SADHU SUNDAR SINGH

GESAMMELTE SCHRIFTEN

 

Übersetzt und erläutert

von Friso Melzer

8., verbesserte Auflage

Evang. Missionsverlag GmbH Stuttgart

 

VERLAGSGEMEINSCHAFT WELTMISSION

Dieses Buch erscheint im Rahmen der

„Verlagsgemeinschaft Weltmission". Zu ihr gehören

Evang. Missionsverlag, Stuttgart

Freimund-Verlag, Neuendettelsau

Verlag der Ev.-Luth. Mission, Erlangen

 

ISBN 3 7714 0169 o

1972

8., verbesserte Auflage. © by Evang. Missionsverlag GmbH, Stuttgart Herstellung: J. F. Steinkopf, Stuttgart

 

 

 

 

INHALT

 

Vorwort des Übersetzers ...........................................................................           7

 

1. Schrift

Zu des Meisters Füßen ..............................................................................        9

 

2. Schrift

Wirklichkeit und Religion

Innerungen über Gott, Mensch und Natur .................................................          69

 

3. Schrift

Das Suchen nach der Wirklichkeit

Gedanken über Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum     ......           109

 

4. Schrift

Betrachtungen über verschiedene Seiten

des geistlichen Lebens ...............................................................................     167

 

5. Schrift

Gesichte der Geisteswelt

Eine kurze Beschreibung des Geisteslebens, seiner

verschiedenen Seinszustände und des Schicksals guter und

böser Menschen, wie es in Gesichten geschaut wurde ..............................    207

 

6. Schrift

Mit und ohne Christus

Vorfälle aus dem Leben von Christen und Nichtchristen, die den Unterschied zeigen zwischen einem Leben mit Christus und einem Leben ohne Christus   ........       245

 

 

Erläuterungen     ............................................................................................ 318

 

 

Anhang

 

1. Die indische Eigenart der ersten Schrift   ...................................................        335

2. Zum Verständnis der fünften Schrift .    ......................................................     340

3. Zur Textgeschichte   ................................................................................... 344

4. Schrifttum über Sadhu Sundar Singh   .......................................................    349

5. Zukünftige Aufgaben   .................................................................................   350

 

 

 

VORWORT DES ÜBERSETZERS zur siebenten Auflage

Der indische Christus-Zeuge Sadhu Sundar Singh (1889 bis 1929) ist durch seine Schriften in der ganzen Christenheit be­kannt geworden. Seine nicht-christliche Jugend sowie seine Be­rufung durch eine Christus-Erscheinung hat er in der letzten der hier vorgelegten Schriften selbst geschildert. Als Wandermönch durch Indien ziehend, aber auch auf seinen Reisen im Ausland, bis nach Europa hin, hat er als Herzstück seiner Botschaft Christus verkündigt. In Europa wurden seine Ansprachen mitgeschrieben und gedruckt. Diese Hefte enthalten aber nichts anderes, als was die vorliegenden Schriften geben. Deshalb sind sie hier außer Betracht geblieben.

Über das Ende des Sadhu ist nichts Gewisses bekannt. Er hatte sich, trotz schwacher Gesundheit, nochmals in die tibetischen Berge auf den Weg gemacht. Ob er Märtyrer geworden, ob er verunglückt oder an Krankheit gestorben ist, das kann niemand sagen.

Die vorliegende Ausgabe bringt dieselben sechs Schriften wie die bisherigen Auflagen. Doch die Erläuterungen sind erheblich vermehrt worden. Im Anhang sind Darlegungen über die Text­geschichte sowie über die Sundar-Singh-Literatur hinzugekom­men. Damit meinen wir, so etwas wie eine abschließende Gedenk-Ausgabe zu geben. Wie die Arbeit weitergehen könnte, davon spricht das letzte Stück des Anhangs.

Februar 1969

Friso Melzer Dr. phil. Dr. theol.

Zur achten Auflage

Außer der Verbesserung in Anmerkung 152 geht die Auflage un­verändert hinaus.

September 1972 F. M. ±. SCHRIFT

 

Zu des Meisters Füßen

 

Jesus spricht:

„Ihr heißet Mich Meister und Herr und saget recht daran, denn Ich bin es auch" (Joh. 13,13).

„Nehmet auf euch Mein Joch und lernet von Mir . . so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" [Matth. 11, 29).

 

VORWORT

In der Welt ist nichts so vollkommen, daß daran nichts mehr auszusetzen wäre. Selbst die Sonne, die uns Licht und Wärme spendet, ist nicht von Flecken frei. Doch trotz dieser Mängel er­füllt sie regelmäßig ihre Pflicht. So geziemt es auch uns, daß wir gleicherweise nach bestem Vermögen tun, was uns aufgetragen ist, und beständig danach streben, daß unser Leben fruchtbar werde.

Als die Wahrheiten, die ich in dieser Schrift mitteile, mir vom Meister offenbart wurden, wirkten sie tief auf mein Leben. Einige von ihnen habe ich schon in meinen Predigten und Ansprachen in Europa, Amerika, Afrika, Australien und Asien verwendet. Auf die Bitte vieler Freunde habe ich sie nun in diesem kleinen Büchlein gesammelt. Und obgleich es möglich ist, daß diese Mittei­lungen Mängel haben, so bin ich doch gewiß: wer sie unter Gebet und ohne Vorurteil liest, wird gleich mir aus ihnen Nutzen ziehen.

Es wäre mir unmöglich, diese Wahrheiten, die mir offenbart worden sind, weiterzugeben, wenn ich nicht in Gleichnissen1 sprechen dürfte. Aber dadurch, daß ich Gleichnisse verwende, ist meine Aufgabe verhältnismäßig leicht geworden.

Wie Gott durch Seine Gnade und Barmherzigkeit mich durch diese Wahrheiten gesegnet hat, so möchten sie auch jedem Leser zum Segen gereichen. Das ist mein Gebet.

Euer demütiger Diener

Am 30. Juni 1922

Sundar Singh

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EINLEITUNG

 

ERSTES  GESICHT

Einst ging ich in dunkler Nacht allein in den Wald, um zu beten. Ich setzte mich auf einen Felsen, legte meine tiefen Nöte Gott hin und bat Ihn um Hilfe. Nach kurzer Zeit sah ich einen ärmlichen Mann auf mich zukommen und dachte, er wolle mich um eine Un­terstützung bitten, denn ihn hungerte und fror. Ich sagte zu ihm: „Ich bin selber arm und habe nichts als diese Decke. Du tätest besser, in das nahe Dorf zu gehen und dort um Hilfe zu bitten." Und siehe, während ich noch sprach, leuchtete er auf wie ein Blitz, überschüttete mich mit seinem Segen und verschwand sofort. Aber ach! mir wurde klar: das war mein geliebter Meister, und Er war nicht gekommen, damit Er von einem armen Geschöpf gleich mir etwas erbäte, sondern damit Er mich segne und reich mache (2. Kor. 8, 9). Mir aber blieb nichts weiter übrig als zu weinen und zu wehklagen, daß ich so töricht und blind gewesen.

 

ZWEITES   GESICHT

An einem anderen Tag, als meine Arbeit beendet war, ging ich wieder in den Wald, um zu beten. Ich setzte mich auf den­selben Felsen und fing an nachzudenken, um welche Segensgaben ich bitten sollte. Während ich noch so versunken dasaß, war es mir so, als ob ein anderer käme und nahe bei mir stünde: nach seiner Haltung, Kleidung und Redeweise zu urteilen, schien er ein from­mer Diener Gottes zu sein; aber seine Augen glitzerten vor List und Gerissenheit, und als er sprach, schien von ihm ein Geruch der Hölle auszugehen.

Er redete mich so an: „Heiliger und Geehrter, verzeih, daß ich deine Gebete unterbreche und in deine Zurückgezogenheit ein­dringe; aber es ist unsere Pflicht, daß wir einander fördern, und

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so bin ich gekommen, weil ich dir eine wichtige Sache vorlegen will. Dein reines und selbstloses Leben hat nicht nur auf mich, sondern auf eine große Anzahl Frommer einen tiefen Eindruck gemacht. Aber obgleich du im Namen Gottes Leib und Seele für andere geopfert hast, bist du doch niemals recht gewürdigt wor­den. Dies ist meine Meinung: Da du Christ bist, so sind nur ein paar tausend Christen unter deinen Einfluß gekommen, und dar­unter mißtrauen dir einige sogar. Wieviel besser würde es sein, wenn du Hindu oder Mohammedaner und dadurch ein großer Führer würdest! Die suchen solch ein geistiges Haupt. Wenn du diesen meinen Vorschlag annimmst, dann werden dir dreihundertzehn Millionen Hindus und Mohammedaner nachfolgen und dir verehrungsvoll huldigen."

Kaum hörte ich das, als auch schon diese Worte von meinen Lippen fielen: „Du Satan! Weiche von mir. Ich erkannte sofort, du bist ein Wolf in Schafskleidung! Dein einziger Wunsch ist, ich solle das Kreuz und den engen Weg, der zum Leben führt, auf­geben und den breiten Weg des Todes wählen. Aber mein Meister selbst ist mein Ein und Alles. Er hat Sein Leben für mich dahingegeben. Und mir geziemt es, daß ich mein Leben und alles, was ich habe, Ihm, der mein Ein und Alles ist, zum Opfer bringe. Deshalb hebe dich von dannen, denn mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

Als er das hörte, ging er voller Wut knurrend und murrend da­von. Und ich, in Tränen, strömte meine Seele zu Gott aus im Gebet: „Mein Herr Gott, mein Ein und Alles, Leben meines Lebens und Geist meines Geistes, blicke in Gnaden auf mich her­nieder und erfülle mich so mit Deinem Heiligen Geist, daß mein Herz nur noch Dich allein lieben kann. Ich erflehe von Dir keine andere Gabe als Dich allein, der Du das Leben und alle seine Segnungen verleihst. Ich bitte Dich nicht um die Welt oder ihre Schätze, nicht einmal um den Himmel bitte ich, sondern mich ver­langt allein nach Dir, denn wo Du bist, da ist der Himmel. Du allein kannst Hunger und Durst meines Herzens stillen, denn Du hast es geschaffen. O mein Schöpfer! Du hast mein Herz für keinen

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anderen geschaffen als für Dich allein; deshalb kann dieses mein Herz seine Ruhe nur in Dir allein finden, in Dir, der Du es ge­schaffen und ihm dieses Verlangen nach Ruhe eingepflanzt hast. So nimm denn aus meinem Herzen alles fort, was Dir wider­strebt; tritt ein und bleibe und regiere für immer. Amen."

Als ich von diesem Gebet aufstand, sah ich ein leuchtendes Wesen vor mir stehen, in Licht und Schönheit gekleidet. Er2 sprach kein Wort. Und weil meine Augen voller Tränen waren, sah ich Ihn nicht ganz deutlich. Dennoch entströmten Ihm Blitz­gleiche Strahlen Leben schenkender Liebe mit solcher Kraft, daß sie bis in meine Seele drangen und sie durchfluteten. Sogleich wusste ich, mein lieber Heiland stand vor mir. Ich sprang sofort von dem Felsen, wo ich gesessen, auf und fiel Ihm zu Füßen. In Seiner Hand hielt Er den Schlüssel meines Herzens. Er öffnete die innere Kammer meines Herzens mit dem Schlüssel Seiner Liebe und erfüllte sie mit Seiner Gegenwart. Und wo immer ich hinblickte, nach innen oder außen, überall sah ich nur Ihn.

Da erkannte ich: des Menschen Herz ist Gottes Thron und Schloß, und wenn Er eintritt, um dort zu bleiben, dann beginnt der Himmel. In diesen wenigen Sekunden erfüllte Er mein Herz so sehr und sprach so wundervolle Worte, daß, selbst wenn ich viele Bücher schriebe, ich gar nicht alles erzählen könnte. Denn diese himmlischen Dinge können nur in himmlischer Sprache er­klärt werden; irdische Zungen genügen dazu nicht. Dennoch will ich mich bemühen, ein paar dieser himmlischen Dinge, die auf dem Weg der inneren Schau vom Meister zu mir kamen, niederzu­schreiben. Auf den Felsen, wo ich vorher saß, setzte Er sich selbst und ich zu Seinen Füßen — so begann das Gespräch zwischen Meister und Jünger, das hier folgt.

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1. Kapitel

DIE   OFFENBARUNG   DER   GEGENWART  GOTTES

 

1.

Der Jünger:

O Meister, Quelle des Lebens! Warum verbirgst Du Dich vor denen, die Dich anbeten, und erfreust nicht die Augen derer, die danach verlangen, Dich zu schauen?

Der Meister:

1. Mein liebes Kind, wahre Glückseligkeit kommt nicht durch die Augen des Leibes, sondern durch Geistes-Schau; dazu braucht man das Herz. Tausende erblickten Mich in Palästina, aber da­durch wurden sie nicht glückselig. Sterbliche Augen können nur Sterbliches sehen; denn die Augen des Fleisches können den un­sterblichen Gott und Geisteswesen nicht sehen. So kannst du selber z. B. deinen eigenen Geist nicht sehen; wie könntest du da deinen Schöpfer erblicken? Aber wenn die Geistes-Augen auf­getan sind, dann kannst du Ihn, der Geist ist (Joh. 4, 24), wirk­lich sehen. Und was du jetzt von Mir siehst, das nimmst du nicht mit fleischlichen, sondern mit geistlichen Augen wahr.

Und dann fragst du Mich, ob die Geistes-Augen all der Tau­sende, die Mich in Palästina sahen, geöffnet gewesen seien, oder ob Ich selber sterblich geworden sei. Die Antwort lautet: Nein! Ich nahm einen sterblichen Leib an, damit Ich in ihm ein Löse­geld geben könne für die Sünden der Welt. Und als das Werk der Erlösung für die Sünder vollendet war (Joh. 19,30), verklärte das Unsterbliche das, was sterblich war, in Herrlichkeit. Deshalb konnten Mich nach der Auferstehung nur die sehen, die Geistes-Augen empfangen hatten (Apg. 10,40—41).

2. Viele Menschen in dieser Welt haben Kenntnis über Mich, aber Mich selber kennen sie nicht. Das kommt daher, daß sie

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keine persönliche Verbindung mit Mir haben. Deshalb haben sie keine wahre Erkenntnis von Mir und kein Vertrauen zu Mir, noch nehmen sie Mich als ihren Herrn und Heiland an.

Das ist gerade so, als ob wir mit einem Blindgeborenen über verschiedene Farben sprächen, über Rot, Blau und Gelb: er würde von ihrem Reiz und ihrer Schönheit völlig unberührt bleiben, sie würden wertlos sein für ihn, denn er würde nur Kenntnis über sie haben und nur ihre verschiedenen Namen wissen. Doch wahre Erkenntnis der Farben kann er nur gewinnen, wenn seine Augen aufgetan werden. Genau so steht es mit dem Menschen, dessen Geistes-Augen noch geschlossen sind: wie gelehrt er auch sein mag, er kann weder Mich erkennen, noch Meine Herrlichkeit schauen, und er kann erst recht nicht verstehen, daß Ich Gott im Fleische bin.

3. Es gibt viele Gläubige, die spüren in ihrem Herzen, wie Meine Gegenwart ihnen Geistes-Leben und Frieden schenkt, aber sie können Mich nicht deutlich sehen. Ihnen geht es wie dem Auge: es kann viele Dinge sehen; doch wenn jemand eine be­stimmte Medizin hineinträufelt, dann sieht das Auge sie nicht — aber es fühlt, wie die Medizin wirkt, wie sie das innere Auge reinigt und die Sehkraft stärkt.

4. Die wahrhaft Gläubigen können den wahren Frieden, den Meine Gegenwart in ihren Herzen schafft, nicht sehen, doch sie fühlen seine Macht und werden darin glückselig. Sie können aber auch die Glückseligkeit des Gemüts oder Herzens, durch die sie den Frieden Meiner Gegenwart erleben, nicht sehen. Es geht ihnen wie der Zunge mit den Süßigkeiten: der Geschmack, der in der Zunge wohnt, und die Süße, die er wahrnimmt, sind beide unsichtbar. Gleicherweise gebe auch Ich Meinen Kindern Leben und Freude durch das verborgene Manna, das die Welt mit all ihrer Weisheit weder kennt noch kennen kann (Offenbarung 2, 7).

5. Gelegentlich wird während einer Krankheit der Geschmack in der Zunge gestört, und, wie schmackhaft das Essen auch sein mag, in dieser Zeit schmeckt es dem Kranken nicht. In gleicher

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Weise stört die Sünde den Geschmack für Geistes-Dinge. Unter solchen Umständen ziehen Mein Wort und Dienst und Meine Gegenwart den Sünder nicht mehr an, und anstatt sich beschen­ken zu lassen, fängt er an zu streiten und sie zu bekritteln.

6. Viele Gläubige wieder gleichen dem Blindgeborenen, als er sein Augenlicht erhielt: sie sehen Jesus3 zwar als Propheten und Menschensohn, aber sie erkennen Ihn noch nicht als den Christus und Gottessohn (Joh. 9, 17 und 35—37)- Das geschieht erst, wenn Ich Mich ihnen zum zweiten Mal in Vollmacht offen­bare.

7. Eine Mutter verbarg sich einmal in einem Garten unter dich­tem Buschwerk. Ihr Söhnchen lief schreiend umher und suchte sie. Es rannte durch den ganzen Garten, konnte sie jedoch nicht fin­den. Ein Diener sagte zu ihm: „Söhnchen, schrei doch nicht! Sieh die Mangos 4 auf diesem Baum und all die hübschen Blumen im Garten. Komm, ich will dir ein paar holen." Aber das Kind schrie: „Nein, nein! Ich will nur meine Mutter haben. Was sie mir zu essen gibt, ist besser als alle Mangos, und ihre Liebe ist schöner als all diese Blumen, und du weißt doch, dieser ganze Garten gehört mir; denn alles, was meiner Mutter gehört, das gehört auch mir. Nein! Ich will meine Mutter haben!" Als die Mutter in ihrem Versteck das hörte, stürzte sie hervor, drückte das Kind an ihre Brust und erstickte es fast mit Küssen. Da wurde der Garten dem Kinde zum Paradies. Ebenso ergeht es Meinen Kindern in dem großen Garten dieser Welt: er ist voll bezaubernder und schöner Dinge, aber wahre Freude finden sie nur in Mir. Ich bin ihr Immanuel, bin immer bei ihnen und tue Mich ihnen kund (Joh. 14, 21).

8. Der Schwamm liegt im Wasser, und das Wasser erfüllt den Schwamm; aber das Wasser ist nicht der Schwamm, und der Schwamm ist nicht das Wasser, sondern sie bleiben für immer verschiedene Dinge: ebenso bleiben Meine Kinder in Mir und Ich in ihnen. Dies ist kein Pantheismus5, sondern die Königsherr­schaft Gottes, und sie wird aufgerichtet in den Herzen derer, die in dieser Welt bleiben. Wie das Wasser im Schwamm, so bin Ich

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an jedem Ort und in jedem Ding, aber sie sind nicht Ich (Luk. 17, 21).

9. Nimm ein Stück Holzkohle: wie sehr du es auch waschen magst, seine Schwärze wird nicht vergehen; aber lege es ins Feuer, und seine schwarze Farbe verschwindet. Etwas ganz Ähn­liches geschieht, wenn der Sünder den Heiligen Geist empfängt (dieser geht vom Vater aus und von Mir, denn der Vater und Ich sind Eines): wenn diese Feuertaufe geschieht, dann wird alle Sündenschwärze vertrieben, und er wird der Welt zum Licht (Matth. 3, 11; 5, 14). Wie das Feuer die Holzkohle durchglüht, so bleibe Ich in Meinen Kindern und sie in Mir, und durch sie offenbare Ich Mich der Welt.

 

II

Der Jünger:

Meister, wenn Du Dich der Welt auf besondere Weise offen­baren wolltest, dann würden die Menschen nicht länger an Gott und an Deiner eigenen Göttlichkeit zweifeln, sondern alle wür­den glauben und den Weg der Gerechtigkeit beschreiten.

Der Meister:

1. Mein Sohn, Ich kenne den inneren Zustand eines jeden Menschen genau, und Ich offenbare Mich einem jeden Herzen nach seinen Nöten. Es gibt kein besseres Mittel, den Menschen auf den Weg der Gerechtigkeit zu bringen, als daß Ich Mich selbst offenbare. So wurde Ich um des Menschen willen Mensch, da­mit er erkennen möchte: Gott ist nicht ein Furchtbarer und Frem­der, sondern voller Liebe und ihm [dem Menschen] ähnlich, denn er [der Mensch] ist Ihm [Gott] ähnlich und nach Seinem Bilde geschaffen.

Der Mensch hat zwar das natürliche Verlangen, daß er Den sehen möchte, an Den er glaubt und Den er liebt. Aber kein Mensch kann den Vater sehen, denn Er ist Seinem Wesen nach unbegreifbar; wer haben. Der Mensch ist ein begreifbares Geschöpf, und deshalb kann er Gott nicht sehen. Nun aber ist Gott die Liebe und hat dem Menschen dieselbe Liebeskraft gegeben. Deshalb hat Er, da­mit jenes Verlangen nach Liebe gestillt werde, eine Seinsweise angenommen, die der Mensch verstehen kann. So wurde Er Mensch, und Seine Kinder mit allen heiligen Engeln können Ihn nun sehen und sich Seiner freuen (Kol. 1, 15; 2, 9). Deshalb sagte Ich: wer Mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen (Joh. 14, 9—10). Und, obgleich Ich in Menschengestalt der Sohn heiße, bin Ich doch der ewige Vater (Jes. 9, 6).

2. Ich und der Vater und der Heilige Geist sind Eins. Wie in der Sonne beides ist — Hitze und Licht, aber das Licht ist nicht die Hitze, und die Hitze ist nicht das Licht, und dennoch sind beide eins, obgleich sie sich in verschiedener Gestalt kundtun: so gehen Ich und der Heilige Geist vom Vater aus und bringen der Welt Licht und Wärme. Der Geist tauft mit Feuer, verbrennt in den Herzen der Gläubigen jegliche Sünde und Ungerechtigkeit und macht sie rein und heilig. Ich bin das wahre Licht (Joh. 1, 9; 8, 12) und vertreibe alle finsteren und bösen Süchte. Ich führe die Gläubigen auf den rechten Weg und bringe sie schließlich in ihre ewige Heimat. Dennoch sind Wir nicht Drei, sondern Eins 6, wie ja auch die Sonne nur eine ist.

3. Was Gott dem Menschen an Werten, Kräften und Fähig­keiten verliehen hat, das muß er zur Tat werden lassen, sonst verkümmert es allmählich und stirbt schließlich ab. Ebenso geht es mit dem Glauben: wenn er sich nicht auf den lebendigen Gott richtet, dann wird er durch die Sünde erschüttert und in Zweifel verwandelt. Man kann oftmals hören: „Ich würde gern glauben, wenn sich mir nur dieser oder jener Zweifel lösen wollte." Wer so spricht, der gleicht einem Manne, der mit einem Knochen­bruch zum Arzt kommt und ihn bittet, er möchte ihn zuerst von den Schmerzen befreien und dann erst den gebrochenen Knochen behandeln. Das ist natürlich Torheit, denn der Schmerz kommt vom Bruch, und wenn dieser geheilt ist, dann geht der Schmerz von selber fort. So ist durch die Tat der Sünde die Verbindung

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des Menschen mit Gott zerbrochen, und Zweifel, diese Schmerzen des Geistes, sind entstanden. Was deshalb zuerst nottut, ist, daß die Gemeinschaft mit Gott wieder erneuert wird; dann wer­den alle jene Zweifel, z. B. ob Ich göttlich und ob Gott überhaupt da sei, von selbst wieder verschwinden; dann weichen die Schmerzen dem wundervollen Frieden, den die Welt weder geben noch nehmen kann. Dazu wurde Ich Fleisch, damit zwischen Gott und den armen zerbrochenen Menschen wieder Gemeinschaft werde, und damit sie auf ewig möchten im Himmel mit Ihm selig sein.

4. Gott ist Liebe und hat die Kraft zu lieben in jedes lebendige Geschöpf hineingelegt, vor allem aber in den Menschen. Es ist deshalb nur recht und billig, daß der große Liebende, der uns Leben, Vernunft und Liebe gegeben hat, wiederum von uns Liebe erfährt. Sein Verlangen geht dahin, daß alle, die Er geschaffen hat, geliebt werden. Wenn wir diese Liebe nicht richtig ge­brauchen, und wenn wir Ihn, der uns mit Liebe ausgestattet hat, nicht von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüt und aller Kraft lieben, dann stürzt jene Liebe aus ihrer Höhe her­ab und wird zur Selbstsucht. Daraus erwächst für uns wie für die anderen Geschöpfe Gottes nichts als Unheil. Jeder selbst­süchtige Mensch wird — seltsam genug — zum Selbstmörder.

Ferner habe Ich gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Obgleich nun jeder Mensch in gewissem Sinne einem ändern der Nächste ist, so wendet sich dieses Wort vor allem an die Menschen, die für gewöhnlich nahe beieinander wohnen. Es ist leicht, mit jemandem im Frieden auszukommen, der nur für ein paar Tage bei uns weilt, selbst wenn er ein unfreundlicher Mensch ist; aber es ist sehr schwer, einen Menschen zu ertragen und wie sich selbst zu lieben, der in unserer Nähe wohnt und uns Tag für Tag Mühe macht. Doch wenn wir in diesem schwe­ren Kampf gesiegt haben, wird es uns leichter werden, auch alle anderen zu lieben wie uns selbst.

Wenn ein Mensch Gott liebt von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und ganzer Seele und seinen Nächsten wie sich selbst,

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dann hat er keinen Raum mehr für Zweifel; vielmehr wird in ihm jene Königsherrschaft Gottes aufgerichtet, die kein Ende hat. Und er selber wird im Feuer der Liebe geschmolzen, umgegossen und in das Bild seines himmlischen Vaters umgestaltet, der ihn ursprünglich nach Seinem eigenen Bilde erschaffen hatte.

5. Ich offenbare Mich auch allen, die Mich mit aufrichtigem Herzen suchen, durch Mein Wort (die Bibel). Wie Ich zur Er­lösung der Menschen Selber Mensch wurde, so ist auch Mein Wort, das Geist und Leben ist (Joh. 6, 63), in menschlicher Sprache geschrieben: in ihm ist Göttliches und Menschliches mit­einander vereinigt. Aber genau so wie die Menschen Mich nicht verstehen, so verstehen sie auch nicht Mein Wort. Wer es ver­stehen will, der braucht nicht Hebräisch und Griechisch zu kön­nen; aber was er wirklich haben muß, das ist die Gemeinschaft desselben Heiligen Geistes, aus dem die Propheten und Apostel lebten und schrieben. Zweifellos ist die Sprache dieses Wortes geistlich, und nur wer aus dem Geist geboren ist, kann sie ganz verstehen, mag er mit dem kritischen Denken der Welt vertraut sein oder nur einem Kinde gleichen: er versteht jene Geistes­sprache gut, denn sie ist seine Muttersprache. Aber denke daran, daß die Menschen, deren Weisheit nur von dieser Welt ist, sie nicht verstehen können, denn sie haben keinen Anteil am Hei­ligen Geist.

6. Ich offenbare Mich nach Meinem Wohlgefallen auch im Buch der Natur7, denn dieses Buch habe Ich gleichfalls geschrie­ben. Doch auch wer dieses Buch lesen will, braucht Geistes-Augen, damit er Mich finden kann, sonst droht ihm die Gefahr, daß er, anstatt Mich zu finden, in die Irre geht.

Ein Blinder gebraucht die Spitzen seiner Finger als Augen und liest ein Buch nur durch Tasten; aber durch Tasten allein kann er sich über seine Wahrheit kein wirkliches Urteil bilden. Das haben auch die Forschungen der Zweifler bewiesen, denn anstatt der Vollkommenheit sehen sie nur Mängel. Diese Kritiker sagen: „Wenn ein allmächtiger Schöpfer diese Welt geschaffen hat, warum gibt es in ihr solche Mängel wie Orkane, Erdbeben, Fin-

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sternisse, Schmerz, Leiden und Tod?" Diese Kritik ist töricht und ähnelt der eines unwissenden Menschen, der ein unvollendetes Gebäude oder Gemälde tadelt. Wenn er sie später vollendet sieht, so schämt er sich seiner Torheit und muß am Ende ihr Lob singen. So hat auch Gott nicht an einem einzigen Tage dieser Welt ihre gegenwärtige Gestalt gegeben, noch wird sie an einem einzigen Tage vollendet werden. Die ganze Schöpfung bewegt sich der Vollendung entgegen. Wenn der Mensch dieser Welt die voll­kommene Welt, die keine Fehler mehr hat, mit den Augen Got­tes von ferne sehen könnte, dann würde er sich vor Ihm lob­preisend beugen und sprechen: „Es ist alles sehr gut" (1. Mose 1,31).

7. Der menschliche Geist weilt im Leibe ähnlich wie das kleine Vöglein in der Schale. Wenn dem Vöglein in der Schale gesagt werden könnte, da draußen gebe es eine weite Welt mit allerlei Früchten und Blumen, mit Flüssen und großartigen Gebirgen, auch sei dort seine Mutter, und es würde das alles selber sehen, wenn es nur erst von seiner Schale befreit worden wäre: so könnte es das alles weder verstehen noch glauben. Selbst wenn jemand ihm sagte, es könne mit seinem Gefieder und seinen Augen, die nun schon fertig seien zum Gebrauch, fliegen und sehen: so könnte es das doch nicht glauben, noch gäbe es irgend­einen Beweis, bis es selber der Schale entschlüpft.

Gleicherweise gibt es viele Menschen, die haben über das zu­künftige Leben und das Dasein Gottes keine Gewißheit, denn sie können nicht durch die Schale ihres Leibes hindurchblicken. Ihre Gedanken, den zarten Flügeln des jungen Vögleins gleich, kön­nen sie nicht über die engen Grenzen ihres Gehirns hinaustragen. Ihre schwachen Augen können jene ewigen und unvergänglichen Schätze nicht entdecken, die Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben (Jes. 64, 4; 65,17). Wenn wir das ewige Leben erreichen wollen, so müssen wir eine notwendige Bedingung erfüllen: Wie das kleine Vöglein im Ei von seiner Mutter die Leben spendende Lebenswärme empfängt, so sollen wir, während wir noch im Leibe leben, durch den Glauben vom Heiligen Geist die Lebens-

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wärme empfangen, ohne die wir dem Tode verfallen und ewig verlorengehen.

8. Wiederum sagen viele, das Ding oder Leben, das einen An­fang hat, muß notwendigerweise auch ein Ende haben. Das ist aber nicht wahr. Denn kann der Allmächtige, der nach Seinem Wil­len etwas aus Nichts zu erschaffen vermag, nicht durch das Wort Seiner Macht dem, was Er geschaffen hat, Unsterblichkeit ver­leihen? Wenn nicht, dann kann Er nicht der Allmächtige heißen. Das Leben in dieser Welt erscheint dem Zerfall und der Zerstö­rung preisgegeben, denn es ist dem unterworfen, das sich selber ändert und vergeht. Wenn aber dieses Leben von diesen Ein­flüssen des Wechsels und Zerfalls befreit und dem ewigen und unwandelbaren Gott unterstellt würde, der die Quelle des ewigen Lebens ist, dann würde es dem Griff des Todes entrinnen und die Ewigkeit erlangen.

Die an Mich glauben, denen gebe Ich „das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie Mir aus Meiner Hand reißen" (Joh. 10, 28). Ich bin Gott der Herr, „Der da ist und Der da war und Der da kommt, der Allmächtige" (Offbg. 1, 8).

 

 

2. Kapitel

SÜNDE  UND  ERLÖSUNG

 

Der Jünger:

Meister, fast jeder Mensch weiß: Gott nicht gehorchen und Ihn nicht anbeten, ist Sünde, und der gegenwärtige Zustand der Welt zeigt, wie die Sünde ins Verderben führt. Aber was die Sünde wirklich ist, das wissen wir nicht genau. Wie konnte es

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in der Gegenwart des Allmächtigen Gottes und in Seiner eigenen Welt zur Empörung gegen Seinen Willen und damit zur Sünde kommen?

 

Der Meister:

1. Die Sünde besteht darin, daß der Mensch den Willen Gottes verwirft und nach seinem eigenen Willen lebt; daß er das Wahre und Rechte verläßt und seine eigenen Süchte befriedigt und meint, so gewinne er das Glück. Doch wer so handelt, der erlangt weder wirkliches Glück noch wahre Freude. Die Sünde hat kein Eigenleben, so daß niemand sagen kann, jemand habe sie erschaf­fen. Sie bezeichnet vielmehr einen Zustand. Es ist nur ein Schöp­fer, und Er ist gut; und ein guter Schöpfer kann nichts Böses geschaffen haben, denn das widerspräche Seinem Wesen. Neben dem einen Schöpfer gibt es keinen anderen, der die Sünde ge­schaffen haben könnte. Der Satan kann nur verderben, was schon geschaffen ist, hat aber nicht die Kraft, etwas zu schaffen. So­mit gehört die Sünde nicht zur Schöpfung und hat auch nicht das Dasein eines Geschöpfes. Sie ist einfach ein Seinszustand der Täuschung und Zerstörung.

Das Licht zum Beispiel hat wirkliches Sein, aber die Finsternis nicht. Sie ist vielmehr ein bloßer Zustand: die Abwesenheit des Lichts. Gleicherweise ist die Sünde oder das Böse nichts in sich selber, sondern bedeutet nur die Abwesenheit oder den Mangel des Guten. Dieser dunkle Zustand des Bösen ist aber höchst furchtbar, denn dadurch verfehlen viele den rechten Weg: sie erleiden an den Felsen des Satans Schiffbruch, fallen in die Fin­sternis der Hölle und gehen verloren. Dazu wurde Ich, der Ich das Licht der Welt bin, offenbar im Fleisch, damit die Menschen, die ihr Vertrauen auf Mich setzen, nicht umkommen, denn Ich er­rette sie aus der Gewalt der Finsternis und bringe sie sicher zu jenem ersehnten himmlischen Hafen, wo es weder Namen noch Zeichen der Finsternis mehr gibt (Offbg. 21, 23; 22,5).

2. Du fragst, wie dieser dunkle Zustand der Sünde in der Ge­genwart des Herrn der Schöpfung entstehen konnte. Er entstand, weil Satan und Menschen — aus eigenem Antrieb sowie auf

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ungesetzliche und falsche Weise — nur ihren eigenen Süchten zu folgen versuchten. Und wenn du fragst, warum Gott den Men­schen nicht so geschaffen habe, daß er nie in solch einen Zustand hätte fallen können, so antworte Ich: Gott hätte ihn dann als Maschine erschaffen müssen; aber dann könnte er auch niemals jenen Zustand des Glücks erreichen, zu dem nur der gelangt, der gemäß seiner Selbstbestimmung handelt. Adam und Eva ver­fielen den Tücken und Täuschungen des Satans, denn in ihrem sündlosen Zustande wußten sie nicht, daß es so etwas gebe wie Lüge und Betrug. Vorher wußte selbst Satan nichts von dem Vorhandensein jenes Stolzes, um dessentwillen er aus dem Him­mel verstoßen wurde, denn vorher gab es so etwas wie Stolz noch nicht. Und obgleich dieser Zustand der Sünde in den Menschen wie im Satan in Erscheinung trat, so hat doch Gott durch Seine allgewaltige Macht jenem Zustand ein neues Gesicht gegeben, so daß er selbst daraus noch die edelsten Ergebnisse zu gewinnen wußte.

Zum einen: die grenzenlose Liebe Gottes offenbarte sich darin, daß Christus Mensch wurde und Sein Leben opferte; sonst wäre sie verborgen geblieben. Und zum ändern: erst nachdem die Er­lösten selbst erfahren haben, wie bitter die Sünde schmeckt, wer­den sie sich der Seligkeit des Himmels um so reicher erfreuen. Es ist nämlich wie mit dem Geschmack: die Süße des Honigs entzückt um so mehr, als die Zunge zuvor etwas Bitteres geschmeckt hat. Im Himmel sündigen sie nicht mehr, sondern in Demut und ge­horsamer Liebe dienen sie Gott ihrem Vater und bleiben bei Ihm in ewiger Freude.

3. Die Menschen sind begierig, in Sonne und Mond Mängel wie Flecken und Finsternisse zu entdecken, aber sie achten nicht auf die Flecken und Finsternisse der Sünde. Daraus magst du er­messen, wie groß die Finsternis in den Menschen ist, wenn schon das Licht, das sie haben, Finsternis ist (Matth. 6, 23). Wie der Leib eines Aussätzigen durch seine Krankheit alle Empfindung verliert, so büßen Herz und Gemüt des Menschen durch die Sünde alles Gefühl ein: er spürt nichts mehr von Ekel oder Schmerz.

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Aber einmal kommt die Zeit, da wacht er auf und sieht ihre schreckliche Verwüstungen, und dann wird sein Heulen und Zähneklappen.

4. Viele Menschen, die in der Sünde versunken sind, wissen nichts mehr von ihrer Last, wie auch einer, der unter Wasser ge­taucht ist, mehrere Tonnen Wasser über sich haben kann, aber ihr Gewicht nicht merkt, bis er ertrinkt. Wer aber aus dem Wasser herauskommt und dann ein wenig Wasser zu tragen versucht, der spürt — wie wenig er auch trägt — gar bald das Gewicht. Wer die Last seiner Sünde entdeckt und in Reue zu Mir kommt, der wird wahre Ruhe empfangen umsonst, denn solche Menschen zu suchen und zu erlösen bin Ich gekommen (Matth. 11, 28; Luk. 19,10).

5. Es ist nicht nötig, daß erst jedes einzelne Glied des Leibes nutzlos und schwach wird, ehe der Tod kommt. Wie kräftig und gesund andere Teile des Leibes auch sein mögen: eine Herz­schwäche oder ein Gehirnschlag genügt, um das Leben zu be­enden. So kann schon eine einzige Sünde, indem sie Gemüt und Herz vergiftet, das Geistesleben nicht allein eines Einzelnen, son­dern einer ganzen Familie oder eines ganzen Volkes, ja sogar der gesamten Menschheit vernichten. Solcher Art war Adams Sünde. Aber wie schon ein einziges Wort von Mir Lazarus aus dem Grabe zurückbringen konnte, so genügt es auch, um allen ewiges Leben zu geben.

6. Gelegentlich ereignet es sich, daß ein Tier oder Vöglein, nachdem es lange Zeit mit den Menschen gelebt hat, zu seiner eigenen Art zurückkehrt; aber diese heißt es nicht willkommen, sondern greift es an und tötet es, denn, weil es so lange mit Men­schen gelebt hat, sind seine Gewohnheiten und Sitten völlig verwandelt. Wenn schon die Tiere diejenigen ihrer Art aus der Gemeinschaft ausschließen, die unter menschlichen Einfluß ge­kommen sind: wie können da die Heiligen und Engel im Himmel jene Sünder willkommen heißen, die in enger Beziehung zu bösen Menschen gelebt haben? Damit soll nicht gesagt werden, die Hei­ligen und die Engel hätten keine Liebe zu den sündigen Men-

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schen; wohl aber wird die heilige Luft des Himmels solchen Men­schen von selber ärgerlich sein. Das ist doch klar: denn wenn schon in dieser Welt die Sünder die Gemeinschaft guter Menschen nicht leiden mögen, wie können sie in ihrer Gesellschaft für alle Ewigkeit glücklich sein? Ihnen würde solch ein Himmel ebenso ärgerlich sein wie die Hölle selber.

Doch nun meinet nicht, Gott oder Sein Volk würden Sünder aus dem Himmel weisen und sie in die Hölle verstoßen; denn Gott ist Liebe und hat noch niemanden in die Hölle geworfen, noch wird Er es jemals tun. Was den Sünder in die Hölle bringt, ist allein sein schmutziges Leben. Schon lange bevor der Aus­gang des Lebens uns Himmel oder Hölle beschert, ist im Herzen eines jeden Menschen — je nach seinem guten oder bösen Wesen — sein eigener Himmel oder Hölle eingezogen. Wer deshalb nach Rettung verlangt von jener ewigen Qual, der soll seine Sünden ehrlich bereuen und sein Herz Mir schenken. Dann werde Ich bei ihm sein, der Heilige Geist wird auf ihn wirken, und er wird in alle Ewigkeit ein Kind des Reiches Gottes werden.

7. Wer sich in dieser Welt gegen einen König oder eine Regie­rung empört hat, kann sich wohl retten, indem er in einem an­deren Lande Zuflucht sucht. Aber wohin soll der sich in Sicherheit bringen, der sich gegen Gott empört? Wohin auch immer er sich wenden mag, überall — selbst im Himmel oder in der Hölle — findet er Gott stets gegenwärtig (Ps. 139, 7—8). Er findet seine Rettung allein darin, daß er umkehrt und sich seinem Herrn unterwirft.

8. Für Adam und Eva genügten die Feigenblätter als Beklei­dung nicht; so gab Gott ihnen Röcke aus Fell. Ebenso sind auch die guten Taten des Menschen nutzlos wie die Feigenblätter: sie können ihn vor dem künftigen Zorn nicht retten. Was allein genügt, ist Mein Kleid der Gerechtigkeit.

9. Die Motte achtet nicht darauf, daß die Flamme verbrennt und zerstört, sondern stürzt, von ihrem Glanz gebannt, in sie hinein und kommt um. So bedenkt der Mensch nicht, daß die Sünde zerstört und vergiftet; er fühlt nur ihren Reiz und stürzt

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in sein ewiges Verderben. Aber Mein Licht errettet den Sünder vom Tode und schenkt ihm Leben und bleibendes Glück. Der Mensch ist so geschaffen, daß er sich die kostbare Gabe Meines wahren Lichtes aneignen kann.

10. Die Sünde ist keine Täuschung noch ein Erzeugnis der Ein­bildungskraft. Sondern in diesem Zustand geistiger Finsternis, da der Mensch seinen bösen Willen gebrauchte, sind lebendige Samen des Bösen gewachsen, die nun für immer seinen Geist an­stecken und ihn schließlich zerstören: gerade so wie die Pocken in ganz kurzer Zeit die Schönheit eines Menschen für immer ver­nichten und in abstoßende Häßlichkeit verwandeln. Wie Gott nicht die Gottlosigkeit geschaffen hat, so hat Er auch nicht Krank­heit und Schmerzen des Leibes geschaffen. Diese sind vielmehr die natürliche Frucht des menschlichen Ungehorsams. Auch Schmerz und Krankheit sind nichts Eingebildetes, sondern sind die äußeren und sichtbaren Früchte der verborgenen unsichtbaren Krankheit der Sünde, sei es der eigenen Sünde oder der Sünde der Familie, der man angehört. Wenn alle Glieder der Familie umkehren und mit Mir vereinigt werden, dann wird Mein Heil spendendes Blut sie alle durchströmen, alle ihre inneren und un­sichtbaren Krankheiten heilen und ihnen Gesundheit schenken in alle Ewigkeit. Denn der Mensch ist für solch einen Zustand der Gesundheit geschaffen, damit er für immer mit seinem Herrn und Meister in Glückseligkeit lebe.

 

 

II

Der Jünger:

Meister, in diesen Tagen halten einige Gelehrte und ihre An­hänger Deinen Sühnetod und die Erlösung durch Blut für bedeu­tungslos und nichtig. Sie sagen, Christus sei nur ein großer Lehrer und ein Vorbild für unser Geistes-Leben, und Erlösung und ewige Seligkeit seien von unseren eigenen Bemühungen und guten Werken abhängig.

 

Der Meister:

1. Vergiß niemals, daß geistliche und religiöse Gedanken weni­ger mit dem Kopf als mit dem Herzen zusammenhängen. Das Herz ist der Tempel Gottes, und wenn Gottes Gegenwart es er­füllt, dann wird auch der Kopf erleuchtet. Ohne das wahre Licht sind der Verstand und die Augen der Erkenntnis nutzlos: sie glei­chen den leiblichen Augen ohne Tageslicht. Im Dunkeln kann man ein Seil irrtümlich für eine Schlange halten. So verkehren die Weisen dieser Welt die Geistes-Wahrheit und führen schlichte Gemüter in die Irre. Deshalb bediente sich Satan, als er Eva ver­führte, nicht des Schafs oder der Taube, sondern der Schlange, des listigsten aller Tiere. So gebraucht er die Weisheit der Weisen und die Geschicklichkeit der Gelehrten als Werkzeuge für seine Absicht. Es ist nicht genug, daß einer gelehrt und geschickt ist; er muß auch die Unschuld der Taube haben. Deshalb habe Ich gesagt: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben" (Matth. 10,16).

2. Mein Kreuz und Sühnetod bewirken für die Gläubigen das­selbe wie die eherne Schlange für die Israeliten, denn wer immer mit Glaubensaugen zu ihr aufblickte, wurde gerettet (4. Mose 21, 9; Joh. 3, 14—15). Doch es gab auch einige, die, anstatt zu glauben, in ihr nur Erz sahen und zu murren begannen: Moses hätte ein Gegengift geben sollen oder eine kräftige Medizin oder sonst etwas gegen diese giftigen Schlangen — das wäre dann ein rechter Gegenstand des Glaubens gewesen; denn welche Macht hat dieser Stab über Schlangengift? Alle, die so sprachen, star­ben. Und so geschieht es auch in unseren Tagen: wer den Weg, den Gott zu unserer Erlösung eingeschlagen hat, bekrittelt, der wird am Gift seiner Sünde zugrunde gehen.

3. Ein junger Mann stürzte in einen Abgrund; er wurde so schwer verletzt und verlor so viel Blut, daß er dem Tode nahe war. Als sein Vater ihn zum Arzt brachte, sagte dieser: „Das Blut ist das Leben, und der Butvorrat dieses jungen Mannes ist erschöpft. Aber wenn jemand bereit ist, sein eigenes Blut zu opfern, dann kann er sich wieder erholen, sonst wird er sterben." Der Vater,

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dessen Herz von Liebe zu seinem Sohn überfloß, bot sein eigenes Blut an. Man spritzte es in die Adern des jungen Mannes ein, und dieser wurde wieder gesund. So steht es mit dem Menschen: er ist vom Berge der Heiligkeit abgestürzt und liegt nun da, durch seine Sünden zerschmettert und verwundet. Dadurch ist sein Geistesleben verebbt, und er ist dem Tode nahe. Wer aber an Mich glaubt, für den vergieße Ich Mein eigenes ewiges und geistliches Blut, so daß er vom Tode gerettet werden und ewiges Leben erlangen kann. Denn dazu bin Ich gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen (}oh. 10, 11), und zwar Leben in alle Ewigkeit.

4. In alten Zeiten war es den Menschen verboten, das Blut der Tiere zu trinken oder bestimmte Speisen zu essen, denn man glaubte, dadurch würden sie gewissen Krankheiten entgehen; auch fürchtete man, da der Mensch einen tierhaften Leib habe, würden, wenn er Fleisch äße und Blut tränke, seine tierhaften Neigungen gestärkt. Nun aber „ist Mein Fleisch die rechte Speise, und Mein Blut ist der rechte Trank" (Joh. 6, 55), denn sie spen­den geistliches Leben und vollkommene Gesundheit sowie himm­lische Seligkeit und Freude.

5. Sündenvergebung bedeutet noch nicht völlige Erlösung; denn diese kann nur durch vollkommene Freiheit von der Sünde kom­men. Es ist möglich, daß ein Mensch an der Krankheit seiner Sünde stirbt, obgleich er dafür völlige Vergebung empfangen hat. Da war z. B. ein Mann, dessen Gehirn war durch eine langwierige Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden. Eines Tages über­fiel er einen anderen und tötete ihn. Als das Todesurteil über ihn gefällt wurde, erklärten seine Angehörigen die näheren Umstände und baten für ihn um Gnade. So wurde er von der Sünde des Mor­des freigesprochen. Doch ehe seine Freunde ihm die gute Nachricht bringen konnten — sie waren schon auf dem Wege zu ihm —, war er an derselben Krankheit gestorben, aus der heraus er den Mord begangen hatte.

Was hat der Mörder nun von dieser Begnadigung gehabt? Zu seiner wirklichen Rettung hätte er von seiner Krankheit geheilt

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werden müssen. Dann erst wäre er in seiner Begnadigung wirk­lich selig geworden. Dazu bin Ich im Fleisch offenbart worden, daß Ich reuige Sünder von der Krankheit der Sünde sowie von ihrer Strafe und vom Tode errette. Dadurch hebe Ich beides auf: Ursache und Wirkung. Sie werden nicht in ihren Sünden sterben, denn Ich will sie erretten (Matth. i, 21), und sie werden durch den Tod hindurchschreiten und das ewige Leben erben.

6. Für viele Menschen ist das Leben voller Gefahr. Sie gleichen jenem Jäger, der auf dem Ast eines Baumes, der weit über den Fluß hinausragte, eine Honigwabe erblickte. Er kletterte hinauf und begann den Honig zu genießen. Aber er hatte nicht darauf geachtet, daß er in Todesgefahr schwebte: unter ihm im Wasser lag ein Krokodil mit offenem Rachen und lauerte darauf, ihn zu verschlingen, während sich um den Stamm des Baumes ein Rudel Wölfe versammelt hatte und darauf wartete, daß er herunter­steige. Aber das Allerschlimmste war: die Wurzeln des Baumes, auf dem er saß, waren von einem Insekt angefressen, und der Baum drohte umzustürzen. Nach kurzer Zeit brach er nieder, und der unachtsame Jäger fiel dem Krokodil zur Beute. So ergeht es auch dem menschlichen Geist, der im Leib verborgen ist: eine kurze Zeit lang genießt er die falschen und flüchtigen Genüsse der Sünde, die in der Honigwabe des Gehirnes zusammengetragen sind, und denkt nicht daran, daß er sich mitten in dem furcht­baren Urwald dieser Welt befindet. Da sitzt Satan, bereit, ihn in Stücke zu reißen, und die Hölle wartet gleich einem Krokodil mit offenem Rachen, um ihn gierig zu verschlingen, während als das Allerschlimmste das winzige unsichtbare Insekt der Sünde die Wurzeln des Leibes und Lebens abfrißt. Bald fällt die Seele und wird auf ewig eine Beute der Hölle. Aber den Sünder, der zu Mir kommt, will Ich von der Sünde, vom Satan und der Hölle be­freien und will ihm ewige Freude geben, die soll niemand von ihm nehmen (Joh. 16, 22).

7. Wie eine Schlange durch die Bannkraft ihrer glitzernden Augen kleine Vögel bezaubert und sich zur Beute holt, so zieht Satan mit listigen Reden und Verlockungen die Menschen zu sich

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und verschlingt sie. Aber die an Mich glauben, befreie Ich gerne von jener alten Schlange und von den Verführungen dieser Seelen-zerstörenden Welt. Ich versetze sie in die Freiheit, wo sie dem Vogel gleichen: wie dieser der Schwerkraft der Erde wider­stehen kann und frei durch die Lüfte fliegt, so steigen sie auf den Flügeln des Gebets empor und erreichen schließlich, von Meiner Liebe angezogen, die Heimat ihrer Seele.

8. Wie ein Gelbsüchtiger alles gelb sieht, so nimmt für den Sünder die Wahrheit die Gestalt seiner Sünde und für den Philo­sophen die Gestalt seiner Theorien an. Und es überrascht deshalb nicht, wenn solche Leute noch einen Schritt weitergehen und Mich für einen Sünder halten. Aber Mein Werk — die Errettung der Sünder — hängt nicht von der Meinung der Welt ab, sondern wirkt im Leben der Gläubigen ungestört weiter. Wie Levi, wäh­rend er noch in den Lenden Abrahams war, den Zehnten an Mich zahlte, obgleich er noch nicht geboren war: so haben alle Ge­schlechter der Gläubigen in Mir, der Ich am Kreuze geopfert wurde, Sühne und Lösegeld für ihre Sünden, obgleich sie zu jener Zeit noch gar nicht geboren waren; denn diese Erlösung ist für alle Menschenrassen der Welt.

9. Zu sagen, der Mensch könne durch seine eigene Anstren­gung und guten Werke das Heil gewinnen, ist, solange er nicht wiedergeboren ist, närrisch und widersinnig. Weltherrscher und Sittenlehrer sagen: „Werde gut, indem du Gutes tust." — Ich aber sage: „Werde erst selber gut, bevor du gute Werke tun kannst." Wer in das neue und gute Leben eingetreten ist, bei dem werden gute Werke von selber folgen.

Nur ein Narr sagt, ein wilder Baum, wenn er nur fortfahre, Früchte zu tragen, werde schließlich edel. Es ist aber Tatsache: ein wilder Baum kann edel werden, wenn er auf einen edlen Baum aufgepfropft wird; dann gehen Leben und Eigenschaften des edlen Baumes auf den wilden über, und seine natürliche Wildheit vergeht. Das ist, was wir neue Schöpfung nennen. So mag auch der Sünder zu tun begehren, was recht ist, und dennoch ist das einzige Ergebnis wiederum — Sünde. Aber wenn er umkehrt und

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durch den Glauben in Mich eingepflanzt wird, dann stirbt der alte Mensch in ihm, und er wird eine neue Kreatur. Dann bringt dieses neue Leben, das seinen Ursprung in der Erlösung hat, als Frucht gute Taten, und diese Frucht bleibt für immer.

10. Viele haben aus eigener Erfahrung erkannt: des Menschen natürliche Güte kann weder wahren Herzensfrieden noch Heils­gewißheit oder ewiges Leben geben. Der Jüngling, der nach ewi­gem Leben suchte und zu Mir kam, ist dafür ein treffendes Bei­spiel. Sein erster Gedanke über Mich war — wie es auch einigen Weltweisen und ihren Anhängern in unserer Zeit ergeht — falsch. Er hielt Mich für einen jener Lehrer, die getünchten Gräbern glei­chen, und in deren Leben nicht ein Körnchen wahrer Güte zu fin­den ist. Deshalb sagte Ich zu ihm: „Warum fragst du Mich nach Güte? Keiner ist gut außer Einem." Aber es mißlang ihm, in Mir den einen Geber der Güte und des Lebens zu sehen; und als Ich versuchte, ihn in Meine Nachfolge aufzunehmen, ihn zu einem wahrhaft guten Menschen zu machen und ihm Leben zu schenken, da wurde er traurig und verließ Mich. Sein Leben macht jedoch eines vollkommen klar, nämlich: sein Halten der Gebote und seine Güte haben ihn nicht befriedigt, noch haben sie ihm die Gewiß­heit des ewigen Lebens gegeben. Wenn seine guten Werke ihm Frieden gegeben hätten, dann wäre er nicht gekommen, um Mich zu fragen, oder wenn er doch gekommen wäre, so hätte er sich nicht betrübt von Mir abgewandt, sondern hätte meinen Worten geglaubt und wäre fröhlich von dannen gegangen.

Nicht lange danach erkannte Mich der junge Paulus, und das Verlangen seines Herzens wurde völlig gestillt. Anstatt daß er sich traurig abwandte, gab er alles, was er hatte, auf und folgte Mir (Phil. 3, 6—15). So soll ein jeder, der nicht mehr seiner eigenen Gerechtigkeit vertraut und Mir nachfolgt, von Mir wah­ren Frieden und ewiges Leben empfangen.

 

 

3. Kapitel

GEBET

1.

Der Jünger:

Gelegentlich taucht diese Frage auf: „Gott kennt alle unsere Nöte und weiß auch, wie Er sie am besten stillt — nicht nur für die Guten, sondern auch für die Bösen —; warum sollen wir des­wegen zu Ihm beten? Ob unsere Nöte zeitlich oder geistlich seien, können wir durch unsere Gebete den Willen Gottes ändern?"

Der Meister:

1. Wer so fragt, zeigt damit klar, daß er nicht weiß, was Gebet ist. Er hat auch kein Gebetsleben geführt, sonst wüßte er: zu Gott beten, heißt nicht Gott anbetteln. Das Gebet besteht nicht darin, daß man sich anstrengt, von Gott das zu bekommen, was für die­ses Leben nötig ist. Im Gebet bemühen wir uns vielmehr, Gott Selber zu ergreifen, den Urheber des Lebens. Und wenn wir Ihn gefunden haben, der die Quelle des Lebens ist, und in die Ge­meinschaft mit Ihm eingetreten sind, dann ist das Ganze des Lebens unser und mit Ihm alles, was das Leben vollkommen macht. Auch den Übeltätern gibt Gott, aus Liebe zu ihnen, was sie für ihr Leben in dieser Welt brauchen; aber ihre geistlichen Nöte zeigt Er ihnen nicht einmal, denn sie haben kein Geistes­leben.

Wenn Er ihnen solche geistlichen Segnungen gäbe, so würden sie nicht fähig sein, sie zu würdigen. Aber den Gläubigen schenkt Er Gaben beider Art, vor allem geistliche Segnungen, mit dem Erfolg, daß sie schon bald nur noch wenig nach zeitlichen Wohl­taten fragen, sondern ihre Liebe vielmehr auf das Unsichtbare und Geistliche richten. Wir können den Willen Gottes nicht än­dern, aber der Mensch des Gebets kann entdecken, was Gott mit ihm vorhat. Denn Menschen dieser Art tut Gott Sich in der ver­borgenen Kammer des Herzens kund und hält Gemeinschaft mit

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ihnen. Wenn sie sehen, Seine gnädigen Absichten sind zu ihrem Besten, dann vergehen die Zweifel und Schwierigkeiten, über die sie klagen, für immer.

2. Im Gebet atmen wir, sozusagen, den Heiligen Geist ein. Gott gießt Seinen Heiligen Geist so in das Leben der Betenden aus, daß sie „lebendige Seelen" werden (1. Mose 2, 7; Joh. 20, 22). Sie werden nimmermehr sterben, denn im Gebet ergießt der Heilige Geist sich selbst in ihre geistlichen Lungen und erfüllt ihren Geist mit Gesundheit, Kraft und ewigem Leben.

Gott, der die Liebe ist, hat, was zum geistlichen wie zum welt­lichen Leben nötig ist, kostenlos allen Menschen geschenkt; aber da Er das Heil und Seinen Heiligen Geist allen so freigebig an­bietet, werden sie gering geachtet. Doch das Gebet lehrt uns, sie zu schätzen, denn sie sind zum Leben ebenso nötig wie Luft und Wasser, Wärme und Licht. Gott hat so reichlich für die Dinge unseres geistlichen Lebens gesorgt, aber die Menschen achten sie so gering, daß sie ihrem Schöpfer dafür nicht danken. Doch auf der anderen Seite schätzen sie Gold, Silber und kostbare Juwelen, die selten und nur mit großer Schwierigkeit zu gewinnen sind, als Seine Gaben hoch ein, obgleich sie mit solchen Dingen weder Hunger und Durst des Leibes, noch das Sehnen des Herzens stil­len können. Mit solcher Torheit handeln die Weltmenschen im Blick auf die geistlichen Dinge, aber dem Menschen des Gebets werden wahre Weisheit und ewiges Leben gegeben.

3. Diese Welt gleicht einem weiten Ozean, darin die Menschen versinken und ertrinken; aber die Seetiere können im tiefsten Wasser leben, denn sie kommen gelegentlich an die Oberfläche, öffnen ihr Maul und nehmen eine gewisse Menge Luft ein, die sie befähigt, in der Tiefe zu leben. So ergeht es auch denen, die durch persönliches Gebet sich zur Oberfläche des Ozeans dieses Lebens erheben: sie atmen den Leben-schenkenden Geist Gottes ein und finden sogar in dieser Welt Leben und Geborgenheit.

4. Obgleich die Fische ihr ganzes Leben im Salzwasser des Meeres verbringen, werden sie selber doch keineswegs salzig, denn sie sind lebendig; so auch der Mensch des Gebets: obgleich

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er in dieser sündenbefleckten Welt leben muß, bleibt er doch frei von der sündigen Verderbnis, denn er erhält sein Leben durch das Gebet.

5. Das Salzwasser des Meeres wird durch die heißen Sonnen­strahlen emporgehoben und nimmt allmählich die Gestalt von Wolken an; so wird es in süßes und erfrischendes Wasser ver­wandelt und fällt in Regengüssen wieder auf die Erde (denn das Salzwasser läßt, wenn es verdunstet, sein Salz und seine Bitter­keit zurück). So ergeht es auch den Gedanken und Wünschen des betenden Menschen: sie steigen empor, gleich Nebeln von der Seele ausgestrahlt, die Sonne der Gerechtigkeit reinigt sie durch ihre Strahlen von allem Sündenmakel, und seine Gebete werden zu einer großen Wolke, die Segen vom Himmel regnet und auf Erden Erfrischung spendet für viele.

6. Der Wasservogel verbringt sein Leben auf dem Wasser schwimmend, aber wenn er fliegt, sind seine Federn vollkommen trocken. So ergeht es auch den Menschen des Gebets: sie haben ihre Wohnung in dieser Welt, aber wenn für sie die Zeit kommt, daß sie nach oben fliegen, so verlassen sie diese sündenbefleckte Welt und erreichen ihre ewige Heimat ohne Flecken oder Makel.

7. Das Schiff hat seinen Platz im Wasser, aber das Wasser sollte nicht ins Schiff eindringen können, das wäre gefährlich. So ist es recht und gut, daß der Mensch seine Wohnung in dieser Welt hat, denn solange er sich über Wasser hält, kann er anderen helfen, daß sie mit ihm den Lebenshafen erreichen. Aber Tod und Zerstörung würde es bedeuten, wenn die Welt in sein Herz ein­dringen könnte. Deshalb bewahrt der Mensch des Gebets sein Herz stets für Ihn auf, Der es geschaffen hat, damit es Sein Tempel sei, und so bleibt er in dieser wie in der kommenden Welt in Frieden und Geborgenheit.

8. Wir alle wissen, ohne Wasser können wir nicht leben. Aber wenn wir darin versinken, dann ertrinken und sterben wir. Wäh­rend wir also das Wasser gebrauchen und trinken, sollen wir doch nicht hineinfallen und darin untergehen. Deshalb sind Welt und weltliche Dinge mit Klugheit zu benutzen, denn ohne sie wäre

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das Leben nicht nur schwierig, sondern einfach unmöglich. Gott hat die Welt dazu geschaffen, daß die Menschen sie gebrauchen, aber sie sollen in ihr nicht versinken, denn dann geht der Atem des Gebetes aus, und sie kommen um.

9. Wenn ein Mensch aufhört, ein Gebetsleben zu führen, und deshalb sein Geistesleben anfängt nachzulassen, dann richten jene weltlichen Dinge, die ihm nützen sollen, nur Schaden und Zerstörung an. Die Sonne läßt durch ihr Licht und ihre Wärme alle Pflanzen leben und blühen, aber sie läßt sie auch welken und sterben. Ebenso gibt die Luft allen lebenden Wesen Leben und Kraft, aber sie bewirkt auch, daß sie verwesen. Deshalb „wachet und betet".

10. Wir sollten in dieser Welt so leben, daß wir, obgleich wir in ihr sind, doch nicht aus ihr leben. Dann werden die Dinge dieser Welt uns nicht mehr schaden, sondern nützen und dazu helfen, daß wir geistlich wachsen. Das geschieht aber nur, wenn unser Geist stets der Sonne der Gerechtigkeit zugewandt bleibt. Ge­legentlich ereignet es sich, daß an einem unreinen und schmutzi­gen Orte Blumen wachsen und blühen, und ihr süßer Duft über­wältigt den üblen Geruch des Ortes. Die Pflanzen wenden sich der Sonne zu und empfangen Licht und Wärme von ihr, und der Schmutz schadet ihnen nicht, sondern düngt sie und hilft ihnen, daß sie wachsen und gedeihen. Ähnlich ergeht es dem Menschen des Gebets: indem er betet, wendet er sein Herz zu Mir und emp­fängt Licht und Wärme von Mir, und inmitten der üblen Ge­rüche dieser bösen Welt verherrlicht Mich der süße Duft seines neuen und heiligen Lebens. Aber in ihm entstehen nicht nur süße Gerüche, sondern auch Frucht, die da bleibt.

 

II

1. Wer betet, meint damit nicht, Gott würde uns ohne Gebet gar nichts geben oder unsere Nöte nicht kennen. Aber Beten hat diesen großen Vorzug: in der Haltung des Gebets ist die Seele am besten bereit, den Geber des Segens zu empfangen sowie jene

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Segnungen, die Er schenken will. Deshalb wurde die Fülle des Geistes noch nicht am ersten Tag auf die Apostel ausgegossen, sondern erst nach zehn Tagen besonderer Vorbereitung.

Wenn eine Segnung einem Menschen verliehen würde, der sich für sie nicht besonders bereit gemacht hat, dann würde er sie weder genügend würdigen noch lange bewahren. So ging es zum Beispiel mit Saul. Er empfing den Heiligen Geist und die Königs­würde, ohne daß er sie gesucht hatte. Deshalb verlor er beides sehr bald; denn er war von Hause fortgegangen, nicht weil er den Heiligen Geist erlangen, sondern weil er seine verlorenen Esel suchen wollte (1. Sam. 9, 3; 10, 11; 15,13—14; 31, 4).

2. Der Mensch des Gebetes allein kann Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. Die anderen gleichen der empfindsamen Pflanze. Während des Gottesdienstes bewegt sie die Lehre und Gegenwart des Heiligen Geistes: sie beugen ihr Haupt und wer­den ernsthaft; aber kaum haben sie die Kirche verlassen, so treiben sie es wieder wie zuvor.

3. Wenn wir einen Baum oder Strauch, der gute Früchte oder Blüten trägt, nicht ordentlich pflegen, dann entartet er und fällt wieder in seinen wilden Zustand zurück. Ebenso ergeht es dem Gläubigen: wenn er nachläßt im Gebet und matt wird im geist­lichen Leben, dann hört er auf, in Mir zu bleiben, und wird, wegen dieser Nachlässigkeit, aus jenem Segensstand fallen, wieder auf seine alten Sündenwege zurücksinken und verlorengehen.

4. Wenn wir einen Kranich sehen, wie er unbeweglich am Ufer eines Tümpels oder Teiches steht, so könnten wir aus seiner Hal­tung schließen, er sinne über die Herrlichkeit Gottes nach oder über die ausgezeichnete Eigenschaft des Wassers. Doch dem ist nicht so! Wohl steht er dort stundenlang, ohne sich zu bewegen; aber sowie er nur einen Frosch oder kleinen Fisch erblickt, springt er auf ihn zu und verschluckt ihn gierig. Genau so verhalten sich viele Menschen beim Gebet und bei der religiösen Sammlung. Sie sitzen am Ufer des grenzenlosen Ozeans Gottes, aber sie haben keinen Gedanken für Seine Majestät und Liebe oder Seine göttliche Art, die von der Sünde reinigt und die hungrige Seele

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sättigt, sondern sie gehen ganz in dem Gedanken auf, wie sie etwas erwerben können, wonach sie besonders verlangt, und wo­durch sie sich noch tiefer den Lüsten dieser vergänglichen Welt hingeben können. Dadurch wenden sie sich von der Quelle des wahren Friedens ab, tauchen in die vergänglichen Freuden dieser Welt, sterben mit ihnen und vergehen.

5. Wasser und Erdöl kommen beide aus der Erde. Obwohl sie einander zu gleichen scheinen, so sind sie nach ihrer Art und Be­stimmung einander geradezu entgegengesetzt, denn das eine löscht das Feuer, während das andere ihm Brennstoff liefert. So sind auch die Welt mit ihren Schätzen sowie das Herz mit seinem Durst nach Gott gleicherweise Seine Schöpfung. Wer nun sein Herz mit Reichtum, Stolz und Ehren dieser Welt befriedigen will, der erlebt dasselbe, wie wenn er versucht, ein Feuer mit Erdöl zu löschen; denn das Herz kann Ruhe und Zufriedenheit nur in Ihm finden, der beides geschaffen hat: das Herz wie sein sehnen­des Verlangen, dessen es sich bewußt ist (Ps. 42,1—2). Wer des­halb jetzt zu Mir kommt, dem will Ich jenes lebendige Wasser geben, so daß ihn nicht mehr dürstet; vielmehr soll es in ihm zu einem Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (Joh. 4,14).

6. Die Menschen versuchen vergeblich, in der Welt und den Dingen der Welt Frieden zu gewinnen; aber die Erfahrung zeigt klar, wahrer Friede und wahre Zufriedenheit sind so nicht zu finden. Sie gleichen dem Knaben, der eine Zwiebel fand: er be­gann, ihre Häute abzuschälen, denn er hoffte, er werde innen etwas finden, so wie man etwas in einer Kiste findet, wenn man den Deckel abgenommen hat. Aber seine Erwartung hatte ge­trogen, denn er fand nichts als die letzte Haut: eine Zwiebel be­steht nur aus Häuten. Und diese Welt und was zu ihr gehört, das ist alles ganz eitel (Prediger Salomo 12, 8), bis die Menschen die wahre Quelle des Friedens entdecken (Jes. 55,1; Jer. 2, 13; Offbg. 22,17).

7. Die Welt gleicht einer Luftspiegelung. Der Wahrheitssucher hofft, er werde etwas finden, was seinen durstigen Geist zufrie-

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denstellt, und macht sich auf, um es zu suchen. Doch ihm be­gegnet nichts als Enttäuschung und Verzweiflung. Das Wasser des Lebens kann man nicht in Wasserlöchern finden, von Men­schen gemacht, oder in zerbrochenen Zisternen. Aber wer sich Mir mit reinem Herzen naht im Gebet, wird in Mir, der Ich die Quelle des lebendigen Wassers bin, das finden, was ihm Zufrie­denheit, Kräftigung und ewiges Leben gibt (Jes. 55,1; Jer. 2,13; Offenbarung 22,17).

8. Eine Frau wanderte auf einem Bergpfad und trug ihr Kind in den Armen. Da sah das Kind eine hübsche Blume und tat einen solchen Sprung aus den Armen seiner Mutter, daß es kopf­über den Bergabhang hinabfiel, mit dem Kopf auf einen Felsen aufschlug und sofort tot war. Nun ist vollkommen klar: Sicher­heit und Nahrung des Kindes waren an der Brust der Mutter und nicht bei jenen bezaubernden Blumen zu finden; die führten vielmehr zu seinem Tod. Genau so handelt der Gläubige, der kein Gebetsleben führt. Wenn er die vergänglichen und bezaubernden Freuden der Welt erblickt, dann vergißt er Meine Liebe und Für­sorge, die viel größer sind als die einer Mutter, mißachtet die geistliche Milch, womit Ich ihn versorge, springt aus Meinen Armen und geht verloren.

9. Es ist so eingerichtet, daß das Kind die Nahrung, die ihm die Mutter darreicht, nur zu sich nehmen kann, wenn es auch etwas tut, nämlich saugen. So können auch meine geistlichen Kinder, die Ich an Meiner Brust trage, die geistliche Milch, die allein ihre Seelen retten kann, nur dann empfangen, wenn sie suchen. Ein Kind muß nicht erst gelehrt werden, sondern weiß aus eigenem Antrieb, wo und wie es seine Nahrung erhält. Ebenso wissen die, welche aus dem Geist wiedergeboren sind, nicht aus weltlicher Philosophie und Weisheit, sondern aus geistlichem Trieb, wie sie zu beten haben, um von Mir, ihrer geistlichen Mutter, die Milch des ewigen Lebens zu erlangen.

10. Ich habe in den Menschen Hunger und Durst hineingelegt, damit er nicht aus reiner Unachtsamkeit sich selbst für Gott halte, sondern damit er Tag für Tag an seine Nöte erinnert werde und

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daran, daß sein Leben an das Leben und Wirken dessen ge­bunden ist, der ihn geschaffen hat. Wenn er sich so seiner Män­gel und Nöte bewußt ist, kann er in Mir bleiben und Ich in ihm, und dann wird er auf ewig seine Seligkeit und Freude finden in Mir.

 

III

1. Beten heißt gleichsam, mit Mir im Gespräch stehen. Wer diese Gemeinschaft mit Mir hat und in Mir bleibt, der wird Mir ähnlich. Es gibt eine Art Insekt, die lebt zwischen Gras und grünen Blättern und nährt sich auch davon: sie wird ihnen in der Farbe ähnlich. So hat auch der Eisbär, weil er mitten im weißen Schnee lebt, dieselbe weiße Farbe, und der Bengalische Tiger trägt auf seinem Fell die Zeichnung des Schilfrohrs, in welchem er lebt. So haben jene, die durch das Gebet in Gemeinschaft bleiben mit Mir, mit den Heiligen und Engeln Anteil an Meinem Wesen: sie werden in Mein Bild umgestaltet und werden Mir ähnlich.

2. Einst nahm Ich für eine kurze Zeit Petrus, Jakobus und Jo­hannes zu Mir auf den Berg und zeigte ihnen etwas von Meiner Herrlichkeit, und von allen Heiligen erschienen ihnen nur zwei, Mose und Elia. Da wurden sie von dem kurzen Anblick himm­lischer Herrlichkeit so gepackt, daß sie drei Zelte errichten woll­ten, denn sie hätten gerne dort gewohnt (Matth. 17, 1—5). Wie wundervoll wird denen die Seligkeit sein, die in Mir bleiben! Mit ungezählten Heiligen und Engeln gehen sie in den langersehnten Himmel ein und haben mit Mir teil an Meiner vollen Herrlich­keit, die weder Verlust noch den Schatten einer Veränderung kennt (Joh. 17, 24; Jak. 1, 17). Der Mensch des Gebetes soll nie­mals allein sein, sondern in Ewigkeit bei Mir und Meinen Hei­ligen bleiben (Matth. 28, 20; Sach. 3, 7—8).

3. Wilde Tiere zu zähmen sowie Blitz, Wind, Licht und andere Naturkräfte zu beherrschen und nutzbar zu machen, das ist wei­ter nichts Großes. Aber die Welt, den Satan und das eigne Selbst mit all seinen Leidenschaften zu meistern, das ist wahrlich etwas

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höchst Wichtiges und Notwendiges. Nur denen, die ein Gebets­leben führen, verleihe Ich die Kraft, die ganze Macht des Feindes zu überwinden (Luk. 10,17 und 20), so daß sie sogar, während sie in dieser Welt leben, mit Mir an den himmlischen Örtern weilen (Eph. 2, 6). Satan ist drunten, und sie sind droben. So kann er sie nimmermehr erreichen. Vielmehr bleiben sie ewig­lich in Geborgenheit und ohne ein Zittern der Angst bei Mir.

Obgleich die Menschen jetzt die Naturkräfte bezwungen haben, können sie doch nicht weiter reisen, als die Luft reicht. Der Beter dagegen, der den Satan und sein Selbst besiegt hat, kann nach Belieben die ewigen Himmel durchstreifen.

4. Die Biene sammelt den süßen Saft der Blüten und verwan­delt ihn in Honig. Dabei verletzt sie weder die Farbe noch den Duft der Blüten. Ebenso gewinnt der Beter Glück und Nutzen von allem, was Gott geschaffen hat, und tut keinem ein Leid an. Wie die Bienen ihren Honig aus Blüten an verschiedenen Orten sammeln und in der Honigwabe aufspeichern, so sammelt der Gottesmensch süße Gedanken und Empfindungen aus jedem Teil der Schöpfung. In der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer be­wahrt er in seinem Herzen den Honig der Wahrheit auf, und in dauerndem Frieden mit Ihm schmeckt er zu allen Zeiten und an allen Orten mit Entzücken den süßen Honig Gottes.

5. Jetzt ist die Zeit, in den Gefäßen unserer Herzen das öl des Heiligen Geistes zu empfangen und zu bewahren, wie es die fünf klugen Jungfrauen taten (Matth. 25, 1—13). Sonst erwartet uns wie die fünf törichten Jungfrauen nichts als Kummer und Ver­zweiflung. Jetzt müßt ihr auch das Manna für den Großen Sabbat sammeln, sonst habt ihr dann nichts als Schmerz und Wehe (2. Mose 16, 15 und 27). „Bittet aber, daß eure Flucht nicht ge­schehe im Winter", das ist in der Zeit der großen Trübsal oder der letzten Tage, „oder am Sabbat", das ist die Herrschaft der tausend Jahre ewiger Ruhe, denn solche günstige Gelegenheit wird nie wieder kommen (Matth. 24, 20).

6. Wie das Klima Gestalt, Farbe und Wachstum der Pflanzen und Blüten verändert, so erfahren die Menschen, die in Gemein-

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schaft bleiben mit Mir, eine Entwicklung ihres geistlichen Wesens in Gewohnheiten, Aussehen und Gemütsart: sie ziehen den alten Menschen aus und werden in Mein herrliches und unverwesliches Ebenbild verwandelt.

Mit Meinem Finger schrieb Ich auf die Erde den Sündenstand eines jeden der Männer, die, trotz ihrer eigenen inneren Gemein­heit, die beim Ehebruch ertappte Frau zur Verurteilung gebracht hatten, so daß sie einer nach dem anderen diese verließen und beschämt und verlegen davongingen. Mit Meinem Finger zeige Ich im Verborgenen auch Meinen Dienern die Wunden ihrer Sün­den, und wenn sie ihren Sinn ändern, heile Ich sie mit einer Be­rührung desselben Fingers. Wie ein Kind seines Vaters Finger er­greift und mit dessen Hilfe an seiner Seite dahinschreitet, so führe Ich mit Meinem Finger Meine Kinder den ganzen Weg von dieser Welt zu ihrer Heimat der Ruhe und des ewigen Friedens (Joh. 14, 2-3).

7. Oftmals beten die Menschen zum Vater in Meinem Namen, aber sie bleiben nicht in Mir, das heißt, sie nehmen Meinen Namen zwar in den Mund und auf die Lippen, aber nicht ins Herz und Leben hinein. Das ist der Grund dafür, daß sie das nicht empfangen, worum sie beten. Doch wenn sie in Mir bleiben und Ich in ihnen, dann empfangen sie, was immer sie vom Vater erbitten, denn sie bitten unter der Leitung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist zeigt ihnen, was den Vater verherrlicht und ihnen wie anderen gut tut. Sonst bekommen sie solch eine Ant­wort, wie jener böse Sohn sie von dem Statthalter erhielt, dem sein Vater mit großer Tapferkeit und in Ehren gedient hatte. Als der Sohn in seines Vaters Namen ein Gesuch einreichte und um eine Anstellung und Gunst bat, wies der Statthalter auf sein schlechtes Leben und sprach: „Bitte mich nicht in deines Vaters Namen, sondern gehe zuerst hin und lebe nach seinem Vorbild. Laß seinen hohen Wert nicht nur auf deinen Lippen sein, son­dern eifere ihm in deinem Leben nach, und dann werde ich dein Gesuch annehmen."

8. Es ist ein großer Unterschied zwischen den Gebeten jener,

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die Mich nur mit den Lippen anbeten und loben, und derer, die es aus dem Herzen heraus tun. Zum Beispiel: ein wahrer Beter tat beständig Fürbitte für einen anderen, damit dessen Augen ge­öffnet würden und er die Wahrheit annähme, während der an­dere, der nur dem Namen nach wie ein Beter erschien, in seiner Feindschaft gegen Meinen wahren Beter oft betete, er möchte mit Blindheit geschlagen werden. Schließlich erhörte Gott in Seinem Liebeswillen die Gebete des wahren Beters, und der an­dere, der bisher nur ein Heuchler war, empfing Geistes-Augen. Mit fröhlichem Herzen wurde dieser Mann ein wahrhaft Gläu­biger und ein aufrichtiger und treuer Bruder Meines wahren Dieners.

9. Das Gebet macht für die Menschen Dinge möglich, die sie auf andere Weise unmöglich finden. Und sie erfahren solche wundervollen Dinge im Leben, die nicht nur den Regeln und Meinungen weltlicher Weisheit zuwider sind, sondern allesamt für unmöglich gehalten werden. Die Gelehrten erkennen nicht an, daß Er, der allem Geschaffenen Ordnung und Gesetze ge­geben hat, nimmer in Seinen eigenen Gesetzen eingesperrt wer­den kann. Die Wege des großen Gesetzgebers sind unerforschlich, denn Sein ewiger Wille und Absicht ist die Segnung und Wohlfahrt aller Seiner Geschöpfe. Der natürliche Mensch kann diese Tatsache nicht begreifen, weil Geistliches nur geistlich er­kannt werden kann (1. Kor. 2,14).

Das größte aller Wunder ist die neue Geburt im Menschen. Wer dieses Wunder selbst erfahren hat, für den sind alle anderen auch möglich. Nun ist in sehr kalten Ländern eine Brücke aus Wasser ein allgemeiner Anblick; denn wenn die Oberfläche eines Flusses fest gefroren ist, so fließt das Wasser darunter ruhig wei­ter, aber die Menschen schreiten leicht und sicher über die Eis­brücke. Aber wenn man zu Leuten, die fortwährend in der Hitze eines tropischen Klimas schwitzen, von einer Brücke aus Wasser spräche, die einen strömenden Fluß überspannt, so würden sie sofort sagen, so etwas sei unmöglich und gegen die Naturgesetze. Derselbe große Unterschied besteht zwischen denen, die wieder-

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geboren sind und durch Gebet ihr geistliches Leben erhalten, und jenen, die ein weltliches Leben führen, nur etwas Materielles schätzen und dadurch das Leben der Seele überhaupt nicht kennen.

10. Wer von Gott durch das Gebet die Segnung eines geist­lichen Lebens empfangen will, der muß glauben und gehorchen, ohne zu fragen. Als Ich dem Mann, der mit einer verdorrten Hand zu Mir kam, befahl, er solle sie ausstrecken, gehorchte er sofort, und so wurde sie gleich der anderen wieder heil (Matth. 12, 10 bis 13). Aber angenommen, er hätte, anstatt sofort zu gehorchen, begonnen, Einwendungen zu machen und zu sagen: Wie kann ich meine Hand ausstrecken? Wenn ich das tun könnte, wozu bin ich dann zu Dir gekommen? Zuallererst heile meine Hand, und dann werde ich sie ausstrecken können." Das alles wäre sehr ver­nünftig gewesen, aber seine Hand wäre dann niemals geheilt worden.

Wer betet, muß glauben und gehorchen und seine schwachen und verdorrten Hände zu Mir im Gebet ausstrecken; dann will Ich ihm geistliches Leben schenken, und es soll ihm gewährt wer­den, wie er es braucht (Matth. 21, 22).

 

 

4. Kapitel

DIENST

1.

Der Jünger:

Meister, was ist wirklich mit Dienst gemeint? Heißt das, wir sollen erst dem Schöpfer dienen und dann um Seinetwillen auch Seinen Geschöpfen? Kann denn der Mensch, der schließlich bloß ein Wurm ist, Gott in Seiner Fürsorge für Seine große Familie

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überhaupt eine Hilfe leisten, die von Wert ist, oder hat Gott, wenn Er Seine Geschöpfe bewahren und erhalten will, des Men­schen Hilfe nötig?

Der Meister:

1. Dienst bedeutet geistliches Leben in die Tat umgesetzt und folgt ganz von selbst aus der Liebe. Gott ist Liebe und deshalb in der Fürsorge für Seine Schöpfung immer tätig. Deshalb will Er, daß Seine Geschöpfe und vor allem der Mensch, den Er nach Sei­nem Ebenbilde geschaffen hat, niemals müßig seien. In der Für­sorge um die Erhaltung Seiner Geschöpfe braucht Gott keines anderen Hilfe, denn Er hat sie so geschaffen, daß sie ohne Seine Hilfe nicht weiterbestehen könnten. Und Er hat auch für alles ge­sorgt, was sie brauchen, um ihre Wünsche zu befriedigen. Wahrer Dienst an anderen hat den großen Vorzug, daß er dem Dienen­den selber hilft — gerade so wie es dir in Tibet ergangen war. Als du wegen der bitteren Kälte dem Tode nahe warst, sahst du einen anderen sterbend im Schnee liegen. Da gingst du zu ihm, hobst ihn auf die Schultern und schlepptest ihn weiter. Die Anstren­gungen, die du machtest, erzeugten in deinem Leib Wärme; die ging auch auf ihn über, und ihr wart beide gerettet. So hast du, indem du ihn rettetest, zugleich dein eigenes Leben gerettet. Das ist die wahre Folge des Dienstes. Keiner kann für sich allein leben ohne die Hilfe anderer. Sollte jemand von einem anderen Hilfe empfangen und solchen Beistand nicht nach bestem Vermögen wieder erstatten wollen, solch ein undankbarer Kerl würde kein Recht haben, von irgend jemandem irgendwelche Hilfe zu er­warten.

2. Nur wenn der Mensch die ihm von Gott verliehenen Fähig­keiten und Kräfte in den Dienst an Gott und Mensch stellt, wird er von Gott die Hilfe empfangen, die Er allein geben kann. So­bald der Mensch seine Schuldigkeit tut, schenkt Gott die Voll­endung. So war es zum Beispiel Sache der Menschen, den Stein vom Grabe des Lazarus fortzuschaffen; dazu mußte Gott Seine Macht nicht einsetzen. Als aber die Leute den Stein fortgerückt hatten, tat Gott, das ist Ich Selbst, was über der Menschen Macht

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und Geschick hinausging: Denn der, welcher den Toten wieder lebendig macht, bin Ich. Danach gab es dann wieder Arbeit für die Menschen: sie hatten Lazarus die Leichentücher abzunehmen, damit er wieder ganz frei würde (Joh. 11, 39, 41 und 44).

Genau so geht es mit denen, die in der Sünde tot sind. Die Ar­beit Meiner Jünger ist es, die Grabsteine der Hindernisse und Schwierigkeiten fortzuräumen, aber Mein Werk ist es, das Leben zu geben. Oft bleiben einige, die geistliches Leben empfangen haben, noch Gefangene ihrer alten bösen Gewohnheiten und schlechten Gesellschaft, und die Aufgabe Meiner Kinder ist es, sie in die vollkommene Freiheit zu führen. Damit sie diesen gro­ßen Dienst auch tun können, sollten sie mit Herz und Seele immer wachsam sein.

3. Ein gewisser König sagte auf seinem Sterbelager zu einem seiner getreuen Diener folgendes: „Ich hatte die Gewohnheit, daß ich, wenn ich eine Reise unternehmen wollte, dich vorausschickte, damit du mein Kommen ankündigtest und alles für meinen Emp­fang vorbereitetest. Ich schicke mich jetzt an, ins Totenreich zu gehen. Eile deshalb und kündige ihnen an, daß ich zu ihnen kom­men werde." Zuerst verstand der getreue Diener nicht, was sein Herr meinte; aber kaum hatte er verstanden, er solle sterben und vor dem König ins Totenreich gehen, als er auch schon, ohne nur einen Augenblick zu zögern oder zu zweifeln, ein Schwert in sein Herz stieß und somit ins Totenreich hinüberging, um dort seinen Herrn zu erwarten. Gleichermaßen ist es die Pflicht derer, die Mir dienen, der Ich der Fürst des Lebens und der König aller Könige bin (Apg. 3,15; Offbg. 19,16), daß sie die Botschaft des Heils denen bringen, die tot sind in der Sünde, und daß sie bereit sind, sogar das Leben für Mich zu geben, der Ich zu ihrer Ret­tung auf die Erde kam und noch einmal kommen werde (Offen­barung 2,10).

4. Einst verließ ein aufsässiger Sohn seines Vaters Haus; er trat einer Räuberbande bei und wurde mit der Zeit so dreist und unbarmherzig wie die anderen. Der Vater rief seine Diener und trug ihnen auf, sie sollten zu seinem Sohn gehen und ihm sagen,

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daß er ihm, wenn er umkehre und heimkomme, alles vergeben und ihn wieder in sein Haus aufnehmen wolle. Aber die Diener fürchteten sich vor dem wilden Lande und den grimmigen Räu­bern und weigerten sich zu gehen. Da machte sich der ältere Bru­der des jungen Mannes, der ihn ebenso wie sein Vater liebte, auf, um die Botschaft der Vergebung zu überbringen. Aber gleich nachdem er den Dschungel betreten hatte, überfiel ihn eine Räu­berbande und verwundete ihn tödlich. Einer der Bande war der jüngere Bruder. Als er seinen älteren Bruder erkannte, war er von Gram und Gewissensangst erfüllt. Der ältere Bruder konnte ihm gerade noch die Botschaft der Vergebung ausrichten. Dann sagte er, das Ziel seines Lebens sei erreicht und die Liebespflicht erfüllt, und gab seinen Geist auf. Dieses Opfer des älteren Bru­ders machte auf den aufsässigen Jungen solch einen tiefen Ein­druck, daß er voll Reue zu seinem Vater zurückkehrte und von dem Tag an ein neues Leben begann. Ist es deshalb nicht richtig, daß Meine Söhne bereit sein sollten, ihr Leben zu opfern, um die Gnadenbotschaft denen unter ihren Brüdern zu bringen, die in die Irre gegangen und in der Sünde zugrunde gerichtet worden sind, genau so wie auch Ich Mein Leben zur Erlösung aller ge­geben habe?

5. Meine Kinder sind wie Salz in der Welt (Matth. 5,13). Wenn die Salzkristalle nicht aufgelöst werden, können sie ihren Ge­schmack nicht übermitteln. So steht es auch mit Meinen Kindern. Wenn sie nicht im Feuer der Liebe und des Heiligen Geistes ge­schmolzen und zu einem lebendigen Opfer werden, vermögen sie nicht einer einzigen Seele jenes geistliche und himmlische Leben zu bringen, durch das sie gerettet werden kann. Dann sind sie um nichts besser als Lots Weib, das zur Salzsäule wurde (t. Mose 19, 26). Aber gerade so wie Ich um euretwillen in Gethsemane geschmolzen wurde (Luk. 22, 44) und am Kreuz Mein Leben hin­gab, damit Ich das Leben der Menschen rettete — denn für Leben muß man mit Leben bezahlen —, so seid auch ihr dazu aufgerufen, daß ihr euer Leben gebt und dadurch anderen den Geschmack geistlichen Lebens bringt und sie vom Tode errettet.

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6. Ein gewisser Mörder wurde nicht gehängt, sondern in die Schlacht geschickt. Da kämpfte er für König und Vaterland mit so unerschrockenem Mut, daß er, obwohl ernsthaft verwundet, doch als Sieger zurückkehrte. Nach dem Siege wurde er wieder vor den Gerichtshof gestellt, damit er sein Urteil empfange. Als der König an seinem Leibe die Spuren seiner Wunden sah, hob er das Todesurteil auf und vergab ihm nicht nur sein Verbrechen, sondern gewährte ihm auch eine hohe Belohnung und gab ihm eine Ehrenstellung. So sollen auch jene, die an Meiner Seite in dem Heiligen Krieg gegen den Satan mit Mut und Kühnheit kämpfen, damit sie ihre Brüder und Schwestern retten, von Mir nicht nur die Vergebung der Sünden empfangen, sondern im Reiche Gottes will Ich ihnen eine Krone und ein Königreich ver­leihen (Jak. 5, 20; Offbg. 3, 21).

7. Das Rohr, das dazu dient, reines Wasser zu spenden, wird von dem durchfließenden Wasser selber rein gehalten. So ergeht es auch denen, die durch den Heiligen Geist das Wasser des Lebens zu anderen bringen: sie werden selber gereinigt und erben das Reich Gottes.

8. Der beste Weg, wie der Gläubige sich zum Empfang des Heiligen Geistes und zum Dienst zurüsten kann, ist, der himm­lischen Stimme zu gehorchen und, soweit die Kräfte reichen, so­fort mit dem Dienen anzufangen. Wer ein guter Schwimmer wer­den will, für den ist jeder Unterricht nutzlos, solange er nicht ins Wasser steigt und selber übt. Und nur wer fortwährend übt, zu­nächst im seichten und dann im tiefen Wasser, kann es in dieser Kunst zu etwas bringen. Genau so ergeht es denen, die lernen wollen, wie sie die Seelen derer retten können, die in den dunklen Wassern der Sünde versinken. Der beste Weg dazu ist, daß sie in die einzig wirkliche und praktische theologische Schule eintreten, und die heißt: Gemeinschaft mit Mir (Apg. 4, 13).

9. Manche lassen sich vom Dienst abhalten, weil sie an ihre Schwachheit denken und nicht daran, daß Meine Kraft in den Schwachen mächtig ist (2. Kor. 12, 9). Sie gleichen Kranken, die, obgleich sie sich von ihrem Leiden erholt haben und stärkende

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Nahrung zu sich nehmen, dennoch schwach bleiben, weil sie weder arbeiten noch eine geeignete Übung unternehmen. Solche Gläubigen sollten ihr Vertrauen in Mich setzen und dann an­fangen, Sünder vom Untergang zu erretten.

 

II

1. Liebe ist der Prüfstein, wodurch die Wirklichkeit der Wahr­heit erkannt wird. Daran soll jedermann erkennen, daß ihr Meine Jünger seid (Joh. 13, 35). Ich gebrauche auch das Schwert der Gerechtigkeit, so daß auf den ersten Blick manche geneigt sind zu denken, Ich wolle, ähnlich wie Salomo, Mein Werk ohne Barm­herzigkeit zu Ende führen (1. Kor. 3, 16—28). Dabei will Ich aber, genau so wie er, nur den Prüfstein der Liebe anwenden, der die Wahrheit herausbringt, und zeigen, daß ihr die Kinder jenes Gottes der Liebe seid, der Sein Leben gab, damit Er das eure errette. Deshalb sollt ihr in der Liebe bleiben, einander dienen und selbst euer Leben einsetzen, um anderen zu dienen, wie Ich auch Mein Leben für euch gegeben habe. Denn Ich lebe, und ihr sollt auch leben (Joh. 14,19).

2. Wenn ihr wirklich Meine Jünger seid, wird euer Liebesdienst viel Frucht bringen (Joh. 15, 8). Und wenn die Menschen übel von euch reden und euch schmähen, so betet für sie; schmäht sie nicht wieder, sondern lasset sie die süße Frucht eurer Liebe schmecken.

Wenn mutwillige Knaben auf einem Baum eine süße Frucht erblicken, so werfen sie nach ihr mit Steinen. Der Baum aber wirft ihnen, ohne zu murren, nicht Steine, sondern süße Früchte zu. Denn der Baum hat keine Steine, die er werfen könnte; aber was Gott ihm gegeben hat, das gibt er weiter, ohne sich zu be­klagen. Laßt euch durch keine Mißhandlung niederwerfen; denn wenn die Menschen euch beschimpfen, so ist damit völlig er­wiesen, daß euer Leben Frucht bringt. Obgleich sie euch aus Neid und Bosheit so behandeln, so wird gerade dadurch die Herrlich­keit eures himmlischen Vaters offenbar. Meinet nicht, Gott hun-

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gere nach Verherrlichung, oder Ihm fehle etwas an Seiner Ehre, das der Mensch ergänzen könnte. Keineswegs! Das Ziel Seiner Liebe ist, das armselige Menschengeschöpf aus seinem Sündenzustand, in den es gefallen ist, herauszuholen und in Seine himmlische Herrlichkeit emporzutragen. So verherrlicht Er nicht sich selber, sondern den Menschen, indem Er ihn reinigt, und darin wird das Wunder und die Majestät Seiner Liebe offenbar.

3. Denen, die durch ihren Dienst vielen dazu verhelfen haben, daß sie sich von der Sünde abwenden und Gerechtigkeit finden in Mir, will Ich solche Herrlichkeit verleihen, daß sie zunächst leuch­ten sollen wie die Sterne und dann, nachdem sie vollkommen ge­macht worden sind, scheinen wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht, erbleichen und ver­schwinden die Sterne; aber der Wille Meines Vaters ist: Seine Söhne sollen so vollkommen gemacht werden, wie Er selber ist, mit Ihm in ewiger Herrlichkeit scheinen und auf ewig in Seiner grenzenlosen und ewigen Liebe fröhlich sein.

4. Es gibt kleine Geschöpfe, die weit unter dem Menschen stehen, wie der Leuchtkäfer mit seinem flackernden Licht und gewisse kleine Pflanzen im Himalaja, die durch ihr schwaches phosphorisches Strahlen, soweit sie vermögen, den dunklen Dschungel, in dem sie leben, erleuchten. Auch winzige Fische in der Tiefe des Meeres strahlen ein schimmerndes Licht aus, das andere Fische leitet und ihnen hilft, ihren Feinden zu entgehen. Wieviel mehr sollten Meine Kinder Lichter in der Welt sein (Matth. 5,14) und begierig, daß sie durch Selbst-Opfer mit dem ihnen von Gott gegebenen Licht diejenigen auf den Weg der Wahrheit bringen, die in der Finsternis leicht eine Beute des Satans werden.

5. Wenn sie diese vom Himmel gesandten Kräfte nicht im Dienst Gottes und Seiner Geschöpfe gebrauchen, dann laufen sie Gefahr, jene himmlischen Gaben für immer zu verlieren. Das ist bei gewissen Fischen geschehen, die in den tiefen Wassern dunkler Höhlen leben, auch bei einigen Einsiedlern in Tibet; denn beide haben so lange in der Finsternis gelebt, daß sie ihre Sehkraft

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vollständig verloren haben. Gleichermaßen hat der Strauß, weil er seine Flügel nicht gebrauchte, die Kraft zu fliegen überhaupt verloren. Achte deshalb darauf, daß du nicht die Gaben oder Talente, die dir anvertraut worden sind, mißachtest, sondern ge­brauche sie, damit du teilhabest an der Seligkeit und Herrlichkeit deines Meisters (Matth. 25,14—30).

6. Gelegentlich, wenn es irgendeinen großen Dienst zu leisten gibt, der vielen Heil und Segen bringt, wähle Ich dazu diejenigen, die in den Augen der Welt gering geachtet werden, weil sie sich nicht der Kraft ihrer eigenen Weisheit rühmen; vielmehr setzen sie ihr ganzes Vertrauen in Milch, schätzen ihre Fähigkeiten ge­ring und weihen alles, was sie haben und sind, Meinem Dienst für die Menschen (1. Kor. 1, 26—30). Zum Beispiel: Als Ich in der Wüste die Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen speiste, da tat Ich, wie du dich erinnerst, dieses Wunder nicht mittels Meiner Jünger, denn sie waren voller Zweifel und Ver­legenheit und wollten die Menge hungrig fortschicken (Joh. 6, 9). Mein Diener bei dieser Gelegenheit wurde ein kleiner Knabe 8, den Ich von seiner Lähmung geheilt hatte. Er war voller Begier, Meine Worte zu hören, und beschloß, Mir zu folgen. Seine arme Mutter hatte in sein Zeug etwas Gerstenbrot und getrock­neten Fisch gepackt, gerade genug für eine Reise von zwei oder drei Tagen. Als man dann nach Nahrungsmitteln für die Menge suchte, brachte dieser getreue Knabe alles, was er hatte, und legte es den Jüngern zu Füßen. Obgleich auch reiche Leute da waren, die viel besseres Essen, etwa Weizenbrote, bei sich hatten, waren sie doch nicht bereit, es herzugeben. So wurde die Menge mit den Gerstenbroten dieses Knaben durch Meinen Segen herrlich gespeist.

7. Es gibt viele Menschen, die bleiben, was ihnen auch an Seg­nungen geschenkt werden mag, unzufrieden und undankbar. Und selbst wenn zu ihrem Besten Wunder geschehen, so bleiben sie dennoch unzufrieden und ohne Dank. Solche Leute sind zum Dienst und Segen anderer nicht zu gebrauchen, sondern gleichen dem Mann, den Ich heilte, nachdem er 38 Jahre lang an einer un-

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heilbaren Krankheit gelitten hatte: anstatt zu danken und an Mich zu glauben, nahm er sich nicht einmal mehr die Mühe, Meines Namens zu gedenken (Joh. 5,12—13). Von solchen Leu­ten kann die Welt keinen Segen erhoffen; Segen kommt nur von denen, die, gleich der armen Witwe, bereit sind, alles, was sie haben, hinzugeben, und sei es auch das Unentbehrlichste (Luk. 21,2-4).

