Jung-Stilling
-
Szenen aus dem
Geisterreich
Wir müssen alle vor
dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit ein jeder das, was er sich in
seinem irdischen Leben erworben hat, auch empfangen möge, es mag dann gut oder böse
sein. 2. Cor. 5. V. 10.
Hanon. Mein Erwachen ist furchtbar oder
ein Traum? Welch eine ernste Stille; schweigende Dämmerung in dieser endlosen
Weite! Dort über dem fernen Gebirge ein sanftes Licht, gleich dem Erstlinge des
Maimorgens. Gott, welch eine feierliche Ruhe! Nirgends Leben und Odem, kein
Regen, kein Bewegen! Alles däucht mir bloß Schatten zu sein; ich walle einher
wie auf einem Wolkenboden, unter mir keine Erde mehr, über mir kein Gestirn,
kein sanfter Mondstrahl! Ich allein in dieser schauerlichen Wüste! Wie ist mir?
Ich schwebe leicht weg, wie Nebel auf dem Fittich des Windes, sanft schweb' ich
hin, erhebe mich, sinke, nach dem leisesten Winke meines Willens. - Mein träger
Körper ist nicht mehr! - Ist das Träumen, so hab' ich noch nie in so hohem,
deutlichem Bewußtsein geträumt! Allmächtiger Gott! Nein, ich träume nicht - es
ist mein Erwachen zum ewigen Leben.1) Sie standen um mein Bette, die
Geliebten, und weinten. Ach, jetzt erinnere ich mich meines ganzen Lebens. Das
war also das hochgepriesene Erdenleben, das große Menschenglück! Wo sind sie
nun hingeschwunden, die holden Tage des Genusses, die frohen Stunden im Schoße
der Freude und Wohllebens. Meine durchlebten sechzig Jahre sind nur ein
Schattenspiel; alles ist hin, alles verschwunden, und nun stehe ich da im
unendlichen Leeren, auf dem großen entscheidenden Punkte meines Daseins; was
wird nun aus meinen zurückgelassenen Geliebten, nur zärtliche Rückerinnerung;
auch sie werden den Traum bald ausgeträumt haben! Ich überschaue mein Leben,
ich sehe eine ungeheure Menge Mängel und Gebrechen; dagegen ist des
vollbrachten Guten sehr wenig, und doch wohnt in meinem Innern tiefer Friede,
Friede der Wehmut. Vater der Geister, vollende meine Geliebten, und erbarme
dich mein! - Du wirst ja doch hier ebenso allgegenwärtig sein, als in dem
bunten, rauschenden Gebäude, das ich verlassen habe! - Wie einsam! - Ich muß
Wesen suchen, denen ich mich mitteilen kann; vielleicht finde ich sie dort in
der Gegend des ewigen Morgens! Ha, wie erquickend ist's hier! Stärkende
Kühlung, Maienluft säuselt aus diesem ewigen Osten; welch' ein sanftes Licht! -
Gott, ich werde verklärt! Ich fange an zu schimmern; mein Wesen zieht das Licht
an, ich ahne Seligkeit! Aber welche Menge wandelt dort unten im
Schattengefilde, am Fuße des Gebirges! Ich muß hin! Ohne Gesellschaft gibt's
keine Seligkeit.
(Er nähert sich
einem einsam für sich wandelnden Geiste.)
Friede sei mit dir,
mein Bruder! Wer bist du?
Pelon. Mein Name ist Pelon.
Ich bin mir selbst
verborgen,
Und kenne mich noch
nicht!
Doch dieses merk'
ich zwar,
Ich bin nicht wie
ich war.
Indessen fühl' ich
wohl.
Ich bin nicht, wie
ich soll.
Hanon. Dir fehlt nur die erste Zeile dieser
Strophe, sie heißt: "Erleucht mich, Herr, mein Licht!" 2)
Und siehe, wie dieses Licht über jene Schattenhügel herstrahlt!
Pelon. Mir ist's eben, als wenn mich das
Licht nichts anginge. Im sehe, daß es sich in dir spiegelt; du schimmerst wie
Silberflor durch einen weißen Nebel, oder wie ehemals der Vollmond durch
Lämmerwolken; aber sieh, wie dunkel ich bin!
Hanon. Was warst du denn im vergangenen
Leben? Entdecke dich mir, mein lieber Pelon!
Pelon. Ich war ein Arzt, meine Erziehung
war gut, ich begriff die Grundsätze der Religion. Nein, ich begriff sie nicht,
ich lernte sie nur, aber ich glaubte sie, und wandelte untadelhaft; nun kam ich
auf die hohe Schule, ich las Schriften, die mir das Ziel verrückten; kurz, ich
ward ein Zweifler, ich bin's noch.
Hanon. Woran zweifelst du denn?
Pelon. Erst an der Wahrheit der
christlichen Religion, nachher auch am Dasein Gottes. an der Unsterblichkeit
und an der Freiheit der menschlichen Handlungen; endlich ward ich ein
vollendeter Determinist! 3)
Hanon. Und an dem allen zweifelst du
noch? - Bist vielleicht auch jetzt noch ein Determinist?
Pelon. Ja, leider!
Hanon. Zweifelst du denn auch an der
Unsterblichkeit?
Pelon. Ja, ja, an der Unsterblichkeit.
Hanon. Aber du warst ja gestorben und
siehe, du lebst wieder!
Pelon. Weiß ich denn, wie lange auch
dieses Leben dauert? Sind wir der Vernichtung nicht näher gekommen, als wir im
vergangenen Leben waren? Was ist denn die Welt, worin wir jetzt sind? -
Ein bloßer Schatten; hier keimt kein Hälmchen unter unseren Füßen. Alles ist
schwarzgraues Dunkel, eine unaussprechliche Aussicht nach allen Seiten! Nenne,
was du willst, wenn es nur ein Etwas, eine Möglichkeit vom Etwas ist, so
findest du es hier nicht; hier würdest du den Schritt der Käsmilbe und das
Odemholen des Infusionstierchens hören, wenn's in dieser Welt lebte. Wie nahe
sind wir hier nicht der Vernichtung! Noch einen Schritt, und wir sind nicht
mehr.4)
Hanon. Armer Pelon ! Ich glaube und hoffe. dein Zweifel werde
sich bald in unaussprechliche und frohe Gewißheit auflösen. Blieb dir aber das
ewige und unveränderliche Gesetz der Liebe Gottes und des Nächsten immer
heilig?
Pelon. Ja, und ich suchte es nach allen
Kräften zu erfüllen.
Hanon. Du warst also tugendhaft? -
Würdest du dich also freuen, wenn die christliche Religion in ihrem ganzen
Umfange wahr wäre?
Pelon. Ja, unaussprechlich! 5)
Hanon. Pelon! Du fängst an zu schimmern!
Pelon. Großer Gott! Ich empfinde es, und
ich fühle das entfernte Wehen der Beruhigung! Ich ahne dunkel und harre des großen
Aufschlusses. Aber wer bist du denn?
Hanon. Ich heiße Hanon und war
Ratsherr in einer kleinen Stach; ich ernährte mich und die Meinigen durch einen
kleinen Kramhandel.
Pelon. Du hast also nie gezweifelt? .
Hanon. Nein! Ich hörte viel von Aufklärung
und von Büchern, aus denen man sie lernen könne; allein ich gab immer auf die
aufgeklärten Leute acht und da fand ich denn, daß sie weniger wußten als ich,
und auch viel weniger Gutes taten, als ein braver, gemeiner Mann, der nicht so
aufgeklärt war; mir fiel dann die große Wahrheit ein: ,.An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen!" 6)
Pelon. O Hanon, wie glücklich bist
du nun!
Hanon. Ich hoffe, wir werden beide selig
und glücklich werden. Aber bist du schon lange hier?
Pelon. Das weiß ich nicht; hier ist keine
Sonne, kein Mond, überhaupt kein Zeitmaß, folglich auch keine Zeit; wenn ich
aber nach der Menge meiner aufeinander folgenden inneren Vorstellungen urteilen
soll, so bin im schon eine geraume Zeit hier.
Hanon. Hast du dich denn noch nie dort dem
Lichte genähert?
Pelon. O ja, mehrmals, aber je
näher im komme, desto beängstigter werde ich; es wird mir als einem Lebenden,
der nicht mehr zu Odem kommen kann.
Hanon. Hast du denn noch nie in dieser
endlosen Weite umhergestreift?
Pelon. Ich habe mit der Schnelle des
Sturmwindes ungeheure Weiten durchstrichen; aber es ist allenthalben gerade so
wie hier; dort Gebirge, darüber sanftes Licht und vor dem Gebirge Millionen
Menschenseelen, die des Ausgangs harren!
Hanon. Sind denn, so lange du hier bist,
noch keine Menschenseelen aus dieser Dämmerung zum Licht hinübergegangen?
Pelon. O ja, sehr oft. Von Zeit zu
Zeit schweben von furchtbarer Majestät strahlende Fürsten vom Gebirge herüber;
diese sammeln ein Heer Menschengeister um sich und schwingen sich mit ihnen
hinüber. Viele werden auch in den endlosen Raum weggehaucht oder vielmehr
hingeblitzt; ein Schauspiel, das einem noch lebenden Erdensohne das Blut in den
Adern starren machen würde. Die meisten aber bleiben hier im Reiche der
Schatten und des Harrens.
Hanon. Du hast wohl viele Geister
gesprochen und manches von ihnen erfahren?
Pelon. O ja, doch weniger als man denken
sollte; ich habe mit mir selber so viel zu tun, daß ich mich um andere wenig
bekümmern kann, und so geht's hier wohl jedem.7)
Hanon. Gott, wir befinden uns hier auf
einem erstaunlich wichtigen und höchst merkwürdigen Standpunkte; was wird noch
aus uns werden? - Da nähert sich uns jemand. Sieh, Pelon, seine Gestalt wird
größer, er sieht schrecklich aus. Wer bist du?
Avith. Es kommt euch nicht zu, zu fragen,
wer ich bin.8)
Hanon. Verarmter Geist, du verbirgst dich
vergebens, der Hauch um dich her strömt Tod und Verwesung aus.
Avith (indem er sich zu einer ungeheuren
Größe ausdehnt.) Rede mit Achtung zu einem Manne, den sein Fürst über Tausende
gesetzt hatte, die er in seinem Namen regierte. 9)
Pelon. Der aber nicht mehr Achtung verdient,
als nach dem Verhältnisse, wie er regierte.
Avith (indem er sich schrecklich nähert,
aber in der Berührung wie von einem elektrischen Schlage getroffen.
zurückfährt.) So etwas darfst du mir sagen - mir - vor dessen Blick sich alles
voller Erfurcht beugte, wohin ich ihn nur wandte?
Hanon. Und den nun das bloße Berühren von
zwei gemeinen Menschengeistern zurückblitzt.
Avith. Ist das Gerechtigkeit? - Der Ewige
bestimmt durch seine Vorsehung Familien oder auch einzelne Männer zu Rang und
Ansehen; in ihrem Leben will er, daß sie die gemeinen Volksklassen an seiner Stelle
regieren sollen; nach dem Tode aber lohnt er ihnen dafür mit Qual und
Verachtung.
Hanon. Gewiß denen nicht, die, wie er,
mit Weisheit und Güte Millionen glücklich machten.
Pelon. Sieh, Hanon, wer fährt da
im Strahlengewande das Gebirge herab? .
Hanon. Großer Gott! - Welche Majestät! -
Möchte man doch gleich in den Staub kriechen und anbeten! - Welche armselige
Goldkäfer-Herrlichkeit war der höchste Glanz des Erdenlebens gegen diese! -
Sieh, unser Gesellschafter will sich entfernen, aber er klebt am Boden. er ist
wie gelähmt und kann nicht fort.
Pelon. Der Arme! Aber siehe, Hanon, den
Wolkenwagen des Lichtfürsten, blendend blaulicht-weiß, wie hellpoliertes
Silber, in dem sich ein sanfter, heiterer Morgenhimmel spiegelt, und untenher
wallender Purpur im goldenen Nebel. Sieh', wie er steht und einherzieht! Sein
Gewand ist ruhender Blitz. seine Haarlocken Abendgewölke, wenn die Sonne heiter
untergegangen. Sein Angesicht - seine ganze Person - O wie weit über jede
griechische Göttergestalt erhaben! Aber er nähert sich uns!
Hanon. Vater des Lichts, erbarme dich
unser!
Azuriel (zu Avith). Enthülle dich!
(Azuriel schwebt vor sie hin, er steht da in hoher Majestät
- und nachdem er alle drei mit himmlischer Güte angeblickt hat, und Avith sich
bestrebt zu entfliehen, aber nicht kann, fährt ein Lichtstrahl von Azuriel auf
den armen Geist, in welchem er zu einem kleinen Zwerg zusammenschrumpft.)
Pelon. Hanon, sieh' welch' eine blutige Rolle
sich aus ihm hin ins Leere entwickelt! Sieh', wie Flammenschrift über sie
hinlodert, als wenn sie mit Phosphorus beschrieben wäre. Gott, welche
Greueltaten mit lebendigen Farben gemalt! 10)
Hanon. O, wenn doch die Erdenkinder
einmal ein solches Schauspiel zu sehen bekämen! Gott sei uns gnädig!
Azuriel (schleudert einen Blitz auf Avith
und spricht): Fahre hin und leide Pein im ewigen Verderben, fern vom Angesicht
des Herrn und seiner herrlichen Macht!
Pelon. Sahst du, Hanon, in welch'
eine ungeheure Gestalt er verwandelt wurde, als er hinfuhr?
Hanon. Ich sah es, Pelon. Den
Anblick ertrüge kein Sterblicher.
Azuriel (zu Pelon). Enthülle dich! - Du
hast viel geliebt, Pelon; aber bloß um dein selbst, nicht um des Herrn willen.
Genieße den Lohn deiner Werke, aber den Erhabenen kannst du nicht
schauen.
Azuriel (zu Hanon). Enthülle dich!
Du hast viel geglaubt, aber weniger geliebt. Du wirst Ihn sehen und dich
freuen; doch mußt du dem Geringsten seiner Freunde dienen. 11)
Hanon. Herr, dein Urteil ist gerecht;
gern will im Türhüter sein, wenn ich Ihn nur sehe.
Pelon. Auch ich fühle, daß du recht
richtest; aber ach, werde ich denn nie zur Gewißheit kommen?
Azuriel. Du mußt von vorne anfangen zu
lernen, wie die Kinder, und dann wird sich's zeigen, ob das sanfte Licht der Weisheit
deine arme Finsternis erhellen kann. - Folgt mir zum Orte Eurer Bestimmung!
Hanon (auf der Höhe des Gebirges). Gott,
welch ein schöner Morgen, welch eine paradiesische Gegend! - Herr, hier ist's
gut sein.
Azuriel. Das ist das Reich des Unterrichts,
wo die früh gestorbenen Kinder und die gut gearteten Zweifler zum Dienste des
Reiches Gottes erzogen werden. Hier regieren lauter Männer, die in ihrem
Erdenleben sich durch vortreffliche Erziehungsanstalten verdient gemacht, und
die guten Hausmütter, die dort ihre Kinder zu guten Erd- und Himmelsbürgern
erzogen haben, glänzen hier in königlicher Herrlichkeit und setzen ihre
Lieblingsgeschäfte, aber in himmlischer Würde und Seligkeit, fort. Mancher arme
Dorfschulmeister herrscht hier die Ewigkeit über Millionen und mancher Salomo
in aller seiner Herrlichkeit ist nur ein Bettler gegen ihn.12)
Pelon. Ach, mein Herr, vielleicht werde
ich in diesem Reiche meinen Aufenthalt finden!
Azuriel. Ja, Pelon. Siehst du dort auf jenem fernen Hügel die rötlich schimmernde
Burg?
Pelon. Ja, mein Herr, ich sehe sie; so
eine prächtige Wohnung hatte nie ein Erdenkönig oder -Kaiser.
Azuriel. Dort regiert über diese Gegend ein
Freund von mir; wir waren ehemals Lehrer der Religion und Kollegen auf der Erde;
wir lebten schon damals in vertrauter Freundschaft.
Hanon und Pelon (zugleich). Wie,
- bist du auch ein Mensch gewesen?
Azuriel. Jawohl, meine Brüder. Wundert euch
das? - Der gute Mensch ist noch zu weit größeren Dingen bestimmt, als ihr mich
verrichten seht.13) Jetzt gehe hin, Pelon, zu meinem Freunde; der
wird dir sagen, was du tun sollst. Du aber, Hanon, folge mir weiter.
Hanon. Werd' ich dann hinter jenem
Gebirge die Quelle des Lichts sehen?
Azuriel. Jetzt sind wir auf der Höhe;
siehst du sie nun?
Hanon. Vor diesem Anblicke schwindet
jede Vorstellung von Herrlichkeit und man muß unsterblich sein, ihn zu
ertragen.
Azuriel. Und doch ist dies noch das
Anschauen des Herrn nicht, sondern nur der Abglanz seiner Wohnung.
Hanon. Und diese unendliche Weite voll
unaussprechlicher Schönheit. - Wer ahnet so etwas im armseligen Erdenleben?!
Azuriel. Hier ist das Reich des Lichts; im
Reiche der Herrlichkeit ist es noch weit schöner. Komm, Hanon, zu deiner
Bestimmung.
Die Nachfolgenden
Erläuterungen zu dieser "ersten Szene im Geisterreich" sind zum
größten Teil von Stilling selber nachgefügt. Nur einige wenige neue Hinweise
dienen dazu, dem Menschen von Heute das Geschilderte nahezubringen.
Wir sehen hier klar,
wie eine Seele ihren Eintritt in die Welt des Geistigen vollzieht. Sie tritt
-in diesem Falle -sofort nach dem erfolgten leiblichen Tod "hinüber".
Die allererste
Reaktion ist Schreck, ein wenig Furcht und ganz zaghaft das Gefühl. jetzt
anders geworden zu sein.
Allerdings kann
diese abgeschiedene Seele sehr kurz nach ihrem Austritt aus dem Körper die
jenseitige Daseinssphäre erfassen. Aber sie sehnt sich nach anderen. denen sie
sich mitteilen kann. Das Alleinsein in dieser unendlichen Weite bedrängt die
bisher auf Erden lebende doch noch.
Dieser Wunsch
erfüllt sich sofort. Die ihr Begegnende allerdings kann sich ebenfalls - sofort
- von ihr - als der christlich Bewußteren - führen lassen. Diese .erste
Hilfeleistung im Jenseits, weist dem anderen Ich den Weg und zwar zu Beginn nur
durch die Vollendung eines Gesangverses, den die schon im Jenseits befindliche
Seele nicht voll erfaßt hat.
Daraus ist zu
entnehmen, daß wir mit dem verstandesgemäßen Auswendiglernen von Gesängen, Gebeten
und den Lehren unseres Heilandes das Rüstwerk für die Jenseitswelt erhalten.
Hier ist ein Schlüssel zum Reiche Gottes.
1) Dieses bekannte
Kirchenlied: Erleucht mich, Herr, mein Licht etc. hat der gottselige Prediger in
Duisburg Theodorus Untereyk, im Anfange des verflossenen Jahrhunderts
verfertigt; es schildert den Zustand einer Seele, die in den Wehen der neuen
Geburt gepreßt wird, vortrefflich.
Seltsam muten uns
die aus dem Hebräischen übernommenen Namen der Geister an. Stilling erklärt es
folgendermaßen:
2) Um alle
Mißdeutungen zu vermeiden, die bei diesem Buche so leicht möglich sind. wählte
ich hebräische Namen. Ich habe durchaus nirgends Personen, sondern nur Sachen
im Auge.
Das nun
stattfindende Gespräch zwischen den bei den entkörperten Seelen zeigt
seltsamerweise, daß der Hinzugekommene mehr als der schon hier Lebende weiß.
Wiederum ein Beweis, daß wir Menschen so von hinnen gehen. wie wir hier gelebt
haben. Es dürfte für uns zum Ansporn werden, doch mehr von der Lehre des
Christentums in unserem Denken aufzunehmen und durchzuarbeiten.
Es ist interessant,
daß StiIling, der doch selber Arzt - und zwar ein bekannter Staroperateur -
gewesen ist, dem Arzt die Rolle des Zweiflers zuschiebt. Und noch etwas: das, was
er nun den Geistern in den Mund legt, ist es nicht auch heute noch oft die
Folge unserer Zweifelsucht, daß wir - abgefallen vom rechten Christenglauben
-nichts besseres haben, ohne uns zu der rechten Erkenntnis zurückwenden zu
können?
Hier also ist Stillings
Gedankenweise schon nicht mehr "zeitgemäß". Sie ist so wenig
zeitbedingt gewesen, daß sie nun für uns - nach über 200 Jahren - verständlich
und aufschlußreich werden kann, wenn wir "Ohren haben, um damit zu
hören".
3) Dies ist der Weg,
den die Vernunft im Forschen geht, wenn sie die Quelle der Wahrheit in sich
selbst und in der sinnlichen Natur sucht; sie kann aber auch nicht anders,
solange sie den Fall Adams und ihre daher entstehende eigene Verdorbenheit
nicht kennt. Wäre das menschliche Geschlecht noch in seinem anerschaffenen
Zustande, so wäre dies der einzige Weg zur Wahrheit, sie fände alsdann Gott,
Unsterblichkeit und Freiheit in sich selbst, jetzt findet sie das Gegenteil.
4) Man merke hier wohl
die Sprache des Zweiflers! - Sein Charakter besteht nun einmal darinnen. daß er
zweifelt - auch dann noch zweifelt, wenn er schon sieht und hört: denn er
könnte ja getäuscht werden. Nur der wahre Glaube unterscheidet das Gewisse und
Ungewisse, er allein weiß, was wahr und was falsch ist. Es ist ein Glück für
Pelon, daß er nicht gern zweifelte.
Es ist seltsam, daß
Stilling bei den ersten Regungen der erwachenden Seele Pelons sagt, daß sein
verklärter Leib nun "zu schimmern beginnt, daß er fühlt wie Etwas in ihm
anders, schöner und befreiter wird."
Ebenfalls ist der
Gedanke tröstlich, daß nicht die Gelehrten, sondern vielleicht noch mehr die
"unverbildeten" im Reiche Gottes die Wissenden sein können, wenn sie
im Geiste und Gebote des Herrn genau so zu handeln vermochten, wie Hanon.
5) Bei dieser Stelle
bitte ich jeden Zweifler, Neologen und christlichen Nicht-Christen ernstlich
und herzlich sich zu prüfen und sich selbst gewissenhaft ebenso zu fragen; kann
er mit voller Überzeugung mit Pelon ja sagen, so ist noch Hoffnung für ihn,
findet er aber das Gegenteil, so erbarme sich seiner die ewige Liebe, sonst ist
er unausbleiblich verloren.
6) Ach. wenn doch
alle Rezensenten der Menschen und der Bücher bei dem Prüfen auf diesen Punkt
merkten. Da muß doch wahrlich Wahrheit sein, wo man die Früchte der Wahrheit
mit eigenen Augen sieht.
Und jetzt wird Pelon
zum Wegweiser für den Neuhinzugekommenen. Unendlich aufschlußreich aber ist das
Hinzukommen von Avith und das sich entwickelnde Gespräch, in dem der Leser lernen
kann, wie der Mensch die irdischen Güter einsetzen muß, um über ihnen der
himmlischen teilhaftig werden zu können.
7) Im Hades hört die
Neugierde auf - da sehnt sich jeder nach seiner Bestimmung -der Fromme möchte
gern über die Berge hinüber, und der Gottlose schaudert im Warten der Dinge,
die da kommen sollen. An Naturstudium der Geisterwelt wird selten gedacht.
8) Man bemerke hier
den wahren Charakter des Satans.
9) Möchten sich doch
viele Statthalter, Minister und Beamte an dem Schicksale des armen Aviths
spiegeln, und den Adel- und Dienststolz nicht mit hinüber in die Ewigkeit
nehmen - dort gilt er nichts!
Welches der hier
niedergeschriebenen Worte entspräche wohl nicht in irgendeiner Form unserem
heutigen Denken und Streben?
10) Ach hätte doch
mancher Volksquäler in diese Flammenschrift schauen können, indessen, was würde
es helfen? - Der Satan wird durch Furcht und Schrecken nicht gebessert, sondern
Demut und Liebe sind die Mittel zur Erlösung aller gefallenen Geister.
Auch unsere
Generation wird einmal das ernten, was sie gesäet hat in Unglauben, Verblendung
und dem bewußten Abwenden von dem Erlöser. Warum also fragen wir Menschen so
oft "Warum?"
11) Hatte doch auch
Hanon vorhin von Früchten geredet, an denen man den Christen erkennen müsse.
Einem reichen Manne wirds schwer, die Mittel zu treffen, und es ist übel, wenn
Gott über seine Wohltaten Buch hält - hier hatte Hanon einigermaßen gefehlt.
Alles verlassen und ihm nachfolgen, ist noch immer das Sicherste. - Aber,
lieber Gott! Für den Reichen ist das ein schweres Stück Arbeit, darum kommts
auch so leicht mit ihnen zum Darben und so schwer zum Aufnehmen in die ewigen
Hütten.
Gilt dies nicht
besonders für die Eltern. Wieviele Eltern, die allzu jung die Pflicht, eine
Seele zurück zu Gott führen, auf sich nahmen, sind selbst noch so erde
gebunden, so sinnenweltlich denkend, daß es für sie unmöglich ist, ein
Kind im rechten Glauben, mit dem Hinblick auf das ewige und nicht zeitliche
Dasein zu lenken.
12) Prüfe dich,
Erzieher oder Erzieherin, für wen du erziehst? - Für Christum? - Für die Welt?
- Für deine Ehre und für deinen Beutel? - Horche scharf auf die leise Stimme
des Gewissens, so kannst du schon ahnen, was dir einst der richtende Heilige
sagen wird.
Heilige? Sollten wir
nicht alle nur noch dahinstreben, einmal so geheilt von den Versuchungen des
Erdenlebens zu sein, daß wir als Geheilte vom Erbfluch, Heilige werden durften?
18) Dies gründet
sich auf die Verheißung, daß die Heiligen die Welt richten werden.
Zweite Szene.
(Im Reiche des
Unterrichts oder im Kinderreiche.)
Timeus, Zalmon,
]eriel, Alima und Zuriel.
Timeus. So schön
auch dieses Land ist, so bietet es doch dem Naturforscher keine Gelegenheit dar,
seine Kenntnisse zu erweitern. Ich möchte mir so gerne in den Nebenstunden ein
Mineralkabinett sammeln, aber dazu komm ich nicht. Meint ihr denn, ich hätte
bisher eine Spur von Metallen oder Steinarten gefunden? - Wenn ich zuweilen
etwas Besonderes entdeckt zu haben glaubte, so verschwindet es mir in der Hand
und vergeht wie ein Nebel, bevor ich seinen Charakter nach Kronstädt oder Kirchwan
untersuchen kann.
Zalmon. Gerade
so geht's mir mit den Pflanzen; Hier kenne ich nicht eine einzige. Ich habe das
ganze Linnesche System durchdacht und alles, was ich hier sah, damit
verglichen; allein das paßt alles nicht; und was noch das Verdrießlichste ist,
immer blühen neue Arten hervor - will man eine Pflanze beobachten und man
besieht sie, um einige Charakterzüge an ihr zu bemerken, und man kommt nach
einiger Zeit wieder auf die Stelle, so ist eine ganz andere da; oft breche ich
eine Blume ab, aber sie verdampft mir in der Hand, sie scheint ein geistiges,
mit Empfindung begabtes Wesen zu sein; ans Aufbewahren ist hier nicht zu
denken. O, es ist schade, denn die Schönheit der Farben und der Gestalten geht
über alle Vorstellung!
Alima. Ach, ich
bin noch weit übler daran; so lange ich hier bin, habe ich Insekten gesucht, aber
nicht ein Käferchen, kein Würmchen, nicht einmal einen Schmetterling habe ich
gefunden. Oft sehe ich aus Lichtfarben gebildete Wesen über die Fluren
hinziehen, die bald auf einer Blume ruhen, bald safranfarbene Wölkchen um sich
her sammeln und dann sanft in die Höhe steigen und wieder sinken, als wenn sie
ihrem Schöpfer ein Fest feierten; aber an das Fangen ist nicht zu denken; was
würde es mir aber auch helfen? Spiritus vini hat man hier nicht, und wer weiß,
ob sich diese Tiere darin aufbewahren lassen?
Timeus. Es geht
uns dreien auf einerlei Weise. In meinem ehemaligen Leben dachte ich mir die
Sache ganz anders; ich glaubte, es sei Menschenpflicht, die Werke des Schöpfers
und aus diesen Ihn selbst kennen zu lernen; und da doch alle Geschöpfe einen Nutzen
haben, so stelle ich mir vor, es sei gut, dessen Nutzen zu erforschen, um damit
dem Nebenmenschen dienen zu können.2)
Zalmon. Gerade
das waren auch meine Gedanken. Zudem glaubte ich immer, die Kenntnisse, die man
auf der untersten Stufe des Daseins sammelte, würden für alle kommenden Äonen
Grundkenntnisse bleiben, auf die man alle folgenden bauen könne.
Alima. Ich
stellte mir das Nämliche vor; ich glaubte, alle Geschöpfe auf der Erde seien
ebenfalls auf der ersten Stufe, sie würden ihrem Grundwesen nach bleiben und
nur auf jeder Stufe vollkommener werden. Dann behauptete ich immer: der Mensch
sei in Ewigkeit und auf allen Stufen bestimmt, die Werke Gottes zu erforschen
und sich in seinen Wundern zu erfreuen.3)
]eriel. Ich habe
euer Gespräch gehört, meine Brüder, und es tut mir leid, daß ihr eure Seligkeit
nicht empfindet; so geht's aber, wenn man Nebenzwecke zu Hauptzwecken macht.
Sagt mir doch einmal, welches ist der Hauptzweck eures ganzen Daseins?
Timeus. Ewige
und immer steigende Glückseligkeit.
]eriel. Sollte
das wahr sein? - Fühlen wir nicht, daß das Grundgesetz der Liebe unserem
Wesen unzertrennlich eingeschaffen ist, welches darin besteht, zur
Vervollkommnung aller Wesen, aller Bürger des Reiches Gottes, zu wirken? Jeder
prüfe sich tief, so wird er die Forderung seiner ganzen Natur an alle seine
Kräfte finden: "Was du wünschest, das dir andere tun sollen, das tue
ihnen!"
Zalmon. So hab' ich mir die Sache auch
immer vorgestellt; der Mensch hat die Pflicht, sich und andere zu
vervollkommnen, das ist sein Endzweck; daß nun Vergnügen und Glückseligkeit
damit verbunden ist, ist ein freies Gnadengeschenk des Schöpfers; nun glaubte
ich aber, in der Untersuchung der Natur bestünde eben die Vervollkommnung des
Menschen.4)
Timeus. Das ist
alles ganz richtig; mich dünkt aber, es laufe auf eins hinaus: sich
vervollkommnen, um glücklich zu werden, oder: Glückseligkeit zu suchen, um sich
zu vervollkommnen.
]eriel. Nein,
mein lieber Timeus, der Unterschied ist erstaunlich groß: Wir sollen uns, wenn
wir die Sache genau nehmen, so wie sie in unserem Wesen liegt, nicht einmal deswegen
vervollkommnen, um glückselig zu werden, sondern weil es unsere
wesentliche Pflicht ist; der Glückseligkeitstrieb ist uns unvollkommenen
Geschöpfen bloß deswegen gegeben, um uns beständig zu jener
hohen Bestimmung anzutreiben; je vollkommener wir aber werden, desto weniger
darf das Vergnügen der Beweggrund unseres Wirkens sein; dieser ist immer tiefes
Gefühl unserer Pflicht. Je niedriger die Stufe ist, auf welcher wir uns
befinden, desto niedriger und unlauter ist auch unser Vergnügen oder der
Zustand unseres Vergnügens, nämlich die Glückseligkeit. Wenn wir nun auf jeder
Stufe das ihr eigene Glück zum Zweck machen, so geht auch unsere
Vervollkommnung nicht weiter, sie schränkt sich dann bloß auf den Zustand
ein, und im folgenden sind wir nicht zu Hause. Wir bleiben also auf der
untersten Stufe stehen und erreichen unsere Bestimmung nicht. Seht, meine
Brüder, das ist gerade euer Fall. Ihr machet auf der ersten Stufe die
Naturforschung, weil sie euch Vergnügen brachte, zum Zweck, und die immer
wachsende Fähigkeit, dieses Vergnügen zu genießen, hieß euch Vervollkommnung;
nun habt ihr euch auf die vergangene Periode isoliert und seid also hier arm
und nicht zu Hause.5)
Timeus. Gott, ich
fühle tief, und die Erfahrung überzeugt mich, daß du recht hast; aber was
hätten wir tun sollen?
Jeriel. Studium
der menschlichen Natur, und daraus hergeleitete gründliche Kenntnis aller
Mittel zu ihrer wahren Vervollkommnung, wozu dann auch allerdings eine
zweckmäßige Untersuchung der Naturprodukte und ihrer Kräfte gehört, und dann
Einsicht in die beste Methode; diese Mittel in jedem Falle und ununterbrochen
anzuwenden, dies ist die wahre Wissenschaft, die Jeder in seinem
Fache verstehen und dann unablässig anwenden muß. Wer die Menschheit und
ihre immer steigende Veredlung zum Zweck seines Wissens und Wirkens macht, der
findet seinen Gegenstand auf jeder Stufe wieder, und immer wird dann die ihn
umgebende Natur passend sein. Hättet ihr also in eurem vergangenen Leben den
Menschen zum Zweck eurem Naturforschung gemacht, so würde er auch hier euer
Zweck sein; ihr würdet also auch jetzt erst seinen gegenwärtigen Zustand
ergründen, seine Eigenschaften und Bedürfnisse erkennen, und dann würdet ihr
mit staunendem Vergnügen bemerken, wie zweckmäßig und wie reich auch diese
gegenwärtige himmlische Natur an allen Befriedigungsmitteln seiner Bedürfnisse
auf dieser zweiten Stufe ist. Ihr würdet also auch hier eine sinnliche
Glückseligkeit genießen, die um ebensoviel erhabener sein würde, als dieses
Leben und die Natur über die vergangene erhabener ist; aber auch diese
Glückseligkeit dürfte wieder nicht Zweck sein, sonst würdet ihr auf der
folgenden Stufe abermals verarmen. Es ist unbedingte Pflicht zur Erfüllung unserer
Bestimmung, daß wir alles nicht um Eigennutzes, sondern um der Liebe Gottes willen
tun; denn man liebt Gott, wenn man sein uns angeschaffenes Gesetz nicht um des
Vergnügens willen, sondern aus Pflicht erfüllt.
Zalmon. Das alles
leuchtet mir nun vollkommen ein, und jeder muß es besonders in der Lage
empfinden, in der wir jetzt sind. Aber sage uns, Freund, wie ist denn uns zu
helfen? - Wären wir noch in unserem vergangenen Leben, so wüßte ich den
Weg wohl: wir müßten alsdann freiwillig unsere Anhänglichkeit an die Natur, die
nicht mit uns ins andere Leben übergeht, verleugnen, und unserer
Seele die gehörige Richtung geben; aber alles das ist nun nicht mehr möglich!
]eriel. Gott,
die ewige Liebe, hat auf jeder Stufe Mittel, seine verirrten Menschen wieder zurecht
zu bringen; aber je weiter sie fortrücken, desto schwerer wird es. Dort schwebt
unser Fürst Zuriel auf uns zu, der wird euch offenbaren, was ihr zu tun
habt.
Zuriel. Dein
Urteil, mein Bruder ]eriel, ist wahr; der Erhabene hat es gehört
und dich zum Fürsten über ein großes Volk gesetzt; gehe in meine Wohnung, dort
wirst du an den Tafeln im Tempel deine Bestimmung lesen. Ihr aber, Timeus,
Zalmon und Alima, werdet von eurem Lichtgewande entkleidet, und
solange über das Gebirge gegen abend ins Schattenreich verwiesen, bis eure
Seelen ganz von ihrer Anhänglichkeit an die irdische Natur durch Hunger und
Mangel gereinigt und ihr fähig geworden seid, hier eure Bestimmung zu erfüllen.
Ihr habt nun aus Erfahrung gelernt, daß der bloße gute Wille nicht allein selig
macht.6) Entfernt euch!
Timeus (im
Schattenreiche). Gott, meine Brüder, wie arm sind wir nun! Gar keine Natur,
ewiges Dunkel, Totenstille um uns her! - Sagt, was sollen wir tun, um bald aus
dieser schrecklichen Einöde wieder erlöst zu werden?
Zalmon. Hier
pflanz' ich mich hin und weiche nicht von der Stelle; dann will ich den ganzen
Vorrat meiner Ideen, Kenntnisse und Begriffe von meiner Geburt an bis in den
Tod einzeln, eins nach dem andern vornehmen und jedes, wie ein Unkraut,
auswurzeln und vor meinem Angesichte verdorren lassen, bis ich wieder so leer
werde, als da ich auf die Welt kam.
Alima. Das ist
gewiß der beste Rat für uns alle drei.
Timeus. Das
glaub' ich auch. Laßt uns daher dem Lichte so nahe rücken als wirs aushalten
können, so werden wir jede von unseren Vorstellungen desto deutlicher
erkennen; und da auch dies Unkraut das Licht und die Wärme des Himmels nicht
ertragen kann, so wird es desto leichter verdorren und verwesen.
Hierzu schreibt Stilling:
1) Bei dieser Szene habe ich
keineswegs den Zweck, das Studium der Naturgeschichte zu tadeln, sondern nur
den übermäßigen Hang zu dieser Wissenschaft zu rügen, wodurch mancher verleitet
wird, ihr seine ganze Existenz zu widmen.
Gerade diese Szene ist für unser
Jahrhundert recht wichtig, denn mehr als jemals vorher wird das
Verstandesdenken, das Forschen und Beweisen höher gestellt, als das Glauben und
Vertrauen in die allmächtige Kraft des lebendigen Gottes. Wie sehr gerade
täuschen wir uns über den Gedanken an das Kommende hinweg, indem wir unsere
Gedanken, unsere Verstandeskräfte nur noch für das Greif- und Faßbare
einsetzen.
Und dies dürfte nicht sein, auch
wenn die Menschen die gleiche Frage wie hier folgt stellen:
2) Aber geschah dies denn, guter
Timeus? So täuschen sich die meisten gutgesinnten Männer dieser Art.
Ja, wir täuschen uns und stellen
die Täuschungen, die der Verstand diktiert, allmählich höher als das
"Ahnen unserer Seele". Darum müssen auch wir noch Stillings folgende
Worte auf uns beziehen:
3) Guter Gott, wenn doch die
Menschen die so nahe liegende Wahrheit erkennen könnten. Laßt die ewigliebende
Erlösungsgnade erst euer Herz heiligen, und dann erforscht die Natur. So werdet
ihr die gefundenen Kenntnisse auch gehörig zu benutzen wissen.
Wollen wir?
Nicht immer und auch dann nur
recht mangelhaft, aber
4) Die Vervollkommnung des
Menschen fängt mit dem Willen an, dieser wählt dann hernach diejenige Klasse
von Kenntnissen, die seine wahre Vervollkommnung am meisten befördern, und das
sind immer solche, die am stärksten aufs allgemeine Beste wirken.
Wie wenig suchen und finden wir in
unserem „allzu aufgeklärten Zeitalter" noch wirklich „Vergnügen" an
dem Streben zu Gott und zur seelischen Vollendung. Und nicht nur, daß Menschen,
die in dieser Weise leben möchten verlacht werden, man feindet sie auch an, sie
haben oft berufliche und materielle Schwierigkeiten aller Art durchzufechten,
wenn sie sich offen und freimütig zum Christentum in seiner wahren Gestalt
bekennen. Und doch liegt
5) diese so streng scheinende, so oft
bestrittene und doch ewig wahre Lehre, in dem Hauptpostulat: Wirke Gutes, nicht
um deines Vergnügens willen, sondern genieße so viel Vergnügen, als dir zum
Guteswirken nötig und nützlich ist.
Wer nun in sich zur Klarheit gekommen ist, versteht aber auch
das ewig Gesetzmäßige mehr und mehr. Er sagt sich, daß
6) dieses streng erscheinende Urteil in der Natur der Sache
gegründet ist: es muß durchaus dahin kommen. daß nur die erleuchtete Vernunft
den Willen beherrscht. solang er noch irgend einer Lust, die nicht jener
Vernunft, oder, welches eins ist - dem Gewissen, untergeordnet ist, zu Gebote
steht, solange ist man noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. Erst muß der
Wille das Gute ernstlich wollen; damit die Vernunft erleuchtet werden könne,
wenn dies geschehen ist, dann regiert sie den geheiligten Willen.
Wenn
man bedenkt, daß dies vor zirka 200 Jahren geschrieben ist. muß man erneut
einsehen, daß es unvergängliche Wahrheiten gibt, die nicht zeit- und
modegebunden sind. Und man erkennt, wie sehr es an der Zeit ist, sich mit dem
künftigen Leben auseinanderzusetzen, um nicht durch die Irrungen und Wirrungen
des falsch geschulten Denkens behindert zu sein.
Dritte
Szene.
(Im
Reiche des Lichts.)
Aramia. Nun schaue um dich her, mein
Bruder Jahdiel (dieses ist dein neuer Name). -Siehe die weite Gegend, so
fern dein Auge trägt. - Sie ist dein neues Fürstentum. Die lasurnen Gebirge
dort im weiten Kreise sind seine Grenzen. Siehe alle die sanften Hügel und flachen
Täler mit allen Lufthainen und Gefilden. - Sind nicht alle Lichtfarben der
vergangenen Natur Finsternis gegen diese Herrlichkeit? Was war der Smaragd im
Glanze der Sonne gegen diese grünende Natur? - Brillanten und hellpoliertes
Silber hingesät, sind bloße Schatten gegen jenen Lebensstrom, der sich dort
zwischen den Palmwäldern hinschmiegt, alle Juwelen im Glanze des schönsten
Morgens waren nichts gegen die Blumengefilde, über welche du nun hinschwebst,
ohne daß sich die zarteste Blume unter deinem Fußtritte beugt. Sind hier nicht
die unabsehbaren Alleen von lauter Lebensbäumen, in allen labyrinthischen
Gängen, lauter Tempel voller Schauer des Heiligtums, und ihr Grün schimmert wie
im flüssigen Golde! Und dieses ganze weite Gefilde durch und durch bewohnt und
benützt von vielen tausenden deiner ehemaligen Mitbrüder, von denen du viele
kennen wirst - alle gute und Menschen, deren Vervollkommnung nur von deiner
weisen Gesetzgebung abhängt. Dort auf dem erhabensten Hügel ruht deine Burg!
-Wie glänzt sie in den Strahlen der Herrlichkeit Gottes! - dort ragt deines
Tempels Zinne über alles empor, - über dem Altar wirst du saphirne Tafeln
schweben sehen, auf welchen du immer den Willen des Erhabenen mit
goldenen Lichtfarben ausgedruckt lesen und deine Gesetzgebung darnach
einrichten wirst. Wie du glänzest! Du strahlst ja unaussprechlich einher,
steigst und sinkst! -Du feierst dem Ewigen, und ich feiere auch!
Jahdiel. Für meine Empfindung hat die
Ewigkeit keine Worte, darum spricht mein ganzes Wesen demutsvolle Feier! Aber
sieh', du Verklärter, - sieh' jene Herrlichkeit, die uns hier die Sonne
tausendfach ersetzt, ihr Licht ist lauter Wahrheit, die ich ehemals glaubte,
und ihre Wärme ist lauter Güte, die ich ehemals liebte. Wie unaussprechlich!
Ich sehe im weiten Kreise die Stadt Gottes und auf ihrer Höhe die Wohnung des
Erhabenen, eine ganze Welt voller Urschönheit! Ach, werde ich das alles nicht
in der Nähe - nicht Ihn, den Unaussprechlichen, selbst sehen? -
Aramia. Ja, du wirst Ihn - und in seiner
Wohnung - oft sehen; - es gibt Zustände (Zeiten darf man hier nicht sagen), in
denen du vor Ihm erscheinen darfst; ein solcher Zustand ist das Höchste, was
ein endliches Wesen empfinden, aber auch ertragen kann.
Jahdiel. Wenn doch die armen Sterblichen
das alles wüßten.
Aramia. Wenn sie's wüßten, so könnten
sie's nicht erwerben. Nur durch den ahnungsvollen Glaubenskampf werden
sie fähig, das Reich zu erringen, das ihnen bereitet ist von Anbeginn der Welt.
Glaube und Liebe sind die bei den Adlersflügel, mit denen sich der arme
Staubbewohner hierher schwingen kann. Aber komm, Jahdiel - komm zu
deiner Wohnung, ich will dich begleiten.
Jahdiel (in seiner Wohnung). Die Größe der
Pracht, die Bequemlichkeit zu allem, was ich hier zu wirken habe, geht über
allen Begriff; das alles ist keine tote Materie, lauter Geist, Licht und Leben;
alles verändert sich unaufhörlich, durch alle Farben des Lichts; solch eine
geistvolle Harmonie der Urschönheit hat nie ein Sterblicher auch nur von ferne
geahnet! Aber wo ist mein Begleiter? Hätte er doch noch einen Augenblick hier
verweilt, um ihm meine hohen Empfindungen mitzuteilen! -Allein ich bin nicht
hier, um bloß zu genießen, nein, ich muß Gutes wirken - ich will hin in den
Tempel - und dort auf der saphirnen Tafel den Befehl des Herrn lesen. (Im
Tempel.) Gott, welche schauerliche Majestät! - Dort steht ja mein Begleiter, er
winkt mir, er verwandelt seine Gestalt! Allmächtiger Gott! Meine Elise, - mein
treues Weib!
Aramia (in himmlischer Umarmung.) Mein
Geliebter, nunmehr mein Jahdiel, und ich deine ewig unzertrennliche
Aramia!
Jahdiel. Großer Gott, wie bist du so
verklärt und verherrlicht!
Nunmehr kann ich
dich erst recht: mein Engel nennen. Siehst du nun, daß ich dir oft die Wahrheit
gesagt habe: du werdest mich dereinst in der Seligkeit übertreffen?
Aramia. Sag' das nicht, mein Freund. Deine
Herrlichkeit ist groß; nun blicke dorthin zum Licht und Recht, sieh', wie es
strahlt!
Jahdiel. Ich lese: Gehe hin und
erhöhe Seligkeiten durch dein Dasein!
Aramia. Das verstehe ich, mein Freund!
Komm!
(Beide schweben, Hand in Hand durch einen hohen Säulengang,
der wie hellpolierter Jaspis schimmert, zu einem großen Saal, dessen
kristallene Türen sich von selbst öffnen.)
Jahdiel. Wer sind diese unaussprechlich
schönen Engel, die da auf uns zueilen?
Aramia. Das sind unsere Kinder, Jahdiel,
die vor uns überwunden haben.
Jahdiel. Wäre ich nicht unsterblich, ich
verginge vor Freuden.
Die Engel. Erhöhet ist die Herrlichkeit des Erhabenen
über deinem Haupte, Vater, hier sind deine Kinder.
(Stumme, himmlische Umarmung und Feier.)
Jahdiel. Ich trinke Ströme voll Seligkeit!
-Kinder, ihr seid vollkommene Jünglinge und Jungfrauen, wer hat euch erzogen?
Die Engel. Wir waren bis jetzt im Kinderreiche,
wo wir unter der Aufsicht deiner Mutter, unserer Großmutter, zu nützlichen
Bürgern des Reiches Gottes gebildet worden sind; nun rief uns unsere Mutter ab,
und führte uns in deine Wohnung; hier, sagte sie, werdet ihr den Vater sehen,
denn er kommt aus dem Lande der Sterblichkeit, und hat überwunden, hier sollt
ihr bei ihm wohnen.
Aramia (öffnet noch eine große, weite,
strahlende Halle.) Tritt auch hier herein, hier siehe deine frommen Vorfahren,
sie kommen alle, dich zu umarmen, empfange die Herrlichen alle, sie werden
deine Ratgeber sein.
(Stumme himmlische Umarmung.)
Alle. Wie unaussprechlich ist das, was
Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben! - Wir gehen in Seinen Tempel, Ihm ein
geheiligtes Halleluja zu feiern.
Dieses Kapitel enthüllt dem Leser die
Notwendigkeit der christlichen Lehre. Wir müssen uns über die wahren
Eigenschaften des Gottessohnes klar sein, um hier auf Erden und dereinst dort
in der "Ewigkeit eingeweiht zu sein. Stillings Auffassung
von der belebenden Kraft des Heilands, die Er auf uns übertragen möchte, drückt
sich sehr erkenntnisreich in den folgenden Worten aus:
"Christus ist die Sonne der Geisterwelt, ihr Licht ist
die Wahrheit, ihre Wärme, die Liebe, das Organ für das Licht ist der Glaube, und
für diese Wärme das Herz."
Wäre es deshalb nicht - gerade für
uns - die höchste Zeit, Einkehr zu halten? Unsere Seele so zu bereinigen, daß
wir wenigstens die Wahrheit über das Jenseits, seine vielen Stufen und
Abstufungen ertragen können? Damit, daß wir das göttliche Land verstandlich bis
ins letzte erfassen wollen, ist es nicht getan, hier kann letzten Endes nur der
bedingungslose Glaube helfen, denn allein durch den Glauben gelangen wir zu der
echten Verbindung, werden wir nicht von dunklen Zwischenmächten gefangen
gehalten und dürfen die Herrlichkeit des Vaters schauen.
Wir wissen doch:
"Der Zustand des reinen
Herzens ist derjenige, in dem man Gott schaut." Darum sind und bleiben die "selig, die nicht
sehen und doch glauben." Joh. 20, 29.
Es ist aber nicht nur der Eintritt in
die reine Jenseitswelt, die sich diesem Entkörperten öffnet. Etwas uns Menschen
noch köstlicher Erscheinendes ist die zu erwartende Vereinigung mit unseren
Lieben. Dies dürfte sogar wenig gläubigen Menschen, ja sogar einem ausgesprochenen
Materialisten begehrenswert und - glaubwürdig erscheinen, denn es gibt wohl
keinen Lebenden, der nicht eine Seele hat, mit der er einmal im Jenseits
vereint sein möchte, mit der zusammen er - für sich und sie -eine Wohnung im
Hause des allgütigen Vaters ersehnt.
Vierte
Szene.
Adriel
und Mahlon (im
Reiche des Lichts).
Adriel. Du weißt doch, daß ich im Reiche
der Finsternis gewesen bin?
Mahlon. Ich hörte, daß ein gewisser Ilai
von dort ins Kinderreich übergeführt worden, vielleicht bist du sein Führer
gewesen?
Adriel. Ja, und ich freute mich des
Auftrages unaussprechlich, denn ich kannte ihn in seinem Erdenleben, und seine
Verdammnis, so gerecht sie auch war, betrübte mich sehr.
Mahlon. Erzähle mir doch seine Geschichte,
mein Bruder!
Adriel. Sehr gerne. Die Gerechtigkeit des
Allerhöchsten und seine unaussprechliche Liebe wird unsere Freude erhöhen und
wir werden uns durch diese Erzählung eine hohe und heilige Feier bereiten. Siehe,
wie dort ein Kreis himmelhoher Bäume purpurne Schatten über ein blumichtes Grün
hinstreut? Dort ruhen wir so lange und ich erzähle.
Mahlon. Hier ist's schauerlich schön,
ernste Stille um uns her, lieber Adriel Ich bin aufmerksam.
Adriel. Ilai war der Sohn eines frommen
Bürgers zu Wallental; seine Eltern erzogen ihn nach der gewöhnlichen Art; er
wurde in Schulen und Kirchen zur Erkenntnis der Religion geleitet; in seinem
väterlichen Hause sah er das gute Beispiel eines christlichen Wandels, und jede
Unart wurde durch Warnen, Ermahnen und Bestrafen bekämpft.
Mahlon. Dein Ausdruck: nach der
gewöhlichen Art, scheint mir doch zu sagen, daß es bei den Eltern am
ernstlichen Ringen, Wachen und Beten für ihr Kind gefehlt haben mag.
Adriel. Du hast recht geurteilt, Lieber,
es blieb bei der gewöhnlichen christlichen Erziehung; daher wuchs bei
dem Knaben das Unkraut stärker als der Weizen, so wie er größer wurde, so nahm
auch die Menge seiner sinnlichen Bedürfnisse zu. Zuweilen hatte er wohl fromme
Anwandlungen von Rückkehr, von Besserung und Ernst, recht gut und fromm zu
werden; allein bei der ersten Gelegenheit zum Genuß schwanden alle diese
hinweg. Er wurde also immer sinnlicher, immer entfernter von unserer
himmlischen Natur, ohne deswegen nach dem Begriffe der Menschen lasterhaft zu
sein; sie hielten ihn im Gegenteil für einen braven, ordentlichen und ehrlichen
Mann.1)
Mahlon. Bei meinen Gesandtschaften auf die
Erde habe ich bemerkt, daß es der Menschen von dieser Gesinnung am meisten
gibt; und daher kommt auch eben die starke Bevölkerung des Reichs der
Finsternis: denn wie kann ein solches Wesen zur Bürgerschaft des Reiches Gottes
geschickt sein.2)
Adriel. Du hast recht, Mahlon, so hab'
ich's auch gefunden. Das Leben des Ilai floß so wie gewöhnlich dahin, er war
ein guter Bürger, ein Hausvater ohne Menschentadel und ein äußerlicher Freund
der Religionsgebräuche; er tat nichts namhaft Böses, aber auch ebensowenig
wirklich Gutes, und der Vorsätze zur wahren Besserung wurden immer weniger. Endlich
rückte die Zeit seines Abschieds heran; er bekam die Auszehrung und merkte
bald, daß seine Stunde nun nahe sei: jetzt nahm er seine Zuflucht zu seinem
Religionslehrer; anstatt daß nun dieser Mann noch jetzt auf die gründliche
Erkenntnis der Beschaffenheit seiner sittlichen Natur und ihrer gänzlichen
Unfähigkeit zum Reiche Gottes hätte dringen und ihn zur wahren Selbsterkenntnis
hätte führen sollen, wodurch der unüberwindliche Vorsatz würde entstanden sein,
von nun an seinem erhabenen Zweck gemäß zu leben, der ihn dann auch wenigstens
auf die Grenzen des Kinderreichs gebracht und nach und nach weitergeführt haben
würde; statt dessen wies er ihn auf die überschwengliche Genugtuung des Leidens
und Sterbens des Welterlösers.3)
Mahlon. Gott, wie mancher geht doch durch
den so übel angewandten Begriff des größten, wichtigsten und herrlichsten aller
Geheimnisse verloren!
Adriel. Ja wohl. und es ist erschrecklich,
daß gerade diejenigen, die die Lehre von der Versöhnung predigen und anwenden
sollen, so selten selbst die Wahrheit erkennen! Viele glauben und lehren zu
viel, viele zu wenig, und nur einzelne göttlich gesinnte Männer treffen das
Ziel; indessen gehen die armen Menschen verloren. Die Wege des Erhabenen sind
unerforschlich; aber immer fallen mir die Worte unseres Freundes, des hohen
Sehers ein, die er ehemals sagte:
Wenn er seine
Seele wird zum Schuldopfer gegeben haben, so soll er Samen säen, in die Länge
leben, und des Herrn Wohlgefallen wird durch seine Hände von statten gehen.4)
Jes. 53. Vers 10.
Sie werden noch
errettet werden, die armen Menschen, unsere Brüder! - Unserem Ilai kamen
indessen die armseligen Tröstungen des Geistlichen sehr erquickend vor, denn so
kostete ihn das Seligwerden keine Mühe; er freute sich also auf die nahe
Vollendung und auf die überschwengliche Seligkeit, in welcher er schwelgen
wollte; seine Äußerungen wurden für sehr erbaulich ausgeschrien, die Nachbarn
kamen an sein Bette, um Sterben zu lernen; der Prediger gab das alles für
Wirkungen des Verdienstes Christi aus, und so wurden die elenden Mißbegriffe
von der gesegneten Menschenerlösung immer mehr befestigt. Wenn nur solche
unnützen Knechte des Erhabenen, die dem hohen Amte ihrer Bestimmung so schlecht
vorstehen, wüßten, welch ein schreckliches Gericht auf sie wartet.5)
- Ilai starb und erschien im Schattenreiche; hier konnte er sich nun gar nicht
finden, er fühlte das Heimweh nach dem, was er auf ewig verlassen hatte, mit
unaussprechlichem Jammer, denn das ganze Wesen seines Geistes war auf die
verlorenen sinnlichen Gegenstände und ihren Genuß isoliert; nur der einzige
Trost blieb übrig: er würde im Himmel noch weit größere Vergnügen wiederfinden;
an Wirken und Tätigkeit dachte er nicht, die Liebe zum allgemeinen Besten hatte
nie in seinem Herzen gekeimt, viel weniger Wurzel geschlagen. Hier mußte er
eine geraume Zeit warten, bis sich sein Geist geordnet und wieder eine feste
Existenz angenommen hatte. Nun trug sich's zu, daß ich vom Erhabenen den
Auftrag bekam, im Schattenreiche Gericht zu halten, dort fand ich den Ilai, unter
andern auch fähig und bestimmt; er wurde also enthüllt, und in seiner ganzen
Lebensrolle war nicht ein einziges Samenkörnchen, das in unsern Boden gesäet
werden konnte, keine einzige Tat, die himmlischen Ursprungs, himmlischer Natur
war; - die bloße, nackte, aber mit keiner einzigen guten Handlung befruchtete
Liebe zum Erlöser, war ihm noch kurz vor seinem Tode wesentlich geworden;
dieser Magnet blieb ihm also, und dieser war stark genug, um ihn dereinst zu
uns herüberziehen zu können; jetzt aber mußte erst jede sinnliche Neigung durch
lange und schwere Leiden ausgetilgt und sein Geist in den Kinderstand
zurückgeführt werden, folglich wurde er ins Reich der Finsternis verwiesen.6)
Kennst du auch die Beschaffenheit der Hölle und ihrer drei Reiche, lieber Mahlon?
Mahlon. Nein, mein Bruder, ich bin noch
nicht lange verklärt, meine Verrichtungen waren bloß auf unsere drei Reiche und
auf die Erde eingeschränkt; vermutlich bin ich auch noch nicht stark genug, in
jene schrecklichen Gegenden versandt zu werden. Aber darf ich dich bitten,
lieber Adriel, mir die Hölle zu beschreiben?
Adriel. Gerne will ich dir den furchtbaren
Aufenthalt schildern, und wir werden dann den demütigsten und innigsten Dank
dem Erhabenen feiern, der uns bewahret und in diese seligen Wohnungen
geführt hat.
Mahlon. Mein ganzes Dasein ist aufmerksam.
Adriel. Die Erde wurde vor ihrem
gegenwärtigen Zustande auch von Menschen bewohnt; die ganze Oberfläche
derselben war vollkommener, und der menschliche Körper nach dem gewöhnlichen Laufe
der Natur unsterblich; alles war dem himmlischen Urbilde näher wie jetzt. Der
Stammvater dieses Geschlechts war König aller seiner Nachkommen, und das
Gesetz, wonach er regieren sollte, wie immer, kein anderes als das Gesetz der
Liebe oder des allgemeinen Besten. Lange herrschte dieser König unter dem
Einflusse des Herrn und die Vervollkommnung und Beglückung aller seiner Kinder
und seiner selbst stieg mit jeder Periode immer höher. Endlich fing dieser
Fürst an, seinen Glanz und seine Herrlichkeit stärker und lebhafter zu
empfinden, als seine Pflicht gegen seinen Schöpfer, und jetzt begann er
eigenmächtig zu regieren; er machte sich selbst zum Gott, setzte das Gesetz des
eigenen Besten an die Stelle des allgemeinen, und nun folgte natürlich, daß
aller Einfluß vom Herrn aufhören mußte: die göttliche Wahrheit und die
göttliche Liebe, die dem allgemeinen Besten wesentlich sind, hörten also
auf der Erde auf, und dagegen wirkten die unzertrennlichen Eigenschaften der
Eigenliebe, Falschheit und Grimm, unaufhaltsam allenthalben.
