JENSEITS DER
SCHWELLE – STERBESZENEN
Durch das innere
Wort des Geistes empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 8.
Auflage 1996.
Vom Verlag nach
der Urschrift neu durchgesehen und mit einem Anhang versehen.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße
5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
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by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Einleitung. –
27. Juli 1847
[JS.01_47.07.27,01]
Der Bruder A. H. W. möchte wissen, wie sich der Übertritt aus dem materiellen
ins geistige oder sogenannte jenseitige Leben gestaltet, besonders bei den
weltlich Großen.
[JS.01_47.07.27,02]
Dieser Übertritt ist sehr leicht und ganz natürlich zu beschreiben.
[JS.01_47.07.27,03]
Siehe, welchen Unterschied macht wohl das Wasser, so entweder ein großer oder
ein armer, unbeachteter Mensch hineinfällt? Höre, beide ertrinken auf die ganz
gleiche Weise! Oder welchen Unterschied macht das Feuer? Höre, es verzehrt den
Kaiser so gut wie den Bettler!
[JS.01_47.07.27,04]
Wenn ein Bettler und ein Minister oder Kaiser von einem Turme fielen zur selben
Zeit, so wird der eine so gut wie der andere seinen Tod finden durch den jähen
Fall.
[JS.01_47.07.27,05]
Welchen Unterschied wohl macht das Grab zwischen groß und klein, zwischen reich
und arm, zwischen schön und häßlich oder jung und alt? Siehe, gar keinen! Alles
verwest und wird zum Unflate der Würmer und endlich zum nichtigsten Staub.
[JS.01_47.07.27,06]
Wie es aber dem Leib im Reiche der sogenannten Naturkräfte ergeht, ebenso
ergeht es auch der Seele im Reiche der Geister. Ob sie auf der Welt Bettler
oder Kaiser war, das ist im Geisterreich vollkommen gleich. Da wird niemandem
eine sogenannte Extrawurst gebraten, auf daß niemandes Eigendünkel genährt
werde und der Große nicht mehr von seiner Größe und der Arme nicht mehr von dem
Anspruch aufs Himmelreich – da er auf der Welt viel Not gelitten – und der
Fromme nicht mehr von seinem „Verdienst ums Himmelreich“ geblendet werde. Wie
aber schon öfter gesagt, drüben – wohlverstanden! – drüben gilt nichts als nur
die reine Liebe.
[JS.01_47.07.27,07]
Alles andere aber ist wie ins Meer geworfene Steine, wo der Diamant gleich dem
gemeinsten Sandstein in den ewigen, stinkenden Schlamm versinkt. In sich
bleiben sie zwar wohl, was sie sind und was sie waren außerhalb des Meeres, –
aber das Los beider ist gleich, höchstens mit dem Unterschied, daß der
Sandstein eher aufgelöst wird als der Diamant.
[JS.01_47.07.27,08]
Also ist es jenseits auch mit dem diesweltlichen Adel oder mit der
diesweltlichen Geringheit. Diese werden sich im Meeresschlamme der
unerbittlichen Ewigkeit wohl in ihrer Einbildung noch lange als das dünken, was
sie auf der Welt waren. Der Kaiser wird dort sich noch als Kaiser dünken und
der Bettler – mit dem Anspruch auf Vergeltung – als Bettler. Aber
dessenungeachtet werden in der großen Wirklichkeit dennoch beide miteinander im
Meeresschlamme der Ewigkeit ein gleiches Los teilen. Nur dürfte der Arme eher
in die Gärung kommen – und sein Wesen daher auch eher von den wahren, innersten
Demutsbläschen angefüllt werden, die ihn dann aus dem Schlamme ziehen und
hinauftragen zum ewigen Licht und Leben – als der Kaiser oder ein sonstiger
Weltgroßer.
[JS.01_47.07.27,09]
Nach diesem Muster oder nach dieser Kardinalregel könnt ihr den Hintritt eines
jeden Menschen genau beurteilen. Haltet euch daher an die Liebe, auf daß ihr
dereinst nicht des allgemeinen Loses teilhaftig werdet! Amen. Amen. Amen.
Erste Szene: Ein
Berühmter. – 28. Juli 1847
[JS.01_001,01]
Gehen wir an das Krankenlager eines großen, äußerst berühmten Mannes der Welt –
und zwar einige Stunden vor dem Hintritt in die Ewigkeit – und betrachten da
sein Benehmen diesseits und seinen Eintritt ins Jenseits und wie sich da die
zwei Welten begegnen und ineinander übergehen mit einem Blick, und es wird sich
euch sogleich sonnenhell zeigen, wie so ganz und gar voll Wahrheit die
vorhergehende Kardinalregel diese Sache darstellt.
[JS.01_001,02]
Seht, dieses Menschen Taten und Handlungen in der Welt waren von solcher Art
und wurden auf einem solchen Boden ausgeführt – von dem zumeist das
resonierende Echo die ganze Erde durchschwirrt wie ein zischender Meteor –, daß
sie aller Menschen Augen auf sich zogen und wegen des starken Bodenwiderhalls
an allen Punkten der Erde vernommen und weidlichst pro und kontra besprochen
und beschrieben wurden, und zwar auf so viel Papier, daß man damit ganz Europa
überziehen könnte. Und nun liegt dieser große Mann, dieser Philanthrop, dieser
hitzige Scheinverfechter politischer und kirchlicher Interessen seiner Nation
hingestreckt auf seinem Lager voll Verzweiflung und Furcht ob der
herbeigekommenen letzten Stunde, der zu entgehen sich für ihn auch nicht die
leiseste Hoffnung mehr herausstellt.
[JS.01_001,03]
In einer Art dumpfer, schmerzlichster Verwirrung sieht er – als heimlicher
Atheist – bald die ewige Vernichtung seines Daseins, bald fühlt er wieder
vermeintliche Schmerzen der Verwesung, darum er sich auch die Einbalsamierung
testamentarisch bedingt, – und daß er im Grabe nimmer erwache, müssen Herz und
Eingeweide von seinem Leibe getrennt werden, und damit diesen getrennten Teilen
die Zeit nicht zu entsetzlich lang werde, müssen sie an solchen Orten
beigesetzt werden, die nicht gar zu selten von Menschen besucht werden.
[JS.01_001,04]
Aber mitten unter solche vernichtende Gedanken mischt sich auch der
Katholizismus mit seinen scharfen Höllenandrohungen, über die der Mann bei sich
freilich gelacht hatte, solange er noch hundert Jahre zu leben wähnte. Aber sie
kehren nun wie leicht entflohene Furien zurück und peinigen das sich so mancher
großen Schuld bewußte Gemüt unseres Sterbenden ganz entsetzlich, und es können
sein Gemüt weder die Kommunion noch die Ölung, noch die ununterbrochenen Gebete
und vielen Messen und das starke Glockengeläut beschwichtigen. Nur stets gräßlicher
und stets ewiger sieht seine Seele die Flamme des Pfuhls emporschlagen.
[JS.01_001,05]
Da entflieht all seine frühere Manneskraft und all seine Philosophie ist rein
am Hunde, und sein brechendes Herz sinkt schon in die stets dichter und dichter
werdende Nacht des Todes. Und die Seele, von allen Seiten von höchster Angst
bedräut, sucht noch in den letzten Atemzugsperioden ein Trostfünklein in den
schon tot werdenden Furchen des Herzens, das einst soviel irdischen Mut hatte.
Aber da ist es überall leer und statt des Trostes starrt ihr überall entweder
die ewige Vernichtung oder die Hölle mit all ihren Schrecken entgegen.
[JS.01_001,06]
Also sieht es diesseits aus; nun aber machen wir auch einen Blick ins Jenseits.
[JS.01_001,07]
Siehe, da stehen drei verhüllte Engel am entsprechend gleich aussehenden Lager
unseres Sterbenden und betrachten unsern Mann mit unverwandtem Blick.
[JS.01_001,08]
Nun spricht A zu B: „Bruder, ich meine, für den ist es irdisch vollbracht. Auf
dieser Dornhecke werden irdisch wohl nimmer Trauben zum Vorschein kommen. Sieh,
wie sich seine Seele krümmt und windet und keinen Ausweg findet und wie gar so
verkümmert der arme Geist in ihr aussieht! Daher greife du mit deiner Hand in
die schon starren Eingeweide und entwinde diese gar jämmerlich elende Seele aus
ihrer Nacht, und ich werde sie in des Herrn Namen anhauchen und sie erwecken
für diese Welt. Und du, Bruder C, führe sie dann des Herrn Wege ihrem
Bestimmungsorte zu nach der Freiheit ihrer Liebe. – Es geschehe!“
[JS.01_001,09]
Nun greift der Engel B in die Eingeweide unseres Mannes und spricht: „Im Namen
des Herrn – erwache und werde frei, du Bruder, nach deiner Liebe. Es sei!“
[JS.01_001,10]
Nun sinkt diesseits die sterbliche Hülle in den Staub, jenseits aber erhebt
sich eine blinde Seele!
[JS.01_001,11]
Aber der Engel A tritt hinzu und spricht: „Bruder, warum bist du blind?“ Und
der Neuerwachte spricht: „Ich bin blind. Macht mich sehend, so ihr könnt, auf
daß ich erfahre, was da mit mir vorgegangen ist, da mich nun auf einmal all
meine Schmerzen verlassen haben!“
[JS.01_001,12]
Darauf behaucht A die Augen des Erwachten, und der Erwachte öffnet sie und
schaut ganz erstaunt um sich und sieht niemand außer den Engel C und fragt ihn:
„Wer bist du? Und wo bin ich? Und was ist mit mir vorgegangen?“
[JS.01_001,13]
Antwortet der Engel: „Ich bin ein Bote Gottes, des Herrn Jesu Christi,
bestimmt, dich zu führen, so du willst, des Herrn Wege. Du aber bist nun für
ewig gestorben für die äußere, materielle Welt körperlich und befindest dich nun
in der Geisterwelt.
[JS.01_001,14]
Hier stehen dir zwei Wege offen: der Weg zum Herrn in den Himmeln oder der Weg
zur Herrschaft der Hölle. Es kommt nun ganz auf dich an, wie du wandeln wirst.
Denn siehe, hier bist du vollkommen frei und kannst tun, was du willst. Willst
du dich leiten lassen von mir und mir folgen, so wirst du wohl tun. Willst du
aber lieber dich selbst bestimmen, so steht es dir auch frei. Aber das wisse,
daß es hier nur einen Gott, einen Herrn und einen Richter gibt – und dieser ist
Jesus, der in der Welt Gekreuzigte! Auf Diesen allein halte, so wirst du zum
wahren Licht und Leben gelangen. Alles andere aber wird sein Trug und Schein
deiner eigenen Phantasie, in der du nun lebst und von mir dieses vernimmst!“
[JS.01_001,15]
Darauf spricht der Erwachte: „Das ist ja eine neue Lehre und ist wider die
Lehre Roms, also eine Ketzerei! Und du, der du sie mir hier an einsamem Orte
aufdrängen willst, scheinst eher ein Abgesandter der Hölle als des Himmels zu
sein; daher entferne dich von mir und versuche mich fürder nicht!“
[JS.01_001,16]
Und der Engel C spricht: „Gut, deine Freiheit enthebt mich in des Herrn Jesu
Namen meiner Sorge um dich. Daher werde dir dein Licht; es sei!“
[JS.01_001,17]
Darauf entschwindet der Engel C, und der Neuerwachte tritt in seine naturmäßige
Sphäre und ist so wie unter seinen Bekannten in der Welt und erinnert sich kaum
mehr, was da mit ihm vorgefallen ist, und lebt nun – freilich schimärenhaft –
wie auf der Welt, tut fort, was er auf der Welt tat, und kümmert sich wenig
weder um den Himmel noch um die Hölle und noch weniger um Mich, den Herrn. Denn
das alles sind bei ihm drei vage Lächerlichkeiten gleich einem Traumgebilde,
und jeder ihn daran Erinnernde wird aus seiner Gesellschaft gewiesen.
[JS.01_001,18]
Sehet, aus diesem ersten Exempel könnt ihr nun schon entnehmen, in welch ein
„Wasser“ unser großer, berühmter Mann gefallen ist. Die ferneren Beispiele
werden diese Sache aber noch heller erleuchten.
Zweite Szene:
Ein Gelehrter. – 2. August 1847
[JS.01_002,01]
Gehen wir an das Krankenlager eines Gelehrten, für dessen irdische
Lebenserhaltung – wie ihr zu sagen pflegt – kein Kräutlein mehr gewachsen ist,
und betrachten diesen zweiten berühmten Mann, wie er sich in den letzten
Stunden noch diesseits befindet – und wie er drüben erwacht und welche Richtung
ihm seine Liebe gibt.
[JS.01_002,02]
Der Mann, den wir nun betrachten werden, war auf der Welt ein Philosoph und
zugleich ein Astronom „in optima forma“, wie ihr zu sagen pflegt.
[JS.01_002,03]
Dieser Mann hat in seinem großen Eifer, die Sterne zu mustern und zu berechnen,
ein Alter von etlich siebzig Jahren erreicht, hat sich aber bei einer
anhaltenden Sternguckerei an einem sehr kalten Winterabend dergestalt
abgekühlt, daß man ihn bei seinem Tubus beinahe ganz erstarrt angetroffen
hatte, von wo er dann von seinem Freunde sogleich in seine erwärmte Wohnung
gebracht und augenblicklich mit der bestmöglichen ärztlichen Hilfe versehen
ward, der zufolge er auch in der Zeit von ein paar Stunden wieder soweit
zurechtgebracht wurde, daß er seinen sogenannten letzten Willen seinen Freunden
kundgeben konnte, welcher also lautete:
[JS.01_002,04]
„Im Namen der unerforschlichen Gottheit! Da man nicht wissen kann, wie lange
das unerforschliche Geschick einem Menschen noch dies elende Leben belassen
wird, und man auch nicht weiß, welch ein Ersatz einem dafür zuteil wird, so ist
es mein Wille, daß ihr, meine lieben Freunde, zuerst meinen Leichnam – so ich
sterben sollte – durch Einbalsamierung vor der Verwesung bewahret und ihn in
einem wohlvermachten Kupfersarge in eine Gruft bringet, darin schon mehrere
meiner wertesten Kollegen ruhen und gewisserart meiner harren. Das Eingeweide
aber, das da zuerst in Fäulnis übergeht, tuet in eine eigene Testinal-Urne
unter Spiritus und setzet es in mein Museum an einen Ort, der jedermann
sogleich in die Augen fällt, auf daß ich wenigstens in der Erinnerung der
Menschen fortlebe, so schon an kein anderes Fortleben nach dem Tode des Leibes
zu denken ist.
[JS.01_002,05]
Was mein Vermögen betrifft, so wisset ihr, meine Freunde, es ohnehin, daß ein
Gelehrter auf dieser Welt selten mehr besitzt, als er zu seinen täglichen
geistigen und physischen Auslagen benötigt, und so ist es denn auch bei mir
jetzt, wie es allezeit war. Ich habe kein Geldvermögen je gehabt und kann daher
auch keines hinterlassen. Veräußert aber bald nach meinem Hintritt meine
hinterlassenen Effekten und besorget damit das, was ich gleich anfangs
anbefohlen habe.
[JS.01_002,06]
Meine drei noch lebenden Kinder, die alle gut versorgt sind, benachrichtiget,
wenn ich nicht mehr bin, und der älteste Sohn, mein Liebling, der mein Fach
gewählt hat, soll der Erbe meiner sämtlichen Bücher und Schriften sein und soll
ehestmöglich meine noch unedierten Schriften zum Drucke befördern.
[JS.01_002,07] Damit
sei mein Wille beschlossen für diese schöne Sternenwelt, die ich fürderhin
nimmer schauen und berechnen werde!
[JS.01_002,08]
Ach, was ist doch der Mensch für ein elend Wesen! Voll erhabener Ideen, voll
überirdischer Hoffnungen, solange er noch gesund auf der Erde umherwandelt, –
aber am Rande des Grabes schwinden sie alle dahin wie die Träume und
Luftschlösser eines Kindes und an ihre Stelle tritt die traurige Wirklichkeit,
der Tod als der letzte Moment unseres Daseins und mit ihm die Vernichtung, die
keine Schranken hat!
[JS.01_002,09] O
Freunde! Es ist ein schwerer, schrecklicher Gedanke vom „Sein“ bis zum
„Nichtsein“ für den, der – wie ich nun – am Rande des Grabes steht! Mein
Inneres ruft mir zu: ‚Du stirbst, du stirbst jetzt! Nur wenige Minuten noch und
über dein ganzes Wesen hat sich die schwarze Nacht der ewigen, schrankenlosen
Vernichtung gesenkt!‘ O Freunde, dieser Zuruf ist erschrecklich für den, der am
Grabesrande steht, mit dem einen Auge noch die lieben schönen Sterne beschaut
und mit dem andern die ewige tote Nacht, in der keine Idee die Moderasche
durchweht, kein Bewußtsein, keine Erinnerung!
[JS.01_002,10]
Wohin, wohin wird dieser Staub in tausend Jahren verweht werden? Welcher Orkan
wird ihn aus dem Grabe entwirren, und welche Meereswoge wird ihn dann wieder
verschlingen oder welch anderes neues Grab?
[JS.01_002,11] O
Freunde! Reicht mir einen Trank, denn ich bin ganz entsetzlich durstig! Einen
Trost gebt mir zur Linderung meiner großen Angst! Gebt mir den besten Wein –
und viel, damit ich mich noch einmal erquicke und berausche und leichter den
schrecklichen Tod erwarte!
[JS.01_002,12] O
du furchtbarer Tod, du größte Schande für den erhabenen Menschengeist, der so
Herrliches erschaffen hat und Entdeckungen gemacht, die ihm zur größten Ehre
gereichen! Dieser Geist muß nun sterben, die größte Schande ist sein Lohn: der
Tod, die ewige Vernichtung!
[JS.01_002,13] O
Fatum, o Gottheit, habt ihr ewige Sterne kreieren können, warum nicht auch
einen Menschen, der nicht stürbe?! O du Tollheit, wie groß mußt du sein in der
Gottheit, die ein Vergnügen daran hat, Erhabenstes zu erschaffen, um es dann
wieder zu zerstören auf ewig oder zu bilden aus Menschen schändlich Gewürm oder
Infusorien!
[JS.01_002,14]
Muß ich denn sterben? Warum muß ich denn sterben? Was tat ich, was taten
Millionen, daß sie sterben müssen? Wahrlich, in einem Tollhause hätte eine
bessere Schöpfungsnorm statuiert werden können, als diese sterbliche da ist,
gestellt von einer höchst weise sein sollenden Gottheit!“
[JS.01_002,15]
Hier ermahnten die umstehenden Freunde und Ärzte unseren Astronomen zur Ruhe,
die ihm not tue, so er wieder genesen wolle. Denn es stünde ja noch nirgends
geschrieben, daß er nun wegen dieser freilich wohl sehr starken Verkühlung
sterben müsse, wohl aber könnten ihm solche mächtigen Gemütsaufregungen im
Ernste das teure Leben kosten.
[JS.01_002,16]
Diese Mahnung aber fruchtete bei unserem Astronomen sehr wenig, denn er fuhr
darauf nur desto ärger auf und sprach in einem höchst aufgeregten Ton: „Weg,
weg mit eurer Hilfe! Weg mit diesem elenden verfluchten Leben! Wenn der Mensch
nicht ewig leben kann, dann ist das Leben die größte und schändlichste
Prellerei und der Tod und das Nichtsein nur die Wahrheit! Schämen muß sich der
Weise eines solchen Scheußlebens, das nur von heute bis morgen dauert! Ich will
daher auch nicht mehr leben! Mich ekelt nun dieses miserabelste Leben
tausendmal mehr an als der elendeste Tod; daher gebt mir Gift, stärkstes Gift
gebt mir, auf daß ich ehestens dieses Scheußlebens loswerde! Verflucht sei
solch ein Leben, solch ein Mückenleben, und ewige Schande der Urkraft oder
Gottheit oder welch ein Kloakengeist sie sonst ist, die es nicht konnte oder
nicht wollte, dem erhabenen Menschen ein Leben zu geben, das sich mit den
Sternen auch der Dauer nach messen könnte! Daher weg mit diesem Leben, weg mit
dieser Gottheitsprellerei! Kann sie dem Menschen kein besseres Leben geben, so
soll ihr auch für das gepfiffen sein, das mag sie für sich behalten! Lebt wohl,
ihr meine lieben Freunde, ich sterbe, ich will sterben, ja ich muß sterben;
denn nun könnte ich als ein erhabenster Menschengeist nimmer die Schande dieses
Fopplebens ertragen!“
[JS.01_002,17]
Hier ermahnen die Ärzte unseren Astronomen wieder zur Ruhe. Aber er verstummt
und gibt keinen Bescheid mehr. Die Ärzte reichen ihm Moschus, aber er
schleudert ihn von sich. Die Ärzte bitten ihn, daß er Medizin nehmen solle,
aber er wird stets stummer und fängt an zu röcheln. Man reibt ihn und sucht ihn
wieder aus dieser Lethargie zu retten, allein es ist vergeblich. Nach einer
Zeit von ein paar Stunden legt sich zwar das Röcheln, aber an seine Stelle
tritt ein grelles Delirium – in der Welt also erscheinlich –, in welchem der
Astronom folgendes mit einer hohlen Kreischstimme aussagt:
[JS.01_002,18]
„Wo seid ihr denn, die ich so sehr liebte, ihr schönen Sterne? Schämt ihr euch
meiner denn, weil ihr euer holdes Antlitz vor mir verberget? O schämt euch
meiner nicht! Denn euer harret ja ein gleiches Los, das mich nun getroffen. Ihr
werdet auch sterben, wie ich nun gestorben bin! Aber grollet darum dem
schwachen Schöpfer nicht, wie ich ihm gegrollt habe. Denn seht, er hatte sicher
wohl den besten Willen, aber zu wenig Weisheit und Kraft, darum alle seine
Werke so hinfällig und vergänglich sind. Er hätte freilich wohl besser getan,
wenn er nie etwas erschaffen hätte, wodurch er sich bei uns, seinen weisen
Geschöpfen, nur blamiert hat; denn ein unvollkommenes Werk läßt auf keinen
vollkommenen Meister schließen! Daher nicht mehr gegrollt dem armen Hascher von
einem Schöpfer, der am Ende zu tun haben wird, sich selbst über die
schrankenlose Vergänglichkeit all seiner Werke hinaus zu erhalten.
[JS.01_002,19] O
du armer Schöpfer du! Jetzt sehe ich es erst ein, daß du wohl ein recht gutes
Wesen bist und selbst die größte Freude hättest, so dir deine Schöpfung besser
gelungen wäre, aber: ‚Ultra posse nemo tenetur‘. Ein Schelm, der's besser
machen will, als er's kann. Du aber hast es nicht über dein Vermögen besser
gemacht, daher bist du auch kein Schelm!
[JS.01_002,20] O
du armer guter Mensch Jesus, der du der Welt wohl die weiseste Moral gegeben
hast unter mehrfachen Scheinwundern! Du hast dich auch zu viel auf deinen
vermeintlichen Gott-Vater verlassen, der dich gerade dann ob seiner evidenten
Schwäche im Stiche ließ, als es gerade am meisten an der Zeit gewesen wäre,
dich am mächtigsten mit einer Allkraft zu unterstützen, mit der du deine Feinde
hättest wie Spreu verwehen können! Als du am Schandpfahle hingst, war es
freilich wohl zu spät auszurufen: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen!?‘ Denn sieh, dein Gott hat dich schon lange verlassen müssen, weil
ihm für deine wie nun für meine Erhaltung die Kraft ausgegangen ist! Er tat
zwar, was er konnte, und hätte auch gern mehr getan, aber siehe, da gilt immer
das ‚ultra posse nemo tenetur‘! –
[JS.01_002,21]
Ah, das ist aber doch lächerlich! Jetzt bin ich gestorben und lebe aber dennoch
– wie ein gefoppter Esel! Das Rarste bei der Sache ist, daß es mir nun geradeso
vorkommt, als wäre es die reinste Unmöglichkeit, je sterben zu können! – Wo
aber nur die Erde hingerutscht ist, und meine guten Freunde? Ich sehe zwar
nichts und höre auch nichts, außer mich allein nur, aber ich bin dabei bei
hellstem Bewußtsein, und meine Erinnerung erstreckt sich nun ganz klar bis tief
und weit über den Mutterleibesstand zurück. Es ist wahrlich sonderbar! Sollte
die Gottheit mir etwa zeigen wollen, daß sie mehr vermag, als ich in dieser
meiner letzten Zeit von ihr erwartet habe? Oder lebt noch mein Leib im
allerletzten Vernichtungsmoment und mein nunmehriges Leben gleicht dem
Nachglanz jener Sonnen, die vor Trillionen Jahren erloschen sind und nur in der
Emanation ihres Lichtes durch den unendlichen Raum fortleben?
[JS.01_002,22]
Aber für solch ein Scheinleben, das – mathematisch richtig – wohl auch ewig
dauern muß, weil der ausgehende Strahl nie an eine endliche Grenze stoßen und
somit nie völlig aufhören kann, bin ich mir meiner selbst nun zu klar bewußt,
ja tausendmal klarer als je irgendwann in meinem ganzen irdischen Leben. Nur,
wie gesagt, daß ich nichts höre und sehe außer mich allein. – Aha, aha, still
nun! Mir kommt es vor, als vernähme ich ein leises Gemurmel, ein Geflüster!