8. Um in Wahrheit zu dienen und ihre Pflicht zu erfüllen, müs­sen Meine Diener bereit sein, selbst das Leben hinzugeben. So hatte es jener getreue Soldat getan: In bitterer Kälte und fallen­dem Schnee harrte er auf seinem Posten aus, bis er sich zu Tode fror; gleich einem Standbild stand er an seinem Platz, obgleich die anderen Wachmannschaften fortgingen und sich am Feuer wärmten. Als der König kam und ihn stehen sah, noch im Tod unbeweglich und getreu, nahm er seine Krone ab, setzte sie ihm für eine Weile aufs Haupt und sagte: „Solch ein getreuer Soldat und Diener ist der Ehre und Herrlichkeit meiner Krone wert. Ich wünsche, er lebte noch, denn dann würde ich ihn an die Spitze meines Königreichs stellen!" Genau so müssen Meine treuen Diener sein in dem Dienst, in den Ich sie gestellt habe. Und wer bis zuletzt mit ebensolcher Treue und gleichem Mut arbeitet, dem will Ich eine unvergängliche Krone ewigen Königtums geben (2. Tim. 4, 5—8).

9. Viele haben die kostbare Zeit, die ihnen gegeben war, da­mit sie Mir dienten, vergeudet; aber selbst jetzt haben sie noch Gelegenheit, sich aufzumachen und die Zeit, die ihnen verbleibt, aufs beste zu nutzen. Sie gleichen einem Jäger, der, während er den Dschungel durchzog, am Ufer eines Gewässers einige hübsche Steine auflas. Er kannte ihren Wert nicht, legte einen nach dem anderen auf seine Schleuder und schoß mit ihnen auf die Vögel, die auf den Bäumen nahe am Flusse saßen. So fielen sie, einer wie der andere, ins Wasser und gingen verloren. Mit dem letzten in der Hand kehrte er zur Stadt zurück. Als er an den Läden vor­beiging, erblickte ein Juwelier den Stein und sagte dem törichten Kerl, es sei ein wertvoller Diamant, für den er Tausende von

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Mark bekommen könne. Als er das hörte, begann er sich selbst zu beklagen und sprach: „Weh mir! Ich kannte ihren Wert nicht und habe viele dieser Diamanten dazu benützt, auf Vögel am Flußufer zu schießen; sie sind in den Fluß gefallen und verloren, sonst wäre ich ein Millionär geworden. Immerhin habe ich diesen einen gerettet, und das ist doch noch ein Gewinn." Ein jeder Tag gleicht einem kostbaren Diamanten. Und obgleich viele unschätz­bare Tage mit der Jagd nach vergänglichen Vergnügungen ver­geudet worden und für immer in den Tiefen der Vergangenheit versunken sind, solltest du doch wach werden für den Wert des­sen, was geblieben ist. Ziehe daraus den bestmöglichen Nutzen, so wirst du noch geistliche Schätze sammeln. Nutze es in Meinem Dienst, der Ich dir das Leben und all seine unschätzbaren Seg­nungen gegeben habe. Und indem du es nutzest, um andere von Sünde und Tod zu erretten, wirst du ewigen und himmlischen Lohn empfangen.

 

 

 

5. Kapitel

DAS  KREUZ UND   DAS   GEHEIMNIS   DES  LEIDENS

 

I

Der Jünger:

Was bedeutet das Kreuz, und wozu ist es da? Und wozu gibt es Schmerz und Leiden in der Welt?

Der Meister:

1. Das Kreuz ist der Schlüssel zum Himmel. In dem Augen­blick, da Ich in Meiner Taufe um der Sünder willen das Kreuz auf Meine Schultern nahm, tat sich der Himmel auf. Und weil

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Ich dreiunddreißig Jahre lang das Kreuz trug und daran starb, wurde der Himmel, der wegen der Sünde verschlossen war, den Gläubigen für immer geöffnet.

Sobald nun Gläubige ihr Kreuz auf sich nehmen und Mir nach­folgen, gehen sie durch Mich in den Himmel ein (Joh. 10, 9) und beginnen jene grenzenlose Seligkeit zu genießen, welche die Welt nicht verstehen kann, denn dem Unglauben ist der Himmel ver­schlossen. Hoffnung und Erfahrung lehren auch den Ungläubi­gen: auf Leiden folgt Freude, aber jene Freude dauert nicht. Doch Ich gebe Meinen Kindern im Leiden Ruhe, vollkommene Seligkeit und Frieden. Wer Mein Kreuz fröhlich auf sich nimmt, der wird selbst von ihm getragen. Wen das Kreuz hält, der geht schließ­lich in den Himmel ein.

2. Das Leiden folgt aus der verkehrten und aufsässigen Art des Menschen. Es ist damit wie mit der tropischen Hitze: diese ermüdet und quält die Menschen kalter Länder; entsprechend wirkt die Kälte auf die Menschen tropischen Klimas. Hitze und Kälte hängen von der Stellung der Erde zur Sonne ab. So tritt der Mensch, indem er seinen freien Willen gebraucht, in einen Zu­stand, da er entweder Gott zustimmt, oder da er sich gegen Gott auflehnt. Insoweit Gottes Gesetze die geistliche Gesundheit und Glückseligkeit des Menschen fördern sollen, bringt der Wider­spruch gegen sie geistliches Leiden. Gott beseitigt diesen Zustand der Empörung gegen Seinen Willen nicht; vielmehr benutzt Er ihn und zeigt dem Menschen: diese Welt ward nicht als seine Heimat erschaffen, sondern ist ein ihm fremdes Land (2. Kor. 5, 1—2 und 6).

Diese Welt soll ihn nur auf seine vollkommene und ewige Hei­mat vorbereiten, und die wiederholten Schläge des Mißgeschicks wollen seinen Geist wachhalten, damit er nicht nachlässig werde, von der Wahrheit abfalle und in den Zusammenbruch dieser un­beständigen Welt mit hineingezogen werde. Der Mensch ist dazu bestimmt, daß er mit seinem Schöpfer Gemeinschaft habe und, vom Leiden und Elend dieses vergänglichen Lebens befreit, in Seinen Himmel ewiger Seligkeit und ewigen Friedens eingehe.

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3. Das Leiden ist bitter wie Gift. Aber es ist auch wohlbekannt, daß mitunter das Heilmittel gegen ein Gift selbst wieder Gift ist. Und so wende Ich zuzeiten das Leiden wie eine bittere Medizin an, um die geistliche Gesundheit und Kraft Meiner Gläubigen zu fördern. Sowie ihre vollkommene Gesundheit gesichert ist, hat alles Leiden ein Ende. Ich habe keine Freude an ihrem Leiden, denn Mein einziges Ziel ist ihr ewiges Wohl (Klag. 3,31 und 33).

4. Wie nach einem Erdbeben an wüsten Orten mitunter Süß­wasserquellen aufbrechen und das dürre Land bewässert und fruchtbar wird, so erschließt in gewissen Fällen das Leiden im Herzen eines Menschen verborgene Quellen lebendigen Wassers, und statt Murren und Klagen gehen von ihm Ströme der Dank­barkeit und Freude aus (Ps. 119, 67 und 71).

5. Sobald ein Kind auf die Welt kommt, muß es schreien und kreischen, damit es durchatmet und seine Lungen sich strecken; und wenn es aus irgendeinem Grunde nicht schreit, muß man ihm Schläge geben, bis es schreit. Genau so steht es mit der vollkom­menen Liebe. Zuzeiten lasse Ich Meine Kinder unter den Schlä­gen und Stichen des Leidens laut aufschreien, damit der Atem des Gebets durch die Lungen des Geistes ziehe und sie dadurch frische Kraft gewinnen und im ewigen Leben bleiben.

6. Das Kreuz gleicht der Walnuß: deren äußere Schale ist bit­ter, aber der innere Kern schmeckt angenehm und gibt Kraft. So bietet das Kreuz keinen Reiz äußerer Erscheinung, aber dem Kreuzträger offenbart es sein wahres Wesen, und er findet in ihm auserwählte Süßigkeiten geistlichen Friedens.

7. Als Ich Mensch wurde, trug Ich das grausame Kreuz zur Er­lösung des Menschen nicht nur während der sechs Stunden Mei­ner Kreuzigung, auch nicht allein während der dreieinhalb Jahre Meines Dienstes, sondern während der ganzen 33J/2 Jahre Mei­nes Lebens, damit der Mensch von der Bitterkeit des Todes befreit werde. Wie es für einen reinlichen Menschen peinlich ist, wenn er sich auch nur für wenige Minuten an einem schmutzigen und un­reinlichen Ort aufhalten muß, so findet, wer in Mir bleibt, es höchst widerwärtig, wenn er unter lasterhaften Menschen leben

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muß. Und das ist auch der Grund, weswegen einige Beter, welche die Unreinheit der Sünde nicht mehr ertragen konnten, die Welt verlassen und als Einsiedler in Wüsten und Höhlen gelebt haben. Bedenke, wenn schon Menschen, die selber Sünder gewesen sind, die Gegenwart der Sünde so schwer ertragen, daß sie die Gesell­schaft ihrer eigenen Art nicht mehr aushaken können, so daß sie diese verlassen und niemals mehr zu ihr zurückkehren wol­len : wie außerordentlich schmerzhaft und schwer muß ein Kreuz wie das Meine gewesen sein, da Ich, die Quelle der Heiligkeit, mehr als 33 Jahre hindurch fortwährend unter Menschen leben mußte, die von Sünde befleckt waren. Dies zu verstehen und recht zu würdigen geht über die Kräfte des menschlichen Geistes hinaus, und selbst die Engel gelüstet es zu schauen (i. Petr. 1,12). Sie wußten zwar vor der Schöpfung, Gott ist Liebe. Aber es war selbst für sie höchst wunderbar und erstaunlich, daß Gottes Liebe so groß ist, daß Er, damit Seine Geschöpfe gerettet würden und ewiges Leben empfingen, Mensch wurde und das grausame Kreuz trug.

8. Sogar in diesem Leben schon teile Ich das Kreuz derer, die in Mir bleiben, und bin in ihrem Leiden bei ihnen (Apg. 9, 4). Sie sind zwar Geschöpfe, und Ich bin ihr Schöpfer. Dennoch verhalte Ich Mich zu ihnen wie der Geist zum Leib. Diese zwei, obgleich verschiedene Wesenheiten, sind doch so sehr miteinander ver­bunden, daß, wenn selbst das kleinste Glied des Leibes Schmerz fühlt, der Geist sogleich dessen inne wird. So bin Ich Leben und Geist Meiner Kinder, und sie sind sozusagen Mein Leib und Glieder. Ich teile mit ihnen all ihren Schmerz und Kummer und helfe ihnen im rechten Augenblick.

9. Ich habe Selbst das Kreuz getragen. Deshalb kann Ich auch die Kreuzträger befreien und in vollkommener Geborgenheit er­halten, selbst wenn sie mitten durch die Feuer der Verfolgung schreiten. Ich war bei den drei jungen Männern in Nebukadnezars Feuerofen, der bei allem Wüten doch keine Macht hatte, sie zu verletzen (Dan. 3, 23—25; 1. Petr. 4, 12—13). Wer durch die Taufe des Heiligen Geistes das neue Leben empfangen hat, emp-

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findet weder die Feuer der Verfolgung noch irgend etwas Schäd­liches, denn in Mir bleibt er stets in ewigem Frieden und Ge­borgenheit.

 

II

1. In der bitteren Kälte des Winters stehen die Bäume vom Laub entblößt, und es scheint, als sei auch ihr Leben für immer entwichen; doch im Lenz treiben sie neue Blätter und schöne Blü­ten, und dann kommen Früchte. So stand es auch um Mich, als Ich gekreuzigt und wieder auf erweckt wurde; und so steht es auch mit Meinen getreuen Kreuzträgern (2. Kor. 4, 8—11; 6, 4—10). Obwohl es so aussieht, als seien sie unter dem Kreuz zermalmt und tot, so bringen sie dennoch die schönen Blüten und herrlichen Früchte des ewigen Lebens, die da bleiben ewiglich.

2. Wenn ein edler Baum auf einen unedlen gepfropft wird, spüren beide das Messer und müssen beide leiden, damit der unedle Baum edle Früchte trage. Ebenso mußten zuerst Ich Selbst und danach auch Gläubige die Qualen des Kreuzes erleiden, damit in das böse und sündenvergiftete Wesen der Menschen geist­liches und heiliges Leben eingehe, sie in Zukunft immerdar gute Früchte bringen und dadurch die herrliche Liebe Gottes offen­baren.

3. Wenn euch die Menschen in dieser Welt verleumden und verfolgen, so lasset euch das nicht überraschen oder bedrücken, denn diese Welt ist für euch kein Ruheplatz, sondern ein Schlacht­feld. Weh euch, wenn die Menschen dieser Welt euch wohlreden (Luk. 6, 26), denn das beweist, daß ihr deren verkehrten Wegen und Gewohnheiten folgt. Meine Kinder zu loben, geht gegen ihr Wesen, denn Licht und Finsternis können nicht zusammen­gehen. Wenn böse Menschen um des äußeren Scheines willen gegen ihre Art handeln und euch nicht mehr verfolgen, dann habt ihr um so größeren Schaden, denn ihr Einfluß dringt in euer geistliches Leben ein und hemmt euer geistliches Wachstum.

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Wenn ihr der Welt oder weltlichen Menschen vertraut, so baut ihr euer Haus auf Sand; denn heute erheben sie euch, und mor­gen schlagen sie euch nieder, so daß keine Spur mehr von euch übrig bleibt, denn sie sind in allen Dingen unbeständig. Als Ich zum Passahfest nach Jerusalem ging, da schrieen sie alle wie mit einer Stimme: „Hosianna, Hosianna!" (Matth. 21, 9). Und als sie drei Tage später sahen, daß das, was Ich sagte, gegen ihr sündiges und selbstsüchtiges Leben ging, änderten sie sogleich ihren Sinn und schrieen: „Kreuzige Ihn! Kreuzige Ihn!" (Luk. 23, 21).

4. Wenn einmal einige oder gar alle Gläubigen sich aus Miß­verstand gegen euch wenden und euch Schmerzen bereiten, so müßt ihr das nicht als Unglück ansehen. Tut nur aufrichtig und getreu unter der Leitung des Heiligen Geistes weiterhin eure Pflicht, dann sind, wie ihr wißt, Gott Selbst und alle Heere des Himmels auf eurer Seite.

Lasset euch nicht entmutigen, denn die Zeit ist nahe, da alle eure Absichten und Pläne und all eure selbstlose Liebe der ganzen Welt bekannt gemacht werden. Dann wird euch in aller Gegen­wart für euer Mühen und treues Dienen Ehre angetan.

Auch Ich mußte — zur Erlösung der Menschen — alles auf­geben und wurde selbst von allen aufgegeben; aber am Ende ge­wann Ich alles zurück. So seid auch nicht überrascht, wenn die Welt euch verläßt, denn sie hat Gott selbst verlassen. Darin wer­det ihr nur als rechte Kinder eures Vaters befunden.

5. Denke nicht, die Menschen, die ein üppiges Leben führen und in weltlichen Angelegenheiten immer Erfolg zu haben schei­nen, seien alle wahre Gottesanbeter; denn oft ist das Gegenteil der Fall. Schafe können sich wohl von Hürde und Hirten ent­fernen und im Dschungel gute Weide finden, aber all die Zeit über laufen sie Gefahr, daß Raubtiere sie in Stücke reißen, und das wird ihnen schließlich auch geschehen. Doch die in der Hürde beim Hirten bleiben, obgleich sie krank und schwach erscheinen mögen, sind sicherlich frei von Gefahr und in des Hirten Für­sorge. So unterscheiden sich Gläubige und Ungläubige.

6. Das Leben des Gläubigen und das des Ungläubigen zeigen zum Anfang große Ähnlichkeit, aber wenn ihr Ende kommt, so sind sie so verschieden wie Schlange und Seidenraupe. Die Schlange, wie oft sie sich auch häutet, bleibt stets eine Schlange; aber die Seidenraupe, wenn sie ihre häßliche Hülle abgeworfen hat, wird eine neue Kreatur und fliegt als zarter hübscher Schmet­terling in der Luft umher. So geht der Gläubige, wenn er diesen Leib abgelegt hat, in einen Zustand geistlicher Herrlichkeit ein und steigt auf ewig zum Himmel empor, während der Sünder nach dem Tode nichts als ein Sünder ist.

Obgleich die Seidenraupe, in ihrer Hülle eingeengt, sich in einem Zustand der Bedrückung und des Kampfes befindet, als ob sie am Kreuz leiden müßte, so läßt doch gerade dieses Ringen ihre Flügel erstarken und rüstet sie für ihr künftiges Leben aus. So stehen auch Meine Kinder, während sie im Leibe leben, in geist­lichem Kampf und Widerstreit und erwarten ihre Befreiung mit Seufzen und Sehnen. Aber durchs Kreuztragen gebe Ich ihnen Kraft, und sie werden völlig ausgerüstet und zubereitet für das ewige Leben (Röm. 8, 23).

Mitten in diesem geistlichen Kriegsleben, und selbst während sie ihr Kreuz tragen, gebe Ich ihnen wunderbaren Herzensfrieden, damit sie ihren Mut nicht verlieren. Zum Beispiel: Als einer Meiner getreuen Märtyrer für Mich in Wort und Tat Zeugnis abgelegt hatte, nahmen ihn seine Feinde und hängten ihn an einen Baum, den Kopf nach unten. In dieser Lage war sein Ge­müt so voller Frieden, daß er weder Schmerz noch Schande spürte, sondern sich zu seinen Verfolgern wandte und sagte: „Die Art, wie ihr mich behandelt, kann mich nicht erschrecken noch vernich­ten; denn in einer Welt, wo alles auf dem Kopf steht und nichts Aufrechtes zu sehen ist, kann ich nichts anderes erwarten. Ihr meint, ihr habt mich im Einklang mit eurem Wesen verkehrt auf­gehängt; .aber in Wirklichkeit bin ich nun in der richtigen Stel­lung. Es geht mir wie dem Bild in einer Bildlaterne: nur wenn es auf den Kopf gestellt wird, erscheint es in seiner richtigen Ge­stalt. Obgleich ich in den Augen der Welt auf dem Kopf stehe,

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so habe ich vor Gott und der himmlischen Welt doch die rechte Haltung. Und ich danke Ihm für dieses herrliche Kreuz."

8. Mitunter würde es den Gläubigen leicht, um Meines Namens willen zu Märtyrern zu werden. Doch ich brauche auch lebende Zeu­gen, die sich anderen zum Heil täglich zum lebendigen Opfer brin­gen (1. Kor. 15,31). Sterben ist leicht, aber Leben ist schwer; denn das Leben eines Gläubigen ist ein tägliches Sterben. Die aber so bereit sind, um Meinetwillen ihr Leben hinzugeben, die sollen an Meiner Herrlichkeit teilhaben und in der Freude Fülle mit Mir ewiglich leben.

9. Sollten Schmerzen und Leiden, Sorge und Kummer sich gleich Wolken erheben und eine Zeitlang die Sonne der Gerech­tigkeit verdunkeln und sie deinem Blick verbergen, so erschrick nicht, denn am Ende wird diese Wolke des Wehs auf dein Haupt Segnungen herabgießen, und die Sonne der Gerechtigkeit wird sich über dir erheben und nimmermehr untergehen (Joh. 16, 20—22).

 

 

6. Kapitel

HIMMEL  UND  HÖLLE

 

Der Jünger:

Meister, was sind Himmel und Hölle, und wo sind sie?

Der Meister:

1. Himmel und Hölle sind die beiden entgegengesetzten Zu­stände in der Geisteswelt. Sie nehmen ihren Ausgang im Men­schenherzen, und ihr Grund wird in dieser Welt gelegt. Wie der Mensch seinen eigenen Geist nicht sehen kann, so kann er auch

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diese beiden Zustände der Seele nicht sehen. Aber er erfährt sie in seinem Inneren genau so, wie er den Schmerz fühlt, wenn er geschlagen wird, und die Süße schmeckt, wenn er Süßigkeiten ißt. Die Wunde, die ein Schlag hervorruft, kann größer werden, bis sie den größten Schmerz bereitet und schließlich zu Tod und Fäulnis führt, und die Süßigkeiten andererseits können durch die Verdauung die Kraft steigern. Ebenso können der Schmerz über eine sündige Tat und die Freude über ein gutes Werk bis zu einem gewissen Grade unmittelbar wahrgenommen werden, aber die volle Strafe oder der volle Lohn dafür werden erst beim Eintritt in die Geisteswelt empfangen.

2. Der Mensch ist in dieser Welt niemals auf längere Zeit mit einer einzigen Sache zufrieden, sondern fortwährend sucht er, Umstände und Umgebung zu ändern. Daraus erhellt, die ver­gänglichen Dinge dieser Welt können ihn niemals zufriedenstel­len. Er braucht vielmehr etwas Beständiges und Unwandelbares, das seinem Empfinden und Wünschen immer zusagt. Wenn er bei seinem Suchen diese Wirklichkeit in Mir findet, dann endet die Sucht nach fortwährendem Wechsel; denn der vollkommenen Gemeinschaft und Glückseligkeit wird niemand überdrüssig, viel­mehr verlangen Leib und Geist danach. Wahren Frieden zu er­langen, ist in Wahrheit das einzige Lebensziel der menschlichen Seele. Mitunter empfindet das Menschenherz, ohne daß es daran dachte oder es begehrte, plötzlich Freude oder Leid. Das ist dann eine Ausstrahlung aus der Geisteswelt des Himmels oder der Hölle. Diese kommen immer wieder zu ihm. Allmählich herrscht gemäß seiner Geisteshaltung die eine vor, und indem er sie sich stetig aneignet, vollzieht er eine endgültige Wahl. Auf diese Weise wird schon in dieser Welt im Menschenherzen der Grund für Himmel oder Hölle gelegt, und nach dem Tode geht er in den Zustand ein, den seine Wünsche oder Leidenschaften in diesem Leben für ihn bereitet haben.

3. Einige sagen, das Begehren sei die Wurzel aller Schmerzen und Sorgen, und deshalb sei es nicht recht, Seligkeit im Himmel oder in Gemeinschaft mit Gott zu begehren, denn das Heil be-

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stehe gerade darin, alles Begehren zu töten. Das ist ebenso töricht, wie wenn man einem Durstigen rät, er solle seinen Durst töten, anstatt daß man ihm Wasser zu trinken gibt; denn Durst oder Begehren gehört zum Leben. Wer Begehren oder Durst über­winden will, ohne sie zu befriedigen, der zerstört das Leben, und das ist nicht Erlösung, sondern Tod. Wie der Durst das Wasser voraussetzt und das Wasser dazu dient, den Durst zu stillen, so setzt das Vorhandensein des Begehrens in der Seele wahre Selig­keit und Frieden voraus. Wenn die Seele Ihn findet, der ihr jenes Begehren einpflanzte, dann empfängt sie eine viel größere Be­friedigung als der durstige Mann vom Wasser, und diese Be­friedigung des Begehrens der Seele nennen wir Himmel.

4. Viele in dieser Welt gleichen dem Mann, der vor Durst starb, obgleich er sich mitten in den grenzenlosen Wassern des Meeres befand; denn Seewasser konnte seinen Durst nicht löschen oder sein Leben retten. Genau so ergeht es den Menschen, die in dem grenzenlosen Ozean der Liebe leben: weil ihnen in ihrem Un­gehorsam und ihrer Sünde das frische Wasser der Gnade Gottes bitter schmeckt, verdursten sie. Aber denen, die ihre Sünde be­reuen und sich zu Mir wenden, fließen Quellströme lebendigen Wassers aus jenem Ozean der Liebe zu, und sie finden in Ihm, der sie liebt, Befriedigung und bleibenden Frieden. Und auch das nennen wir Himmel.

5. Viele Menschen hegen eine so starke Liebe zur Welt, daß ihre Herzen, obwohl durch Beispiel und Lehre Meiner Kinder oft himmelwärts erhoben, dennoch von der Anziehungskraft der Erde herabgezogen werden. So gleichen sie Steinen, die in die Höhe geworfen werden: sie fallen in die Welt zurück und gleiten schließlich in die Hölle. Wenn jedoch der Mensch sein Herz in wahrer Reue zu Mir wendet, dann reinige Ich den Tempel seines Herzens mit der Geißel der Liebe und mache es zu einer himm­lischen Wohnung für den König aller Könige. So ist dieses irdi­sche Leben: die Herrlichkeit und Pracht der Könige ist heute noch zu sehen, aber morgen schon ist sie in den Staub gesunken. Die aber Söhne des Gottesreiches werden, haben Herrlichkeit und

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Ehre, Throne und Kronen, und ihres Königreiches, des Himmels, ist kein Ende.

6. Sünder stehlen zu ihrer eigenen Lust die Güter der anderen. Deshalb verschließen die Menschen, gute wie böse, wenn sie fort­gehen, ihre Häuser. Und dieses Abschließen der Güter muß so lange währen, wie die Menschenherzen gegen ihren Herrn und Schöpfer abgeschlossen sind. Wenn jedoch des Herzens Schloß Ihm, der immer an der Türe steht und anklopft (Offbg. 3, 20), offen ist, dann wird das Begehren und Sehnen des Herzens er­füllt. Dann wird es nicht mehr nötig sein, die Häuser zu verschlie­ßen; denn anstatt einander die Güter zu stehlen und sich gegen­seitig Schaden zuzufügen, werden alle einander in Liebe dienen. Wenn die Menschen Gott geben, was Ihm gebührt, werden sie an Seiner Liebe teilhaben und im gegenseitigen Dienst nur das Gute suchen. Dergestalt treten sie in Seine wundersame Freude und Seinen Frieden ein. Und das ist der Himmel.

7. Als Ich Mein Leben am Kreuz für die Menschensöhne dahingab, damit Ich Sünder von der Hölle errettete und sie in den Himmel führte, starben zur selben Zeit Mir zur Seite zwei Diebe. Obgleich wir drei dem Augenschein nach das gleiche Schicksal er­litten, war doch in geistlicher Hinsicht ein großer Unterschied. Einer der beiden verschloß sein Herz gegen Mich und starb un­bußfertig, aber der andere öffnete Mir sein Herz in wahrer Reue und fand in der Gemeinschaft mit Mir das Leben; am selben Tage ging er mit Mir ins Paradies ein (Luk. 23, 39—43). Dieses Para­dies besteht nicht nur jenseits des Grabes, sondern fängt schon jetzt in den Menschenherzen an, obgleich es vor den Augen der Welt verborgen ist (Luk. 17, 21). Einer Meiner treuen Märtyrer war dem Tode nahe, nachdem er unsagbare Qualen von den Hän­den seiner Verfolger erlitten hatte; er war so voller Himmels­freude, daß er sich zu ihnen wandte und sprach: „Ach, könnte ich euch mein Herz öffnen und den wunderbaren Frieden zeigen, den ich habe und den die Welt weder geben noch fortnehmen kann! Dann würdet ihr von seiner Wahrheit überzeugt werden; aber es ist das /verborgene Manna', und das ist unsichtbar." Nach

 

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seinem Tode riß jenes törichte Volk sein Herz heraus, denn es hoffte, darin etwas Kostbares zu finden; aber sie fanden nichts; denn die Wirklichkeit jenes Himmels ist nur denen bekannt, die sie annehmen und darin ihre Freude finden.

8. Marxens Leib, wo Ich in fleischlicher Gestalt für ein paar Monate wohnte, war kein so gesegneter Ort wie das Herz des Gläubigen, in dem Ich für alle Zeit Meine Wohnung habe, und das Ich zum Himmel mache (Luk. 9, 27—28).

9. Viele sehnen sich nach dem Himmel, aber sie verfehlen ihn durch ihre eigene Torheit. Ein armer Bettler saß 21 Jahre lang auf einer verborgenen Schatzkammer und brannte so sehr vor Begier, reich zu werden, daß er alle Kupfermünzen, die er be­kam, aufhäufte. Doch er starb in elender Armut und ahnte nichts von dem Schatz, auf dem er all die Jahre hindurch gehockt hatte. Weil er so lange auf derselben Stelle gesessen hatte, hegte man den Verdacht, er habe dort etwas Kostbares verborgen. So ließ der Gouverneur die Stelle aufgraben, und man entdeckte einen Schatz kostbarer Dinge, die dann in die königliche Schatzkammer geschafft wurden. Mein Wort ist gar nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen (5. Mose 30,14).

10. Die das geistliche Leben nicht kennen, erklären, es sei un­möglich, wirklichen Frieden und himmlische Freude in dieser kummervollen Welt zu erfahren. Aber die das geistliche Leben er­fahren haben, wissen: wie mitten in den Eisfeldern der Polar­gebiete Ströme heißen Wassers fließen, so fließen inmitten dieser kalten und sorgenbeladenen Welt in den Herzen der Gläubigen ruhevolle Ströme himmlischen Friedens, denn das verborgene Feuer des Heiligen Geistes glüht in ihnen.

11. Gott hat alle Menschen als eines Blutes erschaffen und nach Seinem Bild gestaltet. Dennoch hat Er ihnen verschiedene Anlagen und Kräfte gegeben. Wenn alle Blumen in der Welt in Farbe und Geruch einander glichen, dann würde das Angesicht der Erde seinen Reiz verlieren. Wenn die Sonnenstrahlen durch ein bun­tes Glas fallen, so verändern sie zwar nicht die Farben, aber sie bringen nun erst ihre mannigfache Pracht und Schönheit zum

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Leuchten. Ebenso offenbart die Sonne der Gerechtigkeit in dieser Welt wie im Himmel durch die gottgegebenen Tugenden der Gläubigen und Heiligen immerdar Ihre unbegrenzte Herrlichkeit und Liebe. So bleibe Ich in ihnen und sie in Mir, und sie werden ewiglich Freude haben.

 

II

Der Jünger:

Meister, manche Leute sagen, die Erquickung und Freude, welche Gläubige erfahren, sei einfach das Ergebnis ihrer eigenen Gedanken und Ideen. Ist das wahr?

Der Meister:

1. Jene Erquickung und bleibender Friede, den Gläubige in sich haben, kommt daher, daß Ich in ihren Herzen gegenwärtig bin, und daß der Heilige Geist ihnen aus Seiner Fülle Leben einhaucht. Die aber sagen, jene geistliche Freude sei nur das Ergebnis der Gedanken des Herzens, gleichen dem törichten Mann, der, blind geboren, in der kühlen Jahreszeit draußen im Sonnenschein zu sitzen pflegte, um sich zu wärmen. Als man ihn fragte, was er von der Sonnenwärme denke, leugnete er hartnäckig, daß es so etwas wie die Sonne überhaupt gebe, und sagte: „Diese Wärme, die ich jetzt außen fühle, kommt aus dem Innern meines eigenen Leibes und ist nichts anderes als die kraftvolle Wirkung meiner eigenen Gedanken. Was die Leute mir von einer großen Feuer­kugel erzählen, die da oben am Himmelszelt schwebe, das ist alles Unsinn." Sehet deshalb zu, „daß euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen" (Kol. 2, 8).

2. Wenn das wahre Glück von Menschengedanken abhinge, dann würden alle Philosophen und tiefen Denker davon über­fließen. Aber die Weltweisen — außer denen, die an Mich glau­ben — sind allesamt ohne Glück. Was sie haben, ist nur eine Art flüchtigen Vergnügens, und das erlangen sie, indem sie gewissen eigenen Grundsätzen folgen.

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Aber Ich habe den Menschen so geschaffen, daß er von Natur aus dazu bereit ist, den Heiligen Geist zu empfangen. Denn dies ist der einzige Weg, wie er dieses himmlische Leben und Freude empfangen kann. Es geht ihm wie der Holzkohle. Diese hat die natürliche Fähigkeit, Feuer aufzunehmen, aber ohne Sauerstoff kann das Feuer nicht in sie eindringen. Wenn der Sauerstoff des Heiligen Geistes nicht in die Seele des Menschen eintreten kann, dann bleibt dieser in der Finsternis und kann sich niemals dieses wahren und bleibenden Friedens erfreuen (Joh. 3, 8).

3. Herz und Gedanken des Menschen sind wie die Saiten einer Laute oder Geige gestimmt. Wenn diese fest gespannt und ge­stimmt sind, entsteht, sobald Piektrum oder Bogen sie berühren, die reizvollste Musik. Ist jene Voraussetzung nicht erfüllt, so ruft die Berührung des Bogens nur Mißklänge hervor. Ob süße Laute ertönen, auch wenn alle Saiten gestimmt sind, das hängt ferner noch von der Luft ab, durch die der Laut das Ohr erreicht. Ebenso muß, wenn die Gedanken und Einbildungen der Men­schen zum Einklang gebracht werden sollen, der Hauch des Hei­ligen Geistes gegenwärtig wirken. Wenn das geschieht, dann er­klingen in den Menschenherzen himmlische Lieder und fröhliche Weisen, hier auf Erden wie im Himmel.

 

III

Der Jünger:

Meister, zuzeiten spüre ich, daß Frieden und Glückseligkeit mich verlassen haben. Geschieht das, weil eine Sünde verborgen ist, oder gibt es noch einen anderen Grund, den ich nicht kenne?

Der Meister:

1. Ja, zuzeiten folgt es auf Ungehorsam. Aber gelegentlich verlasse Ich scheinbar Meine Kinder auf eine kurze Zeit, und dann fühlen sie sich verlassen und ruhelos. Wenn sie sich dann in einem solchen Zustand befinden, kann Ich ihnen ihr tatsächliches Selbst und ihre äußerste Schwachheit offenbaren und lehre sie, ohne Mich seien sie nichts als Totengebein (Hes. 37, 1—14). Ich

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tue das, damit sie im Zustand des Friedens nicht ihre wahre Lage vergessen, sich für Gott halten und durch solchen Stolz der Höl­lenstrafe verfallen (i. Tim. 3, 6; Jud. 6; Jes. 14, 12—17). Da­durch werden sie geübt und erzogen. Und wenn sie demütig in Mir bleiben, der sie erschaffen hat, dann werden sie sich im Him­mel ewiger Seligkeit erfreuen.

2. Mitunter, wenn Ich in Meine Kinder eingehe und sie mit der Fülle des Geistes erfülle, fließen sie von göttlicher Seligkeit und Freude über, so daß sie die ihnen geschenkte Herrlichkeit und Segnung nicht ertragen können: sie werden wie benommen und sogar bewußtlos 9. Denn Fleisch und Blut können das Reich Got­tes nicht ererben, auch wird das Verwesliche nicht erben das Un­verwesliche, bis die Menschen von der Macht der eitlen Sterb­lichkeit befreit und zur Herrlichkeit erhoben werden (1. Kor. 15, 50 und 53; Röm. 8,19—22). Dann soll Mein Wille in jedem Ge­schöpf auf Erden geschehen, wie er im Himmel geschieht. Dann sollen Schmerz und Leiden, Sorgen und Seufzen, Weh und Tod auf ewig vergangen sein. Und alle Meine Kinder sollen in das Reich Meines Vaters eingehen, das da ist Freude im Heiligen Geist, und sie sollen immerdar herrschen (Rom. 14, 17; Offbg. 21,4; 22,5).

 

 

Ein Gebet

Lieber Meister! Deine mannigfachen Segnungen und Gaben lassen mein Herz von Dank und Lob überströmen. Aber das Lob von Herz und Zunge ist mir nicht genug; ich muß mit meinen Taten beweisen, daß mein Leben Deinem Dienst geweiht ist. Dank und Lob sei Dir dafür, daß Du mich, obgleich ich unwürdig bin, aus dem Tod ins Leben gebracht, und daß Du mich fröhlich gemacht hast in Deiner Gemeinschaft und Liebe. Ich kenne mich selber nicht, wie ich sollte, noch weiß ich meine Not. Aber Du, o Vater, kennst Deine Geschöpfe und ihre Nöte sehr wohl. Ich kann mich selbst auch nicht so lieben, wie Du mich liebst. Mich selber wahrhaft lieben, heißt, mit Herz und Seele jene grenzen­lose Liebe lieben, die mich ins Leben rief. Und diese Liebe bist Du selber. Du hast mir dazu allein ein Herz gegeben, daß es nur auf Eines gerichtet sei, auf Dich, der Du es geschaffen hast.

Meister! Zu Deinen Füßen zu weilen, ist viel besser, als auf dem herrlichsten Thron der Erde zu sitzen, denn es bedeutet, einen Thron zu haben im ewigen Reich. Und jetzt bringe ich mich auf dem Altar dieser heiligen Füße selbst als Brandopfer dar. Nimm mich gnädig an und gebrauche mich zu Deinem Dienst, wann und wie immer Du willst. Denn Du bist mein, und ich gehöre Dir. Du hast mich aus einer Handvoll Staub nach Deinem eigenen Bilde geschaffen und mir das Recht verliehen, Dein Sohn zu werden.

Alle Ehre und Herrlichkeit und Lob und Dank sei Dir von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

*

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2. SCHRIFT

Wirklichkeit24 und Religion

Innerungen10 über Gott, Mensch und Natur

 

 

VORWORT

In diesem Büchlein habe ich einige Gedanken und Bilder nieder­gelegt, die ich als Frucht meiner Innerung empfangen habe. Ich bin weder Philosoph noch Theologe, sondern ein demütiger Diener des Herrn. Und meine hohe Freude ist es, der Liebe Gottes und den großen Wundern Seiner Schöpfung nachzusinnen. Es ist mir unmöglich, alles zu beschreiben, was ich durch meine inneren Sinne in Innerung und Gebet über die Wirklichkeit erkannt habe und fühle. Worte können all die tiefen Wahrheiten, die in diesen feierlichen Augenblicken die Seele empfindet, nicht ausdrücken. Aber wenn solche Wahrheiten auch unausgesprochen bleiben, so werden empfängliche Gemüter sie doch bereitwillig und leicht verstehen. Wörter können in der Tat mehr zu Mißverstehen als zu wirklichem Verstehen führen.

Ich vermag nicht — ich wiederhole es — alle meine tiefen Ge­fühle und Gedanken auszudrücken; aber ich werde versuchen, wenigstens einige, so gut wie ich kann, niederzuschreiben. Sollte dieser Versuch den Lesern wenigstens eine kleine Hilfe sein, so will ich später versuchen, auch meine anderen Gedanken und Er­fahrungen darzulegen. Gegenwärtig zögere ich noch, aus ver­schiedenen Gründen, sie einem weiteren Leserkreis zu über­geben.

Subathu, Simla Hills, September 1923      Sundar  Singh

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I.

DER  ZWECK  DER  SCHÖPFUNG

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist" (Joh. 1, 1-3).

Das Ewige Wort (Logos) war vor aller Zeit und vor der Er­schaffung des Weltalls. Durch Ihn wurde Alles geschaffen, das Beseelte und das Unbeseelte. Leblosen Dingen ist es unmöglich, daß sie aus sich selbst heraus entstehen oder lebendige Wesen er­zeugen; denn Leben allein schafft Leben, und die Quelle allen Lebens ist Gott. Durch Seine Schöpfermacht schuf Gott alle un­beseelten Dinge. Denen flößte Er Leben ein, und dem Menschen als dem höchsten unter den geschaffenen Wesen „blies Er ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele". „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn und gab ihm Herrschaft über die ganze Erde."

1. Gott hat die Schöpfung nicht unternommen, um irgendeinen Mangel in Seinem Wesen auszufüllen, denn Er ist in Sich selbst vollkommen; sondern Er erschafft, weil es in Seinem Wesen liegt zu erschaffen. Er gibt Leben, denn Leben zu verleihen gehört zum ureigenen Wesen Seiner lebenspendenden Macht und Wirksam­keit. Und die Menschen durch Seine Schöpfung glücklich zu machen und ihnen durch Seine lebenspendende Gegenwart wirk­liche Freude zu geben, gehört zum ureigenen Wesen Seiner Liebe. Aber die Glückseligkeit, die wir aus der Schöpfung gewinnen, hat ihre Grenzen. Denn Gott allein kann den Mangel der Menschen­herzen ausfüllen und ihnen vollkommene Zufriedenheit schen­ken. Wenn Menschen ohne diese Freude leben, dann kommt das daher, daß sie unwissend oder ungehorsam sind und sich auf­lehnen gegen Gott.

2. Die Schar der Wesen in den sichtbaren wie unsichtbaren Welten ist nicht zu zählen. Durch diese zahllosen Arten werden Gottes zahllose Eigenschaften offenbart. Jede Art spiegelt, so weit ihre Fähigkeit reicht, irgendeine Seite von Gottes Wesen wider. Sogar durch Sünder wird Seine väterliche Liebe offenbart, denn Er gibt ihnen Gelegenheit, zu bereuen und in Ihm das ewige Leben des Friedens und der Freude zu haben.

 

II

DIE  MENSCHWERDUNG

Ein Kind mag das Wort „Gott" bloß als ein Wort lesen, ohne daß es irgend etwas von der Wahrheit erfaßt, die dahinter steht. Wenn aber sein Geist heranreift, fängt es an nachzudenken und wenigstens etwas von dem zu verstehen, was jenes Wort bedeutet. Ebenso ergeht es dem Anfänger im geistlichen Leben: wie gelehrt er auch sein mag, zuerst wird er Christus, das Mensch-gewordene Wort, nur für einen großen Mann oder vielleicht sogar für einen Propheten halten; doch weiter kommt er in seiner Würdigung nicht. Wenn aber seine geistliche Erfahrung wächst und er sich Seiner Gegenwart erfreut, beginnt er einzusehen, Christus ist tat­sächlich Gott in Menschengestalt, in dem „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" wohnt (Kol. 2, 9). „In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen" (Joh. 1, 4).

2. Ein Mensch kann seine Persönlichkeit durch Worte nicht hin­reichend aussprechen, auch wenn er gelegentlich sogar neue Wör­ter prägt, um seine Gedanken auszudrücken. Auch Zeichen und Bilder helfen letztlich nicht. Und auch der Leib vermag nicht, alle die Eigenschaften und Kräfte der Seele, die mit zur Persönlichkeit gehören, darzustellen. Mit anderen Worten: solange ein Mensch in dieser Welt ist, bleibt vieles in seiner Persönlichkeit verborgen, und nur ein Teil wird offenbar. Ein Geisteswesen kann sich nur in einer Geisteswelt vollkommen aussprechen, wenn alle Be-

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dingungen, die äußeren wie die inneren, sein Verlangen befriedi­gen und ihm helfen fortzuschreiten.

Wenn das schon von einem menschlichen Geist gilt, wie un­möglich ist es dann, daß das ewige Wort Seine Gottheit durch einen Leib hinreichend offenbare! Er offenbarte sich selbst soweit, wie es möglich und zu des Menschen Heil nötig war. Aber Seine wirkliche Herrlichkeit wird in ihrer Fülle erst im Himmel offenbar.

3. Da mag sich die Frage erheben: Wie können wir an die Wirklichkeit glauben, ohne daß wir sie sehen und vollkommen erkennen? Dazu möchte ich hier sagen: Wenn wir an die Wirk­lichkeit glauben sollen, dann brauchen wir dazu keine volle Er­kenntnis der Wirklichkeit. So bleiben beispielsweise einige Or­gane unseres Leibes, von denen unser Leben gar sehr abhängt, vor unseren Augen verborgen. Noch niemand hat sein eigenes Hirn oder Herz gesehen, und dennoch leugnet keiner, daß er sie hat. Wenn wir also nicht einmal unser eigenes Hirn und Herz sehen können, von denen unser Leben weithin abhängt, wieviel schwieriger muß es da sein, den Schöpfer unseres Hirns und Her­zens zu sehen, von dem unser ganzes Leben abhängt!

 

III

GEBET

1. Es gibt einige Pflanzen, deren Blätter und Blüten schließen sich, wenn die Sonne sinkt, und öffnen sich wieder, wenn das Licht der Sonne sie am Morgen sanft berührt. Auf diese Weise nehmen sie Wärme und Leben der Sonne in sich auf, die für ihr Wachsen und Gedeihen so nötig sind. Genau so öffnen sich un­sere Herzen im Gebet der Sonne der Gerechtigkeit, und wir sind vor den Gefahren und Nöten der Finsternis geborgen und wach­sen in die Fülle Christi hinein.

2. Durch das Gebet können wir, wie manche Leute zu denken scheinen, Gottes Pläne nicht ändern. Aber der Beter selbst wird verändert. Die Fähigkeiten der Seele, die in diesem unvollkom-

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menen Leben selber unvollkommen sind, wachsen täglich der Vollkommenheit entgegen.

Ein Vogel sitzt brütend auf seinen Eiern. Zunächst ist in den Eiern nur eine Art Flüssigkeit ohne Gestalt. Aber indem die Mut­ter immer weiter auf ihnen sitzt, wird die ungeformte Masse in den Eiern in die Gestalt der Mutter verwandelt. Die Verwandlung geschieht nicht in der Mutter, sondern in den Eiern. Ebenso ist es, wenn wir beten: nicht Gott wird verändert, sondern wir werden in Sein herrliches Ebenbild und Gleichnis verwandelt.

3. Der Dunst, von der Sonnenhitze erzeugt, steigt von der Erde empor. Als wolle er dem Gesetz der Schwere widersprechen, er­hebt er sich in die Lüfte, fällt dann wieder als Regen herab und macht die Erde fruchtbar. Ebenso verhält es sich mit unseren wirk­lichen Gebeten: vom Feuer des Heiligen Geistes entzündet, über­winden sie Sünde und Übel, steigen zu Gott empor und kehren, Seiner Segnungen voll, zur Erde zurück.

4. Die Rippenquallen sind so außerordentlich zart, daß ein leich­ter Wellenschlag sie in kleine Stücke zerreißt. Wenn sie nur ein kleines Zeichen dafür wahrnehmen, daß ein Sturm naht, ver­sinken sie tief ins Meer, so daß Sturm und Wellen sie nicht mehr erreichen können. Ebenso handelt der betende Mensch: wenn er in der Welt spürt, Satan will ihn angreifen und Sünde und Leid ihn bestürmen, dann taucht er sogleich tief in das Meer der Got­tesliebe ein, wo ewiger Friede und Stille ist.

5. Ein Philosoph besuchte einen Mystiker. Sie saßen einige Zeit schweigend beisammen. Dann sagte der Mystiker zu dem Philo­sophen, als dieser wieder gehen wollte: „Ich fühle alles, was du denkst." Und der Philosoph sagte: „Aber ich kann nicht einmal all das denken, was du fühlst." Es ist klar, irdische Weisheit kann die Wirklichkeit nicht erfühlen noch verstehen. Nur wer mit Gott Gemeinschaft hat im Gebet, kann wirklich die Wirklichkeit er­kennen.

6. Der wunderbare Friede, den der Beter während des Gebets empfindet, entsteigt nicht seiner eigenen Einbildung oder Kraft des Denkens, sondern kommt daher, daß Gott in der Seele gegen-

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wärtig ist. Der Dunst, der von einem kleinen Teich aufsteigt, kann nicht zu großen Wolken werden und wieder als Regen her­unterfallen. Nur aus dem mächtigen Ozean können sich so große Wolken erheben und den Regen spenden, der die durstige Erde tränkt und fruchtbar macht. Nicht aus unserem Unterbewußt­sein, sondern aus dem grenzenlosen Meer der Gottesliebe kommt der Friede, und mit diesem Meer sind wir verbunden im Gebet.

7. Wenn die Erde sich nicht drehte, so würde die Sonne immer­währende Mittagshitze glühen. Der Wechsel von Tag und Nacht und der Gang der Jahreszeiten haben ihre Ursache nicht in der Sonne, sondern in der Erdumdrehung. Ebenso steht es mit der Sonne der Gerechtigkeit: sie ist dieselbe „gestern und heute und auch in Ewigkeit" (Hebr. 13, 8). Wenn uns Freude erhebt oder wir in Trübsinn versinken, so kommt das von unserer Stellung zu ihr. Wenn wir unsere Herzen der Sonne der Gerechtigkeit öffnen in Innerung10 und Gebet, dann werden ihre Strahlen die Wunden unserer Sünden heilen und uns vollkommene Gesund­heit schenken (Mal. 4, 2).

8. Gott hat die Naturgesetze zu Werkzeugen bestimmt, mit denen Er im Menschen wie in anderen Geschöpfen zu ihrem Fort­schritt und Nutzen wirkt. Wunder stehen den Naturgesetzen nicht entgegen. Denn es gibt noch höhere Naturgesetze, die wir für gewöhnlich nicht kennen. Die Wunder stehen im Einklang mit jenen höheren Gesetzen. Im Gebet kommen wir dahin, daß wir jene höheren Gesetze allmählich erkennen.

Das höchste Wunder ist, wenn Friede und Freude unsere See­len erfüllt. Wir mögen denken, solcher Friede sei in einer Welt der Sünde und des Leidens unmöglich. Aber das Unmögliche wird möglich! Äpfel wachsen nicht in heißen Ländern, noch Mangos4 in Ländern, wo Schnee fällt. Wenn sie dennoch dort wüchsen, so dürften wir von solch einem Ereignis als einem Wunder sprechen. Dennoch können tropische Pflanzen auch in kalten Ländern wach­sen, wenn ihnen alles geboten wird, was sie zum Leben brauchen.

9. Wenn alle Menschen den empfänglichen Geist und das offene Ohr hätten und Gottes Stimme hören könnten, wie sie zu

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ihnen spricht, dann wäre es gar nicht nötig, daß Evangelisten und Propheten umherzögen und den Willen Gottes verkündigten. Aber nicht alle Menschen sind so empfänglich. Daher sind Pre­diger des Wortes nötig. Doch mitunter kann durch Beten mehr Gutes gewirkt werden als durch Predigen. Ein Mann, der in einer Höhle hingegeben betet, kann anderen Menschen durch sein Ge­bet gar sehr helfen. Von ihm gehen Wirkungen aus und verbrei­ten sich, wenn auch schweigend, so doch spürbar in der Runde, gerade so wie der Rundfunk auf unsichtbare Weise Botschaften sendet und die Worte, die wir sprechen, durch geheimnisvolle Schwingungen anderen übermittelt werden.

10. Manchmal findet man grüne und fruchtbare Bäume in trockener Erde stehen, wo es nicht viel Regen gibt. Wenn man sie aber sorgsam untersucht, so entdeckt man: diese Bäume sind des­wegen so frisch und grün und fruchtbar, weil ihre verborgenen Wurzeln verborgene Wasserläufe berühren, die in der Erde fließen. Wir mögen überrascht sein, wenn wir Gebetsmenschen sehen, wie sie mitten in dem Elend und der Sünde der Welt voller Frieden sind, vor Freude strahlen und ein fruchtbares Leben füh­ren. Das kommt daher: die verborgenen Wurzeln ihres Glaubens erreichen im Gebet die Quelle des Lebendigen Wassers und ziehen aus ihr Kraft und Leben und bringen Früchte zum ewigen Leben (Ps. 1,3).

11. Die Enden der Baumwurzeln sind so empfindsam, daß sie — sozusagen aus eigenem Antrieb — sich von den Stellen ab­wenden, wo sie keine Nahrung finden, und sich dorthin ausbrei­ten, wo sie Saft und Leben sammeln können. Gebetsmenschen haben auch diese Kraft der Unterscheidung. Untrügliche Einsicht hilft ihnen, daß sie sich von Trug und Täuschung abwenden und die Wirklichkeit finden, von der alles Leben abhängt.

12. Menschen, die nicht im Gebet Umgang haben mit Gott, sind nicht wert, daß sie Menschen genannt werden. Sie gleichen ab­gerichteten Tieren, die bestimmte Dinge auf bestimmte Weise zu bestimmten Zeiten tun können. Manchmal sind sie noch schlim­mer als Tiere, weil sie weder einsehen, wie nichtig sie in sich

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selber sind, noch ihr Verhältnis zu Gott sowie ihre Pflichten gegen Gott und Mensch erkennen. Aber die Gebetsmenschen erlangen das Recht, Söhne Gottes zu werden, und werden von Ihm nach Seinem Bild und Gleichnis umgestaltet.

 

IV

INNERUNG10

1. Das Gehirn ist ein sehr zartes und empfindsames Werkzeug: es ist mit vielen feinen Sinnen ausgestattet; diese empfangen in der Innerung Botschaften aus der unsichtbaren Welt und rufen Gedanken hervor, die das durchschnittliche menschliche Denken weit überragen. Das Gehirn erzeugt diese Gedanken nicht, son­dern empfängt sie aus der unsichtbaren oberen Geisteswelt und gibt sie in Ausdrücken des menschlichen Lebens wieder, die den Menschen vertraut sind. Manche Menschen empfangen solche Botschaften in Träumen, andere in Gesichten und wieder andere in wachen Stunden während der Innerung. Das Gebet befähigt uns zu unterscheiden, welche dieser Botschaften von Nutzen sind und welche nicht; denn im wirklichen Gebet strömt Licht aus von Gott und erleuchtet den allerinnersten empfindsamen Teil der Seele: das Gewissen oder den sittlichen Sinn. Reiche Farben, feine Musik und andere wundervolle Gesichte und Klänge aus der unsichtbaren Welt spiegeln sich im Innern des Gehirns wider. Dichter und Maler versuchen, in ihren Gedichten und Gemälden diese unsichtbaren Wirklichkeiten, die auf sie eindringen, zu deuten, verstehen aber oftmals ihre wirkliche Quelle nicht. Doch der Mensch der Innerung berührt, sozusagen, das Herz dieser Wirklichkeiten und genießt ihre Seligkeit, denn seine Seele und die Geisteswelt, woher sie kommen, sind einander nahe verwandt.

2. Manchmal, wenn wir neue Orte besuchen, ist es uns, als seien wir schon einmal dort gewesen, oder als hätten wir irgend­eine unbekannte Verbindung mit ihnen. Diese Tatsache läßt sich auf dreifache Weise erklären. Erstens kann ein anderer, der die

Orte besucht hat, über sie nachgedacht und, ohne unser Wissen, uns seine Gedanken auf geheimnisvolle Weise mitgeteilt haben. Zweitens können wir andere ähnliche Orte gesehen haben, und die Erinnerung an die Ähnlichkeit kann uns auf neue Weise er­schienen sein. Oder drittens könnte ein Abglanz der unsichtbaren Welt in unser Gemüt gefallen sein, denn unsere Seelen sind mit jener Welt verbunden, und oft wirken auf uns, ohne daß wir es wissen, Eindrücke aus jener Welt ein. Diese Welt ist der unsicht­baren Welt nachgebildet oder, mit anderen Worten, die Offen­barung der Geisteswelt in stofflicher Gestalt. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Welten bewegt unsere Gedanken immer­fort. Wenn wir genug Zeit in der Innerung verbringen, wird die­ser Zusammenhang zwischen den beiden Welten immer deutlicher und klarer.

3. In der Innerung wird der wirkliche Zustand unserer Seelen offenbart. In der Innerung geben wir gewissermaßen Gott eine Gelegenheit, daß Er zu uns spricht und uns mit Seinen reichsten Segnungen beschenkt.

Was auch immer wir vermuten, von unseren Gedanken, Wor­ten oder Taten wird niemals etwas ausgelöscht. Vielmehr ist es unserer Seele eingeprägt — mit anderen Worten: im „Buch des Lebens" eingetragen. Die Innerung macht uns fähig, daß wir alles in der Furcht und Liebe Gottes tun und die Einträge in das Buch des Lebens rein erhalten; denn davon hängt unsere zukünf­tige Seligkeit oder Qual ab.

4. Gott ist unendlich, und wir sind endlich. Wir können wirk­lich den unendlichen Gott nicht vollkommen verstehen, aber Er hat in uns einen Sinn geschaffen, der uns befähigt, uns Seiner zu erfreuen. Der Ozean ist unermeßlich, und wir können seine ungeheure Ausdehnung nicht überblicken, noch alle seine großen Schätze kennenlernen. Doch mit unserer Zungenspitze können wir sofort schmecken, der Ozean ist salzig. Wir wissen noch nicht alles, was der Ozean an Wissenswertem birgt, aber wir haben durch unseren Geschmack eine höchst wichtige Tatsache über die Art seines Wassers herausgefunden.

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5. In Furcht, Zorn oder Wahnsinn tun Menschen außergewöhn­liche Dinge, da zerbrechen sie sogar eiserne Ketten. Diese Kraft wohnt offenbar dem Menschen inne; doch sie kommt nur zum Ausdruck, wenn sich seine gesamte Tatkraft auf ein einziges Ziel richtet. Gleicherweise kann des Menschen Kraft, durch gött­liche Macht verstärkt, in der Innerung die Sündenknechtschaft zerbrechen und große und nützliche Arbeit verrichten. Doch zu gleicher Zeit kann diese von Gott gegebene Kraft, wenn sie auf falsche Weise gebraucht wird, sich als gefährlich erweisen. Bom­ben, Maschinengewehre, Kanonen — wie mächtig sind sie und dennoch, wie zerstörend und gefährlich!

6. Wenn wir in Gedanken versunken sind, beachten wir, ob­gleich bei vollem Bewußtsein, weder den Wohlgeruch der Blu­men noch den Zauber der Musik oder die Schönheit der Natur. Sie scheinen für uns nicht vorhanden zu sein. Ebenso ergeht es den Leuten, die in weltliche Dinge versunken sind: geistliche Wirklichkeiten scheinen für sie nicht vorhanden zu sein. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht (Matth. 13,13).

7. Eines Tages sah ich eine Blume und begann, über ihren Wohlgeruch und ihre Schönheit nachzusinnen. Als ich mehr in die Tiefe drang, schaute ich den Schöpfer hinter Seiner Schöpfung, obwohl Er meinem Blick verborgen war. Das erfüllte mich mit Freude. Doch meine Freude wurde noch größer, als ich entdeckte, wie Er auch in meiner Seele wirkt. Da trieb es mich auszurufen: „Oh, wie bist Du wunderbar! Von Deiner Schöpfung getrennt, erfüllst du sie dennoch mit Deiner herrlichen Gegenwart."

8. Christus schrieb nichts, noch hieß Er Seine Apostel, Seine Lehre niederzuschreiben. Das geschah erstens deshalb, weil Seine Worte Geist und Leben sind. Er weiß, Leben läßt sich nur Leben­digem einflößen, nicht aber den Seiten eines Buches. Zweitens ist zu sagen: andere Lehrer hinterließen Bücher, denn sie schieden von ihren Schülern und wollten ihnen durch ihre Bücher, die an die Stelle ihrer lebendigen Stimme traten, in Zeiten der Not hel­fen. Unser Herr dagegen hat Seine Nachfolger niemals verlassen.

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Er ist immer bei uns, und Seine lebendige Stimme und Gegen­wart gibt uns immer Rat. Nach Seiner Himmelfahrt begeistete derselbe in ihnen wohnende Geist die Jünger, so daß sie die Evangelien schrieben.

9. Wenn wir immer wieder denselben Gedanken, dasselbe Wort oder dieselbe Tat wiederholen, so wird es uns zur Gewohnheit, und Gewohnheit bildet den Charakter. Deshalb müssen wir bei allem, was immer wir denken, sagen oder tun, sorgfältig be­denken, wie die Folgen sein werden, ob gut oder schlecht. Wir sollen im Wohltun nicht gleichgültig werden, sonst laufen wir Gefahr, daß wir die Fähigkeit zum Wohltun verlieren. Eine Sache gut zu tun, ist schwierig; etwas Falsches ungeschehen zu machen und wieder zurechtzubringen, ist noch schwieriger; aber etwas zu verderben, das ist sehr leicht. Viel Zeit und Mühe ist nötig, um einen Baum aufzuziehen; aber ihn zu fällen, das ist so leicht. Wenn er dürr und tot ist, dann ist es unmöglich, ihn wieder ins Leben zurückzubringen.

 

V

DAS   ZUKÜNFTIGE   LEBEN

1. Bei allen Völkern findet sich zu allen Zeiten der Glaube an ein zukünftiges Leben. Wo ein Verlangen ist, da muß auch Er­füllung möglich sein. So setzt Durst Wasser voraus und Hunger Nahrung. So beweist auch das Verlangen nach ewigem Leben, daß es gestillt werden kann.

2. Zum ändern haben wir ein höheres, edleres Verlangen des Geistes, das in dieser Welt unmöglich erfüllt werden kann. Des­halb muß es noch eine andere Geisteswelt geben, in der dieses Verlangen gestillt werden kann. Diese Körperwelt kann keines­wegs dieses Sehnen unseres Geistes befriedigen.

3. Das wirkliche Verlangen der Seele kann nur Gott erfüllen; denn Er hat die Seele erschaffen und in sie das Verlangen nach Ihm hineingelegt. Gott hat den Menschen nach Seinem Ebenbild

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geschaffen; deshalb hat der Mensch etwas von der göttlichen Art in sich, die nach Gemeinschaft verlangt mit Ihm. Gleiches verlangt nach Gleichem, das ist ein Gesetz des Seins. Und wenn wir im Ewigen Wesen eingewurzelt sind, dann werden wir nicht nur volles Genüge, sondern auch ewiges Leben haben in Ihm.

 

VI

DIE  NEUE   GEBURT

1. Es ist eine anerkannte Tatsache, Kinder erben weitgehend den Charakter ihrer Eltern. Auch ihre Umgebung wirkt auf sie ein, z. B. die Gewohnheiten ihrer Eltern und anderer, mit denen sie ständig Berührung haben. Kinder schlechter Eltern werden, wenn sie in einer schlechten Umgebung leben, sicherlich auch schlecht. Die Lebensbedingungen machen es ihnen unmöglich, gut zu werden. Wenn solche Kinder dennoch gut werden, ist es ein großes Wunder. Wir wissen, solche Wunder haben sich mehr oder weniger überall ereignet. Diese Wunder beweisen: da ist eine große verborgene Macht, die zerbricht Fesseln, befreit Men­schen aus der Knechtschaft der Sünde und verwandelt Sünder in neue Kreaturen. Das ist die neue Geburt. Die große verborgene Macht ist der Heilige Geist. Der wirkt zum Heil derer, die be­reuen und an Christus glauben.

2. Es hat viele Verbrecher gegeben, die, obwohl ihre Regierung sie streng gestraft hatte, sich doch kein bißchen geändert haben. Noch haben die Liebe und Ermahnungen ihrer Angehörigen und Freunde irgendeine Wirkung auf sie ausgeübt. Alle möglichen Mittel sind versucht worden, um sie zu bessern, aber alles ohne Erfolg. Doch mitunter, wenn sie zu Christus geführt wurden, sind sie in einem Augenblick völlig verwandelt und neue Menschen geworden. Dann wurde das Leben derer, die selbstsüchtig waren und in Sünde lebten, neu, und sie begannen, anderen zu helfen und ihnen zu dienen. Früher verfolgten und töteten sie andere; jetzt sind sie selber bereit, um anderer willen Verfolgung und

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Tod zu erleiden. Das heißt: wiedergeboren sein. Ist das noch nicht Beweis genug für die Tatsache: Christus ist der Heiland der Menschen, Er ist der Große Arzt, der die Krankheiten der Men­schen richtig erkennt und sie heilt? Wer kann denn sonst das zer­brochene Herz heilen als Er, der des Herzens Schöpfer ist? Wer sonst als Er kann Sünder in Heilige verwandeln?

 

VII

LIEBE

1. Gott ist die Quelle der Liebe. Die Anziehungskraft, die im Raum die Welten in ihrer Ordnung erhält, offenbart sozusagen in der Körperwelt jene geistige Anziehungskraft der Liebe, deren Quelle Gott ist. Ein Magnet zieht Stahl an, nicht weil Stahl ein wertvolles Metall ist, sondern weil Stahl die Fähigkeit hat, sich anziehen zu lassen. Gold zieht er nicht an. Gold mag kostbarer sein, aber es läßt sich nicht anziehen. In gleicher Weise zieht Gott Sünder an, wie sündig sie auch sein mögen, wenn sie nur bereuen und Ihm antworten. Aber andere, die selbstgerecht sind und sich der Macht Seiner Liebe nicht hingeben, zieht Er nicht zu sich.

2. Ein Kuß ist das äußere Zeichen dafür, daß eine Mutter ihr Kind liebt. Wenn das Kind eine ansteckende Krankheit hat, mag die Mutter sich enthalten, es zu küssen, aber sie wird ihr leidendes Kind deshalb nicht weniger, sondern nur noch mehr lieben, denn es braucht ihre Liebe und Fürsorge um so mehr. Genau so mag es nach außen hin scheinen, als habe Gott die Menschen, die der Seuche der Sünde zum Opfer gefallen sind, verlassen; jedoch Seine Liebe zu ihnen ist unendlich größer als einer Mutter Liebe zu ihren Kindern (Jes. 49,15). Gleich Seinen anderen Eigenschaf­ten ist auch Seine Geduld unendlich. Menschen, kleinen Kesseln ähnlich, kochen beim geringsten Unrecht gar schnell vor Wut. Wie anders dagegen Gott! Wenn Gott Sich ebenso erzürnte, dann wäre die Welt schon längst ein Trümmerhaufen geworden.

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3. Wenn zwei Menschen dieselbe Person lieben, werden sie Nebenbuhler und aufeinander eifersüchtig. So ergeht es aber nicht mit des Menschen Liebe zu Gott. Wer Gott liebt, ist nicht eifer­süchtig auf andere, wenn auch sie Gott lieben. Er ist vielmehr betrübt, wenn sie Ihn nicht lieben. Des Menschen Liebe zum Menschen unterscheidet sich von seiner Liebe zu Gott deshalb, weil Gottes Liebe unendlich ist. Ein Mensch kann nicht mit glei­cher Zuneigung alle, die ihn lieben, wieder lieben, denn seine Liebesfähigkeit ist begrenzt. Aber Gottes Fähigkeit zu lieben ist unbegrenzt und reicht deshalb für alle aus.

4. Wenn Christus in uns lebt, wird unser ganzes Leben dem Seinen ähnlich11. Wenn man Salz im Wasser auflöst, so mag es verschwinden, aber es hört nicht auf, da zu sein. Wir können seiner Gegenwart gewiß werden, indem wir das Wasser schmecken. Genau so steht es mit dem Christus in uns: obwohl Er nicht zu sehen ist, nehmen die anderen Ihn in der Liebe wahr, die Er uns verleiht.

 

VIII

GEDANKE  UND   SINN

1. Gedanken sind nicht nur die Eindrücke, welche außer uns liegende Dinge auf unsere Sinne machen, sondern auch die Ant­worten, die unser Verstand auf die Eindrücke gibt, die durch un­sere Sinne zu uns kommen. Somit hängen Wachstum und Fort­schritt des Verstandes zur Vollkommenheit von äußeren wie in­neren Bedingungen ab. Ein Baum mag Leben in sich selber haben; aber damit seine Blätter sich entfalten, seine Blüten blühen und seine Früchte reifen können, braucht er Luft und Licht und Wärme. Somit hängen Wachstum und Reife des Baumes von ge­wissen äußeren wie inneren Bedingungen ab.

2. Durch die äußeren Sinne lernen wir die äußere Welt kennen und durch die inneren Sinne die innere Geisteswelt. Wenn im Verstand ein Gedanke über etwas auftaucht, so ist damit nicht

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nur bewiesen, daß ein denkender Verstand da ist, sondern auch, daß jenes Ding vorhanden ist. Mit anderen Worten: wir können sagen, in jenem Gedanken spiegelt sich jenes Ding in unserem Verstand wider. Gelegentlich werden wir, ohne daß wir es wol­len, dazu gebracht, daß wir denken; das heißt, etwas außerhalb spiegelt sich in unserem Verstand. Wo ein Wohlgeruch ist, da müssen auch Blumen sein. Gestalt oder Farbe dieser Blumen kön­nen unseren Augen verborgen sein, aber der Duft verrät uns die Blumen. So setzen auch Gedanken Gegenstände voraus. Der Ver­stand gleicht einem Spiegel. Wenn der Spiegel Bilder zeigt, so bedeutet dies, daß sich vor dem Spiegel Gegenstände befinden. Ob es dem Spiegel gefällt oder nicht — sie spiegeln sich in ihm. Andererseits ist zu beachten: der Spiegel hat kein Leben, wohl aber der Verstand. Der Spiegel kann keine Bilder schaffen, er kann sie nur widerspiegeln. Der Verstand dagegen hat auch an­geborene Gedanken. Sonst aber gleicht der Verstand einem Spie­gel, denn in seinen Gedanken spiegeln sich äußere Dinge, mit­unter sogar ohne daß der Verstand selber an dieser Widerspiege­lung teilhat. Abstrakte Gedanken sind die Funken, die dem Feuer der Wirklichkeit entspringen.

3. Was unser Verstand widerspiegelt, entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Verschiedenen Menschen mag es verschieden erscheinen, je nach ihrer besonderen Fähigkeit.

Unsere Gedanken über Gott sind jetzt noch unvollkommen. Aber wenn wir beständig in Seiner Gegenwart leben, werden wir Sein Wesen wirklich verstehen lernen.

 

IX

PHILOSOPHIE   UND   EINGEBUNG

1. Man muß zugeben, die Philosophie hat Jahrhunderte hin­durch keinen Fortschritt gemacht. Dieselben alten Fragen und Lösungen werden wiederholt, wenn auch in neuer Gestalt und Sprache. In Indien trottet ein Ochse mit verbundenen Augen den

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ganzen Tag hindurch im Kreise um eine Ölpresse. Wenn am Abend seine Augen geöffnet werden, entdeckt er, daß er nicht weit gewandert, sondern nur im Kreise gelaufen ist; doch immer­hin hat er etwas Öl ausgepreßt. Obgleich die Philosophen schon Jahrhunderte hindurch unterwegs sind, haben sie ihr Ziel noch immer nicht erreicht. Zwar haben sie hier und dort allerlei ge­sammelt und daraus auch etwas öl gepreßt, und das haben sie uns in ihren Büchern hinterlassen. Doch dieses Öl genügt nicht, um die Dürre der menschlichen Nöte zu beseitigen. Darüber hin­aus fortzuschreiten, ist das Werk des Glaubens und der Ein­gebung, nicht der Philosophie. Wie riesig unser Wissen auch sein mag, so hat es schließlich doch seine Grenzen.

2. Einige Philosophen nahmen, als ihr Durst nach Erkenntnis nicht gelöscht wurde, sich selbst das Leben. Empedokles12 stürzte sich in den Krater des Ätna: er wollte seinen Durst nach Erkennt­nis stillen, indem er, ohne eines natürlichen Todes zu sterben, die Gemeinschaft mit den Göttern gewann. Einem Astronomen ge­lang es nicht, die sonderbaren Bewegungen von Ebbe und Flut zu erklären; deshalb stürzte er sich voll Verzweiflung in die Wel­len und suchte im Wasser sein Grab. Solche Männer fanden den Schöpfer in Seiner Schöpfung nicht und kamen deshalb nicht zum Frieden; vielmehr verloren sie den Schöpfer sowie sich selbst in Seiner Schöpfung. Darin sehen wir: obgleich die Philosophie dar­auf ausgeht, die Wirklichkeit zu begreifen, gelingt es ihr doch nicht; denn niemand kann die Wirklichkeit mit dem Verstand begreifen. Wenn irgend jemand meint, er könne die Wirklichkeit mit seiner Erkenntnis erfassen, so irrt er sich. Denn wer ein Ding von Grund auf erkennen wollte, der müßte das All erkennen, denn ein jedes Ding steht zu jedem anderen in Beziehung. Und wer alles wissen wollte, der müßte alle seine Beziehungen ken­nen. Hier müssen wir uns vor der Wirklichkeit beugen und im Glauben weiterschreiten.

3. Die Eingebung ist so empfindsam wie die Fingerspitze: sie läßt uns, wenn sie uns berührt, sogleich die Gegenwart der Wirk­lichkeit fühlen. Die Eingebung gibt uns zwar keine logischen

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Beweise, aber sie urteilt so: ich bin völlig zufrieden — solcher Friede kann nur aus der Wirklichkeit kommen — deshalb habe ich die Wirklichkeit gefunden. Das Herz hat Gründe, von denen der Kopf nichts weiß13. Wer viel von einer Blume wissen will, braucht viel Zeit. Aber nur ein Augenblick ist nötig, um sich ihres Duftes zu erfreuen. So wirkt auch die Eingebung.

 

X

VOLLKOMMENHEIT

1. Die Naturgesetze schreiben vor: wer Vollkommenheit er­reichen will, der muß allmählich, stufenweise, wachsen. Auf diese Weise allein können wir uns auf die Bestimmung vorbereiten, für die wir geschaffen worden sind. Plötzlicher oder übereilter Fortschritt macht uns nur schwach und unvollkommen. Der Hafer, der in Lappland in wenigen Wochen wächst, hat nicht denselben Nährwert wie der Weizen, der sechs Monate zum Reifen braucht. Der Bambus wächst täglich drei Fuß und schießt 120 Fuß hoch empor, aber er bleibt innen leer und hohl. Zur Vollkommenheit können wir deshalb nur langsam und allmählich fortschreiten.

2. Es ist wahr, Vollkommenheit können wir nur in einer voll­kommenen Umgebung erreichen. Bevor wir aber in eine vollkom­mene Umgebung eintreten, müssen wir eine unvollkommene durchschreiten, wo wir uns abmühen und kämpfen müssen. Die­ser Kampf stärkt uns und bereitet uns auf die vollkommene Um­gebung vor. Das ist ganz ähnlich wie bei der Seidenraupe: sie muß sich im Kokon abmühen und entschlüpft ihm deshalb als schöner Schmetterling. Wenn wir den vollkommenen Zustand erreichen, werden wir sehen, wie diese Dinge, die zuerst als Hin­dernis erschienen, uns in Wirklichkeit — wenn auch auf geheim­nisvolle Weise — geholfen haben, die Vollkommenheit zu er­reichen.

3. Der Mensch trägt in sich die Keime zahlloser Fähigkeiten; aber er kann sie in dieser Welt nicht entwickeln, weil hier die

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Hilfen fehlen, die ihr Wachstum und ihre Entwicklung zur Voll­kommenheit fördern. In der künftigen Welt werden sie die Um­gebung finden, die sie brauchen, um Vollkommenheit zu erlan­gen. Doch zu wachsen beginnen müssen sie schon hier. Es ist jedoch noch zu früh, als daß wir schon im einzelnen sagen könn­ten, was wir sein werden, wenn wir die Vollkommenheit er­reichen. Aber wir werden vollkommen sein, gleich wie unser Vater im Himmel vollkommen ist (Matth. 5, 48).

4. In dieser Welt gibt es keinen wirklichen Frieden. Der Friede in dieser Welt ist wegen der Sünde vernichtet. Wirklicher und dauerhafter Friede ist nur im „Friedefürsten" zu finden. Wasser fließt von den Höhen hernieder oder spritzt aus den Tiefen empor, denn es sucht Gleichgewicht und Ruhe. Ebenso muß der Mensch von den Höhen seines Stolzes herabsteigen und sich aus den Tiefen seiner Sünde erheben, damit er sein Gleichgewicht findet und in Frieden und Stille verweilen kann.

5. Obgleich die Jünger noch nicht die Vollkommenheit erreicht hatten, erfreuten sie sich auf dem Berg der Verklärung doch so sehr der Nähe unseres Herrn sowie Elias und Moses, daß sie drei Hütten errichten und dort wohnen bleiben wollten (Matth. 17, 3—4). Wieviel mehr werden wir, wenn wir vollkommen sind, uns der Gemeinschaft unseres Herrn und Seiner Heiligen und Engel im Himmel auf ewig erfreuen!

 

XI

WIRKLICHER   FORTSCHRITT  UND  ERFOLG

1. Wenn Menschen die äußeren Sitten und Lebensgewohnhei­ten zivilisierter Völker annehmen, aber sich nicht die Grundsätze aneignen, auf denen der Fortschritt beruht, dann wird das Er­gebnis vernichtend sein.

Die Regierungen dieser Welt sind nur Abbilder der himm­lischen Regierung, deren König Gott ist. Deshalb laufen die Regie­rungen dieser Welt Gefahr zu verfallen und zu versinken, wenn

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nicht Gott, die Quelle aller Güte und Ordnung, in den Herzen der Behörden wie der Bürger, der Herrscher wie der Untertanen herrscht. Einige wollen ein sittliches Leben führen ohne Gott, aber sie vergessen, ohne Gott ist alle Sittlichkeit hohl und tot.

2. Ohne geistlichen Fortschritt ist der weltliche Fortschritt Trug und Täuschung, denn weltlichen Fortschritt können wir nur er­reichen, wenn wir anderen Menschen Schaden zufügen. Wenn Menschen um die Wette laufen, kann nur der den Sieg erringen, der die anderen überholt. Ihre Niederlage wird sein Sieg. Der eine Kaufmann erwirbt sein Vermögen auf Kosten der anderen. Demgegenüber ist geistlicher Fortschritt allein etwas Wirkliches. Denn der Fortschritt des einen hilft auch den anderen, ja, er hängt seinerseits wieder von deren Erfolg ab. Die Erfahrung be­weist: wer für das Wohl der anderen arbeitet, empfängt Hilfe, oft ohne daß er selbst es weiß.

 

XII

DAS   KREUZ

1. Ob wir wollen oder nicht, dem Kreuz können wir nicht entrinnen. Wenn wir nicht das Kreuz Christi tragen wollen, dann müssen wir das Kreuz der Welt tragen. Zunächst mag das Kreuz Christi uns schwer erscheinen und das Kreuz der Welt leicht. Aber die Erfahrung zeigt: das Kreuz der Welt ist tatsächlich schwer, denn wer es nimmt, muß wie in den Tagen des Römi­schen Reiches schließlich den Tod eines Sklaven sterben. Christus jedoch hat Sein Kreuz in Herrlichkeit verwandelt. Früher war das Kreuz ein Sinnbild der Schande und des Todes; nun aber bedeutet es Sieg und Leben. Wer das Kreuz trägt, weiß aus Erfahrung, das Kreuz trägt ihn und bringt ihn sicher zu seiner Bestimmung. Aber das Kreuz dieser Welt zieht uns hinab und führt uns ins Verderben. Welches Kreuz hast du auf dich genommen? Halt inne und besinne dich.

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2. Bei verschiedenen Leuten ist das Kreuz verschieden, je nach ihrer Arbeit und dem Zustand ihres Geistes. Von außen mag es voller Nägel erscheinen, aber in seinem Wesen ist es süß und friedevoll. Die Honigbiene hat zwar einen Stachel, aber sie er­zeugt süßen Honig. Wir sollen uns nicht vor den äußeren Schwie­rigkeiten des Kreuzes fürchten, sonst verlieren wir seine geist­lichen Segnungen.

3. Ein unwissender Wanderer, vom Auf- und Niedersteigen in den Bergen ermüdet, könnte denken, Gott habe einen Fehler gemacht, als Er die Berge erschuf, und es wäre viel besser, Er hätte nur ebenes Land geschaffen. Dies zeigt, er hat noch nicht eingesehen, wozu die Berge und die in ihnen aufgespeicherten Schätze gut sind. Um nur eines zu nennen: die Berge bewirken den Kreislauf des Wassers, und der ist in der Welt ebenso nötig wie der Kreislauf des Blutes im Leibe. In derselben Weise be­wirken das Auf und Ab des Lebens und das Ungemach des Kreuztragens, daß unser geistliches Leben in Bewegung bleibt, bewahren es vor Erstarrung und bringen der Seele zahllose Segnungen.

4. Während des Weltkrieges wurden in einer fruchtbaren Ge­gend Gräben ausgehoben und Felder zerstört. Nach einiger Zeit begannen in diesen Gräben schöne Blumen und Früchte zu er­scheinen. Man entdeckte, der Boden war fruchtbar, aber darunter war die Erde noch viel fruchtbarer. So kommen, wenn wir das Kreuz tragen und leiden, die verborgenen Reichtümer unserer Seele ans Licht. Wir sollen nicht über dem verzweifeln, was als Zerstörung erscheint, denn es treibt die verborgenen, brachliegen­den Kräfte unserer Seele zum Wirken.

5. In der Schweiz brach einmal ein Schäfer das Bein eines Schafes. Als man ihn fragte, wozu er das getan habe, sagte er, es habe die schlechte Angewohnheit gehabt, daß es die anderen Schafe in die Irre führte und sie zu gefährlichen Höhen und Abgründen leitete. Das Schaf war so böse, daß, wenn der Schäfer es füttern kam, es mitunter ihn zu beißen versuchte. Aber nach einiger Zeit wurde es freundlich und leckte seine Hände. Ebenso

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verfährt Gott mit denen, die ungehorsam und widerspenstig ge­wesen sind: Er führt sie durch Kummer und Leiden auf den Weg der Geborgenheit und des ewigen Lebens.

6. Jedes Gas nimmt in kühlem Zustande einige Lichtstrahlen auf, und wenn es erhitzt wird, sendet es sie wieder aus. Genau so leben wir, wenn wir geistlich kalt sind, in der Finsternis, ob­gleich die Sonne der Gerechtigkeit fortwährend um uns herum scheint. Wenn aber durch die Reibung des Kreuzes das Feuer des Heiligen Geistes in uns entzündet und dadurch Wärme erzeugt wird, dann werden wir zunächst selber durch seine Strahlen er­leuchtet und bringen das Licht zu anderen.

7. Die Schönheit der Diamanten blendet uns erst, wenn sie ge­schliffen sind. Dann fallen die Sonnenstrahlen auf sie und lassen sie in wundervollen Farben scheinen. So werden auch wir, wenn wir durch das Kreuz geschliffen sind, als Edelsteine im Reiche Gottes scheinen.

 

XIII

DER   FREIE  WILLE14

1. Wir haben die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unter­scheiden und eins von beiden zu wählen. Das heißt, wir können innerhalb der Grenzen unseres Wesens frei handeln. Sonst hätte die Kraft, die wir haben, um zwischen Gut und Böse zu unter­scheiden, keinen Sinn. Der Geschmack sagt uns, was bitter ist und was süß. Er würde keinen Sinn haben, wenn wir nicht frei wären, nur das zu essen, was wir wählen. Wir sind frei, nicht weil wir auch hätten anders handeln können, sondern einfach weil wir handeln.

Wenn ich z. B. die Kraft habe, hundert Pfund zu tragen, dann habe ich die Freiheit, das Ganze oder nur einen Teil davon zu tragen. Und wenn eine Last schwerer ist als hundert Pfund, dann übersteigt sie meine Kraft und auch meine Verantwortung: dann bin ich von der Notwendigkeit, die Last zu tragen, befreit; denn

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der mir die Last aufgelegt hat, verlangt von mir nicht mehr, als ich leisten kann. Somit habe ich Freiheit in jedem Fall. Und wenn ich das nicht tue, was im Bereich meiner Kraft liegt, dann muß ich für meine Pflichtversäumnis und Gleichgültigkeit leiden, denn ich habe die mir gegebene Kraft mißbraucht.

2. Bosheit und Verbrechen können nicht dadurch ausgetilgt werden, daß man den Verbrecher bestraft. Wenn man das er­reichen könnte, dann dürften bald alle Gefängnisse geschlossen werden. Trotz der strengen Strafe, die den Übeltätern zugemessen wird, finden wir keine Veränderung. Und das Böse werden wir vom Angesicht der Erde erst dann vertreiben können, wenn sich ein jeder Mensch aus freiem Willen entschließt, es bis zur Grenze seiner Fähigkeit zu vertilgen15. Wenn andere ihn zwingen wol­len, so erreichen sie gar nichts. Gott hält die Hand des Mörders nicht fest, noch schließt Er die Lippen des Lügners, denn Er tritt dem freien Willen des Menschen nicht in den Weg. Wenn Gott sich so verhielte, dann gliche der Mensch nur einer Maschine. Auch schätzte er dann die Wahrheit nicht, noch fände er Freude darin, ihr entsprechend zu handeln; denn Freude kann nur aus einer Tat freien Willens folgen.

3. Die Welt empört sich in gewisser Weise gegen Gott und macht die Nachfolger Christi zu Sklaven. Wenn diese durch Got­tes Gnade von der Knechtschaft und Macht der Welt befreit sind und in die himmlischen Örter eingehen, dann wird die Welt selbst ihnen Untertan, denn die Welt erkennt, sie sind mit der leben­digen Macht im Bunde, die sie [die Welt] geschaffen hat. Dann wird sie, anstatt zu siegen, selbst besiegt. Gott gewährt denen, die aus eigenem freien Willen Ihm in Liebe dienen, auf ewig voll­kommene Freiheit.

 

XIV

GESUNDHEITSREGELN

1. Grundsätze der Gesundheit, der leiblichen wie geistlichen, sind selbst schon Mittel zur Gesundheit. Grundsätze sind nichts anderes als die festgesetzten Mittel, durch die man bestimmte Ziele erreichen kann. So hat z. B. das Geld keinen Sinn in sich selber. Es ist nur ein Mittel, das zu erreichen, was wir brauchen.

Musik, Wohlgeruch, leckeres Essen, Licht und Wärme — all dieser Dinge können wir uns erfreuen, wenn wir sie mit Maß genießen. Haben wir nicht genug, dann spüren wir den Mangel; haben wir mehr als genug, dann leiden wir. Gott hat uns äußere und innere Sinne gegeben, damit sie uns vor drohenden Ge­fahren warnen oder uns wirkliches Glück anzeigen. Schmerz ist das Zeichen dafür, daß in unserem Leib oder Geist etwas nicht in Ordnung ist. Gehorchen wir den Gesetzen der Wirklichkeit, so haben wir Ruhe und Glück.

2. Wenn wir der Natur widerstreben, so ist sie wider uns. Aber wenn wir versuchen, naturgemäß zu leben, dann wird sie, anstatt uns zu schädigen, uns helfen, jenes Ziel vollkommener Gesundheit zu erreichen, von dem Gott haben wollte, daß wir es durch diese Mittel erreichen. Und indem wir vollkommene Ge­sundheit erlangen, gewinnen wir die ewige Seligkeit in Gott, und danach geht das erste Verlangen unserer Seele.

 

XV

DAS   GEWISSEN

1. Das Gewissen ist das sittliche Gesetz oder der sittliche Sinn in uns. Es ist der Persönlichkeit nur im Keim angeboren. Es be­darf der Erziehung, Zucht, Übung und Gewöhnung. Auch die Umgebung übt großen Einfluß auf sein Wachstum.

Gleich wie wir den Geschmack haben und damit zwischen dem

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Häßlichen und Schönen unterscheiden können, so haben wir das Gewissen, das uns hilft, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

2. Schmerz in irgendeinem Organ des Leibes ist ein Alarm­ruf, der eine Gefahr anmeldet. In gleicher Weise bewirkt die Sünde Qual und Unruhe der Seele. Wie der Tastsinn uns im Bereich des Leibes warnt, so warnt uns das Gewissen vor kom­mender Gefahr und Zerstörung und drängt uns, die Schritte zu tun, die zur Rettung nötig sind.

3. Wenn die Schiffe in der Nähe der Küste den Leuchtturm oder die Felsen oder die Umrisse des Landes sehen, so wissen sie, wo sie sind. Aber draußen auf hoher See können sie sich nur nach Sternen und Kompaß richten. Ebenso braucht unsere Seele auf ihrer Reise zu Gott sehr notwendig das Gewissen und den Hei­ligen Geist, damit wir unser Ziel erreichen, ohne irre zu gehen.

 

XVI

DIE ANBETUNG GOTTES

1. Man findet kaum Menschen, die nicht Gott oder irgendeine Macht anbeten. Wenn gottlose Denker oder Wissenschaftler, von materialistischer Weltanschauung erfüllt, Gott nicht anbeten, dann neigen sie oft dazu, große Männer und Helden oder irgend­ein Wunschbild zu einer Macht zu erheben und zu verehren. Buddha16 lehrte nichts über Gott. Das Ergebnis war, seine An­hänger begannen ihn selber anzubeten. In China hatten die Men­schen nicht gelernt, Gott anzubeten, deshalb verehrten sie ihre Ahnen. Selbst des Schreibens unkundige Menschen verehren irgendeine Macht oder irgendeinen Geist. Kurzum, wir Menschen können nicht anders, als zu verehren oder anzubeten. Dieses Ver­langen nach Anbetung, von dem der Mensch nicht loskommen kann, hat ihm der Schöpfer anerschaffen, damit er, von diesem Verlangen geleitet, mit seinem Schöpfer verbunden sei oder sich ewiger Gemeinschaft mit Ihm erfreue.

2. Die aber zu halsstarrig sind, um an Gott zu glauben, ob-

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gleich man ihnen die auf Planmäßigkeit und Ordnung gegrün­deten Beweise für Sein Dasein vorlegt, würden an Ihn auch dann nicht glauben, wenn sie Ihn selber sähen. Und zwar aus zwei Gründen. Wenn Gott Sich ihnen offenbarte und ihnen Gründe gäbe, die Seine Gottheit beweisen, und zwar Gründe göttlicher Logik, dann würden sie Ihn doch nicht verstehen, denn solche Gründe überragen weit ihre menschliche Logik und Philosophie. Wenn Er ihnen aber andererseits Gründe gäbe, die der Richt­schnur menschlicher Erkenntnis folgen, dann würden sie ihn doch verachten und sagen: „Das kennen wir alles schon. Gott ist nicht viel besser als wir, denn Seine Art zu denken, scheint der unseren zu gleichen. Er mag ein wenig höher stehen als ein menschliches Wesen, aber nur ein wenig, mehr nicht."

3. Der Mensch ist ein Teil des Weltalls und ein Spiegel, der es widerspiegelt. Deshalb spiegelt sich in ihm die sichtbare wie unsichtbare Schöpfung wider. In dieser Welt ist er das einzige Wesen, das die Schöpfung deuten kann. Er ist sozusagen die Sprache der Natur. Die Natur spricht wohl, aber schweigend. Diese stillen Äußerungen der Natur faßt der Mensch in Worte.

4. Der Mensch ist ein begrenztes Wesen. Somit sind auch seine Sinne, die inneren wie die äußeren, begrenzt. Deshalb kann er des Schöpfers Schöpfung nicht von allen Seiten schauen. Wollte er es, so brauchte er unzählige Sinne. Unsere wenigen Sinne können nur wenige Seiten der Schöpfung und ihrer Natur wahr­nehmen und diese nicht einmal vollkommen. Trotz dieser Be­grenzungen hat das Herz Erkenntnis der Wirklichkeit, denn diese hängt weder vom Verstand ab, noch kann der Verstand sie be­greifen. Das menschliche Auge ist zwar in sich selber klein, aber es wandert über ungeheure Entfernungen und erreicht Orte, wo­hin der Mensch selbst nicht gehen kann. Es schaut die Sterne, die Millionen Meilen entfernt sind, beobachtet ihre Bewegungen und erfreut sich ihres Glanzes. Genau so blicken die Augen des Herzens aufmerksam auf die Geheimnisse Gottes, und diese Einsicht drängt den Menschen dazu, Ihn anzubeten, in dem allein die Nöte seines Herzens für immer vollkommen gestillt sind.

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XVII

DAS   SUCHEN  NACH  DER  WIRKLICHKEIT

1. Die Weisen aus dem Morgenlande kamen aus weiter Ferne und wurden durch den Stern zur Sonne der Gerechtigkeit geführt. Diesen Männern, die von so weither kamen, wurde, als sie den König der Gerechtigkeit sahen und anbeteten, das Verlangen ihres Herzens erfüllt, während in einem gewissen Sinne Sein eigenes Volk, die Juden, Ihn verwarfen und kreuzigten und dadurch ihren Segen verloren. Aus Ost und West kommen Leute zu Ihm: sie suchen die Wirklichkeit und finden Ihn, beten Ihn mit Herz und Seele an und legen sich selbst als Opfer Ihm zu Füßen. Durch dieses Opfer ererben sie ewiges Leben in Seinem Reich. Anderer­seits verwerfen Ihn Christen, die sozusagen Sein eigenes Volk sind, mit Wort und Tat und erleiden dadurch unsagbaren Ver­lust. Die Weisen aus dem Morgenlande verweilten nicht lange genug, so daß sie Christi Lehre nicht hörten und Seine Wunder, Seine Kreuzigung, Seine Auferstehung und Himmelfahrt nicht sahen; deshalb hatten sie auch keine Botschaft für die Welt. Ebenso ergeht es manchen, welche die Wirklichkeit suchen: sie leben nicht in seliger Gemeinschaft mit dem Herrn und erfahren deshalb auch nicht Seine Leben schenkende und rettende Macht; so haben sie keine Botschaft für die Welt.

2. „Wer da hat, dem wird gegeben, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden" (Matth. 25, 29). Wenn ein Mensch nicht hat, wie kann dann etwas von ihm genommen werden? Mag er auch keine Begabung oder verantwortliche Arbeit haben, weil ihm diese wegen seiner Nachlässigkeit abgenommen worden sind, so ist ihm aber doch wenigstens seine Fähigkeit gelassen worden, zwi­schen dem Wirklichen und dem Unwirklichen zu unterscheiden. Wenn er jedoch dieses Unterscheidungsvermögen nicht benutzt, dann wird auch das noch von ihm genommen. Dadurch wird sein Gewissen starr und tot. Und ihm ist nichts mehr geblieben.

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3. Es gibt Menschen, deren Unterscheidungsvermögen ist so tot, daß, wenn es ihnen nicht gelingt, mit ihren feinen wissen­schaftlichen Werkzeugen die Anfänge des Lebens in dieser Welt nachzuweisen, sie dann nicht an Gott als die Quelle allen Lebens glauben, sondern zu denken beginnen, Lebenskeime seien von Meteoren herabgefallen — gewiß eine Unmöglichkeit. Wenn der tote Stoff der Welt kein Leben erzeugen kann, wie können dann Meteore, die aus demselben Stoff gemacht sind wie die Erde, Leben hervorbringen? Wenn der Stoff der Meteore sich von dem der Erde unterscheidet, wie können dann Keime von Meteoren auf dieser Erde wachsen, da doch die Umgebung so verschieden ist? Jedoch die Wahrheit ist: wo Gott gegenwärtig ist, da ist Leben. Im Wasser, es sei heiß oder gefroren, gibt es Lebewesen. Auch in heißen Quellen werden Lebewesen gefunden. So wirkt Gottes schöpferische Gegenwart überall. Unter allen Bedingungen schafft Er Leben.

4. Wahrheit oder Wirklichkeit wird an ihren Früchten erkannt. Wer im Einklang mit der Wirklichkeit handelt, dem fallen, schon während er so handelt, Früchte zu, und in der Zukunft wird ihm das oberste Gut zuteil — die Gewohnheit. Die Wirklichkeit allein kann das Sehnen der Seele stillen.

Wie tief ein Mensch auch in Sünde gefallen und wie sehr er auch entartet sein mag, so liebt und schätzt er doch die Wahrheit. Ein Lügner z. B. mag selber lügen, aber er hat es nicht gern, daß andere Leute auch lügen. Ein anderer wieder, wie ungerecht er selber auch sein mag, ärgert sich, wenn andere Leute auch un­gerecht sind. Das zeigt: in der Tiefe ihres Wesens verlangen solche Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit und schätzen sie auch, denn die Wahrheit hat sie so geschaffen, daß sie sich, wenn sie für die Wahrheit und in ihr leben, selig fühlen. Wenn sie der Wahrheit entgegenhandeln, werden sie leiden, denn da­mit stellen sie sich gegen ihr eigenes Wesen wie gegen das Wesen der Wahrheit, die sie geschaffen hat.

5. Die Wahrheit hat viele Ansichten17. Jeder einzelne Mensch, je nach der ihm von Gott gegebenen Fähigkeit, drückt aus oder

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offenbart eine andere Ansicht der Wahrheit. Ein Baum mag dem einen Menschen wegen seiner Früchte gefallen, einem anderen wegen seiner hübschen Blüten. Die Menschen würdigen und er­klären jene Ansichten des Baumes, die ihnen zusagen. So er­klären und beschreiben der Philosoph, der Gelehrte, der Dichter, der Maler und der Mystiker, jeder nach Fähigkeit und Tempera­ment, die verschiedenen Ansichten der Wirklichkeit, die auf sie gewirkt haben. Einem einzelnen Menschen ist es unmöglich, eine allumfassende Schau der Wirklichkeit zu gewinnen und alle ihre verschiedenen Stufen zu beschreiben.

6. Wenn wir herausfinden wollen, ob eine Sache wahr ist oder nicht, so müssen wir sie von verschiedenen Seiten betrachten. Sonst entsteht Mißverständnis und Irrtum. Wenn wir z. B. einen geraden Stock von einem Ende nur mit einem Auge anblicken, dann können wir nicht erkennen, wie lang er ist. Wenn wir einen richtigen Eindruck von dem Stock gewinnen wollen, dann müs­sen wir ihn von verschiedenen Seiten ansehen.

Wer mit seinem ganzen Gemüt und seiner ganzen Seele die Wirklichkeit sucht und sie erlangt, der erkennt: noch bevor er nach der Wirklichkeit zu suchen begann, hat die Wirklichkeit selber nach ihm gesucht, um ihn in ihre selige Gemeinschaft und Gegenwart zu bringen. Es ergeht ihm wie einem verirrten Kind, das seine Mutter sucht. Nachdem es wieder in ihren Schoß ge­funden hat, erkennt es: noch bevor es an sie dachte, hatte sie schon mit tiefer mütterlicher Liebe nach ihm zu suchen begonnen.

 

XVIII

REUE   UND   RETTUNG

1. Zur Rettung ist Reue notwendig; aber Reue allein kann Sün­der nicht retten, wenn Gottes Gnade ihnen die Sünde nicht ver­gibt. Wenn ich einen Stein gegen einen Menschen schleudere, wenn er stirbt und ich bereue es, dann mag solche Reue mich davor bewahren, daß ich jene Torheit in Zukunft wiederhole; aber der Schaden, der angerichtet worden ist, kann nicht ungeschehen ge-

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macht und das Leben des Mannes nicht wieder zurückgebracht werden. Gott allein kann mir vergeben und dem Toten im näch­sten Leben eine Gelegenheit gewähren, daß der Schaden, den er durch seinen plötzlichen Tod erlitten, wieder ausgeglichen werde. Auf diese Weise können beide, der Mörder sowie der Ermordete, gerettet werden.

2. Gott allein kann richtig strafen oder vergeben, denn Er allein versteht die inneren Nöte und Umstände des Menschen und weiß, was aus Seiner Vergebung oder Strafe folgen wird. Wenn der Mensch jedoch straft, dann wird oft der Zweck der Strafe nicht erreicht, denn er kennt die inneren Nöte und Umstände des Misse­täters nicht. In einigen Fällen schafft die Strafe nichts Gutes, son­dern schadet nur, während Vergebung nahezu zauberhaft wirkt, indem sie die Menschen verwandelt. In anderen Fällen mag die Vergebung nur als Gelegenheit zu neuer Missetat verstanden werden; solche Menschen sind dann nur durch Strafe zu bessern. Gott allein kennt das wirkliche Wesen der Menschen und errettet sie, wie sie es nötig haben, von den Ursachen wie Folgen der Sünde.

3. Die Absicht der Seele ist, wirkliche und bleibende Freude zu erlangen. Wer dieses Ziel mit falschen Mitteln, z. B. durch Sünde, zu erreichen sucht, der zerstört gerade die Fähigkeit der Seele, sich des Glücks zu erfreuen. Und wer diese Fähigkeit verküm­mern läßt oder mißbraucht, der zerstört sie. Denn Gott hat in Seiner Liebe diese Kräfte, Fähigkeiten oder Sinne zur Freude ge­schaffen und will, daß wir uns in Seiner Gemeinschaft ewiger Glückseligkeit erfreuen. Darin besteht die Errettung.

4. Stolz ist Sünde, denn der stolze Mensch hält von sich mehr, als er wirklich ist. Dadurch verliert er Gottes Gnade, fällt in Sünde und zerstört seine Seele. Lüge ist Sünde, denn sie wider­spricht der Wahrheit. Wer beständig Lügen erzählt, wird all­mählich ein Mensch, der sich selbst belügt. Er vertraut nicht mehr seinen inneren und äußeren Sinnen, sondern bezweifelt stets ihre Wahrheit. Schließlich bezweifelt er sogar Gottes Liebe und Gnade und verliert damit sein geistliches Leben und Gottes reichste Seg-

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nungen. Habsucht ist Sünde, denn der Habsüchtige sucht Befrie­digung in geschaffenen Dingen und verläßt damit seinen Schöp­fer. Ehebruch ist Sünde, denn der Ehebrecher zerreißt Familien­bande und zerstört Reinheit und Leben. Diebstahl ist Sünde, denn der Dieb beraubt die anderen ihres Verdienstes. Er sucht Freude, indem er anderen einen Verlust zufügt. Deshalb ist es notwendig, daß wir uns von diesen und allen anderen Sünden reumütig ab­wenden und uns retten lassen, damit Gottes Wille in unserem Erdenleben geschehe, wie er im Himmel unter Heiligen und Engeln geschieht.

