein Meister war WALLOUMELE ! Er hatte mich an den dunkelsten Tag meines Erdendaseins erinnert, um im nächsten Augenblick den Schleier von meinen Augen zu nehmen und mir zu zeigen, wie die Hand Gottes an eben diesem Tiefpunkt den Keim zum höchsten Segen legte. Er hatte mir offenbart, wie aus dem Senfkorn einer — scheinbaren — Zufallsbegegnung der Lichtbogen des Heils erwuchs, der mich nach Gottes Vorsehung zu den Höhen trug, auf denen wir uns jetzt begegneten. Und dann hatte er als wahrer Jünger des EINEN, dem er nachfolgte, mit zwingender Überzeugung die Folgerung gezogen: „Gehet hin und tuet ein Gleiches!“

Und war das Wunder der Gnade denn bisher nicht nur zur Hälfte erfüllt? Waren nicht zwei Seelen von dem Schiffbruch betroffen, aus dem er mich gerettet hatte? Die andere, deren perfide Treulosigkeit das Unglück hervorgerufen hatte, kämpfte noch immer, hilflos und verzweifelnd, mit dem Orkan ihres Schicksal?

War ihre Seele für Gott nicht von gleichem Wert? Sie hatte mir Unrecht getan, aber Gott hatte zu meiner Rettung eingegriffen. War es jetzt nicht an mir, mich als Werkzeug der Gnade Gottes anzubieten? Würde ich nicht Anteil an ihrer Sünde nehmen, überließe ich sie ihrem Schicksal?

Diese und andere Gedanken gingen mir durch den Sinn, als sich WALLOUMELE entfernt hatte. OMRA neben mir überließ mich für eine Weile meinen Gedanken. Erst als ich mich ihm wieder zuwandte, begann er zu sprechen.

„Nun, hast du die Frage selbst beantworten können?“

„Welche Frage meinst du?“

„Ob man mit WALLOUMELE sprechen kann!“

„Du mußt verzeihen“, bat ich. „Ich hätte wissen sollen, da in diesen Gefilden hier niemand unzugänglich ist.“

„Es gibt nichts zu verzeihen, lieber Aphraar. Jeder, den du hier um dich siehst, hat die gleiche Reise gemacht wie du. Jeder hat dieselben Fragen gestellt und hat lernen müssen, wie du jetzt lernst. Die Erinnerung daran bestärkt uns alle nur in der Freude, den nach uns Kommenden helfen zu dürfen.“

„Helfen zu dürfen“, wiederholte ich. „Aus deinen Worten klingt jene grenzenlose Gebe-Bereitschaft, die ich seit dem Tage meiner Ankunft im Jenseits immer wieder erfahren durfte. Immer und immer wieder habe ich mich gefragt, ob diese Großzügigkeit nicht über jedes vernünftige Maß hinaus gehen kann? Ich meine, im Hinblick auf die Gegenleistungen, die sie auf Seiten des solcherart Beschenkten voraussetzt. Jetzt hat WALLOUMELE das Register der Wohltaten sogar rückwirkend auf meine Erdentage ausgedehnt. Wie kann ich jemals hoffen all das zurück zu geben?“

„Ich verstehe sehr wohl, was dich bewegt“, antwortete OMRA. „Und ich könnte dir eine befriedigende Antwort darauf geben, wäre es nicht besser, du fändest sie sehr bald selbst. Aber laß mich dich nur an einen Fall erinnern, an Helen, jenes mutterlose junge Mädchen, das sich für seine Geschwister buchstäblich zu Tode arbeitete. Du ahnst wohl nicht, was deine Hilfe gegenüber Helen für deine eigene Seele wiegt?“

„Ich dachte nie daran, aber da du es sagst, beginne ich dies ein wenig besser zu verstehen. Wenn dem so ist, ist dann nicht jeder Mensch sein eigener Erretter?“

„So er in Christus lebt und seinem Beispiel folgt — in werktätiger Liebe und nicht nur durch Glauben allein. Deshalb dürfen wir niemals eine Gelegenheit auslassen, niemanden von unserer Türschwelle weisen, bis wir getreu die uns auferlegte Verpflichtung erfüllt haben. Das ist eine der Lehren, die hier vor dem Tor erlernt sein müssen.“

„Vor dem Tor?“ Erst OMRAS geschicktes Überlenken erinnerte mich wieder daran, wo ich war.

„Ja“, antwortete mein Begleiter, nachsichtig lächelnd. „Ich muß wohl ein wenig stärker aufs Ziel hin steuern. Vieles wäre noch zu sagen, aber anderes ist gänzlich unentbehrlich, wenn du das Tor passieren sollst. Deshalb muß ich die weniger wichtigen Dinge jetzt übergehen und dich daran erinnern, daß wir ein Ziel vor uns haben.“

„Vergib mir, wenn ich säumte; ich glaube, ich habe dich noch nicht einmal nach der tieferen Bedeutung des Tores gefragt!“

„Nun, Aphraar ich sagte schon, daß es die große Scheidelinie darstellt, über die hinaus nichts Unwürdiges dringen kann. Sie wird durch eine erbarmungslose Abwehr gesichert, die, obwohl du sie noch nicht erblickt hast, zwischen uns und dem Tore liegt und über die niemals ein Unwürdiger gelangen könnte.“

„Das scheint fast unglaublich.“ Ich spähte kritisch den Boden vor uns ab, ohne etwas zu entdecken.

„Wir werden sehr bald dort sein. Und wenn wir davor stehen, wirst du erkennen, wie vollkommen Gott sein Reich gegen Eindringlinge schützt. Das Vorgelände des Tores steht all denen zur Verfügung, die Hilfe und Anleitung suchen, um es zu erreichen. Aber es gibt eine Grenze, über die keiner gelangen kann, der nicht gänzlich dafür gerüstet ist“

„Verzeih bitte.“ Ich hielt inne und legte unwillkürlich, wie um Schutz suchend, meine Hand auf den Arm meines Begleiters. „Ich habe das Gefühl, daß die Offenbarungen mich hier buchstäblich überwältigen. Ich fühle mich ihnen nicht gewachsen und möchte mich am liebsten in eine Ecke verkriechen, um meine Sinne wieder zu sammeln, bevor sie vollends durcheinander gewirbelt werden.“

Wieder zeigte OMRA sein ruhiges, gütiges Lächeln.

„Du hast von dem was dir bevorsteht, keine unliebsamen Folgen zu befürchten. Auch laß dich nicht entmutigen, wenn du nicht gleich alles verstehst. Die große Prüfung, der du entgegengehst, gilt allein deinem Glauben, deiner Zuversicht in die Allmacht Gottes. Denke einmal daran, wie Paulus den Glauben beschrieb — “Glaube ist das Wesen der Dinge, auf die wir hoffen, der Beweis von Dingen, die wir nicht sehen“ (Hebräer,11,1).

„Wenn du dir das zum Richtmaß machst und danach strebst, wirst du die Höhe erklimmen. Nicht lange mehr, und dir wird offenbar werden, was jetzt noch ein Mysterium ist. Gottes Wege sind nicht immer die Wege der Menschen. Aber wie du aus deiner Vision im Hain und aus den Worten WALLOUMELES gelernt hast: Seine Geheimnisse werden offenbar, sobald die Zeit gekommen ist.

„Ich nehme innigen Anteil an deinen Schwierigkeiten; aber laß mich dir zu deinem Trost sagen, daß sie keineswegs nur dir widerfahren, sondern so gut wie allen Seelen, die für die notwendige, aber doch kurze Zeit hier verweilen müssen. Es steht nicht in Gottes Plan, daß dem so ist; im Gegenteil, es ist einzig die Folge falscher Vorstellungen, die den Pilgern von selbsternannten irdischen Ratgebern auf den Weg gegeben wurden. Nur allzuviele jener Ratgeber versichern ihren Anhängern, daß das von ihnen erteilte konfessionelle Zeugnis einen mühelosen Zugang zum Himmelreich garantiert. Sie übersehen oder leugnen sogar die strenge Prüfung, der ein jeder an den Schranken der Ewigkeit unterworfen wird.

„Du selbst trägst ein solches ungültiges Zeugnis zwar nicht mit dir, hast aber unvermeidlich doch etwas von der Geisteshaltung in dich aufgenommen. Die ererbten Vorstellungen sitzen so fest und tief, daß selbst die Lehrzeit im Jenseits, die hinter dir liegt, nicht alle Spuren hat verwischen können. Solange aber noch eine Spur davon in dir ist, kannst du das Tor nicht erreichen.“

„Aber sagtest du nicht, daß das Urteil in meiner Vision mir den Weg dazu öffne?“

„So ist es auch! Du hast das Recht, den Schritt zu tun, sobald du den letzten Hauch des Zweifels abgelegt hast, der dich im Augenblick noch hindert. Die Waage Gottes mißt unendlich fein, doch ihr Urteil ist von sehr greifbarer Wirklichkeit, glaube mir das!

„Aber laß uns vorwärts gehen und sieh‘ selbst.“

Wir beschleunigten unsere Schritte in Richtung auf das Tor. Ich erwähnte schon, daß der Boden gewellt war und leicht — kaum sichtbar — anstieg. Als wir den Kamm dieser Erhöhung erreichten, sah ich mit eigenen Augen, was OMRA gemeint hatte:

Zwischen uns und dem Tor lag ein furchtbarer, gähnender Abgrund. Seine Ränder waren glatt wie eine Mauer, seine Tiefe verlor sich unergründlich in schwarzer Finsternis. Er mochte etwa hundert Meter breit sein — nach irdischen Maßen geschätzt — und nirgends konnte ich eine Brücke oder anderes Mittel zum Hinübergelangen erblicken.

Unwillkürlich schreckte ich zurück und wandte meine Augen ab. Erst nach einer Weile, als OMRA bis an den Rand des Schlundes vorangegangen war und mir seine Hand als Stütze bot, wagte ich mich furchtsam vorwärts. Die gähnende Leere des Abgrundes raubte mir die Sprache. Hilflos starrte ich meinen Begleiter an, aus dessen Zügen jetzt das vertraute Lächeln geschwunden war. OMRA war zu zartfühlend, als daß er angesichts dieses furchtbaren Bollwerkes vor den Toren der Ewigkeit Genugtuung über meine Niederlage verspürt hätte. An einem solchen Ort wäre ein “Habe ich nicht recht gehabt?“ unnötig und gefühllos gewesen. Wenn ich in seinen Zügen etwas lesen konnte, dann war es tiefes Mitgefühl.

Dennoch, er hatte mich hierhergebracht und war viel zu gewissenhaft, als daß er seine Aufgabe unerfüllt lassen würde. Taktvoll schweigend ließ er mir zunächst genügend Zeit, mich an den Anblick vor uns zu gewöhnen. Und als er endlich sprach, teilte er mir gleich eine neue Überraschung mit.

„Wir stehen hier am äußersten Rande einer Welt, die durch den Abgrund vor uns von der nächsten Welt getrennt ist. Die beiden Welten stehen in einem Verhältnis zueinander wie ein Planet zum anderen, aber sie sind auch ebensosehr voneinander getrennt. Wenn du nun von einem zum anderen reisen müßtest, wie würdest du das zu vollbringen suchen?“

„Muß der Abgrund überquert werden?“

OMRA hatte genau auf diese Frage zugesteuert. „Es gibt keinen anderen Weg, um das Tor zu erreichen“, antwortete er.

„Dann kann ich mir höchstens vorstellen, daß mir ein anderer seine Kraft leiht und mich hinüber trägt, wie MYHANENE mich einst zu seinem Heim trug.“

OMRA lächelte. „Nein, lieber Freund, das wäre hier nicht erlaubt. Wer das Tor erreichen will, muß den Abgrund aus eigener Kraft überqueren.“

„Aber wo ist die Brücke oder das Gefährt, um das zu ermöglichen?“

Mein Begleiter lächelte noch immer. „Die Brücke von einer Welt zur anderen ist jetzt schon da, aber vor deinen Augen liegt ein Schleier, so daß du sie nicht sehen kannst. Eben dies ist ein Ausdruck dafür, daß du noch nicht gerüstet bist. Doch vielleicht kann ich dir helfen, wenigstens einen schwachen Eindruck davon zu gewinnen.“

Damit legte er für einen Augenblick seine Hände über meine Augen. Als er sie fortnahm, konnte ich die schattenhaften Umrisse einer Brücke ausmachen — so zart und schwach, als wäre sie aus den winzigen Kristallen eines Rauhreifs gebaut.

„Nun“, fragte OMRA, „kannst du deinen Weg erkennen?“

„Er sieht gefährlich aus“, meinte ich, zögernd und unsicher. „Würdest du dich darauf wagen?“

Aber gewiß, ich bin häufig hinüber und herüber gegangen. Sieh doch, dort drüben kommen gerade mehrere Freunde von der anderen Seite auf uns zu. Zeigen sie Furcht oder Sorge? Im Gegenteil, sie schenken der Brücke gar keine Aufmerksamkeit und sind ganz in fröhlichem Gespräch befangen. Jetzt bleiben sie sogar lebhaft sprechend mitten darauf stehen! Sie sind sich des gähnenden Schlundes unter ihnen garnicht bewußt und verhalten sich nicht anders, als schritten sie auf Granitfelsen!“

Ich beobachtete das Näherkommen dieser ins Gespräch vertieften, sorglos dahinschlendernden Gruppe mit einem Gefühl, das gefährlich nahe an den Neid kam.

„Ich bitte dich, OMRA, sag mir: Was ist es, das jene dort mir so sehr voraus haben?“

„Sehr einfach — die Zuversicht, den in Liebe verankerten Glauben. Die Überquerung dieses Abgrundes ist die große Probe auf den Glauben! Bisher konnten die geistigen, moralischen und selbst die körperlichen Gewohnheiten der Erde dir auf deinem Wege folgen und dich beeinflussen, indem sie dich zum Beispiel an deiner Fähigkeit zum Überschreiten der Brücke zweifeln lassen. Hier muß die letzte Faser irdischen Einflusses abgeworfen werden und du begreifst, wie wörtlich Hiob zu nehmen ist: “Nackt bin ich von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinziehen“ (1,21).

„Dabei hast du den Vorteil, nicht mit strenggläubigen religiösen Vorstellungen hierher gekommen zu sein. Viele Seelen versuchen auch hier noch, die Lehrsätze ihrer Sekten weiter mit sich zu nehmen, bis wir sie daran erinnern, daß “die Weissagungen, Sprachen und Kenntnisse dahinfallen“ und daß jedes “Stückwerk aufhören wird, wenn das Vollkommene da ist“ (1.Kor.XIII,9-10). Denn: “Durch die Gnade seid ihr gerettet, vermittelst des Glaubens, und das nicht durch euch, Gottes Gabe ist es“ (Eph.2,8).

„Auf diese Gabe wartest du jetzt. Du stehst hier, noch bevor du wirklich bereit bist, sie zu empfangen. Zunächst mußt du noch etwas anderes lernen, bevor der Ruf zum Überqueren der Brücke an dein Ohr dringt.“

*   *   *

 

Der Tempel aus lebendigen Seelen

Ein sanfter Druck auf meinen Arm zeigt mir an, daß OMRA zum Verlassen unseres augenblicklichen Standortes bereit war. Ich aber stand noch immer wie gebannt. Noch niemals hatte ich einen so verzehrenden Wunsch gespürt wie hier; jeder Funke meiner Seele drängte danach, das Tor zu erreichen, das so nah und doch so fern vor uns lag.

OMRA schwieg und machte keinen Versuch, zum Aufbruch zu mahnen. Er verstand — er war den gleichen Weg gekommen. Und so wartete er geduldig, obwohl er einen besseren Weg zum Ziele wußte.

Geraume Zeit standen wir noch so und beobachteten viele beim Überqueren der jetzt wieder unsichtbaren Brücke — denn die Sehkraft, die OMRA mir verliehen hatte, war inzwischen wieder geschwunden.

Ich wurde unwillkürlich an die unglückliche Frau erinnert, die ich kurz nach meinem Eintreffen im Jenseits beobachtet hatte. Auch sie war ein Neuankömmling. Aber anders als ich damals konnte sie sich nicht frei bewegen. Alle ihre verzweifelten Versuche fruchteten nichts; immer wieder mußte sie umkehren, bis sie den einen Pfad gefunden hatte, der dem trübseligen Zustand ihrer Seele entsprach.

Gewiß, ich war besser daran als sie. Zwar konnte auch ich jetzt den gewünschten Weg nicht gehen; aber während sich damals niemand erboten hatte, der Frau zu helfen, genoß ich den Rat und Beistand eines hohen Führers. Dennoch: verstand ich meinen nächsten Schritt besser als diese Unglückliche? Wieder kam mir OMRA zur Hilfe. Ich hatte ganz vergessen, daß meine Gedanken hier nicht mehr verborgen blieben!

„Wenn du Vergleiche anstellst“, sagte er in einem Ton der Selbstverständlichkeit, als hätten wir schon die ganze Zeit davon gesprochen, „wenn du Vergleiche anstellst, mußt du Sorge tragen, die Ähnlichkeiten nicht überzubewerten. Das ist einer der häufigsten Fehler auf Erden. Der Vorfall, an den du dachtest, hat wohl gewisse Ähnlichkeiten mit deiner Lage hier, aber sie sind oberflächlich und nicht vergleichbar.

„Beide seid ihr nicht fähig, einen bestimmten Weg einzuschlagen — gut, soweit trifft die Parallele zu. Aber schon die Frage nach dem “Warum“ ergibt einen Unterschied wie Tag und Nacht. Die Frau konnte ihren Weg nicht wählen, weil ihre Seele von Sünden befleckt war, die erst gebüßt werden mußten. Du dagegen bist würdig befunden worden und stehst bereit; doch mußt du zunächst noch lernen, daß auch jene dienen, die nur bereitstehen! Unterwerfung gegenüber Gott, gehorsame Befolgung Seines Wortes ist das erste Zeichen der Sohnestreue, ob das Geheiß nun “Vorwärts“ oder “Stillestehen“ lautet. Und gesegnet sind die, deren Liebe so stark ist, daß Geheiß und Ausführung zugleich erfolgen, die Frage nach dem “Warum? “ der Zukunft überlassend.

„Selbst der Engel im Angesicht des allmächtigen Gottes weiß nicht alles, wenn das Geheiß ihn erreicht. Wenn er an seinem Bestimmungsort ist, mag er dort neue Weisungen vorfinden — doch erst nach seiner Rückkehr kann er zu erfahren hoffen, welche Früchte sein Auftrag getragen hat. Was dich aber selbst betrifft, vertraue auf das “Wohl getan“, das dir bereits zuteil geworden ist, und warte ruhig und ergeben auf deinen nächsten Auftrag. Möge es dir genügen, zu wissen, daß der Große Baumeister des Universums dich geschaffen und dich bis hierher gebracht hat, damit du in seinem unergründlichen Plan einen Platz einnehmen kannst, der von keiner anderen Seele in der ganzen Schöpfung ausgefüllt werden kann.“

„Ist das nicht Fatalismus?“, rief ich, erschrak aber im gleichen Augenblick über mein Ungestüm und bat um Verzeihung.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Aphraar“, entgegnete OMRA sanft. „Es genügt schon, daß meine Worte eine Unklarheit hinterlassen haben, die beseitigt werden muß. Nun, ich habe vom Erdenleben schon als der Kindheitsstufe der Menschen gesprochen. Gott, der Vater, läßt seine Kinder gewähren und sorgt nur dafür, daß sie seine sehr einfachen Gebote und Verbote kennen. Deshalb hat der Mensch im Erdenkleide seinen freien Willen und kann, innerhalb gewisser Grenzen, tun was ihm beliebt. Das bedeutet — wie du weißt — keineswegs, daß er auch ungestraft gegen die Gebote des Vaters verstoßen darf. Im nächsten Stadium, wenn der fleischliche Körper abgeworfen ist, gilt diese Handlungsfreiheit nicht mehr. Schule und Lehrzeit sind mit Zwang und Ordnung verbunden; die Seele wird dieser Disziplin unterworfen, bis sie gereinigt ist und sich von selber unter die lenkende Hand des Vaters begibt. Dann wird, ja muß sie diesen Ort hier vor dem Himmelstor erreichen. Ich glaube, wenn du die Dinge so sehen lernst, wird jeder fatalistische Gedanke von selbst entschwinden.“

„Sicherlich“, gab ich kleinlaut zu. „Ich erröte jedesmal über meine eigene Kühnheit, wenn ich dir solche Fragen stelle.“

OMRA schmunzelte. „Dann laß mich dir sagen, daß das Erröten nur ein irdisches Überbleibsel ist, das du noch nicht abgelegt hast. Aber, obwohl du künftig nicht mehr erröten darfst, frage dennoch, wann immer du eine Auskunft wünschst. Wenn ich selbst in die höheren Sphären gerufen werde, stelle ich jedesmal fest, daß ich doch mehr Fragen habe, als ich es vorher für möglich hielt.“

„Ich wünschte nur“, sagte ich, „daß ich mich für deine Großzügigkeit irgendwie erkenntlich zeigen könnte. Es verwirrt mich geradezu, daran zu denken, wie sehr du dich um mich bemühst.“

OMRA lachte offenheraus, als er meine Verlegenheit sah. „Laß dich nur davon nicht stören, mein lieber Bruder! Du wirst das im Augenblick vielleicht kaum verstehen — aber es ist eine Regel des Lebens, das vor dir liegt, daß jede Seele genau in dem Maße reicher wird, in dem sie einer anderen gibt. Deshalb löschst du selber mit jeder neuen Frage die Verpflichtung aus, die du noch aus der Antwort auf die vorangegangenen fühlen magst.“

Ich schwieg. Dies war etwas, das noch über mein Begriffsvermögen ging.

OMRA schien auch das zu wissen, denn er lenkte ohne Überleitung wieder auf sein voriges Thema zurück. „Ich sagte dir, daß der Große Baumeister des Universums dich geschaffen und bis hierher geführt hat, weil es in seinem Bauwerk einen bestimmten Platz gibt, den nur du ausfüllen kannst. Deshalb hast du keinen Grund, zu befürchten, daß du dein Ziel nicht erreichen könntest. Gott will, daß “alle Menschen gerettet werden“ (1.Tim.2,4) und in seiner Allmacht wird er diesen seinen Plan zu Ende führen.