Jetzt war der Jammer unaussprechlich. - Jeder suchte nur sein eigenes Glück,
nicht sein eigenes Bestes, denn das ist vom allgemeinen ganz
unzertrennlich, folglich wollte jeder befehlen, aber nicht gehorchen, jeder
wollte frei, das ist gesetzlos sein, aber jeden andern unter seine
eigenen Gesetze zwingen; es war also nicht anders möglich, als daß ein Regiment
entstehen mußte, das sich bloß auf die Macht des Stärkeren und nicht auf
Vernunft und Liebe oder auf Wahrheit und Güte gründete; mit einem Wort: es
entstand das höchste Ideal des Despotismus. Nun denke dir Unsterblichkeit und
den hohen Grad der Vernunft - oder vielmehr Verstandes-Vollkommenheit noch
dazu, verbinde das alles nun noch mit so lang gestiegenen Kräften und
vermehrten Wirkungsmitteln: so ist dein Begriff von der höllischen
Staatsverfassung vollendet.7)
Mahlon. Ich durchschaue all' den Jammer
vollkommen.
Adriel. Der Erhabene ließ diese
Rotte so lange toben, bis es die irdische Natur nicht mehr aushalten konnte,
und nun war´s Zeit, ihnen eine Wohnung zu bereiten, die sich genau zu ihrer
Verfassung schickte, und diese Wohnung ist die Hölle. Auf der Erde
fingen die Elemente an, in Unordnung zu geraten; Feuer und Wasser, Erdbeben und
Sturmwinde, alles tobte so fürchterlich untereinander, daß der ganze Planet
zerrüttet wurde und die ganze Oberfläche im Wasser unterging; in diesem Tumult
wurden auch alle menschlichen Körper zerstört und jeder Geist behielt nur die
feinere Hülle übrig, die nun je nach den herrschenden Leidenschaften auch eine
Figur annahm, so daß die schrecklichsten Gestalten aller Art entstanden und
einer dem andern vollends zum Schrecken und Abscheu wurde. So erschien die
ungeheure Menge im Schattenreiche; dem Thronfolger Michael wurde der Befehl
erteilt, sie zu richten; sie wurden in alle ihren Greueln bloßgestellt und dann
in den Abgrund weggeblitzt. Nachher bekam ihr König aus weisen Ursachen die
Erlaubnis, seine ehemalige Wohnung nebst den Seinigen, so oft er wollte, zu
besuchen; wie sehr er diese Erlaubnis benützt hat, das lehrt die Geschichte der
Menschheit, und das große Geheimnis der Versöhnung wird in seiner Vollendung
zeigen, wie sehr auch das zum allgemeinen Besten diente. Welche Mittel
aber im Abgrund der göttlichen Weisheit und Liebe noch verborgen liegen, um
auch endlich die Millionen verarmter Geister zu retten (denn gerettet werden
sie gewiß), das wird die große Zukunft entwickeln und uns allen eine reiche
Quelle unnennbarer Seligkeit sein.8)
Mahlon. Es stehen uns also noch große
Dinge bevor, lieber Adriel, wir wollen sie immer in Demut
erwarten und den Herrn verherrlichen.
Adriel. Das ist unsere Pflicht. Die
fürchterliche Wohnung jenes verworfenen Geschlechts liegt auf der Abendseite
des Schattenreiches und besteht ebenso, wie der Himmel, aus drei Regionen; die
erste heißt: das Reich des Jammers; die zweite: das Reich der
Finsternis, und die dritte: das Reich des Feuers.
Wenn man nun im
Schattenreich sein Angesicht vom Licht ab gegen Abend richtet, und dann den Zug
dorthin beginnt, so kommt man endlich so weit, daß das Licht des Himmels ganz
verschwindet, dagegen entdeckt man vor sich in großer Ferne, ganz niedrig über
dem Horizonte, einen dunkelroten Streifen, der sich zur Linken und Rechten sehr
weithin erstreckt; er hat das Ansehen wie Eisen, das eben anfängt zu glühen,
und durch einen schwarzen Raum schimmert. Sowie man näher kommt, sieht man ein
zackiges, schroffes Gebirge, welches sich nach beiden Seiten in ungeheure Weite
ausdehnt. Vor diesem Gebirge ist ein ödes Tal, in welchem eine unzählbare Menge
armer Geister in schrecklicher Unruhe wie lauter schwarze Schatten
durcheinander schwärmt. Die ganze Gegend wird über das Gebirge her ebenso
erhellt, wie die fernen Gefilde von einer Feuersbrunst in der Nacht. Von Zeit
zu Zeit kommen die Fürsten der Hölle in Riesengröße, aber mit der
schrecklichsten Verzerrung der menschlichen Figur, so daß alle Glieder, je nach
den herrschenden Leidenschaften, etwas Ungeheures an sich haben, in eine
Glutwolke gekleidet, über das Gebirge herüber, wo sie alsdann die zur
Verdammnis reif gewordenen Geister aussondern, und mit allem Grimme des
Despotismus vor sich hin über die Gebirge jagen, und jedem die ihm zukommende
Region und Stelle anweisen. Sowie man sich über das Gebirge hinschwingt. sieht
man in der tiefsten Ferne abermals ein weit und breit sich erstreckendes, noch
weit höheres und schrofferes Gebirge, über welchem die schrecklichste Glut bis
hoch hinauf in die ewige Nacht tobt. Es sieht aus, wie wenn Flammen in die
Finsternis bohrten, um sich Luft zu machen, und man hört in tiefster Feme ein
dumpfes Gebrülle, wie von tausend Donnern, wovon die Grundfeste der Hölle
zittert. Die ganze Region, die man jetzt übersieht, ist das Reich des
Jammers; die ganze Fläche besteht aus lauter verworren durcheinander
liegenden ungeheuren Felsmassen, um welche sich enge tiefe Täler hinwinden;
hier entdeckt man nirgends etwas Grünes, sondern alles, was hin und wieder
einzeln hervorkeimt, sieht aus wie der Tod und Verwesung, und der Boden
erscheint wie ein schwarzer Grieß und Asche. Die hierher verwiesenen Geister
wohnen in den weiten und geräumigen Höhlen, welche von den Felsenmassen
gebildet werden 9).
Mahlon. Das ist wohl ein jammervoller
Aufenthalt; aber womit beschäftigen sich diese Geister?
Adriel. Jeder beschäftigt sich je nach
seinen Neigungen und Leidenschaften; sie suchen sich in dieser schrecklichen
Einöde dasjenige beständig wieder zu verschaffen, was sie im Leben besessen und
genossen haben; viele bestreben sich, schöne Paläste zu bauen, und wenn das
jämmerliche Ding fertig ist, so stürzt es ihnen über dem Kopfe zusammen; andere
suchen Gärten anzulegen,und in der Hölle ein Paradies zu pflanzen, indem sie
die einzelnen giftigen Gewächse zusammen ordnen; allein die Ausdünstung dieser
Greuel betäubt sie, und wenn sie sich umsehen, so ist alles wieder Graus
und Ruin. Noch andere suchen Gesellschaft, in welcher sie sich vom vergangenen
Genuß unterhalten; viele geraten darüber in die traurigste Verzweiflung, so daß
sie ins unendliche Leere hinstürzen, und manchmal so lange herumirren, bis sie
von ihren Fürsten wieder herbeigegeißelt werden; andere erhitzen sich
gegeneinander mit einem solchen Grimm, daß sie fürchterlich kämpfen, bis sie
endlich, von einem Stärkeren gezüchtiget, wieder in ihre Höhle zurückkehren.
Nichts aber ist schändlicher und schrecklicher, als wenn ein männlicher und
weiblicher Geist sich gegeneinander zur Wollust erhitzen, und dann in der
höchsten Glut der Leidenschaft auf einmal einer dem andern in der
abscheulichsten Drachengestalt erscheint; mit dem schrecklichsten
Wehklagen fahren sie dann ohne den geringsten Genuß aus der Umarmung zurück und
fliehen von einander, so weit sie können. Mit einem Worte, des mannigfaltigen
Jammers ist kein Ende. 10)
Mahlon. Werden denn die Geister aus diesem
Reiche nicht versetzt; oder kommen wohl auch zu Zeiten Bewohner der übrigen
Reiche in dieses erste?
Adriel. Über dieses alles will ich dir
vollkommenen Aufschluß geben. Du weißt nun, daß die Hölle in ihren drei
Abteilungen keinen andern Zweck hat, als die Geister, die sich durch gelinde
Mittel in ihrem Erdenleben nicht wollten zu ihrer Bestimmung leiten lassen,
hier durch immer schärfere nach und nach dahin zu bringen, daß sie endlich ihre
wahre Richtung zur Vervollkommnung und Beglückung nehmen. Da aber hier alle
sinnlichen Vergnügungen gänzlich aufhören, so finden sie auch für ihre
Begierden und Leidenschaften keine Nahrung mehr; es kommt also bloß darauf an,
daß sie ihre Leidenschaften verleugnen und töten, und den unüberwindlichen
Willen fassen, von nun an zum allgemeinen Besten zu wirken. Sobald sie nur
anfangen, diesem Willen gemäß zu handeln, sich unter alle verdammten Geister zu
demütigen, jedem zu gehorchen, so lange er nichts Böses befiehlt, und
allenthalben Gutes stiften: so hört der Stachel des Todes auf zu wüten, und der
Einfluß vom Herrn beginnt in dem Verhältnis ins Innerste des Geistes zu wirken,
in welchem der Wille zur Wahrheit steht. Sanftmut und Liebe überwinden Satan
und Hölle.11) An Mitteln zu dieser Erkenntnis fehlt es auch
dort nicht, doch ist die Wiederkehr immer unendlich schwerer als im ersten
Leben, und wehe dem, der sie bis hieher spart. So wie nun ein Geist auf seiner
Rückkehr im Guten zunimmt, so wird auch seine Gestalt wieder regelmäßiger und
menschlicher, und die Gewalt des Mächtigen in der Hölle über ihn wird immer
geringer; er kann sich also aus dem dritten Reiche ins zweite, und so wie er
zunimmt, ins erste begeben; früher oder später wird ihm dann vom Erhabenen ein
Engel zugeschickt, der ihn stärkt, unterrichtet und schleuniger befördert, und
wenn er die wahre Kindereigenschaft erlangt hat, so wird er vollends durchs
Schattenreich hinüber ins Kinderreich geführt.
Mahlon. Einem solchen Geiste muß bei
seiner Ankunft im Himmel unaussprechlich zu Mute sein. Aber erzähle mir doch
weiter, mein Bruder, wie die andern Reiche beschaffen sind.
Adriel. Hinter dem zweiten Gebirge liegt
das Reich der Finsternis; hier ist die Gegend noch weit schrecklicher!
Ungeheure Felsenmassen liegen übereinander her, und bilden fürchterliche Höhlen
und Schlünde, in denen Riesengestalten, deren fürchterlicher Anblick einen
Sterblichen schon töten würde, umherstürmen und sich untereinander
verfolgen; alles zittert und bebt beständig, und allenthalben droht Einsturz.
Hier sieht man nun auch Satans eiserne Wohnung; tief über dem Horizont
glüht schrecklich in der Ferne eine Feuerwelt, die weit um sich her mit
krachendem Donner in die endlose Nacht blitzt; in der Mitte dieses Kreises
erscheint eine dunkle Ausdehnung wie rotglühendes Eisen, die mit einer großen
Stadt ausgefüllt ist, welche gerade so aussieht, als wenn sie durch eine
Feuersbrunst ruiniert wäre. Unter diesem Weltruin hinter der dritten
Gebirgsreihe befindet sich das Feuerreich. Hier geht nun die Wut und Zerstörung
über allen Begriff! Das Ganze besteht wieder aus ungeheuren Felsmassen, die
aber in einem wallenden Meere, wie Inseln umher zerstreut liegen; dieses Meer
scheint wie schmelzendes Pech und Schwefel und wird unaufhörlich durch Blitze
aus jenem Weltruin brennend erhalten. Hier sind nun die Geistergestalten am
abscheulichsten, und ihr Gewühl und Getose geht über alle Vorstellung.
Mahlon. Schrecklich, schrecklich! Aber
welche Arten von Sündern werden wohl vorzüglich in diesen schrecklichen Ort
verwiesen?
Adriel. Nur wenige kommen gleich nach
ihrem Tode in das Feuerreich; bloß die Christushasser, und dann auch
alle, die mit Wissen und Willen und beharrlich zum allgemeinen Schaden, und
zwar in hohem Grade gewirkt haben, werden gleich nach ihrem Abschiede aus der
Welt hierher verbannt 12), die meisten kommen aus den übrigen
Höllenreichen nach und nach hieher; denn wenn sich ein Geist in den ersten
Graden der Zucht nicht bessert, sondern immer boshafter wird, wie dies sehr
häufig geschieht, so gerät er schließlich auf diese letzte Stufe, wo nun die
äußersten Mittel, die ein endlicher Geist ertragen kann, angewendet werden, ihn
zur Rückkehr zu bringen.
Mahlon. Wo fandest du aber den armen
Ilai, und wie fandest du ihn?
Adriel. Nachdem ihm jeder Versuch, irgend eine
gewohnte Leidenschaft zu befriedigen, mißlungen war, er auch keine Kraft der
Bosheit hatte, um wie andere Höllenbewohner, Pläne aller Art zu entwerfen und
auszuführen, so wurde er ein allgemeiner Gegenstand des Spottes und der
Verachtung; aber es wurden auch keine gewaltigen Pläne gegen ihn gemacht,
folglich war keine Gelegenheit für ihn da, alle seine Leidenschaften in ihrer
Hitze zu erhöhen, oder sich in der Bosheit zu vervollkommnen; im Gegenteil, sie
verloschen allmählich und wurden immer schwächer; so wie dies geschah, wuchs
die Liebe zum Erlöser und das Verlangen nach seinem Reiche. Endlich, als er nun
von allem Eigenen entblößt war, wurde ich beauftragt, ihn abzuholen. Er war wie
ein Träumender, als ich ihn herüber führte, und für seine Empfindungen gibt es
keine Worte.
Mahlon. Das glaub' ich; den Ilai will ich
kennen lernen.
"Eine Hölle, bevölkert mit
kleinen und großen Teufeln und Luzifer, dem abgefallenen Engel als Oberhaupt,
ist für den aufgeklärten Menschen von heute etwas Unvorstellbares."
Viele Menschen haben diese Ansicht
und halten den Glauben an einen höllischen Zustand für das
"Abschreckungsmittel", das die Kirche einsetzte, um ihre Macht über
die Seelen aufrecht zu halten.
Warum aber soll sich im göttlichen
Reiche eine auf Erden ungesühnte Schuld nicht rächen?
Ist es glaubhaft, daß der große
Schöpfer des Universums keine Gerechtigkeit in Form einer ewigen
Gerichtsbarkeit ausübt?
Wenn wir Menschen uns schon ein
Gericht schalten mußten, um den niedersten Instinkten und Triebhaftigkeiten des
Menschen Einhalt zu gebieten, wieviel mehr wird Gott, der Herr, der alle
Schwächen und Fehler sieht, danach trachten, die wilden Schößlinge unserer
Seele zu beseitigen. Aber - - Er betrachtet diesen "Zustand
der Seele" nicht als Strafe, sondern als Läuterungsprozeß im "Ofen
der Leiden und Trübsal".
Stilling selbst nennt dieses Kapitel
von der Hölle:
"Die wichtigste Erzählung im
ganzen Buch."
Das ist wahr, denn es paßt für jede
Zeit, es ist für alle bisherigen Entwicklungsstadien des Menschengeschlechtes
zutreffend.
Auch das kann man sich gut
vorstellen, daß viele Menschen dort hinkommen, von denen wir es niemals
dachten, wie Stilling wiederum erklärt:
1) Heere von Menschen, die alle nach
dem Tode als brave, rechtschaffene Leute selig gepriesen werden, und es gewiß
nicht sind, befinden sich in dieser Lage. Ach Gott es ist traurig, daß die
Prediger so gar oft an der nämlichen Seuche krank sind, und daher nicht warnen
können.
Wenn er auch die Prediger nicht
ausnimmt, so beweist das wirklich, wie gewaltig die Erbsünde in uns lebt, wie
wenig Kraft wir immer noch besitzen, um Herr über diese Schwäche zu werden.
Selbstverständlich aber dürfen wir - als Menschen - uns niemals an Hand dieses
Buches eine Kritik an anderen erlauben:
2) Dies darf man nur im Himmel sagen,
aber beileibe auf Erden nicht auf gewisse Menschen anwenden, damit man dem
Allerhöchsten nicht in sein Richteramt falle und sich selbst ein schweres
Urteil bereite.
Im Mittelalter war - ganz im
Gegensatz zu heute - der Glaube an die Hölle etwas Selbstverständliches.
Natürlich übersteigerte sich damals das Denken der Menschen oft in dieser
Hinsicht, ohne einen reellen Nutzen für die Seele gewinnen zu können.
In dem Übersteigern einer Richtung
besteht die Gefahr, daß der Mensch sich nun verliert, daß er sich
"einseitig" ausrichtet. In jedem Zuviel liegt eben schon das Zuwenig,
denn alles Übersteigerte ist nicht gesund und deshalb zu umgehen, wie Stilling
ganz richtig bemerkt.
3) Dies Extrem kommt nun aus der Mode; man neigt sich zu dem andern,
weit schlimmeren, nach welchem es mit dem Seligwerden nicht so genau genommen
wird. Die schreckliche Erfahrung wird sie eines andern belehren - Das Anweisen
auf die Genugtuung des Erlösers findet dann erst statt, wenn eine gründliche
Erkenntnis des natürlichen Verderbens, und wahre Bekehrung vorangegangen ist.
Dann aber ist es auch das einzige Mittel zum Weiterforthelfen.
Wenn er seine Seele wird zum
Schuldopfer gegeben haben, so soll er Samen säen, in die Länge leben, und des
Herrn Wohlgefallen wird durch seine Hände von statten gehen. Jes 53, Vers 10.
4)Man hat diesen Spruch in dieser
Verbindung nicht recht verstehen können, hier will ich also meinen Sinn darüber
erklären: des Herrn - des Jehovah Wohlgefallen, ist die
Errettung und Seligkeit aller Menschen; dieser Zweck soll durch die
Ewigkeiten dadurch allmählich erreicht werden; denn dadurch, daß der Messias
das große Opfer opferte, erwarb Er sich den Segen, daß Er ewig leben, und in
Ewigkeit sich seiner Tränensaat freuen soll, weil Opfer nie aufhört,
unglückselige Menschen zu retten, solange es deren noch gibt. Daß dieser Spruch
im Munde des Propheten diesen Sinn hatte, behaupte ich nicht; und ebensowenig
soll er zum Beweise der Wiederbringung aller Dinge dienen,
sondern ich wollte ihn nur dieser Materie anpassen - und das darf im deswegen,
weil es die Evangelisten und Apostel mit Stellen aus dem alten Testamente oft
so gemacht haben.
5) Das Trösten auf das Verdienst
Christi kommt nun immer mehr aus der Mode; und man geht nun leider zum andern
Extrem über, und das taugt noch weniger. Daß doch die Menschen so selten den
Mittelweg finden können! Es ist unchristlich und durchaus nicht erlaubt, jemand
nach seinem Tode für verdammt zu erklären, aber man hüte sich auch, einen
Menschen, um einiger guten Äußerungen auf dem Totenbette willen, für selig zu
halten! - Ach Gott, es gehört mehr dazu! -
Es gehört vor allen Dingen der Glaube
des denkenden Menschen dazu. Wir können heute nicht mehr ohne Nachdenken eine
Schwäche in uns überwinden. Die Zeit des Kinderglaubens ist vergangen, denn die
Menschheit ist durch die übermäßige Verstandestätigkeit in eine neue
Entwicklungsära gekommen. Sie muß selbst kämpfen, aber bei aller bewußten
Einsetzung eigener Seelenkräfte niemals vergessen, daß das Letzte doch nur durch
die Liebe Christi vollendet werden kann.
6) Die Erlösung durch Christum
schafft dem bußfertigen Sünder Vergebung; damit darf er sich aber nicht
beruhigen, sondern er muß sich durch sie heiligen lassen. - Denn ohne sie kann
niemand selig werden.
Daß jeder Mensch indessen von anderen
beeinflußt, ja, geradezu befruchtet werden kann und - sicherlich nach
göttlichem Ratschluß auch soll - sieht man daraus, daß auch Stilling erklärt,
er habe manche Vorstellungen seines inneren Erlebens über die jenseitige Welt
durch die Anregung anderer - zum Beispiel Jakob Böhmes - gehabt. - So führt er
in bezug auf seine Höllenschilderung an, daß
7) diese Hypothese nicht neu ist, ich
habe sie dem Jakob Böhme abgeborgt, sie erklärt den Ursprung des Satans und
seines Reichs, seinen Haß gegen das menschliche Geschlecht und seine Begierde.
Beherrscher der Erde zu sein, vortrefflich. Hätte der Herr dem menschlichen
Geschlechte nicht aus Gnade den Tod geschenkt und die herrliche Erlösungsarbeit
getroffen, so wäre es abermals zu einem Höllenreiche gereift.
8) Soll das Böse so ewig sein wie
Gott? - Das sei ferne! - Die ewige Liebe wird endlich alles besiegen und dann
wird Gott Alles in Allem sein. Wen dieser Satz sicher machen kann, der ist
nicht geschickt zum Reiche Gottes.
Immer tiefer aber führt der Verfasser
den Leser jetzt in die Schrecken des höllischen Zustandes ein, um eine
Warnungstafel für das erdhafte Leben aufzustellen. Er erklärt aber
gleichzeitig, wieviel in dem hier Gesagten symbolisch gemeint ist.
9) Diese grausenhafte Schilderung ist
bloß figürlich, ungefähr so, wie sie sich auch die bösen Geister und verdammten
Seelen vorstellen. An jenem großen Tage der Vergeltung bekommen sie auch eine
materielle Hölle. Jetzt hausen sie im Dunstkreise der Erde.
10) Daß den Verdammten ebensowohl
ihre Werke nachfolgen, als den Seligen, ist in der Natur der Offenbarung
gegründet. Man kann sich diesem Zustand einigermaßen durch die Delirieren eines
leidenschaftlichen Menschen im hitzigen Fieber begreiflich machen, immer von
neuem verweist er dann auf die Liebe, die größer ist als Welt.
11) Eben dadurch überwand auch
Christus. Er wurde dergestalt mißhandelt, nur göttliche Geduld und Sanftmut
fähig war, nicht Fluch und Verdammnis über die Bösewichter von Gott zu erbitten,
sondern an deren Stelle für sie zu flehen. Dies lähmte Satan und sein ganzes
Reich.
An dieser Stelle ist eine Offenbarung
ausgesprochen, die doch wirklich trostvoll für alle Menschen ist. Wenn wir also
lernen, die selbstlose Liebe in uns zu erwecken, dürfen wir sicher sein, daß
Gott die scheidende Seele von den fürchterlichsten aller Qualen, der ewigen
Verdammnis, befreit.
Wir brauchen uns nur bemühen, denn
.."Christus nimmt die Sünder an - - aus Gnade!" Von dem Moment
an, wo wir nicht nur erkennen, sondern bewußt streben aber wird - wie Stilling
sagt:
"Diese Vorstellung von dem
Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt und sinnlich und materiell realisiert
wird" unwirksam für unsere Seelen geworden sein. Sie haben sich im
Leben vom Bösen abgewandt und sind im Tode frei. Aber genau
12) so wie unter den Frommen in den
letzten Zeiten die letzten die ersten sein sollen, so wird das auch bei den
Verdammten der nämliche Fall sein. Denn so, wie die Bosheit wächst, so wächst
auch der Grad der Verdammnis. Wer in den Feuersee gehört, das finden wir
Offenbarung Joh. 21. 8. -Die Hölle? - tragen wir sie nicht in uns, wenn Haß,
Rachsucht, Neid und Zorn zu den Herrschern unseres Lebens wurden? Der Mensch,
der nicht vergeben will, der gegen seine Feinde hetzt und intrigiert
unterstellt sich dem Zustand, wie Stilling ihn in diesem Kapitel beschreibt.
Welcher Denkende aber legt sich selbst den "Strick um den Hals", wenn
er - nur durch ein wenig "umschalten in seinem Ich - ein unvergängliches
Glück erlangen kann.
F ü n f t e S z e n e.
Uriel, Hanniel und Delaja.
Hanniel.
Wo gehst du hin, Uriel? -Du hast ja
dein Strahlenkleid abgelegt und die Wolkenhülle angezogen.
Uriel. Im gehe hinab zur Erde, um einen edlen Geist abzuholen, der
sich jetzt aus seiner irdischen Schale loswindet.
Hanniel.
Ach, wenn ich mitgehen dürfte!
Uriel, Geh' in deinen Tempel und frage den Herrn.
Hanniel (geht ab, kommt bald wieder auch in eine lichte Wolke
gekleidet.) Ja, Bruder Uriel, ich darf mitgehen, aber wer ist denn der
glückliche Sterbliche, den der Herr deiner Gesandtschaft würdiget?
Uriel, Er ist ein armer Taglöhner und heißt Delaja.1)
Hanniel.
Der Glaube dieses Mannes muß
sehr groß sein, da er so wenig hat wirken können; willst du mir nicht seine
Geschichte erzählen?
Uriel. Von Herzen gerne! Er ist der einzige Sohn einer armen Witwe;
als Kind mußte er seine Nahrung vor den Türen suchen, und seine Mutter, die an
einer langwierigen Krankheit darnieder lag, mit dem, was er zusammenbettelte,
ernähren. Einstmals kam er auch, ganz mit Lumpen bedeckt, zu einem Geistlichen,
von dem er etwas für seine kranke Mutter forderte; der Mann traute ihm nicht
recht, er gab ihm etwas und fragte ihn, ob er denn auch seiner Mutter brächte,
was er bekäme? Der Knabe weinte und sagte: Wenn ich das nicht täte, so könnte
mich ja unser Herrgott auf der Stelle strafen. Der Prediger fuhr fort:
Fürchtest du denn den lieben Gott? Ja, versetzte der Knabe, ich fürchte ihn
nicht bloß, ich liebe ihn auch. Der Prediger: Aber wie kannst du denn Gott
lieben, da er dir so wenig gibt und du so bitteren Mangel leiden mußt? Der
Knabe: Ich ging einmal an der Kirche vorbei, da ich keine anständigen Kleider
habe, stellte ich mich hinter die Türe und hörte dem Prediger zu; der erzählte
gar schön was für große Herrlichkeiten die Armen dermaleinst in Seligkeit zu
erwarten hätten, wenn sie sich hier im Leben recht fromm aufführten; und dann
sagte er auch: daß der Herr Christus selbst arm gewesen wäre, und
daß er die Armen vorzüglich lieb hätte; das freute mich so sehr, daß ich Gott
für Armut dankte und mir fest vornahm, so fromm zu sein, als es mir nur immer
möglich wäre, und dann den Herrn Christus von Herzen wieder so lieb zu
haben, und so zu leben, wie er gelebt hat. Dem Prediger gingen die Augen über,
er erkundigte sich, wo seine Mutter sich aufhielt, und versprach, sie bald zu
besuchen. Dies geschah nun auch schon des andern Tages, die arme Frau wohnte in
einer einsamen Hütte allein; der fromme Mann schlich herbei, stellte sich an
ein Fenster, um unbemerkt zu sehen, was vorging, und ich schwebte
unsichtbar über der hohen Dulderin, um ihr himmlische Lüfte in ihrem
Todeskampfe zuzuwehen; denn ich war ebenfalls abgeschickt, sie im
Triumphe heimzuholen. Jetzt kniete nun der kleine Knabe am Bette und betete;
noch einmal erholte sich seine Mutter. sie richtete einen Blick zum Herrn; du
kennst diese Blicke, Hanniel! - So betet der Seraph - sie haben Allgewalt und
werden immer erhört; nun hielt ich mich nicht mehr, ich ergriff den Geist, riß
die noch wenigen schwachen Bande los, und im Hinflug gab ich dem braven Manne,
der nun hereineilte, ungesehen einen Bruderkuß, der ihm durch Mark und Bein
drang, und dem Knaben strömte Feuer und Geist in seine Seele.2)
Hanniel.
In solchen Fällen fühlt man am
stärksten, daß man Engel ist. Aber was wurde aus dem Knaben?
Uriel. Der Prediger sorgte für ihn, daß er bei einem Bauern in
Dienst kam, um das Vieh zu hüten; hier wurde er auch so viel zur Schule
gehalten, daß er die notwendigsten Kenntnisse bekam. Indessen wuchs er heran
und wurde stark an Leib und Geist. Besonders aber war der Glaube dieses jungen
Mannes von einer solchen Stärke, daß wir selbst im Himmel wenig größere
Beispiele davon haben; wenn er nachher in seinem Ehestande manchmal auf die
härtesten Proben gesetzt wurde, so wankte er doch nie; je gefährlicher es um
ihn aussah, desto stärker wurde sein Vertrauen, denn er wußte gewiß, daß das
alles nur Prüfung seines Glaubens war. Ebenso groß war auch seine
Menschenliebe, sein Hunger nach edlen Handlungen ging ins Unendliche; da er nun
kein Vermögen, und alle seine Zeit nötig hatte, um sich und die Seinigen
kümmerlich zu ernähren, so bestand sein größtes Leiden darin, daß er wenig zum
Besten der Menschen tun konnte, und so wenig Gelegenheit hatte, seinen Glauben
in seinen Werken zu zeigen.3) Daher kam es denn, daß er mit
unbeschreiblicher Aufmerksamkeit allenthalben Acht gab, wo etwas Nützliches für
andere auszurichten sei. Und da er alles bloß aus dem Grunde tat, weil er
wußte, daß es die Glaubenspflicht erforderte, er also weder sein eigenes
Wonnegefühl, noch die Liebe und Hochachtung anderer Menschen suchte, folglich
aus reiner Liebe zu Gott wirkte, so war es ihm auch wenig daran gelegen, ob
jemand seine guten Handlungen bemerkte, sondern es war ihm genug, wenn sie
geschahen. Hier verfuhr denn auch sein himmlischer Führer mit ihm nach seinem
einmal angenommenen höchstweisen Plane; ihm blieben die gesegneten Folgen
seiner besten Taten verdeckt, die mißlingenden und geringsten aber konnte er in
ihrem ganzen Umfange übersehen.4) Dies hält den Christen in der ihm
so nötigen Demut und spornt ihn an, immer tätiger zu werden. Zuweilen gelang
ihm aber doch die eine oder die andere vortreffliche Handlung unter seinen
Augen, so daß er die herrlichsten Früchte davon sah, und das war ihm dann eine
unbeschreibliche Stärkung.
Hanniel.
O erzähle sie mir doch. So etwas ist
allein fähig, die Freude der Seligkeit zu erhöhen.
Uriel. Gut, ich will dir drei Beispiele erzählen. Als er einstmals des
Morgens früh in den Wald gehen und im Taglohn Holz hauen wollte, sah er von
ferne eine hochschwangere Weibsperson zwischen den Bäumen herumgehen und die
Hände ringen, er stellte sich hinter einen Baum und sah ihr zu; endlich zog sie
einen Strick aus dem Sack, stieg auf einen abgehauenen Stamm, machte ihn oben
an einem Aste fest und legte sich die Schlinge um den Hals. Jetzt sprang Delaja
herbei und rettete sie. Auf die Frage, warum sie sich mit ihrer Leibesfrucht
habe umbringen wollen, antwortete sie, sie sei eine arme Magd und mit einem
jungen Menschen versprochen; als sie sich nun hätten heiraten wollen, so habe
er müssen Soldat werden, sie sei also in ihrer Schande sitzen geblieben, und
ihre Herrschaft habe sie aus dem Hause gejagt; da sie nun eine arme Waise sei
und keinen Freund oder Verwandten in der Welt habe, zu dem sie gehen könne, so
sei sie endlich in Verzweiflung geraten und habe sich umbringen wollen. Delaja
redete ihr freundlich zu und brachte sie nach Hause zu seiner Frau, die sie
auch freundlich aufnahm und ihr in ihrem langwierigen schweren Wochenbette
treulich diente; er aber ernährte sie mit ihrem Kinde durch seiner Hände
Arbeit. Endlich erfuhr auch Delaja, wo ihr Bräutigam war; er reiste also zu
ihm, und brachte es bei seinem Regimente dahin, daß der junge Mensch
losgelassen würde, wenn Delaja einen andern an seine Stelle schaffen könne.
Gerne wäre der arme Taglöhner selbst dageblieben und Soldat geworden,
wenn er keine Frau und Kinder gehabt hätte, allein er hatte höhere Pflichten;
er ging also und suchte einen Jüngling, den er auch endlich fand, diesem gab er
seinen ersparten Notpfennig und kaufte also den Bräutigam los; dieser heiratete
seine Braut und beide lebten nun glücklich zusammen, sie waren auch so
erkenntlich, daß sie bald soviel zusammenbrachten, um dem armen Delaja sein
Geld wieder geben zu können.
Hanniel.
Das war eine schöne Tat.5)
Uriel. Gewiß. -Aber nun höre auch die zweite. Nahe bei der Hütte
des armen Delaja wohnte ein reicher Bauer, der ihn und die Seinigen teils durch
Druck und Verfolgung, teils durch Spott und Verachtung auf mancherlei Weise
quälte; denn das fromme, unschuldige Leben dieser Leute war ihm ein Dorn in den
Augen; gerne hätte er ihnen bald diese, bald jene Schandtat nachgesagt, wenn er
nur die geringste Veranlassung dazu gehabt hätte. Endlich wurde der reiche Mann
bestohlen; dieses sollte nun das Mittel sein, um den frommen Delaja zu Grunde
zu richten. Er gab ihn als den Dieb an und bekräftigte es mit einem Schwur.
Delaja wurde also mit seiner Frau ins Gefängnis gebracht, wo er lange
schmachten mußte; doch fanden sich wohltätige Menschen, die für seine Kinder
sorgten. Die beiden Gefangenen duldeten ihre Leiden mit größter Gelassenheit
und beteuerten ihre Unschuld. Ob nun gleich jedermann überzeugt war, daß
niemand weniger eines Diebstahls fähig sei, als Delaja und seine Frau, so half
doch alles nichts, denn der reiche Mann hatte geschworen. Nun fügte es aber die
Vorsehung so, daß nicht weit von da die wahren Diebe auf einer andern Tat
ergriffen wurden; diese gestanden nun bald, daß sie auch den reichen Bauern
bestohlen hätten; folglich wurde Delaja mit seiner Frau losgelassen und der
reiche Bauer mit einer großen Summe Geldes bestraft. Von der Zeit an wich aller
Segen von dem reichen Bauern, ein Unglück kam auf das andere; dadurch wurde er
aber nicht besser, ich Gegenteil, er geriet in allerhand Laster, besonders
ergab er sich dem Laster der Trunkenheit, und so kam es dann endlich, daß er
durch seine Schuldner von Haus und Hof gejagt wurde und sich nun ebenso wie
sein armer Nachbar in einer armseligen Hütte behelfen mußte. Nach und nach
wurde er alt, seine Frau starb und seine Kinder verliefen sich, so daß er nun
ganz allein war. Niemand gab ihm auch gerne etwas, denn er hatte sich jedermann
zum Feinde gemacht, und man sagte, er habe sein Schicksal verdient. Endlich,
als er sich einstmals betrunken und vielleicht einen und den anderen sehr
beleidigt hatte, wurde er des Abends spät auf der Straße angefallen und bis auf
den Tod geschlagen. Delaja hörte ihn jammern, er lief hinaus, führte ihn in
sein eigenes Haus, seine Frau erquickte und labte ihn, er selbst ging die Nacht
noch mehrere Stunden weit, holte einen Wundarzt, ließ den Verwundeten heilen
und bezahlte alle Unkosten. Nun wurde der alte Sünder nicht allein dankbar und
erkenntlich, sondern auch bußfertig; er lebte noch etliche Jahre als ein wahrer
Christ und starb selig.
Hanniel.
Das war eine ausschließlich christliche
Handlung. Gelobet sei der Erhabene für solche Menschen!
Uriel. Nun höre auch die dritte. Eine Stunde von seinem Dorfe lebte
ein vortrefflicher Kaufmann in einem Städtchen, der durch eine große
Wollenfabrik viel hundert armen Leuten Brot gab, und zugleich nach Leib und
Seele väterlich für sie sorgte, er wurde daher allgemein der Armenvater genannt.
In dem Hause dieses Mannes brach des Abends spät Feuer aus, als alles schlief;
dies Feuer nahm überhand, so daß der untere Teil schon allenthalben in lichten
Flammen stand, als der oben schlafende Hausvater erwachte. Nun suchte er sich,
seine Frau und Kinder und Hausgenossen zu retten, allein vergeblich, nirgends
war mehr durchzukommen. Indessen entstand Alarm in der Stadt, auch die
umwohnenden Bauern kamen herzugeeilt, schon mehrere Häuser brannten und noch
immer wehklagte die Familie oben, jedermann bejammerte sie, aber keiner wagte
sich hinein, um zu helfen. Delaja war einer der ersten, der zur Hilfe
kam; er erfuhr gleich von Anfang das Unglück des vortrefflichen Mannes und der
Seinigen, und beschloß, sie zu retten oder zu sterben; denn, dachte er, dieser
Mann ist vielen nötig, ich aber nur wenigen; sterbe ich, so wird Gott für Frau
und Kinder sorgen. Stillschweigend nahm er eine Leiter, schlich damit hinterher
ins Haus, wagte sich zwischen Glut und Flammen durch, brennende Balken und
Wände stürzten mit ihm zusammen und mit Hilfe der Leiter kam er zu den
unglücklichen Menschen, die ohnmächtig beisammen knieten, lagen, beteten und
wehklagten; schleunig ergriff er den Hausvater, riß ihn mit sich fort und
brachte ihn glücklich aus aller Gefahr; und nach fünf Todesgängen war alles
gerettet! Nur leicht war Delaja verwundet, aber er fühlte keine Schmerzen, er
eilte nun auch andern zu Hilfe, bis das Feuer getilgt war. Der Kaufmann wollte
ihn hernach belohnen, allein er nahm keine Belohnung an.
Hanniel.
Das heißt: sein Leben für die Brüder
lassen. Aber wurde der Mann nicht hochgeschätzt und von jedermann geehrt?
Uriel. Man sagte allgemein: Der Delaja ist ein gar braver Mann.
Wäre er aber reich und vornehm gewesen, so hätte man ihm Denkmäler gesetzt.
Hanniel.
Zu solchen Taten, um sie in dem Geiste
auszuführen, wird doch eine erstaunliche Übung erfordert.
Uriel. Ja wohl! Aber das ist auch der Fall bei dem Delaja. Mit
jedem Erwachen an jedem Morgen seines Lebens war sein erster Gedanke: Herr
laß mich heute keine Gelegenkeit versäumen, Gutes zu tun. Dann bewachte er
jeden keimenden Gedanken, und wenn er erreifte, war er ein Samenkorn für den
Himmel. Wenn jeder Gedanke betend entsteht, und durchs Gebet seine Richtung zum
allgemeinen Besten bekommt, so entsteht endlich eine Fertigkeit, welcher auch
die erhabensten Taten leicht werden. Aber laßt uns zu ihm eilen, seine
Auflösung ist nahe.
(An Delaja's
Sterbebette.)
Delaja (zu seiner Frau und Kindern, die um ihn sitzen und weinen).
Weinet nicht, meine Lieben! Ich habe lange genug bei euch gelebt. Gott, der
mich von Jugend auf ernährt und wunderbarlich erhalten hat, wird euch gewiß
nicht verlassen; verlaßt Ihn aber auch nicht! Gott, wie matt - wie schwach
werde ich! - Herr, stärke mich in dieser letzten Stunde! -(Uriel und Hanniel
schweben unsichtbar über ihm.)
Hanniel.
Das ist also der Edle! - Man sieht's in
seinem Angesichte, daß er sich dem Bilde des Vollkommensten sehr genähert hat.
Uriel. Er kämpft einen harten Kampf, ich muß ihm himmlische Luft
zuwehen.
Delaja. Wie wird mir so wohl! - ich ahne ewiges Leben. Herr, Dir sei
Dank für alles Gute, das Du mir erwiesen hast! - habe auch Dank für alle Leiden
und Prüfungen!
Hanniel.
O du Erhabener, sei verherrlicht für
diesen Bruder!
Uriel. Hülle dich ein, du Teurer, hier darfst du nicht glänzen!
Delaja. Habt ihr nicht gesehen, wie etwas glänzte? Ich sah einen
Strahl wie hellpoliertes Gold, aber im Augenblick war´s weg. Herr, der du auf Golgatha
geblutet hast, tilge alle meine Sünden und nimm mich, wie den armen
Schächer, heute noch zu dir in dein Reich!
Uriel. Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du bei ihm im Paradiese
sein!
Delaja. Was war das? - Es kam mir so vor, als wenn mir jemand
zurief, ich sollte heute noch bei ihm sein. Herr, erfülle diese Verheißung!
Hanniel.
Sieh, noch eben schwebt sein Geist an
der Hülle, entbinde ihn doch vollends!
Uriel. Komme, du vollendeter, gerechter Geist! deine Hülle werde
zu Staub und du erwache zum ewigen Leben!
(Delaja stirbt.)
Delaja (in starrem Erstaunen). Was ist aus mir geworden? - Wer seid
ihr, strahlende, fremde Jünglinge?
Uriel. Wir sind deine Brüder, Delaja! - wir sind gekommen, um dich
in dein ewiges Vaterland abzuholen.
Delaja. Nun fühle ich erst, daß ich wirklich gestorben bin und nicht
träume - aber Trost für diese meine Lieben!
Uriel. Der Segen des Herrn wird über ihnen sein, sie müssen in
ihren Prüfungen nur ausharren.
Delaja. Aber werde ich auch selig sein? - Wird mir der gerechte
Richter auch alle meine Mängel und Vergehungen nicht mehr zurechnen?
Uriel. Du hast treu an ihn geglaubt und nach allen deinen Kräften
seinen Willen erfüllt. Du kommst nicht ins Gericht, denn du bist schon
gerichtet. Aber folge uns, du Geretteter, komm zu deinem Erbteil!
(Im Schattenreiche.)
Delaja. Welch' eine unbeschreiblich schöne und weitglänzende
Morgenröte! - Ich werd' in ihr verklärt. -Ach, ich werde ja so wie ihr, in
Licht gekleidet - wie ist mir so wohl!
Hanniel.
Du wirst auch ebenso ein Engel sein wie
unsereiner.
(Im Kinderreiche, weit vorwärts nahe am Gebirge.)
Uriel. Sieh', mein Bruder Delaja, hier sollst du nun wohnen, diese
ganze Fläche mit allen ihren Hügeln und Tälern, mit allen Lebensbäumen und
Lebensströmen sind nun dein; hier in deinem Fürstentum wirst du viele Tausend
früh verstorbene Kinder und Millionen Geister aus allerlei heidnischen und
wilden Völkern, auch Türken und Juden, finden, die der Herr wert gefunden hat,
Bürger seines Reichs zu werden. Du wirst ihre himmlischen Wohnungen allenthalben
in großer Anzahl antreffen, alle haben ihre Lehrer, Führer und Vorgesetzte, und
du wirst aller Fürst und Vorsteher sein.
Delaja. Ach, ich Unwürdiger, woher nehme ich die Weisheit, diesem
Geschäfte vorzustehen?
Uriel. Du hast dir den Willen und die Kräfte in deinem Erdenleben
erworben; aber alle Weisheit kommt allein vom Herrn. Siehe, auf jenem
herrlichen hohen Hügel, an der Seite des heiligen Gebirges, ist deine
fürstliche Burg; siehe, sie schimmert weit und breit wie Gold und Perlen; über
alles ragt ein prächtiger Tempel hervor, in welchem auf saphirnen Tafeln
beständig der Wille des Erhabenen offenbaret wird; hier wirst du immer, so oft
du dein Angesicht hinwendest, finden, was du zu tun hast. Auch werden sich
viele Heilige um dich her sammeln, die dir in deinem erhabenen Geschäfte
beistehen.
Delaja. Der Wille des Herrn geschehe! Gelobt sei die Herrlichkeit
des Herrn an diesem Orte!
Uriel und Hanniel. Wir verlassen dich, Bruder. Genieße nun
deiner Seligkeiten Fülle, die dir von nun an dein hohes Wirken bereiten wird!
Womit aber legte Delaja
die Saat zu seiner nunmehrigen Seligkeit?
Antwort: Als er an
der Kirchentür stand und sich fest vornahm, so fromm zu sein, als es ihm nur
immer möglich wäre, denn damit ging er gerechtfertigt nach Hause.
Der Gedanke einer
Gleichschaltung aller Menschen, die guten Willens und Strebens sind, wird hier
ausgeführt und klargestellt, Stilling verweist auch ganz eindeutig darauf, daß
nicht Geld, Ehre und Ansehen die ewige Seligkeit gewährleisten, sondern allein
unser Ringen zum Licht.
1) Die Gesinnung,
die hier unserem Geiste durch den hiesigen Unterschied der Stände nach Geburt,
Ehre und Reichtum gleichsam wesentlich geworden ist, wird uns dereinst an
unserer Seligkeit sehr hinderlich sein, wenn wir sie hier nicht schon ganz rein
auswurzeln und jeden nach dem Grade der Gnade schätzen, die in ihm wirkt.
Er erzählt hier eine
Geschichte, die, wie er ausdrücklich betont: "So geschehen ist, wie ich
sie hier erzähle. Daß ich die Dazwischenkunft der Engel dazu gedichtet habe,
brauche ich wohl nicht weiter in Erinnerung bringen, "
Im Verlaufe dieser
Berichterstattung, die sich auf das Wohltun und die wahre Nächstenliebe
bezieht, verweist er darauf, daß man sogar für eine "ordentliche
Bekleidung der Armen sorgen müsse." Unsere "gedankliche"
Umschaltung ist also nicht allein ausschlaggebend. Es ist nicht so, wie wir
heutzutage gerne sagen, daß es Wohlfahrtsanstalten genug gibt, für die wir
jährlich bestimmte Summen zahlen, sondern, daß wir auch dort, wo uns Not und
Leiden entgegentreten, als wahre Christen - christlich gesinnt - helfen müssen
und uns nicht hinter "Ausreden" verstecken, wenn wir nicht eine
tatsächliche Schuld auf uns laden wollen.
Das Empfinden, etwas
Gutes getan zu haben, aber zeigt die innere Stimme, die wir Gewissen nennen,
uns dann genau so an, wie die sch1immen Handlungen, deren wir uns zu schämen,
vor deren Auswirkung wir uns zu fürchten haben.
2) Wenn dir nach
einer Handlung ein unbeschreibliches Wonnegefühl, so wie ein Blitz, durch die
Seele fährt, so denke: das war ein Engelkuß, und dafür danke dann Gott. Der
Prediger, der mir diese Geschichte als eine seiner merkwürdigsten
Pastoralerfahrungen erzählte, war Herr Pastor Eickel in Elberfeld, dessen
seligen Hingang ich auch besungen habe. Dies Gedicht befindet sich in der
neunten Szene des zweiten Bandes.
3) Hier findet sich
der unwiderlegliche Beweis, daß nur der Glaube und nicht die Werke selig
machen; und zugleich auch eine Erfahrung, aus welcher sich die
Vernunftmäßigkeit dieser Lehre begreifen läßt,
4) Je weniger Ruhm
und Ehre, aber auch Freude des Wohlgelingens man bei guten Handlungen genießt,
desto fruchtbarer sind sie für uns in jenem Leben,
Gutes zu tun? Das
ist eigentlich ein wenig "aus der Mode gekommen". Noch vor 40 oder 50
Jahren waren derartige Bemühungen um das Wohlergehen anderer angebracht.
Die neue Zeit - die
der Sozialisierung - brachte das Gute, daß in gemeinnützigen Anstalten und
Vorkehrungen die Fürsorge für die Allgemeinheit lag. Das war wirklich etwas
sehr Gutes, aber ---sie befreite den Einzelnen von persönlichem Nachdenken in
dieser Hinsicht, von der Pflicht, sich um das Wohlergehen seiner Mitmenschen
privat zu bekümmern. So ist eine natürliche Gleichgültigkeit in bezug hierauf
unausbleiblich. Aber wir vergessen, daß es immer noch - auch heute -
Notleidende gibt, die nicht von dieser allgemeinen Fürsorge ergriffen werden
können. Für diese Sonderfälle indessen müssen wir uns unser "mitfühlendes
Herz im Verein mit dem ausgebildeten Verstandesdenken" wachhalten, Das Tatchristentum
muß erhalten bleiben. Es ist zu allen Zeiten nötig.
Für die anderen! Für
uns! Wir wollen Christus nachfolgen, also müssen wir ganz in Seinem Geiste
leben. Dazu gehören die guten Taten. Inwiefern sie uns dereinst nützen werden,
schildert Stilling eingehend. Er verweist auch darauf, wie solch christliches
Wohl tun aussieht, wie wir uns in den Sonderfällen zu "verhalten"
haben,
5) Diese Handlung
kann natürlich auch aus bloßer Gutmütigkeit, ohne bewußtes Nachdenken und
-streben, also sogar ohne Mitwirkung des Geistes Christi geschehen, wie wir
davon mehrere Beispiele haben, daß sehr lasterhafte Menschen ähnliche Taten
ausgeführt haben. Es kommt hier alles auf den Grund an, aus welchem eine
Handlung fließt; geschieht sie aus Dankbarkeit gegen Gott in Christo, und übt
man sie als Knecht oder Magd des Herrn aus, so ist sie am Tage der Vergeltung
gültig, sonst nicht.
Jetzt muß man einmal
fragen, ob sich die Handlungen christlich Lebender wesentlich von denen der
Andersgläubigen unterscheiden. Auch hierauf erhalten wir die Antwort:
"Gewiß! - und
wenn sie der Irokese ausführt, so hat sie der Geist Christi in ihm bewirkt, nur
der allein kann die Feinde lieben."
Selig macht indessen
nur der Glaube, nicht aber allein die Werke", sagt Stilling,
"allerdings im Verein mit der Erfahrung, aus welcher sich die
Vernunftmäßigkeit dieser Lehre begreifen läßt."
Vor allen Dingen
dürfen wir niemals aus Geltungsbedürfnis handeln, "Je weniger Ruhm und
Ehre, aber auch Freude des Wohlgelingens man bei guten Handlungen genießt, desto
fruchtbarer sind sie für uns in jenem Leben."
In manchen Fällen,
wie beispielsweise in diesem Kapitel, hatte die Glaubenskraft wenig zu wirken.
"Sie wurde
durch Leiden bewährt und desto herrlicher in Tätigkeit gesetzt. Eben darum sind
fromme Arme in jener Welt oft seliger als andere, die im gleichen Grade fromm
waren,"
Eine nicht
unwesentliche Frage stellt Stilling noch:
Wo und wann legte
Delaja die Saat zu seinem nunmehrigen Seligkeitszustand?"
Eine Frage, die für
uns alle von bedeutsamer Wichtigkeit ist.
Antwort für Delaja:
Als er an der
Kirchentür stand und sich fest vornahm, so fromm zu sein, als es ihm nur immer
möglich wäre; denn damit ging er gerechtfertigt nach Hause."
Antwort für uns
heutige Menschen:
"Immer dann, wenn
wir mit vollem Bewußtsein Jesus Christus an die erste Stelle in unserem Denken
und Leben stellen, wenn wir uns mit allen Kräften bemühen, das auszuführen, in
die Tat umzusetzen, was er mit Seiner Lehre hinterlassen hat an Ratschlägen und
Ermahnungen."
S e c h s t e S z e n e.
Adin,
Hasmon und Abiel.
(Im
Schattenreiche.)
Hasmon. Dort wandelt jemand in der
dämmernden Nacht! - Ich muß zu ihm, mich ihm mitteilen - vielleicht vermindert
mir das meine tiefe Schwermut. - Sei gegrüßet, Unbekannter! Bist du Wesen von
meinem Geschlecht, so teile deinen Kummer mit mir, denn ich bin unaussprechlich
leidmütig in dieser einsamen, dunkeln Gegend; ich habe die Welt mit all ihren
Freuden und alle meine Lieben verlassen müssen, und nun befinde ich mich hier
von allem entblößt, was nur irgend einen Tropfen Trostes, nur einen Schimmer
von Freude gewähren kann. Wer du auch sein magst, rede mit mir.
Adin. Eben in diesem Fall befinde ich
mich auch, und es erleichtert mir meinen Jammer, daß ich jemand finde, mit dem
im mich in die Szenen der Vergangenheit zurückversetzen kann, denn dieses ist
das einzige - der arme Rest, der mir von meinen genossenen Freuden noch übrig
geblieben ist.
Hasmon. Wahrlich, wir sind in einer Lage.
Wir leben also fort nach unserem Tode - es ist also doch wahr, daß die Seele
unsterblich ist - aber welche Unsterblichkeit! - Ich begreife nicht, wie der
Urheber unseres Daseins vernünftige Wesen schaffen kann, die unvermeidlich
unglücklich sind. 1)
Adin. Darüber dachte ich soeben nach,
ehe du zu mir kamst, und was noch das schlimmste ist, wir genießen im ersten
Leben unzählbare Freuden, um im zweiten den Verlust derselben und die
Entblößung von allem desto lebhafter fühlen zu können. Sage mir, Freund, ob das
nicht vollkommen wahr, und ob das nicht auch deine lebhafte Empfindung ist!
Hasmon. O ja, du hast aus meinem Herzen
gesprochen. Aber darf im dich bitten, mir deine Geschichte zu erzählen?
Adin. Von Herzen gerne, das wird Labsal
für meine hungrige Seele sein. Ich bin der Sohn eines Predigers in Deutsch1and;
mein Vater war ein guter orthodoxer Mann, der alles glaubte, was in seiner
Bibel und in den symbolischen Büchern stand, und nun haben wollte, daß ich das
alles auch glauben sollte; ich folgte ihm auch treulich, tat alles, was er
begehrte, und ich glaubte alles ohne gründliche Überzeugung, gerade so, wie er.
Dies währte aber nur so lange, bis ich auf die Universität kam, denn ich sollte
auch Pfarrer werden, und meine Mutter freute sich schon im voraus auf die Zeit,
mich auf der Kanzel zu sehen. Jetzt dachte ich nun nicht anders, als ich würde
eine Wissenschaft lernen, ich würde die unumstößlichen Beweise der
Wahrheit der christlichen Religion erfahren, und nun nicht mehr ohne Grund zu
glauben brauchen; allein weit gefehlt. - Die Doktoren der heiligen Schrift
schienen sich verdeckt und unter der Hand alle Mühe zu geben, Mißtrauen gegen
die Bibel einzuflößen; das alte Testament bestand aus lauter jüdischen
Volksgeschichten, Fabeln und unsicheren Volkssagen; Moses war ihnen zwar ein
großer Mann und Gesetzgeber, der sich aber vieler Mittel bediente, das rohe
unwissende Volk zu täuschen; geradezu hatte Gott übrigens nichts mit der
Sache zu tun. Dies alles sagten sie nicht so platt hin, aber ein
halbvernünftiger Zuhörer mußte doch dies Resultat herausziehen. Die
prophetischen Bücher nannten sie hebräische Gedichte, worin teils geschehene
Sachen in erhabenem Stil als zukünftig geweissaget, teils auch
vieles dunkel geahnt und mystisch und orakelmäßig vorgetragen worden, das dann
hernach auch zufällig eingetroffen sei, oder doch auf gewisse Begebenheiten
gedeutet werden könnte. Christus wurde von ihnen immer mit Ehrfurcht
genannt; aber wenn man den wahren Sinn aus ihren übertriebenen Kritiken und
zerstreuten Behauptungen herauszog, so war er nichts weiter, als ein
tugendhafter, frommer und weiser Mann, der sein Leben und seine Lehre mit dem
Martertode besiegelte.2) Daß sie vieles in der Bibel nicht Märchen,
sondern Allegorie nannten, war behutsame Politik. Endlich blieb also
nichts übrig als die christliche Moral, und diese schien auch eigentlich
das Ziel und der Zweck aller Gottesgelehrtheit zu sein, alles übrige war
gleichgültig. "Tue nur, was die Sittenlehre gebeut und dann glaube, was
du willst, oder auch gar nichts!" Sobald nun einmal die Bibel weiter
nichts ist, als ein gewöhnliches altes Geschichtsbuch, so glaubt man
natürlicherweise gar nichts, als was man erfährt und was die Vernunft begreifen
kann. Man ahnt einen Gott, aber er ist einem fremd, und man weiß von seiner Beziehung
auf die Menschen gar nichts; man ahnt Unsterblichkeit, allein was man sein
wird, das ist tief verborgen; man fühlt sich frei, untersucht man aber die
Freiheit genau, so ist man an eine eiserne Notwendigkeit gebunden, und doch
soll man tun, was die Moral gebeut.3) Siehe, das war mein Studium
der Gottesgelehrtheit; daß ich nicht Prediger ward, das kannst du dir leicht
denken; ich wählte also die Philosophie und schöne Wissenschaften; ich
studierte Helvetius, den Hume, las den Shakespeare zwanzigmal
durch; die Griechen und Römer waren die Welt, worin ich lebte; ich genoß mein
Leben vielleicht in höherem Grade, als ich hätte tun sollen, denn ich bekam
einen siechen Körper; als Dozent lehrte ich auf der hohen Schule die
Kenntnisse, die ich erworben hatte, bekümmerte mich um die Religion weiter
nicht, erlebte noch den Triumph der Menschheit, den allgemeinen Drang nach Freiheit
und Gleichheit und starb. Jetzt ist mein Zustand jammervoll, und ich
weiß nicht, was aus mir wird; aber erzähle mir nun auch deine Geschichte.
Hasmon. Die ist im wesentlichen wenig von
der deinigen verschieden; alle Religionsbegriffe, die man dir beigebracht hat
sind auch die meinigen, und ganz gewiß auch die wahren, wenn anders Vernunft Vernunft
ist. Diese ist ja die einzige Führerin und Gesetzgeberin des Menschen, und
wenn's einen gerechten Gott gibt, so kann Er uns nicht anders richten, als nach
der Überzeugung unserer Vernunft.4) Ich war ebenfalls der Sohn eines
Predigers, studierte aber die Rechtsgelehrtheit und ward Advokat; auch ich habe
hier die Welt genossen und meinen Körper ruiniert. Aber ach, ich habe ein
liebes Weib und zwei Kinder auf ewig verlassen müssen, das schmerzt mich
unaussprechlich! - Und was meinen Jammer unerträglich macht, ist, daß man hier
auch nicht einmal weinen kann! - Man verdorrt in der schmachtenden Wetterhitze.
Adin. Armer Geist, in dem Stück hab'
ich's besser, ich heiratete nicht ich liebte den Wechsel.
Hasmon. Auch ich liebte den Wechsel bei
meinem Weibe.
Adin. Das war unrecht! 5)
Hasmon. Ist's unrecht seine Bedürfnisse zu
befriedigen? Aber sage mir doch, wie gings dir im Sterben?
Adin. Ich war lange schwächlich, endlich
bekam ich die Auszehrung, ohne daß ich's wußte oder ahnte, immer glaubte ich,
ich würde wieder besser werden; meine Freunde und mein Arzt suchten mich auch
dessen zu überreden, allein ich wurde zusehends kränker; oft zweifelte ich an
meinem Aufkommen, wenn man mir dann aber zu beweisen suchte, daß das
Hypochondrie sei; so beruhigte ich mich wieder. Auf einmal war's mir, als würde
ich ohnmächtig, ich verlor mein Bewußtsein, und nun träumte ich, ich befinde
mich in einer mondhellen Nacht auf einem einsamen, mit einem hohen, dunklen
Walde umkränzten Felde. Ich besann mich und konnte fortschweben, ich zog so
ganz leicht hin und her, ohne meine Glieder zu bewegen, das gefiel mir. Nach
und nach geriet ich in den dunklen Wald, ich schwebte zwischen den Ästen durch,
und fühlte keine Schwere, keine Ermüdung. Endlich war's mir, als käme ich durch
einen dunklen, gewölbten Gang, der an der einen Seite offene Fensterlöcher
hatte, durch welche Mondeshelle ins Dunkel schien; hier empfand ich einen
Schauer, wie in alten Ruinen, wo es einem vor Gespenstern graut. Ich schwebte
in der halben Höhe des Ganges fort und nun merkte ich, daß er allmählich
abwärts führte und sich immer krumm herumzog. Nun durchdrang mich eine tiefe
wehmütige Empfindung der Einsamkeit und Verlassenheit, ich strebte zurück, aber
ich konnte nicht, und so geriet ich in einen großen, dämmernden Saal, hier
stand ein langer schwarzer Tisch, und um denselben saßen Männer in schwarzen
Mänteln und runden Hüten; alle hatten sich mit dem Gesichte auf die Arme auf
den Tisch gelegt, und allenthalben herrschte eine schauervolle Stille. Auf
einmal erscholl eine dumpfe Stimme von der Seite her: "Weh! weh! weh!