Auch will sich meiner wie ein leiser, sehr süßer Schlaf bemächtigen. Und doch
ist es kein Schlaf, – nein, nein, es ist nur, als ob ich von einem Schlafe
erwachen sollte!? – Doch nun stille, stille; ich höre Stimmen aus der Ferne,
bekannte Stimmen, sehr bekannte Stimmen! Stille, sie kommen, sie kommen näher!“
[JS.01_002,23] Hier
verstummte unser Astronom völlig und bewegte auch die Lippen nicht mehr, woraus
die ihn umstehenden Freunde und Ärzte schlossen, daß es nun mit ihm völlig aus
sein werde, da ohnehin die halbe Rede, die hier angeführt ist, von den
Umstehenden mehr als ein röchelndes Gekreische denn als ein artikulierter
Ausdruck vermeintlicher innerer Phantasie des starr werdenden Organismus
vernommen ward.
[JS.01_002,24]
Die Ärzte schritten zwar wohl noch zu den extremsten Wiederbelebungsmitteln –
aber sie waren nun fruchtlos – und ließen dann den nach ihrer Meinung in die
tiefste Lethargie versunkenen Astronomen ruhen und warteten ab, was die Natur
von selbst zum Vorschein bringen werde. Aber sie warteten vergeblich, denn die
Natur brachte da weiter nichts zum Vorschein als den bald wirklich erfolgte
Leibestod.
[JS.01_002,25]
Wo aber für der Ärzte Natur die „ultima linea rerum“ erfolgt ist, da empfehlen
sie sich. Und wir empfehlen uns auch, aber nicht wie die Ärzte, sondern wie
Geister, die dem für dieser Erde gestorbenen Manne auch ins Jenseits folgen
können und beobachten, was er da beginnen wird und wohin sich wenden.
[JS.01_002,26]
Sehet, da ist er noch ganz wie auf der Welt auf seinem Lager – und daneben
niemand außer die drei euch schon bekannten Engel. Und dort hinter den drei
Boten noch Jemand!
[JS.01_002,27]
Hört, noch redet er und spricht: „Siehe, nun höre ich wieder nichts. Was waren
denn das früher für akustische Täuschungen? Hm, hm, nun alles mäuschenstill.
Bin ich denn noch, oder ist es aus mit mir? Oh, aus ist es auf keinen Fall,
denn ich fühle mich ja, ich bin mir klarst bewußt ich denke, ich erinnere mich
an alles haarklein, was ich je verrichtet habe, – nur die Nacht, Nacht, die
verruchte Nacht, die will nicht weichen! Ich will einmal aus Spaß doch zu rufen
anfangen, und das so laut als möglich. Vielleicht wird mich per Spaß doch
jemand vernehmen?! – Heda! – Niemand in meiner Nähe, der mir aus dieser Nacht
hülfe?! Zu Hilfe, so da jemand sich zufällig irgend in meiner Nähe befindet!“
[JS.01_002,28]
Nun meldet sich der Bote A und spricht zu B: „Bruder, hebe ihn aus seinem
Grabe!“ Und der Bote B beugt sich über den Astronomen und spricht: „Es geschehe
dir, wie es der Herr allen Lebens und Seins ewig gleich will, – erhebe dich aus
deinem irdischen Grabe, du irdischer Bruder!“
[JS.01_002,29]
Seht, nun erhebt sich im Augenblick der Astronom und sein Leib fällt wie ein
aufgelöster Dunst zurück! Aber der Astronom ruft: „Bruder, hast du mich aus dem
Grabe gezogen, so ziehe mich auch aus meiner Nacht!“ Und der Bote C spricht:
„Also ist es von Ewigkeit des Herrn Wille, daß alle Seine Geschöpfe, und ganz
besonders Seine Kinder, Licht haben und im Lichte wohlsehend wandeln sollen.
Sonach öffne deine unsterblichen Augen und sehe und schaue, was dir
wohlgefällt. Es sei!“
[JS.01_002,30]
Nun öffnet der Astronom in der geistigen Welt zum ersten Mal seine Augen und
sieht klar seine Umgebung und hat eine rechte Freude, daß er – nach seiner Idee
– nun wieder Menschen sieht und einen Boden, auf dem er fußt. Nun fragt er
aber: „Liebe Freunde, wer seid ihr denn? Und wo bin ich? Denn mir kommt es hier
zum Teil sehr heimelig und zum Teil doch wieder sehr fremd vor. Auch bin ich so
leicht und ungewöhnlich gesund und begreife nicht so recht, wie ich hierher
gekommen bin und wie eurer Worte Kraft mich sehend gemacht hat. Denn ich war im
Ernste stockblind!“
[JS.01_002,31]
Der Engel A spricht: „Du bist für die Welt dem Leibe nach gestorben und bist
nun – für ewig lebend deiner Seele und deinem Geiste nach – hier in der
eigentlichen wahren Welt des Lebens der Geister. Wir drei aber sind Engel des
Herrn, zu dir gesandt, dich zu erwecken und zu führen den rechten Weg zum
Herrn, deinem Gott und unserem Gott, zu deinem Vater voll Liebe, Geduld und
Erbarmung, Der auch unser Vater ist, heilig, überheilig, Den du in deiner
letzten Erdenstunde ,eine schwache Gottheit‘ nanntest, da du blind warst, Der
dir aber auch alles verzieh, darum, weil du blind und schwach warst! Nun weißt
du alles, tue nun danach und du wirst überselig sein gleich uns ewig!“
[JS.01_002,32]
Der Astronom spricht: „Brüder, Freunde Gottes, führt mich, wohin ihr wollt, ich
folge euch! Aber wenn ich je der endlosen Gnade sollte teilhaftig werden, zur
Anschauung Gottes zu gelangen, da stärket mich gewaltigst! Denn zu elend,
schmachvoll und unwert fühle ich mich für ewig, diesen heiligsten Anblick zu
ertragen! – Aber dort sehe ich ja noch jemanden, der uns gar so freundlichst
anblickt! Wer ist denn dieser Herrliche? Sicher auch ein Bote der Himmel?“
[JS.01_002,33]
Der Engel A spricht: „Ja, wohl ein Bote aller Himmel! Gehe hin zu Ihm, der Weg
ist kurz. Er Selbst wird es dir offenbaren.“
[JS.01_002,34]
Der Astronom geht hin, und der gewisse Jemand geht ihm entgegen und spricht:
„Bruder, kennst du Mich denn nicht?“ Und der Astronom antwortet: „Wie sollte
ich dich kennen, sehe ich dich doch zum ersten Male?! Wer bist du aber, du
lieber, herrlicher Bruder?“
[JS.01_002,35]
Der Freundlichste spricht: „Siehe an Meine Wundmale! Siehe, Ich bin dein
schwacher Jesus und komme dir entgegen, um mit Meiner Schwäche zu helfen deiner
Schwäche; denn käme Ich mit Meiner Kraft dir entgegen, so hättest du kein
Leben! Denn siehe, jedes beginnende Leben ist eine zarte Pflanze, die ohne Luft
nicht fortkommt, aber der Orkan tötet das Leben der Pflanze! Also bin Ich nun
auch nur ein zartes Lüftchen, dir entgegenkommend, um dich voll zu beleben, und
kein Orkan, dich zu zerstören. Liebe Mich, wie Ich dich liebe von Ewigkeit, so
wirst du das wahre ewige Leben haben!“
[JS.01_002,36]
Spricht der Astronom: „O du mein allergeliebtester Jesus! Du also bist es, –
der die herrlichste Lehre den Bewohnern der Erde gegeben und sie dich dafür
gekreuzigt haben!? O lehre auch mich den rechten Weg, der zu Gott führt, den du
gelehrt hast; von mir sollst du dafür nie gekreuzigt werden! Aber, so es dir
möglich, lasse mich dabei auch die große Schöpfung in ihrer Klarheit beschauen,
die mich durch mein ganzes Leben so sehr beschäftigt hat!“
[JS.01_002,37]
Spricht Jesus: „Dein Weg zu Gott wird nicht weit sein, so du ihn sogleich
betreten willst; willst du aber zuvor deine Sterne durchmustern, dann wirst du
einen langen Weg haben. Wähle nun, was du lieber willst!“
[JS.01_002,38]
Spricht der Astronom: „Mein geliebtester Jesus, siehe, für Gott bin ich noch
lange nicht reif. Daher sei mir, so es dir möglich ist, behilflich, daß ich in
den Gestirnen reif werde.“
[JS.01_002,39]
Spricht der Herr: „Es geschehe dir nach deiner Liebe! Aus diesen drei Engeln
wähle dir einen, der dich führen wird und dir am Ende deiner Reise zeigen, Wer
dein vermeintlicher Jesus ist, Den du als einen Menschen kennst, der gekreuzigt
ward!“ –
[JS.01_002,40]
Sehet nun wieder, wie dieser Astronom sein „Wasser“ sucht und nur im selben Mir
zuschwimmen will, nicht beachtend, daß Ich schon bei ihm und er bei Mir war!
Daher hütet euch vor dem zu gelehrten Wasser der Sternkundigen und Geologen,
denn es hat seinen Zug nicht nach Mir, sondern nach der Liebe des
Gelehrtenfaches! – Zu diesem Zweck dies längere Exempel. – Amen.
Dritte Szene:
Ein Reicher. – 3. August 1847
[JS.01_003,01]
Da sind wir schon wieder am Sterbebett eines Mannes, der sehr reich war, seinen
Reichtum rechtmäßig verwaltete, seine Kinder möglichst wohlerzog und dabei die
Armen stets bestens bedachte, – freilich mitunter auch manchmal für ein
sogenanntes vergnügtes Stündchen jene armen, aber jungen Schwesterchen, die um
einen Herzogspfennig (Dukaten) für allerlei lustige Dinge zu haben sind.
Daneben aber hielt er im Ernste große Stücke auf die Heilige Schrift, las oft
und fleißig darin und glaubte fest, daß Jesus der eigentliche Jehova ist, denn
er lernte solches aus Swedenborgs Werken, von denen er in seinen Musestunden
bis auf einige kleine Werkchen alle gelesen hatte.
[JS.01_003,02]
Solche seine Belesenheit aber machte ihn auch sehr aufbrausend, so er jemanden
über Jesus gleichgültig oder gar schmählich reden hörte, und befand sich irgend
ein solcher „Antichrist“ in seiner Gesellschaft, so mußte dieser sich beizeiten
aus dem Staube machen, ansonst er wohl die übelsten und sehr handgreiflichen
Folgen zu befürchten hatte. Kurz und gut, unser Mann war ein vollkommener
strenger Held fürs reine Christentum.
[JS.01_003,03]
Dieser Mann erkrankte in seinem bedeutend vorgerückten Alter, und zwar infolge
einer großen Festtafel, bei der er des Guten schon ohnehin zuviel tat, und nach
der Tafel besonders ob des – wegen des durch die vielen starken Weine zu sehr
aufgereizten Blutes – gepflogenen zweimaligen Beischlafes mit einer jungen,
fleischlich sehr üppigen Schwester.
[JS.01_003,04]
Als unser Mann nach solcher Expedition nach Hause kam, empfand er einen
leichten Schwindel, den er für ein „Räuschel“ hielt. Aber er irrte sich. Kaum
war er im Begriff ins Bett zu steigen, als ihm schon die Füße den Dienst
versagten. Er stürzte für die Welt bewußtlos zusammen und war – wir ihr zu
sagen pflegt – auch schon mausetot.
[JS.01_003,05]
Daß die Seinigen – zutiefst erschreckt – augenblicklich alles aufboten, ihren
Hausvater zu erwecken, versteht sich von selbst. Aber es war vergebliche Mühe,
– denn was einmal von den Engelsgeistern geholt wird, das erwacht für diese
Welt nimmer.
[JS.01_003,06]
Es ist daher bei diesem Manne diesseits nicht viel mehr zu beschauen und zu
behorchen, darum wollen wir uns aber auch sogleich in die Geisterwelt begeben
und sehen, wie sich unser Mann dort ausnimmt, was er beginnt und wohin er sich
wendet.
[JS.01_003,07]
Vor allem aber müßt ihr wissen, daß Menschen, die von einem Totalschlag gerührt
werden, durchaus nicht wissen und auch nicht im geringsten merken, daß und wie
sie gestorben sind. Sie finden keine Veränderung – weder ihres Hauswesens, wie
sie es auf der Erde hatten, noch in ihrem Befinden, außer daß sie ganz gesund
sind, was sie aber gewöhnlich auf der Welt auch waren. Desgleichen sehen sie
auch keine Engel, obschon diese nahe bei ihnen sich befinden, und vernehmen
auch nicht das Geringste aus der Geisterwelt, in der sie sich doch vollkommen
befinden. Kurz und gut, sie sind in allem und jedem wie noch ganz auf der Welt.
Sie essen und trinken, sie leben in ihrem wohlbekannten Ort, in ihrem Hause und
vollends in ihrem Familienkreis, da ihnen sozusagen kein teures Haupt fehlt.
[JS.01_003,08]
Also war und ist es auch mit unserem Manne der haargleiche Fall, – seht, nun
schon in der Geisterwelt! Er steigt ganz guter Dinge in sein Bett in seinem
wohlbekannten Schlafzimmer, das hier ganz auf ein Haar mit all dem eingerichtet
ist wie das auf der Erde. Seht, wie ganz gemächlich er sich im Bette ausstreckt
und den Schlaf sucht und erwartet! Aber dieser einzige Umstand macht unseren
Mann etwas stutzig, daß er diesmal zu keinem Schlafe kommt, – denn der Schlaf
ist den Geistern fremd. Sie haben wohl auch einen entsprechenden Zustand, der
dort Ruhe heißt, aber im wesentlichen nicht die leiseste Ähnlichkeit mit dem
irdischen Schlafe hat.
[JS.01_003,09]
Behorchen wir nun aber unseren Mann selbst und sehen, wie er sich in seinem
neuen Zustande benimmt und wie er ihm vorkommt. Hört, was er nun im Bette
spricht: „Du, Lini, schläfst du?“ Die Lini (sein Weib) richtet sich auf und
fragt: „Was willst du, lieber Leopold, fehlt dir etwas?“ (NB. Weib und Kinder
und sonstige zum Hause Gehörige werden durch eigens dazu beorderte Geister wie
verdeckt dargestellt.) Spricht der Mann: „Nein, mir fehlt gerade nichts, ich
bin, Gott sei's gedankt, ganz kerngesund. Nur kein Schlaf, aber auch nicht die leiseste
Anmahnung zum Schlafe will sich meiner bemächtigen. Geh und gib mir meine
Schlafpillen, ich werde ein paar verschlucken, vielleicht wird sich's nachher
tun.“
[JS.01_003,10]
Die Lini steht sogleich auf und erfüllt den Willen des Mannes. Die Pillen sind
nun „verschluckt“, aber der Schlaf bleibt noch immer aus.“
[JS.01_003,11]
Der Mann spricht nach einer Weile: „Lini, geh, gib mir noch ein paar, denn
sieh, mir kommt noch kein Schlaf, ich werde nur stets munterer statt
schläfriger.“
[JS.01_003,12] Lini
spricht: „Geh, laß die Pillen, könntest dir damit noch den Magen verderben.
Pflege dafür lieber mit mir einen Beischlaf, und du wirst dadurch vielleicht
eher zu einem Schlafe kommen, wenn du denn schon durchaus schlafen willst.“
[JS.01_003,13]
Spricht der Mann etwas betroffen: „Ja liebe Lini, mit dem Akte wird's nun bei
mir etwas hart hergehen; denn du weißt es ja schon aus langer Erfahrung, daß
ich nach einem großen Schmause dazu nie disponiert bin. Denn da versagt mir die
Natur allzeit den gewissen erforderlichen Dienst. Daher gib mir doch lieber
noch ein paar Pillen!“
[JS.01_003,14]
Spricht das Weib: „Sonderbar, mein lieber Herr Gemahl! Man spricht aber doch,
daß sich der reiche, gottesfürchtige Leopold gewöhnlich nach solchen Festtafeln
zu einer gewissen Cilli begebe und dort seinen Mann derart stellen soll, daß
sich daran ein Jüngling ein Beispiel nehmen könnte. Aber so nachher daheim die
treue, freilich wohl schon etwas mehr bejahrte Lini merken läßt, daß sie des
Leopolds Weib ist und manchmal aus gewissen Gründen auch zu keinem Schlafe
kommen kann, da hat der Leopold dann allzeit tausend theosophische,
philosophische und Gott weiß was alles noch für Gründe, des Weibes billiges und
ohnehin sehr seltenes Verlangen zu beschwichtigen! Schau Leopold, du Freund der
Wahrheit, wie kommt es dir denn so geheim bei dir vor, so du mich, dein allzeit
getreuestes Weib, so schnöde und wahrhaft scheinheilig anlügst? Wie oft hast du
mir die Schändlichkeit des Ehebruchs mit den grellsten Farben ausgemalt! Was
sagst du aber nun zu dir selbst, so ich es dir sonnenklar bezeigen kann, daß du
selbst ein Ehebrecher bist?!“
[JS.01_003,15]
Spricht der Mann ganz verdutzt: „Lini, liebes Weib, woher weißt du denn solche
Taten von mir? Wahrlich, so etwas könnte ich nur in einem dicksten Rausche
getan haben, – und habe ich's getan, so rechne ich darauf, daß du mit einer
menschlichen Schwäche an mir auch eine christliche Geduld haben wirst und wirst
davon weiter keinen unser ganzes Haus entehrenden Gebrauch machen! Sei
gescheit, liebes Weib, sei gescheit und rede nicht mehr davon; denn sieh,
deswegen habe ich dich dennoch überaus lieb! – Sei nur wieder gut, sei gut,
mein liebes Weiberl, ich werde so was in meinem ganzen Leben nimmer tun!“
[JS.01_003,16]
Spricht die Lini: „Ich glaub's auch. Wenn man schon sein ganzes hindurch so
gelebt hat und sein treues Weib wenigstens alle vierzehn Tage einmal betrogen
und ein paarmal sich sogar eine abscheuliche Krankheit geholt hat, da wird es
freilich wohl an der Zeit sein, von derlei Verrichtungen abzustehen, von denen
in der Schrift geschrieben steht: ,Hurer und Ehebrecher werden in das
Himmelreich nicht eingehen!‘ Sage mir du, mein in aller Gottesgelehrtheit
wohlunterrichteter Mann! – was wohl würdest du nun tun, so dich der Herr
plötzlich abriefe? Wie sähe es da mit deiner Seligkeit aus? Oder hast du es vom
Herrn etwa schriftlich, daß Er dich so lange wird leben lassen, bis du dich
bessern wirst aus deines Lebens Fundament? – Ich möchte aber noch wegen der
gewissen Schwester Cilli nichts sagen; aber die unverkennbare sinnliche
Neigung, die du zu unserer eigenen ältesten Tochter, bevor sie heiratete, auf
eine Weise kundgetan hast, die dir einen unvergänglichen Schandfleck vor Gott
und allen Menschen, so sie es wüßten, auf deine gottesgelehrte Stirne gedrückt
hat, – sage, was soll ich denn dazu sagen?! Oder was wird Gott dazu sagen?!“
[JS.01_003,17]
Spricht der Mann noch viel mehr verdutzt: „O Weib, du fängst an, mich im Ernste
zu quälen. Freilich, leider mit allem Recht, denn es wäre mehr als läppisch von
mir, so ich es dir negieren möchte. Aber weh tut es mir dennoch, und ich
begreife überhaupt gar nicht, wie du, meines Wissens, durch unsere ganze
Ehezeit nichts davon erwähntest und nun alle Schleusen auf einmal öffnest und
mich förmlich vernichten willst!?
[JS.01_003,18]
Bedenke, daß wir Menschen alle schwach sind in unserem Fleische, wenn wir auch
den willigsten Geist haben, und du wirst mir alle meine Schwächen leicht
verzeihen! Bedenke, daß der Herr die Ehebrecherin nicht gerichtet hat, so wird
wohl auch ein reuiger Ehebrecher bei Ihm Erbarmung finden! Und also richte auch
du, liebes Weib, mich nicht; denn ich bekenne und bereue ja meine große Schuld
an dir samt dem leidigen Vergehen an unserer verheirateten Tochter! Der Herr
Jesus vergebe es mir, wie du es mir vergibst!“
[JS.01_003,19]
Das Scheinweib spricht: „Gut denn, so sei dir alles Geschehene vollends
vergeben. Sieh aber zu, daß du in Zukunft von deiner vorgeschützten Schwäche
keinen Gebrauch mehr machst, sonst wirst du wenig Segen von dieser meiner
vollsten Nachsicht haben! Ich werde dich daher noch eine Zeit ertragen – und
sehen! – Aber schlafen wirst du nimmer, denn sieh und höre! Du bist nicht mehr
auf der Erde, sondern hier in der Geisterwelt! Und Ich, die du nun als dein oft
berücktes Weib ansahst, bin nicht dein Weib, sondern – siehe her! – Ich bin
dein Herr und dein Gott! Belasse dich aber, so du willst, wie du nun bist;
willst du aber weiter, so folge Mir hinaus aus diesem deinem alten
Schandgemach!“
[JS.01_003,20]
Der Mann erkennt Mich und fällt wortlos vor Mir auf sein Angesicht.
[JS.01_003,21]
Ich aber sage zu ihm: „Richte dich empor; denn deine Liebe ist größer denn
deine Sünde, daher sei dir alles vergeben! Aber bei Mir kannst du noch nicht
Wohnung nehmen, solange dir noch Irdisches anhängt. Siehe aber, dort stehen
Engel in Bereitschaft, die werden dich führen die rechten Wege. Und wenn dein
irdisch Haus wird von diesen deinen Führern mit der Not und Armut geschlagen
sein, dann wirst du bei Mir ein neues Wohnhaus finden für ewig. Amen!“
[JS.01_003,22]
Seht, das ist wieder ein anderes „Wasser“. Manche verharren länger in dem
Naturzustand, wie da der war dieses unseres Exempel-Mannes; dieser aber war nur
darum sehr kurz, weil er auf der Welt viel Liebe-Gutes tat, und weil er für
sein Vergehen sogleich ernstliche Reue bezeigte.
Vierte Szene:
Ein Stutzer. – 5. August 1847
[JS.01_004,01]
Hier die letzte Stunde und der frühe Tod eines Stutzers, der außer
Tabakrauchen, Spielen, Fressen, Saufen und Courmachen aller schöneren
weiblichen Welt und vortrefflich Tanzen nebst Walzerspielen auf einem Flügel –
eben dieser schönen Welt zuliebe – nicht viel kannte, obschon er fast seine
ganze Zeit auf den Kollegien und Universitäten zugebracht hatte. Unser
vorgeführtes Stück von einem Stutzer war der Sohn ziemlich reicher Eltern, die
diesen ihren hoffnungsvollen, über die Maßen verzärtelten Sohn natürlich nichts
anderes als studieren ließen, sobald er nur das ABC aus der Hand gelegt hatte.
[JS.01_004,02]
Damit es aber dem zarten Knäbchen beim schweren Studieren der lateinischen
Sprache ja doch nicht gar zu schwer geschehen solle, so ward er fürs erste in
ein sehr gutes Kosthaus gegeben, damit er gehörig zu essen haben und natürlich
wachsen solle, aber freilich nicht an Weisheit und Gnade vor Gott und den
Menschen, sondern nur am Leibe. Und daß ihm das angestrengte Studieren ja nicht
etwa eine Abzehrung an den Hals zöge, so durfte er jedes Jahr repetieren, falls
er es nicht so weit bringen konnte – natürlich mit der leichtesten Mühe –, eine
Schule in einem Jahre durchzumachen. Zu dem Behufe wurden auch die Professoren
zu jeder Zeit, besonders in den unteren Schulen, aufs gehörige gespickt und für
jeden Gegenstand ein sanftmütigster Instruktor aufgenommen.
[JS.01_004,03]
Auf diese Weise rutschte unser Student wohl mit genauer Not durch die unteren
Schulen; nur in den Kopf ist ihm auf diese Art wenig oder nichts
hineingerutscht. Die Folge davon war, daß er in den höheren Schulen dann
fortwährend steckenblieb. Und da ihn gewöhnlich das Studieren anekelte, so verlegte
er sich danebst hauptsächlich auf die oben angeführten Freikünste, nämlich aufs
Tabakrauchen, Spielen, Fressen, Saufen etc.
[JS.01_004,04]
Nach zurückgelegten Studien und überall mittelmäßig gemachten Prüfungen
versuchte er sich in den Kanzleien zwar, aber diese Papier- und Tintenluft
mundete ihm nicht; er bekam von seiner Mutter ja stets soviel Geld, daß er sich
auch ohne Kanzlei ganz kavaliermäßig durchbringen konnte. Dabei machte er allen
noblen Mädchen den Hof und einer nach der andern Heiratsanträge, wodurch es
denn auch geschah, daß aus lauter Hoffnungmacherei auf verheißene Heiraten
recht viele von ihm angebetete Holde in die wirkliche „Hoffnung“ ohne Heirat
kamen.
[JS.01_004,05]
Nebst diesen mit blinden und dadurch, wie bemerkt, sehr oft mit freilich
unangenehmen, dafür aber lebendigen „Hoffnungen“ dotierten Holden verlegte sich
unser „Staatsmann“ aber auch auf andere weibliche Wesen, die er, ohne ihnen
zuvor das Heiraten zu versprechen und Hoffnung zu machen, allzeit um einen
leichten Sold haben konnte und nicht zu fürchten hatte, daß diese Grazien von
ihm dadurch in eine gewisse andere „Hoffnung“ gesetzt werden könnten.
