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Franchezzo Ein Wanderer im Lande der Geister * Deutsche Übersetzung von W. Werntgen * Vorwort und Bearbeitung von M. Kahir Diesem
Werke, welches zuerst in englischer Sprache erschien, sind zwei Vorreden
vorangesetzt. A.
Farnese, das Medium, dem das Buch von Franchezzo, einem verstorbenen
Italiener, in die Feder diktiert wurde, schreibt: "Diese
Erzählung wurde mir von seinem geistigen Urheber so schnell diktiert,
daß ich oft große Mühe hatte ihm zu folgen und das Diktat
niederzuschreiben. Ich war aber eifrig darauf bedacht, das mir Eingegebene so
sorgfältig und wahrheitsgemäß wie möglich wiederzugeben. Dabei
muß ich bemerken, daß manche seiner Beschreibungen von dem Leben
im Jenseits sich mit meinen Vorstellungen vom Leben in der Geisterwelt nicht
decken, zuweilen sogar entgegengesetzt sind. Indem
ich diese Erzählung der Öffentlichkeit übergebe, wie sie mir
eingegeben wurde, muß ich die Verantwortung für alles darin
Gesagte und Beschriebene dem geistigen Verfasser überlassen. Ihn
selbst habe ich oftmals materialisiert gesehen. Bei solchen Gelegenheiten ist
er von Personen, die ihm im Leben nahe standen, erkannt worden." Sodann
sagt der Verfasser des Buches, Franchezzo, folgendes: "Allen,
welche sich noch in Zweifel und Ungewißheit befinden, was ihnen nach
diesem Leben bevorsteht, widme ich diese »Wanderungen im Lande der
Geister«. Ich tue das in der Hoffnung, daß mancher Leser, der wie
ich viel gesündigt hat, durch meine Erfahrungen veranlaßt werden
wird, in seinem sündhaften Leben einzuhalten. Allen
lieben Brüdern und Schwestern, die sich auf abwärts führenden
Bahnen bewegen, sei eindringlichst gesagt: Wenn schon die Folgen eines
selbstsüchtigen und ausschweifenden Lebens auf dieser Erde oft
schreckliche sind, so sind sie doppelt schrecklich in der Welt der Geister.
Dort, wo keine Hülle die Seele bedeckt, wo alle Fehler des Sünders
offenbar werden und die durch ein solches Erdenleben verkrüppelte Seele
als geistige Mißgestalt in ihrer ganzen Abscheulichkeit sich offenbart,
— so lange, bis Buße und Sühne ihre Züge glättet
und das Wasser reuevoller Tränen sie rein wäscht. Ich
möchte ferner darauf aufmerksam machen, daß die »Wanderer
aus dem Geisterlande« gerne kommen, um die Erdbewohner zu belehren, ja
daß ihnen oftmals die Mission übertragen wird, solche Personen auf
Erden, welche die Gesetze Gottes und der Menschen übertreten, warnend
auf das Schicksal hinzuweisen, das ihrer im Jenseits harrt. Durch
diese unsichtbaren Vorgänge wird den Menschen eine Tür
geöffnet, durch welche nach und nach eine Flut von Licht in die
Dunkelheit der Erdenwelt hereinbricht, indem damit den Bewohnern der
Geisterwelt Gelegenheit gegeben wird, belehrend und warnend zu ihren
Erdenbrüdern zu sprechen. Als
ein Streiter, der sich durch vieles Leid hindurchgearbeitet hat, suche ich
nun den kämpfenden Menschenbrüdern den Weg zu zeigen, der sie zum
Siege führen und ihnen Ruhe und Frieden geben soll." — — — Diesen
Worten lassen die Herausgeber der englischen Ausgabe des
»Wanderers« noch nachstehende Bemerkungen folgen: — »Der
Wanderer im Lande der Geister« ist medianim geschrieben worden. Die
Schilderungen sind also auf subjektivem Wege entstanden. Wir
veröffentlichen das Buch deshalb, weil sich die vom
»Wanderer« gemachten Erfahrungen vielfach mit den von den
Meistern gemachten objektiven Beobachtungen decken. Hier
werden uns eine Anzahl Zustände aus dem Leben nach dem Tode beschrieben,
die wohl Anspruch auf Glaubwürdigkeit haben. Jedoch darf man nicht
vergessen, daß die Art und Weise der Mitteilungen auch manchen Irrtum
und manche Ungenauigkeit bei der Übertragung zuläßt. Es sind
ferner in dem Buche zumeist persönliche Erfahrungen beschrieben, die
nicht ohne weiteres verallgemeinert werden dürfen. Immerhin
wird der Leser manche Lehre aus dem Buche ziehen und das Gesetz der
Wiedervergeltung alles Guten und Bösen besser verstehen lernen.
Insbesondere aber wird er gewarnt werden, nicht mit weltlichem Ehrgeiz, mit
irdischen Lüsten und Begierden beladen — mit einer Seele voller
Neid, Selbstsucht, Haß, Rachsucht und Bosheit — die Wanderung
nach dem Geisterlande anzutreten, das unser aller harrt! * * * Mit
der Neuherausgabe dieses lange vergriffenen Erlebnisberichtes eines irdisch
Abgeschiedenen will der Verlag dem Wunsche zahlreicher Geistesfreunde
Rechnung tragen, einen Blick zu tun auf jene Welt, die jeder Menschenseele
dereinst zur neuen Heimat wird. Die große Frage nach dem Wohin ist
neben dem Woher und Warum eine der Kardinalfragen, die von der Menschheit zu
allen Zeiten gestellt wurde. Die Antworten hierauf reichen vom Ignorabimus (Wir werden es niemals wissen.) bis zu den
grundlegenden Offenbarungen jenseitiger Entwicklungszustände, wie sie
uns z.B. die hohe Sehergabe Emanuel Swedenborgs oder die inspirierte Mystik
Jakob Lorbers überzeugend sinnvoll vermitteln. Was
alte Geistkulturen und Religionen über das Leben nach dem Tode aussagten
ist in seiner fragmentenhaften Form der Allgemeinheit nur schwer
zugänglich. Dies umso mehr, als solches Weistum wegen seiner
verhüllenden Symbolsprache erst einer Aufschlüsselung
bedürfte, um dem rationellen Denken unserer Zeit gerecht zu werden. Die
christlichen Konfessionen aber lassen samt und sonders eine wirkliche Lehre
vom nachtodlichen Wege des Menschen vermissen. Ihre Glaubenssätze vom
Fegefeuer, von ewiger Verdammung und jüngstem Gericht, vermögen
weder die Gemütskräfte des Menschen anzusprechen, noch sind sie mit
den göttlichen Attributen höchster Liebe und Weisheit vereinbar.
Und so sind es allein die jenseitigen Geistwesen selbst, die durch
Schilderung ihrer eigenen Entwicklungsgänge den Erdenbewohnern eine
vertiefte Kunde geben von den Zuständen, die ihrer nach Ablegen des
stofflichen Leibes harren. Abgesehen
von den Werken der beiden eingangs erwähnten Mystiker gibt es nur ganz
wenige offenbarende Schriften, die in breiterer Form ein halbwegs
geschlossenes Bild vom Jenseits als der großen
Weiterentwicklungsstätte des Menschengeistes entwerfen. Unter ihnen ragt
Dantes Göttliche Komödie als eine Sphärenschilderung in
poetischer Form hervor, deren geistige Schau große Wahrheiten in sich
birgt. Auch das medial empfangene Werk von Adelma Vay »Geist, Kraft und Stoff« verbindet mit
einer Art Schöpfungsgeschichte mancherlei Darstellungen der jenseitigen
Welten. Beträchtlich
groß hingegen ist die Zahl jener Schriften, die durch mediale
Übermittlung kleinere Teilausschnitte von den außerirdischen
Lebensbereichen bieten. Hier wären insbesondere die Uranographie des
Thomas Bromley und des Pfarrers J. Fr. Oberlin,
sowie die Jenseits-Visionen der A. Katharina Emmerich, zu erwähnen,
daneben auch Schilderungen der durch Justinus Kerner bekanntgewordenen
»Seherin von Prevorst«. Was die schon in die Tausende
zählenden kleineren, durch Medien aller Art empfangenen Botschaften
betrifft, so vermögen diese immerhin den Unglauben des Materialismus zu
erschüttern und den vagen Glauben an das Fortleben zu festigen. Sie sind
jedoch zumeist nicht geeignet, die Kontinuität jener göttlichen
Schöpfungsidee darzulegen, die da heißt: stete Entwicklung alles
Geschöpflichen bis zu seiner Vollendung im Geiste! Auch tragen
häufig Widersprüche in jenseitigen Durchsagen nicht dazu bei, in
den Hörern oder Lesern das ungeteilte Vertrauen in die Wahrheit solcher
Berichte zu festigen. Es wäre jedoch verfehlt, hier das Kind mit dem
Bade auszuschütten: der Wissende begreift, daß auch drüben
ein jeder Geist nicht über die Sphäre seiner jeweiligen
Entwicklungsstufe hinauszublicken vermag und die Dinge daher nur so schildern
kann, wie er sie sieht, oder bestenfalls im Lichte höherer Belehrung
erkennt. Was
Franchezzos Bericht von seiner Wanderung im Lande der Geister auszeichnet,
ist zunächst der Eindruck ungetrübter Ehrlichkeit. Er
beschönigt keine Fehler seines sündenreichen Erdenlebens, das ihn
nach kirchlicher Lehre hätte geradewegs in die ewige Verdammnis
führen müssen — eine Lehre, die zur Liebe und Barmherzigkeit
Gottes in stärkstem Widerspruch steht. Aber gerade Franchezzo singt das
Hohelied der Liebe: nicht nur jener göttlichen Urliebe, die kein
Geschöpf verloren gehen läßt, sondern auch von ihrem
irdischen Abglanz — der reinen Liebe eines Mädchens, deren
Strahlung sich wie ein schützender Mantel um ihn und seine
Läuterungswege breitet. Was
den Geist Franchezzos veranlaßt, der Welt einen so genauen Bericht
seiner sphärischen Ab- und Aufstiege zu vermitteln, entspringt
gleichfalls einer Liebe, nämlich seinem Mitleid für die
Unwissenheit der Erdenmenschheit um die geistigen Gesetze von Ursache und
Wirkung, die er selbst an sich erfahren mußte. Ist es nicht ein
wahrhaft edles Vorhaben, die Irdischen rechtzeitig damit vertraut zu machen,
um ihnen ein warnender Helfer sein zu können? Zwar lebt dieses Gesetz in
dem Sprichwort "Jeder ist seines Schicksals Schmied", aber wie
wenige verstehen seinen tiefverborgenen Sinn! Franchezzos Erlebnisse —
alles Symbole seiner Erdentaten — treten ihm nun als gestalthaft
lebendige Umweltbilder entgegen. Bindungen, die er seelisch durch sein gutes
oder böses Tun auf Erden geknüpft hatte, führen ihn wieder mit
ihren Trägern zusammen; sie bringen Hilfe oder bilden
unüberwindliche Schranken für einen höheren Aufstieg. So
lange, bis sich der gute Wille durchringt, höhere Erkenntnis erwacht und
die Seele durch tätige Reue und vergebende Liebe ein neues
"Kleid" empfängt, das ihr den Zutritt in immer vergeistigtere
Sphären gewährt. Für
jene Leser, die ahnen, welch tiefen Sinn die Symbolik einer jeden Bildszene
aus der Seelenwelt in sich birgt, bilden die detailreichen Schilderungen des
Wanderers eine ergiebige Fundgrube der Entsprechungslehre. Sie regen zum
Nachsinnen an und weiten die Erkenntnis von Zusammenhängen, welche die
sichtbare Materiewelt mit der verborgenen Geistwelt untrennbar verbinden.
Kein Bild, dem nicht eine strenge Folgerichtigkeit innewohnt; keine Ursache
hier, die nicht als Wirkung drüben offenbar wird. Sie lehren ferner,
daß alle Passionswege einer unvollkommenen Seele nicht Strafe bedeuten.
Denn es sind nur Läuterungswege, die sich in lichte Pfade zu immer
höherer Glückseligkeit wandeln, sobald der ewige Geist Funke im
Menschen erwacht und die Panzer sprengt, die sich um sein Herz gelegt haben. Auch
Franchezzo durfte erfahren, wie sich ihm in Gestalt höherer
Geistführer stets helfende Hände entgegenstreckten die seinen guten
Willen stärkten und die Finsternis seiner Unwissenheit erhellten. Darum
bilden die Lehrgespräche des Buches für den Leser einen wertvollen
Beitrag zum Verständnis unbekannter psychischer Erscheinungen wie auch
aller elementarer Vorgänge der Äther- und Astralwelt — diesem
unbekannten Etwas, das zwar verborgen aber stetig auch in unser Erdendasein
hereinragt. Ist
somit das Buch als Ganzes durchaus positiv zu werten, sollen dennoch auch die
Grenzen aufgezeigt werden, die auch diesem medialen Erlebnisberichte gesetzt
sind. Sie sind zunächst dadurch bedingt, daß auch Franchezzo nur
die seiner Seelenwelt eingeprägten Bilder, und das sind seine
Wandersphären, zu erleben und zu schildern vermag. Zwar finden sich
darin allgemeingültige Grundwahrheiten neben individuellen
Teilerkenntnissen, doch wäre die Annahme verfehlt, es würden die
nachtodlichen Wege aller Menschen den seinigen gleichen. Sie können nur
ähnlich sein in dem Maße, als sich Ähnliches in jeder Seele
vorfindet. Indem jedoch ein jeder Menschengeist eine einmalige Prägung
besitzt, die ihn von jedem anderen unterscheidet, müssen auch die
Jenseitsführungen die gleiche Vielfalt aufweisen, die das Signum aller
Schöpfungsideen darstellt. Und damit sollen seine Wanderungen nur als
ein Musterbeispiel gelten, das freilich allen Lebenden unendlich viel
Beherzigenswertes zu bieten hat. Eine
zweite Begrenzung in diesem Berichte erblicken wir darin, daß er mit
dem Erreichen einer Teilentwicklungsstufe des Wanderers endet, die mit dem
Einzug in eine "Stadt der goldenen Pforten" gewiß erst einen
neuen Anfang bedeutet. Franchezzo gibt offen zu, von hier aus weitere
(geistige) Höhen zu erschauen, die seiner inneren Reife noch nicht
zugänglich sind. Der Grund davon ist einleuchtend: Franchezzo
erwählte sich bis dahin als geistigen Führer Ahrinziman, einen sehr
vorgeschrittenen Geist aus der Weisheitssphäre Zarathustras,
während dessen Lehramt auch er in Persien verkörpert war. Diese
religionsphilosophische Schule aus frühen Menschheitstagen wußte
noch nicht um das Christusereignis und kannte nicht die Liebelehre dessen,
der in die Welt kam, um vom Vater zu zeugen. Darum konnte Ahrinziman trotz
seiner geistigen Vervollkommnung auch im Jenseits nichts lehren von einem
persönlichen Gotteserlebnis, das ihm selber noch fremd war. Für ihn
ist Gott "das verborgene höchste Wesen, dem zu nahen keinem
geschaffenen Geiste möglich ist". Christus aber sprach:
"Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt". Vergleichen
wir daher Franchezzos bisherigen Werdegang, z.B. mit den großen
Jenseitsdarstellungen Lorbers, wie sie die Werke »Robert Blum«,
»Bischof Martin«, »Die geistige Sonne« und andere
bieten, so müssen wir feststellen: Die Entwicklung der Beteiligten in
den niederen, noch ungeläuterten Seelensphären zeigt eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Erlebnissen Franchezzos. Dann aber
erwacht in diesen Wanderern ein Suchen, das bereits eine andere Richtung
aufweist: ein wenn auch erst halbbewußtes Hinstreben zur
Gotteskindschaft. Zu einem Zustand der Vollendung in Gott, der jenen Wurzeln
entspringt, die sich schon auf Erden durch die lichte Lebenslehre Christi in
ihre Seelen gesenkt hat. Es ist geistig sonnenklar, daß damit auch ihr
Höhenweg im Jenseits noch zu anderen Himmeln führt als zu den
begrenzten Weisheitszonen Ahrinzimans. Noch
aber tritt der größte Teil aller Menschen seelisch
ungeläutert durch das Tor des Todes in die Welt von drüben ein.
Darum sollte das Schwergewicht bei Franchezzos Botschaft in seiner Mahnung
gesehen werden, in der Schule des Erden-Lebens nicht zu versagen, damit die
künftigen Wege der Menschen nicht in Sphären führen, deren Leid
und Finsternis er selbst erleben und durchkämpfen mußte. Trotz
aller Schilderungen von Nacht und Grauen ist seine Kundgabe eine
Frohbotschaft. Denn sie gibt Zeugnis von der Allgüte des Schöpfers,
dessen Führung jede Menschenseele zum Lichte leitet — immer und
überall, soferne sie es selbst will und ersehnt. Die
Dinge der Geistwelt folgen anderen Raum- und Zeitgesetzen, als sie uns hier
geläufig sind. Sie sind zudem nicht von der Starrheit der groben Materie
und verändern sich nach dem Willen, der darauf gerichtet wird. Dies ist
der Grund von dem kaleidoskopartigen Wechsel der seelischen Umwelt, wie
solcher immer wieder berichtet wird. Wer aber vermeint, Franchezzos
Erzählung von "geistigen" Städten, Landschaften und
Objekten als Phantasie belächeln zu müssen, der vergißt,
daß ein jeder Mensch schon zu Lebzeiten unablässig irdisch raum-
und zeitlose Dinge vor sich erblickt. Im Traumleben ist er selber
Schöpfer von Bildern und Handlungen, die — materiell unwirklich
— dennoch für ihn während des Traumzustandes höchste
Realität besitzen. Und vielleicht ist das ganze Erdenleben selbst nichts
als ein großer Traum, der mit dem Erwachen zu einem höheren
Bewußtseinszustand endet. Dem
blinden Materialisten, der den Geist und sein ewiges Leben leugnet, werden
auch Franchezzos Erlebnisse nichts als Schall und Rauch bedeuten. An diese
wendet sich das Buch nicht, denn ihnen fehlt noch die nötige Reife, um
Geistiges zu fassen. Vielen Suchenden aber wird es Trost und Zuversicht geben
und ihnen die Kraft verleihen, ihr Gemüt aus den Niederungen des Alltags
zu lichteren Höhen zu erheben. Und wenn es nur einen Menschen zu Gott
hinführte, hätte es schon seinen Zweck erfüllt. M. Kahir * * * DIE TAGE
DER FINSTERNIS
Kapitel 1
Ich
pilgerte durch ein fernes Land — durch Gegenden, welche bei euch auf
Erden weder Namen noch Raum haben. Nun wünsche ich, die Ergebnisse
meiner Wanderungen niederzuschreiben, damit die, deren Marschrichtung nach
jener Grenze hinweist, wissen mögen, was ihrer harrt. In
meinem irdischen Dasein lebte ich wie alle, die nur darauf ausgehen, sich den
höchsten Grad von weltlichen Genüssen zu verschaffen. Wenn
ich nicht unfreundlich war zu denen, die ich liebte, so geschah dies doch
immer mit dem Gefühl, daß sie mir zu meiner Befriedigung dienlich
sein sollten: daß ich mir von ihnen durch meine Gaben und Zuneigung
Liebe und Huldigungen erkaufen konnte, — was mir Lebensbedürfnis
war. Ich
war sowohl in körperlicher wie in geistiger Beziehung hochbegabt. Von
einer selbstaufopfernden Liebe, welche sich vollständig in der Liebe
für andere zu verlieren vermag, tauchte nie eine Ahnung in meiner Seele
auf. Unter
all den Frauen, welche ich liebte — mit einer Liebe, welche von
Erdenmenschen nur zu häufig fälschlich als Liebe bezeichnet wird,
während es doch nur Leidenschaft ist — war nicht eine, die mich
hätte das fühlen lassen, was wahre Liebe ist: das Ideal, nach dem
ich insgeheim seufzte, in jeder weiblichen Person fand ich irgend etwas, das
mich enttäuschte. Sie liebten mich, wie ich sie liebte. Die
Leidenschaft, die ich ihnen entgegenbrachte gewann mir nur das entsprechende
Gefühl auf ihrer Seite. So lebte ich dahin — unbefriedigt im
Verlangen nach etwas, das ich selbst nicht kannte. Ich
machte viele Fehler und beging viele Irrtümer. Dennoch lag mir die Welt
oft zu Füßen, um mich zu loben, mich gut, edel und begabt zu
nennen. Ich war gefeiert, umschmeichelt, der verwöhnte Liebling aller
Damen der Gesellschaft. Um zu gewinnen, hatte ich nur zu wünschen;
sobald ich aber gewonnen hatte, verwandelte sich alles in Bitterkeit. Dann
kam eine Zeit, da beging ich den verhängnisvollsten Fehler und richtete
zwei Leben zugrunde. Ich fühlte mich wie mit eisernen Ketten gefesselt,
die mich drückten und verwundeten, bis ich sie endlich zerbrach und
scheinbar als freier Mann davonging. Doch niemals wieder sollte ich wirklich
frei sein. Niemals können unsere begangenen Fehler und Irrtümer
auch nur für einen Augenblick — sei es während dieses Lebens
oder danach — aufhören, unseren Spuren zu folgen und unsere
Schwingen zu belasten, bis einer nach dem andern gesühnt und so aus
unserer Vergangenheit gelöscht wird. Als
ich endlich glaubte, alles gelernt zu haben, was Liebe lehren kann, und alles
zu kennen, was ein Weib zu geben hat, — da traf es sich, daß ich
einer Frau begegnete. Ach, wie soll ich sie nennen? Sie war mehr als ein
sterbliches Weib in meinen Augen und ich nannte sie "den guten Engel
meines Lebens". Schon
in ersten Augenblick fiel ich ihr zu Füßen und gab ihr alle Liebe
meiner Seele, meines höheren Selbst. Im Vergleich zu dem, was sie
hätte sein sollen, war meine Liebe selbstsüchtig. Aber es war
alles, was ich zu geben hatte, und ich gab es ohne Rückhalt. Zum ersten
Mal in meinem Leben dachte ich an eine andere Person mehr als an mich selbst.
Wenn ich auch nicht imstande war, mich zu solch reinen Gedanken und
Vorstellungen, die ihre Seele erfüllten, zu erheben, so danke ich doch
Gott, daß ich niemals der Versuchung nachgegeben habe, sie zu mir
herabzuziehen. So
verging die Zeit. Ich sonnte mich in ihrer Gegenwart und erstarkte in einem
heiligen Denken, von dem ich geglaubt, daß es mich für immer
verlassen hätte. Ich träumte süße Träume, in denen
ich befreit war von den Ketten meiner Vergangenheit, die mich so grausam hart
gefesselt hielten. Gerade jetzt, da ich nach höheren Dingen suchte,
fürchtete ich stets, daß ein anderer mir meine Liebste abgewinnen
könnte. Leider mußte ich anerkennen, daß ich kein Recht
hatte, sie auch nur mir einem Worte zurückzuhalten. Welche Bitterkeit
und welches Leiden durchzog in jenen Tagen meine Seele. Ich fühlte,
daß ich, der ich mich durch meinen Lebenswandel beschmutzt hatte, nicht
würdig war, sie zu berühren. Wie konnte ich es wagen, dieses
unschuldige, reine Leben an das meine zu ketten! Obgleich sie so lieb und
zärtlich zu mir war, daß ich das unschuldige Geheimnis ihrer Liebe
erraten konnte, fühlte ich doch, daß sie auf Erden niemals die
meinige sein würde. Ihre Reinheit und Aufrichtigkeit errichteten ein
Hindernis zwischen uns, das ich niemals beseitigen konnte. Ich
versuchte sie zu verlassen, doch vergebens! Wie ein Magnet zu seinem Pole, so
wurde ich zu ihr zurückgezogen, bis ich schließlich nicht mehr
gegen meine Neigung kämpfte. Ich strebte nur noch darnach, die
Glückseligkeit, welche mir ihre Gegenwart gewährte, zu genießen.
Dann, plötzlich, wie der Dieb in der Nacht kam für mich der
schreckliche Tag, an dem ich ohne Warnung, mir zuvor noch über meinen
Seelenzustand klar zu werden, unerwartet dem Leben entrissen wurde, und in
jenen Tod des Körpers versank, der uns alle erwartet. Ich
wußte nicht, daß ich gestorben war. Ich verfiel nach einigen
Stunden des Leidens und der Agonie in tiefen, traumlosen Schlaf — und
als ich erwachte, befand ich mich allein in totaler Finsternis. Ich konnte
mich erheben, mich bewegen; sicherlich, es ging mir besser. Aber, wo war ich?
Warum diese Finsternis? Ich erhob mich und tastete umher wie jemand in einem
finstern Raume, aber ich konnte kein Licht finden, keinen Ton hören.
Nichts war da als die Stille, die Finsternis des Todes. Dann
wollte ich vorwärts schreiten, um die Tür zu finden. Ich konnte
mich, wenn auch langsam und mit Mühe bewegen und tastete mich weiter.
Wie lange ich so suchte, weiß ich nicht. Es schienen mir bei der immer
größer werdenden Angst und Bangigkeit Stunden zu sein. Ich
fühlte, ich mußte irgend jemanden, irgend einen Ausgang aus diesem
Raume finden. Doch zu meiner Verzweiflung schien es, als ob ich niemals auf
eine Tür, eine Wand, überhaupt auf etwas stoßen sollte. Alles
schien Raum und Finsternis um mich her. Zuletzt,
von Furcht übermannt, schrie ich laut auf! Ich brüllte, aber keine
Stimme antwortete mir. Wieder und wieder rief ich, aber immer nur Schweigen,
kein Echo, nicht einmal das meiner eigenen Stimme kam zurück, um mich
aufzumuntern. Ich besann mich auf sie, die ich liebte, aber etwas ließ mich
davor zurückschrecken, ihren Namen hier auszusprechen. Dann dachte ich
an alle die Freunde, welche ich gekannt hatte und rief nach ihnen. Keiner
jedoch antwortete mir. War
ich im Gefängnis? Nein, ein Gefängnis hat Mauern und an diesem Orte
gab es solche nicht. War ich verrückt, wahnsinnig, oder was? Ich konnte
mich selbst, meinen Körper fühlen. Es war derselbe. Ganz
gewiß derselbe? Nein. Irgend welche Veränderung war an mir
vorgegangen. Ich konnte nicht sagen wie, aber es war mir, als ob ich
zusammengeschrumpft und entstellt wäre. Meine Gesichtszüge
schienen, wenn ich mit der Hand darüber hinwegfuhr, stärker,
gröber und sicherlich entstellt. Was
hätte ich jetzt für ein Licht, für irgend etwas gegeben, das
zu mir hätte sprechen mögen, wenn es auch das Schlimmste gewesen
wäre! Wollte niemand kommen? Und sie, mein Licht-Engel, wo weilte sie?
Bevor ich einschlief, war sie bei mir gewesen — wo befand sie sich
jetzt? Mein Gehirn fieberte und meine Kehle schien mir springen zu wollen.
Ungestüm rief ich sie beim Namen, daß sie zu mir kommen
möchte, wenn auch nur noch für ein einziges Mal. Ich hatte das
schreckliche Gefühl, als ob ich sie verloren hätte, und rief nach
ihr wie toll. Da hatte meine Stimme zum erstenmal einen Klang und tönte
zurück zu mir durch jene grauenhafte Finsternis. Weit
entfernt vor mir zeigte sich ein schwacher Schimmer von Licht, ähnlich
einem Stern. Größer und größer wurde er und kam immer
näher, bis er schließlich als ein großes Licht in
sternförmiger Gestalt vor mir erschien. In dem Stern sah ich meine
Geliebte. Ihre Augen waren wie im Schlafe geschlossen, aber ihre Arme waren
nach mir ausgestreckt und ihre liebliche Stimme sprach zu mir in Tönen,
die ich so gut kannte: "Ach mein Liebster, wo bist du jetzt? Ich kann
dich nicht sehen, ich höre nur deine Stimme; ich höre dich nach mir
rufen und meine Seele antwortet der deinen!" Ich
versuchte, mich an sie heranzudrängen, aber ich vermochte es nicht. Eine
unsichtbare Macht hielt mich zurück. Sie schien sich innerhalb eines
Kreises zu befinden, den ich nicht überschreiten konnte. In
höchster Pein sank ich zu Boden, sie bittend, mich nicht mehr zu
verlassen. Dann schien sie bewußtlos zu werden, ihr Haupt sank auf ihre
Brust und sie entschwebte mir wie von starken Armen getragen. Ich versuchte
mich zu erheben und ihr zu folgen, vermochte es aber nicht. Es war, als ob
eine schwere Kette mich zurückhielt, und nach einigen vergeblichen
Anstrengungen sank ich bewußtlos zu Boden. Als
ich wieder zu mir kam, war ich hocherfreut zu sehen, daß meine Geliebte
zu mir zurückgekehrt war. Sie stand nahe bei mir, sah diesmal so aus,
wie ich sie auf Erden gekannt hatte; nur war sie bleich und traurig und ganz
in Schwarz gekleidet. Der Stern war verschwunden und alles rings umher
finster. Doch war es keine äußerste Finsternis, denn um sie
schwebte ein schwacher, fahler Lichtschimmer, bei dessen Schein ich bemerken
konnte, daß sie weiße Blumen in den Händen trug. Sie beugte
sich über einen niederen Hügel von frischer Erde. Ich
näherte mich ihr immer mehr und gewahrte, daß sie leise weinte,
als sie die Blumen niederlegte. Sie murmelte leise: "Ach, mein Lieber,
mein Lieber! wirst du niemals wieder zu mir zurückkehren? Ist es
möglich, daß du wirklich tot und dahingegangen bist, wohin meine
Liebe dir nicht folgen kann? Mein Liebling! Ach, mein teurer Liebling! Sie
kniete nieder und ich näherte mich ihr ganz, wenn ich sie auch nicht
berühren konnte. Als ich mich ebenfalls auf die Knie niedergelassen
hatte, blickte ich nach jenem länglichen niederen Hügel. Ein
Schrecken durchschauderte mich, denn ich wußte nun endlich, daß
ich gestorben und dies mein eigenes Grab war. Kapitel 2
"Tot!
Tot!" schrie ich wild auf. Ach nein, es konnte nicht sein. Die Toten
fühlen nichts mehr; sie werden zu Staub; sie vermodern, und alles ist
aus, alles ist für sie verloren. Sie haben kein Bewußtsein mehr,
— es sei denn, daß meine ganze Lebensphilosophie falsch gewesen
ist und die Seele des Verstorbenen weiterlebt, wenn auch der Körper
zerfällt. Die
Priester unserer Kirche hatten uns zwar so gelehrt, aber ich hatte sie als
Narren, Blinde und Schelme verspottet, die nur ihres eigenen Vorteils willen
behaupteten, daß der Mensch weiterlebe und die da sagten, daß wir
in den Himmel nur durch eine Pforte gelangen könnten, zu der sie die Schlüssel
allein in Händen hätten: Schlüssel, welche nur auf die Bitte
derer in Bewegung gesetzt wurden, die zuvor gut bezahlt hatten. Nur für
Geld verstanden sich die Priester dazu, für die abgeschiedenen Seelen
Messen zu lesen. Jene Priester, welche aus eingeschüchterten Frauen und
geistesschwachen Männern Narren machten, die dann eingeschüchtert
durch grauenhafte Erzählungen von Hölle und Fegefeuer, alles
dahingeben, um ein illusorisches Vorrecht in jener Welt zu erwerben. Nach
diesen verlangte mich nicht. Ich kannte diese Priester und das Privatleben
vieler von ihnen zu genau, als daß ich ihren leeren Versprechungen von
einer Vergebung, die sie nicht gewähren konnten, hätte Glauben
schenken mögen. Ich hatte gesagt, ich wollte dem Tode wenn er käme,
ins Antlitz schauen mit dem Mute derer, die zu wissen glauben, daß er
vollständige Vernichtung bedeutet. Wenn diese Priester
unglaubwürdig waren, wem sollte man dann glauben? Wer konnte uns dann
sagen, ob es eine Zukunft nach dem Tode, ob es überhaupt einen Gott
gäbe? Nicht die Lebendigen, denn sie glaubten und mutmaßten nur.
Auch nicht die Toten, denn keiner von ihnen kam je zurück, um uns
Berichte aus dem Jenseits zu bringen. Und nun stand ich neben meinem eigenen
Grabe und sah, wie meine Geliebte Blumen darauf streute, und hörte,
daß sie mich als tot beweinte. Als
ich auf jenen Erdhügel näher hinsah, wurde er vor meinen Augen
durchsichtig, und ich erblickte unten einen Sarg mit meinem Namen und dem
Datum meines Todes. Darin liegend, sah ich die weiße, stille Gestalt,
die ich als meine erkannte. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß
dieser Körper bereits begonnen hatte, zu zerfallen, und für das
Auge ein ekelhafter Anblick geworden war. Seine Schönheit war dahin,
seine Gesichtszüge würde bald niemand mehr erkennen. Und ich stand
da, bewußt herabschauend auf ihn und dann auf mich selbst! Ich
fühlte jedes Glied, folgte mit den Händen jedem vertrauten Zuge
meines Gesichts und wußte, daß ich gestorben war und dennoch
lebte. Der Tote lebte — aber wo und in welchem Zustande? War diese Finsternis
die Hölle? Für mich würden sie keinen anderen Ort gefunden
haben. Ich war so verloren, stand so außerhalb des Schoßes der
Kirche, daß sie für mich nicht einmal im Fegefeuer einen Platz
gefunden hätten. Ich
hatte alle Bande zu ihrer Kirche gelöst. Ich hatte sie verachtet in der
Annahme, daß eine Kirche, die das schändliche und ehrgeizige
Treiben ihrer höchsten Würdenträger kannte und duldete, kein
Anrecht darauf habe sich geistige Führerin zu nennen. Wohl gab es gute
Menschen in der Kirche, aber es war auch eine Menge
schändlich-schlechter vorhanden, deren Leben dem allgemeinen
Gespötte diente. Doch die Kirche, die von sich behauptete, das Vorbild
für alle Menschen zu sein und alle Wahrheit zu besitzen, stieß
jene unsauberen Elemente nicht aus. Nein, sie beförderte diese sogar zu
den höchsten Ehrenstellen. Niemanden,
der in meinem Geburtslande gelebt und den schrecklichen Mißbrauch der
Kirchenmacht beobachtet hat, wird es Wunder nehmen, daß das Volk
schließlich ein solches Joch abzuschütteln trachtete. So hatte
auch ich die Kirche verachtet, und wenn ihre Flüche eine Seele zur
Hölle senden konnten, so befand ich mich sicherlich darin. Als
ich so nachsann, blickte ich wieder auf meine Geliebte, und ich meinte, sie
hätte wohl niemals in die Hölle kommen können, wenn auch nur
zu dem Zwecke, um nach mir zu sehen. Sie erschien mir auch als Sterbliche,
und wenn sie dort auf meinem Grabe kniete, mußte sie sicher noch auf
der Erde weilen. Verlassen denn die Verstorbenen die Erde überhaupt nicht,
sondern bleiben in der Nähe des Schauplatzes ihres irdischen Daseins?
— Während solche und ähnliche Gedanken mir in den Sinn kamen,
suchte ich ihr, die ich so sehr liebte, näher zu kommen; ich fand aber,
daß es mir nicht möglich war. Eine unsichtbare Schranke schien sie
zu umgeben und mich zurückzuhalten. Auf beiden Seiten von ihr konnte ich
mich nach Belieben bewegen, nur sie zu berühren war ich nicht imstande.
Alle meine Anstrengungen nach dieser Richtung hin waren vergebens. Dann
redete ich und nannte sie bei ihrem Namen. Ich erzählte ihr, daß
ich da sei, noch bei Bewußtsein und noch derselbe, obgleich ich
gestorben wäre. Sie jedoch schien mich weder zu hören noch zu
sehen. Sie weinte traurig und leise und berührte zärtlich die Blumen,
indem sie vor sich hin sprach: daß ich Blumen so sehr geliebt
hätte und ich sicherlich wissen würde, daß sie diese für
mich niedergelegt habe. Wieder und immer wieder sprach ich zu ihr, so laut
ich konnte, aber sie war für meine Stimme taub. Nur unruhig wurde sie
und strich mit der Hand über die Stirn wie im Traume; dann ging sie
langsam und traurig hinweg. Mit
aller Gewalt suchte ich ihr zu folgen. Vergebens! Ich konnte mich nur wenige
Schritte von meinem Grabe und meinem Körper entfernen und bemerkte auch,
weshalb. Eine Kette wie von schwarzem Seidenfaden, nicht dicker als ein
Spinngewebe, hielt mich an meinem Körper fest. Es gelang mir nicht,
diesen Faden zu zerreißen. Sobald ich mich bewegte, dehnte er sich wie
Gummi, aber immer zog er mich wieder zurück. Was aber das Schlimmste
war: ich begann jetzt zu fühlen, daß die Verwesung des
zerfallenden Körpers meinen Geist angriff, — wie ein irdischer
Körperteil, der vergiftet ist, den ganzen Körper in Mitleidenschaft
zieht. Ein neuer Schrecken befiel damit meine Seele. Da
sprach die Stimme irgend eines erhabenen Wesens in der Finsternis zu mir:
"Du liebst jenen Körper mehr als deine Seele. Gib nun acht, wie er
in Staub zerfällt, und erkenne, für was du so sehr sorgtest und
woran du so sehr hingst. Erkenne, wie vergänglich er war, wie wertlos er
geworden ist; und dann blicke auf deinen geistigen Körper und siehe, wie
sehr du ihn ausgehungert, gefesselt und vernachlässigt hast zugunsten
der Genüsse des irdischen Leibes. Sieh, wie ärmlich,
abstoßend und verunstaltet ist nun deine Seele, die doch unsterblich,
göttlich und ewig dauernd ist, durch dein irdisches Leben geworden! Ich
betrachtete mich nun selbst. Wie in einem Spiegel, der mir vorgehalten wurde,
sah ich mich. O Schrecken! Es war kein Zweifel, das war ich selbst. Aber wie
schrecklich verändert erschien ich mir, so gemein, so voll von
Niedrigkeit, so abstoßend in jedem Zuge. Selbst meine Gestalt war
entstellt. Ich prallte vor meiner Erscheinung entsetzt zurück und
wünschte, daß die Erde sich unter meinen Füßen
öffnen und mich für immer vor aller Augen verbergen möchte.
Niemals mehr wollte ich nach meiner Liebe rufen und wünschen, daß
sie mich sehen solle. Weit besser, daß sie an mich dachte als an einen
Toten, der für immer von ihr gegangen ist. Besser, daß sie mich
nur so im Gedächtnis behielt, wie ich im irdischen Dasein gewesen war,
als daß sie jemals meine schreckliche Verwandlung erführe, und was
für ein scheußliches Ding mein wirkliches Selbst war. Meine
Verzweiflung, meine Qual waren unbeschreiblich. Ich schrie wild auf, schlug
mich selbst und raufte mein Haar in ungestümem Entsetzen über mich
selbst. Dann erschöpfte mich meine Leidenschaft und ich brach noch
einmal gefühl- und bewußtlos zusammen. Wieder
erwachte ich, und wieder war es die Gegenwart meiner Liebe, die mich
erweckte. Sie richtete leise, zärtliche Worte an mich, als sie Blumen
auf mein Grab niederlegte. Aber jetzt suchte ich nicht, mich ihr sichtbar zu
machen, sondern zog mich zurück, um mich zu verbergen. Mein Herz wurde
hart, selbst ihr gegenüber. Ich sagte zu mir: "Lieber mag sie um
den, der von ihr gegangen ist klagen, als wissen, daß er noch lebt. So
ließ ich sie gehen. Kaum hatte sie sich jedoch entfernt, als ich ihr
wie wahnsinnig nachrief, sie möchte zurückkommen. Sie möchte
doch auf irgend eine Weise von meiner schrecklichen Lage Kenntnis nehmen und
mich nicht an diesem Orte allein lassen. Sie hörte mich nicht, aber sie
fühlte meinen Ruf, und ich sah, wie sie in einiger Entfernung Halt
machte und sich wie zur Rückkehr halb umwandte. Dann ging sie wieder
weiter und verließ mich. Noch
zwei- oder dreimal besuchte sie mich. Jedesmal, wenn sie kam, empfand ich bei
ihrer Annäherung denselben Schauer und hatte bei ihrem Weggange dasselbe
Gefühl der Verlassenheit. Ich suchte sie zurückzuholen und sie in
meiner Nähe festzuhalten. Aber jetzt rief ich nicht mehr nach ihr. Ich
wußte nun, daß die Toten vergebens rufen, denn die Lebenden
hören sie nicht. Ich war für die ganze Welt tot und nur für
mich und mein schreckliches Schicksal war ich am Leben. Ach, nun wußte
ich es, der Tod ist kein endloser Schlaf, kein ruhiges Vergessen! Und in
meiner Verzweiflung betete ich, daß mir vollständiges Vergessen
gewährt werden möge. Doch ich wußte, daß es niemals so
sein würde, denn der Mensch ist eine lebendige Seele und lebt, sei es
zum Guten oder Bösen, zum Wohl oder Wehe ewig weiter. Seine irdische
Form zerfällt und wird zu Staub, aber der Geist, welcher der wahre
Mensch ist, kennt keinen Zerfall und kein Vergessen. Tag
für Tag — ich fühlte nämlich, daß Tage an mir
vorübergingen — erwachte mein Geist mehr und mehr, und ich sah die
Ereignisse meines Lebens immer klarer in langer Reihenfolge vor mir
dahinziehen. Zuerst dumpf, dann allmählich immer deutlicher und heller.
Und in angstvollem, hoffnungslosem Schrecken beugte ich mein Haupt. Denn ich
empfand, daß es jetzt zu spät sein mußte, um auch nur eine
Tat ungeschehen machen zu können. Kapitel 3
Ich
weiß nicht, wie lange dieser Zustand andauerte; es schien mir eine
lange, lange Zeit zu sein. In Hoffnungslosigkeit versunken saß ich da,
als ich die liebliche, sanfte Stimme meiner Geliebten hörte. Ich
fühlte mich angetrieben, aufzustehen und der Stimme zu folgen, bis sie
mich zu ihr geführt haben würde. Indem ich mich zum Gehen
anschickte, schien der Faden, welcher mich so fest gehalten hatte, sich zu
dehnen und zu strecken, bis ich seinen Widerstand kaum noch spürte,
immer weiter wurde ich gezogen und schließlich befand ich mich in einem
Zimmer, welches ich trotz der um mich herrschenden Dunkelheit sehen konnte.
Es war das Heim meiner Geliebten, jener Raum, in welchem ich so manche
friedevolle, glückliche Stunde verbracht hatte, als ich noch nicht durch
diesen schrecklichen Abgrund von ihr getrennt war. Sie saß an einem
kleinen Tisch mit einem Bogen Papier vor sich und einem Bleistift in der
Hand. Meinen Namen wiederholt rufend, sagte sie: "Liebster
Freund, wenn die Toten je zurückehren, so komme zu mir und versuche, ob
du mich nicht einige Worte schreiben lassen kannst, wenn auch nur
»ja« oder »nein« als Antwort auf meine Frage" Es
war das erstemal, seit ich gestorben war, daß ich ein schwaches
Lächeln auf ihren Lippen und einen Blick von Hoffnung in jenen Augen
sah, die durch den Schmerz um mich so traurig geworden waren. Das liebe,
kummervolle Gesicht schaute so bleich und wehmütig drein, und ich
fühlte die Innigkeit der Liebe, die sie mir schenkte und auf die ich
doch jetzt weniger denn je Anspruch erheben durfte. Dann
sah ich drei andere Gestalten neben ihr, die ich als Geister erkannte, jedoch
ganz unähnlich mir selbst. Diese Geister erschienen glänzend,
strahlend, so daß ich ihren Anblick nicht ertragen konnte. Meine Augen
brannten wie Feuer. Der eine war ein Mann, groß, ruhig, von
würdevollem Aussehen. Er beugte sich über sie, um sie zu schirmen,
wie es wohl ihr Schutzengel getan haben würde. Neben ihr standen zwei
hübsche junge Männer. In ihnen erkannte ich plötzlich ihre
Brüder, von denen sie mir oft erzählt hatte und die schon gestorben
waren, als die Jugend ihnen noch mit all ihren Freuden winkte. Im Herzen
meines Lieblings lebten sie nun als Engel. Ich schrak zurück, denn ich
fühlte, daß sie mich sahen, und ich suchte mein entstelltes
Gesicht und meine Gestalt mit dem schwarzen Mantel, den ich trug, zu
bedecken. Dann erwachte mein Stolz und ich sagte: "Hat nicht sie selbst
mich gerufen? Ich bin gekommen, und nun soll sie Richterin über meine
Zukunft sein! Steht es denn so fest, daß kein Leid, keine Reue, wenn
auch noch so tief, keine Tat, wenn auch noch so groß, keine Arbeit,
wenn auch noch so hart, meine Schuld sühnen kann? Gibt es jenseits des Grabes
wirklich keine Hoffnung?" Und
eine Stimme — die Stimme, welche ich früher an meinem Grabe
gehört hatte — antwortete mir: "Sohn des Leids, gibt es auf
Erden keine Hoffnung für die, welche sündigen? Vergibt nicht sogar
der Mensch dem Sünder, der ihm Unrecht getan hat, wenn dieser bereut und
um Verzeihung bittet? Sollte da Gott weniger gnädig, weniger gerecht
sein? Empfindest du jetzt wirkliche Reue? Suche in deinem Herzen, ob du um
dich selbst, oder um jene in Sorge bist, die du gekränkt hast." Als
er sprach, wußte ich, daß ich nicht ernstlich bereute. Ich litt
nur; ich liebte und begehrte nur. Dann sprach meine Geliebte wieder und bat
mich: Wenn ich da sei und sie hören könne, so möchte ich doch
versuchen, nur ein Wort durch ihre Hand zu schreiben, damit sie wisse, ob ich
noch lebe und ihrer gedächte. Das
Herz schien mir in die Kehle zu steigen und mich zu würgen. Ich
näherte mich ihr, um zu versuchen, ob ich nicht ihre Hand bewegen, oder
sie wenigstens berühren könnte. Aber der große Geist trat
zwischen uns, und ich war genötigt zurückzuweichen. Dann sprach er:
"Gib mir an, was du sagen willst, und ich werde es durch ihre Hand
niederschreiben lassen. Ich will dies in ihrem Interesse und um der Liebe
willen tun, die sie für dich hegt." Freudige
Bewegung überkam mich bei diesen Worten des Geistes, und ich wollte
seine Hand nehmen, um sie zu küssen. Ich vermochte es aber nicht zu tun,
meine Hand schien sich an seinem Feuerglanze zu versengen. Ich beugte, mich
nur vor ihm, denn ich glaubte, er müsse ein Engel sein. Mein
Liebling sprach nun noch einmal und fragte: "Bist du hier, mein lieber
Freund?" Ich
antwortete "ja", und sah dann, wie der Geist seine Hand auf sie
legte. Nachdem dies geschehen, schrieb ihre Hand das Wort »Ja«.
Langsam und unsicher bewegte sie sich, wie wenn ein Kind schreiben lernt.
Ach, wie glücklich lächelte sie! Wieder
stellte sie eine Frage an mich und wie zuvor schrieb ihre Hand meine Antwort.
Sie fragte mich, ob sie irgend etwas für mich tun könne, ob ich
einen Wunsch hätte, den sie zu erfüllen imstande sei. "Nein",
sagte ich, "nicht jetzt". Ich würde nun weggehen und sie nicht
mehr mit meiner Gegenwart belästigen. Sie solle mich zu vergessen
suchen. Als
ich sprach, war mein Herz verwundet und mit Bitterkeit angefüllt. Wie
angenehm berührte es daher meine Seele, als sie sagte: "Sprich
nicht so zu mir, denn ich möchte stets deine treueste, liebste Freundin
sein wie in der Vergangenheit. Seit du starbst ist es mein einziges Bestreben
gewesen, dich zu finden und wieder mit dir zu sprechen." Ich
rief: "Das war auch mein innigster Wunsch." Hierauf
fragte sie, ob ich wieder zu ihr kommen wolle, und ich sagte zu. Denn wohin
wäre ich nicht für sie gegangen! Dann sagte der strahlende Geist,
es sei nun genug für diesen Abend. Er ließ dies ebenfalls ihre
Hand schreiben und forderte sie auf, zur Ruhe zu gehen. Ich
fühlte mich nun wieder zum Grabe und zu meinem irdischen Körper auf
dem dunklen Friedhof hingezogen, jedoch nicht mit demselben elenden
Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Es war nun ein Funke von Hoffnung in
meinem Herzen, ich würde sie wiedersehen und wieder mit ihr sprechen. Nun
fand ich aber, daß ich nicht allein war. Jene beiden Geister, ihre
Brüder, waren mir gefolgt und redeten jetzt. Ich werde nicht alles
niederschreiben, was sie sagten. Es genüge zu wissen, daß sie mir
klar machten, wie weit der Abstand zwischen ihrer Schwester und mir selbst
sei, und daß sie mich fragten, ob ich ihr ganzes junges Leben durch
meine dunkle Gegenwart überschatten wolle. Verließe ich sie jetzt,
so würde sie mich mit der Zeit vergessen und sich meiner nur als eines
lieben Freundes erinnern. Wenn ich sie wirklich liebte, würde ich
sicherlich nicht wünschen, ihr ganzes junges Leben um meinetwillen
einsam und trostlos zu machen. Ich
erwiderte, daß ich sie liebe und sie niemals verlassen könne und
der Gedanke, daß ein anderer sie eben so sehr lieben könnte wie
ich, mir unerträglich sei. Da
sprachen sie von meiner Vergangenheit und fragten, ob ich daran zu denken
wagte, mich mit ihrem reinen Leben auch nur auf die mystische Weise verbinden
zu können, wie ich es zu tun hoffte. Wie dürfte ich erwarten, ihr
nach ihrem Tode anzugehören? Sie sei einer reinen Sphäre zugeteilt,
zu welcher aufzusteigen es für mich lange Zeit keine Hoffnung gäbe.
Wäre es nicht besser für sie und eine edlere Liebe von mir, wenn
ich sie verließe, damit sie mich vergessen und die Glückseligkeit
finden könne, die ihr in diesem Leben beschieden sei? Zaghaft
wandte ich ein, sie liebe mich doch. — "Ja", antworteten sie,
"sie liebt dich so, wie sie dein Bild in ihrem Herzen trägt und es
in ihrer Unschuld idealisiert hat. Glaubst du aber, daß sie dich noch
lieben würde, wenn sie deine ganze Vergangenheit kennte?
Müßte sie nicht entsetzt vor dir zurückweichen? Sage ihr die
Wahrheit, lasse sie zwischen dir und ihrer Freiheit wählen, und du wirst
eine treuere Liebe bewiesen haben, als wenn du sie täuschest und sie an
dein Wesen zu fesseln suchst. Wenn du sie wirklich liebst, so denke an sie
und ihr Glück, aber nicht an dich allein." Da
erstarb die Hoffnung in mir. In Scham und höchster Pein beugte ich mein
Haupt zur Erde, denn ich erkannte, wie gemein und wenig reif ich für sie
war. Wie in einem Spiegel sah ich nun, wie sich ihr Leben, befreit von dem
meinigen, noch gestalten möchte. Sie konnte nur mit einem Würdigeren
glücklich sein, als ich es war, da ich sie durch meine Liebe nur mit mir
herab ins Elend gezogen hätte. Zum erstenmal in meinem Leben stellte ich
das Glück eines anderen über mein eigenes. Da ich sie so sehr
liebte und sie glücklich wissen wollte, sagte ich zu den beiden:
"Mag es denn so sein. Sagt ihr die Wahrheit und lasset sie nur ein
einziges liebes Wort als Lebewohl zu mir sprechen. Ich werde dann von ihr
gehen und ihr Leben nicht mehr durch den Schatten des meinigen
verdunkeln." So
kehrten wir zu ihr zurück, und ich sah, wie sie schlief, erschöpft
von der Sorge um mich. Ich bat, sie möchten mir erlauben, ihr einen
Kuß zu geben, den ersten und letzten, den ich ihr jemals geben
würde. Sie verweigerten es jedoch: es sei unmöglich, da durch meine
Berührung der Faden, der sie noch am Leben hielte, für immer
zerreißen würde. Nachdem
sie von ihnen geweckt worden war, ließen die Beiden sie ihre
Mitteilungen wie zuvor niederschreiben. Ich stand dabei und hörte zu,
wie sie durch ihre Worte, die sich wie Stacheln in meine Seele bohrten, meine
letzte Hoffnung für immer vernichteten. Sie schrieb wie im Traume
weiter, bis schließlich die ganze schmachvolle Geschichte meines Lebens
berichtet war, und ich selbst nur noch zu erklären hatte, daß
alles zwischen uns zu Ende und sie von meiner sündigen Gegenwart und
meiner selbstsüchtigen Liebe befreit sei. Ich sagte ihr Lebewohl. Wie
wenn Blutstropfen sich von meinem Herzen losrängen, so wirkten jene
Worte auf mich, und wie Eis fielen sie auf ihre Seele. Dann wandte ich mich
um und verließ sie — wie, weiß ich nicht. Doch als ich
ging, fühlte ich, daß das Band, das mich an das Grab und meinen
irdischen Körper fesselte, riß. Ich war frei, — frei, um in
meiner Trostlosigkeit einsam zu wandern, wohin es mir beliebte. Was
geschah nun? Ach! Tränen der Dankbarkeit stehen wieder in meinen Augen.
Indem ich versuche, das nun Folgende zu schildern, breche ich fast zusammen:
denn von ihr, die wir für so schwach gehalten, daß wir für
sie entscheiden zu müssen glaubten, wurde ich mit der Allgewalt einer
Liebe zurückgerufen, der sich niemand zu widersetzen wagte. Sie
könne, sagte sie, mich niemals aufgeben, so lange ich sie liebe.
"Mag deine Vergangenheit sein, wie sie will; magst du jetzt sinken
selbst bis in den tiefsten Abgrund der Hölle — ich werde nicht
aufhören, dich zu lieben und zu versuchen, dir zu folgen. Ich werde das
Recht der Liebe fordern, werde dir beistehen, dich trösten und
ermuntern, bis Gott in seiner Gnade deine Vergangenheit verziehen und dich
wieder erhöht haben wird." Da
brach ich zusammen und weinte, wie ein starker, stolzer Mann, dessen Herz
gemartert und verhärtet war, nur weinen kann, bis die sanfte
Berührung einer lieben Hand den Tränen Einhalt gebot. So kehrte ich
zu meiner Liebe zurück und kniete ihr zur Seite nieder; sie zu
berühren erlaubte man mir nicht. Aber jener ruhige, schöne Geist,
der sie schützte, bedeutete ihr, daß ihr Gebet erhört sei und
daß sie in der Tat mich zum Licht zurückführen sollte. Ich
verließ nun meinen Liebling. Als ich mich entfernte, sah ich die
Gestalt eines lichten Engels über ihr schweben, um sie zu stärken
und zu trösten — sie, die ihrerseits mein Lichtengel war. In
Begleitung jener Geister ging ich hinweg und machte mich auf, um zu wandern,
bis ihre Stimme mich wieder an ihre Seite zurückrufen würde. Nach
dem kurzen Schlaf, in den sie von jenen reinen Geistern versetzt worden war,
erwachte mein Liebling am nächsten Morgen. Von Unruhe getrieben ging sie
einen lieben, guten Menschen besuchen, den sie ausfindig gemacht hatte, im Bemühen,
einen Weg zu entdecken, um mit mir selbst über das Grab hinaus in
Verbindung treten zu können. Wenn
das, was ihr von den sogenannten Spiritualisten berichtet wurde, keine
Täuschung war, so hoffte sie, durch deren Hilfe wieder mit mir verkehren
zu können. Geleitet von denen, die über sie wachten, hatte sie
diesen Mann gefunden; er war ein bekanntes Heilmedium. Durch ihn erfuhr sie,
daß es ihr selbst möglich sein würde, Botschaften von dem
angeblich Toten zu empfangen, wenn sie es fortgesetzt versuchen würde. Dies
erfuhr ich erst später. Damals fühlte ich mich durch sie nur
aufgefordert zu kommen. Gehorsam ihrem Rufe, fand ich mich bald, wie ich nur
undeutlich unterscheiden konnte, in einem kleinen Zimmer stehen. Für
mich war da alles noch dunkel, mit Ausnahme der Stellen, wo das
sternengleiche Licht um meine Liebste herum ihre Umgebung schwach
beleuchtete. Ich befand mich bei jenem guten Menschen, zu dem sie gegangen
war, und ihre Stimme war es, die mich angezogen hatte. Sie erzählte ihm,
was in der letzten Nacht geschehen war; wie sehr sie mich liebe und wie gern
sie ihr ganzes Leben hingeben wollte, wenn sie nur mir dadurch helfen
könne. Jener Mann sprach nun so liebe Worte zu ihr, daß ich ihm
von ganzem Herzen noch jetzt dafür danke, denn er machte mich so
hoffnungsfroh. Meinen Liebling wies er darauf hin, daß die Bande des
irdischen Körpers bei seinem Tode gebrochen werden; und daß ich
frei sei, sie zu lieben, wie auch sie selbst dieses erwiedern
dürfe, ihre Liebe verleihe mir mehr Trost und Hoffnung als alles andere,
auch erleichtere sie mir den Weg zur Sühne. Meine Liebe zu ihr sei eine
reine und echte Neigung gewesen, und die ihrige zu mir sei stärker als
selbst der Tod, dessen Schranken sie überwunden habe. Dieser
Mann gab mir Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und ihr viele Dinge zu
erklären, die ich ihr in der Nacht vorher, als mein Herz noch wund und
voller Stolz war, nicht hätte erklären können. Durch seine
Vermittlung wurde es mir möglich, all das vorzubringen, was meine
Vergangenheit zu entschuldigen geeignet war. Er ließ mich ihr sagen,
daß ich trotz des Bösen, das ich begangen, sie mit einer Liebe
geliebt habe, die ich für keine andere Person empfunden hätte. Er
beruhigte und stärkte sie, und ich war ihm dankbar für seine
Güte. Mit frohen Hoffnungen im Herzen verließen wir ihn
schließlich und ich begleitete ihren Weg nach Hause. Dort
angelangt, bemerkte ich, daß eine neue Schränke errichtet worden
war von jenen beiden Geisterbrüdern und anderen, die sie lieb hatten.
Eine unsichtbare Mauer, die ich nicht durchdringen konnte, umgab sie. Wenn
ich ihr auch zu folgen vermochte, so war ich doch nicht imstande, mich ihr
ganz zu nähern. Da beschloß ich, zu dem lieben Manne
zurückzugehen und zu sehen, ob er mir nicht helfen könne. Mein
Wunsch schien mich zurückzuführen, denn bald befand ich mich wieder
bei ihm. Plötzlich wurde er sich meiner Gegenwart bewußt, und
— wie seltsam — ich bemerkte, daß er viel von dem, was ich
zu ihm sprach, verstehen konnte. Er begriff den Sinn dessen, was ich zu sagen
wünschte und er zählte mir mancherlei, was mich allein betraf. Er
versicherte mir, daß sich alles zum Guten wenden werde, wenn ich nur
Geduld haben wollte. Die geistige Schranke, welche ihre Verwandten um meine
Liebe errichten, würde jederzeit von ihr durchbrochen werden, nichts
könne mich von ihrer Liebe ausschließen, keine Mauer sei hierzu
imstande. Ich sollte nun versuchen, die geistigen Dinge zu verstehen, und
arbeiten, um mich vorwärts zu bringen, dann würde der Abstand
zwischen meiner Liebe und mir immer kleiner werden und schließlich ganz
verschwinden. Getröstet
verließ ich endlich meinen Freund und wanderte wieder weiter, —
wohin, weiß ich nicht. — — — Ich
begann mir nun dumpf bewußt zu werden, daß in meiner Nähe
noch andere, mir ähnliche Wesen in der Dunkelheit herumwanderten,
obgleich ich sie kaum wahrnehmen konnte. So einsam und verlassen fühlte
ich mich, daß ich daran dachte, wieder zu meinem Grabe, dem mir bisher
vertrautesten Orte, zurückzukehren. Dieser Gedanke schien mich hinwegzuführen,
denn bald befand ich mich wieder an dieser Stelle. Die Blumen, welche meine
Liebste gebracht hatte, waren jetzt verwelkt. Sie war zwei Tage nicht an
meinem Grabe gewesen. Seit sie mit mir gesprochen hatte, schien sie den in
der Erde ruhenden Körper vergessen zu haben. Das war gut für mich,
aber auch gut für sie, den Leichnam zu vergessen und nur noch an den
lebendigen Geist zu denken. Aber
auch diese welken Blüten sprachen von ihrer Liebe. Ich versuchte eine
weiße Rose aufzuheben, um sie mit mir zu nehmen. Es gelang mir jedoch
nicht, sie auch nur im mindesten zu bewegen. Meine Hand fuhr durch sie
hindurch, als ob sie nur da Spiegelbild einer Rose wäre. Am Kopfende des
Grabes, wo ein weißes Marmorkreuz stand, bemerkte ich die Namen der
beiden Brüder meiner Geliebten. Da erkannte ich, was sie in ihrer Liebe
für mich getan hatte: neben die, welche ihr von allen am teuersten
waren, hatte sie meinen Körper zur Ruhe betten lassen! Mein Herz war
gerührt und meine Tränen fielen wie Tau auf mein Herz und schmolzen
seine Bitterkeit hinweg. Ich
fühlte mich so einsam, daß ich mich erhob und mich wieder unter
die schwarzen, wandernden Schatten mischte. Nur wenige von denen wandten
sich, um nach mir zu schauen. Vielleicht konnten sie gleich mir kaum sehen.
Plötzlich jedoch gingen drei dunkle Gestalten, die zwei Frauen und ein
Mann zu sein schienen, an mir vorüber, kehrten dann um und folgten mir.
Der Mann berührte meinen Arm und sagte: "Weshalb bist du gebunden?
Du bist sicherlich erst kürzlich auf diese Welt herübergekommen,
sonst würdest du nicht so davoneilen. Hier hat es keine Eile, denn wir
alle wissen, daß wir eine Ewigkeit vor uns haben, um darin zu
wandern." Dann lachte er kalt und rauh auf in einem Tone, der mich
schaudern ließ. Die
eine der Frauen nahm meinen linken, die andere meinen rechten Arm und
sprachen; "Komm mit uns und wir wollen dir zeigen, wie du das Leben
genießen kannst, obgleich du tot bist! Haben wir auch keine eigenen
Körper mehr, um uns durch sie selbst zu erfreuen, so wollen wir uns
solche für kurze Zeit von einigen Sterblichen borgen. Komm mit, und wir
werden dir beweisen, daß noch nicht alle Freuden für uns zu Ende
sind. In
meiner Verlassenheit war ich froh, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich
sprechen konnte. Obgleich alle drei, die Frauen meines Erachtens mehr noch
als der Mann, äußerst abstoßend aussahen, war ich geneigt,
ihre Begleitung anzunehmen und abzuwarten, was sich ereignen würde. Ich
hatte eben Kehrt gemacht, um mich ihnen anzuschließen. Da gewahrte ich
in weiter Entfernung, gleich einem am schwarzen Himmel beleuchteten Bilde,
die geistige Gestalt meiner reinen, süßen Liebsten im dunklen
Raume. Ihre Augen waren wie bei meiner ersten Vision geschlossen und wie
damals waren ihre Arme nach mir ausgestreckt. Nun klang ihre Stimme wie ein
Ruf vom Himmel in meinen Ohren, als sie sprach: "Oh, gib acht, gib acht!
Gehe nicht mit ihnen; sie sind nicht gut und ihr Weg kann nur zur Vernichtung
führen!" Dann war die Vision verschwunden, und wie aus einem Traume
erwachend schüttelte ich diese drei Personen von mir ab und eilte wieder
davon in die Finsternis. Wie lange und wie weit ich wanderte, weiß ich
nicht. Davonjagend suchte ich Erinnerungen, die mich belästigten, los zu
werden. Und es schien, als ob mir zur Wanderung der ganze Weltenraum zur Verfügung
stände. Schließlich
ließ ich mich auf den Boden nieder, um mich auszuruhen. Dieser schien
nämlich fest genug zu sein, um darauf rasten zu können.
Während ich so dasaß, sah ich durch die Finsternis ein Licht
schimmern. Ich ging darauf zu und sah aus einem Zimmer, das ich unterscheiden
konnte, eine große Flutwelle von Licht ausstrahlen. Davon wurden meine
Augen geblendet und schmerzten mich so, als ob ich auf Erden in die
Mittagssonne geschaut hätte. Ich
konnte das Licht nicht ertragen und wollte eben wegeilen, als eine Stimme
sprach: "Halt, müder Wanderer! Hier sind liebevolle Herzen und
helfende Hände für dich zugegen. Willst du dein Lieb sehen, so
komme herein, denn sie ist hier und du kannst mit ihr sprechen." Dann
fühlte ich — denn zu sehen war mir nicht möglich — wie
eine Hand mir den Mantel über den Kopf zog, um den Glanz des Lichtes
abzuschließen, und mich in das Zimmer geleitete, wo ich mich in einem
großen Sessel niedersetzte. In diesem Zimmer herrschte ein solcher
Friede, daß ich glaubte, ich hätte den Weg zum Himmel gefunden. Nach
einer Weile schaute ich auf und erblickte zwei edle, liebe Frauen, die mir
wie Engel erschienen. Ich dachte bei mir selbst, ich sei gewiß dem
Himmel nahe gekommen. Wieder schaute ich auf, und diesmal schienen meine
Augen gestärkt zu sein: neben jenen schönen, guten Frauen sah ich
zu meiner Freude meinen Liebling selbst, traurig, aber zärtlich nach
jener Stelle hin lächelnd, wo ich saß. Ich wußte, daß
sie mich nicht wirklich sehen konnte. Eine der Frauen jedoch beschrieb mich
meiner Liebsten mit ruhiger Stimme. Sie schien davon befriedigt und
erzählte diesen Frauen, welch merkwürdige Erfahrung sie gemacht
habe und wie ihr diese als ein seltsamer Traum vorgekommen sei. Ich
versuchte nun zu rufen und ihr zu erklären, daß ich wirklich
zugegen sei, daß ich noch lebe, sie noch liebe und auf ihre Gegenliebe
vertraue. Aber ich konnte mich nicht bewegen; irgendein Bann lag auf mir.
Irgendeine Macht, die ich dumpf fühlte, hielt mich zurück. Dann
sprachen jene liebenswerten Frauen, und ich wußte nun, daß sie
keine Engel waren. Denn beide befanden sich noch im irdischen Körper,
und mein Lieb konnte sie sehen und mit ihnen reden. Sie sprachen viel von der
Hoffnung, welche es für Sünder meinesgleichen gibt. Die Stimme,
welche mich zum Eintreten aufgefordert hatte, fragte nun, ob ich
wünsche, daß eine der Damen eine Botschaft für mich schreibe. "Ja",
rief ich aus, "tausendmal ja!" Dann
veranlaßte der Geist die Frau zu schreiben. Ich sagte meiner Geliebten,
daß ich noch lebe und sie noch liebe. Ich bat sie, niemals
aufzuhören, an mich zu denken, denn ich bedürfe ihrer ganzen Liebe
und Hilfe, um mich aufrecht zu erhalten. Für sie sei ich immer derselbe,
wenn ich auch jetzt schwach und hilflos sei und mich ihr nicht sichtbar
machen könne. Darnach erwiderte sie meine Rede mit Worten, die ich nicht
nieder schreiben kann; sie sind mir zu heilig und werden für immer in
meinem Herzen ruhen. — — — Die
Zeit nach dieser Unterredung war für mich die eines tiefen Schlafes. Als
ich jenes Zimmer verlassen hatte und eine kurze Strecke gewandert war, war
ich so erschöpft, daß ich in traumloser Bewußtlosigkeit zu
Boden sank. Was lag mir daran, wo ich ruhte, da doch alles um mich herum
finster war? Wie
lange mein Schlaf andauerte, weiß ich nicht. Damals hatte ich kein anderes
Mittel, die Zeit zu berechnen, als die Summe des Leides und des Elendes,
durch welches ich hindurch mußte. Aus dem tiefen Schlummer erwachte ich
einigermaßen erfrischt und alle meine Sinne erschienen mir
kräftiger als zu vor. Ich konnte mich rascher bewegen; meine Glieder
kamen mir stärker und freier vor, und ich empfand jetzt ein Verlangen
nach Nahrung, das mir bisher unbekannt gewesen war. Das Verlangen wurde
nachgerade so groß, daß ich auf die Suche nach etwas
Genießbarem ging. Ich entdeckte schließlich etwas, das wie
hartes, trockenes Brot aussah. Es waren nur wenige Krusten, aber ich aß
sie mit Appetit und fühlte mich hierauf befriedigt. Hier
möchte ich einschalten, daß die Geister den geistigen Teil eurer
Nahrung genießen und daß sie einen ebenso heftigen Hunger und
Durst empfinden wie ihr auf Erden, obgleich weder unsere Speise noch unser
Getränk von euren physischen Augen gesehen werden können,
ebensowenig wie unser geistiger Körper. Dennoch haben Speise und Trank
für uns eine objektive Realität. Wenn ich mich jetzt auch anfangs
mit Ekel von jenen trockenen Krusten abwandte, so sagte mir doch eine kurze
Überlegung, daß ich jetzt kein Mittel hatte, mir etwas anderes zu
verschaffen. Ich war einem Bettler zu vergleichen und hatte mich mit eines Bettlers
Kost zu begnügen. Meine
Gedanken wandten sich nun wieder meiner Geliebten zu und führten meinen
Geist mit sich, so daß ich noch einmal jenes Zimmer betrat, in dem ich
sie und die beiden Frauen zuletzt gesehen hatte. Diesmal konnte ich sofort
eintreten und wurde von zwei männlichen Geistern empfangen, die ich nur
sehr schwach sehen konnte. Denn es schien ein Schleier zwischen uns zu
hängen, durch welchen ich jene beiden Geister, die Frauen und meine
Geliebte wahrnahm. Man forderte mich auf, ihr wieder eine Botschaft zukommen
zu lassen. Ich war nun begierig, zu versuchen, ob ich meine Worte nicht durch
meinen Liebling selbst schreiben könne, wie es ihr Schutzgeist getan
hatte. Man gestattete mir diesen Versuch. Zu meiner Enttäuschung fand ich
aber, daß es nicht ging; sie war für alles, was ich sagte, taub.
So mußte ich den Gedanken aufgeben und wie vorher die Frau für
mich schreiben lassen. Nachdem meine Botschaft gegeben war, ruhte ich kurze
Zeit aus und beobachtete meines Lieblings süßes Gesicht wie in
früheren glücklicheren Tagen. Meine
Betrachtungen wurden von einem der anwesenden männlichen Geister
unterbrochen, — einem ernsten jungen Mann, soweit ich unterscheiden
konnte. Er sprach in ruhiger, freundlicher Weise zu mir und sagte, daß,
wenn ich meine Worte durch meinen Liebling selbst zu schreiben wünsche,
es gut sei, mich zuvor einer Brüderschaft von Bußenden
anzuschließen. In dieser verfolge man den Weg zum Guten, und bei ihr
könne ich vieles lernen, wovon ich bisher noch keine Kenntnis habe.
Durch die Belehrungen dieser Brüder würde ich nicht nur
befähigt werden, den Geist meiner Liebe zu beeinflussen, sondern auch
das von mir ersehnte Vorrecht erlangen, zuweilen während ihres irdischen
Daseins bei ihr zu sein. Dieser Weg der Buße sei sehr hart, der Stufen
bis zum Ziele gäbe es viele, die Mühen und Leiden seien groß.
Aber der Weg führe schließlich nach einem schönen,
glücklichen Lande, wo ich in einer Glückseligkeit ausruhen
würde, wie ich sie jetzt nicht einmal erträumen könne. Er
versicherte mir, daß sich mein entstellter Körper, den ich noch so
ängstlich vor den Augen meiner Geliebten verbarg, der Umwandlung meines
Geistes entsprechend, verändern würde. Dann würde er wieder
schön anzuschauen sein und sein Anblick sie nicht mehr betrüben.
Verbliebe ich noch weiter wie jetzt auf dem Erdenplan, so würde ich
wahrscheinlich an die früheren Orte meiner sogenannten Freuden
zurück gezogen werden. In jener Atmosphäre geistiger
Herabwürdigung würde ich bald die Kraft, in der Nähe meines
Liebs zu verweilen, ganz verlieren. Die, welche über sie wachten,
wären dann aus Rücksicht für sie gezwungen, mich aus ihrer
Nähe auszuschließen. Würde ich mich andererseits jener
Brüderschaft der Hoffnung und Arbeit anschließen, dann sollte ich
so gestärkt und belehrt werden, daß ich nach entsprechender Zeit
ohne Gefahr wieder zum Erdenplane zurückkehren könnte. Ich
würde mir bis dahin genügende selbstschützende Kraft errungen
haben, um seinen Versuchungen zu widerstehen. Ich
lauschte den Worten dieses freundlichen Geistes mit Verwunderung und
wachsendem Verlangen, mehr von jener Brüderschaft zu erfahren und bat
deshalb den Geist, er möchte mich zu ihr führen. Dieser versprach
es zu tun, erklärte mir aber gleichzeitig, daß es nur meines
eigenen Willens bedürfe, um mich dorthin zu versetzen. "Wenn du zu
irgend einer Zeit wegzugehen wünschest,“" erklärte mir
der Geist "so kannst du es sofort tun. In der Geisterwelt sind alle
frei. Alle brauchen nur dahin zu gehen, wohin ihre eigenen Wünsche oder
Begierden sie führen. Wenn du dich bemühst, reineren höheren
Wünschen Raum zu geben, werden dir die Mittel an die Hand gegeben, sie
zu verwirklichen. Du empfängst sodann so viel Unterstützung und
Kraft, als du zu deinem Vorhaben bedarfst. Du
bist einer von denen, die niemals die Kraft des Gebetes kennen gelernt haben.
Aber alle Dinge werden uns auf unser Gebet hin zuteil, gleichviel ob wir uns
dessen bewußt sind oder nicht. Alle deine Wünsche nach Gutem oder
Bösem sind gleich Gebeten und rufen gute oder böse Mächte zu
dir, um sie zu erfüllen." Da
ich wieder müde und erschöpft war, riet mir der Geist, meinem
Liebling für einige Zeit Lebewohl zu sagen. Er erklärte mir,
daß ich an Kraft gewönne, wenn ich sie während der Zeit an
dem besprochenen Orte verlassen würde, und daß sie ebenfalls dann
Ruhe habe, neue Kraft zu sammeln. Es wäre auch gut, wenn sie drei Monate
lang gar nicht versuchen würde zu schreiben, da ihre medialen
Kräfte stark in Anspruch genommen seien und sie sehr geschwächt
würde, wenn nicht eine Ruhepause eintrete. Andererseits hätte ich
diese ganze Zeit nötig, um nur die einfachsten Dinge zu erlernen, die
nötig seien, um einen Einfluß auf meine Liebe zu gewinnen. Ach,
wie schwer wurde es uns beiden, dieses Versprechen zu geben! Aber sie ging
mit gutem Beispiel voran, und ich konnte nichts anderes tun, als ihr folgen.
Ich wollte ebenso stark und geduldig sein wie sie und tat ein Gelübde:
Wenn Gott, den ich so lange vergessen hatte, sich meiner erinnern und mir
jetzt verzeihen würde, wolle ich mein ganzes Leben und alle meine
Kräfte dahingeben, um mein begangenes Unrecht wieder gut zu machen. So
verließ ich denn für einige Zeit den trüben Erdenplan der
geistigen Welt, von dem ich bis jetzt wenig gesehen hatte, in der ich aber
noch viel erleben und erdulden sollte. Als
ich mit meinem neuen Führer das Zimmer verließ, wandte ich mich
noch einmal meiner Liebsten zu und winkte ihr zum Abschiede mit der Hand,
indem ich alle guten Engel und Gott — zu dem ich für mich selbst
nicht zu beten wagte — bat, sie zu segnen und sie für immer in
ihren Schutz zu nehmen. Das letzte, was ich sah, waren ihre süßen
Augen, die mir mit dem Ausdruck der Liebe und Hoffnung folgten. Die
Erinnerung an diesen Blick hat mich in so mancher schweren und
schmerzensreichen Stunde aufrechterhalten. Kapitel 4
In
der geistigen Welt gibt es manch merkwürdigen Ort, manchen wundervollen
Anblick, und viele Gesellschaften zur Unterstützung reuiger Seelen.
Niemals aber habe ich etwas in seiner Art Seltsameres gesehen, als jenes
durch die "Brüderschaft zur Hoffnung" geleitete Erholungsheim,
zu dem ich nun geführt wurde. Bei der damaligen Schwäche aller
meiner geistigen Fähigkeiten war es mir nicht möglich, die Dinge
genau zu unterscheiden und zu sagen, womit der Ort Ähnlichkeit
hätte. Ich glich einem Menschen, der fast taub, stumm und blind ist.
Befand ich mich in Gesellschaft anderer, so konnte ich sie kaum hören
und sehen, oder mich ihnen verständlich machen. Und wenn ich auch
imstande war, ein wenig zu sehen, so war es mir doch nur so, als ob ich in
einem dunklen Raume mit einem schwachen Schimmer von Licht wäre, gerade
stark genug, um mir zu zeigen, wohin ich ging. Auf dem seelischen Erdenplan
hatte ich das nicht so gefühlt, da ich dort, obwohl ebenfalls alles in
Dunkel gehüllt war, genug sehen und hören konnte, um mich meiner
Umgebung bewußt zu werden. Schon infolge des Aufstiegs zu dieser
geringen Höhe, auf welcher der Platz über der Erde lag, entstand
bei mir das Gefühl der Abwesenheit von allem. Es schienen nur die
gröbsten Umhüllungen meines Geistes vorhanden zu sein. Jene
Periode der Finsternis war für mich, der das Sonnenlicht so sehr geliebt
hatte, zu schrecklich, als daß ich sie nochmals ins Gedächtnis
zurückrufen möchte. Ich stammte aus einem Lande, wo alles
Sonnenschein und Pracht ist, die Farben reich und mannigfaltig, der Himmel
klar, die Blumen und Landschaften so herrlich, — und ich liebte Licht
und Wärme und Musik unaussprechlich. Hier jedoch, wie überall seit
meinem Tode, hatte ich nur Finsternis und Kälte gefunden; eine
schaudererregende Dunkelheit, die mich wie ein schwarzer Mantel
umhüllte, von dem ich mich auf keine Weise befreien konnte. Dieses
fürchterliche Dunkel bedrückte meinen Geist mehr als alles andere. Auf
Erden war ich stolz und hochmütig gewesen. Das Blut der stolzen Edlen
meines Volkes rann in meinen Adern. Durch meine Mutter war ich mit den
Großen der Erde verwandt, deren Ehrgeiz Königreiche nach Belieben
lenkte. Und nun?! Der niedrigste, geringste und ärmste Bettler auf der
Straße meiner Vaterstadt war größer und glücklicher als
ich, denn er hatte wenigstens Sonnenschein und frische Luft, während ich
einem herabgekommensten Gefangenen in der Kerkerzelle glich. Hatte
mich nicht der Gedanke an meinen Hoffnungsstern, meinen Lichtengel und seine
Liebe aufrecht erhalten, ich hätte in tiefste Verzweiflung verfallen
müssen. Wenn ich mir jedoch ihr zärtliches Lächeln und ihre
guten Worte ins Gedächtnis zurückrief, da belebte sich mein Mut
wieder und ich bestrebte mich, geduldig und stark zu sein. Ich hatte aber
auch all dieses zu meinem Fortgang nötig, denn nun begann für mich
eine Periode des Leidens und Ringens, die ich vergebens versuchen werde,
jemandem völlig verständlich zu machen. Den
Ort, an dem ich mich nun befand, konnte ich jetzt dürftig in allen
Einzelheiten betrachten. Er glich in seinen düsteren, dunklen Umrissen
einem ungeheueren Gefängnis. Späterhin bemerkte ich, daß es
ein großes Gebäude war von dunkelgrauem Stein, der meinem Auge so
dicht wie irdisches Gestein erschien. Der Bau mit vielen langen Gängen
bestand aus mehreren geräumigen Hallen oder Sälen, an die sich
zahllose kleine Zellen mit spärlicher Beleuchtung und dürftigster
Ausstattung anschlossen. Jeder Geist besaß hier nur das, was er durch
sein irdisches Leben verdient hatte; einige hatten nichts als das kleine Lager,
auf dem sie lagen und litten. Denn es litten hier alle! Es war ein Haus der
Trübsal, in dem ich mich befand, doch auch ein Haus der Hoffnung. Denn
alle seine Insassen strebten nach aufwärts, dem Lichte zu, für
jeden hatte die Zeit des Hoffens begonnen. Jeder hatte den Fuß auf die
unterste Stufe der Hoffnungsleiter gesetzt, auf der er mit der Zeit zum
Paradies und zum Himmel emporklimmen sollte. In
meiner eigenen kleinen Zelle befand sich nur mein Bett, ein Tisch und ein
Stuhl, sonst weiter nichts. Ich verbrachte die Zeit in meiner Zelle mit Ruhen
und Nachdenken. Oder ich erging mich mit jenen, welche gleich mir bald
kräftig genug waren, um den Vorlesungen beizuwohnen, welche für uns
in der großen Halle gehalten wurden. Diese Lesungen waren sehr
eindringlicher Natur. Sie wurden in die Form von Erzählungen
eingekleidet, verrieten aber stets die Absicht, einem jeden von uns sein
Unrecht zum Bewußtsein zu bringen. Man
gab sich große Mühe, uns vom Standpunkte eines unparteiischen
Zuschauers aus die volle Tragweite aller unserer Handlungen verständlich
zu machen und uns zu zeigen, wo wir zugunsten unserer eigenen
Genußsucht gefehlt und eine andere Seele ins Verderben gestürzt
hatten. Von manchem, das wir begangen, weil alle es taten, oder weil wir
glaubten, als Menschen das Recht dazu zu haben, wurde uns nun, die Kehrseite
der Sache zur Anschauung gebracht. Und zwar durch diejenigen, welche in
gewissem Grade unsere Opfer gewesen waren; oder da, wo wir nicht direkt
für ihren Fall verantwortlich waren, durch die Opfer eines sozialen
Systems, das aufrecht erhalten wurde, um unsere selbstsüchtigen
Leidenschaften befriedigen zu können. Diejenigen
unter euch, welche die Verdorbenheit der großen Städte auf Erden
kennen, werden leicht imstande sein, diese Ausführungen zu ahnen. Vor
diesen Schilderungen unserer eigenen schwachen Persönlichkeit fiel all
der gesellschaftliche Schein des irdischen Lebens; beschämt und
bekümmert im Herzen mußten wir in unsere Zellen zurückkehren,
um über unsere Vergangenheit nachzudenken, sowie darüber, wie wir
unsere Fehler in Zukunft sühnen könnten. Eine
große Erleichterung wurde uns dadurch zuteil, daß man uns mit den
Fehlern und ihren Folgen stets zugleich den Weg wies, diese wieder gut zu
machen und die böse Lust in uns zu bezwingen. Wir wurden belehrt,
daß wir durch unsere künftigen Bemühungen, andere vor einem
Übel zu beschützen, dem wir selbst zum Opfer gefallen waren,
für unsere eigenen Sünden Buße zu leisten hätten. Mit
diesem Unterricht beabsichtigte man, uns für unsere nächste
Entwicklungsstufe vorzubereiten, in der wir zur Erde zurückgesandt
werden sollten, um ungesehen und unerkannt den Sterblichen beizustehen, die
mit irdischen Versuchungen kämpften. Wenn
wir den Vorträgen nicht beiwohnten, stand es uns frei zu gehen, wohin es
uns beliebte, doch nur denen unter uns, die stark genug waren, sich frei zu
bewegen. Einige, die teure Freunde auf der Erde zurückgelassen hatten,
machten sich auf, um diese zu besuchen, damit sie, wenn auch selbst
unbemerkt, doch ihre Lieben wenigstens sehen könnten. Wir wurden aber stets
gewarnt, nicht bei den Versuchungen des Erdenplans zu verweilen, da es vielen
von uns schwer fallen würde, ihnen zu widerstehen. Die
Stärksten von uns, die Fähigkeiten dazu besaßen und sie zu
gebrauchen wünschten, wurden veranlaßt, die Schwächsten unter
uns zu magnetisieren: solche, die durch übermäßige
Verschwendung ihrer Lebenskräfte während ihres irdischen Daseins
sich oftmals in einem schrecklichen Zustande der Erschöpfung und des
Elends befanden, daß man nichts anderes mit ihnen tun konnte, als sie
in ihren Zellen liegen zu lassen, während ihnen andere Geister durch
Magnetisieren etwas Linderung verschafften. Hier
muß ich noch ein wunderbares Heilverfahren schildern, welches man in
diesem Hause der Hoffnung anwandte. Einige vorgeschrittenere Geister, deren
Wünsche und Anlagen sie zu natürlichen Ärzten und Heilern
machten, behandelten in Gemeinschaft mit anderen Intelligenzen diese
Kränksten unter uns Leidenden, indem sie durch Anwendung ihres
Magnetismus und Mitbenutzung der Kräfte anderer die Pein dieser armen
Geister zeitweilig aus ihrer Seele auslöschten. Wenn in letzteren nach
einiger Zeit die alten Leiden auch wieder erwachten, so hatte ihr Geist
inzwischen doch wieder Stärke gewonnen, um sie zu ertragen.
