Leopold Engel
(Lebensbeschreibung)
DAS GROSSE EVANGELIUM JOHANNES
Band 11
Empfangen durch
Leopold Engel.
Nach der 7.
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der
Herr bei dem Wirte Mucius.
[GEJ.11_001,01]
(Der Wirt:) „... denn nur in der Wahrheit allein ist das Leben und deshalb das
Suchen nach der Wahrheit die einzig beseligende Tätigkeit, die des Menschen
Herz erwärmt und den in ihm wohnenden göttlichen Geist immer mehr und mehr
erweckt, während in der Trägheit, der Lüge und der Unlust zum Suchen nach
göttlicher Wahrheit nicht nur der Leibestod, sondern vor allen Dingen die
Ursache liegt, daß die Seele sich immer mehr in materielle Dinge versenkt,
wodurch sie nicht nur den alsbaldigen Leibestod verursacht, sondern sich auch
im jenseitigen Leben untüchtig macht, vorwärtszustreben und ihr alleiniges Heil
zu suchen.
[GEJ.11_001,02]
Wollte man die Menschheit in ihrem alten Aberglauben belassen, sie jeder
besseren Einsicht verschließen, nur aus dem Grunde, damit die Diener des alten
Glaubens ein behagliches Leben führen können, so wie du meinst, so muß die
Gottheit, die ein derartiges Versumpfen der Lebenstätigkeit der Seele wegen um
jeden Preis verhindern will, die Völker alsbald mit allen möglichen Plagen zu
drücken anfangen, damit sie erwachen, zur Selbsterkenntnis kommen und sich so
allmählich frei machen von dem Druck und der Blindheit, die ihre sogenannten
Lehrer über sie verhängt haben. Wie es dabei den Lehrern sodann aber ergehen
wird, kannst du selbst sehr leicht ermessen. Von Liebe würde da nicht allzuviel
zu erzählen sein; denn wer Selbstsucht und Lüge streut, wird auch nichts
anderes ernten können, als was aus solchem bösen Samen alsdann aufgeht.
[GEJ.11_001,03]
Ihr tut also dem Volke von Jerusalem ein bitteres Unrecht, wenn ihr glaubt, ihr
tut besser daran, dasselbe in euren alten, nichtssagenden Satzungen zu
erhalten, anstatt es anzuhalten, den Worten jenes Galiläers zu horchen und an
seinen Liebestaten, von denen nun schon ganz Syrien erfüllt ist, ein Beispiel
zu nehmen. Euer grenzenloser Hochmut und eure Selbstsucht hindern euch jedoch,
Den zu erkennen, der nun schon lange in der Fülle Seiner ganzen Göttlichkeit zu
euch gekommen ist, – den ich auch nicht erkannt habe, der jedoch jetzt sich mir
klar zu erkennen gegeben hat.“
[GEJ.11_001,04]
Über diese Rede des Wirtes war der Pharisäer nun so erstaunt, daß er nicht
imstande war, auch nur ein Wort zu erwidern, sondern mit einigen nichtssagenden
Worten sich zu seinen Leuten zurückzog, die in der Tür emsig der Rede und
Widerrede gelauscht hatten.
[GEJ.11_001,05]
Der Wirt aber kam zu Mir und sagte mit so recht liebevoller, biederer
Herzlichkeit zu Mir: „Herr und Meister, verzeih mir, daß ich in meiner großen
Blindheit Dich nicht alsogleich erkannte! Aber in dem Zwiegespräch mit jenem
Pharisäer wurde es mir alsbald immer klarer und klarer, wer es denn so
eigentlich sei, den ich in meinem schlechten Hause bewirte. Du Selbst bist
jener Galiläer, von dem der Pharisäer sprach! Aber Du bist noch weit mehr, als
nur ein großer Prophet; denn mir war es, als zöge sich mein Herz immer mehr und
mehr zu Dir. Dabei stand Dein Bild mir immer klarer vor dem Auge, obgleich ich
Dir doch den Rücken zuwandte, und mir war es, als spräche nicht ich selbst,
sondern Du aus mir. O sage mir doch, lieber Herr und Meister, war es wirklich
also?“
[GEJ.11_001,06]
Antwortete Ich dem Wirte: „Ja, es war allerdings so. Nicht du, sondern Ich habe
durch dich geredet, und Ich konnte das um so leichter, weil in deinem Herzen
eine große Liebesflamme für Mich brennt, die Mich auch in dein Haus gezogen
hat.
[GEJ.11_001,07]
Und so wird es auch allzeit sein: nur dort kehre Ich ein, wo das Herz in der
Liebe zu Mir entzündet ist, und Ich werde dann auch in diesem Herzen als einem
Mir recht wohlgefälligen Hause alsbald Platz nehmen.
[GEJ.11_001,08]
Dir ist es stets eine rechte Freude gewesen, von den Taten des Galiläers zu
hören, und du hast alsbald herausgefunden, daß hinter diesen Taten sich mehr
versteckt als die bloße Wunderkraft eines Propheten oder großen Mannes. Du hast
daher recht lebhaft gewünscht, Ich möchte bei dir einkehren, damit du selbst
dich überzeugen könntest, was denn so eigentlich an Mir wäre. Dabei hast du
aber stets auf das, was Ich gelehrt, mehr gegeben als auf Meine Wundertaten;
denn die Wahrheit dessen wurde dir alsbald recht einleuchtend. Und siehe, so
warst du auch recht vorbereitet für Mein Kommen, und Ich habe leichte Arbeit
mit dir gehabt! Denn einmal in dein Haus eingekehrt, regte sich alsbald der
Geist und offenbarte dir klarst, was noch vielen Juden hier ein ewig lang
verschlossenes Geheimnis bleiben wird.
[GEJ.11_001,09]
Nun aber laß uns zur Ruhe gehen, denn Ich will nicht, daß jene Pharisäer und
Kaufleute, welche sich über deine Rede gar gewaltig verwundert haben, noch
heute abend zu uns kommen, um mit uns Rede zu führen! Es genügt, daß wir morgen
unsere Mühe mit ihnen haben werden. Und so versparen wir denn alles auf morgen!“
[GEJ.11_001,10]
Nach diesen Meinen Worten dankte der Wirt Mir nochmals für alle erwiesenen
Wohltaten mit lauter Stimme. Ich aber verwies ihm das und sagte, daß sein
geheimer Dank im Herzen Mir viel wohlgefälliger sei. So schwieg er denn und
führte uns in ein anderes Zimmer, damit wir vor den Pharisäern und Kaufleuten,
welche bereits ein lautes Gespräch anfingen, Ruhe hätten. Daselbst verbrachten
wir die Nacht denn auch völlig ungestört.
2. Kapitel – Die
Absicht der Pharisäer.
[GEJ.11_002,01]
Als wir am andern Morgen erwachten, hörten wir vom Wirte alsbald, daß die
gestrigen Ankömmlinge – keineswegs zufrieden damit, nicht Antwort direkt von
uns erhalten zu können, wer wir seien – versucht hätten, die Diener des Hauses
auszufragen, woher uns unser Weg geführt habe, und wer wir denn so eigentlich
seien. Vornehmlich waren es die drei Pharisäer, welche in diesen Fragen etwas
herrisch auftraten, gewohnt, gleich alles in Ehrfurcht vor sich ersterben zu
sehen. Da war aber der erste Knecht des Hauses – auch ein Römer und früherer
Waffengefährte unseres Wirtes –, der Marcius hieß und ihnen ihre neugierigen
Fragen so echt römisch kurz abwies, daß sie höchst ärgerlich sich zurückzogen
und gesonnen waren, ob dieses groben Knechtes bei seinem Herrn eine rechte Beschwerde
zu führen.
[GEJ.11_002,02]
Wir nahmen unser Morgenmahl in dem Saale ein, in dem wir geruht hatten, und
konnten also genau hören, was in dem nebenanliegenden Zimmer, das uns am
gestrigen Abend zur ersten Unterkunft diente, verhandelt wurde. Unser Wirt war
zu den dreien daselbst eingetreten, um sich nach ihren Wünschen zu erkundigen,
und diese Gelegenheit benutzte einer von ihnen, um seinem angesammelten Ärger
so recht Luft zu machen.
[GEJ.11_002,03]
Der Wirt hörte ihre Beschwerde mit Ruhe an und sagte sodann ohne jeden Zorn in
seiner Rede: „Was ihr saget, kann ich nur insofern als gerecht erkennen, als
mein Marcius euch in wohl etwas zu scharfer Weise zur Ruhe verwiesen hat,
indem, wie ihr sehr wohl wisset, ihr nicht die einzigen Gäste in diesem meinem
Hause seid. Mein Haus ist eine Unterkunft für jedermann, und ich kann nicht
etwa für die Bürger von Jerusalem oder gar für die Mitglieder des Hohen Rates
eine besondere Ausnahme meiner Hausordnung machen; denn dieses Haus ist gut
römisch, und es hat sich demnach auch ein jeder, der dessen Schutz genießen
will, nach seiner Ordnung zu richten, ansonst es ihm freisteht, eine andere
Herberge zu suchen. Ihr aber habt noch spät in der Nacht eifrig disputiert,
ohne euch darum zu kümmern, ob dadurch die Nachtruhe anderer gestört werde, und
schließlich sogar angefangen, meine Leute, die der Nachtruhe gerade sehr
bedürfen, zu euch zu rufen und sie auszufragen, bis eben Marcius euch diese
Übergriffe kurzweg verwies. Es hätte das wohl etwas höflicher geschehen können,
aber daß es geschehen, darum kann ich ihn nicht tadeln.“
[GEJ.11_002,04]
Nahm der gestrige Sprecher (der Pharisäer) wieder das Wort: „Daß du ein ganz
besonderer Freund deiner gestrigen Gäste bist, habe ich schon zur Genüge
erfahren; aber ich denke, wir gelten doch auch noch etwas und können verlangen,
höflich behandelt zu werden, wie es sich gegenüber Männern unseres Ansehens und
Standes denn doch schickt. Aber sei dem nun schon, wie dem wolle – denn ich
habe schon gestern erfahren, wie du uns gesinnt bist, so daß wir schwerlich von
dir unser Recht erhalten werden –, sage du uns, wer denn so eigentlich die
nicht kleine Gesellschaft ist, welche sich gestern in diesem Saale befand, und
wer ihr Wortführer, mit dem du dich besprachst!“
[GEJ.11_002,05]
Antwortete der Wirt: „Dieses euch zu offenbaren, bin ich nicht befugt. Wollt
ihr es wissen, so fragt ihn doch selbst! Er ist noch mit der ganzen
Gesellschaft in meinem Hause und wird euch sicherlich bei einer Anfrage mit
einer Antwort dienen.“
[GEJ.11_002,06]
„Das ist es ja, was ich vermeiden will“, sagte der Pharisäer, „denn ich habe
wohl gemerkt, daß er alle deine wenig höflichen Reden, welche du über das
jüdische Volk und seine Lehrer von dir gabst, völlig zu teilen schien, –
wenigstens hat er dir in keiner Weise widersprochen, sondern vielmehr oftmals
zugestimmt, wie wir aus einigen wenigen aufgefangenen Bemerkungen wohl
vernommen haben. Trotzdem schien uns aber aus seiner Rede eine Fülle von
verborgener Weisheit hervorzuleuchten, die uns die Frage nahelegt, wer und was
er sei, ob er etwa den bewußten Galiläer selbst kenne, ihn gesehen oder gar
selbst ein Jünger von ihm wäre.
[GEJ.11_002,07]
Wir wissen gar wohl, daß dieser sogenannte Messias, der nichts weiter als ein
Zimmermannsgeselle aus Nazareth ist, schon des öfteren Jünger aussandte, die
sodann auch Wunder gewirkt haben sollen, und sind nun auch mit diesen unseren
Freunden, welche Kaufleute sind und von Jerusalem über Jericho nach Petra
ziehen wollen, ausgezogen, um selbst so einige Nachrichten einzusammeln, wie
weit denn dieser Unfug schon gediehen ist, das Volk gegen uns und den Tempel
aufzuhetzen; denn der Hohe Rat in Jerusalem ist keineswegs gesonnen, noch
weiterhin zuzulassen, daß sein Ansehen geschmäht werde von einem Menschen, der
seine Zauberkünste für Werke des Gottesgeistes und sich selbst für einen Sohn
des Höchsten ausgibt, wie es unglaublicherweise schon des öfteren geschehen
ist.
[GEJ.11_002,08]
Ich sage dir das, mein lieber Wirt, damit du etwas weniger Partei für jenen Menschen
nimmst und dich nicht mitschuldig machest an dem Wirken jenes Volksaufwieglers,
das dann auch für dich recht schlechte Früchte zeitigen würde; denn noch hat
der Rat und das Tempelgericht in Jerusalem Rechte und Kraft genug, seine Gegner
zu besiegen. Solltest du also zufällig wissen, wo sich jener Galiläer befindet,
oder solltest du es durch jenen uns recht weise scheinenden Gast erfahren
können, so würdest du uns einen großen Dienst erweisen und auch völlig
versichert sein können, daß wir dir in keiner Weise dein heftiges und uns recht
beleidigendes gestriges Wesen, sowie das deines Knechtes, nachtragen werden.“
[GEJ.11_002,09]
Nach dieser längeren Rede des Pharisäers wäre unser Wirt, der Mich im Herzen
schon längst erkannt hatte, am liebsten so recht über die drei hergefallen.
[GEJ.11_002,10]
Ich ermahnte ihn jedoch im Innern, so daß er schwieg und in aller Gemütsruhe
sagte (der Wirt): „Ja wenn ihr mir im Ernste beweisen könnt, daß jener Galiläer
ein Volksaufwiegler, womöglich gegen die Herrschaft Roms ist, so stehen die
Sachen ja ganz anders, und ihr könnt überzeugt sein, daß ich alles tun werde,
um einen solchen schlimmen Feind Roms unschädlich zu machen. Mir scheint es
jedoch wesentlich anders zu sein, und wir müssen daher über diesen Fall da doch
recht ernstlich reden.“
[GEJ.11_002,11]
Der Pharisäer fing nun an, zutraulich zu werden, forderte den Wirt auf, sich zu
ihm zu setzen – eine nach seiner Meinung unerhörte Ehre – und begann nun, alle
die bekannten und schon oftmals angeführten pharisäischen Spitzfindigkeiten
herzuerzählen: daß Ich die Schrift nicht achte, Moses und den Alten Bund
umzustoßen gedächte, kurz, Mich zu einem König der Juden aufzuschwingen
gedächte, damit die Herrschaft der Römer vernichtet würde.
[GEJ.11_002,12]
Der Wirt hörte sich alles mit größter Gelassenheit an und sagte sodann, er
wolle sich Rates bei seinem weisen Gaste holen und werde dann zu ihnen
wiederkehren. Die Pharisäer, sowie auch die Kaufleute, unter denen sich einer
befand, der bei der Reinigung des Tempels sich als Geldwechsler befunden hatte,
waren über den scheinbaren Umschwung der Stimmung des Wirtes recht zufrieden
und entließen ihn mit gnädigen Blicken.
3. Kapitel – Der
Mensch als Beherrscher der Natur.
[GEJ.11_003,01]
Alsbald kam der Wirt, welcher Mucius hieß, ganz leuchtend vor innerem Grimm in
unseren Saal, der durch eine feste Tür von dem anstoßenden Gemach getrennt war,
so daß eine Überraschung nicht gefürchtet zu werden brauchte, zu uns herein und
sagte bebend vor Zorn: „Herr und Meister, da ist doch einmal wieder ein rechter
Beweis, wenn ich gestern die Jerusalemer und namentlich die Templer für
schlechter noch als die schmutzigsten Schweine erklärte; denn mit aller Arglist
versucht man es, mich in die Netze des Tempels zu ziehen. Am liebsten wäre ich über
diese Elenden hergefallen und hätte ihnen die Schärfe meines Schwertes zu
verkosten gegeben, das noch lange nicht in seiner Scheide eingerostet ist; aber
da fühlte ich in meinem Herzen Dein besänftigendes Wort, dem ich gehorchte, und
ich vermochte es sogar dadurch, ein ruhiges, gleichgültiges Äußeres zu zeigen.“
[GEJ.11_003,02]
„Daran hast du sehr wohlgetan“, antwortete Ich dem erregten Mucius, „denn das
Gegenteil würde Mir und dir eine Arbeit vernichtet haben, um derentwillen Ich
ebenfalls hierhergekommen bin. Und so beruhige dich denn, Mein lieber Mucius,
denn so wie es ist, ist es gerade recht!
[GEJ.11_003,03]
Laß uns aber nun ins Freie gehen! Du hast hier an deinem Hause einen recht
schönen, nicht zu kleinen Garten, dort können wir unbehinderter als hier
sprechen und beraten, was denn eigentlich mit diesen dich so verzweifelt
ärgernden Menschen anzufangen ist.“
[GEJ.11_003,04]
Als nun alle in diesen Garten traten, staunten sie über den ausnehmend guten
Geschmack, mit dem derselbe angelegt war. Mucius hatte es verstanden, mit viel
Sorgfalt auf einem verhältnismäßig kleinen Fleck Erde eine Fülle von allerhand
Blumen und Ziersträuchern zu pflanzen, welche, malerisch verteilt, dem Garten
ein höchst liebliches Ansehen gaben. Die Jünger belobten deswegen auch unseren
Wirt lebhaft und meinten, dieser Garten sei ein treues Bild seines inneren
Wesens, das auch eine sorgfältige eigene Pflege genossen habe, wie aus seinen
Reden bereits hervorgegangen sei.
[GEJ.11_003,05]
Mucius erklärte ihnen nun, daß es ihm stets einen hohen Genuß gewähre, hier
stille Stunden der Andacht zu feiern, und daß sein oft allzu feuriges und daher
auch zu einem aufwallenden Zorn geneigtes Gemüt hier stets Ruhe und Frieden
gefunden habe, daß auch des Lebens Druck ihm weniger empfindlich erschienen
sei, wenn er durch ein Betrachten der vielen hier zu findenden Natur- und
Pflanzenwunder sein Gemüt gestärkt habe. Zwar sei in dieser Jordangegend ein
ganz besonders günstiges Klima, das ihn oftmals an die südlicheren Gegenden
Afrikas und Asiens erinnert habe, welche kennenzulernen er als Soldat ebenfalls
Gelegenheit gehabt habe, – aber immer habe es ihm doch geschienen, daß es mit
dem besonderen Blühen und Gedeihen seines Gärtchens eine besondere Bewandtnis
haben müsse; denn noch nie sei es bei ihm vorgekommen, daß ein von ihm
gepflanzter Baum, Strauch oder eine Staude jemals eingegangen sei, wie es bei
seinen Nachbarn doch wohl vorkäme, sondern stets habe alles, was er gepflanzt
und gepflegt, die reichste Frucht getragen. Auch Meine Jünger wunderten sich
sehr darüber, und Petrus fragte Mich, woher denn das wohl käme.
[GEJ.11_003,06]
Antwortete Ich darauf: „Das Sinnen, Trachten und Handeln eines Menschen, sowie
seine innere, geistige Beschaffenheit, steht stets im Einklang mit seiner
äußeren Umgebung, so daß sich alsbald Wechselwirkungen daraus ergeben. Ihr
wißt, und Ich habe es euch auch schon gesagt, daß ein jeder Mensch von einer
Außenlebenssphäre umgeben ist, vermöge derer er aus der ihn umgebenden Luft
geistige Influenzen einsaugt, die er zur Ernährung und Erweiterung seines
seelischen Ichs gebraucht.
[GEJ.11_003,07]
Ebenso strahlt er auch aus sich wieder vergeistigte Stoffe aus, die nun von der
ihn umgebenden niederen Welt gierig aufgesogen werden. Ist der Mensch gut, voll
edlen Strebens und von Liebe zu Mir erfüllt, so werden auch diese ausströmenden
Partikel gut, milde und wohltätig wirken können. Ist er es nicht, so tritt das
Gegenteil ein.
[GEJ.11_003,08]
Hier könnt ihr nun sehen, wie sehr wohltätig die ausströmende Lebenssphäre des
Mucius auf alle Pflanzen wirkt. Da er nun selbst jede Pflanze hier eingesetzt
und auch dauernd gepflegt hat, so hüllte er wiederholt alle in seine Sphäre
ein, und diese benutzen die Gelegenheit eifrigst, diese mildtätigen Einflüsse
in sich aufzunehmen. Daher blüht und grünt denn hier auch noch alles, während
in anderen Gärten der Spätherbst sich schon sehr bemerkbar macht.
[GEJ.11_003,09]
Es ist der Mensch aber ein Beherrscher der Natur, wenn er nach Meinem Worte
lebt und nach Meinem Geiste strebt, und in dieser Fähigkeit, die Ich euch
erklärt habe, liegt auch der Schlüssel, warum er es sein kann, – denn alles im
ganzen Universum strebt nach seiner Form, nach seiner Vollendung und sucht sich
ihr nach Möglichkeit zu nähern.
[GEJ.11_003,10]
Es ist daher im Menschen die Kraft, alle Wesen an sich zu ziehen, die ihm auch
gerne folgen, weil der schon in allen Wesen liegende innere Trieb zur
Vollendung ihnen den Wunsch dazu eingibt. Natürlich kann aber nur ein
vollendeter Mensch imstande sein, zum Beispiel die Instinkte der reißenden
Tiere soweit zu besiegen, daß der auch in diesen liegende innerste Wunsch nach
Vollendung die Oberhand über ihre oft grausamen Triebe erlangt und sie sich
gleich Lämmern fügen, da sie die Oberhoheit, das heißt die schon vollendete
Form und geistige Macht im Menschen erkennen.
[GEJ.11_003,11]
Jeder strebende Mensch wird aber erkennen, wie er stufenweise allmählich auch
ein kleiner Herr in der Natur wird und, je mehr die Wiedergeburt des Geistes
bei ihm eintritt, schließlich zu einem Herrscher über die Natur erwächst.
[GEJ.11_003,12]
Fahre du nur so fort, Mucius, in deinem Herzen dem höchsten Gott zu dienen, und
noch ganz andere Wunder werden sich dir erschließen als die, welche du bisher
in deinem Garten vorgefunden hast!“
4. Kapitel – Die
Pharisäer beim Herrn.
[GEJ.11_004,01]
Sagte der Wirt fast tränenden Auges zu Mir: „Herr und Meister, ich habe es zwar
schon deutlich in meinem Herzen empfunden, daß Du und jener Galiläer, den die
nun leider in meinem Hause befindlichen Pharisäer zu verfolgen gedenken, ein
und dieselbe Person sind. Aber was mein Herz dabei ahnte, ist mir nun auch zur
völligen Gewißheit geworden: daß Du niemand anders als die personifizierte
höchste Gottheit Selbst bist; denn derartige Wunder tun und mit klaren Worten
schildern, wie es im Haushalt der Natur beschaffen ist, kann nur der, der
dieselbe völlig durchdrungen hat und in sich ein allergrößter Beherrscher
derselben geworden ist. Wer aus Nichts Brot und aus Wasser Wein schaffen kann,
der kann auch den Himmel und alle seine Sterne mit einem Wort hervorrufen, wie
es Moses den Juden seinerzeit beschrieben hat. Und so danke ich Dir denn aus
vollstem Herzen, Du Herr Himmels und der Erden, daß Du mich würdig befunden
hast, mich und mein Haus zu besuchen, das Dich allezeit eifrigst gesucht und
nun auch in aller Fülle gefunden hat.“
[GEJ.11_004,02]
Sagte Ich zu Meinen Jüngern: „Da sehet ihr abermals, wie schnell Mich die
Heiden erkennen und bei sich aufnehmen, während die Auserwählten Mich
verstoßen, zu fangen und zu töten suchen. Dieser Römer hat Mich nur in seinem
Herzen gefunden, während Ich anderwärts Wunder über Wunder wirken mußte, um
ihre zähen Herzen zu einem brauchbaren Boden umzuwandeln, damit das Samenkorn
Meines Wortes gedeihe. Darum wird aber auch den Juden das Himmelreich genommen
und in aller Fülle den Heiden gegeben werden, denn diese werden es besser zu
wahren wissen als die nun überaus finster gewordenen Juden und Pharisäer.
[GEJ.11_004,03]
Du aber, Mein Mucius, sollst Mir noch ein tüchtiges Rüstzeug hier im Süden
werden, ein Bollwerk gegen die Bosheit der Pharisäer und Schriftgelehrten, das
Mir noch große Dienste leisten wird; denn es ist nötig, feste Plätze zu
errichten, die uneinnehmbar sind. Und solch ein fester Platz, der den Schatz
Meines Wortes in sich birgt, wird Mir dein Herz und die Herzen deiner
Angehörigen werden.
[GEJ.11_004,04]
Nun sende Mir aber die Pharisäer und Kaufleute heraus, und während Ich
versuchen werde, diese auf wenigstens ein wenig bessere Wege zu leiten, lasse
du dich von Meinem Jünger Johannes in die Tiefe Meiner Lehre einweihen, damit
du sie ganz erkennst!“
[GEJ.11_004,05]
Der Wirt Mucius ging nun zunächst zu den Pharisäern und Kaufleuten und brachte
ihnen die Nachricht, daß sie aufgefordert würden, selbst zu Mir zu kommen, um
ihr Anliegen vorzutragen, und daß er nicht imstande sei, ihnen irgendwelche
befriedigende andere Antwort zu überbringen.
[GEJ.11_004,06]
Wohl oder übel mußten sich die drei Leviten, wollten sie nicht beweisen, daß es
ihnen um das Gesagte nicht ernst sei, in den Garten verfügen, um Mich
aufzusuchen. Ihnen schloß sich nur der eine Kaufmann, den Ich schon als einen
der Tempelwechsler bezeichnete, an, da die andern, aus Sorge für ihre Waren,
vorschützten, dieselben nicht ohne Aufsicht stehen- und liegenlassen zu können,
sich daher zu ihren Ballen begaben, um für die baldige Abreise Sorge tragen zu
können.
[GEJ.11_004,07]
Alsbald sah man denn auch die drei Pharisäer und den Kaufmann zu uns in den
Garten treten, gefolgt von Mucius, der sich alsbald zu Johannes begab, um sich
mit ihm in ein ernstes Gespräch über Mich und Meine Lehre einzulassen.
[GEJ.11_004,08]
Der gestrige Sprecher ging auf Mich zu, da Mich schon Mucius bezeichnet hatte,
und sagte dann auch in ganz freundlichem, aber doch herablassenden Ton zu Mir
(der Pharisäer): „Lieber Freund, wir als Mitglieder des Hohen Rates zu
Jerusalem bitten dich recht höflich um eine Auskunft, die du uns zu geben
sicherlich gern gewillt sein wirst, vorausgesetzt, daß du sie uns geben kannst,
wie wir jedoch vermuten.
[GEJ.11_004,09] Aus
deinen recht weisen Reden, welche wir gestern, ohne es eigentlich zu wollen, in
dem nebenanliegenden Zimmer vernahmen, haben wir ersehen, daß du in der Schrift
sowie auch in der Völkerkunde recht erfahren sein mußt, ansonst du nicht solche
tiefsinnigen Erklärungen hättest geben können, die selbst uns, die wir doch in
der Geschichte unseres und des umliegenden Landes auch wohlerfahren sind, noch
völlig fremd geblieben waren. Sicherlich bist du weit gereist und hast
Forschungen unternommen, die auch uns recht interessieren werden, bei
Gelegenheit von dir zu erfahren.
[GEJ.11_004,10]
Für uns ist es jedoch nunmehr recht wichtig, etwas Näheres von jenem Galiläer
zu erfahren, über den der Wirt öfter mit dir und uns gesprochen hat und über
dessen Treiben Erkundigungen einzuziehen wir ausgesandt worden sind. Es ist ja
sehr leicht möglich, daß er auf deinen Wanderungen dir begegnet wäre und somit
du uns Näheres über ihn mitteilen könntest, und wir möchten dich bitten, falls
du das imstande bist, dieses zu tun.“
[GEJ.11_004,11]
Antwortete Ich: „Um das ihr Mich bittet, könnte Ich leicht tun, da Ich in der
Tat jenen Galiläer recht wohl kenne; aber es handelt sich darum, von euch zu
wissen, was Ich denn von ihm aussagen soll. Gutes wird euch häßlich in den
Ohren klingen, denn ihr seid ausgezogen, Anklagen gegen ihn zu sammeln, damit
er verderbt werden könnte. Soll Ich aber der Wahrheit gemäß reden, so wird wohl
niemand imstande sein zu zeugen, daß er je Übles vollbracht habe, und nur mit
dem Berichten solcher Taten würde euch gedient sein. Was wollt ihr also, daß
Ich tun soll?“
5. Kapitel – Der
Herr verurteilt die Hinterlist der Pharisäer.
[GEJ.11_005,01]
Sagte etwas verlegen der Pharisäer: „Meister, ich sehe wohl, daß mit dir etwas
hart zu reden sein wird, aber dennoch bitte ich, meinen Wunsch zu erfüllen und
mir, da du nun bekannt hast, jenen Galiläer zu kennen, zu sagen, mit welcher
Hilfe er seine Wundertaten ausübt, oder ob diese nur grober Betrug und Künste
der Essäer sind. Auch wir sind Freunde der Wahrheit und suchen diese
allereifrigst. Darum sind wir auch ausgesandt worden, da der Hohe Rat weiß, daß
man uns nicht so leicht ein falsches Wunder für ein echtes Wunder vormachen und
so leicht wie das dumme Volk betrügen kann. Wolle uns also unsere Fragen
beantworten, und sei versichert, daß wir dir vollends Glauben schenken werden!“
[GEJ.11_005,02]
Antwortete Ich: „Warum denn gerade Mir, den ihr nicht kennt? Leben nicht gar
viele Augenzeugen in Israel, die es euch bezeugen können und auch schon bezeugt
haben, daß jenes Galiläers Taten echt sind und nicht mit Hilfe des Satans
geschehen? Ihr kennet diese Zeugen sehr genau und glaubtet ihnen doch nicht!
Warum werdet ihr da Mir glauben?“
[GEJ.11_005,03]
Sagte der Pharisäer: „Wir haben deine weisen Reden gehört, Meister, und daraus
ersehen, daß du nicht so blind sein kannst, als wie es denn doch viele von
denen sind, die wir kennen und die auch uns von den Taten jenes Jesus von
Nazareth erzählt haben. Wir kennen diese aber als sehr leichtgläubig und können
daher ein Zeugnis von ihnen noch nicht anerkennen. Ganz anders aber ist es bei
einem Manne, der wie du durch seine Reden beweist, daß er viel gesehen und sich
große Weltkenntnis angeeignet haben muß. Und nun wiederholen wir auch unsere
Bitte: du wollest uns deine Meinung über den Galiläer unverhohlen sagen!
[GEJ.11_005,04]
Wir sind, nur um an Ort und Stelle seine Wundertaten untersuchen zu können,
über Jericho gereist, wo er einen Blinden sehend gemacht haben soll und längere
Zeit verkehrte. Aber wir müssen gestehen, daß alle die vielen Lobpreisungen des
Bettelvolkes uns keineswegs haben überzeugen können, daß es da mit
übernatürlichen Dingen zugegangen sei, denn es gibt, zumal unter den Griechen,
recht weise und geschickte Ärzte, denen es auch schon öfter gelungen ist, Krankheiten
zu heilen, die niemand je zu heilen hoffen konnte. Warum sollte es da nicht so
ähnlich sein wie bei den oft ganz verzweifelt schwierig erscheinenden
Krankheiten, die doch von den griechischen Ärzten geheilt worden sind?
[GEJ.11_005,05]
Es wurde uns nun gesagt, daß es am wahrscheinlichsten wäre, den Galiläer im
Jordantale um diese Zeit zu finden, da er zur Winterzeit beabsichtigen sollte,
sich mehr nach dieser Gegend hin zu ziehen. Wenigstens erfuhren wir so durch
die Vermittlung eines der Hausgenossen des Lazarus in Bethanien und machten uns
denn auch von Jericho deshalb nach hier auf, um diese Gegend abzusuchen. – Nun
kennst du unsere Absicht genau, lieber Meister, und wirst mit der Beantwortung
unserer Fragen gewiß nicht mehr zurückhalten.“
[GEJ.11_005,06]
Sagte Ich: „O keineswegs, und seid überzeugt, ihr sollt schon ganz nach aller
Ordnung bedient werden! Nur fällt es Mir ganz außerordentlich auf, daß ihr nur
zur Untersuchung seiner Wundertaten auszoget und nicht zur Untersuchung seines
Wortes. Ich weiß, daß jener Galiläer des öfteren von dem wenigen Nutzen der
Wunder gesprochen hat, daß in ihnen für die Nichtanwesenden wenig oder gar
keine Beweiskraft liege, wie ja auch an euch jetzt klar ersichtlich ist, – daß
er aber alles auf die Wahrheit und Lebendigkeit seines Wortes und seiner Lehre
setzte, der einzig und allein durch die ihr innewohnende Geisteskraft die
rechte Überzeugung anhaftet. Warum untersuchet ihr denn diese nicht und kümmert
euch darum nicht? Beantwortet Mir doch das!“
[GEJ.11_005,07] Sagte
der Pharisäer, so recht mitleidig lächelnd: „Wir haben Moses und die Propheten,
die Kabbala und die Thora; was bedürfen wir da weiterer Lehren, da doch in
diesen Büchern schon alles enthalten ist, – alle Weisheit Gottes nur hier
niedergelegt ist? Die Lehre des Galiläers, die uns schon oftmals hinterbracht
wurde, ist oft so verworren, unklar und unsinnig, daß sich ein erfahrener
Schriftgelehrter, wie wir welche sind, schon gar nicht damit befassen kann,
denn sie steht der Lehre Mosis schnurgerade zuwider.
[GEJ.11_005,08]
Es kann sich also nur höchstens darum handeln, ob seine Wundertaten echt sind,
die sodann, falls davon uns die Überzeugung beigebracht werden kann, auch gern
anerkannt werden würden, zumal im Dienste des Tempels sodann große Wohltaten für
das jüdische Volk daraus erwachsen könnten.“
[GEJ.11_005,09]
Sagte Ich, indem Ich den Sprecher scharf anblickte: „Ihr Toren, glaubt ihr
denn, daß es dem Galiläer nicht ein leichtes sei, den Tempel und alle seine
Diener zu vernichten, – wie könnet ihr denn glauben, daß eure List es vermögen
würde, ihn in eure Dienste zu ziehen? Jetzt aber ist so recht die Maske
gefallen, und Ich wollte es um dieser hier Anwesenden willen, daß die Absichten
des Tempels so recht enthüllt werden. Nicht um das wahre Leben, die Lehre, wie
man selig werde, ist es euch zu tun – denn an eine Seligkeit nach dem Tode zu
glauben erscheint euch ein barster Unsinn –, sondern einzig und allein um viel
Macht, Ansehen und, wenn es geht, Zauberkünste zu erlernen, damit ihr das Volk
in Angst und Schrecken erhaltet und es euch, wenn nicht aus Liebe und
Ehrfurcht, so doch aus alleiniger Furcht diene. Dieses Ziel zu erreichen,
scheint euch der Galiläer so der rechte Mann zu sein. Ihr wisset, daß ihm das
Volk anhängt, – ob seine Wundertaten echt oder unecht, gilt euch gleich, wenn
sie nur in eure Dienste zu euren selbstsüchtigen Zwecken gestellt werden, so
ist es schon gut. Denn jedenfalls erscheinen sie euch gut, eure Taschen noch
rascher zu füllen, als es schon geschehen ist; und jenem Jesus von Nazareth
seine Künste abzulauschen, erscheint euch auch nicht allzuschwer, so daß ihr,
wenn er später euch unbequem wird, euch seiner schon entledigen werdet.
[GEJ.11_005,10]
Das sind so die Gedanken des Hohen Rates, die auszuführen euch befohlen wurde, und
darum seid ihr ausgezogen, den Galiläer zu suchen, um ihn für eure Zwecke zu
bereden.
[GEJ.11_005,11]
Aber wahrlich, Ich sage euch, eher wird es euch gelingen, die Sonne von ihrer
Bahn abzubringen, als eure schnöden Absichten zu erreichen; denn in jenem
Galiläer lebt ein höherer Befehl, dem er auch Folge leistet, und dieser in ihm
herrschende Befehl kommt von jenem Gott, den ihr wohl mit den Lippen in
Jerusalem verehret, nie und nimmer aber mehr mit dem Herzen. Wenn ihr daher nur
ein wenig Urteilskraft besitzet, müsset ihr einsehen, daß er nur bemüht sein
kann, dem ihn treibenden Geiste gerecht zu werden – woher auch seine Größe,
Kraft und Macht stammt –, aber nicht euren selbstsüchtigen Plänen, die nur nach
Bewunderung und falschem Prophetentum geizen.
[GEJ.11_005,12]
Eure grenzenlose Blindheit aber, die euch verstockt und untüchtig macht, in das
Reich Gottes einzugehen, wird euch später doch noch ins Verderben stürzen. Die
Barmherzigkeit Gottes geht so weit, daß Er allen euren greulichen Sünden noch mit
Langmut zusieht, in der Hoffnung, ihr würdet schließlich doch euch bekehren und
in euch gehen; denn so da ein Sünder auch schon inmitten der Hölle sitzen würde
und er schrie um Hilfe nach seinem Gott und Herrn, so würde ihm Erlösung und
Hilfe werden. Aber ihr werdet euch das Gericht selbst zubereiten, und wahrlich,
es ist schon nahe herangekommen! Dann aber saget nicht: ‚Herr, Du bist ein
harter Gott und hast uns diese Wunden geschlagen ob unserer vielen Sünden! Du
hast Dein heilig Angesicht von uns abgewendet, und nun herrschet Heulen und
Zähneklappern unter uns!‘, sondern leget euch diese böse Zeit dann selbst zu,
nicht als ein Strafgericht Gottes, sondern nur als eine gerechte Folge eurer
Verstocktheit und Geistesträgheit, die da mit sehenden Augen blind und mit
hörenden Ohren taub macht!“
6. Kapitel – Die
Blindheit der Pharisäer.
[GEJ.11_006,01]
Sagte der Pharisäer ganz verwundert: „Meister, wer bist du, daß du also
gewaltig redest und über uns den Stab brechen kannst?“
[GEJ.11_006,02]
Antwortete Ich ihm: „Ich sagte ja eben, daß die da mit sehenden Augen blind und
die mit hörenden Ohren taub werden durch ihre Verstocktheit. Reinige dich von
dem Schmutze des Tempels, damit du hörest und sehest! Ich weiß gar wohl, daß du
und deine beiden Gefährten die letzten sind, die noch eines so halbwegs
besseren Gemütes sind.
[GEJ.11_006,03]
Und ihr drei seid auch ausgezogen und habt euch eifrig um dieses Geschäft
beworben, weil ihr erfahren wolltet, was denn nun eigentlich an all dem Gerede
über den Galiläer Wahres daran sei; aber trotzdem seid ihr ausgezogen wie
einer, der da hört, es läge in der Wüste ein großer Schatz vergraben, und
meint: ‚Ich werde versuchen, ihn zu suchen; vielleicht finde ich diesen
Schatz.‘ Und er zieht dann auch von dannen, ohne große Hoffnung, nur des
Versuches wegen. Findet er den Schatz, so ist es gut, – findet er ihn nicht, so
grämt er sich auch nicht weiter darüber.
[GEJ.11_006,04]
Ich aber sage euch: Das Himmelreich ist nicht ein Schatz, der also gleichgültig
gesucht werden kann; sondern mit vielem heißen Ringen und Streben muß in der
Wüste des Lebens allereifrigst nach dem Schatze gesucht werden, und wer das
nicht tut, dem kann es geschehen, daß ein anderer kommt, der nach ihm an
derselben Stelle weit eifriger sucht und gräbt und auf den Schatz stößt, den
der erste an derselben Stelle nicht fand.
[GEJ.11_006,05]
Ihr seid nun ausgezogen; suchet daher eifrigen, nicht gleichgültigen Sinnes,
damit ihr findet, um was ihr auszoget!“
[GEJ.11_006,06]
Sagte der zweite Pharisäer, der inzwischen immer aufmerksamer Mich betrachtet
hatte: „Meister, das klingt, als ständen wir an der Grenze des Himmelreiches
und fänden diesen Schatz nicht! Könntest du uns nicht so einen kleinen Wink
geben, wie wir denn suchen sollen, um den Schatz zu erlangen?“
[GEJ.11_006,07]
Sagte Ich: „Ich habe es euch ja schon gesagt: Folget nur Meinen Worten!“
[GEJ.11_006,08]
Damit wandte Ich Mich zu Meinen Jüngern, die sich schon sehr darüber
verwunderten, daß die drei gar so blind und taub waren und Meine ihnen so
deutlichen Aussprüche nicht begriffen.
[GEJ.11_006,09]
Ich aber sagte ihnen: „Ihr steht völlig in Meinem Licht, und es ist euch daher
ein leichtes, zu sehen. Diese aber stehen in der Finsternis und sehen daher,
wie man sagt, die Hand vor den Augen nicht. Es wird uns auch nicht gelingen,
sie vollends sehend zu machen; denn was da vollends sehend gemacht werden kann,
ist bereits dem Tempel entführt. Diese können und sollen aber hergerichtet
werden, um der Bosheit der übrigen Templer wenigstens so ein kleines Hindernis
entgegenzustellen, und darum werden sie Mich auch nicht erkennen, sondern nur
für einen ersten Jünger des Galiläers zu halten fortfahren, wobei wir sie auch
belassen werden. Nach Meiner Auffahrt aber werden sie dann auch vollends
bekehrt werden.“
[GEJ.11_006,10]
Notabene: Es wird hier manchem auffallen, daß Ich hier und auch schon früher zu
Meinen Jüngern direkt von Meiner künftigen Auffahrt sprach. Da ist zu bemerken,
daß sie diese, solange sie nicht in Wahrheit geschehen, nie wörtlich nahmen,
sondern vermeinten, Ich würde, wenn Meine Lehrzeit beendet sei, Palästina
verlassen und entweder nach Griechenland oder Rom fahren, um dort Meine
Tätigkeit fortzusetzen. Auch Meine Worte, daß das Himmelreich den Heiden
gegeben werden würde, wurden vielfach so aufgefaßt. Ich beließ sie vorläufig
bei diesem Glauben, bereitete sie jedoch durch oftmalige Hinweise auf etwas
Außerordentliches in der kommenden Zeit vor, damit dann durch die kommenden
Ereignisse alle falschen Begriffe von selbst richtiggestellt werden konnten.
[GEJ.11_006,11]
In dieser Art belehre Ich auch jetzt noch alle die, die Mir anhangen und voll
Glaubens sind, damit kein toter Autoritätsglaube, sondern der lebendige Glaube
Wurzel schlagen kann und von dem reinen Herzensverstand geregelt und recht
geleitet werde.
7. Kapitel – Der
Kaufmann sucht den Herrn.
[GEJ.11_007,01]
Wir warteten nun ruhig ab, was die drei Pharisäer, die sich mit dem Kaufmann
berieten und aus Meiner Person nicht recht klug werden konnten, vorbringen
würden, und taten, als wären diese gar nicht anwesend. Mucius war inzwischen
mit kurzen Worten von Johannes belehrt worden, und beide traten zu uns. Mucius
wollte Mir danken. Ich aber wies auf die abseits stehenden viere hin, worauf er
Mich auch verstand und schwieg.
[GEJ.11_007,02]
Jetzt näherten sich dieselben uns wieder, und zwar ergriff der Kaufmann nun das
Wort und sprach: „Meister, aus deinen Worten habe ich recht klar ersehen, daß
dir der Galiläer sehr wohl bekannt sein muß, zumal du auf seine große Kraft
hinweisest, der nichts widerstehen kann. Ich selbst, obgleich ich ihn nie
gesehen habe, habe diese Kraft sehr wohl empfunden und daher diese meine
Freunde auch schon nach Kräften gewarnt, nicht etwa des Galiläers Zorn auf sich
zu laden, da sie sodann meinem Erachten nach rettungslos verloren wären. Sie
aber sind durch solche Warnungen nur um so begieriger geworden, den Wundermann
kennenzulernen und seine Kraft wo möglich zu erproben.“
[GEJ.11_007,03]
Fragte der Wirt den Kaufmann, was denn das für ein Ereignis gewesen wäre, das
er andeutete.
[GEJ.11_007,04]
Alsogleich erzählte nun der Gefragte (der Kaufmann): „Es werden zu den nächsten
Ostern nun drei Jahre werden, als ich mir im Tempel einen kleinen Stand
errichten durfte, um dem Geldwechslergeschäft obzuliegen, das gerade zur
Osterzeit der vielen Opfer wegen einen recht ansehnlichen Gewinn abwirft. Eines
Tages nun hörte ich, daß der bewußte Galiläer in Jerusalem sei und in den
Tempel gegangen sei, dort zu lehren. Ich wollte mich aufmachen, ihm näher zu
treten, um den damals erst neu erstandenen Wundermann genauer betrachten zu
können, als plötzlich eine mächtige Stimme den Bau des Tempels durchdröhnte,
deren Wortlaut mir noch erinnerlich ist: ‚Meines Vaters Haus ist ein Bethaus,
ihr aber habt es zur Mördergrube gemacht!‘ Ich erschrak darüber mächtig. Dort,
wo der Galiläer stehen sollte, entstand eine große Verwirrung, und alle, auch
mich, befiel plötzlich eine solch entsetzliche Angst, daß das gesamte Volk den
Ausgängen zustürzte.
[GEJ.11_007,05]
Ich habe es nicht wieder gewagt, den Tempel und meinen Geldwechslerstand zu
betreten, aus Furcht, der mächtige Mann möchte am Ende dasselbe Spiel
wiederholen, – habe auch bei der plötzlichen Flucht eine ansehnliche Summe
Geldes verloren, die sicherlich dem Tempel sehr zugute gekommen sein wird, und
ich weiß daher aus Erfahrung, welch große Macht der Galiläer besitzt.“
[GEJ.11_007,06]
Fragte ihn darauf Petrus: „Hast du denn nachher nie den Galiläer gesehen?“
[GEJ.11_007,07]
Antwortete der Kaufmann: „Niemals, denn einesteils hielt mich eine große Furcht
vor ihm davon ab, andernteils hatte ich keine Zeit dazu. Ich mußte suchen, den
im Tempel erhaltenen Verlust an Vermögen wieder auszugleichen und bereiste
alsbald die Küstenstädte, wo ich Handel mit bestem Öl betrieb, das nach
Griechenland und Rom ausgeführt wird, sodann auch mit vielen anderen
Erzeugnissen dieses Landes und bin erst jetzt seit kurzem wieder in Jerusalem
ansässig. Von Petra aus suche ich mir jetzt neue Verbindungen, um die
Erzeugnisse Indiens und Arabiens nach den Küstenstädten führen und von da nach
Rom ausführen zu können. Das ist der Zweck meiner jetzigen Reise.
[GEJ.11_007,08]
Ich hatte also bis jetzt keine Gelegenheit, in jener Angelegenheit irgend etwas
zu unternehmen, trotzdem ich gerne jenen Jesus von Nazareth gesehen hätte.
Viele schelten ihn einen harten, abstoßenden Mann, dessen Lehre ebenso
beschaffen sei, – andere wieder rühmen seine Milde, Weisheit und unbegreifliche
Kraft, mit der er die größten Wunder wirkt. Auf meinen Reisen habe ich viel
Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, daß seine Kraft keine Einbildung,
sondern tatsächlich vorhanden ist. Trotz alledem traf es aber
unglücklicherweise sich stets so, daß meine Geschäfte mich abhielten, mit ihm
zusammenzutreffen.“
[GEJ.11_007,09]
Sagte Ich zu dem Kaufmann: „Wo Weltverstand, Haschen nach Reichtum, mit
Eigennutz verbunden, Hand in Hand gehen, da allerdings muß die leise Stimme
verstummen, die da dem Menschen zuruft: ‚Suche nach Wahrheit!‘ Ein kleiner
Umweg hätte dir nichts geschadet auf deinen Zügen von Jerusalem nach Jaffa,
Tyrus und Sidon, und du hättest mit Leichtigkeit mit dem Mann zusammentreffen
können, der dir mehr des unvergänglichen Reichtums hätte zeigen können und zum
eigenen Besitz geben, als du zusammenzuraffen je vermögen wirst.
[GEJ.11_007,10]
Wer da nicht sucht, wird auch nicht finden, wer da nicht anklopft, dem wird
auch nicht aufgetan werden! Wer da glaubt, die geistige Erkenntnis des Guten
und Wahren soll ihn aufsuchen, damit sie ihm auf seinen regelmäßigen Weltwegen
von selbst zufalle, der kann ewig lange warten, daß sie ihm werde. Wer da einen
noch so kleinen Umweg aus Bequemlichkeit und weltlichen Geschäften scheut, der
Quelle der Wahrheit nachzusuchen, trotzdem er von ihr bereits gehört hat, der
gehört zu den Weltmenschen, zu denen der Herr am Ende der Zeiten sagen wird:
‚Ihr habt von Mir gehört und habt Mich doch nicht gesucht, – jetzt suche Ich
euch nicht, trotzdem Ich weiß, daß ihr da seid. Weichet von Mir und gehet
dorthin, wohin euch eure Liebe zieht!‘“
[GEJ.11_007,11]
Sagte der Kaufmann recht nachdenklich: „Herr und Meister, ich sehe, daß ich
unrecht getan! Siehe, wie lange werde ich noch zu leben haben!? Ich bin jetzt
einige fünfzig Jahre alt und fühle meine Seele verödet; denn das, was sie in
Jerusalem lehren, daran glaube ich nicht. Ich weiß, wieviel Betrug dort
herrscht, und mein Leben geht zu Ende, ohne daß es mich befriedigt hätte. Schon
öfter habe ich nachgeforscht nach den Lehren des Galiläers und habe schöne
Perlen der Menschenliebe in ihnen entdeckt, – vielleicht, daß es doch möglich wäre,
durch ihn den befriedigenden Weg zur Erkenntnis des wahren Gutes zu finden?
Könntest du mir sagen, o Herr und Meister, wo ich ihn antreffe? Diesmal soll
mich kein noch so großer Umweg gereuen, seine Bekanntschaft zu machen!“
[GEJ.11_007,12]
Sagte Ich ihm: „Wenn dich also hungert, so wirst du auch gesättigt werden.
Vielleicht wird dir werden, was du wünschest. Wie aber steht es da mit deinen
Gefährten? – Wünschet auch ihr, den Galiläer selbst zu treffen?“
[GEJ.11_007,13]
Sagte der Pharisäer, der schon bisher mit Mir gesprochen hatte: „So dies
geschehen könnte, ohne großes Aufsehen zu machen, so würde es uns recht sein.
Wir würden ihm die Vorschläge des Tempels vorlegen und seine Wundertaten
prüfen, und dann würden wir ja weitersehen.“
[GEJ.11_007,14]
Der Pharisäer sprach diese Worte mit einer gewissen Herablassung zu uns, weil
er sich ärgerte, daß der Kaufmann vom Betrug des Tempels gesprochen hatte, und
er wollte uns andeuten, daß, da von uns doch nichts herauszuholen sei, er das
Gespräch als beendet ansehe.
[GEJ.11_007,15]
Ich antwortete ihm daher: „Freund, was ärgerst du dich über diesen da, weil er
die Wahrheit gesprochen hat? Besser wäre es dir, du suchtest in dir zu
ergründen, ob nicht auch deine Seele verödete und noch befruchtet werden könne.
So du aber wissen willst, wo der Galiläer zuletzt ein größeres Wunderwerk getan
hat, so ziehe an dem Nebo vorbei hinauf zur Stadt Aphek, wo er die ganze,
bisher wüste Stätte in fruchtbares Land verwandelt hat, wie euch dreien die
dortigen Bewohner haarklein erzählen werden! Untersuchet wohl, ob dieses Wunder
ein echtes sei und daß kein Betrug zugrunde liege, und achtet sodann darauf,
was euch eure Herzen zuflüstern werden! Berichtet in Jerusalem über das, was
ihr gehört und gesehen, oder bewahret es auch für euch selbst, ganz wie ihr es
empfinden werdet!
[GEJ.11_007,16]
Möglich ist es auch, daß sich der Galiläer, wenn ihr mit gereinigtem Herzen
zurückkehren werdet, von euch finden läßt; denn allezeit finden nur diejenigen
diesen Lebensmeister, denen er sich selbst offenbart, – andere bleiben blind,
selbst wenn sie schon mit ihm verkehren.“
[GEJ.11_007,17]
Sagte der Pharisäer spöttisch: „Mit ihm verkehren, ohne ihn zu erkennen, wird
uns wohl unmöglich sein. Wir haben gar helle Augen im Kopfe. Jedoch danken wir
dir für deinen Rat, wissen wir doch jetzt, wo er wohl zu suchen und dann auch
zu finden sein wird.“
[GEJ.11_007,18]
Damit verabschiedeten sie sich von uns und gingen mit dem Kaufmann, der Mich
stets recht nachdenklich ansah, ins Haus zurück. Ich beauftragte jetzt den
Mucius, ihnen zu folgen und einer etwaigen Abreise derselben kein Hindernis in
den Weg zu legen, sondern sie ganz frei aus sich selbst entscheiden zu lassen.
Mucius folgte ihnen daher auch, und wir blieben nun eine Weile ungestört allein
in dem Garten.
8. Kapitel – Der
Herr erzählt die Lebensgeschichte des Kaufmanns.
[GEJ.11_008,01]
Ich unterwies nun Meine Jünger, wie sie hier ein rechtes Beispiel hätten, wohin
die Weltlust und Herrschsucht führe, und wie nötig es sei, stets auf der Hut zu
sein und nicht zu glauben, schon alles Wissen und Licht in sich aufgenommen zu
haben, wie jene drei Pharisäer vermeinten, die so rechte Wissenschaftler
genannt werden könnten, weil sie alles mit kritischem Verstande untersuchen und
nur das glauben wollen, was sie sehen, dabei aber von einem Zweifel in den
andern fallen, weil bei dem Sehen nun wieder später Zweifel auftreten, ob sie
auch recht gesehen hätten, und sie so schließlich ihren eigenen Taten und
Worten mißtrauten. Dabei sei ihr Streben sogar ein ernstes, aber dennoch
verkehrtes, weil es sich nur nach dem Äußerlichen, nicht nach dem Innern
richte, und dieses allein bilde doch den genießbaren Kern, wie bei einer Nuß,
während man an dem rein Äußeren sich die Zähne gewaltig ausbeißen kann.
Deswegen war es auch noch lange nicht möglich, sich ihnen zu erkennen zu geben.
[GEJ.11_008,02]
Ein Wunder hier zu wirken, hätte keinen Zweck gehabt, da sie nur die Art seiner
Vollbringung nicht verstanden zu haben geglaubt hätten, den innern Kern jedoch
– als zu sehr Anhänger griechischer Wissenschaft, mit der sie sich heimlich
befaßten – verworfen hätten. Erst bei Aphek, welche Gegend ihnen von früher
wohlbekannt war, werden sie sich sehr verwundern und zu begreifen anfangen, daß
hier das Natürliche nach ihren Begriffen aufhört, werden sodann eifrigst
nachforschen und von ihrer Wissenschaftlichkeit, die sie gründlich im Stiche
lassen wird, allmählich befreit werden.
[GEJ.11_008,03]
So wird ihnen auch ein Licht aufgehen, wer Ich denn gewesen sei, zumal sie
erfahren, daß Ich dieses Weges gezogen bin, und sie werden nun aus sich selbst
heraus geklärt werden. Freilich wird bis zur vollen Erkenntnis noch eine
längere Zeit vergehen, da sie sehr bald von Jerusalem fortgesandt werden
sollen, damit ihre Seelen sich in Ruhe und Beschaulichkeit reinigen können und
das gestreute Samenkorn nicht in dem dortigen Schlamme ersticke.
[GEJ.11_008,04]
Wir sprachen noch mehreres über den Tempel und seine Diener, sowie auch über
das Schicksal desselben, als Mucius mit dem Kaufmann zurückkam und uns
mitteilte, die Pharisäer hätten sich bereits mit ihren Leuten nach der
östlichen Richtung zu aufgemacht, auch die übrigen Kaufleute hätten ihre
Maultiere und Kamele schon bepackt und seien abgezogen. Dieser Kaufmann aber
hätte sie ziehen lassen und sei willens, sich noch weiter mit Mir zu
besprechen.
[GEJ.11_008,05]
Ich ging nun auf diesen zu und fragte ihn freundlich: „Phoikas, was ist es
denn, was dich hier zurückgehalten hat?“
[GEJ.11_008,06]
Sagte ganz verwirrt der Kaufmann: „Herr woher weißt du denn diesen Namen, den
ich nur in der Jugend führte? Ich bin ein Grieche von Geburt und wurde Phoikas
genannt. Da ich jedoch früh verwaiste, nahm mich ein barmherziger Jude zu Tyrus
bei sich auf und sogar später an Sohnes Statt an, da dieser ohne Kinder blieb. Ich
wurde Jude, erhielt auch die Beschneidung und wurde Agamelom genannt. Nie ist
der Name Phoikas seit Jahrzehnten in meine Ohren gedrungen, ich selbst hatte
ihn fast vergessen, – und jetzt nennst du mich so?“
[GEJ.11_008,07] Sagte
Ich: „Wundere dich deswegen nicht, denn Mir ist noch gar viel mehr bekannt als
nur ein einfacher Name, mit dem dich in frühester Jugend deine Eltern
benannten. So ist auch deine ganze Jugendzeit, die du anfangs in Athen und dann
später mit deinem Vater allein in Tyrus verbrachtest, Mir gar wohl bekannt.
Doch dein Vater starb an einer bösen Erkältung, die in ein arges Fieber
ausgeartet war, als er bei einer Bootsfahrt, die er zur Bergung gestrandeter
Waren unternommen hatte, ganz durchnäßt zurückkam. Und so wurdest du eine
Waise, da deine Mutter schon in Athen gestorben war. Der Jude aber, bei dem du
aufgenommen wurdest, war ein Geschäftsfreund deines Vaters, der Handel nach
Jerusalem führte, und hieß Maliesar. – Sage, ist es so oder nicht?!“
[GEJ.11_008,08]
Der Kaufmann erstaunte immer mehr und sagte: „Ja auf ein Haar ist es so, und
ich staune darüber um so mehr, als diese Ereignisse schon vor dreißig und mehr
Jahren spielten (stattfanden), also zu einer Zeit, wo du augenscheinlich noch
nicht geboren sein konntest. Woher sind sie dir da bekannt? Denn der Kreis, der
von meinem Vater und jenem Adoptivvater wissen kann, ist auch schon längst
ausgestorben.“
[GEJ.11_008,09]
Sagte Ich zu ihm: „Ich sagte dir schon, daß Mir noch sehr viel mehr bekannt
ist. Kümmere dich aber vorläufig nicht darum, denn das wird dir schon noch
alles klarwerden. Jetzt aber lasse uns ein rechtes Mittagsmahl einnehmen, damit
auch unsere Leiber gestärkt werden, und nach dem Mahle wird dir schon eine
rechte Erklärung werden!“
[GEJ.11_008,10]
Wir gingen nun hinein ins Haus und nahmen das Mittagsmahl zu uns, das Mucius
für uns hatte zubereiten lassen.
9. Kapitel –
Drei wichtige Fragen des Mucius und ihre Beantwortung durch den Herrn.
[GEJ.11_009,01]
Nachdem das Mahl beendet war, sagte der Wirt Mucius zu Mir: „Herr und Meister,
ich bin nun schon recht begierig, einige Fragen zu stellen, die mir durch unser
gestriges Gespräch so recht auf dem Herzen liegen. Jetzt sind keine uns
belauschenden Pharisäer mehr zugegen, so daß ungehindert Frage und Antwort
gestellt und gegeben werden kann. Wenn Du also erlaubst, o Herr, so würde ich
Dich um Beantwortung meiner Fragen bitten.“
[GEJ.11_009,02]
Sagte Ich: „Frage nur immer zu und lasse dich auch durch die Gegenwart des
Phoikas in nichts behindern; denn er soll nun auch eingeführt werden in das
Reich des wahren Lebens, als Lohn dafür, daß er, nur halbwegs ahnend und
fühlend, hier wehe die Luft des reinen Geistes der Wahrheit, seine
Weltgeschäfte hintansetzte und seinem Herzen folgte. –
[GEJ.11_009,03] Ich
sage dir, Phoikas, du hast Meinem Herzen dadurch wohlgetan und hast dadurch
einen Weg betreten, der zu dem ewigen Heile führt. –
[GEJ.11_009,04]
Doch frage du, Mein lieber Mucius, nur frisch drauflos, damit dir eine rechte
Antwort werde!“
[GEJ.11_009,05]
Sagte Mucius: „Da Du, o Herr und Meister, es mir erlaubt hast, so bitte ich
Dich um eine rechte Aufklärung, warum wir Menschen denn leben, was aus uns nach
dem Tode wird, und wie wir am besten in alle Weisheit des Lebens eingeführt
werden können.
[GEJ.11_009,06]
Du sagtest mir gestern, daß durch Halten Deiner beiden Gebote, welche mir Dein
Jünger auch näher auseinandersetzte, die rechte Erkenntnis im Herzen des
Menschen selbst erwache, – aber das Wie ist mir doch noch sehr verschleiert
geblieben, und so bitte ich Dich um ein rechtes Licht darüber.“
[GEJ.11_009,07]
Sagte Ich zu dem Wirte: „Mein lieber Mucius, gerade diese drei Fragen, welche
du stellst, fassen in sich ja die ganze Weisheit aller Himmel und die Gründe
Meines Lehramtes auf dieser Erde. Soviel daher auch schon von Mir darüber
geredet worden ist, so kann doch nie genug immer wieder von neuem die
Grundlehre wiederholt werden, damit das geistige Herz des Menschen diese ewigen
Wahrheiten völlig in sich aufnehme, recht in sich verdaue und völlig in Fleisch
und Blut in sich verwandle. Ich will daher deinet- und Phoikas' wegen in erster
Linie, als noch fremd in Meiner Lehre, und dieser Meinen wegen, welche schon
längere Zeit um Mich sind, trotzdem aber in alle Wahrheit noch nicht völlig
eingedrungen sind, in zweiter Linie, deine Fragen ausführlich beantworten. –
Höret also wohl zu!
[GEJ.11_009,08]
Der Mensch lebt aus zweierlei Gründen, die er als eine Mittelperson in sich zu
vereinen hat. Einmal als Schlußstein der äußeren, materiellen Schöpfung, in der
er als die Krone der Schöpfung gepriesen und genannt wird, das andere Mal als
der Anfangspunkt der rein geistigen Welt, die mit ihm die erste Stufe der
vollständig freien Selbsterkenntnis erreicht hat. Er ist nach einer Seite hin
also der Anfang, nach der andern Seite das Ende einer Kette und hat in sich,
durch sein geeignetes Leben und die freie Entwicklung, das rechte Bindeglied zu
finden, diese beiden Ketten zu einen. Ich werde euch das klarer
auseinandersetzen.
[GEJ.11_009,09]
Alle Wesenheit von dem kleinsten Geschöpf an bildet eine aufsteigende
Stufenreihe, und zwar in der Art, daß eine Stufe stets die andere ergänzt,
größere Vollkommenheiten bietet und dadurch auch eine stets größere Intelligenz
entwickeln kann.
[GEJ.11_009,10]
Sehet an die Tiere, wie es da niedere Arten gibt, die nichts anderes zu
bezwecken scheinen, als ihren Leib zu erhalten und andern zum Fraße zu dienen!
Kommt ein Feind ihres Leibes und Lebens, so ergeben sie sich stoisch in ihr
Schicksal und wehren sich nicht, sind es auch nicht imstande; sehet da an viele
Insekten und niedere Amphibien!
[GEJ.11_009,11]
Weiter hinauf findet ihr jedoch schon die Intelligenz so weit entwickelt, daß
sich diese Tiere der Gefahren, die ihrem Leibe drohen, mehr bewußt sind und
sich ihnen auch zu entziehen wissen durch allerhand, manchmal listige Streiche.
[GEJ.11_009,12]
Bei den noch höherstehenden Tieren findet ihr diese Eigenschaft noch mehr
entwickelt, und sie sind daher auch mit geeigneten Waffen versehen, wie
scharfen Krallen und Zähnen, um sich ihrer Feinde zu entledigen und damit aber
auch gleichzeitig Feinde anderer Tierarten zu werden. Es entsteht nun ein
gegenseitiger Kampf, in dem List und Schlauheit angewandt werden, allerdings
zum Töten der Leiber, aber zum Fortschreiten des Intellekts, damit der
allmählich sich entwickelnde Charakter, der mit immer höher steigenden Tieren
deutliche Vielgestaltigkeit erlangt, sich bilden kann.
[GEJ.11_009,13]
Es naht sich nun eine Grenze, von der aus die Tiere geneigt sind, sich dem
Menschen anzuschließen, die ihr dann Haustiere nennt. Diese sind durchweg
gesitteter oder zahmer, wie ihr sagt. Sie können sehr weitgehende Intelligenz
entwickeln und abgerichtet werden. Sie werden dadurch gewisserart dem Menschen,
zwar nicht in der äußeren Form, aber wohl in gewissen
Charaktereigentümlichkeiten ähnlicher. Ihr könnt hier oftmals recht
verblüffende Handlungen der Tiere beobachten, welche von einer Überlegung
zeugen und auch von einer gewissen Urteilskraft, so daß ihr staunt und geradezu
sagt: dem Tier fehlt nur die Sprache. Sehet, das sind solche, die in ihrer
geistigen Entwicklung nur noch den Schritt bis zum Menschen zu tun haben,
ähnlich wie ein unmündiges Kindlein auch nur noch einen gewissen Schritt der
Jahre zu tun hat, um ein verständnisvoller Mensch zu werden! Beim Tier kann das
Ziel aber nicht erreicht werden, da die Seelenform noch nicht vollendet ist,
während im Kinde, das doch oft viel dümmer und unbeholfener erscheint, die
entwicklungsfähige Seelenform vorhanden liegt, wie in jedem Samenkorn das Bild
der zukünftigen Pflanze.“
10. Kapitel –
Die Entwicklung der Seelenform bis zum Menschen.
[GEJ.11_010,01]
(Der Herr:) „Alle diese Tiere, deren Zahl so unendlich groß ist, um eine
möglichst große Verschiedenheit der Charakteranlagen ermöglichen zu können,
stehen aber unter dem Mußgesetz, damit sie sich nach der einen bestimmten
Richtung hin – die also ‚möglichst hohe Intelligenz‘ heißt – entwickeln können,
das heißt, sie sind nicht imstande, anders zu handeln als der Kreis zuläßt, der
ihre Seelenform umschließt. Zeigt zum Beispiel einem Vogel noch so genau an,
daß es doch besser wäre, nicht ein offenes Nest, sondern vielleicht ein
geflochtenes Haus zu bauen, – er wird dennoch bei seinem Nest bleiben! Und ihr
könnt sicher sein, daß seit Entstehung der Arten jede Art sich ihre Wohnstätte
allezeit so gebaut hat, wie es auch jetzt noch geschieht. Der Grund liegt in
dem gewisserart beschränkten Horizont (Seelenform), den zu erweitern nicht
möglich ist, – genauso wie ein Kind noch nicht die schwierige höhere Rechenkunst
würde lernen können, wenn es noch nicht die Anfangsgründe begriffen hätte.
[GEJ.11_010,02]
Bei den Tieren harmonieren die verschiedenen zu durchschreitenden Formen mit
den Zeitabschnitten oder Entwicklungsjahren des Menschen. Ist nun die höchste
tierische Intelligenz entwickelt – beachtet wohl, es kommt da nie auf die
äußere Form, sondern nur auf die seelische Entwicklung an! –, so können diese
entwickelten Intelligenzen zusammenfließen zu der Menschenseele, die also nun
in sich erstens die sich gegenseitig ergänzenden, höchstentwickelten
Intelligenzen enthält, dann aber, da sie Stufenfolge vieler niederer Leben ist,
ein Abbild sein muß des ganzen niederen Lebens überhaupt, weil sie alles dieses
in sich enthält. Sie ist also nun der äußeren Form und der entwicklungsfähigen
inneren Form nach abgeschlossen. Die Krone der Schöpfung, die Menschenform, mit
einem höchst entwicklungsfähigen Keim ist in dem neugeborenen Menschen
erreicht.
[GEJ.11_010,03]
Jetzt beginnt die zweite Aufgabe: Der Mensch soll die höchst mögliche freie
Erkenntnis erlangen in der Erkenntnis des Schöpfers und Entwicklung des inneren
Menschen.
[GEJ.11_010,04]
Bisher war die Seelenform stumpf, kümmerte sich nicht um geistige, sondern nur
um materielle Dinge, und es galt für sie nur das Recht des Stärkeren. Die
Gottheit will jedoch, daß ihr Werk, das mühsam bis hierher geleitet worden ist,
sie nun auch erkenne, sich ihr zu nähern suche aus Liebe, nicht aus Furcht vor
ihrer Stärke. Wie ist das zu machen?
[GEJ.11_010,05]
Die Gottheit muß sich verhüllen, wenn sie dieses Ziel erreichen will, das
heißt, sie muß ihr Geschöpf in Verhältnisse stellen, die es ihm ermöglichen,
frei aus sich die Gottheit anzuerkennen oder nicht. Dabei darf die Gottheit
keinen Zwang ausüben, da sonst die zu vermeidende Furcht und nicht die Liebe
die Willensrichtung beeinflußt. Bedenket aber selbst, wie es euch gefallen
würde, wenn ihr nur von Dienern umgeben sein würdet, die lediglich aus Furcht,
anstatt aus Liebe euch dienen würden! Dieses Pflänzchen der Liebe kann nur entstehen,
wenn die immer mehr wachsende Klarheit und Durchschauung der Dinge dem
Seelenmenschen zwanglose Beweise von der großen entgegengebrachten Liebe und
Weisheit der Gottheit schafft, die ihn zur Bewunderung und Liebe hinreißen.
[GEJ.11_010,06]
Dem Seelenmenschen wird nun jedoch ein Leiter beigegeben; denn die pure Seele
allein würde als vollendete Form, die nicht weiter ausgebildet werden kann,
nichts Höheres mehr über sich erblicken, wenn nun nicht ein geistiges Fühlen,
das Empfinden einer Macht in sie einfließen könnte, die sie demütigt und nun
anhielte, ihren Schöpfer zu suchen. Und das ist der göttliche Funke, der als
Geist in sie hineingelegt wird, der gleichzeitig mit ihr sich entwickeln soll,
sie immer mehr durch eine rechte Erziehung durchdringen und durch
Selbstbelehrung in alle Erkenntnis einführen soll.
[GEJ.11_010,07]
Diese gerechte Ehe, die bei der Geburt des Menschen schon beginnt, ist aber
gewaltig gestört worden, indem jetzt nur die Entwicklung der Seele durch die
zwangsweise Körperentwicklung wohl geschieht, der innere Geist aber meist nur
als Embryo in ihr verbleibt. Zweck des Lebens aber ist es, beide gleichzeitig
fortschreiten zu lassen, so daß eines immer im gerechten Abhängen von dem
andern steht.