[JS.01_004,06]
Aber dabei geschah es denn auch nicht selten, daß er mit der Syphilis in allen
Graden zu tun bekam und am Ende so stark, daß selbst die erfahrensten Ärzte auf
diesem Felde ihm weder Rat noch Hilfe schaffen konnten. Allgemeine Vertrocknung
der natürlichen Lebenssäfte war die Folge solch „schöner“ stutzerischer
Lebensweise, für welches Übel Ich, der Herr, bei der Welterschaffung leider
rein „vergessen“ habe, ein „heilend Kräutlein“ zu erschaffen. Daher sich denn
auch unser Stutzerchen nolens volens zum Sterben bereitmachen mußte. Freilich
wohl eine sehr unangenehme Erscheinung für einen die Welt mit ihren süßen Venusfreuden
überaus liebgewonnenen Fashionablen. Aber es ist schon einmal also, daß da
alles den Weg des Fleisches wandeln muß. Und so mußte am Ende auch dieser
Stutzer, der am Fleische seine größte irdische Seligkeit hatte, ja um so mehr
den so ganz eigentlichen „Weg des Fleisches“ wandeln.
[JS.01_004,07]
Seht aber nun hin auf sein stinkend Lager, wie er sich krümmt und bäumt und
nach Luft und Wasser lechzt; aber er bringt keines mehr in den Magen, da alle
seine Schlundsehnen ausgetrocknet sind und nicht mehr vermögen, auch nur einen
Wassertropfen in den Magen hinabzuziehen! Sein Atem ist kurz und sehr
schmerzlich, da die Lunge schon nahe ganz vertrocknet ist. Also ist auch seine
Stimme ganz gebrochen; nur kurze, gelähmte Halbworte kann er noch unter großen Schmerzen
ausstoßen, und da gleicht der Ton dem eines schlechten Fagotts in den Händen
eines Schülers. Er möchte wohl noch stutzerisch fluchen und möchte am Ende wohl
gar auch noch einige gelehrte Phrasen aus Voltaire oder Sir Walter Scott
herstammeln; aber die allgemeine Trocknis läßt so etwas nicht ausführen, und
die starken Schmerzen in allen Lebenswinkeln lassen ihm auch nicht Zeit, seine
Gedanken dazu noch einmal wie auf einen Punkt zusammenzubringen. Daher liegt er
stumm röchelnd da, nur manchmal stößt er einen gellend schnarrenden Fagott-Ton
aus seiner ganz vertrockneten Kehle.
[JS.01_004,08]
Seht, so gestaltet sich häufig das Ende solcher Wüstlinge diesseits! Da wir
aber bei diesem Stutzer diesseits auch nichts mehr zu betrachten haben, da ihm,
wie ihr zu sagen pflegt, der Tod schon für die nächste Minute auf der Zunge
sitzt, so wollen wir uns sogleich nach jenseits wenden und sehen, wie da unser
„Mann“ einrücken wird.
[JS.01_004,09]
Sehet, da ist sein Lager gleichwie das auf der Welt! Noch liegt er gleichgestaltig
auf demselben. Aber zugleich ersehet ihr an seinem Lager nur einen Engel mit
einer Brandfackel in der Hand, um mit deren geistiger Flamme des Stutzers
letzte Lebenssafttropfen zu vernichten!
[JS.01_004,10]
Bei solchen Menschen erscheint darum nur ein Engel, weil in ihnen Seele und
Geist völlig wie tot sind. Nur der Würgengel, der über das Fleisch und über den
Nervengeist gesetzt ist, hat hier das zu tun, daß er nämlich das Fleisch und
den Nervengeist möglichst stark peinige und brenne, auf daß er dadurch die
zerfetzten Seelenreste und in diesen den ebenso zersplitterten Geist in den
Nervengeist zurücktreibe – und auf diese Art den also sterbenden Menschen vor
dem ewigen Tod verwahre!
[JS.01_004,11]
Er (der Engel) wird bei diesem Menschen auch nichts reden, sondern wird ihn
lediglich mit seiner Fackel aus der naturmäßigen in diese Geisterwelt
herüberbrennen, was gewöhnlich mit solchen Menschen zu geschehen pflegt und
auch geschehen muß, weil sie ohne solche letzte Gnadenmanipulation um das ganze
Dasein kämen.
[JS.01_004,12]
Dieser Akt ist gleich dem entstellten heidnischen in der Sage des Prometheus.
Denn die geistigeren Urmenschen sahen derlei Verrichtungen in der Geisterwelt,
die damals aber freilich unaussprechlich viel seltener vorkamen als in dieser
weit über Sodom und Gomorra sinnlichen Zeit. So erhielten sich davon denn auch
noch Sagen, aber nach ein paar tausend Jahren über die Maßen entstellt.
[JS.01_004,13]
Hier aber stellt sich auch wieder derselbe Prometheus vor – in seinem
eigentlichen, unentstellten Wirken. – Aber sehet, nun hat der einsame Engel
sein Werk gut beendet; das Fleisch unseres Stutzers ist hier ersichtlich durch
und durch zu Asche verbrannt, und seht, aus der Asche erhebt sich ganz langsam
und träge – nicht etwa ein herrlicher, verjüngter Vogel Phönix, o nein, sondern
– seht – nur ein dummer Affe, aussehend wie ein alter, dekrepiter Pavian! Er
ist ganz stumm, nur etwas sehen kann er.
[JS.01_004,14]
Die Tiergestalt hat darin ihren Grund, weil solche Menschen ihr wüstes Leben hindurch
die feineren Menschenseelen-Spezifikalpartikel völlig vergeuden durch ihre
Wollust und nur die gröberen tierischen in resto behalten. – Bei diesem ist
doch noch wenigstens die Affenseele geblieben. Aber da gibt es andere, die bis
zu den scheußlichsten Amphibien sich ganz verpfuschen!
[JS.01_004,15]
Bei diesem Menschen läßt sich nun das „Wasser seines Lebens“ auch noch nicht
bestimmen; denn der muß jetzt, wie ihr zu sagen pflegt, auf die Halt und wird
Geistern übergeben, die über solche entartete Tierseelen gesetzt sind.
Vielleicht bewirken sie mit allem Fleiße in hundert Jahren, daß diese Seele
wieder zur menschlichen Gestalt kommt.
[JS.01_004,16]
Mehr läßt sich nun von dieser Seele nicht beschreiben; daher nächstens ein
anderes Exempel.
Fünfte Szene:
Eine Modenärrin. – 6. August 1847
[JS.01_005,01]
Hier folgt noch ein früher Tod, der einer jungen Modeheldin, die sich bei einem
Ball zu sehr dem Tanze hingab, um sich irgend einen jungen und reichen
Bräutigam zu ertanzen, sich statt dessen aber nur den frühen Tod ertanzt hat.
[JS.01_005,02]
Ein junges, dem Leibe nach überaus gefällig gestaltetes Mädchen von neunzehn
Jahren wurde auf einen noblen Gesellschaftsball geladen, welche Einladung sie
natürlich mit Einwilligung ihrer Eltern bereitwilligst annahm. Alsogleich
wurden die Modekaufläden durchmustert, die zum Glück unter tausend Artikeln
doch einen besaßen, der da unserer geladenen Holden anständig war. Nun ging's
zum ersten Modeschneider und zwar mit dem Bedeuten, das Kleid nicht nur nach der
letzten Pariser oder Londoner, sondern womöglich nach der letzten Madrider oder
New Yorker Mode zu verfertigen, damit man auf einem so glänzenden Ball doch mit
etwas Außerordentlichem erscheinen könne, um dadurch das größte Aufsehen zu
erregen und auch als eine außerordentliche Erscheinung betrachtet zu werden!
[JS.01_005,03]
Der Schneider hatte keine kleine Angst ob solchen Auftrags, indem er seine
Kundschaft schon kannte, mit wieviel Dutzend Kapricen sie bei solchen
Gelegenheiten gesalbt war. Er nahm sich daher kreuzmöglichst zusammen und
verfertigte wirklich ein Meisterstück von einem Ballkleid zur vollen
Zufriedenheit seiner Kundschaft; denn das Kleid konnte ohne Schnürmieder
angezogen werden und ob der vielen feinsten elastischen Bänder aber den Leib
dennoch so eng zusammenziehen, daß unsere Heldin um die Leibesmitte dünner war
als um ihren runden Hals.
[JS.01_005,04]
Dieses New Yorker Modekleid aber war auch so ganz eigentlich die Ursache ihres
frühen und nahe plötzlichen Todes; denn da sie auf dem Ball die Königin der
Schönheit und Grazie war, so tanzte sie auch mit einem jungen, reichen Affen,
der ihr sehr bedeutend in die Augen stach, so wütend viel, daß sie sich dadurch
in der zu sehr gepreßten Lunge ein großes Blutgefäß sprengte und ob des dadurch
gar starken Blutverlustes in wenigen Minuten eine Leiche war.
[JS.01_005,05]
Als sie auf dem Tanzboden zusammenbrach und aus ihrem Rosenmund ein Blutstrom
sich ergoß – zum Schauder aller zahlreich eben auch nicht zu locker geschnürten
Mädchen und Damen –, da stürzten freilich wohl ihre Eltern, Verwandte und Ärzte
herbei, rissen ihr die Kleider vom Leib und begossen sie mit eiskaltem Wasser
und gaben ihr Medikamente, die sie aber, als schon vollkommen tot, natürlich
nicht mehr einnehmen konnte.
[JS.01_005,06]
Alles weinte und klagte laut. Die Eltern und der ritterliche Affe von einem
Liebhaber rissen sich aus Verzweiflung die Haare vom Kopfe. Andere fluchten
solch einem Geschick, wieder andere bedauerten die Unglückliche. Viele
verließen den Tanzsaal und trugen ein Notabene mit nach Hause, aber natürlich
um nicht viel besser als die Sperlinge, die ein Schuß vom Dache vertrieb.
[JS.01_005,07]
Hier, bei diesem Falle, werden wir in der Geisterwelt eben nicht viel von
Belang zu sehen bekommen; aber dessenungeachtet sollt ihr es sehen, wie sich
derlei Übersiedlungen in der Geisterwelt ausnehmen.
[JS.01_005,08]
Sehet, da liegt unsere Heldin noch zusammengekauert am mit ersichtlichem Blute
besudelten Boden, und dort in einiger Ferne erseht ihr einen Engelsgeist mit über
Kreuz geschlagenen Armen stehen! Sein Antlitz verrät Trübsinn, d.i. eine Art
Wehmut, die ein solcher Schutzgeist bei solchen Fällen der krassesten Narrheit
der Menschen empfindet, so er ihnen mit all seiner Sorge nicht zu helfen
vermag.
[JS.01_005,09]
Was aber wird nun dieser trauernde Engel hier tun? Seht, er naht sich dem auch
in der Geisterwelt als Leiche ersichtlichen Mädchen! Nun ist er bei ihr und
spricht: „O du unsinniges Wesen! Was soll ich nun erwecken bei dir, da alles
tot ist an dir, dahin ich nur mein Auge wende?! O Herr, sieh gnädig herab! Hier
langt die Kraft nicht aus, die Du mir verliehen; daher strecke Du Deine
allmächtige Hand aus und tue mit dieser Törin nach Deinem Wohlgefallen!“
[JS.01_005,10]
Nun seht, dort kommt schon ein anderer, ganz feuriger Engel! Nun ist er da, und
seht, sein Feuer ergreift die Tote und verzehrt sie im Augenblick zu Asche. (In
der Naturwelt kann das nicht bemerkt werden, weil dieser Akt nur den seelischen
Leib betrifft.) Nun fängt in der Asche sich etwas zu rühren an. Der Engel betet
über diese Asche. Seines Gebetes letzte Worte sind: „Herr, Dein Wille
geschehe!“
[JS.01_005,11]
Darauf verläßt der zweite Engel die sich stets mehr rührende Asche; aber der
erste Engel bleibt. Dieses Rühren aber ist nichts anderes als ein neues
Zusammenordnen der ganz zerstörten, zerstreuten und höchst zerrütteten
Seelenspezifikalpartikel, was nun unmittelbar durch Meine Kraft geschieht. Nun
aber wird sich auch sogleich zeigen, wieviel und was von dieser Mädchenseele
noch übriggeblieben ist! –
[JS.01_005,12]
Seht, nun erhebt sich ein dunkelgraues Wölkchen! Das Wölkchen prägt sich stets
mehr aus. – Und nun seht, da haben wir schon eine Gestalt! Ihr könnt sie wohl
mit nichts Ähnlichem auf der Erde vergleichen! Der Kopf gleich dem einer
Fledermaus, der Leib gleich dem einer Riesenheuschrecke, die Hände wie
Gänsefüße, und die Füße gleich denen eines Storches! – Wie gefällt euch diese
Mode nun als die Frucht jener weltlichen? – An der Mode aber läge so viel
Außerordentliches nicht; aber daß diese Törin, als quasi Selbstmörderin,
schwerlich je des Himmels Lichtgefilde betreten wird, das ist etwas anderes! –
[JS.01_005,13]
Es werden wohl einige hundert Jahre vergehen, bis diese zur menschlichen
Gestalt kommen wird, und das nur auf sehr schmerzliche Art! Nachher aber wird
sie im Geisterreiche sein, was die Albinos auf der Erde sind, nämlich
lichtscheu. –
[JS.01_005,14]
Weiter ist bei dieser nichts mehr zu sehen und zu lernen, darum nächstens ein
anderes Exempel.
Sechste Szene:
Ein Feldherr. – 10. August 1847
[JS.01_006,01]
Seht, wir befinden uns in einem königlichen Prachtgemach. Hier strotzt alles
von Gold und Silber und von den kostbarsten Edelsteinen und – für die Welt –
von den wertvollsten Gemälden. Der Boden des Gemachs ist mit den feinsten
asiatischen Teppichen belegt, und die großen Spiegelglasfenster sind mit
Gardinen behangen, von denen eine soviel kostet, daß davon tausend Arme einen
ganzen Monat zu essen hätten. Kästen, Tische, Sofas, Stühle und noch eine Menge
königlicher Einrichtungsstücke von großem Wert zieren es und allerlei
Wohlgerüche durchduften das Krankengemach, und die berühmtesten Ärzte umgeben
das reich mit Gold verzierte Bett, in welchem der irdisch hohe Kranke
vergeblich der Genesung harrt.
[JS.01_006,02]
Es wird ein Konsilium über das andere gehalten, und die Medikamente werden alle
Stunde gewechselt. Im angrenzenden Gemach beten aus lateinischen, rot und
schwarz gedruckten Büchern abwechselnd in einem fort zwei Mönche und wo nur ein
Bethaus oder irgend eine Kapelle steht, wird für die Wiedergenesung unseres
großen Feldherrn eine feierliche Messe gehalten. Aber das nützt alles nichts.
Denn für diese Feldherrnkrankheit gibt es weder in der Apotheke noch im
Breviarium und ebensowenig im Meßbuche irgendeine Hilfe mehr, sondern da heißt
es einmal: „Komm und laß sehen, wie deine Werke beschaffen sind!“.
[JS.01_006,03]
Seht nun den Kranken an, wie tapfer er sich hält! Aber diese Tapferkeit ist nur
ein Schein, denn innerlich möchte unser Held vergehen vor Angst und
Verzweiflung und verflucht dabei die stark schmerzende Krankheit wie ein Husar
sein Pferd, das ihm keinen Gehorsam leisten will. – Die Geschichte geht hübsch
zusammen: Dort beten die Mönche – freilich wohl mit einer Andacht, die
ihresgleichen sucht, mit der heimlich auch noch ein ganz entgegengesetzter
Wunsch vereinigt ist propter certum quoniam –, aber rar ist das immer, so der,
für den wenigstens „aufs Aug“ gebetet wird, flucht, daß es eine barste Schande
ist!
[JS.01_006,04]
Nun aber wird sein Schmerz stets ärger, ja beinahe unerträglich, und unser
Patient, darob vor Grimm entbrannt, fährt nun zum Erstaunen seiner Umgebung
ganz wütend auf und schreit aus vollem Halse: „O du verfluchtes Hurenleben!
Kannst du, Schöpfer, so du irgend einer bist, es mir denn nicht auf eine schmerzlosere
Art nehmen?! Auf ein solches Hurenleben sollen alle Teufel, so sie irgend sind,
scheißen; und ich möchte es selbst, so ich's nur vermöchte! He, ihr dümmsten
Viecher von Ärzten, die ihr alle zusammen keinen Schuß Pulver wert seid, gebt
mir eine scharf geladene Pistole her, auf daß ich selbst für dies Hunde- und
Hurenleben mir eine Medizin durchs Hirn verschreibe, die dasselbe auf einen
Knall von jeder fernem Marter sicher befreien solle!“
[JS.01_006,05]
Ein Protomedikus naht sich dem Krankenbett und will den Puls fühlen und bittet
den Patienten um Ruhe. Aber der hohe Patient richtet sich auf und spricht:
„Komm nur her, du Luder, du schlechter Hund von einem Arzte, damit ich an dir
meine gerechte Wut kühlen kann! Fahr zu allen Teufeln, du dummes Luder!
Möchtest mich nicht wieder mit Opium martern?! Schau, – wie gescheit diese
Kanaillen sind; so sie nichts mehr wissen, da kommen sie sogleich mit Opium,
auf daß der Kranke dann einschlafe und sie sich dadurch mehrere Stunden des
gerechten Vorwurfs, den sie überaus wohl verdienen, entledigen und sich dabei
brav ins Fäustchen lachen und schon Rechnung machen, wieviel da nach meinem
Tode ein jeder für sich in der dritten Vergleichungsstufe wird verlangen
können! Hahaha, gelt, ich durchschaue eure Pläne! Weg daher mit euch, ihr bösen
Hunde, sonst bringe ich euch noch mit diesen meinen letzten Kräften um euer
scheußliches Luderleben! – He, was sehe ich denn dort im Nebengemache für zwei
schwarze Kanaillen?! Was tun denn diese Luder? – Ich glaube gar, sie beten für
meine Seele? Wer hat sie denn dazu berufen?! – Hinaus mit ihnen, sonst stehe
ich auf und schieße sie wie Hunde zusammen!“ –
[JS.01_006,06]
Seht, auf diese gewaltige oberfeldherrliche Detonation machen sich die Mönche
recht behende aus dem Staube; die Ärzte zucken stets greller mit den Achseln,
und der Patient verstummt und fängt unter den horrendesten Verzerrungen des
Gesichts zu röcheln an. Wir aber begeben uns nun, da es hier an dem Patienten
nichts mehr zu beobachten gibt, sogleich in die Geisterwelt und werden ganz
kurz unsere Beobachtung machen, wie unser Held in die Geisterwelt eintreten
wird. –
[JS.01_006,07]
Seht, wir sind schon da, und dort auf gleichem Lager liegt der Patient in einem
ganz gleich aussehenden Gemach. Noch röchelt er, wie ihr es leicht merken
könnt, unter ganz entsetzlich schweren Atemzügen und zerbeißt sich die Zunge
vor heimlicher Wut seiner ergrimmten Seele.
[JS.01_006,08]
Dort aber, seht, ist schon der alleinige Würgengel in der Bereitschaft, die
ergrimmte Seele unseres Helden von ihrem überstolzen und hochmütigsten
Aristokratenfleische loszumachen. Mit einem flammenden Schwert ist der Engel
bewaffnet – zum Zeichen seiner großen, ihm von Mir verliehenen Kraft und zum
Zeichen seines Mutes und seiner gänzlichen Furchtlosigkeit vor solchen
Großhelden der Erde wie vor der ganzen Hölle.
[JS.01_006,09]
Sehet, nun ist in der Zeiturne das letzte Sandkörnchen für diesen Helden
gefallen, und der Engel rührt ihn mit seinem Flammenschwerte an und spricht:
„Erhebe dich, du matte Seele, und du, stolzer Staub, falle in das Meer deiner
bodenlosen Nichtigkeit zurück!“
[JS.01_006,10]
Seht, nun verschwindet der Leib, und nicht mehr zu sehen ist das Lager und das
Gemach voll irdischer Pracht. Dafür erhebt sich eine, wie ihr es leicht merken
könnt, ganz dunkelaschgraue, schmählichst verkümmerte Seele, stehend auf
lockerem Sande, der sie zu verschlingen droht. Zornig, wirr und scheu blickt
sie um sich – und erschaut nichts als sich selbst. Aber sie sieht sich ganz
anders, als wir sie sehen, – sie ersieht sich noch als einen Feldherrn mit all
ihren Orden und mit einem Degen geziert.
[JS.01_006,11]
„Wo bin ich denn?“ spricht nun der Held. „Welcher Teufel hat mich denn hierher
gebracht? Nichts, und abermals nichts! Wohin ich schaue, ist überall nichts. Da
seht, auch unter mir ist nichts!
[JS.01_006,12]
Bin ich denn ein Nachtwandler – oder träume ich? – oder sollte ich denn
wirklich gestorben sein? Ah, das ist ja doch ein verflucht dummer Zustand! Ich
bin zwar recht gesund nun und fühle keinen Schmerz, erinnere mich an jede
Kleinigkeit meines ganzen Lebens, – ich war ja höchst krank; ich habe die
dummen Ärzte gemustert, die zwei Heuchler zum Teufel verscheucht und habe auch,
natürlich ob des zu starken, unerträglichen Schmerzes, dem Schöpfer einige derbe
Grobheiten in meiner Aufwallung ins Gesicht gesagt, – alles dessen erinnere ich
mich sehr wohl! Auch weiß ich, daß ich sehr zornig war und hätte alles
zerreißen können vor Wut. Aber nun ist mir alles vergangen. Es wäre alles
recht, wenn ich nur wüßte, wo ich so ganz eigentlich bin und was da mit mir
vorgegangen ist?!
[JS.01_006,13]
Es ist wohl etwas licht um mich; aber je weiter hinaus ich meine Blicke richte,
desto finsterer wird es, und ich sehe nichts, nichts, nichts und abermals
nichts! Das ist doch verflucht! Wahrlich, wer da nicht des Teufels wird, der
wird es in Ewigkeit nimmer!
[JS.01_006,14]
Sonderbar, sonderbar, ich werde stets munterer, stets lebendiger, – aber auch
stets leerer wird es um mich. Ich muß mich sicher in so einer Art Lethargie befinden?
Aber die, so davon befallen, sollen alles hören und sehen, was um sie
geschieht, – ich aber höre und sehe nichts außer mich, also kann das keine
Lethargie sein.
[JS.01_006,15]
Es ist hier weder kalt noch warm, noch völlig finster, obschon einen das Licht
wahrlich nicht blendet! Ich bin, was mir unbegreiflich ist, in diesem
Solozustand dazu noch sehr heiter und aufgeräumt, daß ich darob einen Bajazzo
abgeben könnte, – und doch, wie Figura zeigt, bin ich sicher im Mutterleibe
nicht gesellschaftsloser gewesen als hier! Wahrlich, wenn ich hier ein Dingsda,
eh, so ein Dings – nun, so ein Dings – ja, ja, so recht – so ich so ein
,Menschchen‘ bei mir hätte, wahrhaftig, ich könnte mich sogar vergessen, daß
ich – doch hol's der Kuckuck, den Feldherrn samt seinen fünf Dutzend Großahnen!
Wahrlich, für ein ,Menschchen‘ gemeinsten Standes wäre mir nun schon alles
feil!
[JS.01_006,16]
Wenn ich aber nur erfahren könnte, wo ich denn so ganz eigentlich bin?! Wenn
die Sache noch lange dauern sollte, da dürfte einem dieser Zustand so hübsch
verdammt langweilig werden! Hab' ja einmal von einem Gott etwas gehört, – will
mich doch einmal ernstlich an ihn wenden. Hab' freilich ehedem mich etwas
barsch benommen gegen ihn; aber er wird mir das, so er irgend einer ist, ja nicht
so übel anrechnen. – Heda, mein Gott, mein Herr! So du irgend bist, hilf mir
aus dieser sonderbar fatalen Lage!“
[JS.01_006,17]
Nun seht, sogleich kommt ein Engel herbei und spricht: „Freund, in dieser Lage
wirst du so lange verbleiben, bis der letzte Tropfen deines Hochmutes aus dir
hinausgeschafft sein wird und dadurch bezahlt der letzte Blutstropfen von dem
Blute, das du an vielen Tausenden deiner Brüder vergossen hast! Wirf all deine
feldherrlichen Insignien von dir, und du wirst dann Boden und mehr Licht und
auch Gesellschaft finden, – aber hüte dich vor deinesgleichen, sonst bist du
verloren! Vor allem aber wende dich an den Herrn, so wird dein Weg kurz und
leicht sein, amen.“ –
[JS.01_006,18]
Seht, diesen Rat befolgt aber unser Held jetzt noch nicht. Daher verläßt ihn
der Engel, und er wird noch einige hundert Jahre in solcher Schwebe verbleiben.
–
[JS.01_006,19]
Daraus könnt ihr schon sein „Wasser“ merken, darum nichts weiter nun von ihm.
Siebte Szene:
Ein Papst. – 11. August 1847
[JS.01_007,01]
Bei diesem Exempel wollen wir sogleich beim Jenseits beginnen und einen Mann
betrachten, der in der Welt eine sehr große Rolle gespielt hat und am Ende der
Meinung war, die Welt sei bloß seinetwegen da und er könne mit ihr machen, was
er wolle, da er sich die förmliche Stellvertreterschaft Gottes anmaßte, mehr
noch als so mancher andere seines Gelichters. Aber er mußte dessenungeachtet
dennoch „ins Gras beißen“, und es schützte ihn davor weder seine angemaßte
Großmacht noch die Welt und ebenso wenig die Gottesstellvertreterschaft.
