Inhalt

 

Johannes Klotter

 

Wege in ein neues

christliches Zeitalter

 

 

 

 

Vorwort des Herausgebers

Über Jahrzehnte hinweg hat Johannes Klotter alle Kraft, die ihm der Beruf übrig ließ, dem Studium und der Bekanntmachung der visionären Theologie Emanuel Swedenborgs gewidmet. Die Zeugnisse dieses rastlosen Bemühens finden sich verstreut über zahlreiche Jahrgänge und Hefte der beiden vom Zürcher Swedenborg-Verlag herausgegebenen Zeitschriften “Neukirchenblatt“ und “Offene Tore“. Vielen Menschen hat er damit zu einem Schatz von Wahrheiten verholfen, die sein eigenes Leben reich gemacht hatten. Er selbst ist schon seit einiger Zeit in jenen Bereichen, aus denen zur Erde zurückzukehren weder wünschenswert noch möglich ist. Seine Gattin Erika aber möchte den Anlaß seines 85. Geburtstags am 28. März 1989 benutzen, um wenigstens einen Teil seiner Arbeiten in einem Sammelband besser zugänglich zu machen.

Leider kam nur ein Faksimilenachdruck in Frage, und da die Druckvorlagen nicht immer einwandfrei waren — die genannten beiden Zeitschriften mußten seinerzeit mit sehr geringen Mitteln herausgebracht werden —‚ ist das Ergebnis nicht in allen Teilen erfreulich. Aber wer in dieser Welt die Wahrheit zu fördern sucht, muß es lernen, sich nach der Decke zu strecken. Und so kann der Herausgeber nur hoffen, daß man sich durch die Mängel der Präsentation nicht am Eindringen in den wertvollen Inhalt hindern lassen wird.        

(Dr. Friedemann Horn)

 

 

Die Einheit von Wissenschaft und Theologie im Werk Swedenborgs.

Aus Swedenborgs Leben.

Emanuel Swedenborg wurde am 29. Januar 1688 in Stockholm geboren und starb am 29. März 1772 in London. Sein Vater, Jesper Swedberg, war ein bekannter Bischof der lutherischen Kirche Schwedens. Seine Großväter väterlicher- und mütterlicherseits waren erfolgreiche Bergwerker und Grubenbesitzer, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten; das kam seiner Familie und ihm selbst gut zustatten.

Als Emanuel acht Jahre alt war, starb seine Mutter, und wenige Wochen nachher verlor er auch seinen ältesten Bruder. Das hinterließ tiefgehende Eindrücke in dem jungen Menschen. Das nächste Jahrzehnt verlebte er in Uppsala, der Universitätsstadt. Hier besuchte er die Schule und die Universität. Er studierte Mathematik, Physik, Mechanik, Astronomie und vor allem auch Philosophie und alte Sprachen. Er verließ die Universität 1709, also 21-jährig. Im Blick auf all die Studienfächer, die Swedenborg auf der Universität betrieben hatte, erscheint es ganz wesentlich, daß seine Abschlußprüfung (mit einer öffentlichen Disputation, wie man es damals nannte, in lateinischer Sprache) ein philosophisches Thema behandelte, nämlich die Sentenzen des Lucius Annaeus Seneca und des Publius Syrus. Dieser philosophische Abschluß seiner Studien zeigt, daß Swedenborg alles unter philosophischen und wahrscheinlich auch unter religiösen Gesichtspunkten betrachtete, daß er also Naturwissenschaften, Technik, Mechanik, Geologie und Astronomie nicht als von der Philosophie und Religion unabhängige Gebiete ansah, sondern schon vor seiner Berufung in allem eine große Einheit erblickte oder wenigstens zu erblicken trachtete.

Nach seinem Studium wurde Swedenborg ein hervorragender Ingenieur und Naturwissenschafter. Von 1710 bis 1719 widmete er sich den experimentellen Wissenschaften: Technik, Mineralogie, Geologie, Astronomie, aber auch der Anatomie und Psychologie. Zu diesem Zweck unternahm er ausgedehnte Reisen, z.B. 1710 nach London, wo er mit berühmten Gelehrten zusammentraf. Im August 1713 finden wir ihn in Paris, dann in Holland und Pommern, das damals zu Schweden gehörte. In dieser Zeit arbeitete er Pläne aus für technische Erfindungen wie Unterseeboote, Schleusen zum Schiffheben, Krafterzeugung durch Feuer bei fehlender Wasserkraft, Flugmaschinen und ähnliche Dinge. Sehr intensiv befaßte er sich auch mit dem Problem der Ortsbestimmung auf dem Meer für die Schiffahrt. Um sich auszuspannen, beschäftigte er sich mit Literatur und verfaßte selbst Gedichte in lateinischer Sprache. An ihnen erkennt man die große Begeisterungsfähigkeit dieses jungen Menschen.

Nach Schweden zurückgekehrt, gibt er eine technisch-wissenschaftliche Zeitschrift heraus. Er wurde 1716 außerordentlicher Beisitzer ohne Gehalt im Minenkollegium, das man heute mit einem Wirtschaftsministerium vergleichen könnte. Das Angebot einer Professur in Uppsala lehnte er ab. 1724 wurde er im Minenkollegium als ordentlicher Beisitzer angestellt. An technischen Ausführungen leistete er damals vor allem während der Belagerung von Fredrickshall 1718 den Überlandtransport von 8 Kriegsschiffen und Schaluppen, den Bau einer großen Werftanlage in Karlskrona und den teilweisen Bau eines Binnenkanals. Nicht zur Ausführung kamen Pläne Swedenborgs für den Bau eines astronomischen Observatoriums, für die Gewinnung von Salz aus dem Meerwasser, für neue Erzschmelzöfen, für ein Dezimalsystem der Währungen, Maße und Gewichte und ähnliches.

1719 wurde er und seine Geschwister geadelt; damit war verbunden, daß er seinen Familiennamen Swedberg in Swedenborg änderte. Als der älteste der noch lebenden Söhne der Familie bekam er einen Sitz im Parlament, d.h. im Oberhaus oder Haus des Adels. 1720 begab er sich wieder auf eine längere Auslandsreise um in vielen Ländern die Bergwerkstechnik zu studieren. In dieser Zeit begann auch seine rein wissenschaftliche Tätigkeit mit Veröffentlichungen. Schon einige kleinere Schriften verschafften ihm europäischen Ruhm und brachten ihn in Verbindung mit führenden Wissenschaftlern und Philosophen. Er wurde Mitglied der königlichen Akademie in Schweden und korrespondierendes Mitglied der wissenschaftlichen Akademie in St. Petersburg. Seine Zugehörigkeit zum Oberhaus des schwedischen Parlaments seine weiten verwandtschaftlichen und persönlichen Beziehungen zu allen hochstehenden Familien und zum schwedischen Königshaus und seine genaue Kenntnis der politischen Strömungen benutzte er, um sich bis zu seinem Lebensende für das politische und soziale Wohl seines schwedischen Vaterlands einzusetzen. Viele Memoranden die er dem Parlament vorlegte, zeugen von seinem klaren politischen Blick, seiner Kenntnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen, Währungsfrage und vielem mehr. Also auch in weltlichen Dingen war Swedenborg ein tiefgründiger, ausgereifter Geist, der das Gebot der Nächstenliebe ernst nahm und auf allen diesen Wegen in die Tat umsetzte. Viele seiner Reisen hatten den Zweck, neue Werke im Ausland zu veröffentlichen. Er gab sie vorwiegend in Holland und England zur Drucklegung und Veröffentlichung, weil er dort keine Zensur und keine Verfolgungen befürchten mußte. Das gilt besonders für seine späteren theologischen Werke.

Aus Swedenborgs wissenschaftlichem Werk.

Swedenborgs Denken und Forschen entsprang letzten Endes seinem innersten Bewußtsein von Gott. Selbst seine naturwissenschaftlichen Arbeiten gehen aus von der Ehrfurcht vor dem Schöpfer, vor den Gesetzen, die der Schöpfer in die Natur gelegt hat, und von der Anwendung dieser Gesetze zum Wohl seiner Mitmenschen. So bleibt Swedenborg nicht stehen bei dem Vollbringen technischer Aufgaben, sondern sein Geist ist wach, um den Zusammenhängen nachzuspüren, die zwischen Gott und der Welt mit allen ihren Erscheinungen bestehen. Um diesen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, hielt er es für notwendig, zuerst einmal möglichst viele Kenntnisse von den Vorgängen in der Natur zu sammeln, denn ohne die Erfahrung der Natur kann keine innere Erkenntnis aufgebaut werden. Über die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten Swedenborgs schreibt die Encyclopedia Britannica: “Auf beinahe allen Gebieten wissenschaftlicher Tätigkeit war Swedenborg seiner Zeit voraus.“ Seine wissenschaftlichen Arbeiten in Mathematik, Physik, Mechanik, Astronomie, Metallurgie, Chemie, Geologie, Magnetismus und Anatomie waren nie Selbstzweck und erschöpften sich nicht in den Ergebnissen dieser einzelnen Disziplinen, sondern dienten ihm immer nur als Hilfsmittel, als Material für die Lösung jener philosophischen und im Grunde religiösen Fragen nach Gott und den letzten Dingen.

Das ist das vielleicht Einzigartige und Großartige an Swedenborg, dem Wissenschafter, und unterscheidet ihn grundsätzlich und wesentlich von den Wissenschaftern unserer Zeit. Wir sind heute daran gewöhnt, daß die Naturwissenschafter ihr Fachgebiet rein materialistisch betrachten, so als ob es unabhängig wäre von jedem Zusammenhang mit den höheren, mit den geistigen Welten, so als ob die Ursachen allen Geschehens auf der natürlichen Ebene lagen und aus der Natur entsprängen, und so als ob die Natur und die Welt auf Gott und seine einwirkenden Kräfte verzichten könnte. Im Grunde genommen sind unsere heutigen Naturwissenschaften atheistisch. Zwar gelten nicht alle modernen Naturwissenschafter und Philosophen von einer ausgesprochenen Leugnung Gottes aus; viele sind einfach agnostisch, d.h. sie lassen die Frage nach Gott beiseite. Aber der ganze Trend unserer Zeit geht dahin, für alles eine natürliche und materialistische Interpretation zu suchen.

Swedenborg will aber die wahren Beziehungen aufdecken zwischen der Natur und Gott, also zwischen den wissenschaftlichen Tatsachen und den Lehren der göttlichen Offenbarung. Oder anders ausgedrückt: Er betrachtet die Natur und alle ihre Erscheinungen in Verbindung mit der Überzeugung und dem Glauben an göttliche Liebe und göttliche Weisheit, weil sie die Schöpferischen und erhaltenden Kräfte hinter bzw. in allen Dingen sind.

Man mag zwar die Auffassung vertreten, seit Swedenborg habe die Wissenschaft auf allen Gebieten so große Fortschritte gemacht, daß das Wissen seiner Zeit keine Grundlage für heute mehr bilden kann. Dem ist entgegenzuhalten, daß es nicht auf die einzelnen Tatsachen, sondern auf die Grundthemen der Swedenborgschen Naturerkenntnisse und ihre philosophische Verarbeitung ankommt. Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten und seine Philosophie waren ein kühner Vorstoß in ein völlig unbearbeitetes Gebiet menschlichen Denkens, und diese Systematik hat bleibende Bedeutung. Die wissenschaftliche Entwicklung seit Swedenborgs Zeiten hat uns nicht von den Ideen entfernt die in seinen Werken enthalten sind, sondern hat uns viel Material an die Hand gegeben, um Seine Werke besser zu verstehen und zu zeigen, daß es eine innere Natur gibt, die sich in der Welt von Raum und Zeit manifestiert. Bleibenden Wert hat sein Denken vor allem auch dadurch, daß er bestimmte fundamentale Lehrsätze aufgestellt hat, womit wir die göttliche Schöpfung anhand der Natur verstehen können. Dazu gehört die Lehre von den Graden, in welcher unterschieden wird Zwischen dem, was zusammenhängt (continuum) und dem, was getrennt oder stufenartig (discretum) ist; dann die Lehre von den Formen, wodurch wir Realitäten in der Natur, im menschlichen Inneren, also in der Psyche, und auch Realitäten in der geistigen Welt erkennen; dann die Lehre von den Entsprechungen welche weit mehr als Ähnlichkeiten und Analogien bedeuten und es möglich machen, die Beziehungen zu erkennen zwischen dem, was auf verschiedenen Ebenen des Seins ist oder geschieht.

In seinem Streben nach den höchsten Zielen der Erkenntnis versuchte Swedenborg, wenn möglich, die innere Natur zu entdecken und zu finden, wo die lebendige Kraft ist, die die Lebensvorgänge bewirkt, und wo die Seele, diese lebende Essenz, im menschlichen Körper vorhanden ist und wie sie geartet ist. Zuerst ging er daran, die Beziehungen aufzudecken die zwischen dem Universum und Gott bestehen, der es geschaffen hat und fortwährend erhält; dann wollte er die Beziehungen zwischen der Natur und dem Übernatürlichen, zwischen Körper und Seele, finden. Diese Fragen waren immer als undurchdringliches Mysterium angesehen worden. Auch die philosophischen Denker unserer Tage meinen es; aber sie gingen dazu über, alles Übernatürliche zu leugnen, weil alles menschliche Denken abhängig ist von den Vorstellungen, die sich aus den Wahrnehmungen der körperlichen Sinne ergeben. Tatsächlich kann der Mensch nur denken in Begriffen von Raum und Zeit, Größe, Form, Maß, Bewegung usw. Wollten wir versuchen, unser Denken von solchen Begriffen zu lösen, so bliebe nur ein Vacuum. Aber diese Begriffe können der übernatürlichen Welt nicht zugeordnet werden. Das ist das große Dilemma.

Nun gehören aber zum menschlichen Erfahrungsbereich nicht nur die Vorgänge in der Natur, der Physis, sondern darüber hinaus auch die Dinge der Metaphysik wie Liebe, Wille, Leben, Bewußtsein. Sie sind nicht der Vorstellungswelt der Natur entnommen und nicht aus ihr abzuleiten. Die übliche Philosophie, die auf der natürlichen Vorstellungswelt aufbaut, ist deshalb unzureichend, stückhaft. Man könnte sie die experimentelle Philosophie nennen. Swedenborg beschritt ganz neue Wege, indem er die Natur und die Vorgänge in ihr als Wirkungen erkannte, deren Ursachen auf einer ganz anderen Ebene liegen.

Sein philosophisches Problem war: Wie verursacht die übernatürliche Welt die Erscheinungsformen der natürlichen Welt? Wie greift die übernatürliche Welt in die natürliche Welt ein? Oder noch anders: Auf welche Weise können die natürlichen Erscheinungsformen zurückgeführt werden auf ihre über der Natur liegenden Ursachen?

In seinem ersten großen theoretischen Werk Principia rerum naturalium gibt er eine tiefgründige Theorie des Ursprungs der Dinge, also eine Theorie der Schöpfung. Swedenborg schreibt dazu: “Wenn alle unsere Bemühungen zu einem guten Ende kommen sollen, so müssen sie mit dem Unendlichen d.h. mit Gott beginnen. Der Anfang aller Dinge liegt in Gott. Alle endlichen Dinge haben in ihm ihren Ursprung. Von ihm haben wir unsere Seele und aus ihm leben wir. Durch ihn sind wir gleichzeitig sterblich und unsterblich. Kurz: Alles verdanken wir Gott.“ So oder ähnlich haben zwar auch andere christliche Philosophen gedacht, aber dann gerieten sie schon beim ersten Schritt in große Verlegenheit bei der Frage: Hat die Schöpfung aus schon vorhandenen Teilchen oder Elementen begonnen? Da sie das nicht erkennen konnten, flüchteten sie in die mystische Absurdität, Gott habe die Welt aus Nichts geschaffen.

Swedenborg sagt aber etwa so: Gott setzte seine unendliche Liebe und Weisheit in Bewegung auf das Ziel einer Schöpfung. Dadurch setzte er der von ihm ausgehenden Kraft schon eine Begrenzung. Erschaffen ist im eigentlichen: Begrenzen des Unendlichen. In diesem Begrenzen entsteht Endliches. Die Begrenzung setzt sich fort durch immer neue Stufen oder Grade hindurch bis zu den letzten materiellen Dingen, die etwa die Mineralien sind. In ihnen ist die Kraft des Unendlichen nahezu zur vollen Ruhe gekommen. Heute wurde die Wissenschaft diese im Weltall begrenzt gewordene Kraft des Unendlichen Energie nennen. Nun sagt die heutige Wissenschaft aber auch: Energie und Materie sind umwandelbar; Materie kann in Energie verwandelt werden, z.B. durch einfachen Verbrennungsvorgang Holz oder Kohle verbrennt und ergibt Wärmeenergie. Oder: Prallt im Atom ein Elektron mit einem Proton zusammen, so verschwinden sie als Substanzen und es entsteht das, was wir Atomenergie nennen.

Der umgekehrte Vorgang aber, nämlich die Verwandlung von Energie in Materie ist Schöpfung, Erschaffen, das nur Gott möglich ist. Das kann uns dazu verhelfen zu erkennen, daß alles aus der Kraft Gottes erschaffen wurde.

Die Wissenschaft nimmt allerdings an, die Energie sei aus sich vorhanden, denn wissenschaftliche Methoden können nicht über das Experimentelle hinaus ins Geistige, Unendliche, ins Göttliche greifen. Deshalb gilt heute die Existenz eines Schöpfers, also Gott, nicht als notwendige Arbeitshypothese in Naturwissenschaft und Philosophie. Swedenborg lehrt, daß die Kraft von Gott her durch die innere Natur hindurch wirkt. Durch die vielen Stufen hindurch wird die Kraft immer weiter begrenzt, und sie wirkt durch die Stufen hindurch nach den Gesetzen der Reihen, der Grade, der Formen und Entsprechungen.

Wir sahen schon: Die wissenschaftliche Entwicklung seit Swedenborgs Zeiten hat uns nicht von den Ideen entfernt, die in seiner Philosophie enthalten sind, sondern hat uns viel Material an die Hand gegeben, um eben diese Philosophie besser zu verstehen. Das sei kurz gezeigt an der modernen Atomtheorie. Sie sagt, die Atome, aus denen alle natürlichen Substanzen bestehen, setzen sich zusammen aus Elektronen, Protonen und Neutronen: diese bewegen sich mit so unvorstellbarer Geschwindigkeit, daß von der inneren Struktur jedes Atoms eigentlich nur als von einem Kraftfeld gesprochen werden kann. Swedenborg spricht von der Begrenzung der unendlichen Kraft Gottes bis zur Materie. Findet seine Lehre nicht eine Bestätigung durch die Atomtheorie?

Wir sind geneigt zu fragen: Warum befaßte sich Swedenborg so ausführlich und ins einzelne gehend mit der Schöpfung und der Entstehung der Materie, die doch dem Menschen gegenüber, um den es ihm letztlich allein geht, gewissermaßen tot ist? Darauf ist zu antworten: Er hatte erkannt, daß es absolut notwendig ist, zuerst die Natur oder den Makrokosmos und die Schöpfung als Ganzes zu verstehen, wenn man den Mikrokosmos Mensch verstehen will. Denn da, wo die unendliche Kraft Gottes durch die immer weitere stufenweise Begrenzung gewissermaßen zur Ruhe gekommen ist, im Mineral des Naturreichs, da beginnt die große Umkehr durch das Pflanzenreich und Tierreich hinauf zum Menschen, dem eigentlichen Ziel der Schöpfung, dem Menschen, der aufnahmefähig ist für die von Gott ausströmende Liebe, der mit seiner Liebe Gott anbeten und sich mit ihm verbinden kann. Die inneren Stufungen des Menschen entsprechen den Stufungen der äußeren Schöpfung. Der Mikrokosmos, der Mensch, steht in Entsprechung zum Makrokosmos, der großen Schöpfung.

Nach dem Makrokosmos wandte sich Swedenborg konsequenterweise dem Mikrokosmos zu. Das geschah vorwiegend in den zwei großen Werken Regnum Animale und Economia Regni Animalis, d.h. vom Reich der belebten Dinge und vom Reich der Seele. Ausgangspunkt war auch hier, daß alle Dinge von der göttlichen Liebe und Weisheit erschaffen sind. Swedenborg ging also auch bei der Suche nach der Seele von der Anerkennung Gottes aus. Auch hierbei unterscheidet er sich grundsätzlich von den wissenschaftlichen Philosophen und Psychologen seiner Zeit und bis herab in unsere Zeit. In modernen Abhandlungen spricht man nicht einmal mehr von der Seele. Zwar gibt es Seelentheorien über Tiere, und man spricht auch von einem primitiven Animismus, aber es wird kein Versuch gemacht, nach den Ursachen zu forschen, obwohl man doch meinen sollte, daß die wissenschaftliche Psychologie nach den inneren Ursachen mentaler Vorgänge sucht. Es scheint, daß die Psyche, also das Material, mit dem die Psychologie ausschließlich umgeht, einfach als vorgegeben hingenommen wird, so wie die Naturwissenschaft die Energie als vorhanden voraussetzt. Schon Swedenborg sah, daß die Wissenschaft in diesem Trend immer mehr in Materialismus sinken mußte und damit zusammenhängend in Zweifel an Gott und in die Leugnung eines Lebens nach dem Tod. Er sagt aber: Die Existenz Gottes ist eine notwendige Wahrheit in jeder gesunden Philosophie. Und er hoffte, die Seele mit analytischen Untersuchungen im menschlichen Körper zu beweisen. Er war davon überzeugt, daß die Tätigkeit der Seele ihr Zentrum im Gehirn hat. Dieser Ort ist das innerste Sensorium, und an dieser Grenze endet der Aufstieg des körperlichen Lebens, jenseits dieser Grenze beginnt das Leben der Seele als eines geistigen Wesens.

Dazu lehrt Swedenborg: Wir sind organische Wesen, durch welche die unteren Dinge aufsteigen und die höchsten herabsteigen. Die unteren Dinge oder niederen Wahrheiten erreichen unser Inneres auf dem Weg über die Sinne; die höheren Wahrheiten kommen zu uns auf dem Weg der Intuition oder des Gewahrwerdens oder Innewerdens (der perceptio). (Wenn wir nur den höheren Wahrheiten den Namen Wahrheit geben, und die sogenannten niederen Wahrheiten als Tatsachen oder Wirklichkeiten bezeichnen dann ist die Unterscheidung viel leichter!). Die durch die unteren Stufen oder Lebensgrade eindringenden Tatsachen und Wirklichkeiten und die von der oberen Stufe oder dem oberen Lebensgrad einfließenden höheren Wahrheiten treffen zusammen im mittleren Lebensgrad des menschlichen Inneren; Swedenborg bezeichnet ihn in seiner Sprache mit Mens Rationalis, was wir vielleicht mit “Inneres Gemüt“ übersetzen können. Wie die beiden anderen Lebensgrade ist auch dieses innere Gemüt des Menschen eine organische Form; sie wird angefüllt und erfüllt mit allen Liebearten und Wahrheiten, die einerseits von oben, anderseits von unten kommen. Es sind Tugenden und Laster. In dieser Stufe hat der Mensch seine Vernunft, beide zu erkennen, zwischen beiden zu entscheiden; er soll das Gute aufnehmen und das Böse verwerfen. Deshalb ist dies die eigentlich menschliche Stufe, nämlich die der Fähigkeit zu denken, zu urteilen, frei zu entscheiden. Hier ist das Feld des Kampfes zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle: hier verbindet sich das Geistige mit dem Natürlichen; hier ist das eigentliche Menschsein, gebildet aus Geistigem und aus Natürlichem. An diesem Ort des menschlichen Organismus treffen sich auch Wissenschaft und Religion, und dort finden sie letzten Endes zu ihrer Einheit zusammen bis hierher, auf diese mittlere Stufe, die Stufe des rein Menschlichen, kann der Mensch sein Bewußtsein erheben, und von hier fließt aus, was der Mensch als Ergebnis seiner Entscheidungen tut.

Das ist auch die innere Bedeutung der Vision Jakobs, als er im Traum eine Leiter sah, die auf der Erde stand: oben reichte sie zum Himmel und über ihr stand Gott; die Engel Gottes stiegen auf ihr auf und ab. Die innere Sinnbedeutung dieser Vision ist: Der Mensch ist so beschaffen, daß durch ihn das Göttliche des Herrn herabsteigt bzw. einfließt bis ins äußerste Natürliche und von diesem letzten der Natur wieder aufsteigt zum Herrn. Denn der Mensch ist das Medium, das Mittel der Einung des Göttlichen mit dem Natürlichen und der natürlichen Welt mit dem Göttlichen. An der Jakobsleiter obenauf ist Gott. Das heißt aber: Bei einem jeden Menschen wie auch bei einem jeden Engel ist eine innerste oder höchste Stufe, oder ein Innerstes und Höchstes, in welches das Göttliche des Herrn zuerst einfließt. Dieses Innerste oder Höchste kann genannt werden: Der Eingang des Herrn zum Engel und zum Menschen, und seine eigentliche Wohnung bei ihm. Diese oberste Stufe im Individuum ist also die organische Form oder das Gefäß, das erfüllt werden kann von allen Liebearten und allen Wahrheiten, die von oben, d.h. von Gott einfließen. In diese höchste Stufe des menschlichen Inneren wirkt der Geist ein, und das Aufnahmeorgan ist die Seele.

Alle diese Grundsätze sind von größter Bedeutung; sie bringen die Vernunft des Menschen so in Ordnung, daß er die geistigen Wahrheiten aufnehmen kann. Mit dieser Vorbereitung ist Swedenborg vom Herrn geleitet worden, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, auch schon bevor ihm die Sicht in die geistige Welt geöffnet wurde.

Aus Swedenborgs Werk nach seiner Berufung.

Swedenborgs Erfahrungen in der geistigen Welt begannen im Jahr 1743. Da wurden ihm die geistigen Augen zum ersten Mal geöffnet. Die weitere Einführung erfolgte von Stufe zu Stufe, bis er von April 1745 bis zu seinem Lebensende mit Engeln und Geistern verkehren durfte, mit ihnen sprach wie ein Mensch mit einem anderen Menschen. Er wurde stufenweise in das innere himmlische Licht und in das Verständnis solcher Dinge eingeführt, die vom natürlichen Licht her unmöglich zu sehen und zu begreifen sind. Die vom Herrn empfangenen Erleuchtungen und das in der geistigen Welt Gesehene und Gehörte veröffentlichte er in mehreren Büchern. Seine Hauptwerke sind:

- Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes

- Vom Jüngsten Gericht

- Himmel und Hölle

- Göttliche Liebe und Weisheit

- Die erklärte Offenbarung des Johannes

- Die enthüllte Offenbarung des Johannes

- Die Göttliche Vorsehung

- Die Eheliche Liebe

- Die Wahre Christliche Religion

Aus seinem Buch “Himmel und Hölle“ erfahren wir den Aufbau und die Gliederung der Himmel und der Höhlen und vieles über ihre Bewohner. Im allgemeinen gibt es drei Himmel, die den drei Stufen des menschlichen Inneren entsprechen. Sie sind auch vorgebildet durch die drei Stockwerke der Arche Noah und durch die Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, dem Heiligen und den Vorhöfen. In jedem der drei Himmel gibt es unzählige Engelsgesellschaften. Im obersten Himmel leben alle Engel der himmlischen Ordnung gemäß in der Liebe zum Herrn und seinen Wahrheiten. Ihre Lebensfreude besteht darin, möglichst großen Nutzen für die anderen zu schaffen. Die Ordnung in den Himmeln ist so vollkommen, daß alle Himmel zusammengenommen in ihren Funktionen vor dem Herrn wie ein Mensch, der “Homo maximus“, erscheinen. Im ganzen Himmel wird kein anderer Gott anerkannt als der Herr allein. Die Engel können das Göttliche nicht in Drei aufteilen, weil sie wissen und wahrnehmen, daß das Göttliche Eins ist und im Herrn ist. Jeder Engel hat vollkommene Menschengestalt, und es besteht eine Entsprechung aller Teile des Himmels mit allen Teilen des Menschen. Auch besteht eine Entsprechung zwischen der natürlichen Welt und der geistigen Welt. Das Natürliche besteht und entsteht aus dem Geistigen als Wirkung aus ihrer geistigen Ursache. So steht also der Himmel und alles, was in ihm ist, in einem Entsprechungsverhältnis zur natürlichen Welt und allem was in ihr ist.

Der Mensch gehört gleichzeitig der geistigen und der natürlichen Welt an. Alles, was in Seiner natürlichen Welt, d.h. seinem Körper, dessen Sinnen und Handeln vorgeht, entsteht aus seiner geistigen Welt, d.h. seinem Willen und Verstand, und heißt Entsprechendes, Abbildung, Abbild (correspondentia)

Damit wir aber nicht falsche Begriffe von den Himmeln, von ihren Bewohnern und überhaupt von der geistigen Welt bekommen, lehrt uns Swedenborg, daß wir geistig denken müssen, unabhängig von Raum und Zeit, denn geistige Dinge sind nicht an Raum und Zeit gebunden. Zwar scheinen auch dort die Dinge abzulaufen im Zeitmaß von Stunden, Tagen und Jahreszeiten, und im Raummaß von Plätzen, Orten und Gegenden. Aber diese Erscheinungen von Raum und Zeit sind dort geistig und ergeben sich aus dem Zustand der Engel. Solange die Engel in der frischen Aufnahme des göttlichen Geistes sind, empfinden sie das als die Morgenstunde; wenn sie begierig das Licht der Weisheit in sich aufnehmen, ist es für sie Mittag; sind sie erfüllt von der Wärme und dem Licht ihrer Lebenssonne und haben sie daraus ihre Nutzwirkungen für die Engelsgesellschaft vollbracht, in der sie leben, so erscheint es ihnen, als sei es Abend, und sie ruhen, um sich für die erneute Aufnahme alles Lebens aus Gott fähig zu machen. Licht entspricht der Wahrheit, Wärme entspricht der Liebe, denn Wahrheit ist geistiges Licht. Liebe ist geistige Wärme. Und so besteht auch ein Entsprechungsverhältnis des Himmels und des Zustandes des inneren Menschen zu allen Dingen der Erde, zu ihrem Tierreich, Pflanzenreich und Mineralreich. So stellt sich dort Inneres vermöge der Entsprechungen im Äußeren dar, als schöne Gärten mit Pflanzen und Blumen, Bäumen mit Blüten und Früchten. Die göttliche und die geistige Lehre und die Lehrsysteme, in denen die Engel leben, erscheinen dort wie Städte und sonstige menschliche Ansiedlungen, und sie haben daran ihre Freude und Seligkeit, weil sie wissen, daß ihnen das alles entsprechend ihrem inneren von Gott gegeben wird.

So können wir mit Fug und Recht sagen: Durch Swedenborg ist die geistige Welt für uns durchsichtig, erkennbar, begreifbar geworden.

Auch in der Hölle gibt es die Dreiteilung, und in jeder Hölle gibt es viele Gesellschaften von höllischen Geistern, die nichts von Gott wissen wollen, sondern alles sich selbst, ihrer Vernunft und ihrer eigenen Großartigkeit zuschreiben. Sie haben in ihrem Inneren nicht die Wärme und das Licht des göttlichen Einflusses, weil sie ihn schon während ihres Erdenlebens ablehnten. Deshalb müssen sie ihrer inneren Öde entsprechend in sandigen, rauhen und kalten Gegenden leben, wo sie kaum etwas zu ihrer Nahrung finden, und ein miserables Leben führen, weil eben ihr Geist nur ein schwaches, ärmliches Leben hat. Sie haben sich nicht fähig gemacht, Aufnahmegefäß und Organ zu sein für das aus Gott kommende Leben der Liebe und der Wahrheit. Der Mensch ist Mensch nur im Maße dieser Aufnahmefähigkeit, und auch der Engel ist nichts als Organ für die göttliche Liebe und Wahrheit.

Swedenborgs Werke sind Lehrwerke. Sie entstanden aus den göttlichen Erleuchtungen, die er in seinem Inneren, in seiner preceptio empfangen hat. Was er überdies in den geistigen Welten, in den Himmeln und den Höhen gesehen und gehört hat, gibt er meist als den Lehren angehängte “Denkwürdige Erscheinungen“ wieder, die zum leichteren Verständnis der Lehren dienen. Er schrieb diese “Denkwürdigkeiten“ also nicht wie eine sonderbare Lektüre zu unserer Belustigung, sondern damit wir auch daraus lernen und begreifen, daß die ganze geistige Schöpfung von der Liebe und Weisheit Gottes lebt und erhalten wird, d.h. daß alle in den geistigen Welten Lebenden Gefäße oder Organe für Gottes Liebe und Weisheit sind, und daß die natürliche Welt gewissermaßen als äußerste Rinde und Schale geschaffen wurde, damit auf ihr das Menschengeschlecht leben und sich geistig heranbilden und ausreifen kann für den Übergang in die geistige Welt.

Mit dem Ablegen des Körpers geht der Mensch in die geistige Welt hinüber, jenachdem wozu er herangereift ist, in den himmlischen oder in den höllischen Zustand und in die diesem Zustand entsprechende Umgebung. Meistens geht eine kürzere oder längere Zustandsklärung in der Geisterwelt voraus, die zwischen Himmel und Hölle liegt. Nicht willkürliche Gnade oder Prädestination (Vorausbestimmung) bringt den Menschen in den Himmel oder in die Hölle, sondern der während des Erdenlebens erreichte Zustand bewirkt es.

Alle Engel in den Himmeln und alle Teufel in den Höllen sind aus dem Menschengeschlecht. Das Menschengeschlecht ist die Pflanzschule, aus der in freier Entscheidung die Bewohner der Himmel und der Höllen hervorgehen. Oft wird angenommen, Engel seien Wesen einer höheren Lebensordnung als urgeschaffene Wesen. Einige von ihnen hätten sich gegen die göttliche Autorität aufgelehnt und seien ausgestoßen worden. So seien sie Teufel geworden. Swedenborg lehrt dagegen: Nicht ein einziger Engel wurde ursprünglich als Engel geschaffen, und kein Teufel der Hölle wurde als Lichtengel erschaffen und ist dann gefallen, sondern alle im Himmel und in der Hölle stammen aus dem Menschengeschlecht, nicht nur dieser Erde, sondern aller Erden. Und weil der Himmel aus dem Menschengeschlecht ist und daher die Engel in ihm von beiderlei Geschlecht sind, deshalb gibt es im Himmel auch Ehen wie auf der Erde. Der Geschlechtsunterschied liegt primär im Geistigen, nur sekundär im Körperlichen, genau wie die ganze Schöpfung aus dem Geistigen kommt und das Natürliche nur die letzte Grundlage für das Geistige ist. Die Lehre Swedenborgs über die eheliche Liebe gibt dem Menschen die überaus befriedigende Aufklärung und Hinweisung für sein eigenes Leben.

Aus dem Werk “Die Göttliche Liebe und Weisheit“ sei folgendes zusammengefaßt: Gott ist der einzig Lebendige, der einzig Seiende; alle geschaffenen Dinge haben von ihm ihr Sein. Was von Gott geschaffen ist, hat aber nicht selbst göttliches Sein, sondern alles Geschaffene ist Empfangsgefäß oder Organ, durch welches das Leben Gottes wirkt.

Leben und Kraft sind geistig, die Materie ist nur das Mittel, durch das sie sich auf der natürlichen Ebene darstellen können. Das Geistige und das Natürliche stehen zueinander wie Ursache und Wirkung, zwischen beiden besteht also eine dauernde und enge Beziehung, ein Entsprechungsverhältnis. Und so ist die natürliche Welt ein Abbild, ein Spiegel der geistigen Welt.

Die Wahrheit, die unmittelbar vom Herrn als dem Unendlich-Göttlichen ausgeht, kann von keinem lebenden Wesen, welches doch begrenzt ist, aufgenommen werden, auch nicht von einem Engel. Der Herr schuf deshalb die Abstufungen durch die die von Ihm ausgehende Wahrheit übermittelt und zum Teil aufgenommen werden kann. So abgestuft ist die göttliche Wahrheit wie sie in den Himmeln ist. In den weiteren Abstufungen wird sie von der Vernunft erfaßbar und menschlich erfahrbar. Das göttliche Leben steigt so herab durch die Himmel in die natürliche Welt, es fließt ein oder wird aufgenommen je nach dem Zustand und der Aufnahmefähigkeit des Engels und des Menschen. Das Einfließen ist aber nicht wie das Zusammenfließen eines Dinges mit einem anderen, so wie Flüssigkeiten in einem Gefäß zusammengegossen werden, denn Unendliches kann sich nicht mit dem Endlichen mischen. Das Unendliche kann vom Endlichen nicht einmal gefaßt und gehalten werden. Sondern Einfließen ist ein Aufeinanderwirken. Das Unendliche, das durch endliche Substanzen und deren Stufen wirkt, verändert dabei seine Wirkung, sie gleicht sich an und verhält sich entsprechend dem Aufnahmeorgan.

Es wurde schon dargelegt, daß auch im Menschen verschiedene Stufen von Organen und Kräften sind. Eine Stufe ist innerhalb der anderen, die geistige Stufe ist innerhalb der natürlichen. Und doch ist jede Stufe getrennt von der anderen und behält ihre ursprünglichen Eigenschaften, ohne daß ein Zusammenfließen in eine Mischung erfolgt. Das nennt Swedenborg getrennte, nicht zusammenfließende (discrete) Stufen oder Grade. So sind z.B. Wirkung und Ursache getrennt, und doch finden wir in der Wirkung die Ursache wieder; und in der Ursache steckt der Endzweck, der eigentlich die Ursache der Ursache ist. Der Endzweck gehört dem Geistigen an. Entsprechend verhält es sich mit den Organstufen. Das kann kurz auch so ausgedrückt werden: Alles geht von Gott aus. Das von Ihm Ausgehende ist in allen geistigen Dingen zu finden, und beides zusammen in der natürlichen Wirkung. Und doch ist Gott nicht vermischt mit der Natur, sondern er bleibt Gott und ist nicht selbst die Natur und auch nicht selbst die geistige Welt. Seine Wirkungen sind in der geistigen Welt und durch diese in der natürlichen Welt.

Bisher wurde etwas abstrakt von Gott, vom Unendlichen, von dem von Ihm ausgehenden Leben und Seiner Kraft gesprochen, aber der Grundstein der durch Swedenborg wieder aufgedeckten Gotteslehre, den wir in allen seinen Werken finden, ist: Jesus Christus ist Gott in Person und Wesen. Die ganze Dreieinheit ist in Jesus Christus. Er ist nicht einfach die zweite Person in einem Dreipersonengespann, einem Triumvirat. Bei dem einheitlichen Gott wird Vater genannt, was das Innere des Göttlichen ist. Kein Mensch kann es sehen oder erfassen; es ist die unerschöpfliche, unaussprechbare Liebe Gottes. Diese Liebe gab und gibt den Anstoß zu allem, was aus ihm hervorgegangen ist und hervorgeht. Alles ist aus der göttlichen Liebe geschaffen. Und diese innerste göttliche Liebe ist eins mit der göttlichen Weisheit. Seine Weisheit bildet die Ideen, die der Schöpfung zugrunde liegen. Sie stellt sich uns erkennbar dar als das Wort, das Fleisch geworden ist. Das ist der Sohn. Die damit verbundene Kraft, die ausstrahlt und wirkt, nämlich aus der göttlichen Liebe durch die göttliche Weisheit, ist der Heilige Geist. In der Person des göttlichen Erlösers sind die drei vorhanden und eins.

Gott nahm die menschliche Natur an, damit er die bösen Geister, die ihn in seinem Menschlichen angreifen durften, besiegen und so die Menschheit erlösen konnte. Es ist also nicht so, daß er als Unschuldiger die Stelle des Schuldigen übernahm, daß er stellvertretend für den sündigen Menschen litt. Die Erlösung wird für den Menschen nur wirksam, wenn er sein Inneres umkehrt, Gott anerkennt, die göttlichen Lehren in sich aufnimmt, mit seiner Liebe erfaßt und danach lebt. Gott gibt die Kraft dazu, denn er hat in seinem Menschlichen das Böse überwunden.

Die Gotteslehre bildet in jeder Kirche das Kernstück; davon hängt unsere Vorstellung von Gott, von seinem Verhältnis zur Schöpfung und zum Menschen ab. Und jeder Mensch bekommt im geistigen Reich und in den Himmeln den Platz, der seiner aus Liebe gebildeten Vorstellung von Gott entspricht.

Die Lehre vom Herrn finden wir ausführlich in Swedenborgs Werk “Die Wahre Christliche Religion“. Es enthält des weiteren die Lehren des Neuen Himmels und der Neuen Kirche über die Heilige Schrift, über Glauben, Nächstenliebe, Willensfreiheit, über Buße und Wiedergeburt, über Sündenvergebung, über die Taufe, das Heilige Abendmahl usw.

Die Lehre über die Heilige Schrift ist etwas vollständig Neues und Einzigartiges und bringt weitreichende Erkenntnisse. Die Heilige Schrift ist das Wort Gottes, und in ihr ist die göttliche Wahrheit selbst. Weil das Wort auch für die unterste Stufe, d.h. die natürliche Ebene besteht, ist es dieser angemessen worden und im natürlichen oder Buchstabensinn geschrieben. Mit anderen Worten: Das Göttliche und Geistige ist in Erzählform gekleidet von Völkergeschichte, Menschenschicksalen und Naturereignissen. Aber alle diese Erzählungen haben einen inneren geistigen Sinn. Swedenborg sagt: “Im letzten, untersten Sinn ist das Wort natürlich, im inneren Sinn geistig, im innersten Sinn himmlisch. Durch alle diese Sinnbedeutungen geht das Göttliche.“ So nimmt die göttliche Wahrheit verschiedene Formen an, indem sie von Gott durch die Himmel bis zur Erde herabsteigt. Der geistige Sinn erscheint nicht unmittelbar aus dem Wortlaut, sondern ist in ihm versteckt, so wie der Gedanke in der Rede oder die Seele im Körper. Je nach unserer Aufnahmefähigkeit oder unserem Reifezustand erkennen wir den geistigen Sinngehalt oder nur den natürlichen Wortlaut; sie stehen durch die Entsprechungen in einer Beziehung zueinander.

Die drei Stufen des engelischen und des menschlichen Inneren — die natürliche (beim Engel heißt sie die natürlich-geistige) Stufe, die rein innere oder geistige Stufe und die himmlische Stufe — drücken auch die Aufnahmefähigkeit für die verschiedenen Sinnbedeutungen der Heiligen Schrift aus. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch und der Engel nimmt diejenige Sinnbedeutung auf, für die sein Inneres ausgereift und geöffnet ist. Ist das Innere des Menschen und des Engels nur für die natürliche Sinnbedeutung geöffnet, so ist er im untersten oder natürlich-geistigen Himmel; ist er geöffnet für die geistige Sinnbedeutung, so befindet er sich im mittleren oder geistigen Himmel; ist er geöffnet für die himmlische Sinnbedeutung, so befindet er sich im obersten Himmel.

Die drei Stufen des inneren Menschen oder besser gesagt die drei Stufen der Geistgestalt des Menschen und des Engels sind in der Heiligen Schrift dargestellt durch die drei Naturreiche, Das Mineralreich mit seinen Felsen, Mineralien, Flüssigkeiten und Gasen bilden all das vor, was in der menschlichen Natur bewegungslos und leblos ist, d.h. die Anlagen und Neigungen und das Gedächtniswissen. Das Pflanzenreich bildet vor, was in unserem Willen und in unseren Gedanken vor sich geht. So sprechen wir und spricht der Herr in seinen Gleichnissen davon, daß die Saat der Wahrheit gesät wird, daß Ideen keimen, Wurzel fassen und reifen. Das Tierreich stellt dar, was im inneren Menschen lebendig geworden ist, d.h. sein Wollen, sein Denken und sein Tun.

Die Bibel handelt also nur von geistigen, himmlischen und göttlichen Dingen, sie spricht diese aber in natürlicher Form aus. Deshalb ist sie nur in solchen Entsprechungen geschrieben, und sie ist voll von diesen Entsprechungen. Überall wo in der Bibel von Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen die Rede ist, sieht das geistige Verständnis nicht diese natürlichen Dinge, sondern das, was ihnen entspricht und im geistigen Licht steht, d.h. niedere bzw. höhere und vollkommenere Formen der Einwirkung der göttlichen Liebe und Weisheit in die Geistgestalt des Menschen und des Engels.

Das ist auch der Fall bei den oft abstrus erscheinenden Erzählungen und Vorkommnissen in der Offenbarung des Johannes. In zwei Werken hat Swedenborg die innere Sinnbedeutung aller Kapitel der Offenbarung des Johannes aufgedeckt und ausführlich erklärt. Auch die ganze Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Moses ist nichts anderes als die in Entsprechungen ausgedrückte Schilderung des geistigen Werdegangs oder der Wiedergeburt des Menschen in den aufeinanderfolgenden Stufen.

Weil nur der Buchstabensinn der Heiligen Schrift, nicht aber die Entsprechungen des geistigen und himmlischen Sinns bekannt waren, sind so viele Irrtümer und falsche Lehren entstanden. Zu diesen Irrtümern gehört auch das falsche Verständnis alles dessen, was der Herr vom sogenannten Ende der Welt, vom “Jüngsten Gericht“ und von seinem Wiederkommen sagte. Gestützt auf das 24. Kapitel des Matthäus (und die etwa gleich lautenden Markus 13 und Lukas 21) sowie auf die letzten Kapitel der Offenbarung des Johannes ist die Auffassung der beiden großen Konfessionen der christlichen Kirche die, Christus würde in den Wolken des Himmels wiederkommen alle Menschen (die Lebendigen und die Toten) versammeln, um Gericht zu halten; die Heiligen würden mit ihrem Herrn in den Himmel auffahren, und die Welt würde durch Feuer zerstört werden. Dann würde ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden, und Christus würde von Ewigkeit zu Ewigkeit regieren. Jedoch kann man nur aus dem geistigen Sinn, der hinter dem Buchstabensinn versteckt ist, erkennen, was diese Darstellungen bedeuten. Danach hat die Wiederkunft Christi bereits stattgefunden, und zwar als er Seinem Diener den geistigen und himmlischen Sinn seines Wortes öffnete und sich als der alleinige Herr und Gott in aller Herrlichkeit manifestierte. Und weil alles, was auf der Erde, also auch beim Menschen dieser Erde bewirkt wird, seine Ursache im geistigen Reich hat, mußte diese Klarheit zuerst dort, im geistigen Reich, wiederhergestellt werden. Das geschah beim Jüngsten Gericht, welches in der geistigen Welt stattgefunden hat. Es war die Voraussetzung für den Durchbruch des himmlischen Lichts bis auf die Erde, bis in den menschlichen Bewußtseinsbereich.

Durch das Jüngste Gericht ist im Himmel alles neu geworden. Und das aus dem neuen Himmel herabsteigende geistige Licht macht in den Menschen, die es aufnehmen, die Neue Erde, die im 21. Kapitel der Johannes-Offenbarung vorausbeschrieben wurde. Das also ist der neue Himmel und die neue Erde.

Es wurde schon gesagt, daß im Himmel die Lehren und die Lehrsysteme wie Ansiedlungen und Städte erscheinen. So ist in den von Gott aus dem neuen Himmel einfließenden Lehren das Neue Jerusalem auf die neue Erde herabgekommen.

 

Zeitwende — in ein neues christliches Zeitalter.

Wird von einem neuen christlichen Zeitalter gesprochen, so wird meist angenommen, es müsse durch Umstürze heraufgeführt werden, ähnlich einem Weltuntergang, begleitet von all den apokalyptischen Schrecken, die so gerne vorgebildet worden sind.

Aber Zeitalter sind gekommen und vergangen, und wieder neue sind gekommen. Jedes von ihnen läuft, unbeschadet mancher Explosionen, in fließender Entwicklung ab, so wie es beim Lebenslauf eines Menschen geschieht. Die Kindheit wird in langsamem Übergang abgelöst von dem Jugendalter, dieses vom Mannesalter, und der Mensch erreicht die volle Reife, um dann mehr oder weniger langsam ins Greisenalter hinüberzugleiten. Der Mensch altert, weil er die wirkenden Lebenskräfte immer weniger aufnehmen kann.

In der Stetigkeit der Entwicklung liegt es begründet, daß Vorzeichen und Anzeichen des neuen, des kommenden Zustands sich schon in der vorhergehenden Zeitperiode zeigen, dann wieder scheinbar verschwinden, um doch wieder, und häufiger, aufzutreten, bis sie dauernd da sind und die Dinge der früheren Zeit völlig verdrängen.

Die für alles Organische grundlegenden Begriffe: Geburt, Jugend, Reife, Alter, Lebensdauer, Tod gelten auch für ganze Menschheitskulturen. So besteht menschliche Geschichte aus gewaltig ausgedehnten Zeitläufen. Wir können ihre Phasen auch mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter oder Morgen, Mittag, Abend und Nacht benennen.

Dürfen wir aber auch für die Religionen und die Religionsgeschichte von Zeitaltern sprechen? Und sehen wir solche Zeitalter, wenn wir den Blick auf die Bibel, also das Alte Testament und das Neue Testament, werfen? Diese Frage kann bejaht werden. Seit dem biblisch geschilderten Beginn der Menschheitsgeschichte gab es mehrere Zeitalter oder Äonen; das erste ist das mit Adam begonnene, das bis zur Sintflut reichte; das zweite begann mit Noah; das dritte war das israelitische; das vierte das christliche Zeitalter.

Der Verlauf dieser Zeitalter oder Äonen ist bezeichnet mit: Zeiten, Zeitläufe und Erfüllung der Zeiten. Diese Worte haben nichts zu tun mit dem technischen Zeitmaß von Sekunden, Stunden, Tagen und Jahren, die vom astronomischen Ablauf bestimmt sind, sondern sie bezeichnen den Zustand, den Entwicklungszustand der Gruppen oder, abstrakt, der betreffenden Kulturen und Religionen.

Natürlich gibt es innerhalb einer Gruppe unendlich viele Variationen, und innerhalb ihres Gesamtzustands Einzelentwicklungen, so wie es in der natürlichen Welt immer gleichzeitig Kinder, Jugendliche, Männer und Greise gibt. Wir brauchen uns durch diese Vielfältigkeit aber nicht beirren zu lassen in der Betrachtung der großen Entwicklungslinien, denen auch die Religionen folgen von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende.

Es wurde gesagt, das vierte der biblisch genannten Zeitalter sei das christliche. An welchem Punkt seiner Entwicklung seines Ablaufs stehen wir? Dazu sagte ein berühmt gewordener Theologe:

Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach so wie sie einmal sind, nicht mehr religiös sein. Auch diejenigen, die sich ehrlich als religiös bezeichnen, praktizieren das in keiner Weise. Die Zeit der Religion ist vorbei. Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden - ohne Zuhilfenahme der „Arbeitshypothese“ Gott.   (Bonhoeffer)

Und wir hören aus psycho-analytischer Sicht auf Grund langer Forschungen:

Die Zeit dessen, was nach außen christlicher Glaube oder Religion zu sein scheint, nähert sich ihrem Ende. Die Zeit des Christentums, das christliche Zeitalter, geht zu Ende.    (Affemann)

Das sind schwere Urteile! Sind sie richtig? Können die Abläufe dieses christlichen Zeitalters bis zu einem solchen Endzustand erkannt werden? Und welches sind die Ursachen?

Kirchengeschichtliche Phasen.

Dieses christliche Zeitalter erlebte seine Kindheit seinen Morgen oder Frühling in der apostolischen Zeit, als Jesus selbst all das lehrte, was in den Evangelien aufgeschrieben wurde und als die Apostel die Lehren mündlich und schriftlich weitergaben und auslegten. Die erste Christenheit nahm sie in kindlicher Einfalt und Herzlichkeit auf.

Die Kirchengeschichte der ersten drei Jahrhunderte zeigt dann den Übergang in die Jugendzeit, wo alles begierig — intellektuell — aufgenommen und verarbeitet wurde, und wo die Einflüsse der Religionen und Philosophien der Umwelt einwirkten und zu verstandesmäßiger Verarbeitung drängten, wo auch sogenannte Irrlehren auftraten und heftig bekämpft wurden. Auf mehreren Konzilen wurden theologische Lehrsätze aufgestellt, besonders über die Lehrautorität, die Trinität über den Glauben und anderes mehr. Seitdem das Christentum Staatsreligion wurde, fand es äußerlich eine weite Verbreitung, aber es darf bezweifelt werden, daß das innere Wachstum damit Schritt hielt. Es trat eine gewisse Erstarrung ein, die dogmatisch ihren Ausdruck in der Scholastik fand.

Scholastik, Philosophie, Aufklärung, Mystik.

Die Scholastik wollte das System der kirchlichen Dogmen vor der Vernunft rechtfertigen. Der Versuch, die Lehren der Kirche auf philosophischem Weg auch zu begründen, fand aber bald seine gefährliche Konsequenz darin, daß das philosophische Denken, je mehr es erstarkte, umso selbständiger und selbstbewußter wurde und umso kühner sich den Dogmen kritisch gegenüber stellte.

Die Philosophie des Mittelalters wandte sich ab von der metaphysischen Begründung der allgemeinen Begriffe, hin zu den sensualistischen Theorien über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis. Dabei hat sie die merkwürdigsten Gegenpositionen bezogen, einerseits in der Mystik, andererseits im Skeptizismus, der in allen Ländern der christlichen Kultur, wo philosophiert wurde, zu finden ist.

Gewaltige Veränderungen im Denken des christlichen Kulturkreises ergaben sich besonders seit den Anfängen der Naturwissenschaft, und vor allem, als das ptolemäische System, auf dem die Scholastik fußte, durch das kopernikanische über den Haufen geworfen wurde. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung forderte das Recht der freien Forschung gegenüber der Orthodoxie. Und die damit verbundene Naturphilosophie beansprucht, die Natur als die Offenbarung Gottes zu betrachten.

So vollzog sich die Trennung von Philosophie und Theologie. Der aus der Skepsis geborene Empirismus schließt die Erkenntnis der Gottheit und der menschlichen Seele von der wissenschaftlichen Forschung aus: für die philosophische Erkenntnis bleibe nur die Natur, und der wahre Zusammen hang der Dinge sei der der mechanischen Kausalität.

So verfiel die Philosophie in den Naturalismus, der alle religiösen Fragen ausschließt und meint, die Möglichkeiten der Erkenntnis ergäben sich ausschließlich aus der Natur.

Dann kommen die moralischen und religiösen Aufklärer. Sie sind Rationalisten, die den Ausgangspunkt und das Selbstbewußtsein in der Vernunft suchen. Für sie ist die Selbstherrlichkeit der Vernunft die Grundlage aller Wissenschaft. Das selbstbewußt gewordene Denken verlangt, nach allen Seiten hin sich selbst die Gesetze zu geben, in vernünftiger Überlegung selbst die Prinzipien des Tuns und Lassens zu finden, und über sich selbst keinen anderen Richter anzuerkennen.

Neben all diesen Bewegungen geht aber auch die Mystik jahrhundertelang einher, in der späteren Form des Pietismus mit seiner Sehnsucht nach Gottliebe und Gotterkenntnis. Der Versuch, Mystizismus und Rationalität miteinander zu verbinden, daß sie einander durchdringen, ist mißlungen (vgl. Böhme, Pascal).

In all diesen Entwicklungen handelt es sich natürlich nicht nur um erkenntnistheoretische Prinzipien, sondern letzten Endes geht es um die Frage nach der Wahrheit. Denn in der Frage: Wie erkennt der Mensch? liegt schon vorher die Frage: Was liegt vor, oder was ist zu erkennen gegeben, oder schlicht: Was ist Wahrheit?

Aus den vielerlei erkenntnistheoretischen Prinzipien, die wir in großen Zügen und in Etappen verfolgt haben, entsteht somit die erschütternde Frage: Gibt es viele Wahrheiten, ebenso viele wie Erkenntnisprinzipien? Gibt es sinnliche Wahrheit, und in der Natur liegende Wahrheit, und Vernunftwahrheit, und mystische Wahrheit, und religiöse oder Gotteswahrheit? Gibt es äußere Erfahrungswahrheiten und innere Erfahrungswahrheiten, und solche, die jenseits einer Grenze liegen, einer Grenze, die der Mensch nicht übersteigen kann? Und kommen diese dann zum Menschen, weil er sie nicht selbst hätte finden können? Und gibt es eine Versöhnung zwischen diesen vielen Wahrheiten und zwischen den vielen Arten von Erkenntnisfähigkeiten?

Es ist ein leidenschaftliches Schauspiel, das diese Kämpfe innerhalb der Kultur dieses christlichen Zeitalters dem Beobachter bieten. Auf diese Kämpfe konnte nicht verzichtet werden, weil der einzelne Mensch daraus seine Anschauungen gewinnen und Prinzipien bilden konnte, die seine innere Landschaft ausmachen, die Ebene der mens humana, das menschliche Innere.

Andere Kulturkreise haben in den Auseinandersetzungen und Kämpfen ihrer führenden Geister z.T. ganz andere Ergebnisse hervorgebracht. Ihre geistigen Landschaften erzeugten dort deshalb auch ganz andere Früchte. Man kann nicht sagen: richtig oder falsch, sondern anders. Das Kriterium liegt nicht in der rationalen Betrachtung, sondern auf höherer Ebene.

Es liegt auch in der logischen Folge der kulturellen Entwicklung, daß die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen sich ausweitete zu der Frage nach der Zusammensetzung, nach dem Aufbau des Menschen, der der Träger dieser Erkenntnisfähigkeiten und dieser Erkenntnisse ist. Und hier, in der relativ jungen Wissenschaft der Psychologie kommen selbstverständlich auch wieder alle Standpunkte vor, die wir als Ausgangspunkte der verschiedenen philosophischen Systeme angetroffen haben.

Ein besonderes Gebiet im menschlichen Denken machen die Entwicklungstheorien aus. Auch hier widerstreiten so viele Ansichten wie es Ansatzpunkte und Ausgangspunkte im menschlichen Denken gibt. Im Begriff der Monade (Leibniz) wurde versucht, einen gemeinsamen Stoff zu haben: die niederen Monaden für die Materie und die höchste Monade für die Gottheit. So wollte man Materie, Vernunft und religiöse Wahrheit miteinander vereinbaren.

Einfluß des historischen und wissenschaftlichen Denkens.