[GEJ.11_010,08]
Dieser Geistesfunke ist von Gott und enthält in sich alle Wahrheit und gerechte
Erkenntnis von Haus aus. Durch ihn steht der Mensch in engster Verbindung mit
dem Urgeiste Gottes selbst und kann durch ihn eindringen in alle Geheimnisse
und Weisheit Gottes Selbst. Freilich haben davon die wenigsten Menschen nur
eine Ahnung. Und diese Ahnung, die manchmal nur noch schwach hervorblitzt,
aufleuchten zu lassen zur vollen Gewißheit und zum Wissen, ist der Zweck Meines
Lehramtes, – und der Weg hierzu wird gegeben durch Meine Lehre.“
11. Kapitel –
Von der inneren Erweckung und vom Fortleben nach dem Tode.
[GEJ.11_011,01]
(Der Herr:) „Mein Jünger Johannes hat dir schon gesagt, und Ich bestätige dir
es, daß in den zwei Geboten: ‚Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie
dich selbst!‘ die zehn Gebote Mosis und alles Weitere enthalten ist, was der
Mensch zu tun hat, um den in ihm wohnenden Geistesfunken zu erwecken und mit
seiner Seele immer mehr zu einen. Denn nur in dem gerechten Wandel vor Gott und
in den rechten Liebestaten für euren Nächsten findet ihr wahre Befriedigung,
den inneren Frieden und die rechte Überwindung eurer Leidenschaften und des
Todes. In wem einmal die Überzeugung wach geworden ist, die es ihm unmöglich
macht, gegen diese Gebote zu verstoßen, der verspürt auch schon auf dieser Erde
den wahren Himmel; denn er ist unanfechtbar geworden für alle Angriffe des
Bösen, dadurch ein rechter Herrscher in sich und aus sich heraus ein Herrscher
über die Natur.
[GEJ.11_011,02]
Denn da, wie ihr wisset, die Seele des Menschen in sich alles enthält, was die
Erde an Wesen trägt, so ist es doch ganz natürlich, daß wenn einmal der Geist
in seinem dieses alles enthaltenden Hause die Herrschaft gewonnen hat, er auch
über die mannigfaltigen Abbilder seines Ichs muß herrschen können, gleichwie
ein König, der sich aus dem Sklavenstande zum Throne emporgeschwungen hat,
jetzt widerstandslos herrscht über alle Stände, denen er selbst angehörte.
Wohlgemerkt aber nur, wenn der Mensch in sich das Bindeglied der Kette fand,
die Meine Lehre bildet, und beide Ketten zu einer einzigen, unzerreißbaren
verband! Als letztes Glied der materiellen Kette, welche nur die höchste
Seelenform und die dadurch bedingte Menschenform bildet, ist er völlig machtlos
und selbst nichts anderes als ein höchst intelligentes, wohlgebildetes Tier.
[GEJ.11_011,03]
Ich denke, ihr werdet nun verstanden haben, warum ihr lebt, und wie ihr zur
rechten Erkenntnis gelangen könnt.“
[GEJ.11_011,04]
Sagten alle, noch voll staunenden Zuhörens: „Ja, Herr und Meister.“
[GEJ.11_011,05]
Ich aber fuhr nun fort: „Es bleibt nun noch die dritte Frage zu beantworten
übrig, nämlich: was nach dem Tode mit dem Menschen wird.
[GEJ.11_011,06]
Wenn es sich also verhält, wie Ich euch sagte, so ist es auch klar, daß der
geistige Mensch, der im Erdenleben nur unvollkommen sich entwickelt, weil sein
schwerer Körper ihm eine große Last ist, fortleben muß; denn niemand wird wohl
in sich behaupten wollen, in diesem kurzen Erdenleben eine Vollendung erhalten
zu können, die ihn Gott schon ganz nahe bringt. Es treten ihm gar mancherlei
Hindernisse im Körper entgegen, Versuchungen aller Art, damit sein Charakter
sich stähle, sein Wille geübt werde, sich selbst Gewalt anzutun und das Gute
immer mehr anzuziehen und die bösen Regungen aus sich auszuscheiden.
[GEJ.11_011,07]
Erst jenseits tritt er in eine neue Welt, die ihm die Wunder Gottes und das
Weltall immer mehr enthüllt, wo er mit geistigem Auge sieht und nicht mit den
schwachen fleischlichen Augen, die ihm die Materiewelt vorführen. Im Anschauen
der großen Wunderwerke erkennt er aber nun, daß die rechte Seligkeit allein in
der Tätigkeit liegt, und daß Gott Selbst das allertätigste Wesen ist. Je nach
seinem Fortschreiten kann ihm dann auch ein rechtes Arbeitsfeld gegeben werden,
das er allerfleißigst ausfüllt; und er wird in dieser Tätigkeit und in dem
Beschauen seiner nützenden Arbeit die rechte Freude und höchste Seligkeit
genießen.
[GEJ.11_011,08]
Wie aber diese Tätigkeit beschaffen ist, darüber will Ich euch ein rechtes
Beispiel geben. Und so will Ich denn, daß eine gerechte Menge seliger Geister
sich hier einfinde, die euch in ihre Tätigkeit einführe!“
[GEJ.11_011,09]
Kaum hatte Ich diese Worte ausgesprochen, so stand auch schon neben jedem ein
plötzlich erschienener, freundlicher jenseitiger Bewohner, der die Anwesenden
freundlich begrüßte. Meine Jünger erstaunten darob nicht allzusehr – denn sie
waren an derartige Erscheinungen schon allmählich gewöhnt –, um so mehr aber
unser Wirt und Phoikas, die vor Verwunderung nicht zu reden imstande waren.
[GEJ.11_011,10]
Ich stärkte sie aber alsbald, und nachdem sich Phoikas etwas gesammelt hatte,
sagte er zu Mir: „Herr und Meister, wenn nach Deinen herrlichen,
weisheitsvollen Erklärungen noch irgendein Zweifel vorhanden war, so weiß ich
aber doch jetzt ganz genau, mit wem ich es zu tun habe. Niemand anders als Du
Selbst bist jener wundertätige Galiläer, hinter dem sich aber hundert-, ja
tausendmal mehr verbirgt als ein noch so sehr begnadeter Prophet; denn so reden
und Herrscher sein über die jenseitigen Scharen kann nur einer, und das ist der
Urgeist selbst, der in Dir Wohnung genommen und sich sichtbar den Menschen
verkörpert hat. Heil Dir daher und allen Menschen, denen Du Dich offenbarst!“
[GEJ.11_011,11]
Sagte Ich: „Mein lieber Phoikas, was du da sagst, ist ganz wahr und schön; aber
lieber ist es Mir schon – so du Mich wahr erkannt hast –, du dankest Mir in
deinem innern Herzen als in allzu lauten Worten; denn Ich durchschaue die
Herzen ebenso leicht wie alles andere und gebe nichts auf den Dank, der durch
Worte ausgeprägt wird.
[GEJ.11_011,12]
Jetzt achtet aber darauf, was jene völlig seligen Bewohner jedem einzelnen von
euch zeigen werden, damit ihr erkennet, worin die Seligkeit eines jenseitigen
Geistes so eigentlich besteht!“
[GEJ.11_011,13]
Darauf befiel alle eine Art beschaulicher Ruhe, in der sie regungslos auf ihren
Stühlen saßen.
12. Kapitel –
Das seelische Erlebnis des Phoikas.
[GEJ.11_012,01]
Nach geraumer Zeit erst kamen sie wieder zu sich und konnten sich nicht genug
verwundern und gegenseitig erzählen, wohin sie von ihren jeweiligen Begleitern,
die jedoch jetzt nach dem Erwachen wieder verschwunden waren, geführt worden
und was ihnen von diesen alles gezeigt worden war.
[GEJ.11_012,02]
Ich forderte nun Phoikas auf, zu erzählen, und dieser begann denn auch alsbald
wie folgt: „Herr und Meister, was ich gesehen habe, war wunderbar über
wunderbar, allerdings aber ganz anders, als wie sich die Menschen das
jenseitige Leben ausdenken!
[GEJ.11_012,03]
Der Engel, den Du mir zugewiesen, führte mich ein in seine Sphäre, die eine
völlige Welt für sich ist, in der er auch ein Herrscher für sich ist und
vollständig regiert wie ein kleiner König. Ich wurde von ihm entrückt –
seelisch; denn mein schwerer Körper hätte da wohl nie eine derartige Reise
unternehmen können –, ohne daß ich aber irgendwie empfunden hätte, meinen
Körper zu vermissen, und ich weiß daher jetzt auch ganz genau, daß dieser nur
ein schweres und oft recht unbeholfenes Kleid ist, der Seele zum Schutze
gegeben, damit sie sich in ihm recht entwickeln kann, – der selbst aber nicht
im Leben steht, sondern eigentlich – als an sich tot – gänzlich außer
demselben.
[GEJ.11_012,04]
Der Engelsgeist entführte mich nach einem mir gänzlich fremden Sonnengebiet –
wo ebenfalls Planeten um eine Sonne kreisten, wie es hier geschieht – und
zeigte mir auf das allerdeutlichste, daß die rechte Fürsorge für dieses Gebiet
ihm anvertraut sei; denn seinem Worte gehorchte alles auf das pünktlichste.
Dabei floß in ihn aber alle Kraft nur durch das Aufgeben seines Willens in den
Deinen, den er als einzig und allein richtig und wahr erkannt hat und daher
keinerlei Schwierigkeit hatte, sich dem höheren Willen zu unterwerfen und ihn
auszuführen. Alle die wunderbaren Tierarten und Pflanzen, die ich gesehen,
waren seine Gedanken. Diese stellte er, nachdem sie gewisserart von Dir geprüft
und als Abbild Deines Grundgedankens festgestellt worden waren, aus sich heraus
und fixierte sie durch das Festhalten des Gedankens in sich und durch das
Bilden in der Materie. So wurde etwas geschaffen.
[GEJ.11_012,05]
Ich sah zum Beispiel, wie der Engel in sich einen neuen Planeten bildete, der
zur Wohnstätte späterer Menschen dienen soll. Er zeigte mir – ungefähr wie der
Künstler in sich ein Bild erzeugt, das er in allen Einzelheiten sich ausmalt –,
wie der Gedanke sich ausbildet. Da er aber bestrebt ist, nur das zu fassen, was
auch vor Dir gerecht und gut ist, so verband er sich in seinem Herzen mit Dir,
dem allwaltenden Vater der Ewigkeit, und legte gewisserart Dir den Plan vor. Du
sagtest ihm, zwar nicht in Worten, aber im Geiste: ‚Es ist gut und gerecht vor
Mir, – tue so!‘. Und alsbald erregte sich der Geist des Engels in sich,
erfüllte sich mit großer Willenskraft, und auf der Sonne, die ihm untersteht,
entstand ein Brausen und ein Ball – der spätere Planet. Er löste sich von ihr
und wurde abgeschleudert und fügte sich in Bahnen, die dem schon von mir
vorhergeschauten Bilde völlig entsprachen.
[GEJ.11_012,06]
In diesem Schaffen vor Dir und auch in Dir empfindet er die höchstmögliche
Seligkeit; denn nur dadurch kann jener Engelsgeist Dir auch als Schöpfer
ähnlich werden und vollkommener.
[GEJ.11_012,07]
Zwar ist es uns nicht vergönnt, nur ein Atom dieser Seligkeit zu empfinden,
weil wir es nicht ertragen könnten; aber dennoch habe ich jetzt ein recht klares
Bild davon erhalten, daß nur in der Tätigkeit in Dir und außer Dir, in der
Verbindungskette der höchsten entzündeten Liebe zu Dir und dadurch auch zu
Deinen Geschöpfen die Seligkeit gefunden und empfunden wird, nicht aber in dem
Nichtstun und tatenlosen Bewundern der Schöpfung. Würden wir letztere nur
anstarren und nicht durch Tätigkeit begreifen lernen, so müßte uns Deine Größe,
o Herr, erdrücken, anstatt fähig zum Fortschreiten zu machen.
[GEJ.11_012,08]
Ich werde mich daher nach allen Kräften bemühen, das rechte Bindeglied der
Kette durch volle Liebe zu Dir, o Herr, und meinen Nächsten zu finden, damit
auch ich einst fähig werden möge, in Deinem Reiche so zu wirken wie jener
Engelsgeist; denn daß das möglich, und daß ein jedes Deiner Geschöpfe dazu imstande
ist, das hat mir jener liebe himmlische Freund auch auf das klarste
auseinandergesetzt, so daß ich es wohl begriffen habe und auch von diesem
erreichbaren Ziel niemals mehr ablassen werde.
[GEJ.11_012,09]
Darum denn auch Dir, o Herr und Meister, mein tiefster Dank gehört, daß Du mich
schon zur Erdenzeit in den Stand setzest, so Wunderbares zu erschauen und zu
begreifen! Jetzt ist meine Seele nicht mehr verödet, sondern gar voll des
himmlischsten Wissens und tiefsten Dankes für meinen Herrn und Schöpfer, der
mich am Ende meiner Lebenszeit noch so herrlich hinausgeführt hat aus dem Tal
des Todes zur Höhe des reinsten Lebens.“
[GEJ.11_012,10]
Sagte Ich: „Du hast dich nun bemüht, das, was du geschaut, in möglichst klare
Worte zu fassen, und die Anwesenden haben dich gar wohl verstanden; denn sie
haben alle etwas Ähnliches wie du geschaut. Aber die das nicht getan haben und
später davon hören werden, werden nur einen schwachen Begriff davon erhalten, –
es sei denn, daß auch ihnen die innere Sehe geöffnet werde. Solange der Mensch
noch in seinem Leibe steckt, der ihn zwingt, alles mehr in ein meßbares
Gleichgewicht zu bringen, steht es mit den höchsten geistigen Dingen nur
schlecht bei ihm, weil er auch diese messen und mit seinen unentwickelten
Sinnen empfinden will, was da ebensowenig geht, als wenn ihr einen Eimer
Wassers in ein Nößelgefäß eingießen wolltet. Es ist daher besser, ihr schweiget
gegen alle von dem, was ihr jetzt gesehen habt, da dieses nur für euch von
Nutzen sein kann und von andern doch nicht begriffen werden wird, wie ihr
selbst leicht empfinden könnt.
[GEJ.11_012,11]
Jetzt aber laßt uns wieder hinausgehen, da Ich diesem Orte noch eine Wohltat
erweisen will; und dann werden wir uns noch heute auf den Weg machen!“
13. Kapitel – Der
Herr segnet den Ort.
[GEJ.11_013,01]
Wir standen nun von unserm Tische auf und traten hinaus vor das Haus auf die
Landstraße. Ich hatte schon gesagt, daß dieser Ort klein war, demnach aus nicht
allzuviel Häusern bestand, jedoch war er zum Übernachten insofern günstig
gelegen, als er eine knappe Tagereise von Jerusalem entfernt und der letzte
war, welcher auf dem Wege nach Petra eine bequeme Unterkunft bot, und zwar eben
bei unserm Wirte Mucius. Er lag auch nicht allzuweit ab vom Jordan, so daß es
ihm auch nicht an Wasser gebrach. Wohl aber fehlte es ihm sehr an großen, hohen
Bäumen, welche gewisserart als Dünstevertilger und Elektrizitätssauger
unerläßlich sind, um die Häuser zu schützen vor den Ausdünstungen des Toten
Meeres, die bei Südwind sich denn doch sehr bemerkbar machten. Alle Häuser
waren nur mit ziemlich hohen Gebüschen und etwas verkümmerten, niederen Bäumen
umgeben, da die Salzdünste ein hohes Wachstum verhinderten. Diesem abzuhelfen,
war die Wohltat, welche Ich dem Orte erweisen wollte.
[GEJ.11_013,02]
Ich besprach Mich daher mit Mucius über diesen Punkt, sowie mit einigen seiner
Nachbarn, die sogleich herbeigeeilt kamen, als sie Mich mit den Jüngern aus dem
Hause treten sahen; denn durch den Knecht Marcius und andere hatten sie von der
wunderbaren Vervielfältigung des Brotes und der anderen Dinge erfahren. Alle
baten Mich, Ich möchte dafür sorgen, daß die Glutstrahlen der Sonne, welche
gerade im Jordantal sehr fühlbar sind, gelindert und eine Schutzvorrichtung vor
den Dünsten geschaffen werden möge. Ich sagte ihren Bitten zu, segnete das
Land, und im Augenblick erhob sich südwärts nach dem Meere zu, eine ziemliche
Strecke abseits der Landstraße, so daß die Veränderung der Gegend nur genauen
Kennern zu bemerken möglich war, ein dichter Fichtenwald, welche Bäume am
geeignetsten sind, scharfe Salzwasserdünste zu verzehren und dennoch dabei zu
gedeihen. Dieser Wald bildete eine Schutzwand nach dem See hin, ist aber
heutzutage auch schon längst verschwunden.
[GEJ.11_013,03]
Ich sagte nun den Bewohnern, daß es Mir zwar ein leichtes sei, ebenso wie jenen
ins Leben gerufenen Wald auch rings um ihre Wohnhäuser plötzlich eine große
Menge Bäume und hoher Sträucher hinzustellen, doch sei es besser für sie, wenn
hier ein mehr naturgemäßer Weg zur Erreichung dieses Zweckes eingeschlagen
würde, da ihr Ort nicht gerade abseits gelegen sei und der vielen Römer und
Nichtjuden wegen, welche auf der Straße hinziehen, dem Aberglauben zu sehr
Vorschub geleistet würde, da diese ein solches Wunderwerk ihren Göttern zuschreiben
und den Bewohnern viele Unzuträglichkeiten bereiten würden. Es würden aber vom
nächsten Frühjahr an alle Pflanzen, Bäume und Sträucher ein sehr auffälliges
Wachstum zeigen, so daß sie in zwei Jahren in üppigster Fülle prangen und
dadurch dem Ort Kühle und eine rechte (gute), reine Luft verschaffen würden.
Sowie sie aber anfangen würden, aus Gewinnsucht jenen schützenden Nadelwald
abzuholzen, so würde auch der frühere, oft unerträgliche Zustand, namentlich im
Hochsommer, wieder eintreten und schließlich ein Bewohnen dieser Gegend
unmöglich machen.
[GEJ.11_013,04]
Die Bewohner dankten Mir nun auf das herzlichste und baten Mich um Aufklärung,
wer Ich denn sei, woher Mir die Kraft käme und so fort. Ich aber verwies sie an
Mucius und sagte, um alle ihre Fragen wisse er Bescheid und sie sollten sich
nur an ihn wenden, die rechte Aufklärung würde ihnen dann schon werden.
14. Kapitel –
Der Abschied des Herrn von der Herberge.
[GEJ.11_014,01]
Wir traten nun in das frühere Gemach zurück, und Mucius dankte mir nochmals für
alle Wohltaten, die Ich ihm und dem Orte erwiesen hätte.
[GEJ.11_014,02]
Ich sprach zu ihm: „Mein lieber Mucius! Gestern sagte Ich dir, du seiest geizig
und nicht freundlich gesinnt den Juden, und daß, wenn es nicht schon so spät
wäre, Ich wohl vermieden hätte, in dein Haus zu treten. Nun laß dir noch
einiges erklären, damit du für dein weiteres Leben die rechte Richtschnur
habest!
[GEJ.11_014,03]
Siehe, du bist zwar von Geburt ein Grieche, dem Herzen nach aber römisch
gesinnt, und so sei nun auch bemüht, dem Geiste nach Meiner Lehre allein zu
folgen! Denn bei Mir gibt es weder Römer, Griechen, Juden, Perser oder sonstige
Völker. Es gibt nur Menschen, die da alle teilhaftig werden sollen des
Gottesreiches im Herzen und auch auf der Erde. Ein Volk aber mußte ausgesucht
werden, von dem das Heil kommt, und das konnte nur das jüdische Volk sein, weil
hier allein der rechte Boden schon durch Moses und die Propheten geschaffen
worden war. Dadurch hat dieses Volk aber nichts vor anderen Völkern voraus, o
nein, nur wenn es die Lehre angenommen, den rechten Messias, der Ich ewig bin
und bleiben werde, anerkannt hätte, würde es das mächtigste und auch edelste
Volk geworden sein; denn die Vorbedingungen sind durch den jahrhundertelang
beackerten Boden in ihm vorhanden. Da das aber nicht geschehen wird, so wird es
auch hier heißen: ‚Die Ersten werden die Letzten sein‘.
[GEJ.11_014,04]
Darum aber, daß du nun auch dieses weißt, sollst du dieses Volk nun nicht etwa
verachten oder etwa hassen, wenn du bald hören wirst, was sie mit Mir tun
werden, sondern du sollst sie als Verirrte betrachten, die nicht wissen, was
sie tun, und sollst von Herzen bemüht sein, da, wo es dir möglich ist, sie auf
die rechte Bahn zu führen. Ziehe daher nicht deine Landsleute vor, sondern sei
gerecht zu allen, damit du nicht als barsch und unfreundlich und geizig
verschrieen werdest!
[GEJ.11_014,05]
Bemühe dich, Mir stets nachzufolgen, und befleißige dich vor allem der Geduld!
Denn siehe, trotz aller und gar vieler Gelegenheiten, wo euch schon längst der
Geduldsfaden zerrissen wäre, bleibe Ich geduldig, höre Mir die vielen Torheiten
der Menschen ruhig an und suche sie zu belehren in einer Art, die nicht
abstoßend wirke, und tue ihnen Gutes, soviel es möglich ist. Siehe, Mein
Mucius, so müßt ihr alle tun, wenn ihr wahrhaft Meine Jünger sein wollt!
[GEJ.11_014,06]
Es war aber bei dir die letzte Zeit zur rechten Einkehr und Erkenntnis. Denn
schon viele Ermahnungen waren an dich herangetreten, dir dein Inneres zu öffnen
und dem Geiste der Liebe, Duldung und Wahrheit zugänglich zu machen, so daß es
bei dir schon spät am Abend geworden war; sonst wäre Ich nicht eingekehrt bei
dir, wie Ich dir gestern sagte, und welche Worte du jetzt erst richtig
begreifen wirst.
[GEJ.11_014,07]
Und nun handle nach Meinen Worten! Sei versichert, daß Mein Segen dich und dein
Haus auf deinem Lebenswege begleiten wird allezeit, so daß du eine feste Stütze
sein wirst in Meinem Reiche!“
[GEJ.11_014,08]
Mucius war nach dieser Meiner Rede so gerührt, daß er nicht imstande war, nur
ein Wort zu reden. Er wollte Mir zu Füßen sinken, Ich aber hob ihn liebevoll
auf, umarmte und segnete ihn, worauf er ganz gestärkt und im Innersten tief
bewegt sich zu Meinen Jüngern begab, die ihm alle liebreichst die Hand
drückten, ohne daß dabei ein Wort geredet wurde; denn wo der Geist im innersten
Herzen sich regt, ist der Mund nicht imstande, in Worten auszusprechen, was die
Seele empfindet.
[GEJ.11_014,09]
Es trat nun der Kaufmann Phoikas zu Mir und sagte: „Herr und Meister, wollest
Du mir doch einen rechten Rat geben, was ich tun soll! Ich weiß jetzt, daß bei
Dir nicht nur das Leben zu finden ist, sondern daß Du Selbst das Leben bist.
Habe ich auch nicht viel in Worten ausgesprochen, was in der kurzen Zeit meines
Hierseins in mir alles vorgegangen ist, so weiß ich aber doch, daß Dir, o Herr,
nichts verborgen ist und Du in meinem Herzen schon längst gelesen hast, wie es
mit mir steht. Ich bin aber nun fest entschlossen, das einmal gefundene Heil
nicht wieder fahren zu lassen und fortan nur so zu leben, wie es vor Dir
gerecht sein kann. In der kurzen Zeit meines Entrücktseins von der Erde habe
ich auch klar erschauen können, wer Du so eigentlich bist. Und jener Engel, der
mich in seine Sonnenwelt entführte, zeigte mir allerklarst, wo Gott zu suchen
ist, und daß in Dir die volle Gottheit Selbst wohnt. Wenn man aber so wie ich
von der Wahrheit voll durchdrungen ist, so ist es doch auch natürlich, daß ich
nur den Wunsch hege, Deinen Willen, o Vater von Ewigkeit, zu erfüllen und
womöglich mein Leben nach Deinem Wohlgefallen einzurichten.“
[GEJ.11_014,10]
Sagte Ich zu Phoikas: „Mich freut diese deine Gesinnung um so mehr, da all dein
bisheriges Trachten nur darauf gerichtet war, irdische Schätze zu sammeln, an
denen es dir daher auch jetzt gerade nicht gebricht. Da dir jedoch dein
früheres Treiben jetzt, nachdem dein Geist in dir erwachte, schal und
widerwärtig vorkommt – wie es ja auch nicht anders sein kann, da es nur der
Materie entstammt –, so hindert dich ja nichts, dasselbe gänzlich aufzugeben.
[GEJ.11_014,11]
Ich meine daher, daß du hier bei Mucius ein recht freundliches Haus finden
würdest, zumal du ganz ohne Kinder und Anhang bist, also niemand dich hindert,
ganz nach Belieben zu schalten, und daß ihr beide, der vielen Fremden wegen,
die durch diesen Ort kommen, gar manches Gute werdet tun können. Denn Schätze,
die du dir durch ehrliche Arbeit zwar errungen hast, werden dir erst dann den
rechten Segen bringen, wenn du sie zur Unterstützung der Armen und Bedürftigen
benutzest, und dazu ist hier ausreichende Gelegenheit. Du hast in der letzten
Zeit öfter den Wunsch gehabt, dich zur Ruhe zu setzen, fürchtetest jedoch die
Untätigkeit und Langeweile sodann. Siehe, hier liegt ein großes Arbeitsfeld vor
dir, wo es dir an Tätigkeit nicht fehlen wird und an Meinem Segen auch nicht. –
Was meinst du denn nun zu diesem Vorschlag?“
[GEJ.11_014,12]
Sagte Phoikas: „O Herr, er entspricht so ganz meinen Gedanken, die bereits in
mir aufgestiegen sind, die ich aber nicht auszusprechen wagte, da ich nicht
wußte, ob denn auch Mucius sie gern hören würde. Nun Du aber Selbst darüber
redest, weiß ich auch, daß es ihm recht sein wird, da es jedenfalls doch Dein
Wille ist, daß wir zusammen arbeiten, und ich glaube sicher, in ihm einen
lieben Freund zu finden.“
[GEJ.11_014,13]
Mucius beeilte sich, dieses zu bestätigen, und man sah ihm die helle Freude aus
den Augen leuchten, etwas tun zu können, das Meinem Wunsche entsprach. Die
beiden waren alsobald einig, und der Kaufmann fragte Mich, da er gehört habe,
daß Ich noch heute weiterreisen wollte, ob er Mir da mit seinen Maultieren
dienlich sein könne, da ja die Warenballen ebensogut hier verbleiben könnten
und es mit deren Veräußerung nicht eile. Ich aber sagte ihm, daß Ich nicht die
große Straße über Jericho nach Jerusalem zöge, sondern mehr nordwärts das
Jordantal hinauf, wo seine Tiere uns nicht folgen könnten. Er möge daher nur
gleich nach Jerusalem ziehen, dort seine Geschäfte ordnen und dann das Weitere
für seine Übersiedelung bewerkstelligen.
[GEJ.11_014,14]
Er fragte Mich auch, was er denn mit seinen Gefährten beginnen solle, wenn
diese von Petra heimkehrten, was in nicht allzulanger Zeit geschehen würde. Ich
sagte ihm, er solle da nichts tun, da diese zwar nicht unredlichen Herzens
seien, aber ihre Gedanken noch allzusehr auf den Gewinn dieser Welt richteten,
daher einen Boden zur Aufnahme Meines Geistes und Meiner Lehre noch nicht
böten. Sie würden ihn als einen Sonderling betrachten, was er sich aber ruhig
gefallen lassen möge, da er keinen Schaden davon habe, sie aber später bei
ihren weiteren Reisen ihn stets aufsuchen und dann auch schon zur rechten Zeit
von ihm belehrt werden würden.
[GEJ.11_014,15]
Damit begnügte sich denn auch Phoikas und gab seinen Leuten sogleich die
nötigen Befehle zum Aufbruch, da er keine Stunde säumen wollte, Meinem Willen
nachzukommen.
[GEJ.11_014,16]
Es war nun alles geordnet und die Stunde des Abschieds gekommen. Der Wirt und
die Seinen, die Nachbarn und Phoikas nahmen unter vielen Danksagungen Abschied
von uns, nachdem Ich nochmals alle gesegnet hatte, und wir gingen nun alle die
große Straße entlang bis zur Wasserfurt des Jordans.
15. Kapitel –
Der Herr bereitet Seine Jünger auf die Zukunft vor.
[GEJ.11_015,01]
Nachdem wir die Furt durchschritten hatten, wandten wir uns gerade nordwärts auf
einem Seitenpfade, welcher durch ein ganz angenehmes Hügelland führte. Es
geschah dies deswegen, weil Ich die Gegend von Jericho vermeiden wollte, und
weil Meine Jünger eine innere Stufe zur Vollendung während des nun einsamen und
an außerordentlichen Ereignissen armen Weges erklimmen sollten.
[GEJ.11_015,02]
Denn es nahte jetzt allmählich die Zeit, von der es heißt: ‚Jetzt sehet ihr
Mich noch; aber über ein kleines werdet ihr Mich nicht sehen!‘, und da war es
nötig, allen Meinen Anhängern, die dazu reif waren, eine nähere Aufklärung
hierüber zu geben. Denn noch immer wollten vorzüglich Meine Jünger nicht daran
glauben, daß die Juden Macht und Gewalt über Mich erhalten sollten, trotz der
vielen Andeutungen, die sie darüber empfangen hatten. Ich führte sie daher auf
ihnen völlig unbekannten Wegen immer tiefer ins Gebirge.
[GEJ.11_015,03]
Als es nun Abend geworden war, lagerten wir uns im Freien am Fuße eines
ziemlich hohen Berges, und Ich begann zu den Meinen also zu sprechen: „Meine
Lieben, ihr seid nun lange Zeit Zeugen Meiner Taten und Meiner Lehre gewesen,
so daß ihr nun wissen könnt, wie und wodurch das Himmelreich nahe
herbeigekommen und sich in aller Fülle zu euch herabgesenkt hat. Ich habe euch
jedoch nun in dieses abgelegene Tal geführt, damit ihr Einkehr haltet in euch
und in beschaulicher Ruhe euch stärket im Glauben für die zukünftigen
Ereignisse; denn es ist nicht gut, so der Hirte geschlagen wird, daß die Schafe
nicht wüßten, wenigstens allein den Weg in ihren Stall zu finden.
[GEJ.11_015,04]
Seid daher bereit, in euch zu forschen, wo es in eurem Herzen noch dunkel ist,
damit das Licht, solange es euch noch scheint, alle Winkel wohl durchleuchte
und ihr Bescheid wisset in eurem Hause, wenn vorübergehend Dunkelheit herrscht!
Denn Ich weiß wohl, daß ihr schwach seid, euch aber Riesen dünket, solange ihr
eine persönliche Stütze an Mir habt. Fehlt euch diese, so wird sich erst
zeigen, wieweit ihr feststehet und nicht sorgen müsset, zu fallen.
[GEJ.11_015,05] Jetzt
lasset uns zuerst die Leiber stärken, und dann tuet, wie Ich euch gesagt habe!
Durchforschet euch innerlich, und wer da eine Frage in sich spürt, der bringe
sie sodann hervor! – Gehe aber einer und sehe, was uns beschert ist dort hinter
jenen Büschen!“
[GEJ.11_015,06]
Nun eilten Petrus und Jakobus sogleich nach dem bezeichneten Ort und brachten
mehrere Laibe Brotes sowie auch Wein in Krügen hervor, wovon wir dann ein
auskömmliches Abendmahl hielten.
[GEJ.11_015,07]
Nachdem dasselbe beendet war, verhielten sich alle schweigend. Jeder
vergegenwärtigte sich Meine Lehre und Meine Taten; aber keiner kam mit
irgendeiner Frage hervor. Selbst Petrus, der doch sonst so mancherlei auf dem
Herzen hatte und öfter Fragen stellte, die schon in irgendeiner Form beantwortet
worden waren durch frühere Belehrungen, verhielt sich völlig ruhig und wartete
nur, was denn doch am Ende bei Meinem Beginnen herauskommen würde; denn allen
war es sehr auffällig gewesen, diesen Abstecher ins Gebirge machen zu müssen.
[GEJ.11_015,08]
Da nun allgemeines, erwartungsvolles Stillschweigen herrschte, nahm Ich wieder
das Wort und sagte: „Meine Lieben, die ihr Mir alle nachgefolgt seid, ohne zu
fragen, wohin Ich euch führe, – höret, was Ich euch zu sagen habe! Höret aber
mit dem Herzen, nicht nur mit den Ohren; denn alle Geheimnisse und Lehren,
welche Ich euch offenbarte, können nur dann begriffen werden, wenn das Herz
deren Wahrheit fühlt und nicht der bloße Menschenverstand um sein Urteil
gefragt wird!
[GEJ.11_015,09]
Es kommt nun die Zeit heran, von der die Schrift sagt: ‚Des Menschen Sohn wird
nun erhöhet werden!‘, und von der es heißt: ‚Er wird dir den Kopf zertreten,
und du (die Schlange) wirst ihn in die Ferse stechen!‘ Mein Lehramt geht nun
hier zu Ende, und das eure wird alsbald beginnen. Ihr aber müsset wohl
vorbereitet sein, damit ihr nicht schwach werdet und erzittert vor den
Schrecknissen der Zukunft. Denn trotz aller Stärkung, die euch zufließen wird,
werdet ihr dennoch viel Mühe haben, festzustehen und eure menschliche Natur zu überwinden.
[GEJ.11_015,10]
Wenn ihr aber das Werk weiterführen werdet, das von Mir hier vollbracht werden
wird, so gedenket Meiner Worte am Berge Garizim: ‚Selig sind, die um der
Gerechtigkeit willen verfolgt werden (und nicht ablassen von ihren Wegen); denn
das Himmelreich ist ihr! Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen
schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran
lügen!‘ Denn ihre Lügen werden sich gegen sie selbst kehren und sie vernichten,
und euch wird die Krone der Wahrhaftigkeit werden! Darum fürchtet euch nicht,
auch wenn ihr Mich nicht mehr sehet; denn Ich werde trotzdem bei euch bleiben
bis an der Welt Ende!
[GEJ.11_015,11]
So aber die Großen und Vornehmen der Welt kommen werden und euch bieten große
Summen, zu treten in ihre Dienste, damit sie durch euch größer und noch
angesehener werden, so saget ihnen, ihr dienet schon einem andern Herrn, der
euch gar wohl besoldet und als treue Diener anerkennt, ihr daher nicht weitere
Dienste annehmen könnet; denn niemand kann zwei Herren dienen und dabei beiden
gerecht werden. Sie werden euch dann fragen, wer dieser Herr sei. Sodann
verleugnet Mich nicht, sondern bekennet Mich frei; denn wer da Mich verleugnet,
den werde auch Ich einst verleugnen und von Mir weisen! Und wer von Mir
verstoßen worden ist, der wird lange warten und viel Mühe, Angst und Qual
erdulden müssen, bis ihm das Licht wieder leuchtet. Darum folget Meinen
Worten!“
16. Kapitel –
Der Herr und Luzifer.
[GEJ.11_016,01]
Als Ich nun Meine Augen über die Schar Meiner Anhänger gleiten ließ, die
andachtsvoll Meinen Worten lauschten und nicht recht wußten, was sie denn aus
diesen machen sollten, da fühlte Meine Seele ein tiefes Mitleid und übergroße
Liebe zu den Mir so vertrauensvoll Folgenden. Gleichzeitig aber sah Ich, wie
das Böse in ihnen bemüht war, ihre Seelen von Mir abzulenken und der Welt
zuzukehren. Da ergrimmte in Mir die Gottheit, und der Mensch Jesus trat zurück,
so daß nur der Vater in Mir herrschte.
[GEJ.11_016,02]
Und die Allmacht (Ich) sprach: „Laß uns noch einen Versuch machen, ob es nicht
gelingt, alle diese zu befreien von dem, was nach unten strebt, und sie frei zu
machen zu Kindern der Höhe, damit der verlorene Sohn heimkehre in das
Vaterhaus!“
[GEJ.11_016,03]
Und siehe, da fielen alle in einen tiefen Schlaf. Ich aber, als Mensch Jesus
und doch Gott von Ewigkeit her, stand allein und berief Luzifer, den gefallenen
Erzengel, vor Mich, um dessentwillen alles dies geschaffen worden war.
[GEJ.11_016,04]
Da lösten sich von den Leibern der Schlafenden die Seelen, und sie scharten
sich um Mich, und in ihnen glühte ein helleuchtender Funke, der diesen noch arg
verunreinigten Seelen Licht und Lebenswärme spendete.
[GEJ.11_016,05]
Und sie knieten vor Mir und baten Mich (die Seelen der Jünger): „O Herr, wende
Dich nicht von uns! Du hast uns errettet und wirst uns weiterführen!“
[GEJ.11_016,06]
Luzifer aber stand in der Gestalt eines schönen Jünglings, doch ohne Glanz vor
Mir, gesenkten Hauptes, und wartete Meines Wortes.
[GEJ.11_016,07]
Ich sagte zu ihm: „Du hast die Gottheit nicht sehen, nur empfinden können,
Lichtträger, und als du hinausfuhrst vom Mittelpunkt Meiner Liebe, Licht und
Leben zu schaffen in alle Räume der Unendlichkeit, da glaubtest du, nicht
Träger der Kraft, sondern Besitzer der Kraft zu sein. Du verwandeltest deine
Liebe in Hochmut und sagtest: ‚Ein Gott, der nicht zu sehen ist, ist kein Gott.
Die Geschöpfe, die da entstehen durch meinen Willen, verehren mich als allein
sichtbares Wesen, wie Gott. Ich will daher für diese Gott sein und bleiben!‘
[GEJ.11_016,08]
Da ertönte in dir Meine Stimme und sprach: ‚Die Fülle Meines Geistes wirkt mit
dir und in dir, und alle Eigenschaften, die da ruhen in Mir, bilden auf- und
abwärts eine Stufenleiter in die Unendlichkeit. Ich will dir geben einen Teil
Meiner Kraft, so daß ein jeder herrsche von der innersten Begrenzung aus, die
da bildet einen innersten Punkt, herströmend aus der Unendlichkeit von zwei
Seiten. Und so kannst du, als endliches Wesen ausgegangen von Mir, dennoch
wirken unendlich mit Mir, als Gegenpol, der da gerecht stehet zu Mir.‘
[GEJ.11_016,09]
Da aber mißachtetest du die Warnung; denn deine Kraft erschuf zahllose Wesen
aus dir, und sie folgten dir und wurden mächtig, da Ich die Neugeschaffenen,
als Teil von dir, nicht zerstören wollte. Immer mächtiger wuchs die Schar an,
und sie bildeten dich zu ihrem Gott. Da freveltest du abermals und sagtest:
‚Ich bin Gott; denn nirgends erblicke ich die Kraft, die etwas schafft!‘ – Tor,
als ob das Endliche das Unendliche je sehen und begreifen könnte!
[GEJ.11_016,10]
Ich schlug dich nun in Fesseln, und siehe, dieselbe Kraft steht hier vor dir in
Person und sagt dir: Ich bin der bisher nicht sichtbare Gott! Erkennst du Mich
nun? Kehre um ins Vaterhaus, damit du befreit werdest von den Fesseln und den
Platz einnimmst, der dir gebührt! Sieh hier die Schar der vor Mir Knieenden,
losgelöst von dir, belebt in sich durch Meinen Hauch und für immer hergewandt
zu Mir! Laß ab vom Trotz, lasse in dich hauchen die Wärme Meiner Liebe – und
alle Materie zerstiebt in nichts!“
[GEJ.11_016,11]
Sprach Luzifer: „Du bist Jesus von Nazareth, ein Mensch von großer Kraft, die
auch einst mir gewesen. Doch Gott, die höchste Kraft, die Unendlichkeit im
Endlichen, in dir zu erkennen, – nein, niemals! Was mit mir gewesen, kann auch
mit anderen sein. Die Menschen sind sterblich, ihre Leiber faulen, – so wirst
auch du zerfallen, dein Leib zergehen, und von dem Jesus verbleibt nur Staub.
[GEJ.11_016,12]
Ich kenne meine Schuld und sehe mich entkleidet des Lichtschmuckes, gönne dir
auch die wenigen der Meinen, die sich dort zu dir wenden. Doch wird es der
Allmacht nie einfallen, ihre Schöpfung zu vernichten, die eigentlich mein Werk
ist, zu der ich ihr erst verhalf, und die ich auch liebe, geradeso wie sie;
denn sie ist aus mir. Mag der Kampf weiterbestehen; denn dieser Kampf erst
bedingt das Leben. Das Schrecknis des Todes ist mein Werk, und dadurch halte
ich meine Geschöpfe zu mir, und sie bleiben bei mir, daß meine Eigenschaften in
ihnen leben können. Es ist also schon so recht, wie es ist! – Was willst du
also noch von mir?“
[GEJ.11_016,13]
Sprach Ich: „Hier ist nicht der Ort, zu rechten; denn du weißt sehr wohl, um
was es sich handelt. Mir ist als Gottmensch gegeben alle Kraft der Himmel, und
nur deine Verstocktheit will Mich nicht erkennen, weil du noch immer hoffst,
die Gottheit doch zu besiegen, dich ihrer zu bemächtigen. Ihre große Langmut
legst du dir als Schwäche, ihre Liebe als Ohnmacht aus. Deine Scharen, welche
nun Selbst zu erretten Ich Mich einkleidete, willst du nicht fahren lassen und
suchst sie aufzustacheln, obgleich du weißt, daß dein Anhang nun schon sehr
geschwächt und geringer geworden ist. Es ist dir gelungen, die Gemüter zu
fangen und von der Erkenntnis abwendig zu machen. Das Bestehen des Heidentums
ist dein Werk. Trotz alledem aber sind alle deine Taten so gewendet worden, daß
die Gefallenen dennoch zu Mir geführt werden, – und das alles genügt dir
nicht?“
[GEJ.11_016,14]
Sagte Luzifer: „Die dir Zugefallenen warten nur meines Rufes, um
zurückzukehren. Gib mir Gelegenheit, es dir zu beweisen, wie schwach sie sind,
– und verliere ich, so will ich dich anerkennen! Gib mir Gewalt über deinen
Leib, lasse mich den inneren Menschen beschauen, der in dir lebt, und wir
werden sehen, wie wenig Göttliches an ihm haftet! Und auch diese hier kehren
zurück zu mir, dem sie angehören, wenn erst der Jesus dem Tode seinen Tribut
gezahlt hat!“
[GEJ.11_016,15]
Sagte Ich: „Was Ich Selbst einführe in Mein Reich, ist dir verloren für ewig.
Ich weiß es seit Anbeginn der Welt am besten, welche Wege zum Heile führen.
Doch wahre dich wohl, – dein Maß ist voll! Aus Liebe zu den Geschöpfen Meiner
Himmel und Erden kam Ich wieder und werde aus Liebe zu ihnen das Werk
vollenden, trotz deiner Hartnäckigkeit!
[GEJ.11_016,16]
Trotze nicht darauf, daß mit deiner Vernichtung auch die Vernichtung aller
Wesen besiegelt ist, die aus dir sind, und daß dadurch die Frist bedingt ist,
die auch dir stundet. Einst kommt die Zeit, wo du nicht nur entkleidet deines
Glanzes wie jetzt, sondern auch entkleidet jedes Wesens aus dir vor Mir stehen
wirst und sodann durch deine Vernichtung kein Geschöpf je mehr getroffen wird.
Sodann wirst du dich wieder zu entscheiden haben, – so du nicht vorziehst,
vordem freiwillig zu Mir zu kommen. Jetzt weiche von hinnen; denn Meine
Entschlüsse stehen fest, und Mein Wille geschehe!“
[GEJ.11_016,17]
Hierauf verschwand Luzifer. Ich aber segnete die um Mich gescharten Seelen,
stärkte sie und gebot ihnen, in ihre Leiber zurückzukehren.
17. Kapitel –
Die Enthüllung des Schöpfungs- und Erlösungsplanes.
[GEJ.11_017,01]
Notabene. Viele werden sich hier verwundern, weshalb Ich denn die Seelen Meiner
Jünger aus ihren Leibern berief, um sie so Zeugen dieser Szene sein zu lassen.
Das geschah aus zweierlei Gründen.
[GEJ.11_017,02] Einmal
sollten sie beim Erwachen kein Gedächtnis davon in ihr irdisches Leben mit
hinübernehmen, da dieses unnötig, ja schädlich für ihre weitere Entwicklung
gewesen wäre, – dann aber, weil nur die Seele in ihrem freien Zustande allein
imstande ist, ihre Vorstufen zu durchschauen. Es kam aber auf letzteres an,
damit diese Seelen Mich als ihren Herrn und Schöpfer völlig erkennen und bitten
konnten, sie zu schützen. Luzifer aber sollte erkennen, wie er seines Anhanges
entkleidet und immer machtloser würde.
[GEJ.11_017,03]
Es ist nun hier an der Zeit, zum Verständnis des Weiteren völlig klar
darzustellen, wer und was Luzifer sei, wie man ihn sich vorzustellen habe, und
wie ihn in jedem einzelnen Menschen zu besiegen möglich ist, da erst bei
rechter Klarlegung dieser wichtigsten Fragen es möglich ist, die Schöpfung,
Mein Darniederkommen, Mein Leiden und Sterben richtig aufzufassen. So höre denn
die Welt, völlig entkleidet jedes Bildes, das große Geheimnis Meines
Schöpfungs- und Erlösungsplanes!
[GEJ.11_017,04]
Als die Gottheit Sich durch Vorgänge, die euch stets geheimnisvoll bleiben
werden, gefunden und in Sich den schaffenden und alles umfassenden Weltengeist
erkannt hatte, da entstand in Ihr ein mächtiges Wogen und Drängen, und Sie
sprach in Sich: ‚Ich will Meine Ideen aus Mir herausstellen, damit Ich an
diesen erschaue, was Meine Kräfte vermögen!‘ Denn solange keine Tätigkeit
entsteht, kann die Gottheit Sich Selbst nur in geringem Maße erkennen. Erst an
Ihren Werken erkennt Sie Ihre Macht immer mehr und freut Sich daran (gleichwie
jeder Meister an seinen Produkten erst erkennt, was in ihm ruht, und seine
Freude daran hat).
[GEJ.11_017,05]
Sie wollte also schaffen und sagte Sich weiter: ‚In Mir ruhet alle Kraft der
Ewigkeiten; also schaffen Wir ein Wesen, das ausgerüstet sei mit aller Kraft
gleich Mir Selbst, jedoch so, daß es in sich trage die Eigenschaften, an denen
Ich Mich Selbst erkennen kann!‘ Und es ward ein Geist erschaffen, der
ausgerüstet wurde mit aller Kraft aus Mir, Meine in Mir ruhenden Kräfte beschaulich
der Gottheit vorzuführen.
[GEJ.11_017,06]
In diesem Geiste wollte die Gottheit Selbst den festen Punkt der eigenen
Wirksamkeit feststellen, gleichwie ein Mensch, welcher geht, in dem festen
Stützpunkt der Erde erst einen festen Punkt findet, seine Kraft wirken zu
lassen und sich fortzubewegen. Der Widerstand, den die Erde selbst bietet, ist
aber gerecht, ja, ist das Mittel, daß die Kraft eigentlich zum Vorschein kommt
und dadurch Fortbewegung geschieht. Diese abgegebene Kraft, welche in den neu
erstandenen Geist eingelegt wurde, war der Gegenpol, das heißt der gerechte
Gegensatz aller der Eigenschaften, die ihr als göttlich bezeichnet, welcher
deswegen aber nicht ungöttlich ist, sondern nur ermöglicht, das rechte Licht
der Erkenntnis zu verbreiten.
[GEJ.11_017,07]
Denn jede Eigenschaft muß nach zwei Seiten hin betrachtbar sein, wenn sie
vollkommen ist. Dort, wo beide Seiten in einem Punkt zusammenfallen, ist sodann
Meine Vollkommenheit zu finden. Absteigend und aufsteigend von diesem
Mittelpunkte verlieren sich die beiden in die Unendlichkeit.
[GEJ.11_017,08]
Betrachtet als Beispiel die Liebe, als das höchste Gesetz und die edelste
Eigenschaft im Mittelpunkt Meines Herzens! Es wird jeder leicht einsehen, daß
ein höchst liebevoller Mensch in seiner Liebe noch weiter gesteigert werden
kann; denn es wird leicht zu denken sein, daß schon auf eurer Erde es immer
noch einen Menschen gibt, der noch liebevoller ist. Und dennoch werdet ihr
bemerken, daß höchst liebevolle Menschen auch den gerechten Gegenpol in sich
haben, aus welcher Ursache sie auch imstande sind, aus Liebe und in
Berücksichtigung weiser Gründe mancherlei zu versagen, falls Wünsche, von
anderen gestellt, an sie herantreten, welche den Wünschenden nur zum Schaden
gereichen.
[GEJ.11_017,09]
Würde nun ein Wesen geschaffen, das auf diese Grenze gestellt ist, von wo aus
es sich frei entwickeln kann nach beiden Seiten hin, so ist leicht einzusehen,
daß es diese Fähigkeit der Versagung in sich immer mehr ausbilden kann, sich
damit immer mehr von der gerechten Grenze entfernt und sich schließlich bis in
die unendlichsten Tiefen des Gegenpols, das heißt also in die äußersten Härten,
verlieren kann. Ihr könnt euch also bei einem schlechten Menschen einen immer
noch schlechteren, liebloseren denken, der sich bis in die krasseste Entfernung
des Eigennutzes verliert.
[GEJ.11_017,10]
Wenn Ich nun ein Wesen schuf, das alle – wohlgemerkt – nur gerechten Pole
Meiner göttlichen Eigenschaften enthielt, so heißt das nicht: Ich entkleidete
Mich dieser völlig, so daß Ich als Gott nun gewisserart nur aus einer Hälfte
bestand, sondern nur: Ich schuf ein Wesen, das Ich auf diese betreffende Grenze
stellte, ausrüstete mit Meiner Allmacht, also durch dasselbe wirkte und nun
freistellte, sich zu entwickeln nach oben und unten. Und aus dieser
Machtvollkommenheit heraus ließ Ich es frei wirken.
[GEJ.11_017,11]
Dieses erste Licht der Erkenntnis – das ist also das Erkennen der Möglichkeit,
sich aufsteigend oder absteigend entwickeln zu können – sollte bewirken,
freiwillig in dem Mittelpunkte zu verbleiben, um von dort aus in engster
Verbindung mit dem göttlichen Urgeiste zu wirken und immer neue Wesen
selbstschöpferisch zu schaffen, damit Schöpfer und Geschöpf daran eine rechte
Freude und in dieser freudigen Tätigkeit eine erhöhte Seligkeit genieße.
[GEJ.11_017,12]
Wenn Ich euch nun sage, daß dieser erstgeschaffene Geist ‚Luzifer‘ (d.h.
Lichtträger) hieß, so werdet ihr jetzt auch begreifen, warum er so und nicht
anders hieß. Er trug in sich das Licht der Erkenntnis und konnte als erstes
Geistwesen die Grenzen der innergeistigen Polaritäten recht wohl erkennen. Er,
ausgerüstet mit Meiner völligen Macht, rief nun andere Wesen ins Leben, die
völlig ihm ähnlich waren, auch die Gottheit in sich empfanden und dasselbe
Licht der Erkenntnis in sich erbrennen sahen wie er, ebenfalls
selbstschöpferisch auftraten und ausgerüstet wurden mit aller Kraft Meines
Geistes. Jedoch wirkten in diesen besondere Kräfte Meines Urgeistes verteilt
hervorleuchtend, das heißt, sie wurden in ihrem Charakter entsprechend Meinen
sieben Haupteigenschaften, und so war ihre Zahl sieben.
[GEJ.11_017,13]
Hier ist nicht zu verstehen, als seien die betreffenden sechs anderen
Eigenschaften fehlend gewesen, weil sie einer entsprachen, sondern sie besaßen
in ihrem Wesen einen entsprechenden Zug, der sie als Träger einer besonderen
Eigenschaft befähigte und den sie vorzüglich entwickelten; denn schon in den
Uranfängen stellte Ich Meine Wesen unter die Notwendigkeit, nicht eines das
andere entbehren zu können, – das beste Mittel, gegenseitige Überhebung zu
vermeiden.
[GEJ.11_017,14]
Luzifer, wohl wissend, daß er in sich den Gegenpol Gottes vorstellen sollte,
vermeinte nun zu ermöglichen, die Gottheit gewisserart in sich aufsaugen zu
können, und verfiel in den Irrtum, als geschaffenes und damit endliches Wesen
die Unendlichkeit in sich aufnehmen zu können; denn auch hier galt das Gesetz:
‚Niemand kann Gott (die Unendlichkeit) sehen und dabei das Leben behalten‘,
demzufolge er das Wesen der Gottheit wohl empfinden, Ihre Befehle, solange er
im gerechten Mittelpunkt stand, hören, niemals aber Sie persönlich sehen
konnte.
[GEJ.11_017,15]
Wie nun das endliche Wesen niemals die Unendlichkeit begreifen kann und wird
und daher in diesem Punkte stets leicht in Irrtümer verfallen und bei absteigender
Bewegung in diesen verharren kann, so versank trotz aller Warnungen Luzifer
dennoch in den Wahn, die Gottheit aufnehmen und gefangennehmen zu können. Damit
verließ er den gerechten Standpunkt, entfernte sich aus dem Mittelpunkte Meines
Herzens und verfiel stets mehr und mehr in den falschen Wunsch, seine
Geschöpfe, die durch ihn, aber aus Mir entstanden waren, um sich zu versammeln,
um die mit Wesen aller Art bevölkerten Räume zu beherrschen.
[GEJ.11_017,16]
Es entstand nun ein Zwiespalt, das ist eine Trennung der Parteien, der
schließlich dazu führte, daß die Luzifer gegebene Macht von Mir zurückgezogen
und er mit seinem Anhang machtlos und der Schaffenskraft beraubt wurde.
[GEJ.11_017,17]
Es entstand naturgemäß die Frage: Was soll nun mit diesem Heere der Gefallenen
und wie tot, das heißt untätig Erscheinenden geschehen?
[GEJ.11_017,18]
Es ergaben sich da nur zwei Wege. Der erste Weg war: Luzifer mit seinem Anhange
zu vernichten, um sodann einen zweiten zu schaffen, der wahrscheinlich
demselben Irrtum unterworfen gewesen wäre, da ein vollkommenerer Geist, den Ich
frei hinausstelle, der demnach nicht abhängig von Meinem Willen war, nicht
geschaffen werden konnte. Maschinen zu schaffen, die willenlos ausführen, was
Ich befehle, war keine Schwierigkeit. Um aber das Licht der Selbsterkenntnis zu
erringen, war der bisherige Weg der einzige. Da aber durch, das heißt mittels
Luzifer auch die anderen, Mir treu verbliebenen Geister erschaffen wurden, so
gehörten sie in seine Sphäre. Eine plötzliche Vernichtung Luzifers hätte also
auch die Vernichtung aller Lebewesen bedeutet.
[GEJ.11_017,19]
Stellt euch einen Menschen vor, der Kind und Kindeskinder um sich geschart hat,
die allerdings von ihm als Mittler abstammen, aber ihr Leben doch eigentlich
Mir verdanken! Sollen dieses Menschen Taten, Gedanken, und so weiter für immer
vernichtet werden, so müssen doch auch seine Abkömmlinge vernichtet werden, da
sonst sein Andenken doch in ihnen fortlebt. Nur ein völliges Ausstreichen alles
dessen, was jemals mit ihm in irgendeine Berührung gekommen ist – gleichviel ob
dieses nun gut oder schlecht ist, die Vernichtung verdient hat oder nicht –,
würde ein völliges Vergessen ermöglichen.
[GEJ.11_017,20]
Wodurch aber hätte Luzifer, dessen Fall nur durch Irrtum geschehen war, folglich
also die Möglichkeit des Ablegens des Irrtums einschließt, dieses verdient?
Weshalb hätten die treu gebliebenen Wesen ihre Vernichtung verdient und
schließlich: Wo bliebe Meine Weisheit, wenn Ich nicht von Anbeginn die
Möglichkeit eines Abfalles erkannt und vorhergesehen hätte, daher eine
Wiederholung des Schöpfungsganges auszuschließen ist? Und vor allen Dingen: Wo
bliebe Meine Liebe, wenn diese nicht von einer Vernichtung abgesehen hätte,
vielmehr Mittel durch die Weisheit fände, die verlorenen Wesen zum Lichte der
Erkenntnis zurückzuführen, damit sie also in dem gerechten Gleichgewicht der
polaren Eigenschaften verbleiben?
[GEJ.11_017,21]
Es blieb also nur der zweite Weg übrig, den ihr in der materiellen Schöpfung
vor euch habt.
[GEJ.11_017,22]
Stellt euch einen Menschen vor, der durchaus nicht einsehen will, daß der König
des Landes ein mächtiger Herrscher ist, weil er von ihm zwar mit aller Kraft
und Vollmacht ausgerüstet ist, jedoch ihn selbst nie gesehen hat! Dieser
rebelliert gegen ihn und möchte sich selbst zum Könige aufschwingen. Der König,
um die ihm treuen Untertanen nicht verderben zu lassen, wird ihn ergreifen, ihn
seines Schmuckes berauben, aller Vollmacht entkleiden und in ein festes Gemach
werfen lassen, so lange, bis er zur Vernunft gebracht sein wird, und dasselbe
wird er mit den Anhängern tun. Je nachdem nun die Anhänger Buße tun und ihren
Irrtum einsehen, werden diese befreit werden und dem Könige, der sich ihnen nun
auch sichtbar gezeigt hat, fest anhangen.
[GEJ.11_017,23]
Dieses schwache, irdische Bild zeigt euch Meine Tat an; denn die Einkerkerung
ist die materielle Schöpfung. Jedoch müßt ihr zum Verständnis des Weiteren eure
seelischen Empfindungen erregen, da der menschliche Verstand zum Begreifen zu
kurz ist.
[GEJ.11_017,24]
Eine Seele ist zusammengesetzt aus zahllosen Partikeln, deren jedes einer Mir
entstammenden Idee entspricht, und kann, wenn sie einmal sich zusammengefunden
hat, nicht mehr anders werden, als sie ist, weil sie sodann dem Charakter
entspricht, den sie erhalten hat. Ein Kristall, wenn auskristallisiert, kann in
seiner Wesenheit nicht mehr geändert werden und kristallisiert entweder als
Rhomboeder oder Hexaeder, Oktaeder usw., je nachdem, welche Form seinem
Charakter, das heißt der Anhäufung der Partikel um seinen Lebensmittelpunkt,
entspricht.
[GEJ.11_017,25]
Soll da nun eine Änderung geschaffen werden, weil die Kristalle nicht ganz rein
ausgefallen sind, so müssen dieselben durch Wärme (Liebe) aufgelöst werden, um
sodann beim Erkalten des warmen Liebewassers, das gleichbedeutend ist dem
Freigeben ihres Willens, von neuem auszukristallisieren. Nun bilden sich wieder
neue, schöne Kristalle, und jeder vorsichtige Chemiker wird es verstehen,
möglichst schöne, klare und große Kristalle zu erzielen, die seinen Zwecken entsprechen.
[GEJ.11_017,26]
Seht, so ein Chemiker bin Ich! Ich löste die unrein gewordenen Kristalle
(Luzifer und seinen Anhang) auf in dem warmen Liebewasser und ließ diese Seelen
nun wieder neu auskristallisieren, damit sie klar würden. Daß das durch Aufsteigen
durch das Mineralreich und das Pflanzenreich bis zum Menschen geschieht, ist
euch bekannt. Da die Seele des Luzifer jedoch die gesamte materielle Schöpfung
umschließt, so muß auch diese sich in der Form des Menschen ausdrücken. So
vereinen sich auch stets alle Geistervereine in einer Person, die durch den
Leiter dieses Vereins ausgedrückt wird, und bilden das, was man dessen Sphäre
nennt. Ähnliches, welches dieses klar ausdrückt, gibt es im Materiellen nicht,
daher sagte Ich: Öffnet eure seelischen Empfindungen!
[GEJ.11_017,27]
Jetzt wird es euch auch klarer werden, daß Luzifer glaubt, er müsse so handeln,
wie es geschieht, damit die Materie hätte geschaffen werden können, – ein
Irrtum deshalb, da nicht die Materie der Endzweck Meiner Schöpfung ist, sondern
nur das freie Erkennen, Lieben und Begreifen der Gottheit das Ziel der aus Mir
gestellten Wesen ist, die Materie aber hierzu nur ein Notbehelf. Luzifer
bestand auf diesem zweiten Irrtum und verlor sich in den Enden seiner polaren
Eigenschaften, sich selbst belügend, dadurch die Materie erhalten zu müssen. Es
war ihm soviel Freiheit gegeben, die Materie durchdringen zu können, das heißt,
bewußt in sich zu beschauen, damit er als der urgeschaffenste Geist erkenne,
welches Leid er seinen Gefährten gebracht habe, und er dadurch zur Umkehr
geführt werde. Er tat dieses jedoch nicht, sondern wollte erst recht herrschen
als ein Fürst der Materie, die ihm gehöre. Er verdunkelte daher möglichst die
sich wieder ausbildenden Menschenkristalle, um sein Reich zu erhalten; denn der
Kampf mit Gott schien ihm groß, erhaben und das Leben erhaltend.
[GEJ.11_017,28]
Die Menschenkristalle, welche ebenfalls wieder zur Erreichung des Zweckes
freigestellt werden mußten, konnten sich ihm zuneigen oder Mir und fielen
allerdings zu Lebzeiten vielfach in seine Netze. Siehe das Heidentum, in dem er
sich als König und seine polaren Eigenschaften, die ebenfalls größte Weisheit
in sich bergen, als Götter verehren ließ!
[GEJ.11_017,29]
Man wird nun fragen: Warum ließ Ich solches Treiben zu? Unverständlich bleibt
es, wenn man nicht das Endziel betrachtet, und das ist freiestes Selbsterkennen
in Gott.
[GEJ.11_017,30]
Wenn ein großer Volksführer sich in Verkehrtheiten gefällt und seine Anhänger
mit sich fortreißt, wie kommt man da am schnellsten zu dem Ziel, allen das
rechte Licht zu bringen? Sicher, wenn der Volksführer selbst von seinen
Verkehrtheiten abläßt; denn die Anhänger werden ihm schnellstens folgen. Sucht
man ihm aber die Anhänger einzeln abwendig zu machen, so lange, bis er allein
dasteht, so wird das Ziel weit mehr hinausgeschoben.
[GEJ.11_017,31]
Bei Mir heißt es nun allezeit, an den Kern gehen, und wenn dieser nicht
geändert werden kann, sodann den Umweg einschlagen!
[GEJ.11_017,32] Da
nun während der Gefangenschaft – denkt jetzt an das Bild des Königs – der stete
Vorwurf gemacht wurde: ‚Könnte ich den König sehen, so würde ich an ihn
glauben!‘, so wurde dadurch Meine Menschwerdung bedingt; erstens für die
Gefallenen und zweitens, um den Nichtgefallenen die Gottheit persönlich
sichtbar zu machen und so ihren Glauben zu krönen.
[GEJ.11_017,33]
Hier liegt das Geheimnis Meiner Menschwerdung, welche die Materie durchbrechen
mußte, die sonst immer härter und härter werden mußte, falls Luzifer sich immer
mehr in die Härten des Gegenpols verlor. Meine Menschwerdung gebot daher einen
Halt und zeigte genau den Weg zur Loslösung von dem Götzendienst und der
Verehrung der polaren Eigenschaften und mußte nun auch den Beweis liefern, daß
erstens der Tod überwunden werden kann – durch welchen die Menschen an die
Materie und deren Genüsse gebunden wurden – als das Höchsterreichbare, und
zweitens, daß das Leben nicht in der Materie, sondern im Geiste geschieht und
erstere nur ein Gefängnis des letzteren ist.
[GEJ.11_017,34]
Daß Ich Mir das geeignetste Land, Volk und Familie vorbereitete, wo der sichere
Erfolg Meines Opfers stattfinden konnte, da andernfalls Luzifer Mich hätte
besiegen können, ist selbstverständlich, und die Geschichte des jüdischen Volkes
beantwortet die Frage, wo das geschehen mußte.
18. Kapitel –
Die Vision des Ebal.
[GEJ.11_018,01]
Als die Jünger aus ihrer Art Betäubung erwachten, wunderten sie sich alle,
plötzlich so fest eingeschlafen zu sein, und sie fragten Mich nun, was denn mit
ihnen eigentlich vorgegangen wäre.
[GEJ.11_018,02]
Ich sagte ihnen: „Kümmert euch dessen nicht; denn noch vielerlei wird
geschehen, wo ihr dieselbe Frage stellen werdet, ohne daß sie auch alsogleich
beantwortet werden kann! Doch zur rechten Zeit wird euch auch der rechte
Aufschluß werden.“
[GEJ.11_018,03]
Es war aber unter den Mir Nachfolgenden auch ein Jude, namens Ebal, der Meine
Lehre völlig in sein Herz aufgenommen hatte und allereifrigst bemüht war,
seinen Geist zu wecken. Dieser hatte vermöge seines Vorlebens, welches ihm
größere Seelenfähigkeiten verliehen hatte, die Gabe des Zweiten Gesichtes, das
heißt die Gabe, zukünftige oder vergangene Begebenheiten in sich erschauen zu
können.
[GEJ.11_018,04]
Dieser trat zu Mir und sagte (Ebal): „Herr und Meister! Meine Seele erschauert
stets im Schmerz, wenn ich in ruhigen Stunden Dich mir vergegenwärtige. Ich
sehe sodann dunkle Bilder vor mir auftauchen, welche Grauenhaftes mir
anzudeuten scheinen. Oftmals habe ich Zukünftiges geschaut und Vergangenes;
aber niemals fühlte ich diesen Schmerz, als wenn ich an Dich denke und an die
Bilder, welche mir im Geiste vorschweben.“
[GEJ.11_018,05]
Redete Ich: „Sage, Mein lieber Ebal, was für Bilder du erschaust, damit auch
diese wissen, was deine Seele empfindet!“
[GEJ.11_018,06]
Sagte Ebal: „Herr ich sehe die Pforten des Himmels geöffnet, und helles Licht
strahlt mir entgegen aus den unermeßlichen Tiefen der Schöpfung. Und eine
Stimme sagte zu mir: ‚Siehe, das ist das Licht der Welt, das zu den Menschen
hinabgestiegen ist und nun Wohnung bei ihnen genommen hat!‘
[GEJ.11_018,07]
Und weiter sah ich Dich wandeln, und Du wurdest hell bestrahlt von diesem Licht
und völlig von ihm durchleuchtet, und in Deinem Herzen sah ich eine Flamme
erglühen, welche immer heller ward. Und je mehr Helligkeit diese Flamme
ausstrahlte, um so mehr verschwand das Licht, das von außen strahlte.
[GEJ.11_018,08]
Sodann sah ich eine dunkle Gestalt sich nahen, welche bemüht war, das Licht in
Dir zu verdecken; und bei diesem Bemühen erblickte ich die Scharen der Himmel,
welche angstvoll auf diesen Vorgang heruntersahen. Und siehe, je mehr die
Gestalt bemüht war, Dich mit Finsternis zu umkleiden, um so mehr erstrahlte das
Licht in Dir, und schließlich stürzte sie, von dem heftigsten Lichtglanze
geblendet, vor Dir nieder. Du aber berührtest die dunkle Gestalt, welche wie
tot nun zu Deinen Füßen lag, und sagtest zu ihr: ‚Selig sind alle Sünder,
welche Buße tun, und es ist keine Sünde so groß, daß sie nicht vergeben werden
könnte, wenn der Sünder bittet in Meinem Namen! So bitte auch du, damit dir
vergeben werden kann!‘
[GEJ.11_018,09]
Und ich sah weiter, daß Deine Hände und Füße durchbohrt waren und aus Deinem
Herzen ein Blutstropfen floß. Die zu Deinen Füßen liegende Gestalt sog diesen
Blutstropfen in sich auf und gewann nun Leben und wurde immer heller und
heller, bis auch sie schließlich im hellsten Glanz erstrahlte. Da tönte eine
Stimme durch den Himmelsraum: ‚Sehet, Ich habe Meinen Sohn ausgesandt, daß Er
den Verlorenen Mir wiederbringe, und Er scheute sich nicht, zu sterben, auf daß
Er mit Seinem Herzblut den Geschwächten erquicke und belebe! Heil Ihm, denn nun
nehme Ich Wohnung völlig in Ihm; denn Wir sind eins geworden für ewig!‘
[GEJ.11_018,10]
Als diese Stimme verklungen war, kam ich wieder zu mir. Diese selbe dunkle
Gestalt aber sah ich vorhin neben mir stehen, mich höhnisch anlächelnd, als
wolle sie mir etwas sagen und dann verschwinden.
[GEJ.11_018,11]
Sage mir doch, Herr und Meister, was das alles bedeutet; denn so herrlich auch
dieses anzusehen war, so empfinde ich doch, wie schon gesagt, allzeit einen
tief inneren Schmerz dabei, der mich oftmals unfähig macht, zu denken oder zu
empfinden!“
[GEJ.11_018,12]
Sagte Ich: „Ebal, wenn deine Seele fühlt, was in den kommenden Tagen geschehen
wird, so bangt sie auch gleichzeitig vor den Geschehnissen, deren Endziel sie
nicht ergründen noch fassen kann! Das bedrückt sie sodann sehr, nimmt sie
mächtig gefangen für alle diese ihr unverständlichen Eindrücke, die sie doch
lösen möchte und nicht kann, weil ihr eben das Verständnis fehlt, und sie fühlt
dann Schmerz ebenso wie ein Gefesselter, der gegen seine Fesseln sich wehrt und
von diesen zu befreien sich bemüht. Suche in deinem Herzen die Liebe zu Gott
mehr zu entfachen als bisher! Mache dich ruhig in deinem Herzen und lausche auf
die Stimme deines Geistes, so wird dir alsbald in der rechten Erkenntnis und
Geduld ein scharfes Messer gegeben werden, das diese Fesseln durchschneidet!
[GEJ.11_018,13]
Alle aber, welche veranlagt sind wie du und dadurch imstande sind, ihre Seele
weit aus sich auszudehnen, so daß sie das Zukünftige, welches bereits anfängt
seine Schatten zu werfen, aufnehmen und das Vergangene in sich erregen und
beschaulich machen können, sollen vor allen Dingen sich in Geduld und Ruhe
üben, damit das Geschaute auf sie keinen Druck ausübe, sondern völlig
verstanden werden möge!
[GEJ.11_018,14]
So ist es auch mit dir, und bald wird die Zukunft selbst dir zeigen, was an
deinem Gesichte Wahres ist!