„In den höheren Gefilden, in die du einzutreten im Begriff bist, baut Gott einen strahlenden Tempel der Kirche Christi, dessen Schluß-Stein der Christus selber sein wird. Er, den die Priester und Schriftgelehrten auf Erden nicht des Lebens würdig fanden, wird an der Spitze des siebenfachen Heiligtums des Allerhöchsten stehen! Vor seiner Herrlichkeit werden Worte versagen. Sein Tempel wird auf die Propheten und Apostel gegründet sein, gebaut aus lebendigen Seelen Ost, West, Nord und Süd, aus aller Herren Länder, heilig und fleckenlos rein!“

„Und werden alle, die ihm folgen, diesen einzigartigen Tempel bilden?“, fragte ich.

„Nicht alle, nein! Nur jene, die der höchsten Ehre für würdig befunden werden. Für die anderen aber wird es fast unbegrenzte Möglichkeiten geben, bei seiner Ausgestaltung zu helfen und in ihm Gott zu finden. Manchmal versuche ich in der Meditation, mich in diese wunderbare Vision zu versetzen, bis das blendend weiße Licht ihrer Reinheit so stark wird, daß ich es nicht mehr ertragen kann. Es ist, als wenn Myriaden von kostbaren Edelsteinen — die Seelen der Helden und Heiligen, die im Glauben an Ihn selbst die unsagbarsten Qualen und Versuchungen überwanden — um einen flammend weißen Stern gruppiert sind und sein Licht von Ewigkeit zu Ewigkeit widerspiegeln. Das wird das neue Jerusalem sein!“

„Wenn ich dich so sprechen höre“, sagte ich ein wenig zaghaft, „dann kann ich gut verstehen, daß nur wenige, sehr wenige, jemals hoffen dürfen, diesem Heiligtum anzugehören. Aber wie gesegnet werden schon alle sein, die diese Stadt betreten und an seiner Herrlichkeit teilhaben dürfen.“

„Es freut mich, daß du dies sagst, und es wird dir auch verstehen helfen, daß selbst der geringste Erdeneinfluß nicht über die trennende Kluft vor uns hinweggelangen kann.“

„Das erinnert mich an eine andere Frage ―“

„Du möchtest wissen, ob die Kluft auch bestünde, wenn niemals Sünde auf die Erde gekommen wäre?“

„Ja, auch dann. Der Abgrund besteht nicht der Sünde wegen; er ist eine natürliche Scheidelinie zwischen Materie und Geist. Beide sind so verschieden voneinander wie Licht und Finsternis und können nicht vermischt werden. Wäre der Mensch nicht in Sünde gefallen, er könnte sich der Brücke auf einem viel besseren Weg nähern. Dieser Weg wird leider niemals mehr benützt.“

„Ist er denn immer noch offen?“

„Gewiß. Aber die herrschenden Umstände machen seine Benutzung fast gänzlich unmöglich. Er kann jedoch als Hilfsmittel dienen. Wenn du mit mir kommen willst, kann ich dir dies von einem anderen Standort aus besser erklären.“

*   *   *

 

Ich treffe neue Freunde

OMRAS Absicht sollte offenbar doch nicht so schnell verwirklicht werden. Denn kaum hatte ich die Augen gehoben, um noch einmal einen sehnsüchtigen Blick auf die Brücke zu werfen, als ich Eilele und MYHANENE inmitten einer Gruppe anderer Freunde auf uns zukommen sah.

Eilele begrüßte mich herzlich. „Dies ist Dracine“, stellte sie mir die Schwester an ihrer Seite vor, „und wir hoffen, die ersten zu sein, die dich an diesem gesegneten Ort begrüßen dürfen.“

„Nicht ganz die ersten“, wehrte ich ab. „OMRA hier und RAEL haben sich schon seit einer ganzen Weile meiner angenommen, und auch WALLOUMELE sprach mir von Dingen, die mir unvergeßlich bleiben werden.“

„Dann schätze dich glücklich, ihn hier angetroffen zu haben.“ Es war Dracine, die jetzt sprach, und impulsiv ergriff sie meine Hände dabei. Dann rief sie, zu einer andern Schwester gewandt, die ich noch nicht kennengelernt hatte: „Tasha, Aphraar hat mit WALLOUMELE gesprochen!“

Und gleich darauf wieder zu mir: „Erschien er dir nicht als die vollkommenste Verkörperung der göttlichen Liebe, die du bisher gefunden hast?“

„Ja“, antwortete ich. „Er rührte in mir Tiefen an, die ich niemals zuvor auch nur geahnt hätte.“

„Das kann ich vielleicht besser verstehen als die meisten anderen“, warf Tasha jetzt ein. „Ich hatte das Glück, in La-yong-la‘s Erdentagen in seiner unmittelbaren Nähe zu sein.“

Ich blickte erstaunt zu Tasha herüber. „Warum nennst du ihn La-yong-la?“

„Weil ich von seinen Erdentagen spreche, lieber Bruder. Damals hieß er so.“

„Aber ist das nicht etwas verwirrend, wenn verschiedene Namen für dieselbe Person gebraucht werden?“

MYHANENE, der bisher mit OMRA gesprochen hatte, trat herzu und antwortete mir.

„Es ist durchaus nicht verwirrend, lieber Aphraar. Im Gegenteil, es spart uns häufig viele Erklärungen, wenn wir ein besonderes Stadium in der Entwicklung einer Seele bezeichnen wollen. Selbst auf Erden gibt es ja Titel, um das Voranschreiten eines Menschen im öffentlichen Leben zu kennzeichnen! Die verschiedenen Namen sagen uns ebensoviel, wie den Erdenmenschen die Titel. Du wirst im geistigen Reich niemals zwei Seelen gleichen Namens finden. Das gilt für die ganze Himmelsfamilie, obwohl ein jeder von uns nacheinander mindestens zehn Namen erwerben kann, die sich alle auf ein bestimmtes Stadium seines Aufstiegs beziehen.

„Du erhieltest einen Namen, als du im Jenseits eintrafst; wenn du die Brücke dort passierst, wirst du ihn gegen neuen eintauschen. Aber für alle Ewigkeit wird man von dir als Aphraar sprechen, wenn von deiner ersten “Schulzeit“ Jenseits die Rede ist. Das gleiche gilt für WALLOUMELE. Auf Erden war er La-yong-la, aber in den Sphären unseres Reiches hat er nacheinander ARETA, CAERELL und WALLOUMELE geheißen. Bei dem letzteren Namen nennen wir ihn hier, aber er hat noch einen anderen und höheren. Dieser wird aber von uns hier niemals gebraucht, ausgenommen, sein Träger in einer bestimmten offiziellen Eigenschaft handelt.“

„Darf ich fragen, wer WALLOUMELE auf Erden war und seit wann er hier ist?“

„Völker haben das gleiche Schicksal wie einzelne Menschen; sie werden geboren blühen zur Reife und schwinden dahin; WALLOUMELE gehörte einem Volk an, dessen Spuren verloren gingen, noch bevor die Grundmauern von Babylon und Chaldea errichtet wurden. Es hatte sich in einem Hochtal des Altaigebirges angesiedelt, wo es Gold und Edelsteine fand, die diesem ehemaligen Nomadenstamm unerhörten Reichtum brachten. Das abgelegene Tal war leicht gegen Eindringlinge zu verteidigen, und unter der Herrschaft einer Dynastie von Königinnen entwickelte sich das kleine Völkchen zu einer kulturellen Blüte, bis die Schlange des Neides in die Königsfamilie eindrang, Tod und Zerstörung bringend.

WALLOUMELE war der einzige Sohn der letzten Königin. Die Geschichte seiner Leiden unter den teuflischen Ränken einer verräterischen Verwandten ist noch heute ein klassisches Epos bei uns. Tasha war eine Dienerin seiner Mutter. Laß dir später einmal diese einzigartige Tragödie von ihr erzählen; dann wirst du noch besser verstehen, warum wir WALLOUMELE hier so verehren!‘

Und zu Tasha gewandt, fügte er hinzu: „Hörst du, Tasha, welche Mission ich dir eben auftrage? Ich beneide Aphraar fast um diese Aussicht, die Geschichte* WALLOUMELE’s aus so berufenem Munde zu hören.“

*) Diese Geschichte hat Robert Lees später in dem Buch, “The Car of Phoebus“ aufgezeichnet. (Nur in englischer Sprache er schienen. Der Herausgeber)

Und während Tasha lächelnd einwilligte, nahm mich Dracine beim Arm und führte mich fort.

Nun, Aphraar, was ist es für ein Gefühl, von einem solchen Familienkreis überrumpelt zu werden, ohne daß man vorher jemand um Erlaubnis gefragt hat?“

„Ich spüre gar kein Verlangen, mich dagegen zu wehren“, lachte ich. „Haben alle Ankömmlinge hier einen solchen Empfang?“

„Ich glaube wohl. Es wäre so gut wie unmöglich für eine Seele, ganz ohne Hilfe bis hierher zu gelangen. Und jeder von uns hat so viele Freunde, daß es leicht ist, eine Gruppe zu bilden, die den Ankömmling willkommen heißt. MYHANENE erwähnte, daß er dich hier begrüßen wolle, und wir alle boten uns sofort an, ihn zu begleiten“

„Aber ihr kanntet mich doch nicht.“

„Ein Grund mehr für uns, denn du sollst ja künftig zu uns gehören! Wir sind hier einander nicht Fremde, sondern Mitglieder einer großen Familie. Jeder Zuwachs erhöht das Glück dieser Familie und macht den Himmel um noch einen Grad strahlender. Glaube mir, die ganze unendliche Himmelsfamilie möchte am liebsten in einen einzigen machtvollen Ruf ausbrechen, dessen Echo in den tiefsten Winkeln der Hölle vernehmbar ist: Wir warten auf Euch, auf daß unser Glück vollkommen werde!

Wir kannten dich nicht, doch kennen wir dich jetzt und haben entdeckt, daß der Himmel eine bestimmte Süße barg, die wir noch nicht gekostet hatten. Komm! Laß uns in den Hain zurückgehen und von neuem die Schätze zählen, die der Vater für uns bereitet hat.“

Es wäre sinnlos, wollte ich beschreiben, was dieser Empfang für mich bedeutete. Es gibt Dinge, die sich der Kunst des Wortes entziehen, für die die Erde keine Sprache hat. Doch was mir hier zuteil wurde, wird für ewig in das Innerste meiner Seele eingemeißelt sein. Ein Gleiches wirst du, lieber Leser, eines Tages selbst erleben. Dann erst wirst du mich ganz verstehen.

*   *   *

 

Die sieben Sphären

OMRA und ich verabschiedeten uns von unseren Freunden, aber nur, wie mir versichert wurde, damit mein Mentor nun seine Unterweisung an einem andern Ort fortsetzen und abschließen könne. Bald würden wir wieder zurückkehren.

Wir näherten uns dem Ende des Hains. Weder OMRA noch ich sprachen ein Wort. Wie hätte man hier auch sprechen können? Der ganze Umkreis war von einer schweigenden Andacht erfüllt, die mit jedem Schritt voran immer eindringlicher wurde. Ich muß meinen Begleiter wohl beinahe furchtsam angesehen haben, denn er hob jetzt seine Hand zu einer beruhigenden Geste, verlangsamte seinen Schritt und blieb schließlich stehen, als wolle er mich auf etwas aufmerksam machen.

Ja, jetzt spürte ich es: ein korallenzarter Duft kam auf uns zu. Er drang durch die Stille auf meine Sinne wie der Ton eines feinen, seidenweichen Instrumentes. Dieser Ton wurde stärker, deutlicher und stieg endlich zu einem jubelnden Crescendo auf, als wären tausend unsichtbare Engelsstimmen eingefallen.

Ich lauschte, auf die Stelle gebannt und im Tiefsten meiner Seele angerührt. Die der Musik im jenseits innewohnenden Kräfte hatte ich schon kennengelernt, als ich jenem unvergeßlichen magnetischen Choral beiwohnen durfte. Aber damals hatte ich nur ihre Erscheinungsform und Wirkung gesehen. Erst hier, an der Schwelle des Himmels, wurde mir eröffnet, welche Harmonien das Reich Gottes für seine heimkehrenden Kinder bereithält; daß es einen geheiligten Born der Musik gibt, in dem alle Elemente der Schöpfung zusammengefaßt, gereinigt, aufeinander abgestimmt und ineinander verwoben werden, bis sie in einen einzigen Akkord göttlicher Offenbarung münden.

OMRA sprach erst, als die Offenbarung abgeklungen war und wir aus dem Hain auf die ihn umgebende Ebene hinaustraten die auf dieser Seite von einer Vielzahl wildblühender Büsche bedeckt war.

Nun, was hältst du von der prophetischen Segnung, die uns mit auf den Weg gegeben worden ist?“

„Ich kann es nicht sagen“, erwiderte ich zögernd. „Die Offenbarungen überrollen mich hier wie Brecher in der Meeresbrandung. Es gelingt mir nicht einmal, mit meinen Füßen Halt zu finden.“

„Das ist keineswegs überraschend; ich würde mich sogar wundern, wäre es anders! Aber wenn du dich gesammelt hast und das, was dir jetzt noch als ein Chaos erscheint, in Ruhe überblicken kannst, wirst du erkennen, daß die scheinbar verwirrende Überfülle nach einem bis ins Letzte vorbereiteten Plan geregelt und geordnet ist. Deine augenblickliche Lage läßt sich etwa mit der eines Orgelschülers vergleichen, der zum erstenmal vor der verwirrenden technischen Fülle seines Instrumentes steht. Aber wenn sich der Meister an die Orgel setzt und der Schüler die ganze Herrlichkeit der Musik in sich aufnimmt wird seine Seele Flügel bekommen — die technischen Schwierigkeiten werden vergessen, die Zweifel an seinen Fähigkeiten geschwunden sein.

„Du befindest dich in einem Übergangszustand. Altes versinkt und alles wird neu. Bisher hast du geträumt — jetzt wachst du zum wahren Leben auf. Und bist naturgemäß überrascht dabei festzustellen, daß die als unverrückbar angesehenen Grundtatsachen deiner Vergangenheit hier nicht nur unnötig sind, sondern in der Tat überhaupt nicht existieren. Der Satz, daß “Fleisch und Blut nicht das Erbe des Königreichs antreten können“, wird Wirklichkeit! Dieses Erlebnis erwartet alle, die hier ankommen: Wenn die aufgehende Sonne der Ewigkeit die Nebelstreifen der Sterblichkeit verbannt, entdeckt die Seele, daß mit dem Abstreifen von “Fleisch und Blut“ auch das ganze philosophische Rüstzeug der Weisen überflüssig geworden ist. Der Geist wird in einer anderen Dimension tätig als der Verstand es war — ein Reflektionsspiegel, der sein ganzes Licht unmittelbar und ohne Zwischenträger von der Sonne aller Sonnen nimmt.

„Sorge dich nicht, lieber Aphraar. Du hast deine Gaben dem HERRN zu Füßen gelegt, und sie sind bereits angenommen worden. Deine Verwirrung ist jetzt nicht mehr die Folge mangelnder Befähigung, die Brücke zu kreuzen, sondern eher durch die überwältigende Größe der Erbschaft zu erklären, die du anzutreten im Begriff bist. Sobald du dein mit Christus gemeinsames Erbe erkennst, wirst du auch das Vertrauen haben, den großen Schritt zu tun.“

Während OMRA sprach, hatten wir eine Strecke der vor uns liegenden offenen Landschaft durchschritten, deren zauberhafter Blütenreichtum in einer Weise, die ich mit Worten nicht ausdrücken kann, eine vollkommene optische Ergänzung dessen war, was mich bewegte. So war es überall hier — nichts fehlte, nichts war am falschen Platz, nichts überflüssig, und nichts hätte man sich wünschen können, was nicht sofort zur Verfügung stand.

Die Zeit hatte aufgehört mahnend ihr Pendel zu schwingen. Ich stand an der Grenze des ewigen Jetzt. Das Gestern war ein Traum, aus dem ich für immer erwacht war, das Morgen eine unerforschte Unmöglichkeit, denn das ewige Heute reicht, soweit die ewige Sonne ihre Strahlen schickt.

„Werden wir eine andere Brücke benutzen?“

Wir hatten den Hain inzwischen ein gutes Stück hinter uns gelassen und näherten uns in schräger Richtung wieder dem Abgrund, den ich hier und dort zwischen den Büschen hindurch auftauchen sah.

OMRA schüttelte den Kopf.

„Nein, es gibt nur einen Weg, um hinüberzukommen.“

„Das bekümmert mich nicht“, antwortete ich. „Ich bin durchaus nicht so ungeduldig darauf, einer derart verzauberten Landschaft den Rücken zukehren.“

OMRA tat, als habe er meine Antwort nicht gehört. Jedenfalls schwieg er und schien völlig mit der Untersuchung einer besonders prachtvollen Blüte beschäftigt zu sein, die er gerade entdeckt hatte. Aber auf seinem Antlitz lag ein nachsichtiges Lächeln. Schließlich sagte er:

„Wir beginnen jetzt schon die belebende Luft zu verspüren, die von drüben herüberweht. Du wirst bald ihre anregende Wirkung fühlen.“

„Meinst du, wir sollten umkehren?“ Ich war nicht sicher, ob in OMRAS Bemerkung nicht eine Andeutung der Rückkehr enthalten war.

„Im Augenblick noch nicht. Ich möchte, daß du vorher noch einen Blick auf den großen Erdenkreis wirfst, um einen Begriff von den verschiedenen Sphären und Einflüssen zu bekommen, die sie umgeben. Dann wirst du auch deinen eigenen Werdegang besser verstehen können. Wollen wir gehen?“

„Gewiß‘, willigte ich ein. „Ich habe keinen anderen Wunsch, als mich gänzlich deiner Führung zu überlassen. Wenn mir neue Kräfte erwachsen sollen, dann kann ich nur hoffen, es wird mir auch die Kraft gegeben, dir zu zeigen, wie sehr ich mich in deiner Schuld fühle.“

„Ich weiß, du willst davon nichts hören“, fügte ich hinzu, als OMRA abwehrend die Hand hob, „aber wenn ich noch eine Frage nur der Belehrung wegen stellen darf — kann man nicht sagen, daß du im wahrhaftigen Sinne ein “mit Gott zusammen Arbeitender“ (1.Kor.3,9) bist?“

„Nicht im Geringsten!“ OMRAS Antwort kam unverzüglich und sehr bestimmt. „Wenn wir Gelegenheit dazu haben, hoffe ich, dich mit der Schilderung meines Erdenlebens davon überzeugen zu können, daß ich dieses Reich als alles andere denn als Heiliger betreten habe. Laß dir versichern, daß mein freier Wille recht beträchtlich in die falsche Richtung gegangen war.“

*

Wir hatten inzwischen den entscheidenden Punkt unseres Ausfluges erreicht und hielten inne — nicht nur am Rande des Abgrunds — sondern, so schien es, am äußersten Saume der Welt!

Vor uns lag, soweit das Auge reichte, die grenzenlose Leere des Raums.
Dann — ich weiß nicht, wie mir geschah — OMRA hatte meine Hand ergriffen, und den Bruchteil einer Sekunde später schwebten wir irgendwo inmitten dieses unendlichen Raums. Unter uns aber erblickte ich einen gigantischen, in mehreren Farben schimmernden kreisrunden Wellenbogen.

Ich mußte an die prismatische Landschaft denken, die Eusemos mir auf dem “Berge Gottes“ gezeigt hatte, und OMRA nahm diesen meinen Gedanken sofort auf.

„Jene Landschaft, die du damals sahst“, erklärte er, „beeindruckte dich durch ihre Farbenharmonie. Aber du warst blind gegenüber ihrer mystischen Bedeutung, und Eusemos machte keinen Versuch, sie dir zu erklären. Selbst jetzt noch, nach allem, was du von MYHANENE und seinen Freunden gelernt hast, wirst du beim Anblick des Kreisbogens dort unten an einen riesigen dreifarbigen Ball erinnert — grün, rosa und grau in Schattierungen, wie ihn Kinder zum Spielen benutzen mögen.

„Du hast keine Vorstellung von seiner verborgenen Bedeutung. Wie könntest du auch — bisher hast du dich in deinem Leben fast ausschließlich auf die Beobachtung äußerer Erscheinungen beschränkt. Du hattest nicht die Kraft, das Wesen der Dinge zu erkennen und ihre Geheimnisse zu lösen. Das Erdenleben ist die Kindheit der Seele, und Kinder sind immer mehr an den Muscheln am Strand, am harmlosen Plätschern im Wasser interessiert als an Gezeiten, Winden und der Navigation. Jetzt ist es an der Zeit für dich, zu erkennen, welche Veränderung mit dir vorgeht. Laß mich dir helfen, den Schleier zu heben, die Siegel zu brechen und zu begreifen, mit welcher Schönheit und Vollkommenheit Gott seine Pläne entworfen hat.“

Damit legte OMRA seine Hand auf meinen Arm, und meine Augen wurden sehend. Was ich sah, habe ich durch James, meinen irdischen Helfer, durch eine farbige Querschnitt-Tafel sinnbildlich wiedergeben lassen.

Ich bedauere nur, daß es unmöglich ist, die Feinheit der Farbschattierungen nachzubilden. Denn die jeweilige Farbtönung ist ganz und garnicht willkürlich oder zufällig — sie ist immer ein genaues Gegenstück des ihr entsprechenden seelischen Schwingungszustandes. Daß der fleischliche Körper einen Dunst ausstrahlt, bedarf keiner Beweisführung. Aber während diese körperliche Ausdünstung nur gelegentlich für unsere Geruchsorgane wahrnehmbar ist, wird die seelische Ausstrahlung immer sofort sichtbar und kann an ihrer Färbung bestimmt werden. Sie bildet gewissermaßen die Kleidung der Seele, an deren Farbe diese „von jedermann erkannt und gelesen“ wird. (2.Kor.3,2).

 

Das Seelenreich

Erklärung: Der äußere Kreisbogen bezeichnet die Grenzen des Seelen oder Zwischenreichs. Die einzelnen Zonen bedeuten:

 

E:     Die Erde. Die (unwirklich gewordene) materielle Welt ist durch einen gestrichelten Kreis angedeutet.