5. Gelehrte und Philosophen, die an Entwicklung glauben, spre­chen vom Überleben des Tüchtigsten durch natürliche Zuchtwahl. Es gibt jedoch noch eine andere größere Tatsache, die durch das verwandelte Leben von Millionen bewiesen ist, daß nämlich in der göttlichen Zuchtwahl die Untüchtigen (d. h. die Sünder) über­leben. Trinker, Ehebrecher, Mörder und Räuber sind aus den Tiefen der Sünde und des Elends emporgehoben worden und haben ein neues Leben des Friedens und der Freude empfangen. Dies ist die Rettung, die wir durch Jesus Christus erlangen, der in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten (1. Tim. 1, 15).

 

XIX

ERBSÜNDE18

i. Es ist möglich, daß Kinder die Krankheiten der Eltern erben. Aber wenn die Eltern Hände, Füße oder Augen verlieren, so müssen die Kinder deshalb noch lange nicht lahm, verkrüppelt oder blind geboren werden. So steht es auch mit der Erbsünde. Die Kinder erben nicht alle Eigenschaften der Eltern, seien sie gut oder schlecht; sondern vieles im Charakter der Kinder ist das Er­gebnis ihrer eigenen bewußten Taten. Wenn sie alle Eigenschaf­ten ihrer Eltern erbten, dann könnten sie für ihre Taten nicht verantwortlich gemacht werden. Fähigkeit und Charakter sind nur in geringem Grad erblich; wie sie wachsen und reifen, das hängt weithin von den eigenen Anstrengungen ab.

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2. Wenn irgendein Gegenstand vor dem Licht steht, so wirft er einen Schatten oder ruft Dunkelheit hervor. Mondfinsternis tritt ein, wenn die Erde zwischen Sonne und Mond steht. Wenn der Schatten eines anderen Gegenstandes auf uns fällt, sind wir nicht verantwortlich dafür, denn nicht wir, sondern der Gegen­stand außer uns hat den Schatten geworfen. Da wir uns im Be­reich jenes Schattens befinden, werden wir von ihm berührt, aber wir sind nicht verantwortlich dafür. Doch wir tragen Verantwor­tung für die bösen Gedanken, die gleich Wolken aus unserem Herzen aufsteigen, am Himmel schweben und Dunkelheit be­wirken.

3. Sünden und ihre Folgen sind zwar gefährlich, dauern aber nicht ewig. Nichts ist ewig als Gott allein, und wem Er Ewigkeit verleiht. Wenn noch ein anderes Wesen aus sich selber neben Gott leben sollte, dann müßte es auch die unendlichen Eigenschaf­ten Gottes besitzen. Das ist aber unmöglich, denn nur Einer ist unbedingt19.

Gottes Dasein verbürgt eine vollkommene Ordnung, die be­ständig erhalten bleiben soll. Was Seinem Wesen widerstrebt (d. h. das Böse), kann in Seiner Gegenwart nicht auf ewig be­stehen. Deshalb soll die ganze Schöpfung, die da seufzt und in Wehen liegt, weil sie dem Bösen und der Nichtigkeit unterworfen ist, für immer befreit werden aus der Knechtschaft der Verderb­nis zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Rom. 8, 20—22).

 

XX

VEDANTA20  UND   PANTHEISMUS5

1. Nach dem Vedanta ist Gott21 (Brahma) allein wirklich; alles andere ist Täuschung. Die menschliche Seele ist dasselbe wie Gott, obgleich sie, wegen der menschlichen Unwissenheit, von Ihm getrennt zu sein scheint. — Wenn das wahr wäre, dann würde es bedeuten, auch Gott sei der Täuschung unterworfen. In diesem Fall kann Er nicht Gott sein. Gott ist in Wirklichkeit von aller Täuschung frei und weiß alles. Die Anhänger des Vedanta be-

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haupten auch, in tiefer Versenkung (samadhi) werde der Fromme durch Erkenntnis von Täuschung (maya) frei. Da erhebt sich die Frage: wenn alles Täuschung ist, wie erkennen wir da, daß der Fromme, in samadhi versunken, und was er in diesem Zustand erkennt, nicht auch Täuschung sind?

2. Wenn wir zugeben, daß der Vedanta wahr sei, dann müssen wir auch zugeben, daß — da Mensch und Gott dasselbe sind — Gott in Entwicklung begriffen sei und daß Er vermittels Täu­schung und Verwandlung des Stoffs Vollkommenheit erlangen wolle. Wenn maya das nicht für Gott leistet, dann sollen die An­hänger des Vedanta uns sagen: was ist die erste Ursache von maya? welche Handlungen haben dazu geführt, daß wir in maya verstrickt sind? und wozu ist maya gut? Tatsache ist: Gott ist in jedem Ding, und jedes Ding ist in Gott. Aber Gott ist nicht jedes Ding, und jedes Ding ist nicht Gott. Wer den Schöpfer mit seiner Schöpfung verwechselt, der ist in Unwissenheit versunken.

 

XXI

CHRISTUS UNSERE ZUFLUCHT

1. Eine Biene kommt zu einer Blume, um Honig zu sammeln. Während sie mit dieser lieblichen Aufgabe beschäftigt ist, wird sie mitunter von einer Spinne gestochen. Dieser Stich läßt die Biene erstarren, so daß sie eine leichte Beute der Spinne wird. Genau so verfährt Satan: er kann uns nicht nur an bösen Orten angreifen, sondern auch während wir uns einer guten, nützlichen und angenehmen Arbeit hingeben. Wenn wir nicht treu sind im Gebet22, droht die Gefahr, daß Satan uns angreift und über­wältigt.

2. Die Sünde macht das Gewissen taub und den Willen kraft­los und schwach. In solcher Lage vermag der Mensch, wenn er Gefahr und Tod vor sich sieht, ihnen nicht zu entfliehen — so hilflos ist er —, selbst wenn er ein starkes Verlangen danach hat. Einst trieb im tiefen Winter ein Leichnam den Niagara-Fällen zu.

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Ein Raubvogel saß darauf und war geschäftig, ihn zu verzehren. Als der Vogel den Wasserfällen nahe kam, wollte er den Leichnam verlassen und sich retten. Doch seine Krallen waren festgefroren, so daß er nicht fortfliegen konnte. So stürzte er in die tosenden Wasser und starb eines elenden Todes.

3. Wenn wir vor den Angriffen und Gefahren des Feindes ge­borgen sein wollen, dann müssen wir in der Gemeinschaft mit dem Herrn leben und Ihm ähnlich werden. In schneereichen Län­dern kleidet die Natur Tiere und Vögel in Weiß, so daß sie die­selbe Farbe wie ihre Umgebung haben und somit vor Angriffen sicher sind. Wo die Umgebung anders ist, da sind auch die Tiere anders gekleidet. Das Chamäleon und der Bay-Plattfisch23 kön­nen ihre Farbe im Augenblick wechseln: sie nehmen dieselbe Farbe wie ihre Umgebung an und entkommen ihren Feinden. Jedoch blinde Fische können das nicht, denn sie können die Farbe um sie herum nicht sehen. In gleicher Weise ist es höchst wichtig, daß wir geistliche Schau haben; denn wenn wir beständig auf Christus blicken und Ihm nachfolgen, können wir Ihm ähnlich werden sowie in Ihm auf ewig geborgen und vor allen Angriffen des Feindes behütet leben.

 

XXII

FEINDE GROSS UND KLEIN

1. Des Menschen Todfeinde sind nicht nur große Tiere wie Tiger, Wölfe und Schlangen. Kleine Keime, die wir nur durch das Mikroskop sehen können und durch unsere Nahrung sowie durch Wasser und Luft in uns aufnehmen, sind oft noch viel gefähr­licher und rufen tödliche Krankheiten hervor. Ebenso gefährden nicht nur große Sünden unsere Seele, sondern verborgene böse Gedanken, die Keime großer und kleiner Sünden, wirken noch viel zerstörender. Wir müssen danach trachten, diese Keime von Anfang an aus unserem Gemüt zu entfernen, damit wir und an­dere von ihren verhängnisvollen Folgen frei werden.

2. In unserem Leib haben wir Gesundheitskeime (phagocytes)

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wie auch Krankheitserreger (bacteria). Wenn unter irgendwelchen Umständen die Krankheitskeime sich vermehren und die Ge­sundheitskeime überwältigen, dann wird der Mensch krank, und wenn er nicht richtig behandelt wird, stirbt er. Wenn aber die Gesundheitskeime stärker sind, so widerstehen sie und töten die Krankheitserreger, und der Mensch erfreut sich guter Gesundheit. Gleicherweise wirken unsere guten Gedanken: sie überwältigen unsere bösen Gedanken und helfen uns, daß wir uns, von den Verwüstungen der Sünde befreit, guter Gesundheit erfreuen. Die­ser Sieg kann nicht errungen werden ohne die Hilfe des Heiligen Geistes, der die Quelle aller Gutheit, aller Freude und des voll­kommenen Lebens ist.

3. Manche Menschen werden so sehr von bösen Gedanken überwältigt, daß sie alle Hoffnung zu verlieren scheinen und sich in großer Verzweiflung das Leben nehmen. Aber anstatt sich selbst zu töten, sollten sie vielmehr mit Gottes Hilfe jene Ge­danken töten, die ihnen alle Hoffnung und Kraft zum Siege neh­men. Wir sollen nicht unser Leben mit Gift oder tödlichen Waffen zerstören, sondern geistliche Waffen, wie das Gebet, be­nutzen, um das Böse bis in die Wurzel zu vernichten. Dann brin­gen wir uns nicht um, sondern retten uns und helfen dadurch auch anderen, sich zu retten.

4. Selbstsucht ist in gewisser Weise Selbstmord; denn Gott hat uns gewisse Fähigkeiten und Eigenschaften gegeben, damit wir sie zum Wohle anderer gebrauchen. Indem wir anderen helfen, finden wir neue Freude und helfen auch uns selber. Dies ist ein Gesetz unseres inneren Seins. Wenn wir anderen nicht helfen, verlieren wir diese Freude. Wenn wir unsere Nächsten nicht wie uns selber lieben, sind wir ungehorsam gegen Gott. Solcher Un­gehorsam beraubt uns der Freude, von der unsere Seele lebt. Dann bleibt unsere Seele hungrig und stirbt. Ein selbstsüchtiger Mensch meint, er schaffe zu seinem eigenen Vorteil; aber ohne es zu wissen, fügt er sich selber großen Schaden zu. Wenn jeder Mensch sich nur dazu entschließen könnte, die Selbstsucht aufzu­geben, dann würde aller Kampf und Streit in der Welt aufhören

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und die Erde zum Himmel werden. Alle Sünden kommen aus der Selbstsucht. Deshalb gebot uns unser Herr, uns selbst zu ver­leugnen und Ihm nachzufolgen (Luk. 9, 23).

5. Wenn wir fortwährend andere tadeln und an ihnen etwas auszusetzen haben, fügen wir ihnen wie uns selber großen Scha­den zu. Wenn wir jedoch den Selbstruhm aufgeben und uns selber tadeln, dann wird uns das umgestalten: wir werden am Leben der anderen teilnehmen und sie lieben. Auf diese Weise werden die anderen wie auch wir selber Gewinn haben. Und wir werden das verheißene Land erben, das Reich wirklicher Liebe.

 

XXIII

„GÄSTE UND FREMDLINGE AUF ERDEN"

1. Ein Philosoph reiste um die Erde, um einen Ort vollkom­mener Stille und Ruhe zu finden. Statt dessen fand er überall Sünde und Sorge, Leiden und Tod. Aus der Erkenntnis und Er­fahrung, die er so gewonnen hatte, kam er zu dem Schluß, diese Welt sei nicht dazu bestimmt, unsere bleibende und wirkliche Heimat zu sein, sondern die wirkliche Heimat, nach der sich unsere Seele so sehr sehnt, sei anderswo; dort werde die Seele vollkommene Ruhe finden.

2. Einst wurde nahe beim Golf von Mexiko ein Vogel gefangen und nach einem Ort verschickt, der 850 engl. Meilen weit entfernt lag. Er wurde in einen engen Käfig gesteckt und kannte den Weg, den er geschickt wurde, nicht. Aber als er herangewachsen war, kehrte er ohne Führung und Hilfe zu eben derselben Stelle wieder zurück, von der man ihn fortgenommen hatte. Sein Instinkt hatte ihn geleitet. Ebenso ergeht es dem Menschen, dessen Gewissen durch Gottes Gnade wach ist: er verläßt diese vergängliche Welt und erreicht durch die Führung und Hilfe des Heiligen Geistes den Himmel, die ewige Heimat, für die er geschaffen worden ist.

3. Ein Naturforscher brachte die Eier einer Nachtigall in ein kaltes Land und hoffte, daß die Vögel, wenn sie dort ausgebrütet wären, jenes Land für ihre Heimat halten und dort bleiben wür-

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den. Aber sie krochen aus und flogen, als der Sommer vergangen war, fort in ihr Heimatland und kehrten niemals mehr zurück. Ganz ähnlich ergeht es auch uns: obgleich in dieser Welt geboren, sind wir doch nicht für sie bestimmt. Sobald die Zeit kommt, da wir den Leib verlassen, begeben wir uns in unsere ewige Heimat. 4. Wenn der Leib stirbt, dann stirbt die Seele nicht, noch geht sie an einen weit entfernten Ort. Sondern mit dem Tod beginnt sie ein neues Leben, indem sie in einen neuen Zustand eintritt. Es ergeht ihr wie einem Kinde: wenn das Kind den Mutterschoß verläßt, beginnt ein neues Leben, indem es in einen neuen Zu­stand eintritt, aber die Welt oder der Ort, wo es lebt, bleiben weiterhin dieselben. So geht der Geist, nachdem er den Leib ver­lassen hat, in einen weit besseren Geisteszustand ein, obgleich die Welt, in der er lebt, weiterhin die gleiche bleibt. Das Kind im Mutterschoß wie der Geist im Leibe bleiben über ihren zu­künftigen Zustand unwissend, denn er ist ihren Augen verbor­gen. Nachdem das Kind den Mutterleib verlassen hat, kann es den Leib, aus dem es gekommen, nicht mehr sehen. Ebenso ver­mag die Seele — besondere Umstände ausgenommen — die Kör­perwelt, aus der sie gekommen, nicht mehr zu sehen, denn nun lebt sie für immer in der Geisteswelt; die Körperwelt ist als grober Stoff in die Geisteswelt eingeschlossen. Wie das Kind beim Durch­schneiden der Nabelschnur vom Mutterschoß getrennt wird, so wird der Geist vom Leib getrennt, wenn der silberne Strick ab­geschnitten wird (Pred. Sal. 12, 6). Für das Kind ist der Mutter­schoß der Ort, wo es für die Zukunft zubereitet wird, und für die Seele ist es der Leib. Aus dem Leib geht die Seele in Gottes Ge­genwart hinüber, wo sie ihre wirkliche Bestimmung und Voll­kommenheit erlangt.

 

XXIV

GLAUBE UND REINHEIT

1. Keine Arbeit, sie sei geistlich oder weltlich, kann ohne Glauben geleistet werden. Wenn wir nicht einander glaubten,

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würde das Leben in dieser Welt unmöglich. Wenn alles so sehr vom Glauben abhängt, welche Schande ist es da, wenn wir nicht Ihm vertrauen, der in unserem Wesen die Fähigkeit zum Glauben geschaffen hat! Wenn unsere Erkenntnis unendlich wäre, dann hätten wir natürlich keinen Glauben nötig. Aber da unsere Er­kenntnis so begrenzt ist, daß sie nahezu ein Nichts ist, werden wir in dieser Welt immer den Glauben brauchen. Und tatsächlich auch in der nächsten Welt, denn sogar dort wird unsere Erkennt­nis nicht unendlich sein.

Der Glaube ist wie die Liebe die Ranke der Seele, die sich an Gott klammert, Zweige und Blätter treibt und geistliche Früchte in Fülle hervorbringt.

2. Durch den Glauben empfangen wir die Taufe mit dem Feuer des Heiligen Geistes. Ohne sie genügt die Wassertaufe zur Rein­heit und Rettung nicht. Silber und Gold können durch Wasser nur äußerlich gereinigt werden, denn es kann nicht in sie ein­dringen. Um sie zu läutern, dazu bedarf es des Feuers. Die Taufe mit dem Feuer des Heiligen Geistes ist nötig, damit die Seele vollkommen gereinigt wird.

 

XXV

OFFENBARUNGEN CHRISTI

1. Wenn wir den Heiligen Geist nicht empfangen, können wir die Größe und Gottheit Christi nicht verstehen, auch wenn wir Ihm unser ganzes Leben hindurch nachfolgen. Das zeigen deutlich die Erfahrungen der Jünger. Christus berief sie aus einem nie­deren zu einem höheren und edleren Werk: aus Fischermenschen machte Er sie zu Menschenfischern. Drei Jahre lang lebten sie mit Ihm. Während jener Jahre taten sie edlen Dienst: sie verkündig­ten den Menschen die frohe Botschaft des Heils. Aber als Chri­stus gekreuzigt und begraben ward, versanken alle ihre Hoff­nungen mit in Seinem Grab. Die Jünger kehrten zurück und nahmen dieselbe alte Arbeit auf, die sie früher zu ihrem Lebens-

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unterhalt getan hatten. Doch Christus, den sie für tot hielten, erstand wieder von den Toten und erschien ihnen bei verschie­denen Gelegenheiten. Als Er einmal Seinen Jüngern am See Genezareth erschien, erkannte Petrus Ihn als den Herrn und schämte sich so sehr, daß er ins Wasser sprang, um sich zu verbergen. Er tat das wohl aus zwei Gründen: der eine Grund war, er sah Chri­stus zum erstenmal seit seiner Verleugnung und schämte sich, denn er dachte: „Ich erklärte feierlich, ich würde selbst mein Leben für Christus geben und Ihn auf keinen Fall verleugnen. Aber ich tat es dennoch. Wie kann ich nun vor Ihm bestehen?" Der andere Grund war sehr wahrscheinlich dieser: er schämte sich, wenn er daran dachte, daß vor drei Jahren er und die anderen Jünger an genau derselben Stelle zu dem großen Werk berufen worden waren, Menschen zu Christus zu führen, und daß sie nach drei Jahren das edlere Werk aufgegeben hatten, zu dem alten zurück­gekehrt waren und ihm an derselben Stelle nachgingen, wäh­rend sie doch das große Werk hätten fortsetzen sollen, zu dem Christus sie berufen hatte. Als Christus von den Toten aufer­stand, kehrten auch ihre toten Hoffnungen wieder ins Leben zu­rück; und als sie weiterhin die Fülle des Heiligen Geistes emp­fingen, wurden sie aufs neue der Gottheit Christi gewiß, so daß sie, obwohl sie verfolgt wurden und als Blutzeugen leiden muß­ten, bis zum Ende ihres Lebens Ihn verkündigten und das Werk fortführten, zu dem sie berufen worden waren.

2. In der gegenwärtigen Zeit gibt es viele Christen, die Chri­stus nachgefolgt sind, ohne daß sie Seine Größe und Gottheit in ihrem eigenen inneren Leben erfahren haben. So sind sie in die Irre gegangen. Sie denken, Christus sei ein großer und vollkom­mener Mensch gewesen, der vor Jahrhunderten lebte und starb. Aber denen, die sich zu Ihm wenden und beten, offenbart er sich aufs neue in Seiner Herrlichkeit und Kraft wie dem Paulus. Und sie erneuern ihre Gemeinschaft mit Ihm und dienen Ihm durch die Kraft des Heiligen Geistes getreu bis ans Ende ihres Lebens.

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XXVI

DEMUT

1. Wenn der Geist Christi nicht in uns wohnt, können wir nicht demütig und sanftmütig sein wie Er, der — obgleich Gott — die Gestalt eines Knechtes annahm (Phil. 2, 6—7). Wir dürfen dem falschen Stolz in unserem Herzen keinen Raum geben, indem wir vergessen, was wir wirklich sind. Durch Stolz fallen wir von der Wahrheit ab und zerstören uns selber. Auch wenn wir mehr Fortschritte als andere Menschen gemacht haben, dürfen wir nicht vergessen: Diamant und Kohle sind aus demselben Stoff ge­macht, nämlich aus Kohlenstoff. Verschiedene Umstände haben bewirkt, daß sie so verschiedene Gestalt angenommen haben. Aber obgleich ein Diamant so wertvoll ist, kann er ebenso voll­ständig verbrannt werden wie Kohle.

2. Wenn wir am Rande eines Abgrunds stehen und hinunter­blicken, empfinden wir Schwindelgefühl und Furcht, auch wenn die Tiefe nur ein paar hundert Fuß betragen mag. Aber wir fürch­ten uns niemals, wenn wir zum Himmel hinaufblicken, obgleich unsere Augen dort über viel größere Höhen streifen. Warum? Weil wir nicht nach oben fallen können. Andererseits besteht je­doch die Gefahr, daß wir hinabstürzen und in Stücke zerschmet­tern. Wenn wir zu Gott emporblicken, so fühlen wir, daß wir in Ihm geborgen sind und von keinerlei Gefahr bedroht. Aber wenn wir unser Angesicht von Ihm abwenden, erfüllt uns die Furcht, wir könnten von der Wirklichkeit abstürzen und in Stücke zer­schmettern.

 

XXVII

ZEIT UND EWIGKEIT

1. Die wirkliche Zeit, das heißt die Zeit in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit, ist Ewigkeit. Die Zeit, wie wir sie kennen, ist ein flüchtiger Schatten jener wirklichen Zeit. Für Gott gibt es weder

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Vergangenheit noch Zukunft, sondern alles ist Gegenwart. Da Seine Erkenntnis unendlich ist, stehen Vergangenheit und Zu­kunft zugleich vor Ihm. Aber für uns hat die Gegenwart kein Dasein, da sie nur der Übergang der Zukunft in die Vergangen­heit ist. Ein jeder Augenblick taucht aus der Zukunft auf und glei­tet unvorstellbar schnell in die Vergangenheit hinüber. Auch Vergangenheit wie Zukunft haben für uns kein Dasein, denn sie sind jenseits unserer Reichweite. Somit hat die Zeit für uns keine Wirklichkeit.

Wenn wir aus dem Schlaf erwachen, vermögen wir kaum zu sagen, wieviel Zeit während unseres Schlafes vergangen ist. Selbst in unseren wachen Augenblicken ist die Zeit so unwirk­lich. In Sorgen und Leiden scheint ein Tag ein Jahr zu sein, in Freuden dagegen ein Jahr ein Tag. Deshalb hat die Zeit keine Wirklichkeit, denn Wirklichkeit ist unter allen Umständen wirk­lich, und wir haben keinen Sinn für die Zeit, denn wir sind für die Wirklichkeit geschaffen worden, und die ist ewig.

2. Jahr, Monat, Tag sowie Stunde, Minute, Sekunde schaffen, was wir Zeit nennen, indem wir sie auf Ereignisse oder Ver­änderungen von Gegenständen im Raum beziehen. Nimm irgend­einen Gegenstand im Raum; wenn er sich verändert, schafft er Zeit. Während der Veränderung ist Gegenwart; nachdem die Ver­änderung stattgefunden hat, ist sie Vergangenheit; wenn sie sich noch ereignen soll, ist sie Zukunft. Wenn die Gegenstände sich verändern, so verändert sich die Zeit mit ihnen in Zukunft oder Vergangenheit. Die Wirklichkeit dagegen verändert weder sich selbst noch die Ewigkeit, mit der sie zusammenhängt.

3. Die Zeit mag wechseln und vergessen werden. Aber was auch immer wir in der Zeit getan haben, das wird niemals aus­gelöscht werden, sondern in die Ewigkeit eingehen.

„Die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit" (1. Joh. 2,17).

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3.SCHRIFT

Das Suchen nach der Wirklichkeit

Gedanken über Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum

 

VORWORT

Da ich in enger Berührung mit Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum lebe, habe ich ihre heiligen Bücher sowie die Schriften ihrer führenden Denker studiert. Zudem habe ich auch noch durch persönliches Gespräch mit vielen ihrer gelehr­ten Anhänger viele Kenntnisse über ihren Glauben gewinnen können. Was ich bei meinem Nachdenken über diese vier großen Religionen fand, habe ich in diesem Buch niedergelegt.

Ich will keineswegs einen grundsätzlichen und geschichtlichen Überblick über diese Religionen geben. Vielmehr habe ich ver­sucht, meinen Lesern in schlichten Worten einige ihrer Grundsätze darzulegen. Und ich hoffe, dadurch Wahrheitssuchern zu helfen, daß sie die Wirklichkeit erkennen.

Subathu, Simla Hills, September 1924         Sundar Singh

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1. Kapitel

RELIGION UND WIRKLICHKEIT24

Überall finden wir: der Mensch verlangt danach, eine über­natürliche Macht anzuerkennen, die denen alle Nöte stillen kann, die gehorsam und getreu ihre Pflicht gegen sie25 erfüllen. Dieses Verlangen nennen wir Religion.

Mit anderen Worten, Ziel und Gegenstand der Religion ist: wir sollen die Gebote dessen befolgen, der der Schöpfer, Herr und Erhalter des Weltalls ist; wir sollen Ihn von ganzem Herzen anbeten und uns der Gemeinschaft dessen erfreuen, der der All­mächtige, Ewige und Allgegenwärtige Gott ist.

Diese unendliche Quelle des Lebens, die Erste Ursache des Sichtbaren wie Unsichtbaren, ist die Wirklichkeit24.

 

I

DIE ALLMÄHLICHE ENTWICKLUNG28 VOM GÖTZENDIENST ZU GOTT

1. In den allerältesten Zeiten waren die Menschen gleich den unkultivierten Wilden von heute. Sie waren ihrer geistigen Nöte noch nicht inne geworden, oder, wenn sie doch schon etwas davon spürten, waren sie ihrer in der Tiefe noch nicht bewußt. Sie fühl­ten nur ihre leiblichen Bedürfnisse. Und statt des Schöpfers beteten sie an, was Er geschaffen hatte: Sonne und Mond, Feuer, Luft und Wasser. Außer den Hebräern hatte noch kein Volk eine Kunde von dem Einen Wahren und Lebendigen Gott. Daher be­teten sie um ihrer leiblichen Nöte willen in der Gestalt von Götzenbildern jene sichtbaren Dinge an, von denen sie Nutzen erhofften oder die sie als böse fürchteten.

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2. Später machten sie Bilder ihrer Götter und brachten ihnen Gaben und Opfer dar. Und wenn selbst dies ihnen nicht zu ge­nügen schien, gingen sie noch einen Schritt weiter und fingen an, gute und böse Geister sowie die Geister ihrer Ahnen zu verehren. Als ihr geistiger Blick sich weitete, konnte sogar dies nicht mehr das Verlangen ihres wachsenden geistigen Wesens befriedigen. Da waren sie gezwungen, ein geistiges Wesen zu suchen und zu verehren, das alle ihre leiblichen wie geistigen Nöte und Sehn­süchte, in dieser wie in jener Welt, zu stillen vermöchte. So hat Gott sich ihnen offenbart, wie ihr Geist es brauchte und fassen konnte. „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und auf mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat Er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn" (Hebr. 1,1-2)27.

3. Die alten Völker gebrauchten als Geräte einfache und rohe Dinge aus Stein, Bronze oder Eisen. Wir aber müssen heute nicht mehr Waffen und Geräte solcher Art benutzen, denn in unserer Zeit sind wir über die Kulturstufe jenes Zeitalters weit hinaus­geschritten. Wohl haben wir noch die Empfindungen behalten, denen jene Bedürfnisse entsprungen sind — Hunger und Durst zum Beispiel sind noch die gleichen —, aber die Mittel, die wir anwenden, um sie zu befriedigen, haben sich mit dem Fortschritt der Zeit geändert. Ganz ähnlich steht es mit den Bedürfnissen unseres Geistes. Aus den geschichtlichen und religiösen Büchern jener alten Völker haben wir erfahren, ihr Bedürfnis war dem unseren gleich. Damit ist aber nicht gesagt, wir müßten ihre Art des Götzendienstes übernehmen.

Wir erforschen die Lebensgewohnheiten dieser Völker, damit wir erkennen, welche Mittel sie gebrauchten, und wie weit sie damit Erfolg hatten, wenn sie sich in ihrem Streben, das Heil zu erlangen, in den Kampf zwischen Gut und Böse verwickelt sahen sowie in das Ringen mit der Sünde und ihren bösen Folgen.

In unserer eigenen Zeit finden sich die Menschen, wenn sie sich bemühen, das Heil zu erlangen, ganz ähnlich und noch viel mehr in die Schwierigkeiten des Kampfes zwischen Gut und Böse ver-

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wickelt. Doch gibt es eine fortschreitende Offenbarung der Wirk­lichkeit, die dem Bedürfnis, Fassungsvermögen und Stand der Entwicklung eines jeden Menschen wie Zeitalters entspricht. Da­mit ist aber nicht gesagt, die Wahrheit oder Wirklichkeit ver­ändere sich, selbst wenn sie den Menschen verschiedener Kultur und Lebensart in verschiedenen Gestalten erscheint. Mag auch immer wieder eine neue Ansicht offenbart werden, so bleibt die Wirklichkeit doch dieselbe und unwandelbar.

 

II

„EIN  MENSCH  VERSTEHT  NUR, WAS   MIT   ETWAS   IN   IHM   SCHON VORHANDENEM   VERWANDT   IST"

1. Anhänger verschiedener Religionen sowie Menschen ver­schiedener Temperamente und Fähigkeiten glauben, sie könnten durch die Erkenntnis, den Glauben und die Erfahrung, die sie haben, die Wirklichkeit vollständig bestimmen und beschreiben, obgleich ihre Erfahrung oft sogar ihre Träume und Gesichte be­grenzt. Die Unterschiede, die zwischen ihnen bestehen, betreffen jedoch nur die Oberfläche. In der Grundauffassung der Wirklich­keit, die sie zu bestimmen suchen, ist kein Unterschied28.

Es ist gerade so, als ob drei Menschen, deren einer eine rote, der andere eine blaue und der dritte eine grüne Brille tragen, eine weiße Blume betrachten. Einem jeden erscheint die Blume in an­derer Farbe. Alle stimmen in der Grundwahrheit überein: die Blume ist vorhanden. Ihr ganzer Streit geht nur um die Farbe. Und sowie sie ihre Brillen ablegen, sehen sie alle die wirkliche Farbe der Blume. Die Glaubensvorstellungen und Sinne der Men­schen gleichen Brillen, durch die sie alles Vorhandene prüfen und werten. Aber sie können die Wirklichkeit erst verstehen, wie sie sollten, wenn ihre Herzen durch Gott erleuchtet worden sind. Wer jedoch wirklich die Wahrheit sucht, den wird Er, der das Licht der Welt ist, „das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen" (Joh. 1, 9; 8,12), auch zur Wirklichkeit weiterführen.

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2. Wenn wir ein Ding in der Entfernung sehen, so erscheint es klein, und wir erkennen nicht, wie es wirklich beschaffen ist; aber wenn wir uns ihm nähern, lernen wir es allmählich kennen, wie es wirklich ist. Das Ding hat sich selber nicht geändert, aber wir haben von ihm mehr Erfahrung und Erkenntnis gewonnen. So werden wir Schritt für Schritt in die vertraute Gemeinschaft der unmittelbaren Gegenwart Gottes eintreten, und wir werden in unserer geistlichen Erkenntnis und Erfahrung wachsen, bis wir die Wirklichkeit voll erfassen. „Wir werden Ihn sehen, wie Er ist" (1. Joh. 3, 2; 1. Kor. 13,12).

3. Wer noch nie einen Apfelbaum, sondern nur seinen winzigen Samen gesehen hat, kann niemals verstehen, daß der ganze Baum — Stamm, Blüten und Früchte — darin enthalten ist. Wenn der Same alles findet, was er zum Wachsen braucht, dann wird zur bestimmten Zeit seine wirkliche Art hervorkommen, und alle seine verborgenen Möglichkeiten werden ins Dasein treten und zur Vollendung gelangen. Dadurch wird die ganze Frage gelöst. Ebenso ist es beim Menschen: wenn er alles andere [was nämlich jenseits des Sichtbaren liegt]29 außer acht läßt, dann weiß er nicht einmal, welche Fähigkeiten und Vermögen in ihm verborgen liegen; wenn er aber in Gemeinschaft mit Gott und nach Seinem Willen lebt, wird er auch weiterhin alles erhalten, was er zu seinem Wachstum braucht, und jenen Zustand der Vollkommen­heit erreichen, für den ihn Gott erschaffen hat. Dann werden alle Schwierigkeiten und Fragen gelöst sein. „Und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es er­scheinen wird, daß wir Ihm gleich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist" (1. Joh. 3,2).

4. Bäume wachsen im unbegrenzten Raum; doch gibt es eine bestimmte Grenze, die sie nicht überschreiten können. Die Schwer­kraft der Erde erlaubt nicht, daß sie auch nur um einen Zoll über ihre bestimmte Grenze hinausgehen. In gleicher Weise sind un­sere Weisheit, Verstand und Gedanken auf einen sehr kleinen Umkreis eingeschränkt, über den wir nicht hinausreichen können.

In der zukünftigen Welt ist die Anziehungskraft die Liebe.

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Aber diese hindert die Seele nicht, sondern hilft ihr und unter­stützt sie auf jede Weise, damit sie ihrer Vollendung entgegen­wachse.

5. Es ereignet sich des öfteren, daß irgendein Denker, der ganz unabhängig von anderen arbeitet, zu Schlüssen gelangt ist, die andere schon gezogen hatten. Der Grund dafür liegt in folgen­dem: die Welt gleicht einem ungeheuren Museum, das mit einer großen Menge Dinge angefüllt ist. Jeder Besucher, der eintritt, sieht, was ausgestellt ist, durch die Vermittlung seiner eigenen Erfahrung, färbt sie mit seiner eigenen Empfindung und Einbil­dung und erzählt anderen davon. Jeder tut es auf seine eigene Weise, aber das Ergebnis ist das gleiche. Dann gibt es auch noch Leute, deren Erkenntnisvermögen ein wenig abirrt und deren geistiger Erfahrung die Tiefe fehlt: sie versuchen die Wirklichkeit zu erklären, haben aber ihre Schriften und Reden mit ihrer Ein­bildung gefärbt und verschiedene und verzerrte Anschauungen ausgesprochen. Doch die Wirklichkeit ist dieselbe.

 

III

DIE   SINNE   SIND   DIE   VERMITTLER ZWISCHEN  DER   SEELE

UND  DEN  ÄUSSEREN  DINGEN

1. Die leiblichen Sinne und die Wahrnehmungen der Seele sind ihrem wahren Wesen nach in sich selber nichts, sondern wirken nur als Vermittler zwischen der Seele und den anderen Dingen. Wie die Süßigkeit der süßen Dinge nicht für diese selbst bestimmt ist, so sind auch die Wahrnehmungen der Sinne nicht für diese selbst. Auch der Mensch ist nicht, wie der Materialist glaubt, eine Maschine, die durch ihre eigene Kraft läuft; denn eine Maschine weiß nicht, daß sie eine Maschine ist. Im Gehirn und Nerven­system befindet sich nichts, was Gedanken und Vorstellungen hervorbringen kann; deshalb wirken sie nur als Werkzeuge der menschlichen Seele.

Es ist nutzlos, mit den Mechanisten zu streiten, die den Men-

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sehen als Automaten erklären; denn kein Automat könnte die Theorie aufstellen, er sei ein Automat. Es ist nutzlos, mit denen zu streiten, die da erklären: Denken, Fühlen, Wollen und Vor­stellen sind wertlose Blasen auf einem Strom von Protoplasma — denn keine Blase kann die Richtung des Stromes ändern, während Gedanken die Richtung unseres Lebens ändern können. „Ge­danken haben Hände und Füße", wie Hegel sagt30.

2. Wenn des Menschen Verstand und Fähigkeit von der Größe des Gehirns abhängen sollen, die ihn über andere Geschöpfe er­hebt: wovon hängt dann die wunderbare Fähigkeit der Honig­biene und der Ameise ab, da die Größe ihres Gehirns doch als fast gleich Null anzusprechen ist?

Vielleicht sagt man, das alles sei Trieb. Aber wie geschieht es denn, daß die Baumwurzeln, wenn sie Nahrung suchen, sich in der Richtung ihrer Nahrung ausbreiten und von dem abwenden, was ihnen schaden könnte?

Was ist die Triebkraft oder das Gehirn, wodurch Reben und Kletterpflanzen dazu angeleitet werden, daß sie ihre Ranken um andere Dinge herumschlingen und sich dadurch selber stützen, wenn sie aufwärts klettern?

Und welche Eigenschaft wirkt im Magnetismus, die selbst gefühl- und leblose Dinge anzieht?

Dies ist denn die Wahrheit: Derselbe Schöpfer, Der selbst unbedeutenden Geschöpfen ihrem Bedürfnis gemäß Fähigkeiten ge­geben hat, hat selbst den Menschen nach Seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen und ihm ein Erkenntnisvermögen gegeben, das dem Seinen ähnlich ist, und dieses kann ihn zum Schöpfer der beiden Welten zurückführen und zur Gemeinschaft mit Ihm.

3. Wir wissen viel mehr, als wir je in Worte fassen können, denn wir können niemals das Ganze unseres inneren Bewußtseins erklären. Irgend etwas bleibt stets unausgesprochen. Wir haben Erfahrungen, die wir zwar verstehen, aber nicht mehr ausdrücken können.

Zuzeiten haben wir eine Eingebung, und erhabene Gedanken leuchten plötzlich in unserem Geist auf. Diese haben wir nicht von

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irgend jemandem übernommen, denn keiner kann sie erklären, noch konnten wir sie in der sichtbaren Welt durch unsere Sinne kennenlernen. Deshalb erhebt sich die Frage: wie konnten wir diese verborgenen Dinge erkennen?

Ich würde sagen: der Beweis dafür ist, unsere Seele ist mit der unsichtbaren Geisteswelt verbunden, deren Licht, ohne daß wir es gewahr werden, sich in unserem inneren Selbst widerspiegelt. Durch unsere innere Anschauung kommen einige Wahrheiten aus jener anderen Welt zu uns, aber wir werden sie nur dann durch Erfahrung prüfen können, wenn wir in jene Welt eintreten, die wir jetzt nur dunkel wie in einem Spiegel sehen.

4. Ameisen und Bienen sind in den Grenzen ihrer kleinen Wel­ten ein kluges und arbeitsames Völkchen; außerhalb ihres Lebens­kreises nehmen sie höhere Geschöpfe und Menschen wohl wahr, aber sie können deren Dasein und Wesen nur in den Begriffen ihres eigenen kleinen Lebens messen. Ähnlich ergeht es uns in der Geisteswelt: wir begegnen den höchsten Geisteswesen, aber was wir von ihnen erkennen, ist ebenso gering wie das, was die Ameise von uns erkennt. Andererseits kann der Mensch, obgleich er der Ameise so sehr überlegen ist, doch nicht vollständig er­kennen, was dieses unbedeutende kleine Geschöpf vorstellt. Eben­so ist, was jene höheren Geisteswesen von uns wissen, unvoll­ständig. Er allein, Der alle Dinge geschaffen hat, kennt ein jedes Geschöpf vollkommen.

 

IV

GOTT  UND   SEINE   SCHÖPFUNG

1. Bevor das Beseelte wie Unbeseelte geschaffen wurde, war der Raum schon da; und sollte einmal das ganze All zerstört werden, so würde der Raum dennoch immer bleiben. Aber es ist undenk­bar, daß das All zerstört würde und der Raum leer bliebe. Es ist unmöglich, daß der Stoff durch eigene schöpferische Kraft im Raum entstand oder daß lebende Wesen aus leblosem Stoff her-

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vorgingen. Daraus folgt: wenn wir im All Ordnung und Ab­sicht finden, so beweist dies, daß ein Allmächtiges und Allwissen­des Wesen, selbst Unendlich und Ewig, den Raum erschuf und ihn mit dem erfüllte, was da ist, mit Sichtbarem und Unsicht­barem.

2. Nichts ist ewig außer Gott. So müssen wir der Frage be­gegnen: wenn das All nicht ewig ist, muß es dann nicht erschaffen worden sein? und wenn dem so ist, muß dann nicht in Gott, als Er das Vorhandene schuf, eine Veränderung vor sich gegangen sein? Das ist jedoch wieder unmöglich, denn Er ist unveränder­lich. Die Wahrheit liegt hierin: ehe das All ins Dasein trat, war es schon in der Erkenntnis Gottes. Ob etwas in der Außenwelt (ob­jektiv) oder in Seiner Erkenntnis (subjektiv) da ist, das ist für Ihn dasselbe.

Wenn wir andererseits das All für ewig halten, dann ist Gott nicht der Schöpfer. Und wenn Er nicht der Schöpfer ist, dann ist Er nicht Allmächtig. Und wenn Er nicht Allmächtig ist, dann ist Er nicht Gott. Solch ein Gott gleicht einem starken Mann: dieser besitzt zwar sein Eigentum und kann seine Besitztümer nutzen, aber seine Macht und Erkenntnis sind begrenzt, so daß er das wirkliche Wesen der Dinge, die er gebraucht, nicht kennt. Solche Begrenzung würde aber Gottes Wesen und Eigenschaften wider­sprechen. Doch wir brauchen nicht noch mehr zu sagen. Das All war in Seiner Erkenntnis und wurde durch Seine schöpferische Kraft geschaffen. Dieses All ist nicht mit Ihm vermischt, wie die Pantheisten5 glauben, sondern es ist von Ihm gesondert, obgleich es von Ihm herkommt und in Ihm ist und auf ewig in Ihm blei­ben wird.

3. „Der Geist des Herrn brütete über den Wassern", und zahl­lose Arten geschaffener Wesen traten vor Ihm ins Dasein. Und der Geist des Herrn brütet noch immer über Menschenseelen in dem grenzenlosen Ozean des Raumes. Er allein kennt die großen und herrlichen Wesen, die noch offenbart werden sollen; sie wer­den vollkommen werden wie ihr Schöpfer und sich auf ewig Seiner Gegenwart erfreuen.

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4. In der Welt gibt es heilsame Dinge, aber auch bittere und giftige Dinge finden sich dort. Gott ist in der Tat der Schöpfer dieser Dinge. Aber ihr böses Wesen haben die Mächte des Bösen geschaffen. So ist Gott auch der Schöpfer aller Seelen; aber das verderbte Wesen, das in den Menschen ist, kommt aus ihrem freien Willen. Gott schuf weder die Sünde und das Böse, noch machte Er die Menschen dazu geneigt, sondern Er ließ sie durch­aus frei, so daß sie selbst ihren Weg wählen konnten. Doch Gott, Der die Liebe ist, kann solch eine heilige und heilbringende Um­kehr in den Menschenseelen bewirken, daß ihr böses Wesen und alle ihre geistlichen Krankheiten auf immer beseitigt werden.

Wenn die Wurzel der Sünde entfernt ist, dann werden ihre bösen Wirkungen aus der ganzen Schöpfung verschwinden. Nur was jene traurige Erfahrung die Menschen gelehrt hat, wird sie ständig daran erinnern, in ihrem künftigen Leben gegen die Sünde wachsamer zu sein.

Es ist unmöglich, daß, was sich Gottes Wesen und Eigenschaf­ten widersetzt, auf ewig in dem Reich bleibe, das Er beherrscht.

5. Die Menschen bejubeln gewöhnlich mit Entzücken die Schön­heiten der Natur, wie sie zu sehen sind in Früchten und Blumen, Flüssen und Seen, Bergen und Landschaften. Aber ihre Aufmerk­samkeit und ihre Neigungen sind von der natürlichen Schönheit der Dinge so sehr erfüllt, daß es ihnen nicht gelingt, zu dem Schöpfer dahinter vorzudringen: Er ist hinter den Werken Seiner Hände verborgen, und Seine Schöpfung verhüllt Ihn wie ein Schleier.

Wenn schon das Weltall so schön ist, wie herrlich muß dann der Schöpfer selber sein! Wenn schon die Gaben Seiner Hände so süß sind, um wieviel süßer wird dann die Gegenwart dessen sein, der all diese Süße erschuf!

Aber wie traurig ist es, daß der unvernünftige Mensch sich mit dem Geschaffenen zufriedengibt und von der Leben-spendenden und Seelen-stärkenden Gegenwart seines Herrn nichts weiß.

6. Tiere kennen ihren Herrn; aber der Mensch, der edler ist als die übrige Schöpfung, ist tiefer gesunken als die Tiere und kennt

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seinen Schöpfer nicht. Denn sein sündiges Wesen hat ihn blind gemacht, und so gelingt es ihm nicht, sein wirkliches Selbst zu er­kennen. Sollte er aber dazu kommen, daß er sich selbst oder sein wirkliches Wesen erkennt, dann wird er durch die Führung und Hilfe des Heiligen Geistes auch Ihn erkennen, nach dessen Bild er geschaffen worden ist.

 

V

DIE  NOTWENDIGKEIT  DER  RELIGION

-l. Solange die Wellen über die Oberfläche des Wassers da­hineilen, können wir unser Angesicht darin nicht sehen. Ebenso geht es im geistlichen Leben: solange die Wellen weltlicher Stürme im Herzen des Menschen nicht zur Ruhe gekommen sind, kann er den wirklichen Zustand seiner geistlichen Not nicht sehen. Wenn er in der Stille der Innerung seinen Zustand erkennt, dann erkennt er in seiner Hilflosigkeit deutlich, er braucht Gott zur Hilfe und Rettung; dann beugt er sich vor Ihm im Gebet und gibt sich Ihm hin.

2. Wenn das Herz nicht betrogen wird und von den Verwick­lungen und Verführungen der Welt frei ist, dann ergeht es ihm wie der Kompaßnadel: wie diese in der Richtung des Polarsterns angezogen wird, so antwortet das Herz auf die Anziehungskraft Gottes und wendet sich zu Ihm. Denn es ist dem Menschen nicht möglich, daß er angesichts der Anziehungskraft Unendlicher Liebe und Heiligkeit völlig unempfindlich bleibe. „Kein wirklich großer Mann war je ohne Gott" (Seneca)31.

3. Wo die Menschen nicht die richtige Gotteserkenntnis erlangt haben, da ist ihre Religion auf Furcht und Selbstsucht gegründet. Ich fragte einmal Leute vom Lepcha-Stamm in Sikkim, warum sie den wahren Gott verlassen hätten und böse Geister verehrten. Sie antworteten: „Wir leben immerzu in Furcht vor dem Scha­den, den uns böse Geister zufügen können. So versuchen wir sie zu befriedigen. Aber wozu sollen wir zu Gott oder guten Geistern beten und sie verehren, da doch keine Gefahr besteht, daß sie

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uns schaden?'' Sie wußten nicht, daß wir durch unsere Verbin­dung mit Gott böse Geister überwinden können, und daß Gott uns stets vor jeglichem Angriff, der uns schaden könnte, schützt.

4. Ein alter Philosoph, der dunkel fühlte, daß wir Gott und Religion brauchen, sagte:

„In der Urzeit der Unordnung und Gewalt mochten wohl Ge­setze die Verbrechen getroffen haben, die am hellen Tag begangen wurden, aber sie konnten nicht die geheimen Sünden erreichen, die in den dunklen Tiefen des Gewissens verborgen waren. Da riet ein Weiser: ,Wenn die Menschen sittlich werden sollen, dann müssen sie lernen sich zu fürchten. Laßt sie Götter erfinden, die alles sehen und hören, die nicht nur alle Taten der Menschen kennen, sondern auch ihre innersten Gedanken und Absichten'."

Obgleich dieser Philosoph vom Dasein Gottes nichts wußte, so ist doch in seinem Wesen verborgen der Widerschein von Gottes Dasein deutlich zu sehen. Und hinter seinem Gedanken, einen Gott zu erfinden, ist Gott selber zu sehen, wie Er gegenwärtig wirkt. Kurzum, jedes Volk hat noch zu jeder Zeit in irgendeiner Gestalt sein tiefes Verlangen nach Gott gezeigt. —

Und nun will ich versuchen, etwas über die vier großen Reli­gionen — Hinduismus, Buddhismus, Islam und Christentum — zu schreiben. Dabei will ich herausfinden, welche dieser Religio­nen allumfassend genug ist, um die Sehnsüchte und Nöte des Menschengeschlechts zu stillen, und wie weit sie der einzelnen Seele, die durch die Erkenntnis ihrer Trennung vom Ewigen Gott beschwert ist, Frieden bringen kann.

 

2. Kapitel

DER HINDUISMUS

Das Wort Hindu findet sich in keinem der Vedas oder Shastras (religiösen Büchern), und seine wirkliche Bedeutung ist unbe­kannt. Es ist möglich, daß die Arier, die in der Nachbarschaft des

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Sindh-Flusses lebten, Sindhu genannt wurden, und daß dieser Name in Hindu verderbt wurde.

Die vier Heiligen Bücher der Hindus umfassen vier Veden32; Upanishaden3S, von denen zwölf die bedeutendsten sind; sechs Darshanas34; die Bhagavadgita35; und viele andere Shastras36 und Puranas S7.

Ein Hinduführer hat über den Hinduismus folgendes geschrie­ben:

„Im Hinduismus gibt es keine Dogmen. Man mag sich irgend­eine Lehre wählen und daran glauben, sogar Gottlosigkeit, ohne daß man aufhört, Hindu zu sein. Als Hindu muß man in der Theorie die Veden als geoffenbarte Religion annehmen, aber man darf den vedischen Texten seine eigene Auslegung geben. Da­durch ist ein Ausweg gelassen, auf dem man der Knechtschaft des Dogmatismus entfliehen kann."

Der Hinduismus umschließt völlig verschiedene Lehrgebäude. Hindu ist, wer von Hindu-Eltern geboren ist und irgendeines dieser Gebäude annimmt. Der Hinduismus hat keinen einzelnen Stifter. In weitgetrennten Zeitaltern schrieben verschiedene reli­giöse Lehrer, was sie für recht und wahr hielten, und gaben ihre Lehre an andere weiter. Deshalb finden sich im Hinduismus nicht nur verschiedene, sondern sogar widersprechende Lehren. Unter seinen Lehrern waren viele wirkliche Wahrheitssucher und bhak-tasSB oder Fromme, die ein gewisses Maß an Licht empfangen hatten von dem Gott, der „sich nicht unbezeugt gelassen" hat unter den Völkern (Apg. 14, 16—17). Einige dieser Frommen wurden Sadhus39 oder Sam/asis40: sie entsagten nicht nur der Welt und ihrer Üppigkeit, sondern sogar ihren Königreichen und verbrachten ihre Zeit in Versenkung. Es würde schwierig sein, in der heutigen Welt ein Volk zu finden, das an religiösen Übungen die Hindus übertrifft.

Jetzt will ich kurz über die Hauptlehren des Hinduismus be­richten.

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DER  VEDANTISMUS

1. Vedanta18 bedeutet das Ende (anta) der Veden oder das Ende der Erkenntnis. Er ist hauptsächlich auf der Lehre der Upa-nishaden gegründet; diese umfassen die Philosophie der Veden mit ihren Auslegungen. Aber die Lehre der Vedanta-Philosophie selbst findet sich in den Darshanas, der Bhagavadgita und in an­deren Shastras.

Die Hauptlehre des Vedanta besagt: alles ist May a oder Täu­schung außer Brahma21 oder Gott. Wenn dies wahr wäre, dann würde es nutzlos sein, Yoga oder Bhakti21 (Frömmigkeit) zu üben oder das Verdienst guter Werke zu suchen; denn Er, der Maya ins Dasein brachte, wird sie auch selber wieder zerstören. Wenn dies seine Macht überstiege, dann müßte Maya sogar mächtiger sein selbst als Brahma. Denn dann könnte Maya alle jene körperlichen Erscheinungen unter ihre Gewalt bringen, die in der Gesamtheit ihrer stofflichen Gestalten für Brahma gehal­ten werden. Übrigens, welchen Beweis hat der Vedantist dafür, daß die Anhänger der Maya-Lehre oder die durch Versenkung Erleuchtung gewinnen (Yogi]41 oder sogar Brahma selbst nicht Maya sind?

Die Wahrheit ist aber diese: es ist ein Wahrer, Allmächtiger und Ewiger Gott, und diese Welt ist Seine Schöpfung. Diese stoffliche Welt ist nicht Maya oder Täuschung, wie die Vedantisten 42 und Sophisten 43 glauben, sondern hat wirkliches Dasein. Die Schöpfung ist weder Gott selber, noch ist sie getrennt von Ihm. Seine Leben-spendende Gegenwart wirkt in allen Geschöp­fen, denn „in Ihm leben, weben und sind wir" (Apg. 17, 28).

2. Die Vedanta-Philosophie lehrt: den Menschen ergeht es wie den Schneeflocken. Die Schneeflocken schmelzen und werden wie­der zu Wasser; dieses fließt davon, vereinigt sich mit dem Fluß und strömt ins Meer. So schmelzen die Menschen gleich einzelnen

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Schneeflocken im Feuer der Erkenntnis, verlieren ihr persönliches Dasein, kehren zurück und vermischen sich mit dem Ozean, der ist Brahma.

Wenn wir diese Lehre annähmen, dann müßten wir zugeben: es ist noch eine andere Kraft außer Brahma da. Denn wie die Kälte das Wasser gefrieren läßt und jeder Schneeflocke für sich ein eigenes Dasein gibt, so erhält diese Kraft allen verschiedenen Gestalten ihr gesondertes Dasein und hindert sie daran, wieder im Brahma aufzugehen.

Wenn wir Shankaracharyas44 Glaubenssatz annähmen, daß nämlich Maya die schöpferische Kraft Brahmas sei, dann würde die gesamte Verantwortung für den Zustand des Menschen auf Brahma liegen, der beides geschaffen19 hat: den Menschen wie die Unwissenheit (avidya). Dann könnte auch der Mensch für seine Sünde nicht verantwortlich gemacht werden; denn daß er als ein besonderes Wesen lebt, hänge von der „Unwissenheit" ab: sie sei die Wurzel und Ursache der Sünde.

Es geschah wohl im Licht dieser Lehre, daß Swami Vivekananda45 auf der Welttagung der Religionen in Chikago sagte: „Es ist eine Sünde, einen Menschen Sünder zu nennen"46. Wenn das wahr wäre, dann würde alle Lehre der Veden und Shastras über gute und böse Werke (karma) nichtig sein; denn wenn die Tatsache der Sünde geleugnet wird, dann unterscheidet sich das Gute des Menschen nicht von seinem Bösen.

3. Wenn Erkenntnis (gnana) sowie Gute Werke (karma) und Frömmigkeit (bhakti) zur Erlösung21 (moksha) nötig sind, was bedeutet diese dann noch, wenn wir, indem wir sie empfangen, unser Selbst im Allwesen und unsere Seele21 (atman) in der All­seele (paramatman) verlieren? Hier haben wir statt Erlösung Ver­nichtung! Und wenn wir selbst im Brahma aufgingen, dann wäre auch unsere Erkenntnis (jnana) verloren. In diesem Licht besehen bleibt „Erkenntnis" nicht „Erkenntnis", sondern wird zur ewigen Unwissenheit (avidya) und Auflösung. Solange wir im Zustand der „Unwissenheit" sind, haben wir wenigstens noch eine ge­wisse Erkenntnis unserer selbst; wenn wir jedoch die Erlösung

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durch „Erkenntnis" erlangt haben, müssen wir selbst das Wenige aufgeben, das wir hatten, ehe wir uns in Brahma auflösten!

Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. So möchte ich denn den Vedantisten eine Frage stellen: Ist es die Frucht der „Er­kenntnis" (jnana), daß in Indien (wo diese „Erkenntnis" gelehrt wurde und ihr Lehrer geboren war) trotz dieser Lehre Millionen Menschen durch Jahrhunderte hindurch in einem höchst er­schreckenden Zustand der Unwissenheit geblieben sind?

Wenn sie sagen, diese „Erkenntnis" sei nicht für das gewöhn­liche Volk, sondern für yogis und Weise, das heißt also nicht für alle, so können auch nicht alle daraus Nutzen ziehen. Wir dürfen zusammenfassen: diese Erkenntnis ist nicht für alle da, also ist sie nicht allumfassend; und wenn sie nicht allumfassend ist, dann ist sie auch nicht wahr, denn die Wahrheit ist für alle da.

4. Wenn die Vedantisten zeigen wollen, alles Sichtbare sei nur Täuschung und Traum, so gebrauchen sie dieses Beispiel: im Dunkel erscheint ein Seil wie eine Schlange, aber bei Licht sehen wir sein wirkliches Wesen, und die Täuschung ist zerstreut. Doch damit ist nicht bewiesen, es gebe in der Welt keine Schlangen. Denn wenn es keine Schlangen gebe, dann hätten wir, als wir das Seil sahen, gar nicht an die Schlange denken können; denn was nicht ist, das ist auch nicht denkbar. Darüber braucht nichts mehr gesagt zu werden. Die geschaffenen Dinge, die wir um uns herum sehen, sind nicht Traum oder Täuschung, sondern sind wirklich.

5. Shankaracharya lehrt ferner folgendes: „Die Welt wird in großen Zeiträumen hervorgebracht19 und in Brahma wieder auf­gesogen." Das bedeutet, Brahma schuf19 lebende Wesen und band sie an Unwissenheit und Leiden. Das ist unseren Vorstel­lungen eines gerechten Gottes so fremd, daß Swami Sardanand 47 erklären mußte: „Es ist nur ein Spiel des Unendlichen." Wenn das aber wahr wäre, dann würde solch ein Brahma jenen römi­schen Gewaltherrschern gleichen, die Menschen unter wilde Tiere warfen, damit der Anblick menschlicher Qualen sie unterhalte. Eine solche Vorstellung widerspricht völlig dem Wesen und den Eigenschaften Gottes.

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6. Eine Grundwahrheit ist, wir sollen die anderen ebenso lieben wie uns selber. Darin gründet alle Freude, aller Friede und Fort­schritt. Aber der Vedanta lehrt: „Was immer ist, das ist nichts als Brahma." Deshalb sind Selbst-Liebe und Brahma-Liebe nur Teile desselben Ganzen. Und daran, daß Brahma sich selbst liebt, ist nichts wunderbar und lobenswert, denn grausame und selbst­süchtige Menschen tun dasselbe. Der Salzgeschmack des Salzes ist nicht für das Salz selber bestimmt, sondern für den, der es ißt. Und die Liebe des Liebenden ist nicht für ihn selber, sondern für seinen Geliebten, damit sie beide im gegenseitigen Genuß ihrer Liebe glücklich seien. Wenn der Mensch enge Gemeinschaft sucht mit Gott, so hat er nur dieses eine Ziel, daß die Sehnsucht seiner Seele gestillt werde.

Christentum und neuzeitliches Denken haben das Leben In­diens so sehr durchdrungen, daß jetzt sogar einige Vedantisten glauben, Erlösung sei nicht, daß wir mit Gott vermischt werden oder in Ihm aufgehen, sondern daß wir in bewußter Gemeinschaft leben mit Ihm.

7. Ramanuja48 und seine Anhänger leugnen die Maya-Lehre und behaupten, die Schöpfung ist ebenso wirklich wie Gott selber. Wenn wir die Anschauungen dieser Richtung ausschließen, dann können wir die Vedanta-Philosophie in aller Kürze so zusam­menfassen: Keine menschliche Beziehung ist wirklich, sondern alles ist Täuschung (Maya). In dieser Täuschung hält ein Junge sich für seines Vaters Sohn. Aber durch Yoga oder „Erkenntnis" (Jnana) wird er von dieser Täuschung frei; und da er nun voll­kommene „Erkenntnis" hat, sieht er ein, daß er überhaupt keinen Vater hat, sondern sein eigener Vater ist49! Deshalb, wenn die „Erkenntnis" erreicht ist und die Täuschung verschwindet, wird die Beziehung Vater-Sohn und ihre gegenseitige Gemeinschaft auf immer zerstört.

Die Täuschung (Maya) gleicht einem Geschwür im Sein Brah­mas. Durch den chirurgischen Eingriff der „Erkenntnis" (Jnana) wird es beseitigt. Es erscheint dann aber doch wieder — das heißt, es verschwindet in den Zeiten, da die Welt vernichtet wird, und

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erscheint wieder in den Zeiten, da die Welt wiederhergestellt wird.

Wenn dem so wäre, dann brächte der Vedanta, der das Ende (anta) aller Erkenntnis bedeuten soll, tatsächlich alle wirkliche Erkenntnis zu einem Ende! Es ist nutzlos zu erwarten, daß man wahre Erkenntnis des Schöpfers oder der Schöpfung erlange, wenn man in solch einen Strudel wie diese vedantische Lehre eintaucht.

 

II

SEELENWANDERUNG   UND   ERLÖSUNG

1. Plato50, die Ägypter und die Hindus haben alle, um ihre Denkschwierigkeiten zu beseitigen, Lehren über die Seelenwande­rung aufgestellt, die nur in Einzelheiten voneinander abweichen. Wenn wir zugeben, daß es, wie der Hinduismus lehrt, 8 400 000 Wiedergeburten gebe, dann werden die Schwierigkeiten nicht ge­löst, sondern vergrößert. Nehmen wir zum Beispiel einen Aus­sätzigen oder Blindgeborenen. Wenn er wegen der Sünden leidet, die er in irgendeinem früheren Leben beging, dann müßte er über die Sünde, deretwegen er bestraft wird, aufgeklärt werden; sonst wird der Zweck seiner Strafe nicht erreicht. Denn das Ziel der Strafe ist, den Schuldigen zu warnen, damit er in Zukunft ein besseres Leben führt. Aber wenn er den Grand seiner Strafe nicht kennt, wird er, anstatt sich warnen zu lassen und sein Leben zu bessern, murren, sich selbst nicht für schuldig halten und Gott tadeln. Im gewöhnlichen Leben wird kein Richter einen Schul­digen verurteilen, ohne ihm sein Verbrechen zu nennen. Wie kann dann der Richter aller Richter einen Sünder bestrafen, ohne ihm seine Sünden zu nennen?

Wenn wir sagen, Gott sende weder Strafe noch Lohn, sondern die bösen oder guten Taten eines jeden Menschen bringen ihre eigene Vergeltung oder Belohnung (karma) mit sich: auch dann sollte der Mensch über das Verhältnis seiner guten oder bösen

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Taten aufgeklärt werden, sonst gleicht karma der blinden Kraft der Materialisten, die ohne Ziel oder Zweck ins Blaue hinein­schießt.

2. Wenn wir meinen, die Lehre der Seelenwanderung erkläre in Wahrheit die Lebensfragen, dann müssen wir an die Ewigkeit der Seele glauben. Und die meisten Hindus sind in der Tat der An­schauung, Gott, Seele und Stoff seien ewig. Daß die Seele nicht ewig ist, läßt sich in einer Schlußfolgerung der Nyaya-Philoso-phie51 folgendermaßen darlegen:

(1) Wenn die Seele ewig ist, dann ist sie auch zeitlich unend­lich; dann muß auch ihre Erkenntnis und Macht, wie die Gottes, unendlich sein.

(2) Denn wenn sie in einer Eigenschaft unendlich ist, muß sie auch in allen anderen Eigenschaften unendlich sein.

(3) Es ist für sie undenkbar und unmöglich, daß sie in einer Eigenschaft unendlich, in allen anderen dagegen endlich sein soll.

(4) Aus der Erfahrung wissen wir aber, unsere menschlichen Eigenschaften sind endlich.

(5) Deshalb ist die Seele auch zeitlich endlich.

Wenn die Seele wirklich ewig wäre, aber von Ewigkeit bis jetzt noch nicht hat Erlösung oder Freiheit von der Seelenwande­rung oder Täuschung erlangen können: wie kann sie da hoffen, daß sie die Erlösung in der Zukunft erlange? Es leuchtet deshalb ein, daß die Seele in alle Ewigkeit unerlöst bleiben muß.

3. Wenn Menschen, die ein sündiges Leben geführt haben, zur Wiedergeburt auf die Erde zurückkehren, werden sie als Men­schen niederer Kasten, als Tiere oder sogar als Insekten oder Pflanzen geboren.

Was mit der Seele am Ende eines jeden irdischen Daseins ge­schehe, darüber bestehen drei Hauptansichten:

(1) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Werke (Karma marga) 52 halten. Sie sagen, die Seele gehe entweder in den Götterhimmel oder auf den Mond, welcher der Väter Himmel ist (pitrloka); dort bleibe sie, bis das aufgespeicherte Verdienst ihrer guten Werke aufgebraucht sei; dann kehre sie zur Erde

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zurück und werde aufs neue in die Seelenwanderung verwickelt (Bhagavad Gita IX 21).

(2) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Gottes­trunkenheit (Bhakti marga)52 halten. Sie sagen, die Seele sei an das Rad der Wiedergeburt gebunden, suche aber freizuwerden oder aufzugehen in Gott, und zwar durch Liebe und Hingabe an Ihn.

(3) Da ist die Anschauung derer, die zum Weg der Erkenntnis (Jnana marga)52 halten. Hier heißt es, die Seele gehe, nachdem sie Erleuchtung oder „Erkenntnis" (jnana) erlangt habe, zum Brahma-Himmel, werde dort wieder in den Allgeist (Brahma) aufgenommen und nicht mehr auf der Erde in derselben Persön­lichkeit wiedergeboren.

Wenn einem Gefangenen gesagt würde, er dürfe wegen irgend­einer guten Tat für ein paar Tage König werden, danach müsse er aber wieder in sein elendes Gefängnis zurückkehren: wie könnte er während seiner Königszeit glücklich sein, wo er sich doch die ganze Zeit hindurch vor dem Leiden seiner künftigen Gefangenschaft fürchten müßte? In gleicher Weise dürfen wir fragen: welche Wohltat oder welche Freude kann die Seele an einem vorübergehenden Aufenthalt im Götterhimmel haben, wenn der Schrecken einer Rückkehr auf die Erde mit ihren Übeln immer mit ihr geht?

Wenn ein Mann wegen seines heiligen und reinen Lebens den Götterhimmel gewinnt, was kann dann dort geschehen, damit all sein Verdienst ausgelöscht und er gezwungen werde, wieder den Himmel zu verlassen? Wenn er vollkommen und heilig ge­nug ist, so daß er in den Himmel eintreten darf, warum soll dann alles, was er mit so viel Mühe und Not gewonnen hat, wieder in den Staub getreten und er aus dem Himmel ausgestoßen wer­den? Oder sollte er, nachdem er jenen heiligen Ort erreicht hat, dort Sünden begehen, die ihn zwängen, wieder zur Erde zurück­zukehren?

Wenn er schon auf dieser Erde inmitten ungezählter Schwierig­keiten solche Fortschritte im Guten machen konnte, so daß er in

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den Himmel eingehen durfte, würde es dann, während er in Gemeinschaft mit den Göttern lebte, nicht leichter für ihn sein, noch weiter in der Heiligkeit fortzuschreiten und, anstatt zurück­zukommen, auf ewig dort zu bleiben?

Und könnte er, wenn er durch die Bemühungen dieses kurzen Lebens in Wesensart und Lebensführung das Gute erreicht hat, während er in der heiligen Gemeinschaft und vollkommenen Umgebung des Himmels lebt, nicht auf ewig vollkommen blei­ben? denn es wäre doch leichter, dort zur Vollkommenheit fortzu­schreiten als inmitten der Schwierigkeiten und bösen Einwir­kungen der Welt, Wenn das nicht möglich ist, dann ist es nicht Erlösung und Himmel, sondern nichts als Betrug und Hölle.

Erlösung19 ist Befreiung (moksha) von Geburt und Tod und dem Kreislauf der Wiedergeburt, indem die Seele wieder ins Brahma aufgenommen wird. Wir wollen es folgendermaßen an­schaulich machen: Ein Mann war im Schweiß seines Angesichts durch unablässige Arbeit reich geworden. Aber gerade als er das Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte und die Annehmlichkeiten, die ihm sein Geld gestatten konnte, genießen wollte, wurde sein Reichtum gestohlen und er selbst ermordet. Würdet ihr das Er­lösung nennen oder Zerstörung?

Wie wahr sind die Worte von Böse53: „Die Hindu-Philosophie beginnt mit einer Erkenntnis des menschlichen Leides, sucht ver­geblich nach einem geeigneten Heilmittel und gelangt schließlich zur Vernichtung als dem Ziel, wo das menschliche Elend nur im Erlöschen des Lebens endet."

 

III

DIE  BHAGAVADGITA  UND   KRISHNA

1. In den einleitenden Versen der Bhagavad Gita35 wird fol­gende Geschichte erzählt: als Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra seine Verwandten und Freunde in Kampfordnung gegen sich aufgestellt sah, weigerte er sich zu kämpfen und sagte:

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„Ich begehre weder Königreich noch Reichtum noch Ehre. Es wäre besser, ich stürbe durch ihre Hand, als daß ich meine Verwandten tötete und als ein Sünder gezeichnet wäre." 54

Doch Krishna überredete ihn zu kämpfen, indem er sprach: „Gräme dich nicht. Eine Seele stirbt nicht, noch kann sie erschlagen oder verbrannt werden." 55 Zeigt die Gesinnung dieser Verse nicht deutlich, daß Arjuna höheres Mitgefühl und Liebe hat als Krishna?

Vielleicht wird jemand sagen, Krishna habe Arjuna zum Kampf ermutigt, damit er Tyrannei und Ungerechtigkeit vertreibe und Recht und Gerechtigkeit begründe. Darauf gibt es zwei Antwor­ten: Erstens wirken die Waffen der Liebe besser als Bogen, Pfeil und Schwert; und zweitens, wenn dies alles Täuschung wäre, dann hätte der, der sein Dasein gestattete, es verschwinden las­sen und die Wirklichkeit offenbaren können, ohne daß Kampf notwendig würde. Das gilt noch ganz besonders im Fall einer Menschwerdung der Gottheit, wie Krishna sie darstellt: dieser hätte Arjuna überhaupt vom Kämpfen und Töten zurückhalten sollen, denn „alle sind das eine Brahma", und es ist doch un­möglich, daß Brahma mit sich selber kämpfe!

2. Einige halten Krishna und Christus entweder für ein und dieselbe Person oder wenigstens für einander ebenbürtig. Wenn wir aber ihr Leben und ihre Lehre sorgfältig betrachten, sehen wir darin eine ganze Welt von Unterschieden. Krishna ermutigte Arjuna zu kämpfen und zu töten, aber Christus lehrte Seine Jünger: „Liebet eure Feinde, betet für die, so euch verleumden." Und als der leicht erregbare Petrus das Ohr des Malchus, des Knechtes des Hohenpriesters, abschlug, rührte Christus es an, und sogleich war die Wunde geheilt (Luk. 22, 50; Joh. 18, 10—11). Christus lebte selber beispielhaft vor56, was Er in der Bergpredigt sowie in vielen anderen Seiner Reden über Liebe und Gewaltlosigkeit57 gelehrt hatte.

3. Krishna sagte: „Die Guten zu retten und die Sünder zu vernichten, dazu werde ich von Zeitalter zu Zeitalter geboren" (Gita IV 8). Jesus dagegen kam, um die Sünder zu retten (Matth. 9,13; Luk. 19,i o). Welche Notwendigkeit bestand denn eigent-

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lich, die Guten und Gerechten zu erretten, denn sie hatten sich die Erlösung doch durch ihre guten Werke (karma) gesichert58? Aber es war gewiß sehr nötig, daß die Sünder gerettet würden, denn alle Menschen sind Sünder.

Es ist deshalb nutzlos, zu Krishna um Erlösung aufzublicken, denn er hat erklärt, in allen seinen Erscheinungen in der Welt komme er, um die Sünder zu vernichten, nicht aber um sie zu er­retten. Dies zeigt, wir müssen die Erlösung bei Christus suchen, denn Er kam in die Welt, um die Sünder zu retten (Tim. i, 15).

4. In der Bhagavad Gita ist versucht worden, die philosophi­schen Lehrgebäude des Sankhya, Yoga und Vedanta mit der Lehre der Bhakti (devotion) zu versöhnen; und es fehlt nicht an Hin­weisen, daß hier und da die Lehre des Johannes-Evangeliums auf sie eingewirkt habe59: so finden sich zum Beispiel die Worte „du in mir und ich in dir" sowohl bei Johannes 14, 20 wie in der Gita IX 2960.

Unter den Büßern und Frommen wird dem Yogi die höchste Ehre zuerkannt. Aber der Mangel der Yoga-Ordnung ist, daß der Yogi im Zustand der Versenkung (samadhi), wenn er in seiner besonderen Haltung dasitzt, also den Atem anhält und die Augen auf seine Nasenspitze richtet (Gita VI 13), oft in einen Zustand der Entrückung verfällt: er sieht dann eine verkehrte Welt, wo er, anstatt die Wahrheit zu finden, Gefahr läuft, betrogen zu werden. Wäre es für ihn nicht besser, er richtete seine Aufmerksamkeit auf Gott anstatt auf seine Nasenspitze?

5. In Europa wurde ich oft gefragt: Wieso behält der Hinduis­mus Jahrhundert auf Jahrhundert seine Macht über die Inder, wenn er ihren Nöten doch nicht begegnen kann? Dafür gibt es zwei Gründe. Zum Ersten haben die Gebildeten und geistig Hoch­stehenden in irgendeiner philosophischen Richtung des Hinduis­mus wie dem Vedanta einen gewissen Trost gefunden und sind darein so verstrickt worden, daß sie nicht mehr darüber hinausblicken können. Zum Zweiten haben die Fesseln der Kasten­ordnung die religiöse Freiheit der großen Menge der Hindus so sehr gehindert, daß sie aus ihnen nicht ausbrechen konnten.

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Aber in diesen Tagen ereignen sich im Hinduismus viele Neue­rungen und Wandlungen, denn die Inder kommen mit den Men­schen und Lebensauffassungen aller Länder in Berührung; und vor allem spüren sie, wie die religiöse und sittliche Lehre des christlichen Evangelismus auf sie wirkt. Gott allein kann voraus­sehen, wie es dem Hinduismus in Indien ergehen wird. Vielleicht wird er, weil er je länger je weniger den religiösen Nöten Indiens zu begegnen vermag, gleich dem Buddhismus vergehen.

 

 

3. Kapitel

DER BUDDHISMUS

Der Stifter des Buddhismus war Sakyamuni Gautama. Als Kind hieß er Siddhartha, aber nachdem er die „Erleuchtung" emp­fangen hatte: Buddha. Siddhartha wurde im sechsten Jahrhundert vor Christus im Palast des Rajah Suddhodana geboren, nahe dem Fuß des nepalesischen Himalaja.

Als er 29 Jahre alt war, entsagte er der Welt und verbrachte sechs Jahre als Büßer in Versenkung unter einem Bö-Baum61 nahe bei Gaya. Nachdem er die Erleuchtung empfangen hatte, begann er, seine Religionslehre zu verbreiten, lehrte 45 Jahre lang und starb im Alter von 80 Jahren.

Der Buddhismus kann in Wirklichkeit keine Religion genannt werden, denn in ihm findet sich nichts über Gott, der doch Grund und Leben aller Religion ist. Er ist eine Verbindung von Sitten­lehre und Agnostizismus 62, und bis zu einem gewissen Grad hat auch der Hinduismus auf seine Lehren eingewirkt. So finden wir in ihm die Lehre von der Seelenwanderung und das Gesetz von Lohn und Strafe (Karma) sowie in anderer Gestalt die Lehre von der Erlösung21 und Auslöschung (Nirvana). Aber ungleich dem Hinduismus enthält er keine unvereinbaren Lehren wie die von

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den drei ewigen Wirklichkeiten Seele, Stoff und Brahma oder daß Gott sowohl ohne Eigenschaft (nirguna) sei wie auch Eigen­schaften habe (saguna).

 

BUDDHAS  ENTSAGUNG  UND  LEHRE

1. Als Siddhartha 29 Jahre alt war, wurde ihm ein Sohn ge­boren. Sein Vater war voller Freude, bestellte einen Wagen und sandte ihn zu einer Ausfahrt in die Gärten, damit er seine Freude allen zeigen könnte. Während sie dahinfuhren, sahen sie am Straßenrande erst einen gebrechlichen alten Mann, dann einen Kranken und schließlich einen Leichnam. Er wurde durch den Ge­danken, daß alle Menschen früher oder später diese Zustände durchlaufen müssen, sehr bewegt. Ein kleines Stück weiter ent­fernt sah er einen Fakir (bhiksu)63 unter einem Baum sitzen, und sein Wagenlenker sagte ihm, dieser Fakir habe die Welt voll Sorge und Leid gefunden und ihr deshalb entsagt. Das hatte eine noch größere Wirkung auf Siddharthas Gemüt: nachdem er alles bedacht hatte, beschloß auch er, der Welt zu entsagen. In jener Nacht fuhr er an die Grenzen seines väterlichen Königreichs, legte seine königlichen Gewänder ab und sandte sie mit dem Wagen seinem Vater zurück. Dann wanderte er zu Fuß und im Gewand eines Büßers weiter nach Gaya.

Nachdem er dort angekommen war, unterwarf er sich strengen Übungen; er setzte sie sechs Jahre lang fort, bis er, durch die Strenge seiner Übungen erschöpft, ohnmächtig zusammenbrach. Als er wieder zu Bewußtsein gekommen war, empfing er diese Erleuchtung: weder durch harte Übungen noch durch bloßen Ge­nuß der Behaglichkeit sei etwas zu erreichen, sondern man müsse den Mittleren Weg dazwischen einschlagen.

2. Nachdem er so erleuchtet worden war, ging er nach Benares, um seine Lehren zu verkünden. Auf der Straße sah er einen nack­ten Fakir namens Upaka; der fragte Buddha: „Freund, wer bist

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du?" Buddha antwortete: „Allbesiegend bin ich jetzt geworden. Alle Weisheit ist mein. Keinen Lehrer habe ich*). Meinesgleichen ist nirgendwo zu finden, weder in der Gottes- noch in der Men­schenwelt. Es gibt keinen, der mit mir wetteifern könnte. Ich habe Nirvana erlangt."

3. Hätte nicht die religiöse Eigenart und Umgebung Indiens auf Buddha eingewirkt, so wäre er nur ein materialistischer Philo­soph geworden. Aber unter dem Eindruck der Religionen um ihn herum wurde er ein Sittenlehrer. Obgleich er ein Mann von Ver­stand war, konnte er doch durch reines Denken das Sein Gottes nicht begreifen. Weder konnte er selbst einen Gott zugeben, noch konnte er andere über Ihn belehren. Aber, vom gottgegebenen Gesetz seines inneren Wesens und Gewissens getrieben, mußte er Sittenlehren weitergeben. Buddha erging es wie anderen Wei­sen und Einsiedlern auch: Sie wollten alle Lebensfragen mit ihrem Verstande auf selbsterfundenen Wegen lösen, aber es ge­lang ihnen nicht; so gewann auch Buddha von seiner Selbst­peinigung und Versenkung keine andere Erleuchtung als einige wenige philosophische und sittliche Gedanken. Deshalb sollen Wahrheitssucher, ohne Menschen-Regeln zu folgen, ihre Herzen demütig Gott öffnen, denn nur durch Gebet können Menschen Gott finden und das tiefste Sehnen ihres geistigen Wesens stillen.

4. Die buddhistischen Schriften, besonders das Tripzfafca64, die heiligste von ihnen allen, lehren: Persönlichkeit und Dasein der Seele sind nicht ewig. Man mag sie mit einem Fluß vergleichen, wo die Wassertropfen sich dauernd wandeln, oder mit dem Feuer, das entsteht, wenn Holzscheite verbrennen. So wird die Seele ge­boren, indem sich Grundstoffe miteinander verbinden, aber gleich einem Feuer erlischt sie auch wieder. Das Dasein ist ein fortwäh-

*) [Sundar Singhs Anmerkung]: Der Grund, weshalb er nicht in den Garten des Fakirs ging, war - so denke ich -, es solle niemand sagen können, er sei des Fakirs Schüler gewesen. Meine Meinung ist: Wenn Buddha mit dem Fakir geredet hätte, dann wäre er wohl vor den Jahren der strengen Bußübungen sowie vor dem Agnostizismus bewahrt geblieben und zur An­betung Gottes zurückgeführt worden.

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render traumloser Schlaf. Irgendeine Bewegung weckt die Seele, und sie erwacht zum Leben, aber nur für eine kurze Zeit.

Im Weltall herrscht ein allumfassendes Gesetz der Ursache: alles, was ist, erscheint und verschwindet wieder.

Im Buddhismus nimmt das Naturgesetz selbst Gottes Platz ein, und sonst gibt es keinerlei göttliche Persönlichkeit. Deshalb beten die Buddhisten nicht, noch kennen sie Sinn oder Wohltat des Ge­bets. So hat einmal ein wohlbekannter buddhistischer Sendbote, der als Abgeordneter an der Welttagung der Religionen in Chikago teilnahm, gesagt: „Der Buddhismus . . . schaut nicht nach einem Gott oder nach Göttern aus und fragt nicht nach Hilfe von außen.. . Das Gebet ist nutzlos, denn was wir brauchen, ist Anstrengung. Die im Gebet verbrachte Zeit ist verloren."

5. Buddha war von gütigem Wesen und lehrte: alle Arten von Menschen, Tieren und lebenden Geschöpfen sollten mit Liebe und Güte behandelt werden. Wir haben ein Beispiel seiner Sittenlehre. Einmal fragte sein Sohn Rahula: „Was ist Gut und Böse, Tugend und Laster?" Buddha antwortete: „Böse und lasterhaft ist, was dir oder anderen Schaden zufügt. Tu es nicht. Gut und tugend­haft ist, was dir und anderen von Vorteil ist. Tu es."

6. So erhebt sich die Frage: Wenn es im Buddhismus weder Gott gibt noch Hoffnung auf künftiges Leben und Seligkeit, wie war es da möglich, daß er in Indien solchen Fortschritt machte?

(1) Buddhas Verzicht auf sein Königreich und auf sein üppiges Leben zog die Menschen an. Da ist das Beispiel des Rajas Puk-kusathi von Taxila in Kaschmir (jetzt im Punjab). Er hatte Buddha nicht einmal gesehen, sondern von ihm nur durch Raja Bimbisara gehört. Das machte aber schon einen solchen Eindruck auf ihn, daß auch er seinem Beispiel folgte, auf sein Königreich verzichtete und Fakir63 oder Bhiksu63 wurde.

(2) In jenen Tagen fanden viele, die keine bessere Lebensauf­fassung hatten, in den Verneinungen des Buddhismus Erleich­terung und wurden seine Anhänger.

(3) Buddhas Lehre gegen die Ausschließlichkeit der Kasten, gegen den Götzenbilderdienst sowie gegen den Anspruch der

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Brahmanen auf Vorrang zog viele an, vor allem unter denen, die von den unverschämten Anmaßungen der Brahmanen frei wer­den wollten.

(4) Der große und mächtige König Asoka65 bemühte sich ent­schlossen, den Buddhismus in seinem Königreich auszubreiten, und hatte darin Erfolg.

Doch trotz alledem konnte der Agnostizismus 62 der buddhisti­schen Lehre dem religiösen Empfinden der indischen Menschen auf die Dauer nicht zusagen. Ihr Einfluß nahm ständig ab, bis sie heute, von einigen wenigen Bewunderern der Persönlichkeit Bud­dhas abgesehen, aufgehört hat, als ein lebendiger religiöser Glaube in seinem Geburtslande zu bestehen.

Vor wenigen Jahren hat ein buddhistischer Schriftsteller ge­sagt, der Niedergang des Buddhismus habe mit den Streifzügen des Mahmud von Guzni66 in Indien begonnen. Aber dieser Ge­danke ist sicherlich zu weit hergeholt. Denn weshalb wurde dann nicht auch die Hindureligion mit dem Buddhismus zusammen zer­stört? Waren die Mohammedaner nur Feinde der Buddhisten und nicht auch der Hindus, die doch die größeren Götzendiener waren?

 

II

NIRVANA

1. Nirvana ist der Ausdruck, den die Buddhisten für Erlösung gebrauchen. Er bedeutet das Verlöschen jeglichen Begehrens. Das Begehren ist die Ursache aller Qual und allen Leidens. Und wenn nur alles Begehren aus unserem Herzen entfernt werden kann, dann werden damit auch Qual und Leiden verschwinden.

Wenn sie damit nur die Zerstörung der bösen Begierden meinen, dann stimmen alle, welche die Wahrheit lieben, ihnen zu. Sie meinen jedoch, alles Begehren, das gute wie das schlechte, solle vernichtet werden. In Ceylon traf ich einmal mit einem bud­dhistischen Führer zusammen, der sagte im Verlauf des Ge­sprächs: „Selbst gutes Begehren beruht auf Selbstsucht; denn

wenn wir begehren, anderen Gutes zu tun, dann denken wir — bewußt oder unbewußt — an die Belohnung, die wir verdienen. So betet der Mensch irgendeinen Gott nur an, weil er hofft und begehrt, es möge ihm nützen. In dem Maße, wie unsere Lebens­erfahrung sich weitet, wächst auch unser Begehren und damit auch unsere Sorge und Unzufriedenheit. Deshalb sollte nicht nur das schlechte, sondern auch das gute Begehren unterdrückt wer­den. Und dieses Auslöschen des Begehrens ist Nirvana." Darauf erwiderte ich: „Wie lebendige Geschöpfe nicht ohne Gefühl sein können, so ist es für ein jedes lebende Wesen unmöglich, ohne Begehren zu sein. Andernfalls würde es leblos sein. Wo es Ge­fühle gibt, da bringen sie gewiß auch Begehren hervor. Auf ge­setzmäßige Weise jedes natürliche wie geistige Begehren zu be­friedigen, ist ein Gesetz des Daseins. Und wenn wir das Begehren töten, dann zerstören wir völlig das Leben, dem es angehört. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, würde das Begehren auszulöschen nicht Erlösung bedeuten, sondern Zerstörung des Lebens."

2. Aus Erfahrung wissen wir, kein Begehren ist ohne Gegen­stand. Denn Er, der das Begehren und begehrende Wesen schuf, hat auch dafür gesorgt, daß sie ihr Begehren gemäß ihrer Fähig­keit stillen. Und hier ist der Beweis:

Jedes Begehren erhebt seinen eigenen Anspruch, und es ist klar: was nötig ist, jenes Begehren zu stillen, das ist alles vor­handen. Wenn es nicht vorhanden wäre (z. B. Wasser für den Durst), dann mögen wir vielleicht schließen: jenes Begehren hat keinen Gegenstand und sollte also ausgelöscht werden. Niemand begehrt das Leiden, vielmehr sucht jeder es zu vermeiden (und selbst wenn er bereit ist zu leiden, so tut er es mit dem Begehren nach Belohnung und guten Ergebnissen). Und niemanden ver­langt nach schlechter Gesundheit oder geistigem Schmerz; denn Begehren nach Gesundheit ist ein Lebensgesetz, ohne welches Geborgenheit und Kraft des Lebens nicht möglich ist.

3. Wenn vollkommene Erlösung darin besteht, daß alles Be­gehren erlischt, dann ist das Begehren, das Begehren zu töten,

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selbst auch ein Begehren. Das gleicht dem Versuch, Feuer mit Feuer zu löschen oder Wasser mit Wasser aufzutrocknen. Das ist völlig unmöglich und widerspricht dem Naturgesetz.

4. Der Schöpfer hat uns geistige und sinnliche Wahrnehmun­gen gegeben. Diese Tatsache beweist: wir sind mit den Dingen unserer Umgebung, den sichtbaren wie den unsichtbaren, ver­bunden. Wenn der Schöpfer gewollt hätte, wir sollten mit dieser Schöpfung und Umgebung nicht verbunden sein, dann hätte Er uns nicht durch die Wahrnehmung so eng mit jenen geistigen und natürlichen Wirklichkeiten verbunden. Aber schon das bloße Vorhandensein jener Dinge und unsere Fähigkeit, sie zu nutzen, damit wir unseren mannigfachen Nöten begegnen, zeigt nicht nur den vortrefflichen Plan des Schöpfers, sondern auch Sein beson­deres Ziel und Seine Absicht.

Doch ich habe genug gesagt. Wenn der Schöpfer Selber be­gehrt, ich solle recht gebrauchen, was Er geschaffen hat: weshalb sollte ich mich dann dadurch zum Sünder machen, daß ich es nicht gebrauche und das Begehren nach der Erfüllung jenes Begehrens völlig töte?

5. Wenn irgendein Begehren in uns geboren wird, so beweist diese Tatsache: was wir brauchen, um jenes Bedürfnis zu befrie­digen, ist auch schon vorhanden, und es wird zur rechten Zeit erfüllt werden. Wie Emerson67 gesagt hat: „Das Verlangen der Seele ist die Prophezeiung seiner Erfüllung."

Noch ein Wort: In dem Maße, wie wir im Leben fortschreiten, nimmt auch unser Begehren zu, nicht aber unsere Unruhe, denn diese kann nur entstehen, wenn das Begehren nicht befriedigt wird. Aber wie wir in der Vorsehung jenes Allmächtigen Gottes fortschreiten, so wird Er nach Seinem Plan auch unser wachsen­des Begehren befriedigen. Und wie sehr wir auch fortschreiten mögen, und wie weit unser Begehren auch wächst, so vermag je­nes Unendliche Wesen, das Liebe ist, all unser Begehren völlig zu befriedigen.

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4. Kapitel

DER ISLAM

Der Gründer des Islam war Mohammed, der in Arabien im Jahre 570 nach Christus geboren wurde. Und die heiligen Bücher dieser Religion sind der Koran und die Hadis68 (Überlieferun­gen) ; aber diese letzten werden nicht von allen Mohammedanern anerkannt. Wir können den Koran in solche „Offenbarungen" einteilen, die in Mekka, und in solche, die in Medina nach der Flucht oder Hidjra gegeben wurden. Jene handeln weithin von den Angelegenheiten des politischen und sozialen Lebens der wachsenden mohammedanischen Gemeinde. Aber in beiden fin­den sich viele Lehren, die schon in der Bibel, im Talmud und in einigen anderen Büchern aufgezeichnet waren.

Zur Zeit Mohammeds gab es in Arabien viele jüdische und christliche Gemeinden. Und unter den Verwandten des Prophe­ten waren, wie wir wissen, auch mehrere Christen; diese haben einigen Einfluß auf ihn gehabt. Auch lebte er in vertrautem Um­gang mit dem Bruder seiner Frau Khadija, Warqa bin Nofal, der das Evangelium ins Arabische übersetzte.

Über diese Religion eingehend zu schreiben, ist nicht nötig, denn sie hat keine ursprünglich eigenen Gedanken. Sie enthält Dinge, die schon die jüdischen und christlichen Schriften behan­delt haben.

Es genügt, wenn wir nur zwei oder drei Punkte berühren. Mohammed nennt Christus „das Wort Gottes" und „den Geist Gottes". Wir könnten uns keinen besseren Namen wünschen, um die Göttlichkeit Christi zu beweisen, als den Namen „Ruh allah" oder Geist Gottes, der von Christus im Koran gebraucht wird. Gott ist Geist, Gott ist ein Geist und nur Einer, und in Christus hat dieser Geist sich offenbart und menschliche Gestalt angenommen. Deshalb ist kein Grund vorhanden zu leugnen, Christus sei Gottes Sohn69. Denn wie der Leib vom Leib geboren wird, so wird der Geist vom Geist geboren, und Gott ist Geist.

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Und weil Christus durch den Geist Gottes in Maria empfangen wurde, deshalb können wir Ihn Sohn Gottes und Geist Gottes nennen.

 

DER  SUFISMUS

Im Gegensatz zu den Grundsätzen des Islam und des Koran bekennen eine beträchtliche Anzahl Mohammedaner eine pantheistische 5 und mystische 70 Form des Glaubens. Unter den Hindus gibt es Vedantisten, die für ihren Glauben das Losungswort haben: aham brahma (ich bin Brahma); so gebrauchen unter den Mohammedanern die Sufis als ihr Leitwort: ana'l hakk71 (ich bin die Wahrheit). Aber unter ihnen sind einige so weit von einem wirklichen Verstehen der Wahrheit entfernt, daß sie über die Wirklichkeit spotten und alles Verstehen und Unterscheiden unterdrücken.

Wie Scheik Ibrahim in Irschadat geschrieben hat: „Ein ge­wisser Fakir63 betrat das Kloster Junayids, in eine schwarze Wolldecke eingehüllt. Junayid fragte ihn, weshalb er traure. Er sagte: ,Mein Gott ist tot.' Junayid befahl kurzerhand, den Fakir hinauszuwerfen. Dies geschah dreimal. Beim vierten Mal wurde der Fakir gebeten, sich näher zu erklären. Er sagte: ,Ich wußte nicht, daß mein fleischliches Selbst (nafs)72 eine Erscheinung Got­tes war. Ich habe es getötet, und deshalb traure ich darüber.'"

Der Vedanta20 lehrt: Erlösung21 (moksha) heiße Aufgehen im Brahma durch die Erkenntnis, die alle Täuschung vertreibt. Und der Buddhismus behauptet: Erlösung sei das Erlöschen des Be­gehrens, d. h. Nirvana. So sagen auch die Sufis: Erlösung sei fana fi 'llah 7S oder Vernichtung in Gott.

Doch das wirkliche fana fi 'llah ist nicht die Vernichtung des Selbst, wie die Sufis glauben, sondern die Vernichtung der Selbst­sucht und aller Sünden und bösen Begierden, die aus ihr entsprin­gen und der eigenen Seele wie den Seelen der anderen schaden. Nicht anderen Schaden zufügen, sondern die eigenen selbsti­schen Begierden und Absichten ertöten; nicht auf Wohl und Nut-

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zen der anderen Rücksicht nehmen, sondern den Willen Gottes tun; und zu Gottes Ehre und Ruhm leben: das heißt, in unserem Leben die Absicht des Schöpfers erfüllen. Der Sünde und der Welt absterben und so ins Leben eingehen und auf ewig in Gott leben: das ist Leben in Gott (baqa fi 'llah) anstatt Vernichtung in Gott (fana fi 'llah), und das ist Wirklichkeit.

 

 

5. Kapitel

DAS CHRISTENTUM

Das Christentum ist Christus selbst74, der da sprach: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh. 14, 6)75. Das kann von keiner anderen Religion gesagt werden. Die anderen Reli­gionen beruhen auf frommen Übungen und Lehren, aber das Christentum ist auf dem lebendigen Christus selbst gegründet, der immer bei uns ist. Christus gab Seinen Nachfolgern kein Wort, von Seiner eigenen Hand geschrieben; denn Er wollte selbst immer bei ihnen, vielmehr in ihnen sein und Sein Werk durch sie weiterführen. Kein menschlicher Prophet oder Apostel konnte zu sprechen wagen: „Ich bin bei euch bis an das Ende der Welt." Gott allein kann dies sagen und tun. Und wir wissen, Er ist bis zu unserer Zeit bei den Seinen gewesen und hat durch sie ge­wirkt, ist jetzt am Wirken und wird weiter wirken, „bis daß Gott sei alles in allem".

 

PROPHEZEIUNGEN   AUF  CHRISTUS

i. Der Herr Christus wurde vor über 1900 Jahren Mensch, damit Er die Welt erlöse. Aber Er war schon vor der Erschaffung der Welt seit aller Ewigkeit (Joh. 1, 1—10; 8, 58; 17, 5), und Sein Kommen wurde in verschiedenen Zeiten und zu verschie­denen Menschen vorhergesagt. Es ist nicht bloßer Zufall, wie

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einige Kritiker meinen, daß alle diese Prophezeiungen in Christus wörtlich erfüllt wurden. Es ist das Werk jenes Einen Ewigen Geistes, der zu verschiedenen Zeiten und auf mannigfache Weise das Kommen eines Erlösers vorhersagte, damit die Menschen sich auf Ihn vorbereiteten.

Das Wort „Zufall" gebrauchen wir nur dann, wenn wir irgend­eine Erscheinung erklären wollen, deren Ursache wir nicht ken­nen. Aber in Wirklichkeit geschieht nichts in der Welt ohne Ursache. So ist es kein bloßer Zufall, wenn eine reife Frucht von selber abfällt. Monate hindurch wurde sie schon in der Stille für ein besonderes Ziel vorbereitet. Als die Frucht reif war, gab der Baum, der seine eigenen Früchte nicht essen kann, sie zur Freude und zum Genuß der anderen hin. So sagte Jesus: „Das sind die Reden, die Ich zu euch sagte . . . denn es muß alles erfüllet wer­den, was von Mir geschrieben ist im Gesetz Moses, in den Pro­pheten und in den Psalmen" (Luk. 24, 44). Und als die Zeit er­füllet war, gab Er der Welt die Frucht der Erlösung.

2. Bevor Christus Mensch wurde, verkündeten die Propheten den Hebräern Sein Kommen. Und als die Juden unter den Völ­kern der Welt zerstreut wurden, verbreiteten auch sie die Kunde vom Kommen des Erlösers. Und diese Völker wiederum machten den Kommenden ihren eigenen Leuten kund. So warteten in vielen Ländern Menschen auf Sein Kommen. Dann, nachdem Christus aufgefahren war, verbreiteten die Christen, die zerstreut waren, die gute Botschaft, daß Er gekommen ist und die Erlösung gebracht hat (Apg. 8, 4). Und durch die Mühen und Opfer Seiner Diener hat die Kunde Seiner Erlösung die fernsten Gegenden der Erde erreicht.

 

II

CHRISTI   LEIDEN  UND   KREUZIGUNG

1. Jesus war nicht nur sechs Stunden, sondern Er war Sein ganzes Leben hindurch am Kreuz. Wenn schon ein reinlich leben­der Mensch Schmutz und Kot nicht ertragen kann, auch wenn er

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mitten unter Schmutz und Kot geboren wurde; wenn schon ein guter Mensch nicht einmal ein paar Minuten lang schlechte Ge­sellschaft aushallen kann: wie groß muß dann die Qual eines sündlosen und heiligen Wesens gewesen sein, das 33 Jahre unter Sündern leben mußte! Ein sündiger Mensch kann unmöglich ab­schätzen und verstehen, wie bitter jenes Leiden war. Wenn wir das Geheimnis jenes Kreuzes verstünden, dann würde es uns leicht, Seine wunderbare und unermeßliche Liebe zu verstehen, und wie Er die Mensch-gewordene Liebe ist, wie Er zu unserer Erlösung die Herrlichkeit der oberen Welt verließ und herabkam in diese Sündenwelt.

2. Christi Leiden war in besonderer Weise Gottes Leiden zur Erlösung des Menschen. Es gibt nur eine einzige Quelle allen Lebens; von Ihm haben alle lebendigen Geschöpfe das Leben emp­fangen, und durch diese Beziehung und Verbindung leben wir in Ihm. Da Gott auf lebendige Weise mit Seiner Schöpfung ver­bunden ist: schmerzt es Ihn nicht, wenn Seine lebendigen Ge­schöpfe leiden? Hat Er, der ein Gefühl für das Leiden geschaffen hat, nicht selber auch ein Gefühl dafür? Und wenn dem so ist, warum sollte Er dann nicht in Christus gelitten haben?

Christus kam, damit Er besonders die wahre und grenzenlose Vaterliebe offenbare, die von Ewigkeit her verborgen war, und damit Er, indem Er Sein eigenes Leben gab, die Seelen nicht der Guten, sondern der Sünder errette. Er kam weiterhin, damit Er durch Sein Sterben und Auferstehen beweise: jener Tod, den die Welt für Tod hält, ist kein Tod, sondern eine Quelle des Lebens; aber Leiden und Tod — das ist schon die bloße Trennung von Gott durch Ungehorsam und Sünde.

3. Bei der Kreuzigung Christi waren beide Welten vertreten. Wie Menschen aller Provinzen und Gegenden sich zur Passahzeit versammelt hatten, so waren auch Wesen der Geisteswelt mit den Engeln zugegen (Matth. 27, 51—54) — gleichsam als bezeugte die ganze Schöpfung die Sühne für die Sünde. Christus gab Sein Leben als Lösegeld; deshalb ward Ihm auf Erden Vollmacht und Kraft gegeben, damit Er Sünden vergebe und Sünder errette. Und

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dann ward Ihm jene Vollmacht im Himmel und auf Erden wieder gegeben, die Er, als Er Mensch wurde, abgelegt hatte (Matth. 9, 2; 28, 18).