[GEJ.11_018,15]
Jetzt aber lasset ab von allen Gesprächen und gönnet euren Leibern die noch
notwendige Nachtruhe, die unter dem freien Sternenzelt in dieser reinen
Bergesluft besonders wohltätig und stärkend ist; denn morgen steht uns eine
große Arbeit bevor, äußerlich zwar nur für Mich, aber innerlich für euch alle,
zu der ihr völlig bereit und gestärkt sein müsset!“
[GEJ.11_018,16]
Ebal entfernte sich von Mir, und alle Anwesenden lagerten sich auf dem moosigen
Erdboden, der ihnen eine weiche Lagerstätte bot. Bewacht von Meinem Geiste
schliefen sie in dem weiten Vaterhause ruhig und süß wie die Kindlein, zum
letzten Male unter der unbedingten Fürsorge Meines Willens; denn von diesem
Tage an begann die Zurückziehung Meines Mußgesetzes in äußerer Hinsicht von
ihnen, so daß nach Maß ihres erlangten Glaubens zu Mir auch die Widersacher
Gewalt über sie erlangen könnten und sie nunmehr geübt werden konnten im
selbsttätigen Sinne, anstatt stets umflossen zu sein von Meiner persönlichen
Gottesmacht, die sie, ihnen unbewußt, auch schirmte und mit allem versah, ohne
daß sie sich darum zu kümmern brauchten. Von jetzt ab sollte sich zeigen, wie
weit Meine Lehren und Taten sie gereift und selbständig gemacht hatten.
19. Kapitel –
Der Herr hält Einkehr bei Rael.
[GEJ.11_019,01]
Als anderen Tags alle erwachten, fühlten sie sich sehr gestärkt; aber dennoch
war ihnen auffallend, daß jeder eine eigentümliche seelische Leere und
Unabhängigkeit empfand, die sich namentlich darin ausprägte, daß Meine Jünger
über verschiedene Fragen untereinander disputierten, anstatt wie sonst deren Beantwortung
Mir zu überlassen. Das war das erste Zeichen der nunmehrigen Selbständigkeit
und freien Entschließung ihrer ferneren Wege, das sich an ihnen geltend machte
und sich bei Petrus, trotz seiner großen Liebe zu Mir, späterhin bis zur
Verleugnung steigerte.
[GEJ.11_019,02]
Wir verließen alsbald das Tal, welches uns Schutz für die verflossene Nacht
gewährt hatte, und das der Schauplatz eines so bedeutenden Ereignisses geworden
war, und wandten uns nun nordwestwärts bis zu einem kleinen Orte mehr nordöstlich
von Jerusalem, namens Rimmon.
[GEJ.11_019,03]
Kaum waren wir in denselben eingetreten, als ein Mann auf Mich zutrat und mit
bittender Stimme – sich erst als einen Abgesandten der Schwestern des Lazarus,
Martha und Maria, zu erkennen gebend – Mich flehentlich ersuchte, eilends nach
Bethanien zu kommen, da Lazarus heftig erkrankt sei und seine Schwestern um des
Bruders Leben in Angst seien. Er erzählte weiter, daß er bereits seit zwei
Tagen hier warte, und daß gleich ihm viele Boten ausgesandt seien, Mich zu
suchen, da Ich stets um diese Zeit Lazarus zu besuchen pflegte, und daß er um
seines Herrn willen sich freue, Mich gefunden zu haben.
[GEJ.11_019,04]
Ich antwortete dem Knechte: (Joh.11,4) „Die Krankheit ist nicht zum Tode,
sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn dadurch geehrt werde.“
[GEJ.11_019,05]
Der Knecht nahm diese Worte als ein sicheres Zeichen, daß Ich seinen Herrn
heilen würde, und bat Mich dringend, sogleich zu kommen, damit sein Herr nicht
lange leiden müsse, und er eilte sodann nach Bethanien zu den harrenden
Schwestern, die freudige Kunde zu bringen.
[GEJ.11_019,06]
Ich aber wandte Mich zu den Jüngern und sagte ihnen: „Wir wollen suchen, eine
Herberge für uns zu finden, damit wir rasten mögen; denn es eilet nicht so sehr,
nach Bethanien zu ziehen.“
[GEJ.11_019,07]
Da fragte Mich Petrus: „Herr, ist denn der Lazarus schon gesund geworden?“
[GEJ.11_019,08]
Antwortete Ich ihnen: „Nein aber er soll gesund werden, und da ist es nötig,
daß er zuvor ablege, was an ihm unrein ist, gleichwie ihr ablegen müßt alles
Unreine, ehe ihr eingehen könnt in das Reich Meines und eures Vaters.“
[GEJ.11_019,09]
Die Jünger fragten nun nicht mehr weiter; denn sie waren es schon gewohnt und
hatten einsehen gelernt, daß Meine Verordnungen stets die richtigen waren.
[GEJ.11_019,10]
Wir gingen nun durch das Städtchen, das eigentlich mehr ein größeres Dorf
genannt werden konnte, hindurch bis zum anderen Ende desselben, welches nach
der Straße gen Jerusalem zeigte, und gelangten zu einem Hause, welches, umgeben
von einem Garten, recht abgelegen und anmutig dalag. Der wohlgepflegte Garten
zeigte, daß sein Besitzer zu den wohlhabenderen Leuten zählte und sich
anscheinend hier einen Ruhesitz, abgeschieden von der lärmenden Welt,
ausgesucht hatte.
[GEJ.11_019,11]
Wir standen vor dem Hause und betrachteten dessen liebliche Lage, als ein
Knecht aus demselben heraustrat und im Namen seines Herrn uns freundlich
aufforderte, näher zu treten und, falls es uns beliebe, Herberge bei ihm zu
nehmen.
[GEJ.11_019,12]
Ich wurde ihm als Führer der Gesellschaft bezeichnet und sagte zu ihm: „Sage
deinem Herrn, daß Der, den er schon lange erwartet, gekommen sei, um Wohnung
bei ihm zu nehmen!“
[GEJ.11_019,13]
Der Knecht entfernte sich, und wir traten zunächst in den Vorgarten des Hauses.
Nicht lange währte es, so kam derselbe Knecht wieder zu uns heraus und bat uns,
ihm zu folgen. Er führte uns in ein geräumiges, saalartiges Gemach, das nach
damaliger Sitte reich ausgestattet war mit Teppichen und mancherlei Kunstwerken
und sofort den Reichtum des Besitzers verriet.
[GEJ.11_019,14]
Alsbald erschien dieser selbst, gestützt auf einen Diener. Es war ein schon
sehr alter Mann, von ehrwürdigstem Aussehen und geschwächt von der Last des
Alters. Sein Anblick erfüllte unsere ganze Gesellschaft mit größter Ehrfurcht;
denn aus seinem Antlitz leuchtete der Frieden, und sein ganzes Wesen zeigte die
ehrwürdige Hoheit eines alten Patriarchen, ungefähr wie sich ein jeder das Bild
eines der Erzväter ausmalte.
[GEJ.11_019,15]
Freundlich begrüßte er uns und entschuldigte sich, daß die Last seiner Jahre –
denn er zähle deren schon hundertzwanzig – ihn verhindert habe, uns sogleich zu
empfangen, und daß wir diese Unhöflichkeit ihm als nicht beabsichtigt nachsehen
möchten.
[GEJ.11_019,16]
Als er (Rael) Mich nun näher anblickte, geriet er in eine große Verwunderung
und sagte: „Rabbi, dich sah ich in dieser Nacht im Traum! Du riefest mir zu:
‚Rael, Ich komme zu dir, da du nach Mir verlangst, und dein Haus soll durch
Mich gesegnet werden!‘
[GEJ.11_019,17]
Und siehe, jetzt geht mein Traum in Erfüllung! Wer bist du, lieber Meister, und
wer sind diese Leute, die zu dir zu gehören scheinen?“
[GEJ.11_019,18]
Sagte Ich zu ihm: „Ich bin Der, den du erhoffst und seit Jahren erwartest; Der,
den du bereits kennst, und der dir fremd geworden ist, weil Jahre dazwischen
liegen, seitdem du Mich zuerst gesehen!“
[GEJ.11_019,19]
Erwiderte Rael: „Rabbi, mein Gedächtnis ist schwach geworden. Ich weiß, daß ich
dich schon gesehen außer meinem Traum, und dennoch finde ich nicht in mir die
Zeit, wann es geschehen. Doch darüber zu sprechen ist noch Zeit. Ich bitte,
sehet dieses Haus als das eure an und ruhet! Meine Diener sollen euch als meine
sehr lieben Gäste bedienen, als wäret ihr meine wahren Brüder.“
[GEJ.11_019,20]
Rael beorderte nun sogleich seine Leute, um Wasser zum Fußwaschen zu bringen
und ein Mahl anzurichten. In einem geräumigen Speisesaal wurde alles
hergerichtet, und in kürzester Zeit saßen wir bei Brot und Wein, erfrischt am
Körper, in behaglichster Stimmung in dem reich ausgestatteten Saale unseres
ehrwürdigen Wirtes.
20. Kapitel –
Rael erzählt seine Lebensgeschichte.
[GEJ.11_020,01]
Als wir nun bei Tische saßen, fragte Rael wiederum, wo er Mich denn eigentlich
schon gesehen habe; denn er könne sich nicht erinnern, wann dieses doch
geschehen sei.
[GEJ.11_020,02]
Sagte Ich ihm: „Und dennoch ist es dir hell ins Herz geschrieben, nur getraust
du dich nicht, deinen heißesten Wunsch mit einem irdischen Menschen in
Verbindung zu bringen. Würdest du uns aber nicht selbst sagen, was in deinem
Herzen als heißester Wunsch lebt?“
[GEJ.11_020,03]
Sagte Rael, der Mir zur Seite saß: „Rabbi, der Wunsch eines jeden echten
Israeliten ist, daß der Gesalbte des Herrn darniedersteige aus den Himmeln zu
uns und Wohnung nehme unter uns Menschen, wie die Propheten es verkündet haben.
Meine Tage sind gezählt, und weit überschritten meine Jahre die Anzahl, die
sonst dem Menschen gewährt werden. Ich habe in dieser Gnade Gottes stets ein
Anzeichen gesehen, daß es mir noch vergönnt sein würde, Den zu sehen, der uns
verheißen ist, der da einziehen wird in die Stadt Davids und thronen wird in
Zion als mächtigster Fürst. Siehe, Rabbi, daß diese Tage sich erfüllen mögen,
ist der heißeste Wunsch, der mir im Herzen ruht, und so habe ich ihn dir und
hier diesen Deinen denn kundgetan!“
[GEJ.11_020,04]
„Ganz recht“, sagte Ich dem Rael, dessen Antlitz beim Aussprechen dieses seines
Herzenswunsches in frommer Gläubigkeit geradezu glänzte, „aber sage uns doch
auch, ob du jemals Anzeichen gefunden, daß die Tage, wo Gott Sein Volk
heimsuchen wird, nahe herbeigekommen sind?“
[GEJ.11_020,05]
Sagte Rael: „Rabbi, ich würde nicht mehr leben, wenn ich das nicht ganz gewiß
wüßte. Siehe, ich bin weit in der Welt herumgekommen und habe gesucht, mir auch
ferneres Wissen anzueignen, als nur das, was der Tempel gestattet! Unsere
Satzungen verbieten zwar, daß wir uns auch mit fremden Lehren befassen sollen;
aber in jungen Jahren war ich eine Art Freigeist, der wenig darum fragte, was
erlaubt und nicht erlaubt war. Erlaubt schien mir alles, was mir gefiel. Und da
ich von Haus aus reich war und sehr früh in den ausschließlichen Genuß meines
Reichtums kam durch den frühen Tod der Eltern, so wollte ich reisen, in der
Hoffnung, dadurch meine Kenntnisse zu erweitern und mir eine Stellung bei dem
Volke zu schaffen, die von größerer Bedeutung wäre als die eines
Schriftgelehrten, der nie weit über die Stadtmauer Jerusalems hinausgekommen
ist.
[GEJ.11_020,06]
Schon früher – es sind schon ganze hundert Jahre her – war das Volk des Herrn
nicht mehr in der rechten Glaubensfestigkeit, die jetzt weit mehr noch
erschüttert ist, und schon in meiner Jugendzeit ging ein Ahnen, daß nun bald
sich erfüllen müsse, was die Propheten vorhergesagt. Meine Ungeduld wuchs aber
immer mehr, als ich sah, daß die Freiheit des Volkes verlorenging und
schließlich Pompejus das Land und die heilige Stadt eroberte. Es steht mir noch
vor Augen, wie der römische Befehlshaber eindrang in das Heiligtum, und wie das
Volk erwartungsvoll den Tempel umstand, wartend, des Höchsten Zorn müsse auf
des Heiden Haupt niederschmettern, der das Heiligtum entweihe. Doch nichts
geschah!
[GEJ.11_020,07]
Zwar der Römer ward durchdrungen von der Heiligkeit des Ortes, und scheu wich
er zurück aus dem Allerheiligsten; doch der Zorn des Höchsten ward nicht
ausgegossen auf sein Haupt und Roms gewaltige Macht.
[GEJ.11_020,08]
Auch der Retter, der Messias, kam nicht zu Seinem Volk.
[GEJ.11_020,09]
Da faßte mein Herz ein tiefer Unglauben, und ich beschloß, dem verheißenen Land
mich abzukehren. Das ganze Gebiet von Griechenland, Kleinasien und Italien
hatte ich bereits durchwandert, und ich beschloß, dort zu forschen nach der
rechten Erkenntnis, wo unser Volk so lange geknechtet ward – in Ägypten. Moses
sollte eingeweiht gewesen sein in alle Weisheit der Priester des Ägyptenlandes;
ich wollte suchen, die gleiche Weisheit zu erlangen.
[GEJ.11_020,10]
War es früher fast unmöglich und nur unter allergrößter Ausdauer und Fürsprache
des Königs möglich, in den Tempel und zu den Mysterien einzudringen, so ist es
doch jetzt bei weitem nicht so schwierig; denn die ägyptische Geheimlehre ist
ebensosehr ein käufliches Ding geworden, wie viele andere seltene
Handelsartikel. Dem Strebenden wird aber von der echten, alten Weisheit jetzt
so gut wie nichts beigebracht; denn die Priester verstehen selbst nicht mehr,
was sich unter ihren Bildern verbirgt, und leiten in ihren Mysterien nur noch
einen hohlen Formelkram, ebenso wie in unserm Tempel auch die Form den
geistigen Kern überwuchert hat.
[GEJ.11_020,11]
Nur wenige echte, wahre Priester – seltene Edelsteine des wahren, alten Kultus
– leben noch ganz zurückgezogen in einzelnen Gegenden Ägyptens, teils
verspottet und verlacht als Sonderlinge von den eigenen Gefährten, teils als
heilige Männer verehrt vom Volke und den Priestern. Doch sind diese in Wahrheit
weder das eine noch das andere, sondern nur treue Bewahrer des uralten,
erhabenen, wahren Glaubens, die übrigblieben als Zeugen eines hohen
Geisteslebens, von dem die jetzige Welt keine Ahnung hat.
[GEJ.11_020,12]
Ich hatte das Glück, mit einem solchen Manne zusammenzutreffen. In Theben
kaufte ich mich ein zum Dienste des Horus. Dort lebte im Tempel ein alter
Weiser, noch scheu und ehrfurchtsvoll verehrt vom Priesterstande. Ihm ward der
Geist der Weissagung und des offenen geistigen Auges in Stunden heiliger
Verzückung. Und da alles genau eintraf, wie es ihm der Geist offenbarte, so
stand er im höchsten Ansehen.
[GEJ.11_020,13]
Ihm verdanke ich allein, was ich weiß; denn jener ehrwürdige Mann liebte mich und
sagte mir einst, ich würde noch schauen Den, den er nicht mehr, als wie nur
durch mich, erschauen werde. ‚Der Geist der Weisheit steigt hernieder, gesandt
von der ewigen Liebe, und wird ausstreuen das hellste Licht. Isis wird klagen
dann um den erschlagenen Gatten, doch der ewige Sohn wird die Herrschaft
übernehmen vom Throne des Vaters. Dann bricht eine neue Zeit heran. Der
Erdkreis wird stürzen und eine neue Welt entstehen, bis abermals der Sohn,
ausgerüstet mit aller Kraft, das große Totengericht halten wird und scheidet,
was da ist gerecht und ungerecht.‘
[GEJ.11_020,14]
So sprach damals der Weise zu mir, und ich verstehe nun recht wohl, was er
damit andeutete.
[GEJ.11_020,15]
Zwölf Jahre blieb ich ein Schüler dieses seltenen Mannes, der einzige, dem er
volles Vertrauen schenkte. Eines Tages sagte mir der Weise, er fühle seinen
baldigen Tod und wünsche, daß ich bewahre, was er mich gelehrt. Es gäbe nur
einen Gott, und Ihm allein diene, was da erschaffen worden. Doch die Gottheit
habe beschlossen – so sei ihm kundgeworden –, Ihre Geschöpfe überselig zu
machen, indem Sie Selbst Sich einkleiden würde ins Fleisch und niederkäme als
Mensch, die Wege des Heils zu zeigen allen, die diese Wege wandeln wollen.
Jedoch sei es noch eine kurze Zeit, so werde damit auch ein großes Gericht
verbunden, damit die Wege offenkundig daliegen auch der dunklen Macht der
Finsternis, die zu verderben suche, was die Liebe aufbaut, trotzdem auch ihr
diese Wege gelten. Drum sei es gut, wenn ein jeder Einkehr halte in sich, damit
er nicht getroffen werde vom Gericht. Diese Einkehr aber sei: Gott über alles
zu lieben, die von Ihm ausstrahlenden Kräfte zu achten, aber nicht als Götter
zu verehren, damit die Irrwege vermieden würden. Nicht lange würde es dauern,
so würde das Gericht eintreten und alle Götter stürzen.
[GEJ.11_020,16]
Ich mußte ihm schwören, festzuhalten an dem einen Gott meiner Väter; denn Er
sei Derselbe, den auch er gefunden: kein Gott der Rache, wie Er oft gescholten
wurde, sondern ein Gott der Liebe, der nicht wüte und strafe, sondern nur oft
ein Halt den Völkern gebieten müsse, damit sie sich nicht ganz verderbten, –
der oft die Leiber verderben müsse, als einziges Mittel, die Seelen zu retten.
‚Siehe, der Geist sagte mir – und meine Augen haben es gesehen –, daß dein Land
auserkoren ist, das große Wunder zu bewahrheiten! Dort wird geschehen, was der
Jetztzeit und späteren Geschlechtern stets unbegreiflich bleiben wird, weil es
göttlich ist und mit menschlichen Begriffen nicht zu fassen sein wird!‘
[GEJ.11_020,17]
So sprach mein Lehrer und Führer im geistigen Mysterium der Urreligion des
ägyptischen Volkes, das eigentlich – recht verstanden – nur in anderer Form
dieselben Wahrheiten enthält, die auch in unseren Satzungen zu finden sind.
[GEJ.11_020,18]
Bald darauf starb er, und ich kehrte zurück in die Heimat, um jene große Zeit
zu erwarten. Mir wurde in hellen Träumen offenbart, daß ich noch Zeuge
derselben sein würde, fand es jedoch bald für gut, mich zurückzuziehen aus den
Kreisen der Templer und Schriftgelehrten; denn daß von dort das Heil nicht
kommen würde, wurde mir nur zu sehr offenbar. Inmitten derer, die an Gott
selbst nur so weit glauben, als es ihr eigener Vorteil zuläßt, kann der
erhoffte Messias unmöglich erscheinen, oder es müßte ein Messias der Großen, Reichen
und Vornehmen allein sein, nicht aber ein Beglücker des Volkes!“
21. Kapitel –
Der Herr erinnert Rael an die Vergangenheit.
[GEJ.11_021,01]
Sagte Ich: „Hast du denn nie eine Ahnung gehabt, Rael, wer denn als der
erhoffte Messias herniedersteigen wird oder es schon ist?“
[GEJ.11_021,02]
Sagte Rael, indem er Mich lächelnd ansah: „Meister, du und die Deinen sind in
mein Haus getreten, ohne daß ich fragte: ‚Wer seid ihr?‘ Man soll
Gastfreundschaft üben ohne Ansehen der Person, damit dem Vornehmen oder Armen
gedient werde aus reiner Nächstenliebe. Bevor ich dir jedoch diese Frage
beantworte, müßte ich denn doch erst so eine kleine Ahnung haben, wer ihr seid.
[GEJ.11_021,03]
Siehe, ich bin alt und möchte in Ruhe zu meinen Vätern eingehen! Verzeihe
daher, wenn ich vorsichtig bin, um nicht durch ungezügeltes Reden meinem
Haupte, das in Jerusalem nicht gern gesehen ist, Ungelegenheiten zu bereiten,
die auch dem Alter erwachsen können durch voreiliges Öffnen der innersten
Gedanken!“
[GEJ.11_021,04]
Sagte Ich: „Wenn Ich aber nun hier vor allen diese deine innersten Gedanken
offenbarte, würdest du dann auch fürchten, von uns verraten zu werden?“
[GEJ.11_021,05]
Sagte Rael: „Rabbi, wenn du das könntest, so müßtest du eine hohe
Vervollkommnung des Geistes erlangt haben, durch die derselbe sodann imstande
ist, das Geistige durch das Materielle hindurch zu erschauen, und dann wäre ein
unedles Tun deinerseits, das mir Ungelegenheiten bereiten könnte, völlig
ausgeschlossen; denn hohe geistige Fähigkeiten können nur erlangt werden, wenn
der Mensch das Unedle ablegt. Deine Begleiter sind dann aber auch sicherlich
als deine Jünger dir ähnlich. Sage mir also meine innersten Gedanken, so du das
kannst!“
[GEJ.11_021,06]
Sagte Ich: „Rael, dir ist nicht nur bekannt, daß der Messias nicht ein König
der Juden sein wird, wie Ihn diese als einen äußerst mächtigen und irdisch
streitbaren Helden erwarten, damit Er sodann alle Völker unterjoche und jeden
einzelnen Israeliten womöglich zu einem kleinen König für sich mache, der über
soundso viele Sklaven herrsche, sondern du weißt auch, daß Sein Reich darin
bestehen wird, daß Er die Seelen rette und einführe in Sein Friedensreich, das
nicht von dieser Welt, sondern drüben in der Ewigkeit fest begründet ist. Alles
dieses hat dir jener Weise Ägyptens, namens Sarne, genauest bewiesen.
[GEJ.11_021,07]
Als du vor nunmehr zweiundzwanzig Jahren im Tempel einstens warst, hast du
zugehört und zugesehen, wie dort ein zwölfjähriger Knabe nicht nur durch seine
Weisheit, sondern auch durch seine Wunderkraft alle in Erstaunen versetzte. Du
verhieltest dich ganz ruhig unter den Zuschauern und wundertest dich sehr, wie
die gar so blinden Pharisäer und Schriftgelehrten nicht merkten, wer denn
hinter diesem Knaben verborgen war. Dir hatte es der Geist sogleich zu erkennen
gegeben, daß hier der erwartete Messias leibhaftig vor jedermanns Augen stehe,
und daß es eben nur eines solchen allerdicksten Hochmutes und einer solchen
Seelenblindheit der sich für gelehrt haltenden Leviten und Schriftgelehrten
bedürfe, um den Wald vor Bäumen nicht zu sehen.
[GEJ.11_021,08]
Du hast den Knaben auch stets in seiner Entwicklung verfolgt. Du hast dir sogar
Mühe gegeben, seinen armen Eltern durch deine Bekanntschaften Arbeit zu
verschaffen, um zu tun, was in deinen Kräften stand. Zwar sagtest du dir, daß
dort, wo die Gottheit wohne, deine Hilfe nicht vonnöten sei, doch wolltest du
dich wenigstens guten Sinnes zeigen.
[GEJ.11_021,09]
Dann, als das Alter dich immer mehr ans Haus fesselte, so daß du dasselbe
jetzt, außer den kurzen Gängen nach deinem Garten, seit Jahren nicht mehr
verlassen hast, hast du doch stets durch andere dir Berichte zutragen lassen.
[GEJ.11_021,10]
Seit drei Jahren nun, wo ein Prophet erstanden ist, der Jesus von Nazareth
heißt, weiß nun niemand genauer als gerade du, daß dieser ebenderselbe Knabe
ist. Und niemand in ganz Israel ist auch mehr überzeugt als du, daß Jesus ist
Christus, der wahrhaft Gesalbte Gottes. Diese deine innerste Überzeugung
auszusprechen wagst du aber nicht aus den von dir selbst angegebenen Gründen. –
Und nun sage, ob Ich recht gesprochen habe!“
22. Kapitel –
Des Herrn Rede über Verdienst.
[GEJ.11_022,01]
Rael, der bei Erwähnung des zwölfjährigen Knaben Mich immer aufmerksamer
betrachtete, sagte, nachdem Ich geendet hatte, anfangs nichts, sodann aber
ergriff er Meine Hand, drückte diese an sein Herz und, Mir liebevoll ins Auge
schauend, sprach er mit gerührter Stimme: „Herr, so habe ich doch nicht
vergebens auf Dich gewartet, sondern meine Augen haben Dich wahrhaft gesehen! O
Du liebevollster Vater, wie beglückst Du Deinen schlechten Diener! Jetzt wirst
Du diese schwere Bürde meines Körpers mir sicherlich bald abnehmen, damit mein
Geist ganz in Deinem Lichte stehe und erschaue Deine große Herrlichkeit, die
sich verhüllt hat in eines Menschen Kleid. Jetzt begreife ich erst wahrhaft die
Worte: ‚Gott ist Mensch, und des Menschen Sohn regiert die Welt. Gott hat
Seinem Sohne die Macht gegeben im Himmel und auf Erden, und die Völker können
nicht anders selig werden als durch Ihn!‘
[GEJ.11_022,02]
So lauteten einige derjenigen Lehren, welche mir hinterbracht und von den
Hörern stets mißverstanden wurden, daher mir diese auch als Beweise für die
Unrichtigkeit der neuen Lehre mitgeteilt wurden.
[GEJ.11_022,03]
Hier aber ist es ja völlig klar, daß Gott wahrhaft Mensch geworden ist in Dir
und Dir alle Macht gegeben hat, Seinem Sohne, als Körper- und Seelenmensch,
während der ureigene Geist eben der Vater ist. O Herr, wodurch habe ich denn so
große Gnade verdient, daß Du mein Haus durch Deine Gegenwart also heiligst?“
[GEJ.11_022,04]
Sagte Ich: „Rael, möchtest du lieber, Ich sei vorübergegangen? – Diese letzte
Redensart war völlig unnötig, weil Ich schon weiß, wen Ich, und wann Ich ihn zu
seinem Heile aufsuche, und es kann da von einem Verdienst gar keine Rede sein;
denn noch jederzeit bin Ich ohne ein solches, lediglich durch die Liebe, die
Mich anzieht, zu den Menschen gekommen. Bin Ich aber einmal da, so frage man
nicht so aus einer Art irdischer Höflichkeit, sondern freue sich ob Meiner
Einkehr!
[GEJ.11_022,05]
Ich weiß sehr wohl, wie es in deinem Herzen aussieht, und daß du wahrlich eine
große Liebe zu Mir und große Freude wegen Meines Hierseins hast; aber Ich sehe
es nicht gern, wenn die Menschen nun allzusehr, nachdem sie Mich einmal erkannt
haben, nach den eigentlichen Gründen Meines Kommens fragen und dieses dann als
Belohnung irgendeines Verdienstes ansehen.
[GEJ.11_022,06]
Siehe da alle Meine Jünger an! Wodurch haben denn diese es verdient, daß Ich
stets in ihrer Nähe bin und sie einweihe in alle Geheimnisse der Himmel? Ich
sage dir: durch gar nichts! Sie haben Liebe zu Mir, und diese Liebe bindet sie
an Meine Person freiwillig. Und würde diese Liebe erkalten, so würden sie sich
ebenfalls freiwillig von Mir abwenden, um irgendwelchen Dingen nachzugehen,
wohin ihre Liebe, die sie Mir abwendig machte, zieht. Keinesfalls aber liegt
irgendein Verdienst vor, welches sie erst würdig macht, in Meiner Gegenwart zu
bleiben. Daher habe Ich auch stets gesagt: Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig
und beladen seid, damit Ich euch die Lasten abnehme! Ich verlange nichts, als
daß ihr Mich liebet dafür, und Ich werde euch sodann alle erquicken. Wer aber
trotz seiner großen Sündenlast nicht freiwillig zu Mir kommt, der wird Mein
Angesicht nie schauen können; am allerwenigsten aber wird er durch auch noch so
edle Taten, ohne Liebe im Herzen, sich ein Verdienst erringen, das Mich zwingt,
Mich ihm zu nähern.
[GEJ.11_022,07]
Siehe, Ich sage dir das alles, Rael, damit der letzte Rest einer Philosophie,
welche dir gebietet, Verdienste zu sammeln, um dadurch geistig
vorwärtszukommen, in das rechte Licht gerückt werde, und damit du weißt, daß
alle Verdienste, ohne Liebe zu Mir, ein Nichts sind! – Nun aber lassen wir
das!“
23. Kapitel –
Raels Besitztum.
[GEJ.11_023,01] Darauf
stärkte Ich den Rael, so daß er, der über diesen anscheinenden Vorwurf
innerlich ganz zerknirscht war, alsogleich fröhlichen Gemütes wurde und nur
eine herzliche Freude wegen Meiner Gegenwart empfand und alle unnötige
Skrupelei verbannte.
[GEJ.11_023,02]
Gleichzeitig erhielt aber auch sein Körper die nötige Kraft, um ohne jede Hilfe
der Diener sich bewegen zu können. Und dieses ihn durchströmende Kraftgefühl
versetzte ihn in eine so hohe Glückseligkeit, daß er mit beredten Worten
nochmals ein Zeugnis gab, wer Ich sei, und alle Anwesenden ermahnte,
einzustimmen in Mein Lob. Ich verbat Mir dieses, wie schon früher, aus den
bekannten Gründen und forderte nun alle auf, das sehenswerte Grundstück des
Rael zu besichtigen, da hieraus eine Menge Anregungen für jedermann entstehen
würden.
[GEJ.11_023,03]
Wir gingen nun durch die verschiedenen Zimmer des Hauses, das nach außen, nach
der Landstraße hin, sich durch nichts von der gewöhnlichen jüdischen Bauart
unterschied, im Innern jedoch, und namentlich nach dem vor neugierigen Blicken
abgeschlossenen Garten hin, völlig griechische Stilart zeigte. In den Zimmern
sah man eine Menge griechischer, römischer, ägyptischer und indischer
Kunstgegenstände, welche, geschmackvoll aufgestellt, den Zimmern ein sehr
vornehmes und behagliches Aussehen verliehen, so daß viele Meiner Jünger,
welche niemals in solchen herrlich ausgestatteten Räumen gelebt hatten, sich
nicht genug verwundern konnten. Es war weniger der Reichtum, der sich
breitmachte, als der vollendetste künstlerische Geschmack, der sich überall
zeigte und einen überaus harmonischen Eindruck hervorbrachte.
[GEJ.11_023,04]
Dasselbe war im Garten zu bemerken, der vollständig wie ein römischer,
wohlgepflegter Mustergarten eingerichtet war, mit Statuen, Springbrunnen und
Laubgängen geziert, nur daß alles unter dem Einfluß des Spätherbstes
beträchtlich gelichtet aussah. Die Meinen hatten bei Lazarus wohl auch schöne
und reiche Anlagen des Hauses sowie der Umgebung gesehen, doch war dort die
Nützlichkeit deutlich hervorstechend, hier nur die künstlerische Wirkung, die
beachtet wurde.
[GEJ.11_023,05]
Es entspann sich nun erst einzeln, dann allgemeiner eine Unterredung über die
Frage, ob bei Verfolgung geistiger Ziele es vor Mir gerecht sei, gleichzeitig
so augenscheinlich mit der Welt und ihren Schätzen zu liebäugeln, oder ob es
nicht vielmehr verwerflich sei, sich mit solchem Luxus zu umgeben, der doch
offenbar nur eine Augenlust bedeute und leicht die Tätigkeit der Seele
einschlummern lassen könnte. Diese Frage zu erörtern, war aber der Grund,
weswegen Ich die Meinen aufgefordert hatte, das Besitztum Raels zu beschauen,
der augenscheinlich eine große Freude daran hatte, daß auch Ich mit
Aufmerksamkeit seinen Reden zuhörte, als er sich bemühte, die Schönheit
einzelner, besonders vollendeter Statuen hervorzuheben und deren künstlerische
Ausführung zu beloben. Meine Jünger wunderten sich sehr über diese
Aufmerksamkeit, die so ganz im Gegensatz stand zu Meinem früheren Vernichten
der Götterstatuen, die auch nicht unkünstlerisch gefertigt waren.
[GEJ.11_023,06]
Als wir aber nun vor einer Statue des Apollo standen, die sich in einer Nische
der den Garten umgebenden Mauer befand und, umgeben von Gebüschen, in den
schönen Linien sich hell von dem dunklen Hintergrund abhob, hatte ihre Verwunderung
keine Grenzen; denn sie meinten, daß dieses Götzenbild, wie schon früher
andere, in Meiner Gegenwart sich zu Staub verflüchten müsse.
[GEJ.11_023,07]
Noch ärger aber wurde die Sache, als wir in eine kleine Rotunde traten, in der
sich eine ganze Götterversammlung befand, – alles Kunstwerke allerersten
Ranges, die dem tempelartig gehaltenen Raum einen ungemein künstlerisch
erhabenen Eindruck verliehen durch die Gruppierung und geschmackvolle
Ausstattung. Hauptsächlich den früher orthodoxen Juden waren diese Bilder ein
Greuel; denn in der Gegenwart des Jupiter, Mars, Apollo, der Venus, Minerva und
Ceres und gar des Pluto erschien ihnen Meine Anwesenheit unmöglich. Daß Ich
aber den Erklärungen des Rael, der Mir die Künstler nannte, von denen die Bildwerke
stammten, lauschte, als ob Mir das völlig unbekannt wäre, war ihnen völlig
unbegreiflich. Alle jedoch fühlten, daß etwas Besonderes Meinem befremdlichen
Benehmen in diesem Hause zugrunde liegen müsse, und schwiegen, neugierig, was
denn bei diesem Meinem absonderlichen Interesse herauskommen würde.
[GEJ.11_023,08]
Nachdem Rael uns alle seine Schätze, die mit genauen Ausführungen über Herkunft
und Alter begleitet wurden, gezeigt hatte, traten wir in den Saal zurück und
nahmen unsere früheren Plätze wieder ein.
24. Kapitel –
Eine Rede des Herrn über die Kunst.
[GEJ.11_024,01]
Meine Jünger gaben nun unverhohlen ihre Verwunderung über die eigentümliche
Einrichtung von Haus und Garten Ausdruck, die ihnen der eines jüdischen Weisen
doch unziemlich schien, so daß Rael sich zu entschuldigen anfing, indem er
darauf hinwies, daß seine vielen Reisen ihm oftmals Gelegenheit geboten hätten,
die Kunstfertigkeit fremder Völker zu bewundern, und daß es doch nur diese sei,
von der er wenige Beispiele in seinem Hause aufgestellt habe, unbeschadet
dessen, daß diese Gegenstände Darstellungen böten, die den heidnischen
Götterkultus vorführten. Es sei aber das Schöne, nicht der verkörperte Gedanke,
dem er huldige oder doch nur so huldige, daß dadurch sein Glaube an einen Gott
nicht verletzt werde.
[GEJ.11_024,02]
Es entstand nun ein Gegengerede, daß dies gefährlich und nicht mit den
Satzungen Mosis zu vereinigen sei, der den Verkehr mit den Heiden verboten und
das Festhalten an den alten, herkömmlichen Gebräuchen geboten habe.
[GEJ.11_024,03]
Schließlich fragte Rael Mich, sagend: „Herr und Meister, sage Du mir, ob ich
Unrecht getan habe, daß mein Haus also eingerichtet ist, wie Du es nun gesehen
hast, und sei versichert, ich selbst werde der erste sein, der alle diese
Kunstwerke, an denen sich mein Auge erfreut hat, vernichtet, sowie Du mir
sagst, es sei ein Unrecht!“
[GEJ.11_024,04]
Sagte Ich ihm: „Da kannst du ganz ruhig sein; denn wäre es ein Unrecht, so wäre
bereits alles vernichtet! Denn dort, wo Ich weile, kann das Unrecht nicht lange
bestehen. Du hast aber selbst gesehen, daß Ich deine Freude an diesen Werken
teilte und dich bisher nicht tadelte.“
[GEJ.11_024,05]
Nun wandte Ich Mich zu den Jüngern und fuhr fort: „Ihr aber, wann werdet ihr
anfangen, gerecht zu urteilen, nicht aus euch heraus, sondern aus Meinem
Geiste? Wißt ihr doch, daß Ich keine Freude daran habe, so nur nach bestimmten
Wertsatzungen gehandelt wird! Handelt und urteilt nach den Satzungen des
innersten, wahrsten Geistes, der in euch gelegt ist, und meinet nicht, daß das,
was gegen eure Sitte, nun auch gegen Gott sei!
[GEJ.11_024,06]
Gott hat anderen Völkern sehr wohl erlauben können, was euch verschlossen
bleiben mußte, um Sein Volk tüchtig zu erhalten zu dem, was jetzt als reife
Frucht vorliegt. Wenn aber die Frucht vom Baum gelöst sein wird, so wird es am
Baume selbst liegen, ob er eine neue zeitigen wird; denn er ist jetzt stark
genug geworden, so daß er der Hilfe des Gärtners entbehren kann und selbst sich
forthilft. Hat doch dieser alles getan, was zu tun möglich war! Wird aber der
Baum faul und träge, so wird eben dieser Gärtner ihm die Axt an die Wurzel
legen.
[GEJ.11_024,07]
Alle Völker sind zu vergleichen mit einem Fruchtbaum, der aber stets
verschieden behandelt werden muß nach der Eigenart des Volkes.
[GEJ.11_024,08]
Moses gab den Juden die Gesetze und strengen Satzungen und Verbote, sich anders
zu beschäftigen als mit dem inneren Sinn des Wortes Gottes. Wer berufen ist,
den geistigen Kern zu bewahren nicht nur für diese Erde und deren Bewohner, sondern
für die ganze Schöpfung, muß wohl verwahrt werden nach außen; denn wer nach
außen strebt, kann nicht gleichzeitig Schlüsselbewahrer sein.
[GEJ.11_024,09]
Die Juden waren von jeher zähen und eigensinnigen Charakters. Dieses sind aber
diejenigen Eigenschaften, welche dazu eignen, Bewahrer des göttlichen Wortes zu
sein, damit es so unverletzt als möglich erhalten bleibe. Andere Völker, die
dieses Zuges entbehrten, hatten auch andere Berufe und waren trotzdem nicht vor
Gottes Auge verworfen, ebensowenig wie Hände und Füße von dem Menschen
verachtet werden können, weil sie nicht gleich dem Herzen Bewahrer des
innersten Lebens sind, sondern vielmehr auch hochgeachtet sind, da ohne diese
Organe sein Leben doch nur ein mangelhaftes sein würde.
[GEJ.11_024,10]
Wer daher denken würde, daß es vor Gott ein Greuel ist, anders zu leben,
geistig und leiblich, als wie es ein Volk tut, das offenbar in Seiner
deutlichsten Führung steht, ist sehr im Irrtum. In späteren Zeiten, wo der
Unterschied der Völker immer mehr verschwinden wird, wird es soweit kommen, daß
die nebeneinanderwohnenden Menschen grundverschieden leben und dennoch Meinem
Herzen gleich nahestehen können. Es soll sich aber da keiner über den andern
ärgern.
[GEJ.11_024,11]
Ihr sehet daraus, daß Rael ruhig in der Gemeinschaft seiner Kunstwerke und in
seinem prächtig eingerichteten Hause leben und Meinem Herzen gleichwohl sehr
teuer sein kann; denn er sieht das alles an, ohne daß sein Herz daran hängt. Er
betrachtet nur mit Dankbarkeit die geistige Fähigkeit, die von Mir in den
Menschen gelegt wurde und zu solcher Kunstfertigkeit sich entwickelt, daß es
andere Menschen auch erfreut.
[GEJ.11_024,12]
Würde er mit der Statue des Jupiter oder einer sonstigen Gottheit auch die
Verehrung vor dem Götzen verbinden –, oder sonst irgend jemand in diesem Hause,
so wären sie vernichtet worden, damit jeder hier sehe: Es gibt nur einen Gott!
So aber ist das nicht der Fall. Rael und seine Hausgenossen stehen in dem
vollen Glauben zu Mir und erfreuen sich an diesem allem nur aus Freude an der
reinen Kunst.
[GEJ.11_024,13]
Warum soll Ich aber vernichten, was doch auch von Mir indirekt dadurch
geschaffen wurde, daß Ich die Fähigkeit dazu in den Menschen legte, solange er
einen rechten Gebrauch davon macht? Denn glaubet Mir, alles das, was ihr Kunst
nennet, ist von Gott aus sehr weisen Gründen in das menschliche Herz
hineingelegt worden, wie ihr leicht einsehen werdet!
[GEJ.11_024,14]
Ebensowenig wie ein untergeordnetes Tier, das nur eine begrenzte Intelligenz
besitzt, imstande ist, ein Kunstprodukt durch Überlegung zu schaffen,
ebensowenig ist das der Mensch imstande, wenn er seine geistigen Fähigkeiten
nicht zu entwickeln sucht.
[GEJ.11_024,15]
Ihr wißt sehr wohl, daß ein Kulturvolk am leichtesten nach seinen
Kunsterzeugnissen zu beurteilen ist; denn diese geben nach außen ein Bild von
dem, was sich in der Seele des Volkes, in seinem Empfinden, Denken und Handeln
abspiegelt. Je mehr dasselbe fortschreitet in dem Losringen der Seele vom
materiellen Genuß, desto wirklich vollendetere Kunstwerke wird es schaffen
können. Selbstverständlich ist es auch imstande, seine Kunstprodukte jeder Art
zur Sinnlichkeit benutzen zu können. Dann aber werden diese auf den reinen
Beschauer keinen erhebenden Eindruck, sondern einen abstoßenden hervorbringen.
[GEJ.11_024,16]
Nie aber werden Kunstprodukte von dem Standpunkt des Schönen aus erreicht
werden können, wenn in der Seele des Künstlers nicht die Fähigkeit vorliegt,
sich in reinere Sphären aufzuschwingen, das heißt mit geistigem Auge zu
schauen, um selbst etwas zu schaffen. Wie er das Geschaute verwertet, steht in
seinem freien Willen. Fortschreiten, um stets Vollendeteres zu geben, kann er
jedoch nur, wenn er die Wege des vor Mir gerechten Schaffens einschlägt.
[GEJ.11_024,17]
Salomo hätte nie den Plan des Tempels entwerfen können, wenn er nicht im Geiste
so frei gewesen wäre, um mit innerem Auge den Abglanz eines rein himmlischen
Bauwerkes zu erschauen und danach in dem viel angestaunten Tempel ein schwaches
Abbild dessen zu geben, was in Meinem Reiche jedem in der Fülle sichtbar ist.
Denn nichts kann weder auf Erden noch in den Himmeln von Menschen oder Geistern
geschaffen werden, was nicht in der großartigsten Fülle in Gott zu finden ist
und damit auch in Seinen Werken. Wo irgend sich ein Abbild befindet, muß ein
geistiges Original vorhanden sein, ebenso wo ein Schatten ein Gegenstand, der
den Schatten wirft.
[GEJ.11_024,18]
Da aber Gott unendlich ist und in Ihm alles Gute und Schöne und Erhabene, so
wird auch nie, geistig genommen, ein Ende sein können, wo es nicht noch etwas
Schöneres gibt.“
25. Kapitel –
Die Menschenform und ihre Erlösung.
[GEJ.11_025,01]
(Der Herr:) „Gott Selbst aber wollte auch ein Ziel, das heißt, eine Norm setzen,
die vollendet in sich ist, so daß aus ihr alle unteren und höheren Formen
abgeleitet werden können, und so schuf Er die Menschenform als Ausgangspunkt
einer auf- und absteigenden Linie.
[GEJ.11_025,02]
Betrachtet ihr die Menschenform, so könnt ihr die Tierform daraus ableiten, und
betrachtet ihr die Embryonen der Tierformen und des Menschen, so gleichen sie
sich im Anfangsstadium völlig und entwickeln sich nach ihrer Seelenintelligenz
erst zu dem Geschöpf, das werden soll. Diese anfängliche Gleichheit ist aber
auch gleichzeitig der Beweis, daß in jedem Embryo das Bestreben liegt, die
Menschenform zu erreichen, da es sonst nicht dieses selbe Aussehen hätte.
Gehindert daran wird es nur durch die noch nicht genug hochstehende Seele,
welche diese Entwicklung zu besorgen hat.
[GEJ.11_025,03]
Im Menschen selbst liegt aber nun diejenige Form, welche von den griechischen
Künstlern schon längst als die harmonischste, das heißt die in allen ihren
Teilen gleichmäßig zueinander veranlagte, erkannt worden ist.
[GEJ.11_025,04]
Es sind in ihr aber nur die Linien angedeutet, welche innegehalten werden
müssen, um zweckmäßig als Körper zu dienen, – das heißt nun wieder: Arme,
Beine, Kopf, Rumpf bilden ein Ebenmaß, das der Erhaltung des Körpers entspricht
und auch dem Empfinden des Seelenmenschen.
[GEJ.11_025,05]
Aus dem Betrachten des menschlichen Körpers allein wird jemand ganz leicht die
Begriffe schaffen können, ob ein Gebäude zu hoch, zu breit, zu schmal gebaut
ist, – was nicht möglich wäre, wenn in ihm nicht die Form gegeben ist, die
maßgebend auch für andere Dinge und Geschöpfe sein muß.
[GEJ.11_025,06]
In der rein geistigen Welt nun bilden sich aber, je nach dem Fortschreiten der
Seele, diese Formenmaße bis zur genauesten Harmonie aus, so daß hier die wahre
Schönheit erst recht sichtbar ist. Wer reinen Geistes ist, kann daher in einer
Schönheit erstrahlen, die euch geradezu vernichten würde; denn diese ist nur
ein Ausdruck der innersten, reinsten Vollkommenheit.
[GEJ.11_025,07]
Da jedoch das höchste Gut, außer der Liebe zu Gott, noch die Demut ist, so
verschmähen die Geister sehr oft dieses strahlende Äußere und verbergen diese
äußere Hülle unter dem Mantel der liebevollen Demut, gleichwie auch Ich als
Gott Selbst das Fleisch des Menschen anzog, um einesteils den Geschöpfen den
Weg zu zeigen, den sie zu wandeln haben zur Freiwerdung der Seelen, andernteils
aber auch aus einem Grunde, der in der Erlösung der Form liegt, weswegen Ich
auch gekreuzigt werde.
[GEJ.11_025,08]
Ihr seht also, daß in dem Sicherfreuen an der Schönheit und dem Streben der
Künstler nach dem Schönen nichts Unrechtes liegt, sondern daß das Empfinden für
alles, was schön ist, auch ein Gradmesser sein kann für die Entwicklung der
Seele, – stets vorausgesetzt, daß dieses Streben sich in den gerechten Bahnen
bewegt. Habt ihr das verstanden?“
[GEJ.11_025,09]
Sagten Meine Jünger: „Ja, Herr und Meister, das wohl, wenn das auch ganz anders
klingt, als was wir bisher von Dir vernommen haben! Jedoch begreifen wir jetzt
immer mehr, welch ein inniger Zusammenhang zwischen Materie und Geist besteht.“
[GEJ.11_025,10]
Sagte Rael zu Mir: „Herr und Meister, Du sagtest, daß Du der Erlösung der Form
wegen gekreuzigt werden würdest. Wie ist denn das zu verstehen? Doch nicht, daß
Du wahrhaft am Kreuze den Tod des Verbrechers erleiden wirst?!“
[GEJ.11_025,11]
Sagte Ich: „Mein lieber Rael, lasse dich das jetzt nicht kümmern; denn darüber
wirst du noch klarst unterrichtet werden, sondern wisse nur, daß, da Ich die
Menschen zu erlösen niederkam, diese Erlösung nicht nur geistig, sondern auch
ganz grob materiell geschehen wird, weil, wie die Jünger soeben sagten, Materie
und Geist innig zusammenhängen und erstere erst aus letzterem entstanden ist!
Der Geist will aber in der ersteren untergehen; daher muß die Materie gesprengt
und, um errettet werden zu können, wieder geistig werden. Und das ist die
Erlösung der Form, die auch nach bestimmten Gesetzen nur vor sich gehen kann,
widrigenfalls die Gottheit Ihre bisherige Schöpfung vernichten müßte, während
Sie sie doch erhalten und erlösen will. – Doch, wie gesagt, lassen wir das
jetzt, es wird dir das noch alles sonnenklar werden, zwar nicht hier, sondern
drüben in Meinem Reiche!“
26. Kapitel –
Die Macht der Liebe.
[GEJ.11_026,01]
Sagte darauf Rael: „Herr und Meister, diese Verheißung erfüllt mich mit großer
Freude, weiß ich doch, wer sie mir gibt, und daß sie darum auch ganz gewiß in
Erfüllung gehen wird. Darum frage ich auch nicht weiter, sondern überlasse
alles Deiner Liebe und Barmherzigkeit.
[GEJ.11_026,02]
Doch etwas anderes dürfte zu fragen mir wohl erlaubt sein!? Du sagtest, daß das
Kunstverständnis ein Maßstab sei für den geistigen Fortschritt der Völker,
insofern dadurch ihr geistiges Auffassungsvermögen bekundet wird. Sicherlich
haben die Griechen und auch durch diese die Römer einen hohen Grad erlangt in
der Freude am künstlerischen Schaffen; trotzdem ist aber doch nicht zu leugnen,
daß ihre Sitten nicht auf der Höhe des reinen, sittlichen Empfindens stehen.
Wie ist denn nun dieses mit Deinen Worten zu vereinigen?“
[GEJ.11_026,03]
Sagte Ich: „Ich habe euch gesagt, daß der Mensch die offene Seele, welche ihn
erst befähigt zur Aufnahme rein künstlerischen Schaffens, auch ebensogut
verkehren kann. Ist die Seele erst befähigt, Eindrücke zu empfangen, so kann
sie diese nach Belieben verwerten, – doch wird ein rein tierischer Mensch
niemals ein ideales Kunstwerk schaffen. Auch die Empfänglichkeit, Böses
anzunehmen, bedingt ein Offensein der Seele. Und von dem Augenblick an, wo sich
ein Sünder, der sich bisher mit Liebe in allerhand Sinnlichkeiten stürzte,
durch den Willen aufrafft, um seine böse Liebe zu vernichten, kann in
ebendemselben Maße die wahre Liebe einziehen und wirken. Wäre das nicht, so
gäbe es keine plötzlichen Bekehrungen, die ihr schon selbst im Leben beobachtet
habt an Meiner Seite; denn es kommt hier allemal auf die Kraft der Liebe an,
gleichviel, ob sie böse oder gut ist. Wie sie beschaffen ist, erkennt man
alsbald an ihren Werken.
[GEJ.11_026,04]
Darum soll aber nie einer seinen Bruder, der in der bösen Liebe noch befangen
ist und durch die Kraft derselben selbst böse Werke tut, verdammen und
schelten, sondern nur bemitleiden und durch seine eigene, gerechtere Liebe zur
Umkehr zu bewegen suchen; denn ein solcher Schelter weiß nicht, ob Ich nicht
einen kräftigen Willenserreger zur Unterstützung sende, wodurch der anscheinend
Verlorene schnellstens seine böse Liebe in gute verwandelt und nun geistig
gerechter vor Mir dasteht als der Schelter selbst.
[GEJ.11_026,05]
Würde Ich Mir um den verlorenen Sohn solche Mühe geben, wenn Ich nicht wüßte,
wie groß und allumfassend seine Liebe ist, die sich jetzt verkehrt hat, aber
wieder zu Mir hingewendet werden kann? Nur deswegen, weil dieser Umschlag im
Handumdrehen bei jedem gefallenen Geiste und Menschen eintreten kann, geschieht
es auch, daß der Vater Seinen Söhnen nicht flucht, sondern sie bemitleidet, mit
Liebe lockt, ja Selbst sie aufsucht, damit sie den Weg ins Vaterhaus finden
mögen!
[GEJ.11_026,06]
Welche Liebe und Geduld aber dazu vonnöten ist, könnt ihr leicht ermessen, wenn
ihr die ungeheure Größe der Weltbosheit und Verworfenheit betrachtet, die
gerade jetzt in diesem Lande ihren Höhepunkt erreicht hat, damit die göttliche
Liebe als Gegengewicht und als die stärkere Macht all die gesamte Bosheit
verschlinge und in sich vernichte. Eine kleinere Macht kann aber keine größere
in sich aufnehmen, wenigstens nicht geistig, sondern nur eine größere kann die
schwächere umarmen und schließlich in sich schadlos verlieren machen, wie es
auch geschieht.
[GEJ.11_026,07]
Was aber nun die Griechen und auch die Römer betrifft, so werden diese Völker
ebensowohl untergehen, wenn sie die geistigen Eigenschaften, die sie erhalten,
allzusehr zum Wohlleben und Kitzel der Sinnlichkeit ausnutzen. Es wird da an
rechtzeitigen Mahnungen nicht fehlen. Aber kümmern sie sich nicht darum, so muß
ein solches Geschwür am Körper ausgebrannt und oft unter großen Schmerzen
herausgeschnitten werden, damit der Körper erhalten bleibe.
[GEJ.11_026,08]
Ich kann dir aber sagen, daß die Völker bis jetzt noch nicht die Festigkeit in
sich gefunden haben, sich dauernd rein in sich zu erhalten. Diese Festigkeit
kann erst durch langsame Zucht und durch mühsame Erziehung erlangt werden.
[GEJ.11_026,09]
Ich, ihr Lehrmeister, bin aber herabgestiegen, um ihnen die besten Wege zu
weisen. Und weil Ich der Lehrmeister und Weltenweiser bin, so wird auch das
Ziel ganz sicher erreicht werden, – allerdings auf Wegen, die den
Fleischmenschen verkehrt vorkommen werden, den schon im Fleische geistig
Geweckten und den reinen Geistmenschen jedoch leicht verständlich sein werden.“
[GEJ.11_026,10]
Sagte Rael darauf: „Herr, was Du uns da kundgetan, ist ganz gewiß sehr wahr und
richtig, und niemand kann daran irgendwie zweifeln, da Du, als der Herr, Selbst
es uns erklärst und kundgibst. Aber es ist da eine besondere Frage, die ich mir
schon oft vorgelegt habe und nie beantworten konnte, und diese ist: Warum sind
denn nun die Juden eigentlich das berufene Volk, und warum bist Du denn hier
gerade niedergekommen?
[GEJ.11_026,11]
Ich selbst als Jude bin jedenfalls sehr glücklich darüber, ein Sproß dieses
beglückten Volkes zu sein; anderseits kann ich aber in meinem freigeistigen
Gemüte mir auch nicht verhehlen, daß heutzutage gerade die Juden, trotz ihrer
Erwartung des Messias, weitaus den ungeeignetsten Boden bieten dürften zur
Ausbreitung irgendeiner geistigen Seelenlehre, wie Du sie bietest. Dafür
dürften die Römer und Griechen, die doch längst durch ihre Philosophie
kundgegeben haben, wie sehr sie nach etwas Besserem schmachten, als ihre Götterlehren
bieten, weit eher geeignet sein. Auch dürfte zum Beispiel von Rom aus eine weit
schnellere Verbreitung Deiner Lehren zu erhoffen sein als von dem verstockten
Jerusalem. Den Juden dürfte wohl anders, als mit der äußersten Machtstellung,
die sie sicher wünschen, nicht gedient sein, und alle wahre Seelenerkenntnis
ist ihnen feil um den Preis, Jerusalem mit Rom vertauscht zu sehen.
[GEJ.11_026,12]
Dir in Deiner Allwissenheit ist das doch gewiß schon lange vor Deinem
Herniedersteigen bekannt gewesen! Was ist da wohl der ureigenste Grund,
weswegen Du trotzdem dieses undankbare Volk erwählt hast?“
27. Kapitel –
Über Geist- und Weltmenschen.
[GEJ.11_027,01]
Sagte Ich: „Rael, ganz sicher habe Ich gewußt, wie wenig Wirkung Ich mit Meiner
Lehre hier ausrichten werde, und Meine Worte haben das auch oft genug
bestätigt. Da Ich aber auch in Meinem Geiste, das ist als der Vater in Mir,
noch viel weiter hinaus als über die Zeiten dieses Volkes sehe, so kann Ich
auch genau erkennen, daß dieser Weg der einzig richtige ist. Der ureigentliche
Grund aber liegt in weit tieferen Geheimnissen der Schöpfung, als ihr überhaupt
ahnet. Und diese euch zu erklären, bin Ich hier in dein Haus gekommen; denn
alle diese, die hier jetzt in Meiner Nähe sind, stehen in engster Beziehung dazu
und müssen schon bei Lebzeiten durchschauen können, wohin sich denn alles
zieht, damit sie in rechter Weise das Feld weiterhin beackern, das Ich ihnen
zuweisen werde.
[GEJ.11_027,02] Und
so höret denn: Es ist euch allen doch schon längst bekannt, daß es Menschen
gibt, die ein inneres, in sich verschlossenes Leben führen, und solche, welche
nach außen streben, sich um das Innere, den Geist, gar nicht oder wenig
kümmern, sondern nur danach trachten, wie sie eine möglichst glorreiche Rolle
vor ihren Mitmenschen spielen.
[GEJ.11_027,03]
Wenn ihr dieses betrachtet, so müßt ihr zugestehen, daß es ein Streben nach
außen und ein Streben nach innen gibt – Geistmenschen und Weltmenschen. Beides
Streben gibt, da es vorhanden und demnach vom Gottesgeiste eingesetzt ist,
einen Mittelpunkt, in dem sich beide Arten berühren und gerecht vor Mir, dem
Vater, sind. Beide Bestrebungen können sich aber auch von diesem Mittelpunkt
oder besser von dem Ruhepunkt Meines Erschaffens entfernen und sodann in
Verkehrtheiten verstricken.
[GEJ.11_027,04]
Soweit diese beiden Bestrebungen gerecht vor Mir sind, sind sie zu vergleichen
mit einer Frucht, welche in sich den lebensfähigen Samen trägt, um sich aber
die ernährende, dem Menschen zuträgliche und ihn speisende Hülle. Jede Frucht
zeigt aber zunächst die zum Genuß anreizende äußere Form, und erst der Kluge
versteht es, den inneren Samen zu sammeln und einzupflanzen und auf diese Art
mit Mühe und Arbeit sich neue, fruchttragende Bäume und Sträucher zu ziehen.
[GEJ.11_027,05]
Seht, so wie schon die Natur euch lehrt, daß vorgegangen wird, den
Körpermenschen zu ernähren, so geschieht es auch mit dem Geistmenschen! Es muß
eine Frucht geschaffen werden, die Samen und genießbare Speise darbietet. Da
aber diese Speise nicht nur den Menschen allein zukommt, sondern auch dem
ganzen Universum, so müssen da auch ganz besondere Wege eingeschlagen werden.
Da aber weiter den Menschen der freie Wille gegeben worden ist, so können sie sich
auch von dem gerechten Erschaffungspunkt, von dem aus die beiden Richtungen
hinausgesetzt wurden, entfernen. Ihr werdet das aus dem Weiteren viel leichter
begreifen.
[GEJ.11_027,06]
Der erste Mensch, der so hinausgestellt wurde, daß er, im gerechten Gleichmaße
geschaffen, Samen und Kost gleichsam in sich trug, war Adam. Er war nicht der
erste Mensch überhaupt, wohl aber der erste Mensch, der aus freiem, eigenen
Antrieb zunächst den Kern Meines Wortes in sich zu pflegen, zu vervielfältigen
und freiwillig weiterzugehen bestimmt war. Er war der erste freie Mensch und
damit schöpferisch in sich entwicklungsfähig. Allen anderen Wesen vorher war
nur die Kraft begrenzt in Mir gegeben, die sie aber aus sich heraus frei nicht
derart verwenden konnten, als erst Adam. Sie standen daher nur in der Weisheit,
die ihnen gegeben war, nicht aber in der Liebe, die sie in sich selbst frei
entwickeln sollten.
[GEJ.11_027,07]
Die Nachkommen Adams entwickelten sich nun in der Art nach außen und innen.
Nach außen diejenigen, welche bestimmt waren, die große Anzahl verkörperter
Wesen zu werden, um, im Fleische eingeschlossen, in sich die Nahrung
aufzunehmen, welche den Samen umschließend verhüllt, um dadurch selbsttätig zu
werden, das heißt also, von denen, die den innersten Stamm bildeten, die Lehre
behüteten, zu lernen und nun fähig zu werden, nach ihrer Eigenart sich in der
Liebe zu erwärmen.
[GEJ.11_027,08]
Alle diejenigen Menschen, welche leben, sind ja schon als geschaffene Geister
vorhanden, entstehen daher nicht erst als völlig neugeboren im Geiste, wie ihr
wißt. Der Zweck ihrer Einkleidung ist aber lediglich der, freie
Selbstbestimmung nicht aus der Weisheit heraus, in der sie ja von Anbeginn
geschaffen, sondern aus der Liebe heraus, die sich ja nun in Mir verkörperte, zu
erlangen. Fehlt aber der innere Lebenssame, der stets bewahrt werden muß auf
oft sehr künstliche Weise vor jedwedem Verderben, so kann dieses Ziel nicht
erreicht werden.
[GEJ.11_027,09]
Der kleine Stamm nun, der bestimmt ist, den Samen zu bilden, sind vom Anbeginn
Adams nur wenige gewesen und hat sich als das Volk der Juden erhalten. Alle
anderen Völker können mehr oder weniger als die äußere Frucht angesehen werden,
zur Speisung derer, die aus dem großen Sammelbecken der Urgeister den
Fleischweg gehen wollen. Diese Urgeister, einmal eingekleidet, müssen aber auch
jedes Erinnerungsvermögen einer Präexistenz verlieren, damit sie sich eben frei
entwickeln und nicht, getrieben durch das Bewußtsein eines Vorlebens, darauf
Rücksicht nehmen. Geschähe letzteres, so wäre die Weisheit die entwickelnde
Triebfeder und nicht die Liebe. Erstere überlegt, letztere handelt nur nach
Glauben und Gefühl.
[GEJ.11_027,10]
Ihr wißt also nun, daß das jüdische Volk zu vergleichen ist mit dem Samen der
Frucht, – doch wohlgemerkt, nicht die einzelnen Menschen als Juden an und für
sich, sondern nur das Prinzip, der Geist, welcher in den Gemütern lebte und das
Volk großzog, jetzt aber auch den Seelen fast gänzlich abhanden gekommen ist.“
28. Kapitel –
Die Entwicklung des Judenvolkes.
[GEJ.11_028,01]
(Der Herr:) „Solange nun ein Volk in dem gerechten Punkte der nach außen
strebenden Richtung sich befindet, ist es auch gerecht vor Mir und wird daher
auch äußerlich als ein starkes und mächtiges Volk dastehen, wie es zum Beispiel
die Römer jetzt sind, die den Erdkreis beherrschen.
[GEJ.11_028,02]
Ihr wundert euch nun und meint: ‚Wie ist es denn möglich, daß ein Volk vor Gott
gerecht ist, das nicht einmal den Gottesglauben besitzt, sondern an viele
Götter glaubt?‘
[GEJ.11_028,03]
Nun, da sage Ich euch, daß es zur Stunde wenig darauf ankommt, wie der Name
lautet, wenn nur der innerste Herzensbegriff, mit dem das Walten der Gottheit
anerkannt und geliebt wird, wahr und echt ist!
[GEJ.11_028,04]
Wenn zum Beispiel ein Römer, der fest in seinem heidnischen Glauben steckt, die
Götter ehrt und bemüht ist, einen rechten Lebenswandel voller Gerechtigkeit und
Verabscheuung des Bösen, wie es sich vor seinem Gewissen und der Ehrfurcht vor
den allwaltenden, höchsten Kräften gebührt, zu führen, – wird er, der sich
wahrer Tugenden befleißigte, verdammt werden, weil er an einen Jupiter, eine
Minerva glaubte? Gewiß nicht, sondern es wird ein leichtes sein, ihm die
Erkenntnis des einen Gottes, dessen Wesenheit nichts anderes als die bisher
verehrten Götter fordert, nämlich Ausübung und Streben nach der sittlichen
Vollkommenheit, beizubringen, wie ihr an manchen Römern selbst beobachtet habt.
[GEJ.11_028,05]
Ich sage euch daher: Achtet stets darauf, wie das Herz des Menschen beschaffen
ist, und es sei euch zunächst ganz gleichgültig, unter welcher Form dessen
Liebe zu Gott zum Vorschein komme!
[GEJ.11_028,06]
Rom ist mächtig geworden, weil seine Gesetze diejenigen sind, die geeignet
sind, den besten Boden für Mein kommendes Reich zu bereiten. Und solange die
Römer trachten, nach diesen zu handeln, werden sie auch bleiben, was sie sind.
[GEJ.11_028,07]
Die nach außen strebenden Völker werden daher auch wohlerfahren sein in rechter
Willenskraft und Zähigkeit des Körpers; die nach innen strebenden besitzen mehr
die Zähigkeit und das Festhalten am Althergebrachten, wie ihr unschwer
erkennet, wenn ihr die Römer und Juden vergleicht.
[GEJ.11_028,08]
Die Römer sind daher auch das Volk der Eroberung, der Neigung, sich immer mehr
auszubreiten, – die Juden das Volk der Bewahrung, die es sogar für sträflich
halten, über die angestammten Grenzen hinauszugehen. Durch dieses Abschließen
nach außen ist aber auch das jüdische Volk mühsam erzogen worden, den inneren
Kern zu bewahren.
[GEJ.11_028,09]
Und ebenso zäh, wie sie bisher die Satzungen Mosis, die allerdings von viel
Formelkram überwuchert, aber doch in sich wahr und echt sind, festgehalten
haben, ebenso genau würden sie Mein neues Wort bewahren, wenn sie es nur
annehmen wollten. Durch diese jahrtausendelange Erziehung sind sie sehr wohl
imstande, die Wahrheit Meiner Lehre zu erkennen. Aber nun haben sie auch den
gerechten Mittelpunkt verlassen, und anstatt Siegelbewahrer zu bleiben, sind
sie hartnäckig und verstockt geworden und der Neuerung unzugänglich, aus
Trägheit, in die sich die Tugend der Beharrlichkeit verwandelt hat.
[GEJ.11_028,10]
Andere Völker, die nach außen streben, werden später ähnlich, aber nur
entgegengesetzt, handeln; denn das Tragen nach außen zur Verbreitung verliert
sich leicht in Unbeständigkeit, Flatterhaftigkeit und Sinnenlust.
[GEJ.11_028,11]
Ist aber einmal ein Standpunkt erreicht, der bewiesen hat, daß die Mittelstraße
die goldene sei, so nehmen auch die Völker in späteren Jahren diese am liebsten
und werden sich nicht verkehren, wie es jetzt und später noch geschehen wird.
Mit dem Loslösen soundso vieler Milliarden von Urgeistern, die den Fleischweg
beschritten haben werden, wird auch ein ganz anderes Verhältnis zwischen
Geisterwelt und Menschheit eintreten. Denn je mehr Geister den Fleischweg
vollendet haben, um so mehr wächst der Einfluß auf diejenigen, welche als
Menschen ihre Umwandlung aus der Weisheitssphäre zur Liebessphäre bewirken
wollen.
[GEJ.11_028,12]
Es entsteht sodann ein mächtiges Drängen derer, die ebenfalls willens sind, den
Weg zu vollenden, und eine Art Fürsorge derer, die den Weg bereits hinter sich
haben. Hand in Hand mit diesem Drängen wird und muß auch eine Zunahme des
Menschengeschlechtes stattfinden; denn die Schüleranzahl erweitert sich immer
mehr, und ein anderes Schulhaus als eben diese Erde gibt es nicht.
[GEJ.11_028,13]
Weil aber letzteres der Fall ist, konnte Ich nirgend anders als eben hier
niederkommen und auch wieder nirgend anders als unter dem jüdischen Volke, das
in seinem Gesetz und seiner fortschreitenden Entwicklung die Samenkörner birgt,
die einzig und allein die Geistes- und Willensfreiheit entwickeln. Da aber auch
durch die allzu große Starrheit des Volkes dieser Samen Gefahr lief,
einzutrocknen und lebensuntüchtig zu werden, so komme Ich Selbst und erwecke
und befruchte ihn zur um so größeren Fähigkeit neu blühenden Lebens.
[GEJ.11_028,14]
Ob die Juden nun weiterhin die Anwaltschaft der Siegelbewahrer auch dieser
neuen Lehre beanspruchen werden, liegt an ihnen. Aber auch wenn sie starr
verbleiben, Mich nicht anerkennen, so bleiben sie dennoch das auserwählte Volk
Gottes vermöge der jahrelangen Schulung und können den Weg jederzeit auch in
späteren Jahrtausenden ins Vaterhaus finden, ebensowohl wie der verlorene Sohn,
und werden auch aufgenommen werden. Freilich wird es viel Trübsal erfordern bis
zur Umkehr und gar lange des Schweinehütens in der Fremde.
[GEJ.11_028,15]
Zwar weiß Ich, daß alle Mühe jetzt bei diesem Volke vergebens ist, und sie
werden auch das Letzte an Mir tun können, damit niemand sage, es habe an Zeichen
gefehlt, durch die ein Prophet sich kundgebe; aber auch selbst das größte
Zeichen wird hier nichts fruchten! Es wird darum auch nach Mir die Zeit
anbrechen, in der durch Zeichen nicht mehr gewirkt wird, sondern nur durch das
Wort, wie Ich es zu euch spreche, das weit mehr Glauben erweckt als zwingende
Wunder.
[GEJ.11_028,16]
Jetzt wißt ihr, warum die Juden das erwählte Volk sind, warum hier so Großes
geschieht. Und es bleibt nur noch übrig zu bemerken, warum nicht Schritte getan
wurden, um diese scheinbaren Fehlschläge zu verhindern, – warum zugelassen
wurde, daß überhaupt kein gleichmäßig ruhiger Entwicklungsgang stattfindet.“
29. Kapitel –
Das Volk der Zukunft.
[GEJ.11_029,01] (Der
Herr:) „Brausten nicht Stürme über die Erde, sondern wäre überall eine
gleichmäßige Temperatur und Strömung, so würde die ganze Erde bald zerbröckeln
und bersten; denn nur durch heftige Stürme und Erdbeben tritt eine kräftige
Lebenswirkung ein, eine Erfrischung, die sich in der belebenden Luft nach einem
Sturm bemerkbar macht.
[GEJ.11_029,02]
Würdet ihr Sorge tragen, daß ihr den Körper möglichst wenig bewegt, ihn stets
gleicher Temperatur aussetzt und alles Unangenehme meidet, so wird bald ein
Zerfall der Kräfte, die ihr nicht übt, eintreten und damit ein Zerfall des
Leibes. Geschieht das aber schon mit dem Leibe, um wieviel mehr aber dann mit
der Seele, die in stets gleichem, reizlosem Dasein dahinträumt, da doch diese
nur lebt, nicht der Körper. Sie muß, um lebens- und schaffensfreudig zu sein,
Arbeit vor sich haben. Durch die Arbeit schafft sie sich Erkenntnis und Freude
am Geschaffenen. Im Materiellen zeigt sich diese Arbeit als Kampf des
Schwächeren gegen den Stärkeren, im Geistigen aber in der Erkenntnis und dem
Wachsen in der Liebe.