I-VII: Die sieben Sphären, die „Schulklassen‘, in denen die Seele nach der Befreiung vom Körper aufgenommen und auf ihr künftiges rein geistiges Dasein vorbereitet wird.

VIII:  Die Zone der Primitiven, der Naturvölker, die hier ihrer Entwicklung gemäß unterrichtet werden.

IX:    Der Schlafbereich.

X:     Die große „Kinderstube‘ zur Aufnahme und Unterrichtung von Kinderseelen, die entweder hinübergingen, bevor sie geboren wurden oder bevor sie zwischen Gut und Böse unterscheiden konnten.

*

Die erste reingeistige Sphäre, der “erste Himmel“ liegt jenseits des Kreisbogens!

 

Die Kreisform des Bildes vor mir zeigte an, daß Gott sein Erschaffer war — ohne Anfang und ohne Ende, das Emblem der Ewigkeit. Aber dennoch war eine Keimzelle da, ein mikroskopisch kleiner Mittelpunkt, um den sich alles bewegte.

Unsere Bildtafel zeigt eine untere und eine obere Gruppe von ineinander übergehenden Kreisen (a bis ). Das Gebilde ist in der Mitte unterteilt, läßt aber als Ganzes klar die Umrisse einer Acht erkennen. Wenn ich die Zeit hätte, über die mystische Bedeutung dieser Ziffer zu sprechen, würden wir feststellen, daß ihr Auftreten mehr als ein Zufall ist. Zahlen haben im geistigen Reich eine Bedeutung, die weit über die mathematische hinausgeht. Viele Bücher könnten darüber geschrieben werden, ohne daß das Thema erschöpft wäre.

Andeutungsweise will ich aber dies sagen; wir wissen, daß die Ziffer 7 in der Bibel gebraucht wird, um die Vollendung verschiedener Zyklen zu bezeichnen, beispielsweise die Woche oder die Zahl der Jahre für eine bestimmte Schicksalsperiode. Aber während ein Kreislauf auf diese Weise geschlossen wird, fängt der nächste schon an. Dies bezeichnen wir mit der Ziffer 8, die zum “ersten Tag“ der neuen Woche wird — zum Tage der Auferstehung. Das Symbol in unserem Erdenbild weist in prophetischer Weise darauf hin; es erlaubt einen kurzen Blick auf den Zweck, den der Schöpfer wahrscheinlich im Sinn gehabt hat, als er die Grundmauern für die Erde und den Himmel um sie herum legte.

Die sieben Sphären unseres Bildes sind übrigens dieselben, von denen bei fortgeschrittenen, im rechten Geiste veranstalteten spiritistischen Sitzungen so oft gesprochen wird. Selten aber wird ihre Ordnung erklärt, und das gerade möchte ich im folgenden versuchen.

Außerhalb der sieben Kreise haben wir noch drei andere Regionen die sich in unserer Kreiszeichnung recht eigentümlich ausmachen. Wir kommen später noch auf sie zu sprechen. An dieser Stelle will ich nur sagen, daß diese drei Bereiche es waren, die durch ihre grüne, graue und rosa Färbung dem Ganzen das Ansehen eines farbigen Kinderballs verliehen.

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, möchte ich betonen, daß unsere Zeichnung weder die materielle Welt darstellt (mit Ausnahme der durch einen kleinen gestrichelten Kreis angedeuteten relativen Position der Erde), noch das geistige Reich, sondern ausschließlich das psychische oder Seelische Zwischenreich, in das der Mensch nach seinem körperlichen Tode zunächst eingeht. Das Psychische liegt immer zwischen Materie und Geist. Gott mußte es ebenso schaffen, wie er zwischen Tag und Nacht die Dämmerung legte. Unsere fleischliche Geburt ist der Eintritt in dieses Weltgebäude an dem mikroskopisch kleinen Punkt in seiner Mitte, von dem der Radius des Himmelszirkels geschlagen wird. Jedes Kind betritt die Welt im Kleide der Unschuld. Wenn Jesus Christus sagte „Es sei denn, ihr bekehret euch und werdet wie kleine Kinder, so könnt ihr das Himmelreich nicht betreten“, dann sind wir zu der Annahme berechtigt, daß ein neugeborenes Kind das Richtmaß der Unschuld ist, die für den Eintritt in das geistige Reich gefordert wird. Das Wort “Ihr müsset von neuem geboren werden“ unterstreicht dies noch. (Matth.18,3)

Ebenfalls dürfen wir annehmen, daß jedes Kind frei von persönlicher Unreinheit ist, bis es „weiß, das Böse zu verweigern und das Gute zu wählen“. An diesem Punkt beginnt es, Verantwortung für seine eigenen Handlungen auf sich zu nehmen und entfernt sich, je nach der getroffenen Wahl, aus seinem bisherigen neutralen Zustand. Natürlich kann es von Sünden belastet sein, die seine Eltern oder andere in es hineinlegten. Das Kind mag sein Leben lang unter den Folgen solcher Sünden, unter Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zu leiden haben. Aber auf den unschuldig Leidenden wartet im Jenseits ein ebenso großer Ausgleich, während die schuldigen Eltern nach Gottes unfehlbarem Gesetz das von ihnen Gesäte bis zum letzten Heller abzutragen haben.

Aber laßt uns annehmen, das herangewachsene Kind beschließt aus freiem Willen, ungehorsam gegen Gott zu sein. Genau dies ist die Sünde, auf die die Doktrin vom Sündenfall gegründet ist. Adam versuchte, sich vor Gott zu verbergen, als er wider dessen Geheiß gehandelt hatte und sah, wie die Sünde sein Unschuldsgewand befleckt hatte.

Ist der erste Schritt getan, so kann es schnell abwärts gehen, weiter und weiter, bis der körperliche Tod eingreift und der Abtrünnige sich im faulen Schmutz der Schweine (im Altägyptischen war das Wort Schwein gleichbedeutend mit Teufel!) wiederfindet. Er liegt in der tiefsten Hölle, die ein Kind der Erde erreichen kann (1), am Rande des Seelentodes; aber er kann nicht sterben. Die Sünde ist groß, aber Gott ist größer — allmächtig — und er, dessen Wort nicht gebrochen werden kann, hat versprochen: „Ich werde sie aus der Gewalt des Totenreiches erlösen, vom Tode sie loskaufen (Hosea,13,14).

Wie die Jakobsleiter in den Himmel, so hat Gott auch für die Hölle eine Leiter nach oben geschaffen. Ihre Füße stehen im Schmutz des niedersten Schweinepfuhls, auf daß das Opfer der Versuchung, wenn es aus seiner Sündenorgie erwacht, die Sprossen erklimmen möge.

In der nächsten Stufe — die ich auf meiner Reise durch die Hölle mit Ladas schon selbst gesehen hatte — kämpfen die Seelen verzweifelt und unablässig gegen den Skorpionstachel ihres erwachenden Gewissens, umgeben von den Boten Gottes, die nur auf eine Möglichkeit warten, helfend ihre Hände auszustrecken.

In die dritte Stufe erhielten wir bereits durch die Erzählung Maries im Kapitel “Ernte der Eifersucht“ einen guten Einblick. Von CUSHNA wußte ich etwas über die Mittel, die angewendet werden, um solche Seelen aus Finsternis, Qual und Verzweiflung in das Licht der Freiheit und Hoffnung zu führen.

Jetzt steigen wir aus den unterirdischen Gruben und Höhlen der drei tiefsten Regionen herauf und erreichen die vierte Sphäre — dieselbe, in der ich nach meiner Ankunft im Jenseits aufwachte. Nicht weit entfernt sehen wir die Nebelwände, die die Erde einhüllen. Wie nahe der Erde wir hier sind, werde ich noch weiter erläutern, wenn ich auf die unmittelbar angrenzende Schlafregion (IX) zu sprechen komme. Die Erde und diese beiden Zonen sind von der gleichen hellgrauen Färbung!

Wäre genügend Licht in den Höhlen gewesen, die wir verlassen haben, wir hätten sehen können, wie die Farbe der Seelenkleider sich veränderte. Vom dunkelsten Braun immer heller werdend bis zum Ockergelb und schließlich zum Grau. Vom Erdenkreis (4) an aufwärts geht das Grau in eine Vielfalt von Farben und Schattierungen über, die immer heller strahlender und durchscheinender werden, je höher die Seele steigt.

Unser Bild läßt auf einen Blick erkennen, daß der Erdenkreis (4) den Mittelpunkt des ganzen seelischen Reichs bildet. Er ist in eine obere und eine untere Hälfte durch geschwungene Linien geteilt, die allegorisch das Gleichgewicht der göttlichen Waagschalen andeuten. Aber am besten läßt sich diese Sphäre vielleicht mit dem Erdgeschoß eines großen Zollhauses an der Grenze zweier Reiche vergleichen. Hier wird alles mitgeführte Gut inspiziert, die Kontrabande wird beschlagnahmt, die Pässe werden geprüft und sorgsam mit Sichtvermerken versehen. Ist der Reisende nicht gesund, so wird er zur Quarantäne in einen der Kellerräume eingewiesen. Und viele müssen ihre stolzen Kleider gegen Gewänder eintauschen, an denen jedermann ablesen kann, wohin sie weiterreisen werden. Dieser Kleiderwechsel ist häufig eine der größten Überraschungen für die Neuankömmlinge. Auf einen solchen Fall werde ich noch zu sprechen kommen.

Im oberen Teil dieser Sphäre erreichen wir die ersten Gebäude — das Ruheheim etwa, in dessen Nähe ich dem magnetischen Choral beiwohnte, das Heim des Assyrers und andere.

Dann, in der fünften Sphäre, erreichen wir die Stadt des Ausgleichs. Dort, gerade jenseits der Grenze des Erdeinflusses, traf ich meine Mutter — Vaone — wieder. Von dort aus haben mich meine Leser auf meinen Reisen begleitet bis hierher — an den äußeren Rand der siebten Sphäre.

Aber bevor wir weitergehen, wollen wir noch einen Blick auf jene anderen drei Regionen (VIII, IX, X) werfen, die wir bisher kaum beachteten. Wir haben gesehen, welche Vorkehrungen für die zivilisierten, moralisch verantwortlichen Kulturrassen getroffen worden sind. Aber der Schöpfer, dessen Wille es ist, daß alle Bröcklein aufgesammelt werden, mißt den Seelen der heidnischen, unzivilisierten Welt denselben Wert bei. Er hat deshalb für ihre Vervollkommnung ebenso sorgfähig Vorsorge getroffen. Diese verlorenen, verachteten, primitiven Seelen gleichen in mancher Beziehung Kindern, die das Rechte nicht vom Falschen zu unterscheiden vermögen.

Darum hat ER eine Wohnung für sie bereitet (VIII), die auf der gleichen Ebene liegt wie die niederen Sphären für die Kulturvölker, aber frei von deren Unreinheiten und Strafen ist. In diesem geschützten Reservat werden die primitiven Rassen ganz nach ihren eigenen Bedürfnissen behandelt, um schließlich in die allumfassende himmlische Familie aufgenommen werden zu können.

Ich habe schon angedeutet, daß die Zone IX der Bereich ist, in dem sich die Seelen der Erdenmenschen während der Stunden des Schlafes bewegen können, ihnen nahestehende “Verstorbene“ treffen und Belehrungen erhalten. Diese Schlafregion durchschneidet den Erdenkreis (4), hat die gleiche Farbe und ist von ihr nur durch einen hauchdünnen Schleier getrennt. Wir haben schon eine ganze Reihe von Beispielen für solche “Schlafbegegnungen“ kennengelernt und wissen auch, daß die große Mehrzahl der Menschen bei der Rückkehr ins Wachbewußtsein leider jede Erinnerung daran verliert. Ein wenig später will ich aber noch einen Fall schildern, bei dem eine Leserin meines ersten Bandes mir im Schlaf zustand wertvolle Hilfe leistete.

Das Vorhandensein der letzten Zone (X) sollte geeignet sein, so manches kummervolle Herz auf Erden zu trösten und mit Freude zu erfüllen! Denn in diese Ecke des Himmels gehen die Seelen der Kinder, die tot geboren wurden. Vollführte ein Kind im Leibe der Mutter auch nur eine einzige bewußte und eigene Bewegung, so hat es gelebt. Die erste Bewegung war die Geburt einer neuen Seele — und diese kann niemals sterben!

Von diesem Augenblick an bis zu dem Punkt, an dem es “zwischen Gut und Böse“ zu unterscheiden lernt, steht jedes Kind unter der Fürsorge eines besonders dafür bestimmten Engels. Deshalb auch sagte der Meister: „Sehet, daß ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet; denn ich sage euch, daß ihre Engel im Himmel immer das Antlitz des Vaters erblicken.“

Wenn diese unbefleckten kleinen Seelen nicht in ihrem Erdenkörper bleiben können, werden sie direkt in diese Kinderstube des Himmels gebracht und dort auf das Leben im geistigen Reich vorbereitet. Sie sind zwar sündenlos, doch durchaus nicht immer frei von ererbten schlechten Anlagen oder vorgeburtlichen Einflüssen, denen die Mutter unterlegen haben mag. Diese müssen vollständig beseitigt werden. Denn auch für Kinder gilt das eherne Gesetz: Es darf absolut nichts Unreines das Himmelreich betreten!

*   *   *

 

Der direkte Weg

Ich glaube, es ist sehr wichtig, wenn ich an dieser Stelle eines besonders betone: Niemand kann aus eigener Kraft in eine Sphäre gelangen, deren Schwingungen höher sind als die seines eigenen Entwicklungszustandes. Es ist immer die höhere Sphäre, die zur niedrigeren herunterstrahlt und ihre Boten schickt. Deshalb hat kein Magier, kein Suchender auf der Erde die Fähigkeit, ein Geisteswesen zu beeinflussen, das höher steht als er selbst. Das gilt auch für die spiritistischen Séancen.

Man mißverstehe mich nicht. Ich verdamme nicht die Suche an sich — Gott verhüte, daß ich auch nur die geringste Anstrengung verachte, den Menschen das Weiterleben nach dem irdischen Tode zu beweisen, so kümmerlich der Erfolg oft auch sein möge. Gott hat sich, wenn der Vorfall wahrheitsgetreu wiedergegeben worden ist, einmal sogar der Stimmbänder eines Esels bedient (4.Mose,22,28). Aber weil er dies unter gewiß ganz ungewöhnlichen Umständen tat, dürfen wir noch lange nicht folgern, daß das Schreien jedes Esels als die Stimme Gottes zu gelten hat.

Nicht ist gefährlicher und dämonischer als Irrtum im Kleide der Wahrheit. Deshalb ist jedermann gehalten, die Warnung des Johannes zu beachten: „Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten ausgezogen in die Welt“ (1.Joh.4,1).

Deshalb müßt ihr völlig gewiß sein, daß euer Suchen nicht zu einem Trugbild führt. Ihr habt ein Recht, nein, ihr habt die Pflicht dies festzustellen. Laßt das Gebet immer am Anfang eures Strebens stehen, welcher Form dieses auch sei. Große Dinge sind zwangsläufig auch immer mit großen Risiken verbunden. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie stark die vierte Sphäre — die Pforte, durch die der Eintritt erfolgen muß — in mehr als einer Beziehung an die Welt der Materie gebunden ist. Ihre Bewohner sind zum größten Teil Neuankömmlinge und deshalb mit dem Jenseits noch nicht viel besser vertraut als die Erdenmenschen selber. Jene, die aus einer niederen (Reinigungs-)sphäre in die vierte Zone zurückgekehrt sind, schweigen gewöhnlich über ihre persönlichen Erfahrungen. Aber gerade diese Erdensphäre ist der große Marktplatz auf dem die Bedürfnisse der großen Mehrheit aller spiritistischen Sitzungen befriedigt werden. Mögen sich alle, die Kenntnis von solchen Dingen haben, darüber Rechenschaft zu geben suchen, wie selten einer der sich kundgebenden Geister aus der fünften Sphäre spricht.

Ich leugne keineswegs die Echtheit der Kundgaben selber, wenngleich auch hier der Schein zuweilen trügen mag. Worauf es mir ankommt ist, daß Seelen aus der vierten Sphäre — wie lange sie auch schon im Jenseits sein mögen — nicht fortgeschritten genug sind, um mit einiger Glaubwürdigkeit über geistige Dinge zu sprechen.

Für den Menschen, der die Verbindung zum Jenseits sucht, ist es von allergrößter Wichtigkeit, daß er sich zunächst selber prüft und sich gänzlich darüber klar wird, welcher Art die Seelen sein werden, die vielleicht auf seinen Ruf antworten. Ich möchte ihm raten, sich bei dieser Selbsteinschätzung eher unter zu bewerten als zu hoch. Die geistigen Gesetze der gegenseitigen Anziehung können nicht ausgeschaltet werden — ebensowenig wie die physikalischen Gesetze, die uns davor warnen, ein Streichholz an ein Faß Schießpulver zu halten!

Beginnst du dich zu fragen, lieber Leser, wohin ich dich führe? Habe ich eine Türe der Hoffnung geöffnet, nur um sie wieder zuzuschlagen und über deine Vertrauensseligkeit zu lachen? Das verhüte Gott! Wo du stehst, habe auch ich gestanden. Ich weiß, wie heilig die Suche nach der Wahrheit ist, da ich mein Erdenleben lang dieselbe Sehnsucht hatte. Ich weiß um die ergreifende Feierlichkeit der Stunde, in der wir uns dem brennenden Busch nähern. Es gibt Menschen, die in ihrer Jagd nach dem Wundersamen und Verborgenen “hineineilen, wo Engel zu treten fürchten“. Ihnen möchte ich sagen:
Kehret um; wohin wir gehen, ist kein Platz für euresgleichen! Denen aber, die gebrochenen Herzens sind, die Licht in der Finsternis ihres Lebens suchen, reiche ich meine Hand.

Um auf den rechten Weg zu gelangen, muß der Mensch alle seine Kräfte aufbieten, um sich in Einklang mit den Bedingungen des geistigen Lebens zu setzen. Er mag kein Heiliger sein — aber wenn er sich seiner Fehler bewußt ist und mit heiligem Ernst nach Reinheit strebt, so wird dies, gewissermaßen auf Bewährung, als bare Münze angenommen werden. Deshalb also wird keine wirklich hungrige Seele mit leeren Händen davongeschickt.

Das Gebet oder ein sehnsüchtiger Wunsch ist der “Funkspruch“ zwischen der in die Materie eingeschlossenen Seele und dem Jenseits, der die erste Verbindung ermöglicht. Wer aufrichtig und reinen Herzens betet, kann nicht irre gehen. Der Funkspruch kann, je nach der Welle, auf der er abgesandt wird, nur einen von zwei Empfangsbereichen erreichen: entweder den von Gott eingerichteten oder den seiner Feinde.

„Wann antwortet Gott auf ein Gebet?“

Als ich OMRA diese Frage stellte, meinte er lächelnd, „So kann man natürlich nur auf Erden fragen. Ich will dir eine Gegenfrage stellen, Aphraar: Wenn du beim Betreten eines Raumes den Schalter drehst, erhältst du dann Licht?“

„Natürlich“, sagte ich. „Wenn die Lichtanlage in Ordnung ist.“

Ich hatte mir die Antwort selbst gegeben. Alles hängt von dem bedingenden “Wenn“ ab. Christus sagte: „Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, möget ihr bitten, was ihr wollt, so wird es euch widerfahren“ (Joh.15,7).

Das einleitende “Wenn“ ist dabei eine unabdingbare Voraussetzung, die von den Menschen bei ihren Gebeten nur allzu oft vergessen wird. Es ist der einzige Schlüssel zur Verwirklichung dessen, um was gebeten wurde!

Ich habe bereits gesagt, daß es mir fern liegt, den aufrichtigen, in Demut Suchenden zu entmutigen. Der Séanceraum und das Medium mögen ihm im Einzelfall willkommene Dienste leisten. Aber dennoch sollten sie bei der Verbindung zwischen den beiden Welten eher als Ausnahme denn als Regel angesehen werden. Es gibt einen anderen, wirklich königlichen und natürlichen Weg zwischen Diesseits und Jenseits, der unvergleichlich besser ist und jede Täuschung ausschließt: Den Schlaf.

Gott hat in der Schlafregion des Zwischenreiches eine natürliche Schule geschaffen, in der die während der Nachtstunden vom Körper befreite Seele besser auf ihre Zukunft im Jenseits vorbereitet werden kann, als durch alle Lehren der Erde. Sollen wir wirklich glauben, daß Gott die Möglichkeiten zur Verbindung mit seinem Reich auf Séancen und Trancemedien beschränkt hat? Lassen wir die Sonne nur durch Reflektionsspiegel auf uns scheinen und spüren wir die freien Winde des Himmels nur durch den Kaminfang?

Laßt uns die Bibel befragen. „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt, da öffnet ER das Ohr der Menschen … daß er seine Seele von der Grube zurückhalte und sein Leben bewahre, damit es nicht umkomme durchs Schwert“ (Hiob,15,18).

Von Anfang an hat Gott diesen Weg benutzt, um die Menschen zu belehren, denn er hatte sie nicht etwa als intelligenzbegabte Tiere geschaffen, sondern nach seinem eigenen Bilde — als Kinder seines Geistes. Und welcher gute Vater verzichtet darauf, seine Kinder — so sie sich nicht in Ungehorsam bewußt von ihm abwenden — zu belehren und zu erziehen?

Für diesen Zweck ist der Schlafbereich da, wo ungezählte, als Lehrer befähigte Seelen bereitstehen, um den Erdenkindern den rechten Weg zu weisen. Diese Unterweisung ist in jedem Fall genau den Bedürfnissen des Einzelnen angepaßt. Und die Weisheit Gottes, die dem Menschen während seines Schlafes diesen Weg geöffnet hat, hat auch dafür gesorgt, daß seine Betreuer ihn ebenso in den Stunden des Wachens erreichen können. Denn seine Engel wird er für dich aufbieten, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Ps.90,11). Die Verständigungsmöglichkeiten, die diesen Engeln zur Verfügung stehen, sind so vielfältig, wie die Ursachen, die ihr Eingreifen erfordern mögen.