 

III

CHRISTI  AUFERSTEHUNG

1. Christus auferstand in demselben Leib, in dem Er gekreuzigt worden war. Die Sünde allein bringt dem Leib Verderben und macht ihn untauglich, in den Himmel einzugehen. Aber Christi Leib war ohne Fehl und Makel, und nachdem Er den Tod besiegt hatte, wurde Sein Leib in einen Herrlichkeitsleib verwandelt. Und in diesem verherrlichten Leib sitzt Er mit Gott auf Seinem Thron (Offbg. 3, 21). Die Kreuzeswunden sind in verherrlichter Gestalt jenem Herrlichkeitsleib eingegraben, damit die Geretteten, wenn sie sie sehen, immerdar Seiner grenzenlosen Liebe gedenken und inne werden, wie Er am Kreuz gelitten hat, um sie zu retten und ihnen das Recht zu geben, daß sie an Seiner ewigen Herrlichkeit Anteil haben.

2. Gott ist Geist. Aber außer Geistern schuf Er auch den leb­losen Stoff. (Weil Er den Stoff schuf, d. h. etwas, das Seinem Wesen gegenüber gleichgültig ist, so bedeutet das nicht, Er sei auch Stoff oder gleiche ihm.) Wenn also Gott, der Geist ist, durch Seine Machtvollkommenheit den Stoff schaffen konnte, der nicht Geist ist: warum sollte Er denn nicht durch dieselbe Macht Seinen avatar76 (das ist Christi natürlichen Leib) wieder lebendig machen und in einen geistlichen und herrlichen Leib verwandeln? Gewiß konnte Er es, und Er hat es wahrlich getan.

Wie wir schlafen, um wieder aufzuwachen, so sterben wir auch, um wieder aufzuerstehen. Wenn die Nacht herniedersinkt, schla­fen wir ein, ermüdet und schwach, aber am Morgen erheben wir uns frisch und stark. In gleicher Weise sterben wir in Schwäche und Verderbnis, aber wir auferstehen in Leben und Herrlichkeit (1. Korinther 15, 42) und treten in das Leben ein, wo es weder Tod noch Sünde gibt.

3. Einige wenden ein: Wenn Gott Geist ist, wie konnte Er sich da in einen stofflichen Leib kleiden? Aber sie vergessen, auch der Mensch hat einen Geist; und wie kann ein menschlicher Geist in einen Leib gekleidet werden? Wenn schon ein erschaffener Geist in einen menschlichen Leib gekleidet werden kann, warum sollte es da dem Schöpfer unmöglich sein, sich selbst in einen Leib zu kleiden? Man mag sagen: das ist zwar einer menschlichen Seele möglich, denn sie ist begrenzt, nicht aber Gott, denn Er ist Un­endlich. Das ist wohl wahr: Gott ist Unendlich! aber wir müssen uns daran erinnern, Gott hat auch unendliche Macht und unend­liche Möglichkeiten, die alles menschliche Denken übersteigen.

Dies ist das Ziel der Menschwerdung: die Er einst nach Sei­nem Ebenbilde geschaffen, und die durch ihre Sünde aus ihrem Urständ herausgefallen sind — die wollte Er durch leiblichen Tod und Auferstehung wieder in verherrlichte Leiber gleich Seinem eigenen bringen; auch wollte Er sie ehren, indem Er sie in Seine Gemeinschaft und in Sein ewiges Reich aufnahm.

 

IV

EINIGE   PRAKTISCHE  BEWEISE77 FÜR  DAS   CHRISTENTUM

1. Einer der praktischen Beweise für das Christentum ist dieser: es hat in allen Zeiten und Völkern allerlei Arten von Menschen den Frieden des Herzens gebracht und die Sehnsucht ihrer Seele gestillt. Diesen Frieden haben nur diejenigen nicht gefunden, die „Augen haben und nicht sehen und Ohren haben und nicht hören"78, mit anderen Worten: die inmitten der Schönheiten der Erde und des Himmels für deren Farben blind sind; oder die Ohren haben, aber kein Gehör, um die Seelen-bezauberndste Musik zu würdigen.

2. Die Erfahrung hat gezeigt: wenn ein Mann die Ziele seines Strebens erreicht hat und von Reichtum und Behaglichkeit be­herrscht wird, so ist sein Herz damit nicht zufrieden, so hat er damit noch nicht Frieden. Ganz anders steht es mit dem Manne,

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der seinen Frieden in Gott findet und Seinem Willen gehorcht. Denn wenn die Welt und alle Freuden, die sie geben kann, ihm entrissen werden, und selbst wenn er Leiden und Verfolgung zu ertragen hat: so hat er doch in seinem Herzen jene wahre Freude und jenen wahren Frieden, „den die Welt nicht geben noch neh­men kann" 79.

Er hat diese Freude nicht nur, weil er hofft, er werde im näch­sten Leben Lohn empfangen. Er empfängt seine Nahrung und Kraft von dem „verborgenen Manna" (Offbg. 2, 17), von dem die Welt nichts weiß. Und in dieser Kraft vermag er sein Kreuz zu tragen und das Leiden zu erdulden. Eben diese selbe geistliche Nahrung der Gottesgemeinschaft gibt den gläubigen Christen Kraft. Wenn sie nur auf Belohnung hofften, so wären sie nicht stark genug, um die Leiden zu ertragen, die sie erdulden müssen. Einige könnten dem Leiden wohl eine Zeitlang widerstehen, aber niemals ertrügen sie es ein ganzes Leben hindurch.

Doch es ist genug gesagt. Das Leben des wahren Christen ist in jeder Lage ruhe- und freudenvoll und am Ende siegreich: diese Tatsache folgt daraus, daß ihn Geist und Gegenwart Gottes er­füllen. Das ist ein klarer und praktischer Beweis dafür, daß dieses Leben Wirklichkeit ist.

3. Die Süße der süßen Dinge ist nicht für diese selbst, sondern damit die sie genießen, die dafür Geschmack haben. Ebenso steht es mit Gott: Er ist nicht nur für sich selber da, sondern für die, in denen Er das Verlangen geschaffen hat, sich der Süße Seiner Gemeinschaft zu erfreuen. Viele religiöse und philosophische Werke beschreiben die Wirklichkeit; doch der Weg, sich der Got­tesgemeinschaft zu erfreuen, findet sich nicht in ihnen, sondern im Menschen selber. Denn Gott hat den Menschen dazu geschaf­fen, daß sie miteinander Gemeinschaft halten; deshalb hat Er ihn auch mit einem Sinn für die Wirklichkeit ausgestattet und mit der Fähigkeit, sich Seiner zu erfreuen. Gott hat dem Men­schen diese geistigen Empfindungen gegeben: diese Tatsache be­weist, die Wirklichkeit will, daß der Mensch sich Seiner80 Ge­meinschaft erfreue. Deshalb ist der Prüfstein, durch den man das

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Wirkliche vom Unwirklichen und das Wahre vom Falschen unter­scheiden kann, im Menschen selber gegenwärtig — das Gewissen. Aber obgleich dieses der Gott-gegebene Prüfstein ist, mit dem sich das Falsche und das Wahre im Leben erproben läßt, so kann es durch die Sünde unempfindlich werden und tot. Doch wenn es durch Gottes Gnade wieder erwacht, läßt es sich nicht täuschen. Und wenn der Mensch inne wird, daß die Wirklichkeit in ihm gegenwärtig ist, dann beweist seine tägliche Erfahrung Seiner80, Er 80 ist eine lebendige Macht. Wenn wir diesen Erfahrungsbeweis in uns haben, dann mögen zu Tausenden Bücher gegen diese geistliche Erfahrung geschrieben und mit den stärksten Beweis­gründen weltlicher Philosophie und Logik angefüllt werden, so können sie doch niemals jenen Beweis erschüttern, denn die Er­kenntnis der Wirklichkeit ruht in unserem inneren Selbst und nicht in der Beweisführung der Philosophie. Dann wird uns klar: die Erkenntniskraft, die wir brauchen, damit wir die Süße der süßen Dinge erkennen, findet sich nicht in Büchern, sondern ist in des Menschen eigener Zunge gegenwärtig.

4. Es ist möglich, daß der Geschmackssinn durch Krankheit Schaden erleidet, und daß einige über die Süße der Süßigkeiten getäuscht werden. Aber es gab niemals und wird auch niemals solch eine Krankheit geben, durch welche Millionen Menschen ihren Geschmackssinn verlieren. So ist es wohl möglich, daß die geistigen Empfindungen und Wahrnehmungen einiger weniger Leute fehlerhaft sind; aber Millionen, vielmehr zahllose Men­schen aller Rassen, Länder und Lebensbedingungen, die Erlösung und Frieden in Jesus gefunden haben, legen Zeugnis ab von Ihm. Und dafür, daß sie für jene Wirklichkeit zeugten, die sie be­schenkt und gesegnet hat, wurden Tausende verbrannt, durch wilde Tiere zerrissen, durch das Schwert in Stücke gehauen; doch sie erduldeten ihre Prüfungen mit Freude und fuhren bis zu ihrem letzten Atemzuge fort, Zeugnis abzulegen. Warum? War ihrer aller geistliche Wahrnehmung und Empfindung fehlerhaft? Niemals! Eine solche Rede klingt, als wollte man die flammende Mittagssonne nächtliche Finsternis nennen. Es ist klar, wer so

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etwas behauptet, dem gebricht es selbst an geistlicher Empfindung und Kraft der Einsicht.

5. Im Himalaja begegnete ich einmal zufällig einem wilden Mann, der nackend in einer Höhle lebte. Er hatte niemals etwas Süßes gesehen oder geschmeckt und besaß in seiner Sprache da­für kein Wort. Als einer meiner Freunde ihm etwas gab, sah er es zunächst argwöhnisch an, aber als er es geschmeckt hatte, zeigten ein verwunderter Blick und ein vergnügtes Lächeln, wie sehr es ihn erfreute. Bevor er es geschmeckt hatte, war für ihn unwesent­lich, ob es so etwas gäbe oder nicht. Wohl besaß er in seiner Zunge den Geschmackssinn, damit er die Süße der Süßigkeit ge­nieße, und zwar lange bevor er sie gekannt und erfahren hatte. So mußte man ihm wohl die Süßigkeit erklären, nicht aber den Geschmackssinn. In derselben Weise hat der Mensch einen Sinn für Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist ein Wesen, das von seinem eigenen verschieden ist; aber die Kraft, Ihn80 wahrzunehmen, ist in ihm gegenwärtig.

Es ist möglich, daß diese Wahrnehmung durch die Sünde ab­stirbt, so daß ein Mensch sogar das Dasein Gottes leugnen kann. Doch wenn er umkehrt und Gott mit reinem Herzen sucht, dann wird die Wirklichkeit sich ihm gewiß offenbaren, und er wird beschenkt und gesegnet werden. Und wenn er auch nachher gleich einem stummen Mann seine Geschmackserfahrung der Süße nicht beschreiben kann, so werden doch sein Leben und seine Werke auch weiterhin ihr Dasein beweisen.

Sooft ein Mensch, der diese persönliche Erfahrung der Wirk­lichkeit hat, seine verborgenen Gedanken und Gefühle in den Schriften und Reden eines erfahrenen und geistlich gesinnten Mannes findet, ruft er voll Freude aus: „Das ist genau die Wahr­heit, die ich anderen mitzuteilen gewünscht habe." So schließen sich alle Wahrheitsliebenden einmütig zusammen und geben aus den persönlichen Gotteserfahrungen, die sie in ihrem eigenen Leben gehabt haben, der Welt den Beweis des Christentums.

6. Bevor das Christentum überall in der Welt gepredigt wurde, hatten zwar einige gute und rechtschaffene Männer versucht, die

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Verhältnisse zu ändern, aber sie hatten für Fortschritt und Bes­serung der Menschen nicht viel tun können. Die Frauen galten als Sklaven; die Sklaven wurden wie Tiere behandelt; und keine besondere Vorsorge war getroffen, um den Alten und Kranken, den Waisen und Aussätzigen zu helfen81. Aber das Christentum hat das geändert, und wir sehen die Früchte seiner Lehre überall. Die Frauen werden den Männern gleich geachtet und die Sklaven als Brüder angesehen. Überall gibt es Kranken- und Waisen­häuser sowie Aussätzigenheime; denn die Nachfolger Christi werden gelehrt, die anderen wie sich selbst zu lieben und die ganze Welt als eine einzige Familie anzusehen.

In Rom mußten Sklaven und Gefangene zur Unterhaltung der Menge mit wilden Tieren kämpfen; und um ihre Blutgier zu befriedigen, pflegten die Zuschauer im Zirkus zu verlangen, daß Gladiatorenkämpfe, die zu Blutvergießen und Tod führten, für sie abgehalten würden. Die Menschen jener Tage hatten kein wirkliches Mitgefühl füreinander. Aber ein christlicher Einsiedler, namens Telemachus, fühlte sich durch seine Liebe zu diesen Lei­denden gedrungen, zu versuchen, dieser rohen Blutgier ein Ende zu machen. Während die Sklaven und Gefangenen kämpften, sprang er in die Arena hinab. Die Zuschauer steinigten ihn vor Wut, und die er zu retten versucht hatte, töteten ihn mit dem Schwert. Obgleich er an jenem Tage nicht viel tun konnte, so hatte er doch eine Saat der Menschenliebe ausgesät; die wuchs in den Herzen der ernsthaften Menschen, bis diese grausame Sitte allmählich aufhörte. So triumphierte schließlich das Leben jenes christlichen Einsiedlers.

7. Kein Volk und keine Religion kann in der Welt auf die Dauer bestehen, wenn immerzu innere Zwietracht sie zerreißt und Angriffe von außen sie belästigen; und keine Festung, keine Stadt kann standhalten, wenn sie von innen und außen beschos­sen wird. Doch das Christentum ist solch eine Religion. Von außen kommen die Angriffe des Agnostizismus 64 und Unglau­bens, der Weltreiche und der Mächte der Finsternis; von innen greifen Ketzer mit falscher Lehre und Namenschristen durch

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schlechtes Leben ohne Ende an. Doch trotz all dieser Angriffe und großen Hindernisse hat das Christentum sich durchgesetzt und gewinnt in der Welt an Boden. Was ist das sonst, wenn es nicht ein praktischer Beweis dafür ist, daß es eine wahre, lebendige und seelenstillende Religion ist?

 

HÖHERE   KRITIK  UND  MODERNISMUS88

1. Bibel und Christentum sind in jedem Zeitalter angegriffen und bemängelt worden; nur die Art des Angriffs ist je nach dem Kulturstand der Zeit verschieden gewesen. Zu ihrer eigenen Zeit schienen diese Angriffe furchtbar genug, aber selten haben sie das Geschlecht überdauert, das sie hervorbrachte. Trotz der vie­lerlei Kritik durch Gottlose und andere Kritiker ist das Christen­tum beständig weiter fortgeschritten. Der Widerstand seiner Feinde hat es nicht zerstört, sondern vielmehr dazu gedient, daß es nur um so fester verwurzelte. Sie haben sich vergeblich be­müht, denn sie konnten dem Leben und der Kraft, die im Leben aller wahren Gläubigen wirkte, nicht widerstehen. Der Angriff der Kritiker neuerer Zeit ist unter dem Namen Höhere Kritik oder Modernismus bekannt. Es ist möglich, daß er den Glauben schwacher Namenschristen, die keine geistliche Erfahrung und kein geistliches Leben haben, erschüttert; aber niemals kann er der Wirklichkeit schaden oder denen, die an die Wirklichkeit glauben. Andererseits dient er den wahren Gläubigen dazu, daß sie stärker werden und weiter wachsen. Die Kritiker wirken wie eine kurzlebige Seuche: wie diese die Angesteckten, welche die Seuche weiterverbreiten, hinwegrafft und somit dazu beiträgt, sich selber auszurotten, so werden auch die Kritiker, die ihre Denk-Krankheit verbreiten, allmählich sterben und ihre Krank­heit mit ihnen.

2. Die kritischen Urteile und Einwände der Gelehrten hängen häufig viel mehr von ihren eigenen Vermutungen und Grübeleien als von wirklichen Tatsachen ab. Wenn ein Kritiker ein Gelehrter

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ist, so folgt daraus noch nicht, seine Kritik müsse wissenschaftlich sein. Oft ist sie nur auf Annahmen und Vermutungen gegründet und darum nicht wert, daß man sie annimmt. Es ist möglich, daß in einigen ihrer Theorien sich himmlisches Licht widerspiegelt; aber es ist auch möglich, daß sie höllisches Feuer zurückstrahlen 83. Dann können sich gelehrte Kritiker auch recht oft in ihre eigenen Irrtümer und Täuschungen verstricken. Ihre sehr irdische Weis­heit und Philosophie hindert sie oftmals, so daß sie die tiefe geist­liche Absicht der begeisterten 84 biblischen Schriftsteller nicht ver­stehen. Zu oft untersuchen sie zwar sehr genau die äußere Schale, nämlich den Stil oder die innere Wahrscheinlichkeit der Zeit­angaben oder die Eigenart der Schriftsteller, untersuchen jedoch nicht den Kern, das ist die Wirklichkeit. Aber wie so ganz anders naht sich der Bibel, wer wirklich die Wirklichkeit sucht! Er hat nur einen Wunsch, nämlich: Gemeinschaft zu haben mit der Wirklichkeit80; ihm liegt gar nichts daran, wann oder durch wes­sen Hand irgendein Buch oder Evangelium geschrieben wurde. Er weiß, hier hat er Gottes Wort, das die Propheten und Apostel so geschrieben haben, wie der Heilige Geist sie bewegte (2. Petr. 1, 21). Der Beweis ihrer Wahrheit gründet sich nicht auf Geschichte und Logik — denn die Wahrheit ist weder neu noch alt: sie ist ewig. Ferner verlangt solch ein Wahrheitssucher geistliche Nah­rung und ewiges Leben, und er fragt nicht danach, ob er das von Mose, David, Jesaja oder Jeremia empfängt oder von Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes. Er verlangt allein nach der Wirk­lichkeit, und in Gemeinschaft mit Ihm80 findet er das Leben seines Lebens und immer bleibende Befriedigung in Ihm.

3. Die Rede, das Christentum habe in Europa und Amerika wie im Osten versagt, ist gänzlich töricht und falsch und nicht auf Erfahrung gegründet. Versagt hat nicht das Christentum, sondern die Leute, die das Herz des Christentums nicht verstan­den haben.

Auf meinen Reisen in Europa, Amerika und den östlichen Län­dern habe ich gesehen: die Menschen sind in ihren Fabriken, Laboratorien und Bibliotheken so geschäftig, daß sie keine Zeit

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haben, die Segnungen des Christentums zu empfangen. Einige dieser Menschen bekannten mir sogar, sie hätten ihr Leben so verwickelt eingerichtet, daß sie seiner müde wären. Wenn irgend­ein Mensch schwach wird, weil er keine Speise ißt, oder ver­durstet, weil er kein Wasser trinkt: können wir dann sagen, Speise und Wasser haben ihm gegenüber versagt? Keineswegs! Sondern der Mensch ist gleichgültig und nachlässig gewesen. Und wenn ein Mensch stirbt, ohne daß er die Medizin gebraucht, die zur Hand ist, so ist damit nicht bewiesen, die Medizin habe ver­sagt. Die das Christentum mit ganzem Herzen angenommen und seine Segnungen empfangen haben, die haben zweifellos die Welt aus ihrem Todesschlaf erweckt und haben zum Heil der Menschheit ein Werk getan, das für immer wirkt.

4. Die Landarbeiter hält ihre Arbeit im Freien; und da ihre Nahrung aus einfachen Sachen — wie Mehl, Reis, Milch und Ge­müse — besteht, so sind sie für gewöhnlich gesund. Die aber diese schlichte gesunde Ernährung um einer schweren und stark gewürzten Kost willen aufgeben und sich dazu noch in Geschäfts­räumen und Studierzimmern einschließen, neigen dazu, an Ver­dauungsstörungen und anderen Krankheiten zu leiden. Ebenso ist es im Glaubensleben: Menschen schlichten Glaubens essen schlichte Geisteskost. Sie erhalten ihre Kraft aus Gottes Wort und vom Heiligen Geist. Sie verbringen ihr Leben damit, daß sie anderen helfen und sie aufrichten, und leben selbst weiter in vollkommener Gesundheit, in Glück und Frieden. Die aber diese einfache allumfassende Wahrheit und Wirklichkeit verlassen und aus ihr eine verwickelte philosophische Lehre machen, die leiden leicht an Verdauungsstörungen (d. h. Zweifel, Unglauben usw.). Wie sehr diese philosophische Lehre auch anziehen und verlocken mag: als geistige Nahrung ist sie zu schwer; sie selber und an­dere, die sie essen, erkranken und sterben schließlich, ohne daß sie jemals die Freude hatten, die Gemeinschaft mit der Wirklich­keit zu erfahren.

5. Unter den Rechtsanwälten gibt es gesetzeskundige und ge­bildete Verbrecher, die um ihres eigenen Gewinnes willen das Ge-

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setz in ungesetzlicher Weise gebrauchen und ihre eigene wie die öffentliche Sittlichkeit schädigen. Denn obgleich sie wissen, ihr Klient ist schuldig, retten sie ihn doch vor seiner richtigen Be­strafung, indem sie die Feinheiten des Gesetzes geschickt aus­nutzen, und ermutigen ihn dadurch, weitere Verbrechen zu be­gehen. Und anstatt die Schuldigen zu bessern und das Wohl des Staates zu fördern, schädigen diese zivilisierten und raffinierten Verbrecher im geheimen die Gemeinschaft. So gibt es auch Ver­brecher der Bibelgelehrsamkeit, die ihre Gott-geschenkte Fähig­keit und Gelehrsamkeit unrechtmäßig gebrauchen. Sie suchen nicht Seine Ehre noch das Wohl Seines Volkes, sondern durch ungerechte Kritik und unnötige Einwände schädigen sie den Her­zensfrieden und das geistliche Leben der Gläubigen und werden selbst zu Dienern der Zerstörung. Von solchen hat unser Herr gesagt: „Weh euch Schriftgelehrten! denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen." (Luk. 11, 52)

6. Einige Kritiker folgern aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn85: dazu, daß wir dem Vater begegnen, sei ein Mittler nicht nötig, denn der verlorene Sohn ging geradewegs zu seinem Vater ohne einen Mittler. Aber sie vergessen, die Fälle liegen nicht gleich. Der verlorene Sohn brauchte keinen Mittler, denn, bevor er den Vater verließ, hatte er bei ihm gelebt und kannte ihn wohl. Da war niemand nötig, der ihm vom Vater erzählte. Was ihn nach Hause brachte, war allein, daß er die Gemeinschaft des Vaters erfahren hatte. Sonst hätte er ohne die Hilfe eines Mittlers nicht zum Vater zurückkommen können.

So verhält es sich auch mit dem Christen, der, nachdem er in Gemeinschaft mit Gott gelebt, aus irgendeinem Grunde sich in Sünde verirrt hat. Sein Leben ist unfruchtbar geworden, und das hat ihn gezwungen, sich seiner früheren christlichen Erfahrung zu erinnern; und wenn er in wahrer Reue zum Vater zurück­kehrt, so kommt er in dem Wissen: Christus und der Vater sind eins (Joh. 10, 30), und er kann ohne irgendeinen anderen Mittler kommen. Aber kein anderer sündiger Mensch außer dem Chri-

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sten, der abgeirrt ist, kann den Vater kennen oder zu Ihm gehen ohne den Mittlerdienst Jesu (Matth. 11, 27; Joh. 14, 6).

Der verlorene Sohn und sein älterer Bruder sind in einer Hin­sicht einander ähnlich: keiner von beiden machte von seinem Erb­teil einen rechten oder vorteilhaften Gebrauch; denn während der jüngere Bruder seinen Anteil verschwendete, benutzte der ältere ihn überhaupt nicht. So gibt es viele Christen, die aus Nachlässig­keit ihre Reichtümer in Christus nicht gebrauchen und aus ihren Gott-gegebenen Gaben und Segnungen nichts gewinnen.

7. Einige Kritiker behaupten, die Evangelisten hätten sich in dem, was sie über Christus schrieben, der Übertreibung schul­dig gemacht. Laßt uns doch daran denken, Christi Jünger waren meist einfältige, ungebildete Fischer und hatten keine besondere schriftstellerische Fähigkeit; in ihren Berichten über Sein Leben haben sie nicht nur nicht übertrieben, sondern zahllose wirkliche Tatsachen über Ihn nicht einmal erwähnt. Wir können ihr be­schränktes Verständnis schon aus dieser Tatsache ermessen: ob­wohl sie drei Jahre mit Ihm zusammengelebt und Seine Leben spendenden Worte immer wieder gehört hatten, verstanden sie weder den Sinn Seines Reiches noch Seiner Auferstehung von den Toten nach drei Tagen. Können wir glauben, daß so einfäl­tige Menschen aus ihrer eigenen Einbildungskraft zu den Tat­sachen Seines Lebens etwas hinzufügten? Das wird unmöglich, wenn wir uns daran erinnern, daß in allen Völkern und Zeiten schon das bloße Lesen Seiner Lebensgeschichte auf Menschen aller Klassen so sehr gewirkt hat, daß sie vollständig verwandelt und neue Geschöpfe wurden. Diese Geschichte ist allein das Werk Got­tes : Er kennt die Nöte und Sehnsüchte der Menschenherzen und hat sie gestillt. Zudem würden die Jünger, wenn sie nur etwas schriftstellerische Fähigkeit gehabt hätten, den Gegenstand des Evangeliums in genauer Ordnung dargestellt haben, nämlich erstens: das Leben — Geburt, Tod, Auferstehung und Himmel­fahrt; zweitens: Seine Lehre und Gleichnisse; drittens: Seine übernatürliche Macht und Seine Wunder; viertens: ihre eigene Erfahrung mit Ihm und ihre Ansichten von Ihm. Aber sie konn-

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ten das nicht tun; sondern im Einklang mit der Führung Gottes versuchten sie auf ihr eigene einfache Weise ohne Feinheit des Stils und ohne sich zu bemühen, irgend etwas hinzuzufügen, die Wirklichkeit vor die Welt hinzustellen, wie sie Ihn80 erfahren hatten (1. Joh. 1, 1—2).

 

VI

CHRISTI   LEHRE   UND   VORBILD

1. Christi Lehre ist so unvergleichlich und einzigartig, daß die Rede, Er habe Seine Eingebung von irgendeinem anderen Lehrer oder einer anderen Religion bezogen, so klingt, wie wenn man spräche, die Sonne habe nicht ihr eigenes Licht, sondern scheine gleich dem Monde mit dem entliehenen Licht irgendeiner anderen Sonne oder eines Planeten. Es ist unbegreiflich, daß das möglich sein könnte. Die Vollmacht, mit der Er lehrte, widerlegt einen jeden solchen Einwand (Matth. 7, 29). Ferner würde Er, wenn Er Seine Lehre aus anderen Quellen empfangen hätte, sie sicher­lich erwähnt haben, wie Er es in der Bergpredigt getan hat: dort wies Er zwar auf das Alte Testament hin, nahm aber die Voll­macht in Anspruch, Seine eigene Auslegung zu geben: „Den Alten wurde gesagt. . ., Ich aber sage euch .. ." (Matth. 5, 21 und 22).

Gleichermaßen widerspräche es der Wahrheit zu sagen, Jesus habe zu Seinem eigenen Vorteil große Ansprüche erhoben. Denn Er verbrachte Sein ganzes Leben damit, daß Er das Wohl und die Förderung der anderen suchte; und vor allem weist Sein Kreuz jegliche Behauptung dieser Art zurück. Wenn Er nach weltlicher Ehre getrachtet hätte, dann hätte Er versucht, sich selbst vom Tod am Kreuz zu retten, und sich nicht geweigert, als das Volk Ihn zum König machen wollte. Doch Sein Reich war, wie Er selber sagte, nicht von dieser Welt (Joh. 6, 15; 18, 36). Er kam in die Welt, damit Er die Wirklichkeit offenbare und, indem Er Sein eigenes Leben hingab, den Gläubigen das Anrecht schenke, Erben des Ewigen Lebens und Seines Reiches zu werden.

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2. Johannes der Täufer, der Vorläufer Christi, und Jesus selbst begannen mit diesen Worten zu predigen: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." 86 Alle Qual, alles Lei­den und der Tod in der Welt sind durch die Sünde hervorgerufen. Und die Ergebnisse der Sünde heißen in der kommenden Welt Trennung von Gott und Hölle. Darum kann niemand von dieser Trennung und Vernichtung gerettet werden, der seine Sünde nicht wahrhaft bereut. Gott ist Liebe; deshalb zwingt Er nieman­den, zu Ihm zu kommen, noch greift Er in den freien Willen ein, den Er dem Menschen gegeben hat. Wenn aber ein Sünder reue­voll kommt, sein Haupt neigt und sein Herz vor Gott öffnet, dann schenkt der Heilige Geist durch Seine Leben-spendende Wirk­samkeit ein neues Leben, und dann und dort beginnt die Herr­schaft Gottes in seinem Herzen. Darum ist es wesentlich, seine Sünden zu bereuen, um ein Sohn Gottes zu werden und in Sein ewiges Reich einzugehen.

Später sprach Christus in Seiner Predigt von denen, die selig zu nennen sind, und von ihrem Lohn (Matth. 5, 2—12). Es sind folgende:

„Die Armen im Geiste." Sie gestehen demütig ihre eigene Geistesarmut ein und werden Gottes treue und gehorsame Diener. Auch Christus, der König der Herrlichkeit, wurde arm, damit Er durch Seine Armut die Armen im Geist auf ewig zu Erben Seines Reiches mache (2. Kor. 8, 9).

„Die da Leid tragen." Sie werden für immer jenen Frieden empfangen, den die Welt weder geben noch fortnehmen kann. Aber dieses Trostes erfreuen werden sich tatsächlich nur, die ge­litten haben und im Schmelzofen des Leidens geläutert worden sind (Joh. 16, 22).

„Die Sanftmütigen." Sie werden jenen neuen Himmel und jene neue Erde erben, wo Gerechtigkeit wohnt — jenes Reich, zu dessen Erben Christus sie gemacht hat.

„Die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit." Sie werden das Brot und Wasser des Lebens im Reich der Gerechtigkeit er­langen und auf ewig gestillt sein.

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„Die Barmherzigen." Sie werden Barmherzigkeit erlangen. Aber Unterdrücker und solche Menschen, deren Herzen hart sind wie ein Mühlstein, werden finden, ihre Unterdrückung ist in furchtbarer Weise auf ihr eigenes Haupt zurückgefallen: wo sie jetzt lachen, werden sie dann über ihre frühere Nachlässigkeit und ihren gegenwärtigen bösen Zustand stöhnen (Luk. 6, 25).

„Die Friedensstifter." Gleich der Barmherzigkeit ist auch Friede eine der Eigenschaften Gottes. Und deshalb werden die Menschen, welche Spaltungen und Streitigkeiten unter ihren Nächsten ver­söhnen und die trennende Mauer zwischen Gott und Menschen niederlegen, Gotteskinder heißen, denn „der Dienst der Versöh­nung" ist ihnen übergeben worden (2. Kor. 5,18).

„Die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden." Es ist eine große Ehre, um der Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden, denn solche Menschen nehmen an einem heiligen Kriege teil, und da­für werden sie in der Herrlichkeit Lohn empfangen. Geist und Wesen der Welt verhalten sich gegen Wahrheit und Wirklichkeit feindlich; deshalb werden, die der Wahrheit folgen, gewiß ver­folgt werden (2. Tim. 3,12).

Aber ob zur Ruhe oder zum Leiden berufen, diese Seliggeprie­senen, die eine persönliche Gotteserfahrung haben, werden wie Salz und Licht in der Welt wirken und durch ihr Werk zu Gottes Lob und Ehre dienen.

3. „Widerstehet nicht dem Bösen" (Matth. 5, 39). Wenn wir bösen Menschen, die uns ein Leid antun wollen, widerstehen, dann wird wohl keine der beiden Parteien einen Gewinn haben; wahrscheinlich werden beide Schaden nehmen geradeso wie zwei Züge, die, wenn sie zusammenstoßen, beide zerschmettert wer­den. Wenn wir aber leiden, weil wir nicht widerstehen, dann wird einerseits der Kreuzträger geistlich gesegnet und anderer­seits der Unterdrücker durch den Geist der Vergebung bewegt werden und sich der Wahrheit zuneigen. Es hat sich gezeigt: das Leben vieler böser Menschen, denen man so begegnete, ist ver­wandelt worden. Hier sei ein Beispiel erzählt. Es war letztes Jahr in den Bergen in Indien. Während ein frommer indischer Christ

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in seinem Haus allein betete, betraten drei Diebe heimlich sein Zimmer und nahmen alles fort, was sie nur greifen konnten. Als der Mann seine Gebete beendet hatte, bemerkte er, alle seine Habe war fort außer der Kiste, über die er sich beim Gebet ge­beugt hatte. Diese Kiste enthielt Geld und Wertsachen. Dieser „Mann des Gebets" nahm etwas Bargeld und einige Wertsachen zu sich, lief den Dieben nach und rief: „Wartet, wartet! Ihr habt wertvolle Sachen zurückgelassen. Ich bringe sie euch. Vielleicht braucht ihr diese Dinge mehr als ich." Als die Diebe das hörten, dachten sie zuerst, es sei eine Falle; aber als sie sahen, er hatte keine Waffe und war ganz allein, kamen sie zu ihm zurück. Da sprach der Mann zu ihnen: „Warum habt ihr mir nicht zuerst gesagt, ihr brauchet diese Dinge? Ich hätte euch gern gegeben, was immer ich habe. Und jetzt wäre es das beste, ihr kämet mit mir, und was immer ihr braucht, dürft ihr euch nehmen." Als die Diebe das seltsame Leben dieses Beters sahen, wurden sie so ge­packt, daß ihr Leben für immer verändert wurde, und sie fingen an zu sprechen: „Wir hatten nie gedacht, daß es solche Leute in der Welt gibt. Wenn schon ihr so wunderbar seid, wieviel wun­derbarer muß dann erst euer Heiland sein, der euch ein so wun­derbares Gott-ähnliches Wesen verliehen hat."

Hier sehen wir, wie es wirkt, wenn wir dem Bösen nicht wider­stehen und die anderen so lieben wie uns selbst. Wenn der Mann sich den Dieben widersetzt und sie festzunehmen versucht hätte, dann wäre er in dem Kampf wohl selbst getötet worden und die Diebe hätten keinen Segen gehabt. Doch ich habe genug gesagt. Wer immer nach diesem goldenen und unvergleichlichen Wort Christi handeln kann, soll es tun. Lasset uns das vollkommene Vorbild dessen vor Augen halten, „der nicht wieder schalt, da Er gescholten ward, nicht drohte, da Er litt" (i. Petr. 2, 23). Was immer Er lehrte, das vollbrachte Er selber zuerst. Und Er ver­kündete keine Lehre, deren Beweis und Vorbild Er nicht in Seinem Leben gegeben hatte. Mit anderen Worten: Er verkündete, was Er lebte, und Er lebte, was Er verkündete.

4. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so

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werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich" (Matth. 18,3—4).

Wenn wir in das Reich Gottes eingehen wollen, dann müssen wir gleich kleinen Kindern werden, denn in ihnen finden sich die Kennzeichen, die jedem Gotteskind zu eigen sein sollten:

(1) Sie haben wahre Liebe zu den Eltern.

(2) Sie glauben ohne Zweifel alles, was ihre Eltern sagen.

(3) Die Erbsünde ausgenommen, sind sie frei von allen an­deren Sünden und auch vom Stolz, um dessentwillen Satan aus dem Himmel verstoßen ward.

(4) Obgleich Kinder ihre Wünsche noch nicht ausdrücken kön­nen, versuchen sie es doch in stammelnden Worten, und wenn das nicht genügt, dann erklären Tränen ihre Not. Wenn sie noch nicht auf Füßen gehen können, dann kriechen sie auf Händen und Knien zu Mutters Schoß hin und erhalten ihre Nahrung und Liebe, die weit über ihr Verstehen geht. Und wenn die Mutter sie zu strafen droht oder ihnen einen Klaps gibt, dann laufen sie nicht von ihr fort, sondern eilen wieder zu ihr, damit sie sie tröste. Wenn wir also im Reich unseres Vaters wie kleine Kinder wer­den, dann erreichen wir einen Stand, der groß ist und hoch und herrlich.

5. Wenn wir Christus nachfolgen, uns selbst verleugnen und Ihm zum Zeugnis das Kreuz des Leidens tragen, und wenn wir nicht unseren eigenen Vorteil, sondern das Wohl der anderen suchen: dann finden wir uns selber und ein hundertfach reicheres Leben (Luk. 9, 23—25; Matth. 19, 29).

Wer in seinem Suchen nach der Wirklichkeit das Verlangen seines selbstsüchtigen Wesens ausrottet, wird für immer Gott und sich selber finden. Wer andererseits, von seinem Eigen­willen geleitet, von Gott getrennt lebt, wird sogar aus seinem gegenwärtigen niederen Lebensstand fallen und vernichtet wer­den. Es wird ihm wie den Wicken gehen: diese sind wirklich Weizen, aber entartet; so sind sie wertlos und werden fort­geworfen.

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6. Wenn wir auf die Rückseite eines Glasstückes Quecksilber legen, haben wir einen Spiegel, der unser Gesicht widerspiegelt; aber wenn wir kein Quecksilber auflegen, dann blicken wir geradeswegs durch das Glas hindurch. Wenn wir unser Leben mit Selbstsucht unterlegen, sehen wir darin nur unser Selbst sich widerspiegeln; wenn aber jene Decke der Selbstsucht entfernt ist, dann wird, wo immer wir hinblicken, Gott erscheinen, und wir werden erkennen, in Seinen liebenden Armen sind wir geborgen.

7. Der Welt entsagen bedeutet nicht, wir sollten nun alle welt­lichen Dinge, die uns erfreuen, aufgeben: entweder weil wir glau­ben, den Dingen selbst wohne die Eigenschaft des Bösen inne, oder weil wir erwarten, wir empfingen, wenn wir sie aufgäben, höchsten geistlichen Segen. Eines ist es, Vergnügungen zu lassen, um noch größere Freude zu gewinnen. Ein anderes ist es, sie zu lassen, weil sie böse sind. Es ist kein Unrecht, sich in rechter Weise an Vergnügungen zu erfreuen, seien sie geistig oder sinnlich, noch ist es nötig, ihnen zu entsagen. Aber es gibt Vergnügungen, die uns hindern, die Quelle der Seligkeit zu finden. Diesen müs­sen wir entsagen, denn einige dieser vergänglichen Vergnügun­gen machen uns gegen die wirkliche und ewige Freude gleich­gültig. In manchen Fällen ziehen in der Tat diese verlockenden Vergnügungen unsere Herzen vom Schöpfer fort. Und wie ein Mann, wenn er einem Irrlicht folgt und weiter wandert, in der Finsternis verloren ist, so verlocken uns diese Vergnügungen und führen uns schließlich in die Vernichtung. Es ist wesentlich, daß wir unsere Herzen von allen erschaffenen Dingen abziehen und sie auf den Schöpfer richten, und daß wir Seine Gott-gegebenen Gaben mit Dankbarkeit und Mäßigkeit gebrauchen.

Mäßigkeit im Verzicht wie im Vergnügen — „der mittlere Weg" 87 — ist oft das beste Mittel, um das erwünschte Ziel zu erreichen. Wenn wir es verfehlen, so kommt das oft daher, daß wir auf der einen oder anderen Seite die festgesetzte Grenze überschritten haben. Andauernd in vollständiger Dunkelheit zu leben, schadet den Augen ebensosehr wie überstarkes Licht, das uns blenden kann. Übermaß an Kälte oder Hitze kann Verlet-

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zungen hervorrufen; aber innerhalb der gewöhnlichen Wärme­grenzen sind beide nützlich und angenehm. Ein leiser Laut, der schwer zu hören ist, regt auf, und ein sehr starker Laut kann unser Ohr sogar verletzen; aber innerhalb mäßiger Grenzen hören wir mit Vergnügen liebliche musikalische Laute.

8. Dies ist das Wesen der Lehre Christi: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt", und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Matth. 22, 37 und 39).

Wenn wir den Herrn von ganzem Herzen lieben, dann werden wir Ihm immer gehorchen und unser Leben in Seinem Dienst und zu Seiner Ehre verbringen. Und wenn wir unsere Nächsten — und das bedeutet die ganze Welt88 — wie uns selber lieben, dann werden wir nichts tun, was anderen schadet, sondern immer ver­suchen, ihnen weiterzuhelfen. Wenn wir dieser Lehre gehorchen, erfüllen wir das Ziel des ganzen Gesetzes. Gold, Silber und Dia­manten waren in der Erde verborgen, lange bevor irgend jemand von ihrem Vorhandensein wußte. So bestand auch das unergründ­liche Bergwerk der Liebe von Ewigkeit her, noch ehe Jesus, die menschgewordene Liebe, der Welt den „überschwenglichen Reich­tum" der Wirklichkeit offenbarte. Aber als Er kam, da lehrte Er nicht nur über die Liebe, sondern Er erfüllte und vollendete jene Lehre, indem Er Sein Leben dahingab, und war auf jede Weise ein vollkommenes Vorbild für uns.

 

VII

DES   MENSCHEN  ENDGÜLTIGE  BESTIMMUNG

1. Materialisten, seien sie Gelehrte oder Philosophen, sind durch den Staub des Stoffes so geblendet, daß sie weder die Seele im Leib sehen können noch die Geisteswelt, die hinter der stoff­lichen Welt liegt. Denn sie denken, die Gruppe körperlicher und geistiger Eigenschaften, die eine menschliche Persönlichkeit bil­den, ist mit dem Tod zu Ende. Gelehrte, die mit greifbaren Tat-

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Sachen zu tun haben, sind in ihrer Erfahrung begrenzt. Bis zu einem gewissen Grade können sie über das Wie sprechen, doch haben sie auf das Warum der Dinge keine Antwort. Sie können wohl sagen: zwei und zwei gibt vier, aber sie können nicht sagen, warum das so ist. Es gibt Sinnzusammenhänge, wo es mehr als vier gibt; so geben z. B. zwei und zwei Weizenkörner vier, aber wenn man diese vier Körner sät, so können Hunderte oder sogar Tausende von Körnern erzeugt werden. In den vier Körnern ist der Keim der Tausende enthalten (auch wenn diese Tatsache sich vor dem Gelehrten oder Philosophen verbirgt, der von einer mathematischen Formel besessen ist). Und wo der Keim ist, da liegt auch die Pflanze verborgen; aber sie wird zu ihrer bestimm­ten Zeit erscheinen unter Bedingungen, die ihrem Wachstum dienen. Deshalb dürfen wir sagen: in den vier Körnern sind Tau­sende gegenwärtig, und wir können folgern: zwei und zwei gibt mehr als vier89. Nun können die Gelehrten — jeder mit seinen Anschauungen, die seine Erfahrung gefärbt hat — wohl sagen, wie Tausende aus vier hervorgebracht werden; aber sie können die Frage nicht beantworten, warum sie hervorgebracht werden. Weder können sie sagen, was das Leben ist, noch, woher es kam. Und solange sie auf diese Fragen keine befriedigenden Antwor­ten geben können, ist ihre Behauptung, das geistige Leben höre mit dem leiblichen auf zu bestehen, leer und unhaltbar.

2. Die den Darwinismus oder die Entwicklungslehre anneh­men, geben uns eine Theorie, die ist hart und unbarmherzig und steht gegen alle Sittlichkeit. Sie behaupten: den Kranken, Schwachen oder Untauglichen zu helfen, trage nur dazu bei, daß sie sich vermehren; dadurch werde die Gemeinschaft geschädigt; deshalb sei es besser, sie verschwänden von der Erde. Wie ein Gelehrter gesagt hat: „Unsere Güte führt oft dazu, daß wir die Wunde, die wir heilen wollen, vergrößern." Wenn wir diesen Beweisgrund annehmen, dann ist es gewiß, daß wir im Großen schlachten müssen, denn alle Qual und Krankheit, Mangel und Schwäche sind durch die Sünde hervorgerufen; und da in der Welt niemand ohne Sünde ist, hat keiner ein Recht zu leben. Es

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ist kein Zweifel: wenn solche Leute ihre Theorie hätten anwen­den können, dann wäre die gesamte Kultur und Menschheit ver­tilgt und die Welt öde und leer.

Aber zu unserem guten Glück wohnen wir in dem Reiche eines Allmächtigen, Gerechten und Gnädigen Gottes, wo uns, wenn wir uns nicht durch die Sünde selbst vernichten, niemand schaden kann. Wenn Gott gewollt hätte, Wunden und Krankheit sollten nicht geheilt werden, dann hätte Er nicht Arzneien und Heilkräuter erschaffen. Ihr bloßes Dasein beweist schon die besondere Absicht, für die sie erschaffen wurden, nämlich, daß durch diese Gott-gegebenen Mittel Menschen geheilt würden.

Es ist erstaunlich, daß Menschen den Namen Übermensch90 einem Menschen geben, der so sehr der Barmherzigkeit, der Liebe und des Mitgefühls ermangelt. Da ihm die Liebe zu Gott und zum Menschen fehlt, ist er vielmehr ein Untermensch91, und zwar so sehr, daß er außerhalb des Bereichs der Menschheit steht und ein blutsaugendes Raubtier heißen sollte. Solch einer ist tat­sächlich der Übermensch, welcher der Welteroberer genannt wird. Er selber ist ein armer Sklave seiner Leidenschaften, und jeden Augenblick seines Lebens wird er in seinem eigenen kleinen Selbst geschlagen. Übermensch zu heißen, hat nur der Mensch das Recht, der seinen Schöpfer kennt und zu Seiner Ehre und zum Wohl Seiner Schöpfung lebt. Wenn andererseits ein Mensch verfehlt, dies zu tun, dann ist er, wie hoch zivilisiert und gebildet er auch immer sein mag, nicht mehr als ein abgerichtetes Tier.

3. Der Mensch gleicht einer Wasserschierlingspflanze: solange diese auf trockenem Lande wächst, bleibt sie ungefährlich, aber auf nassem und feuchtem Grunde wird sie giftig. So wird der Mensch durch schlechte Umstände und Umgebung selber schlecht und gefährlich; aber heilig und rein wird er dadurch, daß er in der Gegenwart Gottes lebt und in der Gemeinschaft mit Ihm. Dann gibt Gott ihm einen neuen Namen, der seinem Wesen und Leben vollkommen entspricht. Denn Gott allein, der die Dinge erschuf und sie in ihrem Wesen kennt, kann ihnen einen passen­den Namen geben. Aber der Name, den der Mensch gibt, kann

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nicht angemessen sein, denn er weiß nicht, was das Ding in sich selber ist. Da die Namen, die der Mensch geben muß, unvoll­kommen sind, weil seine Erkenntnis begrenzt ist: deshalb konnte Gott ihm Seinen Namen überhaupt nicht offenbaren, außer so weit, wie Er es tat, als Er sagte: „Ich bin, der Ich bin" (2. Mose 3, 14).

4. (1) „Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Vollkommen zu sein wie unser himm­lischer Vater, das ist die Bestimmung unseres Lebens. Wenn wir auch im Himmel einen außerordentlich hohen Grad der Vollkom­menheit gewännen, unser Fortschritt dann aber gehemmt würde: dann hätten wir die endgültige Bestimmung unseres Daseins noch nicht erreicht. Das letzte Ziel unseres Daseins kann in dem Zu­stand nicht vollendet werden, der des Fortschritts ermangelt; denn wenn der Fortschritt aufhörte, so würden daraus Stillstand und Zerstörung folgen. Außerdem, würde unser Fortschritt ge­hemmt, dann blieben wir über viele Dinge unwissend. Da dem Menschen das Verlangen eingeboren ist, mehr zu wissen, so würde uns das unzufrieden machen, und der Himmel wäre für uns nicht länger der Himmel. Aber fortzuschreiten und die Hoff­nung auf immer weiteren Fortschritt zu haben, das gäbe uns eine wunderbare Spannung und Freude. Und wenn wir schließlich vollkommen werden wie der Vater, dann brauchen wir keinen weiteren Anreiz mehr, denn wir haben unsere Bestimmung er­reicht. Aber die Liebe, die Quelle unseres Seins und das Leben unseres Lebens, bleibt auf ewig.

(2) Der Mensch hat es durch Forschung und Versuche unter­nommen, aus den von Gott geschaffenen Dingen Körperkraft zu gewinnen, und hat bis zu einem gewissen Grade die Mittel er­langt, das Leben zu verlängern. Ist es da nicht möglich, daß er ewiges Leben und vollkommene Gesundheit und Kraft aus der Quelle allen Geistes-Lebens gewinne? Und wenn wir ewiges Leben erlangt haben, wird der Fortschritt in jeder Weise auch in der Ewigkeit noch weitergehen. Denn wenn trotz vieler Hinder­nisse und unpassender Umstände der Fortschritt in der Welt an-

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gedauert hat, weshalb sollte der Fortschritt im Himmel gehemmt werden, wo wir, auf keine Weise gehindert, über alle zum Fort­schritt nötigen Mittel verfügen? Vielmehr werden uns dort in der Gegenwart und Gemeinschaft unseres himmlischen Vaters in unendlicher Zeit ständig unendliche Mittel zu unendlichem Fort­schritt gereicht, bis wir vollkommen werden, wie Er vollkom­men ist.

(3) Wenn wir und unsere Erkenntnis immer begrenzt bleiben, haben wir weder die Fähigkeit, den unendlichen Gott zu erken­nen, wie wir Ihn erkennen sollten, noch können wir „erfüllt wer­den mit aller Fülle Gottes" (Eph. 3, 19), noch können wir durch Seine unendliche Liebe voll begnadet werden. Gott, der die Liebe ist und den Menschen sich selber gleich geschaffen hat, hindert ihn nicht aus Eifersucht am unendlichen Fortschritt zu einer Voll­kommenheit gleich Seiner eigenen, noch wird Er dem Menschen viele Dinge, welche dieser jetzt noch nicht kennt, auf ewig ver­borgen halten. Es ist auch unmöglich, daß wir, wenn wir voll­kommen gemacht werden wie Gott, uns gegen Ihn empören; denn unser aufrührerisches Wesen wird schon vernichtet, ehe wir jenen Stand der Vollkommenheit erreichen. Es wäre überhaupt keine Vollkommenheit, wenn wir auch nur das Verlangen nach Empörung zurückhalten könnten. Indem wir Ihn erkennen und mit Seiner unendlichen Liebe erfüllt werden, die das Leben un­seres Lebens ist, werden unsere Liebe und Treue gegen Ihn gleich­falls unendlich. Das eigentliche Ziel, weswegen diese Liebe Mensch wurde, ist, den Menschen zu Seiner eigenen Vollkommen­heit zu erheben, wo alle Geheimnisse enthüllt werden und keinerlei Unvollkommenheit zurückbleibt. Und hier erreichen wir unsere endgültige Bestimmung. Während wir der Vollkommen­heit entgegenschreiten, erheben sich zahllose Fragen; sie werden aber nur in der kommenden Welt gelöst. Doch wie das Küken, das noch nicht aus dem Ei geschlüpft ist, schon zu fliegen wünscht, so verlangt den ungeduldigen Menschen danach, alle seine Schwierigkeiten und Fragen schon in dieser Welt zu lösen. Das ist nicht nur vorschnell, sondern unmöglich.

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Es besteht auch die Gefahr, in falsche Vorstellungen verwickelt zu werden, von denen zu befürchten steht, daß sie uns in der Zu­kunft schaden (Joh. 16, 12). Wir sollen geduldig laufen sowie dankbar empfangen und gehorsam ausführen, was immer uns jetzt offenbart worden ist, um unsere gegenwärtigen Nöte zu stillen, und alles Zukünftige Ihm überlassen, der uns unversehrt zu unserer endgültigen Bestimmung bringen wird, „damit wir vollkommen seien, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist".91

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4.SCHRIFT

Betrachtungen92

über verschiedene Seiten

des geistlichen Lebens

 

VORWORT

In diesem Büchlein habe ich ein paar Betrachtungen über ver­schiedene Seiten unseres geistlichen Lebens niedergelegt und von jenen Schwierigkeiten gehandelt, denen jeder Gottesmensch, wenn er die verschiedenen Stufen seines geistlichen Lebens durch­läuft, notwendigerweise begegnet.

Bei einigen der behandelten Fragen werden wohl nicht alle Leser meinen Ansichten zustimmen. Es wäre seltsam, wenn sie es täten. Denn wie keine zwei Menschen einander in Gestalt und Angesicht genau gleichen und auch nicht das gleiche Vermögen des Gehörs und Gesichts haben: so ist auch, wie ein jeder Mensch geistliche Wahrheit auffasst, durch seine Wesensart, seine Erfah­rung und seinen geistigen Blick bedingt. In den grundlegenden Dingen werden wir wahrscheinlich nicht voneinander abweichen, wohl aber in den unwesentlichen. Denn wenn Gott Seinen Wil­len offenbart, bedenkt Er Geistesstand und Fassungskraft eines jeden Menschen. Daher kann, was dem einen ein Fortschritt der Zeit dünken mag, einem anderen als veraltet und unnötig er­scheinen.

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Ferner gelingt es vielen nicht zu begreifen, was jene von Gott geoffenbarten Tatsachen bedeuten, die jemand aufgezeichnet hat, der in Einigung mit Gott lebte und durch Ihn erleuchtet wurde. Sie haben zwar selber keine sehr deutliche Erfahrung im Um­gang mit Gott gemacht; dennoch ziehen sie los, erörtern ihre Lehren über Ihn und streiten sich um die Schalen unwesentlicher Dinge wie die Hunde um dürre Knochen. Wer aber die Gemein­schaft und Einigung mit Gott erfahren hat und über dieses un­nütze Streiten hinausgehoben worden ist, bringt aus der Schatz­kammer seiner eigenen persönlichen Erfahrung „Altes und Neues" und zeugt davon, ohne nach der Zustimmung der anderen zu fragen.

Subathu, Simla Hills, August 1925 Sundar Singh

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1.Kapitel

ALLEIN  MIT DEM  MEISTER

1. Der Meister nahm Seine drei auserwählten Jünger nicht nur um der Ruhe willen mit auf den Bergesgipfel. Dort sollten sie vielmehr für einen Augenblick die Wirklichkeit Seines herr­lichen göttlichen Wesens zu sehen bekommen, zu deren Offen­barung der tägliche Umgang mit Ihm sie vorbereitet hatte. Sie hatten Seine Wunder gesehen und jene wunderbaren Worte ge­hört, die bis dahin noch nie ein Mensch gesprochen. Aber es genügte nicht, daß sie nur in Anbetung und erstaunter Verwun­derung dabei standen. Es war sehr nötig für sie, daß sie ihr überfülltes Tagewerk verließen und in der stillen Einsamkeit des Berges die überweltliche Herrlichkeit Seiner göttlichen Person be­trachteten. Doch auch die Verklärung Seiner irdischen Gestalt war in sich selbst noch nicht genug. Vielmehr mußten auch noch ihre Augen auf getan werden; denn wenn ihre Geistes-Augen nicht aufgetan worden wären, dann hätten sie weder Christi Angesicht gesehen noch erkannt, daß Mose und Elia bei Ihm waren. Ebenso mußten sie sich die Ohren auftun lassen, denn ohne jene geöff­neten Ohren hätten sie nichts von „Seinem Tode, den Er sterben sollte", und erst recht nicht Gottes eigene Stimme hören können, die da sagte: „Höret Ihn" (Luk. 9, 28—36).

Gott wurde in Christus Mensch und spricht durch Ihn zu uns, und wir sollen Ihm in ganzem Gehorsam nachfolgen und nicht fragen: Wie? oder Warum? Wir können Seine liebliche Stimme jedoch nur hören, wenn wir unsere Ohren gegen die ablenkenden Stimmen der Welt verschließen; auch können wir Ihm nur be­gegnen und mit Ihm Gemeinschaft haben, wenn wir aus ganzem Herzen danach verlangen. Wenn wir selber nicht schweigen, können wir nicht hören, was andere sagen; wir können sie erst dann ganz verstehen, wenn wir ihnen volle Aufmerksamkeit

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schenken. So müssen wir, wenn wir die Stimme unseres himm­lischen Vaters hören wollen, in der Stille vor Ihm warten und unser Gemüt und Herz ganz auf Ihn richten; denn Er offenbart sich noch immer denen, die Ihn unermüdlich suchen. Und nicht nur dies, sondern wer so sucht, wird das Vorrecht der Gemein­schaft der Heiligen haben, so wie jene drei Apostel, weil sie mit Ihm verbunden waren, sich der Gemeinschaft mit Mose und Elia erfreuten.

2. Wir dürfen diese heilige Gemeinschaft auch nicht bloß suchen, damit wir mit ihrer Hilfe in der Welt vorankommen, wie jene beiden Jünger taten: sie baten, zur Rechten und Linken des Königs sitzen zu dürfen, wenn Er in Seinem herrlichen Reich kommen werde (muß. 10, 35—37). Stelle dem den besseren Weg Marias gegenüber: sie suchte nicht einen hohen Platz am Thron, sondern war zufrieden, zu den Füßen des Herrn selbst zu sitzen und Seine Leben-spendenden Worte zu hören. So erwählte sie „das gute Teil, das soll nicht von ihr genommen werden" (Luk. 10,39-42).

3. Wenn wir uns innern, so spricht Gott zu unserem Her­zen, aber nicht durch Worte; und wenn wir unsere Herzen demütig bringen zu Ihm, dem Brunnquell allen Lebens, dann wird Er in uns hereinströmen mit der ganzen Fülle Seiner Gegen­wart. Wie die Quelle das Gefäß füllt, das unter ihren Wasser­strahl gestellt wird, so fließen Gottes Geist und wahrer Friede in das Herz dessen, der sein Herz demütig macht, um sie zu emp­fangen.

Hugo93 hat gesagt: „Der Weg emporzusteigen ist, in sich selbst hinabzusteigen."

„Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind" (Jes. 57,15).

Hylton94 hat diese Worte geschrieben: „Christus ist wie das Geldstück im Gleichnis verloren; aber wo? In deinem Hause, das ist in deiner Seele. Du brauchst nicht nach Rom oder nach Jerusa­lem zu laufen, um Ihn zu suchen. Er schläft, wie einst im Schiffe, so in deinem Herzen. Wecke Ihn mit dem lauten Ruf deines Ver-

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langens. Wie dem auch sei, so glaube ich, du schläfst häufiger, wo Er dich ruft, als umgekehrt."

Nachdem wir in die Einsamkeit des Gebetsberges gestiegen und Ihm dort begegnet sind, sollen wir nicht, wie jene Jünger wollten, unsere Zeit damit vergeuden, daß wir Pläne schmieden und Hütten bauen wollen, sondern sollen mit unserer neugefun­denen Kraft zur Menschenwelt zurückgehen und das Werk vollen­den, das uns aufgetragen ward.

 

2. Kapitel

DES MENSCHEN SEHNSUCHT NACH GOTT

1. Wir wissen aus unserer Erfahrung, wie stark das Verlangen ist nach Gott, das in unserem Herzen geboren wird. Wie der Hirsch Not leidet, bis er die Wasserquelle im Dschungel findet, so dürstet des Menschen Herz nach Gott und ist unruhig, bis es Ihn findet95. Obgleich der Mensch auf vielerlei Weise versucht, dieses angeborene Verlangen seines Herzens zu stillen, so wird dieses Begehren erst befriedigt, wenn er Gott findet. Nur in Ihm, der beides geschaffen hat, das Herz wie sein Verlangen, kann es vollkommene Befriedigung geben. Homer96 hat gesagt: „Wie junge Vögel ihre Schnäbel nach der Nahrung öffnen, so sehnen sich alle Menschen nach den Göttern."

Bei einer Reise in den Bergen setzte ich mich einmal auf einen Felsen nieder, um auszuruhen. Unterhalb des Felsens war ein Busch; in ihm befand sich ein Vogelnest, aus dem ich den Schrei junger Vögel hörte. Ich sah, die Vogelmutter war mit Nahrung für sie gekommen; und sowie sie das Rauschen ihrer Flügel hör­ten, begannen sie laut zu schreien. Aber als die Mutter ihnen Nahrung gegeben hatte und fortgeflogen war, da waren sie alle wieder still. Ich ging hinunter, um das Nest zu sehen. Da fand ich: obwohl sie noch nicht alt genug waren, um ihre Augen auf­zutun, so pflegten sie doch, ohne ihre Mutter zu sehen, ihre Schnäbel zu öffnen, sowie sie sich näherte. Sie hätten auch sagen können: „Wir öffnen unsere Schnäbel erst, wenn wir unsere Mut-

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ter oder unsere Nahrung sehen, denn wir wissen nicht, ist's unsere Mutter oder ein Feind, oder hat sie in ihrem Schnabel Nahrung oder Gift." Dann hätten sie aber sicherlich keine Ge­legenheit dazu gehabt, denn ehe ihre Augen sich geöffnet hätten, wären sie vor Hunger gestorben. So aber hegten sie an der Liebe ihrer Mutter keinerlei Zweifel, und nach wenigen Tagen, wenn ihre Augen sich öffnen, würden sie glücklich sein, ihre liebe Mut­ter zu sehen. Sie würden immer kräftiger und ihr immer ähn­licher werden, und bald würden sie im Freien davonfliegen können.

Laßt uns bedenken, ob wir, die wir die edelsten aller Geschöpfe genannt werden, nicht tief unter diesen unbedeutenden Nestlingen stehen; denn oft haben wir in unserem Gemüt an dem Dasein und der Liebe unseres Himmlischen Vaters Zweifel ge­habt. Jesus hat gesagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" (Joh. 20, 29). Wir, die wir das Herz Gott öffnen, emp­fangen von Ihm geistliche Nahrung und werden zur rechten Zeit unsere volle Größe erreichen. Und wenn wir Ihn einst sehen wer­den von Angesicht zu Angesicht, dann werden wir in Seiner Gegenwart auf ewig selig sein.

2. Von einem weisen Manne wird eine Geschichte erzählt. Er traf drei Männer auf der Straße. Der erste war bleich, vertrocknet und von Furcht geplagt. Er fragte ihn: „Woher kommt es, daß du in einer so üblen Verfassung bist?" Er antwortete: „Mich quält beständig der Gedanke, ich könnte in das Höllenfeuer ge­worfen werden." Der Weise sagte: „Es ist sehr traurig, daß du keine Gottesfurcht hast, die doch der Anfang der Weisheit ist, son­dern dich vor etwas Geschaffenem (Höllenfeuer) fürchtest. Dein Gottesdienst ist nicht echt. Er ist eine Art Bestechung; du bietest sie an in der Hoffnung, dich dadurch vor dem Höllenfeuer zu retten."

Der zweite Mann saß da und verzehrte sich in Kummer und Sorge. Der Weise fragte: „Weshalb bist du so traurig und voll Kummer?" Er erwiderte: „Ich fürchte, man könnte mir die Freude und Ruhe des Himmels rauben." Der Weise antwortete: „Es ist

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eine Schande, daß du des Schöpfers und Seiner wunderbaren Liebe nicht mehr gedenkst und zu Gott nur betest, weil du den Himmel gewinnen willst, den Er geschaffen hat."

Nachdem er mit diesen beiden Männern geredet hatte, traf er einen Dritten, der war sehr glücklich und zufrieden. Er fragte ihn; „Was ist das Geheimnis deiner Freude und deines Friedens?" Ei sagte: „Ich bete beständig zu Ihm97, der mich lehrte, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten: Er möchte es mir gewäh­ren, daß ich Ihn mit Herz und Seele liebe und Ihm diene und Ihn anbete aus Liebe allein. Sollte ich Ihn aus Angst vor dem Höllen­feuer anbeten, dann mag Er mich dahinein werfen! Sollte ich Ihm dienen aus dem Verlangen, den Himmel zu gewinnen, dann mag Er mich von ihm ausschließen! Aber sollte ich Ihn anbeten aus Liebe allein, dann möchte Er sich mir offenbaren, damit mein ganzes Herz von Seiner Liebe und Gegenwart erfüllt werde!"

3. Wenn wir nicht Gott suchen, sondern danach trachten, das zu bekommen, was Er geschaffen hat, und statt Seiner irdische Güter zu erwerben suchen: dann haben wir tatsächlich den Schöp­fer aller Dinge verlassen. Aber die Zeit wird kommen, da wir sogar die geschaffenen Dinge verlassen und uns nichts mehr bleibt als unser Sünden-verderbtes und wertloses Leben. Doch wenn wir unsere Herzen von allen irdischen Dingen abkehren und zu Gott wenden, dann werden wir mit Ihm auch alles andere er­langen. Der weltliche Mensch sucht nicht Gott, sondern das Selbst. Deshalb wird er zum Schluß erkennen: ihm bleibt nichts weiter als seine Strafe und sein ungesegnetes Leben. Wer sich selber sucht, verliert alles. Er findet weder Gott, noch findet er sich selbst.

 

3. Kapitel

IST   GOTT  ERKENNBAR?

1. Die Atheisten leugnen Gottes Dasein; aber ihrer keiner kann beweisen, Gott sei nicht. Wenn wir auch für einen Augenblick zugäben, die unbewiesene Behauptung der Atheisten sei wahr, so bewiese das nur aufs neue eher ihre Unwissenheit als ihre Weis-

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heit und Wahrheit; denn wenn, wie sie sagen, Gott nicht wäre, dann wäre es doch unnütz, Zeit damit zu vergeuden, daß man das Nichtdasein von etwas beweist, was wirklich nicht da ist. So die Zeit zu vergeuden, die nützlicher an andere Dinge gewendet wer­den könnte, ist nichts als Torheit. Wenn Gott ist — und daß Er ist, wissen alle geistlich erleuchteten Menschen wohl —, dann ist es eine noch größere Torheit, daß man zu beweisen versucht, dieser Schöpfer und Vater aller Dinge sei nicht. „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott" (Ps. 14, i). Indem er dies be­hauptet, beweist er keineswegs das Nichtdasein Gottes, sondern beweist vielmehr, wie blind er geistlich ist und wie unfähig, Ihn zu erkennen. Wie er so seine überzeugenden Gründe vorbringt, gleicht er einem schwachen Insekt, das kraft seiner Beweisgründe zu beweisen versucht, es gäbe keine Sonne — Gründe, die nur einen Blindgeborenen überzeugen.

Aber man mag einwenden: wenn Menschen an irgendeine Person oder Sache glauben und dadurch schädlichen Aberglauben verbreiten, dann ist es doch unsere Pflicht, solche Glaubensvor­stellungen auszurotten. Aber hat der Gottesglaube schon jemals einem Menschen Leid angetan? Niemals! Andererseits sind aus der Furcht und Liebe Gottes ungezählte Segnungen geflossen und haben die Gläubigen reich gemacht. Es kann keine größere Torheit geben, als daß man gegen den Urquell Allen Lebens schreibt oder spricht; denn dadurch entehren wir Ihn nicht nur und sündigen gegen Ihn, sondern wir berauben auch andere der Erkenntnis des wahren Wesens Gottes und reißen sie wie auch uns selber in den Untergang.

2. Agnostiker62 glauben weder noch bezweifeln sie, daß Gott ist. Sie sagen: wir wissen es nicht und können es auch nicht wis­sen. Aber das ist falsch; denn jedes Verlangen, das wir haben, ist uns zu einem bestimmten Zweck gegeben; und es wäre in uns kein Verlangen, an Gott zu glauben, geschaffen worden, wenn Der nicht in Wahrheit wäre, der jenes Verlangen stillen kann.

Obgleich von einer Mutter geboren, hat das Kind doch ein be­sonderes Dasein eigener Art. Auf seine kindliche Weise liebt es

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seine Mutter zärtlich; aber es kennt seine Mutter nicht so gut, wie diese ihr Kind kennt und liebt. Wenn es wächst, lernt es sie besser kennen und kann immer voller in die Freude ihrer Gemein­schaft eintreten. Ebenso müßte auch unsere Erkenntnis unendlich werden, damit wir den unendlichen Gott erkennen, wie wir soll­ten. Das bedeutet aber nicht, daß wir Ihn überhaupt niemals erkennen können; denn auf allen Stufen unseres Fortschrittes können wir Ihn erkennen und uns Seiner Leben-spendenden Gegenwart erfreuen. Was brauchen wir gegenwärtig mehr zu wissen als das? Aber in dem Maße, wie wir in der Zukunft weiter an geistlicher Gestalt zunehmen, erfahren wir beständig immer mehr von Ihm. Wir haben keinen Grund zur Ungeduld, wenn wir Ihn in unserem gegenwärtigen Zustand nicht völlig ver­stehen, denn wir haben noch unendliche Zeit vor uns, um den unendlichen Gott zu erkennen. Wenn wir gemäß dem Licht leben, das wir haben, dann genügt es für die Gegenwart, daß wir Ihn soweit kennen, wie die jeweilige Stufe unseres Fortschritts es nötig macht.

3. Wenn es nötig wäre, daß wir auf unserer gegenwärtigen Stufe Gott vollkommen erkennen, dann hätte Er dafür gesorgt, daß jener Not abgeholfen würde; denn Gott sorgt immer für das, was dazu gut ist und nützt, daß die tatsächliche Not Seiner Geschöpfe gestillt wird. Er will auch, daß wir beharrlich versuchen, Ihn immer besser zu erkennen; denn es ist vorteilhafter für uns, wenn wir, von unserem eigenen Verlangen getrieben, von selber zu erkennen versuchen, als daß uns die Erkenntnis Seiner fix und fertig gegeben würde. Marcel98 sagt: „Was der Lernende ent­deckt, wenn er seinen eigenen Verstand anstrengt, das erfaßt er besser als das, was ihm gesagt wird." Wir können von einer Sache nur eine Teilerkenntnis gewinnen und sie niemals erkennen, wie sie wirklich ist, es sei denn, wir haben sie in unserem eigenen Be­wußtsein durchdacht. „Und wer wissen will, ehe denn er glaubt, der kommt nimmer zu wahrem Wissen .. . Man meint hier etwas von der Wahrheit: was möglich ist zu wissen und zu erfahren, das muß man glauben, eh' denn man es wisse oder erfahre, sonst

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kommt man nimmer zu wahrem Wissen" (Theologia Deutsch)99. Einige Philosophen sagen, Gott sei unerkennbar. Dies ist wie­derum sinnlos. Denn die bloße Erkenntnis, Er sei unerkennbar, ist eine Schlußfolgerung aus der begrenzten Erkenntnis Seiner, die sie besitzen. Denn wenn Gott jenseits unserer Erkenntnis wäre, wie ist dann die Erkenntnis, Er sei unerkennbar, zu uns gekommen? „Daß es Erkenntnis gibt, wird schon durch die Tat­sache ihrer Verneinung bestätigt."

4. Aber von unserer Erkenntnis des Daseins Gottes abgesehen, ist doch schon, was wir von den unbedeutenden geschaffenen Dingen um uns herum erkennen, sehr unvollständig. Wir kennen vielleicht ein paar ihrer äußeren Eigenschaften, wissen aber nichts von ihrem wirklichen Innenleben und tatsächlich so gut wie nichts über unser eigenes Selbst. Wenn ein Mensch volle Erkenntnis seines eigenen Wesens erlangen könnte, dann hätte er wenig Schwierigkeiten, Gott zu erkennen, als dessen Ebenbild er ge­schaffen worden ist. Die Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch ist so beschaffen, daß, wer den einen erkennen will, not­wendigerweise auch den anderen erkennen muß. „Wir können nur erkennen, was uns selbst verwandt ist." Und wäre der Mensch nicht als gottähnlich geschaffen, dann könnte er niemals danach streben, Ihn zu erkennen. Jemand hat einmal gesagt: „Es ist er­wiesen: Gott kann nur durch Gott erkannt werden." Und Gott wurde Mensch, damit Er des Menschen gefallenes Wesen fort­nehme und ihn nach seinem wirklichen Wesen wiederherstelle (Ps. 82, 6). Wie Athanasius 10° gesagt hat: „Er wurde Mensch, damit wir göttlich würden."

Gott hob die Menschen aus ihrem gefallenen Zustand empor und machte sie zu Seinen Boten und Feuerflammen (Hebr. 1, 7). Gott ist Geist und Feuer (Matth. 3, 11). Gleich Feuerflammen werden, heißt Gott ähnlich werden, denn „die kleinste Flamme hat alle Eigenschaften des Feuers". Das bedeutet aber nicht, Gott und Mensch seien ein Geist, wie jene Pantheisten und Philoso­phen behaupten, die da sagen: „Die verschiedenen Seelen oder Selbste sind nur bruchstückhafte Offenbarungen des Unbeding-

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ten." Wenn wir Gott mit Seiner Schöpfung vermischen, stillen wir dadurch die Sehnsucht der Seele nicht. Aber wirkliche und ewige Seligkeit finden wir in Seiner Gemeinschaft.

5. Gott entmutigt niemals einen Wahrheitssucher dadurch, daß Er sagt, er oder sein Glaube sei falsch; vielmehr fügt Er es so, daß der Mensch selbst allmählich seinen Irrtum erkennen und die Wahrheit davon unterscheiden lernt. Von einem armen Gras­mäher wird die Geschichte erzählt, wie er einen schönen Stein im Dschungel fand. Er hatte oft von Diamanten gehört und dachte, das wäre einer. Er brachte ihn in einen Juwelierladen und zeigte ihn mit Entzücken dem Juwelier. Dieser war ein gütiger und mit­fühlender Mann und sah: wenn er dem Grasmäher sagte, sein Stein wäre kein Diamant, so würde der es entweder nicht glauben, oder es würde ihn so erschüttern, daß seine ganze Hoffnung in den Staub sänke. Deshalb verfuhr der Juwelier so, daß der arme Mann selber seinen Fehler entdecken konnte. Er gab ihm etwas Arbeit in seinem Laden und behielt ihn solange dort, bis er selbst die Arten der Diamanten und ihre Preise unterscheiden konnte. Dann hieß der Juwelier ihn, seinen Stein herbeizubringen. Bis dahin hatte der Grasmäher ihn sorgsam in einem Koffer ver­borgen gehalten. Er nahm ihn jetzt heraus und sah mit Erstaunen, er war wertlos. Da erblaßte er, kam und fiel seinem gütigen Meister zu Füßen und sagte: „Ich danke dir sehr für deine Güte und dein Mitgefühl. Du hast meine Hoffnung nicht vernichtet, sondern alles so eingerichtet, daß ich jetzt meinen Fehler ohne eines anderen Hilfe erkenne. Jetzt wünsche ich nur noch, ich könnte für immer bei solch einem Meister bleiben und den Rest meines Lebens in deinem Dienst verbringen." Auf solche Weise bringt Gott die Menschen, die in den Irrtum davongegangen sind, auf den Weg der Wahrheit zurück, so daß sie, wenn sie selber die Wahrheit erfahren, Ihm folgen und Ihm den Dienst ihres ganzen Lebens weihen.

6. Die Menschen sind oft so töricht und unwissend, daß sie sich einbilden, sie täten Gott und Seinen Dienern einen großen Ge­fallen, wenn sie am Gottesdienst in der Kirche teilnähmen. Die

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aber mit solch einer Vorstellung zum Gottesdienst kommen, kön­nen Gottes wirkliches Wesen nicht wahrnehmen. Sie gleichen jenen törichten Berufsbettlern101, die den Beweggrund dessen, der ihnen Brot gibt, damit sie ihren Hunger stillen, nicht kennen. Anstatt daß sie ihm dankbar sind, meinen sie, sie hätten ihm eine große Gunst erwiesen: denn sie gaben ihm doch eine Ge­legenheit, das Verdienst seiner guten Taten dadurch zu vermeh­ren, daß er den Armen Almosen gab. Sie sind Narren und er­kennen nicht, daß sie sich selbst und ihrem Begehren einen großen Dienst erwiesen haben, und daß sie von Herzensgrund dem dank­bar sein sollten, der ihrem Hunger abgeholfen hat.

7. Der Schöpfer hat dem Menschen Verstand, Gefühl und Willen gegeben. Wenn der Mensch Kraft bekommen will, damit er Gott dienen kann, muß er seine Geistesnahrung mit den Zäh­nen des Verstandes zerkauen; aber anstatt daß er seine Ver­standeskräfte klug gebraucht, vergeudet er sie oft an müßige Grübeleien. Ein Hund, der einen dürren Knochen findet, nagt oft solange daran herum, bis er sein Maul zerreißt. Wenn er dann Blut schmeckt, nagt er noch eine Zeitlang mit Wohlgeschmack weiter, ohne zu wissen, daß es sein eigenes Blut ist. So vergeudet auch der Mensch seine Gott-gegebenen Verstandesgaben an un­nütze Grübeleien. Auch geistliche Empfindungen sind ihm ge­geben, damit er Gottes Gegenwart empfinde und sich ihrer er­freue. Doch durch die tötende Wirkung des Ungehorsams und der Sünde verliert er seine Wahrnehmung Gottes sowie sein Ver­mögen, sich Seiner zu erfreuen. Solche Leute blicken nicht über ihr selbstsüchtiges Selbst hinaus und haben überhaupt kein Emp­finden für die Gegenwart Gottes. So werden sie am Ende in ihrem Unglauben Gott gegenüber nur noch bestätigt. Gleicherweise wird des Menschen Wille, wenn er Gottes Willen zuwiderläuft, der Sünde versklavt und führt, da er nicht frei ist, zu geistlichem Selbstmord.

8. Das Wasser eines Flusses, der in dem einen Lande entspringt, fließt durch viele verschiedene Gebiete, ehe es zum Meer zurück­kehrt, woher es ursprünglich gekommen war. Es fließt innerhalb

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der Grenzen vieler Häuptlinge, Rajahs und Fürsten. Doch keiner kann es innerhalb seines Gebietes anhalten, denn es ist nicht sein Besitz. Es gehört vielmehr allen, und wo immer es fließt, da löscht es den Durst aller. So verhält es sich auch mit dem Strom des Lebenswassers: er entspringt dem unendlichen Ozean Gottes und fließt durch die göttlichen Kanäle der Propheten und Apostel; er bewässert die ganze Welt, löscht den Durst aller und macht das Leben aller Menschen und Völker reich und fruchtbar. „Und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst" (Offbg. 22,17).

 

4. Kapitel

SCHMERZ   UND   LEIDEN

1. In der Welt gibt es geistlichen wie leiblichen Schmerz. Geist­licher Schmerz folgt aus der Sünde und Trennung von Gott, wäh­rend leiblicher Schmerz von irgendeiner körperlichen Krankheit oder Verletzung kommt. Alle lebendigen Geschöpfe leiden in dem Maße, wie ihre Sinnesorgane entwickelt sind, aber nicht so sehr wie der Mensch, dessen Empfindungen und höheren Verstandes­kräfte sein Vermögen zu leiden unermeßlich erhöhen; denn wenn immer er sich vorstellt, er habe Schmerz, dann wird sein tatsäch­liches Leiden in demselben Maße vermehrt.

Gewöhnlich sind die Zähne, Klauen und Schnäbel der Raub­vögel und Raubtiere derart, daß ihre Opfer ihnen kaum entkom­men können: so wird die Beute ohne übermäßige Schmerzen sofort getötet und bleibt vor dem Leiden bewahrt, das folgt, wenn sie verwundet entkäme. Auch das Gift der Schlangen und giftigen Insekten dringt ins Blut und ruft solche Betäubung hervor, daß der Tod ohne Schmerz erfolgt. In der Natur — von ein paar außer­gewöhnlichen Umständen abgesehen — tritt der Tod für gewöhn­lich ohne übermäßige Schmerzen ein, denn zur Zeit des Todes sind die Opfer entweder durch die Wirkung des Gifts oder durch die Nervenerschütterung der Wunde nur noch halb bei Bewußt­sein. Kurzum, ihre Lage ist nicht so schlimm, wie wir sie uns oft

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vorstellen, aber Schmerz und Leiden als die Folge eines körper­lichen oder geistigen Übels sind in der Tat qualvoll.

2. Schmerz und Leiden sind oft nötig, damit unser geistliches Leben fortschreite und wachse, und Gottes Wille ist nicht, daß wir ihm stets entfliehen. Viele Dinge erscheinen dem Geschmack bitter und schlecht und nützen uns doch sehr. Wir dürfen sogar so weit gehen, daß wir sagen: jedes Gift und widerlich bittere Ding wirkt bei dem einen oder anderen Leiden als Heilmittel. Wir nennen sie Gifte, weil wir ihre wirklichen Heilkräfte nicht kennen; aber Gott hat ein jedes geschaffen, damit es irgendeinen besonderen Zweck erfülle, und das vermag es auch. Doch da wir nicht wissen, wie es angewendet werden muß, gebrauchen wir es oft zu unserem Schaden. Gott hat nichts geschaffen, das in sich schädlich oder schlecht wäre, oder das, wenn richtig gebraucht, ir­gendeinem Seiner Geschöpfe schaden könnte. Gleicherweise sollen alle Schmerzen und Leiden dem geistlichen Leben helfen, daß es wachse und sich vertiefe (Röm. 8, 18). Giftige und unheilvolle Wirkungen treten in unserem Leben nur ein, wenn wir die Kräfte und Fähigkeiten, die Gott gegeben hat, mißbrauchen, vor allem durch Ungehorsam.

3. Schmerz und Leiden sind nicht nur höchst hilfreiche Mittel, einen Menschen zu geistlichem Leben zu erwecken, sondern die­nen auch denen, die ihm in seiner Not beistehen; denn sie geben auch ihnen Gelegenheit, jene besonderen Eigenschaften zu üben, die sie selber nötig haben, damit sie zur Vollkommenheit heran­wachsen. Und der wirkliche Sieg besteht nicht darin, daß wir vor Schmerz und Leiden oder Tod und Übel bewahrt würden, sondern daß wir durch Gottes Gnade Schmerz in Ruhe, Kreuz und Tod in Leben und Böses in Gutes verwandeln. Aus diesem Grunde allein werden wir in diesen Krieg und Kampf gestoßen, denn „wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen" (Apg. 14, 22). Den wahren Wert der Ruhe können wir nur wür­digen, wenn wir den Schmerz kennengelernt haben; den Wert des Süßen erst, wenn wir das Bittere geschmeckt haben; den Wert des Guten nur, wenn wir das Böse gesehen haben; den Wert des

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Lebens erst, wenn wir durch den Tod hindurchgegangen sind. Deshalb ist es Gottes Wille: ehe wir mit Ihm in Sein Reich ein­gehen, um uns Seiner ewig zu erfreuen, müssen wir durch all diese Leiden hindurchgehen und durch unsere eigene Erfahrung eine Lehre für die Ewigkeit gewinnen.

4. Bevor die Perle langsam Gestalt gewinnt, hat die Perlauster große Leiden zu erdulden. Wenn die Mutter der Perle, die Perl­mutter, gequält wird, weil irgendein Lebewesen eingedrungen ist — ein bohrender Schmarotzer, ein Wurm, ein Fischlein, ein Sandkorn oder etwas anderes Anorganisches —, und wenn sie sich selbst nicht befreien kann: dann macht das Weichtier das, was es reizt, notgedrungen dadurch unschädlich, daß es dieses in einen Gegenstand der Schönheit verwandelt. Perlen werden durch Schmerz und Leiden erzeugt. Doch wenn man sie nachlässig be­handelt, wird ihr Glanz zerstört. Ihr Reiz, den sie einem beson­deren Oberflächenspiel des Lichts verdanken, kann zerstört wer­den, wenn sie mit Fett, Tinte oder einem ähnlichen Stoff verun­reinigt werden. Mitunter sind in alten Gräbern mit dem Leichnam auch Perlen bestattet worden, aber auch sie sind zerfallen und haben ihren Staub mit dem des Toten vermischt. Ebenso steht es mit unserem geistlichen Leben: gleich der mit Schmerzen ge­borenen Perle kann es ohne Schmerz und Leiden nicht schön wer­den. Und selbst wenn wir jenen Zustand der Schönheit erreicht haben, bleibt doch noch zu befürchten, wir möchten aus jenem hohen Stande fallen und unseren Glanz verlieren, wenn wir nicht stets mit demütigem und dankbarem Herzen in Liebe dem Herrn anhangen (i. Kor. 10, 12). Deshalb ist es nötig, daß wir bestän­dig wachen und beten.

5. Wie Diamanten und andere Edelsteine durch Hundert­tausende von Jahren in der Werkstatt der Natur durch Hitze, Kälte und Druck hindurchgehen, ehe sie ihre vollkommene Schön­heit erreichen, so müssen auch wir durch Schmerz und Leiden hindurchgehen, ehe wir vollkommen werden können. Und ob­gleich Chemiker Diamanten und andere Edelsteine künstlich her­stellen können, so sehen wir doch, wenn wir sie sorgfältig prüfen,

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ihre Mängel. So können auch wir nicht an einem einzigen Tage solche Vollkommenheit erreichen, daß wir keine Mängel an uns haben; sondern nur dadurch, daß wir beständig in der Nähe und Gegenwart unseres Himmlischen Vaters leben, werden wir voll­kommen, gleich wie Er vollkommen ist.

6. Regen und Sturmwinde mögen zerstörerisch erscheinen, doch sind sie wirklich Segnungen in Verkleidung, denn sie räumen allerlei tödliche Keime von Seuchen und Krankheiten fort und bringen uns Gesundheit. Ebenso bringen uns der Wind des Hei­ligen Geistes (Joh. 3, 8) und der Sturmstoß des Schmerzes und Leidens geistliche Gesundheit und Segnung.

Die Sonnenhitze zieht Wasserdampf empor und gestaltet ihn zu Wolken, die dann als Regen zu uns zurückkommen. So spen­det uns auch die Sonne der Gerechtigkeit dadurch Leben, daß sie Ströme lebendigen Wassers in unser geistliches Leben herein­fließen läßt.

7. Sehr viele Menschen wissen nicht, daß die Sehnsucht des Herzens in dieser und der anderen Welt nur in Gott gestillt wer­den kann. Einige unter ihnen — Philosophen sowohl wie Sitten­lose und Verbrecher — haben, wenn es ihnen nicht gelang, irgend­welche Befriedigung in der Welt zu finden, alle Hoffnung fahren lassen und versucht, allem dadurch ein Ende zu machen, daß sie sich selbst das Leben nahmen. Im äußersten Gegensatz dazu sehen wir wahre gläubige Christen. Sie leiden viel in dieser Welt, denn je weiter sie in ihrer geistlichen Erfahrung wachsen, um so größere Schwierigkeiten erstehen. Der Weltlichgesinnte kann das überhaupt nicht verstehen; so hilft er ihnen nicht, sondern bekämpft und verfolgt sie. Dennoch verfallen sie nicht dem Selbstmord der Verzweiflung; denn gerade darin, daß sie allem weltlichen Ehrgeiz absagen, finden sie Frieden in der Gemein­schaft mit Gott. Aber obgleich alle geistliche Sehnsucht des Men­schen in Gott gestillt wird, verlangt er doch nach der Freund­schaft und dem Mitgefühl seiner Mitmenschen. Und wo dieses unmittelbare Verlangen nach menschlicher Gemeinschaft nicht befriedigt ist, da stillt Christus, der beides ist: Gott und Mensch,

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sein Verlangen nach Gemeinschaft wie seine geistliche Sehnsucht. Denn Sein Verstehen der Schwierigkeiten und Leiden des Men­schen entspringt nicht nur Seinem göttlichen Wesen, sondern auch Seiner persönlichen Erfahrung, da Er selbst als Mensch ge­litten hat. Und deshalb kann Er jetzt mit allen Menschenkindern ganz mitfühlen und ihnen vollkommen helfen.

8. Geistlich gesinnte Menschen leiden in dieser Welt (2. Tim. 3, 1.2.), denn sie werden mißverstanden von anderen, welche die Wahrheit nicht zu würdigen vermögen und durch die Sünde ihr Wesen verkehrt und ihr geistliches Erkenntnisvermögen abgetötet haben. Wenn Menschen dieser Art einen guten Menschen tref­fen, entdecken sie: sein Wesen läßt sich mit dem ihren nicht ver­einen; sie fühlen sich wie von selbst dazu getrieben, daß sie ihm gegenüber eine feindselige Haltung einnehmen. Aber wenn jener Mann, dessen Gefühl und Gewissen empfänglich sind für Gott, mit einem Gleichgesinnten in Berührung kommt, dann erkennt er das Gottes-Leben, das in diesem wirkt, und fühlt sich zu ihm hingezogen.

Das Leben des wahren Christen gleicht dem Sandelholz: dieses teilt der Axt, die es spaltet, seinen Wohlgeruch mit, fügt ihr aber keinen Schaden zu. Gott hatte Heinrich Seuse102 angekündigt: „Du wirst den Verlust deines guten Namens öffentlich erleiden, und wo du nach Liebe und Treue ausschaust, da wirst du Verrat und Leiden finden." Das hat sich in der Erfahrung sehr vieler Christen wiederholt. In dieser Welt mußten alle gottesfürchtigen Propheten und Apostel und selbst der Herr leiden. Wer nun dem Leiden entfliehen will, der muß die Wahrheit verleugnen, sein Gesicht von Gott abwenden und Freundschaft schließen mit der Welt. Andererseits ist es ein großes Vorrecht, mit dem Herrn selber an der „Gemeinschaft Seiner Leiden" (Phil. 3, 10) teil­zuhaben. Wer an dem Leiden Seines Herrn aufrichtig teilhat, wird, wenn der bestimmte Tag kommt, schließlich in die ewige Herrlichkeit eingehen und mit Ihm herrschen (2. Tim. 2,12).

9. Ehe wir das uns bestimmte Ziel erreichen, müssen wir durch Schmerzen, Leiden und Versuchung gehen. Alle diese Zwischen-

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stufen sind notwendig zum Wachstum unseres geistlichen Lebens und für unser künftiges Wohl; deshalb ist es Gottes Wille, daß wir sie durchschreiten. Wenn Gott das für uns nicht so geplant hätte, dann würde Er es auch nicht von uns fordern. Aber wenn Er es fordert — wer sind wir, daß wir Ihm widerstehen? Hierzu ist nichts mehr zu sagen. Was auch immer uns beschieden ist, wir sollen es gern annehmen und in unserem Herzen keinerlei Zwei­fel Raum geben; denn der Zweifel errichtet eine Schranke zwi­schen uns und Gott und macht uns dadurch unfähig, uns Seiner Gegenwart und Gemeinschaft zu erfreuen.

Solange wir in der Welt leben, müssen wir Schmerz und Lei­den erdulden. Die Biene sammelt nicht nur Honig, sondern sie hat zu einem besonderen Zweck auch einen Stachel. Die Dornen an der schönen und duftenden Rose erfüllen eine ganz bestimmte Absicht. Auch Paulus hatte einen Dorn im Fleisch103, damit irgendein großer und weiser Plan erfüllt werde. So müssen auch wir diese Prüfungszeiten durchleben, damit jene ewige Absicht, zu der hin wir geschaffen worden sind, erfüllt werde.

 

5. Kapitel

WIDERSTAND   UND   KRITIK

1. Wenn es Menschen nicht gelingt, uns zu verstehen, und sie unsere guten Absichten tadeln, oder wenn sie uns aus Mißver­ständnis bekämpfen und verfolgen, so würde das nichts Neues oder Überraschendes sein. Es gibt eine große Menge Menschen, die wissen nicht einmal, wozu sie selber leben; denn sonst wür­den sie ihre Zeit nicht damit vergeuden, daß sie sich in die An­gelegenheiten anderer einmischen. Wer dagegen versteht, was Gott mit ihm vorhat, der hat immer seine bestimmte Aufgabe zu erfüllen und fragt nicht danach, was die Leute über ihn denken und sagen; denn Gott, dem er Rechenschaft ablegen muß, kennt seine guten Beweggründe und erhält ihn in Seiner Liebe und

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tröstet ihn. Wenn unser Schöpfer und Herr unsere guten Absich­ten kennt, weshalb sollten wir uns dann durch Widerstand stören lassen — ganz besonders, wenn wir wissen, daß eine Zeit kom­men wird, da Er die gute Absicht unseres ganzen Lebens ans Licht bringen wird.

Wenn ein Mann in ein fremdes Land kommt, dann starren dort die Leute ihn an, und die Hunde bellen ihn an. Ähnlich ergeht es dem wahren Christen: er gehört nicht zu dieser Welt, sondern ist Pilger und Fremdling (Joh. 17,14; Hebr. 11,13). Deshalb sollte er nicht überrascht sein noch entmutigt werden, wenn die Hunde der Welt ihn für einen Fremden halten und ihn anbellen oder vielleicht sogar zerreißen (Matth. 7, 6). „Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter." 104 Die Hunde folgen ihr noch eine Zeitlang mit Gebell und kehren dann um, aber die Karawane zieht weiter und erreicht früher oder später ihr Ziel.

2. Es gibt keine bestimmte Pflicht, die den der Wahrheit feind­lichen Kritikern übertragen worden ist. Vielleicht empfingen sie einst ihre Anweisungen; jetzt aber, da sie ihren Auftrag nicht ausführten, haben sie ihn verloren. Und als Gottes Werk von ihnen genommen worden war und sie sonst nichts zu tun hatten, begannen sie, damit ihre müßigen Hände wieder etwas zu arbei­ten hätten, sich damit zu vergnügen, daß sie auf die Menschen, die Gottes Werke tun, Steine warfen. Satan hatte sie untätig ge­funden und ihnen seinen Auftrag erteilt!

Wenn ein Blinder des Weges dahergetappt kommt, so ist es nur billig, daß ein Sehender zur Seite tritt und vermeidet, ihn anzustoßen. Und wenn der Blinde ihn zufällig doch anstößt, sollte er sich nicht beleidigt fühlen, sondern sollte ihm weiterhelfen. Sollte er sich aber darüber ärgern, so beweist das nur: er ist so­gar blinder als der Blinde selber, denn er ist darin blind, daß ihm der einfache Menschenverstand und jegliches Mitgefühl fehlt. Wenn uns deshalb jemand verfolgt, weil wir der Wahrheit fol­gen, so sollten wir uns nicht durch ihn beleidigt fühlen, sondern sollten ihm vergeben und in Liebe für ihn beten (Matth. 5, 44 bis 45). Und wenn er trotzdem darauf nicht antwortet und seinen

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Widerstand nicht aufgibt, dann verlieren wir auch weiter nichts, denn wir haben es um jener Wahrheit willen getan, die uns das Gesicht gegeben hat und die selber unser Erbteil und Lohn ist.

In Schneegebieten mästen sich Bären und einige andere Tiere in der Sommerzeit und speichern in ihrem Körper Fett auf. Wenn dann der Winter kommt und sie mehrere Monate lang keine Nah­rung erlangen können, leben sie von jenem Vorrat an Fett. Ganz ähnlich ergeht es uns im geistlichen Leben: durch das Beten erhal­ten wir von Gott einen Vorrat an Nahrung und Kraft, und wenn die Zeit der Verfolgung kommt, bleiben wir stark und unerschüt­tert. Wenn schon der Widerstand gegen unseren Herrn soweit ge­trieben wurde, daß sie Ihn ans Kreuz nagelten (Apg. 3,15): wer sind wir, daß wir vor Verfolgung zurückschrecken? „Er kam in Sein Eigentum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf."105

Einst zog ein Kaufmann in ein fremdes Land. Bald nachdem er abgereist war, wurde in seinem Haus ein Sohn geboren, aber die Mutter starb. Von Zeit zu Zeit sandte der Kaufmann seinen Ver­wandten für den Unterhalt des Kindes Geld. Nach Jahren, als der Knabe schon herangewachsen war, kam sein Vater des Nachts zurück, klopfte an die Tür und weckte ihn dadurch auf. Als der junge Mann den Fremden sah, hielt er ihn für einen Dieb und fuhr ihn heftig an. Immer wieder versuchte der Kaufmann zu er­klären, er sei sein Vater; aber der junge Mann hatte seinen Vater nie gesehen und kannte weder ihn noch seine Liebe. Er griff ihn an, verwundete ihn und übergab ihn der Polizei. Am nächsten Morgen zeigte sich bei der Untersuchung: er war tatsächlich der lange abwesende Vater. Da wurde der junge Mann von Gewis­sensbissen gepackt. Er schlug an seine Brust und weinte, bat ernst­lich um Vergebung und versprach, ihm in Zukunft stets gehorsam zu dienen. Die Geschichte endete damit: der junge Mann schämte sich, daß er seinem Vater solche Schmach angetan hatte, und bat ihn um Vergebung. Aber unter uns leben Hunderttausende, die selbst jetzt noch keine Reue empfinden und sich nicht zu unserem Himmlischen Vater wenden. Laßt uns, über ihre Hartherzigkeit betrübt, beten, Gott wolle sich ihnen in Gnaden offenbaren.

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4. Es gibt viele Menschen, die sehen niemals ihre eigenen Mängel und Versäumnisse, sondern blicken nur nach den Fehlern der anderen aus. Das Auge nimmt zwar alle äußeren Dinge wahr, aber es sieht weder sich selber noch seine Mängel. So sehen die Gegner der Wahrheit alles, nur nicht ihre eigenen Fehler. Wenn wir in einen Spiegel blicken, so sieht das Auge sich selbst und seine Fehler. So können auch wir, wenn wir in der Gemeinschaft des fleischgewordenen Wortes leben und unser Leben durch Got­tes geschriebenes Wort prüfen, uns selber in Wahrheit erkennen. Und Er wird uns dann nicht nur zeigen, wie sündig wir sind, son­dern Er wird sich uns in Seiner heilenden und rettenden Kraft offenbaren. Wenn wir uns dann gehorsam zu Ihm wenden und betend in Seiner heiligen Gemeinschaft leben, dann wird Er unsere Mängel fortnehmen und uns für alle Ewigkeit in Sein herrliches Bild verwandeln, damit wir mit Ihm an Seiner Herr­lichkeit teilhaben (Joh. 14, 26; 17, 24).

 

6. Kapitel

WAS   IST  DAS   BÖSE?

1. „Das Böse ist unnatürlich und widerspricht dem Gesetz unseres Seins" (Whichcote)106.

„Alles Böse wird wegen etwas Gutem getan, und keiner tut das Böse um des Bösen willen." Kein fühlender Mensch, wie schlecht und verrucht er auch sein mag, sucht mit sehenden Augen sich selbst zu schädigen. Das Böse ist dem, was Gott geschaffen hat, nicht angeboren. Es zerstört den Menschen, und seine giftige Wirkung, die auch andere zerstört, wird es selber auf ewig zer­stören. Ewige Dauer ist wesenhaft mit Gutheit verbunden, die eine der Eigenschaften des Ewigen Gottes ist. Nur wenn das Böse die Eigenschaft eines ewigen Wesens wäre, könnte es ewig sein. Wenn wir sagen, das Böse sei eine Eigenschaft Satans, so ist auch das falsch; denn auch er wurde im Stand der Unschuld ge­schaffen, und seine gegenwärtige Bosheit erwuchs in ihm da­durch, daß er seinen freien Willen mißbrauchte. Das Böse ist also

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nicht ewig: es hat einen Anfang gehabt, also muß es auch ein Ende haben. So müssen wir schließen, das Böse wird ein Ende haben, und wir können dies um so mehr behaupten, als es sich selber zerstört.

2. Ein chinesischer Philosoph, Tschu Fu Tsu107, schreibt: „Bei seiner Geburt gleicht der Mensch einem klaren Wasserquell; auf seinem Lauf durch Gebirge und Ebenen nimmt er Erde und Schlamm auf und wird schmutzig; wenn er aber irgendwo ab­gedämmt wird, dann setzt sich der Schlamm, und er wird wieder klar." Mengtse108 hat gesagt: „Der Geist gleicht einem Weizen­korn, das von Natur nicht schlecht ist. Aber wenn es gesät wor­den ist, hängt es von Boden, Wasser, Düngung und Umgebung ab." Mit anderen Worten: der Mensch sei von Natur und Geburt gut, aber die Umgebung mache ihn schlecht.