Adin ist gestorben!" -Jetzt fuhren alle die Männer auf und starrten
mich mit ihren hohläugigen, aschfarbenen Gesichtern an - ich erschrak so, wie
ich noch niemals erschrocken war, erwachte - und erwachte nicht zum Erdenleben
zurück, sondern vorwärts - vorwärts, in dieser schrecklichen dunklen Einöde, wo
ich nun bin und nicht weiß, was ich sein werde.6)
Nun erzähle mir auch
deinen Übergang aus
der schönen Welt in dieses Reich der Toten.
Hasmon. Ich begann von dem vielen
Lebensgenuß endlich schwächlich und kränklich zu werden; meine Frau trauerte
sehr, denn ich mußte sie mit den Kindern ernähren, weil wir kein ererbtes
Vermögen hatten; da ich nun nicht viel mehr verdienen konnte, so fingen wir an,
Kummer zu leiden; oft reute mich's, daß ich nicht gespart und meine Gesundheit
geschont hatte, allein dann machte ich mir selbst Vorwürfe über diese Reue,
indem ich mir vordemonstrierte, wir seien fest an eine eiserne Notwendigkeit
geknüpft; das Geschehene sei nicht zu ändern; im Gegenwärtigen seien wir an
vergangene, also unabänderliche Tatsachen gebunden, die also auch jetzt
unüberwindlich auf uns wirkten, und die Zukunft sei uns verborgen, wir könnten
also auch ihre Schicksale nicht vermeiden. Kurz, ich sei also schlechterdings
unschuldig.7) Diese Beweise gaben mir eine stumpfe, leidende
Beruhigung, aber keine Freude. Auf einmal bekam ich ein hitziges Fieber, und
von der Zeit an, da ich mich zu Bette legte, war ich mir meiner, außer einiger
dunklen, schweren und schmerzvollen Stunden, nicht mehr bewußt.8)
Endlich geriet ich in einen Zustand dunkler Vorstellungen; mir däuchte, ich
befinde mich in einem dunklen Keller; der zuweilen durch eine bläuliche
Schwefelflamme, die bald erschien, bald verschwand, erhellt wurde. Um mich her
kroch erschreckliches und höchst ekelhaftes Gewürme, das auf mich zischte und
schnatterte, und durch die Angst, die ich empfand, schien mein Bewußtsein immer
deutlicher zu werden; nun dauerte auch das Schwefellicht länger, mein Schrecken
vermehrte sich, das Gewürm wurde immer größer und fürchterlicher, auf einmal
aber erschien plötzlich ein namenloses Ungeheuer, das mich anfuhr, und von dem
grausamen Schrecken erwachte ich, aber leider, nicht zum vorigen Leben, sondern
in diesem traurigen Lande der Finsternis. Sage mir, Freund, was glaubst du von
unserem Zustande? - Was wird aus uns werden? 9)
Adin. So unaussprechlich traurig auch
jetzt unser Zustand ist, so sagt mir doch meine Vernunft, daß wir unmöglich
unglücklicher werden können, den haben wir uns selbst gemacht? Sind wir
überhaupt schuld daran, daß wir geschickter und geneigter zum sinnlichen Genuß,
als zur strengen Tugend sind? Was können wir dafür, daß die Welt, die uns
umgab, voller Versuchung zum Laster war? - Nein, es kann uns nicht übel
ergehen: dieser Mittelzustand, in dem wir uns jetzt befinden, soll uns wegen
der Zukunft nicht beunruhigen.10)
Hasmon. Ich weiß nicht, wie es ist; der
Trost will doch nicht recht haften.11) - Es läßt sich wohl nichts
dagegen einwenden, aber - siehe Freund, wer naht sich uns da von ferne? Der
sieht nicht so ganz aus, wie unsereiner, und doch scheint er ein menschlicher
Geist zu sein! - Dem Ansehen nach trau ich ihm nicht recht, er hat so was an
sich, wie ehemals die Religionsfreunde, die ich nicht leiden kann.12)
Adin. Wir wollen einmal sehen, was er
will.
(Abiel naht sich
ihnen in verhüllter Herrlichkeit.)
Abiel. Ich komme, euch ein großes
Geheimnis zu erklären.
Hasmon. Was für ein großes Geheimnis?
Abiel. Wie Zeit und Ewigkeit zusammenhängen.
(Hasmon und Adin erschrecken.)
Hasmon. Das wissen wir, unsere Vernunft
sagt uns das.
Abiel. Wenn ihr das große Geheimnis wißt,
sagt mir doch, was auf euch wartet?
Hasmon. Wenn hier Gerechtigkeit gilt, so
muß ein höherer, ein vollkommener Zustand auf uns warten.
Abiel. Ja, hier gilt die wahrste, die
vollkommenste Gerechtigkeit, und ihr sollt selbst urteilen, ob nach ihrer
Entscheidung dieser Zustand euer Los sein kann.
Hasmon. Erst müssen wir aber wissen, ob du
das Recht hast, uns zur Rede zu stellen.
(Abiel schießt
Strahlen ins Innerste der beiden Geister; sie fangen an, sich zu enthüllen.)
Hasmon und Adin (in erschrockenem
Staunen). Großer Unbekannter, wir sehen, daß du ein Wesen höherer Art bist.
Rede, wir wollen hören.
Abiel. Der Erhabene hat mich zu euch
gesandt, euch sein Urteil zu verkündigen. Da er aber will, daß jeder die
Gerechtigkeit seines Gerichts erkenne, und ihr nun das große Geheimnis zu
wissen glaubt, auch überzeugt seid, daß er euch einen höheren und
vollkommeneren Zustand schuldig sei, so müßt ihr euch selbst euer Urteil
sprechen, und dazu will ich euch vorbereiten. Eure eigene Vernunft soll dann
entscheiden.
Adin. Das ist sehr gnädig, aber auch
billig.
Hasmon. Ja, das ist wahr, mehr können
wir nicht fordern.
Abiel. Was urteilt eure Vernunft von
einem Menschen, der, soweit sein Wirkungskreis geht, wohltätig ist, der auch
denen, die ihm Böses zufügen, die ihn beleidigen, Gutes erzeigt; der alle
Menschen mit Liebe und Sanftmut trägt; der sich in wahrer Demut vor jedermann
beugt, nirgends emporstrebt, sondern allen den Vorzug gönnt; der jedes Laster
flieht und in Herzensreinigkeit alle seine Tage verlebt; der jedes erlaubte
Vergnügen mäßig genießt und jedes Leiden nicht nur geduldig trägt, sondern sich
auch dadurch immer veredeln und verbessern läßt. Sagt mir, was haltet ihr von
einem solchen Geiste?
Hasmon. Daß er tugendhaft, sehr edel und
gut sei.
Adin. Ja, davon bin ich überzeugt.
Abiel. Wenn ihr also überzeugt seid, daß die
Tugend den Menschen veredele, und daß er immer vollkommener werde, je höher ihr
Grad steigt, so prüft euch doch einmal selbst und sagt mir, woher diese
Überzeugung komme?
Adin. Die menschliche Natur ist so
eingerichtet, daß sie die Schönheit, Vollkommenheit und den hohen Wert der
Tugend empfinden, und in dieser Empfindung Vergnügen schöpfen muß.
Abiel. Bist du auch der Meinung. Hasmon?
Hasmon. Ja, denn sie ist wahr.
Abiel. Folgt aber nun nicht aus dieser
Richtung der menschlichen Natur, daß sie auch nach allen ihren Anlagen bestimmt
sei, wirklich tugendhaft zu werden und in der Heiligkeit immer zu wachsen und
zuzunehmen?
Adin. Ja, das folgt natürlich, daran ist
gar nicht zu zweifeln; allein, eben darin liegt der Widerspruch; der Mensch ist
nach allen seinen Anlagen bestimmt, tugendhaft zu werden, und doch hat er keine
Kräfte dazu; er wird durch ein eisernes Schicksal hingerissen, dem Strom zu
folgen, seine Sinnlichkeit ist unüberwindlich, und wird je länger, je stärker.
Wie kann nun Gott Tugend von einem Menschen fordern, dem er die Kräfte versagt
hat, sie zu erwerben?
Abiel. Daß er nicht allen Menschen die
Kräfte zur Tugend versagt hat, beweist die Erfahrung, weil es viele edle
Menschen gibt; aber sind sie euch bei den denn versagt gewesen?
Adin. Bei mir waren die Reize der
Sinnlichkeit unüberwindlich, und ich wurde mit Gewalt von einem Genuß zum
andern getrieben.
Hasmon. Das war auch bei mir der Fall.
Abiel. Das heißt so viel: es lagen in
euch auf einer Seite Beweggründe zum sinnlichen Genuß und zum Laster; nach
eurer Meinung liegt also der Fehler darin, daß die Beweggründe zum sinnlichen
Genuß und zum Laster weit stärker gewirkt haben, als die ersten?
Hasmon. Allerdings, wenn Gott stärkere Reize
zur Tugend in den Menschen gelegt hätte, als zum sinnlichen Genuß, so würden
wir auch alle beide vollkommen tugendhaft geworden sein.
Adin. Ganz gewiß!
Abiel. Gesetzt, zwei Feldherren ziehen in
den Krieg, der eine hat einen schwächeren Feind vor sich, als er selbst ist,
der andere aber einen stärkeren; wenn nun beide siegreich nach Hause kommen,
welcher unter beiden wird nun der größte Held sein?
Adin. Unstreitig der letzte.
Abiel. Und kann man den einen tapferen
Mann, einen Helden nennen, der einen schwächeren Feind überwindet?
Hasmon. Nein!
Abiel. Hätte also einer die Tugend der
Enthaltsamkeit, der nur geringe, leicht zu überwindende Reize der Wollust
hätte?
Hasmon. Nein, sie wäre ihm natürlich.
Abiel. Gäbe es also überhaupt eine
Tugend, wenn die Bewegungsgründe zu ihr stärker auf den Menschen wirkten, als
die Reize zum Laster?
Adin. Nein, die Tugend wäre alsdann nur
natürliche Anlage.
Abiel. Ganz richtig! Wer also bei
stärkeren Reizen zur Sinnlichkeit diese dennoch überwindet und die Tugend
erkämpft. der ist erst recht tugendhaft, und er verdient Belohnung.
Hasmon. Das ist alles vollkommen wahr;
allein wenn nun einer gar keine Kräfte zum Kampfe hat - wenn einer
unüberwindlich vom Reiz der Sinnlichkeit hingerissen wird?
Abiel. Derjenige, bei dem dies
stattfindet, hat also keine Freiheit des Willens, und seine Handlungen sind
weder tugendhaft nochlasterhaft; kann das der Fall bei vernünftigen Wesen sein,
deren Willen durch das bestimmt wird, was ihre Vernunft für gut oder nicht gut
hält? 13)
Adin. Dem Ansehen nach freilich nicht;
allein die Vernunft überführt uns doch, daß alle Ursachen notwendig wirken,
nun sind aber in jedem Augenblicke, wo der Wille bestimmt wird, die Ursachen
schon vorbei, also nicht mehr zu ändern; wir werden also notwendig bestimmt,
und auf die Zukunft können wir uns nicht vorsehen, denn wir kennen sie nicht.14)
Abiel. Wenn ein Mensch sich vornimmt, ein
Vergnügen zu genießen, und er macht nun alle Vorbereitungen dazu, und es findet
sich dann Gelegenheit zu einem noch angenehmeren, noch höheren Grad des
Vergnügens, verläßt er dann nicht das erstere und wählt das letzte?
Hasmon. Das tut er freilich.
Abiel. Bestimmt also seinen Willen nicht
die Vorstellung von einem höheren Gut oder höheren Genuß? Und wird überhaupt
nicht der menschliche Wille durch das bestimmt, was ihm am angenehmsten
vorkommt? Angenommen, wenn ihn notwendige Bedürfnisse anders zu handeln zwingen?
Adin. Ja, das kann unmöglich
widersprochen werden.
Abiel. Nun, so handelt er ja frei - denn
er wählt das, was ihm am Besten deucht. Würde die Tugend euren Willen
nicht bestimmt haben, wenn sie größere Reize für euch gehabt hätte als die
Sinnlichkeit?
Hasmon. Ja, sie würde uns bestimmt haben,
tugendhaft zu werden.
Abiel. Jetzt urteilet einmal selbst: Ihr
erkennet den höheren Wert der Tugend, und daß der Mensch seinen Anlagen nach
bestimmt sei, in der Heiligkeit immer zuzunehmen; ihr wißt, daß der Wille durch
die Vorstellung des größeren Wertes einer Same bestimmt werde, daß es ohne
Kampf keine Tugend geben könne, und doch habt ihr euch die Tugend in aller
ihrer Schönheit nicht vorgestellt, und um ihretwillen nicht den geringsten
Kampf gewagt.
Adin. Verzeihe, großer Unbekannter, daß
ich dir immer noch die unvermeidliche Notwendigkeit unserer Handlungen vorstelle;
wir wurden durch die unabänderlichen vergangenen Ursachen nicht bestimmt, durch
den höheren Wert der Tugend, zum Kampf gegen die Sittlichkeit gereizt zu
werden.
Abiel. Wenn die Vernunft mit sich selbst
im Widerspruch steht, kann sie dann in beiden Fällen Recht haben?
Beide. Unmöglich.
Abiel. Seht ihr dann nicht ein, daß das
hier der Fall ist? - Die Vernunft sagt euch, alle eure Handlungen seien
notwendig, dies schließt ihr nach der Analogie aus der Körperwelt, ohne einmal
zu untersuchen, ob nicht in der Geisterwelt ein ganz an- derer
Bestimmungsgrund, nämlich das Sittengesetz durch Freiheit stattfinde? Und doch
nehmt ihr jenen Satz als feststehend und unwiderlegbar an. Auf der andern Seite
bezeugt euch die nämliche Vernunft, daß das höchstweise und allgütige Wesen den
Menschen zur Tugend und Heiligkeit erschaffen habe, wozu die Bestimmung des
Sittengesetzes durch die vollkommene Freiheit absolut erfordert wird; dazu
kommt noch, daß jeder Mensch bei jeder einfachen Handlung durch sein Gefühl
unwidersprechlich überführt wird, er handle in diesem Augenblicke frei; nie
empfindet er eine unvermeidliche Notwendigkeit zu handeln. Muß nun nicht
einer von beiden Sätzen falsch sein?
Hasmon. Das kann nicht geleugnet werden.
Abiel. Wenn das also der Fall ist, so
überlegt einmal, welcher unter beiden der Wahre sein muß! - Ist es der eurige,
so folgt, daß in Gott und seinen vernünftigen Wesen allenthalben Widerspruch
stattfindet. Er ist die höchste Weisheit und zugleich der höchste Unverstand,
die unendliche Liebe und zugleich der unendliche Haß; der Mensch ist
vernünftig, das ist: durch die Wahl des Besten bestimmbar, und zugleich
unvernünftig, weil er notwendig bestimmt wird. Nehmen wir aber meinen
Satz für wahr an, so finden wir allenthalben weise Ordnung; alles stimmt
überein und es fehlt an nichts, als daß eure Vernunft stolz genug ist, über
Sachen urteilen zu wollen, die jenseits ihrer Grenzen liegen, und wozu ihr
schlechterdings die Prämissen fehlen. Euer Gewissen muß euch also sagen, daß
ihr euch gerne hinter dieses erbärmliche Bollwerk versteckt habt, um die
Befriedigung eurer tierisch-sinnlichen Begierden daraus verteidigen zu können.
Aber ihr nahmt euer Gewissen gefangen unter der Sünden Gesetz. anstatt daß ihr
eure Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens hättet gefangen nehmen sollen.
(Diese Wahrheit setzt beide Geister
in Wut, sie wachsen plötzlich zur Riesengröße und fangen an, aus ihrem
Innersten herauszuglühen. Abiel aber schleudert einen Blitz auf sie, wodurch
sie zu Zwergen zusammenschrumpfen.)
Adin. Schone, O schrecklicher
Unbekannter, und bedenke, daß wir nicht die geringste Kraft zum Kampf gegen die
Sinnlichkeit hatten.
Abiel. Habt ihr je diesen Kampf begonnen?
Adin. Ich hab' ihn zuweilen versucht,
aber ich wurde immer besiegt.
Hasmon. Ich hab' ihn nie unternommen,
denn ich wußte voraus, daß ich unterliegen würde.
Abiel. Das heißt soviel, als, ihr fandet
Vergnügen am Genuß der Sinnlichkeit, und wolltet also nicht ernstlich
kämpfen; hättet ihr aber mit immerwährender Wachsamkeit jeden kleinen, leicht
zu überwindenden Reiz zum sinnlichen Genuß bekämpft, so wäre eure Kraft
gewachsen, und ihr würdet auch endlich in den größten Versuchungen Überwinder
geworden sein. Nimmt man aber dazu, daß die christliche Religion dem
ernstlichen Kämpfer Beistand verspricht, so seid ihr nicht zu entschuldigen.
Adin. Wer sicherte uns aber die Wahrheit
dieser Religion, die so viel Vernunftwidriges hat?
Abiel. Welche Vernunft fand Widersprüche:
die physische --- die geistliche Dinge nach materiellen Prinzipien beurteilt
und die Freiheit des Willens leugnet, oder die moralische?
Adin. Beide.
Abiel. Beide? - Auch die moralische - die
nach dem Grundsatz der Freiheit schließt? - Armer Adin - die kanntest du ja
nicht!
Adin. Also nur die physische.
Abiel. Wenn dir etwas fehlte und es wurde
dir eine Arznei empfohlen, die viele von dem nämlichen Übel völlig befreit
hatte, brauchtest du sie dann nicht, im Fall auch vieles in ihrer Mischung war,
was dir zweckwidrig schien?
Adin. Ja, und ich war schuldig. sie zu
brauchen.
Abiel. Warum hast du denn diese Regel bei
der Religion nicht befolgt?
Adin. Ach, Herr, ich bin überzeugt, und
ich fühle tief, daß du Recht hast, wir Toren haben des rechten Weges verfehlt!
Die sinnlichen Vergnügen gefielen uns so wohl, daß wir alles außer acht
ließen, und die Bahn der Tugend nicht zu betreten wünsch- ten.
Abiel (zu Hasmon). Bist du auch davon
überzeugt?
Hasmon. Ich bin gezwungen, ja zu sagen.
Abiel. Ihr seid also schuldig, denn
ihr habt gegen eure Bestimmung den Weg zur Tugend nicht betreten, folglich ist
das scheinbare Gute, das ihr getan habt, aus einer unreinen Quelle entsprungen
und gilt also nichts auf eurer Rechnung. Allein ist nun auch durch euren Genuß
nichts Böses entstanden? Entwickelt die Rollen eures Gewissens!
(Sie zittern und beben und aus jedem Geiste enthüllt sich ein
schreckliches, großes und langes historisches Gemälde.)
Abiel. Da stehen eure Taten vor euren
Augen - wie viele Güter habt ihr im Übermaß verschwendet, mit denen viele Arme,
Hungrige und Durstige, Witwen und Waisen hätten erquickt werden können! Aber
ihr habt sie nicht erquickt. Dort eilen Jungfrauen auf dem Wege des Lasters zum
Verderben und ihr habt sie aus ihrem unschuldigen Zustande auf diese Bahn
hingerissen; ihre Kinder und Kindeskinder werden aus Mangel der Erziehung
gottlos und arm sein - andere Weibspersonen bejammern ihr Elend, in das ihr sie
gestürzt habt, und verklagen euch vor Gott. Eine Menge unzüchtiger Dirnen sind
durch euch noch tiefer gesunken und elender geworden. - Ihr habt eine Menge
Menschen beleidigt, die nun teils in der Hölle auf euch warten, um sich an euch
rächen zu können, teils auch in den Wohnungen der Seligen ihrem himmlischen
Vater das Gericht überlassen, und bei all diesen Greueln wollt ihr euch noch
rechtfertigen? Hattet ihr keine Kraft, Gutes zu tun, woher kam euch denn die
übermäßige Kraft zum Bösen? - Euer eigenes Gewissen spricht euch ein Urteil: Da
ihr den Weg der Tugend nie gewandelt und alle eure Kräfte zum Unglücke
der Menschheit verwendet, auch eure Zuflucht zum Welterlöser nicht genommen
habt, so kommen euch auch alle Anstalten der Erlösung nicht zustatten.
Fahret also hin in das Reich des Jammers und der Qualen und empfanget dort, was
euch nach der genauesten Gerechtigkeit zukommt.
Hasmon. Entsetzlich! - Entsetzlich! Unsere
Gestalt verwandelt sich, wir werden Ungeheuer - jedes der scheußlichsten,
schrecklichsten Tiere leiht uns eines seiner Glieder, uns verläßt die
Menschheit, und unser eigenes Dasein überzeugt uns, daß es
Teufel gibt!
Adin. O, das ist die grausamste aller
Qualen, selbst das furchtbarste Gespenst zu sein! - Diesen Jammer
wußtest du, - ewiger Richter, und schufst uns doch!
Abiel. Und ihr konntet ihn leicht wissen
und wähltet ihn doch freiwillig!
Adin. Erschaffen sind wir mit
unendlichen Kräften zum unendlichen Genuß, und nun erwarten uns unendliche
Kämpfe ohne Sieg, verbunden mit den unendlichsten Qualen! - Welch ein
Widerspruch!
Abiel. Auch dieser Widerspruch wird sich
heben, und ihr werdet in der herrlichsten Majestät des Erhabenen seine
Gerechtigkeit erkennen.
(Ein unwiderstehlicher Zug nach dem ewigen Westen reißt sie hin. Abiel
entfernt sich.)
Adin (für sich): Unendlich Herrlicher,
wehe mir Stärkung zu aus Deinem Heiligtume - ein endliches Geschöpf wie ich, erliegt
im Anschauen dieses Jammers. Nur Du, der Du die Ewigkeit in einem Blick
fassest, und außer der Zeit lebst - nur Du kannst Deinem, gegen alle Deine
Geschöpfe vor Liebe wallendem Herzen die seligen Folgen Deiner, alle endlichen
Begriffe übersteigenden Anstalten vorstellen; auch der Engel bedarf noch
Glauben und Hoffnung! Herr, ich glaube und hoffe!
Hasmon (in Hinzug zum Höllenreiche): Was
sagte der Himmlische? Dieser Widerspruch würde sich heben, und wir würden in
der herrlichen Majestät des Erhabenen seine Gerechtigkeit erkennen?
Adin. Ja, das sagte er, und ich fühle
tief in meinem Geiste etwas, das damit übereinstimmt, auf diesen Punkt will im
ewig meinen Blick heften, und wenn ich auf dem Ozean des Jammers, in
immerwährendem Schiffbruche mich ängstige, so will ich gegen dieses vom
Horizonte schimmernde Nebelgebirge hinstreben und hoffen, daß es Land sei!
Hasmon. Und mir soll der Gedanke ein Faden
sein, an dem ich mich aus den ewigen Labyrinthen wieder herausfinden will.
Eine
Posaunenstimme, (die
durch die ewige Nacht tönt): "Demütiget euch unter die gewaltige Hand
Gottes, damit er euch erhöhe zu rechter Zeit."
"Der Inhalt dieser Szene ist", wie Stilling
erläutert, "in unseren Tagen von äußerster Wichtigkeit. weil fast alle
Religionszweifel, und ich mag sagen die ganze Macht der Finsternis auf dem
philosophischen Fatalismus und Determinismus beruht. Möchte man doch diese
Szene aufmerksam lesen und beherzigen."
Alle jedoch, die den irdischen Genuß
zum Lebensinhalt machen. müssen demnach - wie Stilling ganz richtig bemerkt -
unfähig werden. sich dort Drüben wohl zu fühlen. den Verlust weltlicher Freuden
werden sie also zweifellos als Mangel empfinden. Damit entfernen sie sich
selbst aus dem Kreise der wahrhaft Seligen. Dies aber braucht nicht sein. Wir
müssen lediglich nach sittlicher Vervollkommnung auf Erden und nach Heiligung
streben. Erst. wenn unsere Seele heilig - geheilt von allen Schwächen des
Leibes - ist, kann sie sich Gott vereinigen. Des Menschen Lebenszweck auf
dieser Welt aber ist einzig und allein die Lösung aus der Nacht der
Fleischlichkeit und seine erwähnte Heiligung.
Der erlaubte nützliche Sinnengenuß
ist nur ein Mittel zur Stärkung. Auch die heutzutage oft zutage tretende
Ansicht. daß Jesus Christus nur ein tugendhafter und frommer Mann gewesen sein
soll, bespricht Stilling in diesem Kapitel und erteilt hier die Antwort auf
viele Fragen, die sogar uns noch - nach beinahe 200 Jahren von den Skeptikern
in der gleichen Form wie Dazumal gestellt werden. Stilling hat einen
vorbildlichen Glauben und den Mut. denselben allen Spötteleien zum Trotz zu
bekennen:
1) Ich begreife nicht, wie ein Mensch
so dumm werden kann, daß er seine Dummheit zur Richterin über die göttliche
Weisheit setzt. - Aber das ist der Vernunft ihre Art, sie will lieber Gott die
Schuld geben, als einen Meister über sich erkennen.
2) Und gibt sich Christus selbst gar
nicht zweideutig für den eingeborenen Sohn Gottes aus, der vor Grundlegung der
Welt in göttlicher Herrlichkeit bei dem Vater war. Kann das ein tugendhafter,
frommer und weiser Mann sagen, wenn es nicht wahr ist?
In dieser "Szene" erinnert Stilling
auch daran, daß ein übersteigertes Verstandes denken recht wenig nützlich sein
kann, besonders wenn es auf Kosten der seelischen Entwicklung vor sich geht. Es
klingt nun wie ein Aufschrei. wenn er sagt:
3) Du großer Gott, hätte ich das
alles doch mit Flammenschrift dahin schreiben können. Ich bezeuge vor Gott und
der ganzen himmlischen Heerschar, daß jede Exegetik, die nicht auf biblischem
Grunde ruht, Pest für Gottesgelehrtheit und Christentum ist. - Wo kann die
Vernunft mit aller ihrer Weisheit die Offenbarung Gottes meistern?
Wir wissen wirklich wenig und stellen
vorübergehende Entwicklungsepochen oft höher. als das geheime Reifen, das keine
äußeren Beweise und Hintergründe gebraucht. So können wir in Irrlehren geraten und
intellektuelle Forschungen für das Wichtigste und Ausschlaggebendste halten.
Und das ist eine Gefahr, die den
Menschen von Heute ganz besonders bedroht. Wieviele andere Religionsformen,
wieviele Sekten tauchen immer von neuem auf und versuchen, die Lehre Jesu
Christi als eine wohl gute, aber nicht "alleinseligmachende"
darzustellen. Hier aber müssen wir uns doch auf die Worte des Erlösers stützen
und auch jetzt noch ganz verlassen:
"Niemand kommt zum Vater denn
durch mich!"
Das sagt alles!
"Was nützet es dem Menschen,
wenn er die ganze Welt (all ihr Wissen) gewönne und nähme doch Schaden an
seiner Seele?"
Es nützt uns, auch nach Stilling, gar
nichts. Ebenso wenig wie gewisse Völker beispielsweise Nutzen aus
selbstquälerischen Taten zu ziehen vermögen.
Die ,absolute Vernunft' regieren
lassen, war und bleibt eine riesige Gefahr, denn die höchste Vernunft, die wir
in Wirklichkeit aufbringen sollten, ist der "bedingungslose Glaube an den
Sohn Gottes". Wir haben auch im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte
eingesehen, wie verschiedenartig die jeweilige Vernunftslehre verbreitet wird,
wie sie darum "drehbar" ist. So dachte auch Stilling, wenn er sagte:
4) Unsere Vernunft, wenn sie sich auf zuverlässige Vordersätze baut, ist
aber ein vielköpfiges Ungeheuer; nach welchem Kopf soll denn nun Gott richten?
- Und wenn nun die Vernunft ihre Augen vor der Wahrheit zuschloß und sich von
den sinnlichen Lüsten beherrschen ließ?
5) Da haben wir schon zweierlei
Vernunft, nach welcher soll nun Gott richten? - Dann müßte auch die Obrigkeit
jeden Verbrecher sich selbst sein Urteil sprechen lassen.
Wenn man dann diese Stellt, in der
Adin von seinem Ableben erzählt, nachliest, sagt man sich ohne weiteres, daß es
berechtigt erscheint, wenn der Übergang eines nicht Gläubigen in das Reich des
Lichtes mit Schwierigkeiten vonstattengehen muß. Stilling erzählt im Anschluß
hieran, wie aufschlußreich sein Traumleben im Hinblick auf die erörterten
Fragen gewesen ist:
6) Ich habe niemals in diesem Werke
den Zeitpunkt zwischen dem Erlöschen des Selbstbewußtseins in diesem Leben und
stillem Erwachen in der Geisterwelt durch einen Traum ausgefüllt; ich ahne mit
Gewißheit, daß sich die Sache auch so verhält, ob ich auch gleich keinen Grund
dazu angeben kann, indessen hat doch auch die Psychologie nichts dagegen.
Ja, unsere Vernunft wird uns oft in
religiösen Fragen zu einem verderbenbringenden Fallstrick, zu einer Kette, wie
Stilling es nennt:
7) Dies ist die eiserne
Vernunftkette, an welcher die Seele zu ihrem ewigen Verderben angeschmiedet
wird, wenn sie sich nicht einfältig ans Evangelium hält. Weiter unten wird sie
gesprengt werden.
Wenn aber eines Tages dieses berühmte
"vernunftgemäße" Denken durch Krankheit lahmgelegt wird, was dann?
Auch hier gibt Stilling die richtige
Antwort:
8) Das ist bei Kranken so oft der
Fall; wie nötig ist's also, in gesunden Tagen seine Sachen mit Gott ins Reine
zu bringen.
Gewiß muten manche Stellen auf das
allzu Menschliche in uns befremdend. Ja, sie rufen Zweifel an dem Geschriebenen
hervor. Auch das weiß Stilling und gibt sein Kommentar dazu:
9) Lieber Leser, ich erzähle keine
Märchen, kein Gedicht, das Wesen meiner Einkleidung ist gewisse Wahrheit. Sorge
- ach, sorge dafür, daß du mit Glauben, Liebe und Hoffnung in jene Welt
übergehest. -
Ebenso ruhig wie diese Verheißungen
machen, überzeugt uns die zwiespältig wirkende Schilderung, die jedoch letzten
Endes zu dem einen Ziel hinführt, das wir suchen sollen und wollen, wenn - wir
uns Christi- Nachfolger nennen, auch wenn es vielgestaltig - gegensätzlich
wirkt.
10) Welcher Widerspruch! - sie sind
unaussprechlich traurig und haben doch nicht Ursache, traurig zu sein; alles,
was sie getan haben, mußten sie tun, und ahnen doch Strafe, warum wären sie
sonst traurig?
Besonders wichtig dürfte der Hinweis auf
die Stimme unseres Gewissens sein, wir begreifen sogar, warum Stilling in
seiner Erläuterung zu diesem Kapitel erklärt:
11) Das ist eben die Sache - das
Gewissen ist mit der Vernunft nicht im Einverständnis. Was aber wird aus der
Seele, die nicht Herr über das zersetzende Verstandesdenken wird?
Ergeht es ihr wie Hasmon?
12) Hier zeigt sich nun das Siegel
des Satans und das Zeichen des Tiers; Hasmon kann die Christus-Physiognomie
nicht leiden. Prüfe dich, wie dir zu Mut ist, lieber Leser, wenn du einen
wahren, weit geförderten Christen siehst; dein Gefühl wird dir dann dein Urteil
schon sprechen.
Unser Fühlen? Wie oft ist es von
nackten Äußerlichkeiten abhängig. Wie sehr sind wir zu Sklaven unserer Sinne,
unserer Fleischlichkeit geworden, oft ohne es zu merken. Und doch liegt in dem
scheinbaren Keim der Vernichtung - schon die Erlösung.
13) Es kann nicht genug gesagt
werden, daß es keinen klaren und unwiderlegbaren Beweis für die vollkommene
Freiheit des Willens gibt, als daß der Mensch eine Vernunft hat, und diese wäre
ohne Freiheit ganz und gar zwecklos.
Gravierend für Menschen der hier geschilderten Art ist es, daß sie bei
allen Dingen, immer auf ihre Unkenntnis der ewigen Gesetzmäßigkeit Bezug
nehmen, daß sie sich hinter ihrer "Schwachheit", ohne den Willen zur
glaubensvollen Hingabe zeigen. Stilling erinnert sie, daß
14) Gott nichts ohne Zweck macht, was
also unverdorben in der menschlichen Natur ist. das ist auch bestimmt, den
Zweck zu erreichen, wozu es geschaffen ist.
Wir haben einen eigenen Willen und
müssen ihn nützen. Wer das versäumt, darf nicht verwundert sein, wenn er die
hieraus kommenden Folgen auf sich nehmen muß.
15) Man merke nur den Sprung in den
Schlußfolgerungen - er nimmt den Satz: "Gott habe den Menschen die
Kräfte versagt", als wahr an, und überhaupt alle die großen
Anstalten, die Gott zur Erreichung dieser Kräfte getroffen hat.
Dabei ruft Stilling mahnend die
Zaghafteren und Mutlosen auf:
16)
O ihr Leser alle, könnte ich euch diese Worte alle mit Flammenschrift ins Herz
schreiben ! - Nicht vorstellen mögen - und das Nicht wagen wollen. sind die
Haupthindernisse, die den Menschen am Zufluchtnehmen zu Christ
S i e b e n t e S z e n e.
Laeda,
Zareda und Seraja.
(Im Schattenreiche.)
Laeda. Wer bist du, Trauriger - der du da
in Nacht hineingepflanzet stehst, als wenn du die Blitze des Allmächtigen
aufzufangen bereit wärest. - Rede, und ströme mir deinen Jammer aus!
Zareda. Ich bin ein großer Sünder, ich
habe einen Richter in mir, der mir das Urteil der ewigen Verdammnis spricht.
Laeda. Dieser Richter ist ehrwürdig, aber
er kann trübe Au- gen haben; was hast du denn für Grund dazu, daß du ein so
strenges Urteil über dich selbst fällest?
Zareda. Ich lebte bis in mein dreißigstes
Jahr ohne Gott in der Welt, und trank Ungerechtigkeit in mich, wie
Wasser, in meinem Gewerbe (ich war ein Kaufmann) war mir kein Mittel zu
schlimm, wenn ich nur etwas gewinnen konnte. Witwen und Waisen, arme Taglöhner
und Handwerksleute mußten den letzten Heller ihres mit saurem Schweiße
erworbenen Scherfleins hergeben, wenn ich nur mit einigem Schein des Rechts an
sie herankommen konnte; ich bestach die Richter, um gottlose Prozesse zu
gewinnen, und um groß und reich zu scheinen, richtete ich Gastmahle und Feste
an, während dessen die Armen, die ich arm gemacht hatte, zu Gott um trocken
Brot schrien, ich lebte und praßte im Überfluß, und wenn dann mein Körper von
geilen Säften strotzte, so verführte ich die Unschuld, und wenn ihre Schande
nicht mehr zu verbergen war, so stillte ich sie mit Geld und brachte sie in die
Ferne, und dort überließ ich sie mit den auf verbotenem Wege entstandenen
unsterblichen Wesen, allen Folgen der Armut und des Jammers! Ich kenne kein
Laster, das ich nicht vielfältig begangen habe.
Laeda. Was wurde aber in deinem
dreißigsten Jahre aus dir?
Zareda. Ich hatte ein vortreffliches Weib,
so wie es wenige gibt; sie wurde, weil ich reich war, von ihren Eltern zur
Heirat mit mir gezwungen, und ungeachtet sie keine eheliche Liebe zu mir hatte,
so war sie mir doch die treueste Freundin. Insgeheim erquickte sie die
Notleidenden, die ich drückte, obgleich meine schwere Hand auf ihr ruhte, wenn
ich's erfuhr. Sie erduldete meine Mißhandlungen mit größter Sanftmut, und oft
belauschte ich sie im Verborgenen, wo sie mit heißen Tränen für mich betete.
Nicht selten ergrimmte ich im Geiste, stürmte dann zu ihr in ihr Kämmerlein und
belohnte ihre Treue mit Schlägen, oft aber schlich ich auch mit klopfendem
Herzen wieder fort. Der vielfältige Kummer, den ich ihr verursachte. untergrub
endlich die Gesundheit der stillen Dulderin, sie wurde krank und ahnte mit
hoher Freude die baldige Erlösung von ihrem Jammer. Jetzt entstand tief in
meiner Seele eine ängstliche Unruhe; es war da etwas, das mich beständig
antrieb, mein bisheriges Leben zu prüfen, aber ich schauderte beständig vor dem
Gedanken zurück, und suchte mich auf dem gewohnten Wege zu zerstreuen; allein
es konnte nicht mehr gelingen. Wo ich ging und stand, da sah ich das Bild
meines leidenden Weibes, da hörte ich ihr Seufzen und Ringen nach ihrer
Auflösung. Endlich mußte ich der Gewalt, die mich drängte, nachgeben; ich blieb
am Krankenbette, pflegte meine Gattin mit Liebe, ihr Herz öffnete sich, und nun
half sie mir durch ihre zärtlichen und rührenden Vorstellungen meines
bisherigen Lebens zur gründlichen und tiefen Selbstprüfung. Großer Gott, welche
Greuel traten mir da unter die Augen! Ich wäre gewiß ein Selbstmörder geworden,
wenn mich nicht die lebhafte Vorstellung von der ewigen Verdammnis von einem
solchen Schritte zurückgeschreckt hätte; indessen schallten mir doch die Worte:
meine Sünden sind größer, als daß sie mir vergeben werden können,
betäubend in die Ohren, so daß ich manchmal auf der Wegscheide zwischen Tod und
Leben stand, doch hielt mich ein verborgenes Etwas beständig zurück. Während
diesen furchtbaren Leiden schien meine Frau ausgekämpft zu haben, ja es kam mir
vor, als wenn ihre Ruhe wüchse, wie mein Elend; dieses empörte mich, und ich
machte ihr deswegen zärtliche Vorwürfe, allein sie antwortete mir mit einem
zärtlichen lächeln: was ich jetzt tue, das weißt du nicht, du wirst es aber
hernach erfahren; tue nur alles, was in deinem Vermögen steht, das wieder
gut zu machen, was du verdorben hast; erstatte jedem das Geraubte, und beglücke
denjenigen, den du unglücklich gemacht hast; tue das nach allen deinen Kräften,
auch mit Aufopferung alles deines Reichtums und überlasse dann alles Übrige der
unergründlichen Barmherzigkeit Gottes in dem Erlöser; glaube an ihn, den Sündentilger
1), und kämpfe bis auf's Blut; wirst du überwinden, so wird Er dir
vom verborgenen Manna zu essen und den weißen Stein geben, auf dem dein neuer
Name geschrieben steht! - Diese Worte drangen tief in meine Seele und wurden
lauter Samenkörner guter Früchte; bald darauf entschlief sie. Von der Zeit an
habe ich nun alle meine Kräfte aufgeboten, ihrem Rate zu folgen, bloß mein und
meiner Frau Erbe habe ich meinen Kinder erhalten, all mein Erworbenes aber
aufgeopfert. Ich habe öffentlich alle, die ich je beleidigt habe, um Vergebung
gebeten, und wo ich ersetzen konnte, da habe ich's doppelt und dreifach getan.
Für meine unehelichen Kinder und ihre Mütter habe ich, soviel in meinem
Vermögen stand, leiblich und geistig gesorgt, und unaufhörlich zu Gott und seinem
Sohne um Gnade geschrien; allein so bange mir um Trost war, so habe ich doch
nie ein Tröpflein gekostet, immer standen mir meine Sünden vor Augen, und
unzählig viele Greuel habe ich nicht wieder gut machen können, weil die
Gedrückten und Beleidigten teils gestorben, teils weggezogen waren; freilich
gab ich das, was ihnen zukam, andern Armen, aber ihnen selbst wurde das doch
nicht ersetzt, und eben dies ist noch immer der Grund, warum ich mich für
verdammungswürdig halte. O, es gibt noch viele, die durch mich auf den Weg des
Verderbens geraten sind, die also ewige Rache über mich schreien werden, und
die ich nicht wieder zurückrufen konnte. Ach, ich habe unaussprechlich viel
Böses in der Schöpfung Gottes gestiftet, und erwarte mit Recht den Lohn, den
meine Taten wert sind.2)
Laeda. Wie wars' dir aber im Tode?
Zareda. Sehr sonderbar; ich bekam eine
Krankheit, die kein Arzt kannte, folglich auch nicht heilen konnte; das Alter,
denn ich war achtundsechzig Jahre alt, und dann auch meine ehemalige Lebensart
mochten viel dazu beigetragen haben, mit einem Worte, ich wurde immer
schwächer; über die Zukunft konnte ich nicht nachdenken, und ich befand mich
gleichsam in dumpfer Ruhe ohne Trost und ohne Schwermut. Mein Bewußtsein
behielt ich immer, bis endlich die große Stunde schlug, von der ich aber wenig
gewahr wurde; ich fühlte nämlich eine Anwandlung von Ohnmacht, und nun geriet
ich in einen träumenden Zustand. Es war mir, als wenn ich sehr tief in einem
Brunnen läge, auf dem ein Turm stünde, durch dessen Schallöcher ein rötliches,
wunderbares Licht hereinstrahlte, zugleich hörte ich den sehr feierlichen Ton
einer großen Glocke, so wie sie ihre Töne langsam in gemessenem Takte hin und
her warf. Ich bestrebte mich aus aller Kraft, hinauf an die Löcher zu dem wunderbaren
Licht zu kommen, allein es wollte mir lange nicht gelingen; endlich fand ich,
daß ich mich erheben und leicht emporheben konnte; sowie ich aber dem Lichte
nahe zu sein glaubte, erwachte ich und befand mich hier in dieser öden, weiten
dämmernden Nacht; jetzt durchdachte ich nun mein ganzes Leben, und ich fand,
daß ich noch lange nicht alles ersetzt hatte, was ich verdorben habe.
Laeda. Hast du denn nicht an Christum und
sein Erlösungswerk geglaubt?
Zareda. Ja, ich habe an ihn geglaubt. Er
ist der Weltregent. der Erlöser, der Lehrer, der von Gott gekommen ist; aber
ich konnte mir sein Leiden und Sterben nicht zurechnen. Wie kann mir zugut
kommen, was nicht ich, sondern was Er getan hat?3)
Laeda. Nach diesem Urteil, das du über
dich selbst fällst, würde also kein Mensch selig.
Zareda. Ich urteile bloß über mich und
fühle, daß ich unter allen der größte Sünder bin, der deswegen an der Erlösung
keinen Teil haben kann.
Laeda. Du kannst also nicht begreifen, wie
es möglich ist, daß dir das Verdienst Christi zugerechnet werden könne.
Zareda. Nein, das widerspricht meiner
gesunden Vernunft!
Laeda. Kannst du denn aber begreifen, wie
es möglich ist, daß Gott, die ewige Liebe, die ihre Geschöpfe zärtlicher liebt,
als eine Mutter ihre Kinder, einen gründlich gebesserten Menschen
verdammen kann?
Zareda. Das ist freilich auch
unbegreiflich.
Laeda. Jetzt beherzige wohl, was ich dir
sagen will; deine Vernunft behauptet, ein gründlich gebesserter Mensch könne
wegen seiner vor der Bekehrung begangenen Sünden nicht selig werden;
zugleich überzeugt sie dich, er müsse selig werden. Kann nun wohl beides
zugleich, und muß nicht eines von beiden wahr sein?
Zareda. Das ist richtig, nur eines kann
und muß wahr sein.
Laeda. Nun so höre ferner: wenn die
Vernunft mit sich selbst im Widerspruch steht, folglich eine und die nämliche
Sache zugleich für wahr und für nicht wahr zu halten gezwungen
ist, so muß man die Folgen aus beiden Sätzen gegen den Maßstab gewisser
Wahrheiten vergleichen, so wird sich's bald zeigen, welcher von beiden richtig
ist. Wenn also dir die unbegreifliche Zurechnung der Genugtuung Christi nicht
wahr ist, nicht gilt, was folgt daraus?
Zareda. Daß ich nicht selig werde.
Laeda. Richtig, setze auch noch hinzu,
daß kein Mensch selig werde, denn alle haben von ihrer Jugend an bis zu
ihrer Bekehrung, und hernach während des Kampfes gegen das Böse noch mehr
gesündigt. Läßt sich das aber mit der unendlichen Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit Gottes vereinigen?
Zareda. Nein, freilich nicht.
Laeda. Was willst du nun am liebsten
glauben, entweder, daß es Dinge gebe, die du nicht begreifen kannst, weil die
Vordersätze dazu verborgen sind, oder daß Gott ungerecht, nicht die ewige
Liebe, das ist: nicht Gott sei?
Zareda. Das erste muß ich notwendig
glauben! Du flößest mir Beruhigung ein, ich beginne zu hoffen. Wie ist mir? Es
geht ein Schimmer von mir aus - ich glänze!
Laeda. Komm von hinnen! Wir wollen uns
dem ewigen Morgen nähern, damit dein Schicksal bald entschieden sein möge!
Zareda. Welch ein unbegreiflich sanftes
und doch durchdringendes Licht ist das, aber es erschreckt mich, ich verdunkle
wieder in diesem Lichte. - Ach, ich bin nicht wert, drüben im Lande der Seligen
zu wohnen.
Laeda. Du Armer, nur das Anschauen des
Freundes bußfertiger Sünder kann dich trösten, siehe, wer kommt dort über das
Gebirge herüber? - Er zieht einher, als wenn er mit Tröstungen beladen wäre;
ach, es ist Fürst Seraja - fasse Mut!
Zareda. Das Anschauen dieses Herrlichen
kann ich nicht ertragen; wo soll ich hinfliehen vor seinem Angesichte? (Er will
zurückweichen.)
Laeda. Weiche nicht von der Stelle, du
entfliehst doch dem Allgegenwärtigen nicht.
(Er bleibt
tiefgebeugt stehen.)
Seraja. Sei mir gegrüßt, Laeda - was
verrichtest du hier im Schattenreiche?
Laeda. Ich ging umherwandeln, um zu
sehen, ob ich unter den abgeschiedenen Seelen nicht eine finde, der ich
nützlich sein könnte, und da traf ich diesen Zareda an, einen Geist, der
sich verdammniswürdig fühlt, weil er sich die Genugtuung des Erlösers nicht
zurechnen kann.
Seraja. Warum kannst du das nicht, Zareda?
Zareda. Ach, frage mich nicht, du
Majestätischer! Ich bin ein Nichts, ein Verworfener, der größte Sünder unter
allen!
Seraja. Du hast deinen Blick auf deinen
verdorbenen Zustand geheftet, und vermagst ihn nicht wegzuwenden; enthülle
deine geheimsten und innersten Neigungen!
Laeda. O Seraja, es wird mehr
Freude im Himmel sein.
Seraja. Laeda - sprich die geheime Sprache der
vollendeten Gerechten - folge uns, Zareda!
Zareda. Ich gehorche, aber verschont mich
mit dem Anblicke der Heiligen!
Seraja. Nun so verhülle dich in diese
Wolke.
(Er umkleidet ihn mit einem Nebel. und beide führen ihn zwischen sich
fort über das Gebirge.)
Laeda (in einer verborgenen Sprache, die
Zareda nicht versteht). Mein Bruder Seraja, wo führest du ihn
hin?
Seraja. Was ich jetzt tue, das weißt du nicht,
du wirst es aber hernach erfahren. Der Erhabene hat mir in
meinem Innersten seinen Willen bekannt gemacht.
Laeda. Verherrlicht werde Er, der Allerbarmer,
durch uns! - Ich verstehe dich, mein Bruder.
(Seraja führt beide, in eine Wolke gehüllt, so daß sie nichts sehen, ins
Reich der Herrlichkeit und bringt sie dort in das Innere eines einsamen
Palastes, der mit einem unbeschreiblich schönen, violetten oder sanften
Purpurglanze erleuchtet ist; die Wände sehen aus, wie halbdurchsichtiger Rubin,
und die Säulen scheinen Perlen zu sein, allenthalben spielen die sieben
Lichtfarben in sanftem. strahlendem Schimmer.)
Seraja. Hier legt eure Wolkenhülle ab!
Laeda. Die Ewigkeit hat keine Worte für
das, was ich hier empfinde!
Zareda. Ich fühle, daß ich unsterblich
bin, sonst würde mich meine Empfindung vernichten!
(Es bildet sich mitten ich Saale im weiten horizontalen Kreise ein
lebhaft glänzender Regenbogen; in seiner Mitte erscheinen vier Kinder in
himmlischer Urschönheit, in Purpur gekleidet, diese stehen im Viereck und
unterstützen einen Thron, der wie Gold im Feuer schimmert. Es blitzt, und nun
sitzt auf dem Throne ein junger Mann, das Urbild der vollkommenen Menschheit,
sein Gewand ist hellpoliertes Silber im Sonnenschein, sein Haupthaar zart
gelockte Lämmerwolle, sein Angesicht das höchste Ideal königlicher Majestät,
auf beiden Händen und Füßen und aus seiner linken Brust strahlen rotfunkelnde
Sterne, und sein Haupt umgibt ein smaragdenes, hell glänzendes Diadem. Seraja,
Laeda und Zareda stehen mit niedergeschlagenen Augen und feiern.)
Der Erhabene auf
dem Throne: Zareda, siehe mich an - und glaube! Deine Sünden sind dir vergeben!
Zareda. Erbarmer - König des Himmels und
der Menschen - womit soll ich dir deine Liebe vergelten? - Kann ich dir durch
alle Qualen der Verdammnis zeigen, wie überschwenglich ich dich liebe. - Siehe,
hier bin ich!
Der Erhabene. Du wirst alle, an denen du
gesündigt hast, zu ihrer Bestimmung führen, und deine Seligkeit wird mit der
ihrigen wachsen. Seraja, führe ihm den Engel zu, der ihn rettete, und
laß ihn hier wohnen. (Er verschwindet.)
Zareda. O du unermeßlicher Ozean der
Freuden, wie kann mein endlicher Geist das Anschauen deiner Fluten ertragen! - Allmächtiger
Gott! Laeda. was wird aus dir? - Du verwandelst dich! O des Abgrunds der
Gnaden! - Mein treues, edles Weib!
(Sie fliegen sich staunend und verstummend in die Arme.)
Seraja. Seht ihr nun, ihr treuen Kämpfer,
- wohin die Leiden jener vergangenen Tage führen? Sie sind verschwunden, wie
ein Traum, und nun werdet ihr ewig leben. Dir, lieber Zareda, hat der Herr
deine Sünden vergeben, und dir die Führung aller, an denen du gesündiget hast,
anvertraut; jetzt kannst du, die Ewigkeit durch, alles wieder gut machen, was
du verdorben hast. Begreifst du nun das Geheimnis der Genugtuung?
Zareda. O ja, mein ganzes Ich ist lauter
Jubel, und wer unterrichtet mich in meinem hohen Geschäfte?
Seraja. Blicke dort hin, und lies auf der
strahlenden Saphirfläche die Flammenschrift. Da wirst du jeden Augenblick
lesen, was du zu tun hast. Hier ist dein Tempel und hier deine Wohnung. (Er
verschwindet.)
Laeda. Wüßten doch die Pilger im Staube,
was auf sie wartet!
Zareda. Gelobet sei die Herrlichkeit des
Herrn an diesem Orte! -
Dieses Kapitel spricht in der
Hauptsache von dem Einfluß lebender Menschen auf unser Schicksal. Es besagt daß
wir in der Wahl aller derer vorsichtig. sein müssen. die in näheren Beziehungen
zu uns treten. Er verweist indessen wiederum auf die ungeheure Erlöserkraft
Jesu Christi.
Stilling führt an, daß der Sohn
Gottes zum Mitregenten wurde, und wir damit durch unsere "Nachfolge
Christi" der Gnade teilhaftig werden, ohne die wir nicht selig sein
können.
1) Dieser Erlöser, der nun Weltregent
ist, tilgt alle Sünden dadurch, daß er jede Sünde jedes Menschen so zu brauchen
weiß, daß am Ende lauter wohltätige, Gott verherrlichende und die Menschheit
beseligende Folgen daraus entstehen.
2) Aber wir dürfen niemals außer acht
lassen. daß Christus der Mitwirkung des bußfertigen Sünders bedarf, nicht, um
seine Sünden zu tilgen. aber der Sünder bedarf dieser Gesinnung, denn sie ist
die Gerechtigkeit Christi, wodurch er nur allein selig werden kann.
Deshalb müssen wir Ihn immer suchen
und dürfen nicht rein vernunftgemäß streben.
Wir dürfen auch niemals annehmen,
allein aus unserem Ringen um Wahrheit könnten wir Gott in uns aufnehmen, Seine
Liebe erwecken. Ein Berechnen des Für und Wider - alles dessen, was wir tun und
lassen müssen, führt zu nichts, wenn wir uns nicht dem Gnadenwillen des
dreieinigen Gottes zu unterstellen vermögen. Das ist auch Stillings Ansicht,
die er klar und eindeutig verficht.
8) Dies Zurechnen ist eben die Klippe, woran so manche Vernunft
scheitert; die Seele Jesu Christi hat sich durch sein Leiden und Sterben die
Fähigkeit erworben, sich alle Menschenseelen, die ihren ganzen Willen mit dem
Willen Gottes vereinigen, nach und nach verähnlichen, sie zu heiligen und so zur
Seligkeit geschickt machen. So macht also das Verdienst Christi durch den
Glauben selig. Wenn nun der Christ hier schon alles tut, was er kann, um das
Verdorbene wieder gut zu machen - denn das muß er, dadurch beweist er die
Aufrichtigkeit seiner Buße - so wird ihm dann in jener Welt Gelegenheit genug
gegeben werden, das noch vollends zu erfüllen, was er hier nicht leisten
konnte, wie der Schluß dieser Szene zeigt. Wenn der Mensch die Gerechtigkeit
Christi angezogen hat, so fühlt er sich als ewiger Schuldner aus Dankbarkeit
für seine Erlösung. und dies Gefühl treibt ihn dann auch an, ewig Gutes zu tun.
A c h t e S z e n e.
Chilon,
Ekron und Guel.
Chilion. (im Kinderreiche). Könnte ich
doch den hinterlassenen lieben Freunden auf Erden die unaussprechliche Anmut
dieses Morgenlandes das ich bewohne, beschreiben! -Wie erquickend und stärkend
waren mir einst die Frühlingsmorgen, wenn der Lichtkreis der Sonne über den
lebhaft grünen Wald herschimmerte, der Nebel im Tal sich lagerte und das
Nachtigallengeflöte fernher mein Herz rührte! - Allein welch ein elendes
Gemälde war das gegen diesen ewigen himmlischen Morgen! Alle sieben
Lichtfarben wechseln hier in gemessenen Zuständen miteinander ab, bald glänzt
ein sanftes violettes Licht über die Fluren und Auen, dies verwandelt sich
allmählich in Purpur, nach und nach schimmert lebhaftes Rot, das dann in
Orangegelb, nun in Lichtgelb, wieder in smaragdenes Grün, ferner in Blau, und
dann wieder in Violett übergeht. Durch alle diese geistige Farben schimmern
allenthalben die vollkommensten Ideale unzähliger Arten von Gewächsen hervor,
die in ewiger Jugend dastehen und immer abwechseln; sanfte Hügel und breite
Täler mit sanft rieselnden Bächen, grünen und glänzen in allen diesen Farben
mit einem Widerscheine hervor, der wie ein Nebelflor über sie hinfließt, als
wenn sie damit überschleiert wären. Blumen, die den Glanz und die Herrlichkeit
der schönsten Brillanten im Sonnenlichte weit übertreffen, und deren Formen die
höchsten Urbilder der Blüten sind, ziehen allenthalben den Blick an sich. Und
nun die seligen Wesen, die in unsterblicher Schönheit, befreit von der trägen
Fleischlast ihres ehemaligen Körpers, die holden Gegenden bewohnen! Welche
Liebe, welch freundschaftliches Zuvorkommen, welch Bestreben nach höherer
Vollkommenheit belebt sie alle!
O du
Freudenschöpfer, wo bist du hingegangen, uns die Stätte zu bereiten. -- Könnte
ich dich nur einmal sehen und sein, wo du bist! 2)
Guel. Willkommen, Bruder! - Es wird auch
eine Zeit kommen, wo du ihn sehen wirst.3)
Chilion. Du hast mich überrascht! - Wer
bist du, Herrlicher! Etwa ein Fürst aus den höheren Regionen?
Guel. Mein Name ist Guel, ich bin ein
Diener des Erhabenen, und gehe hin, einen Geist zu richten, der Unordnung in der
Schöpfung und in der himmlischen Natur anrichtet.
Chilion. Wer ist denn der Unglückliche,
erzähle mir doch etwas von ihm.
Guel. Er heißt Ekron und war ein
deutscher Gelehrter, der sein ganzes Leben mit Forschung der griechischen und
römischen Altertümer zugebracht, und seinen Geist ganz und allein auf
die Ideale der bildenden Kunst fixiert hat.
Chilion. Ach, wie töricht handeln doch die
Menschen, wenn sie Nebenzwecke zu Hauptzwecken machen.
Guel. Ja wohl. Er war sonst ein guter
und tugendhafter Mann, in dessen Seele kein Falsch wohnte; er war auch
wohltätig, aber seine Richtung zur Vollkommenheit hat den rechten Weg verfehlt;
anstatt das höchste Ideal der Menschheit zum Muster der Verähnlichung zu machen
und Ihm immer nachzustreben, ist seine Seele voll von nichtigen Formen
griechischer Bildhauer und Baukünstler, und von Wesen, die nicht existiert
haben, oder doch Menschen von sehr niedrigem Range gewesen sind. Seine größte
Seligkeit würde die Bewohnung eines griechischen Elysiums sein.4)
Chilion. Der arme Bedauernswürdige! - Ich
vermute also, wenn der Herr die Gestalt des vatikanischen Apolls hätte, oder
Petrus dem Farnesischen Herkules gleich wäre, und sollte es auch nur ein Torso
sein, so würde er sich freuen. ![]()
Guel. Du hast wahr geurteilt - allein
seine Verblendung geht so weit, daß ihm immer das Bild aus Marmor besser
behagt, als das Original selbst. Zeige du ihm einen der schönsten Menschen, und
er empfindet nichts dabei; wenn er aber einen abgebrochenen marmornen Finger
findet, von dem er nur vermutet, daß er von einem griechischen Künstler sein
könnte, so schwimmt er im Vergnügen, und er weiß eine Menge Ideen in den Finger
zu legen, die sich der Künstler wohl nie dabei gedacht hat.
Chilion. Sage mir doch, lieber! woher
kommt wohl diese sonderbare Verirrung des menschlichen Verstandes?
Guel. Das will ich dir erklären. In
jedem menschlichen Geiste liegt ein Grundtrieb zur Verähnlichung mit dem
höchsten Ideale der vollkommenen Menschheit; die Triebfeder dazu ist das Gefühl
des Schönen, mit welchem ein Vergnügen verbunden ist, das also jenen Grundtrieb
zum Wirken antreiben soll. Nun ist aber jenes Ideal aller menschlichen
Urschönheit geistig und sittlich, folglich zu weit von dem sinnlichen Menschen
entfernt; auch ist die unter den Menschen herrschende Religion zu unrein und
verdorben, als daß sie sie gerade zu diesem Ideale führen könnte. Da nun in
allen natürlichen und körperlichen Dingen eine göttliche Idee eigener Art, ein
Teilchen Urschönheit liegt, so rührt dieses diejenigen Menschen, die ein
reizbares Gefühl für das Schöne haben; sie geben sich also Mühe, es aufzusuchen
und sich in seinem Anschauen zu vergnügen; dabei bleiben aber nun die meisten
stehen. Anstatt daß sie sich durch alle diese kleinen Spiegel zum einzigen
Original wenden und es aufsuchen sollten, weil sie den Weg dazu zeigen, genügen
sie sich an der Schale und lassen den Kern fahren. Eben das ist auch der Fall
bei den meisten Altertumsforschern; sie finden einen hohen Grad der Ähnlichkeit
der Kunstwerke mit vollkommenen Idealen oder mit Naturgegenständen; diese
Vollkommenheit der Kunst rührt sie, und nun schaffen sie sich ein Idol daraus,
das sie anbeten: und bleiben so auf dem Wege zur wahren Vervollkommnung zurück.