Es konnte nicht ausbleiben, daß die verschiedenen Richtungen der Philosophie einen großen Einfluß ausübten auf die Theologie, ihre Dogmen und die kirchliche Wirklichkeit. Das ist besonders der Fall seit der Epoche der Aufklärung, also seit dem 17. und 18. Jahrhundert, d.h. seit dem Aufkommen eines auf Vernunft und Erfahrung begründeten Verständnisses der Welt, der Geschichte und des Menschen, und seit dem Aufkommen eines modernen wissenschaftlichen und speziell historischen Denkens. Seither gibt es eine historisch-kritische Bibelwissenschaft. Man kann sagen, die historisch-kritische Bibelbetrachtung ist keine originär theologische, sondern eine abgeleitete Erscheinung, beeinflußt von den philosophischen Ideen, denn sie erkennt als Kriterien der Wahrheit nur die verschiedenen philosophischen Prinzipien an. In ihr stellt der Mensch sich und seine Vernunft als obersten Maßstab, von dem aus er glaubt, auch Gott beurteilen zu können.?

Dabei vergessen die Rationalisten, daß die menschliche Vernunft auch etwas von Gott Geschaffenes ist. Sie ist nicht ungeschaffen und nicht unendlich, sondern begrenzt, und kann deshalb nicht ins Unendliche greifen, sondern nur das erfassen, was wie sie endlich ist.

Aus ihrer rational notwendigen Begrenztheit heraus meint die historisch-kritische Bibelwissenschaft, die eigentümliche Form, in der die religiösen Überzeugungen in den religiösen Urkunden niedergelegt sind, müsse erklärt werden aus dem Geist der Zeit ihrer Entstehung. Dann trat aber der historische Charakter der Betrachtung weit hinter den kritischen zurück. Die Kritik setzte besonders gegen die Offenbarung ein. Die jüdische Offenbarung sei unwahr, weil sie keiner der Anforderungen entspreche, die man an die wahre Offenbarung Gottes stellen müsse. Die positive Offenbarung wird verworfen, weil sie den Vernunftbegriffen vom Wesen der Gottheit widerspricht. Hier kommt deutlich der sensualistische und rationalistische Charakter der Kritik zum Ausdruck.

Das Resultat dieser historisch-kritischen Untersuchungen der Bibel ist denn auch: sie sei ein menschliches Machwerk und trage in jeder Beziehung die Spuren davon an sich. Sie sei zwar historisch glaubwürdig, und die in ihr erzählten Tatsachen hätten sich größtenteils wirklich zugetragen, aber da keine göttliche Offenbarung als übernatürliche Wirksamkeit möglich sei, bleibe nur übrig, daß es sich, wo angeblich Offenbarungen vorkommen, um absichtliche Täuschungen handle.

Wie sehr die Theologie abhängig geworden war von den Zeitströmungen in der Philosophie zeigt sich daran, daß sie dieser philosophisch geprägten historisch-kritischen Bibelbetrachtung nichts entgegenzusetzen hatte, sondern sie völlig übernahm.

Zu den modernsten Formen dieser philosophisch-naturwissenschaftlichen Überflutung zählen die „Gott-ist-tot-Bewegung“ und die „Entmythologisierung“.

Seit einigen Jahren ist Gott gestorben. Wenigstens behaupten nicht wenige moderne Theologen und Philosophen: Gott ist tot. Die Bewegung ging, so weit ich feststellen konnte, von der existentialistischen Leugnung der Transzendenz Gottes aus. Das ist durchaus folgerichtig vom Ausgangspunkt der Existentialphilosophie. Von hier aus gehen dann die verschiedenen Wege, die in der „Gott-ist-tot-Bewegung“ zu finden sind. Die einen sagen, der Begriff Gott sei völlig bedeutungslos geworden für den Menschen und so für unser Bewußtsein nicht mehr existent. Andere gehen bis zur vollständigen Leugnung eines Gottes über den Menschen.

Nun ist es aber doch so: Die Transzendenz wird immanent, als die Wirkungen Gottes; ohne diese Immanenz ist sie abstrakt und leblos. Aber auch die Immanenz darf nicht absolut gesetzt werden. Reiner Immanentismus, der sich absolut setzt und die Transzendenz leugnet, trennt den Strom von der Quelle. Das gilt nicht nur für die Gottesanschauung, sondern auch für das menschliche Leben. Wird es vergottet, so hört jedes authentische Leben auf; will es ohne transzendente Beziehung gelebt werden, so beraubt es sich seiner eigenen Quelle und kann nur vertrocknen und eingehen.

Es ist aber von großem Interesse, daß es in der „Gott-ist-tot-Bewegung“ auch Theologen gibt, die zwar jeden transzendenten Gottesbegriff ablehnen, aber doch darauf hinweisen, man solle sich mit dem sichtbaren, inkarnierten (= Fleisch gewordenen) Gott Jesus Christus befassen*.

* Anmerkung des Schriftleiters: Eins der kuriosesten Erlebnisse meiner letzten USA- Reise (1967) bestand darin, daß ich an einem Kirchturm in Riesenlettern las: „God is dead“ (Gott ist tot) und als ich um die Ecke herumfuhr auf der anderen Seite: „Jesus is alive“ (Jesus lebt).

Natürlich ist es schwer, eine so in fließender Entwicklung befindliche Bewegung wie die des Existentialismus und die innerlich sehr eng mit ihr zusammenhängende „Gott-ist-tot-Bewegung“ mit ausreichender Genauigkeit zu überblicken, aber es scheint, daß gerade in Deutschland einige Verzerrungen überbetont wurden, nämlich die, die das Göttliche nur immanent anerkennen und Gott gleichsetzen mit des Menschen besserem Selbst.

„Entmythologisierung“?

Die historisch-kritische Bibelbetrachtung führte zwangsläufig auch zu dem Problem der Entmythologisierung. Was ist der Ausgangspunkt und was das Ziel der Entmythologisierung?

Ausgangspunkt ist die Auffassung, die Bibel enthalte Berichte, die wegen ihrer Widersprüche zur Erfahrung unmöglich geschichtliche Tatsachen sein können und deshalb Mythen genannt werden müssen. Mythisch sei das Weltbild des Neuen Testaments, weil es die Welt in drei Stockwerke gliedert; in der Mitte befinde sich die Erde, über ihr der Himmel und unter ihr die Hölle. Mythisch sei die biblische Historie weil sie ihre Bewegung und Richtung durch übernatürliche Mächte erhält. Mythisch seien die Wunder. Ein Mythos sei es, daß dieser Äon, also dieses Zeitalter, seinem Ende zueile, und zwar seinem baldigen Ende, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen würde.

Dem mythischen Weltbild entspreche auch die Darstellung der Heilsgeschichte: ein Gottwesen erscheint auf der Erde als ein Mensch, stirbt am Kreuz; durch seine Auferstehung werde der Tod zunichte gemacht; der Auferstandene sei zum Himmel erhöht worden; er werde zu dieser Endzeit wiederkommen auf den Wolken des Himmels; dann werden die Toten auferweckt zum Gericht.

Mythisch sei auch die Aussage von Gott als dem Schöpfer, vom Thron Gottes im Himmel und vom Sitzen Christi zur Rechten Gottes. Kein erwachsener Mensch stelle sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den Himmel im alten Sinne gibt es nicht mehr, und ebenso wenig gebe es die Hölle. Das alles beweise die moderne Wissenschaft.

Aber auch aus dem Selbstverständnis des modernen Menschen sei es ihm unmöglich, den neutestamentlichen Glauben in dieser Form zu behalten. Der moderne Mensch verstehe sich als ein einheitliches Wesen ohne den Eingriff fremder dämonischer Mächte in sein inneres Leben.

Das sind kurz gefaßt die Ausgangspunkte der Entmythologisierung.

Das Ziel der Entmythologisierung bestünde darin, die vom mythologischen Weltbild unabhängige Wahrheit herauszufinden, falls eine solche überhaupt darin enthalten ist. Um dieses Ziel zu erreichen, sei es die Aufgabe der Entmythologisierung, die christliche Botschaft aus ihrer mythischen Sprache in die Sprache des heutigen Menschen zu übersetzen und die zeitgebundenen Denkweisen und Vorstellungen kritisch auszulegen nach den Maßstäben des immanent kausalen Geschichtsdenkens und des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes; es solle interpretiert, nicht aber unbedingt eliminiert werden.

Dazu, daß Naturwissenschaft als Maßstab genommen wird, ist kurz zu bemerken: Wer würde wohl auf den Gedanken kommen, heiße Liebe oder kalten Haß und Holm mit dem Thermometer zu messen, um festzustellen, ob es sie gibt? Jede Antwort erübrigt sich. Der Psyche zugehörige Dinge, wie Liebe, Haß und Hohn, sind eben etwas ganz anderes als die materiellen Dinge, die mit Thermometer und Zollstock gemessen und in naturwissenschaftliche Begriffe eingeordnet werden können.

Und wenn vom Jammertal gesprochen wird, wem würde es einfallen, naturwissenschaftliche Maßstäbe anzulegen, um vielleicht zu erforschen, wie tief es ist? Es ist doch vielmehr so, daß selbst ein Mensch, der auf der Bergspitze in einem wunderschönen Bungalow wohnt, in einem elenden Jammertal lebt, wenn ihn eine Schuld bedrückt und nicht mehr losläßt.

Das alles sind doch Ausdrucksformen, die im Bewußtsein des Menschen nicht physikalisch, sondern psychologisch und geistig, man könnte auch sagen, existentiell, zu verstehen sind.

Für den ehrlichen Christen sind doch auch Himmel und Hölle Ausdrucksformen seines Existenzbewußtseins, das zwischen Gut und Böse gestellt ist. Soll denn das fromme Weltbild, das Himmel und Hölle als geistigen Zustand kennt, nun ungültig sein, weil es mit dem physikalischen Weltbild nichts mehr gemein hat?!

Man sieht, daß die Entmythologisierung naturwissenschaftliche Begriffe anwendet auf Dinge, die nicht auf dem Gebiet der Naturwissenschaften liegen.

Das ist der logische Fehler das ist der Irrtum der Entmythologisierung, nämlich das völlige Unverständnis für inneres Denken. Aber das ist typisch für unsere naturwissenschaftliche Zeit, die sich anmaßt, alles abzutun, was sie selbst nicht mehr versteht.

Nun muß gefragt werden: Wie sieht das Ergebnis der Entmythologisierung aus?

Alles in der sogenannten mythischen Sprache Gesagte ist unglaubwürdig geworden und verworfen worden, mit den Worten: Die mythische Eschatologie (also die Endzeiterwartung) ist im Grunde durch die einfache Tatsache erledigt, daß Christi Parusie, also sein Wiederkommen, nicht, wie das Neue Testament erwartete, alsbald stattgefunden hat, sondern daß die Weltgeschichte weiterlief und — wie jeder Zurechnungsfähige überzeugt ist — weiterlaufen wird. Erledigt ist durch die Kenntnis der Kräfte und Gesetze der Natur der Geister- und Dämonenglaube. In das geschlossene System der natürlichen Kräfte des sich biologisch verstehenden Menschen kann ein übernatürliches Etwas, das „Pneuma“, der Geist, nicht eindringen und in ihm wirksam werden. Die Wunder des Neuen Testaments sind erledigt. Erledigt sind auch die Geschichten der Höllen- und Himmelfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des „mit den Wolken des Himmels kommenden Menschensohns“. Und das göttliche Wesen Jesu Christi wird geleugnet, weil es angeblich aus dem mystischen Gnostizismus stammt.

So radikal ist also entmythologisiert!

Das heißt aber: So sind alle Anschauungen und Begriffsbilder des christlichen Glaubens umgeworfen und zerstört worden!

Was bleibt: Tabula rasa

Was bleibt nach der Entmythologisierung, die alles als „erledigt“ ansieht, was im Bewußtsein des Christen zu tun hat mit Himmel und Hölle, Wirkung des Geistes im Menschen, den Wundertaten Jesu, seiner Wiederkunft, mit der Eschatologie und der ganzen Hoffnung des Christen?

Was bleibt? Es bleibt die Naturwissenschaft, es bleibt das Selbstverständnis des Menschen aus dem Existentialismus. Aber dazu wird uns theologisch noch etwas angeboten: nämlich das Selbstverständnis des Christen als seine totale Verfallenheit; also bedürfe er der Erlösung durch etwas, das er selbst nicht ist. Das müsse eben im Glauben erfaßt werden als das Paradoxon und Skandalon des christlichen Glaubens.

Da ist zu fragen: Muß für das doch so hochgepriesene existentialistische Selbstverständnis des modernen Menschen solcher Glaube nicht tatsächlich ein Ärgernis, für sein Denken und Fühlen widersinnig sein? Der moderne Mensch wird solchen Glauben mehr als alles andere ablehnen.

Wem will die Kirche dann überhaupt noch verkündigen, und was? Diese Frage stelle nicht ich, sondern man vernimmt sie von verzweifelten Theologen, die fragen: Was sollen wir predigen?

Es ist dunkel geworden. Es ist die Nacht dieses Zeitalters angebrochen, trotz aller zivilisatorischen Errungenschaften, wie Auto, Flugzeug, Weltraumfahrt und anderes mehr. Alle geistigen Kräfte, die die Christenheit aus dem Wort Gottes bezogen hat, erreichen den Menschen nicht mehr. Das erste christliche Zeitalter hat sich erschöpft; es ist das eingetreten, was die Schrift „syntheleia “oder „consummatio nennt.

Ist das das Ende oder dürfen wir hoffen?

Ist nun die Christenheit dazu verurteilt, so unterzugehen in Nacht und Verzweiflung? Gibt es kein Licht, das den Menschen aus dieser geistigen Dunkelheit und Verwirrung herausführen kann? Zwar geht die Sonne jeden Tag neu auf, aber sie ist es nicht, die die geistige Nacht beseitigen kann. Wenn es ein Licht geben sollte, das den Menschen befreit, wie müßte es aussehen und wie könnte die Befreiung geschehen? Welche Wege führen in ein neues christliches Zeitalter und somit in eine neue christliche Existenz des Menschen? Es gibt manche Paradiesvorstellungen aber alle mußten sich als trügerisch erweisen, und sie konnten nicht verhindern, daß es geistig Nacht wurde, weil sie alle sich auf das natürliche Dasein bezogen und von einem Menschenbild ausgingen, das es nicht gibt und das nicht wahr ist.

Schon mehrere Zeitalter sind gekommen und gegangen; jedes hatte seine Kindheit, Jugendzeit, Reife und Absterben, oder seinen Morgen, Mittag und Abend erlebt. Aber nach dem Untergang und aus der Nacht wurde immer wieder ein Morgen, ein neues Zeitalter wurde geboren, und es hat aus seiner geistigen Kraft alles neu gemacht.

Im Ablauf des natürlichen menschlichen Daseins sind nicht außerhalb von ihm liegende Ursachen maßgebend für sein Aufsteigen und seinen Verfall, denn das Sonnenlicht und die Sonnenwärme, die Vegetation und die Tierwelt sind die gleichen. Sondern die Ursachen des Verfalls liegen im Menschen; er verändert seine Aufnahmefähigkeit für die lebenspendende Einflüsse. Solange diese Aufnahmefähigkeit zunimmt, wächst der Mensch, nimmt sie ab, so beginnt die absteigende Kurve.

Dasselbe Verhältnis von Einfließen und Aufnehmen gilt für das geistige Leben des Einzelmenschen und ganzer Zeitalter. Wenn sie ihrem Ende entgegengehen und absterben, ist nicht etwa die Quelle der geistigen Kraft versiegt sondern die Aufnahmebereitschaft und Aufnahmefähigkeit gingen zu Ende. Nicht der Geist stirbt, nicht Gott ist tot, sondern die Formen sterben oder werden unnütz, in denen er sich manifestieren will.

So hängt auch das Heraufkommen eines neuen christlichen Zeitalters davon ab, daß die Menschen wieder aufnahmefähig werden für die christliche Botschaft. Aber es ist unmöglich, auf das Urchristentum zurückzugehen und so zu tun, als ob seither nichts geschehen wäre. Ein Zeitalter kann nicht zurückgedreht, Geschichte nicht rückgängig gemacht werden. Ein neues Zeitalter sieht nicht so aus wie das vorherige, in diesem Zeitalter hat der Mensch seine Aufnahmefähigkeit verschlossen, und so erhebt sich die Frage: Gibt es ein Verständnis des Neuen Testaments und der ganzen Heiligen Schrift, das den modernen Menschen anspricht und befähigt, wieder etwas zu verspüren von der ihr innewohnenden Kraft, so daß er sein inneres Leben wieder freudig aufbauen kann und geistlose Dogmen der Theologie und Philosophie überwindet?

Die philosophisch begründete Abkehr vom Christentum hat weiteste Kreise erfaßt und das Bewußtsein in dieser Epoche stark geprägt. Das kann nicht einfach übersprungen werden. So verdichtet sich die Frage in diese: Gibt es eine Alternative zu den Negationen und besonders zur Entmythologisierung, eine Alternative, die die christliche Botschaft wieder zu lebendigem Bewußtsein bringt und den Menschen innerlich belebt? Also die Wege in ein neues christliches Zeitalter zeigt?

Diese Frage kann vorbehaltlos mit Ja beantwortet werden.

Die Alternative zur Entmythologisierung.

Dazu ist auszuführen:

1. Das Wort Gottes ist weder in der Zeit noch in den Auffassungen des 20. Jahrhunderts aufgezeichnet worden. Es wendet sich an die Menschen aller Zeiten und Völker, an Einfache und Gebildete. Deshalb ist es so geschrieben, daß die Einfachen es in ihrer Einfachheit, die Intelligenten gemäß ihrer Intelligenz aufnehmen können.

2. Metaphysisches und Geistiges, wie Leben, Liebe, Bewußtsein, Wille, sind für den Menschen nicht denkbar, Sein Denken kann sich nur mit ihren Manifestationen, ihren Wirkungen in der geschaffenen Welt befassen, d.h. in den ihm begrifflich zugänglichen Dingen, die im Gedächtnis haften und wieder hervorgeholt werden können. Ohne solche Begriffe kann der Mensch nicht denken. Sein Denken ist abhängig vom sinnenfälligen Eindruck, der — in Form der Wahrnehmung und der damit verbundenen Vorstellungswelt — das Material liefert, mit dem das Gedächtnis und das Denken umgeht. Auch das Metaphysische, das Geistige, ja das Göttliche, das in der Bibel enthalten ist, mußte begrifflich ausgedrückt werden. Das geschah, indem die Bibel ihre Manifestationen, ihre Wirkungen in den Dingen der Natur und im menschlichen Bereich darstellt.

3.  Wenn wir vom Geistigen sprechen, müssen wir mit Gott, dem Unendlichen beginnen. Wie uns die Bibel kündet, ist Gott das Leben selbst. Leben ist das ungeschaffene Sein, in seiner Allmacht und Allwissenheit. Dieses göttliche Leben will und kann nicht auf sich selbst beschränkt sein. Es strahlt aus und gibt all dem von ihm Geschaffenen die Existenz, also ein abgeleitetes Leben. Dieses abgeleitete Leben wird aber empfunden, als sei es originäres Leben. Alles, was in den geistigen und natürlichen Gebieten als Leben erscheint, sind die Auswirkungen des in Gott einzig seienden Lebens. In diesen Wirkungen zeigt sich das einzig Seiende, und wir nennen sie das Existierende.

Alles Geschaffene ist Empfänger, ist Organ oder Gefäß, das diese einwirkenden Lebensimpulse aufnimmt. Selbst die höchste Stufe der menschlichen Psyche und des menschlichen Bewußtseins ist nur die Organform, in die die Kräfte des Geistes von oben einfließen, um diese Organform zu beleben. Vielleicht meint die Psychoanalyse etwas Derartiges, wenn sie sagt: Anscheinend haben alle mentalen Vorgänge ihren Ursprung im Unbewußten.

Der Einfluß geschieht so, daß die geschaffene Substanz beeinflußt wird, also ihren Zustand verändert. Nur so erfährt alles Geschaffene das Leben. Es ist unmöglich, daß das göttliche Leben selbst als solches sich mit dem Geschaffenen vereinigt. Das Geschaffene kann nie selbst Gott und göttlich werden.

4.  Der Mensch ist das eigentliche Ziel der Schöpfung. Er ist die vielschichtige Organform, in der das von Gott einfließende Leben sich am vollkommensten manifestieren kann, denn er ist geschaffen, um Bildnis und Gleichnis Gottes zu werden. Die anderen geschaffenen Bereiche — Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich — sind nur Vorstufen für die Zubereitung des menschlichen Aufnahmegefäßes; sie unterliegen dem geschöpflichen Zwang. Der Mensch dagegen, der die Krönung der Schöpfung ist, kann den Einfluß des geistigen Lebens in Freiheit aufnehmen, oder aber sich ihm verschließen. Das Streben nach dem aus Gott einfließenden Leben und die Bemühungen, alles Entgegenstehende zu überwinden und zu beseitigen, ist die dem Menschen gestellte Aufgabe. In dem Maße, wie er sie erfüllt, wird er vervollkommnet

5. Zu den philosophischen Richtungen, die das eigentliche Christentum überschwemmt und ertränkt haben, gehört die monistische Auffassung, Materie sei von sich aus mit Leben begabt; das Leben sei nur eine Emanation, ein Ausfluß der Materie. Das steht im Widerspruch zur biblischen Dualität von Geist und Materie.

6. Gott ist die Quelle alles Lebens. Er ist die Ursache aller Lebenswirkungen in den geschaffenen Dingen. Ursache und Wirkung entsprechen einander. In allem ist das Leben in entsprechender Form zu finden; sub specie aeternitatis unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, ist alles Entsprechung.

7. Das Wort Gottes ist von Gott in die Welt zum Menschen, gesprochen, also von oben gegeben und nach unten wirkend. Das Wort Gottes ist kein Lehrbuch der Geschichte oder der Naturwissenschaft, sondern handelt nur von geistigen, himmlischen und göttlichen Dingen und ihrem Bildnis und Gleichnis im Menschen, also kurz gesagt: vom ureigentlichen Leben und seinen Wirkungen. Das das Denken nicht das Leben selbst, sondern nur seine Wirkungen begrifflich erfassen kann, spricht die Bibel vom Leben nur in der ihm so entsprechenden natürlichen Form der Wirkungen. Deshalb ist die Bibel nur in solchen Entsprechungen geschrieben, und sie ist voll von diesen Entsprechungen des Lebens. Überall, wo in der Bibel z.B. von Steinen, Pflanzen, Tieren die Rede ist, sieht das geistige Verständnis nicht diese natürlichen Dinge, sondern es sieht sie als die Entsprechungen des Lebens; oder anders ausgedrückt: als die niederen bzw. höheren und vollkommeneren Formen des Urlebens und des menschlichen Lebens als seinem Bildnis und Gleichnis. Das wird der innere Sinngehalt der Bibel genannt. Auf den Menschen bezogen, handelt dieser innere Sinngehalt also vom inneren, vom geistigen Menschen und den Stufen, die sein gesamtes Leben ausmachen.

Heute kann erwartet werden, daß die Entsprechungen auf Verständnis und Interesse stoßen, ist doch diese Zeit ganz besonders auf Psychologie ausgerichtet.

8. Es sind viele Stufen von den untersten zu den höchsten Lebenspotenzen des Menschen, viele Lebensgrade. Diese fließen aber nicht ineinander über, sondern sind voneinander getrennt wie durch eine Scheidewand. Deshalb sind die Dinge der oberen oder inneren Stufen oder Grade den tieferen oder mehr auswendigen Graden nicht bekannt. Das Natürliche erkennt das Geistige nicht. Wir sollten deshalb nicht versuchen, Geistiges von unten, von menschlicher Begrenzung aus zu verstehen und zu beurteilen, oder gar alles zu verurteilen, was unserem natürlichen Verständnis nicht einleuchtet. Das natürliche Denken ist gebunden an die Idee von Raum und Zeit. Aber der innere Sinngehalt im Worte Gottes ist erfüllt von seinem Leben und seinem Geist, der unabhängig von Raum und Zeit unvergleichlich viel tiefgründiger, unendlich höher ist als der Sinngehalt, den Menschen je in ihren Worten festhalten können.

9. Im inneren Sinngehalt werden die mentalen und geistigen Vorgänge im Menschen, die sonst nur in Abstraktionen dargestellt werden könnten, mit durchaus konkreten Begriffen und Bildern aus der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt anschaulich gemacht. Es besteht nämlich eine Parallelität, eine Entsprechung des Aufbaus der Natur — vom Mineralteich über das Pflanzen reich zum Tierreich und Menschen — mit dem Aufbau des mentalen Lebens im Menschen, von den Außendingen über seine Wahrnehmung und sein Gedächtnis zum bewußten Denken und Handeln. Diese Lebensgrade sind im Menschen von Geburt an potentiell vorhanden; sie müssen durch Ausbildung wachsen und belebt werden.

Deshalb gehört zum ersten oder untersten Grad des Mentalen alles, was in ihm noch nicht lebendig ist, was der Mensch noch nicht mit seinem Leben verbunden hat, also die ihm zum Erkennen vorgelegten Dinge und Meinungen, Wissenschaften, Lehrsätze und dergleichen. Diese für ihn noch leb losen Dinge werden deshalb in Entsprechung dargestellt durch alle Formen des Mineralreichs.

Im zweiten oder mittleren Grad des Menschen nimmt er diese Dinge wahr, er sammelt sie in sein Gedächtnis und seine Vorstellungswelt. Das entspricht dem pflanzlichen Wachstum durch Aufnahme der Mineralstoffe. Die Psyche des Menschen auf dieser Lebensstufe wird deshalb ausgedrückt durch die Formen des Pflanzenreichs.

Dem dritten oder oberen Grad des Menschen gehört an, was von den Wahrnehmungen und dem Erkennen in ihm lebendig wird in Form des Denkens, der Willensentscheidung und des Tuns. Das wird in Entsprechung dar gestellt durch die Formen des Tierreichs.

Es handelt sich also bei den Pflanzen und Tieren der Bibel nicht um Darstellungen und Belehrungen aus der Botanik und der Zoologie, sondern um untere und höhere Stufen des mentalen Lebens des Menschen.

Wir dürfen hier aber nicht meinen, die körperliche natürliche Substanz der Pflanzen und Tiere mache die innere Substanz des Menschen aus. Pflanzen gehen unter, und Tiere sterben und vergehen. Sondern der Aufbau des inneren Menschen läuft parallel dem Aufbau in der Natur über Mineral, Pflanze und Tier. Beide entsprechen einander, sind aber nicht dasselbe.

10. Der innere Sinngehalt der Bibel spricht also immer von den Zuständen und Lebensvorgängen des inneren, des geistigen Menschen; denn dies ist der eigentliche Mensch, der fähig ist, seine Lebensvorgänge nach dem Einfluß des Lebens aus Gott zu gestalten. Die äußere körperliche Hülle ist dem Menschen nur hinzugegeben, um während seines natürlichen Daseins seinem individuellen mentalen Leben eine Festigung, eine Begrenzung, eine Hülle zu geben.

11. Jede Pflanzenart und jede Tierart entspricht ganz spezifischen Eigenschaften der menschlichen Psyche. Jeder Mensch hat eine Menge solcher Eigenschaften, je nach seiner spezifischen Organform, die den Einfluß in bestimmte Lebensvorgänge umsetzt. Denn der Einfluß wird gemäß der aufnehmenden Form umgesetzt.

Wenn also in der Bibel z.B. ein Tier genannt wird, so ist damit die ihm entsprechende Organform innerhalb der menschlichen Psyche gemeint und — durch Abstraktion von der Form zum Inhalt — wird etwas vom Leben ausgesagt, nämlich von der Art, wie dieser Mensch das einfließende Leben aufnimmt bzw. verändert. So spezialisiert sich der Einfluß, so wird aus dem unendlichen Leben das — abgeleitete — individuelle Leben. Die Organform kann das einfließende Leben aber auch pervertieren, d.h. in Böses verkehren.

12. Nun einige Beispiele aus der großen Fülle der in der Bibel enthaltenen Entsprechungen. Dabei sei noch vorausgeschickt, daß die Gesetze der menschlichen Psyche sowohl für profane wie auch für religiöse Lebensvorgänge gelten; in der Bibel geht es nur um die religiösen.

Minerale, Steine, Felsen sind wie gesagt Entsprechungen des Ausgangspunktes oder der Grundlagen; so stehen der Fels und die Mauern für die feste Wahrheit, z.B. in Matthäus 16, 18: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“, oder Offenbarung 21, 19: „Die zwölf Gründe der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen“. Auch das Gleichnis vom Kaufmann und der kostbaren Perle gehört hierhin.

Pflanzen, Bäume usw. sind Entsprechungen der Organform des Gedächtnisses, der Vorstellungswelt und Prinzipien: so in Psalm 1, 3: „Ein solcher Mensch ist wie ein Baum“, d.h. seine Psyche ist erfüllt von den Wahrheiten, seine Vorstellungswelt besteht aus ihnen. So ist der Feigenbaum überall, wo er in der Bibel vorkommt, die Entsprechung der aus den natürlichen Bereichen angesammelten Wahrnehmungen und Vorstellungen; der Weinstock ist die Entsprechung der aus den geistigen Bereichen, und der Olivenbaum der aus den himmlischen Bereichen angesammelten Wahrnehmungen und Vorstellungen, oder, anders ausgedrückt: Entsprechung der Organform für das natürliche Prinzip ist der Feigenbaum, für das geistige der Weinstock und für das himmlische der Olivenbaum.

Tiere sind, wie gesagt, Entsprechungen der Organform des denkenden, fühlenden, tätigen Menschen. So ist die Schlange die Entsprechung der Organform des Sinnlichen, Sinnenfälligen. Die Schlange führte weg vom paradiesischen Zustand in den sinnlichen Zustand. Diese Abwärtsentwicklung jenes Zeitalters wird in der Entsprechungssprache als Verführung durch die Schlange dargestellt.

Stier und Kalb sind Entsprechungen der Organform für den Willen und das Denken des natürlichen Menschen; Schaf und Lamm für die Vernunft des Menschen, die sich vom Geistigen führen läßt, vgl. Psalm 23 und 100, 3. Jesus wird als das Lamm Gottes bezeichnet, weil er seine menschliche Vernunft ganz dem Göttlichen in sich unterwarf; das Opferlamm bedeutet die völlige Hingabe unter das Göttliche und die Wiedergewinnung der göttlichen Herrlichkeit, die Rückkehr aus der Inkarnation.

Die Ziege und der Bock sind Entsprechungen der Organform im Menschen, in welcher das Natürliche sich dem Geistigen unterwirft, bzw. als Bock sich widersetzt.

Vögel entsprechen der Organform des Intellekts, der sich in die Höhe, ins Geistige, erhebt — etwa der Adler.

13. Die in der Bibel genannten Länder sind ebenfalls Entsprechungen mentaler und geistiger Zustände des Menschen. So weiß jeder klar denkende Christ, daß das Gelobte Land der Bibel den guten geistigen und himmlischen Zustand des Menschen bedeutet.

Auch alle kosmischen Bildvorstellungen wie Sonne, Mond und Sterne bezeichnen nicht diese natürlichen Himmelskörper, sondern sind Entsprechungen der auf den inneren Menschen einwirkenden geistigen Kräfte von oben.

14. Aus allem bisher Gesagten geht deutlich hervor, daß die Organform des Menschen aus mehreren Stufen besteht. Sie sind gewissermaßen Ebenen, die die so vielfältige innere Landschaft des Menschen darstellen.

Das ist auch die Entsprechungsbedeutung der Vision Jakobs, als er im Traum eine Leiter sah, die auf der Erde stand; oben reichte sie bis zum Himmel, und über ihr stand Gott. Die Engel Gottes stiegen an ihr auf und nieder. Die innere Sinnbedeutung dieser Vision ist: Der Mensch ist so beschaffen, daß durch ihn das Leben Gottes herabsteigt bzw. einfließt bis ins äußerste Natürliche, und von diesem Letzten der Natur wieder aufsteigt zu Gott. Denn der Mensch, und nur der Mensch, ist das Medium, das Mittel der Einung des Göttlichen mit dem Natürlichen und der natürlichen Welt mit dem Göttlichen. An der Jakobsleiter obenauf steht Gott. Das heißt aber: Bei einem jeden Menschen gibt es eine innerste oder höchste Stufe seiner Organform, oder ein Innerstes und Höchstes, in welches das Göttliche des Herrn zuerst einfließt. Diese oberste Stufe im Individuum ist also die organische Form oder das Gefäß, das erfüllt werden kann von allen Liebearten und allen Wahrheiten, die von oben, d.h. von Gott einfließen. In diese höchste Stufe des menschlichen Inneren wirkt der Geist direkt ein, und dieses Aufnahmeorgan wird die Seele genannt.

15. Da des Menschen Inneres mehrere Stufen wie Landschaften hat, nähern wir uns dem Bild von den drei Stockwerken, das fälschlicherweise als mythisches Weltbild der Alten aufgefaßt worden ist und entmythologisiert werden müßte. Das Maß des inneren Menschen reicht von der Erde zum Himmel und zur Hölle, d.h. er kann sein Leben zum Himmel und zur Hölle ausrichten. Das ist aber nicht Mythos, sondern die in Entsprechungen ausgedrückte Wahrheit vom inneren Menschen.

16. Die Entmythologisierer stellen doch die Frage nach der Wahrheit, die vom Mythos unabhängig ist. Die Antwort auf ihre Frage lautet: Die Sprache der Bibel besteht nicht aus Mythen, sondern aus Entsprechungen, und die für den modernen Menschen verständliche Wahrheit ist auf dem Wege über die Entsprechungen zu finden. Die christliche Botschaft ist nicht zu entmythologisieren, sondern die Aussagen der Bibel sind nach ihrer exakten Entsprechungsbedeutung zu verkündigen.

17. Können wir auch die übrigen angeblichen Mythen von ihrer Umhüllung frei machen, um die in ihnen steckende Wahrheit zu entdecken? Ja!

18. Da ist ein Hauptanliegen der Entmythologisierer das im Neuen Testament vorausgesagte angeblich baldige Ende dieses Äons, das sich in einer kosmischen Katastrophe vollziehen werde. Sie sagen, diese mythische Eschatologie lasse sich leicht auf die jüdische Apokalyptik zurückführen. Die jüdische apokalyptische Lehre finden wir in mehreren Propheten des Alten Testaments, in denen es z.B. heißt:

Jes. 24, 18: „Es wird die Erde mit Krachen zerbersten, zerbrechen und zerfallen“, 51, 6: „Der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid veralten“. Hesekiel 31, 7 —8: „Ich will den Himmel verhüllen und seine Sterne verfinstern, und die Sonne mit Wolken überziehen, und der Mond wird nicht mehr scheinen“. Joel 2, 10: „Sonne und Mond werden finster, und die Sterne verhalten ihren Schein“; 4, 15: „Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne werden ihren Schein verlieren.“

Und im Neuen Testament heißt es: Matth. 24, 29—30: „Sonne und Mond werden ihren Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes im Himmel; und alsdann werden wehklagen die Geschlechter auf Erden und werden kommen sehen des Menschen Sohn in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.“

Diese Sätze scheinen das Ende der sichtbaren Welt vorauszusagen, besonders im Zusammenhang mit zwei anderen Versen (3, 14) desselben Kapitels, in denen das „Ende der Welt“ genannt wird.

Ein folgenschwerer Übersetzungsfehler.

Zuerst ist festzuhalten, daß der griechische Urtext nichts vom „Ende der Welt“ sagt; die falsche Übersetzung „Ende der Welt“ entstand aus der vorgefaßten Meinung, es müsse sich darum handeln. Das griechische ´syntheleia tou aionos´ (lat. consummatio saeculi) heißt Erfüllung des Zeitalters.

Die jüdische Apokalyptik, aus der einige Verse zitiert wurden, drückt Entsprechungen aus. Es handelt sich dort um die geistige Epoche des jüdischen Zeitalters und um sein Ende. Das israelitische Zeitalter des Alten Testaments hatte seine Zeit erfüllt und ist untergegangen; aber bei seinem Untergang und dem Beginn des christlichen Zeitalters ist nichts eingetroffen von all diesen weltuntergangsähnlichen Vorbildungen. Das Erscheinen Jesu brachte, geistig gesehen, eine Welt zum Zusammenbruch; seine Lehren, seine Passion, seine Auferstehung und die Gründung seiner Kirche waren weltumstürzend, aber nicht der Weltuntergang.

Wenn nun Jesus nach Matthäus 24 ähnliche Worte und Begriffe verwendet wie die Propheten des Alten Testaments, wäre es Blasphemie, zu unterstellen, Jesus Christus sei bei seinen Aussagen in den Begriffen der jüdischen Apokalyptik befangen gewesen. Er sprach in Gleichnissen, Matth. 13, 13. 34 — also in Entsprechungen.

Was bedeuten aber die Prophezeiungen in Matth. 24 wirklich? Das sehen wir aus ihrer Entsprechungsbedeutung. Im ersten Teil wurde davon gesprochen, daß dieses erste christliche Zeitalter erfüllt ist, verbraucht ist, weil die Menschen in natürliches, weltliches Denken und Wollen gesunken und dadurch nicht mehr fähig sind, die geistige Potenz der christlichen Botschaft in sich aufzunehmen. So ist es Nacht und Winter geworden. Genau das ist der geistige Sinn der Voraussage, daß Sonne und Mond den Schein verlieren und die Sterne vom Himmel fallen.

Alle Religion ist Aufnahme aus Gott. Gott ist ewig und ist die Quelle alles Lebens im Menschen, gleichwie die Sonne alles in der Natur lebendig macht. Wenn aber der Mensch das Leben aus Gott nicht in sich aufnimmt, sondern sich diesem Einfluß verschließt, dann wird es dunkel und kalt in ihm, dann scheint in ihm nicht mehr die Sonne des Lebens. Der Mensch führt selbst diese Verdunkelung in sich herbei. In diesem Entsprechungssinn sind die Worte Sonne, Mond und Sterne gebraucht. Das ist nicht Mythos sondern vom Blickpunkt Gottes aus, der ja diesen Blick in die Zukunft warf, die Schilderung des Untergangs einer geistigen Epoche. Weder in der jüdischen Apokalyptik noch hier ist es der Untergang der physikalischen, der kosmischen Welt.

Die Wolken des Himmels bezeichnen die Dunkelheit dieses vergehenden Zeitalters. Das Erscheinen des Menschensohnes mit großer Kraft und Herrlichkeit ist die Wiederherstellung des reinen und klaren Lichts seiner Lehre, der helle Beginn eines neuen christlichen Zeitalters.

Petrus, die Kirche und die Schlüssel des Himmelreichs.

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen; die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmels geben, und alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein. (Matth. 16, 18 f)

Diese Worte des Herrn gelten allgemein als Weltauftrag Christi an Petrus und bedeuten so die Geburtsstunde des Papsttums und die Einsetzung des “Apostelfürsten“ zum ersten Papst. Die hiernach gebildete Kirchenlehre bindet an die geistige Autorität des Papstes, der sich selbst als der Nachfolger des Apostels Petrus als Empfänger dieses Weltauftrags ansieht. Er beansprucht die absolute Lehrautorität und auch für die nachgeordnete Geistlichkeit die Schlüsselgewalt über Himmel und Hölle gegenüber allen Christen. Daraus ergibt sich auch der Anspruch, die päpstliche Kirche sei die allein seligmachende.

Gegen die Echtheit dieses Auftrags als Weltauftrag und Petrus als den Beginner des Papsttums „werden heute auch auf nicht-katholischer Seite nur noch in sehr geringem Maße ernsthafte Zweifel erhoben, und dies umsoweniger, als sich an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments, in denen Petrus als der Wortführer der Apostel in Erscheinung tritt, entscheidende Belege für die Interpretation des sogenannten Primats finden, wie sie im römischen Papsttum manifestiert ist“ (Hans Kühner, Lexikon der Päpste).

Tatsächlich befinden sich die protestantischen Wortführer und Laien in beinahe auswegloser Verlegenheit diesem Anspruch gegenüber, weil sie sich dem Begriff des “Weltauftrags“ nicht entwinden können. Sie bejahen ihn zu meist, allerdings dann mit der Variante, daß durch die Reformation, die die Kirche erneuert habe, die ursprünglich gegebene geistige Gewalt nun auch für ihre Geistlichen gelte. Sie beanspruchen sie allerdings nur in gemäßigtem Umfang.

Eine Beleuchtung des geistigen Sinngehalts der Worte Jesu an Petrus möge deshalb als ein „Beitrag zum neuen christlichen Zeitalter“ dienen (wie der Untertitel unserer Zeitschrift OFFENE TORE lautet).

Der Evangelist Matthäus hat im 16. Kapitel das ganze Gespräch zwischen Jesus und den Aposteln wiedergegeben. Es beginnt mit der Frage an die Jünger: Wer, sagen die Leute, daß ich bin, ich, des Menschen Sohn? Und wer sagt denn ihr, daß ich sei? Diese Frage beherrscht das ganze Gespräch, und alle Aussagen hängen von der Antwort auf diese Frage ab. Auch des Himmelreichs Schlüssel stehen in engstem Zusammenhang damit.

Es ist erstaunlich, wie diese einfache, harmlos klingende Frage die Spannungen der damaligen Zeit aufreißt. Tatsächlich zeigen diese Worte die Situation jener Tage, die Spannungen im jüdischen Volk und in der jüdischen Kirche, den geistesgeschichtlichen Aufbruch, der mit dem Erscheinen Jesu geschehen ist und die seitherigen zweitausend Jahre geprägt hat, ohne daß die Spannungen seit jener Zeit nachgelassen hätten. Denn auch heute noch liegt die geistige Entscheidung in der Antwort auf die Frage:

Wer ist ER, der Menschensohn? Der Messias der Juden.

Die Heilige Schrift des Alten Testaments ist voll von den Voraussagen auf das Kommen des Herrn, des Messias. Über den zu erwartenden Messias dachten die Juden nicht anders, als daß er ein sehr großer Prophet sein würde, größer als Moses und Elias, und ein sehr großer König, größer als David und Salomo. Er würde sie durch erstaunliche Wunder ins Land Kanaan führen, er sollte ein König sein, der sie über alle Nationen und Völker der Erde erheben und diese ihnen untertan machen würde. Mit dieser Sehnsucht erwarteten ihn die Juden. Die Apostel und Jünger hatten vom Herrn zuerst auch keine andere Vorstellung, als daß er dieser Messias sei und ein irdisches Reich aufbauen sollte, in dem sie selbst groß sein würden.

Bei den Schülern Johannes des Täufers und bei den Pharisäern.

Ganz offen, so berichtet Matth. 11, 2 f. läßt Johannes der Täufer, als er im Gefängnis war, durch seine Jünger den Herrn fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Johannes meinte auch nur einen irdisch mächtigen Messias, der das Reich der Juden aufrichten sollte.

Und an anderer Stelle wird, nochmals gefragt: „Was haltet ihr von Christus? Wessen Sohn ist er?“ (Matth. 22, 41—46) Jesus selbst stellt diese Frage an die versammelten Pharisäer, und sie wußten nur zu antworten:

„Davids Sohn“. Darauf die sehr mysteriös klingende Antwort Jesu mit den Worten des Psalmsängers: „Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel meiner Füße setze“ (110). Und die Pharisäer wurden völlig verwirrt, als Jesus hinzufügte. „ Wenn nun David ihn seinen Herrn nennt, wie ist er dann sein Sohn? Niemand konnte ihm ein Wort antworten.“

Den Anhängern des Täufers antwortete Jesus, wie wir wissen, mit dem Hinweis auf das, was sie im Volk gesehen und gehört hatten, nämlich daß die Blinden sehen, die Lahmen gehen und die Aussätzigen rein werden, daß die Tauben hören und die Toten auferweckt werden und daß das Evangelium den Armen gepredigt werde. Die Schüler des Täufers wußten das alles, aber sie fanden darin keine letzte Antwort auf ihre Frage.

Die Pharisäer haben die Wundertaten des Herrn auch zu Ohren bekommen, denn sie hatten einen guten Nachrichtendienst in Jerusalem und im ganzen jüdischen Land. Sie verstanden diese Wundertaten aber nicht. Darum konnten sie auf die Frage, wessen Sohn er sei, d.h. aus welchem Geist und mit welcher Kraft er diese Wunder verrichtete, keine Antwort geben.

 Bei den Jüngern des Herrn.

Ebenso haben die Jünger des Herrn alles das selbst miterlebt, sie haben mit eigenen Augen die Wundertaten des Herrn gesehen und seine Worte, besonders diejenigen der Bergpredigt, gehört.

Objektive oder innere Antwort.

In der Kenntnis der objektiven Geschehnisse sind sie alle gleich, die Pharisäer, die Schüler des Täufers und die Jünger des Herrn. Auf das nur objektive Wissen kommt es aber nicht an, es kann für sich allein keine Antwort auf die Frage geben, wer der Herr ist. Deshalb werden auch nur die wirren Antworten gegeben, er sei der wiedergekommene Elias, oder Jeremias, oder der Propheten einer. Auch die Pharisäer, die doch die Führer des Volkes und in der Schrift gelehrt waren, wußten aus ihrer Kenntnis der geschehenen Dinge keine Antwort zu geben. Wer sein Wissen um solche göttlichen Taten und Lehren nicht in seinen inneren Menschen dringen läßt, wer nicht eine Saite des inneren Menschen davon anrühren läßt und zum Klingen bringt, wer von den Worten des Herrn und seinen Taten, von dem Ethos seiner Lehre, von seiner Göttlichkeit nicht innerlich angesprochen ist und von dorther Antwort gibt, der bleibt auf die Frage, wer der Herr sei, stumm oder ist verwirrt oder kann nur nichtssagende Dinge von sich geben.

Es geht also um die innere Lebendigkeit, die allein fähig ist, das Geschehene und Gehörte als die göttlichen Taten des Herrn und sein göttliches Wort zu erkennen. Das setzt voraus, daß der Mensch von innen her erleuchtet ist mit der Klarheit, die alle äußeren Dinge im richtigen Licht und in der richtigen Erkenntnis zeigt.

Die Antwort des Petrus.

Jesus hatte seine Frage: Und wer sagt denn ihr, daß ich sei? an alle Jünger gerichtet. Die Antwort kam von Petrus zwar gewissermaßen für alle Jünger, doch ist es nicht gleichgültig, daß es gerade er, Simon Jonas Sohn, war, der antwortete: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“

In dem Apostel Petrus steht also der Mensch vor uns, der aus seinem erleuchteten Inneren heraus erkannte: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Er sprach die Wahrheit aus, die sein Inneres ihm diktierte, die Wahrheit, die aus dem tiefsten Grund nur desjenigen Menschen kommen kann, in dessen Innerstem Gott lebendig ist und vernehmlich spricht. Diese von Gott kommende Wahrheit ist denn auch die göttliche, die absolute Wahrheit.

Die Aussage, Jesus sei der Sohn des lebendigen Gottes, zielt nicht auf seine Geburt durch die Jungfrau Maria ab, sondern bezeugt, daß er wesensgleich mit Gott ist, Inkarnation, sichtbar geworden in der Natur, also beides: Gott und Mensch, Gott sichtbar geworden in dem Menschen Jesus.

Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn.

Und vom Menschen her gesehen ist diese Aussage: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ die reine Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn. Wer die Gnade hat, von Gott belehrt zu sein, kann so sprechen. Alle anderen verdunkeln das Licht in sich, je nach ihrer subjektiven inneren Gestalt, und in diesem Dämmer oder Dunkel kann der Mensch die innere Wahrheit nicht mehr sehen, er ist nicht mehr in der Lage, aus den irdischen sogenannt objektiven Erscheinungen zurückzuschließen auf den geistigen Grund, aus dem sie entstehen, wie die Wirkung aus den Ursachen. Und er ist also auch nicht mehr in der Lage, auf die vom Herrn gestellte Frage eine gültige Antwort zu geben. Auch Petrus kam ganz und gar nicht von sich aus zu der Erkenntnis, die er bekannte; sie ist ihm durch unmittelbare Offenbarung zuteil geworden.

Petrus als Instrument:

Es kommt dabei nicht darauf an, wer und was der Mensch Petrus war, welche Bildung er als einfacher Fischer besaß. Er war in diesem Augenblick das Instrument für die in seiner Antwort zutage tretende göttliche Offenbarung: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Deshalb sprach der Herr zu ihm: „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“

Und abstrakt: Wahrheit und Glaube: Somit müssen wir abstrahieren von dem natürlichen Menschen Petrus und müssen in ihm das Instrument dieser göttlichen Aussage sehen. In solcher Abstraktion stellt Petrus die in ihm lebendige, von Gott ausgehende Wahrheit, und (im Menschen sie reflektierend) die Anerkennung dieser Wahrheit, die feste Überzeugung, also den echten Glauben an sie, dar.

Auf diese durch Petrus geschehene Offenbarung: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! antwortete Jesus: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Mit dieser Antwort bestätigt der Herr, daß Petrus richtig gesprochen hatte, richtig nicht in Übereinstimmung mit irgendeiner Lehrmeinung, mit irgendeiner der zahlreichen jüdischen Lehren, sondern richtig im absoluten Sinn, denn was vom Vater im Himmel kommt, ist die absolute Wahrheit, die aus der Liebe des himmlischen Vaters geworden ist und mit ihr ist. Aus dieser Liebe Gottes und seiner Wahrheit besteht das innere Himmelreich, und alle, die im Himmel leben, leben in und aus dieser Liebe und Wahrheit.

Woraus sonst hätte die richtige Antwort auf die Frage des Herrn: „Wer, sagt denn ihr, daß des Menschen Sohn sei?“ fließen können? Nicht Fleisch und Blut offenbaren das. Fleisch und Blut wären der Ausgangspunkt für eine andere und somit falsche Antwort gewesen, denn sie sind nur dem natürlichen Denken und Fühlen zugeordnet, das aus seinen Sinneseindrücken entsteht. Die körperlichen Sinnesorgane und Fleisch und Blut dienen dem Menschen nur für seine Existenz in dieser Welt mit ihren natürlichen Gegebenheiten.

Also nicht aus seinem natürlichen Denken mit dem daraus gebildeten Verstand, sondern aus göttlicher Offenbarung, die durch diesen Verstand hindurch geschah, antwortete Petrus. Seine Antwort ist eine bleibende Offenbarungstatsache, von da ab geschichtlich fixiert. Petrus war das Instrument dieser Offenbarung, er hat sich ihr unterworfen und verbunden und ist so die personifizierte Anerkennung Gottes, also das, was wir mit dem lebendigen Glauben an den Gottmenschen bezeichnen können.

Als Instrument der Offenbarung, als Zeuge der Gottessohnschaft des Herrn steht er in diesem Augenblick vor uns, losgelöst von seinen menschlichen Schwächen, ganz der durch ihn wirkenden Offenbarung hingegeben, die er mit seinem Munde aussprach. Gott sprach in ihm, und er reflektierte die göttliche Wahrheit. Nur die völlige Unterwerfung unter den Geist Gottes, nur der ungehinderte Durchbruch der Illumination befähigte ihn hierzu. Kein Falsches und kein Böses, das dem natürlichen Menschen sonst stets anhaftet, konnte diesen Durchbruch des Lichts und der Wahrheit hindern, völlig selbst entäußert war der Mensch Petrus in dem Augenblick seiner Aussage, nur Instrument dieser göttlichen Offenbarung. In solcher Selbstentäußerung war sein erleuchtetes Innere identisch gewesen mit der göttlichen Wahrheit, die er aussprach, und mit der uneingeschränkten Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn. Anerkennung ist untrennbar mit Gehorsam verbunden. Gehorsam gegenüber der Erleuchtung, die sein Inneres erfahren hatte. Gehorsam, den der Körper mit seinen Sinnen leistete, als er die Offenbarung aussprach. Das bedeutet Petrus in dieser Erleuchtung.

Petrus menschlich gesehen.

In seinem sonstigen Sprechen und Tun verhielt sich Petrus meistens rührend menschlich, aber menschlich d.h. gegen Gott gerichtet. Aus sich selbst handelte er, wenn er dem göttlichen Licht den Zugang in sich verwehrte, da verriet er den Herrn dreimal, da gab er dem Herrn den menschlich verständlichen Rat, sich zu schonen und sich nicht nach Jerusalem in die Hände seiner Feinde zu begeben; dafür wurde er vom Herrn schärfstens verwiesen (Matth. 16, 23): „Hebe dich hinweg von mir, Satan, du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“. So auch vermochte er nicht, mit dem Herrn in Gethsemane zu wachen.

Was Petrus tat und sagte, muß immer danach beurteilt werden, ob es mit der göttlichen Wahrheit, die immer aus Offenbarung stammt, übereinstimmt oder nicht. Die Gnade der Offenbarung, die Petrus damals zuteil wurde, die innere Erleuchtung, ist kein Dauerzustand in ihm und in keinem Menschen.

Der Fels.

Wenn dann der Herr sagt (Matth. 16, 18): „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“, so spricht er nicht das Fleisch und Blut an, das ja die Göttlichkeit des Herrn gar nicht offenbart hatte, er spricht nicht den Menschen Simon Jonas in seiner irdischen Gebundenheit, als den wir ihn in fast allen sonstigen Episoden kennen, sondern er spricht ihn mit dem Namen Petrus an als den Repräsentanten dieser Offenbarung, und er spricht die durch Petrus repräsentierte Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn an.

Sinnbild für Anerkennung und Glaube.

Diese Anerkennung ist die Grundlage, die Voraussetzung, der Eingang zur Kirche im Menschen. Diese durch den Apostel Petrus versinnbildlichte Anerkennung ist die hier allein bedeutsame und wichtige Tatsache, nicht der Apostel Petrus als solcher und noch weniger der Mensch Petrus.

Vorbildung für jeden Menschen.

Diese Anerkennung, dieses geistig Heilige, muß in jedem Menschen wiederholt werden, weil sie der Anfang, die Grundlage für den Aufbau der Kirche in ihm ist.

Wir sprechen von dem “alten Adam“ und meinen damit die gefallene Natur in uns, oder vom “ungläubigen Thomas“ und meinen den Unglauben im Menschen. Adam und Thomas sind hierbei Vorbildungen dieser Eigenschaften und Zustände und geben nur den Namen für das Ungeistige ab, das im Menschen ist. So ist Petrus Vorläufer und Vorbildung für die Anerkennung Gottes in Christus, die im Menschen lebendig sein soll. Petrus ist der Name für die innere Haltung derjenigen Menschen, die die Göttlichkeit des Herrn anerkennen. Solange dieser Glaube und diese Anerkennung in ihm bestehen, kann die Hölle nicht aufkommen gegen die so in ihm gebaute Kirche.

Es genügt, wenn der Mensch weiß, daß Petrus solch Geistiges, Zeitloses, Immaterielles versinnbildlicht. Dieses Geistige ist immer und ewig dasselbe zu allen Zeiten und für alle Menschen. Auf den Menschen Petrus läßt sich nichts aufbauen. Nicht der menschliche Petrus, sondern die durch ihn damals bezeugte Anerkennung und der feste Glaube sind die Grundlagen der Kirche. Die Illumination und Offenbarung war eine Gnade des Herrn und nicht aus des Petrus eigenem Wesen geschehen. Völlig belanglos bleibt es also, ob in der jungen Christenheit der Mensch Petrus Bischof von Rom geworden war. Petrus als Sinnbild der Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn, als Repräsentant dieser Wahrheit, ist Typus, nicht Mensch.

Das Bekenntnis des Petrus, die innere Wahrheit, die er aussprechend bekannte, ist eine feste innere Substanz und ist der Fels; nicht die Person Petrus ist der Fels.

Wer möchte annehmen, die Kirche sei auf den Menschen Petrus aufgebaut, der den Herrn verraten hat! Dieser Verrat geschah aus dem Menschlichen des Petrus. Ist die Kirche denn auf einen Menschen gegründet, nicht vielmehr auf den Herrn, also auf der vom Herrn ausgehenden geistigen Wahrheit und auf deren Anerkennung, auf den festen Glauben, der durch sie im Menschen entsteht! Diese Wahrheit, also die Göttlichkeit des Herrn, ist der Felsengrund und die Unüberwindlichkeit der Kirche, nicht aber etwa die Festigkeit und Überzeugungstreue des Mannes Petrus.

 Grundlage der Kirche.

So ist die Kirche gegründet, und sie wird gebaut auf der Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn. Diese Anerkennung ist also die Hauptsache der Kirche und deshalb auch das Erste der Kirche. Ohne diesen Glauben kann die Kirche überhaupt nicht beginnen. „Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen“ heißt also: auf die göttliche Wahrheit, daß der Herr der Sohn des lebendigen Gottes ist. In ihm ist Gott und Mensch verbunden und eins, und aus ihm wirkt die göttliche Allmacht. Wenn der Mensch nicht in der Ordnung lebt, d.h. wenn er nicht Gott und seine Allmacht und den in dieser Allmacht liegenden Schutz verehrt, und wenn der Mensch nicht auch selbst gegen das Böse und Falsche in sich ankämpft, muß er notwendigerweise absinken. Die Anbetung und der Kampf gegen das Böse und Falsche sind in jedem Menschen und für jeden Menschen die Voraussetzung dazu, daß er in sich Kirche baut und daß diese Kirche in ihm allen Versuchungen standhält. Die geschichtliche Tatsache, daß Petrus jene Aussage gemacht hat, ist als solche für den einzelnen Menschen bedeutungslos. Sondern erst, wenn der Mensch das Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu zu seiner inneren Wirklichkeit macht, die sein ganzes Bewußtsein überstrahlt, wenn er also diesem Bekenntnis alles unterordnet, dann baut der Mensch in seinem ganzen Wesen die innere Kirche in sich auf.

Auch am Ende der Bergpredigt spricht der Herr im gleichen Sinn vom Felsen (Matth. 7, 24): „Wer diese meine Worte hört und in die Tat umsetzt, ist einem klugen Manne zu vergleichen, der sein Haus auf den Felsen gebaut hat.“

Der Fels ist aber nicht die Kirche selbst, sondern auf ihn wird die Kirche gebaut!

Der innere und der äußere Mensch.