Unter einem bestimmten Gesichtspunkt ist das ganz richtig. Aber wir können weder die erbliche Sündenverderbnis leugnen noch die Neigung unserer Natur zum Bösen. Nehmen wir z. B. den Fall der Kinder, die wir unschuldig nennen. Herbert Spen­cer109 hat gesagt: „Die volkstümliche Vorstellung, Kinder seien unschuldig, ist zwar im Blick auf die Kenntnis des Bösen wahr; aber sie ist vollständig falsch im Blick auf böse Triebe: den Be­weis dafür erhält jeder, der nur eine halbe Stunde in einer Kin­derstube weilt."

3. Wenn ein Mensch Hunger und Durst der Seele spürt und in seiner Unwissenheit sie dadurch zu stillen versucht, daß er auf unerlaubte Weise an Sünde teilhat, so wird dieses das Ende sein: weil er Gott nicht gehorcht, vernichtet er sein Verlangen wie sich selbst, und es gelingt ihm nicht, die Befriedigung zu erlangen, die er sucht. Einmal ereignete sich im Himalaja folgendes: Ein ausgehungerter Wanderer fand eine schöne und verlockende Frucht. Er verschlang sie heißhungrig, aber sie war giftig. Beide, der Hungrige, der sich auf diese Weise zu befriedigen suchte, und der Hunger, der ihn quälte, endeten somit für immer im Tode.

4. Wenn der Leib verwundet oder krank ist, so hebt ein Kampf an zwischen den zweierlei winzig kleinen Keimen, die des Leibes

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Gesundheit oder Krankheit hervorrufen. Und in diesem Wett­kampf gewinnen diejenigen, die sich nach Zahl und Kraft am meisten vermehren. Wenn die Krankheitskeime vernichtet wer­den, so ist das ein Sieg für die Keime der Gesundheit. Ebenso ist es mit dem Kampf zwischen guten und bösen Gedanken im Menschen und zwischen guten und bösen Menschen in der Welt. Wenn in der Stunde der Versuchung die guten Gedanken über die bösen siegen, so folgt daraus geistliche Gesundheit und wah­res Glück.

Die Zeit wird sicherlich kommen, wo die Menschen durch Gottes Gnade einen uneingeschränkten und ewigen Sieg über die Sünde erringen und das Böse auf ewig ausgetilgt ist.

 

7. Kapitel

DIE  WIRKUNG   BÖSER   GEDANKEN UND  BÖSEN  LEBENS

1. Der böse Vorschlag oder Gedanke eines schlechten Gefähr­ten gleicht dem Stich eines Insekts in ein junges Eichenblatt, der, wenn das Blatt ausgewachsen ist, sich zum Gallapfel entwickelt. Einer Schlange schadet ihr eigenes Gift nicht, aber andere harm­lose Geschöpfe werden dadurch angegriffen. So schadet auch einem boshaften Menschen, der bereits das Sündengift in sich hat, die vergiftende Einwirkung eines bösen Menschen nicht so sehr wie einem guten Menschen.

2. Der Ypasbaum110 auf Java und der giftige Efeu in Amerika erzeugen eine Art schädlichen Saftes oder Öles, das vom Wind weitergetragen wird und allen, die in seine Reichweite kommen, gefährliche und abzehrende Krankheit bringt. So wirkt auf irgendeine noch unerkannte Weise das Leben böser Menschen nach allen Seiten vergiftend und bringt vielen Menschen geist­liche Krankheit und Tod.

3. Der Bohrwurm, der das stärkste Holz zerfrißt, und der See­wurm, der Felsen durchbohrt, sind, wie man festgestellt hat, außerordentlich weich und zart. Doch mit der Zeit zerstören sie

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hartes Holz und Steine vollständig. So ergeht es auch uns, wenn wir nicht wachen und mit Gottes Hilfe jene bösen Gedanken und Gewohnheiten zerstören, die uns so geringfügig vorkommen: gleich dem Bohrwurm werden sie von unserem geistlichen Leben nichts als die Schale übrig lassen.

4. Giftige Kriechtiere und Insekten wie Schlangen und Skor­pione beißen oder stechen und verwunden; dann spritzen sie aus ihrer Giftdrüse Gift in die Wunden und rufen Tod oder Leiden hervor. Auch Fliegen und Ungeziefer, die man nicht für gefähr­lich hält, sind wirklich nicht weniger tödlich: sie übertragen Krankheitskeime überall hin und bringen Scharen von Menschen den Tod. So würden wir viele Menschen nicht zu den gefähr­lichen Verbrechern zählen, und doch sind sie wirklich genau so schlecht, denn, ohne daß andere es merken, gebrauchen sie ihre ungezügelte Zunge, um ringsumher die Verderbnis tödlicher Leh­ren zu verbreiten.

5. Ein gewisses Insekt bohrt eine unreife Frucht an und legt seine Eier hinein. Indem die Frucht wächst, schließt sich das Loch an der Außenseite. Später sind die Eier ausgebrütet, und die win­zigen Maden fangen an, sich von der Frucht zu nähren. Äußer­lich ist nichts zu sehen. Die Frucht sieht reif und verlockend aus, aber innen ist sie hohl und unbrauchbar. Ebenso ergeht es uns mit bösen Vorstellungen und Gewohnheiten, die wir in der Ju­gend angenommen haben: sie wachsen ständig und, da sie im Innersten unserer Seele wirken, verderben sie unser sittliches Wesen. Deshalb sollen wir von früher Jugend an auf der Hut sein vor der Sünde, die unser Wesen verderbt.

In Mexiko gibt es eine Bohnenart, die ist als „Springbohne" bekannt. Wenn die Sonnenhitze auf sie fällt, beginnt sie, sich zu drehen und herumzuwinden, bis sie den Schatten eines Steines oder Busches erreicht. Diese seltsame Tatsache erklärt sich so: ein gewisses Insekt hat sich in die Bohne hineingebohrt und ist, in­dem es sich von ihr nährte, gewachsen, bis die Schote ausgehöhlt war. Wenn nun die Sonnenhitze darauf fällt, sucht das Insekt zu entkommen und wendet die Bohnenschote hin und her, bis es

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endlich den Schatten erreicht, wo die Kühle des Schattens seine Anstrengungen zur Ruhe bringt. So dringen auch böse Gedanken und Begierden in das menschliche Herz ein. Und wenn die Sonne der Gerechtigkeit Ihr m Licht auf das sündige Leben ergießt, wird der Sünder unruhig und versucht, in die Finsternis zu entfliehen, wo Ihre Strahlen nicht hindringen. So lebt er denn in der äußer­sten Finsternis und verliert Gottes Licht und Wärme.

6. Gott hat den Menschen zu Seinem Ebenbilde geschaffen. Deshalb kann ihm nichts schaden, wenn er nur diese eine Be­dingung erfüllt: daß er sich nämlich beim Gebrauch seines freien Willens14 nicht in Sünde verstrickt. Wenn wir sündigen, tun wir Gott keinerlei Leid an, aber wir schaden uns sowie den Unseren. Der Gott der Liebe will, wir möchten von der Sünde in jeglicher Gestalt errettet werden, damit wir uns Seiner Ge­meinschaft erfreuen, aber die Sünde schließt uns von dieser hei­ligen Verbindung mit Gott aus. Alle einzelnen Menschen sind miteinander so eng verbunden, daß unser Unrecht auch das Un­recht anderer und deren Unrecht das unsere wird. Noch nie haben wir Böses tun können, noch werden wir es jemals können, ohne daß wir auch andere schädigen. Das Gute oder Schlechte, das wir tun, wirkt bis zu einem gewissen Grade auch auf unsere Mit­menschen. Deshalb bedeutet Reue: wir wollen uns in Zukunft solcher Taten enthalten, die uns und anderen schaden, und mit Gottes Hilfe und Gnade wie Zachäus wieder gut zu machen ver­suchen, was wir bereits begangen haben (Luk. 19, 8—10).

 

8. Kapitel

LEBEN   IN   CHRISTUS

1. Das Leben ist im Blut. Und dadurch, daß Christus Sein Blut vergossen hat, gibt Er uns Leben. Wie oftmals, um eine Krankheit zu heilen, ein Serum eingespritzt wird, so rettet uns Christus dadurch, daß Er Sein Blut drangibt, von der tödlichen Krankheit der Sünde und vom Tode. Das ganze Weltall ist ein einziger Leib. Jedes Glied ist mit dem ganzen Leib verbunden:

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wenn ein Teil Schmerzen leidet, so spürt es der ganze Leib112. Wenn das Serum an einem besonderen Teil angewandt wird, dann wirkt das auf den ganzen Leib. Ebenso steht es mit Christi Tod: obwohl Er in dieser Welt gekreuzigt wurde, die nur ein Teil des sichtbaren und unsichtbaren Weltalls ist, so wirkte Sein Tod auf das ganze Weltall. Und obgleich Er zur Erlösung der Welt an einem einzigen Ort (Jerusalem) gekreuzigt wurde, so hat doch die ganze Welt an Seinem Opfer teil. Und wie der Geist im ganzen Leibe lebt, so ist Gott in Seinem ganzen Weltall gegen­wärtig. Bonaventura113 schreibt: „Sein Mittelpunkt ist überall, aber Sein Umkreis ist nirgendwo."

2. Christus wurde um unseretwillen zum Sünder gemacht und starb den Sündertod. Es wird eine Geschichte erzählt von einem guten Mann: dieser ging hin und wollte unter einer Bande schlechter Menschen leben, um sie von ihrem bösen Leben zu er­retten. Viele dachten, dieser Gottesmann müsse auch einer von der Bande sein. Und als ein schweres Verbrechen begangen wor­den war, fiel der Verdacht auf ihn, er sei daran beteiligt. Er wurde festgenommen. Als er zum Tode verurteilt wurde, empfing er das Urteil mit Freuden. Die Bande wußte, er war völlig unschul­dig. Nach seinem Tode packte sie der Gedanke, der Gottesmann sei um ihretwillen gestorben, so sehr, daß ihrer viele ihr böses Leben und Handeln aufgaben. Geradeso handelte Jesus. Seine Kraft wirkt allezeit. Wenn Sünder von Seiner wunderbaren Liebe ergriffen werden, umkehren und das Herz zu Ihm wenden: dann reißt Er das Böse aus ihrer Seele aus und schenkt ihnen neues Leben, und sie werden neue Geschöpfe gleich Ihm.

3. Im Jahre 1921 war im Himalaja ein Waldbrand. Während die meisten Leute rundum mit Löschen beschäftigt waren, be­merkte ich mehrere Männer, die standen und blickten an einem Baum empor. Ich fragte:,, Was erblickt ihr da?" Sie zeigten auf ein Nest voll junger Vöglein auf einem Baum, dessen Zweige schon in Flammen standen. Darüber flog ein Vogel in großer Angst ziellos umher. Sie sagten: „Wir wollten, wir könnten jenes Nest retten, aber wir können wegen des Feuers nicht hingelan-

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gen." Ich gab acht und sah wenige Minuten später, wie das Nest Feuer fing. Ich dachte: „Nun wird die Vogelmutter fortfliegen." Doch nein! Ich sah, wie sie herabflog und ihre Flügel über ihre Jungen breitete, und in wenigen Minuten war sie mit ihnen zu Asche verbrannt. Niemals zuvor hatte ich etwas Ähnliches ge­sehen. Dann sagte ich zu den Umstehenden: „Wir sind über diese wunderbare Liebe erstaunt. Aber bedenkt bitte: wenn solch er­staunliche Liebe sich schon in diesem kleinen Geschöpf findet, wieviel wundervoller muß dann die Liebe dessen sein, der ein so selbstloses Wesen geschaffen hat! Dieselbe unendliche Liebe be­wegte ihn so, daß Er vom Himmel herabkam und Mensch wurde, damit Er dadurch, daß Er Sein eigenes Leben gab, uns, die wir in unseren Sünden zu sterben drohten, errettete."

4. Daß Christus Seine Ansprüche zu Recht erhebt, ist durch die Erfahrung zahlloser Gläubiger erwiesen. Jeder erfahrene Christ kann bezeugen, wie Seine Gegenwart alle Nöte stillt und Leben spendet.

Als ich 1922 mit einem Freunde durch Palästina reiste, suchte ich auch den Jakobsbrunnen auf, und als ich sein frisches süßes Wasser trank, wurde ich erfrischt. Aber nach ein oder zwei Stun­den war ich wieder durstig. Da mußte ich eindringlich an die Worte unseres Herrn denken: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das Ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das Ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt" (Joh. 4, 13-14).

Ich hatte aus dem Jakobsbrunnen getrunken und wurde wie­der durstig. Aber ich darf in aller Demut und Dankbarkeit sagen: in den zwanzig Jahren, seitdem ich mein Herz Ihm gab und von dem Wasser trank, das Er mir reichte, habe ich nie wieder ge­dürstet, denn Er ist wirklich die Quelle des Lebens.

5. Im Hinblick auf die Tatsache, daß in der Person und in den Worten Christi auch Geist und Leben zu finden ist (Joh. 6, 63), hat Dr. Parker treffend gesagt: „Miß die religiöse Lehre Jesu an

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der Seiner Zeit und Seines Landes oder an irgendeiner anderen! Bedenke, was für ein Werk Seine Worte und Taten in der Welt vollbracht haben! Die größten Geister und reichsten Herzen haben kein erhabeneres Ziel gesteckt und keinen wahreren Weg beschritten als Er in Seiner vollkommenen Liebe zu Gott und Mensch. Wenn uns gesagt wird, solch ein Mann habe nie gelebt, dann ist die ganze Geschichte eine Lüge! Angenommen, Plato 50 und New-ton114 hätten nie gelebt. Wer verrichtete dann ihre erstaunlichen Werke und dachte ihre Gedanken? Welcher Mensch könnte einen Jesus erdichtet haben? Kein anderer als — Jesus."

Bloße Moralphilosophie — Metaphysik, Intellektualismus oder Zivilisation — kann uns nicht helfen, Sünde und ungezügelte Leidenschaft zu überwinden. Wenn uns nicht Gottes Gnade und Kraft geschenkt wird, dann helfen uns auch weltliche Erziehung und Kultur nicht, sondern erfinden nur neue Mittel und Wege, damit wir sündigen und einander vernichten. Wenn wir also von der Sünde und ihren bösen Folgen errettet werden wollen, dann ist es dringend notwendig, daß wir uns in die Hände dessen bergen, der uns volle und freie Erlösung schenken kann.

 

9. Kapitel

AM ENDE WERDEN ALLE MENSCHEN ZURÜCKKEHREN ZU GOTT«5

1. „Die Beschaffenheit unseres Geistes zwingt uns, an das Da­sein eines Unendlichen und Unbedingten Wesens zu glauben" (Mansel)116.

Wie im Feuerstein das Feuer, so lebt im Menschenherzen die Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott. Dieses Verlangen mag unter der steinernen Härte der Sünde und Unwissenheit verbor­gen sein. Wer aber mit einem Gottesmann in Berührung kommt oder vom Geist Gottes angerührt wird, in dem bricht das Ver­langen sogleich in Flammen aus, wie auch der Feuerstein Funken sprüht, wenn der Stahl ihn trifft.

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In der menschlichen Seele lebt ein Sehnen, das weder in dieser noch in der kommenden Welt gestillt werden kann, sondern allein in Gott. Deshalb, wenn der Mensch endlich umkehrt, nachdem ihn seine Leidenschaften hin- und hergetrieben haben, so kehrt er nirgendwo anders hin zurück als zu Gott.

2. Gott will nicht, daß wir Sein Dasein mit den schwachen Be­weisgründen unseres beschränkten Verstandes beweisen. Wenn Er das gewollt hätte, dann wäre Er selber nicht schweigsam ge­blieben. Er hätte zu jeder Zeit Beweise geben können, die an Überzeugungskraft alles übertroffen hätten, was wir uns vor­stellen können. Doch Sein Wille ist: Sein Volk, das Seine süße und lebenspendende Gegenwart erfahren hat, soll von Ihm Zeug­nis ablegen; denn ihre persönliche Erfahrung überzeugt viel stär­ker als ihre gedanklichen Beweise.

Kein Mensch hat Gott je gesehen oder gehört, wie Er in sich selber ist, obgleich Er nicht aufgehört hat, zu uns zu reden zu allen Zeiten durch Apostel und Propheten, und zuletzt zu uns durch Seinen Sohn gesprochen hat (Hebr. i, 1—2). Wie Philo117 gesagt hat: „Die menschliche Stimme ist dazu geschaffen, daß sie gehört werde; Gottes Stimme dagegen soll gesehen werden. Was Gott sagt, besteht in Taten, nicht in Worten." Das soll heißen: Er spricht durch das Buch der Natur und durch Seine Schöpfung; aber leider bemühen sich die Menschen nicht, dieses Buch nun auch selber zu lesen. Herbert Spencer109 sagt: „Es ist tatsächlich traurig zu sehen, wie die Menschen sich mit nichtigen Dingen abgeben und den erhabensten Erscheinungen gleichgültig gegen­überstehen: sie kümmern sich nicht darum, daß sie den Bau der Himmel verstehen, und gehen, ohne auch nur einen flüchtigen Blick darauf zu werfen, an dem großen Epos vorüber, das der Finger Gottes in die Schichtungen der Erde geschrieben hat."

3. Wenn nun ein Götzendiener, der nicht Gott, sondern einen Stein anbetet, eine Art Frieden empfindet, so bedeutet das nicht, in dem Stein wohne irgendeine tröstende Kraft. Doch eini­gen mag das helfen, ihr Herz auf Gott zu richten, und Gott schenkt ihnen tatsächlich, wie sie geglaubt haben, Trost. Aber wer so

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anbetet, läuft Gefahr, daß er geistlich nicht wächst, sondern unter der Einwirkung der stofflichen Umgebung selber hinabsinkt, so daß er innerlich tot wird wie der Stein. Und in diesem Zustand erkennt er weder seinen noch des Steines Schöpfer, Der, dahinter verborgen, alles Sehnen seines Herzens stillen kann.

4. Jedoch wie schlecht ein Mensch auch sein und wie übel er leben mag: im Wesen des Menschen ist ein göttlicher118 Funke oder Keim, der sich niemals der Sünde zuneigt. Sein Gewissen und Geistes-Empfinden mag abstumpfen und sterben, aber dieser Funken des Göttlichen wird niemals ausgelöscht. Deshalb findet sich sogar in verdorbenen Verbrechern immer noch etwas Gutes. Man hat bemerkt: Menschen, die äußerst grausam und roh mor­deten, haben den Armen und Unterdrückten oft großmütig ge­holfen. Wenn dieser göttliche Funke oder Keim nicht zerstört werden kann, dann dürfen wir keinen Sünder als hoffnungslos aufgeben. Wenn wir jedoch sagen, er könne zerstört werden, dann könnten wir niemals darüber Leid empfinden, daß wir wegen der Sünde von Gott getrennt sind und Gewissensangst vor der Hölle spüren. Denn damit der Mensch diese Qual der Sorge und der Gewissensangst empfinde, dazu hat er nichts an­deres als diesen Funken. Ohne dieses Gefühl würde die Hölle nicht Hölle sein. Und wenn der Mensch die Qual fühlt, dann muß er, da sie ihn peinigt, von ihr getrieben, früher oder später sicher­lich zu Gott kommen, damit Er ihn befreie.

5. Der Mensch kann sich frei14 entscheiden. Wenn er aber seine Freiheit mißbraucht, kann er sich und anderen großen Schaden zufügen. Aber soweit kann er sich selbst doch nicht schädigen, daß er sein Dasein oder den göttlichen Funken in sich zerstören könnte. Kein anderer als allein der Schöpfer hat die Macht dazu. Aber der Schöpfer selber wird ihn nicht zerstören; denn wenn Er ihn zerstören wollte, dann hätte Er ihn niemals geschaffen. Und wenn Er es täte, dann würde das nur beweisen: Er hätte ge­handelt, ohne daß Er das Ergebnis vorher wußte oder voll ein­schätzte. Doch ist es unmöglich, daß wir so etwas von Gott denken.

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Der Mensch hat seine eigene Seele weder geschaffen, noch kann er sie zerstören. Der Schöpfer hat jedes Geschöpf zu einem bestimmten Zweck geschaffen. Und wenn der Mensch seine Seele und den göttlichen Funken darin nicht zerstören kann und Gott es nicht tun will, dann wird der Zweck, zu dem der Mensch er­schaffen wurde, sicherlich zu irgendeiner Zeit erfüllt werden. Und wenn auch viele umherschweifen und irre gehen, am Ende wer­den sie zu Ihm zurückkehren113, nach dessen Bild sie geschaffen worden sind. Denn dies ist ihre endgültige Bestimmung.

Über diesen göttlichen Funken hat Giseler119 gesagt: „Dieser Funke wurde mit der Seele in allen Menschen geschaffen. Er ist ihnen ein helles Licht und kämpft auf jede Weise gegen die Sünde; er treibt beständig zur Tugend an und drängt immer zu der Quelle zurück, aus der er entsprang." Wie der Leib durch die Seele lebt, so lebt die Seele durch Gott. „Und Ich, wenn Ich erhöht werde von der Erde, will Ich sie alle zu Mir ziehen" (Joh. 12, 32).

Gott hat den Menschen zur Gemeinschaft mit sich geschaffen; deshalb kann er nicht ewiglich von Ihm getrennt bleiben.

 

10. Kapitel

SITTLICHKEIT   UND   SCHÖNHEIT

1. Gott ist Grundlage und Leben aller Sittlichkeit, denn Er ist die Quelle alles Guten. Ohne Gott gleicht das sittliche Leben einem Stein: es ist schön, aber leblos und kalt. Nur wer seine Verbin­dung mit Gott ungebrochen bewahrt, kann in der Güte und Wahrheit fortschreiten, die doch die Schönheit der Seele ist. Wer aber nicht Gott vertraut, gleicht der Wanderdüne, die heute hier­hin und morgen dorthin getrieben wird: die Windstöße und die Gewalt des Sturmes jagen sie hin und her und lassen sie keinen Ort finden, wo sie bleiben kann.

2. Dadurch, daß wir in der Gegenwart Gottes leben und Ihn kennen, lernen wir auch unser eigenes Wesen und Dasein ver­stehen. Ohne diese Hilfe würden wir immer über die Wirklichkeit dessen, was wir selber sind, unwissend bleiben. Der chinesische

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Philosoph Tschang-Tse120 sagt einmal: „Ich träumte, ich wäre ein Schmetterling und flatterte hierhin und dorthin, nach allen Absichten und Zwecken ein Schmetterling. Plötzlich wachte ich auf. Da lag ich nun, wieder ich selbst. Nun weiß ich nicht, ob ich damals ein Mensch war, der da träumte, er wäre ein Schmetterling, oder ob ich jetzt ein Schmetterling bin, der da träumt, er sei ein Mensch." Man bedenke doch: Wenn ein Mensch keine wahre Er­kenntnis seines eigenen Wesens hat, wie kann er da zwischen Gut und Böse, Tugend und Laster unterscheiden?

3. Kong-Fu-Tse121 hat eine seltsame Vorstellung von Recht­schaffenheit und Sittlichkeit. Einer der Lehnsfürsten prahlte ge­genüber Kong-Fu-Tse mit dem hohen Stand der Sittlichkeit, der in seinem eigenen Staate vorherrschte. „Bei uns hier", sagte er, „wirst du rechtschaffene Männer finden: Wenn ein Vater ein Schaf gestohlen hat, so wird sein Sohn gegen ihn zeugen." — „In meiner Heimat", entgegnete Kong-Fu-Tse, „gilt eine ganz andere Regel: da beschirmt der Vater seinen Sohn und der Sohn seinen Vater. Darin sehen wir die Rechtschaffenheit." Und ferner hat Kong-Fut-Tse122 gesagt: „Einem Menschen, dem man in den hauptsächlichen Grundsätzen menschlicher Gesittung nichts vor­werfen kann, darf man schon Fehltritte kleinerer Art nachsehen." Man vergleiche damit die reinere Lehre Christi: „Wer im Gering­sten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten untreu ist, der ist auch im Großen untreu" (Luk. 16, 10). Die Lehre, die Kong-Fu-Tse neinhaft gab, nämlich: „Tue anderen nicht an, was du nicht willst, daß sie dir antun sollen" m — gab Christus bejahend: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch" (Matth. 7,12). Es gibt vieles, das ist, wenn man es tut, Sünde; aber es gibt auch vieles, das ist, wenn man es nicht tut, Sünde: wie z. B. Gott den Herrn mit Herz und Seele lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.

4. Wirkliche geistliche Schönheit ist die schrankenlose Liebe, Herrlichkeit und Güte Gottes. Und da Er ständig in Seiner Schöp­fung gegenwärtig ist, so tut sich Seine tätige Teilnahme an Seiner Welt in mannigfaltigen Gestalten körperlicher Schönheit kund.

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Mit anderen Worten können wir sagen: in der Welt oder Schöp­fung spiegelt die leibhaftige Schönheit wider oder bildet ab eine innere und verborgene geistliche Schönheit. Emerson87 hat ge­sagt: „Jede Erscheinung der Natur entspricht einem Zustand des Gemüts, und dieser Gemütszustand kann nur dadurch beschrieben werden, daß jene natürliche Erscheinung als sein Bildnis gezeigt wird." Carrit124 sagt: „Die Schönheit ist ein Salz, ohne das unser Leben keinen Wohlgeschmack hätte." Und diese Schönheit ist eine Offenbarung der Wahrheit und Güte, sei es in Blume oder Frucht, Berg oder See, Poesie oder Prosa, Kunst oder Musik oder in guten Werken. Wenn diese Schönheit unsere schlummernden und unterdrückten Gefühle berührt, dann können wir uns ihrer er­freuen, dies aber auch nur soweit, wie wir das Vermögen haben, sie zu schätzen. So haben z. B. die Propheten, als sie zum Prophe­zeien hinaufzogen (1. Sam. 10,5; 16, 23; 2. Kor. 3,15) empfun­den, die Eingebung der Musik helfe ihnen, die Wahrheit zu offen­baren. Und auch wir fühlen: die Schönheit der Musik leitet unser Herz zur Wahrheit zurück und hilft denen, die ihre Erhebung zu spüren vermögen, Ihn anzubeten.

5. Die Verbindung zwischen Sittlichkeit und Schönheit ist grundlegend; denn die Wahrheit ist beider Quelle, und beide fin­den sich dort, wo die Wahrheit wohnt. Schönheit ist auch in an­deren belebten wie leblosen Dingen. Wenn diese Eigenschaften sich aber nicht im Menschen finden, der doch über den anderen Geschöpfen steht, dann muß er noch tiefer stehen als die nie­deren Geschöpfe und sogar noch als die leblosen Dinge: die Sünde in ihm hat ihn zu einem verfälschten und häßlichen Wesen gemacht.

Wie das gute und schöne Leben derer wirkt, in deren Herzen die Wahrheit (Gott) wohnt, spüren wir bewußt oder unbewußt.

Auf meinem Weg nach Tibet machte ich einmal in einem Gebirgsdorfe halt. Die Leute dort waren sehr schmutzig und unge­waschen. Ich bemerkte, wie ein Knabe mich aufmerksam prüfte. Dann sah ich, wie er seine Hand ausstreckte und mit der meinen verglich. Er sagte nichts, aber nach einer kleinen Zeit ging er fort,

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und ich sah, wie er seine Hände in einem Bache wusch. Dann kehrte er zurück und verglich seine gewaschenen Hände wiederum mit den meinen. Ohne ein Wort von mir hatte die Sauberkeit meiner Hände Eindruck gemacht auf ihn, und so regte sich der Wunsch in ihm, seine Hände ebenso sauber zu haben. Genau so steht es mit unserem Leben: durch die Verbindung mit unserem Himmlischen Vater wirkt es im stillen auf das Leben unserer Umgebung. Wie nötig ist es deshalb, daß in unserem Leben die Tugenden und die Herrlichkeit unseres Himmlischen Vaters sicht­bar werden (Matth. 5,16; 1. Petr. 2, 9)!

 

11. Kapitel

DAS   REICH   GOTTES

i. Der Herr hat gesagt: ein Mensch kann das Reich Gottes erst sehen, wenn er wiedergeboren ist. Nicht zu reden vom „Eintre­ten" — er kann es nicht einmal sehen. Die leiblichen Augen sehen nur körperhafte und stoffliche Dinge. Aber Gott ist Geist, und wenn wir Ihn und Sein geistlich Reich sehen wollen, müssen wir vom Geist geboren werden (Joh. 3, 5—6). Dann werden wir Ihn aber nicht nur mit geistlichen Augen sehen, sondern wir wer­den auch mit Ihm herrschen.

Wenn ein Mensch seine Sünde bereut und sich zu Gott wendet, dann wirkt Gottes Geist in ihm: er wird wiedergeboren und ein neues Geschöpf, und dann und dort fängt das Reich Gottes oder Paradies in ihm an. Christus sagte zu dem Schacher am Kreuz: „Heute wirst du mit Mir im Paradiese sein" (Luk. 23, 43). Dies zeigt, der Herr hatte volle Erkenntnis des Paradieses und Voll­macht darüber. Er sagte nicht: „Vielleicht wirst du nach einiger Zeit mit Mir im Paradiese sein", noch: „Ich werde zuerst hin­gehen, von Gott die Erlaubnis erlangen und dann für dich sor­gen." Sondern, wie ein Besitzer mit Vollmacht von seinem Besitz spricht, so gab Er dem sterbenden Schacher diesen Trost und nahm ihn als die erste Frucht Seines Kreuzes mit sich ins Paradies. So werden auch, die jetzt mit Ihm der Sünde und der Welt ge-

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kreuzigt werden, an eben jenem Tage wiedergeboren und, wenn sie in das Paradies oder Reich Gottes eintreten, wundervolle Freude und Frieden im Herzen fühlen. Weltlich gesinnte Men­schen können weder den Frieden des Paradieses „sehen" noch verstehen, was diese neue Geburt oder das Reich Gottes be­deuten.

2. Der Herr gibt jedem Menschen eine Gelegenheit zur Um­kehr, damit er wiedergeboren werde und in das Reich Gottes ein­gehe. Er wußte, was für ein Mensch Judas Ischariot war, und wie er Ihn verraten würde. Dennoch behandelte Er ihn nicht hart, sondern gab ihm die kostbare Gelegenheit, bei Ihm zu leben. Niemand kann sagen, Er gebe nicht auch einem bösen Menschen seine Gelegenheit. Aber Judas beging die große Torheit: er be­reute seine Sünde nicht und kehrte nicht zu Christus zurück, son­dern ging hinaus und erhängte sich125. So begehen auch heutzu­tage viele die Sünde des Judas: sie gehen nicht in das Paradies und Reich Gottes ein, sondern treten an ihren eigenen Ort und verfallen der Strafe (Apg. 1, 25).

„Sein eigener Ort" oder die Hölle meint einen Zustand, wo der Mensch, indem er seinen eigenen freien Willen14 gebraucht und Gott nicht gehorcht, in sich selber Leiden schafft. Hölle ist nicht der Name eines besonderen Ortes; denn wenn es ein Ort wäre, dann würde Gott, der an jedem Ort gegenwärtig ist, den einen Teil Seines Wesens in der Hölle haben — und das kann niemals möglich sein. Die Hölle ist vielmehr ein Zustand, der nicht in Gott besteht; und der wahre Anbeter, der mit Gott in geistlicher Gemeinschaft lebt, wird auf ewig vor diesem Zustand der Sünde und ihres Leidens bewahrt werden.

Wo immer Gott ist, da ist der Himmel oder das Reich Gottes. Gott ist überall gegenwärtig, deshalb ist der Himmel überall. Seine wahren Anbeter wissen das und sind überall und in allen Lagen glücklich: ob in Qual oder Verdruß, ob unter Freunden oder unter Feinden, ob in dieser Welt oder in der zukünftigen. Denn sie leben in Gott, und Gott lebt in ihnen ewiglich, und das ist das Reich Gottes (Luk. 17, 20—21).

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Äußerlich mag der Sünder scheinbar behaglich und üppig leben; aber er kann sich niemals von der Unruhe seines Herzens befreien. Und selbst wenn er in den Himmel einginge, so wäre auch das für ihn die Hölle, denn die Hölle ist in seinem eigenen Herzen. Er kann in das Reich Gottes erst dann eintreten, wenn sein Herz verwandelt und er wiedergeboren ist.

3. Das Reich Gottes ist das Reich der Liebe. Ein Gottesmann sah in einem Gesicht, er wäre in ein fremdes Land gegangen. Als er dort ankam, war er darüber erstaunt, daß die Leute jenes Lan­des herauskamen und ihn mit Freuden willkommen hießen, als ob er ein lang vermißter Bruder oder Freund wäre, der gerade zu ihnen zurückkehrte. Er ging mit ihnen in die Stadt und sah große Häuser, in denen gab es allerlei kostbare Möbel, aber ihre Be­sitzer waren ausgegangen und hatten sie offen gelassen. Er fragte einige der Männer, weshalb das so wäre, und sie sagten: „Hier gibt es keine Diebe. Solange die Herzen der Menschen gegen Gott verschlossen sind, müssen sie auch ihre Türen verschließen. Wenn aber die Tür des Herzens offen ist für Gott und Er darin wohnt, dann ist es nicht mehr nötig, an irgendeiner Tür ein Schloß an­zubringen. Denn wo das Reich Gottes im Herzen ist, da ist das Reich der Liebe, da dient jeder dem anderen in Liebe und erstrebt nur dessen Wohl. Einst waren hier zwei Brüder. Der jüngere Bruder hörte, der ältere brauche einige Dinge. So nahm er eine Anzahl und machte sich auf, um sie seinem Bruder ins Haus zu bringen. Und es geschah, daß dem älteren Bruder derselbe Ge­danke gekommen war, dem jüngeren zu helfen. Sie wurden nur von Liebe getrieben, und ohne daß einer dem anderen etwas ge­sagt hatte, machte sich ein jeder mit einigen Sachen in das Haus des anderen auf. Unterwegs begegneten sie einander. Als jeder die selbstlose Liebe des anderen sah, umarmten sie einander in wirk­lichem Glück. So sollten auch wir einander helfen und lieben und das Wohl unserer Mitmenschen suchen."

Als der Fremde ein wenig weitergegangen war, sah er, wie ein Mensch und ein Engel einander als wahre Brüder begegneten und eines Herzens begannen, Christus, die Fleisch-gewordene

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Liebe, anzubeten. Als der Fremde das sah, wurde sein Herz voll unaussprechlicher Liebe und Glückseligkeit, und unwillkürlich rief er aus: „Dies ist ohne Zweifel das Reich Gottes und unsere wirk­liche und ewige Heimat, nach der das Menschenherz sich sehnt." Obgleich der Himmel im Menschenherzen schon beginnt, wäh­rend der Mensch noch in der Welt ist, so dauert er doch über dieses Leben hinaus in jenen Zustand hinüber, wo es kein Leiden mehr gibt, noch Schmerz noch Tod noch Tränen, sondern endloses Leben und ununterbrochene Freude.

 

12. Kapitel

DIENST  UND   OPFER

1. Gott wirkt immerzu im Erschaffen und im Erhalten Seiner Schöpfung (Joh. 5,17). Sein Wirken hört nimmer auf. Wir spüren es im Kreislauf des Blutes und im Atem, der in den lebendigen Geschöpfen unaufhörlich fortgeht. Ferner sehen wir es in Seiner unbeseelten Schöpfung. Luft, Wasser, Erde, Sonne und Sterne sind, indem sie die Absicht des Schöpfers erfüllen, ständig in einer geordneten Bewegung. Warum sollten dann wir, die wir Söhne Gottes genannt werden und tatsächlich in jeder Hinsicht höher stehen als Seine ganze gefühllose Schöpfung, das be­stimmte Werk, das unser Schöpfer in Seiner Gnade und Vor­sehung uns zugeteilt hat, gedankenlos versäumen?

2. Satan empfängt keine Hilfe aus dem Antrieb einer gerech­ten Sache; dennoch wirkt er unaufhörlich. Tag und Nacht ist er geschäftig, Menschen in die Irre zu führen. Kriecht doch die Schlange, die Eva zu Fall brachte, immer noch umher, auch ohne Hände und Füße! Wenn wir, die wir der Wahrheit nachfolgen und den Auftrag Gottes und die Kraft des Geistes empfangen haben, nun unser gesegnetes Werk versäumen, dann stehen wir tatsächlich niedriger und sind schlimmer als Satan und die Schlange (Eph. 6, 10—18). So laßt uns denn auf der Hut sein und wachen und unsere Kraft von Gott empfangen; dadurch sol-

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len wir Satan und das Böse überwinden und das uns bestimmte Werk gewissenhaft verrichten und vollenden (2. Tim. 4, 4—5; Jak. 4, 7).

3. Ein Sufi oder Mystiker70 hatte auf einer Reise eine gewisse Menge Weizen bei sich. Als er einige Tage unterwegs war, öffnete er die Säcke und fand in ihnen eine Anzahl Ameisen. Er setzte sich hin und dachte über ihren üblen Zustand nach; er wurde von Mitleid mit den kleinen verlassenen Geschöpfen überwältigt, wandte seine Schritte und brachte sie wohlbehalten zu ihrer ur­sprünglichen Heimat zurück. Es ist wohl möglich, daß ein Mensch mit hilflosen Insekten solches Mitgefühl hat. Aber woher kommt es, daß es uns so jämmerlich an Teilnahme und Mitgefühl in unserem Umgang mit Menschen gebricht, die, zwar nach Gottes Bild geschaffen, gleich dem verlorenen Sohn und dem verlorenen Schaf in die Irre gegangen sind? Es ist gewiß unsere Pflicht, daß sie wieder auf den Weg der Gerechtigkeit zurückgebracht werden und in ihres Vaters ewige Heimat zurückkehren.

In den Bergen sah ich einmal eine Ameise umherlaufen und nach Nahrung suchen. Sie fand ein Samenkorn, aber sie berührte es nur und lief sogleich wieder fort. Ich dachte, das Samenkorn wäre vielleicht schlecht oder sauer. Aber nein! Nach einer kleinen Weile kam sie mit einer Anzahl Gefährtinnen zurück. Sie dachte nicht daran, die Nahrung für sich selber zu behalten, sondern wollte, daß die anderen auch daran Anteil hätten.

Der selbstsüchtige Mensch sollte von dieser Ameise lernen. Wer aus dem Leben mit Gott allerlei geistlichen Segen emp­fangen hat, sollte Sein Wort denen bringen, die von Ihm noch nicht gehört haben, damit auch sie die Gemeinschaft mit Gott und Seine Segnungen empfingen und ewige Freude.

4. Ein armer französischer Bildhauer hatte gerade ein sehr schönes Tonmodell vollendet. In der Nacht wurde es bitter kalt und feucht, und er fürchtete, der Frost könnte dem Modell scha­den. So nahm er seine Bettdecken, wickelte sie um das Modell und legte sich wieder hin. Am Morgen fand man ihn tot, aber das Modell war unversehrt. Wenn es unter uns Menschen wie

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diesen gibt, die ihr Leben willig für das Werk ihrer Hände und leblose Dinge hingeben: wieviel mehr sollten wir willens sein, unser Leben für jene lebendigen Seelen hinzugeben, die Gott nach Seinem Bild geschaffen hat (i. Job. 3,16)!

5. Bevor ein Stück Salz nicht aufgelöst ist, kann es nicht ein einzelnes Körnchen von Hülsenfrüchten salzen. Bevor die Sonnen­wärme nicht den Schnee auf den Bergen zum Schmelzen gebracht hat, kann er weder als Wasser herabfließen und die von der Sonne ausgetrocknete und durstige Ebene bewässern, noch kann er als Wasserdampf emporgezogen werden, um Wolken zu bilden, aus denen er als Regen herniederfällt, um das durstige Land grün und fruchtbar zu machen. So steht es auch bei uns: wenn wir nicht durch die Hitze der Sonne der Gerechtigkeit und durch das Feuer des Heiligen Geistes schmelzen (d. h. wenn wir nicht durch Selbstverleugnung und Opfer geläutert werden), können wir weder den Durst irgendeiner verschmachtenden Seele stillen, noch sie zur Quelle des Lebens bringen, wo sie für immer gestillt und lebendig gemacht wird.

6. Wir können nicht dem Schöpfer und Seinen Geschöpfen die­nen, ohne daß uns Schwierigkeiten und Versuchungen begegnen; aber wir können geistlich auch nur wachsen, wenn wir ihnen be­gegnen. In der Welt ist kein Mensch frei von ihnen, und wer keine Versuchung erleidet, ist, wie Aristoteles126 sagt, „entweder ein Tier oder ein Gott".

Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten sind das Kreuz, das wir tragen müssen; aber wenn wir sie ertragen, so kommen Leben und ungezählte Segnungen zu uns. Wie der Vogel Flügel trägt und die Flügel wieder den Vogel tragen, so lehrt uns die Erfahrung: wer sein Kreuz mit Freuden auf sich nimmt, der wird selbst von ihm emporgehoben und sicher dahingetragen, bis er seine endgültige Bestimmung erreicht.

7. In diesen Schwierigkeiten sind die Familienpflichten und andere Pflichten mit eingeschlossen. Einige verstehen das nicht und betrachten sie als Last oder Hindernis. Angela da Foligno m „wünschte sich Glück", als Mutter, Gatte und Kinder ihr starben,

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denn sie hielt diese für „große Hindernisse auf dem Wege zu Gott". Daß wir alle diese Pflichten mit Selbstaufopferung er­füllen, ist ebensosehr der Wille Gottes für uns, wie daß wir unsere Tage mit Beten, Fasten und Nachtwachen zubringen.

Die Erfahrung lehrt uns: indem wir anderen beistehen, helfen wir zugleich uns selber und erlangen dadurch in der Seele eine wundervolle Zufriedenheit. Diese Tatsache zeigt deutlich, wir haben eine innige Verbindung mit anderen, und aller Fortschritt ist im gegenseitigen Helfen und Dienen begründet. Wir können das die Grundordnung unseres Daseins nennen; denn wenn wir uns ichhaft verhalten und dieser Ordnung zuwiderhandeln, dann werden wir selbst sowie unsere Nächsten weniger Freude am Leben finden, und wir werden durch den Widerstreit unseres Eigennutzes einander zerstören. Laßt uns diesen Grundsatz des Dienens als die Goldene Regel des Lebens nehmen: „In Liebe diene einer dem anderen"128. Wir können Gott nicht dienen, ohne daß wir uns selbst verleugnen. Wir sollten, wie schon im ersten Kapitel gesagt wurde, zuerst lernen, unser Leben mit dem Herrn im Verborgenen zu führen, und während wir zu Seinen Füßen sitzen, die Lehre der Liebe lernen. Dann aber laßt uns hin­ausgehen und unsere Mitmenschen lieben und ihnen dienen, wie wir unser eigenes Selbst lieben. Dadurch erfüllen wir in unserem Leben jetzt die Absicht und den Willen unseres Schöpfers und Herrn und werden ihn weiterhin erfüllen in alle Ewigkeit.

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5.SCHRIFT

Gesichte Her Geisteswelt129

Eine kurze Beschreibung des Geisteslebens,

seiner verschiedenen Seinszustände

und des Schicksals guter und böser Menschen,

wie es in Gesichten geschaut wurde.

 

VORWORT

In diesem Buch habe ich versucht, über einige der Gesichte zu schreiben, die Gott mir geschenkt hat. Wäre ich meinen eigenen Neigungen gefolgt, so hätte ich den Bericht dieser Gesichte nicht bei meinen Lebzeiten veröffentlicht. Aber Freunde, deren Urteil ich schätze, haben darauf bestanden, daß das, was diese Gesichte zu sagen haben, anderen geistlich helfen könnte und die Ver­öffentlichung deshalb nicht aufgeschoben werden sollte. Aus Rücksicht auf den Wunsch dieser Freunde wird dieses Buch jetzt der Öffentlichkeit übergeben.

In Kotgarh wurden vor vierzehn Jahren, während ich betete, meine Augen für die Himmlische Schau 130 aufgetan. So lebendig sah ich alles, daß ich dachte, ich müsse gestorben sein und meine Seele sei in die Herrlichkeit des Himmels eingegangen. Doch auch in den folgenden Jahren haben diese Gesichte weiterhin mein Leben bereichert. Ich kann sie nicht herbeirufen, wann ich

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will; aber gewöhnlich, wenn ich bete oder mich innere — mitunter acht- bis zehnmal in einem Monat —, werden meine Geistes-Augen auf getan: ich kann in den Himmel blicken, wandle für eine oder zwei Stunden mit Christus Jesus in der Herrlichkeit der himmlischen Welt und halte Zwiesprache mit Engeln und Geistern. Vieles von dem, was sie mir auf meine Fragen geant­wortet haben, ist in meinen Büchern schon veröffentlicht worden. Und die unaussprechliche Verzückung jener Geistesgemeinschaft macht, daß ich mich nach der Zeit sehne, wo ich für immer in die Seligkeit und Gemeinschaft der Erlösten eintreten darf.

Manche mögen meinen, diese Gesichte seien nur eine Art Spiritismus131; aber ich betone nachdrücklich: es besteht ein wesentlicher Unterschied! Der Spiritismus behauptet, Botschaf­ten und Zeichen von Geistern aus dem Dunklen vorzulegen; aber sie sind für gewöhnlich so lückenhaft und unverständlich, wenn nicht sogar wirklich trügerisch, daß sie ihre Nachfolger eher von der Wahrheit fort als zu ihr hinführen. In diesen Gesichten sehe ich andererseits lebendig und deutlich jede Einzelheit der Herr­lichkeit der Geisteswelt, und ich habe die sehr wirkliche Gemein­schaft mit den Heiligen erhebend erfahren, mitten in der unvor­stellbar strahlenden und schönen Umgebung einer sichtbar ge­wordenen Geisteswelt. Von diesen Engeln und Heiligen habe ich Botschaften empfangen: nicht unbestimmte, bruchstückhafte und unverständliche Botschaften aus dem Unsichtbaren, sondern klare und verständliche Aufklärung vieler Fragen, die mich gequält haben.

Diese „Gemeinschaft der Heiligen" 132 war in der Erfahrung der Alten Kirche eine so wirkliche Tatsache, daß sie unter die not­wendigen Artikel ihres Glaubens aufgenommen wurde, die im „Apostolischen Glaubensbekenntnis" niedergelegt sind. Einmal fragte ich in einem Gesicht die Heiligen nach einem Beweis aus der Bibel für diese Gemeinschaft der Heiligen. Mir wurde ge­sagt, er sei klar zu finden in Sach. 3, 7—8, wo, „die dabei stehen", weder Engel noch „Menschen" von Fleisch und Blut waren, son­dern Heilige in Herrlichkeit. Gott hatte versprochen, wenn Josua

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Sein Gebot halte, wolle Er ihm Zugang geben, damit er „wan­deln dürfe unter denen (den Heiligen), die dabei stehen", und diese sind seine „Gefährten" — die Geister der vollendeten Men­schen, mit denen er Gemeinschaft pflegen könne.

In diesem Buch werden wiederholt Geister, Heilige und Engel erwähnt. Ich unterscheide sie auf folgende Weise: Geister sind sowohl gut wie böse; nach dem Tode befinden sie sich in einem Zwischenzustand zwischen Himmel und Hölle. Heilige sind, die durch diesen Zustand hindurchgegangen und in den höheren Be­reich der Geisteswelt eingetreten sind; ihnen ist ein besonderer Dienst aufgetragen. Engel sind jene herrlichen Wesen, denen jeg­liche Art höheren Dienstes aufgetragen ist; unter ihnen finden sich viele Heilige aus anderen Welten wie aus dieser unserer Welt; und sie leben alle zusammen als eine einzige Familie. Sie dienen einander in Liebe und sind im Glanz der Herrlichkeit Got­tes ewig selig. Die Geisterwelt meint jenen Zwischenzustand, in den die Geister eintreten, nachdem sie den Leib verlassen haben. Die Geisteswelt umfaßt alle Geisteswesen, welche die Stufen zwi­schen der Finsternis der bodenlosen Tiefe und dem Thron des Herrn im Licht durchlaufen.

Subathu, Juli 1926        Sundar Singh

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1. Kapitel

LEBEN UND TOD

 

LEBEN

Es gibt nur eine einzige Lebensquelle — ein Unendliches und Allmächtiges Leben; dessen schöpferische Macht hat allen leben­digen Dingen das Leben gegeben. Alle Geschöpfe leben in Ihm, und in Ihm werden sie auch für immer bleiben. Und dieses Leben schuf wiederum unzählbare andere Leben verschiedener Art, und deren eines auf den Stufen ihres Fortschritts ist der Mensch: nach Gottes Ebenbild geschaffen, damit er in Seiner heiligen Gegen­wart auf ewig selig wäre.

 

TOD

Dieses Leben kann wechseln, aber niemals kann es zerstört werden. Und obgleich der Übergang aus der einen Seinsgestalt in eine andere Tod heißt, so ist damit doch niemals gemeint, der Tod beende das Leben endgültig oder füge zum Leben etwas hinzu oder nehme etwas von ihm weg. Er führt das Leben nur aus einer Seinsgestalt in eine andere hinüber. Wenn ein Ding unserer Sicht entschwindet, so hat es dadurch noch nicht aufgehört zu sein. Es erscheint wieder, aber in einer anderen Gestalt und in einem anderen Zustand.

 

DER   MENSCH   KANN  NIEMALS VERNICHTET  WERDEN

Nichts in diesem ganzen Weltall wurde je zerstört, noch kann es je zerstört werden, denn der Schöpfer hat niemals etwas er­schaffen, damit es zerstört werde. Wenn Er es hätte zerstören wollen, so hätte Er es nie erschaffen. Und wenn in der Schöpfung

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nichts zerstört werden kann, wie kann dann der Mensch zerstört werden, der die Krone der Schöpfung und das Ebenbild seines Schöpfers ist? Kann Gott selber Sein eigenes Ebenbild zerstören, oder kann irgendein anderes Geschöpf es tun? Nimmermehr! Wenn der Tod also den Menschen nicht zerstört, dann erhebt sich sogleich die Frage: wo und in welchem Zustand wird sich der Mensch nach dem Tode befinden? —

Ich versuche, aus den Erfahrungen meiner Gesichte eine kurze Erklärung zu geben, obgleich ich nicht alles beschreiben kann, was ich in den Gesichten von der Geisteswelt geschaut habe, denn die Sprache und die Bilder dieser Welt reichen nicht zu, um diese Geisteswirklichkeiten auszudrücken; und schon der Versuch, die Herrlichkeit des Geschauten in gewöhnliche Sprache zurückzubilden, führt leicht zu Mißverständnis. Ich mußte deshalb den Bericht aller jener feinen geistigen Vorgänge, für den nur eine Geistessprache zureicht, auslassen, und kann nur ein paar schlichte und lehrreiche Vorfälle mitteilen, die sich für alle als nützlich erweisen. Da früher oder später jeder in diese unsichtbare Geistes­welt eintreten muß, wird es nicht ohne Nutzen sein, wenn wir bis zu einem gewissen Grade mit ihr vertraut werden.

 

 

2. Kapitel

WAS GESCHIEHT BEIM TODE?

Eines Tages, als ich allein betete, fand ich mich plötzlich von einer großen Schar von Geisteswesen umgeben, oder ich möchte sagen: sobald meine Geistes-Augen auf getan waren, sah ich, wie ich in der Gegenwart einer großen Schar von Heiligen und Engeln kniete. Als ich ihren Glanz und ihre Herrlichkeit erblickte und meine eigene niedere Art mit ihnen verglich, war ich zuerst etwas verlegen. Doch ihr wirkliches Mitgefühl und ihre liebe­volle Freundlichkeit gab mir sogleich meine Ruhe wieder. Ich hatte bereits den Frieden der Gegenwart Gottes in meinem Leben

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erfahren, aber die Gemeinschaft mit diesen Heiligen fügte noch eine neue und wunderbare Freude hinzu. Als wir miteinander redeten, erhielt ich von ihnen Antwort auf meine Fragen, und die Schwierigkeiten mancher Rätsel, die mich quälten, wurden gelöst.

Zuerst fragte ich, was zur Zeit des Sterbens geschehe, und in welchem Zustand sich die Seele nach dem Tode befinde. Ich sprach: „Wir wissen, was mit uns zwischen Kindheit und Greisenalter geschieht; aber wir wissen nicht, was in der Todesstunde oder jenseits der Tore des Todes geschieht. Das können nur die genau wissen, die sich auf der anderen Seite des Todes befinden und schon in die Geisteswelt eingetreten sind. Könnt ihr", so fragte ich, „uns darüber irgendwelche Aufklärung geben?"

Darauf antwortete einer der Heiligen: „Der Tod ist gleich dem Schlaf. Der Übergang bereitet keine Schmerzen, außer im Falle einiger weniger Krankheiten des Leibes und gewisser Zustände des Geistes. Wie der Tiefschlaf einen erschöpften Menschen über­fällt, so kommt der Todesschlaf zum Menschen. Über viele kommt der Tod so plötzlich, daß sie nur mit großer Mühe inne werden, daß sie die körperliche Welt verlassen haben und in die Geister­welt eingetreten sind. Die vielen neuen und schönen Dinge, die sie um sich herum sehen, verwirren sie so, daß sie meinen, sie be­suchen irgendein Land oder eine Stadt der Körperwelt, die sie vorher noch nicht gesehen haben. Erst wenn sie eingehender be­lehrt worden sind und erkennen, ihr Geistesleib unterscheidet sich von ihrem früheren stofflichen Leib, dann geben sie zu, sie seien in der Tat aus der Körperwelt in das Reich der Geister ver­setzt worden."

Ein anderer der Heiligen, der anwesend war, gab auf meine Frage noch diese weitere Antwort: „Gewöhnlich verliert der Leib in der Todesstunde langsam seine Empfindung. Er spürt keine Schmerzen, sondern wird nur von einem Gefühl der Schläfrigkeit überwältigt. Bei großer Schwäche oder einem Unfall entweicht manchmal der Geist, während der Leib noch bewußtlos ist. Die Geister selber, die gelebt haben, ohne daran zu denken, daß sie

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einmal in die Geisteswelt eingehen, und ohne sich darauf zu rüsten, werden, wenn sie so plötzlich in die Geisterwelt versetzt werden, gar sehr verwirrt und geraten wegen ihres Schicksals in einen Zustand großer Bedrängnis. Deshalb müssen sie für eine beträchtliche Zeit auf den niederen dunklen Stufen des Zwischenzustandes bleiben. Die Geister dieser niederen Bereiche belästigen oft die Menschen in der Welt gar sehr. Aber die einzigen, denen sie ein Leid zufügen können, sind die, deren Sinn ihnen gleicht, und die ihnen aus freiem Willen ihr Herz öffnen. Diese bösen Geister würden, wenn sie sich mit anderen bösen Geistern ver­einigten, in der Welt ungeheuren Schaden stiften; doch Gott hat überall zahllosen Engeln aufgetragen, sie sollen Sein Volk und Seine Schöpfung behüten, so daß Sein Volk immer in Seinem Schutz geborgen ist.

Böse Geister können in der Welt nur denen schaden, die ihnen gleichen, und auch dann können sie es nur bis zu einer bestimm­ten Grenze. Sie können in der Tat auch die Gerechten plagen, aber nur wenn Gott es zuläßt. Gott erlaubt gelegentlich Satan und seinen Engeln, Sein Volk zu versuchen und zu verfolgen, damit es aus der Prüfung stärker und besser hervorgehe, wie Er Satan erlaubte, Seinen Knecht Hiob zu verfolgen. Aber von solch einer Versuchung hat der Gläubige eher Gewinn als Verlust."

Ein anderer der dabeistehenden Heiligen fügte als Antwort auf meine Frage noch hinzu: „Viele, die ihr Leben noch nicht Gott hingegeben haben, werden, wenn ihre Stunde naht, scheinbar be­wußtlos. Was aber tatsächlich geschieht, ist dies: wenn sie die gräßlichen und teuflischen Gesichter der bösen Geister sehen, die sie umgeben, werden sie sprachlos und vor Furcht gelähmt. An­dererseits ist das Sterben eines Gläubigen häufig das ganze Ge­genteil davon. Er ist oft außerordentlich glücklich, denn er sieht Engel und fromme Geister nahen, die ihn willkommen heißen. Dann dürfen auch seine Lieben, die vorher gestorben sind, an sein Sterbebett treten und seine Seele in die Geisteswelt geleiten. Wenn er in die Geisterwelt eintritt, fühlt er sich sogleich wie zu Hause: dort sind nicht nur seine Freunde um ihn, sondern wäh-

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rend er noch in der Welt war, hatte er sich schon lange durch sein Vertrauen zu Gott und seine Gemeinschaft mit Ihm auf jene Heimat vorbereitet."

Danach sagte ein vierter Heiliger: „Die Menschenseelen aus der Welt hinauszugeleiten, ist die Aufgabe der Engel. Gewöhn­lich offenbart sich der Christus in der Geisteswelt einer jeden Seele auf der Stufe der Herrlichkeit, die dem Stand ihrer geistigen Ent­wicklung entspricht. Aber in einigen Fällen kommt Er sogar selber an das Sterbebett, um Seinen Diener willkommen zu heißen, trocknet seine Tränen in Liebe und führt ihn ins Paradies. Wie ein Kind, das in die Welt hineingeboren wird, alles vorfindet, was es bedarf, so findet auch die Seele, wenn sie in die Geistes­welt eintritt, alles, was sie braucht."

 

3. Kapitel

DIE GEISTERWELT133

Im Verlaufe eines Gesprächs gaben mir die Heiligen einmal diese Auskunft: „Nach dem Tode tritt die Seele eines jeden menschlichen Wesens in die Geisterwelt ein, und eine jede wird nach dem Stand ihrer geistlichen Reife bei Geistern wohnen, die ihr in Sinn und Wesen gleichen, entweder in der Finsternis oder in dem Licht der Herrlichkeit. Es wird uns versichert, noch keiner sei in seinem natürlichen Leib in die Geisteswelt gekommen außer Christus und einigen wenigen Heiligen, deren Leiber in verklärte Leiber verwandelt wurden. Aber einigen ist, während sie noch in der Welt leben, erlaubt worden, die Geisterwelt und sogar den Himmel zu sehen — wie in 2. Kor. 12, 2 —, obgleich sie selber nicht sagen können, ob sie das Paradies im Leib oder im Geist betreten."

Nach diesem Gespräch führten diese Heiligen mich umher und zeigten mir viele wunderbare Dinge und Orte.

Ich sah, wie von allen Seiten fortwährend tausend und aber­tausend Seelen in der Geisterwelt eintrafen und alle von Engeln

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geleitet wurden. Die Seelen der Guten hatten nur Engel und gute Geister bei sich, die sie von ihrem Sterbebett begleitet hatten. Böse Geister durften ihnen nicht nahen, sondern standen in der Ferne und beobachteten. Ich sah auch, wie bei den Seelen der wirk­lich Bösen keine guten Geister waren, sondern sie waren von bösen Geistern umgeben, die mit ihnen von ihren Sterbebetten gekommen waren, während auch Engel dabeistanden und die bösen Geister daran hinderten, daß sie der Bosheit ihrer heim­tückischen Art freies Spiel ließen und die Seelen quälten. Die bösen Geister führten diese Seelen meistens sofort in die Finster­nis; denn als sie noch im Fleisch waren, hatten sie beständig den bösen Geistern gestattet, auf sie zum Bösen einzuwirken, und sich selber willig zu jeglicher Art von Bosheit verführen lassen. Denn die Engel hemmen auf keine Weise den freien Willen irgendeiner Seele. Ich sah dort auch viele Seelen, die erst kürzlich in die Geisterwelt gekommen waren: die wurden von guten und bösen Geistern wie auch von Engeln begleitet. Aber binnen kur­zem begann der wurzeltiefe Unterschied ihres Lebens sich geltend zu machen, und sie schieden sich selber — die guten Wesens dem Guten entgegen, und die Bösen dem Bösen entgegen.

 

SÖHNE   DES   LICHTS

Wenn die Menschenseelen in der Geisterwelt angekommen sind, so scheiden sich die Geister der Guten sofort von den Bösen. In der Welt sind alle durcheinander gemengt, aber in der Geisteswelt ist es anders. Ich habe viele Male gesehen: wenn die Geister der Guten — der Söhne des Lichts — in die Geisterwelt eintreten, so baden sie zuallererst in den nicht zu fühlenden Luft­gleichen Wassern eines kristallklaren Ozeans, und darin finden sie eine starke und erheiternde Erfrischung. Sie bewegen sich mit­ten in diesen wunderbaren Wassern, als ob sie im Freien wären: weder ertrinken sie darin, noch machen die Wasser sie naß; viel­mehr treten sie, wunderbar gereinigt, erfrischt und geläutert, in die Welt der Herrlichkeit und des Lichts ein, wo sie auf ewig in

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der Gegenwart ihres lieben Herrn und in der Gemeinschaft zahl­loser Heiliger und Engel bleiben werden.

 

SÖHNE   DER  FINSTERNIS

Wie so ganz anders sind die Seelen derer, die ein böses Leben geführt haben. Voller Unbehagen in der Gesellschaft der Söhne des Lichts und von dem Alles offenbarenden Licht der Herrlichkeit gequält, mühen sie sich ab, sich an Orten zu verstecken, wo ihr unreines und Sünden-beschmutztes Wesen nicht zu sehen ist. Von dem untersten und finstersten Ort der Geisterwelt steigt ein schwarzer und übel-riechender Rauch auf. Während sie sich be­mühen, sich vor dem Licht zu verbergen, stürzen diese Söhne der Finsternis hinab und werfen sich kopfüber hinein. Und von dort hört man dann beständig ihre bitteren Klagen der Reue und Angst aufsteigen. Doch der Himmel ist so eingerichtet, daß die Geister im Himmel weder den Rauch sehen noch die angstvollen Klagen hören; es sei denn, ihrer einige sollten aus irgendeinem beson­deren Grund zu sehen wünschen, wie übel es jenen Seelen in der Finsternis ergeht.

 

DER  TOD   EINES   KINDES

Ein kleines Kind starb an Lungenentzündung, und eine Engel­schar kam, um seine Seele in die Geisterwelt zu geleiten. Ich wünschte, seine Mutter hätte den wundervollen Anblick sehen können, dann hätte sie nicht geweint, sondern vor Freude ge­sungen; denn die Engel sorgen für die Kleinen mit einer Sorgfalt und Liebe, wie eine Mutter sie niemals zeigen könnte. Ich hörte, wie einer der Engel zu einem ändern sagte: „Sieh nur, wie die Mutter dieses Kindes über diese kurze und zeitliche Trennung weint! In nur wenigen Jahren wird sie bei ihrem Kinde wieder glücklich sein." 134 Dann brachten die Engel des Kindes Seele in jenen schönen und Licht-erfüllten Teil des Himmels, der für die Kinder bestimmt ist. Dort sorgen die Engel für sie und unter-

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richten sie in aller himmlischen Weisheit, bis die Kleinen all­mählich selber wie Engel werden.

Nach einiger Zeit starb auch des Kindes Mutter, und ihr Kind, das nun den Engeln gleich geworden war, kam mit anderen Engeln, um die Seele seiner Mutter willkommen zu heißen. Als es zu ihr sagte: „Mutter, kennst du mich nicht mehr? Ich bin dein Sohn Theodor", da wurde das Mutterherz von Freude überflutet, und als sie einander umarmten, fielen ihre Freudentränen wie Blüten. Es war ein rührender Anblick! Als sie dann miteinander dahingingen, zeigte und erklärte er ihr die Dinge ringsum, und während der Zeit, die ihr bestimmt war, im Zwischenzustand zu verbringen, blieb er bei ihr. Als die Zeit, die sie zur Belehrung in jener Welt brauchte, vorüber war, nahm er sie in den höheren Bereich mit, wo er selber wohnte.

Dort gab es nach allen Seiten wundervolle und fröhliche Um­gebungen. Und ungezählte Menschenseelen waren dort, die in der Welt mannigfache Leiden um Christi willen getragen hatten und schließlich zu diesem herrlichen Ort der Ehren erhoben wor­den waren. Rings umher waren unvergleichliche und außerordent­lich schöne Gebirge, Quellen und Landschaften, und in den Gär­ten befanden sich alle Arten süßer Früchte und schöner Blumen im Überfluß. Es gab alles, was das Herz begehren mochte. Da sagte er zu seiner Mutter: „In der Welt, die doch nur das trübe Spiegelbild dieser wirklichen Welt ist, grämen sich unsere Lieben nach uns. Aber nun sage mir: ist dies der Tod, oder ist es nicht vielmehr das wirkliche Leben, nach dem jedes Herz sich sehnt?" Die Mutter sprach: „Mein Sohn, dies ist das wahre Leben. Wenn ich in der Welt die ganze Wahrheit über den Himmel gewußt hätte, dann hätte ich mich niemals über deinen Tod gegrämt. Wie traurig ist es doch, daß die Menschen in der Welt so blind sind! Christus hat sich über diesen Zustand der Herrlichkeit ganz deutlich erklärt, und die Evangelien reden immer wieder von diesem ewigen Reich des Vaters. Doch trotzdem bleiben nicht nur unwissende Menschen, sondern auch viele erleuchtete Gläubige noch immer ohne Kenntnis seiner Herrlichkeit. Möchte Gott es

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fügen, daß alle in die immerwährende Freude dieses Ortes ein­gehen!"

 

DER  TOD   EINES   PHILOSOPHEN

Die Seele eines deutschen Philosophen trat in die Geisterwelt ein und sah aus der Ferne die unvergleichliche Herrlichkeit der Geisteswelt und die grenzenlose Seligkeit ihrer Bewohner. Er war von dem, was er sah, entzückt, aber sein widerspenstiger Intellek­tualismus stand ihm im Wege, so daß er nicht eintreten und an ihrer Seligkeit teilhaben konnte. Anstatt daß er zugab, sie sei wirklich, stritt er mit sich also: „Es besteht gar kein Zweifel, daß ich das alles hier sehe. Aber wie läßt sich beweisen, daß es von mir unabhängig besteht, daß es nicht irgendeine Täuschung ist, die mein Geist heraufbeschworen hat? Ich will an alles von einem Ende bis zum anderen den Prüfstein der Logik, Philosophie und Wissenschaft anlegen. Dann erst will ich überzeugt sein, daß es wirklich und keine Täuschung ist." Da antworteten ihm die Engel: „Deine Rede zeigt, dein Intellektualismus hat dein ganzes Wesen verkehrt. Wer die Geisteswelt sehen will, braucht dazu Geistes­- und nicht Körperaugen. Ebenso braucht, wer ihre Wirklichkeit ver­stehen will, geistliches Verstehen und keine Verstandesübungen in den Grundlehren der Logik und Philosophie. Deine Wissen­schaft, die es mit stofflichen Tatsachen zu tun hat, ist mit deinem leiblichen Schädel und Gehirn in der Welt zurückgeblieben. Hier kann man nur jene geistliche Weisheit gebrauchen, die aus der Furcht Gottes und der Liebe zu Ihm entspringt." Dann sagte einer der Engel zu einem anderen: „Wie traurig ist es doch, daß die Menschen jenes kostbare Wort unseres Herrn vergessen: ,Es sei denn, daß ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, sonst werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen'" (Matth. 18, 3). Ich fragte einen der Engel, was das Ende dieses Mannes sein werde, und er antwortete: „Wenn das Leben dieses Menschen durchweg schlecht gewesen wäre, dann hätte er sich sofort zu den Geistern der Fin­sternis gesellt; doch er ist nicht ohne sittliches Empfinden. So

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wird er eine sehr lange Zeit hindurch blind in dem Dämmerlicht der unteren Teile des Zwischenzustandes herumwandern und sich weiterhin seinen philosophischen Kopf stoßen, bis er, seiner Tor­heit müde, Buße tut. Dann wird er bereit sein, die nötige Be­lehrung von den dazu bestimmten Engeln zu empfangen. Und nach dieser Belehrung wird er fähig sein, in das vollere Licht Gottes in dem höheren Bereich einzugehen."

In einem gewissen Sinn ist der ganze unendliche Raum — in­sofern ihn die Gegenwart Gottes, der Geist ist, erfüllt — eine Geisteswelt. In einem anderen Sinn ist auch die Welt eine Gei­steswelt, denn ihre Bewohner sind Geister, in menschliche Leiber gekleidet. Aber es gibt noch eine andere Geisterwelt: in ihr woh­nen eine Zeitlang die Geister, nachdem sie den Leib beim Tode verlassen haben. Das ist ein Zwischenzustand: ein Zustand zwi­schen der Herrlichkeit und dem Licht der höchsten Himmel und der Dämmerung und Finsternis der untersten Höllen. In ihm gibt es zahllose Daseinsstufen. Und die Seele wird auf diejenige Stufe geleitet, für die ihr Fortschritt in der Welt sie befähigt. Engel, die für diese Aufgabe bestimmt sind, belehren sie dort eine gewisse Zeit, die lang oder kurz sein kann. Dann erst zieht die Seele weiter und tritt in die Gesellschaft jener Geister ein — der guten Geister im helleren Licht oder der bösen Geister in der tieferen Finsternis —, die ihr im Wesen und in der Gesinnung gleichen.

 

4. Kapitel

DES MENSCHEN HILFE UND BELEHRUNG, JETZT UND NACHHER

UNSICHTBARE   HILFE

Oft kommen unsere Verwandten und Lieben und mitunter auch die Heiligen aus der unsichtbaren Welt, um uns zu helfen und uns zu beschützen. Die Engel tun das immerzu. Doch haben sie sich uns niemals sichtbar machen dürfen, mit Ausnahme

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weniger Male bei ganz besonderer Not. Auf Wegen, die wir nicht wahrnehmen, wirken sie auf uns in der Richtung heiliger Gedanken ein und bewegen uns hin zu Gott und einer guten Lebensführung. Und Gottes Geist, der in unseren Herzen wohnt, vollendet jenes Werk, das dazu dient, unser Geistes-Leben voll­kommen zu machen, und das sie nicht zu vollenden vermochten.

 

WER   IST  DER   GRÖSSTE?

Die Größe irgendeines Menschen hängt nicht von seinem Wis­sen und seiner Stellung ab, noch kann irgend jemand dadurch allein groß werden. Ein Mensch ist so groß, wie er anderen nützen kann, und er nützt ihnen soviel, wie er ihnen dient. Deshalb ist ein Mensch so groß, wie er anderen in Liebe dienen kann. Wie der Herr gesagt hat: „So jemand will unter euch groß sein, der sei euer Diener" (Matth. 20, 26). Alle, die im Himmel wohnen, haben ihre Freude daran, daß sie einander dienen; so erfüllen sie den Sinn ihres Lebens und bleiben auf ewig in der Gegenwart Gottes.

 

DIE  VERBESSERUNG   DES   IRRTUMS

Wenn Menschen ernstlich begehren, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, so beginnt die Berichtigung ihrer Ansichten und die Erneuerung ihres Lebens schon in dieser Welt. Hierbei lehrt sie nicht hur Gottes Geist unmittelbar, sondern in der ver­borgenen Kammer des Herzens empfangen sie Hilfe durch die Gemeinschaft mit den Heiligen, die, obwohl sie ihnen unsicht­bar bleiben, ihnen immer nahe sind, um ihnen zum Guten beizu­stehen. Aber da viele gläubige Christen sowie auch nichtchristliche Wahrheitssucher sterben, während sie noch falsche und unvoll­ständige Ansichten der Wahrheit haben, werden ihre Anschau­ungen in der Geisterwelt berichtigt, vorausgesetzt, sie halten nicht hartnäckig an ihren Anschauungen fest und wollen lernen; denn weder in dieser noch in der nächsten Welt zwingt Gott oder irgendeiner Seiner Diener einen Menschen dazu, daß er etwas gegen seinen Willen glaube.

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DIE  OFFENBARUNG   CHRISTI

In einem Gesicht sah ich den Geist eines Götzendieners: als er in der Geisterwelt ankam, fing er an, nach seinem Gott zu suchen. Da sagten die Heiligen zu ihm: „Hier ist kein Gott außer dem Einen Wahren Gott und Christus, der Seine Offenbarung ist." Darüber war der Mann gar sehr erstaunt. Aber er war ein auf­richtiger Wahrheitssucher und gab freimütig zu, er sei im Irr­tum gewesen. Er suchte eifrig die richtige Sicht der Wahrheit zu erkennen und fragte, ob er den Christus sehen dürfe. Bald darauf offenbarte sich Christus ihm und anderen, die frisch in der Gei­sterwelt angekommen waren, in einem schwachen Licht: auf dieser Stufe hätten sie eine volle Entfaltung Seiner Herrlichkeit nicht ertragen, denn Seine Herrlichkeit ist so überwältigend, daß selbst die Engel Ihn nur mit Mühe anschauen und ihr Angesicht mit ihren Flügeln bedecken (Jes. 6, 2). Wenn Er sich aber irgendeiner Seele offenbart, dann bedenkt Er die besondere Stufe, bis zu der sie fortgeschritten ist, und erscheint im schwächeren oder helleren Licht Seiner Herrlichkeit, damit die Seele Seinen Anblick ertragen kann. Als diese Geister Christus in diesem schwachen aber an­ziehenden Lichte sahen, wurden sie mit Freude und Frieden er­füllt, die zu beschreiben unsere Kraft übersteigt. Sie wurden in den Strahlen Seines Leben-spendenden Lichtes gebadet und von den Wellen Seiner Liebe überflutet, die beständig von Ihm aus­strömen: da war all ihr Irrtum abgewaschen. Dann erkannten sie von ganzem Herzen Ihn als die Wahrheit an und fanden Heilung. Sie beugten sich in demütiger Anbetung vor Ihm und dankten und priesen Ihn. Und die Heiligen, die zu ihrer Belehrung be­stimmt waren, freuten sich auch über sie.

 

EIN   ARBEITER  UND   EIN  ZWEIFLER

Einmal sah ich in einem Gesicht einen Arbeiter in der Geister­welt ankommen. Er war in großer Not, denn sein ganzes Leben lang hatte er keinen anderen Gedanken gehabt, als sein tägliches

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Brot zu verdienen. Er hatte zu viel zu tun, als daß er hätte an Gott oder Geistes-Dinge denken können. Mit ihm zusammen war auch ein anderer gestorben, der war ein Zweifler und in seinen Meinungen sehr hartnäckig. Beide mußten in der Geisterwelt eine lange Zeit tief unten an einem Ort der Finsternis weilen. Dort fingen sie in ihrem Elend an, um Hilfe zu schreien. Heilige und Engel kamen voll Liebe und Mitgefühl herbei, um sie zu belehren, damit sie verstünden, wie sie Glieder des Reiches der Herrlichkeit und des Lichtes werden könnten. Aber trotz ihres Elends wollten sie, wie viele andere Geister, lieber weiter an ihrem dunklen Ort bleiben; denn die Sünde hatte ihr ganzes Sein und Wesen so sehr verkehrt, daß sie alles bezweifelten. Selbst auf die Engel, die doch zu ihrer Hilfe gekommen waren, blickten sie mit Argwohn. Wäh­rend ich das mit ansah, hätte ich gerne gewußt, was ihr Ende sein würde. Doch als ich fragte, bekam ich von einem der Hei­ligen nur diese Antwort: „Möchte Gott ihnen gnädig sein!"

Wie verderbt das verkehrte Wesen des Menschen ist, können wir aus folgendem ersehen: Wenn über einen anderen Menschen eine üble Rede umgeht, dann wird der, dessen Blick durch die Sünde verzerrt ist, sie, auch wenn sie falsch ist, sofort als wahr annehmen. Andererseits aber, wenn er eine gute und vollkom­men wahre Kunde empfängt, z.B. der und der sei ein frommer Mann und habe dies oder das zur Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen getan, dann pflegt solch ein Hörer ohne Zögern zu sagen: „Das ist alles falsch. Er muß damit irgendeine persönliche Absicht verfolgt haben." Fragen wir aber solch einen Menschen, woher er wisse, daß der erste Fall wahr und der letzte falsch sei, und wie er das beweisen könne, dann kann er nicht den geringsten Beweis vorbringen. Von solch einer Gesinnung kön­nen wir dieses lernen: weil sein Sinn vom Bösen befleckt ist, glaubt er den üblen Nachreden, denn sie passen zu seinem bösen Herzen. Ein guter Mensch ist seinem Wesen nach von entgegen­gesetzter Art. Er neigt wesensmäßig dazu, eine schlechte Nach­richt zu bezweifeln und eine gute zu glauben, denn diese Haltung stimmt am besten zu der Güte seines Wesens.

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Wer in dieser Welt sein Leben im Widerspruch gegen den Willen Gottes verbringt, wird weder in dieser noch in der künf­tigen Welt Herzensfrieden haben. Und wenn er in die Geister­welt eintritt, wird er sich verwirrt und bekümmert fühlen. Wer sich aber in dieser Welt nach dem Willen des Herrn richtet, wird, wenn er in die andere Welt eintritt, Frieden haben und mit un­aussprechlicher Freude erfüllt werden, denn hier ist seine ewige Heimat und das Reich seines Vaters.

 

 

5. Kapitel

DAS GERICHT ÜBER DIE SÜNDER

Viele Menschen meinen, wenn sie im Verborgenen sündigen, werde es niemals jemand erfahren. Aber es ist völlig unmöglich, daß irgendeine Sünde auf immer verborgen bleibe. Zu irgendeiner Zeit wird sie sicher bekannt werden, und der Sünder wird die Strafe empfangen, die er verdient. Auch Güte und Wahrheit können niemals verborgen bleiben. Selbst wenn sie eine Zeitlang nicht anerkannt werden, am Ende müssen sie siegen. Die folgen­den Vorfälle dienen dazu, auf den Zustand des Sünders Licht zu werfen.

EIN   GUTER  MENSCH  UND   EIN  DIEB

Einmal erzählte mir in einem Gesicht einer der Heiligen diese Geschichte: Spät in der Nacht mußte ein gottesfürchtiger Mann einen weiten Weg machen, um eine notwendige Arbeit zu ver­richten. Wie er dahinschritt, ertappte er einen Dieb, der gerade in einen Laden einbrach. Er sagte zu ihm: „Du hast kein Recht, anderer Leute Eigentum an dich zu nehmen und ihnen Schaden zuzufügen. Das ist eine große Sünde." Der Dieb antwortete: „Wenn du heil davonkommen willst, dann gehe still weiter; wenn nicht, dann wirst du Unannehmlichkeiten haben." Der gute Mann setzte seine Bemühungen beharrlich fort, und als der Dieb nicht hören wollte, begann er zu rufen und weckte die Nachbarn. Sie

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eilten heraus, um den Dieb zu ergreifen; aber sowie der gute Mann den Dieb anzuklagen begann, drehte der Dieb den Spieß um und beschuldigte den guten Mann. „O ja", sagte er, „ihr denkt, dieser Kerl sei sehr fromm, aber ich überraschte ihn gerade beim Stehlen." Da keine Zeugen zugegen waren, wurden beide festgenommen und miteinander in einen Raum eingeschlossen. Der Polizeioffizier und einige seiner Leute verbargen sich, um ihr Gespräch zu belauschen. Da begann der Dieb, seinen Mit­gefangenen auszulachen. „Sieh", sagte er, „habe ich dich nicht fein gefangen? Ich sagte dir gleich, du solltest dich davonmachen, oder es würde dir schlecht ergehen. Nun wollen wir einmal sehen, wie deine Religion dich retten wird." Sowie der Offizier dies ge­hört hatte, öffnete er die Tür und ließ den guten Mann in Ehren und mit einer Belohnung frei; dem Dieb aber gab er eine ordent­liche Tracht Prügel und sperrte ihn in eine Gefängniszelle. So gibt es schon in dieser Welt eine Art Gottesgericht zwischen guten und bösen Menschen, aber die volle Strafe und Belohnung wird erst in der künftigen Welt ausgeteilt.

 

GEHEIME   SÜNDEN

Auch das Folgende wurde mir in einem Gesicht erzählt. Ein Mensch beging in der Verborgenheit seines Zimmers eine sündige Tat und dachte, seine Sünde bliebe verborgen. Einer der Heiligen sagte: „Wie sehr wünschte ich, die Geistes-Augen dieses Men­schen wären zu der Zeit auf getan, dann hätte er nimmermehr ge­wagt, diese Sünde zu begehen!" Denn in jenem Raum befanden sich eine Anzahl Engel und Heilige wie auch einige Geister seiner Lieben, die ihm zu Hilfe gekommen waren. Sie waren alle über sein schändliches Verhalten betrübt und ihrer einer sagte: „Wir kamen, um ihm zu helfen, aber jetzt müssen wir zur Zeit seines Gerichts gegen ihn zeugen. Er kann uns nicht sehen, aber wir können alle sehen, wie sehr er der Sünde frönt. Möchte dieser Mensch doch umkehren und vor der künftigen Strafe gerettet werden!"

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VERSÄUMTE   GELEGENHEITEN

Einmal sah ich in der Geisterwelt einen Geist, der vor Ge­wissensbissen laut schrie und wie ein Wahnsinniger umherjagte. Ein Engel sagte: „Dieser Mann hatte in der Welt oftmals Ge­legenheit, umzukehren und sich zu Gott zu wenden. Aber wann immer sein Gewissen ihn zu plagen anfing, pflegte er die Gewis­sensbisse im Trunk zu ertränken. Er vergeudete sein ganzes Eigentum, richtete seine Familie zugrunde und beging zum Schluß Selbstmord. Jetzt rast er in der Geisterwelt wie ein toller Hund umher und krümmt sich vor Gewissensbissen, wenn er an seine versäumten Gelegenheiten denkt. Wir sind bereit, ihm zu helfen, aber sein eigenes verkehrtes Wesen hindert ihn umzukehren, denn die Sünde hat sein Herz verhärtet, obgleich er sich ihrer immer wieder neu erinnert. In der Welt trank er, um die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen, aber hier hat er keine Gelegenheit, irgend etwas zu verdecken. Jetzt ist seine Seele so nackend, daß er selbst und alle Bewohner der Geistes­welt sein sündiges Leben sehen können. In seinem von Sünden verhärteten Zustand hat er keinen anderen Ausweg, als daß er sich mit anderen bösen Geistern in der Finsternis verbirgt, damit er bis zu einem gewissen Grade der Qual, die ihm das Licht be­reitet, entgeht."

 

WIE   EINEM  BÖSEWICHT  ERLAUBT  WURDE, IN  DEN   HIMMEL   EINZUGEHEN

Einmal trat in meiner Gegenwart ein Mann, der ein übles Leben geführt hatte, nach seinem Tode in die Geisterwelt ein. Als die Engel und Heiligen ihm helfen wollten, begann er sofort, sie zu verfluchen und zu schmähen, und sagte: „Gott ist überhaupt ungerecht. Er hat solchen schmeichelnden Sklaven, wie ihr seid, den Himmel bereitet, und die übrige Menschheit wirft Er in die Hölle. Dennoch nennt ihr Ihn Liebe!" Die Engel entgegneten: „Gewiß, Gott ist Liebe. Er schuf die Menschen, damit sie auf ewig mit Ihm in seliger Gemeinschaft leben möchten; aber die Men-

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schen haben sich in ihrer Hartnäckigkeit und durch den Miß­brauch ihres freien Willens von Ihm abgewandt und haben sich selber die Hölle bereitet. Gott wirft niemanden in die Hölle und wird es auch niemals tun, sondern der Mensch schafft sich selber die Hölle, indem er sich in Sünde verstrickt. Niemals hat Gott eine Hölle geschaffen."

In demselben Augenblick war die überaus liebliche Stimme eines der hohen Engel von oben zu hören: „Gott erlaubt, daß dieser Mensch in den Himmel geführt werde." Begierig schritt der Mann, von zwei Engeln geführt, vorwärts; aber als sie die Himmelstüre erreicht und den heiligen und Licht-umfluteten Ort und seine verklärten und seligen Bewohner sahen, begann er, sich unbehaglich zu fühlen. Die Engel sprachen zu ihm: „Sieh, was für eine schöne Welt das ist! Geh weiter und schaue den teuren Herrn an dort auf Seinem Thron." Er blickt von der Tür aus hinein. Als dann aber das Licht der Sonne der Gerechtigkeit ihm offenbarte, wie unrein sein Sünden-beschmutztes Leben war, wandte er sich zurück, denn Ekel vor sich selber überfiel ihn quälend, und floh mit solcher Hast, daß er nicht einmal im Zwi­schenzustand der Geisterwelt anhielt, sondern gleich einem Stein jagte er hindurch und stürzte sich kopfüber in die abgrundlose Tiefe.

Dann war die liebliche und entzückende Stimme des Herrn zu hören: „Seht, Meine lieben Kinder, hierher zu kommen ist keinem verwehrt, und niemand verbot es diesem Menschen, noch hat irgend jemand ihm geboten wegzugehen. Vielmehr hat sein eigenes unreines Leben ihn gezwungen, von diesem heiligen Ort zu fliehen. ,Wenn jemand nicht von neuem geboren ist, kann er das Reich Gottes nicht sehen'" (Joh. 3, 3).

 

DER  GEIST  EINES   MÖRDERS

Ein Mann hatte vor einigen Jahren einen christlichen Prediger getötet. Nun wurde er im Dschungel von einer Schlange gebissen und starb. Als er in die Geisterwelt kam, sah er ringsumher gute

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und böse Geister. Weil die Gesamtansicht seiner Seele ihn als einen Sohn der Finsternis auswies, hatten die bösen Geister bald von ihm Besitz ergriffen und stießen ihn mit sich hinab, der Finsternis entgegen. Einer der Heiligen bemerkte: „Er tötete einen Gottesmann durch das Gift seines Zornes, und nun hat ihn selbst das Gift einer Schlange getötet. Die alte Schlange, der Teufel, tötete durch diesen Menschen einen unschuldigen Mann. Jetzt hat der Teufel mittels einer anderen Schlange, die ihm gleich ist, diesen Mann getötet, denn er ist ,ein Mörder von Anfang'" (Joh. 8, 44).

 

-UND   DER   GEIST  DES   ERMORDETEN

Als der Mörder fortgebracht wurde, sagte zu ihm einer aus der Schar der guten Geister, die gekommen waren, um ihm zu helfen: „Ich habe dir von ganzem Herzen vergeben. Kann ich jetzt etwas tun, um dir zu helfen?" Der Mörder erkannte ihn sogleich als denselben Mann, den er vor einigen Jahren getötet hatte. Voller Scham und Furcht fiel er vor ihm nieder, und alsbald begannen die bösen Geister laut zu schreien, aber die Engel, die in einiger Entfernung standen, wiesen sie zurecht und brachten sie zum Schweigen. Dann sagte der Mörder zu dem Mann, den er er­mordet hatte: „Wie wünschte ich, daß ich in der Welt dein selbst­loses Wesen so hätte sehen können, wie ich es jetzt sehe! Es tut mir leid, daß ich, weil ich blind und auch weil dein wirkliches Geistes-Leben durch deinen Leib verhüllt war, die innere Schön­heit deines Lebens nicht sehen konnte. Dadurch, daß ich dich tötete, habe ich auch noch viele Menschen des Segens und der Wohltat beraubt, die du ihnen gegeben hättest. Nun bin ich auf ewig in Gottes Augen ein Sünder und verdiene voll meine Strafe. Ich weiß nicht, was ich jetzt noch tun kann, außer daß ich mich in irgendeiner dunklen Höhle verberge, denn ich kann dieses Licht nicht ertragen. In ihm macht mein eigenes Herz mich elend; aber noch viel schlimmer ist, daß alle jede Einzelheit meines sündigen Lebens sehen können."

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Darauf entgegnete der Ermordete: „Du solltest aufrichtig be­reuen und dich zu Gott wenden. Wenn du das tust, dann darfst du hoffen, das Lamm Gottes werde dich in Seinem eigenen Blut waschen und dir neues Leben geben, damit du bei uns im Himmel leben kannst und vor der Qual der Hölle gerettet bist."

Darauf erwiderte der Mörder: „Ich muß meine Sünden nicht erst bekennen, denn sie sind allen sichtbar. In der Welt konnte ich sie verbergen, doch hier nicht. Gern möchte ich mit Heiligen wie du im Himmel leben. Aber wenn ich nicht einmal das schwache selbst-offenbarende Licht in der Geisterwelt ertragen kann, wie wird es mir dann in der durchdringenden Helle und Herrlichkeit jenes Licht-erfüllten Ortes ergehen? Was mich am meisten hin­dert, ist dies: meine Sünden haben mein Gewissen so stumpf und hart gemacht, daß mein Wesen sich nicht Gott zuneigen und be­reuen will. Ich scheine keine Kraft mehr zur Reue zu haben. So bleibt mir nichts anderes übrig, als daß ich auf ewig von hier ver­trieben werde. Ach, mein unglückseliger Zustand!" Wie er, von Furcht geplagt, das sagte, fiel er nieder, und seine Genossen unter den bösen Geistern schleppten ihn in die Finsternis weg.

Da sagte einer der Engel: „Sieh, es ist gar nicht nötig, daß irgend jemand hier verdammt. Ein jeder Sünder wird von selbst durch sein Leben schuldig gesprochen. Es ist gar nicht nötig, ihm das zu sagen oder Zeugen gegen ihn aufzurufen. Bis zu einem gewissen Grade beginnt die Strafe im Herzen eines jeden Sünders bereits, während er noch in der Welt ist; aber hier erfährt er ihre volle Wirkung. Und Gott hat es hier so gefügt, daß Böcke und Schafe, d. h. Sünder und Gerechte, sich von selbst voneinander trennen. Gott erschuf den Menschen, damit er im Licht lebe, wo Gesundheit und Freude seines Geistes ewig dauern. Deshalb kann kein Mensch in der Finsternis der Hölle glücklich sein, noch kann er wegen seines Sünden-verderbten Lebens im Licht glücklich sein. So wird ein Sünder, wohin er sich auch wenden mag, sich über­all in der Hölle finden. Wie ist der Stand des Gerechten dem doch entgegengesetzt: von seiner Sünde befreit, befindet er sich überall im Himmel!"

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DER   GEIST  EINES   LÜGNERS

In der Welt war ein Mann so sehr dem Lügen ergeben, daß es ihm zur zweiten Natur ward. Als er starb und in die Geisterwelt kam, versuchte er, wie gewöhnlich zu lügen; aber er wurde gar sehr beschämt: denn noch ehe er sprechen konnte, waren seine Gedanken allen bekannt. Dort kann niemand sich verstellen, denn keines Herzens Gedanken bleiben verborgen. Wenn die Seele den Leib verläßt, trägt sie die Spuren aller ihrer Sünden an sich; und wenn sie in all ihrer Nacktheit im Lichte des Himmels steht, dann können alle ihre Sünde sehen, und selbst ihre Glieder zeugen gegen sie. Nichts kann diesen Makel der Sünde auslöschen als allein das Blut Christi.

Als dieser Mensch in der Welt war, hatte er regelmäßig ver­sucht, Recht in Unrecht zu verdrehen und Unrecht in Recht. Aber nach seinem leiblichen Tode erfuhr er: es gibt keine Möglichkeit, die Wahrheit in Unwahrheit umzukehren, und kann sie niemals geben. Wer lügt, schädigt und betrügt keinen anderen als sich selber.

So hatte dieser Mensch durch sein Lügen die innere Er­kenntnis der Wahrheit, die er einst besaß, getötet. Ich beobach­tete ihn: unentrinnbar in seinem eigenen Betrug gefangen, wandte er sein Angesicht von dem Licht von oben ab und eilte fort, weit in die Finsternis hinab, wo niemand seine schmutzige Vorliebe für das Lügen sehen konnte als allein jene Geister, deren Wesen dem seinen glich. Denn Wahrheit bleibt immer Wahrheit. Und sie allein fällt0e das Urteil über die Unwahrhaftigkeit dieses Menschen und verdammte ihn als Lügner.

 

DER  GEIST  EINES   EHEBRECHERS

Ich sah einen Ehebrecher, der vor kurzem in die Geisterwelt ge­kommen war. Seine Zunge hing ihm zum Munde heraus wie einem Menschen, der von Durst verzehrt wird; seine Nasenlöcher waren weit geöffnet; und er schlug mit seinen Armen um sich, als

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ob in ihm eine Art Feuer brannte. Er sah so übel und ekelhaft aus, daß sein Anblick mich abstieß. Alles Üppige und Sinnliche, was ihn sonst begleitete, war in der Welt zurückgeblieben, und jetzt rannte er wie ein toller Hund wild umher und schrie: „Dieses Leben sei verflucht! Auch hier gibt es keinen Tod, der all diese Qual beendet. Auch hier kann der Geist nicht sterben, sonst würde ich mich noch einmal töten, wie ich es in der Welt schon mit einer Pistole tat, um meinen Nöten dort zu entfliehen. Aber diese Qual hier ist bei weitem größer als die Qual der Welt. Was soll ich tun?" Während er das sprach, lief er der Finsternis entgegen, wo viele Geister gleichen Sinnes waren, und verschwand dort.

Einer der Heiligen sagte: „Nicht nur eine böse Tat, auch ein böser Gedanke und ein böser Blick ist Sünde. Diese Sünde ist nicht nur auf den Verkehr mit einem fremden Weibe beschränkt, sondern Ausschweifung und Vertiertheit dem eigenen Weib ge­genüber ist auch Sünde. Ein Mann und sein Weib sind wahrlich nicht zum sinnlichen Genuß miteinander verbunden, sondern daß sie einander helfen und fördern: sie sollen mit ihren Kindern den Menschen dienen und Gott verherrlichen. Wer sich aber im Leben von diesem Ziel abkehrt, der ist der Sünde des Ehebrechers schuldig."

 

DIE SEELE EINES RÄUBERS

Ein Räuber starb und kam in die Geisterwelt. Zuerst nahm er an seinem Zustand oder an den Geistern um ihn herum keinen Anteil. Aber nach seiner Gewohnheit machte er sich sogleich daran, sich anzueignen, was an diesem Ort von Wert war. Aber er wurde in Erstaunen versetzt, da in der Geisterwelt selbst die Dinge zu sprechen und ihn wegen seiner unwürdigen Tat an­zuklagen schienen. Sein Wesen war so verderbt, daß er weder den wahren Gebrauch dieser Dinge kannte, noch sie richtig zu gebrauchen vermochte. In der Welt waren seine Leidenschaften so ungezügelt gewesen, daß er in seinem Zorn wegen der geringfügigsten Ursache einen jeden, welcher ihn beleidigte.

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getötet oder verwundet hätte. In der Geisterwelt begann er jetzt, auf dieselbe Weise zu handeln. Er wandte sich gegen die Geister, die ihn zu unterrichten kamen, als ob er sie in Stücke reißen wollte, wie ein wilder Hund sogar in der Gegenwart seines Herrn zu tun pflegt. Dazu bemerkte einer der Engel: „Wenn Gei­ster dieser Art nicht unten in der Finsternis der abgrundlosen Tiefe niedergehalten würden, dann würden sie, wo immer sie hinkommen, unermeßliches Leid verursachen. Das Gewissen die­ses Mannes ist so tot, daß er sogar jetzt, nachdem er in die Gei­sterwelt gekommen ist, nicht erkennt, daß er durch Morden und Rauben in der Welt Reichtum, Erkenntnis und Leben seines eige­nen Geistes vernichtet hat. Er tötete und vernichtete andere, aber in Wirklichkeit hat er sich selber vernichtet. Gott allein weiß, ob dieser Mann, und die ihm gleichen, auf lange Zeit oder auf ewig in der Qual bleiben."

Danach nahmen ihn die dazu bestimmten Engel und verschlos­sen ihn in der Finsternis, aus der er nicht mehr herauskommen darf. Die Übeltäter befinden sich dort in solch einem schrecklichen Zustand, und ihre Qual ist so unsagbar, daß, wer sie sieht, schon beim bloßen Anblick zittert.

Unsere weltliche Sprache ist so beschränkt, daß wir nur dieses sagen können: wo immer sich die Seele eines Sünders befindet, da ist immer und auf jede Weise nichts als Qual, die nicht für einen Augenblick aufhört. Eine Art lichtloses Feuer brennt ewig und quält diese Seelen; aber sie werden weder verzehrt, noch er­lischt das Feuer. Ein Geist, der beobachtete, was sich gerade ereig­net hatte, sagte: „Wer weiß, ob es schließlich nicht doch noch eine reinigende Flamme sein mag?"

Im dunklen Teil der Geisterwelt, der Hölle heißt, gibt es viele Stufen und Räume; und der besondere Ort, wo irgendein Geist im Leiden lebt, hängt von der Menge und Art seiner Sünden ab. Es ist Tatsache: Gott erschuf sie alle nach Seinem eigenen, d. h. Seines Sohnes Bilde, der das Ebenbild des Unsichtbaren Gottes ist (1. Mose 1, 26—27; Kol. 1, 15); doch durch ihre Verbindung mit der Sünde haben sie dieses Bild entstellt und es unschön und

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böse gemacht. Sie haben wohl eine Art Geistesleib, aber der ist überaus ekelhaft und schrecklich; und wenn sie nicht durch wahre Reue und Gottes Gnade wieder erneuert werden, dann müssen sie in dieser furchtbaren Gestalt auf ewig in der Qual bleiben.

 

6. Kapitel

DER ZUSTAND DER GERECHTEN UND IHR HERRLICHES ENDE

Der Himmel oder das Reich Gottes beginnt im Leben aller wahrhaft Gläubigen schon in dieser Welt. Was sie auch an Ver­folgungen und Nöten zu erdulden haben, ihr Herz ist stets voller Friede und Freude; denn Gott, der die Quelle alles Friedens und Lebens ist, wohnt in ihnen. Der Tod ist für sie kein Tod, sondern das Tor, durch das sie für immer in ihre ewige Heimat eingehen. Wir können auch sagen: obwohl sie schon in ihr ewiges Reich wiedergeboren worden sind, so ist es, wenn sie den Leib ver­lassen, für sie nicht der Todestag, sondern der Tag ihrer Geburt in die Geisteswelt, und es ist für sie, wie die folgenden Vorfälle zeigen, eine Zeit überschwenglicher Freude.

 

DER TOD EINES  GERECHTEN

Ein Engel erzählte mir, wie ein wahrer Christ, der seinem Mei­ster dreißig Jahre lang von ganzem Herzen gedient hatte, im Sterben lag. Einige Minuten, ehe er starb, tat Gott ihm seine Geistes-Augen auf, damit er, noch bevor er den Leib verließ, die Geisteswelt sähe und denen, die um ihn herumstanden, erzählte, was er gesehen. Er sah, der Himmel war vor ihm aufgetan und eine Schar Engel und Heiliger kam ihm entgegen; und an der Tür wartete der Heiland mit ausgestreckter Hand, um ihn zu empfangen. Als all das über ihn hereinbrach, stieß er einen solchen Freudenruf aus, daß jene, die an seinem Bette standen, erschra­ken. „Was für eine frohe Stunde ist das für mich!" rief er aus.

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„Lange habe ich darauf gewartet, daß ich meinen Herrn sehen und zu Ihm gehen könne. O Freunde! Seht, wie Sein Angesicht ganz von Liebe leuchtet, und seht die Engelschar, die mich zu holen gekommen ist. Was für ein herrlicher Ort ist das! Freunde, ich breche nach meiner wirklichen Heimat auf; grämt euch nicht über meinen Fortgang, sondern freuet euch!"

Einer von denen, die an seinem Bette standen, sagte leise: „Sein Geist ist irre." Er hörte die leise Stimme und sprach: „Nein, so ist es nicht. Ich bin ganz bei Bewußtsein. Ich wünschte, ihr könntet diesen wundervollen Anblick sehen. Er ist vor euren Augen ver­borgen. Das tut mir leid. Lebt wohl! Wir werden in der anderen Welt einander wiederbegegnen." Nachdem er das gesagt hatte, schloß er seine Augen und sprach: „Herr, ich befehle meine Seele in Deine Hände", und so schlief er ein.