Noch eins, damit kein Mißverständnis entstehe. Es heißt: „Im Traume, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt …“ Nicht also die wirren Träume in den Stunden flachen Schlafs, oder kurz vor dem Erwachen, an die wir uns am ehesten erinnern, entstammen solchen Erlebnissen aus dem Schlafbereich unseres Weltenbildes (IX). Dorthin gelangt die Seele nur im Tiefschlaf.

Ich weiß sehr wohl, daß es schwer für die Menschen unserer Zeit ist, sich soweit von ihren Fesseln zu befreien, daß sie sich wieder an ihr Schlafleben erinnern können. Ich sage bewußt “wieder“, denn dieses Erinnerungsvermögen ist ein natürliches Erbe der Menschheit das in Jahrtausenden lediglich mehr und mehr verschüttet wurde. Es kann zurückgewonnen werden. Aber jede Seele muß sich selbst darum bemühen — niemand kann es ihr schenken. Der Weg dazu führt wieder über das Gebet — in der Stille eures Kämmerleins. Betet darum, reinen Herzens, bis sich die Türen der Erinnerung öffnen und ihr das wieder besitzet, was euch als Kindern Gottes von Rechts wegen zukommt.

*

Habe ich meinen Lesern zuviel zugemutet? Ist unser Weltbild mit seinem offenen Verbindungsweg durch den Schlafbereich zuviel für das menschliche Begriffsvermögen? Dann kann ich nur dieses erneut betonen: Obwohl ich von einem Standort spreche, wo der Glaube durch klare, offene Erkenntnis ersetzt worden ist, bestehe ich nicht darauf, daß man mein Wort annimmt, wenn es der Vernunft und Logik des einzelnen Lesers nicht standhalten mag. Ich bitte nur darum, ernsthaft darüber nachzudenken, was ich gesagt habe, und — je nach dem Urteil darüber — entsprechend zu handeln. Ich spreche in brüderlicher Liebe über die Dinge, wie ich sie erlebt habe, und bin mir meiner Verantwortung wohl bewußt.

Und habt Geduld! Dem, der den richtigen Weg eingeschlagen hat, wird nach und nach jede geistige Gabe geschenkt werden, derer er bedarf. Jeder Mensch hat seine eigene Aufgabe, und die möglichen geistigen Gaben sind so zahlreich, wie die Gnade Gottes unendlich ist. Seid auf der Hut vor den falschen Wegweisern und achtet darauf, daß die Vorbedingungen erfüllt sind; dann wird allen, die anklopfen, geöffnet werden.

*   *   *

 

Die vierte Dimension

Ich war allein — in einem uferlosen Meer der Offenbarung. Jeder Windeshauch, jedes Kräuseln dieses Meeres schien die unfaßbare Schönheit, Majestät und Vollkommenheit der Schöpfung noch zu erhöhen. Alles um mich herum war ein einziges Gedicht, geboren aus einem Traum der Liebe im Herzen Gottes, ein Kunstwerk in Farbe, Ton, Duft und Licht, ein Regenbogen des Lebens, der die Ewigkeit überbrückt.

Ich war allein — treibend, träumend, verloren im All der Offenbarung, das mich von allen Seiten umgab; jeder Hauch, der meine Wange berührte, jeder Ton, der mein Ohr liebkoste, jeder Duft, der meine Seele erfrischte, schien sein Echo in einer neuen und noch wunderbareren Gnade zu finden — bis ich nachgab und in den Schlaf sank.

RAEL weckte mich auf. Leise war er an mein Lager getreten, und als ich die Augen öffnete, fragte er scherzend: „Soll ich dich mit dem Ruf des Propheten erwecken: Erwache, der du da schläfst?“

„Ich wünschte eigentlich“, antwortete ich, „daß ich weiterschlafen und meinen Traum fortsetzen könnte.“

„Das glaube ich gern. Aber der Schlaf ist für die Kinder der Nacht. Wir, die wir dem Tage angehören, müssen tätig sein. OMRA hat mich gebeten, dich zu einem Ort zu begleiten, an dem du kurz nach deiner Ankunft schon einmal warst. Wollen wir gehen?“

„Ich füge mich ganz deinen Wünschen“, sagte ich. „Ich bin von den Offenbarungen, die hier auf mich einstürzen, so überwältigt, daß ich keinen eigenen Gedanken fassen kann.“

„Es könnte auch kaum anders sein! Ein Dorfjunge, der plötzlich und zum erstenmal in eine Großstadt versetzt wird, wäre ein sehr schwacher Vergleich zu deiner Lage. Darum stehen wir ja bereit, um dir beizustehen, bis du deinen Weg allein findest. Wollen wir also gehen?‘

Ohne auf meine Antwort zu warten, legte RAEL seine Hand sanft auf meine Schulter, und im Augenblick — ohne daß ich mir einer Anstrengung bewußt wurde — standen wir auf dem Kamm des Hügels, wo ich einstmals Eusemos getroffen hatte, im Schwerpunkt des Seelenreiches, dem Mittelpunkt der vierten Sphäre. Hinter uns lag der Hang, auf dem mich Helen gefunden hatte, zu unserer Rechten die Nebelwand und vor uns die prismatische Landschaft mit ihrer ständig wechselnden, belebten Szenerie.

Wenn ich bisher “im Fluge“ von einem Ort zum anderen reiste, war ich mir immer bewußt, daß ich mich fortbewegte — und dies außerdem nur dank der Hilfe meines jeweiligen Begleiters. Beides galt nicht für diesen Fall. RAEL hatte mich nur berührt — und wie durch Zauberhand standen wir an unserem Ziel!

Ich traute kaum meinen Augen. „Was ist geschehen?“, stammelte ich, hilflos meinen Begleiter anblickend.

RAEL lächelte. „Wir haben ganz einfach nur einen weiteren Schritt in deiner Entwicklung getan. Bei alledem, was jetzt auf dich eindrängt, ist es nicht verwunderlich, wenn du gelegentlich vergißt, daß du dich mitten in deiner zweiten Geburt befindest. Deine Aufmerksamkeit wird fast ganz von den Geschehnissen um dich in Anspruch genommen; wir aber, die wir dir beim Abwerfen der letzten irdischen Hemmnisse zu helfen haben, verfolgen ständig deine Fortschritte, auf daß wir dich so bald als möglich zum Ziele führen können.“

„Unsere Blitzreise“, fuhr RAEL fort, „stellt also einen weiteren Schritt in der gewünschten Richtung dar. Vielleicht verstehst du das besser, wenn ich dir von vorneherein die großen Zusammenhänge erkläre.“

„Ich wäre mehr als dankbar dafür!“, rief ich.

„Nun, dann laß mich beginnen, indem ich dich daran erinnere, daß die menschliche Intelligenz — auf Erden — auf die Kenntnis oder Beherrschung von nur drei Dimensionen beschränkt ist: Länge, Höhe und Breite. Der in seinem Körper verstrickte Mensch weiß nichts von dem Wesen und der Quelle des Lebens, das hinter dem Schleier der äußeren Erscheinung liegt. Und eines der größten und tiefsten Probleme die er nicht gelöst hat, ist — er selbst! Wenn aber die Schatulle, den Edelstein enthalten soll, sich durch nichts öffnen läßt, welcher Wert ist dann den Meinungen, Theorien und wissenschaftlichen Schlüssen derer beizumessen, die sich über den Edelstein streiten?

„Indem sie diesen blinden Führern folgte, deren Gesichtskreis ganz allein von der Materie und vom kalten Intellekt bestimmt ist, hat die Menschheit den Weg verloren und ist in eine Wildnis der Sünde und Rebellion gegen Gott geraten. Jetzt steht die Ernte bevor, und wir — die Arbeiter auf dem Acker Gottes — sind beauftragt, die Erde mit der Verkündung der Schrift zu wecken: “Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“. Dieses Bild besteht nicht aus Fleisch und Knochen, sondern aus reinem Geist!

„Die Eigenschaften der Gottheit sind dreierlei: Allmacht, Allwissen und Allgegenwart. Und genau diese drei Eigenschaften sind auch das Erbe der Gottes-Kindschaft; sie sind in die Menschen hineingelegt, um erweckt zu werden, wenn Zeit reif ist.

„In Zahl und Reihenfolge ihrer Entfaltung entsprechen die göttlichen Eigenschaften dem dreifältigen Wesen des Menschen — Körper, Seele und Geist. Dem Körper wurde bei Schöpfung Allmacht im irdischen Bereich verliehen: „Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan. Herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden sich regt!“

„Und obwohl der Mensch in Sünde verfiel und Gott untreu wurde, hat Gott sich an sein Wort gehalten. Der Mensch hat wahre Wundertaten vollbracht. Aber seine Eroberungen sind wider das Gesetz errungen worden, das ihm Gehorsam auferlegte. Der Mensch lauschte den Einflüsterungen der Finsternis und streckte seine Hand in frevelndem Ungehorsam nach dem Erbe Gottes aus. Vergeblich!

„Als es den Anhängern der materiellen Wissenschaft und Philosophie nicht gelingen wollte, das Szepter der Macht an sich zu reißen, da sie den Schöpfer nicht zwingen konnten, sich ihnen zu stellen, kamen sie ungeachtet dessen, was sie nach außen hin auch bekennen mochten, zu dem falschen Schluß: Wir können keinen Gott finden.

„Die zweite göttliche Eigenschaft ist das Allwissen. In ihrem Verhältnis zu den anderen ist sie vergleichbar mit der menschlichen Seele, die weder materiell noch geistig ist, sondern ein ätherisches Ebenbild des Körpers und Charakters — das Zwielicht zwischen Nacht und Morgen. Sie umspült das Körperliche und ermöglicht die Verbindung; von der einfachsten Form des Hellwissens bis zur freien Sicht des Gottnahen. Vor allem aber ist sie der Träger unseres Ichs, das sich in den Stunden des irdischen Schlafs vom Körper befreit. Die Wissenschaft belächelt diese biblische Wahrheit als Aberglauben. Aber gerade auf diesem Felde wird der Kampf zwischen Materie und Geist ausgefochten. Seine Ergebnisse sind noch wechselhaft, doch über seinen Ausgang kann es keinen Zweifel geben.

„Die dritte Eigenschaft des Gottes, in dessen Bilde wir geschaffen sind — die Allgegenwart — gehört der geistigen Sphäre zu. Die Seele hat die letzten Spuren irdischer Unreinheit abgelegt und tritt das ganze Erbe des Königreiches an. Wir werden frei in Christus — in der Tat so frei, daß wir uns mit der Fähigkeit der Allgegenwart in der vierten Dimension bewegen können.“

„Der vierten Dimension? Was ist das?“

„Das Reich des unbegrenzt Geistigen. Als OMRA dich an den Rand des Abgrunds brachte, schrecktest du zurück, nicht wahr?“

„Allerdings; war das verwunderlich?“

„Nein, es war eine ganz natürliche Reaktion, hervorgerufen durch Furcht ― ein irdisches Anhängsel! OMRA verstand das sofort und führte dich andere Wege, damit der in dir arbeitende Entwicklungsprozeß abgeschlossen werden könne.“

„Wann wird das sein? Hast du eine Ahnung?“

„Ja, Aphraar, die Anzeichen sind zu deutlich, als daß noch Zweifel möglich wären. Du hast das Ziel bereits erreicht.“

„Bist du sicher?“

RAEL nickte. „Absolut. Der Beweis wurde mir durch die Art und Weise gegeben, in der du mich hierher begleitet hast.“

„Aber wie?“, rief ich. „Ich verstehe überhaupt nichts mehr.“

„Natürlich nicht.“ RAEL mußte herzhaft über meine Verwirrung lachen. „Soll ich es dir erklären?“

„Ja bitte“, drängte ich.

„Ist dir nicht aufgefallen, daß du für die Reise hierher weder auf meine aktive Unterstützung angewiesen warst, noch überhaupt eine Fortbewegung bemerktest?“
„Ja, aber wie kam das?“

„Weil du bereits den Bruch mit den letzten Erdeneinflüssen vollzogen hast. Damit trittst du das geistige Erbe der dritten Eigenschaft Gottes an — die Allgegenwart. Sie erlaubt die ungehemmte Bewegungsmöglichkeit einer Seele jeweils bis zu dem Punkt der Reinheit, den zu erreichen sie die innere Stärke hat. Denn es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß alle diese göttlichen Eigenschaften sogleich in der Vollkommenheit vorhanden sind. Wie alle anderen Gaben Gottes werden sie uns zur rechten Zeit eingepflanzt und entwickeln sich dann ganz in dem Maße, in dem wir unser Streben darauf richten. Wir alle tragen die Umrisse des göttlichen Bildes in uns. Aber seine Farben und Details müssen wir selber einfügen, während wir von Stufe zu Stufe in der Hierarchie des Himmels emporklimmen.

„Bei dem Schritt, den du jetzt zu tun im Begriff bist, wirst du die Grenzen von Zeit und Raum hinter dir lassen; beide werden fortan keine Bedeutung mehr für dich haben. Tausend Jahre werden wie ein Tag für dich sein und ein Tag wie tausend Jahre, was deine Leistungs- und Erkenntnisfähigkeit betrifft. Der Gedanke an Vergangenheit und Zukunft wird dir immer fremder werden, während du dich deinem neuen Leben in der geistigen, der vierten Dimension anpaßt. Du wirst die Kraft entwickeln, immer und überall “zu sein“, erst in der Vergangenheit und dann in der Zukunft des einen, ewigen Jetzt. Unsere Reise hierher war ein erstes Beispiel: Wir wünschen etwas — und es geschieht im gleichen Augenblick.“

„All das ist fast zu wunderbar, als daß ich es schon ganz fassen könnte“, sagte ich. „Aber werde ich jenen furchtbaren Abgrund jetzt wirklich überqueren können?“

„Ja, und er wird dir jetzt auch nicht mehr so furchtbar erscheinen. Ich wäre nicht einmal überrascht, wenn du dir der Überquerung garnicht bewußt wirst. Aber bevor wir zurückkehren, möchte ich, daß du hier noch Gelegenheit hast, festzustellen, wie anders die Szene vor uns heute auf dich wirkt als damals.“

*   *   *

 

…und ließen ihn halb tot liegen.

(Lukas,10,30) Ich merkte schnell, worauf es RAEL abgezielt hatte. Die Landschaft vor mir bot äußerlich denselben Anblick wie damals, als ich sie in der Begleitung Helens und Eusemos‘ das erste Mal gesehen hatte. Was sich verändert hatte, war ich selbst — der Betrachter. Damals hatte ich den starken Wunsch verspürt, in Richtung auf die Nebelwand zurückzugehen, bedingt durch die Anziehungskraft der Erde; heute dagegen fühlte ich mich in die entgegengesetzte Richtung gezogen. Damals nahm ich die vielen verschiedenfarbigen Wege dieser prismatischen Landschaft als eine interessante optische Erscheinung in mich auf; heute war jede kleinste Farbschattierung dieses Panoramas eine lebendige Erkenntnis für mich. Damals war ich darüber erstaunt, daß man es vielen Neuankömmlingen überließ, sich in dieser scheinbaren Wirrnis von Wegen zurechtzufinden; heute sah ich die Weisheit und liebende Güte, sich hinter dieser Anordnung verbarg.

Mein Begleiter hatte mich hierher gebracht, um mir eine Anschauungslektion über den Fortschritt zu geben, den ich unter der Anleitung von MYHANENE und seinen Freunden gemacht hatte.

„Siehst du Aphraar“, sagte RAEL neben mir, „es gibt Rückblicke, die das Vertrauen und den Eifer zum Fortschritt stärken! Du kannst in der Szene vor uns heute die Tiefen mancher Dinge ausloten, die dir damals ein unlösbares Geheimnis schienen. Und wenn du später erneut hierher zurück kehrst, wirst du noch tiefer sehen können. So öffnen sich Werke Gottes von Mal zu Mal zu immer größeren Offenbarungen.“

„Wenn dem so ist“, fragte ich, „gewinnt dann nicht jede Stelle unseres Pilgerweges rückblickend ähnliche Anziehungskraft wie der Hain der Stimmen?“

„In gewissem Sinne ja. Aber der Hain und seine Umgebung bedeuten etwas ganz Besonderes für jede Seele, die ihn durchschritten hat, ist er das was der Ölberg für den Meister war — der Ort, von dem aus er zum Himmel aufstieg, nachdem er die letzten Fesseln des Fleisches abgeworfen hatte. Dort wird das Sterbliche endgültig im Siege überwunden.“

„Jetzt beginne ich erst die unerhörte Bedeutung dieses Ortes richtig zu begreifen!“, rief ich. „Wie seltsam, daß ich bisher nicht — — —„

„Warte, was geschieht denn da?“, unterbrach mich RAEL und zeigte auf zwei Seelen, die sich auf uns zu bewegten. „Die beiden scheinen ein besonderes Problem zu haben. Der eine ist einer unserer Helfer, der andere — ich brauche dir das wohl kaum zu sagen — ist ein Neuankömmling. Er scheint sich gegen irgend etwas zur Wehr zu setzen, das er als ungerecht empfindet.“

Das ungleiche Paar war noch nicht ganz zu uns herangekommen, als der eine auch schon RAEL anrief.

„Stimmt es, daß Sie hier eine verantwortliche Stellung innehaben?“

„Wenn ich irgendwie behilflich sein kann“, antwortete mein Begleiter, „stehe ich gerne zur Verfügung.“

„Ich suche jemand, der einen sehr ernsten Mißstand beseitigen kann; jemand, der Autorität ausübt. Sind Sie befugt, in solchen Dingen zu entscheiden?“

RAEL blickte mitleidig auf den erbosten Mann. „Wollt Ihr mir nicht sagen, was Euch bekümmert? Wir alle hier sind nicht nur verantwortlich, anderen Dienste zu leisten, sondern tun es auch gern.“

„Aber sind Ihre Dienste amtlich und befugt?“

„Wollt Ihr mir nicht Eure Beschwerde sagen?“, wiederholte RAEL freundlich drängend. Wenn ich dann keine Hilfe zu leisten vermag, kann ich Euch sofort zu jemandem bringen, der dazu befähigt ist.“

„Nun gut. Aber muß ich meine Beschwerde noch nennen?“ Mit einer Gebärde des Abscheus breitete der Fremde die Arme aus. „Sehet mich an, meinen schmutzigen Aufzug. Spricht er nicht für sich selbst?“

„Arme Seele, ja, er spricht nur allzu deutlich für sich selbst. Wer seid Ihr?“

Aber RAEL erhielt eine scharfe, hochmütige Antwort.

„Ich habe Sie nicht um Ihr Mitleid gebeten, junger Mann! Ich darf wohl erwarten, daß man mir den Respekt zollt, der meiner Stellung angemessen ist.“

„Dann darf ich nochmals fragen Wer seid Ihr?“

„Ich bin der Dechant ―“

RAEL unterbrach ihn: „Ihr wollt sagen, Ihr wart der Dechant …“

„Ich bin es immer noch, bis ich über meine Amtsführung Rechenschaft abgelegt habe.“

*) Hier greift Aphraar ein Erlebnis heraus, um zu zeigen, wie die Bewertung der im Jenseits Ankommenden stets nur nach ihren Taten, niemals aber nach dem äußeren Schein, den sie bisher vielleicht für ausschlaggebend ansahen, erfolgt. Ob es sich, wie in diesem Fall, um einen Geistlichen handelt oder um den Angehörigen eines anderen Berufes, ist hierbei von völlig untergeordneter Bedeutung. Der Herausgeber

„Seid Ihr denn nicht durch eine Handlung Gottes aus Eurem Amt entfernt worden?“

„Nach Gottes Beschluß ruhe ich jetzt von meiner Arbeit aus, aber nur, um meinen Lohn entgegenzunehmen. Wollt Ihr etwa sagen, daß die Lumpen, die man mir angezogen hat, ein Teil meines Lohnes sein sollen?“

RAEL beeilte sich nicht, zu antworten. Er blickte auf den erregten Mann mit einem Ausdruck unendlichen Mitleids. Schließlich fragte er mit leiser Stimme:

„Entspricht der Lohn nicht deinen Erwartungen?“

Der Ton, in dem diese Frage gestellt wurde, überraschte seinen Gegenüber und schien ihn zu entwaffnen. Ein wenig zerknirscht kam die Antwort:

„Ich hatte mich weniger auf persönliche Erwartungen verlassen als auf Versprechungen.“

„Welche Versprechungen?“ RAELS Frage kam forschend, aber ebenso sanft wie zuvor. „Und hast du ihrer immer mit einem wahrhaft bußfertigen Herzen gedacht, oder nur, weil du die Bibelstellen auswendig gelernt hattest und ihre Nennung zu deinem Amt gehörte?“

Aber noch lebte der rebellische Geist in unserem Kirchendiener. Gereizt fragte er: „Welches Recht habt Ihr zu diesem Kreuzverhör?“

„Das Recht eines älteren Bruders, der, um Hilfe gebeten, sehnlichst wünscht, ein schmerzhaftes Mißverständnis zu beseitigen.“

„Dann sorgt bitte zuerst dafür, daß ich anständige Kleider bekomme. Dieser Lumpenaufzug hier ist ein ganz übler Scherz. Dann bin ich bereit, zu hören, was Ihr sonst zu sagen habt.“

Als ich dies hörte, dachte ich an das Wort von der “Engelsgeduld“, die hier im wörtlichsten Sinne auf die Probe gestellt wurde. Aber RAEL schien mit jedem Satz nur noch ruhiger und selbstbeherrschter zu werden.

„Bist du noch nicht lange genug hier“, fragte er, „um entdeckt zu haben, daß deine Kleidung, so erbärmlich sie ist, einen Teil deiner selbst bildet? Daß sie ganz dir angepaßt, ganz mit dir verwoben ist, und daß niemand sie ändern kann als nur du selbst?“

„Das wollen wir sehen!“ Mit einer ungläubigen, verächtlichen Geste wandte sich der Angesprochene ab und begann wie wild an seinen Kleiderfetzen zu zerren. Die Folgen dieser Anstrengung, das verhaßte Gewand abzuwerfen, waren beredter, als jeder Überzeugungsversuch es hätte sein können. Es war, als wollte er sich selbst in Stücke reißen.

Mit einem Schmerzensschrei ließ der Mann von seinem Vorhaben ab und wandte sich uns in stummer Verzweiflung wieder zu.