Damit das alles verständlich wird, muß noch erklärt werden: Ein jeder Mensch hat ein Inneres und ein Äußeres. Durch das Innere ist er in der geistigen, durch das Äußere in der natürlichen Welt. Zum äußeren Menschen gehört auch sein von der natürlichen Welt genährtes Denken, Wollen und Fühlen; der Körper ist nur ein weiter hinzugefügtes Äußeres, denn der Körper tut nichts aus sich. Zum inneren Menschen gehört dagegen das aus der geistigen Welt und dem Himmel genährte Denken und Wollen. Insoweit ein Mensch nicht aus dem Himmel denkt und will, sondern nur aus der Welt, insoweit wird der geistige, innere Mensch verschlossen. Denn der innere Mensch ist nach dem Bilde des Himmels, der äußere nach dem Bilde der Welt geschaffen. Seine äußeren Sinne sind der Welt angepaßt, seine inneren Sinne dem Himmel. Diese inneren Sinne und Bereiche werden geöffnet durch die Anerkennung des Herrn und den Glauben an ihn, und sie werden ausgebildet durch die Kenntnisse der Wahrheiten und des Guten, die vom Herrn ausgehen und durch das Wort Gottes vermittelt werden.

Die innere und die äußere Kirche.

So wie es einen äußeren und einen inneren Menschen gibt, so gibt es bei dem dem Herrn innerlich zugewandten Menschen zu der äußeren eine innere Kirche. Die äußere Kirche ist die Umhüllung und Außenform der inneren Kirche. Und wie der äußere Mensch dem inneren sich unterordnen muß, so muß auch die äußere Kirche der inneren untergeordnet sein. Der äußere Gottesdienst ist absolut leblos, wenn nicht ein innerer Gottesdienst vorhanden ist, der ihn belebt und heiligt. Deshalb ist die eigentliche Kirche im Menschen und nicht außerhalb seiner. Das Göttliche, das vom Herrn einfließt, nämlich Gottesliebe und Nächstenliebe und seine Wahrheit, macht das, was man im eigentlichen Kirche nennt, wenn der Mensch sie in sich aufnimmt aus dem Wort Gottes. Die Liebe zum Herrn verbindet den Menschen mit dem Herrn.

Gottesliebe und Nächstenliebe sind des inneren Menschen Liebearten, der Glaube gehört zum Denken, das aus ihnen und aus den Wahrheiten erwächst. Damit Kirche im Menschen vorhanden ist, muß also diese geistige Liebe und das Denken in und aus den geistigen Wahrheiten da sein. Solche Menschen sind im Leben des Guten und im Glauben der Wahrheiten und gehören zur Kirche.

Man meint zwar, die Kirche sei da, wo das Wort ist und der Herr gekannt wird, aber die Kirche besteht tatsächlich nur aus solchen Menschen, die den Herrn als Gott anerkennen und lieben und durch das Wort die Wahrheiten vom Herrn lernen und danach tun. Die anderen sind nicht wirklich Kirche. Zur Kirche gehören also diejenigen, die nach den Wahrheiten des Wortes ein Leben der Liebe und des Glaubens leben. So ist die Kirche im Menschen, denn Kirche ist Kirche nur gemäß Liebe und Glauben, und diese sind im Menschen. Wenn sie nicht in ihm sind, ist bei ihm keine Kirche. Der Mensch, der diese Liebe und diesen Glauben in seinem Handeln nach außen dringen läßt, lebt auch äußere Kirche.

Die innere Kirche ist im Herzen, die äußere in den Handlungen. Dann macht das Innere und das Äußere des Menschen eins aus, und dann sind die innere und die äußere Kirche bei ihm im richtigen Verhältnis, sie sind untrennbar, wie eins. Dann fließt das Gute unmittelbar vom inneren Menschen in den natürlichen Menschen. Ohne dieses Einfließen gibt es keine echte Kirche beim Menschen. Die Kirche im inneren oder geistigen Menschen und die Kirche im äußeren oder natürlichen Menschen müssen zu einem werden wie Ursache und Wirkung.

Die wahre Kirche ist also nur bei denjenigen, die im geistig-Guten und zugleich im natürlich-Guten sind, und sie ist da nicht, wo dieses Gute fehlt. Nicht die Glaubenslehre, sondern ein Leben nach ihr, d.h. in der Gottes- und Nächstenliebe, macht die Kirche aus, und so baut der Herr die Kirche bei den Menschen, die als erstes ihn als Gott anerkennen und ihn auf diese Weise in sich wirken lassen.

Das Göttliche des Herrn macht die Kirche.

Nun stellen aber nicht die Menschen als solche die Kirche dar, sondern immer nur der Herr bei ihnen, d.h. in ihnen. Die Kirche wird im Menschen bewirkt durch das Göttliche, das er aus dem Herzen aufnimmt. Dieses Göttliche des Herrn macht die Kirche bei ihm. Jeder Mensch, der den Herrn als seinen Gott anerkennt und liebt und in der Liebe zum Nächsten begründet ist, ist eine Kirche im einzelnen, weil der Herr so in ihm lebt, und die allgemeine Kirche setzt sich aus solchen Menschen zusammen. Die Grundlage der Kirche ist somit Gott der Herr, und die Grundlage wird im Menschen gelegt, der ihn anerkennt und liebt, wie das Wort Gottes es lehrt.

Aus diesem Grund muß jede kirchliche Lehre aus dem Wort Gottes bezogen sein; von anderswoher als aus dem Worte Gottes gibt es keine Lehre für die Kirche. Wo keine innere Kirche und keine solche Lehre vorhanden sind, hat der äußere Gottesdienst nicht eigentlich mit Kirche zu tun, sondern er besteht nur aus äußeren Bewegungen und Tönen, und die sie begleitenden Gedanken kommen nur aus dem natürlichen Gedächtnis, und die Neigungen dazu sind nichts als äußere Gewohnheiten. Nur der innere Gottesdienst, also der in des Menschen Innerem lebendige Gottesdienst, belebt und heiligt den äußeren Gottesdienst, der sonst absolut leblos wird.

Die Schlüssel des Himmelreichs.

Von der so im Inneren des Menschen gegründeten und auch nach außen wirkenden Kirche sagt der Herr, sie werde von den Mächten der Hölle nicht überwunden werden. Und der im Menschen bestehenden festen Grundlage, auf der diese Kirche aufgebaut ist, gibt er aus seiner Allmacht die Zusage: „Ich gebe dir die Schlüssel des Himmelsreichs. Was du binden wirst auf Erden, wird im Himmel gebunden sein, und was du lösen wirst auf Erden, wird im Himmel gelöst sein.“ Untrennbar hierzu gehört Matth 18, 18: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“

Das ist die dem Herrn als Sohn des lebendigen Gottes innewohnende göttliche Macht und Gewalt. Sie ist ein Attribut dieser Göttlichkeit. Ein Mensch kann dieses Attribut nicht übernehmen, und der Herr kann sich dieses Attributs nicht entäußern; er würde sonst aufhören, Gott zu sein.

Die Verbindung des inneren und äußeren Menschen

Bei dem Menschen, der aus dem Wort Gottes in der Gottes- und Nächsten liebe lebt und sein ganzes Wesen danach ausrichtet, fließt sein Inneres in sein Äußeres ein und ist so auch in diesem vorhanden. Das Äußere wird in einer Verbindung, Verkettung mit dem Inneren gehalten, und die in sein Inneres einfließende Kraft und Macht Gottes wirkt bei ihm vermöge dieser Verbindung und Verkettung sogar bis ins letzte Äußere.

Gottes Einfließen.

Das Böse und Falsche, also das, was dem Guten und Wahren der in ihm gegründeten Kirche entgegensteht, wird vom Herrn beseitigt, falls der Mensch kraft seines freien Willens die ihm gegebenen Fähigkeiten dazu benutzt, zuerst den Herrn als Gott anzuerkennen, und sodann das vom Herrn einfließende Gute und seine göttlichen Wahrheiten in sich aufzunehmen und von seinem Inneren nach außen wirken zu lassen.

Erkennt der Mensch die Göttlichkeit des Herrn an, so öffnet er sich dem Einfluß des Herrn, so wie der Himmel diesem Einfluß offensteht, und wenn der Mensch den Einfluß des Guten und Wahren wirklich aufnimmt und danach lebt, stellt er so auch die Verbindung mit dem Himmel in sich her. Dann ist sein innerer Mensch in den himmlischen Gefilden.

Binden und Lösen. Der gebundene Mensch, der getrennte Mensch.

Hiermit ist gezeigt, daß der Mensch, der Gottes Einfluß in sich wirken läßt, hier auf Erden für den Himmel bindend oder lösend wirken kann, d.h. daß er sich hier auf Erden seinen Himmel selbstverantwortlich schafft oder verscherzt. Der Glaube an den Herrn als den Gottessohn ist das erste Bindeglied zwischen Erde und Himmel. Dieser Glaube ist durch Petrus, den Fels, repräsentiert, versinnbildlicht, wie oben ausführlich dargelegt worden ist.

Wenn das Innere des Menschen und sein Äußeres, oder sein Geistiges und sein Natürliches verbunden, d.h. in Übereinstimmung gebracht worden sind, dann verdrängt der Herr das Böse und Falsche, das im natürlichen Menschen ist.

Ist der innere und äußere Mensch aber nicht verbunden, d.h. nicht in Übereinstimmung gebracht, dann kann das Böse und Falsche nicht verdrängt werden, weil dieser Mensch dann nichts aus den Himmeln in und durch seinen inneren Menschen aufnimmt. Ein solcher Mensch nimmt also nur von der Welt her auf, und seine Vernunft ist nur den weltlichen Dingen aufgeschlossen.

Ist der natürliche Mensch so von seinem Inneren getrennt, so bleibt dieses Innere gewissermaßen leblos und leer, weil es vom geistigen Zufluß abgeschnitten ist. Einem solchen Menschen sind die Dinge des Himmels und der Kirche völlig dunkel, und infolgedessen leugnet er sie. Denn der natürliche Mensch sieht diese Dinge von sich aus nicht. Unter dem natürlichen Menschen wird auch hier nicht eigentlich sein Körper verstanden, sondern sein nur auf das Natürliche und Weltliche gerichtetes Denken und Wollen.

Absolution?

Ein Mensch, der durch die Kraft des Herrn sein Inneres für den Himmel fähig gemacht hat, wird vom Herrn in den Himmel geführt, ob er von einem Priester Absolution erhalten hat oder nicht, ob er exkommuniziert worden ist oder nicht. Ein Mensch, der jedoch nicht auf dieser festen Grundlage steht, der sein Leben im Gegensatz zu den Geboten der Liebe und Wahrheit gelebt, sein Inneres also nicht für den Himmel fähig gemacht hat, kann seines eigenen Widerstandes wegen nicht in den Himmel geführt werden, ob er auch hundertmal, selbst auf dem Totenbett, Absolution erhielte.

Kraft des Heiligen Geistes

Der Herr sprach zu seinen Jüngern (Joh. 20, 22 f.): „Nehmet hin den Heiligen Geist; welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten“

Hiermit ist das gleiche gesagt wie mit den Schlüsseln des Himmelreichs. Die wirkende Kraft ist die Kraft des Heiligen Geistes in den Menschen, die den Herrn als Gott anerkennen und seine Kraft in sich hinein wirken lassen. Dieser Heilige Geist wirkt, aber nicht Petrus und nicht die anderen Jünger.

Das ist die göttliche Macht. Sie wirkt nur zusammen mit dem freien Willen des Menschen bindend für den Himmel. Wie könnte der Mensch ohne den freien Willen den Herrn anerkennen als den Gott des Himmels und der Erde und als seinen Erlöser?

Die übrigen Jünger waren wie Petrus ganz einfach Menschen und haben niemals eine solche Macht an anderen Menschen gehabt. Diese Macht hat der Herr allein, und sie wirkt in Form seines Einflusses in den Menschen hinein.

Der Heilige Geist erläßt oder behält einem Menschen die Sünde, bindet oder löst im Himmel. Das kann keiner der Apostel von sich aus tun. Sie haben nicht die Verfügungsgewalt über den Heiligen Geist, auch Petrus nicht, sie können nicht von sich aus autoritativ einem Menschen Sünde erlassen oder behalten, für den Himmel binden oder lösen. Sobald ein Jünger, Petrus oder ein anderer Apostel, von sich aus menschlich wirken wollte, würde nicht der Heilige Geist in ihm wirken. Und nirgends ist die Rede davon, daß der Heilige Geist weiter von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Er muß originär empfangen werden und wirken.

Konfrontation des Menschen

Es ist eine Konfrontation des inneren Menschen mit dem wirkenden Geist Gottes, und es ist des Menschen Entscheidung, ob er sich diesem Geisteseinfluß unterwirft oder ihm Widerstand leistet, d.h. ob er die Gebote und Lehren handelnd beachtet oder sie ablehnt und aus dem Eigenen leben will.

Auch jetzt ist es die Konfrontation des Menschen mit dem Geist in ihm, die die Entscheidung bringt, ob ihm die Sünden erlassen oder behalten werden, d.h. ob er den Heiligen Geist und die durch ihn gegebenen Lehren und Gebote in seine Gedanken und Handlungen wirken läßt, zur Richtschnur seines Lebens macht, sein Leben tätig danach führt, oder ob er ihn ablehnt und nach rein menschlichen und natürlichen Maßstäben lebt. Der Herr hat es gelehrt und gepredigt, was sein Geist bei dieser Konfrontation vom Menschen verlangt.

Der Herr wirkt, der Mensch kooperiert.

Durch den Heiligen Geist bewirkt der Herr die Verbindung, also die Rettung des Menschen, mit Hilfe der Dinge, die der Mensch in seinem Leben denkt, will und tut. Nur so kann sein Inneres zubereitet werden. Dieses Innere ist sein geistiger Zustand, der seinen Himmel oder seine Hölle ausmacht. Aber nur in der Kraft und mit der Hilfe des Herrn kann der Mensch sein Leben so führen, daß sein Inneres für den Himmel reif wird. Gottes Macht wirkt in denjenigen, die ihn als den Gott Himmels und der Erde anerkennen. Diese Anerkennung also ist im Menschen die Vorbereitung für das Einwirken Gottes in ihn, sie macht ein Leben möglich, welches sein Inneres zubereitet, es kräftigt und festigt, so daß das, was er auf Erden gebunden oder gelöst hat, für ihn im Himmel gebunden oder gelöst ist. Dieses Binden im Himmel geschieht nur durch das Erdenleben des Menschen in der Kraft des Herrn. Denn gut ist nur das, was der Mensch aus dem Herrn tut. Zwar sieht, was der Mensch aus dem Herrn tut, äußerlich genau so aus wie das, was er von sich aus tut; aber das muß so sein, weil, was der Herr in ihm wirkt, vom Menschen nach außen so gelangen muß, wie wenn er es allein und von sich aus tun würde. Nur so kommt die wirkliche Verbindung zustande.

Kein anderer Mensch, kein Petrus, kein Bischof und kein Geistlicher kann das Innere eines Menschen zu etwas machen, was nicht im Denken und Wollen, kurz gesagt im Leben dieses Menschen seinen Vorläufer, seine Entsprechung hat.

Wie geschieht das?

Die Kirche im Menschen ist an sich geistig, und sie erstreckt sich bis in den natürlichen Menschen, d.h. in seinen Willen, seine Vernunft und seinen Verstand. Durch die verstandesmäßig übernommenen Wahrheiten aus dem Worte Gottes wird seine Vernunft fähig, das Geistige einfließen und wirken zu lassen. Denn der Mensch schöpft das Licht des Himmels, welches das geistige Licht ist, durch seine von den Wahrheiten ausgebildete Vernunft. Auf diese Weise gründet der Mensch die Kirche in sich aus der Kraft des Wortes Gottes.

Wenn das Natürliche des Menschen nicht von seiner aus der geistigen Welt erleuchteten Vernunft regiert wird, ist das Band zum Himmel unterbrochen. Der Mensch hält dann die Dinge der Welt für alles, und den Himmel für wenig oder nichts.

Die Stufenunterschiede.

Allerdings ist es ein tiefes Geheimnis, welcher Art die Stufenunterschiede von dem äußeren und inneren Menschen, vom Körper zur Seele und von der natürlichen zur geistigen Welt sind. Jedenfalls ist die Verbindung des inneren mit dem äußeren Menschen nur sehr dunkel, solange sein Wissen und seine Kenntnisse in den geistigen Dingen nicht ausgebildet sind. Aber die jedem verständliche Regel lautet: Die Liebe zu Gott und zum Nächsten verbindet den inneren und den äußeren Menschen; Eigenliebe trennt sie.

Im Erdenleben

Aber wenn die entsprechende Übereinstimmung des inneren mit dem äußeren Menschen nicht auf Erden, d.h. während seines Körperlebens erfolgt, geschieht sie später keineswegs mehr. Das ist so, weil die Vernunft und der Verstand gewissermaßen Gefäße für das Einfließen des Geistes sind und nur vom Natürlichen her, aus der natürlichen Erfahrung gebildet werden können. Sind während des Erdenlebens diese Gefäße dafür befähigt und ausgebildet worden, so können die Wahrheiten in sie einfließen. Sobald durch das Ableben des Körpers die natürliche Erfahrung aufhört, ist die Neubildung solcher Gefäße unmöglich geworden (2. Kor. 5, 10; Matth. 16, 27; Offb. Joh. 20, 12 f.; Röm. 2, 6).

Es ist gezeigt worden, daß der Mensch das, was er auf Erden im Glauben und in der Liebe zum Herrn bindet, für den Himmel bindet, d.h. sein Inneres, das sich dem Einfluß von oben durch die Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn öffnet — das ist ja der Anfang und die Grundlage der Kirche in ihm, also der Fels —‚ kann sich durch tätige Befolgung der Lehren des Wortes mit dem Himmel verbinden. Dabei heißt auf Erden: während des irdischen Lebens des Menschen. Und Lösen auf Erden: Der Mensch, der den Herrn nicht als Gott anerkennt, schafft in sich nicht die Grundlage für die Kirche in ihm, er bindet sich nicht mit der geistigen Welt und dem Himmel, oder — bei nachträglicher Leugnung — unterbricht er diese Verbindung, er schneidet sie ab.

Also während seiner Lebenszeit auf Erden („was du binden wirst auf Erden“) verbindet sich der anerkennende Mensch mit dem Himmel, macht sich der Mensch, der den Herrn als seinen Gott in sich aufnimmt, bereit für den Himmel, indem er die Bindung seines äußeren Menschen mit seinem inneren Menschen herstellt. Oder er löst während seiner Lebenszeit diese Verbindung, weil er den Herrn nicht anerkennt und aufnimmt, und schließt sich somit selbst vom Himmel aus.

Die Macht des Herrn ist nicht beim Menschen.

Der Himmel selbst besteht jedoch durch die Macht Gottes, und somit liegt es auch ausschließlich in dieser seiner Macht, den Menschen, der für den Himmel vorbereitet ist, tatsächlich in den Himmel einzuführen. Auch die klugen Jungfrauen des Gleichnisses (Matth. 25, 1—12) können, obwohl sie brennende Lampen haben, erst dann eintreten, wenn der Herr den Festsaal öffnet.

 Keine Priestermacht

Wie kann dann noch die Rede sein von einer Übertragung der göttlichen Macht auf den Menschen Petrus? Eine solche Übertragung ist nicht erfolgt, die göttliche Macht ist nie in Petrus gewesen und konnte es nicht sein.

Es ist eine verhängnisvoll falsche Lehre, diese göttliche Kraft und Macht könne in einem Menschen sein und nicht im Herrn allein. Und der Himmel könne geöffnet oder geschlossen werden durch den Spruch eines Priesters: ich gebe Absolution, oder ich exkommuniziere. Niemals hat ein Priester durch seine Absolution einem in seinem Leben nicht für den Himmel vorbereiteten Menschen den Himmel geöffnet; und niemals wurde einem für den Himmel innerlich vorbereiteten Menschen durch einen Priester der Himmel verschlossen. Ein Mensch kann nie für einen anderen den Himmel öffnen oder schließen. Das ist einzig und allein die Macht des Herrn und die Mitwirkung des Menschen selbst. Alle Macht für das andere Leben beruht auf der Liebe und dem Glauben aus dieser Liebe; beide sind des Herrn im Menschen. Nur hierauf ist die Kirche gebaut, und niemals auf einen Menschen, schon gar nicht auf Petrus und seinen Amtsnachfolgern. Das ist ausgesagt auch in Offb. Joh. 1, 17 f. bzw. 3, 7: „Ich bin der Erste und der Letzte; ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“

„Der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat die Schlüssel Davids, der auftut und niemand schließt zu, der zuschließt und niemand tut auf.“

Ein Mensch, der sich die göttliche Macht anmaßen wollte, und sei es im Auftrag und mit Zustimmung der kirchlichen Institution, könnte nicht anders als aus seinem eigenen Menschlichen heraus eine autoritäre Macht despotisch ausüben. Es ist also auch gar nicht die Aufgabe der Institution Kirche und ihrer Diener, hier auf Erden zu binden oder zu lösen mit Wirkung für den Himmel.

Die Aufgabe der institutionellen Kirche.

Die Kirche und ihre Diener können und sollen das Wort Gottes verkünden, die Lehre verbreiten, die Lehre lehren, und so den Menschen den rechten Weg zeigen. Was der Mensch mit dieser Lehre für sein Leben macht, ob er den rechten Weg beschreiten will, ist Sache des einzelnen Menschen allein. Und es bleibt ausschließlich seine Sache, ob er den Herrn erkennt, nach seinen Geboten lebt und die göttlichen Wahrheiten übernimmt, die das Wort ihm vermittelt. Nur dieses freie Tun aus dem Glauben und der Anerkennung bindet für den Himmel, aber das Unterlassen löst vom Himmel.

 Die Wiedergeburt zum Himmel

Es handelt sich bei alledem keineswegs gleich um den Himmel als künftigen Aufenthaltsort, sondern es handelt sich um die Neugeburt und Wiedergeburt, also den Zustand, der den inneren Menschen zum Himmelsbürger macht. So wie die Anerkennung des Herrn als Sohn des lebendigen Gottes die Grundlage schafft, auf der die Kirche im Menschen aufgebaut werden kann, so ist diese Anerkennung auch der Anfang, der Schlüssel, auf dem Weg zum Himmelreich im Menschen. Nur wer dieses Himmelreich in sich trägt, kann nach dem Ablegen des Körpers in das neue Leben kommen, das man Himmel nennt.

So besagt der Fels, auf dem die Kirche errichtet wird, und der Schlüssel zum Himmelreich genau dasselbe.

Das Natürliche ist Abbild des Geistigen

Alles Äußere, Natürliche, ist nur ein Bild, ein Abbild des inneren, des Geistigen. Das Bild, das Abbild, steht in einem Entsprechungsverhältnis zum Inneren, zum Geistigen, zum Lebendigen. Es ist nicht selbst das Innere und Lebendige. Das Äußere, das Natürliche, existiert nur, damit das Lebendige sich im Äußeren manifestiere. Die unendliche Vielfalt, die wir im Natürlichen antreffen, ist ein Zeichen und Beweis für die unendliche Vielfalt des Geistigen, für die Unendlichkeit des Geistes.

Der Geist ist das Leben, und er hat die Macht; das äußere, die Natur, ist nur Form dieses Lebens, Wirkung dieses Lebens.

So ist auch der Apostel die Versinnbildlichung des Geistigen im Natürlichen. Er ist niemals die Materialisation oder gar Identifikation des Geistigen oder dessen, was geistig die Kirche ausmacht.

Und die Worte des Herrn müssen in ihrer geistigen Bedeutung verstanden werden. Nur wer lediglich den Buchstabensinn des Wortes aufnimmt, ohne seine geistige Bedeutung zu beachten, kann meinen, der Herr habe auf Petrus und die anderen Jünger Macht übertragen. Aus diesem Buchstabenglauben entstand die Lehre, es stünde in menschlicher Macht, wen man will in den Himmel einzuführen oder von ihm auszuschließen. Dieses Einführen oder Ausschließen ist aber Wirkung des Glaubens und der Wahrheiten des Glaubens, die vom Herrn ausgehen. Diese Macht gehört somit allein dem Herrn und keineswegs irgendeinem Menschen.

Die 12 Stämme Israels.

Das jüdische Volk und die jüdische Kirche bestanden aus den bekannten zwölf Stämmen; sie zusammen ergeben die Einheit des Volkes und stellen die Einheit der Kirche nur vor. Jeder einzelne Stamm stellt einen Teil, der Bestandteil der ganzen Kirche, aber doch individuell in seiner Eigenart ist, vor, d.h. er versinnbildlicht ihn.

Die 12 Apostel.

Der Herr erwählte zwölf Apostel, die er aussandte, seine Lehre und die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkündigen. Als Beauftragte des Herrn repräsentieren sie die christliche Lehre; sie sind Träger dieses Auftrags, und so sind alle geistigen Dinge der neuen Lehre des Herrn repräsentiert oder sichtbar bezeichnet durch die zwölf Apostel. Und wenn gesagt ist, daß sie auf zwölf Thronen sitzen werden, um die zwölf Stämme Israels zu richten, so wird damit bezeichnet, daß alles, was Kirche ist (und ihre Gegner) gerichtet werden muß nach der Lehre des Herrn, deren Verkündiger die Apostel waren.

Verkündiger der Botschaft.

In Matth 18, 16 sind die gleichen Worte: „Was ihr binden werdet auf Erden, das wird im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr lösen werdet auf Erden, wird im Himmel gelöst sein“ an alle Jünger gerichtet und nicht an Petrus allein. Auch hier repräsentieren die Apostel die Botschaft des Herrn, die sie im Auftrag des Herrn lehrten und verbreiteten. „Ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“ (Matth. 10, 20). Die göttliche Liebe und die göttliche Wahrheit dieser Botschaft verbinden den Menschen, der sie hier freudig in sich aufnimmt, mit dem Himmel, und sie lösen aus der Verbindung mit dem Himmel alle diejenigen, die diese Lehre und Botschaft negieren und ablehnen. Grundlage und Anfang dieser Botschaft ist die Göttlichkeit des Herrn. Der Mensch, der ihn nicht als Gott anerkennt, verschließt der Botschaft den Zugang, er bietet ihr keine Grundlage in seinem Inneren, sie geht an ihm vorbei oder über ihn hinweg.

Kein Vikariat Jesu und keine Sukzession Petri.

Aus diesem Verständnis, was Petrus und der Fels sowie die Schlüssel des Himmelreichs bedeuten, ist nun noch ein Blick zu werfen auf das, was aus dem Unverständnis der Worte des Herrn entstanden ist. Die Worte des Herrn wurden als Weltauftrag an Petrus aufgefaßt und dienten zur Einsetzung des Petrus zum ersten Papst und somit zur Einsetzung des Papsttums überhaupt. Petrus galt als Wortführer aller Apostel, daher entstand sein Primat.

Ohne die geistige Bedeutung zu beachten, wurde aus dem Buchstaben der Worte des Herrn gefolgert, die Macht sei dem Petrus gegeben und sogar weiter auf seine Nachfolger übertragen worden, und so habe der Herr dem Petrus die Funktion abgetreten, sein Stellvertreter auf Erden zu sein (Vikariat) und seinen Nachfolgern nach ihm (Sukzession). Der Herr hat jedoch nicht das geringste von seiner Macht abgetreten. Der Herr baut seine Kirche auf der — im Inneren des Menschen sich vollziehenden — Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn auf, also auf dieser Wahrheit über den Herrn, aber keineswegs auf Petrus oder seinen angeblichen Nachfolgern.

Petrus hat niemals eine Macht oder himmlische Schlüsselgewalt ausgeübt; sie ausüben wollen, wäre gegen das Göttliche gehandelt. Wie könnte ein Mensch, und sei er Papst, oder ein einfacher Priester, der sich solche Macht anmaßt, die allein dem Herrn gehört, noch den Herrn anbeten in der Liebe und im Glauben an die göttliche Alleinmacht des Herrn? Und die Meinung, die göttliche Macht sei auf ihn übertragen worden, führt ihn dazu, nach eigenem Ermessen diese angebliche Macht zu benutzen und sich an die Stelle Gottes zu setzen, die Menschen beherrschen und die Welt regieren zu wollen.

Das zeigen sogar die Worte, die dem Papst bei seiner Krönung zugerufen werden: Wisse, daß du bist der Vater der Fürsten und Könige, der Lenker des Erdkreises...

Was kann dann noch von den göttlichen Wahrheiten in den Herzen derjenigen verbleiben, die sich so an die Stelle Gottes gesetzt haben? In ihnen ist jeder Gottesdienst erstickt. Die Dinge der Kirche sind zum Dienst für diese Substitution geworden, nicht mehr zum Dienst am Herrn. Wer sich die Macht Gottes anmaßt, hat Gott abgesetzt und ist im Grunde seines Herzens Atheist. Wie sollte ein solcher über den Himmel Gottes bestimmen und verfügen können?

Das Lehramt.

Die Lehre aus dem Wort Gottes muß den Menschen verkündigt und gepredigt werden. Das geschieht durch Menschen, die ein solches Lehramt innehaben. Lehrer dieser Art sind Menschen, die in sich die Kirche lebendig gemacht haben und aus ihrem lebendigen Inneren heraus sprechen und lehren. Sie werden durch ihren Glauben und ihr Bekenntnis legitimiert und berufen, aber keineswegs durch Sukzession, weder als Priester noch als Lehrer. Ihre Ausbildung und ihre Reife in der Lehre kann und muß überwacht und kontrolliert werden. Das hat aber nichts mit Sukzession von Mensch zu Mensch zu tun.

Jeder, der den Herrn als den Sohn des lebendigen Gottes anerkennt und bekennt, der so den ersten Schritt zum Aufbau der Kirche in sich getan hat, wird, wenn er auf diesem Weg weiter schreiten will, vom Herrn direkt durch das Wort Gottes und die Lehre belehrt. Die Anleitung hierzu kann nur ein äußeres Darreichen und Erklären sein. Der wirkende Geist Gottes braucht keine anderen menschlichen Dienste.

Aus dem geistigen Verständnis der Worte des Herrn und aus vernünftigen Erwägungen wird also klar, daß es keine Übernahme der Macht Gottes durch einen Menschen gibt, und dann ist auch eine Weiterübertragung auf den Nachfolger nicht möglich. Es gibt keine Sukzession, wo schon die erste Einsetzung nicht stimmt. Die Kirche ist kein Erbhof, auch keine Erbmonarchie, ebensowenig eine Wahlmonarchie.

Könnte man sich einen Übergang der Macht Gottes, die ein Attribut seines Heiligen Geistes ist, auf einen Menschen und von diesem auf einen anderen überhaupt vorstellen? So etwas liegt nicht im Bereich der Vorstellung, sondern blinden Autoritätsglaubens und ist außerhalb der geistigen Realität.

Kein indirekter Kanal.

Der Herr kann bewirken — das haben die vorstehenden Ausführungen gezeigt —, daß ein Mensch aus dem göttlichen Geist und aus seiner Lehre in der Gottes- und Nächstenliebe lebt und handelt. Nur so kann der Herr in den Menschen direkt einfließen. Aber es gibt keinen Einfluß durch einen Nebenkanal oder einen indirekten Kanal. Nur der Mensch, der die Lehre des Herrn in sich aufnimmt, nach seinen Geboten lebt, sein Inneres so für die Aufnahme der göttlichen Wahrheiten befähigt und in seinem lebendigen Wesen die Glaubensanerkennung zu einer unumstößlichen inneren Tatsache macht, bekommt die Kraft verliehen, daß diese innere Kirche dann sein ganzes, auch sein äußeres Leben beherrscht. Sie ist abhängig von der dauernden inneren Verbindung zum Herrn und wird unterbrochen, sobald er in seinem Leben und Tun den Herrn verleugnet, so wie Petrus ihn verleugnet hat, oder als Mensch groß im Himmel erscheinen will, wie es die Jünger in menschlicher Versuchung taten.

Auch vom Institutionellen her wird klar, daß es keinen Einfluß vom Herrn durch einen indirekten Kanal geben kann. Als solchen indirekten Kanal stellt man sich eine durch rituelle Handauflegung zu vollziehende Vererbung oder Übertragung apostolischer Autorität, Lehrgewalt und Sendung vor und setzt dabei einfach eine durch historischen Nachweis geschützte supranaturale Jurisprudenz, geltendes Kirchenrecht und kirchliche Übung voraus. Die Übertragung bestünde darin, daß von einem höchsten kirchlichen Amtsträger, d.h. von einem Bischof die Autorität auf seinen Nachfolger und damit auch auf die von diesem zu ordinierenden untergeordneten Amtsträger gewisserart überströme. Es gäbe das nämlich da, wo die Reihe der Vorgänger des ordinieren den Bischofs sich durch die Jahrhunderte hindurch nachweisbar ohne Unterbrechung auf einen der zwölf ihrerseits durch Jesus Christus ordinierten Apostel als den ersten Bischof des betreffenden Bereichs zurückführen lasse, und immer träten die gewünschten Folgen auch für den beteiligten niederen Klerus ein. Es ist klar, daß es dazu des Heiligen Geistes und der Glaubensanerkennung überhaupt nicht bedürfte, sondern nur eines bestimmten Rechtsdenkens und eines archäologischen Wissens um jene Zusammenhänge. (So Karl Barth.)

Keine institutionelle Verfügungsgewalt.

Gibt es eine Institution und in ihrem Rahmen einen Organisationsritus, in dessen Vollzug der Heilige Geist von einem Mann auf den anderen kommen muß, in welchem über ihn verfügt wird, an dessen Vollzug seine Gegenwart und Aktion also gebunden ist? Die Frage stellen, heißt schon, sie verneinen. Als ob der Heilige Geist ein rechtliches oder technisches ES, ein Requisit wäre, das sich in der Macht eines oder mehrerer hervorragender Glieder der Gemeinde so befände, daß es von diesen ohne weiteres auch in die Macht anderer übergehen könnte, einfach deshalb, weil es institutionell so vorgesehen ist und der Vorgang rechtlich und rituell ordnungsgemäß stattfindet! (Karl Barth)

Die Meinung, in dieser Weise über den Heiligen Geist verfügen zu können, ist eine Anmaßung; und es ist ein Wahn, durch den Absolutionsspruch eines Priesters könne einem Menschen der Himmel geöffnet werden. Diese Wahnvorstellung bringt den Menschen vom richtigen Weg ab und hindert ihn daran, sein Lebensziel, nämlich die Neugeburt und Wiedergeburt, zu erreichen; nur sie führen ihn nach dem Ablegen des Körpers in das ewige Himmelreich.

Die Institution und ihre Diener, die mit ihrem Machtanspruch solche Wahnvorstellungen aufrecht erhalten und weiter nähren, laden eine Unsagbare Verantwortung und Schuld auf sich.

Die Geschichte des Abendlandes berichtet ausreichend darüber, welche Folgen aus ihrem Autoritätsanspruch und dieser Herrschaftspraxis entstanden sind. Niemand kann aber berichten über die Not, die unendlich viele Menschen in ihrem Inneren gelitten haben und leiden, weil sie sich in ihrem Glauben an den Herrn, in ihrer Liebe zu ihm und zum Nächsten durch falsche, aber irreformable Definitionen in Sachen des Glaubens, der Moral und der Riten vergewaltigt fühlen und nicht mehr frei sind, nach dem Worte Gottes zu glauben, zu leben und auf diese Weise die innere Kirche in sich aufzubauen und sich dem Himmel zu verbinden.

Die verborgene Einheit im Wort Gottes. Eine Schriftstudie.

Die meisten Menschen unter uns halten das Buch, das im allgemeinen noch »Die Heilige Schrift« genannt wird, bestenfalls für ein Buch wie jedes andere; sie staunen nur darüber, daß es noch Leute gibt, die ihm eine Sonderstellung einräumen. Je nach Bildung oder Herkommen meinen sie, es sei veraltet und überholt, weil es wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt, oder es sei eines unter den vielen mystischen Büchern, das gerade noch den Kirchen für ihre Zwecke dient; schon der Stil und der Inhalt seien so zusammengewürfelt, daß es schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, eine einheitliche Linie, einen roten Faden zu sehen. Und dabei soll es Gottes Offenbarung, das Wort Gottes sein! Wenn es wenigstens in einem besseren Stil geschrieben wäre!

Tatsächlich fehlt es nicht an Versuchen, die Heilige Schrift zu modernisieren, aber die Neuerungen konnten das Verständnis für ihren Inhalt nicht wecken. Die meisten Leser meinen, die Heilige Schrift behandle vorwiegend weltlich-historische Ereignisse und beachten nicht, daß in ihr Dinge geistiger und himmlischer Art enthalten sind. Rein irdisches und materielles Denken verschließt sich ihrem Verständnis. Der Mangel liegt also nicht an den Dingen der Schrift, sondern in den betreffenden Menschen, die sich nicht zu dem erheben können, wozu sie eigentlich geschaffen und kraft ihres mentalen und geistigen Aufbaus befähigt sind.

Worin besteht dieser Aufbau, und welche Möglichkeiten verschafft er?

Der Mensch und das Wort Gottes.

Der Aufbau des Menschen besteht aus mehreren Stufen; diese Stufen finden sich in entsprechender Weise auch im Worte Gottes.

Es wurde schon gesagt, daß die Heilige Schrift Geistiges und Himmlisches enthält; das ist so, weil sie das Wort Gottes wiedergibt*.

* Im Alten Testament sind das: die 5 Bücher Mose, Josua, Richter, Samuel, Könige, Psalmen sowie alle Propheten; im Neuen Testament: die Evangelien und die Offenbarung des Johannes.

Wie aber kann ein Mensch Geistiges und Himmlisches fassen und aufnehmen? Das ist nur möglich auf dem Weg über die natürlichen Dinge, von denen er sich eine Vorstellung machen kann, die also in Raum und Zeit stehen und seinen Sinnen zugänglich sind, denn sein Vorstellungsvermögen und sein Denken sind von den äußeren Sinnen abhängig. Deshalb mußte das Wort Gottes in Begriffen festgehalten werden, die der Natur und dem äußeren Leben entnommen sind, die aber in sich das Geistige und Himmlische enthalten, um derentwillen das Wort Gottes in der Heiligen Schrift gegeben wurde. Das Geistige und das Himmlische sind aber nicht die in ihr erwähnten Gegenstände und Personen, sondern es wird durch sie nur vorgebildet und unserem Denken und Empfinden nahe gebracht. Die Wirklichkeit oder das Wesen von Geistigem und Himmlischem kann nur erfaßt werden, wenn das Denken und Empfinden von den physischen Erscheinungsbildern unabhängig geworden ist, ihnen gewissermaßen antithetisch gegenübersteht und ihnen eine Bedeutung gibt. Das menschliche Verstehen bezieht sich auf diese Bedeutung.

Das wird deutlicher, wenn wir uns klar machen, daß wir beim Lesen nur Buchstaben vor Augen haben; die daraus gebildeten Wörter bringen ein Vorstellungsbild hervor, und ihm legen wir im Zusammenhang des Textes eine Bedeutung bei. Denselben Vorgang haben wir beim Hören, das nur von Luftschwingungen ausgelöst wird. Über das Ohr und das Gehirn setzen sie sich in Vorstellungen, Denken und Empfinden, also in mentale Vorgänge um.

Den umgekehrten Weg hatte der Autor oder Sprecher vorher beschritten: er hatte Worte, Begriffe und Bilder von Objekten geschaffen, in die er seine Gedanken, Empfindungen, Vorstellungen und Absichten einkleidete, um sie festzuhalten; so sind sie auf der materiellen Ebene beständig geworden und können vom Leser oder Hörer aufgegriffen, aufgenommen, nachgebildet und selbst erlebt werden. Das geschriebene Buch oder das ausgesprochene Wort ist die Brücke vom Denken und Fühlen des Autors zum Denken und Fühlen des Lesers oder Hörers, in dem beides wieder lebendig wird im Maß seiner Aufnahmefähigkeit.

Auf die gleiche Weise ist das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift festgehalten ist, die Brücke von Gott zu den Menschen. Es erscheint in der Einkleidung des natürlichen Wortes. Zuerst nimmt der Mensch nur den natürlichen Wortzusammenhang oder Wortsinn auf und verarbeitet ihn, dann erfaßt er in seinem Inneren die in die Worte eingekleidete Bedeutung, also das von Gott hineingelegte Geistige, und dieses regt das Innere des Menschen selbst an. So kann das Wort Gottes den inneren Menschen erleuchten und erwärmen, überhaupt beleben bis zum Höchst maß seiner geschöpflichen Fähigkeit. Denn die Stufen oder Grade, durch die das Wort Gottes herabkommt durch die Himmel bis zur Welt, also vom Geistigen bis zur Fixierung im Buchstaben, entsprechen den Stufen oder Graden, die das Innere des Menschen ausmachen.

Der Aufbau des Menschen.

Der Mensch besteht aus Äußerem und Innerem. Das Äußere, sein Körper mit all den Sinnesorganen, ist die Umkleidung seines Inneren, des geistigen Menschen. Er wird als äußerer Mensch in die Welt hineingeboren. Sein Inneres umfaßt drei Stufen oder Grade; sie sind potentiell angelegt von der Zeugung her. Der erste ist der dem Äußeren am nächsten liegende Grad; er entspricht dem ersten Himmel. Weiter innen liegt der mittlere Grad, der dem zweiten oder mittleren Himmel entspricht. Und ganz innen ist der dritte Grad, der dem dritten oder obersten Himmel entspricht. In den gleichen jeweiligen Graden sind die Engel: im Lebensgrad des obersten Himmels diejenigen, die himmlische Engel genannt werden; in dem des mittleren Himmels die geistigen Engel, und in dem des ersten oder unteren Himmels sind die Engel, die himmlisch-natürlich und geistig-natürlich genannt werden.

Die Entwicklung des Menschen geht von außen nach innen. Die inneren Grade öffnen sich nicht vor dem Erwachsenenalter, denn erst die bis dahin gewonnene äußere Reife ist die Grundlage für die weitere Entwicklung.

So ist der Mensch in seinem Inneren nicht nur wie ein Abbild des Himmels, sondern er trägt die drei Grade des Himmels in sich. „Das Reich Gottes (das Himmelreich) ist inwendig in euch“ (Luk. 17, 21). Je mehr sein Inneres aufgeschlossen ist, in einem desto inwendigeren Himmel ist er. Das Öffnen geschieht stufenweise, wenn er die Wahrheiten, also die inneren Sinnbedeutungen des Wortes Gottes, in sich aufnimmt, sich davon anregen läßt und sein Tun danach ausrichtet. Die unterste Stufe oder der unterste Himmel ist die Grundlage für den mittleren und den obersten Himmel. Im untersten Himmel sind diejenigen, die von Gott und seinem Wirken überzeugt sind und aus Gehorsam moralisch leben; das liegt auf der Ebene der dem Natürlichen nächstliegenden Sinnbedeutung des Wortes Gottes. In der nächsten Stufe (dem zweiten Himmel) sind diejenigen, die die Wahrheiten aus dem geistigen Sinngehalt des Wortes Gottes ins Gedächtnis und den Verstand aufnehmen, sie wollen und aus Freude befolgen oder tun. In der obersten Stufe sind, die vom Wort, aus seiner himmlischen Sinnbedeutung angeregt werden und es ins Tun übernehmen; das liegt auf der Ebene des dritten Himmels und seiner himmlischen Engel. So öffnet das Wort den inneren Menschen und führt ihn in die Himmel ein.

Das Wesentliche am Menschen ist sein dreistufiges Inneres, und er ist an sich betrachtet ein Geist; der ihm beigefügte Körper mit seinen Sinnen ist nur das Werkzeug für seinen Geist. Mit diesen Sinnen nimmt er das Wort auf und führt es seinem Verstand und Willen zu. Je nachdem er den von Gott kommenden Einfluß auf Verstand und Willen wirken läßt, öffnen sich seine weiter innen liegenden Grade in der angegebenen Weise. Der Körper dient des weiteren dazu, daß er das als wahr und gut Erkannte tätig ins Leben umsetzt; das Geistige muß durch den Menschen ins Natürliche wirken und sich dort darstellen.

So ist der Körper der notwendige Ausgangspunkt für den Aufbau des inneren Menschen, gleich wie das Wort Gottes als Buch und Buchstabe der Ausgangspunkt dafür ist, daß der Mensch die im Buchstaben verborgenen inneren Sinnbedeutungen in sich aufnimmt. Der Körper ist auch der Schlußpunkt, weil er das Tun ausführt, das vom inneren Menschen angeregt wird. (HG 61)

Alles dasjenige aus dem Wort, was in die inneren Lebensgebiete dringt, wird Geistiges, alles, was in ihnen darüber hinaus die Liebe zum Herrn anregt, wird Himmlisches genannt. Darin unterscheiden sich auch die Engel des mittleren (geistigen) Himmels von denen des obersten Himmels, deren Lebensbewußtsein vor allem in der Liebe zum Herrn beruht. Das innerliche Aufnehmen des Wortes Gottes ist der einzige Weg, der den Menschen schon während seines Erdendaseins ins geistige und auch ins himmlische Leben führt, denn so werden seine inneren oder höheren Lebenssphären geöffnet, und dann spielt sich sein eigentliches Leben auf diesen höheren Ebenen ab. Er empfindet Freude, wo vorher Unlust, Beschwernis, Angst und Traurigkeit ihn beherrschte; anstelle der Gedanken über die Sinnlosigkeit tritt ein Empfinden für das hohe Ziel seines Lebens, er bekommt Lust, dem Ziel näher zu kommen und fühlt, daß ihm die Kraft dazu gegeben wird. Allerdings widerstrebt das ihm während seines Erdenlebens noch anhaftende Natürliche und bringt manche Rückschläge, Versuchungen und Kämpfe.

Die Wahrheiten des Wortes Gottes, die der Mensch in seine inneren Lebensgebiete aufnimmt, machen ihn geistig. Dagegen machen Kenntnisse und Gelehrsamkeit in den äußeren, weltlichen Bereichen den Menschen noch keineswegs geistig. Alles Wissen aus den Natur- und anderen Wissenschaften, wie Psychologie oder Soziologie, bleibt auf der natürlichen Ebene; es dient zwar als Grundlage für den geistigen Grad, öffnet diesen aber noch nicht, auch wenn im üblichen Sprachgebrauch die Beschäftigung mit ihnen als geistige Tätigkeit bezeichnet wird. Zur richtigen Unterscheidung vom wirklich Geistigen sollte man sie als intellektuelle Tätigkeit bezeichnen. Nur das Wort Gottes lehrt und vermittelt wirklich Geistiges und Himmlisches (LW 237).

Die geistige Stufe oder der spirituelle Grad im Menschen wird von Leben erfüllt, wenn er das lebhafte Verlangen danach hat, seine geistigen Kenntnisse aus dem Wort Gottes für seine Mitmenschen zu verwenden, denn darin besteht die Nächstenliebe. Diese geistige Stufe im Menschen weitet sich umso mehr aus, je mehr seine Kenntnisse ausgefüllt werden von den Wahrheiten über das geistige Leben und seine Nutzwirkungen.

Wenn er also die Wahrheiten, die er im Wort Gottes findet, zur Grundlage seines Lebens macht, kann er die ganze Höhe dieser Stufe erreichen.

Aber die nächste, die himmlische Stufe wird hierdurch in ihm noch nicht geöffnet. In ihr herrscht die Liebe zu Gott auf Grund der Wahrheiten des Wortes Gottes. Diese Liebe zu Gott wird ihm geschenkt, wenn er aus dem Wort das Verlangen danach hat und sie zur neuen Grundlage seines Lebens mit allem Denken und Tun macht. Anleitung dazu geben ihm die Gebote in ihrem geistigen und himmlischen Sinn. Was diese himmlische Stufe in ihm erfüllt, macht auch den obersten Himmel aus: Gottesverehrung und das innerste Verständnis des Wortes regen seine Liebe und sein Tun immer mehr an, so daß er in seinem Inneren schon ein Bewohner der Himmel ist. Aber nur die Kenntnisse aus dem Wort öffnen die inneren Stufen noch nicht, sondern sie sind wie Bausteine, die sich dort ansammeln. Erst wenn der Mensch aus Liebe zum Herrn und zum Nächsten mit Ernst und Beharrlichkeit darin leben und bleiben will, baut der Herr sie für ihn zusammen, und er findet seine himmlische Wohnung und Heimat. In alle Fülle und mit seinem ganzen Bewußtsein kommt der Mensch in die während seines irdischen Daseins geöffneten Lebensstufen, jedoch erst, wenn er seinen natürlichen Grad mit dem Körper abgelegt hat und in die Wirklichkeit des anderen Lebens übergegangen ist.

Die Einheit des Wortes Gottes.

Gott ist der Urheber und Ausgangspunkt alles Bestehenden in den geistigen und in den natürlichen Bereichen. Er ist die Quelle alles Lebens. „Bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht sehen wir das Licht“ (Psalm 36, 10). Er ist unendlich, wogegen alles Geschaffene: Himmel und Erde, Engel und Menschen endlich und dazu geschaffen sind, Sein Leben aufzunehmen und es in sich zu verwirklichen, im Maß der in sie gelegten Möglichkeiten.

Auch das Wort Gottes ist von Gott ausgegangen, es ist Seine Ausstrahlung, es ist Seine Verwirklichung und Realisation, Seine „Wahrheit“, es ist Gott außerhalb Seiner Selbst, so wie das Licht und die Wärme von der Sonne her stammt und für die sie aufnehmenden Menschen und Objekte „die Sonne“ sind, zwar nicht der Himmelskörper, sondern das, was von ihr außerhalb ihres Ursprungs und Zentrums ist. Im Licht der Sonne ist ihre Wärme. So ist in der Wahrheit des Wortes Gottes Seine Liebe enthalten. Sie kann den inneren Menschen erwärmen; die Wahrheit erleuchtet ihn. So wird er innerlich belebt. Denn das ausstrahlende Wort, das Göttlich-Wahre, durchstrahlt auf seinem Weg herab zur Erde der Reihe nach die drei Himmel und paßt sich in jedem von ihnen der Aufnahmefähigkeit der Engel an (EO 1073). So werden die Engel und auch die inneren Bereiche oder Grade der Menschen, weil sie auch geistig und himmlisch sind, belebt. So verwirklicht sich das Leben Gottes in des Menschen Lebensstufen ebenso stufenweise oder gradweise, es gleicht sich ihnen an und wird erkannt und empfunden, als wäre es abgestuft, und doch ist es ein einheitliches Leben. Es liegt am Stufenbau des Menschen, daß wir vom Natürlichen, Geistigen und Himmlischen als jeweils einem Gesonderten sprechen müssen, denn wir können den unendlichen Gott einheitlich nicht erfassen, sondern nur so wie er, sich begrenzend, in die vorgegebenen Stufen strahlt und sich erleben läßt.

Das gleiche gilt vom Worte Gottes. Das vom Herrn ausstrahlende Göttliche bleibt in seinem Wort durch alle Stufen hindurch bis zur letzten oder untersten, d.h. natürlichen Stufe enthalten, und wird in der höchsten Stufe das Göttlich-Himmlische, in der mittleren das Göttlich-Geistige, in der untersten das Göttlich-Natürliche genannt. Das Göttliche bleibt erhalten, aber in den Stufen wird es je nach deren Eigenart umhüllt und begrenzt, damit es aufgenommen werden kann. Die Engel des obersten Himmels nehmen das Himmlische des Wortes Gottes, die Engel des mittleren Himmels, das Geistige, die im unteren Himmel das Natürlich-Himmlische und Natürlich-Geistige, die Menschen auf der Erde aber nur das Natürliche des Wortes Gottes auf, weil ihre Sinne natürlich begrenzt sind. Aber die innerlich aufgeschlossenen Menschen erfassen das Wort Gottes darüber hinaus wie die Engel. So sprechen wir vom himmlischen Sinn, vom geistigen Sinn und vom natürlichen Sinn des Wortes Gottes. Der natürliche Sinn umkleidet und verdeckt den geistigen Sinn, und dieser den himmlischen Sinn. Im natürlichen Sinn ist also der geistige und der himmlische Sinn wie verborgen.

Der geistige Sinn zeigt hauptsächlich die göttlichen Wahrheiten und handelt von der geistigen Kirche, die aus ihnen entsteht und besteht; das Himmlische des Wortes bezieht sich auf den Herrn und auf das Göttlich-Gute. In seinem natürlichen oder Buchstabensinn ist das Wort nur auf der Erde. Nur dieser natürliche Wortsinn ist in Raum und Zeit eingebettet, weil der natürliche Mensch nur in diesen Kategorien denken kann. Der geistige und der himmlische Sinn sind davon unabhängig; das Geistige und das Himmlische handeln von Seinszuständen. Zwischen den Sinnbedeutungen besteht eine Beziehung, die Entsprechung genannt wird (LW 7). Wie in der ganzen Schöpfung und in den Stufungen des Menschen entspricht auch im Wort das Natürliche dem Geistigen und dem Himmlischen, weil das Natürliche aus Geistigem und Himmlischem entstanden ist.

Obwohl das Wort Gottes von seiner ersten Offenbarung ab äußerlich viele Fährnisse erlitt, wurde die Sinnbedeutung des Buchstabensinns nicht verstümmelt, damit er Träger des geistigen und himmlischen Sinns bleiben konnte (OE 1085). Das geschah aus göttlicher Vorsehung. So blieb die vertikale Einheit des Wortes Gottes voll erhalten, und es ist durchweg göttlich wie sein Ursprung. Und das uns gegebene Wort Gottes ist vor unseren Augen mit all seinen Sinnbedeutungen; in ihm sind all die Reichtümer enthalten, die im Geistigen und Himmlischen liegen. Somit ist es auch die Quelle des geistigen und himmlischen Lebens des Menschen. Solange er auf der Erde lebt, kann er allerdings nur wenig davon in sein Bewußtsein aufnehmen, aber ihm unbekannt bildet das Wort Gottes seine geistige und himmlische innere Gestalt aus. Jede Stufe lebt von der höheren Stufe, von deren Einfluß bzw. Einwirkung. Im Grunde ist alles nach oben, nach dem Höheren gerichtet, und zuletzt nach Gott, weil Er die Ursache und Kraft in allen Dingen ist, ihr Anfang und ihr Endzweck.

Der Buchstabensinn des Wortes scheint sehr einfach; nur der innere Sinn legt die Entsprechungsbedeutungen frei und zeigt, was das Wort Gottes wirklich aussagt. Die Kritiker am Worte Gottes sollten bescheidener sein und nicht negieren, was sie nicht verstehen. Wenn sie leugnen, setzen sie ihre Beschränkung aufs Natürliche als Maßstab, ohne Rücksicht auf die höheren Lebensstufen des Menschen. Nach diesem Maß dürfte überhaupt nichts gelehrt und gelebt werden, was da Natürliche übersteigt und die höheren Stufen in ihm ausmacht. Das wäre eine tödliche Vergewaltigung des inneren Menschen. Dieser kann nur mit den reichen Gütern der Liebe und Weisheit erfüllt und lebendig gemacht werden, wenn er sie aus dem Worte Gottes schöpft. Der Mensch ist für den Himmel, für ein geistiges und himmlisches Leben geboren. Das Wort Gottes ist das Medium, das vermittels des Menschen und des Engels die Erde mit dem Himmel und den Himmel mit Gott dem Herrn verbindet.

Das Wort kam von Gott herab und steigt wieder zu Ihm auf. In seinem natürlichen Verstehen nimmt der Mensch den Buchstabensinn auf, der weltliche Dinge und die Geschichte von Menschen und Völkern beschreibt. Ist die natürlich-geistige Stufe im Leser geöffnet, dann fällt der bloße Buchstabensinn wie eine Schale ab, und er erkennt den inneren Sinn dieser weltlichen Geschichten, so wie er auch im untersten Himmel aufgenommen wird. Ist die geistige Stufe im Leser geöffnet, so dringt sein Verstehen vor bis zur geistigen Bedeutung, die losgelöst von Personen, Völkern, Zeit und Raum, reine Wahrheiten enthält; so nehmen auch die Engel des mittleren Himmels das Wort auf. Ist im Menschen die himmlische Stufe geöffnet, dann nimmt er die volle Weisheit aus der göttlichen Liebe auf, gleich den Engeln des obersten Himmels, und Gott Selbst kann in diesem innersten Bereich des Menschen wohnen. So kehrt Gottes Wort im Menschen zu Gott zurück und führt ihn heim zu Gott. Es hat seinen Nutzen erbracht, hat die aufsteigenden Stufen im Menschen geöffnet und ihn seiner himmlischen Bestimmung zugeführt.

Die Öffnung der Stufen in aufsteigender Richtung ist der Weg der Wiedergeburt des Menschen. Dieser Weg und das Ziel sind im Wort immer wieder beschrieben. Deshalb ist das Wort Gottes die Quelle aller Weisheit des Menschen und der Engel zum himmlischen Dasein.

Die ganze Heilige Schrift, die das Wort Gottes wiedergibt, handelt von Gott dem Herrn und Seinen Taten. Er ist das Wort: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Joh. 1,1). Alles ist durch dasselbe geworden (ebenda, Vers 3). In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen (ebenda, Vers 4). Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat‘s nicht begriffen (ebenda, Vers 5). Es war in der Welt, aber die Welt erkannte es nicht (Vers 10). Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Vers 14).

In den Versen 1 und 3 ist enthalten, daß die ganze Schöpfung von Gott stammt, nicht nur die materielle Welt und die Körper der Menschen, sondern (Vers 4) auch die geistige Schöpfung, also auch der innere Mensch. Mit dem Wort „Licht“ drängt sich uns schon der Vergleich mit der Sonne auf, deren Strahlen unsere Welt erwärmen und erleuchten, also das Leben geben. Vers 5 handelt von den inneren Menschen; sie nahmen es nicht in ihr Inneres auf. Aber Vers 14 sagt uns, daß das Licht und das Leben des Wortes in Jesus Christus die Gnade und Wahrheit Gottes offenbarte.

Richtig verstanden bedeuten diese Verse in äußerst verkürzter Form: Das Wort Gottes handelt im Alten und im Neuen Testament vom Herrn und nur vom Herrn, der der Ausgangspunkt oder Anfang aller Dinge und ihr Leben ist; dazu gehört auch, daß in beiden Testamenten die Rede auch von denjenigen ist, die sich dem Herrn widersetzen: Die Finsternis hat das Wort nicht begriffen (Vers 5). Die Welt erkannte es nicht (Vers 10).

Gäbe es das Wort Gottes nicht, so wüßte niemand davon, daß es einen Gott, Himmel und Hölle, ein Leben nach dem irdischen Tod gibt (LHS 114). Mit der Ablehnung des Wortes geht dieses Licht verloren, gehen im Menschen die von Gott ihm zugänglichen Wahrheiten verloren, und es bleiben ihm nur die Kenntnisse, die sich aus seinem Sinnenleben ergeben (LHS 2). Im Alten Testament sprach Gott durch Moses und die Propheten, auch das sind also Gottes Wahrheiten, wenngleich vielfach in so verdeckter Form, daß es schwer fällt, sie darin noch zu erkennen. Im Neuen Testament sprach der Herr meist selbst; im übrigen sprach der heilige Geist durch die Menschen.