 

WIE  ER  DIE  SEINEN  TRÖSTETE

Sowie seine Seele den Leib verlassen hatte, nahmen die Engel sie in die Arme und wollten mit ihr schon in den Himmel eilen; da bat er sie, sie möchten noch einige Minuten verweilen. Er blickte auf seinen leblosen Leib und auf seine Freunde und sprach zu den Engeln: „Ich wußte nicht, daß der Geist, nachdem er den Leib verlassen hat, seinen eigenen Leib und seine Freunde sehen kann. Ich wollte, meine Freunde könnten mich sehen, wie ich sie sehen kann; dann würden sie mich niemals für tot halten, noch um mich trauern, wie sie jetzt tun." Dann untersuchte er seinen Geistesleib und fand ihn wunderbar licht und zart und von seinem groben stofflichen Leib völlig verschieden. Darauf begann er, seine Lieben und seine Kinder, die da weinten und seinen kalten Leichnam küßten, zurückzuhalten. Er streckte seine feinen Gei­steshände aus und begann, ihnen das alles zu erklären und sie mit großer Liebe davon fortzuziehen, aber sie konnten ihn weder sehen noch seine Stimme hören, und als er versuchte, seine Kin­der von seinem Leichnam fortzubringen, da schien es, als ob seine Hände geradewegs durch ihre Leiber hindurchgingen, wie wenn sie Luft wären; aber sie fühlten gar nichts. Da sagte einer der

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Engel: „Komm, laß dich von uns in deine ewige Heimat geleiten. Sei ihretwegen nicht traurig. Der Herr selber und auch wir wollen sie trösten. Diese Trennung dauert nur wenige Tage."

Dann machte er sich in der Gesellschaft der Engel nach dem Himmel auf. Sie hatten sich erst ein kleines Stück fortbewegt, als ihnen eine andere Engelschar begegnete und ihnen „Willkom­men" zurief. Auch viele Freunde und Angehörige, die vor ihm gestorben waren, traten auf ihn zu; und als er sie sah, wurde seine Freude noch größer. Als sie das Himmelstor erreichten, stell­ten sich die Engel und Heiligen schweigend zu beiden Seiten auf. Er trat ein, und im Eingang kam Christus ihm entgegen. Sogleich fiel er Ihm zu Füßen und wollte Ihn anbeten, aber der Herr hob ihn empor, umarmte ihn und sprach: „Ei, du frommer und ge­treuer Knecht, gehe ein zur Freude deines Herrn."135 Hierbei wurde des Mannes Freude unbeschreiblich. Von seinen Augen flössen Freudentränen, der Herr wischte sie in großer Liebe ab und sprach zu den Engeln: „Führt ihn hin zu jener herrlichsten Wohnung, die von Anfang an für ihn bereitet worden ist."

Nun hatte der Geist dieses Gottesmannes noch immer die irdi­sche Vorstellung, er entehre den Herrn dadurch, daß er Ihm, wenn er mit den Engeln fortgehe, den Rücken zukehre. So zögerte er; aber als er schließlich sein Gesicht nach seiner Wohnung wandte, erstaunte er: denn wo immer er hinblickte, da konnte er den Herrn sehen. Denn Christus ist an jedem Ort gegenwärtig, und die Heiligen und Engel sehen Ihn überall. Der Mann war darüber entzückt, daß er auf jeder Seite außer dem Herrn auch noch Um­gebungen sah, die ihn mit Freude erfüllten, und daß jene, die nach dem Range die untersten sind, denen ohne Neid begegnen, die höher stehen, und daß jene, die höhere Stellungen inne haben, sich glücklich schätzen, ihren Brüdern auf den niederen Stufen zu dienen; denn dies ist Gottes und der Liebe Reich.

In jedem Teil des Himmels gibt es prächtige Gärten, die immer­zu jegliche Art lieblicher und sehr süßer Früchte und auch alle möglichen süß duftenden Blumen, die nie verwelken, hervor­bringen. Dort preisen Geschöpfe jeder Art unaufhörlich Gott.

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Vögel von wunderbarer Färbung lassen ihre lieblichen Lob­gesänge hören. Und wer den süßen Gesang der Engel und Hei­ligen vernimmt, der wird von einem wunderbaren Gefühl des Entzückens gepackt. Wo immer man hinblicken mag, sieht man nichts als Bilder schrankenloser Freude. Das ist in Wahrheit das Paradies, das Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben; dort gibt es keinen Schatten des Todes, noch Irrtum, noch Sünde, noch Leiden, sondern immerwährenden Frieden und Freude.

 

DIE  WOHNUNGEN  DES  HIMMELS

Dann sah ich, wie dieser Gottesmann die für ihn bestimmte Wohnung aus der Ferne prüfte, denn im Himmel sind alle Dinge geistlich, und das Geistes-Auge kann durch alles, was im Wege steht, bis in unermeßlich weite Fernen hindurchblicken. Durch die ganze Unendlichkeit des Himmels ist Gottes Liebe offenbar; und überall kann man dort sehen, wie alle Arten Seiner Ge­schöpfe Ihn preisen und Ihm danken in nimmer endender Freu­de. Als dieser Gottesmann in der Gesellschaft der Engel an der Tür der ihm bestimmten Wohnung ankam, sah er an ihr in leuchtenden Buchstaben das Wort „Willkommen" angeschrie­ben, und von den Buchstaben ertönten immer wieder die Laute: „Willkommen, willkommen." Als er sein Heim betrat, fand er zu seiner Überraschung den Herrn dort schon gegenwärtig. Da wurde seine Freude größer, als wir beschreiben können, und er rief aus: „Ich verließ die Gegenwart des Herrn und kam auf Seinen Befehl hierher; aber hier finde ich, der Herr ist selber hier, um bei mir zu wohnen." In der Wohnung fand sich alles, was seine Einbildungskraft ihm nur vorgestellt hatte, und ein jeder war bereit, ihm zu dienen. In den benachbarten Häusern lebten Heilige, gleichen Sinnes wie er, in seliger Gemeinschaft. Denn dieses himmlische Haus ist das Reich, das für die Heiligen von Anfang der Welt bereitet ist (Matth. 25, 34); und das ist die herrliche Zukunft, die jeden wahren Nachfolger Christi er­wartet.

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EIN   STOLZER  GEISTLICHER UND   EIN  DEMÜTIGER  ARBEITER

Ein Geistlicher, der sich selbst für außerordentlich gelehrt und fromm hielt, starb hochbetagt. Zweifellos war er ein guter Mann. Als die Engel kamen, um ihn an den Ort zu bringen, den der Herr in der Geisterwelt für ihn bestimmt hatte, führten sie ihn in den Zwischenzustand und ließen ihn dort bei vielen ande­ren guten Geistern, die kürzlich angekommen waren, in der Ob­hut jener Engel, die den Auftrag haben, die guten Seelen zu belehren, während sie selber zurückkehrten, um einen anderen guten Geist herbeizuführen.

In jenem Zwischenhimmel reiht sich Stufe an Stufe bis hinauf zu den höheren Himmeln. Über die Stufe, zu der eine jede Seele zur Belehrung zugelassen wird, entscheidet die wirkliche Güte ihres Lebens auf Erden. Als die Engel, die diesen Geistlichen auf seine Stufe geführt hatten, wiederkamen und die andere Seele geleiteten, nach der sie fortgegangen waren, brachten sie diese über die Stufe des Geistlichen hinaus an einen höheren Ort. Als der Geistliche das sah, rief er mit unwilliger Stimme: „Mit wel­chem Recht laßt ihr mich auf halbem Wege zu jenem herrlichen Lande zurück, während ihr diesen anderen Mann in seine Nähe bringt? Weder an Heiligkeit noch an sonst etwas stehe ich ihm oder euch irgendwie nach." Die Engel erwiderten: „Hier geht es nicht um die Frage, ob groß oder klein, ob mehr oder weniger, sondern jeder Mensch wird zu der Stufe gebracht, die er durch sein Leben und seinen Glauben verdient hat. Du bist für jene obere Stufe noch nicht ganz bereit; deshalb wirst du noch eine Zeitlang hier bleiben und das lernen müssen, was unsere Mitarbeiter dich lehren sollen. Dann, wenn der Herr uns befiehlt, wollen wir dich mit großer Freude an jenen höheren Ort führen." Er sagte: „Ich habe mein ganzes Leben lang Menschen gelehrt, wie sie in den Himmel kommen können. Was muß ich da noch lernen? Ich weiß darüber alles." Da entgegneten die belehrenden Engel: „Jene müssen nun hinaufgehen, und wir können sie nicht zu-

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rückhalten; aber wir wollen auf deine Frage antworten. Mein Freund, sei nicht beleidigt, wenn wir offen reden, denn es ist nur zu deinem Besten. Du meinst, du seiest allein hier; doch der Herr ist auch hier, obgleich du Ihn nicht sehen kannst. Der Stolz, den du zeigtest, als du sagtest: ,Ich weiß darüber alles', hindert dich, Ihn zu sehen und höher hinaufzusteigen. Das Heilmittel gegen diesen Stolz ist Demut. Übe sie, und dein Verlangen wird erfüllt werden." Danach erzählte ihm einer der Engel: „Der Mann, der eben über dich befördert worden ist, war kein gelehr­ter oder berühmter Mann. Du hast nicht sehr sorgfältig nach ihm hingeblickt. Er war ein Glied deiner eigenen Gemeinde. Die Leute kannten ihn überhaupt kaum, denn er war ein gewöhn­licher Arbeiter, und seine Arbeit ließ ihm nur wenig Muße. Aber in seiner Werkstatt kannten ihn viele als einen fleißigen und ehrlichen Arbeiter. Wer mit ihm in Berührung kam, erkannte seinen christlichen Charakter an. Im Kriege wurde er zum Dienst in Frankreich bestimmt. Doch eines Tages, als er gerade einem verwundeten Kameraden half, wurde er von einer Kugel getroffen und getötet. Obgleich er so plötzlich sterben mußte, war er doch bereit; deshalb muß er nicht so lange im Zwischen­zustand bleiben wie du. Sein Aufstieg hängt nicht von Günstlings­wirtschaft ab, sondern von seiner geistlichen Würdigkeit. Sein Gebetsleben und seine Demut bereiteten ihn, während er in der Welt war, in hohem Maße für die Geisteswelt. Jetzt ist er fröh­lich, daß er den für ihn bestimmten Ort erreicht hat, und dankt dem Herrn und lobt Ihn, der ihn in Seiner Gnade gerettet und ihm ewiges Leben gegeben hat."

 

HIMMLISCHES   LEBEN

Im Himmel kann niemand jemals heucheln, denn ein jeder kann das Leben des anderen sehen, wie es ist. Das alles-offen-barende Licht, das Christo in Seiner Herrlichkeit entströmt, bringt die Bösen in ihren Gewissensbissen dazu, daß sie versu­chen, sich zu verbergen; aber die Gerechten erfüllt es mit höch­ster Freude darüber, daß sie im Lichtreich des Vaters weilen

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dürfen. Dort sehen alle ihre Güte, und sie wächst immer mehr, denn dort gibt es nichts, was ihr Wachstum hindern könnte, sondern, was sie nur unterstützen kann, ist zu ihrer Hilfe dort vor­handen. Welche Stufe der Güte die Seele eines Gerechten erreicht hat, kann man an dem Glanz erkennen, den seine ganze Er­scheinung ausstrahlt. Denn Charakter und Wesen zeigen sich in der Gestalt verschiedener leuchtender regenbogenartiger Farben von großer Herrlichkeit.136 Im Himmel gibt es keine Eifersucht. Ein jeder sieht gern die geistliche Erhöhung und Herrlichkeit anderer, und alle bemühen sich, einander ohne Selbstsucht zu allen Zeiten treulich zu dienen. Alle die unzähligen Gaben und Segnungen des Himmels dienen allen zum gemeinsamen Nutzen. Niemand denkt je aus Selbstsucht daran, etwas für sich zu be­halten, und für jeden gibt es genug von allem.

Gott, der die Liebe ist, ist in der Person Jesu zu sehen: Er sitzt auf dem Thron im höchsten Himmel. Von ihm, der die „Sonne der Gerechtigkeit" und das „Licht der Welt" ist, sieht man hei­lende und Leben-spendende Strahlen und Wellen von Licht und Liebe bis an die äußersten Grenzen Seines Weltalls ausstrahlen. Sie durchströmen jeden Heiligen und Engel und bringen allem, was sie anrühren, stärkende und belebende Kraft.

Im Himmel gibt es weder Osten noch Westen, weder Norden noch Süden, sondern jeder einzelnen Seele oder jedem Engel erscheint Christi Thron als die Mitte aller Dinge.

Dort finden sich auch jegliche Art süßer und köstlicher Blumen und Früchte und vielerlei geistliche Nahrung. Während man sie ißt, empfindet man auserlesenen Wohlgeschmack und Freude; aber nachdem man sie genossen hat, geht von den Poren des Leibes ein feiner Duft aus, der die Luft ringsumher angenehm durchdringt.

Kurzum: das Wollen und Wünschen aller Himmelsbewohner ist in Gott erfüllt, denn in einem jeden Leben wird Gottes Wille vollendet. So erfährt unter allen Umständen und auf jeder Stufe des Himmels ein jeder unwandelbare wundervolle Freude. So ist das Ziel des Gerechten ewige Freude und Seligkeit.

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7. Kapitel

ZIEL   UND   ZWECK   DER   SCHÖPFUNG

Vor einigen Monaten lag ich allein in meinem Zimmer und litt heftig an einem Augengeschwür. Der Schmerz war so groß, daß ich keine andere Arbeit tun konnte; deshalb verbrachte ich die Zeit in Gebet und Fürbitte. Eines Tages, als ich so erst einige Minuten lang gebetet hatte, wurde mir die Geisteswelt aufgetan, und ich fand mich von einer Menge Engel umgeben. Im Nu ver­gaß ich alle meine Schmerzen, denn meine ganze Aufmerksam­keit war auf sie gerichtet. Im folgenden erwähne ich ein paar der Dinge, über die wir miteinander sprachen.

 

NAMEN  IM  HIMMEL

Ich fragte sie: „Könnt ihr mir sagen, unter welchen Namen ihr bekannt seid?" Einer der Engel erwiderte: „Einern jeden von uns ist ein neuer Name gegeben worden; den weiß niemand als allein der Herr und der ihn empfangen hat (Offbg. 2, 17). Wir alle hier haben in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten dem Herrn gedient. Es ist gar nicht nötig, daß ein anderer unsere Namen kennt, noch besteht eine Notwendigkeit, daß wir unsere früheren irdischen Namen nennen. Es wäre vielleicht reizvoll, sie zu wissen, aber — wozu wäre es nützlich? Dann wollen wir auch nicht, daß die Leute unsere Namen kennen, denn sonst würden sie von uns groß denken und uns ehren statt des Herrn. Der hat uns so sehr geliebt, daß Er uns aus unserem gefal­lenen Zustand emporgehoben und in unsere ewige Heimat ge­bracht hat, wo wir auf ewig in Seiner liebenden Gemeinschaft Lob­lieder singen—und das ist das Ziel, wozu Er uns erschaffen hat."

GOTT SCHAUEN

Ich fragte wieder: „Schauen die Engel und Heiligen, die an den höchsten Orten des Himmels wohnen, immer das Angesicht Gottes? Und wenn sie Ihn sehen, in welcher Gestalt und in wel­chem Zustand erscheint Er?"

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Einer der Heiligen sagte: „Wie das Meer voller Wasser ist, so ist das ganze Weltall Gottes voll, und jeder Bewohner des Him­mels fühlt Seine Gegenwart an allen Orten. Wer im Wasser untertaucht, der findet über und unter und um sich herum nichts als Wasser: ebenso fühlen wir im Himmel Gottes Gegenwart. Und wie es im Wasser des Meeres zahllose Lebewesen gibt, so leben Seine Geschöpfe in dem Unendlichen Wesen Gottes. Weil Er Unendlich ist, können Seine Kinder, die endlich sind, Ihn nur in der Gestalt Christi sehen. Wie der Herr selber gesagt hat: ,Wer Mich sieht, der sieht den Vater' (Joh. 14, 9). In dieser Geisterwelt kann ein jeder nur soweit Gott erkennen und emp­finden, wie er geistlich fortgeschritten ist; und auch der Christus offenbart Seine herrliche Gestalt einem jeden insoweit, wie er geistlich erleuchtet ist und sie zu fassen vermag. Wenn Christus denen, die in dunklen niederen Orten der Geisteswelt wohnen, in demselben herrlichen Licht erschiene wie denen, die an den höheren Orten sind, dann würden sie es nicht ertragen können. So mildert er die Herrlichkeit Seiner Offenbarung je nach dem Fortschritt und der Fähigkeit einer jeden einzelnen Seele."

Dann fügte noch ein anderer Heiliger hinzu: „Gottes Gegenwart kann man tatsächlich fühlen und sich ihrer erfreuen, aber man kann sie nicht mit Worten ausdrücken. Wie man die Süßigkeit des Süßen wahrnimmt, indem man sie schmeckt, und nicht, indem man sie höchst anschaulich be­schreibt, so erfährt jeder im Himmel die Freude der Gegenwart Gottes, und in der Geisteswelt weiß ein jeder: seine Gotteser­fahrung ist wirklich und hat es nicht nötig, daß irgend jemand versucht, ihm mit einer wörtlichen Beschreibung zu helfen."

 

ENTFERNUNG IM HIMMEL

Ich fragte: „Wie weit sind die verschiedenen himmlischen Da­seinsräume voneinander entfernt? Darf man die Räume, in de­nen man nicht wohnen kann, besuchen?"

Da sagte einer der Heiligen: „Einer jeden Seele wird der Wohnort auf der Stufe bestimmt, für die ihre geistliche Entwick-

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lung sie befähigt hat; aber auf kurze Zeit kann sie auch andere Orte besuchen gehen. Wenn die Bewohner der höheren Stufen zu den niederen herabkommen, dann wird ihnen eine Art geist­licher Bekleidung gegeben, damit die Herrlichkeit ihrer Erschei­nung die Bewohner der niederen und dunkleren Orte nicht aus der Fassung bringt. Ebenso erhält der Bewohner einer unteren Stufe, der zu einer höheren geht, eine Art geistlicher Bekleidung, damit er das Licht und die Herrlichkeit jenes Ortes erträgt."

Im Himmel empfindet niemand eine Entfernung, denn sobald jemand wünscht, an einen bestimmten Ort zu gehen, findet er sich sogleich dort vor. Entfernungen erfährt man nur in der Körperwelt. Wenn einer danach verlangt, einen Heiligen auf einer anderen Stufe zu sehen, dann wird entweder er selber im Augenblick des Gedankens dorthin geführt, oder der entfernte Heilige kommt sofort zu ihm.

 

DER VERDORRTE FEIGENBAUM

Ich fragte sie: „Ein jedes ist zu einem bestimmten Zweck ge­schaffen; aber gelegentlich erscheint es, als werde jener Zweck nicht erfüllt. So war z. B. der Zweck des Feigenbaums, Frucht zu bringen; aber als der Herr ihn ohne Frucht fand, ließ Er ihn ver­dorren. Könnt ihr mich darüber erleuchten, ob sein Zweck erfüllt war oder nicht?"

Ein Heiliger antwortete: „Zweifellos war sein Zweck erfüllt, und mehr als erfüllt. Der Herr des Lebens gibt einem jeden Ge­schöpf das Leben zu einem bestimmten besonderen Zweck; wenn der Zweck aber nicht erfüllt wird, hat Er die Macht, das Leben wieder zurückzunehmen, um irgendeinen höheren Zweck zu er­füllen. Viele Tausende Gottesdiener haben ihr Leben geopfert, um andere zu lehren und emporzuheben. Indem sie ihr Leben für andere verloren, haben sie ihnen geholfen und so den höhe­ren Zweck Gottes erfüllt. Und wenn es für den Menschen, der höher steht als der Feigenbaum und alle anderen Geschöpfe, recht und der edelste Dienst ist, daß er sein Leben für andere Menschen dahingibt, wie kann es da ungerecht sein, wenn ein

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bloßer Baum sein Leben opfert, damit ein irrendes Volk gelehrt und gewarnt wird? So gab Christus durch diesen Feigenbaum den Juden und der ganzen Welt diese große Lehre: wessen Le­ben ohne Frucht bleibt, und wer das Ziel verfehlt, zu welchem Gott ihn geschaffen hat, der wird gleichermaßen verdorren und vernichtet werden."

Die Tatsachen der Geschichte machen es uns vollauf klar, daß das scheinheilige und enge Leben des jüdischen Volkes zu jener Zeit unfruchtbar war und deshalb gleich dem Feigenbaum ver­dorrte. Gleicherweise ist das unfruchtbare Leben anderer, ob­gleich sie äußerlich fruchtbar erscheinen, eine Quelle der Täu­schung für andere und wird deshalb verflucht und vernichtet werden. Wenn jemand einwenden wollte: als der Herr diesen Feigenbaum verfluchte, sei doch keine Erntezeit und also keine Frucht zu erwarten gewesen, dann sollte er bedenken: für gute Taten gibt es keine bestimmte Zeit, denn alle Zeiten sind glei­chermaßen dazu bestimmt, daß wir Gutes tun; ein jeder solle danach trachten, daß er in seinem Leben Frucht bringt und somit den Zweck erfüllt, zu dem er geschaffen ward.

 

HAT   DER   MENSCH   EINEN   FREIEN   WILLEN?"

Wiederum fragte ich: „Wäre es nicht bei weitem besser ge­wesen, Gott hätte den Menschen und die ganze Schöpfung als vollkommen geschaffen, denn dann hätte der Mensch weder sündigen können, noch gäbe es infolge der Sünde so viel Sorge und Leiden in der Welt? Jetzt aber haben wir in der Schöpfung, die der Eitelkeit unterworfen ist, alle Arten Leiden zu erdulden."

Ein Engel, der von den höchsten Stufen des Himmels herab­gekommen war und dort eine hohe Stellung einnahm, antwor­tete: „Gott hat den Menschen nicht als Maschine erschaffen, die zwanghaft arbeitet; noch hat er sein Schicksal so festgelegt wie das der Sterne und Planeten, die von ihrer festgesetzten Bahn nicht abweichen können. Vielmehr hat Er den Menschen nach Seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen: mit freiem Wil­len, mit Verstand begabt und mit der Kraft, Entschlüsse zu fas-

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sen und selbständig zu handeln; dadurch ist der Mensch allen anderen Geschöpfen überlegen. Wäre der Mensch nicht mit frei­em Willen geschaffen worden, dann könnte er sich nicht der Gegenwart Gottes noch des Himmels erfreuen; denn dann wäre er bloß eine Maschine, die sich bewegt, ohne daß sie es weiß oder fühlt, oder er wäre den Sternen gleich, die, ohne es zu wissen, den unendlichen Raum durcheilen. Aber der Mensch hat einen freien Willen und ist deshalb wesensmäßig dieser Art seelenloser Vollkommenheit entgegengesetzt. Eine Vollkommen­heit dieser Art wäre für ihn wirklich Unvollkommenheit ge­wesen. Solch ein Mensch wäre nichts anderes als ein bloßer Sklave, dessen Vollkommenheit ihn zu gewissen Taten gezwun­gen hätte; aber er hätte sich ihrer nicht freuen können, denn er hätte keine eigene Wahl. Für ihn wäre dann zwischen Gott und einem Stein kein Unterschied gewesen."

Der Mensch und mit ihm die ganze Schöpfung ist der Eitelkeit unterworfen worden, aber nicht auf immer. Durch seinen Unge­horsam hat der Mensch sich und alle anderen Geschöpfe in all das Übel und Leiden dieser Eitelkeit gebracht. In diesem Zustand des geistigen Kampfes allein können seine Geisteskräfte sich voll entfalten, und nur in diesem Kampf kann er lernen, was er zu seiner Vollkommenheit nötig hat. Deshalb wird der Mensch, wenn er zuletzt die himmlische Vollkommenheit erreicht, für die Leiden und Kämpfe der gegenwärtigen Welt Gott danken, denn dann wird er vollkommen verstehen: denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen (Röm. 8, 28).

 

DIE OFFENBARUNG  DER LIEBE  GOTTES

Da sagte ein anderer der Heiligen: „Alle Bewohner des Him­mels wissen, Gott ist Liebe, aber es war von Ewigkeit her ver­borgen, daß Seine Liebe so wunderbar ist, daß Er, damit Er Sün­der rette, Mensch würde und zu ihrer Reinigung am Kreuz stürbe. So hat Er gelitten, damit Er Menschen und die ganze Schöpfung, die der Eitelkeit unterworfen ist, rette. So hat Gott,

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indem Er Mensch wurde, Seinen Kindern Sein Herz gezeigt. Wenn Er jedoch irgendein anderes Mittel benutzt hätte, dann wäre Seine unendliche Liebe für immer verborgen geblieben.

Nun wartet die ganze Schöpfung mit eindringlichem Sehnen auf die Offenbarung der Söhne Gottes, da diese wieder erneuert und verklärt werden sollen. Aber gegenwärtig müssen diese sowie die ganze Schöpfung sich noch immer sehnen und ängsten, bis die neue Schöpfung erscheint. Und auch die wiedergeboren sind, seufzen in ihrem Innern und warten auf die Erlösung des Leibes. Die Zeit kommt immer näher, da die ganze Schöpfung, in allen Dingen Gott gehorchend, auf immer vom Verderben sowie von dieser Eitelkeit befreit werden wird. Dann wird sie auf ewig selig sein in Gott und wird in sich den Zweck erfüllen, zu dem sie geschaffen wurde. Dann wird Gott sein alles in allem" (Rom. 8,18—23).

Die Engel redeten mit mir auch noch über viele andere Dinge. Aber es ist unmöglich, darüber zu berichten: denn in der Welt gibt es weder Sprache noch Gleichnis, worin ich den Sinn jener sehr tiefen geistlichen Wahrheiten ausdrücken könnte; auch wollten sie nicht, daß ich es versuchte, denn wer keine Geistes­erfahrung hat, kann sie nicht verstehen. Sonst wäre zu befürch­ten, daß sie, anstatt zu helfen, bei vielen Mißverständnis und Irrtum hervorriefen. Ich habe deshalb nur einige wenige der einfachsten Dinge, über die wir sprachen, aufgeschrieben und hoffe, viele möchten von ihnen Leitung empfangen und War­nung, Lehre und Trost.

Auch ist jene Zeit nicht fern, da meine Leser selbst in die Geisteswelt hinübergehen und diese Dinge mit ihren eigenen Augen sehen werden. Aber bevor wir diese Welt auf immer verlassen, um in unsere ewige Heimat zu gehen, müssen wir mit Hilfe der Gnade Gottes und im Geist des Gebets das uns aufgetragene Werk mit Treue ausführen. Auf solche Weise wer­den wir den Zweck unseres Lebens erfüllen und ohne irgend­einen Schatten des Bedauern in die ewige Freude des Reiches unseres Himmlischen Vaters eingehen.

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6.SCHRIFT

Mit und ohne Christus

Vorfälle aus dem Leben von Christen und Nichtchristen,

die den Unterschied zeigen

zwischen einem Leben mit Christus und ohne Christus.

 

VORWORT

In diesem Buch habe ich unternommen, einige Geisteserfah­rungen von Christen und Nichtchristen der verschiedenen Le­benswege zu beschreiben, die ich während meiner evangelisti­schen Reisen in verschiedenen Teilen der Welt getroffen habe. Ich habe mich ganz auf solche Ereignisse beschränkt, die sie mir aus ihrer persönlichen religiösen Erfahrung erzählt haben, oder die ich selbst habe erforschen können.

Ich habe versucht, das Leben von Menschen, die mit Christus leben, mit dem Leben anderer zu vergleichen, die ohne Ihn leben: diese halten entweder an ihrer eigenen Religion fest, oder ihr Leben wird von ihrem eigenen Selbst-Willen beherrscht. Dazu habe ich auch noch ein wenig von meiner eigenen Erfahrung hinzugefügt: was ich selber ohne Christus war, und was die Lebendige Gegenwart Christi mir jetzt bedeutet.

Dieses Buch schreibe ich, weil ich durch schlichte Erzählung zeigen will, wie die Lebendige Gegenwart Christi und Seine Ret­terkraft im Leben der Menschen wirkt. Denn nach meiner Mei­nung wird der Beweis für die Kraft und Gegenwart des Leben­digen Christus nicht in der Philosophie und unvollkommenen Logik dieser Welt gefunden, sondern im Leben und in den Erfah­rungen wahrer Christen. Ich hoffe aufrichtig, meine Leser möch­ten diesen Tatsachen mit aufgeschlossenem Herzen näher treten und von ihnen Hilfe empfangen, so daß auch sie dem Leben­digen Christus begegnen, der mein Leben sowie das Leben von Millionen anderer Menschen reich gemacht hat.

Subathu, August 1928

Sundar Singh

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1. Kapitel

NICHTCHRISTEN   OHNE  CHRISTUS

Christen wie Nichtchristen sind gleichermaßen Geschöpfe und Söhne des einen Gottes. Dennoch besteht zwischen ihnen ein großer Unterschied. Einige Menschen haben wahre Erkenntnis Seiner, werden in Sein Ebenbild umgestaltet und erben das Le­ben und die ewige Seligkeit, denn sie leben in der Gegenwart Jesu Christi, in welchem Er Mensch geworden ist. Andere wan­dern in dem trüben Licht der Wahrheit, wie sie sie kennen, und folgen dem Begehren ihres eigenen Willens: sie irren von der Wahrheit ab und berauben sich selbst der Segnungen, die in Christus zu finden sind.

Wie sich das Leben derer, die mit Christus leben, von dem der ändern unterscheidet, kann man aus den Beispielen ersehen, die wir nunmehr vorlegen.

Es ist eine wohlbekannte Tatsache: in jenen Ländern, wo das Evangelium weithin gepredigt worden ist, hat sich das Denken bemerkenswert verwandelt, wenn auch nur verhältnismäßig we­nige Menschen bekennende Nachfolger Christi geworden sind. Jene Länder dagegen, wo das Evangelium nicht gepredigt wor­den ist, befinden sich noch ziemlich in dem gleichen Zustand wie zu der Zeit, da sie als unkultiviert und gänzlich abergläubisch galten.

 

ZEUGNIS

Das Wort Gottes sagt uns, alle Menschen seien Söhne Gottes, denn Er ist derselbe für alle und kennt kein Ansehen der Person. Es sagt: „In allerlei Volk, wer Ihn fürchtet und recht tut, der ist Ihm angenehm" (Abg. 10, 35). Und es sagt weiter: „Er hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen" (Apg. 14, 17). Das Licht der Wahrheit, das Gott offenbarte, war genügend, um die Völker

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zu Ihm zurückzuführen; aber es war noch nicht jenes volle Licht der Wahrheit, das nachher in Christus, der Sonne der Gerechtig­keit, offenbart wurde (Mal. 4, 2; Joh. i, 9). „Jetzt, da das Licht der Welt"137 gekommen ist, haben sich die Verhältnisse geändert, denn die wirklichen Wahrheitssucher haben begonnen, Ihm in jenem Licht nachzufolgen; andere dagegen, deren Augen durch das eigene Selbst verblendet sind, haben sich von Ihm abge­wandt und wandern in der Finsternis (Joh. 3,19—21).

Wenn das Suchen des Menschen nach Wahrheit das Sehnen seines frommen Herzens nicht stillt, kann er keine Ruhe finden; denn wenn sein Gewissen wach ist, kann er, was immer er auch versuchen mag, dessen heftiges Verlangen nicht ersticken. Doch auch wer absichtlich Gott nicht achtet und dadurch das Sehnen seines Herzens ertötet und die innere Stimme zum Schweigen gebracht hat, kann einen gewissen Frieden kennenlernen — aber das ist der Friede des Todes.

Wir wollen jetzt herauszufinden versuchen, wie weit es den Menschen ohne Christus gelungen ist, das Verlangen ihrer Seele nach Ruhe zu stillen.

 

EIN NAGELBETT

Vor einiger Zeit sah ich in Hardwar einen Sadhu39 auf einem Nagelbett liegen. Ich ging zu ihm und fragte: „Zu welchem Zweck verwundest und quälst du deinen Leib auf diese Weise?" Er er­widerte: „Weißt du das nicht, da du doch selbst ein Sadhu bist? Es bedeutet Buße und Abtötung des Fleisches. Ich diene Gott auf diese Weise, aber ich bekenne, die Stiche dieser Nägel sind nicht so schlimm wie die Schmerzen, die meine Sünden und bösen Begierden mir bereiten. Mein Ziel ist, das Begehren des Selbst zu vernichten, damit ich Erlösung21 erlange." Ich fragte: „Wie lange treibst du das schon, und wie weit hast du dein Ziel er­reicht?" Er entgegnete: „Ich begann es vor 18 Monaten, aber ich habe mein Ziel noch nicht erreicht; es ist auch nicht möglich, daß man es in einer so kurzen Zeit erreicht. Dazu sind viele Jahre und wohl viele Geburten nötig."

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Dann erzählte ich ihm von meiner eigenen Erfahrung: wie es mir mißlang, als ich unternahm, durch meine eigenen Anstren­gungen Erlösung zu erlangen, und wie der Herr Jesus mein Herz in einem Augenblick verwandelte und meine ruhelose Seele mit jenem wahren Frieden stillte, den er mit Selbstquälerei durch viele Wiedergeburten hindurch zu erlangen hoffte. Und ich fügte hinzu: „Wenn du dein Ziel in deinem jetzigen Leben nicht erreichen kannst, was bürgt dir dann dafür, daß du es in irgendeinem zukünftigen Leben erreichen wirst? Ich bin von den Sti­chen meiner Sünde und den bösen Begierden und Versuchungen befreit worden: nicht weil ich irgendwie würdig gewesen sei oder irgendein Recht gehabt hätte, sondern durch Seine Gnade und Barmherzigkeit ist es geschehen. Und ich habe mich dem übergeben, der nicht nur meine Sünden, sondern die Sünden der ganzen Welt hinwegnehmen kann (Joh. 1, 29). Denn da die Nägel die Hände und Füße jenes Sündlosen um der Sünder willen durchbohrt haben, so sind wir jetzt durch Sein Opfer von der Sünde und ihren Folgen errettet."

Als er das hörte, versuchte er nicht zuzustimmen, sondern sagte: „Ich kann niemals zugeben, man könne Erlösung als freies Geschenk und in einem kurzen Leben erlangen."

Wie schwierig ist es, daß, wer dieses Leben in Christus nicht erfahren hat, es verstehe oder zugebe, es sei wahr!

 

MIT DEM KOPF NACH UNTEN HÄNGEND

Dann sah ich einen anderen Büßer: dessen Füße waren an ein Seil gebunden, und so hing er an einem Baum mit dem Kopf nach unten. Ich ging fort und kehrte nach einer Weile zurück, als er losgebunden war und sich ausruhte. Ich fragte ihn, wozu er das täte, und wozu solche Peinigung gut sei. Er sagte: „Ich fühle mich jetzt nicht gerade zum Sprechen aufgelegt; aber da du ein Sadhu-Bruder bist, will ich meinen Beweggrund mit wenigen Worten erklären. Bedenke für einen Augenblick: weshalb sind die Leute so verblüfft, wenn sie mich mit dem Kopf nach unten

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hängen sehen, da doch der Schöpfer selbst alle Menschen im Mutterleibe mit dem Kopf nach unten gehängt hat? Wohlan, das ist meine Art, Gott zu dienen und Buße zu tun. In den Augen der Welt ist es Narrheit. Aber indem ich mich so verhalte, möchte ich mich und alle Menschen daran erinnern, daß wir uns, wenn wir uns in Sünden verstricken, in der Sicht Gottes auf den Kopf stellen, auch wenn wir in den Augen der Welt richtig zu stehen scheinen. Ich will mich auch äußerlich wie innerlich immer weiter umstellen, bis ich weiß, ich stehe zum Schluß in Gottes Augen richtig."

Ich antwortete: „Du hast seltsame Gedanken. Es ist wahr: die Welt steht auf dem Kopfe, und auch ihre Wege sind verkehrt, aber wir sollten ihre verkehrte Art zu handeln nicht annehmen. Wie können wir uns durch unsere eigenen Anstrengungen selbst von den Verstrickungen der Sünde frei machen? Diese Auf­gabe geht über unsere Kraft. Deshalb wurde der Herr der Liebe Mensch, damit Er uns aus unserer Gefangenschaft befreie (Luk. 4, 18); und damit die Welt wieder in die rechte Ordnung ge­bracht werde, dazu gebraucht Er als Werkzeuge diejenigen, die Er gerettet und befreit hat" (Apg. 17, 6). Darauf bedeutete der Sadhu durch ein Zeichen, er wünsche nicht, das Gespräch weiter fortzusetzen. So stand ich auf und ging weg.

Eines ist ganz gewiß: trotz der furchtbaren Leiden, denen er sich unterzog, war er noch nicht fähig geworden, sein Leben dergestalt neu zu ordnen, daß er Zufriedenheit oder Frieden empfangen hätte.

 

OHNE HOFFNUNG

Danach traf ich einen anderen Büßer; der pflegte bei heißem Wetter den ganzen Tag hindurch zwischen den „fünf Feuern"138 zu sitzen, während er bei kaltem Wetter stundenlang im kühlen Wasser stand. Auf seinem Gesicht waren Traurigkeit und Hoff­nungslosigkeit geschrieben. Bei mir war noch ein anderer Mann, der fragte ihn mit tiefem Mitgefühl: „Du hast dich auf diese Weise seit fünf Jahren gequält. Möchtest du mir erklären, was

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du aus dieser Art zu leben gelernt hast? Welchen Gewinn hast du daraus empfangen?" Der Sadhu erwiderte: „Ich habe keine Hoffnung auf irgendeinen Gewinn in diesem gegenwärtigen Leben, und über die Zukunft kann ich auch nichts sagen. Das ist alles, was ich dir darüber sagen kann."

 

EINE SELBSTVERDORRTE  HAND

Als ich einmal ein paar Tage in den Dschungeln von Rikhi Kesh verbrachte, in denen viele Sadhus leben, sah ich sehr viele Leute um einen Sadhu herum sitzen, der sich am Ufer des Ganges niedergelassen hatte. Der Sadhu hatte die eine Hand über seinen Kopf erhoben, so daß ich aus der Ferne meinte, er gebe dem Volk seinen Segen. Als ich näher kam, sah ich, die Knochen seines Armes standen so, daß er ihn nicht herunter­nehmen konnte. Nachdem er sein Gespräch mit den Leuten be­endet hatte, fragte ich ihn, wie sein Arm verdorrt und dergestalt unbeweglich geworden sei. Er erwiderte mit dem großen Stolz eines Mannes, der einen Feind in der Schlacht besiegt hat. „Herr", sagte er, „mit dieser Hand habe ich viel gestohlen und viele geschlagen; aber es kam ein Tag, da erschrak ich so sehr, daß die Grundlagen meines ganzen Lebens erschüttert wurden. Ich gab mein altes Leben auf und beschloß, diese Hand sollte entweder abgehauen oder unbrauchbar gemacht werden und da­durch die Strafe empfangen, die sie verdiente. Ich befragte mei­nen guru139 (Lehrer), und auf seinen Rat hin hielt ich sie an­dauernd über meinen Kopf, bis sie vollständig verdorrt und in dieser Haltung erstarrt war. Jetzt bin ich sehr stolz darauf."

Ich erwiderte: „Ich bewundere deinen Mut und deine gute Absicht, aber es tut mir leid, daß du eine dir von Gott gegebene Gabe verderbt hast. Du hättest deine Hand nicht zerstören, sondern sie gebrauchen sollen, um anderen zu helfen. Auf diese Weise hättest du bis zu einem gewissen Grade den Schaden wieder gut machen können, den du mit ihr angerichtet hattest. Wirklicher Mut und Sieg bestehen nicht darin, daß du deine

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Hand sinnlos zerstörst, sondern daß du sie gebrauchst, um an­deren zu helfen. Mein guru, Jesus Christus, hat gesagt: ,Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir' (Matth. 5, 30). Damit wollte Er sagen, wir sollten so aus unse­rem Herzen das ausschneiden, was dem Bösen dient, damit es in Zukunft nicht wieder zu solch einem Zweck zur Verfügung stehe."

Kaum hatte ich meine Worte beendet, als er auch schon in solcher Wut auf mich zusprang, daß er, wenn er hätte seine Hand gebrauchen können, mich ohne Zweifel geschlagen hätte. Nachher erklärte ich ihm höflich, wie sinnlos es für ihn sei, daß er sich so verstümmelt hatte. Es wäre besser gewesen, wenn er das Trachten seines Herzens, das hinter der Hand stand, ge­ändert hätte: denn dann könnte sie sich jetzt bewegen und im Leben Gottes Willen erfüllen.

 

SCHWEIGE-GELÜBDE

Am nächsten Tag ging ich einen anderen Mann besuchen, den die Leute Moni Bawa nannten. Er war ein Sadhu, der das Gelübde getan hatte, eine Anzahl Jahre zu schweigen. Dieser Mann war ein wirklicher Wahrheitssucher. Seit sechs Jahren hatte er kein Wort mehr gesprochen. Die Antwort auf meine Fragen schrieb er auf eine Schiefertafel. Eine meiner Fragen lautete: „Warum gebrauchst du nicht diese Gottesgabe, denn Er hat dir die Zunge doch zum Sprechen gegeben, damit du Ihn verherr­lichest und anbetest und in Fragen des Geistes Rat gebest? Wenn Gott gewollt hätte, daß du schweigest, dann würde Er dich taub­stumm geschaffen und dir keine Zunge gegeben haben." Ohne ein Zeichen des Stolzes schrieb er als Antwort: „Was du sagst, ist ganz richtig; aber mein Wesen ist so schlecht, daß niemals etwas Gutes aus meinem Munde kam. Ich pflegte zu lügen und so zu reden, daß die Gefühle anderer Menschen verletzt wurden. Jetzt sind fast sechs Jahre vergangen, seit ich zum letzten Male sprach, aber ich habe mein Ziel noch immer nicht erreicht. Es ist

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besser zu schweigen, als keine guten Worte zu sprechen. Bis jetzt habe ich keinen Segen noch irgendeine besondere Botschaft für die Menschen empfangen; deshalb ist das beste für mich zu schweigen." Ich sprach etwas länger mit ihm und gab ihm dann ein Evangelium. Er nahm es dankbar an und versprach, es sorg­fältig zu lesen.

 

EIN SANNYASI40

Eines Tages hatte ich in Benares mit einem gebildeten Hindu Sannyasi ein Gespräch; in dessen Verlauf sagte er: „Die alten Regeln, die für den Stand der Sadhus89 und Sannyasis nieder­gelegt wurden, sind bewundernswert. Da tritt man zuerst in den Stand des Schülers, dann in den des Hausvaters, später im Le­ben zieht man sich von den Familiensorgen in die Wälder zu­rück, und schließlich tritt man im Alter in den Stand der San­nyasis oder der Entsagung. Aber der Weg, den du eingeschlagen hast, ist sehr seltsam: denn du bist in deiner Jugend ein San­nyasi geworden."

Ich sagte: „Ich sage nichts gegen deine Regeln; aber der Grund, weswegen ich Sadhu geworden bin, unterscheidet sich von dem deinen gar sehr. Ich bin nicht Sadhu geworden, weil ich meine, wer diesen Weg beschreitet, der erwerbe sich Verdienst oder Erlösung. Meine Absicht ist, ich möchte ohne weltliche Bindungen in der schlichten Art des Sadhu Ihm dienen, der mich durch Seine Gnade errettet hat. Ist es nicht richtig, daß ich in den besten Tagen meiner Jugend und Kraft Ihm diene, der Sein Leben für mich dahingegeben hat?"

„Und weiter, was würdest du dazu sagen, wenn einer deiner Schüler dir statt einer reifen saftigen Mangofnicht4 eine solche gäbe, die nur noch Schale und Stein wäre, weil aller Saft schon herausgesogen ist?" Er antwortete: „Solch ein Betragen wäre unverzeihlich. Es wäre der Gipfel der Ungezogenheit und Be­leidigung."

Ich erwiderte: „Wohlan, wenn wir uns in den Tagen unserer Jugend mit unseren eigenen Vergnügungen verschwenden und

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in der Schwäche des Alters nur Haut und Knochen unserer Ver­gangenheit Gott zum Dienst anbieten, würde das nicht bedeuten, wir bieten Ihm eine Gabe der Torheit, Beleidigung und Sünde, die nicht vergeben werden kann?" Der Sadhu antwortete: „Was geht dich die Erlösung anderer an? Jeder muß sich um seine eigene Erlösung bemühen. Freude, Ärger und Dienst Gottes be­sagen uns gar nichts, denn die Erlösung21 hängt einzig von unserem karma (Werke) ab."

Wieviel besser als dies ist doch die goldene Lehre Christi: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften. . . und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (Mk. 12, 30—31). Wenn wir dieses Grundwort in die Tat umsetzen, kann unser Leben nicht selbstisch werden, und unsere Beziehung zu Gott ist die der Söhne zu ihrem Vater, und untereinander werden wir wirkliche Brüder und Schwestern werden. In diesem Wort haben wir kurz zusammengefaßt die Lehre des Evangeliums über die Erlösung und das Reich Gottes. —

Die Lebenswege, die wir bisher kennengelernt haben, sind die einiger weniger Sadhus, die, im Unterschied zu dem gewöhnli­chen Weg der Menschen, ihre Zeit ausnahmslos den geistigen und religiösen Pflichten widmen. Aber Millionen anderer Hin­dus haben einen ähnlichen Glauben; während selbst solche Füh­rer wie Gandhi bekennen, es sei ihnen nicht gelungen, Gottes gewiß140 zu werden. In der kürzlich veröffentlichten Selbstdar­stellung seines Lebens hat er ausgesprochen: „Ich habe Ihn noch nicht gefunden, aber ich suche Ihn"; und anderswo sagt er: „Daß ich noch so fern bin von Ihm, ist mir eine ununterbrochene Qual."

 

EIN  NATIONALER   FREIHEITSKÄMPFER141

Wem es nicht gelungen ist, sein Herz in seiner Religion oder durch seine eigenen Werke zu befriedigen, der ist leicht geneigt, gegen alle Religionen gleichgültig zu werden oder sich von der

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Religion überhaupt abzuwenden. Ein Führer der nationalen Frei­heitsbewegung sagte zu mir: „So lange wie ich die religiösen Bücher der Hindus nicht las, war ich ein treuer Anhänger des Hinduismus; aber nachdem ich sie studiert hatte, verlor ich alle Religion. Denn als ich in den Veden und in den anderen Büchern forschte, fand ich nicht jene Lehren, die ich erwartet hatte, und ihre einander weithin widersprechenden Lehren verwirrten mich völlig. Nach meiner Meinung müssen wir uns von der Religion überhaupt abwenden und nach Swaraj (Selbstregierung) streben, denn Jahrhunderte hindurch hat die Religion142 mit ihrer Maya-Lehre143 uns zu Sklaven anderer Völker gemacht. Es ist hohe Zeit, daß wir uns von dieser Knechtschaft befreien."

Darauf bemerkte ich: „Bei weitem die schlimmste aller Bin­dungen ist aber die Knechtschaft der Sünde. Deshalb müssen wir uns zuallererst von dieser Knechtschaft befreien. Ehe wir das Geburtsrecht des Swaraj bekommen, müssen wir Gott Sein Recht einräumen, in uns zu wohnen und uns zu regieren. Dann wird Er uns auch unser Recht gewähren, denn außer diesem haben wir keines. Wenn wir zum Beispiel diese vergängliche Home-Rwfe144 erhalten, dann wird es ohne Christus Home-Ruinut sein. Deshalb müssen wir zuerst nach dem Reiche Gottes trachten und nach seiner Gerechtigkeit, dann werden uns alle anderen Dinge zufallen" (Matth. 6, 33). Aber mein Blickpunkt war für ihn ohne Wert. Er wiederholte nur: „Zuallererst müssen wir Home-Rule erhalten, und dann ist jedermann frei, die Religion anzu­nehmen, die ihm gefällt."

Ein Mann, der bei uns saß, sprach diese Anschauung aus: „Ich bin weder Hindu noch Christ, sondern ein Anhänger des Re­form-Islam. So kann ich ganz unparteiisch sagen: Indien ist noch meilenweit von der Freiheit entfernt, sowohl politisch wie reli­giös. Wir müssen mit Gottes Hilfe einen langen Weg wandern, bevor wir wirkliche Freiheit erreichen." —

Nun wollen wir einen Blick auf den Zustand einiger Anhän­ger anderer Religionen werfen.

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EIN  BUDDHISTISCHER  EINSIEDLER

Als ich eines Tages in Tibet über christliche Einsiedler sprach, bemerkte ein Mann, sie hätten in ihrem Lande auch viele Ein­siedler, und in dem Berge gegenüber sei eine Höhle, in der ein alter lama145 sich schon seit vielen Jahren dem Gebet und der Versenkung hingebe. Er habe den Eingang seiner Höhle zumau­ern lassen und sei niemals aus der Höhle herausgekommen. Die Leute aus der Nachbarschaft pflegten einmal am Tage Tee und geröstetes Gerstenmehl zu bringen und es ihm durch eine Öff­nung in der Mauer hineinzureichen. Weil er so lange schon im Dunkeln gelebt, sei er erblindet und wolle nun auch den Rest seines Lebens in der Höhle verbringen.

Ich nahm den Mann, der mir dies erzählt hatte, mit und stieg hinauf, um den Einsiedler zu besuchen. Wir mußten einige Zeit warten, da er gerade in Gebet und Versenkung begriffen war. Aber dann kam er auf unsere Bitte herbei und saß nahe bei der Öffnung in der Mauer. Es war unmöglich, ihn in seiner dunklen und engen Zelle zu sehen, und er konnte auch uns nicht sehen, aber wir konnten leicht miteinander sprechen. Zuerst fragte er mich, woher und weswegen ich gekommen sei. Dann fragte ich ihn nach seiner Erfahrung: „Was hast du durch diese einsame Versenkung erreicht? Da Buddha18 nichts über Gott gelehrt hat, zu wem betest du?" Er sagte: „Ich sehe Buddha als Gott an und bete zu ihm. Ich verberge mich in dieser Höhle nicht, damit ich irgendetwas erlange, sondern damit ich vielmehr befreit werde von allem Begehren, irgendetwas zu erlangen. Ich trachte da­nach, Nirvana zu erreichen — das Auslöschen allen Fühlens und Begehrens, sei es des Schmerzes oder des Friedens146. Aber noch immer bin ich leiblich und geistig im Dunkeln, und ich weiß nicht, was das Ende sein wird. Doch ich weiß, was auch immer mir jetzt noch mangelt, wird mir in irgendeiner anderen Wie­dergeburt gegeben werden."

Ich erwiderte: „Das Begehren und Fühlen, das du hast, ist dir von Gott gegeben, nicht damit es unterdrückt und ausgelöscht,

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sondern damit es gestillt werde in Ihm. Wenn der Schöpfer ge­wollt hätte, sie sollten zerstört werden, dann hätte Er sie nicht erschaffen. Diese Begehrungen zu töten ist nicht Erlösung, son­dern Selbstmord, denn sie sind untrennbar mit unserem Leben verbunden. Selbst wenn du versuchst, das Begehren auszu­löschen, so ist das nutzlos, denn zu begehren, ein Begehren zu töten, ist selbst ein Begehren. Wie kann auf diesem Wege Frei­heit oder Erlösung erreicht werden, wenn ein Begehren das andere schafft? Am besten ist es, dieses Verlangen nicht zu er­sticken, sondern es in Ihm zu stillen, der es geschaffen hat, und darin finden wir wahre Erlösung." „Wohlan", sagte er, „es wird sich zeigen, was einmal sein wird", und mit diesen Worten be­endete er unser Gespräch.

 

EIN CHINESISCHER DOKTOR

In Peking sprach ich einmal über Christus, den Heiland der Welt. Am Schluß der Versammlung kam ein chinesischer Doktor zu mir und sagte: „Christus wurde erst vor etwa 2000 Jahren geboren, aber lange vorher schon hatten wir in unserem Lande Lehrer wie Konfuzius121. Wie kann man da sagen, Christus sei weltumfassend? Die Lehre und das Beispiel des Konfuzius und unserer anderen Lehrer genügen uns."

Ich antwortete: „Wenn du sagst, Christus sei erst vor 2000 Jahren gekommen, dann machst du einen Fehler. Lange bevor Er Mensch wurde, war Er schon in der Welt, aber die Welt er­kannte Ihn nicht; die Ihn aber erkannten, waren froh (Joh. l, 10; 8, 56—58). Ich bin nicht gegen Konfuzius und seine Lehre. Aber sage mir, worin ist China als Nation durch seine Lehre und sein Beispiel fortgeschritten, und sage mir im besonderen, wel­chen Gewinn hast du selbst von ihm empfangen?"

Er antwortete: „Diese Lehre gleicht nicht einem Bissen, den man schlucken und dessen Wirkung man dann sogleich sehen kann. Seine Wirkung wird sich langsam selber zeigen." Ich er­widerte: „Zweifellos wird ein Bissen nicht sogleich verdaut, so daß er ein Bestandteil unseres Leibes wird; aber zum mindesten er-

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freuen wir uns sogleich seines Geschmacks, wenn unser Geschmack nicht durch irgendeine Krankheit geschwächt ist. Gute Lehre allein gleicht einem Halsband von Diamanten, das, wenn man es um den Hals eines Kranken legt, auf dessen Krankheit nicht einwirkt. Die Worte Christi sind aber nicht nur gute Lehre, sondern gleichermaßen ,Geist und Leben' (Joh. 6, 63). Und Millionen über Millionen, die Ihn angenommen, haben durch Ihn neues Leben empfangen."

Der Doktor sagte: „Dieses neue Leben und diese Verwand­lung können nicht von außen kommen, sondern hängen von unseren eigenen Anstrengungen ab." Ich sagte: „Es ist richtig, das Ereignis des Empfangens hängt von uns ab, doch das neue Leben können wir durch unsere eigenen Anstrengungen nicht gewinnen. Ein wilder Baum kann nicht aus sich selber edel wer­den, aber durch Pfropfen kann er veredelt werden. Gleicher­maßen kann auch der sündige Mensch durch Glauben in Christus eingepfropft werden; dann fließt das Leben Christi in ihn hinein und verwandelt ihn in eine neue Kreatur, und das ist Erlösung." Hier wurde der Doktor zu einem Kranken gerufen, und unser Gespräch war zu Ende.

 

EIN RABBI

In Jerusalem begegnete ich einem jüdischen Rabbi, der war in seinen Anschauungen recht frei. Ich fragte ihn, was er über Christus und über die Zukunft des Verheißenen Landes denke. Er sagte: „Was mich betrifft, so erwarte ich, daß der Messias komme und das Verheißene Land wiederherstelle; aber ich weiß nicht, ob dieses Verlangen in diesem oder erst im nächsten Le­ben erfüllt werde. Ich kann auch nicht mit Gewißheit sagen, ob der Jesus, der in dieser Stadt gekreuzigt wurde, der Messias war, oder ob der Messias erst noch kommen soll. Natürlich muß ich zugeben, Jesus war ein großer Prophet, und mein Volk hat ihn mit äußerster Härte und Grausamkeit behandelt. Und ich weiß, daß wir bis zu diesem Tage die Strafe für unsere Sünde erleiden, daß wir Ihn getötet haben: ,Sein Blut ist über uns'."147

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Ich könnte noch viele andere Gespräche und Begebenheiten dieser Art mitteilen, aber es mag genug sein. Wer Gelegenheit gehabt hat, mit den Anhängern verschiedener Religionen in an­deren Ländern in Berührung zu kommen, und wer ihre Nöte mit Teilnahme erforscht hat, kann bezeugen: wenn der Lebendige Christus sie nicht berührt, dann hat ihr Leben keinen bleibenden Frieden und keine Hoffnung.

Viele empfinden, in ihrem Leben ist solch ein wirklicher Man­gel, daß sie niemals hoffen können, ihn durch ihre eigenen Anstrengungen oder durch die Güte, die sie vielleicht erreichen, zu stillen. Wie wahr ist doch Gottes Wort: „Wer den Sohn Got­tes hat, der hat das Leben; und wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht" (1. Joh. 5,12).

 

2. Kapitel

NICHTCHRISTEN MIT CHRISTUS

Wer in Indien in der christlichen Arbeit steht und mit allen Menschenklassen in enge Berührung kommt, weiß: es gibt eine sehr beträchtliche Anzahl Nichtchristen, die glauben im ge­heimen an Ihn als ihren Erlöser. Dieser Tatbestand findet sich mehr oder weniger auch in anderen Ländern. Daneben gibt es viele andere, die nehmen Ihn zwar nicht als Erlöser an, aber sie stehen dennoch stärker unter Seiner Einwirkung als unter dem Einfluß der Lehren ihrer eigenen Religionen oder ihrer geistigen Lehrer. Ich weiß von einer ganzen Anzahl nichtchristlicher Füh­rer in Indien, auf die hat der Geist Christi gar sehr gewirkt; aber sie haben noch gar nicht erkannt, wie weit Er sie schon gewon­nen hat.

 

SEINE  EINWIRKUNG  AUF  GEGNER

Es ist wahrlich bemerkenswert, wie Christus oft sogar im Leben vieler Menschen sichtbar am Werk ist, die ihren eigenen Religionen leidenschaftlich anhängen und sich gegen das Chri-

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stentum feindlich verhalten. Das geht so weit, daß sie ihre eige­nen Religionen öffentlich prüfen und sie im Licht der Lehre Christi erneuern wollen. Sie ahmen sogar viele Wege der Chri­sten nach. Wenn sie ihre Religionen auf neuzeitliche Weise dar­bieten, so nehmen sie sehr oft die Wörter148 ihrer alten Lehre, gießen aber in sie einen neuen Inhalt hinein, den sie mittelbar oder unmittelbar vom Christentum her beziehen. Auf diesem Wege sind sie schon so weit gegangen, daß sie ihre eigenen Leh­ren oft in christliche Ausdrücke gekleidet darbieten. Dadurch sind schon viele Christen und auch westliche Gelehrte getäuscht worden: sie meinen nämlich, zwischen dem Christentum und den anderen großen Weltreligionen sei kein großer Unter­schied.

In diesem Kapitel möchte ich von denen berichten, die, ohne daß sie sich von ihrer nichtchristlichen Umgebung abgelöst ha­ben, dennoch versuchen, in ihrem Leben Christus nachzufolgen.

 

„WEHRET  IHM  NICHT"

Engherzige Christen sehen oft die nicht als Christen an, die zwar an Christus glauben, aber sich selbst öffentlich keiner christ­lichen Gemeinde angeschlossen haben. Ich heiße gewiß nicht gut, daß sie sich nicht öffentlich hervorwagen; doch habe ich niemals empfinden können, sie seien keine Christen. Unter ihnen gibt es einige, deren Dienst für Christus ist bei weitem größer als der vieler christlicher Arbeiter. Das ist so besonders an den Orten, wo christliche Arbeiter schwerlich hingehen können. Ich habe kein Recht, irgendwelche Namen aus dieser Gruppe zu veröffent­lichen; aber ich kann von ihrem Glauben und ihren Werken be­richten. Ihre Lage ähnelt vielleicht denen, auf die Johannes die Aufmerksamkeit des Herren richtete: „Wir sahen einen, der trieb die Teufel aus in Deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er kam nicht mit uns." Und Jesus sprach zu ihm: „Wehret ihm nicht; denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns" (Luk. 9, 49—50). Es gibt viele Christen unter uns, die würden von

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solchen nicht anerkannten Arbeitern sagen, man solle ihnen wehren, da sie nicht Mitglieder der verfaßten Kirche sind. Aber wenn der Herr ihnen nicht gewehrt hat, welches Recht haben wir dazu?

 

GEHEIMER   ODER   ÖFFENTLICHER   DIENST?

Mehrere Male habe ich Gruppen von Leuten getroffen, die dennoch, obwohl sie als geheime Jünger leben, zusammenge­schlossen sind und nach dem Maß ihrer Fähigkeit und Erkennt­nis für den Herrn arbeiten.149

Eines Tages fragte ich einen von ihnen: „Warum bekennt ihr den Herrn nicht öffentlich vor den Menschen?" (Matth. 10, 32; Markus 16, 15—16). Er erwiderte: „In unserer Gesellschaft gibt es Tausende Männer und Frauen, die gehören verschiedenen Lebenswegen an. Sie glauben alle an Christus als ihren Erlöser und sind in Seinem Namen getauft; sie beten Ihn an und dienen Ihm mit Freuden. Obgleich die Gesellschaft ganz durchgegliedert ist, tun wir unser Werk im Verborgenen. Sind nicht all diese Tausende, vor denen wir unser Bekenntnis ablegen, Menschen? Und jetzt noch ein Wort über die Arbeit. Es gibt verschiedene Wege, sie zu tun. Wenn so viele öffentlich arbeiten, muß es auch andere geben, die es dazu treibt, im Verborgenen zu wirken. Im Leib haben wir innere und äußere Organe. Sie gehören alle zu demselben Leib und werden von demselben Geist geleitet, obgleich die Arbeit, die sie zu verrichten haben, so verschieden ist. Genau so steht es mit dem Leib Christi, den wir die Kirche nennen. Außerdem gleichen die Christen dem Salz wie dem Sauerteig, die langsam und still wirken. Christus hat uns auch dazu berufen, Menschenfischer zu sein. Du weißt doch: wenn der Fischer sein Handnetz auswirft, so tut er es ohne Geräusch, sonst würden die Fische alle verschwinden. Gegenwärtig gibt es in unserer Gesellschaft Hunderte Fische, groß und klein, die einst, wenn sie die lärmigen Fischer sahen, vor Christus davon­liefen. Jetzt aber hält Er sie fest in Seiner Hut, und niemand soll

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sie Ihm aus der Hand reißen. Und auch diese versuchen nun auf solch stille Weise, andere zum Erlöser zu bringen. Nun sage mir, ob dieses Leben nach dem Willen Christi sei oder nicht?"

 

WIRKLICHES   CHRISTENLEBEN

Es besteht kein Zweifel: wirkliches Christenleben, sei es offen oder verborgen, wird immer Frucht bringen, und wo immer es ist, wird es auf andere zum Guten einwirken. Und Wahrheits­sucher werden, wenn sie die Wirklichkeit solch eines Lebens sehen, noch immer zur Quelle des Lebens gezogen werden.

Nimm dieses Beispiel. Zwei Prediger gingen einmal hinaus auf den Bazaar150, um zu predigen. Der erste war recht geschickt und beredt. Er begann zu predigen; aber nach wenigen Minuten fing ein Hindu an, ihn mit Fragen zu bewerten, und er mußte aufhören, um sie zu beantworten; das tat er zwar zu seiner eige­nen, nicht aber zu des Fragers Zufriedenheit. Schließlich, als er nicht mehr vorwärts kam, wandte er sich zu seinem Gefährten und sagte: „Jetzt wird dieser Bruder dir antworten." Dieser zweite Prediger war weder ein guter Redner noch in der Aus­einandersetzung gewandt, aber er war ein aufrichtiger Christ und ein Beter. Als er vortrat, verbeugte sich der Hindu sogleich mit zusammengelegten Händen vor ihm, grüßte ihn und sprach zu dem ersten Prediger: „Diesem habe ich keine Frage zu stellen, denn ich kenne sein Leben; ich habe in seinem Leben den Leben­digen Christus gesehen und habe durch ihn den Weg des Heils gefunden.56 Aber mein Einwand gilt dir: denn mit deinem Munde verkündigst du den Lebendigen Christus, aber in deinem täglichen Leben verleugnest du Ihn. Es wäre bei weitem besser, wenn solch ein Mund für immer geschlossen wäre, denn du hast mich und andere von Christus fern gehalten. Ich wünschte, ich hätte deinen Gefährten schon vor Jahren getroffen, dann wäre ich nicht so lange von meinem Herrn fern gehalten worden. Wohlan, was lange währt, wird endlich gut.151 Doch muß auch darin irgend ein guter Zweck liegen. Möge Gott dir vergeben."

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Als der beredte Prediger das hörte, ging er mit gebeugtem Haupt beschämt nach Hause, und der Neubekehrte ging mit dem Got­tesmann und weihte sein Leben dem Dienste Gottes.

 

SUCHEN UND  FINDEN

Es ist eine Sache allgemeiner Erfahrung: wer sucht, der findet, und wer gefunden hat, der sucht weiter. Wie Pascal152 sagt: „Du würdest nicht nach Mir gesucht haben, wenn du Mich nicht schon gefunden hättest." Wer Gottes Gegenwart noch nicht er­fahren hat, der wird sich gleichgültig verhalten, ob er Ihn zu finden versucht oder nicht. Gott gibt den Sinn für Seine Gegen­wart allen; dann aber hängt es von ihnen ab, ob sie Ihn weiter­hin suchen oder nicht. Wir alle können Gott erreichen; aber da­mit wir mit Ihm in Verbindung kommen, muß unser Herz auf Ihn eingestimmt sein. Wenn wir die Sendung des Rundfunks hören wollen, die als Gesang, Musik oder Vortrag in der Luft gegenwärtig ist, dann brauchen wir einen Empfänger, der genau auf die Sendung eingestellt ist. Wenn er nicht so eingestellt wäre, dann wäre es uns ganz gleich, ob die Sendung da ist oder nicht.

 

EIN WAHRHEITSSUCHER

Ein Wahrheitssucher erzählte mir seine Erfahrung: „In meiner alten Religion hatte ich eine Art Trost, aber ich besaß keinen Frieden. Dieser Trost erweckte in mir das Verlangen, wirklichen Frieden zu suchen, und während ich ihn suchte, wurde ich auf wunderbare Weise allmählich dazu geführt, daß ich die Quelle des Friedens fand. Als ich soweit gekommen war, wurde ich inne: dieser Antrieb sowie dieser Herzensfriede waren beide vom Lebendigen Christus gekommen, in dem nun all mein ruhe­loses Sehnen Ruhe gefunden hat."

Meinen eigenen Zustand und den anderer Wahrheitssucher, die zuerst Christus nicht gekannt hatten, kann ich durch die folgende

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Geschichte beleuchten: Vor wenigen Jahren, während einer Hun­gersnot, befand sich ein Mann in angesehener Stellung ohne Geld und dem Hungertod nahe. Aus Stolz oder Scham wollte er weder jemandem von seiner hilflosen Lage erzählen noch um Hilfe bitten. Er konnte nur zu Gott schreien. Sein Gebet wurde bald erhört: ein Kaufmann, der kürzlich aus einem fremden Lande zurückgekehrt war, vernahm von seinen Schwierigkeiten und sandte im geheimen des Nachts Lebensmittel in sein Haus. Er war über diese Gebetserhörung hoch erfreut, kniete nieder, schüttete sein Herz vor Gott aus und lobte Ihn. Nicht lange da­nach endete diese Hungersnot. Da besuchte ihn der Kaufmann und bot ihm soviel Geld auf Vorschuß an, wie er brauchte. Als die Absicht seines Wohltäters in ihm aufdämmerte, fiel er in aufrichtiger Dankbarkeit vor ihm nieder und küßte seine Füße. Da erfuhr er, sein Wohltäter war sein eigener älterer Bruder, von dem er lange geglaubt hatte, er sei im fremden Lande ge­storben.

 

EIN PANDIT158

Eines Tages ging ich, um den Pilgern in einer Stadt am Gan­ges zu predigen. Gerade als ich mich aufstellte, kam ein Pandit, setzte sich zu mir und fragte: „Bist du auch hierher gekommen, um wie andere Pilger zu baden?" Ich sagte: „Nein, ich habe bereits durch den Glauben im Blute Christi gebadet und bin durch Seine Gnade gerettet; deshalb brauche ich die zeremo­niellen Bäder im Ganges nicht mehr. Ich bin hergekommen, um den Pilgern etwas vom Erlöser zu sagen." Als der Pandit das hörte, war er erstaunt; aber mein eigenes Erstaunen war nicht geringer, als er mit strahlendem Gesicht sagte: „Das ist herrlich, Storni154; ich bin auch zu demselben Zweck hier." Und mit großer Liebe umarmte er mich. Als mehrere der Pilger das sahen, kamen sie zu uns, damit sie das Gespräch zwischen dem Pandit und dem Sadhu mit anhören könnten. Wir predigten ihnen beide das Evangelium, und sie lauschten aufmerksam.

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Dann fragte einer der Pilger: „Meint ihr mit Christus — Krishna155 oder irgendeine andere Menschwerdung der Gott­heit?" Da führte der Pandit ein paar Sanskrit-Verse an und sagte: „Wir predigen nicht über Krishna, sondern über Christus, die sündlose Menschwerdung, die in den Shastras36 verheißen ist; denn Krishna kam nicht, um Sünder zu erretten, sondern um sie zu vernichten (Gita IV 8); aber Christus kam, um Sünder zu erretten" (Matt. 9,13; Luk. 9, 56).

Als wir mit Predigen fertig waren, nahm der Pandit mich mit in sein Haus und machte mich mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen bekannt, die ebenso eifrige und ernste Christen waren wie er selber. Nachdem wir gegessen hatten, sprachen wir noch einige Stunden miteinander, und er erzählte mir, er habe schon viele Jahre hindurch auf diese Weise für den Herrn gewirkt, und durch sein Predigen seien schon viele zum Glauben gekom­men. Die Missionare und Christen jenes Ortes kannten ihn nicht, obgleich die Saat, die sie ausgestreut hatten, aufzugehen und zu wachsen begann, sie wußten nicht wie (Mark. 4, 26—29).

Ich bat ihn, mir zu erzählen, wie er Christ geworden war. Und er erzählte mir seine Geschichte: „Ich hatte oft von Christus ge­hört, aber wegen meiner Vorurteile pflegte ich mich von Missio­naren und Christen und ihrem Christus so fern zu halten, wie ich nur konnte. Aber einmal traf ich auf der Kumbh-Mela156 in Allahabad zwei gelehrte Männer, die gehörten zu der Geheimen Christen-Gesellschaft.149 Sie waren Sanskrit-Gelehrte. Zuerst hielt ich sie für Hindus, doch nach und nach bewiesen sie mit großer Klarheit, Christus allein ist der Erlöser. In wenigen Ta­gen verschwand all meine Abneigung und mein Mißverständnis des Christentums. Dann tauften mich diese beiden Sannyasis oder Sadhus im Jumna-Fluß im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Von dem Tage an habe ich meine Zeit und Kraft dem Dienst des Erlösers gewidmet. Wäre ich jenen beiden Sannyasis nicht begegnet, so wäre ich wohl niemals Christ geworden."

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GESETZ  UND  ERLÖSUNG

„Diese beiden Sadhus", fuhr der Pandit fort, „erklärten mir zu meiner Befriedigung einige meiner Schwierigkeiten. So sag­ten sie zum Beispiel: wie in einigen anderen Religionen das Ge­setz gelehrt wird, so gibt es auch in der Hindu-Religion das Gesetz des Karma (der Werke und ihrer Vergeltung). Das Ge­setz macht niemanden gut. Es unterscheidet nur zwischen Gut und Böse, oder zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir nicht tun sollen. Noch nie hat jemand das Gesetz erfüllt, und keiner kann es je erfüllen; deshalb sind alle Menschen ohne Hoffnung auf Erlösung. Es kommt nicht darauf an, ob das Ge­setz durch Mose157 gegeben wurde oder durch RisTn's158 (Weise). Gnade und Wahrheit kamen durch Jesus Christus (Joh. i, 17). Das Gesetz macht keinen gerecht, sondern betont vielmehr, wie notwendig Gerechtigkeit ist, und diese Not wendet Christus. Dadurch, daß Er selber Mensch wurde, hat Er das Gesetz für den Menschen erfüllt (Rom. 5, 19). Und dadurch, daß Er Sein eige­nes Leben dahingab, hat Er denen Leben verliehen, die tot sind in ihren Sünden. Als Er dieses ganze Erlösungswerk vollendet hatte, rief Er aus: ,Es ist vollbracht/"159

„Nun", fügte der Pandit hinzu, „glaube ich mit meiner Fa­milie an Christus, nicht bloß, weil jemand unsere Nöte behoben hat, sondern weil wir aus persönlicher Erfahrung erkannt haben: Christus ist in der Tat unser Erlöser und der Erlöser der Welt" (Joh. 4,42).

 

EIN  ÄGYPTISCHER MUSLIM

Ich erinnere mich eines ähnlichen Zeugnisses, das mir erzählt wurde, als ich in Kairo war. Der es mir erzählte, schien äußerlich Muslim zu sein, aber im Herzen war er Christ. Er sagte: „Von Kindheit an bin ich im Gesetz und den Geboten Gottes unter­richtet worden. Ich wollte wirklich nach dem Gesetz leben. Aber ich entdeckte, ich versagte so oft, daß ich zuletzt alle Hoffnung

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verlor. Ich wußte, Gott ist der Gnädige und Barmherzige, aber ich fand keinen Frieden. Wann immer ich an meinen sündigen Zustand dachte, sah ich deutlich: Gott und der Himmel sind heilig; aber ich konnte, selbst wenn meine Sünden vergeben wären, niemals in die Gegenwart des Heiligen Gottes eingehen, solange mein sündiges Wesen nicht verwandelt und gereinigt wurde. Jahre hindurch erforschte ich den Koran, den Hadith68 und andere heilige Bücher, damit ich fände, wie ich mein altes Wesen los würde und Heil und neues Leben gewönne; aber all meine Bemühungen waren vergebens. Doch ich danke dem Gott der Liebe, daß Er, selbst bevor ich nach Ihm zu suchen begonnen hatte, bereits dabei war, mich zu suchen. Selbst als ich ihn und Er mich gefunden hatte, erkannte ich Ihn noch nicht vollkom­men, bis ich wiedergeboren wurde. Jetzt kenne ich Ihn: Sein Ebenbild ist in mir, und seit die Welt geschaffen wurde, ist Er mein gewesen und ich Sein. Jetzt ist mein Herz voller Frieden, denn ich habe den wirklichen Islam160 gefunden: Jesus Christus, der gekreuzigt wurde, nun aber lebt in Ewigkeit. Jetzt verbringe ich den Rest meines Lebens in Seinem Dienst."

Dann fuhr er fort und bemängelte, daß das Geistesleben in der Kirche so niedrig stehe, und fügte hinzu: „Es wäre besser für mich, ich ertränkte mich im Nil, als daß ich als Glied der Kirche getauft würde; denn das Leben ihrer Glieder ist oft nur wenig besser als das der Anhänger meiner alten Religion. Wozu wäre es gut, wenn ich aus den Dornen herauskäme, um in die Disteln zu fallen, oder aus dem Sumpf, um in den Schlamm zu sinken? Es scheint mir besser, ich halte mich von ihnen allen fern und bleibe mit meinem Herrn verbunden, damit ich, wann und wie ich kann, für Ihn Zeugnis ablege. Ich glaube gewiß, Er werde mein Werk für Ihn annehmen/'

Dieser Mann kannte östliche und westliche Christen gut und wußte um ihr sittliches, geistliches und soziales Leben. Er war niemals Mitglied der Kirche geworden, obgleich er Christus an­genommen hatte; denn er hatte gefunden, einigen Kirchen fehlte es an Mitgefühl, Liebe und christlicher Gemeinschaft. Dieser

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Stand der Dinge ruft die Christen auf, zu erwachen und ihrer Verantwortung inne zu werden, denn dieser Mann steht keines­wegs allein. Gleich ihm gibt es viele, die, von der Kälte einiger Kirchen abgestoßen, vorziehen, sich von ihnen fern zu halten; und der Lebendige Christus selbst wird den Christen ohne Chri­stus erklären: „Ich habe euch nie gekannt" (Matth. 7, 23).

 

ZWEI BRÜDER

Ein anderer Mann, dem ich mehrere Male begegnete, hatte nach vielen Jahren des Suchens Christus als seinen Erlöser ge­funden. Auch er blieb außerhalb der sichtbaren Kirche, aber er arbeitete auf seine eigene Weise, und es kann kein Zweifel sein, der Herr hatte sein Werk gesegnet. Eines Tages gab er mir in der Anwesenheit eines anderen Mannes einen sehr fesselnden Bericht seiner Arbeit. „Als ich Christus als meinen Erlöser an­nahm und Er mich aufnahm, bemühte ich mich zuallererst, daß meine Angehörigen Ihn kennen lernten. Wie Andreas zuerst zu seinem eigenen Bruder Petrus ging (Joh. i, 41), so sprach ich zuerst zu meinem Bruder und sagte: ,Ich habe Jesus von Nazareth gefunden. Er hat mich von der Sünde erlöst und mir den wirklichen Frieden geschenkt, den ich seit Jahren suchte.'

Sowie er das hörte, geriet er in große Wut und sagte: ,Fluch dir und deinem Frieden! Du willst die Hindu-Religion verlassen und zu diesen Christen gehören; deren Religion ist doch nichts als Schwindel. Du wirst deinem und deiner Familie Namen nur Schande machen. Es wäre besser, du gingest und ertränktest dich im Brunnen. Ich bete, Ishwar (Gott)21 möchte dich auf den rechten Weg zurückbringen oder mit Blindheit schlagen, damit du die Wahrheit erkennst und deine Religion nicht verlassest.' Ich sagte zu ihm: ,Ärgere dich nicht, sondern prüfe ernstlich diese Dinge für dich selber, dann wirst du sehen können, welche Religion falsch und welche wahr ist. Du hast zu deinem Gott gebetet, ich möchte blind werden; ich aber bitte meinen Gott, der die Liebe ist, Er wolle deine Augen auftun, damit du Ihn sehen und erkennen kannst.'

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Als er dies hörte, wurde er ruhig und still. Mehrere Tage hin­durch setzten wir unsere Gespräche miteinander fort, und nach einiger Zeit sagte er zu mir: ,Wohlan, es wird kein großer Schade sein, wenn du weiterhin an Christus glaubst und bei uns wohnen bleibst; vorausgesetzt, du gehst von hier nicht fort zu dem Hühnerhof einer Missionsniederlassung.' Ich erwiderte: ,Mich verlangt gar nicht danach, bei der Mission zu wohnen, denn ich bin nicht mit Rücksicht auf irgendeinen Pater oder Prediger Christ geworden, sondern allein um Christi willen, der immer bei mir ist' (Matth. 28, 20). Danach begann er täglich mit mir die Bibel zu lesen, und der Geist Gottes fing an, in ihm zu wirken. Gott erhörte mein Gebet und tat die Augen meines Bruders auf, der darum gebetet hatte, ich möchte blind werden. Jetzt ist er mir nicht nur durch leibliche, sondern auch durch geistliche Verwandtschaft ein wirklicher Bruder." Er wandte sich zu dem Mann an seiner Seite und sagte: „Das ist jener Bruder." Da begann auch dieser mit Tränen der Dankbarkeit von seiner christlichen Erfahrung zu erzählen, und wir drei knieten zusam­men nieder und beteten füreinander. Dann trennten wir uns mit dem Gruß des Friedens.162

 

EIN  SIKH  SARDAR163

Eines Tages ging ich in ein Dorf predigen, dessen Einwohner hauptsächlich Sikhs waren. Als sie erkannten, daß ich ein über­getretener Sikh bin, widersetzten sie sich heftig meinem Predi­gen und begannen, mich mit Ziegelstücken zu bewerfen. Es saß auch ein Mann dabei, der lauschte aufmerksam. Er stand sogleich auf, gebot den Leuten aufzuhören und rettete mich vor ihrem Angriff. Später hörte ich, er sei ein angesehener und einfluß­reicher Grundherr. Als die Leute sich zu zerstreuen begannen, nahm er mich mit in sein Haus und bewirtete mich gastfrei. Nachdem ich geruht hatte, nahm er mich beiseite, tat mir ohne Zurückhaltung sein Herz auf und sagte: „Vor ein paar Jahren ging ich auf einen Jahrmarkt. Da war ein Mann, der verkaufte

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religiöse Bücher. Ich blieb stehen und sah ein Evangelium an. Einige blind ergebene Anhänger des Arya Samaj164 standen da­bei und warnten mich und andere, wir sollten diese Bücher nicht kaufen; aber ein Sadhu, der vorbeikam, sagte: ,Nein, nein, habt keine Angst und seid nicht engherzig. Keiner, der sie je gelesen hat, ist dadurch zum Bösen verführt worden; aber das Leben vieler ist schon verwandelt worden. Auch ich pflege dieses Buch zu lesen. Wenn Hinduismus, Buddhismus, Islam oder irgend­eine andere Religion so schwach ist und so wenig Überzeugungs­kraft hat, daß sie durch das bloße Lesen dieses Buches geschlagen werden kann, dann ist sie überhaupt nicht wert, daß man sie glaubt. Es ist besser, wir folgen einer Religion wie dieser, die alle anderen überwinden kann: sie befreit ihre Anhänger von der Sünde und macht sie dadurch stark und siegreich/"

„Sogleich", fuhr der Sikh fort, „begann ein Streitgespräch zwischen dem Anhänger des Arya Samaj und dem Sadhu. Ich aber tat, wie der Sadhu geraten hatte, kaufte ein Evangelium und ging fort. Ich bedaure, daß ich jenem Sadhu niemals wieder be­gegnet bin. Als ich heimkam, begann ich, täglich im Evangelium zu forschen. Und das hat so gewirkt, daß es mein Leben gänzlich verwandelt hat. Nun weiß ich, Christus allein ist mein Erlöser und der Erlöser der ganzen Welt, und ich spreche täglich das Gebet, das Er Seine Jünger lehrte. Jetzt habe ich in meinem Her­zen jenen vollkommenen Frieden, den ich vorher nie besaß. Ich danke Ihm dafür aus der Tiefe meines Herzens; und wann immer ich eine Gelegenheit dazu habe, rede auch ich von der Leben-schenkenden Lehre des Herrn. Bis jetzt kenne ich die Taufe des Geistes, aber nicht die des Wassers. Kannst du mich taufen? Denn ich bin alt und schwach, ich kann mein Haus nicht mehr verlassen und unter jenen Fremden leben, die, obgleich Inder, doch keine Inder sind.165 Sie sind in ihrer ganzen Art Europäer geworden, sind aber sittlich und geistlich nicht ein biß­chen besser als meine Leute hier, sondern, in gewisser Weise, sogar viel schlimmer. Außerdem denke ich, es ist nicht des Herrn Wille, daß ich von hier fortziehe und bei ihnen wohne. Einige

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von ihnen sind zweifellos wahre Christen, aber die Mehrzahl sind keineswegs besser als die Nichtchristen. Es scheint mir bes­ser, ich bleibe hier wohnen und tue für den Herrn, was ich kann, nach meiner Fähigkeit." Und mit Tränen in den Augen fügte er hinzu: „Ich bin vollkommen gewiß: wenn Er heute kommen sollte, oder wenn ich plötzlich in Seine Gegenwart gerufen würde, so stieße Er mich keineswegs hinaus" (}oh. 6, 37).

Als er so da saß und sich die Augen wischte, begann ich ihm Einzelheiten meiner eigenen Erfahrungen und Verfolgungen zu erzählen, und wie Gott mich wunderbar bewahrt hatte. Ich blieb für ein paar Tage bei ihm, und er half mir auf jede Weise beim Predigen. Da ich selber nicht taufe, riet ich ihm, er solle nach irgendeinem Missionar schicken und so handeln wie der Mann, aus dem der Herr die Legion böser Geister ausgetrieben hatte: Er sandte ihn heim, damit er in seinem eigenen Hause und unter seinen Freunden bezeuge, was für große Dinge der Herr an ihm getan hatte (Mark. 5,19).

Nach meiner Meinung wäre es besser gewesen, wenn die Neu­bekehrten, anstatt sich von ihren Freunden und Verwandten zu trennen, in ihren alten Häusern hätten wohnen bleiben und dort ihr Zeugnis ablegen dürfen.166 Dann wären sie durch Kampf und Verfolgung, denen sie zu begegnen hätten, stärker gewor­den. Zweifellos hätten sie viele Gefahren, Versuchungen und Schwierigkeiten auf sich zu nehmen gehabt. Doch sollte man auch bedenken, daß sie in der neuen Umgebung, wo sie von den sozialen Bindungen der Sippe gelöst sind, ebenso großen Ge­fahren und Schwierigkeiten begegnen müssen. Nach meiner eigenen Erfahrung urteilend, möchte ich sagen: die Schwierig­keiten sind, obwohl anderer Art, doch ebenso groß wie in der alten Heimat.

In diesem Kapitel habe ich zu zeigen versucht: das belebende Werk des Lebendigen Christus ist nicht auf unsere verfaßten Kirchen beschränkt, sondern geht unter Nichtchristen sehr viel weiter, als wir für gewöhnlich wissen oder schätzen können. Und es ist zweifellos wahr: Leute aus allen Rassen der Welt

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werden auch weiterhin in das Reich Gottes eingehen, wäh­rend Tausende der Söhne des Reichs — der Mitglieder der sicht­baren Kirchen — in die äußerste Finsternis ausgestoßen werden (Matth. 8,11—12).

 

3. Kapitel

CHRISTEN OHNE CHRISTUS

Im letzten Kapitel sahen wir: viele, die als Nichtchristen gel­ten, sind in ihren Herzen wirklich echte Christen. In diesem Ka­pitel werden wir sehen: viele gelten als Christen und sind doch Nichtchristen. Christus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".75 Wir können den Weg nur erkennen, wenn wir ihn beschreiten; die Wahrheit nur, wenn wir sie von gan­zem Herzen suchen; und das Leben nur, wenn wir es leben.167

Es gibt viele sogenannte Christen, die haben kein Verlangen, auf dem Weg zu gehen oder die Wahrheit zu erkennen oder sogar das Leben zu leben. So haben sie keinen Anteil an der Er­kenntnis der Wahrheit oder an der Erfahrung des Lebens, das in dem Lebendigen Christus gelebt wird, und sie verlassen den Weg, um ihre eigenen Wege zu gehen, deren Ende der Unter­gang ist. Deshalb sind sie nicht nur ohne Christus und selber Ungläubige, sondern schlimmer als viele Nichtchristen.

 

DIE  SEINEN  NAHMEN  IHN  NICHT  AUF

In vielen westlichen Ländern, die als christlich168 gelten, haben sich Bildung sowie soziale und politische Freiheit weit ausge­breitet; das ist eine unmittelbare Wirkung der Lehre Christi. Aber wir müssen bedenken: kein Volk ist völlig christlich. Unter allen Völkern finden sich zahlreiche ernste Christen; aber wir können niemals soweit gehen, daß wir sagen, alle Schichten eines Volkes können als vollkommen christlich angesprochen

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werden. Nach meiner Meinung haben die Völker, die ihren Auf­stieg den Segnungen der Christus-Botschaft verdanken, sich in unserer Zeit oft von Ihm abgewandt und Seinen Geboten nicht gehorcht. Die Menschen hätten Ihn persönlich als ihren Heiland annehmen sollen. Statt dessen haben sie Ihn nur allzu oft ver­lassen und dadurch entehrt, daß sie Seine Gottheit leugnen. Da­mit haben sie die Worte bestätigt, die Er einst sprach: „Der Mein Brot isset, der tritt Mich mit Füßen" (Joh. 13, 18). Er kam zu den Seinen, damit Er sie aus ihrem gefallenen und Sünden­verderbten Leben aufhebe und wieder voll in die Gotteskindschaft einsetze — „aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf" (Joh. 1, 11).

 

EIN STUDENT

Nach einer Versammlung, die ich in Cambridge hielt, kam ein vielversprechender Hindu-Student zu mir. In Indien hatte er eine Missionsschule besucht. Er sagte: während er in jener Schule war, wurde sein Herz so sehr zu Christus gezogen, daß er be­schlossen hatte, Christ zu werden. Er war zum Missionar ge­gangen und hatte um die Taufe gebeten. Doch der Missionar konnte seine Bitte nicht erfüllen, denn er hatte noch nicht das Alter, das die Regierung für die Taufe vorschrieb. Dennoch war er entschlossen, wenn er das erforderliche Alter erreicht habe, sich taufen zu lassen. Danach trat er in ein Missions-College ein und wurde später von seinen Eltern nach England geschickt. „Als ich mich vorbereitete, hierher zu kommen", sagte er, „war ich vol­ler Freude, denn ich sollte das große Glück haben, in ein christliches Land geschickt zu werden und Bildung sowie geistliche Segnungen in dem Land zu empfangen, woher unsere guten Missionare ge­kommen waren. Aber nachdem ich gelandet war, einige Zeit hier gelebt und gesehen hatte, was für ein Leben die Leute hier führen, wurde ich gründlich ernüchtert. Während meiner Ferien besuchte ich Frankreich, die Schweiz, Deutschland und andere Länder auf dem Festland und fand: die Leute dort waren schlim-

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mere Heiden, als in den nichtchristlichen Ländern zu finden sind. Wenn in diesen Ländern die Menschen nicht Hindus sind, dann sind sie Muslime; wenn nicht Muslime, dann folgen sie irgend­einer anderen Religion. Doch in diesen europäischen Ländern sind die Leute, wenn sie keine Christen sind, überhaupt nichts und haben keine andere Religion als die Weltlichkeit. Das gilt nicht nur von dem gewöhnlichen Volk, sondern gleichfalls von manchen hochgebildeten führenden Männern. Selbst einige mei­ner Professoren haben mir gesagt, sie glaubten nicht an eine besondere Religion, sondern hielten alle für gleich.

Außerdem habe ich unter denen, die sich Christen nennen, einige getroffen, die haben eine Axt in die Wurzel des Christen­tums geschlagen, d. h. sie haben die Gottheit Christi, die eigent­liche Grundlage des christlichen Glaubens, geleugnet. Als ich diese Dinge entdeckte, war ich zuerst so sehr bekümmert, daß ich, wenn ich nicht vorher schon die Gemeinschaft und Liebe Christi in meinem Leben geschmeckt hätte, völlig irreligiös ge­worden wäre und meinen Glauben an Christus verloren hätte. So ist es einem meiner Freunde tatsächlich ergangen; er glaubte an Christus als den Erlöser, hatte aber noch keine tiefe Erfah­rung mit Ihm. Er vertritt nun leidenschaftlich die Behauptung, das Christentum sei nichts weiter als ein schöner Schein, und sagt, wenn er nach Indien zurückkehre, dann wolle er den Mis­sionaren sagen: wenn im Christentum überhaupt Wahrheit ist, dann täten sie besser, sie gingen zu ihrem eigenen Volk zurück und lehrten dieses, denn das brauche es nötiger als wir. Ich habe mich entschieden", so schloß mein Besucher, „ich will niemals Mitglied irgendeiner dieser Kirchen169 ohne Liebe werden, ob­gleich ich soweit wie möglich meinem Herrn nachfolgen und Ihm dienen will."

 

WIRKLICHKEIT

Ich erwiderte ihm: „Ich stimme dir weitgehend zu, denn ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich weiß, es gibt viele, die nennen sich Christen, ohne daß sie irgendeine Erfahrung mit

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Christus gemacht haben. Ich nenne sie ,Christen ohne Chri­stus'.170 Wenn die Glieder einer Kirche ohne christliches Leben sind, dann ist das Kirchentum ohne Christentum.1'11 Die Religion solcher Christen, welche die Gottheit Christi leugnen, ist wahr­lich Christentum ohne Christus.112 Sie sind Schalen ohne Kerne und Leiber ohne Seelen. Kultur und sittliches Leben allein, wie schön das auch immer sein mag, gleicht einem kalten und leb­losen Standbild. Laß dich dadurch nicht aus der Fassung brin­gen. Der Fehler liegt nicht bei unserem Lebendigen Herrn. Nicht Er hat versagt, sondern die Leute, die Ihn nicht verstanden haben und Ihm nicht nachfolgen; denn sie haben Ihm keine Ge­legenheit gegeben, ihr Leben zu verwandeln und ihr Herz zu einem Paradiese zu machen."

 

DIE GOTTHEIT CHRISTI

Ehe wir die Gottheit Christi erkennen können, müssen wir zu neuen Kreaturen werden. Das alte Wesen, Sünden-befleckt und gefallen, ist unfähig, Ihn zu erkennen. Wir müssen neues Leben und neues Wesen empfangen, ehe wir Ihn erkennen kön­nen, der das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, und nach dessen Bild wir geschaffen worden sind (Kol. 1, 15; 3,10); dann erst werden wir Ihn erkennen als den „wahrhaftigen Gott" (1. Joh. 5, 20).

 

ATEM UND GEIST

Der Mensch ist nicht nur aus seinem Urständ gefallen, son­dern ist auch tot. Deshalb kann er die Gegenwart Gottes, die uns wie die Luft umgibt, nicht fühlen. Ein Toter atmet nicht, noch fühlt er die Luft, in der er liegt. So ergeht es auch einem Menschen, der tot ist in der Sünde: er empfindet weder Gottes Gegenwart, noch atmet er den Atem des Gebets.

Als Gott den Odem des Lebens in Adam einhauchte, wurde dieser eine „lebendige Seele" (1. Mose 1, 27); doch durch die Sünde wurde diese Seele tot. So ist es nötig geworden, daß der Herr aufs neue den Atem des Lebens in ihn blase (Joh. 20, 22).

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DAS LICHT DER WELT

Die Sonne kann man nur in ihrem eigenen Licht sehen, und das „Licht der Welt"137 kann man auch nur in Seinem eigenen Licht sehen und erkennen. Aber wir müssen geistliche Augen haben, ehe wir es sehen können. Doch die Blinden und jene, die „Augen haben und nicht sehen"17S, gleichen den Eulen und Fledermäusen: sie haben wohl Augen, aber die Sonne nützt ihnen nichts.

 

DIE OFFENBARUNG"4 CHRISTI

Gotteserkenntnis und geistliche Einsicht hängen nicht von der Erkenntnis dieser Welt ab. Bloße weltliche Kenntnis von -ismen und -ologien ist oft nutzlos; sie bringt vielmehr oft die innere Stimme zum Schweigen und schafft an ihrer Stelle eine künst­liche Stimme: die leitet dann die Menschen irre, statt sie zu dem rechten Weg zu führen. Wirkliche Geisteserkenntnis kommt nur durch Gebet und Innerung; denn dann spricht Gott zum Men­schen in der geheimen Kammer des Herzens175, und dort hören wir Seine „stille leise Stimme"176. Zu solchen Zeiten offenbart Gott Seinen Kindern Dinge, die den Weisen dieser Welt ver­borgen bleiben. Denn diese haben nicht die neue Geburt erfah­ren, durch die allein sie in die neue Beziehung Seiner Kindschaft hätten treten können. Jesus offenbart dem Menschen, der an Ihn glaubt, sich selbst und durch sich selbst offenbart Er ihm Gott den Vater (Matth. 11, 26—27; Joh. 14, 21—23). Weltliche Kennt­nis können wir durch tuition erwerben, aber geistliche Erkennt­nis kommt nur durch Intuition, erleuchtet durch Ihn.177

 

EIN  AMERIKANISCHER   PROFESSOR

In Boston fragte mich ein gebildeter Mann, der ein Christ ohne Christus war: „Wenn Gott die Liebe ist, warum verbirgt Er sich vor der Welt? Er sollte sich zeigen und die Menschen aus ihrem Irrtum und ihrer Vernichtung erretten." Ich erwiderte: „Einst offenbarte Er sich der Welt in Christus, und auch jetzt

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zeigt Er sich einer jeden Menschenseele, die Ihn von ganzem Herzen sucht. Es ist wahr, Er ist die Liebe, aber zugleich ist Er auch ein verzehrendes Feuer (Hebr. 12, 29), denn Er verzehrt alles, was unrein und unheilig ist und Seinem Willen entgegen­steht. Die Sonne hilft durch ihre Wärme und durch ihr Licht, daß der Baum wächst; wenn aber der Baum irgendwie krank ist oder einen Schaden hat, dann hilft ihm dieselbe Sonne nicht, sondern bewirkt mit ihrer Hitze, daß er verdorrt. Daran ist nicht die Sonne schuld, sondern das kommt von dem Zustand des Baumes her. So verhält sich auch der Gott der Liebe, das Licht des Lebens: Er hilft jedem Menschen auf jede Art, daß er geistlich wachse. Aber der Mensch verkehrt durch sein eigenes Wesen dieses Leben-spendende Licht in ein Mittel seiner Vernichtung. Dies ist auch der einzige Weg, wie irgendetwas in Gottes ganzem Welt­all dem Menschen, der nach Gottes Ebenbild und Gleichnis ge­schaffen ist, schaden kann: wenn er durch Ungehorsam und Tor­heit sich selber Schaden zufügt und sein eigener Feind wird."

 

WIE  MAN  ANDEREN  SCHADET

Wenn ein Mensch ohne Gott lebt und sich selber dadurch schon soweit geschadet hat, daß sein geistliches Wahrnehmen und Empfinden abgestumpft ist, dann beginnt er, andere zu schädigen. Denn wenn sein innerer Sinn soweit kommt, dann wird er getötet und weiß nicht mehr, daß er anderen, die gleich ihm Glieder178 sind, Schaden zufügt. Wenn er geistlich für die Gefühle anderer wach wäre, dann würde er, anstatt ihnen zu schaden, ihr Wohl suchen und so die Absicht erfüllen, die der Schöpfer mit seinem Leben gehabt hat.

 

EIN  REICHER MANN

In Europa traf ich einmal einen Mann von beträchtlichem Reichtum, der auch in Philosophie sehr belesen war. Aber weder sein Reichtum noch seine Gelehrsamkeit hatten ihm den Frieden des Herzens gebracht. Kurz bevor ich ihm begegnete, hatte er viele Länder bereist und nach einem Ort gesucht, wo er den Rest

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seiner Tage in Frieden verbringen könnte. Wonach er ausge­schaut hatte, das war ein Land, weder zu heiß noch zu kalt, wo es weder tödliche Krankheiten noch giftige Insekten gebe, und wo ihm der soziale und sittliche Zustand der Menschen gefalle. „An solch einem Ort", sagte er, „will ich den Rest meiner Tage in Frieden verbringen." Als dieser Christ ohne Christus gleich Noahs Taube auf der Oberfläche der Erde keinen Ruheort ge­funden hatte, war er angeekelt in die Schweiz zurückgekehrt. Im Gespräch mit mir sagte er: „Ich unternahm diese Reise um die Welt, damit ich den Sorgen und Mühen des Lebens entfliehen könnte. Aber wozu sind Sie nach Europa gekommen?" Ich er­widerte : „Es gibt nichts in der Welt, auch keinen Ort, der Ihnen oder irgendeinem Menschen Frieden verschaffen kann vor jenem inneren Sehnen, denn jenes Sehnen ist nicht leiblicher Art, son­dern geistlich. Es kann letztlich nur in Ihm gestillt werden, der die Seele und ihr Sehnen geschaffen hat. Das Hauptziel dieser mei­ner Reise gleicht nicht dem Ihren. Ich komme, um den Lebendi­gen Christus zu bezeugen, der meine Seele mit Frieden erfüllt hat. Das zweite Ziel meiner Reise in diese sogenannten christli­chen Länder ist, ich möchte das Leben der Leute kennenlernen und sehen, wie es mit und ohne Christus aussieht. Nachdem ich durch mehrere Länder gekommen bin, habe ich bemerkt: die Ihn angenommen haben, führen trotz aller weltlichen Mühen und Schwierigkeiten ein glückliches Leben; die sich dagegen von Ihm abgewandt haben, sind, obwohl von all ihrer Üppigkeit und ihrem Besitz umgeben, ohne Herzensfrieden. Ich finde wahre Christen in Hütten ebenso glücklich wie in Palästen; während sogenannte Christen selbst in Palästen nicht die Glückseligkeit und den Frieden haben, den selbst die Ärmsten der wahren Chri­sten in all ihrer Armut haben."

 

DER ERLÖSER DER WELT

„Derselbe Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen", fuhr ich fort, „ist nicht nur im Westen zu sehen, sondern auch im Osten; und das zeigt uns ganz praktisch, Christus ist der

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Heiland der Welt. Wie es nur eine Sonne gibt, die gleicherweise im Osten wie im Westen scheint, so gibt es auch nur ein ,Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen'179. Die Menschen des Ostens wie des Westens sind Söhne einer und derselben Allmutter, und abgesehen von ein paar oberfläch­lichen Unterschieden sind das Wesen des Menschen und seine Nöte auf der ganzen Erde gleich. Die Erfahrung beweist vollauf: es gibt nur Einen, der die Nöte aller Menschen vollständig stillen kann; aber das ist nur möglich, wenn sie nach Seinem Willen leben."