Chilion. Es ist doch unbegreiflich, wie ein
Mensch die Vollkommenheit bloßer Formen, die doch auf nichts weiter als
hochgespannter Imagination und technischer Geschicklichkeit beruht, so hoch
erheben kann, - und dagegen durch eine hohe Sittlichkeit, durch einen erhabenen
Wirkungskreis zum allgemeinen Besten kaum gerührt wird. Aber wo ist denn der
arme Ekron jetzt?
Guel. Seine letzte Beschäftigung auf
seinem Sterbebette war, daß er sich einen kleinen Gipsabdruck von Laokoon gegenüber
stellen und Lessing's Schrift über dieses Kunstwerk vorlesen ließ; ans
Sterben dachte er nicht; denn er hatte noch eine Reise nach Sizilien vor,
wo er die Ruinen Agrigents untersuchen wollte.
Chilion. O der kindischen Einfalt und
Verkehrtheit! - An der kunstvollen Darstellung einer Fabel mehr Gefallen zu
haben, als an so vielen herzrührenden und treffenden Gemälden wirklich
geschehener, echter und vortrefflicher Taten, deren die Geschichte so viele
enthält! - Dort ist nur bloß tote und schwache technische Schönheit, ohne den
geringsten Nutzen, und hier Geist und leben verbreitende Urschönheit.5)
Wenn nun Ekron auch selbst ein noch schöneres Kunstwerk als den Laokoon
hätte machen können, was wäre es dann mehr gewesen?
Guel. O, dann hätte er sich selig geglaubt!
- über dem Anschauen des Laokoons übereilte ihn aber der Tod, und er
erschien im Schattenreiche. Da nun sein ganzer Geist mit dem
unwiderstehlichsten Triebe, nach Altertümern zu forschen, angefüllt ist, so
bildeten sich in dieser endlosen, dämmernden, leeren Wüste vor seinen Augen
lauter Ruinen, Säulen, Statuen, Büsten u. dergl.; er eilte auf die Gegenstände
zu, allein sie flohen vor ihm, und er konnte sie zu seiner größten Betrübnis
nie erreichen. In diesem trostlosen Zustande fand ich ihn, als ich gesandt
wurde, sein Schicksal zu entscheiden. Seine Enthüllungsrolle enthielt wohl
keine Greueltaten, aber sie war dagegen die vollständigste und eine
systematisch geordnete Antiquitätensammlung. Du weißt, mein Lieber, daß unser
heiligstes Gesetz gebeut: Jeder Mensch müsse sich erst selbst kennen
lernen, damit er das gerechte Urteil, das über ihn gesprochen wird,
billigen könne. Demzufolge wurde also dem Ekron an der nördlichen
Grenze des Kinderreiches im Chaos ein Erbteil angewiesen und ihm
zugleich so viele Schöpfungskraft verliehen, als nötig war, seine Ideen zu
realisieren; hier sollte er also nun den Versuch machen, was für eine Welt aus
seinen Idealen herauskommen würde; ihm wurden auch mehrere tausend abgeschiedene
Menschengeister, die sich zu ihm schickten, als Bewohner seines neuen
Fürstentums und als seine Untertanen zugeführt; aber, lieber Chilion, du
würdest erstaunen, wenn du sähest, was er für ein Babylon gebaut hat.
Chilion. Das kann man sich vorstellen. -
Du gehst also jetzt hin, in diesem Babel die Sprachen zu verwirren; darf ich
dich begleiten?
Guel. Frage den Herrn.
(Chilion geht weg und kommt in Kurzem wieder.)
Chilion. Ich soll
dich begleiten, mein Bruder!
Guel. Das freut mich. - Nun so komm! Wir
wollen sehen, was Ekron gemacht hat.
(Beide in Ekrons Fürstentume.)
Chilion. Was ist das? Der arme Stümper hat
ja das Licht vergessen!
Guel. Nicht vergessen, mein Lieber,
sondern alle seine Werke sind des Lichtes nicht fähig. Alles, was nicht himmlischen
Ursprungs ist, ist auch des göttlichen Wahren, das ist des himmlischen
Lichts, nicht empfänglich.6)
Chilion. Es dämmert doch allenthalben so
gelblich, als wenn das ganze Land vom Neumond erleuchtet würde?
Guel. Komm, wir wollen das ganze Land durchziehen,
und alle die Kunstwerke besehen, die er gemacht hat. Spürst du auch, wie
schimmlich und dumpf hier der Geruch der Luft ist.
Chilion. O ja, ich empfinde dieses
widrige Wesen sehr stark. Ach. Guel, was ist dort?
Guel. Ich dachte wohl, daß so etwas
herauskommen würde, das wird seine Wohnung sein, denn es ist ein Palast im
griechischen Geschmack.
Chilion. Ja, ich erkenne schon die
Säulenordnung und verschiedene Statuen auf ihren Fußgestellen; das ganze Ding
glänzt ja, als wenn's mit Phosphorus übertüncht wäre.
Guel. Das ist ganz natürlich, denn jede
menschliche Idee, die wahr scheint, hat ihr eigenes, aber schwaches Licht,
das die Dinge anders darstellt, als sie in sich sind. Du sollst nun bald sehen,
welch eine schreckliche Verwüstung und Verwandlung hier entstehen wird, wenn
nur ein Strahl des himmlischen Lichts durch dieses jämmerliche Gemächte
hinfährt.7) Siehe dort eine mediceische Venus, und da einen
schlafenden Endymion! Welch ein armes Licht schimmert von diesem kindischen
Spielwerk umher.
Chilion. Ich habe nötig, mich ins Element
des göttlichen Erbarmens zurückzuziehen, damit ich nicht in Zorn gerate.
Guel. Wir wollen unseren Auftrag
beschleunigen, damit wir hier wegkommen.
Chilion. Da wandelt uns ja ein Wesen
entgegen, als wenn es Jupiter Olympius selbst wäre.
Guel. O der Eitelkeit, der arme Ekron
hat sich eine Larve nach der Idee seines Idols geschaffen; er ist es
selbst. Ekron, komm hierher zu uns. Wie geht es dir?
Ekron. Es geht mir, wie einem Träumenden,
der sich ermüdet, indem er sich zur Reise rüstet, er will fort, und wenn er auf
dem Weg ist, so hat er immer etwas Wesentliches vergessen, nur mit dem
bedauernswerten Unterschiede, daß er sich im Traum befindet, und bei mir alles
Wahrheit ist.
Guel. Gab dir nicht der Erhabene
Freiheit und Macht, dir ein Fürstentum aus dem Chaos zu schaffen, so wie du es
wünschest?
Ekron. Ja! - Aber ich tauge zum Schaffen
nicht!
Guel. Warum nicht?
Ekron. Ich weiß nicht, was zum
himmlischen Leben gehört.
Guel. Du hast ja aber doch deine Seele
mit lauter Bildern des Elysiums angefüllt?
Ekron. Ach, ich erfahre mit herzlichem
Jammer. daß das lauter leere Schatten ohne Wesen gewesen sind.
Chilion. Warum hast du aber deine armselige
Schöpfung nicht wieder vernichtet und etwas Besseres gemacht?
Ekron. Ich kann nur schaffen, aber nicht
vernichten8)
Chilion. Nun, so hättest du auch gute und
nützliche Ideen in dein Feld säen sollen.
Ekron. Ich Armer, ich konnte ja nicht
säen, was ich nicht hatte; gute wahre Ideen sind mir nie wesentlich geworden.
Guel. Lieber Bruder Chilion, Du bist
noch ein Neuling in himmlischen Dingen, sonst müßtest du wissen, daß alles, was
einmal geschaffen ist, nie wieder vernichtet werden kann, weil jedes Ding
dadurch ein Recht bekommt, zu existieren; und dann heißt schaffen nichts
anderes, als Ideen realisieren; man muß also notwendig die Ideen haben, die man
wirklich machen will.
Chilion. Ich danke dir innigst, du
Herrlicher, daß du mich belehrt hast.
Ekron. Ach, du Himmlischer, sage mir doch
auch, was ich tun soll? Am meisten bedaure ich die armen Geister, die meiner
Führung anvertraut sind; sie darben, hungern und dürsten nach Wahrheit und
Licht, und ich kann sie nicht sättigen.
Chilion (in einer dem Ekron
unverständlichen Sprache): Was haben aber diese Armen verschuldet?
Guel (in der nämlichen Sprache): Glaube
nur, daß der Erhabene in seinen Gerichten gerecht ist, sie verdienen, was sie
leiden. (Zu Ekron): Ich will dir sagen, was du tun sollst, und wie du,
durch schwere Leiden und Prüfungen geläutert, wieder gut machen kannst, was du
verdorben hast, damit du endlich zu Gnaden angenommen werden mögest.
(Guel reckt seine Hand gegen Morgen
und ruft mit starker Stimme: "Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht
kommt, und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir'" In dem
Augenblicke strahlt der ewige Morgen einher, wie im Kinderreiche; Ekron wird in
ein lebendes, scheußliches Totengerippe und alle seine Geschöpfe werden in
lebendige höllische Ungeheuer verwandelt.)
Ekron. Schrecklicher, erbarme dich! Was
wird aus mir?
Guel. Du und deine Werke, Ekron, werdet,
was ihr im Geist und in der Wahrheit seid, - ihr werdet nicht verwandelt
sondern nur eurer armen Hülle beraubt
Ekron. Ach, sagt mir, ihr Himmlischen,
was ich tun muß, um von diesem Tode befreit zu werden?
Guel. Ist dein Wille unwiderruflich
bestimmt in allem den Willen Gottes zu erfüllen?
Ekron. Ja, ewig und unwiderruflich.
Guel. So erforsche von nun an den
Charakter eines jeden dir untergeordneten Geistes: demütige dich unter jeden,
und dulde unermüdlich seine Unarten und Bosheiten, so wirst du sie nach und
nach alle gewinnen. Solltest du in irgend einem Falle ungewiß sein, was des
Herrn Wille ist, so richte deinen Blick gegen Morgen, und bete um Licht und
Weisheit so wird er dir offenbar werden. Deine Gestalt wird alsdann nach und
nach mit einem verklärten Körper überkleidet und die scheußlichen Ungeheuer um
dich her immer veredelt und endlich in himmlische Gestalten verwandelt werden.
Tue das alles, Ekron, so wirst du leben und dereinst des Herrn
Herrlichkeit sehen.
Ekron. Mein Vorsatz, das alles zu tun,
soll durch keine Macht geändert werden, und ich preise den Herrn, der dich mir
zum Retter gesandt hat.
Chilion. Siehe, mein Bruder, wie ihn ein
goldenes Wölkchen umgibt, kaum ist seine Todesgestalt noch sichtbar.
Ekron. O wie gut ist Gott daß er schon
jetzt meinen Glauben und meine Hoffnungen stärkt. - Grinst nur und sperrt den
Rachen gegen mich auf, alle ihr Trauergestalten um mich her, ich verfluche euch
und wurzle euch aus meinem Wesen aus!
Guel. Dein Anfang ist vortrefflich. -
Das Versöhnungsmittel wirkt,10) erfülle nun auch des Herrn Willen an
deinen Brüdern und so wird das Ende herrlich sein. Euch Ungeheuer aber alle
umhülle die Materie des Chaos, geht in derselben in Tod und Verwesung über,
damit der Urkeim des Guten, der in euch liegt, entwickelt und dereinst zum
nützlichen Gebrauch im Reiche Gottes erreifen möge.
(Alle Gestalten werden in eine schwarzbraune Wolke verschlossen.)
Chilion. Ach, Bruder, wann werde ich auch
einmal fähig sein, solche erhabenen Werke auszuführen 11)
Guel. Dann, wann dieser Wunsch nicht
mehr in dir aufsteigen kann. 12)
Chilion. Gott, ich empfinde, daß ich nach
hohen Dingen getrachtet habe; verzeiht mir, Erhabener, ich werde mich aufs
Gebirge gegen Abend begeben und da für mein Verbrechen büßen. Nein, ich bin
noch nicht geschickt zum Reiche Gottes.
Guel. Herr, vergib diesem Bruder - er
verdunkelt, entziehe ihm dein Licht nicht!
Chilion. Ich liebe ihn - den Erhabenen -
aus allen meinen Kräften, ich muß für meinen Fehler büßen.
Guel. Ich gehe mit dir und leide mit
dir.
(Ein Vertrauter des Herrn erscheint ihnen und sagt ihnen mit himmlischer
Freundlichkeit):
Der Erhabene hat mehr
Gefallen an Liebe, als an Leiden, jeder gehe an seinen Ort! -
1) Dieser Abschnitt verweist erneut
darauf. daß eine allzu innige Verbindung mit der Materie die Seele allzu sehr
derselben verkettet. Dadurch aber wird die Befreiung derselben von der Erde
eines Tages verhindert. Das erkannte auch Stilling, denn er sagt. daß das
vernünftige Forschen der Kunst und der Geschichte des Altertums nicht zu tadeln
sei. Dies gilt auch für die zweite Szene, die Naturforschung. Nur den Mißbrauch
zu rügen ist mein Zweck; es ist ganz etwas anderes, ein Studium als Mittel
anzusehen, als wenn man's zum Endzweck seines Lebens macht.
2) Diese Gefahr ist besonders stark,
wenn das intellektuelle Denken über das seelische gestellt wird, wie es
beispielsweise bei uns zur Zeit der Fall ist. Wer allzu sehr nur nach dem geht,
was das nüchterne Verstandesdenken bejaht, wird seiner Seele die Kräfte
entziehen, von denen allein sie leben kann.
Wer nicht das Licht vor Augen hat,
kann seinen Weg niemals finden. Darum sagt Stilling: Man muß wohl bemerken, daß
das Streben nach höherer Vollkommenheit auch in jenem Leben und zwar ewig
fortdauert; denn es gehört zum Wesen der Natur.
Was aber sagt unsere Zeit gerne?
"Mach hier dein Leben gut und schön, kein Jenseits gibt´s, kein Wiedersehen."
3) Ist es nicht fürchterlich, so zu
denken, dies wirklich zu glauben? Darum aber ist es unbedingt erforderlich,
sich mit Fragen über den Jenseitszustand genauestens zu erforschen, vor allen
Dingen endlich den Weg zum Erlöser zu finden. Das ist auch Stillings Ansicht.
sonst würde er nicht so warnend mahnen: Prüfe dich einmal unparteiisch, lieber
Leser, ob es dir Freude der Seligkeit sein würde, Jesum Christum sinnlich zu
sehen und mit Ihm umzugehen? - Die Antwort deines Gefühls entscheidet über deinen
ganzen Seelenzustand.
Und wenn wir uns fragen würden?
4) Viele unter uns würden vielleicht
mit einem mitleidigen Lächeln die Achseln zucken und sich nicht klarmachen. daß
Jesus Christus wirklich "Der Weg, die Wahrheit und einst das ewige Leben
für uns darstellen wird." Was aber tun wir? Genau wie Sti1ling es
schildert. wir packen unseren Gehirnkasten randvoll mit lauter
Erdennichtigkeiten an, die dort Drüben nichts mehr sein werden, ebenso wenig
wie das Blatt am Baum vom Bestand ist. Auf die Wurzel kommt es an. Sie ist der
Lebensspeiser. Genau so ist es mit uns. So war es schon zu Zeiten Sti1lings,
sonst hätte er nicht darauf hingewiesen. daß man einmal einige Künstlerreisen
nach Italien und Griechenland lesen sollte. Der eigentliche Grund des Vergnügens
liegt in der Entdeckung, wie weit es die Menschen in der Nachahmung der Natur
haben bringen können, und dann auch vorzüglich in den erhabenen Idealen, die
sich jene Künstler gedacht haben und zu denken fähig waren. Das ist nun
freilich etwas Großes, aber ganz und gar nichts gegen einen Menschen, der sich
selbst nach dem höchsten Ideal der Menschheit. nach Christo Jesu gebildet hat.
Hier allerdings möchte man sich oft
fragen. ist das überhaupt noch möglich in der rasenden Hast und Ehrsucht
unserer Tage? Sich nach Christus bilden?
5) Wir haben Sein Bild ja nicht mehr
so klar, so abgegrenzt vor Augen. Im Gegenteil. wir haben uns mit allen unseren
Zeitwünschen und Leidenschaften angefüllt und daher nur noch wenig Raum für das
Göttliche. Das war noch im Mittelalter anders. Vor allen Dingen hat die
Geschichte der christlichen Religion so erstaunlich viele edle Züge der
Menschenwürde aufbewahrt. und doch wird niemals ein Modestudium daraus, wohl
aber aus dem Unsinne des Heidentums. Leser, untersuche einmal, woher das komme?
- Dank sei es Raphael, Tizian, Leonardo da Vinci, Guido Reni, Carlo Dolci und
anderen mehr, daß sie so vortreffliche religiöse Kunstwerke darstellen, wodurch
denn doch noch manchem Kunstliebhaber das Herz gerührt wird.
Auch daran krankt "unsere"
Zeit. daß sie nicht mehr die Kunst auf Grund ihrer harmonischen Gestaltung des
Schönen und Edlen wertet, sondern die verstandesgemäße Einschätzung selbst
hierbei regieren läßt. Auf diese Weise ist manche Kunstform der Jetztzeit das
Zerrbild der Epoche geworden, ohne durch ihren veredelnden Einfluß das
Zukunftsgemälde der aus unserem Chaos sich entwickelnden neuen Kunstform zu
schaffen. Was ist Kunst anderes. als die Ausdrucksweise jeder Zeit. Wenn die
Menschen also Gott nicht mehr lieben, Ihn nicht mehr als Höchstes verehren,
dann wird ihre künstlerische Gestaltungskraft leiden, und sie werden nur noch
Zeitbilder hervorbringen. Erst wenn ein Mensch gläubig ist, wenn er sich der
Dreieinigkeit des Höchsten hingibt, kann er das formen, was diesem Gottland am
nächsten liegt.
Eine Gläubigkeit jedoch, die Beweise
sucht, wird zu einer glaubenszersetzenden Philosophiererei, wie auch Stilling
sagt:
6) "Was aber ist das
allergeordnetste - recht nach allen Regeln des Systems errichtete Lehrgebäude
der Philosophie anderes als ein Babel. Man lese nur die Schriften und
Rezensionen. Wo ist allein die Wahrheit?
Antwort: bei der Quelle. Also überall
da, wo Gott wirkt. - Und da ist das Licht das erste, bei Menschenwerken aber
das letzte, weil es da Wirkung des Gemachten ist. -
Sehr nachdenklich stimmt der
Augenblick, wie Ekron - Jupiter Olympius gleichend - im Jenseits wandelt. Haben
nicht auch wickr oftmals irgend ein Steenpferd, auf dem wir "in die Irre
reiten?"
Und doch kann wiederum nichts mehr
erheben, die Seele zum Schwingen und Klingen bringen, als ein vollendetes
Kunstwerk, das das Menschenich schaffen kann. Deshalb kann auch niemand den
Einfluß des Göttlichen lebhafter aufnehmen, als der Kunstliebhaber.
7) Das Gleiche empfand aber auch
schon Stilling: Niemand kann das lebhafter empfinden, als ein philosophisches
oder Kunst-Genie, wenn es vom heiligen Geist erleuchtet wird. - Man kann dann
nicht begreifen, wie man Gefallen an vergänglichen Kindereien haben konnte.
Wie läßt Stilling Ekron erklären:
"Ich kann nur schaffen. aber nicht vernichten."
8) Dazu sagt er: Diese große Wahrheit
bitte ich zu beherzigen; wir alle können vieles zum Sein bringen, aber seine
Wirkung kann nur der Erlöser vernichten, oder zum Zweck leiten.
9) Wirklich, wenn wir Menschen
wüßten, welche geistige Urgestalt wir haben, wir würden sicherlich viele Dinge
wesentlich anders behandeln, auch mehr auf die Gedankenarbeit unseres Gehirns
achten. Eines Tages werden wir entblößt sein von dem, was uns heute noch gehört
und dann? Wie werden wir dann ausschauen, wenn. wie Stilling so wunderbar sagt:
Das himmlische Licht, welches die Wahrheit selbst ist, in Menschenwerke
strahlt, so zeigen sie sich auch nach der Wahrheit, wie sie in sich selbst
sind.
Forschen wir also unermüdlich, was
wir anstreben, was wir ersehnen. Erst wenn man die nachfolgenden Worte
Stillings in sich als ratsame fühlt, ist man gerettet.
10) Wenn man mit Gott versöhnt ist, so spürt man anstatt des ehemaligen
Widerwillens gegen das Göttliche, nunmehr brünstige Liebe dazu; denn das ist ja
die Wirkung jeder Versöhnung; dagegen aber empfindet man Abscheu gegen seine
eigenen bösen Werke.
11) Sollte irgend jemand die Frage
aufwerfen: ob man denn im Himmel auch noch sündigen könne, - so diene ihm zur
Antwort: Nein! Sündigen kann man wohl nicht mehr, aber irren, fehlen ist
vielleicht mehr möglich. - Doch jeder kann davon halten. was er für wahr
ansieht.
12) Auch die Himmel sind nicht rein
vor ihm.
Neunte
Szene.
Alon, Chanania, Deguel und Usiel.
Alon (im Schattenreiche). Das war also
das Ausschlupfen des Schmetterlings aus seiner Puppe! -ungefähr so hab' ich
mir´s auch vorgestellt. Diese weite, dämmernde Wüste, dieser Hades ist
die merkwürdige Pause zwischen der ersten und zweiten Stufe der menschlichen
Existenz! - Große Erwartungen erfüllen meinen Geist, und im bin neugierig, was
jener große und sanft strahlende Morgen Gutes bringen wird? - O wie freue im
mich jetzt, daß ich mein Leben der Tugend gewidmet habe. - Wie muß es hier dem
Lasterhaften zu Mute sein! - Ich will zu jenem Morgen hinschweben und sehen,
was es da zu wirken gibt; denn Gutes tun, muß doch auch hier meine Bestimmung
sein.l) Da sehe ich eine ungeheure Menge abgeschiedener Menschen.
Warum schwingen sie sich nicht über das
Gebirge hinüber - oder können sie nicht? -Ich meines Orts werde hier nicht
lange verweilen, so untätig zu sein, ist meine Sache nicht. Da kommt mir einer
entgegen, ich muß ihn doch anreden und sehen, ob ich nicht etwas Nützliches
stiften kann. Wer bist du? Warum wandelst du so einsam und so müßig?
Chanania. Ich erwarte ruhig und in Demut,
was der Wille Gottes über mich ist.
Alon. Der Mensch muß aber doch das
Seinige tun, um den Willen Gottes zu erfahren! - Hier gibt es nichts zu wirken,
wir müssen uns dem Licht nähern und über das Gebirge gehen.
Chanania. Bist du des Lichtes fähig, und
weißt du, ob du die Himmelsluft ertragen kannst? Ich bin wenigstens noch nicht
geschickt dazu, denn so oft ich mich ihm nähere, werde ich so beklemmt, als
wenn ich ehemals an einem Orte war, wo ich nicht Odem holen konnte.
Alon. Das muß ich doch versuchen. (Er
schwingt sich weg, kommt aber bald wieder, er ist wie betäubt und kann sich
kaum erholen.) Das begreif ich nicht. - Ich hab' doch in meinem Leben alles
getan, was ich konnte, um den Willen Gottes zu erfüllen.2)
Chanania. Hast du
alles getan, was
du konntest? - Ich erstaune über dich! In meinem Innersten verhält sich's
ganz anders; je mehr ich mich prüfe, desto mehr finde ich, daß alle, auch meine
besten Werke unrein und mit Eigenliebe befleckt sind, und dann entdecke ich
auch eine ungeheure Menge schlechter Handlungen auf meiner Rechnung. Ich,
meines Orts, fühle mich verdammniswürdig, und meine einzige Hoffnung gründe ich
bloß auf die Gnade Gottes in dem Erlöser; denn mein Wille war seit langer Zeit
fest und unwiderruflich bestimmt, Ihm zu leben und zu sterben.
Alon. Ich merke wohl, du hängst noch an
den Symbolen der Kirche. - Laß diese Ängstlichkeit fahren. - Ich war viele
Jahre protestantischer Prediger, ich hab' die Sache durchgedacht und die
ungereimten Begriffe vom Falle Adams, von der Genugtuung Christi, oder
von der Versöhnung der Menschen mit Gott lange weggeräumt; gerade als wenn sich
die ewige Liebe, der ewig unveränderliche. gute Gott erzürnen könnte, so daß
man Ihn wieder gut machen, seinen Zorn stillen müßte; und das mit dem Blute
eines unschuldigen, edlen Menschen.3)
Chanania. Die Sprache kenne ich - aber ich
habe nie getraut. Die menschliche Vernunft kann irren, und in dieser Sache irren
ist sehr gefährlich. Denn im Falle nun doch die Versöhnungslehre wahr wäre, wie
sie es in der Tat ist, was wagt dann ein Lehrer, der sie seinen Zuhörern und
besonders der Jugend zweifelhaft macht oder gar wegvernünftelt? Beraubt er sie
nicht dadurch des einzigen Mittels, sich vom ewigen Verderben zu retten? - Und
doch ist er überzeugt, daß seine Vernunft in über- sinnlichen Dingen nicht
zuverlässig ist.4)
Alon. Ja, die menschliche Vernunft kann
irren, allein es gibt doch anerkannte Wahrheiten, gegen die sich nichts
einwenden läßt.
Chanania. Da hast du Recht! - Indessen
konnte sich einst ein vernünftiger, aber freilich unstudierter Mann nicht genug
über die Verblendung der Gelehrten wundem, daß sie glaubten, die Erde drehe
sich um ihre Achse, und die Sonne stehe still.
Alon. Du mußt mir keinen Mann
entgegensetzen, der nicht die geringste Kultur hat.
Chanania. Daraus folgt also, daß alle
Gelehrten, wenigstens in den Wahrheiten, die du für anerkannt hältst,
einerlei Meinung sein müssen.
Alon. Das nun wohl eben nicht.
Chanania. Wie! - Können denn aufgeklärte
Männer nicht über eine Sache verschieden urteilen, und doch alle Recht haben?
Alon. Nein, sie können nicht alle Recht
haben.
Chanania. Wie kannst du aber versichert
sein, daß deine Religionsbegriffe die wahren sind, da es doch auch gründlich
gelehrte Männer gibt, die in allen Stücken das Gegenteil behaupten?
Alon. Meine Grundsätze sind vor dem
Richterstuhl der gesunden Vernunft entschieden.
Chanania. Das behaupten aber deine Gegner auch,
folglich muß eine Partei fehlen.
Alon. Ich bin meines Satzes gewiß; denn
ich behaupte keine Ungereimtheiten, keine unanständigen Dinge von der Gottheit.
Chanania. Eben das sagen auch die Männer,
die die Versöhnung durch das Leben und Sterben Christi glauben.
Alon. Nun, wir wollen's auf den
Ausspruch des gerechten Richters ankommen lassen.5)
Chanania. Freilich ist nun nichts anders
mehr übrig, doch muß ich dir noch eins an's Herz legen. Gesetzt, ein großer
Herr verteilt die Verwaltung seiner Güter unter seine Diener, und nun verreist
er auf lange Zeit; bei seinem Abschiede aber befiehlt er, daß sie sich alle in
zweifelhaften Fällen in seinen Hausakten und bisher gegebenen Verordnungen Rats
erholen sollen. Einige tun das auch treulich, ohne über diesen und jenen Punkt
zu räsonieren, und wenn ihnen etwas nicht einleuchten will, so denken sie:
unser Herr muß wohl seine guten Ursachen gehabt haben, so zu urteilen, diese
oder jene Einrichtung zu treffen, und befolgen also seinen Willen. Andere aber
sagen, die Gesetze und Verordnungen enthalten vernunftwidrige Dinge, wir wollen
nach unserem eigenen besten Wissen und Gewissen die Güter verwalten. Nun was
dünkt dich, welche unter beiden Partien hat den sichersten Weg gewählt? -
Besonders, wenn nun noch von beiden Partien gar nicht gezweifelt wird, daß ihr
Herr unendlich mehr Verstand habe, als sie alle miteinander.
Alon. Dein Gleichnis hinkt. - Dieses
Herrn erstes Gebot ist: kultiviere deine Vernunft, so sehr du kannst, und dann
folge ihr!
Cnanania. Auch in übersinnlichen Dingen, zu
denen die Vordersätze sehr tief verborgen liegen, oder die wir von selbst nie
erreichen können?
Alon. Wenn im irdischen leben solche
Kenntnisse nötig sind, welches noch die Frage ist, so haben wir ja eine
Offenbarung Gottes an die Menschen.6)
Cnanania. Du gestehest doch, daß in jedem
menschlichen Geiste eine strenge Forderung zur Tugend liegt; und daß er auch
zugleich einen stärkeren Hang habe, nicht tugendhaft zu sein?
Alon. Das kann nicht geleugnet werden.7)
Chanania. Findet denn deine Vernunft da
nicht einen offenen Widerspruch?
Alon. So scheint es; allein der Mensch
muß seinen stärkeren Hang zur Sinnlichkeit überwinden.
Chanania. Hat er die Kräfte selbst zum
Kämpfen und überwinden?
Alon. Allerdings! ![]()
Chanania. Er muß sie also doch wohl brauchen
wollen, wenn er kämpfen und überwinden will?
Alon. Das ist unstreitig.
Chanania. Kann ein Mensch diese Kräfte
brauchen wollen, der einen überwiegenden Hang zum Bösen hat?
Alon. Nein, freilich nicht. - Allein die
Vernunft stößt in sittlichen Dingen oft auf Widersprüche, wo sie sich nicht
heraushelfen kann.
Chanania. Und doch braucht hier der Mensch
sichere Kenntnisse, die ihn zur Sittlichkeit leiten, die er aber gewiß in jenen
Widersprüchen nicht findet.
Alon. Eben darum haben wir auch eine
göttliche Offenbarung an die Menschen.
Chanania. Du gestehest mir also nun ein, daß
uns eine Offenbarung nötig ist?
Alon. Ja, und daß die Bibel sie enthält,
das hab' ich immer geglaubt.
Chanania. Wohl, diese Bibel lehrt aber den
Fall Adam's, die Genugtuung Christi, und dessen Versöhnung der
Menschen mit Gott; ja sie lehrt die wesentlichsten Stücke der Symbole der
protestantischen Kirche.
Alon. Dem Buchstaben nach freilich; aber
ob das ihr wahrer Sinn sei, das ist eine andere Frage.
Chanania. Dieser Sinn muß doch so in den
Worten liegen, daß er aus denselben erkannt werden kann.
Alon. Notwendig!
Chanania. Es ist also unmöglich, daß das
Gegenteil von dem, was in dem Buchstaben liegt, behauptet werden könne?
Alon. Das ist allerdings unmöglich.
Chanania. Da also die Lehre vom Falle Adam's
und der Versöhnung der Menschen mit Gott durch Christum in der Bibel positiv
behauptet wird, so kann das Gegenteil von beiden Stücken unmöglich wahr
sein.
Alon. Wie kann es aber doch wahr sein,
da es meiner Vernunft widerspricht?
Chanania. Deiner Vernunft, nicht der meinigen,
nicht aller Menschen Vernunft; und wenn das auch der Fall wäre, so müßte
der Fehler in der Schwäche der Vernunft gesucht werden, sobald sie mit einer
wahrhaften Offenbarung Gottes in Kollision kommt; in deiner Vernunft
bemerkten wir aber vorhin schon einen Widerspruch.
Alon. Gesetzt auch, ich hätte geirrt, so
hab' ich doch getan, was ich konnte, um tugendhaft zu werden.
Chanania. Das wird sich nun bald zeigen,
wenn dein Richter erscheint.
(Deguel naht sich den bei den Redenden in verhüllter Herrlichkeit.)
Deguel. Ich habe euer Gespräch gehört;
auch ich hätte wohl dem neuangekommenen Geiste etwas zu sagen.
Alon. Ich bin bereit, dich anzuhören.8)
Deguel. Du warst Lehrer einer
protestantischen Gemeinde?
Alon. Ja, und zugleich auch Vorsteher
verschiedener Prediger.
Deguel. Hast du denn die Begriffe, die du
gegen diesen Bruder behauptet hast, von der hohen Schule mitgebracht? 9)
Alon. Zum Teil, ja, zum Teil hab ich
sie hernach auch noch durch eigenes Forschen verbessert und berichtigt.
Deguel. Hast du denn nicht bei dem
Antritte deines Amtes einen Eid geschworen, die protestantische Religion nach ihren
Symbolen zu lehren.10)
Alon. Ich merke wohl, daß du sagen
willst, ich hätte entweder meinen Eid halten oder gar nicht schwören sollen.
Aber wo ist denn eine Religionsverbesserung möglich?
Deguel. Deinem Satze zufolge darf also
jeder Religionslehrer lehren, was er will?
Alon. Das nicht; was er lehrt muß doch
mit der Vernunft und Offenbarung übereinstimmen.
Deguel. Das glaubt jeder Fanatiker,
Schwärmer, Abergläubige und Ungläubige von seinem eigenen System.11)
Alon. Das ist freilich wahr: allein es
gibt doch allgemein entschiedene Irrtümer und Wahrheiten; daß also der
geistige Vorstand darauf sehen müsse, daß allenthalben gegen die ersten
gepredigt und die andern gelehrt werden, versteht sich von selbst.
Deguel. Du gibst doch zu, daß dieser
geistliche Vorstand diese Irrtümer und Wahrheiten gesetzmäßig bestimmen
und alsdann die neu anzustellenden Lehrer darauf verpflichten müsse, daß sie
gegen die ersten predigen und die anderen lehren sollen?
Alon. Das muß ich freilich zugeben, denn
sonst könnte ja jeder Irrgeist lehren, was er wollte.12)
Deguel. Ganz recht, bestimmten nun aber
nicht die protestantischen Symbole damals allgemein anerkannte Irrtümer und
Wahrheiten?
Alon. Allerdings! Aber das sind sie nun
nicht mehr.
Deguel. Ist das allgemein herrschende
Gewißheit bei dem Vorstande der beiden protestantischen Kirchen?
Alon. Nein, das könnte ich nicht sagen!
Deguel. Folglich sind eure Symbole noch immer
Kirchengesetze, die jeder Lehrer heilig beobachten muß: und wenn er das nicht
mehr kann, muß er sein Amt niederlegen.
Alon. Ich komme wieder aufs Vorige: wie
ist aber dann Fortschritt in der Aufklärung und Wachstum in der Erkenntnis
möglich?
Deguel. Was dünkt dich, was aus der
Religions- und Kirchenverfassung werden würde, wenn sich jeder einzelne
Lehrer das Recht anmaßen wollte, die Symbole zu verbessern und sein eigen
System herrschend zu machen?
Alon. Das kann freilich schlechterdings
nicht angehen.
Deguel. Siehst du nun ein, wie notwendig
Symbole sind, und daß jeder Lehrer schlechterdings nach denselben lehren und
sein Amt führen müsse?
Alon. Aber Lieber, beantworte mir doch
die Frage: wie ist dann Fortschritt in der Aufklärung möglich?
Deguel. Die sollst du selber beantworten:
Gestehest du ein, daß durch die Reformation die Aufklärung befördert worden
ist?
Alon. Das ist der rechte Punkt, der die
Sache entscheidet; allerdings, und zwar in hohem Grade, aber hat Luther nicht
auch seinen Eid gebrochen, indem er den Symbolen seiner Kirche entgegen
arbeitete?
Deguel. Wenn ein Kirchenvorstand Gesandte
ausschickt, die nicht allein den Symbolen widersprechende, sondern die
Menschheit empörende Dinge tun und lehren, was fordert dann der Eid des Volkslehrers?
Alon. Er muß alsdann die Wahrheit
unerschrocken sagen und verteidigen. Ich sehe nun wohl ein, daß das im
Anfang bei Luther der Fall war, denn der Ablaßkram war in allem seinem
Mißbrauch gar nicht in den Symbolen der Kirche gegründet. Aber er griff auch
hernach die Symbole selbst an, die er doch beschworen hatte!
Deguel. Wenn zwei einen Vertrag
miteinander machen, und der eine bricht ihn, ist dann der andere an sein
Versprechen gebunden? 12)
Alon. Nein!
Deguel. Du
mußt doch gestehen, daß das bei Luther der Fall war. - Zudem wurde seine
eigentliche Obrigkeit nebst vielen andern seiner Meinung, und sie nahm ihn in
Schutz. Der römische Hof verfolgte ihn, tat ihn in den Bann, und indem ihn also
der, dem er geschworen hatte, nicht mehr für seinen Untertan erkannte, so war
er ja seiner Eidespflicht entledigt.
Alon. Ich sehe nun wohl ein, daß die
Reformation für mich nichts beweist.
Deguel. Wenn sie nichts für dich beweist,
so beweist sie gegen dich: daß du höchst strafbar gehandelt und ein Empörer in
der Kirche Gottes gewesen bist.
(Deguel strahlt prächtig in himmlischer Majestät. Alon erschrickt,
Chanania feiert.)
Alon. Engel des Herrn, ich habe geirrt,
aber doch nach meiner innigsten Überzeugung gehandelt, und mein Wille war, immer
das zu tun, was ich fürs Beste erkannte.
(Usiel schwebt auf einem goldfarbigen Gewölk. mit einem purpurnen
Widerscheine umkränzt, über das Gebirge herab, er strahlt einher, wie die Sonne
über einem Donnerwetter und stellt sich mit feierlich ernstem Blicke vor Alon
hin, der sich mit einem tiefgebeugten Armensündergesicht zu Bo- den neigt.)
Usiel (zu Deguel). Sei mir gegrüßt,
lieber Bruder Deguel! was machst du hier?
Deguel. Ich hörte diese beiden
Neuangekommenen, ihnen unsichtbar, sich miteinander unterreden; dieser (auf Chanania
zeigend) führte die Sprache eines Gläubigen, jener aber (Alon) ist
ein christlicher Stoiker; ich habe angefangen, ihn zur Erkenntnis seiner selbst
zu führen, allein ich hatte keinen Auftrag, ihn zu richten.
Usiel. So eben sah ich im Lichte und
Rechte den Befehl des Erhabenen, Alon's Blick auf seinen ganzen Wirkungskreis
zu leiten, damit er erkennen möge, was seine Taten wert sind.
Alon. Heiliger, habe Mitleiden mit mir!
Du wirst finden, daß mein ganzer Wille immer entschlossen war, nach meiner
besten Erkenntnis zu handeln, und die Gebote des Herrn zu erfüllen.
Usiel. Nun so entwickle die Rolle deines
Gewissens!
Alon. Da erscheint mein ganzes Leben vor
mir, alle meine Gedanken, Worte und Werke sind entkleidet. Gott, wie viele
Unvollkommenheiten entdecke ich, aber laß Gnade für Recht ergehen, - ich habe
ja mich selbst nicht gemacht, und was kann ich dafür, daß ich einen
überwiegenden Hang zur Sinnlichkeit hatte? Bedenke, daß mein Wille aufrichtig
gewesen ist.
Usiel. Du sagst: Dein Wille sei immer
unüberwindlich entschlossen gewesen, deinem Grade der Erkenntnis des Guten zu
folgen. Gab es aber nicht von jeher viele Verfolger der Wahrheit, die da
glauben, es sei recht und dem Willen Gottes gemäß, jene, die nicht ihrer
Meinung waren, zu allerhand Strafen zu verurteilen? - Hast du nie deine
Amtsbrüder, die anders dachten, wie du, öffentlich getadelt, verhöhnt, in
Gesellschaften gerichtet, und ihnen dadurch viele Leiden verursacht? - Blicke
auf jene Gegend in der Rolle deines Gewissens!
Alon. Ja, ich habe das oft und
vielfältig getan, aber ich handelte nach meiner Erkenntnis, und ich glaubte,
den Irrtum überall bekämpfen zu müssen.
Usiel. Bemerke diese Stellen in deinem
Leben genau, so wirst du finden, daß Stolz, Eigenliebe und Rechthaberei mehr
Anteil an deinem Richten, Verurteilen und Disputieren hatten, als die Liebe zur
Wahrheit.
Alon. Ach ja, auch das finde ich; aber
ist denn die menschliche Natur nicht so geartet, und hab' ich mich denn selber
gemacht?
Usiel. Es ist die Frage, ob du alle deine
Kräfte angewandt hast, deine verdorbene Natur zu bessern und zu bekämpfen? Hast
du alle Wahrheiten, auf deren Erkenntnis deine Willensbestimmung zu
deiner wahren Vervollkommnung beruht, nach allen deinen Kräften geprüft?
Alon. Ja, das war immer mein Zweck.
Usiel. Sieh, wie du dich täuschest; -
Prüfe doch den Geist, der in allem deinem Forschen herrschte! Zwei Systeme
standen vor dir, du konntest wählen; das eine empfahl die Verleugnung deiner
sinnlichen Lüste und Begierden, kämpfen bis aufs Blut gegen die Sünde und alle
Regungen deiner verdorbenen Natur, und ernstliches Bestreben nach wahrer
Reinheit des Herzens und der Heiligung; das andere empfahl dir bloß
Wohltätigkeit und Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, deine verdorbene Natur aber
ließ es unangetastet, weil es dich täuschte, die Natur sei nicht so verdorben,
sondern nur durch den größeren Reiz zur Sinnlichkeit ausgeartet, der sich aber
allmählich durch Ausübung so vieler guter Handlungen vermindern würde. Nun sage
mir aufrichtig, warum hast du nicht das erste, sondern das zweite gewählt?
Alon. Bei dem ersten fand meine Vernunft
Widersprüche, bei dem andern nicht.
Usiel. Und welche Widersprüche fandest du
bei dem ersten oder christlichen System?
Alon. Die damit verbundene Lehre vom
Falle des ersten Menschen, von der Erlösung durch Christum, vermittels seines
Leidens und Sterbens, und von den außerordentlichen Gnadenwirkungen des
heiligen Geistes.
Usiel. Wenn du das nun auch alles nach
dem wahren Sinne der Bibel geglaubt hättest, würde dich das in der Ausübung
aller anerkannten Sittenpflichten und in dem Fortschritte deiner
Vervollkommnung gehindert haben?
Alon. Nein! Das kann ich nicht sagen;
doch war mir das andere System lieber, weil es auch zur Vollkommenheit führt,
und doch vernunftmäßig ist.
Usiel. Glaubst du, daß Gott vollkommen
gerecht, weise und die ewige Liebe ist?
Alon. Ja, das ist eine ewige Wahrheit,
die ich mit tiefer Anbetung glaube.
Usiel. Du behauptest aber zugleich, daß
alle schrecklichen Laster und Verdorbenheiten des Menschen aus seinen
eingeschränkten Begriffen und größerem Hang zu sinnlichen Vergnügen herrühren,
und daß er so aus der Hand seines Schöpfers gekommen sei. Daraus folgt also
nach deinem System, daß Gott, die ewige Liebe, der Allgerechte, der Allweise,
die Menschen zu ihrem Verderben schuf?
Alon. Wir wissen aber nicht, was für
große und gute Folgen das Böse in der moralischen Welt noch dereinst haben
wird.
Usiel. Das beweist gar nichts für dich;
denn die Menschheit ist, nach deiner Meinung zu einem langen und unabsehbaren
Jammer geschaffen, es mag dereinst aus ihr werden, was da will, die Leiden alle
hat sie einmal vorab.
Alon. Dieser Widerspruch findet sich
aber auch im christlichen Systeme.
Usiel. Bist du ein Lehrer gewesen und
urteilst so seicht? - Lehrt dieses nicht, daß Gott den Menschen gut geschaffen,
daß dieser aber freiwillig gefallen sei, und daß ihm nun hinlängliche Mittel
genug an die Hand gegeben worden, seine Bestimmung zu erreichen?
Alon. Verzeihe mir, du Heiliger! Gott
wußte aber den Abfall der Menschen und allen Jammer vorher und schuf ihn doch?
Usiel. Merke wohl, das christliche System
hat Dinge, die der Vernunft im Erdenleben zu hoch, und zu begreifen
unerreichbar sind 14), aber das Deinige hat Widersprüche; Gott ist
nach deinen Begriffen gerecht, heilig und die ewige Liebe, schafft aber doch
Menschen, die von Natur mehr zur Sünde als zur Tugend geneigt sind, und straft
noch über das alles das Laster. Er täuscht sie mit einem Gefühle von Freiheit
des Willens, im Grunde aber sind doch alle ihre Handlungen bestimmt, folglich
notwendig; dem allem ungeachtet richtet er sie so, als wenn sie vollkommen frei
wären.
Alon. Du hast Recht, das sind
Widersprüche.
Usiel. Du sagtest eben, du hättest dein
System deswegen gewählt, weil es vernunftmäßiger sei, als das christliche oder
symbolische deiner Kirche; und dann behauptetest du noch vorher, du hättest
alle deine Kräfte zur Erforschung der Wahrheit verwendet; ist nun beides wahr?
Prüfe den Geist genau, der dein ganzes Leben geleitet hat!
Alon. Ach ich finde mit Beschämung, daß
nun beides nicht wahr ist!
Usiel. Gib Gott die Ehre und bekenne,
warum du dein System gewählt hast?
Alon. Es gefiel mir besser!
Usiel. Warum?
Alon. Ach, mein ganzes Leben liegt ja
enthüllt vor euren Augen, ihr wißt es, seine Forderungen waren mir leichter zu
erfüllen, als die Pflichten des ersten.
Usiel. Siehe, wie du den Erhabenen, dich
selbst und uns belogen hast; Du beriefst dich auf deinen guten Willen, auf deine
Treue in Erforschung der Wahrheit, und auf deinen Fleiß in der Ausübung des
Guten; wo ist nun dein guter Wille? - Und wo deine Redlichkeit im Forschen? -
Nun wollen wir aber auch noch die Menge deiner guten Werke prüfen; du hast
Kandidaten in's Predigtamt befördert, die deiner Meinung waren, und die nun
lauter Schaden anrichten; du hast dir Einfluß an Höfen verschafft und Lehrer
für Prinzen besorgt, die deine Freunde und deinem System zugetan waren, die
aber nun Freigeister bilden, deren Wirkung auf die Nachkommenschaft schrecklich
sein wird. Du hast vielen Fleiß auf die Verbesserung der Schulen verwendet,
indem du Schullehrer bildetest, die aufgeklärt, das ist: Zweifler waren.
Sehr hast du dich gehütet, Anstalten zu begünstigen, wodurch die Kinder zur Erkenntnis
ihrer selbst und zu den Grundbegriffen der christlichen Religion geleitet
werden, dagegen aber war dir's sehr darum zu tun, daß sie brauchbare Kenntnisse
für das kurze Erdenleben bekämen: Dieses hättest du tun, aber jenes nicht
vernachlässigen sollen. Du hast Schriften drucken lassen, worin du dein System
mit sehr lebhaften Farben und mit vieler Kraft der Überredung vorgetragen hast,
die also viele vom rechten Weg verführt haben und noch verführen werden. Du
hast auch hin und wieder Hungrige gespeiset, Durstige getränket und Nackende
bekleidet, aber nicht aus Pflichtgefühl, das ist: aus Liebe zu Gott, sondern
entweder um dir das Vergnügen des Bewußtseins guter Handlungen zu verschaffen,
oder den Richter der Lebendigen und Toten dereinst damit zu bestechen. Der
Glaubensgrund, aus dem alle guten Werke fließen mußten, fehlte dir also
gänzlich, und da du endlich auch das Erlösungswerk des Weltheilandes gekannt
und doch nicht geglaubt hast, so kann es dir auch bei deiner mit Sünden
befleckten Gerechtigkeit nicht zu gut kommen! Sprich dir also dein Urteil nun
von selbst.
Alon. Erbarmen, schrecklicher Richter!
Wie konnte ich zum Erlöser auf diese Weise meine Zuflucht nehmen, da die
Zurechnung einer fremden Gerechtigkeit meiner Vernunft widersprach? 15)
Usiel. Hättest du die Pflichten der
christlichen Religion, die auch der allerungeübtesten Vernunft einleuchten,
nämlich: Bekämpfung eines jeden Keims sündlicher Begierden, Verleugnung alles
dessen, was den Reiz zu sinnlichen Vergnügen nährt, beständige Richtung der
Aufmerksamkeit und des Begehrungsvermögens auf Gott und sein Gesetz, und die
immerwährende Wachsamkeit auf alle deine Gedanken, Worte und Werke fleißig
geübt, so würdest du in dir einen Abgrund des Verderbens entdeckt und gefunden
haben, daß in deinem ganzen Wesen kein Rettungsmittel, zu deiner Bestimmung und
Vervollkommnung zu gelangen, zu finden sei. Dann müßte aber auch deine Vernunft
erkannt haben, daß es der ewigen Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht gemäß
sei, vernünftige Geschöpfe, denen bei allem ihrem Verderben doch noch ein
sehnliches Verlangen nach Vollkommenheit übrig geblieben ist, hilflos zu
lassen; du würdest dann ohne Vorurteil und gründlich die Erlösungslehre
geprüft, den Geist aus der Buchstabenhülle entwickelt, und dann mit hohem Frieden
entdeckt haben: daß der Begriff von der Versöhnung der Menschen mit Gott durch
Christum ganz und gar nichts Vernunftwidriges enthalte, folglich würde in dir
ein wahrer und tätiger Glaube entstanden sein, der nun jetzt in ein Schauen und
Genießen überschwenglicher Seligkeit übergehen könnte.16)
Alon. Ach ich Elender! Wie war's doch
möglich, daß ich mich so täuschen konnte! -Aber ihr Bürger des Himmels - was
vergangen ist, das kann nun nicht mehr ungeschehen gemacht werden, und mein
ganzes Ich strebt doch dahin, den Willen Gottes zu erfüllen; sagt mir, was ich
nun tun soll?
Usiel. Dort zur Linken, gegen Mittag,
fern von hier, an den entlegensten Grenzen des Kinderreichs ist eine dämmernde,
einsame Gegend, wo die Tugendhaftesten aus den rohen und wilden Nationen ihren
Aufenthalt haben; zu diesen wirst du gesendet; ihr roher Sinn wird dir viel
Leiden machen, aber wenn du nun anfängst, jeden Keim des Stolzes, der
Eigenliebe und des Verlangens nach sinnlichen Vergnügen aus deinem Wesen zu
vertilgen, wenn du ihnen ein Vorbild der Demut, der Sanftmut und der
Selbstverleugnung wirst, und sie dann in den Kenntnissen, die sie zum
himmlischen Leben nötig haben, unterrichtest, so wirst du sie nach und nach
alle gewinnen: und so wie das geschieht, wird deine Seligkeit wachsen, und du
wirst endlich zum Anschauen des Erhabenen gelangen.
Alon. Herr, du Heiliger und Erhabener! -
gelobt seist du für dein Urteil, das du durch diesen deinen verherrlichten
Diener über mich aussprichst! - Ich empfinde tief, daß diese Bestimmung allen
meinen Anlagen gemäß ist, - und gehorche mit der willigsten Aufopferung aller
meiner Kräfte.
Usiel. Die geheime Kraft vom Herrn wird
dich belehren und unterstützen; und wir werden uns dereinst mit
unaussprechlicher Freude wiedersehen. Lieber Bruder Deguel, begleite ihn
an seinen Ort.
(Deguel und Alon schweben fort.)
Usiel (zu Chanania). Enthülle dich!
Chanania (im Enthüllen). Er hat meine
Seele erlöset, daß sie nicht in's Verderben fahre, sondern mein Leben das Licht
sehen möge.
Usiel. Ei du frommer und getreuer Knecht!
Du hast reichlich Früchte voller Gnade und Wahrheit gewirkt und erworben, komm
mit mir! Ich will dir dein Erbteil zeigen, das du von nun an ich Reiche des
Lichts auf ewig bewohnen sollst.
(Beide schweben über das Gebirge
weg.)
(Alon und Deguel im Reiche der
Wilden.)
Alon. Sei mir gesegnet, du heilige,
stille Einöde mit allen deinen walddichten Gipfeln, die das ewige Morgenrot
erhellet, mit allen deinen dunklen stillen Tälern, die kein Laut belebt! - Bald
soll hier allenthalben des Herrn Lob erschallen, und mein unsterbliches Wesen
soll sich hier allen Stürmen, wie ein Berg Gottes im Ungewitter,
entgegenstemmen! - Durch Sanftmut will ich alle Geister bekämpfen und sie durch
Demut überwinden! - Dann will ich sie den Gesalbten Gottes kennen lehren und
ihr Mose sein, der sie aus dieser Wüste ins gelobte Land führt!
Deguel. O Alan, dein Glaube ist groß! - Es
geschehe, so wie du gesagt hast! Ich will den Erhabenen bitten, daß er mir
erlaube, dich oft zu besuchen und dich zu trösten, wenn du leidest!
Alon. Mußte doch ein Engel den
Gottmenschen in Gethsemane trösten, wie viel mehr werde ich es nötig
haben! Aber bloß und allein des Herrn Wille soll geschehen; dem übergebe ich
mich ohne Vorbehalt.
Deguel. Nimm hin den Kuß der himmlischen
Liebe - und nun lebe und wirke im Segen! (Er verschwindet.)
Bei Beginn gerade dieser Szene müssen
wir uns gleichfalls fragen, ob wir wohl nicht im tiefsten Herzen ebenso
selbstgefällig sind, ob wir nicht auch nur das Gute bei uns sehen und uns
selbst danach überschätzen. Eben, weil wir im Zeitalter des intellektuellen
"Jonglierens" leben, ist die Gefahr, sich "zuviel
einzubilden", eben aus dem Schulwissen heraus, recht heimtückisch.
In bezug auf diese Selbstgefälligkeit
Alons sagt auch Stilling:
1) Der fühlt so recht seine
Behaglichkeit, er ist so ganz mit sich zufrieden, daher ist er auch so
geschwätzig, er denkt nicht daran, daß es möglich sein könnte, gefehlt zu
haben, und doch wird er finden, wie wenig er zum Himmel paßt. Seine Selbstgefälligkeit
vergiftet auch seine besten Worte.
Wenn man bedenkt, daß Stilling diese
Schrift vor beinahe 200 Jahren geschrieben hat, dann kann man recht mutlos
darüber werden. daß keine wirkliche Änderung eingetreten ist.
2) Dieser Alon hat erstaunlich viele
Brüder, besonders unter der protestantischen Geistlichkeit. - Sie sind ihrer
Sache so gewiß und so ruhig dabei, daß einem wahren Christen die Haut
schaudert, und ihm ob der Folgen die Haare zu Berge stehen möchten.
Eigentlich ist es nicht ganz
verständlich, wenn ein Mensch als Christi Nachfolger die Menschen zu Ihm
führen will, dann müßte er doch wirklich, von innen heraus, den Herrn
lieben und wissen, daß kein Mensch so rein und sündenlos sein kann, daß er
befreit ist von der Erbsünde. Auch hier hat Stilling mit seiner zutreffenden
Folgerung den Kernpunkt der Sache bloßgelegt.
3) Es ist unbegreiflich, wie
vernünftige Männer den allgemeinen Hang, die überwiegende Neigung der gesamten
Menschheit zur Sünde übersehen, den Fall Adams leugnen können; und wenn dieser
nicht geleugnet werden kann, so ist ja nichts vernunftmäßiger, als die Erlösung
durch Christum.
4) Es wäre sehr zu wünschen, daß man
sich hier des Sicherheitspostulats bediente, nämlich: ist die altevangelische
Lehre, so wie sie die Symbole der protestantischen Kirche bekennen, wahr, so
sind wir die glücklichsten und die Neologen die unglücklichsten Menschen; und
ist sie nicht wahr, so irren wir zwar, aber wir können auf keinen Fall
unglücklich werden; folglich wer Neologie lehrt, der wagt entsetzlich viel, und
wer nach den Symbolen lehrt, gar nichts.
Jeder Mensch, der eine andere als die
christliche Lehre, wenn er sie genau kennt, ablehnt, um eine andere zu lehren,
macht sich schuldig an der leiblichen Opferung des Herrn. Auch er ist dann
Einer von jenen, die einstmals schrien: "Kreuzige Ihn, denn Er ist nicht
Gottes Sohn!"
Und ein Mensch, der, wie wir heute,
soviel lernte, also seinen Verstand trainieren durfte, kann, wenn er nur will,
die Wahrheit und den Segen der christlichen Lehre erfassen.
Zu diesem Kapitel muß man die
Nachworte Stillings hören, weil sie dieselben schlagartig und gravierend
beleuchten.
Wenn er also Alon selbstgefällig
sagen läßt: "Nun, wir wollen's auf den Ausspruch des gerechten Richters
ankommen lassen", dann müssen wir ihm beipflichten, wenn er in der
Anmerkung ausruft:
5) Die Verblendung und Tollkühnheit
dieser Leute ist fürchterlich! - Sie haben ja noch tausende von Beispielen
gegen sich, wo die Versöhnungslehre böse Menschen in heilige umgeschaffen hat,
und eben so viele Beweise von Verirrungen der Vernunft, und doch dürfen sie
noch ans Gericht Gottes appellieren.
6) Alon räumt hier mehr ein, als die
meisten in der Aufklärung schon weiter vorgerückten Modernisten. Diese glauben
an eine solche Offenbarung Gottes an die Menschen nicht mehr.
Es ist erstaunlich, wie viele Worte
Stillings noch auf unsere Zeit passen. Dieser erneute Beweis, daß wir seit den
Tagen eines Goethe, Schiller, Herder u. a. im ethisch christlichen Sinne noch
nicht weitergekommen sind, ist erschütternd. Oder könnte das folgende Wort
Stillings nicht genau für uns zugeschnitten sein?
7) Auch dieses scheint man nicht mehr
zugeben zu wollen, man fängt an, zu glauben, der Hang zur Tugend sei auch
völlig da, er brauche nur kultiviert zu werden; man nimmts aber auch mit der
Tugend so streng nicht - so wächst der Abfall zusehends.
8) Wie doch der Irrtum so fest sitzt!
Ach, es gehört viel dazu, einen Aufgeklärten unserer Zeit zu überzeugen.
9) Da sprudelt eben die Quelle alles Jammers.
- Die Jünglinge lernen da die Vordersätze des Unglaubens und des Zweifels, auf
welche sie hernach ihr verderbliches System gründen.
Ebenfalls ist man zutiefst
erschüttert, wenn Stilling nun in dem Zwiegespräch zwischen Alon und Deguel auf
die Art und Weise des Lehrens der christlichen Religion eingeht, wenn er darauf
verweist, wie zwanglos manches hierbei gehandhabt wird. So ist seine Anmerkung
begreiflich, auch wenn sie einen bösen Krebsschaden aufdeckt.
10) Dies wird auch nicht mehr so
genau genommen, man vereidigt die Prediger nicht mehr so scharf, und hat
überdem so seine reservationes mentales dabei. Sogar setzt man das Wesentliche
des Protestantismus in eine immer fortgehende Reformation.
11) Es ist wahr, jeder Fanatiker erklärt
sein System aus der Bibel, und eben dies wollen ihr die Neologen zum Vorwurf
anrechnen, und ihr daher den Wert einer göttlichen Offenbarung absprechen. Der
ganze Fehler liegt aber darinnen, daß man einzelne Stellen herausreißt, sie
seinen eigenen Lieblingsideen anpaßt, und nicht den ganzen Bibelgeist in sein
Wesen aufnimmt.
12) Die Alons geben das freilich zu,
aber sie wenden den Satz nur auf die alten Symbole an; ihnen sind diejenigen
nur Irrlehrer, die Glaube und Versöhnung predigen, alle andern nicht. Wie
inkonsequent!
Aber besteht nicht auch unser Leben
oft aus Inkonsequenzen? Wir sind uns nur nicht immer klar darüber, denken
häufig nicht genügend über den wahren Sinn der heiligen Schrift nach. Oder
halten wir uns etwa an den Satz:
"Du sollst Gott mehr gehorchen,
als den Menschen?" Den Willen dazu haben wir. aber --- meistens
fehlt uns doch der Mut. Stilling packt auch hier wieder den Stier bei den
Hörnern und spricht das aus, was er denkt:
Luther hatte der römischen Kirche den
Eid des Gehorsams geschworen; sobald aber nun diese Kirche Dinge zu tun befahl,
die offenbar sündlich sind, so konnte er seinen Eid nicht halten und
ebensowenig sein Lehramt niederlegen, weil seine Obrigkeit ihn dabei
schützte.
Der Reformator des Mittelalters
fühlte also das ihn antreibende innere Gebot so klar, daß er dieser
"Verpflichtung" nachkam. Und wir?