Schließlich wurden ihre Schmerzen infolge fortschreitender Entwicklung
ihres geistigen Körpers derart herabgemindert, daß sie nun selbst
fähig wurden, andere zu magnetisieren und ihnen ihre Schmerzen
zeitweilig zu nehmen. Es ist mir nicht möglich, eine genaue Beschreibung
von diesem Orte und seinen Bewohnern zu geben. Obgleich er große
Ähnlichkeit mit einem irdischen Hospital hatte, so wies er doch viele
Nebensächlichkeiten auf, in denen er in nichts dem glich, was ihr bis
jetzt auf der Erde gehabt. Es war hier alles so dunkel, weil die
Unglücklichen, die hier hausten, nichts von dem Glanze an sich hatten,
durch den glückliche Geister ihre Atmosphäre erleuchten. Denn der
Zustand des Geistes selbst ist es, welcher Licht oder Dunkelheit in seine
Umgebung bringt. Das
Gefühl der Dunkelheit, die fast vollständige Blindheit jener armen
Geister war dadurch hervorgerufen, daß ihre geistigen Sinne
während ihres Erdenlebens nicht entwickelt worden waren. Sie waren
für ihre Umgebung gerade so unempfindlich, wie Erdgeborene im Zustande der
Blindheit, Taubheit und des Stummseins sich der Dinge unbewußt bleiben,
die anderen mit allen Sinnesorganen Ausgestatteten vollständig bemerkbar
sind. Kamen
diese armen Geister in die Atmosphäre des Erdenplanes, die ihrer
Entwicklungsstufe angemessener war, so befanden sie sich noch immer in einer
gewissen Dunkelheit. Sie besaßen dann jedoch die Fähigkeit, Wesen
ihresgleichen, mit denen sie in direkte Berührung kamen, zu sehen.
Ebenso auch solche Sterbliche, die sich auf einer entsprechend niederen
geistigen Entwicklungsstufe befanden. Geistig höher entwickelte
Sterbliche und besonders entkörperte, vorgeschrittene Geister sind aber
für sie kaum wahrnehmbar oder ganz unsichtbar. Die
"arbeitenden Brüder der Hoffnung", wie sie genannt wurden,
waren mit einem winzigkleinen sternartigen Lichte versehen, dessen Strahlen
die Dunkelheit der Zellen, in die sie eintraten, erleuchteten, und die das
Licht der Hoffnung überall hinbrachten, wo sich die Brüder
befanden. Ich selbst war anfänglich so leidend, daß ich fast immer
abgespannt und teilnahmslos in meiner Zelle lag. Indem ich darauf wartete,
daß dieser flimmernde Funke wieder den langen Gang bis zu meiner
Türe herunterkommen sollte, dachte ich darüber nach, wie lange es
wohl nach Erdenzeit dauern würde, bis er wieder erschiene. — Dieser
Zustand äußerster Niedergeschlagenheit dauerte aber nicht allzu
lange. Es ging mir besser als den armen Geistern, die außer ihren
sonstigen Leidenschaften noch mit dem Laster des Trunkes behaftet waren. Mein
Geist war zu klar und mein Wunsch, mich zu vervollkommnen zu stark, als
daß ich hätte lange untätig bleiben können. Sobald ich
mich zu rühren imstande war, erbat ich mir die Erlaubnis, irgend etwas
Nützliches, wenn auch noch so Unbedeutendes verrichten zu dürfen. Da
ich starke magnetische Kräfte besaß, wurde ich nun angewiesen,
einem unglücklichen jungen Mann Beistand zu leisten, der zu jeder
Bewegung unfähig immerfort klagte und seufzte. Armer
Mensch! Er war erst 30 Jahre alt, als er den irdischen Körper
verließ. Aber in seinem kurzen Leben hatte er es fertig gebracht, seine
Kräfte derart zu vergeuden, daß er sich nun selbst vorzeitig
getötet hatte. Sein Geist litt jetzt fürchterlich unter der Wirkung
des Mißbrauchs, den er mit seinem Körper getrieben hatte, so daß
ich den Anblick des Leidens oft kaum ertragen konnte. Meine Aufgabe bestand
darin, beruhigende Striche über ihm zu machen und ihm dadurch etwas
Erleichterung zu verschaffen, bis nach einer bestimmten Zeit ein
vorgeschrittenerer Geist kam, um ihn in einen Zustand der Bewußtlosigkeit
zu versetzen, der seine Leiden zeitweilig ganz aufhob. Während
dieser Zeit hatte ich selbst viel zu leiden, sowohl seelisch, wie auch
geistig und körperlich, denn in den niederen Sphären empfindet der
Geist auch körperliche Schmerzen. In dem Maße, wie er fortschreitet,
wird sein Leiden mehr geistig- seelischer Natur. Die dünnere,
ätherische Hülle höherer Geister machen diese für jede
Art körperlichen Schmerzes fast ganz unempfindlich. Mir
der Zunahme meiner Kraft belebten sich aber auch meine Begierden wieder. Sie
verursachten mir oft eine solche Qual, daß ich versucht war zu tun, was
viele arme Geister taten — nämlich zur Erde zurückzugehen, um
nach Mitteln zu suchen, sie durch die materiellen Körper der auf Erden
Lebenden zu befriedigen. Meine körperlichen Leiden waren sehr
groß. Denn die Kraft, auf die ich so stolz gewesen war und von der ich
einen so schlechten Gebrauch gemacht hatte, brachte mir mehr Leiden als
denen, die auf Erden schwach waren. Wie die Muskeln eines Athleten nach
Überanstrengung sich zusammenzuziehen beginnen und ihm große Pein
verursachen, fing nun auch die Kraft und die Stärke, die ich in meinem
irdischen Leben mißbraucht hatte, an, mir durch ihre unvermeidliche
Rückwirkung auf meinen geistigen Körper intensiven Schmerz zu
bereiten. Als
ich immer mehr erstarkte und fähig wurde, zu genießen, was mir in
meinem irdischen Dasein genießenswert erschienen war, nahm das
Verlangen nach diesen Freuden immer mehr zu, sodaß ich mich kaum
zurückzuhalten vermochte von der Rückkehr zum Erdenplan, um dort
durch die Körper solcher Lebender, die infolge ihrer niederen Begierden
sich mit den Geistern des Erdenplanes auf gleicher Stufe befanden, alle
Sinnesfreuden zu genießen, die für uns noch eine so große
Versuchung bildeten. Viele
von den Bewohnern des "Hauses der Hoffnung" unterlagen der
Versuchung und gingen eine Zeitlang auf die Erde nieder — von wo sie
dann über kurz oder lang, erschöpft und selbst unter ihre
frühere Entwicklungsstufe heruntergesunken zurückkehrten. Allen
stand es frei, nach Belieben zu gehen oder zu bleiben. Alle konnten
zurückkehren, sobald sie es wünschten, denn die Tore von
"Hoffnungsheim" waren keinem verschlossen, so undankbar und
unwürdig er auch sein mochte. Oft habe ich die unendliche Geduld und
Nachsicht bewundert, die uns angesichts unserer Schwächen und
Sünden erwiesen wurde. Es war uns in der Tat nur möglich, diese
armen Unglücklichen zu bemitleiden, welche sich so völlig zu
Sklaven ihrer niederen Begierden gemacht hatten, daß sie ihnen nicht
mehr widerstehen konnten. Immer und immer wieder wurden sie zur Erde
hinabgezogen, bis sie schließlich, übersättigt und
erschöpft gleich dem jungen Manne, den ich pflegte, nicht mehr imstande
waren, sich zu bewegen. Ich
selbst wäre der Versuchung auch unterlegen, wenn nicht der Gedanke an
mein reines Lieb und an die Hoffnungen, die sie mir gemacht, die besseren
Regungen in mir wachgerufen hätte. Ich konnte deshalb diese armen
irrenden Seelen, denen ein solcher Halt nicht gegeben war, nicht verurteilen.
Oft ging ich zur Erde, aber dahin, wo meine Geliebte weilte; ihre Liebe zog
mich stets von allen Versuchungen hinweg an ihre Seite, in die reine
Atmosphäre ihres Wesens. Obgleich ich mich ihr infolge jenes oben
beschriebenen unsichtbaren Walls niemals genügend nähern konnte, um
sie zu berühren, stand ich doch außerhalb desselben und sah sie
sitzen, arbeiten, lesen oder schlafen. Wenn ich da war, wurde sie sich meiner
Gegenwart stets dumpf bewußt. Sie flüsterte meinen Namen, oder
wandte sich nach mir mit jenem traurig-süßen Lächeln, dessen
Erinnerung ich mit mir genommen und das mir in einsamen Stunden zum Trost
gereichte. Sie sah sehr traurig aus, mein armes Lieb, und war so bleich und
zart, daß es mir in der Seele wehe tat trotz des Trostes, den mir ihr
Anblick gewährte. Ich
mußte mir sagen, daß trotz ihrer Tapferkeit und
Hoffnungsfreudigkeit dieser Kampf doch zu schwer für sie war, und
daß ihr Aussehen täglich zarter wurde. Sie hatte damals mancherlei
Prüfungen zu bestehen: es gab viel Verdruß in der Familie, und
Zweifel und Befürchtungen bedrückten sie wegen ihres Verkehrs mit
der Geisterwelt. Zu Zeiten frug sie sich, ob nicht alles, was sie erlebte,
eine große Täuschung wäre — ein Traum, aus dem sie
eines Tages erwachen würde mit der Entdeckung, daß es überhaupt
keine Verbindung zwischen den Toten und Lebenden gab, keine Mittel und Wege,
durch die sie mich wieder erreichen konnte. Dann ergriff sie und auch mich
eine dumpfe Verzweiflung. Unfähig, ihr meine Gegenwart bemerkbar zu
machen, stand ich an ihrer Seite und bat, man möchte sie auf irgend eine
Weise wissen lassen, daß ich zugegen war. Eines
Nachts, als sie nach längerem Weinen eingeschlafen war, wurde ich, der
ich selbst vor Kummer hätte mitweinen mögen, an der Schulter
berührt. Aufschauend gewahrte ich den Schutzgeist meines Lieblings, der
mir zuerst zu einer Aussprache mit ihr verholfen hatte. Er fragte mich, ob
ich mich beherrschen und ganz ruhig verhalten wolle, wenn er mir erlaube,
mein Lieb im Schlafe zu küssen. Hocherfreut über diese Aussicht
versprach ich es eifrig. Ihr
Schutzgeist nahm mich nun bei der Hand. So gingen wir zusammen durch den
durchsichtigen eisigen Wall, der für mich so undurchdringlich gewesen
war. Mein Führer beugte sich über sie und machte einige seltsame
Bewegungen mit der Hand, nahm dann eine kurze Zeit eine meiner Hände in
die seinige und bat mich, sie ganz leicht zu berühren. Sie lag in
ruhigem Schlummer, die Tränen noch auf ihren Wimpern und die Lippen
leicht geöffnet, wie wenn sie im Traume spräche. Eine
ihrer Hände ruhte an ihrer Wange und ich nahm sie in die meinige, ganz
behutsam, um sie nicht zu erwecken. Ihre Hand umschloß nun
halbbewußt die meine, und ein Anflug von solch lebhafter Freude trat in
ihr Angesicht, daß ich fürchtete, sie würde erwachen. Aber
nichts dergleichen. Der glänzende Geist lächelte uns beiden zu und
sagte: "Küsse sie nun." Und ich beugte mich über sie,
berührte sie schließlich und gab ihr den ersten Kuß, den ich
ihr je gegeben. Nicht einmal, sondern wiederholt küßte ich sie so
leidenschaftlich, daß sie erwachte und der glänzende Geist mich hastig
hinweg zog. Sie schaute um sich und fragte sanft: "Träume ich, oder
war dies wirklich mein Geliebter?" — "Ja", antwortete
ich, und sie schien es zu hören, denn sie lächelte so
süß und immer wieder sprach sie meinen Namen leise zu sich selbst. Während
langer Zeit nachher wollte man mir nicht erlauben, mein Lieb wieder zu
berühren, aber oft war ich ihr nahe, und die Freude über jenes eine
Zusammentreffen klang manche Stunde in unseren Herzen nach. Es entging mir
nicht, von welch realer Natur mein Kuß für sie gewesen. Mir selbst
war er ein Hoffnungsanker, daß es mir mit der Zeit möglich
würde, ihr meine Berührungen auch fühlbar zu machen und
Zwiesprache mit ihr zu halten. Kapitel 5
Schließlich
kam auch für mich die Zeit heran, wo ich das "Haus der Hoffnung"
verlassen konnte, um — gefestigt durch die daselbst empfangenen Lehren
— auf dem Erdenplan und in den unteren Sphären, wohin es mich in
meinem irdischen Dasein hingezogen hatte, Sühne zu leisten. Während
der achten oder neun Monate seit meinem Tode hatte ich wieder Kraft und
Stärke erlangt, so daß ich mich innerhalb der großen
Sphäre des Erdenplanes frei und ungehindert zu bewegen vermochte. Mein
Sehvermögen und meine anderen Sinne waren so weit entwickelt, daß
ich deutlich sehen, hören und sprechen konnte. Ein mattes Zwielicht, dem
des dämmernden Morgens ähnlich, umgab mich nun. Obgleich dieses
trübe Licht meinen Augen anfänglich sehr willkommen war, begann ich
mich doch nach einiger Zeit sehr nach hellem Tageslicht zu sehnen, und dieses
trübe Zwielicht erschien mir bald äußerst einförmig und
bedrückend. Die
Gebiete im dritten Kreise des Erdenplanes oder der ersten Sphäre werden
die "Zwielicht-Lande" genannt. Hierher kommen alle Geister, die ein
so selbstsüchtiges und sinnliches Leben geführt haben, daß
ihre Seelen eine höhere Stufe der Entwicklung nicht erreichen konnten.
Aber die Bewohner dieser Zwielichtlande stehen immer noch eine Stufe
höher als die "Spukgeister" des Erdenplanes, die
tatsächlich erdgebunden, d.h. an ihre früheren Wohnorte gebannt sind. Meine
Arbeit auf der Erde begann an jenen vielbesuchten Orten, welche die Welt
Vergnügungslokale und Freudenhäuser nennt, obgleich kein
Vergnügen so flüchtig ist und so sicher zur Entartung führt
als gerade jenes, das sie den Menschen während ihres irdischen Daseins
bereiten. Jetzt
hatte ich Gelegenheit, den Wert der Erfahrungen, die ich durch meinen
Aufenthalt im "Hause der Hoffnung" gewonnen hatte, schätzen zu
lernen. Was früher eine schwere Versuchung für mich war, übte
jetzt keinen Reiz mehr auf mich aus. Ich kannte die
"Befriedigungen", welche derartige Vergnügungen gewähren
und auch den Preis, um den allein sie zu haben sind zu genau als daß
ich bei der Überwachung eines Sterblichen wie sie mir öfter
übertragen wurde — der Versuchung unterlegen wäre, den
Körper des Überwachten für mich selbst zu gebrauchen. Wenige
Sterbliche nur können es heute begreifen, daß Geister — wie
es häufig geschieht — zeitweilig so vollständig Besitz von
dem Körper eines Mannes oder einer Frau zu nehmen vermögen,
daß es den Anschein hat, als ob dieser Körper nicht dem
verkörperten, sondern dem entkörperten Geiste angehöre. Viele
Fälle von sogenanntem periodischem Wahnsinn sind dem Einflusse
schlechter, niederer Geister von leichtfertiger Gesinnung zuzuschreiben,
wobei diese, begünstigt in ihrem Vorhaben durch die Willensschwäche
der betreffenden Personen, den verkörperten Geist vollständig in
ihre Gewalt bekommen. Den
alten Völkern waren diese Dinge längst bekannt und wurden von
diesen in Verbindung mit anderen Zweigen der okkulten Wissenschaft studiert,
für die wir "Aufgeklärte" heute zu weise geworden sind.
Fürwahr, diese Wahrheitskeime aller Zeitalter wären es wert,
daß man sie eingehend erforschte und sie von dem Schutt befreite, mit dem
die späteren Generationen sie umgeben haben. — — — Die
Beschäftigung, der ich nun oblag, wird dem Leser nicht weniger
befremdlich erscheinen als anfänglich mir selbst. Die große
"Brüderschaft zur Hoffnung" war nur eine von den zahllosen
Vereinigungen verschiedenster Richtung, die in der geistigen Welt zur
Unterstützung bedürftiger Seelen bestehen. Diese Bruderschaften
treten in allen Sphären in Tätigkeit. Ihre Mitglieder sind sowohl
in den allerniedersten und dunkelsten, wie auch in den allerhöchsten
Sphären tätig, welche die Erde umgeben, selbst in den Sphären
des Sonnensystems sind sie noch zu finden. Sie gleichen ungeheuren Ketten von
Geistern, bei denen das niedrigste und geringste Glied immer unterstützt
und beschützt wird von solchen, die über ihm stehen. Wird
der Brüderschaft mitgeteilt, daß man ihres Beistands zur
Unterstützung eines ringenden Sterblichen oder unglücklichen
Geistes bedarf, dann wird einer von den Brüdern, den man für den
geeignetsten hält, zur Hilfe gesandt. In solchem Falle wird ein Bruder
ausgewählt, der sich in seinem Erdenleben in ähnlicher Lage wie der
Hilfsbedürftige befand und alle die bitteren Folgen seiner Sünde
erduldet hat. Oft
geschah es, daß einem Manne oder einer Frau Beistand gewährt
wurde, nachdem sie im Kampfe mit der Versuchung den innigen Wunsch nach Hilfe
und Stärkung hinausgesandt hatten. Dies galt jedem von uns als ein
Gebet. Solch ein Schrei eines Erdenkindes findet bei allen Geistern Echo, die
einst selbst Erdenbürger gewesen sind. Auch kann es vorkommen, daß
ein Geist, dem das Wohl eines kämpfenden Menschen am Herzen liegt, sich
zu dessen Beistand um Hilfe an uns wendet. Unsere Pflicht ist es dann, dem
Rufe Folge zu leisten und den Hilfsbedürftigen zu beschützen und zu
beeinflussen, bis die Versuchung überwunden ist. In solchem Fall
müssen wir uns mit dem Sterblichen so eng verbinden, daß wir
zeitweilig tatsächlich sein ganzes Leben und Denken mit ihm teilen. Während
diesen Doppellebens — wo wir neben unseren Sorgen um solch einen
Menschen, dessen Gedanken uns alle bewußt werden, auch noch dessen Angstzustände
als eigene empfinden — haben wir häufig sehr zu leiden. Indem wir
auf diese Weise einen Abschnitt unserer eigenen Vergangenheit nochmals
durchleben, empfinden wir auch alle Sorge, Reue und Bitterkeit der
früheren Zeit nochmals. Der unter unserem Einfluß Stehende
seinerseits fühlt — wenn auch nicht in so hohem Grade — den
sorgenvollen Zustand unseres Gemütes. und da, wo der Einfluß
vollständiger und der Sterbliche sehr sensitiv ist, bildet er sich oft
ein, daß er Dinge, die von uns begangen worden waren, selbst getan
haben müsse — sei es in einer früheren, vergessenen Existenz
oder in irgendeinem lebhaften Traum, dessen er sich nicht mehr genau
entsinnen kann. Dieses
Überschatten eines Sterblichen durch einen Geist wird auf verschiedene
Weise ausgeführt. Die, welche sich törichterweise selbst einem
solchen Einflusse aussetzen — sei es durch einen schlechten
Lebenswandel oder ein neugieriges oder frevelhaftes Forschen nach
Geheimnissen, die zu tief sind, als daß ihr schwacher Geist sie
erfassen könnte — werden oft zu ihrem Schaden eines gewahrt,
daß die niederen Geister des Erdenplanes und der weit unterhalb
gelegenen Sphären häufig so große Macht über einen
Menschen erlangen, daß er schließlich nur noch eine Puppe in
ihren Händen ist, deren Körper sie nach Belieben zu gebrauchen
vermögen. Manche
willensschwache Männer oder Frauen, die in einer gesunden Umgebung ein
gutes und reines Leben führen würden, werden in einer
ungünstigen in allerlei Sünden verstrickt, für die sie nur
teilweise verantwortlich sind. Für solche Sünden werden sowohl die
sterblichen Sünder als auch die Geister, welche sie mißbrauchen,
zur Rechenschaft gezogen. Eine schreckliche Strafe harret jener bösen
Geister, welche einen Menschen in Versuchung geführt und sich seines
Körpers bedient haben, denn sie haben sich doppelt schuldig gemacht.
Indem sie selbst sündigen und eine andere Seele mir sich herabziehen,
sinken sie bis zu einer Tiefe, aus der sie oft Jahrzehnte, ja manchmal
Jahrhunderte lang andauerndes Leiden nicht befreien kann. Oftmals
war es meine Aufgabe, Sterbliche zu überwachen und zu beeinflussen.
Entweder hatte ich ihnen nur das Gefühl der schrecklichen Folgen des
beabsichtigten Fehltritts einzuprägen, oder ich mußte sie da, wo
eine Beeinflussung nicht möglich war, vor dem Einflusse
herumschweifender geistiger Versucher des Erdenplanes beschützen. Gegen
diese hatte ich dann meine stärkere Willenskraft zu gebrauchen, um sie
dadurch so weit zurückzudrängen, daß sie mit meinen
Schützlingen nicht in Fühlung kommen und sie nicht beeinflussen
konnten. Wenn diese indessen den niederen Geistern einen Einfluß auf
sich bereits eingeräumt hatten, dann waren letztere nach meinem
Eingreifen zwar noch imstande, ihre Gedanken und Suggestionen auf sie zu
übertragen, konnten dies jedoch nur noch unter Schwierigkeiten tun. Damals
glaubte ich, daß die Verantwortung für die Sicherheit jener, zu
deren Schutz ich berufen war, auf mir allein laste. Ich wußte nicht,
daß ich nur das letzte Glied einer langen Reihe von Geistern bildete,
die alle zur gleichen Zeit Hilfe leisteten. In dieser Reihe stand immer ein
Geist eine Stufe höher als der andere. Jeder mußte den unter ihm
Befindlichen stärken und ihm helfen, wenn er schwach werden, oder seiner
Aufgabe nicht gewachsen sein sollte. Was
ich tat, sollte mir auch selbst zur Lehre dienen, mir Gelegenheit geben, mich
in der Verzichtleistung auf eigene Bequemlichkeiten in der Selbstverleugnung
zu üben. Mein Zustand als Erdengeist machte es mir möglich, den
geistigen Versuchern eine materiellere Willenskraft entgegenzusetzen als es
höheren ätherischen Geistern möglich gewesen wäre. Selbst
erdgebunden, konnte ich mit den Sterblichen in innigeren Kontakt gelangen als
ein fortgeschrittener Geist. Es war meine Aufgabe, dem Menschen, den ich
beaufsichtigte, durch Traumvorstellungen im Schlafe, oder durch
beständig wiederholte Gedanken während des Wachens, meine eigenen
Erfahrungen einzuprägen; ihm all die schrecklichen Leiden der Reue und
Furcht, all den Ekel fühlen zu lassen, den ich vor mir selbst empfunden
hatte und nun in bitterer Seelenpein nochmals im Geiste durchlebte. Diese
Gefühle wurden von mir so lange auf sein Bewußtsein und in sein
Gemüt übertragen, bis er offensichtlich durch diese Vorstellungen
von den möglichen schrecklichen Folgen seiner Gedankensünden
beunruhigt war. — Bei
diesem besonderen Teile meiner Erlebnisse will ich nicht länger mehr
verweilen, da er hier im Jenseits als allgemein bekannt gilt. Erwähnen
möchte ich nur, daß ich von meiner Mission mit dem
Bewußtsein zurückkehrte, viele Sterbliche vor den Fallstricken, in
die ich selbst einst geraten war, bewahrt zu haben; und daß ich dadurch
einen Teil meiner eigenen Sünden abgebüßt hatte. So wurde ich
mehrmals mit solchen Sendungen betraut und jedesmal kam ich erfolgreich
zurück. Wenn
ich nach dem Urteil derer, die meinen Zustand beim Eintritt in die geistige
Welt gekannt, erstaunlich rasche Fortschritte gemacht hatte und den
Versuchungen immer widerstehen konnte, so war dieser Erfolg nicht so sehr mir
selbst zuzuschreiben. Weit mehr der wunderbaren Unterstützung, die mir
durch die treue und unwandelbare Liebe meines guten Engels zuzuschreiben war,
dessen Bild mir stets in meinen Nöten vor Augen schwebte. — Wenn
alle anderen Vorstellungen ohne Eindruck auf mich blieben, — der Stimme
meines Lieblings verschloß ich mich nie, sondern folgte ihr stets. Hatte
ich nicht irgend einem Sterblichen Beistand zu leisten, wurde ich ausgesandt,
um auf dem Erdenplan unter den unglücklichen Geistern zu wirken, die wie
einst ich selbst noch in Finsternis wandelten. Zu diesen kam ich in meiner
Eigenschaft als Mitglied der großen Brüderschaft zur Hoffnung,
versehen mit dem kleinen sternähnlichen Lichte, das geistige Abzeichen
jenes Ordens. Vor seinen Strahlen wich die Finsternis um mich her. Ich konnte
dann die unglücklichen Geister sehen, wie sie zu zweien oder dreien auf
dem Boden umherkrochen, oder in hilflosem Zustande in irgend einer Ecke
hockten; zu hoffnungslos, zu unglücklich, um für ihre Umgebung noch
Interesse zu haben. Diese
Unglücklichen hatte ich darauf aufmerksam zu machen, wie sie zu einem
Hoffnungsheime ähnlich dem meinigen gelangen konnten. Oder ich hatte
ihnen zu zeigen, auf welche Weise sie sich selbst zu helfen vermöchten:
indem sie anderen in ihrer Nähe Beistand leisteten und sich so die
Dankbarkeit jener verdienten, die noch hoffnungsloser waren als sie selbst.
Jeder armen, leidenden Seele mußte ein anderes Heilmittel gereicht
werden, denn eine jede hatte andere Erfahrungen gemacht, und die Sünden
einer jeden waren durch andere Umstände hervorgerufen worden. Kapitel 6
War
meine Arbeit an einem Platze beendet, pflegte ich zum Zwielichtlande
zurückzukehren, um in einem anderen großen Gebäude Wohnung zu
nehmen, das unserer Brüderschaft gehörte. Dieses hatte einige
Ähnlichkeit mit dem meines früheren Aufenthalts, doch war es nicht
ganz so dunkel, trübselig und eintönig wie jenes. In dem kleinen
Zimmer, wie es jedem von uns zugewiesen wurde, befanden sich mancherlei
Gegenstände, mit denen man uns aus Dankbarkeit für unsere Dienste
beschenkt hatte. So bewahrte ich zum Beispiel in meinem Zimmer, welches noch
etwas kahl aussah, einen großen Schatz — das Bild meines
Lieblings! Es glich mehr ihrem Spiegelbilde als einem Gemälde. Wenn ich
es genau betrachtete, schien es mir zuzulächeln, als ob ihr Geist sich
meines Blickes bewußt wäre. Wollte ich dann lebhaft wissen, womit
sie zur Zeit beschäftigt war, veränderte sich das Bild und zeigte
mir ihre jeweilige Tätigkeit. Ein
solches Bild besitzen zu dürfen, wurde von allen meinen Gefährten
als ein großes Vorrecht betrachtet. Man sagte mir, daß diese
Vergünstigung ebenso sehr die Folge ihrer Liebe und ihres treuen
Gedenkens an mich sei, als auch meiner eigenen Anstrengungen, mich zu
veredeln. Später erst wurde mir erklärt, wie dieses lebende Bild
vom Lichte des Astralplanes aus in mein Zimmer und seinen Rahmen geworfen
wurde, doch kann ich diesen Vorgang hier nicht ausführlicher
beschreiben. Ein anderes Geschenk meines Lieblings besaß ich in Gestalt
einer weißen Rosenknospe, die in einer kleinen Vase niemals welk wurde,
oder ihre Blätter fallen ließ, sondern als stetes Sinnbild der
treuen Liebe ihrer Spenderin stets frisch und duftend blieb. Da
ich auf Erden Blumen sehr geliebt und keine mehr zu Gesicht bekommen hatte,
seit mein Liebling mein Grab damit geschmückt, war das Verlangen danach
bei mir sehr lebhaft gewesen. — An meinem jetzigen Aufenthaltsort gab
es keine Blüten, nicht einmal Gras oder Kräuter, geschweige denn
Sträucher oder Bäume. Der trockene, dürre Boden unserer
Selbstsucht ließ hier nichts Grünendes oder Blühendes
aufkommen. Nachdem
es mir gelungen war, kurze Botschaften durch meines Lieblings Hand zu
übermitteln, erzählte ich ihr gelegentlich eines Besuches,
daß mit Ausnahme ihres Bildes nichts in meinem Besitze sei, an dem mein
Auge sich erfreuen könne. Da bat sie, daß man mir eine ihrer
Blumen geben möchte. Ihrer Bitte war nun Erfüllung geworden, indem
ein Geisterfreund die besagte weiße Rose in mein Zimmer gebracht hatte.
Ach, die ihr Blumen achtlos verblühen lasset, ihr könnt euch nicht
vorstellen, welche große Freude mir diese Rosenknospe bereitete, und
auch das Bild und einige Worte meines Liebs, die sie mir einst geschrieben.
Bei meinem Aufstieg von Sphäre zu Sphäre habe ich sie stets mit mir
genommen und gedenke sie auch in Zukunft nie wieder von mir zu geben. — — — Von
Zwielichtlande aus unternahm ich viele Reisen. So verschiedenartig und
merkwürdig jedoch die Gegenden waren, die ich sah, — alle trugen
sie den Stempel der Kälte und Trostlosigkeit. Einer
dieser Orte bildete ein großes Tal. Graue Felsen, düstere, kalte
Hügel umschlossen es auf allen Seiten und dämmerndes Zwielicht lag
über ihm. Auch hier war kein Blatt, kein Grashalm, kein
verkümmerter Strauch oder irgend welche Schattierung in Farbe und Licht
zu erblicken. Dem Auge boten sich nichts als trostlose, graue Felsen dar. Die
Geister dieses Tals hatten nur sich selbst gelebt und sich selbst geliebt,
und ihre Herzen waren der Wärme selbstloser Liebe stets verschlossen
gewesen. Sie hatten ihr Dasein nur zur Befriedigung ihrer Begierden benutzt
und sahen nun nichts um sich als die graue Trostlosigkeit ihres harten,
selbstsüchtigen Lebens. Hier gab es eine Menge Unglücklicher, die
rastlos umherwanderten, aber so in sich selbst versunken waren, daß sie
die Fähigkeit, andere zu sehen, ganz verloren hatten. Solche
Geister bleiben sich gegenseitig so lange unsichtbar, bis der Gedanke und der
Wunsch in ihnen auftauchen, irgend etwas Gutes für einen anderen zu tun.
Dann erst werden sie sich ihrer Umgebung bewußt. Und durch ihre
Bemühungen das Los ihrer Gefährten zu erleichtern, fördern sie
sich selbst, bis schließlich ihre verkümmerten Gefühle an
Kraft gewinnen und das nebelige Tal der Selbstsucht sie nicht mehr gefangen
hält. — — — Jenseits
dieses Tales gelangte ich zu einem weiten, trockenen und sandigen Landstrich,
welcher ab und zu mit spärlichem Grün bewachsen war. Dessen
Bewohner hatten schwache Versuche zur Anlage von Gärten um ihre
Behausungen herum gemacht. An manchen Stellen waren diese Behausungen so
dicht zusammengerückt, daß sie kleinere oder größere
Städte bildeten. Alle aber hatten jenes trostlose, häßliche
Aussehen, dessen Ursache die geistige Armut ihrer Bewohner war. Auch dies war
ein Land der Selbstsucht und der Begierde, jedoch für das Auge des Beobachters
nicht von so vollständiger Gleichförmigkeit wie die vorher
geschilderte Gegend. Seine Bewohner suchten bis zu einem gewissen Grade
Umgang mit ihren Nachbarn. Viele von ihnen waren von dem grauen Tale her
gekommen, die meisten jedoch direkt aus dem Erdenleben. Sie waren nun arme
Seelen, die kämpften und rangen, um sich etwas höher zu bringen. Wo
immer dies Streben zutage tritt und eine Anstrengung zur Überwindung der
Selbstsucht gemacht wird, beginnt der trockene Boden um die Häuser herum
zarte Grashalme und kleine, kümmerliche Schößlinge von
allerlei Gesträuch zu treiben. Wie
armselig waren doch die Hütten in diesem Lande, wie zerlumpt,
herabgekommen und elend seine Bewohner, gleich Landstreichern oder Bettlern!
Und doch hatten viele von ihnen zu den Reichsten der Erde gezählt und
hatten als hervorragende Persönlichkeiten allen Luxus genossen, den es
nur geben kann. Da sie aber ihren Reichtum nur zur Befriedigung ihrer eigenen
Bedürfnisse verwendet hatten und anderen nur die armseligen Brocken von
ihrem reichen Tische zukommen ließen, waren sie nun hier im
Zwielichtlande gleich Bettlern — arm in Bezug auf die geistigen
Güter der Seele. Letztere müssen schon im irdischen Dasein sowohl
vom reichsten Könige wie vom ärmsten Bettler erworben werden.
Diejenigen, welche ohne sie ins Geisterreich herüberkommen —
mögen sie zu den größten oder Niedrigsten der Erde
gezählt haben — müssen an diesem Orte Wohnung nehmen, wo alle
gleich arm an geistigen Dingen sind. In
Rücksicht auf die Stellungen, die sie während ihres irdischen
Lebens innehatten, zanken und beklagen sich hier viele der Geister
darüber, daß man schlecht mit ihnen umgegangen sei und sie an
einen solchen Ort gebracht hätte. Sie tadeln die anderen, als ob diese
an ihrem Hiersein die Schuld trügen und nicht sie selbst. Sie bringen
tausend Entschuldigungen und Ausflüchte bei jedem vor, der geneigt ist,
ihre Leidensgeschichte anzuhören. Andere wieder möchten ihre
irdischen Pläne noch zur Ausführung bringen. Oder sie suchen ihre
Zuhörer glauben zu machen, daß sie Mittel und Wege gefunden
hätten, wie man (auf Kosten irgend eines anderen natürlich) die
Trostlosigkeit dieses langweiligen Lebens enden könne. Sie ersinnen und
erwägen Anschläge, die sie auszuführen suchen, während
sie die von anderen, welche ihren Plänen entgegenstehen, zu vereiteln trachten.
Auf solche Weise nimmt das öde Dasein in diesem "Lande der
Unruhe" seinen Verlauf. — Indem
ich allen, die mich anzuhören gewillt waren, Mut und Hoffnung zusprach
und ihnen nützliche Ratschläge gab, damit sie den rechten Weg aus
diesem Lande heraus finden möchten, ging ich weiter und kam in das Land
der "Geizigen". — Dieses
Land ist sich gänzlich selbst überlassen. Denn mit Ausnahme derer,
die selbst an der alles verschlingenden Gier nach Anhäufung von
Reichtümern kranken, hegen nur wenige Menschen Sympathie für
wirkliche Geizhälse. Die
dunklen Geister hier waren bucklig und hatten klauen ähnliche Finger.
Sie beschäftigten sich damit, in dem schwarzen Boden gleich
Raubvögeln nach zerstreuten Goldkörnern zu suchen, und hier und da
wurde ihre Mühe belohnt. Nachdem sie ein Stückchen Gold gefunden
hatten, steckten sie es in kleine Taschen und bargen sie an ihrem Busen,
damit das, was ihnen als höchstes Gut erschien, ihrem Herzen am
nächsten ruhe. In der Regel waren es einsame, menschenscheue Wesen, die
einander instinktiv aus dem Wege gingen aus Furcht, daß sie ihrer
teuren Schätze beraubt werden könnten. In
diesem Lande fand ich nichts zu tun. Ein einziger Mann lauschte für
einen kurzen Augenblick auf meine Worte, bevor er sich wieder auf die Suche
nach Gold im Erdboden begab. Aber als ich ging, verfolgte er mich
mißtrauisch mit seinen Blicken. Jedenfalls hatte er Furcht, ich
möchte in Erfahrung bringen wollen, wieviel Gold er bereits
zusammengescharrt hatte. Die anderen Geister waren alle derart in das
Goldsuchen vertieft, daß ich ihnen nicht einmal meine Gegenwart
bemerklich machen konnte. So verließ ich denn bald dies kalte Land. — — — Mich
abwärts wendend, gelangte ich in eine fast ganz dunkle Sphäre.
Diese machte den Eindruck, als ob sie sich unter der Erde befände, da
der Charakter ihrer Bewohner schlechter war als jener der Menschen in
gewissen Gegenden der Erde. Hier
war vieles ähnlich den Verhältnissen im "Lande der
Unruhe", nur daß die Geister, welche daselbst wohnten, noch
schlechter und verkommener aussahen. Hier war auch nicht die Spur einer
Bodenkultur zu bemerken, und der Himmel zu Häupten war beinahe schwarz
wie die Nacht. Das vorhandene Licht gab den Bewohnern nur die
Möglichkeit sich selbst und die Gegenstände in ihrer nächsten
Umgebung zu erkennen. Während
man im "Lande der Unruhe" nur Zank, Unzufriedenheit und Eifersucht
fand, gab es hier hitzige Schlägereien und erbitterte Kämpfe. Es
war dies der Aufenthaltsort für Spieler und Trunkenbolde, für
wettende Männer, Falschspieler und Schwindler aus der Handelswelt,
für Diebe und Gesindel jeder Art. — Man fand hier sowohl den
gemeinen Dieb der Spelunken, wie sein gebildetes Gegenstück, das sich in
den höheren Sphären des irdischen Lebens bewegt hatte. An diesem
Orte befanden sich alle, deren verbrecherische und liederliche Neigungen zur
Selbstsucht und Entartung ihrer Gefühle geführt hatten. Auch sah
ich viele, die sich in einem höheren Zustande geistigen Lebens
hätten befinden können, wäre nicht ihr beständiger Umgang
mit der oberwähnten Sorte von Menschen im irdischen Dasein für sie
verhängnisvoll geworden, so daß sie nach ihrem Tode —
angezogen durch ihre früheren gesellschaftlichen Verbindungen —
bis zu dieser dunkeln Sphäre herabsanken. Zu
dieser letzteren Klasse von Geistern wurde ich jetzt gesandt, denn es war
Hoffnung vorhanden, daß noch etwas Gefühl für das Gute und
Erhabene bei ihnen zu finden sein würde. Die Stimme des Rufenden in der
Wüste sollte von ihnen vernommen werden und sie hinwegführen in ein
besseres Land. Die
Behausungen und Wohnstätten dieses dunklen "Landes des Elends"
lagen über weite Flächen zerstreut. Alle aber boten einen
schrecklichen Anblick von Unreinlichkeit, Schmutz und Verfall. Sie glichen
den Gebäuden in einigen Diebesvierteln unserer Großstädte, wo
einstmals prächtige, mit Reichtum und Luxus ausgestattete Paläste
nun zu Zufluchtsorten des schlimmsten Lasters und Verbrechens geworden sind.
Hier und da stieß ich auf weite, verlassene Länderstriche, die nur
wenige zerstreute Häuser, besser gesagt elende Hütten aufwiesen. In
anderen Gegenden gab es Häuserkomplexe ähnlich den
Großstädten der Erde, in denen die Einwohner dicht
zusammengedrängt hausten und einen düsteren, unerfreulichen Anblick
darboten. Überall konnte man Schmutz, Unrat und Elend bemerken: ein
wahrhaft trostloser Zustand, der durch die geistigen Ausströmungen der
lasterhaften Bewohner dieser Gegend verursacht wurde. Nicht eine Spur von
etwas Reinem, Schönem oder Anmutigem war hier zu entdecken, auf dem das
Auge gerne hätte verweilen mögen. Unter
diesen Unglücklichen wanderte ich mit meinem kleinen Sternenlicht umher.
Es war so winzig, daß es einem leuchten den Pünktchen glich, das
in der Dunkelheit aufblitzte und sich bewegte. Doch um mich her verbreitete
es eine sanfte, milde Helle und bildete einen Hoffnungsstern für alle,
die nicht infolge ihrer Selbstsucht und ihrer Leidenschaften zu verblendet
waren, um es wahrzunehmen. Ab
und zu fand ich solche Unglücklichen an irgend eine Wand gelehnt oder in
der Ecke eines armseligen Zimmers kauernd. Besaßen sie genügend
Kraft, sich aufzurichten und auf meine Worte zu hören, dann begannen sie
den Weg zum Guten zu suchen und auf diesem Wege zu den höheren
Sphären, aus denen sie durch ihre Sünden gefallen waren,
zurückzukehren. Einige konnte ich dazu bewegen, mir bei meinen
Bemühungen, anderen zu helfen, beizustehen. In der Regel jedoch waren
diese Ärmsten nur imstande, an ihr eigenes Elend zu denken und sich nach
etwas Höherem als ihrem gegenwärtigen Zustande zu sehnen. So gering
dies auf den ersten Blick erscheinen mag, war es dennoch der erste Schritt
nach vorwärts, dem dann der zweite — nämlich der Gedanke, wie
man anderen helfen könne — ebenso sicher folgte. Eines
Tages kam ich bei meinen Wanderungen durch dieses Land in das Gebiet einer
großen Stadt inmitten einer weiten, trostlosen Ebene. Der Boden war
schwarz und trocken. Er war an besten mit den Ablagerungen von Asche, Schutt
und Schlacken zu vergleichen, die man in der Nähe großer
Eisenwerke findet. Ich befand mich gerade zwischen den Trümmern einiger
verfallener Hütten, die den Übergang von der unglücklichen
Stadt zu jener trostlosen Ebene bildeten, als ich einen großen
Lärm und Streit vernahm, der aus einer Hütte zu mir drang.
Neugierde trieb mich an, nachzusehen, worum es sich handle und ob nicht etwa
ein Schutzbedürftiger hier anzutreffen sei. Das
Gebäude, in welches ich eintrat glich eher einem Stall als einem Hause.
In einem Raume stand ein großer, rohgezimmerter Tisch, um ihn herum
saßen ungefähr ein Dutzend Männer auf kleinen hölzernen
Stühlen. Welche Männer! Sie waren fast eine Beleidigung für
das menschliche Geschlecht und eher mit Orang-Utans zu vergleichen. Ihre
groben, aufgedunsenen, entstellten Gesichtszüge erinnerten in ihrem
Ausdruck an die Physiognomie von Schweinen, Wölfen und Raubvögeln. Es
ist mir unmöglich, diese Gesichter, diese mißgestalteten
Körper und verdrehten Glieder zu beschreiben. In ihren zerschlissenen
Gewändern, ihrer Kleidung im irdischen Leben ganz ähnlich, boten
sie einen grotesken Anblick. Manche gingen in der Tracht früherer Jahrhunderte
einher, andere waren nach neuester Mode gekleidet. Insgesamt aber sahen sie
zerlumpt, gemein und schmutzig aus. Ihr Haar war ungekämmt und hing
ihnen wirr um den Kopf; ihre Augen erglühten bald im Feuer heftiger
Leidenschaft, bald starrten sie in finsterer Verzweiflung oder boshafter
Türke vor sich hin. Damals
glaubte ich mich im tiefsten Abgrunde der Hölle zu befinden. Seitdem bin
ich jedoch in eine Region gekommen, welche noch viel dunkler war und weit
schrecklicher aussah als diese. Sie wird von Wesen bewohnt, denen
gegenüber die hier Beschriebenen harmlos menschlich genannt werden
müssen. Später, wenn ich auf jenen Teil meiner Wanderungen zu
sprechen komme, wo ich die untersten Reiche der Hölle besuchte, werde
ich diese niedersten Wesen genauer beschreiben. Die
Geister, welche ich in dem erwähnten Gebäude antraf, waren
über einen Beutel voll Geld, der auf dem Tische lag, in Streit geraten.
Einer von ihnen hatte das Geld gefunden und es als Einsatz gegeben, damit die
ganze Gesellschaft darum spiele. Der Zank schien dadurch entstanden zu sein,
daß jeder den Beutel einfach an sich nehmen wollte, ohne irgendwie die
Rechte des anderen zu beachten. Die Rechtsfrage war zur Machtfrage geworden,
und man bedrohte sich bereits in heftiger Weise. Der Finder des Geldes
— oder besser des geistigen Gegenstücks unseres irdischen Geldes
— war ein junger Mann von verhältnismäßig gutem
Aussehen. Wären nicht die Spuren der Leidenschaften so tief in sein
Antlitz eingegraben gewesen, so hätte er in diese verkommene Gesellschaft
nicht hineingepaßt. Er behauptete, das Geld sei sein Eigentum und wenn
er es auch gesetzt habe, damit ehrlich darum gespielt werde, so dulde er doch
nicht, daß man es ihm mit Gewalt abnehme. Meinem
Gefühl nach gab es hier nichts für mich zu tun. Nachdem ich diesen
wüsten Ort verlassen hatte, hörte ich hinter mir ein lautes
Gebrüll von Entrüstungsrufen und Verwahrungen. Kaum war ich ein
kurzes Stück Weg gegangen und befand mich gerade bei einem anderen
verlassenen Hause, als die ganze wilde Bande streitend und kämpfend aus
der Hütte kam, um an den jungen Mann mit der Geldbörse
heranzukommen. Sie drängten einander weg, während der Vorderste von
ihnen den Ärmsten schlug, mit Füßen trat und ihm den Beutel
zu entreißen suchte. Als
dies gelungen war, stürzten sich alle auf ihn, so daß der junge
Mensch Fersengeld gab und auf mich zuzulaufen begann. In diesem Augenblick
entstand ein gellendes Geschrei. Man schickte sich an, den Fliehenden wieder
einzufangen und ihn wegen Betrugs zu züchtigen, da der Beutel statt des
Geldes nur Steine enthielt. Es war gleich dem Feengold im Märchen
verwandelt worden, jedoch nicht in weike
Blätter, sondern in harte Steine. Der
unglückliche junge Mensch hatte sich eben an mich geklammert und mich
laut gebeten, ihn vor diesen Teufeln zu schürzen, als die ganze Bande in
Verfolgung ihres Opfers auf uns losstürmte. Den armen Menschen mit mir
reißend, sprang ich mit Blitzesschnelle in das leere Gebäude und
zog die Türe hinter mir zu. Um unsere Verfolger auszusperren, stemmte
ich den Rücken gegen die Tür. Großer Gott! Wie schrieen,
stampften und tobten sie bei ihren Versuchen, durch die Türe
einzudringen, und wie spannte ich meinerseits alle Kräfte des Geistes
und Körpers an, sie abzuhalten! Damals wußte ich noch nicht,
daß unsichtbare Mächte mir beistanden und die Türe zuhielten,
bis endlich die Angreifer bemerkten, daß sie dieselbe nicht zu bewegen
vermochten. Schließlich zogen die Ruhestörer enttäuscht und
ärgerlich ab, um anderswo einen Anlaß zu neuem Streit zu suchen. Kapitel 7
Hierauf
sah ich nach meinem Begleiter, welcher gleich einem Häuflein Elend in
einer Ecke der Hütte saß, und half ihm auf. Ich erklärte ihm,
daß es ratsam wäre, diesen Ort zu verlassen, sobald er sich
bewegen und ein wenig gehen könne. Es könnte den Männern recht
wohl einfallen, zurückzukommen und uns Ungelegenheiten zu bereiten. Mit
vieler Mühe und Anstrengung hob ich ihn auf und brachte ihn an einen
sicheren Ort draußen auf der dunklen Ebene, wo wir allerdings ohne
Obdach waren, aber doch nicht Gefahr liefen, eingeschlossen zu werden. Dann
tat ich mein Bestes, seine Leiden durch Anwendungen zu mildern, die ich
während meines Aufenthaltes im Hause der Hoffnung gelernt hatte. Nach
einiger Zeit war der arme Bursche fähig zu sprechen und zu
erzählen, wie er in dieses dunkle Land gekommen sei. Er war anscheinend
erst vor kurzem aus dem Erdenleben geschieden, nachdem er von einem
eifersüchtigen Ehemanne, dessen Weib er unerlaubte Aufmerksamkeiten
erwiesen hatte, erschossen worden war. Das einzige versöhnende Moment in
der Geschichte dieses armen Geistes war, daß er keinen Haß- oder
Rachegedanken, sondern lediglich Reue und Scham dem Manne gegenüber
empfand, der ihn seines Lebens beraubt hatte. Was am meisten dazu beigetragen
hatte, ihm die Augen über seine Verkommenheit zu öffnen, war die
Entdeckung, daß die Frau, um deren Liebe Willen alles dies geschah,
eine Unwürdige war. Sie war hart, selbstsüchtig und so weit
entfernt von einem wirklichen Liebesempfinden, daß ihr ganzes Sinnen
und Trachten nur darauf hinausging, sich zu vergnügen und eine Rolle in
der Gesellschaft zu spielen. Unmut und Lange weile waren die
Hauptgefühle, die sie ihrem unglücklichen Gatten und dem Opfer
seiner Eifersucht entgegengebracht hatte. Der
junge Mann, den ich "Raoul" nennen will, erzählte mir:
"Als ich wußte, daß ich wirklich gestorben war und dennoch
die Macht besaß, wieder auf die Erde zurückzukehren, war mein
erster Gedanke, zu ihr zu gehen und sie nach Möglichkeit zu
trösten. Oder sie wenigstens empfinden zu lassen, daß der tote
Geliebte noch lebe und ihrer auch nach dem Tode gedenke. Aber in welcher
Verfassung fand ich sie! Nicht etwa in Trauer um mich oder in Sorge um ihn.
Nicht im mindesten! Nur an sich selbst denkend, wünschte sie, daß
keiner von uns ihr je begegnet wäre. Am liebsten hätte sie uns aus
ihrem Gedächtnis gestrichen, um mit einem anderen, gesellschaftlich
Höherstehenden ein neues Leben zu beginnen. Da
fiel es wie Schuppen von meinen Augen und ich sah, daß ich ihre Liebe
niemals besessen hatte. Mein Reichtum und mein Adel hatten es ihr angetan.
Damit hoffte sie eine einflußreichere Stellung in der Gesellschaft zu
gewinnen, oder eine Rivalin aus dem Felde zu schlagen. Nur aus kalter
Berechnung hatte sie Ehebruch begangen und ich war nichts als ein armer
blinder Narr, der seine Torheit mit dem Leben bezahlen mußte. Für
sie war ich nichts als eine unerfreuliche Erinnerung an den Skandal, dem sie
ausgesetzt war. In meiner Bitterkeit floh ich damals die Erde. Ich konnte an
keine Treue irgendwelcher Art mehr glauben und meine wilden Gedanken und
Wünsche zogen mich zu diesem dunklen Orte und seinen Bewohnern herab.
Unter ihnen fand ich meine irdischen Freunde wieder, die mich umschmeichelt
hatten, unter denen ich meine Kräfte vergeudet und meine Seele verloren
hatte." "Und
nun, mein unglücklicher Freund", erwiderte ich, "willst du
jetzt nicht den Weg der Sühne betreten, der dich zu besseren
Ländern zurückführt, auf dem du dein verlorenes Menschentum
und dein höheres Selbst wiederfinden wirst?" "Leider
ist es hierzu zu spät", sprach Raoul, "In der Hölle
— und sicher ist dies die Hölle — gibt es keine Hoffnung
mehr." "Keine
Hoffnung? für niemanden?" antwortete ich. "Sprich nicht so,
mein Freund. Ich kann dir versichern, daß selbst für Geister in
der verzweifeltsten Lage noch Hoffnung vorhanden ist. Auch ich habe Kummer
und Bitterkeit erfahren. Trotzdem habe ich die Hoffnung nie verloren, denn
sie, die ich liebte, war rein wie ein Engel. Sie war stets bereit, mir Liebe
und Hoffnung einzuflößen. Um ihretwillen arbeite ich und erwecke
in anderen die Hoffnung, die mir selbst zuteil wurde. Komm, laß mich
dich führen und ich werde dich zu einem besseren Lande geleiten." "Und
wer bist du, mein Freund, mit den schönen Worten und noch schöneren
Taten, die mich dem Leben wiedergeben sollen? Mir wurde gesagt, daß es
hier unmöglich sei, zu sterben. Man könne leiden bis zum Punkte des
Todes, ja man könne alle seine Martern durchkosten; aber der Tod selbst
treffe keinen von uns, denn wir befänden uns jenseits desselben. Haben
wir da nicht eine Ewigkeit des Leidens vor uns? — Sage mir, wer du
bist, wie du hierher kommst, und wie du deine Worte der Hoffnung mit solchem
Vertrauen an mich richten kannst. Ich könnte glauben, du seiest ein
Engel, der mir zur Hilfe gesandt wurde — aber dazu gleichst du mir selbst
zu sehr." Da
erzählte ich ihm meine Lebensgeschichte, schilderte ihm, wie ich mich
heraufgearbeitet hatte und wie er das nun ebenfalls tun müsse. Auch
sagte ich, daß ich zuversichtlich hoffe, einst mit meiner Liebsten in
einem Lande leben zu können, wo wir nicht mehr getrennt würden. "Und
du glaubst", sagte er, "daß sie ihr ganzes Leben auf Erden
einsam verbringen wird, damit sie einst im Himmel mit dir verbunden werde,
nachdem du selbst dahin gekommen bist? Mein Freund, du belügst dich
selbst! Keine Frau, sie wäre denn alt und häßlich, wird sich
dazu verstehen, um deinetwillen allein zu leben. Sie wird es vielleicht eine
Zeitlang tun, wenn kein anderer kommt, um sie zu werben. Aber glaube mir,
wenn sie nicht ein vollkommener Engel ist, wird sie sich nach und nach
trösten. Wenn deine Hoffnungen nicht besser gegründet sind, so kann
ich dich nur bedauern." Ich
muß gestehen, daß mich diese Worte ärgerten; sie waren das
Echo der Zweifel, welche mich oftmals quälten, und wirkten wie eine
kalte Dusche auf den Enthusiasmus, mit dem ich mich aufrecht erhalten hatte.
Sowohl zur Besänftigung meiner eigenen Zweifel als auch der seinigen
sagte ich nun mit einigem Eifer: "Wenn
ich dich nun mit zur Erde nehme und wir finden mein Lieb in Trauer um mich,
in Gedanken nur mit mir beschäftigt: willst du dann glauben, daß
ich mich keiner Täuschung hingebe? Willst du dann zugestehen, daß
du in deiner Lebenserfahrung bezüglich der Frauenwelt, wie auch in
anderer Hinsicht noch lernen kannst?" "Mein
guter Freund, ich bitte dich herzlich um Entschuldigung, wenn mein Zweifel
dir Pein verursacht hat. Ich bewundere dein großes Vertrauen und
wünschte nur, selbst ein wenig davon zu besitzen. Doch laß uns
unter allen Umständen gehen und sie besuchen." Hierauf
nahm ich ihn bei der Hand. Mittels meines energischen Wollens, daß wir
uns bald bei meinem Lieb befinden möchten erhoben wir uns und
durchquerten fast mit der Schnelligkeit eines Gedankens den Raum. In wenigen
Augenblicken befanden wir uns in dem Zimmer, in dem meine Geliebte weilte.
Sie selbst und ihr Schutzgeist, der sie bewachte, waren meinem Auge wohl
sichtbar. Die Umrisse der Räumlichkeit und die Ausstattung konnte ich
undeutlich erkennen, während mein Freund Raoul außer der in ihrem
Sessel ruhenden Gestalt meiner Geliebten überhaupt nichts wahrnahm. Im
strahlenden Glanze ihres geistigen Körpers, vom matten, sanften Lichte
ihrer Aura umflossen, glich sie einer Heiligen. Dieses geistige Licht ist
für euch Erdenmenschen nicht wahrnehmbar; für uns Geister jedoch
erscheinen alle, deren Leben rein und gut ist, in einem solchen Lichte,
während die Bösen von einer dunklen Wolke umhüllt sind. "Mein
Gott," rief Raoul aus und sank vor ihr auf das Knie. "Sie ist ein
Engel! Du hast mich zu einer Heiligen gebracht, nicht zu einer Frau. Sie ist kein
irdisches Weib." Ich
nannte sie beim Namen und sie hörte den Laut meiner Stimme. Da schwand
die Traurigkeit aus ihrem Antlitz; sie strahlte vor Freude und sagte leise:
"Bist du wirklich da, mein Liebster? Ich sehnte mich so sehr darnach,
daß du wiederkommen möchtest. Mein ganzes Sinnen und Trachten geht
nach dir. Kannst du mich berühren?" Sie streckte ihre Hand aus, und
einen Augenblick ruhte die meinige in der ihren. Aber selbst diese kurze
Berührung ließ sie erschauern, als ob ein eisiger Wind sie gestreift
hätte. "Sieh,
mein Liebling, ich habe einen unglücklichen Freund mitgebracht, den nach
deiner Fürbitte verlangt. Ich möchte ihn wissen lassen, daß
es auf Erden die Liebe treuer Frauen gibt, die unser Segen werden
könnten, wenn wir uns ihrer nur würdig machen wollten." Sie
hatte nicht alles, was ich sagte, genau verstanden, aber ihr Geist hatte den
Sinn erfaßt. Und mit einem Lächeln sprach sie: O ja! Ich bin dir
stets treu, mein Geliebter, wie du es auch mir bist, und eines Tages werden
wir sehr glücklich sein." Da
erhob Raoul, welcher bis dahin vor ihr gekniet hatte, seine Hände und
versuchte, die ihrigen zu berühren. Aber der unsichtbare Schutzwall
hielt auch ihn, wie dies bei mir bisher der Fall war, davon ab. Mein Freund
mußte von seinem Vorhaben abstehen und sagte zu ihr: "Wenn dein
Herz so voller Liebe und Mitleid ist, so spende auch mir etwas davon, der ich
wirklich unglücklich und deiner Fürbitte bedürftig bin. Ich
weiß, daß deine Gebete erhört werden, die meinen aber
ungehört verhallen. Darum bete, daß auch mir geholfen werde. Ich
kann mich dann der Hoffnung hingeben, daß selbst für mich noch ein
besseres Leben möglich ist." Meine
Geliebte vernahm die Worte des Unglücklichen und, indem sie neben ihren
Stuhle niederkniete, sprach sie ein kurzes, einfaches Gebet um Hilfe und
Trost für uns alle. Raoul war hierdurch so weich gestimmt, daß er
vollständig zusammenbrach. Ich mußte ihn bei der Hand nehmen und
ihn zum Geisterlande zurückbringen, doch nicht wieder in jene Sphäre,
welche aller Hoffnung bar ist. Von
da ab arbeiteten Raoul und ich eine kurze Zeit zusammen in der dunklen
Gegend, in der er früher gewohnt hatte, und von Tag zu Tag wurde er
hoffnungsvoller. Von Natur aus lebhaft und heiter, war er ein echtes Kind
seines Landes (er war Franzose), voll lustigen, anmutigen Leichtsinns, den
selbst der schreckliche Aufenthalt an diesem düstern Orte nicht
völlig hatte unterdrücken können. Wir wurden gute Freunde, und
unsere Arbeit wurde dadurch angenehmer, daß wir uns darin teilten.
Diese gemeinsame Tätigkeit war damals nicht von langer Dauer. Seitdem
sind wir uns aber öfters begegnet und haben miteinander gearbeitet
— wie Kameraden verschiedener Regimenter, die durch die Zufälle
des Krieges einmal zusammengeführt und dann wieder getrennt werden. Kapitel 8
Wieder
einmal aufgefordert, meine Wanderungen in den geistigen Sphären zu
unterbrechen, um auf der Erde eine Mission zu erfüllen, geschah es,
daß die größte und schrecklichste Versuchung meines Lebens
an mich herantrat. Im Verlaufe meines Rettungswerkes begegnete ich einem
Erdenmenschen, dessen Einfluß auf mein irdisches Leben mehr als alles
andere dazu beigetragen hatte, dieses zu zerstören. Obgleich ich
keineswegs schuldlos war, überkam mich doch stets eine große
Bitterkeit und ein heftiges Rachegefühl, so oft ich an diese
Persönlichkeit und alle die Kränkungen, welche ich durch sie
erlitten, dachte — Kränkungen, die mir so nahegingen, daß
ich manchmal glaubte, leidenschaftlichen Ausbrüchen des Zornes Ausdruck
geben zu müssen. Bei
meinen Wanderungen auf dem Erdenplan, hatte ich viele Mittel und Wege
kennengelernt, durch welche ein Geist denen, die er haßt, Schaden
zufügen kann; auch wenn sie sich noch im Fleische befinden. Es ist uns
weit mehr Macht zu eigen als ihr glaubt! Aber ich halte es für weiser,
den Schleier nicht zu lüften, der über allen Möglichkeiten
liegt, die sich rachsüchtigen Personen selbst nach dem Tode noch zur
Erreichung ihrer bösen Absichten bieten. Ich
könnte schreckliche Fälle aufzählen, von denen ich weiß,
daß sie wirklich stattgefunden haben: geheimnisvolle Morde,
merkwürdige Verbrechen, welche auf der Erde — scheinbar ohne Grund
und Ursache — von Menschen begangen wurden, deren Bewußtsein so
betäubt war, daß sie für ihre Handlungen nicht verantwortlich
gemacht werden konnten. Sie waren nur Werkzeuge in den Händen von
Geistern, die Besitz von ihnen genommen hatten. Von diesen und ähnlichen
Vorkommnissen haben wir hier in den geistigen Sphären Kenntnis. Diese
Dinge haben hier oftmals ein recht verschiedenes Ansehen von dem, was sich
euch auf Erden darbietet. Der alte Glaube an die Besessenheit durch
Dämonen ist demnach nicht unbegründet, nur waren die in Betracht
kommenden Dämonen und Teufel einstmals selbst Bewohner der Erde. Nach
langen Jahren der Trennung begegnete ich also jener verhaßten
Persönlichkeit noch einmal. Alle die früheren Gefühle des
Schmerzes und der Kränkung erwachten aufs neue in mir mit einer
Heftigkeit, die meinen früheren Zorn im irdischen Leben um das Zehnfache
überstieg. Denn ein Geist besitzt die Eigenschaft, weit mehr entbehren
oder genießen zu können, weit mehr sich zu freuen oder zu leiden,
zu lieben oder zu hassen als jemand, dessen Sinne noch stumpf und durch die
irdische Hülle verschleiert sind. Die Empfindungsfähigkeit aller
Sinnesorgane ist bei uns Geistern um das Vielfache erhöht. Beim
Anblick dieser Person erwachte also mein lange unterdrücktes
Rachegefühl von neuem, und mit ihm drängte sich mir ein teuflischer
Plan zu dessen Befriedigung auf. Meine Rache gelüste zogen aus den
Winkeln des tiefsten Abgrunds Geister von solcher Schwärze, von solch
schrecklicher Art an mich heran, wie ich sie nie zuvor gesehen oder auch nur
erträumt hatte: Geschöpfe, deren Existenz ich ohne weiteres
geleugnet und in das Reich der Fabel verwiesen hätte. — Diese
Wesen können weder auf der Erde noch in den niedrigeren Sphären,
welche erstere umgeben, ihr Dasein fristen. Es sei denn, daß ein Mensch
durch seine falsche Geistesrichtung eine gewisse Affinität zu ihnen
entwickelt und hierdurch eine starke magnetische Anziehung entsteht, durch
die sie für einige Zeit auf der Erde festgehalten werden. Werden sie
auch oft durch heftige böse Wünsche seitens eines Sterblichen oder
erdgebundenen Geistes angezogen, so können sie doch nicht lange in der
Erdsphäre verweilen. In dem Augenblick, wo die anziehende Kraft
schwächer wird, verlieren sie gleich einem zerreißenden Seil ihren
Halt und sinken in ihre dunklen Wohnplätze zurück. In
Zeiten großer allgemeiner Unzufriedenheit und Empörung — wie
im Falle einer Revolution, wo die Leidenschaften im unterdrückten Volke
die Oberhand gewinnen — wird durch den Haß und Rachedurst der
Unterdrückten eine ganze Wolke solcher dunkler Wesen angezogen.
Schreckenszustände, wie man sie während großer Revolutionen
und bei anderen Erhebungen geknechteter Völker beobachtet hat,
müssen entstehen, da die wütende Masse von diesen wahrhaften
teuflischen Geistern zeitweise völlig beherrscht wird. In
meinem Falle drängten sich diese schrecklichen Wesen mit freundlicher
Miene an mich heran, zischelten mir in die Ohren und wiesen mir einen Weg zur
Befriedigung meiner Rache. So einfach und doch so furchtbar, so entsetzlich
in seiner Verruchtheit, daß ich es nicht wage, ihn niederzuschreiben.
Denn der Gedanke könnte im Kopfe irgend eines Verzweifelten festen Fuß
fassen und gleich dem Samen, der auf fruchtbaren Boden fällt, seine
verderblichen Blüten treiben. Zu
jeder anderen Zeit hätte ich mich mit Abscheu von diesen Wesen und ihren
schrecklichen Versuchungen abgewandt. Doch jetzt, in meiner wahnsinnigen
Leidenschaft, waren sie mir willkommen. Gerade wollte ich ihre Hilfe zur
Ausführung meiner Rache anrufen, als gleich dem Klang einer Silberglocke
die Stimme meines Lieblings an mein Ohr schlug. Jene Stimme, für deren
Mahnungen ich niemals taub war und deren Laute mich wie nichts anderes
rührten. Bei allem, was uns heilig war, bei all den Gelübden,
welche wir ausgetauscht, beschwor mich mein Lieb, zu ihr zu kommen. Zwar
konnte ich den Gedanken an meine Rache nicht sofort aufgeben, doch wurde ich
bald wie an einem Seile von dem einen, den ich haßte, weg- und zu der
andern, die ich liebte, hingezogen. Die ganze wilde Bande von schwarzen
Teufeln hing sich an mich und versuchte, mich zurückzuhalten. Ihre Kraft
wurde jedoch immer schwächer, je mehr die Stimme der Liebe, Reinheit und
Wahrheit mein Herz durchdrang. Ich
fand meine Geliebte in ihrem Zimmer, die Arme erhoben, um mich zu sich
heranzuziehen und ihr zur Seite bemerkte ich zwei mächtige, strahlende
Schutzgeister. Um sie herum war ein Kreis von flammendem Silberlichte
gezogen, so daß es aussah, als ob sie von einem blitzenden Schutzwall
umgeben wäre. Auf ihre Aufforderung durchschritt ich den Wall und befand
mich an ihrer Seite. Die
schwarze Schar versuchte mir zu folgen, wurde aber durch den Flammenring
zurückgehalten. Nur einer der Verwegensten drängte sich an mich
heran im Augenblick, als ich den Schutzwall erreicht hatte, und wollte mich
fassen. Da wurden seine Hand und sein Arm von der leuchtenden Flamme
ergriffen und schrumpften zusammen, als ob sie in einen Schmelzofen gesteckt
worden wären. Einen Schmerzensschrei ausstoßend ging der schwarze
Geselle unter dem wilden Geheul und Hohngelächter der übrigen
wütend davon. Mit
der ganzen Kraft ihrer Liebe ermahnte mich nun mein Liebling, jenen
schrecklichen Plan aufzugeben und nie wieder solch niedrigen Gedanken Raum zu
geben. Sie fragte mich, ob mir an der Befriedigung meiner Rache denn mehr
gelegen sei als an ihr, und ob ich die schreckliche Schuld eines
vorsätzlichen Verbrechens als unüberwindliche Schranke zwischen uns
errichten wolle. Ihre Liebe habe nach allem, was geschehen, doch wohl etwas
mehr Rücksicht verdient. Anfangs
wollte ich nicht nachgeben. Aber: schließlich begann sie zu weinen, und
ihre heißen Tränen, die mir wie Feuer in der Seele brannten,
schmolzen die eisige Kälte meines harten Sinnes hinweg und
erwärmten mein Gemüt. In Seelenqual darüber, daß ich die
Ursache ihrer Tränen war, sank ich ihr zu Füßen und betete,
daß mir meine gottlose Gesinnung vergeben werden möchte. Und
daß mir ihre Liebe zu meinem Trost und Beistand erhalten bleibe und es
mir gestattet sei, bei ihr, meiner einzigen Hoffnung, meinem Alles auch
fernerhin zu verweilen. Und siehe, während meines Gebets zerstob die
Schar von schwarzen Geistern, die mich mit List und Gewalt zu sich herauszuziehen
versucht hatte, wie eine dunkle Nebelwolke, wenn der Wind sie hinwegfegt. Die
Geister kehrten in ihr eigenes Reich zurück, während ich selbst
erschöpft vor den Füßen meines Lieblings zusammenbrach. Später
bemerkte ich noch öfters, wie diese schwarzen Gesellen sich an mich
heranzudrängen suchten, doch konnten sie mir niemals wieder so nahe
kommen, da ich durch meine Liebe gegen ihre Angriffe geschützt war. Kapitel 9
Ich
erhielt jetzt den Auftrag, ein Land zu besuchen, dessen Existenz in der
geistigen Welt seltsam erscheinen mag. Es war das Eis- und Schneeland das
"Frost-Land", in dem alle die lebten, welche auf Erden kalt und
selbstsüchtig berechnend waren. Sie hatten in sich und anderen
gegenüber alle jene warmen Regungen und zarten Gefühle, die das
Leben von Herz und Seele ausmachen, ersterben, erstarren und erkalten lassen.
Das Liebegefühl war bei ihnen so ertötet, daß die
lebenspendende Wärme der Sonne in ihrer Gegenwart nicht wirken konnte
und alles Leben erloschen schien. Große
Staatsmänner sah ich unter den Bewohnern dieses Landes, welche ihr Volk
nicht geliebt hatten, noch auf dessen Wohl bedacht gewesen waren. Nur die
Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihre eigene Verherrlichung hatten sie
gesucht. Nun schienen sie in großen Eispalästen auf den stolzen kalten
Höhen ihrer eigenen Bestrebungen zu wohnen. Auch andere, die auf weniger
hohen Pfaden des Lebens gewandelt waren, bemerkte ich. Aber auch sie waren in
gleicher Weise erstarrt und erfroren in der schrecklichen Kälte und
Unfruchtbarkeit eines Lebens, aus dem alle Wärme, alles Gefühl
gewichen war. Hatte ich früher die Übel kennen gelernt, welche
infolge eines Übermaßes von Erregung und Gefühl entstanden
waren, so bemerkte ich jetzt die bösen Folgen eines gänzlichen
Mangels dieser Eigenschaften. Dieses Land hatte gottlob weit weniger Bewohner
als das andere. Denn so schrecklich die Wirkungen einer mißlichen
Leidenschaft auch sein mögen, sind sie doch nicht so schwer zu
überwinden als jene, die sich infolge Fehlens aller zarteren Triebe des
Menschenherzens eingestellt haben. Hier
befanden sich auch einzelne Männer, die auf Erden hervorragende
Vertreter der religiösen Bekenntnisse verschiedener Nationen waren.
Römisch-katholische Kardinäle und Priester von strenger und
frommer, aber kalter und selbstsüchtiger Lebensführung;
puritanische Prediger, methodistische und presbyterianische Geistliche;
Bischöfe und Kleriker der englischen Kirche; Missionare, Brahminen,
Parsen, Ägypter, Mohammedaner — kurz alle religiösen
Richtungen waren im "kalten Lande" zu finden. Kaum einer seiner
Bewohner hatte genügend Gefühlswärme in sich, um das Eis um
sich herum auch nur in geringerem Maße zu schmelzen. Sobald jedoch ein
kleiner warmer Tropfen, eine Träne des Kummers floß, begann das
Eis zu tauen und die betreffende arme Seele hatte dann Hoffnung, einmal aus
diesem kalten Lande herauszukommen. Hier
traf ich einen Mann an, der in einem Eiskäfig eingeschlossen zu sein
schien. Die Stäbe des Käfigs waren zwar auch von Eis, aber von
solcher Härte, als ob sie aus poliertem Stahl beständen. Dieser
Mann verwaltete einst das Amt des Großinquisitors beim Ketzergericht in
Venedig. Er war einer von denen, deren Namen allein schon genügten, um
den Unglücklichen, die in ihre Hände fielen, Schrecken einzujagen.
Eine berühmte geschichtliche Persönlichkeit, aber in seinen
Lebensbeschreibungen finden wir nicht die geringste Andeutung, daß je
bei Ausübung seines Amtes, oder im privaten Leben, ein Schatten von
Mitleid für seine Opfer das Herz dieses Mannes gerührt hätte.
Nichts konnte ihn in seinem Entschluß, die Unglücklichen, welche
in die Gewalt der Inquisition gerieten, zu martern und zu töten, auch
nur einen Augenblick wankend machen. Er
war ein Mensch, der durch sein ernstes und strenges Leben bekannt war und
keinerlei Nachsicht hatte, weder mit sich selbst noch mit anderen. Kalt und
mitleidlos, war ihm jedes Mitgefühl für die Leiden anderer fremd.
Sein Antlitz hatte das charakteristische Aussehen kalter unbeweglicher
Grausamkeit: lange, schmale und hohe Nase, vorstehendes, spitzes Kinn, hohe
und breite Backenknochen, dünne und schmale Lippen gleich einer geraden
Linie quer über das Gesicht. Der Schädel etwas flach und breit
über den Ohren, während die tiefliegenden, durchdringenden Augen
mit dem kalten stählernen Glanze eines Raubtiers unter den vorstehenden
Brauen hervorfunkelten. Ich
sah die Phantome von vielen Opfern dieses Mannes wie in einer Prozession
hinter ihm einhergleiten. Zerschunden und verstümmelt, zerfleischt und
blutig infolge der ausgestandenen Martern — bleiche Gespenster, wandernde
Astralbilder, aus denen die Seelen für immer geschieden waren. Schatten,
welche aber diesem Manne noch anhingen und sich so lange nicht in ihre
Elemente auflösen konnten, als sein Magnetismus sie wie an einer Kette
nach sich zog. Die Seele und ihre höheren Elemente hatte diese Gebilde
— wirkliche Astralhüllen — für immer verlassen. Dennoch
besaßen sie noch einen gewissen Grad von Vitalität, die aber nicht
von den befreiten Geistern stammte, die sie einst bewohnt hatten, sondern
allein diesem Manne entzogen wurde. Es waren Gespenster, wie man sie an Orten
spuken sehen kann, wo jemand, der zu gut und unschuldig war, um an die Erde
gebunden zu bleiben, ermordet wurde. Ihre Mörder und andere halten sie
für lebend und glauben, daß sie von ihnen heimgesucht würden.
Doch ist das Leben solcher Astralschatten (oder Gespenster) nur ein
reflektiertes und erstirbt, sobald genügend Reue und Sühne
vorhanden sind, um das Band zu trennen, das sie an ihre Mörder kettet. Auch
bemerkte ich, daß andere Geister den hilflosen Mann umschwärmten
und ihn wegen ihrer früheren Leiden quälten. Diese waren jedoch von
ganz anderer Art. Ihre Erscheinung war stofflicher, und sie besaßen
eine Kraft, Stärke und Intelligenz, wie sie bei jenen anderen nebligen
Schatten nicht vorhanden waren. Es waren Geister, deren astrale Hüllen
die unsterbliche Seele noch gefesselt hielten, da sie so gemartert worden
waren, daß nur der grimme Wunsch nach Rache in ihnen weiterlebte. Diese
Geister bemühten sich unablässig, an ihren einstigen Bedrücker
heranzukommen, so daß nur der Eiskäfig, in dem sich der Mann
befand, ihm als eine Schutzwehr gegen seine Feinde, aber auch zum
Gefängnis für ihn selber diente. Einer, der geschickter war als die
übrigen, hatte sich eine lange, scharfgespitzte Stange gemacht, die er
zwischen den Stäben des Käfigs hindurchstieß, um den Mann
darin zu stacheln. Letzterer entwickelte eine staunenerregende Behendigkeit,
um der scharfen Spitze zu entgehen. Andere hatten kurze, spitze
Wurfspieße, die sie durch die Stäbe nach ihm warfen. Wieder andere
bespritzten ihn mit schmutzigem Schlammwasser, und manchmal vereinigte sich
der ganze Haufen zu einem gemeinsamen Angriff, um die schützenden
Stäbe zu durchbrechen. Das gelang ihnen aber nicht. Der Gefangene den
lange Erfahrung die Unverletzlichkeit seines Käfigs gelehrt hatte,
verspottete sie in kühler, überlegener Ruhe wegen ihrer fruchtlosen
Bemühungen. Auf
meine geistig gestellte Frage, ob dieser Mann wohl jemals wieder frei
würde, empfing ich von jenem erhabenen Geiste Antwort, dessen Stimme nur
selten zu mir gesprochen hatte, seit ich sie zum erstenmal an meinem Grabe
vernahm. Wie bei verschiedenen Anlässen, wo ich um Hilfe oder Rat
gebeten hatte, rief er mich auch jetzt aus der Ferne an. Seine Stimme
erschallte so laut wie bei den Propheten des Alten Testaments, wenn sie
glaubten, der Herr spreche im Donner zu ihnen. In vollen, tiefen Tönen
traf diese Stimme mein Ohr, doch weder der gefangene Geist, noch die, welche
ihn umschwärmten, vermochten sie zu vernehmen. Ihre Ohren waren zu taub,
um hören, und ihre Augen zu blind, um sehen zu können. Die
Stimme sprach zu mir: "Mein Sohn, behalte die Gedanken dieses Mannes
einen kurzen Augenblick im Auge und siehe, welchen Gebrauch er von der
Freiheit machen würde, so er frei wäre." Da
erkannte ich die Gesinnung dieses Mannes, indem mir seine Gedanken wie in
einem Spiegel vor Augen traten. Zuerst kam ihm die Idee, daß er frei
werden könne und sich dann die Rückkehr zum Erdenplane erzwingen
wolle. Daselbst hoffte er, einige gleichgesinnte Sterbliche zu finden, mit
deren Hilfe es ihm möglich wäre, der Menschheit ein noch schwereres
Joch aufzuerlegen: eine noch grausamere Schreckensherrschaft, eine noch
erbarmungslosere Inquisition, die seinen unterdrückten Opfern den
letzten Rest von Freiheit rauben sollte. Er wußte, daß er jetzt
eine weit größere Macht als einst auf Erden zu entfalten vermochte
mit einem Körper, der von allen irdischen Fesseln frei war. Seine
Absicht war, verwandte Geister als Mitarbeiter um sich zu versammeln, deren
Seelen eben so kalt und grausam waren wie die seinige. Er
schien in diese neuen Unternehmungen sehr vertieft zu sein. Der Gedanke,
daß er gegen das Wehgeschrei, das Stöhnen und Bitten der Opfer,
die er zu Tode martern ließ, stets unbeweglich geblieben war,
erfüllte ihn mit Genugtuung. Zur Befriedigung seiner Herrschsucht hatte
er gewirkt, und die Vergrößerung seines Ordens mußte ihm als
Vorwand zu seinen grausamen Handlungen dienen. Niemals war in seinem harten
Gemüt ein Funke von Mitleid oder Reue aufgetaucht. Einen
solchen Mann zu befreien und ihn zur Erde zurückkehren zu lassen,
wäre eine Quelle weit größerer Gefahr, als wenn man das
wildeste Raubtier losließe, da er in der Betätigung seiner
Kräfte weit weniger beschränkt wäre. Er wußte nicht,
daß seine gepriesene Inquisition deren todbringende Gewaltherrschaft er
noch zu vermehren trachtete, bereits der Vergangenheit angehörte. Und
daß sie durch eine Macht, die stärker war als die ihrige, von
Gottes Erdboden hinweggefegt worden war. Mit dem schrecklichen Zeitalter, in
dem sie sich wie ein giftiges Gewächs entfaltet hatte, war sie
verschwunden, um nie wiederzukehren, nie wieder die Menschheit durch
Verbrechen zu schänden, die im Namen dessen verübt wurden, der auf
die Erde kam, um Liebe und Friede zu predigen. Aber die Wunden, welche die
Inquisition geschlagen, sind noch nicht ganz vernarbt. Ihre Folgen lasten
noch immer auf den Menschenseelen, die weder an Gott noch an Unsterblichkeit
zu glauben vermögen. Und viele Jahre werden noch vergehen, bis das Gute,
Reine und Wahre wieder zur Macht kommen wird und die Menschen zum Glauben an
einen Gott der Liebe zurückgeführt werden. Erkältet
und betrübt schied ich von diesem "Frostigen Lande". Ich hatte
keine Lust, weitere Geheimnisse darin zu erforschen, obwohl es nicht
ausgeschlossen ist, daß ich es später noch einmal besuche. In
diesem Lande gab es nichts für mich zu tun und niemanden, den ich
verstand. Seine Bewohner machten mich nur erschaudern und beunruhigten mich,
während ihnen mein Tun von keinerlei Nutzen sein konnte. — — — Auf
meinem Rückweg vom "Frostigen Land" nach dem
"Zwielichtland" bekam ich eine Anzahl ungeheurer Höhlen zu
Gesicht, welche die "Schlummerhöhlen" genannt werden. In
diesen lag eine große Menge Geister im Zustande völliger
Betäubung, vollständig unbewußt dessen, was um sie herum
vorging. Ich erfuhr, daß diese Geister ihr irdisches Leben durch
Genuß und Rauchen von Opium selbst verkürzt und sich aller
Entwicklungsmöglichkeit auf diese Weise beraubt hatten. Anstatt in ihrer
Entwicklung vorwärts zu schreiten, konnte man das Gegenteil bei ihnen
beobachten. Gleich einem Gliede, welches bei Nichtgebrauch verkümmert,
waren sie schwach geworden und zurückgeblieben. Sie waren hilfloser als
ein ungeborenes Kind und gleich diesem unfähig zu einem selbständigen
und selbstbewußten Leben. In
manchem Falle dauert der Schlaf dieser Geister Jahrhundertelang. In anderen,
wo das Verlangen nach dem Gifte in geringerem Maße befriedigt worden
war, mag er zwanzig, fünfzig oder hundert Jahre währen. Diese
Geister lebten — das war alles. Ihre Sinne waren nicht viel mehr
entwickelt, als die eines Schwammgewächses, das ohne einen Funken von
Intelligenz vegetiert. Doch in ihnen allen lag noch der unsterbliche
Seelenkeim, der gleich dem in die Umhüllung einer ägyptischen Mumie
eingeschlossenen Saatkorn lebensfähig bleibt und aufgeht, sobald er in
günstige Keimverhältnisse gebracht wird. Diese
Höhlen, in welche gütige Geisterhände die Ärmsten
niedergelegt hatten, waren von lebenspendendem Magnetismus erfüllt. Eine
Anzahl anwesender Geister, die im irdischen Leben selbst einen ähnlichen
Zustand von Opiumvergiftung durchgemacht hatten, waren damit
beschäftigt, Lebenskräfte auf diese betäubten geistigen
Körper zu übertragen, die wie tot in Reihen auf dem Boden lagen. Ganz
allmählich und im Verhältnis, wie die betreffenden Geister von dem
Gifte, das sie im Erdenleben genommen hatten, angegriffen waren, erwachen
diese unglücklichen Wesen zum Bewußtsein und zu all den Leiden,
die der Morphiumsüchtige erduldet, wenn er das tödliche Gift
entbehren muß. In langen Zwischenpausen erwacht bei diesen armen
Geschöpfen ein Sinn nach dem anderen, bis sie endlich so weit sind,
daß sie wie schwache, kranke Kinder Unterricht empfangen können.