[JS.01_007,02]
Dort, seht hin, stark gegen Mitternacht wandelt langsamen Schrittes eine
überaus hagere Mannesgestalt von sehr dunkler Farbe, blickt forschend um sich
und späht bald dahin und bald wieder dorthin!
[JS.01_007,03]
In seiner Gesellschaft seht ihr ein Männlein, gleich einem kohlschwarzen Affen,
das sich um unsern Mann sehr geschäftig herumtummelt und tut, als hätte es mit
diesem Manne gar überaus wichtige Sachen abzumachen. – Treten wir aber nur
näher, damit ihr vernehmen könnt, was dieser Mann, der seinen Gesellschafter
sowenig wie uns sieht, mit sich für sonderbare Gespräche führt.
[JS.01_007,04]
Da sind wir schon in rechter Nähe; nun horcht, er spricht: „Alles Lüge, alles
Trug, und der Betrogenste ist der Glücklichste; aber unglücklich der Betrüger,
so er wissentlich ein Betrüger ist! Ist er aber unwissentlich ein Betrüger und
lügt und betrügt, ohne zu wissen, daß er lügt und betrügt, da ist ihm zu
gratulieren; denn da zieht ein Esel den andern, und beide sind mit dem schlechtesten
Futter zufrieden. – Aber ich, was bin denn ich? – Ich war ein Oberhaupt, alle
mußten glauben und tun, was ich anordnete; ich aber tat, was ich wollte, da ich
die Schlüssel der Macht in meinen Händen hatte als einer, der sie nimmt ohne zu
fragen, ob er sie wohl zu nehmen berechtigt ist. Ich wußte alles; ich wußte,
daß da alles nur Lüge und Trug ist, und dennoch drang ich Lüge und Trug
jedermann bei strenger Ahndung auf, der es nicht annehme und glaube, daß da
alles, was von mir ausgeht, ob geschrieben oder nicht, als volle Wahrheit
anzunehmen ist.
[JS.01_007,05]
Ich meinte aber auf der Welt: Des Leibes Tod ist das Ultimatum allen Seins. Das
war mein heimlicher, fester Glaube, und alle Weisheit der Welt hätte mir keinen
andern Glauben geben können! Dies einzige hielt ich für Wahrheit, und sieh,
auch das ist Lüge; denn ich lebe fort, obschon ich gestorben bin dem Leibe
nach.
[JS.01_007,06]
Himmel, Fegfeuer und Hölle ließ ich predigen auf vielen tausend Kanzeln,
erteilte Ablässe und sprach eine Menge Verstorbener heilig und gebot Fasten,
Gebet, Beichte und Kommunion, – und nun stehe ich selbst da und weiß nicht, wo
aus und wo ein! Gäbe es ein Gericht, dann wäre ich schon gerichtet. Gäbe es
einen Himmel, da hätte ich doch das erste Anrecht darauf, denn fürs erste mußte
ich doch durch den Willen Gottes Statthalter der Kirche Christi werden; und was
ich dann als solcher tat, war sicher auch nur ein allerhöchstes oberstes
Wollen, denn ohne ein solches kann laut der Schrift ja kein Haar am Kopfe
gekrümmt werden und kein Sperling vom Dache fliegen.
[JS.01_007,07]
Also beichtete und kommunizierte ich auch nach der alten Vorschrift, obschon
ich mich davon gar leicht hätte exemtieren können, indem ich die Macht hatte,
die Beichte samt der strengen Kommunion für jedermann auf ewige Zeiten
aufzuheben, was ich aber dennoch aus politischen Rücksichten nicht tun konnte
und wollte. – Gäbe es eine Hölle, so wäre auch Grund genug vorhanden, mich
darinnen zu befinden; denn vor Gott ist ein jeder Mensch ein Totschläger! – Wenigstens
sollte ich mich im Fegefeuer befinden; denn das soll doch jedermann wenigstens
auf drei Tage zuteil werden! Aber weder das eine noch das andere wird mir
zuteil, – darum ist Gott, Christus, Maria, Himmel, Fegfeuer und Hölle nichts
als Lug und Trug! Der Mensch aber lebt nur aus den Kräften der Natur und denkt
und fühlt nur nach der eigenen Konzentration der verschiedenen Naturkräfte in
ihm, die sich da wahrscheinlich zu einem ewig unzerstörbaren Eins verbinden und
verknüpfen. Meine Aufgabe wird daher nun sein, diese Kräfte näher zu erforschen
und mir dann mittels der genauesten Bekanntschaft mit ihnen einen Himmel zu
gründen.
[JS.01_007,08]
Aber ich merke fortwährend ein gewisses Zupfen an meiner Toga pontificalis! Was
sollte denn das sein, ist denn etwa doch irgend ein unsichtbarer Geist in
meiner Nähe, oder tut so etwas etwa irgend ein Wind? Es ist im Ernste sonderbar
in dieser unendlichen Wüste, denn man kann schon gehen, wohin man will, so
bleibt man aber dennoch ewig ganz allein. Man kann rufen, schreien, schimpfen,
schelten und fluchen – oder beten, zu wem man will, so rührt sich dennoch
nichts und man bleibt vor- wie nachher ganz allein! Es mögen doch schon einige
Jahre sein, da ich auf der Erde gestorben bin, und das auf eine sehr
schmerzliche, höchst fatale Weise, – und ich bin dito allein, nichts als die
ganz kahle Wüste unter den Füßen! Platz habe ich da wohl, das ist wieder eine
Wahrheit, aber wo ich bin, was für die Zukunft aus mir werden soll – werde ich
also ewig fortleben oder doch etwa einmal ganz vergehen –, das ist ein
unauflösliches Rätsel.
[JS.01_007,09]
Also nur frisch an die Erforschung der Naturkräfte in mir, und es soll sich
durch ihre nähere Bekanntschaft bald entwickeln, was da aus mir werden soll!“
[JS.01_007,10]
Habt ihr ihn nun gehört, wie er räsoniert, er, der Stellvertreter Gottes auf
Erden? Oh, er wird noch lange also solo räsonieren, wie es ihm sein
unsichtbarer Begleiter einhaucht; denn solcher auf Erden höchstgestellter
Menschen Los ist stets das gleiche, nämlich das Alleinsein, indem sie sich auf
der Erde auch über alles hinaus isoliert haben.
[JS.01_007,11]
Diese Isolierung ist aber dennoch eine große Gnade für sie; denn nur dadurch
ist es möglich, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Aber es geht das
sehr lange; sie müssen in sich alle Grade der Nacht und Finsternis, der Not,
auch des Schmerzes, wie er in der Hölle zu Hause ist, durchmachen.
[JS.01_007,12]
Hat ein solcher Zelot diese Solo-Tour durchgemacht – etwa in fünfhundert bis
tausend, auch zehntausend Jahren –, dann erst kommt er in die Gesellschaft von
strengen Geistern. Folgt er diesen nicht, so wird er wieder verlassen und ganz
allein gestellt, wo ihm dann aber alle Greueltaten vorgeführt werden, die
entweder unter ihm oder unter seinen Vorgängern verübt worden sind, bei welcher
Gelegenheit er aber auch alle Schmerzen verkosten muß, die alle Verfolgten
unter ihm oder unter seinen Vorgängern verkostet haben. Bringt ihn diese Kur
noch nicht zurecht, so wird er belassen, wie er ist; bloß der Hunger wird ihm zur
Begleitung gegeben und der Durst, welche zwei Hofmeister mit seltenster
Ausnahme fast jeden mit der Zeit zurechtbringen. –
[JS.01_007,13]
Da habt ihr nun wieder ein Bild, aus dem ihr das Jenseits näher kennenlernen
möget – und das „Wasser“, das ein solcher Häuptling zu durchschwimmen hat, bis
er ans Ufer der Demut, Wahrheit und Liebe gelangt. Daher nun nichts mehr weiter
von diesem Manne.
Achte Szene: Ein
Minister. – 12. August 1847
[JS.01_008,01]
Da denn auch die großen Herren der Welt sterben müssen, gegen welche für sie
höchst fatale Lebenseigentümlichkeit sie noch immer keinen Assekuranz-Verein
haben aufstellen können, da sie es mit all ihrer Politik und Diplomatie noch
nicht soweit gebracht haben, so mußte denn auch unser Minister sich endlich
einmal anschicken, das Zeitliche mit dem Ewigen zu vertauschen.
[JS.01_008,02]
Das Sterben ist für solche Menschen freilich wohl die unangenehmste Erscheinung
von der Welt, aber das kümmert den Würgengel wenig. Bei dem er das
wohlzimentierte Maß voll findet, den nimmt er ohne Gnade und Pardon!
[JS.01_008,03]
Unser Minister, ein Mann, dem alle Welt huldigte ob seiner Weltklugheit, wurde
in seinem bedeutenden Alter von einem gichtischen Katarrhfieber aufs
Krankenlager geworfen, das ihn einen halben Monat folterte, und das desto
ärger, je mehr Arzneien er zur Behebung dieses Übels einnahm. Gegen das Ende
hin ward er voll Unwillen und drohte den Ärzten mit dem Arrest, so sie ihn
nicht bald wiederherstellen möchten oder könnten.
[JS.01_008,04]
Aber statt seine Drohung auszuführen, versank er am sechzehnten Tage seiner
Krankheit in eine Betäubung, aus der er auf dieser Welt nicht mehr erwachte,
außer auf eine Stunde knapp vor seinem Ende, in welcher Stunde er noch ein
kurzes Vermächtnis machte, was da mit seiner mächtigen Habe geschehen solle,
wobei aber der Armen, wie meistens bei solchen Menschen, nur sehr spärlich
Bedacht genommen ward; denn was sind wohl ein paar tausend Gulden gegen mehrere
hinterlassene Millionen?!
[JS.01_008,05]
Also ward der Kirche pro forma auch mit einer Stiftung gedacht, aber nicht aus
irgendeinem blinden Glauben – denn Glauben hat so ein Mensch entweder nur
selten oder gar keinen, und alles, was er tut, ist reine Politik –, sondern
nur, wie gesagt, weil so etwas der politische Gebrauch erfordert.
[JS.01_008,06]
Nach dieser letzten Willenskundgabe sank er auf sein Lager zurück und war tot,
ohne zuvor gebeichtet und kommuniziert zu haben, auf welchen Akt er – bei sich
zwar – ohnehin nichts hielt. Damit war's mit ihm für diese Welt aber auch für
ewig abgeschlossen; darum wollen auch wir nicht länger bei seiner Leiche
verharren, sondern uns sogleich nach „drüben“ begeben und sehen, was unser
überstolzer aristokratischer Mann dort für ein Gesicht macht. –
[JS.01_008,07]
Seht, da sind wir schon, und unser Mann steht schon in seinem kompletten
Staatskleide vor uns und vor vier verhüllten Engelsgeistern, wobei er aber nur
die letzteren sieht. Der Ort stellt genau sein Staatskabinett vor, in welchem
er noch Wichtiges zu besorgen und zurechtzubringen sich vorgenommen hatte.
[JS.01_008,08]
Er ersieht nun genau die vier in seinem Geheimkabinett und kann sich vor Ärger
kaum fassen über die entsetzliche Keckheit dieser vier „Gauner“ nach seiner
Ansicht. Er springt auf und ergreift die Klingel und will läuten, aber die
Klingel gibt keinen Ton.
[JS.01_008,09]
„Verrat! Hochverrat!“ Schreit er aus vollem Halse. „Wie kamt ihr elenden Wichte
in dies nur mir allein zugängliche Gemach, in welchem des Staates geheimste und
heiligste Mysterien bearbeitet und aufbewahrt sind?! Wißt ihr, daß auf solch
einen Hochverrat der Tod gesetzt ist?! Wer von euch hat diese Klingel
entschwengelt, daß sie nun in diesem entscheidendsten Moment keinen Schall von
sich geben kann? Bekennet es, ihr Verruchten, wer von euch war der
Rädelsführer?!“
[JS.01_008,10]
Der erste Engel spricht: „Höre in Geduld tiefst aufmerksam, was ich dir nun
künden werde! Wohl weiß ich die gute Ordnung, derzufolge auf der Welt kein
Mensch, außer dem König nur, in dies Gemach treten darf. Wärest du noch auf der
Welt, da hättest du uns auch nicht an dieser Stelle erblickt. Aber siehe, du
bist nun dem Leibe nach gestorben und bist jetzt in der Geisterwelt, wo es nur
einen Herrn gibt, während alle andern Geister Brüder sind, gute und schlechte,
je nachdem sie auf der Erde gehandelt haben entweder gut oder böse. Also haben
wir auch vom Herrn das stets liebepflichtige Recht, jedermann zu besuchen und
ihm unsere Dienste anzubieten, wenn er, wie du, für uns noch zugänglich ist.
[JS.01_008,11]
Darin aber besteht eben auch des einigen Herrn Auftrag an dich durch uns, daß
wir dir eben solches künden sollen und auch eröffnen, daß hier in dieser ewigen
Welt für dich alle weltliche Ehre und Stellung aufgehört hat samt aller
Politik; und dies Gemach, dein Kleid und alle diese deine vermeintlichen
wichtigsten Staatspapiere sind nur Trug und Ausgeburt deiner noch überstark an
der Welt hängenden Phantasie und werden verschwinden, sobald du uns folgen
wirst. – Wirst du uns folgen, da wirst du einen leichten Weg in das wahre,
ewige Lebensreich haben, alldort es Seligkeiten gibt ohne Maß und Zahl; wirst
du uns aber nicht folgen, da wirst du einen überharten Stand haben, zum
Gottes-Lebensreiche zu gelangen! Denn siehe, du warst auf der Welt wohl mit
Gottes Zulassung ein großer Mann und hattest eine große Macht; durch diese
Macht ist aber bei dir auch gar mächtigst die Herrschliebe erwacht, die dich zu
manchem geführt hat, das da nicht gegründet war in der göttlichen Ordnung. Auch
hat dir diese Weltgewalt als Herrschlust auch den Glauben an den Herrn und
vielfach die Liebe zum Nächsten genommen und hat dich fürs Reich Gottes völlig
untauglich gemacht.
[JS.01_008,12]
Aber siehe, der Herr weiß es, welch schwere Bürde du zu tragen hattest, und hat
große Erbarmung mit dir. Darum sandte Er uns zu dir, auf daß du gerettet werden
sollest und erhoben und nicht untergehen durch deine noch mit herübergebrachte
große Weltbürde. Denke hier nicht an ein Gericht; denn im Reiche der Freiheit
des Geistes gibt es kein Gericht und keinen Richter, außer den eigenen freien
Willen jedes Menschen! Denke auch nicht an die Hölle. Diese ist nirgends, außer
in jedem Menschen selbst, so er diese in sich durch sein Böses – eben in sich –
erst erschafft. Also denke aber auch an keinen Himmel als verheißenen Lohn für
gute Werke; sondern des Herrn Jesu Wort sei dein Wille, durch dieses suche Ihn
allein! Hast du Ihn, dann hast du alle Himmel und eine ganz andere Macht aus
der Liebe, als du sie gehabt hast auf der Welt aus deiner Weltklugheit und
hohen Stellung. Nun weißt du alles; tue, was dir dein freier Wille zuläßt im
Namen des Herrn Jesus. Amen.“
[JS.01_008,13]
Der Minister spricht: „Wahrlich, eure Rede ist weise und bürgt mir, daß da
alles so ist, wie ihr es mir nun gekündet habt. Auch bin ich nun völlig klar,
daß ich leiblich gestorben bin. Aber daß da der gewisse Jude Jesus der
alleinige Gott und Herr sein soll, das fasse ich nicht! Was ist dann der
„Vater“ und der „Heilige Geist“? Seht, das stimmt mit der eigenen Lehre Jesu nicht
zusammen, der doch der erste war, der eine göttliche Dreiheit allenthalben
lehrte! Darum verzeiht mir, daß ich euch darum schon nicht so schnell folgen
kann, wie ihr es wünscht, – außer ihr überzeugt mich dessen schnell!“
[JS.01_008,14]
Spricht der Engel: „Bruder, das geht so geschwind nicht, wie du meinst. Lege
vorerst dein Staatskleid ab und ziehe ein anderes der Demut und völligen
Selbstverleugnung an, dann wirst du alsbald die vollste Überzeugung davon
bekommen, das dir jetzt noch als unfaßlich erscheint.“
[JS.01_008,15]
Der Minister antwortet: „Wohl denn, so übernehmet mich und bringt mich zurecht,
und schabet sorglich alles Weltliche von meiner Seele, dann wird es sich
zeigen, wie es mit eurer Aussage aussieht.“
[JS.01_008,16]
Nun treten die drei anderen Engel hinzu, ziehen dem Manne die Staatskleider aus
und ziehen ihm dafür aschgraue, sehr zerlumpte und ziemlich schmutzige an. Und
der zweite Engel spricht nun zu ihm: „Nun bist du mit dem Kleide der Demut
angetan. Aber das allein genügt noch nicht, sondern du mußt auch in der Tat
demütig sein. Darum folge uns!“
[JS.01_008,17]
Der Mann folgt, und seht, sie kommen bei einem Bauernhofe an und sagen zu ihm:
„Siehe, hier wohnt ein schroffer Mann und hat große Schweineherden. Bei diesem
sollst du dienen und mit allem zufrieden sein, was er dir zum Lohne geben
dürfte; und wird er hart und ungerecht sein gegen dich, so sollst du alles mit
Geduld ertragen und dir bloß in des Herrn Gnade und Erbarmung Recht schaffen.
[JS.01_008,18]
Wird er dich schlagen, da schlage nicht zurück; sondern wie ein Sklave halte
ihm den Rücken dar, so wie du auf der Erde – zufolge der militärischen
Subordination – es oft gesehen hast, wie sich ein armer Soldat ganz willenlos
auf die Bank legen mußte und aushalten die harte, oft höchst ungerechte Strafe!
Wirst du das alles in rechter Geduld ertragen, dann soll dir ein besseres Los
zuteil werden!“
[JS.01_008,19]
Darauf spricht der Mann: „Ich bedanke mich gehorsamst für diese Führung! Gebt
mir nur mein Staatskleid wieder, ihr Betrüger; ich werde schon selbst mir die
Wege bahnen! Da schaut's die Lumpen an; aus unsereinem, der wenigstens zwanzig
Ahnen zählt, wollen sie so mir nichts, dir nichts einen Sauhalter machen! O
wäre ich noch auf der Welt, ich wollte euch dafür zahlen, daß ihr es euch
merken solltet! Diese Vagabunden geben sich noch für Gottes Boten aus! Nein
wartet, diese Gottesbotenschaft soll euch noch teuer zu stehen kommen!“
[JS.01_008,20]
Sehet, die Engel geben ihm sein Staatskleid wieder und sagen: „Wie du willst.
Da ist dein irdisch Kleid! Willst du die Wege des Lebens nicht wandeln, so
wandle deine eigenen; unser Dienst bei dir aber ist zu Ende.“
[JS.01_008,21]
Nun sehet, in welch ein „Wasser“ unser Mann sich begibt; da wird er lange zu
schwimmen haben, bis er auf des verlorenen Sohnes Rückweg zum Vater gelangen
wird.
[JS.01_008,22]
Hüte sich darum ein jeder vor der Herrschlust; denn diese hat stets die
gleichen Folgen. – Nächstens ein anderes Exempel.
Neunte Szene:
Bischof Martin. – 13. August 1847
Zehnte Szene:
Der Arme. – 16. Oktober 1848
[JS.01_010,01]
Hier folgt als weitere kurzgefaßte Szene aus dem Geisterreich der Tod oder
eigentlich Austritt aus diesem irdischen Prüfungsleben in das wahre ewige
Geistesleben eines armen Tagwerkers, desgleichen Menschen die Großen der Welt
nun „Luder“, „Kanaille“ und „elendes Lumpengesindel“ nennen.
[JS.01_010,02]
Da gehet mit Mir in ein ärmstes Stübchen, das mehr dem Loch eines Bären als
einem für Menschen bewohnbaren Zimmer gleicht. Kaum zwei Kubikklafter beträgt
der innere Raum. Eine stark schadhafte Tür führt in dieses Loch, das über der
Tür eine zwei Spannen lange und eine Spanne hohe Öffnung hat, durch die ein von
einer schmutzigen Stallmauer eines nachbarlichen Reichen sehr gebrochenes und
geschwächtes Licht fällt und des Loches innere Räumlichkeit gerade soviel
erleuchtet, daß sich dessen sieben Bewohner nicht die Augen gegenseitig
verletzen mögen. Dieses Prachtstück von einem Wohnzimmer hat weder Ofen noch
Herd; des letzteren Stelle vertritt in einem Winkel ein schmutzigster, unbehauener,
kaum ein Fuß hoher Kalkstein, auf dem die armen Bewohner dieses wahren
„Bärengrabes“ sich ein spärliches Mahl kochen, so sie so glücklich sind, sich
dazu durch Arbeit und Betteln das nötige Material zu verschaffen.
[JS.01_010,03]
Notabene: Für diese „herrliche“ Wohnung müssen diese Armen einem reichen
Hausherrn monatlich 1 fl. 30 kr. Miete bezahlen und sind damit sogar noch sehr
zufrieden, weil ihr Hausherr sie wenigstens nicht zu sehr betreibt, so sie den
Mietzins nicht sogleich am Ersten des Monats bezahlen können, sondern ihnen oft
sogar vierzehn Tage zuwartet. Ja ihr Hausherr ist sogar „so gut“, daß er ihnen
wegen der Erkrankung ihres armen, siebzig Jahre alten Vaters 30 Pfund
schimmeliges Roggenstroh um 20 Kreuzer hat zukommen lassen und hat auf die
Bezahlung ebenfalls zehn volle Tage gewartet! Wahrlich, so ein „herzensguter“
und „geduldiger“ Hausherr wird doch einst auch bei Mir, dem Herrn, auf
Erbarmung und Geduld Anspruch erheben können!? –
[JS.01_010,04]
Nun sehet, dort in dieses Loches finsterstem Winkel liegt auf dem „frischen“
20-Kreuzer-Stroh eben unser armer Tagwerksmann. Bei einer schweren Bauarbeit
fiel er vor einigen Jahren von einem schlechten Gerüst und brach sich zwei
Rippen und einen Arm. Er wurde wohl in ein Armenspital gebracht, dort aber
ärztlich ein halbes Jahr tyrannisiert und darauf, höchst schlecht geheilt,
unter ärztlichem Parere als Genesener entlassen.
[JS.01_010,05]
Von da an siech, schwach und somit zu keiner schweren Arbeit mehr fähig, behalf
er sich mit seinem ebenfalls kranken und schwachen Weibe und mit fünf
weiblichen Kindern, darunter das älteste vierzehn Jahre zählt, durch allerlei
kleine Arbeiten, die seinen Kräften angemessen waren, und manchmal wohl auch
durch irgendeine milde Spende, die entweder sein Weib oder seine Kinder dann
und wann von einem seltenen weicheren Herzen erbettelten. Alter, Schwäche,
Kälte und schlechteste Kost, wie eine zurückgebliebene krebsartige Rippenwunde
warfen ihn nun auf dieses elendeste Krankenlager, auf dem wir ihn besuchend nun
ersehen.
[JS.01_010,06]
Abgemagert wie eine ägyptische Mumie aus der Zeit der Pharaonen, voller
Schmerzen am ganzen Leibe, dessen Hüfte, Steißbein und wenigstens um einen Zoll
hervorragendes Rückgrat ganz wund sind von dem harten Lager, dazu noch mit dem
leersten, aller Speise entblödeten Magen, – so voll brennenden Hungers spricht
er mit sehr gebrochener Stimme zu seinem Weibe: „Mutterchen, hast du gar nichts
mehr? Kein Stückchen Brot? Keine warme Brühe? Keine gekochten Erdäpfel? – O
Gott, o Gott! Wie bin ich doch gar so entsetzlich hungrig! Vor Schmerzen kann
ich mich nimmer rühren, und dazu noch solch ein Hunger! O mein Gott, mein Gott!
Erlöse mich doch endlich einmal von dieser Qual!“
[JS.01_010,07]
Spricht das Weib, das vor Mattigkeit und Hunger auch kaum mehr zu stehen
vermag: „O du mein armer, liebster Mann! Schon um sechs Uhr heute morgen sind
die drei ältesten Kinder ausgegangen, bei guten, mitleidigen Menschen etwas zu
erbitten, und nun ist's schon drei Uhr nachmittags und noch kommt keines
zurück! Ich zittere am ganzen Leibe vor Furcht und Angst, daß ihnen etwas Übles
begegnet ist. O Jesus und Maria! Wenn sie vielleicht gar ins Wasser oder in die
unbarmherzigen Hände der Polizei geraten sind!? Ich zittre an Händen und Füßen!