[GEJ.11_029,03]
Da aber Gott in Seiner Wesenheit unendlich ist, so kann auch der Geist
unendlich fortwachsen. Dieses Wachsen zeitigt aber Entstehen und Vergehen
irdischer Völker ohne Rücksicht des Vergehens der Leiber; denn nur die Seelen
sollen wachsen, der Leib ist vergänglich.
[GEJ.11_029,04]
Und wie eine edelste Pflanze entstanden ist aus einer weit weniger edlen Art,
langsam, durch sorgsames Pflegen und Beschneiden aller wilden Schößlinge, so
wächst auch das Volk der Zukunft, das da eine Herde sein wird, geleitet von nur
einem Hirten, der Ich sein werde, nur durch langsame Pflege heran, nachdem gar
viele üppige Wildlinge erst beseitigt worden sind.
[GEJ.11_029,05]
Diese Arbeit zu vollenden und damit auch die große Weltenerlösung, ist das Ziel
Meiner Menschwerdung, das aber bei dem einzelnen begonnen werden muß, nicht
aber bei der großen Menge; denn auch das Weltmeer besteht aus einzelnen
Tropfen. Wollte man diesem den Salzgehalt entziehen, so müßten auch nur kleinere
Wassermengen ihm entnommen, salzfrei gemacht und in einem geeigneten
Sammelbecken dieses salzfreie Wasser bewahrt werden, – eine Arbeit, die nutzlos
erscheint, aber doch schließlich zum Ziele führt, wenn einem Ewigkeiten zur
Verfügung stehen. – Habt ihr nun begriffen, was euch in Meinen Worten gesagt
wurde?“
[GEJ.11_029,06]
Sagte Rael und auch die anderen Jünger: „Ja, Herr, wir glauben wohl, soweit es
eben möglich ist, Dich völlig verstanden zu haben, obgleich es uns vorkommt,
als ob aus Deinen Worten noch vieles zu entnehmen ist, was Du nicht
ausgesprochen hast, was aber doch aus ihnen zu schließen ist. Zu späteren
Zeiten wird uns aber wohl auch dieses noch klarer werden, wenn auch das, was Du
nun in Worten zu uns sprachst, vollkommen aufgenommen worden ist.“
[GEJ.11_029,07]
Sagte Ich: „Liebe Freunde, Ich lese in euren Gemütern nun noch die Frage,
welches Volk denn nun wohl, falls die Juden nicht den Erwartungen entsprechen –
das ja auch, wie ihr wißt, der Fall ist, ansonst Ich nicht so oft die
Zerstörung der Stadt Jerusalem vorausgesagt hätte –, an ihre Stelle treten
kann, da euch nicht bekannt ist, daß irgendein anderes Volk nur eine ähnliche
Schulung wie das israelitische durchgemacht hat.
[GEJ.11_029,08]
Nun, auch das will Ich euch beantworten. Gott als der Allwissende ist nie so
unklug, Sein Werk etwa nur auf eine Stütze zu bauen, sondern Er baut es stets
auf mehrere, damit das Gebäude, das Er errichtet, nicht etwa über Nacht
zusammenfalle, falls der Wurm eine oder die andere Stütze angenagt habe. Und so
steht auch das Werk der Erlösung auf gar vielen sicheren Stützen, so daß es
gelingen muß, selbst wenn der Feind mit aller Macht versucht, dasselbe zu
hindern.
[GEJ.11_029,09]
Hier auf dieser Erde sind mehrere Völker, die tüchtig sein können, an Stelle
der Juden als Siegelbewahrer des neuen Wortes zu dienen; denn das alte wird
hinfort um so ängstlicher von den bisherigen Bewahrern bewacht werden, um so
mehr Trübsal über sie hereinbrechen wird. Und wenn auch die Juden über den
ganzen Erdball zerstreut werden, so werden sie um so fester an dem alten
Glauben haften, weil dieser und die Hoffnung auf Wiederherstellung der
einstigen, vergangenen Größe der einzige Anker ist, wodurch sie vor gänzlichem
Zerfall und Vernichtung gerettet werden können, wie ihnen wohl bewußt sein
wird.
[GEJ.11_029,10]
Mein neues Wort aber bedarf ebenfalls der Siegelbewahrer, das heißt also eines
Volkes, aus dessen Mitte stets wieder neue Lehrer erstehen können, die die etwa
sumpfig gewordene Lehre wieder reinigen und das Sumpfwasser zur klaren Flut
umgestalten. Denn ebenso wie die Juden nur langsam heranreiften, ebenso langsam
kann nur jenes Volk heranreifen. Ebenso wie die Juden Gefangenschaft dulden
mußten ihrer Sünden wegen und sich in Abgötterei gefielen, ebenso wird das Volk
der Zukunft in ähnliche Fehler, ja selbst in ganz gleiche verfallen können und
müssen der Reife wegen. Ebenso wie Ich in dem jüdischen Volke Propheten
erweckte, ebenso werden dort Propheten entstehen und die reine Lehre aus den
Himmeln von allen Zutaten säubern.
[GEJ.11_029,11]
Jenes Volk ist euch aber jetzt so gut wie unbekannt, wird aber zur Zeit mit
großer Kraft hervorbrechen und alles Morsche und Unbrauchbare zertrümmern; denn
es ist gewaltig in seiner noch unangetasteten Naturkraft. Ebendieselben Lehrer,
die hier herniedergestiegen sind als Meine Diener, werden auch dort
wiederkommen, teils im Fleische, teils im Geiste, und werden mit großer
Begeisterung und allsiegender Gewalt von Mir zeugen, wie sie bisher gezeugt
haben von Mir, und Ich werde ihnen unsichtbar zur Seite stehen und sie leiten.
[GEJ.11_029,12]
Dann aber, wenn jenes Volk auch einst auf eine Höhe gelangt sein wird, daß die
fremden Könige befürchten, es könne den Erdkreis besitzen wollen, so wie jetzt
die Römer es tun, dann wird eine Zeit anbrechen, die an Überraschungen für die
Völker der Erde reich sein wird. Denn nicht jenes Volk wird sodann der
Mittelpunkt werden, sondern ein neues wird entstehen, das da gebildet wird aus
den edelsten Geschlechtern aller Völker. Diese werden die Welt besiegen mit Meiner
Kraft, und Frieden und Eintracht soll und muß dann herrschen über alle Länder
und Völker. Und in der Mitte dieses neuen Volkes wird dann das Heil geboren
werden, welches keinen König, kein Gesetz weiter braucht als nur das eine:
‚Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.‘
[GEJ.11_029,13]
Ihr aber, ihr Meine Getreuen, werdet Mitarbeiter sein an diesem neuen
materiellen und geistigen Reich. Darum seid ihr hier versammelt, damit ihr
schon jetzt zu euren ersten irdischen Tagen aus Meinem Munde vernehmet, wozu
Ich euch berufe; denn alle diejenigen, welche, jetzt ungesehen von euch,
ebenfalls Arbeiter sein werden an der großen Glückseligkeit dieser Erde und
durch diese Erde des Universums und Geisterreiches, sind ebenfalls zugegen und
freuen sich eurer als Mitarbeiter am begonnenen Werke. Ihr aber sollet sie
sehen, die großen Scharen, die dazu nötig sind, das Werk gedeihen zu lassen!“
[GEJ.11_029,14]
Nach diesen Worten öffnete Ich allen Anwesenden die geistige Sehe, und sie
sahen alle Propheten und Engel Meiner Himmel, die sich in liebfreundlichster
Weise ihnen näherten und mit ihnen über Meine letzten Offenbarungen sich
besprachen.
30. Kapitel –
Über das Sterben.
[GEJ.11_030,01]
Nachdem diese Szene etwa eine Stunde gedauert hatte und alle Anwesenden sich
über alle nur möglichen Fragen den Geistern gegenüber geäußert hatten, die
diese auch freundlichst beantworteten, rief Ich Johannes den Täufer und Elias,
der den Anwesenden nur in der Person des Täufers bekannt war, zu Mir und sagte
vor allen Anwesenden laut zu ihm: „Du warst Mein Vorläufer jetzt in der Zeit
der Heimsuchung der Menschen, du wirst es auch wieder sein, wenn jene große
Zeit anbricht, von der Ich gesprochen habe. Jedoch werden dich die Menschen
alsdann nicht erkennen, trotzdem du es wissen wirst, wer du eigentlich bist;
denn diese letzte Fleischprobe, die dir bevorsteht, soll der Grundstein werden
zu dem Gebäude des anbrechenden Friedensreiches!
[GEJ.11_030,02]
Zwar werden die Menschen sich wenig zu diesen deinen nächsten Lebenszeiten um
dein Wort kümmern; aber es wird ihnen mit glühenden Lettern in die Seele
geschrieben werden, auf daß sie es dennoch fühlen, wenn sie frei vom Leibe sein
werden. Dieses dein Wort wird aber sein Mein Wort, und Ich werde Rechenschaft
fordern von jedem, der es vernommen hat und mißachtete!
[GEJ.11_030,03]
Ihr aber, Meine Lieben und Getreuen, die ihr um Mich versammelt seid und
staunet ob der Dinge, die jetzt vor euren Augen offenliegen, werdet den Stamm
bilden jener, die das neuerwählte Volk umfassen, und werdet selbst zur Gründung
desselben beitragen in Meinem Namen als eine große Brüderschaft, die da Kraft
schöpft zu großen Taten aus Meinem Geiste.
[GEJ.11_030,04]
Und so entlasse Ich euch denn jetzt, damit der Anfang gemacht werde, wodurch
der verlorene Sohn gezwungen werde heimzukehren, nachdem er den lockenden Ruf
des Vaters nicht hören wollte. Amen.“
[GEJ.11_030,05]
Nach diesen Worten verschwanden die himmlischen Bewohner, und wir befanden uns
wieder allein wie vordem in dem großen Speisesaale Raels. Lange Zeit saßen die
Meinigen noch wie betäubt von der Herrlichkeit des Geschauten; denn so tief
hatten sie noch nie in die Geheimnisse der Himmel geschaut, und sie haben zu
ihren Körperzeiten auch nie wieder solchen Einblick erhalten. Es geschah das aber
darum, damit ihre Seelen nun gefestigt bleiben sollten auch ohne Wunder, die
Ich ausschließlich in ihrem Kreise – nicht öffentlich – ausübte. Dieses letzte tiefe Erschauen sollte sich
unauslöschlich einprägen und ihnen auch für das weitere Leben, sowie für das
fernere körperlose Leben in Meinem Reiche, Richtschnur bleiben.
[GEJ.11_030,06] Wir begaben uns schweigend
zum Nachtmahle und nahmen es schweigend zu uns. Rael wies allen die bequemsten
Lagerstätten an, die zerstreut in seinem Hause hergerichtet wurden, und bat
Mich zuletzt um eine geheime Unterredung, die Ich ihm gewähren möge.
[GEJ.11_030,07] Ich sagte ihm: „Nicht du,
sondern Ich erregte diesen Wunsch in dir, damit du noch über einiges Aufschluß
erhalten mögest, das nur allein für dich zu wissen nötig ist.“
[GEJ.11_030,08] Sodann folgte Ich ihm in sein
einsames Zimmer, während sich die andern zur Ruhe niederlegten.
[GEJ.11_030,09] Als wir allein waren, sagte
Rael zu Mir: „Herr und Meister, ich bin ein sündiger Mensch, der nicht wert
ist, daß Du mit Deinem Fuße dieses Haus heiligst; aber ich weiß auch, daß Du
über die Maßen barmherzig bist und mir daher alle die begangenen Torheiten
meines bisherigen Lebens sicherlich vergeben wirst, so ich Dich recht von
Herzen darum bitte. Und so bitte ich Dich denn, Herr und mein Gott, zunächst
darum: Du mögest meine bisherige große Schwäche nicht ansehen und mir
verzeihen, was ich je wissentlich und unwissentlich gesündigt habe!“
[GEJ.11_030,10] Sagte Ich: „Rael, alle deine
Sünden sind dir schon lange vergeben; denn Ich bin kein Gott der Strafe,
sondern der Liebe. Wie könnte Ich also irgend etwas strafen wollen, wenn es –
so wie dir – einem Menschen ernst ist mit solcher Bitte, wie du sie geäußert?!
Ich bin aber in die Welt gekommen, um die große Sündenlast, welche die Menschen
in ihrer großen Blindheit auf sich laden, zu zerstören und ihnen die Wege frei
zu machen zur größten Glückseligkeit.
[GEJ.11_030,11] Habe also keine Sorge mehr um
deine Sünden, die sich meist nur aus früherer Zeit noch nachweisen lassen, und
die als böse Werke dir bei deinem Ableben von der Erde nachfolgen wie die
guten, – sie sind verzehrt von Meiner Liebe! – Jetzt aber rede, was dich noch
bedrückt; denn du hast ein besonderes Anliegen, weswegen du insgeheim mit Mir
sprechen wolltest!“
[GEJ.11_030,12] Sagte Rael: „Herr und Vater,
ich danke Dir für Deine Worte aus tiefstem Herzen! Ich bin nun um so mehr von
dem Wunsche erfüllt, der mich beseelte, seit ich Dich gesehen habe. Siehe, ich
bin alt, mein Körper ist morsch und wenig tauglich mehr, Behausung dieser Seele
zu sein! Die Hoffnung, den Erwählten Gottes noch sehen zu können, hat bisher
nur diesen müden Staub aufrechterhalten, und jetzt, wo diese Hoffnung erfüllt
ist, bitte ich Dich, Herr und Vater: Lasse Deinen Knecht in Frieden in die
Grube fahren, damit er in Deinem Reiche – das ich nun mit leiblichen Augen
gesehen – ein tüchtigeres Werkzeug werde, als er noch im Fleischesleben sein
kann! Könnte ich unter Deinen Augen dahinscheiden, so werde ich den Tod
gewißlich nicht schmecken und sicher und friedlich einkehren in das Reich, das
Du uns verheißen hast.“
[GEJ.11_030,13] Sagte Ich: „Rael, dieser
Wunsch ruht schon lange in deinem Herzen, und deshalb solltest du dich
entäußern, damit deine Seele frei werde auch von diesem letzten Druck. Die
übrigen, die jetzt schlafen, sind noch lange nicht reif zu vernehmen, was dir
zu wissen not tut.
[GEJ.11_030,14] Siehe, was ist denn der Tod
des Menschen?! Weiter nichts als das Abfallen der reifen Frucht vom Baume, welches
Fallen auch geschieht wie von selbst, ohne besonderes Zutun der Frucht. Ist der
Mensch in seinem innersten Wesen soweit geläutert, um als reife Frucht zu
gelten, so wird die Ablösung der reifen Seele von dem Stamme, dem Körper, auch
völlig zwanglos geschehen. Dieser Augenblick tritt aber bei dem Menschen, der
nach Meinem Willen gelebt hat, derart ein, daß er auch ohne Meine Gegenwart
völlig schmerzlos, ja sogar mit den freudigsten Empfindungen, hinübergleitet
vom irdischen zum geistigen Leben.
[GEJ.11_030,15] Du aber hast dennoch,
trotzdem du am Leben nicht gerade hängst, eine Art Besorgnis vor diesem
Augenblick und denkst, gestärkt von Meiner Gegenwart, am leichtesten über
diesen dir unangenehmen Wendepunkt hinwegzukommen. Ich sage dir aber nun, daß
du auch diese verzeihliche menschliche Schwäche ablegen mußt, damit dein
Glaube, der dich bis jetzt erhalten hat und dieses hohe Alter erreichen ließ,
völlig gekräftigt werde; denn der Glaube an Mich soll ja gerade das beste und
einzige Mittel sein, alle drohenden Schrecknisse des Todes zu besiegen.
[GEJ.11_030,16] Ist der Mensch völlig gläubig
geworden, und habe Ich ihm ins Herz gelegt, es sei Zeit für ihn, die
Fleischesbande zu lösen, da sein irdisches Tagewerk vollbracht, so werde Ich
ihm sogar die Kraft geben, selbst die Fesseln zu sprengen, und er entschlummert
sanft vor den Augen der Seinen in Frieden.
[GEJ.11_030,17] Das ist der Tod, wie er sein
soll, wie er jedoch in den allerseltensten Fällen nur eintreten kann, weil die
Menschen den Augenblick des Abrufens mehr fürchten als alles andere und nicht
durch gerechte Abnutzung, sondern durch gewaltsame Zerstörung der
Körpermaschinerie den Übergang herbeiführen. Das verkehrte Leben hat daher auch
die vielen Krankheiten geschaffen, die mit dem eigentlichen Tode nichts zu tun
haben sollen, da nicht diese den Übergang, sondern die seelische Vollreife ihn
bedingen soll.
[GEJ.11_030,18] Du, Mein Rael, sieh es daher
nicht an, als wolle Ich dir einen Wunsch versagen, wenn Ich dir sage: Lebe noch
eine kurze Zeit, und sieh das nicht als Strafe an, sondern übe dich, auch noch
diesen letzten Rest eines irdischen Anhangs zu tilgen, um mit Mir vereint dann
einzugehen in Mein Reich!“
[GEJ.11_030,19] Sagte Rael: „Ja, Herr, wie
stets hast Du auch hier völlig recht, und ich werde sicher mein törichtes
Verlangen in mir verschließen, um Deiner ganzen Liebe würdig zu werden. Ich
werde dieses törichte Bangen vernichten und glaube fast, daß es mir durch diese
meine Aussprache mit Dir auch schon gelungen ist.
[GEJ.11_030,20] Doch wie soll ich denn das
verstehen: mit Dir vereint würde ich eingehen in Dein Reich? Wie, o Herr,
meinst Du denn das? Wirst Du auch diese Erde verlassen?“
[GEJ.11_030,21] Sagte Ich: „Ganz gewiß,
sobald das Werk vollendet sein wird. Die Juden werden Gewalt erlangen über
Meinen Leib und ihn töten. Und an diesem Tage werde Ich Selbst dich einführen
in Meine Stadt, die in den Himmeln erbaut wird, anstelle jenes Jerusalem, das
hier auf Erden zerstört werden wird und eine Stadt aller Städte sein könnte,
wenn seine Bewohner nur wollten und nicht gar so ruchlos geworden wären. Ich
werde sodann von dort aus die Welt regieren, und Meine Getreuen werden mit Mir
zusammen wohnen in den geheiligten Mauern, die aufgeführt werden durch dieses
Mein Erdenleben, und zu dem Meiner Hände Arbeit Stück für Stück die Bausteine
lieferte. – Doch genug hiervon, – du sollst mit Mir ein Bürger dieser Stadt
sein, und bald wird dein Geist hell erschauen, was Ich dir jetzt nur anzudeuten
vermag!
[GEJ.11_030,22] Jetzt aber, Mein Rael, lasse
auch dem Körper die nötige Ruhe zukommen; denn morgen ist auch noch ein Tag, an
dem so manches besprochen werden kann!“
[GEJ.11_030,23] Rael gehorchte diesem Hinweis
und begab sich zur Ruhe, während Ich zu den Meinen zurückkehrte und auf einer
zubereiteten Lagerstatt die Nacht verbrachte.
31. Kapitel – Ein Rasttag.
[GEJ.11_031,01] Frühmorgens standen wir nach
unserer Gewohnheit schon sehr frühzeitig von unsern Lagern auf und begaben uns
alsbald ins Freie in den Garten Raels. Zwar waren die Morgen, zumal bei Aufgang
der Sonne, recht rauh, da die Regenzeit bald beginnen mußte, aber dennoch sehr
erfrischend, so daß ein Aufenthalt im Freien angenehm war.
[GEJ.11_031,02] (Würden die Menschen sich
daran gewöhnen, namentlich im Sommer, frühzeitig aufzustehen und die frühen
Morgenstunden im Freien zu verbringen, das Geschlecht würde bald ein viel
kräftigeres werden, als es ist. Denn die kräftigenden Ströme, welche die Luft
gerade bei den Frühwinden durchziehen, bringen hauptsächlich den Nährstoff der
Erde zu, so wie das Zusammenwirken von Licht und der sich entwickelnden Wärme
besondere Nahrungspartikel für Seele und Körper erzeugt, die bei hochstehender
Sonne und stärkerer Wärme wieder ganz anders wirken und auch einen besonderen
chemischen Prozeß eingehen, wodurch sie konsistenter und für den Menschen nicht
mehr so leicht aufsaugbar werden wie in dem mehr ätherischen Zustande eines
Morgens.)
[GEJ.11_031,03] Meine Jünger unterhielten
sich noch eifrig über die gestern geschauten Gesichte und sprachen sich auch
über ihre seltsamen Träume aus, die fast jeder durchlebt hatte, ohne aber Mir
über diese Dinge eine besondere Frage zu stellen. Bald kam auch unser Rael zu
uns und forderte uns freundlichst auf, das bereitete Morgenmahl zu uns zu
nehmen. Dieses geschah nun, und bald machte sich eine allgemeine recht frohe
Stimmung der Gemüter kund, die sogar bei den sonst recht ernsten Männern
manches Scherzwort auf die Lippen brachte.
[GEJ.11_031,04] Ich sagte nun zu den Meinen,
daß Ich beabsichtigte, heute zu ruhen, und daß jeder, der Neigung dazu
verspüre, sich im Orte umtun könne, ob sich ihm vielleicht Gelegenheit biete,
ein gutes Werk auszuüben oder ein Wort des Trostes zu spenden. Es sei keiner
gehindert zu tun, was ihm recht dünke.
[GEJ.11_031,05] Auf diese Aufforderung hin sagte
Philippus: „Herr, so Du nichts dawider hast, so würde ich wohl hier einen Mann
aufsuchen, der mir sehr teuer ist und der meines Erachtens noch hier wohnen
muß. Es ist das ein eifriger Lehrer des Wortes Gottes, der mit wenig Mitteln,
die ihm das Leben gegeben hat, schon viel Gutes gestiftet hat. Derselbe ist ein
Verwandter zweiten Grades von mir, und falls es möglich wäre, ihn für Dich zu
gewinnen, so werde ich ihn Dir bringen.“
[GEJ.11_031,06] Sagte Ich: „Tue also, und
bringe Mir das Fischlein, damit auch jener erkenne, woran es ihm noch fehle!
Ich werde dieses Haus nicht verlassen, und ein jeder von euch wird Mich hier
wiederfinden, so er Mich sucht!“
[GEJ.11_031,07] Daraufhin verließen außer
Johannes, Petrus und Jakobus alle den Garten und das Haus und zerstreuten sich
im Orte und in der Umgegend. Viele kehrten erst am Abend zurück, da sie bei der
armen Bevölkerung die beste Aufnahme fanden und von dieser viel über Mein
Wesen, Meine Herkunft und Taten befragt wurden, was sie alles wahrheitsgemäß
beantworteten. Ich aber wollte, daß dieses darum geschehe, damit erstlich
mehrere von Meinen Anhängern und Jüngern, die bisher noch nicht Gelegenheit
dazu gefunden hatten, Mein Wort auszubreiten, anfingen, sich in dem Amt zu
üben, und sodann, daß auch die Bevölkerung zu dem sich nahenden Osterfest und
dessen Ereignissen geweckt würde.
[GEJ.11_031,08] Die drei Apostel blieben
jedoch in Meiner nächsten Nähe und verharrten in Stillschweigen. Ich fragte sie
daher, ob sie nicht auch den andern folgen wollten, worauf Johannes erwiderte,
wenn es Mein Wunsch sei, würde er mit den Brüdern dieses tun, ansonst aber
bleiben.
[GEJ.11_031,09] Sagte Ich: „Liebe Freunde,
wenn ihr bleiben wollet, so bleibet! Ich habe ja schon gesagt, daß jeder nach
seinem Gefallen tun soll. Wenn ihr aber etwa vermeint, ihr würdet in Meiner
Nähe doch noch etwas erfahren, was ihr sonst versäumet, so irret ihr; denn Ich
werde heute nichts unternehmen, wie Ich schon gesagt habe, und gedenke nur,
Rasttag zu halten; denn auch dieser Leib bedarf der zeitweiligen Ruhe wie der
eure und ist durch nichts von dem euren verschieden. Wir haben aber in letzter
Zeit gar viel gearbeitet, und so ist denn auch Mein Leib etwas erschöpft, wenn
auch der Geist alltätig ist. Bevor jedoch dieser Leib nicht aufgenommen worden
ist von dem Geiste, der ihn zu durchdringen und als Kleid um sich zu schließen
hat, ist er auch allen Anforderungen unterworfen, die ebenfalls eure Körper
stellen.“
[GEJ.11_031,10] Daraufhin zogen sich auch
diese drei von Mir zurück, um Mich in der verlangten Ruhe nicht zu stören, und
sorgten auch im Hause dafür, daß kein allzugroßer Lärm stattfinde, der etwa in
den Garten dringe; denn der vielen unerwarteten Gäste wegen herrschte daselbst,
ganz gegen die bisherige gewohnte Stille, ein sehr reges Leben und Treiben. Ich
aber unterstützte diesmal nicht mit Meiner Kraft die vielfachen häuslichen
Verrichtungen, da alle Bewohner erfreut waren, für Mich und die Meinen sorgen
zu können, und ihnen diese wirkliche Freude nicht geschmälert werden sollte.
[GEJ.11_031,11] Es ist denn auch an diesem
Tage nichts Besonderes geschehen, was aufzuzeichnen notwendig wäre.
Spätnachmittags kam Philippus zurück mit seinem Verwandten, den er Mir brachte,
und der von Mir über die Person des Messias belehrt sein wollte. Ich ließ Mich
jedoch jetzt nicht weiter mit ihm in ein längeres Gespräch ein, sondern verwies
ihn vorläufig an Meine Jünger, die ihn in Meine Lehre einweihten und ihm
Näheres von Meinen Taten erzählten. Er wurde dann auch gläubig, und Ich segnete
ihn und sein Haus, als er es von Mir erbat, zur größten Freude des Philippus,
der ihn sehr hoch schätzte.
[GEJ.11_031,12] Am Abend fanden sich alle,
die zu Mir gehörten, wieder ein und berichteten nun ihre verschiedenen
Abenteuer, die hauptsächlich darin bestanden hatten, daß sie den Einwohnern in
Meinem Namen Hilfe bei allerlei Krankheiten gebracht hatten und diese dadurch
gläubig machten: Ich sei wahrhaft der Gesandte Gottes und sie Meine wahren
Jünger.
[GEJ.11_031,13] Ich sagte nach den vielen
Erzählungen, die wiederzugeben unnötig ist: „Selig seid ihr, Meine Lieben, daß
euer Glaube allein solche Werke vollführen konnte; denn nur durch diese Kraft
habt ihr dieselben ausgeführt, nicht aber im Zwange der Meinen. Schreitet daher
fort, selbständig und selbsttätig wirksam zu werden, damit sich die Herde nicht
zerstreue, wenn der Hirte einst fehlen wird!“
32. Kapitel – Vom Tode des Lazarus.
[GEJ.11_032,01] Als das Abendmahl nun beendet
war, erklärte Ich den Meinen, daß Ich beabsichtige, morgen in aller Frühe
weiterzuziehen, und zwar tiefer nach Judäa, gen Jerusalem zu (Joh.11,7).
[GEJ.11_032,02] Darüber erschraken Meine Mir
nächststehenden Jünger um Meinetwillen, und sie flüsterten untereinander, bis
Petrus sich zu Mir wandte, indem er den Sprecher für die anderen machte, und
sagte: „Herr und Meister, jedesmal wollten die Juden in Jerusalem Dich
steinigen, wenn Du zu ihnen sprachst, – und jetzt willst Du wieder zu ihnen
ziehen?“
[GEJ.11_032,03] Darauf antwortete Ich: „Sind nicht
des Tages zwölf Stunden? Wer nun zu des Tages Zeit wandelt und völlig im Lichte
steht, wird der sich stoßen können?! Ich aber stehe völlig im Lichte und weiß,
wann Meine Stunde kommen wird; daher sorget euch nicht um Mich! Wer aber des
Nachts wandelt, und es ist finster um ihn und in ihm, der wird sich bald stoßen
und kann leichtlich verderbt werden. Ihr aber wisset ja, daß niemand Gewalt
über Mich hat, außer Ich gebe sie ihm.“
[GEJ.11_032,04] Danach beruhigten sich die
Jünger über Meine Absicht, und Ich sagte ihnen weiter: „Ihr wisset doch, daß
unser Freund Lazarus krank liegt und seine Schwestern nach Mir aussandten!
Sollte Ich nun etwa aus Furcht vor den Juden den Bittenden nicht willfahren?“
[GEJ.11_032,05] Fragte Mich Johannes: „Herr,
Dir ist doch alles bekannt! Wie steht es denn um unseren Freund Lazarus?“
[GEJ.11_032,06] Antwortete Ich: „Er schläft,
– aber Ich gehe, ihn aufzuwecken.“
[GEJ.11_032,07] Meinten da die Jünger
untereinander, welche glaubten, Ich spräche vom leiblichen Schlafe: „Herr, wenn
er schläft, so wird seine Krankheit sicherlich bald von ihm weichen; denn
nichts bringt einen Kranken eher wieder zu Kräften als ein gesunder Schlaf!“
[GEJ.11_032,08] Antwortete Ich: „Da habt ihr
wohl recht, aber dennoch irrt ihr euch; denn Lazarus schläft nicht den Schlaf
des Leibes, sondern ist gestorben.“
[GEJ.11_032,09] Über diese Erklärung
erschraken die Jünger, um so mehr, als sie Lazarus vor nicht langer Zeit frisch
und gesund gesehen hatten. Es erhob sich daher ein lautes Gemurmel des
Beileides unter ihnen und schließlich ein ängstliches Gefrage, ob denn da nicht
doch noch zu helfen sei, da er vielleicht nur scheintot sei, und ob Meine Kraft
ihn nicht erwecken würde.
[GEJ.11_032,10] Sagte ich: „Lazarus ist tot
und liegt längst im Grabe; aber Ich werde ihn dennoch erwecken. Deswegen
verblieb Ich ja so lange hier, damit niemand sagen könne, er sei nicht wirklich
gestorben, und damit durch dieses letzte öffentliche Zeichen, das Ich wirken
werde, die schwachen Gemüter völlig gläubig würden. Ich freue Mich aber nun
euretwillen, daß Ich nicht zugegen gewesen bin, und daß der Vater in Mir
befahl, also zu tun, damit ihr und nun noch viele andere glauben mögen. Und
darum werden wir morgen nach Bethanien ziehen.“
[GEJ.11_032,11] Es gaben sich nun alle zufrieden.
[GEJ.11_032,12] Nur Thomas, der stets von
oftmaliger Zweifelsucht geplagt wurde und trotz seines Glaubens an Mein Wort
dennoch die Pharisäer und Juden sehr fürchtete, sagte zu den Brüdern: „Laßt uns
jedenfalls mit Ihm ziehen, damit wir mit Ihm sterben, falls die Juden Hand an
Ihn legen sollten!“
[GEJ.11_032,13] Jakobus verwies ihm jedoch
diese Rede und deutete darauf hin, daß bisher noch niemand irgendwelche Gewalt
über Mich gehabt habe, trotz der vielen Versuche hierzu. Daraufhin gab sich
auch Thomas zufrieden, und es entstand ein großes Schweigen in der
Gesellschaft, da jeder mit seinen Gedanken beschäftigt war.
[GEJ.11_032,14] Ich ermahnte die Meinen, nun
zur Ruhe zu gehen, da der morgige Tag uns große Anstrengungen bringen würde,
und alsbald suchte auch jeder seine Lagerstatt auf und gab sich der notwendigen
Ruhe hin. –
[GEJ.11_032,15] Andern Tages erhoben wir uns
frühzeitig und bereiteten uns zur weiteren Wanderung. Rael trat tränenden Auges
zu Mir und wollte, gleich den andern, Mir folgen.
[GEJ.11_032,16] Ich behieß ihn aber zu
bleiben und sagte: „Rael, nicht lange mehr wird es währen, so wirst du ewig bei
Mir bleiben können; jetzt aber bereite dich vor für diese Nachfolge und tue,
wie Ich dir schon gesagt habe! Diese, die hier Mir nachfolgen, haben noch zu
ihren Lebzeiten eine große Aufgabe in Meinem Namen zu erfüllen. Du hast die
deine bereits erfüllt, und so stehst du gerecht vor Mir, auch ohne jetzige
körperliche Nachfolge, die Ich oftmals forderte, und von der du gehört hast!“
[GEJ.11_032,17] Rael beruhigte sich nun auch
bei diesen Worten und verabschiedete sich liebevoll von Mir und den Meinen.
33. Kapitel – Die Ursache des Todes von
Lazarus.
[GEJ.11_033,01] Wir aber schritten nun
schnell vorwärts, damit der Weg bald zurückgelegt werden möge, der uns nach
Bethanien führte.
[GEJ.11_033,02] Um nach diesem Orte zu
gelangen, mußten wir einen Umweg machen, da Ich Jerusalem nicht zu berühren
beabsichtigte, sondern ungesehen nach dem Wohnorte des Lazarus gelangen wollte,
der nach jüdischem Maße fünfzehn Feldwege entfernt war. Bethanien lag aber
nicht an der Stelle des jetzigen Dorfes el Azarije, sondern noch mehr ostwärts,
so daß wir dahin nicht von der Westseite des Ölberges, sondern der Ostseite her
gelangten.
[GEJ.11_033,03] Die Entfernung von fünfzehn
Feldwegen wurde bemessen von dem Tempelvorhofe aus, wo eine Säule als römischer
Meilenmesser aufgestellt war, ähnlich wie ihr solche Marksteine auch noch jetzt
in den kleineren Ortschaften vorfindet. Man ging diese fünfzehn Feldwege in
gemächlichem Schritt in anderthalb Stunden, bis man Bethanien von dem eben
genannten Punkte aus erreichte.
[GEJ.11_033,04] Daraus kann an Ort und Stelle
ein etwaiger Altertumsforscher nun schon etwas genauer finden, wo das echte
Bethanien gestanden haben mag. Aber außer einer wilden Gegend, außer Steinen
und Gestrüpp wird er heutigentags nichts mehr vorfinden von dem Ort, wo Ich das
letzte und vor den Juden öffentlich größte Werk vollbrachte.
[GEJ.11_033,05] Wie schon bekannt, war
Lazarus einer der reichsten Männer von ganz Judäa, und da er ohne Leibeserben
gestorben war, so gehörte nach dem Tempelgesetz ein Drittel seines gesamten
Vermögens dem Tempel an, während seine Schwestern, die ohne männlichen
Familienschutz – Lazarus hatte keine weiteren nahen Verwandten – waren, der
Oberhoheit des Tempels unterstanden, der eine höchst unbequeme Vormundschaft in
solchen Fällen ausübte. Die Pharisäer und Tempeljuden waren schon längst sehr
begierig auf den reichen Besitz des Lazarus und hatten, wie bekannt, schon
allerhand Schliche und Ränke ersonnen, den Lazarus in ihre Finger zu bekommen,
um möglichst das gesamte reiche Erbe sicher in ihre Hände zu bringen. Mit den
beiden Schwestern fertig zu werden, schien ihnen nicht allzu schwer.
[GEJ.11_033,06] Lazarus hatte aber alle keck
vorgebrachten Ansprüche und Anerbietungen zurückgewiesen und ärgerte sich wegen
der Zudringlichkeit des Tempelgeschmeißes oft so sehr, daß Ich ihn warnte,
seine Hitze abzulegen, da dieses böse Folgen für ihn haben könne. Er befolgte
auch Meinen Rat nach Kräften und wurde, seit Ich ihm die bewußten Hunde
zugeführt, wegen Mangels an Belästigung auch bei weitem ruhiger.
[GEJ.11_033,07] Jetzt jedoch, kurz vor seinem
Tode, hatte er wieder einen Strauß mit den Tempelmitgliedern, indem diese ihn
angeklagt hatten, er ließe es an der nötigen Achtung des Tempels fehlen, was so
weit ginge, daß er die Mitglieder desselben, die in der besten Absicht der
Seelsorge zu ihm kämen, mit Gewalt vertreibe und seine Leute sogar von dem
Besuche des Tempels und von den notwendigen Buß- und Reinigungsopfern abhalte.
[GEJ.11_033,08] Wußten auch die Templer, daß
diese und ähnliche Lügen, sowie das Bemühen, ihn als Freund des
Völksaufwieglers Jesus auch den Römern verdächtig zu machen, hinfällig waren,
so rechneten sie doch auf die bekannte Hitze seines Charakters, wodurch er
vielleicht bei etwaigen Verhören unvorsichtig sich Blößen gäbe, durch die es
möglich sei, ihn an den Tempel zu fesseln, so daß er, um freizukommen,
mindestens große Versprechungen, die auf das Erbe Bezug hatten, hätte machen
müssen.
[GEJ.11_033,09] Lazarus durchschaute diese
geschickten Pläne sehr wohl, wies die Anklagen, die gegen ihn erhoben wurden,
vor dem römischen Statthalter gewichtig zurück, so daß er frei ausging, ohne
dabei äußerlich sichtliche Erregung gezeigt zu haben.
[GEJ.11_033,10] Um so mehr kochte es jedoch
in ihm, so daß er in ein hitziges Gallenfieber verfiel, das ihm in kürzester
Zeit den Tod brachte. Das war die äußere Veranlassung seines Todes; die innere,
rein geistige war schon durch die Antwort angedeutet, die Ich dem Knechte gab,
und auch durch die Worte an Meine Jünger.
34. Kapitel – Die Ankunft in Bethanien.
[GEJ.11_034,01] Als wir uns nun Bethanien
näherten, kam uns auch derselbe Knecht, der Mich bereits gesprochen hatte, entgegen
und erzählte tränenden Auges, daß sein Herr bereits an demselben Tage, an dem
er ausgesandt worden, gestorben sei und schon seit vier Tagen im Grabe ruhe.
[GEJ.11_034,02] Es war, zumal in Palästina,
Sitte der Juden, einen Toten nie über Sonnenuntergang hinaus im Hause zu
behalten, sondern sogleich nach festgestelltem Tode in die eigens
hergerichteten Grabkammern niederzulegen, – eine Sitte, die durch die schnelle
Verwesung ihre Berechtigung hatte.
[GEJ.11_034,03] Der Knecht eilte, nachdem er
Mich getroffen hatte, in das nicht mehr sehr fern liegende Haus, um den
Schwestern Meine Ankunft mitzuteilen, die nach damaliger Sitte von einem großen
Bekannten- und Freundeskreis tagelang besucht wurden, um sie über die
schmerzliche Trennung zu trösten und ihnen die nunmehrige Einsamkeit leichter
zu machen; denn trauernde Weiber durften in der ersten Zeit das Haus gar nicht
verlassen, sondern es forderte der Anstand der damaligen Zeit, daß sie
möglichst sichtbar nur der Trauer lebten, die sich auch durch recht vieles
Wehklagen bemerkbar machen mußte.
[GEJ.11_034,04] Maria und Martha hatten,
obgleich sie ja nicht frei waren von den eingefleischten Gebräuchen ihres
Volkes, wenig Neigung zu dem bedrückenden Formelkram, zudem sie von dem
geistigen Fortleben innigst überzeugt waren. Sie erwarteten sehnsüchtigst Mein
Kommen, um den rechten Trost an Meinem Wort zu finden. Wenn auch der Gedanke,
Ich würde ihnen den Bruder erwecken, nicht in ihren Seelen aufgestiegen war, so
hofften sie aber doch, bei Mir Rat und Hilfe vor den sich sofort breitmachenden
Pharisäern zu finden, die bereits mit lüsternen Augen das fette Erbe
betrachteten und sich mit der Tempelwache schon eingefunden hatten, um sich das
Erbe zu sichern.
[GEJ.11_034,05] Als der Knecht, der Mich
zuerst gesprochen hatte, in das Haus trat, fand er zunächst Martha, welche in
ihrer gewohnten Art sich des Hauswesens annahm und auch trotz ihrer Trauer,
soweit es eben der anwesenden Juden wegen anging, dafür sorgte, daß alles in
Ordnung verblieb wie bei Lebzeiten ihres Bruders, der bei der Verteilung der
Arbeitskräfte stets eine mustergültige Ordnung und Übersicht der auf einem so
großen Besitztum notwendigen Einrichtungen bewiesen hatte.
[GEJ.11_034,06] Ich war aber mit den Meinen
noch nicht nahe zum Hause getreten, sondern befand Mich noch außerhalb des
kleinen Ortes, um vorläufig noch kein Aufsehen zu erregen. Martha aber kam nun
eilends uns entgegen, die wir eine kleine Rast am Wege hielten, und als sie
Mich sah, stürzte sie laut weinend auf Mich zu.
[GEJ.11_034,07] Ich stärkte sie in ihrer
Seele, und nun sprach sie zu Mir die bekannten Worte (Martha): „Herr, wärest Du
hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“
[GEJ.11_034,08] Damit meinte sie, es wäre Mir
ein leichtes gewesen, ihn wieder gesund zu machen, wie so viele andere.
[GEJ.11_034,09] Darum setzte sie hinzu
(Martha): „Denn ich weiß es noch sehr wohl, daß alles, um was Du Gott bittest,
Dir von Ihm gegeben wird.“
[GEJ.11_034,10] Diese Worte waren aber nur
eine Wiederholung der Meinen, da Ich öfter in Meinen Belehrungen gesagt hatte:
‚Um was der Sohn den Vater bittet, das wird Ihm gegeben!‘, – nicht aber waren
diese Worte eine feste Überzeugung dessen, daß Ich Selbst der Vater sei,
trotzdem doch so viele Beweise vorlagen, die den Mir Nächststehenden hätten schon
längst gründlich die Augen öffnen müssen, wer in Mir lebte.
[GEJ.11_034,11] Ich sprach daher, um ihr Herz
weiter dem Glauben und der Erkenntnis zu öffnen, mit großer Überzeugungskraft:
„Dein Bruder wird auferstehen!“
[GEJ.11_034,12] Martha aber, wie auch ihre
Schwester Maria hatten über den ihnen fast unüberwindlich scheinenden
Schicksalsschlag eine solche Zagheit der Seele erhalten, daß nur die große
Trübsal, in der sie sich befanden, vorläufig vor ihren Augen stand und der
frühere feste Glaube zu Mir und Meiner Sendung völlig in den Hintergrund trat,
– wie denn meistens die Menschen sich scheinbar recht stark im Glauben
bekunden, solange die äußeren Lebensverhältnisse recht günstige sind, sofort
aber wieder in Zagheit, ja Unglauben verfallen, sobald eine kleine Prüfung an
sie herantritt, die sodann nach ihrer Meinung Gott hätte schon darum abwenden
müssen, weil sie sich doch zu den Gläubigen zählen, – daher Gott geradezu die
Verpflichtung habe, sie vor jedem Übel zu schützen.
[GEJ.11_034,13] Wie lange werden noch die
unmündigen Kinder dem Lehrer Anweisungen zu geben sich erdreisten, wie er sie
erziehen soll?! Ich, der Lehrer, erziehe aber Meine Kinder nicht, wie sie
wollen, sondern wie es für sie zum Besten ist. –
[GEJ.11_034,14] Auch Martha, anstatt durch
Meine Worte erweckt zu werden und sich zuerst den Bruder der Liebe, den
gestorbenen Glauben zu erwecken, antwortete daher: „Ich weiß wohl, daß er
auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage!“
[GEJ.11_034,15] Antwortete Ich ihr: „Weißt du
nicht, daß jeder Tag der ‚jüngste‘ ist, und daß Ich die Auferstehung und das
Leben bin?! Wer aber an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er leiblich stürbe.
Wer aber da lebt und glaubt an Mich, der wird nimmermehr sterben. Wem aber
Gewalt gegeben ist, die Seelen zu erwecken, damit sie in sich das wahrste und
hellste und reinste Leben haben mögen, wie soll der da nicht die Leiber wieder
beleben können, die doch erst von der Seele erschaffen werden?! – Glaubst du
das?“
[GEJ.11_034,16] Sagte Martha, in der erst
jetzt wieder ein Erinnerungsstrahl der früheren gehörten Totenerweckungen und
damit die Hoffnung, Ich möchte hier ein Gleiches tun, erwachte, voll
hoffnungsvoller Liebe zu Mir: „Herr, ja, ich glaube, daß Du bist Christus, der
Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, uns zu erlösen!“
[GEJ.11_034,17] Als sie das gesagt hatte,
wollte sie vor Mir niederfallen. Ich aber verhinderte das und ermahnte sie,
frohen Mutes zu sein und Maria herzusenden, selbst aber über das, was wir
geredet hatten, zu schweigen.
[GEJ.11_034,18] Und Martha ging alsogleich,
Meinem Wunsche zu willfahren.
35. Kapitel – Der Herr und Maria.
[GEJ.11_035,01] Maria aber saß in dem
Prunkzimmer, das in jedem jüdischen Hause vorhanden war, umgeben von den vielen
Freunden und Bekannten des Lazarus, die ihr Trost zusprachen und die vielen
Vorzüge des Verstorbenen rühmten. Maria verblieb in diesem Kreise um so lieber,
als einige Pharisäer, die – wie bereits gesagt – sich hier ziemlich ungeniert
als Herren gebärdeten, dadurch wenigstens von ihrer Person abgelenkt wurden und
sich nicht mit allerhand bereits ziemlich frech vorgebrachten Anerbietungen ihr
weiter nahen konnten.
[GEJ.11_035,02] Maria war, bevor sie Mich
kennengelernt hatte, ein sehr lebensfrohes Geschöpf gewesen, das durch den
Reichtum, den sie besaß, sich sorglos den Vergnügungen, die das damalige üppige
Leben des Herodes Antipas heraufbeschworen hatte, hingab. Unabhängig war sie
des Glaubens, unter dem Schutze ihres Bruders auch unverantwortlich zu sein
gegenüber der Meinung der allerdings feilen Menge. Infolgedessen wurden ihr
oftmals üble Erfahrungen zuteil, da sie den Glauben der Leichtfertigkeit bei
den lüsternen Pharisäern erregt hatte.
[GEJ.11_035,03] Ihr früheres, mehr
äußerliches Leben hatte sich jedoch völlig verinnerlicht und ihr den klaren
Blick verliehen, Mich auch am meisten von ihren Geschwistern zu erkennen.
Jetzt, nach dem Tode ihres Bruders, traten die Pharisäer um so unverschämter
auf, da diese an eine wahre Umwandlung ihres Innern nicht glaubten und sogar
Mich als den von Lazarus begünstigten Liebhaber auszuschreien versuchten und
auch bereits hierüber, sowie über das Ausbleiben Meiner Wunderkraft, die doch
den Freund hätte retten müssen, höhnische Bemerkungen gemacht hatten.
[GEJ.11_035,04] In dem Augenblick Meines
Kommens waren die meisten Pharisäer nicht zugegen, sondern hatten sich nach der
schon bekannten, dem Lazarus gehörigen Herberge am Ölberge begeben, um sich
über die Pachtbedingungen zu orientieren. Diese Herberge war, wie bekannt, von
den Pharisäern in Verruf gebracht worden, und sie berieten darüber, diese vor
allen Dingen zu beanspruchen, da der Tempel nach Aufhebung des Makels mit
derselben ein recht gutes Geschäft machen könnte, zumal sie früher der schönen
Aussicht halber von den Juden als eine Art Vergnügungsort sehr besucht war.
[GEJ.11_035,05] Martha ging heimlich zu
Maria, welche sich gerade etwas seitwärts von den anwesenden Juden hielt, und
sagte ihr leise: „Der Meister ist da und ruft dich!“
[GEJ.11_035,06] Schnell fragte Maria, wo Ich
sei, und Martha gab ihr auch darüber kurze und schnelle Auskunft. Als sie das
gehört, stand Maria eilends auf und eilte hinaus.
[GEJ.11_035,07] Die Juden jedoch, als sie
sahen, wie eilends sie sich entfernte, waren erst erstaunt; dann aber sagte
Ephraim, ein Freund des Lazarus, der bereits seinen Vater genau gekannt hatte
und auch Mich oftmals im Hause gesehen und gehört hatte, wodurch er so eine Art
Halbgläubiger geworden war, der Mich mindestens für einen beachtenswerten
Menschen, wenn auch nicht für den Messias hielt: „Sie geht gewißlich zum Grabe,
um dort zu weinen und zu beten. Gehen wir, Freunde, sie aufzusuchen, damit sie
in ihrem Schmerze sich nicht etwa ein Leid antue!“
[GEJ.11_035,08] Die übrigen Juden willigten
ein, und so folgten sie langsam der dahinschreitenden Maria. Diese aber, als
sie Mich in der Mitte der Meinen erblickte, eilte ungestüm auf Mich zu und fiel
Mir laut weinend zu Füßen.
[GEJ.11_035,09] Schluchzend konnte sie in
ihrem Schmerz und in ihrer Freude, Mich zu sehen, keine Worte finden, bis Ich
sie liebevoll fragte: „Maria, warum weinst du? Weißt du nicht, daß dein Bruder
lebt in Meinem Reiche?“
[GEJ.11_035,10] Schmerzvoll nickte sie mit
dem Kopfe und wiederholte die Worte der Schwester (Maria): „Herr, wärest Du hier
gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben!“
[GEJ.11_035,11] Ich hob sie vom Boden auf und
sprach: „Der Geist, der in Mir lebt, hätte, so ihr glaubtet, deinen Bruder auch
schützen können, wenn Ich auch nicht anwesend war; aber ihr seid unmündige
Kindlein und begreifet die Wege Gottes nicht!“
[GEJ.11_035,12] Unterdessen waren auch die
Juden herangekommen, welche Maria gefolgt waren und eine Gesellschaft von etwa
zwölf Personen ausmachten. Als diese sahen, wie Maria gar so heftig weinte und,
von Mir gehalten, sich scheinbar nicht trösten lassen wollte, wurden auch sie
tief ergriffen, ebenso wie die Meinen, welche dieser Szene beiwohnten, und auf
beiden Seiten gab es reichlich Tränen des Mitgefühls.
[GEJ.11_035,13] Sagte nun Ephraim, der ein
bereits ergrauter Mann war: „Meister, wie gar so grausam ist doch der Tod, der
dieser den Hüter und besten Bruder von der Seite gerissen hat in der vollen
Manneskraft! Warum mußte nur so etwas geschehen?“
[GEJ.11_035,14] Und auch die andern Juden,
die Mich und Mein Wort doch alle kannten – denn es waren das wahre Freunde des
Lazarus, denen er bei Lebzeiten viel Gutes erwiesen hatte, und die ihm ein
dankbares Herz entgegenbrachten, selbst aber arm waren –, stimmten dem Sprecher
zu und haderten mit Gott. Maria aber fing an, um so heftiger zu weinen, und die
Meinen sahen Mich mit Blicken an, die deutlich aussprachen, daß sie hier die
Wege der Gottheit nicht begriffen.
[GEJ.11_035,15] Da erfaßte Meine Seele eine
tiefe Wehmut, daß in den Herzen derer, die Mir nun so lange zugehört und so
viele herrliche Werke des in Mir wohnenden Gottesgeistes angesehen hatten, doch
noch so wenig wahrhaft lebendigen Glaubens emporgewachsen sei. Und alle Kraft
Meiner Seele als Menschensohn faßte sich zusammen in dem heißesten Wunsche, die
Schlange, die da verhindere, daß die Kinder völlig klar sehen, gänzlich zu
vernichten, damit der Lebensbaum in ihnen gedeihe und herrliche Früchte trage.
[GEJ.11_035,16] Diesen Vorgang in Mir
bezeichnet der Evangelist mit den Worten: ‚Er ergrimmte im Geiste und betrübte
sich selbst‘. Denn bevor Mein Leib nicht gestorben war, war, wie bei jedem
Menschen, noch nicht die völlige Verschmelzung des Materiellen und Geistigen
vor sich gegangen, sondern es forderte des Menschen Sohn ebensosehr seine
Rechte als Körpermensch wie jeder andere, war untertan den Bedürfnissen des
Leibes wie auch den Seelenstimmungen, die nur durch den Glauben und festes
Wollen sich aus Zweifeln zum Wissen emporhoben und so die völlige Einigung von
Körper, Seele und Geist hervorriefen.
[GEJ.11_035,17] Von jenem Augenblick an, wo
in dem einsamen Tal die Gottheit in Mir den letzten Versuch gemacht hatte, mit
Luzifer zu rechten, trat auch der Menschensohn wieder mehr in den Vordergrund,
der in Gethsemane schließlich alle Seelenängste und Vorkosten des Todes
durchmachen mußte, um alle Riegel des Todes, Unglaubens und Zweifels zu
zerbrechen, unbeschadet der in ihm wohnenden allmächtigen Gottheit, die mit
einem Worte ihre Schöpfung hätte vernichten können, Sich aber Selbst tiefer als
die niedrigste Kreatur demütigte, um sie zu retten. –
[GEJ.11_035,18] Diese Worte sind sehr
notwendig, daß jeder sie wohl in sein Herz aufnehme und begreifen lerne,
ansonst er nie verstehen wird, warum Ich ins Fleisch kam, litt und starb, und
wodurch diese scheinbare Doppelnatur des Menschensohnes und Gottessohnes
begründet wird.
36. Kapitel – Die Auferweckung des Lazarus.
[GEJ.11_036,01] Ich fragte nun die Juden, da
Maria noch immer weinend in Meinem Arme lag, um sie zu versuchen: „Wo habt ihr
ihn hingelegt?“ Denn sie hätten wissen müssen, daß Mir der Ort wohlbekannt war.
[GEJ.11_036,02] Sie sprachen aber (die
Juden): „Herr, komme und siehe es!“ und wandten sich, Mir den Weg zu zeigen.
[GEJ.11_036,03] Auch Maria trocknete die
Tränen, entwand sich Meinem Arm und schritt voran, Mir den Weg zu zeigen.
[GEJ.11_036,04] Bedurfte der Kenner aller
Wege wohl der Führer? – Und Mir gingen die Augen über.
[GEJ.11_036,05] Da sprachen die Juden
untereinander: „Siehe, wie hat er ihn liebgehabt!“
[GEJ.11_036,06] Notabene. Wüßten die Menschen,
was in diesem Vorgang alles enthalten ist, und was in der geistigen Welt
derselbe bedeutet, sie würden nie und nimmermehr zweifeln, daß Gott die
alleinige Liebe ist!
[GEJ.11_036,07] Späteren Schreibern soll es
aufbewahrt bleiben, wenn die Herzen noch empfänglicher und reiner geworden,
diese innersten Herzensgeheimnisse des ewigen Gottesgeistes klarzulegen und in
faßbaren Worten den gläubigen, kindlichen Gemütern darzustellen, damit sie
erkennen, wie unendlich groß und unerschöpflich der Quell Meiner Liebe ist.
Amen. –
[GEJ.11_036,08] Einige der Juden, die mit
Ephraim gekommen waren, flüsterten nun unter sich, indem sie auf Meine
Wundertat an jenem Blinden an der Straße nach Jericho hinwiesen: „Konnte der,
der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht schaffen, daß auch Lazarus nicht
gestorben wäre?!“
[GEJ.11_036,09] Abermals erfaßte Mich
innerlich, da Mir alle diese Reden, wenn auch für die um Mich Stehenden
unhörbar, dennoch klar hörbar waren, die tiefste Wehmut wegen des so wenig
lebendigen Glaubens.
[GEJ.11_036,10] Und Ich wandte Mich an Meinen
Jünger Johannes, der Mir zur Seite schritt und sagte zu ihm: „Johannes, wenn du
berichtest über die Tat, die auszuführen Ich Mich jetzt zum Grabe begebe, so
berichte auch über jene Zweifler, damit die Nachwelt ein deutliches Zeichen
habe, wie wenig die Wunderwerke nützen, und daß alle Kraft nur im Worte lebt,
das vom Glauben durchweht ist! Darum sollen aber auch in späteren Tagen die
Meinen nur mit dieser schärfsten Waffe kämpfen; denn was da von Gott ist, sei
untrügbar durch das innere, bleibende Wesen!“
[GEJ.11_036,11] Wir kamen nun zum Grabe, das
außerhalb Bethaniens auf einer freien Aussicht, umgeben von Ölbäumen und
Büschen, in den Felsen vertieft eingehauen war. Lazarus hatte dasselbe bereits
zu Lebzeiten herrichten lassen, weil es ihm früher ein Lieblingsgedanke war,
inmitten seiner Besitzung zu ruhen und gleichsam auch nach dem Tode ein
Schützer derselben zu sein. Dieses Grab, welches sogar jetzt noch vorhanden,
keineswegs aber das den Fremden und Reisenden gezeigte ist, war nicht in der
üblichen Art der jüdischen Gräber hergestellt, mit Vorkammer und Grabnische,
sondern mehr nach Art der römischen Begräbnisstätten oder Kolumbarien.
[GEJ.11_036,12] Es war ein tiefer Gang in den
Felsen gehauen, ziemlich hoch gewölbt, und an dessen Ende eine Vertiefung im
Felsen, in die der Tote hineingelegt worden war, bedeckt von einem großen,
viereckigen Stein, den fortzurollen ziemliche Mühe verursachte. Dieser Gang
sollte rechts und links Nischen erhalten für die zukünftigen Gräber der
Schwestern nach der Idee des Lazarus. Jedoch hatten diese nicht gewünscht,
bereits zu Lebzeiten ihre einstigen Grabstätten kennenzulernen, weswegen ihr
Bruder dieses unterließ und ein Einzelgrab herstellte.
[GEJ.11_036,13] Als wir an diesem Grabe
angelangt waren, sprach Ich zu einigen Knechten des Lazarus, welche beschäftigt
waren, die Umgebung des Grabes herzurichten, und jetzt neugierig zusahen, was
denn geschehen würde: „Hebet den Stein von dem Grabe ab!“
[GEJ.11_036,14] Ungläubig hörten diese den
Ruf, und Martha, welche ihnen nicht zu verstehen gab, Meinem Befehl zu folgen,
sagte zu Mir in besorgtem Ton: „Herr, er stinket schon; denn er ist vier Tage
gelegen!“
[GEJ.11_036,15] Antwortete Ich ihr: „Martha,
warum stellst du dich Meinem Wort entgegen? Habe Ich dir nicht gesagt, daß du
die Herrlichkeit Gottes schauen wirst, so du glaubst?! – Tuet also, wie Ich
euch gesagt habe!“
[GEJ.11_036,16] Da hoben sie mit großer Mühe
den schweren Stein von dem Grabe, und alsogleich entfernten sich die Arbeiter
des gar so üblen Geruches wegen, der von dem Toten ausströmte. Es konnte daher
auch niemand in nächster Nähe des Felsenganges bleiben, sondern die
Mitfolgenden stellten sich seitwärts, verwundert und erwartungsvoll Meinem
Beginnen zuschauend.
[GEJ.11_036,17] Ich aber stellte Mich an den
Eingang des Felsenganges und sagte mit lauter Stimme: „Vater, Ich danke Dir,
daß Du Mich, Deinen Sohn, erhört hast! Doch Ich weiß, daß Du Mich allzeit
hörst; denn Deine Stimme lebt und tönt in Mir. Nicht um Meinetwillen, sondern
um des Volkes willen, das umhersteht, sage Ich das, damit sie endlich völlig
glauben und einsehen, Du habest Mich gesandt und Du lebest in Mir, wie Ich in
Dir!“
[GEJ.11_036,18] Nach diesen Worten wandte Ich
Mich zum Grabe und rief mit lauter Stimme: „Lazarus, komme heraus!“
[GEJ.11_036,19] Alsogleich verschwand der
üble Geruch, und der belebte Leichnam fing an, sich zu regen. Maria und Martha,
die in ihrem Herzen gefühlt hatten, worauf Mein Beginnen beim Hinauswandern zum
Grabe hinausging, jedoch den Zweifel des Gelingens in sich trugen – wie denn
jeder immer lieber dann glaubt, wenn es sich um andere handelt, geht es aber um
seine eigene Haut, weit schwergläubiger sich zeigt –, schrieen vor Freude laut
auf und eilten hinein ins Grab.
[GEJ.11_036,20] Lazarus aber war völlig von
den Leichentüchern eingehüllt, das Gesicht bedeckt von einem Schweißtuche. Er
hatte sich erhoben und saß im Grabe wie einer, der vom tiefen Schlafe erwacht
und seine Sinne noch nicht recht sammeln kann.
[GEJ.11_036,21] Ich sprach daher zu den
Schwestern: „Löset ihm die Tücher auf und lasset ihn gehen!“
37. Kapitel – Die Bekehrung vieler Juden.
[GEJ.11_037,01] Als dieses geschehen war,
erkannte Mich Lazarus alsbald und eilte auf Mich zu. Sodann kniete er vor Mir
nieder und rief laut aus: „Mein Herr und mein Gott!“
[GEJ.11_037,02] Ich aber hob ihn auf, drückte
ihn an Meine Brust und sagte: „Lazarus, du hast den Tod durch Mich überwunden,
– sorge, daß du dieses auch ohne Meine Hilfe könnest; denn wahrhaft frei ist
der Mensch erst von allen Banden des Todes, wenn er aus sich heraus Meine Kraft
an sich reißt und sodann als Sieger und Herrscher hervortritt aus der
Grabeshöhle, in der seine Seele schlummerte! – Jetzt aber gehe hinein und
stärke dich, damit dein Leib neue Kräfte sammle zum irdischen Leben!“
[GEJ.11_037,03] Lazarus sprach kein Wort
weiter, sondern grüßte stumm und ging, gestützt von seinen Schwestern, langsam,
angetan mit dem Grabgewande, dem Hause zu.
[GEJ.11_037,04] Alle anderen aber, die bei dieser
Szene zugegen waren, wurden so von Staunen ergriffen, daß sie erst nach
geraumer Zeit Worte fanden, dieses auszudrücken.
[GEJ.11_037,05] Namentlich die Juden, welche
anfangs sich zweifelnd geäußert hatten über Meine Wunderkraft, sahen mit einer
scheuen Furcht zu Mir herüber, so daß Ich zu ihnen sagte: „Fürchtet ihr euch
vor Mir, da ihr sahet, daß Ich dem Tode gebieten kann? Sehet ihr denn nicht,
daß Ich ein Herr des Lebens bin?! So ihr aber Den fürchtet, was soll dann
geschehen, so ihr wüßtet, daß Ich den Tod als Begleiter mit Mir führe?! Habt
ihr nicht alle Ursache zu jubeln? Was zaget ihr also?“
[GEJ.11_037,06] Sagte einer derselben, der
schon früher für die andern einen Sprecher abgegeben hatte: „Herr, wir sehen
nun wohl allerklarst ein, daß in Dir wahrhaft alle Kraft Gottes verkörpert ist;
so wir das aber einsehen, sollen wir da nicht bangen, Dem gegenüberzustehen,
dessen Hauch uns ins Leben gerufen, und der uns unserer vielen Sünden wegen
eben wieder mit einem Hauche vernichten könnte? Denn siehe, wie gar so
erbärmlich wir vor Dir sind und gar so unnütz in unserm Tun, das ist uns nun so
recht klar geworden, nachdem unsere Augen die Werke Deiner Macht sehen durften!
Wir bangen daher, wie wir vor Dir bestehen können!“
[GEJ.11_037,07] Sagte Ich: „So allein die
Gerechtigkeit die einzige Eigenschaft Gottes wäre, wahrlich, ihr würdet nicht –
und keiner dieser aller – vor Mir bestehen können; denn es ist kein Haar an
euch, das nicht der Sünde und damit der Vernichtung verfallen wäre! Aber Gottes
Liebe, Sanftmut und Barmherzigkeit ist ebenso unendlich, als da ist die
Unendlichkeit des gesamten Weltenraumes, und daher vergißt Er auch nicht das
geringste aller Geschöpfe, die Er jemals geschaffen hat.
[GEJ.11_037,08] Er aber will euch allen ein
liebreichster Vater sein, – kein Gott, vor dessen Zorn ihr zittert und banget.
Der Gott der Rache lebt nur in eurer Phantasie. Ihr habt Ihn erst dazu gemacht,
weil nur ein rachsüchtiger, strenger Gott den Juden verehrungswürdig schien,
weswegen auch von diesen auf die mannigfachen Strafgerichte so großes Gewicht
gelegt wurde, die aber nie wahre Strafgerichte, sondern nur allein Folgen der
Bosheit, Dummheit und Verstocktheit der Menschen waren.
[GEJ.11_037,09] Ich aber bin der Vater
Selbst, der nun in Menschengestalt herabgekommen ist, den Menschen eine
übergroße Liebe zu beweisen und ihnen die Pforten des Lebens zu öffnen, die sie
sich selbst verrammelt haben. Was fürchtet ihr euch also, so ihr sehet, daß Ich
die Pforten des Todes sprenge, damit das Leben in vollen Strömen einziehen
kann?“
[GEJ.11_037,10] Sagte der Sprecher, der nun
ganz zutraulich wurde und näher trat: „O Herr, wir fürchten uns auch nicht
mehr! So Du uns annehmen wolltest, so würden wir gern ewiglich bei Dir
bleiben!“
[GEJ.11_037,11] Sagte Ich: „Habt ihr schon
jemals gehört, daß Ich jemand, der nach Mir verlangt hat, abgewiesen hätte? –
Also kommet alle her zu Mir, damit Ich euch erquicke und nun völligst freimache
von allen Banden des Todes!“
[GEJ.11_037,12] Nach diesen Worten eilten
alle die so zaghaften Zuschauer zu Mir, und jeder suchte Meine Hände zu fassen
oder Mein Gewand zu berühren. Dabei standen allen die Tränen in den Augen; denn
sie wurden mächtig durchdrungen von Meinem Liebegeist, der ihnen die heftigste
Sehnsucht nach Mir einflößte.
[GEJ.11_037,13] Ich ermahnte sie nun, sich zu
fassen und mit Mir zu Lazarus zu gehen, der inzwischen das Haus erreicht hatte
und von dem zahlreichen Gesinde seines Hauses anfangs wie ein Gespenst voller
Furcht angestaunt, dann aber, nach den erklärenden Worten der Schwestern, mit
größtem Jubel umringt wurde; denn Lazarus war ein sehr gerechter Mann, der von
allen in seinem Hause sehr geliebt wurde. Durch seinen Tod war jedoch die
Fortexistenz seiner Besitzungen sehr in Frage gestellt worden, da – wie schon
erwähnt – Lazarus keine männlichen Erben hinterließ, so daß die vielen auf
seinen Gütern beschäftigten Arbeiter, Mägde und Knechte um ihr ferneres
Unterkommen und namentlich, wer ihr zukünftiger Herr sein würde, sehr besorgt
waren. Jetzt war diese Sorge plötzlich eine überflüssige, und der Jubel war in
zweifacher Hinsicht – des Lazarus wegen und der eigenen, freien Lebensaussicht
wegen – ein äußerst freudiger.
[GEJ.11_037,14] Es ist leicht zu denken, wie
Ich beim Betreten des Hauses, nachdem der erste Freudenrausch verflogen war,
nun von allen bestürmt wurde, die Mich als den Retter aus schlimmer Not
begrüßten. Ich nahm diese Danksagungen alle freundlichst entgegen und ermahnte
die vor Freude geradezu Berauschten, ihren Dank dem Herrn darzubringen und Ihm
zu danken, der im Menschensohne so Großes vollbringe. Ich mußte dort also
reden, weil viele von ihnen noch lange nicht reif dazu waren, zu wissen, daß
Ich Selbst der Herr sei, dem ihr Dank zu gelten habe.
[GEJ.11_037,15] Es wurde von Lazarus, der
sich inzwischen mit Speise und Trank gestärkt hatte und nun so frisch und
munter wie jemals war, der Befehl zu einem großen Festmahl gegeben, das nach
jüdischer Sitte bei keiner irgendwie frohen Gelegenheit fehlen durfte. Er bat
Mich, daß Ich dasselbe mit den Seinen teilen möchte und fragte Mich, ob er auch
seine Nachbarn dazu entbieten dürfe, die noch nicht zugegen waren. Ich
gestattete ihm das gern; denn es war nach Meinem Willen, daß diese Tat in den
weitesten Kreisen bekannt werde, da jetzt der letzte und größte Fischzug für
Mein Reich eingeleitet werden sollte.
38. Kapitel – Der Plan der Pharisäer.
[GEJ.11_038,01] Einige der Juden, die zu des
Lazarus Freunden gehörten und sich über das unverschämte Auftreten der
Pharisäer am meisten geärgert hatten, waren nun zu der Herberge auf dem Ölberg
gegangen, wo sie die Pharisäer noch wußten, weil sie sich die geheime
Schadenfreude nicht versagen wollten, diesen hungrigen Wölfen den fetten Bissen
selbst aus dem Rachen zu ziehen. Man kann sich leicht denken, mit welchem
Schrecken und Unglauben die Nachricht von diesen aufgenommen wurde, welche
gerade in dem Gefühl schwelgten, schon Besitzer der Herberge zu sein, und mit
dem ob dieser Aussicht sehr betrübten Wirte sehr herrisch verfuhren, sich auch
sogleich den besten Wein hatten geben und ganz ungewohntermaßen auch die
Schergen der Tempelwache hatten reichlich bewirten lassen. Die ganze
Gesellschaft war bereits in recht weinseliger, fröhlichster Stimmung, als die
Juden eintraten und mit ihrer Nachricht die schon etwas stark umnebelten Köpfe
sehr ernüchterten.
[GEJ.11_038,02] Als sie nun hörten, daß Ich
zugegen sei, meinten sie, nachdem sie sich zu einer Beratung zurückgezogen, es
würde wohl in Bethanien ein großartiger essäischer Betrug von Mir ins Werk
gesetzt, irgendein dem Lazarus sehr ähnlicher Mensch untergeschoben worden
sein, damit der Tempel um seinen Anteil betrogen werde. Ich sei ja stets ein
gemeinsamer Liebhaber der zwei Schwestern gewesen und würde natürlich alles
versuchen, Meinen Geliebten dienstbar zu sein.
[GEJ.11_038,03] An die wahre Auferweckung
glaubten sie keinesfalls. Und so war ihre nächste Sorge, wie sie Mich, den
falschen Lazarus und die beiden Schwestern in ihre Gewalt bekommen könnten. Sie
hatten auch einen ganz klugen Plan ausgedacht, daß nämlich zwei von ihnen Mich
und den falschen Lazarus hinausrufen sollten, daß diese gar keinen Zweifel
zeigen dürften, sondern ihre Freude wegen der Erweckung beweisen und dabei
suchen sollten, uns beide etwas abseits des Hauses zu locken. Sodann sollte die
Tempelwache hervorstürzen und uns sofort in Gewahrsam bringen.
[GEJ.11_038,04] Dieser Plan war insofern ganz
gut, als die beiden Pharisäer, welche ausgesucht waren, Mich und Lazarus zu
begrüßen, in hohem Ansehen standen und es gegen allen Anstand und alle Sitte
gewesen wäre, etwa diesen hohen Priestern nicht entgegenzukommen, falls sie ein
Haus mit ihrer Gegenwart zu beehren dachten. Wären wir echte Juden der
damaligen Zeit gewesen, so hätten wir sofort Haus und Gesinde diesen hohen
Gästen gänzlich zur Verfügung stellen müssen, ansonst es dem Lazarus als eine
höchste Mißachtung des Tempels und seiner Vertreter angerechnet worden wäre.
[GEJ.11_038,05] Die Juden hatten sich mit dem
Wirt, der bei Überbringung der den Pharisäern so unangenehmen Nachrichten sich
vor Freude nicht zu fassen vermochte, sogleich wieder entfernt und kamen
eilends zurück, um zu melden, was sie getan hatten, – im festen Vertrauen
darauf, daß Derjenige, der dem Tode gebiete, auch sicherlich die Bosheit des
Tempels vernichten könne.