Man bringt sie dann in Anstalten, die mit den Asylen für Schwachsinnige
auf Erden Ähnlichkeit haben. Dort wird ihr erwachendes Bewußtsein
erzogen und in seiner Entwicklung gefördert, bis die Fähigkeiten
wieder erlangt sind, die ihnen im Laufe des irdischen Lebens abhanden
gekommen waren. Solche
armen Seelen schreiten nur sehr langsam vorwärts, da sie nun ohne
Unterstützung irdischen Lebens die Aufgaben nachholen müssen, das
sie letzteres hätte lehren sollen. Anstatt zu lernen, hatten sie gleich
den Trunkenbolden (nur in viel höherem Grade) ihr Gehirn und ihre
Sinnesorgane geschwächt und waren den Verpflichtungen aus dem Wege
gegangen, die das irdische Leben für die Entwicklung des Geistes jedem
Erdenbürger auferlegt. Die
Besichtigung der "Schlummerhöhlen" betrübte mich
unaussprechlich. Besonders trug hierzu der Gedanke bei, daß diese
unglücklichen Schläfer sich so gar nicht des Wertes der langen Zeit
bewußt waren, die sie durch ihren traum- und hoffnungslosen Todesschlaf
verloren. Es erging diesen armen Seelen wie dem Hasen in der Fabel.
Während sie schliefen, wurden sie von anderen, die weniger befähigt
waren als sie, überholt und mußten sich nun während langer
Zeit vergebens bemühen, den Verlust wieder einzubringen. Wenn
diese Schläfer endlich wieder erwachen, was für ein Los harret da
ihrer! Welch langen Weg müssen sie da zurücklegen, um jene
Höhe wieder zu erreichen, von der sie im irdischen Leben gefallen waren!
Muß nicht Entsetzen unsere Seele ergreifen, daß es auf der Erde
Menschen gibt, welche vom Verkauf des Opiums leben und Reichtümer damit
erwerben? Aus dem Handel mit einem Gift, welches viel mehr noch die Seele als
den Körper zu zerstören scheint, — und zwar in so hohem
Grade, daß man sich verzweifelt fragen muß, ob für seine
Opfer denn überhaupt noch Hoffnung vorhanden ist. Diese
furchtbaren Höhlen, diese Entsetzen einflößenden,
bewußtlosen Geister! Können Worte ein Schicksal ausmalen, das
grauenhafter wäre als das ihrige? Ein schließliches Erwachen mit
dem Intellekt eines Idioten, ein jahrhundertelanges allmähliche
Wachstum, um endlich wieder in den Besitz von den geistigen Kräften
eines Kindes zu gelangen. Und es bedarf der Zeit von vielen Generationen, um
das zu lernen, was sie der Zeitraum eines Erdenlebens hätte lehren
können. Ich habe sagen hören, daß viele von diesen
unglücklichen Wesen, sobald sie die Entwicklungsstufe eines Kindes
erreicht haben, auf die Erde zurückgesandt werden, um dort nochmals in
einem irdischen Körper die Vorteile genießen zu können, von
denen sie früher einen so schlechten Gebrauch gemacht hatten. Jedoch
habe ich hiervon nur durch Hörensagen Kenntnis und bin deshalb nicht in
der Lage, es als eine Wahrheit zu behaupten. Ich würde mich sehr freuen,
wenn es für diese Unglücklichen eine solche Möglichkeit
gäbe, durch die sie ihren Entwicklungsprozeß abkürzen und das
wiedergewinnen könnten, was sie früher auf Erden verloren hatten. Kapitel 10
Wieder
zum Zwielichtlande zurückgekehrt, nahm ich für einige Zeit
Aufenthalt in meinem Heim. Mit großem Eifer war ich jetzt bemüht,
mich selbst und die Kräfte, die in mir waren, immer besser verstehen zu
lernen und die Erfahrungen auf meinen Wanderungen zu verwerten. Der
Lehrer, welcher mich nun unterrichtete, glich in mancher Hinsicht mir selbst.
Er hatte auf Erden ein Leben ähnlich dem meinigen geführt und war
durch die niederen Sphären aufgestiegen, so wie ich es gegenwärtig
tat. Sein Wohnsitz befand sich in einem herrlichen Lande voll Sonnenschein.
Von dort kam er, um die Mitglieder unserer Brüderschaft, die gleich mir
seine Schüler waren, zu unterrichten und ihnen zu weiterem Fortschritt
behilflich zu sein. Außerdem
hatte ich noch einen anderen Lehrer oder Führer. Ich bekam ihn nur hier
und da zu Gesicht, der aber einen weit größeren Einfluß auf
mich ausübte und mich mit vielen merkwürdigen Dingen bekannt
machte. Da er jedoch einer viel höheren Sphäre angehörte als
der andere, war ich nur selten imstande, seine Gestalt wahrzunehmen. Seine
Mitteilungen empfing ich meistens auf dem Wege der Gedankenübertragung,
oder in Form von inspirierten Unterredungen, indem meine geistig gestellten
Fragen in derselben Weise beantwortet wurden. Da ich von diesem Geiste zur
Zeit meines Aufenthaltes im Zwielichtlande nur eine ganz vage Vorstellung
hatte, sehe ich davon ab, ihn jetzt schon näher zu beschreiben. Nachdem
ich mich zu einer reineren Sphäre aufgeschwungen hatte, war er meinem
Auge deutlich sichtbar. Obgleich
mir sein Anblick damals fast ganz entzogen war, wurde ich mir seiner
Gegenwart und Hilfe doch häufig bewußt. Als ich später
erfuhr, daß er während meines Erdenlebens mein Schutzgeist gewesen
war, konnte ich manche Einfälle, sowie einen Teil meines höheren
Strebens, leicht auf seinen Einfluß zurückführen. Es war auch
seine Stimme gewesen, die oft zu mir gesprochen, um mich zu warnen oder zu
ermutigen, als ich beim Eintritt in die geistige Welt in meinem damaligen
schrecklichen Zustande fast zusammenbrach. In den Tagen der Finsternis
bemerkte ich ihn kaum, wenn er in meiner kleinen Zelle ein- und ausging und
meine schrecklichen Leiden durch seinen Magnetismus und seine wunderbare
Heilkraft linderte. So
oft ich von meinem Besuche der dunkleren Sphären zum Zwielichtlande
zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, als ob ich heimkäme. Denn
so kahl und ärmlich mein Zimmer war, enthielt es doch alle meine
Schätze: den Gemäldespiegel in welchem ich meine Geliebte sehen
konnte, die Rose und den Brief, den sie mir einst gesandt. Außerdem
hatte ich daselbst Freunde, meine Leidensgefährten. Und wenn wir auch in
der Regel allein waren und über unsere früheren Fehler und ihre
Folgen nachdachten, so war es ein um so größeres Vergnügen
für uns, wenn bei uns ein Freund zu Besuch erschien. Denn wir alle, die
wir durch unser Verhalten im irdischen Leben Unehre auf uns gehäuft
hatten und nun den rechten Weg suchten, befanden uns in ähnlicher Lage.
Dies allein war schon ein Grund zu gegenseitiger Sympathie. Könnte
ich euch unser Leben richtig schildern, würde es euch sehr seltsam
erscheinen. Es war einem irdischen Leben ähnlich und doch auch wieder
unähnlich. So oft wir uns z.B. hungrig fühlten, nahmen wir eine
einfache Mahlzeit ein, die man für uns — ich möchte sagen auf
magische Weise — bereitete. Oft aber dachten wir eine Woche lang an
keine Nahrung, es sei denn, daß der eine oder andere von uns, der auf
Erden Freund eines guten Tisches gewesen war, daran gemahnte. In diesem Falle
trat der Wunsch nach Befriedigung des Hungers häufiger und lästiger
auf. Was mich anbelangt, so waren meine Gelüste in dieser Beziehung
stets mäßig gewesen, und weder Essen noch Trinken an sich hatten
eine besondere Anziehung auf mich ausgeübt. Stets
waren wir von einem Zwielicht umflossen; nie wechselten dunkle Nacht und
heller Tag miteinander ab. Diese Einförmigkeit war ganz besonders
für mich, der Licht und Sonne wie ein lebenspendendes Bad empfand, sehr
ermüdend, denn auf Erden lebte ich in einem Lande voll Sonnenschein und
Blütenpracht. Geradeso
wie ihr verließen auch wir häufig das Haus und ergingen uns in der
Umgebung. Zwar konnten wir, wenn wir wollten, auch ein wenig fliegen, aber
nicht so gut wie die weiter vorgeschrittenen Geister. Hatten wir aber die
Absicht, rasch irgendwohin zu gelangen, so schien unser Wille uns fast mit
Gedankenschnelle dahin zu bringen. Was
den Schlaf betrifft, so konnten wir eine lange Zeit zubringen, ohne dessen
Bedürfnis zu fühlen. Dann wieder lagen wir und schliefen wochenlang
ununterbrochen, zuweilen halbbewußt dessen, was um uns vor sich ging,
dann wieder in voller Bewußtlosigkeit. Eine
merkwürdige Sache war es mit unserer Kleidung, welche sich gar nicht
abzunutzen schien und sich auf eine geheimnisvolle Weise selbst erneuerte.
Während meiner ganzen Wanderungen und meines Aufenthaltes in diesem
Hause, war sie von sehr dunkler blauer Farbe, mit einem gelben Gürtel um
die Hüften und einem in den linken Ärmel eingewirkten gelben Anker,
unter dem die Worte "Hoffnung währet ewiglich" standen. Die
eng anschließenden Unterkleider waren von derselben dunklen Farbe. Die
Oberröcke waren lang, wie man sie bei büßenden Bruderschaften
oder Mönchen auf Erden sehen kann. Von den Schultern herab hingen
Kapuzen, derer wir uns bedienen konnten, wenn wir Kopf und Gesicht vor dem
Anblick anderer schützen wollten. Oft kam es vor, daß wir dies zu
tun wünschten, denn Leiden und Gewissensbisse hatten häufig eine
solche Veränderung an uns hervorgebracht, daß wir froh waren,
unser Antlitz vor denen verhüllen zu können, die wir liebten. Die
hohlen Augen, die eingefallenen Wangen, die verwüsteten und gebeugten
Körperformen, die tiefen Leidenslinien, welche jedes Antlitz
durchfurchten, sprachen nur allzu deutlich. Leicht verständlich,
daß wir vor lieben Freunden auf Erden und im Geisterlande, die sich
noch um unseren Verlust grämten, unsere entstellten Körperformen
und Gesichter manchmal zu verbergen suchten. Unser
Leben hatte bei der Regelmäßigkeit, mit welcher Studium und
Unterricht wie ein Uhrwerk abliefen, etwas Monotones an sich. Den Fortschritt
eines jeden Geistes rechnete man nicht nach der Zeit, nach Tagen oder Wochen,
sondern nach gewissen Entwicklungsstufen, die er je nach seiner geistigen
Begabung in längerer oder kürzerer Frist erreichte. Hatte er eine
Aufgabe erfüllt, so war er für eine höhere Klasse in der
besonderen Richtung seines Studiums reif geworden. Bei
vielen dauert es eine sehr lange Zeit, bis sie die Bedeutung der ihnen
zugewiesenen Aufgabe erfassen können, in solchem Falle wird der Geist
keineswegs zur Eile gedrängt, wie bei der Erziehungsmethode auf Erden,
wo die Zeit zum Lernen allzu kurz erscheint. Als Geist hat ein Mensch die
ganze Ewigkeit vor sich und kann stehen bleiben oder weitergehen, wie es ihm
beliebt. Er kann Halt machen, wo er sich gerade befindet und so lange stehen
bleiben, bis ihm durch Nachdenken klar geworden, was er tun muß. Dann
erst wird er reif für die nächste Stufe. Niemand ist da, der einen
Geist weiter treiben würde, als er selbst gehen will. Niemand tritt ihm
entgegen, wenn er in unentwickeltem Zustande weiterzuleben wünscht,
solange er die Freiheit anderer achtet und sich mit dem einfachen Gesetz im
Einklang befindet, das jene große Bruderschaft regiert: dem Gesetz der
Freiheit und Liebe für alle. Keiner
von uns wurde zum Lernen gedrängt, keiner davon zurückgehalten.
Alles geschah aus freiem Willen; und wenn, wie es oft geschah, jemand diesen
Ort zu verlassen wünschte, so konnte er gehen wohin er wollte und
zurückkehren, wann es ihm beliebte. Die Tore waren niemandem verschlossen,
weder dem Gehenden noch dem Kommenden. Und keiner tadelte den anderen wegen
seiner Fehler oder Mängel, denn jeder fühlte seine eigene
große Schuld. Wie
ich erfuhr, sind einige jahrelang hier geblieben, da die ihnen gestellten
Aufgaben schwer erschienen und nur langsam von ihnen bewältigt werden
konnten. Andere wieder hatten sich hinwegbegeben und waren so oft zur
Lebensweise des Erdenplanes zurückgekehrt, daß sie
schließlich in die niederste geistige Sphäre herabsanken und sich
im "Hause der Hoffnung", in welchem ich selbst gewesen war, einer
Reinigungskur unterziehen mußten. Zwar waren diese Geister
zurückgekommen, aber das war in Wirklichkeit kein Rückschritt,
sondern nur eine ihnen notwendige Erfahrung. Denn sie wurden auf diese Weise
von dem Wunsche geheilt, die Vergnügungen des Erdenplanes nochmals zu
durchkosten. Nur
wenige, welche gleich mir einen starken und mächtigen Drang nach
vorwärts in sich verspürten, machten rasche Fortschritte und
stiegen schneller von Stufe zu Stufe empor. Leider aber gab es nur zu viele,
welche aller nur denkbaren Hilfe bedurften, um in ihren Prüfungen
aufrecht erhalten und getröstet zu werden. Ich
selbst war gesegnet durch einen Strom von Liebe und Sympathie, welcher mir
fortwährend von meiner Geliebten auf Erden zufloß und mich mit
seinen Verheißungen kommenden Glücks und endlichen Friedens zu
neuen Anstrengungen ermunterte. Es war mein schönes Los, weniger
Glücklichen aus dem reichen Schatze meiner eigenen Hoffnungsfreudigkeit
mitteilen zu dürfen. — — — Als
es mir möglich wurde, eine längere Zeit auf Erden bei meinem
Liebling zuzubringen, während der sie sich meiner Gegenwart vollkommen
bewußt wurde, da eröffnete sich mir eine Quelle neuer Freude. Bei
allen meinen Wanderungen hatte ich noch so viel Zeit, um zur Erde zu gehen
und nach ihr zu sehen. Obwohl ich für sie noch fast gänzlich
unsichtbar war, war sie jetzt doch imstande, meine Anwesenheit zu bemerken
und den Druck meiner Hand zu empfinden. Wir saßen dann wieder Seite an
Seite nebeneinander wie einst in den vergangenen Erdenragen. Sie sprach zu
mir und vermochte meine Antwort ziemlich gut zu verstehen. Sogar meine
Gestalt konnte sie — wenn auch undeutlich — zuweilen erkennen.
Was war es doch für eine merkwürdige Sache: dieser feierliche Ernst
und diese traute Lieblichkeit, die über dem Verkehr zwischen der
Lebenden und dem Toten walteten! Wenn
ich zu ihr kam, das Herz voll Qual und bitterer Reue über das
Vergangene, da war es die Gewißheit, daß sie mich trotz allem
liebte, die mein Gemüt besänftigte und mir neuen Mut gab
weiterzukämpfen. Aus der Trostlosigkeit unseres Lebens erwuchs uns in
jenen seltsamen Zusammenkünften Glaube und ein Vertrauen auf die
Zukunft, wie es keine Worte zu schildern vermögen. Ich beobachtete, wie
sie ihre Fähigkeiten entwickelte, die wahrhaft wunderbaren Gaben, die
sie besaß und die so lange brach gelegen hatten, zu gebrauchen, —
während sie selbst hocherfreut war zu sehen, wie der Schleier, der mich
von ihr trennte, immer mehr gelüftet wurde. In
der geistigen Welt gibt es viele einsame Seelen, die auf die Erde
zurückkehren und kundtun möchten, daß sie noch leben, noch an
ihre Hinterbliebenen denken. Die noch an deren Kämpfen Anteil nehmen und
fähig sind wie früher — vielleicht sogar noch besser —
zu raten und zu helfen, wenn sie nicht durch die Schranken des Fleisches
davon abgehalten würden. Ich habe überaus viele Geister gesehen,
die noch am Erdenplane hingen, obgleich sie sich in einer reineren
Sphäre hätten aufhalten können. Wegen ihrer Lieben, die sie in
den Versuchungen der Erde und in tiefster Trauer um ihren Tod
zurückgelassen hatten, verzichteten sie aber hierauf — immer in
der Erwartung einer Gelegenheit, die es ihnen ermöglichen würde,
den geliebten Sterblichen von ihrem Dasein und ihrer treuen Liebe Kunde zu
geben. Könnten solche Geister mit ihren Angehörigen in Verbindung
treten — wie es auf Erden Freunde tun, wenn einer von ihnen nach einem
entfernten Lande gehen und den anderen zurücklassen muß —
fürwahr, es gäbe keine so hoffnungslose Trauer, wie ich sie so
häufig beobachtet habe. Wenn auch die Zeit und liebreiche Engel den Gram
der meisten Sterblichen lindern: wäre es nicht ein glücklicherer
Zustand für beide Teile, für die Menschen wie für die Geister,
könnten sie noch wie ehemals bewußten Verkehr miteinander pflegen? Ich
traf Geister in Sorge und Verzweiflung darüber, daß es ihnen nicht
gelang, von ihren Geliebten einen Blick oder Gedanken aufzufangen, der ihnen
gezeigt hätte, daß ihre Gegenwart gefühlt und sie verstanden
wurden. Sie warfen sich in ihrer Hoffnungslosigkeit vor den Sterblichen
nieder und suchten ihre Hände, ihre Kleidung, irgend etwas zu erfassen.
Die Geisterhand jedoch war unfähig, die sterbliche zu ergreifen, das
irdische Ohr taub für die Stimme des Geistes. Nur ein Gefühl der
Trauer und ein starkes Verlangen, den Verstorbenen wiederzusehen, wurde
günstigen Falles geweckt, nicht aber auch die bestimmte Empfindung,
daß der sogenannte Tote wirklich zugegen war. Es
gibt auf Erden kein solches Gefühl der Verzweiflung, das der
Verzweiflung eines Geistes gleichkommt, wenn ihm zum erstenmal mit voller
Wucht die Bedeutung der Schranke zum Bewußtsein kommt, die der Tod
zwischen ihm und der Welt der Sterblichen errichtet hat. Ist es da zu
verwundern, wenn auf der geistigen Seite des Lebens von denen, welche die
trauernden Seelen aufzurichten suchen, alle Mittel ergriffen werden um diese
Schranken zu beseitigen? Um die Tore weit zu öffnen, damit Menschen und
Engel auf Erden miteinander verkehren können wie in den Tagen der grauen
Vorzeit, als die Welt noch sehend war. Gewiß
ist in spiritistischen Kundgebungen so manches Triviale enthalten.
Gewiß ist vieles albern, unsinnig, manches gemein und vieles sonderbar;
ebensowenig wird bestritten, daß es innerhalb der Bewegung
betrügerische Medien, leichtgläubige Narren und eingebildete
Egoisten gibt. Aber ist das nicht immer der Fall gewesen, wenn neuentdeckte
Wahrheiten allgemeine Anerkennung suchten? So plump und unsinnig vieles
scheinen mag — sollte man es nicht lieber entschuldigen mit
Rücksicht auf die Tatsache, daß es Versuche sind, die Tore der
Geisteswelt zu öffnen und der sorgenbeladenen Erde das Licht aus ihrer
Sphäre zu erschließen? Man kann die falschen und verkehrten
Anstrengungen tadeln, aber man suche nach Erfahrung, um sie verbessern zu
können. Man unterstütze diejenigen, welche nach höheren Dingen
streben, anstatt sie zu verspotten und zu unterdrücken. Und man erkenne
ihre Anstrengungen an als das, was sie in Wirklichkeit sind — die
Versuche einer unsichtbaren Welt, den Schleier zu lüften, der die
geliebten "Toten" unseren Blicken verhüllt. Kapitel 11
Zu
diesen Zusammenkünften ging ich stets in Begleitung jenes erhabenen
Geistes, von dem ich bereits gesprochen habe und dessen Name mir nun bekannt
geworden war. Es war Ahrinziman, ein "Führer aus dem Osten".
Da ich ihn jetzt deutlicher sehen konnte, will ich ihn hier beschreiben: Ein
stattlicher Mann von majestätischem Äußeren, angetan mit
weißen, von Gelb umsäumten wallenden Gewändern und einem
gelben Gürtel um die Hüften. Seine Haut hatte jene bräunliche
Färbung, wie sie für die Orientalen charakteristisch ist. Die
Gesichtszüge trugen den Stempel der Offenheit und waren ähnlich
denen, welche man bei den Statuen des Apollo findet, wenn auch ihr
eigenartiger östlicher Ausdruck sie etwas verschieden vom griechischen
Typus erscheinen ließ. Seine Augen waren groß, dunkel, sanft und
weich, wie die einer Frau. Doch in ihren Tiefen brannte ein verborgenes Feuer
und eine Glut, die zwar von seinem starken Willen beherrscht wurde, seinem
Blick und Mienenspiel aber dennoch eine große Wärme und Kraft
verlieh. Dieser Gesichtsausdruck verriet mir, wie sehr er in seinem irdischen
Leben alle Süßigkeiten einer großen Liebe und alle Leiden
eines starken Hasses gekostet haben mochte. Jetzt waren seine Leidenschaften
gereinigt von allen irdischen Schlacken und dienten nur noch als
Verbindungsglieder zwischen ihm und jenen, die gleich mir mit ihrer niederen
Natur noch im Kampfe lagen. Ein kurzer schwarzer Bart bedeckte Wangen und
Kinn, und sein schwarzgewelltes langes Haar hing ihm über die Schultern
herab. Seine Gestalt, obwohl groß und stark, besaß doch die ganze
Geschmeidigkeit und biegsame Grazie der östlichen Rasse. Denn so
ausgesprochen ist die Eigenart eines jeden Volkes, daß selbst der Geist
noch die Spuren seiner irdischen Nationalität an sich trägt.
Obgleich Jahrhunderte vergangen waren, seit Ahrinziman seinen irdischen
Körper verlassen hatte, waren doch die Merkmale, welche die
östlichen Völker von den westlichen unterscheiden, bei ihm noch
nicht verschwunden. Dieser
Geist glich einem irdisch-sterblichen Menschen, und war einem solchen durch
den blendenden Glanz seines Körpers und Gesichtes dennoch so
unähnlich, daß keine Worte jemals die seltsame Feinheit eines
solchen Körpers schildern könnten. Nur wer einen Bewohner der
höheren Sphären mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich eine
richtige Vorstellung davon machen. Schon während seines irdischen Lebens
war Ahrinziman tief in die Geisteswissenschaften eingedrungen. Nach seinem
Eintritt in die geistige Welt hatte er dieses Wissen bis zu einem solchen
Grade vermehrt, daß es mir schien, als ob seiner Macht keine Grenzen
gesetzt wären. Gleich mir von heißem, leidenschaftlichem
Temperament, hatte er während der langen Jahre seines geistigen Lebens
gelernt, alle seine Leidenschaften zu meistern. Nun stand er auf seiner
machtvollen Höhe, von der er immer wieder niederstieg, um ringenden
Geistern, die bereit waren, ihre Schwäche zu bekämpfen, Hilfe zu
bringen. Ein anderer, der nicht selbst gefallen gewesen war, hätte wohl
vergebens zu uns gesprochen. Bei aller Güte und Hilfsbereitschaft
besaß er jedoch eine Willenskraft, gegen die man umsonst
anzukämpfen suchte, wenn er sie zu gebrauchen für nötig fand. Ich
selbst habe bei mehr als einer Gelegenheit beobachtet, wie er einige der
wilden, leidenschaftlichen Wesen, unter denen er wirkte, zur Ruhe brachte,
wenn sie im Begriffe standen, sich oder anderen Schaden zuzufügen. Sie
wurden von ihm festgebannt und unfähig gemacht, ihre Glieder zu bewegen,
obgleich er sie niemals berührte. Nur durch seinen mächtigen
Willen, um vieles stärker als der ihrige, wurden sie zeitweise
gelähmt und damit unfähig zu jedem Widerstand. Dann erörterte
er mit ihnen in gütiger, offener Weise den Gegenstand des Streites und
zeigte ihnen mit Hilfe seines wunderbaren Erkennens die volle Tragweite
dessen, was ihr Tun für sie selbst und andere zur Folge haben
mußte. Danach löste er den Bann und stellte ihnen jetzt, wo sie
unterrichtet waren, frei, die beabsichtigte Sünde zu begehen oder nicht.
Selten sah ich einen, der nach einer solch ernsten Warnung darauf bestand,
seinen eigenen Weg zu gehen. Ich selbst wurde stets für einen sehr
willensstarken Menschen gehalten der nicht leicht von einem gefaßten
Entschluß abstand. Aber diesem Geiste gegenüber fühlte ich
mich schwach wie ein Kind, und mehr als einmal habe ich mich vor seiner Macht
gebeugt. Hier
möchte ich nochmals betonen, daß der Mensch in der geistigen Welt
frei ist. Er darf seinen eigenen Neigungen und Begierden folgen, wenn er will
und es nicht vorzieht, den guten Rat anzunehmen, den man ihm gibt. Das
Maß aber, in dem ein Geist die Rechte anderer verletzen kann, ist
bedingt durch den Grad von Gesetz und Ordnung, die in der Sphäre
herrschen, zu der er gehört. In
der allerniedrigsten Sphäre, wo kein anderes Gesetz regiert als das
Gesetz des Stärksten, kann jeder tun, was ihm beliebt. Man kann jemanden
beleidigen oder knechten bis zur äußersten Grenze des
Erträglichen, aber ein Stärkerer wird mit diesem ebenso verfahren.
Der unfreieste Sklave auf Erden ist weniger unglücklich als jene, die
ich in der allerniedersten Sphäre gesehen habe. Dort herrscht kein
Gesetz und dort leben nur solche Geister, die jedes Gottes- und
Menschengesetz mißachtet haben und nur sich selbst Gesetz waren, indem
sie ihre Mitmenschen in schrankenlosester Weise bedrückten und ihnen
Übles zufügten. Ich
will diese Sphären kurz beschreiben. Es scheint, daß hier —
so stark, grausam und hart ein Geist auch sein mag — sich stets ein
anderer findet, der noch stärker, noch grausamer, noch böser und
tyrannischer ist, um ihn zu bedrücken. Bis man schließlich bei
jenen anlangt, von denen es heißt, daß sie in der Hölle
regieren — bei den Königen des Bösen. So geht es weiter, bis
zuletzt das Böse in höchster Potenz sich selbst kuriert. Der
Bösartigste und Herrschsüchtigste wird sich schließlich nach
anderen Zuständen sehnen. Er wird wünschen, die Wirksamkeit irgend
eines Gesetzes aufzuhalten, oder sonst eine Kraft unter seine Herrschaft zu
bringen, die er als höhere ahnt. Dieses
Gefühl ist das erste Verlangen nach einem besseren Leben. Für die
Brüder der Hoffnung, die als Helfer in diese dunkeln Sphären
ausgesandt werden, bildet es den ersten Angriffspunkt, um einem solchen
Geiste den Gedanken einer noch möglichen Besserung einzuprägen. In
dem Verhältnis, wie er dann nach aufwärts fortschreitet, findet er
auf jeder Stufe der Entwicklungsleiter einen höheren Grad von Gesetz und
Ordnung, in die er sich schicken muß, — wie er auch von anderen
erwarten darf, daß auch sie sich fügen, wo die Gesetze es
erheischen. — Eine vollkommene Beobachtung der höchsten
Moralgesetze findet sich nur in den reinsten Sphären. Aber es gibt viele
Abstufungen bis dahin, und wer die Rechte anderer achtet, wird die Erfahrung
machen, daß auch seine Rechte geachtet werden. Derjenige, welcher die
Rechte seines Nachbars mit Füßen tritt, muß sich von einem
Stärkeren als er treten lassen. In
der geistigen Welt ist der Mensch in jeder Hinsicht frei. Er kann
fleißig oder träge sein, Gutes oder Böses tun, Segen oder
Fluch auf sich herabziehen. So wie er ist, wird sich seine Umgebung
gestalten. Die Sphäre, für die er reif ist, wird stets die
höchste für ihn sein, bis er durch eigene Anstrengungen würdig
geworden ist, Bewohner einer höheren zu werden. So
bedarf das Gute keines Schutzes gegen das Böse in der geistigen Welt.
Die Verschiedenheit der Veranlagung selbst errichtet eine
unübersteigliche Schranke zwischen ihnen. Die Oberen können zwar,
wenn sie es wünschen, stets herabsteigen, um die Tieferstehenden zu
besuchen oder ihnen beizustehen. Zwischen ihnen und den niederen Geistern
aber ist eine breite Kluft, die letztere nicht zu überschreiten
vermögen. Nur auf der Erde und auf anderen Planeten mit materiellem
Leben kann eine Vermischung von guten und bösen Einflüssen bei fast
gleicher Stärke bestehen. Ich sage, mit fast gleicher Stärke, denn
sogar auf der Erde besitzt das Gute die größere Macht — es
sei denn, daß der Mensch durch die Hingabe an seine niedere Natur sich
dieser Macht selbst entäußere. In
den Tagen des Altertums, als der Mensch in seinem Gemüte noch
einfältig war, gleich einem Kinde, stand er, ohne es zu wissen, in
innigster Verbindung mit der geistigen Welt. Jetzt aber haben sich die
Menschen dieser Welt entfremdet und gleichen nun den Matrosen auf einem
schwanken Boote, welche diese Verbindung durch Nacht und Nebel wieder suchen.
Freundliche Lotsen aus dem Geisterreiche sind bereit, ihnen hierbei Hilfe zu
leisten und sie zu jenem strahlenden Lande zu geleiten, von wo sie einen
Schatz von Licht und Hoffnung den müden Kämpfern auf der Erde
zurückbringen sollen. Kapitel 12
Nach
ungefähr drei Monaten wurde ich von Ahrinziman aufgefordert, mich auf
eine große Veränderung vorzubereiten, die in meinen
Verhältnissen vor sich gehen würde. Es handle sich um meinen
Übertritt in eine höhere Sphäre. Ich
habe von mehreren Geistlehrern gehört, daß die Sphären in
verschiedene Abteilungen zerfallen, doch ist es nicht von allzu großer
Bedeutung zu wissen, ob sie alle nach demselben Plane eingeteilt sind oder
nicht. Ihre Unterabteilungen gleichen gewissermaßen Ländern, deren
Grenzgebiete unmerklich ineinander übergehen. Die Veränderungen bei
Land und Leuten drängen sich dem Beobachter auf der Durchreise von
selbst auf. Einige werden daher berichten, daß es sieben Sphären
gibt, und daß die letzte davon den Himmel bedeutet, von welchem in der
Bibel die Rede ist. Andere werden behaupten, daß es zwölf
Sphären seien, und wieder andere werden noch größere Zahlen
nennen. Jede Sphäre ist indessen gewöhnlich in zwölf Kreise
eingeteilt, obwohl auch hier wieder einige Geister anders rechnen, wie ja auf
Erden die Normalmaße ebenfalls verschieden sind, während der
gemessene Gegenstand stets derselbe bleibt. Ich für meine Person bin
gewöhnt, mit sieben Sphären oberhalb der Erde und sieben
Sphären innerhalb derselben zu rechnen, indem ich die Ausdrücke
"oberhalb" und "innerhalb" zur Bezeichnung der jeweiligen
Nähe oder Entfernung von der großen Zentralsonne unseres
Sonnensystems gebrauche. Der
der Sonne zunächst befindliche Anziehungspunkt — gleichwohl noch
innerhalb der Erdsphären — ist als die höchste Grenze des
für uns Erreichbaren gedacht, während der am weitesten von ihr
entfernte Punkt unsere niederste oder verkommenste Sphäre bezeichnet.
Jede Sphäre ist dann wieder in zwölf Kreise eingeteilt, die so innig
untereinander verbunden sind, daß man fast unmerklich von einem in den
anderen gelangt. Ich hatte seither auf dem sogenannten Erdenplan gelebt, der
gleich einem großen, breiten Gürtel die Erde umgibt und ihre
Atmosphäre durchdringt. Dieser Erdenplan umfaßt von den sieben
Sphären oberhalb und innerhalb der Erde je die erste. Der Ausdruck
"Erdenplan" wird gewöhnlich bei der Beschreibung der Wohnorte
von Geistern gebraucht, welche noch in höherem oder geringerem
Maße "erdgebunden" sind, weil es ihnen nicht möglich
ist, tiefer zu sinken, als es die irdischen Anziehungen gestatten, noch sich
von diesen Einflüssen ganz zu befreien. Man
sagte mir, daß ich meine physischen Begierden überwunden und mich
von den Anziehungen der Erde so weit befreit habe, um in die zweite
Sphäre übergehen zu können. Der Übergang aus dem Kreise
einer niederen Sphäre in den einer höheren vollzieht sich meistens,
doch nicht immer während eines tiefen Schlafes, der genau dem
Todesschlaf eines Menschen gleicht, wenn er den irdischen Körper verläßt.
Im gleichen Verhältnis, wie ein Geist vorwärts schreitet und
ätherischer wird, ist diese Umwandlung von einem entsprechend
höheren Grade von Bewußtsein begleitet, bis schließlich das
Aufsteigen von einer hohen Sphäre zu einer noch höheren nur noch
dem Vertauschen eines Gewandes mit einem etwas feineren gleicht, indem eine
geistige Hülle abgelegt wird und eine andere, ätherischere zum
Vorschein kommt. Auf solche Weise steigt die Seele aufwärts, indem ihre
Hülle immer weniger irdisch, immer weniger materiell wird, bis sie
über die Grenzen der Erdsphären hinaus in den Bereich der
Sonnensphären gelangt. — — — Bei
der Rückkehr von einem meiner Besuche auf der Erde geschah es, daß
mich ein seltsames, ungewohntes Schlafgefühl überkam, welches mehr
einer Gehirnlähmung als gewöhnlichem Schlafe ähnlich war. Ich
zog mich in mein kleines Zimmer im Zwielichtlande zurück, und als ich
mich daselbst auf mein Ruhebett geworfen hatte, sank ich sofort in einen
traumlosen, todesähnlichen Schlummer. In
diesem bewußtlosen Zustande lag ich ungefähr zwei Wochen nach
irdischer Zeitrechnung. Während seiner Dauer verließ meine Seele
den entstellten Astralkörper, um gleich einem neugeborenen Kinde in
einer schöneren und reineren geistigen Hülle zum Vorschein zu
kommen, die sich infolge meiner Bemühungen, das Böse zu
überwinden, gebildet hatte. Jedoch wurde ich nicht als Kind, sondern als
ausgewachsener Mann geboren, wie ja auch meine Erfahrungen und mein Wissen
die eines reifen Geistes gewesen waren. Es gibt Sterbliche, deren
Lebenserfahrungen so beschränkt sind, deren Geistesfähigkeiten so
wenig gepflegt wurden und deren Naturen so einfach und kindlich sind,
daß sie nur als Kinder in die geistige Welt geboren werden können;
einerlei, wieviele Jahre irdischen Lebens sie gezählt haben mögen.
Dies war jedoch bei mir nicht der Fall. Als
ich mich in meinem neuen Zustand betrachtete, fand ich, daß auch mein
geistiger Körper auf die Altersstufe schließen ließ, die ich
im irdischen Dasein erreicht hatte. Unter dem Beistand geistiger Freunde ging
meine wiedergeborene Seele in völlig bewußtlosem Zustande in die
zweite Sphäre über, wo ich in traumlosem Schlummer liegen blieb,
bis die Zeit des Erwachens herannahte. Die
Astralschale, welche ich verlassen hatte, wurde durch die Kraft
dienstbereiter Geister in die Elemente der Materie des Erdenplanes
aufgelöst: Genau so, wie mein irdischer Leib, den ich bei meinem ersten
Tode verließ zu Erde wurde, von der er genommen war. Staub wird wieder
zu Staub, während die unsterbliche Seele in einen höheren Zustand
hineingeboren wird. So
ging ich durch meinen zweiten Tod und erwachte zur Auferstehung meines
höheren Selbst. * * * TAGES-ANBRUCH
Kapitel 13
Als
ich nach todähnlichem Schlafe in der geistigen Welt zum zweiten Male zum
Bewußtsein kam, befand ich mich in einer anderen, viel angenehmeren
Umgebung. Hier herrschte wenigstens Tageslicht. Wenn dieses Licht auch nur
ein trübes war, so erschien mir dieser Wechsel doch als eine
beglückende Veränderung gegenüber dem schrecklichen Zwielicht
und der dunklen Nacht, in der ich seither gelebt hatte. Ich
lag in einem netten, einem irdischen ganz ähnlichen Zimmerchen, auf
einem kleinen Bett von weichem, weißem Flaum. Ein großes Fenster,
welches sich dem Lager gegenüber befand, gestattete einen Blick in eine
beträchtliche Ferne, auf Berge und hügeliges Land. Zwar waren weder
Bäume noch Sträucher zu sehen, auch — mit Ausnahme von etwas
hier und dort zerstreut blühendem Unkraut — keine Blumen. Doch
selbst diese ärmliche Vegetation wirkte belebend auf das Auge. Anstatt
des harten, kahlen Bodens des Zwielichtlandes, hatten wir hier einen
grünen Teppich von Farn und Gras der die Erde bedeckte. Diese
Gegend wurde das "Land der Dämmerung" genannt. Die Beleuchtung
glich tatsächlich der Dämmerung vor Tagesanbruch, wenn die Sonne an
Horizont emporsteigt, um die Erde mit ihren Strahlen zu erwärmen. Ein
schwaches Blaugrau färbte den Himmel und weiße Wölkchen, die
in der Ferne als stillstehende, mächtige Luftgebilde erschienen, jagten
hier in der Nähe unter dem Himmel dahin. Hier gab es Abwechslung: Wolken
und Sonnenschein. Obgleich
die Ausstattung des Zimmers, in dem ich mich befand, keineswegs luxuriös
zu nennen war, machte sie doch einen recht behaglichen Eindruck; sie
erinnerte mich an das Innere eines Landhauses auf der Erde. Wenn auch nichts
auffallend Schönes darin vorhanden war, so enthielt es doch alles, was
zur Gemütlichkeit beitragen konnte und machte nicht jenen kahlen,
gefängnisähnlichen Eindruck meiner früheren Wohnungen. Einige
Bilder, Szenen aus meinem irdischen Leben darstellend, deren Anblick
angenehme Erinnerungen in mir wachriefen, bereiteten mir großes
Vergnügen. Und, welche Freude da, bemerkte ich auch meinen
Gemäldespiegel, meine Rose und den Brief — alle meine
Schätze! Ich
richtete meine Aufmerksamkeit auf den Spiegel, um zu sehen, was wohl mein
Liebling jetzt mache. Sie schlief, und auf ihrem Gesichte stand ein
glückliches Lächeln, als ob ihr in Träumen mitgeteilt
würde, daß mir etwas Gutes widerfahren sei. Dann trat ich zum
Fenster und schaute hinaus auf die langen Hügelreihen, die baumlos und
nur mit Gras und Farn bewachsen vor mir lagen. Lange betrachtete ich diese
Landschaft; sie war einer irdischen ähnlich und doch wieder
unähnlich: so eigenartig, kahl und doch so friedevoll. Meine Augen,
durch den Aufenthalt in den niederen Sphären dieses Anblicks längst
entwöhnt, erfaßten mit Freude dieses Bild. Der Gedanke, daß
ich nun zu einem neuen Leben erwacht war, erfüllte mich mit inniger,
unaussprechlicher Dankbarkeit. Schließlich
wandte ich mich vom Fenster ab. Indem ich in meiner Nähe so etwas wie
einen Spiegel bemerkte, schaute ich hinein, um zu sehen, was für eine
Veränderung wohl mit mir vorgegangen sein mochte. Mit einem Ausruf der
Überraschung und Freude prallte ich zurück. War es möglich?
War das mein Antlitz, das ich hier erblickte? Ich schaute und schaute wieder.
War ich es wirklich? Ei, ich war ja wieder jung geworden! Ich sah aus wie ein
Mann von höchstens 35 Jahren, so wie in meinem besten Alter auf Erden.
In jenem Zwielichtlande erschien mein Äußeres so alt, hager und
elend, daß ich es vermied, mich zu betrachten. Ich hatte damals weit
schlechter ausgesehen, als es jemals auf der Erde der Fall hätte sein
können, auch wenn ich hundert Jahre alt geworden wäre. Nun aber war
ich jung! Ich
hob meine Hand — sie war fest und frisch wie mein Gesicht. Eine
genauere Besichtigung meines Selbst befriedigte mich noch mehr, denn ich war
in jeder Hinsicht wieder ein junger Mann in der Blüte seiner Kraft, doch
nicht so wie ich einst gewesen. Nein! Es lag ein Ernst in meinem Gesichte, ein
gewisser Ausdruck, der die Leiden andeutete, die ich hatte ausstehen
müssen. Ich wußte, daß ich niemals wieder die sorglose,
überschäumende Freude der Jugend zu empfinden vermochte, denn ich
konnte nicht wieder zurückgehen und das werden, was ich früher
gewesen war. Die Bitterkeit meines vergangenen Lebens stieg wieder vor mir
auf und tat meinen heiteren Gedanken Einhalt. Die Reue über meine
früheren Sünden machte sich auch jetzt wieder bemerkbar und warf
ihre Schatten selbst auf die Freude dieses Erwachens. Niemals können wir
das vergangene Erdenleben so auslöschen, daß keine Spur mehr von
ihm dem Geiste anhaftet. Ich habe gehört, daß sogar Geister,
welche viel weiter vorgeschritten sind, als ich es zu dieser Zeit war, noch
die Wundmale ihrer früheren Sünden und Sorgen an sich tragen. Male,
welche nur sehr langsam in den großen Zeitläufen der Ewigkeit
verschwinden werden. Mir war große Freude und eine wunderbare
Erfüllung meiner Hoffnungen zuteil geworden. Dennoch drang der Schatten
der Vergangenheit zu mir, und sein schwarzer Mantel lastete schwer auf der
Seligkeit selbst dieser Stunde. Während
ich so über die Verwandlung nachdachte, die ich durchgemacht hatte,
öffnete sich die Türe und ein Geist glitt herein. Er war wie auch
ich jetzt mit einem langen Gewand von dunkelblauer Farbe mit gelber
Einfassung bekleidet und trug auf dem Ärmel das Zeichen unseres Ordens.
Der Zweck seines Erscheinens war, mich zu einem Feste einzuladen, das mir und
anderen zu Ehren, die in letzter Zeit aus der niederen Sphäre angekommen
waren, veranstaltet werden sollte. "Alles
ist einfach hier", sagte er, "auch unsere Feste. Doch das Salz der
Freundschaft wird das Fest würzen und der Wein der Liebe wird euch alle
erfrischen. Heute seid ihr unsere Gäste und wir alle erwarten euch, um
euch willkommen zu heißen als solche, die einen schweren Kampf
gekämpft und einen würdigen Sieg davongetragen haben." Hierauf
nahm er mich bei der Hand und führte mich in eine geräumige Halle
mit vielen Fenstern, die einen weiten Ausblick auf die Berge und einen
großen, still und friedlich daliegenden See gewährten. Lange
Tafeln waren daselbst zu einem Festmahl aufgestellt und um sie herum standen
Stühle für uns alle. Es waren kürzlich mehrere hundert
Brüder mit mir angekommen und etwa tausend andere befanden sich bereits
seit einiger Zeit hier. Diese gingen von einem zum anderen, indem sie die
Neuangekommenen herzlich begrüßten. Hie und da erkannte einer
einen alten Freund oder Kameraden, oder jemanden, dem er in den niederen
Sphären Beistand geleistet, oder von dem er solchen empfangen hatte.
Alle erwarteten die Ankunft des Vorstandes der Brüderschaft in dieser
Sphäre, welcher der Großmeister genannt wurde. Plötzlich
sah man, wie sich die breiten Türen an dem einen Ende der Halle von
selbst öffneten und eine Prozession ihren Einzug hielt. Voraus schritt
ein sehr stattlicher, erhabener Geist in reichen Gewändern von jenem
Blau, welches man bei den Gemälden der Jungfrau Maria beobachten kann.
Diese Gewänder waren weiß gefüttert und mit Gelb
eingefaßt, während eine weißgefütterte gelbe Kapuze ihm
von der Schulter herabhing. Auf dem Ärmel bemerkte man das eingestickte
Symbol der "Brüderschaft zur Hoffnung". Hinter diesen Mann
kamen etwa hundert Jünglinge, die alle in weiß und blau gekleidet
waren und Lorbeerzweige in ihren Händen trugen. Am oberen Ende des
Saales befand sich ein prächtiger Lehnsitz mit weiß-blau-gelbem
Baldachin, wo der Großmeister Platz nahm, nachdem er uns alle
begrüßt hatte. Die Jünglinge ließen sich in einem
Halbkreise hinter ihm nieder. Nach
einem Dankgebet zu Gott dem Allmächtigen für uns alle, wandte sich
der Meister mit folgenden Worten an uns: "Meine
Brüder! Ihr, die ihr hier versammelt seid, um diese Pilger, welche in
unserem Hause zur Hoffnung für einige Zeit Ruhe und Frieden,
Freundschaft und Liebe finden sollen, willkommen zu heißen, — und
auch ihr, unsere wandernden Brüder, die wir als Sieger im großen
Kampfe gegen Selbstsucht und Sünde ehren wollen — euch allen
entbieten wir unseren herzlichsten Gruß und bitten euch: Empfanget als
Mitglieder unserer großen Brüderschaft die äußeren
Zeichen unserer Ehrung, die wir euch darbringen, weil ihr sie redlich
verdient habt. Das hohe Glücksgefühl, das eure Seele jetzt
durchzieht, möge euch veranlassen, in brüderlicher Liebe die
Hände zu reichen allen Sorgenden und Ringenden, die ihr in der
Dunkelheit des Erdenlebens und in den Sphären des Erdenplanes
zurückgelassen habt. Wie
ihr selbst hinfort immer edlere Siege feiern werdet, so suchet auch anderen
immer mehr und mehr zu geben von der vollkommenen Liebe unseres großen
Ordens, dessen glorreichste Meister in den Himmeln wohnen und dessen
niederste Mitglieder noch als kämpfende Sünder auf dem finsteren
Erdenplan leben. In ununterbrochener Kette soll unsere Brüderschaft sich
vom Himmel bis zur Erde erstrecken, so lange dieser Planet physisches Leben
unterhält. Und ihr sollt dessen stets eingedenk sein, daß ihr
Glieder dieser großen Kette seid, Mitarbeiter von Engeln und
Brüder derer, welche unterdrückt sind, ich fordere euch nun auf,
der Reihe nach diese unverwelklichen Lorbeerzweige, welche die Stirne der
Sieger zieren sollen, in Empfang zu nehmen und sie als Ehrenzeichen zu
bewahren. Im Namen des höchsten Lenkers des Universums und aller seiner
Engel, im Namen unserer Brüderschaft kröne ich nun jeden von euch
mit dem Lorbeer und weihe ich euch alle der Sache des Lichtes, der Hoffnung
und der Wahrheit." Viele
von uns waren von diesen liebevollen Worten und dieser Ehrung fast
überwältigt. Dann traten wir — die Neu- angekommenen —
auf ein Zeichen näher und knieten vor dem Großmeister nieder, um
unsere Häupter schmücken zu lassen. Die Jünglinge
überreichten ihre Zweige dem Meister und dieser krönte uns
eigenhändig damit. Als der letzte von uns seine Krone empfangen hatte,
erhob sich unter den versammelten Brüdern ein Sturm der Freude und des
Beifalls. Man sang ein herrliches Loblied, dessen Melodie und Worte so
lieblich waren, daß ich wünschte, ich könnte sie euch ganz
wiedergeben. Als dies vorüber war, wurde jeder von einem dienenden Bruder
zu seinem Platze geführt und das Festmahl begann. Man
wird sich erstaunt fragen, wie wohl ein "Festmahl" in der geistigen
Welt stattfinden kann. Aber selbst auf der Erde besteht euer ganzes
Vergnügen bei einer solchen Veranstaltung nicht nur in der Nahrung, die
ihr zu euch nehmt, und in dem Wein, den ihr trinkt, denn jedes Fest bietet
euch auch Genüsse geistiger Art. So könnt ihr glauben, daß
auch ein Geist ein Bedürfnis nach Nahrung irgendwelcher Art empfindet.
Wir bedürfen dieser und wir essen, obgleich unsere Speisen nicht von
solch grobem Stoffe sind, wie die eurigen. Tierische Nahrung, oder etwas
Ähnliches gibt es bei uns nicht. Ausgenommen in den niedersten
Sphären, wo die erdgebundenen Geister sich durch andere, die noch im
Fleische sind, die Befriedigung ihrer tierischen Begierden verschaffen. Dagegen
gibt es in dieser zweiten Sphäre die köstlichsten Früchte, die
für das Auge fast durchsichtig sind und im Munde zergehen, wenn man sie
genießt. Auch Wein gleich funkelndem Nektar ist zu haben, er verursacht
jedoch keine Vergiftung, noch erzeugt er ein Verlangen nach mehr. Es ist hier
nichts von alledem vorhanden, was die gröbere Eßlust befriedigen
könnte, sondern nur schmackhaftes Konfekt und eine Art leichten Brotes.
Aus dieser Speise und solchem Trunk bestand das Mahl, und ich für meine
Person genoß nichts anderes als die lieblichen Früchte, die ich
hier zum ersten Male in der geistigen Welt sah. Man belehrte uns, daß
selbe tatsächlich die Früchte unserer eigenen Arbeit seien, die
infolge unserer Bemühungen im Dienste anderer auf der geistigen Seite
des Lebens gewachsen seien. Nachdem
das Festmahl beendet war, unterhielten wir uns noch einige Zeit, und ein
großer Dankeschor, in den wir alle einstimmten, beschloß die
Feier. Dann
zerstreuten wir uns, und viele gingen, um ihre Freunde auf Erden zu besuchen
und ihnen womöglich Kunde von dem glücklichen Ereignis zu geben,
das uns begegnet war. Viele von uns wurden noch als "verlorene
Seelen" bedauert, die in Sünden gestorben waren. Es war sehr
schmerzlich für uns, wenn wir diesen Erdenfreunden nicht begreiflich
machen konnten, daß wir jetzt in froher Hoffnung lebten. Andere
Brüder gingen zusammen mit wiedergefundenen Geisterfreunden, um
Zwiesprache mit ihnen zu pflegen, während ich selbst schnurstracks zur
Erde eilte, um meinem Liebling die frohe Botschaft von meiner Erhöhung
zu bringen. Sie hörte mein Lispeln, lächelte und gab zur Antwort,
daß sie das sichere Gefühl gehabt habe, daß es so sein
müsse. In diesem Augenblick war meine Freude vollkommen und hatte das
Glück meines Ehrentages seinen Höhepunkt erreicht. Kapitel 14
Es
war eine glückselige Zeit, die jetzt für mich anbrach — eine
Pause des Ausruhens und der Erholung, die ich zumeist in der Nähe meiner
Geliebten verbrachte. Sie verstand zwar noch nicht alles, aber doch vieles von
dem, was ich zu ihr sprach, und meine Besuche bei ihr nahmen so viel Zeit in
Anspruch, daß mir kaum noch Muße verblieb, um die Wunder des
Landes der Dämmerung zu erforschen, dessen Bewohner ich geworden war. Bald
wurde mir eine neue Überraschung zuteil. Auf allen meinen Wanderungen
seit meinem Tode war ich niemals einem Verwandten oder Freunde, die vor mir
in die geistige Welt eingegangen waren, begegnet. Als ich jedoch eines Tages
wieder bei meiner Geliebten zum Besuche erschien, tat sie wegen einer Botschaft,
die sie empfangen hatte und mir selbst übermitteln wollte, sehr
geheimnisvoll. Nach einer Weile erzählte sie mir, daß die
betreffende Mitteilung von einem Geiste stamme, der sie besucht und behauptet
habe, daß er mein Vater sei. Er habe gewünscht, daß sie
seine Botschaft an mich weitergebe. Bei diesen Worten überkam mich eine
solche Bewegung, daß ich kaum sprechen konnte. Ich
hatte meinen Vater auf Erden sehr geliebt, denn meine Mutter starb so
früh, daß ich mich nur ganz schwach an sie erinnerte. Mein Vater
aber war mein Alles. Mit Stolz und Freude nahm er Anteil an den Erfolgen
seines Sohnes und setzte die größten Hoffnungen auf dessen
Zukunft. Als ich dann im Leben Schiffbruch litt, erkannte ich, daß mein
Unglück ihm das Herz gebrochen hatte. Er überlebte den
völligen Zusammenbruch seiner Hoffnungen nicht lange. Seit seinem Tode
konnte ich nur mit Schmerzen und tiefster Scham an ihn denken. Als
ich daher hörte, daß mein Vater seinen Aufenthaltsort im Jenseits
verlassen hatte, um mit meinem Liebling zu sprechen, da fürchtete ich,
daß seine Worte nichts anderes als Klagen über seinen
mißratenen Sohn enthalten würden. So verlangte mich darnach, zu
wissen, ob in seiner Botschaft nicht ein Wort der Verzeihung für seinen Sohn,
der so sehr gesündigt hatte, enthalten sei. Ich
vermag weder seine Worte wiederzugeben, noch den Eindruck zu schildern, den
sie auf meine Seele machten, als ich sie vernahm. Diese Worte fielen auf mein
Herz wie Tau auf die schmachtende Erde. Sicherlich hat der Vater im Gleichnis
für seinen verlorenen Sohn ähnliche Worte der Liebe und des
Willkommens gehabt. Wie schluchzte ich auf, als mir mein Lieb jene Worte
wiederholte, und wie sehr verlangte mich darnach, diesen Vater wiederzusehen
und noch einmal an seinem Herzen zu ruhen! Ehe
ich es gedacht, sollte diesem Wunsche Erfüllung werden. Denn als ich
mich zufällig umwandte, gewahrte ich, daß mein Vater uns zur Seite
stand. Er sah genau so aus, wie in der letzten Zeit seines irdischen Lebens.
Über seinem Haupte aber erstrahlte ein Glorienschein, wie ihn kein
sterbliches Auge je erblickt. Wir hatten keine anderen Worte als "Mein
Vater!" und "Mein Sohn!", um einander zu begrüßen,
aber wir umarmten uns mit einer Freude, die keiner Worte bedurfte. Als
sich unsere Gefühle etwas beruhigt hatten, sprachen wir von ihr, deren
Liebe mich auf dem Pfade nach aufwärts geleitet hatte. Jetzt erfuhr ich
auch, daß es mein geliebter Vater war, der uns geholfen, über uns
gewacht und uns beide beschützt hatte. Er war mir auf meinen Wanderungen
in der Geisterwelt gefolgt und hatte mich in allen meinen Kämpfen
beschirmt und getröstet. Meinem Blicke zwar entrückt, war er mir
doch nahe gewesen und hatte mir unermüdlich in hilfreicher Liebe zur
Seite gestanden. Während ich vor dem Gedanken an eine Begegnung mit ihm zurückschreckte,
war er bei mir und wartete nur auf eine Gelegenheit, um sich kundzugeben.
Endlich war es ihm gelungen, durch sie, mit der ich durch meine Liebe in so
engem seelischem Kontakt stand, eine Verbindung herzustellen und uns alle
drei durch die Freude dieses Wiedersehens in ein noch innigeres
Verhältnis zu bringen. Kapitel 15
Als
ich von jenem denkwürdigen Besuche zum Geisterlande zurückkehrte,
ging mein Vater mit mir, und wir blieben eine lange Zeit beisammen. Dabei
erzählte er mir, daß man im Begriff stehe, von hier aus eine
Rettungsexpedition in die allerniedrigste Sphäre zu unternehmen —
in eine Sphäre, die sich unterhalb aller bis jetzt von mir besuchten
Reiche befinde und in Wirklichkeit die von der Kirche gepredigte Hölle
sei. Wie lange wir abwesend sein wurden, war uns nicht bekannt; wir
wußten nur, daß wir eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen
hatten und gleich einer Invasionsarmee ausharren mußten, bis unser Ziel
erreicht sein würde. Mein
Führer aus dem Osten riet mir, mich dieser Gesellschaft
anzuschließen. Auch mein Vater wünschte jetzt, daß ich zum
Kampfe für Wahrheit, Licht und Hoffnung mit diesem Heere von Streitern
ausziehen solle. Um jene bösen Mächte erfolgreich zu
bekämpfen, muß man den Versuchungen des Erdenplanes und der noch
tieferen Sphären entwachsen sein. Andererseits darf man, um den
Unglücklichen sichtbaren Beistand leisten zu können, nicht den
höheren Sphären angehören. Denn Geister, die weiter
fortgeschritten sind als die Brüder zur Hoffnung in diesem ersten Kreise
der zweiten Sphäre, wurden von den Hilfsbedürftigen weder gesehen
noch gehört werden. Auch mußten wir, um sichtbar zu werden, beim
Betreten dieser niedersten Sphären etwas von ihren materiellen Elementen
an uns heranziehen, wozu ein höherer Geist nicht imstande gewesen
wäre. Die Helfer aus den reineren Sphären, welche die Expedition
begleiteten, um uns zu schützen, waren sowohl uns wie auch denjenigen,
zu deren Hilfe wir gekommen waren, unsichtbar. Die
Teilnehmer der Expedition standen ihrer Befähigung nach auf derselben
Stufe wie ich selbst. Wir alle fühlten, daß wir sehr viel aus der
persönlichen Beobachtung der niederen Zustände, in die uns unsere
Leidenschaften bei dauernder Befriedigung selbst gebracht hätten, lernen
würden. Gleichzeitig konnten wir auch viele arme, reuige Seelen aus
diesen dunklen Sphären retten und sie dahin bringen, wo ich selbst nach
meinem ersten Übergange aus dem Erdenleben geweilt hatte und wo
zahlreiche Orte speziell zur Aufnahme dieser Geister vorhanden waren. Diese
wurden von solchen Persönlichkeiten geleitet, welche selbst aus den
Reichen der Hölle gerettet worden waren und sich deshalb am besten dazu
eigneten, jenen armen Geistern Beistand zu leisten. Nicht nur von den
Brüdern zur Hoffnung, sondern auch von anderen Bruderschaften wurden von
dem Lande der Dämmerung aus ähnliche Expeditionen in die dunklen
Sphären entsendet. Alle diese Unternehmungen bilden einen Teil jenes
großen Rettungswerkes, welches in Namen des ewigen Vaters immerfort
zugunsten der Sünder im Gange ist; denn Gott verdammt keines seiner
Kinder zu ewiger Qual! Die
Expedition sollte von einem Führer befehligt werden, der selbst aus den
dunklen Sphären gerettet worden war und ihre besonderen Gefahren kannte.
Da die Absicht bestand, durch den Erdenplan und die niederen Sphären
einen Weg zu nehmen, den wir noch nicht kannten, versprach mein
östlicher Führer, mir einen seiner Schüler zu senden. Er
sollte mich bis zur niedersten Sphäre begleiten, um mir einige
Geheimnisse der Astralebene, die wir auf unserer Reise betreten mußten,
zu erklären und mich mit ihnen bekannt zu machen. Hassein
(so hieß der Schüler) erforschte jene Geheimnisse der Natur, die
in den Bereich der sogenannten Magie fallen und für böse gehalten
werden, während im Grunde doch nur der Mißbrauch dieser Kräfte
es ist, den man als schlecht bezeichnen muß. Ein besseres okkultes
Wissen würde dazu dienen, manchen bestehenden Übeln vorzubeugen und
einigen jener bösen Mächte erfolgreich entgegenzuwirken, die dem
Menschen bei seiner beklagenswerten Unwissenheit oft sehr schädlich
sind. Jener Schülergeist war, wie auch Ahrinziman selbst, in seinem
irdischen Leben seiner Nationalität nach Perser. Beide gehörten
noch jener philosophischen Schule an, deren großer Gründer
Zoroaster war. "In
der geistigen Welt", sagte Ahrinziman, "gibt es eine große
Anzahl von Schulen verschiedener Richtung, in denen allen die ewigen
Grundwahrheiten der Natur gelehrt werden. In manchen nebensächlichen
Punkten unterscheiden sie sich jedoch voneinander, was hauptsächlich
darin zum Ausdruck kommt, daß sie bezüglich der Art der Anwendung
dieser großen Wahrheiten auf die Entwicklung der Seele geteilter
Meinung sind. Ebenso unterscheiden sie sich darin, wie sie ihre Schlüsse
ziehen, wenn sie ihr bestimmtes Wissen auf Dinge ausdehnen wollen, von denen
sie noch keine sichere Kenntnis haben. Es ist ein Fehler zu glauben,
daß es in der geistigen Welt unseres Planeten ein absolutes Wissen
gibt, welches alle die großen Geheimnisse der Schöpfung —
wie das Warum unseres Daseins, die Existenz von Bösem in Verbindung mir
dem Guten, oder die der Seele und ihre Herkunft von Gott — zu
klären vermag. Die
Fluten ewiger Wahrheit entströmen beständig den großen
Geisteszentren des Universums und werden der Erde durch Ketten geistiger
Intelligenzen übermittelt. Es kann jedoch ein Geist nur in dem Grade
Bruchteile der Wahrheit weitergeben, als seine Entwicklungsstufe ihn
befähigt, sie zu verstehen. Und ein Sterblicher vermag nur so viel
Wissen zu empfangen, als seine intellektuellen Fähigkeiten ihm
aufzunehmen und zu begreifen ermöglichen. Weder
Geister noch Sterbliche sind allwissend, und erstere können nur das
übermitteln, was ihre jeweiligen Schulen und deren vorgeschrittene
Vertreter als ihre Lehre bezeichnen. Weiter können sie nickt gehen, denn
darüber hinaus wissen sie selbst nicht. Diejenigen, die behaupten,
daß sie die wahre und einzige Erklärung für die großen
Mysterien besitzen, können nur das wiedergeben, was ihnen selbst von
weiter vorgeschrittenen Geistern gelehrt wurde. Letztere aber sind nicht mehr
berechtigt, in absolutem Sinne zu sprechen, als die vorgeschrittensten Lehrer
irgend einer anderen Schule. Auf Grund der Autorität eines anderen, der
in der geistigen Welt als ein Führer der vorgeschrittensten Intelligenz
anerkannt ist, behaupte ich, daß es ganz unmöglich ist, für
die letzten Fragen eine endgültige Antwort zu geben. Oder Dinge
erklären zu wollen, die weit über die Kräfte der höchsten
Geister hinausgehen und daher das Fassungsvermögen unserer
Erdsphären unendlich übersteigen müssen. Die Beantwortung und
Erklärung dieser Dinge würde eine Kenntnis des Universums, welches
keine Grenzen hat, voraussetzen. Und noch mehr, ein Vertrautsein mit der
Natur jenes höchsten Wesens, von dem keinem Geiste etwas anderes
bewußt werden kann, als die große Wahrheit, daß er als
unendlicher Geist unbeschränkt in jeder Hinsicht, unerforschlich und
unbekannt ist. Was
auch immer Menschen und Geister beweisen und erklären möchten, sie
können stets nur im Rahmen ihres jeweiligen Wissens lehren. Jenseits
dieses aber gibt es wieder Grenzen, die keiner zu erreichen vermag. Wie kann
jemand behaupten, das letzte Ende von dem zeigen zu wollen, was kein Ende
hat? Oder wie ist es jemandem möglich, die ungeheuren Tiefen des
unendlichen Geistes zu sondieren, der unergründlich ist? Geist ist so
ewig und unerforschlich wie das Leben, er ist unendlich und alles
durchdringend. Gott ist in allem, über allem, doch niemand kennt seine
Natur, noch welcher Art sein Wesen ist. Wir wissen nur, daß er in allem
und, überall gegenwärtig ist. Der Verstand des Menschen muß,
von Ehrfurcht erfüllt, im Gefühle seiner Kleinheit gerade an der
Schwelle, wo er eindringen möchte, stehen bleiben. Das einzige, was er
tun kann, ist sich zu bescheiden und zu untersuchen, ob die nächste Stufe,
welche er betreten will, auch sicher ist. Auch die erhabensten und
kühnsten Geister vermögen nicht alles auf einmal zu umfassen. Kann
da der Erdenmensch mit seinem beschränkten Gesichtskreise hoffen,
daß ihm alles erklärt werden kann, wo selbst die vorgeschrittensten
Intelligenzen der geistigen Welt sich bei ihrem Suchen nach Wahrheit durch
ihre Ohnmacht stets gehemmt fühlen?" Kapitel 16
Der
Freund, welchen Ahrinziman zu meiner Begleitung und Belehrung sandte, hatte
nach irdischen Gesichtspunkten das Aussehen eines junges Mannes von 25-30
Jahren; er sagte mir jedoch, daß er auf Erden über 80 Jahre gelebt
habe. Sein gegenwärtiges Äußere stellte die Stufe seiner
geistigen Entwicklung dar, welch letztere allein für die Beurteilung des
Alters eines Geistes maßgebend ist. Je höher ein Jenseitiger seine
geistigen Fähigkeiten entfaltet, desto mehr trägt seine Erscheinung
den Stempel der Reife, bis sie schließlich die eines Weisen wird, ohne
jedoch die Runzeln und Mängel des irdischen Alten zu zeigen. Nur die
Würde, Macht und Erfahrung der erlangten Reife kommen zum Ausdruck. Wenn
daher ein Geist die höchstmögliche Entwicklungsstufe der
Erdsphären, oder die anderer Planeten erreicht hat, hat er das Aussehen
eines ihrer Patriarchen und geht dann in die höheren und ausgedehnteren
Sphären des Sonnensystems über, zu dem der betreffende Planet
gehört. Hier beginnt er seinen Lebenslauf wieder als Jüngling, da
seine Entwicklungsstufe im Vergleich zu derjenigen weiter vorgeschrittener
Geister jener höheren Sphären nur die eines Jünglings ist. Hassein
erzählte mir, daß er gegenwärtig die verschiedenen
Kräfte und Formen der Natur in jenen Reichen studiere, die unterhalb des
Seelenlebens liegen. Und daß er imstande sei, mir viele
merkwürdige Dinge zu erklären, die wir auf unserer Reise zu Gesicht
bekommen würden. "Viele
Geister", sagte er, "durchziehen die Sphäre des Astralplanes,
ohne sich der gespenstigen Bewohner desselben bewußt zu werden. Dies
deshalb, weil ihre Sinne nicht genügend entwickelt sind, um die Umgebung
in allen ihren Einzelheiten wahrnehmen zu können. Auf
der Erde ist es ebenso. Hier gibt es viele Personen, die ganz unfähig
sind, die Geister in ihrer Nähe zu sehen, während letztere für
einige feiner organisierte Menschen vollkommen sichtbar sind. Ferner gibt es
auf Erden Leute, welche nicht nur die Geister von menschlichen Wesen, sondern
auch Astral- und Elementwesen wahrnehmen können, die eigentlich keine
"Geister" sind. Als Geister sollte man nur solche bezeichnen, die
einen Seelenkeim in sich tragen. Viele Wesenheiten, die wir sehen werden,
besaßen niemals eine Seele und andere wieder sind nur leere Schalen,
aus denen der Seelenfunke bereits entwichen ist. Um
zwischen einem Seelen-Geist und einem seelenlosen Astralwesen unterscheiden
zu können, muß man die Gabe des zweiten Gesichtes besitzen.
Solche, die nur einen unvollkommenen Grad dieses Hellsehens haben, sind wohl
imstande, Elementar- und Astralwesen wahrzunehmen, sind aber nicht
fähig, letztere von beseelten geistigen Formen deutlich zu
unterscheiden. Hiedurch herrscht große Unklarheit unter diesen
unvollkommenen Hellsehern über die Natur und die Eigenschaften dieser
Wesensarten. Bei
den Menschen auf Erden beobachtet man mehrere Grade des Hellsehens, die alle
auf der nächsten Stufe des Daseins eine Steigerung erfahren, nachdem der
geistige Körper oder das Seelenwesen von den groben Elementen der
physischen Materie befreit ist. So geht es fortschreitend im dem
Verhältnis weiter, wie die Seele eine materielle Hülle um die
andere abwirft: zuerst die grobe oder irdische Materie, sodann die
aufeinanderfolgenden Abstufungen der feinstofflichen Materie. An eine
völlige Trennung von Materie und Seele können wir nicht glauben,
wenigstens so lange nicht, als sie sich ihrer Existenz in einem unserer
Sonnensysteme bewußt ist. Über diese Grenzen hinaus haben wir
keine bestimmte Kenntnis, daher kann alles nur Gegenstand der Spekulation
sein. Die
Entwicklungsstufe der Seele steht im genauen Verhältnis zu dem Grade der
Dichtigkeit, der Qualität der sie umhüllenden Materie. Aus der mehr
oder weniger verfeinerten und ätherisierten Materie des Körpers
läßt sich auf einen entsprechend hohen oder niederen
Entwicklungszustand der ihn bewohnenden Seele schließen. In
meinen Ausführungen über das Hellsehen will ich zunächst nur
über die erste Stufe bewußten Seelenlebens sprechen. Ich lasse bis
zu gelegener Zeit die Theorien und Meinungen außer Acht, die mit dem
Studium dessen im Zusammenhang stehen, was vor dem gegenwärtigen
Bewußtseinszustande des Menschen geschah und was sein wird, wenn er die
Grenzen unseres derzeitigen Wissens überschreitet. Wir
finden auf der irdischen Stufe des Lebens Personen — meistens Frauen
oder jüngere Knaben, — die mit mehreren Graden des Hellsehens
ausgestattet sind. Die ersten drei Grade finden sich sehr häufig vor,
der vierte und fünfte seltener. Dem sechsten und siebenten begegnet man
fast niemals, ausgenommen bei Personen, die hierzu eine besonders geeignete
Organisation besitzen. Diese Besonderheit ist auf die Einflüsse der
Gestirne unter welchen sie geboren sind. Hauptsächlich auf
Einflüsse, die in dem Moment herrschen, wo das Kind das Licht der Welt
erblickt. So selten sind diese sechsten und siebenten Grade, daß sie
nur sehr wenigen zu eigen sind. Hin
und wieder findet man einige mit unvollkommenem sechsten Grad, die vom
siebenten Grade aber nichts besitzen. In solchem Falle können die
Betreffenden nie zu einem vollkommenen Hellsehen gelangen. Die Folge dieses
Mangels ist ähnlich wie bei ungeeigneten Brillengläsern nur ein
unvollkommenes Sehen der übersinnlichen Dinge. Wenn solche Personen auch
bis zu einem gewissen Grade einen Einblick in die sechste Sphäre haben,
so vermindert ihr mangelhaftes Sehen doch sehr den Wert dessen, was sie
berichten. Jene
jedoch, die den sechsten Grad des geistigen Schauens vollkommen besitzen,
können im Geiste sogar bis in die siebente Sphäre erhoben werden,
welche als die höchste den "Himmel" der Erdsphäre
bedeutet. Gleich Johannes im Neuen Testament werden sie dann unaussprechliche
Dinge sehen. Hierzu ist es erforderlich, daß die Seele von allen Fesseln
des physischen Körpers befreit ist, bis auf den dünnen Faden, der
als Bindeglied zwischen Körper und Seele dient, und dessen
Zerstörung eine Trennung beider Elemente für immer
herbeiführet. Man kann daher sagen, daß sich die Hellseher zu
solchen Zeiten außerhalb ihres Körpers befinden. Es
ist jedoch schwierig und gefährlich, eine Seele in die siebente
Sphäre zu versetzen. Selbst da, wo die Kräfte dazu vorhanden sind,
kann dies nur bei außergewöhnlich veranlagten Personen und unter
ganz besonderen Umständen geschehen. Dasselbe muß von den
Hellsehenden der niederen Grade gesagt werden, jedoch mit dem Unterschiede,
daß hier die Fähigkeiten um so leichter und sicherer gebraucht
werden können, je weniger erhaben sie sind. Jeder
Hellseher vermag nur in jene Sphäre zu schauen, die dem Grade seiner
Fähigkeit entspricht. Es ist jedoch eine merkwürdige Tatsache,
daß viele Hellseher einen oder mehrere Grade des geistigen Schauens
vollkommen besitzen und daneben noch einen weiteren, nicht voll entwickelten
höheren Grad. Wo dies der Fall ist, beobachtet man, daß das Medium
dadurch, daß es die Gesichte durcheinanderbringt, nicht
zuverlässig ist. Denn,
wenn der mangelhafte Grad in Tätigkeit tritt, so ist die Folge davon
dieselbe, wie wenn man einen Gegenstand gleichzeitig mit einem guten und
einem schlechten Auge betrachtet: das Wahrgenommene verliert durch die
Unvollkommenheit des einen Auges an Deutlichkeit. Es ist daher weit besser,
von einem Grade gar nichts zu besitzen als nur einen Bruchteil. Der
unvollkommene Grad allein ist es, der Verwirrung bei Anwendung der
vollkommenen Grade hervorruft. Man muß es mit diesen Fähigkeiten
machen wie mit dem schlechten Auge: man muß sie verschließen,
damit das Schauen, wenn auch beschränkt, doch wenigstens richtig ist. Wenn
die Alten bei ihren Schülern das höchstmögliche, vollkommene
Hellsehen in einem oder mehreren Graden entdeckten, hemmten sie deren weitere
Entwicklung so lange, als das unvollkommene Sehen des höheren Grades den
Wert der anderen, die sie besaßen, beeinträchtigen konnte. Auf
diese Weise waren sie imstande, manche zuverlässige Hellseher mit
mäßigen Fähigkeiten zu erziehen, die bei weiteren
eigensinnigen Anstrengungen, sich zu entwickeln, weit mehr verloren
hätten als sie gewinnen konnten. In
alten Zeiten wurden die Seher in verschiedene Klassen eingeteilt, wie dies
auch jetzt noch in gewissen Prophetenschulen des Ostens der Fall ist. Jedoch
ist diese Kunst bis jetzt nicht in solch vollkommener Weise bekannt wie
damals, als die östlichen Völker auf Erden auf der Höhe ihrer
Macht standen. Jede
Klasse bedurfte einer besonderen Erziehung, die dem jeweiligen Grade der
Fähigkeit und der Art der Begabung angepaßt war. Damals bestand in
solchen Dingen nicht dieses merkwürdige Mißverhältnis von
hoher Begabung und größter Unwissenheit, wie es heute der Fall
ist. Nur die Unfähigkeit, diese Gaben richtig und weise zu gebrauchen
ist es, was in so vielen Fällen Ungenauigkeiten zeitigt. Und auch manche
Unannehmlichkeit sowohl für das Medium wie für die, welche es um
geistiger Erkenntnis willen besuchen. Ebensogut
könnte der Ausbilder von jungen Turnern der Meinung sein, daß er
die zu entwickelnden Muskeln seiner Zöglinge in ihrer
Leistungsfähigkeit überanstrengen könne, ohne ihnen Schaden
zuzufügen. Geradeso ist es bei denen, die sich mit der Entwicklung ihrer
medialen Kräfte beschäftigen, um dann einen
übermäßigen, unvernünftigen Gebrauch davon zu machen. Wenn
auf Erden die geistige Erkenntnis weiter verbreitet sein wird, werden gewisse
Sensitive, die mit den nötigen Kräften begabt sind, Anweisungen
erhalten, die sie unter Führung befähigen werden, zwischen den
niederen und den höheren Geistern zu unterscheiden. Auf diese Weise wird
ein großer Teil der Verwirrung und Gefahr allmählich beseitigt
werden. Auf
der geistigen Seite des Lebens gibt es viele Lehrer, die sich
jahrhundertelang mit dem Studium aller Daseinsformen, die auf Erden
verkörpert sind, beschäftigt haben. Gerade jetzt suchen sie
überall nach offenen Türen, um durch sie das Wissen zu
übermitteln, das den Menschen von wahrem Nutzen ist. Vieles konnte noch
nicht mitgeteilt werden. Bei manchen Dingen aber wäre dies möglich,
und in dem Maße, wie das Wissen über diesen Stoff gegeben wird,
werden die Seelen auf Erden sich erweitern und entwickeln." — Ich
dankte meinem neuen Freunde für seine Belehrung und die in Aussicht
gestellte Hilfe. Dann begab ich mich kurz vor Abgang der Expedition auf die
Erde, um meiner Geliebten Lebewohl zu sagen. Wir beide empfanden tief, wie
sehr wir nun unseren beständigen Verkehr vermissen werden; denn so
beschränkt er auch durch die Kluft war, die zwischen uns lag, bereitete
er uns beiden doch große Freude. Bei
meiner Rückkehr wurde ich aufgefordert, mich von meinem Vater und meinen
Freunden zu verabschieden und mich mit meinen Reisegefährten in dem großen
Saale zu treffen, um den Segen unseres Großmeisters zu empfangen.
Nachdem dies geschehen, machte sich unsere Expedition unter den guten
Wünschen der ganzen versammelten Brüderschaft auf den Weg. Kapitel 17
Man
kann sich kaum eine bessere Vorstellung von dem Weg machen, den unsere Reise
nahm, als indem man sich eine ungeheure Spirale denkt, deren Linie sich in
kreisrunden Ringen aufwärts und abwärts windet. Ein kleiner Punkt,
nicht größer als etwa ein Stecknadelkopf, als Achse in einem
großen Rade gedacht, stellt die Erde als Zentrum in diesem
kreisförmigen Ring dar. Eine gleiche Anzahl von Ringen befindet sich
oberhalb und unterhalb der Erde. Die Ringe sind in gleicher Reihenfolge
angeordnet und winden sich, bei der Achse als der niedersten Sphäre beginnend,
um diese herum. Sie steigen auf diese Weise in immer höhere
Sphären, bis zuletzt das Ende der Spirale bei unserer Zentralsonne
angelangt ist, womit der höchstmögliche Grad irdischer Entwicklung
bezeichnet wird. Diese Darstellung wird dem Leser einen schwachen Begriff von
der Erde und ihren zugehörigen Sphären geben und ihm
verständlich machen, wie wir aus der zweiten Sphäre in die unterste
herabstiegen und auf unserer Reise den Erdenplan durchwandern mußten. Als
wir letzteren betraten, nahm ich viele Geister von Sterblichen wahr, welche
hierhin und dahin eilten, wie ich dies zu sehen gewohnt war. Aber nun
beobachtete ich zum erstenmal, daß sich bei ihnen auch viele
schwebende, gespensterhafte Gestalten befanden, ähnlich jenen Schatten,
die ich im "Frostlande" in der Umgebung des Geistes im
Eiskäfige gesehen hatte. Einige
erschienen sehr scharf und lebenskräftig, bis eine genauere Untersuchung
mich belehrte, daß das Licht der Intelligenz in ihren Augen und Mienen
fehlte. Bei ihrem hilflosen, verfallenen Aussehen machten sie den Eindruck
von Wachspuppen, deren Füllung entfernt ist. In der Tat fällt mir
nichts ein, das eine bessere Vorstellung von ihrer Erscheinung geben
könnte. Bei
meinen früheren Wanderungen auf dem Erdenplane hatte ich alle diese
Wesen nicht wahrgenommen. Als ich Hassein nach dem Grunde fragte, antwortete
er: "Das hat seinen Grund erstens darin, daß du zu sehr in deine
Arbeit vertieft warst, und zweitens, daß deine Sehkraft nicht
genügend entwickelt war. Da schaue hin, fügte er hinzu, indem er
mich auf eine seltsame kleine Gruppe aufmerksam machte, die sich uns, Hand in
Hand wie Kinder tanzend, näherte. Betrachte sie, es sind die
geistig-körperlichen Emanationen kindlicher Seelen und Körper. Sie
verdichten sich zu diesen drolligen, harmlosen kleinen Gebilden, wenn sie mit
einer der großen Lebensströmungen in Berührung gebracht
werden, welche um die Erde kreisen und auf ihren Fluten die lebendigen
Ausstrahlungen von Männern, Frauen und Kindern mit sich führen. Diese
seltsamen kleinen Wesen haben kein persönliches, selbstbewußtes
Leben, wie es die Seele verleiht, und sie sind so flüchtig und
ätherisch, daß sie ihre Gestalten verändern wie die Wolken am
Himmel. Sieh, wie sie sich auflösen und wieder aufs neue bilden. Ich
war über diese natürliche, lebensvolle Erscheinung und ihr
plötzliches Verschwinden so erstaunt, daß Hassein, indem er meinen
verblüfften Seelenzustand bemerkte, zu mir sagte: "Was
du soeben wahrgenommen hast, ist nur eine ätherische Form von
elementarem Leben, die nicht materiell genug ist, für längere Zeit
auf dem Erdenplan existieren zu können. Es ist ein Leben ähnlich
einem Wassergischt, der durch die Wellenbewegung eines reinen irdischen
Lebens und Denkens aufschäumt und Leben bekommt. Beobachte nun, um
wieviel dauerhafter auf dem Astralplan die Dichtigkeit von dem ist, was der
Unreinheit seine Entstehung verdankt." Ich
bemerkte jetzt, wie eine große Anzahl luftförmiger Gebilde an uns
herankam — dunkel, mißgestaltet, menschlich und doch wieder
unmenschlich in ihrer Erscheinung. "Dieses," sagte Hassein, sind
die Wesen, die sich bei den Delirien des Säufers einstellen. Angezogen
von seinem verdorbenen Magnetismus häufen sie sich immer mehr bei ihm an
und können nun von ihm, der die zu seinem Selbstschutze nötige
Willenskraft verloren hat, nicht mehr zurückgestoßen werden.
Solche Kreaturen mit einer Art von menschenfresserischer Veranlagung
hängen sich ihm an, wie giftige Fliegen und entziehen ihm gleich
Blutegeln oder Schmarotzerpflanzen seine physische Lebenskraft. Für
solch einen Trunkenbold gibt es keine bessere Hilfe, als wenn er auf der
irdischen Seite des Lebens jemanden findet, der einen starken Willen und
magnetische Kräfte besitzt. Nimmt
dieser den Unglücklichen in seinen Schutz und unterwirft ihn seinem
Willen und dem Einflusse seiner starken magnetischen Kraft, so wird bald das
letzte dieser Phantome nicht mehr fähig sein, sich unter dem Strome von
heilkräftigem Magnetismus, der sich über den Kranken und seine
Parasiten ergießt, noch länger zu halten. Der Heilmagnetismus
wirkt wie Gift auf diese Geschöpfe und tötet sie. Sie fallen von
dem Säufer ab; ihre Körper verlieren den Zusammenhalt und
lösen sich endlich in Dunst auf. Wenn diese Wesen jedoch eine zu ihrer
Vernichtung nicht genügend starke Dosis von Heilmagnetismus empfangen,
dann ziehen sie weiter und schweben oft jahrelang umher, indem sie einem
Menschen nach dem anderen die physische Lebenskraft entziehen und mit der
Zeit einen gewissen Grad von unabhängigem tierischem Eigenleben
erlangen. In
diesem Zustand können sie von höherintelligenten Wesen zur
Verrichtung solcher Arbeiten benutzt werden, für die sich ihre
jeweiligen Organisationen eignen. Dieser Geschöpfe, die zwar leben und
sich nähren, jedoch keine Seele besitzen, bedient sich eine gewisse
Klasse von sogenannten schwarzen Magiern bei ihren Experimenten und
gebrauchen sie hauptsächlich im Kampfe gegen ihre Widersacher. Gleich
Polypen auf dem dunklen Grunde der See ziehen solche Astralwesen diejenigen,
welche unbeschützt von höheren Mächten es wagen, sich mir
ihnen abzugeben, zu sich herab und zerfleischen sie mit ihren
gefühllosen Klauen." "Erzähle
mir nun, Freund Hassein, ob diese Astralwesen, wenn sie sich an einem Trinker
festgesetzt haben, ihn zwingen können, mehr zu trinken? So wie dies wohl
der Fall ist, wenn der erdgebundene Geist eines abgeschiedenen Trunkenboldes
einen anderen beeinflußt, der sich noch im Fleische befindet." "Nein!