– Jesus stärke dich unterdessen; ich will mit Gottes Hilfe alle meine Kräfte
zusammenraffen und gerade zur Polizei gehen und da nachfragen, ob sie dort
nicht wissen, wohin etwa doch unsere armen Kinder gekommen sind!“
[JS.01_010,08]
Spricht der Kranke: „Ja, ja, liebe Mutter, gehe, gehe, – mir ist auch schon
über alle Maßen angst und bange! Aber bleibe ja nicht lange aus, und bringe mir
etwas zu Essen mit, sonst sterbe ich vor Hunger! Bedenke, – schon zwei volle
Tage sind es, wo wir alle nichts gegessen haben. Wenn die drei armen Mädel nur
etwa nicht vor Mattigkeit irgendwo liegengeblieben sind!? – O mein Gott, o mein
Gott, so muß doch alles Elend über mich kommen!“
[JS.01_010,09]
Das Weib geht fort, und wie sie kaum auf die Gasse kommt, da ersieht sie auch
schon einen Amtsschergen, der die drei Kinder vor sich hertreibt. Die Mutter,
solches ersehend, macht einen Schrei des Entsetzens und spricht, die Hände
übers Haupt erhebend: „Gerechter Gott! O Jesus! Das sind ja meine armen
Kinder!“
[JS.01_010,10]
Die Kinder keuchen der Mutter ganz verweint zu: „O Mutter, Mutter! Dieser wilde
Mensch hat uns in einer Gasse, wo wir einen Menschen um ein Almosen für unsern
sterbenskranken Vater anbettelten, abgefangen, hat uns dann in ein finsteres
Zimmer eingesperrt, und weil er uns schon öfter betteln gesehen habe, so kam er
dann mit einem noch abscheulicheren Menschen, der wie ein Herr ausschaute; der
ließ uns dann, trotzdem wir ihn auf Knien baten, so mit Ruten hauen, daß wir am
Hinterleibe ganz blutig sind! Darauf fragte er uns hart, wo wir wohnten, und
als wir ihm vor Schmerz kaum unsere Wohnung angeben konnten, da gebot er dann
diesem wilden Menschen, der uns so schrecklich geschlagen hat, daß er uns nach
Hause bringen solle. – O Mutter, Mutter, das tut erschrecklich weh!“
[JS.01_010,11]
Die Mutter, kaum der Sprache mächtig, seufzt tief zu Mir auf, sagend: „O Herr,
Du gerechtester Gott! Wenn Du lebst, wie kannst Du solche Greuel ansehen und
sie ungestraft geschehen lassen? O mein Gott, mein Gott, wie kannst Du solch
ein Elend über uns kommen lassen!?“ Darauf weint sie bitterlich. Der
Polizeimann aber verweist der Mutter, also auf der Gasse zu räsonieren, um die
Vorübergehenden auf sich aufmerksam zu machen, und gebietet ihr, sich sogleich
in ihre Wohnung zurückzuziehen.
[JS.01_010,12]
Die Mutter entschuldigt sich als Mutter und spricht weinend: „O Herr, kann ich
wohl anders als weinen? Mein siebzigjähriger, auf den Tod kranker Mann liegt
überhungrig auf purem Stroh; wir alle haben zwei Tage nichts gegessen. Diese
Spätherbstzeit ist naß und schon sehr kalt, und wir haben kein Spänchen Holz,
um uns unsere feuchte und kalte Wohnung zu erwärmen. Ich selbst bin schwach und
krank. Diese drei Mädchen waren unsere einzige Stütze, und diese habt ihr uns
zu Krüppeln geschlagen! O Gott! Wie sollte ich dazu schweigen können? Wie könnt
ihr mir das gerechte Weinen verbieten? Seid ihr denn kein Mensch, kein
Christ?!“
[JS.01_010,13]
Hier will der Polizeimann sie zurückschieben; aber hinter einer Ecke springt
ein herzhafter Mann hervor und schreit zum Polizeimann: „Halt Freund! Bis
hierher und nicht um ein Haar mehr weiter! – Hier hast du arme Mutter 30 fl.;
verpflege dich damit so gut als du magst. Du gefühllosester Henkersknecht aber
entferne dich sogleich von dannen, sonst treibe ich ein paar Kugeln durch
deinen Tigerschädel!“
[JS.01_010,14]
Der Polizeimann will den Wohltäter für diese Drohung arretieren; aber der
Fremde zieht sogleich eine scharf geladene Pistole aus der Brusttasche seines
Rockes und hält sie dem Schergen entgegen, der es nun freilich für rätlicher hält,
sich schleunigst zu entfernen, als sich von diesem nun ganz entsetzlich ernst
aussehenden Manne etwas vorschießen zu lassen.
[JS.01_010,15]
Nachdem der Polizeischerge aus dem Gesichte ist, geht auch dieser Mann ganz
still und gelassen seinen Weg weiter. Die Mutter und die drei Kinder werfen ihm
noch weit ihre Dankesküsse nach. Und die Mutter, von ihren drei geschlagenen
Töchtern, die ihren Schmerz ob dieses Wohltäters völlig vergessen haben,
unterstützt, eilt sogleich in die nächste Schenke und kauft Brot, etwas Wein
und Fleisch. Der Kellner macht freilich eine etwas bedenkliche Miene, als er
von diesem armen Gesindel eine 10 fl.-Banknote zu wechseln bekommt. Aber er
denkt sich: Geld ist Geld, ob gestohlen oder auf eine ehrliche Art erworben,
wechselt der Armen die Banknote und verabreicht ihr das Verlangte.
[JS.01_010,16]
Damit nach Hause eilend, finden sie den armen Mann weinend vor Schmerz und
Hunger. Die Mutter gibt ihm sogleich etwas Brot und Wein, und die älteste
Tochter springt zu einem nächsten Kreisler und kauft um ein paar Groschen Holz,
Feuerzeug und auch ein halbes Pfund Kerzen.
[JS.01_010,17]
Als sie damit nach Hause kommt, findet sie zu ihrem Entsetzen zwei
Polizeischergen vor der Tür des Armen, die nun eiligst zurückgekehrt sind, den
wohltätigen Mann entweder noch hier zu treffen oder, im entgegengesetzten
Falle, sich bei dem armen Weibe möglicherweise von dem Stande und der Wohnung
dieses Mannes in Kenntnis zu setzen. Und würde das Weib nicht Rede und Antwort
geben, so solle sie arretiert werden.
[JS.01_010,18]
Mit diesem „löblichen“ Vorhaben, vom Polizeiamt dahin beordert, treten sie mit
dem armen Mädchen in die finstere Stube, sogleich ein Licht verlangend und das
Weib bedrohend, über jenen Mann volle Auskunft zu geben, widrigenfalls sie mit
ihnen auf das Polizeiamt gehen müsse. Das arme Weib, solches vernehmend, sinkt
vor Angst zusammen. Die älteste Tochter, auch bebend vor Angst, macht das
verlangte Licht, und die zwei Schergen, den Kranken auf dem Boden nahezu nackt,
nur mit dürftigsten Lumpen teilweise bedeckt ersehend, schaudern anfangs wohl
etwas zurück, ermannen sich aber bald und fragen das halbtote Weib um des
bewußten Mannes Stand und Wohnort.
[JS.01_010,19]
Das Weib bebt und ist keiner Antwort fähig. Die beiden Schergen halten diesen
Zustand für Tücke, reißen das Weib vom Boden und wollen es sogleich einführen.
Der kranke Mann und die fünf Kinder bitten um Gnade und Erbarmen, aber die
beiden handeln stumm ihr „schönes“ Amt.
[JS.01_010,20]
Aber im Augenblick, als die zwei Schergen das Weib schon an der Türschwelle
halten, kommt unser Mann mit noch drei kräftigen Gehilfen. Sie entwinden zuerst
das vor Angst halbtote Weib den Händen dieser zwei Schergen und hauen diese
dann ganz weich durch, so daß sie kaum gehen können, und bedrohen sie, wie ihr
ganzes Amt darauf, sagend: „Im Namen Gottes! So ihr elenden Bestien es noch
einmal waget, diese heilige Stätte zu betreten, in der Gottes Engel wohnen, da
erwartet von uns die fürchterlichste Rache! Wir sind nicht Menschen und Wesen
dieser Welt, sondern wir sind Schutzgeister dieser Engel, die hier die Probe
des Fleisches durchmachen!“
[JS.01_010,21]
Darauf verschwinden die vier Helfer. Die zwei Schergen aber ziehen auch, nun
ganz nüchtern, von dannen, um nicht wiederzukommen.
[JS.01_010,22]
Das Weib erholt sich darauf bald und sorgt nun – Mir für diese Rettung dankend
–, daß der dem Ende sehr nahe Mann eine warme Suppe bekomme. Die Suppe ist bald
fertig und wird dem alten Manne unter tausend Segnungen dargereicht, der sie,
Mir und den Seinen dankend, mit großem Appetit verzehrt.
[JS.01_010,23]
Dadurch etwas gestärkt, spricht er zum Weibe und zu seinen Kindern: „Du, mein
teures Weib, und ihr, meine geliebtesten Kinder, habt nun meinetwegen viel
ausgestanden. Aber ihr habt euch dabei auch sichtbar überzeugt, daß des Herrn
Hand für euch stritt und eure Feinde wie einen schlechten Spukgeist von dannen
trieb. Vertrauet also fortan auf den Herrn; Er wird euch dann am nächsten sein,
wenn eure Not am höchsten sein wird! – Vergebet allen, die gegen uns und
besonders gegen euch hart waren; sie sind maschinenmäßige Werkzeuge einer
blinden, herrschsüchtigen Polizeiamtsherrschaft und tun, ohne zu forschen und
zu wissen, was sie tun. Der Herr allein soll ihr Richter sein!
[JS.01_010,24]
Ertraget euer Kreuz mit Geduld und sucht nie ein Glück dieser Welt; denn
Glückskinder dieser Welt sind keine Gotteskinder. Was da herrlich ist in dieser
Welt, das ist vor Gott ein Greuel! Fürchtet euch vor nichts so sehr wie vor dem
Weltglücke, denn dieses ist das größte Unglück für den Geist.
[JS.01_010,25]
Sehet, was hätte oder was möchte es mir nun genützt haben, so ich einer der
reichsten Erdenbürger wäre? Nun am Rande meiner irdischen Laufbahn hätte ich
nichts als den sicheren ewigen Tod vor mir. – Aber wie ganz anders steht es nun
mit mir! Der Tod hat seine Schrecken vollends ausgezogen; für mich gibt es
keinen Tod mehr! Schon bin ich erlöst von allen meinen irdischen Leiden, und
vor mir steht schon weit geöffnet die herrliche Pforte in das Reich Gottes!
[JS.01_010,26]
Sehet, mein Leib, dieser abgenützte Sattel der Seele zur Tragung des
Gotteskreuzes, liegt nun schon kalt und tot auf dem harten Strohlager. Aber
ich, Seele und Geist, der ich diesen nun toten, von mir abgefallenen Leib
siebzig Jahre lang bewohnte, bin nun frei, lebe schon ein ewiges Leben und habe
des Leibes Tod weder gesehen noch gefühlt; denn in einem mir kaum bewußten
wunderbaren Augenblick bin ich von meiner beschwerlichen Last freigemacht
worden. Befühlet den Leib und überzeugt euch, daß er schon völlig tot ist. (Das
Weib und die Kinder befühlen den Leib und finden ihn kalt und hart und tot.)
Und seht, ich lebe dennoch und rede mit euch nun viel vollkommener, als ich je
geredet habe!
[JS.01_010,27]
Der Grund von dem aber ist, daß ich stets an Jesus, den Gekreuzigten, geglaubt
und soviel es mir möglich war, nach Seinen Geboten gehandelt habe. Wie Er aber
gelehrt hat im Tempel – nämlich, daß die den Tod nicht sehen und schmecken
werden, die Sein Wort annehmen und danach leben, so hat sich das an mir nun
auch als ewig wahr bestätigt, denn ich habe den Leib abgelegt, ohne gefühlt zu
haben, wie und wann.
[JS.01_010,28]
Kein Vermögen hinterließ ich euch, meine große irdische Armut ist euer aller
Erbe! Aber freuet euch darob; wüßten die blinden Reichen der Erde, welch ein
Reichtum für den Geist die irdische Armut ist, sie flöhen ihre Geldsäcke wie
die Pest! Aber ihre große Blindheit hält das für einen Gewinn, was sie für ewig
tötet. So lassen wir sie denn auch wandeln den Weg des Verderbens. Wollt ihr
aber am Ende eurer irdischen Reise auch so glücklich sein, wie ich es nun bin,
so fliehet das Weltglück und suchet es nimmer!
[JS.01_010,29]
Glaubet es mir, der ich nun schon vom Jenseits herüber mit euch rede: Je größer
jemandes Kreuz ist und je schwerer zu tragen, desto leichter und unfühlbarer
wird sein Übertritt von dieser Welt der Materie in die des Geistes sein. Denn
alles, was Christus nachfolgt, muß den Weg des Fleisches wandeln. Alles muß in
Christus gekreuzigt werden und in Ihm sterben, ansonst es in Ihm und durch Ihn
ewig zu keiner Erweckung und Auferstehung gelangen kann!
[JS.01_010,30]
Durch Armut, Not und andere Lebensbeschwernisse aber wird das Fleisch schon in
Christus gekreuzigt und getötet; daher wird denn auch ein jeder, der so lebt,
wie wir gelebt haben und ihr noch lebet, da, wo die Reichen am Ende ihres
Erdenglücks ganz eigentlich sterben, – erweckt und wird am scheinbaren
Sterbelager die schon volle Auferstehung zum ewigen Leben ernten! Denn der in
den Willen des Herrn ergebene Arme stirbt beständig, und wenn sein Ziel
vollendet ist, da ist er auch schon mit allem Tode fertig und kann daher nicht
mehr sterben, sondern nur auferstehen in Christus. – Aber ganz anders ist es
bei jenem Menschen, der in einem fort seinen Gelüsten gelebt hat. Solch ein
Mensch stirbt am Ziele seines Fleisches wirklich und vollkommen und kann
jenseits nur schwer – auch wohl gar nicht und nimmer – erweckt werden.
[JS.01_010,31]
Das alles behaltet in euren Herzen und seid voll Freude, so euch die Welt
verachtet und euch mit schimpflichen Namen belegt und euch verfolgt mit
allerlei Waffen ihres argen, harten Herzens. Denn der Herr beobachtet die
„Arge“ allzeit und kennt ihre Pläne! Ich sage euch: Wenn ihr erstehen werdet,
da wird sie zugrunde gehen. Darum suchet vor allem nur das Reich Gottes und
seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch umsonst hinzugegeben werden.
[JS.01_010,32]
Freuet euch daher nie über die Reichen dieser Welt, sondern bedauert sie
vielmehr; denn sie alle sind überarm im Geiste. Aber desto mehr freuet euch
derjenigen, die wie ihr in allerlei Kreuz und Nöten sich befinden! Denn solche
sterben täglich Christus, um dann am Ende nicht mehr zu sterben, sondern
aufzuerstehen zum ewigen Leben in Christus.
[JS.01_010,33]
Diese meine letzten Worte auf dieser Welt seien euer großer Reichtum, den ich
euch hinterlasse; von diesem Erbe werdet ihr keine Steuern zu entrichten haben!
– Diesen meinen Leib aber schaffet bald aus dem Zimmer; denn er ist vollkommen
tot. Machet aber ja keine Zeremonien dabei, denn alle solche Zeremonien sind
vor Gott ein Greuel. Also dürft ihr auch keine Messe zahlen; denn Gott den
Herrn ekelt es vor einem bezahlten Gebet. Alles aber, was ihr tut, das sei ein
lebendiges Lob dem Herrn, darum Er mir eine so große Gnade hat erweisen wollen.
Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und alle unsere Liebe ewig. Amen.“
[JS.01_010,34]
Mit diesen Worten verstummt er für diese Welt und ist schon früher dem Leibe
nach vollkommen tot. –
[JS.01_010,35]
Alsogleich ersieht er neben sich drei überaus freundliche Männer in weißer
Faltenkleidung stehen, die ihn gar lieblich begrüßen und ihm die Hände zum
ewigen Bruderbunde reichen. Gern und selig und aller irdischen Leiden
vergessend reicht er ihnen auch die seinigen hin, sich noch über seinem
irdischen Leibe wie aufrecht sitzend befindend und sagend: „O ihr lieben, mir
noch völlig unbekannten Freunde des Herrn Jesu Christi, was ihr sicher seid!
Volle sieben Dezennien, die ich auf der harten Erde verlebte, habe ich wohl –
irdisch genommen – wenig gute, aber dafür desto mehr kummervolle Tage erlebt,
und die letzten waren wohl die bittersten. Denn in diesen regnete es nur so von
Schmerzen und tiefster Not über meine arme sündige Haut. Aber dem Herrn sei
alles aufgeopfert und Ihm allein alles Lob und alle meine Liebe ewig dafür! Denn
obschon ich wahrlich viel gelitten habe, so hat es aber dennoch nie an
zeitweiligen Tröstungen gemangelt, die mich wieder im Herzen ganz aufgerichtet
und all die körperlich tödlich-bittersten, gräßlichen Schmerzen und Wunden des
Leibes im Namen des Herrn verachten gelehrt haben. Und nun habe ich mit der
großen Gnade, Hilfe und Erbarmung Gottes, des Herrn Jesus Christus, alles
überstanden und erwarte eben in der Geduld, die mir auf Erden so oft alle
Leiden milderte, was des Herrn heiligster Wille über mich verfügen wird. Ihm
allein sei alle meine Liebe, all mein Lob und meine Anbetung gereicht, – Sein
allein heiliger Wille geschehe!“
[JS.01_010,36]
Spricht einer der drei weißgekleideten Männer: „Lieber Freund, was würdest du
aber tun, so dich der Herr um Seiner großen Heiligkeit willen und deiner
läßlichen Sünden wegen – und das nach deinem Glaubensbekenntnis – ins Fegefeuer
so auf etwa eine unbestimmte Zeit beheißen würde, wo du übergroße Schmerzen
leiden müßtest? Könntest du da auch unter den größten Feuerschmerzen den Herrn
noch loben und preisen? Und könntest du Ihn noch lieben?“
[JS.01_010,37]
Spricht der Arme: „O du lieber Freund! Des Herrn endlose Heiligkeit fordert
wohl die größte Reinheit jener Seele, die Seiner Anschauung würdig werden
sollte; aber Seine ebenso unendliche Weisheit und Güte weiß es ja auch, wieviel
Schmerz eine arme Seele ertragen kann, und wird sie daher nicht überbürden! –
Fordert aber Seine Gerechtigkeit Seiner unendlichen Heiligkeit wegen solches
von mir, so geschehe auch da Sein heiliger Wille! Denn ich ersehe auch darin
noch Seine große Liebe, die nur darum solche Reinigung der Seele verordnet,
damit diese würdig werden möchte, zur Anschauung Gottes aufgenommen zu werden!
[JS.01_010,38]
Ich sage, der Herr ist allzeit die reinste Liebe, somit endlos gut, und alles,
was Er tut, ist gut. Daher geschehe nur ganz allein Sein allerheiligster Wille!
Denn so ich auch um Schonung und Erbarmung flehen würde, so wäre das sicher nie
so gut für mich, als was des Herrn höchste Weisheit und Liebe über mich
verordnet und bestimmt. Darum sage ich ein für alle ewigen Male: Gelobt sei der
Herr Jesus Christus, der da als einiger Herr-Gott mit dem Vater und Heiligen
Geiste herrschet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit! Sein allerheiligster
Name werde gepriesen, und Sein allein heiliger Wille geschehe!“
[JS.01_010,39]
Spricht der Weißgekleidete: „Da hast du nun vollkommen recht und wahr
gesprochen. Aber bedenke, daß du ohne Beichte und Kommunion gestorben bist;
könnte es nicht leicht sein, daß, so du nun vor Christi Richterstuhl hintreten
müßtest, eine Todsünde an dir gefunden würde und du im Stande der Ungnade –
nach der Lehre deiner Kirche – in die Hölle auf ewig fahren müßtest? Wie
würdest du da den Herrn loben und preisen?“
[JS.01_010,40]
Spricht der Arme: „Freunde, was ich tun konnte, das habe ich sicher getan. Daß
ich am Ende nicht beichten konnte, war ja nicht meine Schuld. Und vor drei
Wochen habe ich ohnehin gebeichtet, wo mir der Beichtvater versicherte, daß ich
nun lange nicht mehr der Beichte bedürfe. – O Freunde, so ich aber dennoch
irgend eine mir unbewußte Todsünde an mir haben sollte, da wohl bittet den
Herrn für mich armen Sünder, daß Er mir gnädig und barmherzig sein möge! Denn
in die Hölle zu kommen auf ein leidenvolles irdisches Leben, wäre wohl das
Allerschrecklichste! O Herr, Dein Wille wohl geschehe, aber sei mir armen
sündigen Seele dennoch gnädig und barmherzig!“
[JS.01_010,41]
Spricht der weiße Mann wieder: „Ja – lieber Freund, mit unserer Fürbitte, im
Falle du eine Todsünde an dir hättest, würde sich's vielleicht doch nicht tun.
Denn du weißt es ja aus der Lehre deiner Kirche, daß bei Gott nach dem Tode
keine Erbarmung stattfinden kann wegen Seiner allervollkommenst strengsten und
unwandelbarsten Gerechtigkeit. Zudem hast du auf der Welt ja ohnehin nie auf
die Fürbitte der Heiligen und auf das Meßopfer stets wenig und am Ende
sozusagen gar nichts mehr gehalten, wodurch du gegen deine Kirche ohne alle
Widerrede als Ketzer dich benommen hast und in ihrem Angesichte zu einem größten
Sünder wurdest. Wenn wir da nun auch bei Gott für dich bitten würden, meinst du
wohl, daß dir unsere Fürbitte etwas nützen möchte? – Warum hast du denn auf die
Litaneien der Kirche und auf ihre Seelenmessen – deinem eigenen letzten
Bekenntnisse nach – nichts gehalten, da du deinen Hinterlassenen die Lehre
gabst, daß bezahlte Gebete vor Gott ein Greuel sind, darum sie für dich ja
keine Messe zahlen sollen? Da sich aber dies alles bei dir doch also verhält,
wie sollen wir für dich bei Gott bitten? Was meinst du nun in dieser Hinsicht?
Wird oder kann dir das wohl etwas nützen bei Gott?“
[JS.01_010,42]
Spricht der Arme voll Geist und voll tiefer Fassung: „Freunde, wer ihr auch
sein möget, das ist mir gleich; mehr als Gottes Geschöpfe seid ihr nicht, und
das – Gott dem Herrn ewig Dank und Liebe! – bin ich auch und glaube, mit euch
ebenso frei reden zu dürfen, wie ihr mit mir redet.
[JS.01_010,43]
Ich war auf der Welt wohl sehr arm und elend; aber ich konnte lesen, etwas schreiben
und ziemlich gut rechnen. Sonn- und Feiertage habe ich meistens mit dem
aufmerksamsten Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift zugebracht. Je mehr
ich mich darin zurechtfand, desto klarer wurde es mir, daß die
römisch-katholische Kirche gerade das schroffste Gegenteil von all dem tut und
getan haben will, was Christus und die Apostel laut den vier Evangelien und den
Briefen der Apostel gelehrt und selbst getan haben. – In einem Brief des
Apostels Paulus fand ich sogar die Donnerstelle: ,Und so ein Engel aus den
Himmeln käme und lehrete euch ein anderes Evangelium, als das ich euch künde,
nämlich von Jesus dem Gekreuzigten, der sei verflucht!‘ (Gal.1,8)
[JS.01_010,44]
Diese Sentenz fuhr mir wie tausend Blitze durch die ganze Seele, und ich dachte
und fragte mich: Wie steht es denn bei sogestalteten Worten des Apostels mit
der Lehre Roms, die das Wort Gottes nicht nur nicht lehrt und es allen Laien
verbietet zu lesen, sondern lehrt ganz andere Dinge, die ganz dem finstersten
Heidentume gleichen? Wem soll ich nun glauben?
[JS.01_010,45]
Eine innerste Stimme sprach nahe ganz laut zu mir: ,Glaube dem Worte Gottes!‘
Und ich tat, wie die innerste Stimme gesprochen hatte.
[JS.01_010,46]
Mir wurde von Tag zu Tag klarer, daß ich recht tat. Denn ich begriff es im
Herzen und war im Geiste und in der Wahrheit von allem überzeugt, was ich treu
glaubte und tat, – daß die Lehre Christi reines und allein wahrstes Wort Gottes
ist, in der allein alles Heil und das ewige Leben zu suchen und zu finden ist!
[JS.01_010,47]
Gott ist unveränderlich. Wie Er war, so wird Er auch bleiben der eine endlos
vollkommenste ewige Geist der reinsten Liebe. Wie könnte Er die Kirche in Rom
gegründet haben, die nichts als Haß und Verfolgung, Verderben, Tod und Hölle
predigt? ,Nein, ewig nein!‘, sprach es in mir, ,wer da richtet und verdammt
seine Brüder, der ist selbst gerichtet und verdammt! – Richte und verdamme aber
auch du niemanden in deinem Herzen, so wirst auch du nicht gerichtet werden!‘ –
So vernahm ich's, und so handelte ich auch. Wohl sah ich stets heller, wie Roms
Pfaffen mit dem Herrn im Geiste es noch tausendmal ärger trieben als jene, die
Ihn einst wirklich dem Leibe nach kreuzigten; aber ich richtete sie dennoch
nie, sondern sprach allzeit in meinem Herzen: Herr, vergib ihnen, denn sie alle
sind stockblind und wissen nicht, was sie tun!