 

MATERIALISMUS

Darauf fragte er: „Was halten Sie vom Materialismus180, denn die Menschen des Ostens nennen uns oft Materialisten?" Ich sagte: „Weder der Stoff noch irgendetwas anderes ist an sich schlecht, aber aus seinem Mißbrauch folgt Übel. Wenn der Stoff an seinen richtigen Ort gewiesen wird, dann ist alles in Ord­nung. Aber wenn man ihm, weil man dadurch ein geistiges Ver­langen stillen will, einen Platz in unserem Herzen einräumt, dann setzt er sich an die Stelle Gottes, ertötet unsere geistliche Wahrnehmung und macht unsere Seele ebenso leblos, wie er selber ist. Dieser Materialismus findet sich mehr oder weniger im Osten wie im Westen. Der Stoff ist dazu bestimmt, daß wir mit ihm das Haus unserer Seele erhalten und ihn mit Maßen gebrauchen. Wenn wir bei seinem Gebrauch die gesetzten Gren­zen überschreiten, dann verweisen wir die Seele an die zweite Stelle und erheben den Stoff an den Ort der Anbetung, und das endgültige Ergebnis ist die Zerstörung unserer Seele."

 

EIN  MAHARAJAH226

Vor kurzer Zeit lud mich ein indischer Fürst ein, ihn zu be­suchen, und ich hielt mich zwei oder drei Tage lang in seinem Palast auf. Er hatte westliche Länder bereist, und bis zu einem gewissen Grade hatten westlicher Materialismus und westliche Lebensart auf ihn eingewirkt, doch nicht so weit, daß er gegen

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Geistesdinge gleichgültig geworden wäre. Eines Abends erzählte er mir im persönlichen Gespräch seine Geschichte. „Ich danke Gott täglich für die Segnungen, die ich durch Jesus Christus empfangen habe, und ich gestehe meine Schwäche, daß ich Chri­stus nicht öffentlich bekennen kann. Ich weiß: wenn ich es tue, dann würden nicht nur meine Untertanen, sondern auch die bri­tische Regierung, die sich christlich nennt, mich sofort von mei­nem Thron stoßen. Ich kann sie deshalb nur eine britische und nicht eine christliche Regierung nennen, denn sie kümmert sich mehr um politische Geschäfte als um religiöse Pflichten. Natür­lich weiß ich, daß ich mehr an meine religiösen Pflichten denken sollte als daran, daß ich meine Rechte würde aufgeben müssen. Als regierender Fürst sollte ich bereit sein, meinen Thron um dessentwillen zu verlassen, der um meinetwillen Seinen himm­lischen Thron verließ.

Ich bedauere auch, sagen zu müssen: bevor ich die sogenann­ten christlichen Länder besuchte, ging es mir geistlich besser als jetzt. Ich war entsetzt, als ich dorthin kam und die Finsternis sah, die so nahe beim Licht liegt. Hätte ich davon gewußt, so wäre ich niemals dorthin gegangen. Meine wirkliche Absicht, als ich dorthin ging, war diese: ich wollte zu der alten Mutter Kirche gehen, ihre reine Milch trinken und ihre kräftigende Speise essen, damit ich nach meiner Rückkehr meine geistlichen und staatlichen Pflichten besser erfüllen könnte. Aber statt dieser Milch gab man mir Likör, und statt Brot reichte man mir einen Stein, und als ich zurückkehrte, war ich schlechter als zuvor. Es gibt auch noch andere Dinge, aber ich möchte sie nicht erwähnen. Damit will ich nicht sagen, das Christentum habe versagt; wohl aber haben die Menschen versagt und sind ihm nicht treulich gefolgt. Das gilt nicht nur vom gewöhnlichen Volk, sondern ebenso von den religiösen und politischen Führern. Doch belas­sen wir es dabei. Beten Sie für mich, damit Gott mir helfe und mich leite, damit ich tun kann, was mir aufgetragen ist."

Dies ist wiederum ein Beispiel, das jenem Christentum ohne Christus zum Ruf und zur Warnung dienen mag, damit es er-

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wache und erkenne, wie weit es von der Wirklichkeit abgefallen ist. Wie der Herr sagte: „Gedenke ... und tue Buße ... wo aber nicht, werde Ich deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte" (Offbg. 2, 5). So nahe ist, wie der Maharajah zeigte, die Finster­nis beim Licht; wenn aber durch Ungehorsam und Gleichgültig­keit der Leuchter selbst von seinem Platz weggestoßen wird, wie groß wird dann die Finsternis sein!

 

MITTERNACHTSSONNE

Trotz wiederholter Warnungen blieben die Menschen gedankenlos und gleichgültig; sie schließen ihre Augen vor dem Licht und leben in der Finsternis. Eines Sommers war ich in Nord­europa, wo selbst um Mitternacht die Sonne nicht untergeht. Da schrieb mir ein schwedischer Freund: „Wir freuen uns, Sie im Lande der Mitternachtssonne zu sehen." Ich erwiderte: „Es ist richtig, dies ist das Land der Mitternachtssonne; aber im Winter ist es auch das Land der Mittagsnacht. Und in diesem Lande gibt es noch viele, die verbringen, trotz der Leben-spendenden Strah­len der Sonne der Gerechtigkeit, ihr Leben noch immer in der Finsternis."

 

EIN STUMMER

Viele Menschen leben wie die Tiere auf dem Felde. Sie haben Zungen, können aber nicht sprechen und sind also stumm wie Tiere: sie haben keine Botschaft, weder für sich selber noch für andere. Die Tiere haben wohl Zungen, aber sie können nicht sprechen: sie haben auch nichts, worüber sie reden sollten, außer einigen tierischen Empfindungen, die sie mit Lauten und Ge­bärden ausdrücken. Die Menschen ohne Geistesleben gleichen Tieren. Doch in gewisser Hinsicht sind sie noch schlimmer, denn ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn. Doch der Mensch, die Krone der Schöpfung, kennt seinen Herrn nicht (Jes. 1, 13). Seine Zunge ist sehr schnell zur Lüge, aber langsam zur Wahrheit; denn er kennt nicht den Herrn seinen Gott (Jer. 9, 3).

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KREUZTRAGEN

Wir wundern uns oft über den weltlichen Erfolg im Leben derer, die nicht den Geist der Wahrheit empfangen haben noch Ihn kennen. Aber keine geistliche Überlegung hält sie zurück, und, damit sie nur ihr Ziel erreichen, sind sie jederzeit bereit, die Stimme der Wahrheit zurückzuweisen und Ihm die Nachfolge zu verweigern (Luk. 16, 8; i. Kor. 2, 14). Viele tragen das Kreuz am Halse, obwohl auch manche — aber keineswegs alle — nur wenig besser sind als Simon von Kyrene, der das Kreuz Christi trug, weil er dazu gezwungen wurde (Mark. 15, 21). Solche Menschen sind weder willig, mit Christus zum Kreuz zu gehen, noch Ihm nachzufolgen, indem sie täglich ihr Kreuz tragen.

 

DER  MAGNET  UND  DAS  KREUZ

Der Herr sagte: „Und Ich, wenn Ich erhöhet werde von der Erde, will Ich alle Menschen zu Mir ziehen."181 Das bedeutet: die unendliche Liebe, am Kreuz offenbart, will wie ein Magnet jeden Menschen zu sich ziehen, der sich nur ziehen läßt; und Er verlangt danach, daß, wo Er ist, auch Sein Diener sei (Joh. 12, 26). Aber wie der Magnet Stahl anzieht, jedoch nicht Gold oder Sil­ber, so zieht das Kreuz Christi die Sünder zu sich, die aufrichtig bereuen und sich in ihrer Not zu Ihm wenden, nicht aber solche, die auf ihre eigene Güte vertrauen und sich damit zufrieden geben, ohne Ihn zu leben. Von den beiden Männern, die mit Christus gekreuzigt wurden, bereute der eine, wandte sich in seiner Not zu Ihm und hörte Ihn sagen: „Heute wirst du mit Mir im Paradiese sein."182 Der andere aber hielt die Reue nicht für nötig, wandte sich nicht zu Ihm um Hilfe und starb somit in seiner Sünde. Und wo werden alle enden, die ohne Christus sterben. Sie werden Abraham und alle Propheten im Reich Got­tes sehen, sowie die von Ost und West, von Nord und Süd, aber sie selber — Christen ohne Christus — werden „hinausge­stoßen" (Luk. 13, 28—29).

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4. Kapitel

CHRISTEN MIT  CHRISTUS

Wirkliche Christen sind nicht nur mit Christus, sondern sie leben in Ihm, und Er lebt in ihnen. Und weil Er ewig lebt, wer­den auch sie ewig leben mit Ihm, der durch Seinen Tod den Tod besiegt hat (Joh. 14,19). Aber sie leben in diesem neuen Leben nicht für sich selber, sondern für andere, denn der Gemein­schaftssinn des Menschen verlangt: außer der Gemeinschaft mit Gott sollen wir auch den Umgang mit unseren Mitmenschen suchen, und unser eigenes Glück wie das ihrige hängt davon ab, wie weit wir einander zu gegenseitigem Wohlergehen verhelfen. Selbstsucht vergiftet das gemeinsame Glück. Daher, wenn un­ser Herr sagte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"183, so meinte Er: wo echte Liebe ist, drückt sie sich selbst in dem Verlangen aus, es möchte den anderen wohl ergehen, und sie erwartet von anderen nur das, was sie selber zu geben bereit ist. Auf diese Weise wird in der Gegenwart des Himm­lischen Vaters die gegenseitige Glückseligkeit Seiner Kinder er­halten.

 

SELBSTSUCHT

Selbstsucht ist die Wurzel allen Übels und aller Unruhe der Seele. Ein selbstsüchtiger Mensch übersieht tausend Freundlich­keiten der anderen, aber vergißt niemals die eine gütige Tat, die er getan hat; er vergißt seine eigenen tausend Verfehlungen, aber beim anderen macht er aus der Mücke einen Elefanten. Des­halb sagte unser Herr: „Wer Mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge Mir nach" (Luk. 9, 23). Wer sich selbst verleugnet, um Gottes Wil­len zu tun, der erfüllt dadurch zugleich auch seinen eigenen Wil­len, denn er erfüllt den Willen Gottes, der ihn erschuf. Ich bilde mir zum Beispiel in meiner Unwissenheit ein, mein Weg sei der beste; doch dann entdecke ich, daß ich gar nicht anders kann als

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den Weg zu gehen, den Gott mir zeigt. Wenn ich erst einmal es aufgebe, gegen Gottes Weg anzukämpfen, und mich Seinem Willen hingebe, dann finde ich meinen Frieden wiederhergestellt und bin wieder im Einklang mit Ihm. Wenn ich meinen Willen Ihm hingebe, finde ich meinen Frieden darin, daß ich Gottes Willen tue. Wenn ich andererseits darauf bestehe, daß ich mei­nen eigenen Willen tue, dann wird nicht nur mein eigener Wille nicht erfüllt, sondern ich zerstöre sogar die Fähigkeit, ihn über­haupt zu erfüllen, denn was ich tue, geschieht nicht im Einklang mit Gott. Mit anderen Worten: wer sich selbst verleugnet, findet sich und Gott und alles andere; wenn er sich aber nicht verleug­net, begeht er Seelen-Selbstmord, denn er setzt sein Selbst gegen Gottes Willen.

 

VERTRAUEN  AUF REICHTUM

Schaut auf die Vögel in der Luft: sie säen nicht, sie ernten nicht, noch sammeln sie in Scheunen, doch bauen sie Nester für ihre Jungen. Dagegen der Mensch, der da sät und erntet und einsammelt, aber für sich und seine Kinder in der künftigen Welt nicht Vorsorge trifft, wird gewiß mit den Reichtümern der Welt, die er gesammelt hat, vernichtet werden. Denn dies ist sein Fehler: er hat sein Herz an seine Reichtümer gehängt und sie nicht zur Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen gebraucht (Luk. 16, 9; 18, 22). Gold, Silber und die Reichtümer dieser Welt können niemals aus sich selbst unseren Hunger stillen oder unseren Durst löschen — sie können nur als das Mittel dienen, durch das wir diese Qualen lindern. Aber es bleibt wahr: wenn wir die Reichtümer richtig gebrauchen, dann können sie ein Mittel sein, durch das wir Freunde gewinnen für „die ewigen Hütten"18*.

 

VERBORGENE   EDELSTEINE

Gold, Silber und edle Steine sind nutzlos, solange sie in der Erde vergraben bleiben. Ebenso steht es auch mit den von Gott gegebenen Kräften, Fähigkeiten und Vermögen des Menschen:

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sie sind, wenn sie nicht gebraucht werden, wertlos. Wenn aber Christus in das Leben eines Christen eintritt, dann bringt Er diese verborgenen Reichtümer ans Licht und gebraucht sie, um Seine Absichten in der Welt zu erfüllen. Er machte aus „Fischer­menschen" — „Menschenfischer"185 und führte durch sie Seinen ewigen Plan zur Erlösung der Menschheit aus. Das Gold in der Mine ist nicht rein; deshalb wird es im Feuer geläutert. Der neu gefundene Diamant ist ohne Gestalt; deshalb wird er geschnit­ten und geschliffen. Auf ähnliche Weise läutert das Feuer des Heiligen Geistes das Leben der Christen von ihren Schlacken, und das Kreuz schneidet und schleift sie zu schönen Fassungen und funkelnden Brillanten, die das Licht der Herrlichkeit Gottes widerspiegeln.

 

EIN   AMERIKANISCHER   GESCHÄFTSMANN

In Amerika sagte ein Geschäftsmann zu mir: „Ich bin Christ; aber obwohl ich tue, was in meiner Kraft steht, weiß ich, daß ich nicht so vollkommen bin, wie Gott mich haben will. Meinen Sie, das stehe meiner Erlösung im Wege?" Ich erwiderte: „So voll­kommen, wie unser Himmlischer Vater ist, können wir erst im Himmel sein. Doch durch Seine Gnade können wir jene Stufe der Vollkommenheit erreichen, die einem sterblichen Menschen möglich ist. Unser Heil hängt nicht davon ab, daß wir schon jetzt vollkommen seien, sondern, nachdem wir erlöst sind, werden wir schließlich die Vollkommenheit erreichen. Wir sollten uns nicht entmutigen lassen, weil wir hier in dem ,Leib dieses Todes'186 eingekerkert sind. An unserem Körper hängt immer eine ge­wisse Menge Schmutz; aber das schadet nicht, wenn wir uns täglich waschen. Das gilt auch vom inneren Menschen: wenn wir auch Fehler und Schwächen haben, so schadet das nicht, wenn Gottes Geist, der das Leben unseres Lebens und der Geist unseres Geistes ist, in uns wohnt, und wenn wir unser Leben durch tägliches Gebet rein erhalten. Aber trotz all unserem Waschen können wir nicht verhindern, daß der Leib, wenn die

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Seele ihn erst einmal verlassen hat, zerfällt. So geht es uns Menschen, wenn Gottes Geist uns wegen unseres Ungehorsams verlassen hat: dann folgen mit Sicherheit Vernichtung und geist­licher Tod" (Röm. 8, 9—11).

 

DER RECHTE GEBRAUCH DER WELT

„Es ist weder unrecht noch schädlich, das zu nutzen, was Gott geschaffen hat, vorausgesetzt, wir gebrauchen es mit Dank und wissen seinen Wert zu würdigen. Aber gefährlich ist es, in unse­rem Herzen den Platz des Schöpfers dem Geschöpf einzuräumen. Wir sollten dem Schöpfer Seinen Platz geben und dem Geschöpf den seinigen. Wir können weder ohne Wasser noch im Wasser leben. Wir sollten es trinken, aber nicht darin versinken. Wenn wir es nicht trinken, werden wir vor Durst sterben; wenn wir darin versinken, werden wir den Tod des Ertrinkens sterben. Darum sollen wir die Dinge der Welt so gebrauchen, daß sie unseren Leib stärken; dann werden sie nicht übermächtig und ersticken nicht unseren Lebensatem — das Gebet."

 

UNSERE   VOLLKOMMENHEIT

„Gott will, wir sollen in der Welt leben, aber nicht aus ihr, damit wir, während wir in ihr leben, uns und andere retten. Ein Boot gehört ins Wasser, aber Wasser sollte nicht im Boot sein. Wenn das Boot voll Wasser läuft, muß es sinken, und die darin sitzen, müssen ertrinken. So sollten die Christen in der Welt, aber die Welt sollte nicht in ihnen sein. Nur auf diesem Wege werden sie und die Ihren wohlbehalten an ihr Ziel in den Him­mel gebracht. Deshalb", so fuhr ich fort, „lassen Sie sich nicht von Ihrem Geschäft so sehr aussaugen, daß Sie keine Zeit mehr haben zum Gottesdienst und Gebet. Lassen Sie die Welt und die Liebe zu ihr nicht Ihr Herz erfüllen, damit Sie nicht davon über­wältigt werden; sondern leben Sie über diesen Dingen, damit Sie den Sieg über sie davontragen. Wir sind selber nicht voll-

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kommen; deshalb müssen auch unsere Gedanken und Taten un­vollkommen sein. Aber selbst unsere Fehler sollten uns nicht entmutigen, denn wir haben jetzt den Keim der Vollkommenheit in uns, von dem die zukünftige Vollkommenheit abhängt. Und Er, der uns zu Seinen Söhnen erhoben hat, wird uns zu Seiner Zeit vollkommen machen."

 

GEBET UND ARBEIT

Darauf fragte mich ein Pfarrer: „Sollen wir mehr beten .oder mehr arbeiten, oder sollen wir unsere Zeit zwischen beidem teilen?" Ich erwiderte: „Beides ist gleicherweise nötig. Gebet ohne Arbeit ist ebenso schlecht wie Arbeit ohne Gebet. Um ihren Trieb zu befriedigen, sitzt eine Gluckhenne in irgendeiner dunk­len Ecke, selbst nachdem ihr die Eier fortgenommen worden sind. Ebenso unfruchtbar ist das Leben derer, die sich vom ge­schäftigen Leben der Welt zurückziehen und ihre Zeit gänzlich im Gebet verbringen."

 

DIE  OFFENBARUNG  CHRISTI

Der Pfarrer fragte wieder: „Warum offenbart sich Christus in unseren Tagen nicht, wie Er sich dem Paulus offenbarte?" Ich erwiderte ihm: „Auch in unseren Tagen offenbart Er sich ge­legentlich einigen Menschen in ihrer Not. Menschliche Nöte sind überall die gleichen, aber sie unterscheiden sich voneinander er­heblich durch ihre Art. Deshalb offenbart sich Gott, der das Herz eines jeden Menschen kennt/jedem Wahrheitssucher nach sei­nem Zustand und seiner Not.

Im Himmel und auf Erden verkündet Gott Seine Macht und Weisheit und Ehre durch das wundervolle Werk Seiner Hände; aber der Mensch, der in gewisser Weise die Zunge der Natur ist, schweigt. Gottes Weisheit und Macht wird durch Seine Schöp­fung offenbart; doch als Er sich selbst offenbaren wollte, konnte Er es nur so tun, daß Er Mensch wurde. Und in diesen Tagen

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offenbart Er sich unserer verlorenen Menschheit durch Menschen, die in Seiner Gegenwart leben, und in denen Er selber wohnt.

Im tiefsten Grunde unserer Absichten und Wünsche spricht oft eine Stimme: „Tue dies" oder: „Tue dies nicht." Diese Stim­me kommt von Gott. Wer in der Nähe Gottes lebt, hört diese Stimme bereitwillig, aber andere hören sie nur mit Mühe. Wenn wir diese Stimme hören und ihr gehorchen, wird Gott und Sein Wille in uns offenbar. Wenn aber andererseits die Stimme uns erreicht und wir gehorchen ihr nicht, dann tun wir nur unser Selbst und unseren Selbst-Willen kund.

Die menschliche Seele ist eine so feine Wirklichkeit, daß sie sich nur durch ein so feines Werkzeug wie das Gehirn offen­baren kann, das Gedanken, Sprache und Handlung vermittelt. In ähnlicher Weise gebraucht auch der Heilige Geist ein ver­feinertes und gereinigtes Leben als das Mittel, durch das Er sich offenbart. Ebenso scheint auch das Licht der Herrlichkeit Gottes durch das Leben Seiner Diener, damit Er der Welt offenbar werde."

 

SONNENFINSTERNIS

Christi Diener gleichen dem Mond, der sein Licht von der Sonne leiht und der Welt nur mittelbar Licht gibt. Oft tritt er zwischen Sonne und Erde und ruft eine Sonnenfinsternis hervor. So tritt das unwürdige Leben Seiner Diener oft zwischen Ihn und die Welt und macht, daß Sein Angesicht den Menschen ver­borgen ist.

 

VERSCHIEDENE  WEGE  DES   GOTTESDIENSTES UND  DER ARBEIT

In Chikago fragte mich ein anderer Pfarrer: „Was halten Sie für die beste Art des Gottesdienstes und der christlichen Arbeit?" Ich antwortete ihm: „Welches Verfahren auch immer wir ge­brauchen mögen, die Hauptsache ist, daß wir Gott im Geist und

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in der Wahrheit anbeten. Wenn im Osten die Leute den Ort ihres Gottesdienstes betreten, ziehen sie die Schuhe aus; im Westen nehmen sie den Hut ab. Aber Geist und Wahrheit hän­gen weder von Schuhen noch von Hüten ab, noch von Füßen oder Köpfen, sondern von den Herzen. Was die Arbeit angeht: die beste ist jene Art, die nicht vom Willen des Menschen ab­hängt, sondern von Gottes Ruf. Die Sekten haben Insekten in sich, die vergeuden ihre ganze Zeit damit, daß sie die Fehler anderer Sekten herausstellen; aber sie lassen aus ihrer Rechnung den Lebendigen Christus aus, und der ist doch die Tatsache aller Tatsachen187. Worauf es ankommt, das ist: wir sollten wahre Zeugen sein für Ihn und unser Zeugnis aus Erfahrung heraus ablegen. Gott will kein falsches Zeugnis haben noch die ,Lehren der Teufel'. Wer solches Zeugnis gibt, der nützt sich nicht, sondern schadet sich vielmehr (Luk. 4, 34—35; Apg. 19, 15—16). Wer nur etwas über Christus weiß, aber Ihn selber nicht kennt, mag ,mit Menschen- und mit Engelzungen'188 pre­digen; aber Zeugnis kann nur ablegen, wer Ihn aus persönlicher Erfahrung kennt."

 

GOTTESERKENNTNIS

Bevor wir Gott erkennen können, müssen unsere Geistes­kräfte und inneren Sinne, die durch die Sünde ertötet sind, zu neuem Leben aufgerüttelt werden. An einem bitterkalten Tage versuchte ein Blinder, seine Blindenbibel zu lesen; aber seine Fingerspitzen waren so erstarrt, daß er kein einziges Wort her­ausbekommen konnte. Er ging zum Feuer und begann, seine Hände zu reiben. In wenigen Minuten kehrte das Blut wieder in seine Finger zurück, und er konnte lesen. Auf ähnliche Weise belebt und erwärmt das Feuer von Gottes Heiligem Geist in Gebet und Innerung unsere inneren Sinne, und wir werden fähig, Ihn zu fühlen und uns Seiner Gegenwart zu erfreuen.

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UNVERMITTELTE  OFFENBARUNGEN

Wenn wir wiedergeboren und Gotteskinder werden, dann lehrt uns Gottes Geist ohne Mithilfe irgendeiner Sprache und offenbart uns geistliche Wahrheit. Wenn wir aus dem Geist ge­boren werden, dann wird die Sprache des Geistes unsere Mutter­sprache, und wir können sie so leicht verstehen, wie ein Kind seine Muttersprache versteht. Wir übermitteln einander unsere Meinung durch die Wörter einer weltlichen Sprache; aber der geistliche Mensch kann geistliche Wahrheiten verstehen, ohne daß er die Wörter irgendeiner Sprache zu Hilfe nimmt. Wenn wir zum Beispiel ein Kind, dessen Muttersprache Englisch ist, das Wort für Gott in Sanskrit lehren, dann sagen wir: Iswara heißt Gott. Aber zuvor war die Vorstellung, auf die das Wort Gott hinweist, in sein Herz gekommen, und zwar ohne daß Wörter es vermittelt hätten. Woher ist sie gekommen? Die blinde und taubstumme Helen Keller189 sagt, sie habe Gott er­kannt, bevor sie Seinen Namen in irgendeiner menschlichen Sprache wußte. Wenn diese Erkenntnis nicht unmittelbar offen­bart worden war, woher kam sie dann?

 

SAAT IM DUNKELN

Sowie ein Mensch wiedergeboren und ein Gotteskind wird, wird sein Leben und Verhalten gegen früher verwandelt, und sogleich hält die Welt ihn für seltsam und närrisch und beginnt, sich ihm zu widersetzen oder ihn zu verfolgen (Joh. 15, 19; 2. Tim. 3,12). Außer diesem Widerstand der Welt muß er durch vielerlei andere Nöte gehen (Apg. 14, 22; 2. Kor. 12, 7—10); denn Gott will, wir sollen die Vollkommenheit durch Leiden er­reichen. Wenn diese Nöte und Kämpfe für uns nicht gut wären, dann hätte Gott sie aus unserem Leben fortgeräumt; aber da sie uns dazu verhelfen, in der Gnade zu wachsen, läßt Er uns gegen sie ankämpfen. Wenn Gott nicht will, daß wir von Sorgen und Leiden frei werden, da diese nur zu unserem eigenen Besten

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dienen: warum sollten wir wünschen, von ihnen frei zu werden? Sieh ein Weizenkorn an, das in die Erde gesät ist. Tag für Tag kämpft es sich in der Dunkelheit aufwärts, bis schließlich der Halm aus der Erde hervorbricht, hinein in Licht und Wärme, die ihn fruchtbar werden lassen. Ebenso ist es auch mit dem Menschen.

 

STERBEN UND LEBEN

Wie auf Erden die Nacht an manchen Orten nur ein paar Stunden und an anderen mehrere Monate dauert, so steht es auch mit unserem Leben: da gibt es Zeiten der Freude und Zei­ten des Leides, und wir alle müssen schließlich durch das „Tal der Todesschatten"190 hindurchschreiten. Die in ihrem Leben das Kreuz tragen, können wahrlich sagen: „Wir sterben, und siehe, wir leben" (2. Kor. 6, 9). Der Baum verliert im Winter seine Blätter und scheint zu sterben, aber im Frühling durchströmt ihn neues Leben, und er treibt wieder Blätter. So ergeht es auch den Christen: in den Zeiten der Verfolgung rüsten sie sich zum Ster­ben, aber immer wieder wird ihr Leben erneuert. Trotz all ihrem Leiden ist „ihr Leben mit Christo verborgen in Gott"191. Der Golfstrom kommt aus den warmen Gewässern der Tropen ge­flossen und bewahrt die Küste Europas vor der Härte eines bitteren Winters. Ähnlich wirkt auch der Geist Gottes: Er fließt durch das Leben wahrer Christen und erhält sie immer in der Glut geistlicher Gesundheit und Freude.

 

FREUDE  IM LEID

Wahre Christen, die in Christus leben, können, weil die Welt sie verfolgt, durch Leid niedergedrückt werden, aber dieses Leid ist nicht schwer genug, um sie zu vernichten, denn mitten in dem allen werden sie doch bald inne, daß der Lebendige Christus bei ihnen ist, und ihr Leid wird „in Freude verkehrt" (Joh. 16, 20). Damit ist aber nicht gesagt, wegen des Leides, oder nachdem das Leid vorüber ist, müsse notwendigerweise die Freude kommen. Doch liegt hier eine Wahrheit, die ist tiefer, als die Welt je er­gründen kann: selbst mitten im Leiden kommt wundervolle

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Freude. Auch wenn alles fortgenommen werden kann, was die Welt zur Freude für nötig hält, so kann ihnen doch niemand diese wundervolle Freude nehmen. Nicht einer oder zwei, son­dern Millionen Blutzeugen haben in ihrem Leben die Wahrheit des Wortes bewiesen: Sein „Joch ist sanft" und Seine „Last ist leicht"192, und haben diese Tatsache auf wunderbare Weise be­zeugt. Wahrer Friede kommt nur, während das Joch tatsächlich auf uns liegt, und nicht, nachdem es abgenommen ist. Die Welt hat keine Erfahrung dieses großen Wunders, noch kann sie es glauben.

 

KÜNSTLICHE   UND   WIRKLICHE   FREUDE

Die Menschen gebrauchen in ihrer Torheit Rauschmittel: nicht nur damit sie ihre Sorge vergessen, sondern auch damit sie vor­übergehend heiter und froh werden. Sie haben nicht einmal ge­nug Einsicht, um zu erkennen: wenn auch diese vergänglichen Reizmittel auf sie angenehm wirken, so muß doch die Freude, die in Ihm zu finden ist, der alles geschaffen hat, bei weitem jene Vergnügungen übersteigen und von größerer Dauer sein. Wenn sie nur einmal die wahre Freude Seiner vollen Gegenwart schmeckten, dann würden sie nie wieder ihre kostbare Zeit damit vergeuden, daß sie künstliches Vergnügen in vergänglichen ge­schaffenen Dingen suchen.

 

EIN BEKEHRTER TRINKER

Wie töricht die Welt und wie wirklich die Gegenwart Christi in uns ist, kann man am folgenden Beispiel ersehen. Ein Mann namens Moti Lal pflegte, wenn er betrunken war, allerlei sinn­lose und böse Dinge zu treiben. Einigen seiner Nachbarn gefielen seine Heldentaten, und sie pflegten ihnen Beifall zu spenden. Er hatte keineswegs die Absicht, sich den Christen anzuschließen. Dennoch besuchte er eines Tages ein echtes Gotteskind, und da wirkte das Leben seines Freundes durch seine reine Güte so auf ihn ein, daß sein Leben vollständig verwandelt wurde. Als seine Nachbarn und Verwandten sahen, wie sehr er verwandelt war,

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wurden sie ärgerlich, begannen ihn zu verfolgen und sagten: „Jetzt hat er sich selber beschmutzt und alle Religion aufgege­ben." Er erwiderte: „Ihr setzt mich in Erstaunen. Als ich ein Trinker und wirklich schmutzig war, da warft ihr mir nichts vor; jetzt aber, da ich mein übles Leben bereut habe und durch Christus von ihm erlöst worden bin, sagt ihr, ich hätte mich be­schmutzt."

Als sie sahen, keines ihrer Worte könne ihn von seinem Glau­ben an Christus abbringen, verstießen sie ihn aus seiner Kaste und aus seinem Hause. Er klagte nicht, noch jammerte er, son­dern pries Gott mit freudigem Herzen und begann für seine Brüder zu beten. Dann machte er sich auf, um über den Fluß nach einer anderen Stadt zu gelangen. Der Fluß war dort aber sehr breit. Kaum hatte die Fähre die Mitte erreicht, als eine heftige Bö sie kentern ließ. Mehrere Fahrgäste ertranken, und Moti Lal rettete sich nur dadurch, daß er an das andere Ufer schwamm. Als er von Hause vertrieben wurde, hatte er viel ver­loren; und jetzt im Fluß hatte er wiederum einiges verloren. Nach alledem waren ihm nur noch ein paar Rupien geblieben. Und auch diese nahm ihm im Dschungel, wo er an Land gekom­men war, bald eine Räuberbande ab. So war er der Heimat, der Freunde und des Geldes beraubt und stand nun ganz allein in der Welt. Wenn er nicht den Lebendigen Christus erfahren hätte und von Ihm aufgerichtet worden wäre, dann wäre er jetzt ver­nichtet. Äußerlich hatte er zwar alles verloren; aber den Frieden und das Bewußtsein der Gegenwart seines Herrn konnte nie­mand von ihm nehmen. Er erzählte seine Geschichte den Räu­bern, und sie wurden sehr bewegt. Dann sagte er voller Freude und Herzensfrieden und mit tränenden Augen zu den Räubern: „Mir ist alles genommen, aber keiner kann mir den wirklichen Reichtum nehmen, den ich in Christus habe."

Als die Räuber das hörten, gaben sie ihm seine Rupien wieder, und er machte sich auf nach der Stadt. Dort blieb er und ver­diente seinen Unterhalt durch Arbeit und legte, soweit er es ver­mochte, Zeugnis ab für Christus.

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EINE  CHRISTLICHE  DAME

Eine christliche Dame, die viel von ihrer Zeit im Dienst des Herrn verbracht hatte, wurde so unheilbar krank, daß sie 18 Jahre lang das Bett hüten mußte. Ihre Lieben hatten tiefes Mit­gefühl mit ihr, da sie solch ein schweres Kreuz zu tragen hatte, und pflegten sie mit Liebe und Geduld. Ihr Hauptkummer war, daß sie jetzt keine Gelegenheit hatte, dem Herrn zu dienen; so grämte sie sich viel bei dem Gedanken, wieviel sie hätte tun können, wenn sie bei Kräften wäre, und was für eine Last sie nun anderen bedeutete. Aber obgleich sie es nicht wußte: durch ihr Gebetsleben wirkte sie auf andere vielleicht mehr, als sie ver­mocht hätte, wenn sie gesund gewesen wäre. Sie lag auf ihrem Bett wie eine schöne und lieblich duftende Blume. Die Leute, die sie besuchen und trösten kamen, empfingen gewöhnlich selber Trost von ihr, so daß auch ihr Leben von ihrem Wohlgeruch er­füllt wurde.

EIN AGNOSTIKER«8

Ihre stille Wirkung war so eindrücklich zu spüren, daß ein Mann, der die Wahrheit des Christentums leugnete, und der sie Jahr für Jahr in Frieden und Seligkeit daliegen sah, zu bedenken begann, da müsse doch eine tiefe Wirklichkeit in ihrem Leben sein, denn bloß leerer Glaube oder Einbildung könnten ihr nie­mals auf eine so lange Zeit Frieden gegeben haben. Da begann er, mit neuer Teilnahme die Evangelien und das Leben Christi zu erforschen, und nach einiger Zeit war er von ihrer Wahrheit überzeugt. Er ging zu der Dame und sagte zu ihr: „Es ist un­wahrscheinlich, daß ich jemals an die rettende Kraft unseres Lebendigen Herrn und an die Wahrheit des Christentums ge­glaubt hätte, wenn ich sie nicht in Ihrem Leben gesehen hätte. Weder schöne Predigten noch die überzeugenden Beweisgründe der Theologen konnten mich aufrütteln; aber das Wunder Ihres wundervollen christlichen Lebens56 ist für mich der stärkste Be-

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weisgrund geworden und ist ein lebendiger und überzeugender Beweis, vor dem meine philosophischen Einwände nicht bestehen können. Wenn Sie meinen, Sie könnten mehr wirken, wenn Sie gesund wären, so haben Sie unrecht; denn wenn es wahr wäre, dann hätte Gott Ihnen Gesundheit gegeben. Aber in dieser Schwachheit tun Sie einen Dienst, den Sie auf andere Weise niemals tun könnten. Betrachten Sie Ihren Zustand nicht als eine Krankheit, sondern als einen Weg des Dienstes, der für Sie bes­ser ist als alle anderen. Dies ist kein Sterbebett, sondern ein Beweis dafür, daß das ewige Leben in Christus offenbart worden ist." Als die Dame diesen erneuten Beweis dafür sah, daß ihre Krankheit, ähnlich dem Tod des Lazarus, dazu diente, Gott zu verherrlichen, wurde ihre vorher schon wunderbare Freude noch größer. So erwies sich ihr schweres Kreuz für sie selber und für viele andere als Segen.

 

EIN ARMENISCHER PASTOR

Vor wenigen Wochen erhielt ich von einem armenischen Pa­stor einen Brief. Er gehörte zu denen, die vor wenigen Jahren dabei waren, als die Armenier193 umgebracht wurden. Er schrieb: „Tausende wahrer Christen wurden vor meinen Augen umge­bracht, und ich selber wurde ernstlich verwundet und als tot lie­gen gelassen. Das war ein furchtbarer und herzzerreißender An­blick, aber zugleich war er mit großer Freude vermischt. Obgleich die Männer und Frauen, alt und jung, mit großer Grausamkeit und ohne Erbarmen umgebracht wurden, so tat sich doch die Macht des Lebendigen Christus in jedem Leben kund. Sogar die Mörder waren überrascht, als sie das sahen. Wir bekamen Kraft, je nachdem wir sie brauchten. Einige von uns sahen Chri­stus und Engel ganz deutlich, und mit großer Freude übergaben wir unsere Seelen Seinem Schutz. Wahrlich, es war nicht ein Tag des Mordens, sondern ein Hochzeitstag. Ich wollte, ich wäre mit der Menge der Märtyrer fortgenommen worden. Doch ich danke Gott dafür, daß Er mich aus der Schar der Märtyrer für eine

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kurze Zeit zu weiterem Dienst herausgeholt und an einen Ort gebracht hat, wo meine Wunde in wenigen Tagen geheilt und ich wieder zur Arbeit fähig wurde."

Ein anderer armenischer Freund schrieb auch von einer ähn­lichen Erfahrung, durch die er gegangen war, aber ich brauche seinen Brief hier nicht mehr anzuführen. —

Noch viele andere wunderbare Beispiele könnte ich vorbrin­gen, um die Wahrheit und Wirklichkeit des christlichen Lebens zu beweisen. Tatsächlich gibt es in jeder Nation und in jedem Volk Männer und Frauen, die ihr Leben mit Christus führen, und ihr Leben trägt Frucht mit unzähligen Segnungen, die sie von Ihm empfangen. Was für ein wirklicher Trost ist es für Sein Volk, daß es Seine Leben-spendende Gegenwart kennt und im eigenen Leben die Wahrheit Seiner köstlichen Verheißung er­fahren hat: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage!"194

 

 

5. Kapitel

MEINE EIGENEN ERFAHRUNGEN

IM LEBEN MIT UND OHNE CHRISTUS195

Ich wurde in einer Familie geboren, die für gewöhnlich als Sikh163 galt; aber sie sah die Lehre des Hinduismus als höchst wesentlich an, und meine liebe Mutter war ein lebendiges Beispiel und eine treue Vertreterin dieser Lehre. Sie pflegte täglich vor Tagesanbruch aufzustehen und nach dem Bade die Bhagavad Gita35 und andere Hindu-Schriften zu lesen. Ihr196 reines Leben und Lehren wirkten auf mich mehr als auf die anderen Glieder der Familie. Sie prägte mir schon frühzeitig diese Regel ein: wenn ich morgens aufstehe, so ist meine erste Pflicht, daß ich zu Gott um geistliche Nahrung und Segen bete, und erst danach soll ich das Frühstück einnehmen. Manchmal bestand ich darauf, ich müsse zuerst das Essen haben, aber meine Gott fürchtende Mut­ter senkte, das eine Mal mit Liebe und das andere Mal mit

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Strafe, tief in mein Gemüt diese Gewohnheit hinein, daß ich zuerst197 Gott suche und danach die anderen Dinge. Obwohl ich damals noch zu jung war, als daß ich den Wert dieser Dinge würdigen konnte, so erkannte ich ihn doch später. Und wann immer ich jetzt daran denke, danke ich Gott für diese Erziehung, und ich kann gegen Gott niemals dankbar genug sein dafür, daß Er mir solch eine Mutter gegeben, die mir schon in meinen frühesten Jahren die Liebe zu Gott und die Furcht vor Ihm ein­flößte. Ihr Herz war meine beste theologische Schule, und sie bereitete mich, so gut sie konnte, dazu vor, daß ich als Sadhu39 für den Herrn wirke.

 

EIN PANDIT153 UND EIN SADHU

Einige Jahre lang unterrichtete mich meine Mutter aus den heiligen Büchern der Hindus. Dann übergab sie mich einem Hindu-Pandit und einem alten Sikh-Sadhu. Diese pflegten täg­lich für zwei oder drei Stunden in unser Haus zu kommen, um mich zu lehren. Der Pandit lehrte mich einfache Stücke aus den Hindu-Shastras36, und als er starb, lehrte mich ein anderer Pandit, Kashi Nath, die Sanskrit-Schriften. Der ehrwürdige Sadhu lehrte mich den Granth198, das heißt die heiligen Schriften der Sikh. Ich erkenne an, ich empfing von diesem Unterricht einen gewissen Trost, aber ich hungerte noch immer nach wirk­lichem Frieden. Sie lehrten mich mit großem Mitgefühl und lie­ßen mir freigebig ihre Erfahrungen zugute kommen. Aber sie hatten selber nicht den wahren Segen, nach dem sich meine Seele sehnte. Wie konnten sie mir da helfen, daß ich ihn em­pfinge?

 

MEIN VATER

Ich pflegte die Hindu-Schriften oft bis Mitternacht zu lesen, um irgendwie den Durst meiner Seele nach Frieden zu stillen. Mein Vater wandte sich oft dagegen und sagte: „Es schadet dei­ner Gesundheit, wenn du bis in die Nacht hinein liesest." Ob-

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wohl es in meinem Elternhaus vieles gab, was mich hätte glück­lich machen können, so zog es mich doch weiter nicht an. Mein Vater hielt mir oft vor: „In deinem Alter denken Jungens an nichts anderes als an Spiel und Zeitvertreib; wie hat diese Lei­denschaft schon in so jungen Jahren von dir Besitz ergreifen können? Später im Leben ist noch Zeit genug, um an diese Dinge zu denken. Ich vermute, du hast diese Verrücktheit von deiner Mutter und dem Sadhu."

 

DER PANDIT UND ICH

Des öfteren bat ich den Pandit, mir meine geistigen Schwierig­keiten auseinanderzusetzen. Er sagte: „Deine Schwierigkeiten scheinen von einer neuen und seltsamen Art zu sein. Ich kann nur soviel sagen: wenn du heranwächst und mehr Erfahrung und Erkenntnis des geistigen Lebens bekommst, werden diese Schwierigkeiten von selbst verschwinden. Quäle dich jetzt nicht mit diesen Dingen ab, sondern tue, was dein Vater dir rät." Ich sagte ihm: „Wenn ich nun aber nicht solange lebe, bis ich er­wachsen bin, was dann? Außerdem hängt das Stillen dieses Hun­gers oder Durstes nicht vom Alter ab oder davon, ob einer groß oder klein ist. Wenn ein hungriger Junge um Brot bäte, würdet Ihr dann auch sagen: ,Geh und spiele, und wenn du dann groß bist und die wirkliche Bedeutung des Hungers verstehen kannst, dann wirst du Brot bekommen'? Wird er beim Spiel glücklich sein, wenn er hungrig ist, oder kann er, wenn er nichts zu essen erhält, leben, bis er groß geworden ist? Er sollte jetzt zu essen bekommen. Ich fühle mich jetzt sehr hungrig nach geistigem Brot. Wenn du es nicht hast, dann sage mir bitte, wo und wie ich es erhalten kann. Wenn du nicht weißt, wo ich es bekommen kann, dann sage es." Der Pandit sagte: „Du kannst diese tiefen geistigen Dinge jetzt nicht verstehen. Du kannst diese Stufe des geistigen Lebens nicht auf einmal erreichen. Wer dorthin ge­langen will, braucht eine lange Zeit. Weshalb hast du es so eilig, dorthin zu kommen? Wenn dieser Hunger nicht in diesem Leben gestillt wird, dann in deinen nächsten Wiedergeburten, voraus-

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gesetzt, du strebst weiter danach." Indem er so redete, wich er mir aus, und meine Frage war nicht gelöst.

 

DER SADHU UND ICH

Auch zu dem Sadhu sprach ich mehrere Male über meine Schwierigkeiten, aber er gab mir gleichfalls eine ähnliche Ant­wort: „Quäle dich damit nicht ab. Wenn du Erkenntnis (jnana)at erlangst, werden alle diese Schwierigkeiten verschwinden." Ich erwiderte: „Es ist ohne Zweifel wahr, wenn ich diese vollkom­mene allerletzte Erkenntnis erlange, verschwinden meine Schwie­rigkeiten; aber selbst auf dieser Stufe sollte die geringe Erkennt­nis, die ich habe, einige meiner Schwierigkeiten forträumen, damit ich fähig würde, auf weitere Erleuchtung in der Zukunft zu hoffen. Doch ich sehe nicht, wie ich durch wachsende Erkennt­nis weiter komme; denn es sieht so aus, als ob weitere Erkennt­nis dahin führt, daß ich meine Nöte und Schwierigkeiten nur noch klarer sehe, und wie soll ich diesen neuen Nöten begegnen? Hier ist nicht nur Erkenntnis nötig, sondern Brot für den Hung­rigen; denn wenn schon diese geringe Erkenntnis mir meine Nöte gezeigt hat, dann wird mehr Erkenntnis noch mehr Nöte zeigen. Wie soll ich diesen Nöten begegnen?"

Der Sadhu erwiderte: „Nicht durch unvollkommene endliche Erkenntnis, sondern durch vollkommene und endgültige Erkennt­nis wird dein Verlangen befriedigt. Denn wenn du vollkommene Erkenntnis erlangst, dann erkennst du: diese Not oder dieser Mangel ist nur eine Täuschung, du selber bist Brahma (Gott)21 oder ein Teil von ihm, und wenn du das einsiehst, was brauchst du dann noch mehr?" Ich aber beharrte: „Verzeiht mir, aber ich kann das nicht glauben; denn wenn ich ein Teil von Brahma oder selbst Brahma wäre, dann sollte ich doch unfähig sein, eine Täuschung (Maya) zu haben. Wenn aber Maya in Brahma mög­lich ist, dann ist Brahma nicht länger Brahma, denn es ist Maya untergeordnet. Damit ist Maya stärker selbst als Brahma und ist nicht mehr länger Maya (Täuschung), sondern eine Wirklichkeit,

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die Brahma überwältigt hat, und wir müssen annehmen, Brahma selbst sei Maya, und das ist Gotteslästerung.

Anstatt mir zu helfen, werft Ihr mich auf diese Weise in einen Strudel hinein. Ich werde Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr mir aus Eurer Erfahrung und Erkenntnis helfen könnt, es199 (Brah­ma) zu erkennen, damit ich meinen geistigen Hunger und Durst in ihm stillen kann. Aber bitte denkt daran, ich möchte in ihm nicht aufgehen, sondern ich möchte in ihm Erlösung erlangen." Da sagte er: „Kind, es ist nutzlos, daß wir jetzt mit diesen Din­gen die Zeit vergeuden. Die Zeit wird schon kommen, wo du selber diese Dinge verstehen wirst."

Wieder war ich enttäuscht. Nirgendwo konnte ich die geistige Nahrung finden, nach der ich hungerte, und in diesem Zustand der Unruhe blieb ich, bis ich den Lebendigen Christus fand.

 

LÜGEN UND  STEHLEN

Von meinen frühesten Jahren an prägte meine Mutter mir ein, ich solle die Sünde jeder Art meiden und gegen alle Menschen in Not teilnehmend und hilfreich sein. Eines Tages, als mein Vater mir etwas Taschengeld gegeben hatte, lief ich auf den Bazaar 15°, um es auszugeben. Unterwegs sah ich eine sehr alte Frau, die war vor Kälte und Hunger am Verschmachten. Als sie mich um Hilfe bat, empfand ich solches Mitleid, daß ich ihr all mein Geld gab. Ich kam nach Hause zurück und sagte meinem Vater, er möchte der armen Frau eine Decke schenken, sonst würde sie vor Kälte sterben. Er wies mich ab und sagte, er habe ihr schon oft geholfen, und nun seien die Nachbarn dran, das Ihre zu tun.

Als ich sah, er wolle ihr nicht helfen, zog ich heimlich fünf Rupies200 aus seiner Tasche und wollte sie ihr geben, damit sie sich dafür eine Decke kaufe. Der Gedanke, ihr helfen zu können, gab mir große Befriedigung; aber der Gedanke, ich sei ein Dieb, schmerzte mein Gewissen. Meine Bedrängnis wurde noch größer, als mein Vater abends entdeckte, daß die fünf Rupies fehlten; er fragte mich, ob ich sie genommen hätte, aber ich leugnete. Ob-

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wohl ich der Strafe entronnen war, quälte mich mein Gewissen die ganze Nacht so sehr, daß ich nicht schlafen konnte. Früh­morgens ging ich zu meinem Vater, bekannte ihm meinen Dieb­stahl und meine Lüge und gab das Geld zurück. Obgleich ich fürchten mußte, er werde mich strafen, war die Last sogleich von meinem Herzen fortgenommen. Aber anstatt mich zu strafen, nahm er mich in die Arme und sprach mit tränenden Augen: „Mein Sohn, ich habe dir immer vertraut, und jetzt habe ich den deutlichen Beweis, ich tat recht daran." Er vergab mir nicht nur, sondern kaufte für die fünf Rupies der alten Frau eine Decke und schenkte mir selber noch eine weitere Rupie, für die ich mir Süßigkeiten kaufen durfte. Von nun an lehnte er nicht mehr ab, wenn ich ihn um etwas bat; und ich beschloß meinerseits, nie­mals etwas gegen mein Gewissen oder gegen den Willen meiner Eltern zu tun.

 

DER TOD MEINES BRUDERS UND MEINER MUTTER

Einige Zeit darauf starb meine Mutter, und wenige Monate später starb auch mein älterer Bruder. Wesensart und Gesinnung dieses Bruders waren der meinen sehr ähnlich. Der Verlust dieser beiden Lieben war für mich ein schwerer Schlag. Vor allem machte mich der Gedanke, ich sollte sie nie mehr sehen, verzagt und verzweifelt: denn ich konnte niemals erkennen, in welcher Gestalt sie wiedergeboren würden, noch konnte ich je vermuten, was ich wohl selber in meinen nächsten Wiederge­burten sein würde. In der Hindu-Religion ist für ein gebroche­nes Herz wie das meine der einzige Trost: ich solle mich meinem Schicksal unterwerfen und dem unerbittlichen Gesetz des Karma beugen.

 

MISSIONS- UND REGIERUNGSSCHULE

Nun vollzog sich in meinem Leben noch ein anderer Wechsel. Zu meiner weltlichen Ausbildung wurde ich in eine kleine Grundschule geschickt, welche die Amerikanisch-Presbyterianische Mission in unserem Dorf Rampur eröffnet hatte. Zu der

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Zeit hatte ich so viele Vorurteile gegen das Christentum, daß ich mich weigerte, in den täglichen Bibelstunden die Bibel zu lesen. Meine Lehrer bestanden darauf, daß ich an den Stunden teil­nähme. Aber ich war so sehr dagegen, daß ich im nächsten Jahr jene Schule verließ. Ich besuchte nun eine Regierangsschule in Sanewal, die war drei Meilen201 weit entfernt, und dort lernte ich einige Monate lang. Ich spürte: was das Evangelium über die Liebe Gottes lehrte, zog mich bis zu einem gewissen Grade an, aber ich hielt es noch immer für falsch und widersprach ihm. Ich stand so fest zu meiner Meinung, und meine Friedlosigkeit war so groß, daß ich eines Tages vor den Augen meines Vaters und anderer Leute ein Evangelium zerriß und verbrannte.

 

DIE  OFFENBARUNG  DES LEBENDIGEN  CHRISTUS"1

Nach den Anschauungen, die ich zu jener Zeit hatte, meinte ich, indem ich das Evangelium verbrannte, hätte ich eine gute Tat getan. Doch die Unruhe meines Herzens wurde immer grö­ßer, und nachher fühlte ich mich zwei Tage lang sehr elend. Als ich am dritten Tag spürte, ich könne es nicht länger ertragen, stand ich morgens um drei Uhr auf, nahm mein Bad und betete: wenn es überhaupt einen Gott gebe, so wolle Er sich mir offen­baren, mir den Weg des Heils zeigen und diese Unruhe meiner Seele beenden. Ich war fest entschlossen, wenn dieses Gebet ohne Antwort bliebe, würde ich noch vor Tagesanbruch zur Eisenbahn hinuntergehen und meinen Kopf vor den einfahren­den Zug auf die Schienen legen. Ich blieb bis gegen halb vier Uhr im Gebet und erwartete Krishna155 oder Buddha16 oder irgendeinen anderen Avatara76 der Hindu-Religion zu sehen. Sie erschienen nicht, dafür erstrahlte aber im Zimmer ein Licht. Ich öffnete die Tür, um zu sehen, woher es komme, aber drau­ßen war alles dunkel. Ich ging wieder hinein, und das Licht wurde immer stärker und nahm die Gestalt einer Lichtkugel über dem Fußboden an. In diesem Licht erschien nicht die Ge­stalt, die ich erwartete, sondern — der Lebendige Christus, den

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ich für tot gehalten hatte. Bis in alle Ewigkeit werde ich nie Sein herrliches und liebendes Gesicht vergessen noch die wenigen Worte, die Er sprach: „Warum verfolgst du Mich? Siehe, Ich bin am Kreuz für dich und für die ganze Welt gestorben." Diese Worte wurden wie mit einem Blitz in mein Herz gebrannt, und ich fiel vor Ihm zu Boden. Mein Herz war mit unaussprechlicher Freude und Frieden erfüllt, und mein ganzes Leben war voll­ständig verwandelt. Da starb der alte Sundar Singh, und ein neuer Sundar Singh wurde geboren, damit er dem Lebendigen Christus diene.

 

DER  ANFANG  DER  VERFOLGUNG

Nach einer kleinen Weile ging ich zu meinem Vater, der noch schlief, erzählte ihm von der Erscheinung und sagte, ich sei jetzt Christ. Er antwortete: „Worüber redest du? Erst drei Tage sind vergangen, seitdem du ihr Buch verbrannt hast. Geh und schlafe, du törichter Junge", und damit drehte er sich wieder um. Später erzählte ich der ganzen Familie, was ich gesehen hatte, und daß ich jetzt Christ sei. Einige sagten, ich sei verrückt, einige, ich hätte geträumt. Als sie aber sahen, ich ließ mich nicht abbringen, begannen sie, mich zu verfolgen. Aber die Verfolgung war nichts im Vergleich zu jener elenden Unruhe, die ich hatte, als ich ohne Christus lebte; und es war mir nicht schwer, die Leiden und Ver­folgungen, die nun begannen, zu ertragen.

Der Gedanke, Sadhu zu werden, war lange durch meinen Sinn gegangen, und ich entschloß mich jetzt, dem Herrn Christus als Sadhu zu dienen. Es gab zu jener Zeit noch zwei oder drei andere Jungen, die wollten auch Christen werden. Doch zwei wandten sich wegen der Strafe, die sie von ihren Eltern erhielten, wieder zurück, und ein anderer ging nach Khanna und wurde dort von Rev. E. P. Newton getauft; aber kurz danach kam sein Vater zu ihm und erzählte, seine Mutter liege im Sterben, und lockte ihn damit zurück. Sehr bald danach starb er, offenbar durch Gift.

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CHRISTEN - EIN STEIN DES ANSTOSSES

Als es für mich schwierig wurde, in Rampur zu bleiben, riet mir Mr. Newton, ich solle in die christliche Knaben-Heimschule in Ludhiana gehen. Dort nahmen mich die Missionare Dr. Wherry und Dr. Fife sehr freundlich auf und förderten mich auf jede Weise. Aber ich erschrak, als ich das unchristliche Leben sah, das einige der christlichen Jungen und einzelne Christen des Ortes führten, denn ich meinte: wer dem Lebendigen Christus nachfolgt, müsse wie ein Engel sein; darin hatte ich mich gewal­tig getäuscht. Es ist durchaus möglich, daß ich, wenn mir nicht der Lebendige Christus erschienen wäre und mir neues Leben geschenkt hätte, Anstoß genommen hätte, in die Irre gegangen und ein Feind des Christentums geworden wäre. Aber auch so beschloß ich, die Schule und diese Christen zu verlassen, allein zu leben und als Sadhu Christus nachzufolgen, wo immer Er mich in Seinem Dienst auch hinführen sollte. Während der Som­merferien ging ich nach Subathu und Simla, und anstatt zur Schule zurückzukehren, wurde ich getauft und begann, als Sadhu umherzuziehen und das Evangelium zu predigen.

Nichtchristliche Wahrheitssucher ertragen willig unglaubliche Entbehrungen, um die Wahrheit zu finden. Wenn alle, die sich Christen nennen, sich auch nur von ferne mit solcher Treue oder Hingabe angestrengt hätten, die Königsherrschaft des Lebendi­gen Christus auszubreiten, dann wäre die ganze Welt schon längst christlich geworden. Aber wir müssen bekennen, darin hat die christliche Kirche unübersehbar versagt.

 

MEDIZIN IM AUGE

Daraus, daß ich jetzt mit Christus lebte und Erfahrungen mit Ihm machte, habe ich dieses Geheimnis gelernt: noch ehe ich Ihn kannte oder an Ihn als meinen Erlöser glaubte, wirkte Er, ohne daß ich es wußte, bereits in meiner Seele, wie Medizin im Auge wirkt. Denn wenn das Auge auch die Medizin nicht sehen kann, die in ihm ist und das Sehvermögen klärt, so spürt es sie doch.

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MUTTER UND KIND

Meine ruhelose Seele suchte nach Ihm. Aber obgleich Er nahe war, blieb Er doch meinem Blick verborgen; aber Er versuchte, mich zu sich zu ziehen. Ich war im Garten der Welt wie ein Kind, dessen Mutter sich hinter einem Busch versteckt hatte. Das Kind begann zu schreien, und sowie der Gärtner es hörte, kam er und bot ihm, damit es sich beruhigte, eine Frucht nach der anderen an. Aber das Kind warf sie alle von sich und schrie weiter: „Ich will sie nicht. Ich will meine Mutter haben." Schließ­lich kam seine Mutter hinter dem Busch hervor; sie nahm es in ihre Arme, küßte es und trocknete seine Tränen. Auf ähnliche Weise verbirgt sich unsere All-Mutter203 zu Zeiten im Garten dieses Weltalls. Wer sich nun wie dieses Kind mit nichts ande­rem als mit der Liebe seiner Mutter zufrieden gibt, der entdeckt: sie wacht über ihm und zieht ihn ans Herz, wischt alle seine Tränen ab und schenkt ihm auf ewig wirkliche Seligkeit (Jes. 49, 15 ;Offbg. 21,3-4).

GLAUBE   UND  LIEBE

Ohne Christus war ich ohne Hoffnung und voller Furcht vor dem zukünftigen Leben. Jetzt aber hat Er durch Seine Gegenwart Furcht in Liebe und Hoffnungslosigkeit in Erkenntnis verwan­delt; die Furcht vergeht, aber die Liebe ist ewig. Glaube und Liebe sind die Ranken der Seele: im Licht und in der Wärme der Sonne Gottes wachsen sie zum Himmel empor und ranken sich um den Herrn der Liebe. Doch ohne Ihn, ohne Hoffnung und im Dunkel, verwelken sie und sterben.

 

TOD UND LEBEN

In der Gemeinschaft mit Ihm, der die Auferstehung und das Leben ist, werden wir von der Todesfurcht frei, und indem wir Teil haben an jenem Sieg über den Tod, gehen wir in das ewige

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Leben ein. Er ist zu derselben Zeit in beiden Welten gegenwär­tig. Er war in der Körperwelt und zu derselben Zeit in der Geisteswelt; denn als Er am Grab des Lazarus stand und mit der Stimme Seines Schöpfers rief: „Lazarus, komme heraus!"204, da rief Er den Geist Seines Freundes nicht aus dem Körper noch aus dem Grabe, sondern aus der Geisteswelt hervor. Sobald er Seinen Befehl hörte, kehrte er von dort her in das Grab und in seinen Körper zurück.

 

EINE   DÖRFLICHE   ERFAHRUNG

Für dieses neue Leben ist bezeichnend: es zwingt einen, an­dere zu Christus zu führen; nicht durch äußeren Zwang, sondern aus dem Verlangen, die anderen an der Freude dieser wunder­baren Erfahrung Anteil haben zu lassen. Wie schmerzhaft auch immer die Prüfungen sein mögen, in der Freude jenes Dienstes vergißt man sie wieder.

Einmal ging ich in ein Dorf predigen, das war zwei Meilen von meiner alten Heimat Rampur entfernt. Ich sprach eine lange Zeit hindurch, und bevor ich geendet hatte, wurde es dunkel; da verließen mich die Leute alle und gingen nach Hause. Müde und hungrig suchte ich Ruhe unter einem Baum. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen; doch hatte ich es mir zur Regel gemacht, nicht zu betteln. Wie ich so dalag, schwach und hungrig, ver­suchte mich Satan mit dem Gedanken: als ich noch daheim war, hatte ist stets, was ich brauchte; aber jetzt, da ich alles um Christi willen verlassen hatte, war ich arm und hungrig. Doch dann wurde trotz allem mein Herz mit wunderbarem Frieden und Freude erfüllt; so überwand ich nicht nur die Versuchung, sondern fühlte mich dazu getrieben, einen Gesang anzustimmen, und bis Mitternacht pries ich den Herrn. Danach kamen diese Worte von meinen Lippen: „Als ich es daheim gut und bequem hatte, wußte ich nichts von diesem wunderbaren Frieden. Jetzt aber, da alles dahin ist, habe ich in Christus diesen Frieden ge­funden, den die Welt weder geben noch nehmen kann."205

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Einige Leute waren durch mein Singen geweckt worden, und zwei von ihnen kamen zu mir. Sie wurden tief ergriffen, als ich ihnen ein wenig aus meiner Erfahrung erzählte. Als sie jedoch vernahmen, daß ich seit dem Morgen noch nichts gegessen hatte, wurden sie sehr beunruhigt, daß ich es ihnen nicht gesagt hatte. Sie bereiteten sofort etwas Essen und reichten es mir, und ich dankte Gott und ihnen. Nach dem Essen legte ich mich hin und schlief.

 

ERFAHRUNG  IN RAMPUR

Am nächsten Tag predigte ich in ein paar Dörfern in der Nähe und ging dann nach Rampur. Auch dort hörten die Leute aufmerksam zu. Gegen Abend ging ich in mein Elternhaus. Zu­erst weigerte sich mein Vater, mich zu sehen oder mich herein­zulassen; denn dadurch, daß ich Christ geworden, hatte ich die Familie in Unehre gebracht. Doch nach einer kleinen Weile kam er heraus und sagte: „Wohlan, du magst diese Nacht hierblei­ben; aber du mußt früh am Morgen abziehen; zeige mir dein Gesicht nicht noch einmal." Ich schwieg, und am Abend ließ er mich in einiger Entfernung sitzen, damit ich nicht sie oder ihre Gefäße beschmutze.206 Dann brachte er mir zu essen und gab mir Wasser zu trinken: er hob ein Gefäß in die Höhe und goß es in meine Hände, wie man tut, wenn man einem Kastenlosen zu trinken gibt. Als ich sah, wie er mich behandelte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten: sie stürzten aus meinen Augen, weil mein Vater, der mich sonst so sehr zu lieben pflegte, mich jetzt haßte, als ob ich unberührbar wäre. Aber trotz alledem war mein Herz von unaussprechlichem Frieden erfüllt. Ich dankte ihm auch für diese Behandlung und sagte: „Es macht nichts, daß du mich verstoßen hast; denn ich habe Christus ergriffen aus Liebe zu Ihm, der Sein Leben für mich gegeben hat, und Seine Liebe ist unwandelbar und bei weitem größer als die deine. Bevor ich Christ wurde, entehrte ich Christus, aber Er verstieß mich nicht; so klage ich jetzt nicht. Ich danke dir für deine frühere Liebe zu mir und auch für die gegenwärtige Behandlung." Dann sagte ich

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höflich Lebewohl und ging fort. Draußen auf dem Felde betete ich und dankte Gott, und dann schlief ich unter einem Baum. Am Morgen setzte ich meinen Weg fort.

 

DIE WAHRE VERHEISSUNG  DES  HERRN

Als ich zu predigen begann, ging ich zuerst in mein Heimat­dorf und in die Dörfer in seiner Nachbarschaft; aber später ging ich auf ausgedehnte Reisen durch ganz Indien. Nach und nach sandte mich der Herr in Seinem Dienst in verschiedene Länder der Weltbund nach vielen Jahren wurde mein unaufhörliches Gebet erhört und mein Vater wandte sich auch zum Herrn. Ob­wohl ich durch mancherlei Leiden gehen mußte, so ist doch alles für mich ein Mittel großen Segens gewesen, und mit dankbarem Herzen kann ich aufrichtig aus meiner Erfahrung heraus sagen: in den Verheißungen des Herrn ist jedes Wort ganz wörtlich wahr. Wie Er gesagt hat: „Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um Meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben" (Markus 10, 29—30). Ich habe nicht nur hun­dertfältig empfangen, sondern hundert Mal hundertfältig. Und wenn es welche gibt, denen sich diese Verheißung nicht erfüllt hat, so heißt das nicht, des Herrn Verheißung sei nicht wahr; es besagt vielmehr, daß in ihrem Leben etwas nicht in Ordnung ist, oder daß Gott „etwas Besseres für sie zuvor ersehen hat" (Hebr. 11,39-40).

 

GEISTESERFAHRUNG

In Deutschland fragte mich ein führender Psychologe nach meiner Geisteserfahrung und meinem Herzensfrieden: „Was für einen Beweis haben Sie dafür, daß der geistliche Friede durch die Gegenwart des Heiligen Geistes oder des Lebendigen Christus

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in Ihrem Herzen hervorgerufen wird? Daß das also nicht aus Ihnen selber stammt, sondern Wirklichkeit ist?"207 Ich erwiderte: „Daß Hunger und Durst in uns sind, beweist, es gibt außer ihnen eine Wirklichkeit wie Nahrung und Wasser, die sie be­friedigt. Können Sie mir irgendeinen Menschen in der ganzen Welt nennen, der allein durch seine Einbildung imstande sei, eine beträchtliche Zeit hindurch seinen Hunger und Durst zu be­friedigen? Das ist ganz unmöglich. Wohl ist es möglich, daß er durch Autosuggestion208 sich persönlich zu solch einem Geistes­zustand erhebt, in welchem er eine kleine Zeit lang seinen Hun­ger nicht spürt. Aber es ist nicht möglich, daß ein Mensch allein durch Autosuggestion sein ganzes Leben lang volle Zufriedenheit der Seele erhielte und „den Frieden, welcher höher ist denn alle Vernunft"209. Diesen Frieden kann man auf die Dauer nur in Ihm erlangen, der diesen geistigen Hunger und Durst in uns erschaffen hat. Und wenn wir in bewußter Vereinigung mit Ihm leben und von Ihm diesen Herzensfrieden erhalten, dann zeugt unser ganzes Wesen davon, daß wir schließlich jene Wirklichkeit erlangt haben, nach der wir uns so leidenschaftlich sehnten."

 

CHRISTUS   UND   SEINE   KIRCHE

Ein deutscher Herr, der eifrig die Mission unterstützte, fragte mich: „Welche Gestalt wird die verfaßte Kirche annehmen, wenn ganz Indien christlich wird?" Ich erwiderte: „Es gibt kein Land in der Welt und wird auch nie eines geben, das vollständig christlich ist. Und selbst wenn Indien jemals christlich würde, dann wird das nur so weit sein, wie irgendeines der Länder des Westens christlich ist. Denn solange die Welt besteht, werden immer Gute und Böse, Ernste und Gleichgültige zu finden sein. Erst wenn alle in Herz und Leben verwandelt wären, könnten wir sagen, das Himmelreich ist gekommen, aber dann wäre die Welt nicht mehr Welt, sondern Himmel.

Was die Kirche betrifft: die Menschen verändern fortwährend die Gestalt des Gottesdienstes und gründen neue Sekten, aber

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sie sind mit keiner zufrieden. Was wirklich nottut, ist nicht, daß wir neue Formen annehmen, sondern daß durch den Leben­digen Christus Ströme lebendigen Wassers durch uns zu fließen beginnen. Wenn das Wasser eines Flusses aus dem Himalaja-Gebirge die Ebene erreicht, dann graben ihm die Menschen Ka­näle. Doch durch die großen Gebirge muß es sich selber durch Klippe, Fels und Tal den Weg bahnen, und niemand gräbt ihm einen Kanal. So nimmt auch das neue Leben seinen Weg zuerst durch das Leben der einzelnen Christen, und diese fühlen kein Bedürfnis, dafür Kanäle anzulegen; aber wenn es dann durch ganze Gemeinschaften strömt, dann sorgen sie für Kanäle oder Kirchen, damit sie ihre Bedürfnisse stillen. Zu der Zeit werden die von Menschen geschaffenen Sekten verschwinden, und es wird nur die eine Kirche des Lebendigen Christus geben, und es wird sein ,eine Herde und ein Hirte'" (Joh. 10,16}.

 

EIN  PHILOSOPH  UND  EIN  HEILIGER

Wir können zwar nicht sagen, irgendein Land sei als ganzes christlich, dennoch gibt es in allen Ländern viele wahre Christen, die dem Herrn eifrig dienen. Sie werden weder stolz, wenn man sie lobt, noch verlieren sie den Mut, wenn man sie bemängelt. Sie wissen, es liegt eine Gefahr darin, wenn die Leute gut von ihnen reden. Wie der Herr sagte: „Weh auch, wenn euch jeder­mann wohl redet!" (Luk. 6, 26), denn das hindert Leben und Fortschritt des Geistes. Doch diese Gefahr besteht nicht, wenn man schlecht von uns redet. Die Wahrheit findet sich weder im übergroßen Lob noch im übergroßen Tadel, sondern liegt in der Mitte.

Einst ging ein Philosoph zu einem Heiligen und fragte ihn: „Warum nennen die Leute dich einen Heiligen?" „Aus Liebe und Verehrung", antwortete er. „Ich bin ein Sünder wie sie und nur durch Gottes Gnade gerettet." Da fragte der Philosoph: „Wenn dem so ist, wodurch unterscheidest du dich von den an­deren Leuten?" Der Heilige sagte: „Vielleicht erinnerst du dich,

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Sokrates210 sagte, er sei dahin gekommen, zu wissen, daß er nichts wisse. Man fragte ihn, wodurch er sich dann, wenn er als Philosoph nichts wisse, von einem unwissenden Menschen un­terscheide. Sokrates erwiderte: ,Ich weiß wenigstens, daß ich nichts weiß; aber sie wissen nicht einmal, daß sie nichts wissen.' So", sagte der Heilige, „ist auch der Unterschied zwischen mir und den anderen Leuten. Ich weiß, ich bin ein Sünder; sie aber wissen nicht einmal, daß sie Sünder sind, deshalb sind sie im Blick auf ihre Erlösung nachlässig und gleichgültig."

 

LICHT UND  FINSTERNIS

Wir sollen immer wachen und beten; denn wenn das Licht, das in uns ist, Finsternis wird, wie groß ist dann die Finsternis! (Matth. 6, 23). Obwohl unsere Augen klein sind, sehen sie doch viele Dinge, große und kleine, entfernte und nahe. Wenn die Pupille verletzt ist, entsteht nicht nur im Auge Dunkelheit, son­dern die ganze Welt ist für uns verdunkelt. So müssen wir beten, damit das Licht in uns nicht verdunkelt werde, und auch damit unser Licht vor den Menschen leuchte, so daß wir unseren Vater im Himmel verherrlichen.

 

EIN TAUCHER

Wir müssen in der Welt wie ein Taucher leben: wenn dieser in dem Ozean nach Perlen taucht, so hält er entweder seinen Atem an, damit das Wasser nicht in seine Lungen eindringt, oder er atmet, so lange er im Wasser ist, durch einen Luft­schlauch. Wir sollen in, aber nicht aus der Welt sein. Wir sollen jenen beiden Arten von Tauchern gleichen. Wir sollen aufhören, die Luft der Welt zu atmen, sollen für sie tot sein und Gott leben; und wir sollen mit Hilfe des Gebetsschlauchs, der zu dem Ewigen Gott hinaufreicht, den Heiligen Geist atmen. So werden wir, während wir in der Welt leben, die kostbare Perle des Heils finden.

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6. Kapitel

DAS INNERE LEBEN211

Das Leben ist in jedem Geschöpf eine unsichtbare und verbor­gene Wirklichkeit; was vom Leben äußerlich zu sehen ist, das ist nur sein Wirken und eine Teil-Offenbarung. Der Gottesleugner versteht nicht, was das Leben ist; so schreibt er es dem Stoff zu. Aber die Quelle des Lebens ist Leben, und lebloser Stoff kann kein Leben hervorbringen. Nur wer in enger Beziehung zur Quelle des Lebens steht, kann dieses Geheimnis verstehen.

Wir können das wirkliche innere Leben irgendeines Geschöp­fes nicht begreifen, denn es ist unter einer Teil-Offenbarung seiner selbst verborgen. Das Geistes-Leben kann sich in seiner Fülle nur in der Geisteswelt offenbaren; denn diese stoffliche Welt reicht nicht zu, um es voll auszudrücken.

Wir kennen ein Tier zum Beispiel nur von außen und ver­stehen nicht, was es in sich selber ist. Das Tier hat Wärme, be­wegt sich, wächst und zeigt andere Lebenszeichen. Diese Zeichen nur sehen wir und nicht das Leben, dessen äußere Zeichen sie sind. Wir können etwas äußerlich kennen, ohne daß wir wissen, was das Ding in sich selber ist. Wenn wir aber in Dem leben, der die Quelle des Lebens ist, können wir, gemäß unseren Nöten und Fähigkeiten, Ihn erkennen, wie Er in sich selber ist. Da­durch, daß wir Ihn so erkennen, kommen wir dazu, daß wir uns selber erkennen, die wir nach Seinem „Bildnis und Gleichnis"212 geschaffen sind, und erkennen so das wirkliche Wesen unseres inneren Lebens.

Der Geist der Selbstbehauptung hindert uns daran, daß wir die Wirklichkeit erkennen. Wir sollten nicht dem Karneades213 gleichen, der zu seinem Lehrer sagte: „Wenn ich recht geurteilt habe, dann hast du unrecht; wenn nicht, o Diogenes, dann gib mir zurück, was ich dir für deinen Unterricht bezahlt habe." Karneades wollte seinen Fehler nicht zugeben. Auf jeden Fall

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wollte er seinem Lehrer die Schuld zuschieben: wenn er recht hatte, dann hatte der Lehrer unrecht; aber wenn er unrecht hatte, dann hatte erst recht der Lehrer unrecht, denn dann hatte er ihn nicht richtig gelehrt, richtig zu urteilen.

Es ist sehr schwierig, die tiefe Erfahrung des inneren Lebens zu erklären. Wie Goethe214 gesagt hat: „Das Beste . .. kannst du doch nicht sagen." Aber man kann es erfahren und in die Tat umsetzen. Das ist, was ich meine. Eines Tages, während ich mich innerte und betete, spürte ich stark Seine Gegenwart. Mein Herz floß über vor himmlischer Freude. Ich sah, in dieser Welt der Sorge und des Leidens gibt es eine verborgene und unerschöpf­liche Ader großer Freude, von der die Welt nichts weiß; denn selbst die Menschen, die sie erfahren, können von ihr nicht zu­reichend und überzeugend sprechen. Ich wollte gern in das be­nachbarte Dorf hinuntergehen, damit ich jene Freude mit ändern teilte. Doch wegen meiner leiblichen Krankheit entstand zwi­schen meiner Seele und meinem Leib ein Widerstreit: die Seele wollte gehen, aber der Leib tat nicht mit. Doch schließlich siegte ich und schleppte meinen kranken Leib mit mir. Ich erzählte den Leuten in dem Dorf, was die Gegenwart Christi für mich getan hatte und auch für sie täte. Sie wußten, daß ich krank war, und daß irgendein innerer Trieb da sein müsse, der mich zwang, zu ihnen zu sprechen. Obwohl ich nicht alles erklären konnte, was Christi Gegenwart mir bedeutete, so war doch jene tiefe Erfah­rung in die Tat übersetzt worden, und die Menschen empfingen Hilfe. Wo die Zunge versagt, da offenbart das Leben die Wirk­lichkeit durch die Tat. Wie Paulus sagt: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig" (2. Kor. 3, 6).

Einige Insekten ertasten mit ihren Fühlern ihre Umgebung und unterscheiden zwischen schädlichen und nützlichen Dingen. Ebenso verhalten sich die Geistesmenschen: mit Hilfe ihrer inne­ren Sinne weichen sie gefährlichen und zerstörenden Einflüssen aus und erfreuen sich Gottes lieblicher und Leben-spendender Gegenwart. Ihre selige Erfahrung treibt sie dazu, für Gott Zeug­nis abzulegen. Wie Tertullian215 gesagt hat: „Wann immer die

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Seele zu sich selber kommt und etwas von ihrer natürlichen Ge­sundheit wieder erlangt, dann spricht sie von Gott."

Fast jeder Mensch hat — mehr oder weniger — ein inneres Vermögen: damit vernimmt er Geistes-Wahrheiten, ohne daß er weiß, wie er sie erlangt. Wie jemand gesagt hat: „Sie wissen, ohne daß sie wissen, wie." Als zum Beispiel Colburn216 (1804 bis 1840) sechs Jahre alt war, wurde er gefragt, wieviele Sekunden elf Jahre hätten. In vier Sekunden gab er die richtige Antwort. Als man ihn fragte, wie er zu dieser Antwort gekommen wäre, sagte der Knabe, er wisse es nicht. Alles, was er sagen konnte, war: die Antwort sei eben in seinen Verstand gekommen. Genau so offenbart Gott denen, die nach Seinem Willen zu leben ver­suchen, Geistes-Wirklichkeiten.

Der Wille zu leben, der in jedem Menschen wirkt, treibt ihn an, das Leben bis zu seiner Vollkommenheit zu steigern, das heißt bis zu jenem Zustand, in welchem die Absicht Gottes für dieses Leben erfüllt ist, so daß er in Ihm selig ist. Andererseits wird denen, die das freudenvolle innere Leben in Gott nicht er­fahren haben, das Leben zur Last. Schopenhauer217 war einer von diesen; er sagte: „Das Leben ist eine Hölle." Da ist es weiter nichts Seltsames, wenn solche Leute Selbstmord begehen wollen. So hatte die Lehre des griechischen Philosophen Hege-sias218 bewirkt, daß mehrere Hundert junger Männer Selbst­mord begingen. Auch mehrere Philosophen wie Zeno219, Empe-dokles12 und Seneca31 machten selbst ihrem Leben ein Ende. Doch es ist seltsam, daß ihnen ihre Philosophie nicht zeigte, wie sie das, was sie unglücklich machte, entfernen könnten, anstatt ihr Leben zu zerstören. So ist die Weisheit der Welt (Jak. 3,15). Obwohl einige, die wegen seiner Kämpfe und Mühen dieses Lebens müde sind, den Willen zu leben unterdrücken mögen, so können sie doch den Willen zu glauben nicht los werden. Denn selbst wenn sie keinen Glauben an Gott oder an irgendeine an­dere geistige Wirklichkeit haben, so glauben sie doch wenigstens an ihren Unglauben. Phyrrho220 sagte: „Wir können nicht ein­mal gewiß sein, daß wir keine Gewißheit haben."

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Das innere Leben oder die Persönlichkeit des Menschen kann nicht dadurch befreit werden, daß man den Ort wechselt oder den Leib tötet, sondern nur dadurch, daß man den „alten Men­schen"221 ablegt und den neuen Menschen anzieht und dergestalt vom Tod zum Leben gelangt. Wer irre geht, versucht nicht, sein inneres Sehnen im Schöpfer zu stillen, sondern will es auf seinen eigenen krummen Wegen befriedigen. Und das Ergebnis ist, daß er nicht glücklich und zufrieden ist, sondern elend wird. Ein Dieb zum Beispiel stiehlt Dinge und häuft sie auf, um dadurch glück­lich zu werden; aber er verfehlt nicht nur sein Glück, sondern durch seine Diebstähle zerstört er sich auch die Fähigkeit dazu. Sein sündiges Verhalten ertötet jene Fähigkeit. Und wenn er den Sinn dafür verliert, daß Diebstahl Sünde ist, und wenn er keine Gewissensbisse empfindet, dann hat er bereits geistigen Selbstmord begangen: er hat nicht nur die Fähigkeit getötet, sondern er hat die Seele getötet, die jene Fähigkeiten hatte.

Wirkliche Freude und wirklicher Friede hängen nicht von königlicher Macht, Reichtum oder anderem irdischen Besitz ab. Wenn dem so wäre, dann wären alle Reichen in der Welt glück­lich und zufrieden, und Fürsten wie Buddha16, Mahavira222 und Bhartari22S hätten nicht auf ihr Königreich verzichtet. Aber diese wirkliche und bleibende Freude ist nur im Reich Gottes zu finden; das wird im Herzen errichtet, wenn wir wieder geboren werden.

Das Geheimnis und die Wirklichkeit dieses seligen Lebens in Gott kann nur verstehen, wer es selber empfängt, lebt und er­fährt. Wer es nur mit dem Verstand zu verstehen versucht, der wird sich vergebens bemühen. Ein Naturforscher hatte in seiner Hand einen Vogel. Er sah, der Vogel hatte Leben, und wollte herausfinden, in welchem Teil seines Leibes das Leben sitze, und was das Leben selber sei; deshalb begann er, den Vogel zu zer­legen. Das Ergebnis war: gerade das Leben, das er suchte, ver­schwand auf geheimnisvolle Weise. Wer das innere Leben nur mit dem Verstand zu verstehen versucht, wird einen ähnlichen Fehlschlag erleben. Das Leben, nach dem er sucht, wird, wenn er es zerlegt, verschwinden.

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Im Vergleich mit dieser großen Welt ist das menschliche Herz nur ein kleines Ding. Obwohl die Welt so weit ist, so ist sie doch gänzlich unfähig, dieses winzige Herz zu befriedigen. Die immer wachsende Seele des Menschen und ihr Vermögen können nur in dem unendlichen Gott Befriedigung finden. Wie das Wasser nicht ruht, bis es die Ebene erreicht hat, so hat die Seele keinen Frieden, bis sie in Gott ruht.

Der stoffliche Körper kann nicht auf immer mit dem Geist Gemeinschaft halten. Nachdem er eine Zeitlang seinen Zweck erfüllt und der Seele als Werkzeug für ihre Arbeit in der Welt gedient hat, beginnt er durch Schwäche und Alter sich zu wei­gern, mit dem Geist noch weiter zusammen zu wandern. Das kommt daher, daß der Körper nicht Schritt halten kann mit der ewig wachsenden Seele.

Obwohl Seele und Leib nicht auf ewig zusammenleben kön­nen, so bleiben doch die Früchte der Arbeit, die sie miteinander geleistet haben, auf ewig. Deshalb ist es nötig, daß wir den Grund unseres ewigen Lebens mit Sorgfalt legen. Aber es ist zu beklagen, daß der Mensch seine Freiheit mißbraucht und es auf ewig verliert. Freiheit bedeutet die Fähigkeit, entweder gute oder schlechte Taten zu tun. Wer fortwährend die bösen Taten wählt, der wird ein Sklave der Sünde und zerstört seine Freiheit und sein Leben (Joh. 8, 21 u. 34).

Wer aber andererseits seine Sünden aufgibt und der Wahr­heit folgt, der wird auf ewig frei gemacht (Joh.8,32). Die Werke derer, die auf diese Weise frei gemacht sind und ihr ganzes Le­ben in Seinem Dienst verbringen, das heißt derer, die in dem Herrn sterben, werden ihnen nachfolgen (Offbg. 14,13). In dem Herrn zu sterben, bedeutet nicht Tod, denn der Herr ist der „Herr der Lebenden und nicht der Toten"224; sondern in dem Herrn sterben heißt: sich selber in Seinem Werk verlieren. Wie der Herr sagte: „Wer aber sein Leben verliert um Meinetwillen, der wird's behalten" (Luk. 9, 24).

Wenn irgendeiner in Bosheit und Finsternis lebt und stirbt, so ist das nicht die Schuld des Herrn. Denn Er „erleuchtet alle Men-

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sehen, die in die Welt kommen" (Joh. 1, 9). Ein gutes Leben unterscheidet sich von einem schlechten wie der Diamant von der Kohle. Beide bestehen aus demselben Stoff, aus Kohlenstoff, und doch unterscheiden sie sich gewaltig. Der Diamant spiegelt das Licht der Sonne mit strahlender Schönheit wider, während die Kohle selbst im hellsten Sonnenschein dunkel und stumpf bleibt. Genau so wird die Sonne der Gerechtigkeit durch gute und schlechte Menschen widergespiegelt. Der Fehler liegt nicht in der Sonne, sondern nur im sündigen Menschen.

Der Zustand des Menschen gleicht dem der Erde. Wir meinen, die Sonne gehe unter und entferne sich von uns. Aber in Wirk­lichkeit entfernt sich die Erde von der Sonne. Die Erde würde in den Weltraum hineinstürzen, wenn die Sonne sie nicht beständig zu sich zöge. So zieht auch die Sonne der Gerechtigkeit durch die Anziehungskraft ihrer Liebe alle Menschen zu sich (Joh. 12,32).

Wenn ein Glied des Leibes verletzt oder verwundet wird, dann ist der ganze Leib tätig, um es zu heilen. Genau so wird Christus, wenn wir in Ihm sind und Er in uns, durch Sein Gött­liches Leben unsere Sündenwunden heilen und uns die Freude geistlicher Gesundheit schenken.

Wenn wir dieses neue Leben empfangen, sollen wir nicht denken, wir seien nun jeder Versuchung und allem Leid ent­hoben. Tatsache ist vielmehr: dadurch, daß wir dieses neue Le­ben empfangen haben, sind wir von der Welt getrennt worden, und deshalb wird es mehr Widerstreit und Kampf geben als zuvor. Aber es besteht doch ein Unterschied: während diese Ver­suchungen und Leiden vorher untragbar waren, werden sie jetzt Mittel des Segens und der Freude. „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen" (Rom. 8, 28).

Außerdem ist der Kampf nötig, damit unsere verborgenen Kräfte und Vermögen wachsen und vollkommen werden. Der uns das Leben geschenkt hat, wird uns auch helfen, daß wir in diesem heiligen Kampf siegen, damit wir, indem wir Welt, Tod und Satan überwinden, in Sein ewiges Reich eingehen.

Wir sollten die uns von Gott gegebenen Gelegenheiten nach

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bester Möglichkeit ausnützen und nicht unsere kostbare Zeit da­durch vergeuden, daß wir unachtsam oder nachlässig sind. Viele Leute sagen: „Es ist noch Zeit genug, dies oder das zu tun; plagt euch doch nicht so." Aber sie sehen nicht ein, daß, wenn sie diese kurze Zeit nicht aufs beste nutzen, die Gewohnheit, die wir jetzt annehmen, sich so fest in uns einprägt, daß, wenn wir mehr Zeit haben, diese Gewohnheit uns zur zweiten Natur wird und wir auch diese Zeit vergeuden. „Wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht" (Luk. 16,10).

Ein jeder soll in seinem Leben den Zweck des Schöpfers er­füllen und sein Leben zur Ehre Gottes und zum Wohl seiner Mitmenschen verbringen. Ein jeder soll seinem Beruf nachgehen und sein Werk treiben, wie Gott ihm Gaben und Vermögen gegeben hat. „Es sind mancherlei Gaben; aber es ist ein Geist" (1. Kor. 12, 4 u. 11). Derselbe Atem wird in die Flöte geblasen wie in das Hörn und den Dudelsack, aber je nach den verschie­denen Instrumenten entsteht verschiedene Musik.

Auf dieselbe Weise wirkt der eine Geist in uns, den Kindern Gottes, aber die Ergebnisse sind verschieden, und Gott wird durch sie, je nach Wesensart und Persönlichkeit des einzelnen, verherrlicht.

In dieser Welt gibt es zwischen dem inneren und äußeren Leben nur wenig Zusammenklang. Wenn wir aber nach Gottes Willen leben, dann wird die Zeit kommen, da das innere und das äußere Leben auf ewig vollkommen zusammenklingen. Das äußere wird genau so sein wie das innere und das innere genau so wie das äußere. Und durch Seine Gnade werden wir vollkom­men werden wie unser Vater im Himmel.

Zum Schluß möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung nur noch dieses anfügen: Ohne Christus war ich wie ein Fisch außer­halb des Wassers oder wie ein Vogel im Wasser. Mit Christus bin ich im Ozean der Liebe und bin, während ich noch in der Welt lebe, im Himmel (Eph. 2, 5—6). Für all das sei Ihm Preis und Ehre und Dank in Ewigkeit!

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ERLÄUTERUNGEN

 

In den Erläuterungen werden diese drei Abkürzungen wiederholt gebraucht: RE = Herzogs „Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche", 3. Auflage;

S    = Sadhu Sundar Singh; FM = Friso Melzer, „Christus und die indischen Erlösungswege", 1949.

Gegenüber den früheren sechs Auflagen ist die Zahl der Erläuterungen (Anmerkungen) um mehr als 80 vermehrt worden. Darunter befinden sich fast 30 Hinweise auf Bibelstellen, die S im Text zitiert, deren Fundstelle er aber nicht angibt. Biblische Anspielungen dagegen wurden nicht aufgehellt.

Die folgenden Anmerkungen deuten auf Fragen hin, die ausführlicher zu behandeln der späteren Forschung und Auslegung überlassen bleibt: 3. 6. 10. u. 13. 17. 19. 21. 24. 28. 52. 74. 76. 118. 139. 148. 157. 171. 202. 203.

1 Gleichnisse: Vgl. in meinem Buch „Unsere Sprache im Lichte der Christus-Offenbarung" (2., erweiterte Auflage 1952), § 40 „Vom Gleichnis" (S. 298 bis 307).

2 Er: bezieht sich auf „Wesen". Im Englischen steht He.

3 Jesus: Also spricht Jesus die Worte nicht selber wort-wörtlich, sondern S redet. Damit ist aber nicht gesagt, das Zwiegespräch zwischen S und dem Herrn sei nur eine literarische Gestalt, gleichsam eine ästhetische Erfindung Ss. Vielmehr wird es sich so verhalten: S hat in der Entrückung wirklich mit Christus geredet; was er sagt, das hat er dabei empfangen - aber wie er es sagt, das ist weithin seine eigene Sprachgestaltung.

4 Mango: Die Frucht des Mangobaums, der Mangifera, die zur Gattung der Anakardiazeen gehört. Das sind immergrüne Bäume mit kleinen Blüten und wohlschmeckenden Steinfrüchten. Die Früchte sind größer als Pflaumen.

5 Pantheismus: Die Lehre, die das All, die Natur zu „Gott" macht und außer diesem keinen Gott anerkennt; die vor allem die Person Gottes leugnet.

5 Eins: Englisch one übersetzen wir nicht mit „Einer", denn es handelt sich um drei Personen. Englisch one ist geschlechtslos.

7 Natur: S lehrt richtig die biblische Auffassung dessen, was allgemein „natürliche Offenbarung" genannt wird: Gott offenbart sich auch in der „Natur", d. h. in den Werken seiner Schöpfung; aber wahrnehmen kann das nur, wer durch Christus „Geistes-Augen" empfangen hat.

8 kleiner Knabe: Merkwürdig, wie allenthalben gerade die Johanneische Fassung der Speisung der 5000 in Indien beliebt ist, eben um des kleinen Knaben willen! Für den Blick vieler Inder steht dieser Knabe geradezu im Mittelpunkt der Geschichte. Vgl. dazu meinen Aufsatz: „Veda oder Purana? Wie die Bibel in Indien verstanden wird", Evang. Missions-Zeitschrift (1943) IV 136, Anm. 3 (2). Vgl. auch FM 149.

9 bewußtlos: Damit ist wohl die Entrückung der Ekstase gemeint, die S aus eigener Erfahrung gut kannte.

10 Innerung: Mit Innerung übersetzen wir das Wort meditation. Die hin-

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duistische Meditation ist „Versenkung", da der Hindu im reinen Sein ver­sinken, sich selbst in der Gottheit verlieren will. „Versenkung" will die Per-sonhaftigkeit überwinden. Der christliche Weg dagegen kennt nur die person­hafte „Meditation". Bei dieser unterscheiden wir Besinnung, Betrachtung und Innerung. Vgl. dazu mein Buch „Innerung / Stufen und Wege der Meditation/ Grundlegung und Übungen" (Stauda-Verlag, Kassel-Wilhelmshöhe 1968).

11 Christ will live in us and our whole Hfe will become like His, Aus dieser Grunderkenntnis hat Stanley Jones das Wort Christ-like gebildet. Vgl. dazu FM 128—137: „Jesus-ähnlich — das Ziel des sittlichen Lebens" (ausführliche Studie über diesen Sprachgebrauch, über Ss Wortgebrauch vor allem 134-137).

12 Empedokles: 493-430 v. Chr. Was über seinen Tod berichtet wird, soll aber nicht wahr sein.

13 Das Herz hat Gründe: Zitat aus Pascals „Pens£es" (Nr. 277, Ausgabe Brunschvicg): Le cosur a ses raisons que la raison ne conncAt pas. Für die Erkenntnis Ss sowie des Denkens aus der Christus-Nachfolge heraus vgl. „Herz" in meinem Wörterbuch „Das Wort in den Wörtern / Die deutsche Sprache im Dienste der Christus-Nachfolge" (Mohr/Siebeck, Tübingen 1965) (S. 218-221).

14 Der freie Wille: Luther hat in seiner Schrift „Vom unfreien Willen" den Menschen mit einem Roß verglichen. Wie dieses einen Reiter trägt, so hat der Mensch entweder Gott oder den Teufel zu seinem Reiter. Das ist die religiöse Seite der Sache. Aber die praktisch-seelische Seite sieht doch so aus, daß der Mensch im Augenblick der Entscheidung ganz auf sich selber steht. Vorher kann er Gott um Erleuchtung bitten, nachher kann er Ihm danken, aber die Entscheidung muß er selber fällen. Dafür trägt er auch die Verantwortung. Und eben dies meint S. Der Mensch ist keine Maschine, sondern verantwort­liche Person.

15 das Böse ... vertilgen: Hier denkt S zu hoch vom Menschen und zu gering vom Bösen. Hinter und über dem einzelnen Bösen, das wir wahrneh­men und das in der Welt geschieht, steht der Böse, und der ist gewaltiger selbst als alle Menschen, die guten Willens sind. Den kann nur Gott selber besiegen. Und das wird Er auch tun, wenn Christus wiederkommen wird zum Gericht. Diese weite Sicht der Dinge kommt bei S zu kurz. Er ist hierin ein Kind seiner Zeit und seines Landes.

16 Buddha: Vgl. Ss dritte Schrift.

17 viele Ansichten: Wenn ein Inder so spricht, und sei er auch ein Christ wie S, dann droht die Gefahr, der Satz wolle besagen: alle Religionen seien wahr, denn jede habe eine Seite der Wahrheit erfaßt. Lesen wir den Satz aber im Lichte des Vergleiches im I. Kapitel Abschnitt II t der dritten Schrift, so besagt er etwa dieses: von Natur aus trägt jeder Mensch eine farbige Brille, die ihm die Wahrheit gefärbt zeigt. Erst in Christus gewinnen wir die wahre Erkenntnis. Wir reden deshalb lieber deutlicher mit der Bibel: ohne Christus ist unser Herz verfinstert, erst durch Christus sehen wir die Wahrheit, denn Er allein ist die Wahrheit. Vgl. auch Anm. 28!

18 Erbsünde: Original Sin. Wir haben das alte Wort „Erbsünde" belassen, obwohl es mißverständlich ist. Gemeint ist die Ursünde, sein wollen „wie Gott" (vgl. i. Mose 3, 5), die Sünde gegen das Erste Gebot.

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19 nur Einer ist unbedingt: there is only One Absolute. Ist One hier Neutrum (das Göttliche) oder meint es Gott?

20 Vedanta: Veda-anta — Ende (anta) des Veda. In ihm gipfeln die Veden, von ihm her werden sie gelesen. Über die Veden vgl. Anm. 32.

21 Gott: S setzt hier und sonst noch des öfteren Sanskrit-Wörter des Hin­duismus mit englischen Wörtern des Christentums gleich. Deshalb müssen wir auch in unserer Übersetzung diesen Gleichungen folgen: Atman = Seele, Bhakti — Frömmigkeit, Brahma = Gott, Isvara = Gott, Jnana — Erkenntnis, Moksha — Erlösung.

Aber die Grundwörter des Hinduismus lassen sich überhaupt nicht in unsere Sprache übersetzen. Jede Heiden-Sprache ist ein in sich geordneter lebendiger Leib, wo jedes Glied (jedes Wort) seinen bestimmten Ort und Dienst im Ganzen hat. Dasselbe „Blut" (derselbe lebensgeist) läuft durch alle Glieder, belebt sie und bringt sie zum Wirken. Das hinduistische Sanskrit und das verchristlichte Englisch oder Deutsch sind Sprachgestalten verschie­dener Geisteswelten. Da gibt es keine Entsprechung, keine Parallele; also auch keine Übersetzung. Brahma ist nicht der persönliche Gott der biblischen Offenbarung, sondern das Göttliche, der Allgeist, der zugleich in der ganzen Welt wie im Menschenherzen wohnt. Von diesem Allgeist können wir auch nicht sagen, er habe geschaffen. Moksha ist nicht Erlösung von der Sünde, son­dern Loslösung von der Welt des Unterscheidbaren.

Früher haben die Übersetzer die hinduistischen Sanskrit-Wörter ganz schlicht durch die entsprechenden — und das heißt eben gerade nicht entspre­chenden - christlichen Wörter wiedergegeben. Dadurch wurde der abend­ländische Leser verführt zu meinen, im Grunde handle es sich in Hinduismus und Christentum um dasselbe. In Wirklichkeit besteht aber ein wesenhafter Unterschied in Geistesbau und Sinngefüge, wie der ganzen Religion und Weltanschauung, so auch in ihrer Sprache und damit in jedem ihrer tragenden Wörter.

Im wissenschaftlichen Schrifttum hat diese Erkenntnis sich noch immer nicht recht Bahn gebrochen. Rudolf Otto hat sie in seiner letzten Schrift „Die Gnadenreligion Indiens und das Christentum" (1930) bei seinen Wort­untersuchungen noch recht tastend und zaghaft dargestellt (S. 72 ff.). Daß wir die Grundwörter nicht übersetzen können, läßt den Leser auch W. Schomerus in seiner Übersetzung der „Hymnen des Manikka-Vasaga" (1923) spüren. Ganzen Ernst damit hat aber erst Arno Lehmann in seiner Übersetzung der „Hymnen des Tayumanavar" (1935) gemacht. Er läßt die indischen Wörter wie Ananda, Arul, Manas, Mauna, Sakti usw. stehen und erläutert sie in den Anmerkungen. Dadurch wirkt die Übersetzung schwerfällig und fremdartig. Aber das ist auch richtig so: der Leser muß spüren, er wird hier in eine ferne und fremde Welt versetzt.

Zu der theo-philologischen Frage der Übersetzung vgl. mein Buch „Un­sere Sprache im Lichte der Christus-Offenbarung" (z., erweiterte Auflage 1952), § 41 „Vom Übersetzen überhaupt".

22 nicht treu im Gebet: if we are not prayerful.

23 der Bay-Plattfisch: the bay flat-fish (flat-fish = Flunder u. ä.).

24 Wirklichkeit: Reality mit großem R meint nicht reality „Realität" im

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abendländischen Sinn. Dieses Wort bezeichnet die empirische Welt, Reality die geistige Welt. Im Hinduismus wird Reality impersonal (personlos) als Es verstanden, im indischen Christentum, wie bei S, deutet das Wort auf Gott. Über dieses merkwürdige Wort vgl. FM 19-26. Von Ss Schriften tragen die zweite und die dritte das Wort Reality in ihrem Titel.

25 gegen sie: gemeint ist die Wirklichkeit. Im Original steht faithful in their duty to Hirn. Also bezieht sich Hirn auf Gott, weil Reality personhaft verstanden wird.

26 Entwicklung: Forschungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, die Religionen haben sich nicht von unten nach oben entwickelt. Viel eher ließe sich das Gegenteil verfechten: Alle Religionen sind von einer hohen Ur­Religion abgesunken, die wir nur noch von ferne ahnen.

27 Hebr. i, 1-2: S deutet diese Schriftstelle falsch. Er bezieht sie auf alle Religionen überhaupt, während der Hebräerbrief streng im Raum der bibli­schen Offenbarung bleibt und somit also die Zeugen des Alten Testaments meint.

28 kein Unterschied: Das ist nicht wahr. Hier steht S noch unter hinduisti-schem Einfluß. Der Hindu meint, im Grunde seien alle Religionen gleich, meinen sie alle dasselbe. Gerade in der Sicht der Wirklichkeit zeigt sich der wesenhafte Unterschied zwischen Christus-Botschaft und Hinduismus.