„Mein armer, unglücklicher Bruder“, sprach RAEL ernst. „Denn so traurig dein Zustand zur Zeit ist, du bist nach wie vor ein Mitglied der großen Familie. Vielleicht versuchst du dies zu begreifen und daran zu denken, daß ich immer bereit sein werde, dir zu helfen. Du kannst dies wohl schwerlich so verstehen, wie ich es meine, denn ein solches Angebot nach so kurzer Bekanntschaft muß dich vermuten lassen, daß ein Hintergedanke dabei im Spiel ist. Nun, du wirst bald begreifen lernen, daß Unehrlichkeit und Heuchelei bei uns nicht verborgen werden kann — jeder von uns trägt seinen Charakter für alle lesbar mit sich. Ich hätte nicht nach deiner Vergangenheit zu fragen brauchen, ich konnte sie an deinem Gewand nur allzu deutlich erkennen. Ich wollte dir nur dein eigenes, so gewohnheitsmäßig ausgesprochenes Bekenntnis in Erinnerung bringen: „Wir sind alle wie ein unrein Ding und all‘ unsere Rechtschaffenheit ist gleich schmutzigen Lumpen“ — aber du wolltest nicht hören.“

„Vergeßt Ihr die Sakramente? Sind sie denn nutzlos?“

„Jede Gabe Gottes wird zu einem Sakrament, wenn sie rechtmäßig, getreu und ehrfürchtig angewendet wird — ein äußerliches Zeichen einer inneren, geistigen Gnade. Andererseits aber kann das heiligste Symbol des Himmels nicht nur wirkungslos sein, sondern den Weg zu Irrtum und Sünde bereiten, wenn es leichtfertig oder frevlerisch mißbraucht wird. Das eine Sakrament aber, dessen Beachtung Gott den Erdenmenschen gebietet, ist die Liebe. Es kann durch kein Ritual ersetzt werden — es ist einfach, natürlich und allumfassend.“

RAELS Stimme wurde um noch einen Ton weicher als zuvor. „Was kann ich nun tun, um dir zu helfen, arme Seele? Warum warst du so blind und taub? Warum täuschtest du dich so sehr, daß du nicht auf dich selbst bezogst, was du anderen predigtest: „Wehe euch, Ihr Schriftgelehrten und Pharisäer; denn Ihr verschließt das Himmelreich gegen die Menschen — weder werdet ihr selber dort eingehen, noch laßt ihr die hinein, die hinein wollen“ (Matth.23,13). Allzu leichtfertig hast du es gewagt, eine Stellung von heiliger Verantwortung zu übernehmen, obwohl du sie nicht verstandest; ein geistiges Amt auszuüben, zu dem du nicht berufen warst; den Menschen einen Weg zu weisen, den du selber nicht kanntest — du mußt nun notwendig die Ernte deiner Vermessenheit einbringen. Es gibt kein Entrinnen.“

Von dem Hochmut des also Angesprochenen war nichts mehr übrig, als RAEL geendet hatte. Furchtsam meinte er:

„Was du gesagt hast, mag stimmen. Aber bin ich nicht irgendwie auch ein Opfer? Ich habe das von dir gerügte System nicht erfunden, sondern von meinen Vorvätern als geachtetes Erbe übernommen. Muß man mir dafür nicht mildernde Umstände zubilligen?“

„Gewiß, mein Bruder. Du hast ein Recht darauf, daß dieses berücksichtigt wird, und so wird es geschehen. Laß‘ uns für einen Augenblick niedersitzen, damit ich dir etwas über das Wirken des Vaters erzählen kann, dessen Liebe auch dich überstrahlt.“

Wir nahmen auf dem Kamm des Hügels Platz. „Die Bestimmung eines jeden Lebens auf der Erde — ohne Ausnahme —“, begann RAEL, läßt sich in den Schriften finden, die uns vom Leben Jesu überliefert sind. Manche Erläuterung dazu und viele andere Dinge, soweit sie wesentlich sind, finden wir in den anderen Teilen der Heiligen Schrift. Das Gesetz und die Propheten sind nicht ein theologischer Kodex, nach dem einige Menschen die übrigen regieren dürfen, sondern Sinnbilder, für Kinder bestimmt, auf daß die älteren den jüngeren die einfachen Regeln der Nächstenliebe besser verständlich machen können. Die Ursprünge der Bibel sind derart vielfältig, daß diese Geschichten nicht in geordneten, aufeinanderfolgenden Kapiteln erzählt werden können. Aber die Gleichnisse, auf die es ankommt, sind wie Juwelen in sie eingebettet — und gewiß nicht schwer zu finden.

„Vielleicht wird es dir helfen, wenn ich versuche, dein eigenes Leben und Wirken an Hand dieser biblischen Wegweiser einzuordnen. Ich denke an die Geschichte vom guten Samariter. Du nimmst dabei den Platz des Opfers ein, das der Stadt des großen Königs den Rücken gekehrt hatte, um sich auf den Weg nach Jericho zu begeben — ungeachtet des von altersher auf dieser Stadt lastenden Fluches (Josua,6,26).

„Damit ging das Opfer den Weg der Sünde und wurde von den Räubern überfallen. Diese aber schlugen ihn und “ließen ihn halb tot liegen“. Dieses Gleichnis ist von Meisterhand gezeichnet und ist voller Offenbarungen für jene, deren geistige Augen und Ohren offen sind — selbst noch in dem, das unausgesprochen bleibt. Wie könnte die Lage, in der ich dich vorfand, besser beschrieben werden als mit den Worten “ließen ihn halb tot liegen“?

„Und dennoch hast du den Tod nur zur Hälfte erlitten. Der Weg von Jerusalem nach Jericho ist der Weg des Todes, aber Jericho wurde zerstört, so daß derjenige, der den Räubern längs des Weges entrinnen könnte, am Ende keine Stadt finden würde. Deshalb — wenn du auf deiner Reise das “Alleräußerste“ erreichen solltest, so gibt es dort kein Ende für dich, sondern nur den Rückweg. Niemand kann im Schmutz des Schweinetrogs ersticken, denn ein ewiger Arm hält ihn fest bis selbst der Verworfenste den Rückweg ersehnt — so wenig er es sich zuerst eingestehen mag.

„Ich sage damit nicht, daß du diese schreckliche äußere Grenze erreichen mußt — das sei ferne von mir! Dein Platz ist bestimmt und du wirst zu ihm finden, ohne daß dich jemand dorthin zerrt. Aber wenn wir voneinander Abschied nehmen, kann dir unser Bruder Eldare hier vielleicht einige Schwierigkeiten ersparen, wenn er dir den Weg weist, den du aus dem Tale nehmen mußt. Dann kannst du alleine fortschreiten. Aber obwohl du deinen ersten Aufenthaltsort ganz allein suchen kannst, weiß ich dennoch genau, wie deine Wahl ausfallen wird.“

„Wollt ihr es mir dann nicht sagen?“, bat der andere, noch kleinlauter als zuvor.

„Werde ich mit anderen Geistlichen zusammen sein, da doch jeder an seinen Ort geht?“

Wieder ließ sich RAEL Zeit mit seiner Antwort, und seine Züge spiegelten womöglich noch größeres Mitleid. Dann sagte er mit Nachdruck:

„Es gibt keine Geistlichen hier. Solche und andere Unterscheidungen werden von der Nebelbank dort drüben restlos fortgewaschen. Das Bühnenspiel irdischer Eitelkeiten ist aus. Der Vorhang hat sich gesenkt, und manch einer der Hauptdarsteller sucht hier bei uns jetzt das Brot, nach dem er hungert. Ich kann es dir nicht geben, weil du deine Seele durch dein eigenes Verhalten auf Erden so geschwächt hast, daß kräftige Nahrung deine Leiden zur Zeit nur vergrößern würde. Du brauchst sorgfältige Behandlung. Vielleicht wird sie schmerzhaft, ja drastisch sein, vielleicht mußt du durch einen babylonischen Ofen hindurch; aber verzweifle nicht, das Feuer wird nur der Reinigung dienen und kann dich niemals töten.

„Vielleicht wirst du es in deinem Schmerz nicht bemerken, aber auf allen deinen Wegen — selbst mitten im Feuerofen, wird Einer bei dir sein und über dich wachen und dich zur Freiheit führen wenn die Zeit gekommen ist. An diesem Tage wirst du ein anderer Mensch sein. Deine Augen werden geöffnet sein, und zurückblickend wirst du mit Verwunderung und Dank feststellen, wie hebend gütig der Vater zu dir war.

„Ich wünschte, ich könnte dich vor allem bewahren, was noch vor dir liegt; aber die Saat ist gesät und die Ernte muß eingebracht werden. Doch wenn wir uns dereinst wiedertreffen, wirst du mir bestätigen, daß dein Gewinn weit größer als der Preis gewesen ist, den du zahlen mußtest.“

Damit ließen wir den Mann mit seinem Helfer allein.

Kaum ein anderer Fall hat wie dieser mich in dem Wunsch bestärkt, etwas dazu beitragen zu können, daß die bitteren Folgen menschlichen Fehlgehens gemildert werden. Als wir uns entfernten, sah ich mich noch mehrere Male nach dem Unglücklichen um. Schließlich konnte ich mein Verlangen nicht mehr für mich behalten.

„Hätten wir ihm nicht noch in irgend einer Weise helfen können?“ fragte ich RAEL.

„Nein“. Die Antwort kam lakonisch, aber — wie mir die Art zeigte, in der RAEL den Kopf dabei schüttelte — alles andere als gleichgültig. „Dieser Fall ist nicht ganz so, wie es in deinen unerfahrenen Augen den Anschein hat. Jeder Versuch von uns, mehr zu tun, wäre im Augenblick nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Eldare ist viel besser befähigt, dieser armen Seele zu helfen, als du oder ich.“

„Verzeih mir, wenn ich hartnäckig erscheine, aber wenn wir mit ihm in Verbindung blieben; könnten wir dann nicht besser helfen, wenn unsere Unterstützung willkommen ist?“

„Woher weißt du, ob inzwischen nicht andere, noch wichtigere Aufgaben unserer warten? Und daß wir nicht feststellen müßten, daß längst andere, besser befähigte Seelen mit dem beauftragt worden sind, was dir vorschwebt? Und noch etwas, was dich überraschen wird: So weit es mir gestattet ist, die Dinge zu lesen, war unsere Begegnung mit diesem Manne in einem tieferen Sinne eine Prüfung für dich! Sie sollte feststellen, ob du, der du gerade die Kräfte der vierten Dimension gemeistert hast, auf ihre Anwendung zu verzichten bereit wärest, um eine Mission zu übernehmen, deren Ausgang auch dir selbst zweifelhaft erscheinen mußte. Deine Reaktion ist geistig von ebensolcher Bedeutung, als wenn du den angebotenen Dienst tatsächlich geleistet hättest, und der Lohn wird dir zufallen.“

„Oh RAEL“, rief ich, „wie unwürdig fühle ich mich dieser Vorsehung, die mich von einer Offenbarung zur anderen führt! Ich weiß noch nicht einmal klar, welcher Art die Sünde ist, die jenen Mann zu Fall gebracht hat.“

„Ich will es dir gerne erklären. Sein zerlumpter Aufzug ermöglichte es mir, sein Leben wie ein offenes Buch zu lesen. Bald wirst du das in der gleichen Weise tun können; aber es ist weder nötig, noch ratsam, allzu genau hinzuschauen. Wir sind keine Richter, sondern Helfer. Es ist nicht unsere Sache, festzustellen, ob der letzte Heller abgezahlt worden ist, sondern vielmehr, den Unglücklichen unsere Kraft zu leihen, auf daß sie ihre Fesseln im ersten möglichen Augenblick ablegen können. Natürlich sollten jene, die mit dieser ersten Hilfe unmittelbar betraut sind, die allgemeinen Umstände und Symptome eines Falles kennen. Diese sind bei unserem irregegangenen Kirchenmann sehr einfach: eine Art geistiger Versteinerung, entstanden aus einem mechanischen und unaufrichtigen Formalismus, der jedes geistigen Lebens entbehrte.“

„Du sagtest aber, daß einem Menschen nicht angerechnet werde, was er von seinen Lehrern und Vorvätern übernommen hat.“

„Darum habe ich ja betont, daß wir keine Richter sind. Aber ganz so einfach sind die Dinge nun wieder nicht. Denke an dich selbst! Ein Mensch hat in den meisten Fällen die Kraft, auf einem Wege umzukehren, den er in seinem Herzen als falsch und unaufrichtig erkannt hat. Kein Mensch ist vollkommen; alle werden bei ihrer Ankunft im Jenseits danach beurteilt, wie weit sie sich bemüht haben, in ihrem persönlichen Lebenskreis das Ziel der Vollkommenheit anzustreben.

„Laß mich mit einem Beispiel schließen, das uns der Meister selbst gegeben hat. Erinnerst du dich der Frau, die eine Flasche kostbarer Salbe über seinem Haupt ausgoß? Er äußerte keine Meinung darüber, ob das Tun der Frau vernünftig war oder nicht. Aber von den Beweggründen für dieses Tun sagte er: “Sie hat getan, was sie konnte“.“

*   *   *

 

Auf der Brücke

Wir waren wieder in jener verzauberten, von blühenden Büschen bedeckten Landschaft, aus der RAEL mich zu unserer Reise fortgeholt hatte.

Als er vorschlug, die Rückreise anzutreten, hatte mich mein Begleiter mit gespieltem Ernst aufgefordert, doch nur ja darauf zu achten, auf welche Weise sich unsere Fortbewegung vollzöge.

Ich wollte antworten: „Ich werde mein Bestes tun“, aber ich kam nur bis zu „Ich wer …“, als die Ortsveränderung bereits eine vollzogene Tatsache war.

Sichtlich belustigt über meine Verwirrung fragte RAEL: „Nun, willst du deine Eindrücke nicht besser gleich berichten, bevor die Erinnerung daran nachläßt?“

In diesem Augenblick gesellte sich OMRA uns zu.

„Ich sehe schon, wie du unserem Freund einen Streich gespielt hast“, drohte er RAEL scherzhaft mit dem Finger. Und dann zu mir gewandt: „Aber laß dich‘s nicht bekümmern, Aphraar. Ihr hättet zwar auch auf viel langsamere Weise zurückkehren können, aber die Wiederholung der Blitzreise wird es RAEL ermöglichen dir etwas zu erklären, was dir bei deiner künftigen Aufgabe wertvoll sein wird!‘

„Dann will ich ihm gerne verzeihen“, lachte ich.

„Das ist großzügig von dir, Aphraar“, fiel RAEL im gleichen Ton ein. „Aber glaube nicht, OMRA hätte sich die Gelegenheit zu dem gleichen kleinen Scherz entgehen lassen, wenn eine nützliche Lehre damit verbunden gewesen wäre“

„Ich weiß, daß ich in guten Händen bin, was auch immer geschieht“, antwortete ich. „Und auf die nützliche Lehre bin ich nun wirklich gespannt.“

„So laß uns denn zur Pflicht zurückkehren. Du hast einen praktischen Beweis dessen erlebt, was wir die vierte Dimension nennen. Die Nutzanwendung, von der OMRA spricht, bezieht sich auf das Gebet. Sicher ist dir der pseudo-philosophische Einwand gegen die Wirksamkeit des Betens bekannt, der noch immer in manchen Köpfen auf Erden geistert. Das Argument lautet etwa so:

Die Vorstellung, daß ein Gebet in irgend einer Weise die Dinge unseres täglichen Lebens beeinflussen kann, ist nicht nur trügerisch, sondern absolut unmöglich. Denn zweifellos ist doch die erste Frage, welche Entfernung die Worte des Betenden zurücklegen müssen, bevor sie das Ohr Gottes erreichen. Und die nächste Frage, wie schnell sich das Gebet im Raume fortbewegt? Nehmen wir ruhig einmal an, daß Gott auf dem der Erde nächsten Fixstern — Sirius — wohnt, und daß das Gebet die unvorstellbare Geschwindigkeit des Lichts besitzt — 300’000 Kilometer in der Sekunde. Dann wird es noch immer mehr als acht Jahre dauern, bis das Gebet seinen Bestimmungsort erreicht hat. Wie könnte es unter solchen Umständen unser tägliches Leben beeinflussen? Man braucht den Fall nur darzulegen um ihn ad Absurdum zuführen.“

„So oder ähnlich reden sie, die Materialisten, deren Kenntnisse auf die drei Dimensionen beschränkt sind. Sie wissen nicht, daß das Gebet ein rein geistiges Ding ist, das keinerlei physikalischen Grenzwerten unterworfen werden kann. Die Lichtgeschwindigkeit ist im Vergleich zur Geschwindigkeit des Gebets ein wahres Schneckentempo. Der Geist kennt weder Zeit noch Entfernung, wenn er im Lichte Gottes steht.“

*

„Ah“, rief OMRA, „unser Diskurs ist gerade im rechten Augenblick beendet, denn dort kommt MYHANENE mit unserer Schwester Sisvine.“

„Wer ist Sisvine?“, fragte ich. „Ich kenne sie noch nicht.“

„Wirklich nicht? Ihre Bekanntschaft dürfte gerade für dich besonders interessant sein. Ihr Hiersein ist, wie MYHANENE bestätigen wird, ein Erfolg deines Wirkens auf Erden.“

Meines Wirkens auf Erden? Wie kommt sie dann hierher? Gewiß irrst du dich!“, rief ich.

„Du wirst sehen, daß ich mich nicht irre, wenn ich dir auch versichern darf, daß Sisvine ein ganz außergewöhnlicher Fall ist. Sie war eine Suchende. Ernsthaft und unermüdlich forschte sie nach dem lebendigen Brot der Wahrheit und fand dabei schließlich die Bücher, die du unserem Helfer auf Erden diktiert hast. Sie folgte deiner Botschaft. Sie betete um Hilfe, auf daß ihr die Wege des Schlaflebens eröffnet würden, und ihr wurde mehr geschenkt, als sie erwartet hatte. Heute vermag sie, während ihr Körper ruht, die Grenzen der Schlafregion zu durchstoßen und die meisten Stunden mit uns zu verbringen. Sie hilft uns sogar bei unseren Missionen.“

OMRA“, rief ich, „das scheint doch unglaublich!“

„Ich sagte schon, daß es sehr ungewöhnlich ist, Aber wäre es nicht an der Zeit, daß du es aufgibst, vom Unmöglichen zu sprechen, lieber Aphraar? Das ganze Werk der Offenbarung, in dem du gerade erst zu lesen begonnen hast, enthält Dinge von denen Paulus sagte: “Das Auge hat nicht gesehen, das Ohr hat nicht gehört, noch sind ins Herz eingegangen die Dinge, die Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ (1.Kor.2,9). Du darfst sicher sein, daß im Schoße der Unendlichkeit noch Offenbarungen harren, die selbst die Erzengel in sprachloses Erstaunen versetzen werden. Sprich deshalb nicht mehr von Unglaublichem, sondern sei bereit, ehrfürchtig der Dinge zu warten, die sich dir mit jedem Schritt hinan tiefer und schöner offenbaren werden.“

Inzwischen waren MYHANENE und seine Begleiterin herangekommen. Sisvine trat auf mich zu und begrüßte mich warm und herzlich wie einen alten Freund.

„Wir brauchen einander nicht vorgestellt zu werden, Aphraar; du bist mir durch deine Bücher bereits gut bekannt, und ich möchte dir aus ganzer Seele für das danken, was sie mir gegeben haben.“

Sisvine hakte sich unter meinen Arm und zog mich zu einem Spaziergang fort, während die anderen zurückblieben.

Vergeblich versuchte ich, den angebotenen Dank abzuwehren, der nicht mir gebührte, sondern Gott — und wenn schon einer Menschenseele, dann MYHANENE, ohne den man niemals von mir gehört hätte. Umsonst! Sisvine erwies sich als eine hartnäckige und sehr energische kleine Person.

So gab ich es auf, mich zu wehren. „Wenn du schon darauf bestehst, deinen Dank zum Ausdruck zu bringen“, fragte ich sie, „würdest du mir dann vielleicht bei einer Mission helfen, die ich bald zu unternehmen hoffe?“

„Wenn es irgendwas gibt, das ich zum Ausgleich meiner großen Dankesschuld tun kann, so brauchst du es nur zu nennen. Nur mußt du daran denken, daß ich allein durch besondere Gunst hier bin — ―“

„Sind wir das nicht alle?“, unterbrach ich.

„In gewisser Weise, ja. Aber meine Bewegungsfreiheil während der Schlafstunden ist eine wirklich außergewöhnliche, vielleicht sogar einzigartige Gunst. Deshalb darfst du nicht zuviel von mir erwarten. Aber ich verspreche dir fest, daß du in mir überall, wo ich dir Hilfe zu leisten vermag, eine freudige Mitarbeiterin finden wirst.“

So gingen wir eine Weile plaudernd weiter, bis Sisvine plötzlich stehenblieb und ausrief: „Laß uns doch die herrliche Aussicht hier genießen!“

Wo waren wir? Das Gespräch mit Sisvine und ihre fesselnde Persönlichkeit hatten mich so in Bann gehalten, daß ich unsere Umgebung überhaupt nicht bemerkt hatte. Meine Überraschung, ja Bestürzung, war deshalb vollkommen, als ich jetzt um mich blickte.

Wir standen genau in der Mitte jener allesbedeutenden Brücke und blickten in den gähnenden, in unergründlicher Finsternis endenden Abgrund zu unseren Füßen!

Es verschlug mir den Atem, als ich erkannte, welchen Schritt ich unbewußt getan hatte. Aber mein Vertrauen verließ mich nicht, noch wurde ich in dieser Prüfung allein gelassen. Um uns herum tauchten jetzt nicht nur OMRA, RAEL und MYHANENE auf, sondern auch WALLOUMELE, RHAMYA und andere Freunde, die mir auf meinem langen Wege hierher geholfen hatten. Und gleich darauf noch eine große Schar von Seelen, die ich auf Erden gekannt hatte.

Welch eine Versammlung! Wie hätte ich in ihrer Mitte jemals Furcht empfinden können. Meine Augen wanderten von Antlitz zu Antlitz, und auf allen las ich das Leuchten des Willkommens. Meine Seele erhob sich in unsagbarer Freude. Dann — wie auf ein unhörbar geflüstertes “Still“ — senkten alle die Köpfe, um den mystischen Segen entgegenzunehmen.