[JS.01_010,48]
Ich sah und begriff des Herrn endlose Liebe stets mehr und mehr. Daher wuchs
aber auch meine Liebe zu Ihm so mächtig in mir, daß alle meine irdischen Leiden
sie nicht im geringsten zu schmälern vermochten, sondern stärkten sie nur stets
mehr und mehr! Und so sage ich euch nun auch ganz frei und unverhohlen:
Christus ist meine Liebe und mein Leben – auch in der Hölle, wenn ich schon von
euch aus dahin verdammt sein soll; auch die Hölle wird Ihn mir nimmer rauben!
[JS.01_010,49]
Wohl weiß ich, daß ich vor Gott als ein unwürdigster Sünder dastehe, und bin
nicht würdig, meine Augen dahin zu erheben, wo Er, der Allerheiligste, wohnt!
Aber saget es mir, wo wohl in der weiten Unendlichkeit Gottes wohnt ein Engel
oder ein Mensch, der da sagen könnte gleich dem Herrn: ,Wer aus euch kann mich
einer Sünde zeihen?‘ – Wahrlich, es ist mir seliger zu sagen: ,Herr, ich bin
der Allerunwürdigste!‘ als: ,Ich bin Deiner Gnade der Würdigste!‘ Ich wie auch
sicher ihr können nur sagen – und so wir auch alles getan hätten, was Er zu tun
uns geboten hat –: ,Herr, wir alle sind Deine unnützesten Knechte gewesen und
haben uns durch nichts Deiner Gnade würdig gemacht. O Herr, o Vater! Sei uns
daher – Deiner alleinigen endlosen Verdienste um uns Unwürdigste wegen – gnädig
und barmherzig!‘
[JS.01_010,50]
Dies zu sagen und zu bitten haben wir allein nur das Recht; alles aber, was
darüber ist, halte ich für eine eigentlichste Todsünde, zeitlich wie ewig! Nun
werdet ihr hoffentlich begreifen, warum ich auf die Litanei und auf die
bezahlten Gebete nichts gehalten habe. Aber für eine wahre Fürbitte nach der
Wahrheit und Liebe des Herzens von seiten eines Bruders für den andern war ich
allzeit eingenommen und bat also aus dem Grunde auch euch darum. Ihr aber könnt
tun, was ihr wollt. In allem aber geschehe des Herrn allerheiligster Wille
ewig!“
[JS.01_010,51]
Spricht der Weißgekleidete wieder, innerlich ganz entzückt über diesen neuen
herrlichen Bruder: „Lieber Bruder, wir sehen deinen wahren Ernst, Mut und Eifer
um den Herrn, der wahrlich wie ein Fels dasteht. Aber frage dein Herz, ob du
dich auch vor dem Angesichte des Herrn also zu reden getrauen würdest?“
[JS.01_010,52]
Spricht der Arme: „Da könnte nur meine übergroße Liebe zu Ihm mir wohl die
Zunge, aber nie meinen Mut lähmen. Und wahrlich, es gehört gar nicht viel Mut
dazu, vor Gott Selbst zu bekennen, daß man sich vor Ihm allerwahrst als ein
nutzlosester und somit Seiner Gnade und Erbarmung bedürftigster Knecht anpreiset.
– O ich habe Christus noch nie im eigentlichsten Sinne gefürchtet; denn ich
liebte Ihn zu sehr, als daß ich mich vor Ihm hätte fürchten können. – Nur saget
mir, ob ich noch lange hier verbleiben werde oder nicht. Ich möchte wohl schon
recht sehr bestimmt wissen, wohin ich mich werde zu begeben haben!
[JS.01_010,53]
Spricht der weißgekleidete Mann: „Nur noch eine kleine Geduld, wir müssen noch
jemanden deinetwegen erwarten. Sowie der ankommen wird, vom Herrn dein Urteil
überbringend, wirst du sogleich dieser Stelle enthoben werden und wirst dahin
ziehen, wohin es der Wille Gottes bestimmen wird. – Siehe, dort vom Morgen her
gehet er schon; bald wird er hier sein! – Hast du keine Furcht vor ihm, der da
kommt im Namen des Herrn?“
[JS.01_010,54]
Spricht der Arme: „O nein! So ich den Herrn Selbst über alles liebe, wie sollte
ich den fürchten, den Er zu mir sendet?“
[JS.01_010,55]
Spricht der weißgekleidete Mann: „Weißt du, lieber Bruder, aber, daß selbst der
Gerechteste des Tages siebenmal sündigt, ohne zu wissen, daß er sündigt? Wenn
du nun alle Tage zusammenzählst, von deinen zurechnungsfähigen Jahren
angefangen, und sie mit sieben vervielfältigst, da dürfte doch eine ganz
bedeutende Menge von Todsünden zusammenkommen, besonders angenommen, daß – nach
Ignatius von Loyola – vier kleine auch eine große ausmachen! Und wenn der Bote
mit einer solchen Rechnung zu Wege käme, würdest du dich auch dann nicht
fürchten vor dem Boten des Herrn?“
[JS.01_010,56]
Spricht der arme Mann: „Nein, und noch einmal gesagt: durchaus nein! Ich muß
euch, meine lieben Freunde, offen gestehen, daß es mich geradewegs freuen
würde, als ein recht großer Sünder befunden zu werden! Denn die Sünde erhebt
mich nicht, sondern sie demütigt mich, und das ist gut und recht. Ich habe das
gar oft auf der Erde empfunden, so ich eine freilich kurze Zeit mir öfter
keiner Sünde bewußt war, was bei mir besonders nach einer Beichte der Fall war,
– in solch einem Zustande war ich bei mir selbst ganz hochmütig aus
vermeintlicher purer sittlicher Unbescholtenheit und sagte auch heimlich bei
mir, so ich irgend so einem rechten Lumpen von einem Menschen begegnete:
Gottlob, daß ich nicht so bin wie dieser, Gottes und jedes Menschenrechtes
vergessende Kerl!
[JS.01_010,57]
Aber wenn ich bald darauf selbst wieder in irgendeine Sünde verfiel, da dachte
ich dann in aller Zerknirschung meines Herzens, so mir ein anderer Sünder
unterkam: Schau, dieser, den du für einen schlechten Kerl hältst, ist
vielleicht vor Gott bei weitem reiner als du. Daher sei Du, o Gott, mir armem
Sünder gnädig und barmherzig! Denn ich fühle mich nun nicht einmal würdig,
meine Augen zu Deinen Himmeln zu erheben! – Und das, Freunde, war sicher besser
gedacht und eines allzeitigen Sünders würdiger, als zu denken und bei sich zu
sagen: Herr! Ich bin ein Reiner und habe alle Gesetze beachtet von Kindheit an,
daher ich denn nun auch mit vollem Rechte von Dir die verheißene Belohnung
erwarte! –
[JS.01_010,58]
Freunde, ich weiß aber, daß ich vor Gott ein sündiger Mensch bin. Daher bin ich
auch nur demütig und erhoffe von Ihm nichts nach irgend einem Verdienste,
sondern alles von Seiner alleinigen Gnade und Erbarmung.
[JS.01_010,59]
Ich weiß auch wirklich nicht, was sich Geschöpfe vor dem allmächtigen Gott, der
allein alles vermag und unserer Hilfe noch nie benötigt hat, für zu belohnende
Verdienste hätten sammeln können?! Haben sie etwa Gott, dem Herrn, Himmel und
Erden erschaffen geholfen – oder die Erlösung vollbringen? Oder hat etwa jemand
dadurch Gott, dem allein Heiligen, etwas genützt, so er zu seinem eigenen
Besten die vom Herrn gegebenen Gesetze mehr oder weniger beachtet hat? Ich
meine, Gott wäre ohne uns ebenso vollkommen Gott, wie Er es nun ist, da wir
doch nur bestimmt sind, in uns aufzunehmen Seine endlose Gnade, Erbarmung und
Liebe, und nicht, Ihm etwa sonstige, ewig unbenötigte Dienste zu leisten.
[JS.01_010,60]
Sehet, so habe ich allzeit gedacht, denke nun auch so und werde auch ewig also
denken, vorausgesetzt, daß mir ein ewiges Dasein fortan zuteil wird! Aus diesem
Grunde sehe ich denn auch nicht ein, warum ich mich nun vor dem Boten des Herrn
fürchten sollte, weil ich doch keinen Grund finden kann, mich vor dem Herrn
Selbst zu fürchten. Ja, ich fürchte wohl auch den Herrn, aber nicht wie ein
Verbrecher, sondern als ein Liebender, der sich viel zu sündig und unwürdig
fühlt, den Herrn mit seinem unreinen Herzen zu lieben nach all seiner
Lebenskraft! Was meint ihr lieben Freunde nun, habe ich recht oder nicht?“
[JS.01_010,61]
Spricht der Weißgekleidete: „Wir sehen es nun ganz klar ein, daß du dich von
uns nimmer wirst bekehren lassen; deshalb wollen wir dir auch keine weiteren
Ungelegenheiten mehr machen, und überlassen alles dem hierher Kommenden. Siehe,
er ist schon da!“
[JS.01_010,62]
Der Bote tritt sogleich überfreundlichen Angesichts zum armen Manne hin, reicht
ihm freundlichst die Hand und spricht: „Erhebe dich, lieber Bruder, über deine
sterblichen Reste und erstehe zum ewigen Leben in deinem Gott und Herrn, den du
in Jesus Christus stets so innig geliebt hast!“
[JS.01_010,63]
Der Arme erhebt sich nun sogleich wie vollkommen frei und erfüllt mit großer
Kraft und Stärke und spricht zum Boten, der sehr einfach und schlicht aussieht:
„Erhabener Gesandter des allmächtigen großen Gottes! Ein unbegreifliches
Wonnegefühl durchzuckte mein ganzes Wesen, als du mir die Hand reichtest; das
gilt mir auch als ein sicherster Beweis, daß du wahrhaft ein Bote vom
Allerhöchsten an mich armen Sünder gesandt bist. Da du das nicht nur nach der
Vorsage dieser drei Brüder, die mir eine große Angst und Furcht vor dir
eintreiben wollten, sondern nach meinem nunmaligen eigenen untrüglichen Gefühl
wahrhaft bist, o so sage es mir nun gütigst, was ich von dem allergerechtesten
Richterstuhle Gottes zu erwarten habe!? Verdienste wohl habe ich keine, wie ich
auch ewig keine haben werde; aber da ich es fühle, daß ich vor Gott ein sicher
grober und großer Sünder bin, da sage es mir, ob ich auf Gnade und Erbarmung
hoffen darf?“
[JS.01_010,64]
Spricht der Bote: „Lieber Bruder, wie kannst du um solches fragen? Dein Herz
ist voll von Liebe zum Herrn, – das ist ja schon der Herr Jesus, der allein
Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, in dir! Wer aber Jesus im Herzen hat, wie
sollte der danach fragen, ob er Gnade und Erbarmung von Ihm erhoffen darf?! Ich
sage dir: Du bist nun schon selig und wirst ewig von keinem Gericht etwas an
dir zu gewahren haben! – Komme nun mit mir vor deinen Gott, vor deinen
liebevollsten heiligen Vater und empfange dort, was allen jenen in aller Fülle
bereitet ist, die Ihn wie du in aller Wahrheit über alles lieben!“
[JS.01_010,65]
Spricht der Arme: „O erhabener Bote Gottes! Vergib es mir, dahin kann ich dir
nicht folgen! Denn solcher Gnade bin ich ewig nicht wert! Bringe mich aber so
wohin, an ein ruhiges Örtchen, wo so meinesgleichen verdienstlose, allergeringste
Selige wohnen mit der Hoffnung, den Herrn Jesus alle irdischen hundert Jahre
einmal von ferne zu Gesichte zu bekommen, und ich werde da so selig sein wie
die allerreinsten und vollkommensten Engel! Auch könnte ich es ja gar nicht
aushalten, so der Herr Jesus mir zu nahe käme; denn meine zu große und mächtige
Liebe zu Ihm würde mich ja ganz zerreißen, so ich zu Ihm käme! Daher tue mir
das, um was ich dich aus der gegründetsten Zerknirschung meines Herzens gebeten
habe.“
[JS.01_010,66]
Spricht der Bote: „Mein teuerster Bruder, das kann nicht sein; siehe, der Herr
will es also! Wenn ich es aber stets in der allernächsten Nähe des Herrn
aushalten kann, da wirst du es schon auch können. Daher komme nur mit mir und
scheue dich nicht im geringsten! Ich sage dir, wir beide werden uns vor dem
Herrn schon zurechtfinden.“
[JS.01_010,67]
Spricht der Arme: „Ja nun, in Gottes Namen, wenn du es also meinst, da will ich
es freilich wagen! – Aber sage mir, warum sehen diese drei weißgekleideten
Brüder uns beide nun gar so wie in ihr Innerstes ergriffen und entzückt an?
Sehen die schon irgendwo den Herrn?“
[JS.01_010,68]
Spricht der Bote: „Kann wohl sein; aber sie haben heimlich auch eine übergroße
Freude über dich, wie über jeden, der mit solcher Liebe wie du hierher kommt.
Siehe dort gen Morgen, wo sich ein sanftes Gebirge erhebt, über das ein
herrlichstes Morgenrot leuchtet, – dort hinüber geht unser Weg, den wir gar
leicht und recht bald werden zurückgelegt haben! Von jener Höhe wirst du dann
sogleich das neue heilige Jerusalem, die ewige Stadt Gottes, vor dir erschauen,
in der du wohnen wirst ewiglich!“
[JS.01_010,69]
Spricht der Arme: „Ach Bruder, wie herrlich, wie rein göttlich strahlt doch
dies herrliche Morgenlicht, welch herrliches Gewölk! Und nur die herrlichen
Matten und Bäumchen! O du, du unbegreiflich schöne Himmelswelt! Was sind
dagegen alle Herrlichkeiten der Erde? – Aber ich sehe nun ja auch große Scharen
uns entgegenziehen und vernehme auch überhimmlisch herrliche Lieder! O welch
eine Harmonie! Wer kann ihren unermeßlichen Wohlklang ermessen!? – Wie mächtig
doch glänzen sie, die uns entgegenziehen! Wie werde ich mich in dieser meiner
noch sehr irdisch aussehenden Kleidung unter ihnen ausnehmen?!
[JS.01_010,70] O Gott, o Gott! Es ist wahrlich kaum mehr
auszuhalten! Siehe, sie kommen uns schon ganz nahe, und nun, nun – was ist denn
das? Sie fallen ja wie vor uns auf ihre Knie und Angesichter und scheinen ganz
zerknirscht zu sein!? Vielleicht kommt schon etwa gar der Herr Selbst irgendwo
von rückwärts her zu dieser Schar? Oh, sage mir doch, was das zu bedeuten hat!“
[JS.01_010,71]
Spricht der Bote: „Es wird wohl so etwas sein. Wir werden es sogleich selbst
sehen, was da ist. Nur noch eine kleine Geduld, in wenigen Schritten sind wir
oben und werden sehen, was es da gibt.“
[JS.01_010,72]
Spricht der Arme: „O du mein erhabenster Freund, mir wird nun ganz absonderlich
zumute! Denke nur, wie es unsereinem gehen kann und wie zumute sein, – den Herrn
Himmels und der Erde, den Herrn über alles Leben und über allen Tod zum
erstenmal zu sehen! O Freund, ich bebe vor Furcht und vor Sehnsucht und vor
freudig banger Erwartung der Dinge, die da nun uns entgegenkommen werden.
Wahrlich, nur wenige Schritte mehr und die Höhe ist erreicht! Ach, ach, was
werde ich alles schauen?!
[JS.01_010,73] O
Freund, fürchtest du dich denn nicht vor Gott, wenn Er vielleicht öfter dir
irgend so entgegenkommt bei ähnlichen Gelegenheiten? Ist dir denn das schon so
zur Gewohnheit geworden, daß du dir daraus eben nicht viel machst, so dir
solche Dinge vorkommen? Und doch merke ich es an diesen Scharen, wie auch an
den drei uns nachfolgenden Brüdern, daß sie nicht minder als ich ergriffen
sind. Nur du bist so ganz gleichgültig und hast eine Miene, als wenn all das,
was hier vorgeht, etwas ganz Unbedeutendes wäre. O sage mir, wie denn das zu
fassen ist und wie zu nehmen? Soll ich, was mir rein unmöglich wäre, mich etwa
auch so wie du verhalten?“
[JS.01_010,74]
Spricht der Bote: „Mein liebster Bruder, du wirst es bald einsehen, warum ich
mich vor Gott nicht fürchte, und warum ich nicht also tue wie unsere drei
Begleiter, nicht wie du und auch nicht wie diese Scharen. Es ist aber auch
besser, so du dich nun so benimmst, wie ich mich benehme; denn du wirst dich
bald selbst überzeugen, daß deine Furcht rein eitel ist. Denn ich sage dir, der
Herr verlangt das alles nicht; aber so die Kinder vor dem Vater also ihre
innigste Liebe und Demut bezeigen, so fehlen sie freilich gerade auch nicht.
[JS.01_010,75]
Aber ich weiß es, daß du ehedem gegenüber den dreien, die dich zuerst
begrüßten, ganz furchtlos und unerschrocken warst, was mir sehr gefiel, –
obschon sie sehr bemüht waren, dir einige Furcht einzujagen. Wie ist es denn,
daß du nun so furchtsam wirst?“
[JS.01_010,76]
Spricht der Arme: „Ja, – da hatte ich noch keine Ahnung von solch endlosester
Erhabenheit Gottes und Seiner heiligen Himmel; aber nun habe ich vor Augen, was
ich mir ehedem kaum zu denken getraute. Da ist es nun aber auch ganz anders!
Wie doch muß Gott aussehen, daß diese gar so sehr niederschaudern, sicher vor
übergroßer heiliger Ehrfurcht vor Gott, dem Unendlichen, vor Gott, dem
Allmächtigen! Wird mein noch sehr blödes und lichtungewohntes Auge Gottes
Angesicht wohl zu schauen imstande sein?!“
[JS.01_010,77]
Spricht der Bote: „Nun, nun, liebster Bruder, es wird sich alles machen. Bist
du bis hierher nicht blind geworden, so wird es sich fürderhin schon auch
machen. Sei nur ruhig; siehe, wir sind schon auf der Höhe nun, und dort wie am
Horizont, über dem du jene Sonne Gottes erschaust, deren Licht alle Himmel und
aller Menschen und Engel Herzen erleuchtet, ersiehst du auch schon die heilige
Stadt Gottes, in der du, und zwar bei Mir, ewig wohnen wirst! Gehen wir nun nur
recht hurtig darauf los, und wir werden bald dort sein!“
[JS.01_010,78]
Der arme Mann macht nun große Augen und weiß sich vor lauter Verwunderung kaum
zu helfen; nur begreift er noch nicht, warum er hier noch keinen Grund
erschaut, aus dem die Scharen gar so zerknirscht sich erheben und uns nun nebst
den dreien nachfolgen und in einem fort die herrlichsten Psalmen zur Ehre
Gottes in der allerwohlklingendsten Weise singen.
[JS.01_010,79]
Nach einer Weile stummer, seligster Betrachtung dieser Himmelsgegend, die mit nichts
Irdischem zu vergleichen ist, fragt er wieder, sagend: „O liebster Freund und
Bruder! Sage mir doch, wo sehen denn die uns Nachfolgenden Gott den Herrn, da
sie doch geradeso singen, als wäre Er mitten unter ihnen? Ich schaue links und
rechts und vor- und rückwärts, aber ich kann nichts erschauen, das mich an Gott
gemahnen möchte. Sind denn meine Augen noch zu blöde oder noch zu unwürdig, das
allerheiligste Antlitz Gottes zu schauen? – Wahrscheinlich wird wohl für ewig
letzteres der Fall sein? Im Grunde ist's mir aber auch lieber, aufrichtig
gesagt; denn ich fühle, und Gott wird es am besten wissen und sehen, daß ich
Sein heiligstes Angesicht nicht ertragen würde. O ich bin schon überselig, daß
ich all das Himmlische nun an deiner Seite schaue, und daß Gott mich sieht.
Freilich, weißt du, so einmal aber möchte ich doch Ihn sehen, Ihn, den ich so
mächtigst liebe; aber freilich nur hauptsächlich, in der Wahrheit gesprochen,
in der Person des Herrn Jesus Christus. O wenn ich nur einmal den lieben, den
liebsten, ja den allerliebsten Herrn Jesus sehen könnte, da wäre ich schon der
allerseligste und allerglücklichste Mensch aller Himmel!“
[JS.01_010,80]
Spricht der Bote: „Ich sage dir, sei nur ruhig; du wirst dich bald überzeugen,
daß du Jesus eher sehen wirst, als du es dir denkst. Ja, Ich sage es dir, du
siehst Ihn eigentlich schon, nur erkennst du Ihn noch nicht! Darum sei nur
ruhig.“
[JS.01_010,81]
Der arme Mann sieht sich nun wieder fleißig nach allen Seiten um, wo er Jesus
zu sehen bekäme; aber er ersieht noch niemanden, den er für Jesus halten
könnte. Er wendet sich daher wieder an den Boten und spricht: „Es ist doch
merkwürdig! Du sagtest, ich sähe Ihn schon, nur erkennete ich Ihn noch nicht.
Ich habe jetzt doch fleißig mit meinen Augen alle durchmustert, die uns
nachfolgen; aber unter ihnen kann Er nicht sein, denn sie scheinen alle bis in
ihr Innerstes zerknirscht zu sein und ergriffen von tiefster Ehrfurcht, und
alle loben und preisen wie mit einem Munde Jesus, den Herrn von Ewigkeit. Die
drei weißgekleideten Männer tun desgleichen, und so ist nach meinen Gedanken
wohl schwer anzunehmen, daß sich der Herr Jesus Jehova unter ihnen sichtlich
befände. Und doch sagtest du, daß ich Ihn sähe! Oh, ich bitte dich, sage es mir
doch, wie und wo ich Ihn denn so ganz eigentlich sehe?!“
[JS.01_010,82]
Spricht der Bote: „Siehe hin zur Gottesstadt, der wir nun schon sehr nahe sind;
in der wird dir alles klar werden. Wir wandeln jetzt schon gegen die äußeren
Wallmauern und werden sonach bald in der heiligen Stadt selbst sein, und es
werden dir darinnen erst die Augen vollends aufgehen – und das ungefähr auf die
Art wie den zwei nach Emmaus wandelnden Jüngern. Daher sei nur ruhig, denn das
muß hier alles so sein und geschehen, auf daß niemandes Heil und Leben und
Freiheit irgend einen Schaden erleide. – Wie gefällt dir aber diese Stadt nun,
in die wir soeben einziehen?“
[JS.01_010,83]
Spricht der Arme: „O Freund, wo nähme ich Worte her, um die endlose Pracht und
Majestät dieser Stadt zu beschreiben! Welche zahllose Menge der allergrößten
und herrlichsten Paläste, und alle scheinen voll bewohnt zu sein! O Gott,
dieser Glanz, diese Pracht, o diese unendliche Majestät! Die Schönheit ist wohl
unaussprechlich; das faßt und begreift wohl keines Menschen Sinn! Aber nur
frage ich, da wir nun einmal in der Stadt sind: Wo ist nun Emmaus, und wo der
Sich vor meinen Augen noch immer nicht zeigen wollende Herr Jesus?!“
[JS.01_010,84]
Spricht der Bote: „Siehe hier das große Haus, vor dem wir nun stehen, aus
dessen strahlenden Fenstern und äußeren Galerien uns zahllose Brüder und
Schwestern begrüßen, das ist das wahre ewige Emmaus! In diesem wirst du von nun
an wohnen ewiglich! Und – da wir nun schon vor Emmaus stehen, das du nun gar
wohl siehst, so wende dich nun auch zu Mir und betrachte Mich, da wirst du auch
Den erkennen, nach Dem du eine gar so große Sehnsucht und Liebe in deinem
Herzen trägst!“
[JS.01_010,85]
Der Arme sieht nun den Boten, der Ich Selbst es bin, recht fest an und erkennt
nun augenblicklich Mich Selbst im Boten. Und er fällt sogleich jählings auf
seine Knie nieder und spricht: „O Du mein Herr und mein Gott! Also Du Selbst
warst der Bote?! O Du endloseste ewige Liebe! Wie, wie, wie – hast Du Selbst
Dich denn so tief herabwürdigen können, mir, einem ärmsten Sünder, solch eine
Gnade zu erweisen?!“
[JS.01_010,86]
Nach diesen Worten verstummt er vor seligster Entzückung und wird also in
Meines Hauses Wohnung eingeführt.
[JS.01_010,87]
Das weitere seligste Verhältnis dieses Mannes könnt ihr leicht von selbst
denken sowie dessen ewige liebtätige Bestimmung. Daher wollen wir damit diese
Szene auch beenden und zu einer anderen übergehen. Amen.
Elfte Szene:
Robert Blum. – 27. November 1848
Die letzte in
dem Themenkreis „Geisterszenen“ (Sterbeszenen) erfolgte Niederschrift schildert
in zwei umfangreichen Bänden die jenseitige Entwicklung eines hervorragenden
Mannes der politischen Zeitgeschichte: des im Jahre 1848 in Wien als
Revolutionär auf Befehl von Fürst Windischgrätz erschossenen Robert Blum. – Wir
erleben sein geistiges Erwachen im Jenseits und sind Zeugen, wie sich diesem an
sich liebereichen Menschen in seiner geistigen Phantasiewelt der Herr Selbst
naht, um ihn aus seinen weltlichen Irrtümern zu lösen und den Geläuterten zum
Läuterer vieler anderer Seelen zu machen, die schon im irdischen Leben seiner
Wirkungssphäre nahegekommen waren.