Diese Wesen haben keinen andern Genuß von dem Getränke, das ein
Mensch zu sich nimmt, als daß es ihnen in folge der dadurch
hervorgerufenen Verderbnis seines Magnetismus leichter wird, sich von ihm zu
nähren. Es ist seine tierische oder physische Lebenskraft, welche sie
begehren. Letztere ist Lebensfrage für sie, wie das Wasser für eine
Pflanze. Aber dadurch, daß sie ihr Opfer seiner Vitalität
berauben, erzeugen sie in ihm das Gefühl der Erschöpfung, das nun
den Trinker veranlaßt, zu Stärkungsmitteln seine Zuflucht zu
nehmen. Darüber hinaus aber haben sie keinen Einfluß auf das
fortgesetzte Trinken eines Säufers. Diese Elementarwesen sind nur
Parasiten, und ihre Eigenintelligenz ist von solch rudimentärer Art,
daß man sie kaum mit diesem Namen bezeichnen kann. Um
Gedanken zu erzeugen und auf andere übertragen zu können, ist der
Besitz eines intelligenten Seelenkeims oder eines Funkens göttlicher
Essenz erforderlich. Wenn einem Wesen ein solcher einmal gegeben worden ist,
so besitzt es eine unabhängige Identität, derer es niemals wieder
verlustig gehen kann. Es mag Hülle um Hülle abwerfen oder in immer
gröbere Formen der Materie herabsinken — einmal mit Seelenleben
begabt, kann es nie aufhören zu sein. Und mit seinem Dasein bleibt ihm
die Individualität wie auch die persönliche Verantwortlichkeit
für sein Handeln für immer erhalten. Dies gilt in gleicher Weise
für die menschliche Seele wie für das intelligente Seelenprinzip,
wie es sich in den Tieren und niederen Formen seelischen Lebens kundgibt. Wo
immer man die Fähigkeit beobachtet, aufgrund von Überlegung zu
handeln — wie beim Menschen als dem höheren, oder beim Tier als
dem niederen Typus — darf man überzeugt sein, daß eine Seele
vorhanden ist, und nur der höhere oder geringere Grad von Reinheit der
Seelenessenz kann in Frage kommen. Wir
beobachten im Menschen wie im Tiere eine Fähigkeit von Intelligenz, die
sich nur dem Grade nach unterscheidet. Aus diesem Umstande zieht die
philosophische Schule, der ich angehöre, den Schluß, daß
beide gleicherweise bewußte, intelligente Unsterblichkeit besitzen,
jedoch der Art und dem Grade der Seelenessenz nach verschieden, indem Tiere
wie Menschen eine ewige Zukunft für ihre Entwicklung vor sich haben.
Welches die Grenzen der Wirksamkeit dieses Gesetzes sind, können wir
nicht sagen. Wir ziehen nur unsere Schlüsse aus dem Vorhandensein von
Tieren und Menschen in der geistigen Welt, welche früher auf Erden
gelebt haben. Ebenso aus dem Umstand, daß sich alle beide in einem
vorgeschritteneren Stadium der Entwicklung befinden, als dies in ihrem
irdischen Dasein der Fall war. Es
ist für einen seelenlosen Schmarotzer unmöglich, das
Bewußtsein eines Sterblichen zu beeinflussen. Solche Einflüsse
rühren von auf Erden verkörpert gewesenen Seelen her, die in ihrem
damaligen Zustande ihre niederen Begierden so sehr befriedigten, daß
sie sich nun von den Fesseln ihrer Astralhüllen nicht mehr befreien
können. Diese besuchen die Erde und reizen die Menschen zum Trinken und
zur Ausübung ähnlicher Laster. Sie sind damit imstande, den
Menschen entweder teilweise oder vollständig zu beherrschen. Am
häufigsten geschieht dies, indem der Geist jenen Menschen, den er
beeinflussen will, teilweise mit seinem geistigen Körper umkleidet, bis
eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt ist — ungefähr wie man
sich Zwillingskinder miteinander verwachsen denkt, die zwar verschiedene
Körper besitzen, aber seelisch so innig miteinander verbunden sind,
daß das, was das eine fühlt, auch von dem anderen mitempfunden
wird. Auf diese Weise wird alles, was der Mensch zu sich nimmt, von dem
Geiste, welcher den Unglücklichen möglichst viel zu trinken veranlaßt,
mitgenossen. Wenn
das Medium trinkunfähig geworden ist, befreit sich der Geist von ihm und
begibt sich auf die Suche nach einem anderen männlichen oder weiblichen
Opfer mit schwachem Willen und verdorbenem Geschmack. Nicht immer jedoch
gelingt es dem Geiste oder dem Sterblichen, sich selbst von der
merkwürdigen Verbindung zu befreien, die infolge Befriedigung ihrer
gemeinsamen Begierden entstanden ist. Nach lang andauernden Beziehungen
solcher Art wird es für beide Teile sehr schwer, sich zu trennen. Geist
und Mensch mögen jahrelang einander überdrüssig sein, ohne
daß sie imstande sind, das Band zu zerreißen, wenn ihnen nicht
höhere Mächte auf ihre Anrufung hin Beistand leisten. Fährt
ein Geist fort, Menschen zum Zwecke seiner Befriedigung zu beeinflussen, so
sinkt er tiefer und tiefer und zieht seine Opfer mit sich hinab in den
Abgrund der Hölle. Es ist dann für beide Teile eine bittere und
schwere Aufgabe, wieder emporzuklimmen, nachdem das Verlangen nach besseren
Zuständen erwacht ist. Die
Seele allein besitzt die Fähigkeit zu denken und zu wollen. Seelenlose
Geschöpfe gehorchen nur dem Gesetz der Anziehung und Abstoßung,
das von allen physischen Atomen, aus denen das Universum zusammengefügt
ist, empfunden wird. Selbst wenn diese astralen Parasiten durch ihr gewohnheitsmäßiges
Schmarotzen an der Lebenskraft von Männern und Frauen einen gewissen
Grad unabhängigen Lebens erlangt haben, besitzen sie nicht die
Intelligenz, ihre eigenen Bewegungen oder die von anderen zu lenken. Sie
fliegen umher wie Fieberkeime, welche in einer sumpfigen Atmosphäre
entstanden sind, und werden von einer Person mehr, von einer anderen weniger
angezogen. Man darf von ihnen wie von jenen Fieberkeimen behaupten, daß
sie nur eine sehr niedere Form von Leben darstellen. Eine
andere Klasse von elementaren Astralwesen sind die der Erde, der Luft, des
Feuers und des Wassers, deren Körper aus den materiellen Lebenskeimen
eines jeden Elementes gebildet sind. Einige gleichen in ihrer Erscheinung den
Gnomen und Elfen, die in unterirdischen Minen und Bergeshöhlen wohnen
sollen. Auch die Feen welche Menschen an einsamen Orten unter den
Naturvölkern gesehen haben, sind solche Wesen. Ferner — jeweils
ihrer Natur entsprechend — die Wassergeister und Meerjungfrauen, die
Feuer und Luftgeister der alten Fabeln. Alle
diese Wesen haben Leben, aber noch keine Seelen, denn ihre Vitalität
wird dem Leben von Erdenmännern und -Frauen entzogen und durch diese
unterhalten; sie sind nur Begleiterscheinungen der Menschen, unter denen sie
wohnen. Viele von ihnen gehören einer sehr niederen Daseinsordnung an
und stehen auf etwa derselben Stufe wie die höheren Pflanzen, nur
daß sie die Fähigkeit unabhängiger Bewegung besitzen. Andere
sind sehr lebhaft, voll wunderlicher, unschuldiger Eigenheiten und
können sich rasch von Ort zu Ort bewegen: Einige von ihnen sind ganz
harmlos, während andere wieder ihrer Natur nach bösartiger sind, da
die menschlichen Wesen, denen sie ihr Dasein verdanken, einer wilderen Rasse
angehören. Diese
merkwürdigen Erdelementaren können nicht lange unter Völkern
existieren, die eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht haben,
weil dann die von den Menschen abgestoßenen Lebenskeime zu wenig von
dem niederen tierischen Leben enthalten, um ihnen genügend Nahrung zu
geben. Sie sterben daher ab und ihre Körper verflüchtigen sich. So
wie die Völker vorwärts schreiten und geistiger werden,
verschwinden diese niedrigeren Lebensformen vom Astralplan jener
Erdsphäre. Die nachfolgenden Generationen fangen dann an, die Existenz
dieser Formen zuerst zu bezweifeln und später ganz zu leugnen. Nur bei
den Religionen des Ostens, welche eine fortlaufende Chronik enthalten, findet
man Berichte über diese abhängigen Zwischenarten von Wesen nebst
den Ursachen ihres Daseins. Diese
Seelenlosen Elementarwesen von Erde, Luft, Feuer und Wasser gehören zu
einer ganz anderen Klasse als jene, welche ich als Emanationen einer
entarteten Intelligenz der menschlichen Seele und der bösen Handlungen
ihres Körpers bezeichnet habe. Sieh nun, o Mann des Westens, was
für eine Wissenschaft eure Gelehrten in Acht und Bann getan und als
Fabeln in das Reich der Phantasie verwiesen haben! Solange bis der Mensch,
eingeschlossen in die engen Grenzen seiner physischen Sinne daran zu zweifeln
anfing, daß ihm überhaupt eine Seele oder ein höheres, reineres
Selbst zu eigen ist als das, welches er im gemeinen Erdenleben kennt.
Betrachte die mannigfaltigen Wesen, die den Menschen überall umgeben,
und frage dich selbst, ob es für ihn nicht gut wäre, wenn er im
Besitze eines Wissens stünde, durch das er sich vor den vielen
Fallgruben schützen könnte, über die er in blinder
Unwissenheit, ohne Kenntnis ihrer Gefahr dahinschreitet! In
den frühesten Zeitaltern der Erde begnügte sich der Mensch damit,
zu seinem himmlischen Vater emporzuschauen, um von ihm Hilfe und Beistand zu erflehen;
und Gott sandte seine Engel und dienenden Geister zum Schutze seiner
Menschenkinder. In neuerer Zeit sucht der Mensch, gleich einem erstarkten
aber unreifen Jüngling, in seinem Eigendünkel Hilfe nicht mehr im
Höheren, sondern nur noch bei sich selbst. Er stürzt sich damit
geblendet durch seinen Hochmut und seine Unwissenheit, mit offenen Augen in
Gefahr. Er spottet über Dinge, die sein beschränkter Verstand nicht
begreifen kann, und wendet sich von denen ab, die ihn belehren möchten.
Da er seine Seele nicht zu sehen, zu wägen und zu analysieren vermag,
behauptet er wahrlich, der Mensch hat keine Seele und tut am besten, wenn er
dieses irdische Leben nach Möglichkeit genießt. Denn eines Tages
wird er sterben um, nach dem Bewußtsein und Individualität
ausgelöscht ist, wieder zu Erde zu werden. Oder
aber — der Mensch nimmt in seiner jämmerlichen Angst vor dem
unbekannten Schicksal, das seiner harret, Zuflucht zu vagem Aberglauben: zu
den dunklen Glaubensdogmen jener, die sich als Führer auf dem Wege nach
dem unbekannten Lande aufspielen, obgleich sie darüber kaum mehr
bestimmtes Wissen besitzen als der ungebildetste Mensch. Daher
hat Gott in seinem Erbarmen für die irrenden Menschenkinder in letzter
Zeit die Tore, die diese beiden Welten verbinden, weiter als je zuvor
geöffnet. Wieder sendet er seine Boten aus, um die Menschen zu warnen;
seine Gesandten, um sie auf den Weg zur wahren Glückseligkeit eines
höheren Lebens zu weisen; und um ihnen jene Macht und jenes Wissen zu
zeigen, das sie von rechtswegen besitzen sollten. Wie
die Propheten des Altertums einst sprachen, so sprechen diese Boten jetzt.
Und wenn sie es deutlicher, in einer weniger verhüllten Weise tun als
zuvor, so geschieht es, weil der Mensch dem kindlichen Alter entwachsen ist
und ihm nun auf vernünftige, wissenschaftliche Weise gezeigt werden
muß, worauf er seine Hoffnungen und seinen Glauben zu gründen
hat." "Höret
daher auf die Stimme", rief Hassein — indem er sich wandte und
seine Hände gegen eine kleine, dunkle Kugel erhob, die weit entfernt am
Horizont zu schweben schien und die wir als den sorgenschweren Planeten Erde
erkannten — "höret auf die Stimme, die da sagt: Kommt her zu
mir, die ihr mühselig und beladen seid! Und höret auch auf uns, die
wir zu euch sprechen, und wendet euer taubes Ohr nicht ab! Erkennet, ehe es
zu spät ist, daß Gott nicht ein Gott des Todes, sondern des Lebens
ist, denn alles lebt für ewig! Leben
herrscht überall und in allem; selbst die starre Erde und ihre harten
Felsen sind aus Lebenskeimen gebildet, von denen jeder seinen eigenen Grad
von Leben enthält. Sogar die Luft, die wir atmen und der freie
Äther des universalen Raumes sind voll von Leben. Und es gibt keinen
Gedanken, den wir denken, ohne daß er lebt zum Guten oder Bösen;
keine Handlung, deren Bild nicht erhalten bliebe — der Seele zur Qual
oder zum Troste in den Tagen der Befreiung von ihrer Verkörperung in
einer irdischen Form. Leben ist in allen Dingen, und Gott ist das
Zentralleben von allem." Hassein
schwieg und fuhr dann in ruhigerem Tone fort: "Schaue dort! Was glaubst
du, daß dies sei?" Er
wies auf ein Etwas, das mir zuerst eine Masse von geistigen Gestalten zu sein
schien, die auf uns zuschwebten, als ob sie von einem starken Winde getrieben
würden. Als sie näher kamen, bemerkte ich, daß es seelenlose
Astralschalen waren, aber ganz unähnlich jenen Phantomen, welche ich den
Mann im Eiskasten belustigen sah. Sie hatten eine feste Form und meinem
geistigen Auge erschienen sie wie lebend und voll tierischer Energie; doch
glichen sie mehr Automaten und schienen keinerlei Intelligenz zu besitzen.
Sie trieben einher und tanzten auf und ab wie Bojen in der See, an denen die
Schiffe sich verankern. Als sie dicht an uns herangekommen waren, strengte
mein Freund seinen Willen an und hielt eine solche Form fest, die dann mitten
in der Luft schweben blieb. "Nun
siehe", sagte er, "dies ist etwas, das einer großen lebenden
Puppe ähnlich sieht und aus zahllosen kleinen Lebenskeimen
zusammengesetzt ist. Der Mensch gibt von seinem physischen Körper
fortwährend solche Keime ab, und letztere sind ausschließlich
Emanationen von seinem tierischen oder niederen Leben. Doch sind sie
materiell genug, um sich, wenn sie mit den magnetischen Kräften des
Astralplanes in Berührung kommen, zu diesen Imitationen irdischer
Männer und Frauen umzugestalten. Andererseits sind sie nicht stofflich
genug, um dem rein physischen Auge des Menschen sichtbar zu sein, wenn auch
nur ein geringer Grad hellseherischer Fähigkeit dazu gehören
würde, um sie sehen zu können. Würdest du einen höheren Grad
des Hellsehens besitzen, so würdest du sehen, daß dies in
Wirklichkeit kein geistiger Körper ist, da das Seelenprinzip fehlt. Ein
noch höherer Grad geistigen Schauens würde dich erkennen lassen,
daß niemals eine Seele in dieser Form gewohnt hat und daß ihr nie
die bewußte Existenz einer Seelen-Astralhülle eigen war. Die
gewöhnlichen Hellseher haben in das Wesen dieser astralen Erscheinungen
keinen genügenden Einblick, um an ihnen die verschiedenen Grade des
Hellsehens erproben zu können. Daher gibt es auf Erden nur wenige
Hellseher, die sagen könnten, ob dies eine Astralform mit Seele ist oder
eine, von der die Seele sich getrennt hat. Oder aber, ob es eine solche ist,
in welcher eine Seele überhaupt nie vorhanden war. Ich werde dir
sogleich ein Experiment mit dieser Astralform zeigen: Betrachte
dieses Wesen zunächst, wie es jetzt ist; es scheint frisch und voll
irdisch-tierischen Lebens zu sein und macht nicht den verfallenen Eindruck
der vorhin gesehenen Formen, die einst eine Seele bargen und im Zustande
rascher Auflösung begriffen waren. Präge dir folgendes fest ein:
Dieses frisch aussehende Astralwesen wird viel rascher verfallen als die
anderen! Denn es hat nichts von jenem höheren Lebensprinzip an sich, das
bei einem Astralwesen vorhanden ist, das einst eine Seele enthielt —
und welches eine solche Form oft lange Zeit hindurch belebt und vor
gänzlicher Zerstörung bewahrt. Astralformen müssen ihr Leben
von einer höheren Quelle (Von wirklichen Seelenkeimen) beziehen, sonst hören
sie bald auf zu existieren und lösen sich auf." "Aber",
fragte ich, "wie nehmen sie die Gestalten von Männern und Frauen
an?" "Durch
die Wirksamkeit der vergeistigten magnetischen Strömungen, die
beständig durch den ganzen Ätherraum fluten, wie die
Strömungen des Ozeans. Diese magnetischen Lebensströme sind von
ätherischerer Art als die, welche der Wissenschaft auf Erden bekannt
sind. Sie stellen tatsächlich die geistige Seite jener Strömungen
dar und wirken als solche auf diese Wolkenmassen menschlicher Atome, und zwar
in der selben Weise, wie die Elektrizität die gefrierende Feuchtigkeit
einer Fensterscheibe beeinflußt. So kommen hier Männern und Frauen
ähnliche Formen zustande, während durch Elektrizität die
gefrierende Feuchtigkeit in Gebilde verwandelt wird, welche Bäumen, Pflanzen
usw. gleichen. Es
ist eine anerkannte Tatsache, daß im vegetabilischen Leben die
Elektrizität bei der Bildung von Blattformen, Bäumen usw. eine
tätige Rolle spielt. Nur wenige aber wissen, daß dieser
verfeinerte Magnetismus einen ähnlichen Anteil bei der Entstehung
menschlicher Gestalten und tierischen Lebens hat. Ich bezeichne als
tierisches Leben alle jene Formen, welche unter dem Menschen stehen." "Gibt
es denn auch Astralformen von Tieren?" "Gewiß.
Ihre Kombinationen sind manchmal recht wunderlich und seltsam. Ich kann sie
dir jetzt nicht zeigen, weil deine Sehkraft nicht genügend entwickelt
ist und wir zu rasch reisen, um sie dir gut erklären zu können.
Eines Tages sollst du sie sehen und noch viele andere merkwürdige Dinge,
die mit dem Astralplan in Beziehung stehen. So viel aber kann ich dir sagen,
daß jene Atome in verschiedene Hauptklassen eingeteilt werden und jede
Unterabteilung eine besondere Anziehung zu einer anderen ihrer Art besitzt.
So ziehen sich vegetabilische Atome gegenseitig an, um zusammen astrale
Bäume und Pflanzen zu bilden, während tierische Atome sich zu
Formen gestalten, welche Tieren, Vögeln usw. gleichen, menschliche Atome
dagegen Männer- und Frauenkörper bilden. In
manchen Fällen, wo die menschlichen Wesen, von denen die Atome stammen,
auf einer sehr niederen Entwicklungsstufe stehen und den Tieren nahe verwandt
sind, vermischen sich ihre Atome mit jenen der niederen Lebensformen. Sie
erzeugen dann merkwürdige, schreckliche Geschöpfe, welche
gleichzeitig Tieren und Menschen ähnlich sind und, wenn sie von
Hellsehern im Zustande der Halb-Trance gesehen werden, als Visionen von
Unholden geschildert werden. In
den Erdsphären wird ständig eine ungeheure Anzahl dieser lebenden
Atome von der niederen oder tierischen Natur des Menschen abgestoßen,
und diese unterhalten und erneuern die Astralformen. Würden wir eine
dieser Schalen auf einen Planeten verbringen, der schon über die Stufe
des materiellen Lebens hinaus vergeistigt ist, oder wären wir frei von
all diesen niederen Keimen, so könnten jene Astralwesen nicht
existieren; sie würden sich in schädlichen Dunst auflösen und
fortgeweht werden. — — — Wie
ich bereits sagte, sind diese Astralwesen aus wolkenartigen Massen
menschlicher Atome, die nie als Hülle für eine Seele gedient haben,
ihrer Natur nach kaum dauerhafter als die Eisblumen an einer Fensterscheibe;
ausgenommen, wenn die Kraft einer höheren Intelligenz auf sie wirkt, um
ihre Vitalität zu verstärken und dadurch ihr Dasein zu
verlängern. Sie sind ihrer Erscheinung nach ausdruckslos gleich
Wachspuppen und lassen sich leicht irgend eine Individualität
aufprägen. Hieraus erklärt es sich, warum sie in alten Zeiten von
Magiern und anderen Wissenden verwendet wurden. Astralatome, ob von
Bäumen, Pflanzen, Tieren oder menschlichen Wesen stammend, dürfen
nicht mit geistigen oder seelenbekleidenden Atomen verwechselt werden, aus
welchen die wirkliche geistige Welt und ihre Bewohner besteht. Astralwesen
jeder Art sind eine Zwischenstufe von Stofflichkeit zwischen der groben Materie
der Erde und der verfeinerten Materie der geistigen Welt. Wenn
wir von einer in ihre Astralhülle gekleideten Seele sprechen, so meinen
wir damit jenen erdgebundenen Zustand, in dem sie zu verfeinert oder
immateriell für die Erdenexistenz ist und zu grob geartet, um in die
höheren Sphären der geistigen Welt aufzusteigen oder in die
niedrigeren hinabsteigen zu können." "So
glaubst du", fragte ich weiter, "daß ein beseelter Geist, was
seinen Körper anbelangt, selbst in der niedersten Sphäre
verfeinerter ist als ein erdgebundener Geist?" "Ja,
gewiß. Der Astralplan zieht sich wie ein Gürtel um jeden Planeten
und besteht aus Materie, die zu fein ist, um von dem Planeten wieder
aufgesogen zu werden, jedoch zu grob, um der Anziehung der Planetenmasse
widerstehen und in die Sphären der geistigen Welt übergehen zu
können, wo sie das Zersetzen oder Verwandeln von Formen bewirken
würde. Es ist überhaupt nur die in ihr enthaltene, belebende Kraft
des Seelen-magnetismus, die sie befähigt, sich
an irgend eine Form festzuheften. Bei
den menschlichen Astralformen, die als Seelenhüllen individuelles Leben
besaßen, haben die Astralatome eine größere oder geringere
Menge von Seelenmagnetismus oder wirklicher Lebensessenz in sich aufgenommen.
Und jenachdem das irdische Dasein der Seele gut oder böse, erhaben oder
verkommen war, belebt dieser Seelenmagnetismus die Hülle für
längere oder kürzere Zeit und bildet ein Bindeglied zwischen ihr
und der Seele, welche ihr das Leben verlieh. — Bei einer Seele, deren
Wünsche nur auf höhere Dinge gerichtet waren, wird die Verbindung
bald gelöst und die Astralhülle zerfällt rasch. Im umgekehrten
Falle kann das Band jahrhundertelang bestehen, indem die Seele dadurch an die
Erde gekettet wird und so tatsächlich "erdgebunden" ist.
— Die astrale Materie bezieht von der Seele soviel
Lebensfähigkeit, daß die leere Schale noch über der Erde
schwebt gleich dem verblassenden Bilde ihrer abgeschiedenen Bewohnerin,
nachdem eine böse Seele selbst in die allerniederste Sphäre
herabgesunken ist. Solche Schalen werden manchmal von Hellsehern über
den Orten, wo sie einst gelebt haben, schwebend wahrgenommen; sie sind in
Wirklichkeit "Gespenster". Sie haben keine eigene Intelligenz, da
die Seele entflohen ist, und können weder Medien beeinflussen noch
Tische bewegen. Auch sonst tun sie nichts, es sei denn als mechanische Hilfen
irgend einer höheren Intelligenz — gleichviel ob diese gut oder
böse ist. Das
Astralwesen vor uns hat keinen Seelenmagnetismus in sich, hat nie welchen
besessen. Daher wird es bald zerfallen und seine Atome werden von anderen
aufgesogen werden. Doch sieh, wozu dasselbe zu gebrauchen ist, wenn ich meine
Willenskraft darauf wirken lasse und es für diese Zeit durch meine
Individualität beseele!" Während
er sprach, betrachtete ich die Astralpuppe und sah, wie sie plötzlich
Leben und Intelligenz zeigte. Dann glitt sie zu einem Mitgliede der
Brüderschaft, welchen Hassein ausgewählt hatte, klopfte ihm auf die
Schulter und schien zu sagen: Freund, mein Gebieter Hassein läßt
dich grüßen!" In dem sie sich hierauf vor dem erstaunten
Bruder verbeugte, glitt sie zu uns zurück, als ob Hassein sie wie einen
dressierten Affen an einer Schnur gehalten hätte. "Nun
hast du gesehen", sagte er, "wie ich dieses Astralwesen nach
Belieben als Boten verwenden kann, wenn ich ein Werk in der Ferne zu
verrichten wünsche. Gleichzeitig kennst du jetzt eines der Mittel, deren
sich die alten Magier bedienten, um in weiter Ferne eine Tat zu vollbringen,
ohne selbst persönlich dabei zu sein. Diese
Astralwesen sind jedoch nur auf dem Astralplan zu gebrauchen. Sie können
keinerlei materielle Gegenstände in Bewegung setzen, obgleich sie dem
physischen Auge sichtbar werden, wenn der Sterbliche es will, der sich ihrer
bedient. Es gibt andere Astralwesen von gröberer Stofflichkeit, die man selbst
in die Erde eindringen lassen könnte, um verborgene Schätze, wie
kostbare Metalle und Edelsteine aus der Tiefe ans Tageslicht zu
befördern. Ich halte es jedoch weder für ratsam noch für
recht, dir die Kraft zu erklären, durch welche dies auszuführen
möglich wäre. Magier, welche solche Kräfte entdeckten und
anwendeten, sind solchen Mächten früher oder später zum Opfer
gefallen, da sie diese selten dauernd überwachen und beherrschen
konnten." "Würde
dieses Astrawesen, wenn es von einer bösen Intelligenz belebt
würde, eine wirkliche Gefahr für den Menschen bedeuten?"
fragte ich. "Ja,
ohne Zweifel. Wenn ich auch selbst ohne Sorge mich in diese Astralform
kleiden könnte, so ist dies nicht in gleicher Weise der Fall bei einem
Geiste, der unwissender ist als ich. Wohl wäre es ihm leicht, dies zu
tun und sich auf Erden in einer dichteren Gestalt fühlbar und sichtbar
zu machen. Aber er würde Gefahr laufen, dadurch eine Verbindung zwischen
sich und der Astralhülle herzustellen, die nicht leicht wieder
gelöst werden kann und ihn für lange Zeit an die Astralebene
fesseln würde. Du ersiehst hieraus, wie die Menschen auf Erden die ihre
abgeschiedenen Freunde gern sehen wollten, darauf gekommen sind, Geister in
irdische Verhältnisse zurückzuziehen, welche ihnen oftmals schaden. Mancher
unwissende Geist, der an sich rein und gut war, hat den Fehler begangen, sich
in eine dieser frischen, gefährlichen Astralformen zu kleiden,
während er unter anderen Umständen sich sehr gehütet haben
würde, sich auch nur einer weniger gefährlichen, von einem anderen
Geist verlassenen Astralhülle zu bedienen. Zu seinem Schaden mußte
er zu spät erfahren, daß er sich dadurch selbst zum Gefangenen des
Erdenplanes gemacht hatte — bis eine höhere Intelligenz zu seinem
Beistande erschien und ihn befreite. Auf
ähnliche Weise können auch Geister einer niederen Sphäre sich
in leere Astralhüllen kleiden. In diesem Falle bewahrt sie aber die mit
der niederen Entwicklungsstufe einer Seele verbundene Dichtigkeit ihres
geistigen Körpers vor einer länger andauernden Besitznahme. Denn
der einem niederen Geist entströmende Magnetismus wirkt auf die
Astralform wie ein giftiges Gas auf eine Hülle und zersprengt sie in
tausend Stücke. Einem Geiste über dem Astralplan erscheint ein
Astralkörper fast so fest wie Eisen, aber für einen Geist unter ihm
sind diese zerbrechlichen Schalen wie Wolken oder Dampf. Je weniger eine
Schale entwickelt ist, desto dichter ist ihre Hülle und desto fester ist
sie an letztere gebunden, indem die Hülle die psychischen Kräfte
beschränkt und die Seele dadurch verhindert, sich in eine höhere
Sphäre zu erheben. "Du
glaubst also, daß Geister diese Astralschalen manchmal in derselben
Weise wie irdische Medien für ihre Zwecke gebrauchen und sie entweder
nur durch ihren Willen lenken oder sich tatsächlich in ihre Form
einhüllen?" "Ja,
gewiß. Ein Geist über dem Erdenplane, der sich einem Hellseher des
niedersten Grades gern zeigen möchte, wird sich zuweilen mit solchen
Schalen umkleiden, denen er dann seine Identität aufprägt. Auf
diese Weise kann ihn der Hellseher wirklich wahrnehmen und ihn beschreiben.
Eine Gefahr liegt aber in dem Umstand, daß der gute, aber unwissende
Geist die Astralschale oftmals nicht wieder zu verlassen vermag, so gern er
es auch tun möchte. Er hat sie belebt, und ihre starke Lebenskraft
hält ihn nun gefangen. Manchmal ist es sehr schwer, ihn zu befreien.
Auch hat man gefunden, daß eine zu starke oder zu lange fortgesetzte
Beeinflussung eines irdischen Mediums durch einen Geist eine Verbindung
zwischen beiden herstellt, welche schließlich zur Fessel wird. Für
einen Geist der niedersten Sphären ist eine Astralschale nur ein
bequemer, sich anschmiegender Mantel, mit dem er seinen verkommenen geistigen
Körper verdeckt und es dem Hellseher unmöglich macht, den gemeinen
Geist in ihm zu sehen. Für einen guten und reinen Geist dagegen ist eine
Astralschale gleich einem Panzer von Eisen, der ihn einzukerkern
vermag." "Bedient
sich bei Sitzungen auf Erden ein Geist zur Nachahmung eines anderen ebenfalls
solcher Astralschalen?" "Das
geschieht sehr oft in dem Fall, wo der Spukgeist von zu niederer Art ist, um
in direkte Berührung mit dem Medium kommen zu können. Man darf
nicht vergessen, auf welch wunderbare Weise sich die Gedanken sterblicher
Männer und Frauen in der Atmosphäre des Astralplanes als Bilder
spiegeln und so von Geistern gelesen und beantwortet werden. Nicht alle
Geister vermögen dies zu tun, so wenig, als alle Männer und Frauen
auf Erden Zeitungen oder Briefe lesen können. Dies erfordert hier wie
dort Intelligenz und Übung. Die Menschen haben die armen unwissenden und
halbentwickelten Geister des Erdenplanes und der niederen Sphären kaum
zu fürchten, da sie oft gerne die ihnen dargereichte Hand ergreifen, um
einen Halt zu gewinnen. Wohl
aber haben sie Grund, die bösen Intelligenzen zu fürchten, welche,
stark an Körper und Geist, ihre Kräfte nur zu schlechten Zwecken
gebrauchen. Letztere bringen den Menschen wirklich Gefahr, und man muß
sich sehr vor ihnen hüten. Dies kann aber nur mit Erfolg geschehen, wenn
die im Fleische verkörperten Medien besser unterrichtet sind; denn dann
werden Sterbliche und Geister zusammenwirken, um die spiritualistische
Bewegung vor Betrug und vor den Fehlern wohlmeinender, aber schlecht
unterrichtetet Geister und Menschen zu schützen. Indem letztere die
Aufmerksamkeit der Massen auf diesen Gegenstand lenken, verursachen sie
häufig sich selbst und anderen Schaden. Sie sind gleich unwissenden
Chemikern, die auf der Suche nach Wissen durch ihre Experimente Tod und
Verderben auf andere wie auf sich selbst herabbeschwören." "Du
glaubst also nicht, daß die Reinheit ihrer Motive genügt, um sie
zu schützen?" "Würde
die Reinheit des Motivs ein Kind vor dem Verbrennen bewahren, wenn es seine
Hand in das Feuer hält? Nein! Das einzige Mittel ist hier, das Kind so
weit als möglich vom Feuer entfernt zu halten. Dies werden gute und
weise Schutzgeister in ausgiebigem Maße tun. Aber wenn die Kinder sich
beständig an die Gefahr herandrängen, ist es eben nicht zu
vermeiden, daß sich hin und wieder eines von ihnen verbrennt." "Du
würdest daher die Pflege der medialen Fähigkeiten bei allen
Sterblichen ohne Unterschied nicht befürworten?" "Sicherlich
nicht! Ich wünschte, daß alle Menschen sich nur der medialen
Kräfte solcher bedienten, die unter sorgfältiger, weiser Führung
herangebildet worden sind, um anderen Gutes zu erweisen. Berücksichtigst
du jedoch, wie verschieden und wie selbstsüchtig die Motive der mit
medialen Anlagen Begabten sein können, wirst du einsehen, wie
außerordentlich schwierig es ist, sie zu beschützen. Ich gestehe,
daß ich die Ausübung der Mediumschaft auf diejenigen
beschränkt wissen möchte, die bereit sind, größere
persönliche Opfer dafür zu bringen. Am liebsten wären mir
Medien, welche keinerlei Anteil an den ehrgeizigen Bestrebungen der Menschheit
hätten. Doch genug hiervon. Ich lasse nun diese Astralhülle ziehen
und möchte deine Aufmerksamkeit auf eine andere Art derselben Klasse
lenken." Während
er sprach, machte er mit seinen Händen eine rasche Aufwärtsbewegung
über die Astralschale hin und stieß einige Worte in einer fremden
Sprache aus, worauf die Schale in ihren Bewegungen innehielt, dann einige
Sekunden hin- und herschwankte und schließlich von einem herankommenden
magnetischen Strom wie ein Stück Treibholz davongetragen wurde. Ich sah
ihr eine Zeitlang nach. Als ich den Blick abwandte, bemerkte ich einen
kleinen Schwarm von dunkel gespenstischen, schrecklich aussehenden Gestalten,
die sich uns näherten. Dies waren Astralschalen, welche niemals
seelisches Leben gekannt hatten. Sie waren im Gegensatz zu dem
spaßhaften, wachsartigen Astral, von dem wir uns soeben getrennt
hatten, in jeder Hinsicht abstoßend. "Dies,
sagte Hassein, „sind Emanationen von Männern und Frauen einer
niederen Gattung mit schlechtem, sinnlichem Lebenswandel. Sie stammen aus dem
Sumpf des Erdendaseins — nicht nur dem sozialen Abschaum der
Gesellschaft, sondern auch aus höheren Kreisen, unter denen es ebenfalls
moralisch verkommene Individuen gibt. Wesen wie diese können zu den
allerschlechtesten Zwecken benutzt werden, wenn sie von einer bösen
Intelligenz beseelt werden. Da sie sehr materiell sind, kann man mit ihnen
sogar auf den physischen Stoff der Erde einwirken. Sie finden daher manchmal
Verwendung bei der Ausübung dessen, was man in der Regel unter dem Namen
"schwarze Magie" oder "Hexerei" versteht. Auch werden sie
zuweilen von höheren Intelligenzen benutzt, um in Séancen
physikalische Phänomene hervorzubringen. Wenn
weise und gute Intelligenzen sie benutzen, wird kein Schaden angerichtet.
Unter der Leitung von bösen oder unwissenden Geistern jedoch sind sie
eine Gefahr, deren Größe aller Beschreibung spottet. Dieser und
einer ähnlichen Klasse von Astralschalen, in denen der Seelenkeim noch
wie in einem Kerker schmachtet, sind jene rohen und gefährlichen
Kundgebungen zuzuschreiben, die manchmal in den Sitzungen spiritistischer
Zirkel beobachtet werden. Insbesondere ist hierzu die Möglichkeit
gegeben, wenn die Zirkelteilnehmer einen lasterhaften Lebenswandel
führen oder unerfahren sind, wie sie sich schützen können. Oder
auch, wenn die Sitzungen aus bloßer Neugier und nur der Unterhaltung
wegen abgehalten werden." "In
welche Klasse von Geistern reihst du aber die Dämonen und Vampire ein,
an die man in vielen Gegenden der Erde so fest glaubt?" "Vampire
sind solche Geister, die ein irdisches Dasein gehabt und dieses so
mißbraucht haben, daß ihre Seelen noch in den Astralhüllen
eingekerkert sind. Sie entziehen Männern und Frauen das physische
Lebenselement, um sich hierdurch am Leben zu erhalten und vor dem Versinken
in weit tiefere Sphären zu retten. Diese Wesen hängen mit aller
Kraft an ihrer Astralhülle und suchen deren Leben zu verlängern;
gerade so wie Menschen mit schlechtem Gewissen oft nicht sterben wollen, weil
sie fürchten, daß sie nach der Trennung von ihrem physischen
Körper in unbekannte Tiefen der Finsternis und des Schreckens sinken
werden. Die beständige Erneuerung des tierischen und astralen Lebens
ermöglicht es diesen Vampiren, oft jahrhundertelang ihr Wesen auf Erden
zu treiben." "Ist
es einem Vampir ohne weiteres möglich, eine Zeitlang im Besitze eines
genügenden Grades von Materialität (Körperlichkeit) zu
bleiben, um in physischer Gestalt erscheinen und mir den Menschen verkehren
zu können, — wie es in den Erzählungen geschildert wird, die
von solchen Kreaturen handeln?" "Wenn
du mit deiner Frage meinst, ob der Vampir imstande ist, sich selbst einen
materiellen Körper zu gestalten, so antworte ich nein. Aber es geschieht
manchmal, daß er vollst Besitz von dem Körper eines Sterblichen
ergreift, wie es auch andere Geister tun, und dann den angeeigneten
Körper nach seinem Willen handeln läßt. Damit ist es dem mit
dem sterblichen Leibe eines anderen umkleideten Vampir sehr gut möglich,
das Aussehen seiner Hülle so zu verändern, daß es einige
Ähnlichkeit mit des Vampirs eigener irdischer Erscheinung hat. Durch
die Macht, die er (oder sie, denn es gibt Vampire beiderlei Geschlechts) mit
dem Besitz eines physischen Körpers erlangt hat, vermag er
tatsächlich jenes merkwürdige Doppelleben zu führen, das ihm
in den "Gespenstergeschichten" zugeschrieben wird. Nur wenige
Vampire sind jedoch in dieser Weise im Besitze eines irdischen Körpers.
Die anderen treiben ihr Wesen auf Erden in der eigenen Astralhülle,
indem sie besonders medialen Personen die Lebenskraft entziehen, ohne
daß die Beraubten selbst irgendwelche Kenntnis vom Vorhandensein dieser
Astralwesen haben. Solche arme Sterbliche leiden an einem fortwährenden
Gefühl von Schwäche und Erschöpfung, ohne zu ahnen, welchem
Umstande sie dies zu verdanken haben." "Aber
können Schutzgeister nicht die Sterblichen vor diesen Wesen
schützen?" "Nicht
immer. Wohl schützen sie die Menschen weitgehend, jedoch nur in der
Weise, wie man jemanden vor einem ansteckenden Fieber bewahrt. Sie zeigen den
Menschen die Gefahren und warnen sie, Orte aufzusuchen, wohin die Vampire
infolge Beziehungen zu ihrem irdischen Leben besonders stark angezogen
werden. Dies bewerkstelligt ein Schutzgeist dadurch, daß er dem
Bewußtsein des Sterblichen eine instinktive Scheu vor Plätzen einflößt,
wo Verbrechen begangen wurden, oder Personen einen schlechten Lebenswandel
geführt haben. Da der Mensch aber in jeder Beziehung in seinem Willen
frei bleiben muß, ist es nicht möglich, mehr zu tun. Er darf nicht
in allen Dingen wie eine Puppe geleitet werden und muß meistens seine
eigenen Erfahrungen machen, wie bitter sich auch zeitweilig ihre Früchte
erweisen mögen. Belehrung, Schutz und Hilfe werden stets gegeben, jedoch
so, daß sie dem freien Handeln des Menschen nicht entgegen sind. Und nur
in dem Maße wird ihm Belehrung zuteil, als er selbst sie begehrt,
nichts wird ihm jemals von der geistigen Welt aufgezwungen. Kapitel 18
Ich
hätte Hassein gerne noch eine Menge weiterer Fragen betreffs des
Astralplanes und seiner mannigfaltigen, merkwürdigen Lebensformen vorgelegt.
Aber wir ließen diese Ebene jetzt rasch hinter uns, und unser Weg
führte nach abwärts durch jene tieferen Sphären, die ich
früher schon teilweise erforscht hatte. Mit wunderbarer Geschwindigkeit
rasten wir durch den Raum, mit einer Eile, die über den Begriff des
menschlichen Verstandes hinausgeht. Immer weiter flogen wir dahin, indem wir
uns mehr und mehr von den glänzenden Sphären entfernten.
Während des Herabsinkens beschlich unsere Seelen ein Gefühl von
banger Erwartung, das unser Gespräch stocken ließ. Es schien, als
ob wir im voraus die Schrecken dieses furchtbaren Landes und die Leiden
seiner Bewohner empfinden würden. In
weiter Ferne gewahrte ich nun große Massen tintenschwarzen Rauches, die
gleich einem düsteren Mantel über dem Lande hingen, dem wir uns
näherten. Als wir näher kamen, schienen die ungeheuren schwarzen
Wolken wie mit fahlen, schwefelähnlichen Flammen aus Myriaden von
gigantischen Vulkanen durchtränkt zu sein. Die Luft war so
drückend, daß wir kaum atmen konnten, während ein Gefühl
der Erschöpfung, wie ich es nie zuvor erfahren, jedes Glied meines
Körpers zu lähmen schien. Schließlich gab unser Führer
den Befehl, Halt zu machen und wir ließen uns auf dem Gipfel eines
großen schwarzen Berges nieder. Dieser schien in einen See von Tinte
auszulaufen und von ihm aus sahen wir am Horizont das schreckliche,
düstere Land vor uns liegen. Hier
rasteten wir einige Zeit, und hier war es auch, wo wir uns von den Freunden
trennen mußten, die uns so weit begleitet hatten. Nach einer einfachen
Mahlzeit aus mitgebrachten nahrhaften geistigen Früchten sprach unser
Führer im Namen der ganzen Gesellschaft ein kurzes Gebet um Schutz und
Stärke, worauf wir uns alle auf dem Gipfel dieses schwarzen Berges zur
Ruhe niederlegten. Als
ich nach einem höchst angenehmen Zustand von Bewußtlosigkeit zu
mir kam, waren alle anderen ebenfalls munter. Wir wurden in Abteilungen von
zwei oder drei Personen eingeteilt, damit wir das Feindesland betreten
könnten, ohne Verdacht zu erregen. Als Missionare, die all denen Rettung
und Hilfe bringen sollten, die willig waren, unseren Beistand anzunehmen,
mußten wir uns über das finstere Land zerstreuen. Zu
meiner Überraschung fand ich, daß während meiner Ruhe eine
Veränderung mit mir vorgegangen war, die in einer weitgehenden Anpassung
an die Atmosphäre und die Umgebung bestand, in der ich mich jetzt
befand. Es schien, als ob ich von der besonders dichten Materie dieser
Sphäre Stoff angezogen, oder mich mit solchem bekleidet hätte. Mein
Körper war dichter geworden. Wenn ich versuchte, mich zu erheben und wie
früher zu schweben, so war ich nur unter großer Anstrengung hierzu
imstande. Die Atmosphäre verursachte mir nicht mehr eine so starke
Beengung, und das Lähmungsgefühl, das vorher meine Glieder befallen
hatte war gewichen. Jeder
von uns empfing nun einen der Dauer unseres Aufenthaltes in dieser
Sphäre angemessenen Vorrat stärkender Essenzen, und unser
Führer gab uns die letzten Verhaltensmaßregeln und Warnungen. Hassein
kam sodann zu mir, um Abschied zu nehmen und mir die letzten Anweisungen
mitzuteilen, die Ahrinziman mir gesandt hatte. "Ich komme", sagte
er, "von Zeit zu Zeit, um dir Nachrichten von deiner Geliebten und den
anderen Freunden zu bringen. Du kannst bei solchen Gelegenheiten eine
Botschaft durch mich an sie zurücksenden. Sei stets eingedenk, daß
du hier von allen denkbaren Arten von Betrug und Falschheit umgeben bist!
Glaube keinem, der als Bote von uns zu dir kommt, es sei denn, daß er
das Zeichen deines Ordens zu geben vermag. Die Bewohner dieser Sphäre
können deine Gedanken zwar erraten; aber sie werden nicht imstande sein,
sie deutlich zu lesen, da du in der geistigen Entwicklungsstufe zu ihnen
stehst. Zwar wird der Umstand, daß du beim Eintritt in ihre Sphäre
bis zu einem gewissen Grade ihre eigenen Lebensbedingungen angenommen hast,
sie befähigen, einen Teil deiner Gedanken wahrzunehmen. Aber dies wird
doch in sehr unvollkommener Weise geschehen und nur in solchen Dingen, wo
deine eigenen niederen Leidenschaften noch eine gewisse Verbindung zwischen
dir und ihnen bilden. Unter Aufbietung aller Geisteskräfte werden sie
mit großer Geschicklichkeit Pläne und Ränke schmieden, um
dich zu versuchen und zu fangen. In
diesen Regionen gibt es Männer, die zur höchsten Intelligenz ihrer
Zeit gehörten, deren gotteslästerliche Laufbahn sie jedoch in diese
niederen Sphären sinken ließ, wo sie ihre ganze Umgebung
beherrschen. Sie sind jetzt schlechtere Geister und despotischere Tyrannen
als einst auf Erden. Sei daher auf der Hut und beherzige alle Warnungen, die
du von uns empfangen hast. Von Zeit zu Zeit wirst du Hilfe und Ermutigung von
deinen treuen Freunden erhalten, bis deine Mission beendet ist und du, wie
wir hoffen, als Sieger in einer guten Sache zurückkehrst. Lebe wohl,
lieber Freund, möge der Segen Allvaters mit dir sein!" Ich
trennte mich von Hassein mit großem Bedauern und setzte mit meinen
Genossen die Reise fort. Das Letzte, was wir bei unserem Abstieg sahen, waren
die weißgekleideten Gestalten unserer Freunde, die sich gegen den
dunklen Himmel abhoben und uns zum Abschied winkten. * * * DAS REICH
DER HÖLLE
Kapitel 19
Der
Geist, der mir auf unserer Expedition als Begleiter zugeteilt worden war,
hatte sich früher in dieser Sphäre aufgehalten und war daher zum
Führer in diesem Schreckensreich sehr geeignet. Er sagte mir, daß
wir uns in kurzer Zeit trennen müßten und jeder seinen eigenen Weg
zu gehen habe — daß aber im Notfall einer den anderen zu
beliebiger Zeit zu seinem Beistand herbeirufen könne. Als
wir uns der großen, von Rauch und Feuer erfüllten Niederung
näherten, machte ich meinen Begleiter auf die erstaunliche Dichtigkeit
des Rauches aufmerksam. Ich kannte aus Erfahrung die Materialität alles
dessen, was uns im Geisterlande umgibt und was die Sterblichen, da es dem
gewöhnlichen Auge unsichtbar bleibt, für ätherisch oder
immateriell halten müssen. Aber diese dichten Rauchwolken, diese
emporlodernden Flammenzungen entsprachen in keiner Weise dem, wie ich mir die
Hölle ausgemalt hatte. Dunkle, öde Gegenden und unglückliche
Geister waren mir auf meinen Wanderungen schon zu Gesicht gekommen. Flammen
oder Feuer irgend welcher Art hatte ich jedoch nicht gesehen, noch hatte ich
Flammen in greifbarer Gestalt überhaupt für möglich gehalten.
Das "Höllenfeuer" war für mich stets nur ein sprachliches
Bild zur Bezeichnung eines geistigen Zustandes gewesen. Viele haben
behauptet, daß dem so sei und die Qualen der Hölle nur in der
geistigen Vorstellung, nicht aber in Wirklichkeit bestünden. Ich sprach
diese Gedanken meinem Begleiter gegenüber aus und er erwiderte mir: "Beide
Auslegungen sind in gewissem Sinne richtig. Dieser Rauch und diese Flammen
werden durch die geistigen Emanationen der unglücklichen Wesen
verursacht, die innerhalb dieses feurigen Walles wohnen. Doch, so materiell
sie deinem geistig geöffneten Auge erscheinen, so unsichtbar würden
sie für einen Sterblichen sein, könnte er durch irgendein Wunder
diesen Ort im fleischlichen Körper besuchen. Die Flammen bergen
keinerlei irdische Stoffe in sich; nichtsdestoweniger sind sie materiell in
dem Sinne, als alle irdischen oder geistigen Dinge in Materie irgendwelcher
Art gehüllt sind. Die Verschiedenheit der Grade materieller Dichtigkeit
ist unbegrenzt. Und wie auch geistige Gebäude und Körper ohne eine
gewisse Bedeckung mit ätherischer Materie nicht sichtbar sein
würden, so haben diese Flammen — als die gröberen
Ausstrahlungen jener verkommenen Geister — für deine Augen den
Anschein von größerer Dichtigkeit und Festigkeit als für die
Bewohner selbst." Der
Geistername meines Begleiters war "Treufreund". Dieser Name war ihm
wegen seiner Treue einem Freunde gegenüber, der seine Freundschaft
mißbraucht und ihn verraten harte, verliehen worden. Er hatte dem
Verräter verziehen und hatte ihm in der Stunde, wo Schmach und Schande
den Treulosen ereilten, helfend zur Seite gestanden. Dieser edle Geist war in
seinem irdischen Leben keineswegs ein Mann von vollkommen moralischem
Charakter gewesen und war bei seinem Tode in die niedrigeren Sphären in
der Nähe des Erdenplanes übergegangen. Aber er war aus den Reichen
der Hölle rasch emporgestiegen. Zu der Zeit, da ich ihn traf,
gehörte er der Brüderschaft der zweiten Sphäre an, zu der ich
erst kürzlich zugelassen worden war. Wir
näherten uns jetzt den kraterähnlichen Erscheinungen eines
ungeheuren Vulkans — zehntausend Vesuvs zu einem einzigen verschmolzen.
Der Himmel über uns war schwarz wie die Nacht, und ohne den fahlen
Schein der Flammen würden wir uns in völliger Finsternis befunden
haben. Jetzt, da wir an die Feuermasse herankamen, bemerkte ich, daß es
eine Art feuriger Wall war, der das Land umschloß, und durch welchen
alle, die es betreten oder verlassen wollten, hindurch mußten. "Siehe
doch, Franchezzo", bemerkte Treufreund, "wir durchschreiten jetzt
diesen Feuerwall. Beunruhige dich aber deshalb nicht! Denn so lange Mut und
Wille vorhanden sind und du deine Willenskraft gebrauchst, um diese
Feuerpartikelchen abzuhalten, können sie nicht in Berührung mit
deinem Körper kommen. Wie seiner Zeit die Wogen des Roten Meeres vor den
Israeliten, so werden sie sich teilen und uns hindurchlassen, ohne uns zu
verletzen. Wollte
jemand mit schwachem Willen und furchtsamer Seele dies versuchen, so
würde es ihm nicht gelingen; er würde durch die Gewalt der Flammen
zurückgetrieben werden. Diese Flammen werden von den grimmigen und
mächtigen Wesen, welche hier herrschen, mittelst eines starken Stromes
von Willenskraft nach außen getrieben. Sie glauben, sich auf solche
Weise vor dem Eindringen von Geistern der höheren Sphären
schützen zu können. Für uns jedoch, mit unseren mehr
vergeistigten Körpern sind jene Flammen, wie auch die Mauern und
Steinmassen dieses Landes nicht undurchdringlicher als das feste Material,
aus dem die irdischen Türen und Mauern gefertigt sind: wie wir imstande
sind, durch diese nach Belieben hindurchzugehen, so können wir dies auch
bei jenen. Die hiesigen sind aber dicht genug, um die Geister gefangen zu
halten, die dieses Land bewohnen Je
edler ein Geist, desto weniger ist er durch die Materie gebunden. Umso
geringer ist aber auch sein Vermögen, auf diese unmittelbar einzuwirken,
d.h. ohne den Stoff, der durch die Aura gewisser Medien geliefert wird. Hier,
wie auf der Erde, würden wir, um Gegenstände bewegen zu
können, die Aura von medialen Geistern dieser Sphäre
benötigen. Gleichzeitig werden wir die Beobachtung machen, daß
unsere höheren geistigen Kräfte sozusagen verdeckt worden sind, da
wir, um diese Sphäre betreten und uns ihren Bewohnern sichtbar machen zu
können, uns ihren Verhältnissen anpassen müssen. Daher sind
wir auch ihren Versuchungen in höherem Grade zugängig. Man wird auf
jede Art und Weise unsere niedere Natur zu beeinflussen suchen. Wir
müssen darum unser Augenmerk darauf richten, daß sie nicht wieder
die Oberhand gewinnt." Mein
Freund nahm mich nun fest bei der Hand und wir gingen unter Anwendung aller unserer
Willenskraft unverletzt durch den feurigen Wall hindurch. Ich gestehe,
daß mich im ersten Augenblicke, als wir in das Feuer eindrangen, ein
Gefühl von Furcht überkam. Aber wir waren schnell mitten darinnen.
Und während ich alle meine Kräfte und meinen Willen konzentrierte,
bemerkte ich, daß wir durch den Wall hindurchflogen. Die Flammen um uns
her bildeten einen feurigen Bogen, unter dem wir wie durch einen Tunnel
hindurcheilten. Nach meiner jetzigen Schätzung betrug die Dicke des
Walles etwa eine halbe Meile. Im Augenblick, wo wir den Wall durchbrachen,
war alle meine Energie darauf gerichtet, die Feuerpartikelchen von mir
abzuhalten. Als
wir aus dem Flammenmeere hervortauchten, war es Nacht um uns her. Ein
Gefühl, als ob wir uns im bodenlosen Abgrunde der Verzweiflung befanden,
hätte sich unser bemächtigen müssen, hätten wir nicht auf
festem Boden gestanden. Über uns dehnte sich der Himmel voll schwarzen
Rauches. Wie weit sich dieses Land erstreckte, war unmöglich zu bestimmen,
da die schwere Atmosphäre gleich einem dunkeln Nebel die Aussicht nach
jeder Richtung hin verschloß. Man berichtete mir aber, daß es
sich durch diese ganze ungeheure, schreckensvolle Sphäre hinzog. In
einigen Teilen des Landes gab es große, steilzackige Gebirge von
schwarzem Gestein, in anderen weite, traurige Wüstenflächen ohne
Leben, während noch andere Teile mit mächtigen Sümpfen bedeckt
waren, die schwarzschlammiges Gewässer enthielten. Diese Sümpfe
waren von schädlichem Gewürm, von Schlammtieren und großen
Fledermäusen bewohnt. Auch gab es dichte schwarze Wälder, deren
gigantische Bäume einen häßlichen Anblick darboten und die,
fast mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet, alle umklammerten und fest
hielten, die ihnen nahe kamen. In dieser schrecklichen Sphäre habe ich viele
furchtbare Gegenden besucht. Aber weder ich noch sonst jemand wird jemals
imstande sein, sie in ihrer ganzen Ekelhaftigkeit und Häßlichkeit
zu beschreiben. Als
wir jetzt Halt machten und uns in dem Lande zu orientieren suchten,
gewöhnte sich mein Auge allmählich an die Finsternis; ich vermochte
nun die Gegenstände in meiner Umgebung undeutlich wahrzunehmen. Vor uns
bemerkte ich einen Weg, der nach den vielen Fußspuren zu
schließen, von den Geistern oft begangen wurde. Die schwarze
Fläche, auf der wir standen, war mit Staub und Asche bedeckt — ein
Sinnbild für die Vergänglichkeit schlecht angewandten irdischen
Lebens, dessen zerstörte Hoffnungen und unerfüllte Wünsche als
Staub und Asche umhergestreut lagen. — — — Wir
folgten diesem Weg und gelangten bald zu einem großen Torgang, der aus
schwarzem, im mächtigen Blöcken roh aufeinander geschichtetem
Gestein gebildet war. Ein großer Vorhang von einem Stoff, den ich
anfangs für Gaze hielt, hing vor dem Eingang. Als ich jedoch nähertrat,
bemerkte ich mit Entsetzen, daß er aus den Haaren von Geistern gewoben
war und daß man ihn nach Art von Perlenschnüren Augen aufgereiht
hatte. Was aber das Schrecklichste war: die Augen zeigten Leben und schienen
uns flehentlich zu betrachten und jeder unserer Bewegungen zu folgen, als ob
sie den Zweck unseres Hierherkommens erraten wollten. "Haben
diese Augen wirkliches Leben?" fragte ich. "Wenn
du Seelenleben meinst — nein. Jedoch besitzen sie astrales Leben und
werden dieses so lange haben, als die Seelen in den geistigen Körpern
wohnen, welchen diese Augen entrissen wurden. Dies ist eines der
Höllentore. Der Wächter hat die Manie, es auf solche Weise mit den
Augen seiner Opfer zu schmücken. An diesem Orte ist niemand, der sich
nicht selbst in seinem irdischen Dasein der größten Grausamkeiten
und absoluter Mißachtung aller Gesetze der Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit schuldig gemacht hätte. Wer hierher kommt, geht nur darauf
aus, neue Mittel zur Befriedigung seiner Grausamkeitsgelüste zu
entdecken. Er setzt sich aber damit der Gefahr aus, seinerseits das Opfer von
Wesen zu werden, die zwar nicht grausamer als er selbst, ihm aber an
Willenskraft und Intelligenz Überlegen sind." "Dies
ist die "Stadt der Grausamkeit". Hier herrscht, wer diesem Laster
am besten zu fröhnen vermag. Die unglücklichen Geister, welchen
diese Augen angehören, sind mit ihren verkommenen und verkrüppelten
Seelenkeimen noch in ihren geschändeten Körpern eingekerkert und
wandern zur Zeit durch dieses trostlose Land. Oder sie arbeiten nach Verlust
des geringen Sehvermögens, das andere an diesem Unglücksort
wenigstens noch haben, als hilflose Sklaven für ihre geistigen
Bedrücker. Unterdessen besteht zwischen den Augen und ihren
Eigentümern eine magnetische Verbindung, durch welche die ersteren
lebendig und durch reflektiertes Leben beseelt erhalten werden — bis zu
dem Augenblick, wo der Seelenkeim seine gegenwärtige Hülle
abstreift und zu einem höheren Daseinszustande emporsteigt." Während
wir dieses schreckliche Tor betrachteten, wurde der Vorhang mit seinen lebenden
Augen zur Seite gezogen und zwei seltsame dunkle Wesen, halb Mensch, halb
Tier kamen heraus. Wir benutzten die Gelegenheit, um unbemerkt vom
Torhüter einzutreten. Dieser war eine riesenhafte, abscheuliche Kreatur
mit mißgestaltigen, verdrehten Gliedern. Der schlimmste Werwolf der
Fabel wäre kaum imstande, dem Menschen auch nur einen annähernden
Begriff von seinem Aussehen zu geben. Er sprang mit schrecklichem
Gelächter und unter entsetzlichem Schimpfen auf die beiden armen
zitternden Geister los, die in jämmerlicher Furcht das Tor schnell
passierten und die Flucht ergriffen. Weder der Torhüter noch die beiden
Geister schienen uns zu bemerken. "Sind
diese Geschöpfe seelenlos?" fragte ich, indem ich auf die beiden
erschrockenen Geister wies. "Lebten sie einst auf der Erde?" "Ja,
ganz bestimmt", antwortete Treufreund, "aber sie waren
Angehörige eines sehr niederen, wilden Stammes, der kaum über den
wilden Tieren steht und ebenso grausam ist wie diese. Dies ist der Grund
ihres Hierseins. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Mittel zu ihrem
Fortschritt die Wiederverkörperung in einer etwas höheren irdischen
Lebensform sein. Ihre Erfahrungen hier, die von kurzer Dauer sein
dürften, werden ihnen die Empfindung geben, daß irgendwo eine vergeltende
Gerechtigkeit waltet. Sie werden deshalb fähig sein, sich aus den
nebelhaften Rückerinnerungen an die mächtigen Wesen, die an diesem
Orte herrschen, ihre Begriffe von einem Gott zu bilden." "Du
glaubst also an die Lehre von der Wiederverkörperung?" Nicht
als an ein unabänderliches Gesetz, unter dem alle Geister stehen. Ich
bin der Meinung, daß bei vielen Geistern die Wiederverkörperung
eine Notwendigkeit für ihren Fortschritt ist. Alle Geister oder Seelen,
die in planetarisches Leben hineingeboren werden, haben geistige Führer,
welche von den himmlischen Sphären aus deren Wohlfahrt überwachen
und die Seelen mit jenen Mitteln erziehen, die ihnen in ihrer Weisheit als
die besten erscheinen. Diese Schutzgeister oder -Engel, wie sie von vielen
genannt werden, bringen je nach ihren Lebensanschauungen verschiedene
Erziehungsmethoden in Anwendung. Denn nirgends herrscht, wie man mich lehrte,
völlige Übereinstimmung, noch ist etwa ein einziger,
unabänderlicher Pfad vorgeschrieben, auf dem alle gleicherweise wandeln
müssen. Jede
geistige Schule, die auf Erden ihre Entsprechung in Gestalt getrübter,
oft mißverstandener Lehren hat, verfügt über ein vollkommenes
System in den himmlischen Sphären, wo sich auch ihre höchsten
Lehrer befinden. Von hier aus gelangen ihre Lehren durch die Geister der
Zwischensphären zur Erde. Das Ziel aller Schulen ist dasselbe, aber
jedes System zeichnet einen anderen Weg vor. Was der Seele auch bestimmt sein
mag die Schutzgeister wachen über sie von ihrer Kindheit und Jugend an,
wo sie individuelles Bewußtsein erlangt, bis sie nach vielfachen
Entwicklungen dieselbe intellektuelle und moralische Stufe erreicht hat wie
ihre geistigen Führer und dann selbst zum Schutzgeist einer neugeborenen
Seele werden kann. Es
wurde mir auch gesagt, daß der Seelenkeim im Anfang nur ein Same sei,
einem gewöhnlichen irdischen Samen in Bezug auf die Geringfügigkeit
seiner Größe und Kräfte ganz ähnlich. In Wirklichkeit
ist er jedoch ein Funke göttlicher Essenz, der alles in sich birgt, was die
vollkommene Menschenseele in der Zukunft sein wird. Seinem Wesen nach ist er
unsterblich, da er ein Teil des Unsterblichen und Unzerstörbaren ist.
Aber wie ein Samenkorn in den Boden der Erde gelegt werden muß, wenn es
wachsen soll, so muß auch der Seelenfunke mit der Materie in Verbindung
gebracht werden — zuerst mit ihren niederen dann mit ihren höheren
Formen. Jedes Tier ist eine Art Seelensame, die Menschengattung ist jedoch
die höchste aller Seelenarten. Jede Gattung aber muß sich durch
Erfahrungen in aufeinanderfolgenden Sphären zu ihrer
höchstmöglichen Stufe entwickeln. Einige
Schulen glauben, daß die Seele rascher vorwärts schreitet, wenn
sie immer wieder dem materiellen Leben zurückgegeben wird, um stets in
einer neuen Form wieder geboren zu werden. Dies, um so die Erfahrungen, in denen
sie sich schwach erwiesen, nochmals zu durchleben, oder Gelegenheit zu haben,
das in einer früheren Inkarnation begangene Unrecht in einem neuen
sterblichen Körper zu sühnen. Die Anhänger dieser Schule
werden auch tatsächlich dem Erdenleben wieder zugeführt und
müssen alle an sie herantretenden Aufgaben in wiederholten irdischen
Daseinsformen lösen. Hieraus
folgt jedoch nicht, daß alle Geister diesen Versuchen unterworfen
werden. Es gibt andere Schulen, die behaupten, daß es auch in den
geistigen Sphären Mittel zur Erziehung der Seelen gibt, die ebenso
nützlich und erfolgreich sind. Mit
den Zöglingen, die der Obhut dieser anderen Richtung anvertraut sind,
verfährt man in ganz anderer Weise, indem man sie zur Bereicherung ihrer
Erfahrungen anstatt auf die Erde, lieber in die niederen geistigen
Sphären sendet. Man läßt sie in der Erinnerung noch einmal
ihr vergangenes Erdendasein durchleben und dann in der geistigen Welt die auf
Erden begangenen Fehler sühnen. Wie sich alle Seelen dem Charakter und
der Individualität nach voneinander unterscheiden, so muß auch
jede einzelne Seele nach der für sie passenden Methode erzogen werden.
Denn sonst würde eine solche monotone Gleichartigkeit unter den Wesen
entstehen, daß die Mannigfaltigkeit der Formen und Beziehungen
unmöglich wäre, die dem irdischen Leben, und auch dem Dasein in den
himmlischen Sphären ihren Reiz verleihen. Man
hat mich daher stets angewiesen, alle Versuche zur Aufstellung einer
allgemeinen Regel aufzugeben, die auf jede Gruppe von Geistern, mit denen ich
in Berührung kommen sollte, anwendbar wäre. Bei
unserem jetzigen Besuche werden wir zwar nur einen verschwindenden Bruchteil
dieser weit ausgedehnten Sphäre von bösen Geistern in Augenschein
nehmen können. Aber wir werden trotzdem einen viel größeren
Raum durchqueren, als wenn wir eine Reise um den kleinen Planeten Erde
gemacht hätten, von dem wir gekommen sind. In der geistigen Welt gesellt
sich nach einem universalen Gesetz Gleiches zu Gleichem. Geister von
gänzlich verschiedener Art fühlen sich so sehr von einander
abgestoßen, daß sie niemals miteinander verkehren, oder auch nur
den Kreis betreten, den die anderen bewohnen. So werden wir auf unseren
Wanderungen nur solche besuchen, mit denen wir selbst auf Grund der
Nationalität, oder des Temperaments, irgend einen — wenn auch
schwachen — Berührungspunkt gemeinsam haben. Kapitel 20
Wir
schritten nun eine breite Straße von schwarzem Marmor entlang, auf
deren einer Seite sich tiefe, finstere Schlünde befanden. Infolge der
großen, schweren Dunstwolken über den selben war es
unmöglich, in die Tiefe hinabzuschauen. Auf unserem Wege begegnete uns
eine große Anzahl dunkler Geister. Einige trugen große, schwere
Lasten auf dem Rücken, andere krochen fast wie Tiere auf allen Vieren
dahin. Auch große Haufen von Sklaven, die eiserne Joche auf dem Nacken
trugen und mit Ketten aneinander gefesselt waren, sahen wir. Sie kamen von
einem zweiten, inneren Tore her. Dieses bildete offenbar den Eingang zu einer
großen, befestigten Stadt, deren finstere Gebäude in den dunklen
Massen dichten Nebels vor uns auftauchten. Die
Straße, der Baustil und die äußere Erscheinung vieler
Geister machten den Eindruck, als ob wir eine alte befestigte Stadt des
römischen Kaiserreiches betreten würden. Jedoch hier hatte man das
Gefühl, als ob alles schmutzig und abscheulich wäre trotz der
schönen Architektur und der prächtigen Gebäude, deren Umrisse
wir nur undeutlich wahrnehmen konnten. Der zweite Torweg war hübscher
als der erste und da die Torflügel offen waren, traten wir mit dem Strome
von Geistern, der sich durch ihn ergoß, wie früher unbemerkt ein. "Du
wirst sehen", sagte Treufreund, "daß das Leben hier sich in
nichts von dem Treiben unterscheidet, das in der irdischen Stadt, deren
geistiges Abbild diese ist, zu der Zeit herrschte, als sie sich auf dem
Gipfel ihrer Macht befand. Die Atome, aus denen sie und die
Gebäulichkeiten bestehen, entstammen ihrem damaligen physischen Dasein
und wurden durch die Anziehungskraft herabgezogen, um hier geeignete
Wohnungen für ihre geistigen Insassen zu bilden. An dem moderneren
Äußern vieler Bauten und Bewohner kannst du beobachten, wie die
Stadt durch eben diesen Prozeß, der beständig wirksam ist, mit der
Zeit sich vergrößert hat. Es wird dir ferner auffallen, daß
die meisten Geister hier in dem Wahn befangen sind, sich noch in ihrer
irdischen Umgebung zu befinden, und sich nur wundern, weshalb alle so dunkel,
unrein und schmutzig ausschauen. In
ähnlicher Weise hat diese Stadt auch in den höheren Sphären
ein geistiges Abbild, wohin alles, was während ihres Bestehens gut,
schön und edel war, angezogen wurde. Dort haben jene Geister, die gut
und ehrlich waren, Wohnung genommen. Denn im Leben der Stadt wie der
Menschen, gehen die geistigen Ausströmungen nach oben oder unten, je
nach dem Guten oder Bösen, das in ihnen enthalten ist. Und wie die
bösen Taten, die in dieser Stadt vollbracht wurden, die guten bei weitem
überwogen, so ist auch die Stadt in dieser Sphäre hier viel
größer und dichter bevölkert als jene in den oberen
Sphären. In künftigen Zeiten, wenn die Geister, welche jetzt hier
weilen, vorgeschritten sein werden, wird das himmlische Gegenstück
dieser Stadt vollendet und reich bevölkert sein; der Ort, den wir jetzt
in Augenschein nehmen, wird in Staub zerfallen und aus dieser Sphäre
verschwinden." Wir
befanden uns jetzt in einer engen Gasse, die ein getreues Gegenstück
ihres einstigen irdischen Vorbildes gewesen sein mußte. Von hier aus
gelangten wir nach einer kurzen Strecke Weges auf einem großen Platz,
der von prächtigen Palästen umgeben war. Unmittelbar vor uns erhob
sich ein besonders imposanter Bau dieser Art, der alle andern in der
Ausführung übertraf. Eine große, breite Marmortreppe
führte zu einem massiven Portal, und aus der dunklen, nebligen
Atmosphäre hervor konnten wir ihn in seinen einzelnen Teilen studieren.
Das Ganze war in wahrhaft prächtigem Stil gehalten, doch kam es mir vor,
als ob alles mit blut bespritzt und mit schleimigem, schwammigem Gewächs
bedeckt wäre. Letzteres hing schlangenartig in großen häßlichen
Gewinden von allen Säulen und Kapitälen des Baues herab und
verunstaltete ihn. Schwarz-schlammiger
Kot drang durch die Ritzen des Marmorpflasters, als ob die Stadt auf einem
schmutzigen Moraste ruhte. Giftige Gase stiegen vom Boden auf und umwogten
uns in phantastischen, schrecklichen Rauchgebilden, gleich ungeheuren Bildern
begangener Verbrechen. Überall krochen dunkle Geister auf dem Platze
umher, oder wurden von stärkeren Geistern mit Peitschen und
Spießen zu den Türen des Palastes heraus- oder hineingetrieben.
Welch furchtbare Eide wurden da geschworen und was für
Verwünschungen und Flüche wurden hier ausgestoßen! Es war in
der Tat das Pandämonium verlorener Seelen in den Reichen der Hölle.
Über allen aber hingen jene schwarzen, mächtigen Wolken der Sorgen,
des Leidens und des Verbrechens. Meine
Gedanken schweiften weit hinweg zur Erde, zurück zu den Tagen des
römischen Kaiserreiches. Ich sah wie in einem Spiegel diese Stadt im
Glanze ihrer Macht, mit allen Härten ihrer Tyrannei und Verbrechen. Ich
sah, wie hier unten durch Schicksalsfügung dieser Ort der Vergeltung
für alle die Männer und Frauen entstand, die ihre Schönheit
durch Sünden und Laster schändeten. So baute sich diese
Höllenstadt vor meinen Augen allmählich zu einem großen
Gefängnis auf, für alle die bösen Geister jener gottlosen
Zeit. Wir
gingen die Stufen der breiten Marmortreppe hinauf und gelangten durch den
hohen Torweg in den äußeren Hof des Kaiserpalastes. Niemand sprach
uns an oder schien unsere Anwesenheit zu bemerken. Wir schritten weiter durch
verschiedene kleinere Hallen, bis wir vor die Türe zum Audienzzimmer
kamen. Hier machte mein Begleiter halt und sagte: "Ich
kann nicht mit dir eintreten, mein Freund, da ich den dunklen Geist, der hier
herrscht, bereits besucht habe. Meine Gegenwart würde daher sofort
seinen Verdacht erregen und den Zweck deines Besuches vereiteln. Du sollst
einen unglücklichen Geist befreien, dessen reuevolle Gebete die
höheren Sphären erreicht haben und durch deine Sendung und Hilfe
Erhörung finden werden. Du wirst die Persönlichkeit ohne
Schwierigkeit finden, denn sein Verlangen nach Hilfe hat uns bereits nahe zu
dem Geiste hingezogen und wird dich ihm noch näher bringen. Ich
muß mich jetzt auf einige Zeit von dir trennen, da ich meine eigene
Arbeit zu verrichten habe, aber wir werden uns bald wieder treffen. Wenn du
nur ein mutiges Herz und einen starken Willen bekundest und die
Verhaltungsmaßregeln beachtest, die dir gegeben wurden, so kann dir
kein Unfall begegnen. Lebe wohl, mein Freund, und wisse, daß auch ich
aller meiner Kraft bedarf." So
trennte ich mich denn von Treufreund und betrat das Audienzzimmer allein. Es
war gedrängt voll von Geistern — Männern sowohl wie Frauen
und barg den rohen Glanz der Kaisertage in sich. Doch für meine Augen
trug alles den Stempel jenes schmutzigen Ekels, der mir schon von außen
an dem Palaste aufgefallen war. Die Männer und Frauen — ohne
Zweifel einst stolze Patrizier in ihrem Erdenleben — schienen an einer
dem Aussatz ähnlichen Krankheit dahinzusiechen und waren geradezu
schrecklich anzusehen. Die Böden waren mit dunklen Pfützen von Blut
bedeckt, und an den Wänden hingen anstatt des Schmucks
häßliche Gedankenformen. Die einst prächtigen, jetzt
schadhaften Kleider dieser stolzen Geister waren verdorben und von den
Krankheitskeimen ihrer zerrütteten Körper durchtränkt. Auf
hohem Throne saß der Kaiser — das widerwärtigste und
abschreckendste Beispiel verkommener Intelligenz und Menschlichkeit unter der
ihn umgebenden Menge gesunkener Geister. In seinem Gesicht waren Grausamkeit
und Laster so sehr ausgeprägt, daß im Vergleich zu diesen
Zügen die anderen zur Bedeutungslosigkeit herabsanken. Obwohl es mich
empörte, mußte ich doch den mächtigen Einfluß
bewundern, der von dieses Mannes Intelligenz und Willen ausging. Das
Gefühl königlicher Gewalt, selbst über ein so
zusammengewürfeltes Volk wie dieses, sowie das Bewußtsein,
daß er auch in der Hölle wie von Rechtswegen regiere, schienen
seinem Hochmut und seine Herrschsucht selbst inmitten jener grauenvollen
Umgebung noch zu nähren. Trotz
der vielen Jahrhunderte seit dem Tode des Kaisers war dieser sich seiner
wirklichen Lage und seines wahren Selbst noch nicht bewußt geworden.
Während ich ihn betrachtete, hatte ich für einen Augenblick eine
Vision, in der seine Persönlichkeit so dargestellt war, wie sie seinem
eigenen Auge noch erschien — nicht so, wie er in Wirklichkeit war oder
von den widerlichen Kreaturen seiner Umgebung wahrgenommen wurde. Ich sah
einen stattlichen Mann mit scharfgeschnittenen grausamen Zügen und mit
Augen, die denen eines wilden Geiers glichen. Bei alledem besaß er
einen schönen Körper und hatte die Fähigkeit, zu bezaubern.
Alles, was abstoßend und gemein war, verbarg die irdische Hülle;
es war nicht wie jetzt in der ganzen Nacktheit des Geistes offenbar. Ich
sah seinen Hof und seine Genossen, wie sie in ihrem irdischen Dasein waren
und erkannte, daß sich jeder in seinen eigenen Augen als genau derselbe
erschien wie früher. Alle waren sich gleicherweise der schrecklichen
Veränderung an der eigenen Person nicht bewußt, während jeder
bei den anderen die Umwandlung beobachtet hatte. In
diesem Bewußtseinszustand befanden sich alle mit Ausnahme eines
einzigen Mannes. Dieser kauerte in einer Ecke und hatte sein entstelltes
Angesicht mit dem Mantel bedeckt. Ihm war, wie ich bemerkte, sein eigener
moralischer Tiefstand sowie auch der seiner Umgebung voll zum
Bewußtsein gekommen. In seiner Seele war der Wunsch nach Besserung
aufgestiegen. Und so aussichtslos ihm auch dessen Erfüllung dünkte,
so innig sehnte er sich doch danach, daß sich ihm ein Weg —
einerlei wie hart und dornig er sei — eröffnen möge, der ihn
aus dieser Höllenmacht hinwegführe und ihm noch in letzter Stunde
Hoffnung auf ein Leben abseits der Schrecken dieses Ortes gäbe. Als ich
den Mann erblickte, erkannte ich, daß er es war, den meine Sendung
betraf. Auf welche Weise ich ihm jedoch Beistand leisten sollte, wußte
ich nicht, noch konnte ich es erraten. Ich fühlte nur, daß die
Macht, welche mich bis hierher geführt hatte, mir auch fernerhin den Weg
zeigen würde. Während
ich so dastand und die dunklen Geister betrachtete, wurden sie meiner
Anwesenheit gewahr. Ein Ausdruck von Zorn und Wut trat in das Antlitz des
Herrschers, und mit rauher Stimme fuhr er mich barsch an: wer ich sei und wie
ich es wagen könne, mich ihm zu nahen. Ich
antwortete: "Ich bin ein Fremder, erst jüngst in diese dunkle
Sphäre gekommen und ganz überrascht, in der geistigen Welt einen
solchen Ort zu finden." Der
Geist brach in ein wildes Gelächter aus und schrie, sie würden mir
bald über viele Dinge in der geistigen Welt Aufklärung verschaffen.
"Da du aber," fuhr er fort, "ein Fremdling bist und wir Fremde
hier stets auf königliche Weise begrüßen, bist du gebeten,
dich niederzulassen und an unserem Mahle teilzunehmen." Er
wies auf einen freien Platz an der langen Tafel vor ihm, an der viele Geister
saßen. Den Dingen nach zu schließen, welche die Tafel bedeckten,
konnte man glauben, daß es sich um eines jener Gelage handle, wie sie
einst in den Tagen seiner irdischen Herrlichkeit üblich waren, denn
alles trug den Stempel der Wirklichkeit. Jedoch ich war darauf aufmerksam
gemacht worden, daß es mehr oder weniger illusorisch sei: daß die
Speisen niemals den schrecklichen Hunger befriedigten, den diese ehemaligen
Schlemmer fühlten, und daß der Wein wie ein feuriges Getränk
die Kehle austrocknete und den Durst der Trunkenbolde tausendfach
erhöhte. Man hatte mich angewiesen, weder etwas zu essen oder zu
trinken, das mir in diesem Reiche angeboten würde, noch auch einer
etwaigen Aufforderung, mich zu setzen, Folge zu leisten. Ein solches Gebahren
wäre gleichbedeutend mit der nochmaligen Unterwerfung meiner
höheren Kräfte unter die Herrschaft der Sinne gewesen und
würde mich auf eine Stufe mit diesen dunklen Wesen und in deren Macht
bringen. Meine Antwort lautete daher: "Ich weiß zwar die
Gründe zu schätzen, die dich zu deiner Einladung veranlassen, aber
ich muß dennoch ablehnen, da ich weder zu essen noch zu trinken
wünsche." Bei
dieser Zurückweisung schossen seine Augen Blitze lebendigen Feuers nach
mir und ein tiefer Schatten des Unmutes glitt über seine Stirn. Doch
machte er gute Miene zum bösen Spiel und gab mir ein Zeichen, mich ihm
zu nähern. Inzwischen war der Mann, zu dessen Hilfe ich gesandt war, bei
meiner Ankunft und der Anrede des Kaisers aus seinem peinvollen Nachsinnen
aufgeschreckt und hatte sich verwundert über meine Kühnheit in
Sorge um meine Sicherheit herangedrängt. Denn er wußte ja nicht
mehr von mir, als daß ich anscheinend ein neuer, unglücklicher
Ankömmling war, der die Gefahren dieses Ortes noch nicht kennengelernt
hatte. Seine Angst um mich und ein gewisses Mitgefühl schufen
unbewußt ein Bindeglied zwischen uns, wodurch ich befähigt wurde,
ihn mit mir zu ziehen. Als
ich einige Schritte gegen des Kaisers Thron hin machte, folgte mir dieser
reuige Geist. Dicht an mich herankommend, sprach er leise: "Laß
dich nicht von ihm hintergehen. Kehre um und fliehe diesen Ort, so lange es
noch Zeit ist. Ich werde ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit von dir
ablenken." Ich
dankte dem Geiste und sagte: "Ich fliehe vor keinem Menschen, mag er
sein, wer er will, und werde mich hüten, in irgendeine Falle zu
gehen." Unser
kurzes Zwiegespräch blieb vom Kaiser nicht unbemerkt. Er wurde sehr
ungeduldig, und sein Schwert auf den Boden stoßend schrie er mich an: "Tritt
näher, Fremdling! Hast du keine Manieren, da du einen Kaiser warten
läßt? Betrachte dir meinen Staatssitz, meinen Thron; besteige ihn
für kurze Zeit und siehe, wie man sich an eines Kaisers Stelle
fühlt." Seiner
Weisung gemäß blickte ich nach dem Throne und sah, daß er
einem Stuhl mit einem Traghimmel darüber glich. Zwei große
beschwingte Figuren aus Bronze standen hinter dem Sitz. Eine jede hatte sechs
lange Arme, die sie ausstreckten, um dadurch die Lehne und die Seiten zu
bilden, während der Traghimmel auf den Köpfen der Figuren wie auf
Säulen ruhte. Ich hatte keine Lust, auf einem solchen Platze zu sitzen.
Sein früherer Inhaber war mir zu sehr zuwider, als daß ich
gewünscht hätte, mich ihm zu nähern. Aber hätte je meine
Neugier den Wunsch aufkommen lassen, den Sessel einer genaueren Untersuchung
zu unterziehen, so hätte die Vision, die ich jetzt bekam, mich
sicherlich davon abgehalten. Der Sessel schien plötzlich lebendig zu
werden. Vor meinem Auge erschien ein unglücklicher Geist, der von jenen
Armen ergriffen und unter dieser schrecklichen Umarmung zu einer
unförmlichen Masse zerdrückt wurde. Ich wußte nun, daß
dies das Schicksal aller war, die der Kaiser einlud, die Bequemlichkeit
seines Stuhles zu probieren. Die
Vision dauerte nur einen Augenblick, worauf ich mich zum Kaiser wandte und
unter einer Verbeugung sagte: "Ich
habe keine Lust, euren Rang einzunehmen und muß nochmals die mir
zugedachte Ehrung zurückweisen." Da
brach das Zornesgewitter los, und er befahl seiner Wache, mich zu ergreifen,
in den Stuhl zu pressen und mir Speise und Trank die Kehle
hinabzuschütten, bis ich daran ersticke. Sogleich
stürzte man auf mich los. Der Mann, den ich zu retten gekommen war, warf
sich aber dazwischen, um mich zu schützen. Im Moment waren wir von einer
Menge Wut schnaubender Geister umgeben. Und in diesem Augenblick — ich
gestehe es ein — erbebte mein Herz und der Mut begann mir zu sinken.