Wir unterlassen viele Dinge aus
Angst, den Zorn der anderen zu erwecken, in Zwietracht - oder gar in materielle
Nöte geraten zu können.
13) Wenn er jetzt im Verlauf des
Gespräches deutlich darauf hinweist, daß wir die "Rolle", in der
unsere Gedanken, Worte und Taten aufgezeichnet sind, schon im Erdenleben
ausbreiten sollten, um im jenseitigen Leben nicht allzu sehr leiden zu müssen,
dann ist auch das zeitlos, und für alle Zeiten, auch für uns noch zutreffend.
Wieder müssen wir seinen nachgefügten Worten recht geben:
14) "Ach, wenn sich solche
Männer nur hier schon bei Zeiten die Mühe nähmen, diese furchtbare Rolle zu
entwickeln, um noch diesseits ihre Rechnung mit dem Erlöser abzutun."
Wenn er ferner auseinandersetzt, wie
schadenbringend gewisse Vorurteile sich auswirken können, wird jeder
einigermaßen Nachdenkende ihm beipflichten:
"Wie fest ist noch das Vorurteil
eingewurzelt, wenn man nicht an den Fall Adams glauben kann."
Wenn nun die Menschen in diesen bei
den Jahrhunderten im christlichen Denken fortgeschritten wären, hätten wir
niemals die schreckensvollen Kriegszeiten durchleben müssen und die folgenden
Worte Stillings wären belanglos geworden:
15) "Indessen läßt sich doch ein
Blick in dies große Geheimnis tun. Bei Gott ist keine Zeit, folglich keine
Vergangenheit und keine Zukunft, die ganze Ewigkeit ist bei Ihm ein einziges
gegenwärtiges Nun, in welchem das Leiden der Menschheit im Verhältnis gegen ihr
Glück ein Nichts ist; nimmt man noch dazu, daß der christliche Kämpfer
unendlich weit herrlicher und seliger wird als der Mensch ohne den Fall Adams
würde geworden sein, und daß die Erlösung durch Christum die Menschheit
unaussprechlich glücklicher machte, als sie ohne ihren Fall würde geworden
sein, so ist der Blick in dies Geheimnis noch heller."
Das Christentum muß der Menschheit
derart in Fleisch und Blut übergehen, daß der Mensch als einzelner nichts mehr
gegen das Massenfühlen wirken kann. Damit fällt auch der verderbliche Einfluß
einer materiellen Massensuggestion fort, die, wie wir am eigenen Leibe erfahren
mußten, so grausige Geschehen hervorzurufen vermochte. Und mit dem Aufnehmen
des echten Christusgedankens zerfällt letztlich auch das allzu verstandliche -
der Seele immer feindliche - Erdendenken.
16) Nun da kommt denn endlich der
letzte Feind, der nun auch aufgehoben werden muß. Der Stolz der selbstsüchtigen
Vernunft ist wirklich unbeschreiblich groß, sie will durchaus nichts für wahr
erkennen, als was sie bei ihrem Lämpchen sieht - sie hat ein wahres
Nachteulengesicht, das den Tag nicht vertragen kann!
Gerade diese letzten Worte sind
wiederum keineswegs überholt, im Gegenteil, sie passen auf unsere Zeit, in der
Wissen, Lernen und schulmäßiges Ausbilden allzu hoch gewertet wird. Ein Mensch.
der nicht seelisch, also intuitiv zu denken vermag, der nur mit seinem
intellektuellen Gedankengut jongliert, kann gar nicht im echten christlichen
Sinne fühlen lernen. Der moderne Mensch muß beides Intellekt und Intuition
vereinen, sonst bleibt er in dem kommenden Zeitalter, mehr noch im jenseitigen
Leben eine Halbheit und ist unfähig, Gottes Kind zu werden. Wie trostvoll ist
gerade an dieser Stelle Stillings Auslegung für uns.
17) Die Lehre von der Versöhnung und
der zugerechneten Gerechtigkeit Christi ist nur der philosophisch aufgeklärten
Vernunft widersinnig; dagegen der biblisch erleuchteten Vernunft äußerst
zweckmäßig, heilig, gerecht und Gott geziemend; denn wenn Christus aus den
Sünden am Ende lauter heilige und selige Folgen herleitet, die ohne die Sünden
nicht hätten entstehen können, so bleibt die Sünde zwar immer noch abscheulich,
und der Sünder unter dem Zorn Gottes! Aber diese Gerechtigkeit Christi tut der
Gerechtigkeit Gottes vollkommen genug, denn die Sünde wird in Segen verwandelt
und, sobald der Sünder nun wiedergeboren ist, und Christo das Böse zu guten
Zwecken lenken hilft, so ist er ja versöhnt mit Gott und hat Teil an der
Gerechtigkeit Christi!
Neunte
Szene.
Alon, Chanania, Deguel und Usiel.
Alon (im Schattenreiche). Das war also
das Ausschlupfen des Schmetterlings aus seiner Puppe! -ungefähr so hab' ich
mir´s auch vorgestellt. Diese weite, dämmernde Wüste, dieser Hades ist
die merkwürdige Pause zwischen der ersten und zweiten Stufe der menschlichen
Existenz! - Große Erwartungen erfüllen meinen Geist, und im bin neugierig, was
jener große und sanft strahlende Morgen Gutes bringen wird? - O wie freue im
mich jetzt, daß ich mein Leben der Tugend gewidmet habe. - Wie muß es hier dem
Lasterhaften zu Mute sein! - Ich will zu jenem Morgen hinschweben und sehen,
was es da zu wirken gibt; denn Gutes tun, muß doch auch hier meine Bestimmung
sein.l) Da sehe ich eine ungeheure Menge abgeschiedener Menschen.
Warum schwingen sie sich nicht über das
Gebirge hinüber - oder können sie nicht? -Ich meines Orts werde hier nicht
lange verweilen, so untätig zu sein, ist meine Sache nicht. Da kommt mir einer
entgegen, ich muß ihn doch anreden und sehen, ob ich nicht etwas Nützliches
stiften kann. Wer bist du? Warum wandelst du so einsam und so müßig?
Chanania. Ich erwarte ruhig und in Demut,
was der Wille Gottes über mich ist.
Alon. Der Mensch muß aber doch das
Seinige tun, um den Willen Gottes zu erfahren! - Hier gibt es nichts zu wirken,
wir müssen uns dem Licht nähern und über das Gebirge gehen.
Chanania. Bist du des Lichtes fähig, und
weißt du, ob du die Himmelsluft ertragen kannst? Ich bin wenigstens noch nicht
geschickt dazu, denn so oft ich mich ihm nähere, werde ich so beklemmt, als
wenn ich ehemals an einem Orte war, wo ich nicht Odem holen konnte.
Alon. Das muß ich doch versuchen. (Er
schwingt sich weg, kommt aber bald wieder, er ist wie betäubt und kann sich
kaum erholen.) Das begreif ich nicht. - Ich hab' doch in meinem Leben
alles getan, was ich konnte, um den Willen Gottes zu erfüllen.2)
Chanania. Hast du
alles getan, was
du konntest? - Ich erstaune über dich! In meinem Innersten verhält sich's
ganz anders; je mehr ich mich prüfe, desto mehr finde ich, daß alle, auch meine
besten Werke unrein und mit Eigenliebe befleckt sind, und dann entdecke ich
auch eine ungeheure Menge schlechter Handlungen auf meiner Rechnung. Ich,
meines Orts, fühle mich verdammniswürdig, und meine einzige Hoffnung gründe ich
bloß auf die Gnade Gottes in dem Erlöser; denn mein Wille war seit langer Zeit
fest und unwiderruflich bestimmt, Ihm zu leben und zu sterben.
Alon. Ich merke wohl, du hängst noch an
den Symbolen der Kirche. - Laß diese Ängstlichkeit fahren. - Ich war viele Jahre
protestantischer Prediger, ich hab' die Sache durchgedacht und die ungereimten
Begriffe vom Falle Adams, von der Genugtuung Christi, oder von der
Versöhnung der Menschen mit Gott lange weggeräumt; gerade als wenn sich die
ewige Liebe, der ewig unveränderliche. gute Gott erzürnen könnte, so daß man
Ihn wieder gut machen, seinen Zorn stillen müßte; und das mit dem Blute eines
unschuldigen, edlen Menschen.3)
Chanania. Die Sprache kenne ich - aber ich
habe nie getraut. Die menschliche Vernunft kann irren, und in dieser Sache
irren ist sehr gefährlich. Denn im Falle nun doch die Versöhnungslehre wahr
wäre, wie sie es in der Tat ist, was wagt dann ein Lehrer, der sie seinen
Zuhörern und besonders der Jugend zweifelhaft macht oder gar wegvernünftelt?
Beraubt er sie nicht dadurch des einzigen Mittels, sich vom ewigen Verderben zu
retten? - Und doch ist er überzeugt, daß seine Vernunft in über- sinnlichen
Dingen nicht zuverlässig ist.4)
Alon. Ja, die menschliche Vernunft kann
irren, allein es gibt doch anerkannte Wahrheiten, gegen die sich nichts
einwenden läßt.
Chanania. Da hast du Recht! - Indessen
konnte sich einst ein vernünftiger, aber freilich unstudierter Mann nicht genug
über die Verblendung der Gelehrten wundem, daß sie glaubten, die Erde drehe
sich um ihre Achse, und die Sonne stehe still.
Alon. Du mußt mir keinen Mann
entgegensetzen, der nicht die geringste Kultur hat.
Chanania. Daraus folgt also, daß alle
Gelehrten, wenigstens in den Wahrheiten, die du für anerkannt hältst,
einerlei Meinung sein müssen.
Alon. Das nun wohl eben nicht.
Chanania. Wie! - Können denn aufgeklärte
Männer nicht über eine Sache verschieden urteilen, und doch alle Recht haben?
Alon. Nein, sie können nicht alle Recht
haben.
Chanania. Wie kannst du aber versichert
sein, daß deine Religionsbegriffe die wahren sind, da es doch auch gründlich
gelehrte Männer gibt, die in allen Stücken das Gegenteil behaupten?
Alon. Meine Grundsätze sind vor dem
Richterstuhl der gesunden Vernunft entschieden.
Chanania. Das behaupten aber deine Gegner
auch, folglich muß eine Partei fehlen.
Alon. Ich bin meines Satzes gewiß; denn
ich behaupte keine Ungereimtheiten, keine unanständigen Dinge von der Gottheit.
Chanania. Eben das sagen auch die Männer,
die die Versöhnung durch das Leben und Sterben Christi glauben.
Alon. Nun, wir wollen's auf den
Ausspruch des gerechten Richters ankommen lassen.5)
Chanania. Freilich ist nun nichts anders
mehr übrig, doch muß ich dir noch eins an's Herz legen. Gesetzt, ein großer Herr
verteilt die Verwaltung seiner Güter unter seine Diener, und nun verreist er
auf lange Zeit; bei seinem Abschiede aber befiehlt er, daß sie sich alle in
zweifelhaften Fällen in seinen Hausakten und bisher gegebenen Verordnungen Rats
erholen sollen. Einige tun das auch treulich, ohne über diesen und jenen Punkt
zu räsonieren, und wenn ihnen etwas nicht einleuchten will, so denken sie:
unser Herr muß wohl seine guten Ursachen gehabt haben, so zu urteilen, diese
oder jene Einrichtung zu treffen, und befolgen also seinen Willen. Andere aber
sagen, die Gesetze und Verordnungen enthalten vernunftwidrige Dinge, wir wollen
nach unserem eigenen besten Wissen und Gewissen die Güter verwalten. Nun was
dünkt dich, welche unter beiden Partien hat den sichersten Weg gewählt? -
Besonders, wenn nun noch von beiden Partien gar nicht gezweifelt wird, daß ihr
Herr unendlich mehr Verstand habe, als sie alle miteinander.
Alon. Dein Gleichnis hinkt. - Dieses
Herrn erstes Gebot ist: kultiviere deine Vernunft, so sehr du kannst, und dann
folge ihr!
Cnanania. Auch in übersinnlichen Dingen, zu
denen die Vordersätze sehr tief verborgen liegen, oder die wir von selbst nie
erreichen können?
Alon. Wenn im irdischen leben solche Kenntnisse
nötig sind, welches noch die Frage ist, so haben wir ja eine Offenbarung Gottes
an die Menschen.6)
Cnanania. Du gestehest doch, daß in jedem
menschlichen Geiste eine strenge Forderung zur Tugend liegt; und daß er auch
zugleich einen stärkeren Hang habe, nicht tugendhaft zu sein?
Alon. Das kann nicht geleugnet werden.7)
Chanania. Findet denn deine Vernunft da
nicht einen offenen Widerspruch?
Alon. So scheint es; allein der Mensch
muß seinen stärkeren Hang zur Sinnlichkeit überwinden.
Chanania. Hat er die Kräfte selbst zum
Kämpfen und überwinden?
Alon. Allerdings! ![]()
Chanania. Er muß sie also doch wohl brauchen
wollen, wenn er kämpfen und überwinden will?
Alon. Das ist unstreitig.
Chanania. Kann ein Mensch diese Kräfte
brauchen wollen, der einen überwiegenden Hang zum Bösen hat?
Alon. Nein, freilich nicht. - Allein die
Vernunft stößt in sittlichen Dingen oft auf Widersprüche, wo sie sich nicht
heraushelfen kann.
Chanania. Und doch braucht hier der Mensch
sichere Kenntnisse, die ihn zur Sittlichkeit leiten, die er aber gewiß in jenen
Widersprüchen nicht findet.
Alon. Eben darum haben wir auch eine
göttliche Offenbarung an die Menschen.
Chanania. Du gestehest mir also nun ein, daß
uns eine Offenbarung nötig ist?
Alon. Ja, und daß die Bibel sie enthält,
das hab' ich immer geglaubt.
Chanania. Wohl, diese Bibel lehrt aber den
Fall Adam's, die Genugtuung Christi, und dessen Versöhnung der
Menschen mit Gott; ja sie lehrt die wesentlichsten Stücke der Symbole der
protestantischen Kirche.
Alon. Dem Buchstaben nach freilich; aber
ob das ihr wahrer Sinn sei, das ist eine andere Frage.
Chanania. Dieser Sinn muß doch so in den Worten
liegen, daß er aus denselben erkannt werden kann.
Alon. Notwendig!
Chanania. Es ist also unmöglich, daß das
Gegenteil von dem, was in dem Buchstaben liegt, behauptet werden könne?
Alon. Das ist allerdings unmöglich.
Chanania. Da also die Lehre vom Falle Adam's
und der Versöhnung der Menschen mit Gott durch Christum in der Bibel
positiv behauptet wird, so kann das Gegenteil von beiden Stücken
unmöglich wahr sein.
Alon. Wie kann es aber doch wahr sein,
da es meiner Vernunft widerspricht?
Chanania. Deiner Vernunft, nicht der meinigen,
nicht aller Menschen Vernunft; und wenn das auch der Fall wäre, so müßte
der Fehler in der Schwäche der Vernunft gesucht werden, sobald sie mit einer
wahrhaften Offenbarung Gottes in Kollision kommt; in deiner Vernunft
bemerkten wir aber vorhin schon einen Widerspruch.
Alon. Gesetzt auch, ich hätte geirrt, so
hab' ich doch getan, was ich konnte, um tugendhaft zu werden.
Chanania. Das wird sich nun bald zeigen,
wenn dein Richter erscheint.
(Deguel naht sich den bei den Redenden in verhüllter Herrlichkeit.)
Deguel. Ich habe euer Gespräch gehört;
auch ich hätte wohl dem neuangekommenen Geiste etwas zu sagen.
Alon. Ich bin bereit, dich anzuhören.8)
Deguel. Du warst Lehrer einer
protestantischen Gemeinde?
Alon. Ja, und zugleich auch Vorsteher
verschiedener Prediger.
Deguel. Hast du denn die Begriffe, die du
gegen diesen Bruder behauptet hast, von der hohen Schule mitgebracht? 9)
Alon. Zum Teil, ja, zum Teil hab ich
sie hernach auch noch durch eigenes Forschen verbessert und berichtigt.
Deguel. Hast du denn nicht bei dem
Antritte deines Amtes einen Eid geschworen, die protestantische Religion nach ihren
Symbolen zu lehren.10)
Alon. Ich merke wohl, daß du sagen
willst, ich hätte entweder meinen Eid halten oder gar nicht schwören sollen.
Aber wo ist denn eine Religionsverbesserung möglich?
Deguel. Deinem Satze zufolge darf also
jeder Religionslehrer lehren, was er will?
Alon. Das nicht; was er lehrt muß doch
mit der Vernunft und Offenbarung übereinstimmen.
Deguel. Das glaubt jeder Fanatiker,
Schwärmer, Abergläubige und Ungläubige von seinem eigenen System.11)
Alon. Das ist freilich wahr: allein es
gibt doch allgemein entschiedene Irrtümer und Wahrheiten; daß also der geistige
Vorstand darauf sehen müsse, daß allenthalben gegen die ersten gepredigt und
die andern gelehrt werden, versteht sich von selbst.
Deguel. Du gibst doch zu, daß dieser
geistliche Vorstand diese Irrtümer und Wahrheiten gesetzmäßig bestimmen
und alsdann die neu anzustellenden Lehrer darauf verpflichten müsse, daß sie
gegen die ersten predigen und die anderen lehren sollen?
Alon. Das muß ich freilich zugeben, denn
sonst könnte ja jeder Irrgeist lehren, was er wollte.12)
Deguel. Ganz recht, bestimmten nun aber
nicht die protestantischen Symbole damals allgemein anerkannte Irrtümer und
Wahrheiten?
Alon. Allerdings! Aber das sind sie nun
nicht mehr.
Deguel. Ist das allgemein herrschende
Gewißheit bei dem Vorstande der beiden protestantischen Kirchen?
Alon. Nein, das könnte ich nicht sagen!
Deguel. Folglich sind eure Symbole noch
immer Kirchengesetze, die jeder Lehrer heilig beobachten muß: und wenn er das
nicht mehr kann, muß er sein Amt niederlegen.
Alon. Ich komme wieder aufs Vorige: wie
ist aber dann Fortschritt in der Aufklärung und Wachstum in der Erkenntnis
möglich?
Deguel. Was dünkt dich, was aus der
Religions- und Kirchenverfassung werden würde, wenn sich jeder einzelne
Lehrer das Recht anmaßen wollte, die Symbole zu verbessern und sein eigen
System herrschend zu machen?
Alon. Das kann freilich schlechterdings
nicht angehen.
Deguel. Siehst du nun ein, wie notwendig
Symbole sind, und daß jeder Lehrer schlechterdings nach denselben lehren und
sein Amt führen müsse?
Alon. Aber Lieber, beantworte mir doch
die Frage: wie ist dann Fortschritt in der Aufklärung möglich?
Deguel. Die sollst du selber beantworten:
Gestehest du ein, daß durch die Reformation die Aufklärung befördert worden
ist?
Alon. Das ist der rechte Punkt, der die
Sache entscheidet; allerdings, und zwar in hohem Grade, aber hat Luther nicht
auch seinen Eid gebrochen, indem er den Symbolen seiner Kirche entgegen
arbeitete?
Deguel. Wenn ein Kirchenvorstand Gesandte
ausschickt, die nicht allein den Symbolen widersprechende, sondern die
Menschheit empörende Dinge tun und lehren, was fordert dann der Eid des
Volkslehrers?
Alon. Er muß alsdann die Wahrheit
unerschrocken sagen und verteidigen. Ich sehe nun wohl ein, daß das im
Anfang bei Luther der Fall war, denn der Ablaßkram war in allem seinem
Mißbrauch gar nicht in den Symbolen der Kirche gegründet. Aber er griff auch
hernach die Symbole selbst an, die er doch beschworen hatte!
Deguel. Wenn zwei einen Vertrag
miteinander machen, und der eine bricht ihn, ist dann der andere an sein Versprechen
gebunden? 12)
Alon. Nein!
Deguel. Du
mußt doch gestehen, daß das bei Luther der Fall war. - Zudem wurde seine
eigentliche Obrigkeit nebst vielen andern seiner Meinung, und sie nahm ihn in Schutz.
Der römische Hof verfolgte ihn, tat ihn in den Bann, und indem ihn also der,
dem er geschworen hatte, nicht mehr für seinen Untertan erkannte, so war er ja
seiner Eidespflicht entledigt.
Alon. Ich sehe nun wohl ein, daß die
Reformation für mich nichts beweist.
Deguel. Wenn sie nichts für dich beweist,
so beweist sie gegen dich: daß du höchst strafbar gehandelt und ein Empörer in
der Kirche Gottes gewesen bist.
(Deguel strahlt prächtig in himmlischer Majestät. Alon erschrickt,
Chanania feiert.)
Alon. Engel des Herrn, ich habe geirrt,
aber doch nach meiner innigsten Überzeugung gehandelt, und mein Wille war,
immer das zu tun, was ich fürs Beste erkannte.
(Usiel schwebt auf einem goldfarbigen Gewölk. mit einem purpurnen
Widerscheine umkränzt, über das Gebirge herab, er strahlt einher, wie die Sonne
über einem Donnerwetter und stellt sich mit feierlich ernstem Blicke vor Alon
hin, der sich mit einem tiefgebeugten Armensündergesicht zu Bo- den neigt.)
Usiel (zu Deguel). Sei mir gegrüßt,
lieber Bruder Deguel! was machst du hier?
Deguel. Ich hörte diese beiden
Neuangekommenen, ihnen unsichtbar, sich miteinander unterreden; dieser (auf Chanania
zeigend) führte die Sprache eines Gläubigen, jener aber (Alon) ist
ein christlicher Stoiker; ich habe angefangen, ihn zur Erkenntnis seiner selbst
zu führen, allein ich hatte keinen Auftrag, ihn zu richten.
Usiel. So eben sah ich im Lichte und
Rechte den Befehl des Erhabenen, Alon's Blick auf seinen ganzen Wirkungskreis
zu leiten, damit er erkennen möge, was seine Taten wert sind.
Alon. Heiliger, habe Mitleiden mit mir!
Du wirst finden, daß mein ganzer Wille immer entschlossen war, nach meiner
besten Erkenntnis zu handeln, und die Gebote des Herrn zu erfüllen.
Usiel. Nun so entwickle die Rolle deines
Gewissens!
Alon. Da erscheint mein ganzes Leben vor
mir, alle meine Gedanken, Worte und Werke sind entkleidet. Gott, wie viele
Unvollkommenheiten entdecke ich, aber laß Gnade für Recht ergehen, - ich habe
ja mich selbst nicht gemacht, und was kann ich dafür, daß ich einen
überwiegenden Hang zur Sinnlichkeit hatte? Bedenke, daß mein Wille aufrichtig
gewesen ist.
Usiel. Du sagst: Dein Wille sei immer
unüberwindlich entschlossen gewesen, deinem Grade der Erkenntnis des Guten zu
folgen. Gab es aber nicht von jeher viele Verfolger der Wahrheit, die da
glauben, es sei recht und dem Willen Gottes gemäß, jene, die nicht ihrer
Meinung waren, zu allerhand Strafen zu verurteilen? - Hast du nie deine
Amtsbrüder, die anders dachten, wie du, öffentlich getadelt, verhöhnt, in Gesellschaften
gerichtet, und ihnen dadurch viele Leiden verursacht? - Blicke auf jene Gegend
in der Rolle deines Gewissens!
Alon. Ja, ich habe das oft und
vielfältig getan, aber ich handelte nach meiner Erkenntnis, und ich glaubte,
den Irrtum überall bekämpfen zu müssen.
Usiel. Bemerke diese Stellen in deinem
Leben genau, so wirst du finden, daß Stolz, Eigenliebe und Rechthaberei mehr
Anteil an deinem Richten, Verurteilen und Disputieren hatten, als die Liebe zur
Wahrheit.
Alon. Ach ja, auch das finde ich; aber
ist denn die menschliche Natur nicht so geartet, und hab' ich mich denn selber
gemacht?
Usiel. Es ist die Frage, ob du alle deine
Kräfte angewandt hast, deine verdorbene Natur zu bessern und zu bekämpfen? Hast
du alle Wahrheiten, auf deren Erkenntnis deine Willensbestimmung zu
deiner wahren Vervollkommnung beruht, nach allen deinen Kräften geprüft?
Alon. Ja, das war immer mein Zweck.
Usiel. Sieh, wie du dich täuschest; -
Prüfe doch den Geist, der in allem deinem Forschen herrschte! Zwei Systeme standen
vor dir, du konntest wählen; das eine empfahl die Verleugnung deiner sinnlichen
Lüste und Begierden, kämpfen bis aufs Blut gegen die Sünde und alle Regungen
deiner verdorbenen Natur, und ernstliches Bestreben nach wahrer Reinheit des
Herzens und der Heiligung; das andere empfahl dir bloß Wohltätigkeit und
Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, deine verdorbene Natur aber ließ es
unangetastet, weil es dich täuschte, die Natur sei nicht so verdorben, sondern
nur durch den größeren Reiz zur Sinnlichkeit ausgeartet, der sich aber
allmählich durch Ausübung so vieler guter Handlungen vermindern würde. Nun sage
mir aufrichtig, warum hast du nicht das erste, sondern das zweite gewählt?
Alon. Bei dem ersten fand meine Vernunft
Widersprüche, bei dem andern nicht.
Usiel. Und welche Widersprüche fandest du
bei dem ersten oder christlichen System?
Alon. Die damit verbundene Lehre vom
Falle des ersten Menschen, von der Erlösung durch Christum, vermittels seines
Leidens und Sterbens, und von den außerordentlichen Gnadenwirkungen des
heiligen Geistes.
Usiel. Wenn du das nun auch alles nach
dem wahren Sinne der Bibel geglaubt hättest, würde dich das in der Ausübung
aller anerkannten Sittenpflichten und in dem Fortschritte deiner
Vervollkommnung gehindert haben?
Alon. Nein! Das kann ich nicht sagen;
doch war mir das andere System lieber, weil es auch zur Vollkommenheit führt,
und doch vernunftmäßig ist.
Usiel. Glaubst du, daß Gott vollkommen
gerecht, weise und die ewige Liebe ist?
Alon. Ja, das ist eine ewige Wahrheit,
die ich mit tiefer Anbetung glaube.
Usiel. Du behauptest aber zugleich, daß
alle schrecklichen Laster und Verdorbenheiten des Menschen aus seinen
eingeschränkten Begriffen und größerem Hang zu sinnlichen Vergnügen herrühren, und
daß er so aus der Hand seines Schöpfers gekommen sei. Daraus folgt also nach
deinem System, daß Gott, die ewige Liebe, der Allgerechte, der Allweise, die
Menschen zu ihrem Verderben schuf?
Alon. Wir wissen aber nicht, was für
große und gute Folgen das Böse in der moralischen Welt noch dereinst haben
wird.
Usiel. Das beweist gar nichts für dich;
denn die Menschheit ist, nach deiner Meinung zu einem langen und unabsehbaren
Jammer geschaffen, es mag dereinst aus ihr werden, was da will, die Leiden alle
hat sie einmal vorab.
Alon. Dieser Widerspruch findet sich
aber auch im christlichen Systeme.
Usiel. Bist du ein Lehrer gewesen und
urteilst so seicht? - Lehrt dieses nicht, daß Gott den Menschen gut geschaffen,
daß dieser aber freiwillig gefallen sei, und daß ihm nun hinlängliche Mittel
genug an die Hand gegeben worden, seine Bestimmung zu erreichen?
Alon. Verzeihe mir, du Heiliger! Gott
wußte aber den Abfall der Menschen und allen Jammer vorher und schuf ihn doch?
Usiel. Merke wohl, das christliche System
hat Dinge, die der Vernunft im Erdenleben zu hoch, und zu begreifen
unerreichbar sind 14), aber das Deinige hat Widersprüche; Gott ist
nach deinen Begriffen gerecht, heilig und die ewige Liebe, schafft aber doch
Menschen, die von Natur mehr zur Sünde als zur Tugend geneigt sind, und straft
noch über das alles das Laster. Er täuscht sie mit einem Gefühle von Freiheit
des Willens, im Grunde aber sind doch alle ihre Handlungen bestimmt, folglich
notwendig; dem allem ungeachtet richtet er sie so, als wenn sie vollkommen frei
wären.
Alon. Du hast Recht, das sind
Widersprüche.
Usiel. Du sagtest eben, du hättest dein
System deswegen gewählt, weil es vernunftmäßiger sei, als das christliche oder
symbolische deiner Kirche; und dann behauptetest du noch vorher, du hättest
alle deine Kräfte zur Erforschung der Wahrheit verwendet; ist nun beides wahr?
Prüfe den Geist genau, der dein ganzes Leben geleitet hat!
Alon. Ach ich finde mit Beschämung, daß
nun beides nicht wahr ist!
Usiel. Gib Gott die Ehre und bekenne, warum
du dein System gewählt hast?
Alon. Es gefiel mir besser!
Usiel. Warum?
Alon. Ach, mein ganzes Leben liegt ja
enthüllt vor euren Augen, ihr wißt es, seine Forderungen waren mir leichter zu
erfüllen, als die Pflichten des ersten.
Usiel. Siehe, wie du den Erhabenen, dich
selbst und uns belogen hast; Du beriefst dich auf deinen guten Willen, auf
deine Treue in Erforschung der Wahrheit, und auf deinen Fleiß in der Ausübung
des Guten; wo ist nun dein guter Wille? - Und wo deine Redlichkeit im Forschen?
- Nun wollen wir aber auch noch die Menge deiner guten Werke prüfen; du hast
Kandidaten in's Predigtamt befördert, die deiner Meinung waren, und die nun
lauter Schaden anrichten; du hast dir Einfluß an Höfen verschafft und Lehrer
für Prinzen besorgt, die deine Freunde und deinem System zugetan waren, die
aber nun Freigeister bilden, deren Wirkung auf die Nachkommenschaft schrecklich
sein wird. Du hast vielen Fleiß auf die Verbesserung der Schulen verwendet,
indem du Schullehrer bildetest, die aufgeklärt, das ist: Zweifler waren.
Sehr hast du dich gehütet, Anstalten zu begünstigen, wodurch die Kinder zur
Erkenntnis ihrer selbst und zu den Grundbegriffen der christlichen Religion
geleitet werden, dagegen aber war dir's sehr darum zu tun, daß sie brauchbare Kenntnisse
für das kurze Erdenleben bekämen: Dieses hättest du tun, aber jenes nicht
vernachlässigen sollen. Du hast Schriften drucken lassen, worin du dein System
mit sehr lebhaften Farben und mit vieler Kraft der Überredung vorgetragen hast,
die also viele vom rechten Weg verführt haben und noch verführen werden. Du
hast auch hin und wieder Hungrige gespeiset, Durstige getränket und Nackende
bekleidet, aber nicht aus Pflichtgefühl, das ist: aus Liebe zu Gott, sondern
entweder um dir das Vergnügen des Bewußtseins guter Handlungen zu verschaffen,
oder den Richter der Lebendigen und Toten dereinst damit zu bestechen. Der
Glaubensgrund, aus dem alle guten Werke fließen mußten, fehlte dir also
gänzlich, und da du endlich auch das Erlösungswerk des Weltheilandes gekannt
und doch nicht geglaubt hast, so kann es dir auch bei deiner mit Sünden
befleckten Gerechtigkeit nicht zu gut kommen! Sprich dir also dein Urteil nun
von selbst.
Alon. Erbarmen, schrecklicher Richter!
Wie konnte ich zum Erlöser auf diese Weise meine Zuflucht nehmen, da die
Zurechnung einer fremden Gerechtigkeit meiner Vernunft widersprach? 15)
Usiel. Hättest du die Pflichten der
christlichen Religion, die auch der allerungeübtesten Vernunft einleuchten,
nämlich: Bekämpfung eines jeden Keims sündlicher Begierden, Verleugnung alles
dessen, was den Reiz zu sinnlichen Vergnügen nährt, beständige Richtung der
Aufmerksamkeit und des Begehrungsvermögens auf Gott und sein Gesetz, und die
immerwährende Wachsamkeit auf alle deine Gedanken, Worte und Werke fleißig
geübt, so würdest du in dir einen Abgrund des Verderbens entdeckt und gefunden
haben, daß in deinem ganzen Wesen kein Rettungsmittel, zu deiner Bestimmung und
Vervollkommnung zu gelangen, zu finden sei. Dann müßte aber auch deine Vernunft
erkannt haben, daß es der ewigen Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht gemäß
sei, vernünftige Geschöpfe, denen bei allem ihrem Verderben doch noch ein
sehnliches Verlangen nach Vollkommenheit übrig geblieben ist, hilflos zu
lassen; du würdest dann ohne Vorurteil und gründlich die Erlösungslehre
geprüft, den Geist aus der Buchstabenhülle entwickelt, und dann mit hohem
Frieden entdeckt haben: daß der Begriff von der Versöhnung der Menschen mit
Gott durch Christum ganz und gar nichts Vernunftwidriges enthalte, folglich würde
in dir ein wahrer und tätiger Glaube entstanden sein, der nun jetzt in ein
Schauen und Genießen überschwenglicher Seligkeit übergehen könnte.16)
Alon. Ach ich Elender! Wie war's doch
möglich, daß ich mich so täuschen konnte! -Aber ihr Bürger des Himmels - was
vergangen ist, das kann nun nicht mehr ungeschehen gemacht werden, und mein
ganzes Ich strebt doch dahin, den Willen Gottes zu erfüllen; sagt mir, was ich
nun tun soll?
Usiel. Dort zur Linken, gegen Mittag, fern
von hier, an den entlegensten Grenzen des Kinderreichs ist eine dämmernde,
einsame Gegend, wo die Tugendhaftesten aus den rohen und wilden Nationen ihren
Aufenthalt haben; zu diesen wirst du gesendet; ihr roher Sinn wird dir viel
Leiden machen, aber wenn du nun anfängst, jeden Keim des Stolzes, der
Eigenliebe und des Verlangens nach sinnlichen Vergnügen aus deinem Wesen zu
vertilgen, wenn du ihnen ein Vorbild der Demut, der Sanftmut und der
Selbstverleugnung wirst, und sie dann in den Kenntnissen, die sie zum
himmlischen Leben nötig haben, unterrichtest, so wirst du sie nach und nach
alle gewinnen: und so wie das geschieht, wird deine Seligkeit wachsen, und du
wirst endlich zum Anschauen des Erhabenen gelangen.
Alon. Herr, du Heiliger und Erhabener! -
gelobt seist du für dein Urteil, das du durch diesen deinen verherrlichten
Diener über mich aussprichst! - Ich empfinde tief, daß diese Bestimmung allen
meinen Anlagen gemäß ist, - und gehorche mit der willigsten Aufopferung aller
meiner Kräfte.
Usiel. Die geheime Kraft vom Herrn wird
dich belehren und unterstützen; und wir werden uns dereinst mit
unaussprechlicher Freude wiedersehen. Lieber Bruder Deguel, begleite ihn
an seinen Ort.
(Deguel und Alon schweben fort.)
Usiel (zu Chanania). Enthülle dich!
Chanania (im Enthüllen). Er hat meine
Seele erlöset, daß sie nicht in's Verderben fahre, sondern mein Leben das Licht
sehen möge.
Usiel. Ei du frommer und getreuer Knecht!
Du hast reichlich Früchte voller Gnade und Wahrheit gewirkt und erworben, komm
mit mir! Ich will dir dein Erbteil zeigen, das du von nun an ich Reiche des
Lichts auf ewig bewohnen sollst.
(Beide schweben über das Gebirge
weg.)
(Alon und Deguel im Reiche der
Wilden.)
Alon. Sei mir gesegnet, du heilige,
stille Einöde mit allen deinen walddichten Gipfeln, die das ewige Morgenrot
erhellet, mit allen deinen dunklen stillen Tälern, die kein Laut belebt! - Bald
soll hier allenthalben des Herrn Lob erschallen, und mein unsterbliches Wesen
soll sich hier allen Stürmen, wie ein Berg Gottes im Ungewitter,
entgegenstemmen! - Durch Sanftmut will ich alle Geister bekämpfen und sie durch
Demut überwinden! - Dann will ich sie den Gesalbten Gottes kennen lehren und
ihr Mose sein, der sie aus dieser Wüste ins gelobte Land führt!
Deguel. O Alan, dein Glaube ist groß! - Es
geschehe, so wie du gesagt hast! Ich will den Erhabenen bitten, daß er mir
erlaube, dich oft zu besuchen und dich zu trösten, wenn du leidest!
Alon. Mußte doch ein Engel den
Gottmenschen in Gethsemane trösten, wie viel mehr werde ich es nötig
haben! Aber bloß und allein des Herrn Wille soll geschehen; dem übergebe ich
mich ohne Vorbehalt.
Deguel. Nimm hin den Kuß der himmlischen
Liebe - und nun lebe und wirke im Segen! (Er verschwindet.)
Bei Beginn gerade dieser Szene müssen
wir uns gleichfalls fragen, ob wir wohl nicht im tiefsten Herzen ebenso
selbstgefällig sind, ob wir nicht auch nur das Gute bei uns sehen und uns
selbst danach überschätzen. Eben, weil wir im Zeitalter des intellektuellen
"Jonglierens" leben, ist die Gefahr, sich "zuviel
einzubilden", eben aus dem Schulwissen heraus, recht heimtückisch.
In bezug auf diese Selbstgefälligkeit
Alons sagt auch Stilling:
1) Der fühlt so recht seine
Behaglichkeit, er ist so ganz mit sich zufrieden, daher ist er auch so
geschwätzig, er denkt nicht daran, daß es möglich sein könnte, gefehlt zu
haben, und doch wird er finden, wie wenig er zum Himmel paßt. Seine
Selbstgefälligkeit vergiftet auch seine besten Worte.
Wenn man bedenkt, daß Stilling diese
Schrift vor beinahe 200 Jahren geschrieben hat, dann kann man recht mutlos
darüber werden. daß keine wirkliche Änderung eingetreten ist.
2) Dieser Alon hat erstaunlich viele
Brüder, besonders unter der protestantischen Geistlichkeit. - Sie sind ihrer
Sache so gewiß und so ruhig dabei, daß einem wahren Christen die Haut
schaudert, und ihm ob der Folgen die Haare zu Berge stehen möchten.
Eigentlich ist es nicht ganz
verständlich, wenn ein Mensch als Christi Nachfolger die Menschen zu Ihm
führen will, dann müßte er doch wirklich, von innen heraus, den Herrn
lieben und wissen, daß kein Mensch so rein und sündenlos sein kann, daß er
befreit ist von der Erbsünde. Auch hier hat Stilling mit seiner zutreffenden
Folgerung den Kernpunkt der Sache bloßgelegt.
3) Es ist unbegreiflich, wie
vernünftige Männer den allgemeinen Hang, die überwiegende Neigung der gesamten
Menschheit zur Sünde übersehen, den Fall Adams leugnen können; und wenn dieser
nicht geleugnet werden kann, so ist ja nichts vernunftmäßiger, als die Erlösung
durch Christum.
4) Es wäre sehr zu wünschen, daß man
sich hier des Sicherheitspostulats bediente, nämlich: ist die altevangelische
Lehre, so wie sie die Symbole der protestantischen Kirche bekennen, wahr, so sind
wir die glücklichsten und die Neologen die unglücklichsten Menschen; und ist
sie nicht wahr, so irren wir zwar, aber wir können auf keinen Fall unglücklich
werden; folglich wer Neologie lehrt, der wagt entsetzlich viel, und wer nach
den Symbolen lehrt, gar nichts.
Jeder Mensch, der eine andere als die
christliche Lehre, wenn er sie genau kennt, ablehnt, um eine andere zu lehren,
macht sich schuldig an der leiblichen Opferung des Herrn. Auch er ist dann
Einer von jenen, die einstmals schrien: "Kreuzige Ihn, denn Er ist nicht
Gottes Sohn!"
Und ein Mensch, der, wie wir heute,
soviel lernte, also seinen Verstand trainieren durfte, kann, wenn er nur will,
die Wahrheit und den Segen der christlichen Lehre erfassen.
Zu diesem Kapitel muß man die
Nachworte Stillings hören, weil sie dieselben schlagartig und gravierend
beleuchten.
Wenn er also Alon selbstgefällig
sagen läßt: "Nun, wir wollen's auf den Ausspruch des gerechten Richters
ankommen lassen", dann müssen wir ihm beipflichten, wenn er in der
Anmerkung ausruft:
5) Die Verblendung und Tollkühnheit
dieser Leute ist fürchterlich! - Sie haben ja noch tausende von Beispielen
gegen sich, wo die Versöhnungslehre böse Menschen in heilige umgeschaffen hat,
und eben so viele Beweise von Verirrungen der Vernunft, und doch dürfen sie
noch ans Gericht Gottes appellieren.
6) Alon räumt hier mehr ein, als die
meisten in der Aufklärung schon weiter vorgerückten Modernisten. Diese glauben
an eine solche Offenbarung Gottes an die Menschen nicht mehr.
Es ist erstaunlich, wie viele Worte
Stillings noch auf unsere Zeit passen. Dieser erneute Beweis, daß wir seit den
Tagen eines Goethe, Schiller, Herder u. a. im ethisch christlichen Sinne noch
nicht weitergekommen sind, ist erschütternd. Oder könnte das folgende Wort Stillings
nicht genau für uns zugeschnitten sein?
7) Auch dieses scheint man nicht mehr
zugeben zu wollen, man fängt an, zu glauben, der Hang zur Tugend sei auch
völlig da, er brauche nur kultiviert zu werden; man nimmts aber auch mit der
Tugend so streng nicht - so wächst der Abfall zusehends.
8) Wie doch der Irrtum so fest sitzt!
Ach, es gehört viel dazu, einen Aufgeklärten unserer Zeit zu überzeugen.
9) Da sprudelt eben die Quelle alles
Jammers. - Die Jünglinge lernen da die Vordersätze des Unglaubens und des
Zweifels, auf welche sie hernach ihr verderbliches System gründen.
Ebenfalls ist man zutiefst
erschüttert, wenn Stilling nun in dem Zwiegespräch zwischen Alon und Deguel auf
die Art und Weise des Lehrens der christlichen Religion eingeht, wenn er darauf
verweist, wie zwanglos manches hierbei gehandhabt wird. So ist seine Anmerkung
begreiflich, auch wenn sie einen bösen Krebsschaden aufdeckt.
10) Dies wird auch nicht mehr so
genau genommen, man vereidigt die Prediger nicht mehr so scharf, und hat überdem
so seine reservationes mentales dabei. Sogar setzt man das Wesentliche des
Protestantismus in eine immer fortgehende Reformation.
11) Es ist wahr, jeder Fanatiker
erklärt sein System aus der Bibel, und eben dies wollen ihr die Neologen zum
Vorwurf anrechnen, und ihr daher den Wert einer göttlichen Offenbarung
absprechen. Der ganze Fehler liegt aber darinnen, daß man einzelne Stellen
herausreißt, sie seinen eigenen Lieblingsideen anpaßt, und nicht den ganzen
Bibelgeist in sein Wesen aufnimmt.
12) Die Alons geben das freilich zu,
aber sie wenden den Satz nur auf die alten Symbole an; ihnen sind diejenigen
nur Irrlehrer, die Glaube und Versöhnung predigen, alle andern nicht. Wie
inkonsequent!
Aber besteht nicht auch unser Leben oft
aus Inkonsequenzen? Wir sind uns nur nicht immer klar darüber, denken häufig
nicht genügend über den wahren Sinn der heiligen Schrift nach. Oder halten wir
uns etwa an den Satz:
"Du sollst Gott mehr gehorchen,
als den Menschen?" Den Willen dazu haben wir. aber --- meistens
fehlt uns doch der Mut. Stilling packt auch hier wieder den Stier bei den
Hörnern und spricht das aus, was er denkt:
Luther hatte der römischen Kirche den
Eid des Gehorsams geschworen; sobald aber nun diese Kirche Dinge zu tun befahl,
die offenbar sündlich sind, so konnte er seinen Eid nicht halten und
ebensowenig sein Lehramt niederlegen, weil seine Obrigkeit ihn dabei
schützte.
Der Reformator des Mittelalters
fühlte also das ihn antreibende innere Gebot so klar, daß er dieser "Verpflichtung"
nachkam. Und wir?
Wir unterlassen viele Dinge aus
Angst, den Zorn der anderen zu erwecken, in Zwietracht - oder gar in materielle
Nöte geraten zu können.
13) Wenn er jetzt im Verlauf des
Gespräches deutlich darauf hinweist, daß wir die "Rolle", in der
unsere Gedanken, Worte und Taten aufgezeichnet sind, schon im Erdenleben
ausbreiten sollten, um im jenseitigen Leben nicht allzu sehr leiden zu müssen,
dann ist auch das zeitlos, und für alle Zeiten, auch für uns noch zutreffend.
Wieder müssen wir seinen nachgefügten Worten recht geben:
14) "Ach, wenn sich solche
Männer nur hier schon bei Zeiten die Mühe nähmen, diese furchtbare Rolle zu
entwickeln, um noch diesseits ihre Rechnung mit dem Erlöser abzutun."
Wenn er ferner auseinandersetzt, wie
schadenbringend gewisse Vorurteile sich auswirken können, wird jeder
einigermaßen Nachdenkende ihm beipflichten:
"Wie fest ist noch das Vorurteil
eingewurzelt, wenn man nicht an den Fall Adams glauben kann."
Wenn nun die Menschen in diesen bei
den Jahrhunderten im christlichen Denken fortgeschritten wären, hätten wir
niemals die schreckensvollen Kriegszeiten durchleben müssen und die folgenden
Worte Stillings wären belanglos geworden:
15) "Indessen läßt sich doch ein
Blick in dies große Geheimnis tun. Bei Gott ist keine Zeit, folglich keine
Vergangenheit und keine Zukunft, die ganze Ewigkeit ist bei Ihm ein einziges
gegenwärtiges Nun, in welchem das Leiden der Menschheit im Verhältnis gegen ihr
Glück ein Nichts ist; nimmt man noch dazu, daß der christliche Kämpfer
unendlich weit herrlicher und seliger wird als der Mensch ohne den Fall Adams
würde geworden sein, und daß die Erlösung durch Christum die Menschheit
unaussprechlich glücklicher machte, als sie ohne ihren Fall würde geworden
sein, so ist der Blick in dies Geheimnis noch heller."
Das Christentum muß der Menschheit
derart in Fleisch und Blut übergehen, daß der Mensch als einzelner nichts mehr
gegen das Massenfühlen wirken kann. Damit fällt auch der verderbliche Einfluß
einer materiellen Massensuggestion fort, die, wie wir am eigenen Leibe erfahren
mußten, so grausige Geschehen hervorzurufen vermochte. Und mit dem Aufnehmen
des echten Christusgedankens zerfällt letztlich auch das allzu verstandliche -
der Seele immer feindliche - Erdendenken.
16) Nun da kommt denn endlich der
letzte Feind, der nun auch aufgehoben werden muß. Der Stolz der selbstsüchtigen
Vernunft ist wirklich unbeschreiblich groß, sie will durchaus nichts für wahr
erkennen, als was sie bei ihrem Lämpchen sieht - sie hat ein wahres Nachteulengesicht,
das den Tag nicht vertragen kann!
Gerade diese letzten Worte sind
wiederum keineswegs überholt, im Gegenteil, sie passen auf unsere Zeit, in der
Wissen, Lernen und schulmäßiges Ausbilden allzu hoch gewertet wird. Ein Mensch.
der nicht seelisch, also intuitiv zu denken vermag, der nur mit seinem
intellektuellen Gedankengut jongliert, kann gar nicht im echten christlichen
Sinne fühlen lernen. Der moderne Mensch muß beides Intellekt und Intuition
vereinen, sonst bleibt er in dem kommenden Zeitalter, mehr noch im jenseitigen
Leben eine Halbheit und ist unfähig, Gottes Kind zu werden. Wie trostvoll ist
gerade an dieser Stelle Stillings Auslegung für uns.
17) Die Lehre von der Versöhnung und
der zugerechneten Gerechtigkeit Christi ist nur der philosophisch aufgeklärten
Vernunft widersinnig; dagegen der biblisch erleuchteten Vernunft äußerst
zweckmäßig, heilig, gerecht und Gott geziemend; denn wenn Christus aus den
Sünden am Ende lauter heilige und selige Folgen herleitet, die ohne die Sünden
nicht hätten entstehen können, so bleibt die Sünde zwar immer noch abscheulich,
und der Sünder unter dem Zorn Gottes! Aber diese Gerechtigkeit Christi tut der
Gerechtigkeit Gottes vollkommen genug, denn die Sünde wird in Segen verwandelt
und, sobald der Sünder nun wiedergeboren ist, und Christo das Böse zu guten
Zwecken lenken hilft, so ist er ja versöhnt mit Gott und hat Teil an der
Gerechtigkeit Christi!
Zehnte
Szene.
Paltiel,
Elnathan und Braja.
Paltiel (auf der Höhe zwischen dem Reiche
der Herrlichkeit und dem Reiche des Lichts). Er kommt von Ferne, der treue
tätige Elnathan Wie freue ich mich seiner Begleitung! Solche Wonne, wie
jetzt unser wartet, genießen auch die Allerseligsten nicht oft. Sei mir
gegrüßet, himmlischer Bruder! - Deine Gegenwart erhöht meine Verklärung.
Elnathan. Und ich strahle herrlicher in
deinem Anschauen; ich habe Befehl, dich zu begleiten; darf ich wissen, das
große Geschäft, wozu der Herr seinen Paltiel sendet?
Paltiel. Wie kann ich das meinem Mitgesandten
verhehlen?
Elnathan. Mich durchdrang ein Schauer der
erhabensten Feier, als ich auf der saphirnen Himmelsbläue las: "Gehe
auf die Höhe, und begleite den Paltiel" - Denn ich weiß, daß du zu der
englischen Ordnung gehörst, die nur zu den erhabensten Aufträgen gebraucht
wird.
Paltiel. Das, was mich würdig machte, war
seine Gabe; auch du wächsest schleunigst empor: gelobet sei der Herr in aller
seiner Wahrheit und Güte! - Heute werden wir einen Triumph feiern!
Elnathan. So etwas ahnte mir, - besonders
als ich dich in deinem fürstlichen Schmucke mit der Siegeskrone auf deinem
Haupte einherziehen sah. Auch ich kleidete mich in mein feierlichstes
fürstliches Gewand, als ich gewürdigt wurde, Paltiels Mitgesandter zu
sein. Aber wer ist denn der große Sieger, der jetzt eingeholt werden soll?
Paltiel. Eine Fürstin, die durch
erstaunliche Trübsale geläutert, durch die feurigsten Versuchungen bewährt, in
den schrecklichsten Kämpfen Siegerin, und deren ganzes Leben ein Gewebe von
edlen Taten ist.2)
Elnathan. Solch ein edles, erhabenes Wesen
zu sehen und in seine Gemeinschaft zu kommen, erhöht jede Seligkeit. Willst du
mir auf dem Heimweg zu ihr ihre Geschichte erzählen?
Paltiel. Das soll mit hoher Freude
geschehen. Braja heißt in unserer Sprache der erhabene weibliche Geist,
zu dem wir jetzt hineilen; sie ist die Tochter einer frommen Mutter, die sehr
viel von ihrem Gemahl litt, der seine Größe darin suchte, alles um sich her
zittern zu machen; jede kleine Wohltat, die er jemand erzeigte, war ihm bloß Gnade,
aber nicht Pflicht; dagegen war es eines jeden strenge Schuldigkeit, alles zu
tun, was seine wildeste Leidenschaft heischte. In dem Ofen der Leiden geprüft,
erzog sie ihre Tochter so, daß sie fähig wurde, alles zu ertragen, was sie
selber dulden mußte, und gewöhnte sie an die reinste und lauterste
Selbstverleugnung, verbunden mit der Aufopferung aller Kräfte zum Wohle des
Nebenmenschen; der Regentenstand wurde dem jungen Gemüte nicht anders
vorgestellt, als ein Verhältnis, worin man vor allen andern Menschen
Gelegenheit habe, Gutes zu wirken, und alles Glück, aller Segen, den man darin
um sich her verbreiten könne, sei nicht freie Willkür, sondern hohe Pflicht. So
ausgerüstet, wurde sie frühe an einen wollüstigen und von Grund aus verdorbenen
Erbfürsten verheiratet. Hier mußte sie nun täglich alle Greuel eines tief in
den Abgrund aller Laster versunkenen Hofes ansehen, und mit lauter Menschen
leben, deren Betragen so beschaffen war, als wenn sie dazu bestimmt wären,
allenthalben Fluch und Verderben zu stiften. Ob sie sich nun gleich in
Regierungssachen nicht mischen durfte, so wußte sie doch durch ihr kluges
Betragen, durch Bitten und durch weislich angebrachte Geschenke manches Böse zu
verhindern und manches Gute zu befördern. Besonders aber machte sie sich durch
ihre vernünftige Sparsamkeit geschickt, vortreffliche Stiftungen zur Erziehung
armer Kinder zu veranstalten, und den Armen Arbeit und Unterhalt zu
verschaffen. Mit solchen edlen Handlungen füllte sie ihre Lebenstage aus, und
nicht eine Gelegenheit, Gutes zu wirken, hat sie mit Wissen und Gewissen oder
Willen versäumt. Dieses alles war aber nicht etwa Folge eines guten
Herzens, oder Mittel, ein lasterhaftes Leben damit zu decken, sondern reiner
Grundsatz aus Pflicht, besonders da in ihrem Charakter viele Anlage zum Geiz
verborgen lag. Ihre körperliche Schönheit, verbunden mit einem geistvollen und
gefälligen Wesen, lockte alle Wollüstlinge zu ihrem Umgange; die schönsten
Männer verschwendeten alle Mühe der listigen Verführungskunst an sie, und obgleich
ihre physische Natur zur fleischlichen Liebe und deren Genusse in hohem
Grade geneigt war, und sie von ihrem Gemahl, der sich allen
Ausschweifungen ohne Vorbehalt hingab, schändlich vernachlässigt wurde, so
kämpfte sie doch bis auf's Blut, und siegte in allen oft so feurigen
Versuchungen, daß sie kaum ein Sterblicher zu ertragen vennag.3) In
allen diesen Verhältnissen mußte sie nun noch über das alles nicht
allein jeden äußeren Trost, jedes Zulächeln des Beifalls der Menschen
entbehren, sondern unaufhörlich geheimen, beißenden Spott und die ganze Wut der
Hölle des Christus- und Religionshasses erdulden; dieses ging endlich so weit,
daß man die künstlichsten und verwickeltsten Pläne schmiedete, entweder ihre
hohe Tugend oder sie selbst zu stürzen; da nun das erste nicht möglich war,
so gelang das andere desto besser; man beschuldigte sie geheimer
Schandtaten und Laster, erklärte ihre Tugenden für Heuchelei und
verschloß sie nun in eine alte, abgelegene Burg, wo ihr alle Wirksamkeit
unter den Menschen gänzlich versagt wurde. Hier lebte sie mit einigen getreuen
Personen viele Jahre gänzlich von der Welt abgeschieden, und diese Zeit brachte
sie mit gründlicher Selbstprüfung und Veredlung ihres Geistes zu, bis endlich
ihr Gemahl plötzlich aus dem Taumel der Wollust in die Ewigkeit hingerissen
wurde; jetzt richteten nun die wenigen, von allen Geschäften verdrängten
Rechtschaffenen ihre Häupter auf, sie bewiesen nicht nur die
Unschuld, sondern auch die hohe Tugend ihrer Fürstin rechtskräftig, und erhoben
sie als Regentin und Vormünderin ihrer Kinder auf den Fürstenstuhl. So sehr ihr
nun auch alles Volk entgegen jauchzte, so groß war ihr Leidwesen, als sie den
gänzlichen Ruin und die schreckliche Verwirrung der Staatsverfassung, und dann
das große Verderben ihrer drei Kinder entdeckte; der Erbprinz war schon in den
Grund verdorben, und die bei den Töchter Muster der Eitelkeit. Jetzt griff sie
mit Mut und Heldenstärke die Sache an; sie versammelte einige der größten und
würdigsten Männer um sie her, brachte den Religions- und Kirchendienst in die
beste Ordnung, verbannte allen Luxus, gab ihren Kindern die zweckmäßigste und
klügste Aufsicht, und regierte so, daß sie in 12 Jahren durch kluge
Sparsamkeit, unermüdeten Fleiß und Geduld, und mit unaussprechlicher Mühe die
ganze Verwirrung aufgelöst und alles in guten Stand gesetzt hatte. Jetzt kam
aber ihr Sohn zur Regierung, der nun die zu spät gelernten guten Grundsätze
bald wieder vergaß, und gänzlich in seines Vaters Fußstapfen trat, seine
würdige Mutter, die ihm überall im Wege war, wurde mit guter Manier wieder auf
ihr altes Schloß verwiesen, wo sie noch einige Jahre in heiligen Übungen
verlebte, dann krank wurde, und nun ihrer Auflösung nahe ist.4)
Elnathan. Diese erhabene Seele muß wohl
unaufhörlich im Geiste des Gebetes vor Gott gewandelt haben; denn sonst wär' es
unbegreiflich, wo alle diese Kräfte zur Bekämpfung ihrer eigenen verdorbenen
Natur, und so vieler mächtiger Feinde außer ihr, sollten hergekommen sein.
Paltiel. Du hast recht geurteilt; das ist
das einzige Mittel, wodurch sich der sterbliche Mensch über alle Mächte
emporschwingen und alles überwinden kann; dann gehört aber auch die Kampf treue
in allen, auch den kleinsten Versuchungen noch dazu, und beide Hauptstücke
hatte ihr ihre Mutter von Jugend auf eingeflößt.
Elnathan. So selten in den höheren Ständen
die wahre Gottseligkeit ist, so groß und erhaben sind dann aber auch die
Geister, die sich in denselben der Heiligkeit widmen, und am Ende treu erfunden
werden.
Paltiel. Das ist vollkommen wahr, denn alle
Umstände vereinigen sich in diesen Ständen, den Weg zum Verderben leicht und
angenehm, und den zum Leben schwer und verdrießlich zu machen. Aber laßt uns
nun in unser Strahlengewand einhüllen, dort kämpft Braja's unterliegende
Natur mit dem Tode.
Elnathan. Wie der Engel schon durch die
Tonhülle schimmert! - Herrlicher Bruder! -solchen Ausdruck im Gesichte eines
Sterbenden sah ich noch nie,
Paltiel. Solcher Sterbenden gibt's aber
auch wenig! Empor, Braja! - Flügel her, Flügel der Morgenröte! -
Schwinge dich zu uns, du durchaus getreuer Geist! - Eine Lichthülle aus dem
Reiche der Herrlichkeit voll unendlicher und himmlischer Lebenskräfte vereinige
sich auf ewig mit dir! Und nun stehe da, wie ein Fürst des Erhabenen, wie ein
Seraph vor seinem Throne!
Braja. Wo bin ich? Was ist aus mir
geworden? - Welche Ruhe in mir, und welche reine, heitere Morgenluft um mich
her! - Es ist mir, als wenn ich früh im Mai vor Sonnenaufgang erwachte und
sanft geschlafen hätte! - Diese Dämmerung voller Wohlgerüche weht unaussprechliche
Ahnungen großer und erhabener Dinge in meine Seele! Allgütiger, meine Hülle
strömt Strahlen aus, wie eine aufgehende Sonne! - ich steige ohne mein Bemühen
aufwärts, wie ein Dampf vom Blumenfeld im niedrigen Tale, wo das Morgenrot
vergoldet. (Die bei den Engel
erscheinen vor ihr in himmlischer Majestät.) Ach mein Heiland, mein Erlöser! Stärke
mich, damit ich das Anschauen dieser Herrlichen ertragen könne! - Ich bin nicht
würdig, euch, ihr starken Helden, in eurer himmlischen Herrlichkeit anzusehen!
- Erbarmt euch meiner, damit ich nicht in meiner niedrigen Ohnmacht vergehe.5)
Paltiel. Sei getrost, du Siegerin! Du
kommst aus großen Trübsalen und hast deine Kleider im Blute des Lammes glänzend
gemacht. - O, du hast einen herrlichen Kampf gekämpfet! - Komm nun zum
Siegestriumph und gehe ein zu unseres Herrn Freude?
Braja. Gott! - Ewiger, Barmherziger! -
Träume ich nicht?
Paltiel. Nein! Komm und umarme uns, deine
himmlischen Brüder! - Du hast deine sterbliche Hülle abgelegt, und wir sind
gekommen, dich ins Reich der Herrlichkeit zu führen.