[GEJ.11_038,06] Ich verwies ihnen aber mit
sanften Worten ihr Tun, das wohl menschlich zu nennen, aber dennoch nicht in
Meiner Ordnung sei, da Schadenfreude selbst bei so hartherzigen Bösewichtern
nicht am Platze sei und das Herz dadurch dem Mitleid mit der Finsternis dieser
Menschen unzugänglich würde. Sie waren über diesen Tadel ganz betrübt und
beruhigten sich erst, als Ich ihnen versicherte, daß in diesem Falle zwar
niemand geschädigt werden würde durch ihr Handeln, daß sie aber in Zukunft
ähnliches unterlassen sollten. Das versprachen sie auch und wurden nun wieder
ganz heiter.
[GEJ.11_038,07] Die Pharisäer waren
unterdessen mit den Tempelschergen herangekommen und waren so weit vom Haus
entfernt, um sich noch ungesehen ein Versteck als Hinterhalt auszusuchen.
Nochmals berieten sie ihren Plan, und wie es ihnen hauptsächlich darum zu tun
sei, Mich in die Gewalt zu bekommen, damit Mir sogleich als Betrüger und
Volksaufwiegler der Prozeß gemacht werden könne.
[GEJ.11_038,08] Sie waren etwa zehn Minuten von
Bethanien entfernt bei einer Wegkrümmung, die ihnen die Häuser noch verbarg. Es
wollten sich die beiden hohen Priester nun auf den Weg machen mit einem Diener,
der ihre Ankunft im Hause melden sollte, – als ihre Rechnung einen garstigen
Strich erhielt.
[GEJ.11_038,09] Mit einem wütenden Gebell
stürzten nämlich die bekannten großen Schutzhunde hervor und umringten die
ganze Schar in so furchterregender Weise, daß sich keiner zu rühren getraute.
Diese Hunde, welche dem Lazarus von Mir gegeben worden waren, hatten seit
seinem Tode sich völlig teilnahmslos verhalten und waren nicht mehr zu bewegen
gewesen, ihr Schutz- und Wächteramt zu versehen, weswegen auch die Templer sich
ganz ungehindert breitmachen konnten. Nun aber, da Lazarus lebte, war auch die
alte Kraft und Lebendigkeit in sie zurückgekehrt, die sich in für die Pharisäer
höchst unerfreulicher Weise bemerkbar machte. Die riesigen Tiere umkreisten die
Schar zähnefletschend, und als einer der Knechte wagte, nach einem der Tiere zu
schlagen, lag er auch sofort am Boden und lief Gefahr, zerrissen zu werden.
Dieses eine Beispiel genügte, um die Schergen abzuhalten, von ihren Waffen
Gebrauch zu machen, zumal die Tiere sich begnügten, die ganze Gesellschaft
festzustellen, ohne sie anzugreifen, aber auch ohne sie vom Platze zu lassen.
39. Kapitel – Die Vertreibung der Pharisäer.
[GEJ.11_039,01] Ich teilte dem Lazarus und
den Anwesenden mit, was draußen geschehen war, und forderte sie auf, mit Mir
hinauszugehen, damit sie sich von der Wahrheit überzeugten, und damit noch ein
Versuch gemacht würde, die Pharisäer zu belehren, daß hier ihre Macht völlig
ohnmächtig wäre. Wir taten also und gingen nun zu den Gefangenen.
[GEJ.11_039,02] Dort angekommen, forderte Ich
die Schergen auf, freiwillig sich ihrer Waffen zu entledigen, was diese auch
sofort taten. Ein Knecht des Lazarus nahm diese in Empfang, und alsbald legten
sich auch die großen Hunde ringsherum ruhig nieder, immer aber ihre Feinde
scharf beobachtend und bereit, auf einen Wink ihres Herrn sich auf diese zu
stürzen.
[GEJ.11_039,03] Ich wandte Mich nun zu den
Pharisäern, die zähneknirschend dastanden aus Scham und Wut, weil sie den ihnen
sehr wohl bekannten Lazarus sogleich als den echten erkannt hatten, nun aber
insgeheim meinten, daß er überhaupt nicht gestorben gewesen, sondern daß da nur
ein sehr geschicktes, verabredetes Blendwerk mit seiner Krankheit, seinem Tode
und seiner Auferweckung vor sich gegangen sei, das geeignet sei, Meine
ebenfalls falsche Wunderkraft bei dem Volke recht ungeheuerlich darzustellen,
die bei Ausübung an einer so bekannten Persönlichkeit, wie es Lazarus war, Mir
ja sicherlich in ganz Judäa sehr viele Anhänger sichern mußte.
[GEJ.11_039,04] Nachdem Ich ihnen erst
haarscharf ihre Gedanken auseinandergesetzt hatte, fragte Ich die Templer: „Wie
lange wollt ihr, daß Ich euch doch noch ertragen soll? Alle Zeichen, die Ich
verrichte, und die so unzweifelhaft für Mich zeugen, verachtet ihr; Mein Wort
aber erkläret ihr als Lüge. Wisset ihr nicht, daß es eine Grenze gibt, über die
hinaus der Mensch nicht schreiten darf, wenn er nicht gänzlich dem geistigen
Tode verfallen soll, und daß, wenn diese Grenze erreicht ist, Gottes
Barmherzigkeit die Leiber vernichten muß, damit die Seelen durch den Mißbrauch
derselben nicht gänzlich verderbt werden?! Ihr aber seid alle dieser Grenze
nahe gekommen!
[GEJ.11_039,05] Alles, was ihr durch eure
Leiber euch nutzbar machen könnt zur Veredlung der Seele, verkehret ihr in euch
zu deren Tötung. Habt ihr dazu eure Sinne? Ihr sehet nicht, um zu sehen; ihr
höret nicht, um zu hören; ihr schmecket, fühlet, riechet nicht, um die Sinne
als Vermittler zu gebrauchen, sondern nur, um eurer Sinnlichkeit zu frönen.
Darum seid ihr aber auch schon ein stinkendes Aas geworden, das vertilgt werden
muß, damit es nicht alles verpeste, und damit es wenigstens in seiner Asche
noch zum Düngemittel des sonst guten, brauchbaren Bodens werde.
[GEJ.11_039,06] Wahrlich, Ich sage euch: Die
Axt ist euch an den Stamm gelegt, daß der Giftbaum eures Lebens umgeschlagen
werde! Aber nicht Gott klaget darum an, sondern lediglich euch selbst! Ihr
sehet nun, was hier Großes geschehen ist, und viele untrügliche Zeugen stehen
umher, die für die Wahrheit bürgen; in euch aber gärt dennoch der Haß und der
Wunsch, Mich und die Meinen zu vernichten, was euch aber nimmer gelingen wird!
So gehet denn von hinnen in eurem Zorn, – doch wisset, was ihr säet, werdet ihr
selbst ernten!“
[GEJ.11_039,07] Nach diesen Worten erhoben
sich die sieben großen Hunde und jagten mit Gebell die Templer und Schergen den
Weg nach Jerusalem entlang, den diese springend und stürzend in äußerster Angst
und Geschwindigkeit zurücklegten und nicht eher ruhten, bis die sicheren
Stadtmauern Jerusalems sie bargen, bis zu denen die Tiere sie verfolgten, ehe
sie zurückkehrten.
[GEJ.11_039,08] Von dem Tage an hatte
Lazarus, trotz der bösen Anschläge des Rates, sowohl in Bethanien als auf dem
Ölberg, völlige Ruhe; denn dort hinaus wagte sich der Hunde wegen kein
feindlicher Priester noch Tempelscherge mehr.
40. Kapitel – Die zukünftige Mission des
Lazarus.
[GEJ.11_040,01] Wir kehrten nun, nachdem der
Ölberg von den Pharisäern gesäubert war, nach Bethanien zurück in das Haus des
Lazarus, wo alles zu einem Festmahl vorbereitet worden war, und begaben uns
zunächst in des Lazarus großen Speisesaal, der uns schon oftmals aufgenommen
hatte.
[GEJ.11_040,02] Es begann nun ein großes
Gerede und Befragen des Lazarus, was er denn, während er im Grabe gelegen,
getan habe, und ob ihm eine Erinnerung verblieben sei über das, was er in der
Geisterwelt doch sicherlich erfahren und gesehen haben müsse. Er aber
bekundete, daß ihm zumute sei, als habe er recht tief geschlafen und auch recht
lebhaft geträumt, aber daß von dem Geträumten ihm nur dunkle Bilder verblieben
seien. Er wisse wohl, daß er mit verschiedenen Verstorbenen, wie auch mit
seinem Vater, gesprochen habe, ohne jedoch sich wesentlich des Gesprochenen
erinnern zu können. Trotz alledem wisse er aber sehr genau, daß er wahrhaft
gestorben sei und nicht etwa nur geträumt habe; denn die letzten Stunden seien
ihm sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben, zumal er die Todesfurcht sehr wohl
empfunden habe, wie auch das langsame Erlöschen seiner Lebensgeister.
[GEJ.11_040,03] Auf Befragen, wie er denn
erwacht sei, erklärte er: Er habe Meine Stimme gehört, die da befohlen habe, er
solle herauskommen, und so sei er erwacht wie ein Mensch, der aus dem Schlafe
erwacht sei, und habe Mir gehorcht, da er sofort wußte, wie und was mit ihm
geschehen war.
[GEJ.11_040,04] Die anwesenden Freunde und
Meine Jünger fragten noch gar mancherlei, was jedoch Lazarus ihnen nicht
beantworten konnte, – so nach den Gesprächen, die er geführt, wo er sich
befunden habe und so manches andere, was, wie sie vermeinten, ihnen noch nähere
Aufschlüsse geben könne über das Leben in der Geisterwelt. Es zeigte sich
jedoch, daß Lazarus nichts von alledem wußte.
[GEJ.11_040,05] Nun fragten sie Mich nach der
Ursache dieses Vergessens, und Ich sagte ihnen: „Wenn ihr gefangen seid in
einem Kerker, und es wird euch die Freiheit auf kurze Zeit gegeben, so daß ihr
ungehindert umherstreifen und euch mit ebenso gänzlich freien Wesen auf das
beste unterhalten könnet über viele Wunder der Natur, die in der lieblichsten
Gegend euch ganz von selbst ins Auge fallen, und ihr werdet gezwungen, in den
alten Kerker wieder einzutreten, der jedoch früher euch gar nicht einmal als
Gefängnis erschien, solange ihr nichts Besseres kennengelernt hattet, – wird
sich nicht eure Seele dann verzehren nach Wiedererlangung der so kurz
genossenen Freiheit? Ja, wird ihr das Zwangsleben nicht unerträglich werden, da
sie stündlich sich die Herrlichkeit der genossenen Freiheit vormalt, wenn die
Erinnerung die freudigen Stunden stets wieder belebt?
[GEJ.11_040,06] Seht, so ist es Lazarus
ergangen! Ich habe ihm aber die Erinnerung für das, was mit ihm in den vier
Tagen, da er im Grabe gelegen, geschehen ist, deswegen genommen, weil er
berufen ist, noch viel auf dieser Erde für Mich zu wirken. Ihm würde aber die
Sehnsucht nach Wiedererlangung der einmal genossenen vollen Freiheit hinderlich
sein, falls diese verzehrende Sehnsucht in ihm wüchse.
[GEJ.11_040,07] Es ist daher schon ganz gut,
so wie es ist, und ihr alle werdet es noch leicht einsehen, wenn auch ihr einst
werdet die Leiber von euch geworfen haben. Außerdem habt ihr selbst in diesem
Hause so viel schon erfahren von dem Leben nach dem Tode, daß eure Fragen mehr
müßiges Geschwätz bedeuten als eine Ergründung des Lebens nach dem Tode, von
dem ein jeder von euch denn doch nun schon zur Übergenüge überzeugt sein muß!“
[GEJ.11_040,08] Sagte Lazarus zu Mir: „Herr,
Du sprichst von einem Amte, das mir zu wirken noch hier vergönnt sein wird.
Darf ich wissen, wie denn da das Wirken für Dich gemeint ist?“
[GEJ.11_040,09] Sagte Ich: „Das ergibt sich
alles in der Folge von selbst; denn Meine Hand leitet dich und alle, die für
Mein Reich zu arbeiten berufen sind, in so sanfter Art, daß sie glauben
könnten, es geschähe nur aus eigenem Antriebe. Und es geschieht das im Urgrunde
auch; denn will Ich freie Wesen, so muß die freie Entschließung ihnen anheimgestellt
bleiben. Nur die äußeren Vorkommnisse kann Ich so leiten, daß Meinen Dienern
die Entscheidung zwischen zwei Wegen, die sie zu wandeln hätten, zufällt. Meine
wahren Kinder werden dann aus Liebe zu Mir nie im Zweifel sein, welcher Weg der
rechte ist. Immer aber muß der Willensimpuls von ihnen ausgehen.
[GEJ.11_040,10] So wirst auch du noch, wie
ganz von selbst, in deinem Leben dich zu entschließen haben, ob du rechts oder
links gehen sollst. Der eine Weg führt direkt zur Arbeit in Meinem Namen, der andere
aber zur bequemeren Lebensweise des trägen Zuschauens. Je nachdem du wählst,
wird dann auch dein Wirken sich gestalten. Ich weiß aber und sage es dir auch,
daß du aus Liebe zu Mir schon recht wählen wirst. Und somit sei das genug; denn
mehr zu sagen ist um deiner selbst willen vom Übel!“
[GEJ.11_040,11] Sagte Lazarus: „Herr, mir
genügt das auch schon vollkommen; macht es mich doch überaus selig zu wissen,
daß Du mich schwaches Werkzeug gebrauchen kannst und willst! Gib mir nur die
rechte Kraft, daß ich das versprochene Amt dann auch völlig auszufüllen
vermag!“
[GEJ.11_040,12] Sagte Ich: „Darüber mache dir
keine Sorge, sondern vertraue nur recht gläubig, so kann Ich durch dich wirken
und du durch Mich! Das rechte Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist dann auch
in euch, wie es sich jetzt in Mir zeigt!
[GEJ.11_040,13] Darum aber bin Ich ja in die
Welt gekommen, euch zu zeigen und zu lehren, daß ihr noch weit mehr als Ich
Selbst jetzt leisten könnet, so ihr nur guten Willens und voll Glaubens seid.
[GEJ.11_040,14] Wie weit die Menschen und
vornehmlich die Juden aber voll Glaubens und guten Willens sind, wird sich gar
bald zeigen; denn es naht die Zeit, wo die Ernte Meiner Lehrjahre eintreten
soll und muß. Ist diese auch noch so klein, und sind der fruchtbaren
Samenkörner auch noch so wenige, so wird doch jedes Korn hundertfältige Frucht
tragen, die den ganzen Erdboden versorgen soll und wird, bis dann einstens eine
große Ernte eintreten kann, die die Scheuern des Vaters mit reichlicherer
Frucht füllen wird, so daß dann nie wieder eine solche große Hungersnot
entstehen kann, wie sie jetzt zugelassen wird, damit der verlorene Sohn umkehre
und sich sättige. Ihr verstehet zwar diese Meine Worte jetzt nicht; aber drüben
in Meinem Reiche werdet ihr sie völlig verstehen lernen.
[GEJ.11_040,15] Du aber, Mein Lazarus, sieh
dich jetzt vor und bereite dich, viele Gäste zu empfangen; denn der Ruf deiner
Erweckung ist bereits hinab zur Stadt gedrungen, und gar viel Volk macht sich
auf, dich und Mich zu sehen! Diese aber sollen alle erquickt werden, und Meine
Diener, die dir schon bekannt sind, werden dir behilflich dabei sein!“
41. Kapitel – Anschläge der Templer.
[GEJ.11_041,01] Als Ich diese Worte ausgesprochen
hatte, stand der allen bekannte Raphael schon neben Mir und begrüßte Lazarus
auf das freundlichste. Dieser wiederum war hoch erfreut, den Raphael zu sehen
und sprach seine Freude in Worten lebhaft aus, ebenso Meine Jünger und
verschiedene Freunde des Lazarus, die bereits früher Zeugen der
außerordentlichen Wunderkraft des Erzengels gewesen waren.
[GEJ.11_041,02] Es wurde nun in äußerster
Schnelle der Saal zum Empfang der angekündigten Gäste hergerichtet, und ein
doppelt reges Leben äußerte sich im ganzen Hause, so daß ein Gespräch unter uns
schwierig wurde und wir hinaus ins Freie traten, um den geschäftigen Dienern
des Hauses, die den Anordnungen Raphaels eifrig und freudig folgten, nicht
hinderlich zu sein.
[GEJ.11_041,03] Es ist notwendig, darauf
hinzuweisen, daß aus schon angedeuteten Gründen – der freieren
Geistesentwicklung der Meinen wegen – kein allzu fühlbares Eingreifen Meiner
Kraft mehr stattfand, sondern alles, was nun als wunderbar und außergewöhnlich
zu bezeichnen war, stets einen äußerlich mehr einfachen, menschlichen Anstrich
erhielt.
[GEJ.11_041,04] Wenn Ich nun sage, daß
innerhalb von etwa einer halben Stunde in dem großen Saale des Lazarus, sowie
in den anstoßenden Gemächern, Tafeln aufgestellt wurden, an denen mehrere
hundert Menschen gespeist werden sollten, daß in fast ebenderselben Zeit für
diese auch die Speisen bereitet wurden, so wird man einsehen, daß solche Arbeit
auch von sehr emsigen Dienern nicht geleistet werden kann, deren etwa zwanzig
zur Verfügung standen; denn die Bereitung der Speisen allein kostet nach
natürlichem Gange mehr Zeit. Dennoch war alles zustande gekommen ohne
sichtliche außergewöhnliche Hilfe, nur die Behendigkeit der Leute schien eine
große.
[GEJ.11_041,05] Mit diesem Bemerken soll
klargemacht werden, daß das Nahen des größten Ereignisses der Zeiten ohne
außergewöhnliches Eingreifen vorbereitet wurde; denn selbst die Auferweckung
des Lazarus erschien den Anwesenden wohl höchst wunderbar, jedoch nicht so
überwältigend wie zum Beispiel das Verwandeln öder Gegenden in fruchtbares Land
und anderes.
[GEJ.11_041,06] Diese Auferweckung bildete
aber den Schlußstein Meines Lehramtes und leitete dessen Ernte ein.
[GEJ.11_041,07] Wer da Verständnis hat und
bemüht ist, sich zu erwecken, der begreife! Wer da noch im Grabe liegt, der
lasse den Stein von diesem abwälzen, damit der tote Lazarus erweckt werde und
herauskomme. Amen! –
[GEJ.11_041,08] Als wir draußen vor dem Hause
standen, sahen wir schon auf dem Wege von Jerusalem her eine Menge Volkes
heranziehen, das sich Bethanien als Ziel erwählt hatte. Es waren Juden, denen
die Kunde gebracht worden war, Lazarus sei wieder lebendig geworden, und die
sich davon überzeugen wollten. Diese kamen näher, und als sie Lazarus und Mich
sahen, eilten sie schnellen Schrittes heran und staunten uns beide an, den
Erweckten und den Erwecker.
[GEJ.11_041,09] Lazarus sprach nun recht
freundlichen Tones zu ihnen: „Liebe Freunde, ihr staunet und begreifet nicht,
daß ich lebe, der doch sichtlich und ganz gewiß gestorben war; aber ihr wißt,
daß bei Gott kein Ding unmöglich ist, und Er, der alles belebt, wird doch auch
diesen irdischen Staub wieder beleben können, wenn auch das Leben aus ihm
entflohen war. Sehet, ich lebe wahrhaftig, und hier steht Der, der mich
wiederum ins Leben rief! Könnet ihr nun noch zweifeln, daß alles das die Kraft
Gottes bewirkt, die in Ihm, dem Messias, wahrhaft lebt und sich kundgibt?
Wahrlich, wer da jetzt noch zweifelt, der gleicht einem härtesten Stein, der
auch nicht gerührt werden kann als nur durch die äußerste Anwendung rohester
Kräfte, daß er zergehe, – an dem das Wasser abfließt, ohne nur ein kleinstes
Teilchen von ihm abzulösen.
[GEJ.11_041,10] Ihr seid gekommen, mich zu
sehen. Da betrachtet mich nun, und überzeugt euch, daß ich wahrhaft lebe! Dann
aber gehet hin zu diesem Meister alles Lebens und lasset auch euch erwecken zum
wahren Leben und zum wahren Erkennen aller Geheimnisse Gottes, die Er im
Menschensohne wirkt; denn die Zeit ist nahe herangekommen, wo die Guten und
Schlechten getrennt werden und der Weizen von der Spreu gesäubert werden muß,
auf daß dieser Weizen ausgesät werde zur Vervielfältigung einer reichlichen
Frucht!“
[GEJ.11_041,11] Diese Worte sprach Lazarus
aus begeistertem Herzen und in Meinem Namen, so daß die Juden tief ergriffen
wurden und sich um Mich und die Meinen scharten und verlangten, belehrt zu
werden. Dieses geschah auch.
[GEJ.11_041,12] Es kamen aber immer noch mehr
aus der Stadt, so daß sich alsbald fast an tausend Personen einfanden, die sich
alle überzeugten von der Wundertat und laut Gott priesen und lobten, der in Mir
solche Dinge verrichte.
[GEJ.11_041,13] Als nun die Gemüter sich
langsam beruhigten, gab Ich Lazarus einen Wink, und dieser forderte alle
Anwesenden auf, mit ihm zu gehen. Und alle folgten in die Gemächer, in denen
das große Festmahl vorbereitet worden war.
[GEJ.11_041,14] Dieses nahm keinen
ungewöhnlichen Verlauf, so daß davon nichts Besonderes zu berichten ist. Nur
ist zu erwähnen, daß nicht Meine nächsten Jünger, die zwölf Apostel, das Amt
verwalteten, die vielen Juden, welche die Neugierde heraufgetrieben hatte, zu
unterrichten und zu belehren, sondern daß die andern Jünger und Anhänger,
welche Mir bereits seit langem nachfolgten und ebenfalls wohlunterrichtet waren
in Meiner Lehre, dieses Amt versahen.
[GEJ.11_041,15] Wir – das ist Lazarus mit
seinen Schwestern und die Apostel, sowie selbstverständlich Ich – saßen an
einem Ende des Saales etwas abseits. Lazarus warf jetzt die Frage auf, was denn
die Pharisäer nun wohl zu tun gedächten, nachdem sie so übel von den großen
Hunden bedient und nach Jerusalem zurückgejagt worden waren.
[GEJ.11_041,16] Sagte Ich ihnen: „Dieselben
sind sofort in den Tempel geeilt und haben daselbst ihre Kollegen
zusammengerufen. Sie halten jetzt einen großen Rat untereinander ab und tragen
ihre Klagen vor, die darauf hinausgehen, daß hier ein großer Betrug vorliege.
[GEJ.11_041,17] Es ist ein Hin- und
Widerreden unter den Mitgliedern des Rates; denn viele sind doch darunter,
welche sich von den tatsächlichen Wunderwerken überzeugt haben. Auch ist
Nachricht von den Pharisäern eingetroffen, die wir bei Mucius getroffen haben,
und welche bezeugen, daß die Gegenden am Nebo wesentlich verändert seien, und
daß sie eine Handelskarawane angetroffen haben, welche die bei Aphek
geschehenen Wunder berichtete. Alles dieses aber habe nach Aussage
unzweifelhaft glaubwürdiger Leute Ich getan, so daß, falls diese Dinge auf
Wahrheit beruhten, es nicht unmöglich sei, daß Lazarus gestorben und auferweckt
sei; denn ganze Gegenden zu verwandeln, sei denn doch wohl noch ein größeres
Werk, als einen nur entseelten Körper wieder neu zu beleben.
[GEJ.11_041,18] Es erhebt sich jetzt ein
großer Streit; denn die Mir feindlichen Pharisäer suchen auch diese Nachrichten
so zu erklären, als wenn Betrug vorliege. Da kommen sie aber in Streit mit den
Freunden der abgesandten Pharisäer, welche dafür einstehen wollen, daß diese
sich nicht täuschen lassen, da sie als besonders nüchtern Denkende auch
besonders geschickt zur Untersuchung seien und daher mit dem Auftrage betraut
wurden.
[GEJ.11_041,19] Es erhebt sich jetzt einer
von den ersten Schriftgelehrten und spricht: ‚Es ist zweifellos, dieser Mensch
tut große Wunder, weswegen denn auch schon der Tempel sich viele Mühe gegeben
hat, ihn für sich zu gewinnen, aber stets ohne Erfolg. Ebenso gewiß ist aber
auch, daß er stets gegen die Diener geeifert und die Mißachtung im Volke gegen
uns, die Diener Gottes, bis auf das Höchste gefördert hat.
[GEJ.11_041,20] Wollen wir aber in Frieden
mit den Römern leben, so ist unbedingt notwendig, daß uns das Volk blindlings
gehorche; denn dieses zu lenken ist des Tempels Pflicht und Recht. Daher rate
ich, daß wir diesen Jesus von Nazareth sobald als möglich als einen
Volksaufwiegler zu ergreifen suchen und dem Gerichte der Römer unterstellen
oder von diesen fordern, daß er nach unserem Tempelgesetz bestraft und
unschädlich gemacht werde.‘
[GEJ.11_041,21] Sagt Kaiphas, der
Hohepriester: ‚So die Römer nicht Herren im Lande wären, läge dieser Mensch
schon längst in Ketten und Banden; aber er besitzt unter den höchsten Römern
selbst mächtige Freunde, die ihn schützen werden. Daher muß eine Gelegenheit
gefunden werden, daß er sich selbst uns durch irgendeine Tat überliefere, die
uns das Recht gibt einzugreifen und das Recht der Strafe beantragt. Er ist aber
klug genug, nicht gegen die Römer, sondern nur gegen uns zu eifern; daher ist
er gefährlicher als jeder andere, den die Römer sonst alsogleich als
Volksaufwiegler ergreifen und richten würden.‘
[GEJ.11_041,22] Sagt Nikodemus, der auch
zugegen ist, um etwa ein Wort für Mich einzulegen: ‚Liebe Freunde, ihr wißt
doch, daß dem Jesus viel Volk anhanget; denn wie viele er gesund gemacht hat,
davon ist vielleicht nur der kleinere Teil hier bekanntgeworden. Sollte es
nicht besser sein, ihn dem Volke zu lassen seiner Wunderkraft wegen, die doch
einen großen Segen verbreitet?!‘
[GEJ.11_041,23] Jetzt erhebt sich ein großer
Sturm der Entrüstung im Rate wegen solch einer schweren Zumutung, und unser
Nikodemus muß gar viele Scheltworte und Verdächtigungen anhören, daß er dem
Hohen Rate solchen Vorschlag vorlegen kann. Er hört aber alles ganz gelassen
an; denn Ich gebiete ihm jetzt in seinem Herzen, zu schweigen und sich hierher
zu begeben.
[GEJ.11_041,24] Kaiphas aber spricht jetzt
wieder, nachdem Ruhe eingetreten ist: ‚Wahrlich, ihr wißt nichts und bedenket
auch nichts! Es ist uns allen besser, der Mensch sterbe für das Volk, ehe das
ganze Volk verderbt werde. Und so gebiete ich denn, daß ein jeder bedacht sei,
die rechte Gelegenheit zu erforschen, von der ich sprach; denn was da geschehen
soll, geschehe bald!‘
[GEJ.11_041,25] Die Mitglieder des Hohen
Rates sind mit diesen Worten einverstanden und schließen ihre Sitzung.
Nikodemus aber entfernt sich still und unbemerkt und wird bald hier eintreffen.
[GEJ.11_041,26] Seht, jetzt wißt ihr, wie es
drunten im Tempel aussieht; aber seid ohne Sorge! Nicht eher können diese ihre
Pläne ausführen, als bis Ich Selbst Mich in ihre Hände gebe!“
42. Kapitel – Die Abreise von Bethanien.
[GEJ.11_042,01] Sagte Lazarus: „O Herr, Du
wirst Dich dieser Brut doch nicht Selbst überliefern, die nur würdig ist,
baldigst vernichtet zu werden?!“
[GEJ.11_042,02] Sagte Ich: „Was da zu
geschehen hat, liegt im Willen des Vaters. Sein Wille geschehe; der Sohn aber
hat zu gehorchen! Kümmere dich daher um nichts, was da nicht deines Amtes ist,
sondern sorge, daß auch du fortschreitest im Erkennen des Willens deines und
Meines Vaters!“
[GEJ.11_042,03] Fragte Mich Lazarus: „Herr,
bist Du denn nicht der Vater?“
[GEJ.11_042,04] Sagte Ich: „Ich bin es, und
doch kommt jetzt die Zeit, wo der Vater in Mir Sich zurückziehen muß, damit der
Sohn frei entscheide. Was Ich euch soeben offenbarte, was drunten im Tempel vor
sich geht, das ist der erste Schritt, damit der Sohn Sich entscheide. Und
glaubet Mir, Er hat Sich bereits entschieden, damit das Volk nicht untergeht!
Doch fraget jetzt nicht weiter, sondern sorget, daß alle diese Anwesenden
keinerlei entbehren; denn sie sind zum letzten Male in Meiner irdischen Nähe als
Kinder, für die Ich leiblich sorge!“
[GEJ.11_042,05] Fragte Lazarus besorgt:
„Herr, willst Du uns denn wieder verlassen?“
[GEJ.11_042,06] Sagte Ich: „Ja, Ich werde
dich morgen in aller Frühe wieder verlassen und nicht eher wiederkommen, als
bis es gilt, das große Osterlamm zuzubereiten!“
[GEJ.11_042,07] Lazarus meinte nun, Ich
möchte doch, wie schon früher, länger in der Winterszeit bei ihm bleiben.
[GEJ.11_042,08] Ich erwiderte ihm: „Du weißt
doch, was der Tempel vorhat; Ich aber will nicht, daß die Meinen um
Meinetwillen belästigt werden. Darum ziehe Ich fort von hier – dahin, wo Ich
bis zur Osterzeit in Ruhe verbleiben kann; und so geschehe es denn!“
[GEJ.11_042,09] Darauf sagte Lazarus nichts
mehr und beeilte sich, als Hauswirt nachzusehen, ob die vielen Gäste auch gut
bedient würden.
[GEJ.11_042,10] In nicht langer Zeit kam denn
auch Nikodemus bei uns an und berichtete, was drunten im Tempel geschehen sei,
was natürlich mit Meinen Aussagen genauest übereinstimmte. Er fürchtete sich
anfangs der vielen Anwesenden wegen, von denen ihn gar viele sehr genau
kannten, jedoch beruhigte Ich ihn und gab ihm die Versicherung, daß niemand von
diesen ihn verraten würde.
[GEJ.11_042,11] Es ist von diesem Abend, der
sehr bedeutungsvoll wurde dadurch, daß alle Anwesenden sich zu Mir und Meiner
Lehre bekannten, nichts weiter zu berichten, was nicht schon in ähnlicher Art
bei früheren Gelegenheiten geschehen wäre, weswegen über diese ganze
Angelegenheit hinweggegangen werden kann, nachdem das Wichtigste bereits gesagt
worden ist.
[GEJ.11_042,12] Die ganze Gesellschaft blieb
bis zum Sonnenuntergang bei Lazarus zusammen, worauf sie sich von ihm und von
Mir mit Worten des herzlichsten Dankes verabschiedete und wieder nach Jerusalem
zurückkehrte, um das Wunder dort noch weiterzutragen, so daß Lazarus in den
nächsten Tagen nichts anderes zu tun hatte, als nur durch Zeigen seiner Person
der allgemeinen Neugierde und Bewunderung gerecht zu werden. Dabei unterließ er
es nicht, eifrigst auf Mich und Mein Wort hinzuweisen und hielt auch – zum
größten Verdruß des Tempels – mit der Erzählung, wie die Pharisäer sich auf
seinen Gütern benommen hatten, und wie dieselben bedient worden waren, nicht
hinter dem Berge, so daß der Spottlust der Juden völlig freier Lauf gelassen
wurde. Daß auch diese ganze Angelegenheit sehr dazu diente, das Ansehen der
Pharisäer zu untergraben und die Habsucht des Tempels recht augenfällig
darzutun, liegt auf der Hand, weswegen denn auch langsam unter dem Rate der
Entschluß reifte, ihn ebenfalls zu beseitigen, was auch sicherlich gelungen
wäre, wenn Lazarus nicht durch seine Hunde so gut geschützt worden wäre, daß
keine irdische Leibwache eines Fürsten bessere Wächter hätte abgeben können.
[GEJ.11_042,13] Als nun die Einwohner der
Stadt uns verlassen hatten, richtete Ich an Lazarus das Verlangen, uns rechte
Lagerstätten herzurichten, damit die Meinen, welche heute alle für Mich gut
gearbeitet hatten, auch vorsorglich der Ruhe pflegen könnten und morgen frisch
und gestärkt sein würden.
[GEJ.11_042,14] Ich sagte auch allen Mir
nachfolgenden Jüngern, daß jeder, der da zu den Seinen zurückkehren wolle,
dieses tun könne; denn Ich würde Mich jetzt von der Welt zurückziehen und Meine
Gegenwart bis Ostern verheimlichen. Wer da also ein Geschäft habe, das ihm
wichtig schiene, oder wer während des Winters, der jetzt eintreten würde, bei
den Seinen verbleiben wolle, solle sich zu diesen begeben, begleitet von Meinem
Segen.
[GEJ.11_042,15] Es meldeten sich da viele,
als sie hörten, es sei mit Meinem Segen, wenn sie gingen. Nur die zwölf Apostel
und noch etwa zwanzig Personen, welche sich nicht trennen wollten von Mir,
blieben übrig, Mir auch dahin zu folgen, wohin Ich sie immer führen würde. Ich
segnete denn auch diese, wie Ich versprochen, und ermahnte alle, fest an Meinem
Worte zu hangen und dieses weiterzuverbreiten. Zum Osterfest würden sie Mich
hier wiederfinden, wo sie Mich verlassen.
[GEJ.11_042,16] Wir ruhten denn nun die Nacht
in Frieden, und in aller Frühe versammelte Ich die Meinen nochmals um Mich und
verabschiedete Mich kurz von den Zurückbleibenden: von Lazarus, den Schwestern
und dem ganzen Hause, die Mich nur sehr ungern entließen, jedoch durch Meine
Zusage, zu Ostern wieder bei ihnen zu sein, recht getröstet und beruhigt
wurden.
[GEJ.11_042,17] Wir gingen nun schnell aus
dem Orte Bethanien hinaus und schritten die Straße entlang nach Jericho zu.
[GEJ.11_042,18] Was nun in der Zeit bis zu
der Rückkehr nach Bethanien geschehen ist, das macht die Periode aus, in der
der Mensch Jesus von Nazareth sich in den Vordergrund stellte, in der nochmals
die ganze Annehmlichkeit des Lebens sich herannahte, damit der Mensch Jesus
sich frei zu dem nun notwendig gewordenen Opfertod entschließe. Diese Dinge
jetzt aufzudecken, ist noch zu früh. Nur ein Geschlecht, das völlig eingedrungen
sein wird in die Wesenhaftigkeit Meiner Liebe, wird das begreifen können. Jetzt
würde es als unwahr bezeichnet werden. Darum übergehe Ich nun vorläufig diese
Dinge und werde nur das mehr Historische berühren.
43. Kapitel – Die Bedeutung der Auferweckung
des Lazarus.
[GEJ.11_043,01] Als wir die Straße längere
Zeit schweigend beschritten hatten, näherte sich Mir Johannes und sagte: „Herr,
Du weißt, wie sehr ich stets aufgemerkt habe auf alles, was Du getan und
gesprochen hast! Ich habe mir auch manche Anmerkungen gemacht, vorzüglich über
Deine Lehre, und mir alle Deine Worte getreu ins Herz und dadurch auch ins
Gedächtnis geprägt, so daß es mir nun jederzeit leicht sein würde, schriftlich
niederzulegen, was hauptsächlich in unseren Herzen leben soll. Bis jetzt ist
das aber nur teilweise geschehen. Diese Begebenheit mit Lazarus, von der wir
alle nun die aufmerksamsten Zeugen gewesen sind, möchte ich denn aber doch ganz
besonders aufzeichnen; denn sie scheint mir von einer besonderen Bedeutung, die
doch wohl noch einen anderen Ursprung hat, als nur den, einen toten Körper
wieder zu beleben.“
[GEJ.11_043,02] Sagte Ich: „Was für eine
Bedeutung scheint dir denn noch dieser Begebenheit innezuwohnen?“
[GEJ.11_043,03] Antwortete Johannes: „Herr,
Lazarus war Dir ganz besonders teuer wegen seines gerechten Lebenswandels vor
Dir und mußte doch sterben an einer Krankheit, die er sich selbst durch sein
Verschulden zugezogen hatte. Ist das nicht ein deutliches Zeichen, daß der
Mensch, sobald er nicht vor Deinen Augen bewußt wandelt, das heißt sich
beobachtet glaubt von Deinen doch allwissenden Augen, trotz aller Gerechtigkeit
dennoch nur zu leicht in allerhand Fehler verfallen kann, durch die er in einen
geistigen Todesschlummer verfällt, aus dem nur Du allein ihn wieder erretten
kannst?
[GEJ.11_043,04] Und wenn dann die
leidtragenden Schwestern des Menschen – das sind seine werktätige Liebe und
sein guter Wille – zu Dir kommen und sagen: ‚Siehe, Herr, den Du lieb hattest,
aber der da dennoch fehlte, ist jetzt tot! Er wäre nicht gestorben, so Du hier
gewesen wärest!‘ – das heißt also: wenn er unter Deinem Auge sich wandelnd
gefühlt hätte, so hätte er nicht gesündigt –, wirst Du dann nicht aus Erbarmen
ihn aus der Todesnacht befreien, die Binden ihm abnehmen lassen und ihn mit dem
Lebenswasser wieder erquicken und so herstellen, als wäre er nie gestorben?
[GEJ.11_043,05] Siehe, Herr, diese und noch
viele andere Gedanken sind mir gekommen, und ich glaube daher auch, daß noch
vieles mehr in dieser Begebenheit verborgen ist, als die Zeugen derselben
vermeinen!“
[GEJ.11_043,06] Sagte Ich: „Johannes, wohl
dir, daß du im Geiste erkennst, was dieser allein dir offenbaren kann, und
durch die äußere Begebenheit den inneren Sinn lasest! Ich sage dir daher auch,
daß noch unendlich viel mehr in dieser Begebenheit verborgen liegt.
[GEJ.11_043,07] Dann, wenn erst der große
Lazarus, um dessentwillen Ich ins Fleisch gekommen bin, wird auferweckt werden
durch Meine Liebe, – dann erst ist der Augenblick gekommen, wo vor jedweder
Kreatur die Liebe des Vaters so offenbar wird, daß die innere Liebe eurer
Herzen euch zersprengen würde, wenn nicht eure Seelen durch viele Schulungen
gefestet genug wären, diese ungeheure Liebeerkenntnis zu ertragen.
[GEJ.11_043,08] Jetzt allerdings sehen die
Menschen nur eine gewöhnliche, wenn auch außerordentliche Totenerweckung in
ihr, die sie mit Staunen wohl, aber noch nicht mit Liebe zu Gott erfüllt. Und
auch spätere Geschlechter werden wenig von dem inneren Sinne spüren. Du aber,
als der erste, der davon spürte, sollst auch darum Zeugnis darüber geben und in
deinen Berichten diese wichtigste aller Begebenheiten nicht vergessen!
[GEJ.11_043,09] Nun aber schweige hiervon;
denn was wir sprachen, ist nur für dich allein und noch nicht für die übrigen!“
[GEJ.11_043,10] Wir gingen nun wieder
schweigend unseres Weges weiter. Nach einiger Zeit fiel es nun doch dem Judas
auf, daß Ich so gar keine Anstalten machte, Mich über die Richtung des
einzuschlagenden Weges zu äußern, und da es ihn juckte, womöglich in Jericho zu
bleiben, das bekanntlich zu Meiner Zeit eine sehr blühende Stadt war, voll
aller damaligen Vergnügungen eines Wohnsitzes der Reichen, weswegen sich auch
dort leichter als irgendwo sonst ein kleines Geschäft als eine Art Wundertäter
machen ließ, so fragte er Mich geradezu, ob Ich in Jericho längere Zeit zu
bleiben gedächte.
[GEJ.11_043,11] Ich antwortete ihm: „Wer sagt
dir, daß Ich überhaupt nach Jericho ziehen will?“
[GEJ.11_043,12] Judas, etwas verdutzt und
enttäuscht über diese Gegenfrage, die ihm die Vereitelung seines Wunsches
anzudeuten schien, beeilte sich, sich zu entschuldigen, daß er dieses nur
vermutet hätte, da die Straße dahin führe.
[GEJ.11_043,13] Ich antwortete ihm: „Ein
jeder geht die Straße, die ihn der Geist führt! Zieht es dich nach Jericho, so
gehe dorthin! Ich halte dich nicht. Frage aber nicht, wohin Mein Weg geht; denn
dieser ist nicht der deine!“
[GEJ.11_043,14] Meinte Judas, dem es doch
allzu verlockend war, die Palmenstadt aufzusuchen, ob Ich zürnen würde, wenn er
kurze Zeit dahin gehen würde.
[GEJ.11_043,15] Sagte Ich: „Habe Ich doch die
andern alle ohne Unmut, ja mit Meinem Segen entlassen, warum sollte Ich dir
zürnen? Jeder gehe, wohin der Geist ihn führt! So gehe auch du nach Jericho;
denn deine Seele ist schon dorten!“
[GEJ.11_043,16] Daraufhin dankte Mir Judas
für diese Erlaubnis und verschwand auch unbemerkt am nächsten Herbergshause,
deren es auf der Straße nach Jericho viele gab, aus unseren Reihen. Er
verbrachte die ganze Zeit, von der jetzt berichtet werden soll, in jener Stadt
und machte dort als Erzähler und Augenzeuge der Auferweckung des Lazarus bei
den wundersüchtigen Römern und Fremden, von denen Jericho angefüllt war, recht
gute Geschäfte.
[GEJ.11_043,17] Nebenbei sei aber auch
gesagt, daß er zur Kenntnisnahme Meiner Lehre nicht wenig beitrug, die er
oftmals mit großem Feuer und viel Rednergabe vortrug, – immer aber mit einem
gewissen Beigeschmack, auf sich selbst auch einen Teil der Bewunderung zu
ziehen, der Meiner Weisheit galt. So wurde er dennoch gerade für diese Art
Leute in Jericho ein ganz gutes Werkzeug, trotz aller seiner Nebenabsichten, –
wie denn auch nicht oft genug betont werden kann, daß Judas keineswegs ein
schlechter Mensch gewesen ist, sondern nur ein solcher, der gleichzeitig sich
selbst und damit der Welt und dem Geiste dienen wollte, dadurch aber in gar
argen Zwiespalt geriet, den dann andere, weit schlechtere Menschen später
auszunutzen verstanden.
44. Kapitel – Der Herr in Ephrem (Joh.11,54).
[GEJ.11_044,01] Als wir nun fast bis gegen Abend
gegangen waren, nachdem wir eine längere Rast gehalten hatten, um unsere Leiber
zu stärken, versammelte Ich die Meinen um Mich und sagte ihnen, daß Ich willens
sei, nach Ephrem zu ziehen und dort längere Zeit zu verweilen; sie sollten
jedoch gegen jedermann davon schweigen, da Ich diese Zeit zu ihrer und Meiner
Kräftigung gebrauchen würde und auch zur Befestigung einiger schwacher Gemüter,
die für die nun bald kommende Zeit der Erfüllung gestärkt werden müßten.
[GEJ.11_044,02] Ephrem war eine kleine, unbedeutende
Stadt, die selbst zu Meiner Zeit kaum beachtet und vielen gänzlich unbekannt
war. Sie lag nicht weit vom Toten Meere ab, inmitten des Gebirges, gänzlich
abgeschieden. Wollt ihr deren Lage genauer wissen, weil heutzutage kein
Gelehrter mehr eine Ahnung hat, wo dieser Ort zu suchen ist, so ziehet von dem
oberen Teile des Meeres, dort, wo die Karten eine etwas starke Buchtung zeigen,
eine Linie nach links bis in die Anfänge des Gebirges, welches als ‚Wüste Juda‘
bezeichnet wird, und ihr habt die Gegend gefunden, wo einstens Ephrem zu finden
war, die aber jetzt nichts mehr von dessen Spuren aufweist.
[GEJ.11_044,03] Es war schon fast Abend
geworden – die Straße nach Jericho hatten wir schon früher verlassen und uns
südwärts gewandt –, als Ich, wie schon bemerkt, das Reiseziel angab. Wir kamen
daher kurz vor Eintritt der Nacht daselbst an.
[GEJ.11_044,04] Ephrem war eine arme Stadt
und wurde nie von Reisenden besucht. Daher fand sich auch dort kein
Herbergshaus, wo wir hätten übernachten können. Nur armselige, kleine Hütten
standen umher, die den Namen einer Stadt gar nicht verdienten. Es ernährten
sich deren Bewohner kümmerlich von Viehzucht und allerhand Schnitzereien aus
hartem Holz und Asphalt, welchen das Tote Meer lieferte. Der Ort war früher einmal
als eine Art Festungsplatz benutzt worden gegen die Einfälle der Nomadenvölker.
Daher befand sich auch auf einer Höhe eine Art verfallener Burg, die, aus
uralter Zeit stammend, zwar gänzlich verfallen war, aber doch eine Unterkunft
gegen Wind und Wetter bot.
[GEJ.11_044,05] Diese Ruine bezogen wir
für die Nacht und richteten uns dort ganz häuslich ein. Sie bot genügend
Raum für alle, und Petrus meinte, wenn Ich, wie schon sooft, auch hier mit
Meiner Kraft diesem alten Gebäude ein wenig nachhelfen wollte, so würde es sich
schließlich ganz gut in dem noch recht festen Gemäuer überwintern lassen. Ich
sagte ihm und den andern, das würde auch geschehen, doch müßte der Bewohner
wegen dieses alles mit Vorsicht geschehen, damit Ich nicht verraten würde und
sie keinen Schaden nähmen an ihrer Seele; denn dieses seien noch recht
einfältige Menschen, die uns eine ungebührliche Verehrung zollen würden. Daher
müsse alles hier einen nach außen hin mehr natürlich gleichmäßigen Anschein
haben.
[GEJ.11_044,06] Fragten Mich jetzt die
übrigen, warum Ich denn nicht gleich direkt nach diesem Ort gegangen wäre,
anstatt die Straße nach Jericho so weit hinauf zu ziehen, wodurch ein großer
Umweg gemacht worden war.
[GEJ.11_044,07] Ich erklärte ihnen, das sei
der Juden wegen geschehen, vor denen wir Ruhe haben wollten, und die Mich hier
gewiß nicht suchen würden, sondern nun jenseits des Jordans oder im Jordantale.
Gerade hier, so recht nahe bei Jerusalem, seien wir in dieser Wildnis am
sichersten.
45. Kapitel – Die Unterhandlungen mit dem
Stadtältesten von Ephrem.
[GEJ.11_045,01] Wir ruhten in diesen Ruinen
denn auch ganz gut bis zum frühen Morgen. Sodann sandte Ich einige von den
Jüngern hinab in das Städtchen, damit sie Lebensmittel einkaufen und mit den
Bewohnern unterhandeln sollten, daß es uns gestattet würde, in dem Gebäude zu
bleiben.
[GEJ.11_045,02] Sehr bald kam denn auch der
Stadtälteste zu uns mit einigen seiner Leute, begierig, die sonderbaren Leute
kennenzulernen, welche um die Erlaubnis baten, in einem Hause zu bleiben, das
bisher nur den Vögeln und allerhand Getier als Schlupfwinkel gedient hatte. Wir
nahmen ihn denn auch ganz freundlich auf, und da Ich ihm als das Haupt der
Gesellschaft bezeichnet wurde, fragte er Mich, ob wir etwa Flüchtlinge oder
Ausgewiesene seien, die hier in dieser abgelegenen Gegend sich zu verbergen
gedächten. Ich beruhigte ihn hierüber und bewies ihm sehr bald, daß wir so gut
wie er Hebräer wären, jedoch in Beschaulichkeit den Winter verbringen möchten,
um würdig Gott zu dienen.
[GEJ.11_045,03] Als er anfangs eine etwas
bedenkliche Miene machte und nicht übel Lust zu haben schien, uns kurz und
bündig abzuweisen, trat einer aus den Reihen Meiner Anhänger hervor und
begrüßte ihn als alten Freund, mit dem er in Jerusalem zusammen die
Tempelschulen besucht hätte. Dieses Erkennen verwandelte den Mann völlig, und
als er nun gar von seinem Freunde hörte, Ich sei der berühmte Heiland von
Nazareth, den er zwar selbst noch nie gesehen, von dem er aber um so mehr
gehört hatte, bat er wegen seines Mißtrauens viele Male um Entschuldigung und
gab uns gern die Erlaubnis, in den Räumen zu schalten nach Belieben. Er bat uns
auch, zu ihm zu kommen.
[GEJ.11_045,04] Ich aber sagte ihm: „Freund,
dein allerdings stets gastliches Haus würde für unsere Gesellschaft doch zu
klein sein, und hier werden wir uns bald ganz häuslich eingerichtet haben.
Darum bleiben wir schon am besten hier. Du aber verrate Mich nicht deinen
Untergebenen und den Stadtbewohnern vor der Zeit, damit ihr und wir unbehelligt
bleiben mögen von den Tempelhäschern und feindlichen Juden!“
[GEJ.11_045,05] Er versprach das denn auch
und versicherte, er würde niemandem sagen, wen diese Mauern bergen, sondern
alle neugierigen Fragen abweisen. Diese alte Burg gehöre der Gemeinde an, und
er als deren Haupt habe das Verfügungsrecht darüber und sei niemand
Rechenschaft schuldig, wem er dieselbe überlasse.
[GEJ.11_045,06] Ich sagte ihm, die Meinigen
würden das Gemäuer wiederherstellen, und so hätte er auch der Gemeinde
gegenüber ein gutes Recht zu seinem Handeln, da diese kostenlos zu einem guten
Gebäude kommen würde.
[GEJ.11_045,07] Der Vorsteher war darüber
sehr erfreut und fragte sogleich, ob wir irgendwelchen Materials bedürften, er
wolle es uns beschaffen.
[GEJ.11_045,08] Ich aber sagte ihm, er solle
sich deswegen gar nicht kümmern, wir würden das schon selbst tun.
[GEJ.11_045,09] Weiterhin fragte er, ob er
denn wiederkommen dürfe, und es war selbstverständlich, daß ihm das gern
gestattet wurde.
[GEJ.11_045,10] Nachdem der Vorsteher mit seinem
Freunde, den er noch Meinetwegen recht ausfragen wollte, gegangen war,
verteilte Ich die Arbeit, – und es ist leicht zu denken, daß Ich als
geschickter Zimmermann gerade keine Mühe hatte, das Haus baldigst zu einem
einfachen, aber nach damaligen Begriffen recht behaglichen Wohnsitz
umzugestalten. Wir brauchten dazu aber dennoch einige Tage; denn es sollte, wie
schon bemerkt, nichts allzu Auffälliges hier geschehen. Allerdings hätten auch
recht fleißige Arbeiter sonst ebenso viele Wochen dazu benötigt.
46. Kapitel – Der Herr deutet den Grund
Seines Sterbens an.
[GEJ.11_046,01] Als die Wohnungen nun
geordnet und verteilt waren, ein jeder auch eine ihm zusagende häusliche
Beschäftigung übernommen hatte, meinte Petrus zu Mir: „Herr, wie so gar
behaglich ruht es sich doch hier unter diesem Dache! Oh, es ist doch ein
herrlich Ding um eine eigene, sorgenfreie Häuslichkeit! Warum nur tatest Du
nicht früher dergleichen? Nie hast Du vordem dafür gesorgt, eine eigene
Ruhestätte zu haben; erst jetzt bereitest Du Dir eine solche! Könnten wir nicht
immer hierbleiben und nur ab und zu die Juden draußen aufsuchen, um sie zu
belehren? Am besten aber wäre es schon, wir blieben von nun an immer hier; denn
die da draußen sind mit wenig Ausnahmen doch nicht wert, Deine Taten zu sehen
und Deine Stimme zu hören!“
[GEJ.11_046,02] Sagte Ich: „Lieber Bruder,
diese Stätte ist auch keine dauernde für des Menschen Sohn; aber Er bedarf
derer, damit Er Kraft gewinne zum Schlußstein seines Wirkens! Solange Ich
draußen wirkte und lehrte, trieb Mich der innere Geist, dem dieser Leib auch
untertan ist, – jetzt aber soll der Schlußstein gelegt werden, ohne daß der
Geist treibe, sondern allein die Seele aus Liebe sich entscheide.
[GEJ.11_046,03] Siehe, was jetzt in Meiner
Seele vorgeht, davon wird nie ein Menschenherz etwas erfahren; denn jetzt muß
der Menschensohn sich aufschwingen zum Gottessohn! Darum aber wird jener auch
entkleidet aller seiner Macht, und ihr, die ihr bisher um Mich waret, sollet
erkennen, was der Vater will!“
[GEJ.11_046,04] Fragte Petrus: „Ja, Herr, Du
bist doch Selbst der Vater, – wie kannst Du da der Macht entkleidet werden?“
[GEJ.11_046,05] Antwortete Ich: „Der ist der
größte Krieger und Held, der auch ohne Waffen dem Feinde entgegentritt und den
Tod nicht scheut, so er weiß, daß er den Feind am ehesten niederstreckt durch
seine Todesverachtung. Und so lege Ich denn auch alle Waffen der Kraft von Mir
und trete dem Feinde entgegen nur mit der Kraft des Wortes, der Sanftmut und
der Liebe, damit auch er alle Waffen der Hinterlist und Bosheit von sich gebe
und reuevoll nahe als verlorener Sohn.
[GEJ.11_046,06] Doch siehe, das fassest du
noch nicht! Darum merke wohl auf – auf alles, was du nun sehen wirst!“
[GEJ.11_046,07] Petrus ging nun sehr ernst zu
den Brüdern und teilte ihnen Meine Worte mit, aber auch sie verstanden
dieselben nicht und meinten, Ich sei wieder recht sonderbar in Meinem Wesen,
wie schon früher einmal bei Kapernaum. Doch fragten sie nicht mehr ein
Weiteres, sondern suchten Meine Worte zu ergründen.
[GEJ.11_046,08] Eines Tages nun, nachdem wir
etwa seit acht Tagen in unserer Burg wohnten, kam denn auch der Vorsteher
wieder zu Mir und sagte: „Meister, ich habe von einem Einwohner Ephrems Deine
letzte große Tat erfahren, aber auch, daß Dir darum der ganze Tempel nun sehr
aufsässig ist und sich alle Mühe gibt, diese Erweckung als den allerbarsten
Schwindel hinzustellen.
[GEJ.11_046,09] Ja, es ist sogar der Versuch
gemacht worden, Lazarus vor den Rat zu bringen, damit er sich reinige durch
Widerruf. Aber Lazarus ist nicht erschienen und sagt, was man von ihm hören
wolle, könne man in seinem Hause auch erkunden. Die Priester haben jedoch sein
Haus für unrein erklärt und weigern sich, zu ihm zu kommen, – wohl nur aus
Furcht; denn er soll in ganz wunderbarer Weise geschützt werden.
[GEJ.11_046,10] Dir ist das jedenfalls alles
längst bekannt. Jedoch fürchte ich um Deinetwegen sehr, daß durch die große
Nähe Jerusalems irgendein Zufall Dich verrate und sie Dich etwa hier auszuheben
versuchen könnten.“
[GEJ.11_046,11] Sagte Ich: „Mein lieber
Vorsteher der Stadt, da habe keine Furcht; denn ehe Ich es nicht Selbst
zulasse, hat alle Bosheit des Tempels keine Gewalt über Mich, und niemand kann
es gelingen, Mich zu greifen. So wie Ich bis jetzt unbekannt geblieben bin,
werde Ich es bleiben. Haben doch selbst die Einwohner dieser Stadt gar kein Arg
und Verlangen, Mich näher kennenzulernen, nur weil Ich es so haben will! Sei
also ganz unbesorgt! Du bist hier der einzige, der mit Mir und den Meinen
verkehren will, und dem die Pforte des Hauses daher auch nicht verschlossen
ist. Sonst aber wird keiner so leicht diese Schwelle übertreten, – außer der
Geist führte ihn zu Mir.“
[GEJ.11_046,12] Sagte der Vorsteher, ganz
beruhigt über Meine Worte: „Herr, ich weiß, daß Du mehr bist als irgendein
Prophet oder sonstiger Gesalbter Gottes; denn nur Der, in dem die Gotteskraft
selbst wohnt, kann derartige Werke tun, wie sie durch Dich geschehen! Und so
bin ich denn auch völlig mit Deinem Treiben und Willen einverstanden. Du Selbst
wirst es jetzt gewiß am besten wissen, warum es so von Dir vorgesehen ist und
nicht anders! Doch bitte ich Dich, Du wollest mich in Deine Lehre vollends
einführen, die mir nur teilweise bekanntgeworden ist!“ Ich wies ihn nun an
Meine Jünger, die ihn denn auch in der nächsten Zeit völlig unterrichteten.
47. Kapitel – Des Herrn und Seiner Jünger
Beschäftigung in Ephrem.
[GEJ.11_047,01] Man wird nun fragen, was wir
denn eigentlich in diesem Mauernest tagsüber getrieben haben, wo wir so
abgeschieden von der Welt lagen; denn daß dies nutzlos für Meine Jünger
geschehen sein sollte, ist doch wohl nicht anzunehmen.
[GEJ.11_047,02] Das ist wahr! Denn diente
diese Zeit der Abgeschiedenheit auch hauptsächlich dazu, um Meinen
Erdenmenschen für die schwere Zeit vorzubereiten und für die Umwandlung zum
ewigen, unveränderlichen Christus geeignet zu machen, so sollte diese selbe
Zeit doch auch Meine Jünger und namentlich die Apostel für ihren zukünftigen
Beruf vorbereiten, Lehrer für alle Menschen zu werden. Der Vorgang, der in Mir sich
vollzog, blieb allen Augen verborgen, jedoch wie Meine Jünger sich selbst und
gegenseitig erzogen, soll hier genau enthüllt werden, damit jedermann, der
wahrhaft an seiner inneren Vervollkommnung arbeiten will, daran eine
Richtschnur findet, die zur Wiedergeburt des Geistes führt.
[GEJ.11_047,03] So höret denn, worin unsere
äußere und innere Beschäftigung bestand!
[GEJ.11_047,04] Die äußere ist schnell
erklärt. Sie bestand einfach in einer genauen Regelung aller häuslichen
Geschäfte, denen sich jeder gern aus Liebe für seine Brüder unterzog, und die
bei den geringen Bedürfnissen der Gesellschaft auch nicht viel Zeit
beanspruchten. Die Hauptsache war hier, daß jeder unaufgefordert sich dort
nützlich machte, wo er bemerkte, daß irgendeine Dienstleistung geschehen
konnte; denn diese Aufmerksamkeit ist schon ein Zeichen der tätigen
Nächstenliebe, während der im Geiste Träge gar nicht bemerkt, wo irgendeine
kleine Liebetätigkeit anzubringen wäre.
[GEJ.11_047,05] Während unseres Aufenthaltes
unterstützte Ich nur wenig die äußeren Geschäfte des Hauses, wie zum Beispiel
das Beschaffen der Nahrungsmittel, damit einesteils die Trägheit nicht um sich
greifen könne, andernteils damit auch die Meinen lernten, sich nicht nur auf
außergewöhnliche Kraft zu verlassen. Daß es uns trotzdem an nichts fehlte,
brauche Ich wohl nicht erst zu betonen.
[GEJ.11_047,06] Die Hauptsache war die
geistige Nahrung! Und wie wurde nun diese geleitet? Zunächst in der
Beherrschung einer völligen inneren Ruhe, die sich nicht durch irgendwelchen
Ärger oder kleinliche Reizbarkeit aus dem Gleichgewicht bringen ließ, – sodann
durch Übung der Willenskraft, die imstande ist, jede Leidenschaft und Neigung
zum Gegenpol niederzukämpfen. Erst derjenige, der sich besiegt hat, kann auch
andere besiegen!
[GEJ.11_047,07] Weiterhin wurde das innere,
geistige Auge geübt und immer mehr erschlossen. Nicht daß Ich die innere Sehe
den Meinigen Selbst eröffnete, sondern sie mußten imstande sein, selbst ihr
geistiges Auge auf Gegenstände zu richten, die sie erkennen wollten. Diese
Fähigkeit erfordert jedoch ganz besondere Läuterung der Seele; denn diese, von
Haus aus irdisch gesinnt, kann natürlich nur dann rein Geistiges aus sich
selbst heraus schauen, wenn sie sich schon bedeutend vergeistigt hat, oder,
richtiger gesagt, wenn der in ihr wohnende Geist so weit mächtig geworden ist,
daß er der Seele, welche seinen Leib bilden soll, so viele Begriffe des
Geistigen beigebracht und diese so weit mit seinem Lichte erhellt hat, daß sie
auch die geistigen Bilder sieht, erkennt und begreift. Solange nur die
äußerlichen, rein körperlich materiellen Dinge durch den künstlichen
Leibesmechanismus der Seele begreiflich gemacht werden, ist diese noch geistig
blind. Sobald sie lernt, durch die Hülle der äußeren Körper hindurchzublicken,
wird sie geistig sehend.
[GEJ.11_047,08] Die Mikroskope der heutigen
Welt geben nur ein sehr genaues, bis ins kleinste hinein detailliertes Bild der
äußeren Hülle, ohne Aufschlüsse zu geben über das rein geistige Leben aller
Dinge. Dieses zu erkennen ist nur die sehend gewordene Seele imstande, niemals
aber die noch so verschärften Instrumente irgendeines Gelehrten.
[GEJ.11_047,09] Ist aber erst einmal die
Seele imstande, das innerste Leben zu erkennen, so durchschaut sie natürlich
auch die feinsten Bauten der dieses innerste Leben umschließenden Hüllen mit
derselben Leichtigkeit.
[GEJ.11_047,10] Es ist aber natürlich, daß
Meine Jünger, welche als Lebensmeister und Lehrer auftreten sollten, in allem
unterrichtet sein mußten, wenn Ich körperlich nicht mehr bei ihnen war, und sie
hatten sich somit alles völlig zu eigen zu machen.
[GEJ.11_047,11] Man wird nun fragen: Hatten
die Meinigen denn nicht schon alle diese Dinge sich völlig zu eigen gemacht,
und bedurfte es denn erst dieses abgeschiedenen Aufenthaltes in der Wüste, um
zur inneren Selbstherrschaft zu gelangen?
[GEJ.11_047,12] Hier ist wiederum darauf
hinzudeuten, daß dieselben früher stets unter einer Art Zwang, den Meine Person
durch ihre Gegenwart ausübte, und sodann durch das Bewußtsein der einzelnen,
daß sie von dem vielen folgenden Volke stets beobachtet wurden, zu leiden
hatten. Jeder wird aber recht wohl wissen, daß es weit leichter ist, das Böse
zu meiden, wenn man sich unter Beobachtung weiß – weil dadurch eine Art Scham
vor den Fremden oder auch der Ehrgeiz, als gut zu gelten, eintritt –, als wenn
man sich völlig frei von jedem Zwange fühlt.
[GEJ.11_047,13] Hier war aber nun Gelegenheit
zur Prüfung reichlich geboten; denn erstlich zog Ich Selbst Mich oft tagelang fast
ganz zurück zur eigenen Vorbereitung, zweitens wandelten die Meinen hier
gänzlich frei von den bewundernden Volkshaufen, die da oft vermeinten, diese
Meine Jünger müßten doch ihrem Lehrmeister mindestens gleich sein, wenn nicht
am Ende gar ihn übertreffen, wie es doch schon oft vorgekommen sei, daß der
Schüler den Meister geschlagen habe.
[GEJ.11_047,14] Die Einwohner von Ephrem
kümmerten sich so gut wie gar nicht um uns, sondern lebten still ihrem
Geschäfte und hielten uns für eine neue Art Sekte der Juden, wie sie gerade zu
Meiner Zeit nicht allzu selten entstanden, und glaubten, wir seien Anhänger des
Johannes, die sich hier für das kommen sollende Gottesreich vorbereiten
wollten. Da sie außerdem wußten und auch sahen, daß wir die alte Burg wieder herstellten,
so hielten sie uns erst recht für Sonderlinge, mit denen umzugehen nicht gut
sei, um von deren Verdrehtheiten nicht angesteckt zu werden.
[GEJ.11_047,15] So war denn also auch gerade
dieser Ort der geeignetste zur inneren Selbstschulung; denn die äußere Weltlust
hatten diejenigen, die Mir hierher gefolgt waren, längst abgestreift, so daß es
da irgendwelcher Proben nicht mehr bedurfte. Und die in dieser Hinsicht noch zu
lernen hatten, waren von uns zurückgelassen worden.
[GEJ.11_047,16] Es sind aber nun doch noch
verschiedene Ereignisse hier geschehen, die wiederzugeben notwendig ist, damit
an diesen ein jeder noch lerne, wie die Schulung zu geschehen hat, und wie oft
unbedeutsame Ereignisse einen großen Eindruck hervorzubringen vermögen bei der inneren
Läuterung und Festigung des Willens. Diese sollen nun hier gegeben werden,
damit ihr wisset, was Johannes mit den Worten ‚Er hatte sein Wesen daselbst mit
seinen Jüngern‘ (Joh.11,54) so eigentlich gemeint hat.
48. Kapitel – Der Seelenzustand der Jünger.
[GEJ.11_048,01] Als Meine Jünger (es sind die
Apostel gemeint) einst einen Ausflug in das Gebirge getan hatten – Ich Selbst
hatte ihnen dieses geboten, damit sich ihr Sinn auch ohne Mein Beisein öffne
für ihre Umgebung –, wurden sie zwischen tiefen Felsenschluchten von einem
heftigen Regenguß überrascht. In Palästina tritt der Winter mit heftigen
Regengüssen auf, die nicht so harmlos sind wie in Europa. Die Wasser strömen
schneller zusammen, und in den Gebirgen, die während des Sommers unter der Sonne
ausdörren, bilden sich in den Schluchten sehr bald starke Wasserströme, die dem
Wanderer gefährlich werden, da die Wasser sehr heftig und plötzlich
niederrauschen, der Felsboden jedoch die Wassermengen nicht aufsaugen kann,
sondern nur als Sammelbecken für die Wasser dient. Es ist daher gefährlich, in
der Zeit der plötzlichen Regengüsse diese Schluchten aufzusuchen, da in diesen
der Unvorsichtige sich zu retten nicht imstande ist, falls ihn ein Unwetter
überrascht.
[GEJ.11_048,02] So erging es auch den Meinen,
die mitten in einer langen Schlucht vom Unwetter überrascht wurden und nun sehr
bald von tosenden Wassern umgeben waren, die ein Vor- oder Zurückweichen
unmöglich machten.
[GEJ.11_048,03] Jetzt wäre eine Gelegenheit
gewesen, ihre Glaubensstärke zu beweisen, die denn auch, solange das Wasser die
Felsblöcke umspülte, auf welche sich die Jünger retteten, ganz gut anhielt. Als
aber auch diese vom Wasser erreicht und überspült wurden, fing ihr Glaube doch
sehr zu sinken an, und die Furcht vor dem elendesten Leibestode begann sich
immer mehr zu regen. Ihre Seelen riefen wohl um Hilfe zu Gott, jedoch zu dem
Jehova der Väter, nicht aber zu Dem, den sie doch in Mir verkörpert wußten, so
daß ihr Klagen und Rufen ungehört verhallte.
[GEJ.11_048,04] Schon gaben sich alle die
Hände und stemmten sich vereint gegen die anstürmenden Wasser, um den schwachen
Halt unter ihren Füßen zu behaupten, als auch die Felsblöcke unter dem Druck
des Wassers sich zu bewegen anfingen und die Gefahr auf das höchste stieg.
[GEJ.11_048,05] Da rief Johannes in seiner
Herzensangst laut aus: „Herr und Meister, rette Du uns, wie Du schon oftmals
den Elementen gebotest!“
[GEJ.11_048,06] Und siehe da, alsogleich ließ
das Wasser zu toben und zu drängen nach, und die Meinen standen in kürzester Zeit
wieder auf festem Boden, zwar tüchtig naß, aber doch unversehrt!
[GEJ.11_048,07] Innig dankten sie nun wohl im
Herzen Mir als dem Retter, doch sprachen sie sich bald untereinander darüber
aus, warum denn wohl ihr erstes Rufen unerhört geblieben, da doch Jehova und
Ich eine Person seien.
[GEJ.11_048,08] Da fragte Johannes die
Brüder, ob sie denn auch bei dem ersten Rufen wohl an Mich gedacht hätten, oder
nur an den Gott der Väter wie an einen Gott außer Mir.
[GEJ.11_048,09] Beschämt bekannten sie alle,
daß sie allerdings diesen Unterschied wohl in ihrer Herzensangst gemacht
hätten, und sie begriffen nun auch recht wohl, warum ihr Schreien ohne Erfolg
gewesen war. Sie suchten Mich denn auch sogleich auf und baten Mich wegen ihres
Vergehens um Verzeihung.
[GEJ.11_048,10] Ich aber sagte ihnen: „Was
habe Ich euch denn zu vergeben? Hätte Ich nicht gewollt, daß ihr also in eurem
Glauben geprüft werdet, so hätten die Wasser eure Leiber nicht umspülen können.
Glaubet aber hinfort um so überzeugter, daß wahrlich Der in Mir wohnt, der das
Weltall regiert, und lasset ab von den Unterscheidungen, die euch euer
engherziges Judentum noch aufgedrängt hat; denn niemand kann zum Vater kommen
als durch Mich allein, den Sohn!“
[GEJ.11_048,11] Diese Rede machte sie wieder
stutzig; denn sie begriffen immer noch nicht, wenn Ich in letzter Zeit ihnen
die Unterscheidung des Sohnes vom Vater entgegenhielt, daß der Leib noch nicht
verklärt war, sondern noch der Erde angehörte.
[GEJ.11_048,12] Erst nach Meiner Auferstehung
fiel es ihnen völlig von den Augen, warum Ich nicht anders sprach und sprechen
konnte. Sie unterredeten sich daher viel über diesen Punkt, und sie mußten sich
alles dessen entäußern, was noch an verkehrten Begriffen in ihnen steckte, und
sie taten das auch um so mehr, wenn Ich nicht bei ihnen war.
[GEJ.11_048,13] Daß da noch recht viel
Verkehrtes, Altjüdisches, was nach Tempelvorurteilen schmeckte, hervorkam, ist
leicht zu denken, zumal sie durch gar kein äußeres Wunder weitere Zeugen Meiner
Kraft waren, die übrigens, als etwas Allbekanntes, in den Jahren unseres
Beisammenseins auf Meine Jünger keinen allzu großen Eindruck mehr machte.
[GEJ.11_048,14] Jeder, der nun weiß, wie aber
gerade diese Entäußerung, die eine Reinigung der Seele bedeutet, not tut, wird
begreifen, wie notwendig auch die Abschließung der Meinen war, die durch ihre
Reden sich selbst nicht gefährden konnten, wohl aber andere, die ihnen
zuhörten. In ihrer Gesellschaft verbesserte so einer den andern, und fehlte es,
so wußte Ich sehr wohl, wenn der Augenblick Meines Redens wieder gekommen war.