Das Wort Gottes vermittelt die göttlichen Wahrheiten; sie werden im Himmel geistig und von den Menschen natürlich aufgenommen.

Heutzutage herrscht die Meinung vor, das Alte Testament berichte fast nur von den Geschehnissen in der jüdischen Kirche und sei für uns deshalb ohne großes Interesse, denn was Moses und die Propheten gesagt haben, sei nur für jene Zeiten und ihre Verhältnisse bestimmt gewesen; das gelte auch für die von ihm verkündeten moralischen Gesetze, sie könnten keine allgemeine Bedeutung beanspruchen; und das Neue Testament behandle großenteils aus dem Alten Testament wiederholte Vorschriften, die zur Gründung der christlichen Kirche benutzt worden sind.

Diese modernen Meinungen sind im höchsten Grade oberflächlich, weil sie weit vom inneren Wesen sowohl des Alten wie des Neuen Testaments entfernt sind. Beide lehren, daß es einen, und nur einen Gott gibt und dieser eine Gott unser Herr ist, und sie handeln überhaupt nur von diesem einen Gott und der Kirche, die Er auf Erden errichtet hat und immer neu aufrichten wird, von Seiner Ankunft auf der Erde, Seinen Kämpfen, Seiner Verherrlichung, von der Erlösung und vom Himmelreich, und gleichzeitig von den Menschen und Mächten, die sich all dem widersetzen (LH 37).

Das Alte Testament ist nach seinem inneren Sinn Vorausbild, Vorausschau und Vorausdarstellung des Kommens des Herrn und Seines Lebens; es bedient sich hierbei der zu diesem Zweck ausgewählten jüdischen Geschichte und der jüdischen Kirche, deren Gegebenheiten so wie sie waren dazu angelegt worden waren, um das Zukünftige, zeitlich noch Ausstehende voranzuzeigen: die jüdische Kirche war eine Vorbildung der vom Herrn auf der Erde zu errichtenden Kirche. Unter „Kirche“ ist hier nicht die jeweilige Institution, sondern sind die Menschen zu verstehen, die in ihrem Inneren diese Kirche bilden.

Was ist unter Vorausbild zu verstehen?

Wer etwas beabsichtigt, macht sich zuerst in seiner Vorstellung ein Bild davon und erwägt die Mittel, mit denen er seinen Plan ausführen kann; aber allem voran steht der Zweck, warum er es überhaupt tun will. So ist das, was er schaffen will, zuerst in seinem Geist vorhanden, bevor es materielle Gestalt gewinnt. Das Geistige geht dem Materiellen voran. Das Werk verkörpert oder materialisiert den Geist, aus dem es geworden ist. Jedes Kunstwerk zeigt den Geist seines Schöpfers. Das „Leben“ des Werks ist nicht in der Materie, sondern im Geist.

Dieser Vergleich zeigt das Verhältnis des Alten zum Neuen Testament. Der Herr ist in die Welt gekommen, um alles auszuführen, was Sein Wort göttlich und geistig enthält, also um die göttlichen Wahrheiten auch in der irdischen Seinsebene zu verwirklichen und sich auf dieser Ebene mit ihnen zu identifizieren, also selbst in allem die göttliche Wahrheit, das Wort zu werden.

Im Geistigen war das Wort schon da, war alles geschehen, wie es z.B. in den Propheten und in den Psalmen steht. Denn in jenen Bereichen ist alles Geistige effektiv, geistige Wirklichkeit, weil dort alle geistigen Vorgänge sich anschaulich darstellen, genau wie die Vorausschau im Menschen. Das sehen wir u.a. aus 2. Mose 25, 1. 9: Jehovah redete zu Mose und sprach: »Nach allem, wozu ich dich das Vorbild der Wohnung und das Vorbild aller seiner Geräte sehen lasse, so sollt ihr es machen«. Die geistigen und himmlischen Engel beachten aber hinter dem Anschaulichen nur die geistige Bedeutung, den geistigen Kern. Alles was im Alten Testament dargestellt ist, sind solche Anschaulichkeiten aus der geistigen Welt, die dem Moses, den Propheten und den Psalmisten gezeigt wurden. Sie haben das weiter gegeben in Worten und Bildern, zumeist ohne selbst den geistigen Kern erkannt zu haben. Es sind himmlische Vorbilder von dem, was im Leben des Herrn sich erfüllen sollte. So kam der „Logos“ von Gott herab, aber „die Finsternis hat‘s nicht begriffen.“

Daraus können wir das Verhältnis zwischen dem Alten und Neuen Testament ganz neu verstehen. Das Neue Testament ist die Erfüllung in der natürlichen Welt von all dem, was in der geistigen Welt schon anschaulich vorhanden war und im Bilderbuch des Alten Testaments gezeigt wurde. Erfüllen heißt hier: Durchdringung der natürlichen Welt von der geistigen her. Das Verhältnis zwischen dem Alten und Neuen Testament ist also kein zeitlicher, sondern ein seinsmäßiger Unterschied auf verschiedenen Seins-Ebenen.

So hat der Herr die Wahrheiten seines göttlichen Wortes ausgeführt und ausgefüllt, erfüllt; Er ist auch auf der letzten, der irdischen Seinsebene Sein Wort geworden, wie Er es schon auf der geistigen und himmlischen Ebene war und ist.

Das Alte Testament ist nicht überholt, sondern enthält unglaublich viele Anschauungsbilder für das Kommen und Wirken des Herrn und das Dasein der Himmel, in denen Er ist. Da die Anschauungsbilder Formen sind, in denen die geistige Wirklichkeit dargestellt ist, können wir aus der Entsprechung, die zwischen der geistigen Wirklichkeit und ihren irdischen Anschauungsformen besteht, schon im Alten Testament viel vom Herrn sehen, was in den viel knapperen Evangelien nicht ausgesprochen ist. Altes und Neues Testament ergänzen sich; das eine kommt ohne das andere nicht aus.

Das Leben des Herrn auf Erden ist Vorbild und Beispiel für das geistige Leben jedes Menschen; deshalb haben die Vorausbildungen des Alten Testaments größte, ich möchte sagen lebentragende Bedeutung auch für jeden Menschen, der dem Herrn nachfolgen will.

So unerwartet es erscheint, so ist doch schon die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1, die wir als Darstellung der Erschaffung des geistigen Menschen oder seiner Wiedergeburt kennen, auch ein summarisches Bild von den aufeinanderfolgenden Stadien, die der Herr auf seinem Weg zu seiner Verherrlichung durchlief; denn seine Verherrlichung ist Urbild und Vorbild für unsere Wiedergeburt. Auch die Geschichte des jüdischen bzw. israelitischen Volkes ist Anschauungsform oder Prophetie für jede Einzelheit des Lebens und der Verherrlichung des Herrn, sowie für sein Wirken. Die Propheten personifizieren das Wort und sprechen, als ob es sich nur um Dinge ihrer Zeit handelte; das gilt aber nur im Buchstabensinn, der an Raum und Zeit gebunden ist. Der innere Sinn ist unabhängig von Raum und Zeit. Die kommenden Dinge und Seinszustände sind bei Gott gegenwärtig. So verstehen wir unseren Herrn Jesus Christus als das in der Natur verwirklichte Wort Gottes, als die Inkarnation Gottes.

Genügt es nun, das zu wissen, so als handle es sich nur um einen Menschen, der vor etwa zweitausend Jahren gelebt hat und wieder von der Erde verschwunden ist, ohne Spuren seines leiblichen Daseins zu hinterlassen? Nein! Denn es geht im Grunde ja gar nicht um einen anderen, mir gewissermaßen fremden Menschen, sondern es handelt sich um des Herrn Leben und Einfluß in mich, um mein Leben mit dem Herrn und im Herrn. Das liegt nicht auf der natürlichen Ebene und besteht nicht in natürlichen Abläufen, sondern auf der geistigen und himmlischen Ebene mit ihren Seinszuständen. Sie werden schon im Alten Testament recht ausführlich geschildert; das Alte Testament hat im inneren Sinn geistige und himmlische Bedeutung, denn alle dortigen Abläufe haben diesen inneren Kern, sind innerlich eins damit. Darin liegt die Einheit von Altem und Neuem Testament, obwohl die Abläufe im Natürlichen völlig verschieden sind.

Im allerinnersten, göttlichen Sinn ist das Alte Testament völlig eins mit dem Neuen Testament; er, d.h. dieser allerinnerste Sinn, ist der eigentliche Kern aller ihrer Abläufe. Im himmlischen Sinn ist diese Einheit schon nicht mehr ganz so deutlich, noch weniger im geistigen Sinn, und am allerschwersten ist diese Einheit im natürlichen oder Buchstabensinn zu finden, weil die Sinn-Inhalte sich immer weiter vom Kern entfernen und die ihnen eigentümlichen Abläufe als unzusammenhängende Teile erscheinen. Gott ist immer und überall der Ich Bin, er ist der gleiche im Alten und im Neuen Testament. Seine Wahrheit nimmt in beiden verschiedene Formen an, bleibt aber die gleiche. Nicht im Äußeren, sondern im Inneren und völlig im Innersten besteht die Einheit. Bei verschiedenen Menschen sind ja auch die Auswirkungen des inneren Zustands, also die Nutzwirkungen, die sie erbringen, ganz verschieden voneinander, obwohl sie aus einem gleichen oder ähnlichen Inneren stammen können. Das Göttliche ist eins und einheitlich die göttliche Liebe in der göttlichen Weisheit; nur die Ausstrahlungen sind verschieden von Sphäre zu Sphäre, die wir die Himmel, die geistige Welt, die natürliche Welt und die Höhen nennen. So spaltet sich die eine göttliche Wahrheit für das Verständnis der Menschen bei den Abläufen auf den verschiedenen Ebenen in der Weise auf, daß wir in dem uns zugänglichen Wort Gottes den inneren Sinn unterscheiden nach den Dingen, die das Reich des Herrn, seine Kirche, die Errichtung seiner Kirche, die Wiedergeburt des Menschen, und auch die dagegen wirkenden Widerstände betreffen (HG 6827). Die Wiedergeburt des Menschen im Abbild der Verherrlichung des Herrn ist im Worte Gottes das zentrale Anliegen, von dem alles abhängt und auf das alles hindeutet (HG 9389). Die Engel des dritten Himmels erkennen es am meisten, weil sie mehr als alle anderen in der Liebe zum Herrn und deshalb in der höchsten Weisheit sind und in allen Werken des Herrn sofort den innersten Sinn erfassen (OE 435). Daraus wissen sie z.B., daß jeder der zwölf Stämme Israels ein Teilstück aus der Verherrlichung des Herrn, der Neuordnung der Himmel, der Unterwerfung der Höhen, des Aufbaus der Kirche und der Wiedergeburt des Menschen personifiziert. Der innerste Sinn zeigt all diese Werke des Herrn an seinen Reden, Taten und seinem Leiden während er auf Erden war. Der innere Sinn, den die Engel des zweiten oder mittleren Himmels erfassen, entfernt sich schon von diesen innersten Kernstücken; im äußeren Sinn (der Engel im untersten Himmel) bleiben sie im Dunkel, und der natürliche Buchstabensinn enthält nur die irdischen Vorgänge ohne inneren Zusammenhalt.

Engel und Menschen können die Liebe und Wahrheit Gottes nur aus seinen Werken ermessen und angeregt, d.h. innerlich belebt werden. Der direkte Kontakt zwischen Schöpfer und Geschöpf würde das Geschöpf vernichten, so wie natürliche Organformen im Zentrum der Sonne vergehen müßten, aber in den Ausstrahlungen der Sonne zur Fülle ihres Lebens gelangen können. In den Ausstrahlungen Gottes sind seine Werke, und diese sind in seinem Wort dargestellt, um Engel und Menschen innerlich zu beleben. Das Wort Gottes kommt von oben und geht nach unten, wie die Strahlen der Sonne. Hat es unten, im natürlichen Leben des Menschen sein Werk begonnen und weitergeführt dann steigt es in ihm auf in die höheren Bereiche seines Inneren und trägt ihn, d.h. seine geistigen Organformen während der Wiedergeburt zu den Himmeln, also von unten nach oben.

Die Erfüllung des Wortes.

Auch der Herr mußte in dieser Ordnung sein größtes Werk, die Erlösung bringende Verherrlichung, von unten, in seiner menschlichen Natur beginnen und vollbringen. Er mußte wie jeder Mensch zuerst Kind sein, heranwachsen, Kenntnisse und Wissen sich aneignen und seine Vernunft ausbilden. Lukas 2, 40: „Das Knäblein wuchs und ward mächtig am Geist, erfüllt mit Weisheit, und die Gnade Gottes war auf ihm“. Das ist vorgebildet in dem Aufenthalt Abrahams in Ägypten (1. Mose 12) und in Gerar (ebenda, Kap. 20). Abraham bildet das Innerste, Isaak das Innere und Jakob das Natürliche des Herrn in seiner Inkarnation, also des Menschen Jesus, dar; und im entsprechenden Sinne beim Menschen, der in der Wiedergeburt steht, Abraham das Himmlische, Isaak das Geistige und Jakob das Natürliche. Alles was von Abraham, Isaak und Jakob berichtet wird, bezieht sich im innersten Sinn des Wortes auf den Herrn und seine Verherrlichung. Jede seiner Wesensstufen ist als Einzelperson dargestellt und konnte so dem natürlichen Verständnis angepaßt werden. Die Veränderungen der Lebensverhältnisse von Abraham, von Isaak und von Jakob zeigen die Wandlungen, den Aufstieg im Lauf der Verherrlichung des Herrn, und sie zeigen auch den Weg der Wiedergeburt vom Natürlichen ins Geistige und Himmlische.

Die 12 Söhne Jakobs (ab 1. Mose 30), nach denen die 12 Stämme Israels benannt sind, stellen vor, wie in den Menschen, in der Kirche und im Himmelreich die göttliche Liebe und Wahrheit des Wortes sich als Dinge des Glaubens, der Nächstenliebe, der Überzeugung und des tätigen Lebens verwirklichen. Deshalb tragen sie das Siegel des lebendigen Gottes: Die Knechte unseres Gottes auf ihren Stirnen besiegelt... Und ich hörte die Zahl der Besiegelten: 144000 Besiegelte aus jedem Stamme Israels (Offb. Joh. 7, 3 f.) Und deshalb waren auf den 12 Toren der Heiligen Stadt, des Neuen Jerusalem Namen geschrieben, welche sind die der 12 Stämme der Söhne Israels (ebenda 21, 12).

Diese Beispiele zeigen, wie es zu verstehen ist, daß der Herr während seines Erdenlebens „erfüllt“ hat, was im Alten Testament vorausgesagt ist, wie also im geistigen Sinn diese Voraussagen das Leben des Herrn beschreiben (HG 5620). Und er fing an mit Moses und allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was über Ihn geschrieben war... daß alles er füllt werden müßte, was in Moses Gesetz und in den Propheten und Psalmen von Mir geschrieben steht (Luk. 24, 27. 44).

Denn wenn es bei Matthäus heißt: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz und die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen (5, 17), so bedeutet das nicht, wie meist geglaubt wird, daß er durch eigenes Befolgen der Gebote den Zorn Gottes besänftigt habe und zum Mittler geworden sei, sondern es bedeutet, daß er all das, was nach dem geistigen Sinn im Alten Testament gesagt ist, in seinem Menschlichen verwirklicht hat, nämlich die Unterwerfung der Höllen, die Ordnung der Himmel, seine Verherrlichung und die Erlösung; und er hat gelehrt, daß das Wort dem geistigen Gehalt nach zu verstehen und zu leben ist. Somit verloren die vorbildenden natürlichen Entsprechungsbilder und Riten und Gebräuche der jüdischen Kirche von da ab ihren Wert als Gesetz, denn sie sollten auf Ihn hinweisen und vorbereiten.

Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllet würden (Matth. 26, 56). ... und es wird alles vollendet werden, das geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn (Luk. 18, 31). Der Herr verwies auch sonst oft auf das Alte Testament: Die Schrift zeuget von mir (Joh. 5, 39). ...auf daß die Schrift erfüllet werde (Mark. 14, 49). Da ward die Schrift erfüllt, die da sagt: Er ist unter die Übeltäter gerechnet (= Jes. 53, 12) (ebenda 15, 28). Auf daß die Schrift erfüllet würde: Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand. Meine Zunge klebt an meinem Gaumen... (Joh. 19, 24. 28; vgl. Ps. 22, 19, 16). Denn solches ist geschehen, daß die Schrift erfüllet würde: Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen (Joh. 19, 36; vgl. 2. Mose 12, 43 und 46: Dies ist die Weise, Passah zu halten: ... und sollt kein Bein an ihm zerbrechen).

Aber erst der innere Sinn der Texte des Alten Testaments enthält das göttlich Wahre dieser Vorgänge, d.h. ihre innerste Bedeutung, wie sie in den Himmeln verstanden wird. Die im Alten und Neuen Testament übereinstimmenden Vorgänge sind nur die äußere Form. Was im Natürlichen stattfand, mußte vorher in der geistigen Welt sein, aus der heraus dann die Erfüllung im Natürlichen geschah (OE 1088). Das Geistige ist stärkere, lebendigere Realität als das Natürliche. Im Natürlichen verwirklicht sich das Geistige und kommt zur Ruhe. Jedoch hat der Mensch die Freiheit, dem Antrieb nicht nachzugeben. Er ist weder vorausbestimmt (prädestiniert), noch ist seine Willensfreiheit gehemmt.

Der Herr hat das Geistige, das Göttlich-Wahre des Wortes während seines Erdenlebens bis ins Kleinste befolgt, sich ihm unterworfen; so hat er das Wort zur natürlichen Verwirklichung gebracht, er hat sich mit ihm identifiziert und ist in diesem Natürlichen das Wort geworden.

Auch zum Verrat des Judas-Ischariot heißt es: Es muß die Schrift erfüllt werden: Der mein Brot ißt, der tritt mich mit Füßen (Joh. 13, 18 = Psalm 41, 10).

Wir erinnern uns, daß das Alte Testament nicht nur den Herrn, sondern auch das seinem Wirken widerstrebende Böse und Falsche vorbildet, und zwar in Gestalten der Geschichte des jüdischen Volkes. Judas ist die Personifizierung des Widerparts zur Wiedergeburt und stellt den gefallenen Teil der menschlichen Natur dar. Es heißt nicht, Judas mußte handeln wie er tat, damit die Schrift erfüllt würde, sondern es heißt, die Schrift müsse erfüllt werden. Gott wußte, daß das Böse einen Menschen finden werde. So unterlag Judas nicht einem unabwendbaren Schicksal, sondern der eigenen Begierde, der willentlichen hartnäckigen Weigerung gegen das Göttlich-Wahre, das er im Herrn erkannt hatte.

Die Gebote im Alten und Neuen Testament.

Die Zehn Gebote waren das universale göttliche Gesetz für die menschliche Gesellschaft. Es waren keine neuen Gesetze, die für einen kleinen Volksstamm, die Nachkommen Jakobs, gegeben wurden, sondern sie waren viel früheren Zivilisationen bereits bekannt. Sie wurden den Juden in der seltsamen und mit Wundern verbundenen Weise verkündet, um deutlich zu machen, daß es nicht nur Moralgesetze für die Aufrechterhaltung der Gesellschaft in der Welt, sondern auch göttliche Gesetze für das geistige und himmlische Leben sind (WCR 282). Deshalb bestätigte sie der Herr „Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote“ (Matth. 19,17) und ersetze sie nicht durch andere, sondern hob sie lediglich auf eine höhere Ebene: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen (Matth. 5, 17).

Auch mit den Worten: Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet (Joh. 13, 34) tat er nichts hinweg, sondern zeigte lediglich, in welchem Geist die Gebote gehalten werden sollen. Auch all die Gesetze und Statuten, die den Juden nach den 10 Geboten noch gegeben wurden, sind natürliche Entsprechungen für immer gültige geistige Dinge und behalten deshalb ihre geistige Gültigkeit, auch wenn sie für die natürliche Beachtung abgeschafft sind.

Das Priestertum.

Das Priestertum des Alten Testaments ist Vorbildung des Herrn hinsichtlich seiner Erlösungstaten und war zuerst personifiziert durch Melchisedek (HG 10047). Er „war ein Priester Gottes des Höchsten“ (1. Mose 14, 18) und segnete Abraham: „Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks“ (Ps. 110, 4). Das ist die göttliche Liebe, mit der Abraham gesegnet wurde; das bedeutet: Die göttliche Liebe stattete den Herrn mit der Kraft aus, daß er die Kämpfe gegen die Höllen bestehen konnte; durch seine Siege über sie erwarb er die göttliche Allmacht, das Königtum, zur Erlösung. Das ist der innere Sinn des sonst so mysteriösen 1. Verses des gleichen 110. Psalmes:

Ein Psalm Davids: Der Herr (= die göttliche Liebe) sprach zu meinem Herrn (Jesus, die göttliche Wahrheit oder das Wort): Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Und ferner: Nach deinem Sieg... Du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedeks (ebenda, Vers 4).

Das bedeutet: nach der Verherrlichung, der Vereinigung des Sohnes mit dem Vater, der göttlichen Wahrheit mit der göttlichen Liebe in Ihm ist Er für die Menschen der ewige Priester und König, ihr Erlöser. Das Priestertum wurde dann übernommen von Aharon, seinen Söhnen und von den Leviten. Das Priestertum Aharons bezieht sich auf die Erlösung derer im himmlischen Reich, das der Söhne Aharons auf die im geistigen Reich, und das der Leviten auf die im geistig-natürlichen Reich. Auch diese Priester stellen allein den Herrn in seinen Erlösertaten dar; diese selbst sind versinnbildlicht darin, daß das Amt des Priesters in verschiedenen Verrichtungen bestand: sie legten die Schaubrote aus (= Nahrung aus den Himmeln), sie zündeten die Lampen an (= innere Erleuchtung), sie verbrannten die wohlriechenden Kräuter (tätige Liebe aus den Erkenntnissen), und im übrigen verkündeten sie das Wort Gottes und die Gesetze und legten sie aus.

In allen Vorschriften und Gebräuchen der jüdischen Kirche, ihren Opfern, Sabbathen und Feiertagen sind die Geheimnisse der Verherrlichung des Herrn vorgebildet, und deshalb auch für die Wiedergeburt des Menschen. Darauf beziehen sich seine Worte: Es muß alles erfüllet werden, was von mir geschrieben ist im Gesetz Moses, in den Propheten und in den Psalmen (Luk. 24, 44), und die Worte: Moses hat von mir geschrieben (Joh. 5, 46).

Die Opferungen bedeuten nicht das, was die christliche Kirche heute meint, den „Opfertod“ des Herrn, sondern die Reinigung vom Bösen und Falschen und die Einpflanzung des Wahren und Guten sowie deren Verbindung miteinander.

Die Ankunft des Herrn.

Die erste Prophezeiung auf die Ankunft des Herrn und seine Erlösertaten finden wir schon am Anfang der Bibel: (Jehovah sprach zur Schlange) Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Er soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm die Ferse verletzen (1. Mose 3, 15).

Der Herr ist in die Welt gekommen, als die Zeit erfüllt war. Das war, als die Menschen der jüdischen Kirche nichts mehr von Jehovah wirklich kannten. Fast überall im prophetischen Wort des Alten Testaments ist von der Zerrüttung der Kirche und vom Gericht die Rede. Das wird verstanden unter den Verwüstungen der Weinberge und Städte an folgenden Stellen: Seine (des Weinbergs) Wand soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, ... daß Disteln und Dornen darauf wachsen... Daher hat die Hölle den Schlund weit aufgesperrt, ... daß hinunterfahren beide, ihre Herrlichen und der Pöbel, ihre Reichen und Fröhlichen (Jes. 5, 5 f. 14). ... bis daß die Städte wüste werden ohne Einwohner und die Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüst liegt (ebenda 6, 11). Es haben Hirten, und deren viele, meinen Weinberg verdorben und meinen Acker zertreten; sie haben meinen schönen Acker zur Wüste gemacht, sie haben‘s öde gemacht (Jer. 12, 10).

Die bekanntesten Parallelstellen, die die Ankunft des Herrn vorher sagen und die sie bestätigen, sind: Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen nennen: Immanuel (Jes. 7, 14) ... das ist verdolmetscht: Gott mit uns. (Matth. 1, 22 f.) Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, der auf seiner Schulter das Fürstentum hat; und sein Name wird genannt: Wunderbar, Rat, Gott, Held, Vater der Ewigkeit, des Friedens Fürst (Jes. 9, 5). ... und auf Ihm ruht der Geist Jehovahs, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Macht (Jes. 11, 2). Der Geist des Herrn ist über mir. Der Herr hat mich gesalbt und mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, den Gefangenen Freiheit zu verkündigen (Jes. 61, 1). Das ist mein Knecht, den ich erwählt habe... Ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Heiden das Gericht verkünden (Matth. 12, 18). Das ist unser Gott, auf den wir harreten (Jes. 25, 9). Der Herr kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen; er wird seine Herde weiden wie ein Hirte (Jes. 40, 10). Vergleiche Matth. 3, 17. Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt (Jes. 62, 11). Vergleiche Matth. 21, 5.

So oft wurde das Kommen des Herrn vorausgesagt und immer wieder sein Name ins Gedächtnis gerufen, damit sie nicht aufhörten, ihn anzubeten, denn sonst hätte Jehovah keinen Zugang und sie keinen Weg mehr zu Jehovah gefunden.

Das Wort des Alten Testaments hat aber nicht allein das Kommen des Herrn vorausgesagt, sondern an sehr vielen Stellen das Leben des Herrn, seine Versuchungen und seine Verherrlichung beschrieben, und das Gericht über die jüdische Kirche angekündigt.

Die Versuchungen, denen sich der Herr unterzog.

Während seines ganzen Lebens auf Erden machte der Herr zwei verschiedene Seinszustände bzw. die Veränderungen von dem einen in den anderen Zustand durch. Der erste war seine Entäußerung durch Versuchungen, der zweite seine Verherrlichung oder Vereinigung mit dem Vater in Ihm. Die Versuchungen des Herrn sind im Alten Testament sehr ausführlich in den Entsprechungsformen und Entsprechungsbegriffen des Buchstabensinnes beschrieben, aber nur knapp im Neuen Testament, weil es nicht möglich ist, sie in der offenen Sprache darzulegen, denn sie fanden verborgen in seinem Innersten statt und konnten nur ihm bekannt sein (LH 12).

Die Versuchungen seit seiner Jugend sind summarisch angedeutet im Krieg der Könige gegen Abraham, der, wie schon ausgeführt, den Herrn vorbildet. Dieser Krieg nach 1. Mose 14 beschreibt die Kämpfe des jungen Jesus, als er die ersten Kenntnisse erworben hatte. Kriege bedeuten Kämpfe in den Versuchungen, die Könige sind hier das Falsche, das gegen die göttliche Wahrheit auftritt (HG 1664). Die knappe Darstellung im Neuen Testament von allen Versuchungen finden wir ziemlich zu Anfang: Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf daß er vom Teufel versucht würde (Matth. 4, 1—10). ... und war allda in der Wüste 40 Tage und ward versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm (Mark. 1, 13). Jesus war vom Geist in die Wüste geführt und 40 Tage lang vom Teufel versucht. Und er aß nichts in denselbigen Tagen, und da dieselben ein Ende nahmen, hungerte ihn... (Luk. 4, 1—13).

Der Zustand der Entäußerung des Herrn ist im Alten Testament an vielen Stellen beschrieben, bei den Propheten wie in den Psalmen: Er hilft sich selbst mit seinem Arm... und er kleidet sich mit Eifer als der seinen Widersachern vergelten und seinen Feinden mit Grimm bezahlen will (Jes. 59, 16. 18). Ich trete die Kelter allein. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt. Ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn (ebenda 63, 3. 6). Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; er hat seine Seele zum Tod entäußert. (Jes. 53, 4f., 12). Ach Herr, wie sind meiner Feinde so viel und setzen sich so viele wider mich (Psalm 3, 1). Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott (5, 3). Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (22, 2) In deine Hände befehle ich meinen Geist (31, 6). Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir (42, 2). Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe, und des Todes Furcht ist auf mich gefallen (55, 5). Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele, ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist; ich bin im tiefen Wasser, und die Flut will mich ersäufen. Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen. Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst (69).

Der Zustand der Entäußerung war der Zustand seiner Demütigung vor dem Vater; da betete er zum Vater und sagte, er tue des Vaters Willen; und alles, was er sagt und tut, schreibt er dem Vater zu (WCR 104). Der äußerste Zustand seiner Entäußerung war in Gethsemane, vor Pilatus und am Kreuz. Vorher betete er zum Vater: Vater, die Stunde ist hier, daß du deinen Sohn verklärst. Verkläre mich mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war(Joh. 17, 1. 5). Meine Seele ist betrübt bis in den Tod (Mark. 14, 34).

All das ist vorausgesagt in Jesaja 53, 12: „Er hat seine Seele zum Tod entäußert“. Eine prophetische Voraussage ist auch die Geschichte des Jonah, als er drei Tage im Bauch des großen Fisches verbrachte: Jonah war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte (2, 1). Dazu Matth. 12, 40: „Denn wie Jonah drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein.“ Und Matth. 16, 4: „Es soll kein anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jonah.“

Die stärksten und innersten Versuchungen, die der Herr durchgemacht hat, sind in 1. Mose 22 vorgebildet durch die Opferung Isaaks seitens Abrahams. Isaak stellt dasjenige im Menschen dar, was die Grenze zum Geistigen und Göttlichen bildet, also die oberste menschliche Sphäre; auch sie mußte dem Göttlichen des Herrn unterworfen werden, indem alles darin enthaltene Menschliche verdrängt wurde (HG 2776 ff.). Gott hatte dem Abraham geboten, in das Land Morija zu gehen und dort auf einem Berg seinen Sohn zu opfern. In diesem Land wurde später Jerusalem gebaut, wo der Herr den äußersten Grad der Versuchung, die Kreuzigung, erlebte.

Ähnliche Zustandsveränderungen macht der Mensch im Laufe seiner Wiedergeburt durch, denn der Herr machte sein Menschliches göttlich in einem ähnlichen Vorgang, wie er den natürlichen Menschen geistig macht (HG 933; WCR 115).

Solche Zustandsveränderungen finden in der ganzen Schöpfung statt, wie Tag und Nacht, Sommer und Winter, Saat und Ernte, Wachen und Schlafen; es sind Urphänomene alles Geschaffenen und Geschöpflichen.

Die Verherrlichung.

Nachdem der Herr diesen ersten Seinszustand der Entäußerung alles Menschlichen vollendet hatte, trat er in den zweiten Zustand, den der Verherrlichung ein. Diese Verherrlichung, die Vereinigung mit dem Vater in Ihm, war nicht selbst ein letztes Ziel, sondern sie war das Mittel zu dem letzten Ziel, nämlich der Erlösung und Seiner Verbindung mit dem einzelnen Menschen. Das ist das Endziel Seiner göttlichen Liebe, aus der die ganze Schöpfung entstand, und aus der auch die Neuschöpfung des Menschen, seine Wiedergeburt, notwendig wurde.

Die Verherrlichung ist im Alten Testament beschrieben, z.B.: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. Herrsche unter deinen Feinden. Nach deinem Sieg wird dir dein Volk williglich opfern. Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks(Ps. 110). Vergleiche dazu Matth. 22, 44, Mark. 12, 36, Luk. 20, 42, 22, 69. Der Herr ist König. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und alle Völker sehen seine Ehre (Ps. 97, 1. 6).

Und im Neuen Testament, zum Beispiel: Des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Throne seiner Herrlichkeit (Matth. 19, 28). Die Zeit ist gekommen, daß des Menschen Sohn verklärt werde. Vater, verkläre deinen Namen. Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären (Joh. 12, 23, 28). Nun ist des Menschen Sohn verklärt und Gott ist verklärt in ihm (Joh. 13, 31). Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht (Mt. 17, 2). Jesus sprach: Die Stunde ist da, Vater, daß du deinen Sohn verklärest, auf daß dich dein Sohn auch verkläre (Joh. 17, 1). Es ist vollbracht (Joh. 19, 30).

In diesem Zustand der Verklärung war der Herr auch, als er Wunder tat, und als er sagte: „Ich und der Vater sind eins; der Vater ist in mir und ich bin im Vater; alle Dinge des Vaters sind mein; ich habe Macht über alles Fleisch.“

Die Verherrlichung ist die endgültige Vereinigung, die Einheit mit dem Vater, der göttlichen Liebe mit der göttlichen Wahrheit; in dieser Einheit ist der Herr nun auch im Göttlich-Menschlichen. Hiervon gilt: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden (Mt. 28, 18).

Die Erlösung.

Aus dieser Macht in seinem Göttlich-Menschlichen hat der Herr die Höhen unterjocht und die Höhlen wie die Himmel in den Zustand Seiner Ordnung gebracht. Hierauf baut die Erlösung auf, kraft des Göttlich-Menschlichen des Herrn in der Verbindung mit seiner göttlichen Wesenheit (HG 2457, 2833). Um jeden Menschen ist die Hölle, denn er wird in Böses aller Art geboren, und ohne die Neuordnung der Höllen und der Himmel hätte niemand erlöst werden können. Das Göttliche Selbst (der Vater) ohne das Göttlich-Menschliche (der Sohn) kann nicht bis zum Menschen vordringen, nicht einmal zum Engel, seitdem die Menschheit sich völlig vom Herrn entfernt hatte. Das Alte Testament ist voll von dieser Erlösungssehnsucht, z. B.:

Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen (Ps. 44, 27).

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst (Jes. 43, 1).

Israel wird erlöst durch den Herrn, durch eine ewige Erlösung (Jes. 45, 17).

Ich bin der Herr, dein Heiland und dein Erlöser (Jes. 49, 26).

Gott, erlöse Israel aus aller seiner Not (Ps. 25, 22).

Gott wird meine Seele erlösen aus der Hölle Gewalt (Ps. 49, 16).

Er wird ihre Seele aus dem Trug und Frevel erlösen (Ps. 111, 9).

Erlöse mich auch und errette mich (Ps. 144, 11).

Die Wiedergeburt des Menschen.

Der Mensch kann nicht erlöst werden, wenn er nicht wiedergeboren wird (HG 5280). Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich (Joh. 14, 6).

Der Herr führt den Menschen zur Wiedergeburt in der gleichen Ordnung, die zu Seiner Verherrlichung führte. Die Verherrlichung des Herrn ist das Ur- und Vorbild der Wiedergeburt des Menschen; Seine Entäußerung für die Kämpfe, die der Mensch bis zur Wiedergeburt bestehen soll. Weil der Herr das alles vollbracht hat, ist Er es, der im Menschen die Kämpfe für ihn ausficht, wenn der Mensch sich Ihm völlig anvertraut und hingibt.

Das Fest der ungesäuerten Brote und das Osterfest, wurde eingerichtet, um in den Menschen wach zu erhalten, daß der Herr es ist, der sie aus der Hölle befreit hat durch Seine Versuchungskämpfe und Seine Verherrlichung.

Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du halten (2. Mose 34, 18). Wo willst du, daß wir dir das Ostermahl bereiten? (Mt. 26, 17). Das tut zu meinem Gedächtnis (Luk. 22, 19).

Vor seiner Verherrlichung war der Herr in seinem Menschlichen zwiespältig, wie wir alle es von uns aus sind; er hat die Macht der Höllen in vollem Umfang gespürt, ihnen aber nie die Möglichkeit gegeben oder gelassen, zur Auswirkung zu kommen. Ihm folgend, sollten wir, trotz der brutalen Zeit, in der wir leben, alles aufwenden, daß der Herr in uns immer mächtiger wird... Alle weltlichen Brutalitäten kommen aus der Hölle, weil so viele Menschen in sich dem Bösen ein Wirkungsfeld eröffnen. Aber die geistige Welt und die Himmel sind viel substantieller und realer; in ihnen herrscht unser Herr, und auch im Menschen kommt Er zur Herrschaft, sofern der Mensch, wenn auch nach vielen Kämpfen und nach Überwindung seiner selbst, gelernt hat, sich Ihm völlig hinzugeben.

 

Die Entwicklung vom natürlichen zum geistigen Menschen.

Der Mensch und seine Umwelt.

Wenn wir unsere Umwelt, vor allem die Menschen um uns beobachten, so sehen wir, daß die meisten nur im Strom der anderen Menschen und der Ereignisse mitschwimmen wollen, ohne nach Anfang und Ende, nach den Ursachen und Zwecken der Gegebenheiten zu fragen. Sie meinen, es habe ja doch keinen Zweck, nach Ursprung und Sinn zu forschen und man könne doch nichts ändern. Ihnen bleibt als Lebenserfüllung meist nur der Genuß.

Wer aber mit dem Fragen beginnt, sollte sich davor hüten, sich mit den klischeehaften Antworten zufrieden zu geben, die von allen Seiten angeboten werden mit Versprechungen von Glück, Zufriedenheit und Lebenserfüllung. Keine von ihnen hält, was sie verspricht.

Soll das Fragen zu etwas führen, dann darf es sich nicht mit vorgegebenen Antworten belasten. Der Mensch tritt allein in die Welt, er muß sich durchkämpfen, und allein verläßt er sie wieder.

Wie überall im Leben, so auch in der Neuen Kirche, müssen wir ausgehen von dem, was ist. Wir dürfen nicht so tun, als könnten wir uns in ein imaginäres Dasein, in ein Wolkenkuckucksheim zurückziehen, dort das Glück und die Glückseligkeit genießen. Das wäre Illusion, die sich eines Tages bitter strafen würde.

Was findet der nach Ursachen und Zwecken der Gegebenheiten und vor allem seines eigenen Lebens Fragende vor? Er findet zuerst sich selbst und die Umwelt, in die er hineingestellt ist. Er selbst und die Umwelt bleiben für ihn lange die einzigen Realitäten, die für ihn Bedeutung haben.

Was ist das, die Umwelt? Sie besteht doch nur insoweit ich Beziehung zu ihr habe und nach der Art meiner Beziehung zu ihr. Bevor solche Beziehungen entstehen, bedeutet sie nichts für mich und ich bin im Grunde allein. Von diesem Punkt der Mitte aus beginne ich mit ihr zu leben.

Wie gewinnt der Mensch überhaupt Beziehungen zu seiner Umwelt? Er nimmt aus ihr Empfindungen auf, indem er sieht und hört und tastet. Mit Hilfe dieser Sinnesempfindungen erforscht er seine Umwelt. Das geschieht so nicht nur im Kindesalter, sondern auch im Erwachsenenalter und so weiter während des ganzen Lebens. Jeder nutzt sie. Er forscht die Umwelt aus und nutzt sie soweit möglich zu seinem eigenen Vorteil. Dagegen soll nichts gesagt werden, denn hierauf baut alle Wissenschaft und Technik wie auch alles Wirtschaftliche auf. Sie dienen ihm zur notwendigen Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse und zur Erleichterung seines Lebens.

Mit all den Dingen, die außerhalb von ihm sind und ihn umgeben verbinden ihn seine fünf Sinne. Das Auge sieht die Formen und Farben, das Ohr vernimmt die Töne und sonstigen Geräusche, die Haut tastet nach hart und weich, eben und uneben usw., die Zunge schmeckt die Unterschiede in Flüssigkeiten und Festem, die Nase riecht die Unterschiede in der Luft. Alle Sinnesorgane nehmen Eindrücke auf und leiten sie durch Nervenstränge ins Gehirn weiter. Dadurch bildet sich sein inneres Sensorium mit der Vorstellungswelt und dem Gedächtnis. Alle Bilder dieser Vorstellungswelt und der ganze Inhalt seines Gedächtnisses stehen seinem Denken und Nachdenken zur Verfügung. Es vollzieht sich in der sogenannten Verbundstufe.

Der natürliche Mensch besteht also aus dem Körper mit seinen Sinnesorganen, (d.h. dem äußeren Sensorium) den Bewegungsorganen und seiner Vorstellungswelt mit dem Gedächtnis, d.h. dem inneren Sensorium, und der Verbundstufe, die ihn zum Denken und Nachdenken befähigt. Diese verschiedenen menschlichen Stufen hängen engstens miteinander zusammen und hängen voneinander ab. Man könnte sagen, sie bilden ein geschlossenes System, und man könnte meinen, das Leben auf diesen Stufen und von einer zur anderen Stufe mache das ganze menschliche Leben aus.

Das ist tatsächlich die Vorstellung zahlloser Menschen; das ist die Anschauung der Materialisten, die naturalistisch-materialistische Weltanschauung. Sie geht nur von den materiellen Gegebenheiten der Umwelt aus, ihrem Zusammenhang mit dem Menschen und ihrem Einwirken auf sie.

Die Naturalisten und Materialisten leugnen das Vorhandensein weiterer Lebensebenen und ihrer Kräfte, vor allem die Existenz einer geistigen Welt oder geistiger Welten, von Himmeln und Höllen, und letzten Endes die Existenz Gottes, vor allem und ganz einfach weil sie all das nicht mit ihren Händen greifen und auch nicht mit den übrigen Sinnen erfassen können.

Nun ist es für einen normalen Menschen aber gar nicht schwer, sich über solche naturalistisch-materialistische, also atheistische Anschauungen zu erheben. Er muß dazu keineswegs mit geschlossenen Augen einen gewagten Schritt ins Dunkle, Ungewisse oder gar Mystische tun, sondern er braucht dazu nur seine Vernunft.

Sofern seine Vernunft nicht verdorben, nicht blind geworden ist, kann er leicht folgende Überlegung anstellen: Die Natur unterliegt und gehorcht unabänderlichen mathematischen, geometrischen und sonstigen Gesetzen; das ist besonders deutlich in den astronomischen Vorgängen und den aus ihnen ablesbaren Gesetzen. Die Sterne und der ganze Kosmos bewegen sich nach Gesetzen, die ihnen eingegeben sind. Wohl kann der Mensch diese Gesetze durch Beobachtungen und Berechnungen erfassen, und er hat sie - oder wenigstens einen Teil von ihnen - erfaßt, und er benutzt diese Kenntnisse zu seinen weiteren Forschungen. Heißt das aber, er, der Mensch habe diese Gesetze gemacht? Das heißt es doch keineswegs! Diese Gesetze haben bestanden und der Kosmos bewegte sich nach ihnen, ehe es Menschen gab. Das gilt nicht nur für den Makrokosmos, sondern auch für den natürlichen Teil des Mikrokosmos Mensch. Oder könnte der Mensch sich selbst erschaffen haben und außerhalb der natürlichen Gesetze leben?

Die Naturgesetze, aber auch die Erhabenheit und Schönheit der Natur sind so übermenschlich groß und weisen hinauf in die Richtung zum Göttlichen. Erhabenheit und Schönheit sind allerdings schon Begriffe, die nicht mehr zur Natur selbst gehören, sondern sie gelten nur für diejenigen, die ein Empfinden dafür haben. Empfinden liegt außerhalb der mathematisch-geometrischen Naturgesetze.

Die Naturgesetze hat der Mensch nicht geschaffen, das gleiche gilt für alle einzelnen physikalischen und chemischen Gesetze. Sie sind nicht menschliches Machwerk, sie sind gegeben. Sie entstammen einer transzendenten, einer geistigen Welt. Es gibt keine Materie ohne das Gesetz, dem sie folgt, also ohne dieses geistige Element. Und ohne geistige Welt gibt es auch kein Empfinden für die Erhabenheit und Schönheit der Natur, von Harmonien der Farben und Töne. Max Planck wußte das, er schrieb:

‘Wir waren ausgegangen von einer einzelnen Fachwissenschaft und sind durch Fragen rein physikalischer Art hinausgeführt worden über Sinnenwelt in die reale metaphysische Welt, die uns wegen der Unmöglichkeit, sie direkt zu erkennen, als etwas Geheimnisvolles und unbegrenzt Erhabenes entgegentritt, während sie doch wieder bei unserem Versuch, sie abzubilden, innere Harmonie und Schönheit ahnen lässt. Die vollkommenste Harmonie und damit die strengste Kausalität gipfelt in der Annahme eines idealen Geistes, der sowohl das Walten der Seelenkräfte als auch die Vorgänge im Geistesleben der Menschen bis ins einzelne und kleinste in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft durchschaut und lenkt.‘

Wir haben gesagt, der Mensch findet zuerst nur sich selbst und seine Umwelt vor, in die er hineingestellt ist und die er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Er selbst und seine Umwelt bleiben ihm lange die einzigen Realitäten, die für ihn Bedeutung haben. Nun haben wir gesehen, daß etwas Drittes dazukommt: die Welt der Transzendenz. Aus ihr stammen die Naturgesetze, die das Verhalten der Natur bestimmen; aus ihr stammt aber auch der menschliche Geist, der die Wirkungen der Naturgesetze beobachtet und daraus Erkenntnisse schöpft, der aber auch fähig ist zu den Empfindungen von Erhabenheit und Schönheit dessen, was er erkennt, der sich also in liebende Beziehung zum Erkannten setzen kann.

Die Welt der Transzendenz, die alles - Erkenntnisse, Empfinden und liebende Beziehungen - macht, besitzt offenbar Intelligenz, Weisheit, Empfinden und Liebe in einem über alle Natur und über alles Menschliche hinausgehenden unausschöpflichen Mass. In die Natur, einschließlich des natürlichen Teils des Menschen, wirkt sie nach den unabänderlichen Gesetzmäßigkeiten; in den anderen Teil des Menschen, in dem seine Erkenntnisse und Empfindungen beheimatet sind, wirkt sie in der Freiheit des Geistes, denn dieser andere Teil des Menschen ist der innere oder geistige Mensch. Der Mensch gehört nicht nur zur Welt der Natur, er gehört auch zur Welt des Geistes, die mehr ist als was Sinne wahrnehmen und der Verstand erschließen kann. Er ist gewissermaßen in den Geist eingetaucht.

Der Urgrund, aus dem alles Sein floß, ist der Geist, ist GOTT, von dem es heißt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Die Betrachtung des organischen Menschen haben wir bisher eingeschränkt auf die Fähigkeit seiner Sinneswahrnehmung, auf seine Vorstellungswelt und auf sein Gedächtnis und sein Denken. Diese Fähigkeit und die ihnen dienenden Organe - von den Sinneswerkzeugen über die Nervstränge bis zu den Hirnzellen - gehören dem natürlichen Menschen und seiner natürlichen Sphäre zu. Da er aber nicht nur zur natürlichen sondern auch zur geistigen Welt gehört, und das Geistige sich im Natürlichen ausdrückt, muß auch ein Organ in ihm vorhanden sein, das die Dinge der geistigen Welt aufnimmt und weiterleitet. Dieses geistige Organ ist seine SEELE. Sie nimmt aus der geistigen Welt auf und leitet in die Verbundstufe weiter, also gewissermaßen nach unten. Da andererseits die Sinnes- und Bewußtseinsvorgänge aus der natürlichen Sphäre der Welt bis zu dieser Verbundstufe aufsteigen, findet auf dieser Stufe die Verbindung mit dem Einfließen aus der Seele statt. Diese Zwischen- oder Mittelebene ist somit die Verbundebene; hier ist der Treffpunkt von oben und unten. Das Leben auf dieser Stufe ist also angefüllt mit allem Wollen und allen Wahrnehmungen. die einerseits von oben, d.h. von der geistig- himmlischen Stufe der Seele, andererseits von unten, von der natürlichen Stufe kommen. Hier ist der Treffpunkt aller Lebensprinzipien, es seien Tugenden oder Laster. Auf dieser Stufe hat der Mensch seine Vernunft, beide zu erkennen, zwischen beiden zu entscheiden. Deshalb ist dies die Vernunftstufe, die eigentlich menschliche Stufe, nämlich die Stufe des Denkens, des Urteilens, des freien Entscheidens. Hier ist das Feld des Kampfes zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle, hier verbindet sich das Geistige mit dem Natürlichen. Hier werden die eigentlich menschlichen Entscheidungen im freien Entschluß getroffen. Und von hier fließt aus, was der Mensch als Ergebnis seiner Entscheidungen tut. Hier spielt sich das eigentliche mentale Dasein, die Psyche, des Menschen ab. Hier ist die echte MENS HUMANA. Bis zu ihr hinauf reicht das Bewußtsein des Menschen.

Der Mensch ist eine Seele und hat einen Körper. Alle Zwischenstufen ergeben sich aus der Seele und haben teil an ihr und am Körper. Der Körper stellt die Organe zur Verfügung, damit die verschiedenen Lebenspotenzen zur Wirkung kommen.

So ist das menschliche Dasein unendlich vielfältig, ein dauerndes Hin und Her, ein Auf und Ab zwischen der Seele und dem Körper, beglückend reich, wenn es mehr aus der Seele lebt; einsam, ärmlich und trostlos, wenn es sich auf den Körper und seine Sinne beschränken will.

Der Mensch ist dazu erschaffen, daß er sein Bewußtsein und seine Vernunft verbinde mit dem Wesen seiner Seele, daß er sein natürliches Leben verbinde mit der höheren Quelle des Lebens. Wirkliche Freude auf Erden ist nur da, wo die Dinge, Aufgaben und Betätigungen in dieser Welt verbunden werden mit dem Bewußtsein von Gott und der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Der Mensch empfindet echte Lebensfreude also nur dann, wenn er mit dem Urgrund aller Dinge verbunden ist, so daß sein Leben zurückstrahlt zu ihm, seinem Schöpfer, seinem Herrn und Gott.

Der Mensch: ein lebendiger Mikrokosmos. Das geistige Leben im Menschen.

Wenn wir im ersten Teil gesagt haben, der fragende Mensch findet zuerst nur sich selbst und seine Umwelt, die er mit seinen Sinnen wahrnimmt, und er selbst und seine Sinne bleiben ihm lange die einzigen Realitäten, die für ihn Bedeutung haben, so haben wir im Lauf unserer Darlegungen aber auch gezeigt, daß der Mensch ein vielschichtiges Lebewesen ist. Er hat teil an der natürlichen und hat teil an der geistigen WELT. Beide stellen sich ihm auf verschiedenen Ebenen seiner menschlichen Struktur dar. Diese Struktur reicht vom untersten Natürlichen bis zum obersten Geistigen und Himmlischen, umfaßt also die ganze Skala natürlicher und geistiger Strukturen. Das ist so kraft Schöpfung und seit der Schöpfung. Der Mensch ist Bild und Abbild alles Natürlichen und alles Geistigen, er ist ein kleines Universum, ein Mikrokosmos.

Es kann deshalb unpassend erscheinen, wenn gesagt wurde, der Mensch finde zuerst nur seine Umwelt und sich selbst, so als ob er darin hoffnungslos verloren wäre. Wenn er den in die Schöpfung gelegten natürlichen und geistigen Gesetzen folgt, dann füllt sein kleines Universum sich mit Leben in einem Ausmaß und einer Fülle, die weit über das Maß seines eigenen Bewußtseins hinausgehen. Er hat es wirklich nicht nötig, sich allein und einsam zu fühlen, denn er ist von Anfang an nicht auf sich allein gestellt, sondern von Geburt an besteht ein universaler Einfluß von Gott in seine Seele, daß es einen Gott gibt und daß Er Einer ist. Und dazu hat Gott noch mit einem Bestand an Vertrauen, Zuneigung, Zärtlichkeit beschenkt, die sich im Verhalten zu seinen Eltern und später zu Freunden und Mitmenschen zeigen. Das ist sein Startkapital fürs geistige Leben. Diese Gaben sind ihm zwar unbewußt, führen ihn aber dazu ein, daß er während seiner irdischen begrenzten Zeit und seiner nachirdischen Ewigkeit das von Gott einfließende Leben aufnehmen und empfinden kann als wäre es sein eigenes. Und so kann ihm die Wesensart Gottes als göttliche Liebe und Weisheit, also als Göttlich-Menschliches menschlich bewußt werden. Jedoch kann er das Unendliche und Ewige, also das Wesen Gottes an sich, nicht erfassen, weder als Mensch noch dann als Engel.

In den ihm verliehenen Gaben ist Gott aber immer beim Menschen und bleibt bei ihm. Wer diese Gaben in sich wirken und wachsen lässt, der hat den Zugang zum geistigen Leben gefunden; er braucht keine mühsam und illusorisch aufgebauten Beweise. Auf seinem Lebensweg vertieft es sich durch menschliche Erfahrung, die in seinem Inneren geschieht, unabhängig, ja gewissermaßen antithetisch zu den natürlichen Erscheinungen und ihren ursächlichen Aufeinanderfolgen. Sein geistiges Leben wächst und vertieft sich aber vor allem aus dem Wort Gottes, das ihm Gott und die geistigen Ursachen und Wirkungen geistiger Dinge offenbart; im Buchstabensinn des Wortes sind sie durch ihre natürlichen Entsprechungen dargestellt.

Gott und seine Eigenschaften der Liebe und Weisheit oder sein göttliches Menschsein können nicht anders bekannt sein als aus OFFENBARUNG, d.h. aus dem Wort. Im menschlichen Inneren findet das Wort Gottes Echo, Widerklang, der zu den geistigen Erkenntnissen führt, die ihrerseits ihn mit Liebe zum himmlischen Leben und zu Gott dem Vater erfüllen, der die Quelle alles Lebens ist. Das Wort Gottes zeigt auch, das ein durchgehender Zweck in der Schöpfung vorhanden ist. Er spiegelt sich in der allem Geschöpflichen gegebenen Ordnung und in den organischen Formen. Das Ziel, für das die Schöpfung bewirkt wurde und da ist, ist ein Himmel aus dem Menschengeschlecht, ein Himmel unsterblicher Geister. Sie sind unsterblich, weil sie Verbindung mit Gott haben. Verbindung mit Gott heißt nicht ein Aufschlucken, ein Eingehen der Seele ins Unendliche, ihre Auflösung in der Vereinigung mit Gott, denn das würde den Zweck der Schöpfung zunichte machen. Je mehr ein Mensch mit dem Herrn verbunden ist, umso deutlicher fühlt er seine Individualität, seine Freiheit und die ihm eigene Nützlichkeit. Jeder Mensch ist geschaffen und geboren nicht um seiner selbst willen oder um allein zu sein, sondern zu einem Nutzen an einem vorgesehenen Platz im Großen Menschen der himmlischen Nutzwirkungen. Sein Leben auf Erden befestigt in ihm eine herrschende Liebe, welche ihn auf seinen Platz im Himmel führt oder, falls er sich nicht in die himmlischen Nutzleistungen einfügt, auf einen Platz in der Hölle. Liebe ist das Leben des Menschen.

Die Erde ist die Pflanzschule des Himmelreichs.

Wir haben schon davon gesprochen, daß in der Schöpfung ein durchgehender Zweck vorhanden ist. Dieser Zweck ist für die Sinneserfahrung des Menschen allerdings nicht greifbar, er ist für Augen und Ohren und Hände nicht faßbar. Weil moderne Menschen nur an das glauben, was die Sinne ihnen vermitteln, sehen sie den Menschen nur als physischen Organismus ohne Sinn und Zweck, und auch die ganze Schöpfung ist für sie nur ein Apparat, der so abläuft wie er es tut, weil er nun einmal so angefangen hat und nicht mehr gestoppt werden kann.

Zur Schöpfung gehört auch der Mensch. Rein biologisch gesehen, also vom Körperbau und den Körperfunktionen her, unterscheidet er sich wenig vom Tier, aber daraus braucht doch noch lange nicht der Schluß gezogen zu werden, der Mensch sei nichts anderes als ein Tier! Tiefer blickende Vergleiche überzeugen rasch vom Gegenteil. Was das Tier nicht besitzt und was den Menschen deshalb über das Tier erhebt, ist auch seine Fähigkeit, über das materielle Vorhanden sein der Dinge hinaus aus ihrem Zusammenspiel und Zusammenwirken die Überzeugung von Zusammenhängen zu gewinnen, die einem Sinn und Zweck dienen. Dieses Vernunftdenken besitzt das Tier nicht, es handelt nur nach Instinkten, die auf Nahrungssuche, Fortpflanzung, Schutz und Verteidigung vor Feinden und ähnliche, nur das körperliche Dasein betreffende Betätigungen beschränkt sind. Nur das sind seine Antriebe oder Motivationen, um diesen modernen Ausdruck zu gebrauchen. Im Menschen liegen aber von Geburt an die Neigung, der Wille, das Verlangen, sein Denken und seine Empfindungen auf höhere Dinge zu richten, als nur das nackte körperliche Dasein. Das hängt damit zusammen, daß ein universaler Einfluß von Gott in seine Seele besteht, daß es einen Gott gibt und daß Er einer ist. Dieser Einfluß öffnet in seiner Organstruktur den Weg zu den geistigen Welten ist anfänglich nur eine Möglichkeit, er muß durch Ausbildung und innere Erfahrungen auf diesem Weg weiter geführt werden zu den über der Materie und dem Körper liegenden Dingen der Transzendenz, d. h. zu den Kenntnissen und dem Verstehen von den geistigen Wirkungen, Ursachen und Zwecken.

So sieht er, daß die Vorstellung von einer Schöpfung ohne Schöpfer sinnlos ist, und er sieht, daß sie von dem erhabenen Schöpfer einen Zweck haben muß und daß alles Geschaffene zu diesem Zweck hinstrebt. Dieser Zweck ist der Mensch; er ist aber nicht Selbstzweck. Mit ihm ist ein höheres Ziel verbunden, nämlich das Himmelreich aus dem Menschengeschlecht. Die Erde ist die Pflanzschule für das Himmelreich.

Was geht in dieser Pflanzschule alles vor sich, was auf das Himmelreich abzielt? Woraus besteht dieses Himmelreich, und was macht es eigentlich dazu, Himmelreich zu sein?

Wenn wir mit unserem natürlichen Verstehen betrachten und beurteilen, was auf der Welt vorgeht, so sehen wir wenig oder nicht, was zum Himmelreich führen könnte. Ich will hier kein Bild malen von den Zuständen auf der Erde, Sie wissen das alles so genau oder ungenau wie ich, würden wir uns bei unseren Fragen nur mit den Zuständen auf der Erde beschäftigen und dabei verweilen, so würden wir einen völlig falschen Weg gehen, der uns nie ans Ziel führt. Wir dürfen aber auch nicht meinen, an den allerdings alles andere als erfreulichen weltlichen Ereignissen, z.B. Katastrophen, Atomgefahren, Umweltschmutzung, Kriegen usw. wie an einem Zifferblatt einer Uhr ablesen zu können, es sei fünf Minuten vor zwölf, also wir stünden ganz knapp vor dem Weltuntergang, dem das letzte Gericht und das Reich Gottes folgt. Nein, mit solchen Gedanken dürfen wir nicht daran gehen, etwas vom Reich Gottes und dem Himmel verstehen zu wollen.