Das in diesem
Werk dargestellte äußere Geschehen vermittelt eine Fülle großer Eindrücke und
Anregungen. Zeitbilder, Charakterschilderungen, tiefe Seeleneinblicke und viele
geistvolle Auseinandersetzungen vermitteln ein umfassendes Bild der jenseitigen
Welt, zumal der Aufbau des Werkes sich vom Bild der einsam erwachenden Seele
bis zum weitgedehnten Menschheits- und Schöpfungspanorarma weitet.
Anhang
Das Wiedersehen
im großen Jenseits. – 31. Mai 1852
[JS.01_52.05.31,01]
Bei gar sehr vielen Menschen, die sonst Kopf und Herz am rechten Flecke haben,
besteht, so sie eben nicht gar so glaubensstark sind, noch gleichfort die
verhängnisvolle Frage: ob es nach diesem kurzen irdischen Leben noch ein und
„wie“ gestaltetes Leben gibt, und ob der Mensch sich als das, was er hier war,
erkennen wird? Ferner, ob ihm das hiesige Bewußtsein und die volle
Rückerinnerung an all seine irdischen Zustände bleiben oder ob das Bewußtsein
samt der Rückerinnerung vielmehr dem im Traume gleichen wird, wo der träumende
Mensch sich wohl als derselbe, wie und was er im wachen Erdenleben ist, erkennt
und sich seiner Subjektivität, nur unter immer ganz neuen Lebensverhältnissen,
klar bewußt ist, wo aber alle objektiven diesseitigen Lebensverhältnisse bis
auf weniges tief im Gemüt Haftendes – wie etwa die nächsten Verwandten und sehr
oft gesehene, lebhaft besprochene und als heimatlich bewohnte Orte, und selbst
diese nahe allzeit unter fremden Verhältnissen und Gestaltungen – nahe alles
Dasein verlieren. Und gibt es dort im großen Jenseits unter solchen etwa einem
hellen Traume sehr ähnlichen geistigen Lebensverhältnissen ein sich gegenseitig
wohl erkennendes Wiedersehen?
[JS.01_52.05.31,02]
Und Ich, der Herr, sage und antworte auf diese umfassende Frage mit: Ja, so und
so! Je nachdem der Mensch dies irdische Probeleben mehr oder weniger vollkommen
nach Meiner allen Menschen geoffenbarten Ordnung durchlebt hat.
[JS.01_52.05.31,03]
Wer es hier schon, was jedem leicht möglich ist, zur wahren und vollen
Wiedergeburt seines Geistes gebracht hat und als ein Vollwiedergeborener hier
also lebt, daß ihm die Geisterwelt mit all ihren Verhältnissen und auch in
ihrer einfließend entsprechenden Wirkung auf die materielle Welt so wie die
materielle Welt völlig klar erschaulich ist, bei dem kann die Ablegung seines
ohnehin keines lebendigen Bewußtseins und irgendeiner Erinnerung fähigen Leibes
unmöglich irgendeine Veränderung in seinem Denken, Wollen, Erinnern und
lebendigsten subjektiven und objektiven Bewußtsein bewerkstelligen.
[JS.01_52.05.31,04]
Denn so das Leben und alle seine Ein- und Auswirkungen schon diesseits ganz in
den ewig gleichfort im höchsten und reinsten Selbstbewußtsein sich befindenden
Geist übergegangen ist, der über alle Materie ewig erhaben ist und diese nur
als ein auf eine bestimmte Zeit fixierter Gedanke oder als festgehaltene Idee
in ein wie nach außen hin erscheinliches Sein tritt, so meine Ich, dürfte es
wohl für jeden nur etwas heller Denkenden mit Händen zu greifen sein – zumal
ihm dafür noch tausend Beweise aus dem Leben der Somnambulen und vieler Seher
und Propheten zur Einsicht zu Gebote stehen –, daß das rein geistige Leben
jenseits ein viel helleres, sich seiner selbst und aller andern subjektiven und
objektiven Vorgänge, Zustände und Verhältnisse des Lebens ein um ebensoviel
reiner bewußteres sein muß, als um wie viel der Geist über alle Materie – die,
wie gezeigt, nichts als ein fixierter Ausdruck seiner Gedanken und Ideen ist –
für ewig steht als selbst Licht, Leben, Kraft und vollstes Bewußtsein in sich.
[JS.01_52.05.31,05]
Weil aber nicht nur ein, sondern alle nach Meiner Ordnung lebenden Menschen in
ein gleiches allervollkommenstes Leben übergehen, so ist die Frage ob des
einstigen Wiedersehens eine eitle. Denn so die Menschen in diesem
unvollkommenen Puppenleben schon die Fähigkeit des sich Wiedererkennens und
natürlichen Wiedersehens besitzen, die sie doch nicht abstreiten oder
bezweifeln können, so werden sie diese Fähigkeit wohl um so mehr im
vollkommensten, rein geistigen Leben besitzen, wo ihr ganzes Wesen der
unvergängliche Ausdruck und das Grundprinzip alles Lebens und aller
Verhältnisse und Vorkommnisse desselben ist! Auf dieser Welt erkennt ja auch
durch den Leib hindurch die Seele durch den Geist in ihr die ihr bekannten und
verwandten Menschen, kann sich andern befreundet und vollends verwandt machen
und erkennt sie dann als solche der Gestalt und dem Charakter nach allzeit
wieder. So aber solches die Seele und der Geist vermag durch all die tausend
Kerkerwände des in sich selbst toten Leibes, um wieviel mehr wird sie solches
in ihrem völlig freien Zustande vermögen, wie solches schon an sehr vielen
Somnambulen nur zu oft beobachtet worden ist, die mit festverschlossenen Augen
nicht nur ihre Umgebung oft bis auf den innersten Lebensgrund, sondern auch die
in fernen Landen sich irgendwo befindenden Menschen, um die sie befragt wurden,
mit allen ihren Zuständen und Verhältnissen geschwind und überaus wohl
erkannten! Und doch ist die Seele einer noch so hellen Somnambule noch bei
weitem nicht in dem freien Zustande, wie eine sogar noch mehr unvollkommene
Seele nach dem Abfalle ihres Leibes!
[JS.01_52.05.31,06]
Daß unvollkommene Seelen sich nach ihrem Freiwerden vom Leibe nur zu bald mehr
und mehr verfinstern, das liegt in ihrem bösen Willen. Solche Seelen sehen dann
freilich von der Welt nichts mehr, was sehr notwendig ist, da sie in einem
sehenden Zustande der Welt und namentlich denen, die sie zu ihren Feinden
rechneten, einen zu bedeutenden Schaden zufügen würden. Solche Seelen und
respektive Geister sehen dann nur das, was sich aus ihrer Phantasie gleich
einer niedersten Traumwelt entwickelt. In solcher Phantasiewelt verharren
solche Seelen dann oft Hunderte von Jahren, sehen die stets neu ankommenden
Seelen, wenn sie auch auf der Erde ihre nächsten Verwandten waren und diese sie
sogleich ersehen, nicht. Sie sehen nur ihre lang andauernde Phantasiewelt und
sind daher nur den Engeln durch pure Entsprechungen, die die Engel in die
Phantasiewelt solcher blinden Seelen hineinzuschieben imstande sind, zur
Belehrung zugänglich.
[JS.01_52.05.31,07]
Wenn sie Belehrung und dadurch eine Besserung ihres Willens annehmen, so
verschwindet nach und nach ihre Phantasiewelt, und sie kommen dann stets mehr
und mehr zum wahren Licht und zur Anschauung all des Daseienden und somit zum
Wiedersehen ihrer Verwandten und Freunde. Sie erkennen sie dann als solche auch
gar bald wieder und haben eine rechte Freude an ihnen.
[JS.01_52.05.31,08]
Bessern sie sich aber nicht, so bleiben sie in ihrer stets ärger werdenden
Traumwelt lange Zeiten der Zeiten. Und da ist dann vom erfreulichen Wiedersehen
und Wiedererkennen keine Rede. Sowenig irgend ein materieller Mensch in einem
sehr materievollen Traume sich irgend seiner Außenverhältnisse und Lebenszustände
erinnern kann, sondern nur das schaut, was ihm seine Phantasie als plastisch
vorgaukelt, ebensowenig und eigentlich noch bei weitem weniger kann eine
finstere Seele sich jenseits irgend an etwas erinnern oder etwas erkennen in
ihrem Traumkreise, in dem sie sich nie tätig, sondern allzeit nur leidend
befindet und sich daher aus sich selbst auch eine nahe ewig andauernde Zeit,
nach dem Maße dieser Erde genommen, nimmer frei machen kann!
[JS.01_52.05.31,09]
Wer hier nicht wenigstens zur Hälfte im Geiste wiedergeboren wird, kommt
jenseits mehr oder weniger in den oben bezeichneten Zustand und kann sich
selbst darin ebensowenig helfen wie der Embryo im Mutterleibe, dessen Regen und
Bewegen von dem notwendigen äußeren Zustande der Mutter abhängt. Aber es waltet
dennoch eine ganz eigene Bewandtnis bei solchen Seelen ob, was da mit dem
Zustande des Embryo im Mutterleibe etwas Unterschiedliches hat. Und das
besteht, um für den Verstand der Menschen vernehmlich zu reden, darin, daß der
Embryo im Mutterleibe als sich neubildende Kreatur durchaus leidend ist,
während die finstere Seele ganz aus sich tätig und leidend zugleich ist und,
weil sie nicht will, nicht untätig werden kann, auf daß sie dadurch möchte
unleidend werden.
[JS.01_52.05.31,10]
Wie kommt aber das?
[JS.01_52.05.31,11]
So ein Mensch auf dieser Welt entweder nur sehr wenig oder zumeist wohl auch
gar nichts zur Belebung und Bildung dessen, was seine Seele in ihrem Herzen
verborgen trägt, getan hat, sondern alles nur auf den äußeren Verstand
verwendete und diesen dann dazu benutzte, wohlberechnete Wege einzuschlagen, um
auf diesen sich weltliche Schätze – welcher Art und welchen Namens sie auch
immer sein mögen – zu verschaffen, um sich durch sie die möglichst feinsten und
in jeder Hinsicht wohlschmeckendsten Genüsse und Lustreize zu bereiten, so ist,
wenn dann solch eines Menschen Seele jenseits ankommt, ihre göttliche
Lichtkammer dicht verrammt und verschlossen. Das irdische Verstandeslicht aber,
das eigentlich bloß eine Kombination der äußeren, materiellen Lichtbilder ist,
die an den vielen Millionen Flächen der Gehirntäfelchen für die Seele
ersichtlich sind, und aus denen die Seele allzeit, nach Art der dummen
Astrologen, ihre Berechnungen macht und dann wie von der Macht des dicksten
Aberglaubens sich danach zu handeln genötigt fühlt, bleibt ohnehin so wie die
Bildergalerie eines Bilderliebhabers, wenn er stirbt, in der Welt zurück. Die
Folge ist, daß solch eine Seele dann notwendig total finster in der Geisterwelt
anlangen muß und nichts behält als das Bewußtsein oder den Ausdruck des Lebens
und nur insoweit die Erinnerung an ihre irdischen Zustände und Verhältnisse,
inwieweit solche in der (dem leiblichen Gehirn) entsprechenden Gehirnkammer der
Seele in entsprechenden Typen aufgezeichnet sind, welche die immerhin höchst
sensible Seele fühlt und ihrer gewahr wird, wenn sie dieselben zufolge ihrer
Finsternis auch nicht klar beschauen kann.
[JS.01_52.05.31,12]
Daß ein solcher Zustand einer an alle Lustreize des Lebens gewöhnten Seele nur
zu bald unerträglich wird, läßt sich hoffentlich leicht begreifen und sogar
lebendig fühlen. Solch eine Seele gerät dann bald in eine große Furcht, Angst
und am Ende in einen großen Ärger und Zorn, wodurch sich in ihr dann eine Art
Glutschimmer entwickelt.
[JS.01_52.05.31,13]
Denn wo immer jemand schon in der gerichteten Materiewelt irgendeine starke
Tätigkeit ersieht – wie etwa einen heftigen Sturm, eine starke Meeresbrandung,
eine starke Reibung zweier Gegenstände gleicher oder ungleicher Art, einen
mächtigen Druck zweier harter Körper aufeinander und derartiges mehr, – da wird
er dabei, besonders zur Nachtzeit, auch eine Feuer- und Licht- oder wenigstens
eine Schimmerentwicklung bemerken, welche von den Naturgelehrten mit dem allgemeinen,
aber eben nicht immer tauglichen Namen Elektrizität bezeichnet wird, – im
Grunde aber und ganz eigentlich der vollen Wahrheit gemäß nichts als eine
Erregtheit der in aller Materie mehr oder weniger hart gefangenen Naturgeister
ist, die stets desto eher und leichter erregt werden können, je härter sie
gefangen sind. Sind sie aber leichter gehalten, wie etwa in der Luft, im
Wasser, im Lehm und in allerart anderen flüssigen und weichen Körpern, so
gehört auch im Verhältnis eine heftigere Bewegung (Tätigkeit, s.o.) dazu, damit
die ihr nicht so schnell ausweichen könnenden Naturgeister erregt und durch
ihre höchst schnell vibrierende Bewegung innerhalb ihrer sie gefangen haltenden
leichten und höchst durchsichtigen Hülse als ein Licht oder als ein Glühen
ersichtlich werden.
[JS.01_52.05.31,14]
Daß diese Erregung der Naturgeister aber in der Vibration besteht, kann ein
jeder Mensch von nur einigem Beobachtungsgeiste beseelt leicht aus
tausendfachen Erscheinungen in der Naturwelt ersehen und erkennen. Wenn irgend
ein Mensch oder sogar auch ein Tier durch was immer in seinem Gemüt sehr erregt
wird, so wird an ihm ein Beben bemerkt, welches von nichts anderem als
lediglich von der Erregtheit der im Fleisch und Blut gefangenen Naturgeister
herrührt. Eine Saite auf einem Toninstrument vibriert, wenn sie einen Stoß oder
Schlag bekommt, weil die in der Materie der Saite gefangenen Geister durch den
Schlag oder Stoß erregt werden. Die Flamme jeden Lichtes, die nichts als ein
Akt der Freiwerdung der in der Materie gefangenen Naturgeister ist, besteht in
stets sichtbarer Vibration, die durch die Tätigkeit der frei werdenden
Naturgeister entsteht. Und dergleichen Erscheinungen gibt es noch Tausende und
abermals Tausende, an denen derselbe Akt beobachtet werden kann. – – –
[JS.01_52.05.31,15]
Es ist gesagt worden, daß die Seele durch den Verlust ihres Weltlichtes und
aller aus demselben hervorgehenden Lustbarkeiten zuerst in eine große Furcht
und Angst und am Ende in einen großen Ärger und Zorn gerät, wodurch in ihr eine
Art Glutschimmer erzeugt wird. Dieser Glutschimmer entsteht im Wesen der Seele
entsprechend auf die ganz gleiche Weise wie in der Naturwelt.
[JS.01_52.05.31,16]
Die Furcht ist die erste Erregung der in jeder einzelnen Seele vorhandenen
endlos vielen seelisch-geistigen Spezifikalpotenzen. Wenn alle Potenzen in ein
immer heftigeres Beben geraten, so wird der ihnen gegebene Formraum bald zu
eng. Da aber die äußere Form, innerhalb der alle die zahllosen Potenzen zu
einem Leben vereinigt sind, bald zu eng wird – weil sie nicht so leicht
erweitert werden kann und darf –, so ist die Folge davon dann notwendig ein
immer heftigeres Drängen und Drücken nach allen Seiten hin, wodurch in dem
konkreten Gesamt oder besser gesagt Ein-Leben das Gefühl der Angst zum Vorschein
kommt.
[JS.01_52.05.31,17]
Wenn das Drängen und Drücken stets heftiger werdend andauert, so entsteht
daraus eine geistige Gärung, die man Ärger nennt. Wie aber schon in der Natur
das Resultat einer stets heftiger werdenden Gärung eine volle Entzündung ist,
ebenso ist das Endresultat der großen Gärung der seelischen Spezifikalpotenzen
eine volle Entzündung, und diese heißt Zorn. Und von solchem Zorn rührt dann
auch die Erscheinlichkeit des Glutschimmers her, der, so er heftiger und
heftiger wird, endlich in einen vollen Brand übergeht, der als böseste
Erscheinung des Lebens Wut und im eigentlichsten Sinne Hölle heißt und ist.
[JS.01_52.05.31,18]
Wenn nun eine abgeschiedene Seele sogestaltig in den besprochenen Glutschimmer
gerät, so fängt sie dadurch an, die in ihrem Gehirne vorhandenen geistigen
Stigmata sehr matt zu erschauen und erkennt bald viel eitel Böses und wenig
Gutes in ihrem Wesen. Sie sieht in solchem Zwielicht auch nicht selten die
Mücke für einen Elefanten und umgekehrt den Elefanten für eine Mücke an. Aus
solchen Anschauungen entwickeln sich dann in der Seele allerlei ganz luftige
und durchsichtige, man könnte sagen formlose Formen gleich den Luftschlössern
eines verliebten Jünglings auf der Welt, die bei einer sehr heftigen Phantasie
nicht selten auf Augenblicke in eine förmlich ersichtliche Erscheinlichkeit
treten, aber bei der geringsten Gemütsstörung in ein Nichts verschwimmen.
[JS.01_52.05.31,19]
Weil aber die Seele auf die gezeigte Weise nichts zu einer bleibenden Realität
bringen kann und durch die momentan auftauchenden, mehr Zerr- als
wohlgeordneten Bilder nur stets mehr gereizt und erregt wird, wodurch am Ende
sogar das Innerste „Herzensstöße“ zu bekommen anfängt, so kommt dadurch dieses
Innerste dann auch in eine, aber ganz entgegengesetzte Tätigkeit.
[JS.01_52.05.31,20]
Durch diese Tätigkeit (ihres Urgeistes aus Gott) wird die wilde Tätigkeit der
Seele beruhigt, so daß am Ende die Seele in sich selbst in einen förmlichen
Schlaf gerät, also ruht, und in dieser Ruhe als mehr vereinigt mit ihrem
Urgeiste aus Mir in einen förmlichen Traum kommt und, weil sie sich in solchem
Zustande ganz behaglich fühlt, darin auch verbleibt, – ein Zustand, den die
alten Seelen- und Lebensforscher den Seelenschlaf nannten.
[JS.01_52.05.31,21]
Der im Herzen der Seele nun gegen die Gelüste der Seele tätige Urgeist schafft
nun für die Seele stets mehr und mehr solche Bilder, die einesteils stets das
enthalten, was der Seele selbstliebigem und herrsch- und genußsüchtigem Sinne
zusagt. Aber sowie sie solches in ihrem Traume, den sie natürlich für
Wirklichkeit hält, vollgierig ergreifen will, so wird es entweder zunichte oder
es weicht zurück und flieht von dannen. Andernteils aber wird der Seele auch
solches produziert, was ihr frommt, und so sie es ergreift und zu ihrem wahren
Besten verwendet, so bleibt es, und es fängt also aus dem Traume eine feste und
bleibende Welt (für die Seele) sich zu entwickeln an.
[JS.01_52.05.31,22]
Je mehr die Seele das ergreift, was ihr von ihrem Urgeiste geboten wird, desto
mehr einigt sie sich mit ihm und geht so unvermerkt in ihren Urgeist ein und
mit demselben zum Urlichte und aller Wahrheit aus ihm. Und sie erkennt da bald
sich vollends wieder und alle ihre Bekannten und Verwandten und wird gewöhnlich
durch sie dann zu Mir Selbst hingeleitet, wo ihr dann auch nach dem Maße ihrer
Vollendung und Einswerdung mit ihrem Geiste stets mehr Licht und Weisheit
gegeben wird und das volle Vermögen, in die Naturwelten schauen und
ersprießlich tätig werden zu können. Daß in diesem Falle ein vielseitiges
Wiedersehen eine ganz natürliche Folge ihrer geistigen Vollendung ist, bedarf
wohl keines weiteren Beweises mehr.
[JS.01_52.05.31,23]
Aber was geschieht denn hernach mit jenen Seelen, denen in ihrem jenseitigen
Traumleben die vorgespiegelten Bilder und Erscheinlichkeiten, nach denen ihr
selbst- und genußsüchtiger Sinn giert, durch die guten Erscheinlichkeiten nicht
aus dem Begehrsinne getrieben werden können? Was geschieht, frage Ich, mit
solch einer Seele, die darum stets mehr in Wut gerät, weil sie die Gegenstände
ihrer Lust, die ihr vorgezaubert werden, nicht erreichen und festhalten kann?
Gibt es in diesem Falle auch ein Wiedersehen? Nein, sage Ich, da gibt es kein
Wiedersehen!
[JS.01_52.05.31,24]
Solch einer Seele wird dann ihr eigener Geist zum unerbittlichsten Richter. Er
läßt sie am Ende die vorgespiegelten Dinge und Objekte erreichen und sich nach
ihrem argen Sinn an ihnen erlustigen; aber solche Erlustigung bereitet der
Seele allzeit den größten und brennendsten Schmerz und macht sie auf eine lange
Zeit wieder ganz finster.
[JS.01_52.05.31,25]
Der Geist läßt dann zu, daß eine also finster gewordene Seele in ihrer größten
Wut, die sie durchglüht und ihr also ein böses Licht gibt, um ihresgleichen
außer sich wahrzunehmen, nun wirklich mit Seelen ihrer Art zusammenkommt.
[JS.01_52.05.31,26]
Da geschehen dann sogleich Verbindungen und Zusammenrottungen von solchen, die
sich ihre Wut gegenseitig mitzuteilen beginnen. Sie verschanzen sich gegen die
Feinde, mit denen sie in ihrem Traumleben, das solche Seelen aber für
Wirklichkeit halten, in eine für sie widrigste Berührung kommen und fassen die
racheglühendsten Beschlüsse, sich eher selbst nach aller Möglichkeit zu töten,
als sich irgendeine noch so geringe göttliche Anordnung mehr gefallen zu
lassen.
[JS.01_52.05.31,27]
In einer solchen Verschanzung, zu der sie das Material aus ihrer Einbildung
nehmen – insoweit sie irgendeiner Einbildung in ihrem Wutglühlichte fähig sind
–, verharren sie oft sehr geraume Zeiten und werden darob nur von neuem ärgerlicher,
zorniger und wütender, durchbrechen dann selbst ihre Verschanzung und gehen
hordenweise den Feind suchen, weil keiner in ihre Verschanzung eindringen
wollte, daß sie an ihm ihre Rache hätten kühlen können. Aber ihr Suchen ist ein
vergebliches. Sie kommen nur mit anderen ihresgleichen den Feind suchenden
Horden zusammen und machen mit ihnen bald gemeinsame Sache, suchen dann so
gemeinsam mit aller Hast den Feind, finden aber natürlich nie einen.
[JS.01_52.05.31,28]
Wenn solch elender Seelen einmal mehrere Tausend beisammen sind – deren Haufen
sich in der Geisterwelt für das Auge der reinen Geister ungefähr also ausnimmt,
wie auf dieser Erde allenfalls das Glühen der Luft durch ein in der Tiefe
irgendwo brennendes Haus –, so erwählen sie den Glühendsten unter ihnen, den
sie für den Mutigsten und Weisesten halten, als Anführer, der sie dann über
einen Boden führt, der gewöhnlich auch der Einbildung solcher Seelen entspricht
– entweder in der Form einer finsteren Sandsteppe oder einer unabsehbaren Ebene,
auf der nichts als trockenes Moos zum Vorschein kommt. Auf solchen Böden finden
sie nach langem Umherziehen und unter großem Hunger und Durst auch gewöhnlich
nichts als etwa wieder eine ähnlich herumziehende Horde unter einem stark
glühenden Anführer. Und da geschieht es entweder, daß sie einander anfallen aus
schon zu großer Rachewut, sich zerreißen und verstümmeln, oder sie vereinigen
sich unter zwei Anführern, was aber schon gleichfort zu Reibungen Anlaß gibt,
weil da ein jeder der beiden Anführer der Erste sein will, was in kurzer Weile
dennoch einen Krieg der beiden Horden zuwege bringt.
[JS.01_52.05.31,29]
Wenn sich bei solchen Kriegen solche höchst unglückselige Seelen nahezu ganz zu
kleinen Stücken zerrissen haben – natürlich alles nur scheinbar –, so kommen
sie wieder zu einer gewissen Ruhe und ihr Geist zeigt ihnen dann wieder wie in
einem helleren Traume, wie nichtig, fruchtlos und eitel ihr töricht-blindestes
Bemühen war, und zeigt ihnen den besseren Weg zur Umkehr.
[JS.01_52.05.31,30]
Manchmal nehmen einige solche Weisung an und bekehren sich. Aber zumeist werden
sie nach einem solchen Gesicht erst ganz toll und treten in ihren geistlosen
puren Seelenzustand zurück, der dann bei weitem schlechter wird, als da war der
erste. Und solche Zustände sind dann schon Hölle, aus der ein Ausweg schwer zu
finden ist! Wer da nicht geht den schmalen Pfad durch sein eigenes Herz, der
kommt nimmer zurecht und kann Trillionen und Dezillionen von
Erdjahreszeitlängen in solcher Hölle verharren. –
[JS.01_52.05.31,31]
Es ist nun also gezeigt worden, wie das Seelenleben jenseits in zwei einander
schroffst entgegengesetzten Hauptzügen und Beschaffenheiten zuständlich geartet
ist: entweder nach oben oder nach unten. Aber es soll mit dem allem dennoch
nicht jede Erscheinlichkeit in der Geisterwelt dargestellt sein, sondern wie
gesagt nur die beiden allgemeinen Hauptzüge, also das schroffste Pro und
Kontra.