Vor unreifen Ohren jedoch hätten weder Meine noch der Meinen Reden gehört
werden dürfen, um die noch unreifen Früchte nicht verdorren und abfallen zu
lassen.
49. Kapitel – Die Sorge der Jünger um den
Herrn.
[GEJ.11_049,01] Viele werden sich hier
vielleicht wundern, wie Meine Jünger nach so vielen Lehren und Beweisen Meiner
Göttlichkeit in Mir doch noch immer in Zwiespalt mit sich und in Zweifel
verfallen konnten. Jedoch ist da stets auf die menschliche, schwache Natur in
dieser Hinsicht zu verweisen, deren Überwindung ihnen nun wieder schwerer wurde
als euch jetzt, indem Mein ganzes Leben jetzt dem nur einigermaßen Gläubigen
mit einem Blick übersehbar ist und Mein Besiegen des Todes als erster
Hauptpunkt sich vor Augen stellt, während damals eine Entwicklung ihrer Seelen
nur mit Meinem Entwicklungsgang möglich war, von dem dieser Hauptpunkt als
Siegel Meiner Lehre aber ja erst den Schlußstein bildete.
[GEJ.11_049,02] Weiterhin bildet aber Meine
Kreuzigung und Auferstehung erst den Schlüssel zum Verständnis des Menschen-
und Gottessohnes. Da es aber nun notwendig war, die Meinen so weit zu führen,
daß sie von nun an auf eigenen geistigen Füßen ständen, so mußten derartige
äußere Erlebnisse das Mittel bilden, die innere Erkenntnis zu fördern.
[GEJ.11_049,03] Es geschah nun weiterhin
folgendes: Die Meinen waren ins Gespräch verwickelt und tauschten ihre
Meinungen wieder einmal darüber aus, weshalb Ich seit einiger Zeit den schon
öfter von Mir erwähnten Unterschied des Vaters und des Sohnes in Mir wieder
betonte. Es waren sich diese denn auch soweit einig, daß der Vater in Mir wohl
wohne und der menschliche Körper und die Seele von Mir als der Sohn bezeichnet
werde. Da kam nun von einem der übrigen zwanzig Nachfolger der Gedanke zum
Vorschein, es sei doch schwer zu begreifen, wie denn der Geist Gottes
gleichzeitig in Mir wohnen könne als Mensch, menschlich handle und wandle –
also gleichsam eingeschlossen sei – und dennoch das Weltall regiere; ob Ich
also denn wohl um die Regierung des Alls wüßte, oder ob zeitweise sich etwa der
Geist zurückziehe, so daß Ich dann nur Mensch allein sein könne; dann auch, wie
es denn mit Meinem Leibe im Schlafe wäre, ob da auch der Geist Gottes noch in
Mir stecke oder nicht.
[GEJ.11_049,04] Diese Fragen brachten erst
ein gewisses Staunen bei den andern hervor ob der anscheinend großen
Kurzsichtigkeit des Fragestellers. Dann aber merkte doch jeder schließlich an
sich, daß auch in ihm einige Unklarheiten über diese Punkte steckten.
Namentlich aber der Umstand, was denn im Schlafe mit Mir geschähe, erregte
einige starke Bedenken.
[GEJ.11_049,05] Andreas meinte, es sei wohl
möglich, daß Ich im Schlafe nur allein Mensch sei; denn auf dem See Genezareth
sei doch während des Sturmes Meine Gotteskraft erst nach dem Erwachen tätig
geworden, so daß, hätte man Mich nicht geweckt, vielleicht ein plötzlicher
Leibestod alle hätte überraschen können.
[GEJ.11_049,06] Es gab da nun ein großes Hin-
und Herreden, das schließlich darauf hinausging, annehmen zu müssen, daß wohl
während des Schlafes Mein Leib ebenso schutzlos sei wie der jedes andern
Menschen, so daß es da die Jünger für notwendig erachteten, über Mich zu
wachen, da man nicht wissen könne, ob die vielen feindlichen Juden nach so
vielen vergeblichen Attentaten nicht auch einmal eine Überrumpelung zur
Nachtzeit versuchen würden, um Mich zu töten. Keiner dachte jedoch daran, Mich
einfach zu fragen; denn ihre Liebesorge um Mich meinte, ihre Wachsamkeit sei
doch auch ein nicht unwesentlicher Schutz, und es handle sich ja nur um die
Zeit des Schlafes. Daß aber ihr Schutz im Tageszustande nicht nötig sei, das
wußten sie aus deutlichen Beweisen.
[GEJ.11_049,07] Ich ließ nun die Meinigen
gewähren und merkte es anscheinend auch gar nicht, daß in dem einsamen Hause
nun stets ein Jünger Nachtwache hielt.
[GEJ.11_049,08] Nach etlichen Tagen zog Ich
Mich eines Abends, nachdem wir das Abendmahl eingenommen hatten, recht ermüdet
zurück, um der Ruhe früher als gewöhnlich zu pflegen, und die Meinen blieben alle
versammelt. Das Gemach, welches in der geräumigen Burg Mir als Schlafgemach
diente, lag an dem einen Ende des Gebäudes, so daß erst mehrere Zimmer
durchschritten werden mußten, um dahin zu gelangen. Die Meinen aber waren in
einem Saale versammelt, der sich in der Mitte des Hauses befand.
[GEJ.11_049,09] Während sie nun im eifrigsten
Gespräch waren, entstand plötzlich in den leeren Zimmern, die die Verbindung
mit Meinem Schlafgemach bildeten, ein starker Feuerschein. Erschreckt eilten
die Jünger hinzu und sahen nun, daß die leeren Zimmer hellauf brannten, so daß
es unmöglich war, zu Mir zu gelangen, ebensowenig aber ein Mensch von dort zu
ihnen konnte. Alles eilte bestürzt durcheinander und suchte zu löschen; –
vergeblich, die Flammen fraßen weiter und mußten nach der Meinen Meinung längst
auch Mein Gemach erreicht haben.
[GEJ.11_049,10] Verzweiflungsvoll suchten
einige die Flammen zu durchdringen. Doch vergeblich; der Boden der Zimmer war
eingestürzt und die Verbindung unmöglich! Nun meinten andere, der starke Rauch,
der auch allen äußerst lästig war, müsse Mich bereits schlafend erstickt haben.
Keiner jedoch wollte weichen und den sehr gefährdeten Saal verlassen, ehe sie
nicht über Mein Schicksal im klaren waren.
[GEJ.11_049,11] Um nun ihrer Angst und Qual
ein Ende zu machen, ließ Ich die Flammen langsam verlöschen, und in einiger
Zeit war denn auch völlige Ruhe. Über verkohlte, rauchende Balken hinweg
kletterten die Jünger angstvoll nach Meinem Schlafgemach und fanden dasselbe
unversehrt, Mich aber ruhig schlafend auf einem Ruhebett. Dieser Anblick machte
sie fast sprachlos, und keiner wagte, Meinen anscheinenden Schlummer zu stören.
[GEJ.11_049,12] Ich erhob Mich nun, und
sogleich bestürmten Mich die Meinen mit Fragen, ob Ich denn nicht wüßte, was
vorgefallen sei.
[GEJ.11_049,13] Ich sah sie ernst an und
sagte: „Wißt ihr doch, wer in Mir wohnt, und wißt ihr doch, daß Diesem kein
Ding verborgen bleiben kann! Was aber der Vater weiß, tut Er auch dem Sohne
kund!
[GEJ.11_049,14] Die Flammen aber, die euch
verletzten, konnten Mir ebensowenig etwas anhaben als alle Nachstellungen der
gehässigen Juden. Erst wenn dieser Körper mit Meinem Willen übergeben werden
wird, hat die Bosheit Gewalt über ihn.
[GEJ.11_049,15] Aber wißt ihr denn nicht, daß
der Geist wacht, auch wenn der Körper schläft, und wißt ihr denn nicht, daß
dieser Fürsorge trifft für sein Haus?
[GEJ.11_049,16] Wie könnt ihr so töricht sein
zu meinen, ein Gotteswerk wie der Aufbau dieses Meines Leibes bedürfe des
Schutzes der Menschen?! Können die Werkzeuge, die von des Meisters Hand gemacht
wurden, den Meister schützen, oder kann das Geschöpf, das erst vom Schöpfer
alles erhielt, den Schöpfer Selbst vor einem Übel bewahren, das Er zuläßt?
[GEJ.11_049,17] Sehet wie töricht – wenn auch
aus Liebe – war euer Beginnen! Und so lasset denn ab, Mich schützen zu wollen!
Der in Mir wohnt, weiß um alle Dinge, und Seiner Macht widersteht keiner!
[GEJ.11_049,18] Gehet nun, und seid nicht
betrübt über Meine Zurechtweisung, die euch nicht schmerzen soll! Aber erkennet
immer mehr, wer der rechte Herr ist, ob Er auch bei Zeiten jetzt körperlich
schlafe oder wache!“
[GEJ.11_049,19] Die Jünger wollten sich nun
entfernen, konnten jedoch über die schwarze, verbrannte Kluft nicht so schnell
zurück, als wie sie die Sorge um Mich wohl herübergebracht hatte. Ich rief sie
daher nochmals zu Mir, und in wenigen Augenblicken zeigten sich die Zimmer
wieder so unversehrt wie vor dem Brande, so daß sie nun ohne Mühe zu ihrem
Saale zurückgelangen konnten und sich auch bald, jeder mit seinen Gedanken tief
beschäftigt, zur Ruhe begaben.
50. Kapitel – Die Wiedergeburt der Seele.
[GEJ.11_050,01] Anderntags trat Simon Petrus
zu Mir und sagte: „Herr und Meister, wir sehen nun alle wohl ganz klar ein, daß
wir gefehlt haben, indem ganz sicherlich Gott Selbst nie der Hilfe oder
Fürsorge der Menschen bedürfen wird; aber dennoch ist es uns bisher immer noch
etwas unklar geblieben, weswegen da Dein Leib in einer Art zeitweiser
Unabhängigkeit von dem innern Geiste bleibt, so daß auch nach Deinen Reden es
klingt, als wärest Du nun der ewige Gottgeist in Person Selbst, dann aber
wieder, als sei Dein Körpermensch gänzlich unabhängig und nur zeitweise
durchdrungen von Ihm! Wir kommen da stets in einen gewissen Zwiespalt in
unseren Anschauungen, die Du uns gewiß verzeihen wirst, weil wir ja fest an Dir
hangen und an Dich glauben, aber dennoch Dich in Deiner innersten Natur noch
nicht so ganz begreifen. Wie ist es denn damit!“
[GEJ.11_050,02] Sagte Ich ihm: „Mein lieber
Petrus, du sowohl als die Brüder verstehet eben so manches noch nicht, weil ihr
diejenige Geistesstufe in euch noch nicht so erklommen habt, um diesen in sich
doch sehr einfachen Vorgang begreifen zu können, den Ich euch auch schon oft
genug erklärt habe. Jetzt aber seid ihr hier, um an euch selbst das zu
erproben, was euch an Mir noch unklar ist.
[GEJ.11_050,03] Was nützt es, euch stets auf
die Unterschiede des Menschen- und Gottessohnes hinzuweisen, wenn ihr in euch
selbst nicht den Unterschied des Geist- und Körpermenschen zu erkennen und zu fühlen
vermöget?
[GEJ.11_050,04] Erst die vollendete
Wiedergeburt schon im Körper wird euch diese Frage zur vollsten Zufriedenheit
lösen, und ihr habt auch zur Erlangung derselben schon alle recht geeignete
Schritte getan, so daß euch das Ziel nicht fern steht. Dennoch ist dasselbe
noch nicht ganz erreicht.
[GEJ.11_050,05] So beantwortet Mir aber nun
einige Fragen, damit euch das Verständnis für diesen Hauptpunkt nähergerückt
werde!
[GEJ.11_050,06] Zunächst: Wie empfindet ihr
euer Denken und Fühlen? Ist dasselbe ein äußeres oder inneres, das heißt, könnt
ihr eine euch gestellte Frage nur deshalb beantworten, weil ihr durch das
Gedächtnis von eurem Lehrer die Antwort gelernt habt, oder beantwortet euer
eigenes inneres Ich dieselbe durch Schlußfolgerung?
[GEJ.11_050,07] Ihr werdet sagen: ‚Beides
kann geschehen!‘ Wäre der Mensch nun aber bloß Maschine, wenn auch mit einer
selbstbewußten Seele begabt, so würde diese nur äußerlich denken können, das
heißt, durch Gedächtniseindrücke sich ein Wissen schaffen können, das nur durch
Belehrung erlernt ist, ungefähr wie man ein Tier abrichtet. Die Schlußfolgerung
jedoch ist ein Fragen der Seele an ein im Menschen lebendes, inneres Prinzip,
welches Antwort gibt auf gestellte Fragen und als Geist in der Seele noch lebt
und als solcher, wie Ich euch schon oft gesagt habe, vollendet ist. Daher kann
auch im Innern des Menschen ein regelrechtes Frage- und Antwortspiel beginnen.
[GEJ.11_050,08] Man wird sagen: ‚Ja, ist der
Geist vollendet, warum kommen denn da oft so ungemein törichte
Schlußfolgerungen zum Vorschein? Antwortet denn da der Geist nicht immer
richtig?‘
[GEJ.11_050,09] Das tut er schon; aber weil
er zunächst im Menschen das Lebensprinzip der Seele darstellt, so kann diese
als selbstbewußt auch nach ihrem Wesen wie ein Spiegelbild ähnlich handeln.
Geradeso wie ein rechtes Spiegelbild nicht ohne ein vorhandenes Objekt
entstehen könnte, das demselben völlig gleich ist, so kann auch die Seele ihre
Urteile nur dann als freitätig bekunden, wenn diese vom Geiste als Reflexe ausgehen.
Wie aber ein Spiegelbild alles verkehrt darstellt, gerade entgegengesetzt dem
Objekte, und dennoch wieder wahr ist, so geschieht es auch hier, solange beide
nicht ineinander aufzugehen suchen.
[GEJ.11_050,10] Nur ein Mensch, der den Geist
so weit in sich erweckt hat, daß die Seele keine irdischen verkehrten Reflexe
zurückwirft, hat die Wiedergeburt erlangt und steht in der völligen Wahrheit.
Diese Schranken zu zerbrechen ist natürlich nicht leicht, weil durch den
materiell-irdischen Körper die irdisch veranlagte Seele einen größeren Hang zu
diesem hat als wie zu dem sich nur schwach fühlbar machenden Geiste, dessen
Wirken sie ohne erlernte Unterscheidung gern für ihr eigenes Wirken annimmt.
[GEJ.11_050,11] Diese Schranken zu
durchbrechen ist Meine und eure Aufgabe, sowie aller Meiner Nachfolger, – und
den Weg hierzu findet ihr durch euren inneren Geist, den ihr zur Sprache zu
bringen habt. Dieser allein nur ist der einzig rechte Lehrer, weil er mit dem
allgemeinen Gottgeiste zusammenhängt und von diesem ein Abbild im kleinen ist,
demnach alle Wahrheit nur aus ihm schöpft.
[GEJ.11_050,12] Hat sich die Seele nun völlig
seinem Wesen untergeordnet und ist sie dadurch irdisch wunschlos geworden, so
daß sie nur noch einzig und allein nach Geistigem strebt und in dem Geistigen
demnach als selbstbewußte Seele aufgegangen ist, so hat der vollendetere Mensch
eine Stufe erreicht, welche von den indischen Weisen als ‚Nirwana‘ bezeichnet
wurde, also einen Zustand, in dem jeder Wille, welcher fleischlich-irdische Neigungen
bedingt, vernichtet ist, und welcher jedes Leben im Fleische als materielle
Existenz ausschließt. Dieser Zustand ist im materiellen Leben möglich, ja soll
erreicht werden, damit der völlige Friede einziehe ins Menschenherz.
[GEJ.11_050,13] Dieser Wiedergeburt der Seele
seid ihr alle nahe. Drüben in Meinem Reiche jedoch gibt es, wenn Ich
aufgefahren sein werde, noch eine andere Wiedergeburt: das ist die des Geistes,
die sodann in unauflöslicher Gemeinschaft mit Mir besteht. Sodann herrschen die
höchste Glückseligkeit der Kinder im Vaterhause und Freuden, die keines
Menschen Herz je ahnen kann, weil sie die reingeistigsten sind, von denen euch
vorher auch nicht der kleinste Abglanz begreiflich gemacht werden kann.
[GEJ.11_050,14] Trachtet zuvor danach, daß
eure Seele die Wiedergeburt erlange, damit eure Seele nur noch durch des
Geistes Auge zu schauen lerne und dadurch sich selbst und ihren Ursprung immer
mehr erkenne!
[GEJ.11_050,15] Da Ich aber Selbst alle diese
Stufen in Mir als Mensch wie ihr erklimmen muß – da Ich der Pfadbrecher der
Menschheit bin, die sich immer wieder trotz vieler Abgesandter in Irrtümer
verstrickt hat –, so werdet ihr auch wohl endlich begreifen, daß Ich, um euch
dieses Aufsteigen zur Vollendung anschaulich und begreiflich zu machen, nicht
anders sprechen kann, als es geschieht!“
51. Kapitel – Winke zur Veredlung der Seele.
[GEJ.11_051,01] Sagte Petrus: „Ja, Herr, das
sehe ich jetzt wohl ganz gut ein und begreife auch immer mehr, daß Deine menschliche
Natur der unsern so ganz gleich ist, und daß der Unterschied nur in dem Geiste
in uns liegt. Sicherlich werden wir alle auf das äußerste bestrebt sein, alle
Ziele, welche Du uns zeigst, zu erringen. Nun aber hapert es doch noch gewaltig
bei uns mit der Wiedergeburt unserer Seelen. Zwar sind wir schon auf dem
rechten Wege, aber so wir allein sind, kommen da doch gewisse Rückfälle, die
uns zu Torheiten verleiten, wie Du uns jetzt schon mehrere hast ausführen
sehen. Wie denn könnten wir diese wohl vermeiden?“
[GEJ.11_051,02] Sagte Ich: „Zunächst dadurch,
daß ihr die rechte Glaubenskraft erringet, auch wenn ihr Mich nicht sehet, –
denn selig sind, die da glauben und nicht sehen! Dann aber, indem ihr euch frei
machet von jeder Furcht und nur mit ganzer Kraft Gott liebet, den ihr in Mir
wisset und erkannt habt!
[GEJ.11_051,03] Zwar weiß Ich, daß ihr Mich
sehr liebet; aber jetzt gilt diese Liebe noch mehr Meiner Person als Meinem
Geiste. Die unerschütterliche Liebe, die gar keine Zweifel mehr kennt, die sich
auch bei euch unbegreiflichen Dingen nicht schwankend machen läßt, besitzet ihr
noch nicht, sondern nur einen Glauben, der vorläufig nur aus Meinen Taten
entsprungen ist und noch kein Felsen ist, sondern mit lockerem Erdreich
untermischt ist, das die Regengüsse des Leides noch wegwaschen können.
[GEJ.11_051,04] Glaubet nicht nur, wenn Ich
bei euch bin, sondern glaubet und vertrauet völlig auf Meine Kraft, auch wenn
Ich leiblich nicht bei euch bin! Forschet in euren Seelen, wo noch irgend etwas
Unreines steckt, und werfet es von euch!
[GEJ.11_051,05] Solange ihr noch Mißmut,
Ärger, Unzufriedenheit, unreine Gedanken in euch entdecket, so lange regt sich
auch noch der Zweifel und läßt den lebendigen Glauben nicht erstarken. Dem
Geiste sind jedoch alle diese Untugenden fremd, daher kann er die Seele nicht
durchdringen, die freiwillig sich alles dessen entäußern muß!“
[GEJ.11_051,06] Sagte Petrus: „Ja, Herr, wir
wissen das alles recht wohl und bemühen uns auch, nach Deinen Worten zu
handeln; aber es wird doch oft recht schwer, sich selbst zu überwinden. Und
dennoch lieben wir Dich von ganzem Herzen und mit allen Kräften!“
[GEJ.11_051,07] Sagte Ich: „Laß das jetzt nur
gut sein! Darum habe Ich euch ja nach Ephrem geführt, daß ihr euch reinigt und
die innere Vollendung frei- und selbsttätig erringet, und so lasse denn nur
dieses! Wäret ihr auch Meine Jünger, wenn Ich nicht dächte, euch dahin zu
führen, daß ihr dem Vater dienet, gleichwie Ich Ihm jetzt diene?! Der Vater
weiß doch wohl, was Er tut, und welche Werkzeuge Er Sich auserwählt! Was euch
noch fehlt, werdet ihr erringen, und so strebet denn danach! An Kraft wird es
nicht fehlen, so ihr darum bittet.“
[GEJ.11_051,08] Sagte Petrus: „Ja, Herr, wohl
wissen wir, daß Du uns stets die Kraft gibst, deren wir bedürfen, so wir darum
bitten; aber gar zu oft nur vergessen wir gerade das Bitten, weil wir uns schon
für recht stark halten und denken, aus eigener Kraft siegen zu können! Und
dieses Kraftgefühl erfüllt uns mit großer Zuversicht, die sich aber gar zu
leicht in große Zerknirschung verwandelt, wenn irgendein Umstand die gar zu
große Schwäche des menschlichen Herzens und die Wankelmütigkeit trotz aller
guten Vorsätze beweist. Sollen wir denn aber nun gar nicht trachten, aus
eigener Kraft auch etwas tun zu können?“
[GEJ.11_051,09] Antwortete Ich: „Wer nach
Vereinigung mit Gott strebt, wird zuerst trachten, Seinen Willen zu erfüllen
und den eigenen unterzuordnen; denn nur der im Menschen lebendig gewordene und
tatkräftige Gotteswille kann und wird niemals Schiffbruch leiden. Ist der
Mensch aber eigenwillig und sucht etwas auszuführen, ohne sich darum zu
kümmern, ob seine beabsichtigte Tat auch dem Willen Gottes entspricht, so darf
er sich nicht wundern, wenn diese Tat nicht zu seinen Gunsten ausschlägt.
[GEJ.11_051,10] Dieses Kraftgefühl, von dem
du sprichst, ist aber oft nichts anderes als ein geistiger Hochmut, der sich
vorgedrungen vor anderen Menschenbrüdern fühlt und daher etwas
Außergewöhnliches leisten möchte zur eigenen Eitelkeitsbefriedigung oder auch
aus Bewunderungssucht vor anderen. Hütet euch daher vor diesen Trieben; denn
Meine Anhänger sollen arm im Geiste sein, wie ihr wisset, damit sie eben alles
von Mir erhalten und Gott wahrhaft schauen können! Die aber, welche sich
geistig reich wähnen, das sind eben die, welche meinen, Vollendete zu sein, mit
ihrer Selbstüberwindung prunken und voll des geistigen Hochmutes werden.
[GEJ.11_051,11] Siehe an die Pharisäer, wie
sie glauben, nur Gott zu dienen mit allerlei nichtssagender Weisheit und
Formelkram und doch nur sich selbst und ihrem Wohlsein dienen! Diesen auch nur
eine noch so kleine Weisheitslehre Meiner Himmel in ihr Herz einfließen zu
lassen, ist rein unmöglich; denn es ist angefüllt von allerlei Reichtum ihres
Seelendünkels, während nur dort gegeben werden kann, wo vollständige Armut
herrscht. – Verstehst du das und die Brüder?“
[GEJ.11_051,12] Sagte Petrus, der hier, wie
sooft, den Sprecher für die andern machte, nachdem er die anwesenden Brüder
angeschaut hatte, die alle bejahende Zeichen machten: „Ja, Herr, das verstehen
wir recht gut; denn Du hast schon öfter mit ähnlichen Worten derartige Lehren
gegeben. Aber etwas anderes möchten wir wohl von Dir wissen!
[GEJ.11_051,13] Du sprachst von einer
Wiedergeburt des Geistes und der Seele. Es ist uns dieser Unterschied sehr
aufgefallen, weil wir da nie einen Unterschied gesucht hätten und wähnten, daß
mit dem einmal vollendeten Aufgehen der Seele in den Geist auch alles erreicht
ist, was erreicht werden kann. Wie steht es nun damit, willst Du Dich da nicht
deutlicher erklären?“
[GEJ.11_051,14] Sagte Ich: „Was ihr jetzt
fassen könnt, sollt ihr hören! Doch kann euch alles erst völlig klar werden in
Meinem Reiche, wo ihr mit eigenen Augen und Sinnen die Bestätigung finden
werdet. Aber nicht nur euretwegen, sondern auch eurer Nachfolger wegen müßt ihr
wissen, was Ich mit der Wiedergeburt des Geistes meine und andeuten will. – So
höret denn!“
52. Kapitel – Die Wiedergeburt des Geistes.
[GEJ.11_052,01] (Der Herr:) „Alle diejenigen,
welche bereits auf Erden Mir und Meinem Worte nachfolgen, werden dasjenige Ziel
erreichen, welches Ich euch schon so oft als die Wiedergeburt der Seele
bezeichnet habe: das ist also ein Hindurchdringen des Geistes in die Seele, die
dadurch fähig wird, schon im Leibe in alle höhere Weisheit der Himmel
einzudringen und nicht nur Herr ihrer selbst, sondern auch damit Herr ihrer
Umgebung zu werden, ja, selbst auch der Natur und verborgener Kräfte, wenn sie
trachtet, Meinen Willen aus Liebe und zum Nutzen des Nächsten zu erfüllen. Die
Mittel, um zum Ziele zu gelangen, heißen Glaube und wahre Liebe zum Nächsten.
[GEJ.11_052,02] Solche wiedergeborene
Menschen können und müssen auch sehr gerechte Menschen sein, wie es solche auch
zu allen Zeiten stets gegeben hat, die diese äußerste Seelenvollendung besaßen;
aber sie brauchten deswegen noch nicht bis zur Gemeinschaft mit dem persönlich
wirkenden Gottgeiste gelangt zu sein.
[GEJ.11_052,03] Ja, bis jetzt war das
überhaupt noch nicht möglich, weil außer in Mir die Gottheit überhaupt noch
nicht persönlich anschaubar vorhanden war! Alle die Gerechten vor Meinem
Leibesleben, welche die Wiedergeburt der Seele erlangten, konnten
dessenungeachtet noch lange nicht die Gottheit schauen, so wie ihr Sie schauet.
Es zeigen deswegen ihre Lehren auch an, daß das Eindringen in die höchste
Vollendung ihnen als ein Aufgehen in die Unendlichkeit erschien, weil Gott
Selbst, als unpersönliches Wesen, eben die Unendlichkeit bedeutet, in der das
Wehen Seiner Kraft wohl geistig empfunden werden kann, nicht aber der Seele
damals anschaulich in einer Person dargestellt werden konnte.
[GEJ.11_052,04] Erst nach Meinem Tode, wenn
dieser Mein Leib aufgenommen sein wird als ein Kleid der allmächtigen,
unendlichen Gottheit Selbst, werden alle diejenigen, die vor dieser Meiner Zeit
das Leibesleben verlassen haben, auch imstande sein, durch Anschauung der nun
persönlichen Gottheit in ewiger Gemeinschaft mit Dieser zu leben, und zwar in
einer Stadt, welche Ich euch bereits gezeigt habe, als jene zwölf leuchtenden
Säulen die Jerusalemer nächtlich erschreckten, und welche das wahre himmlische
Jerusalem, die ewige Stadt Gottes, darstellt. Dieses gemeinschaftliche ewige
Zusammenwohnen Gottes mit Seinen Kindern ist die Wiedergeburt des Geistes.
[GEJ.11_052,05] Sehr wohl werden nach Mir
noch viele die Wiedergeburt der Seele erreichen können, daher auch sehr selig
und glücklich sein, ohne aber diese höchste und letzte Stufe zu erringen. Viele
Abgesandte Meines Geistes kamen zur Erde nieder und zeigten den verirrten
Menschen die Wege, wie sie zum Frieden und zur inneren Erleuchtung gelangen
konnten, ohne aber imstande zu sein, die direkten Wege zu Mir zu zeigen, weil
diese ja noch nicht geöffnet waren. Alle, welche also die früheren Wege wandeln
wollen, können daher sehr wohl zur Wiedergeburt der Seele gelangen, aber nicht
zur Gemeinschaft mit Mir.
[GEJ.11_052,06] Letzteres ist nur möglich
durch den Glauben an Mich, daß Ich wahrlich bin Christus, der Gesalbte, dem
alle Kraft und Herrlichkeit des Vaters ist gegeben worden, damit die Menschen
glücklich und höchst selig werden durch den Sohn. Ich bin die Pforte, – eine
andere gibt es nicht! Wer die Wege zum Himmel betreten will, ohne Mich kennen
zu wollen, der kann wohl einen hohen Grad von Vollkommenheit erreichen, nie
aber in klare, anschauliche Gemeinschaft mit Gott Selbst gelangen. – Habt ihr
das nun verstanden?“
[GEJ.11_052,07] Sagten alle: „Ja, Herr, das
war doch klar gesprochen; wer sollte das nicht verstehen?“
[GEJ.11_052,08] Meinte Petrus nun wieder:
„Herr, werden denn nun die, welche die Wiedergeburt erlangt haben, und welche
drüben also nun recht selig leben, auch alle die Wiedergeburt im Geiste
erlangen, oder ist es wohl möglich, daß diese auch stehenbleiben auf ihrer
Vollendungsstufe?“
[GEJ.11_052,09] Sagte Ich: „Diese Frage
könntest du dir eigentlich selbst beantworten; denn es ist doch ganz
selbstverständlich, daß da niemand gezwungen wird! Ist aber ein Land durch
einen breiten Strom getrennt, und es kommt ein geschickter Baumeister, der eine
Brücke schlägt, und ruft nun alle, die bisher ans jenseitige Ufer nicht
gelangen konnten, zusammen, mit ihm hinüberzugehen zum jenseitigen Ufer, –
werden ihm da alle folgen? Jedenfalls der größere Teil, und die
Zurückbleibenden werden gewiß nach einiger Zeit des Harrens, so sie sehen, daß
die ersten nicht zurückkommen, auch hinübergehen, – noch dazu, wenn sie sehen,
daß das jenseitige Ufer im hellen Sonnenschein daliegt und lieblich anzusehen
ist!
[GEJ.11_052,10] Sieh, so ein Baumeister bin
Ich! Und jeder wird bestrebt sein, den Aufgang der Brücke auch nach Mir zu
finden; denn der innere Geist wird ihm sagen: ‚Es gibt noch ein höher,
köstlicher Ding als das, was du dir bereitet hast durch dein gerechtes Leben;
suche danach!‘
[GEJ.11_052,11] Und jeder Suchende, der das
Leibesleben abgeschüttelt hat, wird auch diese Brücke finden können,
gleichviel, ob er durch Meine euch jetzt gegebene Lehre oder durch die eines
von Mir erweckten anderen, früheren oder späteren Lehrers zu einem Gerechten
geworden ist.
[GEJ.11_052,12] Solchen Gerechten trete Ich Selbst
schon zur geeigneten Zeit als Brückenzöllner entgegen, und sie entrichten dann
freiwillig ihre Maut, das ist, sie nehmen die Lehre an: Der Vater ist in dem
Sohn, und wer den Sohn sieht, sieht auch den Vater!
[GEJ.11_052,13] So werden sie dann ebenso
aufgenommen wie alle die, welche von Anfang an Meine Wege wandelten.
[GEJ.11_052,14] Darum sollt ihr aber auch
nicht verächtlich auf die Heiden sehen; denn Ich sage euch, es sind darunter
Gerechtere, als da jemals unter dem Volke der Juden gewandelt haben, und darum
werden auch die Heiden angenommen und die Juden verworfen werden!“
[GEJ.11_052,15] Sagte Petrus: „Herr, wenn es
unter den Heiden so gerechte Menschen gibt, wie haben sie denn diese
Gerechtigkeit erlangt?“
[GEJ.11_052,16] Antwortete Ich: „Ich sagte
dir ja schon, daß stets Abgesandte Meines Geistes diese belehrten, welche das
Licht aus Meinen Himmeln überbrachten und die Menschen je nach ihrem
Verständnis belehrten. Diese Abgesandten lehrten aber vor allen Dingen das
Versenken in das Innere des Geistes, so daß jeder, der in sich die Wahrheit
finden wollte, diese auch finden konnte; das ist aber, wie ihr wißt, die
Wiedergeburt der Seele. Dieses Versenken habe Ich euch auch oft anempfohlen als
ein geeignetes Mittel, die Seele frei und rein zu machen von allen Flecken und
Makeln ihrer Selbstsucht und dadurch zu Mir zu gelangen.
[GEJ.11_052,17] Übet euch auch darin, damit
das innere Auge sich mehr öffne und ihr an euch erfahret, was der Geist alles
offenbaren kann, wenn er erst in euch lebendig geworden ist! Wie das aber
geschieht, wisset ihr von Mir ganz genau, und so handelt denn auch danach!“
[GEJ.11_052,18] Die Jünger zogen sich nun
alle zurück und dachten viel über Meine Worte nach, die sie sehr beherzigten.
Zumal war es Petrus – der bisher sich wenig mit den Eigenschaften abgegeben
hatte, die der Geist der Seele bringen kann –, welcher sich nun sehr
befleißigte, sein Geistesauge offen zu halten, um sich und seine Umgebung mehr
zu erkennen.
53. Kapitel – Das geistige Schauen.
[GEJ.11_053,01] Es sind hier nun einige Worte
über das geistige Schauen hinzuzufügen für die, welche Meine Wege wandeln und
an sich selbst erkennen wollen, wieweit die Seele schon im Leibe
entwicklungsfähig ist. Es soll hier nicht gelehrt werden, besondere wunderbare
oder magische Eigenschaften zu erlangen, oder das Rezept gegeben werden, nur
nach diesen zu streben, sondern es soll der Weg angegeben werden, wie die
mannigfachen Herzenszweifel überwunden werden, die die Seele empfindet, solange
sie das Fleisch nicht gelockert hat. Dieses aber ist der wahre Zweck:
unabhängig vom Fleische mit allen seinen Gelüsten, Zweifeln und Irrtümern zu
werden, um in der eigentlichen, echten und wahren Welt, in welche die Seele
nach dem Tode völlig frei und unabhängig eingehen soll, sich wohl zu fühlen und
in sie eingehen zu können.
[GEJ.11_053,02] Es liegt auf der Hand, daß
das Seelenleben ganz von selbst sich zeigen muß, wenn die einschnürenden
Fesseln des Fleisches sich lockern. Und alle, die wohl mein Wort hören, sonst
aber nichts von diesem inneren Seelenleben verspüren, stecken eben noch ganz in
ihren Fleischesbanden, sind Hörer aber nicht Täter des Wortes.
[GEJ.11_053,03] Jeder, der die Fesseln
abstreift, erhält einen klareren Blick über Menschen und Natur, zunächst nur in
der Art, daß er meint, seine Beobachtungsgabe sei sehr geschärft; in Wahrheit
aber ist es das Sichregen des Geistes, der freiere Bewegung erhält. Sodann
gewöhne sich der Mensch, in sich zu blicken, das heißt die Bilder zu erkennen,
welche sein geistiges Auge unabhängig von seinen fleischlichen Augen sieht und
beobachten kann, so wird er schnell, wenn er in der Liebe zu Mir steht und auf
diesen Grund weiterbaut, zu den Eigenschaften des Geistes gelangen, welche ihr
‚Hellsehen‘ nennt, was jedoch keine magische, sondern eine ganz natürliche
Eigenschaft der Seele ist, gegen welche sie sich allerdings ebensogut
verschließen kann, wie ihr im Fleische euch gegen die Ausbildung verschiedener
Fähigkeiten verschließen könnet.
[GEJ.11_053,04] Bei Krankheiten, in denen
oftmals eine Lockerung der Seele vom Körper stattfindet – die aber sodann wegen
der Schwächung des Körpers eine Art ungesunden Hellsehens ist, weswegen da
viele Unrichtigkeiten vorkommen –, ist ein Leben der Seele in ihrer dem Körper
fremden Welt nichts Ungewöhnliches, und viele Phantasien sind da weiter nichts
als Entsprechungsbilder der Seelenwelt, – Entsprechungsbilder darum, weil die
Sprache des Geistes, mit der er zur Seele spricht, nicht Worte, sondern nur
vollständige Begriffe sind, während Worte erst die Begriffe mühsam vermitteln.
[GEJ.11_053,05] Diese Fähigkeit auszubilden,
die Sprache zu verstehen, welche als Entsprechungssprache wenigstens im Worte
euch bekannt ist, ist nicht nur zu Lebzeiten nützlich, sondern sogar notwendig,
weil sonst nach dem Leibestode sich die Seele im Geisterreiche vorkommt wie ein
Fremder, der in ein ihm stockfremdes Land eintritt, dessen Sprache er nicht
versteht, und dem es nur mit größter Mühe gelingt, sich verständlich zu machen,
– nur mit dem Unterschied, daß die Bewohner dieses Landes wohl den Fremdling,
nicht aber dieser die Einheimischen begreift, die sich erst in die
schwerfälligen Fesseln des Seelenlebens wieder einfügen müssen, um die
ungewohnt gewordene, schwerfällige Körpersprache wieder anzunehmen, die den
Verkehr nur durch Worte, nicht aber durch Gedankenreihen vermittelt.
[GEJ.11_053,06] Geistig vorgeschrittene
Menschen bedauern daher auch oft die Unmöglichkeit, ihre Empfindungen genügend
in Worten ausdrücken zu können, oder die Unmöglichkeit, den Gedankenflug so
schnell zu fixieren, durch Schrift oder Sprache, wie der Geist es die Seele
schnellstens erschauen läßt. Das wäre alles nicht möglich, wenn es diese
Sprache des Geistes in schnellen Bildern und Begriffsreihenfolgen nicht geben
würde.
[GEJ.11_053,07] Es gibt daher mehr, als Wort
und Schrift vermitteln können, und niemand möge daher glauben, daß die höchst
entwickelte Schriftsprache oder Rednergabe das Glänzendste sei, was die Seele
des Menschen ausdrücken kann; denn das sind nur sehr schwache Ausflüsse des
innersten Geistesbestrebens, die Seele teilhaftig werden zu lassen dessen, was
in dem Geiste höchst vollendet verborgen liegt. Niemand glaube auch daher,
etwas Besonderes zu leisten, wenn er für einen Meister dieser äußeren
Mittelwege gehalten wird. Er ist nur ein elender Stümper gegen die
Reichhaltigkeit des inneren Meisters, der seine Gaben nicht nach außen hin
entfaltet.
[GEJ.11_053,08] Das Streben, diesen jedoch in
sich durch Meine Kraft und durch die Liebe zu Mir zur vollendetsten Sprache zu
bringen, heißt Meine Wege und Mir nachwandeln; denn Ich ging zur Erdenzeit im
Fleische denselben Weg und mußte mühsam Stufe für Stufe erringen gleichwie
jeder andere Mensch. – Kehren wir jetzt zu den Meinen zurück!
54. Kapitel – Von der Heiligkeit Gottes.
[GEJ.11_054,01] Petrus hatte Meine Worte sich
ganz besonders tief ins Herz geschrieben, und mit der ihm eigenen tatkräftigen
Willensstärke ging er auch sofort daran, seine Seele auszubilden, wo es ihm
noch mangelte. Er zog sich alsogleich von den übrigen zurück, um das innere Auge
öffnen zu können, und blieb einige Tage für alle fast unsichtbar.
[GEJ.11_054,02] Es ist hier wiederum zu
betonen, daß Meine Jünger hier versammelt waren, um aus eigenem, freien
Antrieb, unabhängig von Meiner Person und ganz ohne jede äußere Nötigung durch
die Umgebung, eine Art freiwilliger Prüfung sich selbst gegenüber
durchzuführen, so daß die schon errungenen, von Mir aber für ihren späteren
Apostelberuf gegebenen Eigenschaften jetzt ihr ausschließliches Eigentum werden
konnten. Von diesem Gesichtspunkte aus ist alles zu betrachten, was in Ephrem
geschah.
[GEJ.11_054,03] Nachdem Petrus sich wieder
mehr in dem Kreise der Brüder zeigte, von denen jeder seine Wege des inneren
Lebens für sich ging – weswegen dieses Zurückziehen gar nicht einmal sehr bemerkt
wurde, da er bei den regelmäßigen Mahlzeiten sich stets einfand, schweigend kam
und ging –, so blieben eines Abends die Jünger länger als gewöhnlich beisammen,
veranlaßt durch die Frage des Jakobus, weswegen wohl die Heiligkeit Gottes sich
durch die Sünden der Menschen verletzt fühlen könnte, da doch gerade diese
Sünden oftmals das Mittel zur Läuterung seien und auch diese Möglichkeit des
Sündenbegehens von Gott zugelassen sei. Es müsse demnach doch mit diesem Satze
des Tempels noch eine besondere Bewandtnis haben, da doch gerade Ich auch viel
mit Sündern verkehrt hätte und noch nie durch die ärgsten Sünder Mich verletzt
gefühlt habe.
[GEJ.11_054,04] Es gab da ein
Durcheinanderreden vieler Art, indem Meine früheren Lehren hervorgeholt wurden
und jeder sich einen besonderen Standpunkt gebildet hatte, von dem er die
Heiligkeit Gottes betrachtete. Johannes erklärte denn schließlich eingehend,
daß unter ‚Heiligkeit‘ im wahren Sinne die große, selbstverleugnende Liebe
Gottes zu verstehen sei, die allerdings durch das Widerstreben gegen die Liebe
in der Sünde verletzt werden könnte, ebenso wie ein guter Vater sich durch
lieblose Kinder wohl verletzt, aber deswegen noch nicht erzürnt fühlen wird,
sondern nach möglichst sanften Mitteln suchen wird, diese Lieblosigkeit
auszurotten und, falls die sanfteren Mittel nichts fruchten, erst zu strengen
und strengsten greifen wird, nicht aber aus Zorn, sondern lediglich aus Liebe
und zu dem rechten Zwecke.
[GEJ.11_054,05] Die sämtlichen Jünger
erklärten sich mit diesen Worten einverstanden, jedoch fügte Petrus dem noch
hinzu, daß die Heiligkeit Gottes nicht nur die große Liebe Gottes bedeute,
sondern auch die große Weisheit, mit welcher Er alles Geschaffene eingerichtet
habe in seiner großen, vollkommenen Zweckmäßigkeit. Diese Ordnung, welche die
Zweckmäßigkeit in sich schließe, nicht zu stören, sei die heiligste Pflicht des
Menschen. Aber gerade darin sei so unendlich viel von der Menschheit gesündigt
worden, daß sie sich der Ordnung entgegengestellt und dadurch auch die Zweckmäßigkeit
der Naturgesetze zu ihrem Schaden zu zertrümmern gesucht habe. So sei die
Sündflut entstanden, weil die Ordnung und damit die Zweckmäßigkeit gestört
worden sei, welche die Berge als Belaster unterirdischer Wasserbecken erfüllen,
nachdem die Hanochiten die Berge sprengten. Und so sündige der Mensch auch
jetzt noch gegen die Ordnung, und damit verletze er die Heiligkeit Gottes in
der Ordnung, indem er seinen Körper mißbrauche und sich der Völlerei und
Unzucht ergebe, wodurch der Körper unbrauchbar werde, als Sitz einer gesunden
Seele zu dienen. Die Ordnung aber zu erkennen, in der wir leben sollen, sei ein
wichtiger Schritt zur Wiedergeburt, und daher habe er auch in diesen Tagen
erkannt, wie notwendig das Versenken in sich selbst sei, weil nur durch das
Suchen in sich selbst es möglich sei, von Gott gelehrt zu werden und die
Wahrheit zu erkennen.
[GEJ.11_054,06] Fragten die andern, ob er
denn das getan habe. Petrus bejahte und erklärte, er habe das mit großem Fleiße
in diesen Tagen getan und sei auch überzeugt, jetzt den Weg gefunden zu haben,
um ein rechter Jünger unseres Herrn und Meisters zu werden. Er sei zwar
überzeugt, daß die Brüder alle die letzten Worte des Herrn beherzigt hätten und
nach Erreichung der nahen Ziele strebten; aber er fühle sich gedrängt, seine
Beobachtungen zu schildern, da doch der eine oder der andere etwas daraus für
sich entnehmen oder auch ihm etwas mitteilen könne, was wieder ihm, dem Petrus,
zu nützen vermöchte.
55. Kapitel – Der Weg zur inneren Vollendung.
[GEJ.11_055,01] Die Brüder baten ihn nun
nochmals, seine Gedanken und Erfahrungen zu berichten, und Petrus begann:
„Liebe Brüder, wir sind nun bald drei Jahre stete Begleiter des Herrn, der uns
eingeführt hat in alle Wunder Seiner Welt, und wir zweifeln wohl alle nicht,
wen wir in Person in Wahrheit vor uns haben; aber trotz der Erkenntnis dieser
Wahrheit und des Bewußtseins, in unmittelbarer Nähe Dessen zu wandeln, der
unser aller Schöpfer ist, wollte es mir dennoch manchmal nicht gelingen,
gelinde aufsteigende Zweifel ganz zu besiegen, welche mir zuflüsterten: ‚Alle
deine Erkenntnis und dein Bemühen ist nutzlos, da du doch niemals imstande sein
wirst, diejenige Reinheit zu erlangen, welche dich überhaupt berechtigt, in der
Nähe Dessen zu bleiben, der wahrhaft ein Mensch ohne Fehl ist.‘ Dieses
Bewußtsein der Sündhaftigkeit, welche uns wohl allen anhaftet, hat mir manche
Träne aus zerknirschtestem Herzen erpreßt, und nur durch die liebende Zusprache
des Herrn wurde ich aufgerichtet und mit neuem Mut erfüllt, die so vergeblich
scheinende Arbeit wiederaufzunehmen.
[GEJ.11_055,02] Es ist mir auch so ziemlich
gelungen, den Glauben als festestes Gut mir unerschütterlich zu erhalten, daß
in unserem Herrn und Meister das einzige Vorbild zur Vollendung liegt; aber
nicht ist es mir bisher geglückt, zu glauben, selbst nur eine kleinste Stufe
dieser Vollendung zu erreichen. Wohl aber den Willen hierzu zu festen, ist mir
gelungen, um mit festem Vorsatz auch nicht durch das Bewußtsein eigener
Unwürdigkeit von der Erreichung des fernen Zieles abzulassen.
[GEJ.11_055,03] Ich erkannte aber nun, daß
die Gesetze der Ordnung zu erforschen jedenfalls ein Bestreben sei, durch
dessen Erreichung es uns weit leichter sein dürfte – wenigstens für viele –, die
Seele von den vielen Schlacken zu reinigen; denn wessen Auge imstande ist, die
äußeren, weisheitsvollen Einrichtungen zu erkennen, die das Mittel zur Schulung
der Seele bilden, der wird von diesen äußeren Einrichtungen auch sehr bald zu
dem eigentlichen inneren Zweck derselben dringen, und sein Herz wird zunächst
mit Staunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt werden und dann doch ganz sicher
in die Liebe zu dem allmächtigen Wesen übergehen müssen, das hier in Seiner
heiligen Ordnung die größte Zweckmäßigkeit errichtete zum Heile und zum
Fortschritt des gesamten Universums, das in dem einen Ziel gipfelt, Wesen zu
bilden, die in seligster Gemeinschaft mit dem Gottgeiste wirken und schaffen
können.
[GEJ.11_055,04] Weiterhin wird dieses
Erkennen aber auch der Ansporn sein, alles zu unterlassen, was der Ordnung zur
Erreichung dieses höchsten Zieles entgegen ist, und dadurch wird die Seele
bestrebt sein, gut und gerecht vor Gott zu leben. Nur die ärgsten Toren und
Teufel in Menschengestalt können sich den erkannten Gesetzen zu ihrem eigenen
leiblichen und geistigen Schaden entgegenstellen.
[GEJ.11_055,05] Seht, liebe Brüder, dieser
Gesichtspunkt leitete mich schon längst; aber erst hier bin ich jetzt zu dem
Ziele gekommen, daß ich mit wachenden Augen imstande bin, aus eigenem Wollen,
nicht durch die erst vom Herrn durch Seine Willensmacht geöffnete Sehe, die
äußeren Naturgesetze zu erkennen, welche die erhabensten innersten Liebegesetze
umkleiden, und ich hoffe, damit auch ein gutes Stück in der eigenen Ausbildung
vorwärtsgekommen zu sein.“
[GEJ.11_055,06] Fragte Andreas, wie er denn
das gemacht habe, diese innere Sehe zu erhalten. Er zwar halte nicht viel
davon, auch die äußere Sehe zu erhalten, da das Verständnis des Wortes ihm
höher stehe und diese innere, geistige Sehe ihm wichtiger wäre als alles
Erkennen der äußeren Naturgesetze; doch gehe in diesem Urteil eben jeder nach
seinen eigenen Überzeugungen, weswegen er keinesfalls des Petrus Bestreben als
nicht gut benennen wolle.
[GEJ.11_055,07] Petrus meinte nun, diesen Weg
zu betreten sei nicht schwer, da nur Glaube an Gott und Willenskraft nötig
seien, denjenigen Gegenstand, den man erforschen wolle, zu durchdringen. Sodann
erscheine deutlich beim Betrachten der äußeren Form auch gleichzeitig die
innerste, und der Geist erkläre sodann auch deutlich die durch Anschauung nun
sichtbar gewordenen Gesetze.
[GEJ.11_055,08] Es sei aber ganz
selbstverständlich, daß beim Betrachten der vielen Dinge, die sich darbieten,
nun nicht etwa die Seele nur ein Vergnügen daran finden dürfe, diese äußeren
Fähigkeiten zu erhalten, ohne die Stimme des Geistes in sich klar ertönen zu
lassen. Beides müsse stets zusammengehen, und sodann sei auch die Ausbildung
dieser Eigenschaften der Seele bei gesundem Körper sicherlich kein Fehler.
[GEJ.11_055,09] Er habe nun zum Beispiel
beobachtet, wie sich die Pflanzen aufbauten, und habe da so recht erkannt, wie
die Seelensubstanz der Pflanze ebensogut in sich ein völlig abgeschlossenes,
aber nur noch weiter entwicklungsfähiges Wesen sei wie der Mensch selbst.
Während er früher in den Pflanzen nur Auswüchse der belebten Erde gesehen habe
– ungefähr wie einem Menschen am Körper Haare wachsen –, so wüßte er nun, daß
dem nicht so sei, sondern daß jedes Pflänzchen ein abgeschlossenes
Seelenganzes, wenn auch in Unvollkommenheit, darstelle, das sich seinen Körper
ebensogut aufbaue wie die vollendete Seele des Menschen. Zwar habe er wohl
schon früher aus den Erklärungen des Herrn gewußt, wie die Entstehung der
menschlichen Seele durch die sichtbare Welt geschehe, aber einen so
eingehenden, bis ins einzelne gehenden Blick, den er jederzeit wiedererhalten
könne, habe er doch noch nicht gehabt, und es sei ihm vieles, was er früher
mehr als wahr gefühlt, jetzt greifbar wahr geworden.
[GEJ.11_055,10] Es entstand nun ein
mannigfaches Fragen hauptsächlich der Jünger, die nicht zu den Zwölfen
gehörten, die von Petrus noch mancherlei Aufschlüsse wünschten, was hier jedoch
als unwesentlich übergangen werden kann. Nur sei noch bemerkt, daß bei diesen
Gesprächen die Frage aufgeworfen wurde, ob denn die unvollkommenen Seelenteile,
welche in Augenblicken der geöffneten Sehe vielen schon sichtbar geworden
wären, bewußt wären, und ob in den niederen Stufen der anorganischen Körper mit
diesem Bewußtsein ein Empfindungsvermögen Hand in Hand ginge, wie doch wohl
anzunehmen sei, und ob dieses für bestimmte Zwecke notwendig wäre.
56. Kapitel – Über das Empfindungsvermögen.
[GEJ.11_056,01] Petrus gab über diese Punkte
nun folgende Erklärungen ab, die er aus der Anschauung gewonnen hatte:
[GEJ.11_056,02] Erstlich habe er gesehen, wie
die Form von der Seele aufgebaut werde – stets zu dem Zweck der
Weiterentwicklung, nicht aber, nur um ein möglichst bequemes Haus zu haben. Es
sei das ungefähr so, wie wenn ein Läufer sich ein Ziel stecke und nun emsig
trachte, dasselbe zu erreichen, dabei aber stets berücksichtige, wieviel Kraft
er seinem Körper streckenweise vorgeben lassen könne, um zu seinem Ziel zu
gelangen. Die Seele stecke sich hier auch das Ziel, eine gewisse Reife zu
erlangen, die aber nur mittels der Form erworben werden könne; daher sei diese
dem Zwecke angemessen angenommen und der Charakterfärbung nach gewählt.
[GEJ.11_056,03] Daraus gehe aber hervor, daß
schon in den untergeordnetsten Stufen ein Selbstbewußtsein, wenn auch noch so
gering, vorhanden sei, da ohne dieses eine geistige Entwicklung nicht möglich
sei. Nicht aber sei ein körperliches Empfindungsvermögen in den unteren Stufen
vorhanden. Dieses sei erst eine Folge entwickelteren Seelenlebens und beginne
auf der Grenze derjenigen Wesen, bei denen die Säftezirkulation besteht.
[GEJ.11_056,04] (Petrus:) „Pflanzen zum
Beispiel haben daher ein Empfindungsvermögen, wenn auch niederen Grades, die
untersten Stufen der Tierwelt aber schon ein weit höheres.
[GEJ.11_056,05] Die Säftezirkulation ist ein
Bestreben, von einem Mittelpunkte aus den Organismus zu beleben und dadurch zum
Selbstbewußtsein zu entwickeln, indem diese Konzentrierung einen Lebenskern
bedingt, der beim Menschen im Herzen zu finden ist. Die Pflanzen haben zwar noch
kein Herzorgan, jedoch im innersten Mark ein Lebensprinzip, das sich durch das
Bestreben kundgibt, den Baum, die Pflanze zu nähren und zu erhalten, und zwar
durch geeignete Säftezirkulation in einem ungemein feinen Röhrensystem, das im
Frühjahr und im Herbst in Tätigkeit tritt.
[GEJ.11_056,06] Solche Zirkulation benötigt
aber stets eines Erregers in Gestalt von Nerven, die bei den Pflanzen noch sehr
grob sind, bei den Tieren aber immer feiner werden. Stets haben diese Nerven
das gemeinsam, Erregungsvermittler von äußeren und inneren Reizen zu sein und
durch geeignete Organe sich vor schädigenden Reizen zu schützen, bei nützenden
sich deren Wirkung hinzugeben. Die Blume schließt und öffnet deshalb den Kelch,
das Tier flieht daher oder setzt sich dem wohltuenden Einfluß aus.
[GEJ.11_056,07] Mir scheint es dadurch
zweifellos, daß die Gesamtheit der Schöpfung das Empfindungsvermögen erst dann
erhält, wenn die Seelentätigkeit weit genug gediehen ist, um gleichzeitig den
Wunsch nach Weiterentwicklung zum Bewußtsein zu bringen. Und dieser Wunsch ist
die treibende Liebe, welche der Herr als leise anspornendes Mittel jedem Wesen
mitgegeben hat, und wodurch das Ziel der Umgestaltung des Weltalls erlangt wird
– ohne Zwang, sondern nur aus eigenster, freier Entschließung, die Wege der
Vervollkommnung auch wandeln zu wollen. Dieser Treiber aber ist der Geist aus
Gott, der erst im Menschen lebendig werden kann, die Form in sich aufnimmt und
sodann vor Gott dasteht als Sieger, der die äußere Form durchbrochen und gleichsam
in sich verschlungen hat.
57. Kapitel – Der Herr und Ephraim.
[GEJ.11_057,01] Nachdem die Jünger mit diesen
Auseinandersetzungen des Petrus sich einverstanden erklärt und noch mancherlei
aus ihren eigenen Urteilen hinzugefügt hatten, ergriff nun Johannes das Wort
und setzte den Brüdern auseinander, daß doch vornehmlich Meine Liebesorge stets
darauf bedacht sei, das Endziel mit möglichster Sicherheit für das Individuum
zu erreichen, und daß hauptsächlich dieses Endziel auch die Wege bestimme,
welche das Individuum bei seiner Entwicklung bis zum Menschen zu gehen habe. Da
aber nun aus sehr weisen Gründen jeder Mensch anders geartet sei, so sei auch
da eines jeden Menschen Seele bis zur vollen Entwicklung anders geleitet,
weswegen sich ein allgemeines, feststehendes Gesetz, welche Wege eine werdende
Seele zu wandeln habe, wohl nur im Allgemeinen feststellen lasse, nicht aber im
Besonderen, da Gott nur allein das Endziel kenne und kein anderer – sogar das
betreffende Wesen selbst nicht einmal – sich darüber klar sein könne, zu was
für einer Stellung im Dienste Gottes es gelangen würde und könne.
[GEJ.11_057,02] „Daher, liebe Brüder“, fuhr
Johannes fort, „befleißigt euch vor allem Wissen zunächst einer rechten Liebe
und Demut, damit der Herr euch ungehindert leiten kann! Wollet nichts als nur
Seine Liebe, so gelanget ihr zur größten Erkenntnis, und diese ist: Wohnung zu
nehmen im Herzen Gottes, wo ihr alsdann alles erschauet, nicht durch euch
selbst, sondern durch Gottes Liebe, die es euch wie Schuppen von den Augen
fallen lassen wird!“
[GEJ.11_057,03] Als die Jünger nun noch so
mancherlei über den angeregten Gegenstand sprachen, geschah es, daß an der
einen Fensteröffnung des großen Saales ein Geräusch entstand, als wenn ein
Mensch sich dort festzuhalten suche, der in Gefahr ist, herabzustürzen. Schnell
eilten die Jünger hinzu und fanden einen Mann, sich an der Brüstung
festklammernd, der offenbar ihren Reden gelauscht hatte, dabei das
Gleichgewicht verlor und nun hinabzustürzen drohte. Er wurde hinaufgezogen und
freundlich gefragt, ob er denn keinen Schaden genommen habe, und wie er denn da
zu der ziemlich hohen Fensteröffnung hinaufgekommen sei.
[GEJ.11_057,04] Der Mann, erst etwas
verstockt wie ein ertappter Verbrecher, sagte alsbald freundlich, da er nicht
unwillige Gesichter auf sich gerichtet sah: „Liebe Freunde, ich sehe nun wohl,
daß ich mich sehr in euch geirrt habe, und bitte euch daher auch alles von
Herzen ab, was ich euch in meinen Worten, euch unbewußt, angetan habe! Aber
erlaubt, daß ich genauer aussage, was mich hergeführt hat, und warum ich
beinahe verunglückt wäre!
[GEJ.11_057,05] Seht, ich bin ein Einwohner
der Stadt Ephrem und habe euch schon lange, seit eurem Hiersein, beobachtet und
mir allerhand Gedanken gemacht, was ihr denn wohl in diesem Mauernest treiben
möchtet, und wer ihr sein möget. Da haben denn manche meiner Verwandten und
Freunde gesagt, ihr seiet Essäer, die hier Zauberei trieben und damit umgingen,
eine neue Verschwörung gegen die Römer in Jerusalem zu planen, wozu hier ein
geeigneter Ort sei. Andere wieder meinten, ihr seiet wohl Zauberer, die vieles
fertigbrächten – zum Beispiel auch die so ungemein schnelle Herstellung dieser
Burg –, aber keine Verschwörer, dazu taugte euer freundliches, offenes Wesen
nicht.
[GEJ.11_057,06] Ich aber verlachte diesen
Zauberglauben an euch, wie ich denn überhaupt von solchen Dingen nichts halte,
sondern weiß, daß alles auf Erden nur mit sehr natürlichen Dingen zugeht,
gelobte mir aber, selbst ergründen zu wollen, wer und was ihr seid. Ich habe
mich daher schon öfter des Nachts aufgemacht und dieses Wohnhaus umkreist, ob
nicht eine Gelegenheit zu erforschen sei, meine Neugierde zu befriedigen. Stets
aber hielt mich eine eigenartige Scheu davon ab, zu euch einzudringen.
[GEJ.11_057,07] Heute aber wurde das
Verlangen in mir so mächtig, daß ich um jeden Preis euer Geheimnis ergründen
wollte, und so traf ich denn Maßregeln, zu euch eindringen zu können. Vor jenem
Fenster, an dem ihr mich ergriffet, steht ein Baum, der seine Zweige weit
ausbreitet. Ich nahm einige starke Stangen mit und legte diese von den Zweigen
auf das Fenstergesims und konnte so auf dieser Brücke recht gut hierhergelangen
und euer Gespräch belauschen. Die große Aufmerksamkeit nur, mit der ihr euch
unterredetet, hat meine frühere Entdeckung verhindert, und eure Reden ergriffen
mich so, daß ich ganz vergaß, ein Eindringling zu sein und am liebsten gleich
zu euch hineingesprungen wäre. In dieser Selbstvergessenheit achtete ich gar
nicht mehr auf meine leichte Brücke und stieß unversehens an die Stangen, die
nun herabfielen. In dem Verlangen, dieses zu verhindern, wäre ich selbst fast
gestürzt, wenn ihr nicht herbeigeeilt wäret.
[GEJ.11_057,08] Ich bitte euch nun, liebe
Freunde, mir verzeihen zu wollen; denn daß ich kein Dieb oder verbrecherischer
Eindringling bin, werdet ihr mir wohl glauben, – wenigstens habe ich an eurer
Weisheit schon gehört, daß es wohl schwer sein würde, euch zu täuschen!“
[GEJ.11_057,09] Sagte Petrus: „Lieber Freund,
was hätten wir wohl zu verzeihen, da wir doch alle recht gut wissen, daß
weniger deine Neugierde, als dein innerer Geist es gewesen ist, der dich
hierher zu uns getrieben hat? Ferne ist es uns daher, in dir irgendeine
verbrecherische Absicht zu vermuten. So komme denn, setze dich zu uns, stärke
dich und laß uns miteinander reden, wie es sich für aufrichtige und wahrhafte
Männer ziemt! Willst du irgend etwas von uns wissen, so frage nur! Wir werden
dir gewißlich gern Rede stehen.“
[GEJ.11_057,10] Der Ephremite, der nun seine
anfängliche Scheu gänzlich verloren hatte, setzte sich denn auch zu den
Jüngern, stärkte sich und fragte dann bald ganz ungeniert nach allen möglichen
Dingen: unserem Herkommen, was wir hier wollten, und warum wir gerade dieses
Mauernest zu unserm Aufenthalt ausgewählt, und vieles andere Persönliche über
die Jünger, was ihm dann auch ganz offen beantwortet wurde.
[GEJ.11_057,11] Als er nun auch wußte, daß
die Meinen Jünger des ihm wohlbekannten Nazareners seien, fragte er sofort nach
Mir und wollte Mich durchaus sehen. Petrus verwies ihm die etwas ungestüme Art
seines Wesens und sagte, er solle sich gedulden, wüßte doch keiner von ihnen,
ob ihr Meister es auch dulden wolle.
[GEJ.11_057,12] Darauf sagte der Ephremite
ganz kühn: „Freunde, ich habe es von jeher so gehalten, stets an die Quelle zu
gehen, nicht aber lange den Abzügen eines Flusses nachzuforschen, wenn es galt,
auf den Kern einer Sache einzudringen! Ich vermutete gewißlich, daß etwas
Besonderes hinter euch stecke, und es ist auch schon seit langem mein Wunsch,
den Heiland kennenzulernen und von Ihm Selbst die Worte zu hören, die ich so
nur auf Umwegen erlangen konnte. Ist es da nicht sehr begreiflich, daß ich mit
allen Kräften so schnell als möglich mich Ihm zu nähern suche, zumal mein Herz
sich so mächtig nach Ihm sehnt?! Würdest du deinem Kinde gebieten können, fern
von dir zu bleiben, wenn es dich umarmen möchte? Ich aber weiß sehr wohl aus
der Schrift und aus vielen anderen Dingen, die jetzt geschehen sind, wen ich in
Jesus von Nazareth vor mir habe. Und so war es eigentlich auch das innere
Gefühl, hier von Ihm etwas zu erfahren, was mich hertrieb, weswegen es auch
wahr ist, als du sagtest, der Geist treibe mich, nicht die Neugierde.
[GEJ.11_057,13] Ist es aber wirklich so, daß
hier der König Zions haust, von dem David und alle Propheten weissagten, so
wird Er Sich auch nicht dagegenstellen, daß ein einfaches Menschenkind, das nur
ein Herz voll höchster Liebe Ihm entgegenbringt und nichts weiter als diese
Liebe, nicht vergebens an Seine Türe pocht und um Einlaß bittet. Ich glaube,
den höchsten Geist, der nun in einem Körper Wohnung nahm, besser zu kennen, als
daß ich nicht meinen könnte, Er wisse genau, was hier geschieht, und erwarte
mich, um mein Liebesopfer in Empfang zu nehmen!“
[GEJ.11_057,14] Sagte Petrus ganz verwundert:
„Höre, Freund, du redest hier unsern Ohren eine Sprache, die uns mindestens
ungewohnt ist; denn noch nie sahen wir einen Menschen, der, ohne den Herrn zu
kennen, so von Ihm geredet hätte! Woher weißt du so genau, wer Er so eigentlich
ist?“
[GEJ.11_057,15] Sagte der Ephremite: „Nun,
das muß doch wohl einem jeden sofort klarwerden, wenn er Augen zu sehen und
Ohren zu hören hat!? Beide Leibesorgane sind bei mir aber noch in recht gutem
Zustande, sodann auch mein Verstand und wohl auch mein Herz, das eine viel
deutlichere Sprache zu reden versteht als der erstere, – und daher habe ich
auch alle meine Sinne offengehalten und erfahren, was andere nicht durch die
handgreiflichsten Beweise erfahren konnten.
[GEJ.11_057,16] Braucht man denn immer zu
sehen, um zu glauben? Muß man stets die fremden Länder gesehen haben, um
glauben zu können, daß sie bestehen? Sicherlich nicht! Nun, siehst du, Freund,
so geht's auch mir! Was ich hörte, genügte mir, um, nachdem ich es durchgeprüft,
zu glauben, und daher weiß ich nun auch, wen ich in eurem Meister zu suchen
habe, und ich bin dessen völlig gewiß, daß ich auch in Ihm finden werde, was
ich suchte und fest von Ihm glaube.“
[GEJ.11_057,17] Als der Ephremite so geredet
hatte, trat Ich in den Saal ein und rief ihm zu: „Selig sind, die da glauben
und nicht sehen! Und so sei du Mir denn als der letzte aller derer, die nur
durch Mein Wort zu Mir gelangen, willkommen, und bleibe hinfort bei Mir, damit
dein Glaube gekrönt werde! Du heißt Ephraim und sollst Mir von jetzt ab zur
Säule werden, die eine gute Stütze gibt für den Bau Meines Reiches. Ihr andern
aber nehmt euch ein Beispiel an diesem, damit ihr lernt, was es heißt, nach dem
Herzen zu leben und allein dessen Willen und Empfindungen zu folgen!“
[GEJ.11_057,18] Ephraim eilte nun zu Mir,
völlig überwältigt von seinen Gefühlen, und es folgte nun eine jener Szenen,
wie sie schon öfter beschrieben worden und bedingt sind durch die Liebe des
Kindes, das seinen Vater erkennt und nun in seligster Freude begrüßt.
[GEJ.11_057,19] Nachdem diese Szene vorüber
war und Ich Ephraim gestärkt hatte, erklärte Ich den Jüngern, daß nun der
letzte derer gewonnen sei, die als Zeugen Meiner irdischen Laufbahn aus dem
Weltall zur Erde niedergekommen seien, um als Stütze Meines Reiches zu dienen,
und daß nun damit die Zahl derer erfüllt sei, welche berufen seien, Lehrer zu
werden für Mein Schulhaus des Geistes, welches zu errichten und durch Sein
Beispiel zu besiegeln der Menschensohn erschienen sei.
[GEJ.11_057,20] Die Jünger wurden nochmals
ermahnt, festzuhalten an allem, was sie gesehen und gehört hatten, und die
kurze Spanne Zeit wohl zu benutzen, sich recht zu festigen für die Zukunft,
damit sie Sieger bleiben könnten sich selbst gegenüber und dadurch auch den
Menschen gegenüber.
58. Kapitel – Der Abschied von Ephrem.
Aufbruch nach Bethanien.
[GEJ.11_058,01] Es ist nun in der nächsten
Zeit nichts besonders Wichtiges geschehen nach außen hin. Wir lebten sehr ruhig
und gleichmäßig. Und da nun starke Kälte für Palästina eingetreten war, die
sich in der rauhen Berggegend ziemlich stark fühlbar machte, so waren die
Jünger mehr als sonst in dem schützenden Hause in Geselligkeit beisammen und
tauschten Rede und Frage eifrig aus. Alle waren emsig bemüht, sich recht im
Geiste zu bilden, und es wurde daher vieles nochmals von ihnen besprochen, was
Bezug auf Mich und Meine Lehre hatte, das zu wiederholen unnütz ist, da es
schon in anderer Form des öfteren gesagt wurde.
[GEJ.11_058,02] Nur eines ist hier noch zu berühren.
Es fiel ihnen auf, daß dieser Winter eine für Palästina ungewöhnlich niedere
Temperatur zeigte, und sie forschten da nach den Gründen, woher dieses kommen
möge. Da sahen sie denn im hellsehenden Zustande, daß das Land bedeckt war von
den schon öfter genannten Friedensgeistern, Elementargeistern, denen besonders
die Ordnung aller irdischen Verhältnisse zusteht, und wie diese eifrig bemüht
waren, alle aufsteigenden hitzigen Seelenpartikel möglichst zu fangen und zu
sänftigen. Es war das ein großer Kampf in der Natur, der sich durch die
erwähnte Kälte stark fühlbar machte.
[GEJ.11_058,03] Sie fragten Mich, woher
dieser Kampf gerade jetzt entstände, und Ich erklärte ihnen kurz, daß dieses im
engsten Zusammenhang stände mit dem Zu-Ende-Gehen Meiner Mission. Jetzt jedoch
würden die aufsteigenden Zornelemente, welche erregt würden durch den
Widerstand des verlorenen Sohnes, noch gewaltsam bezwungen, damit das Werk
nicht gestört und das Volk, welches sich durch seine Sünden zur Aufnahme
derselben und zu dadurch entstehender Verhärtung der Seelen sehr empfänglich
gemacht habe, nicht verderbt werde. Vor Toresschluß, bevor das Maß zum
Überlaufen voll sei, werde stets die Barmherzigkeit zu verhindern suchen, daß
ein jeder sich selbst verderbe. Wenn jedoch auch eine letzte große Warnung
nicht beachtet werde, so trete das Gesetz herein, und die Folgen aller Sünden
würden sich furchtbar geltend machen.
[GEJ.11_058,04] So sei es auch mit den Juden.
Ändern sie ihre Gesinnung nicht, verschließen sie nicht ihre Seele gegen die
Empfänglichkeit und Aufnahme der vielen Zornelemente durch Umkehr von den
bisher betretenen Wegen, so werden diese nicht mehr zurückgehalten werden, und
es wird damit das Verderben über Menschen und Land hereinbrechen.