Die Erde ist die Pflanzschule für das Himmelreichs heißt nicht, daß die Erde und das ganze Universum, von dem sie ein Teil ist, nach großen Umwälzungen übergeht ins Himmelreich oder daß das Reich Gottes auf ihrem Boden entsteht. Zwar scheinen viele Stellen im Alten und im Neuen Testament vom Weltuntergang als der Voraussetzung für das Entstehen des Gottesreichs zu handeln, und die verschiedenen Kirchen und Sekten in der Christenheit verstehen diese Stellen nicht anders, aber dennoch besagen diese Stellen etwas völlig anderes, wenn sie richtig verstanden werden. Sie beschreiben nämlich nicht Vorgänge im Weltgeschehen, sondern in der geistigen Welt und im Menschen, in seinem Inneren. Nicht der äußere oder Buchstabensinn der heiligen Schrift bringt uns ihre Wahrheit nahe, sondern nur ihr innerer Sinn, der geistige Sinn, der vom geistigen Reich des Herrn und von Seinem Himmelreich handelt, also von dem, was auch in des Menschen innerem vorgeht. Nur das Äußere des Menschen gehört der natürlichen Welt zu, sein Inneres gehört zur geistigen Welt. Beide entsprechen einander, und so sind die weltlichen Aussagen der Heiligen Schrift Entsprechungen des Geistigen und des inneren Leben der Menschen, nicht ihres natürlichen Lebens.

‚Die Erde ist die Pflanzschule des Himmelreichs.’ Was ist hiermit im geistigen oder inneren Sinn ausgesagt? Der Mensch wird auf der Erde geboren, um während seines irdischen Daseins durch Belehrung vor allem aus dem geoffenbarten göttlichen Wort und durch Lebenserfahrung sein Inneres auszubilden und auszureifen. Hat er dies erreicht, dann geht beim Absterben des Körpers seine innere Geistesgestalt in das geistige Reich über und lebt dort für immer.

Die von Gott geschaffene Erde hat also den letzen Zweck, daß der Mensch sich auf ihr geistig ausbilden und zu einem möglichst hohen Grad geistig ausreifen kann, auf das Ziel hin, daß die so Ausgereiften das Himmelreich ausmachen. Zweck und Ziel der Erdenschöpfung ist also, Menschen zu bilden, die zu Bewohnern des Himmelreich heranreifen. In diesem Sinn ist die Erde die Pflanzschule für das Himmelreich. Der innerlich aufgeschlossene Mensch sieht und erkennt diese göttlichen Absichten und stellt sich bewußt in diesen Entwicklungsstrom. Die göttliche Liebe und die göttliche Weisheit sind die innersten Antriebe für alles Geschehen.

In dem wundervollen Werk Swedenborgs ‚Himmel und Hölle’ heißt es (Nr. 435):

Der Mensch hat, was die Tiere nicht haben, ein Innerstes, in welches das Göttliche einfließt, es zu sich erhebt und dadurch mit sich verbindet. Infolgedessen kann der Mensch über Gott und über die göttlichen Dinge, welche die des Himmels und der Kirche sind, denken und Gott aus diesen und in ihnen lieben und so mit ihm verbunden werden. Was mit dem Göttlichen verbunden werden kann, das kann nicht zerfallen.

Es mußten Menschen da sein, daß aus ihnen das Himmelreich aufgebaut werden konnte, und es müssen immer wieder Menschen sein, daß es weiter gebaut und vervollkommnet werden kann.

Was der Mensch liebt, das belebt und erfreut ihn; wie seine Liebe geartet ist, so ist sein Leben geartet. Ist es Liebe zu Gott, so lebt er im Reich Gottes und im Himmelreich und erfreut sich all der göttlichen Gaben der Weisheit aus der Liebe. Wer nichts davon erfahren hat, mag denken, das sind abstrakte Dinge, für die es nicht lohnt, sich anzustrengen. Der so denkt, erfährt nichts vom vollkommenen Leben und seinem Glück, sondern bleibt in den Niederungen des Daseins mit all seiner Last und Qual. Ein Leben zu Gott in nützlicher Liebtätigkeit und dem sich daraus ergebenden Glücksempfinden und hellen Bewußtsein ... oder ein dumpfes Leben in Angst und Verzweiflung, das sind die nicht abstrakten, sondern durchaus konkreten Alternativen. Es ist etwas daran, sich dem Himmel zuzuwenden! Unser irdisches Leben gibt uns ausreichend Gelegenheit dazu.

Die Erde ist die Pflanzschule für das Himmelsreich. So haben wir Sinn und Zweck der Schöpfung und das Ziel des menschlichen Lebens auf ihr dargestellt. Die Erde ist der Pflanzboden, das Himmelreich ist das Ziel des Menschenlebens. In vielen Gleichnissen sprach Jesus von Pflanzen und ihrer Entwicklung. Wer die Entsprechungen kennt, weiß diese Gleichnisse richtig auf den Menschen und seine Entwicklung anzuwenden. Die Entsprechungen führen in tiefe Erkenntnis über das geistige Leben, sie sind aber nicht einfach Vergleiche zwischen Pflanze und Mensch. Würden wir sie nur als Vergleiche ansehen, so würden wir uns bald in unlösbare Widersprüche verfangen.

Wir gehen weiter davon aus, daß die Erde die unerläßliche Grundlage für die Entwicklung jedes Menschen ist. Wir halten uns nicht mit der Entwicklung des natürlichen Menschen auf, seines natürlichen Teils, denn das ist Sache der Biologie und Anthropologie: wir betrachten den geistigen Teil des Menschen, der sich innerhalb seines natürlichen Teils wie auf einem Pflanzboden entwickelt! Auch dem Geistigen ist wie einem Samen eine Potenz eingegeben: Es besteht ein universaler Einfluß von Gott in die menschliche Seele, daß es einen Gott gibt und daß er Einer ist. Und dazu hat Gott jedem Menschen von Geburt an noch mit einem Bestand an Vertrauen, Zuneigung und Zärtlichkeit beschenkt; das zeigt sich im Verhalten zu seinen Eltern und später zu Freunden und Mitmenschen. Diese Gaben sind ihm unbewußt, führen ihn aber dazu ein, daß er während seines ganzen Lebens das von Gott einfließende Leben aufnehmen kann, sofern er sich weiter dafür offen hält und es nicht verdrängt. Diese eingegebene Potenz, diese Vorleistung des Herrn, dieses Startkapital, das den Menschen zum geistigen Leben befähigt, ist in dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden deutlich gemacht. (Mat. 25 Verse 14-30). Von vielen wurde dieses Gleichnis verworfen als echt jüdische Krämer- und Wucherermentalität. Damit hat es aber wirklich nichts zu tun. Oder ist es vielleicht einem Samenkorn zu verübeln, daß es aus dem es umgebenden Erdreich Nahrung und aus dem Sonnenschein Licht und Wärme an sich zieht, um zu wachsen und Frucht zu bringen? Wie töricht wäre ein solcher Gedanke! Auch im geistigen Leben muß der Mensch geistige Nahrung ansammeln und sich assimilieren, damit es wachse und geistige Frucht des Verstehens geistiger Dinge und der Nutzleistungen aus Liebe zum Herrn und zum Nächsten erbringe.

Zwar bekommt im Gleichnis der eine Knecht fünf, der andere zwei und der Dritte nur ein Pfund. Zahlen bezeichnen im Wort Gottes nicht Quantitäten sondern Qualitäten, und in diesem Gleichnis bezeichnen die Pfunde die von Gott gegebene Fähigkeit, aus dem Guten und Wahren zu leben, und wie er sie während seines irdischen Daseins genutzt hat. Im anderen Leben werden die Maße offenbar, d.h. die Qualität seiner Liebe und seines Verstehens.

Zwar gibt der Herr das Leben, vor allem das geistige Leben, aber der Mensch muß es leben wie aus sich selbst. Er muß alle in seinem Natürlichen liegenden Hemmnisse und Widerstände gegen das geistige Leben wie aus eigener Kraft beseitigen, um dem geistigen Leben zum Durchbruch zu verhelfen, damit es sich stärkt und viel Frucht bringe. Das steckt in dem Auftrag an die Knechte, mit ihrem Startkapital zu wuchern. Der erste und der zweite Knecht haben adaequate Nutzleistungen erbracht. Der letzte Knecht hat sein eines Pfund in die Erde vergraben, er hat seine geistigen Anlagen ins Natürliche versenkt und unfruchtbar gemacht, er kann seinem Herrn keinen geistigen Gewinn vorweisen. Bei der Abrechnung über sein Leben zeigt es sich, daß er nichts erbracht hat; er kann nicht in das Himmelreich kommen, weil sein innerer Zustand nicht dem himmlischen Dasein entspricht.

Vom natürlichen zum geistigen Leben.

Aber noch in einer anderen Betrachtungsweise ist die Erde Pflanzschule des Himmelreichs, und da greifen wir zurück auf den Aufbau des Menschen, seine verschiedenen Organe und deren Funktionen, angefangen mit den Sinneswerkzeugen, also Auge, Ohr usw. Die durch sie vermittelten Sinneseindrücke des Sehens, Hörens usw. bewirken Bewegungen und Veränderungen in den Hirnzellen, und diese wiederum machen das Gedächtnis und die Vorstellungswelt. Dem Denken stehen die Vorstellungswelt und das Gedächtnis als Material zur Verfügung. Alles bis hierher gehört dem natürlichen Lebensbereich des Menschen an. In ihm kann er nahezu unendlich viele Kenntnisse ansammeln und aufstauen.

Wir fragen: Ist das aber der einzige Zweck des überaus vollendeten Aufbaus des natürlichen Organbereiches des Menschen? Dient er nur zur Bewältigung des natürlichen Lebens innerhalb der Umwelt, in der er sich befindet? NEIN! Sondern dem Menschen sind noch andere Aufgaben und Ziele gestellt, nämlich der Aufbau seines geistigen Lebens.

So ist nun die Frage: Wie kann er während seines natürlichen Lebens das geistige Leben bauen? Diese Entscheidung über sein Leben trifft der Mensch selbst in eigener Zuständigkeit und eigener Verantwortung. Hier ist er am wirklich entscheidenden Punkt angekommen, am Kreuzweg seines Lebens, und er muß sich entscheiden: Will er nur im natürlichen Lebensbereich bleiben und nur natürliche Ziele und Zwecke verfolgen, z.B. die Liebe zu sich selbst in Form von Selbstgefühl, Wohlbefinden, Erhabenheit über andere oder die Liebe zur Welt in Form von Reichtum, Würde, Macht, Geltung und vieles andere oder aber will er die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten vorwiegend im Dienste für andere und vor allem für das geistige Leben und den Aufbau des Himmelreichs im Dienste des Herrn und aus Liebe zu Ihm einsetzen und verwenden? Über das natürliche Leben und seine häufigsten Triebkräfte, Selbstliebe und Weltliebe, zu reden, können wir uns ersparen. Jeder von uns hat genügend Lebenserfahrung.

Wir dürfen nicht übersehen, daß auch für seinen Weg zum Himmelreich natürliches Leben und die mittels seiner Sinne und mentalen Organe erworbenen Kenntnisse die Voraussetzung sind. Auch in diesem Sinn ist die Erde Pflanzschule des Himmelreichs. Dieses natürliche Leben muß zu einer gewissen Reife gelangt sein, ehe es sich in der einen oder anderen Richtung - zum nur natürlichen Leben oder zum geistigen Leben - entscheidet. Diesen zweiten Weg zu gehen, dazu helfen ihm der in seine Seele wirkende universelle Einfluß, daß es einen Gott gibt und daß er Einer ist, und außerdem helfen die ihm von Geburt geschenkte Fähigkeit des Vertrauens, der Zuneigung, der Zärtlichkeit. So ist sein Inneres schon seit seiner Geburt auf das Geistige und Himmlische angelegt zu dem einzigen Zweck, ihn auf dem Weg zur inneren Vervollkommnung zu führen.

Der Weg vom Natürlichen zum Geistigen.

Wie aber verläuft der Weg aus dem Natürlichen ins Geistige, aus dem Natürlich-Wahren, das ihn umgibt und sein Denken erfüllt, ins Geistig-Wahre, das er nicht sieht und nicht erkennt? Hiermit ist nicht gemeint, wie er nach dem Ablegen des irdischen Körpers ein Geist wird oder in den Himmel kommt, sondern es ist gemeint, wie während seines irdischen Daseins sein Inneres, das schon seit seiner Geburt auf das Geistige und Himmlische angelegt ist, mit Geistigem und Himmlischen belebt wird, so daß er nach dem Ablegen des Körpers in die geistige und himmlische Welt wie in sein Eigenes eintritt.

Alle seine natürlichen, geistigen und himmlischen Potenzen sind schöpfungshalber gegeben und in ihm zu dem einzigen Zweck hinein gelegt, ihn auf den Weg zur inneren Vervollkommnung zu führen. Es scheint nur, daß der Mensch sich selbst führt, sondern der Herr führt ihn, denn Wille und Verstehen ist vom Herrn in ihn gelegt.

Der Mensch ist das Gegenüber, damit er den Herrn liebe wie der Herr ihn liebt, und den Nächsten wie sich selbst, und daß er an den Herrn glaubt wie aus sich selbst. Ohne dieses Reziprok wäre der Mensch wie ein Automat, in welchem der Herr nicht sein kann. Der Herr hat vorgesehen, daß im Menschen die Liebe und Weisheit, die von Ihm ausgehen, immer mehr aufgenommen werden, wenn er erwachsen und alt wird.

Wille und Verstand werden Aufnahmegefäße genannt, weil der Wille nicht etwas abstraktes Geistiges, sondern substantiell Gegenständliches ist, das geformt ist für die Aufnahme der Liebe, die vom Herrn ausgeht. Auch das Verstehen ist nicht etwas abstrakt Geistiges, sondern substantiell Gegenständliches, das geformt ist für die Aufnahme der Weisheit, die vom Herrn ausgeht. Liebe und Weisheit bestehen aktualiter, sie sind innerhalb in den Substanzen, die den Cortex im Gehirn ausmachen, und da und dort in der medullaren Substanz des Kleingehirns und als Kern des Rückenmarks. Wille und Verstand sind dort Aufnahmegefäße; sie sind Anfang und Prinzip aller Fibern des Körpers, aus denen alle Sinnes- und Bewegungsorgane gebildet sind.

Wie verläuft dieser Weg?

Die ihm gegebenen Anlagen und Fähigkeiten muß der Mensch nacheinander ausbilden und beleben, und zwar beginnend von unten, vom Natürlichen her, durch Wissen aller Art und Kenntnisse verschiedener Gattung. Das zuerst erworbene einfache Wissen dient dazu, sich weiteres zusammenhängendes Wissen anzueignen und Kenntnisse zu sammeln, die er im Gedächtnis aufbewahrt. Dann nimmt er die Grundsätze des zivilen und moralischen Lebens und die Lehrsätze des religiösen Lebens in sich auf. Das alles bleibt vorerst nur aufgestautes Gedächtniswissen, das noch nicht innerlich belebt. Erst wenn er zu dem oder jenem Wissen Neigung empfindet, wird sein inneres belebt. Die aus den natürlichen Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse sind aber noch verkrampft mit den Begriffen von Raum und Zeit und sind behaftet mit Sinnestäuschungen, die natürliche Lüste und Begierden anregen, und haben noch sehr viel Falsches an sich, falsche weltanschauliche, wissenschaftliche und moralische Lehren. Diese Kenntnisse von solcher Umkleidung zu befreien und zu reinigen, um sie im Inneren anzusiedeln, wo die Kategorien von Wahrem und Gutem und nicht von Raum und Zeit gelten, ist sehr schwierig, vor allem solange er nur vom Natürlichen aus über geistige Werte urteilt und vernünftelt und nicht kraft des Einflusses aus der geistigen Welt und letzen Endes von Gott sein Denken und Wollen lenken läßt, um die geistigen Werte zu erkennen und in sich aufzunehmen. Hierin liegt die seiner Verbundstufe zugeordnete Freiheit der Entscheidung, denn die Verbundstufe ist nach unten und nach oben, nach außen und nach innen geöffnet. Das ist die Entscheidung, die sein weiteres Leben bestimmt.

Im Verlauf seines Lebens wird er häufig vor solchen Entscheidungen gestellt. Je öfter er sich nach außen oder unten gewendet hat, umso schwieriger und bald unmöglich wird die Entscheidung für das geistige Leben. Der Mensch ist Mensch nicht vermöge seines Körpers, sondern vermöge des geistigen Lebens, das ihn innerlich erfüllt. Es ist wie eine Umkehr, von den als Ausgangspunkt dienenden Kategorien des Denkens - also Raum, Objekte, Zeit - überzugehen in die dem geistigen Leben zugehörigen Kategorien des Wahren und Guten und sie zur Richtschnur seines Lebens zu machen. Da ist im eigentlichen mit der Aufforderung des Herrn gemeint, sich im Geist zu ändern (griechisch: metanoeite), das sehr mißverständlich mit ‘tut Busse‘ übersetzt wurde und zu den weinerlichen Bußformen und Bußübungen der Kirchen geführt hat, die nicht zum Ziel führen, weil sie nur natürliche Emotionen sind.

Der richtige Weg der Umkehr besteht darin, daß der Mensch sich immer wieder darum bemüht, sich in seinem Denken und Wollen aus dem Natürlichen herauszuwinden, mit dem seine physische Natur unlösbar verknüpft ist und weiterhin darin leben muß. Das geistige Leben ist eben innerhalb des natürlichen und braucht dieses als seine Grundlage und dazu noch als die Ebene seiner Auswirkungen und Nutzwirkungen. Nicht mehr natürliche Ziele und Zwecke, denen das Geistige dienstbar sein müßte, sollen ihn bestimmen, sondern Ziel und Zweck soll das geistige Leben sein, dem das natürliche dient. Das ist die Umkehr, die ins geistige Leben führt.

Allerdings kann er im irdischen Dasein das Denken nie von irdischen Dingen völlig lösen, denn ohne die Vorstellung davon kann er nichts denken. Er muß sich zuerst im natürlichen Leben umsehen und einrichten und dann die Lehren vom geistigen Leben in sein natürliches Denken aufnehmen. Hat er sie mit seinem Wollen verbunden, befolgt er sie also und macht sie zur Richtschnur seines Lebens, dann tritt er ins geistige Leben ein. Aus sich selbst und mit abstraktem Denken oder gefühlvollem Schwung kann keiner das geistige Dasein erlangen.

Worin besteht das geistige Dasein?

Das geistige Dasein besteht im geistig Wahren aus dem geistig Guten. Die unterste Stute ist: Das Wahre wissen. Das gibt aber noch keine geistige Qualität, denn selbst der böseste Mensch kann solches Wissen in sehr hohem Maße besitzen. Die zweite Stufe ist, dieses Wahre innerlich anerkennen und im Leben ausprobieren oder testen. Aber auch darin liegt noch kein geistiger Wert. Dieser kommt erst in der dritten Stufe. Sie besteht darin, auf Grund der Lebenserfahrungen der zweiten Stufe von deinem Wahren überzeugt zu sein und es in allen Lebenslagen anzuwenden. Dieses aufsteigende Denken muß verbunden sein mit der entsprechenden Veränderung des Willens; er muß zuerst viel liebgewordenes Böses und Falsches ausmerzen, sonst kann der nächste Schritt nicht getan werden, der darin besteht, das Wahre anzuerkennen und darauf die Neigungen auf Gottes- und Nächstenliebe auszurichten. Durch viel Übung wird dieser Grad des Wahren und mit ihm verbundenen Guten zu einem festen Bestandteil des Charakters.

In die höchste Stufe des geschöpflichen geistigen Daseins gelangt der Mensch durch das Aufnehmen des geistig und himmlisch Wahren, das im Wort Gottes enthalten ist. Er wird dazu befähigt und getrieben aus uneigennütziger Liebe zum Herrn und zum Nächsten oder Mitmenschen. Dieses Wahre bildet in ihm religiöse Kenntnisse, aufgebaut auf inneren Erfahrungen. Religiöse Kenntnisse beziehen sich auf das, was geistig und himmlisch ist. Dazu gehört auch die Kenntnis, daß Gott existiert und daß der Mensch Ihn nach den ihm gegebenen Möglichkeiten erfassen kann.

Religiöse Kenntnisse stehen weit über der Vernunft des Menschen, sind aber nicht unvernünftig oder irrational, sie werden nur nicht auf dem Weg über die Vernunft erworben. All das Wahre, das er wie zur Vorbereitung in sich aufgenommen hat, muß verbunden werden mit den höchsten Graden des Wahren aus der Seele, das er kraft der ihm gegebenen inneren Fähigkeit (perceptio) aufnimmt, die über der Vernunft ist. Auch dieses höchste menschlich überhaupt erfaßbare Wahre mußte dem Menschen vorgelegt werden, damit er von seiner liebe getrieben es aufnimmt und in sich behält, denn er ist für den Himmel geboren. Dieses Wahre, genannt das Wahre des Glaubens, sind die Ordnungsgesetze des Himmelreichs, in dem er ewig leben soll. Denn das irdische Dasein ist ja nur die vorbereitende Schule für die Himmel. Jeder Mensch wählt und findet seinen Platz im Himmel aus seiner Gottesvorstellung, d.h. seiner Liebe zu Gott und seiner Weisheit.

Vom natürlichen zum geistigen Gottesverständnis.

Es wurde schon ausführlich dargestellt, auf welchem Weg der Mensch zur echten Gottesvorstellung kommt. Er hat von Gott selbst die ausreichende Starthilfe bekommen; das ist der Einfluß in die Seele, daß es einen Gott gibt und daß er Einer ist. Die noch allerfeinsten, ich möchte sagen, himmlischen Organe des kleinen Kindes reagieren auf diesen Einfluß und übertragen ihn auf seine Lebensäußerungen. So ist dem Kind auch eingegeben, daß Gott Mensch ist. Es empfindet das ganz natürlich, und selbst bis zum Erwachsenenalter verbindet es diese Vorstellung noch mit den natürlichen Begriffen von Raum und Zeit und einem Menschen gleich einem irdischen Menschen. Im Erwachsenenalter, d.h. sobald er vernünftig denken kann, d.h. als reifer Mensch, muß sein Denken sich grundlegend ändern. Er muß lernen, in dem Herrn nicht mehr nur eine raum- und zeitgebundene Person zu sehen, sondern er muß des Herrn göttliche Liebe und Weisheit zu sehen und zu erkennen suchen, die sein eigentliches Wesen sind. Auch schon jeder Mensch ist nicht deshalb Mensch, weil eine menschliche Körperform in Raum- und Zeitbeziehung hat, sondern weil er als Organform geschaffen ist, die fähig ist, auf die einfließende göttliche Liebe und das göttlich Wahre zu reagieren und es auf seinen eigenen Lebensebenen zu verwirklichen.

Weil Gott schon immer Mensch war und ist, deshalb haben wir, seine höchste Schöpfungsform, menschliche Gestalt im Inneren, d.h. eine menschliche Geistesgestalt, wie auch im Äußeren, eine natürliche Menschengestalt, die ihr Dasein auf der natürlichen Ebene hat.

Ein normaler Mensch liebt eine andere Person nicht nur wegen ihrer Menschengestalt, sondern wegen ihres inneren Wesens. Das ist menschenwürdiges Leben, während die nur auf die Gestalt gerichtete Liebe der rein natürlichen Sphäre angehört und nicht menschenwürdig ist. So steht es auch mit des Menschen Liebe zu Gott. Er soll Gott lieben wegen Seiner göttlichen Wesensart und dabei an seine Person nur denken, weil die Wesensart in seiner Person verkörpert ist. Das ist geistiges Denken und Lieben; es ergreift die Wesensart und die Person. Richtet sich Denken und Lieben nur auf die Person des Herrn, dann ist es nur natürliches Denken und Lieben; es führt sehr leicht zu der Idee, die Natur habe den Geist hervorgebracht und entwickle sich aus sich selbst bis zum göttlichen Sein.

Aus solchem natürlichen Denken ist der Naturalismus, Materialismus und Atheismus entstanden. Die innere Ursache für Zweifel und für die Leugnung Gottes liegt zwar in der Selbst- und Weltliebe des Menschen, der sich selbst und sein Denken zur höchsten Autorität für alle weltlichen und geistigen Dinge erhoben hat und nicht anerkennt, daß er nur aus dem Einfluß Gottes leben und echte Wertmaßstäbe setzen und Gott anerkennen kann. Der Mensch lebt nur als Bildnis und Gleichnis Gottes; nimmt er das Gottesbild weg, dann entzieht er sich die Grundlage für sein inneres Leben.

Das Gottesbild in ihm ist gewissermaßen der Brennpunkt, auf den sich seine Vorstellungen von göttlicher Liebe und Weisheit vereinigen können. Göttliche Liebe und Weisheit und auch alle anderen göttlichen Eigenschaften wie Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart sind unendlich und vom Menschen nicht ergreifbar, erfaßbar. So stünde der Mensch dem unendlichen Nichts gegenüber, wenn er diese göttlichen Eigenschaften nicht in dem Brennpunkt des Gottesbildes sehen könnte, des Gottesbildes, das sich als Gottmensch in ihm darstellt. Oder hat Gott etwa andere Gestalt und Form, etwa die Gestalt eines Tieres oder die Form einer Kugel, die geometrisch gesehen eine vollkommene Form ist? So zu denken wäre Götzenkult, und wo bliebe da göttliche Liebe, Weisheit, Vorsehung und Fürsorge für Seine Schöpfungen, Himmel und Erde und die Menschen, die geschaffen wurden, um ein gottnahes Leben in den Himmeln zu führen.

Gott ist Mensch: nicht ein Mensch, sondern der Mensch, der einzige Mensch, aus dessen Ausstrahlung von Liebe und Weisheit alle Himmel und alle geistigen sowie die natürlichen Welten geworden sind als Heimstätten für den natürlichen und aus ihm den geistigen und himmlischen Menschen, also Engel. Die Erde ist die Pflanzschule und Vorschule für das Himmelreich. Der Same, der in dieser Pflanzschule verwendet wird, ist der göttliche Einfluß in die Seele eines jeden Menschen. Um diesen Samen herum bilden sich mit Hilfe der kosmischen Sphären, ihrem Licht und ihrer Wärme die geistigen und natürlichen Potenzen und Substanzen, die den Menschen befähigen, in der Natur und dann in den geistigen Sphären zu leben.

Der Mensch kann wachsen und weiterbestehen nur aus dem fortwährenden Einfluß aus Gott. Das gilt für die rein natürliche Sphäre seiner irdischen Existenz, aber vor allem für die geistige Sphäre, in der er während seines Erdenlebens seine Geistesgestalt in sich aufbaut. Aus sich selbst kann kein Mensch diese Geistgestalt erringen also geistig und himmlisch werden, denn was endlich ist, kann sich dem Unendlichen nicht nähern oder gar selbst unendlich werden. Aber der unendliche Gott kann sich seinen endlichen Geschöpfen offenbaren, Seine Liebe und Weisheit zeigen in einer Weise, die von den Menschen erfaßt und aufgenommen werden kann.

Die höchsten Offenbarungen Gottes sind durch Sein Wort geschehen. Denn in ihm stellt Er sich selbst dar als Gottmensch in der Tätigkeit Seiner Liebe und Weisheit. Diese Selbstdarstellung Gottes in seinem Wirken weckt und vergrößert immer mehr das Verständnis des Menschen für das eigentliche Wesen Gottes, sie erregt im Menschen die Schwingungen, die zu Gott zurückstrahlen und ihn mit seinem Herrn und Vater verbinden. Es gibt keinen anderen Weg zu Gott und zur Verbindung mit Ihm als das Wort Gottes. Es erleuchtet den Menschen.

Im Wirken Gottes sind alle seine Eigenschaften vereinigt, einheitlich und mittätig. Nur zur intellektuellen Analyse halten wir sie auseinander als Liebe, Erbarmen und Gnade, als Weisheit, Allwissenheit und Allmacht, als Allgegenwart und Vorsehung und vieles andere. Sie sind aber nicht in solcher oder ähnlicher Weise in Gott getrennt, wie wenn er einmal aus dieser, ein anderes Mal aus jener Eigenschaft handeln würde. Unsere menschliche endliche Beschränktheit verhindert es, daß wir den Unendlichen in einem sehen können. Wir können nur eine dunkle Ahnung davon bekommen, daß in jedem Tun Gottes sie alle beisammen und beteiligt sind. Sein Tun und Wirken ist aber nicht wie das menschliche Tun in zeitliche Abschnitte aufgeteilt, jetzt dies, dann das und jenes, um am Ende doch etwas Gesamtes fertig zu bringen, sondern Gottes Wirken geschieht aus allen seinen Eigenschaften heraus immer einheitlich in aller Fülle und aller Macht. Wir können das nicht lassen, sondern nur anbetend Ihn in uns wirken lassen.

Aber verstehen wir da nicht doch wieder dem Unendlich-Unfaßbaren gegenüber und können Ihn nicht fassen, stehen wir da nicht vor dem unfaßbaren Nichts, wie wenn wir mit tausend Händen hinausgreifen wollten, aber sie können nichts fassen, sie bleiben leer? Wir sind dem Unendlichen gegenüber tatsächlich weniger als ein Staubkorn im unendlichen Raum, allein, hilflos, ohne Richtung nach oben oder unten, nach rechts oder links, ohne Boden, ohne Himmel, ohne Licht, ohne Wärme und ohne einen echten Menschen als Gegenüber.

Aber siehe! Das Unendliche, der Unendliche verdichtet sich, nimmt Gestalt an, steht uns gegenüber, wir können Ihn mit unserem geistigen Auge sehen und erkennen, wir können, jeder von uns, uns an Ihn hängen, uns an Ihm festhalten, an Ihm, dem Unendlichen, der Mensch geworden ist, der uns, jeden von uns, sieht und anschaut. Die aus seinen Augen und seiner ganzen Gestalt strahlende Liebe nimmt uns auf, umgibt uns und hält uns. Wir sind wieder in fester Umgebung. Wir haben den Blickpunkt gefunden, die Gestalt, auf die fortan unser ganzes Leben sich konzentriert, wir haben unseren Herrn Jesus-Christus gefunden, denn Er ist es, in dem der Unendliche, Seine Liebe, Weisheit, Kraft und Macht, Allmacht, Allwissenheit, Vorsehung, Allgegenwart wie in einem Brennpunkt sich vereint und von Ihm aus in sanften lebenbringenden Strahlen auf uns und in uns hinein wirkt.

Das bedeutet es, wenn wir gelernt haben und nachsprechen: Gott ist in Jesus-Christus Mensch geworden. Das Wort ist Fleisch geworden und wohnt unter uns. In Ihm haben wir den Zielpunkt gefunden für unsere Vorstellungen und Gedanken von dem Unendlichen und Seinen unfaßbaren Eigenschaften. In seinem Wirken erkennen wir seine Liebe und seine Weisheit, und indem wir sie in uns aufnehmen und wirken lassen, ohne eigensüchtigen Widerstand zu leisten, strahlt die Sonne des Lebens in uns und bringt unser inneres Leben zum Wachsen, zum Blühen und Fruchtbringen. Unsere innere Geistesgestalt empfängt das alles von dem Menschen Jesus aus Gott, Mensch zu Mensch, Auge zu Auge, Mund zu Mund und Herz zu Herz. Und wenn unsere Liebe von ihm erfüllt ist und zurückstrahlt, werden wir eins mit ihm, Er in uns und wir in ihm, und dann erfüllt Er uns mit aller Erkenntnis Seiner Göttlichkeit und wirkt in uns zum Guten in diesem Leben und in seinen Himmeln.

In Jesus-Christus allein ist die höchst vollkommene, unendlich vollkommene Verbindung zwischen Gott und Mensch zustande gekommen, so daß alles Göttliche ungehindert in Ihn und durch Ihn wirken kann. So ist Er die göttliche Liebe in menschlicher Form oder die Form der göttlichen Liebe und der göttlichen Weisheit, die auch das WORT erfüllt und das Wort ist. ‘Das Wort ward Fleisch.‘

Da unser Denken von sinnfälligen Begriffen wie Raum und Zeit und Objekte und Personen ausgeht, müssen wir in unserem mehr äußeren Denken Ihn als menschliche Person sehen, so wie die Jünger Ihn gesehen haben. Liebe und Weisheit usw. selbst sind abstrakte Begriffe; deshalb sind göttliche Liebe und göttliche Weisheit samt all den anderen göttlichen Eigenschaften nur in Verbindung mit dem göttlichen Menschen Jesus und seinem Wirken für uns sichtbar und erkennbar. Der Sohn Jesus-Christus ist die Verkörperung, die körperliche Wirklichkeit Gottes des Vaters, Er ist die erfaßbare Form des unfaßbaren Gottes. Das äußere Denken ist die Grundlage, Stütze und Zwischenstufe für das innere Denken. Dieses innere Denken ist den Engeln des Himmels eigen; es macht frei von den Bindungen an Raum und Zeit und sieht nicht die geschichtliche Person Jesu, der ja aus seinem irdisch-materiellen Dasein wieder ausgetreten ist, sondern es sieht Gott als Menschen aus ungeschaffener göttlicher Substanz, in der alle seine göttlichen Eigenschaften ihren Urgrund haben, aus dem sie ausstrahlen und Leben bringen.

In der Kindheit und Jugend denkt der Mensch nur natürlich, seine Vorstellungen von Gott bilden sich aus der Person Jesu-Christi. Aber wenn der Mensch innerlich wach wird, findet ein Wandel statt, und er denkt über die Person hinaus an seine Wesenseigenschaften. Solange er nur an die Person Jesu denkt, ist er viel zu sehr an die geschichtliche Person Jesu gebunden, die er irgendwie mit seiner eigenen Person vergleicht oder gleichsetzt; das verführt leicht zur Leugnung Seiner Göttlichkeit und zuletzt zum Atheismus.

Denken wir durch die Person Jesu hindurch oder vielmehr in Seine Person hinein an Seine göttlichen Eigenschaften, dann sollen wir den Herrn auch nicht als Person lieben. Nur natürliches Denken bleibt daran hängen, den Herrn als natürliche Gestalt zu lieben; wer aber über das Natürliche hinaus auch geistig denkt, wird gewahr, daß der böse Mensch wie der gute Mensch den Herrn als Person lieben kann. Solche Liebe geht vom Menschen aus und ist etwas ganz anders als was der Herr geboten hat: Wer mich liebt, der tut meine Gebote.

Im Himmel, also auch für den inneren Menschen, bedeutet Liebe zum Herrn die Liebe zum Guten, das von Ihm und aus Ihm ist. Dieses Gute lieben heißt: aus Liebe Gutes wollen und tun und nach Seinen Geboten leben. (HH 15, AE 433). Das setzt aber voraus, daß wir aus dem Wort Gottes diese Gebote und möglichst viel über das Wesen Gottes gelernt haben und unser Leben danach ausrichten.

Wenn wir so denken und lieben und tun, dann nehmen wir das Göttliche des Herrn in unseren obersten Lebensgrad auf, der der eigentlich menschliche Grad ist. Er wird in uns vom Herrn geboren und wächst im inneren und nicht von außen her, denn der Herr ist der alleinige und einzig wirkliche Mensch; nur Er kann uns das Menschsein geben. Alles übrige an uns sind die tieferen Grade des Lebens; diese werden gebildet aus der natürlichen Umgebung, aus Erbgut und aus Erziehung, und sind dazu da, Gefäß zu werden, das der Herr von innen öffnet und mit wahrlich Menschlichem erfüllt. Das Gefäß ist natürlich und wird in der Natur gebildet; das Menschliche ist geistig und himmlisch bis zum vollen Maß, wenn der Herr von innen einfließt und aufgenommen wird bis in die unteren Lebensgrade und den natürlichen Körper. Das geschieht, wenn der Mensch aus Liebe zum Herrn das Böse meidet und das Gute nach Seinen Geboten tut.

Das ist der Entwicklungsgang des Menschen: zuerst, (vom äußeren Denken her) die Person unseres Herrn Jesus-Christus lieben, dann seine göttlichen Wesenheiten sehen und erkennen und in Seiner Person lieben. So liebt er den Herrn nicht als Menschen, sondern er liebt die göttliche Liebe und Weisheit in menschlicher Form. Das Göttlich-Menschliche ist keine Abwertung gegenüber dem Göttlichen; es ist die Daseinsform, (existere) des göttlichen Wesen (esse), also der sichtbare und ansprechbare Gott. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Das Geistige im Menschenleben.

Wer heutzutage öffentlich vom Geistigen und von Geistern spricht, unternimmt eine schwierige und meist undankbare Aufgabe, die ihn der Lächerlichkeit aussetzt, weil unter Geist und Geistern allgemein nur noch Gespenster, Spukgestalten in alten Schlössern und auf Friedhöfen oder auch Schreckenserscheinungen aus unbekannten Ursachen oder Visionen und anderes mehr verstanden werden. Der Hexenwahn hat unzählige Opfer gefordert. Man spricht vom leibhaftigen Teufel, und Krankheiten werden mit Geisteraustreibung behandelt. Der Aberglaube treibt die seltsamsten Blüten.

Der Aberglaube ist darauf aus, die unbekannten Ursachen natürlicher Erscheinungen dem Übernatürlichen zuzuschreiben, man versucht schon gar keine vernünftigen Erklärungen. Aberglaube erzeugt Furcht, oft auch einen Heiligkeitswahn oder Sendungsglauben, er führt nicht zu innerer Freiheit, sondern zur Versklavung an Gebräuche und Personen; Aberglaube geht nicht auf göttliche Offenbarung zurück, sondern entsteht aus menschlicher Unwissenheit und Ängsten und wird geschürt von gewissenloser Gewinnsucht. Er kann nur entstehen, wo kein Glaube an Gott und kein Vertrauen zu seinen allwirkenden Ordnungsgesetzen herrscht. Mehr noch als Aberglaube verhindert der moderne Skeptizismus jede vernünftige Einsicht in das Wesen des Geistes und der geistigen Welt.

Nun ist es Tatsache, daß die Existenz von Geistern mit unseren Sinneswerkzeugen des Sehens und Hörens nicht schlüssig nachgewiesen werden kann. Diese Tatsache bedeutet aber keineswegs, daß es eine geistige Welt und Geister in ihr nicht gäbe, die unser Leben innerlichst und in geordneter Weise beeinflussen, die sich aber experimenteller Nachprüfung entziehen. Es ist nicht zu leugnen, daß wir noch vor vielen ungelösten Problemen stehen, und es gibt noch unergründete Tiefen im Inneren des Menschen. Die empirische Wissenschaft bietet noch nicht einmal befriedigende Erklärungen für die ständigen Vorgänge unseres Denkens, unseres Gedächtnisses, unserer Gefühle und Emotionen. Blieben wir angewiesen auf empirische Wissenschaften und ihre sensuellen Methoden, es wäre genau genommen überhaupt kein Fortschritt in Richtung auf geistige Erkenntnisse möglich. Wir wollen uns nicht bei Spekulationen aufhalten, wohin wir trotz aller wissenschaftlichen und technischen Entwicklung geraten würden, wenn unser Leben nicht auf ethischen Grundlagen aufbauen könnte, die ihrerseits aus dem Geistigen stammen. Neben Aberglaube und Skeptizismus steht als Drittes der Naturalismus.

Die Natur und der Geist.

Ungezählte Menschen glauben und sind überzeugt, daß das, was sie Natur nennen, das einzig wirklich Bestehende ist, daß sie aus sich selbst besteht, ja sogar, daß sie aus sich selbst geworden ist, und daß aus ihr und ihrer toten Materie das Leben entsprungen sei, so daß auch die menschliche Fähigkeit zu denken und zu wollen ein Naturphänomen ist. Wer das meint, hat keine Vorstellung davon, daß etwas Geistiges unabhängig von der Natur besteht.

Aus sich selbst kann der Mensch auch gar keine anderen Vorstellungen haben. Und doch, wenn er nicht ganz unverständig den Dingen der Natur und sich selbst gegenüber ist, muß er erkennen, daß aus dem Leblosen, aus dem, was tot ist, kein Leben entstehen und bestehen kann. Darüber haben wir schon im vorigen Jahr gesprochen, als wir das Thema „Der Entwicklungsgang vom natürlichen zum geistigen Menschen“ behandelten.

Nicht aus dem Natürlichen heraus kann der Mensch geistig werden, sondern sein geistiges Leben ist abhängig von einer geistigen Welt und letzten Endes von göttlichen Offenbarungen. Ohne sie kann der Mensch weder wissen, daß es einen Gott gibt, der die Quelle alles Lebens ist, noch daß es eine geistige Welt und Himmel und Hölle gibt, noch auch daß alle Funktionen des Denkens und Wollens, wie auch alle körperlichen Funktionen abhängig sind von dieser Quelle des Lebens und ihrem Einfließen.

Wollen, Denken und Tun sind die eng miteinander verbundenen Grundpfeiler des menschlichen Lebens, das aus diesem Einfließen bewirkt wird. Das erste ist das Wollen oder der Wille, der darauf abzielt, das zu erreichen, was man liebt. Wir wollen, was wir lieben, und wir lieben, was wir wollen. Unsere Liebe und unser Wollen oder unser Wille ist dasselbe und ist zugleich das Innerste unseres eigentlichen Lebens.

Liebe ist nicht etwas Abstraktes oder nur Eingebildetes, auch nichts Materielles aus Atomen und Molekülen, sondern etwas Geistiges, eine geistige Substanz, die was sie liebt und was ihr entspricht, ergreifen und mit sich verbinden will. Was aus Atomen und Molekülen besteht, hat keinen Willen, sondern ist geleitetes Objekt. Unser ganzer Körper ist nicht selbsttätig, sondern er wird geleitet, einerseits von unserem Willen, anderseits (soweit es seine uns unbewußten Vorgänge betrifft) von dem direkten geistigen Einfluß.

Unser Wille als geistige Substanz gehört ebenso wie der direkte Einfluß nicht der natürlichen, sondern der geistigen Welt an. Der Mensch ist Bestandteil und Bewohner zweier Welten, der natürlichen und der geistigen. Mit seinen natürlichen Sinnen sieht und empfindet er die Dinge und Vorgänge der natürlichen, mit seinen geistigen Sinnen diejenigen der geistigen Welt.

Das Geistige geht dem Natürlichen voran, nicht nur im allgemeinen Geschehen aus dem direkten Einfluß, sondern auch in allem menschlichen Geschehen: Was wir tun, haben wir zuerst gewollt und zu tun beschlossen; aus der geistigen Substanz des Wollens entsteht das Tun. Es besteht also eine Dualität zwischen Geist und Natur in der Art von Ursache und Wirkung: Der Geist ist die Ursache für alles Geschehen in der Natur des Weltalls und in der Natur des menschlichen Körpers. In der Wirkung sind Geist und Natur wie eins, aber doch sind sie zwei, denn es gibt keine Wirkung ohne Ursache. In der Ursache ist die Wirkung vorgegeben, die Wirkung ist das Ergebnis der Ursache, das Natürliche ist das Ergebnis von Geistigem und ist vom Geistigen vorgezeichnet, vorgebildet und entspricht dem Geistigen. Im Natürlichen stellt sich das Geistige dar, es ist das Abbild des Geistigen. Das eigentliche Reale ist das Geistige; im Natürlichen erhält das Geistige nur seinen sichtbaren und zeitlichen Bestand.

Aus diesen keinesfalls schwierigen Erwägungen heraus können wir klar sehen, daß es zwei Welten gibt, die der Natur und die des Geistes. Unter „Welt des Geistes“ ist insgesamt alles Geistige zu verstehen, wo und wie immer es ist. Allerdings fällt nicht darunter, was man im Unterschied zur körperlichen Tätigkeit üblicherweise als geistige Tätigkeit im Sinne intellektueller Tätigkeit bezeichnet, denn diese liegt in den natürlichen Fähigkeiten des Menschen.

Auch wenn wir die Welt des Geistes mit den fünf Sinnen des Körpers nicht sehen, existiert sie dennoch. Es ist ein Kardinalfehler, nur das als existent anzusehen, was unsere körperlichen Sinne bezeugen. Das ist der Fehler aller Anschauungen, die allein von den Naturwissenschaften abgeleitet sind und mit ihren Methoden begründet werden. Daß die Naturalisten alles Geistige leugnen und demzufolge zu Atheisten geworden sind, löst das Geistige nicht auf und bringt es keineswegs zum Verschwinden.

Der falsche Glaube, es gäbe Gott gar nicht, und das Leben sei im Menschen ohne Gott vorhanden und gehöre dem Menschen selbst, kommt auch daher, daß der Mensch das Leben dauernd und unaufhörlich empfindet und sich deshalb gar nicht vorstellen kann, daß es von dem Einfluß Gottes abhängig ist. Er sagt: Seht, ich lebe, auch ohne an Gott zu glauben, also brauche ich ihn nicht. Wissenschaftler haben das so ausgedrückt: Wir können auf Gott als Arbeitshypothese verzichten.

Wir haben gesagt: Gott ist die Quelle alles Lebens. Und das heißt, Er ist die Quelle des Lebens der geistigen wie der natürlichen Welt. Letzte res ist gleichsam nur die Fortsetzung des Lebens der geistigen Welt. Unser Körper ist eingegliedert in die natürliche Welt, aber das Leben des Körpers kommt, wie alles Leben, aus der geistigen Welt und letzten Endes aus der göttlichen Lebenssphäre. Der geistigen Welt gehört unser Wollen und Denken zu, denn Wollen und Denken vermitteln das Leben in den Körper hinein.

Unser Wollen und Denken geht von den geistigen Substanzen Liebe und Verstehen aus. Diese Substanzen müssen von etwas angeregt, beeinflußt werden, damit sie in Wollen und Denken tätig werden können. Diese Beeinflussung kommt durch die geistige Welt. Liebe und Verstehen sind — bildlich gesprochen — die Aufnahmegefäße für diesen Einfluß, für das geistig Fließende, das wir das Gute und das Wahre nennen. Die dem Menschen gegebene Liebe ist das Gefäß für das Gute, das ihm gegebene Verstehen das Gefäß für das Wahre. Weniger bildlich gesprochen, müßten wir sagen: Die Liebe wird vom Guten, das Verstehen vom Wahren angeregt und führt zum Wollen und Denken. Im Wollen und Denken wird das an sich rein geistige Gute und Wahre konkretisiert und menschlich individualisiert. Die Fähigkeit zum Wollen und Denken ist jedem Menschen von Gott eingegeben, ihm eingeboren, aber was er will und denkt, liegt im individuellen menschlichen Bereich und ist deshalb bei jedem Menschen verschieden von jedem anderen Menschen. Kraft dieser individuellen Verfügbarkeit liegt es am Menschen, ob er Gutes will und Wahres denkt, oder ob er Böses will und Falsches denkt. Will er Böses statt Gutes und denkt er Falsches statt Wahres, so kommt das zwar auch vermöge des Einflusses oder der Anregungen aus der geistigen Welt, aber aus ihren unteren Bereichen oder Höllen.

Swedenborg, der begnadete Seher, der unter Gottes Leitung während seiner irdischen Lebenszeit tiefe Einblicke in die geistige Welt haben durfte, berichtet in der „Erklärten Offenbarung“:

Im Himmel ist wohlbekannt, daß es nur eine Quelle des Lebens gibt, aus der alles Leben kommt und dauernd einfließt. Kein Engel des oberen Himmels hat daran den geringsten Zweifel, denn die Engel dieser Himmel empfinden den Einfluß. Durch viele Beispiele wurde mir dies gezeigt: Als in der geistigen Welt bei solchen Geistern, die geglaubt hatten, aus sich selbst zu leben und die nicht mehr wahr haben wollten, daß sie aus dem Herrn leben, der Einfluß in ihr Denken teilweise genommen wurde, fielen sie wie leblos hin. Sobald der Einfluß wieder kam, erhoben sie sich wie vom Tod. Daran erkannten diese Geister selbst, daß ihnen das Leben nicht gehört, sondern daß es andauernd einfließt, und daß Menschen, Geister und sogar die Engel nur Gefäße für die Aufnahme des Lebens sind. Das Leben an sich kommt nur von Dem, der Selbst das Leben ist, und jedes Ding muß im Zusammenhang mit dem Ersten sein, um etwas zu sein. Daraus sieht man auch, wie falsch diejenigen denken, die den Ursprung des Lebens in der Natur suchen und meinen, der Mensch lerne zu denken von der Natur her und aus der Ordnung der Natur. (Nr. 349)

Die Enthüllungen Swedenborgs sind ein einzigartiges Zeugnis für die Beziehungen von Geist und Natur zueinander und für die Verbindung von Geist und Körper beim Menschen.

Mit den Offenbarungen Swedenborgs ist ein neues Zeitalter angebrochen, in dem nicht mehr nur natürliche, sondern auch geistige Erkenntnisse erreichbar sind, und zwar anhand der offenbarten Grundtatsachen, wonach der Mensch nicht nur ein vergängliches körperlich- natürliches, sondern zugleich ein unvergängliches geistiges Leben hat; daß es geistige Welten einschließlich Himmel und Hölle gibt; daß die Menschen nach dem Tod ihres Körpers dort weiterleben, und daß Gott der Herr alle natürlichen und geistigen Schöpfungsbereiche regiert. Swedenborg hat diese Grundtatsachen in seinen vielen Werken bekannt gemacht und schon einen ungeahnten Einfluß auf die geistige Entwicklung der zivilisierten Welt genommen. In dieser Vortragsreihe beschränken wir uns auf das Geistige im Menschenleben.

 

Die Schöpfung.

Swedenborg sagt: Die ganze Schöpfung und alles in ihr ist entstanden und besteht weiter aus Gott (HG 5711). Das eigentlich Göttliche ist seine Liebe. Gottes Leben ist die Kraft seiner Liebe, wirkend in seiner Weisheit.

Im ganzen Universum wirkt das Leben Gottes, denn im Größten wie im Kleinsten ist die göttliche Liebe verwirklicht. Oder anders ausgedrückt: Das ganze Universum besteht aus unendlich vielfältigen Organen zur Aufnahme und Auswirkung des Lebens aus Gott. Sein Leben oder die Kraft seiner Liebe strömt aus und strahlt aus. Dieses Ausstrahlen der unendlichen Lebenspotenzen kann von unserem unzureichenden Verstehen nur vergleichsweise erfaßt und begriffen werden als eine Sphäre, die alles erfüllt und durchdringt, so wie die Strahlen einer Sonne, wenn sie nicht behindert werden, alle Welten durcheilen. Das Ausstrahlen macht selbst diese Sphäre, die wir Reflexsphäre oder erste Aura nennen. Sie ist erfüllt von nichts als diesen Ausstrahlungen und ist die erste Verwirklichung, das erste Gegenüber, das im Rahmen seiner Bedingungen sich von den göttlichen Ausstrahlungen anregen läßt. Die Ausstrahlung und ihre Wirkung setzt sich fort und bildet weiter Sphären oder Ebenen, wo die Schwingungen langsamer werden und sich verdichten. Dabei haben wir es immer mit Kräften zu tun und mit Elementarteilchen oder Substanzen, in die hinein und durch die die Kräfte weiter wirken innerhalb der ersten Sphäre bilden sich Einzelvolumen der zweiten Sphäre oder Aura. Sie sind weniger subtil und haben langsamere Bewegungen. Alle Sphären vibrieren voller Leben und streben danach, sich auszuformen, zu erschaffen.

Die zweite Sphäre oder Aura ist schon so weit konkretisiert, daß ihre Kräfte des Magnetismus im natürlichen Universum die Solarsysteme ausbilden und bewegen, d.h. in dieser Aura und aus ihren Elementarteilchen entstehen die nahezu unendlich vielen Sonnensysteme mit ihren Sonnen. Und aus den Sonnen entstehen die Planeten, die um ihre Sonne kreisen und mit ihr zusammen ein eigenes geschlossenes Sonnensystem bilden. Keine zwei Sonnensysteme gleichen sich in Größe und Form, und ihre Ausstrahlungen sind ebenso verschieden.

Die dritte Aura oder Sphäre (die dritte Ordnungsstufe mit den Kräften der Elektrizität usw.) bildet sich um die Planeten und Erdkörper, so auch um unsere Erde, durch Einwirkung der Sonnenstrahlung auf sie und die Rückstrahlung. Swedenborg nennt diese dritte Aura den Äther. Seine Bewegungen und Teilchenschwingungen werden von uns als Licht empfunden.

Die vierte Aura oder Sphäre (die 4. Ordnungsstufe) ist unsere Luftatmosphäre, deren Teilchenschwingungen von uns als Ton empfunden werden, sowie das ganze Gebiet der atomaren Welt, in der sich letzten Endes das gebildet hatte, was wir das Mineralreich nennen.

So ging die Schöpfung stufenweise vor sich, und diese Stufen sind an den geschaffenen Dingen ersichtlich. Jeweils wirkt die Kraft der höheren Stufe in die tiefere ein; so ist die tiefere Stufe immer der höheren unterworfen.

Der materiellen Natur fehlen alle höheren Eigenschaften. Sie kann nicht als geistig betrachtet werden, aber sie reagiert dauernd auf die Anregungen, denen sie vermittels der Sphären ausgesetzt ist. Die Ordnung dieser Anregungen und ihrer Wirkungen kann als die Naturgesetze bezeichnet werden. Es ist also grundfalsch zu meinen, die Naturgesetze seien aus der Natur entstanden — das ist ganz widersinnig —sondern die Natur ist aus den Naturgesetzen entstanden, und das sind die von Gott gegebenen Ordnungsgesetze, die in den verschiedenen Stufen oder Sphären herrschen.

Das Göttliche konnte nichts direkt aus sich Selbst erschaffen. Aber aus den ausstrahlenden Atmosphären hat Gott alles göttliche Leben herausgenommen. Das geschah durch fortlaufend geringere Aktivität, bis zu letzt etwas entstand, was so leblos war, daß es keine Atmosphäre mehr war, sondern ruhende Substanz, nämlich das, was wir Materie nennen. (GLW 4, 302)

So verstehen wir sogar mit unserem begrenzten Verstand, daß Schöpfung im eigentlichen die von Gott gewollte Begrenzung seiner Allmacht und Unendlichkeit in Gebilde ist, in die er immer leitend und ordnend eingreift.

Die bisher geschilderten Schöpfungsvorgange können wir Involution nennen. Nun beginnt die zweite große Schöpfungsperiode, für die wir das Wort Evolution übernehmen können, wenn wir diesem Wort auch eine völlig andere Bedeutung geben als die Naturwissenschaften. Mit der Evolution wird der Kreislauf der Schöpfung vollendet und in Gang gehalten.

Der Zweck der ganzen Schöpfung — Involution und Evolution — ist und war es, Wesen zu erschaffen, die fähig sind, das Leben, das einzig in Gott vorhanden ist, aufzunehmen und so zu empfinden, als wäre es ihr eigenes. Das Leben der Geschöpfe ist stets nur ein abgeleitetes Leben. Deshalb muß man von den Geschöpfen und von ihren einzelnen Organen als lebensvermittelnden und nicht als lebendigen Organformen sprechen.

Beispiele dafür sind unsere Sinnesorgane, z.B. das Auge. Dieses Organ sieht nicht selbst, sondern vermittelt nur das Sehen, das an sich ein geistiger Vorgang ist. Dem Menschen erscheint es aber, als würde sein Auge sehen. Genau so ist es mit allen anderen Organen, aus denen der Mensch besteht. Die lebensvermittelnde Tätigkeit aller Organe — der körperlichen, mentalen und seelischen — zusammengenommen er scheint uns als das Leben.

Wie wurden die das göttliche Leben vermittelnden Wesen geschaffen oder wie kam der Geist in die Welt, mit anderen Worten: Wie verlief die Evolution? Die am Ende der Involution entstandene Materie bildet den Ausgangspunkt der Evolution; sie ist die Matrix und die Grundlage, die bei allem weiteren Geschehen beteiligt ist und bleibt — wohlgemerkt: sie ist nur beteiligt und nicht allein. Das Leben entsteht nicht aus der Materie. Leben ist einzig in Gott, aber die lebenvermittelnden Organe entstehen mit Hilfe der Materie, und zwar in aufsteigender Folge, genau entsprechend der absteigenden Folge oder Involution der Sphären der göttlichen Ausstrahlungen, die mit der ersten Aura oder Reflexsphäre beginnt und mit der irdischen Sphäre und ihrer Materie endet. So beginnt die aufsteigende Folge mit der Materie.

Das Prinzip der Evolution.

Die Sonnenstrahlen, ihr Licht und ihre Wärme, beeinflussen die Materie, bewirken in ihr eine Unruhe, eine Tätigkeit, einen Metabolismus. Daher kommt es, daß alle Materie selbst wieder irgendwie ausstrahlt. Ohne diese Ausstrahlung gäbe es keinen Beginn und keine Fortentwicklung, gäbe es keine Evolution. Die Ausstrahlung oder Emanation besteht aus allerfeinsten Partikeln der ausstrahlenden Substanz. Aus allen Substanzen gehen Emanationen eigener Art hervor. Die ausgestrahlten Partikel schweben in der ihnen angepaßten Umgebung, vorerst nutzlos. Wenn sie in der genügenden Menge und geeigneten Art vorhanden sind, werden sie von der Kraft der übergeordneten Sphäre erfaßt. So schaffen sich die Sphären Substanzen, in die hinein und durch die sie mit ihren Potenzen wirken können.

Unsere Luftatmosphäre nimmt die Emanationen aller festen, flüssigen und gasförmigen Substanzen auf. In sie hinein können die Potenzen der nächsthöheren Sphäre, Äther genannt, wirken, d.h. die im Äther vorhandene schöpferisch-geistige Formkraft durchdringt sie und bildet sie zu neuen Formen aus, die den im Äther liegenden Tendenzen entsprechen. Solche Formen und die ihnen innewohnenden Tendenzen sind der Anfang der pflanzlichen Keimzelle. Das Leben der Zelle ist nicht ergründbar allein aus der chemischen und physikalischen Zusammensetzung ihrer Bestandteile. Darin liegt der große und grundlegende Irrtum der Zellforschung, wie überhaupt der ganzen wissenschaftlichen Genetik.