Sie blickten so schrecklich boshaft drein, wie eine Rotte losgelassener
wilder Tiere, die alle auf einmal über mich herfielen. Jedoch nur einen
Augenblick zagte ich, denn der Kampf erweckte alle meine kriegerischen
Fähigkeiten, von denen ich noch einen guten Teil besaß. Ich
gebrauchte meine ganze Willenskraft, um die Geister zurückzutreiben und
rief alle guten Mächte zu meinem Beistande an, während ich
gleichzeitig den armen Geist, der mir hatte helfen wollen, mit festem Griff
erfaßte. So
zog ich mich Schritt für Schritt nach der Türe zurück. Der
ganze Haufe dunkler Geister folgte uns unter wildem Geschrei und drohenden
Gebärden, doch waren sie nicht imstande, uns zu berühren, so lange
ich meinen Willen darauf richtete, sie abzuhalten. Endlich erreichten wir die
Tür und durchschritten sie, worauf sie sich fest schloß und uns
von unseren Verfolgern trennte. Sodann wurden wir beide von starken Armen
emporgehoben und an einen sicheren Ort der dunkeln Ebene hinweggetragen. Mein
befreiter Genosse befand sich zu dieser Zeit in bewußtlosem Zustande.
Wie ich neben ihm stand, sah ich, daß vier erhabene Geister aus den
höheren Sphären über seine hingestreckte Gestalt magnetische
Striche machten. Da hatte ich die wunderbarste Vision, die ich je erlebte.
Von dem dunkel entstellten Körper, der in einem todähnlichen
Schlummer lag, stieg ein nebelartiger Dunst auf, der immer dichter und
dichter wurde, bis er die Gestalt des Geistes selbst annahm — es war
die gereinigte Seele jenes armen Geistes, von ihrer dunklen Hülle
befreit. Ich sah, wie die vier himmlischen Geister die noch unbewußte
Seele in der Art, wie man ein Kind tragen würde, auf ihre Arme nahmen und
dann alle aufwärts davonschwebten, bis sie meinem Gesichtskreise
entschwanden. Zu meiner Seite aber stand ein anderer strahlender Engel, der
zu mir sprach: "Sei guten Mutes, o Sohn vom Lande der Hoffnung, denn
vielen sollst du in diesem dunklen Reiche helfen, und groß ist die
Freude der Engel im Himmel über die Sünder, die bereut haben."
Dann verschwand er, und ich war wieder allein auf den öden Ebenen der
Hölle. Kapitel 21
Vor
mir zog sich ein schmaler Pfad hin, dem folgte ich, denn ich war sicher,
daß er mich dahin geleitete, wo man meiner Hilfe bedurfte. Nach kurzer
Wanderung gelangte ich zum Fuße einer schwarzen Bergkette, wo sich der
Eingang zu einer ungeheuren Höhle befand. Schreckliche Reptile ringelten
sich an den Wänden und krochen zu meinen Füßen. Große
Schwämme und scheußliche Hängepflanzen von einer
schlammig-schleimigen Art hingen in Gewinden wie zerrissene Taue von der
Decke herab und ein dunkler Pfuhl von stehendem Wasser bedeckte fast
überall den Boden. Ich wollte diesem Ort den Rücken kehren, aber
eine Stimme schien mich zu bitten, nicht weiter zu gehen. So trat ich denn
ein und befand mich, als ich den schwarzen Pfuhl umschritten hatte, am Ende
eines Ganges, der in das Innere führte. Nach einer kurzen Wanderung sah
ich ein rotes Licht vor mir, das von einem Feuer auszugehen schien,
während dunkle Gestalten wie Gespenster sich hin- und herbewegten. Noch
einen Augenblick, und ich stand am anderen Ende des Ganges. Vor
mir dehnte sich ein kerkerartiges Gewölbe aus, dessen Felsendecke von
dichten Rauchwolken und hellen Flammen, die von einem großen Feuer
inmitten der Höhle aufstiegen, bald verhüllt, bald beleuchtet
wurde. Um das Feuer tanzte eine Gruppe dämonischer Wesen, die sehr wohl
als Vorbilder zur Darstellung von Teufeln der Hölle hätten dienen
können. Unter gellendem Gelächter stachen sie mit langen
Spießen nach dem Feuer und stichelten sich während ihres wilden
Tanzes auch selbst. In einer Ecke kauerte etwa ein Dutzend armer, dunkler
Geister. Gegen diese unternahmen sie von Zeit zu Zeit wütende Angriffe,
wobei sie Miene machten, die Erschreckten zu ergreifen und in das Feuer zu
werfen. Jedoch zogen sie sich immer wieder unter Geschrei und zornigem Geheul
zurück. Ich
bemerkte bald, daß ich für diese Wesen unsichtbar war, und dieser
Umstand ermutigte mich, näherzutreten. Zu meinem Schrecken sah ich,
daß das Feuer aus Körpern lebender Männer und Frauen bestand.
Diese krümmten sich in den Flammen und wurden durch die Spieße
jener schrecklichen Dämonen umher gestoßen. Ich war bei dieser
Entdeckung so erschrocken, daß ich einen Schrei ausstieß und mich
fragte, ob dies Wirklichkeit oder nur ein schrecklicher Spuk an diesem
fruchtbaren Orte sei. Und dieselbe geheimnisvolle Stimme, die so oft auf
meinen Wanderungen zu mir gesprochen hatte, antwortete mir jetzt: Mein
Sohn! Es sind lebendige Seelen, die in ihrem irdischen Dasein Hunderte ihrer
Mitmenschen zu diesem schrecklichen Tode verurteilten und dabei kein Mitleid,
keine Reue empfanden. Ihre eigenen Grausamkeiten haben diese heißen
Flammen der Leidenschaft und des Hasses in der Brust ihrer zahlreichen Opfer
entzündet. In der geistigen Welt sind diese feurigen Keime aufgegangen
und haben sich zur heißen Flamme entwickelt, die die Bedrücker nun
verzehren soll. Diese Feuer werden nur von den unerhörten Greueln jener,
die sie verzehren, unterhalten. Es gibt hier keine Art von Qual oder Pein,
die nicht hundertfach von den vielen hilflosen Opfern dieser Geister erduldet
worden wäre. Wenn jene Geister aus diesem Feuer hervorgehen, werden die
selbst ausgestandenen Leiden in ihnen erstmalig Mitleid für jene erweckt
haben, denen sie in der Vergangenheit Unrecht getan. Alsdann wird man ihnen
die Hand zur Hilfe reichen und ihnen die Mittel zum Fortschritt
gewähren, indem sie in demselben Verhältnis, als ihre Handlungen in
der Vergangenheit unbarmherzig und grausam waren, Gelegenheit zu Taten der
Barmherzigkeit erhalten. Erschrick
nicht darüber, daß eine Vergeltung wie diese statthaft ist. Die
Herzen dieser Geister waren so hart und grausam, daß nur
selbsterduldete Schmerzen sie zum Mitleid für andere bewegen konnten.
Selbst dann, als sie ihr irdisches Dasein beschlossen hatten, ging ihr
Streben einzig darauf hinaus, Hilflosere leiden zu lassen so lange, bis der
bittere Haß, den sie erregten, endlich zum Strome anschwoll, der sie in
den Abgrund stürzte. Wisse
ferner, daß diese Flammen in Wirklichkeit nicht materiell sind,
obgleich sie deinen Augen und den ihrigen so erscheinen. Denn in der
geistigen Welt ist Gedankliches ebenfalls objektiv, und grimmiger Haß,
oder sengende Leidenschaft, scheint in der Tat lebendiges Feuer zu sein. Du
wirst nun einem dieser Geister folgen und selbst sehen, daß das, was
dir als grausame Gerechtigkeit erscheint, nichts anderes ist als verkappte
Barmherzigkeit. Siehe, diese Leidenschaften verzehren sich selbst, und die
Seelen sind im Begriff, in die Dunkelheit der nächst höheren Ebene
überzugehen." Als
die Stimme verklungen war, erstarben die Flammen, und bis auf ein
mattbläuliches, phosphorähnliches Licht, das die Höhle
erfüllte, war alles dunkel. Bei seinem Scheine sah ich, wie sich die
Gestalten der Geister aus der Asche des Feuers erhoben und die Höhle
verließen. Als ich ihnen folgte, trennte sich einer der Geister von den
anderen und an mir vorüber schreitend ging er in die Straßen einer
Stadt, die sich in der Nähe befand. Sie machte den Eindruck einer alten
spanischen Stadt in Westindien oder Südamerika. Indianer, sowie Spanier
und Männer verschiedener anderer Nationen bewegten sich auf ihren
Straßen. Ich
folgte dem Geiste durch mehrere Gassen, bis wir zu einem großen
Gebäude kamen, welches ein Kloster des Jesuitenordens zu sein schien
— des Ordens, der das Land kolonisieren half und den unglücklichen
Eingeborenen die römisch- katholische Religion aufzwang zu einer Zeit,
als religiöse Verfolgung bei den meisten Bekenntnissen als ein Beweis
religiösen Eifers galt. Während ich stehen blieb, um diesen Geist
zu beobachten, sah ich seinen Lebenslauf an mir vorüberziehen. Er
erschien mir zunächst als Leiter seines Ordens, der als Richter fungierte.
Es wurden viele arme Indianer und Ketzer vor ihn gebracht, und ich sah,
daß er sie zu Hunderten zur Marter und zum Tode durch das Feuer
verurteilte, weil sie sich nicht zu seiner Lehre bekennen wollten. Er
unterdrückte alle, die nicht mächtig genug waren, ihm Widerstand zu
leisten, und erpreßte Gold und Juwelen in großen Mengen als
Tribut für sich und seinen Orden. Wenn jemand sich seinen Forderungen zu
widersetzen suchte, ließ er ihn verhaften und meist ohne ein
gerichtliches Verfahren ins Gefängnis werfen, martern und verbrennen.
Ich las in seinem Herzen einen nicht zu befriedigenden Durst nach Reichtum
und Macht, und eine große Vorliebe sich an den Leiden seiner Opfer zu
weiden. Ein Blick in seine innerste Seele sagte mir, daß seine Religion
nur ein bequemer Vorwand war, unter dem er erpressen und seine Herrschsucht
befriedigen konnte. Dann
sah ich den Marktplatz dieser Stadt unter Hunderten von Feuern aufleuchten,
bis er einem Schmelzofen glich. Eine Menge hilfloser und furchtsamer
Eingeborener wurde, an Händen und Füßen gebunden, in die
Flammen geworfen. Ihre angstvollen Schmerzensschreie stiegen zum Himmel auf,
während der grausame Mann und seine gemeinen Mitschuldigen ihre falschen
Gebete herunterleierten und das heilige Kreuz emporhielten, das durch ihre
befleckten Hände, ihre Greuel und Laster und Gier nach Gold entweiht
war. Ich sah, daß diese Schandtaten im Namen der christlichen Kirche
verübt wurden — im Namen dessen, der Liebe und Güte gelehrt
und gekommen war, um zu verkünden, daß Gott vollkommene Liebe sei!
Dieser Mann nannte sich Diener Christi und hatte doch keinen Funken von
Mitleid mit einem einzigen seiner unglücklichen Opfer; er dachte nur
daran, wie sehr dieses Schauspiel die Gemüter der übrigen
indianischen Stämme mit Schrecken erfüllen und sie veranlassen
werde, ihm immer mehr Gold zur Befriedigung seiner Habgier zu bringen. Nun
zeigte mir meine Vision den Mann nach der Rückkehr in sein Heimatland
Spanien, wie er als mächtiger weltlicher Kirchenfürst in seinem
schlechterworbenen Reichtum schwelgte. Er wurde von der unwissenden
Bevölkerung als ein Heiliger verehrt, der über das Meer nach der
westlichen Welt gefahren war, um das Banner seiner Kirche aufzupflanzen und
das segensreiche Evangelium der Liebe und des Friedens zu predigen, während
in Wirklichkeit sein Weg durch Feuer und Blut gezeichnet war. Da war meine
Sympathie für ihn geschwunden. — Dann erblickte ich diesen Mann
auf seinem Totenbett und sah, wie Mönche und Priester Messen lasen, auf
daß seine Seele in den Himmel eingehe. Statt dessen wurde er jedoch
durch die Ketten, die er sich während seines gottlosen Lebens
geschmiedet hatte, immer tiefer zur Hölle hinabgezogen. Da selbst
erwarteten ihn viele seiner früheren Opfer, welche der Durst nach Rache
und der Hunger nach Vergeltung für die ausgestandenen Qualen dahin
geführt hatte. Ich
sah diesen Mann in der Hölle, umgeben von denjenigen, welchen er Unrecht
getan, und heimgesucht von den leeren Schalen derer, die zu gut und rein
waren, um an diesem Schreckensort noch Rache an ihrem Mörder zu
verlangen. Es war genau so, wie im Frostlande bei dem Manne im Eiskäfig.
Auch in der Hölle war das einzige Gefühl des Mannes nur Zorn und
Wut darüber, daß seine Macht auf Erden zu Ende war — sein
einziger Gedanke, wie er sich mit anderen Höllengeistern, die ebenso
grausam waren wie er selbst, vereinigen könne, um auf diese Weise seiner
Lust, zu bedrücken und zu martern, auch fernerhin zu fröhnen.
Wäre es ihm möglich gewesen, seine Opfer zum zweitenmal zum Tode zu
verurteilen, so hätte er es getan. In
seinem Herzen war weder Mitleid noch Reue zu finden, nur Zorn darüber,
daß er so machtlos geworden war. Hätte er nur einen einzigen
liebevollen Gedanken für einen anderen gehabt, wäre dadurch ein
Schutzwall zwischen ihm und diesen rachsüchtigen Geistern errichtet
worden und er hätte Hilfe gefunden. Seine Leiden, so groß sie auch
gewesen wären, hätten sich niemals bis zu jenem bildlichen Ausdruck
gesteigert, unter dem ich sie wahrnahm. Seine Grausamkeit war ihm jedoch so
sehr zur Leidenschaft geworden, daß sie die geistigen Flammen immer
wieder zu neuem Leben anfachte, bis sie sich endlich durch ihre eigene
Heftigkeit erschöpft hatten und erlöschten. Jene Dämonen, die
ich gesehen hatte, waren seine letzten und grimmigsten Opfer, bei denen der
Wunsch nach Rache selbst damals noch nicht völlig befriedigt war. Die
anderen Geister, welche in der Ecke kauerten, waren zwar nicht länger
mehr darauf erpicht, ihn selbst zu quälen, konnten es sich jedoch nicht
versagen, sich an seinen Leiden und denen seiner Mitschuldigen zu weiden. Nun
bemerkte ich, daß bei diesem Geiste die Reue zu erwachen begann. Er
kehrte zu der Stadt zurück, um andere von seinen Jesuitenbrüdern zu
warnen und zu versuchen, sie von dem falschen Pfade abzubringen. Die
Länge der Zeit, die seit seinem irdischen Tode verstrichen war, war ihm
noch nicht zum Bewußtsein gekommen. Auch bemerkte er nicht, daß
die Stadt nur das geistige Abbild des Ortes war, in dem er auf Erden gelebt
hatte. Man sagte mir, daß er mit der Zeit auf die Erde
zurückgesandt werde, um daselbst als dienender Geist zu wirken und den
Sterblichen Mitleid und Barmherzigkeit zu lehren — jene Tugenden, die
er in seinem eigenen Leben nicht geübt hatte. Zunächst jedoch
mußte er hier an diesem dunklen Orte bleiben, um die Seelen derer zu
befreien, die er durch seine Verbrechen mit sich herabgezogen hatte. So
verließ ich denn diesen Mann an der Tür des Gebäudes, dem
geistigen Gegenstück seines irdischen Hauses, und wandert allein durch
die Stadt. Wie
die römische Stadt, so war auch diese verunstaltet, und ihre
Schönheiten durch die Verbrechen, deren stille Zeugin sie gewesen war,
verdunkelt. Die Luft war von dunklen Phantomen erfüllt, die klagend und
weinend schwere Ketten nach sich schleppten. Der Ort schien auf lebenden Gräbern
aufgebaut zu sein und war mit einem roten Dunst wie von Blut und Tränen
bedeckt. Er glich einem ungeheuren Gefängnis, dessen Mauern durch Taten
der Gewalt, des Raubes und der Bedrückung aufgeführt worden waren. Als
ich so dahinschritt, hatte ich einen Wachtraum. In diesem sah ich die Stadt,
wie sie einst auf Erden gewesen war, bevor der weiße Mann den Fuß
auf ihren Boden gesetzt hatte. Es zeigte sich mir ein friedliches, einfaches
Naturvolk, das sich von Früchten und Korn nährte und sein Dasein in
kindlicher Unschuld verbrachte. Den Allerhöchsten verehrte es unter
seinem eigenen Namen, jedoch im Geiste und in der Wahrheit. Sein primitiver
Glaube und seine Duldsamkeit entsprangen der Inspiration, die der große
Geist, der universal und nicht Eigentum eines besonderen Bekenntnisses oder
einer Kirche ist, ihm zuteil werden ließ. Dann sah ich weiße
Männer kommen, die nach Gold dürsteten und begierig waren, die
Güter anderer an sich zu reißen. Das arglose Volk hieß sie
wie Brüder willkommen und zeigte ihnen in seiner Unschuld ihre
Schätze — Gold, Silber und Edelsteine. Verräterei
kennzeichnete den Weg der Weißen. Sie töteten und plünderten
die Eingeborenen, marterten sie und zwangen sie als Sklaven in den Minen zu
arbeiten, wo sie zu Tausenden starben. Treue und Versprechen wurden vom
weißen Manne nicht gehalten, und in dem einst friedlichen und
glücklichen Lande flossen Ströme von Tränen und Blut. Dann
sah ich in weiter Ferne, in Spanien, einige redliche, liebe Menschen, deren
Seele rein war. Sie meinten, daß nur sie den wahren Glauben
besäßen, durch den allein der Mensch sich erlösen und ewig
leben könne. Sie glaubten wirklich, daß Gott dieses Licht nur
einem kleinen Teile der Erde gespendet und den übrigen in Finsternis
belassen und damit ungezählten Menschen dem Untergang geweiht habe.
Diese guten Menschen waren um das Wohl derer, welche sich ihrer Meinung nach
im Irrtum einer falschen Religion befanden, so sehr besorgt, daß sie
sich aufmachten und den unbekannten Ozean nach dem weit entfernten Lande
durchschifften. Sie wollten jenem armen, einfachen Volke, das bei seinem
eigenen Glaubensbekenntnis so gut, edel und geistig gerichtet war, ihr
Religionssystem übermitteln. Ich
sah diese guten, aber unwissenden Priester an dem fremden Ufer landen und
überall unter den Eingebornen arbeiten. Sie verbreiteten ihren Glauben
und rotteten den ursprünglichen Glauben aus, indem sie alle seine Spuren
vernichteten. Diese Priester waren liebe Menschen, die nicht nur das geistige
Wohl, sondern auch das irdische Los der armen Eingeborenen zu heben suchten.
So entstanden überall Missionen, Kirchen und Schulen. Dann
gewahrte ich eine große Menge von Männern — Priester sowohl
wie andere — die von Spanien herüberkamen: nicht um für die
Verbreitung der Wahrheiten ihrer Religion zu wirken, sondern nur aus Gier
nach dem Golde dieses neuen Landes und nach allem, was ihrem Eigennutz
dienlich sein konnte. Männer, deren Leben im Heimatlande voller
Schandtaten gewesen, daß sie schließlich zu fliehen gezwungen
waren, um den Folgen ihrer Verbrechen zu entgehen. In Horden kamen diese
Männer an und vermischten sich mit denen, deren Motive rein waren, bis
sie die Guten an Zahl übertrafen und überall beseitigten. Im Namen
der heiligen Kirche Christi machten sie sich zu Gewalthabern über die unglücklichen
Eingeborenen. Hierauf
sah ich, wie als letztes Glied in der Kette der Sklaverei und Bedrückung
die Inqisition in dem Lande Einzug hielt und das
unglückliche Volk in vollständige Abhängigkeit geriet, bis es
fast gänzlich vom Erdboden verschwand. Überall bemerkte ich den
wilden Durst nach Gold, der alle wie ein Höllenfeuer verzehrte. Die
meisten waren blind für die Schönheiten des Landes und taub
für jeden anderen Gedanken als den, wie sie sich mit seinen
Schätzen bereichern könnten. In folge dieser wahnsinnigen Sucht
nach Reichtum war zu jener Zeit in der Hölle ein geistiges Abbild dieser
irdischen Stadt entstanden. Atom um Atom, Stein um Stein hatte sie sich
aufgebaut und zwischen der Stadt auf Erden und sich selbst magnetische
Verbindungen hergestellt, die nacheinander jeden ihrer gottlosen Bewohner
herabziehen sollten. Tatsächlich bestimmen alle Menschen ihren
Aufenthaltsort in der geistigen Welt durch ihr Leben hier auf Erden. So
hatten sich alle diese Mönche und Priester, feinen Damen, Soldaten und
Kaufleute, ja selbst die unglücklichen Eingeborenen infolge ihrer
Handlungsweise während ihres irdischen Daseins — durch
Leidenschaften und Haß, durch die Gier nach Gold, durch das bittere
Gefühl unvergoltenen Unrechts und den Durst nach Rache — in der
Hölle zusammengefunden. — — — An
der Tür eines umfangreichen Gebäudes, das mit seinen eng
vergitterten Fenstern wie ein Gefängnis erschien, blieb ich stehen,
festgehalten durch ein Gejohle, das mir daraus entgegenschallte. Durch die
geheimnisvolle Stimme meines unsichtbaren Führers geleitet, trat ich ein
und gelangte bald zu einer Kerkerzelle. Hier fand ich eine große Anzahl
von Geistern vor, welche einen Mann umgaben, der mit einem eisernen Ring um
den Leib an die Mauer geschmiedet war. Seine wild funkelnden Augen, das zerzauste
Haar und die zerlumpten Kleider bewiesen, daß er schon viele Jahre hier
sein mußte. Die hohl eingesunkenen Wangen und die den Knochen
aufsitzende Haut erweckten den Anschein, als ob er des Hungertodes sterbe.
Doch ich wußte, daß es keinen Tod, keine derartige Befreiung vom
Leiden gab. Neben ihm stand ein anderer Mann mit gekreuzten Armen und
gebeugtem Haupte, dessen verwüstetes Gesicht und zum Gerippe
abgemagerter Körper von Wunden starrten. Er machte einen noch viel
bemitleidenswerteren Eindruck als sein Leidensgefährte, obgleich er frei
war und keine Fesseln trug. Um
diese beiden herum tanzten und heulten andere Geister — eine rohe,
wilde, herabgekommene Gesellschaft. Die meisten waren Indianer, einige wenige
waren Spanier und einer oder zwei mögen Engländer gewesen sein.
Alle waren damit beschäftigt, nach dem gefesselten Mann scharfe Messer
zu werfen, die ihn aber niemals zu treffen schienen. Unter Schmähungen
und Verwünschungen schlugen sie mit ihren Fäusten nach seinem Gesicht,
merkwürdigerweise ohne imstande zu sein, ihn wirklich zu berühren.
Während dieser ganzen Zeit war der Mann an die Mauer gefesselt,
unfähig sich zu bewegen oder zu entkommen. Der andere Mann stand
schweigend dabei und beobachtete ihn. Als
ich stehen blieb, um diese Szene zu betrachten, wurde ich mir der
Vergangenheit jener zwei Männer bewußt. Ich sah den einen, der an
die Mauer gefesselt war, in einem schönen, palastähnlichen
Gebäude, und erkannte in ihm einen der Richter, die von Spanien
ausgesandt worden waren. Er hatte den Vorsitz bei den sogenannten
Gerichtsverhandlungen zu führen, die sich aber nur als weitere Mittel
erwiesen, um von den Eingeborenen Gold zu erpressen und alle zu
unterdrücken, die den Mächtigen entgegenzutreten suchten. Der
andere war ein Kaufmann, der mit seinem schönen Weib und seinem kleinen
Kind in einer prächtigen Villa wohnte. Seine Frau hatte die
Aufmerksamkeit des Richters, den eine unheilige Leidenschaft für sie
ergriffen hatte, auf sich gezogen. Da
sie den Bewerbungen des Richters dauernden Widerstand entgegensetzte,
ließ dieser den Ehemann unter einem Vorwand durch die Inquisition
verhaften und ins Gefängnis werfen. Sodann entführte er das arme
Weib und behandelte sie so schimpflich, daß sie starb. Das arme kleine
Kind wurde auf Befehl des grausamen Richters erwürgt. Inzwischen
lag der unglückliche Ehemann im Gefängnis. Er hatte weder Kenntnis
vom Schicksal seines Weibes und Kindes, noch von der Beschuldigung, auf die
hin er verhaftet worden war. Bei der kargen Nahrung und den Schrecken des
Gefängnisses erschöpften sich seine Kräfte immer mehr und
seine Verzweiflung wuchs zusehends. Schließlich wurde er vor den Rat
der Inquisition gebracht. Man beschuldigte ihn ketzerischer Umtriebe, sowie
der Verschwörung gegen die Krone. Als er leugnete, marterte man ihn, um
ihn zum Geständnis zu bringen und ihn zu zwingen, die Namen gewisser
Freunde zu nennen, die unter der Anklage der Mitschuld standen. Weil der arme
Mann entrüstet seine Unschuld beteuerte, wurde er in sein Gefängnis
zurückgebracht, um dort einen langsamen Tod zu erleiden. So
starb denn dieser unglückliche Mensch, ohne aber nach dem Tode mit
seinen Weibe vereint zu werden. Denn jene arme, beschimpfte Seele war mit
ihrem kleinen Kinde sofort in die höheren Sphären
übergegangen. Sie war so gut, rein und edel, daß sie sogar ihrem
Mörder vergab; dies war der Richter, wenn er sie auch nicht zu
töten beabsichtigt hatte. Zwischen ihr und ihrem Gemahl, den sie
zärtlich liebte, hatte sich infolge seiner rachsüchtigen
Gefühle dem Manne gegenüber, der sie beide vernichtet hatte, eine
Schranke gebildet. Als
der gekränkte Ehemann starb, konnte seine Seele die Erde nicht
verlassen. Sie war durch den Haß gegen ihren Feind an diese gebunden.
Das selbst erduldete Unrecht hätte der Unglückliche wohl vergeben
können, aber das Schicksal seines Weibes und Kindes war zu schrecklich.
Es ging über sein Vermögen, dieses zu vergeben. Dieser Haß
war sogar stärker als die Liebe zu seinem Weibe. Tag und Nacht heftete
sich sein Geist an den Richter, eine Gelegenheit zur Rache erspähend,
bis sich diese endlich fand. Teufel der Hölle — solche, welche
einst auch mich versuchten — drängten sich an den gekränkten
Geist heran. Sie lehrten ihn, wie er durch die Hand eines Sterblichen den
mörderischen Dolch nach dem Herzen des Richters zücken könne
und nach dem Tode dessen Geist mit sich zur Hölle ziehen könne. Durch
das jahrelange Warten in der Einsamkeit des Gefängnisses und der
geistigen Welt war dieses Verlangen nach Rache so furchtbar geworden,
daß es der armen Frau trotz vielfach wiederholter Versuche
unmöglich war, sich ihrem Gatten zu nähern und sein Herz durch
bessere Gedanken zu besänftigen. Ihre edle Seele wurde durch das
Böse, das den unglücklichen Mann wie ein Wall umgab, abgehalten. Er
selbst hatte keine Hoffnung mehr, sie jemals wiederzusehen. Er glaubte,
daß sie in den Himmel eingegangen und ihm für ewig verloren sei.
Als Anhänger der römisch-katholischen Kirche mit all ihren
beschränkten Ansichten behaftet, hielt er den Umstand, daß er sich
im Kirchenbann befand und ihm bei seinem Tode die kirchlichen Hilfsleistungen
verweigert worden waren, für den Grund, weshalb er ein ewig Verlorener
sei. Andererseits glaubte er, daß sein Weib und sein Kind bei den
Engeln des Himmels weilen müßten. Ist
es daher ein Wunder, daß dieser arme Geist alle seine Gedanken in dem
Wunsche nach Rache vereinigte und darüber nachsann, wie er seinem Feinde
dieselben Leiden zufügen könne, die er selbst erduldet hatte? So
geschah es denn, daß er einen Menschen auf Erden inspirierte, den
Richter zu töten; seine Hand war es, welche die des Sterblichen mit
tödlicher Sicherheit führte, so daß der Richter, in das
falsche, grausame Herz getroffen zusammenbrach. Sein irdischer Körper
starb, aber seine unsterbliche Seele lebte, und als sie erwachte, befand sie
sich in der Hölle. An eine Kerkermauer geschmiedet, wie es einst seinem
Opfer geschehen war, befand sich der Richter schließlich Angesicht zu
Angesicht mit letzterem. Auch
anderen hatte der Richter Unrecht zugefügt und sie zu einem martervollen
Tode verurteilt, um seinen Zorn zu befriedigen, oder sich auf ihre Kosten zu
bereichern. Alle diese versammelten sich um ihn und machten sein Erwachen
wirklich zur Hölle. Doch so unbezwinglich stark war der Wille dieses
Mannes, daß keiner der nach ihm gezielten Schläge ihn
berührte, keines der Wurfgeschosse ihn traf. So standen sich die beiden
Todfeinde alle die Jahre her gegenüber und ließen ihren Haß
und ihre Verachtung aneinander aus. Jene anderen Geister aber kamen und
gingen und ersannen stets neue Mittel, um den gefesselten Mann zu
quälen, dessen starker Wille sie im Zaume hielt. In
weiter Ferne höherer Sphären trauerte die arme Frau und hoffte,
daß die Zeit kommen werde, wo ihre Liebe und ihr unablässiges
Gebet die Seele ihres Gatten erreichen und sie besänftigen werde, damit
er seine böse Absicht aufgäbe und von der Rache abstehe. Es war ihr
Gebet, das mich zu diesem Kerker gezogen hatte. Es war ihre Seele, die mich
bat, ihrem unglücklichen Gatten Kunde zu bringen, daß sie in
Gedanken an ihn nur in der Hoffnung lebe, er möge durch ihre Liebe nach
den höheren Sphären gezogen werden, um endlich in Frieden und
Glückseligkeit mit ihr vereint zu sein. Unter dem starken Eindruck
dieser Vision trat ich zu dem finsteren Manne, welcher des Verlangens nach
Rache müde war und dessen Herz sich nach seinem geliebten Weibe sehnte. Ich
berührte seine Schulter und sagte: "Mein Freund, ich weiß,
warum du hier bist und kenne die grauenvolle Geschichte deiner Leiden. Sie,
die du liebst, hat mich gesandt, um dir zu sagen, daß sie oben in dem
herrlichen Lande auf dich wartet. Sie sei betrübt über dein
Ausbleiben und wundere sich, daß dir deine Rache süßer
erscheine als ihre Liebe. Sie hat mich gebeten, dich aufmerksam zu machen,
daß du selbst es bist, der sich an diesen Ort des Grauens bindet." Der
Geist fuhr bei meiner Anrede auf, ergriff meinen Arm und blickte mir lange
und ernst in das Gesicht, als ob er darin lesen wolle, ob ich wahr oder
falsch rede. Hierauf trat er seufzend zurück und sagte: "Wer bist
du und warum kommst du hierher? Du bist keiner von denen, die an diesen
fürchterlichen Ort gehören, und deine Worte sind Worte der
Hoffnung. Doch kann es solche für eine Seele in der Hölle
geben?" "Es
gibt Hoffnung selbst hier; denn die Hoffnung ist ewig, und Gott in seiner
Gnade schließt niemanden davon aus. Ich bin gesandt, dir und anderen,
die der Vergangenheit wegen in Sorgen sind, Hoffnung zu bringen. Wenn du nur
mit mir kommen willst, kann ich dir zeigen, wie du ein besseres Land
erreichen kannst." Ich
sah, daß er zögerte und ein heftiger Kampf in seinem Herzen tobte.
Denn er wußte, daß nur seine Anwesenheit seinen Feind zum
Gefangenen machte. Sobald er ging, war der andere frei und konnte durch
dieses dunkle Land wandern. Selbst jetzt war es ihm fast nicht möglich, ihn
ziehen zu lassen. Da sprach ich wieder von seinem Weib und Kind, und ob er
nicht lieber zu diesen ginge? Der leidenschaftliche Mann brach zusammen, als
er an seine Lieben dachte und indem er sein Gesicht in den Händen barg,
weinte er bittere Tränen. Ich schob meinen Arm unter den seinigen und
führte den Widerstands aus dem Gefängnis und der Stadt hinaus. Hier
trafen wir liebe Geisterfreunde, die den armen Mann erwarteten. Diesen
überließ ich ihn, damit sie ihn nach einem schöneren Lande brächten,
wo er sein Weib von Zeit zu Zeit sehen konnte, — bis er sich zu ihrer
Sphäre emporgearbeitet haben würde, um dann für immer in einer
vollkommenen Glückseligkeit mit ihr vereint zu sein. Da
ich fühlte, daß mein Werk in der Stadt getan war, kehrte ich nicht
dahin zurück, sondern wanderte auf der Suche nach neuer Tätigkeit
weiter. Inmitten einer dunklen Ebene stieß ich auf eine einsame
Hütte, in der ich einen Mann auf Bündeln schmutzigen Strohes
liegend fand. Er war unfähig, sich zu bewegen und rang allem Anscheine
nach mit dem Tode. Dieser
Mann erzählte mir, daß er in seinem Erdenleben einen kranken
Kameraden im Stiche gelassen und dem Tode preisgegeben habe, nachdem er ihn
des Goldes beraubt habe, für das sie beide ihr Leben eingesetzt hatten.
Nun, da er ebenfalls gestorben sei, befinde er sich in derselben hilflosen
Lage. Ich
fragte ihn, ob er nicht aufstehen und fortgehen wolle, um irgend etwas zur
Hilfe anderer beizutragen und so für den Mord seines Freundes Sühne
zu leisten. In diesem Falle hoffte ich ihm helfen zu können. Er meinte,
seine schlechte Wohnung habe ihn krank gemacht. Er sei schwach — aber
er sehe auch nicht ein, weshalb er sich für andere Leute plagen solle.
Er wolle lieber nach dem Gelde, das er vergraben habe, schauen und dieses
spenden. Hierbei funkelten seine schlauen Augen heimlich nach mir, um zu
erspähen, ob ich etwa gleichfalls versuchen würde, sein Geld zu
finden. Ich
erklärte ihm, daß er lieber versuchen solle, den ermordeten Freund
aufzufinden und Friede mit ihm zu schließen. Doch hiervon wollte er
nichts hören und sagte ärgerlich: er sei nicht bekümmert, weil
er seinen Freund getötet habe, sondern darüber, daß er sich
hier befinde. Mein Versuch, den Mann zur Einsicht zu bringen, wie er seine
Lage verbessern und sein begangenes Unrecht tilgen könne, blieb ohne
Erfolg. Sein einziger Gedanke war, daß er einmal wieder hingehen
könne, um irgend jemanden zu berauben oder zu töten. So ließ
ich ihn schließlich liegen; als ich herausging, hob seine schwache Hand
einen Stein auf und schleuderte ihn nach mir. — — — "Was
wird aus diesem Manne werden?", fragte ich geistig. Die Antwort lautete:
"Er kam erst kürzlich nach einem gewaltsamen Tode von der Erde und
sein Geist ist schwach, aber bald wird er erstarken. Dann wird er sich mit
anderen Räubern seines Schlages in Banden vereinigen und ein weiterer
Schrecken an diesem Orte sein. Nach Verlauf von vielen Jahren — es
können sogar Jahrhunderte sein — wird der Wunsch nach Besserung in
ihm erwachen und er wird anfangen fortzuschreiten. Aber nur sehr langsam,
denn eine Seele, welche so ärmlich entwickelt und so verkommen ist, wie
bei diesem Manne, bedarf oft großer Zeiträume, um ihre
schlummernden Fähigkeiten zu entwickeln." Als
ich eine Zeitlang über diese öde, trostlose Ebene gewandert war,
fühlte ich mich ermüdet. Das Herz war mir so schwer, daß ich
mich niedersetzte und anfing, über meine Erlebnisse in dieser
schrecklichen Sphäre nachzusinnen. Die Wahrnehmung von so viel
Bösem, von so vielem Leid hatte mich niedergebeugt. Die
fürchterliche Finsternis und die schweren Wolken bedrückten meine
Seele, die Sonnenschein und Licht stets so heiß geliebt hatte. Dann
langweilte ich mich. Ach, wie sehnte ich mich nach Nachrichten von ihr, die
ich auf der Erde zurückgelassen hatte! Kein Wort war mir bis jetzt von
meinen Freunden zugekommen — kein Lebenszeichen von meiner Geliebten.
Ich wußte nicht, wie lange ich mich schon an diesem Orte befand, wo mir
ewige Nacht schweigend über allem brütete. So betete ich innig,
daß es meinem Liebling auf Erden wohlergehe und uns ein Wiedersehen
erfreue, wenn die Zeit der Prüfung an diesem Orte vorüber sein
werde. Da
bemerkte ich, daß sich ein sanfter Lichtschein um mich her ergoß,
der von einem funkelnden Sterne auszugehen schien. Das Leuchten
verstärkte sich zusehends und ein prächtiges Bild entwickelte sich
aus ihm, in dessen Mitte ich meine Liebe er blickte. Ihre Augen schauten in
die meinen, ihr Mund lächelte mir zu, und es öffneten sich ihre
Lippen, als ob sie meinen Namen nennen wollten. Dann hob sie die
Fingerspitzen an ihre Lippen und warf mir einen Kuß zu. Dies geschah
auf solch schüchterne und reizende Art, daß ich entzückt
aufsprang, um sie näher zu betrachten; doch die Vision verschwand und
ich befand mich wieder allein auf der dunklen Flur. Aber das herrliche Gesicht
hatte mich heiter gestimmt und mir den Mut gegeben, weiter zu gehen und
anderen Hoffnung zu bringen. Ich
erhob mich und setzte meine Wanderung fort. Nach kurzer Zeit wurde ich von
einer Anzahl dunkler Geister von abstoßendem Äußeren
eingeholt. Sie trugen zerlumpte schwarze Mäntel und hatten ihre
Gesichter wie gespenstige Straßenräuber mit schwarzen Masken
bedeckt. Ich hatte gefunden, daß die Bewohner dieser Sphäre in
bezug auf Intelligenz und geistiges Schauen gewöhnlich zu tief standen,
um jemanden aus den oberen Sphären sehen zu können; es sei denn,
daß er in direkte Berührung mit ihnen kam. So sahen mich auch jene
nicht. Neugierig trat ich zur Seite und folgte ihnen in kurzer Entfernung.
Plötzlich näherte sich uns ein anderer Haufe dunkler Geister, die
Säcke mit Schätzen bei sich führten. Sofort wurden sie von den
zuerst Angekommenen angefallen. Die Geister hatten keine Waffen, sondern
kämpften nach Art von wilden Tieren mit Zähnen und Klauen. Ihre
Fingernägel glichen wirklich den Klauen eines Raubtieres oder Geiers.
Sie sprangen einander an die Kehle und zerfleischten sich. Wie Tiger oder
Wölfe kratzten und bissen sie, bis die eine Hälfte
schließlich hilflos am Boden lag, während die übrigen mit dem
Schatz davongingen, der aus nichts anderem als Stücken harten Steines
bestand. Nachdem
sich alle, die sich noch zu bewegen fähig waren, entfernt hatten,
näherte ich mich den armen Geistern, die wehklagend am Boden lagen.
Hilfe schien jedoch keinen Zweck zu haben, denn die Verwundeten versuchten
nur, mich zu überwältigen und in Stücke zu zerreißen.
Sie glichen eher wilden Tieren als Menschen, selbst ihre Körper waren
gebeugt; die Arme lang wie die von Affen, Hände und Finger hart und
Nägel klauenförmig. Halb gingen sie, halb krochen sie auf allen
Vieren. Ihre Gesichter konnte man kaum als menschlich bezeichnen; die
Züge der Daliegenden, welche knurrten und die Zähne fletschten wie
Wölfe, waren geradezu bestialisch zu nennen. — Es kamen mir
seltsame Geschichten von Menschen in Erinnerung, die sich in Tiere verwandelt
haben sollen, und es schien mir fast, als ob diese Geister solche Kreaturen
wären. Ihre schrecklich funkelnden Augen zeigten einen Ausdruck von
Schlauheit, der sicherlich menschlich war, auch die Bewegungen ihrer
Hände glichen nicht denen von Tieren. Außerdem hatten sie eine Sprache
und stießen unter Geheul und Wehklagen Verwünschungen und gemeine
Redensarten aus, welche Tieren unbekannt sind. "Sind
ihre Seelen auch hier?", fragte ich, und wiederum bekam ich Antwort:
"Ja, sie sind auch hier, aber so herabgekommen und unterdrückt,
daß fast keine Spur mehr davon zu entdecken ist. Doch selbst hier sind
noch Seelenkeime vorhanden. Diese Männer waren spanische Seeräuber,
Strauchdiebe, Freibeuter, Sklavenhändler und Seelenverkäufer. Sie
sind so verwildert, daß fast jede Spur des Menschlichen bei ihnen im
Tiere untergegangen ist. Ihre Instinkte waren die von wilden Tieren; nun
leben sie wie solche und kämpfen wie sie." "Ist
auch für diese noch Hoffnung vorhanden, und kann ich irgend einem
helfen?" fragte ich. "Auch
für diese gibt es noch Hoffnung, wenn sie auch vielen von ihnen erst
nach Verlauf von Zeitaltern von Nutzen sein wird. Doch sind hier und da
einige, denen schon jetzt geholfen werden kann." Ich
wandte mich um. Zu meinen Füßen sah ich einen Mann liegen, der
sich mit großer Anstrengung zu mir hergeschleppt hatte und nun
vollständig erschöpft war. Sein Aussehen war weniger schrecklich
als das seiner Gefährten, und in seinem entstellten Antlitz waren Spuren
von Besserung zu finden. Ich beugte mich über ihn, und leise kam es
über seine Lippen: "Wasser!
Wasser um jeden Preis! Gib mir Wasser, denn mich verzehrt ein lebendiges
Feuer." Ich
hatte kein Wasser und wußte nicht, wo solches in diesem Lande zu
bekommen war. Ich gab ihm daher einige Tropfen von der Essenz, die ich aus
dem Lande der Dämmerung mit gebracht hatte. Die Wirkung war wunderbar;
es war Lebenselixier für ihn. Er richtete sich auf und sagte: "Du
mußt ein Magier sein. Der Trank hat mich erquickt und das Feuer
gelöscht, das seit Jahren in mir brannte. Ich war von einem brennenden
Durst geplagt, seitdem ich in diese Hölle kam." Ich
nahm ihn nun abseits und begann, Striche über seinen Körper hinweg
zu ziehen. Dadurch wichen seine Schmerzen und er wurde ruhig. Als ich so bei
ihm stand und überlegte, was noch zu tun sei, ergriff er meine Hand und
küßte sie leidenschaftlich. "O
mein Freund, wie soll ich dir danken? Wie soll ich dich nennen, der du
gekommen bist, mir nach all diesen Leidensjahren Trost zu bringen?" "Da
du mir gegenüber so dankbar bist, würdest du dir nicht selbst gerne
die Dankbarkeit anderer erringen, indem du ihnen hilfst? Soll ich dir zeigen,
wie du dies kannst?" "Ja!
o ja! Sehr gerne, wenn du mich nur mit dir nehmen willst, guter Freund." "Wohlan
denn", sagte ich, "laß mich dir aufhelfen. Und wenn du
kannst, wollen wir diesen Ort so bald als möglich verlassen und sehen,
was zu tun ist". So gingen wir zusammen Weiter. Mein
Begleiter erzählte mir, daß er Seeräuber und
Sklavenhändler gewesen sei. Er sei als Steuermann auf einem Schiffe in
einem Gefecht getötet worden. Als er erwacht sei, befanden er und andere
von dem Schiffsvolke sich an diesem dunklen Orte. Wie lange sein Aufenthalt
daselbst gewesen, wußte er nicht, es dünkte ihn aber eine
Ewigkeit. Er und andere Geister zogen stets kämpfend in Banden unter.
Wenn sie keine andere Partei fanden, um sie angreifen zu können, so
fochten sie unter sich selbst. Kampf war die einzige Anregung, welche sie
sich an diesem schrecklichen Orte verschaffen konnten. Hier war kein Trank zu
finden, um den furchtbar brennenden Durst zu stillen, der sie alle verzehrte.
Was sie tranken, schien den Durst tausendmal zu verschlimmern und lief wie
lebendiges Feuer ihre Kehle hinab. — Dann sprach ich zu ihm: "Du
kannst niemals sterben. Was du littest, war nur der Fluch der bösen
Taten, die du vor deinem Übergang in die geistige Welt begangen hast.
Deine Versuche, dich zu töten oder von anderen töten zu lassen,
hatten keinen Zweck. Es ist unmöglich, auf solche Weise dem Leiden zu
entgehen." "Wir
gleichen", sagte er, "einem Haufen hungriger Wölfe. Wenn
niemand da war, den wir angreifen konnten, fielen wir über uns selbst
her und kämpften bis zur Erschöpfung. Dann lagen wir da, klagten
und litten, bis wir uns erholt hatten und standen wieder auf, um den Kampf
von neuem zu beginnen. Mich verlangte nach dem Mittel, um diesem Zustande
entrinnen zu können, und ich habe schließlich fast
fortwährend darum gebetet. Ich fühlte, daß ich irgend eine
Tat vollbringen würde, wenn nur Gott mir vergeben und mir neue
Möglichkeiten eröffnen wollte. Als ich dich in meiner Nähe
stehen sah, glaubte ich, du seist vielleicht ein Engel, der zu mir
herabgesandt worden war, doch hast du keine Flügel. Wenn aber die Bilder
keine richtige Vorstellung von diesem Orte geben und in dem einen Punkte
irren, warum sollten sie da nicht auch in anderer Hinsicht falsch sein?" Sogar
an diesem Schreckensorte mußte ich lachen, denn mein Herz fühlte
sich so froh darüber, daß ich hier von so großem Nutzen sein
konnte. Dann erzählte ich ihm, wer ich war und was mich hierher
geführt. Da antwortete er, wenn ich anderen zu helfen wünschte, so
wäre Gelegenheit dazu vorhanden. In der Nähe befänden sich
grausige Sümpfe, wo eine große Anzahl unglücklicher Geister
festgebannt sei. Er könne mich zu ihnen bringen und mir ein wenig
behilflich sein. Offenbar schien er besorgt, mich nicht aus dem Gesicht zu
verlieren, damit ich nicht etwa verschwinde und ihn wieder allein lasse. Da
sich der Mann so dankbar zeigte, fühlte ich mich zu ihm hingezogen und
war ebenfalls froh seiner Gesellschaft wegen; denn die Mehrzahl der Bewohner
bestand hier aus abstoßenden Wesen, und ich fühlte mich einsam und
niedergeschlagen in diesem abgelegenen, traurigen Lande. Bei
der Finsternis und dem dichten Nebel war es fast unmöglich, nach
irgendeiner Richtung hin weit zu sehen. Ehe wir es gewahrten, hatten wir das
Land der Sümpfe erreicht. Nur die Empfindung einer kaltfeuchten,
ungesunden Luft, die uns in das Gesicht wehte, hatte dessen Nähe
angekündigt. Ein großer See von wässerigem, schwarzem und
stinkendem Schlamm, der mit einer dicken, schleimigen Schicht von schwarzem
Öl bedeckt war, dehnte sich vor uns aus. Riesige Reptile mit gewaltig
aufgetriebenen Leibern und vorstehenden Augen wälzten sich darin.
Große Fledermäuse mit menschenähnlichen Gesichtern flatterten
gleich Vampiren über ihm, während schwarze und graue
Rauchsäulen schädlichen Dunstes von seiner fauligen Oberfläche
aufstiegen und in wunderlich gespenstigen Wolkengebilden über ihm
schwebten, die sich fortwährend änderten und in neue häßliche
Formen verwandelten. Bald erhoben sich diese Rauchwolken in Gestalt von
wilddrohenden Armen und zitternden, wackelnden und schwatzenden Köpfen,
als ob sie Gefühl und Sprache besäßen, bald lösten sie
sich wieder in Nebel auf, um neue, häßliche und schreckenerregende
Formen einzugehen. Am
Ufer dieses großen, schmutzigen Sees befanden sich zahllose kriechende,
schleimige Geschöpfe von scheußlicher Gestalt und riesiger
Größe, welche zappelnd auf dem Rücken lagen, oder sich in den
ekelhaften See stürzten. Ich schauderte, als ich dieses Gewässer
erblickte, und war eben im Begriffe zu fragen, ob sich in einem solch
schmutzigen Schleim wirklich verlorene Seelen aufhalten könnten, als ein
Chor von Wehklagen und Hilferufen, aus denen Trauer und Hoffnungslosigkeit
herausklangen, aus der Finsternis zu meinem Ohre drang. Meine Augen, die sich
nunmehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, unterschieden hier und da sich
abmühende menschliche Gestalten, die bis zu den Schultern im Schlamm
steckten. Ich rief sie an, zu versuchen, ob sie nicht auf mich zugehen
könnten, ich stände am Ufer. Aber sie schienen mich weder zu
hören noch zu sehen, denn sie schenkten mir keine Beachtung. Mein
Gefährte war der Meinung, daß sie für alles außer ihrer
unmittelbaren Umgebung taub und blind seien. Er hatte sich selbst einige Zeit
in dem schlammigen See befunden, hatte sich aber selbst herausgearbeitet. Hierbei
machte er die Beobachtung, daß wohl die meisten unfähig sein
dürften, dies ohne den Beistand eines andern zu tun; viele tappten
jahrelang in dem See herum. Wieder hörten wir die mitleiderregenden
Rufe. Ein solcher ertönte uns so nahe, daß ich daran dachte, mich
hineinzustürzen und den Versuch zu machen, den unglücklichen Geist
herauszuziehen; aber der See war zu ekelhaft, und ich bebte vor dem Gedanken
entsetzt zurück. Dann erreichte jener verzweiflungsvolle Schrei wiederum
mein Ohr, und ich fühlte, daß ich es wagen mußte. So ging
ich denn hinein, indem ich meinen Ekel nach Kräften zu unterdrücken
suchte, und hatte den Mann bald erreicht. Die großen Nebelgebilde
über seinem Haupte gerieten bei meiner Annäherung in Bewegung und
entschwanden. Er stand bis zum Halse im Schlamm und schien immer tiefer
einzusinken. Da ich es für unmöglich hielt, ihn allein
herauszuziehen, rief ich dem Seeräubergeist zu, daß er kommen und
mir helfen solle. Er war aber nirgends zu sehen. In
der Meinung, daß er mich nur in eine Falle gelockt und mich verlassen
habe, wollte ich mich wieder herausarbeiten. Aber der unglückliche Geist
bat mich so inständig, ihn nicht im Stich zu lassen, daß ich unter
Aufbietung aller Kräfte noch einen zweiten Versuch unternahm. Es gelang
mir, ihn einige Meter weit zu schleppen und seine Füße aus der
Umschlingung des am Boden befindlichen Unkrautes zu befreien. Indem ich ihn
nun bald zog, bald trug, erreichten wir das Ufer, wo der unglückliche
Geist bewußtlos niedersank. Auch ich war sehr erschöpft und setzte
mich ihm zur Seite, um zu rasten. Unterdessen
hielt ich nach meinem Seeräuberfreund Ausschau und bemerkte ihn in
einiger Entfernung draußen im See, wo er sich offenbar mit jemandem zu
schaffen machte. Er machte solch übertriebene Anstrengungen, den
unglücklichen Geist herauszuschleppen, und ging so lärmend vor,
daß er jeden Furchtsamen hätte beunruhigen müssen. Es nahm
mich daher nicht Wunder, daß der arme Geist ihn fast anflehte, doch
nicht so energisch zu sein und ihm Zeit zu lassen, damit er folgen
könne. Ich ging beiden entgegen, und als der Gerettete in die Nähe
des Ufer kam, half ich ihm heraus und legte ihn an der Seite des anderen
nieder. Der
Seeräubergeist war über seine erfolgreichen Bemühungen
hocherfreut und sehr stolz. Da er zur Fortsetzung des Rettungswerkes gerne
bereit war, sandte ich ihn nach einem anderen, den ich rufen hörte,
während ich die beiden Geretteten pflegen wollte. Da hörte ich
wieder nicht weit von mir ein jammervolles Wehklagen, doch konnte ich anfangs
niemanden sehen. Dann leuchtete in der Dunkelheit über dem abscheulichen
Sumpfe ein winziger Lichtfunke gleich einem Irrlicht auf, und bei seinem
Schein sah ich, daß sich dort jemand bewegte und um Hilfe rief. So
stieg ich denn — ich muß gestehen, nicht sehr gern — noch
einmal in den Sumpf. Als ich den Mann erreichte, bemerkte ich, daß er
eine Frau bei sich hatte, die er zu ermutigen suchte. Mit großer
Mühe brachte ich beide an das Ufer heraus, wo auch der
Seeräubergeist mit seinem Geretteten angelangt war. Wir
müssen damals an dem Ufer jenes schleimigen Sees ein seltsames Bild
abgegeben haben! Später erfuhr ich, daß der See eine geistige
Schöpfung der schlechten Gedanken und unreinen Wünsche war, welche
die Menschen in ihrem irdischen Dasein hegten, und nach hier gezogen in
diesem ekelhaften Sumpfe gesammelt wurden. Die Geister darin hatten
während ihres irdischen Lebens in niederen Lastern geschwelgt und auch
nach dem Tode fortgefahren, durch die Mediumschaft von sterblichen
Männern und Frauen solche Freuden zu genießen, bis
schließlich infolge ihrer außerordentlichen Gemeinheit selbst der
Erdenplan für sie zu gut geworden war. Durch die Wirkung der
Anziehungskraft gelangten sie dann in diesen Abschaum von Fäulnis, bis
der Ekel vor sich selbst ihre Heilung vollzog. Ein
Mann, den ich gerettet hatte, war einer der gefeiertesten Geister am Hofe
Karls II. gewesen. Nach seinem Tode hatte er sich lange auf dem Erdenplane
herumgetrieben. Er sank jedoch tiefer und tiefer, bis er schließlich in
diesen See geriet, wo das Unkraut seines Hochmuts die Ketten bildete, in die
sich seine Füße so verstrickten, daß er sich nicht mehr
fortbewegen konnte. Der andere Mann war ein berühmter Dramatiker zur
Zeit der Regierung Georgs I., während jener Mann und die Frau zum Hofe
Ludwigs XV. gehörten und zusammen an diesen Ort herabgezogen wurden. Die
von dem Seeräuber Geretteten hatten ungefähr dieselben
Lebensschicksale. Ich
wußte zuerst nicht, wie ich mich von dem Schmutze jenes schrecklichen
Sees befreien sollte. Da sah ich plötzlich, daß wie durch ein
Wunder in unserer Nähe ein heller Strahl reinen Wassers aufsprang, in
dessen frischem Naß wir bald alle Spuren des Kotes hinweggewaschen
hatten. Hierauf
lehrte ich die Geretteten, wie sie nun, als Gegenleistung für die
empfangene Hilfe, in diesem Lande der Finsternis anderen beistehen
könnten. Nachdem ich ihnen nach Möglichkeit Rat und Hilfe gegeben,
machte ich mich von neuem auf den Weg. Der Seeräuber aber zeigte wenig Lust,
sich von mir zu trennen, und so reisten wir zusammen weiter. Wollte
ich alles erwähnen, was uns auf unseren Wanderungen begegnete, so
würde meine Erzählung Bände in Anspruch nehmen. So will ich
denn über einen nach irdischen Begriffen mehrwöchentlichen Zeitraum
in möglichster Kürze hinweggehen und unsere Ankunft bei einer
großen Bergkette schildern, deren frostige Gipfel zu dem
nächtlichen Himmel emporragten. Wir waren beide über die Ergebnisse
unserer Anstrengungen, den Bewohnern dieser Sphäre nützlich zu
sein, etwas enttäuscht. Hier und da fanden wir wohl einige, die geneigt
waren, uns zu hören und sich helfen zu lassen. Im allgemeinen aber
begegnete man unseren Versuchen mit Spott und Hohn, ja, manche griffen uns
sogar an, und wir hatten oft Mühe, uns selbst vor Schaden zu bewahren. Unseren
letzten Versuch hatten wir bei einem Manne und einer Frau unternommen, welche
unter der Tür einer elenden Hütte miteinander stritten. Sie waren
von höchst abstoßendem Äußeren. Der Mann schlug so
schrecklich auf die Frau ein, daß ich dazwischentreten mußte, um
ihm Einhalt zu tun. Hierauf wandten sich beide zugleich gegen mich. Der
weibliche Geist bemühte sich eifrig, mir die Augen auszukratzen, und ich
war froh, als der Seeräuber zu meinem Beistande herbeieilte. Denn bei
dem Vereinten Angriff war mir die Galle gestiegen, wodurch ich mich für
den Augenblick auf ihre Stufe herunterbegeben hatte und des Schutzes
entbehren mußte, der mir bei meiner höheren geistigen Entwicklung
sonst gewährt wurde. Diese
beiden hatten sich eines höchst grausamen und rohen Mordes schuldig
gemacht, den sie an einem alten Manne (dem Gatten der Frau) um seines Geldes
willen begangen hatten. Sie waren dieses Verbrechens wegen gehängt
worden. Ihre beiderseitige Schuld bildete ein so starkes Band zwischen ihnen,
daß sie zusammen herabgezogen wurden und trotz des bitteren Hasses, den
sie nun füreinander fühlten, unfähig waren, sich zu trennen.
Jeder glaubte im anderen den Grund zu seinem Aufenthalte an diesem Orte
suchen zu müssen. Der Eifer, mit dem sie sich gegenseitig beschuldigt
hatten, hatte dazu beigetragen, daß sie beide gehängt wurden. Nun
schienen sie nur noch zu leben, um einander zu befehden. Ich kann mir keine
schrecklichere Strafe denken als die, mit einer gehaßten Person
zusammengekettet zu sein. Bei dem derzeitigen Geisteszustande der beiden war
es nicht möglich, ihnen auf irgendwelche Weise behilflich zu sein. Kurz
nachdem wir dieses Paar verlassen hatten, befanden wir uns am Fuße der
großen, dunkeln Berge. Beim fahlen Scheine einer merkwürdig
phosphoreszierenden Glut konnten wir die Anhöhen ein wenig erforschen.
Es gab keine regelrechten Fußwege, und die Berge waren sehr steil. So
stiegen wir auf, so gut es eben ging. Hier machte ich die Erfahrung,
daß mir mit der teilweisen Annahme der Lebensbedingungen dieser
niederen Sphäre die Fähigkeit, mich mittels meiner Willenskraft zu
erheben und zu schweben — ein Vorrecht derer, welche das Land der
Dämmerung erreicht hatten — verloren gegangen war. Nach einem mühsamen
Aufstieg auf einen der weniger hohen Berge gingen wir den Kamm entlang, der
von der seltsamen Glut des phosphoreszierenden Lichtes schwach beleuchtet
war. Zur Seite bemerkten wir ungeheuer tiefe Felsspalten, finstere
Abgründe und schreckliche, schwarze Gruben. Aus einigen drangen
Wehgeschrei, Klagen und gelegentlich auch Gebete um Hilfe an unser Ohr. Mich
schauderte bei dem Gedanken, daß sich in solchen Tiefen des Elends
Geister aufhalten konnten, und ich empfand es schmerzlich, hier nicht helfen
zu können. Mein Gefährte, der alle meine Rettungsversuche mit Eifer
unterstützt hatte, schlug vor, aus dem zahlreich vorhandenen Unkraut und
Gras, das in den schmalen Spalten der sonst kahlen Felsen wuchs, ein Seil zu
machen. Daran sollte ich ihn herunterlassen, da er im Klettern geübter sei
als ich. So könnten wir vielleicht einige dieser Geister aus ihrer
schrecklichen Lage befreien. Wir
machten uns sofort ans Werk und bald hatten wir ein Tau gefertigt, das stark
genug war, uni das Gewicht meines Freundes zu tragen. Gewicht ist im Geistigen
wie im Physischen nur ein vergleichsweiser Begriff, und die Dichtigkeit jener
niederen Sphären verleiht ihnen viel größere Festigkeit und
Schwere, als sie einer vorgeschritteneren geistigen Sphäre eigen sind.
Während die Sinne eures physischen Körpers meinen
Seeräuberfreund weder nach Gestalt noch nach Gewicht hätten
wahrnehmen können, würde eine nur geringe Entwicklung eurer
geistigen Fähigkeiten euch gestattet haben, ihn zu sehen und auch zu
fühlen. Ein Geist der nächsthöheren Stufe würde euch aber
unsichtbar sein. Ich begehe also keinen Irrtum, wenn ich von dem Gewicht
meines Freundes spreche. Dieser war für ein aus geistigem Gras und
Unkraut gefertigtes Seil genauso eine Belastung, wie es bei einem irdischen
Manne mit physischem Material der Fall ist. Nachdem
ich das eine Ende des Seiles an einem Felsen fest gemacht hatte, stieg der
Geist mit der Sicherheit, die er sich in seinem Berufe als Matrose erworben
hatte, hinab. Unten angekommen, schlang er das Seil um den Körper des
hilflosen Unglücklichen, den er wehklagend am Boden liegend fand. Dann
zog ich das Seil mit dem Geiste an, und als dieser sich in Sicherheit befand,
holte ich auch meinen Freund auf die selbe Weise herauf. Wir sorgten für
den Geretteten nach Kräften und gingen weiter, um noch einigen anderen
ebenso zu helfen. Nachdem wir alle, die wir finden konnten, heraus gezogen
hatten, ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Das phosphoreszierende
Licht erlosch und ließ uns in äußerster Finsternis,
während eine geheimnisvolle Stimme, die aus der Luft zu kommen schien,
sprach: "Gehet
nun weiter, eure Arbeit ist hier getan. Die ihr gerettet habt, hatten sich in
ihren eigenen Schlingen verfangen und waren selbst in die Grube gefallen, die
sie anderen gegraben hatten. Sie verblieben darin bis ihre Reue und ihr
Verlangen, Sühne zu leisten, Retter herbeizogen, um sie aus ihren
selbstgebauten Gefängnissen zu befreien. In diesen Bergen sitzen viele
Geister gefangen, welchen noch nicht geholfen werden darf; denn sie
würden, frei geworden, nur eine Gefahr für andere sein. Das
Übel und das Böse, das sie ausstreuen würden, macht ihre
längere Gefangenschaft zur Notwendigkeit. Die Gefängnisse sind ihre
eigene Schöpfung. Denn diese großen Berge des Elends sind das
Produkt ihres menschlichen Daseins auf Erden, und diese Abgründe die
geistigen Ebenbilder jener Abgründe der Verzweiflung, in die sie im
irdischen Leben ihre unglücklichen Opfer getrieben hatten. Nicht eher,
bis ihre Herzen weich geworden und sie nach Freiheit verlangen, um Gutes
anstatt Böses zu tun, werden sich ihre Gefängnisse öffnen.
Erst dann werden sie aus dem lebendigen Tode erwachen, in den sie sich durch
ihre eigenen schrecklichen Grausamkeiten anderen gegenüber gebracht
haben." Die
Stimme verstummte, und allein suchten wir in der Finsternis unseren Weg an
der Bergseite hinab, bis wir den ebenen Boden wieder erreichten. Jene
schrecklichen, geheimnisvollen Täler ewiger Nacht, jene ragenden Berge
der Selbstsucht und Unterdrückung hatten mein Herz so erkältet,
daß ich jetzt wirklich froh war, wenn kein weiterer Pflichtruf mich
zwang, noch länger hier zu verweilen. — — — Auf
unserer Wanderung gelangten wir nun zu einem ungeheuren Wald, dessen
phantastische Bäume den Gebilden glichen, die man oft während eines
schrecklichen Alpdrückens wahrnimmt. Die blattlosen Zweige schienen sich
wie lebende Arme auszustrecken, um den unglücklichen Wanderer zu
erfassen und festzuhalten. Gewundene, schlangenartige Wurzeln am Boden
drohten ihn zu Fall zu bringen. Die Stämme waren kahl und
geschwärzt, als ob sie durch den vernichtenden Hauch des Feuers versengt
worden wären. Von der Rinde rann ein dicker Schleim und gleich einem
Klebemittel hielt er jede Hand fest, die mit ihm in Berührung kam.
Langwehende Bärte irgend einer seltsamen Moosart, welche die Äste
wie mit einem Mantel bedeckten, drohten jeden, der diesen gespensterhaften
Wald zu durchdringen suchte, einzuhüllen und irrezuführen.
Gedämpfte Hilferufe, wie von erschöpften oder halberstickten
Menschen, drangen aus dem furchtbaren Walde. Hie und da konnten wir sehen,
wie die gefangenen Seelen, die in der Umarmung dieser absonderlichen
Erscheinungen festgehalten wurden, sich abmühten, um freizukommen. Sie
waren jedoch unfähig, auch nur einen einzigen Schritt zu machen. Ich
fragte mich verwundert, wie wir diesen Geistern helfen sollten. Einige waren
am Fuße gefesselt, indem eine herumgeschlungene Wurzel sie wie in einem
Schraubstocke festklemmte. Einem anderen war die Hand an den Stamm eines
Baumes festgeleimt. Wieder ein anderer hatte sich in den Bärten des
schwarzen Mooses verfangen, oder wurde durch einige Zweige an Kopf und
Schultern festgehalten. Wilde Tiere strichen um sie herum und große
Geier schlugen mit ihren Flügeln über den Häuptern der
Gefangenen, doch vermochten sie letztere nicht zu berühren, obwohl sie
sich ganz nahe bei ihnen befanden. "Wer
sind diese Männer und Frauen?" fragte ich. "Es
sind solche", war die Antwort, welche sich an den Leiden anderer
ergötzten. Solche, die ihre Mitmenschen wilden Tieren vorwarfen, um sie
in Stücke reißen zu lassen und sich an den Schmerzen ihrer Opfer
zu weiden. Es sind Menschen, die lediglich aus Freude am Grausamen alle auf
die gräßlichste Weise marterten und töteten, die hilfloser
und schwächer waren als sie selbst. Für diese Geister wird der Tag
der Befreiung erst kommen, wenn sie die Lehre von der Gnade und
Barmherzigkeit andern gegenüber erfaßt und den Wunsch haben
werden, andere vor Leiden zu bewahren, selbst auf Kosten eigenen Leides. Dann
werden ihnen die Bande und Fesseln gelöst und sie werden hinweggehen
können, um durch ihre Arbeit Sühne zu leisten. Bis dahin kann
niemand ihnen helfen, oder sie befreien. Ihre Erlösung muß durch
sie selbst, durch edlere Wünsche und Bestrebungen bewirkt werden. Wenn
du dir die Geschichte eurer Erde vergegenwärtigst und bedenkst, wie
Menschen zu allen Zeiten und in allen Ländern ihre Mitmenschen
tyrannisiert, unterdrückt und gequält haben, so wird es dich nicht
Wunder nehmen, daß dieser ungeheure Wald so sehr bevölkert ist.
Man hat es für gut befunden, dich zur eigenen Belehrung diesen
schreckenvollen Ort besichtigen zu lassen. Da sich aber bei keinem von allen
Wesen, die du siehst und bedauerst, die innerliche Wandlung so weit vollzogen
hat, daß du ihnen nützen könntest, wirst du jetzt in eine
andere Gegend gesandt, wo du mehr Gelegenheit haben wirst, Gutes zu
tun." Wir
verließen den "Wald der Trostlosigkeit" und waren noch nicht
weit gegangen, als ich zu meiner großen Freude Freund Hassein kommen
sah. Jedoch eingedenk der Warnung Ahrinzimans gab ich das vereinbarte Zeichen
und erhielt als Antwort das Gegenzeichen. Er war mit Nachrichten von meinem
Vater und meiner Geliebten gekommen, welche mir herzliche Worte der Liebe und
Ermutigung übermittelten. Hassein erzählte mir, daß ich jetzt
unter die große Zahl jener Geister gesandt würde, deren böse
Neigungen nur noch durch ihre Intelligenz und ihren Scharfsinn bei Begehung
von Übeltaten übertroffen würden. "Es
sind jene, die einst Führer der Menschheit und Geistesfürsten auf
allen Gebieten waren, jedoch ihre Gaben und Kräfte falsch anwandten und
mißbrauchten, bis sie der Menschheit zum Fluch statt zum Segen
gereichten. Bei den meisten von ihnen mußt du in jeder Hinsicht auf der
Hut sein: allen Anschlägen gegenüber, durch die sie dich in
Versuchung führen wollen, und allen ihren Verrätereien gegenüber,
die sie an dir üben werden. Unter ihnen befinden sich jedoch einige
Geister, denen du zur Hilfe gesandt bist. Dein eigenes Empfinden, oder die
Umstände, werden dir die bezeichnen, welchen deine Hilfe wertvoll ist.
Sei stets eingedenk, daß du jedem mit Mißtrauen begegnen
mußt, der zu dir kommt und das vereinbarte Zeichen und Symbol nicht zu
geben vermag. Du bist jetzt im Begriff, feindliches Gebiet zu betreten. Du
wirst bemerken, daß dein Auftrag seinen Bewohnern bekannt ist und
geahndet werden soll, was sie dir auch vorspiegeln mögen. Hüte dich
daher vor falschen Versprechungen; wenn sie am freundlichsten scheinen,
mißtraue ihnen am meisten!" Ich
versprach Hassein, seine Warnung zu beherzigen. Er fügte noch hinzu,
daß ich mich von meinem treuen Begleiter, dem Seeräuber, trennen
müßte, da seine Sicherheit an jenen neuen Plätzen
gefährdet sei. Er versprach, ihn der Fürsorge eines Geistes zu
übergeben, damit er diese dunkle Sphäre bald verlassen könne.
Nachdem ich Hassein an meine Geliebte und meinen Vater hoffnungsfreudige
Botschaften übergeben hatte, trennten wir uns und ich setzte
getröstet meine Reise in der bezeichneten Richtung fort. Kapitel 22
Nach
einer kurzen Strecke Weges sah ich Treufreund, der sich etwas abseits
niedergelassen hatte und offenbar auf mich wartete. Ich war sehr erfreut, ihn
wiederzusehen und mich seiner Führung anvertrauen zu können. Wir
begrüßten uns mit großer Herzlichkeit. Er war, wie er mir
sagte, angewiesen, mich ein Stück auf meiner jetzigen Reise zu begleiten
und erzählte mir viele merkwürdige Erlebnisse, die ihm begegnet
waren. Treufreund
führte mich auf einen hohen Turm, von dessen Spitze aus wir die ganze
Stadt überblicken konnten, die wir zu besuchen beabsichtigten. Er
meinte, diese vorherige Besichtigung sei ebenso nützlich als interessant
für mich. Stets umgab uns ein mitternächtliches Dunkel, und die
Atmosphäre war schwer und schwarz wie Rauch. Hier und da wurde die
Finsternis durch jenes merkwürdig phosphoreszierende Licht aufgehellt, das
ich schon beschrieben habe, an anderen Stellen durch die fahlen Flammen,
welche sich an den grimmigen Leidenschaften der geistigen Bewohner
entzündeten. Als
wir die Spitze des Turmes, der aus einem schwarzen Gestein erbaut zu sein
schien, erklommen hatten, sahen wir ein weit ausgedehntes dunkles Land unter
uns liegen. Schwere Wolken hingen am Horizont. Vor uns lag die große
Stadt — eine merkwürdige Mischung von Pracht und Verfall, die alle
die Städte charakterisierte. Eine baumlose, schwärzliche Einöde
umgab sie, und große Massen von blutiggefärbtem Dunst hingen
brütend über dieser großen Stadt der Sorge und des
Verbrechens. Die mächtigen Schlösser, stolzen Paläste,
stattlichen Gebäude — alle trugen sie den Stempel des Ruins und
Verfalls; alle waren sie verdunkelt durch die Schandflecken des
sündhaften Lebens, das in ihnen sein Wesen trieb. Es waren Gebäude,
in Auflösung begriffen, jedoch durch den Magnetismus ihrer geistigen
Bewohner noch zusammengehalten. Gebäude, welche so lange bestehen
bleiben, als Verbindungen, die durch das irdische Leben ihrer geistigen
Bewohner entstanden sind, sie an diesem Orte aufrecht erhalten. Und die in
Staub zerfallen werden, sobald die Reue jener Seelen diese Verbindungen
löst und die Geister selbst in Freiheit setzt. Diese Gebäude zerfallen
jedoch nur, um durch eine andere sündige Seele, deren irdisches
genußsüchtiges Leben ihnen Gestalt und Form verleiht, wieder
aufgebaut zu werden. Hier stand ein Palast, dort, neben ihm, eine Hütte.
Genau so, wie das Leben und die Bestrebungen der darinnen wohnenden Geister
auf Erden verkettet und vermischt waren, entstanden auch hier ihre Wohnungen
eine an der anderen. Habt
ihr, die ihr jetzt auf der Erde wohnt, jemals daran gedacht, daß die
Genossen eures irdischen Lebens auch im geistigen mit euch verbunden sein werden?
Daß auf Erden hergestellte magnetische Verbindungen im Geisterlande
euch und euer Schicksal so miteinander verketten, daß ihr sie nur mit
Mühe und vielen Schmerzen wieder lösen könnt? So sah ich z.B.
vor mir eines stolzen Patriziers Palast, der — aufgebaut und
verunstaltet durch seine Verbrechen — mit den niederen Behausungen
seiner einstigen Sklaven, Parasiten und Kuppler auf Erden verbunden war. Diese
Behausungen waren auf dieselbe Weise, d.h. durch die Wünsche ihrer
Bewohner entstanden. Zwischen ihnen und dem Palaste des Patriziers waren im
Geistigen dieselben magnetischen Verbindungen vorhanden, wie im Irdischen
zwischen ihm und jenen, die Genossen und Werkzeuge seiner niederen
Leidenschaften gewesen waren. Er kann sich nun so wenig von ihren Zudringlichkeiten
befreien, als sie selbst imstande sind, seiner Tyrannei zu entgehen. So
lange, bis nicht ein reinerer Wunsch in der einen oder anderen Seele erwacht
und sie über ihre gegenwärtige Stufe hinaushebt. So geschah es,
daß sie ihr irdisches Dasein immer wieder wie in einem schrecklichen
Traum durchlebten, ausgelöst durch die Erinnerung, die ihnen immer
wieder gleich einem beweglichen Panorama ihre früheren Handlungen vor
Augen führte. So können sie selbst bei den wildesten Ausschreitungen
in diesem dunkeln Lande nicht der nagenden Tätigkeit des Gewissens
entgehen, bis der letzte Funke von Sündenlust und Gottlosigkeit in ihrer
Seele erloschen ist. Die
Dunkelheit über dieser großen, aus dem Erdendasein geborenen
geistigen Stadt war stellenweise von einem geheimnisvollen, matten
Lichtschein erhellt, der schwachleuchtendem Rauch von stahlgrauer Farbe
glich. Man belehrte mich, daß dieses Licht von der gewaltigen
Geisteskraft jener Einwohner herrühre, deren Seelen verkommen, aber
nicht unentwickelt waren und deren hohe Intelligenz sich niederen Dingen
zugewandt hatte. Daher verloren sie das wahre Seelenlicht, und allein dieser
merkwürdige Abglanz ihrer intellektuellen Fähigkeiten blieb
zurück. In anderen Teilen der Stadt schien die Atmosphäre selbst
feurig zu sein. Flammen hingen in der Luft und flackerten von einer Stelle
zur anderen wie gespenstige Feuer, deren Nahrung zu Asche verwandelt worden
war. Während die schwebenden Flammengebilde durch die
Luftströmungen bald hierhin, bald dorthin getragen wurden, sah ich
Gruppen von dunklen Geistern die Straßen auf und ab gehen. Sie schienen
diesen Erscheinungen keine Beachtung zu schenken, oder sich gar nicht
bewußt zu sein, daß sie selbst durch ihre heftigen Leidenschaften
diese geistigen Flammen erzeugten. Als
ich auf diese seltsame Stadt von verlorenen Seelen herabblickte, beschlich
mich ein merkwürdiges Gefühl. Denn in ihren zerfallenen Mauern und
Gebäuden konnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Stadt
entdecken, die meinem Herzen teuer war, denn ich war einer ihrer Söhne.
Überrascht rief ich aus, was das für eine Vision sei, die ich vor
mir wahrnahm. Ob sie die Vergangenheit, die Zukunft, oder die Gegenwart
meiner geliebten Vaterstadt betreffe? Mein
Begleiter antwortete: "Sie bedeutet alles zusammen. Was du jetzt vor dir
siehst, sind die Gebäude und Geister ihrer Vergangenheit, so weit
dieselben böse waren. Und was du dazwischen bemerkst, sind die
halbvollendeten Häuser, welche ihre jetzigen Bewohner für sich
selber bauen. Wie die Wohnungen der Vergangenheit jetzt sind, so werden diese
halbfertigen Gebäude in der Zukunft sein, wenn jeder, der jetzt daran
baut, sein Lebenswerk der Sünde und Bedrückung errichtet haben
wird. Betrachte sie genau und präge sie dir tief ein. Dann kehre als warnender
Bote zur Erde zurück und rufe deinen Landsleuten zu, was für ein
Schicksal so viele von ihnen erwartet. Wenn deine Stimme nur in einem
einzigen Herzen Widerhall findet und den Weiterbau nur eines dieser
unvollendeten Häuser aufhält, wirst du ein gutes Werk getan haben,
und dein hiesiger Besuch wird alles wert sein, was er dir gekostet hat. Doch
ist dies nicht der einzige Zweck deines Hierseins. Es sind Seelen hier, die
wir aus ihrem dunklen Dasein erlösen können und die sodann zur Erde
zurückgehen werden, um den Menschen die Schrecken der Wiedervergeltung
zu verkünden, die sie selbst erfuhren und vor denen sie andere bewahren
möchten. Bedenke,
wieviele Zeitalter seit der Erschaffung der Welt dahingegangen sind und
welche Veredlung das Leben und Denken der Menschen seitdem erfahren hat!
Müssen wir da nicht zugeben, daß diese Entwicklung ganz sicher
auch dem Einfluß derer zuzuschreiben ist, die zur Erde
zurückgekehrt sind, um andere vor dem Abgrunde des Stolzes und Hochmuts,
der Wollust und Sünde zu warnen? Bedeutet die Lehre: daß Gott
seine Kinder als dienende Geister auf die Erde zurücksendet, um anderen
im Kampfe beizustehen und sie zu stärken, nicht ein höheres Ideal
als der Glaube, daß er jemanden zur hoffnungslosen Pein ewiger Strafe
verdammen könne? Auch wir sind beide Sünder gewesen, doch wir haben
Gnade gefunden vor unserem Gott sogar noch in der letzten Stunde. Soll da
nicht für diese auch noch Hoffnung sein? Wenn sie tiefer sanken als wir,
dürfen wir deshalb bei unserem kurzen Menschenverstand den Höhen
Grenzen setzen, die sie trotzdem künftig erklimmen mögen? Nein! Es
ist nicht daran zu denken, daß solche Schrecken, wie wir sie in diesen
Höllenreichen wahrgenommen haben, ewig dauern können. Gott ist gut,
und seine Gnade geht über alles menschliche Begreifen!" Wir
stiegen nun vom Turme herab und betraten die Stadt, in einem der großen
Viertel, dessen irdisches Gegenstück mir wohlbekannt war, fanden wir
einen großen Haufen dunkler Geister versammelt, die hier irgend einer
Bekanntmachung lauschten. Offenbar betraf diese einen Gegenstand, welcher
ihren Spott und Zorn erregte, denn allerseits ertönte lautes Geschrei.
Als ich näher trat, bemerkte ich, daß es sich um eine Kundgebung
handelte, die man erst kürzlich in ihrem irdischen Gegenstück gelesen
und welche die Befreiung des Volkes zum Gegenstand hatte. Dies erweckte hier
unten in der Hochburg der Bedrückung und Tyrannei nur den Wunsch nach
Vereitlung jener Bestrebung. Die Geister um mich her gelobten, der
Verwirklichung der guten Absicht nach Möglichkeit Hindernisse in den Weg
zu legen. Je mehr die Menschen unterdrückt werden und je
leidenschaftlicher sie gegen den Zwang ankämpfen, um so mächtiger
werden jene Wesen hier unten sich in deren Angelegenheiten einzumischen und
Kampf und Streit unter ihnen zu erregen. Je freier, erleuchteter und edler
die Menschen, desto weniger Aussicht, daß diese dunklen Geister durch
Erregung der ihnen verwandten Leidenschaften zur Erde gezogen werden und
dadurch die Möglichkeit haben, die Menschen für ihre eigenen
schlechten Zwecke auszubeuten. Diese dunklen Wesen haben Freude an Krieg,
Elend und Blut vergießen, und kehren stets gerne zur Erde zurück,
um aufs neue die grausam-grimmigen Leidenschaften der Menschen zu
entzünden. Wenn
zu Zeiten großer nationaler Bedrückung und Erhebung die menschlichen
Leidenschaften bis zur Fieberglut gesteigert sind, werden diese Bewohner der
Tiefen durch die Kraft der erwachten Begierden an die Oberfläche der
Erde gezogen. Sie erregen oder drängen hier zu Revolutionen, die zuerst
aus reinen und edlen Motiven begonnen werden und dann unter der Macht der
Leidenschaft und dem Einfluß jener dunklen Wesen aus der niedersten
Sphäre schließlich nur noch zum Vorwand für wilde Metzeleien
und Exzesse aller Art dienen müssen. Infolge dieser Ausschreitungen
entsteht dann eine Reaktion, durch welche die dunklen Dämonen und jene,
die von ihnen beherrscht werden, unter dem Beistande der höheren Macht
hinweggefegt werden. Eine breite Spur von Zerstörung und Leiden aber
bezeichnet den Weg, wo diese Teufel ihr Unwesen getrieben haben. Auf solche
Weise reift für die niederste Hölle eine reiche Ernte heran; denn
mit den bösen Geistern werden die unglücklichen Seelen derer
herabgezogen, welche ihren Versuchungen erlegen waren. Als
ich so dastand und die Menge beobachtete, lenkte Treufreund meine
Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Geistern, welche nach uns deuteten und
offenbar uns anzureden beabsichtigten. "Ich
werde für kurze Zeit weggehen", sagte er, und dich allein mit ihnen
sprechen lassen. Dies wird ratsamer sein, denn, da ich schon früher hier
war, könnten sie mich erkennen. Auch wünsche ich, daß du dir
selbst ein Urteil über sie bildest. Ich werde mich aber in der Nähe
aufhalten und dich später wieder treffen, sobald ich sehe, daß ich
dir dadurch nützlich sein kann. In diesem Augenblick gemahnt mich etwas,
dich für eine kurze Zeit zu verlassen." Bei
diesen Worten trat er beiseite, während sich die dunklen Geister mir mit
den freundlichsten Mienen näherten. Ich hielt es für gut, ihre
Höflichkeit zu erwidern, obgleich ich in meinem Herzen den heftigsten
Abscheu gegen ihre Gesellschaft hegte, denn sie waren abstoßend
schrecklich in ihrer gottlosen Häßlichkeit. Einer
derselben berührte meine Schulter. Als ich mich ihm zuwandte mit dem
dumpfen Gefühl, ihn früher schon gesehen zu haben, stieß er
ein wildes Gelächter aus und rief: "Ich grüße dich, mein
Freund. Du erinnerst dich meiner anscheinend nicht so gut als ich mich
deiner; es war auf dem Erdenplane, wo wir uns früher begegneten. Ich und
andere wollten dir damals gern zu Diensten sein, aber du nahmst unsere Hilfe
nicht an, sondern spielten uns statt dessen einen bösen Streich.
Trotzdem haben wir, die wir jetzt lammfromm geworden sind, dir
verziehen." Ein
anderer kam ebenfalls zu mir her und sagte, mich mit einem wahrhaft
teuflischen Lächeln angrinsend: "So, so, Freund, du bist also allem
Anscheine nach ebenfalls hier bei uns, in diesem hübschen Lande! Was
hast du wohl getan, um diese Auszeichnung zu verdienen? Denn niemand ist
hier, der nicht mindestens einen Mord auf dem Gewissen hat, während
viele von uns sich einer ganzen Reihe von Mordtaten rühmen können.
Unsere angesehensten Bürger aber zählen ihre Morde nach Hunderten.