Braja. O, so töne meine Stimme im
feierlichsten Jubel, daß es durch die Schöpfung schallt! - Halleluja! Ach, ich
träumte oft den Vorgeschmack der Seligkeit, und dann erwachte ich wieder im
Jammerleben! - Ach, wenn ich nur auch jetzt nicht träume, oder etwa ein Gesicht
sehe!
Paltiel. Erinnere dich, liebe Braja, des
Zusammenhangs der aufeinander folgenden Begebenheiten deines Lebens; erinnere
dich deines Todes, wie du in der Betäubung zuletzt den Stillstand der Lebensbewegung
empfandest, und fühle nun dein ganzes Dasein in der andern Welt!
Braja. Lobe den Herrn mein ganzes Dasein!
- Ja ich lebe und bin erwacht zum ewigen Leben. Ach, wie herrlich werde ich
überkleidet; ich strahle immer heller und schöner; es scheint mir, als wenn
ein; Regenbogen in blendenden Lichtfarben um mich her kreiste, und in meinem
Innersten eröffnet sich eine Quelle des Friedens, der alle Vernunft übersteigt.
Elnathan. Sei mir gegrüßet, Braja. ewige
Freundschaft verbinde uns in englischer Liebe!
Braja. Lehrt mich Worte, ihr Himmlischen,
womit ich meine Empfindungen ausdrücken kann!
Paltiel. Diese Empfindungen sind die
verständlichste Sprache der Seligen.6) Aufwärts, Braja!
(Beide nehmen Braja zwischen sich und schweben mit Adlersflügeln empor,
dem ewigen Morgen entgegen.)
Braja. Ich sehe in weiter Ferne ein
großes, goldenes Tor, das im Lichte blitzt; es ist auf ein starkes Gebirge
gegründet, und sein Giebel verliert sich in den ewigen Lüften; es scheint mir
hoch und weit genug zur Pforte aus der Zeit in die Ewigkeit.
Paltiel. Das ist die Siegespforte, durch
welche diejenigen einziehen, die bis in den Tod getreu geblieben sind und den
Kampf des Glaubens redlich gekämpft haben.
Paltiel.
Wenn am erhabenen
Giebel des Tors
der Herold posaunet
Palmenreihen der Tiefe
des Ostens entwehen -
Dann erheb' dich und
hol' uns
smaragdene Zweige
vom Tore,
Unter allen die
größten, mit goldenen Funken bestreuet!
Elnathan. Horcht, es tönt! - Man hört schon
Harfengelispel, ich gehe!
Braja. Dazu gehört Unsterblichkeit und
ein himmlisches Empfindungsorgan! - Nur einer dieser Blicke - nur ein leiser
Laut von hier würde die abgelegte Hülle zerstäuben! 7)
(Elnathan bringt drei wehende Palmenzweige und teilt sie
aus! Ein Seraph schwebt über das Tor herüber, setzt der Braja eine strahlende
Lorbeerkrone aufs Haupt und zieht ihr ein blendend weißes Kleid an, das mit
rotfunkelnden Sternen besäet ist.)
Paltiel. Weit auf das Tor, zum Siegeszug!
Der Held aus Juda
siegt durch seine Knechte,
Durch ihn, durch seine
Kraft ward Braja,
die Gerechte,
Auch Siegerin 8),
sie kommt!
Braja. Ich komm' im Adlersflug!
(Sie ziehen alle drei durch's Tor ein; hier schwebt ein lichter
Wolkenwagen auf den Schultern zweier Cherubim einher, Paltiel und Elnathan
nehmen die Braja zwischen sich und steigen hinauf; nun geht der Zug vorwärts.)
Braja. Ich sehe eine breite, gerade
Straße vor mir, sie erstreckt sich bis in die äußerste Ferne des Ostens, und
glänzt, als wen sie mit Sonnengold gepflastert wäre. Tief am äußersten End strahlt
ein wunderbares Licht bis ins Unendliche. Großer Gott welch' eine Herrlichkeit!
Elnathan. Siehst du auch rechts und links
das schöne paradiesische Land, wie es da in der Morgendämmerung ruht?
Braja. Ach ja, ich sehe dieses Eden, und da
möchte ich wohnen!
Elnathan. Das ist das Kinderreich; für
dich ist ein höher Standplatz bestimmt.
Braja. Allgütigster! Ich sehe Heere von
englischen Kinder herzu schweben, und alle haben goldene Harfen.
Paltiel. Sieg! -
Ihr himmlischen Kinder/ - Singt und lobt den
Herrn
Elnathan. Sieg,
und fleht für die Kämpfer, Jehova erhöret euch gern.
Braja. Ihm allein
gebührt der Triumph! Nur Ihm Halleluja!
(Der Kinderchor mit Gesang und Harfenton.)
Wenn im hohen
Siegsgepränge
Sich der Kämpfer
aufwärts schwingt,
Und der Palmenträger
Menge
Jubel in die Harfe
singt!
O dann laß von
Deinem Throne,
Höchster ! Lebenskräfte weh'n!
Kraft zum Kampf dem
Erdensohne,
Laß ihn Deine Hilfe
sehn!
Paltiel. Kraft
zum Kampf von den ewigen Hügeln! - Jehova!
Elnathan. Kraft
zum Kampf aus den Wunden des Herrn! Halleluja!
(Bei dem Einzuge in das Reich des Lichts.)
Braja. Ach, jetzt seh' ich erst die
himmlische Welt! Welch' eine unbeschreibliche Schönheit der ganzen Natur! - Eine
Luft wie Silberflor über Lichtlasurblau, eine Erde wie Schmelzgold; all die
Myriaden von Gegenständen wie aus Juwelen vom größte Künstler gebildet, und
dies Gemälde gleicht einem ehemalige Schattenrisse der lebendigen Natur. Und
dann alle die prächtigen Wohnungen auf den Hügeln und in den Tälern, gegen
welche die schönsten irdischen Paläste armselige Strohhütte sind. Hier heißt es
erst recht: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr
Zebaotht" Ach, welch' eine Menge glänzender Harfenspieler!
Elnathan. Sieg, und fleht für die Kämpfer im Staub', Er er höret
euch gern!
Braja. Er! Er sieget allein! nur ihm gebührt
der Triumph!
(Der Chor der Engel des Lichts mit Gesang zur Harfe.)
Er hat gesieget! Das
Licht aus seinen Wunden I) Glänzt weit und breit von seinem Thron! Er hat im
Tod des Lebens Quell gefunden, Und trägt mit Recht die Siegeskron!
Sein Geist durchweht
die Kämpfer in dem Staube, Sein Licht durchstrahlt das Schattental.
Triumph, er siegt! -
der hohe Christenglaube! Und mehrt mit Macht der Sieger Zahl. Herr, ströme
Kraft hinab zur Muttererde, Sprich Mut dem matten Kämpfer zu:
Damit durch ihn die
Wut gedämpfet werde.
Du siegst allein,
der Kämpfer Sieg bist Du! Paltiel. Kraft hinab zur Muttererde, Jehova!
Elnathan. Mut
hinab dem Kämpfer im Staub. Halleluja! Braja. Gnade dem strauchelnden Pilger im
Schatten!
(Bei dem Einzuge ins Reich der Herrlichkeit.)
Braja. Hier schwindet jeder Ausdruck,
dessen ein endliche Wesen fähig ist. Glühende Lichtfarben allenthalben, und
laute Ideale der Urschönheit! - Lehrt mich die Sprache der Seligen, damit ich
das Lob des Freudenschöpfers nach Würden besingen könne! Welch' eine unzählbare
Menge strahlender Himmelsfürsten mit hochwehenden Palmzweigen zieht da einher!
- Großer und erhabener Gott! Welch eine Majestät, wie herrlich wirst du erst
selbst sein! - Und auf der anderen Seite rauscht das Harfengetöne eines Chors
dieser Fürsten wie ferner Donner.
Paltiel. Sieg! -Seraphim! Ihr Chöre singt
und lobet den Herrn!
Elnattla~l. Sieg und Gebet für die
streitenden Brüder, Er höret
euch gern!
Braja. Sieg durch Ihn allein, nur Ihm
gebührt der Triumph!
(Der Chor der Seraphim mit Gesang zur Harfe.)
Jehova's Donner sprach einst Leben in das Nichts,
Und Blitze strömten Strahlen seines Lichts
in die Unendlichkeit.
Nun wälzten Sterne
sich in weiten lichten Zonen,
Es jauchzten ihm die
hohen Orionen,
Aus Ewigkeit ward
Zeit.
Der Erstling der
Vernunft, ein heller Morgenstern,
Stand hoch und her im
Jubel vor dem Herrn,
Er strahlte
himmelan.
Im Selbstgefühl der
Macht entbrannt sein eignes Licht
In roter Glut, des
Herren Hochgericht
Blitzt ihn aus
seiner Bahn.
Das ew'ge Wort
ertönt, und sieh' im lichten Kreis
Wälzt sich ein
Stern, sanftleuchtend, silberweiß.
Jehova liebte ihn.
Er wankt aus seiner
Bahn, trinkt Licht vom bösen Stern.
Rollt donnernd weg,
entfernt vom Thron des Herrn
Zu jenem Weltruin.
Jehova reckt den
Arm, er hält den Stern im Fall,
Er lenkt ihn um, und
dieser Erdenball
Ward holder Liebling
ihm.
Das Wort wird Staub
im Staub, besiegt die finst're Macht.
Entlockt das Licht
der ew'gen Todesnacht,
Nun jauchzen
Seraphim.
O unerschaffnes
Wort, erheitre dort dein Licht;
Du Quell der Kraft,
entweich dem Kämpfer nicht,
Weck' hohen Mut in
ihm!
Die Sieger mehren
sich, Triumph! Jehova siegt;
Seht, wie der Feind
im Todeskampf sich schmiegt!
Nun jauchzt ihr
Seraphim!
(Der ganze Chor im Donner der Harfen.)
Halleluja! Jehova
siegt! Halleluja!
Paltiel. Sieg im Kampf mit der Sünde! Du
Sieger Jehova!
Elnathan. Licht auf dem dunkeln Pfad im
Staube! Halle;uja!
Braja. Hohe
Empfindung des Friedens dem Kämpfer im Tode!
(Der Zug naht sich der Stadt Gottes,
die Straße führt zu einem majestätisch glänzenden, bis hoch in die Höhe steigenden
Tore, welches durchsichtigem Silber oder kostbaren Perlen ähnlich ist; seine
Bauart, sowie die der ganzen Stadt, ist in ihrer Schönheit durchaus
unbeschreiblich. Die weithin sich erstreckenden Mauern scheinen lauter kostbare
Juwelen zu sein, und die Häuser der Stadt sind himmelhohe Paläste. von eben
diesen Steinen gebaut. Tief im Hintergrunde ragt eine saphirne Höhe weit und
breit empor, welche regenbogenfarbige Wolken umziehen. Auf diesem Berge steht
die Wohnung des Königs aller Welten, der Zeit und der Ewigkeit; ein Säulenwerk,
wie von geschliffenen Diamanten, das sich bis in die ewigen Höhen erstreckt und
das in einem Lichtmeer glänzt, gegen welches alles Sonnenlicht Finsternis ist.
Dieses ist nun das größte Urlicht, welches die drei himmlischen Reiche
durchstrahlt, und alles mit Licht und Wärme, Wahrheit und Güte erfüllt. Hinter
diesem Lichte ist das ewige, jedem endlichen Geiste unerreichbare Dunkel; zur
Rechten steht ein Thron aus der glänzendsten Lichtmaterie. auf sieben saphirnen
Stufen. Ein glühender Regenbogen kreist um ihn her, auf welchem viele Kinder,
in Purpur gekleidet, ruhen. Innerhalb des Regenbogens um den Thron her wallt
sanft ein kristallheller See, in dem sich Thron und Licht mit himmlischer
Schönheit spiegelt. Oben über dem Thron ist die eigentliche Quelle alles
Lichts, wo es sich aus dem ewigen Dunkel gebiert und unaufhörlich die
Geheimnisse der Vorsehung enthüllt. Vor dem Throne, in weitem Kreise, sitzen
die vierundzwanzig Stammfürsten des Menschengeschlechts, welche dem Erhabenen unaufhörlich
die Gebete der Kämpfer vortragen und die Geschäfte der niedrigen entfernten
Erde besorgen.
Der Zug geht nun durchs Tor über die
mit Gold gepflasterte Gasse auf den heiligen Berg zu. Die Bürger stehen auf bei
den Seiten in ihren Ornaten mit hochwehenden Palmenzweigen.)
Paltiel. Sieg! Ihr Bürger Jerusalems! Singt
und lobet den Herrn!
Elnathan. Sieg! Und fleht für die Kämpfer im
Staube! Er er- höret euch gern!
Braja. Ihm allein Triumph!
(Die Bürgerschaft Jerusalems,)
Feiert dem Herrn am Throne
- denn er hat gesiegt!
Feiert dem Urlicht!
-Heilig! Heilig! Heilig ist Er!
Feiert dem
Wundengestirne! dem Ordenszeichen des Herrn'
Feiert Ihm! - Er
naht sich dem Thron! - Die Grundfeste bebt.
Hin zum Boden das
Antlitz!
Heiliger, richte den
Sünder - und stärke den Kämpfer zum Sieg!
(Paltiel, Elnathan und Braja feiern am Fuße des heiligen Berges: alle
Scharen der Palmenträger und Harfenspieler feiern in unübersehbaren Reihen durch
die Gassen hin. Zwei Kinderengel schweben auf einem goldenen Gewölke vom
Palaste herab und führen jene drei hinauf vor den Thron, auf welchem das Urbild
junger, männlicher Schönheit sitzt, die rotfunkelnden Sterne auf Händen, Füßen
und in den Seiten strahlen in unaussprechlicher Majestät ! Sein Gewand ist
Silberlicht und einfach, und auf ihn fließt beständig ein geistiger Strom aus
dem Lichtquell herab.)
(Paltiel, Elnathan und Braja stehen
fern außer dem Kreise der Fürsten.)
Der Herr. Sei mir willkommen, meine
Schwester - aus dem Vaterlande! - Du bist treu gewesen bis in deinen Tod, und
hast überwunden. Von nun an sollst du in der Stadt Gottes wohnen, und du wirst
über viele gesetzt werden, um sie mir näher zu führen.
Braja. Unbegreiflich Herrlicher, König
der Engel und der Menschen! - Nun seh' ich Dich von Angesicht zu Angesicht;
Dich, den ich im Leben meines Glaubens über alles, aber in großer Schwachheit
geliebt habe! - Dank Dir in Ewigkeit! Du hast mich durch Deinen Geist in Deinem
Worte geleitet und mich bewahrt, daß die Sünde in mir nicht herrschend geworden
ist. Dir sei dafür nun auch mein ewiges Leben gewidmet.
Der Herr. Deine unverbrüchliche Treue in so
vielen Proben bewog mich, Dich nach Verhältnis zu stärken; nun stärke auch
Deine unvollkommenen Brüder.
Braja. Gib mir Kraft, Du Quelle des
Lichts und alles Lebens, so will ich tun, was Du mir befohlen hast! - O wie
erträgt mein endliches Wesen die unendliche Liebe zu Dir? Du Liebenswürdigster!
Der Herr. Eben diese unendliche Liebe
erweitert Deine Schranken in's Unendliche. Liebe mich aus allen Deinen Kräften,
denn darin besteht Deine höchste Seligkeit. Meine höchste Freude ist die Liebe
zu meinen Erlösten.
Braja. Mein endlicher Geist erträgt die
Wonne Deines Anschauens nicht länger, Du göttlicher Bruder.
Der Herr. Dieser Name, meine Schwester, könnte
meine Seligkeit erhöhen, wenn´s möglich wäre.10) Ihr lieben Freunde
und Brüder, Paltiel und Elnathan bringt die Selige an ihren Ort.
Braja. König der Menschen! Darf ich
zuweilen in deinem Anschauen ein Fest des Himmels feiern?
Der Herr. So oft es dein himmlischer Beruf
erfordert. Du wirst mich oft sehen und aus der Lichtsquelle Aufträge erhalten.
Braja. Allerseligster, ewiger Dank Dir!
Paltiel. Gelobet seist Du, Erhabener auf
Deinem Throne!
Elnathan. Preis Dir, König des Himmels und
der Erden!
Der Herr. Genießt der Seligkeiten Fülle,
meine Brüder! -
1) Wem etwa bei dem Lesen dieser
Szene einfallen möchte, warum ich eine hohe Standesperson, und nicht einen
geringen Menschen zum Gegenstande dieses Triumphes gewählt hätte, dem diene zur
Antwort, daß der Glaubenskampf und die Prüfungen im hohen Stande weit schwerer
als in niedrigen Ständen sind. folglich auch dort dem Oberwinder eine größere
Seligkeit zu Teil werden wird.
2) Bei Standespersonen sind die Reize
der Gelegenheit und die Mittel zu sündigen, weit häufiger, mächtiger und
stärker, als bei den gemeinen Leuten; wer also da treu aushält, auf den warten
himmlische Triumphe.
Auch Stilling empfand damals die
Unfähigkeit, den herrschenden Kreisen die ihnen auferlegte Pflicht
nahezubringen, als einen bitteren Mangel. weil er die schlimmen Folgen klar
erkannte. Gerade deshalb aber möchten wir diese Worte anführen.
3) Ich wünschte, daß das bisher
Gesagte recht beherzigt wird. Nicht alles ist wahre Tugend, was uns so scheint,
sondern bloß Folge eines edlen Charakters, nur das, was gegen den Charakter
erkämpft wird, ist wahre Tugend.
4) Möchte doch diese Erzählung zum
wahren Regentenspiegel werden. in dem sie sich oft besehen! Allein was hilft
dieser Wunsch? - Meine Schriften kommen wenig Regenten in die Hände;
Diejenigen, welche um sie sind, entfernen alles, was ihren Absichten zuwider
ist.
Und immer von neuem verweist Stilling
dann auf die eigentlichen Folgen unserer Handlungen auf das jenseitige Leben in
allen Phasen.
5) Ich glaube nicht. daß es einen
größeren und herzergreifenderen Augenblick in der ganzen Entstehung des
Menschen gibt. als das erste Erwachen aus dem Todesschlummer. -
8) Im Geisterreiche, besonders nach der
Enthüllung, sieht jeder in dem Wesen jedes andern, was er denkt und empfindet.
und dies ist die allen Wesen verständliche Sprache in jenen Welten.
7) Eben darum wird auch die
sterbliche Hülle zerstäubt und der verklärte, Christus ähnliche Körper angezogen,
um höher empfinden zu können.
8) Ohne die Oberwindungskraft des
Geistes Jesu Christi wird kein Mensch Sieger. - Diese muß errungen, erharret
und erbeten sein.
Dies macht eben die Seligkeit aus,
ohne diesen inneren Frieden der Versöhnung mit Gott würde alles nichts helfen.
9) Die armen Vernünftler hienieden,
die sich so sehr über das geschlachtete Lamm, Blut und Wunden skandalisieren.
werden sich dereinst wundern, wenn sie sehen und hören. daß das Sprache des
Himmels ist; indessen skandalisieren sie sich über Jupiters Adler, den Pfau der
Juno, die Eule der Minerva und die Schlange des Xskulap ganz und gar nicht. Es
ist entsetzlich! - Man ist Christus und seiner Religion so satt, daß man nichts
mehr von Ihm hören und sehen mag.
Wie die Menschen sich verhalten, um
kraft ihres "verstandesgemäßen Denkens" Christus abzulehnen. ist
unwichtig, nur die Tatsache, daß sie Ihn nicht anerkennen mögen, gibt den
Ausschlag, damals und auch heute wieder, denn das Jenseits bleibt sich gleich.
Darum sind auch für uns die
Erkenntnisse eines Menschen, wie Stilling es gewesen ist, bedeutungsvoll
geblieben. Das, was Menschengeist - nicht ersonnen - sondern aus dem Reiche
Gottes aufgenommen hat, ist als unvergängliche Weisheit unvergänglich für alle
die Geschlechter. die im Vergänglichen noch zufrieden sein können.
10)
Die größte Idee, die ein Mensch denken kann, ist: ein Wesen meines Geschlechts,
mein wahrer, fleischlicher Bruder ist der wahre Gott des Himmels und der Erden
und die ewige Gottheit ist ein Wesen meiner Art geworden - und diese größte
Idee aller großen Ideen ist so groß, daß sie dem Herzen tief empfundene,
unwiderlegbare Wahrheit wird, wobei jede Vernunft verstummt, sie ist die
Grundfeste und das Wesen der ganzen christlichen Religion.
E l f t
e S z e n e.
Das große
Geheimnis
Abdiel Seluniel und Tabrimon.
(Im Kinderreiche.)
Abdiel. Sei mir gegrüßt, mein Bruder Seluniel! Du
wandelst ja so einsam im Dunkel des Myrtenhains, als wenn du Geheimnisse der
Ewigkeit enthüllen wolltest.
Seluniel. Ich empfinde hier das sanfte Wehen
der allbelebenden Natur und feiere dem Erhabenen.
Abdiel. Ich lese in deinem Antlitz hohe Gedanken;
dein Geist arbeitet im Unermeßlichen.
Seluniel. Siehst du jenen großen Fremdling,
wie er feierlich ernst am Hügel unter den Palmen wandelt?
Abdiel. Ich sehe ihn, er blickt mit Unruhe nach
dem Lichte, es scheint ihm hier nicht wohl zu sein.1)
Seluniel. Er sehnt sich nach seiner
Versöhnung mit Gott.
Abdiel. Glaubt er denn das Geheimnis der Erlösung
nicht?
Seluniel. Er ist ein Brahmine und hat
die christliche Religion nie kennen gelernt.
Abdiel. Ist sein Leben geprüft?
Seluniel. Ich hab' ihn herbeigeführt, er ist
einer der edelsten Geister, und eben jetzt bereite ich mich, ihm das Geheimnis
der Versöhnung zu enthüllen.
Abdiel. Es gab einen Zustand, in welchem die Engel
dieser Enthüllung mit Sehnsucht entgegenjauchzten.
Seluniel. Gelobet sei die Quelle des
Urlichts für diese Offenbarung! Weißt du auch, mein himmlischer Bruder, daß
dieses Licht schon drunten im Tale der Schatten und des Todes die höchsten
Gipfel der Berge vergoldet?
Abdiel. Ja, ich habe erfahren, daß verschiedene
unter den Sterblichen helle Blicke in dies Geheimnis tun; auch dafür sei der
Herr gelobt! - Denn nun wird bald das Licht die Finsternis völlig besiegen.
Seluniel. Begleite mich, Abdiel - wir
wollen zusammen dem Fremdlinge uns nähern.
Abdiel. Sehr gerne, mein Bruder!
Seluniel. Friede sei mit dir, Tabrimon, in
den Tälern des Friedens! - Sage uns doch, warum deine Seele so arbeitet, und
warum du im Lande der Ruhe keine Ruhe finden kannst? - Entdecke uns dein
Innerstes ganz.
Tabrimon. O wie gern will ich euch, ihr
göttlichen Jünglinge, die Geschichte meines sittlichen Lebens erzählen, und
dann bitte ich euch, strömt Licht in meine Dunkelheit!
Seluniel. Das soll mit Freuden geschehen.
Tabrimon. Ich bin ein Brahmine, und wurde
zwar in den Geheimnissen des Brahma unterrichtet, allein mein Vater
belehrte mich schon in meiner frühesten Jugend, daß die höchste Pflicht, die
Mutter aller Pflichten, in der Ausübung der Liebe gegen alle Menschen bestünde;
jedermann wohlzutun, an jedes Menschen sittlicher Vervollkommnung unaufhörlich
und mit allen Kräften zu arbeiten, das sei es allein, was uns dem Wesen aller
Wesen wohlgefällig machen könne. Alles nun, was uns zur Ausübung dieser
Pflicht geschickt mache, sei Tugend.2) Unter allen Tugenden
aber müsse uns die Verleugnung aller sinnlichen Vergnügen, als die vornehmste,
von der Kindheit an bis zum Tode unablässig begleiten, denn dadurch würde die
Eigenliebe getötet, die uns sonst immer hindere, unparteiisch zu unserer und
unseres Nebenmenschen sittlicher Vollkommenheit zu wirken. Besonders aber wurde
mir der, unserem Stamme so gewöhnliche Stolz, als ein Tod aller Wirksamkeit zum
Guten, aufs lebhafteste vorgestellt. Mein Vater sagte: der Stolz liebt sich
nur selbst und schätzt alle andere gering; er ist also dem Gesetze der
Menschenliebe gerade entgegen; der Stolz wird von jedermann gehaßt, seine
Lehren und seine Wirkungen zum besten anderer können also unmöglich Eingang
finden; der Regierer aller Dinge lenkt und beherrscht alles auf eine
unerforschliche Weise, der kurzsichtige Mensch wirkt in diese verborgenen Gänge
mit ein. Wenn er nun stolz ist, so will er immer eigenmächtig nach
seinen Grundsätzen handeln; er strebt also dem Allweisen und Allmächtigen in
seinen erhabenen Wegen immer entgegen.3) Der wahre Demütige und
Sanftmütige aber wird von jedermann geliebt, er läßt sich gern von anderen
belehren, und nimmt also immer an Weisheit zu; er schätzt sich nach seinem
wahren Wert, und findet immer mehr Unvollkommenheiten an sich selbst, als an
andern; er bestrebt sich also unaufhörlich, immer sittlich vollkommener zu
werden, und alle um sich her mit sich fortzuziehen, und endlich forscht er
immer mit tiefer Unterwerfung, was wohl in jedem Augenblicke der Wille sein
möchte; er wandelt in seiner Gegenwart, und wirkt dann nicht als
Selbstherrscher, sondern als Diener des Allerhöchsten. Seht, das sind nun die
Grundsätze, die ich von meiner Jugend an bis zu meinem Tod nach allen meinen
Kräften zu beachten gesucht habe.4)
Abdiel. Gelobet sei der Herr, der diese Worte des
Lebens in aller Menschen Seelen ausgesprochen hat! - Aber wenige suchen
und finden diesen Schatz, der so tief in ihnen verschlossen liegt! - Er hat ihn
uns enthüllt, der Erhabene, als wir noch danieden im Fleische wandelten,
Halleluja in Ewigkeit! Kannte dein Vater die Lehre der Christen? - Und hast du
sie gekannt?
Tabrimon. Wir haben oft von ihr gehört, aber
uns immer mit Abscheu von ihr entfernt gehalten.5)
Abdiel. Warum?
Tabrimon. Wie kann ein Mensch, der als ein
Übeltäter mit Schande hingerichtet worden, ein Gott sein? - Und wie kann ein
Volk, das in den schrecklichsten Lastern lebt, zum Teil gröberer Abgötterei
ergeben ist, als irgend eine Nation, zum Teil gar keinen Gottesdienst hat, und
übrigens mit dem unbändigsten Stolze grenzenlose Habsucht, Raub, Mord und
zügellose Wollust verbindet, die wahre Religion und eine göttliche Lehre haben?
Abdiel. So hast du die Christen in deinem
Vaterlande kennen gelernt; hast du nie ihre heiligen Bücher gelesen?
Tabrimon. Was konnte mich dazu aufmuntern
oder anlocken? - Aber Himmlischer, warum fragst du mich nach diesem verworfenen
Volke?
Abdiel. Das wirst du bald erfahren!
Seluniel. Du sagtest vorhin, du hättest alle
Grundsätze deines Vaters von Jugend an bis in deinen Tod nach allen deinen
Kräften zu beobachten gesucht; warum bist du denn nun nicht zufrieden?
Tabrimon. Das ist eben der Punkt, worauf es
jetzt ankommt, und kannst du mir dieses große Geheimnis enthüllen, so bin ich
selig; ich will dir also alles sagen: So, wie ich in Erkenntnis meiner selbst
und in der sittlichen Vollkommenheit zunahm, so entdeckte ich immer größere
Tiefen des Verderbens in meiner Natur; erst fand ich, bei scharfer
Selbstprüfung, daß auch meine größten und edelsten Handlungen nicht rein und
lauter, nicht bloß aus Pflichtgefühl entsprungen waren, sondern daß immer
Stolz, Eigenliebe, Empfindung meiner Vollkommenheit, Eitelkeit und dergleichen
unreine Triebfedern mehr, sich mit dazu gemischt hatten; ja, ich nahm endlich
zu meiner größten Bestürzung wahr, daß ich zwar Anlagen zum Guten in meinem
Wesen hätte, daß sie aber alle mit einem unergründlichen Verderben umgeben und
gleichsam wie gelähmt wären. Woher nun diese tiefe Verdorbenheit in der
menschlichen Natur? - Das reinste, heiligste und gerechteste Wesen kann
unmöglich den Menschen so unrein und verdorben geschaffen haben, und der Mensch
ist doch von Grund aus böse; wer das leugnet, hat noch nie einen Blick in die
Tiefe der menschlichen Seele getan. Welch ein Widerspruch. - Bei einer
ferneren treuen und langwierigen Untersuchung fand ich, daß die Vorsehung einen
ganz besonderen Gang mit den Menschen gehe, die mit Ernst an ihrer eigenen und
anderer Vervollkommnung arbeiten und sich unablässig bestreben, Gott
wohlgefällig zu wandeln; sie führt diese Menschen so heilig und so zweckmäßig,
daß man blind sein müßte, wenn man nicht sehen könnte, daß sie alle, auch die
kleinsten Umstände, so lenkt, wie es die sittliche Vervollkommnung am
schleunigsten und mächtigsten befördert. Daraus folgt also unwidersprechlich,
daß die Gottheit das grundverdorbene menschliche Geschlecht dennoch liebe, und
jeden zu seiner anerschaffenen Bestimmung führe, sobald er nur ernstlich will.
- Das reinste, heiligste und vollkommen gerechte Wesen liebt gegen seine Natur
ein unreines, unheiliges und ungerechtes Wesen; ist das nicht abermals ein
Widerspruch? - Das unbegreiflichste aber, und was mir noch immer vor der
Zukunft bange macht, ist: Gewißheit, daß Gott vermöge seiner unendlichen und
höchst vollkommenen Gerechtigkeit auch nicht das allergeringste Unrecht
ungestraft lassen kann: Nun hab' ich aber, aller meiner Treue im Wandel
ungeachtet, täglich von Jugend auf bis zu meinem Tod, viel Gutes unterlassen,
das ich hätte unter den Menschen stiften können, und mit Gedanken, Worten und
Taten viel Böses ausgeübt, das nun noch immer auf der Erde fortwirkt,
folglich muß die Gerechtigkeit Gottes schlechterdings für das versäumte Gute
Ersatz von mir haben, und für das positive Böse, das ich veranlaßte, muß ich
nach Verhältnis gestraft werden. So gewiß ich nun mein trauriges Schicksal
erwarte und für meine Sünden büßen muß, so wahr ist es doch, daß alsdann mein
Los das Los aller Sterblichen ist. Wie läßt sich nun das mit der Weisheit und
Güte Gottes vereinigen? - O ihr Verklärten! Könnt ihr, so enthüllt mir dieses
große und wichtige Geheimnis.6)
Seluniel. Selig sind, die da hungern und
dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden.7)
Du erkennest doch im Lichte der Wahrheit, daß Gott, sobald er vernünftige Wesen
schaffen wollte, diese vollkommen frei, das heißt: weder
mit einem überwiegenden Hange zum
Bösen, noch zum Guten schaffen mußte.8)
Tabrimon. Nicht zum Bösen, das sehe ich ein,
aber warum nicht zum Guten?
Seluniel. Kann denn ohne vollkommene
Freiheit Sittlichkeit, und ohne Sittlichkeit Zurechnung gedacht werden? - Wenn
ein anerschaffener Hang im Menschen stattfände, so würde dieser Hang,
aber nicht die Vernunft, Triebfeder des Willens. Das vernünftige Wesen
wäre also zugleich nicht vernünftig; denn nur insofern ist ein Geist
vernünftig, als er sich von der Vernunft bestimmen läßt.
Tabrimon. Das ist wahr! Gott schuf also den
Menschen vollkommen frei; aber woher kommt denn nun sein natürlicher Hang zum
Bösen?
Seluniel. Glaubst du, daß ein Kind, wenn es
von einem vollkommen weisen und heiligen Vater, mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit von den kleinsten Regungen an, bis zu ihrem Übergange in
Tatsachen geleitet, bewacht und erzogen würde, einen überwiegenden Hang zum
Guten bekommen müßte?
Tabrimon. Ganz gewiß!
Seluniel. Wenn also ein böser Vater durch
Beispiel und Leitung das Gegenteil von dem tut, so wird das Kind einen Hang
zum Bösen bekommen?
Tabrimon. Unstreitig!
Seluniel. Du weißt doch auch, daß in der physischen
Natur Reize oder Triebfedern zum Bösen liegen, die von den Eltern auf die
Kinder fortgeerbt werden?
Tabrimon. Allerdings!
Seluniel. Folglich wirst du nun einsehen,
daß ein physisch und moralisch verkommener Vater auch einen physisch und moralisch
verdorbenen, das ist, einen zum Bösen geneigten Sohn erzeugt, und notwendig
erzeugen muß?
Tabrimon. Das sehe ich vollkommen ein.
Seluniel. Wenn nun alle Menschen, soweit wir
sie kennen, zum Bösen geneigt sind, oder einen Hang zum Bösen haben, so muß
dieser Hang angeerbt sein, und diese Erbschaft muß bis zum Stammvater
aufsteigen?
Tabrimon. Die Wahrheit dieses Schlusses sehe ich
vollkommen ein; denn wie sollten sich alle Menschen vereinigt haben, den Hang
zum Bösen in ihre Natur aufzunehmen? - Wenn das wäre, so setzte das ja schon
einen Hang zum Bösen voraus.
Seluniel. Du urteilst ganz recht! - So
verhält es sich auch; der Stammvater der Menschen wurde vollkommen frei, ohne
Hang zum Bösen, geschaffen, er ward aber durch ein höheres böses Wesen
verführt, und er ließ sich verführen.9)
Tabrimon. Das ist mir nun alles begreiflich;
aber noch immer sehe ich nicht ein, warum Gott Wesen schuf, von denen er im
voraus wußte, daß sie abfallen würden? 10)
Seluniel. Wie wenn er nun eine große Menge
von Geschlechtern vernünftiger Wesen mit vollkommener Freiheit schuf, und sie
in eine solche Lage setzte, daß ihnen die Bestimmung zum Guten zu erreichen,
leicht, der Hang zum Bösen aber bloß möglich war; und unter den unzähligen
Klassen gäbe es bloß zwei, die abfielen 11), und auch diesen zweien
ließe er nicht allein ihre Freiheit, gut zu werden, sondern er gäbe
ihnen auch noch Mittel an die Hand, was wolltest du da dem Allgütigen
zur Last legen? 12) Endlich bedenke auch noch, daß Gott die ganze
Unendlichkeit in einem Blick faßt; Er weiß jeden in der Hülle der verborgenen
ewigen Zukunft noch unentwickelt liegenden Erfolg; vor ihm ist die moralische
Welt ein großes Ganzes, das Er dem Raum und der Zeit nach auf einmal übersieht;
ist es nun nicht viel gewagt und sogar Torheit, wenn ein endlicher Geist
unendliche Dinge begreifen will?
Tabrimon. Vergib mir, du Verklärter! Du hast
mir abermals eine neue Unart entdeckt; ich fühle, daß ein geheimer verborgener
Stolz die Ursache meines Forschens war 13); warum will ich
begreifen, was in sich unbegreiflich ist? - Aber belehre mich ferner!
Ich will nur Sachen fragen, die mein Geschlecht betreffen; da nun einmal alle
Menschen einen überwiegenden Hang zum Bösen haben, folglich nicht mehr
vollkommen frei sind, wie kann da die göttliche Gerechtigkeit fordern,
daß sie ihre Bestimmung zur Vollkommenheit erreichen sollen? - Und doch muß sie
das fordern; denn die vollkommene Gerechtigkeit eines unumschränkten Oberherrn
kann ja nicht zugeben, daß ein Untertan dem andern Untertan recht tut.
Seluniel. Merke wohl, Tabrimon, was
ich dir jetzt sagen werde. Sobald Gott vernünftige Wesen außer sich schuf, so
konnten diese nicht unendlich sein, wie Er; begreifst du das?
Tabrimon. Ja, das begreif ich, sie wären
sonst selbst Gott, also Er selbst gewesen.
Seluniel. Ganz recht! Diese Endlichkeit muß
aber darin bestehen, daß sie nicht alle Ideen auf einmal, sondern eine nach
der andern haben, daß sie also in der Zeit leben.
Tabrimon. Das ist unwidersprechlich.
Seluniel. Da nun Gott alles auf einmal erkennt
und alles auf einmal ist, die endlichen Wesen aber in der Zeit leben,
folglich ihnen der göttliche Wille in einzeln aufeinander folgenden
Ideen oder Begriffen offenbart werden muß, so gebar Gott von Ewigkeit her
ein Wesen aus sich selbst, welches auf einer Seite die Unendlichkeit des
göttlichen Verstandes umfaßt, alles weiß, was Gott weiß, selbst Gott ist, aber
auch auf der anderen Seite die Fähigkeit hat, eine Idee nach der andern aus
dem göttlichen Verstande zu entwickeln und an die endlichen Wesen zu offenbaren.
Dieser Hochheilige heißt das ewige Wort, oder der eingeborene Sohn Gottes. Du
kannst leicht einsehen, daß ohne dieses Mittelwesen durchaus keine Mitteilung
oder irgend eine Gemeinschaft zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen möglich
wäre.
Tabrimon. Jetzt geht mir ein großes Licht
auf.
Seluniel. Nun höre ferner: Dieses Wort oder
der Sohn Gottes spricht in jedem endlichen Wesen, folglich auch in jedem
Menschen, auch im verdorbensten, unaufhörlich das große und allgemeine
Gesetz aus, und diese wirksame Kraft in jedem endlichen Wesen heißt der Geist,
der vom Vater und Sohn ausgeht.
Tabrimon. Ach, wie wohltätig sind diese
göttlichen Wahrheiten! Jetzt erkenne ich, was das moralische Gefühl und
das Gewissen im Menschen ist. 14)
Seluniel. Jeder Mensch wird bei genauer
Selbstprüfung finden, daß ihm das Wort Gottes bei jeder Gelegenheit in seinem Geiste
offenbart, was recht ist, und daß er ungeachtet seines Hanges zum Bösen doch
immer noch die Kraft hat, dem Gesetze Gottes zu folgen, wenn er nur will; er
braucht nur treu und unaufhörlich gegen seinen Hang zu kämpfen, so wird jene
in ihm wohnende göttliche Kraft ihn immer mehr unterstützen. Ja, er darf nur
ernstlich gut und heilig werden wollen, so fehlt's ihm an Kraft nie.15)
Tabrimon. Ja, das ist alles vollkommen wahr, und
ich hab' es an mir selbst erfahren; allein dem allen ungeachtet sind doch bei
weitem die meisten Menschen böse und werden immer böser; diese Anstalten zu
ihrer Besserung scheinen mir also auch nicht kräftig genug zu sein.
Seluniel. Ist es denn Gott geziemend, freie
Geschöpfe zu zwingen? Und muß denn alles auf der ersten Stufe des menschlichen
Daseins im Erdenleben geschehen? Kannst du wissen, was in dieser zweiten
Periode und in den künftigen geschieht?
Tabrimon. Verzeihe, Herrlicher! Ich habe
wieder töricht geurteilt. Nun belehre mich auch noch über die übrigen Punkte;
besonders in Ansehung der Versöhnung mit Gott!
Seluniel. Von Herzen gerne! - Der Hang zum
Bösen nahm vom ersten Stammvater an unter den Menschen immer zu, und wurde
immer herrschender und der Verführer breitete sein Reich immer weiter auf Erden
aus.
Tabrimon. Wer ist dieser Verführer?
Seluniel. Ein mächtiger Fürst, der mit der
ganzen Klasse seiner Art vor den Menschen auf der Erde wohnte und aus eigenem
Triebe, ohne Verführung von Gott abfiel. Du wirst ihn und seine Verfassung noch
kennen lernen.
Tabrimon. Ich habe in meinem vorigen Leben
einige Kenntnis von dieser Sache gehabt.
Seluniel. Die Vorsehung machte allerhand
Anstalten, die
Menschen zur Erkenntnis ihres
Verderbens und auf den Weg zum Guten zu leiten; sie errichtete sogar einen
eigenen Staat, zu dem sie ein besonderes Volk wählte, dem sie den eingeborenen
Sohn Gottes zum Regenten gab, der sich ihm unter dem Namen Jehova sinnlich und
auf mancherlei Weise offenbarte; allein auch das war vergeblich, denn
dies auserwählte Volk wurde fast noch schlimmer, als andere Nationen.
Tabrimon. Das ist entsetzlich und
unbegreiflich! - Wer war dies höchst strafwürdige Volk?
Seluniel. Die Juden.
Tabrimon. Die Juden! Nun wundre ich mich nicht
mehr, warum dieses Volk so verworfen und verlassen auf Erden herumirrt, und
warum es so ganz sittenlos und verdorben ist.
Seluniel. Noch mehr: Als das Verderben unter
den Menschen allenthalben wuchs, auch der Versuch mit dem Volke Gottes
mißlungen war, so traf die ewige Liebe eine Anstalt, über deren wunderbaren,
weisen und unbegreiflich liebevollen Plan der ganze Himmel erstaunte und in
hohem Jubel feierte. Der Sohn Gottes, oder der Jehova hatte seinen
Heiligen unter seinem Volke, wenn sie das allgemeine Verderben beweinten,
gewisse Winke gegeben, es werde dereinst ein Erlöser erscheinen, daher
entstand eine allgemeine Sage von einem Könige der Juden, der dereinst
auftreten, und ein ewiges Reich des Friedens, worin nichts als Gerechtigkeit
herrschen sollte, stiften würde. Diese Sage wurde nun zwar allgemein geglaubt,
aber jeder erklärte sie sich nach seinen Wünschen, und da die meisten sehr
sinnlich dachten, so erwartete man nichts anderes, als einen weltlichen
Monarchen, der die Juden zu Herren der Welt machen werde.
Tabrimon. Das war weit gefehlt! Ich erklärte
mir vielmehr diese Sage so, daß ein Lehrer auftreten sollte, der die
menschlichen Pflichten allgemein bekannt machen würde, damit sich niemand mehr
mit der Unwissenheit entschuldigen könnte: weil das hochgestiegene Verderben
die Ohren so verstopft hatte, daß sie die Stimme des ewigen Worts in ihren
Seelen nicht mehr hörten.
Seluniel. Ganz recht! - Aber wer dieser
Lehrer war, das errätst du nicht. Jehova selbst, das ewige Wort, der
eingeborene Sohn Gottes, belebte durch seinen Geist, ohne Zutun eines Mannes,
einen menschlichen Keim in einer sehr frommen jüdischen Jungfrau, und ward von
ihr, also als wahrer Mensch, aber ohne Hang zum Bösen, folglich vollkommen
frei, so wie der Stammvater der Menschen vor dem Falle war, geboren.
Tabrimon. O. das ist erstaunlich! - Wie
weislich war diese Anstalt getroffen! - Da trat also wieder ein neuer
Stammvater auf. Ach warum weiß das nicht jeder Mensch auf Erden?
Seluniel. Ein großer Teil der Menschen weiß
es, und die Übrigen alle erfahren es hier.
Tabrimon. Wer sind denn die glücklichen
Völker, denen das große Geheimnis bekannt ist?
Seluniel. Nur Geduld! Du wirst es erfahren.
Der Sohn Gottes war nun Mensch und zwar einer aus der niedrigsten Volksklasse,
obgleich seine damals arme Mutter von königlichem Geschlecht herstammte; er
wurde in aller Heiligkeit erzogen, wuchs heran und zeigte einen
außerordentlichen Verstand und alles übertreffende Kenntnisse.
Tabrimon. Das ist wahrlich kein Wunder!
Seluniel. Endlich, als er nun im Begriffe
stand, als Lehrer aufzutreten und den Zweck seiner Sendung zu verkündigen, so
wagte der Fürst der Finsternis bei ihm das nämliche, was er auch bei dem ersten
Menschen versucht hatte, denn diesem Manne traute er nicht; er suchte ihn auf
eine blendende und feinere Art zu verführen.
Tabrimon. Da kam er gewiß übel an!
Seluniel. Allerdings! Er wurde mit seinen
eigenen Waffen aus dem Felde geschlagen. Jetzt fing nun der Sohn Gottes an, seinem
Zwecke gemäß zu wirken. Da die Sinnlichkeit eigentlich der Sitz alles Bösen im
Menschen ist, so griff Er diese recht an der Wurzel an, und eben darum war Er
auch in der niedrigsten Volksklasse Mensch geworden. Er offenbarte das Gesetz
der Sittlichkeit rein und lauter, und belebte es selbst im höchsten Grade, so
daß er das höchste Ideal der vollkommenen Menschheit wurde; seine Lehren
begleitete Er mit außerordentlichen Taten zum Wohle seiner irdischen Brüder,
daß der gemeinste Menschenverstand überzeugt werden mußte, Er sei ein solcher
Gesandter Gottes an die Menschen; mit einem Worte, Er war der liebenswürdigste,
vortrefflichste Mann, der je gelebt hat und je leben wird!
Tabrimon. Das glaub ich! - O mein Geist
jauchzt vor Liebe zu diesem vortrefflichen Namenlosen! - Aber wie benahm sich
sein Volk dabei?
Seluniel. Der Urheber alles Bösen bot seine
ganze Macht gegen ihn auf: denn er begriff gar leicht, daß dieser Mann ihm und
seinem Reiche gefährlich war; sein Plan ging also dahin, ihn durch den Tod aus
dem Wege zu räumen; zu dem Ende erfüllte er die Obersten und Priester der
Juden mit Wut gegen ihn, so daß sie Ihn auf alle mögliche Weise verfolgten und
eine Ursache an dem Unschuldigsten aller Menschen suchten, um Ihn mit einigem
Scheine des Rechts schmählich hinrichten zu können.
Tabrimon. Ich begreife wohl, daß äußerst
sinnliche, grundverdorbene Menschen diesen Heiligen, der gerade das
Gegenteil von ihnen selbst war, unmöglich lieben konnten, vielmehr daß sie ihn
im höchsten Grade hassen mußten: allein, daß ihnen ihre Anschläge nicht
gelungen sind, das versteht sich von selbst.
Seluniel. Guter Tabrimon, so denkt
der kurzsichtige Mensch; gerade dieses Planes der allergrimmigsten Bosheit
bediente sich der Sohn Gottes, um seinen erhabenen Zweck auszuführen.
Tabrimon. Wie! - Wie soll ich das verstehen?
Seluniel. Das will ich dir erklären, und
dann wirst du in tiefster Demut die unergründliche Weisheit Gottes anbeten. Du
wirst doch einsehen, daß der Mann, der das höchste Urbild der sittlichen
Vollkommenheit und das höchste Muster der Heiligkeit sein sollte, in allen,
auch den höchsten Proben, bewährt werden mußte?
Tabrimon. O ja, das sehe ich wohl ein!
Seluniel. Dies war die erste Ursache,
warum der Sohn Gottes freiwillig sich dem schmählichsten Tode unterzog, dem er
gar leicht hätte ausweichen können; auch hier besiegte er das sittliche
Verderben in der menschlichen Natur in so hohem Grade, daß er in der
schrecklichsten Marter, nahe vor seinem Tode, noch für seine Feinde bei seinem
himmlischen Vater um Vergebung bat.
Tabrimon. O der unaussprechlich Gute!
Seluniel. Der zweite Grund, der ihn
bewog, zu sterben, bestand darin, daß er sich durch diesen Sieg über alles
sittliche Verderben, und durch die Erkämpfung der höchsten, dem Menschen nur
immer erreichbaren Tugend das Recht erwerben mußte, ein ewiger König der
erlösten Menschheit zu werden.
Tabrimon. Diesen über alles erhabenen und
herzerhebenden Gedanken fasse ich noch nicht recht.
Seluniel. Du erinnerst dich doch noch
dessen, was ich vorhin sagte, daß die Gottheit für sich außer aller Zeit, und
in der Ewigkeit jedem endlichen Wesen unbegreiflich und schlechterdings
unzugänglich sei; und daß sie zu dem Ende das ewige Wort ausgebäre, wodurch sie
sich den endlichen Wesen mitteile?
Tabrimon. Ich erinnere mich dessen sehr
wohl, und sehe ein, daß es nicht anders sein kann.
Seluniel. Nun, so wirst du auch erkennen,
daß dieser eingeborene Sohn Gottes, der allein erkennbare Gott, der König und
Regent aller endlichen Wesen, der Repräsentant der Gottheit sein müsse.
Tabrimon. Ja, das ist ganz richtig.
Seluniel. Da nun dieser Repräsentant der
Gottheit sich mit der menschlichen Natur in Einer Person und
unzertrennlich vereinigte, mußte da nicht diese menschliche Natur in ihm zur höchsten
sittlichen Würde, bis zu seiner göttlichen Natur hinauf geadelt werden, wenn
nicht zwei sich widersprechende Prinzipien in ihm stattfinden sollten?
Tabrimon. Jetzt sehe ich das hohe Geheimnis
ein: dieser erhabene und wunderbare Mensch konnte nicht zugleich ein unvollkommener
Mensch und vollkommener Gott sein.
Seluniel. Jetzt wirst du aber auch begreifen
können, daß die menschliche Natur des Sohnes Gottes nicht anders die höchsten
Proben der Tugend und Heiligkeit durchkämpfen konnte, als auf dem Wege des
höchsten Leidens, dessen ein Mensch nur fähig ist.
Tabrimon. Ja, nun begreife ich alles! -
Gott! Welche unergründliche Weisheit! - Gerade durch den Plan, wodurch der
Feind alles Guten seinen Gegner stürzen und besiegen wollte, wird er selbst gestürzt
und besiegt!
Seluniel. Aber lieber Tabrimon, wie
sehr wirst du erstaunen, wenn ich dir nun auch die dritte Ursache des
Leidens und Sterbens des Gottmenschen erkläre! - Denn dadurch wird die Quelle aller
deiner Traurigkeit versiegen. Du hast sehr recht geurteilt, daß die
Gerechtigkeit vollkommenen Ersatz für alles versäumte Gute, und angemessene
Strafe für alles begangene Böse fordern müsse. Dieser Gerechtigkeit tat nun
endlich der Sohn Gottes vollkommen Genüge, indem Er als der allerheiligste
Mensch die Strafe des größten Lasters erduldete, und also als ein Sühnopfer für
die Sünden der Menschen starb; in diesem Tode, in diesem Opfer,
lieber Tabrimon, liegt die Genugtuung dessen, was du versäumt, und dessen,
was du Böses getan hast. 16)
Tabrimon. O, der unaussprechlichen Liebe
dieses großen und anbetungswürdigen Erlösers! - O Verklärter! Du eröffnest mir
eine unversiegbare Quelle der Seligkeit. Aber noch Eins: wie kann die göttliche
Gerechtigkeit durch die Genugtuung eines andern versöhnt werden? Nach ihren
unveränderlichen Gesetzen. muß doch gerade der ersetzen, der
versäumt, und der gestraft werden, der gesündigt hat?
Seluniel. Ich will dir einen Blick in
dieses, einem endlichen Geiste nie völlig begreifliche Geheimnis eröffnen, der
dich ganz beruhigen wird. Der Sohn Gottes starb, und durch seine göttliche
Kraft verklärte er am dritten Tage seine menschliche Natur, seinen Leib zur
Herrlichkeit des Himmels. Er stand also aus dem Grabe auf und setzte sich auf
den Thron aller Welten zur Rechten seines Vaters, wo er nun in Ewigkeit
herrscht und regiert. Nun, merke wohl, lieber Tabrimon! Du wirst dich
noch erinnern, daß ich vorhin sagte: der Sohn Gottes spreche in jedem
menschlichen Geiste das erhabene Sittengesetz aus; durch seine, durch Leiden
und Tod höchst vollkommen gewordene menschliche Natur ist dies Wort Gottes in
der Seele näher mit der menschlichen Natur verwandt und ihr ähnlicher geworden;
dadurch wird also die Umkehr vom Bösen zum Guten, und die Überwindung des
Hangs zum Bösen sehr erleichtert. Wenn daher der Mensch ernstlich und
unwiderruflich den Vorsatz faßt, dem Worte Gottes in sich zu folgen und das
Böse mit allem Eifer unablässig zu bekämpfen, so werden seine Kräfte durch die
menschlichen Kräfte des Sohnes Gottes in ihm erhöhet, und so wächst er von
Kraft zu Kraft, und wird seinem himmlischen Urbilde, das sich wesentlich in ihm
spiegelt, immer ähnlicher. Siehst du nun ein, inwiefern der Erlöser Anteil an
der Vervollkommnung jedes sich bessernden Menschen hat?
Tabrimon. O ja, jetzt begreife ich erst, wie
es möglich ist, daß die schwächeren Kräfte zum Guten, die stärkeren zum
Bösen überwinden können; das war mir ehemals ein unerforschliches Geheimnis,
und doch bemerkte ich an allen wahrhaft tugendhaften Menschen, daß es wirklich
geschah.
Seluniel. Nun höre weiter! In einem solchen
Menschen finden sich jetzt zwei Gestalten, oder eigentlich zwei Naturen die
eine Person ausmachen, so leidet der neue Mensch der in demselben vereinigt ist
und sich von ihm regieren läßt; und der alte verdorbene Mensch, der
unaufhörlich emporstrebt und nach der Herrschaft ringt. Da nun die immer
fortdauernde Abtötung des alten Menschen viele Schmerzen und immer anhaltende
Leiden verursacht, der alte und der neue Mensch aber nur eine Person
ausmachten, so leidet der neue Mensch und in demselben der Sohn Gottes mit.
Ferner, da auch nicht die bösen Handlungen des Menschen und seine
Unterlassungen, sondern der höhere oder niedrigere Grad des bösen Prinzips in
der Seele, in seinem genauesten Verhältnisse, vor dem Gerichte der göttlichen
Gerechtigkeit die Zurechnung des höheren oder niedrigeren Grades der Strafe
verdient, die soeben bemerkten Leiden der Abtötung aber sich genau so, wie der
Grad jenes Prinzips verhalten, so wirst du einsehen, daß jeder bekehrte Mensch
genau so viel leide, als er verdient; daß diese Leiden fortdauernde Leiden des
Gottmenschen sind, wozu der Anfang in seinem eigenen Leiden und Sterben gemacht
worden; und daß dieses die eigentliche wirkende Ursache aller dieser
Abtötungen, folglich der Grund aller Genugtuung sei, daß also der Sohn Gottes
in jedem Frommen die Gottheit versöhnt, indem jeder durch seine Kraft genau so
viel leidet, als sein Grad des Verderbens verdient.
Tabrimon. Ich werde durch diesen Beweis
unaussprechlich beruhigt! O Dank dir, du Herrlicher, für diese Belehrung; auch
ich habe von Jugend auf bis in meinen Tod sehr viel gelitten. Aber noch eine
Schwierigkeit ist mir übrig. Ich begreife nun wohl, wie die Versöhnung mit Gott
geschieht, und bin in Ansehung der Strafe beruhigt; aber weder durch das
Leiden des Erlösers, noch seiner Erlösten, wird denn doch das versäumte Gut ersetzt,
und das ausgeübte Böse ungeschehen gemacht; und beides ist doch eine
unbedingte Forderung der göttlichen Gerechtigkeit.
Seluniel. Auch diese Schwierigkeit will ich
dir heben; der Sohn Gottes regiert alle Handlungen der Menschen auf eine
unbegreifliche und höchst weise Art, so daß alles Böse zu lauter guten Zwecken
wirkt; denn da Er in jedem menschlichen Geiste, bösen und guten, sein Tribunal
hat, so weiß Er, ohne Einschränkung der Freiheit, jeder Handlung eine solche
Richtung zu geben, daß sie Gutes wirkt; denen nun, die sich nicht bekehren,
kommt dieses nicht zu gute, denn sie werden nach dem Grade des bösen Quells
ihrer Handlungen gerichtet; den Frommen aber kann das gewirkte Böse
nicht mehr zugerechnet werden, denn ihr böser Quell ist verstopft, der gute
geöffnet, und alle ihre Handlungen, böse und gute, wirken zu heilsamen Zwecken.17)
Tabrimon. Wie einem Gefangenen, dem man eine
Fessel nach der andern abnimmt, oder wie einem Blinden, der von Grad zu Grad
sein Gesicht wieder bekommt, gerade so ist mir zu Mute! Nun erkläre mir doch
auch noch, wie das versäumte Gute eingebracht wird?
Seluniel. Bist du nicht unsterblich, und
hast du nicht die ganze Ewigkeit vor dir, in welcher du unaufhörlich
Gelegenheit finden wirst, alles Versäumte wieder einzubringen? Denn glaube mir,
in diesem erhöhteren Zustande deiner Kräfte kannst du weit mehr ausrichten, als
auf der ersten Stufe deines Lebens.
Tabrimon. Das ist wahrlich wahr, und ich
werde tun, was nur immer in meinen Kräften steht; aber die göttliche Gerechtigkeit
fordert doch, daß jede gute Handlung zu ihrer Zeit, nämlich dann, wann sie
versäumt wird, geschehen muß, dieser versäumte Zeitpunkt ist doch nicht wieder
einzubringen.18)
Seluniel. Die Gottheit weiß von keiner Zeit,
sie stellt sich die ganze ewige Dauer eines jeden endlichen Wesens auf
einmal und in einer Idee vor; seine ewige Annäherung zu Ihr und seine ewig
steigende Vollkommenheit ist Ihre Forderung, und dies wird bei jedem Geiste,
der wirklich bekehrt ist, erfüllt; daher sieht Sie auch jeden schon in Gnaden
an, sobald er seine ewige Richtung in Ihr angefangen hat, insofern Sie weiß, daß
er in dieser Richtung beharren wird.19) In dem Verstande Gottes ist
die ganze erlöste Menschheit ein einziger Mensch, von welchem sein Sohn das
Haupt ist; alle einzelnen Menschen aber sind seine Glieder; da ihm nun das
Vergangene so gegenwärtig ist, wie das Zukünftige, und Er die ganze
Unendlichkeit in einen Blick faßt, so sieht Er diesen großen moralischen
Menschen in aller seiner steigenden Vollkommenheit; Er sieht in ihm die
vollkommene Menschheit seines Sohnes, in aller ihrer Wirksamkeit; Er sieht, daß
die Quelle alles Guten im irdischen Leben des Erlösers durch Leiden und Tod
eröffnet wurde, und daß dieser große Mensch immer genau in dem Verhältnisse
leidet, in welchem er noch unvollkommen ist, daß also seiner Gerechtigkeit
völlige Genüge geschieht. Siehe. lieber Tabrimon, das ist die Eröffnung
des großen Geheimnisses, insofern ein endlicher Geist davon stammeln kann.
Tabrimon. Gelobet sei Gott - und gelobet sei
sein Sohn in alle Ewigkeit! - Meine ewige Dauer soll ihn unablässig verherrlichen
und alle meine Kräfte sollen ihm gewidmet sein! Jetzt bin ich vollkommen
beruhigt, und in meinem Geiste eröffnet sich eine Quelle des ewigen Friedens.
Aber sage mir, du Himmlischer, warum sind diese großen Wahrheiten auf Erden
nicht bekannt?
Seluniel. Sie sind vielen Millionen Menschen
bekannt.
Tabrimon. Gott! - Wer sind diese
Glücklichen?
Seluniel. Lieber Tabrimon! - die Christen!
Tabrimon. Allmächtiger Gott - und Christus
ist der eingeborene Sohn Gottes, der Erlöser?
Seluniel. Ja, kein anderer!
Tabrimon. Während deiner Erzählung erwachte
eine geheime Ahnung in mir, die mir aber jetzt erst deutlich wird. O Du Unbegreiflicher!
Wie dunkel sind Deine Wege! - O vergib, Du menschgewordener Gott - daß ich
Deinen Namen haßte, nun will ich Dich desto stärker lieben und anbeten. Aber
sage mir doch, Du Verklärter, wie kommt es, daß diese erhabene Anstalt zur
Erlösung der Menschen abermals mißlingt? - Die Christen sind ja, meines
Bedenkens, noch weit schlimmer, als die Juden?
Seluniel. Das ist natürlich; je heller das
Licht der Wahrheit ist, desto größer ist der Grad der Bosheit derer, die es
nicht erkennen wollen. Du hast aber auch die ganze Christenheit nicht kennen
gelernt; sie enthält doch nach Verhältnis weit mehr gute und heilige Menschen,
als andere Völker.