Die pflanzlichen Keimzellen bilden mit Hilfe der in der Natur vorhandenen und sie umgebenden gröberen Stoffe den Samen der Pflanze. Er ist gewissermaßen dreischichtig: außen die groben Stoffe der Natur, innen die „neuen Formen“ oder Keimzellen und im Innersten die Formkraft des Äthers, d.h. der Äthersphäre, also einer der Stufen, auf denen die göttliche Ausstrahlung begrenzt wurde, und ist deshalb ein geistiges Element. So wirkt auch in der pflanzlichen Keimzelle die Kraft Gottes als Formkraft des Äthers.

Das Tierreich.

Die nächsthöhere Organform zur Aufnahme des Lebens nach dem Pflanzenreich ist das Tierreich. Die zu einer gewissen Vielfalt und Ausbreitung gelangte Pflanzenwelt gab und gibt Emanationen von sublimerer Zusammensetzung ab, die in die Äthersphäre gelangen, weil sie ihr homogen sind. Die geistigen Kräfte der darüberliegenden zweiten Aura, genannt die magnetische Aura, erfassen diese Emanationen und bilden neue höhere Formen aus. Das sind die tierischen Keimzellen. Auch diese umkleiden sich mit den Substanzen der tieferen Stufen und bilden den Samen, und aus ihm die verschiedenen Tierarten. Im Inneren des Samens ist die Formkraft der zweiten, der magnetischen Aura, mit ihrer schier unendlichen schöpferischen Variabilität, weil diese Aura ihrem göttlichen Ursprung näher ist.

Die Kräfte aus allen Stufen, die den Körper der Tiere ausmachen, also aus dem Mineralreich, dem Pflanzenreich und dem Tierreich, tragen zum Leben jedes Tieres bei. Im äußersten Organbereich, also im rein Körperlichen, sind es die Kräfte der vierten Stufe, also Luft, Wasser, Erde; im mittleren Organbereich sind es die Kräfte der dritten Stufe, also der Äthersphäre, und im innersten Organbereich sind es die Kräfte der zweiten oder magnetischen Sphäre. Aus den Kräften dieser zweiten Aura hat das Tier seinen Instinkt: der Instinkt richtet sich auf die geeignete Nahrung, auf den Schutz vor Feinden und vor den Unbilden der Natur, sowie auf die Fortpflanzung.

Auch hier bleibt festzustellen, daß die Kräfte der verschiedenen Stufen, die im Tier verkörpert sind, aus den Ausstrahlungen von Gott stammen, d.h. die Kräfte sind Begrenzung dieser Ausstrahlung, so daß auch die Tiere unter der göttlichen Herrschaft stehen. Diese zeigt sich im allgemeinen in der von Gott geschaffenen Ordnung, und im besonderen in dem Einfluß in die lebenvermittelnden Organe jedes einzelnen Tieres. Es sind ja keine statischen, sondern dynamische Kräfte; sie stellen sich auf die augenblicklichen Erfordernisse jedes Tieres ein.

Der Mensch

Der Mensch als die höchste natürliche Organform ist nach dem gleichen Evolutionsprinzip entstanden. Die sublimsten Emanationen der Tierwelt, die der zweiten Aura homogen sind, können Art- oder Spezifikalintelligenzen genannt werden. Sie werden von den höchst schöpferischen, also geistigen Formkräften der ersten Aura oder Reflexsphäre innigst erfaßt, welche aus ihnen neue Formen bilden, die dieser ersten Aura entsprechen. Diese neuen Formen sind Menschen. So hat der Mensch alle Schichtungen mit ihren Kräften in sich, die die Involution hervorgebracht hat.

Mit anderen Worten: Die vierfache Organform oder die vier Potenzstufen im Menschen entsprechen den vier Stufen in der Natur. Die einer Stufe zugehörigen Organe im Menschen werden von den Kräften dieser Stufe bewegt. Das Leben in den Organen aller Stufen macht zusammengenommen das Leben des Menschen aus. Es stammt aus dem Leben Gottes, es wird von Ihm geleitet.

Die makrokosmischen Stufen dienen also dem Aufbau und der Erhaltung der entsprechenden Stufen im Menschen. Der Makrokosmos ist Voraussetzung für den Mikrokosmos Mensch. Durch Involution und Evolution wurden die von Gott ausstrahlenden Kräfte individualisiert, so daß Menschen im Rahmen ihrer Geschöpflichkeit daran teilnehmen und ein Leben des freien Willens und der Vernunft führen können. Der Körper steht im Dienst des Geistes, damit dieser sich auswirken kann.

Involution und Evolution hängen in einem fortwährend sich wiederholenden Prozeß zusammen. Die ausstrahlende Kraft Gottes ist nicht den Bruchteil einer Sekunde unterbrochen; geschähe das, dann wäre dies das Ende der ganzen Schöpfung, des Weltalls wie des Menschengeschlechts. Dies ist das Bild von Involution und Evolution und des Entstehens des Menschengeschlechts, wie wir es aus den wissenschaftlichen und theologischen Werken Swedenborgs herausschälen.

Nach diesen Ausführungen fällt die Antwort auf die Frage nicht mehr schwer: Wie kam der Geist in die Welt, die doch anscheinend nur aus Materie besteht? Die Antwort lautet: Der Geist ist nicht etwa getrennt von der Materie und von den aus ihr gewordenen Formen, ist auch nicht nachträglich in diese hineingelegt worden oder „gerutscht“, sondern der Geist war zuerst, die Materie entstand aus dem Geist Gottes. Der Geist ist nicht eine zweite Substanz, die sich in noch unerforschter Art in oder neben der ersten, der Materie, aufhält. Vielmehr verleiht der Geist der Materie ihre Qualität, und es gibt keine Materie oder andere Substanz, also Quantität, ohne Qualität. Quantität hat Beziehung zu: Raum, Zeit, Objekt, liegt also im Rahmen der Natur. Dagegen Qualität hat Beziehung zum Geistigen, also letzten Endes zu Gutem und Wahrem, und liegt überhaupt nur im Geistigen. Geistiges an sich ist nur erfaßbar, wenn von Raum- und Zeitbeziehungen, also Natur, abstrahiert wird.

Das Menschenbild.

Das Werden des einzelnen Menschen geschieht in einer Art von Entsprechung zur großen Schöpfung, die, wie wir gesehen haben, aus Involution und Evolution besteht. Der organische Aufbau des Menschen geht von der Seele aus. In der richtigen Betrachtung müssen wir sagen:

Der Mensch ist Seele und hat einen Körper. Im Mutterleib wird nur der äußere Mensch, d.h. sein Körper gebildet, aber in ihm sind von der Seele her alle Potenzen angelegt für die Entwicklung in die höchsten Stufen seines Menschseins. Da im Universum vier Potenzstufen bestehen, muß die Seele durch ebensoviele Stufen herabsteigen und sich da bei jeder dieser Stufen anpassen, um alle Organformen zu bilden, die diesen Stufen entsprechen. Die Seele empfängt das Leben unmittelbar von Gott. Die Reflexsphäre oder erste Aura ist der Ursprung der menschlichen Organform. In ihr und aus ihr wird die Seele gebildet. Bildhaft können wir uns das so vorstellen: In einem ruhigen Wasser entsteht ein Strudel, dessen Zentrum sich wie eine Spindel um sich selbst dreht, und dessen Außenseiten sich in großer Geschwindigkeit um dieses Zentrum herum bewegen. So etwa entsteht in der Reflexsphäre eine lebende, eine Organ-Form, in die das Leben, Gottes Leben, einfließt und dort so wirkt, als hätte die Organform das Leben aus sich selbst. Diese Einzelbewegung, dieses Einwurzeln in die erste Aura, ist die Individualisierung zum Menschen. Der individuelle Anteil oder die Seele hat als Organismus die Fähigkeit und Kraft, nachfolgend alle Stufen der Menschenform zu bilden und sich in ihnen darzustellen.

In der Seele ist Gott beim Menschen. Er ist die Kraft der Seele, so wie im Bild des Strudels die Bewegung des Wassers von einer Kraft her rührte. Die Seele wird in vollkommener Weise geleitet von dem Leben Gottes — seiner Liebe und Weisheit —‚ das in der Ursphäre in vergleichbarer Weise vorhanden ist wie das Licht und die Wärme in unserer Sonne. Deshalb sprechen wir von der Ursphäre als der geistigen Sonne. Ihre Ausstrahlung geht in das menschlich-geistige Fluidum über, vergleichbar wie das Licht und die Wärme unserer Sonne in die natürlichen Organformen wirken und sie beleben. Das menschlich-geistige Fluidum leitet diese Lebenswirkungen weiter in die nachfolgenden Stufen des individuellen Organismus, in alle Stufen des menschlichen Inneren. Es verwirklicht sich dort entsprechend den Bedingungen der betreffenden Stufe.

So ist die Seele das Prinzip, der Anfang, das Ein und Alles der Menschenform. All unsere Fibern und Gewebe, unsere Organe, unsere Nerven und unser Blut sind eingetaucht in den Strom unserer Seele. Und da die Seele aus der Kraft der göttlichen Ursphäre lebt, so ist diese Sphäre für die Seele wie etwas ihr Verwandtes, Gleichgeartetes, Vertrautes, Anziehendes und Beglückendes. Davon kann der Mensch etwas empfinden beim Anblick eines Baumes, einer Blume, beim Geruch ihres Duftes, an allen harmonischen Formen, Farben und Tönen und auch beim Anblick der doch so weit von ihm entfernten Sterne.

Die Fähigkeit, sich von der Ursphäre, also von der Liebe und Weisheit Gottes, vermittels der Reflexsphäre anregen zu lassen, ist die Wesenseigenschaft des menschlich-geistigen Fluidums. Dieses Fluidum ist auch der innerste Bestandteil des menschlichen Samens. So breitet sich das Menschengeschlecht durch menschliche Zeugung aus, und jeder Mensch hat kraft Zeugung das Leben seiner Seele, d.h. geistige Qualität. Wie schon gesagt: Der Mensch ist eine Seele und hat einen Körper. Dieser wird von der Seele gebaut mit Hilfe all der Stoffe und Kräfte, die sie aus dem Mutterleib zu diesem Zweck heranzieht. Das ist die Entsprechung zur Evolution.

So wird der menschliche Körper in dieser natürlichen Welt aus der formgebenden lebendigen Kraft der Seele aufgebaut mit Hilfe der ihr zur Verfügung stehenden groben Stoffe aus der natürlichen Welt.

Von allem, was am Menschen ist, ist die Seele allein zu Gott geöffnet, und daher kommt das Leben der Seele selbst, oder besser gesagt: ihres Intellektoriums, dann des Menschen Denken und Wollen und das Leben seines Körpers.

Herr über alles und in allem des ganzen Universums ist Gott. Herr über alles im Menschen ist der gleiche Gott; er fließt ein in die Seele, die von ihm erhalten wird. Das Fluidum der Seele behält diese Verbindung. Die Seele löst sich nicht aus der Verbindung der Reflexsphäre, diese umgibt sie weiterhin.

Damit die Seele in den Körper hineinwirken kann, richtet sie sich ein Organ zu, den reinen Cortex oder die innerste Hirnrinde. Der reine Cortex umschließt das menschlich-geistige Fluidum in der gleichen Weise wie eine Ader das in ihr fließende Blut. Fluidum und reiner Cortex gehören zusammen und sind das Innere und das Äußere der Seele. Der Bestand und die Funktion auch des reinen Cortex wird deshalb von der Ursphäre oder der geistigen Sonne und der Reflexsphäre gewährleistet.

Die nächste Organform sind die Hirnzellen. Sie leben und wirken mit Hilfe der zweiten, der magnetischen Aura; das darauffolgende innere Sensorium mit Hilfe der dritten Aura, Äther genannt; das letzte, das äußere Sensorium und der Körper haben ihren Bestand und ihre Funktion durch die sie umgebende Luft und die Substanzen der Erde. Der Körper ist bekanntlich im Gleichgewicht zwischen dem atmosphärischen Druck und dem Druck in ihm. Dasselbe Gleichgewicht besteht auf den anderen Stufen zwischen den entsprechenden Sphären und Organen.

Bei alledem müssen wir eines im Auge behalten: Die Seele ist nicht unser, sie gehört nicht uns im Sinn eines verfügbaren Eigentums, sie ist nicht unser Leben, obwohl sie uns formt, aufbaut, zum Menschen macht. Vielmehr ist sie Gottes, denn sie hat ihr Leben nur von und aus Ihm. In der Seele wirkt der Herr allein und unmittelbar. So ist Gott mit jedem Menschen verbunden, und so hat Er, allgegenwärtig und allwissend, das ganze Menschengeschlecht vor sich. Das Allerinnerste des Menschen, seine Seele, steht nicht in der Obhut von Engeln, denn im Aufbau des Menschen ist sie weit oberhalb der engelischen Himmel, und auf sie einwirken kann nur der Herr; Seine Lebenssphäre fließt unmittelbar in die Seele ein.

Aus dem Leben Gottes ist ihre Qualität in aller Fülle in der Seele des Kindes, des Erwachsenen und des Greises, des guten und des bösen Menschen, des Engels im Himmel und des Teufels in der Hölle. Erst die unterhalb der Seele liegenden Organe können sich gegen das weitere Zufließen des Lebens aus der Seele verhalten und es — wie es bei den Bösen geschieht — pervertieren, also ihr Gutes in Böses und ihr Wahres in Falsches verkehren. Denn die Seele fließt in diese tieferen Bereiche, ohne sich damit zu vereinen. Der Körper kann nicht das Leben der Seele leben, aber die Seele wirkt dort hinein, je nach der Fähigkeit und Eigenart der aufnehmenden Organe.

Die Lebensgrade.

Das Leben des Körpers zeigt sich in der Welt als mechanische Bewegung der äußeren Organe des Körpers und als die Tätigkeit der Sinne. Dieses körperliche Leben ist die unterste Stufe des einfließenden Lebens und ist die Grundlage und Basis für alles menschliche Leben. Bei der Geburt ist das Leben des Menschen, streng genommen, nur in seiner Seele und in seinem Körper. Die Organe unterhalb der Seele auf den verschiedenen Stufen wurden von ihr zwar im Mutterleib angelegt, sie sind bei der Geburt aber doch nur potentiell vorhanden, d.h. sie müssen nach der Geburt und während der ganzen irdischen Lebenszeit durch Übung weiter ausgebildet und vervollkommnet werden, um den Einfluß der Seele lebendig zu verwirklichen und ein ausgereiftes körperliches und mentales Leben zu führen. Die Organe der verschiedenen Stufen sind unkultivierten Feldern vergleichbar, die der Bauer durch seine Arbeit mit Hilfe des Lichts und der Wärme der Sonne in blühende und fruchtbare Felder oder Gärten verwandelt. Man denke an die biblischen Gleichnisse, z.B. vom geduldigen Landmann (Mark. 4, 26- 29), vom Sämann (Matth. 13, 3-9), vom Unkraut unter dem Weizen (Matth. 13, 24-30). Im Alten wie im Neuen Testament ist immer wieder die Rede vom Weinberg des Herrn. Deshalb kann man von den inneren Ebenen und Landschaften des Menschen und ihrem blühenden und fruchtbringenden oder ihrem verwahrlosten Zustand sprechen.

Der Herr (in der geistigen Sonne) strahlt seine Liebe als geistige Wärme und seine Weisheit als geistiges Licht auf sie aus und will Wachstum, Blüte und Frucht in diesem Inneren des Menschen bewirken. Jede Stufe oder jeder Lebensgrad im Menschen ist eine solche Ebene zur Aufnahme des Lebens aus Gott, sie nimmt es auf je nach ihrer Eigenart, und so wirkt das Leben ein. In der dabei gewonnenen Form fließt es in die nächste Stufe darunter ein. Alle Stufen sind von einander getrennt und sind nicht durchlaufend für das direkte Leben aus Gott. Deshalb lebt jeder Lebensgrad wie für sich selbst und wie aus sich selbst, weil er den Einfluß und die Abhängigkeit von den höheren Lebensgraden nicht empfindet. Jedenfalls sind die Dinge der höheren Lebensgrade den jeweils tieferen verborgen.

Während die Leitung und die Herrschaft über das ganze Leben des Menschen von Gott durch die Seele in alle Lebensstufen von oben nach unten, also von den feinsten durch die mittleren Stufen bis zum Körper und den Sinnesorganen dringt, müssen alle diese Organe, um den Einfluß Gottes aufzunehmen und wirksam zu machen, ausgebildet werden, denn sie sind bei der Geburt nur als Anlagen oder potentiell vorhanden. Wir haben schon gesagt, der materielle Körper und seine Sinne sind die organische Grundlage für das äußere und innere (körperliche oder geistige) Leben. Von dieser Grundlage aus müssen auch bei jedem Lebensvorgang alle Stufen belebt werden, zuerst die körperlichen selbst und dann aufsteigend die mentalen und die geistigen Fähigkeiten. Zuerst werden die fünf Sinne als äußeres Sensorium von außen angeregt; diese Sinneseindrücke werden durch die Nervenstränge ins innere Sensorium geleitet, dort bewußt wahrgenommen und dem Gedächtnis zugeführt. So bildet sich die ganze Vorstellungswelt des Menschen. Sie besteht niemals unabhängig von den Organen des äußeren und des inneren Sensoriums, denn Vorstellungswelt und Gedächtnis sind an die körperlichen, also noch materiellen Organstrukturen gebunden und ergeben sich aus der Bewegung dieser Organe und dem von der Seele kommenden Einfluß.

Aus dem Vorrat der Vorstellungswelt und des Gedächtnisses schöpft die nächst höhere Stufe, das „Verbundgemüt“, das gerade Benötigte und verbindet und vermischt es mit den aus der Seele kommenden Einflüssen, die hier noch am stärksten und lebendigsten sind. Im Verbundgemüt wird diese Mischung denkend und fühlend verarbeitet, um dann in die Tat umgesetzt zu werden.

Die Funktion der Organe.

An der oberen Schwelle des Verbundgemüts ist die Bewußtseinsgrenze. Die Seele ist also außerhalb des menschlichen Bewußtseins. Ihr Inneres, das Fluidum, wird direkt aus der göttlichen Universalsphäre angeregt. Diese Anregung oder dieser Einfluß geht auf ihre äußere Organform oder den reinen Cortex über. Seine Funktion besteht darin, alle zu ihr aufsteigenden, von außen kommenden Sinneseindrücke im Licht der Seele geistig zu erfassen, zu verstehen und zu beleben, sonst bleiben sie Linien und Nervenbewegungen. Dieses Verstehen oder Innewerden, die perceptio, steht im himmlischen Licht der Seele und ihrer Wärme und ist das Leben des Intellektoriums. Das Intellektorium wird in allen Dingen von der Seele unterrichtet; es selbst wird von außen oder unten her nicht verändert. Dieses reine Intellektorium und sein Organ, der reine Cortex, bilden die erste organische menschliche Ebene, wo der eigentliche, endlich geschaffene Mensch beginnt. Es liegt oberhalb des menschlichen Bewußtsein, also oberhalb seines Denkens und Wollens. Das Intellektorium kann dem Menschen alles verständlich machen, weil es im Licht des Himmels steht und deshalb alles Wahre aus dem göttlichen Einfließen kennt. Das Wahre kann aber erst dann weiterfließen, wenn ein harmonisches Verlangen danach besteht. Das Weiterfließen geschieht in die schon erwähnte Verbundstufe. Ihre Organe sind die Hirnzellen. Sie stehen mit der zweiten Aura in entsprechender Verbindung. Der Mensch hat mehrere Milliarden Hirnzellen, und doch sind nicht zwei von ihnen gleich oder haben die gleiche Funktion. Diese Organform heißt die Verbundstufe, weil sie nicht nur den geistigen Einfluß, die Kräfte und Bewegungen aufnimmt, die von der Seele kommen, sondern sie übernimmt auch die Sinnes- und Bewußtseinsvorgänge aus der Welt. In den oberen Zugang der Hirnzellen greift der reine Cortex ein, am unteren Zugang enden die Nerven, die die Sinneseindrücke hierher leiten.

In der Verbundstufe geschieht die Verbindung der Sinnes- und Bewußtseinsvorgänge aus der Welt mit dem Einfließen aus der Seele. Diese Zwischen- oder Mittelebene ist deshalb die Verbundebene. Hier ist der Treffpunkt von oben und unten. Das Leben auf dieser Stufe ist also angefüllt mit allem Wollen und allen Wahrnehmungen, die einerseits von oben, d.h. von der geistig-himmlischen Stufe der Seele und ihres Intellektoriums, andererseits von unten, von der natürlichen Stufe, d.h. von den fünf Sinnen, der Vorstellungswelt und dem Gedächtnis kommen. Hier ist der Treffpunkt aller Lebensprinzipien, es seien Tugenden oder Laster. Auf dieser Ebene hat der Mensch seine Vernunft, beide zu erkennen, zwischen beiden zu entscheiden. Deshalb ist dies die Vernunftstufe, die eigentlich menschliche Stufe, nämlich die Stufe des Denkens, des Urteilens, des freien Entscheidens. Hier ist das Feld des Kampfes zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle, hier verbindet sich das Geistige mit dem Natürlichen. Hier ist das eigentliche Menschsein, gebildet aus Geistigem und Natürlichem; hier werden die menschlichen Entscheidungen — im freien Entschluß — getroffen, von hier fließt aus, was der Mensch als Ergebnis seiner Entscheidungen tut. Hier spielt sich das eigentlich mentale Leben, die Psyche, des Menschen ab. Hier ist die echte mens humana.

Die Wesensstufen im Menschen.

Wenn die Organe ausgebildet sind und den Lebenspotenzen zur Verfügung stehen, gibt es folgende Stufen der Wesensart im Menschen:

1. Das natürliche und natürlich-geistige Leben; es vollzieht sich im Körper und seinen Sinnen, also im äußeren bzw. inneren Sensorium.

2. Das menschlich-geistige Leben auf der Stufe des Verbundgemüts, wo die Dinge der Sinneseindrücke, des Gedächtnisses und der Vorstellungswelt sich mit dem geistigen Einfluß aus der Seele verbinden.

3. Das himmlisch-geistige Leben oberhalb des Bewußtseins aus dem ungetrübten Einfluß der Seele und des Intellektoriums.

So ist das menschliche Dasein unendlich vielfältig, ein dauerndes Hin und Her, ein Auf und Ab zwischen der Seele und dem Körper, beglückend reich, wenn es mehr aus der Seele lebt; einsam, ärmlich und trostlos, wenn es sich auf den Körper und seine Sinne beschränken will.

Grade des Lichts und der Wärme.

So ist, was zum inneren oder geistigen Menschen gehört, stufenweise verschieden, aber voneinander abhängig; ebenso ist das Licht — das Verstehen — und die Wärme — die Liebe —welche der Mensch innerlich empfängt, sehr verschieden. Was dem Körper am nächsten ist, hat sehr grobes Licht, weil die gröberen Organe kein helleres Licht durchlassen oder aufnehmen. Der Grad des Lichts hängt von der Art und dem Zustand des jeweiligen Organs ab. In dem groben Licht zeigt sich Falsches und Böses verschiedener Art und sogar Skandalöses gegen das Himmlische und Göttliche, sowie schändliche und infame Dinge. Das kommt daher, daß solches Licht in den Höllen herrscht, und mit diesem Licht fließen die Höllen in den Menschen ein; solche Menschen denken nicht über das hinaus, was die Sinne zeigen. Sie verachten alles echte Geistige. In diesem Licht befinden sich aber auch solche, die nicht sehr böse sind, sondern nur ihre inneren Fähigkeiten nicht ausgebildet haben.

Es ist erstaunlich, daß die meisten Gelehrten im Sinnlichen sind. Wohl kann alles weltliche Wissen dazu führen, weise zu werden, aber auch dazu, unweise, also geistig stumpf zu werden, wenn die betreffenden Menschen nichts mehr Gott, sondern alles der Natur, der eigenen Klugheit und dem Zufall zuschreiben. Das kommt daher, daß sie alles Leben in den Körper verlegen und sich durch ihre Wissenschaften und Philosophien in der Meinung verfestigt haben, es gäbe kein Leben der Seele und des Geistes nach dem Tode. Dadurch haben sie ihr Inneres verschlossen. Sie sind geistig blind und taub, auch wenn man ihnen die höchsten Wahrheiten vorträgt.

Erhebt sich der Mensch jedoch mehr nach innen, dann kommt er in ein milderes Licht. Er wird näher zu dem geführt, was recht und gerecht ist, denn er befindet sich näher am Licht des Himmels. Der Mensch kann noch weiter nach innen erhoben werden; je mehr das geschieht, in desto helleres Licht kommt er, und zuletzt kann er in das Licht des Himmels kommen. Dieses Licht ist die Weisheit und Intelligenz aus dem Herrn.

Die drei Himmel unterscheiden sich nach der Erhebung ins Innere, also nach dem Grad des Lichts. Der dritte, innerste Himmel ist im stärksten Licht, also in einer Weisheit über derjenigen des zweiten und des ersten Himmels.

Wie mit dem Licht, so ist es auch mit der Wärme, die des Menschen Lebenswärme ist. Diese Lebenswärme kommt nicht von der Wärme der irdischen Sonne, sondern ist geistiger Natur, also Liebe, die vom Herrn ausgeht. Die Engel sind in dieser Wärme. Je mehr der Mensch in der geistigen Liebe ist, desto mehr ist er in dieser Lebenswärme. Der Körper und auch das Sensuelle sind dagegen in der Wärme der Welt. Wer während seines Lebens in der geistigen Lebenswärme über die Sinnessphäre erhoben worden ist, der ist abwechselnd im Licht der Sinne und im inneren Licht. Wenn er in den weltlichen Beschäftigungen und Sorgen unter anderen Menschen oder in den Genüssen ist, dann ist er im sensuellen Leben. In diesem Zustand widerstrebt es ihm, an Gott und die geistigen Dinge zu denken und davon zu sprechen. Er würde sich aus ihnen gar nichts machen, wenn nicht der Herr ihn wieder über das Äußere in das Innere erhöbe. Wenn er dann im inneren Licht ist, denkt er gerecht und ehrlich, und in noch innerlicherem Licht denkt er aus dem geistig Wahren und Guten.

So können wir rückblickend sagen: Der Mensch besteht aus nichts anderem als aus Organformen zur Aufnahme des Lebens; eine Form ist innerhalb der anderen. Wenn eine Form aufgelöst wird, so besteht die höhere, die inwendigere, weiter. Jeder hat das Leben nach der geistigen Form seines Inneren, die er erworben hat durch sein Wollen und Tun, sein Denken und Sprechen. (Wo auch immer Leben sich zeigt, es liegt nicht in den natürlichen Formen und ist auch nicht identisch mit ihnen.)

Der Mensch ist dazu erschaffen, daß er unter der weisen Führung des Herrn sein Bewußtsein und seine Vernunft verbinde mit dem Wesen seiner Seele, daß er sein natürliches Leben verbinde mit der höheren Quelle des Lebens. Wirkliche Freude auf Erden ist nur da, wo die Dinge, Aufgaben und Betätigungen in dieser Welt verbunden werden mit dem Bewußtsein von Gott und der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Der Mensch empfindet echte Lebensfreude also nur dann, wenn er mit dem Urgrund aller Dinge verbunden ist, so daß sein Leben zurückstrahlt zu Ihm, seinem Schöpfer, seinem Herrn und Gott.

Das Geistige im Körper und Gehirn wirkt ins natürliche Leben hinein und kann deshalb der natürlich-geistige Grad genannt werden. Das Geistige im Menschen ist die Ursache des Physischen. Es ist das Aktive, während der Körper das Passive ist. Es ist die Eigenart natürlicher Substanzen, gegen geistige Substanzen Widerstand zu leisten und zu reagieren. Auf Grund dieses Widerstands kann das unterste Geistige dort getrennt werden von den höheren Graden und kann pervertiert werden in „geistige Substanzen wie sie in der Hölle sind.“

Die Lebensordnung im Menschen.

Wie wir gesehen haben, beginnt der Schöpfungskreis mit dem Unendlichen und kehrt zum Unendlichen zurück, denn Gott ist Anfang und Ende. Der eigentliche Zweck, weshalb das Universum erschaffen wurde, ist der Mensch, geschaffen in das Universum hinein, Bildnis Gottes, damit dieses Universum, das auch alle Himmel umfaßt, erfüllt werde vom Leben Gottes in seinen Geschöpfen.

Sein Leben fließt in alle Himmel und alle Galaxien von Welten, und so ist Er in allen. Er gibt allen Geschöpfen Sein Leben, soweit es aufgenommen wird. Der Herr allein ist das Leben; was dem Menschen als Leben erscheint, ist nur ein Empfangen. Empfangen ist das Leben des Menschen.

Hier stellt sich aber unserem Denken eine gefährliche Klippe in den Weg, nämlich zu meinen, der Mensch könne empfangen, was göttlich ist, Gott habe einen Teil seiner Substanz in den Menschen verlegt, dieser könne dadurch ein gottähnliches oder gottgleiches Leben erreichen. Aber: Leben ist nur in Gott, Menschen haben ein abgeleitetes Leben aus der Lebenssphäre Gottes. Aber nicht in der Weise, wie ein Geber etwas gibt und sich dann zurückzieht und die Gabe dem Beschenkten überläßt. Der Mensch ist und bleibt Geschöpf. Alle Schöpfung ist Gefäß, Empfänger der Anregungen, die von der Lebenssphäre Gottes ausgehen. Der Mensch kann sich anregen lassen, kann Gutes und Wahres nur empfangen, wenn er wie aus sich selbst denkt und handelt, denn nur so ist er zum Empfangen bereit. Das hängt zusammen mit der Verbindung des inneren und des äußeren Menschen durch Entsprechung. ist die Entsprechungsbeziehung unterbrochen, dann kann das vom Herrn durch das Innere Kommende nicht das Außen erreichen, denn das Empfangen und das Innewerden die perceptio — geschieht je nach dem Zustand des inneren Menschen, seiner mens, die gebildet ist aus den Kenntnissen, die ihm durch Lehren vermittelt worden sind. Sind diese wahr, so geschieht das Innewerden aus dem Licht, das ihn innerlich erleuchtet.

Der innere, also der geistige Mensch ist nach dem Bilde des Himmels erschaffen, d.h. als Abbild alles Himmlischen und Geistigen, das vom Herrn ausgeht. Himmlisches heißt, was der Liebe zum Herrn und zum Nächsten angehört, Geistiges, was zum Verstehen des Glaubens gehört.

Die ursprüngliche Ordnung im Menschen bestand darin, daß Wille und Verstehen eins waren. Auf solche Weise werden die Tiere durch ihr unbewußtes Wollen (wir nennen es heute Instinkt) geführt, denn dieser Instinkt besitzt all das, was ihnen zu wissen nötig ist; deshalb brauchen sie nicht besonders belehrt zu werden. All dieses Wissen ist ihnen mit ihrem Instinkt eingeboren. Dieser Instinkt wird zur Tätigkeit angeregt durch den allgemeinen Einfluß aus der geistigen Welt.

Der allgemeine Einfluß.

Die ersten Menschen wurden in diese Ordnung ihres Lebens geboren und waren vor dem sogenannten Sündenfall in der instinktiven Kenntnis von allem, was sie für ihr natürliches Leben brauchten, und sie hatten die Fähigkeit, in sich die Erkenntnisse geistiger Weisheit zu entwickeln. Das erste Menschengeschlecht wurde so durch keinen anderen Einfluß als den allgemeinen Einfluß geleitet. Das ist so zu verstehen:

Unter dem allgemeinen Einfluß stehen bei uns heute noch alle unbewußten Lebensabläufe, z.B. die Tätigkeit des Herzens, der Lunge, des Bluts, der Nerven und vieles mehr, aber auch die Art, wie Gedanken ins Sprechen übergehen usw., also wahrscheinlich all das, was vom Kleinhirn geregelt wird. Beim ersten Menschengeschlecht waren in dieser Ordnung des Lebens, d.h. unter diesem allgemeinen, direkten Einfluß auch die Dinge seines geistigen Lebens, vor allem sein Wollen und sein Denken.

Wir erinnern uns, daß er aus der Reflexsphäre, der ersten Schöpfungssphäre, die unmittelbar von Gott angeregt wurde, entstanden ist. Wäre der Mensch in der höchsten Ordnung, für die er geschaffen worden ist, geblieben, d.h. in der Liebe zum Herrn und zum Nächsten, dann würde er durch Geburt alles Wissen mit auf die Welt bringen, nicht nur für sein weltliches Leben, sondern auch alles Wissen geistiger Wahrheiten und alles himmlische Wollen, denn er kann, was Tiere nicht können: an den Herrn denken und in Liebe mit Ihm verbunden werden.

Der allgemeine Einfluß geht aber noch weiter. Er kann bezeichnet werden mit der Ordnung in den Sphären der Schöpfung. Die Sphäre des göttlich Guten, also die Zweckbestimmung, die Gott in seine materiellen und geistigen Schöpfungen legte, erfüllt alle Himmel und erhält sie in ihrem Bestand. In dieser Sphäre wirkt seine Vorsehung auf die Endbestimmung hin. In dieser Sphäre liegt die Erhaltung des Universums vermöge der dauernden Fortzeugung aller Lebensformen, also die Vermehrung der Zellen, und der Impuls der Geschlechter zur Vereinigung. Natürliche Liebearten innerhalb dieser Sphäre sind ein freies Geschenk durch den allgemeinen Einfluß des Herrn, um seine Schöpfungen weiterzuführen. Der Körper wird vom Herrn unter dem allgemeinen Einfluß gehalten als ein Instrument für des Menschen Inneres oder seinen Geist. Aber dieser Geist des Menschen wird von dem besonderen Einfluß aus guten und bösen Geistern geleitet, welche seine Freiheit sicherstellen in Sachen des Denkens und Wollens. Aber selbst in seinem Geist dominiert der allgemeine Einfluß. Nur in den dünnen Randgebieten wirkt die freie Entscheidung. In den Tiefen seines Geistes und in der sie umgebenden geistigen Welt geschehen alle Dinge aus allgemeinem Einfluß, d.h. folgen vorgegebenen Gesetzen des Denkens. Dadurch hat der Mensch die Fähigkeit zu vernünftigem, analytischem und logischem Denken.

Ein allgemeiner Einfluß muß in das Innere des Menschen fließen. So heißt es: „Es besteht ein universaler Einfluß in die Seelen aller Menschen, der sie zu erkennen befähigt, daß es einen Gott gibt und daß Er Einer ist“ (WCR 8).

Kein Mensch wird durch Einfluß belehrt; aber das vorgegebene Fließen in den Organen des Geistes ist so gestaltet, daß er solche Wahrheiten akzeptiert. Auf Grund des allgemeinen Einflusses aus den Himmeln sind die Menschen disponiert, von Gott nach der menschlichen Form zu denken, aber unterschiedlich nach dem Zustand ihrer Erkenntnisse, und vorausgesetzt, daß in ihm dadurch einigermaßen Ordnung herrscht, daß er Böses als Sünde meidet. Auch die Erkenntnis der Unsterblichkeit ist universal. Solche allgemeinen Vorstellungen sind universal, sind eingepflanzt oder intuitiv, d.h. sie kommen von einem allgemeinen Einfluß. Wir hätten nicht die Fähigkeit zu denken, wenn nicht bestimmte Generalia in unser Inneres eingepflanzt wären, die uns nicht bewußt sind.

Anders als die Tiere konnte der Mensch diese ursprüngliche Ordnung seines Lebens verändern, aber nur was sein geistiges Leben, also Wille und Verstehen betrifft. Und er hat diese ursprüngliche Ordnung pervertiert. Er hat die Ordnung Gottes bei sich ins Gegenteil verkehrt, in dem er in seinem mittleren Lebensbereich die von unten, vom Sinnlich- Körperlichen kommenden Eindrücke und ihre Lüste nicht mehr unter das von Gott durch die Seele einfließende Leben stellte, sondern alles aus dem Sinnlichen erkennen und sich selbst leben wollte. Das ist bildhaft in der biblischen Sprache der Entsprechungen dargestellt an dem Sündenfall des ersten Menschenpaares und der Vertreibung aus dem Paradies. Der Sündenfall bedeutet, daß die Menschen nach vielen Generationen so stark in sich anhäufendes Erbübel verstrickt wurden, daß ihr natürliches Wollen und Denken sich vom Geistigen und Himmlischen trennte. Die Folge davon war, daß der Mensch nicht mehr durch den allgemeinen, also unbewußten Einfluß allein geleitet werden konnte, denn das wäre ein allgemeiner Einfluß aus den Höllen gewesen; sein böser Wille hätte sein Verstehen geleitet. Er wäre als menschliches Wesen zugrundegegangen.

Deshalb hat der Herr das Wesen des Menschen geändert, so daß sein Wille vom Verstehen getrennt wurde und sein Verstehen in einer gewissen Unabhängigkeit von seinem verderbten Willen aufgebaut werden konnte. Nun konnte und kann er — im Gegensatz zu seinem bösen Wollen — belehrt werden über das Wahre und Gute, er kann darüber ach denken, er kann so in seinem Verstehen eine neue Welt aufbauen und sich allmählich trennen von seinem angeborenen Bösen. Auf diese Weise konnte und kann er vom Herrn auf eine neue Art geleitet werden. Das geschieht durch den besonderen Einfluß.

Der besondere oder partikulare Einfluß.

Der besondere oder einzelmenschliche Einfluß ist ein begrenztes Einfließen einer Reihe von Engeln und Geistern in jeden einzelnen Menschen, genau nach den Bedürfnissen seines einzigartigen geistigen Lebens. Diese Geister und Engel sind so ausgewählt und werden so eingesetzt, daß der Mensch die Freiheit der Entscheidung behält. Zu diesem Zweck wurden zwei gute und zwei böse Geister seine Begleiter. Gute Geister können ihn beeinflussen durch die Überreste (reliquiae), die seit seiner Geburt in ihn eingepflanzt sind, während die bösen Geister seine bösen Gelüste erregen wollen. Die guten Geister regen seine Neigungen so an, daß diese in sein Bewußtsein gelangen und von seinem neuen Verstehen geprüft und gefiltert werden können, ehe sie in die Tat umgesetzt werden. Der Mensch ist nicht mehr ohne weiteres Beute seiner angeborenen Instinkte. Das war die Rettung des Menschengeschlechts, die in der biblischen Sprache der Entsprechungen geschildert wird durch Noahs Rückzug in die Arche, deren unterstes Stockwerk verschlossen wurde.

Er kann nun aus dem Verstehen des Wahren und Guten handeln, weil er sieht, was Böses und Falsches ist, und so kann er aus freiem Entschluß dem Bösen widerstehen, sobald es ihn immer wieder anficht. Wäre diese Zwischensetzung von Engeln und Geistern nicht erfolgt, dann stieße das einfließende göttliche Leben direkt auf das verderbte menschliche Wesen und würde es vernichten.

Es ist eine unendliche Gnade des Herrn, daß er jedem Menschen solche Engel und Geister beigibt; sie mildern die Wirkung des einfließenden Lebens Gottes auf die inneren Lebensebenen des Menschen und machen es für ihn erträglich. Das gewaltige Ausmaß dieser Führung des Herrn kann uns nur mit immer größerer Bewunderung für Seine Liebe und Fürsorge gegenüber dem ganzen Menschengeschlecht erfüllen. Nur anbetend können wir Ihm begegnen.

Die Entscheidungsfähigkeit, die Willensfreiheit, die Wahl zwischen Gutem und Bösem ist dem Menschen bei der Geburt noch nicht gegeben, aber er kann sie durch den Einfluß aus den Himmeln in sich entwickeln. Der Mensch muß sich bald entscheiden, denn was er von seinen Eltern und vielen Vorfahren geerbt und von sich aus noch verstärkt hat, ist Liebe zu sich selbst und zur Welt, aber keineswegs Liebe zu Gott und zum Mitmenschen oder Nächsten, ist also gegen die ursprüngliche Ordnung gerichtet. Daher ist alle Unordnung im menschlichen Leben entstanden.

Durch den besonderen Einfluß wurde der allgemeine Einfluß nicht beseitigt; er besteht in den Menschen hinein weiter für die Dinge, die in der Lebensordnung sind, d.h. die sogenannten unbewußten Vorgänge, die außerhalb seines Verfügungsbereichs sind. So hat der Mensch z.B. keine freie Bestimmung über seine Seele und über die geheimen Vorgänge in seinem Körper.

Aber geistige Liebearten, also des Menschen Neigung zum Guten und Wahren kann nur durch den besonderen Einfluß empfangen und behalten werden, und dieser Einfluß geschieht nach frei gewählter Zugesellung von Geistern und Engeln. Entsprechen unsere Geister nicht mehr unserer geänderten Willensrichtung, so können wir die neue Richtung nicht etwa ihnen aufdrücken, sondern sie müssen sich zurückziehen und werden durch geeignetere ersetzt. Der Mensch hat so die freie Entscheidung darüber, welche besonderen Geister er haben will.

Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß selbst bei den geistigen Vorgängen des Wollens und Denkens, in denen der Mensch zu einem gewissen Maß frei ist, das Material, das zum Denken und Empfinden führt, letzten Endes von außen auf uns zukommt. Deshalb geschahen die ursprünglichen echten Offenbarungen in Entsprechungen zwischen natürlichen und geistigen Dingen, d.h. Geistiges wurde darin durch das ihm entsprechende Natürliche ausgedrückt und bezeichnet. Denn aus rationalem, also natürlichem Denken können wir keine Kenntnisse von Gott und dem Himmel bekommen. Die innere Erleuchtung wird dem Menschen nur gegeben, wenn sein Inneres von engelischen Sphären umgeben ist, die ihn in der Liebe zum geistig Wahren halten. Die Quelle des Lichts ist aber nur der Herr, nicht die Engel, und zwar in Seinem Wort. Nachdem der Herr selbst sein altes Wort erfüllt und sein neues Wort gegeben hat, manifestiert er sich den Menschen nur durch sein Wort im inneren Sinn, denn es ist die göttliche Wahrheit, ist der Herr Selbst im Himmel und im Inneren des Menschen. Wenn wir das Ausmaß der allgemeinen Ordnung bedenken, die durch den allgemeinen Einfluß in den Menschen besteht, so sehen wir ein, daß wir nur einen geringen Anteil daran haben, wie unser Leben verläuft. Ohne bewußte Mitwirkung geschieht auch das körperliche Wachsen, ja schon die Ausbildung des Embryo im Mutterleib, auch die Verwertung der Nahrung und ihr Übergang ins Blut. Dies und noch viel mehr wird meist der Natur zugeschrieben. Die Natur hat jedoch keine Intelligenz, und doch zeugen die genannten Vorgänge von höchster Intelligenz, denn der so intelligent sich dünkende homo sapiens hat nicht einmal ihren Ablauf erkannt und ist noch viel weniger zu ihrem Nachvollzug fähig. So alltäglich und normal diese Vorgänge sind, wenn wir nicht von menschlicher Eitelkeit geblendet sind, stehen wir ehrfürchtig vor dieser Vollkommenheit und sehen die unfaßbare Liebe und Weisheit unseres Schöpfers, der das alles gemacht hat und jede Sekunde weiter bewirkt. Alles Bestehen ist fortwährendes Erschaffen, in dem die Lebenssphäre Gottes in die menschliche Seele fließt und von dort her diese Wunder bewirkt. Der Herr allein herrscht auch im alltäglichen Ablauf des Menschenlebens.

Gottes unmittelbares Werkzeug und Wirkungsorgan im Menschen ist die Seele. Sie ist geschaffen als Sein Bildnis und Gleichnis; das Leben, das sie von Gott erhält, ist das Vorbild, die Ursache und die Kraft des Lebens im menschlichen Körper. Gottes unmittelbares Einwirken kann nicht einmal von den obersten Engeln erkannt und verstanden werden. Auch der Mensch hat nicht die Macht über seine Seele, sondern nur über das, was in seiner Verbundstufe seiner Entscheidung unterliegt, und er hat keine oder doch nur eine sehr beschränkte Macht über die unterhalb der Verbundstufe liegenden Lebensvorgänge des inneren und des äußeren Sensoriums.

Vom Herrn wird auch alles geleitet, was Engel und Geister wollen, erkennen und tun, denn es gibt nur ein Leben, nämlich Seines. Alles andere ist das Einfließen, oder besser gesagt: Sein Einwirken auf organische Formen (geistige und materielle), die dazu geschaffen und voll kommen geeignet sind, die Einwirkungen aus der Sphäre seines Lebens aufzunehmen und dabei so zu empfinden, als wäre es ihr eigenes. Gott ist das einzige Sein, alles andere ist von ihm abgeleitetes Dasein. So ist alles Dasein von den Engeln im Himmel bis herab zu den einfachsten Lebensformen der Natur in unlösbarer Verbindung zum Herrn. Das von Ihm kommende Leben enthält die Absicht, das abgeleitete Leben der geschöpflichen Organformen möglichst nahe an Seine Vollkommenheit heranzuführen. Diese Absicht ist die im Einfließen wirkende Vorsehung.

Der Mensch: ein Empfänger des Lebens.

Der Mensch ist ein Konglomerat von Organen, die nicht selbst leben, sondern Leben aufnehmen, indem sie auf das reiche Leben reagieren, das von innen und von außen auf sie eindrängt. Er ist der Sammelpunkt, auf den alles einfließende Leben sich konzentriert. Er ist der Endzweck, in dem die ganze Schöpfung sich erfüllen soll.

Die Fähigkeit, Leben aufzunehmen, hat der Mensch aus dem Leben des Herrn, der allein das Leben, der allein Gott ist. Sein göttliches Leben in Seiner Liebe und Weisheit kann nicht auf andere übertragen werden, denn alles Geschöpfliche ist nur vielfältige Organform, die auf das aus dem Leben Gottes Ausstrahlende reagiert und auf diese Weise selbst zu leben scheint. Wenn von Einfluß und Einfließen gesprochen wird, so darf darunter niemals eine Übertragung verstanden werden im Sinn der Gabe eines Gebers an den Empfangenden, wobei dieser das Empfangene als sein Eigentum behält, auch wenn der Geber sich zurückzieht. Einfluß und Einfließen bezieht sich also nicht auf etwas Quantitatives, das nur in Raum- und Zeitbeziehung (also nur auf der irdischen Ebene) da sein kann, sondern auf Qualitatives, auf Zuständliches, weil der Einfluß den Zustand der Organformen ändern soll. Die Organformen selbst gehören der geschöpflichen Natur an, ihr Zustand und ihre Zustandsveränderung gehören dem Geistigen an und werden von Gott bewirkt, weil die Organe in der ihnen angepaßten Weise auf das allgegenwärtige Göttliche, d.h. seine Liebe und Weisheit reagieren. So ist Einfluß und Einfließen nicht mechanischer Übertragungsvorgang auf einen Empfänger, sondern dessen Zustandsveränderung vermöge der göttlichen Liebe und Weisheit.

In den vorangegangenen Ausführungen über die Schöpfung der natürlichen und aller geistigen Organe wurde dargelegt, daß zwischen Gott und den natürlichen Organformen mehrere Sphären mit ihren Lebensorganen sind. Diese stellen mehrere absteigende Grade von Liebe und Weisheit (in ihren Bewohnern) dar, nämlich den Engeln in den drei Himmeln und den Geistern in der Geisterwelt. Engel und Geister befinden sich also bezüglich ihrer Liebe und Weisheit zwischen Gott und Mensch.

Diese Zwischengrade haben ihre organische Basis auch im Menschen:

1) Seine Seele steht ewig unter der Obhut des Herrn, sie besteht aus höheren geistigen Substanzen, die feinstens auf Gottes Liebe und Weisheit reagieren. Der Kontrolle des Menschen sind sie entzogen.

2) Sein Geist (mens). Er besteht aus niedereren geistigen Substanzen; sie werden von Gott mittelbar durch die Seele angeregt, und in ihm sind auch Neigungen, Gedanken und Kenntnisse gebündelt oder zusammengefaßt, die er von anderen Geistern aufnimmt.

Und zuletzt:

3) Sein Körper. Er empfängt aus den Materien der Erde und aus den Atmosphären und wird unmittelbar von Gott und mittelbar von des Menschen Geist angeregt.

Die Fähigkeit, Leben aufzunehmen, hat der Mensch also allein aus der Lebenssphäre des Herrn. Sie gibt seinem Inneren Wollen und Verstehen unmittelbar aus Gott selbst und auch mittelbar durch die Himmel und die geistige Welt. Auch in des Menschen äußeres Natürliches fließt der Herr unmittelbar, wie auch mittelbar durch die geistige Welt ein. Der mittelbare Einfluß oder Seine mittelbare Herrschaft über des Menschen Geist und Körper geschieht vermittels der geistigen Welt, also die Himmel und die Höllen.

Wie wirkt die geistige Welt in den Menschen?

Das Geistige wirkt nicht in der Art der physischen Kräfte direkt auf die Materie der körperlichen Organe, sondern es verleiht Qualitäten. Oder anders ausgedrückt: Im Geistigen herrschen nicht die Kategorien von Raum und Zeit, sondern von Gutem und Wahrem. Alles, was im Natürlichen als Leben erscheint, stammt aus der geistigen Welt. Der Mensch kann aus sich selbst weder denken noch wollen, sondern alles ist geistige Einwirkung. Nur die Fähigkeit zu denken und zu wollen liegt schöpfungshalber in ihm, aber das sie anregende Gute und Wahre, oder bildlich gesprochen das Material, das das Wollen und Denken auslöst und ausfüllt kommt vom Herrn durch den Himmel, also durch die Engel, die beim Menschen sind. Wird das Gute und Wahre nicht aufgenommen, weil keine Neigung dazu vorhanden ist, so kommt Böses und Falsches aus der Hölle durch die bösen Geister, die beim Menschen sind. Der Wille des Menschen und sein Verstehen sind die Aufnahmegefäße, die auf die Sphäre von Engeln und Geistern ansprechen. Der Mensch ist frei, insofern er entscheiden kann, welche Geister bei ihm sein sollen. Deshalb nimmt der Mensch ganz verschieden auf, und zwar je nach der Art und Qualität, die er durch seine Lebensweise seinem Inneren gegeben hat. Von den Bösen wird das Gute und Wahre in Böses und Falsches verkehrt, aber von den Guten wird das Gute als Gutes und das Wahre als Wahres aufgenommen.

Einen Vergleich haben wir beim Licht: Das Sonnenlicht trifft auf die Gegenstände. Je nach der Form ihrer Teile wird das Licht in verschiedenartige Farben verändert. Während der Mensch in der Welt lebt, prägt er die allerfeinsten Substanzen seines Inneren, so daß man sagen kann, daß er sein Inneres, d.h. die Qualität seines Inneren, formt. Je nach dieser Form wird das Leben des Herrn aufgenommen.

Damit das Leben des Herrn im Menschen mittelbar durch den Himmel und die geistige Welt einwirken kann, sind bei ihm sowohl Engel als auch Geister. Swedenborg sagt, er sei belehrt worden, daß bei jedem Menschen zwei Geister und zwei Engel sind.

Durch die beiden ihm beigegebenen Geister besteht eine Verbindung mit der Hölle (den höllischen Sphären), und durch die beiden Engel mit dem Himmel. Geister aus der Hölle sind deshalb bei ihm, weil der Mensch aus sich selbst dauernd im Bösen aus seiner Selbst- und Welt- liebe ist. Ohne diese Verbindung mit dem Himmel und der Hölle könnte der Mensch nicht einen einzigen Augenblick leben. Das wissen die Menschen im allgemeinen nicht, weil sie diese Engel und Geister nicht sehen und empfinden können. Und sie glauben nicht, was sie nicht sehen; sie glauben ja auch nicht an Himmel und Hölle.

Nicht immer bleiben die gleichen Geister beim Menschen, sondern sie wechseln je nach den inneren Zuständen des Menschen, d.h. den Zuständen seiner Neigungen und Endzwecke. Im allgemeinen gilt: so wie die Menschen sind, derart sind auch die Geister bei ihnen: beim Geizigen sind Geister des Geizes, beim Selbstgefälligen sind Geister der Selbstgefälligkeit, beim Rachsüchtigen Geister der Rachsucht, beim religiösen Schwärmer sind es Schwärmgeister oder Enthusiasten. Das sind nur wenige Beispiele aus der unendlichen Vielfalt von Geistgesellschaften, die der herrschenden Liebe der Menschen entsprechen. Die Menschen ziehen Geister ihrer eigenen Art an. Ändert der Mensch seinen Zustand, so werden auch seine Geister ausgetauscht. Beim heranwachsenden Kind sind andere Geister als beim kleinen Kind, wie der andere in seiner Jugend und beim Erwachsenen sowie im Alter. Die Geister und Engel, die beim Menschen sind, werden Abgesandte genannt, weil sie die Verbindung mit der Hölle bzw. dem Himmel herstellen. In dem Abgesandten sind die Gedanken und Worte vieler zusammengefaßt; diese vielen erscheinen wie ein einziger. Der Abgesandte denkt nichts aus sich selbst, sondern nur aus den anderen. So geschieht durch den abgesandten Geist die Verbindung des Menschen mit seiner entsprechenden Gesellschaft.

Ohne Geister hätten wir kein menschliches Bewußtsein, wir könnten im Denken und Gedächtnis den Dingen keine Bedeutung beilegen. Unsere Worte und unsere Vorstellungswelt hätten keine Sinnbedeutung, würden nicht Geister alle Zusammenhänge sehen und alle Gedanken und Freuden auslösen, die mit den äußeren Erscheinungsbildern zusammenhängen. Den Geistern ist es gegeben, die geistigen Zusammenhänge zu sehen. Wie sonst wäre es erklärlich, daß der Anblick einer Blume und das Riechen ihres Duftes in uns Freude und Entzücken her vorrufen? So ist es mit allem, was unseren Sinnen zugänglich ist. Die Geister, die mit der geistigen Welt verbunden sind, also mit der Welt des Denkens und Empfindens, kommunizieren mit unseren Fähigkeiten des Denkens und Empfindens und regen diese an, wenn sie durch unsere Sinne in Kontakt kommen mit den äußeren Symbolen des Denkens und Empfindens. Die Verbindung mit Geistern ist also die Voraussetzung und die Quelle des menschlichen Bewußtseins, welche das eigentliche menschliche Leben ist gegenüber dem Leben der Tiere und Pflanzen.

Der Geist, der beim Menschen ist, weiß was der Mensch gedacht hat, sogar das Allergeringste seines Denkens und seiner Neigungen, das dem Menschen selbst gar nicht ins Bewußtsein gekommen ist. Die Geister besetzen beim Menschen sein ganzes Gedächtnis und sein Gedächtniswissen. Die Engel beim Menschen sind nicht wie die Geister in seinen materiellen Vorstellungen, sondern in mehr inneren Dingen. Aber auch ihre Grundlagen sind in den Außendingen des Menschenlebens.

Da die Umwelt, ihre Menschen und Objekte so überaus starke Eindrücke auf uns ausüben, fällt es uns schwer zu glauben, daß unsere immer wieder sich ändernde innere Verfassung bezüglich unserer Gefühle und Gedanken aus dem Geistigen entsteht. Diese Schwierigkeit entfällt, wenn wir bedenken, daß die Sinneseindrücke ohne Empfindung bleiben müßten und die Worte der anderen Menschen ohne Sinnbedeutung wären, wenn aus der geistigen Welt nicht das Licht des Verstehens käme. Worte und Gedächtnisbilder wären ohne Sinn oder Bedeutung, wenn keine Geister da wären, die die Zusammenhänge sehen und alle Gedanken und Empfindungen hervorrufen können, die mit diesen toten Symbolen innerlich verbunden sind. Der Mensch denkt natürlich, aber die Geister denken geistig. Die natürlichen Gedanken und die geistigen Gedanken können nicht direkt miteinander verbunden werden, sondern sie haben nur Entsprechung zueinander, nur in der Entsprechung machen sie eins aus.

So ist im Menschen die geistige Welt verbunden mit der natürlichen; bei ihm fließt die geistige Welt in die natürliche Welt. Durch diese Verbindung und den Einfluß besteht der Verkehr zwischen beiden. Vom Geist werden auf den Menschen nicht Gedanken übertragen, sondern Neigungen; und nur wenn diese mit seinen eigenen übereinstimmen, werden sie vom Menschen ins Denken übernommen. Geister flößen dem Menschen nicht neue Gedanken ein.

Wie wirken die Geister im Menschen?

Sie bemächtigen sich aller Dinge seines Gedächtnisses, also alles dessen, was er seit seiner Jugend gelernt und erfahren hat. Die Geister meinen, all das gehöre ihnen. Sie wissen alles, was der Mensch weiß; d.h. wenn sie zum Menschen kommen, ergreifen sie davon Besitz, und sie glauben, diese Kenntnisse seien ihre eigenen. Sie übernehmen auch alle Ansichten, die der Mensch sich zugelegt hat, sowohl die Ansichten in bürgerlicher als auch in moralischer und sogar geistiger Hinsicht. Deshalb sind bei denen, die in falschem Glauben und in Illusionen über das Wahre des Glaubens sind, Geister genau der gleichen Art. Das ist so, damit der Mensch in seiner Freiheit bleibt und nicht gestört wird durch das Eigene des Geistes. Aber sie dringen nicht vor in die Sprache und das Handeln des Menschen, denn dieses Äußere unterliegt dem allgemeinen Einfluß aus dem Herrn ohne Vermittlung besonderer Geister und Engel. Aber obwohl die Geister in das Denken und Wollen einfließen, wissen sie nicht, daß sie beim Menschen sind, denn sie sind der Meinung, dieses Denken und Wollen sei ihr eigenes.

Sie vermitteln den besonderen Einfluß des Herrn in den Menschen, haben aber nichts mit dem Einfluß in den Körper zu tun, also mit dem, was aus den Gedanken in die Sprache und aus dem Willen in die Handlungen des Körpers fließt, denn das geschieht nach der Ordnung des allgemeinen Einflusses. Sie sprechen nicht körperlich die Sprache des Menschen, sie sehen auch nicht durch seine Augen die Dinge der Welt, noch hören sie durch seine Ohren, denn das wäre Besessenheit.

Würden die bösen Geister merken, daß sie beim Menschen und doch von ihm getrennte Geister sind, und könnten sie in seinen Körper einfließen, dann würden sie mit allen Mitteln versuchen, ihn umzubringen, denn sie haben einen tödlichen Haß gegen die Menschen.

Die Engel beim Menschen besitzen von ihm das, was noch weiter innen ist. Weil die Engel und Geister so eng mit ihm verbunden sind, kann der Mensch nicht anders als fühlen und sicher sein, daß er selbst denkt und will.