[JS.01_52.05.31,32]
In der Mitte dieser zwei Hauptzustände gibt es noch eine zahllose Menge von
Erscheinlichkeiten, die hier nicht dargestellt zu sein brauchen, da sie in den
Werken: „Die geistige Sonne“, „Erde und Mond“ und in den „Szenen der
Geisterwelt“ zur Übergenüge gezeigt worden sind, so wie teilweise in den
mannigfachen anderen Mitteilungen und Naturzeugnissen. Aber alle die darin
geschilderten wie immer gearteten Erscheinlichkeiten fußen auf der nun
gezeigten Hauptnorm, und die Grundwege entweder nach oben oder nach unten sind
in sich die gleichen.
[JS.01_52.05.31,33]
Das eigentliche wahre Wiedersehen kommt erst im Gottesreich, das ist im Himmel
vor, welcher die ganze Unendlichkeit dem Raume nach erfüllt und sonach
allenthalben gegenwärtig ist, in den aber jeder Mensch nur durch sein Herz
gelangen kann. –
[JS.01_52.05.31,34]
Da es aber doch viele in der Welt nun gibt, die so materiell sind, daß sie von
den geistigen Verhältnissen der Dinge keine Spur und keine Ahnung haben, hier
aber von den „Naturgeistern“ lesen und nicht verstehen, was diese sind und
worin sie bestehen, so soll dahin hier noch eine ganz kurze Naturläuterung
folgen.
[JS.01_52.05.31,35]
Die ganze materielle wie auch die rein geistige Schöpfung ist nichts als eine
durch der Gottheit allmächtigen Willen festgehaltene Idee aus dem Herzen oder
Leben der Gottheit Selbst und – weil aus Gott – im Grunde des Grundes geistig.
Würde nun alle die sogenannte materielle Schöpfung, was Gott gar leicht möglich
wäre, der gleichfort andauernden Festhaltung ledig, so würde sie wieder als ein
nur der Gottheit sichtbarer großer Gedanke ganz geistig im Gemüte Gottes Platz
fassen und mit der Realisierung der freien Selbständigkeit von zahllosen Wesen
wäre es zu Ende!
[JS.01_52.05.31,36]
Aber Gott will es ewig gleichfort, daß Seine großen Gedanken und Ideen ewigfort
zur freiesten Selbständigkeit sollen realisiert werden. Und so hatte Gott darum
für die einzig dadurch mögliche Realisierung, daß all die göttlichen Gedanken
und Ideen als unwandelbar gefestet dastehen müssen Seiner Pläne und Zwecke
willen, diesen allein wirksamen Weg eingeschlagen:
[JS.01_52.05.31,37]
Die zahllosen Gedanken und Ideen müssen gewisserart nur in allerartig kleinsten
geistigen Teilchen sukzessive freier und freier gemacht werden, aber dabei
dennoch lange von irgend einer Hauptidee Gottes, die da erscheinlich als ein
Weltkörper im endlosen Gedanken- und Ideenraume als gefestet schwebt, angezogen
und gehalten werden, bis sie nach und nach ihrer Gleichartigkeit nach sich mehr
und mehr zusammenfinden und so in eine immer größere Wesenheit bis zum Menschen
hin übergehen.
[JS.01_52.05.31,38]
Solche von der totalen Hauptidee (dem Weltkörper) freier und freier gelassenen
Teilchen sowie die noch nicht frei gelassenen, sondern in der Hauptidee noch
festgehaltenen Teile heißen bis zum Menschen hinan „Naturgeister“ Diese
freieren Naturgeister – oder Naturkräfte, wie es die Weltgelehrten nennen –
befinden sich als schon selbsttätig entweder in der Luft, im Wasser oder im
weicheren Erdreiche und locken da die noch hart gefangenen Geister in die
Freiheit heraus, vereinigen sich mit ihnen und bilden dadurch, daß sie sich mit
den noch unfreieren Geistern umhüllen, allerlei Lebensformen: zuerst Pflanzen,
aus diesen Tierchen und Tiere größerer und größter Art – bis zum Menschen hin,
wo sie als Seele und auch – dem unfreieren, noch groben Teile nach – als dessen
Leib dann erst durch Gottes Urwesen Selbst, nun schon zur Genüge zur vollfreien
Selbständigkeit reif, wieder ergriffen und förmlich – aber anfangs noch immer
wie von außen her – für den folgenden reingeistigen, ewig dauernden Zustand
durchgeschult und geübt werden.
[JS.01_52.05.31,39]
Die dann ein solches Durchschulen sich gefallen lassen und also freiwillig in
die Ordnung eingehen, in der ihr ewig selbständiger, freiester Lebenszustand
allein möglich ist, – diese kommen dann auch zum großen Wiedersehen Dessen, aus
dem sie hervorgegangen sind. Sie werden sehen, wie und woher und durch Wessen
Macht und Weisheit und unwandelbare Beharrlichkeit sie vom eigentlichen
Nichtsein ins vollste, freieste und selbständige Sein und Erkennen gekommen
sind.
[JS.01_52.05.31,40]
Zugleich aber, weil mit ihrem Urgrunde ein und dieselbe Wesenheit, werden sie
auch selbst auf die gleiche Weise zu ihrer großen Beseligung aus ihrer nun
höchsteigenen, aber der göttlichen völlig gleichen Weisheit neue Schöpfungen
ins Werk setzen und sonach ganz in Meiner Ordnung Schöpfer ihrer höchsteigenen
Himmel sein, wodurch sie dann zum realisierten Wiedersehen aller ihrer Gedanken
und Ideen gelangen werden.
[JS.01_52.05.31,41]
Und das alles wird dann ein großes, ewig dauerndes realisiertes Wiedersehen
sein in der endlosen Fülle alles dessen, was ein göttlicher Geist ewig
unerschöpflich in sich birgt. Und das ist dann erst das vollkommene, große
Wiedersehen!
[JS.01_52.05.31,42]
Ich meine nun, wer da Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der wird daraus
zu seinem ewigen Vorteil unbeschreibbar vieles schöpfen können zur vollen
Erkenntnis des geistigen Lebens.
[JS.01_52.05.31,43]
Wer es aber nur lesen wird aus einer Art Neugierde und wird daran legen die
Feile seines Weltverstandes, dem wird es einst gerade also ergehen, wie es in
dieser Beschreibung zu lesen ist. Denn Mein Erbarmen kann und darf sich nicht
und nie über die Schranken Meiner nun aus dem Fundamente gezeigten
unwandelbaren Ordnung erstrecken. Denn diese Ordnung ist an und für sich schon
Meine ewige Erbarmung.
[JS.01_52.05.31,44]
Wer aber über die Schranken dieser Ordnung tritt, der wird nur sich selbst
einen überaus langen, unglückseligsten Zustand jenseits zuzuschreiben haben.
Denn es muß ein jeder sich selbst gestalten, so er sein will das, was er sein
soll. Will jemand sich diese Mühe nicht nehmen, so muß er dann auch so lange im
ewig notwendigen Gerichte verharren, bis er sich selbst zu umstalten anfangen
wird, was die Seele einen harten Kampf kosten würde!
[JS.01_52.05.31,45]
Hüte sich daher ein jeder von euch vor (eigensüchtigem Trachten nach) irdischen
Gütern, Reichtum, Glanz und Ansehen, sei aber nach seinen Kräften reichlich
mildtätig gegen seine ärmeren Brüder und Schwestern, so wird ihm der Kampf mit
der Finsternis ein leichter sein. Amen.
[JS.01_52.05.31,46]
Das sagt der Herr allen Lebens zu euch allen. Amen. Amen. Amen.
Ein Jenseitiger.
– 18. Februar 1861
[JS.01_61.02.18,00]
Ein Jenseitiger, der zu seiner Lebenszeit Lorber gekannt hatte, durfte sich
direkt an Jakob Lorber wenden und ihm von seinem Hinübergehen in die jenseitige
Welt und seinem ersten Aufenthalt in der Sphäre der Geistigen Erde, die unsere
naturmäßige Erde umgibt, erstmals am 18. Februar 1861 berichten:
[JS.01_61.02.18,01]
B: „Gott zum Gruße, lieber Freund! – Ich habe in meiner noch immer etwas
leidigen Abgeschiedenheit an dich und an alle andern Freunde wohl gedacht und
mir auch oft jene Stunden in Erinnerung gerufen, in denen wir uns über geistige
Dinge gar tröstlich besprochen haben. Aber des Herrn allmächtiger Wille hat
mich von der Welt abberufen – und ich bin hier angelangt unter wahrlich nicht
sehr erfreulichen Umständen, an denen freilich nur ich selbst schuldete. Ich
wollte alles in meinem Erdenleben Zerrüttete wieder in ein möglichst gutes
Gleichgewicht bringen und gab mir deshalb auch viele – aber vergebliche Mühe,
und ich konnte mir deshalb – um nach irdischer Weise zu reden – gar keine Zeit
nehmen, jemandem von euch zu erscheinen, obschon ich wußte, daß ich dir oder
auch jemand anderm hätte erscheinen können, so ich es gewollt hätte. –
[JS.01_61.02.18,02]
Aber nun bin ich freier, dem Herrn alles Lob, und so habe ich endlich in mir
selbst inne zu werden angefangen, daß hier alle meine nach irdischer Norm
geartete Mühe und Arbeit nichts anderes als eine wahre Mühe und Arbeit in einem
Traume war, und ich ließ davon ab. Denn sieh, für mich war das Sterben des
Leibes nichts anderes als ein ganz süßes Einschlafen eines arbeitsmüden
Tagewerkers, und ich befand mich wie in einem hellen Traum sogleich in einer ganz
anmutigen Gegend und kam auch gleich mit mehreren guten alten Freunden, zumeist
Triestinern, zusammen, die mir recht freundlich und artig entgegenkamen und
sich mit mir – aber zumeist nur über ganz gleichgültige Dinge – besprachen. –
Ich ahnte nicht, daß dies ein Traum sei, was ich in meinen Erdenlebenszeiten
oft in einem Traume wie ahnend wahrnahm.
[JS.01_61.02.18,03]
Nur einer dieser meiner Triestiner Freunde, von dem ich gleich wußte, daß er an
ein und demselben Tage mit meiner Gattin an der Cholera verstorben war und mit
dem ich oft in seiner schön gelegenen Campagna bei einem Gläschen Triestiner
viel über geistige Dinge mich besprach, fiel mir auf, und ich fragte ihn, wie
denn er hierhergekommen sei. ,Denn‘, sagte ich, ,Freund, ich weiß es ja nur zu
bestimmt, daß du mit meiner D. an einem Tage an der bösen Epidemie verstorben
und auch unter meinen weinenden Augen beerdigt worden bist, – und du lebst nun
so, wie ich lebe – und hoffentlich nicht träume?!‘
[JS.01_61.02.18,04]
Da sah mich der alte gute Freund gar sehr ernst, aber doch freundlich an und
sagte: ,Freund! – seien wir von Herzen froh, daß wir's überstanden und die Welt
mit allen ihren Übeln hinter uns haben, denn sieh, auch du hast das leidige
Irdisch-Zeitliche für alle Ewigkeiten gesegnet, und deine morsch gewordene
Hülle wird morgen der Erde übergeben, wofür wahrlich nicht schade ist!‘ – Als
ich dies vernahm, da wurde es mir denn doch ein wenig bange zumute und ich
sagte: ,Nun, in Gottes Namen denn, wenn es im Ernste also sein soll! Aber meine
Kinder, und meine Sachen – ich habe ja lange noch nicht alles in bester Art
geordnet?!‘ – Sagte der Freund: ,Ei, kümmere dich darum nicht, das werden schon
die tun, die noch auf eine kurze Zeit zurückgeblieben sind!‘
[JS.01_61.02.18,05]
Damit war ich auch bald einverstanden, und ich befand mich wie durch einen
Zauber geführt auf einmal so natürlich in der Campagna meines Freundes und
besah mir ganz entzückt das Meer mit seinen Wundern, daß ich sagte: ,Freund,
aber das ist ja doch alles ganz handgreifliche Natur, und wir sollen nur pure
Geister sein?!‘ – Da sagte er zu mir: ,Freund! – als wir noch unser schlechtes
Fleisch bewohnt haben, da sahen wir ja auch nur als lebendige Seelen die
handgreifliche Natur, und nicht unser toter Leib! Wenn so damals, wo uns des
Leibes Bürde und finstere Dichte ein großes Hindernis war, warum denn jetzt in
unserem freieren Lebenszustande nicht?‘ –
[JS.01_61.02.18,06]
Ich war damit ganz einverstanden und fing an zu fühlen, daß ich des Leibes bar
geworden bin; aber doch nicht, wie und auf welche Art. – Aber ich fing da an,
mich zu kümmern, wo ich meine Gattin fände, und ob ich meine verlassene
Buchhandlung wieder aufrichten könnte, – und das hatte mir viel Kummer und
Sorge gemacht. – Aber Gott alles Lob! nun ist auch das hinter mir, und ich habe
angefangen, mich nun ausschließlich mit höheren Dingen zu befassen, – und ich
werde dich nun zu öfteren Malen besuchen und dir noch so manches aus meinen
jetzigen Erlebnissen und Erfahrungen für die Gläubigen auf eurer Welt zum
Nutzen mitteilen. – Lebe nun wohl in Gott dem Herrn.“ – – –
25. Februar 1861
[JS.01_61.02.25,07]
B: „Guten Morgen, guten Morgen – lieber Freund! Meine herzlichsten Grüße auch
an alle die andern guten Freunde! Ich habe hier nicht nötig zu fragen, wie sie
sich befinden; denn das weiß man hier ganz gut, wie es dem einen oder andern
lieben Freunde noch auf der stereotypen Erde geht, da wir alles dessen aus
eines jeden seelischer Außenlebenssphäre genauest innewerden können, wenn wir
das wollen. Aber ich habe dennoch stets eine große Freude, so ich hier auf der
geistigen und somit bessern Erde inne werde, daß ein jeder – bis auf weniges –
im Lichte des Herrn aus den Himmeln fortschreitet; denn die der Herr liebhat,
die sucht Er ja stets mit allerlei Kreuzlein heim. Diese Kreuzlein sind wahre
Beförderungsmittel zur Einung des Geistes des Herrn mit der für sich immer
leidigen Seele, die für sich ohne eine Stütze ein sehr armseliges Wesen ist,
aus welchem Grunde sich auch die meisten Seelen auf ihr morsches und
hinfälliges Fleisch stützen und mit diesem sich auch alle Leiden gefallen
lassen müssen, weil sie die festeste und ewige Stütze des Geistes aus Gott
nicht ahnen, geschweige irgend erkennen! – Und eben darum sind die gewissen
Ordenskreuzlein aus der Hand des Herrn gar so gut und nützlich fürs wahre und
ewige Wohl der Seele, weil sie dadurch genötigt wird, sich vom fleischlichen
Stützpunkte abzuwenden und sich im Glauben an den des Geistes zu wenden. –
[JS.01_61.02.25,08]
Hat eine Seele einmal nur als anfänglich diesen günstigen Umschwung gemacht, so
wird sie vom Herrn aus so lange mit allerlei Kreuzlein versehen, als sie sich
nicht völlig mit dem Geiste zu einen angefangen hat. Ist das aber einmal da und
auch nicht mehr zu befürchten, daß eine Seele wieder zum Fleische behaglich
zurückkehren könnte oder möchte, nun, so hören dann auch alle die Kreuzlein auf
und der ganze Mensch kann dann schon auf der Welt in eine wahre Glückseligkeit
übergehen. –
[JS.01_61.02.25,09]
Ich selbst habe im Erdenleben das wohl auch bei weitem nicht so eingesehen, wie
ich's jetzt in diesem reinen und völlig schmerzlosen und eigentlich wahren
Leben einsehe. Und das war auch der Grund, daß ich gleichfort in einem Wanken
zwischen dem morschen und vergänglichen Stützpunkte des Seelenlebens und jenem
ewig dauernden, wahren und kräftigsten des Geistes mich befand und dabei aber
auch in einem fort bald dies und bald jenes stets leidend zum Erdulden bekam, –
aber es war das dennoch gar liebevoll vom Herrn also angeordnet, und ich fühle
erst jetzt mehr und mehr die große Wohltat aller der von mir ausgestandenen,
oft recht bitter schmeckenden Prüfungen. Denn wo und was wäre ich nun hier ohne
sie?!
[JS.01_61.02.25,10]
Ach, lieber Freund, wenn man hier wie ich nun die Gelegenheit hat, das Elend
und die große Not der gewissen Weltmenschen-Seelen zu sehen und zu erkennen, so
kann man dem Herrn ewig nie irgend zur Genüge dankbar sein, daß Er einem stets
solche Hüter und Wächter gesandt hat, durch die man verhindert wurde, ein ganz
vollendeter Weltmensch zu werden. – Ertragt daher alles aus Liebe zum Herrn in
aller Ihm dankbaren Geduld, – denn das wahre Lebenskalifornien werdet ihr für
ewig nur hier finden. Denn jeder treue Arbeiter im großen Lebensweinberge des
Herrn wird hier seinen glänzendsten Lohn für ewig finden!
[JS.01_61.02.25,11]
Das aber ist ja aus dem Munde des Herrn Selbst bekannt, daß Seine Bekenner auf
der Erde in Ihm, d.i. in Seinem Geiste gewisserart mit Ihm gekreuzigt werden,
um also auch mit und in Ihm zum ewigen Leben aufzuerstehen.
[JS.01_61.02.25,12]
Sehr lieber Freund, ich weiß es wohl, daß dir das nicht unbekannt ist, aber ich
sage dir und auch den andern lieben Freunden das nur darum, weil das Wort eines
Selbsterfahrenen denn doch ein größeres und wirksameres Gewicht hat als das
eines Propheten, der doch noch ein Einwohner des Fleisches ist. –
[JS.01_61.02.25,13]
Du möchtest wohl von mir so manche geistigen Seins- und Bestandsverhältnisse
erfahren, und ich teile es dir auch wahrlich gerne mit, soweit es mir in meinem
gegenwärtigen Zustande nur immer möglich ist. – Sieh, ich befinde mich noch
immer auf dieser Erde und zwar zumeist in den Küstengegenden um Triest, bin
aber auch zu öfteren Malen hier in Graz, und ich sehe diese Erde auch um vieles
besser, als sie je ein Mensch, der noch im Fleische wandelt, zu sehen imstande
ist. Und ich sehe auch die Menschen, die hier noch leben und kann für mich auch
ganz gut mit ihnen verkehren. Denn meine Worte werden in ihnen wie unvermutete
und plötzlich entstandene Gedanken; und ihre eigenen darüber entstandenen
Gedanken geben mir plastisch die Antwort. Aber doch ist die Erde, die ich gar
klar schaue, nicht die eigentliche materielle Erde selbst, sondern nur
gewisserart die geistige, ohne die die materielle gar nicht bestehen könnte,
weil alles Materielle an und für sich nichts als nur ein gerichtetes oder
fixiertes Geistiges ist.
[JS.01_61.02.25,14]
Aber es ist das doch etwas Sonderbares, daß bei uns die ,geistige Erde‘
gewisserart aus der Seele durch die allbelebende und allschaffende Macht ihres
Geistes aus Gott hervorgeht, so wie ein völlig ausgewachsener Baum aus dem
Keimhülschengeiste im unansehnlichen Samenkorn hervorgegangen ist, nur
geschieht das fertiger als die Entwicklung des Baumes aus dem Samenkorn. Nun
würdest du freilich denken und sagen: Ja, wenn also, da gibt es dann im
Geisterreiche ebensoviele geistige Erden, wie es Geister gibt. Aber das ist
eben nicht der Fall, und es ist wundersam, wie zwar wohl richtig ein jeder
Geist ,seine‘ geistige Erde in sich ins Jenseits bringt; aber sowie sie sich aus
ihm entwickelt, vereint sie sich augenblicklich auch mit aller Geister
geistigen Erde, und es besteht darum nur eine geistige Erde, in allem der
materiellen völlig ähnlich, – nur um vieles edler, ausgeprägter und vollendeter
als die materielle für das Auge des Fleisches, das die großen Wunder im Bau der
Atome nicht erschauen kann. Und darum ist die ,geistige Erde‘ für uns auch ein
ganz anderer Anblick, als für euch die materielle.
[JS.01_61.02.25,15]
Unser Hin- und Herwandern ist natürlich auch ein anderes als bei euch, denn wir
haben mit der materiellen Zeit und ihren Räumlichkeiten nichts zu tun. Wie bei
uns aber das vor sich geht, das werde ich dir nächstens näher zeigen, und zwar
auf eine leicht begreifliche Art. – Und so lebe nun wohl im Herrn.“ –
4. März 1861
[JS.01_61.03.04,16]
B: „Guten Morgen, und Gott zum Gruße!
[JS.01_61.03.04,17]
Nun fängt auf dieser Erde wieder das Frühjahr an, und es wird sicher ein recht
gutes werden; denn wir merken das wohl an der besonderen Tätigkeit der Naturgeister,
die sich nun gar bunt durcheinander zu tummeln anfangen. Es ist doch wahrlich
sonderbar, in welchen Formen von der höchsten Mannigfaltigkeit und
Verschiedenheit sie sich auf einmal wie durch einen Zauberschlag in unserer
Ätherluft entwickeln, sich gruppieren und dann gleich tätig werden. Die höchste
Verschiedenheit der zusammengemengten Formen und Gruppierungen stellen eine
neue Form als ein neues Ganzes dar. Man sieht nun die neue Form, aber man sieht
in ihr auch die einzelnen Spezialformen in ihrer wunderbar geordneten
Verbindung, und das übertrifft weit alles, was man auf der Erde auch durch die
vollendetsten Mikroskope sehen und entdecken kann. Denn was man mit den
fleischlichen Augen sehen kann, das sind schon gefestete Formen, mindestens auf
der zehnten Potenz der fortschreitenden Formen- und Wesenverbindung stehend. Es
ist das gewisserart schon ein umhäutetes und eingepupptes Geistiges, das erst
aus solch einer Puppe dann in der materiellen Welt in die entsprechende
Erscheinlichkeit tritt. Aber welch eine Riesenmenge der seltensten Vorformungen
und Zusammengruppierungen gehen in der geistigen Naturwelt einer obbenannten
Einpuppung voran!
[JS.01_61.03.04,18]
Diese Tätigkeit der speziellen Naturgeister vor ihrer Einpuppung ist eigentlich
das Wunderbarste, was wir Geister hier beobachten können, so wir dazu Lust und
Liebe haben. Aber es geht hier bei uns zumeist auch so zu, wie auf der
materiellen Erde unter den Menschen: wer nicht den schon für etwas Höheres
geweckten Sinn mit herübergebracht hat, der hat auch hier keinen andern, als er
ihn auf der Erde hatte. Der Gold- und Geldmensch bleibt auch hier ein Makler
und Spekulant, so der Kaufmann, der Handwerker, der Landmann und so fort – ein
jeder in seiner Art; und da heißt es wahrlich: Viele sind berufen, aber nur
wenige auserwählt!
[JS.01_61.03.04,19]
Ich weiß das von mir selbst, wie auch ich mich am Anfang meines Hierseins
wieder hinein, d.h. in das Welthandeln zu drängen begann. Nur guten und hier
schon wohlerfahrenen Freunden habe ich es zu danken, daß ich davon abkam und
den eigentlichen und wahren Zweck meines Hierseins noch früh genug erkannte und
mich nun auf einer höheren Stufe des reineren Erkennens und Schauens befinde. –
Oh, es ist hier noch schwerer, sich von der falschen Materie loszuwinden, als
auf der wirklichen materiellen Welt, und das Atheistentum ist hier noch ums
Tausendfache mehr vertreten als auf der materiellen Welt, – und wer einmal
darin steckt, der ist nach meiner bisherigen Erfahrung schwer oder, nach meinem
Dafürhalten, schon gar nicht herauszubringen. – Ich habe mit derlei Geistern
über, wie man sagt, transzendentale Dinge bei Gelegenheit zu reden angefangen,
bekam aber gleich zur Antwort: ,Sollen wir etwa auch hier noch den Pfaffen und
Herrschern Narren abgeben? Seien wir froh, daß wir uns endlich einmal in einer
solchen Welt befinden, in der ein jeder ein völlig freier Herr seines Platzes
ist!‘ – Einen davon habe ich erst jüngst gefragt, ob er nicht dann und wann
denke, daß der große Lehrer aus Nazareth etwa doch der Herr und Schöpfer aller
Geister- und Sinnenwelt sein könnte. Nun, da habe ich bald einpacken können, er
machte Miene, roh und grob zu werden, und machte derartige Äußerungen über den
Herrn, die ich hier nicht wiederholen möchte. Es ist mit solchen Geistern
nichts zu machen, das Beste ist, ihnen nach Möglichkeit auszuweichen.
[JS.01_61.03.04,20]
Ich habe den Herrn schon ein paarmal, aber nur von einer gewissen Ferne, zu
Gesichte bekommen und hatte eine große Sehnsucht, Ihn zu sprechen. Aber es hat
sich das bis jetzt noch nicht gefügt. Mein Freund sagte mir, daß Er ehest
wieder kommen werde; – vielleicht fügt es sich dann?“ – – –