Du brachtest demnach jenen Mann doch noch ums Leben? Ha, ha! ha!" und er
stieß ein solch wildes, schallendes Gelächter aus, daß ich
kehrt machte, um zu fliehen. Denn in meiner Seele blitzte die Erinnerung an
jene Zeit auf, wo auch ich fast zum Mörder geworden wäre. Nun
erkannte ich in diesen schrecklichen Wesen die Geister wieder, die mich damals
umgaben und mir zeigten, wie meine Rache befriedigt werden könnte,
obgleich ich keinen irdischen Körper mehr besaß. Ich schrak vor
ihnen zurück, aber sie dachten nicht daran, mich gehen zu lassen. Sie
hofften, ich sei für immer hier, und suchten mich bei sich zu behalten, damit
sie ihre Kurzweil mit mir treiben und sich für ihre frühere
Niederlage an mir rächen könnten. Ich
las diese Absicht in ihrem Geiste, obgleich sie sich mir gegenüber
äußerlich sehr freundlich gebärdeten. Für einen
Augenblick war ich im Zweifel, was ich tun solle. Dann entschloß ich
mich, mit ihnen zu gehen und zu sehen, was sie im Schilde führten, indem
ich gleichzeitig die erste beste Gelegenheit wahrnehmen wollte, mich von
ihnen zu befreien. Ich duldete es daher, daß sie mich beim Arme nahmen.
So schritten wir auf ein großes, frei stehendes Haus zu, wo sie mich
ihren Reden nach bei ihren Freunden einführen wollten. Treuhand ging in
diesem Augenblicke dicht an uns vorbei und gab mir folgende Warnung: "Gehe
mit ihnen, aber hüte dich, an ihren Vergnügungen teilzunehmen, oder
dich irgendwie auf ihre Stufe herabziehen zu lassen." Wir
traten ein und stiegen eine breite Treppe von gräulichem Stein hinauf.
Auch hier trug alles die Flecken von Schande und Verbrechen. Die breiten
Stufen waren geborsten und unvollständig. Hier und da wies die Treppe
Löcher auf, groß genug, um einen Mann in die kerkerartige Tiefe
durchfallen zu lassen. Während wir hinaufstiegen, fühlte ich,
daß einer meiner Begleiter mir einen leichten Stoß versetzen
wollte, gerade als wir über eines dieser Löcher schritten.
Wäre ich nicht auf einen solchen Anschlag vorbereitet gewesen, so
wäre ich wohl gestrauchelt und hinuntergefallen. So beugte ich mich
einfach zur Seite und mein allzu dienstfertiger Gefährte wäre beinahe
selbst ausgeglitten, worüber die anderen in ein Gelächter
ausbrachen, während er selbst mir finstere Blicke zuwarf. Ich erkannte
in ihm den Mann, dessen Hand in dem feurigen Silberring, der meine Geliebte
umgab, einschrumpfte — damals, als mich ihre Liebe zu ihr zog und mich
vor der Verführung dieser dunklen Feinde rettete. Dieser Geist hielt
seine Hand sorgfältig unter dem Mantel verborgen; ich konnte jedoch
hindurchsehen und den geschrumpften Arm und die Hand wahrnehmen. Nun
wußte ich, daß ich mich vor ihm wirklich zu hüten hatte. Von
der Treppe aus gelangten wir in einen prächtigen Raum, der durch einen
feurigen Lichtschein erleuchtet und ringsum mit dunklen Draperien behangen
war. Diese befanden sich in einem vollständig zerlumpten Zustande und
waren alle mit hochroten Flecken frischen Blutes bespritzt, als ob das Zimmer
der Schauplatz nicht nur eines, sondern zahlreicher Morde gewesen wäre.
Im Raume waren die geistigen Abbilder von altem Mobiliar aufgestellt, roh,
schmutzig und verdorben. Das Zimmer war von einer Menge von Geistern
erfüllt. Was für Männer und was für Frauen! Sie hatten
alles verloren, was ihnen früher vielleicht Anspruch auf Menschlichkeit
verliehen hatte. Sie waren häßlicher als die anrüchigsten
Exemplare jener Gattung, die man in einer irdischen Spelunke zur Nachtzeit
finden kann. Nur in der Hölle konnten Frauen bis zu einem solch
erschreckenden Grad von Verkommenheit sinken. Die Männer waren
womöglich noch schlimmer als die Frauen, und es würden mir die
Worte fehlen, wollte ich sie beschreiben. Sie aßen, tranken, schrieen,
tanzten, spielten Karten und gerieten über das Spiel in Streit —
kurz es ging in einer Art zu, wovon die niedersten Szenen irdischer
Vergnügungen nur einen schwachen Begriff geben können. Ich
nahm bei jedem eine schwache Spiegelung seines irdischen Lebens wahr und
wußte, daß alle ohne Ausnahme nicht nur ein lasterhaftes Leben
geführt hatten, sondern auch des Mordes schuldig geworden waren. Zu
meiner Linken befand sich eine Frau, die zur Zeit des 6. Jahrhunderts eine
Herzogin war und während ihres Lebens nicht weniger als sechs Personen
aus Eifersucht und Haß vergiftet hatte. Neben ihr stand ein Mann aus
derselben Zeit, der verschiedene, ihm mißfällige Personen, durch
seine Bravos hatte umbringen lassen. Außerdem hatte er während
eines Streites mit eigener Hand einen anderen auf verräterische Weise
niedergestoßen. Eine
zweite Frau hatte ihr uneheliches Kind getötet, weil es ihr bei
Erlangung von Reichtum und Rang im Wege stand. Sie befand sich noch nicht
sehr lange an diesem Orte und empfand mehr Reue und Gewissensbisse als die
übrigen. Daher beschloß ich, mich ihr wenn möglich zu
nähern. Mein
Eintritt war mit lautem Gelächter und wildem Beifall begrüßt
worden. Während sich mir ungefähr ein halbes Dutzend Hände
eifrig entgegenstreckten und mich an den Tisch zogen, wurden Rufe laut, wie:
"Laßt uns auf die Verdammnis dieses unseres neuen Bruders
trinken!" Laßt uns ihn mit diesem feinen, kühlen Wein
taufen!" Bevor ich ihre Absichten noch recht erkannt hatte, schwenkten
sie alle unter Geschrei und schrecklichem Gelächter ihre Gläser in
der Luft, während einer ein volles Glas des feurigen Trankes über
mich auszuschütten suchte. Ich hatte gerade Geistesgegenwart genug, zur
Seite zu treten, sodaß fast alle Flüssigkeit auf den Boden
floß. Nur eine kleine Menge traf meine Kleidung, die dadurch gesengt
und verbrannt wurde, als ob das Getränk Vitriol gewesen wäre. Der
Wein selbst verwandelte sich in eine bläuliche Flamme und verschwand
schließlich unter einem Knall ähnlich einer Pulverexplosion. Dann
setzten sie mir einen Teller mit Speisen vor, welche irdischen Delikatessen
glichen. Bei genauerer Besichtigung bemerkte ich jedoch, daß sie voll
Würmer und ekelhafter Maden waren. Als ich mich mit Abscheu abwandte,
faßte mich eine Hexe von Weib, deren triefende Augen und boshafter
Blick mich schaudern machten, um den Nacken. Sie sah älter und
häßlicher aus, als das verkommenste Beispiel ihrer Art, das man
auf Erden hätte finden können. O irdische Vergänglichkeit!
Einst war sie eine große Schönheit gewesen und versuchte nun,
unter einer Grimasse mich zu einem Kartenspielchen mit ihr zu gewinnen. "Der
Einsatz, um den wir spielen", sagte sie, "besteht im Verlust der
Freiheit des Verlierenden. Wir haben uns diese Art von Zeitvertreib hier zu
eigen gemacht, um dadurch die Erinnerung an die Vergnügungen unserer
Vergangenheit wieder wachzurufen. Es gibt hier kein Geld zu gewinnen.
Wäre dies auch der Fall, so würde es uns nichts nützen, da es
sich unter unseren Händen in Schmutz verwandelt. Daher haben wir
folgende Art der Schuldentilgung angenommen. Wir kommen überein, jedem,
der uns im Spiel an Geschicklichkeit übertrifft, so lange Sklave zu
sein, bis wir ihn mit gleicher Münze bezahlen, indem wir selbst gewinnen
und ihn umgekehrt zu unserem Sklaven machen. Wie reizend diese Unterhaltung
ist, davon kannst du dich überzeugen, wenn du uns ein wenig Gesellschaft
leisten willst. Diese anderen hier", fügte sie mit einer seltsamen
Mischung von unverschämter Anmaßung und Gereiztheit im Tone hinzu,
— "sind nur Gesindel, der Abschaum der Straße, und du tust
wohl daran, dich von ihnen und ihren Vergnügungen abzuwenden. Ich aber
bin eine königliche Herzogin und diese meine Freunde sind alle von edler
Abkunft. Wir würden dich, der du ebenfalls zu den Auserlesenen gehörst,
gerne unter uns aufnehmen." Mit
der Miene einer Königin wies sie mir einen Platz neben sich an.
Wäre sie nur um einige Grade weniger häßlich gewesen, so
wäre ich versucht gewesen zu folgen, wenn auch nur aus Neugierde, um ihr
Spiel kennen zu lernen. Mein Widerwille war jedoch zu groß und ich
befreite mich von ihr, indem ich wahrheitsgemäß sagte, daß
Karten niemals Anziehungskraft für mich besessen hätten. Mein
Bestreben ging dahin, an die Frau heranzukommen, die ich sprechen wollte.
Sehr bald bot sich mir hierzu eine Gelegenheit. An
ihrer Seite sprach ich sie mit gedämpfter Stimme an und fragte, ob sie
wegen des Mordes an ihrem Kinde bekümmert sei und ob sie diesen Ort zu
verlassen wünsche, auch wenn es ein langer, trauriger und leidensvoller
Weg wäre. Wie strahlte ihr Antlitz, als ich so zu ihr sprach! Eifrig
stieß sie hervor: "Was
meinst du damit?" "Sei
versichert", sagte ich, ich meine es gut mit dir. Wenn du warten und mir
folgen willst, werde ich für uns beide Mittel und Wege finden, um diesen
schrecklichen Ort verlassen zu können." Sie drückte zum
Zeichen ihres Einverständnisse meine Hand, wagte aber nicht zu sprechen,
da die anderen Geister sich wieder an uns herandrängten in einer Weise,
die immer beunruhigender wurde, obgleich sie den Schein der Freundlichkeit
noch aufrecht erhielten. Die
Herzogin und ihre Gesellschaft, die sich wieder gierig dem Kartenspiel
hingegeben hatten, waren darüber in Streit geraten und beschuldigten
einander des Betrugs, was ohne Zweifel seine Berechtigung hatte. Es schien,
als ob ein Kampf sich in jener Ecke des Zimmers entspinnen wollte, um die
Einförmigkeit des Daseins etwas zu beleben. Ich beobachtete auch,
daß die anderen Geister sich an den Türen zu Gruppen vereinigten,
offenbar mit der Absicht, mich nicht entschlüpfen zu lassen, falls ich
dies etwa zu tun wünschte. Meinen Feind mit der geschrumpften Hand sah
ich mit anderen Geistern einer sehr niederen Gattung tuscheln, die in ihrem
früheren Leben seine Sklaven gewesen sein mögen. Ein halbes Dutzend
Männer und Frauen kamen auf mich zu und bestürmten mich, an einem
Tanze teilzunehmen. Der Tanz war mit jener Art von Greueln verbunden, wie man
sie als Hexensabbat in vergangenen Tagen des Aberglaubens und der Zauberei
beschrieben findet. Ich nehme davon Abstand, diese ausführlicher zu
schildern. — Beim Anblick dieser Szenen kam mir der Gedanke, ob nicht
vielleicht doch Wahrheit in jenen alten Geschichten enthalten sein
könne. Ob die Erklärung dafür nicht die sei, daß die
unglücklichen als Hexen angeklagten Geschöpfe sich von bösen
Geistern beherrschen ließen, wodurch ihre Seelen zeitweise in diese
Sphären herabgezogen wurden und sie an den schrecklichen Orgien der
Geister wirklich teilnahmen. Es scheint wirklich eine merkwürdige
Übereinstimmung zu bestehen zwischen den Vorgängen, deren Zeuge ich
jetzt war, und dem, was diese sogenannten Hexen berichteten. Ich glaube,
diese nur halb zu rechnungsfähigen Menschen waren eher zu bedauern als
zu verdammen. Als
diese Kreaturen näherkamen, bemerkte ich, daß sie sich hinter uns
zu einem Ringe zusammenzuschließen und uns zu umzingeln trachteten. Ein
gewisser Instinkt gebot mir, dies nicht zuzulassen. Ich zog mich daher dicht
an die Wand zurück, indem ich die Hand der Frau ergriff und ihr
zuflüsterte, keinen Augenblick von meiner Seite zu weichen. Die Geister
drängten sich nun gegen das Zimmerende zu, wo ich mich befand. Die
Wildheit ihrer Gesichtszüge und die grausame Glut ihrer Augen standen
dabei in schrecklichem Gegensatz zu ihrer geheuchelten Fröhlichkeit.
Immer mehr näherten sie sich uns — eine sich heranwälzende
Masse von verkörpertem Bösen. Für
den Augenblick waren ihre Zänkereien hinter dem gemeinschaftlichen
Wunsche zurückgetreten mich niederzuwerfen, auf mir herumzutanzen und
mich in Stücke zu reißen. Wie das Rollen des Donners bei einem
nahenden Gewitter wurden grollende Worte des Hasses und der Drohung laut,
während diese Dämonen noch immer vor uns tanzten und ihre wilden
Possen trieben. Plötzlich erhob sich ein großes Geschrei, und die
Menge brach in ein wütendes Geheul aus: "Ein Spion, ein Verräter,
ein Feind befindet sich unter uns! Es ist einer der verfluchten Brüder
von oben hierhergekommen, um uns auszuspionieren und unsere Opfer zu
entführen. Nieder mit ihm! Drückt ihn zu Tode! Reißt ihn in
Stücke! Werft ihn hinab in das Kellergewölbe! Hinweg mit ihm!" Wie
eine Lawine den Berg hinabstürzten diese wütenden Feinde auf uns
los. Ratlos, was wir tun sollten, konnte ich nur bedauern, daß ich
diesen Ort überhaupt betreten hatte. Ich glaubte mich schon verloren,
als gerade in dem Augenblicke, wo die uns nächsten Geister über uns
herfallen wollten, sich die Wand plötzlich öffnete und Treufreund
und ein anderer Geist uns hindurchzogen. Die Wand schloß sich so
schnell wieder, daß die heulende Menge kaum wußte, wie wir
verschwunden waren. — — — Glücklich
draußen, wurden wir an einen Ort in der Nähe getragen, von wo wir
bei rückwärts gewandtem Blick durch die Mauern hindurch (die
für unsere Augen durchsichtig geworden waren), wahrnehmen konnten, wie
die ganze teuflische Geistergesellschaft miteinander stritt und kämpfte,
indem jeder dem anderen vorwarf, daß er uns hätte entkommen
lassen. "Siehst
du", sagte Treufreund, "wärest du auch nur für einen
einzigen Augenblick auf ihre Anschläge eingegangen, wurde es uns nicht
möglich gewesen sein, dir zu helfen. Denn du hättest dich dadurch
für einige Zeit mit ihrem Magnetismus umkleidet, und die Mauern
hätten dich gefangen gehalten. Du wärst zu grobstofflich geworden,
um die Materie, aus der diese Mauern bestehen, durchdringen zu können. Jene
Geister konnten dir bis jetzt nichts anhaben, doch mußt du dich in acht
nehmen, wenn du sie wiedersiehst; selbst die kurze Zeit auf dem Erdenplane,
während der du dich ihrem Einfluß aussetztest und ihren
Ratschlägen zu folgen geneigt warst, hat zwischen dir und ihnen eine
Verbindung geschaffen, die schwer zu trennen sein wird, ehe du eine
höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht hast. Erst dann wird eine
Kluft zwischen euch entstehen. Man
hat mir gesagt, daß du bis jetzt deine Leidenschaften noch nicht
vollständig überwunden hast. Du hast zwar gelernt, sie zu
zähmen, aber es ist noch nicht jeder Wunsch nach Rache erstorben, denen
gegenüber, welche dich früher gekränkt haben. Und solange dies
so steht, wird es dir nicht gelingen, dich von diesen Wesen völlig zu
befreien; besonders nicht, wenn du dich in ihrer eigenen Sphäre
aufhältst, wo sie wirklich mächtig sind. Auch ich habe einen Kampf
gekämpft, nicht unähnlich dem, welchen du jetzt wagst. Keiner
weiß besser, wie hart es ist, da vergeben zu sollen, wo wir schwer
gekränkt worden sind. Doch ich weiß auch, daß du dies eines
Tages aus freier Wahl und innerem Drange heraus tun wirst. Dann werden diese
dunklen Geister keine Macht mehr haben, deinen Weg zu kreuzen. Meine
Befehle gehen dahin, dich jetzt zu dem Palaste eines Geistes zu führen,
den zu sehen du sehr überrascht sein wirst. Es ist einer, dessen Name
dir vertraut ist, obgleich er lange vor deiner Zeit auf Erden lebte. Du warst
erstaunt, wie wenig die Geister hier imstande sind, zwischen deinem und ihrem
wahren Zustande zu unterscheiden. Wisse denn, daß du die
Fähigkeit, klarer und heller zu sehen, ihr verdankst, deren reine Liebe
dir stets wie ein ununterbrochener Strom kristallhellen Wassers
zufließt. Sie macht dich fähig, höhere Dinge wahrzunehmen und
diese niederen Geister in ihrer ganzen Verderbtheit zu durchschauen. Zwischen
dir und deiner Geliebten besteht jetzt ein so starkes Band, daß du
unbewußt an den Gaben ihrer höheren Natur Anteil hast, wie auch
sie selbst Kraft von dir empfängt. Bei deiner jetzigen Entwicklungsstufe
wäre es den dunklen Wesen hier leicht möglich, dir manches von der
Fäulnis dieses Ortes durch List zu verbergen. Doch in dem reineren
Unterscheidungsvermögen, das dir zuteil wurde, hast du die
Fähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind und dem Blicke
eines reinen Geistes erscheinen müssen. So versucht man vergebens deine
Sinne durch Blendwerk zu täuschen. Groß ist daher die Macht ihrer
Liebe, womit sie dich beschützt; gleichsam ein Schild, der dich in allen
deinen Prüfungen beschirmt. Bevor
wir diese Sphäre verlassen, muß ich dir noch ein anderes Bild
vorführen, das für dich zwar betrübend, aber auf alle
Fälle sehr lehrreich sein wird. Es betrifft einen Mann, der so ist, wie
du geworden wärest ohne ihre Liebe — allein im Kampf mit der
hoffnungslosen Last deiner Sünden und Leidenschaften und aller jener
Wohltaten der Reinheit und Liebe beraubt, die dir von ihrer Seite stets
zuströmen. Ist dein Aufenthalt an diesem Orte beendet, wirst du mir
dahin folgen, wo dieses andere Bild zu sehen ist. Wir glauben, daß sein
Anblick dich doppelt nachsichtig gegen jene unglücklichen Männer
machen wird, denen du besser als sonst jemand helfen kannst. Im Gefühl
der Dankbarkeit wirst du dann an anderen zu vergelten suchen, was man
für dich selbst getan hat." Als
er gesprochen hatte, verließen wir schweigend den Ort. Mein Herz war zu
voll, als daß ich ihm hätte antworten können. Das arme Weib
hatten wir in der Obhut eines strahlenden Engels der oberen Sphären
gelassen und waren sicher, daß ihr jede Hilfe zu ihrem Fortkommen
gewährt wurde. Kapitel 23
An
der äußeren Grenze der Stadt sahen wir einen prächtigen
Palast liegen, der mir merkwürdig bekannt und doch wieder fremd
erschien. Schon bei unserer Wanderung durch die Stadt wurde ich so an deren
irdisches Gegenstück erinnert, daß mir zumute war wie jemandem,
der während eines nächtlichen Alpdrückens einen schönen
und vertrauten Ort in häßlicher Verzerrung wahrnimmt. Oft hatte
ich in meiner Jugend an diesem Gebäude emporgeblickt und mit Stolz
erfüllte mich der Gedanke, daß ich dem Geschlechte entstammte, dem
der Bau und alle ausgedehnten Ländereien einst gehörte. Ihn jetzt
hier in solchem Zustande wiederzusehen, betrübte und ängstigte
mich. Alle Schönheit war verschwunden, sein Marmor beschmutzt und
befleckt, seine Terrassen und Statuen zerstört oder beschädigt.
Seine schöne Front war durch schwarze Spinngewebe — die Zeichen
früherer, in seinen Mauern begangener Verbrechen — verunstaltet,
und seine hübschen Gärten, wie durch einen Pesthauch, in eine
traurige Einöde verwandelt. Mit schwerem Herzen folgte ich meinem
Freunde in das Innere. Wir
stiegen die breite Freitreppe hinan und durchschritten die
Flügeltüren, die sich von selbst öffneten, um uns einzulassen.
Vielen dunklen Geistern, welche kamen und gingen, begegneten wir. Alle
begrüßten uns wie Gäste, auf deren Kommen man vorbereitet
ist. An der letzten Türe verließ mich Treufreund und versprach,
mich an einem anderen Orte wieder zu treffen. Ein
heller Schein von rotem Licht traf mein Auge, als sich die letzte Türe
öffnete. Man hätte meinen können, daß jemand die
Türe eines Schmelzofens aufgemacht habe, so heiß und erstickend
war die Atmosphäre. Anfangs glaubte ich fast, der Ort stehe in Flammen.
Dann erlosch der Lichtschein allmählich zu einer mattroten Glut und eine
Welle von stahlgrauem Nebel strich durch den Saal, während ein eisiger
Wind seine frostige Kälte auf mich zu übertragen schien. Diese
merkwürdigen Flutwellen von Hitze und Kälte waren durch das starke
Feuer der Leidens und den kalten, selbstsüchtigen Frost der Doppelnatur
des Mannes verursacht, der hier als Herrscher gebot. Mit unersättlichen
Begierden und heißen Leidenschaften vereinigte er in sich höchste
Selbstsucht und außerordentlichen Verstand. Wie
als Eigenschaften seines irdischen Lebens bald feurige Leidenschaft, bald
kalte Berechnung bei ihm vorherrschte, so riefen jetzt die Schwingungen
seines Geistes hier den gleichen unvermittelten Wechsel zwischen intensiver
Hitze und äußerster Kälte hervor. Wie er auf Erden alle
Menschen knechtete, die in den Bereich seiner Macht kamen, so beherrschte er
jetzt die geistigen Wesen seiner Umgebung und gebot über sie eben so
selbstherrlich, wie einst über seine irdischen Untergebenen. Ich
sah ihn am Ende des Saales auf seinem Throne sitzen, in dessen Nähe sich
königliche Abzeichen befanden. Die Wände waren mit den geistigen
Teilen alter gewirkter Tapete behangen. Aber wie sahen diese aus! Nicht nur,
daß sie verblichen und zerlumpt waren: es war, als ob die Gedanken und
der Magnetismus dieses Mannes in diese hineinverwoben worden wären und
sie durch ihre Fäulnis verdorben hätten. Anstatt der Bilder von
Jagdszenen, Nymphen und Meergöttern, zeigten sie ein beständig
wechselndes Panorama vom verflossenen Leben dieses Mannes, das in seiner
ganzen Nacktheit und Scheußlichkeit auf die Fetzen der einst
prächtigen Draperie geworfen wurde. Die
großen Fenster waren mit den geistigen Teilen von einstmals
prächtigen irdischen Samtvorhängen bekleidet. Jetzt aber machten
sie den Eindruck von Leichentüchern, da sich in ihnen gespensterhafte
Gestalten bargen, die gleich Geistern der Rache drohend aus ihnen
hervorschauten. Dies waren geistige Bilder von solchen, welche dieser Mann
seiner Wollust und seinem Ehrgeiz geopfert hatte. Trinkgefäße von
Silber, die glühend heiß zu sein schienen, wenn man sie
anfaßte, und kostbare Vasen schmückten die Tische. Wie
überall in dieser Sphäre bot sich mir auch hier der Anblick eines
Festgelages — immer das gleiche Trugbild irdischer Freude und
sinnlichen Vergnügens. Bei
meinem Eintritt erhob sich der Beherrscher dieses schrecklichen Ortes, um
mich mit liebenswürdigen Worten zu begrüßen. Mit Schrecken
erkannte ich in ihm den Geist jenes Vorfahren, auf den wir als seine
Nachkommen so stolz waren, und dessen Bild ich, wie man mir sagte, sehr
ähnlich sah. Es war ohne Zweifel derselbe Mann, mit den schönen,
stolzen Gesichtszügen. Aber ach, wie schrecklich war die
Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Zeichen der Schande und Unehre
waren jeder Linie seines Gesichtes aufgeprägt und offenbarten seine
Verdorbenheit trotz der Maske königlichen Anstandes, womit er seine
Verkommenheit zu verdecken suchte. Hier in der Hölle erscheinen alle
Menschen so, wie sie sind. Keine Macht gibt es, auch nur ein Atom ihrer
Gemeinheit zu verbergen — und dieser Mann war wirklich gemein. Selbst
in einem Zeitalter großer Sinnlichkeit war er durch seine Laster
aufgefallen. Und zu einer Zeit, wo die Menschen kaum an Grausamkeiten
dachten, hatte er sich als ein Mann ohne Gnade und Barmherzigkeit erwiesen.
Ich sah dies jetzt alles in den Bildern seiner Umgebung wie in einem Spiegel,
und fühlte mich beängstigt bei dem Gedanken, in unseren Charakteren
könnten irgendwelche übereinstimmende Punkte gewesen sein. Der
eitle Stolz derer, die sich der Verwandtschaft mit einem solchen Menschen
rühmten, weil er zu einer Zeit eine fast königliche Macht
besaß, machte mich schaudern. Da
ich zu seinem Geschlechte gehörte, zeigte dieser Mann Interesse für
mich und redete mich an. Er hieß mich willkommen und wünsche,
daß ich bei ihm wohnen möchte. Die geheimnisvolle Verbindung
unserer irdischen Verwandtschaft ermöglichte es ihm, mein Leben auf
Erden zeitweise zu beeinflussen. Von meinem stolzen Wunsch, den Großen
der Erde gleich zu sein wie früher meine Vorfahren, wurde er angezogen
und stachelte meinen hochmütigen Geist an, der in gewissem Sinne dem
seinigen verwandt war. Er war es auch, wie er mir sagte, der mich zu jenen
Handlungen meines Lebens trieb, deren ich mich jetzt am meisten schämte
— Handlungen, für die ich mein Leben gegeben hätte, um sie
ungeschehen zu machen. Er war es ferner, der mich in der Welt vorwärts
zu bringen suchte, denn er hatte gehofft, durch mich selbst wieder Macht
über die Menschen zu gewinnen, was ihn für seine Verbannung an
diesen Ort der Finsternis etwas entschädigen sollte. "Pfui!"
rief er. "Dies ist ein Haus voll modernden Gebeins und toter Gerippe!
Aber jetzt, da du gekommen bist, um dich mit mir zu verbünden, werden
wir zusammen etwas unternehmen, um die Bewohner der Erde in Furcht vor uns zu
versetzen und sie zum Gehorsam zu zwingen. Ich habe viele Enttäuschungen
mit dir erlebt, o Sohn unseres edlen Geschlechts, und ich fürchtete, du
würdest mir am Ende entschlüpfen. Schon vor Jahren habe ich
versucht, dich herabzuziehen, meine Absicht wurde aber stets durch eine
unsichtbare Macht vereitelt. Immer wieder, so oft ich glaubte, dich ganz
sicher in Händen zu haben, schütteltest du mich ab, bis ich des
Kampfes beinahe müde wurde. Aber ich gebe nicht leicht jemanden auf.
Wenn ich nicht selbst bei dir sein konnte, dann sandte ich dir jemanden aus
meinem Gefolge, und so bist du nun endlich selbst hier und sollst mich nicht
wieder verlassen. Siehe, welch herrliche Freuden ich für dich in
Bereitschaft habe." Er
ergriff meine Hand — die seinige schien heißer als Fieberbrand
— und führte mich zu einem Sitz neben sich. Zögernd
entschloß ich mich, Platz zu nehmen und die Dinge, die da kommen
sollten, abzuwarten. Im innersten Herzen aber betete ich, daß ich vor
Versuchung bewahrt bleiben möchte. Ich bemerkte wohl, daß er mir
nicht Speise noch Trank anbot, dagegen ließ er eine liebliche Musik
ertönen. Wie lange mußte ich schon den Trost dieser himmlischen
Kunst entbehren, die stets sehr auf meine Gefühle gewirkt hatte. Eine
wilde, sinnenbetörende Weise, wie sie die Sirenen gesungen haben
mögen, wenn sie ihre Opfer anzulocken suchten, erklang — bald
anschwellend, bald dahinsterbend. Keine Musik der Erde konnte zugleich so
schön und so furchtbar sein — konnte so Kopf und Herz berauschen
und mich dennoch mit einem solch starken Gefühle der Furcht und des
Widerwillens erfüllen. Dann
erschien vor uns ein schwarzer Spiegel, in dem die Bilder der Erde und des
Lebens auf ihr, sowie mein eigenes Bild sichtbar wurden. Ich lenkte hier die
Gemüter von Tausenden durch den bestrickenden Zauber solcher Musik, die
ich mir aneignen konnte. Durch diese Kunst erregte ich die niedersten,
stärksten Leidenschaften, bis die Lauscher unter ihrem mächtigen
Bann sich selbst und ihre Seelen verloren. Hierauf
erschienen im Spiegel Völker und Heere, die durch den Einfluß meines
Vorfahrens von ehrgeizigen Plänen erfüllt waren. Er regierte sie
als Despot durch den ihm zur Verfügung stehenden Organismus. Auch in
diesem Punkte, sagte er, solle ich seine Macht mit ihm teilen. Dann
wieder sah ich, wie ich Wissenschaft und Literatur beherrschte und mit deren
Hilfe die Einbildungskraft der schreibenden Sterblichen beeinflussen konnte.
Unter meinem Einfluß würden diese Bücher schreiben, die sich
an die Vernunft, den Verstand und die sinnlichen Begierden der Menschen wenden,
bis diese — durch den falschen Schein verführt — die
empörendsten Ideen und abscheulichsten Lehren billigen würden. Er
zeigte mir Bild um Bild, wie der Mensch auf Erden durch Geister mit
genügender Willenskraft als Werkzeug zur Befriedigung ihrer Gier nach
Macht und sinnlichen Genüssen gebraucht werden konnte. Vieles davon war
mir schon vorher bekannt gewesen. Aber niemals hatte ich mir die ganze
Größe des Unheils vorgestellt, das einem Wesen, wie dem vor mir,
anzurichten möglich wäre, würde ihm nicht durch höhere
Mächte Einhalt getan. Letztere kennt solch ein Geist nur als eine ihm
entgegenwirkende unsichtbare Kraft, die seine Anstrengungen bei jeder
Gelegenheit vereitelt — es sei denn, daß er einen
geistesverwandten Menschen als Medium findet, mit dem er so zusammen wirken
kann, als ob sie beide nur ein Wesen wären. Aus solcher Verbindung
entstehen viel Kummer und Elend: wir haben dann jene Scheusale von
triumphierender Bosheit vor uns, die zu allen Zeiten die
Menschheitsgeschichte geschändet haben. Diese Wesen werden jetzt gottlob
immer seltener, je mehr die Menschen und die geistige Welt durch die Lehren
der Engel aus himmlischen Sphären gereinigt werden. Zuletzt
zeigte sich eine weibliche Gestalt von solcher Schönheit und
verführerischem Reiz, daß ich mich einen Augenblick erhob, um mich
zu überzeugen, ob sie Wirklichkeit sei oder nicht. Da zog sich zwischen
mich und den schwarzmagischen Spiegel ein feiner Nebel, in dem die Gestalt
eines Engels mit dem Antlitz meiner Geliebten sichtbar wurde. Neben letzterer
erschien mir jenes Weib sogleich grobmateriell und widerwärtig,
sodaß die momentane Verblendung meiner Sinne verschwand und ich die
Frau für das erkannte, was alle ihrer Art sind: Sirenen, welche die
Seelen der Männer verraten, zerstören und zur Hölle
herabziehen, während sie selbst nur seelenlose Geschöpfe sind. Dieser
Umschwung in meinen Gefühlen lenkte die Wellen des magnetischen
Äthers, die uns die Musik und die Bilder zutrugen ab und ließ sie
verschwinden. Noch einmal war ich mit meinem Versucher allein, dessen Stimme
mir in den Ohren gellte. Er malte mir aus, wie ich alle diese Freuden
genießen könnte, wenn ich nur bei ihm bleiben und sein
Schüler werden wollte. Aber seine Worte trafen taube Ohren, seine
Versprechungen rührten mich nicht. In meinem Herzen war nur Abscheu vor
all diesen Dingen, und ein starkes Verlangen ergriff meine Seele, mich von
der Gegenwart dieses Geistes zu befreien. Ich
erhob mich und versuchte fortzugehen, konnte aber keinen Schritt tun. Eine
unsichtbare Kette hielt mich fest, und unter höhnischem Gelächter
schrie mich der schreckliche Mann mit triumphierendem Hohne an: "Geh
doch, da du meine Gunst und Versprechungen zurückweisest! Gehe fort und
sieh, was dich erwartet!" Ich konnte keinen Fuß bewegen, während
mich ein seltsam beunruhigendes Gefühl beschlich und eine
merkwürdige Benommenheit des Gehirns und der Glieder eintrat. Ein Nebel
schien mich einzuhüllen und mich in seine kalte Umarmung
einzuschließen. Phantome von schrecklichem Aussehen und riesenhafter Größe
kamen immer näher. O Entsetzen! Es waren meine eigenen früheren
Missetaten, meine eigenen bösen Gedanken und Wünsche, die mir durch
den Mann neben mir eingeflüstert worden waren: indem sie sich in meinem
Herzen festsetzten, schufen sie jene Verbindung, die mich nun an ihn fesselte. Ein
wildes, grausames Lachen erschallte bei meiner Niederlage. Er wies auf jene
unheimlichen Gestalten hin und gebot mir achtzugeben, was ich, der sich
für seine Gesellschaft zu gut dünke, für ein Wesen sei.
Dunkler und dunkler wurde es im Saal. Wie Woge um Woge rauschten die
grimmigen Phantome heran, indem sie immer schwärzer und schrecklicher
wurden und mich von allen Seiten bestürmten. Unter unseren
Füßen öffnete sich ein gruftähnliches Gewölbe, in
dem ich eine erhitzte Masse kämpfender Menschen zu sehen glaubte. Mein
schrecklicher Vorfahre erging sich in wildesten Ausdrücken der Wut und
brach dann in ein boshaftes Lachen aus. Indem er auf die sich
herandrängenden Phantome deutete, befahl er ihnen, mich in die dunkle
Grube zu werfen. Plötzlich jedoch erglänzte in der Finsternis
über mir ein Stern, von dem ein Lichtstrahl mich traf. Ich erfaßte
diesen Strahl gleich einem Seil mit beiden Händen. Und während sich
das Licht um mich her ergoß, wurde ich von jenem dunklen Ort und dem
grauen vollen Palaste hinweg in die Höhe gezogen. — — — Als
ich mich von meinem Erstaunen über die empfangene Hilfe erholt hatte,
befand ich mich mit Treufreund und keinem Geringeren als meinem
östlichen Führer selbst in einer offenen Gegend. Letzterer machte
magnetische Striche über mir, denn ich war von dem Kampfe ganz
zerschlagen und erschöpft. Mein Führer redete mir in liebreichster
Weise zu und erzählte mir, daß er diese Prüfung zugelassen
habe, damit die Erkenntnis der wahren Natur jenes Mannes mir für die
Zukunft ein guter Schutz gegen seine Tücken und Angriffe bilde. "So
lange", sagte er, "als du mit Stolz und Ehrfurcht an diesen Mann
als deinen Vorfahren dachtest, konnte seine Macht dich beeinflussen. Jetzt
aber wird dein eigenes Gefühl des Abscheus als abstoßende Kraft tätig
sein und seinen Einfluß von dir abhalten. Dein Wille ist ebenso stark
wie der seinige; du hättest, wüßtest du es nur, keinen
anderen Schutz nötig. Bei der letzten Zusammenkunft ließest du
deine Sinne betören, damit wurde dein Wille durch dieses dunkle Wesen
gelähmt, bevor du es merktest. Hätte ich dich nicht befreit, so
wäre er imstande gewesen, dich für kurze Zeit seiner Willen zu
unterwerfen und hätte dir dabei ernstlichen Schaden zufügen
können. Hüte dich daher, in dieser Sphäre deine Selbstbeherrschung
noch einmal zu verlieren. Die Herrschaft über dich selbst ist dein
höchstes Gut und kann dir von niemandem genommen werden, es sei denn,
daß dein schwankender Wille selbst sein Einverständnis dazu gibt.
Ich verlasse dich jetzt wieder, um im Geiste deine Pilgerfahrt weiter zu
verfolgen. Sie wird bald beendet sein. Sei guten Mutes, deine Belohnung wird
dir werden von ihr, die du liebst, und die dir stets ihre zärtlichsten
Gedanken sendet." Auf
dieselbe geheimnisvolle Weise, wie er gekommen, war er verschwunden.
Treufreund und ich ließen uns noch einmal nieder, um abzuwarten, was
uns weiter begegnen würde. Ich dachte gerade darüber nach, als zwei
Geister mit wichtiger Miene auf uns zueilten und fragten, ob wir nicht
Mitglieder der Brüderschaft zur Hoffnung seien. Wenn dem so sei,
hätten sie für einen von uns eine Botschaft von einem lieben
Freunde auf Erden zu überbringen. Sie seien von einem unserer Leiter
hierzu beauftragt. Zuerst war ich sehr erfreut. Ich dachte sofort an meinen
Liebling, und hoffte, daß die beiden von ihr gesandt seien, da sie in
ihrem Äußeren nicht so dunkel waren wie die anderen Geister hier.
Ihre Kleider erschienen in einem eigenartig blaugrauen Lichte, das sie fast
wie eine Wolke umgab, so daß ich Mühe hatte, ihre Gesichter zu
unterscheiden. Als mir dies gelang, fuhr ich erschrocken zurück und ein
Gefühl des Mißtrauens beschlich mich. Denn der flackernde Schleier
von graublauer Gaze, der sich zwischen uns befand, wurde zuweilen so
dünn, daß ich unter ihnen zwei höchst widerwärtige dunkle
Geister entdecken konnte. Treufreund drückte zur Warnung heimlich meinen
Arm, und so fragte ich sie mit Vorsicht, was ihre Botschaft sei. — — — "Im
Namen des Propheten", begann der eine, "wir haben dir zu sagen,
daß deine Geliebte sehr krank ist. Sie bittet, daß du ohne Verzug
auf die Erde zurückkehrst, um sie zu besuchen, sonst wird ihr Geist
schon vor deiner Ankunft in Reiche übergegangen sein, in die du ihr
nicht zu folgen vermagst. Wir sollen dir den kürzesten Weg zu ihr zeigen." Ihre
Worte flößten mir anfangs große Angst ein. "Wie lange2,
fragte ich eifrig, "ist es, seit ihr sie verlassen hab?" "Nicht
zwei Tage," war die Antwort, "wir sollen dich sofort zu ihr
bringen. Dein östlicher Führer ist bei ihr und hat uns selbst
gesandt." Nun
wußte ich, daß sie logen, denn mein östlicher Führer
hatte mich eben verlassen und kein Wort davon gesagt, daß meine
Geliebte krank sei. Ich hielt jedoch an mich und sagte: "Gib
mir das geheime Zeichen unserer Brüderschaft, da ich ohne dieses nicht
in der Lage bin, mit euch zu gehen." Der
gazeartige Nebel war fast geschwunden, und ich konnte ihre dunklen
Körperformen immer deutlicher unter ihm wahrnehmen. Als sie nicht sofort
antworteten, sondern sich leise miteinander besprachen, fuhr ich fort: "Wenn
du vom Leiter unserer Brüderschaft gesandt bist, wirst du mir sicherlich
das Gegenzeichen unseres Ordens geben können?" "Ja,
gewiß. Sicherlich kann ich es. Hier ist es — Hoffnung währt
ewiglich" — und er lächelte mit der ehrlichsten Miene. "Gut",
sagte ich, "weiter, den Schluß?" "Schluß?
Bedarfst du noch mehr?" Überrascht stand er da. Der andere
stieß ihn an und flüsterte ihm etwas zu, worauf er
hinzufügte: "Hoffnung währt ewiglich, und Wahrheit ist —
hm — hm — was, mein Freund?" "Unvermeidlich",
sagte der andere. Ich
sah sie beide freundlich an. "Ihr seid so klug, meine Freunde, ohne
Zweifel könnt ihr mir jetzt auch das Symbol geben?" "Symbol?
Teufel! Wir wissen von keinem Symbol, das wir zu geben hätten." "Nicht?"
sagte ich, "dann bin ich es, der es euch geben muß." Sie
erhoben beide die Arme, um mich zu ergreifen. Ich sah hierbei, daß der
eine von ihnen eine geschrumpfte Hand hatte, und wußte nun, wem ich
diesen kleinen Anschlag zu verdanken hatte. Als sie auf mich
losstürzten, trat ich zurück und machte das heilige Zeichen der
Wahrheit, das zu allen Zeiten und in allen Welten dasselbe ist. Beim
Anblick dieses Zeichens stürzten sie auf die Erde nieder, als ob ich sie
niedergeschlagen und betäubt hätte. Hier überließen wir
sie ihrem Schicksal. Als
wir uns entfernten, fragte ich Treufreund, was die beiden seiner Meinung nach
jetzt wohl beginnen würden. "Sie
werden sich", antwortete er, "in kurzer Zeit erholt haben. Du hast
ihnen eine Erschütterung beigebracht und sie für den Augenblick
bewußtlos gemacht, aber bald werden sie wieder mit einer neuen Teufelei
hinter uns her sein. Wärst du mit ihnen gegangen, dann hätten sie
dich in jenen Morast dort drüben geführt und dich halb erwürgt
darinnen umherwandern lassen, oder sie hätten dir noch ernsteren Schaden
zugefügt. Du mußt stets eingedenk sein, daß sie in ihrer
eigenen Sphäre große Macht über dich gewinnen, wenn du dich
ihrer Führung in irgendwelchem Sinne anvertraust." Kapitel 24
Treufreund
schlug nun vor, eine weitere Stadt in diesem merkwürdigen Lande zu
besuchen, um daselbst den Mann zu treffen, dessen Schicksal das meine gewesen
wäre, hätten Beharrlichkeit und Liebe mich nicht aufrecht erhalten.
Unser beiderseitiger Lebenslauf unterschied sich in vieler Hinsicht, doch bot
er auch übereinstimmende Momente, namentlich in bezug auf unsere
Veranlagung. Dieser Umstand ließ mir die Kenntnis seiner
Lebensgeschichte vorteilhaft erscheinen, während ich ihm andererseits
vielleicht in späterer Zeit von Nutzen sein konnte. "Es
sind jetzt mehr als zehn Jahre her", sagte Treufreund, "seit dieser
Mann die Erde verließ. Erst jüngst ist der Wunsch,
fortzuschreiten, in ihm aufgetaucht. Ich fand ihn bei meinem früheren
Besuch hier an diesem Orte. Es war mir möglich, ihm ein wenig Beistand
zu leisten und ihn schließlich unserer Brüderschaft zuzuführen.
Man hat mich benachrichtigt, daß er binnen kurzem diese Sphäre
verlassen wird, um sie mit einer höheren zu vertauschen." Ich
war mit der vorgeschlagenen Reise einverstanden. Nach einem kurzen, aber sehr
raschen Fluge befanden wir uns schwebend über einer weit ausgedehnten
Lagune, auf deren dunklem Grunde eine große Stadt erbaut war. Ihre
Türme und Paläste ragten aus dem Wasser hervor und warfen ihr Bild
darauf wie auf einen Spiegel von schwarzem, mit dunkelroten Linien
durchzogenem Marmor. Letztere machte den Eindruck, als ob es Ströme von
Blut wären. Wie über jener anderen Stadt, so hing auch über
dieser ein dunkler Wolkenmantel, der stellenweise von stahlgrauen oder
feurigroten Dunstströmungen beleuchtet war. Allem Anscheine nach waren
wir im Begriffe, das Venedig dieser unteren Sphären zu betreten. Als ich
diese Vermutung Treufreund gegenüber aussprach, antwortete er: "Ja,
so ist es. Du wirst hier viele berühmte Männer finden, deren Namen
man in der Geschichte ihrer Zeit mit feurigblutigen Lettern geschrieben
findet." Wir
betraten nun die Stadt selbst und besichtigten ihre hauptsächlichsten
Kanäle und Plätze. Ja,
da waren sie, die entstellten Erscheinungen all der herrlichen Plätze,
die uns durch den Stift der Künstler so vertraut waren. Da rauschte es
in den Kanälen, als ob sich aus riesigen Schlachtbänken Ströme
von dunkel gerötetem Blut ergössen. Die Fluten unterwühlten
die Marmorstufen der Paläste und hinterließen zahlreiche
schmutzige Flecke. Selbst aus den Steinen der Gebäude und des
Wegpflasters schien Blut zu sickern und zu träufeln. Die Luft war dick
von rötlichem Dunst. Tief unten in den geröteten Wassern sah ich
die Gerippe der zahllosen Tausenden, die, durch Meuchelmord, oder
gesetzlichere Arten von Mord getötet, in den dunklen Fluten ihr Grab
gefunden hatten. In den Gefängnissen, welche die Stadt unterminierten,
nahm ich viele Geister wahr, die in dichten Haufen wie Raubtiere eingesperrt
waren. Die Wildheit des Tigers und die rachsüchtige Bosheit gefesselter
menschlicher Tyrannen offenbarten sich in ihren glühenden Augen und in
jeder Bewegung ihrer kriechenden Gestalten. Es
waren Geister, für welche die Haft notwendig war, denn sie waren wilder
als Raubtiere. Lange Züge von Amtspersonen der Stadt mit ihren Dienern,
stolze Edle mit ihrem bunten Gefolge von Soldaten, Matrosen und Sklaven;
Kaufleute und Priester, einfache Bürger und Fischer, Männer und
Frauen aller Klassen und aller Zeiten kamen an uns vorüber. Fast alle
waren verkommen und häßlich. Als sie vorüber zogen, schien es
mir, als ob knöcherne Hände und gespensterhafte Arme durch die
Steine des Pflasters aus den darunter befindlichen Gefängnissen
heraufgriffen, um jene in ihr Elend herabzuziehen. Bei vielen bemerkte man
einen abgehetzten Ausdruck im Gesicht, und schwere Sorge schien ihnen
beständig im Nacken zu sitzen. Weit
draußen schwammen auf den Wassern der Lagune gespensterhafte Galeeren,
die mit Sklaven bemannt waren. Sie waren an ihre Ruderbänke gekettet,
aber kein hilfloses Opfer politischer oder privater Rache war unter ihnen zu
finden. Es waren die Geister von hartherzigen Zuchtmeistern und geschickten
Ränkeschmieden, die viele Menschen dem lebendigen Tod überantwortet
hatten. Draußen im offenen Meere gewahrte ich größere
Schiffe, während sich in nächster Nähe im zerstörten
Hafen die geistigen Gegenstücke von Fahrzeugen aufhielten, die der
Seeräuberei in der Adria gedient hatten. Diese waren mit Piratengeistern
bemannt, welche einst Plünderung, Raub und Krieg zu ihrem Vergnügen
getrieben hatten. Ihre Zeit verbrachten sie nun damit, daß sie sich
gegenseitig bekämpften und auch Angriffe auf andere unternahmen.
Gespensterhafte Gondeln schwammen auf den Wasserwegen in der Stadt. Sie
trugen Geister, die noch den Geschäften und Vergnügungen ihres
früheren Lebens oblagen. In
dem Venedig hier, wie auch in den anderen Städten dieser Sphäre,
herrschte ein dem irdischen ähnliches Leben, nur da diesem Orte alles
Gute und Wahre, alle die wirklichen Patrioten und selbstlosen Bürger
fehlten. Nur die Bösen waren geblieben, um sich gegenseitig zu berauben
und in der Hand der Vorsehung ihren verbrecherischen Mitschuldigen
gegenüber als Werkzeuge aufzutreten. Auf
der Brustwehr einer der kleineren Brücken fanden wir einen Mann sitzen,
der die Kleidung der Brüder zur Hoffnung trug — ein dunkelgraues
Gewand, wie auch ich eines im Anfange meiner Wanderungen angehabt hatte.
Seine Arme waren über der Brust gekreuzt und sein Antlitz war durch den
Hut so weit verdeckt, daß man seine Gesichtszüge nicht sehen
konnte. Ich wußte jedoch sofort, daß dies der Mann war, welchem
unser Kommen galt. Ebenso erkannte ich in ihm einen berühmten
venezianischen Maler, mit dem ich in meiner Jugend verkehrt hatte. Wir waren
uns später nicht wieder begegnet. Ich wußte nicht, daß er
die Erde verlassen hatte, bis ich ihn jetzt auf der Brücke dieser
Höllenstadt sitzend fand. Ich gestehe, dieses Wiedersehen
erschütterte mich etwas, indem ich der Tage unserer Jugend gedachte und
was das Leben ihm alles gebracht haben mußte, um aus ihm zu machen, was
er jetzt war. Da
er uns nicht sah, schlug Treufreund vor, ein wenig zur Seite zu gehen, bis er
mir das Schicksal dieses Geistes erzählt habe. Dann wollten wir beide
uns ihm nähern und mit ihm sprechen. Der Ruf dieses Mannes — den
ich Benedetto nennen will, da sein irdischer Name besser in Vergessenheit
bleibt — schien nach unserer Bekanntschaft rasch einen Ruf erlangt zu
haben, denn er war beim Verkauf seiner Bilder sehr erfolgreich. Des
Künstlers reichste Gönner waren Engländer und Amerikaner, die
Venedig besuchten. Im Hause eines solchen begegnete Benedetto der Frau, die
sein ganzes Leben hindurch einen verderblichen Einfluß auf ihn
ausüben sollte. Er war jung, hübsch, feingebildet und stammte aus
einer alten, aber armen Familie. Daher hatte er in der besten Gesellschaft
Venedigs Zutritt. Die Dame, an die Benedetto sein Herz verlor, bekleidete
einen höheren Rang in diesem Gesellschaftskreise. In seiner jugendlich
romantischen Schwärmerei glaubte er, daß sie sich damit
begnügen würde, die Frau eines strebsamen Künstlers zu werden,
der nichts weiter besaß, als sein Talent und seinen wachsenden Ruf. Sie
war kaum zwanzig Jahre alt, als die beiden sich zum erstenmal begegneten.
Ausgestattet mit allen den Reizen ermutigte sie Benedetto in jeder Weise, so
daß der arme Junge glaubte, ihre Liebe sei ebenso innig wie die
seinige. Aber bei all ihrer leidenschaftlichen Sucht nach Bewunderung und
Liebe war sie kaltberechnend, ehrgeizig, oberflächlich und vor allem
unfähig, wahre Liebe zu verstehen oder zu erwidern. Sie fühlte sich
durch seine leidenschaftliche Huldigung geschmeichelt und war stolz, die
Eroberung eines so hübschen und begabten Mannes gemacht zu haben —
aber es lag ihr jeder Gedanke ferne, für ihn irgend etwas zu opfern.
Selbst dann, wenn sie ihm am zärtlichsten erschien, waren ihre
Herzenswünsche darauf gerichtet, die Frau eines venezianischen
Edelmannes mittleren Alters zu werden, nach dessen Reichtum und Rang es sie
gelüstete, während sie den Mann selbst verachtete. Das
Ende von Benedettos Traum kam nur allzu rasch. Er wagte es, seiner Angebeteten
Herz und Zukunft zu Füßen zu legen, indem er ihr die Liebe seiner
Seele gestand. Sie nahm dies alles sehr kühl entgegen und erklärte
ihm, wie unmöglich es ihr sei, ohne Geld und Stellung zu leben.
Schließlich verabschiedete sie ihn mit einer Gleichgültigkeit, die
ihn fast wahnsinnig machte. Er verließ Venedig und ging nach Paris, wo
er sich in alle Zerstreuungen dieser fröhlichen Stadt stürzte, um
seine unglückselige Leidenschaft zu vergessen. So begegneten sich die
beiden mehrere Jahre nicht. Da führte Benedettos Schicksal ihn noch
einmal nach Venedig zurück — geheilt, wie er hoffte. Er war
inzwischen ein berühmter Maler geworden. Die Dame hatte jenen Edelmann
wirklich geheiratet und herrschte nun als Schönheit der Gesellschaft, umgeben
von einer Menge von Bewunderern, die sie nicht immer bei ihrem Gatten
einzuführen für nötig fand. Benedetto war entschlossen, ihr
mit kalter Gleichgültigkeit entgegenzutreten, doch seine Absicht stand
nicht im Einklange mit ihrem Willen. Einmal ihr Sklave, dann für immer
— so war ihre Losung. Noch einmal warb sie um Benedettos Liebe, und
sein Herz war leider bereit zu verzeihen, als sie ihm im gefühlvollsten
Tone sagte, wie sehr sie den Weg jetzt bedauere, den sie eingeschlagen. So
wurde denn Benedetto ihr geheimer Liebhaber und lebte einige Zeit in einem
Rausche von Glück. Doch nur kurze Zeit. Die Dame liebte neue
Eroberungen, neue Sklaven, die ihr huldigten. Benedetto in seiner Eifersucht
und ewigen Ergebenheit wurde ihr langweilig, seine Anwesenheit lästig. Außerdem
war ein anderer Verehrer vorhanden, den die Gräfin bevorzugte. Sie
machte Benedetto gegenüber kein Hehl daraus und gab ihn zum zweiten Male
den Laufpaß. Er drohte, flehte, schwor, daß er sich
erschießen würde, wenn sie sich als treulos erweise. Nach einem
heftigen Auftritte trennten sie sich schließlich und Benedetto ging
nach Hause. Am nächsten Tage ließ man ihm durch den Diener sagen,
daß die Gräfin es ablehne, ihn wiederzusehen. Die bittere Scham
darüber, daß man ihn wie altes Eisen beiseite geworfen hatte, war
zu viel für seine feurige Natur. Er ging in sein Atelier und schoß
sich eine Kugel durch den Kopf. Als
sein Geist zum Bewußtsein kam, geschah es unter all den Schrecken eines
lebendig Begrabenen, der in seinem Sarge erwacht. Er hatte seinen irdischen Körper
zerstört, aber er konnte seinen Geist von ihm nicht loslösen, bis
durch den Verfall des Körpers seine Seele frei wurde. Die ekelhaften
Partikelchen des verwesenden Körpers umhüllten noch den Geist, das
Band zwischen ihnen war noch nicht getrennt. Welch
schreckliches Schicksal, wenn man sich vorstellt, in welch
fürchterlichen Zustand ein unbedachter Schritt aus
Lebensüberdruß die Seele zu stürzen vermag! Wollten die
Menschen auf Erden einem Selbstmörder wirklich einen guten Dienst
erweisen, so würden sie seinen Körper nicht begraben, sondern
verbrennen, damit die Seele durch diesen raschen Prozeß eher aus ihrem
Gefängnis erlöst werde. Die Seele eines Selbstmörders ist
nicht darauf vorbereitet, den Körper zu verlassen; sie gleicht einer
unreifen Frucht, die nicht leicht, von dem irdischen Baume fällt, der
sie ernährte. Eine starke Erschütterung treibt sie zwar hinweg,
aber sie bleibt trotzdem gefesselt, bis das Bindeglied geschwunden ist. Von
Zeit zu Zeit verfiel Benedetto in Bewußtlosigkeit und verlor für
eine Weile das Gefühl seiner schrecklichen Lage. Nach dem Erwachen aus
solchen Zuständen machte er stets die Beobachtung, daß der
irdische Körper ganz allmählich seinen Halt am geistigen verlor und
in Staub zerfiel. Aber solange dies dauerte, hatte er in allen seinen Nerven
die Qual der langsamen Auflösung zu erdulden. Die plötzliche
Zerstörung des irdischen Körpers durch Feuer würde seinem
Geiste zwar einen heftigeren Schlag versetzt haben, hätte ihm aber
wenigstens die andauernde Qual des allmählichen Verfalls erspart.
Endlich wurde die Verbindung zwischen dem materiellen und dem
Geistkörper lockerer und letzterer stieg aus dem Grabe empor, über
dem er sich aufhielt. Er war zwar noch gebunden, aber doch nicht mehr
eingekerkert. Schließlich riß auch das letzte Band, und er konnte
sich in der Erdsphäre auf die Wanderschaft begeben. Im
Anfang war seine Fähigkeit, zu hören, zu sehen und zu fühlen
nur sehr schwach ausgebildet, dann aber entwickelten sich seine Sinne
allmählich und er wurde sich seiner Umgebung bewußt. Mit den
Kräften kehrten auch die Leidenschaften und Wünsche seines
irdischen Lebens zurück. Zugleich wurde ihm das Wissen zuteil, wie er
dieselben befriedigen konnte. Und wieder suchte er wie in seinem Erdenleben,
Kummer und Bitterkeit im Rausche sinnlicher Genüsse zu vergessen. Aber
dieses Mal vergebens. Sein Erinnerungsvermögen blieb stets wach und
quälte ihn mit seiner Vergangenheit. In seiner Seele war ein Durst nach
Rache — nach der Macht, sie ebenso leiden zu lassen, wie sie ihn leiden
ließ. Die starke Kraft seiner Gedanken führte ihn
schließlich dahin, wo sie sich befand. Er traf sie, wie einst umgeben
von ihrem kleinen Hofe fröhlicher Verehrer. Sie war immer noch die selbe
herzlose Person, die durch sein Schicksal nicht gerührt worden war. Der
Gedanke an die furchtbaren Leiden, die die Liebe zu diesem Weibe über
ihn gebracht hatte, machte ihn fast wahnsinnig. Schließlich war sein
ganzes Sinnen und Trachten, wie er Mittel und Wege finden könne, sie
aller jener Dinge zu berauben, die sie höher schätzte als Liebe und
Ehre, ja selbst höher als das Leben ihrer Opfer. Es
gelang ihm, dies zu erreichen. Denn Geister haben mehr Macht, als die
Sterblichen es sich träumen lassen. Stufe um Stufe sank sie von ihrer
stolzen Höhe herab; verlor zuerst ihren Reichtum, dann die Ehre.
Entblößt des Scheines wurde sie als das erkannt, was sie wirklich
war — als eine gemeine Verführerin, welche mit Männerseelen
spielte, unbesorgt um ihres Gatten Ehre und ihren guten Ruf, solange sie ihre
Ränke vor den Augen der Welt verbergen und über den Leichnam jedes
neuen Opfers hinweg zu größerem Reichtum und höherer Macht
gelangen konnte. Benedetto
empfand trotz seines eigenen Elends Trost bei dem Gedanken, daß seine
Hand es war, die sie herabzog und ihren verborgenen Eigennutz entlarvte. Sie
fragte sich erstaunt, wie es kam, daß alle die vielen Ereignisse nur
nach dem einen Ziele drängten nach ihrem Ruine; wie es möglich war,
daß ihre sorgfältigsten Pläne durchkreuzt, ihre
eifersüchtig gehüteten Geheimnisse an das Tageslicht kamen.
Schließlich lebte sie in beständiger Angst vor dem, was jeder neue
Tag bringen konnte. Es war ihr, als ob eine unsichtbare Macht am Werke sei,
deren Walten sie nicht entrinnen konnte. Da dachte sie an Benedetto und seine
letzten Drohungen, daß er sich selbst zur Hölle senden und sie mit
sich ziehen würde. Sie hatte geglaubt, er wolle sie vielleicht
umbringen. Und als sie hörte, daß er sich erschossen habe,
fühlte sie sich erleichtert und hatte ihn bald vergessen. Jetzt aber
mußte sie fortwährend an ihn denken und konnte diese
Zwangsgedanken nicht los werden. Die Angst, er könnte aus dem Grabe
auferstehen und sie heimsuchen, machte sie erbeben. Während
dieser ganzen Zeit stand Benedettos Geist unsichtbar neben ihr und raunte ihr
in die Ohren, daß es seine Rache sei, die sie endlich erreicht habe. Er
sprach von der Vergangenheit und seiner Liebe, die sich nun in brennenden
Haß verwandelt habe. Dieser Haß verzehre ihn wie das Feuer der
Hölle, dessen Flammen auch ihre Seele ergreifen und sie zur Verzweiflung
treiben würden, so wie ihm geschehen. Ihre
Seele fühlte seine lästige Anwesenheit, wenngleich ihre
körperlichen Augen nichts wahrnehmen konnten. Umsonst ging sie
überall hin, wo sie Menschen traf, um ihm zu entrinnen. Der Spuk wich
nicht von ihrer Seite. Von Tag zu Tag wurde dieses Etwas deutlicher, immer
wirklicher, es gab kein Entkommen. Eines Abends endlich sah sie ihn im
mattgrauen Zwielicht, mit wild drohenden Augen voll leidenschaftlichen Hasses
in jeder Linie seines Gesichtes. Diese Erschütterung war zu stark
für ihre überreizten Nerven und sie fiel tot zu Boden. Nun
wußte Benedetto, daß er sein Ziel erreicht und sie getötet
hatte, und daß ihm hinfort das Kainszeichen des Mordes auf der Stirne
brannte. Da ergriff ihn Entsetzen vor sich selbst; die Tat, die er begangen,
erfüllte ihn mit Abscheu. Er hatte beabsichtigt, wenn ihr Geist den
Körper verlasse, ihn mit sich herabzuziehen und ihn ewig zu quälen,
so daß ihre Seele auch jenseits des Grabes keine Ruhe finden sollte.
Doch jetzt war es sein einziges Bestreben, sich selbst und seiner
schrecklichen Tat zu entfliehen, denn alles Gute war in diesem Manne nicht
erstorben. Der Schlag, welcher die Gräfin tötete, hatte ihm die
wahre Natur seiner Rachegefühle zum Bewußtsein gebracht. Da floh
er die Erde; immer weiter hinab führte sein Weg bis zu dieser
Höllenstadt, dem richtigen Wohnort für solche Verbrecher, wie er
einer geworden war. "An
dieser Stelle fand ich ihn", sagte Treuhand. Hier war es, wo ich dem
reuigen Manne Beistand leisten und ihm zeigen konnte, wie er sein Unrecht
wieder gutmachen könne. Er erwartet nun das Kommen der Frau, die er so
sehr liebte und haßte, um sie um Verzeihung zu bitten und ihr selbst zu
vergeben. Sie wurde ebenfalls zu dieser Sphäre herabgezogen, denn auch
ihr Leben war voller Schuld. Hier, in diesen Gegenstück von jener Stadt,
in der die Geschichte ihrer irdischen Liebe spielte, werden sie sich wieder
begegnen. Er erwartet sie nun auf dieser Brücke, wo sie ihn in der
Vergangenheit so oft getroffen hatte." "Wird
sie bald kommen?" "Ja!
sehr bald. Dann wird sein Aufenthalt in dieser Sphäre zu Ende sein und
er wird in eine höhere Sphäre übergehen, wo sein aufgeregter
Geist endlich eine Zeitlang Ruhe finden wird, bevor er mühevollen
Schrittes den steinigen Weg zum Licht betreten wird." "Wird
sie diese Sphäre mit ihm zusammen verlassen?" "O
nein! Man wird ihr ebenfalls zum Fortschreiten behilflich sein, aber die Wege
der beiden gehen weit auseinander. Es bestand keine wirkliche Verwandtschaft
zwischen ihnen, nur Leidenschaft, Stolz und verwundete Selbstliebe. Sie
werden sich hier trennen, um sich nie wieder zu begegnen." Wir
näherten uns jetzt Benedetto. Als ich ihm auf die Schulter klopfte, fuhr
er auf und wandte sich um. Er erkannte mich jedoch nicht sogleich. Da brachte
ich mich ihm in Erinnerung und sagte, wie sehr ich mich freue, unsere
frühere Freundschaft erneuern und in jenen höheren Sphären
fortsetzen zu können, wo wir uns hoffentlich bald wieder treffen
würden. Ich erzählte ihm kurz, daß auch ich gesündigt
und gelitten hätte und nun meinen Weg nach aufwärts ginge. Unser
Wiedersehen schien ihn sehr zu freuen. Er schüttelte meine Hand unter
großer Bewegung, als wir uns verabschiedeten. Treufreund und ich gingen
dann weg und ließen ihn auf der Brücke zurück, um die letzte
Zusammenkunft mit derjenigen zu erwarten, die ihm einst so teuer war und
jetzt nur noch eine schmerzliche Erinnerung für ihn bedeutete. — — — Als
wir uns auf dem Wege von Venedig nach jener Ebene befanden, welche ich jetzt
als die geistige Seite der Lombardei erkannte, wurde plötzlich meine
Aufmerksamkeit durch eine Stimme erregt, die in jämmerlichem Tone um
Hilfe rief. Als ich mich nach rechts wandte, sah ich zwei Geister hilflos am
Boden liegen. Der eine gab mir Zeichen, wie um mich zu veranlassen, zu ihm zu
kommen. In der Meinung, daß jemand meines Beistandes bedürfe,
verließ ich meinen Begleiter und ging, um zu sehen, was es gebe. Der
Geist streckte seine Hand nach mir aus und murmelte, ich möchte ihm
helfen. Als ich mich niederbeugte, machte er zu meiner Überraschung mit
seinen Händen einen Griff nach meinen Beinen und versuchte, mich in den
Arm zu beißen. Der andere dagegen erhob sich plötzlich, um mir wie
ein Wolf an die Kehle zu springen. Mit
einiger Mühe und, wie ich gestehe, mit einer guten Dosis Zorn schüttelte
ich sie ab und trat zurück. Da strauchelte ich plötzlich, und bei
dieser Seitwärtsbewegung sah ich, daß sich hinter mir eine tiefe
Grube geöffnet hatte, in die ich beim nächsten Schritte nach
rückwärts hätte fallen müssen. Ich
erinnerte mich nun der mir gegebenen Anweisungen, meinen niederen
Leidenschaften ja nicht die Zügel schießen zu lassen und mich
durch ein solches Gebahren nicht auf eine Stufe mit diesen Wesen zu bringen.
Der kurze Zornausbruch tat mir daher leid und ich beschloß,
künftig ruhig und kalt zu bleiben. Ich wandte mich den beiden Geistern
wieder zu und bemerkte, daß der eine, den ich für verwundet
gehalten hatte, den Boden entlang auf mich zu kroch, während der andere
gleich einem wilden Tiere zum Sprunge bereit war. Indem ich meine Augen ruhig
auf das Paar heftete, erkannte ich jetzt in dem einen den Mann mit der
geschrumpften Hand und in dem anderen seinen Freund, der mich kürzlich
durch die falsche Botschaft zu täuschen suchte. Ich blickte sie ruhig
an, indem ich mit meiner ganzen Willenskraft innerlich gebot, daß sie
nicht näher kommen dürften. Als ich dies tat, stutzten sie und
hielten inne. Dann wälzten sie sich auf dem Boden, indem sie wie
Wölfe mit den Zähnen fletschten; sie waren jedoch unfähig,
sich mir auch nur einen Schritt zu nähern. In dieser Verfassung
verließ ich sie und eilte Treuhand nach, um ihm mein Abenteuer zu
erzählen. Dieser
lachte und sprach: "Ich hätte dir sagen können, wer jene
beiden waren, Franchezzo. Aber ich fühlte, daß es nicht schaden
könne, dich hier dir selbst zu überlassen, damit es dir
bewußt werde, welch wertvoller Schutz deine eigene Charakterstärke
und Entschlossenheit unter Umständen sein kann. Du bist von Natur aus
willensstark. Solange du deinen Willen nicht gebrauchst, um die Rechte
anderer zu schmälern, ist er eine wertvolle Eigenschaft. Bei deiner
Arbeit in der geistigen Welt wirst du gefunden haben, daß dein Wille
der mächtige Hebel ist, durch den du nicht allein auf deine Umgebung
wirken kannst, sondern auch auf die scheinbar unbeseelte Materie. Diese
beiden Geister werden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit deinen Weg kreuzen. Ich
denke, daß du ihnen dann wie jetzt zeigen wirst, wer ihr Meister, wer
die gebietende Persönlichkeit ist. Sie werden sich scheuen direkt wieder
mit dir anzubinden. Solange du aber auf dem Erdenplan arbeitest, wirst du sie
stets bereit finden, deine Pläne nach Möglichkeit zu
vereiteln." Kapitel 25
Vor
unserem Auge entrollte sich in wellenförmigen Linien eine
weitausgedehnte Ebene, auf der große Massen dunkler Geister marschierten.
Auf Treufreunds Rat hin bestiegen wir eine kleine Anhöhe, um von hier
aus diese Bewegungen zu verfolgen. "Wir
werden jetzt", sagte Treufreund, "Zeugen einer jener Schlachten
sein, ausgefochten von den feindlichen Streitkräften solcher dunkler Geister,
die an Krieg, Plünderungen und Blutvergießen ihre Freude hatten.
Hier in der Dunkelheit, welche die Folge ihrer Grausamkeit und Ehrsucht auf
Erden ist, üben sie ihre Tätigkeit weiter aus, indem sie um die
Vorherrschaft in den Reichen der Hölle miteinander kämpfen. Schau,
wie sie ihre Kräfte zu einem Angriff auf die anderen sammeln und
beobachte die Geschicklichkeit ihrer Heeresbewegungen. Die mächtigen
Geister von Männern, die auf Erden Heere führten, lenken hier die
unglücklichen Wesen, welche ihrem Zauber nicht widerstehen können.
So zwingen sie die weniger starken Geister, unter ihren Fahnen zu
kämpfen, ob sie wollen oder nicht. Du
wirst bemerken, daß diese mächtigen Feldherren in einem
schlimmeren als nur tödlichen Kampfe liegen, denn kein Tod kann den
Streit beenden. Sie erneuern den Kampf immer wieder, sodaß er bis in
alle Ewigkeit zu dauern scheint. Oder bis der eine oder andere Führer
schließlich Überdruß empfindet und nach einem höheren
Triumph der Seele verlangt als der, welcher über diese armen Wesen in
Schlachten zu gewinnen ist, wo der Sieg nur ein neues Recht verleiht, den
Besiegten zu quälen und zu unterdrücken. Dieselben Triebe und
Gaben, die jetzt in Ehrgeiz und in Verlangen nach Grausamkeit und Herrschaft
als einziges Ziel ausgeartet sind, werden geläutert diese Geister zu
mächtigen Helfern machen, wo sie jetzt Zerstörer sind. Dieselben
Willenskräfte werden dann den Fortschritt im gleichen Maße
beschleunigen, wie sie ihn jetzt verzögern. Wann dieser Fortschritt
stattfinden wird, hängt für jeden ab vom Erwachen der schlummernden
Liebe zur Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn auch diese Keime des
Höheren zwischen der Masse von Bösen, das sie belastet, verborgen
liegen, so wird doch für jeden eine Zeit kommen, wo die höhere
Natur erwacht und diese ausgestreuten Keime des Guten zum Treiben bringt. Die
Folge davon ist Reue, sowie eine reichliche Ernte von Streben nach guten
Werken." Wir
überschauten die weite Ebene und bemerkten jetzt, daß die beiden
gewaltigen Geisterheere aufmarschiert waren und sich in Schlachtordnung
gegenüberstanden. Hier und dort nahmen wir starke Geister wahr, von
denen jeder seine Schar, oder Abteilung, wie bei einer irdischen Armee
anführte. Auf dem Flügel der feindlichen Kräfte befanden sich
zwei majestätische Wesen, die als Vorbilder zu Luzifer hätten
dienen können, so stark war der Eindruck von Macht und hoher
Intelligenz, den sie auf mich machten. Jeder von ihnen war schön und
stattlich in bezug auf Gesicht und Gestalt — von königlicher Majestät
selbst bei der Entwürdigung, die ihnen in der Hölle widerfahren.
Aber es war die Schönheit eines wilden Tigers, der seinem Feinde
auflauert, um ihn in Stücke zu reißen. Dunkel und abstoßend
waren ihre Mienen, grausam wild ihre glühenden Augen und ein falsches
Lächeln ließ scharfe Zähne wie die von Raubtieren erkennen.
Die List der Schlange war in ihrem Blick und die Gier des Geiers in ihrem
Lächeln. Beide fuhren in ihren Streitwagen, gezogen von den Geistern
herabgekommener Menschen, die sie wie Lasttiere vorwärts trieben, und
die im Gemenge wie das Vieh niedergetreten wurden. Wilde
Musikweisen, die sich wie das Wehgeschrei verdammter Seelen und das Brausen
eines gewaltigen Orkans anhörten, erschallten auf beiden Seiten der
versammelten Heere. Auf einmal rückten sie vor und fielen
übereinander her, indem sie durch die Luft sausten, oder sich am Boden
entlang bewegten — stoßend, drängend und trampelnd wie eine
Herde wilder Tiere. Wo sie kamen und gingen, erfüllten ihre Flüche
als grimmiges Geschrei die Luft und machten die Hölle noch
scheußlicher als sie schon war. Sie unternahmen Angriffe und
Gegenangriffe, machten Märsche und Gegenmärsche, diese geistigen
Armeen des Todes — wie sie es in den Schlachten des Erdenlebens getan
hatten. Sie kämpften wie Dämonen, nicht wie Menschen, denn sie
hatten keine anderen Waffen als die der wilden Tiere — Zähne und
Klauen. Ist schon eine Schlacht mit irdischen Waffen entsetzlich, so war dies
hier doppelt der Fall, wo man wie Wolf und Tiger kämpfte, während
die beiden mächtigen Führer die Massen vorwärts drängten
und sich an ihre Spitze stellten, wenn in Verlauf des Kampfes die eine oder
andere Seite zurückgeworfen wurde. Diese
beiden dunklen königlichen Geister ragten aus allen hervor. Jeder auf
die Vernichtung des anderen bedacht, erhoben sie sich über die
fechtenden Massen und hefteten den Blick in tödlichstem Haß
aufeinander. Mit ihren dunklen Gewändern, die sich wie Flügel
hinter ihnen ausspannten, durch die Luft fliegend, rangen und stritten sie
heiß um die Herrschaft. Es war, als ob zwei Adler in den Lüften
miteinander kämpften, während unter ihnen eine Menge Aaskrähen
sich um Würmer stritten. Ich wandte mich von den Krähen ab, um die
Adler zu beobachten, wie sie, mit keinen anderen Waffen als ihren Händen
und ihrem mächtigen Willen, gleich wilden Tieren im Gehölz
miteinander kämpften. Sie
stießen keinen Laut aus, sondern faßten sich mit tödlichem
Griff, damit keiner sich erhole, und zerrten sich in der Luft hin und her.
Bald war der eine, bald der andere oben. Ihre grimmigen Blicke kreuzten sich
wie feurige Pfeile, mit ihrem heißen Atem versengten sie sich
gegenseitig das Gesicht. Mit ihren Fingern packten sie sich an der Kehle, und
jeder suchte seinen Gegner mit den Zähnen zu fassen. Auf und ab wanden
sie sich, so daß es ein Todeskampf für beide zu sein schien.
Schließlich begann einer schwach zu werden. Der andere kam obenauf und
trug ihn zu Boden, um ihn über einen steilen Abhang hinab in eine der
Felsenspalten zu stürzen, die das Schlachtfeld umsäumten. Es war
eine finstere und grauenvolle Kluft, in die er den Besiegten zu stoßen
beabsichtigte, um ihn gefangen zu halten. Der Unterlegene wollte nicht
nachgeben und hing sich mit aller Gewalt an den anderen, um ihn wenn
möglich mit sich herabzureißen. Jedoch vergebens, seine
Kräfte verließen ihn. Als sie die schwarze Spalte erreichten, sah
ich, wie der oberste sich durch eine mächtige Anstrengung frei machte
und den anderen von sich hinweg in die schreckliche Tiefe hinabschleuderte. Mit
Schaudern wandte ich mich ab und bemerkte, daß der Kampf nicht minder
grimmig auf der Ebene gewüstet hatte. Jene Geisterheere hatten
heiß gefochten, und die Armee des siegreichen Feldherrn hatte die
Streitkräfte des Besiegten zurückgeschlagen, bis sie bezwungen und
nach allen Richtungen hin zerstreut waren. Ihre kampfunfähigen Kameraden
hatten sie auf dem Felde liegen lassen, während die Sieger ihre
Gefangenen mit sich nahmen. Welches Schicksal dieser harrte, konnte ich nur
allzuleicht erraten. Von
Ekel und Abscheu über die Roheiten erfüllt, hätte ich den Ort
gerne verlassen, aber Treufreund klopfte mir auf die Schulter und sprach:
"Nun ist die Zeit für unser Werk gekommen, mein Freund. Laßt
uns dort hinabsteigen und sehen, ob niemand da ist, dem wir helfen
können. Unter den Besiegten werden wir solche finden, die den Krieg und
seine Schrecken ebenso verabscheuen wie du, und die über unsere Hilfe
sehr erfreut sein dürften." So stiegen wir dann hinab. Die
Ebene glich einem Schlachtfelde nach Anbruch der Nacht, auf dem nur die
Verwundeten und Toten zurückgeblieben. Alle anderen Geister waren auf
und davon, wie eine Schar böser Vögel, welche nach frischem Aas
suchen. Ich stand jetzt zwischen einer Menge sich krümmender und
klagender Wesen und wußte nicht, wo ich mit meiner Hilfe beginnen
sollte — es waren der Hilfsbedürftigen so viele! Es war tausendmal
schlimmer als auf einem Schlachtfelde der Erde. Dort gab es wenigstens Friede
und Todesschlaf, um die Qual zu lindern, und Hoffnung auf Hilfe für die,
welche noch lebten. Hier jedoch in dieser grauenvollen Hölle schien es
keine Hoffnung, keinen Tod zu geben, der die Leidenden erlöste. Keinen
Morgen, der nach der Nacht des Elends heraufdämmern konnte. Wenn sie
sich erholten — würde dieses schreckliche Leben nicht von neuem
beginnen und stets von diesen grimmigen Bestien von Menschen umgeben sein? Ich
beugte mich nieder und versuchte das Haupt eines Unglücklichen zu heben,
der wehklagend zu meinen Füßen lag. Sein geistiger Körper
schien zu einer formlosen Masse zermalmt. Als ich dies tat, ertönte die
geheimnisvolle Stimme an mein Ohr: "Auch
in der Hölle ist Hoffnung vorhanden, wozu wärst du denn sonst hier?
Die dunkelste Stunde ist immer die vor der Dämmerung. Für diese
Besiegten und Gefallenen ist nun die Stunde der Verwandlung gekommen. Der
Wunsch nach besseren Zuständen, das Zurückschaudern vor dem
Bösen ihrer Umgebung hat sie im Vollbringen von Übeltaten der
Hölle und ihrer Bewohner schwach gemacht. Er ließ sie zögern,
mit der unbarmherzigen Kraft jener anderen herzloseren Wesen vorzugehen. So
wurden sie niedergerungen und besiegt, aber ihre Ohnmacht wird ihnen die
Pforten zu einem besseren Zustande öffnen. Klage nicht um sie, sondern
suche Leiden zu mildern, damit sie in den Todesschlaf dieser Sphäre
versinken und in der nächst höheren Sphäre zu neuem Leben
erwachen. "Und
was", fragte ich, "soll mit jenem mächtigen Geiste geschehen,
der in die dunkle Kluft hinabgestoßen wurde?" "Auch
ihm wird zur rechten Zeit Beistand geleistet werden, doch jetzt ist seine
Seele noch nicht reif zur Hilfe. Bis dahin ist jede Bemühung nutzlos." Die
Stimme verstummte. Treufreund zeigte mir, wie ich die Müden in Schlaf
versetzen solle und wies auf zahlreiche Lichtpunkte hin, die auf diesem Felde
der Qual gleich Sternen sichtbar geworden waren. Sie rührten von unseren
Ordensbrüdern her, die gleich uns auf ihrem Wege der Liebe und
Barmherzigkeit sich hierhergezogen fühlten. Kurze Zeit nach dem die sich
wälzenden, wehklagenden Geister in Bewußtlosigkeit versunken
waren, hatte ich ein Gesicht, das seltsam und wundervoll war. Über jeder
stillen Gestalt erhob sich schwebend ein schwacher, nebeliger Dunst, wie ich
es einst bei einem Geiste beobachtet hatte, den wir gerettet hatten.
Allmählich wurden diese Dünste dichter und nahmen die Gestalt
seiner erlösten Seele an. Dann wurden diese von Scharen ätherischer
Geister, die sich zu unseren Häupten versammelt harren, hinweggetragen,
bis endlich der letzte gegangen und das Werk vollendet war. Kapitel 26
Jene
Brüder der Hoffnung, die gleich mir den verwundeten Geistern Beistand
geleistet hatten, gehörten alle zur selben Abteilung wie ich. Die
kleinen Sternenlichter, die wir alle bei uns führten, leuchteten in der
Tat wie Symbole der Hoffnung in der Finsternis. Treufreund und ich schlossen
uns den anderen an und tauschten Begrüßungen und Glückwünsche
aus wie Soldaten, die nach einem erfolgreichen Feldzuge nach Hause
zurückkehren. Bevor
wir den Feuerring, der dieses Reich umschloß, wieder durchschritten,
führte uns der Leiter unserer Truppe auf einen hohen Berg. Hier konnten
wir alle Städte, Ebenen und Gebirge des "Landes der
Finsternis" überblicken, die ein jeder von uns auf seiner
Wanderschaft berührt hatte. Vom Gipfel des Berges aus vermochten wir das
gewaltige Panorama der Hölle vor unseren Füßen zu betrachten.
Dann richtete unser Führer folgende feierliche Worte an uns: "Dieses
Land, auf das wir jetzt herabschauen, ist nur ein verschwindend kleiner Teil
der großen Sphäre, welche die Menschen mit "Hölle"
zu bezeichnen pflegen. Es gibt auch über uns noch dunkle Sphären,
wo eine Seele tief zu sinken vermag in schreckliche Verbrechen und Leiden.
Die große Zone dunkler Materie, aus welcher diese niedrigste aller
Erdsphären gebildet ist, erstreckt sich viele Millionen Meilen um uns
her. Sie birgt in ihrem Bereiche alle jene sündhaften Seelen, die ihr
materielles Leben auf der Erde verbracht haben. Ihr Dasein geht zurück
bis in die entferntesten Zeitalter, wo der Planet Erde die ersten
selbstbewußten Wesen heranreifen ließ, deren Bestimmung es war,
durch Leiden sich zu erlösen, bis sie sich von allen Schlacken ihrer niederen
Natur gereinigt haben würden. Die ungeheure Zahl von Seelen ist gleich
den Sternen am Himmel und dem Sande am Meer, denn jeder Mensch baut sich
seine Wohnung auf den höheren oder tieferen Ebenen selbst. So werden
diese großen Sphären bevölkert und es bilden sich ihre
mannigfaltigen Wohnorte heran. Weit
über das Fassungsvermögen eines Sterblichen hinaus ist die
Mannigfaltigkeit der Myriaden von Orten in den Sphären, da jeder das
individuelle Gepräge des Geistes trägt, durch dessen
Lebenstätigkeit er entstanden ist. Wie unter den zahllosen
Geschöpfen der Erde nicht zwei Gesichter, nicht zwei Seelen sich
völlig gleichen, so stimmen auch in der geistigen Welt keine zwei
Plätze überein. Jeder Ort, ja selbst jede Sphäre ist die besondere
Schöpfung verschiedener Klassen von Geistern. Und da verwandte Seelen
sich in der geistigen Welt zueinander hin gezogen fühlen, wird jeder
Platz der besonderen Eigenart seiner Bewohner entsprechen. Wenn
ihr daher eine Beschreibung von einer Sphäre gebt, so könnt ihr
natürlich nur erzählen, was ihr gesehen habt und könnt nur
jene Orte schildern, von denen ihr angezogen wurdet. Ein anderer Geist, der
einen anderen Teil derselben Sphäre gesehen hat, wird diese
möglicherweise so ganz anders beschreiben, daß die Menschen, die
alle Dinge nach ihrem eigenen Maßstab von Wahrscheinlichkeit messen,
behaupten werden, daß ihr beide Unrecht haben müßt, da ihr
in der Schilderung so weit auseinandergeht. Sie vergessen, daß Rom
nicht Mailand, Genua oder Venedig ist, und doch liegen alle diese Städte
in Italien. Alle werden gewisse charakteristische Eigentümlichkeiten,
aber auch übereinstimmende nationale Züge haben. Um noch
drastischere Beispiele anzuführen: New York und Konstantinopel sind
beide Städte auf dem Planeten Erde, doch besteht zwischen ihnen und
ihrer Bevölkerung ein so großer Unterschied, daß wir nicht
mehr nach gemeinsamen nationalen Eigentümlichkeiten suchen können.