Nun sprach WALLOUMELE zu mir.

„Worte, mein lieber Sohn, können niemals zum Ausdruck bringen, was uns im innersten Schrein der Seele bewegt. Unser Herr und Meister wußte das wohl, als er sein Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählte. Wir hören des Vaters Geheiß, die Tiefe seines Gefühls aber läßt sich nicht ahnen: “Bringet das beste Feierkleid her und ziehet es ihm an und gebet ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße; und bringet das gemästete Kalb her und schlachtet es. Lasset uns essen und fröhlich sein. Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig, er war verloren und ist wieder gefunden worden.“ (Lukas.15,11-32)

„Diesem Beispiel folgend, haben wir hier an der Grenze der beiden Welten eigentlich nur zwei Worte zu sprechen. Du, für den nach der Vorsehung Gottes der ewige Tag angebrochen ist, mußt “Lebewohl“ zu den fliehenden Schatten des Gestern sagen; uns aber wird der Vorzug zuteil, das zweite Wort zu sprechen: “Willkommen“. Es soll der Grundton einer Hymne des Friedens werden, die immer und ewig in deiner Seele klingen wird.

„Wir erwarten nicht, daß du all dies verstehst, bevor deine Augen den himmlischen Glanz erblickt haben. Dies ist erst deine Geburtsstunde; noch bist du nicht über die Schwelle des ewigen Lichtes getreten! Aber Gott hat den Atem eines höheren Lebens in deine Seele gehaucht. Sieh‘ um dich und lausche den reinen Klängen der ewigen Liebe. Du wirst niemanden hier finden, der dem heimgekehrten Sohn mißgönnt, was der Vater für ihn bereitet hat, keine streberhaften Schmeichler, keine scheelen Blicke und keine Selbstherrlichkeit — nichts von alledem könnte jemals die Brücke passieren. So komm denn, der du gesegnet bist — willkommen daheim.“

*   *   *

 

Die Stimme im Garten

Es würde Bände füllen, wollte ich beschreiben, wieviele alte Freundschaften ich bei dieser unvergeßlichen Willkommensfeier erneuerte, und wieviel neue ich knüpfte. Doch ich fürchte, ich säumte schon zu lange. Denn der Weg über die zweite Hälfte der Brücke und mein erster Schritt auf den Boden des ewigen Reiches lagen ja noch vor mir.

Deutlich konnte ich dort drüben jetzt das herrliche Tor sehen, das meine Blicke schon beim Betreten des Hains auf sich gezogen hatte. Es stand jedoch nicht unmittelbar am Ende der Brücke, sondern etwas weiter zurück inmitten eines großen Gartens von wahrhaft paradiesischer Schönheit. Im Hintergrund führten zwei offene, rankenbewachsene Säulengänge aus zart rosa schimmerndem Alabaster halbmondförmig von beiden Seiten auf das Tor zu.

Die meisten derer, die zu meiner Begrüßung auf die Brücke gekommen waren, hatten sich bereits in den Garten begeben. Mit MYHANENE und einigen anderen Freunden, die zurückgeblieben waren, trat nun auch ich den Rest des Weges zur anderen Seite an.

MYHANENE legte seinen Arm liebevoll um meine Schulter.

„Erinnerst du dich der Bibelstelle, wo Jakob mit dem Engel ringt, Aphraar?“

„Ja gewiß“, sagte ich. „Ich habe mich oft gefragt, wer dieser Engel war. Glaubst du, es könnte der Heiland selber gewesen sein, wie manche meinen?“

MYHANENE lächelte. „Ich weiß es nicht, Aphraar. Vielleicht könnte WALLOUMELE diese Frage beantworten. Aber es kommt mir im Augenblick weniger auf die Person des Engels an, als auf etwas, das er tat.“

„Du meinst, daß er Jakob auf die Hüftsehne schlug?“

„Nein, auch das nicht. Was tat er sonst noch?“ MYHANENE wollte auf etwas ganz besonderes hinaus — das konnte ich schon an dem spielerisch-heiteren Ausdruck sehen der in seine Augen getreten war. Ich gab es auf. „Mein Gedächtnis verläßt mich offenbar! Willst du nicht selber die Antwort geben?“ Das Lächeln in den Augen meines Begleiters vertiefte sich noch.

„Fragte er nicht den Patriarchen nach seinem Namen?“

„Natürlich! Wie konnte ich nur nicht darauf kommen. Aber warum eigentlich, da er ihn doch schon gekannt haben mußte?“

„Um dem Nachdruck zu verleihen, was folgen sollte! Biblische Namen wurden meist nur solchen Menschen erteilt, die mit dem Namenswechsel auch eine neue Aufgabe erhielten oder ihr Wesen veränderten. Jakob hatte in jener Nacht des Ringens einen Krisenpunkt seines Lebens erreicht, und sein Kampf mit dem Engel machte einen neuen Menschen aus ihm. Von diesem Punkte an würde der Name Jakob nicht mehr angemessen gewesen sein. Es war ihm bestimmt, die ins Heimatland führende Furt durch den Jabbokfluß unter dem neuen Namen “Israel“ (Gotteskämpfer) zu durchschreiten, “Denn du hast mit Gott und den Menschen gekämpft und hast gewonnen.“

Wir hatten das Ende der Brücke erreicht. MYHANENE hielt inne und wandte sich mir voll zu. Seine Stimme klang zugleich zärtlich und eindringlich.

„Auch du, Aphraar, hast jetzt die eine große Krise deines Lebens hinter dir. Nur noch ein Schritt, dann wirst du auf dem Boden des Heimatlandes stehen. Und nun erinnere dich, daß der Meister seinem geliebten Jünger Johannes versprach, daß er allen, deren Fuß dieses Land betritt, einen neuen Namen geben werde. Nun denn — Aphraar, der Suchende, trifft nicht länger zu, denn dein Suchen ist belohnt worden. Als ASTROEL, ein Stern Gottes, heißen wir dich auf diesem Boden willkommen.“

Damit zog er mich voran, und ich setzte meinen Fuß auf das ewige Land. „Schreite vorwärts, von Stufe zu Stufe der Herrlichkeit, bis deine Füße die geheiligten Straßen der göttlichen Stadt betreten!“

Dergestalt war mein Eintritt in den Garten vor dem Himmelstor. Auf den Schwingen eines überwältigenden Glücksgefühls wandelte ich durch dieses Wunderwerk göttlicher Schöpfung, in dem alles — Formen, Farben und Düfte — bis ins kleinste Detail in vollkommener Harmonie aufeinander abgestimmt war. Hier rauschten zierliche Brunnen, dort standen blühende Bäume, unter denen kleine Erfrischungstafeln mit Engelsnahrung und -trank angerichtet waren. Und ein jeder war darauf bedacht, ein freundliches Wort des Willkomms und Glückwunsches an mich zu richten.

Alles in mir sang und jubelte: Daheim! Mit dem ersten Schritt auf diesen heiligen Boden hatte sich das Wort erfüllt: „Und alle Dinge werden neu!“ Ich war nicht länger ein Betrachter, ich war ein TEIL meiner Umgebung geworden. Meine Augen und Ohren waren geöffnet, die Siegel waren gebrochen. Oh Jakob! Im himmlischen Glanz dieses neuen Morgens kann ich die tiefere Bedeutung deines Ringens erkennen. Nun weiß ich, warum du den Engel nicht gehen lassen wolltest!

Ich hatte mich für einen Augenblick von den anderen abgesondert und war durch den Säulengang gewandelt, um die Überfülle der Ereignisse und Offenbarungen noch einmal vor meinem inneren Auge passieren zu lassen. Als ich aus der Kolonnade wieder in das schattenlose Licht des Gartens trat, sah ich Dracine auf mich warten.

„Komm, Astroel“, rief sie fröhlich, „und erzähle mir, wie es dir bei uns gefällt.“

„Gefällt? Ich glaube, du weißt recht wohl, daß dieses Wort unendlich hinter der Wirklichkeit zurückbleibt! Ich würde aber jetzt gerne ein Wort mit MYHANENE sprechen.“

Möchtest du ihn schelten?“, fragte sie schelmisch.

„Mache dich nur über mich lustig! Im Gegenteil, ich möchte ihn fragen, ob seine feierliche Versicherung, daß jeder Schritt voran immer noch Schöneres und Besseres bringt, auch jetzt noch gilt.“

Meine Begleiterin lachte mit mädchenhafter Ausgelassenheit.

„Ich kann dir sagen, wie er antworten würde“, rief sie, stellte sich vor mich, ergriff meine Hände, verstellte ihre Stimme und schüttelte in gespieltem Ernst langsam den Kopf: „Nein, mein Bruder, denn es gibt keine Grenzen für diese Versicherung. Sie gehört zu den Dingen, die in der Unendlichkeit enden.“

„Nun, bin ich nicht ein guter Stellvertreter für den weisen jungen Meister?“

„Vorzüglich in Ton und Haltung“, lachte ich. Aber ich bin nicht ganz so sicher bezüglich des Inhalts. — Übrigens, es gibt auch noch jemand anderen, den ich sprechen möchte. Weißt du, wo Sisvine ist?“

Dracine hielt einen Augenblick inne. „Ich weiß nicht, ob sie noch hier ist — nein, es ist, wie ich dachte; sie ist zurückgerufen worden. Sisvine kann sich ja hier nur aufhalten, solange ihr Körper schläft. Und auch darin ist sie eine Ausnahme. Soweit ich weiß, ist ihr Fall ganz einmalig.“

„Ich hätte gerne gerade über ihr Schlafleben einiges von ihr erfahren“, sagte ich. Außerdem hoffe ich, ihre Hilfe für eine besondere Mission zu gewinnen.“

„Unter diesen Umständen würde ich doch gleich mit MYHANENE sprechen“, meinte Dracine. „Oder vielleicht noch besser mit WALLOUMELE, solange er noch bei uns ist.“

„Ach“, rief ich erfreut, „WALLOUMELE kennt den Fall, an den ich denke. Es wäre vorzüglich, wenn ich Rat und Hilfe von ihm bekommen könnte.“

WALLOUMELE war in einem anderen Teil des Gartens, aber kaum hatten Dracine und ich ihn erspäht, als wir uns auch schon zu ihm hinüber “projizierten“. Es war nicht ein Blitzflug, wie ich ihn mit RAEL erlebt hatte, sondern ich kann es mangels besserer Worte nur mit einem Ausstrecken unseres inneren Selbst bezeichnen.

WALLOUMELE wurde sich dieses “Signals“ sofort bewußt, und obwohl kein Wort übermittelt wurde, wußten wir, daß er unser Anliegen verstanden hatte und uns entgegenkommen würde. In der Tat nahm er sogleich von dem Freunde Abschied, mit dem er gesprochen hatte. Wir aber kehrten zu unserem “Selbst“ zurück und begannen nun, ihm entgegenzugehen.

Dieses unvorhergesehene Ereignis, das ich mangels eines besseren Wortes als “Ausstrecken unseres Selbst“ bezeichnet habe, erweckte sofort mein großes Interesse. Es sollte sich in der Folge als noch viel bedeutender erweisen, als ich in diesem Augenblick ahnen mochte.

*

Wir hatten jedoch kaum begonnen, unseren Weg anzutreten, als meine Umgebung plötzlich ausgelöscht zu werden schien. Ich hatte das Gefühl, als folge ich einem unsichtbaren Führer durch einen schwach erleuchteten Korridor, der in eine Höhle einmündete, in deren schweigender Finsternis ich allein gelassen wurde. Ich fürchtete mich nicht, noch versuchte ich zu sprechen, denn mein Gedächtnis flüsterte mir zu: „Der Herr hat gesagt, er werde in der Finsternis wohnen.“

Geduldig wartete ich. Ich wußte, daß mein Glaube auf die Probe gestellt wurde, und ich bewahrte ihn. Endlich senkte sich eine weiche, musikalisch-klare Stimme in mein Bewußtsein. Es war wie ein Flüstern aus der Ferne. Ob es aus mir selbst kam oder aus einer unsichtbaren Quelle — ich weiß es nicht. Ich zweifle sogar, ob es in diesem Augenblick überhaupt eine Unterscheidung zwischen “Innen“ und “Außen“ gab.

Die Stimme sprach mit der Zuversicht einflößenden Autorität, die ich schon während meiner Vision im Hain der Stimmen gespürt hatte. Und als sie anhub, nahm ich gleichzeitig den ersten Lichtschimmer wahr.

„Kind der Unendlichkeit, das du aus den Gärten des Herrn kommst, wir begrüßen dich im Gewölbe des göttlichen Geheimnisses. Du stehst in der Werkstatt des Schöpfers, dessen Liebe über deinen Pilgerweg durch das Schattenland gewacht und der dich beschützt und gelenkt hat durch den Dienst des Engels, der Glaube heißt. Dieser Dienst endete, da du von der Brücke in den Garten tratest — die Schleier vor den Augen des Glaubens wichen der freien Sicht der Erkenntnis. Die Trübsal der Nacht hat geendet, die Sonne des ewigen Tages ist über den Horizont gestiegen. Künftig wirst du wissen, ebenso wie man dich kennen wird; die Siegel auf dem Buche des Lebens — das der Glaube nicht lesen darf, da er es nicht verstehen könnte — werden nun gelöst, die Schleier der Mysterien hinweggehoben, und Gottes Wirken wird dir in allen Dingen des Lebens offenbar werden.

„Du bist eingeladen, einzutreten, zu schauen und zu erkennen. Die Pläne, Gesetze und Absichten der Schöpfung werden dir ebenso zum Studium offengelegt werden, wie die hemmenden Einflüsse der Erde. Vom Beginn der Schöpfung bis zu ihrer Vollendung wirst du alles erfahren können, was du wünschst. Die Türen zu allen erdenklichen Studien sind für dich weit geöffnet — von den einfachsten Lektionen bis zu den Kollegien, Universitäten, Laboratorien, Bibliotheken und Museen. Dazu gesellt sich die Vielzahl der großen Geister, die vor dir die Erde verlassen haben, bis zu dem erlauchten Kreis der Söhne Gottes, die schon an der Wiege der Schöpfung standen. Laß‘ dies dein Ziel sein, bis du den Glanz widerstrahlst, den der Ewige Vater der Schöpfung gegeben hat, bis du seinem Bilde gleichst und Ihn siehst, wie Er ist.“

Während die Stimme sprach, überkam mich ein seltsames, nicht in Worten ausdrückbares Gefühl, als habe sich die Finsternis um mich herum zu regen begonnen. Und als sie geendet hatte, konnte ich in einem ersten zitternden Lichtschein eine Bewegung wahrnehmen, als ob eine große Wolkenwand vor dem Licht auf dem Rückzug sei. Immer stärker wurde diese Erscheinung, bis schließlich der Morgen anbrach und die Tore des strahlenden Tages aufgestoßen wurden.

Vor mir lag ein überwältigender Anblick, eine Offenbarung ohne Ende! Ich stand in der Werkstatt der Unendlichkeit, im Mittelpunkt des majestätischen Schöpfungskreises. Alle Dinge, die Gott zur Ausführung seines großen Schöpfungsplanes braucht, waren bis in die winzigste Einzelheit erkennbar. Entfernungen gab es nicht, denn besaß ich nicht die Gabe des “Mich-Ausstreckens“? Ich bedurfte keines Ratgebers, der mir die Vision zu erklären hätte. Im Licht des neuen Tages, der mir aufgegangen war, war Sehen gleichbedeutend mit Wissen und Verstehen.

Ich weiß nicht, wie lange ich sprachlos, ergriffen und hingerissen vor dieser unerhörten Offenbarung stand. So zahllos, so unendlich waren ihre Lockungen, daß es mir schien, ich könnte Jahrtausende nur staunen, ohne ein Ende zu finden.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Aufs höchste verwirrt blickte ich auf.

Vor mir stand WALLOUMELE.

Sein Blick sagte mir, daß er genau wußte, was vorgegangen war. Taktvoll fragte er:
„Du möchtest mich um Rat und Weisung bitten, Astroel. Brauche ich zu sagen, wie gerne ich dazu bereit bin?“

„Ich versuchte zu antworten, aber fand, daß ich zu aufgewühlt war, um auch nur ein Wort über die Lippen zu bringen.

WALLOUMELE nahm meine Hände in die seinen und sah mich lange an. „Ich weiß; ich verstehe. Die Perlen des Schweigens sind immer der beste Schmuck der Weisheit in einer solchen Krise.“

„Krise?“, stammelte ich.

„Ja, denn das Erlebnis, das gerade hinter dir liegt, ist der Gipfelpunkt der mystischen Geburt, deren allesüberragende Bedeutung Christus selber bekräftigt hat: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus, gefangen wie alle Erdenmenschen im Käfig der Materie, verstand ihn nicht. Solange nicht Gott seinen geistigen Atem in einen Menschen eingehaucht hat, ist er blind gegenüber der geistigen Wirklichkeit.

„Aber du, mein lieber Astroel, hast den belebenden Einfluß dieses Atems gespürt und bist mit seiner Hilfe vom groben Pflaster der Materie über die Suchpfade der Wildnis, durch die Kleiderkammern der Seele, in denen die letzten Erdeinflüsse abgelegt werden, bis ins gelobte Land gelangt.

„Bis zu diesem Augenblick ist dir verborgen geblieben, daß jeder Schritt deines Weges nach einem sorgfältig vorbereiteten und überwachten Plan geschah, da auch das unscheinbarste Ereignis dazu beitrug, dich von einem irdischen Kettenglied zu befreien. Seit deiner Ankunft im Hain der Stimmen beobachtete OMRA und RAEL jede kleinste Veränderung in dir, bis deine Seele sich freigekämpft hatte und es nur noch des federleichten Einflusses durch Sisvine bedurfte, um die Waagschale einzuschwingen und dich in die Mitte der Brücke zu bringen, auf daß deine Geburt im ersten Himmel verkündet werde!

„Noch hast du nicht gelernt, deine neuerworbenen Fähigkeiten als selbstverständlich anzuwenden. Niemand erwartet das auch von dir. Du bist nicht in eine vernunftwidrige Gemeinschaft, sondern in eine Gemeinschaft der höheren Vernunft aufgenommen worden. Der kaum flügge gewordene Vogel fliegt nicht gleich bis zur Sonne.

„Aber laß mich dich zudem ersten wohlgelungenen Versuch beglückwünschen, deine neue Fähigkeit der Allgegenwart in die Tat umzusetzen! Als du mich riefst, um meinen Rat zu erbitten, hatte ich diesen Ruf bereits erwartet; und nichts, was seitdem geschah, blieb mir verborgen — dank eben dieser Fähigkeit, die ich nun selber anwendete.

„Du wirst sehen, daß es zu den am ehesten verzeihlichen Irrtümern der Erdenmenschen gehört, wenn sie das Vorhandensein einer vierten Dimension leugnen. Denn diese Fähigkeit der Allgegenwart ist ganz und gar geistiger Natur. In der materiellen Welt ist sie die geheimnisvoll verborgene Ursache, die hinter allen Erscheinungsformen liegt, in der psychisch-seelischen ein Ziel, das sichtbar wird, in der geistigen aber das natürliche Erbe, das wir in Gemeinschaft mit dem Christus antreten.“

„Und jetzt —?“, fragte ich, geriet aber sofort wieder ins Stocken. Ich wußte, daß WALLOUMELE noch nicht geendet hatte und durstete nach mehr, aber meine Zunge schien gelähmt.

WALLOUMELE las mir meine Bitte an den Augen ab.

„Und nun“, sagte er, meine eigenen Worte aufnehmend, „kommen wir zum letzten entscheidenden Punkt. Wenn du einst in Ruhe auf die letzte kleine Strecke deines Pilgerweges zurückblicken kannst, wirst du verstehen, welch ein großer Schritt voran noch hier im Garten auf dich wartete, als du die Fähigkeit des Sich-Ausstreckens zum erstenmal bewußt anwendetest. Aber es blieb noch ein anderer, entscheidender Schritt — einer, den du allein und ohne Hilfe tun mußtest — bevor sich der Kreis deiner geistigen Geburt schließen konnte. Er liegt jetzt hinter dir, und ich möchte dir noch ein Wort dazu sagen.

„Du warst aufs höchste verwirrt, als ich plötzlich meine Hand auf deine Schulter legte, nicht wahr? Die Erklärung liegt darin, daß du noch nicht gelernt hattest, zwei völlig verschiedene Aspekte als solche zu erkennen und miteinander in Einklang zu bringen. Als du auf mich zutratest, stieg dein Fuß über die Grenze, an der sich das Endliche mit dem Unendlichen verbindet. Durch die Kräfte der vierten Dimension, aber auf noch weit größere und höhere Weise als du es mit OMRA und RAEL erlebtest, warst du durch das Tor der Allgegenwart geschritten und standest in der Werkstatt der Schöpfung, eingehüllt in die Dunkelheit des ungeschaffenen Lichts — wo Gott wohnt. Du verharrtest an der Quelle aller Dinge, wo sich Allwissen und Allmacht zur göttlichen Weisheit verbanden, bis daß deine des Sehens würdigen Augen die Schleier des Mysteriums durchdrangen. Dann sahest und verstandest du, ohne einer Erklärung zu bedürfen.

„In diesem Lichte verschwanden alle Grenzen, es gab keine Hindernisse mehr, nichts war mehr unmöglich!

„Du standest am Urquell der Zeit des Raumes, des Wissens, der Weisheit. Vergangenheit, Zukunft, Beginn und Ende schliefen friedvoll in den Armen des ewigen Jetzt. Jedes Rinnsal der Intelligenz hatte seinen Ursprung im Quell der Allmacht zu deinen Füßen. Du konntest beobachten, wie alle diese kleinen Ströme ihren Lauf nahmen, bis sie zurückkehrten und sich wieder in den Brunnen ergossen, aus dem sie geschöpft waren. Du standest in dem Mittelpunkt, von dem aus der Radius alles Seins geschlagen wird, sei es materiell, psychisch oder geistig. Und in diesem Laboratorium, in dem wahren und schattenlosen Licht, wie es nur dort herrscht, durftest du deine neuerworbene Fähigkeit zu einer Analyse jenes Elektrons im Mittelpunkt alle Dinge benutzen.