[GEJ.11_058,05] Als wir nun fast drei Monate
in Ephrem zugebracht hatten, kam eines Tages ein Knecht des Lazarus, welcher
heimlich abgesandt worden war, zu uns und verlangte Mich zu sprechen.
[GEJ.11_058,06] Ich ließ ihn zu Mir, und er
sagte (der Knecht): „Herr und Meister! Lazarus, der von Dir Erweckte, sendet
mich zu Dir und bittet Dich, Du wollest ihm Rat und Hilfe spenden! Die Priester
des Tempels sind ihm jetzt aufsässiger denn je, seitdem er von den Toten
auferstanden ist und drohen ihm mit Verfluchung, so er nicht gestehe, daß er nicht
gestorben gewesen sei, da es noch nie in Wahrheit geschehen, daß ein Toter
zurückgekehrt sei. Ihm wird gedroht, er solle das verfluchte Wasser trinken, um
zu beweisen, wieweit Gott mit ihm sei. Lazarus aber kennt die Arglist und weiß
sehr wohl, daß man ihm im letzten Falle ein ganz besonderes Wasser geben würde,
das ihn mit Sicherheit zum zweiten Male sterben ließe. Er weiß jedoch nun
nicht, ob er, im Vertrauen auf Dich, sich ihnen dennoch stellen oder dem
Tempel, der doch von Gott gegründet worden ist, nun ganz entsagen soll.“
[GEJ.11_058,07] Sagte Ich ihm: „Sage Meinem
lieben Lazarus, er solle Gott da suchen, wo er Ihn zu finden glaubt! Weiß er,
daß Er im Tempel wohnt, so tue er, was der Tempel verlangt; weiß er aber, daß
Jehova dort nicht wohnt, was fragt er da nach dem Tempel und dessen Priestern?
Mir sind die Kinder am liebsten, welche sich mit dem Vater im Herzen einigen
und dort lauschen, was Er ihnen zu tun gutheißt! – Geh und sage das deinem
Herrn!“
[GEJ.11_058,08] Der Bote, der einer der Getreuesten
des Lazarus war, ging sofort und brachte ihm diese Nachricht, worauf Lazarus
sich keinen Augenblick besann und sich völlig vom Tempel lossagte und den
Bedrängern drohte, er würde römischer Bürger werden und sich völlig unter den
Schutz Roms stellen, wenn man ihn noch länger beunruhige. Die Priesterschaft
ließ ihn denn nun auch ungestört, weil ihr durch die Ausführung dieser Drohung
jede Aussicht auf einstmaligen Besitz seiner Güter verlorengegangen wäre,
während sie so noch auf krummen Wegen zu ihrem Ziele zu gelangen hoffte.
[GEJ.11_058,09] Es war nun allmählich die
Zeit herangekommen, in der die kalte Zeit aus Palästina wich und die ersten
Vorbereitungen des Osterfestes sich bemerkbar machten. Zu dieser Zeit
wallfahrten viele Juden nach Jerusalem, die sodann ihr Haus wohl bestellten,
damit in ihrer Abwesenheit daselbst nichts in Unordnung geraten könne. Und so
bemerkte man denn auch in Ephrem eine größere Rührigkeit der Einwohner, die
sich rüsteten, einige Zeit in dem nahen Jerusalem zubringen zu können.
[GEJ.11_058,10] Damit nahte nun die Zeit, in
der Mein Leib geopfert werden sollte, und die Seele beschlich Traurigkeit und
Vorgeschmack der großen Leiden, die Meiner harrten. Gleichzeitig aber wurde sie
durchströmt von dem Bewußtsein der großen Aufgabe, die zu erfüllen war, und sie
fügte sich dem Willen des Vaters. Die Jünger sahen den Kampf und fragten Mich
besorgt, was mit Mir wäre. Ich aber wies sie alle zurück und sagte ihnen, es
würde noch in Kürze alles offenbar werden.
[GEJ.11_058,11] Wenige Tage hatten wir noch
in Ephrem zuzubringen. Daher versammelte Ich die Meinen und sagte ihnen, sie
sollten sich zur Reise bereitmachen, da wir zu Lazarus ziehen würden, um bei
ihm Wohnung zu nehmen.
[GEJ.11_058,12] Petrus warnte Mich nochmals
vor den Templern, und Ich sagte ihm: „Jetzt ist die Zeit gekommen, wo des
Menschen Sohn als schwach befunden werden wird und es Seinen Feinden gelingen
wird, Ihn zu überwältigen, ihnen zum Gericht, aber der Welt zum Heil.“
[GEJ.11_058,13] Petrus war darüber ganz
bestürzt und sagte Meine Worte den Brüdern, die ebenfalls besorgt wurden um
Mich. Petrus aber trug von jener Stunde an stets ein Schwert heimlich bei sich,
bereit, sein Leben für Mich zu opfern, falls die Häscher kämen, Mich zu fangen.
[GEJ.11_058,14] Der Tag des Abschiedes nahte
nun heran. Ich übergab dem Vorsteher der Stadt unsere Burg mit allem, segnete
ihn und durch ihn die Gemeinde, berief die Jünger, und schnellstens begaben wir
uns nun zur Landstraße, welche nach Jerusalem führte, da wir noch selben Tages
bei Lazarus eintreffen wollten, um dort zum letzten Male einen Aufenthalt zu
nehmen, bevor Meine irdische Laufbahn abgeschlossen werden sollte.
59. Kapitel – Über die Zulassung des Krieges.
[GEJ.11_059,01] Als wir nach mehrstündiger
Wanderung die Straße erreichten, welche von Jericho nach Jerusalem führt,
hatten wir Gelegenheit, uns eine kleine Rast zu gönnen, weil ein größerer Trupp
römischer Soldaten, welche ihre Quartiere wechselten und nach Rom
zurückbefördert werden sollten, die Straße einnahm. Wir lagerten uns daher
etwas abseits, um den Zug erst vorbeiziehen zu lassen, dem wir sodann zu folgen
hatten, um Bethanien zu erreichen.
[GEJ.11_059,02] Als nun Meine Jünger diese
straffen, starken Menschen betrachteten, die alle wettergebräunt und markig aussahen
– sie gehörten zu Kerntruppen, die in Jericho, als einem damaligen Weltplatz,
aus besonderer Bevorzugung überwintert hatten –, meinte Jakobus zu Mir, ob denn
diese Leute wohl wirklich eine rechte Freude an ihrem Kriegerhandwerk fänden,
oder ob der doch auch in ihnen wohnende Geist sich nicht rege, um ihnen
klarzumachen, daß der Krieg doch die Unbrüderlichkeit und die Loslassung aller
möglichen Laster bedeute. Schließlich wurde Mir die Frage gestellt, wieso Ich
denn den Krieg überhaupt zulasse, wodurch so viele blühende Menschenleben und
Existenzen vernichtet, die Seelen verroht und oft gänzlich verdorben würden.
Alle blickten Mich fragend an, da noch niemals diese direkte Frage gestellt
wurde.
[GEJ.11_059,03] Ich forderte daher alle auf,
sich Mir mehr zu nähern, damit Ich nicht allzulaut zu sprechen brauchte und die
Aufmerksamkeit der Vorüberziehenden nicht erregt würde, und sprach also: „Es
ist stets notwendig, daß ihr bei Betrachtung aller Dinge, die sich im
menschlichen Leben dem Auge zeigen, niemals nach der Außenseite urteilt,
sondern stets nach dem inneren Wesenheitskern. Materielle, äußere Dinge und
geistige, innere, das heißt entsprechende Dinge können im scheinbar größten
Widerspruch stehen, weil sie sich oftmals polar zueinander verhalten, ja, als
sich völlig entgegenstehende Begriffe so verhalten müssen, trotzdem eines ohne
das andere nicht bestehen kann. Treten diese Gegensätze recht grell vor eure
Augen, so glaubt ihr unerklärliche Widersprüche zu entdecken, die jedoch für
des Geistes Auge durchaus keine solchen bedeuten. So zum Beispiel hier:
[GEJ.11_059,04] Der römische Soldat, dessen
Gewerbe der erlaubte Mord ist, wie steht er in seiner äußeren menschlichen
Stellung, die gewiß nicht Meiner Friedenslehre entspricht, zu seinem inneren
Menschen, der doch auch von Gott ist und zu Gott zurückkehren soll? Ja, wie ist
es möglich, fragt ihr, daß Ich es zulasse, daß eine Seele, mit dem göttlichen
Geistesfunken beschenkt, sich in solche Verkehrtheiten verstrickt?
[GEJ.11_059,05] Ihr glaubt hier keine
Erklärung entdecken zu können; denn wenn Ich auch auf den freien Willen des
Menschen hinweise, durch den derselbe ja in seiner äußeren Stellung ergreifen
kann, was er will, so werdet ihr fragen: ‚Ist es denn aber gerade notwendig von
Dir, den Menschen soviel Freiheit zu gestatten, daß sie diese zu Mord und
Totschlag benutzen, und wäre es nicht besser, diese Freiheit dahin wenigstens
zu beschränken, daß sie nicht benutzt werde zu soviel unredlichem Weh und Leid
auf Erden?‘ Ja, ihr werdet fragen: ‚Kann die Gottheit, welche die wahrhafte
Liebe ist, bei so unendlich vielem Unglück und fürchterlichstem Elend, wie sich
die Menschen bereiten, denn so ruhig zuschauen, ohne zu zucken oder Halt zu
gebieten? Muß diese so liebevolle Gottheit nicht eine gefühllose Gottheit sein,
die eine Art Freude empfindet am ruhigen Zuschauen, wie sich Ihre Geschöpfe
zerfleischen? Ein jeder Mensch würde, so ihm die Kraft dazu ist, bei so vielem
Elend nicht ruhig zusehen, sondern das Mitleid allein würde ihn schon zwingen,
hinzuzuspringen und mit heiligstem Ernste den streitenden Parteien ein Halt zu
gebieten. Warum tut das nun die Gottheit nicht, die doch über alle Kräfte
gebietet?‘
[GEJ.11_059,06] Sehet, so fragt gar manche
zagende Seele, in die schon viel Meines hellsten Lichtes geflossen ist, und
beginnt zu zweifeln an der wahren Liebe und sogar an dem Vorhandensein eines
Gottes der Liebe, verirrt sich in allerhand Abgründe des Zweifels und fällt
schließlich von dem wahren Glauben ab.
[GEJ.11_059,07] Ich will euch aber ein Licht
geben, welches alle diese Fragen genügend beleuchtet. So höret denn!
[GEJ.11_059,08] Es ist zunächst zu
betrachten, wie der Mensch sich zum Menschen stellt, und dann, wie er, als in
der Materie lebend, sich zu Gott stellt, – oder anders: Wie neigt er sich in
seinen Begriffen zu dem Sichtbaren und Unsichtbaren?
[GEJ.11_059,09] Da ist es nun ganz natürlich,
daß der einfache, seelisch noch unentwickeltere Mensch, der seinen Gedankenflug
naturgemäß zunächst nur auf das ihn umgebende Äußere richtet, auch nur nach dem
urteilt, was er sieht und hört. Nur das rein Äußere der Erscheinungen wird ihn
zunächst anziehen; er wird es beurteilen, seine Schlüsse ziehen und aus den
gemachten Erfahrungen heraus es verstehen, sich die äußere Umgebung zunutze zu
machen. Erst wenn er so weit eingedrungen ist, um dieses Äußere der
Naturbegebenheiten zu beherrschen, wird der Verstand ihn anregen, nach dem
Warum zu fragen und dieses zu erforschen. Der Entwicklungsgang ist aber in der
materiellen Welt stets der, daß erst die äußere Hülle studiert und dann der
geistige Kern oft nur sehr mühsam herausgeschält wird.
[GEJ.11_059,10] Ihr wißt aber nun, daß die
Entwicklung des Tierreiches sowie des vorangehenden Pflanzenreiches auf der
Vernichtung der äußeren Form beruht, unbeschadet des in ihr waltenden inneren
Lebensprinzips, welches die Vervollkommnung erstrebt. Dieses äußere
Naturbeispiel bleibt natürlich dem nicht seelisch entwickelten Menschen auch
nicht verborgen, ja es lebt in ihm als zu überwindende Seelenstärke, da seine
Lebensbahn diesen Zerstörungssinn in sich einschließt. Er ahmt es also auch
insofern nach, als er das Recht des Stärkeren für sich beansprucht und auch
ausübt, solange er sich in dem Zustande befindet, der die innere seelische
Entwicklung noch behindert. Erst wenn Zeitperioden eintreten, in welchen die
seelische Ausbildung obenan steht, wo gewisserart das rein äußerliche,
materielle Beobachten als ein überwundener Standpunkt betrachtet wird, kann
diese Seelenhärte nicht mehr auftreten und das Recht des Stärkeren im Menschen
gänzlich verschwinden. Es tritt dann das Recht des erleuchteten Menschengeistes
in Kraft, welches weit unüberwindlicher ist als die erste physische Kraft.
[GEJ.11_059,11] Jene Soldaten aber stehen
sämtlich auf der Stufe der rein äußeren Naturbeobachtung, die sie das Recht des
Stärkeren lehrt – um seelische Entwicklung kümmern sie sich noch nicht –, ahmen
daher auch diesen Kampf in der Natur nach und empfinden vorläufig auch gar
keine Leere in sich. Ja, sie können sogar dabei recht gute Menschen sein, sogar
gutmütig, solange sie keinen eingebildeten Feind in Gestalt eines
fremdländischen, kriegführenden andern Soldaten vor sich haben, dem sie jedoch
als erbittertster Gegner gegenüberstehen, sowie die Trompete zum Streite ruft.
[GEJ.11_059,12] Diese Erziehung jedoch muß
Ich walten lassen, weil das Erkennen des inneren Kernes nur möglich ist durch
das Hindurchdringen durch die harten äußeren Schalen, der Menschengeist aber
nicht anders zu erwecken ist als durch Erfahrung.
[GEJ.11_059,13] Experientia docet heißt es
hier, und wie wahr dieses Sprichwort ist, wißt ihr; denn durch Erfahrung lernt
ein Schüler mehr als durch hundert auswendig gelernte, unerprobte Regeln. Die
Erde ist aber ein Schulhaus, wo die Geister durch Erfahrung klug werden sollen;
daher ist ihnen auch hier die mannigfachste Gelegenheit gegeben, Erfahrungen
über Erfahrungen zu sammeln, damit der Geist schnell ausreife. Wie aber diese
Summe schwerer, bitterer und unangenehmer Erfahrungen, welche einem wilden
Bergstrom gleichen, zu einem sanft gleitenden, ruhigen Fluß eingedämmt wird,
sagt Meine Lehre, und Mein Leben soll und wird stets ein Beispiel bleiben, wie
alle Erfahrungen dazu dienen, den Geist im Menschen Gott nahe, ja innig nahe zu
bringen.
[GEJ.11_059,14] Wenn ihr daher eure
Erfahrungen mißachtet, so werdet ihr auch niemals kluge Bauleute am Reiche
Gottes werden können; denn allezeit heißt es bei Mir, auf praktischem Wege die
Menschen zu erziehen. Meine Stimme kann aber in der Menschenseele meist erst
dann klar ertönen, wenn durch viele bittere Erfahrungen aller Art die Seele
verinnerlicht wurde und von dem Äußeren sich abgewendet hat.
[GEJ.11_059,15] Will also die Menschheit
durch äußere Kämpfe und Kriege hindurchgehen, in denen es sich doch nur darum
handelt, eine möglichst große Machtstellung zwischen zwei Staaten zu behaupten
oder zu erringen, so wird die Erfahrung sehr bald lehren, wie wenig Glück und
Zufriedenheit sowie innere Geistesentwicklung möglich ist, wenn Kriegsgeschrei
die Länder durchtobt und alle Lebensfreuden untergräbt.
[GEJ.11_059,16] In späteren Zeiten wird denn
auch der Krieg als ein Unding, als ein dem Menschen verabscheuungswürdiger und
nicht rühmlicher Zustand erkannt werden, während jetzt noch Ehre und Ruhm von
ihm erwartet wird, und der Krieg wird völlig verschwinden. Das
Menschengeschlecht wird sich nach Abwendung von diesen äußeren Kämpfen den
inneren zuwenden, und jeder wird durch Besiegung des inneren Feindes mehr Ruhm
vor Mir erringen können als der siegreichste Feldherr vor den Augen seines
Imperators.
[GEJ.11_059,17] Zu dieser Erkenntnis ist aber
die Erfahrung nötig, deren Weg durch viele Mühsale und Irrungen hindurchgeht.
Diese Schule ist einzig und allein die, welche wirklich eine freie
Entschließung der Menschenseele zuläßt. Daß aber Gott Selbst zusehen kann,
liegt doch einfach darin, daß hier das Ziel höher steht als alles andere. Die
Mittel, welche das Ziel erreichen helfen, sind jedoch höchst weise und
schließen stets die sicherste Wirkung in sich.
[GEJ.11_059,18] Wenn ein Vater ein
ungezogenes Kind besitzt, das wenig Neigung hat, seinen Worten und Geboten zu
gehorchen, so wird er ihm auch Gelegenheit geben, durch irgendeine böse
Erfahrung recht gründlich anzurennen, wird aber dabei suchen, möglichst die
bösen Folgen zu lindern. So ist es auch bei Gott und den Menschen. Gott sucht
allezeit die Mittel hervor, welche sanft sind, muß jedoch, falls diese
wirkungslos bleiben, selbst zu den kräftigsten greifen, um die Menschheit auf
der Bahn zu erhalten, welche zum Ziele des Friedens und der reinsten Glückseligkeit
führt.
[GEJ.11_059,19] Wenn aber ein Mensch diese
Bahnen nicht wandeln will, weil er alles mißachtet, was ihm durch diese
Erziehungsmethode in den Weg gelegt wird, so ist es doch ganz natürlich, daß
diese Mißachtung ihn schließlich ins Verderben führen muß, weil er keineswegs
durch Schaden klug werden will, sondern sogar alle Hemmnisse, die sich ihm
entgegenstellen, geradezu herausfordert, so daß er leicht sein Leibesleben
einbüßen kann durch Nichtbeachtung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln, die dem
Klügeren sich von selbst aufdrängen. Wie kann aber da die Gottheit
verantwortlich gemacht werden für das, was der einzelne Mensch selbst aus
eigenstem Antrieb verschuldet? Sie ist also da weder grausam noch ist Sie
irgendwie geneigt, ein Vergnügen an den Leiden Ihrer Geschöpfe zu finden,
sondern Sie ist lediglich gezwungen, des Zieles wegen Ihre Liebe
zurückzudrängen und die Weisheit vorherrschen zu lassen.
[GEJ.11_059,20] Da habt ihr also nochmals
eine Erklärung für das, was in ähnlicher Form euch schon des öfteren gesagt
worden ist. Betrachtet demnach die Außendinge nur von ihrem inneren
Zusammenhange aus, damit ihr nicht mehr auf allerhand Zweifel und Widersprüche
stoßet!“
60. Kapitel – Barabbas.
[GEJ.11_060,01] Während die Jünger sich noch
über das Gehörte aussprachen, sahen wir, wie ein Trupp Soldaten mehrere
Menschen zwischen sich führte, welche anscheinend Gefangene waren. Es waren das
mehrere Menschen, welche gegen die Verordnungen Roms gefehlt hatten und nun
nach Jerusalem zu Pilatus geführt werden sollten, um nach den Gesetzen Roms
verurteilt zu werden.
[GEJ.11_060,02] Einer ward schwer gefesselt
zwischen zwei Soldaten geführt, die mit gezogenen Schwertern neben ihm gingen,
bereit, ihn bei dem geringsten Fluchtversuch niederzuhauen.
[GEJ.11_060,03] Philippus fragte Mich, was
denn der wild aussehende Mann verbrochen habe, und wer er sei.
[GEJ.11_060,04] Ich antwortete ihm: „Dieser
ist ebensowohl ein Werkzeug Gottes, wie ihr es seid, wenn er auch seine
Fähigkeiten nicht in die Dienste des Vaters gestellt hat. Er muß dienen, den
Sohn zu verherrlichen, ebensogut wie ihr berufen seid, Sein Werk zu
verbreiten.“
[GEJ.11_060,05] Fragten Mich verwundert die
andern, wie Ich das meinte.
[GEJ.11_060,06] Ich verwies ihnen diese
Frage, weil in kürzester Zeit die Tatsachen ihnen die Antwort geben würden.
[GEJ.11_060,07] Es war aber der Gefangene,
der so scharf bewacht dahergeführt wurde, ein Anführer der räuberischen
Wüstenbewohner, welche den Gesetzen der Römer nicht untertan sein wollten, und
welche in den Gebirgen so viele Schlupfwinkel besaßen, daß die römische Justiz
ihrer nicht habhaft werden konnte, ähnlich wie auch noch jetzt im südlichen
Palästina und ostwärts des Jordans die dortigen Stämme ein ungebundenes Leben
führen und der türkischen Herrschaft spotten.
[GEJ.11_060,08] Dieser Mann hieß Barabbas,
war ungemein kühn und verwegen und hatte den Römern schon manches kleine
Gefecht geliefert, als sie Truppen aussandten, den Anführer zu fangen. Er genoß
im Volke ein gewisses Ansehen durch seine Verwegenheit, welche ihn stets
glücklich durch alle Gefahren hindurchführte, so daß sich ein gewisser
Sagenkreis um seine Person gebildet hatte, wie es bei ähnlichen Charakteren
auch in späteren Jahrhunderten oft geschehen ist.
[GEJ.11_060,09] Trotz seiner Räubereien galt er
als ein nicht unedler Charakter, der dem geringen Manne nie Leides tat, sondern
ihn beschützte, wo es in seiner Macht stand. Er war jedoch ein geschworener
Feind der Reichen und namentlich der Römer, die ihn unterjochen wollten. Als
letzterer stand er bei den Juden in hohem Ansehen, da auch sie die Römer
haßten. Er fand sogar im Tempel einen gewissen Schutz, da dieser hoffte, durch
Barabbas einen Einfluß auf die arabischen Völker zu gewinnen.
[GEJ.11_060,10] Als er jedoch gar zu frech
wurde und eine römische Kolonne, welche nach Petra zog mit Geldern und Schätzen
für den dortigen Prokonsul, überfiel, wurde ihm von dem römischen Heerführer in
Petra eine Falle gelegt und er nach heftigstem Widerstand gefangengenommen. Bei
dem stattgefundenen Kampf erschlug Barabbas den Sohn des Statthalters von Petra
und wurde nun, des Aufruhrs und des Mordes bezichtigt, nach Jerusalem gesandt,
um von Pontius Pilatus abgeurteilt zu werden.
[GEJ.11_060,11] Dieser Barabbas nun wurde in
Jerusalem zunächst in das allgemeine Richthaus abgeführt, um sodann, nachdem
eine umfassende Klage durch die Zeugenverhöre aufgestellt wäre, dem römischen
Gerichtshof überliefert zu werden. Solange letzteres aber nicht geschehen war,
hatte Pontius Pilatus als der oberste Herr über Judäa vollständige Gewalt über
ihn und war nur dem Kaiser allein für sein Tun und Handeln verantwortlich.
61. Kapitel – Ankunft in Bethanien.
Aufenthalt bei Lazarus. Des Judas Rückkehr. Sein Gespräch mit dem Herrn.
[GEJ.11_061,01] Die Römer waren nun mit ihrem
Troß und den Gefangenen vorübergezogen, so daß auch wir jetzt unseren Weg
fortsetzen konnten.
[GEJ.11_061,02] Nach kurzer Zeit näherten wir
uns Bethanien, wo Lazarus wohnte, und dieser, welcher in seinem Innern
getrieben, schon große Sehnsucht nach Mir hatte, weswegen er täglich nach
seinem Lieblingsplatze hinaufstieg, um Umschau nach Mir zu halten, stand auch
jetzt auf dem Aussichtspunkte. Sobald er nun unsern Trupp auf der Straße
herankommen sah, fühlte er auch im Herzen, daß Ich es sei, und er eilte uns
schnellstens entgegen, dabei nach seinen Knechten rufend, die es im Hause
verkünden sollten, daß der Herr wieder ankomme.
[GEJ.11_061,03] Lazarus fand uns denn nun
auch bald auf der Straße, und es ist überflüssig, von seiner sowie der Seinen
Freude zu berichten als sie nach längerer Trennung uns wiedersahen und uns in
ihrem Hause wieder aufnehmen konnten.
[GEJ.11_061,04] Es folgten nun sehr
bedeutsame Tage, welche dazu angetan waren, sowohl Lazarus als auch Meine
Jünger davon zu überzeugen, was Mein Endziel mit der Menschheit sei, weswegen
ihnen noch vieles eröffnet wurde, was jetzt nochmals der Welt zu offenbaren
nicht an der Zeit ist. Später jedoch wird dieses geschehen.
[GEJ.11_061,05] Wir saßen meistens abends in
dem bekannten großen Saale der Herberge auf dem Ölberg, welche ebenfalls dem
Lazarus gehörte, beisammen, weil hier viel Volk zusammenströmte und dieses
ebenfalls Mich sehen und hören sollte.
[GEJ.11_061,06] Kaum war es denn auch
offenkundig geworden, daß Ich Mich wieder öffentlich zeigte und Lazarus ebenfalls
– der seit seiner Erweckung sich sehr zurückgezogen hatte und ein
still-beschauliches, inneres Leben führte, wodurch er Mich weit mehr erkannte
als früher und über Mein Handeln und Tun, sowie über Meine Lehre als auch Meine
Person nun gar keine Zweifel oder Unklarheit empfand –, als auch ein überaus
großer Zulauf von Jerusalemer Juden und noch mehr solcher aus den Landen, die
des Festes wegen nach Jerusalem gekommen waren, stattfand. Hauptsächlich waren
es die Nichteinheimischen, welche von der Wundertat und von Mir gehört hatten,
die oft der Neugierde wegen, aber auch aus reineren Gründen, zu uns kamen.
Alles, was überhaupt von dem jüdischen Volke nur einigen guten Sinnes noch war,
ist auch in jener Zeit in Meiner Nähe gewesen, damit die Seelen erleuchtet
werden konnten, so daß Meine Jünger und Ich vollauf zu tun hatten, um alle die
Herandrängenden, in ihrer Seele Dürstenden zu erquicken. –
[GEJ.11_061,07] Doch ist hier nicht etwa zu
denken, als ob dieses nur von den Juden allein gelten sollte. Auch viele Fremde
– Griechen, Römer und andere Völker –, die von Mir gehört hatten und nicht so
recht wußten, was sie aus Mir machen sollten, kamen in diesen Tagen und wurden
aufgeklärt, so daß die Tage bis zu Meiner Verurteilung einen reichen und
letzten Fischzug bedeuten für alles, was noch zu erlangen war.
[GEJ.11_061,08] Diese Tatsache zu wissen ist
notwendig, damit das Weitere auch verstanden werde. –
[GEJ.11_061,09] Am Abend des ersten Tages
nun, da wir bei Lazarus ankamen, hatten wir uns von dem Volk, das sich an
diesem Tage noch nicht so sehr viel einfand, zurückgezogen und waren in dem
Saal, der uns stets zur Zusammenkunft diente, allein, als plötzlich Judas
Ischariot zur Tür hereintrat und uns alle begrüßte. Die Meinen waren schon
recht froh gewesen, ihn so lange nicht gesehen zu haben, und hofften, ihn
überhaupt nicht wiedersehen zu müssen, und zogen daher etwas krause Gesichter
bei seinem Gruß.
[GEJ.11_061,10] Er fragte Mich ganz höflich,
ob Ich ihm gestatte, sich zu uns zu gesellen, worauf Ich ihm erwiderte, er
könne tun nach seinem Belieben.
[GEJ.11_061,11] Judas erzählte nun viel von
Jericho und von seinem Treiben daselbst, daß er für Mich gearbeitet habe und
hoffe, Meine Zufriedenheit zu erlangen. Er schilderte hierbei mit lebhaften
Farben, wieviel Elend er aber auch daselbst und auch auf seinem Wege hierher
gefunden habe, wie das arme Volk gedrückt werde und in Knechtschaft schmachte.
Ja, er kam in eine solche rednerische Begeisterung, daß alles ihm erstaunt
zuhörte, da noch niemand die wirkliche Gewalt seiner Rede so mächtig empfunden
hatte.
[GEJ.11_061,12] Er (Judas) schloß mit den
Worten: „O Herr, hätte ich nur ein Zehntel Deiner Kraft in mir, wie wollte ich
da in Kürze all der Gewalttätigkeit der Großen ein Ende machen, das Volk,
welches, in Fesseln geschlagen, zu Jehova um Rettung schreit, befreien und froh
und glücklich machen, daß es den Namen seines Herrn und Gottes lobe und jauchze
vor Freude! – O Herr, wie lange kannst Du nur noch zaudern und die Bitten
ungehört verhallen lassen?
[GEJ.11_061,13] Siehe, Er ist da, der König,
den zu empfangen Israel bereit ist, und Er zeigt Sich nicht! Er verhüllt Sich
noch, der sehnlichst erwartete Messias, der Sohn Davids, der Mann mit der Macht
Gottes in Sich. Er zaudert, diese große Macht zu entfalten zum Heile Seines
Volkes, und Israel muß trauern und weiterhin wehklagen, ob seines tiefen
Falles.
[GEJ.11_061,14] O Herr, erbarme Dich des
Volkes, der Armen und Betrübten! Führe sie ein zum Glück; denn siehe, Zion
wartet seines Königs!“ –
[GEJ.11_061,15] Nach diesen Worten, aus denen
deutlich hervorklang, wie Judas in Mir auch den weltlich befreienden Messias
erhoffte, der nicht zu sein Ich doch oft betont hatte, entstand eine große,
erwartungsvolle Stille, und Ich erwiderte ihm: „Habe Ich nicht die Armen jederzeit
zu Mir gerufen?! Sind die Betrübten nicht von Mir getröstet, die Kranken gesund
und die Armen reich gemacht worden, soweit sie dessen bedurften?! Wer zaudert
also? Nicht Ich, – die Welt zaudert, die nicht zum Heile kommen will! Doch wird
des Menschen Sohn bald zu der Höhe der Macht gelangen, die erreichbar ist,
damit die Welt sehe, daß Er wohl erlangen könne, wohin die Welt strebt, und was
ihr wünschenswert erscheint. Jedoch nicht zum Heile der Welt, – zum Heile
Meiner Himmel soll dieses geschehen! Und so beruhige dich denn nur mit dem, was
du schon gesehen hast und baldigst noch sehen wirst!“
[GEJ.11_061,16] Judas schwieg nun und freute
sich in seinem Herzen; denn er glaubte, durch seine Worte nun den Anstoß
gegeben zu haben, daß Ich vielleicht doch auch einen entscheidenden Schritt tun
würde, das Volk vom Römerjoche zu befreien, wozu er die Kraft in Mir recht wohl
wußte.
[GEJ.11_061,17] Er war aber zu diesen
Begriffen, die, wie er wohl wußte, nicht in Einklang standen mit Meinen
bisherigen Reden, durch folgenden Umstand gekommen: Als er sich in Jericho
aufhielt, suchte er soviel als möglich von seinen Talenten Gebrauch zu machen
und sprach auch von Mir und Meiner Sendung oftmals vor größerem Volk. Dadurch
erwarb er sich ein gewisses Ansehen, zumal es ihm auch wirklich gelang, in
Meinem Namen einige Heilungen zu bewirken.
[GEJ.11_061,18] Herodes, welcher in Jericho
überwinterte, hörte ebenfalls von ihm. Schon lange begierig, mit Mir, dem
Wundertäter, wie er Mich nannte, in Berührung zu kommen, ließ er ihn zu sich
berufen, um Näheres von Mir zu hören. Judas, als unverfrorener Mensch, benutzte
diese Gelegenheit eifrigst für sich, sich als Schüler des Nazareners
hinzustellen, und verstand es auch, dem König durch sein Auftreten eine gewisse
Achtung einzuflößen, da seine Worte durch sein gutes Gedächtnis unterstützt
wurden und somit oft ganze Redewendungen wiedergaben, die Ich gebraucht hatte.
[GEJ.11_061,19] Herodes erkannte bald, daß an
den vielen Erzählungen und Gerüchten, die von Mir im Munde waren, mehr Wahres
sei, als er anfangs geglaubt hatte, und er faßte in seiner Seele den Gedanken,
daß ein Wundertäter solch besonderer Art ihm jedenfalls bei den Römern insofern
nützen könne, als er dadurch, wenn es nötig sei, sie in Furcht und Schrecken
setzen könne.
[GEJ.11_061,20] Herodes und Pontius Pilatus,
der Landpfleger, waren Feinde, weil sich jener durch diesen bedrückt sah. Die
Willkür des Herodes wurde von Pontius Pilatus stets eingeschränkt, sowie sie
nur irgend eine Machtentfaltung verlangte, weswegen nun wieder Herodes, der
stets in sich den Wunsch nach der unabhängigen Herrschaft über Judäa und Syrien
nährte, arg erbittert wurde. Eine übernatürliche Gewalt nun, die der Macht der
Römer nicht untertan, wäre ihm sehr willkommen gewesen. Aus diesem Grunde war er
auch gegen den Johannes nicht feindlich gesinnt gewesen, der ihm als ein
Prophet erschien, und schwerlich hätte er ihn töten lassen, wenn er nicht dazu
überlistet worden wäre.
[GEJ.11_061,21] Judas als guter
Menschenkenner hatte in Jericho Gelegenheit genug gehabt, sich über des Herodes
und der Römer Reibereien zu erkundigen. Er merkte auch sehr bald, wohinaus das
große Interesse des Königs ging. Er meinte nun, Meiner Sache nur zu dienen,
wenn er bestrebt sei, Mir die Wege zur Machtentfaltung zu bahnen, und wußte
nicht genug von der außerordentlichen Kraft Meines Willens zu berichten, dem
alles auf Erden untertan sei. Namentlich glänzte in seinen Erzählungen die
Vernichtung jener grausamen Krieger, welche Ich von wilden Tieren töten ließ, –
als Beweis dafür, daß Ich den römischen Waffen unüberwindliche Wesen
entgegenzustellen vermöchte.
[GEJ.11_061,22] Judas, welcher ebenso wie das
jüdische Volk den befreienden Messias in äußerlicher Weise erwünschte und Mich
als den Geeignetsten für diese Mission vermeinte, wurde durch diese
Zusammenkünfte noch mehr in der falschen Ansicht bestärkt und fühlte in sich
den Antrieb, möglichst zu dieser Seite Meines Werkes beizutragen. Er erhielt
von Herodes den Auftrag, Mich zu veranlassen, zu ihm zu kommen, da er den
direkten Befehl aus Furcht vor Meiner Kraft nicht auszusprechen wagte.
[GEJ.11_061,23] Die Übersiedlung nach
Jerusalem zu dem Feste wurde als der günstigste Zeitpunkt vereinbart, und so
kam denn Judas wieder zu uns als ein Abgesandter des Herodes, um Mich für die
weltlichen Pläne des Königs zu gewinnen und mit ihm denen des Tempels geneigt
zu machen.
[GEJ.11_061,24] Es versteht sich von selbst,
daß Ich von diesen Plänen sehr genau unterrichtet war und daher nicht erst
nötig hatte, Mich mit Judas selbst in irgendein Gespräch einzulassen. Er aber
vermeinte, daß Ich wohl nicht imstande sei, diese geheimsten Gedanken zu lesen;
denn er, als ein bei allen guten Anlagen des Geistes dennoch materieller
Mensch, war durchaus nicht so tief in das Wesen und Verständnis Meiner Person
eingedrungen, um etwas anderes als nur einen sehr begabten, mit
außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgerüsteten Menschen in Mir zu sehen. Er meinte
wohl – wie er ja auch genugsam Beweise hatte –, daß Mir niemand äußerlich
widerstehen könne; aber ob innerlich die geheimsten Züge des Menschenherzens
Mir offenbar seien, zweifelte er an. Ich war ihm gegenüber zwar stets
freundlich-liebevoll, aber doch verschlossener als jedem andern gegenüber, so
daß er die Sprache Meines Geistes, welche allein nur durch die Liebe des
Geschöpfes zu Mir erschlossen wird, und die er Mir nicht bot, nicht verstehen
konnte.
[GEJ.11_061,25] Er gab sich denn auch später
große Mühe, Mir mit glänzendster Rednergabe die Notwendigkeit der äußern Volksbefreiung
auseinanderzusetzen, wobei er auf des Herodes Unterstützung anspielte. Ich
verwies ihm aber solche Reden ernstlich, so daß er stets verschlossener und in
sich gekehrter wurde.
[GEJ.11_061,26] Diese Bemerkung zu geben ist
hier nötig, um den Vorgang in seinem Gemüte zu verstehen.
62. Kapitel – Jesus wird von Maria gesalbt
(Joh.12,1-8)
[GEJ.11_062,01] Als wir nun alle nach der
Rede des Judas in Stillschweigen noch dasaßen, ein jeder mit seinen Gedanken
beschäftigt, öffnete sich die Tür und Maria, die Schwester des Lazarus, trat
herein. Die Augen auf Mich gerichtet, kam sie zu Mir, ohne sich um die
Anwesenden zu kümmern. Sie sank Mir zu Füßen und bedeckte diese mit Küssen.
Sodann nahm sie eine Flasche köstlichen Nardenöls, zerbrach diese und salbte
Mir mit dem Öl die Füße, diese sodann mit ihrem langen Haare wieder trocknend.
Dabei weinte sie laut und bat Mich mit rührender Stimme, Ich möchte diese
Salbung doch zulassen.
[GEJ.11_062,02] Es ist nun wenig bekannt, daß
nur sehr vornehme Personen sich einen solchen Luxus gestatten konnten; denn
ebenso wie das oftmalige Fußwaschen eine unbedingte Notwendigkeit in jener Zeit
war, da Schuhe zu tragen von den meisten der Ärmeren verschmäht wurde, so war
auch das öftere Salben der Füße notwendig, um die Haut geschmeidig zu erhalten.
[GEJ.11_062,03] Das Nardenöl jedoch hatte
besondere belebende Eigenschaften, duftete sehr lieblich und wirkte ungemein
erfrischend, war aber seiner gesuchten und seltenen Eigenschaften wegen sehr
teuer, so daß eine derartige Fußwaschung zu dem außerordentlichsten Luxus
gehörte, den nur sehr Reiche sich gestatten konnten.
[GEJ.11_062,04] Das Haus ward von dem Geruche
des Öls auch ganz voll, ein Zeichen von der außerordentlichen Güte desselben,
so daß Judas, der stets das Geld arg im Auge hatte, sich nicht der Bemerkung
enthalten konnte: „Hätte man nicht lieber die Salbe verkaufen können und mit
deren Erlös soundso viele Arme speisen können?! Was bedarf denn der Herr eines
solchen Öls, da Ihm doch die Kraft innewohnt, auch ohne eines solchen sich
jederzeit zu erfrischen?!“
[GEJ.11_062,05] Dieses sagte er aber nur aus
Geiz, da der Reichtum des Lazarus ihm stets ärgerlich war und er auch oft
Gelegenheit nahm, anzudeuten, daß die Reichen schwelgten, während
rechtschaffene Israeliten Not leiden müßten.
[GEJ.11_062,06] Ich aber antwortete darauf,
auf die noch knieende Maria deutend: „Was diese getan hat, hat sie aus Liebe
getan, und Mir ist ein jedes Opfer angenehm, das da aus liebevollem Herzen
kommt. Mit dieser Tat aber hat sie nicht wohl so sehr Meinen Leib, als Meine
Seele gestärkt; denn wo soviel Liebe geboten wird, werde Ich durch diese der
Menschheit noch mehr Liebe wiedergeben. Sie hat sich dadurch das Recht
behalten, Mir für den Tag Meines Begräbnisses die rechte Kraft zu geben, die
die Seele noch braucht, das Schwerste zu überwinden. Und darum soll auch ihre
Liebestat nie vergessen werden, und wo ihr Mein Evangelium predigen werdet,
sollet ihr auch diese nicht vergessen! Drum lasset sie in Frieden!“
[GEJ.11_062,07] Ich hob nun die noch heftig
Weinende vom Boden auf, segnete sie und sagte zu ihr: „Maria, deine Sünden sind
dir vergeben von Meinem Vater! Doch was du Mir, dem Sohne, getan, davon werde
Ich zeugen vor Meinem Vater, und es wird dir in Seinem Hause tausendfältig und
abertausendfältig vergolten werden.
[GEJ.11_062,08] Jetzt aber setze dich zu uns,
stärke deinen Leib und verbleibe in unserer Mitte; denn die da Mir Kraft
spendete durch ihre Liebe, soll nicht von Meiner Seite gehen!“ –
[GEJ.11_062,09] Diese Tat, die der der Maria
Magdalena ähnlich ist, hat zu Verwechslungen Anlaß gegeben. Maria, die
Schwester des Lazarus, war es jedoch, welche in reinster Liebe Mir zugetan war
als ihrem Herrn und Meister, nicht mit irgendwelcher irdischen Liebe; daher ist
auch ihre Tat von ganz anderer Bedeutung als die der Maria von Magdalon. –
[GEJ.11_062,10] Ich wandte Mich nun zu den
Jüngern und redete also weiter: „Wer da wahrhaft reich im Herzen ist, kann auch
von seinem Reichtum abgeben, ohne daß er selbst arm würde, – ja, um so mehr er
gibt, um so reicher wird er noch werden; wer aber arm ist in sich, dem wird
noch das wenige genommen werden, weil er es verlieren muß durch sich selbst.
Leiblich und geistig Arme habt ihr nun immer um euch, und denen gebet auch
stets von eurem Überfluß! Mich aber habt ihr nicht immer, und so werdet ihr
auch bald Meinem Leibe nach Mir nichts mehr erweisen können.“
[GEJ.11_062,11] Ich sagte dieses aber, um die
Jünger immer wieder auf Mein Hinscheiden vorzubereiten, dessen baldiger
Augenblick ihnen nicht vor der Seele stand.
63. Kapitel – Erster Verrat des Judas.
[GEJ.11_063,01] Es fragte Mich nun Petrus, ob
Ich die Absicht habe, morgen zur Stadt hinabzugehen und im Tempel zu predigen.
Als Ich dieses bejahte, riet er Mir dringend davon ab, da er bereits in der Herberge
verschiedene Tempeljuden gesehen habe, die Mich mit gehässigen Blicken
betrachteten und jedenfalls Übles gegen Mich sannen.
[GEJ.11_063,02] Ich sagte ihm darauf: „Des
Volkes wegen muß Ich hinunter, und niemand wird Mich daran hindern; denn nur um
dessentwillen bin Ich hierhergekommen, auf daß es erlöst werde!“
[GEJ.11_063,03] Als Judas das hörte, stand er
heimlich auf und entfernte sich, ohne daß jemand anders als Ich allein darum
wußte.
[GEJ.11_063,04] Er aber ging hinaus zu dem
Volk, das sich in und bei der Herberge angesammelt hatte, und erzählte allen,
daß Ich da sei und morgen nach der Stadt kommen würde. Sie sollten Sorge
tragen, daß es bekannt würde: der Heiland von Nazareth käme zum Fest.
[GEJ.11_063,05] Es waren unter den Fremden in
der Stadt aber viele, welche um Meinetwillen überhaupt zum Fest gekommen waren,
weil sie sicher glaubten, Mich dann zu sehen. Diese hatten, da es offenkundig
war, daß Ich stets bei Lazarus einkehrte, Boten hinausgesandt, zu erfahren, ob
Ich da sei, und was Ich wohl zu tun beschlossen habe. Diese erfuhren nun durch
des Judas ersten Verrat, was Ich beabsichtigte, und sie brachten es in der
Stadt baldigst herum. (Joh.12,9)
[GEJ.11_063,06] Er selbst aber ging ebenfalls
nach Jerusalem in die verschiedenen Herbergen und suchte die Fremden und
Einheimischen zu bewegen, Mir entgegenzugehen, wenn Ich morgen auf das Fest
kommen würde.
[GEJ.11_063,07] Da nun Meine Anhängerzahl
eine sehr große war, so wurde es auch schnellstens überall bekannt, zumal es
für das Volk selbst nichts Wichtigeres in Jerusalem gab als Mein Auftreten in
der Stadt.
[GEJ.11_063,08] Wir saßen, während dieses
sich in der Stadt vorbereitete, ganz ruhig in des Lazarus Haus und unterhielten
uns nun von mehr gleichgültigen Dingen, als endlich Petrus bemerkte, daß Judas
nicht mehr anwesend war. Er machte die anderen Brüder zunächst darauf
aufmerksam und fragte Mich sodann direkt, wo denn Judas hingekommen sei.
[GEJ.11_063,09] Ich erwiderte darauf, er
solle sich nicht um ihn kümmern. Was er tue, tue er aus freiem Antrieb, und es
habe nichts mit dem gemein, was die Jünger anginge.
[GEJ.11_063,10] Er fragte nun auch nicht
weiter, sondern äußerte nur seinen Unwillen darüber, daß dieser Mensch doch
stets wiederkehre, wo sie alle schon so oft gehofft hätten, ihn nicht wiedersehen
zu müssen.
[GEJ.11_063,11] Lazarus meinte nun: „Wenn der
Herr ihn forthaben wollte, so wäre Ihm das gewiß ein kleines. Da Er aber ihm
stets gestattet, in Seiner Nähe zu bleiben, so ist auch er sicherlich für große
Dinge auserlesen, und uns geziemt es daher nicht, irgendwelches Urteil zu
fällen, sondern uns selbst dessen zu enthalten.“
64. Kapitel – Des Lazarus Erlebnisse im
Jenseits.
[GEJ.11_064,01] Um nun nicht mehr auf dieses Gespräch
zu kommen, begann Lazarus selbst von seiner früheren Krankheit zu reden und wie
er sich noch recht gut aller Einzelheiten vor seinem Tode erinnere, aber nichts
mehr von dem wisse, was sodann mit ihm vorgegangen sei.
[GEJ.11_064,02] Das gab nun Gelegenheit, von
dem Leben nach dem Tode selbst zu reden, und wie die ankommende Seele im
Jenseits sich doch sogleich fühlen möge.
[GEJ.11_064,03] Lazarus fragte Mich, warum er
denn so gar kein Gedächtnis mehr von dem habe, was mit ihm in der Zeit
geschehen sei, als er im Grabe gelegen habe.
[GEJ.11_064,04] Ich erörterte ihm nun, der
Grund läge darin, weil seine Seele sich in einem Zustand der höchsten
Glückseligkeit befunden habe, der es ihr unerträglich machen würde, bei
Beibehaltung des Gedächtnisses sich jetzt noch der irdischen Tätigkeit zu
widmen. Dem sei vergleichbar, als würde ein überaus guter und weiser König, der
sich auch nur in einer ihm würdigen Gesellschaft bewegt hat, plötzlich
gezwungen sein, mit dem allerschlechtesten Volk zu verkehren und in der
erbärmlichsten Behausung zu leben, ohne imstande zu sein, seine Lage zu
verbessern.
[GEJ.11_064,05] (Der Herr:) „Damit du aber
siehst, daß Ich nicht zuviel gesagt habe, sollst du auf kurze Zeit das
Gedächtnis zurückerhalten und uns allen klar auseinandersetzen, wie es dir
ergangen ist, und was du erlebt hast. Rede denn nun, wie dir die Rückerinnerung
kommt, und sprich klar aus, was du empfindest! Ich will aber, daß du nicht
irgendwie dabei deine jetzige Körpergefangenschaft empfindest, sondern als freier
Geist redest!“
[GEJ.11_064,06] Alsogleich verfiel Lazarus in
eine kurze Betäubung von einigen Augenblicken, erwachte sodann und sprach mit
würdigstem, verklärtem Ausdruck folgendes: „Oh, ich sehe jetzt im Geiste
nochmals klar und deutlich, was ich in jener Todesstunde fühlte und dachte!
[GEJ.11_064,07] Es war mir am Anfang
unsäglich bange, als ich merkte, daß das Leben in mir erlöschen wollte. Dann
aber trat ein Gleichmut ein, und ich empfand das Bedürfnis, fest zu schlafen.
Das Weinen der Schwestern, die an meinem Lager standen, kam mir unnütz vor;
denn ich wußte doch, daß ich wieder erwachen würde. Dann schlief ich ein.
[GEJ.11_064,08] Als ich erwachte, fühlte ich
mich leicht und frei von allen körperlichen Beschwerden. Ich atmete die reinste
Luft und fühlte mich wunderbar gestärkt. Ich hatte die Augen geschlossen, da es
mir wohlig und angenehm war, mich ganz der Ruhe hinzugeben. Dann aber empfand
ich das Bedürfnis, die Augen zu öffnen, was aber nicht so recht gelingen
wollte. Ich fühlte, wie eine Hand meine Augen berührte, und nun konnte ich
diese öffnen.
[GEJ.11_064,09] Ich sah in das lächelnde
Antlitz meines Vaters und war erst sehr erstaunt darüber, da ich ihn doch
gestorben wußte und ihn nun neben mir stehen sah. Er sagte mir, daß ich
körperlich gestorben und nun in die freie Geisteswelt eingegangen sei und in
seinem Wohnhaus mich befände.
[GEJ.11_064,10] Ich sah mich um und erblickte
ein herrliches Gemach, strahlend in hellsten, reinsten Farben. Mich ergriff die
Schönheit dieses Gemaches, in welches helles Licht flutete, so sehr, daß ich
staunend ausrief: ‚Wenn ich nicht deinen Worten glauben wollte, so würde doch
dieser Raum mir zeigen, daß ich der Welt entrückt bin, mein Vater! Sage, ist
das hier dein Aufenthalt?!‘
[GEJ.11_064,11] Antwortete mein Vater: ‚Es
ist dieses Gemach gleichsam mein Geheimkämmerlein, wo ich mich mit meinem Herrn
und Schöpfer ganz allein und doch durch Ihn überall befinde, wo es notwendig
ist. Ich habe dich, mein Sohn, in diesem Heiligtum aufgenommen, weil du nur
erst ein Gast dieses Reiches bist und später in dein Eigentum eingehen wirst.
Mir ist es aber eine große Freude, dich hier aufnehmen zu können; denn der ein
Freund des erdenwandelnden Herrn ist, hat auch Anspruch auf unser Bestes in uns
und damit außer uns.
[GEJ.11_064,12] Du verstehst nicht, wie das
gemeint ist? So siehe, dieses Gemach bedeutet das innerste Herzenskämmerchen
meines Wesens und ist somit das Zentrum meiner Sphäre, von wo aus ich dich
überall hinführen kann, soweit sich mein Geist erstreckt! Dadurch bist du
gleichzeitig mit mir, umschlossen von meiner Liebe, Mitherrscher meines Selbst,
solange du dich hier befindest. Jeder Mensch hat im Jenseits so ein
Allerheiligstes, in das er sich gänzlich zurückziehen kann, um von den Strahlen
des reinsten Lichtes, das hier durch alle Wände ungehindert hereindringt,
durchdrungen zu werden. Auch du wirst das genießen, so du dauernder Bewohner
hier sein wirst; aber jetzt bist du es, wie gesagt, noch nicht, sondern nur ein
Gast, weil ich, als dein irdischer Vater, das nächste Anrecht auf deine Seele
habe, diese zu schützen!‘
[GEJ.11_064,13] Ich erhob mich nun von dem
Ruhesitz, auf dem ich mich wiedergefunden hatte, und umarmte voller Liebe
meinen Vater, dessen Seite ich auch nicht verlassen habe, bis Du, o Herr, mich
zurückriefst. Ich habe mit ihm auch Wanderungen gemacht, und er hat mir
gezeigt, was alles ihm untersteht. Es war das vornehmlich die Aufgabe,
ankommende Seelen der Erde zu sammeln und diese in die rechte Geistestätigkeit
einzuführen.
[GEJ.11_064,14] Ich habe auch gesehen, wie
diese Seelen oft schwer behangen waren mit allerlei Weltunrat, von dem sie sich
befreien mußten, und habe gesehen, wie alles das, was im Geiste sich darstellt,
auch ein entsprechendes Bild in der äußeren Erscheinung zeigt, so daß aus
diesem Willen und Wollen der Seelen bleibende Bilder entstehen, die erst mit
dem wechselnden Willen sich ändern und so die Sphäre oder die sichtbare
Gedankenwelt der Seele darstellen. Die verbergende Körperhülle ist geschwunden
und damit auch die Möglichkeit der Verbergung des Gedankenwillens.
[GEJ.11_064,15] Es ist aber diese
Gedankenwelt durchaus nicht etwas, was nicht vorhanden ist – also Phantasie
wäre –, sondern auch für jeden Geist etwas stofflich Vergeistigtes,
Aufgebautes, sobald der Liebewille, der mit dem Liebewillen Gottes harmonieren
muß, es fixiert. Harmoniert der Wille des Geschöpfes nicht mit dem Liebewillen
Gottes, so kann dessen Gedankenwelt nicht dauernd bestehen, sondern wird wieder
vergehen müssen. Die irdischen stofflichen Aufbauten und in das Materielle
übersetzten Gedanken des Menschen sind vergänglich, weil die Materie im
Liebewillen Gottes überhaupt nicht besteht, sondern nur zu bestimmtem Zweck als
wandelbare Form fest gestellt wurde; diejenigen des Geistes aber sind
unvergänglich, weil dessen Schaffen der Endzweck des göttlichen Schaffens
selbst ist, das heißt, Gott will durch Seine Geschöpfe schaffen und so
Seligkeiten geben, genießen lassen und durch Seine Geschöpfe Selbst genießen.
[GEJ.11_064,16] Es ist daher das jenseitige
Leben hauptsächlich ein Arbeiten im Geiste, das heißt also ein Schaffen
unvergänglicher Werke, nicht aber der materiellen Werke, die in Schutt und
Staub wieder zerfallen müssen.
[GEJ.11_064,17] Im Anschauen der vielen
Dinge, die sich meinem Geiste nun darboten, habe ich einen Teil der zukünftigen
Seligkeit bereits genossen und werde daher stets gern bereit sein, diesen
Körper wieder abzulegen, wenn Du, o Herr, es befiehlst, ebenso willig, als ich
auch wieder zurückkehrte, als Deine Stimme in das Gemach hallte und mich zur
Rückkehr anhielt. Mein Vater hatte mir dieses Ereignis bereits angekündigt, so
daß ich völlig darauf vorbereitet war.
[GEJ.11_064,18] Ich weiß nunmehr aber auch,
daß ein jeder Mensch von Dir also auferweckt werden muß dem Leibe nach, da in
diesem nach Verlassen der Seele noch vielerlei zurückbleibt, was die Seele für
ihr jenseitiges Leben braucht. Es beruht das darauf, daß diejenigen Stoffe,
welche im Körper die Materie ausmachen, auch nach ihrem Auflösen und Aufsteigen
aus der Körperform in einer Art Verwandtschaft zur Seele bleiben, – ungefähr
wie ein Mensch, der lange Zeit in einer Gegend lebte, nach Verlassen derselben
doch stets eine Sympathie für diese behält und die Erfahrungen, welche er in
derselben machte, doch stets in seinem seelischen Fühlen mit der Umgebung
zusammenhängen, so daß eines ohne des anderen Wechselwirkung nur ein unklares
Bild geben würde.
[GEJ.11_064,19] Die Seele sucht daher das
seelische Element, welches die kleinsten Stoffteile ihres verlassenen Körpers
beherrscht, zu sich heranzuziehen und mit sich zu einen, da dadurch ebenfalls
eine Art Erlösung der Materie geschieht, oder – besser gesagt – ein
In-sich-Aufnehmen, Verschlingen des noch Unreinen vom Reinen. Das ist nun
allerdings ein Vorgang, der dem noch irdischen Menschen ganz unverständlich
bleibt, wenn er nicht in geistigen Dingen weit vorgeschritten ist. Jedenfalls
aber ist diese Auferweckung des Leibes von der Seele, die nicht schnell vor
sich zu gehen braucht, ebenso notwendig wie die Auferweckung der Seele vom
Geiste, während dieser wieder erst direkt von Dir, o Herr, erweckt, das heißt
ins Leben gerufen wird. Diese Stufenfolge ist ein besonderes Geheimnis Deiner
Schöpfung, wie ich erst im Jenseits gesehen und erfahren habe, und wie jeder
Mensch an sich erfahren wird.
[GEJ.11_064,20] Als nun Deine Stimme zu mir
erschallte, fühlte ich mich hinweggezogen und hatte die Empfindung, als wenn im
Traum die Bilder wechseln und sodann bald das Erwachen folgt. Zwischen den
geträumten Bildern empfinden wir aber eine Lücke, die die Seele in ihrem
Bewußtsein nicht auszufüllen imstande ist. Ich glaubte also, wie von einem
langen Schlafe zu erwachen, und fand mich sodann im Grabe liegend. Ich wußte,
was mit mir vorgefallen war, hatte aber doch nur die Rückerinnerung des
Traumes.
[GEJ.11_064,21] Jetzt, wo ich mich momentan
von meinem Körper frei fühle, empfinde ich es auch sehr wohl, daß die Fesseln
des Körpers nicht imstande sind, die sich frei fühlende Seele zu bändigen, wenn
sie erst einmal die wahre, seelische Freiheit gekostet hat, weswegen Du, o
Herr, auch die Körperbande mir gelöst hast, damit dieser nicht zerstört werde.
Ich weiß jetzt auch, daß Du nach meiner Erweckung mir alles erklärt hattest,
was jedoch meinem Gedächtnis wieder entschwunden war. Nun aber werde ich diese
Ereignisse nicht wieder vergessen, sondern als unschätzbares Gut gewißlich in
mir bewahren.“
[GEJ.11_064,22] Ich sagte nun zu Lazarus, er
solle wieder der frühere werden und der irdisch lebende Lazarus sein, worauf er
abermals in eine kurze Betäubung verfiel und dann wohlgemut mit der Erinnerung
eines lebhaften Traumes in dem Kreise der Meinen erwachte.
[GEJ.11_064,23] Allen Anwesenden war diese
Szene nun ein lebhaftes Anschauungsbild des Sterbens gewesen und diente später
sehr dazu, ihnen jede etwa noch übriggebliebene Furcht vor dem Augenblick des
Todes fortzunehmen.
[GEJ.11_064,24] Ich ermahnte nun die Meinen,
sich zur Ruhe zu begeben, damit sie morgen gestärkt wären zu großer Arbeit, und
alsbald folgten denn auch alle diesem Rate.
65. Kapitel – Der Herr begibt Sich allein auf
die Höhe des Ölberges. – Gespräch zwischen der Gottheit und dem Menschensohn
Jesus.
[GEJ.11_065,01] Ich aber verließ das Haus und
begab Mich allein auf die Höhe des Ölberges, von wo aus man eine weite Aussicht
über Jerusalem und die ganze Umgegend genießt.
[GEJ.11_065,02] Hier trennte sich die
Gottheit in Mir von dem Menschensohn Jesus und sprach zu diesem: „Siehe hier,
vor dir liegt die Stadt deines Leidens, das da in den nächsten Tagen beginnen
wird, wenn du freiwillig das Joch auf dich nehmen wirst, das zur Erlösung der
gesamten Menschheit dienen soll!
[GEJ.11_065,03] Du bist in deinem irdischen
Leibe, getrennt von Mir, ein Mensch wie jeder andere. Du hast dich bemüht, den Geist
in dir zu erwecken, der da die Fülle der Gottheit Selbst ist. Du hast mit
Aufopferung deines Willens den Willen der Allmacht in dir wachsen lassen. Jetzt
aber hängt es von deinem Willen als Mensch selbst ab, ob du das letzte und
schwerste Werk übernehmen willst. Daher frage Ich dich: Willst du als Mein Sohn
aufgehen in dem Vater, indem du alles, was Dieser dir zu tun befiehlt,
ausführst? Oder willst du als Sohn des Menschen dieser Menschheit allein
angehören und nur von dieser Welt bleiben?
[GEJ.11_065,04] Du kannst sein ein Herrscher
der Weit und bleiben ein Erlöser der Welt; aber du kannst auch sein ein
Wegweiser zu Mir, der da führt zu Gottes innerstem Herzen, indem du aufgehest
völlig in Mir und damit ein Herrscher des Lebens in allen Ewigkeiten wirst. Du
kannst sein ein Fürsprecher der Menschheit – als Wesen, die da ausgingen, von
Meiner Macht erschaffen, und wiederkehren sollen zu dem Herzen des Vaters; aber
du kannst auch sein ein Fürsprecher der Liebe, die der Weisheit gebietet, ihre
Gerechtigkeit zur Erbarmung umzugestalten. Und so wähle denn jetzt, wo dir vor
Augen liegt, was dir am Leibe geschehen wird, ob du den Weg neben Mir oder den
Weg in Mir wandeln willst; denn die letzte Entschließung ist da!“
[GEJ.11_065,05] Da sprach die Seele Jesus, der
Menschensohn: „Vater, Dein Wille ist allezeit der meine, und nur, was Du allein
willst, geschehe! Denn was mir die Erde geben kann, ist erst durch Dich der
Erde geworden. Ich aber will den geraden Weg gehen und aus Deiner Hand allein
empfangen, was mir werden soll, und somit will ich stets Deinem Willen allein
gehorchen!“
[GEJ.11_065,06] Darauf sagte die Gottheit in
dem Herzen des Menschensohnes: „Noch einmal werde Ich dich also fragen wie
heute, und dann geschehe, wie du willst, so du noch dieselbe Antwort gibst!
Jetzt aber siehe, was die Welt dir bieten wird!“
[GEJ.11_065,07] Im stillen Gebet verblieb der
Menschensohn nun auf dem Berge und begab sich sodann vor Sonnenaufgang hinab in
die Behausung des Lazarus, ohne daß irgendeiner dessen gewahr geworden wäre. –
66. Kapitel – Der Einzug in Jerusalem.
[GEJ.11_066,01] Andern Morgens, schon bevor
die Sonne aufgegangen war, waren alle munter, und wir begaben uns sofort ins
Freie.
[GEJ.11_066,02] Daselbst rief Ich Meine
Jünger, die zwölf Apostel, um Mich und redete sie also an: „Meine Lieben, der
heutige Tag wird des Menschen Sohn zu einem hohen Ehrentage bringen, weil es
der Vater um der Menschen willen also will! Aber dennoch soll dieses euch nicht
weiter berühren, als es der Geist in euch zuläßt, damit ihr nicht voll
Hochmutes werdet! Verschließet eure Herzen daher gegen alle Einflüsterungen der
Eitelkeit und der Herrschsucht, damit der Feind nicht Gewalt über euch erhalte
und euch zu seinem Werkzeuge mache!“
[GEJ.11_066,03] Fragten Mich die Jünger,
unter denen sich auch Judas wieder befand, der gegen Morgen heimlich
wiedergekommen war: „Herr, wie meinst Du das, und wodurch können wir uns
schützen vor dem Feinde?“
[GEJ.11_066,04] Sagte Ich: „Sehet und öffnet
eure Seelen dem Lichte der Weisheit, so werdet ihr jetzt begreifen, wovon die
Propheten geweissagt haben! Liebet aber Gott allein und nicht die Welt, so
werdet ihr euch auch schützen können vor allen Angriffen!“
[GEJ.11_066,05] Hierauf wandte Ich Mich nach
der Gegend von Jerusalem und rief laut: „Du aber, Tochter Zions, bereite dich,
deinen König zu empfangen!“
[GEJ.11_066,06] Nach diesen Worten ging die
Sonne helleuchtend auf mit einem Glanz, wie er noch nicht gesehen ward, und in
ebendemselben Augenblick sahen Meine Jünger – außer Judas, der erregt beiseite
stand – mit geistigen Augen, wie sich im Äther eine große, weite Stadt bildete,
die ein Abbild des irdischen Jerusalems war, doch weit herrlicher. Weit waren
die Tore geöffnet, und eine unabsehbare Menge herrlichster Menschengeschöpfe
standen erwartungsvoll, als warteten sie eines Fürsten, der da eingeholt werden
soll.
[GEJ.11_066,07] Nur kurze Zeit währte dieses
geistige Schauen; sodann verschwand das Bild, und Ich sagte zu ihnen: „Dort
wird der Sohn erwartet und von jetzt ab thronen in Ewigkeit. Es ist billig, daß
auch des Menschen Sohn erhöht werde. Kommt und folget Mir!“
[GEJ.11_066,08] Fragte Mich Petrus, ob Ich
denn ohne Abschied von Bethanien gehen wolle und ohne Lazarus und dessen
Schwestern zu benachrichtigen.
[GEJ.11_066,09] Sagte Ich: „Weißt du, warum
dieses notwendig ist? Ich weiß aber, was Mir zu tun notwendig ist. Also kümmere
dich um nichts! Lazarus wird mit seinen Schwestern uns schon zur rechten Zeit
zu finden wissen, – auch noch viele andere, denen dieser Tag notwendig ist.“
[GEJ.11_066,10] Die Jünger sagten nun nichts
mehr, verwunderten sich aber sehr und flüsterten untereinander, was Mein
sonderbares Wesen zu bedeuten habe; denn so hätten sie Mich schon lange nicht
mehr gesehen. Johannes aber ermahnte sie, sich jeden Wortes zu enthalten und
stillschweigend zu tun, was Ich verlangen würde, damit nicht das Geringste
gegen Meinen Willen getan werde. Das gelobten auch alle, und besonders Petrus
versicherte hoch und heilig, Mir bis in die Hölle zu folgen, auch wenn er nicht
wüßte, warum Ich diesen Weg ginge.
[GEJ.11_066,11] Meinte Judas, der diese Worte
gehört hatte, lächelnd: „Freund, der Herr weiß schon, welchen Weg Er zu wandeln
hat! Nicht in die Hölle, doch zum Ruhm und zur Ehre Seines Volkes wandelt Er
den Weg des Gottgesandten!“
[GEJ.11_066,12] Begeistert blickte er auf
Mich hin; denn Mein lauter Ausruf schien ihm eine Bestätigung aller seiner
Wünsche zu sein, so daß er den Weg zu allen Ehren offen sah, die ihm ebenfalls
werden mußten als dem Wegbereiter des Messias, der ihm viel zu danken haben
würde.
[GEJ.11_066,13] Petrus sah erstaunt auf Judas
hin, der eine so stolze, selbstbewußte Haltung zeigte, schwieg jedoch, da ihm
das ganze Gebaren dieses Morgens höchst wunderlich ankam, und setzte nun mit
den anderen elf ruhig seinen Weg fort. –
[GEJ.11_066,14] Wir waren nun auf dem halben
Wege von Bethanien bis zu den Toren von Jerusalem gekommen. Vor uns lag zur
linken Hand ein Örtchen, welches Betphage hieß, nun aber ganz verschwunden ist,
als Ich Meine Jünger aufforderte, daß zwei von ihnen Mir einen Liebesdienst
erweisen sollten. Es meldeten sich nun alle dazu. Ich aber wählte Johannes und
Petrus und hieß sie, in den Ort zu gehen, welchen sie vor sich sähen. Daselbst
würden sie an dem ersten Hause eine Eselin finden, welche, mit ihrem Füllen
angebunden, das Gras abweide. (Mark.11,1)
[GEJ.11_066,15] (Der Herr:) „Dieses Füllen
bringet Mir; denn Ich bedarf seiner! Werdet ihr gefragt, wer euch gesandt hat,
so antwortet nur: ‚Der Herr ist es und bedarf des Tieres!‘, so wird man es euch
geben!“ (Mark.11,2.3)
[GEJ.11_066,16] Die beiden gehorchten auch
alsbald und begaben sich nach dem Orte, während wir uns am Wege unter
Sträuchern und blühenden Bäumen lagerten, die Rückkunft der Abgesandten zu
erwarten.
[GEJ.11_066,17] Es wohnte aber in Betphage
ein Mensch namens Migram, welcher ein römischer Lanzenträger gewesen war, viele
Feldzüge mitgemacht hatte und sich bei dem Heere eine geachtete Stellung durch
seine Tapferkeit und Klugheit errungen hatte, weswegen er von seinen
Vorgesetzten wohlgelitten war. Als eine schwerere Verwundung, durch welche er
das rechte Bein nachziehen mußte, ihn zwang, den Abschied zu nehmen, war er
reich beschenkt und mit der Befreiung von jeglicher Steuerzahlung entlassen
worden. Dieser ein früherer Bekannter des alten Markus, hatte bei seinem
Freunde Heilung gesucht in seinen Bädern und hatte bei der Abreise die schon
früher erwähnte Eselin gekauft und nach seinem Häuschen mitgenommen, wo sie ihm
als treues Tier diente, das seinem Herrn die Erzeugnisse seines kleinen Gartens
nach Jerusalem zum Verkauf trug.
[GEJ.11_066,18] Dieser Migram hatte durch
Markus viel von Mir gehört, war in Meine Lehre eingeweiht und als Römer, der
sich um die Jerusalemer Juden nicht kümmerte, da er nur mit den Abgesandten und
Bürgern Roms sich abgab, ein offener Anhänger von Mir. Als daher die beiden
Jünger zu seinem Hause kamen, dort auch beide Tiere fanden, von denen sie
alsbald das jüngere von den Fesseln lösten, trat der Besitzer schnell aus
seinem Hause und mit ihm mehrere andere, die sich bei ihm eingefunden hatten,
um Früchte zu kaufen, und fragte sie barsch, wie sie dazu kämen, das Tier
mitnehmen zu wollen. (Mark.11,4.5)
[GEJ.11_066,19] Johannes antwortete sogleich
nach Meinen Worten, und Migram, hoch erfreut, als er hörte, es gälte, Mir einen
Dienst zu erweisen, beeilte sich, schnellstens auch die alte Eselin loszulösen,
um sie selbst mitsamt dem Füllen Mir zuzuführen. Zwar sagten die Jünger, der
Herr brauche nur das Füllen. Er aber hörte nicht darauf in seinem Eifer und
trieb schnell die Tiere an, um den Ort zu erreichen, wo Ich Mich aufhielt, so
daß die Jünger Mühe hatten, ihm zu folgen. (Mark.11,6)
[GEJ.11_066,20] Als Migram Mir nun die Tiere
brachte, die er Mir freudvoll anbot, sagte Ich zu ihm: „Migram, Ich erkenne
deinen guten Willen und werde es dir vergelten, was du sofort an Mir tatest,
als Ich die Meinen zu dir sandte! Doch jetzt bereite Mir das Tier, welches
Meine Jünger von dir forderten, als Reittier!“
[GEJ.11_066,21] Er tat denn auch gleich also,
indem er seinen Mantel, den er nach römischer Sitte trug, zusammengefaltet über
den Rücken des Tieres ausbreitete. Ebenso taten auch einige der Meinen, um
einen bequemen Sitz zu erlangen. (Mark.11,7)
[GEJ.11_066,22] Als wir noch mit diesen
Vorbereitungen beschäftigt waren, kam ein großer Trupp Menschen die Straße von
Jerusalem heraufgezogen. Als sie unser ansichtig wurden, eilten sie auf uns zu,
und in kürzester Zeit waren wir von einigen Hunderten von Menschen umringt,
welche Mich stürmisch bewillkommneten und als Retter Israels begrüßten. Es waren
das aber zumeist zum Feste hinzugezogene Juden, welche Mich teilweise von
Meinen Reisen durch das Land her kannten und daher Mich und Meine Jünger
bereits früher als Heilsspender kennengelernt hatten. Diese Menschen priesen
Mich als ihren König, zumal viele unter ihnen waren, die damals von Mir
wunderbar gespeist worden waren und bereits damals die Absicht hatten, Mich zum
König auszurufen, weswegen Ich Mich ihnen entzog.