Aus all dem wird deutlich, daß die Geister, die den besonderen Einfluß des Herrn vermitteln, im Inneren des Menschen, in Verbindung mit seinen Gedanken und seinem Wollen, also mit seinem eigenen Geist sind. Denn des Menschen Inneres, sein Denken und Wollen, gehört der geistigen Welt an. Der Mensch ist in seinem Eigentlichen ein Geist, und er gehört selbst der geistigen Welt an und lebt mit seinem Wollen und Denken auf derselben Ebene, auf der seine Geister leben. Sie sind seine intimsten Freunde, er hat keinen Grund, vor ihnen Angst zu haben, intimer als es zwischen zwei Menschen sein kann. Nur sein Körper lebt, anders als die Geister, auf der materiellen Ebene, und zwar aus dem direkten Einfluß des Herrn und ohne Vermittlung von Geistern; diese können nicht mit seinem Mund sprechen, nicht mit seinen Augen sehen, nicht mit seinen Ohren hören, fühlen nicht mit seinen Händen und bewegen diese nicht.

Auf die nun ausführlich dargestellte Weise ist der Mensch vermittels der Geister und Engel mit dem Himmel und mit der Hölle verbunden: mit dem Himmel durch die Nächsten- und Gottesliebe, aber mit den Höhen durch die Selbst- und Weltliebe.

Die Geister sind unsere Freunde, wurde gesagt, wir brauchen uns vor ihnen nicht zu fürchten, denn sie sind ja keine Gespenster, sondern sind in ihrer Wesensart uns Menschen gleich; deshalb die intime Verbindung mit ihnen. Sie sind wie wir Menschen gut oder böse, und auch gut und böse in engster Vermischung, genau wie wir Menschen.

Diese intime Verbindung hat aber auch das Furchtbare an sich, daß es dem Menschen, der sich aus den Verstrickungen des Bösen lösen will, von seinen Geistfreunden sehr schwer gemacht wird, sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, sie zu verlassen, und sich in die Geistgesellschaften zu begeben, die seinem neuen Wollen und Denken entsprechen. Das soll vorerst nur ein Hinweis auf die Mühen und Kämpfe sein, die der Mensch durchzustehen hat, der den steilen Weg zur Wiedergeburt geht.

Der an die Hölle gebundene Mensch kann nur durch da vom Herrn kommende Göttliche frei werden. Die aber nur an das denken, was ihren Körper und die weltlichen Vorgänge angeht, wollen gebunden bleiben und wollen nichts vom ewigen Leben wissen; sie empfinden Abscheu, wenn davon gesprochen wird. Die Geister dieser Sphäre, die beim Menschen sind, verbreiten Unruhe und Skandale.

Der Mensch wäre nicht frei, wenn ihm die Gegenwart der Geister fühlbar bewußt wäre. Es ist notwendig, daß das Bewußtsein der Geister und Menschen auf zwei verschiedenen Ebenen und in ganz verschiedener Umgebung liegt. Die beiden Welten, die geistige und die natürliche, müssen getrennt sein, auch wenn sie im Menschen ihre Kontaktpunkte und Kontaktebenen haben. Jeder Geist kann sogar mit vielen Menschen gleichzeitig verbunden sein. Ohne die materiellen gedanklichen Grundlagen, die sie vom Menschen haben, wäre dem mentalen Leben der Geister die Grundlage entzogen.

Es kommt auf den Menschen an, ob er gute oder böse Geister bei sich hat, und er muß Geister verschiedener Art bei sich haben, damit der Einfluß des Lebens des Herrn durch ihre Vermittlung sich vielfach und reich gestalten kann.

Bei jedem Menschen sind, wenn auch wechselnd, zwei Geister und zwei Engel. Es sind jeweils zwei, weil es zweierlei Arten Geister und zweierlei Arten Engel gibt, die den zwei Fähigkeiten des Menschen, nämlich seinem Wollen und seinem Verstehen entsprechen. Die beiden Arten sind voneinander ganz verschieden; die eine Art heißt einfach Geister, die andere Art heißt Genien. Die Genien wirken auf die Neigungen und Begierden des Menschen ein. Sie spüren sehr geschickt auf, was des Menschen Begehren ist; sie flößen Böses ein, wenn der Mensch keine oder wenig Neigung zum Guten hat, denn die Lust ihres Lebens ist es, Gutes in Böses zu verkehren und das Böse als Gutes erscheinen zu lassen. Die nur Geister heißen, verbreiten dagegen Falsches und wenden sich gegen das Wahre; es ist die Freude ihres Lebens, wenn sie Wahres als Falsches und Falsches als Wahres erscheinen lassen können. Denn sie wirken ins Intellektuelle, ins Denken.

Bei jedem Menschen sind auch zwei Engel, weil es auch zwei Arten von Engeln gibt, von denen die eine auf die Willensebene, also auf seine Liebearten und Absichten wirkt (sie heißen himmlische Engel), die andere auf die Ebenen des Intellektuellen, also auf seinen Glauben, seine Prinzipien, also sein Wahres. Diese heißen geistige Engel. Den himmlischen Engeln entgegengesetzt sind die Genien, den geistigen Engeln die Geister.

Der Mensch, der im Glauben steht, meint, bei ihm seien nur Engel des Himmels, die höllischen Geister seien ihm völlig fern. Aber wer in den Begierden und Lüsten der Selbstliebe und der Weltliebe ist und sie als Endzweck hat, obwohl er gläubig ist, bei dem sind diese Geister nahe, ja in ihm, und sie lenken seine Gedanken und seine Neigungen. Die Engel des Himmels können keinesfalls in die Sphäre dieser Geister eindringen, sie sind außerhalb dieser Sphäre. Wenn die höllischen Geister näher kommen, ziehen sich die Engel zurück, wenden sich aber nie völlig ab vom Menschen, sonst wäre es um ihn geschehen: er könnte nicht leben, wenn er keine Kommunikation mit dem Himmel durch Engel hätte.

Die Engel beobachten dauernd mit Sorgfalt, was die bösen Geister und Genien vorhaben und beim Menschen ausrichten. Wenn der Mensch es zuläßt, wenden sie das Böse in Gutes und zum Guten. Der Herr stellt den Menschen ins Gleichgewicht zwischen dem Bösen und dem Guten, und zwischen dem Falschen und dem Wahren, und zwar einerseits durch die Geister, andererseits durch die Engel, damit der Mensch im Zustand der Freiheit ist. Er muß in dieser Freiheit sein, damit er gerettet werden kann, denn nur so kann er vom Bösen abgewendet und zum Guten geführt werden.

Bei all dieser Beschäftigung mit Geistern dürfen wir aber nicht vergessen, daß es der Herr allein ist, der Leben in sich hat und das Leben selbst ist. Er ist der Ursprung alles Lebens in allen seinen Geschöpfen, denn er ist die Sonne des Himmels. Genau wie die natürliche Sonne Wärme und Licht ausstrahlt, so strahlt die Sonne des Himmels die geistige Wärme und das geistige Licht aus. Die geistige Wärme macht die Lebenswärme im Menschen, also seine Liebefähigkeit, und das geistige Licht macht das Verstehen, und füllen sie aus mit dem, was wir das Gute der Liebe und das Wahre des Glaubens nennen. Die Engel und die Geister vermitteln das Einfließen dieser geistigen Strahlungen bis zum Menschen und dämpfen ihn oder passen ihn der Aufnahmefähigkeit des Menschen an. Das geistige Licht, das im Wesentlichen göttliche Weisheit ist, wird vom menschlichen Verstehen aufgenommen, sofern dieses durch Kenntnisse befähigt worden ist, es wahrzunehmen, sonst bleibt das Verstehen unempfänglich.

Die Geister beim Menschen bemerken nicht nur alles in seinem Denken und Wollen, sondern noch viel mehr, was der Mensch selbst nicht bemerkt; und die Engel noch viel mehr als die Geister, weil sie die Absichten und Endzwecke erkennen. Vor ihnen ist absolut nichts verborgen. Daher die ungeahnte Einwirkungsmöglichkeit der Geister und die höchst subtile der Engel in das Allerinnerste des Menschen.

Für die Engel hat das Beisammensein beim Menschen aber noch eine ganz besondere Bedeutung: Das Wort Gottes in seiner göttlich verordneten Reihenfolge weltlicher Gedankenbilder — also sowohl die historischen als auch die prophetischen und gleichnishaften — das vom Menschen aufgenommen wurde, stellt für sie die unterste Grundlage ihres Verstehens dar. Jedes Wort, jede natürliche Vorstellung im Wort hat geistigen Wert und geistige Bedeutung für die Engel. Wenn wir regelmäßig das Wort andächtig lesen, so laden wir immer neue Gruppen von Engeln zu uns ein, die uns auf unserem Weg zum Himmel begleiten, den wir unter des Herrn Obhut durch die vielen Stadien unseres Lebens zurücklegen.

Woher kommt der Einfluß des Bösen der Hölle?

Wenn der Mensch sich dem Bösen hingibt — zuerst zustimmend, dann absichtlich und endlich aus Lust — dann wird die Hölle, in der dieses Böse ist, geöffnet, und es kommt der Einfluß aus dieser Hölle in ihn, das Böse hängt sich hartnäckig an ihn, denn es findet im Menschen das vor, was ihre, der höllischen Geister und Genien, Lust ist. Dadurch denkt der Mensch immer häufiger an dieses Böse, bis es ihn beherrscht. Er macht sich vor, es sei gar kein Böses. So hält er für zulässig und gerechtfertigt z.B. Ehebrüche, Betrügereien, Arroganz, Menschenverachtung, Verfolgung und vor allem Gottesleugnung und Mißachtung seiner geistigen Ordnungen, die uns vor allem in seinen Geboten bekannt gemacht worden sind. Höllische Geister flößen unaufhörlich Böses in die Gedanken der Menschen: dieses Einflößen wird von den Engeln dauernd bekämpft. Die bösen Geister dringen in das ein, was der Mensch für wahr hält und wonach es ihn gelüstet; sie beherrschen ihn dadurch und machen ihn zum Sklaven solcher falschen Auffassungen und Begierden. Das Leben, das der Mensch aus seinem Bösen führt, bildet um ihn seine Lebenssphäre, und in diese Lebenssphäre begehen sich die Geister aus der Hölle, die in einer ähnlichen Sphäre des Bösen sind. Gleiche Lebenssphären ziehen sich an und verbinden sich, ungleiche stoßen sich ab und trennen sich. Es gibt unzählige Arten von Bösem und entsprechend viele Sphären. Die Sphären des bösen Wollens machen die Höllen, die Sphären des Wollens zum Guten machen die Himmel aus.

Damit Engel den Einfluß aus der Hölle abwenden können, muß nicht nur das Gute des Lebens im Menschen vorhanden sein, sondern auch das Wahre des Glaubens (also geistig und himmlisch Wahres, nicht nur natürlich Wahres!), in das sie einfließen können. Hält der Mensch solches Wahre aber nur in seinem Gedächtnis, ohne es mit dem Guten des Lebens zu verbinden, dann wird er von den höllischen Geistern verführt.

Der Einfluß.

Vom Herrn besteht ein Einfluß in die natürliche Welt. So führt und beherrscht er sie. Der Einfluß ist zweierlei Art: ein allgemeiner Einfluß und ein partikularer oder besonderer Einfluß.

Der allgemeine Einfluß geschieht in die Dinge und auch in die Lebewesen, die in der Ordnung der Natur und ihrer eigenen Art sind, der besondere Einfluß geschieht in diejenigen, die nicht in ihrer Ordnung sind. Die Tiere aller Art sind in der Ordnung ihrer Natur; das sieht man daran, daß sie in die ihnen gemäßen Dinge hineingeboren werden und nicht erst belehrt werden müssen. Die Menschen dagegen sind weder in der Ordnung noch in einem Gesetz der Ordnung. Deshalb besteht für sie ein partikularer Einfluß, d.h. bei ihnen sind Engel und Geister, die den Einfluß vermitteln. Durch diese Geister und Engel steht der Mensch unter der Aufsicht und Führung des Herrn.

Die Geister fließen in die Gedanken und in das Wollen der Menschen ein, aber die Engel in die Endabsichten und die sich daraus ergebenden Dinge. Die Engel fließen vermittels guter Geister, die beim Menschen sind, in die Dinge ein, die zum Guten des Lebens und zum Wahren des Glaubens gehören; soweit dies möglich ist, halten sie ihn dadurch vom Bösen und Falschen ab. Dieser Einfluß geschieht insgeheim und wird dem Menschen nicht bewußt.

Zwar könnte der Herr mit seiner Allmacht den Menschen in die guten Absichten zwingen und weiter führen, aber dadurch würde ihm das menschliche Leben genommen, das aus seinen Neigungen oder Liebearten besteht, auch wenn sie ganz gegensätzlich sind. Der Herr leitet den Menschen in der Freiheit und wendet ihn, soweit es möglich ist, davon ab, aus dieser Freiheit heraus Böses zu denken und zu wollen. Der Mensch ist zwar frei im Sinn der Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse, also in der Wahl seiner Endzwecke, er ist aber keineswegs frei im Sinn von Unabhängigkeit. Sein Leben hängt ab von dem Einfließen und gestaltet sich nach der Qualität der den Einfluß vermittelnden Geister.

Wir müssen im bürgerlichen Leben mit Tugenden rechnen können, selbst wenn sie nur „natürlich Gutes“ ausdrücken, wie etwa Mut, Liebenswürdigkeit, Großzügigkeit, Loyalität, Zutrauen, Familiensinn, Freundschaft, Anhänglichkeit, Gesellschaft, Neigung zum Wohlergehen. Aber für uns selbst müssen wir solchem natürlich Guten gegenüber mißtrauisch sein, denn diese bürgerlichen Tugenden verbergen oft das Böse der Selbstsucht unter einem angenehmen Äußeren, und sie machen die Selbstprüfung schwierig. Man neigt dazu, sich auf solches natürlich Gutes viel zugute zu halten, aber es hat in sich nicht mehr Wert als die instinktive Natur bei den Tieren. Und es besteht dabei die Gefahr, daß man bösem Tun Vorschub leistet und in seinem Urteil getrübt wird. Es empfängt leicht den Einfluß böser Geister. Gutes Wollen, soll es nicht in Emotionalität verfallen, muß durch Verstehen gezähmt und unter Kontrolle gehalten werden, und zwar durch Verstehen der echten Lehren. Sie schützen gegen böse Geister und ihre Einflüsterungen. Der Mensch weiß ja gar nicht, daß er ihrem Einfluß unterliegt, sondern meint, daß er selbstverständlich richtig handele. Die Enttäuschungen, die er dadurch erlebt, schreibt er dann so gern den anderen bösen Menschen, dem Schicksal oder selbst Gott zu und verliert vollständig jeden Halt.

Gefährliche Einflüsse.

Aber auch viele Formen von Religiosität entstehen aus Sentimentalität und Emotionen. Das sind noch gefährlichere Einflüsse von bösen Geistern. Sie sind äußerst hartnäckig, unzugänglich für das echte Wahre, und sind deshalb auch im anderen Leben äußerst schwer und nur unter der Leitung des Herrn und nach schmerzhaftesten Erfahrungen zurechtzubringen. Aus ihren Klauen kann man nur sehr mühsam wieder frei werden, und nur durch inständiges Gebet zum Herrn, und im festen Vertrauen, daß Er uns hilft, weil Er uns alle hebend leitet und über alles Falsche und Böse Macht hat.

Am schlimmsten wird es bei den Menschen, die von den Schwärmgeistern besetzt werden, die sich als der Heilige Geist ausgeben. Das mag lächerlich klingen, kommt aber in dieser oder jener Form sehr häufig vor; man denke z.B. nur an die in sogenannten Erweckungsbewegungen zu beobachtenden Verzückungen. In Extremfällen führen sie zu Geisteskrankheiten. Also wehe, wenn Religion zu Fanatismus, Emotionsausbrüchen und Hysterie verführt. Das ist Besessenheit, denn die Geister sind höchst erfreut über die Gelegenheit, sich im Menschen auszutoben und ihn solcherart zu beherrschen. Wir erfahren in den Lehren Swedenborgs manches über die Herkunft dieser grundbösen höllischen Geister.

Schon die frühe christliche Kirche war sehr anfällig, von korrupten Religionen angesteckt zu werden, in denen gelehrt wurde, daß der eigentliche innerste Mensch ein Funke aus dem Leben Gottes sei. Gott habe sein Göttliches in die Menschen gelegt, so daß sie innerlich Götter seien. Das stammt aus der Zeit der Vorsintflutlichen, also der völlig korrupt gewordenen Lehre der Adamitischen Kirche, die in der Sintflut untergegangen ist.

Viele moderne Weltanschauungen und religiöse Gruppen haben diese und ähnliche Lehren aus östlichen Religionen übernommen, z.B. aus dem Hinduismus; Brahma (Gott) und Atma (die Seele) seien identisch, man müsse sich ganz nach innen wenden, dann lerne man seine Seele kennen und erfahre Gott. Auch manche christliche Gruppen meinen, wenn sie eine innere Erkenntnis empfunden haben, dies sei das Licht des Heiligen Geistes. Es kann nicht ausbleiben, daß wer noch im Bösen der Selbstliebe steckt und die Vollendung seines Lebens im bewußten Verkehr mit Geistern und in ihrer Führung sucht, Profanation begeht, also Heiliges entheiligt; Profanation zeigt sich im nächsten Leben auf schreckliche Weise.

Alle diejenigen, die da meinen, daß sie durch bewußten Einfluß belehrt werden, was sie glauben und was sie tun sollen, werden keineswegs vom Herrn oder einem Engel des Himmels belehrt. Aller Einfluß vom Herrn geschieht nämlich durch Erleuchtung des Verstehens in der Liebe zur Wahrheit; diese Liebe bringt das Verstehen. Wenn der Herr einfließt, geschieht dies immer als Verlangen nach Wahrheit und als Erleuchtung des Verstehens.

(Anm. d. Herausg.: Eine Ausnahme von Regel bildet die biblische Offenbarung, wie Swedenborg diese nachweist.)

Die Bewußtseinsschranke.

Es ist nicht geklärt, wie die Bewußtseinsschranke zwischen Geistern und dem Menschen beseitigt wird. Im normalen Zustand eines Menschen können seine Geister nicht hören und sehen, was in der Welt vorgeht, wohl aber gelegentlich bei Geisteskranken. Auch bei stark „mystisch“ eingestellten Menschen können Geister in sie hineinwirken und sie glauben machen, das, was in Wirklichkeit menschlich ist, sei göttlich. Wer dies für möglich hält, bekommt von Geistern eingeflößt, was er tut, sei vom Heiligen Geist, und sein Inneres sei göttlich.

Im Inneren des Menschen wirkt der Herr ohne des Menschen Mithilfe und niemand weiß, wie der Herr den Menschen in seinem Inneren führt und belehrt. Das wird deutlich aus den geheimen Vorgängen z.B. des körperlichen Wachsens und auch aus dem Wirken von Geistern und Engeln in unserem Unterbewußtsein. Der Mensch weiß auch nicht, wie die Seele arbeitet, damit das Auge sehe, das Ohr höre, der Mund sprechen und das Herz das Blut antreiben kann, wie die Lunge atmet und alle inneren Organe in ihrer Ordnung funktionieren. Das alles geschieht unerkennbar und unfühlbar. So ist es auch mit allem, was vom Herrn in den inneren Substanzen und Formen seines Gemüts geschieht. Aber die Führung und Belehrung vom Herrn, die im Äußeren des Menschen geschieht, erscheint diesem, als geschähe sie aus ihm selbst, weil ihm ihre unzähligen Wirkungen deutlich werden.

Wer göttliche Führung und göttliches Licht sucht, darf nicht versuchen, die Bewußtseinsschranke zu überklettern. Er kann diese Führung im Wort Gottes finden und empfindet dann die Erleuchtung in seinem Verstehen. Wenn es auf diese Weise aus dem Wort geschieht, wird der Mensch unmittelbar vom Herrn belehrt.

Der Himmel hält alles zusammen und in Sicherheit, aber die Hölle zerstört und zerschmettert alles. In die himmlischen Gesellschaften fließt der Herr mit einem Einfluß der Nächstenliebe ein, er will allen Glückseligkeit geben und läßt die Freiheit zu, anderen Gutes zu tun. Deshalb besteht ein allgemeiner Einfluß vom Herrn durch die Gesellschaften des Himmels. Er bewahrt die Ordnung und Gesundheit der menschlichen Gesellschaft und des menschlichen Körpers. Freiheit wäre aber nur ein leeres Wort, könnte der Mensch die Ordnung Gottes nicht stören oder verwerfen, für sich selbst und für andere, nicht nur im Denken und Wollen, sondern auch im Ausführen, womit er Unordnung in die Welt bringt. Der Mensch muß frei sein, Fehler zu begehen, Böses zu tun. Geschieht dies, und die Ordnung ist durchbrochen, dann hört der allgemeine Einfluß aus dem Himmel auf, sofern der Mensch auf seiner Opposition besteht.

Wie weit kann Böses die Lebensordnung stören?

Auf dem Gebiet des menschlichen Inneren (Gemüt, englisch: mind) ist das klar der Fall. Nur die beiden oberen Grade seines Inneren, deren wir in diesem Leben nicht bewußt sind, sind in der Ordnung des Himmels. Aber der natürliche Grad (natural mind), in welchem der Mensch auf Erden bewußt ist, kann durch Denken und Wollen pervertiert werden. Von Geburt her, d.h. aus Vererbung, stellt sich das natürliche Gemüt (mind) gegen die Formen und das Fließen des Himmels (im Sinn der Organformen und der Lebensbewegungen in ihnen). Deshalb bilden sich die Höllen innerhalb der verschiedenen Grade des natürlichen Gemüts. Und deshalb muß für die Erlösung dieses Gemüt neu gebildet und ausgebaut werden in die Ordnung des Himmels.

Aber Perversionen finden nicht nur im Gemüt statt. Das Gehirn und der übrige Körper können ebenfalls in Unordnung geraten. So ist die Entstehungsursache mancher Krankheiten das Böse und der Eigenwille.

In der Geschichte vom Sündenfall ist das ausgedrückt mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, anstelle vom Baum des Lebens. Zwar kommen dem modernen Menschen solche alten Geschichten wie Mythen primitiver Völker vor, die vor den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht standhalten, aber ein tieferes Eindringen in den Aussagegehalt über den Buchstabensinn hinaus ist uns möglich geworden durch die Öffnung des inneren Sinns.

Die Abwendung vom Baum des Lebens und die Zuwendung zum Baum der Erkenntnis bedeutet in diesem geistigen Sinn: darauf beharren, die vom Herrn in die Schöpfung gelegten Gesetze und Regeln für den Gebrauch der Verbundstufe zu mißachten, zum Übermaß neigen, Begierden nicht zügeln, genüßlich und massig vorn Baum der Erkenntnis zu nehmen mit der Begierde und dem Ziel, (als Menschen) wie Götter zu werden, die aus sich selbst entscheiden, was für sie gut und was böse ist.

Mit Recht nennen wir Krankheiten und ihre Schmerzen böse, weil mit ihnen auch ein teilweises Versagen gegenüber den Zielen des Lebens im Dienst für den Mitmenschen verbunden sein kann. Krankheiten bedrücken das Gemüt und lenken zu sehr auf den Körper hin und weg von dem Bewußtsein, daß er nur Instrument für die Seele ist zum Dienst an anderen auf dieser Daseinsebene. Böse Geister lieben das Weltliche und Materielle. Deshalb werden sie im Krankheitszustand noch mehr angezogen und binden das Denken und Wollen an das Leben des Körpers. Sie freuen sich und haben ihre Lust daran, wenn sie dazu verführen können, daß der Mensch sich übermäßig mit seinen Schmerzen oder auch seinen sensuellen Lüsten beschäftigt.

Krankheiten der Psyche.

Sehen wir nun aber von den gewöhnlichen Krankheiten und Anfälligkeiten ab und wenden uns den eigentlichen Krankheiten des Gemüts, also den psychischen Krankheiten zu, so dürfen wir aus unserer Lehre wiederholen: Die eigentliche Krankheitsursache liegt in der geistigen Welt, im Einfluß von den Geistern aus der Hölle. Alles Höllische macht krank. Krankheiten stehen in Entsprechung mit den Begierden und Leidenschaften des Gemüts; diese sind auch die Krankheitsursachen, also Maßlosigkeit bei den rein körperlichen Begierden und Lüsten, dann auch Neid, Haß, Rache u.v.a. Sie zerstören den inneren Menschen, und das kann auch zu Krankheiten des Körpers führen. Es besteht eben eine enge Verbindung zwischen dem natürlichen und dem geistigen Menschen, dem Körper und der Psyche, denn wäre es anders, dann bestünde überhaupt kein Lebenszusammenhang, also kein Leben im Körper.

Die wirklichen Krankheitsursachen liegen in der anderen Welt, also nicht unbedingt in des Menschen eigenem Bösen, sondern in Einflüssen aus der Hölle. Das mag wie Aberglauben aussehen; aber es muß zugegeben werden, daß die menschlichen Leidenschaften von Geistern bewirkt werden, die uns nicht sichtbar sind.

Der Herr ist herabgestiegen, um die Ordnung in der geistigen Welt wieder herzustellen. Damit hing engstens zusammen, was er auf Erden tat, weil es die Entsprechung auf dieser Ebene von seinem Tun in der geistigen Welt war, und so befreite er die Menschen aus der Gewalt der bösen Geister. Alle seine Wunderheilungen sind Schritte im Kampf gegen die Höllen; dort sind die Ursachen seiner Heilungen. Diese selbst zeigen, was er in der geistigen Welt getan hat, nämlich dort die Ordnung wieder herzustellen, also in den Daseinsebenen, die dem Bewußtsein des natürlichen Menschen entzogen sind. Dadurch wurde der Mensch frei, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, also dem Himmel zuzuschreiten, wenn er es will.

Personen, die viel und unaufhörlich über religiöse Dinge nachdenken, so daß sie sie gewissermaßen in sich selbst sehen, fangen auch an, Geister sprechen zu hören. Denn solche religiösen Dinge dringen ins innere der Menschen ein. Solche Menschen sind Visionäre und oft auch Schwärmer. Sie meinen, jeder Geist, den sie sprechen hören, sei der Heilige Geist; er ist aber nur ein Schwarmgeist (über enthusiastische Geister vgl. HH 249). Geister dieser Art sehen Falsches als Wahres und übertragen diese falsche Überzeugung auf die Menschen, mit denen sie durch den Einfluß in Verbindung stehen.

Schwarmgeister unterscheiden sich von anderen dadurch, daß sie glauben, selbst der Heilige Geist zu sein. Sie fügen dem Menschen nicht willentlich Schaden zu, weil er ihnen göttliche Verehrung zollt.

Welche äußerste Vorsicht ist da geboten! Der Mensch soll nicht versuchen, mit Geistern oder Engeln zu sprechen. Swedenborg, der häufig mit Engeln und Geistern sprach, tat es nicht aus eigenem Antrieb und Neugierde, sondern im Auftrag des Herrn, nachdem dieser ihn mehrere Jahre für seine Mission vorbereitet hatte. Swedenborgs Bedeutung für uns liegt nicht zuerst darin, daß er in der geistigen Welt verkehrte, sondern darin, daß er den inneren Sinn des Wortes Gottes aufdeckte, daß er die Existenz der geistigen Welt, also von Himmel und Hölle aufzeigte und daß er die Bestimmung des Menschen zu erkennen gab, durch ein aktives Leben der Gottes- und Nächstenliebe selbst ein ausgereifter Geist zu werden. Dann ist es selbstverständlich, daß er nach dem Ablegen seines Körpers die anderen Geister der Gesellschaft, der er dann zugehört, sieht und mit ihnen spricht, ja in engster geistiger Verbindung mit ihnen steht. Die Sphäre der gleichen Gesellschaft überträgt die Gedanken und Neigungen aller ihrer Geister zueinander. Während der irdischen Zeit des Menschen kann unzeitige Neugier für seine Ausreifung sehr schädlich sein und vor allem das geistige Weiterkommen behindern.

Noch sehr erdgebundene Geister, die natürliche oder körperliche Geister genannt werden, verbinden sich, wenn sie sich einem Menschen nähern, nicht wie die anderen mit seinem Denken, sondern dringen in seinen Körper ein und ergreifen Besitz von seinen natürlichen Sinnen, so daß sie durch seinen Mund sprechen und seine Glieder bewegen. Sie meinen dann, alles, was der Mensch hat und ist, gehöre ihnen. Das sind Geister, von denen der Mensch besessen ist.

Wenn Geister mit Menschen sprechen, treten sie aus ihrem geistigen Zustand heraus und in den natürlichen Zustand des Menschen ein, und dann wissen sie, daß sie beim Menschen sind, verbinden sich direkt mit seinen Gedanken und sprechen mit ihm aus seinen Gedanken. Das heißt: Der sprechende Geist ist in den gleichen Vorstellungen wie der Mensch, ob diese nun wahr oder falsch sind. Bei ihm sind also keine anderen als ihm ähnliche Geister. Daher kommt, daß bei den Schwärmern nur schwärmerische Geister sind. Und wenn der Mensch glaubt, der Heilige Geist spreche mit ihm oder wirke in ihm, dann glaubt der Geist auch selbst, er sei der Heilige Geist. Das ist sehr üblich bei den Schwarmgeistern. Wie groß ist also die Gefahr für einen Menschen, der mit Geistern spricht oder ihr Tun deutlich spürt!

Anders ist es bei denen, die der Herr führt. Er führt diejenigen, die das Wahre lieben und aus dem Herrn das Wahre wollen. Diese werden erleuchtet, wenn sie das Wort lesen, denn im Wort ist der Herr, und er spricht mit jedem nach seiner Fähigkeit. Wenn diese also Geister sprechen hören, was auch bisweilen geschieht, werden sie nicht belehrt, sondern geführt, und das mit soviel Vorsicht, daß der Mensch immer sich selbst überlassen bleibt. Denn jeder Mensch wird vom Herrn geführt mittels der Neigungen, und ihnen gemäß denkt er wie aus sich selbst in Freiheit. Wenn es anders wäre, könnte der Mensch nicht umgebildet und nicht erleuchtet werden.

Des Menschen Abhängigkeit von Geistern.

Wir haben schon gesagt, daß das Leben zu den Menschen direkt von Gott dem Herrn und indirekt durch Vermittlung von Geistern kommt. Mit anderen Worten: Das Leben des Menschen hängt auch von seiner Beziehung zu einer ganzen Hierarchie von Geistern ab, also von mehreren Geistern, die untereinander verschieden sind. Der Herr wirkt durch himmlische Engel, die in Entsprechung stehen mit geistigen Engeln, aber alle haben Einwirkung in den Menschen. Andererseits gibt es drei höllische Stufen, deren Geister auch in Kontakt zum Menschen treten oder zu treten versuchen. Das Innere des Menschen ist der Schauplatz für das Zusammentreffen dieser großen Hierarchie.

Die Geister finden ihren Stützpunkt beim Menschen in den natürlichen Dingen seines Gemüts, die in der natürlich-geistigen Ebene des Menschen sind und seinen inneren Zustand der Liebe und Absichten zeigen. Die Geister sind aber nicht mit den Gedanken, sondern mit den Neigungen verbunden. Neigungen sind nicht im Licht des Verstandes und dessen Denken, sondern mit der Wärme des Willens und seinen Liebesneigungen. Das Geistige ist allein aktiv bzw. eine lebendige Kraft, dagegen ist das natürliche Wollen und Denken an und für sich rein passiv. Das Passive kann nicht aus sich selbst tätig sein, sondern muß in Tätigkeit versetzt werden durch das Aktive, die lebendige Kraft.

Durch den Einfluß von Engeln und Geistern, also das Aktive, empfängt der Mensch (also das Passive) das von Gott kommende Leben. Das verbindet ihn aber noch nicht mit dem Himmel. Seine Verbindung mit dem Himmel geschieht je nach seinen Nutzleistungen, d.h. je nachdem wie er das einfließende Leben tatsächlich lebt. Was er im natürlichen Leben tut, steht in Entsprechung zum Geistigen und Himmlischen oder Höllischen und verbindet ihn. Durch den Menschen besteht die Verbindung zwischen der natürlichen Welt und den geistigen Welten; er ist das verbindende Glied, weil er das Geistige als Einfluß in seinen natürlichen Körper aufnimmt. So baut er seine Geistgestalt auf und so bestehen in ihm die geistige und die natürliche Welt.

Deshalb forderte der Herr immer wieder dazu auf, tätig zu sein nach seinem Wort. Die natürliche Tätigkeit festigt das Wollen und Denken des Menschen und macht sie zu seinem festen Bestand und somit auch zu der festen Grundlage, zur festen inneren Ebene, in die der Herr durch seine Engel und Geister einwirken kann. Bedeutung hat hierbei nicht, was der Mensch durch sein natürliches Tun in der Welt erreicht, sondern seine Öffnung für das einfließende Geistige und Himmlische. Alle weltlichen Erfolge zählen dagegen gar nichts, wenn sie aus der Selbst- und Weltliebe geschehen, also aus höllischen Motiven, die ihn für den Einfluß böser Geister öffnen und sein geistiges Leben zunichte machen. Um fremde und ungewünschte Einflüsse zu verhindern, muß er sein Leben regeln durch selbstauferlegte Ordnung, durch moralische Lebensregeln und durch äußere Beachtung der gottesdienstlichen Formen, die den Zweck haben, unseren Geist mit himmlischen Gesellschaften zusammen zu bringen, damit er nicht Beute werde von unruhig umherziehenden Geistern, die keine feste geistig-himmlische Grundlage haben und deshalb bestrebt sind, Zweifel, Konflikte und Schaden hervorzurufen.

Wenn wir das alles wissen, so verstehen wir den engen Zusammenhang unseres äußeren Benehmens und Tuns und unserer selbstgewählten Gewohnheiten mit den Geistergesellschaften, die uns umgeben. Sie sehen darin geistige Bedeutungen und Werte und setzen sich in unserem Inneren, unserem Denken und Wollen fest und nisten sich ein. Das zeigt uns auch die Bedeutung aller bewußten Symbole und aller Dinge in der Schöpfung, die ihre Entsprechung zum geistigen Reich haben. So wie eine Blume oder das Gesicht eines Kindes uns entzücken kann, so öffnen sich durch solche objektiven Eindrücke unseres Gedächtnisses in den uns beigegebenen Geistern ungeahnte Tiefen von Entsprechungen, also von Liebe und Verstehen, und wirken auf uns zurück, allerdings ohne daß uns das alles bewußt wird.

Wie glücklich waren die Menschen der Ersten Kirche, die noch enge Verbindung mit der geistigen und himmlischen Welt hatten und alles Natürliche bewußt so empfanden wie die Engel in ihnen. Ihr Körper war im Natürlichen, ihr Bewußtsein im Geistigen und Himmlischen, in Gemeinschaft mit Geistern und Engeln. Die Bewußtseinsgrenze zwischen Natürlichem und Geistigem war erst die Folge des sogenannten Sündenfalls.

Wir sollen immer eingedenk sein, daß das Innere des Menschen, sein Geist, während des Erdenlebens inmitten von Geistern ist. Diese wissen nicht, daß sie beim Menschen sind, und er weiß nicht, daß sie bei ihm sind, weil die Verbindung mit den Neigungen und nicht mit den Gedanken besteht.

Beim Menschen bleiben nicht dauernd dieselben Engel und Geister, sondern sie wechseln, je nach seinen Zuständen hinsichtlich seiner Neigungen und Absichten. Denn so wie der Mensch ist, so sind die Geister bei ihm. Er zieht die Geister je nach seinem Leben selbst an. Die bösen Geister beim Menschen sind zwar aus der Hölle, aber wenn sie bei ihm sind, sind sie nicht in der Hölle, sondern in der Geisterwelt. Dort sind auch gute Geister, die ebenfalls beim Menschen sind.

Der Mensch ist einzig zu dem Zweck geboren, geistig zu werden. Deshalb ist er in Gemeinschaft, in Verbindung mit Engeln aus dem Himmel und mit Geistern aus der Hölle, denn sie sind bereits geistig. Er weiß jedoch nichts von dieser Verbindung, ebensowenig wie die Engel und Geister, und dies deshalb, weil er, solange er in der Welt lebt, sich im natürlichen Zustand befindet, Engel und Geister dagegen im geistigen. Wegen des Unterschieds zwischen dem Natürlichen und dem Geistigen erscheinen sie einander nicht.

Besessenheit und Geisteskrankheiten.

Es gibt jetzt viele Geister der unteren Sphären, die nicht nur in die Neigungen des Menschen, sondern auch in seine Gedanken, ja in sein Sprechen und Handeln einfließen wollen, also in seinen Körper. Aber alles Körperliche ist dem besonderen Einfluß der Geister und Engel entzogen, weil es vom allgemeinen Einfluß geleitet wird. Denn der Übergang von den Gedanken in die Sprache und vom Willen in das Tun geschehen nach der festen Ordnung und nicht durch einzelne Geister. Wenn Geister in den Körper eindringen, ist das Besessenheit. Die Geister, die das doch wollen und versuchen, sind solche, die in ihrem Körperleben wilder Art waren und sinnlicher als andere, auch Ehebrecher; sie haben jeden Gedanken an einen Himmel weit verworfen, alles der Natur und nichts Gott zugeschrieben. So haben sie ihr Inneres verschlossen und nur ihr Äußeres geöffnet. Weil sie nur die äußeren Dinge liebten, trachten sie im anderen Leben, wieder in das Äußere zu gelangen, indem sie besessen machen. Der Herr sorgt dafür, daß so Geartete nicht in die Geisterwelt kommen, sondern in der Hölle verschlossen bleiben.

Deshalb gibt es heutzutage fast keine äußere Besessenheit mehr. Aber es gibt innere Besessenheit, die von teuflischen und höllischen Horden kommt. Solche Besessene sind infam, wild und grausam gegen die anderen, und ihre Gedanken sind erfüllt mit Perversitäten und Boshaftigkeiten gegen Gott und alles Göttliche. Man braucht nur daran zu denken, daß es heute tatsächlich Gruppen gibt, die schwarze Magie betreiben, schwarze Messen abhalten, bei denen ganz offen der Teufel angebetet wird. Man braucht aber nicht einmal diese Einzelheiten herauszugreifen. Alltäglich hören wir von Menschen und Dingen, auf die das zutrifft. Denn in zahllos vielen Menschen stecken solche Gedanken und Gelüste, nur lassen sie sie nicht nach außen dringen, denn sie wollen nach außen ehrbar erscheinen. Sobald aber, besonders nach ihrem Ableben, diese äußeren Rücksichten und Hemmungen wegfallen, zeigen sie sich so, wie sie innerlich sind. Da sind sie Teufel, deren Lust und Gier es ist, andere umzubringen und alles zu zerstören, was mit Religion und dem Glauben zu tun hat.

Die Engel dagegen, durch die der Herr den Menschen führt und beschützt, flößen ihm Glauben und Nächstenliebe ein. Sie beachten sorgfältig, nach welcher Seite die Neigungen und Lüste des Menschen sich wenden, sie beeinflussen ihn, soweit seine Freiheit dadurch nicht behindert wird, auf sanfte Weise zum Guten. Sie dürfen nicht heftig vorgehen, um im Menschen seine Grundsätze und Begierden nicht gewaltsam zu brechen. Ihre Aufgabe ist es auch, die bösen Geister im Menschen, die aus der Hölle kommen, zu überwachen. Das geschieht z.B. dadurch, daß sie, sobald die bösen Geister ihr Böses und Falsches einflößen, ihrerseits Wahres und Gutes einfließen lassen; wenn dieses auch nicht aufgenommen wird, so mildert es wenigstens das Böse und Falsche. Die höllischen Geister greifen fortwährend an, die Engel wehren sie ab. Das ist die Ordnung.

Die Engel wirken hauptsächlich auf das Wollen und die Neigungen des Menschen ein, denn aus ihnen ergibt sich, wie er lebt. Sie regen das Gute und Wahre an, das im Menschen ist, und stellen es dem von den bösen Geistern angeregten Bösen und Falschen entgegen. So ist der Mensch zwischen beiden und hat seine innere Freiheit behalten, sich nach der einen oder anderen Seite zu wenden.

Geister denken geistig und der Mensch natürlich, so daß die beiden einander entsprechen. In der modernen Sprache würde man sagen:

Geister sind im Unbewußten und leben ihre Lüste dort aus, wo die Gedanken und Gefühle des Menschen beginnen. Normalerweise bemerkt der Mensch sie nicht, da er ja meint, es seien seine eigenen Gedanken und Gefühle. Die Geister wissen auch nicht, daß sie im Leben des Menschen sind. Böse Geister sind in einem unteren, aber auch noch unbewußten Bereich des menschlichen Inneren.

Alle diese Aussagen Swedenborgs können wissenschaftlich nicht nachgeprüft werden (es sei denn, man lasse Wilson van Dusens Forschungsergebnisse mit Geisteskranken, dargelegt in der soeben im Swedenborg Verlag erschienenen deutschen Ausgabe seines Buches „The Presence of Other Worlds—The Findings of Emanuel Swedenborg“ unter dem Titel: »Der Mensch im Kraftfeld jenseitiger Welten«, als wissenschaftliche Beweise gelten. Besonders interessant ist das Kapitel „Die Gegenwart von Geistern im Wahnsinn“. Der Verfasser kommt unten noch darauf zu sprechen.). Swedenborg bekennt aber, wie er sowohl im Himmel als auch in der Hölle verkehrte und wie er über viele Jahre hinweg die Beziehung von Himmel und Hölle zum Menschen beobachten durfte.

Es ist höchst interessant, daß die Beschreibungen von Swedenborg über die Wirkungen solcher natürlichen und körperlichen Geister im Wesentlichen übereinstimmen mit den klinischen Erfahrungen bei Geisteskranken, die van Dusen gemacht hat, und zwar auch schon bevor er genauere Kenntnisse von Swedenborg hatte. Während die Wissenschaft weder auf dem Gebiet der Medizin noch der Psychiatrie über die bloße Beschreibung des Erscheinungsbildes von Halluzinationen hin ausgekommen ist, also die Ursachen dieser Geisteskrankheiten nicht kennt, drang Van Dusen, weil er die Schriften Swedenborgs sehr genau gelesen und auch verstanden hat, tiefer ein. Er sagt: daß alles, was Swedenborg über die Wirkung böser Geister sagt, die ins Bewußtsein des Menschen eindringen, mit seinen klinischen Erfahrungen übereinstimmt, vor allem, daß sie versuchen, den Menschen zu zerstören; sie können ihn in Angst und Schrecken versetzen; sie sprechen in seiner eigenen Sprache; sie suchen, des Menschen Gewissen zu zerstören und stellen sich gegen jeden höheren Wert. Und er sagt weiter: Halluzinationen der unteren Ordnung handeln gegen den Willen des Patienten, sind äußerst gesprächig, aggressiv und böswillig, sie verwenden List und Tücke, um den Patienten in jeder nur denkbaren Weise zu unterminieren. Das sind Kennzeichen der Besessenheit von bösen Geistern. Das geschieht, wenn die Geister nicht mehr unbewußt sind, sondern ein Bewußtsein davon haben, daß sie selbst getrennte Wesen sind und als solche in des Patienten Bewußtsein hineinwirken.

Auf welche Weise die Bewußtseinsschranke zwischen Geistern und Menschen durchbrochen wird, ist nicht geklärt. Einige Yoga-Praktiken deuten darauf hin, da sie darauf abzielen, das innere Bewußtsein zu wecken. Diese Barriere kann auch übersprungen werden von Personen, die sich vom Umgang in der menschlichen Gesellschaft zurückziehen in phantastische Meditationen auf der Grundlage persönlichen Stolzes und Dünkels. Das sind oft erste Anzeichen von Schizophrenie. Van Dusen meint aufgrund seiner Beobachtungen, religiöser Glaube, wenn er darauf gerichtet ist, sich selbst zu erlösen, genüge allein nicht, Halluzinationen zu verhindern. Er sagt, nützliches Handeln aus Nächstenliebe sei eher geeignet, Schizophrenie zu vermeiden. Wie deutlich werden wir hier auf die Ermahnungen des Herrn verwiesen: nicht Glaube allein, sondern Liebe und Nächstenliebe führen den Menschen auf den richtigen Weg.

Swedenborg sagt auch, die bösen Geister könnten vortäuschen, jemand anders zu sein. Auch das stimmt mit van Dusens klinischen Erfahrungen überein: Patienten sagen, daß die Stimmen, die sie hören, den Ton ihrer Stimme verstellen und sich als jemand anders ausgeben können. Meint ein Patient, er kenne die Stimme, so verstellt sie sich sofort dementsprechend, z.B. auch in den Heiligen Geist oder Jesus Christus.

Deshalb schreibt Swedenborg in seinem Geistigen Tagebuch, Nr. 1622:Wenn Geister mit dem Menschen zu reden beginnen, so muß er sich hüten, irgend etwas davon zu glauben, denn sie behaupten alles, sie erfinden und lügen. Dürften sie berichten, was der Himmel ist und wie es dort aussieht, so würden sie unter feierlichen Beteuerungen so viele Lügen auftischen, daß der Mensch staunen würde. Sie behaupten nämlich, alles zu wissen. Wenn der Mensch ihnen zuhört und glaubt, dann drängen sie weiter und täuschen und verführen ihn auf verschiedene Weise.

Swedenborg bringt in seinem Geistigen Tagebuch zahllose weitere Beispiele. Im Normalfall können diese Geister die Welt des Menschen nicht sehen oder hören, aber bei Geisteskranken können sie es. Sehr zu beachten ist, daß es diese unteren Ordnungen der Halluzinationen sind, die gegenüber jeder religiösen Erwähnung die skurrilsten Kommentare abgeben. Sie leugnen völlig jede Art von Leben nach dem Tod oder opponieren gegen Gott und alle religiöse Betätigung. Nach Swedenborgs Meinung sind sie durch ihr Widerstreben gegen Gott, Religion und alles, was dazu gehört, zu dem geworden, was sie sind.

Ich bin weit davon entfernt, die Erfahrungen dieses Psychiaters van Dusen oder anderer seines Faches und der Psychoanalyse zu einem Bestandteil unseres Glaubens machen zu wollen. Ich registriere nur die auffälligen Übereinstimmungen zwischen klinischen Erfahrungen und den Erkenntnissen, die Swedenborg vom Herrn bekam über die Beziehungen zwischen Menschen und der Geisterwelt. Aber auch diese Erkenntnisse sind an sich nicht vordringlich wichtig, sondern sie dienen uns nur zur Bestätigung seiner religiösen Offenbarungen über das Wirken Gottes, das zum Ziel hat, den Menschen geistig zu führen, damit er ein Bewohner seines Himmels wird. Gott hat dazu selbst die Mittel gegeben und die Wege gewiesen.

Auch van Dusen denkt in dieser Richtung, wenn er sagt, die Bestimmung des Menschen sei es, sein Leben zu erfahren und zu erfüllen, und dazu brauchten wir mehr Menschlichkeit als Wissenschaft. Swedenborg sammelte unter der Führung des Herrn ungeahnte Erfahrungen in der geistigen Welt, den hierarchischen Bereichen von Himmel und Hölle mit ihren Bewohnern. Dazu sagt van Dusen: Die modernen Theorien des Unbewußten befassen sich mit der gleichen Materie. Und er schließt daraus: Das Unbewußte im Menschen und die Welt der Geister sind das gleiche. Und er sagt weiter: Swedenborgs Darstellungen erklären die neuen Entdeckungen auf dem Gebiet der Geisteskrankheiten besser als alle Theorien über das Unbewußte, und sie erklären die gesamte Ordnung, die über oder oberhalb des menschlichen irdischen Daseins herrscht. Unser Leben ist der kleine Freiraum, auf dem die gigantischen höheren und niederen geistigen Hierarchien zusammentreffen.

Der Mensch — ein Geist in der geistigen Welt.

Der innere Mensch oder sein Geist (mens) ist während seines Erdenlebens nicht getrennt von seinem Körper, aber auch nicht nur in seinem Gehirn vorhanden, sondern ist innerhalb des ganzen Körpers und erfüllt ihn mit Leben. Sein Geistiges und sein Natürliches sind eng miteinander und ineinander verschränkt. Der geistige Leib wird innerhalb des natürlichen gebildet und steht deshalb beim Tod in ähnlicher Form auf. Unser Inneres oder unser Geist ist viel mehr als wir während unseres Lebens in der natürlichen Welt wissen oder ahnen. Während der Erdenzeit ist die Bewußtseinssphäre unseres Geistes nur geistig-natürlich. Seine volle Fähigkeit erreicht er erst, wenn er vom materiellen Körper befreit ist. Schon während unseres Erdenlebens ist unser Inneres mit den inneren Gedanken unseres Verstehens und den Willensrichtungen jenseits der Bewußtseinsgrenze in der geistigen Welt, d.h. wir sind in ununterbrochener Verbindung mit den Bewohnern jener Welt. Die geistige Welt besteht aus zahllosen Gesellschaften guter Geister und Engel im Himmel, und ihm gegenüber aus zahllosen Gesellschaften böser Geister und Teufel in der Hölle. Unser Geist ist unbemerkt inmitten solcher Gesellschaften und an sie gebunden, so daß wir nicht denken und wollen können, außer in Verbindung mit ihnen.

Geister sind keine Gespenster, vor denen man sich fürchten müßte, sondern sie sind in ihrer Wesensart uns Menschen gleich, deshalb die intime Verbindung mit ihnen. Diese intimste Verbindung hat aber auch das Furchtbare an sich, daß es dem Menschen, der sich aus den Verstrickungen des Bösen lösen will, von diesen Geistfreunden äußerst schwer gemacht wird, sie zu verlassen und sich in die Geistgesellschaften zu begeben, die seinem neuen Wollen und Denken entsprechen. Das soll ein Hinweis auf die mühevollen Kämpfe auf dem steilen und dornigen Weg zur Wiedergeburt sein, den der Mensch während seiner Erdenzeit beginnen und möglichst weit gehen soll.

Nach dem Ablegen des Körpers, allgemein bezeichnet als der Tod des Menschen, wird sein natürliches Denken und Gedächtnis, also seine materiellen Vorstellungen und seine irdischen Erfahrungen in den Raum-Zeit Beziehungen, nach und nach geschlossen und stillgelegt; sonst könnte er nicht in die geistigen Zustände übergehen, die nicht an räumliche Bedingungen geknüpft sind. Der Körper ist ja nur ein Konglomerat von grob natürlichen Organstrukturen. Nur die Verbindung seines Inneren oder Geistes zu diesem Konglomerat ist aufgehoben. In die feineren Organe, in die höheren Stufen des individuellen Daseins und Bewußtseins fließt das Leben der Seele wie vordem ein. Das Bewußtsein des Individuums findet sich auf diesen höheren Stufen wieder, genau wie es vorher auch schon in ihnen vorhanden war. Beim Eintritt in die geistige Welt sieht er die Wege, die er gehen will, sie entsprechen im allgemeinen den Gedankenwegen, die er als Mensch innerlich (also unbewußt) in dieser Welt hergerichtet hat und gegangen ist. Die inneren, also höheren organischen Formen leben ja weiter, sie fühlen sich endlich frei von den Bindungen an die natürlichen Existenzbedingungen. So muß das Leben des Körpers aufhören, damit das Leben der Seele, das geistige Leben, frei wird. Die höheren Organe bzw. die Seele können weder durch Feuer noch durch sonstige natürliche Einwirkungen zerstört werden und bringen so alles mit, was zum Leben in der anderen Welt befähigt. Wie die Organe des Körpers den Menschen mit der materiellen Umwelt verbunden hatten, so verbinden die inneren Organstrukturen seine innere, seine Geistgestalt mit der geistigen Welt, mit seiner geistigen Umwelt. Diese inneren Organstrukturen erscheinen in der anderen Welt, die er nun bewohnt, als Individuum in menschlicher Gestalt. Er steht mit der geistigen Welt in derselben Weise in Austauschbeziehungen wie zuvor mit der natürlichen. Der so in der geistigen Welt lebende und sich bewegende Mensch ist aber nicht die nackte Seele, die nur das von Gott kommende Leben lebt. So etwas ist nicht möglich: Göttliches Leben ist nur in Gott, alle anderen Lebewesen sind Organformen, die sich von dem Leben aus Gott anregen lassen.

Deshalb sind auch die Lebewesen in der geistigen Welt dualistisch im Sinn von Form und Inhalt. Nur von diesem Dualismus ausgehend erkennt man geistiges Leben in geschöpflicher Form.

Beim Sterben wird der materielle Körper, der aus groben Teilen der Natur gebildet ist, abgestoßen, aber es wird eine Grenzsubstanz solcher allerfeinsten Teile der Natur behalten, die den geistigen Dingen nahe liegen. Sie bilden die organische Umhüllung dessen, was wir jetzt die Geistgestalt des Menschen nennen. In ihr bleiben die Formen seines Gedächtnisses fixiert, und nur so behält der Mensch nach seinem Tod seine Individualität. Diese Grenzsubstanz wird schon während der irdischen Lebenszeit des Menschen gebildet.

Vermöge ihrer Organform nimmt die Geistgestalt alles gemäß ihren individuellen Neigungen auf; sie empfindet, sieht, nimmt wahr, denkt und will, so wie sie es, allerdings in sehr vermindertem Grad, getan hatte, als sie sich noch der Organe des Körpers bediente. Was sie in der geistigen Welt vorfindet, sind Wahrnehmungen ähnlich denjenigen unserer Welt, die jedoch geistiger Natur sind und dem Inneren des Geistmenschen entsprechen. So erwächst ihm seine Umgebung, seine geistige Umwelt, als Entsprechung seines Inneren. Das sind die ewigen Gefilde, das ist die innere Landschaft, die der Mensch sich schon hier zurichtet, in eigener Verantwortung. Er hat den freien Willen, Gutes oder Böses zu tun. Wenn er sich an den Herrn wendet und ihn um Hilfe und Kraft bittet, dann kann er sich aus den Bindungen des Falschen und Bösen lösen. Sein freier Wille bedeutet gleichzeitig seine Eigenverantwortung dafür, welche innere Landschaft er aufbaut, wie also sein Lebensumkreis drüben aussehen wird.

Das ist wiederum nur verständlich, wenn wir wissen, daß Falsches denken und Böses tun, d.h. gegen die von Gott gesetzte Ordnung handeln, in den Organformen Veränderungen hervorruft, die sie immer wieder unfähig machen, nach den oberen geistigen Einwirkungen zu leben. Kurz gesagt: Böses und Falsches verschließt die allerfeinsten Organformen, macht sie träge und unlustig, so daß sie mehr und mehr dem natürlichen Trägheitsprinzip verfallen und untergehen.

Darin liegt also die Selbstverantwortung des Menschen für den Aufbau und die Ausbildung seines inneren oder Geistmenschen. Nicht durch den Tod bekommen wir einen geistigen Leib, sondern wir haben ihn schon jetzt und bringen ihn durch unser Tun und Lassen zu der Vervollkommnung oder zu der Ärmlichkeit, in der er sich dann beim Ablegen des Körpers entpuppt. — Der Tod bringt dem Menschen keine Veränderung seines inneren Wesens.

So ist die Ordnung Gottes: Die Menschen müssen sterben, ihren irdischen Körper zurücklassen, heraustreten aus der natürlichen Umgebung, in der der Körper ihnen diente, und eingehen in die geistige Umgebung, die ihrer geistigen Form entspricht, wie sie nach dem Ablegen des Körpers ist, also wie jeder sie während seines irdischen Lebens in sich ausgebildet hat.

Fragen wir nun, wie die Geistgestalt des Menschen während seiner irdischen Lebenszeit ausgebildet wird und zur Reife kommt, so lautet die Antwort: Alle Eindrücke, die der Mensch durch die Sinne aufnimmt, ergeben seine innere Bild- und Vorstellungswelt, sammeln sich zu Kenntnissen und füllen das Gedächtnis; kraft seiner Vernunft und seines Willens geht er mit dem Material seines Gedächtnisses und seiner Vorstellungswelt nach freiem Belieben um. So bildet sich die Individualität des Menschen, die Organform seines Willens und Denkens, kurz: seine Geistgestalt. Und nur eine so im Menschen werdende Geistgestalt wird fähig, von Gott und aus den Himmeln die Strahlen seines Lichts als Richtschnur und Wegweiser in allen Lebensverhältnissen aufzunehmen, bis sie die geistige Reife erreicht, die in verbindende Entsprechung tritt zu den Bereichen der geistigen Welt und der Himmel. Und vermöge dieser Entsprechungen wird der Mensch ein Engel und Himmelsbewohner. Wer dagegen seine Geistgestalt nicht in dieser Richtung ausbildet, sondern in seinem Wollen und Denken nur Weltliches und Irdisches als Endabsicht vor Augen hat, trennt sich von der Liebe zu Gott, von der Weisheit und Vollkommenheit. Er verliert das bessere Leben. Dies aber wird in der Bibel der geistige oder zweite Tod genannt.

Es darf nicht wundernehmen, daß der Mensch nach dem Ablegen seines materiellen Körpers in der geistigen Welt in Menschenform erscheint und lebt. Die Menschenform ist nämlich nicht durch den natürlichen Körper bedingt, sondern umgekehrt: der natürliche Körper hat Menschengestalt, weil er die äußere Umhüllung der Seele für das Erdenleben ist. Die Menschengestalt ist ein Abbild der Form der Seele. Der Mensch nimmt alles mit hinüber, was er in sich besitzt, er verliert davon nichts. Er bekommt aber auch nichts hinzu, was nicht in ihm schon wenigstens im Ansatz, im Kern, vorhanden ist. Das hängt damit zusammen, daß sein äußeres Gedächtnis zum Ruhen gebracht worden ist und er aus seinem inneren Gedächtnis lebt. Dieses setzt sich aus den Neigungen zusammen, die er während seines Erdenlebens in sich lebendig gemacht hat. Der Geistmensch denkt nur das, was sein Wollen ihm vorsetzt, also nur in den Grenzen seiner in der Welt geöffneten Neigungen zum Guten und Wahren; diese sind im eigentlichen sein innerer Bestand. Diese Öffnung muß von der untersten Stufe aufsteigend geschehen. Eben die Liebearten, die er während seiner Lebenszeit entwickelt hat, werden zu seiner herrschenden Liebe, zu seinem inneren Leben. Er kann drüben zwar in alle Ewigkeit angefüllt und ausgefüllt werden, aber nicht über die Stufe hinaus, die er von der Welt mitgebracht hat, weil drüben die unterste, die Anfangsstufe, die nicht der geistigen Welt zugehört, zum Ruhen gebracht worden ist. Deshalb kann die Organform des Geistmenschen drüben nicht in höhere Sphären greifen als dem inneren Bestand entspricht, den er von der Welt mitgebracht hat. Das ist vergleichbar damit, daß eine horizontale Linie oder Ebene ins Unendliche erweitert werden kann, aber doch nicht in die vertikale Dimension kommt.