„Was sahst du? In jeder Eichel schlummern die Ursprünge von tausend Eichenwäldern, aber in jenem weit unscheinbareren Atom fandest du nicht nur ein mögliches Weltensystem, sondern ein ganzes Universum von Systemen auf einen einzigen Punkt zusammengedrängt. Und dieser unsichtbare Punkt ist — Gott.

„Wundere dich nicht, daß ganze Zeitalter vorüberzugehen schienen, während du dort standest. Denn deine Vision war zugleich prophetisch: sie zeigte dir die Wege, die du nehmen wirst, wenn du von jenem Zentrum aus zur Peripherie des Kreises gelangst; in die ganze Schönheit und Majestät des göttlichen Ebenbildes!“

*   *   *

 

Clarice

WALLOUMELES Worte hatten mich so in Bann gehalten, daß ich garnicht bemerkte, wie Dracine uns verlassen hatte und wir im Gespräch ein Stück Weges über die moosbedeckten Wege gewandelt waren. Als ich aufsah, gesellten sich gerade MYHANENE und OMRA zu uns.

Nun war der Augenblick gekommen, die Bitte an WALLOUMELE zu richten, um deretwillen ich ihn hatte sprechen wollen.

„Dürfte ich dich um deinen Rat wegen Clarice bitten“, begann ich, „da du selbst es warst, der von ihr gesprochen hat? Ich habe seitdem sehr viel über sie nachgedacht und könnte mir nichts Besseres vorstellen, als ihr zu helfen, um damit ein wenig meinen Dank für die große Gnade zu bezeugen, die mir zuteil geworden ist. Ich habe das Gefühl, daß Sisvine mir in besonderer Weise dabei helfen könnte und gerne mitkommen würde, wenn es ihr erlaubt wird. Wäre das wohl möglich?“

Ich konnte von MYHANENES Gesicht ablesen, wie sehr er sich freute, daß dieser Vorschlag von mir kam. WALLOUMELE aber ließ sich nichts anmerken, sondern sah mich mit einem Blick an, der in meine innerste Seele traf.

„Kannst du ihr vergeben?“ fragte er.

„Es gibt nichts, was ich ihr noch zu vergeben hätte“, antwortete ich. „Ihr Verlust schlug mir eine Wunde, die tödlich gewesen wäre, wenn du selbst sie nicht geheilt hättest. Aber sie tötete nicht meine Liebe zu ihr. Seit ich erfahren habe, auf welch‘ wundersame Weise du zu meiner Rettung kamst, ist diese Liebe stärker und reiner geworden. Und ich glaube, ich kann nicht weiter vorwärtsgehen, bis Clarice bei uns ist. Darf ich nicht die beste Hilfe für ihre Rettung in Anspruch nehmen, die verfügbar ist, und für sie tun, was so viele auch für mich getan haben?“

„Ja, du darfst es! Eine solche Liebe ist allmächtig — mehr brauche ich nicht zu wissen! Aber was Sisvine betrifft, so hörst du besser das Urteil MYHANENES.“

„Im Hinblick auf die Teilnahme von Sisvine sieht sie selbst, wie auch ich, keine Schwierigkeiten“, versicherte uns MYHANENE. „Doch laßt uns zunächst feststellen, wo Clarice zu finden ist.“

Bei den außerordentlichen Fähigkeiten und Erfahrungen, über die meine drei Begleiter verfügten, war die gewünschte Auskunft schneller zur Stelle, als ich dies aussprechen kann.

Clarice befand sich in einer ähnlichen Lage wie Marie, als sie von CUSHNA gefunden wurde. MYHANENE konnte jedoch berichten, daß Sisvine in ihrem Bemühen, die Gefallenen aufzurichten, sogar einer Seele geholfen habe, die sich in einer noch niedrigeren Sphäre befand. Sie würde darum nur zu froh sein, mir in meinem Bemühen zur Seite zu stehen.

„Bist du sicher, daß alle Umstände dafür sprechen, daß wir Erfolg haben?“, warf WALLOUMELE ein.

Ich wurde mir bewußt, daß diese Frage dazu bestimmt war, in mir auch die allerletzte Unsicherheit über die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches auszulöschen. WALLOUMELE verstand darum auch zu gut den Dank, der in dem stillen Blick enthalten war, mit dem ich mich zu ihm wandte.

MYHANENE lächelte in zuversichtlichem Vertrauen auf den Erfolg unserer geplanten Mission: „Möglich, daß wir im Anfang auf Schwierigkeiten stoßen. Sisvine hat aber bereits eine außergewöhnliche Begabung zur Überwindung solcher Schwierigkeiten bewiesen. Sie, als eine “Schlafbewohnerin“, kann manchmal besser auf erdgebundene Seelen einwirken, als uns das möglich ist. Denn sie ist ihnen körperlich verwandter. Ich habe ihre unerwartete Entwicklung bei diesen gelegentlichen Dienstleistungen auch darum mit großem Interesse verfolgt, da sich hier möglicherweise ein neuer Weg zeigt, auf dem sich das Schlafleben stärker mit dem Geistigen verbinden könnte.“

WALLOUMELE war von MYHANENES Optimismus so beeindruckt, daß man die Ausführung der Mission auf der Stelle beschloß. CUSHNA sollte uns begleiten. Sisvine stimmte freudig zu, als sie bei ihrem nächsten Besuch von meinem Vorschlag hörte, und wenig später traten wir unter CUSHNAS Führung unseren Weg an.

Wir hatten die meinen Lesern bereits bekannte prismatische Landschaft überquert und bald den Eingang der Höhle erreicht, durch deren labyrinthene Gänge wir unsern Weg finden mußten. Wie bei allen Helfern, die in die niederen Sphären herabsteigen, änderte sich auch bei CUSHNA und mir die Färbung unseres Gewandes in ein neutrales Grau. Sisvines “Schlafrobe“ dagegen war bereits grau und verlor nur ihren schimmernden Glanz.

CUSHNA ging voraus. Das von ihm ausgehende sanfte Licht ermöglichte es uns, den Weg durch die scheinbar endlosen Windungen des unterirdischen Ganges mit einiger Sicherheit zu finden. Doch — es schauderte mich bei dem Gedanken an jene, die nicht nur ihren Weg durch diese Finsternis zu finden hatten, sondern gezwungen waren, inmitten der Schrecken dieses Ortes zu bleiben! Ich weiß nicht, ob wir an anderen Seelen vorübergingen, die sich vor uns versteckten. Aber niemand antwortete auf CUSHNAS häufige Rufe.

Schließlich endete der Gang in einem Gewölbe von offenbar großen Ausmaßen. CUSHNA hielt inne und hob seine Hand zum Zeichen, daß wir stille sein sollten.

„Sie ist hier“, sagte er leise und ruhig, nach einem prüfenden Rundblick.

„Wo? Laß mich zu ihr“ — und ich ließ die Hand Sisvines fallen, um nach vorn zu eilen. CUSHNA hielt mich zurück.

„Ihr müßt sehr vorsichtig und geduldig sein“, sagte er, sonst kommen wir nicht zum Ziel. An einem Ort wie diesem kennt man kein Vertrauen. Wir müssen zunächst feststellen, wie ihre Gemütsverfassung ist, und dann danach handeln.“

Wir brauchten nicht lange zu warten, bis wir eine scharfe, feindselige Stimme vernahmen:

„Wer ist da? — — — Was wollt ihr? … Habe ich noch nicht genug gelitten? … Ich habe euch nichts getan! … Warum wollt ihr mich noch mehr quälen?“

Die schmerzgeladene Verzweiflung der letzten Frage war furchtbar, aber CUSHNA ließ mich nicht zu Worte kommen. Er wartete einen Augenblick, um sicher zu sein, daß sie geendet hatte; dann flüsterte er mir zu: Jetzt — sprich ruhig und sanft, lege all dein Mitgefühl in ein einziges Wort und rufe ihren Namen.“

„Clarice!“ Meine ganze Seele schwang in diesem Wort, das mir soviel bedeutete wie mein eigenes Leben.

Totenstille. — Dann — — war es ein Schluchzen oder ein verwünschendes „Du!“ — — und wiederum Stille.

CUSHNA gab ein neues Zeichen.

„Clarice!“

Nichts. Fast konnte ich die Spannung nicht mehr ertragen. War es wirklich ein Schluchzen gewesen oder war es Hohn? Sollte ich nicht besser zu ihr eilen?
„Clarice! Hörst du mich nicht?“

Wieder Schweigen. Doch dann ein hohnerfülltes Zischen.

„Dich hören? — Jawohl, und ich kenne dich auch; und wenn du nicht — Ein Stöhnen folgte. Sie war offenbar ausgerutscht oder gestürzt. CUSHNA hielt mich mit eisernem Griff zurück.

Als alles ruhig war, gab er wieder das Zeichen. „Vergißt du —“; aber ich kam nicht weiter.

„Vergessen? Oh, wer wird mich lehren, jemals zu vergessen!“

„Deshalb sind wir hierhergekommen“, sagte jetzt Sisvine auf ein Zeichen CUSHNAS. „Willst du dir von uns nicht helfen lassen?“

„Wer seid ihr und was wollt ihr?“

Wir sind Freunde, und einer von uns ist —“

„Ihr lügt! Niemals können Freunde hierherkommen; dies ist ein Pfuhl des Bösen. Geht! Ihr vermehrt nur meine Qualen.“

„Clarice, hast du Don Fred denn ganz vergessen?“ fragte ich. Und während ich sprach, führte CUSHNA Sisvine behutsam zu der Stelle im Dunkeln, wo sich Clarice verbarg.

„Don Fred? Pah! Sagte ich nicht, daß ihr nur gekommen seid, um meine Qualen zu verstärken? Ist nicht das Folterrad der Hölle schlimm genug, ohne daß ihr ihm noch eine neue Drehung geben müßt?“

Inzwischen aber hatte Sisvine die Unglückliche erreicht und antwortete nun an meiner Stelle.

„Ich möchte ihm eine neue Drehung geben — aber zurück, wenn du es zuläßt“, sagte sie mit schwesterlichem Mitgefühl. „Bist du nicht lange genug gefoltert worden, hast du nicht die Strafe für deine Sünden voll bezahlt, sollte nicht die Stunde der Erlösung gekommen sein?“

Behutsam versuchte Sisvine, ihren Arm besänftigend um die Schultern der Büßerin zu legen. Clarice stieß sie zuerst zurück, ließ es dann aber widerstrebend zu, während Sisvine sagte: „Du bliebst in deiner Einsamkeit und Verzweiflung nicht vergessen, man hat in Liebe über dich gewacht, und — ―“

„Schweig!“, schrie Clarice und riß sich ungestüm wieder los. „Erwähne dieses verfluchte Wort niemals wieder vor mir. Zeigen Tiger Liebe, wenn sie das lebende Fleisch von den Knochen ihrer Opfer reißen? Liebe — mein Gott — dann möchte ich wissen, wie der Haß aussieht!“

„Ich weiß sehr wohl, was du mit Tigern und Opfern meinst, liebe Schwester.“ Vorsichtig trat Sisvine bei diesen Worten näher. „Weil einige böse Dämonen dich verfolgen — „Bleib, wo du stehst — keinen Schritt näher!“, schrie Clarice in hemmungsloser Angst und Wut. „Wenn das Feuer meiner Erinnerung daran aufflammt, kenne ich keine Grenzen mehr. Komm nicht in meine Reichweite, denn jede Faser meines Körpers schreit nach Rache.“

CUSHNA legte seine Hand auf Sisvines Schulter. „Ich glaube, es ist aussichtslos bei dieser Gemütsverfassung.“

„Noch nicht, Daddie“, bat Sisvine. „Ich bin sicher, daß wir doch noch Erfolg haben werden.“

„Nun gut“, willigte CUSHNA ein. „Aber ich habe meine Bedenken.“

Sisvine wandte sich erneut an die Unglückliche. „Clarice, willst du dich nicht beruhigen und —“

„Beruhigen?“, kam es schneidend ironisch. „Könntest du in Ruhe eine Lawine über dich rollen lassen und kühl bleiben, wenn dich ein Feuerofen einschließt?“

„Wahrscheinlich nicht“, gab Sisvine zu. „Aber höre mich doch bitte wenigstens an, selbst wenn du nicht hören willst, was Fred zu sagen hat.“

„Ich weiß schon, was er zu sagen hat! Er ist ein Mann und wird sich aus der Schlinge ziehen, in dem er wieder von Liebe redet. Bah!“ — und sie brach in ein hysterisches Lachen aus, „ausgerechnet er, der mich so treu liebte, daß er sich, als ich ihn verließ unverzüglich in die Arme einer —“

„Halt!“ — rief ich. Selbst um CUSHNAS willen konnte ich nicht länger still bleiben. „Versündige dich nicht erneut mit grundlosen Beschuldigungen, Clarice! Meine Liebe zu dir ist niemals schwankend geworden und heute noch so rein, wie an dem Tage, da ich sie dir zu Füßen legte. Als du mich verließest, verlor ich den Glauben an die Frauen, so wie auch du inzwischen keinem Manne mehr Vertrauen schenken willst. All die Jahre hindurch wartete, hoffte und betete ich um deine Rückkehr, und hätte ich dich finden können — ganz gleich wie oder wo — ich hätte dich ans Herz geschlossen und gegen die ganze Welt verteidigt. Aber erst vor Kurzem erfuhr ich dein Schicksal von Einem, der mich davor bewahrt hatte, mir in meinem Kummer um deinen Fortgang das Leben zu nehmen. Ich bat ihn um Hilfe, auf daß ich dich finden und retten könne.

„Dazu sind wir jetzt hier — und zu nichts anderem. Denn ich liebe dich so sehr, daß ich nicht den Himmel betreten könnte, solange ich dich hier weiß.“

War es Reue über ihre falsche Anklage, oder war es die Kraft meiner Worte — ich weiß es nicht; aber die hysterische, rasende Wut Clarice‘s hatte sich gelegt, und sie hörte mir schweigend zu. Als ich geendet hatte, folgte ein kurzer, von wachsender Spannung erfüllter Augenblick der Stille, dann sprach sie ruhig und überlegt — aber mit bitterem Sarkasmus:

„Es war eine ausgezeichnete Idee, einen Juristen aus dir zu machen. Selbst der Satan muß euch um euer magisches Geschick beneiden, das Schwarze als weiß erscheinen zu lassen. Leider kenne ich dich aber schon und bin mit deinem Métier vertraut, sonst würdest du mich vielleicht im Netz deiner glatten Lügen leicht fangen können. Geh! Aus meinen Augen! Ich ertrage besser meine Tortur an diesem Ort, als daß ich mich von euch zu noch Schlimmerem führen lasse.“

Es war, als hätte mich ein eisiger Schauer angeweht. Aber wieder kam Sisvine zu Hilfe.

„Aber mich hast du doch bisher nicht gekannt, willst du nicht wenigstens mir erlauben, dir zu helfen?“

„Fremde müssen es sich gefallen lassen, daß man sie nach der Begleitung beurteilt, in der sie sich befinden!“

Aber Sisvine ließ sich nicht beirren.

„Bist du ganz sicher, daß du Fred nicht Unrecht tust? Und dir selber gefährlich schadest, indem du diese Gefühle gegen ihn hegst? Als du ihn täglich trafst und hofftest, ihn zu heiraten, war er damals derselbe Mann, den du jetzt in deiner Einbildung zu sehen glaubst? Würdest du deinen guten Namen für einen solchen Mann aufs Spiel gesetzt haben, und dachten andere etwa schlecht über ihn?“

Wieder trat Sisvine bei diesen Worten der Unglücklichen näher, nahm dann ihre Hand und fand auch keinen Widerstand mehr, als sie ihren Arm um Clarice‘s Hüfte legte. „Ich bitte dich, liebe Schwester, nicht meinet- oder Freds wegen, sondern um deiner selbst willen — denke über meine Worte einmal nach! Du kanntest ihn doch genau; ich kannte ihn nicht, kenne ihn auch jetzt kaum. Ich bin euch beiden eine Fremde; aber ich bin eine Frau, mit dem Herzen einer Frau und nur von dem Wunsch beseelt, einer unglücklichen Schwester zu helfen.“

Sisvines Worte, mit großer Zärtlichkeit gesprochen, verfehlten ihre Wirkung diesmal nicht. Der Groll und die schuldbewußte Scham darüber, an diesem Ort entdeckt worden zu sein, schienen endlich abzuflauen. Und als Sisvine schließlich bekräftigte, daß sie uns gleichermaßen eine Fremde sei, horchte Clarice fühlbar auf—.

„Kennst du Fred wirklich ebensowenig wie mich selber?“

„Ja, fast ebensowenig. Schon bei unserem ersten Treffen fragte er mich, ob ich ihm bei einer Mission — die dir gelten sollte — helfen könne, und beim nächsten wurde alles vereinbart. Willst du wissen, warum ich freudig einwilligte? Ich werde es dir sagen.“

Sisvine hatte inzwischen einen beinahe mütterlichen Ton eingeschlagen. „Wenn du mich besser kennst, wirst du entdecken, wie schrecklich ich beim Anblick selbst eines gequälten Tieres leide. Schon der Anblick einer schweren Last, einer Peitsche, quält mich noch Stunden später. Wenn ich so für Tiere empfinde, ist es dann ein Wunder, daß ich dies bei Kindern und bei meinen Mitschwestern noch umso stärker tue? Ich wußte von dir nur, daß du eine frühere Bekannte Aph — Freds warst“, korrigierte sie schnell, „aber ich erfuhr, daß du im Unglück seist. Darum bin ich mitgekommen. Und nun, da ich hier bin, willst du mich dir nicht helfen lassen?“

„Nein, du kennst mich ja nicht.“ Seufzend, verzweifelnd kamen diese Worte. Tätest du es, du würdest mich nicht anrühren wollen. Ich will dir erzählen, was ich für ein Mensch gewesen bin.“

„Ich brauche es nicht zu wissen, und es würde an meiner Hilfsbereitschaft auch garnichts ändern! Für mich genügt, daß du dringender Hilfe bedarfst. Sagte nicht Christus “Ich verurteile dich nicht, gehe und sündige nicht mehr“? Ich bin im gleichen Geiste gekommen, um dir zu sagen, daß du nicht länger in der Sünde bleiben mußt, wenn du deine Fehler erkannt und bereut hast. Niemand verlangt, daß du dich dann noch hier verbergen sollst. Gott, der in deinem Herzen liest, hört und kennt dein ganzes Geständnis. Warum solltest du es für mich wiederholen? Und Er hat uns gesandt, um dich aus dieser fürchterlichen Finsternis zu führen. Hast du jeden Wunsch nach den reinen, unschuldigen Freuden des Lebens verloren, sehnst du dich nicht zurück nach dem Glück, das du kanntest, bevor du in die Hände des Versuchers fielst? Du bist schon allzulange hier gewesen. Willst du nicht mit uns zurückgehen?

„Komm, wir kennen den Weg und werden dich stützen.“

Während Clarice mehr und mehr von dem Zauber dieser liebenden Stimme eingehüllt wurde, bemerkte ich, daß sich um Sisvine eine zarte, silberhelle Aura bildete. Es war dieselbe Erscheinung, die ich bei jenem magnetischen Choral beobachtet hatte, dieselbe Essenz, mit der Siamedes die geistig verkrüppelten Seelen geheilt und befreit hatte. Keine Hymne begleitete hier das Wunder der erlösenden Liebe, aber meine wachen Sinne spürten die Solostimmen aus Licht, Ton und Duft die dasselbe Wunder hier in den Schluchten der Hölle wirkten. Dort wie hier: das Lösen der Bande der Verbitterung, das ungläubige Staunen, dann langsam das Wachsen von Vertrauen und Hoffnung. Schließlich brach der Quell der innersten Seele hervor — hemmungslos schluchzend fiel Clarice in die Arme ihrer neugefundenen Schwester.

Was eine Seele in der Krise eines solchen Reuefiebers durchzumachen hat, kann nur sie selbst — und Gott — jemals wissen. Doch glücklicherweise war es von kurzer Dauer und löschte den Rest ihrer Schuld. Bald ebbte der Sturm ab; CUSHNA sah, daß seine Tarnung nicht länger vonnöten war, und sogleich wurde die Höhle durch das von ihm ausgehende natürliche Licht sanft erleuchtet. Mit staunend aufgerissenen Augen blickte Clarice zu uns herüber.

„Komm, liebe Schwester“, bat Sisvine, „laß uns dich aus dieser scheußlichen Höhle führen.“

Neues Schluchzen. „Es geht nicht, es gibt keinen Weg hinaus.“

„Weißt du das ganz gewiß? Komm und laß uns sehen, ob wir nicht einen finden.“

„Das meinte — — — ich nicht. Es ist ein Weg da — — irgendwo — — aber niemand — — — darf hinaus.“

„Wer oder was kann uns daran hindern?“

„Der Weg ist völlig finster, er hat unzählige Windungen — und viele Fallgruben — — Und — — — die Torturen, die drohen …“

„Sie drohen nicht mehr, wenn wir ein Licht haben, um dir den Weg zu zeigen. Das Licht der Liebe, das jetzt auf dich scheint, wird den ganzen Weg bei uns bleiben.“

Clarice stöhnte. „Ich kann nicht — wage es nicht. Wenn ihr die Qual der Tortur kennen würdet, die ich auf mich ziehen werde, ihr würdet mich nicht darum bitten.“ Ich sah, wie sie sich bei den letzten Worten vor Furcht buchstäblich schüttelte.

„Darf sie nicht mitkommen, CUSHNA?“, fragte Sisvine. „Du warst schon viele Male auf solchen Missionen. Darf sie nicht kommen?“

„Gewiß darf sie! Darum sind wir ja hier. Komm, liebe Schwester, wir werden den Weg anführen und dich stützen. Nichts kann dich zurückhalten als deine eigene Weigerung!“

Die sichere Bestimmtheit, mit der CUSHNA dies sagte, schien ihr Vertrauen zu wecken. Sie tat einen Schritt vorwärts, hielt aber sogleich wieder inne und legte sich mit einer flehenden Gebärde die Hand vor die Augen.