Beide sind zwar von der menschlichen Rasse bewohnt, ihrem Äußeren
nach, sowie in Gewohnheiten und Sitten aber grundverschieden. Auf
euren Wanderungen zu allen den unglücklichen Wesen, die ihr in dem Sumpf
ihrer Sünden kriechend fandet, werdet ihr die unzerstörbaren Keime
menschlicher Seelen beobachtet haben. Solange auch die Prüfung einer
Seele dauern mag und sie die Stunde ihrer Erlösung durch Verkehrung
ihrer Kräfte verzögern kann: allen ist dennoch das ihnen angeborene
Recht der Hoffnung zuteil geworden. Für jede Seele wird
schließlich die Stunde des Erwachens kommen. Selbst jene, die zu tiefsten
Tiefen herabgesunken sind, werden sich erheben und sich wieder zu jener
Höhe emporschwingen, von der sie einst ausgegangen waren. Bitter
und schrecklich ist die Schuld, welche die sündige Seele für ihre
wilden Ausschweifungen bezahlen muß; aber einmal bezahlt, ist diese
beglichen für immer, es gibt keinen unerbittlichen Gläubiger, der
zu dem reuigen Verschwender sagen kann: Gehe hin, dein Schicksal ist
besiegelt und die Stunde der Erlösung ist verpaßt. O Brüder
der Hoffnung! Kann der Mensch in seiner Kleinheit die Allgüte Gottes je
ermessen? Kann der Mensch der Gnade des All-Liebenden eine Grenze setzen und
behaupten, sie werde einem gramgebeugten Sünder verweigert, wie
groß auch dessen Schuld sei? Gottes Stimme spricht zu uns in jedem
Grasblatt, das sich entfaltet, in jedem Lichtstrahl, der uns trifft:
"Wie groß ist die Güte und Barmherzigkeit unseres
Gottes!" Seine Stimme ertönt durch seine Engel und dienenden
Geister allen, die bereuen und um Vergebung flehen. Sie verkündet,
daß Gnade und Verzeihung stets voll und ganz allen gewährt wird,
die sie ernstlich suchen und getreulich streben, sie zu verdienen. Selbst
jenseits des Grabes, ja noch innerhalb der Hölle gibt es Barmherzigkeit
und Verzeihung, Hoffnung und Liebe für alle. Kein Atom der unsterblichen
Seelenessenz, die dem Menschen eingehaucht zu einer bewußten,
lebendigen Individualität herange-wachsen ist,
geht jemals wieder verloren, noch wird es der gänzlichen Vernichtung,
oder ewigen Pein preisgegeben. Diejenigen, welche anderes lehren, irren
— ich hätte fast gesagt: sündigen! Sie verschließen
damit dem Menschen die Tür der Hoffnung und machen seine irrende Seele
um so mehr zweifeln, je hoffnungsloser sie ist. Denn sie glaubt dann,
daß der Tod das Endsiegel der Verdammnis auf ihr Schicksal
gedrückt habe. Ich wünsche, daß ihr auf den Erdenplan
überall die Wahrheit verkündigt, die ihr auf euren Wanderungen
erkannt habt. Seid auch darauf bedacht, daß alle das Gefühl der
Hoffnung haben und einsehen, wie notwendig es ist, auf den rechten Weg zu
achten, solange es noch Zeit ist. Viel leichter ist es für den Menschen,
seine Übeltaten noch auf Erden wieder gutzumachen, als wenn er damit
wartet, bis der Tod eine Schranke zwischen ihm und denen gesetzt hat, mit
welchen er sich versöhnen möchte. Alles,
was ihr in jenen Höllen gesehen habt, war die Frucht von der Menschen
schlechtem Lebenswandel — die Frucht der Werke ihrer eigenen
Vergangenheit auf Erden. Nichts war da vorhanden, das einer Schöpfung
der wahren Seelennatur entsprochen hätte. So schrecklich euch auch die
dunklen Gefängnisse erschienen, so tief erschüttert ihr auch beim
Anblick dieser unglücklichen Geister gewesen seid: stets müßt
ihr euch erinnern, daß sie sich zu dem, was sie sind, selbst gemacht
haben. Gott hat keines Gramms Gewicht der Bürde irgend eines Menschen
zugefügt. So muß es Aufgabe eines jeden sein, das wieder gut zu
machen, was er zerstört hat, das wieder zu läutern, was er in den
Staub getreten hat. Dann werden diese verkommenen Gestalten samt ihrer
schrecklichen Umgebung mit glücklicheren Verhältnissen, reineren
Körpern und friedlicheren Behausungen vertauscht werden. Wenn endlich im
Laufe der Zeit das Gute auf Erden alles Böse überwunden haben wird,
werden diese traurigen Gegenden und Plätze hinweggefegt werden, wie der
Meeresschaum durch die Wellen der ansteigenden Flut. Klare Wasser des Lebens
werden sich über diese Orte ergießen und sie reinigen, bis jene
schwarzen Berge, die schwere Atmosphäre und die schmutzigen
Wohnplätze im läuternden Feuer der Reue aufgehen. Nichts
ist für immer verloren, nichts kann für ewig vernichtet werden.
Jene Atome, die euer Körper heute anzieht, werden morgen wieder
abgestoßen und gehen weiter, um andere Formen zu bilden. Die
Ausströmungen der geistigen Natur des Menschen bilden jetzt in den
Erdsphären Formen. Wenn aber später kein genügend grober
Magnetismus mehr vorhanden sein wird, um jene groben Partikelchen
zusammenzuhalten, aus denen die niederen Erdsphären bestehen, dann
werden diese Atome von der Gefolgschaft der materiellen und geistigen Erde
entbunden. Sie schweben dann frei im Äther, bis sie zu einem anderen
Planeten hingezogen werden, dessen Sphären ihren Eigenschaften verwandt
sind und dessen geistige Bewohner sich auf einer gleichartig-dichten Ebene
befinden. So bildeten eben diese Berge und dieses Land hier in der Vergangenheit
die niederen Sphären anderer Planeten, die jetzt schon zu hochentwickelt
sind, um sie noch anzuziehen. Wenn unsere Erde aufgehört hat sie
festzuhalten, werden sie abgestoßen, um die Sphären eines anderen
Planeten zu bilden. So
sind auch unsere höheren Sphären aus mehr ätherisierter, aber
immer noch stofflicher Materie gebildet, die den Sphären
vorgeschrittenerer Planeten entstammt. Ihre Atome werden einst auch unsere
Erde verlassen, um von einem Nachfolger wiederum aufgesogen zu werden. Nichts
geht verloren, nichts ist wirklich neu. Die Dinge sind nur neue Kombinationen
von dem, was bereits bestand und seinem Wesen nach ewig ist. Welch letzte
Höhe der Entwicklung wir erreichen werden? Niemand kann es wissen, da es
für unsere Erkenntnis und unseren Fortschritt keine Grenzen gibt. Wir
müssen selbst die andauerndsten Prüfungen des Erdenlebens in diesen
dunklen Sphären als Stufen betrachten, auf denen wir schließlich
zum Throne der Himmel hinansteigen. Was
wir sehen und begreifen können, ist die allzeit gegenwärtige
Wahrheit, daß die Hoffnung ewig und ein Fortschritt stets möglich
ist, selbst für die niedrigste und verkommenste Seele. Diese große
Wahrheit sollt ihr allen Menschen predigen, wenn ihr zu den Erdsphären und
eurer Arbeit daselbst zurückkehrt. Und wie man auch geholfen hat, so
legen euch wiederum Dankbarkeit und Liebe die Verpflichtung auf, anderen
Beistand zu leisten. Laßt
uns jetzt diesem dunklen Lande Lebewohl sagen: nicht in Trauer über
seine Trostlosigkeit und Sünden, sondern in vertrauensvoller Hoffnung
und im ernsten Gebet für die Zukunft aller, die sich noch in den Fesseln
des Leidens und der Sünde befinden." Nachdem
unser großer Führer seine Ansprache geschlossen hatte, warfen wir
noch einen letzten Blick auf das dunkle Land. Vom Berge herabsteigend,
durchschritten wir noch einmal den Feuerring, dessen Partikel wie zuvor durch
unseren Willen zur Seite getrieben wurden, so daß wir in voller
Sicherheit hindurch konnten. Hiermit
waren meine Wanderungen in den Reichen der Hölle beendet. * * * DURCH DIE
GOLDENEN PFORTEN
Kapitel 27
Bei
der Rückkehr in das Land der Dämmerung wurde uns von der
Brüderschaft ein königlicher Empfang zuteil, und ein Fest wurde uns
zu Ehren veranstaltet. In unseren kleinen Zimmern fand jeder ein neues Gewand
für sich bereit gelegt. Es war von hellgrauer, fast weißer Farbe,
während Saum, Gürtel und das Abzeichen unseres Ordens — ein
Anker und ein Stern auf dem linken Arm — in tiefen Goldgelb gehalten
waren. Ich
schätzte dieses neue Gewand hoch, denn im Jenseits versinnbildlicht das
Kleid die Entwicklungsstufe eines Geistes und gilt als Ausweis für
dessen Errungenschaft. Noch teurer als dieses neue Gewand war mir jedoch ein
Kranz von reinen, weißen Geisterrosen, die um das magische Bild meiner
Geliebten gewachsen waren und es einfaßten — ein Rahmen der
niemals welkte und dessen Wohlgeruch zu mir herüberduftete, als ich mich
auf mein schneeweißes Ruhebett niederlegte. Ein
Freund, der mich zum Feste rief, weckte mich aus meiner Träumerei. Als
ich den großen Saal betrat, fand ich darin meinen Vater und einige
Freunde, die ich von meinen Wanderungen her kannte. Wir begrüßten
einander mit großer Herzlichkeit, und nachdem wir ein ähnliches
Mahl zu uns genommen hatten wie bei meinem ersten Eintritt in diese
Sphäre, versammelten wir uns alle am unteren Ende des Saales vor einem
Vorhang in Grau-Gold, der die Wand vollständig bedeckte. Wie
von einem vorüberziehenden Windhauch getragen, traf nun eine sanfte
Melodie unser Ohr. Diese wurde voller und deutlicher, bis wir in feierlich
ernstem Takt einen Marsch vernahmen, erhaben und voll Pathos. Dann glitt der
Vorhang zur Seite und ein riesiger Spiegel von schwarzpoliertem Marmor wurde
sichtbar. Die Musik ging in einen anderen Takt über, zwar immer noch
erhaben und feierlich, doch mit Disharmonien untermischt. Sie wurde unsicher
und ungleichmäßig im Takt, und in schleppendem Tempo erklang ihre
Weise. Der
Raum um uns her verdunkelte sich, bis wir kaum die Gesichter der anderen
erkennen konnten. Langsam schwand das Licht und schließlich war die
schwarzpolierte Fläche des riesigen Spiegels alles, was wir zu sehen
vermochten. In ihm nahm ich die Gestalten zweier Mitglieder unserer
Expedition wahr. Sie bewegten sich, sprachen miteinander, und die Szenerie um
sie herum trat deutlich hervor. Diese stellte eine Gegend in der Hölle
dar, die wir verlassen hatten. Die gespensterhafte Musik rührte meine
Seele zutiefst und über dem Anblick des Dramas, das sich vor meinen
Augen entrollte, vergaß ich alles. Es war mir, als ob ich noch einmal
in den dunklen Tiefen der Hölle wanderte. Bild
um Bild erschien, bis man uns die verschiedenen Erfahrungen eines jeden
unserer Truppe — vom geringsten Mitglied an bis zu unserem Führer
selbst — vor Augen geführt hatte. Die letzte Szene zeigte die
ganze versammelte Schar auf dem Berge, wie sie der Abschiedsrede unseres
Führers lauschte. Gleich dem Chore in einer griechischen Tragödie
schien die Musik alles zu begleiten und auszumalen. Jeder Stimmung und
Handlung des Dramas gab sie entsprechenden Ausdruck, traurig und
sorgenschwer, voller Ruhe und Triumph, dann wieder klagend, stöhnend,
kreischend, oder in ein leises, wiegendes Lied übergehend, als ob eine
arme gerettete Seele endlich Ruhe gefunden hätte. Dann schwoll sie
wieder zu wilden Akkorden von Geheul, grimmigem Schlachtgeschrei, rauhen
Flüchen und Verwünschungen an; jetzt in die tosenden Wogen einer
rauschenden Weise ausbrechend, dann unter gebrochenen disharmonischen
Tönen dahinschmelzend. Als
endlich die Schlußszene vorgeführt wurde, klang sie in einer Klage-Arie
von höchster Lieblichkeit aus und erstarb dann allmählich. Nachdem
die Musik verstummt war, schwand die Dunkelheit und der Vorhang schloß
sich wieder über dem schwarzen Spiegel. Wir alle wandten uns mit einem
Seufzer der Erleichterung dankerfüllt ab, um einander zu
beglückwünschen, daß unsere Wanderungen in jenem dunklen
Lande überstanden waren. Ich
fragte meinen Vater, auf welche Weise diese Wirkung hervorgerufen worden sei,
ob es eine Illusion oder sonst etwas gewesen wäre. "Mein
Sohn", antwortete er, "was du gesehen hast, ist eine Nutzanwendung
höherwissenschaftlicher Erkenntnis. Dieser Spiegel hat die Eigenschaft,
daß er Bilder aufnimmt und reflektiert, die von einer Reihe von
dünnen Metallplatten — oder richtiger den geistigen Teilen von
Platten irdischen Metalls auf ihn geworfen werden. Die Metallplatten selbst
werden so hochempfindlich gemacht, daß sie imstande sind, jene Bilder
aufzunehmen und festzuhalten. Der Vorgang hierbei ist ähnlich dem, als
wenn ein Phonograph, den du aus deinem Erdenleben kennst, die Schallwellen
auffängt und bewahrt. Während
eurer Wanderung in jenen dunklen Sphären wurdet ihr in magnetische
Verbindung mit diesem Apparat gebracht; die Erlebnisse eines jeden von euch
wurden dadurch auf eine dieser sensitiven Platten übertragen. Die
Gemütsbewegungen der einzelnen Expeditionsteilnehmer machten die
entsprechenden verwandten Töne in den Sphären der Musik vibrieren. Du
gehörst zu den Sphären, in denen Kunst, Musik und Literatur sich
bewegen. Deshalb bist du fähig, die Schwingungen dieser Ebenen zu sehen,
zu fühlen und zu verstehen. In der geistigen Welt spiegeln sich alle
Gemütsbewegungen, Reden oder Ereignisse in sichtbaren Formen wieder. Sie
werden für diejenigen, welche sich mit diesen Formen und Schwingungen in
Harmonie befinden, zu Bildern, Melodien, oder gesprochenen Erzählungen.
Die geistige Welt ist durch die Gedanken und Handlungen der Seele geschaffen,
deshalb bringt jede Tat und jeder Gedanke ein geistigmaterielles
Gegenstück hervor. In dieser Sphäre wirst du manchem begegnen, was
bis jetzt den Menschen auf Erden nicht bekannt ist. Viele merkwürdige
Erfindungen wirst du kennen lernen, die mit der Zeit der Erde
übermittelt und dort in irdische Form gekleidet werden. Doch siehe! Du
sollst jetzt den Palmenzweig in Empfang nehmen, den jeder von euch als
Siegespreis erhält." In
diesem Augenblicke öffneten sich die breiten Türen des Saales und
unser Großmeister trat ein. Er war von demselben Zuge hübscher
Jünglinge gefolgt wie früher, nur daß dieses Mal jeder einen
Palmenzweig statt des Lorbeerzweiges trug. Nachdem der Großmeister
unter seinem Baldachin Platz genommen hatte, wurde jeder aufgefordert, vor
ihm zu erscheinen, um seinen Zweig in Empfang zu nehmen. Als dies geschehen,
sangen wir alle eine frohe Siegeshymne, wobei unsere jauchzenden Stimmen die
Luft in triumphierender Harmonie erzittern ließen. — — — Ich
pflegte nun eine längere Zeit der Ruhe, in jenem halb wachen,
halbschlafähnlichen Zustande, wo der Geist zu ermüdet ist, um zu
denken und doch das volle Bewußtsein von dem hat, was um ihn vorgeht.
Aus diesem Zustande, welcher einige Wochen andauerte, erwachte ich, als ich
mich von den Nachwirkungen in den dunklen Sphären vollständig
erholt hatte. Mein
erster Gedanke war, meine Geliebte zu besuchen und festzustellen, ob sie sich
meiner Erscheinung bewußt werde. Ich will jedoch bei der Schilderung
dieses Wiedersehens nicht verweilen — ich habe ja nur zu zeigen,
daß der Tod nicht notwendigerweise unsere Zuneigung für die,
welche wir verlassen haben, endet. Ich fand, daß es mir jetzt viel
besser gelang, mit meiner Geliebten durch deren eigene mediale Kräfte zu
verkehren und wir daher keiner dritten Person mehr bedurften, um zwischen uns
zu vermitteln. So fühlte ich mich denn im Bewußtsein, daß
ihre treue Liebe mich geleitete und sie von meinen Fortleben überzeugt
war, in meinem Wirken stets erhoben und beglückt. Mein
Arbeitsfeld war zu jener Zeit wieder einmal der Erdenplan. Ich hatte in jenen
Städten zu tun, deren geistige Gegenstück ich in der Hölle
gesehen hatte. Meine Aufgabe bestand darin, die Gemüter der Sterblichen
und Geister, welche daselbst wohnten, mit dem Gefühl dessen zu
beeindrucken, was ich unten in jener dunklen Sphäre erlebt hatte. Ich
wußte daß ich das Gefühl der Furcht vor der künftigen
Vergeltung begangener Missetaten bei ihnen nur ein klein wenig
aufrütteln könne. Aber auch das konnte dazu dienen, den einen oder
anderen Menschen vor einer allzugroßen Befriedigung der Sinne
abzuschrecken. Überdies fand ich unter den erdgebundenen Geistern dieser
Städte viele, denen ich mit der Erfahrung und Kraft Beistand leisten
konnte, die ich mir auf meiner Reise erworben hatte. Es
ist stets viel Beschäftigung für jene vorhanden, die auf dem
Erdenplan tätig sind. Denn so zahlreich auch die Arbeiter daselbst sein
mögen, so sehr bedarf man ihrer immer, da doch jede Minute Menschen aus
dem Erdenleben scheiden, die hier alle geistiger Hilfe bedürfen. — — — Nach
einigen Monaten begann ich wieder das ruhelose Verlangen nach weiterem
Fortschritt zu verspüren. Ich sehnte mich darnach, mehr als seither zu
erreichen, um jener Sphäre näherzukommen, in die meine Geliebte
nach ihrem Tode übergehen wird. Zu solcher Zeit pflegte ich von der
beständigen Angst gepeinigt zu werden, daß mein Liebling die Erde
verlassen könnte, bevor ich mich zu ihrer geistigen Stufe
aufgeschwungen, so daß ich dann wieder von ihr getrennt wäre. Dies
war es, das mich stets zu neuen Siegen über mich selbst trieb und mich
sogar mit meinem jetzigen Fortschritt unzufrieden machte. Ich wußte, daß
ich hart an meiner Selbstveredelung gearbeitet hatte und wunderbar rasch
vorwärts gekommen war. Trotz alledem aber quälten mich noch
Gefühle der Eifersucht und des Argwohns, die eine Folge meiner
Veranlagung und irdischen Erfahrungen waren. Es
gab Zeiten, wo ich sogar an der Beständigkeit meiner Geliebten zu
zweifeln begann. Trotz der vielen Beweise ihrer Liebe fürchtete ich,
während meiner Abwesenheit könnte irgend ein Mann mir ihre Liebe
abgewinnen. Durch diesen unwürdigen Wunsch, sie beständig zu
überwachen, lief ich Gefahr, neuerlich erdgebunden zu werden. Glaubt
nicht, ein Geist habe im Moment der Auflösung all sein Denken und
Wünschen geändert — wie wenig kennt ihr die Bedingungen des
anderen Lebens jenseits des Grabes! Wie erschreckend langsam ändern wir
die Gedankenrichtung, die wir in unserem Erdendasein gepflegt haben, wie
lange haftet sie uns im geistigen Zustande noch an! Ich
war damals bezüglich meines Charakters fast noch ganz das, was ich auf
Erden gewesen. Nur allmählich lernte ich einsehen, worin mein Denken
falsch und voller Vorurteile war — eine Aufgabe, deren Lösung sich
durch viel höhere Sphären hindurchzieht, als ich damals erreicht
hatte. Selbst
im Zustande der Angst und des Zweifels empfand ich wegen dieser Regungen
Scham und Reue, und wußte auch, wie unbegründet sie waren; dennoch
konnte ich mich davon nicht frei machen. Die Erfahrungen meines irdischen
Daseins hatten mich Argwohn und Mißtrauen gelehrt und die Geister
meines Erdenlebens wurde ich nicht so leicht los. Während
ich unter dieser Selbstquälerei litt, kam Ahrinziman und sagte mir, wie
ich mich von diesen Schatten der Vergangenheit befreien könne: "Nicht
weit von hier befindet sich das "Land der Reue"; würdest du es
besuchen, so könnte die Reise dir sehr von Nutzen sein. Denn wenn seine
Berge und Täler einmal durchschritten und seine Schwierigkeiten
überwunden sind, wird dir die wahre Natur deines Erdenlebens und seiner
Fehler klar vor Augen treten, was sich für deine Seele als ein
großes Mittel zum Fortschritt erweisen dürfte. Eine solche Reise
wird aber voller Bitterkeit und Kummer sein; denn du würdest dort die
Handlungen deiner Vergangenheit in ihrer ganzen Nacktheit enthüllt sehen
— Handlungen, für die du bereits zum Teil Sühne geleistet
hast, sie aber noch nicht so beurteilst, wie es höhergeistige
Intelligenzen tun. Nur
wenige, welche vom Erdenleben herüberkommen, kennen die wahren
Gründe, die sie zu ihren Handlungen getrieben haben. Bei vielen dauert
es Jahre, bei einigen Jahrhunderte, bis sie zu dieser Erkenntnis kommen, denn
sie entschuldigen und rechtfertigen ihre Übeltaten vor ihrem Gewissen.
Ein Land wie das, von dem ich spreche, ist für ihre Erleuchtung sehr
wertvoll. Die Reise muß jedoch freiwillig unternommen werden und wird
dann den Weg des Fortschritts um Jahre kürzen. In
jenem Lande sind die Lebensschicksale der Menschen in Bildern aufbewahrt, die
sich in der wunderbaren geistigen Atmosphäre spiegeln und die
Gründe für alle Fehlschläge verdeutlichen. Sie zeigen die
feineren Ursachen an, die in unseren Herzen am Werke waren und das Leben
eines jeden gestalten. Es würde eine kühne und strenge
Selbstprüfung sein, durch welche du da gehen müßtest —
eine bittere Erfahrung für deine eigene Natur. Aber sie ist doch eine
heilkräftige Medizin, die deine Seele von den Krankheiten des
Erdenlebens befreien würde, die ihr noch anhaften." "Zeige
mir«, antwortete ich, "wo das Land ist, und ich werde
hingehen." Ahrinziman
nahm mich auf den Gipfel eines jener düsteren Berge die ich vom Fenster
meines Zimmers aus sehen konnte. Indem er mich an eine Stelle führte,
von wo wir eine weite, durch eine andere Bergkette begrenzte Ebene
übersehen konnten, sagte er: "Auf
der anderen Seite jener entfernten Berge liegt das merkwürdige Land, von
den ich spreche: ein Land, das die meisten Geister durchwandern müssen,
deren Leben Veranlassung zu Sorge und Reue gab. Solche, deren Fehler nur
gering waren und in alltäglichen Schwächen bestanden, wie sie allen
Menschen gemeinsam sind, kommen nicht dahin; es gibt für sie andere
Mittel, durch die sie über die Quelle ihrer Irrtümer
aufgeklärt werden können. Dieses Land ist ganz besonders
nützlich für Leute mit großen Fähigkeiten und starkem
Willen, die leicht begreifen, freimütig bekennen, worin sie Unrecht
getan haben, und dadurch vorwärts schreiten. Gleich einem kräftigen
Reizmittel würde diese Sphäre viel zu stark auf schwache, irrende
Geister wirken. Durch eine rasche und lebhafte Erkenntnis aller ihrer
Sünden würden sie sich nur bedrückt und entmutigt fühlen.
Solche Geister müssen Schritt für Schritt, immer nur ein wenig auf
einmal weiter geführt werden. Du aber, der du starken Herzens und voll
Mutes bist, wirst nur um so rascher steigen, je eher du die Natur der Fesseln
erkennst, die deine Seele gebunden haben." "Wird
diese Reise lange Zeit in Anspruch nehmen?" "Nein,
sie wird nur von kurzer Dauer sein — zwei oder drei Wochen nach
Erdenzeit. Denn, wie ich sehe, ist der Schatten, den deine beabsichtigte
Abreise vorauswirft, von dem Bilde deines zurückkehrenden Geistes dicht
gefolgt. Damit wird angedeutet, daß beide Ereignisse durch keinen
großen Zeitraum voneinander getrennt sind. In der geistigen Welt, wo
man die Zeit nicht nach Tagen oder Stunden zählt, beurteilen wir die
Dauer, wie lange ein Ereignis bis zu seinem Eintreffen braucht, nach der
größeren oder geringeren Entfernung, in der es unserem geistigen
Schauen erscheint. Aus dem Umstand, ob der Schatten, den ein kommendes
Ereignis vorauswirft, die Erde berührt oder noch von ihr entfernt ist,
versuchen wir zu schließen, welches die Zeit nach irdischen Merkmalen
sein dürfte. Selbst die Weisesten von uns sind jedoch nicht immer
imstande, dies mit völliger Genauigkeit zu tun. Ebensowenig ist es
jenen, die mit Freunden auf Erden verkehren, möglich, das genaue Datum
zukünftiger Ereignisse zu bestimmen, da viele Umstände den Zeitpunkt
verschieben können. Ein Ereignis kann sich oft sehr nahe zeigen. Aber
statt auf den Sterblichen mit derselben Geschwindigkeit weiterhin zuzueilen,
mag es verzögert, oder manchmal sogar durch eine stärkere Kraft als
die, die es in Bewegung gesetzt hatte, ganz abgewendet werden." Ich
dankte meinem Führer für seinen Rat und wir trennten uns. Es war
mir sehr daran gelegen, rasch vorwärts zu kommen, so daß ich schon
kurze Zeit nach dieser Unterredung meine neue Reise antrat. Sie verlief nicht
so rasch, als es bei meinen früheren Wanderungen im Geisterlande der
Fall war. Denn jetzt hatte ich die volle Last meiner begangenen Sünden
auf mich genommen und sie drückte mich fast zu Boden, in dem sie mich zu
langsamen und mühsamen Bewegungen zwang. Einem Pilger ähnlich, trug
ich ein grobes, graues Gewand; meine Füße waren nackt und mein
Haupt unbedeckt. In der geistigen Welt bilden sich Kleidung und Umgebung je
nach dem Gemütszustande der Seele, und mir war damals zu Mute, als ob
ich Sackleinwand trüge und Staub und Asche auf mein Haupt gestreut
hätte. Als
ich endlich jene düsteren, weitabgelegenen Berge hinter mir hatte,
befand sich vor mir eine weite Ebene — eine große Wüste, auf
welcher der unfruchtbare Sand meines irdischen Lebens ausgestreut lag. Kein
Baum, kein Strauch, kein grünes Blatt war vorhanden; kein erfrischendes
Wasser sprudelte vor mir, um neue Hoffnungen auf Glück zu wecken. Da gab
es keinen Schatten, wo die müden Glieder hätten Ruhe finden
können. Das Leben derer, welche diese Ebene auf der Suche nach Ruhe
durchquerten, war reiner und selbstloser Gefühle bar und entbehrte jener
Selbstverleugnung, die allein imstande ist, die Wüste in ein
blühendes Rosenfeld zu verwandeln und an ihren Wegen erquickende Wasser
hervorspringen zu lassen. Ich
stieg in die traurige Einöde hinab und folgte einem schmalen Pfade, der
zu den Bergen auf der anderen Seite zu führen schien. Die Bürde
wurde mir fast zu schwer und ich hatte Lust, sie niederzulegen — aber
vergebens: ich konnte mich ihrer keinen Augenblick entledigen. Auf dem
heißen Sande lief ich meine Füße wund und jeder Schritt
wurde mir zur Qual. Während ich so langsam vorwärts schritt,
erschienen mir die Genossen und Begebenheiten früherer Tage in Bildern
nach Art von Luftspiegelungen, wie sie von irdischen Wüstenreisenden
beobachtet werden. Wie
bei einer schnellen Fahrt eine Landschaft in der anderen verschwindet, so
ging hier eines in das andere über und gab stets neuen Szenen Raum.
Zwischen den Bildern bewegten sich die Freunde und Fremden die ich gekannt
hatte. Längst vergessene lieblose Gedanken und Worte, die ich zu ihnen
gesprochen hatte, zogen anklagend an mir vorüber. Die Tränen,
welche ich andere zu vergießen veranlaßt, die grausamen Worte mit
denen ich meine Umgebung verletzt hatte, traten mir bildhaft entgegen.
Tausend unwürdige Gedanken und selbstsüchtige Handlungen meiner
Vergangenheit tauchten noch einmal vor mir auf — Bild um Bild —
bis ich schließlich nach dieser langen Reihe überwältigt von
meiner Schuld zusammenbrach. Indem ich meinen Stolz in alle Winde jagte,
beugte ich mich in den Staub und weinte bittere Tränen der Scham und des
Kummers. Und während meine Tränen auf den trockenen Sand
niederfielen, sproßten um mich her kleine Blumen wie weiße Sterne
auf, und jede kleine zarte Blüte barg in ihrem Innern einen Tautropfen.
So wurde jene Stelle, wo ich in ehrlicher Zerknirschung niedergesunken war,
zu einer kleinen Oase der Schönheit in jener traurigen Wüste. Ich
pflückte zur Erinnerung an diesen Ort einige der kleinen Blumen und barg
sie an meiner Brust, worauf ich mich erhob und weiterging. Zu meiner
Überraschung waren jetzt die Bilder nicht mehr sichtbar; statt dessen
bemerkte ich vor mir eine Frau, die ein kleines Kind trug. Dieses schien zu
schwer für ihre Kraft und jammerte vor Müdigkeit und Furcht. Auf
die beiden zueilend, bot ich ihr an, das arme Kleine zu tragen, denn ich war
beim Anblick seines ängstlichen Gesichtes und müden Köpfchens
tief gerührt. Die Frau starrte mich einen Augenblick an und legte dann
das Kleine in meine Arme. Als ich das arme Geschöpf mit einem Teil
meines Gewandes bedeckte, schlummerte es ruhig ein. Die
Frau erzählte mir, daß es ihr Kind sei, aber sie habe in ihrem
irdischen Leben nicht viel Liebe für dasselbe übrig gehabt.
"Eigentlich", sagte sie, "wollte ich überhaupt kein Kind.
Als dieses Kleine kam, langweilte es mich, und ich vernachlässigte es.
Als es dann größer wurde, und, wie ich glaubte, ungezogen und
mürrisch war, schlug ich es, schloß es in ein dunkles Zimmer ein
und verfuhr auch sonst hart und lieblos mit ihm. Schließlich starb es
im Alter von fünf Jahren; ich selbst erlag kurz nachher einer Krankheit.
Seit meinem Eintritt in die geistige Welt verfolgt mich nun das Kind. Man hat
mir schließlich geraten, diese Reise zu machen und das Kind mit mir zu
nehmen, da ich mich von seiner Gesellschaft nicht zu befreien vermag." "Und
fühlst du auch jetzt keine Liebe für das arme kleine Ding?" "Nein,
ich könnte nicht behaupten, daß ich es liebgewonnen habe. Offenbar
bin ich eine jener Frauen, welche überhaupt nicht Mutter werden sollten
— jedenfalls mangelt mir bis heute jedes mütterliche Gefühl.
Ich liebe das Kind nicht, aber es tut mir jetzt leid, daß ich nicht
freundlicher zu ihm war. Auch sehe ich ein, daß das vermeintliche
Pflichtgefühl, das Kind auf eine so strenge, lieblose Weise erziehen zu
müssen, nur eine Beschönigung meiner eigenen Härte war und des
Unwillens, den die Sorge um das Kind mir verursachte. Es ist mir klar,
daß ich damit Unrecht getan habe, aber ich kann nicht sagen, daß
ich viel Liebe für das Kind besitze." "Willst
du es auf deiner ganzen Reise bei dir behalten?" fragte ich. Ich empfand
ein solches Mitleid mit dem kleinen ungeliebten Ding, daß ich es
herzlich küßte. Da legte es seine kleinen Arme um meinen Nacken
und lächelte mich im Halbschlafe so dankbar an, daß es der Frau
hätte zu Herzen gehen müssen. In der Tat wurde auch ihr Antlitz
milder und etwas liebevoller erwiderte sie: "Ich
glaube, daß ich es nur noch eine kurze Strecke Wegs zu tragen habe.
Dann wird es in eine Sphäre gebracht werden, wo sich gleich ihm viele
Kinder befinden, deren Eltern sich nicht um sie bekümmern, und die unter
der Obhut von Geistern stehen, die Kinder gerne haben." "Es
freut mich, dies zu hören", sagte ich. Nachdem wir noch ein wenig
weiter zusammen gegangen waren, erreichten wir eine kleine Felsengruppe, bei
der sich ein Wassertümpel befand. Neben diesem legten wir uns zur Ruhe
nieder, ich schlief sofort ein, und als ich wieder erwachte, waren Frau und
Kind verschwunden. Ich
erhob mich daher, um meinen Weg wieder aufzunehmen, und gelangte kurz darauf
zum Fuße der Berge, welche mein Stolz und Ehrgeiz geschaffen hatten.
Hart, steinig und steil war der kaum fußbreite Pfad. Manchmal schien
es, als ob die Felsen, welche selbstsüchtigem Stolz ihr Entstehen verdankten,
sich als zu steil erwiesen, um sie besteigen zu können. Während ich
sie erklomm, erkannte ich meinen Anteil an ihrer Bildung, und welche Atome
mein Stolz dazu geliefert hatte. Wenige
von uns kennen die Geheimnisse ihres eigenen Herzens. Wir glauben so oft,
daß da, wo wirklich nur reine Selbstüberhebung vorliegt, ein edler
Ehrgeiz waltet, der uns im Kampfe um Rang und Stellung in der Welt beseelt. Mit
Scham erfüllte mich der Rückblick auf meine Vergangenheit. Als sich
ein großer Fels um den andern auftürmte, erkannte ich in diesen
die geistigen Symbole der Steine des Anstoßes, die ich meinen
schwächeren Brüdern in den Weg gelegt hatte. Mich verlangte danach,
mein irdisches Dasein noch einmal durchleben zu dürfen, um bei
Gelegenheiten dort zu ermutigen, wo ich einst verdammte, und aufzuhelfen, wo
ich einst unterdrückte. Ich
war mir selbst gegenüber so hart, daß ich niemals mit einer meiner
eigenen Leistungen zufrieden war. So glaubte ich berechtigt zu sein, an alle,
die sich mit meiner schönen Kunst befaßten, dieselben hohen
Anforderungen stellen zu dürfen. Für die alltägliche
Mittelmäßigkeit hegte ich keine Sympathie; solche zu
unterstützen hatte ich keine Lust. Es war mir damals unbekannt,
daß diese schwachen Kräfte Keimen glichen, die auf Erden zwar
niemals zu nennenswerter Bedeutung gelangen, sich aber im großen
"Hernach" zur vollkommenen Blüte entfalten. Als ich meine
ersten Erfolge feierte, war ich von ehrgeizigsten Träumen erfüllt.
Wenn auch in späteren Jahren Enttäuschungen mich so etwas wie
Mitleid für das Ringen der anderen gelehrt hatten, so konnte ich doch
keine wahre Sympathie für ihren Kampf ums Dasein fühlen. Jetzt
erkannte ich, daß der Mangel an Mitgefühl es war, der diese
für meine Anmaßung so typischen Felsen geschaffen hatte. Bei
dieser Entdeckung ergriffen mich Kummer und Reue. Ich blickte umher, ob nicht
ein Schwächerer in der Nähe sei, bei dem etwaige Hilfe auf seinem
Wege nicht zu spät käme. Da sah ich auf dem harten Pfade über
mir einen jungen Mann, dessen Kräfte fast erschöpft waren bei dem
Versuch, diese Felsen zu erklimmen, die Familienstolz und eine Sucht nach
Reichtum gebildet hatten. Er war im Begriffe, den Vorsprung eines Felsens zu
ersteigen und schien so ermüdet, daß er jeden Augenblick
herabzustürzen drohte. Bald hatte ich die Stelle erreicht, wo er sich
befand. Mit Mühe und Not gelang es mir endlich, ihn auf den Gipfel jener
Felsen zu ziehen. Ich war um so mehr bereit, ihm Beistand zu leisten, als ich
bei dem Gedanken, wie viele schwache Seelen ich in der Vergangenheit
unterdrückt hatte, tiefe Reue empfand. Als
wir am Gipfel uns zur Ruhe niedergelegt hatten, bemerkte ich, daß ich
selbst durch die scharfen Steine zerschunden war, über die wir
gestolpert waren. Ich fand aber auch, daß während der Mühen
des Anstiegs die Last des selbstsüchtigen Stolzes von mir abgefallen
war. Und als ich auf den zurück gelegten Weg hinabschaute, tat ich von
neuem in Sack und Asche Buße und beschloß, auf die Erde
zurückzugehen, um zu versuchen, einigen Schwachen aufzuhelfen. Wo ich
früher eine furchtsam strebende Seele geknickt hatte, wollte ich jetzt
ermutigen. Wo meine scharfe Zunge und mein beißender Spott verwundet
hatten, wollte ich zu heilen suchen. Die Erkenntnis dämmerte nun in mir
auf, daß niemand seinen weniger begabten Bruder verachten, oder dessen
Hoffnungen vernichten sollte, weil sie seinem vorgeschritteneren Geiste
unbedeutend und gering erscheinen. Lange
saß ich auf jenem Berge und dachte über diese Dinge nach,
während der junge Mann, den ich unterstützt hatte, ohne mich weiter
ging. Endlich erhob auch ich mich und nahm meinen Weg einer tiefen Schlucht
zu, über die eine baufällige Brücke führte, deren Zugang
durch ein hohes Tor versperrt war. Davor warteten viele Geister und
versuchten, es auf die verschiedenste Weise zu öffnen. Einige wendeten
Gewalt an, andere versuchten darüberzuklettern, wieder andere glaubten,
einen geheimen Verschluß entdecken zu müssen. Bei meiner
Annäherung zogen sich sechs oder sieben Geister, die sich noch am Tore
zu schaffen gemacht hatten, zurück, neugierig zu sehen, was ich wohl
beginnen würde. Das Tor war so hoch und glatt, daß niemand es
erklettern konnte, so stark, daß niemand daran denken durfte es zu
sprengen, und so fest geschlossen, daß keine Möglichkeit gegeben
war, es zu öffnen. Als
ich verzweifelt überlegte, was ich jetzt beginnen sollte, sah ich in
meiner Nähe ein armes Weib bitterlich über ihr Mißgeschick
weinen: sie sei schon längere Zeit da und habe vergebens versucht, das
Tor zu öffnen. Ich tat mein Bestes, ihr alle mögliche Hoffnung zu
machen; da versank die feste Pforte vor unseren Augen und wir schritten
hindurch. Ebenso plötzlich wie sie verschwunden war, tauchte sie dann
wieder hinter mir auf. Die Frau war nirgends mehr zu sehen, dagegen stand an
der Brücke ein alter, tiefgebeugter Mann. Während ich das merkwürdige
Tor noch anstaunte, sagte eine Stimme zu mir: Dies ist das "Tor der
liebreichen Gedanken und Taten". Jene Geister auf der anderen Seite
müssen noch warten, bis ihre guten Gedanken und Handlungen für
andere schwer genug wiegen, um das Tor niederzudrücken. Dann wird es
sich auch für sie öffnen wie bei dir, der du anderen so tapfer zu
helfen suchtest. Ich
ging nun auf die Brücke zu, wo der alte Mann hilflos stand und mit
seinem Stabe nach dem Weg tastete. In der Sorge, er könne vielleicht
eine schadhafte Stelle der Brücke übersehen und hindurchfallen,
sprang ich rasch vor und bot mich an, ihm hinüberzuhelfen. Doch er
schüttelte sein Haupt und sagte: "Nein, nein, junger Mann, die
Brücke ist zu morsch, sie wird niemals dein und mein Gewicht zusammen
tragen. Gehe du nur weiter und lasse mich hier mein Bestmögliches
tun." "Nicht
so, du bist alt und schwach, und wenn ich dich verlasse, so wirst du
wahrscheinlich an der schadhaften Stelle abstürzen. Nun, ich bin stark
und kräftig, werde schon einen Ausweg finden." Ohne
seine Antwort abzuwarten, lud ich ihn auf meinen Rücken, indem ich ihn
anwies, sich an meinen Schultern zu halten. So schickte ich mich an, die
Brücke zu überschreiten. Teufel! Was dieser alte Mann für ein
Gewicht hatte! Und die Brücke gar! Sie krachte, ächzte und bog sich
unter unserem Gewicht. Ich glaubte, wir müßten beide in den
Abgrund hinunterstürzen. Der
alte Mann beschwor mich, ihn ja nicht fallen zu lassen. Ich schleppte mich
weiter, indem ich mich mit den Händen festhielt und auf allen Vieren
kroch, bis wir eine sehr gefährliche Stelle erreichten. Inmitten der
Brücke klaffte ein breites Loch und nur die abgebrochenen Enden von zwei
langen Balken waren da, um festen Halt zu bieten. Ich wußte wohl,
daß ich mich allein sicher über das Loch schwingen konnte, aber es
war das eine ganz andere Sache mit diesem schweren alten Manne, der sich an
mich anklammerte und mich überall behinderte. Der Gedanke, daß ich
ihn besser sich selbst überlassen hätte, ging mir durch den Kopf.
Dies aber erschien mir der armen Seele gegenüber so grausam, daß
ich allen Mut zusammennahm, um wenigstens einen Versuch in der Sache zu
wagen. Der Alte stieß einen schweren Seufzer aus, als er merkte, wie
die Dinge standen: "Es
wäre besser gewesen, du hattest mich zurückgelassen. Ich bin zu
hilflos, um hinüberzukommen, und du wirst dich nur um deine eigenen
Vorteile bringen. Laß mich hier und geh allein weiter!" Der
Ton seiner Stimme war so niedergeschlagen, daß ich ihn nicht hätte
verlassen können; ich entschloß mich daher, einen verzweifelten
Versuch für uns beide zu machen. So forderte ich ihn denn auf, sich an
mich zu klammern und hielt mich mit einer Hand an dem gebrochenen Balken. Mit
einem großen Sprung schwang ich mich mit solcher Wucht über den
Abgrund, daß wir hinüberzufliegen schienen und wohlbehalten auf
der anderen Seite ankamen. Als
ich mich umwandte, um zu sehen, welcher Gefahr wir entronnen waren, entfuhr
mir ein Schrei der Verwunderung, denn es war gar kein Loch in der Brücke
mehr vorhanden. Diese war gut erhalten, und an meiner Seite stand kein
schwacher, alter Mann, sondern Ahrinziman, über meine Verwunderung
lachend. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sprach: "Franchezzo,
mein Sohn, das war nur eine kleine Prüfung, ob du selbstlos genug sein
würdest, dir die Bürde eines schweren Mannes aufzuladen, wenn deine
eigenen Aussichten auf Rettung so gering sind. Ich überlasse dich jetzt
deiner letzten Prüfung, damit du dann selbst über die Natur deiner
Zweifel zu urteilen vermagst. Lebe wohl, und möge dir Erfolg beschieden
sein!" Er
wandte sich ab und war sogleich verschwunden. Ich aber machte mich auf, um
durch ein anderes tiefes Tal zu wandern, das vor mir lag. — — — Das
Tal lag zwischen zwei steilen Bergen und hieß "Tal der
Nebelphantome." Große Säulen von grauem Dunste schwebten in
der Luft hin und her und krochen die Bergwände hinan, indem sie sich in
geheimnisvolle Gebilde verwandelten und mich bei meiner Wanderung
umschwebten. Je
tiefer ich in die Schlucht eindrang, desto dichter und deutlicher wurden diese
Gestalten und erschienen fast wie lebende Wesen. Ich wußte, daß
es nur die Gedankenschöpfungen meines Erdenlebens waren, doch in dieser
lebensähnlichen, greifbaren Form glichen sie spukhaften Geistern aus
meiner Vergangenheit, die sich anklagend gegen mich erhoben, Argwohn, Zweifel
und alle die bösen, unheiligen Gedanken, die ich gehegt, schienen um
mich her versammelt zu sein: drohend und schrecklich, mich wegen meiner
Vergangenheit verhöhnend, mir in die Ohren zischelnd und gleich
großen Wogen der Finsternis über meinem Kopfe zusammenschlagend.
Je reicher mein Leben einst mit solchen Gedanken war, desto mehr wurde mir
jetzt der Weg von ihnen verlegt, bis sie mich schließlich auf allen
Seiten einschlossen. Was waren das für verzerrte, haßerfüllte
Wesen. Dies also waren meine Gedanken, dies die geistige Verkörperung
meines Verhaltens anderen gegenüber! Als
grauenhafte Nebelgeister — dunkel, argwöhnisch und
irreführend — traten sie mir nun entgegen und zeigten mir, was ich
im innersten Herzen gewesen war. Ich hatte so wenig Glauben an die Güte
meiner Nebenmenschen, so geringes Vertrauen zu ihnen gehabt. Da ich so
grausam getäuscht wurde, sagte ich damals übereilt: alle
Männer und Frauen sind lügnerisch: Ich spottete über die Torheiten
um mich her in der Meinung, es sei immer und überall dieselbe
Geschichte, alles Bitterkeit und Enttäuschung. So
waren diese Gedankenschöpfungen eine um die andere entstanden. Jetzt, wo
ich sie zu bekämpfen suchte, schienen sie mich zu überwältigen
und zu ersticken, indem sie mich in die großen Dunstfalten ihrer
gespenstigen Formen einhüllten. Vergebens versuchte ich, mich von ihnen
zu befreien. Sie häuften sich an und schlossen mich ein, genau wie mein
Argwohn und meine Zweifel es einst getan hatten. Entsetzen ergriff mich, und
ich focht mit jenen Gebilden, als ob es lebende Wesen gewesen wären, die
es auf meine Vernichtung abgesehen hatten. Plötzlich sah ich, wie sich
vor mir eine tiefe Erdspalte öffnete, auf die mich die Phantome
zutrieben — ein Abgrund, in den ich glaubte versinken zu müssen,
wenn ich mich nicht von diesen Gespenstern befreien konnte. Wie ein Toller
rang und stritt ich mit ihnen, und dennoch schlossen sie mich ein und zwangen
mich Schritt für Schritt dem düsteren Abgrunde zu. Da
rief ich in meiner Seelenangst laut um Hilfe und Beistand. Und mit den Armen
ausholend ergriff ich das vorderste der Phantome und schleuderte es mit aller
Wucht von mir. Die mächtige Wolke der Zweifel wankte und zerstob, als ob
ein Wind sie zerstreut hätte; ich selbst aber fiel erschöpft zu
Boden. Während mir das Bewußtsein schwand, hatte ich einen
lieblichen Traum, in dem ich glaubte, meine Geliebte sei zu mir gekommen und
hätte diese ekelhaften Gedankengebilde zerstreut. Sie sei neben mir
niedergekniet und habe meinen Kopf an sich gezogen, um ihn, wie eine Mutter
ihr Kind, an ihrer Brust ruhen zu lassen. Ich fühlte noch, wie ihre Arme
mich umfaßten und festhielten — da war der Traum vorbei und ich
verfiel in tiefen Schlaf. — — — Als
ich das Bewußtsein wieder erlangte, lag ich noch in jenem Tale, aber
die Nebel waren verflogen und die Zeit meines bitteren Zweifels und Argwohns
war vorbei. Ich ruhte auf einer Bank von weichem grünen Rasen am Ausgang
der Schlucht. Vor mir breitete sich eine Wiese, die von einem friedlich
dahinfließenden kristallklaren Wasser durchzogen war. Als ich kurze
Zeit den Windungen dieses Baches gefolgt war, gelangte ich zu einem
prachtvollen Hain. Zwischen den Baumstämmen hindurch erblickte ich einen
klaren Teich, auf dessen Oberfläche Seerosen schwammen. In der Mitte des
Haines sprudelte eine feenhafte Quelle hervor, deren stäubende Fluten
gleich einem Schauer von Diamanten in das durchsichtige Wasser
herniederrieselten. Die Bäume bildeten mit ihren Zweigen ein
Gewölbe und zwischen dem Geäste hindurch konnte ich den blauen
Himmel sehen. Ich
trat näher, um zu rasten und mich an der Quelle zu laben. Da kam eine
schöne Nymphe in einem grünen, schleierähnlichen Gewande und
einer Krone von Seerosen auf dem Kopfe auf mich zu, um mir behilflich zu
sein. Sie war die Hüterin der Quelle. Zu ihren Pflichten gehörte
es, alle müden Wanderer gleich mir zu pflegen und zu erfrischen.
"Auf Erden," sagte sie, "lebte ich im Walde, und auch hier im
Geisterreiche fand ich ein Heim umgeben von Waldungen, die ich so sehr
liebe." Sie
versah mich mit Speise und Trank. Nachdem ich eine Weile gerastet hatte,
zeigte sie mir einen breiten Fußweg, der durch das Gehölz zu einem
Erholungsheim führte, woselbst ich für einige Zeit ausruhen
könnte. Mit dankerfülltem Herzen nahm ich von diesem lieben Naturgeiste
Abschied und befand mich bald vor einem großen Gebäude, ganz
bewachsen mit Geißblatt und Efeu. Es hatte viele Fenster und weit
geöffnete Türen, als ob es jedermann zum Eintritte auffordern
wollte. Davor ein großes schmiedeeisernes Gartentor, auf dem Vögel
und Blumen lebensvoll dargestellt waren. Während ich vor dem Tore stand,
öffnete es sich selbst wie durch Zauber und ich ging auf das
Gebäude zu. Hier kamen mir verschiedene Geister in weißen Kleidern
entgegen, um mich willkommen zu heißen. Sie führten mich in ein
hübsches Zimmer, von dessen Fenstern aus man auf einen Grasplatz und
feenhaft liebliche Bäume blicken konnte, und baten mich, zu ruhen. Beim
Erwachen bemerkte ich, daß mein Pilgerkleid verschwunden war und an
dessen Stelle mein lichtes, graues Gewand lag; nur hatte es jetzt einen
dreifachen Saum von reinem Weiß. Ich war darüber hocherfreut und
kleidete mich vergnügt an, denn ich fühlte, daß das
Weiß ein Zeichen meines Fortschritts war. Weiß bedeutet in der
geistigen Welt Reinheit und Glückseligkeit, während Schwarz das
Gegenteil bezeichnet. Man
führte mich nun in ein freundliches Zimmer, in dem eine Anzahl Geister
anwesend waren, die dieselbe Kleidung trugen wie ich. Unter ihnen erkannte
ich zu meiner Freude die Frau mit dem Kinde, der ich auf der "Ebene der
Reue und der Tränen Beistand geleistet hatte. Sie betrachtete das Kind
jetzt zärtlicher und begrüßte mich freundlich, indem sie mir
meine Hilfe dankte. Das Kleine kletterte mir auf das Knie und ließ sich
daselbst häuslich nieder. Ein
reichliches Mahl aus Früchten, Kuchen und dem reinen Wein des
Geisterlandes wurde uns vorgesetzt. Als wir uns erquickt und Gott unsern Dank
für seine Gaben ausgesprochen hatten, wünschte der Bruder, der den
Vorsitz führte, uns allen Gottes Segen. Dann sagten wir einander mit
dankerfülltem Herzen Lebewohl und brachen auf, um nach Hause
zurückzukehren. Kapitel 28
Meine
Bestimmung war es jedoch nicht mehr, im Lande der Dämmerung zu bleiben.
Mein neues Heim befand sich im Bezirke des "Morgenlandes", wohin
mich meine Freunde brachten. Es lag jenseits des friedlichen Sees und der
Berge, hinter welchen das Licht des dämmernden Tages hervorzutauchen
pflegte — das Licht, welches im Lande der Dämmerung niemals heller
zu werden schien, dessen Schönheit und Pracht aber im Morgenlande voll
zur Geltung kam. Dieses Land lag in entgegengesetzter Richtung von jener
Bergkette, hinter welcher sich "die Ebene der Reue" befand. Im
Morgenlande fand ich, daß ich ein kleines Häuschen mein eigen
nennen durfte, das ich mir selbst verdient hatte. Es war immer ein
Lieblingswunsch von mir gewesen, ein eigenes Heim zu haben, und diese kleine
Hütte, so einfach sie schien, war mir daher sehr teuer. Es war in der
Tat ein friedvoller Ort, umschlossen von grünenden Hügeln, die sich
nach vorn zu öffneten und einen Ausblick auf wellenförmig
grüne und goldene Auen gestatteten. In der Umgebung meines neuen Heims
waren jedoch keine Bäume, keine Sträucher oder Blumen zu finden,
auf denen das Auge mit Wohlgefallen ruhen konnte, denn meine Arbeiten hatten
noch keine Blüten getrieben. Doch war eine lieblich rankende
Geißblattpflanze da, die sich um die kleine Vorhalle herumschlang und
den Wohlgeruch der Blüten in meine Zimmer sandte. Sie war ein Geschenk
meiner Geliebten und bedeutete das geistige Wachstum ihrer reinen, liebenden
Gedanken, mit denen sie mein Heim umgab, damit sie mir stets von ihrer
beständigen Liebe und Treue Kunde geben sollten. In
meinem Häuschen waren nur zwei kleine Räume vorhanden. Einer diente
zum Empfang meiner Freunde und zum Studium, der andere war zum Schlafraum
bestimmt, wo ich ruhen konnte, wenn ich von meiner Arbeit auf dem Erdenplane
ermüdet zurückkehrte. Darin befand sich auch das von Rosen umrahmte
Bild meiner Geliebten, sowie alle meine kleinen Schätze. Der blaue
Himmel draußen erstrahlte in reinem Lichte und der weiche, grüne
Rasen erschien mir nach meinen langen Wanderungen in der Finsternis so
köstlich, daß tiefe Gefühle der Dankbarkeit mich
übermannten. Eine liebe Hand und eine zärtliche Stimme weckten mich
aus meiner Träumerei. Als ich aufschaute, erblickte ich meinen Vater.
Welche Freude, welches Glück empfand ich da! Und dies in noch
höherem Grade, als er mich bat, mit ihm auf die Erde zu kommen und
dieses Heim ihr, meiner Geliebten in einer Vision zu zeigen. Wenn
ich auf dieses mein erstes Heim im Geisterlande zurückblickte,
erfüllt mich der Gedanke, es selbst verdient zu haben, mir Stolz. Mein
gegenwärtiges Heim ist viel feiner, meine jetzige Sphäre bei weitem
schöner in jeder Beziehung; aber niemals fühlte ich ein
größeres Glück als in jener Stunde, da dieses Heim mir als
Eigentum übergeben wurde. Ich
will nicht versuchen, alle die Werke zu schildern, die ich zur damaligen Zeit
auf dem Erdenplan verrichtete. — Folgendes Beispiel, das die Art meines
Wirkens erläutert, mag für viele gelten. Die
Zeit rückt vorwärts — für Geister sowohl wie für
Sterbliche — und bringt stets neuen Wandel, neuen Fortschritt.
Während ich daran war, anderen zu helfen, lernte ich allmählich,
jene Aufgabe, die sich für mich als so furchtbar hart erwiesen hatte
— die Aufgabe, unseren Feinden vollständig zu vergeben und ihnen
von Herzen Böses mit Gutem zu vergelten. Es hatte mich einen schweren
Kampf gekostet, selbst auf den Wunsch zu verzichten, daß jenen, der
mich so tief gekränkt hatte, gerechte Strafe treffe. Noch härter
war es, dieser Person aus freiem Antriebe jetzt Gutes tun zu wollen. Während
ich auf dem Erdenplan arbeitete, ging ich oftmals zu ihm und stand an seiner
Seite, ungesehen und unbemerkt; nur die Erinnerung an mich wurde durch meine
Anwesenheit bei ihm wachgerufen. Jedesmal beobachtete ich, daß die
Gedanken meines Feindes ebenso bitter waren wie die meinigen. Von Liebe war
zwischen uns nichts zu bemerken. Stets nahm ich bei ihm die Ereignisse
unseres beiderseitigen Lebens in wechselnden Bildern wahr. Im helleren Lichte
meines geistigen Wissens bemerkte ich hierbei, wo meine Fehler gelegen
hatten, und ebenso deutlich sah ich die meines Feindes. Von solchen Besuchen
kehrte ich, von bitterer Reue und Qual übermannt, zu meiner kleinen
Hütte zurück. Aber ich war nie fähig, etwas anderes als
Erbitterung und Verdruß gegenüber dem zu fühlen, dessen Leben
nur durch Ungemach mit dem meinigen verknüpft gewesen zu sein schien. Als
ich eines Tages neben diesem Sterblichen stand, wurde ich mir eines neuen
Gefühles, einer Regung des Mitleids vergleichbar bewußt. Auch jene
Person war in ihrem Gemüte bedrückt, auch sie empfand Reue im
Hinblick auf unsere Vergangenheit. In dem Manne war ein Wunsch wachgeworden,
der von einer andersgearteten Strömung gegen mich gefolgt war. So
bekamen wir allmählich eine günstigere Meinung von einander. War
die Besserung unseres geistigen Verhaltens auch nur unerheblich, so bedeutete
sie doch das erste Erweichen und Hinschmelzen der harten Mauer des Hasses,
die sich zwischen uns türmte. Dann wurde mir Gelegenheit geboten, jener
Persönlichkeit Gutes zu erweisen, gerade wie ich früher solche
erhalten hatte, um ihr schaden zu können. Jetzt war ich endlich
imstande, meine Erbitterung zu überwinden, und es war meine Hand, welche
ihm Hilfe gewährte. Mein
Feind wußte nichts von meiner Anwesenheit, noch auch von meinem
Dazwischentreten zu seinen Gunsten. Aber er fühlte dumpf, daß der
Haß zwischen uns erstorben war und es vielleicht besser sei, auch
unseren alten Streit zu begraben. So kam schließlich ein gegenseitiges
Verzeihen zustande, welches die Bindungen löste, die unsere Erdenleben
so lange aneinandergefesselt hatten. Ebenso wie im Falle meines Freundes
Benedetto, werden sich unsere Geister, wenn der Tod den Faden jenes Erdenlebens
durchschnitten haben wird, noch einmal begegnen, damit jeder vom anderen
Verzeihung erbitten kann. Erst dann werden alle dunklen Verbindungen zwischen
uns endgültig gelöst sein und jeder wird in seine ihm bestimmte
Sphäre übergehen. Groß und dauernd sind die Wirkungen unseres
Lebens auf die Seele. Lange, nachdem das Erdenleben vorbei ist, haften sie
uns noch an. Aber gar viele Geister waren es, die ich nicht durch
gegenseitige Liebe, sondern durch gegenseitigen Haß aneinander gebunden
sah … Kapitel 29
Nachdem
ich endlich Selbst gelernt hatte, schien meine Seele von einer
drückenden Last befreit zu sein. Mit erneutem Eifer wandte ich mich
wieder dem Studium des Geisterreiches und seiner Verhältnisse zu. Zu
jener Zeit traf ich auf meinen Wanderungen sehr häufig Freund Hassein,
der mir zum Verständnis vieler Dinge verhalf, die mich in meinem
Erdenleben verwirrt hatten. Gelegentlich
einer der vielen Unterredungen bat ich ihn mir mehr von den Sphären und
ihrem Verhältnis zur Erde zu erzählen. "Der
Ausdruck Sphären", sagte er, "wird zunächst auf jene
großen Ringe geistiger Materie angewandt, welche die Erde und andere
Planeten umgeben. Er wird aber auch für jene größeren,
mächtigen Gedankenströme gebraucht, die das ganze Universum
durchfluten. So können wir sagen, daß es zwei Arten von
Sphären gibt: — eine, die in gewissem Grade materiell ist und
ihren eigenen Planeten oder ihr eigenes Sonnensystem umschließt und den
Aufenthaltsort der geistigen Bewohner des betreffenden Planeten bildet. Diese
Sphären sind in Bezirke eingeteilt, welche, gleich den Sprossen in der
Leiter der Entwicklung, den moralischen Fortschritt der Geister anzeigen. Die
andere Art von Sphären ist fluidischer Natur. Sie ist nicht fest in
ihren Bestandteilen und gehört keinem besonderen planetarischen oder
Sonnen-System an, sondern ist so unbegrenzt wie das Universum selbst. Diese
Sphären müssen als Emanationen eines Mittelpunktes gedacht werden,
um den sich das ganze All dreht. Sie bewegen sich in immer weitere Kreise
ziehenden Strömungen. Es heißt, jenes Zentrum sei die unmittelbare
Umgebung des höchsten Wesens, von dem diese Gedankenwellen ausgehen. Was
ich sagen will, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich eine einzige
große Sphäre vergegenwärtigt, welche alle die intellektuellen
Fähigkeiten oder Attribute umfaßt, die wesentliche Bestandteile
der Seele sind; und wenn man dann diese Sphäre in Bezirke der
Philosophie, Kunst, Musik, Literatur usw. einteilt. Es
ist zwar allgemein üblich, diese Kreise Sphären zu nennen. Meines
Erachtens aber ist es richtiger, sie als Kreise oder Bezirke zu bezeichnen.
Diese Gedanken-Bezirke gleichen großen Rädern und schließen
sämtliche kleineren Räder und Spiralen in sich ein, die alle ihr
eigenes Sonnensystem, oder ihren eigenen Planeten umgeben. D.h. wir gewinnen
das Bild von Rädern in Rädern, die sich alle um das eine
große Zentrum beständig drehen. In der geistigen Welt bleiben nur
diejenigen für immer beisammen, die sich in voller Übereinstimmung
befinden. Wenn auch verwandtschaftliche Bande oder zärtliche Erinnerungen
solche Seelen, die kein geistiges Gemeinschaftsband umschlingt, manchmal
zusammenführen, so werden dies doch immer nur flüchtige Besuche
sein. Denn jeder Geist wird von der starken magnetischen Kraft, welche die
Sphären und Kreise im Einklang erhält, angezogen und muß zu
seiner eigenen Sphäre und seinem eigenen Kreise zurückkehren. Eine
Seele, die zur Sphäre der Musik oder Philosophie gehört, wird sich
zu anderen Geistern mit ähnlicher Veranlagung hingezogen fühlen,
die sich mit ihr auf derselben moralischen Stufe befinden. Aber die
Entwicklung eines höheren Grades in der Musik oder Philosophie
befähigt sie nicht, eine höhere Stufe in den geistigen und
planetarischen Sphären einzunehmen, als es ihre moralische Entwicklung
gestattet. Die Zentralsonnen eines jeden der unermeßlichen Bezirke der
Mentalsphäre leuchten wie glänzende Magnete. Sie sind gleich
großen Prismen, die in den himmlischen Feuern der Reinheit und Wahrheit
erglühen und nach allen Seiten hin ihre glorreichen Strahlen der
Erkenntnis senden. In diesen Strahlen versammeln sich die Mengen von
Geistern, die an diesen glühenden Altären ihre Lampen zu
entzünden suchen. In
jenen Strahlen, welche die Erde rein und ungebrochen erreichen, sind die
Keime der Wahrheit zu finden, welche die Seelen der Menschen in allen
Perioden der Weltgeschichte erleuchtet und die Berge des Irrtums und der
Finsternis in tausend Stücke gespalten haben: geradeso, wie ein
leuchtender Blitz einen Granitfelsen zertrümmert und dann das helle
Licht von Gottes Sonne in die Tiefen hinunterscheint. Die am weitesten
vorgeschrittenen Geister sind jene, die der Zentralgewalt, dem blendenden
Lichte dieser sternengleichen Zentren am nächsten wohnen. Jene
großen Sphären der gedanklichen und moralischen Kräfte mögen
daher "universale" Sphären, jene um die Sonnenzentren
"Sonnensphären" und jene um die einzelnen Planeten herum
"planetarische" genannt werden. Die ersteren bestehen aus Gedanken-
oder Seelen-Essenz, die anderen aus den verschiedensten Graden vergeistigter
Materie. "Wie
würdest du denn die Entstehung eines Planeten und seiner Sphären
schildern?" "Man
kann sagen, die Entstehung eines Planeten nimmt zu der Zeit ihren Anfang, wo
er in Form einer feurigen Nebelmasse von der Muttersonne abgestoßen
wird. In diesem Stadium ist er ein äußerst kräftiger Magnet,
der die kleinen Stoffteilchen aus dem ganzen Ätherraum an sich
heranzieht. Man hat angenommen, daß der Äther keine materiellen
Atome enthalte, wie sie in der Atmosphäre der Planeten herumfliegen;
aber das ist eine unrichtige Voraussetzung. In Wirklichkeit bestehen die
Atome der Materie aus noch viel kleineren Partikelchen. Ihr Verhältnis
zu einem Sandkorn ist gleich dem Unterschied zwischen dem Umfang der Erde und
dem der Sonne. Anstatt durch die magnetische Anziehungskraft des Planeten zu
Atomen jener Größe vereinigt zu sein, wie sie in der
Erdatmosphäre als Sonnenstaub herumfliegen, sind sie zerfallen und haben
sich im Raume zerstreut. Dadurch wurden sie nicht nur für das
körperliche Auge des Menschen unsichtbar, sondern entzogen sich auch der
Entdeckung durch die gewöhnlichen chemischen Mittel. Sie sind
tatsächlich ätherisiert und wurden infolge Vermischung ihrer
gröberen Elemente mit einer gewissen Menge von Seelenessenz zu geistiger
Materie ersten Grades umgewandelt. Von
der glühenden Masse eines Planetenembryos angezogen, drängen sich
diese Atome sehr dicht zusammen. Die feineren Elemente werden
ausgepreßt und entweichen in den Raum zurück, während der
feste, gröbere Teil zur Bildung von Gestein u.dgl. zurückbleibt.
Die beständige Anziehung neuer Atome und die dadurch notwendige
ungeheure Vermehrung des Druckes hat ihre Verdichtung zu fester Masse zur
Folge. Die Atome dauern ewig und sind so unzerstörbar wie alle anderen
Elemente, aus welchen sich das Universum zusammensetzt. Sie werden von einem
Planeten nach dem anderen aufgesogen und wieder abgestoßen, je nach den
verschiedenen Stadien, welche diese während ihrer Existenz und
Entwicklung durchlaufen. Die
Atome der Materie können im allgemeinen in drei Klassen eingeteilt werden,
wovon jede wieder in eine unbegrenzte Zahl von Dichtigkeitsgraden
zerfällt. In letzteren findet das Stadium der Verfeinerung Ausdruck, das
ein Atom erreicht hat. Die drei Hauptklassen können genannt werden:
irdische oder planetarische Materie — geistige oder
seelenumhüllende Materie, welche dem menschlichen Auge nicht mehr
sichtbar ist, und — Seelenessenz. Letztere ist so verfeinert, daß
es mir nicht möglich ist, ihre Natur zu beschreiben. Von
der irdischen Materie ist jene die niederste und gröbste Form, aus der
die Minerale gebildet sind. Diese werden als Staub von der Atmosphäre
wieder aufgesogen, um durch den beständig und überall vor sich
gehenden Naturprozeß in Pflanzen verwandelt zu werden. Die
Zwischenstufe zwischen Gestein und Pflanze ist das Flüssige, wo die
festeren Teilchen durch die Dunstform der chemischen Elemente, die
verschiedenen Gase in Lösung gehalten werden. Der zweite Grad der
irdischen Materie ist der des pflanzlichen oder vegetabilischen Lebens, das
durch die Verbindung der gröbsten Materie mit dem Flüssigen
ernährt wird. So gelangen wir durch unendliche Abstufungen irdischer
Materie zur höchsten, nämlich zur Materie des animalischen Lebens.
Ob sie nun die Seele eines Menschen oder eines Tieres umhüllt, gehört
sie doch noch irdischer Materie an und enthält in diesem höchsten
Grade irdisch-materieller Entwicklung alle Elemente der niedrigeren Grade. Die
zweite oder geistige Form der Materie ist nur eine aus der Ätherisierung
hervorgegangene, höhere Entwicklungsstufe der irdischen Form. Das
belebende Prinzip beider ist, die Seelenessenz, d.h. der göttliche
Funke, ohne den die zwei ersten Arten von Materie nicht bestehen
könnten. Es ist für die beiden ersten Klassen von Materie Gesetz,
daß sie das höhere Seelenprinzip einschließen müssen,
andernfalls sie ihre Kohäsionskraft verlieren und wieder in ihre
Urelemente zerfallen. Die
Seelenmaterie ist die einzige Materie, welche dauernde Identität
besitzt. Sie ist das wahre Ego, das durch keine Macht aufgelöst oder
seiner Ichheit beraubt werden kann. Sie ist das wahre Leben, welche niedere
Formen der Materie sie auch beseelen mag. Als solches verwandelt sie die
niedere Form der Materie und prägt ihr ihre eigene Identität auf.
Seelenessenz ist vom Mineral zur Pflanze bis zum Menschen hinauf der höchste
Typus alles Lebenden. Und jeder dieser Typen ist der Entwicklung in seine
höchste Form fähig, in welchem Zustande sie in der
Himmelssphäre eines jeden Planeten und Sonnensystems gefunden werden Da
also alles, das Hohe wie das Niedere seine Seele hat, darf es den
Erdenmenschen nicht Wunder nehmen, wenn man ihm erzählt, daß es
auch in der geistigen Welt Pflanzen und Blumen, Felsen und Wüsten, Tiere
und Vögel gibt. Diese leben da in ihrem vergeistigten oder entwickelten
Zustand und sind um so ätherischer, je höher ihr Fortschritt ist.
Dies in Übereinstimmung mit dem Gesetze, das gleicherweise die
Entwicklung des Menschen als des höchsten Typs, wie die der niedersten
Form von Seelenmaterie leitet. Wenn
eine Pflanze stirbt, oder der Fels in Staub zerfällt, oder in Gas
zerschmilzt, so geht die Seelenessenz mit der geistigen Materie, die zu ihr
gehört, in die geistige Welt über, und zwar in diejenige
Sphäre, welche mit ihrer Entwicklung am nächsten verwandt ist. Der
materiellste Teil wird hiebei von der Erde absorbiert, während die
feineren Partikel der planetarischen Anziehung weniger ausgesetzt sind und
deshalb weiter von der Erde entfernt schweben. In der ersten Lebensperiode
eines Planeten, wo er noch wenig Seelenessenz, da gegen einen großen Anteil
von grober Materie besitzt, werden seine Sphären zuerst in der von
seiner Sonne entgegengesetzten Richtung abgeworfen. Diese sind sehr materiell
und die Entwicklungsstufe ihrer geistigen Bewohner ist sehr niedrig. In
diesem frühen Stadium sind die vegetabilischen, tierischen und
menschlichen Formen des Seelenlebens roh und grob und entbehren der
verfeinerten Schönheit, die man mit fortschreitender Entwicklung des
Planeten beobachten kann. Allmählich aber ändert sich die
Vegetation und die Tiere machen Wandlungen durch. Auch die Menschenrassen,
welche erscheinen, werden vollkommener. Ferner als Folge hievon auch in
entsprechendem Verhältnis die geistigen Emanationen, welche
abgestoßen werden, in den ersten Lebensstadien eines Planeten sind
Sphären kaum vorhanden. Sie können mit der Form eines Kegels
verglichen werden, dessen Spitze der Planet selbst bildet, während der
Erdenplan die höchste Sphäre ist, welche entwickelt wurde. Die
tieferen Sphären — infolge der entarteten Begierden und der
niederen intellektuellen Entwicklung der Planetenbewohner — befinden
sich am breiten Ende des Kegels. Im Verhältnis zur Entwicklung des
Planeten nehmen die Sphären an Umfang und Zahl zu. Die höheren
fangen dann an sich zu bilden, indem die Spitze des Kegels sich vom Planeten
gegen die Sonne zu immer mehr entfernt, so oft eine höhere Sphäre
entsteht. Auf
diese Weise werden die Sphären unter und über dem Planeten durch
das fortwährende Einströmen der von ihm abgestoßenen Atome
gebildet. In gewissen Stadien ihrer Entwicklung, wo die intellektuellen und
selbstsüchtigen Neigungen des Menschen stärker entwickelt sind, als
seine moralischen und selbstlosen Eigenschaften, übersteigen die
niederen Sphären an Ausdehnung die höheren bedeutend. Diese
Perioden kann man die dunklen Zeitalter der Weltgeschichte nennen, wo
Unterdrückung, Grausamkeit und Habgier ihre Schwingen über der
Menschheit ausbreiten. Nach
angemessener Zeit bewirkt das ewige Gesetz der Höherentwicklung aller
Dinge, daß die höheren und niedrigeren Sphären an Ausdehnung
und Zahl gleich sind. Alsdann befinden sich die Kräfte von Gut und
Böse im Gleichgewicht. Diese Periode bildet den Meridian oder
Höhepunkt des planetarischen Lebens. Hierauf folgt die Zeit, wo sich in
folge der allmählichen Veredelung der Menschheit das Bild des Kegels
umkehrt: der Erdenplan wird infolge des Schrumpfens und Verschwindens der
niederen Sphären wieder zur Spitze des Kegels, während die
höheren Sphären sich gegen die höchste zu immer mehr
ausdehnen. Zuletzt bleibt nur diese höchste Sphäre allein vorhanden
und der Planet selbst verschwindet nach und nach, indem alle groben Partikel
von ihm abgeworfen wurden. Letztere fliegen unmerklich davon, um von anderen,
noch in Bildung begriffenen Planeten aufgesogen zu werden. Alsdann
wird die Sphäre des Planeten samt ihren Bewohnern in die großen
Sphären des zugehörigen Sonnensystems aufgenommen, wo bereits viele
Gemeinschaften von Geistern wohnen, deren materielle Planeten nicht mehr
existieren. Jede planetarische Gemeinschaft wird jedoch die Individualität
ihres Planeten — genauso wie die verschiedenen Nationen auf Erden
— so lange beibehalten, bis sie allmählich in der umfassenderen
Eigenheit ihres Sonnensystems aufgeht. So
langsam und unmerklich sind diese Entwicklungsprozesse, so ungeheuer die
Zeitperioden, die sie zu ihrer Beendigung beanspruchen, daß der
menschliche Verstand die zahllosen Verwandlungen nicht begreifen kann, welche
da vor sich gehen müssen. Die Lebenszeit der Planeten ist nicht bei
allen dieselbe, weil Stellung und Größe im Sonnensystem, wie auch
andere Ursachen die Dauer ihrer Entwicklung bestimmen. Im großen Ganzen
wird sie jedoch in allen Fällen ähnlich sein, wie ja auch die
Materie jedes Planeten keine chemische Substanz aufweist, die nicht in
größerer oder geringerer Menge bei jedem anderen vorhanden ist. So
sind wir imstande, aus dem Zustande der uns umgebenden Planeten Schlüsse
auf die Geschichte unserer Erde zu ziehen, sowohl bezüglich ihrer
Vergangenheit wie ihrer letzten Bestimmung." "Wenn
einst unsere Sphären in die unseres Sonnenzentrums aufgehen, wird da
auch unsere Individualität als Geister in der des Sonnensystems
untertauchen?" "Nein,
sicherlich nicht! Die Individualität eines jeden Seelenkeims ist
unzerstörbar. Sie ist zwar nur eine kleine Einheit im mächtigen
Ozean des Seelenlebens, aber dennoch eine Einheit für sich, da die
Persönlichkeit eines jeden Wesens tatsächlich, sein ewiges Ego ist.
Gerade diese Individualität ist es, diese Unmöglichkeit, eine Seele
zerteilen oder zerstören zu können, auf der ihre Unsterblichkeit
beruht. Das unterscheidet sie ferner von aller anderen Materie und macht es
so schwer, ihre Natur näher zu bestimmen. Du bist ein Mitglied unserer
Brüderschaft zur Hoffnung geworden, aber du behältst deine
Individualität. Und so verhält es sich auch mit der Seele für
ewig ohne Rücksicht darauf, durch welche Existenzbedingungen sie
hindurch muß. Versuche,
dir einen Körper vorzustellen, der so leicht ist, daß das
ätherisierteste Gas neben ihm schwer erscheint, der aber zu gleich eine
solche Kohäsionskraft besitzt, daß es durchaus unmöglich ist,
seine Teilchen aufzulösen. Und dessen Widerstandskraft gegenüber
allen irdischen und geistigen Formen der Materie jener gleichkommt, die eine
Stahlstange einer Dampfwolke entgegensetzt. Dann wird dir klar werden, wie es
einem Geiste möglich ist, durch feste Türen und Wände aus
irdischer Materie zu gehen. Ebenso wie auch ein höherer Geist als du mit
derselben Leichtigkeit durch diese Mauern aus geistiger Materie zu dringen
vermag, die uns hier umgeben. Je mehr die Seele von der gröberen Materie
befreit ist, desto weniger kann sie durch irgend ein Element gebunden werden,
desto größer werden ihre Fähigkeiten. Denn es ist nicht die
Seelenessenz selbst, sondern ihre Hülle, die auf Erden oder in den Sphären
eingekerkert ist. Für
dich bieten die Mauern der irdischen Häuser jetzt kein Hindernis mehr,
nach Belieben ein- oder auszugehen. Du gehst so leicht hindurch, wie dein
irdischer Körper einst durch Nebel zu schreiten vermochte, dessen
Dichtigkeit deinen Lauf nicht aufhalten konnte. Wenn du durch den Nebel
gingst, so blieb keine freie Stelle zurück, wo dein Durchgang
stattgefunden. Das kam daher, daß die Elemente des Nebels zu rasch
wieder zusammengezogen wurden, als daß du hättest bemerken
können, wo sie auseinandergetrieben wurden. Genau dasselbe geschieht,
wenn wir Geister durch eine irdische Türe oder Mauer dringen: ihre
irdischen Atome schließen sich nach unserem Durchgange sogar noch
rascher als die des Nebels auf Erden." "Ich
verstehe dich vollkommen. Wenn nun jeder Typus von Seelenessenz seine eigene
Individualität, seine ganz bestimmte Eigenart hat, wirst du wohl nicht
mit jenen übereinstimmen, die an eine Umwandlung einer Tierseele
niederer Ordnung in eine Menschenseele und umgekehrt glauben." "Gewiß
nicht. Die Seele eines jeden Typus halten wir des höchsten Grades von
Entwicklung in seiner eigenen Art für fähig. Da aber die
Menschenseele der höchste Typus von allen ist, kann sie allein den
höchsten Grad von Entwicklung erreichen, nämlich die Stufe der
vorgeschrittensten Geister, die wir Engel nennen. Engel sind solche Seelen,
die vom niedersten Grad menschlichen Planetenlebens durch alle planetarischen
Sphären aufgestiegen sind, bis sie die himmlischen Sphären unseres
Sonnensystems erreicht haben. Letztere sind im Fortschritt unserem Himmel der
planetarischen Sphären so weit voraus, wie die Sonne den Planeten
selbst. Wir glauben, daß die Seele in stets sich
vergrößernden Spirallinien weiter aufsteigen wird, bis sie bei dem
angelangt sein wird, was wir als das Zentrum des Universums bezeichnen. Ob
wir aber, nachdem wir jenen Gipfel unseres Strebens erreicht haben, nicht
entdecken werden, daß auch er nur ein vergänglicher Punkt ist, der
sich um ein noch größeres Zentrum dreht, kann ich nicht sagen.
Meinem Empfinden nach werden wir von Zentrum zu Zentrum gelangen und bei
einem jeden verweilen, — mögen es auch Millionen von Jahren sein
— bis unser Streben uns wieder zu weiteren Höhen treibt. Je mehr
man sich in diese Frage vertieft, um so gewaltiger und unbegrenzter erscheint
sie. Wie können wir daher hoffen, ein Ende zu sehen für unsere
Reise durch das, was kein Ende und keinen Anfang hat! Wie können wir
glauben, eine klare Vorstellung von der Natur jenes höchsten Wesens zu
gewinnen, das wir als den allmächtigen Lenker des Alls betrachten
— wir, die wir nicht einmal die Größe seiner Schöpfung
voll und klar zu erfassen vermögen?" Kapitel 30
Bei
einer anderen Gelegenheit bat ich Hassein um eine Erklärung der
Phänomene der spiritualistischen Bewegung, die jüngst auf Erden
eingesetzt hatte und für die ich ein tiefes Interesse hegte,
insbesondere in bezug auf die Materialisation. Hassein
antwortete: "Ich möchte zunächst auf die große Bedeutung
der Atomtheorie hinweisen, die neuerdings bei den Menschen auf Erden gelehrt
wird und die eine der einfachsten und vernünftigsten Erklärungen
für die Durchdringung von Materie durch Materie bildet. Wie bereits
erwähnt, sind die Bestandteile der Materie so klein, daß selbst
das Stäubchen in der Luft, das dem Auge nur erscheint, wenn es von einem
Sonnenstrahl getroffen und beleuchtet wird, — von einer zahllosen Menge
kleinerer Partikelchen zusammengesetzt ist. Durch dieselben Gesetze, die auch
die Anziehung und Abstoßung größerer Körper
beherrschen, werden sie angezogen und zusammengehalten. Die Kenntnis dieser
Gesetze befähigt die Geister, diese Atome bei den Kundgebungen
spiritistischer Materialisationen für ihre Zwecke zu gebrauchen. Solche
Atome, die sich für diese Art von Kundgebung eignen, werden von
Geistern, die sich zu materialisieren wünschen, aus der Atmosphäre
gesammelt, sowie auch von den Ausströmungen der Männer und Frauen,
die den spiritistischen Zirkel bilden. Diese Atome werden durch den Willen
der Geister in die Gestalt ihrer irdischen Körper geformt und durch eine
chemische Substanz, die in größerem oder geringerem Maße in
den Körpern aller lebenden Wesen enthalten ist, zusammengehalten.
Wären die Chemiker der Erde in ihrer Wissenschaft weiter vorgeschritten,
so könnten sie diese Substanz aus allen Lebewesen der Natur
herausziehen, sie aufbewahren und nach Belieben gebrauchen. Diese
Substanz oder Essenz ist das mysteriöse Lebenselixier der Alchemie. Das
Geheimnis, sie auszuziehen und in greifbarer Form zurückzuhalten, ist
das, was die Weisen aller Zeiten und Länder zu entdecken gesucht haben.