In der kurzen Zeit seines irdischen Lebens legt er die unabänderliche Grundlage seiner geistigen Existenz, die niemals endet, und hier bestimmt er selbst, ob sie himmlisch oder höllisch, engelisch oder teuflisch geartet sein wird.

Mit dem Ablegen des Körpers bricht der Mensch seine Beziehungen zur natürlichen, an Raum und Zeit gebundenen materiellen Welt ab, weil nur der Körper diese Beziehungen vermittelte. Zu diesen Beziehungen gehören auch Nahrung, Kleidung, Wohnung, Reichtum, Würde usw. Diese Dinge nimmt er nicht mit. Mit hinüber aber nimmt er das, was die mentalen Vorgänge in ihm ausmachen, seine Wahrnehmung, sein Denken, seine Vernunft, seine Neigungen, seine Vorliebe, sein Streben.

Und nun kommt es darauf an, ob all das sich nur oder auch nur vorwiegend auf die Dinge des materiellen Daseins richtete, oder ob sie als Mittel zur Erfüllung jener geistigen Prinzipien Liebe und Glauben dienten.

Alle Geistmenschen gleicher und ähnlicher Art sind in der gleichen, ihrem Inneren entsprechenden Umgebung und bilden homogene Gesellschaften, wie übrigens auch auf der Erde die Homogenität oder Gleichartigkeit der materiellen oder geistigen Interessen das gesellschaftsbildende Prinzip ist. Das gleiche Prinzip ist es, das im jenseitigen Leben zur Bildung vieler und unendlich vielfältiger — einerseits himmlischer und andererseits höllischer — Gesellschaften führt.

Nach dem Tod hat der Geistmensch keine Verbindungen mehr zur natürlichen Welt, er kann nicht mehr in ihr wirken, er ist frei geworden von den Unvollkommenheiten des natürlichen Seins.

Wovon leben wir?

Die spontane Antwort auf diese Frage lautet: Vom Essen und Trinken, und dazu von der Luft und von der Liebe. Das ist richtig. Doch wollen wir auch gleich einschränken, daß es hier nicht um die sexuelle Liebe geht.

Tatsächlich braucht alles Organische, sei es Pflanze, Tier oder Mensch, natürliche Nahrung aus festen und aus flüssigen Stoffen; sie baut den Körper auf. Zum Lebenkönnen gehören aber auch Luft, Licht und Wärme, sowie die überaus subtilen Bestandteile, die von den Poren der Haut aufgenommen werden. Sie helfen mit zum Aufbau der feineren Protoplasmen des Körpers, zu denen die Hirnzellen gehören. Diese sind die ersten Träger des körperlichen, aber auch des nicht materiellen, also des mentalen und geistigen Lebens des Menschen.

Natürliche Nahrung.

Die Ernährung des Körpers dient dazu, daß in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei (mens sana in corpore sano). Ein geistig eingestellter Mensch verachtet keineswegs gute Nahrung und ihre Freuden, aber für ihn sind sie und die Gesundheit des Körpers nicht der eigentliche Zweck, sondern sie dienen ihm als Mittel für einen gesunden Geist (HG 3951, 4459). Er geht noch weiter: Er sieht den gesunden Geist und die gesunde Seele als das Mittel an, um Intelligenz und Weisheit zu erlangen für das Leben nach dem Tode, und um ein nützliches Glied im Reich des Herrn zu werden.

Die Zellmasse des Gehirns ist nicht nur Träger des mit den Sinneseindrücken direkt zusammenhängenden und aus ihnen entstehenden unteren Mentalen, sondern auf dieser Zellmasse baut auch das mittlere und das obere Mentale auf, also das geistige Leben. Somit haben die Hirnzellen sowohl für das natürliche als auch für das mentale oder geistige Leben zentrale Funktionen. Und es kann gesagt werden: Mittels der Zellgewebe des Gehirns geht das Natürliche über in das Mentale oder Geistige, und umgekehrt.

Geistiges Leben besteht in Wollen und Verstehen. Alle Teile und Organe des Körpers hängen vom Wollen und Verstehen ab bzw. entsprechen ihnen und werden von ihnen vermittels der Hirnzellen bewegt; so wirkt die Seele mittelbar auf den Körper und durch den Körper.

Geistige Nahrung.

Das Wollen hat zu tun mit dem, was das Gute, das Verstehen mit dem, was das Wahre genannt wird (HG 680). Das Gute und das Wahre in all ihren Abstufungen (göttlich, himmlisch, geistig) sind die geistige Nahrung des Menschen; wer sie nicht bekommt, kann nicht am eigentlichen Leben bleiben, sondern er bleibt am Körperlichen, Natürlichen und Irdischen hängen. Das bedeutet den geistigen oder zweiten Tod. Deshalb wird in der Heiligen Schrift, die nur vom Leben aus diesem Guten und Wahren handelt, unter Nahrung immer geistige und himmlische Nahrung verstanden.

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht« (Matth. 4, 4).

Das heißt: von allem, was geistiges Leben, also seine Liebe zum Herrn und seine Überzeugung von den göttlichen, himmlischen und geistigen Dingen (kurz Glaube genannt) stärkt. Alles Geistige kommt vom Herrn und ist das, was von Engeln und Menschen in ihrem Inneren gedacht, ausgesprochen und getan wird. Weil diese Nahrung vom Herrn kommt, von Ihm ausstrahlt, ist Er in ihr enthalten. Was Intelligenz Weisheit verschafft, ist geistige Nahrung und bildet den geistigen Menschen. Sein Geist hat Hunger danach wie sein Körper nach der natürlichen Nahrung.

Ihre Entsprechung zueinander.

Es besteht also eine Art Entsprechung zwischen natürlicher und geistiger Nahrung und ebenso zwischen dem Hunger nach natürlicher Nahrung und dem Verlangen nach allem, was dem Geist dient. Von geistiger Nahrung und dem Hunger nach ihr spricht der Herr durch die Propheten zur zerrütteten Kirche jener Zeiten:

„Menschensohn, so ein Land sündigt wider mich, daß es mir untreu wird, da recke ich meine Hand aus wider dasselbe und zerbreche ihm den Stab des Brotes und sende dahin den Hunger und rotte aus davon Mensch und Vieh“ (Ez. 14, 13).

„Siehe, Tage kommen, da einen Hunger ich ins Land sende, nicht einen Hunger nach Brot und keinen Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte Jehovahs“ (Amos 8, 11).

„Darum habe ich euch gegeben müßige Zähne in all euren Städten und Mangel an Brot in allen euren Orten, aber ihr seid nicht zurückgekehrt zu mir“ (Amos 4, 6).

„Der Herr Jehovah Zebaoth nimmt von Jerusalem und von Juda Stütze und Stecken weg, alle Stütze des Brotes und alle Stütze des Wassers“ (Jes. 3, 1).

„Menschensohn, siehe, ich breche den Stab des Brots in Jerusalem, und sie sollen Brot essen nach dem Gewicht und mit Sorgen, und Wasser trinken nach dem Maß und mit Erstaunen. Dieweils sie des Brots und des Wassers ermangeln und sich erstaunen werden, der Mann und sein Bruder, und abzehren ob ihrer Missetat“ (Ez. 4, 16 f).

„Ich werde des Hungers böse Pfeile senden, euch zu verderben, und den Hunger werde ich dazutun wider euch, und euch den Stab des Brotes brechen“ (Ez. 5, 16).

Da das Volk alles, was geschah, Gott zuschrieb, ist gesagt: Er habe das Brot entzogen und die Hungersnot gesandt. Richtig ist aber im inneren Sinn, daß die Menschen sich von Gott abgewandt hatten und also sich selbst dieser inneren Nahrung beraubten und deshalb begannen, ein miserables inneres Leben zu führen.

Der historische Rahmen dient zur Darstellung dieses immer und für alle gültigen geistigen Gesetzes: Nur das Einwirken des Herrn in das Innerste des Menschen bringt ihm das wirkliche Leben.

Brot bedeutet alles Geistige und Himmlische, also die Nahrung für den geistigen und himmlischen Menschen und Engel. Weil vom Herrn alles kommt, was geistig und himmlisch nährt, deshalb ist der Herr das Brot.

„Wirket nicht Speise, die verdirbt, sondern Speise, die da bleibt ins ewige Leben, die des Menschen Sohn euch geben wird. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn einer von diesem Brote isset, so wird er in Ewigkeit leben. Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch ist zu nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch rede, sind Geist und sind Leben“ (Joh. 6, 27. 51. 63).

„Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh. 4, 14).

So wie die natürliche Nahrung aus der natürlichen Welt und mit allen dafür notwendigen Hilfsmitteln, auch menschlicher Hilfe, für uns zubereitet wird, so stammt die geistige Nahrung aus der geistigen Welt und wird uns vermittelt durch die guten Geister und Engel.

Das Natürliche und das Geistige entsprechen einander.

Die Entsprechung ist keineswegs eine vom Intellekt hergestellte, nur ihm dienliche Beziehung, sondern sie hat durchaus reale, man könnte sagen „organische“ Grundlagen. Denn die Entsprechung ist folgendermaßen:

„Wenn der Mensch natürliche Nahrung aufnimmt, sind die bei ihm befindlichen Engel in gleichem Verlangen nach Geistigem, also dem Guten und Wahren, und zwar — was erstaunlich ist — verschieden je nach der Art der Nahrungsmittel“ (HG 5915)

Gemäß den Entsprechungen, in denen das Wort Gottes geschrieben ist, wobei Geistiges und Himmlisches mit natürlichen Begriffen ausgedrückt wird, bedeuten die verschiedenen Nahrungsmittel und Getränke ganz verschiedene Arten und Einzelheiten der geistigen Welt und des geistigen Lebens. Damit hängen auch die den Juden des Alten Testaments gegebenen Vorschriften über Nahrungsmittel zusammen; ihnen war alles das zu essen verboten, was wegen seiner innernatürlichen Art für das innere und folglich auch für das äußere Leben des Menschen schädlich wird. Das Geistige, Gutes und Wahres, sind die Neigungen und Ideen der Engel, und sie nehmen sie auf, wie wir die natürliche Nahrung aufnehmen. Der Verbindung der guten Geister und Engel mit dem Menschen ist so eng, daß wenn er ißt, sie angeregt sind zur Aufnahme ihrer geistigen Nahrung.

Die Nahrung der bösen und höllischen Geister ist das Gegenteil vom Guten und Wahren, von Intelligenz und Weisheit, also Böses und Falsches (HG 1695). Daß die geistige Nahrung des Menschen, also die Nahrung für sein Inneres, aus der geistigen Welt und zuerst aus Gott selbst stammt, sagt der Herr:

„Mein Vater gibt euch das wahre Brot aus dem Himmel. Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Wer an mich glaubt, der hat ewiges Leben“ (Joh. 6, 32. 35. 47).

Der Mensch muß sich den Geboten des Herrn aus Liebe zu Ihm unterordnen, dann setzt er sein natürliches Leben in Entsprechung zum geistigen, so daß das Leben des Geistes ihm zuteil wird. Das sagt der Prophet:

„Wer in Gerechtigkeit wandelt und redet, was recht ist, wer Unrecht haßt samt dem Geiz und seine Hände abzieht, daß er nicht Geschenke nehme, wer seine Ohren zustopft, daß er nicht Blutschuld höre, und seine Augen zuhält, daß er nichts Arges sehe (d.h. wer seine Gedanken dem Bösen verschließt), der wird in der Höhe wohnen und Felsen werden seine Feste und sein Schutz sein. Sein Brot wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß“ (Jes. 33, 15 f.).

Daß dieses geistige Leben, das den Menschen mit Liebe und Wahrheit erfüllt, vom Herrn gegeben wird ohne Gegenleistung des Menschen, sagt ebenfalls der Prophet:

„Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kaufet und esset; kommt her und kauft ohne Kaufpreis Wein und Milch“ (Jes. 55, 1).

Wenn der Mensch sich aber dem geistigen Leben entziehen und nur im Natürlichen bleiben will, so geschieht nach Psalm 105, 16:

„Und er ließ eine Teuerung ins Land kommen und entzog allen Brotvorrat“. Unter Brot wird alle himmlische Nahrung oder alle für das geistige Leben dienende Nahrung verstanden. Auch in der Bitte »Unser tägliches Brot gib uns heute« ist über das natürliche Brot hinaus das geistige Brot, d.h. das Verlangen nach dem Leben des Geistes aus dem Herrn verstanden; so nehmen es auch die ihm beigegebenen Engel auf, wenn der Mensch betet.

Sinnbild und Entsprechung für das geistige Leben, das der Herr gibt sind auch die in der Stiftshütte und im Tempel ausgelegten Schaubrote. Der Raum, das Heilige im Tempel, wo die Schaubrote sich befinden, steht für das Innere des Menschen, das die göttlichen Gaben empfangen und in sich aufnehmen kann. Der Tisch, auf dem die Brote liegen, stellt die ewige Liebe des Herrn zu den Menschen, seine Barmherzigkeit gegenüber dem ganzen Menschengeschlecht dar. So gehören die Brote, der Tisch und der Raum einheitlich zusammen als Entsprechung der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, der das Lebensbrot gibt, und des Menschen Verlangen nach dem Einfließen des Guten und Wahren in sein Inneres. Dieses Einfließen wird durch Essen und Trinken bezeichnet: Essen bedeutet also die Verbindung des Menschen mit dem Guten, Trinken mit dem Wahren. Er eignet sich das Gute und Wahre an, macht es gewissermaßen zu seinem Eigenen, zu seiner Lebensgrundlage. Die Ziele und Zwecke, die der Mensch verfolgt, sind die Grundlage seines Lebens, und sie machen sein Innerstes aus; von hier gehen die Anstöße aus für sein mentales und sein äußeres Leben.

Die gemeinsame organische Basis.

Das Innere des Menschen ist das Gegenüber der göttlichen Liebe und Weisheit. Der Einfluß von oben (bzw. innen) regt die Hirnzellen an, auf sie wirkt alles Geistige und Himmlische; es setzt sich an dieser organischen Stelle um in das Denken, Erkennen und die Neigungen, sowie in die Bewegungen des Körpers, auch Sehen, Hören usw. Der zentralen Stelle des Gehirns sind zu diesem Zweck alle anderen Organe des Körpers dienstbar, einschließlich Herz und Lunge und die Sinnesorgane. Die Hirnzellen sind also die zentrale organische Basis für alle Lebenstätigkeiten des Menschen, die natürlichen wie die geistigen. Auf ihr Äußeres wirken die äußeren, die Sinneseindrücke, auf ihr Inneres die von oben bzw. innen kommenden Einflüsse, die wir das geistige Einfließen nennen. Die Hirnzellen, das gemeinsame und vermittelnde Organ für das körperliche und geistige Leben des Menschen, sind auf diese Weise der große Umschlagplatz für den Verkehr zwischen den beiden Welten, der materiellen und der geistigen.

Swedenborg schreibt dazu: Zur Aufnahme der geistigen Nahrung haben die Hirnzellen in ihrem Inneren nicht etwa Falten oder Röhrchen oder Töpfchen, sondern es sind Gebilde wie kreis- oder kugelförmige Dolden (ähnlich wie bei Weintrauben); jede dieser Dolden besteht selbst wieder aus ähnlichen Dolden, die sehr viel kleiner sind, und diese aus noch viel kleineren. Bei dieser Dreistufigkeit bilden die erstgenannten Dolden die unterste Stufe, die zweiten (in den ersten enthaltenen) Dolden die zweite oder mittlere Stufe, die dritten (in den zweiten enthaltenen) Dolden die dritte oder höchste Stufe. So sind sie gradweise verschieden, d.h. eine Stufe ist innerhalb der anderen. Die Stufen gehen nicht kontinuierlich ineinander über, sondern die innerste Stufe ist anzusehen etwa wie die Kraft, die auf die mittlere wirkt, und diese mittlere ihrerseits wie die Kraft, die auf die unterste wirkt. (Vgl. LW 78 und 30).

Zum Verständnis der Wirkungsweise behalten wir den Vergleich mit der Weintraube im Auge. Die Weintraube bekommt ihre Fülle und ihren Wert durch die Einstrahlung der Sonne. So wird auch die innerste Dolde der Hirnzelle angeregt durch die Einstrahlung aus der geistigen Welt, oder sagen wir besser: der geistigen Sonne, aus der die Liebe und Weisheit Gottes strahlt. Bei der Aufnahme der geistigen Nahrung handelt es sich ja nicht um die Einverleibung irgendeines stofflichen Quantums, sondern um Anregungen, die denjenigen der Sonnenstrahlen durchaus vergleichbar sind. Die Hirnzellen sind in ihrem Innersten die Empfänger von Strahlungen in der Art der im Kosmos vorkommenden Strahlungen. Die innersten Dolden „transformieren“ die empfangenen Strahlen und geben sie an die mittleren Dolden in der diesen angepaßten Form weiter, und diese den untersten Dolden, und von diesen zu den Nervensträngen. Es ist bekannt, daß die Hirnströme elektromagnetischer Natur sind.

Die innere Struktur der Hirnzellen ist von Geburt an nur im Ansatz vorhanden; im Laufe des Lebens bilden sie sich aus, und zwar beginnend mit der untersten Stufe; von hier aus entwickeln sie die Linien und Richtungen ihres strukturellen Wachstums und ihre volle Masse.

Bei der Weintraube muß Substanz vorhanden sein, die von der Sonnenstrahlung angeregt wird und dadurch reift: diese Substanz in ihrer vielfältigen Zusammensetzung wird aus dem Humus aufgebaut. Bei den Hirnzellen besteht die Substanz, die durch die Einstrahlung aus der geistigen Welt angeregt und ausgereift werden soll, aus dem mittels der Sinneseindrücke sich ergebenden Denken und Wollen. Bildlich gesprochen ist dieses Denken und Wollen das Gefäß, das die geistige Nahrung aufnimmt. Die geistige Nahrung ist assimilierbar je nach der Art, Qualität und den Formen des Denkens und Wollens. Sind sie homogener Art, dann eignen sie sich für die Einstrahlungen, dann wirkt der Einfluß oder besser der Impuls des Geistigen bis ins natürliche Leben weiter; sind sie aber heterogener Art, so wird der Impuls abgewürgt oder geschwächt oder verfälscht und verkehrt.

Die homogene Art ist die Bereitschaft des Menschen, sein Denken nach oben zu richten, die heterogene Art liegt darin, daß das Denken nach unten gerichtet und den natürlichen Dingen verhaftet bleibt. Das wiederum ist Sache des Willens des Menschen; dem Wollen folgt das Verstehen und Denken.

Die Liebe und Weisheit Gottes strahlt von Ihm aus durch die verschiedenen Grade hindurch; das ist der Einfluß oder Impuls aus der geistigen und himmlischen Welt, das ist das Brot, das der Herr gibt, das ist die wunderbare Kost auf Seiner Festtafel.

Die Hirnzelle als die organische Basis für das natürliche und das geistige Leben des Menschen ist veränderlich, sowohl von der natürlichen als auch von der geistigen Seite her. Beide Seiten wirken zusammen bei seiner Entwicklung. Während der ersten fünf Jahre der Kindheit dienen die verhältnismäßig wenigen Sinneseindrücke, die das Kind aufnimmt, um eine Grundlage für sein inneres Leben zu schaffen (vgl. HG 10225). In der zweiten Periode, die etwa bis zum 20. Lebensjahr dauert, nimmt es ziemlich wahllos viele Kenntnisse in sein Gedächtnis auf und beginnt, seinen Verstand zu bilden und zu festigen. Erst in der dritten Periode, die etwa im 60. Lebensjahr endet, lernt er zuerst zu unterscheiden und dann feste Meinungen sich anzueignen, also seine Vernunft auszubilden und anzuwenden. Das vollzieht sich gewissermaßen als Auseinandersetzung zwischen dem äußeren und dem inneren Menschen, zwischen den Eindrücken von außen und den von oben kommenden Einflüssen (oder Impulsen) in sein Inneres. Statt äußerer und innerer Mensch können wir auch sagen: sein unteres und sein oberes Mentales.

Alle mentalen Entwicklungen sind bedingt von den Veränderungen in den Hirnzellen als der organischen Basis für das natürliche und das geistige Leben des Menschen. Immer wirken beide Seiten auf sie ein. Der Mensch baut laufend auf dem vorher Erreichten in fortwährender Entwicklung auf. Das zeigt die unbeschreibliche Verantwortung jedes Menschen für den Verlauf und das Ergebnis seines Lebens, d.h. dafür, wie weit er den geistigen Einflüssen den Zugang zu sich geöffnet hat.

Immer bleiben die Stufen seines Inneren voneinander getrennt, fließen also nicht ineinander zusammen. Die oberste Stufe oder das oberste Mentale mit seiner Weisheit und innersten Vernunft (rationale) ist der Bereich des obersten oder dritten Himmels, in welchem die himmlischen Engel sind (vgl. HG 1515). Das mittlere Mentale mit seiner äußeren Vernunft macht den zweiten Bereich oder den zweiten (mittleren) Himmel aus, in welchem die sind, die geistige Engel genannt werden. Das natürliche Mentale ist in seinem nach oben gerichteten Teil der Bereich des untersten oder ersten Himmels, in dem die guten Geister sind; der nach unten gerichtete Teil des natürlichen Mentalen ist der letzte Bereich, die natürliche Welt der Sinne, in der der Mensch während seiner irdischen Lebenszeit sich mit seinem Körper aufhält.

Daher kommt es, daß der irdische Mensch, was sein Inneres betrifft, falls er im Guten lebt, ein Himmel in kleinster Form ist, weil die Strukturen seines Inneren den Himmeln entsprechen. Sie sind in ihm die Ebenen, auf die der Einfluß des Herrn auftreffen und wirken kann, so wie die Strahlen der natürlichen Sonne mit ihrem Licht und ihrer Wärme den Erdboden beleben.

Die göttlichen Dinge sind unendlich, aber für den Menschen nur faßbar, wenn er eine Vorstellung von den endlichen Dingen hat, die den unendlichen entsprechen. Völlig lösen kann er sich von den endlichen Dingen nie, auch nicht in seinem Mentalen. Er bleibt, solange er in der Welt lebt, dem Natürlichen, Endlichen verhaftet. Aber die Verbindung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, zwischen Mensch und Gott, wird von der geistigen Welt und den Himmeln hergestellt. Zu diesem Zweck ist die Struktur seines Inneren ihnen gemäß. Die guten Geister und die Engel, die diese Himmel beleben und dem inneren Menschen beigegeben sind, greifen die von außen in den menschlichen Verstand eingegangenen endlichen Dinge, die alle mit Raum und Zeit zu tun haben, auf; sie sehen das alles geistig, völlig losgelöst von Raum und Zeit, also der Entsprechung gemäß, und tragen sie gewissermaßen hinauf in die höheren Gefilde. Das ist vergleichbar dem Menschen, der den Geist eines Kunstwerks und nicht sein Material beachtet. Auf diese Weise öffnen sich diese Gebiete im Menschen, sie bleiben aber oberhalb seines vollen Bewußtseins, solange er im irdischen Körper lebt. Erst nach dem Ablegen des Körpers wird sein Bewußtsein dorthin erweitert, und er tritt in bewußte Verbindung mit den Engeln, die ihm bis dahin durch sein entsprechendes Leben — Wollen, Denken und Tun — schon verbunden waren; er lebt in ihrer seligen Gemeinschaft und hört und sieht und empfindet mit überaus geschärften (weil geistigen) Sinnen seine himmlische Umgebung, in deren Sphäre er sich zu Lebzeiten durch das Aufnehmen der geistigen Strahlungen begeben hat, denn seine inneren Stufungen entsprechen, wie schon gesagt wurde, den himmlischen Sphären.

Hat der Mensch Kenntnisse aus dem Worte Gottes, dann gesellt er sich schon hier den Engeln zu, die in diesen Wahrheiten sind; wendet er sie auf das Leben an, so steht er in inniger Verbindung mit seinen Engeln. Erfaßt er die heiligen Dinge des Wortes in ihrem inneren Sinn mit seiner ganzen Liebe, so kann das, was an sich göttlich ist, göttlich werden beim Menschen, der tätig danach lebt, also auch sein natürliches Leben in Entsprechung setzt. Bei ihm göttlich werden heißt (vgl. LW 132): Der Herr kann bei ihm Wohnung machen, wie er bei Johannes verspricht: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh. 14, 23).

Allein der Mensch verbindet die natürliche und die geistige Welt, und umgekehrt.

Die Naht zwischen dem Natürlichen und dem Geistigen ist die Hirnmasse; die schier unendliche Zahl der grauen Zellen verbinden das Natürliche und das Geistige im Menschen. Außerhalb des Menschen gibt es keine Verbindungsstelle, Durchgangsstelle, gibt es keinen Umschlagplatz zwischen diesen beiden Welten. Nirgends und auf keine andere Weise verbindet sich Geistiges mit Natürlichem. Natürliches wird nie und nirgends geistig, und Geistiges wird nie und nirgend natürlich. Und deshalb ist die allen den Menschen in den Hirnzellen gegebene organische Basis der Verbindung alles Natürlichen mit allem Geistig-Himmlischen die einzige Ebene, auf der der Mensch mit dem Herrn kooperieren kann, denn bis zu ihr hinauf kann der Mensch seine Mitwirkung ausdehnen. Alles Höhere, das von oben bzw. innen in diesen organischen Zellbereich einfließt bzw. ihn anregt, ist das ausschließliche Reich des Herrn, in dem die Engel Ihm dienen.

Alles, was der Mensch auf der Erde will, denkt und tut, Gutes und Böses, schlägt sich auf dieser Verbindungsebene nieder, bildet ihren unteren Teil aus, formt und festigt sie, sodaß die so gewonnene Form und Festigkeit es ausmacht, wie der Herr durch die Ihm dienenden Engel, die Er dem Menschen beigegeben hat, sein Leben beeinflussen kann, weil die Engel durch die Betrachtung der so erscheinenden Entsprechungsbilder, die sie erfreuen oder betrüben, angeregt werden. Die andere, obere Seite bildet sich aus und formt sich durch das Einfließen aus der geistigen Welt, damit der Mensch seinen Verstand und seine Vernunft ausbilden und betätigen kann, und dann — wenn er danach trachtet — wird sein innerer, d.h. geistiger und himmlischer Bereich geöffnet (vgl. EO 569).

Geber und Empfänger.

Im Herrn ist zweierlei: Liebe und Weisheit, und diese beiden strahlen von Ihm aus (LW 70). Der Mensch ist als Sein Bildnis und Gleichnis erschaffen:

Bildnis durch Liebe, Gleichnis durch Weisheit. Deshalb sind bei ihm zwei Dinge geschaffen worden, eines zum Empfang der Liebe, nämlich sein Wille, das andere zum Empfang der Weisheit, nämlich sein Verstand. Wille und Verstand stehen gewissermaßen einander gegenüber und wirken aufeinander ein.

Gott der Herr ist der Gebende, der Mensch ist der Nehmende. Der Gebende ist das aktive, der Mensch das passive oder reaktive Element. Die aktive oder göttliche Sphäre wirkt eine Reaktion in der nehmenden, d.h. in der geschaffenen endlichen Form.

Die Seele des Menschen ist der nehmende Teil; sie nimmt direkt von Gott. Er ist ihre einzige Nahrung, und dadurch spiegelt sie Ihn in sich wider. Das Empfangen dieser Liebe und Weisheit ist die himmlische Ernährung. Das Verlangen danach, sein Hunger danach ist des Menschen Liebe zum Herrn und zum Nächsten. Aus der Wechselwirkung zwischen der gebenden göttlichen Liebe und Weisheit und dem nehmenden Willen und Verstand erhält der Mensch sein Leben, ein abgeleitetes, aber nicht originäres Leben. Leben im eigentlichen Sinn ist nur bei Gott. Dieses abgeleitete Leben ist das geistige (mentale) Leben des Menschen.

Die Form und Gestalt der Empfangsorgane dieses Lebens im Menschen, nämlich sein Wille und sein Verstand, können nicht aufgedeckt werden, denn sie sind geistig und deshalb weit über den Dingen der Welt. Ihre Formen sind in den dreifachen Stufen der Hirnzellen vorgebildet, eine innerhalb der anderen, in unzähliger Menge, jede anders als die andere, jedoch in harmonischer Verbindung zueinander, so daß jede die ihr entsprechende Liebe und Weisheit empfängt. Die oberste Stufe nimmt direkt vom Herrn auf und wirkt in die nächste Stufe hinein. Dadurch besteht von der jeweils oberen zur nächstunteren Stufe dasselbe Verhältnis von Gebendem zu Empfangendem — Nahrung Gebendem und Nahrung Empfangendem — wie von Gott zur Seele des Menschen. Deshalb sprechen wir von Nahrung nicht nur im materiellen Sinn, also von Nahrung für den Körper, sondern vorwiegend im geistigen Sinn, also von der Nahrung, die Gott der Seele gibt, die sie in alle Stufen des Daseins gemäß der Ordnung weiterreicht.

Alle diese Stufen wirken bei der Entwicklung im Mutterleib mit, um in zusammenhängenden Reihen alle Teile des Körpers zu bilden. Das geschieht gemäß den Gesetzen der Entsprechung, und deshalb steht jeder Teil des Körpers, innen und außen, in Entsprechung. Die ersten Formen selbst sind für das Auge nicht erkennbar, sondern erst die aus ihnen gebildeten Teile, die sich im Kopf befinden, und von da aus setzt sich ihre Entwicklung im ganzen Körper fort als Nervenstränge und Blutgefäße. In den beiden Gehirnen und im Rückenmark befinden sich Zellen und Drüsen, die die Ausgangspunkte für alle Nerven im Gehirn und im ganzen Körper und im weiteren Verlauf aller Teile des Körpers von Kopf bis Fuß sind.

Die organischen Strukturen des Körpers sind von sich aus nicht fähig zu leben, zu fühlen, sich zu bewegen, sondern all das geschieht aus den Quellen, aus denen sie entstanden sind. Zum Beispiel sieht das Auge nicht von sich aus, sondern aus dem Verstand mit Hilfe der zum Auge gehörenden Organteile. Das Verstehen bewegt die Augen und richtet sie auf die verschiedenen Gegenstände. Genau so verhält es sich mit dem Hören mit Hilfe des Ohrs, mit dem Denken und Sprechen mit Hilfe der Zunge, und mit allen Muskeln, die vom Willen zusammen mit dem Verstehen bewegt werden.

Daraus wird klar, daß Wille und Verstehen die ersten Formen sind, verkörpert in den Hirnzellen, und daß die sensorischen und die motorischen Organe von ihnen abgeleitet und abhängig sind. Das ist das geistige Einfließen oder Beeinflussen (LW 73).

Das Beeinflussen ist möglich, wenn die Organe in Entsprechung zu den ersten Formen stehen. Diese Entsprechungsbeziehungen bestehen zwischen dem, was geistig ist und dem, was natürlich ist. Immer wenn etwas vom Geistigen Kommendes für die Sinne sichtbar und erkennbar wird, ist zwischen beiden eine Entsprechung. Alles Geistige im Menschen gehört zu Liebe und Weisheit, also bei ihm zu Wollen und Verstehen, während alles Natürliche seinem Körper zugehört. Das Natürliche ist aus dem Geistigen entstanden und besteht nur aus ihm weiter; beide wirken wie eins zusammen, z.B. Gedanke und Sprechen, Wollen und Bewegung.

Die Kenntnis der Entsprechungen war besonders in den Ländern des Orients verbreitet, ist aber auch dort verloren gegangen; deshalb weiß man auch nichts mehr von der Existenz der geistigen Welt. Nur noch gröbste Mißbildungen und Verfälschungen sind als Mythen vorhanden.

Die Ordnung.

Die Ernährung des Menschen geschieht in dieser Ordnung (vgl. HG 1480 und 5293): Himmlische Nahrung ist die von Gott ausgehende Liebe; geistige Nahrung ist die damit verbundene Wahrheit. Im Menschen werden sie zu dem sein Innerstes kräftigenden Guten seines Wollens und dem Wahren seines Verstehens. Das ist auch die Nahrung der Engel im obersten Himmel, wie auch der Engel des mittleren und des untersten Himmels, aber gemäß ihrem inneren Zustand im jeweils geringeren Grad. In der Welt der Geister und der damit korrespondierenden Sphäre im Menschen ist es die Nahrung für seine Vernunft, und an letzter Stelle steht die Nahrung, die dem Körper dient. Die materielle Nahrung geht nicht in den inneren Menschen über, sondern bleibt Sache des Körpers; dieser ist nur Hülle und Stütze (bildlich gesprochen) für den inneren Menschen, der andere Nahrung braucht.

Alle diese Nahrungen entsprechen einander. Deshalb darf das Wort Brot verwendet werden, auch wenn es sich um geistige und himmlische Nahrung handelt, die mit dem stofflichen Brot der natürlichen Welt nichts zu tun hat.

Das erste Einfließen geschieht in die Seele (HG 3570). Die Seele empfindet Freude und Genuß an den in sie fließenden, d.h. von Gott kommenden und sie anregenden Dingen Seiner Liebe und Weisheit. Diese Freude regt die Organe der tieferen Ebenen an zum Appetit nach der Nahrung aus der Seele in der ihnen jeweils angemessenen Form und bewirkt den Kreislauf des geistigen Lebens. Weil sie Ursprung und Ausgangspunkt sind, geben die Liebe und die Weisheit aller himmlischen Nahrung das Gepräge, sowie auch aller aus ihr geformten Nahrung. In seiner Vernunft und aus Neigung zu ihnen hat der Mensch das Verlangen nach dem Erkennen der Wahrheiten, in seinem Verstand das Verlangen nach dem Finden und Verstehen der Kenntnisse und alles Wissens.

Dem Menschen, dessen Ziele und Zwecke von den Dingen des Himmels geprägt sind, dient die materielle Nahrung für die Gesundheit seines Körpers und, mittelbar, seines Geistes (Verstand und Neigungen). Aber das Erkennen und Wollen sind in ihm das Gefäß für das Einfließen des Himmlischen (Glaube und Liebe), damit diese ihrerseits das reine Aufnahmegefäß für den Einfluß aus Gott sind und von Ihm mit allen reichen Gaben Seiner Liebe und Weisheit erfüllt und ausgefüllt werden (HG 4459).

Daraus ergibt sich auch, daß der menschliche Geist und die Engel sich nicht mit natürlichem, materiellen Essen und Trinken ernähren, sondern mit geistiger Nahrung aus dem Guten und Wahren. Im Wort verstehen sie Brot deshalb als die geistige Nahrung, nämlich das Gute der Liebe, und Wasser und Wein als das Wahre des Glaubens. So z. B.: „All ihr Volk seufzt, sie suchen Brot, sie gaben ihre Kleinode für Speise, daß sie erquicken ihre Seele“ (Klagel. Jer. 1, 11). „Warum wäget ihr Silber dar für Nicht-Brot und eure Arbeit für etwas, das nicht sättigt“ (Jes. 55, 2)

Gutes und Wahres bedingen sich gegenseitig. Feste Nahrung (Brot) wird verdaulich und nährend nur in Verdünnung und Verschleimung durch flüssige Nahrung (Wasser). So verlangen die Neigungen, die der Liebe oder dem Guten angehören, Wissen und Kenntnisse, die dem Wahren angehören; Wollen verlangt nach Erkennen; himmlische Liebe will sich mit den Dingen des Glaubens verbinden.

Des Menschen Seele ist vergleichsweise vollkommen, deshalb kann sie das vom Herrn ausgehende Gute direkt aufnehmen. Die nachstehenden inneren Ebenen können das nicht so, weil sie weniger vollkommen sind, würden sie den direkten Einfluß verfälschen oder pervertieren (HG 5147).

Die Engel und die Geister haben einen Hunger nach der ihnen gemäßen Kost, ebenso wie die Menschen nach der Nahrung für ihren Körper und ihre Sinne. Weil im Wort unter Brot die geistige Nahrung verstanden wird, so bedeutet dort Hungersnot einen völligen Mangel an geistiger Nahrung, also ein Fehlen von Gutem und Wahrem, wenn kein Verlangen und auch kein Verständnis dafür besteht. Hungersnot hängt also von den angesprochenen Menschen ab, bzw. wird von ihnen verschuldet, weil sie kein Verlangen und Verständnis für das Himmlische und das Geistige, das Gute und Wahre mehr haben.

„Er demütigte dich und ließ dich hungern, und ließ dich Manna essen... um dich wissen zu lassen, daß der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Munde Jehovahs hervorgeht“ (Deut. 8, 3)

Was aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist das Göttlich-Wahre, also alles, was den Menschen mit geistigen Erkenntnissen erfüllt, insbesondere Sein Wort, weil es alle Dinge der Weisheit enthält.

„Wirket nicht Speise, die verdirbt, sondern Speise, die da bleibt ins ewige Leben, die des Menschen Sohn euch geben wird“ (Joh. 6, 27).

Speise, die ins ewige Leben bleibt, dient zum Aufbau und zur Erhaltung des himmlischen Lebens in den Engeln und in den innersten Bereichen oder Seelen der Menschen. Weil der Mensch für den Himmel geschaffen ist und aus dem Einfließen Gottes lebt, deshalb hat er Hunger und Durst nach allen Dingen und Ausstrahlungen der Göttlichen Liebe und Weisheit. Das ist der innerste Impuls seines Lebendigseins. Der Impuls setzt sich fort in die davon abhängigen Bereiche seines inneren und bis zu seinem äußeren Organismus und ist im eigentlichen Sinne die einzige Lebenskraft in ihm; auch sein Körper hat sie nicht anderswoher. Wenn die Ausstrahlungen der göttlichen Liebe (das Gute) und der göttlichen Weisheit (das Wahre) fehlen, dann leidet der Mensch darunter wie unter Hunger und Durst. Allerdings sind diese Vorgänge, soweit sie in seiner Seele stattfinden, oberhalb seines Bewußtseins; erst in den tieferen Bereichen werden sie ihm bewußt (HG 8352).

„Wenn ihr nicht esset das Fleisch des Menschensohnes und trinket Sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch“ (Joh. 6, 53).

Die göttliche Wirkungssphäre.

Geschaffen sein heißt: in der göttlichen Wirkungssphäre sein und leben. Deshalb können Engel und Menschen auch nur die Wirkungen der göttlichen Liebe und Weisheit erfassen und sich damit verbinden, niemals diese selbst, sondern nur das von ihnen Ausgehende. Sie können nicht werden oder sich entwickeln über das hinaus zu dem sie geschaffen sind mit den darin liegenden Möglichkeiten. Sie können nicht selbst zu Schöpfern ihres Lebens werden. Sie empfangen es von Gott und sollen es so „verwalten“, wie Gott es in seinem Schöpfungswillen vorgesehen hat.

Was ist nun das von Gott, von Seiner Liebe und Weisheit Ausgehende? Wir nennen es das göttlich Gute und das göttlich Wahre, denn Liebe hat mit Gutem und Weisheit mit Wahrem zu tun (LW 113). Das Gute ist aus der Liebe geworden, ist Geschaffenes, ist ihre Wirkung; das Wahre ist von der Weisheit Geschaffenes, ist ihre Wirkung. Das Gute und das Wahre sind also die Dinge im Wirkungsfeld oder in den Sphären des Göttlichen, wo Engel und Menschen sind. Ihnen ist aber nicht bewußt, daß diese Dinge von Gott ausgegangen sind.

Die Menschen sind Lebewesen, die in dieses Wirkungsfeld hineingeschaffen sind, damit sie dieses Gute und dieses Wahre in sich aufnehmen und so ihr Leben und die damit verbundene Freude haben, als wäre es aus ihnen selbst. Das ist das Wunder ihres Lebens, es birgt in sich aber auch die tödliche Gefahr, daß sie das Leben sich selbst zuschreiben und vermeintlich aus sich selbst leben wollen, d.h. aus den Kräften, die den tieferen Lebensebenen angehören.

Sein inneres und innerstes Leben gehört nicht dem Menschen, sondern ist des Herrn (LW 256).

Die Menschen, die der Ordnung gemäß leben, bilden in ihrem irdischen Leben die bei ihrer Geburt nur im Ansatz vorhandenen Fähigkeiten zum engelischen Dasein aus und festigen diese, so daß sie nach dem Tode ihres Körpers Engel werden in der Himmelssphäre, die ihrer Reife zukommt.

Das Gute regt das Wollen, das Wahre das Verstehen des Menschen an. In Verbindung miteinander werden im Menschen Wollen und Verstehen, die beiden Aufnahmeorgane in ihm, belebt, und diese Belebung regt ihn zu der entsprechenden nützlichen Tätigkeit vermittels seines natürlichen Körpers und all seiner Organe an. Gutes wollen und Wahres verstehen sind geistige Vorgänge; aus beiden handeln sind natürliche Vorgänge.

Das ist die Verbindung des Geistigen mit dem Natürlichen. Damit Wollen und Verstehen zum Handeln führen kann, ist der menschliche Körper so erschaffen worden wie er ist. Das ist die Aufgabe all seiner Teile, angefangen von den Hirnzellen mit all ihren zum Teil unsichtbaren Bestandteilen, bis zu den äußersten, der Betätigung dienenden grobmateriellen Gliedern.

Die von Menschen vollbrachten Werke, gleich welcher Art, bestehen aus Natürlichem, sie tragen aber Geistiges in sich. Es wäre nun völlig falsch, dieses Geistige mit dem Natürlichen zu vereinheitlichen, so als wäre es ein feineres Natürliches. Das Geistige ist im Natürlichen als Ursache, das Natürliche ist die Wirkung des Geistigen, so etwa wie im Kunstwerk der Geist des Künstlers ist. Stofflich haben sie absolut nichts miteinander zu tun.

Ähnlich ist das Verhältnis von Gott zu allem Geschöpflichen und Geschaffenen zu verstehen. Gott ist darin wie die Ursache in der Wirkung, wie der Künstler im Werk, aber niemals in einer gewissermaßen stofflichen Einheit oder auch nur annähernden Einheit oder Ähnlichkeit. Das zeigt überzeugend, daß eine Vereinigung des Menschen, des Geschöpf, mit Gott, seinem Schöpfer, nicht möglich ist im Sinn einer Wesensverschmelzung oder stofflichen Vermischung. Aber der Mensch kann bis zu den Grenzen seiner geschöpflichen Dimension, bis zu seiner letzten Fassungskraft das von Gott ausgehende Gute und Wahre in sich aufnehmen und daraus die Fülle seines Lebens haben, und dann, wenn er von der Last seines natürlichen Körpers befreit ist, auch die mit dem engelischen Leben verbundene Glückseligkeit in einem für uns jetzt unbegreiflichen Maß empfinden.

Das lebendige Brot beim großen Mahl des Lebens.

Alle Gebräuche und gottesdienstlichen Vorschriften der jüdischen Kirche beruhen auf Entsprechungen und bilden mit äußeren Mitteln alle Geheimnisse des inneren Reiches vor, die in der christlichen Kirche offenbar wurden (HG 3478), Das Passahmahl wurde bei den Juden eingerichtet als Vorbild für das einmütige Beisammensein derjenigen, die das innere Verlangen haben, in allen Dingen, die den Himmel ausmachen, belehrt zu werden, um sie in sich aufzunehmen (HG 7996). Auch der jüdische Opferkult bildete absolut nichts anderes vor als das Himmlische und das Geistige, d.h. alles, was zur Liebe zu Gott und zum Nächsten gehört (HG 2165). Jede einzelne Art des Opfers bildete darin etwas Besonderes vor. Alle zusammengenommen wurden das Brot genannt. Die Opfer wurden abgeschafft, aber an ihrer Stelle folgten andere Gebräuche, für die die Verwendung von Brot und Wein vorgeschrieben wurde. Das Brot trat an die Stelle der Opfer, die das Himmlische, der Wein an die Stelle der Opfer, die das Geistige vorbildeten. Es ist der Herr, der die Himmel mit seiner Ausstrahlung erfüllt, und deshalb ist im innersten Sinn Er selbst das, was die Himmel ausmacht. Deshalb wird im eigentlichen Sinne unter Brot nur der Herr selbst verstanden.

„Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. Das ist das Brot, das aus den Himmeln kommt, daß einer davon esse und nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vorn Himmel herabgekommen. Wenn einer von diesem Brote isset, so wird er in Ewigkeit leben. Das Brot aber, das ich ihm geben werde, ist mein Fleisch, das ich für das Leben der Welt hingeben werde“ (Joh. 6, 48—51).

Im natürlichen Sinn würden wir nur verstehen, daß das Fleisch und Blut Christi zu essen und zu trinken gegeben wird, und an ihrer Stelle nun Brot und Wein, und daß die Heiligkeit nur darin besteht, daß der Herr es so geboten hat (WCR 709). Das ist aber nicht richtig. Die Heiligkeit ruht auch nicht im natürlichen Stoff der Symbole. Die Vorstellung von des Herrn körperlichem Fleisch und Blut und vom natürlichen stofflichen heilbringenden Brot und Wein erstickt jede geistige Idee dieses Sakraments.

Alles, was im Worte Gottes und in den Gebräuchen der Kirche mit Nahrunggeben und Nahrungsaufnahme zu tun hat, entspricht in allen Einzelheiten dem Göttlichen, Himmlischen und Geistigen, einerseits wie es von Gott aus geht, andererseits wie es von seinen Geschöpfen, Engeln und Menschen, aufgenommen werden soll, um sie am himmlischen und geistigen Leben zu erhalten.

In dieser Entsprechung liegt die Heiligkeit des Wortes Gottes, d.h. aller seiner Aussagen und Vorschriften, auch wenn sie im natürlichen Wortsinn ausgedrückt sind, also durch Gegenstände und Ideen, die dem natürlichen Leben und Denken entnommen sind. Der natürliche Wortsinn wird im Himmel in den geistigen und himmlischen Sinn gewandelt, und ebenso in dem mit dem Himmel innerlich verbundenen Menschen (WCR 698). So verhält es sich mit allen Entsprechungen: Im Inneren des Menschen werden sie zu dem, was sie bedeuten.

Ohne die Kenntnis der Entsprechungen, die zwischen dem Natürlichen und dem Geistigen bestehen, kann niemand die Bedeutung und die nützlichen Wirkungen des Heiligen Abendmahls kennen. Diese Entsprechungsverbindung liegt im Geist, im Inneren des Menschen, und macht dieses Mahl zu einem geistigen Vorgang zum Nutzen des inneren Menschen. Es wäre falsch zu meinen, dieses Liebesmahl habe natürlicherweise eine direkte magische Wirkung. Kraft dieser Entsprechung ist es aber auch nicht einfach ein äußerer Ritus, sondern verbindet das Fühlen und Denken des Menschen in innerer Zustimmung mit der himmlischen Liebe und Wahrheit seines Innern, die ihm vom Herrn aus Seinem Göttlichen gegeben und geschenkt werden, und deren Symbole das Brot und der Wein sind. Die Engel, mit denen der Mensch innerlich verbunden ist, sind in der Idee des Guten und Wahren der göttlichen Liebe, wenn der Mensch im Abendmahl Brot und Wein nimmt.

So wie Brot für das Gute und Wasser für das Wahre der geistigen, im Menschen realisierbaren Bereiche steht, so das Fleisch des Herrn für Seine göttliche Liebe und das Blut des Herrn für Seine göttliche Weisheit. „Mein Fleisch ist wahrhaftig Speise, und mein Blut ist wahrhaftig Trank“ (Joh. 6, 55). Der Herr hat sein ganzes Menschliche göttlich gemacht. Nichts Materielles, sondern dieses göttlich Gemachte ist sein Fleisch und Blut.

Für den Menschen bedeutet das Fleisch des Herrn das „Gute“, also die Wirkung der göttlichen Liebe, und sein Blut das „Wahre“, also die Wirkung seiner göttlichen Weisheit. Deshalb ist das Essen und Trinken geistig, nämlich das Einfließen und das Aufnehmen seitens der Engel und Menschen in ihre innersten Bereiche, die dafür geschaffen sind; die Engel und Menschen haben den geistigen Nutzen in dem Maß, wie sie aufnehmen. Die Göttlichkeit des Herrn kann mit keinem Engel oder Menschen verbunden, d.h. vereinigt oder verschmolzen werden, denn die Göttlichkeit enthält Unendlichkeit, Ewigkeit, Allwissenheit, Allmacht. Engel und Menschen dagegen sind Geschöpfe, denen all das nicht zukommen kann. Auf dem Weg von Gott zum Menschen, vom Schöpfer zum Geschöpf, geschieht der Übergang von der Unendlichkeit zur Endlichkeit, von der Ewigkeit zur Zeitlichkeit, von der Allwissenheit und Allmacht zur Beschränkung in die geschöpflichen Grenzen des Erkennens und des Wirkens. Auf keinerlei Weise kann der Unterschied rückgängig gemacht oder der Abstand überbrückt werden. Aber das Geschöpf kann vom Schöpfer und seiner Göttlichkeit angeregt werden, so wie die Kraft einen Gegenstand bewegt. Kraft und Gegenstand sind nicht identisch; sie sind es ebenso wenig wie Ursache und Wirkung. (WCR 716—718)

So nimmt der Mensch im Heiligen Abendmahl nicht die göttliche Liebe selbst und die göttliche Weisheit selbst, die beide etwas Göttliches sind, in sich auf, sondern das, was diese beiden im Menschen wirken können, vergleichbar der Bewegung, die von der Kraft bewirkt wird. So wird durch die Beeinflussung das Innerste des Menschen, seine Seele, angeregt und belebt, und sie gibt diese Bewegung in die von ihr abhängigen Bereiche weiter, „Denn der Mensch ist nicht ein Leben in sich selbst, sondern ein Aufnahmegefäß des Lebens; das Leben selbst, wie es allein in Gott ist, wird dem Menschen angeschlossen oder beigegeben, aber nicht mit ihm in eins verbunden“ (WCR 718).

Das Essen und Trinken im Heiligen Abendmahl sind deshalb geistiger Natur, deren Bedeutung im natürlichen Vorgang entsprechungsweise vorgebildet wird. Es wird wertlos, wenn der Mensch nicht innerlich beteiligt ist; dann ist nämlich die Entsprechungsbeziehung unterbrochen, das Aufnahmegefäß ist verschlossen, das Objekt entzieht sich der bewegenden Kraft.

Wahrer Gottesdienst und wirkliche Anbetung geschieht im inneren Menschen, in seinem Willen und Verstehen; sie sind die Gefäße, die das von Gott Ausgehende aufnehmen. Was aufgenommen wird, nennen wir das Gute der göttlichen Liebe und das Wahre der göttlichen Weisheit. Sie bringen im Menschen Weisheit, Intelligenz und Wissen bzw. die Fähigkeit hervor, Erfahrungen auf den verschiedenen Gebieten seines oberen und seines unteren Mentalen aufzunehmen, die Lust und Freude daran zu empfinden und daraus in der Nächstenliebe allen Nutzen zu wirken.

„Das tut zu meinem Gedächtnis“ könnte den äußerlich denkenden Menschen dazu verleiten, zu glauben, das Heilige Abendmahl sei in der Art eines Totenmahls zur Erinnerung an den Toten, einmal Dagewesenen, eingesetzt worden und solle wiederholt werden, damit die Erinnerung an seine vergangene Person nicht untergehen möge. Aber das Abendmahl ist kein Totenmahl, sondern ein Mahl des Lebens, damit uns immer wieder in Erinnerung, ins Gedächtnis gerufen und zu unserem inneren Lebensbewußtsein wird, daß wir Leben nicht aus uns, sondern allein aus dem Einfließen Seines Lebens in unsere Organformen haben. Sein Leben ist Seine Liebe in Seiner Weisheit und ist einheitlich durch alle Stufen Seiner Menschenform bis herab zu Seinem physischen Körper, und deshalb sind Brot und Wein die geeigneten Zeichen für das integrale Leben Seiner Liebe, „mein Fleisch“ und Seiner Weisheit „mein Blut“. Gott gibt uns immer und unaufhörlich Sein Leben, nicht nur in den Augenblicken, da wir ihn während dieser kirchlichen Handlung in uns aufnehmen, Gott und Mensch sind immer miteinander verbunden. Würde Sein Einfluß auch nur eine Sekunde ausbleiben, so würde das Leben dieses Menschen für immer beendet sein.

Der Einfluß von Gott durch die Seele kann sich nur mit dem ihm jeweils Entsprechenden verbinden und auswirken. Darin liegt die Freiheit und die Verantwortung des Menschen, daß er seinem bewußten Leben nur die Richtung und Gestalt gibt, die in jeder Stufe die Formen dergestalt festigen, daß das Einfließende das ihm Entsprechende vorfindet, dem es sich in dieser Form zugesehen kann, um sie lebendig zu machen. Mit dieser Umformbarkeit seines geistig-mentalen Inneren ist die Voraussetzung gegeben, daß der Mensch guten Willens den Weg der Wiedergeburt einschlagen und während seines ganzen Lebens weitergehen kann. Er hat das Tor zu seinem Tempel, der ein Abbild und Sinnbild seines Inneren ist, durchschritten, durcheilt die Vorhöfe und tritt in das Heilige ein, wo die Schaubrote für ihn bereit liegen zur Nahrung seines himmlischen Seins aus dem Herrn.

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       Inhalt

 

Die Einheit von Wissenschaft und Theologie im Werk Swedenborgs. 1

Aus Swedenborgs wissenschaftlichem Werk. 3

Aus Swedenborgs Werk nach seiner Berufung. 8

Zeitwende — in ein neues christliches Zeitalter. 14

Kirchengeschichtliche Phasen. 15

Scholastik, Philosophie, Aufklärung, Mystik. 15

Einfluß des historischen und wissenschaftlichen Denkens. 17

„Entmythologisierung“?  19

Was bleibt: Tabula rasa  21

Ist das das Ende oder dürfen wir hoffen?  21

Die Alternative zur Entmythologisierung. 22

Ein folgenschwerer Übersetzungsfehler. 28

Petrus, die Kirche und die Schlüssel des Himmelreichs. 29

Wer ist ER, der Menschensohn? Der Messias der Juden. 30

Bei den Schülern Johannes des Täufers und bei den Pharisäern. 30

Bei den Jüngern des Herrn. 31

Objektive oder innere Antwort. 31

Die Antwort des Petrus. 31

Anerkennung der Göttlichkeit des Herrn. 31

Petrus menschlich gesehen. 33

Der Fels. 33

Sinnbild für Anerkennung und Glaube. 33

Vorbildung für jeden Menschen. 34

Grundlage der Kirche. 34

Der innere und der äußere Mensch. 35

Die innere und die äußere Kirche. 35

Das Göttliche des Herrn macht die Kirche. 36

Die Schlüssel des Himmelreichs. 37

Die Verbindung des inneren und äußeren Menschen  37

Gottes Einfließen. 37

Binden und Lösen. Der gebundene Mensch, der getrennte Mensch. 37

Absolution?  38

Kraft des Heiligen Geistes  38

Konfrontation des Menschen  39

Der Herr wirkt, der Mensch kooperiert. 39

Wie geschieht das?  39

Die Stufenunterschiede. 40

Im Erdenleben  40

Die Macht des Herrn ist nicht beim Menschen. 41

Keine Priestermacht 41

Die Aufgabe der institutionellen Kirche. 41

Die Wiedergeburt zum Himmel 42

Das Natürliche ist Abbild des Geistigen  42

Die 12 Stämme Israels. 42

Die 12 Apostel. 42

Verkündiger der Botschaft. 43

Kein Vikariat Jesu und keine Sukzession Petri. 43

Das Lehramt. 44

Kein indirekter Kanal. 44

Keine institutionelle Verfügungsgewalt. 45

Die verborgene Einheit im Wort Gottes. Eine Schriftstudie. 46

Der Mensch und das Wort Gottes. 46

Der Aufbau des Menschen. 47

Die Einheit des Wortes Gottes. 49

Was ist unter Vorausbild zu verstehen?  53

Die Erfüllung des Wortes. 56

Die Gebote im Alten und Neuen Testament. 58

Das Priestertum. 58

Die Ankunft des Herrn. 59

Die Versuchungen, denen sich der Herr unterzog. 60

Die Verherrlichung. 62

Die Erlösung. 63

Die Wiedergeburt des Menschen. 64

Das Fest der ungesäuerten Brote und das Osterfest. 64

Die Entwicklung vom natürlichen zum geistigen Menschen. 64

Der Mensch und seine Umwelt. 64

Der Mensch: ein lebendiger Mikrokosmos. Das geistige Leben im Menschen. 68

Die Erde ist die Pflanzschule des Himmelreichs. 69

Vom natürlichen zum geistigen Leben. 73

Der Weg vom Natürlichen zum Geistigen. 74

Wie verläuft dieser Weg?  74

Worin besteht das geistige Dasein?  75

Vom natürlichen zum geistigen Gottesverständnis. 76

Das Geistige im Menschenleben. 80

Die Natur und der Geist. 81

Die Schöpfung. 84

Das Prinzip der Evolution. 86

Das Tierreich. 87

Der Mensch  87

Das Menschenbild. 88

Die Lebensgrade. 90

Die Funktion der Organe. 91

Die Wesensstufen im Menschen. 92

Grade des Lichts und der Wärme. 93

Die Lebensordnung im Menschen. 94

Der allgemeine Einfluß. 95

Der besondere oder partikulare Einfluß. 97

Der Mensch: ein Empfänger des Lebens. 99

Wie wirkt die geistige Welt in den Menschen?  100

Wie wirken die Geister im Menschen?  102

Woher kommt der Einfluß des Bösen der Hölle?  105

Der Einfluß. 106

Gefährliche Einflüsse. 107

Die Bewußtseinsschranke. 108

Wie weit kann Böses die Lebensordnung stören?  109

Krankheiten der Psyche. 110

Des Menschen Abhängigkeit von Geistern. 112

Besessenheit und Geisteskrankheiten. 113

Der Mensch — ein Geist in der geistigen Welt. 116

Wovon leben wir?  120

Natürliche Nahrung. 120

Geistige Nahrung. 121

Ihre Entsprechung zueinander. 121

Das Natürliche und das Geistige entsprechen einander. 122

Die gemeinsame organische Basis. 124

Allein der Mensch verbindet die natürliche und die geistige Welt, und umgekehrt. 127

Geber und Empfänger. 127

Die Ordnung. 129

Die göttliche Wirkungssphäre. 131

Das lebendige Brot beim großen Mahl des Lebens. 132

 

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