„Oh — mein Gott, mein Gott! Wenn ich es nur wagen könnte! Aber ich habe nicht die Kraft; ich könnte das Licht nicht ertragen.“

„Sisvine und ich werden dich stützen“, sagte ich, „und das Licht wird so langsam kommen, daß du den Übergang aus der Finsternis kaum spüren wirst. Dein Vertrauen wird von Schritt zu Schritt wachsen, der Schrecken dieser Höhlen wird von dir fliehen, und CUSHNA wird dich an einen Ort führen, wo du in Frieden von deinen Leiden genesen kannst.“

Damit nahmen wir sie in unsere Mitte und traten, geführt von CUSHNA, behutsam unseren Weg an. Zuerst mußten wir häufig einhalten, weil unserem Schützling Kraft und Vertrauen fehlten, aber je weiter wir gelangten, desto seltener wurden die Pausen. Bald wurde das Licht stark genug, daß Clarice unsere stützenden Arme entbehren konnte, doch blieb sie ständig zwischen uns, als wolle sie sich an die ihr entgegengebrachte Liebe und Freundschaft anklammern. Sie sprach nicht, aber ein gelegentlicher, halb unterdrückter Seufzer sagte mehr als alle Worte.

Sisvine verließ uns, kurz bevor wir die offene Ebene erreicht hatten — ihr Körper auf der Erde stand vor dem Erwachen und verlangte die Seele zurück. Und obwohl Clarice mich inständig bat, bei ihr zu bleiben, nahm auch ich meinen — vorläufigen — Abschied, als wir das volle Licht erreicht hatten. Ich wußte nicht nur, daß sie bei dem erfahrenen Seelenarzt CUSHNA in den allerbesten Händen war, sondern er zog es auch vor, seinen Schützling allein an den Ruheort zu bringen, den er bereits für sie ausgesucht hatte. Dort sollte sie auch weiter unter seiner Betreuung bleiben.

So nahmen wir Abschied an der Schwelle eines neuen Tages, der einem jeden von uns seinen eigenen Lebensbereich gibt — doch keine Trennung mehr kennt.

*   *   *

 

Des Himmels Gärtner

Bei meiner Rückkehr in den Garten vor dem Himmelstor traf ich Eilele, die Dichterin. Ich glaube, ich hätte mein Erlebnis mit Clarice niemandem lieber erzählen mögen, als dieser sanften Seele. Eilele hörte meinem langen Bericht geduldig zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen. Als ich geendet hatte, sagte sie ohne ein Zeichen der Überraschung:

Ja, genau so hatte ich erwartet, daß der Vater auf deinen Wunsch antworten würde. Selbst in der Hölle sind “Alle Dinge möglich“. Die besondere, durch dein Gebet erwirkte Gnade Gottes bestand bei Clarice darin, daß sie den Rest ihrer Schuld dank eures Einwirkens in einem alles verzehrenden letzten Fieber der Reue löschen konnte. In diesem Fieberkampf sahst du eine der wunderbarsten Wirkungen göttlicher Gnade, die es ermöglicht, daß eine kurze Spanne wahrhafter Reue die Schuld großer Sünden tilgen kann, also gleichbedeutend mit einer längeren Strafperiode ist.“

„Eilele“, rief ich, du sprichst das alles aus, als ob es die größte Selbstverständlichkeit sei. Ist es denn nicht ein unfaßbares Wunder?“

„Gott selber ist voller Wunder, warum also sollte ich überrascht sein, seine Eigenschaften am Werk zu sehen, selbst wenn ich an deinem Erlebnis innig Anteil nehme? Nur die unmeßbare Ewigkeit wird uns die ganze Größe und das ganze Wunder Gottes enthüllen. Um sie ermessen zu können, müssen wir von Stufe zu Stufe, von Heiligkeit zu Heiligkeit klimmen, bis wir durch eine siebenfache Weihe in jenen Kreis strahlender Reinheit gelangen, in dem wir Seinen vollen Glanz widerspiegeln und Seinen Anblick ertragen können.“

„Ist ein solches Ziel wirklich erreichbar?, fragte ich. „Die Zukunft, die du ausmalst, reicht in so unvorstellbare Höhen, daß es mir schier unmöglich erscheint, sie jemals zu erklimmen.“

Eilele sah mich an und lächelte.

Ebenso unmöglich erscheint es dem Kinde, daß es jemals seinem Vater gleichen könnte. Und wenn du Clarice aus der Finsternis direkt an diesen Ort gebracht hättest, würde sie dasselbe gesagt haben. Aber du hättest ihr versichern können, nicht wahr, daß du selber Schritt für Schritt die Reise hierher gemacht hast! Und so geht es auch jenseits des Himmelstores dort drüben immer weiter hinan auf der himmlischen Stufenleiter. Du weißt, daß wir das Ziel nicht durch einen einzigen Sprung erreichen können. Aber wir haben die Ewigkeit vor uns — eines Tages in dieser Ewigkeit werden wir an der Spitze göttlicher Vollkommenheit angelangt sein.“

„Göttliche Vollkommenheit — meinst du das wörtlich?“

Wieder trat ein Lächeln auf die Züge Eileles. Lieber Astroel, wenn schon Sterbliche die Anmaßung haben, sich göttlich zu nennen, sollten wir dann diese Bezeichnung nicht mit viel größerem Recht auf den höchsten Rang der Himmelshierarchie anwenden dürfen? Auf dieser Stufe stehen die Söhne Gottes, aber auch wir müssen sie schließlich erreichen, denn wir sind ja dazu aufgerufen.“

„Darf ich dich noch etwas anderes fragen? Glaubst du wirklich, daß es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird, oder war das nur bildlich gesprochen?“

„Soweit es mir bisher eröffnet worden ist“, antwortete Eilele mit vorsichtiger Zurückhaltung, „war es sowohl wörtlich als auch bildlich gemeint, es überschneidet beides und ist dennoch von keinem ein Teil. Auf der Erde arbeiteten wir manchmal ein altes Kleidungsstück um und machten ein “neues“ daraus. Eine solche Verwandlung etwa stelle ich mir vor, wenn der Heiland sein neues Königreich auf Erden errichtet. Der Zeitpunkt, an dem dies geschehen wird, ist nur Gott bekannt. Aber dessen bin ich sicher: Er wird nicht noch einmal in der gleichen einfachen Gestalt zurückkehren, sondern als allgewaltiger Herrscher, und der Wille Gottes wird auf Erden getan werden wie im Himmel. Denke an den zweiten Psalm: „Heische von mir, so will ich dir Völker zum Erbe geben und Enden der Erde zu deinem Eigentum. Du sollst sie (die Könige der Erde) mit eisernem Szepter zerschmettern“.“

„Darf ich dir nun noch eine letzte Frage stellen?“

„Gewiß, zehn, wenn du wünschst!“

„Ich begreife, daß eine neue Erde nötig ist. Aber warum wird auch ein neuer Himmel für erforderlich gehalten? Ist denn der Himmel nicht schon in sich vollkommen?“

„Bei dieser Verkündigung kannst du den Himmel nicht von der Erde trennen, Astroel. Denn als Gott die materielle Welt schuf, schuf er auch den an die Erde angrenzenden Himmel (1.Mose,1,7-8) als den Bereich, in dem die Seele ihre irdischen Unreinheiten ablegen und die geistigen Gesetze lernen könne. Dieses Zwischenreich ist gemeint, nicht der Himmel nach der zweiten Geburt. Wenn aber das Reich Gottes auf Erden herrscht, wird dieser “niedere“ Himmel nicht mehr vonnöten sein. Das Paradies Gottes wird wiederum die Erde berühren.“

*

Eilele hatte geendet; doch noch ehe ich antworten konnte, rief sie: „Schau nur, dort drüben kommen Dracine und der Gärtner. Er wird dir gewiß einige besonders schöne Stellen in diesem Garten zeigen wollen.“

“Sagtest du Gärtner?“, fragte ich.

Der Begleiter Dracines unterschied sich äußerlich in keiner Weise von anderen Seelen hier. Aber ich hatte das deutliche Gefühl — war es nicht sogar ein Herzklopfen? — daß es eine besondere Bewandtnis mit ihm habe. Gottes Boten sind nicht immer in königliche Gewänder gekleidet!

„Ich weiß nicht, warum“, antwortete Eilele auf meine Frage, „aber ich nenne ihn stets “Gärtner“, weil sein Betätigungsfeld in diesem Garten hier liegt. Ich stelle mir gern vor, ich sei in den Garten Gottes hineingepflanzt worden, so daß VOORMERE mir hin und wieder ein wenig von seiner Aufmerksamkeit schenkt.“

„Ich verstehe. Aber sage mir noch eines: wie vereinbart sich ein solches ortsgebundenes Arbeitsfeld mit den unendlichen Möglichkeiten der Höherentwicklung?“

„Du begehst einen Denkfehler, Astroel. Es handelt sich immer um freiwillige Aufgaben, niemals um von Gott erzwungene. War es nicht ähnlich bei deiner Rettungstat für Clarice? Sie hat dich in keiner Weise behindert, ja, sie wird dir helfen, das Tor zu passieren, und erst in Ewigkeit wirst du deinen wirklichen Lohn kennen. Gott verbirgt oft unendliche Möglichkeiten im Senfkorn unbedeutend erscheinender Dinge. Auch VOORMERE kann so zurzeit an diesem Ort die besten Dienste leisten. Aber du kannst sicher sein, daß ihn bald ein höherer Ruf erreichen wird.“

Inzwischen waren Dracine und VOORMERE herangekommen.

„Sind wir Störenfriede?“ fragte Dracine, schelmisch wie immer.

„Ein solcher Zuwachs an Liebe und Weisheit könnte niemals störend sein“, lächelte Eilele und rückte beiseite, ihre Schwester zum Sitzen einladend.

„Da ich keine dieser beiden Tugenden verkörpere“, meinte Dracine, sich niederlassend, „überlasse ich es VOORMERE, doppelte Krone zu tragen. Seht, wie er schon abwehrend den Kopf schüttelt.“

Aber Eilele ließ sich nicht ablenken. „Ich habe gerade versucht“, sagte sie, „Astroel dabei zu helfen, die Erlebnisse auf seiner langen Reise hierher miteinander in Einklang zu bringen.“

„Ich würde vorschlagen“, wandte sich VOORMERE an mich, „dies einem späteren Zeitpunkt zu überlassen. Solange du noch nicht in der Lage bist, die Einzelteile in das richtige Verhältnis zueinander zu setzen, kannst du auch nicht das Ganze verstehen. Laß mich ein Beispiel aus deinem früheren Beruf wählen: Ein großer Adelssitz ist seit drei Generationen von Treuhändern verwaltet worden, weil sich kein rechtmäßiger Erbe meldete. Eines Tages kommt ein einfacher Landarbeiter zu dir, dem Rechtsanwalt, und legt dir so überzeugende Dokumente vor, daß du seinen Fall übernimmst und am Ende tatsächlich seinen Anspruch auf den Adelssitz durchsetzen kannst. Wird dieser Bauernknecht, dessen Leben bislang ein einziger Kampf um das tägliche Brot war, nun plötzlich alles begreifen und beherrschen, was die Entscheidung des Gerichtes für ihn bedeutet — den Titel, die Verwaltung der Liegenschaften, die Pachtverträge, die Bankgeschäfte und das Leben in der eigenen Stadtwohnung?“

„Nein, gewiß nicht“, gab ich zu. „Ich danke dir für dieses Gleichnis; jetzt kann ich meine eigene Lage besser verstehen.“

„Und selbst jetzt“, fuhr VOORMERE fort, „hast du nur eine sehr begrenzte Vorstellung von dem Erbe, das du antrittst. Ist es dir aufgefallen, daß du bisher noch nicht einen einzigen Blick auf das getan hast, was hinter dem Himmelstor liegt?“

VOORMERES Frage war mit Bedacht und Absicht gestellt — sie überraschte mich vollständig.

„N — nein! Der Gedanke daran ist mir noch garnicht gekommen — ―.“

VOORMERE ließ nicht locker. „Denke einmal weiter nach, Astroel. Hattest du nicht das Gefühl, daß in den dir dort drüben im Hain und hier im Garten gewährten Visionen jeder Schleier des Mysteriums fortgezogen wurde? Aber prüfe dich nochmals — von dem Standpunkt, an dem wir jetzt hier stehen — und du wirst entdecken, daß immer noch gewisse Schleier zurückgeblieben sind, bevor deine Augen in die Unendlichkeit blicken können. Du hast wunderbare Visionen erlebt, gewiß, aber sie sind jedesmal vorübergegangen. Die wirklich freie Sicht aber, geht ins ewige Licht, das niemals schwinden kann.

„Bisher siehst und begreifst du die Teile, wie etwa diesen Garten hier. Doch vom Turm des Himmelstores dort, wirst du über den Säulengang hinaussehen können, der jetzt noch deine Sicht begrenzt — nicht nur den ganzen Weg zurück, auf dein Erdenleben und deinen Pilgerzug zur zweiten Geburt, sondern in entgegengesetzter Richtung in das Licht des ewigen Tages — bis zur alles krönenden Glorie.

„Komm ein Stück Weges mit mir, damit ich dir von einer besonderen Stelle aus zeigen kann, wie sehr das Wissen vom Standpunkt abhängig ist. Wir werden unsere beiden Schwestern bald wiedersehen.“

VOORMERE führte mich in einen von duftenden, herrlich blühenden Büschen bestandenen Teil des Gartens, der die Wildlandschaft, die ich mit OMRA durchkreuzt hatte, an Schönheit und Zauber noch weit übertraf. Er sprach nicht, sondern überließ mich meinen Gedanken und der Verzückung über die Sinfonie der Farben, die uns von allen Seiten umgab.

Aber selbst dies war nur das Vorspiel zu dem, was wir bald darauf erblickten, als wir auf einem durch sanfte Hügel führenden Pfad plötzlich eine Ebene erreichten, die bisher meinen Augen verborgen geblieben war. Sie war an drei Seiten von Hügelketten umgeben; die vierte Seite grenzte an den Abgrund, der die beiden Welten trennt. Ihre Breite mochte etwa eine halbe Meile betragen, ihre Länge noch etwas mehr.

Mit ausgestreckter Hand zeigte VOORMERE auf die Mitte dieser Ebene, wo ich ein riesiges, verwirrend buntes und seltsam geformtes Blütengebilde erblickte, das von einem breiten Rasensaum umgeben war.

„Das ist der Anblick, von dem ich sprach!“

„Was bedeutet es?“, fragte ich.

„Es ist ein allegorisches Bild, dazu bestimmt, die verwirrende Fülle von Erlebnissen zu ordnen, die eine neugeborene Seele wie du zu meistern hat. Wir haben hier im Grenzland des Himmels viele solcher Bilder, die in der Ursprache der Bibel sprechen. Sie sind von unwiderstehlicher Schönheit, beredter Ausdruckskraft und leuchtender Offenbarung — sobald die Seele den Punkt gefunden hat, von dem aus sie im wahren Lichte sieht. Bis das nicht der Fall ist, wird sie nur eine ungereimte Fülle von Farben erblicken, in der ihr Auge weder Sinn noch Harmonie entdecken kann.“

„Dann ist es offenkundig, daß wir noch nicht den notwendigen Betrachtungspunkt erreicht haben“, meinte ich.

„So ist es“, lächelte VOORMERE, „aber ich habe diesen Umweg absichtlich gewählt, um den Gegensatz zu demonstrieren, von dem ich gesprochen habe. Von dieser Stelle aus ruft jenes allegorische Bild dort drüben eine ähnliche Verwirrung in dir hervor, wie du sie bei der ersten Anwendung deiner neuen Fähigkeiten spürtest, nicht wahr? In beiden Fällen stehst du vor einem scheinbaren Chaos; ich aber, der ich mit diesem Bilde gut vertraut bin, kann genau die vielen kleinen Farbstriche und Schattierungen unterscheiden, die zusammen die großartige Schönheit des Ganzen ausmachen.

„Nicht lange mehr, und auch du wirst die Schönheit dieses Bildes erkennen und zugeben müssen, daß man nicht eine Blüte daraus entfernen oder umpflanzen könnte, ohne die Vollkommenheit des Ganzen zu stören. So sehr kommt es auf den richtigen Standpunkt an, nicht nur vor Bildern, sondern in allen Dingen des Lebens, wie ich dir jetzt zeigen werde.“

Damit wendete sich VOORMERE zum Gehen, und wir erstiegen einen der Hügel längs der Talmulde, durch die wir gekommen waren.

Es gibt nur einen Maler, der die Vollkommenheit des Himmels auf Leinwand bannen kann; nur einen Chemiker, der das Duftgeheimnis paradiesischer Blüten kennt; nur einen Poeten, der die Hymne der Ewigkeit zu singen weiß; nur einen Psychologen, der jemals die Reinheit der Liebe analysieren kann — nur einen. VOORMERE war dieser Eine nicht, doch irgendwo, irgendwie muß Sein Mantel die Schultern meines Begleiters berührt haben, denn noch niemals hatte ich den Zauber einer solchen heiligen Wonne gespürt, als auf diesem Weg den Hügel hinan. Die Erinnerung an MYHANENE, RHAMYA, OMRA und selbst an WALLOUMELE verblaßte im Vergleich zu der von VOORMERE ausgehenden Kraft, die jede Faser meiner Seele durchdrang und schwingen ließ, als sei ich ein Instrument, auf das der himmlische Meister seinen Bogen setzte.

Niemals werden Worte vermögen, den Zauber dieses Emmausweges einzufangen — es gibt Dinge, mein lieber Leser, die warten müssen, bis du denselben oder einen ähnlichen Punkt auf deinem Pilgerpfade erreicht hast. Dann wirst auch du verstehen.

Wir hatten den Kamm des Hügel erreicht, und mit einer Handbewegung forderte mich VOORMERE zum Niedersetzen auf.

Und das war gut so. Denn der Anblick, der sich mir bot, als ich nun die Augen wendete, traf mich mit der Wucht einer Lawine und verschlug mir so die Sprache, daß ich nicht einmal eines Ausrufs der Überraschung fähig war.

Lange und schweigend betrachtete ich das allegorische Bild, studiert jede Einzelheit, umfaßte das Ganze — und verstand. Nun wußte ich, warum nicht eine einzige Blüte verändert werden dürfte! Und ich wußte, daß sich in mir eine neue Wandlung vollzogen hatte, zu der der Gang mit VOORMERE nur die Vorbereitung gewesen war.

Ich lauschte. Trug der weiche Wind, der von Hain herüberwehte, mir nicht eine Stimme zu? Und ich vernahm die Worte aus der Schrift, die alles sagten, was hier zu sagen war:

„Wer kommt dort von Edom her, in tiefroten Kleidern von Bozra? Prächtig sieht er aus in seinem Gewand, stolz tritt er auf in der Fülle seiner Kraft.“ (Jesajas,63,1)

Es war, als gäbe eine mächtige Orgel — irgendwo im Garten verborgen — die Antwort darauf. Ihr Klang erreichte mich auf den Schwingen einer duftsprühenden Flamme.

„Ich bin‘s, der in Gerechtigkeit redet und mächtig ist zum Retten.“

Wieder kam die Frage:

„Woher ist denn das Rot an deinem Gewande und sehen deine Kleider aus wie die eines Keltertreters?“

Und wieder tönte die mystische Orgel: „Ich habe die Kelter allein getreten, und von den Völkern stand mir niemand bei … und das Jahr meiner Erlösung war gekommen. Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer, und ich entsetzte mich, aber niemand unterstützte mich; da half mir mein Arm und mein Grimm.“

Wie oft hatte ich über diese mir unerklärlichen Worte aus Jesaja,63 nachgedacht. Die Sprache des Propheten hatte mich gefesselt, doch ihren Sinn hatte ich niemals recht erfassen können. Jetzt aber, von meinem neuen Standpunkte aus, schwand aller Zweifel dahin und die göttliche Allegorie lag offen vor mir. Der königliche Hirte hatte sein prächtiges Gewand abgelegt und war in den Abgrund gestiegen, wo der Ziegenhirt Edom sein Lager hat, um eines seiner verlorenen Schafe wiederzufinden. Die Mühe, der Schmerz und die Gefahren, die er bewältigte, waren in dem allegorischen Bilde klar erkennbar.
Doch seine Suche wurde belohnt. Er fand das Verlorene, legte es um seine starken Schultern und sprang mit einem kühnen Satz aus der Tiefe des Abgrunds bis auf die Schwelle des Himmels.

Und jetzt erkannte ich das Antlitz des guten Hirten, wiewohl ich ihn nie zuvor gesehen hatte. Sein war die höhere Liebe, die zu finden ich meine Mutter verlassen hatte. Ich hatte sie gefunden, und die Tore des Himmels öffneten sich, um mir Einlaß zu gewähren.

Dann ― brach der Quell der Tiefe in mir auf. Seine fluten trugen mich mit sich fort, und meine Seele floß über.

Ich fiel auf die Knie und beugte mein Haupt. Ich weinte nicht — konnte nicht weinen. Der Strom des neuen Quells hatte alle Tränen fortgewaschen und an ihre Stelle ewige Freude gesetzt.

VOORMERE hatte mich verlassen, doch ich war nicht allein! Eine andere, unsichtbare Hand streckte sich zu mir aus und hob mich empor. Eine andere — weichere, süßere, zugleich unendlich mächtigere Stimme sprach zu mir:

„Komm höher hinan, freue dich mit mir, denn ich fand, was verloren war.“

Ich blickte auf, sah den Sprecher nicht, doch fand alles um mich her verändert. Umgeben von einer Schar von Freunden, bekannten und unbekannten, stand ich innerhalb des Tores, das niemals bei Tage geschlossen wird — und eine Nacht gibt es hier nicht.

*   *   *

 

       Inhalt

 

Ein neues Selbst erwacht

Im Vorhof

Omra zeigt mir wo ich stehe

Meine Vision

Das Urteil

Die große Scheidelinie

Ich treffe Walloumele

Des Glaubens große Prüfung

Der Tempel aus lebendigen Seelen

Ich treffe neue Freunde

Die sieben Sphären

Der direkte Weg

Die vierte Dimension

…und ließen ihn halb tot liegen.

Auf der Brücke

Die Stimme im Garten

Clarice

Des Himmels Gärtner

 

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[VH-LIF 2007]