Tabrimon. Warum ist aber die Wahrheit von Christo
nicht allen Völkern bekannt geworden? 20)
Seluniel. Die ernstliche Umkehr des Willens
vom Bösen zum Guten ist dem Christen beinahe so schwer, als dem Nichtchristen,
und in jedem Menschen spricht die Stimme des Gewissens laut, in jedem sagt der
menschgewordene Sohn Gottes, was recht und gut ist, ob ihn gleich der Mensch
dem Namen nach nicht kennt. Wenn es nun unter den Christen etwas leichter ist,
gut zu werden, so ist auch die Verantwortung und die Zurechnung bei dem, der
es nicht wird, desto schwerer, und wenn ein Nichtchrist sich der Heiligkeit
widmet, so wird sein Lohn desto größer, und bei dem, der es nicht tut, die
Strafe desto erträglicher sein. Gott ist gerecht, und seine Gerichte sind gerecht!
Die christliche Religion wird immer mehr ihr Licht verbreiten und nach und
nach alles aufklären. So wie die Kräfte des Reichs der Finsternis wachsen, so
werden auch die Kräfte des Reichs des Lichts zunehmen, und endlich, wenn das
Maß der Bosheit voll ist, so wird im letzten schrecklichen Kampfe der Sohn Gottes
über den Fürsten der Finsternis und alle seine Anhänger siegen und an den Ort
der Qual verbannen, wo sie niemand mehr verführen, niemand mehr schaden können.21)
Tabrimon. O ihr Herrlichen, wie bin ich nun
so selig! Aber ich brenne vor Verlangen, den Herrn zu sehen, und Ihn in seinem
Anschauen zu verherrlichen; wie unaussprechlich gut ist Er, dieser Mensch auf
dem Throne Gottes! - Ein Mensch mein Bruder! - Gott und Regent aller Welten!
Welch ein Geheimnis ! Welch eine Quelle von unbegreiflichen Freuden, und doch
so wahr, so angemessen allen menschlichen Bedürfnissen! - Dürft ihr mich denn
nicht zu Ihm führen, ihr himmlischen Brüder?
Abdiel. Du sollst ihn sehen und dich mit
unaussprechlicher Freude freuen; erst mußt du aber mit himmlischer Herrlichkeit
verklärt werden und dein Strahlengewand anziehen.
(Tabrimon fängt an zu strahlen,
indem er mit Herrlichkeit bekleidet wird; er verstummt und feiert! Seluniel
aber verwandelt seine Gestalt.)
Seluniel. Kennst du mich nicht mehr,
Tabrimon.
Tabrimon. Du bist mein Vater! - O wie
überschwenglich ist die Güte und Barmherzigkeit Gottes! - Nun hast du auch die
Belehrung vollendet, die du angefangen hattest.
Seluniel. Aber nur hier konnte ich
sie vollenden, denn dort wußte ich nicht mehr, als du. Komm nun, lieber
Tabrimon zum Anschauen des Herrn!
Tabrimon. Führt mich hin! - Gott schenke mir
nur Kraft, daß ich die unaussprechliche Empfindung, die dann meinen Geist
erfüllen wird, möge ertragen können.
1) Wer in seinem Herzen seiner Versöhnung mit Gott
noch nicht gewiß ist, der ist auch im Himmel nicht selig.
Und wenn wir uns heute fragen, wie es in dieser
Hinsicht um uns beschaffen ist, was müßten wir uns als ehrliche Sucher
antworten, daß unser Streben im Getriebe dieser allzu bunten und
intelligenzbetonten Epoche untergegangen ist. Wir versuchen meistenteils nicht
einmal ernsthaft ästhetisch, ethisch und harmonisch zu denken und zu handeln,
darum können wir auch nicht erwarten, daß wir Menschen werden, deren Ich einer
gewissen Vollendung zustrebt, das tugendhaft lebt.
2) Tugend heißt: zu etwas taugen; Vermögen und
Kraft haben, etwas auszurichten; alles, was uns nun zur Ausübung der wahren Gottseligkeit,
der Gottes- und Menschenliebe Kraft gibt und Fähigkeit verschafft, das ist
Tugend. Aber darum ist im Grunde jede wahre christliche Tugend nicht
eigentümlich, sondern Gabe Gottes, folglich nicht Tugend, sondern Gnade. Man
muß bemerken, daß hier ein Heide redet. Zur natürlichen philosophischen Tugend
gibt nur die Eigenliebe Kraft, daher gebiert sie Stolz, Eigendünkel und
Splitterrichten; die Gnade hingegen wirkt göttliche Tugend und wahre Demut.
Sehr wesentlich, besonders im Hinblick darauf, daß
der Abendländer der mit dem Christentum auf das engste verwachsen ist, heute
vielfach ostische Religionsformen annimmt, ist die folgende Auslegung
Stillings:
3) Daß ich hier dem Brahminen nicht mehr in den
Mund lege, als er zu leisten fähig ist, das beweisen die Fakire, die
unglaubliche Abtötungen der sinnlichen Lüste unternehmen und ausführen; da dies
gewöhnlich aber nur geschieht, um den Heiligenschein um den Kopf zu erwerben,
so ist es ein Greuel vor Gott. Bei Tabrimon war der Grund redlich, darum wird
er auch selig.
4) Hier urteilt Tabrimon oberflächlich, aber die
Christen in Ostindien geben leider Anlaß dazu.
5) Niemand wird dem Tabrimon seinen Widerwillen
gegen die Christen übelnehmen, da er weiß, wie sich die europäischen Nationen
gegen die Völker anderer Weltteile betragen haben. Man kann solche Geschichten
ohne Schauder und Abscheu nicht lesen.
Stilling steht so fest auf dem Boden des
tatkräftigen Christentums, daß er ganz folgerichtig in demselben die einzige
Erlösungsmöglichkeit von allen erdhaften Schwächen, Nöten und Kümmernissen
sucht und sieht. Daß er gerade in einem Zeitalter, das dem Kniefall vor der
Vernunft entgegenstrebt, dieses Buch schrieb, zeugt von der Kraft, die der
echte Christusglaube gibt, mit der er dem Menschen den Weg zu wahren
Erkenntnissen erschließt.
6) Alle Versuche der Philosophen, dies Geheimnis
außer der Erlösung durch Christum zu enthüllen, ist leere Spiegelfechterei.
7) Eben die Sehnsucht nach der Überzeugung von der
Erlösung durch Christum ist der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit.
8) Ich bitte den denkenden Leser, diesen Satz aufs
schärfste zu prüfen und wohl zu beherzigen, hätte Gott die Menschen mit einem
überwiegenden Hang zum Guten geschaffen, so wären sie bloß selige Maschinen
geworden, der Glaube gibt den Ausschlag.
In diesem Kapitel enthüllt Stilling ein großes
Wissen um jenseitige Dinge. Alle Worte, die er den Verklärten in den Mund legt,
zeugen von einer so christlich-geistigen Reife, daß die von ihm gegebenen
Erklärungen nur noch die erforderlichen Schlaglichter auf das uns
Unverständliche werfen sollen. Er erfaßt das Übel in unserem Denken an der
Wurzel und hat damit dem Leser die Hilfe gegeben, die vielleicht gerade ihm im
Moment die einzig nötige ist. Wenn er also auf die Unterschiede im geistigen
Reich aufmerksam macht, dann doch auch wiederum nur, um uns zu beweisen, daß
dieses Erdenleben höheren Zwecken als denen der weltlichen Lust und Begierde
dienen müßte.
9) Ich kann nicht begreifen, wie es möglich ist,
daß man nach allen diesen Gründen, welche die Vernunft und Offenbarung
festsetzen, noch immer am Falle Adams zweifeln kann? - Wenn man es nur einmal
der Mühe wert hielte, genau zu prüfen, so würde man finden, daß irgend eine
tief verborgene, deterministische Idee der Grund von allem ist: wie falsch aber
der Determinismus ist, das zeigen alle die Widersprüche, die er enthält.
10) Das ist eben die Klippe, an welcher so viele
scheitern: man merke wohl auf das, was Seluniel antwortet.
Aus den oben angeführten Gründen aber unterteilt er
nun die Seelen, weil er zutiefst im Christusdenken wurzelt und in ihm verankert
ist. Und gerade hiermit gibt er jedem, der diesem alleinseligmachenden Glauben der
Dreieinigkeit des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes - anhängt, den Boden, auf
dem er stehen muß, um ein echter Christ sein zu können.
11) Diese zwei Klassen sind die bösen Geister und
die Menschen, und die übrigen Klassen, deren nach der Heiligen Schrift sehr
viele sind, nennen wir mit einer allgemeinen Benennung Engel oder gute
himmlische Geister.
12) Und wenn Er auch noch alles so zu lenken wüßte,
daß die zwei Klassen vernünftiger Wesen am Ende noch weit seliger würden, als
wenn sie nie gefallen wären?
13) Und
der Stolz ist die allgemeine Ursache des Unglaubens.
14) Das moralische Gefühl ist die Stimme der Natur
in dem Menschen: und das Gewissen diese nämliche Stimme, aber durch die
Religion erhöht oder modifiziert. Je nachdem nun eine Religion mehr oder
weniger falsch ist, je nachdem wird auch das moralische Gefühl
verfälscht, und das Gewissen irrend, so daß es nicht mehr den reinen Willen
Gottes ausspricht.
15) Der vollkommene, Gott ergebene Wille ist der
Magnet, der die Kräfte aus dem göttlichen Element anzieht.
16) Diese Fingerzeige, Jesus Christus zu erfassen als
Menschen ist ein Weg, den wir doch eigentlich auch heute noch, trotz aller
Aufgeklärtheit gehen könnten. Hierin liegt vielleicht eines von denen der
Vernunft so schwer eingehenden Versöhnungsgeheimnissen, welches aber doch
dadurch begreiflicher wird, wenn man bedenkt, daß Christus durch diesen Tod die
Regierung der Welt erwarb, und dadurch die Sünden tilgt, daß Er sie zu Mitteln
guter Zwecke braucht.
17) Dies ist eigentlich der genugtuende, die
gesunde Vernunft beruhigende Begriff von der Genugtuung Christi. Er regiert so,
daß alle Sünden unendliche Folgen des Segens werden und dadurch geschieht ja
der Gerechtigkeit Gottes volle Genüge.
18) Der Geist Jesu Christi hat die menschliche
Natur angenommen und dadurch die Eigenschaft erhalten, die sittlichen Kräfte
der bußfertigen Seele zu erhöhen.
19) Die Leiden, die sich der Christ nicht selbst
zuzieht, sondern die ihm durch die Vorsehung zugeschickt werden, sind die
Gemeinschaft mit dem Leiden und Sterben Christi, wodurch er auch Teil an der
Versöhnung bekommt.
20) Hier spricht Stilling nun von dem Weg, den der
wahre Christ gehen muß, um zur Vereinigung mit dem Sohne Gottes kommen zu
können. Wir müssen also dahingehend denken lernen, daß wir hier auf Erden
nichts. unterlassen, was auf den richtigen Weg führt. Das, was wir nicht
erlangen in unserem Erdenleben, können wir nur noch durch die
Zwölfte Szene.
Das Geheimnis der Zukunft:
Hasiel und Jedidja. (im Reiche des Lichts.)
Hasiel. Sei mir gegrüßt, Jedidja! Du kommst mir ja entgegen, als wenn du mich einholen wolltest.
Jedidja. Ich sähe dich von weitem; deine blassere Gestalt machte mich aufmerksam, und eilte dir entgegen, um zu sehen, woher das käme?
Hasiel. Wundere dich über mein fast erloschenes Licht nicht. Ich hatte eine Gesandtschaft auf der Erde; nun da ich
mein Geschäft ausgerichtet habe, will ich hier in
diesem Luftgefilde bei dir ausruhen, bis ich den Grad der
Klarheit wieder habe, der mir zukommt.
Jedidja. Ist denn gar kein himmlisches Licht mehr auf
Erden? Ist die Finsternis so groß, daß auch die Engel
darin erblassen?1)
Hasiel. Weißt du die jetzige Verfassung der streitenden Kirche auf Erden nicht?
Jedidja. Ich starb als Kind, wurde dann im Kinderreiche erzogen, und hernach hierher ins Reich des Lichts versetzt. Bisher bin ich noch zu Gesandtschaften nicht gebraucht worden;
und was ich von der Erde erfahre, sind nur
einzelne Tatsachen.
Hasiel. Nun, so will ich dir die ganze Verfassung erzählen; du mußt sie wissen, denn bald wird der große und letzte Kampf des Reichs des Lichts gegen das Reich der Finsternis
beginnen.2)
Jedidja. Gelobt sei Der, der auf dem Throne sitzet! — Es ist auch bald einmal Zeit, daß dem Grimme der Hölle Einhalt
getan wird. Nun lehre mich, himmlischer Bruder, lehre mich die Verfassung meines Vaterlandes kennen,
Hasiel. Die Entfernung von der Zeit, in welcher unser Herr auf Erden lebte, der Gang, den die menschliche Vernunft in ihrem Wissen genommen hat, und der hohe Grad des bloß
sinnlichen Genusses hat den Glauben an den
Erlöser so sehr geschwächt, daß es außerordentlich wenig
wahre Kämpfer mehr gibt; sie leben stille und zerstreut
umher, und außer dem Streit, den sie für sich
mit dem Reiche der Finsternis führen, können sie fürs Allgemeine wenig mehr tun.3)
Jedidja. Es ist doch erschrecklich, daß der so
gierige Forschungsgeist der Menschen nach so
vielen Jahrhunderten noch nicht die
reine und so klare Glaubenswahrheit finden kann.
Hasiel. Lieber Jedidja! Er mag sie nicht finden, weil sie seinem natürlichen Hange entgegen strebt. Nun höre weiter!
Die zweite Klasse der Christen besteht aus wohlmeinenden Seelen, diese lieben Gott und den Erlöser; aber da sie das
natürliche Verderben des Menschen nur als ein negatives
Übel ansehen, das bloß aus der Eingeschränktheit
ihrer Natur und aus der Sinnlichkeit
herrührt, so wenden sie keinen Ernst an, das Böse an der Wurzel anzugreifen, sondern sie begnügen sich bloß mit einem ehrbaren Lebenswandel, genießen alles, was dieser erlaubt,
und sind wohltätig, wo es ihnen keine Mühe macht. Um die Wahrheit von Christo
bekümmern sie sich weiter nicht. Er mag sein, was
Er will, genug: Er ist ihnen eine ehrwürdige Person, und als bloßer Lehrer
schon hinlänglich zu ihrer Bestimmung.1)
Jedidja. Wenn diese Geister doch bedächten, daß
das bloße Bekenntnis: ich bin ein Diener Christi,
ganz und gar keinen Wert habe;
denn wenn's einmal zum großen Kampfe kommt, so werden sie gewiß nicht aushalten.
Hasiel. Du hast ganz recht geurteilt: sie halten die christliche Sittenlehre für die Hauptsache, und das ist auch ganz
richtig; allein da sie glauben, sie hätten selbst
Kräfte genug, sie zu erfüllen, doch aber
diese Kräfte nicht anwenden, indem sie den Geboten unseres Herrn eine solche Erklärung geben, wie es mit ihren
liebsten Neigungen bestehen kann: so bekümmern sie sich nun nicht weiter um
ihn. Wenn ihnen also einst die herrschende Partei ihre Sittenlehre läßt, und das tut sie gern, so sagen sie ohne weitere Umstände Christo ab und bleiben neutral, welches denn ebensogut ist, als wenn sie zum Feinde
übergingen.5)
Jedidja. Das ist ganz richtig, wer nicht mit Ihm kämpft, der kann auch nicht mit Ihm überwinden, im Gegenteil, er wird überwunden.
Hasiel. Nun gibt es auch eine dritte Klasse unter denen, die sich öffentlich für Christum erklären; diese aber ist
beträchtlich schlimmer, als die vorhergehende, denn
sie arbeitet mit Macht daran, den Herrn zum bloßen Menschen
herabzuwürdigen. Er ist ihnen nichts weiter, als ein
frommer und weiser Lehrer, und seine Lehre
erklären sie völlig nach ihrem einmal angenommenen System; was nicht damit übereinstimmt, das nehmen sie gar nicht an, es mag in der Bibel stehen oder nicht. Ihre
Vernunft ist die höchste Richterin in allen
Religionssachen. Vom Glauben wollen sie nichts
wissen. Sie bedenken gar nicht, daß die Vernunft gröblich irren kann, wenn sie von falschen Grundsätzen ausgeht;
und ob sie gleich diese Verirrungen täglich an anderen sehen, so hilft das doch nicht, sie haben einmal recht! — Dabei
sind sie unerträglich stolz, daß sie nicht
die geringsten Einwürfe gegen ihr System
ertragen können; sie verspotten, beschimpfen und verfolgen alles, was anders lehrt, als sie, und werfen sich eigenmächtig zu Reformatoren auf. Ihr Leben entspricht
indessen ihrer Sittenlehre so wenig, daß sie sich
alles erlauben, was nur dem äußeren Wohlstande nicht
geradezu entgegen ist; besonders sind ihrer
viele wollüstig und ausschweifend. Du siehst also, daß bei dieser Klasse die Sittenlehre nur dazu da ist, um ihrem Systeme den Schein des Rechts und der Religion zu
geben; im Grunde aber sind sie bloße
Naturalisten, und ohne es sein zu wollen, die fruchtbarsten
und tätigsten Werber für das Reich der Finsternis; sie beschleunigen die
Füllung des Maßes der Bosheit und des Tages der
Rache.6)
Jedidja. Gibt's dieser gefährlichen Menschen
viel?
Hasiel. Sehr viele! Besonders aber wird ihr
Einfluß dadurch gefährlich, daß sie
großenteils Gelehrte sind, die teils mündlich, teils schriftlich auf das
Publikum wirken und also ihre bösen Grundsätze
auf alle Weise und allenthalben verbreiten.7)
Jedidja. Das sind ja schreckliche Aussichten!
Hasiel. Freilich sind die Aussichten schrecklich; aber Gott wird ihnen Maß und Ziel zu setzen wissen und die Stunden der
Versuchung abkürzen. Endlich macht denn die vierte Klasse die eigentlichen erklärten Anhänger des Reichs der Finsternis
aus; diese hassen im Grunde die Religion und ihren
heiligen Stifter; ihre äußerst verdorbene, durch den
physischen und moralischen Luxus ganz zerrüttete sinnliche Natur ist ihre
Gesetzgeberin, denn sie halten sie für rein und
unverdorben; ihre Gesetze sind ihnen göttliche Gesetze,
weil ihnen die allgemeine Natur, und in
derselben die Vernunft, Gott ist; daher erlauben sie sich auch alles, was dem Gebote: Tue was du willst, so lange
du keinen Eingriff in die Rechte deines Nebenmenschen wagst: nicht geradezu entgegenläuft; indessen wird dieses doch
auch nicht genau genommen; sie fordern von allen
Anhängern der Religion ungemessene Duldung, sie selbst aber verfolgen alles aufs
grimmigste, was nicht ihres Sinnes ist.8) Du siehst aus dieser
Schilderung, lieber Jedidja, daß
diese Menschen unverbesserlich sind, denn das
Allerheiligste, das in ihnen wohnt, nämlich das Gesetz der Liebe, wird von ihnen als eine Wirkung des religiösen Aberglaubens angesehen und gänzlich
unterdrückt; wenn also die göttliche Wahrheit
selbst erkannt und aus Grundsätzen für
ungöttlich erklärt wird, so ist kein Rettungsmittel mehr übrig.9)
Jedidja. Das ist wahrlich wahr! — Dieses ist die letzte Stufe des Verderbens, zu der vernünftige Wesen hinaufsteigen
oder hinabsinken können; es muß also nun wohl zum letzten entscheidenden Kampfe mit dem menschlichen Geschlechte kommen.
Hasiel. Das ist gewiß und es läßt sich jetzt auch mit Macht dazu an. Im Heidentume herrschte der Aberglaube
ohne die Erkenntnis des wahren Gottes, es war also
möglich, daß durch die Offenbarung desselben an die
Menschen viele gebessert wurden; im Judentume
regierte der Aberglaube mit der Erkenntnis Gottes, aber ohne die
Offenbarung des ewigen Wortes oder des Sittengesetzes
in und außerhalb dem Menschen; es konnten also abermals viele durch die Entwicklung gerettet werden. Im Christentume geschah diese Offenbarung, aber auch hier
richtete der Aberglaube seinen Thron auf und lenkte die Richtung vom Worte ab auf sich selbst. Endlich wurde auch diese
Richtung auf das wahre Ziel, auf das Gesetz der
Liebe gelenkt; allein nun nahm der Aberglaube eine
feine, geistige Form an und setzte sich in den
Symbolen fest, wo er denn doch noch immer das große Idol ausmachte, das allgemein verehrt wurde; nun fing man endlich an, diesen Götzen kennenzulernen,
anstatt ihr aber aus dem Tempel des Herrn
wegzutun, schleift und zerstört man den Tempel
selbst, und richtet nun den Thron des Tiers, das
aus dem Abgrunde aufsteigt, nämlich des Unglaubens, an dieser heiligen Stelle auf.10)
Jedidja. Es scheint also, als wenn nun keine Anstalt mehr möglich wäre,
den Menschen zu retten, denn Unglaube bei einer vollendeten Offenbarung ist der höchste Grad des Verderbens.
Hasiel. Es sind doch für die zweite und dritte Klasse noch zwei Mittel übrig. Die Ursache alles bisherigen Jammers und Verderbens liegt in dem Irrtum, daß die sinnliche Vernunft,
welche die Grundsätze zum Sittlichen aus sinnlichen Begriffen abstrahiert, zur Richterin in Religionssachen
angenommen werden müsse. Wenn also nun ausführlich und dem gemeinen Menschenverstand faßlich dargetan wird, daß die
Grundsätze aus sinnlichen Prinzipien zum Sittlichen ganz und gar
nicht taugen, sondern schlechterdings
irre führen; dagegen aber einleuchtend erwiesen wird, daß die sinnlichen Prinzipien
nur für die Körperwelt, für die Geisterwelt aber das Sittengesetz
im Geiste des Menschen Bestimmungsgrund
sein müsse; so bleibt dem Unglauben
durchaus keine Schutzwehr mehr übrig, hinter welcher er
sich verbergen könne; wer dann noch nicht glaubt, der ist bis zur teuflischen
Bosheit hinabgesunken, und eben diese höchst
wichtige Anstalt ist jetzt im Beginnen.11)
Das zweite noch übrige Mittel ist eine nochmalige sinnliche Offenbarung des Erlösers, die aber freilich den bösen Menschen zum
Gerichte, den gutwilligen Seelen hingegen zur Vollendung ihres Glaubenskampfes dienen wird.
Jedidja. Ach Gott, wenn doch die armen Menschen ihr Bestes bedächten! — Aber sage mir doch, lieber Hasiel, läßt es sich denn schon wirklich zum großen und letzten Kampfe an?
Hasiel. Ja, er beginnt von ferne.' Du wirst dieses selbst gar leicht
einsehen, wenn ich dir nun auch noch die gegenwärtige politische Gesinnung der Christen schildere. Es gibt eine äußere Ordnung der Stände unter ihnen, die durch das
Altertum ehrwürdig und gesetzmäßig
geworden ist. Einige Geschlechter haben
sich das Erbrecht erworben, über andere zu herrschen, ohne irgend jemand zu gehorchen; viele erlangen durch
die Geburt den Vorzug, andern zu
befehlen, und auch selbst wieder die Gesetze der ersten zu befolgen: und endlich sind die meisten bloß zum Gehorsam gegen beide Stände verpflichtet. Die
erste Menscherklasse nennt man die Fürsten,
die zweite den Adel, und die
dritte das Volk. Alle drei Stände sind aber wiederum durch mancherlei Abstufungen der Würde, durch vielerlei
Gesetze und Verhältnisse so miteinander
verknüpft, daß der Übergang des einen
zum andern manchmal fast unmerklich ist.
Jedidja. Diese Verfassung ist mir aus Unterredungen bekannt, die ich mit Neuangekommenen gehabt habe; daß sie himmlischen Ursprungs ist, hat seine Richtigkeit: denn
auch hier gibt es eine Abstufung der Stände, die bei dem unendlichen, verborgenen Vater der Ewigkeit anfängt und bei dem
Seligen aufhört, der an der Grenze des
Schattenreichs wohnt; nur darin besteht der große
Unterschied, daß hier der innere Wert den Grad des Standes bestimmt, dort
aber die Geburt, woher es denn sehr oft zutreffen muß,
daß die Bösen den Guten befehlen.
Hasiel. Das kann aber nicht geändert werden, lieber Jedidja. Hier offenbart
das himmlische Licht den inneren Wert eines Menschen alsofort vor jedermann,
und jeder ist auch genau mit dem Grade der Kraft
versehen, der seinem inneren Werte gemäß ist; auf
der Erde aber, wo dieses Licht nur von einigen Wenigen, und noch dazu sehr dunkel erkannt wird, da kann dieser Wert nur
selten, und nur von den Allerrechtschaffensten und zugleich Weisesten bestimmt
werden. Du siehst also ein, daß die Ordnung
der Stände durch Wahl höchst unvollkommen, höchst unsicher und also
keineswegs die beste sei, und daß dagegen die Ordnung
durch Erbfolge, in Ansehen der Nutzstiftung, allerdings den Vorzug habe, sobald sie durch weise
Gesetze eingeschränkt ist.12)
Jedidja. Ich erkenne die
Wahrheit dieses Satzes vollkommen.
Hasiel. Du wirst also auch leicht begreifen, daß auf der Erhaltung dieser Ordnung die ganze Existenz der Menschheit beruht; denn
ohne obrigkeitliche Gewalt läßt sich keine menschliche Gesellschaft denken.
Jedidja. Das ist unstreitig! — Doch gab es auch Verfassungen, die von keiner Erbfolge wußten.
Hasiel. Deren gibt es jetzt wirklich noch einige; allein, wenn sie
nicht äußerst unsicher sein sollen 13), so müssen sie mit einer anderen in einer Verbindung stehen, die ihre Wahl
leitet. Was dünkt dich aber von dem
jetzt herrschenden Geiste unter den Christen,
der da will, daß das Volk vollkommen frei sein und sich seine Gesetze und Regierungsform selbst
bestimmen soll? — Freiheit und Gleichheit ist jetzt das allgemeine
Symbol eines gewissen Volks, das seit
Jahrhunderten in der sinnlichen Kultur
und im sittlichen Verderben vor allen andern den Vorsprung hatte.14)
Jedidja. Wenn dieser Geist die Herrschaft behält und vollends allgemein wird, so
ist freilich der letzte große Kampf im Beginnen; denn die Menschheit wird sich selbst aufreiben.
Hasiel. Bei der vierten Klasse ist er allgemein, die
dritte gebiert ihn aus, und die zweite hindert sein
Wachstum nicht, du kannst denken, was da zu erwarten ist.
— Jetzt stell' du dir nur einmal die ganze
Sache im Zusammenhange vor! Die sinnliche und technische Kultur ist auf das Höchste gestiegen, man muß die reichsten Länder der Erde plündern, um seine
Bedürfnisse zu stillen, daher allenthalben ein
unersättlicher Trieb nach sinnlichen Vergnügen
und ein rastloses Streben nach den Gütern, die sie befriedigen. Zugleich hat der jedem Menschen wesentliche Vervollkommnungstrieb ebenfalls seine Richtung auf
irdische Veredlungen, nämlich des sinnlichen
Genusses, der Ehre, der sinnlichen Wissenschaften und des Reichtums genommen, folglich ist die ganze körperliche Natur für sie zu arm.
Nun kommt der, aus den ganz verdorbenen
Religionsgrundsätzen entstandene Freiheitstrieb 13), der alle
bürgerlichen Bande zerreißt, noch dazu; was kann daraus anders entstehen, als
daß sich die Menschheit selbst untereinander zu Grunde
richtet.
Jedidja. Aber mein himmlischer Bruder, diesen schrecklicher Ausgang kann doch die Sache nicht nehmen, denn der Herr,
der Erhabene, wird dem Urheber des Bösen und
seinen Anhängern den Sieg nicht lassen, sondern er muß
mit seinen Getreuen die Herrschaft der Erde endlich behaupten, und seinen
Feinden ihre grimmige Bosheit auf ihren Kopf
vergelten.
Hasiel. Ja, mein treuer Jedidja, das wird und das muß geschehen, und zwar bald; denn um der Auserwählten willen
werden die Tage des Jammers abgekürzt werden.14)
Eben diese höchst wichtige Sache war es, die meine
jetzige Reise nach der Erde veranlaßte. Laß mich dir diese
große wichtige Geschichte erzählen, die auch
den Engel mit heiligem Schauer erfüllt.
Jedidja. Mein ganzer Geist horcht mit stiller Ehrfurcht.
Hasiel. Ich fand auf meiner Saphirtafel folgende
Flammenschrift: Hasiel! Gehe zum Tempel
der menschlichen Schicksale und
erfülle meine Befehle. Hast du
diesen Tempel gesehen oder etwas davon
gehört?
Jedidja. Gesehen hab' ich diesen heiligen Ort nicht, wohl aber einzelne Nachrichten von ihm gehört.
Hasiel. Dort wo das Reich
der Herrlichkeit an das ewige Dunkel
grenzt, erhebt sich ein Gebirge, das von Ferne wie übereinander getürmte Gewitterwolken aussieht, und sich in den ewigen Höhen verliert. Hier schwingt man sich über Abgründe hinüber, allenthalben herrscht einsame,
schauervolle Stille, und ein dämmerndes Licht schimmert auf den Pfad des
engelischen Wanderers, der gewürdigt wird,
dieses Heiligtum zu besuchen. Wenn man endlich der höchsten Höhe näherkommt, so sieht man vor sich einen gelblichen
Glanz, und in demselben ein großes Tor zwischen zwei Säulen, die wie
durchsichtiges Gold, aber rötlich
schimmern. Die Säulen stehen schrecklich
und mächtig da, als wenn sie eine Welt zu tragen hätten; oben auf ihnen ruhen die sieben Donner, und an diesen merkte ich
zuerst, daß das Geheimnis der Zukunft seiner Entwicklung nahe sein müsse: denn ihre schwarzen drohenden Gewölke sind vom Zorne des Weltrichters hoch
aufgeschwollen, und es däuchte mir,
als wenn ich tief in ihrer Gewitternacht schon etwas Rotschimmerndes bemerken könnte. Das Tor selbst besteht aus zwei Flügeln, die wie ein Diamant oder
fein polierter Stahl im Abendrot
glänzen; es ist beständig fest verschlossen, und nur der starke Seraph, der seitwärts auf dem Hügel steht und den kommenden Boten von ferne bemerkt,
kann es öffnen. Voll heiligen Schauers
nahte ich mich dieser Pforte; indem dies geschah, enthüllte ich mich
dem Seraph, er sah meinen Auftrag, und nun
schoß er einen Blitz auf den Riegel des Tors, der Riegel fuhr zurück, und die beiden Flügel wehten mit einem dumpfen Donner langsam einwärts. Hier eröffnete
sich mir nun eine Aussicht, die auch
den Engeln neu und furchtbar ist. So weit, als der weiteste Horizont, wenn man auf dem höchsten Berge steht, reichen mag, so weit standen im Zirkel herum
die Gewölbträger des Tempels; hoch
strahlten sie in die Höhe, es waren Säulen, wie aus Kristallfelsen gehauen, in
deren Innerstem eine Feuerglut wallt
und wühlt. Ihr Fußgestell bestand aus kristallenen
Würfeln, die wie schmelzendes Gold glänzten, und aus denen der Feuerquell durch
die Säulen aufwärts zu steigen schien.
Der ganze weite Boden war eben und glich einem Smaragde mit weit und breit sich herumwindenden
Lichtstreifen. Das erschreckliche Gewölbe sah aus wie Lasur, auf dem
safran-farbene Gewölke ruhten, die obenüber
dem Purpur ähnlich waren. Rechts unten im Mittelpunkt des Gewölbes aber hing ein fürchterliches schwarzes Donnerwetter, an dem
man weiter nichts bemerken konnte, als daß sich die Wolken langsam umzuwälzen schienen. Gerade senkrecht unter diesem
Gewitter, genau in der Mitte des
Tempels, stand ein Altar hoch und weit, wie ein Berg Gottes, er glich einem
hellpolierten Calcedonier, über und
über mit blutigen Lichtstreifen überzogen, die wie aus seinem Innersten herauszukommen schienen. Oben auf
diesem Altar schwebte ein
Engelpriester, der von Zeit zu Zeit eine Schale auf die Mitte desselben ausschüttete; so oft dieses geschah, loderte eine dunkle Flamme mit Opferdampf
gegen das Gewitter empor, der das
Donnergewölke zu vermehren schien. Der
ganze Tempel war wie von einem dämmernden Abendrot erleuchtet. Sowie ich dem Altare näher kam,
bemerkte ich sieben Engel, die
hinter demselben hervortraten und sehr ernst und feierlich einherschwebten; einer von ihnen trug eine Rolle mit sieben
Siegeln, die aber alle erbrochen waren. Diese Rolle ließ er weithin wehen, und sprach mit einer sehr
feierlichen Stimme: „Die Zeit ist
da, daß das Gericht vom Allerheiligen ausgehe, den Erdkreis mit Gerechtigkeit
zu richten!" — Sowie die
Worte ausgesprochen waren, fuhr ein hell leuchtender Blitz aus dem Gewitter
herab, mitten auf den Altar; zugleich brüllte einer von den sieben Donnern so schrecklich durch die ewigen Höhen hin,
daß der ganze Tempel erbebte, er sprach ganz vernehmliche Worte!
Jedidja. War das nicht damals, als der Himmel den Zustand der Abenddämmerung im violetten Lichtschimmer feierte?
Hasiel. Ja, damals war es!
Jedidja. Wir hörten alle das Rollen des Donners, aber wir verstanden seine Worte nicht.
Hasiel. Die Worte der sieben Donner werden nur im Tempel verstanden, und dann auch da, wo sie verhallen. Darauf führte mich einer von den Engeln hinter den Altar; hier standen
sieben goldene Leuchter im Kreise herum, in dreien
war das Öl rein ausgebrannt, und sie waren ausgelöscht;
die übrigen vier brannten noch, aber sehr dunkel; der vierte
war mit kristallhellem Öle bis oben angefüllt; jetzt berührte
der Engel die kaum sichtbare Flamme des
vierten Leuchters, und dann den Docht des sechsten, welche beide nun helle zu brennen und zu leuchten begannen. Auf einmal fuhr ein zweiter Blitz auf den fünften
und siebenten Leuchter herab, der sie umwarf und weit wegschleuderte, der Engel aber hob sie auf und setzte sie wieder
an ihren Ort; nun waren sie gänzlich verloschen, den
vierten und sechsten Leuchter aber nahm er, schwebte
damit in die Höhe und stellte sie mitten auf den Altar, wo
sie weit und breit strahlten und den Tempel
mit ihrem Lichte erfüllten; aus dem Gewitter herab senkte sich nun ein milder Lichtstrahl auf ihre Flammen, der sie wie das Thronenlicht erhellte und sie bis
zum Gewitter hinauf verlängerte. Dadurch wurden die schwarzen Wolken verklärt, sie zerteilten sich, und nun
strahlte des Herrn Herrlichkeit, mit dem Lichte der beiden Leuchter
vereinigt, durch die ganze Weite des Tempels.17) Jetzt redete mich
der Engelpriester an und sprach zu mir: Du hast verstanden, lieber Bruder Hasiel, was du gesehen hast.
Der erste der sieben Donner hat den Anbruch des
Gerichts Gottes über die Christenheit verkündigt; das Reich der Finsternis hat ein großes Heer gesammelt, und wird noch viele
sammeln; es wird
mit geistigen Waffen kämpfen; die sich überwinden lassen, werden auf seine
Seite treten und die Scharen der Hölle vermehren;
die sich aber widersetzen und ritterlich kämpfen,
sollen siegen durch Blut und Tod! Er aber, der
auf dem Throne der Welten sitzt, wird, wenn das Wüten und der Jammer auf das Höchste gestiegen ist, seine Heiligen um sich her sammeln und selbst gegen sie
ausziehen; dann wird Er ihre Sprache verwirren, so
daß sich jedermanns Schwert gegen jedermann kehren, und sich die gottlose Rotte
untereinander selbst aufreiben wird. Von da
an wird Er dann herrschen, und es wird Friede sein von
einem Ende der Erde bis
zum andern. Jetzt gehe nun zur Erde
hinab und kundschafte allenthalben die treuen und
rechtschaffenen Seelen, aus, die vor den Leiden des Gerichts bewahrt
und vorher in den Himmel abgefordert werden
sollen; diesen allen flöße Ahnung der nahen Zukunft und neuen Eifer zur Vollendung ein;18) du wirst in
jedem Geiste seine Bestimmung lesen.
Diejenigen, welche vom Kampfplatz an
sichere Örter entfernt werden müssen, unterrichte, und mache sie aufmerksam auf die Wege der Vorsehung,
damit sie das enge Pförtchen
bemerken, durch welches sie dem zukünftigen Zorne entrinnen können. Alle Kämpfer aber begeistere mit hohem Mute, getreu zu sein bis in den Tod, und laß
sie, doch aber nur sparsam, die Kräfte
der zukünftigen Welt kosten. Nun gab mir
dieser erhabene Engel noch einige geheime Aufträge an die Großen der Erde, die ich aber nicht entdecken darf.
Während dieser Rede verschwanden die
Leuchter wieder vom Altare, das Gewitter
schwärzte sich wie vorher, und anstatt des Lichts schimmerte die vorige Abenddämmerung durch die
ganze Weite des Tempels. Ich stand
eine Weile und feierte; dann wandte ich meinen Flug, das Tor donnerte hinter
meinen Fersen wieder zu, und der
starke Seraph auf dem Hügel blitzte den großen blanken Riegel wieder vorwärts.
Jedidja. Das war eine große und feierliche Szene! Bei solchen Auftritten rückt der Engel immer einen Grad weiter in der Vervollkommnung.
Hasiel. Das ist wahr, und er empfindet, wie klein er ist.
Jedidja. Aber, Lieber, wie war dir zumute, als du dich der Erde nähertest? — Oder bist du seit deinem Seligwerden mehrmals da
gewesen?
Hasiel. Ich habe öfters sterbenden Frommen ihren
Abschied erleichtert, und war also mehrmals
wieder da; allein niemals machte ihr
Anblick einen so tiefen Eindruck auf mich, als jetzt.
Jedidja. Das ist natürlich; — Du hattest auch nie
einen so großen und erhabenen Beruf, wie diesmal. Aber ich kann mir doch vorstellen, daß der Anblick des Sterns, wo man
sein erstes Dasein empfangen hat, sonderbare Empfindungen erwecken muß.
Hasiel. Das ist zwar richtig, allein es sind
Empfindungen des tiefsten Mitleids, und — wenn man nicht den milden Quell der Sanftmut und der Liebe in sich hätte, so würde man
Blitze auf die schnöde Sünderrotte
hinschleudern. Es gehört wahrlich Engelsstärke
dazu, das Anschauen so vieler Werke der Hölle zu ertragen. Ich kam an einem Morgen von ferne; durch den blauen Äther schwang ich mich hinab und sah die blaßrötliche
Kugel schief abwärts vor mir hinrollen. Erbarmendes Mitleiden über meine
dort leidenden und kämpfenden Brüder erfüllte mich ganz, und ich erinnerte mich lebhaft an die Zeit, wo ich
unter den römischen Tyrannen
mit vieler Marter meine irdische Hülle ablegen mußte; dann dankte ich
dem Erhabenen, daß Er mich so väterlich
geleitet und mich nunmehr zu der Stelle, zu dem Grade meines Daseins, in dem ich mich befinde,
hinaufbefördert hat. Unter diesen
Gedanken kam ich näher, ich schwebte über Europa hin und sah mit tiefem Kummer das allgemeine Verderben; dort wütete
ein Volk in seinen eigenen Eingeweiden, mit einem Grimm, der nur in der Hölle seinesgleichen hat, und
mordete seinen unschuldigen König.
Allenthalben stieg ein fauler Geruch
der Üppigkeit und der Wollust auf, und selbst unsere Getreuen ermatteten und kränkelten in diesem
Pesthauche. Eine elastisch drückende
Kraft arbeitete mir allenthalben entgegen, so daß ich mich anstrengen mußte, vollends hinunter zu kommen. Es war der Geist der Freiheit und der
Gleichheit, der mit einer grimmigen Wut empordünstete. Denke nur einmal nach, lieber Jedidja! — Freiheit — wo jeder dem
andern eigennützige Gesetze aufdrängt
und keiner keinem gehorcht; und Gleichheit bei der unendlichen
Verschiedenheit der Geisteskräfte des Reichtums
und der Macht!
Jedidja. Es läßt sich nichts Unsinnigeres denken: dieser Geist ist wohl der mächtigste und schädlichste, den Satan auf
die Erde senden konnte, um die Menschen zu
verderben.
Hasiel. Ja, das ist der schädlichste,
wenn man zugleich die gegenwärtige Richtung des menschlichen
Geistes damit verbindet; aber auch der letzte, denn
Freiheit mit Gesetzlosigkeit und unersättlichem
Hunger nach irdischen Gütern und Gleichheit mit dem
unbändigsten Stolze, alles zu beherrschen, das ist eine Stellung, wobei die
Menschheit in allen ihren heiligsten Banden zertrümmern muß. Aber ich habe mich nun von meiner Reise wieder erholt, und mein Wesen hat seinen
Glanz wieder, ich eile also von dir
nach meinem Wirkungskreis. Dein Zustand werde immer vollkommener und des Herrn Licht gehe immer heller auf über dir.
Jedidja. Amen! Und dir, himmlischer Bruder,
geschehe ebenfalls, was du mir gewünscht
hast.
Dieses Kapitel verweist im Anfang
darauf, wie sehr die himmlischen Heerscharen durch
die bösen Taten der Menschen leiden, wie ihre Lichtgestalt durch die Verbrechen der Erdenbewohner an Leuchtkraft, also an Hilfsfähigkeit durch eine übergroße Bereitschaft
ihrerseits verringert werden kann. Stilling erklärt hierzu wie folgt;
1) Man braucht nur die Geschichte der
europäischen Menschheit von 1790 an bis daher zu
wissen, so läßt sich das Erblassen der Engel begreifen.
Eine recht wesentliche Folgerung können
wir noch aus dieser Niederschrift entnehmen, die
Zeitdauer, die für die Befestigung des Reiches auf Erden nötig sein wird. Wenn wir heute annehmen, ein Ziel auf dem Wege zur Vollendung erreicht zu haben, ist es für unsere
Nachkommen wiederum nur eine „Station auf dem Wege zu
Christus" gewesen. Auch wir denken oft den
folgenden Worten Stillings gleich. Wir sind von dem fortschrittlichen Geist unserer Zeit in dieser Hinsicht durchdrungen
oder — aber ermattet in Angst und Sorge um die Zukunft des Christentums.
Gerade, weil seine Worte so exakt auf die heurige
Menschheit zutreffen, sehen wir, wie zeitlos sie wirklich waren.
2) Er ist schon wirklich begonnen; denn
die allgemein herrschende Erkaltung in der
Religion, Verachtung und sogar vielfältiger Haß gegen Christum, steigt von Tag zu Tag, und werden bald der Langmut Gottes ein Ziel stecken.
3) Jetzt hat nun die große englische
Missions-Sozietät, an welche sich allmählich die
deutschen Christen anschließen, den Weg zur allgemeinen Vereinigung gebahnt, und in allen Weltteilen beginnen die Missionen Eingang zu finden; auch in Deutschland sind hin und wieder
wichtige und weit-aussehende Erweckungen, folglich wächst
auch das Reich des Lichts mit Macht.
4) Die große Anzahl, übrigens oft gutmütiger und gutgesinnter Menschen ist das Produkt der gemäßigteren Neuerer.
5) Die überaus große Anzahl dieser
Halbchristen macht eigentlich die Laodizäische
Gemeinde aus; und sie hat ihren Hauptsitz in den beiden protestantischen Kirchen; denn der Katholik ist entweder ein
wahrer Christ, oder ein Freigeist, oder ein Fanatiker.
Laodicäer wird er sehr selten.
Natürlich sind, wie wir aus obigem
ersehen, gewisse Zeitrichtungen — zeitgemäße Sekten und
Glaubensansichten — maßgebend. Aber das wird ebenfalls noch lange anhalten,
eben so lange, bis Christi Sieg allgemein geworden ist.
Sehr beachtlich ist die Rede „Hasiels",
in der er von der dritten Klasse der Gläubigen
spricht, von jenen, die Christum nicht als Gottessohn anerkennen, sondern ihm nur die Stellung des überaus gereiften
Menschen einräumen. Und denken sehr viele unter uns
nicht immer noch so?
Was aber folgt daraus, wenn wir Christus
nur als bedeutenden Menschen anerkennen? Stillings
Worte sind durchaus zutreffend:
6) Diese Menschenklasse geht dann auch
nach und nach zum Widerwillen. Ekel und sogar zum Haß gegen Christum über, und
bereitet die Macht der Finsternis oder des Antichrists
vor; sie ist ihr Depot.
7) Die schrecklichste und gefährlichste
Wirkung dieser bedauernswürdigen Menschenklasse besteht
in ihren Rezensionen religiöser Schriften.
8) Die beschriebene zweite Klasse
vervollkommnet sich zur dritten und diese zur vierten,
darum hüte man sich vor den Grundsätzen der zweiten.
9) Vor allen Dingen warnt Stilling vor dem
Erkalten der Liebe aller Menschen zueinander.
Wie recht er hiermit hatte, können wir am einfachsten und Sinngemäßesten aus den Folgen sehen, in die uns die
Glaubenslosigkeit, die Ablehnung des wahren Christentums
gestürzt hat. Menschen, die nicht einen Funken der
göttlichen Liebe mit Bewußtsein in sich wecken, haben denn auch den teuflischen Grundsatz, daß der Zweck jedes Mittel heilige. Daher ist ihnen keine Bosheit zu groß und kein Laster zu
abscheulich, wenn’s nur dazu dient, ihre
vermeintlich guten Absichten zu erreichen.
10) Wieviel Übles entsteht aus allen nichtbeachteten Grundregeln der christlichen Lehre. Auch die Zweifelsucht ist eine der
fürchterlichsten Gefahren für unsere Seele, wie Stilling
wiederum richtig ausführt. Beispielsweise erzeugt
die Zweifelsucht den Unglauben, und dieser macht die Vernunft unfähig, vernünftige Glaubensgründe anzunehmen: denn er glaubt nun auch der Vernunft nicht mehr, da ist also kein Mittel mehr
übrig.
11) Die
Kantische Kritik der reinen Vernunft hat gezeigt, daß der natürliche Mensch
die Dinge, die des Geistes Gottes sind, nicht faßt, dagegen macht man nun aber das Sittengesetz zum
Götzen, den man anbetet; denn, wenn dieses auch zeigt, was man tun müsse, so gibt es doch keine Kräfte dazu.
D r e i z e h n t e S z e n e.
Hillel und Huel.
(Im
Schattenreiche.)
Huel. Das weiß
ich sehr wohl, daß ich nicht wert bin, ein Bürger in jenem Reiche des Lichts zu
werden, das mir so sanft über das Gebirge her entgegenglänzt; aber wenn es auf das Wertsein ankommt,
so sehe ich nicht ein, wie irgend einer von meinen Brüdern, den Menschen,
Anspruch auf diese Bürgerschaft machen könne; und doch werden von Zeit zu Zeit
viele meiner Bekannten hinüberbefördert, ich aber bleibe zurück. Keiner von den
Glänzenden, die das selige Geschäft haben, die Geister abzuholen, sieht mich
an, sie betragen sich alle, als wenn ich gar nicht zugegen wäre, - was wird
denn endlich aus mir werden? - Kann ich schon meinen Aufenthalt allhier nicht
durch irgend ein Zeitmaß bestimmen, so däucht mich doch, ich müßte schon viele
Jahre hier zugebracht haben. Ich durchdenke mein ganzes irdisches Leben, alle
meine Gedanken, Worte und Werke habe ich geprüft und gefunden, daß ich freilich
jener Herrlichkeit unwürdig bin; allein ich habe doch den größten T eil meiner
irdischen Wallfahrt mit innigstem Anhangen an Gott zugebracht, ich habe von
Herzen an den Erlöser geglaubt, mein ganzer Wille war bis in den Tod fest und
unveränderlich auf die Erfüllung des Gesetzes der Liebe Gottes und des Nächsten
gerichtet, ich tat in meiner Schwachheit, was mir möglich war und spürte auch
oft in meiner Seele den hohen Frieden und das innige Wohlgefallen meines
Gottes, und doch bin ich verlassen in dieser dunklen stillen Wüste,
mein ewiges Schicksal bleibt unentschieden. O Du Vater der Menschen, wenn Du
auch hier noch Gebete erhörst, so erbarme Dich meiner! - Siehe, da glänzen
wieder Verschiedene das Gebirge herab - welch eine Majestät strahlt aus ihrem
Ansehen! - Es ist, als wenn sich die purpurne Morgenröte in aller ihrer
Herrlichkeit aus dem ewigen Osten herabsenkte. - Ach, wenn sich doch einmal
einer meiner erbarmte! - Aber da zieht mir ja einer entgegen; ich will ihm
gebeugt und in Demut nahen; vielleicht daß er mich in Gnaden ansieht, so wie
ehemals Christus den Kranken zu Bethesda.
Hillel. Du
scheinst ja ganz ermüdet zu sein, und auch das entfernteste Irdische aus deinem
Wesen weggetilgt zu haben.
Huel. Gelobt
sei der Herr für die Gnade, daß mich endlich einmal einer der Himmlischen
anredet.
Hillel. Du warst
noch nicht reif dazu; jetzt aber offenbare die
ganze Rolle deines Gewissens.
Huel. Erhabener
Erlöser, siehe, da steht mein ganzes Leben enthüllt vor Dir, deinem himmlischen
Diener und mir, - ich appelliere an Dein vollgütiges Verdienst.
Hillel. Dein
neuer Name ist Huel: du wirst selig sein, denn du bist
redlich gewesen, und hast den Glauben bewahrt bis ans Ende; aber etwas liegt in
deinem Geiste, das dich bisher an deiner Beförderung gehindert hat, und noch
hindert. Du hast eine Neigung, die der wesentlichsten Gesinnung der
Himmelsbürger geradezu entgegen ist, und die du noch nicht erkannt, folglich
auch noch nicht abgelegt hast.
Huel. Ach,
entdecke mir doch diese Unart, damit ich sie verabscheuen und aus meinem
Innersten wegtilgen könne!
Hillel. Du mußt
sie selbst aufsuchen; und mich wundert, daß du in der langen Zeit, wo du hier
bist, und bei der sorgfältigen Prüfung deines ganzen Lebens, diesen geheimen
Feind in deinem Wesen noch nicht gefunden hast.1)
Huel. Gib mir doch
nur einen leisen Wink, du Himmlischer, damit ich auf die Spur kommen möge.
Hillel. Gerne,
lieber Huel! Untersuche nur einmal die Quelle, aus welcher die Kraft fließt,
die deinen ganzen Wirkungskreis auf Erden belebte! Wan1m redetest und schriebst
du so gerne von Regierungssachen? - Warum urteiltest du immer über Staatsgeschäfte
und tadeltest alle Regenten und Verfassungen, die nicht nach deinem Sinne
waren?
Huel. Diese
Neigung hatte das allgemeine Wohl der Menschen zur Triebfeder, denn da die
Regenten die Macht in den Händen haben, Glück und Segen um sich her zu
verbreiten, so wünschte ich mit Sehnsucht, daß sie es auch tun möchten.
Hillel. Prüfe
diese Neigung einmal genau und untersuche, ob ihre Triebfeder rein ist.
Huel. Ich
merke, daß etwas sehr Geheimes mit untermischt ist, das ich mir aber noch nicht
recht erklären kann.
Hillel. Stieg
nicht oft ein geheimes Verlangen in dir auf, daß dich doch die Vorsehung zum
Regentenstande möchte bestimmt haben?
Huel. O ja,
sehr oft, allein der Grund, warum ich das wünschte, war doch kein anderer, als
um desto mehr Gutes stiften zu können.
Hillel. Sieh
wohl zu, daß du dich nicht täuschest! - Wie, wenn du in die
Lage gesetzt wärest, ein ganzes Volk zu regieren, doch aber so, daß es kein
Mensch gewußt, niemand jemals erfahren hätte, daß all das Gute von dir herkäme;
wenn du zugleich in einem niedern Stande hättest leben und
kümn1erlich deine Bedürfnisse befriedigen müssen, wäre dir das ebenso
gleichgültig gewesen, als wenn du auf dem Throne geglänzt und von jedermann
Verehrung genossen hättest?
Huel. Nein,
allerdings nicht!
Hillel. Aber
warum denn nicht? Wenn das allgemeine Beste die einzige und reine Triebfeder
deiner Handlungen, war, so mußte dir die erste Lage lieber sein, als die
letzte, weil sie mit weit weniger Gefahren verpaart ist.
Huel. Jetzt
geht mir ein großes Licht auf. - Wie unergründlich ist doch das menschliche
Verderben! - Ein geheimer, tiefgewurzelter Hochmut war's also,
der alle meine Handlungen, auch die besten befleckte.
Hillel. Jetzt hast
du gefunden, was dich bisher an deiner Verklärung hinderte; und eben diese Neigung
ist es, die der himmlischen Verfassung geradezu entgegenstrebt; ja, sie ist
die Urquelle der Hölle und alles Bösen.
Huel. Ach,
lehre mich doch diese Verfassung kennen, damit ich mich ihrer würdig machen
könne! Ich habe ja doch mit Willen diese Wurzel alles Bösen nicht genährt; nun
da ich sie kenne, bin ich ihr von Herzen gram, und ich berufe mich in Ansehung
ihrer auf die Genugtuung des Erlösers.
Hillel. Sie wird
dir zu gut kommen, lieber Huel, und damit du dich zu deinem neuen Stande
anschicken könnest, so will ich dich unterrichten. Die Demut entsteht
aus der wahren und richtigen Erkenntnis seiner selbst, so daß man den Grad
seiner Vollkommenheit oder Unvollkommenheit weder höher noch niedriger setzt,
als er ist! Durch eben diese Erkenntnis aber weiß man, daß man nicht das
geringste Gute von sich selbst, sondern bloß und allein aus dem unergründlichen
Reichtum der Barmherzigkeit des Herrn empfangen habe; dagegen aber, daß alle
unsere Mängel und Unvollkommenheiten unser Eigentum sind. Das daher entstehende
schmelzende Gefühl der eigenen Niedrigkeit und der Erhabenheit Gottes ist es
nun, was man eigentlich Demut nennt; sie ist ebenso die Mutter aller Tugenden,
wie der Hochmut der Vater aller Laster ist; sie bestimmt im Himmel den Adel und
den Grad der Regierungsfähigkeit, so wie der Hochmut in der Hölle.
Huel. Demzufolge
ist also im Himmel der Allerdemütigste zugleich der Allerhöchste?
Hillel. Allerdings,
der Herr war in den Tagen seines irdischen Lebens von Herzen demütig; er wählte
freiwillig den geringsten und ärmsten Stand, er litt Schmach und Verachtung bis
zur tiefsten Erniedrigung, und dadurch adelte er eben seine Menschheit bis zur
höchsten Würde empor. Jetzt empfindet Er nun auf seinem Throne in seiner
Menschheit den allerhöchsten Grad der Vollkommenheit, zu welchem Er von der
niedrigsten Stufe der Wesen vom ewigen Vater erhoben worden; und eben dieses
ist die Quelle des Ozeans der Seligkeit, die sein ganzes Wesen beglückt und
von ihm in alle seine Erlösten überfließt; die daher entstehende unbegreifliche
Liebe zu seinem Vater und der höchste Grad der Dankbarkeit gegen Ihn ist denn
auch das Band, das diese beiden göttlichen Wesen so innig verbindet.2)
Huel. Verzeihe
mir, O Verklärter,
daß ich dir hier einen Einwurf mache; es liegt also doch im Wesen des Menschen
ein anerschaffener Erhöhungstrieb: denn eben das
Gefühl der Seligkeit entsteht doch dadurch, daß das Niedrige erhöht wird.
Hillel. Ganz
richtig! Aber diese Erhöhung kann sich auf zweierlei Weise äußern, wenn man
sich entweder über andere erhebt und sie beherrschen will; oder wenn sich der
Geist selbst veredelt und seinem höchst vollkommenen Urbilde immer ähnlicher
zu werden sucht.3)
Huel. Das ist
wahr! Der Erhöhungstrieb ist also in seinem abstrakten Begriffe heilig und gut;
aber in seiner Richtung und praktischen Anwendung so verschieden, wie Licht und
Finsternis.
Hillel. Du hast
recht geurteilt! - Aber ich will dir nun einmal die Folgen beider Richtungen
entwickeln. Wenn eine große Menge Menschen den Erhöhungstrieb außer sich auf
andere lenkt, wenn jeder alle beherrschen will, so wendet auch jeder sein Maß
an Kräften zu diesem Zwecke an; da nun jeder regieren aber keiner gehorchen
will, so zwingt immer der Mächtigere den Schwächern; dieser gehorcht mit Haß
und Rachsucht, und jener herrscht deswegen mit Wut und Unterdrückung. Siehe,
das ist die Grundmaxime des Reichs der Finsternis! Da nun im Geisterreiche
überhaupt die Stände nicht, wie auf Erden, durch Gewerbe und andere sinnliche
und physische Verhältnisse, sondern durch die Ähnlichkeit der Gesinnungen und
der Charaktere entstehen, indem sich die bürgerlichen Gesellschaften je nach
der Ähnlichkeit des Wollens und Begehrens bilden, so herrscht in jeder
Höllengesellschaft der Mächtigste, und alle gehorchen ihm durch Zwang und zwar jeder nach dem Grade seiner
Schwäche. Aber auch diese Mächtigsten sind sich wieder nach den Graden ihrer
Macht untergeordnet, bis auf den obersten Fürsten, der dann unter der Gewalt
des Herrn aller Geister steht. Dieses ganze Höllenreich ist also der
allervollkommenste Despotismus und das Urbild alles Jammers und aller Qualen,
die nur durch Zwang und Bedrückung möglich sind.
Huel. Das ist eine
fürchterliche Verfassung, von der man auf der Erde schon Vorspiele genug hat.
Allein was beobachtet denn unser anbetungswürdiger Himmelskönig für einen
Grundsatz, um jenes Wutreich mit seinen mächtigen Fürsten in den Schranken zu
halten?
Hillel. Eben Diejenige,
die er auch auf Erden von Anfang an beobachtet hat, und die auch die einzig
mögliche ist. Er läßt ihn seine Pläne entwerfen und befolgen; da aber diese der
Natur des Geisterreichs geradezu entgegen sind, so entsteht ungefähr so eine
Verfassung in der moralischen Natur, wie auf Erden in der physischen, wenn
lange viele schädliche und brennbare Dünste in die Höhe gestiegen sind; sie
bilden ein Gewitter, das sich vom starken Reiben der Feuermaterie elektrisch
entzündet, und so seinen eigenen Stoff vernichtet. Wenn Satan mit seinem Reiche
die Wut der Bosheit und der Empörung so hoch treibt, daß man an den äußersten
Grenzen des Himmels die widrige Wirkung zu empfinden beginnt, so entzünden sich
die Gerichtsdonner, welche ihn mit seiner Rotte in ihre Kerker darnieder
brüllen, wo sie dann ohnmächtig und betäubt zittern und knirschen, bis sie
sid1 nach und nach wieder erholen, und dann auf neue Anschläge sinnen.4)
Huel. Allmächtiger Gott! wann
wird dieser Jammer und dieser Unfug einmal ein Ende nehmen?
Hillel. Dann,
wann der Hochmut selbst Demut ist.
Huel. Das ist aber unmöglich.5)
Hillel. Kein
endlicher Geist weiß alles, was Gott möglich ist. Nun will ich dir aber auch
die Folgen schildern, die da entstehen, wenn der anerschaffene Erhöhungstrieb
so wirkt, daß sich der Geist selbst veredelt und seinem höchstvollkommenen
Urbild immer ähnlicher zu werden sucht; in dieser Schilderung wirst du dann die
Quelle unserer himmlischen Verfassung finden.
Huel.. Diese
Beschreibung wird mir ein Vorgeschmack der Seligkeit sein.