29 [ ] eckige Klammern  bezeichnen stets einen Zusatz des Herausgebers.

30 Hegel: deutscher Philosoph (1770-1831). Wo mag sich dieser Satz in Hegels Schrifttum finden?

31 Seneca: Römischer Stoiker (3-65 n. Chr.). Er öffnete sich auf Befehl Neros die Adern.

32 Veden: Die ältesten Schriften Indiens; sie gelten den gläubigen Hindus als inspiriert. Man zählt ihrer vier: Rgveda, Atharvaveda, Samaveda, Yajur-veda.

33 Upanishaden: Die nächste Stufe literarischer Denkmäler des Hinduismus.

34 Darshanas: wörtlich = „Anschauungen". So werden die (sechs) alt­indischen Philosophie-Systeme genannt.

35 Bhagavadgita: der „Sang des Hehr-Erhabenen", ein Stück des alten Epos Mahabharata. Sie ist heute, dank der Werbung durch die Theosophen, die am meisten gelesene Schrift des modernen Hinduismus. Inhaltlich ist sie aus den verschiedenen Heilswegen des Hinduismus zusammengearbeitet. Die letz­ten beiden Ausgaben von deutschen Indologen sind: (i) die Ausgabe von Leopold von Schroeder im Verlag Eugen Diederichs, Jena, 1922; (2) die Aus­gabe von Rudolf Otto im Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1935. Otto ver­sucht literarkritisch, eine „Urgita" herauszustellen.

Die bedeutendste indische Ausgabe: The Bhagavadgita l With an Intro-ductory Essay, Sanskrit Text, English Translation and Notes l by Radha-krishnan (London 1948, 3. Auflage 1953).

38 Shastras: Mehrzahl von shastra = „Lehrbuch", „Wissenschaft" - ein allgemein zusammenfassendes Wort.

37 Puranas: Die religiös-mythischen Schriften „alter" Erzählungen. Sie bieten Anschauungsstoff für die philosophische Lehre der Veden, unterstehen diesen also in der Auslegung.

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38 Bhaktas: Die Anhänger der Bhakti, der mystischen Gestalt des Hinduis­mus, die wir auch als liebende Hingabe an die Gottheit und gar als Gottes­trunkenheit bezeichnen können. Dann wird das Wort Bhakta auch allgemein für einen Frommen gebraucht.

39 Sadhu: Wörtlich „der Arme", sinngleich mit Sannyasi, vgl. nächste An­merkung.

40 Sannyasi: Der Entsagende, der brahmanische Wandermönch; arm, ehe­los, ohne festen Wohnsitz, dabei unter strengen Übungen der Entsagung — so zieht er durch das Land.

41 Yogi: einer, der Yoga praktiziert. Die beste Übersicht über alle Yoga-Wege hat H. U. Rieker gegeben: „Die 12 Tempel des Geistes / Weisheit und Technik der Yoga-Systeme" (1955). Was für den Christen möglich ist, hat der belgische Benediktiner D^chanet erprobt und dargelegt: „Yoga für Christen / Die Schule des Schweigens" (Luzern), 4. Auflage der deutschen Übersetzung, 1959). Dechanet hat die hinduistisch-religiös gegründeten Yoga-Übungen säkularisiert.

42 Vedantisten: Anhänger des Vedanta, vgl. Anm. 20.

43 Sophisten: Ursprünglich in Griechenland die Denker und Weisen über­haupt, später die Lehrer der gewandten Rede- und Unterredungskunst, der schlagfertigen Diskussion; durch ihre Absicht, in der Diskussion um jeden Preis zu siegen, geriet die Sophistik mehr und mehr in eine spitzfindige Scheinweisheit.

44 Shankaracharya: Hauptvertreter des Vedanta, lebte im 8. Jahrhundert. Seine Gedanken wurden in neuester Zeit vor allem von Vivekananda ver­treten.

45 Vivekananda: Größter Schüler des Ramakrishna, lebte 1862—1902, grün­dete die Ramakrishna-Mission mit widerchristlichem Arbeitsziel. Seine Reli­gion: (i) Alle Religionen seien gleichermaßen wahr und gut; deshalb solle jeder in seiner überkommenen Religion bleiben. (2) Gott sei unpersönlich, unerkennbar, jenseits von Gut und Böse; die menschliche Seele sei göttlich. (3) Die Hindu-Kultur sei gut und vorbildlich, die westliche Welt dagegen selbstsüchtig und gottlos.

46 Dieser Satz steht in Vivekananda's Complete Works I 9, in der berühm­ten Rede auf dem Weltkongreß der Religionen in Chikago (1893): Ve divi-nities on earth, - sinners? It is a sin to call a man so.

47 Swami Sardanand: Ein Hindu-Sannyasi unseres Jahrhunderts.

48 Ramanuja: Der Gegenspieler der Vedanta-Lehre des Shankara, lebte 1055-1137. Er versuchte die Gottheit als Person zu verstehen.

49 sein eigener Vater: Von S - mit Absicht? - um der volkstümlichen Po­lemik willen vergröbert. In Wirklichkeit denkt der Hindu die Personen über­haupt als verschwunden, so daß weder Vater noch Sohn da ist, sondern nur noch das göttliche Sein, ein „Es".

50 Plato: Griechischer Philosoph (428/27-348/47 v. Chr.), Schüler des Sokrates, Begründer der akademischen Philosophenschule.

51 Nyaya-Philosophie: Die weltliche Logik, die nicht von religiösen Schrif­ten usw. abhängt.

62   Die drei „Wege": kama marga, bhakti, marga, inana marga. Das Sans-

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krit-Wort marga kommt von der Wurzel mrg = Raubtier und bezeichnet den Sucheweg, auf dem das Raubtier seine Beute sucht. Der Ausgangspunkt liegt fest: die Höhle des Tieres. Aber das Ziel bleibt ungewiß: ob es Beute findet oder hungrig heimkehren muß oder gar einem Jäger zum Opfer fällt. Diese Ungewißheit ist also schon im sprachlichen Ursprung enthalten. Im Gegensatz zu den indischen margas ist der Christus-Weg ein Verbindungs­und Finde-Weg. Vgl. meine Auslegung von Joh. 14, 16: „Ich bin der Weg" in der Evang. Missions-Zeitschrift unter diesem Blickpunkt: (1941) 1317—320, 349-354 = FM 34-42.

53 Böse: Ram Chandra Böse, ein bengalischer Christ, schrieb jene Worte in seinem Buch Hindu Philosophy (Madras 1893), S. 54.

54 Rede des Arjuna, frei umschrieben nach Gita I 32 ff. Es scheint, als ver­trete Arjuna hier das wahre indische Denken des Ahimsa (Nicht-Toten), das sich in diesem Fall mit dem christlichen eng berührt.

55 Gita II 20-24, kurz zusammengefaßt.

56 lebte beispielhaft vor: Der Inder - Hindu wie Christ - blickt zuerst dar­auf, ob einer auch so lebe, wie er spricht; er verlangt also, daß das Wort „Fleisch" werde.

57 Gewaltlosigkeit: S gebraucht hier das Leitwort Gandhis — nonoiolence.

58 gesichert: Ironisch? Denn gleich darauf sagt S doch, alle Menschen seien Sünder.

59 eingewirkt habe: Die neuere Indologie meint, in der Bhagavadgita lasse sich kein christlicher Einfluß feststellen. Ähnlich klingende Redewendungen als solche besagen nichts. Die Grundordnung der Wirklichkeit wird im Neuen Testament wie in der Gita verschieden geschaut und gedeutet. Jedes einzelne der Grundworte muß von seiner eigenen Lebens- und Beziehungs-Mitte her verstanden werden.

60 Gita IX 29 lautet: „Denn (während ich im übrigen) gleichmütig bin zu allen Wesen und zu keinem Abneigung oder Zuneigung hege, so wohnen doch die, welche mir mit Bhakti anhängen, in mir und ich wiederum in ihnen." S sieht nicht, daß die hier redende Gottheit jenseits von Liebe und Haß steht und also mit Jesus Christus nichts gemeinsam hat. Bloße Ähnlich­keit des Wortlauts entscheidet noch nicht über den Inhalt.

81 Bö-Baum: Bodhi-Baum, der „Baum der Erleuchtung", ficus religiosa.

62 Agnostizismus: Eine philosophische Richtung, die das Erkennen und die Erkenntnismöglichkeit auf das Endliche, Begrenzte, dem menschlichen Ver­stand Zugängliche beschränkt und eine Entscheidung über metaphysische, transzendente Fragen ablehnt.

63 Fakir: Das arabische Wort für Sadhu (vgl. Anm. 39) = Armer. Es hat zunächst nichts mit dem „Fakir" = Gaukler unseres Sprachgebrauchs zu tun. bhiksu (buddh.) = Bettelmönch.

64 Tripitaka: Der Kanon der ceylonesischen Hinayana-Buddhisten.

63 Asoka: ein König (263—226 v. Chr.), der die sittlichen Lehren des Buddhismus in seinem Staatswesen durchzuführen versuchte.

68 Mahmud von Ghasna (969—1030) war der bedeutendste Herrscher der Ghasnawiden. Er eroberte große Teile des Pandschab und breitete dort den Islam aus.

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67 Emerson: Ralph Waldo Emerson (1803-1882), amerikanischer philo­sophischer Schriftsteller.

68 Hadith: „Überlieferung. Das Wort H. bedeutete zunächst eine Mit­teilung oder Erzählung im allgemeinen, dann aber im besonderen eine Nach­richt über Taten oder Aussprüche des Propheten und seiner Genossen." („Handwörterbuch des Islam", Wensinck und Kramers, 1941, S. 146).

89 Gottes Sohn: „Sohn" wird von den Muslimen immer fleischlich miß­verstanden; deshalb setzt hier ihre Kritik und ihr Hohn ein. Man sollte in Indien das Wort „Sohn" so erklären: ein sehr reicher Mann heißt (in den semitischen Sprachen) auch „Sohn des Reichtums", denn in ihm spiegelt sich der Reichtum wie der Vater in seinem Sohn. Und so und noch viel mehr ist Jesus, der ganz göttliche Mann, der „Sohn Gottes", denn wer ihn sieht, der sieht den Vater: Er ist das Ebenbild des Vaters.

70 mystisch: Mystik, mystisch von griechisch myo = ich schließe die Augen (nämlich vor der Sinnenwelt). Hier ist der nicht-christliche Mystiker gemeint, der mit dem Göttlichen eins werden will. Es gibt aber auch eine personhafte Mystik, in welcher der Person-Unterschied zwischen Gott und Mensch nicht aufgehoben wird. Die nichtchristliche Mystik erstrebt die unio mystica, die christliche Mystik die communio mystica.

71 ana'l hakk: Die ursprüngliche Bedeutung der Wortwurzel hkk im Arabischen ist dunkel. Die beste Wiedergabe des Wortes, soweit es als einer der Namen für Allah gebraucht wird, wäre „der Wirkliche" oder „die Wirk­lichkeit". „Die Übersetzung durch /Wahrheit', die man oft findet, ist irre­führend" („Handwörterbuch des Islam", 1941, S. 158).

72 na/s: Seele. Das Wort bezieht sich „auf das Selbst oder die Person" („Handwörterbuch des Islam", 1941, S. 569).

73 fana: „Wichtiger Fachausdruck des Sufismus, der ,Vernichtung, Auf­lösung' bedeutet. Der zur Vollkommenheit gelangte Sufi muß in einem ge­wissen Zustand der Vernichtung sein". Dieser Begriff ist nicht aus dem Bud­dhismus entlehnt; vielmehr ist „der Ursprung des islamischen fana-Begriffs im Christentum zu suchen, dem er wahrscheinlich entlehnt ist. Jener Begriff bedeutet nämlich nichts anderes als die Vernichtung des eigenen mensch­lichen Willens vor dem Willen Gottes, ein Gedanke, der den Angelpunkt der ganzen christlichen Mystik bildet." („Handwörterbuch des Islam", 1941, S. 124.)

74 Christianity is Christ: Nicht Ideen oder theologische Gedanken erweisen den wesenhaften Unterschied zwischen Christentum und Hinduismus, son­dern die Person Jesu Christi!

75 Joh. 14,6. Vgl. dazu meine in Anm. 52 genannte Studie.

76 Avatar: Vgl. dazu meine Studie: „Das Wort ward Fleisch" (Joh. i, 14) / Von der Begegnung der Christus-Botschaft mit dem Avatara-Glauben des Hinduismus. Ev. Missions-Zeitschrift (1942) III 296-307 = FM 43-56. Avatara heißt wörtlich „Herabkunft", nämlich der Gottheit in irdische Ge­stalt.

77 Beweise: ungeschickter Ausdruck, denn das Christentum ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Es kann nur bezeugt werden. Was S meint, nennen wir richtiger „Erweise".

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78 Matth. 13, 13.

79 Joh. 14, 27.

80 Reality means man to enjoy Hirn (S. 146). Hier wie auch wenige Zeilen später bezieht Reality sich auf Gott (daher im Original Hirn). Vgl. dazu Anm. 24 und 25.

81 Damit sind die Gruppen der Hindu-Bevölkerung genannt, denen gegen­über der Hinduismus seinen Mangel an Liebe erwiesen hat: die Kastenlosen, die Witwen, die Blinden und Aussätzigen (vgl. dazu mein Buch „Indien greift nach uns", 1962, S. 97-109).

82 Telemachus: Richtiger Name wahrscheinlich Alamachios, ein orien­talischer Mönch, der in Rom gesteinigt wurde. Seine Existenz ist historisch nicht ganz gewiß. Vgl. „Lexikon für Theologie und Kirche" IX 1344.

83 höllisches Feuer zurückstrahlen: S weiß also, es gibt Erkennen, Denken, Urteilen wie aus dem Hl. Geist so auch aus teuflischem Geist. Der theoretische Lebensbereich ist gegenüber den letzten Entscheidungen zwischen Gott und Satan nicht neutral.

84 begeistet: Versuch, das Fremdwort „inspiriert" (inspired) zu verdeut­schen. Während „begeistert" etwas Seelisches meint, zielt „begeistet" auf ein Wirken des Hl. Geistes.

85 Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Auch bei uns im Abendland haben die sogenannten Liberalen gern darauf hingewiesen, in diesem Gleichnis werde der Weg zu Gott dem Vater ohne Christus gezeigt. Dabei haben sie aber zweierlei übersehen: (i) Dieses Gleichnis, das richtiger das Gleichnis von der vergebenden Vaterliebe Gottes heißen sollte, haben wir durch Chri stus erhalten. Er und kein anderer hat uns Gott als den liebend-vergebenden Vater gezeigt. (2) Der Vater des Gleichnisses, der seinem heimkehrenden Sohn entgegengeht, ist Gott, wie Er sich nur in Christus offenbart hat, ist Christus selbst. Gott, wie Er abgesehen von Christus ist, der verborgene Gott, müßte als im Hause bleibend, die Tür geschlossen haltend gedacht werden.

86 Matth. 3, 2 und 4, 17.

87 the middle path, Vgl. dazu Horaz Aurea mediocritas „Goldne Mittel­straße" (Oden II 10, 5). „Mittelstraß, das beste Maß!" (alter Spruch)

88 the whole world: Universale Sicht des indischen Geistes. Christus hat das Liebesgebot ohne Einschränkung verkündet und selber gelebt.

89 mehr als vier: S in seinem bildhaften Denken versteht das Wesen der reinen Mathematik nicht. In dieser ist 2 mal 2 stets 4, denn es handelt sich um reine Zahlen. Hieße es: 2 mal 2 Körner, so hätte S recht.

90 Übermensch (Superman), durch Nietzsche in Umlauf gekommen. Das Gegenwort ist „Untermensch" (inferior man).

91 Matth. 5, 48. Ein Wort, das in der ev. Theologie und Predigt vergessen zu sein scheint.

92 Betrachtungen: So muß hier meditations übersetzt werden. Vgl. dazu Anm. 10.

93 Hugo: Augustiner-Chorherr von St. Victor in Paris, scholastischer Theo­loge und Mystiker, einer der einflußreichsten Kirchenlehrer des 12. Jahrhun­derts; geb. 1096 in Sachsen, aus dem gräflichen Geschlechte von Blankenburg, gest. 1141. Vgl. RE VIII 436-445.

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Opera bei Migne PL 175-177. Die angegebene Stelle ist nicht zu finden. Von ascensus ad deum ist offenbar geredet, auch von descensus, aber nicht von descensus in se ipsum.

Es ist möglich, daß der benutzte Traktat von Bonaventura (vgl. Anm. 113) stammt und fälschlich, wie das oft vorkommt, in älterer Zeit unter Hugos Namen überliefert ist.

Vgl. Bonaventura: Itinerarium mentis in Deum, cap. I (Opera, Lugduni 1668, Tom. VII, 126): Oportet etiam nos intrare ad mentem nostram, quae est imago Dei aetema, et spiritualis, et intra nos, et hoc est ingredi in veritatem Del

84 Hylton: Der Mystiker Walter Hylton, gest. 1396, Augustiner. Die Sätze, die S (mit Auslassungen) anführt, stammen aus seinem Werke Scala Perfec-tionis, i. Buch, Kap. 49. Der letzte Satz in Ss Wiedergabe ist der erste Satz des 50. Kapitels.

95 cor nostrum inquietum donec requiescat in Te (Aurelius Augustinus) Confessiones I i.

96 Homer: Dieser Vergleich findet sich bei Homer nicht.

97 Joh. 4, 24.

98 Marcel: Dieser Name ist in keinem Nachschlagewerk zu finden (oder sollte Gabriel Marcel gemeint sein, geb. 1889 zu Paris?).

99 S ist einer englischen Übersetzung gefolgt, die den ursprünglichen Wortlaut verändert hat. Die Stelle steht Kap. 48 in Franz Pfeiffers Ausgabe der Theologia deutsch und lautet im Original: Und wer wissen wil e dan er glaubt, der körnet nimer zu wärem wissen. ... Man meinet hie etwas von der wärheit: das muglich ist zu wissen und zu befinden, des muß man glau­ben e dan man es wisse oder befinde, anders es kompt nimer zu wärem wissen, und den glauben meint Kristus.

100 Athanasius von Alexandria: gest. 373. Vgl. RE II194-205. Karl Müller faßt in seiner Kirchengeschichte I i (1929) auf S. 393 den für unsere Stelle wichtigen Inhalt der Schrift „Über die Menschwerdung des Logos" in dem Satz zusammen: „Gott ist also Mensch geworden, damit wir Gott werden könnten".

101 Berufsbettler: Ich erlebte noch 1937, wie die Mitglieder der „Bettler-Kaste" zur Veranda kamen und eine Gabe forderten.

102 Seuse: Heinrich Seuse, aus Sus, schwäbisch Seuse, latinisiert Suso; Dominikaner, gest. 1366. Vgl. RE XIX 173-176. In dem Buche „Das Leben des seligen Heinrich Seuse" findet sich im XX. Kapitel (Ausgabe von Georg Hofmann, Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1966, S. 66/67) diese Stelle (im Zusammenhang der Erörterung der drei Leiden), in neuhochdeutscher Über­setzung:

„Das eine ist dies: Du schlugst dich bisher mit deinen eigenen Händen und hörtest auf, wenn du wolltest, und du erbarmtest dich deiner; jetzt will ich dich dir selber wegnehmen und dich wehrlos in die Gewalt fremder Menschen geben. Da wird dann durch etliche blinde Menschen dein Ansehen in aller Öffentlichkeit zugrunde gerichtet werden; und dieser Schlag wird dich mehr schmerzen als das Nagelkreuz auf deinem verwundeten Rücken; denn deine früheren Übungen haben dein Ansehen vor den Leuten sehr erhöht, hier

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aber wirst du niedergebeugt und mußt zunichte werden." - Seuse trug ein spannenlanges Kreuz, mit Nägeln und Nadeln durchschlagen, auf dem bloßen Rücken.

103 Dorn im Heisch: thorn in the flesh (Luther: Pfahl im Fleisch), 2. Kor. 12, Vers 7.

104 Arabisches Sprichwort. Dem Sinn entsprechend das deutsche Sprichwort: „Was kümmert es den Mond, wenn der Hund ihn anbellt?"

105 Joh. i, n.

loe whichcote: Benjamin Whichcote (1609-1683), Provost am King's Col­lege zu Cambridge, Verfasser mehrerer religiöser Bücher. Die erste Gesamt­ausgabe seiner Schriften erschien 1751. Doch noch im 19. Jahrhundert wur­den, z. B. von der Tract Society, seine ausgewählten Aphorismen heraus­gegeben.

107 Tschu-Fu-Tsu: Richtiger Tschu-Fu-Tse, auch Tschu-Hsi genannt (1130 bis 1200), ein Ausleger der Klassiker. Wo die angeführte Stelle steht, läßt sich bei der Fülle seiner Schriften nicht sagen. (Diese sowie die anderen chine­sischen Auskünfte verdanke ich dem früheren China-Missionar Kilpper, gest.

1957-)

108 Mengtse: Nach dem Vorgang der Jesuiten auch Mencius genannt (372 bis 289 v. Chr.). Die angeführte Stelle steht in seinen Werken, 6. Buch, i. Teil, Kap. 7.

109 Spencer: Herbert Spencer (1820-1903), englischer Philosoph. Bei der Fülle seiner Schriften ist die angeführte Stelle nicht zu finden.

110 Ypas-Baum: Schreibfehler? Der Upas-Baum (Antiaris toxicaria), zur Familie der Maulbeergewächse gehörig, hat einen giftigen Milchsaft.

111 Ihr Licht: His light. Im Englischen ist sun (Sonne) masculinum. Hier steht Sun zudem noch als Sinnbild für Christus, daher His mit großem H.

112 i. Kor. 12, 26: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit."

113 Bonaventura: Das ist der kirchliche Name eines Scholastikers und Mystikers, des Franziskaners Johannes Fidanza, geb. 1221 zu Bagnorea im ehemaligen Kirchenstaat, gest. 1274. Vgl. RE III 282—287. In seiner Schrift Itinerarium mentis in Deum heißt es in cap. V (Opera, Lugduni 1668, Tom. VII, 153): sphaera intelligibilis, cuius centrum est ubique, et circumferentia nusquam.

114 Newton: Isaac, berühmter englischer Mathematiker und Physiker, 1643 bis 1727.

115 alle Menschen: Das klingt nach „Wiederbringung aller Dinge" und wäre demnach nicht biblisch. In diesem Kapitel bewegt sich S überhaupt sehr am Rande biblischer Erkenntnis.

118 Mansel: Henry Mansel (1820-1871), Professor der Theologie in Ox­ford. Eines seiner Werke heißt: Man's Conception of Eternity, 1854.

117 Philo: Philo von Alexandria, jüdischer Religionsphilosoph, gest. um 42 n. Chr. Die angeführte Stelle steht in seiner Schrift De Decalogo 47 (Aus­gabe Cohn IV 279,11 [i3]-i6).

118 göttlicher Funken oder Keim: Wörtlich genommen ist dieser Ausdruck biblisch nicht haltbar. Aber es will uns scheinen, S versuche nur die Tatsache zu deuten, daß der Mensch auf den Anruf Gottes antworten kann. Vielleicht

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wirkt auch noch die hinduistische Anschauung vom göttlichen Atman im Menschen weiter. S ist aber zu sehr Seelsorger, als daß er sich auf eine be­stimmte Lehre von der menschlichen Seele festlegen wollte. Ihm genügt die Tatsache, die jedem Einsichtigen vertraut ist: der Mensch, von Gott angerufen, kann Ihm antworten, hat ein Gewissen in sich, ist Gott gegenüber verant­wortlich.

119 Giseler: Professor Dr. Josef Klapper (Breslau/Erfurt 1880—1967), dem ich die Auskünfte über die lateinisch-theologischen Zitate verdanke, schreibt dazu: „Das Seelenfünklein-Zitat ist ganz sicher aus Meister Eckhart. Aber nirgends finde ich, daß er der Giseler genannt wird. Dagegen gibt es einen Giselher von Slatheim, der zu den Erfurter Eckhart-Schülern (zwischen 1323 und 1337) gehört ... Möglich wäre es, daß bei diesem Giselher ein Eckart-Zitat vorgelegen hat."

Vgl. auch Meister Eckharts 32. Predigt in Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des 14. Jhs., Band II, Leipzig 1857, S. 113, Z. 33 ff.: „Zem dritten male so ist, als mich bedunket, dirre kneht das fünkelin der sele, daz da ist geschaffen von gote und ist ein licht, oben in gedrücket, und ist ein bilde götlicher nature, daz da ist krigende alle wege wider allem dem, daz niht götlich ist, und ist niht ein kraft der sele, als etliche meister wollen, und ist alle wege geneiget ze guote."

120 Tschang-Tse: Richtiger Tschuang-Tse (etwa 380-310 v. Chr.), Taoist. Er vertritt den illusionistischen Standpunkt: alles ist Täuschung; es bleibt nur das reine Sein, das Tao, wo sich alle Gegensätze als wesenloser Schein auflösen. Die angeführte Stelle findet sich in seinen Werken, 2. Buch, 12. Kapitel

121 Kong-Fu-Tse: 551—479 v. Chr., auch Konfuzius genannt. Die zuerst angeführte Stelle findet sich in den Gesprächen des Konfuzius, Buch 13, Ka­pitel 18. S hat jene Stelle nicht auf Grund eigener Studien angeführt, sondern hat sie irgendwo aufgelesen und hier nach Gutdünken verwertet.

122 Auch hier wird S einem anderen Schriftsteller nachgesprochen haben. Dieser Ausspruch soll überhaupt nicht von Konfuzius stammen, sondern von einem seiner Schüler namens Tse-Hsia.

123 Vgl. unser Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem ändern zu."

124 Carrit: Dieser Name findet sich in keinem Nachschlagewerk. Ob S sich nicht verhört oder verschrieben hat?

125 Matth. 27, 5.

126 Aristoteles: Griechischer Philosoph (384-322 v. Chr.). Das Wort „ein Tier oder ein Gott" hat Aristoteles in seiner „Politik" (I 2 p, 1253 a 29) von dem Wesen geschrieben, das an keiner Gemeinschaft teilnehmen kann oder ihrer nicht bedarf.

127 Angela da Foligno: Mystikerin, geb. 1248 in Foligno in Umbrien, gest. 1301 ebenda. Sie war früh vermählt und lange der Welt verfallen, nach dem 21. 7. 1285 vom Sündenleben bekehrt, verlor auf ihr Gebet hin Gatten, Mutter und Kinder; sie verließ alles, wurde 1291 in den 3. Orden vom Hl. Franziskus aufgenommen, gründete in Foligno eine Genossenschaft von Schwestern des 3. Ordens, lebte ganz der Buße und Nächstenliebe und wurde

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durch große Leiden geläutert, durch Gnaden und Offenbarungen zu höchster Vergeistigung und zu schauender Gottesweisheit geführt.

128 Ephes. 5, 13.

129 Geisteswelt: spiritual world.

130 Himmlische Schau: Heavenly Vision.

131 Spiritismus: spiritualism. Dieses englische Wort hat zwei grundver­schiedene Bedeutungen, die wir im Deutschen deutlich unterscheiden: (i) Spi­ritualismus, eine philosophisch-metaphysische Lehre, die als Wesen der ge­samten Wirklichkeit den Geist annimmt (Gegenbegriff: Materialismus); dazu die geistige Bewegung religiöser Art, welche sich nicht beim Unterscheiden­den der Bekenntnisse aufhält, sondern allein auf den alles verbindenden Geist blickt. (2) Spiritismus, der Glaube an den Verkehr mit den Geistern der Abgeschiedenen.

132 Gemeinschaft der Heiligen: Communion of Samts, wie wir sie im Drit­ten Artikel des Glaubensbekenntnisses bezeugen (lat. communio sanctorum).

133 Geisterwelt: the world of spirits.

134 Eine weit verbreitete Auffassung, die aber im Neuen Testament keine Grundlage hat.

135 Matth. 25, 23.

las Vgl dazu Aura und Aureole, Mandorla und Nimbus. Was die christ­liche Malerei (und nicht nur sie) den Heiligen beigegeben hat, das geht auf Erfahrungen zurück, die gewissen Menschen zuteil werden.

137 Joh. 8, 12.

138 „fünf Feuer": Der Mann sitzt in der Mitte eines Quadrats, an dessen vier Ecken je ein Feuer brennt. Als fünftes Feuer gilt die heiß brennende Sonne über ihm.

139 Guru: Der religiöse Lehrer im Hinduismus. Vgl. dazu meine Studie: „Der Guru als Seelenführer / Abendländische Begegnung mit östlicher Geistigkeit". Neue Studienreihe Heft 3, Brockhaus-Verlag, Wuppertal 1963.

140 nicht gelungen, Gottes gewiß zu werden: that they have failed to realize God.

141 A Swarajist.

142 Religion: Gemeint ist der Hinduismus. Vgl. die folgende Anmerkung.

143 Maya-Lehre: Die sichtbare Welt für sich sei Täuschung, nur die unsicht­bare Welt sei wirklich. Diese Lehre hat den Hindu von der sichtbaren Welt abgelenkt, so daß er ihr gegenüber gleichgültig geworden ist. Zur sichtbaren Welt gehört das Politische. Deshalb nimmt der altgläubige Hindu keinen lebhaften Anteil an Politik und sozialem Fortschritt.

144 Home-Rule: Selbst-Regierung, auf Indisch Swaraj. Home-Ruin = Selbst-Zerstörung. Das Ganze ist ein Wortspiel, das sich im Deutschen nicht wiedergeben läßt.

145 Lama: (tibetanisch) „Oberer", Titel der buddhistischen Äbte in Tibet und der Mongolei, aus Höflichkeit jedem Mönch gegeben.

146 des Schmerzes oder des Friedens: Im Englischen ein Stabreim, und da­her wohl auch die Wortwahl: pain or peace.

147 Vgl. Matth. 27, 25.

148 Dieser wie die folgenden Sätze sprechen eine wichtige Erkenntnis Ss

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aus. Daher auch unsere Ausführungen in Anm. 21! Wörter sind nicht „Schall und Rauch", sondern Namen voller Bedeutung. Wörter gleichen geistigen Lebewesen. Wir dürfen und können sie nicht beliebig verwenden, sondern müssen aufmerksam auf ihr Eigenwesen achten. So können auch die jungen werdenden Kirchen im Heiden-Land die Grundwörter heidnischer Religion nicht beliebig in ihren Dienst stellen. Alle Wörter, die in der Kirche gespro­chen werden, müssen sich auf Christus richten und von Ihm her ihr Licht und Leben empfangen. Vgl. zu dieser ganzen Frage mein Buch „Unsere Sprache im Lichte der Christus-Offenbarung" (1952).

149 Friedrich Heiler hat über diese „geheime Sannyasi-Mission" wichtige Tatsachen erfahren und in folgenden Schriften mitgeteilt: (l) „Sadhu Sundar Singh, ein Apostel des Ostens und des Westens", 1925, Beilage II: „Niko-demus-Christen in Indien", S. 289-292; (2) „Apostel oder Betrüger?" Doku­mente zum Sadhu-Streit, 1925, S. 164ff.; (3) „Die Wahrheit Sadhu Sundar Singhs", neue Dokumente zum Sadhu-Streit, 1927, S. 276. Dort jeweils zahl­reiche Belege!

150   Bazaar: Geschäftsstraße, sowie das Stadtviertel der Geschäftsstraßen.

151 Der Aid, darust aid (who comes slowly comes rightly).

162 Pascal: Blaise Pascal (1623—1662), französischer Mathematiker und Philosoph.

Das angeführte Wort steht in der Mitte von „Mystere de Jesus" in den Pensees (Ausgabe Brunschvicg Nr. 553, Ausgabe Strowski Nr. 610) und lautet: „Con-sole-toi, tu ne me chercherais pas, si tu ne m'avais trouve".

153 Pandit: Sanskrit-Gelehrter und -Lehrer der alten heiligen Sanskrit-Schriften. Über Leben und Treiben der Pandits vgl. Richard Garbes Buch „Indische Reiseskizzen", 1925, S. 50-85: „Ein Studienjahr in Benares."

154 Swami: Herr, im religiösen Sinn = der Gott sowie der fromme Lehrer, der des Gottes Lehre verbreitet. So setzen die Mönche der Rama-Krishna-Mission vor ihren Namen das Wort Swami, z. B. Swami Vivekananda.

155 Krishna: über Krishna vgl. die 3. Schrift, 2. Kap. III.

156 Kumbh-Mela: Töpfermarkt (kumbha = Topf, mela = Versammlung). „Die berühmten religiösen Feste in Indien sind seit undenklichen Zeiten unter dem Namen ,Kumbha Melas' bekannt; auf die Massen haben sie ihre geistige Anziehungskraft bewahrt. Millionen gläubiger Hindus versammeln sich, um einige tausend Sadhus, Yogis, Swamis und Asketen zu sehen, von denen einige ihre Zurückgezogenheit nur verlassen, um den ,Melas' beizu­wohnen und der Menge ihren Segen zu erteilen." (Paramhansa Yogananda in seiner „Autobiographie eines Yogi", 1950, S. 343.)

157 Mose: S. übersieht hier den Unterschied zwischen der alttestament-lichen Offenbarung und dem Heidentum.

Immer wieder begegnen wir in Indien gerade unter den gebildeten und selbständig denkenden indischen Christen einem ernsten Ringen um das, was sie mit dem Wort national heritage bezeichnen. Sie sind von der Frage umgetrieben: Was bedeutet das völkische Erbe für die junge werdende Kirche in Indien? Das zeigt sich bei der Frage nach dem Alten Testament. Die einen meinen, die indischen Christen sollten sich ein eigenes „Altes Testa-

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ment" aus den heiligen Schriften des Hinduismus bilden. Andere wieder halten dafür, daß eine Auswahl des Besten aus dem Hinduismus neben das Alte Testament treten solle.

Unter denen, die selbständig zu denken versuchen, die also nicht bloß west­lichen Theologen nachsprechen, verbreitet sich immer mehr diese zweite Ansicht, die Dr. A. J. Appasamy in seinem Buch Christianity äs Bhakti Marga l A Study of the ]ohannine Doctrine of Love (1930) dahin ausgespro­chen hat: Die hl. Schriften des alten Indien sollen das Alte Testament nicht verdrängen, sondern ergänzen (they will Supplement, not supplant the Old Testament, S. 166). Hier wartet also auf die evangelische Religionswissen­schaft noch eine große Arbeit: Die Kirche hält am Alten Testament fest, muß aber das völkische Erbe in die Kirche hineinnehmen, in Indien wie überall. Dabei kann sie das völkische Erbe aber keinesfalls als gleichartig neben das Alte Testament stellen.

158 Rishis: Die indischen Weisen und Seher der Vorzeit, denen die Vedas offenbart worden sein sollen.

159 Joh. 19, 30.

160 Islam: Islam heißt wörtlich „Unterwerfung, Hingabe" (nämlich an Gott), von S als „Frieden" verstanden, wie denn aus jener Unterwerfung auch eine Art Friede im Herzen des gläubigen Muslim folgt.

161 declare to the Christians-without-Christ.

162 Then tvith salaams we parted. Der indische Gruß salaam kommt aus dem Islam, ist dem hebräischen Gruß schalom verwandt, bedeutet „Friede".

168 Sikh: Anhänger einer indischen Misch-Religion, die zwischen Hin­duismus und Islam steht; in Nordindien beheimatet. Man zählt etwa 3 Mil­lionen Sikh. Sie sind kriegerische Menschen; ihr Name bedeutet „Löwe". S gehörte auch zu diesem Volk. Sardar ist ein dtieftain, der Oberste eines Stammes oder Dorfes.

164 Arya Samaj: Eine Hindu-Bewegung des 19. Jhs., die zeitweise der christlichen Missionsarbeit Abbruch tat. Sie wendet sich gegen den Götzen­bilderdienst, verteidigt aber im übrigen den Hinduismus leidenschaftlich gegenüber dem Christentum. Vgl. J. N. Farquhar: Modern Religious Move-ments in India (1929), S. 101—129.

165 die doch keine Inder sind: Indische Christen, die westliche Kleidung und Lebensart angenommen haben. In unserem Jahrhundert erleben wir end­lich die Gegenwendung: Indische Christen sollen in allen Stücken indisch bleiben, soweit ihre überkommene Art sich mit Gottes Wort verträgt. Vor allem sollen sie nicht westliche Kleidung und Lebensart nachahmen.

168 Die Missionare hätten die Neubekehrten gern in ihrer alten Umgebung gelassen. Aber die heidnischen Angehörigen duldeten das niemals, wie S selber leidvoll erfahren mußte. Jetzt sind endlich Bestrebungen am Werk, und zwar unter Reform-Hindus: Inder, die ihren Glauben aus Über­zeugung wechseln, sollen in ihrer alten Umgebung bleiben können. Doch damit würden wieder neue schwere Fragen und Nöte auftreten, denn wie kann ein Christ am heidnischen Familienleben teilnehmen, wo in Indien die Religion den ganzen Alltag durchdringt und bestimmt?

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187 S bezeugt, was man existentielle Erkenntnis nennen könnte: durch Erfahrung, durch Praxis, durch Tun erschließt sich das Christus-Zeugnis. Vgl. dazu Joh. 7, 17!

168 als christlich gelten: known äs Christian, Dieser fromme Selbstbetrug ist durch den Ersten Weltkrieg zerschlagen worden. Aber der Rede von Christian countries und Christian nations habe ich noch 1935 wehren müssen.

169 Kirchen ohne Liebe: churches-without-charity.

170 Christians-without-Christ (vgl. Anm. 161).

171 Churchianity ivithout Christianity. Churchianity verhält sich zu churck (Kirche) wie Christianity zu Christ (Christus). Es ist wohl eine indische Wortprägung (die Endung -ianity ist abschätzig gemeint).

172 Christianity-without-Christ.

173 Vgl. Matth. 13, 13 und Mk. 8, 18.

174 Offenbarung: Manifestation (wird in Indien vielfach statt revelation gebraucht, vor allem im Hinduismus).

175 In der geheimen Kammer des Herzens: in the secret chamber of the heart.

176 i. Kon. 19, 12: a still small voice (Luther: ein stilles, sanftes Sausen).

177 Ein Wortspiel, das wir im Deutschen nicht nachahmen können: Tuition -Intuition. Am nächsten käme noch das Reimpaar: Belehrung — Bekehrung, aber Bekehrung ist nicht dasselbe wie Intuition, hat mit ihm nur gemeinsam: es meint einen innerlichen Weg gegenüber dem bloßen verstandesmäßigen Lernen.

178 Glieder: nämlich Glieder am Leibe Christi (vgl. i. Kor. 12, 26).

179 Joh. i, 9.

iso Materialismus: Die Weltanschauung, welche nur die sinnlich erfahrbare Welt als wirklich anerkennt.

181 Joh. 12, 32.

182 Luk. 23, 43.

183 Matth. 19, 19.

184 Luk. 16, 9.

185 Vgl. Matth. 4, 19.

186 Rom. 7, 24.

187 die Tatsache aller Tatsachen: the fact of facts.

188 i. Kor. 13, i.

189 Helen Keller: Amerikanische Schriftstellerin (geb. 1880) wurde mit i*/2 Jahren blind und taub. Das angeführte Wort steht entweder in ihrem Buch The Story of my Life (1903) oder My Religion.

190 Psalm 23, 3: through the valley of the shadow of death (Luther: im finstern Tal).

191 Kol. 3, 3.

192 Matth. 11, 29.

193 Armenier: In der Türkei kamen 1895/96,1909 und 1914/15 durch Mord und Entbehrung erst 200 ooo, dann 600 ooo Armenier um; etwa 100 ooo Frauen wurden in Harems verschleppt. Die Armenier sind Christen.

194 Matth. 28, 20.

iss My experience with and without Christ.

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196 ihr: Die Mutter ist für das Leben frommer Hindus entscheidend. So sehr die Frau im Hinduismus unterdrückt wird, hier im Haus als Priesterin und Erzieherin der Kinder hat sie Freiheit. Was Mark Karunakaran als Christ im Rückblick auf seine heidnische Jugend von seiner Mutter schreibt, gilt für viele andere: „Ich kann mich nicht erinnern, daß sie nicht jeden Tag wenig­stens einmal zu dem eine halbe Stunde entfernten Tempel wanderte. Kein Abend senkte sich nieder, ohne daß sie im Ramayana, im Bhagavatam und ähnlichen heiligen Büchern gelesen hätte." (Marcus Karunakaran: „Deines Wortes Kraft" / Warum ich ein Christ wurde. 1936, S. 10.)

197 Vgl. Matth. 6, 33.

198 Granth: Das heilige Buch der Sikh (über die Sikh vgl. Anm. 163).

199 es: wörtlich = er (him). S bezieht him auf Brahma und setzt Brahma somit gleich Gott. Brahma ist aber nicht gleich Gott (vgl. Anm. 21). Wir weichen im Deutschen vom Wortlaut ab und setzen „es".

200 Rupie: Das Wort stammt aus dem Sanskrit (rupya = schön, Silber). Die alte Rupie hatte 16 Annas, eine Anna 12 Pies; die neue Rupie zählt 100 „neue Pies" (Pie ist die englische Schreibung, sprich: Pei). Der Wert liegt bei 0,88 DM.

201 eine engl. Meile mißt 1609 m, also drei Meilen sind fast fünf Kilometer.

202 The Manifestation of the Living Christ. Ob eine Vision echt und wirk­lich ist oder nicht, läßt sich von außen nicht beurteilen. Hier gilt das Wort Jesu: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" (Matth. 7, 16 und 20). Was sich religionspsychologisch sagen läßt, hat Friedrich Heiler in seinem Buche „Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens und Westens" (1925) S. 24-31 gesagt. Seine Untersuchung stellt die Wirklichkeit dieser Erfahrung nicht in Frage, hat es vielmehr nur mit der Form zu tun.

203 All-Mutter: our Universal Mother. Im indischen Christentum ist auch die Hindu-Auffassung lebendig, die von Gott spricht als von my father, my mother, my everything. Sollte die indische Christenheit nicht berufen sein, unser abendländisches Gottesbild, das Gott sehr männlich auffaßt, zu ergän­zen? Denn Gott ist weder männlich noch weiblich. Wir dürfen vom gram­matischen Geschlecht eines Wortes keine Rückschlüsse auf die Wirklichkeit ziehen, auf die das Wort hinweist.

204 Joh. 11, 43.

205 Joh. 14, 27.

506 beschmutze: Wenn ein Kastenloser oder ein Christ die Eßgeräte eines höheren Kasten-Hindu berührt, so gelten sie als „beschmutzt", als „unrein".

207 that they are not subjective, but have an objective reality?

298 Autosuggestion: Selbsterzeugung einer Suggestion, Selbst-Beeinflus­sung.

209 Phil. 4, 7.

210 Sokrates: Griechischer Philosoph aus Athen (469-399 v. Chr.).

211 The Inner Life. Unter diesem Titel hat C. F. Andrews 1939 bei Hodder & Stoughton, London, ein Buch geistlicher Erfahrung herausgebracht, in welchem er S. 22—26 auch von Sundar Singh spricht. Über „inner" vgl. mein Wörterbuch „Das Wort in den Wörtern" (1965), S. 232—234.

212 Vgl. i. Mose i, 27.

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213 Karneades: Cicero Academica II 30, 98: Si recte conclusi, teneo; sin vitiose, minam Diogenes mihi reddet (Mitteilung von Prof. Max Wundt, Tü­bingen).

214 Goethe: „Das beste, was du wissen kannst / darfst du den Buben doch nicht sagen" („Faust" I 1840!).

215 Tertullian von Karthago: der erste große lateinische Kirchenvater (geb. um 150, gest. um 220). Vgl. RE XIX 537—551. Die im Text angeführte Stelle bezieht sich wahrscheinlich auf eine Aussage, die sich in seiner Schrift Apolo-geticus adv. gentes, cap. XVII findet (Opera bei Migne, Patr. lat., Tom. I, Sp. 433).

216 Colburn: Zerah Colburn (1804-1839), Amerikaner, ein mathematisches Wunderkind. Seine Selbstbiographie: A Memoir of Z. Colburn (1833).

217 Schopenhauer: Deutscher Philosoph, 1788—1860. „Woher denn anders hat Dante den Stoff zu seiner Hölle genommen als aus dieser unserer wirk­lichen Welt?" („Die Welt als Wille und Vorstellung" I 383.) „Viel weniger irrt, wer mit zu finsterem Blicke diese Welt als eine Art Hölle ansieht" („Parerga und Paralipomena" I 432). „Die Welt ist eben die Hölle, und die Menschen sind einerseits die gequälten Seelen und andererseits die Teufel darin" („Parerga und Paralipomena" II 322).

218 Hegesias: Kyrenaiker, hatte den Beinamen Peisithanatos, weil seine Vorträge so pessimistisch waren, daß sie angeblich seine Hörer zum Selbst­mord trieben. Er lebte im 3. Jahrhundert v. Chr.

219 Zeno: geb. um 490 bis 485 v. Chr. Daß er sich das Leben nahm, ist historisch nur wahrscheinlich, nicht gewiß.

220 pyrrno: Begründer der ältesten skeptischen Schule (360-270 v. Chr.).

221 Ephes. 4, 22 und 24; Kol. 3, 9.

222 Mahavira: Zeitgenosse Buddhas, gest. 477 v. Chr.; Begründer der Jain-Sekte.

223 Bhartari: Zu diesem Namen hat Prof. H. W. Schomerus (Halle) mit­geteilt: „Bhartari wird wohl identisch sein mit Bhartrhari. Es gibt ein Drama Bhartrharinirveda, Bhartrhari's Weltüberdruß, von Harrihara, Bhartrhari war ein König, der sich von seiner Gattin betrogen glaubte und aus Verzweiflung darüber, daß seine Gattin auf die von ihm ihr zugesandte Nachricht von sei­nem Tode ihr Leben ausgehaucht habe, mit ihr den Scheiterhaufen besteigt. Nach einer anderen Erzählung soll Bhartrhari erfahren haben, daß seine Gat­tin ihm die Treue gebrochen habe. Daraufhin habe er der Welt entsagt."

224 Rom. 14, 9 (2. Tim. 4, i).

225 S lebte in einer Zeit, da man noch so denken konnte. Wir leben heute in einer anderen Weltlage. Im übrigen gilt die Kirchengeschichte nicht als Beweis, auch nicht als „praktischer Beweis" für die Wahrheit des Christen­tums. Für uns wie für alle Menschen zu allen Zeiten gilt nur, was im ersten Jahrhundert bereits gegolten hat: Jesus Christus, sein Wort und Wirken.

228 S lebte in einer Zeit, da es außer den britischen Provinzen in Indien noch gegen 500 Fürstentümer gab.

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ANHANG

-l. DIE   INDISCHE   EIGENART   DER   ERSTEN   SCHRIFT

Wer Ss Schriften miteinander vergleicht, wird entdecken: mehr als jede folgende faßt die erste Schrift die Eigenart indischen Christentums in sich. Prof. Heiler hat im Blick auf die ihm damals bekannten vier ersten Schriften Ss diese erste Schrift „die wichtigste und tiefste" genannt, „welche der Sadhu geschrieben; wir schauen hier durch einen Vorhang in das Sanctissimum sei­nes Christusumganges". Dieses Urteil bleibt bestehen, auch wenn man noch die beiden letzten Schriften in Betracht zieht, die Heiler damals noch nicht kennen konnte. Was die späteren Schriften im einzelnen entfalten, das lebt hier schon in lebendiger Einheit. Keine spätere aber erreicht diese erste Schrift an Kraft der inneren Ergriffenheit, an Christus-Nähe und Geistes-Schau. „In dieser Schrift redet er als Beter. Darum können sie nur betende Menschen verstehen" (Heiler).

Im folgenden versuchen wir, aus Gestalt und Gehalt der Schrift einige Züge indischen Christentums abzulesen, wie es sich in S ausgeprägt hat. Wir unter­suchen die Sprachgestalt, erforschen die Quellen seiner Erkenntnis und fragen nach seinem Christus-Zeugnis.

I. Die Spradigesta.lt

i. Das Zwiegespräch

Was dem Leser schon beim ersten Blättern auffällt, ist, daß die ganze Schrift in der Gestalt eines Zwiegesprächs geschrieben ist. Jedes der sechs Kapitel besteht aus zwei - eines aus drei — Unterteilen. Jeder Unterteil bringt zuerst eine Frage des Jüngers und dann die ausführliche Antwort des Meisters. Wie es zu diesem Gespräch zwischen S und Christus kam, hat S gegen Ende der Einleitung selbst berichtet.

Solche Art der Darstellung mag uns Abendländer merkwürdig berühren, und ich kann verstehen, wieso eine frühere deutsche Ausgabe, allerdings ohne den Leser über diese Veränderung zu unterrichten, das Zwiegespräch verlassen und den Inhalt in der dritten Person wiedergegeben hat.

Mit solcher Umgestaltung wurde aber etwas Entscheidendes verdeckt. S hatte das Zwiegespräch nicht aus literarischer Laune gewählt, sondern er lebte

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täglich im Gebetsumgang mit dem Herrn; mehr noch: er hatte immer wieder in der Entrückung solche Gespräche gehabt. Und indem der Sadhu kühn genug ist, zu uns Abendländern - für die seine Schrift vornehmlich gedacht ist - so zu reden, wie er es tut, ist eine Frage an uns gerichtet. Es ist dieselbe Frage, die uns aus den wenigen Schriften jener Kirchenväter anspricht, die auch in der Gestalt der Gebetsrede mit Gott ihre Erkenntnis dargelegt haben (Au­gustin in seinen „Bekenntnissen" und Anselm in seinem „Proslogium"). Während wir aber von jenen nicht wissen, ob sie wirklich entrückten Geistes mit dem Herrn geredet haben, bezeugt der Sadhu diese Art der Unterredung ausdrücklich in der Einleitung seiner Schrift.

Die Frage, die damit an uns gerichtet ist, zielt auf das ganze Verfahren unserer theologischen Arbeit, auf den Weg, auf dem wir geistliche Erkennt­nisse gewinnen: Handelt es sich dabei um ein Denken des in sich ruhenden Verstandes oder um eine Unterredung mit dem Herrn? Wir wollen den Sadhu keineswegs zum Vorbild nehmen - hat er selbst doch nur in dieser einen Schrift die Gestalt des Zwiegesprächs angewandt! Aber für die wer­dende indische Kirche müssen wir bitten: Lasset sie ihre eigenen Wege gehen, auch in der Gestalt, wie sie ihre Erkenntnisse findet und verkündet!

Wer so in einem Zwiegespräch mit Christus vor die Öffentlichkeit tritt, der bedarf eines reinen Herzens und eines klaren Geistes, wie sie kein Mensch sich selber geben kann.

Wollten wir den Sadhu fragen, ob das Gespräch im wort-wörtlichen Sinn wirklich so verlaufen sei, wie er es dargestellt hat, so würde er uns merk­würdig anblicken und vielleicht sagen: Was wißt ihr von der Wirklichkeit? Ich denke, was er mitteilt, das hat er im wesentlichen von Christus empfan­gen; aber wie er es ausspricht und darstellt, das ist seine eigene Gestaltung.

Wir werden ihm zugestehen müssen, daß es das gibt: Unterredung eines Christen mit dem Herrn. Über das Wie solcher Begegnung wird noch bei der Frage der Schau zu sprechen sein. S läßt uns in seiner ersten Schrift spüren, was wir Abendländer durch den Rationalismus der letzten zwei Jahrhunderte verloren haben. Das indische Christentum ist durch keine „Aufklärung" hin­durchgegangen. Wir müssen es aus der Seelenhaltung der Alten wie der Mittelalterlichen Kirche verstehen.

2. Die Gleichnisrede

Was den Leser am Stil dieser ersten Schrift so fesselt, was ihn so wohl­tuend berührt und zugleich ihm das Wesen des indischen Geistes - oder die Seite des indischen Geistes, die gerade in der Kirche zu herrlicher Entfaltung kommt — so bezaubernd zeigt, das ist die Gleichnisrede.

S sagt selber im Vorwort: „Es wäre mir unmöglich, diese Wahrheiten, die mir offenbart worden sind, weiterzugeben, wenn ich nicht in Gleichnissen sprechen dürfte."

Mitunter werden diese Gleichnisse ausgeführt, dann wieder nur kurz an­gedeutet. Wir haben in allen sechs Schriften Ss über 240 Gleichnisse gezählt. Davon entfallen über ein Drittel (88) allein auf die erste Schrift. Die Gleich­nisdichte ist hier also doppelt so groß wie in den anderen Schriften.

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II. Die Quelle der Erkenntnis

i. Die innere Schau

S hat seine Erkenntnisse nicht auf den beiden Wegen wissenschaftlicher Welterkenntnis erworben: weder durch die Sinne seines Leibes noch durch das Denken seines Verstandes. Er hat vielmehr einen dritten Weg beschriften. Er nennt ihn den Weg der Geistes-Schau (spiritual vision). Dazu gebraucht man Geistes-Augen (spiritual eyes).

Von Natur aus sind unsere Geistes-Augen geschlossen. Wie steht es mit dem Menschen, dessen Geistes-Augen noch nicht auf getan sind? S hört Christus antworten: „Wie gelehrt er auch sein mag, er kann Mich doch nicht erkennen noch Meine Herrlichkeit schauen, und er kann erst recht nicht ver­stehen, daß Ich Gott im Fleisch bin."

Erst Christus tut die Geistes-Augen auf. So hört S Christus zu sich spre­chen: „Was du jetzt von Mir siehst, das nimmst du nicht mit den Augen des Fleisches wahr, sondern mit den Augen des Geistes." Nach der Auferstehung konnte Christus nur sehen, „wer Geistes-Augen empfangen hatte". S unter­scheidet zwischen bloßer Kenntnis über Jesus und der wahren Erkenntnis Seiner. Diese gewinnt ein Mensch dadurch und hat auch S nur dadurch ge­wonnen, daß er in persönliche Beziehung zu Jesus trat, richtiger: daß Jesus ihm persönlich begegnete, und daß das damit begonnene Gespräch nicht mehr aufgehört hat. S hört Christus zu ihm reden: „Viele Menschen in dieser Welt haben Kenntnis über Mich, aber Mich selber kennen sie nicht. Das kommt daher, daß sie keine persönliche Verbindung mit Mir haben. Deshalb haben sie keine wahre Erkenntnis von Mir und glauben Mir nicht, noch nehmen sie Mich als ihren Herrn und Heiland an."

Für diese Geistes-Schau gebraucht S das Wort vision. Wenn wir dieses Wort wirklich verstehen wollen, dürfen wir nicht an unser Fremdwort Vision denken. Der englische Sprachgebrauch greift weiter als unser Fremdwort: nision heißt (i) das Sehen, Sehvermögen, Gesicht; (2) das Gesehene, der Anblick; (3) Vision, Erscheinung, Bild, Einbildung. Ss vision meint nichts Eingebildetes, nichts „Visionäres". Sondern wenn er eine Vision hat, wenn er „schaut", dann ist er der Sinnenwelt entrückt, dann ist sein Geist in die unsichtbare Gotteswelt eingegangen und weilt in der Wirklichkeit (vgl. FM 19—26). Bei solcher Schau befindet er sich in einem Zustand geistiger Wach­heit. Nachher erinnert er sich deutlich an die Gespräche, an das, was er gehört. Denn in seiner Schau versinkt S nicht im Wesenlosen, sondern gelangt zu einer personhaften Begegnung mit Christus.

2. Das johanneische Evangelium

S tritt in die „Geistes-Schau", in die Begegnung mit Christus nicht un­vorbereitet ein. Er lebt täglich aus Gottes Wort. Das Neue Testament hat ihn überall hin begleitet. Und hier gilt seine besondere Liebe dem Johanneischen Evangelium. Wie er zur Unterredung mit Christus durch das betende Be-

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trachten der Schrift vorbereitet ist, so führt ihn umgekehrt das Gespräch in der Entrückung mit Christus wieder tiefer in die Schrift hinein.

In der ersten Schrift haben wir über 100 Schriftstellen gezählt, die S aus­drücklich nennt. Davon entfallen allein 37, also ein Drittel, auf die beiden johanneischen Bücher des Evangeliums und der Offenbarung: 26 und 11. In allen 6 Schriften finden wir das Johannes-Evangelium 76 mal erwähnt. Ein Drittel dieser Anführungen entfällt auf unsere erste Schrift. Die Dichte der angeführten Worte aus dem Johannes-Evangelium ist also in dieser Schrift doppelt so groß wie in den anderen Schriften. Hier seien die Schriftstellen genannt:

(1) aus dem Johannes-Evangelium: l, 9; 3, 8; 3, 14 und 15; 4, 14; 4, 24; 5,12 und 13; 6, 9; 6, 55; 6, 63; 8,12; 9,17 und 35/37; 10, 9; 10, n; 10, 28; 11, 39 und 41 und 44; 13, 35; 14, 2/3; 14, 9/10; 14, 19; 14, 21; 15, 8; 16, 20/22; 16, 22; 17, 24; 19, 30; 20, 22.

(2) aus der Offenbarung: i, 8; 2, 7; 2, 10; 3, 20; 3, 21; 19, 16; 21, 4; 21, 23; 22, 5; 22, 17.

Was zieht S so sehr zu Johannes? Darüber hat er sich niemals ausdrücklich ausgesprochen. So können wir nur vermuten und aus seinen Schriften Rück­schlüsse versuchen. Wer längere Zeit in Indien geweilt hat, wird bemerkt haben: Paulus spricht den indischen Menschen nicht an, denn er fordert eine Art des Denkens, die dem indischen Menschen fremd ist. Johannes dagegen redet bildhaft; bei ihm schauen wir, was er sagt. Es ist jedenfalls Tatsache, daß Hindus wie Christen sich vornehmlich zu Johannes hingezogen fühlen. Wie oft habe ich nicht mit frommen gebildeten Hindus gesprochen, die das Johannes-Evangelium kannten und lasen, es auf Reisen auch mit sich führten! Darüber vgl. des weiteren meinen Aufsatz: „Das Johanneische Evangelium in Indien" / Evangelische Missions-Zeitschrift (1942) III 106-114 = FM 156-165.

III. Das Christus-Zeugnis

i. „Gott im Fleisch"

In der Welt der indischen Religionen ist im Laufe der Jahrhunderte je länger je mehr die Sehnsucht aufgekommen: die verborgene Gottheit wolle sich doch sichtbar kundtun — ein Verlangen ähnlich dem, das S in der Nacht seiner Bekehrung und Berufung zu jenem merkwürdigen Gebet trieb. Dieser Sehnsucht der indischen Seele ist die Lehre von den Avataras entsprungen: die Gottheit erscheine von Zeit zu Zeit in sichtbarer Gestalt, zuletzt sei sie als Rama und Krishna erschienen. Hier bewegen wir uns aber in dem Däm­merland der Dichtung und Mythologie. Wer ernsthaft sucht, braucht jedoch festen Boden unter den Füßen; den verlangt nach geschichtlicher Wirklichkeit. So fand S erst Frieden und Gewißheit, als ihm Christus selbst begegnet war. (Zur ganzen Frage des Avatara-Glaubens vgl. meine Studie: „Das Wort ward Fleisch" [Joh. l, 14] / Von der Begegnung der Christusbotschaft mit dem Avatara-Glauben des Hinduismus. Evangelische Missions-Zeitschrift [1942] III 296-307 = FM 43-56.)

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In dieser Begegnung mit Christus dem Auferstandenen wurde S seines Er­lösers gewiß und froh. Aus diesem Erlebnis erwuchs seine Freude an dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Zwar hat er keinen besonderen Ab­schnitt über die Fleischwerdung Christi geschrieben, aber - was vielleicht noch viel beachtlicher ist — seine Sprache enthält zahlreiche Wendungen, in denen er dieses Wunder immer wieder bezeugt. Er gebraucht nicht einen bestimmten Begriff, wie wir abendländischen Theologen, denen die Menschwerdung zu keinem besonderen Erlebnis geworden ist, sondern er steht noch mitten im rauschenden Strom anbetenden Lebens. In allen 6 Schriften finden sich zu­sammen 37 Aussagen über die Menschwerdung Christi. Davon entfallen 14 allein auf die erste Schrift, das ist mehr als ein Drittel. Somit ist die Dichte der Aussagen in der ersten Schrift doppelt so groß wie in den anderen Schriften.

Es besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der Anbetung des Incarnatus und dem Erleben der wirklichen Gegenwart des lebendigen Chri­stus. In unseren evangelischen Kirchen ist beides bloße Lehre, aber kein Le­ben. Bei S ruft eins das andere, ähnlich wie in der anglikanischen Kirche. Wo dergestalt der Lebendige Herr als der Gegenwärtige erfaßt wird, da erwächst ein Gebetsleben, wie wir Abendländer es kaum zu erahnen vermögen. Auch dafür ist S uns ein leuchtender Zeuge (vgl. FM 166-175).

2. Die Botschaft vom Kreuz

S ist kein Theologe, der überkommene Lehren weiterreicht. Was er gibt, das kommt aus eigener Erfahrung, das hat er selbst durchlebt und durchlitten. Weil er selbst vom ersten Tag seines Christenlebens an viel zu leiden gehabt hat, ist ihm aufgegangen, was das Leiden und das Kreuz des Herrn bedeuten. So ist es auch kein Zufall, daß er in seiner ersten Schrift bereits ein Kapitel über „Das Kreuz und das Geheimnis des Leidens" mitgeteilt hat. Wer in Indien Christus nachfolgen will - aber nicht nur dort -, der tritt auf einen Weg des Leidens.

Alles Leiden hat ihn aber nur noch um so mehr zu Christus geführt, hat ihn zu selbstlosem Dienst bereitet und ins Gebet getrieben. Deshalb spricht er in weiteren Kapiteln der ersten Schrift auch gerade vom Gebet und vom Dienst.

Die verschiedenen Kapitel der ersten Schrift erscheinen wie leuchtende Lotosblüten, die, in einem Kreis vereinigt, auf dem Wasser indischer Religion erstrahlen. Aber sie schwimmen nicht getrennt nebeneinander, sondern ent­springen alle einer gemeinsamen Wurzel: Christus. Nur der versteht S, wer ihn in dieser lebendigen Christus-Beziehung sieht.

Indien ist voller Rede von Gott und Göttern. Wenn der Zeuge Christi nur mit einer anderen Gotfss-Rede käme, fände er kaum Aufmerksamkeit. Vor allem aber könnte er schwerlich klarmachen, worin das Besondere seiner Bot­schaft besteht. So hat sich in Indien mehr als in irgendeinem anderen Lande der Gebrauch herausgebildet, die christliche Gottes-Botschaft als Christus-Botschaft zu verkünden. „Im Christentum geht es um Christus" (Christianity is Christ), so hat S diesen Tatbestand später einmal ausgedrückt. So steht bei S Christus in der Mitte seines Glaubens, Lebens und Denkens.

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2.  ZUM   VERSTÄNDNIS   DER   FÜNFTEN   SCHRIFT

/. Wie S dazukam, seine Gesichte mitzuteilen

S erfuhr immer wieder - ohne sein Zutun -, daß er in die unsichtbare Welt entrückt wurde. Er sprach davon auch zu Freunden. Was er ihnen erzählte, bewegte sie so, daß sie ihm keine Ruhe ließen, bis er es auch einem weiteren Kreis mitteilte, eben in der vorliegenden Schrift. Von sich aus hätte er es nicht getan. Er war ein so kindlich schlichter Mensch, daß ihm der Gedanke an Miß­brauch oder Mißverständnis nicht kam.

Man mag bedauern, daß er diese feinsten Erlebnisse seines geistlichen Lebens in die Öffentlichkeit gestellt hat, denn dadurch wurde es möglich, daß man ihm vorwarf, er habe sich großtun wollen. Nichts lag ihm jedoch ferner als das. Wie hatte er sich doch vorher zurückgehalten! Wer die ersten vier Schrif­ten kannte, vermutete nicht, daß nun so etwas wie diese fünfte Schrift käme. Obwohl auch die erste Schrift schon in diesen Bereich hineingehört.

Aus mancherlei Gesprächen mit angefochtenen Menschen weiß ich, daß diese fünfte Schrift in der Tat Menschen, die der sichtbaren Welt verfallen waren, sich darin aber nicht wohl fühlten, auf den Weg zur unsichtbaren Got­teswelt zurückführte. Die seelsorgerliche Hilfe, deren solche Leser jedoch be­dürfen, besteht darin, daß sie erkennen lernen: diese Schrift kann im besten Fall nur ein Weg zu Christus sein; worauf es ankommt, ist aber nicht der Weg, sondern das Ziel - Christus.

II. Die Grenzen der Sprache und des Verstehens

S hat gerade bei dieser Schrift lebhaft empfunden, wie schwierig, ja fast unmöglich es ist, jene Gesichte anderen auf dem Weg der Sprache mitzuteilen. „Der bloße Versuch, die Herrlichkeit des Geschauten in gewöhnliche Sprache zurückzubilden, führt leicht zu Mißverständnis." Deshalb hat S alles fort­gelassen, was die feineren Fragen betrifft, und nur „ein paar schlichte und lehrreiche Vorfälle" mitgeteilt, „die sich für alle als nützlich erweisen". Er zielt also nicht darauf, im Leser geheime Schauer zu erwecken oder okkulte Neugier zu befriedigen, sondern er will das Gewissen ansprechen.

Zu dieser Grenze der sprachlichen Mitteilung im engeren Sinn tritt die andere Grenze des Verstehens, die an die eigene Geisteserfahrung des Lesers gebunden ist. Richtig verstehen wird diese Schrift aber nur, wer selbst ähn­liche Erfahrungen gemacht hat. Wir anderen laufen Gefahr, die Zeichen­sprache dieser Mitteilungen falsch zu deuten. Deshalb haben auch die Engel S untersagt, alle geistlichen Wahrheiten aufzuzeichnen, die sie ihm mit­geteilt: „sonst wäre zu befürchten, daß sie, anstatt zu helfen, bei vielen Miß­verständnis und Irrtum hervorriefen". S hat deshalb „nur einige wenige der einfachsten Dinge" aufgeschrieben und hofft, „sie möchten viele leiten und warnen, lehren und trösten". Seine Absicht ist also seelsorgerlicher Dienst. Weil solche Gefahr der Mißdeutung tatsächlich besteht, muß diese Schrift ausgelegt werden. Deshalb schreiben wir diese Bemerkungen.

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S redet in der Sprache der Sinnenwelt von Dingen, die über unsere sinnliche Erfahrung hinausgehen. Deshalb müssen seine Bilder als uneigentlich ver­standen werden. Er spricht etwa von „vielen wunderbaren Dingen und Orten", „wundervollen und fröhlichen Umgebungen", „pächtigen Gärten, lieblichen und süßen Früchten, Vögeln von wunderbarer Färbung", „süßen und köstlichen Blumen und Früchten". Das alles muß als uneigentlich ver­standen werden. Er versucht in der Sprache dieser Welt auszusagen, was schlechterdings unaussagbar ist.

So hebt er die räumlichen Vorstellungen kurzerhand durch solche Erklärun­gen auf: „Im Himmel gibt es weder Osten noch Westen, weder Norden noch Süden, sondern jeder einzelnen Seele oder jedem Engel erscheint Christi Thron als die Mitte aller Dinge." „Im Himmel empfindet niemand eine Entfernung, denn sobald jemand wünscht, an einen bestimmten Ort zu gehen, findet er sich sogleich dort vor." Die kritische Bedeutung solcher Mitteilungen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Von ihrem Verständnis hängt es ab, ob der Leser die Gesichte richtig deutet oder mißversteht. Deshalb spricht S nicht nur von „Orten", welche Rede als uneigentlich zu werten ist, sondern vor allem von „Zuständen": er weist einen Zwischenzustand und schildert vor allem Himmel und Hölle als Zustände der Seele, in denen sie sich schon bei Leibesleben befindet.

III. Unterscheidungen

Diese Gesichte haben nichts mit Spiritismus zu tun, darauf weist S nach­drücklich hin.

S unterscheidet zwischen der sichtbaren oder Körperwelt und der unsicht­baren oder Geisteswelt. Diese beiden Welten sind nicht räumlich getrennt, sondern meinen zwei verschiedene Weisen des Daseins. Wir Menschen ge­hören in unserem leiblichen Leben auch schon der Geisteswelt an, nämlich insofern wir Geist sind oder eine Seele haben.

Das Wort „Geisteswelt" ist umfassender als „Geisterwelt". Dieses Wort meint „jenen Zwischenzustand, in den die Geister eintreten, wenn sie den Leib verlassen haben". Die „Geisteswelt" dagegen umfaßt alle Bereiche, von der Hölle über den Zwischenzustand bis hinauf zum Himmel.

In der Geisteswelt begegnet S verschiedenen Wesen. Allen voran dem Herrn Christus, wovon er in der ersten Schrift berichtet hat. Sodann unterscheidet er Geister, Engel und Heilige.

IV. Wie S entrückt wird

Die Entrückung steht nicht im Belieben des Menschen, sondern kommt über ihn als Begnadung. Deshalb ist sie nicht zu lehren oder zu erlernen.

Allerdings bedarf es einer gewissen Vorbereitung. S erfährt die Entrückung, wenn er sich innert (meditiert) oder betet, d. h. wenn er sich von der sicht­baren Welt abgewandt hat. So berichtet er: „In Kotgarh wurden vor 14 Jah­ren, während ich betete, meine Augen für die Himmlische Schau aufgetan." „Als ich eines Tages betete, fand ich mich plötzlich von einer großen Schar

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von Geisteswesen umgeben ..." Als er einmal krank darniederlag und betete, wurde ihm die Geisteswelt aufgetan, und er fand sich „von vielen Engeln um­geben". Man wolle auch vergleichen, was er zum Eingang seiner ersten Schrift berichtet, wie er dort Christus begegne*- ist. Solche Entrückung mochte ihm zuzeiten acht- bis zehnmal im Monat widerfahren.

Während die Seele in die unsichtbare Welt entrückt ist, verharrt der Leib regungslos in der Körperwelt. Die leiblichen Sinne nehmen kaum noch wahr, was um sie herum in der Körperwelt vor sich geht. Die Augen schauen wie in weite Ferne. Kommt dann die Seele wieder in den Leib zurück, dann hat sie neue Kraft empfangen und strahlt vor Frieden und Freude. Aus den Stunden solcher Entrückung hat S noch immer Kräfte mitgebracht, die ihn dann zu außerordentlichem Dienst an seinen Mitmenschen befähigten. Diese Schau diente nicht nur zu seiner eigenen Erbauung, sondern stand daneben im Dienst am Nächsten.

V. Der Geisteszustand während der Schau

In seiner Entrückung sinkt S nicht in die dämmernde Tiefe des Unter- oder Unbewußten ab. Er versinkt überhaupt nicht, wie etwa der Hindu ins Brah-man sinkt und als Person ausgelöscht ist. Im Gegenteil: diese Schau geschieht in einem Zustand geistiger Wachheit, geschieht im Raum des Überbewußten. S weiß genau, was er schaut. Er weiß es vor allem auch nachher noch, so daß er genauen Bericht erstatten kann. Man spürt seinen Schilderungen an, daß er das wirklich gesehen und gehört zu haben glaubt. Sie zeichnen sich durch Klarheit aus. Da ist nichts Verschwommenes; da ist auch kein leeres Gerede; sondern alles bewegt sich um das Wichtigste, um das Heil in Christus. Chri­stus selbst steht in der Mitte, auch wo nicht von Ihm gesprochen wird.

Während der Hindu in den Allgeist eingehen und entwerden will, bleibt S auch in seiner Schau er selber. Er steht als eigene Person den Personen der Geisterwelt gegenüber. Seine Begegnungen geschehen in der Gestalt des Ge­sprächs. Nicht was er sieht, ist die Hauptsache — da mag die Einbildungskraft einen großen Anteil haben —, sondern was ihm auf seine Frage geantwortet wird. Hierin unterscheidet diese Erfahrung sich also von Grund auf von aller heidnischen Ekstase.

VI. Der Zwischenzustand

Für S ist das Leben nach dem Tode und das Jüngste Gericht nichts Starres: daß etwa die Toten warten und an einem Tage zum Gericht auferweckt wer­den. Er schaut die Tatsache des Gerichts in der Gestalt persönlicher Begegnung bald nach dem leiblichen Tode. Er stellt also die persönliche Seite des Ereig­nisses dar, das - allgeschichtlich ausgedrückt - nach der Heiligen Schrift am Ende der Tage als abschließend erwartet wird. Was aber für die Welt „der Letzte Tag" ist, das ist für mich mein letzter Tag, eben der Tag meines leib­lichen Sterbens.

Im Rahmen dieser persönlich-individualistischen Endschau sagt S aber nichts, was dem Zeugnis der Schrift widerspräche. Er schaut, wie ein jeder

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Mensch geprüft wird. Keiner kommt aus eigener Kraft in den Himmel. Nur wer schon bei Lebzeiten durch Christus das neue Leben empfangen und be­wahrt hat, oder wer sich nach dem leiblichen Tode überzeugen läßt, daß in Christus allein die Wahrheit und das Leben ist: der wird in den Himmel geführt. Die Freiheit der Entscheidung wird gewahrt. Niemand wird zum Heil gezwungen.

Die große Liebe Gottes erweist sich darin, daß, wer auf dieser Erde noch nicht Gelegenheit hatte, Christus wirklich zu erkennen, nun das Fehlende nachholen darf.

Wo aber ein Mensch sich bewußt von allem Göttlichen abgewandt hatte, wo er schon im irdischen Leben eine Beute des Bösen geworden war, da schaut S etwas Merkwürdiges: auch solchen Menschen wird der Weg zum Himmel angeboten, aber sie ertragen das himmlische Licht nicht und stürzen sich selbst in die Finsternis.

Der Leser mag sich selber die jeweiligen Beispiele nach den gegebenen Gesichtspunkten einordnen. Uns geht es hier nur darum, daß er sie nicht als kurzweilige Anekdoten auffaßt, sondern in ihnen den Ernst des Gerichts sowie die Liebe Gottes am Werk sieht.

Der Zwischenzustand dient also dazu, die Frage zu klären: geht diese Seele — gleich oder später — in den Himmel ein, oder will sie in die Finsternis?

VII. Die Mitte der Geisterwelt

In der Mitte steht Gott, aber unsichtbar. S hat die Heiligkeit Gottes als so gewaltig erfahren, daß er Ihn nicht einmal im Himmel schaut. Gott ist auch im Himmel nur in Christus sichtbar. So gelten beide Sätze: „Das Wollen und Wünschen aller Himmelsbewohner ist in Gott erfüllt, denn in einem jeden Leben wird Gottes Wille vollendet." Aber weil Gott „unendlich ist, können Seine Kinder, die endlich sind, Ihn nur in der Gestalt Christi sehen". Welche Ehrfurcht und Bescheidung!

Der Himmel meint nun diesen Zustand der Seele, wo ihr Christus allgegen­wärtig ist. Dabei schaut aber nicht jede Seele Ihn in gleicher Herrlichkeit. Sondern Er „offenbart Seine herrliche Gestalt einem jeden insoweit, wie er geistlich erleuchtet ist und sie fassen kann". Da ist also nichts von plumper Vertraulichkeit zu spüren, sondern - daß wir es nochmals betonen — S schaut und berichtet mit Keuschheit und Ehrfurcht.

Alle seine Berichte wollen so gelesen werden, daß sie den Leser mit hinein­ziehen in diese persönliche Begegnung mit Christus, die schon hier auf Erden beginnt und dort ihre Vollendung erfährt.

VIII. Absicht und Wirkung der Schrift

Obwohl S seine Absicht nicht mit diesen Worten ausgesprochen hat, will mir scheinen, wir können ein dreifaches Anliegen heraushören:

(i) Gegen den Materialismus richtet sich das überwältigende Zeugnis: Mit dem Tode ist's nicht aus, sondern der Mensch ist Seele und Geist (S setzt beide Wörter in etwa gleich) und überlebt den Tod des Leibes. Deshalb will S, daß

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der Christ den Tod des Leibes als Freudentag feiert, denn nun geht die Seele

in die Gotteswelt hinüber. So sollten auch die Leidtragenden viel mehr singen       :f

als weinen. ;':

(2) S will uns helfen, daß wir nicht nur die öffentliche Sünde meiden, sondern vor allem auch die verborgene Sünde fliehen. Wo immer wir sind, da sehen uns die Engel, da sieht uns vor allem der Herr. Und was wir auch auf der Erde zu verbergen versuchen, vielleicht sogar mit Erfolg, das wird sofort offenbar, wenn wir in die Geisterwelt eintreten, und zwar vor allen offenbar. Und da müssen wir uns dann schämen.

(3) S schaut, wie im Himmel die Seligen einander dienen: „Alle, die im Himmel wohnen, haben ihre Freude daran, daß sie einander dienen; so er­füllen sie den Sinn ihres Lebens und bleiben auf ewig in der Gegenwart Gottes." Aus solcher Schau heraus bestimmt S die Würde des Menschen, seine Größe und seinen Wert, nach seinem Dienen: Ein Mensch ist so groß, „wie er anderen in Liebe dienen kann".

IX. Abschließendes Urteil

Können wir überhaupt ein „abschließendes" Urteil fällen, ehe wir selbst erfahren haben, was S geschaut, ehe wir selbst in die andere Welt eingegan­gen sind?

Wer Ss Schrift so liest, wie die obige Anleitung gezeigt hat, wird sie im Gesichtskreis der biblischen Offenbarung lesen. Er wird manches vermissen, was die Heilige Schrift uns sagt, aber er wird nichts finden, was dagegen ver­stößt. So kann Ss Schrift schon vorhandenen Glauben stärken und kann den noch Ungläubigen, aber Suchenden anregen, die Schriften des Neuen Testa­ments mit neuen Augen zu lesen.

Auf keinen Fall darf uns die fünfte Schrift Ss zur Quelle und zum Urteils­grund geistlicher Erkenntnis werden. Sie steht, wie alles, was Christen schrei­ben, unter dem Urteil der Schrift. Aber wie einst Paulus entrückt war (2. Kor. 12, 2 ff.), und wie vor allem Johannes die gewaltigen Offenbarungen in geist­licher Schau empfing, die im letzten Buch der Bibel niedergelegt sind, so be­gnadet Gott immer wieder einzelne Christen, indem Er sie entrückt. So erging es manchem Mystiker im Mittelalter, so erging es in unserem Jahrhundert dem Inder Sundar Singh.

Unsere abendländische Theologie ist noch viel zu sehr dem Rationalismus verhaftet, als daß sie für die theologischen Fragen der fünften Schrift ein sachgemäßes Verständnis mitbrächte. Aber vielleicht reizt diese Ausgabe und eigenes Erleben den einen oder anderen, hier mit neuer Forschung zu be­ginnen.

3.  ZUR   TEXTGESCHICHTE

Sadhu Sundar Singh hatte bei Lebzeiten unter seinem Namen sechs Schrif­ten in englischer Sprache veröffentlicht. Durch sie wollte er auch zu Menschen anderer Sprache reden, vor allem wohl zu den Menschen des Abendlandes.

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Zu seiner Überraschung und Freude fanden die Schriften solchen Anklang, daß sie in vierzig Sprachen, darunter in mehrere indische, übersetzt wurden.

Unsere Ausgabe umfaßt diese sechs Schriften und nur sie. Sie ist das einzige Omnibus-Volume, das es überhaupt gibt, wie der Sundar-Singh-Forscher Appasamy, der den besten Überblick hat, einmal bemerkt hat.

Im Nachlaß des Sadhu fanden sich noch zwei MS in Urdu, die inzwischen, ins Englische übersetzt, von der Christian Literature Society in Indien ver­öffentlicht worden sind: The Real Life (1965, 48 S.) und The Real Pearl (1966, 39 S.). Nachträglich zeigte es sich, daß The Real Pearl nichts anderes ist als die IV. Schrift unseres Bandes. Dagegen ist The Real Life eine eigene Schrift. Wir haben sie aber in unseren Band nicht mit aufgenommen, weil der Sadhu sie nicht selbst auf Englisch veröffentlicht hatte, und weil sie auch nichts Neues mehr bringt.

The Real Life (1965) umfaßt 48 Seiten und enthält 6 Gespräche. Voran­gestellt ist eine biographische Einleitung von Dr. Appasamy (V-XIV) und das Vorwort des Sadhu (XV-XVI). In diesem sagt Sundar Singh, er habe diese Schrift ein Jahr nach der Veröffentlichung von Visions of the Spiritual World, seiner fünften Schrift, niedergeschrieben. Er habe, wie er gesteht, diesen Weg der schriftlichen Äußerung beschritten, weil er nicht mehr gesund genug sei, um zu reisen und persönlich zu sprechen. Den englischen Wort­laut hat Sundar Singh, wie er zum Schluß bemerkt, selber mit Hilfe von Rev. J. W. Peoples, Lahore, Punjab, aus dem Urdu ins Englische übersetzt.

Nun wenden wir uns den sechs Schriften zu, welche unsere Ausgabe ent­hält.

I

At the Master's Feet l by l Sadhu Sundar Singh l Translated from the Urdu by / Rev. Arthur & Mrs. Parker / Christian Literature Society for India l Madras Allahabad Rangoon Colombo l 1923,

Die Schrift umfaßt 70 Seiten. Wir haben in der deutschen Übersetzung nur die eine Seite mit dem Vorwort des Übersetzers fortgelassen.

Die erste Ausgabe war bereits 1921 auf Urdu erschienen. Danach war auch schon eine englische Ausgabe in Indien herausgekommen. Diese neue Über­setzung ist unter Mitarbeit des Sadhu entstanden. Mit seiner Zustimmung wurden gewisse Veränderungen vorgenommen, damit sein Zeugnis noch klarer zu erkennen sei. Die Übersetzer haben - wie könnte es anders sein? -der Schrift ihren englischen Stil aufgeprägt (so sehr sie sich auch bemüht haben, Sundar Singh gerecht zu werden). Wer die Schriften in Englisch ver­gleicht, der spürt es sofort: Der Sadhu spricht und schreibt ein schlichteres Englisch.

Noch im gleichen Jahr erschien eine deutsche Übersetzung von Missions­inspektor Pastor E. Fohl: „Zu des Meisters Füßen" (Ev. Missions-Verlag, Stuttgart 1923, 1.-26. Tsd., 62 Seiten). S. 3-4 bringt ein Vorwort des Über­setzers, aber die beiden Vorworte der englischen Ausgabe sind ausgelassen. Auch Sundar Singhs besondere Einleitung mit den beiden Gesichten ist fort­geblieben. Die nächste Ausgabe von 1935 (2/.-29. Tsd.) enthält auch Pohls

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Vorwort nicht mehr. So entsteht der Eindruck, es handle sich um die getreue Übersetzung des Originals. Dem ist aber nicht so. Vielmehr hat Fohl den dialogischen Aufbau der Schrift verändert, ohne dem Leser darüber Auskunft zu geben. So ahnt der Leser nichts von der indischen Eigenart gerade dieser Schrift.

Reality and Religion l Meditations on God, Man and Nature l by l Sadhu Sundar Singh l with an introduction / by / Canon Streeter l Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1924.

Die Schrift umfaßt 88 Seiten. Wir haben das Vorwort des Sadhu übersetzt, nicht aber die Einleitung durch Canon Streeter (VII—XIV). In dieser teilt Streeter einen Brief von Dr. Appasamy mit, in welchem wir über die Ent­stehung dieser Schrift Näheres erfahren:

„Der Sadhu hatte die Niederschrift von Reality and Religion auf Urdu voll­endet. Er sagte, er habe 12 Tage lang täglich etwa 12 Stunden daran gearbei­tet. Er hielt die Handschrift in der Hand und gab den Inhalt eines jeden Abschnittes auf Englisch wieder. Manchmal nahm ich Wort für Wort, was er sagte, und manchmal schrieb ich bloß den Inhalt seiner Abschnitte nieder, benutzte jedoch, wo es irgend möglich war, seine eigene Sprache" (XIII).

Im letzten Abschnitt des Vorworts, welchen wir in der Übersetzung fort­gelassen haben, dankt Sundar Singh seinem Übersetzer Dr. Appasamy dafür, daß er die Schrift aus dem Urdu ins Englische übertragen hat.

Von dieser zweiten Schrift sagt Prof. Friedrich Heiler (in seiner deutschen Ausgabe der dritten Schrift, 79/80):

„Die tiefe Stille, welche über den schneebedeckten Gipfeln des von ihm [dem Sadhu] so oft durchwanderten Himalaya liegt, schwebt auch über den Blättern dieser Schrift. Und der andächtige Leser glaubt aus ihr wie über­irdische Musik jenes Wort erklingen zu hören, welches am Anfang und Ende aller Upanishad-Texte des Veda steht und welches Sundar Singhs Lieblings­wort ist: Shanti, shanti, shanti (Friede, Friede, Friede) ...

Darum kann dieses Büchlein nicht durch flüchtiges Lesen, sondern nur (um die Worte aus der Vorrede des Sadhu zu gebrauchen) durch das ,Sinnen des Herzens' recht verstanden werden — similia similibus cognoscentur."

Nur wenige Monate nach der englischen Ausgabe erschien eine deutsche Übersetzung: „Gotteswirklichkeit / Gedanken über Gott, Mensch und Natur", übersetzt durch Frau Sascha Bauer (Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg, 123 S.).

Vor mir liegt ein Exemplar des 13 .-17. Tsds. Das Vorwort des Sadhu ist mit übersetzt (7-8), dagegen Streeters Einleitung (mit Recht) fortgelassen. Nur Dr. Appasamys Brief ist in der Einleitung der Übersetzerin vollständig wiedergegeben (18-20). Diese Einleitung der Übersetzerin (9-24) teilt dem deutschen Leser manches persönlich und sachlich Wichtige mit. Die Über­setzung ist zuverlässig und sprachlich der Schönheit des englischen Textes fast ebenbürtig.

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III

The Search after Reality l Thoughts on Hinduism, Buddhism, Muham-madanism and Christianity l by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1925,

Diese Schrift umfaßt 105 Seiten. Im letzten Absatz des Vorworts, den wir im Deutschen fortgelassen haben, dankt der Sadhu Rev. T. E. Riddle von der New Zealand Presbyterian Mission, Kharer, Punjab, for the great help he has given in translating this book into its present form from my Urdu MSS.

Wenige Monate nach der englischen Ausgabe ist eine deutsche Übersetzung erschienen: „Das Suchen nach Gott ..." / Übersetzt und erläutert von Fried­rich Heiler / Verlag Ernst Reinhardt, München 1925 (94 Seiten).

Diese Übersetzung enthält: das Vorwort des Sadhu (6), das Vorwort des Herausgebers (7-8), die Schrift selber (9-67), Anmerkungen des Heraus­gebers (68-76), Nachwort des Herausgebers (77-93), Anmerkungen zum Nachwort (93-94), Nachtrag (94). Wegen der gelehrten Anmerkungen und des Nachworts eignet sich diese Ausgabe besonders gut für Seminarübungen. Im Blick auf den Inhalt dieser dritten Schrift schreibt Heiler: „Die flüchtige Skizze des Sadhu vermittelt ohne Zweifel eine bessere Anschauung von den indischen Religionen als manches mit peinlicher Sorgfalt entworfene Detail­bild europäischer Gelehrter. Geradezu schlagend ist die Kritik, die er an den Religionssystemen seines Heimatlandes übt; sie greift viel tiefer als die Ein­wände, welche die abendländischen Apologeten des Christentums gegen die östlichen Religionen zu erheben pflegen." (82)

IV

Meditations on Various Aspects of the Spiritual Life l by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1926.

Diese Schrift umfaßt 78 Seiten und enthält ein Vorwort des Bischofs von London (V-VI), das Vorwort des Sadhu (VII-IX). Darauf folgen die 12 Ka­pitel der Schrift.

Diese Schrift ist — wie auch die beiden folgenden — mit Erlaubnis des Sadhu von „A. M. H." ins Deutsche übertragen und (ohne Jahreszahl) im Verlag von Heinrich Majer (Basel) veröffentlicht worden: „Geheimnisse des inneren Lebens / Betrachtungen über das Wachstum im geistlichen Leben" (56 S.).

V

Visions of the Spiritual World l A Brief Description of the Spiritual Life, its Different States of Existence, and the Destiny of Good and Evil Men äs seen in Visions l by l Sadhu Sundar Singh l Macmillan and Co., Limited l St. Martin's Street, London l 1930.

Diese Schrift umfaßt 69 Seiten. Sie liegt mir aber nur in einem Bande vor, der zunächst die vierte Schrift enthält. Dieser Doppelband trägt den Titel: The Spiritual Life / and / The spiritual world." Darunter stehen die Titel der

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beiden Schriften, die im Innern voneinander getrennt mit eigener Seiten-zählung gedruckt stehen. Dieser Doppelband gehört der „Caravan Library" an.

Dem Text vorangestellt ist ein Vorwort des Bischofs von Lahore (V-IX), darauf das Vorwort des Sadhu (XI-XV). Die Übersetzung aus dem Urdu ins Englische hat wieder, wie bereits bei der IV. Schrift vermerkt, Rev. Riddle besorgt.

Eine deutsche Ausgabe hat mit der Erlaubnis des Sadhu „A. H. M." im Verlage der Christi. Buchhandlung D. Fröhlich, Aarau, erscheinen lassen: „Gesichte aus der jenseitigen Welt" (74 S.). Vor mir liegt die 15. Auflage (o. J.). Zwischen das Vorwort des Bischofs von Lahore (5-8) und das des Ver­fassers (12-16) ist noch Erzbischof Söderbloms Geleitwort zur schwedischen Ausgabe (in deutscher Übersetzung) eingeschoben (9-11). Diese Schrift sollte nie für sich allein verbreitet werden. Zu ihrem Verständnis vgl. im Anhang dieses Buches das z. Stück!

VI

With and without Christ l Being l Incidents taken from the Lives of Christians and of Non-Christians which illustrate the Difference in Lives lived with Christ and without Christ l by l Sadhu Sundar Singh l With an Introduction by the Lord Bishop of Winchester l Cassell and Company, Ltd. l London, Toronto, Melbourne and Sydney l 1929.

Diese Schrift umfaßt 129 Seiten. Auf das Vorwort des Sadhu (VII-VIII) folgt das des Bischofs (IX—XII). Bei der Übersetzung hat Rev. Riddle ge­holfen (vgl. seine entsprechende Hilfe bei den vorangegangenen Schriften).

Eine deutsche Ausgabe war im Verlag von Heinrich Majer, Basel, von „A.M. H." erschienen (90 Seiten o. J.). Ihr sind 24 Fußnoten beigegeben, die das erläutern, was dem deutschen Leser unverständlich sein mag.

Mit Erlaubnis des englischen Verlages ist in Indien eine eigene Ausgabe herausgekommen, veranstaltet durch Evangelical Literature Service / 158. Purasawalkam High Road, Madras 7 (77 Seiten).

Die anderen fünf Schriften erschienen seit 1966 in Indien, veröffentlicht durch The Christian Literature Society l Post Box 501, Park Town, Madras 3. Diese Veröffentlichungen erfolgen with the permission of Sadhu Sundar Singh Trust.

Die indische Ausgabe der sechs Schriften

Von der indischen Ausgabe der VI. Schrift war eben die Rede. Die anderen fünf Schriften sind 1966—1968 durch The Christian Literature Society l Post Box 501, Park Town, Madras 3, herausgebracht worden. Diese Ausgaben er­folgen with the permission of the Sadhu Sundar Singh Trust.

Dabei wurden die Titel der IV. und V. Schrift geändert (verkürzt); in beiden Fällen behielt man nur die letzten drei Wörter, so daß die Titel jetzt also heißen: IV. The Spiritual Life, V. The Spiritual World.

Zur V. Schrift hat Bischof D. Dr. Appasamy eine kurze, zur II. Schrift eine

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längere Einleitung verfaßt (V. Schrift 1967, S. 11—14; H- Schrift 1968, S. V bis VIII). In der Einleitung zur II. Schrift spricht er vom Wert dieser Schriften und von ihrer Verbreitung; er nennt auch anerkennend unsere deutsche ein­bändige Ausgabe. Mit Nachdruck wendet er sich aber — und zwar mit Recht — dagegen, daß noch immer das Heft über den Maharishi vom Kailash in deut­scher Sprache vertrieben werde. Sundar Singh ist später davon abgerückt, hat es nicht in die Reihe seiner größeren Schriften aufgenommen, hat auch nie mehr davon gesprochen. Man sollte endlich diese Haltung des Sadhu achten!

Die Erscheinungsjahre der indischen Ausgaben mit Angabe der Seitenzahl:

I. 1957. 1962. 1965 (56 Seiten);

II. 1968 (37 Seiten);

III. 1968 (58 Seiten);

IV. 1967 (51 Seiten);

V. 1967 (56 Seiten);

VI. 1964. 1965. 1967 (77 Seiten).

4.  SCHRIFTTUM   ÜBER   SADHU   SUNDAR   SINGH

In den ersten Jahren seines öffentlichen Wirkens hatte Sundar Singh wie­derholt wunderbare Erlebnisse erzählt, die von eifrigen Freunden zu Papier gebracht und veröffentlicht wurden. Sie dienten der Wundersucht, die in vielen Menschen lebt. Angesichts dieser Geschichten, die im Traktätchen-Stil verbreitet wurden und eine große gläubige Leserschaft fanden, erhob abend­ländische Wissenschaft die Stimme ihrer Kritik. Ihr Wortführer war Oskar Pfister in Zürich. Gegen seine Beschuldigungen fand der Sadhu einen mäch­tigen Verteidiger in Friedrich Heiler in Marburg. Später untersuchte Paul Gaebler die historischen Fragen gründlich und fand in den Aussagen des Sadhu Widersprüche. Zum letzten hat Appasamy (indischer Bischof im Ruhe­stande), der Sundar-Singh-Forscher, eine umfassende historische Darstellung gegeben, die aber nur in ihrer englischen Ausgabe zitiert werden sollte. Damit dürfte alles geschehen sein, was historisch getan werden konnte. Das Ergebnis? Sundar Singh als Mensch der Tropen und als Kind der indischen Religionswelt kennt unsere Frage der historischen Genauigkeit überhaupt nicht. Auch sonst hat er wohl mehrmals nicht unterschieden, ob er etwas im Leibe oder im Geiste erlebt hatte, d. h. ob es sich in dieser Sinnenwelt oder aber visionär in der geistigen Welt abgespielt hatte.

Als Sundar Singh von den Anschuldigungen vernahm, die gegen ihn er­hoben worden waren, gab er das Erzählen jener Geschichten auf und be­schränkte sich auf das Christus-Zeugnis, das ihm aufgetragen war. Daran hat er recht getan. So hat er von jenen Geschichten der ersten Zeit in die vorliegenden sechs Büchlein nichts aufgenommen. Allerdings wäre es mir lieber gewesen, er hätte auch die fünfte Schrift nicht geschrieben. Da sie nun aber einmal erschienen ist, darf sie hier nicht fehlen. Doch sollte sie niemals als Einzelschrift herausgebracht werden. Um Mißverständnissen zu wehren, habe ich im Anhang eine besondere Erörterung über sie angeboten.

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Neben den historisch-kritischen Schriften über den Sadhu stehen religions­psychologische. Diese sind heranzuziehen, wenn man den Sadhu innerlich besser verstehen will. Es handelt sich um Heilers Buch „Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens und Westens" und um das andere Buch, das Appa-samy mit dem Oxforder Gelehrten Canon Streeter zusammen herausgebracht hat: The Sadhu l A Study in Mysticism and Practical Religion.

Dazu sollte auf jeden Fall ernsthaft beachtet werden, was der schottische Missionar C. F. Andrews aus jahrelanger Freundschaft mit dem Sadhu be­zeugt und erzählt hat: Sadhu Sundar Singh l A Personal Memoir.

Dies sind die vorstehend genannten Bücher mit den nötigen bibliogra­phischen Angaben:

1. Andrews, C. F.: Sadhu Sundar Singh l A Personal Memoir. Hodder & Stoughton, London 1934 (255 S.).

2. Appasamy, A. J. (zusammen mit Canon Streeter): The Sadhu / A Study in Mysticism and Practical Religion. Macmillan and Co., St. Martin's Street, London 1927 (264 S.).

Deutsche Ausgabe: „Der Sadhu / Christliche Mystik in einer indischen Seele". Verlag Fr. A. Perthes, Stuttgart/Gotha, 1923 (9.-13. Tsd.), über­setzt von P. Baltzer (200 S.).

3. Appasamy, A. J.: Sundar Singh l A Biography. Lutterworth Press, London 1958 (248 S.).

Indische Ausgabe: Sundar Singh l A Biography. The Christian Litera-ture Society, Madras 1966 (248 S.).

4. Gaebler, Paul: Sadhu Sundar Singh / Eine historisch-kritische Untersu­chung. Verlag der Ev. luth. Mission, Leipzig 1937 (284 S.).

5. Heiler, Friedrich: Sadhu Sundar Singh / Ein Apostel des Ostens und Westens. Band 7 der Reihe „Aus der Welt christlicher Frömmigkeit". Verlag Ernst Reinhardt, München 1925 (vierte erweiterte und verbesserte Auflage, 292 S.).

6. Heiler, Friedrich: Apostel oder Betrüger? / Dokumente zum Sadhu-Streit. Verlag Ernst Reinhardt, München 1925 (191 S.).

7. Heiler, Friedrich: Die Wahrheit Sundar Singhs / Neue Dokumente zum Sadhustreit. Verlag Ernst Reinhardt, München 1927 (299 S.).

8. Pfister, Oskar: Die Legende Sundar Singhs. Verlag Paul Haupt, Bern und Leipzig 1926 (327 S.).

5.   ZUKÜNFTIGE   AUFGABEN

In unserer Zeit hat man sich im Westen endlich für den Beitrag der Christen der asiatischen Völker zur Theologie, zur geistlichen Erkenntnis sowie zur Christus-Nachfolge geöffnet. Man versteht wieder, daß es in der Christus-Nachfolge auch Mönchtum geben kann. So wird man wohl endlich den Schrif­ten des Sadhu die Aufmerksamkeit schenken, die ihnen gebührt.

Für eine genauere Erforschung wäre es aber gut, wenn wir eine Ausgabe seiner Schriften in englischem Wortlaut bekämen. Solcher Ausgabe wären außer den Anmerkungen unserer vorliegenden Ausgabe noch weitere anzu­fügen: (i) es wären alle Bibelstellen, auf die der Sadhu nur anspielt, zu

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nennen; (2) es wären alle religionspsychologischen Bezüge zu vermerken, die den Zusammenhang mit dem indischen Erbe und der christlichen Mystik erkennen lassen.

Sundar Singh ist kein theologischer Lehrer. Er ist vielmehr ein originaler Christ, in dem nun beides eine merkwürdige Verbindung miteinander ein­gegangen ist: das indische Erbe (the Spiritual heritage of India) und die biblische Offenbarung. So wird dem Leser bald deutlich: Von der Kirche ist bei S nichts zu finden. Hier liegt seine Grenze. Dagegen ist die Gabe der innerlichen (visionären) Geistesschau stark ausgeprägt. Diese Dinge be­dürfen der näheren Untersuchung. Dabei wird die theologische Forschung mit der Parapsychologie sowie mit der Tiefenpsychologie zusammenarbeiten müssen.

Außerdem sollte der Wortschatz des Sadhu untersucht werden. Solch ein Wörterbuch müßte die bezeichnenden Wörter und Wendungen aber im Wider­spiel mit der Sprache des (modernen) Hinduismus darstellen. Es würde sich um Wörter handeln wie: beten - in Christo bleiben - der Lebendige Chri­stus - Erfahrung - Freude - Friede — Gegenwart des Herrn - Geist — Christus in uns — Kreuz — Leben — Leiden — Licht — Liebe — Segen — Wahrheit — Welt - Wirklichkeit. x

Dazu käme noch eine Untersuchung über meditation (von mir zum Teil als Innerung, zum Teil als Betrachtung verdeutscht). Schließlich wäre auch die Bildersprache gesondert zu untersuchen.

Hinweise zu diesen Aufgaben finden sich in den zum Eingang der „Erläu­terungen" aufgezählten Anmerkungen.

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