Sie ist jedoch so fein ätherischer Natur, daß den irdischen
Chemikern bis jetzt kein Prozeß bekannt ist, durch den diese Essenz in
einen Zustand gebracht werden kann, um eine Untersuchung derselben zu
ermöglichen. Immerhin wurde sie von einigen erkannt und ihr der Name
"Magnetische Aura" beigelegt. Von dieser ist sie jedoch nur ein
Element, und zwar das ätherischste. Die lebenspendenden Strahlen der
Sonne enthalten dieses Element. Wo aber ist bis jetzt der Chemiker, der die
Sonnenstrahlen zu zerlegen und ihre verschiedenen Bestandteile auf Flaschen
zu ziehen vermöchte? Diese Kenntnis aber besitzen die vorgeschrittensten
Geister. Und wenn eines Tages die Welt in der chemischen Wissenschaft weit
genug vorgeschritten ist, wird dieser Prozeß den Menschen ebenso
bekannt werden, wie einst die Entdeckung der Elektrizität und
ähnlicher Kräfte. Hier
möchte ich noch bemerken, daß bei einem spiritistischen Zirkel die
verschiedenen Teilnehmer der Aura ebensoviel Einfluß auf die
Materialisation haben wie die Aura des Mediums selbst. Manchmal verbinden
sich die chemischen Elemente in der Aura eines Mediums nicht vollständig
mit denen der anderen Anwesenden, und dieser Mangel an Harmonie vereitelt
dann überhaupt jede Materialisation. In außergewöhnlichen
Fällen arbeiten diese widerstrebenden Kräfte einander sehr entgegen
und wirken auf die gesammelten Atome so zurückstoßend, daß
sie eine geistige Explosion verursachen, welche die Atome auseinandersprengt,
wie Dynamit eine feste Mauer. Dieser Widerstreit hat nichts mit der moralischen
oder geistigen Verfassung solcher Personen zu tun. Sie können in jeder
Umsicht achtbare und ernste Menschen sein, aber sie sollten niemals bei
demselben Zirkel in magnetische Verbindung gebracht werden, da sich ihre
Auren niemals vermischen können. Befriedigende Resultate werden sie bei
einem gemeinschaftlichen Versuch niemals erlangen. Bei
jenen Medien, mit deren Hilfe nur rein physikalische Phänomene —
wie das Bewegen von Tischen in die Luft und ähnliche Kunststücke
— hervorgerufen werden, ist diese besondere Essenz zwar vorhanden,
jedoch in einer zu groben Form, um für Materialisationen geeignet zu
sein. Letztere erfordern einen gewissen verfeinerten Grad dieser Essenz. Es
herrscht in deren Güte ein ähnlicher Unterschied, wie zwischen
rohem und absolutem Alkohol. Bei einem echten Materialisationsmedium ist die
Essenz destillierter, verfeinerter: und je reiner sie ist, desto vollkommener
wird die Materialisation sein. Manche Medien eignen sich sowohl für
physikalische Manifestationen, wie für Materialisationen, aber im
Verhältnis als die grobphysikalischen Kundgebungen im Zirkel bevorzugt
werden, gehen die höheren und feineren Formen der Materialisation
verloren. Der
Besitz einer genügenden Menge von Spezialessenz befähigt den Geist,
sich in die gesammelten Atome zu hüllen und sie lange genug zu halten
bis sie in einen Zustand umgewandelt sind, in dem sie seine eigene
Identität zum Ausdruck bringen. Das nicht genügende Vorhandensein
der Essenz bewirkt jedoch bei dem Geiste, daß er seinen Halt verliert,
bevor der Prozeß beendet ist, und er sich nur flüchtig bei
unvollkommener Ähnlichkeit oder überhaupt nicht zeigen kann. Der
Vergleich mit einem alltäglichen Vorgang mag zur Erläuterung
dienen: Wenn du im irdischen Körper Fleisch, Pflanzen oder Flüssigkeit
zu dir nahmst, die alle jene Elemente in fertigem Zustande enthielten, die
dein Körper zu seiner Erneuerung bedurfte, so verwandeltest du durch den
Verdauungsprozeß diese Substanzen in einen Bestandteil der irdischen
Hülle deiner Seele. Auf demselben Wege nimmt ein Geist die Atome an
sich, die vom Medium und den Teilnehmern einer Materialisationssitzung
abgegeben werden. Durch einen künstlichen
"Verdauungsprozeß", der so schnell wie der Blitz
verläuft, verwandelt er sie in eine materielle Hülle für sich,
der er, je nach seiner Kraft, seine Identität mehr oder weniger
vollständig aufprägt. Jedes
Atom des menschlichen Körpers wird direkt oder indirekt — der
Atmosphäre seiner Umgebung entnommen und in der einen oder anderen Form
aufgesogen. Nachdem er als Kleid für seinen Geist gedient hat, wird es
wieder abgestoßen, um von einem anderen Lebewesen absorbiert zu werden.
Jedermann weiß, daß die Materie des menschlichen Körpers
einer fortwährenden Veränderung unterworfen ist. Aber wenige
wissen, daß es solche grobstoffliche, materielle Atome sind deren der
Geist bedurfte, um sich damit zu bekleiden und dem körperlichen Auge
sichtbar zu machen. Die
Essenz oder das Ätherfluidum ist dasjenige, was hauptsächlich den
materiellen Körper im Leben zusammenhält. Im Tode, bei Trennung des
Bindegliedes zwischen der Seele und den materiellen Atomen des Körpers,
entweicht dieses Fluidum in die umgebende Atmosphäre und gibt den
Körper dadurch dem Verfall preis. Kälte verzögert das
Entweichen dieses Ätherfluids; Hitze beschleunigt es. Auf diese Weise
erklärt es sich, weshalb der Körper eines Tieres oder einer Pflanze
eher in einem heißen Klima zerfällt und so zur Nahrung wird
für jene kleinen Parasiten, die durch den niedrigeren Grad von
Lebensmagnetismus genährt werden, der in der abgelegten Hülle
zurückbleibt. — Diese Essenz, auch Ätherfluidum genannt, ist
dem wissenschaftlich bekannten elektrischen Fluidum verwandt. Da aber
Elektrizität das Erzeugnis mineralischer und vegetabilischer Substanzen
ist, ist sie ihrer Eigenschaft nach gröber als diese menschliche
Elektrizität. Es würde erst der Verbindung mit anderen Elementen
bedürfen, um sie der menschlichen gleichwertig zu machen. Diese
höhere Essenz ist ein wichtiges Element von dem, was man
"höheres tierisches Lebensprinzip" zum Unterschied vom
"Seelen-Lebensprinzip" und "Astral-Lebensprinzip" nennt.
Zwischen diesen Grundprinzipien unterscheiden wir streng. Im
Trancezustand, der entweder künstlich hervorgerufen wird (Hypnose) oder
als Begleiterscheinung gewisser Sensitiver (Medien) auftritt, verbleibt diese
Lebensessenz bei dem Körper. Da jedoch in Trance der Körper nur
wenig dieser Essenz verbraucht, kann ein großer Teil entnommen und von
dem Kontrollgeist zu seiner Materialisation verwendet werden. Danach wird dem
Medium die entnommene Essenz wieder zurückerstattet. Einige Medien geben
diese Lebensessenz leicht ab, anderen kann sie nur mit großer Mühe
entzogen werden. Bei manchen ist nur eine so geringe Menge vorhanden,
daß es undienlich wäre, überhaupt etwas davon zu entnehmen. Die
Aura solcher Medien, die einen großen Bestand von Lebensessenz in hoher
und reiner Qualität aufweisen, verbreitet ein äußerst
liebliches, helles Silberlicht, das von Hellsehern beobachtet werden kann.
Dieses Licht geht vom Medium aus wie die Strahlen von einem Sterne. Wo es in
hohem Grade vorhanden ist, bedarf der materialisierte Geist keines anderen
Lichtes, um sichtbar zu sein. Die Geister erscheinen in solchem Falle wie mit
einem Silberhauch umgeben und gleichen Heiligen und Engeln, wie sie auf Bildern
dargestellt werden. Ohne Zweifel haben die alten Seher mittels dieser Art von
Aura Geister und Engel wahrgenommen. Manchen
Geistern der höchsten Sphären ist es sehr wohl möglich, sich
einen materiellen Körper auch ohne den Beistand eines irdisch
verkörperten Mediums zu gestalten. Solche Geister haben genügend
Kenntnisse von den Gesetzen der Chemie, und ihre Willenskraft hat den Grad
erreicht, der zu dem Prozesse erforderlich ist. In der Atmosphäre der
Erde und in Mineralen, Pflanzen und Tieren finden sie jede Substanz, aus der
ein Körper zusammengesetzt ist und aus der die Lebensessenz gezogen
werden kann. Der menschliche Körper ist eine Vereinigung von allen
Stoffen und Gasen, die auf und in der Erde und der Atmosphäre vorhanden
sind. Es bedarf nur der Kenntnis, welche Gesetze die Kombination der
verschiedenen Stoffe bewirken, um einen Geist instandzusetzen, einen
Körper zu bauen, der in jeder Hinsicht dem eines irdischen Menschen
gleicht und mit dem der Geist sich bekleiden kann, indem er ihn durch seinen
Willen für längere oder kürzere Zeit zusammenhält. Diese
Kunst ist notwendigerweise bis jetzt nur in den höheren Sphären
vorhanden. Denn es erfordert einen hohen Grad geistiger Entwicklung, bevor
ein Geist alle Naturgesetze im Zusammenhang mit diesem Prozeß richtig
abwägen lernt. Die Magier der Alten vermochten es wirklich, ihr Gebilde
bis zu einem gewissen Grade mit dem Astral- oder niederen Lebensprinzip zu
beseelen. Aber sie konnten dieses Leben infolge der großen
Schwierigkeiten, jene Essenz zu sammeln, nicht aufrecht erhalten. Hatten sie
aber solch einen künstlich hergestellten Körper beseelt, so
entbehrte er der Intelligenz und Vernunft, denn diese Attribute gehören
ausschließlich der Seele an. Kein Mensch oder Geist kann aber ein
künstliches Gebilde mit einer Seele versehen, welche allein Verstand und
Unsterblichkeit zu verleihen vermag. Jedoch konnte ein solcher Körper
einem Geiste als Hülle dienen und ihn befähigen, längere oder
kürzere Zeit mit Menschen zu verkehren, jenachdem er imstande war, diese
Hülle in guter Verfassung zu erhalten. So
konnten die Alten, welche ohne Zweifel große Erfahrung in diesen Dingen
besaßen, auch nach Belieben die materielle Bedeckung ihres Körpers
erneuern und tatsächlich auf Erden ihr Leben verlängern. Oder sie
konnten diese materiellen Atome zerstreuen und sich befreit von den Fesseln
des Fleisches, in das Geisterland begeben. Wenn es dann ihren Wünschen
entsprach, bauten sie sich den irdischen Körper wieder auf. Solche
Geistmenschen sind die Mahatmas, die infolge des Besitzes dieser und
ähnlicher Geheimnisse viele von den wunderbaren Fähigkeiten
aufweisen, die man ihnen zuschreibt. Wir
sind nicht der Meinung, daß man dieses Wissen als eine angeblich sehr
gefährliche Sache den Menschen vorenthalten müsse. Wir glauben im
Gegenteil, daß es kein Wissen gibt, das nicht auch allen anderen ohne
Gefahr übermittelt werden könnte; vorausgesetzt, daß sie
geistig genug entwickelt sind, um diesem Wissen Verständnis
entgegenzubringen und es richtig anwenden können. Das ist die Ansicht
unseres großen Lehrers Ahrinziman, der ein geborener Orientale war und
sich sowohl in seinem Erdenleben, wie auch während der mehr als
zweitausend Jahre seit seinem Tode mit dem Studium okkulter Dinge
befaßt hat. Er hat die Entstehung und die praktische Anwendung von
vielen Ideen beobachtet, die dem westlichen Verstande noch neu sind. In
manchen Fällen wird dem Körper des Mediums so viel Stoff entzogen,
daß sich dessen Gewicht merklich ändert. In selteneren Fällen
kommt fast die ganze materielle Hülle zur Verwendung, so daß das
Medium dem körperlichen Auge entschwunden
ist; ein Hellseher kann jedoch die astrale Gestalt des Mediums auf dem Stuhle
sitzen sehen. Hiebei sind es nur die grobmateriellen Atome, welche verwendet
wurden, während die mentalen Atome von dem Prozeß nicht
berührt werden. In der Regel wissen die Geister, die sich
materialisieren, nichts von den Mitteln, durch welche die Resultate erlangt
werden, geradeso wie viele Personen sich die Entdeckungen der Chemie und
ihrer Mittel zunutze machen, ohne zu wissen, wie diese Substanzen gewonnen
wurden. Bei allen Materialisationssitzungen ist ein unsichtbarer Führer
aus einer im Verhältnis zur Erde weit vorgeschrittenen Sphäre
zugegen. Dieser übermittelt seine Anordnungen einem Geiste, dessen Wille
in der Beherrschung der Kräfte des Astralplanes stark ist, sowie anderen
Geistern, welche mit dem Medium in Berührung kommen. Letztere
materialisieren sich auch manchmal selbst und zeigen sich dem Zirkel. Es
ist jetzt in der geistigen Welt eine mächtige Bewegung im Gange zur
Verbreitung des okkulten Wissens, sowohl unter den Geistern als auch unter
den Menschen. Das Kirchentum des Ostens wie des Westens wird diese Bewegung
sicherlich bekämpfen; aber es wird damit keinen Erfolg haben, denn
unsere Macht ist ihm zu sehr überlegen. Die Menschen halten überall
die Zugänge zum Wissen besetzt und drängen sich an den Toren, die
ihnen früher oder später geöffnet werden müssen. Wissen
kann man als unveräußerliches Geburtsrecht jeder Seele nicht
unterdrücken, noch kann es zum Eigentum einer besonderen Klasse gemacht
werden. Daher ist es gewiß besser, das Wissen in gewählter und
vernünftiger Weise mitzuteilen, als den Wunsch nach ihm zu
unterdrücken und die hungrige Seele schmachten zu lassen, bis sie es
sich aus den gehäuften Massen des Irrtums selbst gewinnt. Die
menschliche Rasse schreitet stetig vorwärts und die Bevormundung des
Kindes eignet sich nicht mehr für den heranwachsenden Jüngling.
Dieser verlangt Freiheit und wird die hemmenden Fesseln reißen, wenn er
nicht bis zum vollen Maße seiner Fähigkeiten auf den Pfaden zum
Wissen wandeln darf. Ist es daher nicht billig zu verlangen, daß die
Weisen des Volkes diesem Durste nach Licht und Erkenntnis dadurch
entsprechen, indem sie durch jeden Zugang, der geöffnet werden kann, die
Weisheit aller Zeiten in einer Form übermitteln, wie sie am leichtesten
erfaßt werden kann? Dieser Planet ist nur ein Fleck im Universum. Was
er an Wissen besitzt, ist nur jener Bruchteil des universalen Wissens, der
einer Stufe angemessen ist. Jede Stunde fordert gebieterisch, daß das
Wachstum der Menschenseele Hand in Hand gehe mit der Erweiterung ihres
Glaubens und seiner Hilfsquellen, — durch Einlaß immer neuer
Lichtströme, ohne Unterdrückung der alten, damit der neue Glanz das
Auge nicht allzusehr Blende." Kapitel 31
"Und
nun, lieber Hassein, habe ich noch einen anderen Punkt, über den ich
dich zu befragen wünsche. Oft möchten die Menschen auf Erden
wissen, woher es komme, daß kein Mensch die Sphären zwischen der
Erde und der Sonne sehen kann. Und auch, warum sie nicht einmal jene Geister
wahrzunehmen vermöchten, die sich angeblich bei ihnen im Zimmer
befanden. Natürlich sind nicht alle Menschen damit zufrieden, wenn man
ihnen einfach sagt, sie seien eben keine Hellseher und hätten das geistige
Schauen nicht. Sie wünschen eine eingehendere Erklärung. Ich bin
unfähig, eine Antwort auf die Frage zu geben. Kannst du es?" Hassein
lachte. "Ich könnte dir ein Dutzend solcher Erklärungen geben,
aber jene Sterblichen, die nicht imstande sind Geister zu sehen, würden
dadurch nicht viel klüger werden. Schon bei Photographien von
unmaterialisierten Geistern sieht man die materiellen Türen und Fenster,
Möbel usw. durch die Gestalten der Geister hindurch. Nun, das gibt eine
gute Vorstellung von dem Dichtigkeitsgrad eines Astralkörper der aus der
untersten Stufe vergeistigter Materie besteht. Die materiellen Partikel sind
so dünn gesät, daß sie einem feinen Netzwerk gleichen, das
durch unsichtbare Atome ätherischer Natur verbunden ist. Atome, die so
verfeinert sind, daß sie nicht auf die empfindlichsten Platten gebracht
werden können. Geister, welche den Erdenplan verlassen haben,
können mit den zur Zeit gebräuchlichen Platten nicht photographiert
werden. Sie haben in der Zusammensetzung ihres Körpers keine genügend
groben Atome und müssen daher einen dem irdischen ähnlichen
Körper materialisieren. Oder
diese Geister müssen solche Astralhüllen oder Körper benutzen,
welche sich, wie bereits erwähnt, aus den wolkigen Massen
halbmaterieller menschlicher Atome bilden. Aus jenen Astralschalen, die
niemals von einer Seele bewohnt wurden und ihrer Eigenschaft nach so
plastisch sind, daß die Geister sie nach ihrem Bilde formen
können. Wenn solche Bilder auch strenggenommen keinen Anspruch darauf
erheben dürfen, die Photographien der Geister selbst zu sein, so sind
sie nichtsdestoweniger Beweise für das Vorhandensein geistiger
Kräfte und für die Existenz jener Intelligenz, die sie schuf, da
jeder Geist der plastischen Astralform seine Identität selbst
aufprägen muß. Der
wahre Grund für die schattenhafte Erscheinung von Geisterphotographien
ist der, daß die photographischen Hilfsmittel zur Zeit noch nicht zur
Übertragung der ganzen Geisterform, sondern nur der gröberen
Partikelchen geeignet sind. Bei einem vollständig materialisierten Geist
ist die Durchsichtigkeit der Erscheinung nicht vorhanden. Die Form ist bei
diesem so vollkommen lebensähnlich und fest, daß die Leute
behaupten, es könne nichts anderes als nur das Medium selbst sein. Eure
Forscher, welche einen Gegenstand von solcher Tragweite zu ergründen
suchen und dabei nur über ein ganz alltägliches Wissen
verfügen, halten sich trotzdem für befähigt, über eine
Frage von solcher Bedeutung endgültig zu entscheiden. Wenige
Menschen ziehen in Betracht, daß auch ihr körperliches Sehen von
den materiellen Atomen abhängt, welche die Erdatmosphäre
erfüllen und sie diese ohne das Licht nicht wahrzunehmen
vermöchten. Bei Nacht können die Menschen auch Sterne sehen, die
nicht selbst Sonnen sind, weil sie aus Materie bestehen, die das Sonnenlicht
zurückstrahlt. Während des Tages aber verursacht die ungeheure
Masse materieller Partikel in der Erdatmosphäre, die durch den
Widerschein der Sonnenstrahlen beleuchtet werden, eine solch
undurchdringliche Lichtatmosphäre, daß die Sterne dem materiellen
Auge nicht mehr sichtbar sind. Wenn du jedoch über diese Atmosphäre
erleuchteter Atome hinaufsteigst, werden die Sterne auch am Mittag wieder
sichtbar, während der dich umgebende Ätherraum, da er von solchen
Partikelchen frei ist, ganz dunkel erscheint. Es ist da nichts vorhanden, was
die Sonnenstrahlen reflektieren könnte. Licht
kann nur da beobachtet werden, wo ein, wenn auch noch so kleiner Gegenstand
vorhanden ist, der ihm das Licht der Sonne zurückwirft. Woher kann also
der Mensch wissen, daß das Sonnenlicht durch den Ätherraum zur
Erde eilt? Nur durch Schlußfolgerung, aber nicht durch den Augenschein,
denn jenseits der Erde ist das Sonnenlicht für ihn unsichtbar. Die
Menschen wissen, daß das Licht des Mondes nur zurückgeworfenes
Sonnenlicht ist. In ähnlicher Weise ist jedes kleine Atom
grobstofflicher Materie, das in der Erdatmosphäre herumfliegt, ein
unendlich kleiner Mond, der Sonnenlicht reflektiert und die Erde durch den
Glanz dieser Strahlen erhellt. So sind diese kleinen Partikelchen, —
welche beständig von der Erde in die Atmosphäre abgestoßen
werden — nur die gröberen Atome die ihrerseits kleinere geistige
Keime umhüllen, oder besser umkreisen. Letztere bilden eine geistige
Atmosphäre um die Erde und reflektieren für Hellseher die geistigen
Elemente des Sonnenlichtes. Diese geistige Atmosphäre ist unter dem
Namen Astralplan bekannt und steht zu den Astralkörpern im selben
Dichtigkeitsverhältnis, wie die irdische Atmosphäre zu den
irdischen Körpern. Das
Licht, das von den geistigen Elementen der Sonne ausgeht und jene
Partikelchen des Astralplans trifft, ist das Astrallicht, mittels dessen die
Geister sehen. Die materielle Atmosphäre der Erde ist diesen ebenso
unsichtbar, wie die geistige Atmosphäre dem körperlichen Auge von
Erdenmenschen. Ist es daher so schwer vorstellbar, daß geistige
Sphären um die Erde herum oder zwischen der körperlichen Hülle
des Menschen und jener der Sonne vorhanden sein können, ohne daß
es ihm möglich ist, sie zu sehen? Deshalb nicht zu sehen, weil sein
geistiges Auge geschlossen ist und er nur irdische Dinge wahrzunehmen vermag.
Die geistigen Sphären und ihre Bewohner sind natürlich
durchsichtiger und dem irdischen Auge infolge seines unvollkommenen
Sehvermögens unsichtbar, das nur auf materielle Dinge von verhältnismäßig
großer Dichtigkeit beschränkt ist." Kapitel 32
Seit
ich die zweite Sphäre des Geisterlandes erreicht hatte, war der Himmel
stets bewölkt. Es bewegten sich an ihm reizende, lichte, flockige
Wolken, welche sich in tausend Formen verwandelten und die lieblichsten
Farbenschattierungen annahmen. Es wurde mir von anderen Geistern berichtet,
daß in ihren Lufträumen niemals eine Wolke zu sehen sei, alles sei
heitere, klare Schönheit. Ohne Zweifel ist es so in ihren Regionen, denn
in der geistigen Welt bilden unsere Gedanken und Wünsche unsere
Umgebung. Weil ich Wolken zu sehen liebe, deshalb sind sie an meinem Himmel
zu schauen, damit ich mich an ihnen erfreue. Einige
Zeit, nachdem ich mein kleines Heim im Morgenlande bezogen hatte, trat
zwischen mich und meine Wolkenbilder eine Vision, welche plastisch am
Horizont zu unterscheiden war. Sie stellte ein prächtiges,
ätherisches Tor von geschmiedetem Golde dar, das der Eingang zu
irgendeinem schönen Lande zu sein schien. Ein klarer Strom von Wasser
durchflutete die Ebene zwischen mir und diesem Tore, während Bäume
grün und luftig ihre Äste an seinen Ufern ausbreiteten. Immer
wieder sah ich diese Vision und während ich sie eines Tages betrachtete,
trat mein Vater unbemerkt bei mir ein. Er berührte meine Schulter und
sagte: "Franchezzo,
dieses Tor ladet dich ein, näherzukommen und es dir anzusehen. Es ist
der Eingang zum höchsten Kreis der zweiten Sphäre, hinter ihm
erwartet dich dein neues Heim. Jetzt ist es besser für dich, diese
kleine Hütte zu verlassen und zu sehen, ob die Wunder jenes neuen Landes
dich nicht weit mehr entzücken. Wie du weißt, bin ich in der
dritten Sphäre, welche über dir ist. Aber je näher du mir
bist, desto besser kann ich dich besuchen." Ich
war von dieser Mitteilung sehr überrascht. Es schien mir unglaubhaft,
daß ich so bald schon fähig sein sollte, jene Tore zu passieren.
Dann aber befolgte ich den Rat meines Vaters, bot meinem kleinen Heim ein
dankbares Lebewohl und machte mich auf die Reise nach dem neuen Lande. Im
Geisterlande, wo der Boden sich nicht wölbt wie bei der Kugelform der
Erde, verschwinden die Objekte am Horizonte nicht in der Weise, daß in
der Ferne Erde und Himmel ineinander überzugehen scheinen. Man sieht den
Himmel über sich wie eine ungeheuer breite Fläche. Die höheren
Kreise einer Sphäre erscheinen wie flache Ebenen, die auf
Bergeshöhen am Horizonte liegen. Hat man diese Berge erreicht und liegt
das neue Land vor dem Blicke ausgebreitet, so erheben sich an seinem
Horizonte wieder Berge und neue Länder, die noch höher liegen als
die, auf welchen man sich befindet. So also ist es möglich,
niederzuschauen auf jene Länder, die hinter uns liegen: wie auf eine
Reihenfolge von Terrassen, von denen jede zu einer niedrigeren, weniger
schönen führt, bis zuletzt der irdische Plan sichtbar wird, der die
Erde selbst umgibt. Jenseits dieses Planes wiederum liegt für jene,
deren Sehvermögen gut entwickelt ist, eine andere Folge von
terrassenähnlichen Ländern, die hinab zur Hölle führen.
So verschmelzen Kreise in Kreise und Sphären in Sphären. Zwischen
jeder Sphäre befindet sich eine Trennwand von magnetischen Wellen,
welche die Geister einer niedrigeren Sphäre so lange zurückweist,
bis ihr Entwicklungsstand mit den Schwingungen der höheren Sphäre
in Einklang gekommen ist. Auf
meiner Reise nach den goldenen Toren kam ich durch mehrere Kreise dieser
zweiten Sphäre, deren Gegenden und ihre Schönheiten mich versucht
haben würden, zu verweilen. Doch ich war so begierig, das herrliche Land
zu schauen, das jetzt das Ziel meiner Hoffnungen war. Außerdem
wußte ich, daß ich zu jeder Zeit auf meinem Wege zur Erde diese
Zwischenreiche erforschen konnte, da es einem Geiste stets möglich ist,
seine Schritte rückwärts zu lenken und die Sphären unter ihm
zu besuchen. Schließlich
erreichte ich den Gipfel der letzten Bergreihe zwischen mir und den goldenen
Toren. Vor meinen Augen lag ein liebliches Land. Die Bäume bewegten ihre
Zweige und Blumen blühten überall, während der klare Strom, an
dessen jenseitigem Ufer sich die goldenen Tore befanden, zu meinen
Füßen dahinfloß. Freudigen Herzens stürzte ich mich in
den herrlichen Fluß, um hinüberzugelangen. Seine erfrischenden
Fluten schlossen sich über meinem Haupte, während ich tauchte und
schwamm. Als ich auf der andern Seite landete, war ich ganz
durchnäßt, aber in einem Augenblicke war meine Kleidung wieder
trocken. Und was noch merkwürdiger war: mein graues Gewand mit seiner
dreifachen weißen Borte war in ein solches von blendend weißem
Glanze mit einem goldenen Gürtel und goldenen Borten verwandelt. Am Hals
und an den Handgelenken war es mit kleinen, echt goldenen Schnallen
geschlossen, während das Tuch aus feinstem Musselin zu bestehen schien. Ich
schaute und mochte kaum meinen Augen trauen. Dann näherte ich mich mit
klopfendem Herzen jenen prächtigen Toren. Als meine Hand sie
berührte, öffneten sie sich selbst. Durch sie gelangte ich auf
einen breiten Weg, der von Bäumen, blühenden Sträuchern und
lieblichen Pflanzen eingefaßt war. Die Blumen glichen jenen der Erde,
aber um wie viel schöner und duftiger waren sie! Mit Worten können
sie gar nicht beschrieben werden. Zu meinen Füßen breitete sich
ein weicher Rasen und zu Häupten dehnte sich ein Himmel wundervoll klar
und rein. Eine Lichtfülle drang zwischen den Bäumen hindurch, wie
ich es auf Erden nie gesehen. Vor mir erblickte ich liebliche blaue und
purpurne Anhöhen und den Spiegel eines schönen Sees, in dessen
Mitte kleine friedliche Inseln mit dichtbelaubten Baumgruppen einen
prächtigen Anblick gewährten. Hier und da glitt über den See
ein kleines Boot mit seligen Geistern, die in leuchtende Gewänder von
verschiedener Farbe gekleidet waren. Alles erschien der Erde und meinem
geliebten Süden ähnlich und war doch so verändert: veredelt
und frei von allem Makel des Irrtums und der Sünde. Als
ich den blumenbesäumten Weg dahinschritt, kam eine Gesellschaft von
Geistern auf mich zu und begrüßte mich. Unter ihnen erkannte ich
meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder und eine Schwester, außerdem
viele liebe Freunde aus meiner Jugendzeit. Sie hatten Schleier von roter,
weißer und grüner Farbe bei sich, mit denen sie mir winkten. Als
ich mich näherte, bestreuten sie meinen Pfad mit herrlichsten Blumen und
sangen zum Willkommen die schönen Lieder unseres Landes. Ich fühlte
mich von Bewegung fast übermannt; es schien viel zu viel des Glücks
für mich. Inmitten
dieses glänzenden Schauspiels wendeten sich meine Gedanken zu ihr, die
mir von all den Lieben die Teuerste war, und ich dachte: "Schade,
daß sie nicht hier ist, sie, deren Liebe ich mehr als sonst etwas diese
Stunde verdanke." Sowie dieser Gedanke in mir auftauchte, gewahrte ich
plötzlich ihren Geist neben mir. Halb schlummernd, halb bewußt war
er für einen Augenblick vom irdischen Körper befreit und auf den
Armen ihres höchsten Schutzgeistes hierhergetragen worden. Ihre Kleidung
war die der geistigen Welt, weiß wie das Gewand einer Braut und
schimmernd von funkelnden Edelsteinen. Ich wendete mich ihr zu und zog sie an
mein Herz. Bei meiner Berührung erwachte ihre Seele und blickte mich
lächelnd an. Hierauf stellte ich sie meinen Freunden als meine geliebte
Braut vor. Während sie uns noch alle anlächelte, kam ihr
Führer wieder und warf einen großen weißen Mantel über
sie. Sodann nahm er sie wieder auf seine Arme, und wie ein ermüdetes
Kind schien sie in Schlummer zu versinken, als er sie zu ihrem irdischen
Körper hinwegtrug. Diesen hatte sie für kurze Zeit verlassen, um an
diesem Feste höchster Freude teilzunehmen und es durch ihre Gegenwart zu
krönen. Ach, wie hart empfand ich den Gedanken, daß sie nicht bei
mir bleiben konnte; aber die Zeit ihres Erdendaseins war noch nicht
völlig abgelaufen. Dann kamen meine Freunde auf mich zu und umarmten
mich zärtlich. Meine Mutter, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr
gesehen hatte, bedeckte mein Gesicht mit Küssen, als ob ich noch der
kleine Knabe gewesen wäre, den sie vor so vielen Jahren verlassen
mußte. Die
Gesellschaft geleitete mich nun zu einem reizenden Wohnhaus. Dieses war fast
begraben in Jasmin und Rosen, die seine Mauern und die weißen
Säulen der Piazza umrankten, indem sie auf der einen Seite einen
Blumenteppich bildeten. Was für ein prächtiges Heim und wieviel
schöner als das, welches ich verlassen hatte! Seine Zimmer — es
gab deren sieben — waren geräumig, und ein jedes entsprach einer
Eigentümlichkeit meines Charakters, oder einer Geschmacksrichtung,
welche ich bevorzugte. Mein
Wohnhaus befand sich auf dem Gipfel einer Anhöhe, von der aus man den
viele hundert Fuß tiefer liegenden See überblicken konnte. Seine
stillen Wasser kräuselten sich infolge magnetischer Strömungen, und
die benachbarten Hügel Spiegelten sich dazwischen in seiner ruhigen
Tiefe. Jenseits des Sees erstreckte sich ein weites Tal. Wie man von der
Spitze eines Berges herabblickt auf die niederen Hügel, das dunkle Tal
und die Ebenen unten, so schaute ich jetzt von meinem neuen Heim herab auf
das Panorama der niedrigeren Sphären und Kreise, welche ich
durchschritten hatte, bis hinunter zum Erdenplane und zur Erde selbst, die
wie ein Stern tief unter mir lag. Oftmals habe ich seitdem hier gesessen, und
indem die Szenen meines vergangenen Lebens in langer Reihe an meinem Geiste
vorüberzogen, trat immer wieder das Bild von ihr hervor, die mein
Leitstern ist. — — — Der
Raum, von dem ich diesen Blick auf die Erde hatte, war mein Musikzimmer. In
ihm befanden sich Instrumente verschiedener Art. Blumen verzierten die
Wände und weiche Draperien bekleideten die Fenster, die keines Glases
bedurften, um den sanften Zephyr jenes wundervollen Landes abzuhalten. An
einer der Wände hing das Bild meiner Geliebten, umrahmt von den
schneeweißen Rosen, die mir immer als ein Symbol von ihr erschienen.
Hier auch fanden sich alle meine kleinen Schätze wieder vor, welche ich
in meinen dunkeln Tagen gesammelt hatte, als der Schatten der Nacht mich noch
umgab. Eine Menge reizender Geisterblumen erfüllten mit ihrem Wohlgeruch
das Zimmer. Die Ausstattung glichen solchen auf der Erde, nur erschien sie in
jeder Beziehung lichter, anmutiger und schöner. Der
nächste Raum war mit schönen Gemälden liebreizenden Statuen
und Tropenblumen ausgestattet. Er hatte viel mehr Ähnlichkeit mit einem
Wintergarten als mir einem Zimmer. Ferner war da eine kleine Grotte mit einem
Springbrunnen, dessen Wasser unter glitzerndem Funkeln sanft murmelnd eine
Melodie raunten. — In der Nähe dieser Grotte befand sich ein
Gemälde, welches Szenen aus meinem irdischen Leben darstellte. Vertraute
Bilder, die beseligend auf mich wirkten und deren Erinnerung keinen Stachel
in sich barg. Ferner befanden sich hier auch viele Bilder von meinen Freunden
und von Szenen aus der geistigen Welt. Die
Aussicht von diesem Zimmer aus war eine andere als jene von meinem
Musikzimmer. Sie gewährte einen Blick auf Lande, die noch weit über
mir waren. Seine Türme und Berge erschienen in einem matten Nebel von
durchsichtigem, bald regenbogenfarbigem, bald goldig-blauem oder weißem
Dunste. Es war mir eine angenehme Abwechslung, bald die eine, bald die andere
Aussicht zu genießen — den Blick von der klaren Vergangenheit zur
Zukunft, die noch dunkel und verschleiert vor mir lag. In diesem Gemäldesalon
war alles vorhanden, was das Auge entzücken und den Körper
erfrischen konnte. Denn unsere Körper brauchen Ruhe, so gut wie die der
Menschen auf Erden. Wir erfreuen uns der Erholung auf einem Ruhebette von
Flaum, das wir uns durch eigene Arbeit verdient haben. Ein
weiterer Salon zum Empfang meiner Freunde befand sich nebenan. Hier wiederum
waren, wie in der niedrigeren Sphäre. Tische mit einfachen, aber
köstlichen Früchten, Kuchen und anderen Speisen — denen auf
der Erde ähnlich, nur weniger materiell — zum Genusse aufgestellt.
Auch der herrliche, funkelnde Wein der geistigen Welt, dessen ich früher
schon Erwähnung getan, fehlte nicht. In einem anderen Zimmer dagegen
befand sich eine Bibliothek, die Bücher über mein Leben und das
Leben solcher, die ich bewunderte oder liebte, enthielt. Auch Bücher
über viele andere Gegenstände waren vorhanden. Ihre besondere
Eigentümlichkeit war, daß ihr Inhalt anstatt gedruckt zu sein, in
Bildern dargestellt war. Dies gaben bei genauem Studium die Gedanken ihrer Verfasser
auf beredtere Weise wieder, als es in Worten hätte geschehen
können. Hier war auch Gelegenheit, die hohen Gedanken der Poeten und
Geister der oberen Sphären zu empfangen. Auch
in meinem Schlafzimmer waren wie überall in Hause Blumen. Ich liebte diese
sehr, denn sie sprachen zu mir von so vielen Dingen und schienen immer reine
Gedanken in mir zu erwecken. Eine Terrasse umgab das Haus, während der
Garten fast in den See hineinzuhängen schien. Von Farren und
blühenden Sträuchern umgeben und nach hinten zu durch Bäume
geschützt, lag eine Ecke mehr nach der Seite des Hauses zu und wurde
bald mein Lieblingsplätzchen. Der Boden war mit einem Teppich von
weichem, grünem Moos überzogen, wie es auf der Erde nicht zu finden
ist. — Blumen blühten rings umher. Auf einer Bank ließ ich
mich oft nieder, um auf die Erde hinabzuschauen und mir vorzustellen, wo
meines Lieblings Heim wohl sei. Durch den Millionen von Meilen weiten Raum
hindurch konnten meine Gedanken sie so erreichen, wie die ihrigen jetzt auch
mich. Denn das magnetische Band unserer Liebe stellte die Verbindung zwischen
uns her, und keine Macht wird jemals imstande sein, uns voneinander zu
trennen. Als
ich alles gesehen und bewundert hatte, führten mich meine Freunde zum
Hause zurück. Wir alle setzten uns nieder, um die Willkommensfeier zu
begehen, die ihre Liebe für mich vorbereitet hatte. Was für ein
fröhliches Fest das war! Heiter brachten wir das Wohlergehen und das
Glück eines jeden aus und bekräftigten dann unsern Wunsch, indem
wir von dem edlen Weine tranken, der keinen Rausch, keine Empfindung von Reue
hinterließ. Köstlich waren auch diese Früchte, zahlreiche
kleine Delikatessen, die ich alle der Liebe irgend jemandes verdankte. Es war
mir, als ob ich in einem schönen Traume lebte, aus dem ich sicherlich
erwachen müßte. Schließlich verließen mich meine
Freunde mit Ausnahme meines Vaters und meiner Mutter; von diesen wurde ich
nach den oberen Zimmern des Hauses geführt. Es waren drei an der Zahl.
Zwei davon waren für Freunde bestimmt, die zu längerem Besuche
kamen. Das dritte Gemach diente zu meinem eigenen Gebrauch. Es war mein
Schlafzimmer, in welches ich mich zurückziehen konnte, wenn ich ausruhen
wollte und keine andere Gesellschaft zu haben wünschte als meine eigenen
Gedanken. Als
wir es betraten, war von der Einrichtung das Bett dasjenige Stück, das
mehr als etwas anderes mich mit Bewunderung erfüllte. Der Überzug
bestand aus schneeweißem, feinstem Gewebe, das mit Lila und Gold
besetzt war. Am Fußende des Bettes befanden sich zwei Figuren von Engeln,
aus blendendweißem Alabaster gehauen. Ihre Größe war
bedeutend, denn ihre Köpfe und ausgebreiteten Flügel schienen fast
die Decke zu berühren. Die Haltung dieser beiden Figuren war anmutig und
graziös. Ihre Füße berührten kaum den Boden, und in ihrer
vorgeneigten Stellung mit den halbausgespannten Schwingen riefen sie den
Eindruck hervor, als ob sie gerade aus ihrer himmlischen Sphäre
angekommen wären. Es
war eine männliche und eine weibliche Gestalt. Der Mann hatte einen Helm
auf dem Haupte und hielt in der einen Hand ein Schwert, in der anderen eine
Krone. Seine Formen trugen den Stempel reifer männlicher Schönheit
und Grazie. Sein Antlitz mit den vollkommenen, regelmäßigen
Zügen, von Festigkeit und Milde hatte für mich den Ausdruck einer
königlichen Majestät, die geradezu göttlich war. Die weibliche
Figur an seiner Seite war kleiner und zarter. Ihr Gesicht war voll edler,
weicher, frauenhafter Reinheit und Schönheit, die Augen groß und
von sanftem Ausdruck. Die lockigen Haare reichten bis zu den Schultern herab,
diese halb verhüllend. Die eine Hand hielt eine Harfe mit sieben Saiten,
die andere lag auf der Schulter des männlichen Engels, als ob sie sich
auf dessen Stärke stützen wollte. Der reizende Kopf, halb
vorwärts gebeugt, ruhte auf ihrem Arme und trug eine Krone von
weißen Lilien. Der Ausdruck ihres Gesichtes war von ausgesuchter
Lieblichkeit und mütterlicher Zärtlichkeit. Haltung und
Gebärde beider stellten die herrlichste Verkörperung himmlischer
Schönheit dar, die mir je zu Gesicht gekommen ist. Schließlich
wendete ich mich mit der Frage an meinen Vater, wie diese liebreizenden
Figuren in mein Zimmer gekommen und warum sie mit Flügeln dargestellt
seien, da doch Engel in Wirklichkeit gar keine Flügel
besäßen, die aus ihrem Körper wachsen. "Mein
Sohn", antwortete er, "diese lieblichen Gestalten sind ein Geschenk
von deiner Mutter und mir. Wir möchten gern, daß du unser
gedenkst, wenn du unter ihren Schwingen ruhst. Denn letztere sollen in
bildlicher Weise den Schutz darstellen, den wir dir stets gewähren. Die
Figuren haben Flügel, weil diese das Symbol der Engelsphären sind.
Es ist nicht so, als ob sie aus der Schulter wuchsen, wie man es auf den
Engel irdischer Künstler dargestellt findet. Die Flügel
drücken die Fähigkeit engelhafter Wesen aus, sich auf ihren
Geistesschwingen in den Himmel selbst zu erheben. Der glänzende Helm und
das Schwert bedeuten Kampf — der Helm den Kampf des Geistes gegen
Irrtum und Finsternis das Schwert den Kampf, den der Mensch mit seiner
eigenen niederen Natur führen muß. Die Krone symbolisiert die
Herrlichkeit der Tugend und Selbstbeherrschung. Die
Harfe in der Hand der Frau zeigt an, daß sie ein Engel aus der
Sphäre der Musik ist, die Lilienkrone bezeichnet Reinheit und Liebe.
Ihre Hand auf der Schulter des Mannes, deutet an, daß sie ihre Kraft
von ihm und seiner stärkeren Natur empfängt, während Haltung
und Miene, wie sie sich über dein Bett beugt, die zärtliche Liebe
und den Schutz der weiblich-mütterlichen Natur bedeuten. Sie ist kleiner
als der Mann weil in dir die männlichen Elemente stärker vertreten
sind als die weiblichen. Bei manchen Darstellungen von Engeln männlicher
Seelen sind sie von gleicher Größe und Gestalt, weil in diesen
Charakteren die männlichen und weiblichen Elemente in ähnlicher
Weise und gleich stark vertreten sind. Aber bei dir ist das nicht so, deshalb
stützt sich hier das Weib auf den Stärkeren. Der
männliche Engel versinnbildlicht Macht und Schutz, der weibliche
Reinheit und Liebe. Zusammen bedeuten sie die ewige Doppelnatur der Seele und
die Unvollkommenheit der einen Hälfte ohne die andere. Sie sind also
eine symbolische Darstellung des Schutzengelpaares deiner Seele, dessen
Schwingen stets zum Schutze über dir ausgebreitet sind. Soll
ich gestehen, daß es Zeiten gab, wo ich selbst in diesem schönen
Heim mich einsam fühlte? Bis jetzt hatte ich niemanden, um es mit mir zu
genießen; ich habe eine Freude stets doppelt empfunden, wenn jemand da
war, der sie mit mir teilte. Die eine Gefährtin, nach der ich mich vor
allem sehnte, lebte noch auf der Erde; ich wußte leider, daß sie
sich noch für viele Jahre nicht mit mir verbinden konnte. Treufreund
wohnte in einem Kreise der Sphäre über mir in seinem eigenen Heime,
und was Hassein anbetrifft, so war er uns beiden weit voraus. Wenn ich auch
ab und zu diese Freunde, sowie Vater und Mutter sah, so war doch niemand da,
mein Leben mit mir als guter Kamerad zu teilen. Ich war oft auf der Erde, oft
bei meinem Lieblinge — aber ich fand, daß ich bei meinem geistig
vorgeschrittenen Zustande nicht so lange fortbleiben konnte als ich es
gewünscht hätte. Der Aufenthalt in der unteren Sphäre hatte
auf meinen Geist dieselbe Wirkung, als wenn ich gezwungen worden wäre,
in einer Nebelatmosphäre, oder in einem Kohlenbergwerk zu leben. Ich mußte
häufiger zum Geisterlande zurückkehren, um mich zu erholen. Oft
saß ich in meinen schönen Zimmern und seufzte: "Ach
hätte ich nur irgend jemanden, um mit ihm zu sprechen, irgend eine
gleichgesinnte Seele, der ich all die Gedanken meines Geistes mitteilen
könnte." Ein unerwarteter Besuch Treufreunds erfüllte mich
daher mit höchster Freude, und gerne hörte ich die Mitteilung,
welche er mir zu machen hatte. "Ich
komme" sagte er, "im Interesse eines Freundes, der soeben in diesen
Kreis der Sphäre angelangt ist, der sich aber bis jetzt noch kein
eigenes Heim verdient hat und deshalb nach einem Freunde sucht, der
wohlhabender ist als er selbst. Er hat keine Verwandten hier, und ich dachte,
seine Gesellschaft wäre dir vielleicht angenehm." "Es
würde mir wirklich zur Freude gereichen, mein Heim mit deinem Freunde zu
teilen." Treufreund
lacht. "Er ist auch dein Freund, du kennst ihn. Es ist Benedetto." "Benedetto!"
rief ich verwundert und erfreut. "Ach! dann ist er mir doppelt
willkommen. Bringe ihn her, so bald als möglich." "Er
ist schon hier — wollte nur nicht mit hereinkommen, bevor er sicher
war, daß du wirklich erfreut bist, ihn will kommen zu
heißen." "Keiner
könnte mir willkommener sein" sagte ich, "Laß uns sofort
gehen und ihn hereinholen." So
gingen wir denn zur Türe, und da stand er. Sein Aussehen war sehr
verschieden von dem, als ich ihn zuletzt in jener schrecklichen Stadt der
niederen Sphäre sah — damals so niedergebeugt und gedrückt,
jetzt so heiter; seine Kleider nun, wie die meinen, von reinstem Weiß.
Wenn auch in seinem Gesichte noch Spuren von Trauer zu finden waren, so lagen
doch Friede und Hoffnung in seinen Augen. Ich ergriff seine Hand und umarmte
ihn. Wir, die wir beide so gesündigt und gelitten hatten, fanden uns nun
auch in der Freude zusammen und waren fortan Brüder. So
kam es, daß mein Heim nicht mehr einsam war. Denn wenn einer von uns
zurückkehrt von der Arbeit, so ist der andere da, ihn zu
begrüßen, mit ihm Freude und Sorge zu teilen und Erfolg oder
Mißerfolg mit ihm zu besprechen. Kapitel 33
Einer
Vision will ich Erwähnung tun, weil mir in ihr ein neuer Weg zu neuer
Arbeit gezeigt wurde — einer Arbeit, bei der ich die Erfahrungen meiner
Wanderungen zur Unterstützung anderer verwerten konnte. Ich
lag in meinem Zimmer und war soeben aus einem langen Schlaf erwacht. Wie
oftmals betrachtete ich auch jetzt jene schönen Figuren, die
Darstellungen meiner Schutzengel waren. Während ich ihre immer neuen
Schönheiten und Züge bewunderte, fühlte ich, daß mein
östlicher Führer Ahrinziman sich mit mir in Verbindung zu setzen
wünschte. Ich verhielt mich daher ganz passiv und bemerkte bald,
daß mich eine große Lichtwolke von glänzendweißer,
nebeliger Beschaffenheit umgab. Die Wände des Zimmers entschwanden
meinem Blick. Dann schien sich meine Seele vom Körper zu lösen und
emporzuschweben, indem sie meine geistige Hülle auf dem Bette
zurückließ. Immer
weiter aufwärts stieg ich, als ob mich der mächtige Wille meines
Führers zu ihm hinzöge. Mit dem Gefühle einer Erleichterung,
wie ich sie selbst als Geist nie zuvor empfunden hatte, schwebte ich dahin.
Auf dem Gipfel eines hohen Berges ließ ich mich schließlich
nieder; von hier aus sah ich die Erde mit ihren niederen und höheren
Sphären unter mir kreisen. Auch die Sphäre meiner jetzigen Heimat
bemerkte ich, doch schien sie tief unterhalb der Höhe zu liegen, auf der
ich stand. Ahrinziman befand sich an meiner Seite, und wie im Traume
hörte ich seine Stimme zu mir sprechen: Mein
Sohn, siehe den Weg, auf dem ich dich einer neuen Tätigkeit
zuführen möchte, Betrachte die Erde mit ihren zugehörigen
Sphären und erkenne, wie wichtig für ihre Wohlfahrt das Werk ist,
an dem du dich beteiligen sollst. Lerne jetzt den Wert der Macht
schätzen, die du auf deiner Reise in die Reiche der Hölle erlangt
hast. Denn sie befähigt dich, einer von jener großen Armee zu
werden, die täglich und stündlich die Sterblichen vor den Angriffen
der Höllenbewohner zu schützen hat. Schaue auf dieses Panorama der
Sphären hinab und erfahre, wie du dieses Werk unterstützen
kannst." Ich
wandte den Blick und sah den kreisenden Gürtel des großen
Erdplanes mit seinen magnetischen Strömungen, die wie die Gezeiten des
Ozeans auf ihren Wellen Millionen und Millionen von Geistern trugen. Ich sah
jene merkwürdigen elementaren Astralgebilde, von denen manche
wunderlich, manche scheußlich, manche schön waren. Ich sah auch
die erdgebundenen Geister von Männern und Frauen welche durch Hang zu
sinnlichen Freuden oder durch ein sündhaftes leben noch gefesselt waren
und sich der Körper von Sterblichen bedienten, um ihre lasterhaften
Gelüste durch sie zu befriedigen. Diese und ähnliche Geheimnisse
des Erdenplanes nahm ich wahr und bemerkte auch, wie aus den unteren
Sphären Wellen mit dunkeln schrecklichen Wesen heraufschlugen, die dem
Menschen durch ihren Einfluß zehnmal tödlicher sind, als die dunklen
Geister der Erdsphäre. Ich
sah, wie sich diese Wesen um die Menschen scharten und sie dicht
umdrängten; wo sie ihr Wesen trieben, erlosch das Licht der geistigen
Sonne, deren Strahlen die Erde beständig treffen. Durch die dunklen
Massen ihrer grausamen, schlechten Gedanken hielten sie jenes Licht ab, und
wo diese Schatten über der Erde hingen, da wurde gemordet und geraubt.
Grausamkeit, Laster und Bedrückung waren ihr Gefolge; Not, Tod und Sorge
schlossen sich ihnen an. Wo ein Mensch den Mahnungen des Gewissens kein
Gehör mehr schenkte und der Begierde und Selbstsucht, dem Hochmut und
Ehrgeiz Raum gab, da häuften sich diese finstern Wesen und schlossen das
Licht der Wahrheit durch ihre dunkeln Körper aus. Ferner
bemerkte ich viele Sterbliche, die um die Teuren klagten, die sie geliebt und
verloren hatten. Sie vergossen bittere Tränen, weil sie ihrem
Gesichtskreis entrückt waren. Dabei sah ich, wie die, um welche sie in
Trauer waren, ihnen zur Seite die verzweifeltsten Anstrengungen machten, um
zu beweisen, daß sie sich noch am Leben und in ihrer Nähe
befänden. Doch ihre Bemühungen schienen alle vergebens. Die
Lebenden vermochten nicht, sie zu sehen oder zu hören. Die armen,
bekümmerten Geister hingegen konnten nicht in ihre glänzenden
Sphären eingehen, weil sie, so lange ihre Hinterbliebenen um sie
klagten, durch die Bande ihrer Trauer an die Erde gefesselt waren. Das Licht
ihrer geistigen Lampen wurde matt und erlosch, während sie in hilflosem
Kummer über der Erde schwebten. — — — Da
fragte ich Ahrinziman: — "Gibt es denn hier kein
Verständigungsmittel zwischen den beiden Parteien, den Lebendigen und
den sogenannten Toten, damit die Sorgenbeladenen unter ihnen getröstet
würden? — Und wäre nicht eine Verständigung vonnöten,
damit diese sündigen und selbstsüchtigen Menschen auf die dunklen
Wesen aufmerksam würden, die sich an sie herandrängen und ihre
Seelen in die Hölle hinabzuziehen trachten?" Nun
gewahrte ich ein herrlich strahlendes Licht, das wie eine Sonne
erglänzte. Kein Sterblicher auf Erden sah jemals die Sonne in solchem
Glanze leuchten. Seine Strahlen zerteilten die Wolken der Finsternis und
Sorge, und ich hörte eine himmlische Musik ertönen. Ich glaubte
sicher, daß die Menschen diese Musik hören und dieses Licht sehen
und getröstet sein müßten. Aber sie vermochten es nicht
— ihre Ohren waren durch die falschen Vorstellungen verschlossen;
Erdenstaub belastete ihren Geist und machte ihre Augen blind für das
glorreiche Licht, das um sie herum schien. Andere
Sterbliche, deren geistiges Auge etwas geöffnet und deren Ohr nicht ganz
taub war, sprachen, wie ich vernahm, von der geistigen Welt und ihren
Schönheiten. Erhabene Ideen kamen ihnen zum Bewußtsein und sie
übersetzten diese in die Sprache der Erde. Sie hörten herrliche
Musik und versuchten, sie wiederzugeben. Sie hatten liebliche Visionen und
suchten sie, so weit es die irdischen Mittel gestatteten, so zu malen, wie
sie sie im Geiste geschaut hatten. Solche Sterbliche nannte man Genies. Ihre
Worte, ihre Musik und Gemälde dienten dazu, des Menschen Seele Gott
näherzubringen. Denn alles Höchste, Reinste und Beste kommt durch
Inspiration von der geistigen Welt. Doch
trotz aller dieser Schönheit von Kunst, Musik und Dichtkunst, trotz
aller Wärme religiösen Gefühls, war noch kein Weg
eröffnet, auf dem der Mensch mit seinen Lieben in Verbindung treten
konnte, die ihm in das Reich der Schatten vorangegangen waren. Die Menschen
glaubten nicht, daß eine Rückkehr möglich sei aus jenem
Lande, das ihrer Meinung nach unbekannt und völlig in Dunkel
gehüllt ist. Auch gab es kein Mittel, durch welches Geister, die dem
Menschen zu einer höheren Erkenntnis der Wahrheit verhelfen wollten,
direkt mit ihm verkehren konnten. Vorstellungen und Irrtümer der alten
Lehren, vermischten sich stets wieder mit den neueren und besseren Ideen,
welche die geistige Welt zu geben suchte. Hierdurch wurden ihre Strahlen
gebrochen, so daß sie das Bewußtsein des Menschen nur
unvollkommen und verdunkelt erreichten. Dann
aber gewahrte ich, daß die Mauer zwischen Diesseits und Jenseits von
vielen Toren durchbrochen war und an jedem Tore ein Engel stand, um es zu
hüten. Der Engel war das oberste Glied einer Kette von Geistern, die von
der Erde bis zu den höchsten Sphären hinaufreichte. In dieser Kette
stand von unten herauf immer ein Geist auf einer höheren Stufe als der
andere. Den Sterblichen der Erde wurden die Schlüssel zu jenen Toren
gegeben, damit eine Verbindung zwischen ihnen und der geistigen Welt
angebahnt werde. Leider
aber sah ich, daß sich viele von denen, welche den Schlüssel in
Händen hielten, als untreu erwiesen. Sie ließen sich von den
Freuden und Genüssen der Erde verführen, wendeten sich ab und
schlossen ihre Türe. Andere wieder hielten ihre Türen nur teilweise
geöffnet. Wo nur Licht und Wahrheit zum Vorschein kommen sollten, schlichen
sich dann Irrtum und Finsternis ein, und wiederum wurde das Licht aus der
geistigen Welt getrübt, wenn es durch diese verdunkelten Tore schien.
Noch trauriger aber war, wie im Laufe der Zeit das Licht ganz zu leuchten
aufhörte und den unreinen Strahlen dunkler, betrügerischer Geister
aus den untersten Sphären wich. Endlich schloß der Engel das Tor,
um es auf Erden nie wieder zu öffnen. Da
wendete ich mich von diesem Anblick ab und gewahrte viele neue offene
Türen, an welchen Sterbliche standen, deren Herzen rein und
unberührt von den Gelüsten der Erde waren: Durch diese Türen
strömte eine solche Flut von Licht auf die Erde, daß meine Augen
geblendet waren und ich zur Seite blicken mußte. Als ich wieder
aufschaute, sah ich, daß die Türen von Geistern bestürmt
wurden — von schönen, glänzenden Geistern und auch von
anderen in dunkler Kleidung, die wegen ihrer sündhaften Vergangenheit
Reue empfanden und in deren Seelen der Wunsch nach Besserung lebte. Ferner
bemerkte ich schöne und reine Geister, die bekümmert schienen, weil
sie mit denen nicht mehr sprechen konnten, die sie auf Erden
zurückgelassen hatten. Auch sorgenschwere und sündige Geister sah
ich durch die neuen Verbindungswege mit der Erde getröstet und ermutigt.
In den Herzen vieler Sterblicher aber war Freude, denn der dunkle Schleier
des Todes war gelüftet und man empfing Botschaften von jenseits des
Grabes. Dann
sah ich große Heere von Geistern aus den höheren Sphären an
mir vorüberziehen. Ihre Kleider von reinstem Weiß und ihre Helme
von Silber und Gold leuchteten in dem herrlichen Geisteslicht. Einige
darunter schienen die Führer zu sein, welche die Arbeit der anderen
überwachten. Ich fragte: "Wer sind diese, sind sie jemals
sterbliche Menschen gewesen?" Ahrinziman
antwortete: "Nicht nur sterbliche Menschen, sondern viele unter ihnen
waren auch große Sünder, die deshalb in jene Reiche der Hölle
hinabsteigen mußten, die auch du besucht hast. Infolge ihrer tiefen
Reue und ihrer zahlreichen Werke der Sühne, sowie durch ihren
vollkommenen Sieg über ihre niedere Natur, sind sie jetzt Führer in
den Heeren des Lichts geworden — starke Krieger, welche die Menschen
vor den Bösen jener niederen Sphären schützen." Von
Zeit zu Zeit bemerkte ich dunkle Massen von Geistern, die gleich brandenden
Meereswogen durch der Menschen schlechte Begierden und lüsterne
Selbstsucht angezogen wurden. Durch die Heere der lichten Geister wurden sie
aber verjagt, denn zwischen diesen beiden Parteien herrscht ein
beständiger Kampf, dessen Preis des Menschen Seele ist. Diese widerstreitenden
Kräfte hatten außer ihrem Willen keine Waffen. Sie bekämpften
sich ausschließlich mit den abstoßenden Eigenschaften ihres
Magnetismus, der seiner Natur nach so entgegengesetzt ist, daß sich
niemand lange seinen Wirkungen aussetzen kann. Ahrinziman
bezeichnete mir eine Tür, an der eine Frau stand, und sagte:
"Siehe, die Kette ist hier noch unvollständig, es bedarf noch eines
Gliedes zwischen ihr und der Geisterkette. Gehe hinab und bilde dieses Glied.
Deine Kraft wird sie schützen und stärken. Dadurch wirst du sie vor
jenen dunklen Geistern bewahren und ihr helfen, die Tür offen zu halten.
Deine Wanderungen in den tieferen Sphären haben dir die Macht gegeben,
ihre Bewohner zurückzuweisen. Wenn es einer noch stärkeren Kraft bedarf,
wird sie ihr zum Schutze gesandt werden. Die, welche eine Verbindung durch
sie anstreben, werden dies nur tun können, wenn du sie für
würdig hältst. So oft du in der geistigen Welt auszuruhen
wünschst, wird ein anderer Leiter deine Stelle einnehmen. Nun blicke
wieder auf die Erde und den Kampf, der in ihrer Umgebung tobt." Bei
diesen Worten Ahrinzimans schaute ich hinab und sah, wie schwarze
Gewitterwolken über die Erde zogen und finstere Nacht verbreiteten. Ein
Getöse wie von einem losbrechenden Sturm tönte aus den unteren
Sphären der Hölle herauf, und gleich den Wogen des
sturmgepeitschten Ozeans wälzten sich diese Wolken dunkler Wesen gegen
das Heer der lichten Geister. Sie drängten diese zurück und
ergossen sich über die Erde, als ob sie das Licht der Wahrheit
auslöschen wollten. Alle Lichttore griffen sie an und suchten sie zu
überwältigen. Dann wurde dieser Krieg in der geistigen Welt zu
einem solchen unter den Menschen — eine Nation kämpfte mit der
anderen um die Vorherrschaft. Es schien, als ob alle Völker von diesem
ungeheuren Durst nach Reichtum und Macht verzehrt werden sollten, so
allgemein war dieser Kampf. Ich blickte umher, um zu sehen, ob niemand aus
den Reichen des Lichts herabsteige und den dunklen Geistern ihre Macht
über die Erde entwinde. Die erhitzte Masse böser Geister wandte
sich gegen jene Lichttore und suchte die getreuen Sterblichen hinwegzufegen,
welche darin standen, damit der Mensch wieder in die Nacht der Unwissenheit
zurückgetrieben werde. Da
gewahrte ich ein blendendes Licht, gleich einem Stern im Osten in seiner
vollen Pracht. Immer weiter kam es herab und nahm stets an Größe
zu, bis ich endlich bemerkte, daß es aus einer gewaltigen Schar
strahlender Engel aus den himmlischen Sphären bestand. Bei ihrem Nahen
sammelten sich alle reinen Geister, die durch die bösen Kräfte
vertrieben worden waren, aufs neue und schlossen sich jenen himmlischen
Kriegern an. Diese große Flut von Licht, diese mächtige Schar
glänzender Geister glitt zur Erde nieder und umgab sie mit einem breiten
Streifen herrlichen Lichts. Überall sah ich Lichtstrahlen gleich Speeren
hinabsausen und die schwarze Masse an tausend Stellen durchdringen. Wie
feurige Schwerter blitzten diese glänzenden Strahlen und hieben
überall in die Mauer der dunklen Geister ein, sie in alle Windrichtungen
zerstreuend. Vergebens versuchten deren Führer, ihre Streitkräfte
wieder zu sammeln und anzufeuern. Eine größere Macht stand ihnen
gegenüber, und sie wurden durch den Glanz dieser himmlischen Scharen zu
rückgeworfen, bis sie wie ein dunkler, ungesunder Nebel niedersanken und
in jene finsteren Sphären zurückstürzten, aus denen sie
gekommen waren. "Wer",
fragte ich wieder, "waren diese strahlenden Engel? Diese Krieger, die
niemals wankten und jene gewaltigen Mächte des Bösen bezwangen;
nicht durch das Schwert der Zerstörung, sondern durch die Kraft ihres
starken Willens, durch die ewige Macht des Guten über das
Böse?" Die
Antwort lautete: "Es sind die aus den dunkelsten Sphären
Erlösten, welche vor vielen Zeitaltern ihre schuldbefleckten Kleider in
den Wassern der Reue wuschen. Sie haben sich durch ihre eigenen Anstrengungen
aus der Asche ihres toten Selbst zu Höherem emporgearbeitet. Nicht durch
den Glauben an das Opfer eines unschuldigen Lebens für ihre Sünden,
sondern durch jahrelanges ernstes Mühen — durch viele Taten der
Sühne, durch Kummer und bittere Tränen — durch manche schwere
Stunde des Ringens nach Überwindung des Bösen in sich selbst. Nun
vermögen sie anderen, die noch sündigen, in der Überwindung
des Bösen beizustehen. Es sind die Engel aus den himmlischen
Sphären der Erde: einstmals selbst Menschen und daher befähigt, bei
den Kämpfen der sündigen Menschen Mitleid zu empfinden. Es ist eine
gewaltige Schar, stets stark und mächtig um zu schützen und zu
retten." Die
Vision der Erde schwand. An ihrer Stelle gewahrte ich einen einsamen Stern,
der über mir in reinem Silberlicht erglänzte. Sein Strahl glitt
gleich einem Silberfaden zur Erde hinab in jenen Raum, wo meine Geliebte
wohnte. Ahrinziman sprach zu mir: "Siehe
den Stern ihrer irdischen Bestimmung, wie klar und rein er leuchtet! Erfahre
gleichzeitig, mein geliebter Schüler, daß jede erdgeborene Seele
in den geistigen Himmeln einen solchen Stern hat, dessen Lauf sie von der
Geburt bis zum Ende folgen muß, — es sei denn, daß sie
durch Selbstmord den irdischen Lebensfaden abschneidet und sich durch eine
solche Übertretung des Naturgesetzes in schweres Leiden
stürzt." "Glaubst
du, daß das Schicksal einer jeden Seele festgelegt ist, und daß
wir nur Strohhalme sind, die auf dem Strome ihrer Bestimmung dahineilen?" "Nicht
ganz. Die großen Ereignisse des Erdenlebens stehen zwar fest; wir
werden ihnen unvermeidlich während unseres irdischen Daseins zur
bestimmten Zeit begegnen. Es sind jene Vorkommnisse, welche nach Ansicht der
weisen Hüter in den Engelssphären dazu dienen sollen, die Seele zu
entwickeln und zu erziehen. Wie weit jedoch diese Ereignisse das Leben der
Seele beeinflussen — ob sie der Wendepunkt zum Guten oder Bösen,
zum Glück oder zum Unglück werden — hängt von der
willensfreien Seele selbst ab. Dies ist das Vorrecht unseres freien Wollens,
ohne das wir nur Puppen wären und unverantwortlich für unsere
Handlungen. Weder einer Belohnung noch einer Bestrafung wären wir in
solchem Falle wert. Doch
um auf den Stern zurückzukommen — merke dir: solange der
Sterbliche dem ihm bestimmten Pfade mit dem ernsten Bestreben folgt, in allen
Dingen recht zu tun, — solange seine Seele rein und seine Gedanken
selbstlos sind, erstrahlt jener Stern in ungetrübtem Licht und erhellt
den Lebensweg der Seele. Das Licht dieses Sternes kommt von der Seele selbst
und ist der Abglanz ihrer Reinheit. Wenn die Seele aufhört rein zu sein
und ihre niederen anstatt ihre höheren Eigenschaften entwickelt,
verblaßt ihr Schicksalsstern und wird matt. Sein Licht flackert wie ein
Irrlicht über einem dunklen Sumpf und er erscheint nicht mehr als ein
heller Leuchtturm der Seele. Sinkt diese schließlich sehr tief, so
erstirbt das Licht des Sterns und verlischt, um ihrem irdischen Lebenspfade
nicht mehr zu leuchten. Durch
Beobachtung jener geistigen Sterne und Verfolgung ihres festgesetzten Laufes
am geistigen Himmel ist es den Sehern möglich, das Schicksal einer jeden
Seele vorherzusagen. Aus dem Lichte, das von dem Sterne ausgeht,
vermögen sie zu bestimmen, ob eine Seele gut oder böse ist. —
Lebewohl, mein Sohn möge dein neues Arbeitsfeld dir schöne
Früchte tragen." Er
verstummte, und ich schien tiefer und tiefer zu sinken, bis ich wieder meinen
geistigen Körper erreichte, den ich auf dem Bette liegend verlassen
hatte. Als ich wieder Besitz von dem Körper ergriff, erwachte ich und
befand mich in meinem Zimmer, wo die schönen weißen Engel als
Symbole ewiger Beschirmung und Liebe über mir schwebten. Kapitel 34
Meine
Aufgabe ist erledigt, meine Erzählung zu Ende. Es erübrigt mir nur
noch die Erwartung auszusprechen, daß diese von allen meinen Lesern
für das gehalten werden möchte, was sie zu sein bekennt: für
die wahre Geschichte einer reuigen Seele, die aus der Finsternis zum Lichte
emporgedrungen ist. Auch richte ich an alle Leser die Bitte, sich die Frage
vorzulegen, ob es sich nicht lohnt, aus meinen Erfahrungen Vorteil zu ziehen
und die Beweise für die Unsterblichkeit des Geistes genau
abzuwägen. — Ihr, die ihr dieses Evangelium der Gnade vielleicht
als zu milde für die Sünder erachtet, wißt ihr, was es
heißt, die Qualen eines erwachten Gewissens zu erdulden? Habt ihr den
Leidensweg bitterer Tränen und mühevoller Arbeit gesehen, auf dem
die Seele emporsteigen muß, wenn sie zu Gott zurückkehren will?
Habt ihr eine Ahnung, was es bedeutet, Sühne zu leisten — Schritt
für Schritt, Jahre hindurch in Finsternis, Leid und bitterer Seelenqual
für all die sündigen Handlungen, Worte und Gedanken während
der irdischen Lebenszeit Buße zu tun? Denn ein jeder muß den
Kelch, den er selbst gefüllt, bis zum letzten Tropfen leeren. Könnt
ihr euch vorstellen, was es heißt, zu beobachten, wie der bittere Fluch
eurer Sünden seine zerstörende Wirkung auch auf die Nachkommen
ausübt, die ihr hinterlassen habt? Was es ferner heißt zu
erfahren, welche Belastung es für euer Gewissen geworden ist, wenn ihr
beigetragen habt, Menschen zu dem zu machen, was sie sind — Hemmnisse,
die eure Seele, wenn sie sich zu erheben sucht, so lange zurückhalten,
bis ihr ihnen aus dem Sumpfe wieder herausgeholfen habt, in den eure
ungezähmten Leidenschaften sie gestürzt hatten! Versteht ihr jetzt,
warum es erdgebundene Geister gibt, die noch auf dem Erdenplane arbeiten,
obwohl sie vor Hunderten von Jahren starben? Könnt
ihr euch vorstellen, wie einem Geiste zumute sein muß, der jenseits des
Grabes laut nach jenen ruft, die er zu ihrem und seinen Verderben verraten
hatte? Und dann findet, daß alle Ohren für seine Worte taub, alle
Herzen gegenüber seinem Wehgeschrei und seiner Reue verschlossen sind?
Er kann jetzt keine törichte oder rachsüchtige Handlung mehr
ungeschehen machen. Er kann jetzt keine schmerzensreiche Folge abwenden, die
er auf andere oder sich selbst heraufbeschworen hat. Eine schreckliche Mauer
hat sich gebildet, ein großer Abgrund hat sich zwischen ihm und der
Welt der lebenden Menschen aufgetan. Wenn nicht eine liebe Hand die Kluft
für ihn überbrückt und ihm zu einem inneren Gespräch mit
jenen verhilft, denen er Unrecht getan, so ist ihm das Bekenntnis seiner
Schuld, ja selbst eine reuevolle späte Genugtuung versagt. Liegt nicht
ein Bedürfnis vor, daß jene ihre Brüder warnen, die die
Schwelle des Grabes überschritten? Sind die Menschen auf Erden so gut,
daß sie keiner Stimme bedürfen, die ihnen vom Jenseits aus eine
Vorahnung des Schicksals gibt, das sie nach dem Tode erwartet? Viel leichter
ist es wohl für den Menschen zu bereuen, solange er noch auf Erden
weilt, als zu warten, bis er in jenes Land kommt, wo er sich mit den Dingen
der Erde nicht mehr befassen kann, außer durch den Organismus anderer.
Jeder Geist hat hier zu arbeiten, bis er durch seine Anstrengungen alle, die
er auf den Weg der Sünde und des Todes getrieben hatte, aufgerichtet und
vorwärts gebracht hat. Nicht früher, als bis dies geschehen ist,
kann ein Geist hoffen, den Erdenplan zu verlassen. Er muß stets bestrebt
sein, die Wirkungen seiner einstigen Sünde wieder gut zu machen. —
Will jemand behaupten, daß seine Strafe zu leicht war? Wer
aber kann sagen, an welchem Punkte Gottes Barmherzigkeit Halt machen und den
Sünder für ewig verdammen müßte? Nur wenige wagen es,
sich die schrecklichen Folgen des Irrglaubens an die ewige Dauer der Strafe
eines irrenden Gotteskindes auszumalen. Ich habe in diesem Buche versucht,
die wirklichen Erlebnisse eines Menschen zu schildern, welchen die Kirche
wohl als eine verlorene Seele betrachtet haben würde, da er keiner
Konfession angehörte und ohne einen auch nur schattenhaften Glauben an
Gott gestorben war. Mein Gewissen hatte mir zwar stets zugeflüstert,
daß es ein höchstes, göttliches Wesen geben müsse. Aber
ich erstickte den Gedanken und wies ihn von mir, indem ich mir ein
Gefühl der Sicherheit und Gleichgültigkeit vortäuschte.
Obgleich ich nun erkannt habe, daß es einen göttlichen,
allmächtigen Lenker des Universums geben muß, habe ich auf allen
meinen Wanderungen niemals gehört, daß er auf eine
Persönlichkeit beschränkt sei, deren Eigenschaften wir endlichen
Geschöpfe feststellen könnten. Im
"Zeitalter des Glaubens" liefert die Mutter Kirche ihren
Anhängern den Trost und die Hoffnung der Unsterblichkeit und nimmt ihrem
Geiste die Last ab, selbst über eine erste Ursache nachzudenken, die dem
Sterblichen seine eigene Existenz und sein Lebensziel erklärt. Dieser
Glaube befriedigt noch das Verlangen seiner unvollkommen entwickelten Seele.
Der Mensch glaubt ohne zu fragen. Hierauf folgt das Zeitalter, in dem das
Denken zu seinem Rechte kommt. Im Unbefriedigtsein vom blinden Glauben an das
Unbekannte, wenn die Muttermilch der Kirche nicht länger mehr seinen
geistigen Hunger stillt, verlangt der Mensch nach einer kräftigeren
Kost. Und wenn sie ihm vorenthalten wird, entreißt er sich der
Fürsorge der Mutter Kirche, die ihn einst ernährte, jetzt aber nur
das Wachstum und die Entfaltung seiner Seele hemmt. Des Menschen Verstand
verlangt größere Freiheit, und er muß sie irgendwo finden. Im
Kampfe zwischen dem selbständig werdenden Kind und der Mutter Kirche
— welche die Macht, die sie seither ausübte, noch behalten
möchte — wird der Glaube, der einst als Nahrung genügte, als
eine Torheit angesehen. Daher gestaltet sich das Zeitalter des Verstandes zu
einer Periode, in der eine Entwurzelung von allen früher gehegten
Glaubensmeinungen stattfindet. Dann
aber bricht eine andere Zeit an, in der das Kind zum Mann herangereift ist.
Dieser hat die Freuden und Sorgen des Verstandeslebens genossen und empfunden
und hat dabei gelernt, die Beschränkungen seiner geistigen
Fähigkeiten richtiger einzuschätzen. Er schaut zurück auf den
Glauben, den er einst verachtete und erkennt an, daß auch er seine
Schönheiten und seinen Wert besitzt. Er sieht ein, daß der
Verstand für sich, des Glaubens beraubt, nur eine kalte, harte Speise
ist, durch die er sich der Unermeßlichkeit und Unendlichkeit des Alls
nicht bewußt wird — Geheimnisse, die der Verstand aus sich heraus
nicht fähig ist zu erklären. Der Mensch kehrt zum Glauben
zurück und sucht ihn mit seiner geistigen Erkenntnis in Einklang zu
bringen, damit beide hinfort einander in vernünftiger Weise
ergänzen mögen. Glauben
und Wissen sind die Zentren von zwei verschieden gearteten Sphären in
der geistigen Welt. Der Glaube ist das belebende Prinzip von Religion, wie
der Verstand das der Wissenschaft ist. Beide Richtungen, die auf den ersten
Blick entgegengesetzt erscheinen, müssen bei der geistigen Entwicklung
einer Persönlichkeit verbunden werden. Denn eine Seele kann nur
harmonisch sein, wenn in ihr beide Faktoren im richtigen Verhältnis
zueinander stehen. Wo die eine Richtung die andere in erheblichem Grade
überwiegt, wird das betreffende Individuum — mag es ein
Sterblicher oder ein entkörperter Geist sein — nach der einen oder
anderen Seite hin engherzig und unfähig sein, ein richtiges Urteil
über geistige Probleme zu gewinnen. Seine Seele gleicht einem
zweirädrigen Wagen, an dessen Achse ein großes und ein kleines Rad
angebracht ist. Infolge dieses Umstandes kommt keines der Räder recht
vorwärts. So muß auch das geistige Fahrzeug haltmachen, bis der
Fehler ausgebessert ist. Ein
Mensch mag durchaus gewissenhaft in seinem Streben nach Wahrheit sein. Wenn
aber seine intellektuellen und moralischen Fähigkeiten nicht gleichmäßig
entwickelt sind, gleicht sein Bewußtsein einer mit Massen von Irrtum
gepflasterten Landstraße. Die ätherischen Strahlen des Sternes der
Wahrheit können nicht eindringen, sie werden gebrochen und von den
Hindernissen zurückgeworfen. Entweder erreichen sie des Menschen Seele
überhaupt nicht, oder sie rufen solche Zerrbilder der Wahrheit hervor,
daß sie nur zur Quelle von Vorurteil und Irrtum werden. Wenn aber das
Sehvermögen der Seele unvollkommen ist, verbleibt sie in geistiger Finsternis,
so ernst ihr Verlangen nach Licht auch sein mag. Das geistige
Sehvermögen muß entwickelt werden, bevor es klar und stark werden
kann. Blinder,
unwissender Glaube ist kein Schutz gegen Irrtum. Die Geschichte der
religiösen Verfolgungen zu allen Zeiten ist Beweis dafür. Die
großen Geister der Erde, denen wichtige Entdeckungen und Erkenntnisse
zu verdanken sind, waren Menschen, bei denen sich die moralischen und
geistigen Fähigkeiten das Gleichgewicht hielten. Der vollkommene Mensch
oder Engel wird diejenige Persönlichkeit sein, bei welcher alle
Eigenschaften der Seele bis zu ihrem höchsten Punkte entwickelt sind. Jede
Eigenschaft der Seele, geistiger oder moralischer Natur, hat ihren
entsprechenden Farbenstrahl. Die Verbindung dieser Strahlen erzeugt die
schönen und mannigfaltigen Schattierungen des Regenbogens. Und
ähnlich wie bei diesem gehen sie ineinander über und bilden das
vollkommene Ganze des ungebrochenen Lichtes. Bei manchen Seelen geht die
Entwicklung gewisser Fähigkeiten rascher vonstatten als die der anderen.
Bei vielen liegen gewisse Saatkeime des Intellekts und der Moralität
brach; aber sie sind trotz alledem da und werden entweder hier auf Erden
schon, oder in dem großen Jenseits wachsen und sich zur Vollkommenheit
entfalten. Das
Böse entsteht in gewissen Seelen durch das Versäumnis, ihre
moralischen Eigenschaften zu entwickeln, und durch einseitige
Überentwicklung anderer Eigenschaften. Seelen, die jetzt die unteren
Sphären bewohnen, durchlaufen nur einen notwendigen Erziehungsprozeß,
um die schlafenden sittlichen Fähigkeiten zu tätigem Leben und
Wachstum zu erwecken. So schrecklich die Übel und Leiden auch sein
mögen, welche in diesem Prozeß auftreten, sind sie doch notwendig
und in ihren letzten Wirkungen segensreich. — In
der Sphäre, die ich jetzt bewohne, befindet sich ein prächtiger
Palast, welcher der Brüderschaft zur Hoffnung gehört. Dieser ist
der Versammlungsort für alle Mitglieder unserer Brüderschaft, und
in ihm befindet sich ein schöner Saal, erbaut aus dem geistigen Teil von
weißem Marmor. In ihm versammeln wir uns, um den Vorträgen zu
lauschen, die uns vorgeschrittene Geister aus den höheren Sphären
halten. Am oberen Ende des Saales befindet sich ein prächtiges
Gemälde, genannt "der vollkommene Mensch". Darunter ist zu
verstehen, daß es einen Menschen oder besser Engel darstellt, welcher
verhältnismäßig vollkommen ist. Ich sage
verhältnismäßig, weil selbst die äußerste
Vollkommenheit, welche vorstellbar ist, nur relativ ist gegenüber den
noch größeren Höhen, die für eine Seele stets erreichbar
sind. Es gibt für die Seele keine Grenzen, die der Eroberung ihrer
intellektuellen und moralischen Möglichkeiten ein Ziel setzen
würden, denn das geistige Universum ist unendlich. Daher kann niemand
einen Punkt bezeichnen, über den hinaus ein Fortschritt unmöglich
ist. Auf
dem Bilde ist dieser relativ vollkommene Engel als auf dem Gipfel der
himmlischen Sphären stehend dargestellt. Die Erde und ihre Sphären
liegen tief unter ihm. Sein Antlitz ist mit einem Ausdruck von Verwunderung,
Entzücken und Ehrfurcht jenen weit entfernten Regionen zugewendet, die
zu fassen über die Macht des menschlichen Verstandes hinausgeht:
Regionen die jenseits unseres Sonnensystems liegen und für den Engel das
"gelobte Land" bedeuten. Sein
Haupt ist mit einem goldenen Helm bedeckt, was geistige Stärke und Macht
bezeichnet. An einem Arme trägt er einen silbernen Schild als Sinnbild
für den Schutz, den der Glaube gewährt. Das Gewand von blendendem
Weiß deutet die Reinheit seiner Seele an, während die weit
ausgespannten Schwingen die Macht des Geistes symbolisieren, sich in die
höchsten Gedankenregionen des Universums zu erheben. Hinter dem Engel
befindet sich eine weiße Wolke, die von einem Regenbogen
überspannt ist. Jede Farbe und Schattierung erglänzt in vollkommener
Harmonie und zeigt dadurch an, daß der Engel alle intellektuellen und
moralischen Eigenschaften seiner Seele in höchstem Grade entwickelt hat. Das
reiche Kolorit dieses Gemäldes, die Reinheit des blendenden Weiß,
den Glanz seiner leuchtenden Farben kann keine Feder schildern, kein
irdischer Pinsel jemals malen. Vervielfältigungen dieses Gemäldes
kann man im höchsten Kreise einer jeden Erdsphäre in den der
Brüderschaft zur Hoffnung gehörigen Schulen sehen. Sie beweisen den
Zusammenhang zwischen unserer Brüderschaft und den himmlischen
Sphären des Sonnensystems und zeigen ferner, zu welchen Höhen wir
alle in künftigen Zeitaltern der Ewigkeiten steigen können. Ja,
selbst der herabgekommenste Bruder aus der untersten Sphäre der Erde und
die verkommenste Seele, die dort in Finsternis und unaussprechlicher
Sünde kämpft, sind nicht ausgeschlossen. Denn alle Seelen sind vor
Gott gleich, und was einer Seele zugänglich ist, ist auch allen anderen
zugänglich, wenn sie nur ernstlich darnach streben. Dies
also ist das Wissen, das ich mir erworben, dies der Glaube, zu dem ich
gekommen bin, seit ich vom Erdenleben schied. Keinesfalls aber habe ich
jemals die Beobachtung gemacht, daß irgend ein Glaube vor einem anderen
die Eigentümlichkeit besäße, den Fortschritt einer Seele
besonders zu fördern oder zu hemmen. Jedoch bekunden einige Bekenntnisse
die Meinung, die Vernunft ihrer Anhänger zu beherrschen. Soweit sie dies
tun, sind sie Hindernisse, da ihre Gläubigen nicht imstande sind, sich
jene Gedankenfreiheit zu erwerben, die zum Aufstieg der Seele in die
höchsten Sphären unumgänglich nötig ist. Diese
Geschichte meiner Wanderungen habe ich in der Hoffnung geschrieben, daß
wenigstens einige Leser es der Mühe wert erachten, sich zu fragen, ob
ihr Inhalt nicht doch wahr und zutreffend sein sollte. Andere wieder, die
liebe Angehörige verloren, die sich bei ihrem Tode nicht auf dem Wege
zum Guten und Wahren befanden, möchte ich bitten, Vertrauen zu haben.
Mögen sie glauben, daß ihre geliebten, wenn auch irrenden Freunde
nicht hoffnungslos verloren sind! Auch die nicht, welche Hand an sich gelegt
haben, oder unter Umständen gestorben sind, die alle Hoffnung
auszuschließen scheinen. — Ich wünschte auch, daß man
sich die Frage vorlege, ob nicht Mitleid und Gebet jenen Hilfe und Trost
gewähren können, die aller im Bereich der Möglichkeit
liegenden Unterstützung und Aufmunterung bedürfen. Von
meinem Heim im "Klarlande" aus, das meiner Heimat so sehr gleicht,
begebe ich mich noch immer auf den Erdenplan, um unter den Unglücklichen
zu wirken. Auch helfe ich, das große Werk der geistigen Verbindung
zwischen den Lebenden auf Erden und den sogenannten Toten weiter zu
führen. Täglich
verbringe ich einige Zeit bei meiner Geliebten und vermag ihr auf mannigfache
Weise zu helfen und sie zu schützen. Oft auch werde ich in meinem Heim
im Geisterreiche durch Besuche meiner Freunde und Wandergefährten
erfreut. Und hier in diesem herrlichen Lande, das so viele freundliche
Erinnerungen für mich birgt, erwarte ich dankbaren Herzens jene
glückliche Zeit, da meines Lieblings irdische Pilgerfahrt beendet, ihr
Lebenslicht erloschen und ihr Erdenstern untergangen sein wird. Dann wird sie
kommen, und wir werden in einem Lande, wo uns immer die Sterne der Hoffnung
und Liebe leuchten, verbunden sein für ewig, ewig … * * * ——— * ——— |