Hillel. Du
weißt, daß die Vollkommenheit des höchsten Wesens in Beziehung auf die
vernünftigen Geschöpfe in einer vollendeten Weisheit und Erkenntnis aller
Dinge, und dann in der höchsten Wirksamkeit zum allgemeinen Besten, der
Freiheit aller Wesen unbeschadet, verbunden mit der höchsten Macht wirken zu
können, bestehe.
Huel. Ja, das weiß ich!
Hillel. Folglich
muß sich der Erhöhungstrieb des Menschen in den Verähnlichungstrieb
mit dem höchsten Urbilde der Menschheit, das zugleich Gott ist, verwandeln;
die daher entstehenden Tugenden sind dann immer wachsende Erkenntnis und Liebe.6)
Huel. Das ist eine unleugbare
Wahrheit!
Hillel. Der
Mensch muß also seine ganze Richtung zur Erkenntnis Gottes und seines
moralischen, oder des Geisterreichs nehmen, und dann, so wie seine Erkenntnis
wächst, auch zum allgemeinen Besten werden .
Huel. Ganz gewiß!
Hillel. So
wie seine Erkenntnis wächst, so wächst auch seine Einsicht in die Unendlichkeit
der Vollkommenheiten Gottes, in die Größe, Mannigfaltigkeit und unbegreifliche
Weisheit, die in allen seinen Werken hervorleuchtet, und in seine eigene Eingeschränktheit,
so daß auch der höchste endliche Geist in allem seinem Wissen und Wirken gegen
den Unendlichen wie Nichts zu achten ist und in gar keinem Verhältnisse steht.
Diese Überzeugung nun spornt den Verähnlichungstrieb immer stärker. Zugleich
aber fällt dadurch alle Anmaßung eines höheren Werts vor andern weg. Du siehst
also, daß die Demut zur Erkenntnis und zur Wirksamkeit in eben dem Grade
antreibe, in dem sie wächst, und daß sie, um
zu lernen und immer mehr den Geist zu veredeln, lieber gehorche, als herrsche.
Huel. Das sehe ich vollkommen
ein!
Hillel. Da
nun keiner in den Himmel kommt, der diese Gesinnung nicht hat, nur daß sie alle
dem Grade der Erkenntnis und der Liebe nach verschieden sind, so stehen alle
Himmelsbürger in der Richtung der Annäherung zu ihrem höchsten Urbilde; alle
hungern mit einem unendlichen Triebe nach Erkenntnis, Weisheit und Wirksamkeit
zum allgemeinen Besten; jeder sucht in dem Gefühle seiner Kleinheit und
Eingeschränktheit von jedem
zu lernen und jedem zu
gehorchen. Und wenn der eine merkt, daß der andere etwas noch nicht weiß, das
ihm doch nützlich sein könnte, so unterrichtet er ihn mit einer Liebe und Demut,
die den andern zu der nämlichen Liebe und Demut bestimmt; daraus folgt dann
ganz natürlich die vollkommenste Regierungsverfassung, die nur möglich ist.7)
Huel. O, das ist eine höchst
glückselige Einrichtung!
Hillel. Im
Himmel bilden sich ebenfalls, je nach der Ähnlichkeit der Charaktere und der
Neigungen, bürgerliche Gesellschaften, so daß das ganze Reich Gottes aus
lauter kleineren und größeren Gemeinden besteht, deren viele zusammen wieder
einen größeren Staat ausmachen, die dann endlich alle zusammen unter der
Gemeinde der Erstgeborenen stehen, deren Haupt der Herr ist; alle diese
größeren und kleineren Gesellschaften wohnen auch in gewissen, ihnen
angemessenen Gegenden beisammen, und da jeder jeden nach seinem innern Werte
schätzt, so gehorchen alle freiwillig mit Lust und Liebe dem Vollkommeneren,
und dieser herrscht nicht mit Zwang, sondern nur durch sein größeres Licht der
Wahrheit, das aus seinen Vorschriften hervorleuchtet. Der Herr selbst regiert
nicht durch Zwang, sondern bloß durch Offenbarung seines Willens, der aber
immer dem Gesetze des allgemeinen Besten vollkommen gemäß ist; nun kennt aber
jeder das allgemeine Beste und will es auch, folglich gehorcht auch jeder
gerne. Überhaupt ist dies Grundsatz des Reiches Gottes: jedes vernünftige
Wesen muß frei sein, und seiner Natur gemäß dem anerschaffenen Sittengesetze
oder göttlichen Naturrechte folgen, dieses allein muß
seinen Willen, aber doch durch
Freiheit, bestimmen; nun hat aber
die höchste Weisheit die moralische Welt so wunderbar eingerichtet, daß mit
dem Grade des Gehorsams gegen das himmlische Naturrecht, auch der Grad des
beständigen Vergnügens oder der Glückseligkeit wächst, und im Gegenteil, wie
der Grad des Ungehorsams steigt, so steigt auch der Grad der Qual und des Jammers,
folglich ist nun auch das Reich Gottes ein Reich der vollkommensten
Gerechtigkeit.8)
Huel. O, das ist vertrefflich!
- Wie sehr verlangt mich, ein Bürger dieses Reiches zu werden! Aber verzeihe
mir, du Himmlischer, wenn ich mich unterstehe, noch ferner um Unterricht zu
bitten: ist denn dieser Himmel ein großer Weltkörper, der den fleischlichen
Augen sichtbar ist?
Hillel. Nein,
lieber Huel! Das wird wohl von verschiedenen Menschen auf der Erde geglaubt,
allein es verhält sich ganz anders; alle Sonnen und Planeten sind Weltkörper,
die von vernünftigen Geschöpfen materieller und geistiger Natur bewohnt
werden; du wirst dereinst noch vieles von ihnen erfahren, das ich dir jetzt
noch nicht sagen kann. Jede Klasse dieser Wesen hat ihren eigenen Himmel, in
welchem sich ihnen der Herr durch's ewige Wort, oder durch seinen eingeborenen
Sohn, so wie es ihrer Natur gemäß ist, offenbaret. Alle Himmel kommen aber
immer mehr in Bekanntschaft miteinander, so wie sie sich der Urquelle der
Vollkommenheit nähern. Kein Himmel ist fleischlichen, irdischen Augen sichtbar,
und ebensowenig kann er durch die Ideen der Zeit und des Ortes begriffen
werden.
Huel. Mir ist aber doch hier
alles so deutlich! Ich bin mir dort des schönen Lichts, des Gebirges, der
großen Menge Seelen und dieser dunklen Einöde so vollständig, und mir däucht,
noch weit gewisser bewußt, als ehemals der Körperwelt; ich habe alle meine
Sinne in größter Kraft, und mir kommt alles wie Materie, nur weit feiner vor,
als sonst; ich empfinde alles im Raume und stelle mir alles nacheinander,
das ist: in der Zeit vor.
Hillel. Das ist
alles ganz natürlich: wenn du dich in deinem ehemaligen sterblichen Leibe an
dieser Stelle befändest, so würdest du von allen diesen Gegenständen um dich
her gar nichts, sondern die äußere Schöpfung, den blauen Himmel und. darinnen
die Weltkörper sehen; nun aber, in deinem erhöhten Zustande, siehst du die
ehemals unsichtbare Welt nur allein; wenn du aber weiter in den himmlischen
Kenntnissen vorgerückt bist, so bekommst du allmählich die Fähigkeit, auch die
Körperwelt wieder zu sehen, und dann erst kannst du auch zu Gesandtschaften in
dieselbe gebraucht, und mit Recht ein Engel genannt werden.
Huel. O, das
ist erstaunlich! Aber ich bitte dich, beschreibe mir doch die Natur des Himmels
und seine Beschaffenheit, damit ich alles besser begreifen könne, wenn ich
dahin komme.
Hillel. Du bist
außerordentlich lernbegierig; folge mir, ich will dich hinüberführen und dich
im Anschauen der Dinge selbst unterrichten.
Huel (im
Hinschweben über das Gebirge). Jetzt widersteht mir diese Luft nicht mehr; wenn
ich mich sonst dieser Gegend nahen wollte, so konnt' ich nicht, denn es war
mir, als wenn ich ersticken müßte; wie ist das?
Hillel. So lange
das Innerste eines Geistes noch nicht offenbart ist, so lange ist auch sein
Schicksal noch nicht entschieden, und er weiß nicht, wohin er fahren wird; es
ist also noch etwas in ihm, das sowohl der Annäherung des Reichs des Lichts,
als des Reichs der Finsternis widersteht. Sobald er aber enthüllt ist, so zieht
ihn seine nunmehr bestimmte Natur dahin, wohin er gehört.
Huel. Unaussprechlich,
unaussprechlich ist die Schönheit des Landes, das ich vor mir sehe. Ich
überschaue ein unermeßlich großes Paradies in der schönsten Morgendämmerung.
Alles der irdischen Natur ähnlich; aber weit über alle Vorstellung schöner!
Hillel. Die
unübersehbare Weite rechts und links, und dann bis an jenes ferne Gebirge, ist das
Reich des Unterrichts, in welchem die Kinder, die vor den
Jahren des Unterrichts sterben, nebst allen in der Erkenntnis nicht weit
geförderten Seelen zu den übrigen Reichen erzogen werden.
Huel. Dauert
denn diese Morgendämmerung immer so fort, ohne daß die Quelle des Lichts
aufgeht?
Hillel.. Ja, denn
im Himmel stimmt die ganze sichtbare Natur auf's Genaueste mit der moralischen
Beschaffenheit ihrer Bewohner überein; hier wohnen lauter Geister, denen das
Licht der Wahrheit bloß dämmert; jenseits jenem Gebirge aber erscheint des
Herrn Herrlichkeit über dem Horizonte, dort ist das Reich des
Lichts, seine Bürger heißen eigentlich Engel, ob man gleich diesen
Namen allen Himmelsbürgern gibt, und dort herrscht die vollständigste
Erkenntnis allenthalben. Abermals hinter einem dritten Gebirge ist das Reich
der Herrlichkeit, und an den Grenzen der Ewigkeit liegt die Stadt Gottes mit
der Wohnung des Herrn, von welcher das Urlicht ausstrahlt, das den ganzen
Himmel erleuchtet. In diesem Reiche wohnen die Seraphim, welche mit dem
höchsten Grade der Erkenntnis auch den höchsten Grad der Macht verbinden; sie
werden auch Erzengel genannt.
Huel. Aber wie
verhält sich's denn mit allen den unbeschreiblich schönen Gewächsen,
vielleicht auch Tieren, die dort das Auge so lieblich ergötzen.
Hillel. Auch diese
stehen im genauesten Verhältnisse mit dem Zustande der Bewohner; wie die Arten
der Erkenntnis einer bürgerlichen Gesellschaft sind, so bilden sich auch die
Arten der Gewächse und der geistigen Tiere in der Gegend, die sie besitzt; und
wie der Grad der tätigen, wirksamen Liebe der Bürger beschaffen ist, gerade in
dem Grade des Wachstumstriebes stehen auch alle Gegenstände um sie her. Wäre es
möglich, daß sich ein verdammter Geist einige Zeit hier aufhalten könnte, so
würde bald eine wüste Einöde um ihn her entstehen.
Huel. Wie
vortrefflich ist das! - Auf die Weise lebt also jeder Selige in einer Gegend, die ihm ganz natürlich ist, die ihm also
auch am besten gefällt, und in welcher er sich unaussprechlich wohl befinden
muß?
Hillel. Das
ist gewiß! Der Regent oder Fürst einer jeden Gesellschaft, der immer auch in
Ansehung der Erkenntnis und der Liebe der Vollkommenste ist, und dem seine
Untertanen alle in Ansehung des Charakters ähnlich sind, dirigiert auch die Natur;
denn da man bald erkennen lernt, welche Gewächse und Tiere aus jeder Art der
Erkenntnis entstehen, er aber der Mächtigste in allen Einsichten ist, so ordnet
er seine Vorstellung so und teilt sie auch seiner Gesellschaft so mit, wie es
die Verschönerung seines Landes erfordert.
Huel. Aber ich sehe auch
allenthalben viele Wohnungen, prächtige Paläste von einfacher und erhabener
Majestät, dann auch geringere Häuser, die aber alle unbeschreiblich schön sind;
die Materie ist unvergleichlich, woher ist sie genommen, und wer baut sie?
Hillel. Die
schöpferische Kraft vom Herrn, die allenthalben in der himmlischen Natur
gegenwärtig ist, stellt jedem Geiste gleichsam in einem Augenblicke die Wohnung
hin, die seinem Wesen angemessen ist; die innere Verschönerung und Auszierung
aber hängt wiederum vom Einwohner selbst ab. Geister, deren Neigung zum Ernsten
und Erhabenen gestimmt ist, wohnen in Gebirgen, wo es Aussichten und Szenen
gibt, die alles übertreffen, was man sich nur Großes vorstellen kann.
Huel. Mein ganzes Wesen erhebt
sich und jauchzt über alle die Wunder, die ich höre. Aber werden denn hier auch
die Gewächse zu etwas gebraucht?
Hillel. O ja,
erinnere dich nur ans Essen vom Holze des Lebens, an die Bäume, deren Blätter
zur Gesundheit der Heiden dienen sollen, und an das Gewächs des Weinstocks, von
dem der Herr in seines Vaters Hause trinken wollte. Man genießt alles, um mehr
Kraft zur Erkenntnis und zur Liebe zu bekommen. Aber lieber Huel, ich
muß dich zu deiner Bestimmung führen; du wirst eine Menge noch ungebildeter
Geister, dort an der Grenze dieses Kinderreiches, unter deine Aufsicht und
Leitung bekommen, ihre Unvollkommenheiten werden dich veredeln und zur
vollkommenen Demut leiten. Komm, ich will dich hinführen und ferner
unterrichten!
Huel. Der geringste Platz und
das geringste Amt wird für mich Seligkeit genug sein!
Auch hier wieder
Hinweise auf die Vollendungsmöglichkeiten unserer Seele, auch jetzt werden mit
wenigen Worten die wichtigsten Punkte für das Freiwerden vom materialistischen
Streben gekennzeichnet.
1)
Ja, wenn sich der Feind in
einen Lichtesengel vergestaltet, dann gehört viel dazu, ihn zu entdecken, und
das war hier der Fall.
Stilling hat erkannt,
daß das Böse nicht immer eine häßliche und abstoßende Gestalt haben muß, daß
das. Niedere sich gerne tarnt und in beinahe vollkommener
"irdischer" Schönheit in Erscheinung tritt. Vor allen Dingen aber
verweist er wieder und wieder auf die richtige Einstellung des Menschen zu
allen Dingen und Ereignissen des Erdenlebens in Verbindung mit dem Ewigen.
2)
Je tiefer man seine Niedrigkeit
empfindet und dann doch nach dem Grade dieser Empfindung erhöht, wird, desto
höher steigt der Grad der Liebe und Dankbarkeit. Dieses ist das Wesen aller
himmlischen Verhältnisse.
3)
Man merke diese Unterscheidung
wohl, sie ist unaussprechlich wichtig, denn die erste Art der Erhöhung rührt
aus der Quelle der Selbstsucht her, aus welcher die ganze Hölle entstanden ist,
die andere aber entsteht aus Liebe zur höchsten Vollkommenheit, und diese ist
ja das Wesen der Seligkeit.
Wiederum verweist er auf
die unausbleiblichen Folgen der uns beherrschenden Eigenschaften und Anlagen.
Es ist doch ein Trost für den gottstrebenden Menschen, wenn er hört, daß sich
das Reich des Erdverwachsenen durch die eigenen Taten richten muß.
4)
Infolgedessen zertrümmern auch
auf Erden die Reiche des Despotismus und des Egoismus endlich durd1 sich
selbst; denn da die Selbstsucht unnatürlich ist, so kann unter ihrer Herrschaft
keine Natur bestehen.
Es dürfte jedoch kaum
möglich sein, einen selbstsüchtigen Menschen zu ändern, ihm den Begriff der
Selbstlosigkeit nahezubringen.
5)
Ganz besonders heutzutage, wo
die Liebe erkaltete, wo Ichsucht, Anmaßung und Überheblichkeit regieren.
6)
So scheint es; allein so wie Selbstsucht in
Selbstliebe verwandelt werden kann, so kann auch Hochmut Demut werden.
6)
Wenn wir dahin kommen könnten, daß wir
wirklich alle und alles als ein Schöpfungsgebilde des Allmächtigen
anerkennen und uns darum vor demjenigen, also vor der ganzen Schöpfung beugen und
mit diesem Niedersinken vor der Allmacht im Kleinsten uns, das Größte
erringen, denn die wahre und wirksamste Vervollkommnung des Menschen besteht
darin, wenn alle Wesen zugleich mit ihm zu seiner Vervollkommnung wirken, und
dies tun sie, wenn auch der Mensch ihrer aller Bestes sucht. Daher hat alsdann
erst der Erhöhungstrieb des Menschen seine wahre Richtung, wenn er aus wahrer
Gottes- und Menschenliebe das allgemeine Beste kennt und bewirkt.
Die Gedanken Stillings
sind sehr wohl zeitgeboren und dennoch nicht zeitgebunden. Aus diesem Grunde
spricht es auch uns noch an, wenn er beispielsweise sagt:
7)
Wenn alle gehorchen wollen und
keiner befehlen will so befolgen alle den höchst vollkommenen Willen, und der
ist der Vorgesetzte, der diesen am besten weiß.
8)
Mit diesem Grundsatz erlangt
man dann eines Tages die vollkommene Freiheit, in der jeder alles tut - tun
kann und darf, was er will; allerdings kann und darf nur der tun, was er will,
der das allgemeine Beste kennt und will, also kann nur dieser vollkommen selig
sein!
V i e r z e h n t e S z e n e.
Elon, Jathir,
Meraja und Gadiel.
(Im Schattenreiche.)
Elon. Ich bin
zum ewigen Leben erwacht, mein Lauf auf Erden ist vollendet! Diese stille, dunkle
Wüste ist der Reinigungsort, wo ich nun vollends von meinen Unvollkommenheiten
und Unlauterkeiten gereinigt werden muß. Ungefähr so hab' ich mir die Sache
auch vorgestellt. O, wie glücklich bin ich nun, daß ich auf Erden deinen
Verleumdungsweg, 0 ewige Liebe, gewandelt habe. Ich war eben in den Stand der
gänzlichen Vernichtung übergegangen, als du mich abriefst, und ich empfinde
noch immer tief in meiner Seele die innige Veranlassung von dir. Wer wandelt
mir da entgegen?
Jathir. Willkommen,
Elon! - Kennst du deinen Bruder Jathir nicht
mehr?
Elon. Nein! Ich hätte dich nicht gekannt, so sehr hast du
dich verändert; bist du denn noch hier? - Du bist ja acht Jahre vor mir
gestorben.
Jathir. Ach
Bruder, ich weiß nicht, was ich sagen soll; wir waren unserer Sache so gewiß;
wenn wir in unseren Versammlungen beisammen saßen und uns freuten, daß uns der
Herr vor so vielen anderen begnadigt und uns seinen Willen kund gemacht hatte,
so glaubten wir in Demut, wir würden vor vielen andern selig werden: aber denke
nur, Bruder, ich habe gesehen, daß viele von denen, die wir nicht für erweckt
gehalten haben, mit Triumph von den Engeln ins Reich der Seligen hinüber
geführt worden, mich aber hat bis dahin kein Engel bemerkt; ebenso geht es auch
unserem Bruder Meraja. - Dort steht er einsam und trauert;
denn vor kurzem nahte er sich einem der himmlischen Gesandten, allein es fuhr
ein elektrischer Schlag, wie ein Blitz, von ihm aus, und der arme Meraja prellte
weit weg. Du weißt, wie hoch wir den Meraja schätzten, seine
Gabe der Beredsamkeit und der Erkenntnis war so groß, daß wir ihm, als
unserem Führer, folgten; sein guter Lebenswandel in der Gegenwart Gottes,
seine Abgeschiedenheit von der Welt und seine Treue, die er uns in der
Bemerkung unserer Fehler bewies, Überzeugte uns alle, er würde hier ein
herrliches Erbteil empfangen; allein viele sind ihm vorgezogen worden, die wir
nicht für Auserwählte ansahen.
Elon. Bruder Jathir, du
erschreckst mich! - Geschieht das am grünen Holze, was wird dann aus dem dürren
werden? Aber wer von unseren Bekannten ist denn dem Meraja vorgezogen
worden?
Jathir. Sehr
viele! - Das aber war mir unbegreiflich, daß unser vor kurzem hier
angekommener Prediger ohne Aufenthalt mit großer Herrlichkeit eingeholt wurde.
Elon. Wer? -
Unser Prediger! - Gott, wie ist das möglich!
Ein Mann, der seine Perücke
puderte, eine Halskrause und silberne Schnallen trug, sogar einen goldenen
Ring am Finger hatte! - Den sollte der arm gewordene Heiland zu Gnaden angenommen
haben? Ein Mann, dem's nicht darauf ankam, zuweilen den abscheulichen
Kegelspielen oder einem eitlen Tanze zuzusehen? Der die Kirchenmusik bei uns
einführte, der vom Wandel in der Gegenwart Gottes, von der Einkehr, vom dunkeln
Glauben und allen Zuständen einer vernichtigten Seele nichts wußte, der sollte
hier, ohne eine langwierige und schwere Läuterung, selig geworden sein?
Jathir. Ja, er
ist selig, und dem Ansehen nach in einem sehr hohen Grade.
Elon. So
offenbarte sich entweder Gott in der Seele anders, als die Sache der Wahrheit
nach ist, und das ist ja eine Gotteslästerung: oder das, was du gesehen hast,
ist eine Spiegelfechterei des Fürsten der Finsternis; denn was sich in unserem
Herzen und Gewissen als Wahrheit legitimiert, das kann dod1 unmöglich falsch
sein.
Jatl1ir. Du redest
da harte Worte, Bruder Elon, aber ich kann dir
doch nichts dagegen einwenden. Siehe, da kommt auch Meraja.
Meraja. Sei mir
gegrüßt, Bruder Elon!
Elon. Auch dich
hätte ich nicht mehr gekannt. Brüder, ihr habt euch sehr verändert, ihr seht so
arm und verhungert aus; ich höre, es geht hier ganz anders, als wir es uns
vorstellten.
Meraja. Von
allem, was ich hier sehe, begreif' ich kein Wort; wir haben uns doch mehr als
andere bestrebt, den Willen Gottes zu tun; wir haben uns verleugnet, abgetötet,
von der Welt abgeschieden gelebt und ritterlich gegen unsere geistlichen
Feinde gekämpft; und doch werden wir von den Engeln keines Anblicks gewürdigt;
ich bin sogar zurückgestoßen worden, als ich mich einem von ihnen nahen wollte.
Denket nur einmal, die abtrünnige Maria, die uns immer so
widersprach, gar von uns ausging und sich wieder zur Welt gesellte, diese Maria, über die
wir uns so sehr beklagten, die wir so bedauerten, die ist alsofort, so wie sie
ankam, selig geworden.
Elon. Die Maria? - Das kann
unmöglich mit Rechtem zugehen.
Meraja. Und doch
ist es nicht anders!
Jathir. Ich hab's
auch mit Erstaunen angesehen, sie machte eine so frohe, demütige Miene, daß ich
fast zweifle, ob sie nicht den richtenden Engel getäuscht habe.
Elon. Wenn hier
noch Täuschung möglich ist, so ist Gottes Wort nicht Gottes Wort; nein, ich
glaube vielmehr, daß die Seelen, die ihr abholen sahet, an Reinigungsörter
gebracht werden, oder daß es hohe Versuchungen sind, die Gott zuläßt, um uns
zu prüfen; vielleicht sind es böse Geister, die sich in der Gestalt der
Lichtsengel zeigen.
Jathir. So kommt
mir die Sache nicht vor.
Meraja. Mir
auch nicht; doch es muß sich endlich aufklären. Elon. Was sehe ich dort? - Was
für herrliche Gestalten fahren aus der Morgenröte das Gebirge herab?
Meraja. Das
sind die Engel, welche die Seelen richten; willst du es einmal mit ansehen?
Elon. Ja, das verlangt mich
sehr, zu sehen, wie das zugeht. (Sie schweben alle drei dem Gebirge zu.)
Jathir. Siehst
du, Bruder Elon, den, der da vor dem Engel steht? - Gott, wie er bis
zum Zwerge zusammenschrumpft! Jetzt lodert eine Flamme aus ihm empor, siehst
du die schrecklichen Dinge in der roten Flamme?
Elon. Herr Gott, das ist
fürchterlich! - Allmächtiger Erbarmer - er verwandelt sich in ein Ungeheuer!
Sieh! Wie er dorthin in die Nacht wegzischt, als wenn ihn die Flamme
versengte!
Meraja. Jetzt
steht ein anderer vor ihm; der fängt an zu glänzen; schau, er bekommt einen
Lichtkreis um sich her, der immer heller und heller wird! Wie sanft bläulich
und weiß ist das Licht; es schimmert, wie poliertes Silber im Vollmond!
Jathir. Aber
siehst du auch alle die Schönheiten in dem Lichte, eine lebende Sprache der
Heiligkeit und Gottseligkeit!
Elon. Ja, ich sehe
es! - Der muß ein sehr frommer Mensch gewesen sein; nein, das ist kein Betrug
des Satans - keine hohe Versuchung!
Meraja. Gott
sei uns gnädig, den kenne ich, ist das nicht der Schulmeister Elias? -
Elon. Er war sehr krank, als
ich starb; allein der kann's doch nicht sein, denn dieser ist ja ein Heiliger;
siehe, er schwebt schon wie ein Seraph über das Gebirge hin! Der Schulmeister
aber war nicht einmal erweckt.
(Gadiel
naht sich ihnen.)
Gadiel. Ja!
Eben dieser war der Schulmeister Elias;
jetzt ist er ein Fürst im Lande
der Gerechten, sein Erbteil ist herrlich; denn sein Los ist aufs lieblichste
gefallen.
Elon. Verzeihe mir, du
Verklärter, wenn ich mich unterstehe, dich um etwas zu fragen.
Gadiel. Frage,
was dir beliebt.
Elon. Wir können nicht
begreifen, wie dieser Schulmeister selig werden kann; denn er war nicht einmal
erweckt.
Gadiel. Was
verstehst du unter dem Ausdrucke: erweckt
sein? Elon. Wissen die Engel nicht,
was erweckt sein ist?
Gadiel. Ob
wir es wissen oder nicht wissen, davon ist die Rede nicht, sondern davon, ob du es
weißt.
Elon. Gott Lob! Ich weiß es;
denn ich bin schon über vierzig Jahre erweckt gewesen. Man wird erweckt, wenn
man sein sündig Elend und seinen höchst verdorbenen Zustand einsieht, von
Herzen bereut und sich dann ernstlich zu Gott in Christo wendet.
Gadiel. Der
Begriff ist ganz richtig, und das Gebot, das er enthält, ist dem, der selig
werden will, vollkommene Pflicht. Du sagst, du wärest schon über vierzig Jahre
erweckt gewesen; du mußt es also weit in der Selbsterkenntnis und in der
Einsicht in dein natürliches Verderben gebracht haben?
Elon. Darin kann man es nicht
zu weit bringen; ich habe mich in meiner Schwachheit an die ewige Liebe
übergeben und mich von ihr bewirken lassen.
Gadiel. Sage
mir, in welcher Pflicht vereinigen sich alle Pflichten des Menschen?
Elon. In der Liebe; Gott
lieben über alles und den Nächsten als sich selbst, das ist das Gesetz und die
Propheten; die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung!
Gadiel. Das
ist ewige Wahrheit und das Grundgesetz, nach welchem alle Menschen gerichtet
werden. Was ist aber die Liebe und worin besteht sie?
Elon. Die Liebe ist eine
herzliche und innige Zuneigung der Seele zu Gott und zu den Menschen.
Gadiel. Aber
worin äußert sich diese Zuneigung?
Elon. Sie äußert sich gegen Gott durch ein beständiges Anhangen an Ihm, und durch einen
beständigen Wandel in seiner Gegenwart, und gegen die Menschen darin,
daß man sich unablässig bestrebt, sie alle und nach allen Kräften Ihm zuzuführen.
Gadiel. Du
vergissest die Hauptsache; Gott lieben heißt: seinen Willen nach allen seinen
Kräften erfüllen; und den Nächsten lieben: sein Bestes, so wie das eigene Beste befördern.
Elon. Das sind die Früchte,
die aus jenem Baume hervorwachsen.
Gadiel. Ganz
recht! Ein Baum, der also diese Früchte nicht mitbringt, in dem wirkt auch
diese Liebe nicht! Wer Gottes Willen nicht erfüllt, dessen Anhangen an Ihm, und
dessen Wandel in seiner Gegenwart ist nichts als eine elende Täuschung und ein
Spiel der Phantasie; und wer seines Nebenmenschen Bestes nicht in allen
Stücken nach dem Maßstabe seines Eigenen befördert, dessen Bestreben, ihn zu
bekehren und selig zu machen, ist eitel!
Elon. Das ist wahr.
Gadiel. Du
wirst doch überzeugt sein, daß seinen Nebenmenschen hassen schnurgerad dem
Willen Gottes entgegen sei, und daß derjenige, der dies tut, unmöglich Gott
lieben könne?
Elon. Wer seinen Nebenmenschen
haßt, in dem ist kein Funke des göttlichen Lebens; wer keine Früchte
bringt, verdient schon als ein unnütziges Holz abgehauen und in's Feuer
geworfen zu werden; wer aber sogar arge Früchte trägt, der verdient's
im höchsten Grade!
Gadiel. Du
bist ein strenger und gerechter Richter; aber erkläre mir doch, worin sich
eigentlich der Haß gegen den Nächsten offenbare?
Elon. Wenn man ihm zu schaden
sucht, anstatt sein Bestes zu befördern.
Gadiel. Sehr
richtig! Liebte der ältere Bruder des verlornen Sohnes diesen seinen
Bruder, als er vom Felde kam und über die Freudenbezeugungen seines Vaters
zornig ward, oder haßte er ihn?
Elon. Nein, er liebte ihn
keineswegs, sondern haßte ihn.
Gadiel. Liebtest
du den frommen Schulmeister Elias, als du ihn der Seligkeit unwert
hieltest?
(Alle
drei zittern und beben vor Schrecken.)
Du
bist vierzig Jahre erweckt, hast die ganze Zeit über dich im Anhangen an Gott,
im Wandel in der Gegenwart Gottes und im Bekehren deiner Brüder geübt, und noch
nicht die erste und unerläßliche Pflicht des Christen: "Niemand zu
hassen", erfüllt!
Elon. Ach Herr, verzeihe! -
Gadiel. Wir
haben alle nur einen Herrn, und der ist der Erhabene, der auf dem
Throne sitzt.
Elon. Ach, verzeihe mir, du
Himmlischer! - Wir haben uns doch von Herzen bestrebt, dem Herrn zu gefallen
und nach unserer besten Erkenntnis zu wandeln gesucht.
Gadiel. Offenbaret
euer Innerstes im himmlischen Lichte der Wahrheit!
(Sie
werden alle drei enthüllt.)
Wie
kannst du sagen, Ihr hättet euch von Herzen bestrebt, dem Herrn zu gefallen und
nach eurer besten Erkenntnis zu wandeln gesucht? - Ihr habt einmal einen Blick
in euer natürliches Verderben getan, und die Notwendigkeit einer beständigen
Sinnesänderung erkannt, das heißt ihr: erweckt sein; darauf suchet ihr
im beständigen Andenken an Gott, in frommen Betrachtungen, in Übungen, im
Lesen, Beten und Singen, und in Verbindung zu engeren Gesellschaften
untereinander, die ganze Erfüllung eurer Religionspflichten; ihr vermiedet zwar
die groben Ausbrüche der Sünden, aber die feineren, viel schlimmeren Unarten,
geistlichen Stolz, erheuchelte Demut, Verachtung und Verurteilung derer, die
besser waren, als ihr, die hegtet und pflegtet ihr nicht allein, sondern ihr
sahet sie als Eifer um das Haus Gottes an; ihr habt euch immer bemüht, das zu
wissen, was man tun müsse, um Gott zu gefallen, und dieses Wissen setztet ihr
anstatt des Tuns. Ihr bildetet euch ein Religionssystem aus Wahrheit, Unsinn,
Empfindelei und Phantasie; dieses Ausbreiten nanntet ihr dem Herrn Seelen
zuführen, und darin suchtet ihr die Erfüllung der Liebespflichten gegen den
Nächsten: wer's nun nicht annahm, den hieltet ihr des Reiches Gottes nicht
würdig. Wo habt ihr den Hungrigen gespeist, den Durstigen getränkt, den
Nackenden gekleidet und den Gefangenen besucht? Euer: Herr, Herr! sagen, euer
Weissagen, euer Essen und Trinken vor dem Herrn, und euer Lehren auf den Gassen
seiner Stadt ist alles eitel. Ihr seid nicht geschickt zum Reiche Gottes!1)
Meraja. Unser
Wille war doch, von Herzen Gott zu dienen; wir lasen die Schriften heiliger
Seelen und folgten ihren Lehren; wir haben uns vor tausend andern Mühe gegeben,
uns selbst zu verleugnen, und unser Fleisch zu kreuzigen, samt den Lüsten und
Begierden; haben wir nun des rechten Weges verfehlt, so wird doch der Herr
Gnade ergehen lassen, denn er hat ja die Sünden der Welt und auch unsere Sünden
getragen!
Gadiel. Alle
Abtötungen und Kreuzigungen ohne die wahre und tätige Liebe sind ein Ekel vor
Gott, denn sie nähren nur den Hochmut. Wer geht weiter in der Abtötung aller
sinnlichen Lüste, als die Fakirs in Indien; aber wer ist auch
stolzer, als sie? So lange ihr den Quell des Hochmuts und der Verurteilung anderer
noch nicht in euch verstopft habt, könnt ihr nicht selig werden.2)
Jathir. Wir
empfanden doch so tief in unserer Seele die Gewißheit der Kindschaft Gottes,
wovon uns sein Geist Zeugnis gab.
Gadiel. Diese
Beruhigung fühlt jeder, der den Forderungen seines Gewissens Genüge leistet:
diese Forderungen mögen nun so abgeschmackt sein, wie sie wollen. Die erste
Pflicht des Christen ist, sein Gewissen zu berichtigen, und wie das
geschieht, ihm auch strenge zu folgen; darauf folgt erst das wahre
Zeugnis der Kindschaft, das sich in der herzlichsten Demut äußert. Wie wohl und
wie freudig war's dem Pharisäer ums Herz, als er sagen konnte: Ich danke Dir,
Gott, daß ich nicht bin, wie andere Menschen; daß ich nicht so ein Sünder bin,
wie dieser Zöllner! Kann diese Freudigkeit ein Zeugnis der Kindschaft sein? Ihr
seid nun vor dem Richterstuhle des Weltregenten offenbar worden, euer
Innerstes, euer ganzes Leben liegt da enthüllt und in der größten
Deutlichkeit vor euren Augen, und doch strebt euer Stolz immer noch empor, und
ihr macht Ansprüche auf das Reich Gottes. Hütet euch, daß ihr nicht in das
Urteil der Empörer fallet, sondern demütiget euch jetzt unter die gewaltige
Hand Gottes, damit Er euch erhöhe zu seiner Zeit!
Elon. Und wenn mich der Herr
ewig verdammt, so will ich Ihn doch lieben und Ihn durch meine Qualen
verherrlichen!
Meraja. Ich
auch!
Jathir. Das
ist mein fester Entschluß.
(Der
Engel fängt schrecklich an zu strahlen.)
Gadiel. Entfernt
euch schleunig, damit Euch das Zornfeuer des Erhabenen nicht in die äußerste
Finsternis wegschleudere! Ihr wähnt, Eure Liebe sei stärker, als die Hölle und
habt noch nicht angefangen zu lieben. Entfernt euch! -
(Die drei armen Geister fahren weit weg in eine wüste Einöde, die
von einem Meteor, gleich dem Vollmond, erleuchtet wird; die Gegend gleicht
einer wüsten Insel, die mit allerhand wilden Geistern bevölkert ist; hier sind
sie nun bestimmt, durch den rohen Sinn dieser Seelen geläutert und in der Demut
geübt zu werden, dagegen müssen sie die Geister unterrichten und ihrer
ursprünglichen Bestimmung immer näher bringen.)
Ein wirklich
beachtliches Kapitel, weil hier die Anmaßung und Überheblichkeit - die auch
heute noch vorhanden ist - ihre größten Triumphe feiern und fraglos viele
Seelen der Verdammnis überantworten kann. Aus diesem Grunde sollten wir den
Mahnruf Stillings nicht außer acht lassen:
1)
Prüft - O prüft
euch, und erinnert euch, daß sogar von den zehn Brautjungfrauen, die doch wahrlich
auch erweckt sind, denn sie wachen ja, fünf verloren gehen, weil es ihnen am
Geiste der Liebe fehlt; man muß wirklich und wesentlich zum Heile' der Menschen
gewirkt haben, oder ernstlich haben wirken wollen, sonst hilft alles nichts.
2)
Wer nicht tief empfindet, daß er von Grund aus von sich selbst
nichts Gutes an sich habe, unter allen Menschen einer der Verdammniswürdigsten
sei, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes! Je weiter er im Lichte der
Erleuchtung fortschreitet, desto unwürdiger fühlt und sieht er sich an.
Ist es nicht tatsächlich
jetzt noch so? Haben wir nicht alle eine zu hohe Meinung von unserem Wissen,
von unseren "angelernten" Fähigkeiten?
Da wir nun genau wissen,
wie wenig unsterblich wir sind, ist es für jeden Menschen nötig, sein Ich zu
erkennen, um endlich im Du zur Vereinigung und damit von der irdischen Liebe
zur himmlischen gelangen zu können.
F ü n f z e h n t e S
z e n e.
Elnathan und Schirijah.
E r s t e
S z e n e.
Elnathan.
Schirijah,
Engel des Lieds! Du fährst auf Flügeln des Blitzes Feiernd den Äther hinab, die
Harfe donnert im Fluge:
Bringst
du der sündigen Erde den Frieden? Dem kommenden Zeitlauf
Botschaft
der Zukunft des Herrn? - Ach, weile dem himmlischen Bruder!
Darfst
du der Sendung Geheimnis mir sagen? Ich horche mit Sehnsucht.
Schirijah.
Frieden
lügen die Menschen, Elnathan! Den ewigen Frieden bringt Er selbst im
kommenden Zeitlauf der trauernden Erde. Komm, begleite mich, Bruder! Jehova befiehlt
es, wir eilen schnell auf den Schwingen des Lichtstrahls hin zu Helvetiens
Kämpfer,
Aller
Kämpfenden Kämpfer und aller Duldenden Dulder. Stärker im Glauben ist keiner
von allen Zeugen der Wahrheit; Ohne zu sehen, strebt er im Dunkeln am Faden der
Vorsicht vorwärts im Irrsal des Lebens, auf düsterem Steige am Abgrund,
Immer
vorwärts - und niemals allein. Nein Tausenden winkt er,
Tausende
folgen zur Fahne des Königs dem Christusverehrer - Christusverehrer ist er - so liebend,
wie Simon Johanna;
Tod
für Jesus Christus - und Tod für's Vaterland ist ihm immer der größte
Gedank' - und Bruder, jetzt stirbt er für
beide
-
Lavater stirbt - den
erhabensten Tod, an der Vaterlandswunde, -
Kämpft
ohne Aussicht den Kampf des Glaubens, die Fülle der Schmerzen
Wütet
in sechsfacher Qual im schwächlichen Körper des Dulders. Fünfzehnmale schon
blickte der Vollmond mit rötlichem Schimmer
Lavaters Kampfplatz
an - und schwieg; - in Wolken verschleiert
Eilt
er über den Jura, er konnte das Elend nicht ansehn. Aber der Held steht da -
wie ein Fels im Wogengetümmel. Horcht mit Sehnsucht, und forscht unaufhörlich
mit gierigen
Blicken,
Ob
im Osten ein Schimmer des Aufgangs der Höhe sich zeige? Horcht mit spürendem
Ohr auf den Laut der Ankunftsposaune; Will eine sinnliche Spur 'von Jesus
Christus erlechzen;
Nur
einen einzigen Blick in Sein holdes Antlitz erglauben,
Nur
einen Lispel von Ihm, nur ein - Friede mit dir sich erbitten. - Wo ist
ein Wesen, das Christum liebt, wie Lavater liebet? Aber von
allem kein Laut, kein Blick, kein Schimmer von Osten. Alles gewöhnlich - und
Nacht, - und fernes Drohen des Spötters,
Fürchterlich
drohende Klippen, und Strandung dem Schifflein des Glaubens.
Aber
er steht wie ein Fels, und bebt nicht im Wellengetümmel. Glaubt und hofft,
glaubt immer und hofft und liebt wie sein Heiland.
Will seinen Mörder in allen Welten erforschen, ihm sagen:
"Dank für die Wunde, die Glauben, Vertrauen und Dulden mich
lehrte. "
Ist
in der Demut und Sanftmut der Erste, im Unmut der Letzte. Gleich einem Lamme zur
Schlachtbank geführt im Schweigen und Leiden,
Möchte
zu jedes Füßen sich schmiegen, die Hände ihm küssen. Immer vorwärts ringt sein
Geist und immer geschäftig,
Streut
er köstlichen Samen für künftige Christusverehrer;
Keine Minute ist leer, er wirkt
unaufhörlich für Christus; Schaut und; horcht ins ewige Dunkel, kein Schimmer
von Christus
Kommt
in sein Aug', kein Laut in sein Ohr, und dennoch vertraut er.
Glaubt
seinem Gott, bleibt treu bis ans Ende. - Elnathan, wir
eilen
Ihn
zu erlösen; der Kampf ist erkämpft, die Krone errungen!
Elnathan.
Schirijah! Bruder,
wer jauchzt nicht vor Wonne bei deiner Erzählung?
Danket
dem Herrn für den mutigen Kämpfer, ihr himmlischen Heere!
Lobt
den Jehova! Sein Knecht hat vollkommen die Probe bestanden!
Aber
ich schaue von fern' in des innern Heiligtums Dunkel, Seh' den erhabenen Plan
auf der goldenen Tafel der Vorsicht:
"Siehe,
mein Bruder! Du weißt, mit welcher unendlichen Langmut
Gott
die Christen ertrug - wie viele Jahrhunderte hat Er Liebe, Schonung und Zucht
gebraucht, um die Menschheit zu bessern,
Alles
vergebens! - Ach, überall nur empöret der Abfall
Gegen
Christus die Christen, man haßt Ihn, die ewige Liebe! Schrecklicher
ward kein Verbrechen, so alt wie die Welt ist, begangen.
Schrecklicher
war kein Gericht, als jenes der Christenheit sein wird.
Er
ist verhüllt in sein Dunkel und gibt dem verruchten Geschlechte
Keinen
Schimmer von sich zu erkennen, damit sie im Zweifel vollends den Abfall
erzweifeln, das Ziel ihrer Wünsche ertaumeln,
Und
er dann schnell, wie ein Dieb 'in der Nacht, zum Abgrund sie stürze.
Aber
eben dies Schweigen des Herrn ist Wohltat dem Christen, denn es verkürzt die
Tage der Prüfung, beschleunigt die Ankunft
Ihres
Erlösers, und fordert sie auf zum Wachen und Beten. Würd' auch Christus durch
Zeichen und Wunder die Seinigen stärken,
Dennoch
würd' es nicht glauben der Unchrist; die Probe des Glaubens
Finden
die Glaubenden nicht, die sie reif macht zur ersten Erstehung.
Diesen
war Lavater Muster, und darum sollt er den Gipfel Aller Gipfel
der Leiden und Proben des Glaubens erklimmen. Siehe, er hat ihn erklommen - da
steht er, ein Zeuge der Wahrheit,
Nah
am Ziel! Er selbst das größte der Zeichen und Wunder."
Schirijah.
Himmlischer
Bruder, du steigst und sinkst ja, als wenn du im Jubel Welten von Seligkeit
ahntest!
Elnathan.
Die
ahn' ich auch, Schirijah! Amen!
Groß
ist der Plan des Erhab'nen, und selig die sündige Erde. Wenn Er sie zweimal
erlöst, den Drachen auf ewig besiegt hat. Siehe, wer schwebt da vom ewigen
Hügel so eilend hernieder?
Eldad, der
Liebende kommt; er naht sich mit Mienen des Jubels. Freude der Seligkeit
strahlt aus den Augen. Eldad,
willkommen!
Steigt
aus dem gähnenden Abgrund empor - erbarm dich der Menschen.
Deiner
Erlösten - erbarm' Dich Jehova!
Du aller Erbarmer! -
Z w e i t e S z e n e.
Elnathan, Schirijah, Eldad und Elgamar.
Eldad.
Seid
mir willkommen, Jerusalems Bürger, ich soll euch begleiten;
Lavater abzuholen
erhöht der Seligkeit Fülle.
Ach,
wie wird er strahlen vor Wonne, wenn ihm nun auf einmal schwindet die Hülle,
und er den Unaussprechlichen anschaut! Nun zum erstenmale sieht - Den - dessen
Bildnis er ahnte; Alle Formen der Schönheit erforscht und keine Ihm gleich
fand. Nun Ihn sieht, das Urbild der Menschheit in
himmlischer Würde!
Dies
zu schauen ist Wonne der Engel. Ach, sehet Elgamar! Seht,
wie er eilt, der Engel der Ernte, der Engel des Todes! Wie er so ruhig dasitzt
auf der Wolke, die Sichel im Schoße! Kommt! Ihr seht, wie er eilt, um Lavaters Leiden
zu enden.
Elgamar.
Wonne
der Seligkeit Euch, ihr Brüder! Ihr sollt mich begleiten; Das ist ein Fest,
wie's wenige gab, seit Christus erhöhet ist. Wenige hab' ich vom Kampfe
entlastet, die Lavater gleich sind. Selbst der Erhabenste freut sich
des Anblicks, wenn Lavater Ihn sieht.
Lächelnd
sprach er vom Throne herab: jetzt
eile, Elgamar, Mir dies Kleinod meiner Erlösung zu holen! Ich jauchzte!
Setzt
euch hierher auf die Wolk', uns tragen des Morgenrots Flügel,
Schnell
am Sonnenweg rechts hinab zur sündigen Erde.
Elnathan.
Wie's
dort dämmert im Land der Erlösung, der Hauch des Verderbens
D r i t t e
S z e n e.
Elnathan, Schirijah, Eldad, Elgamar und Lavater
am
Sterbebette.
Schirijah.
Gott!
Der Seligkeit Wonne trübt sich beim Anblick des Jammers!
Elnathan.
Stimme
die Harfe nicht zu laut, du Lieber! Der Ratschluß des Höchsten
Will
durchaus, daß kein Laut vor dem Schauen den Glauben erhöhe.
Eldad.
Eil'
Elgamar - mir
schauert! -
Elgamar.
(indem er die Sichel
schwingt.) Staub werde Lavaters Hülle!
Sieger,
empor!
Lavater.
Ich
sterbe, Vater! Herr Jesus!
Ich sterbe!
Elgamar.
Schirijah, donn're
die Saiten hinab, daß die schmachtende Seele schnell sich ermanne und schleunig
vom Taumel des Todes erwad1e!
Schirijah.
(singt
in die Harfe.) Wach auf aus deinem Schlummer, Du müde Seele, du,
Entlaste
dich vom Kummer,
Eil
deinem Eden zu!
Dein
Glaube wird gekrönet, Erhört ist nun dein Flehn, Den, welcher dich versöhnet,
Sollst du nun endlich sehn!
Lavater.
Gott!
- Hallelujah! - Wo bin ich? Wie ist mir? Herr Jesus wer seid ihr?
Steigt
denn dein ganzer Himmel voll Wonne von Sternen hernieder?
Sei
uns willkommen, du himmlischer Bruder! Jerusalems Bürger Sind
wir - gekommen, dich heimzuholen im hohen Triumphe.
Lavater.
Jesus Christus! - So hast du denn endlich mein Flehen erhöret! Nun so krön' auch das eine Vertrauen! - Du weißt, was mich drückte!
Eldad.
Gruß
an dich, vom erhabenen Throne, auch das ist erhöret!
Lavater.
Sonne
bin ich geworden! - Ich strahle! - Ihr himmlischen Brüder!
Was
bin ich geworden, das ahnet kein Mensch! Ach! dürft ihr Lieben,
Dürft
ihr nicht Ruhe hauchen zum Kreise der lieben Verlass'nen!
Elgamar.
Nur
noch ein wenig geharrt, so werden die Tafeln der Vorsicht Dich über alles
belehren, und dann erst fühlst du dich selig.
Schirijah.
Lavater! Kennst
du mich nicht! - Du Kenner der menschlichen Bildung!
Lavater.
Felix Heß! - Allmächtiger Gott! - Ich erbebe vor Wonne!
Eldad.
Lavater! - Bruder!
Pfenninger! Du!
Hier vergeht mir die Sprache!
Elnathan.
Israel nennt
dich die Sprache der Himmel. - Du strahlst ja vor Wonne,
Wie
noch keiner strahlte; du jauchzest vor Freude, und steigest Hoch im Jubel empor,
und sinkest, du steigest und sinkest Gleich dem erhabensten Seraph, der schon
Jahrtausende feiert. Lavater
Israel! Sieh! Dort sinkt der
Wagen des Siegers! Seitwärts nah am Orion hernieder, - nun segne die Erde,
Segne
Helvetien! - Segne
dein Haus und die Liebenden alle! Nicht gar lang ist's hin, so kommst du im
glänzenden Zuge Wieder hieher, dem vielgekrönten König zur Seite.
Lavater.
Segen
dir, bedrängtes Helvetien! - Jammer
und Elend Lastet schrecklich auf dir. - Jehova erbarme
sich deiner!
Führ
aus dem Kampfe zum Sieg die Kämpfer, Du Sieger Jehova! Glaubendes
Dulden ist Siegen; dies lehre sie, göttlicher Dulder! Jesus Christus! - Meine Geliebten! Die Gattin! Die Kinder! Alle die
Freunde! O segne, erquicke, beselige Alle!
Ströme
den Geist der Ruhe, des Trostes in alle Geliebten!
Alle,
die mich beweinen, durchsäusle Dein ewiger Friede! Aber dir, du Land der
Erlösung, des Fluchs und der Gnade, Stern der göttlichen Wunder! - Planet der
Erbarmungen Gottes!
Dämmernd
rollest du jetzt dahin im Pesthauch des Abgrunds; Aber nah' ist der Tag, an
welchem der strahlende Morgen Christum
mit himmlischen Scharen im
Siegsgewande dir zuführt!
Dann
entschwindet der Pesthauch, du schwimmst dann im ruhigen Äther,
Gleich
dem Vollmond im Mai, wenn ihn der Morgenstern grüßet.
All'
ihr Erlösten des Herrn, wo ihr im Dunkel zerstreut seid, Kämpft durch Dulden,
und glaubt ohne Schauen und siegt nur durch Liebe.
Segen
auf euch vom Herrn! Lebt wohl, ihr Erlöste Jehovas!
V i e r t e S z e n e.
Alle die Vorigen, Chöre, Stephanus; gegen das Ende der Herr.
Schirijah.
Sieh',
der Triumphwagen kreist um dich her, erheb' dich und steige
Hoch
zu den ewigen Höhen empor, zu Jerusalems Toren. Siehe den Seraph! - Er bringt
dir die Krone der Sieger, den Palmzweig
Nimm
ihn in die Hand! Wir vier begleiten dich bis zu dem Throne.
Eldad.
Seht,
wir fliegen empor mit Schnelle des Blitzes; von Ferne Strahlt schon der ewige
Morgen vom heiligen Berge hernieder. Siehst du, Bruder! Die Perlentore
Jerusalems schimmern?
Lavater.
Lehret
mich erst die Sprache für unaussprechliche Dinge,
Dann
will ich preisen den Herrn, in ewigem Jubel ihm danken! Wär' ich noch
sterblich, mein Wesen ertrüg' nicht der Seligkeit Fülle.
Himmlische
Brüder! O lehrt mich, den Neugeborenen, das Leben Himmlischer Wesen erst
kennen! - Mein Gott, ich bebe vor
Wonne!
Elnathan.
Schirijah sieh'!
Die Palmenträger Jerusalems kommen Uns entgegen, die Harfe zur Hand, sie töne
im Jubel!
Seht,
unabsehbare Reihen umkreisen den Wagen, sie jauchzen.
Schirijah.
Bürger
Salems! Triumph! - Jehova siegt Halleluja!
Chor.
Preis,
Anbetung Dir, Du Heiligster! Jesus Jeuova!
Schirijah.
Bürger
Salems! Begrüßt den Bruder, He1vetiens
Kämpfer.
Chor.
Heil
Dir! - Sei uns willkommen, Geliebter! Wir freuten uns längst schon
Hoch
des Glaubens in dir, der Geduld und der Liebe zu Jesus! Freuten
uns deiner Tätigkeit hoch, du Blutzeug
Jehova's!
Wir
erfuhren schon längst dein unaufhörliches Sehnen, Christum zu sehen - und Ihm, dem Erhabenen ins
Antlitz zu schauen.
Jauchze,
Bruder! Du wirst Ihn sehen, das Urbild der Schönheit! Aller Wesen erhabenstes
Muster - die ewige Liebe, Göttlich-menschlich gebildet, an Lieb' und Huld
unaussprechlich.
Lavater.
Nichts
bin ich! - Ein Sünder! Verklärte Jerusalems Bürger!
Ach,
nicht wert, dem Geringsten unter euch die Füße zu küssen, Tagelöhner nur,
Jerusalems goldener Straßen
Hüter,
- der Perlentore Jerusalems Wächter nur sei ich, Dann schon zerfließ ich in
Wonne des Lebens!
o
horcht, wie es tönet!
Elnathan.
Lobet
den Herrn! Die Triumphposaune donnert vom hohen Zion herab, ins Unendliche hin.
Die himmlischen Kreise Sollen den Siegestag begehen; der erste Blutzeug'
Stephanus harrt
auf der Zinne - den späteren Bruder dem
Herrn
selbst
Vorzustellen
am Thron. Die Posaune schallt nur dem Blutzeug'.
Lavater.
Himmlische
Brüder! Erflehet mir Kraft, ich versinke vor Ehrfurcht!
Beben
und heiliger Schauer durchdringt mein innerstes Wesen.
Eldad.
Seht,
Myriaden erfüllen die goldenen Gassen, sie feiern Lavaters Sieg!
Lavater.
Der
Herr hat gesiegt! Ein Nichts kann nicht siegen!
Chor.
Ja,
der Herr hat gesiegt, und Ihm allein Halleluja!
Aber
der Kämpfer im Staub' siegt auch durch Ihn, Halleluja! Selig bist du,
Überwinder im Staub', durch Lieben
und Dulden, Glauben
und Hoffen und Leiden und Sterben! Triumph!
Halleluja!
Elnathan.
Seht,
es senkt sich vom hohen Zion die goldene Wolke Strahlend hernieder, und Stephanus mit
ihr, - fasse dich, Bruder!
Stärke
dich, nun ist sie da, die Stunde des seligen Schauens!
Stephanus.
Herrlicher
Sieger! O laß dich umarmen und brüderlich küssen! Sei mir willkommen, mein
Bruder! Am Fuße des heiligen Berges. Sieh nun, wie selig es ist, der ewigen
Liebe zu trauen,
Wenige
Jahre des Kampfes, des dunklen Glaubens, was sind sie? Ängstliche Träume, aus
denen man aufwacht zu ewiger Wonne; Komme zum längst ersehnten Ziele, zu schauen den Herrn selbst.
Stephanus.
Brüder!
Hieher auf die Wolke und schwingt euch empor zu den Zinnen
Zions! Siehest
du, Bruder, die Glorie über dem Throne? Siehst du ihn strahlen, den Urthron
des Herrschers der Welten?
Der
Schöpfung
Urquell,
den Sitz der göttlichen Menschheit des Jesus Jehova.
Lavater.
Jesus Christus! Du ewiges Leben! Mein Herr und mein Gott!
Du!
Der Herr.
Komm, mein Freund, an die Brust! In die Arme der ewigen Liebe!
Lavater.
Gott! Ich bin ihrer nicht wert!
Wie faß' ich die Meere des Lebens? -
Kann ein Vögelchen denn die Fluten
des Ozeans trinken,
Oder der Hirtenknabe, wie denkt er
den Ratschlag des Staatsmannes?
Aber ich spüre die Kraft, den
Ausfluß der Nähe des Herrn schon; Werde mutiger, stärker, der Seligkeit Fülle
zu tragen,
Welten fang' ich an im Begriff zu
umfassen, ich denke
Klar - mein Geist wird erweitert,
ich fasse auf einmal die Höhe,
Tiefe und Weite der Dinge, ich
trinke Ströme des Lebens Flutenweis ein - mein Dasein erwächst zur Größe des
Engels.
Leser und Freunde verzeiht! Hier
sinkt meine Seele in Ohnmacht.
Weiter schwingt sich mein Geist
nicht empor, die Flügel ermatten,
Noch zu sehr mit Staub belastet,
es kämpfet die Seele,
Will empor sich ringen, und kann
nicht, sie macht nur Versuche; Gleich dem Vöglein im Nest, wenn eben die Federn
erreifen. Geist der ewigen Liebe! Befrei uns von dem, was die Seele
Noch an's Irdische fesselt, damit
wir dereinst im Erwachen,
So wie Lavater hier, in
einem Fluge bei Ihm sind.
Ihm, der war,
und ist, und sein wird, Ihm Halleluja! -
Anmerkungen
zu Lavaters Verklärung.
Schirijah. heißt: Gott ist mein Lied.
Elnathan, Gott hat gegeben.
Eldad, Gott lieb.
Elgamar, Gott hat vollendet.
Israel, Kämpfer Gottes.
Stephanus, Sieges-Krone. Der erste Blutzeuge für
die Wahrheit Jesu.
In dem Gedichte selbst
kommen einige Stellen vor, die wenigstens für den einen oder den anderen einer
Erklärung bedürfen.
Schirijah sagt in seinem
ersten Gespräch mit Elnathan: .Der Vollmond sei - über den Jura hinweggeeilt."
Der Jura ist ein Gebirge an der westlichen und nordwestlichen Grenze der
Schweiz, über welches also Sonne und Mond. wenigstens dann, wann sie diesseits
dem Äquator sind, untergehen. Dann führt er auch Lavaters denkwürdige Äußerung
an, die dieser verklärte Jünger der Wahrheit wirklich gesagt hat, nämlich:
"Ich will meinen Mörder in allen Himmeln und in allen Höllen aufsuchen,
und ihm danken für diese Leiden, die er mir verursacht." Ist dies etwa
auch Schwämlerei? Nun so ist mir diese himmlische Schwärmerei viel tausendmal
lieber, als alle Philosophie der Welt.
Auch die Worte, die ich
hier im Gedichte Lavatern in den Mund lege:
"Vater, ich sterbe! -
Herr Jesus, ich sterbe!" hat er wirklich gesagt.
Felix Hess, den Lavater in
Schirijah entdeckt, war ein junger Züricher Theologe, mit dem der Verklärte in
früheren Zeiten in vertrauter Freundschaft lebte; er starb in den besten
Jahren. Viel Schönes und Erbauliches findet man von ihm in Lavaters Tagebuch.
Pfenninger, der hier Eldad
heißt, ist bekannt durch mehrere vortreffliche Schriften; z. B. das christliche
Magazin mit seinen Sammlungen; der Kirchenbote; die Familie von Oberau oder
Eden, u. a. m. Er war ein vortrefflicher Mann, Lavaters vertrauter Freund,. und
so wie er, Pfarrer in Zürich. Er wurde vor mehreren Jahren zur Oberwelt
abgerufen.
Wenn ich Lavatem unter die Blutzeugen zähle, so getraue ich mir
das vor dem Throne Gottes zu verteidigen; denn er starb wirklich nach fünfzehnmonatigen
unerhörten Schmerzen und Martern, die ihm seine Schußwunden verursachten, an
den Folgen dieser Wunden; und diesen Schuß bekam er von einem Soldaten, nicht
aus Übereilung, nicht im Getümmel, nicht im Zank mit diesem Soldaten - mit
einem Worte, nicht aus einer mutwilligen Veranlassung, sondern aus einer Ursache,
die der Herr weiß, und die ihn zum Blutzeugen macht. Die ganze Geschichte
erzählt er selbst in seinen Briefen über das Deportationswesen. - Man lese -
urteile - lege die Hand auf den Mund und schweige!