[GEJ.11_066,23] Als diese Mir begeistert zuriefen,
kam Lazarus mit seinen Schwestern und seinem nächsten Hausgesinde, die
ausgegangen waren, Mich zu suchen, eiligst auf Mich zu, drängten sich durch die
Mich Umstehenden hindurch und waren erfreut, Mich gefunden zu haben. Als die
Anwesenden den allen wohlbekannten Lazarus erblickten, dessen Name seit seiner
Erweckung in aller Munde war, kannte ihr Jubel keine Grenzen, und unter
Hosianna- und Heilrufen wurden wir alle umgeben. Ich wehrte diesen
Ehrenbezeigungen nicht, sondern bestieg schweigend das zubereitete Tier, das
sich nun auf der Straße nach Jerusalem hin bewegte.
[GEJ.11_066,24] Die Menge wuchs aber mehr und
mehr an, da durch den Lärm alles angelockt wurde und nachfolgte. Die Menschen
hieben grünende Baumzweige ab und streuten sie auf den Weg. Sodann breiteten
sie ihre Kleider aus und ließen das Lasttier darüber hinwegtreten, – alles
Ehrenbezeigungen, mit denen die früheren Könige begrüßt wurden. Als wir uns dem
Abhang des Ölberges näherten, von wo aus man eine weite Übersicht über
Jerusalem hatte, sahen wir Tausende an den Toren stehen und das Kidrontal
angefüllt mit Menschen. (Joh.12,12-16)
[GEJ.11_066,25] Jerusalem war zwar eine große
Stadt, jedoch konnte es zur Osterzeit die Anzahl der vielen Fremden nicht
fassen. Es war daher Sitte, daß die Ärmeren, oder auch solche, welche zu spät
gekommen waren, um in den überfüllten Herbergen noch ein Unterkommen zu finden,
im Kidrontal unter freiem Himmel oder in Zelten sich lagerten; denn nächst dem
Tempel galt das Kidrontal als geheiligter Boden. Alle diese, welche auch jetzt
in dem Tale sich gelagert hatten, strömten herbei, da sie durch das Gerücht
erfahren hatten, Ich käme nach Jerusalem, um Mich zu bewillkommnen, wobei sie
Meine Taten und hauptsächlich des Lazarus Erweckung, der nun sichtbar neben Mir
herging, laut priesen und so in den allgemeinen Lobgesang mit einstimmten.
(Joh.12,17.18)
[GEJ.11_066,26] Als wir zu dem Tore
Jerusalems kamen, das vom Ölberge aus den Haupteingang bildete, versuchte die
römische Torwache, dasselbe zu schließen, da die Wachthabenden fürchteten, es
bereite sich ein Aufstand vor. Sie wurden jedoch durch den mächtigen Andrang
des Volkes, welches aus der inneren Stadt herausdrängte und vom Tempelvorhof
aus teilweise den herannahenden Zug gesehen, sowie auch das Rufen gehört hatte,
daran gehindert. Als die Römer außerdem sahen, daß das Volk friedlich mit
Baumzweigen und Palmenblättern in den Händen nahte, unterließen sie auch jeden
Widerstand, staunten vielmehr den Zug als etwas ihnen noch Unbekanntes und
vielleicht zum Feste Gehöriges an. So kamen wir alle ungehindert zur Stadt
hinein und nahmen sofort den Zug nach dem Tempel hin.
67. Kapitel – Jesus im Tempel.
[GEJ.11_067,01] Die Pharisäer, Priester und
Bediensteten des Tempels waren inzwischen in größte Aufregung geraten, was bei
dieser großen Kundgebung zu tun sei. Daß es unmöglich sei, sie mit Waffengewalt
zu unterdrücken, sahen sie sehr bald ein, da sicherlich sofort ein Aufruhr
gegen die ohnehin mißliebige Tempelwirtschaft entstanden wäre. Das Volk war in
einem Begeisterungstaumel, der durch Gewalt nicht hätte beseitigt werden
können. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als vorläufig die Dinge gehen
zu lassen, um daraus bei einem unvorhergesehenen Umschwung nach Möglichkeit
Vorteil für das Ansehen des Tempels zu ziehen.
[GEJ.11_067,02] Vor allen Dingen riet der
Hohepriester Kaiphas in einem schnell zusammengerufenen Rat, es abzuwarten, was
Ich denn eigentlich beginnen wolle und wohin Ich die ganze Bewegung zu lenken
dächte. Wolle Ich Mich zum König ausrufen lassen, so stände ihnen die Macht der
Römer schnellstens zur Seite, gälte es aber dem Tempel und dessen Dienern, so
würde Ich, ohne das Volk zu erbittern, auch nur wenig tun können, da dieses
sich den Glauben an Jehova nicht nehmen lassen würde. Es käme also zunächst
darauf an, abzuwarten und alle etwaigen Fehler Meinerseits klug auszunutzen.
[GEJ.11_067,03] Sie selbst, die Priester,
jedoch beschlossen, sich nicht sehen zu lassen, sondern den Tempel gerade weit
zu öffnen, so daß dessen Heiligkeit selbst zum Volke spräche. Es wurden daher
schnellstens alle Tore geöffnet, auch das Heilige nicht verschlossen, jener
Raum, den ohne Vorbereitung kein Israelit betreten durfte und auch kein
Priester ohne besondere Zeremonien, Gebet und vorherige Waschung betrat.
[GEJ.11_067,04] Die Tempeldiener jedoch
wurden schnellstens angewiesen, den Verkäufern in den Vorhallen des Tempels,
die sich wieder recht zahlreich eingefunden hatten, Mitteilung von Meinem
Kommen zu machen, damit eine ärgerliche Szene, wie Ich sie schon einmal bereitet
hatte, vermieden würde. Diese Vorsorge kam jedoch zu spät; denn kaum hatten die
Geldwechsler und Verkäufer aller Art, durch das Geschrei außerhalb der Mauern
aufmerksam gemacht, vernommen, um was es sich handle, als sie auch schon, in
guter Erinnerung Meiner früheren Tat, schnellstens ihre Sachen zusammenpackten
und fluchtartig mit ihren feilgehaltenen Waren das Gebäude verließen.
[GEJ.11_067,05] Diese zweite Reinigung des
Tempels, welche nicht direkt durch Mein Auftreten geschah, hat zu
Mißverständnissen Anlaß gegeben, als sei die früher geschilderte Szene jetzt
bei Meinem Einzug geschehen, während sie doch viel früher, zu Anfang Meines
Lehramtes geschah. (Matth.21,12.13)
[GEJ.11_067,06] Als nun das Volk mit vielem
Geschrei in den Tempel eindrang, suchte es vor allen Dingen nach den Priestern;
vornehmlich wollte es von dem Hohenpriester Kaiphas verlangen, daß er Mich mit
heiligem Salböl zum Könige salbe, worauf sie Mich in die Zionsburg zu führen
gedachten, um Mir zu huldigen. – Die Priester jedoch waren nicht zu finden.
Ungehindert drang das Volk durch die Vorhöfe in das Heiligtum ein.
[GEJ.11_067,07] Die Meinigen umdrängten Mich
besorgt, da sie sahen und hörten, welche Absichten das Volk mit Mir hatte, und
Petrus fragte Mich besorgt: „Herr, was soll das werden, willst Du Dich hier zum
Könige Israels ausrufen lassen?“
[GEJ.11_067,08] Ich hieß ihn schweigen und
gebot den Umstehenden, Mir Platz zu lassen, um in den Tempel ungehindert
eintreten zu können, nachdem Ich das Lasttier bereits früher verlassen hatte.
[GEJ.11_067,09] Das Volk gehorchte, und Ich
betrat, gefolgt von viel Volkes, durch die Hallen das innere Heiligtum, betrat
das Heilige selbst und schritt auf den großen Opferaltar zu, dessen Stufen Ich
bestieg.
[GEJ.11_067,10] Hierhin durfte das gewöhnliche
Volk nach den Tempelsatzungen nicht folgen, sondern mußte außen in den Gängen
stehenbleiben, von wo aus es den priesterlichen Handlungen in dem Heiligen
zuschauen konnte.
[GEJ.11_067,11] Die Pharisäer und
Tempelobersten hatten ganz richtig die leicht erregbare Stimmung des Volkes
beurteilt; denn während dieses vordem sich nicht besonnen hätte, die Priester
nach seinem Willen zu zwingen, falls diese sich nicht willfährig zeigten, so
war jetzt durch den Eindruck, den der Ort selbst machte, und an dem durch die
Abwesenheit aller Priester keine persönliche Anfeindung möglich war, der
allgemeinen Erregung ein feierliches Verstummen und die Erwartung dessen, was
Ich beginnen würde, gefolgt. Ich hatte auch den Meinen geboten,
zurückzubleiben, und so stand Ich denn nun allein, von allem Volke gesehen.
[GEJ.11_067,12] Mit lauter Stimme sprach Ich
nun zum Volke: „Es ist die Stunde gekommen, da nun alle Welt an sich erfahren
soll, wohin die Wege führen, welche sie bisher betreten hat, und jeder sich
entscheiden soll, ob er zum Vater will oder nicht. Ihr habt Mich hierhergeführt
in dieses Haus, wo der Geist Gottes früher sichtbarlich wohnte; doch jetzt ist
er aus diesen Mauern gewichen, und leer ist die Stätte geworden. Nun aber hat
er sich eine andere Stätte gewählt, und jeder Mensch kann sich einen Tempel
erbauen, so er nach Meinen Worten handelt und nach Meinen Lehren, die Ich euch
gegeben habe.
[GEJ.11_067,13] Ein jeder lasse sich tragen
von der Demut und gehe sodann geraden Weges ein in das erbaute Gotteshaus, das
da leer geworden ist, doch von neuem angefüllt werden soll von den Taten der
Liebe. Jede Liebestat ist ein Baustein zum Tempel, und es wird dieser Tempel
gekrönt werden mit dem Zeichen der Weisheit und der Kraft, so nur allein die
Liebe den Grundstein bildet. Darum aber bin Ich zu euch gekommen, daß ihr die
Liebe von Mir lernet, die ihr mißachtetet, – nicht die Eigenliebe, die ihr wohl
habt, sondern die Liebe zum Nächsten, welche ihr nicht habt, die euch aber
vergöttlicht und allein zu Gott führen kann.
[GEJ.11_067,14] So ihr aber glaubt, Ich sei
und wolle sein euer König, so wisset denn, daß Mein Reich nicht von dieser Welt
ist, sondern daß dieses in aller Herrlichkeit in dem Menschen wohnt und das
Erbteil bildet, welches der Vater dem Sohne und durch Diesen allen Menschen auf
Erden und allen Himmeln gegeben hat. Denket also nicht, Ich würde einziehen in
die Burg Davids, um ein irdisches Reich zu gründen! Wer Mir folgen will, der
folge Mir nach in Meinen Taten, so wird er selig werden. Der Sohn ist vom Vater,
und weil Er vom Vater ist, ist Er in Ihm und der Vater in dem Sohne, und wer
dem Sohne folgt, folgt dadurch auch dem Vater.
[GEJ.11_067,15] Bringet her zu Mir alle, die
da gebrochenen Leibes und Herzens sind, so werde Ich sie heilen, damit sie
gesunden! Die da aber gebrochenen Verstandes sind, werden sich an Mir stoßen,
und Ich werde sie nicht heilen können; denn wer sich an Mir stößt, der ist voll
Ärgers und Hochmutes und entbehrt der Liebe, weil sie ihm unklug und hart
erscheint. Ich aber will eure Herzen heilen und durch diese eure Seelen und
Leiber; denn nur im Herzen wohnt der Glaube, und wo dieser nicht wohnt, da
herrscht Finsternis. Denn der Glaube, der da gewachsen ist aus der Erkenntnis,
ist ein Licht, welches jede Finsternis verjagt. Also glaubet an Mich und an den
Vater, damit ihr sehet und die Finsternis von euch weiche!
[GEJ.11_067,16] Wahrlich, Ich sage euch: Ohne
den wahren Glauben wird niemand selig werden können! Ich aber habe euch gesagt,
was und woran ihr glauben sollet. Also handelt auch nach Meinen Worten, so wie
Ich nach diesen Meinen Worten gehandelt habe! Alle werden dann tun können, was
Ich getan habe, und es wird niemand mehr auf Erden sein, der da sagen kann, es
seien ihm die Wege zur Seligkeit verschlossen.
[GEJ.11_067,17] Damit ihr aber sehet, was des
Vaters Kraft im Menschen bewirkt, so bringe man Mir die Kranken, welche an
ihren Leibern leiden, damit Ich sie heile!“
[GEJ.11_067,18] Nach diesen Worten trat Ich
von dem Altar herab und begab Mich in die Vorhallen, wo viele Kranke lagen,
welche opfern wollten und hofften, durch der Priester Gebete gesund zu werden,
wie das hauptsächlich zu Ostern eine allgemeine Sitte war, doch meistens nur
für solche, welche eine Opferspende in Goldmünzen geben konnten, da ohne solche
die Priester des Tempels einen solchen Kranken nicht bevorzugten. Gar mancher
raffte nun seine letzten Habseligkeiten zusammen, um diesen letzten Versuch,
seine Gesundheit zu erlangen, zu machen, und er verließ sodann den Tempel, ohne
seine Gesundheit wiedererlangt zu haben.
[GEJ.11_067,19] Diesen Kranken also näherte
Ich Mich und fragte sie voll Ernstes: „Glaubet ihr, daß euch der Gott eurer
Väter heilen kann, so ihr Ihn darum bittet? Oder vermeinet ihr, daß ihr durch
der Menschen Hilfe gesunden könnet?“
[GEJ.11_067,20] Riefen da viele hoffnungslose
Kranke: „Meister, uns kann nur Gott allein helfen, dem wir hier in diesem
Tempel gewißlich am nächsten sind!“
[GEJ.11_067,21] Andere aber schwiegen, und so
fragte Ich denn diese, was ihre Meinung wäre.
[GEJ.11_067,22] Darauf antwortete Mir einer
aus ihrer Mitte (ein Kranker): „Meister, uns ist gesagt worden: So der
Hohepriester nicht bei Gott im Allerheiligsten für uns bitte, so würde uns
nicht geholfen werden können; denn er allein ist der Fürsprecher vor Gott! Wir
müssen daher warten, bis solches geschieht!“
[GEJ.11_067,23] Darauf sagte Ich: „Glaubet
ihr denn, daß Gott nicht zu jedem Menschen kommen kann, so er Ihn nur darum
bittet? Was bedarf es denn da erst eines Mittlers? – Glaubet, so wird auch euch
geholfen werden können!“
[GEJ.11_067,24] Sagte da wieder der erste
Sprecher: „Meister, wir glauben ja, was uns gesagt worden ist, und dennoch ist
uns noch nicht geholfen worden! Was sollen wir denn da noch glauben?“
[GEJ.11_067,25] Antwortete Ich: „Ihr sollt glauben,
daß Gott, der Vater von Ewigkeit, von unendlicher Güte ist und zu jedem kommt,
der Ihn allen Ernstes anruft! Ihr sollt glauben, daß Gott nicht erst der
Menschen bedarf, um Seine Kraft zu ihnen zu senden, sondern daß diese Kraft von
jedem Menschen durch die Liebe zu Gott angezogen werden kann, sodann in dem
Menschen sich entfaltet und zur Wirkung gebracht werden kann! – Kannst du das
glauben?“
[GEJ.11_067,26] Sagte der Kranke, indem er
Mich fest ansah: „Meister, ich glaube es, weil Du es mir sagst; denn so wie Du
hat noch niemand zu uns gesprochen!“
[GEJ.11_067,27] Sagte Ich: „Meine Worte sind
die Wahrheit, und weil sie die Wahrheit sind, sind sie auch das Leben und die
Kraft des Lebens. Ich habe als Mensch stets danach gehandelt, und so bin Ich
ein Meister des Lebens geworden. Darum sage Ich euch allen: Gehet hin, tuet
desgleichen, doch sündiget nicht mehr, weder in Worten noch in Werken! Sündiget
nicht mehr, indem ihr nichts tut, was gegen die Liebe zu Gott und dem Nächsten
verstößt, so werdet ihr gesund bleiben und wahre Lebensmeister werden! – Stehet
auf und wandelt!“
[GEJ.11_067,28] Nach diesen Worten schwanden
alle Gebrechen von den Leibern der Kranken, und sie erhoben sich, gesund und
kräftig an ihren Leibern. Das Volk aber, das umherstand, brach wieder in laute
Rufe aus und jubelte und lobte Mich über alle Maßen. Viele fielen vor Mir
nieder und suchten Meine Hände und Kleider zu erfassen, um diese zu küssen. Ich
wehrte ihnen nicht, sondern ließ alle an Mich herankommen.
[GEJ.11_067,29] Viele wollten nun abermals
den Versuch machen, zu den Hohenpriestern einzudringen, um die Absicht
auszuführen, Mich zu salben; diese hatten sich aber so gut verborgen, daß keine
Spur von ihnen zu entdecken war, weswegen die Abgesandten bald
unverrichtetersache zurückkehrten.
[GEJ.11_067,30] Als diese nun zu Mir
hindrängten, um Mich stürmisch zu umgeben, gebot Ich ihnen Ruhe und sagte zu
den Königslüsternen: „Saget, kann der, der da vor Gott steht als ein Träger von
dessen Kraft, auf Erden noch höher gestellt werden, als er schon steht vor
Gott?!“
[GEJ.11_067,31] Sagte etwas betroffen der
Anführer dieser Schar: „Meister, er selbst wohl nicht; aber die da ihm
anhangen, wollen doch ein sichtliches Zeichen seiner Macht – auch nach außen
hin, so daß unter seiner machtvollen Hand das Volk glücklich – und nicht
gepreßt – werde!“
[GEJ.11_067,32] Sagte Ich: „Als Samuel auf
Verlangen des Volkes den Saul zum König salbte, – was hatte denn das Volk
dadurch gewonnen? Gewißlich nicht Frieden und Ruhe, sondern Kampf und Unruhe.
Und warum das? Weil es des sanften Joches, welches der Herr ihm nach seinem Tun
auferlegte, müde geworden war und der kraftvollen Hand eines sichtbaren
Herrschers zustrebte. Es hat denn auch weiterhin nicht an Königen gefehlt, und
auch jetzt ist euch in Herodes ein König geworden. Glaubt ihr nun, daß ein
neuer König, den ihr in Mir suchet, euch Frieden brächte, so er auch ein
äußerer, machtvoller König würde sein wollen? Herodes und die Römer würden alle
seine Anhänger und ihn selbst zu vernichten suchen. Es würde Elend, Krieg und
Not heraufbeschworen werden, so Ich euer irdischer König würde. Wie aber
vertrüge sich das mit Meiner Lehre: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘,
wenn Ich euch den Krieg und den Mord bringen wollte?! Darum lasset das Äußere
von Mir ab – Mein Reich ist nicht von dieser Welt – und errichtet in euch das
rechte Friedensreich, dort will Ich stets gern euer König sein und bleiben!“
[GEJ.11_067,33] Nach diesen Worten wandten
sich die Königslustigen unmutig von Mir ab und meinten, Ich sei kein Held, von
dem das Volk Israel ein Heil auch nach außen hin erwarten könne.
[GEJ.11_067,34] Die Königsschreier begaben
sich nun unter das Volk und verhehlten ihren Unmut über Meine ablehnenden Worte
nicht. Doch war das übrige Volk deswegen noch keineswegs Mir abwendig zu
machen, da Meine Taten zu gewaltig zu ihm sprachen, um Mich alsogleich wegen
der Abweisung, ein König der Juden zu sein, fallen zu lassen.
[GEJ.11_067,35] Es trat aber nach der
allgewaltigen Erregung nunmehr eine ruhigere Stimmung in dem anwesenden Volk
auf, und Ich sowie Meine Jünger benutzten diese, um nochmals Meine Lehren
vielen auseinanderzusetzen. So entstanden nun einzelne große Gruppen, die in
den Tempelvorhöfen zerstreut standen.
[GEJ.11_067,36] Da war es nun, daß zwei
Griechen, welche ebenfalls zum Fest gekommen waren, und die zu Anfang der
ganzen Szene nicht zugegen waren, hinzukamen. Es war jedoch den Nichtjuden
verboten, das innere Heiligtum zu betreten, weswegen an der Grenze, bis zu der
solche Nichtjuden gehen durften, Warnungstafeln angebracht waren. (Joh.12,20)
[GEJ.11_067,37] Die Griechen sahen Philippus
an dieser Grenze stehen und baten ihn, sie möchten Jesus gerne sehen und wo
möglich sprechen. Philippus wagte es jedoch nicht, diese beiden aufzufordern,
zu Mir zu gehen, da das Verbot ihm zu beachtenswert erschien. Daher sagte er es
Andreas, und beide gingen nun zu Mir, der Ich in einem Kreise vieler Zuhörer
stand, die Meinen Worten lauschten, und trugen Mir die Bitte der beiden
Griechen vor, und daß diese des Volkes wegen nicht wagten, zu Mir zu kommen. Da
sagte Ich ihnen, sie sollten die Griechen auffordern, zu Mir zu kommen. Beide
gingen nun hin und taten also. Doch fürchteten sich die Griechen zu sehr, das
Verbot zu überschreiten, und blieben daher an der Grenze stehen. (Joh.12,21.22)
[GEJ.11_067,38] Es hatten jedoch die
Tempeljuden, Priester und Pharisäer jetzt gemerkt, daß eine weit ruhigere
Stimmung Platz gegriffen hatte, und einige von ihnen hatten sich verkleidet
unter das Volk begeben, um zu spionieren, wie es denn nun stände. Schnell
hatten sie mit den Königslustigen, die nun sehr verstimmt auf Mich waren,
gemeinsame Sache gemacht, um Mich beim Volke zu verhetzen und eine
Gegenstimmung hervorzubringen. Einer dieser verkleideten Hetzer stand nun auch
nahe bei Mir und redete sogleich den Umstehenden unwillig zu, wie Ich den
Heiden gebieten könne, das jüdische Heiligtum zu betreten und so dasselbe
unrein machen zu wollen. Ob es denn des Messias, der Ich doch sein wollte,
würdig sei, heilige Gebräuche zu mißachten?! Mehrere, denen Meine Aufforderung
ebenfalls mißfällig war, stimmten diesem Sprecher bei, so daß sich ein Gemurmel
erhob.
[GEJ.11_067,39] Ich bemerkte das sehr wohl
und sagte zu Johannes und Lazarus, die stets in Meiner Nähe geblieben waren,
sowie zu den anderen Jüngern: „Jetzt ist die Zeit gekommen, daß des Menschen
Sohn verklärt werde; denn nun hat Er Sich gänzlich Selbst überwunden. Wahrlich,
wahrlich, Ich sage euch: Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und
ersterbe, so bleibt es wohl allein; wenn es aber erstirbt, so bringt es viele
Früchte. (Joh.12,24) So wird auch Mein Tun, das ihr jetzt sehet, viele Früchte
bringen.“
[GEJ.11_067,40] Mit dem Hinweis auf jene
Griechen, die furchtsam ferne standen, sprach Ich nun laut: „Wer sein Leben
lieb hat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt, der
wird es erhalten zum ewigen Leben. Wer Mir dienen will, der folge Mir nach; und
wo Ich bin, da soll Mein Diener auch sein. Und wer Mir dienen wird, den wird
Mein Vater ehren.“ (Joh.12,25.26)
[GEJ.11_067,41] Jener Sprecher nun, der
bereits vordem leise gegen Mich sprach, hetzte nun wieder weiter, indem er
sagte: „Ein schöner Messias das, der Heiden und jedermann einlädt, ihm zu
dienen, damit der Vater ihn ehre! Wer ist überhaupt dessen Vater? Ich bedanke
mich dafür, mein Leben zu hassen, um ein unbekanntes, ewiges Leben zu erhalten;
da ist doch das gewisse mir lieber!“
[GEJ.11_067,42] In ähnlicher Weise nahmen
auch die anderen verkleideten Tempeljuden gegen Mich Partei und suchten das
Volk vorsichtig gegen Mich zu stimmen. –
[GEJ.11_067,43] Meine Seele jedoch empfand
nun, daß Meine Stunde geschlagen hatte, und sie wurde traurig wegen der nahe
bevorstehenden Leiden, und daß das Volk so wankelmütig sei; daher sagte Ich zu
Meiner nächsten Umgebung: „Jetzt ist Meine Seele betrübt. Und was soll Ich
sagen? Vater, hilf Mir aus dieser Stunde? Doch darum bin Ich in diese Stunde
gekommen. O Vater, verkläre Deinen Namen!“ (Joh.12,27.28a)
[GEJ.11_067,44] Da tönte eine Stimme wie vom
Himmel, die aber in Wahrheit in den Herzen aller erschallte, die nur irgendwie
zu einem Geistesleben noch zu erwecken waren: „Ich habe Ihn verklärt und will
Ihn abermals verklären!“ (Joh.12,28b u. c)
[GEJ.11_067,45] Diejenigen, die diese innere
Erregung vernahmen, sprachen nun, je nach dem Wachsein ihres Geistes: „Es
donnerte“, andere sagten: „Es sprach ein Engel mit ihm.“ (Joh.12,29)
[GEJ.11_067,46] Keiner von denen aber empfand
in sich die Stimme, sondern versetzte sie nach außen, je nach seinem
Erwecktsein.
[GEJ.11_067,47] Ich sagte ihnen daher: „Diese
Stimme ist nicht um Meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen; denn jetzt
ergeht das Gericht über diese Welt. Nun wird der Fürst der Finsternis, welcher
ein Fürst dieser Welt war, ausgestoßen. Niemand steht mehr zwischen dem Vater
und dem Kinde als des Menschen Sohn. Und Ich, wenn Ich erhöht werde von der
Erde, so will Ich sie alle zu Mir ziehen, damit sie zum Vater gelangen.“
(Joh.12,30-33)
[GEJ.11_067,48] Antwortete Mir wieder jener
Sprecher und einige, die diesem wohlwollten: „Wir haben gehört im Gesetz, daß
Christus ewiglich bleibe. Wie sagst du denn, des Menschen Sohn muß erhöht
werden? Wer ist dieser Menschensohn, von dem du redest? Kann jemand noch höher
steigen, als daß er ewig ist und uns sein Reich bringt?“ (Joh.12,34)
[GEJ.11_067,49] Antwortete Ich ihnen nun, da
Ich wohl einsah, wie Meine Worte stets verdreht würden von diesen Verstockten:
„Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, dieweil ihr das
Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle! Wer in der Finsternis
wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubet an das Licht, dieweil ihr es
habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid und nicht Kinder der Finsternis
werdet!“ (Joh.12,35.36)
[GEJ.11_067,50] Nachdem Ich diese Worte
gesprochen hatte, wandte Ich Mich von diesem Kreise ab, und wir gingen nach den
Vorhöfen der Heiden zu, jene äußerste Grenze, die die Nichtisraeliten betreten
durften. (Joh.12,37a)
[GEJ.11_067,51] Es hatten aber die Priester
und Tempelobersten inzwischen genauest erfahren, daß das Volk ruhig geworden
sei, und daß Ich Mich geweigert habe, einen offenen Staatsstreich auszuführen,
um Mich zum Herrn und König ausrufen zu lassen. Weiterhin wußten sie, daß ein
augenblicklicher Unmut deswegen sich geltend machte, und schnell suchten sie
diese Stimmung auszunutzen. Es wurden alle Priester und Leviten schnell
beordert, um einen glänzenden Zug zu bilden. Posaunenbläser schritten voran,
und Herolde verkündeten dem Volke, der Hohepriester habe vom Herrn den Befehl
erhalten, ein großes, außerordentliches Versöhnungsopfer für die Sünden des
Volkes zu leisten, da der Herr diesem gnädig gesinnt sei und Er alle Sünden
vergebe, welche das Volk innerhalb eines halben Jahres begangen habe. Mit allem
Glanz und größter Feierlichkeit zogen die Scharen auf, und Kaiphas selbst
vollzog das Opfer auf dem großen Brandaltar des Tempels.
[GEJ.11_067,52] Durch diese Handlung
erreichte der Tempel seine Absicht; denn das Volk hing noch sehr an alten
Zeremonien und an allem, was vom Tempel ausging. Es wurde so ein Gegenzug von
starkem Eindruck, der durch die Außergewöhnlichkeit wirkte, auf die Gemüter
ausgeübt, und noch im Laufe des halben Tages war von der außergewöhnlichen
Erregung des Volkes, die durch Meinen Einzug entstanden war, nichts mehr zu
verspüren. Der Tempel erwies sich sehr gnädig an diesem und den nächsten Tagen;
es wurden in den Vorhöfen viele Arme gespeist und beschenkt, Gebete gesprochen
und alles mögliche getan, um für ihn und seine Vertreter recht gute Stimmung zu
erzeugen und so die ihn schreckende Gefahr, die durch Meinen Einfluß drohte,
abzuwenden.
[GEJ.11_067,53] Der glänzende Zug trat in dem
Augenblick auf, als wir die Vorhöfe erreicht hatten. Voller Neugierde wandte
sich alles dem ungewöhnlichen Schauspiel zu, und wir benutzten diesen Augenblick,
ohne Aufsehen das mächtige Gebäude zu verlassen, um uns der Behausung des
Lazarus wieder zuzuwenden.
68. Kapitel – Nikodemus und die Obersten beim
Herrn.
[GEJ.11_068,01] Wir gelangten denn auch in
nicht zu langer Zeit dorthin. Ein jeder hatte den Weg stillschweigend
zurückgelegt, und besorgte Blicke der Meinen trafen Mich oftmals, da es ihnen
allen klar erschien, daß Ich heute einen Hauptschlag zu führen versucht hätte,
der aber, ihnen allen unbegreiflich, fehlgeschlagen war. Wo war Meine Wunderkraft
geblieben, die doch so leicht durch ein starkes äußeres Zeichen Meine Sendung
hätte bekräftigen können? Denn das Gesundmachen der Kranken galt ihnen schon
als etwas Alltägliches, das auch Meinen Jüngern gelang, und daher für etwas vor
dem Volke nichts Außergewöhnliches. Auch die Stimme vom Himmel war ihnen
zweifelhaft, da diese nicht mächtig genug geschallt habe, um alle Zweifel
niederzuwerfen.
[GEJ.11_068,02] Alle diese Fragen erörterten
die Meinen sehr ausführlich, als wir in Bethanien angelangt waren und Ich Mich
in ein einsames Gemach zurückgezogen hatte, um Mich, das heißt Meine Seele, zu
sammeln und zu stärken. Vornehmlich war es im Kreise Meiner nächsten Jünger
Judas, welcher am meisten erregt war über den anscheinenden Mißerfolg, und er
sprach sich auch ganz unverhohlen darüber aus, daß Meine allzu große Sanftmut
und Güte Mich daran hindere, dem Volke machtvoll entgegenzutreten.
[GEJ.11_068,03] Er (Judas) sagte: „Der Herr
ist ganz gewißlich ein Mensch von ganz außergewöhnlicher Kraft und Weisheit,
und ich zweifle auch durchaus nicht daran, daß Er und kein anderer der
erwartete Messias ist; aber dieser starke Geist, der oft blitzartig in seiner
außerordentlichen Kraft in Ihm wohnt, wird umschlossen von einer zu schwachen
Hülle, die für die Menschen noch zu viele Schwächen zeigt. Nicht Sanftmut und
Güte allein ist es, die die Welt regieren, sondern auch die Faust, welche das
Schwert zu führen weiß und, wenn es sein muß, mit blutiger Strenge dareinfährt,
sichert den Erfolg! Wenn der Herr gezwungen wäre, Sich und die Seinen zu
schützen vor den Händen gieriger Henkersknechte, so würde die in Ihm wohnende
Gotteskraft ganz anders auftreten müssen, damit Er mit den Seinen nicht
untergeht, sondern Sein Werk gedeiht. So aber ist es Ihm noch immer mißlungen.“
[GEJ.11_068,04] Sagte ihm Petrus: „Judas,
hast du denn noch nicht gesehen, wie oft sowohl der Herr als auch wir bedrängt
wurden, und daß wir ohne diese in Ihm wohnende Kraft schon längst untergegangen
wären?! Entsinne dich, wie Er dem Sturm gebot, und wie oft die Anschläge des
Tempels, der die Schergen gegen uns sandte, vernichtet wurden!“
[GEJ.11_068,05] Antwortete Judas: „Und doch
ist das kein Beweis; denn allezeit traten so günstige Umstände dabei ein, daß
wir vielleicht auch ohnedies, durch eigene Kraft, uns noch hätten aus all den
Gefährnissen herausziehen können! Nein, ich meine, wenn ganz plötzlich eine
leibliche Gefahr an Ihn herantreten würde, so daß diese ein jeder sehen und
fürchten müßte, – würde da der Herr nicht viel kraftvoller handeln müssen?!
Würde Ihm das Volk dann nicht ganz anders anhangen und nicht durch ein
albernes, prunkhaftes Tempelspiel wieder abwendig gemacht werden können?!“
[GEJ.11_068,06] Meinte Petrus und die anderen
kopfschüttelnd: „Wie sollte so etwas eintreten können, und wer will das
entscheiden? Der Herr wird wohl Selbst am besten wissen, was Er vorhat, und wie
Er handelt.“
[GEJ.11_068,07] Judas schwieg nun
nachdenklich und blieb des Tages über finster und verschlossen. –
[GEJ.11_068,08] Im Hause des Lazarus war es
ruhig, und niemand störte Mich, der Ich in Meinem Kämmerlein allein verblieb
und Zwiesprache hielt mit Meinem Vater in Mir. Es wird aber kein Mensch so
recht begreifen, wieso letzteres möglich war. Darum sei hier gesagt, daß Meine
Seele recht wohl sah, wie es möglich sei, allen Leiden zu entgehen, und daß
diese zagte, da auch sie an die Erde gekettet war wie die Seele eines jeden
andern Menschen, der irgendeine Aufgabe zu erfüllen hat. Nur der Geist in Mir,
von dem jedermann weiß, wer Dieser war, schrieb Mir den Weg vor und legte der
Seele vor, ob sie aus Liebe zu Ihm und den Menschen die gewiesenen Wege gehen
wolle oder nicht. So trat denn auch jetzt in letzter Stunde die Entscheidung
wiederum näher, und der Menschensohn entschied sich abermals für die Wege des Vaters.
[GEJ.11_068,09] Als es nun Abend zu werden
anfing, begab Ich Mich wieder heiteren Gemütes zu den Meinen und beauftragte
Lazarus, für unser leibliches Wohl zu sorgen. Es wurde dieses auch hinreichend
getan, und in der Gemeinschaft der Zwölf, des Lazarus und seiner Schwestern,
sowie der Maria von Magdalon, welche seit Meiner früheren Anwesenheit des
Lazarus Haus nicht wieder verlassen hatte, nahmen wir ein nächtliches Mahl zu
uns.
[GEJ.11_068,10] Als wir dasselbe eingenommen
hatten, trat ein Diener des Lazarus zu uns mit der Nachricht, daß mehrere
Männer draußen ständen, die Mich und Lazarus zu sprechen wünschten, jedoch
unerkannt bleiben wollten. Lazarus fragte Mich, wer denn diese seien.
[GEJ.11_068,11] Ich antwortete ihm: „Es sind
mehrere Obersten des Volkes, unter ihnen auch Nikodemus, die, durch die
heutigen Ereignisse getrieben, zu uns kommen, jedoch die Welt mehr fürchten als
Gott, weshalb sie auch in Verkleidung und in der Nacht zu uns kommen, – zwar in
wohlmeinendster Absicht, jedoch so heimlich als möglich.“ (Joh.12,42.43)
[GEJ.11_068,12] Darauf wandte Ich Mich zum
Diener und sagte ihm, er solle die Fremden auffordern, zu uns zu kommen, und
ihnen sagen, sie könnten offenkundig zu uns eintreten, da niemand unter uns
sei, der sie verraten würde.
[GEJ.11_068,13] Nach kurzer Frist traten denn
auch die Fremden ein. Es waren Nikodemus und drei höhere jüdische Beamte seiner
Familie, die bedeutende Stellungen in Jerusalem einnahmen, alle jedoch mehr
oder weniger vom Tempel abhängig waren.
[GEJ.11_068,14] Nikodemus eilte nun sogleich
auf Mich zu und ergriff voller Gefühl Meine Hand, Mich dabei bittend, Mich
jedenfalls nicht in nächster Zeit hier blicken zu lassen, da der Tempel auf das
höchste über Mein heutiges Auftreten aufgebracht sei und Kaiphas, sowie auch
der Hohe Rat, geschworen habe, Mich um jeden Preis unschädlich zu machen.
[GEJ.11_068,15] Dieses Mal, meinten Meine
Gegner, sei es durch Mein unkluges Handeln noch gelungen, die Gefahr
abzuwenden. Wer aber könne wissen, ob das bei nächster Gelegenheit noch möglich
sei?! Es müsse daher schnell gehandelt werden, ehe es Mir gelänge, das Volk
wieder für Mich einzunehmen, das jetzt durch Mein Zaudern entmutigt sei, aber
ebenso schnell durch eine rasche Tat Meinerseits wieder entflammt werden könne.
[GEJ.11_068,16] Auch wüßten sie wohl, daß
Herodes, der schlaue Fuchs, der stets den Tempel nur für seine Zwecke
ausgebeutet habe und in seiner Geldgier sich herzlich freue über die arge
Klemme, in die die Priesterschaft dem Volke gegenüber geraten sei, Mir ebenso
wie seinerzeit dem Johannes wohlgesinnt sei. Es müsse daher um so schneller
gehandelt werden, damit Ich Mich nicht etwa mit diesem in Verbindung setze und
dadurch sicherer geschützt werde; denn würde der Tempel des Herodes Schutz
gegen das Volk vonnöten haben, so würde dieser Schutz enormes Geld kosten, da
er nichts der Liebe wegen tue und mindestens versuchen werde, Jesus als Trumpf
gegen den Tempel auszuspielen.
[GEJ.11_068,17] Nikodemus sowie auch die mit
ihm Gekommenen waren daher sehr ängstlich um Mich besorgt und baten Mich
dringend, weder dem Herodes zu trauen, noch Mich der dringenden Gefahr, die
jetzt vom Tempel drohe, auszusetzen. Sie allein hätten gewagt, Mir diese
Nachrichten zu überbringen. Es wären auch noch viele andere aus ihren Kreisen
Mir freundlich gesinnt, doch wagten diese um der Pharisäer willen nicht, selbst
zu Mir zu kommen.
[GEJ.11_068,18] Ich sagte nun dem Nikodemus
und seinen Freunden: „Meine Lieben, was ihr Mir da mitteilet, ist Mir schon
längst bekannt und wohl von Mir erwogen worden; denn so der Vater nicht wollte,
daß alles so geschähe, wie es geschehen ist, – wäre es dann so? Und wäre nicht
der Vater mit Mir, würde Ich dann wissen, was die nächste Zeit Mir bringen muß?
[GEJ.11_068,19] Darum glaubet nur, daß alles
gerade so recht ist, wie es geschehen ist, und wie es der Vater auch also will;
denn wer an Mich glaubt, der glaubt nicht an Mich, sondern an Den, der Mich
gesandt hat! Und wer Mich sieht, der sieht Den, der Mich gesandt hat.
(Joh.12,44.45)
[GEJ.11_068,20] Ich bin in die Welt gekommen
als ein Licht, damit jeder, der an Mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe,
sondern in Tageshelle wandle. Darum aber habe Ich auch vor dem Volke also
gesprochen, wie es allezeit geschehen ist, und habe ihnen auch gesagt, daß Mein
Reich nicht von dieser Welt sei, und habe ihnen auch allezeit die Wege
gewiesen, die sie zu wandeln haben, um dieses Mein Reich zu erringen.
(Joh.12,46)
[GEJ.11_068,21] Wer also Meine Worte hört und
glaubt nicht, den werde Ich darum nicht richten; denn Ich bin nicht gekommen,
daß Ich die Welt richte und ihr gebiete als ein tyrannischer König, sondern daß
Ich die Welt selig mache durch das Wort und ihr den Frieden bringe. Wer Mich
verachtet und nimmt Meine Worte nicht auf, der hat schon dessen genug, was ihn
richtet; denn das Wort, welches Ich geredet habe, und welches ewiglich bleiben
wird, das wird ihn richten an seinem jüngsten Tage, an welchem er abscheiden
wird von dieser irdischen Welt, um einzugehen in das ewige Reich, wo Ich
wahrhafter König sein und ewig bleiben werde. (Joh.12,47.48)
[GEJ.11_068,22] Ich habe nicht aus Mir Selber
geredet, sondern der Vater, der Mich gesandt hat, der hat Mir ein Gebot
gegeben, was Ich tun und reden soll. Und Ich weiß, daß Sein Gebot das ewige
Leben ist. Darum auch rede Ich also, wie Mir der Vater gesagt hat. Seid also
unbesorgt um das, was geschehen ist und noch geschehen wird; der Vater will es
so!“ (Joh.12,49.50)
[GEJ.11_068,23] Sagte Judas darauf ganz
erregt: „Herr, der Vater ist doch mit Dir in Seiner ganzen Kraft! Kann da diese
Kraft von Dir weichen, da beide doch eins sind?“
[GEJ.11_068,24] Sagte Ich: „Der Vater, der
Sohn und die Kraft sind eins und werden es bleiben und können auch nie getrennt
werden, wie du wohl weißt; und es ist der Vater im Sohn und der Sohn auch bald
im Vater, geeint durch die Kraft. Aber der Sohn hat dem Vater zu gehorchen, und
so Er dieses tut, wird der Vater Ihm auch alles zu eigen geben; und das weiß
der Sohn, weil es Ihm der Vater gesagt hat. Und nur eine kleine Weile noch wird
es dauern, so ist der Sohn ewiglich im Vater. Wie aber dieses zu erreichen ist,
das geht euch jetzt noch nichts an; doch wird es euch und der ganzen Menschheit
zugute kommen.“
[GEJ.11_068,25] Sagte Nikodemus: „Herr, wir
verstehen diese Deine Worte nicht ganz; auch scheint es uns vor allen Dingen
notwendig, daß Du an Deine eigene persönliche Sicherheit denkst, weswegen wir
hierhergekommen sind, Dir diese nach unseren Kräften zu verschaffen. Wäre es
daher nicht am besten, Du verließest diesen Ort, um Dich zu verbergen? Hier, meines
Bruders Sohn, würde Dich sicher geleiten, da er viele Verbindungen außer Landes
hat, wo Du völlig gesichert eine Zeitlang leben könntest.“
[GEJ.11_068,26] Sagte Ich: „Seid nicht so
töricht; Ich bedarf der Hilfe der Menschen nicht. Wollte Ich Meine Feinde
vernichten, so wäre Mir das ein kleines. So aber will Ich das nicht; denn auch
sie sollen noch des Heiles teilhaftig werden und mit ihnen das gesamte Volk.
Ich bleibe hier, – und seid gewiß, niemand wird Mich eher ergreifen, als bis
Ich Selbst dieses werde wollen!“
[GEJ.11_068,27] Nikodemus wollte sich nun
zwar nicht gleich beruhigen, da ihm die Furcht vor dem Tempel stets im Nacken
saß. Schließlich gab er sich jedoch zufrieden und meinte, er habe seine Schuldigkeit
getan. Ich erkannte seinen guten Willen denn auch an, und er begab sich alsbald
mit seinen Begleitern unter dem Schutze der Dunkelheit wieder nach Jerusalem
zurück, wo er ungehindert und unerkannt ankam.
[GEJ.11_068,28] Wir selbst begaben uns sehr
bald zur Ruhe, da dieser Tag auch den Körpern große Anstrengung gebracht hatte.
Wir verbrachten die Nacht in größter Ruhe; nur des Judas Seele konnte diese
nicht finden. Viele Gedanken und manche Einflüsterungen zogen durch seine
Seele, so daß er schlaflos die Nacht verbrachte.
69. Kapitel – Gespräch zwischen Judas und
Thomas. – Abschied von Bethanien. – Aufenthalt am Jordan.
[GEJ.11_069,01] Als es Morgen wurde, suchte
Judas sich dem Thomas zu nähern und ihn abseits zu führen.
[GEJ.11_069,02] Beide gingen ins Freie, und
daselbst besprachen sich beide wie folgt:
[GEJ.11_069,03] „Bruder“, sagte Judas,
„kannst du die Handlungsweise des Herrn wohl recht begreifen? Siehe, wir sind
doch beide Männer, die da stets gewußt haben, was sie wollen, und die ein einmal
ins Auge gefaßtes Ziel stets mit allen Kräften verfolgt haben! Hier aber sehe
ich denn nun doch nicht mehr klar, was der Herr denn so eigentlich will, und
ich glaube auch nicht mehr so ganz überzeugt, daß Er Sich Selbst über Sein
Endziel klar ist.
[GEJ.11_069,04] Wir sind doch nun beide
gestern Zeugen Seines Triumphes gewesen, wie es Ihm doch nur ein kleines
gewesen wäre, das Volk, welches Ihm fest anhängt, so an Sich zu ketten, daß es
Ihm gefolgt wäre, wohin Er nur wollte. Aber anstatt von Seiner Messiassendung
nun alle Welt zu überzeugen, läßt Er Sich vom Tempel alle Früchte Seiner Arbeit
aus den Händen nehmen, unternimmt nichts von dem, worauf die Hoffnungen des
Volkes gerichtet sind, trotzdem in Ihm doch wahrlich soviel Kraft ist, daß Er
dem Tempel und dem ganzen Römerreiche gebieten könnte, so Er Sich nur aufraffen
wollte!
[GEJ.11_069,05] Was nützt Ihm alle Kraft
Gottes, mit der Er den Stürmen, den Kranken und allem Unheil gebieten kann,
wenn Er in Sich Selbst schwächlich genug ist, da diese Kraft nicht anzuwenden,
wo sie notwendig ist?! Sollen die Gesunden, welche unter dem Druck der
Römerlast und des Tempelwuchers schwer genug leiden, in Ihm keinen Heiland
finden? Was ist das Elend der wenigen Kranken gegen das große Elend der
Allgemeinheit? Juda, ja die ganze Welt seufzt unter dem Druck des
herrschsüchtigsten Volkes. Habgierige Könige und ein allmächtiger Kaiser, der
im Wohlleben schwelgt, nehmen die Throne ein, die ein weiser, gerechter und von
Gott aus äußerst kräftiger Fürst innehaben sollte. Wie würde sich die Welt zum
Paradiese gestalten, wie würde Leid und Wehe zu eitel Lust und Freude, wie
Armut sich in Reichtum verwandeln, wenn Er den Thron beherrschte, den jetzt
Roms Kaiser einnimmt!
[GEJ.11_069,06] Oh, mir zittert das Herz im
Busen vor Freude, wenn ich daran denke, wie alles sein könnte, – wie es aber
nicht ist! Und warum ist es nicht? Weil Er, der einzige, in dem die Kraft
Gottes lebt, nicht den Mut in Sich finden kann zur raschen, entschlossenen Tat!
[GEJ.11_069,07] Sieh, Bruder, das schmerzt
mich, das bekümmert mich tief; denn ich besitze wahrlich noch ein Herz für das
tiefe Elend des Volkes; doch Er, scheint mir fast, hat außer für die Kranken
und Schwächlinge das Seine bereits verloren!“
[GEJ.11_069,08] Antwortete ihm Thomas:
„Bruder, wie sprichst du doch! Sagte nicht der Herr Selbst: ‚Ich bin nicht in
die Welt gekommen für die Gesunden, sondern für die Kranken und Gebrechlichen,
daß Ich ihnen helfe und sie tröste‘? Willst du besser wissen als Er Selbst,
weswegen Er zu uns kam?!“
[GEJ.11_069,09] Hitzig antwortete Judas: „Und
wer ist denn gesund im Lande? Sind nicht alle Kranke und Gebrechliche? Nur der
Tempel und die wenigen Großen schwelgen, mästen sich von dem, was sie durch
ihre Macht erpressen, und der außen gesunde Leib der Menschen ist inwendig
elend, krank und beschmutzt von Zorn und Wut, die das Treiben der Allherrlichen
in ihnen erweckt.
[GEJ.11_069,10] Zu diesen ist Er doch auch
gekommen! Braucht das Volk nur einen Messias der körperlich Gebrechlichen? Das
Volk will und soll glücklich sein, das ist der Wille Gottes; aber zu diesem
Glück gehört auch eine gesicherte Außenstellung, wie es eine solche unter
Salomo genossen hat, damit es in Frieden lebe und sich bei äußerem Wohlstande
auch in der Seele entwickle.
[GEJ.11_069,11] Nein, Bruder, mein Herz ist
voll des Grams! Dir öffne ich es; denn du warst noch allezeit derjenige, der
mit seinem Verstand und Urteil nicht zurückhielt, – so wie die andern, die
alles bedingungslos glauben, ohne zu wissen warum. Nein, ich bin und will kein
Sklave des Aberglaubens sein, – ich will wissen, wohin der Weg führt! Ich will
nicht Kinderspiele, ich will Männertaten sehen!“
[GEJ.11_069,12] Thomas entsetzte sich über
den grimmig dreinschauenden Judas, der mit einem Male sich ihm so unerwartet
erschloß, und sagte warnend: „Bruder, ich bin wohl hartgläubig; aber dennoch
bin ich auch überzeugt von dem, was ich einmal glaube! Willst du aber in meinem
Glauben an den Herrn mich wankend machen, wie es mir scheint, so ist das
vergebliche Mühe; denn ich weiß, was von Ihm zu halten ist. Also laß mich!“
[GEJ.11_069,13] Entgegnete Judas erregt: „Das
sei fern von mir! Auch ich bin fest überzeugt, daß alle Welt nur allein von Ihm
das Heil erhalten kann; aber ebenso fest bin ich auch überzeugt, daß etwas
geschehen muß, um dieses Heil zu verwirklichen. Jetzt ist es Zeit – oder nie!
[GEJ.11_069,14] Der Herodes ist Ihm
wohlgesinnt. Der Römer Macht ist gerade jetzt eine geringe hier, weil sie ihre
Streitkräfte anderswo gebrauchen; also liegt alles günstig für Ihn, den mächtigsten
Mann, – wenn Er nur wollte! Aber dieses Wollen in Ihm wachzurufen, daran liegt
es! Denn wie sehr Er zögert, haben wir gesehen, und was der Tempel will, haben
wir gehört. – Besäße ich nur den kleinsten Teil Seiner Kraft, ich spottete
ebensosehr der Tempelschliche, als Er es bisher getan! Dieses erbärmliche
Geschmeiß hat gewißlich keine Gewalt über Ihn; weder hat es diese früher
gehabt, noch wird es diese je besitzen. Aber es ist zu fürchten, daß auch Gott
Selbst Ihm die Kraft einst nehmen wird, so Er Sich dem Willen Gottes
entgegenstellt, Sein Volk glücklich zu machen.
[GEJ.11_069,15] Hier in dem Herrn haben sich
alle Bedingungen geeinigt, die es ermöglichten, in Ihn die Gotteskraft zu
legen. Wir werden Ewigkeiten warten müssen, ehe wieder ein Mensch entsteht, der
so Großes leisten kann. Darum muß Er es auch tun, jetzt oder nie, ehe sich die
Langmut Gottes verzehrt! Findet Er in Sich nicht den Mut zu unternehmen, was
not ist, weil es von Gott so verheißen wurde, so muß er gezwungen werden, es zu
tun!“
[GEJ.11_069,16] Erschreckt fuhr Thomas auf
und flüsterte: „Zwingen? Wer will Den zwingen, aus dem der Allmächtige Selbst
spricht?!“
[GEJ.11_069,17] „Ist Er Der, für den Er Sich
ausgibt, so beweise Er es! Ist Er es nicht, was warten wir dann auf ein
Nichts?!“, murmelte halblaut Judas finster.
[GEJ.11_069,18] Thomas flüsterte ängstlich:
„Wie auch sollte man Ihn zwingen?! Bruder, laß ab von solchen Gedanken; es
taugt nicht, – mir graut davor!“
[GEJ.11_069,19] Finster redete Judas nun:
„Graut dir Schwächling vor großen Gedanken? – Doch weiß ich es selbst noch
nicht, wie das möglich sein sollte. Ich fühle nur: es muß etwas geschehen, es
muß! –
[GEJ.11_069,20] Leb wohl, Bruder, schweige
über das, was wir sprachen, zu den andern! Hörst du? Versprich es mir! Sie alle
da drinnen lieben mich nicht sehr; ich möchte nicht noch mehr Haß auf mich
laden.“
[GEJ.11_069,21] Thomas reichte ihm die Hand
und meinte: „Wer hätte auch Nutzen von meinem Reden? Ich verspreche es dir!“
[GEJ.11_069,22] Darauf wandte sich Judas mit
einem kurzen Gruß von ihm und begab sich auf die Höhe des Ölberges, um in
Einsamkeit nachzudenken. Thomas aber ging beklommenen Gemütes wieder zu den
andern und suchte seine Unruhe durch ruhiges Gespräch mit den Brüdern zu
bekämpfen.
[GEJ.11_069,23] Als wir nun, außer dem Judas,
beim Morgenmahl saßen, fragte Mich Lazarus, was Ich nun zu tun gedächte, – ob
Ich, was ihm ja das liebste sei, die Festtage bei ihm verbringen wolle, oder
wohin Ich Mich sonst zu wenden gedächte.
[GEJ.11_069,24] Ich sagte darauf ihm und den
Jüngern, daß Ich gedächte, noch heute Bethanien zu verlassen, – nicht aus
Furcht, sondern daß ich dieses täte des Volkes und der Templer wegen. Diese
würden viel Böses anrichten, so sie wüßten, daß Ich hier sei und dennoch nicht
zu erlangen wäre. Um aber das zu verhindern und niemand irgendwie Schaden
zuzufügen, würde Ich Mich jetzt auf einige Tage verbergen und nicht finden
lassen.
[GEJ.11_069,25] Fragten Mich die Meinen,
wohin Ich gehen würde.
[GEJ.11_069,26] Sagte Ich: „So ihr mit Mir gehen
wollt, so sollt ihr es sehen! Es schläft jedoch ein Verräter unter euch; darum
sollt ihr es jetzt noch nicht erfahren.“
[GEJ.11_069,27] Die Jünger entsetzten sich
über diesen Ausspruch und sahen verwundert umher – es waren hier nicht nur die
Apostel anwesend, sondern noch viele vom Hausgesinde des Lazarus, die ihm in
der Verwaltung seiner Güter nahestanden –, wen Ich wohl gemeint haben könnte.
Doch wagte keiner ein Wort weiter danach zu fragen.
[GEJ.11_069,28] Wir beendeten schweigend
unser Mahl. Danach nahm Ich Abschied von Lazarus und den Seinen, die Mich nur
höchst ungern und beklommenen Herzens scheiden sahen. Jedoch hob sie ihr Glaube
an Mich über alle Sorge hinweg, daß Mir irgend etwas geschehen könne von seiten
des Tempels.
[GEJ.11_069,29] Wir gingen die Straße nach
Jericho zu und sahen alsbald Judas auf uns zukommen, der von der Höhe aus
unsern Abschied bemerkt hatte und sich uns anschloß, ohne daß er die deswegen
nicht gerade freudigen Gesichter der Apostel beachtete. Diesen Zug nun
unternahm Ich allein mit den Zwölfen, und es war von Meinen übrigen Anhängern
sonst niemand mehr bei uns.
[GEJ.11_069,30] Wir wandten uns alsbald dem
Jordan zu, dorthin, wo Johannes getauft hatte, einem Orte, der jetzt völlig
leer stand, seitdem die Stimme des Predigers in der Wüste verhallt war. Dort
lagerten wir uns und blieben auch daselbst völlig ungestört.
[GEJ.11_069,31] Es ist diese Gegend
namentlich im Frühjahr eine sehr angenehme, da hier eine weit wärmere
Temperatur herrscht. Am Ufer des Jordans wuchsen üppige Bäume und Sträucher,
die allen kühlen Schatten und sichere Lagerstätten boten. Hier am Jordan
verbrachten wir noch zwei volle Tage, nachdem wir von Lazarus uns entfernt
hatten, und Ich benutzte diese Zeit, um den Aposteln nochmals ihren Beruf und
Meine Lehre klarzulegen.
70. Kapitel – Judas vor dem Hohen Rat.
[GEJ.11_070,01] Auch Judas hörte dem zu,
jedoch ohne dadurch von seinen falschen Ansichten befreit werden zu können. Im
Gegenteil, er wurde nur noch mehr davon überzeugt, daß es so bald nicht irgendeinem
Menschen gelingen würde, die Kraft Gottes so mit sich zu vereinen, daß nach Mir
ein anderer als weltbefreiender Messias auftreten könne. Er fand es daher nur
für rühmlich und freute sich in seinen ehrgeizigen Gedanken, wenn er es wäre,
der den seiner Meinung nach notwendigen letzten, zwingenden Schritt vorbereite,
der Mich veranlassen müsse, von der Mir verliehenen Macht nach seinen Wünschen
Gebrauch zu machen. Er erschien sich selbst als eine Art Erlöser und vermeinte
in seiner Verblendung, durch Mich wirken zu können. Als der Gedanke einmal in
ihm erwacht war, Mich zwingen zu können, und die feste Überzeugung verblieb,
Ich würde jeder Gefahr trotzen und sie auch leicht überwinden können, da
erschien ihm auch alles recht, was imstande sei, diesen Plan zu verwirklichen.
[GEJ.11_070,02] Er machte Mir daher am
zweiten Tage unseres Aufenthaltes am Jordan den Vorschlag, sich unerkannt nach
Jerusalem begeben zu wollen, um auszuspionieren, wie dort die Stimmung für Mich
sei, und ob das Volk über Mein Verschwinden beunruhigt sei.
[GEJ.11_070,03] Ich sagte ihm, er möge tun,
wie er denke, und die andern, froh, seiner loszuwerden, stimmten seinem
Anerbieten nur zu.
[GEJ.11_070,04] Er fragte, wo er Mich würde
antreffen können, und Ich sagte ihm, an eben dieser Stelle würde Ich bis andern
Tages zur Mittagszeit verbleiben.
[GEJ.11_070,05] Darauf verabschiedete sich
Judas von uns und begab sich nach Jerusalem. Alsbald erfuhr er dort, daß alles
über Mein plötzliches Verschwinden erstaunt war. Von der großen Erregung, welche
Mein Einzug hervorgerufen hatte, war nichts mehr verblieben, und allgemein
urteilte das Volk, Ich sei vor der Macht des Tempels geflüchtet. Dieser selbst
war jedoch von den Tempelwächtern und herodianischen Soldaten stark bewacht.
Außerdem durchzogen römische Soldaten täglich die Stadt, um etwaige
Volksansammlungen zu zerstreuen. Der Tempel hatte bereits beim Landpfleger
Pontius Pilatus Schutz gegen etwaigen Aufruhr gesucht und Mich als
Volksaufwiegler verklagt.
[GEJ.11_070,06] Es war denn auch von Pilatus
bereits eine Untersuchung eingeleitet worden, welche jedoch ergeben hatte, daß
das Volk keinerlei feindliche Kundgebungen gezeigt hatte, sondern nur eine hohe
Begeisterung für den dem Pontius Pilatus durchaus nicht mehr unbekannten
Wunderheiland. Er legte daher auch dem Ereignis keine tiefergehende Bedeutung
bei, ließ jedoch der aufrechtzuerhaltenden Ordnung wegen oftmals Soldatentrupps
die Stadt durchstreifen. Das Volk wurde durch diese Maßnahmen stark
eingeschüchtert, wußte es doch nur zu gut, daß Roms Macht und Strenge bei
Ausschreitungen zu fürchten sei.
[GEJ.11_070,07] Der Tempel hatte nun wieder
stark Oberwasser, und es schien ihm die Zeit gekommen, einen vernichtenden
Schlag gegen Mich zu führen, – wenn sie nur gewußt hätten, wo und wie sie Mich
ungefährlich aufheben könnten; denn daß auch dieses nicht so leicht sei, hatten
sie schon oft genug verspürt.
[GEJ.11_070,08] In geheimer Sitzung wurden
die Mittel und Wege hin und her beraten, ohne daß die Templer sich hätten
einigen können. Da wurde ihnen gemeldet, daß ein Mensch dem Hohen Rat eine
Auskunft überbringen wolle, wo sich der Nazarener befinde.
[GEJ.11_070,09] Hocherfreut ließ Kaiphas den
Menschen, der Judas Ischariot war, zu sich kommen und führte ihn vor den Hohen
Rat. Daselbst eröffnete Judas demselben, daß er glaube imstande zu sein, den
gesuchten Jesus von Nazareth den Händen der Tempelwache zu überliefern, wenn
nur die nötige Vorsicht dabei beachtet werde.
[GEJ.11_070,10] Auf die Frage, wie er denn
das vollbringen wolle, antwortete Judas: „Ich habe mich längere Zeit in seiner
Nähe aufgehalten, kenne daher auch seine und seiner Anhänger
Eigentümlichkeiten. Ja, es gab eine Zeit, wo ich vermeinte, in ihm den
erwarteten Messias der Juden sehen zu müssen. Jetzt aber habe ich mich
überzeugt, daß er nichts anderes bezweckt, als unsere altehrwürdigen Satzungen
und Gesetze, zu deren heiligem Hüter der Tempel bestimmt ist, umzustoßen, ohne
daß er aber imstande wäre, etwas kraftvoll Besseres dafür zu geben. Er ist
daher gefährlich, und als ehrlicher Jude, der bemüht sein muß, die Achtung vor
Mosis Gesetz zu festigen, biete ich daher die Hand, diesem gefährlichen Treiben
ein Ende zu machen. Noch weiß ich nicht, ob es gelingen wird; aber wo so viele
weise Männer versammelt sind, wird es gewißlich gelingen, das rechte Mittel
ausfindig zu machen, wie dieser Wunderheiland zu fangen sein wird.“
[GEJ.11_070,11] Fragte ihn Kaiphas: „Weißt
du, wo er sich jetzt befindet?“
[GEJ.11_070,12] Sagte Judas: „Nein; denn ich
kann nicht wissen, ob er den Ort nicht schon verlassen haben wird. Aber ich
weiß, daß er, wie immer, auch in diesem Jahre das Osterlamm im Kreise seiner
Anhänger wird essen wollen, und daß dieses nirgendwo anders als in der Nähe der
Stadt geschehen wird.“
[GEJ.11_070,13] Rief einer jener Pharisäer, die
nach der Auferweckung des Lazarus so übel bedient wurden: „Nur suche ihn keiner
in Bethanien zu fangen! Dort wäre es nutzlos; denn seine Teufelskraft würde
dort wieder zum Vorschein kommen. Das Beste wäre, man finge ihn des Nachts, –
einesteils des Volkes wegen, das ihm doch viel anhängt, und dann habe ich immer
sagen hören, daß in der Nacht die Kraft von solchen Zauberern eine schwächere
sei. Ja, in einer bestimmten Stunde soll auch der ärgste Zauberer schwach wie
jeder gewöhnliche Mensch sein, so daß er keinem widerstehen kann. Sag an – du
mußt es wissen, der in seiner Nähe war –: hat auch dieser Mensch seine schwache
Stunde? Was treibt er in der Nacht?“
[GEJ.11_070,14] „Er schläft wie jeder andere
Mensch“, antwortete Judas. „Ich glaube wohl die Stunde zu kennen, in der er am
schwächsten ist.“
[GEJ.11_070,15] Triumphierend wandte sich der
Pharisäer zu den andern und meinte, diese Stunde müsse benutzt werden.
[GEJ.11_070,16] Unmutig wollte Kaiphas davon
nichts wissen, indem er sicher sei, der Nazarener verfüge über keine anderen
übernatürlichen Kräfte als auch die Essäer, die derentwegen genug bekannt
seien; aber er sei ebenfalls dafür, nachts denselben zu ergreifen, um jedes
Aufsehen zu vermeiden.
[GEJ.11_070,17] Es wurde daher mit Judas
vereinbart, er solle am Tage des Osterlammes sich nachts im Tempel einfinden,
um dort mit den Schergen zusammenzutreffen, die er nach dem Orte hinzuführen
habe, wo sich der Nazarener befinde.
[GEJ.11_070,18] Kaiphas fragte ihn nun, was
er für diesen Dienst verlange.
[GEJ.11_070,19] Judas, der sich innerlich
freute, daß der Hohe Rat in die, wie er meinte, von ihm gestellte Falle
gegangen sei, war nun noch mehr erfreut, daß sein Plan ihm auch noch Geld
einbringen sollte – was anfangs nicht seine Absicht war –, und forderte nun die
dreißig Silberlinge, welche ihm auch auszuzahlen versprochen wurde, wenn er
sich am Abend der Tat einfinden würde.
[GEJ.11_070,20] Judas eilte nun, vom Tempel
kommend, durch die Stadt und horchte überall, damit er erfahre, wie das Volk
von Jerusalem und auch die große Zahl der Fremden gegen Mich gesinnt sei. Er
fand überall großes Erstaunen ob Meiner augenscheinlichen Schwäche; nirgends
aber fand er im Volke Menschen, welche nicht von Meiner Kraft überzeugt gewesen
wären, die sich oft und auch noch zuletzt augenscheinlich bewiesen habe. Er
erkannte deutlich, daß es Mir auch weiterhin gelingen würde, das gesamte Volk
mit Mir zu reißen, sowie nur irgendeine heroische Tat von Mir ausginge, – daß
das Volk wohl stutzig geworden, aber von Mir nicht gänzlich abgefallen sei.
[GEJ.11_070,21] Diese Erkenntnis erfreute und
bestärkte ihn noch mehr in seiner Absicht, Mich in eine Lage zu bringen, die
Mich zwingen würde, Meine Angreifer, um Mir diese vom Leibe zu halten,
womöglich zu vernichten, oder doch so unschädlich zu machen, daß jedermann
deutlich erkenne, wie Mir niemand auf Erden widerstehen könne, so Ich nur
ernstlich wolle. Er machte sich denn auch, nachdem er von allem sich gründlich
überzeugt zu haben glaubte, und ohne sich auch in der Zeit etwa um Herodes zu
kümmern, der ihm für seine Zwecke nicht mehr notwendig erschien, da er auch
ohne diesen auszukommen glaubte, wieder nach dem Jordan auf, Mich aufzusuchen
und zu berichten, was er erfahren habe.
[GEJ.11_070,22] Wir wurden von ihm an der alten
Stelle noch angetroffen, und er berichtete nun genau über die Stimmung in
Jerusalem, und wie das Volk Meiner noch immer als des Erlösers harre. Ich hörte
alles dieses ruhig an und antwortete nichts darauf, wodurch Judas nur überzeugt
wurde, seine Rede habe tiefen Eindruck auf Mich gemacht. Er war nun auch
Menschenkenner genug, nicht weiter in Mich zu dringen, da er meinte, es müßten
seine Worte in Mir ausreifen. Er verhielt sich auffallend schweigsam, doch
konnte man ihm anmerken, wie er zufrieden in sich war und nur noch beobachtete.
71. Kapitel – Das Osterlamm. – Die
Fußwaschung. – Judas verrät den Herrn. – Das Abendmahl des Herrn.
[GEJ.11_071,01] Nachdem die Mittagszeit
herangekommen war, hieß Ich die Meinen aufbrechen, und wir begaben uns nun gemächlichen
Schrittes wieder nach der Landstraße zwischen Jerusalem und Jericho. Es war
aber heute der Tag des Osterlammes, und die Meinen fragten Mich, ob und wo Ich
dasselbe mit ihnen essen wolle. Ich bejahte diese Frage und verlangte, zweie
sollten vor uns in die Stadt gehen und dort das Lamm bereiten, sodann wolle Ich
mit den übrigen nachkommen. (Mark.14,12.13a)
[GEJ.11_071,02] Es lebte aber in der Stadt
ein Mensch, welcher zu der Zahl derer gehörte, die von Mir schon im Anfange
Meiner Lehrzeit gesund gemacht worden waren, als Ich das erstemal in Jerusalem
selbst auftrat. Dieser war ein treuer Anhänger Meiner Lehre und fürchtete sich
nicht vor den Juden und den mißgünstigen Pharisäern. Er hatte eine kleinere
Herberge, die stets von besten Gästen besucht wurde. Namentlich verkehrten
viele Römer bei ihm, die nach Jerusalem reisten, und er stand sich daher gut im
Ansehen des Volkes und in seinem Lebensunterhalt. Dieser Wirt hatte schon
früher durch Meine Jünger des öfteren Mich bitten lassen, bei ihm einzukehren.
[GEJ.11_071,03] Zu diesem sandte Ich nun
Petrus und Johannes, um das Osterlamm daselbst zu bereiten. Als Zeichen, wo
dessen Haus zu finden sei, gab Ich ihnen an, sie sollten einem Menschen folgen,
dem sie begegnen würden, der einen Wasserkrug trage und diesen in das Haus
tragen würde. (Mark.14, 13b.14)
[GEJ.11_071,04] Beide waren dem Besitzer
nicht unbekannt, und als er Mein Verlangen hörte, ließ er sogleich in seiner
Wohnung seinen besten Saal, den er sonst bei Familienfesten für sich selbst
brauchte, herrichten, damit wir dort ungestört dem Brauche des Osterlammes
folgen konnten, den er selbst, als ein nach der Meinung des Tempels
abgefallener Israelit, der es mit den Römern hielt, nicht mehr beachtete, zumal
er eine Griechin zur Frau hatte, mit der er nach Meiner Lehre, ohne jeden
Formelkram des Tempels, lebte.
[GEJ.11_071,05] Dieses ist der Inhaber des
gepflasterten Saales, von dem die Evangelisten außer dem Johannes berichten,
weil es ihnen später sehr wichtig schien, anzugeben, wo das Abendmahl stattgefunden
habe (Mark.14,15.16), während Johannes sich nur um die hier gesprochenen Worte
und nicht um das Äußere kümmerte.
[GEJ.11_071,06] Es war Abend geworden, als
Ich mit den Meinen ankam. Nachdem wir von unserem Gastgeber und dessen Familie
freudig begrüßt worden waren, wurden wir unter der Versicherung, daß niemand
uns hier stören würde, in den bewußten Saal geführt, wo wir uns zu dem
bereiteten Osterlamm niederließen.
[GEJ.11_071,07] Was an diesem Abend alles
gesprochen wurde, das hat auch der Evangelist Johannes genau aufgezeichnet und
ist daselbst nachzulesen (Joh.13-17). Hier ist nur einiges noch nachzuholen,
damit das Verständnis dafür mehr gefördert werde, wie die Ereignisse sich
vollzogen.
[GEJ.11_071,08] Nachdem wir in der
hergebrachten Sitte das Lamm verzehrt hatten, stand Ich auf, gürtete Mich und
nahm die Fußwaschung (Joh.13,4-12) vor, wodurch die tiefste Demütigung des
Menschensohnes bezeigt wurde, da dieses ein Geschäft der niedrigsten Diener und
Sklaven war. Gleichzeitig wird aber damit gesagt, daß niemand Meine Wege
wandeln kann, ohne daß Ich ihm vorher die Werkzeuge gereinigt habe, welche es
ihm ermöglichen, auch diese Wege zu gehen, – das heißt also, sein Herz muß von
allem Staube der bisher gewandelten Landstraßen der Welt völlig gesäubert sein,
und zwar bin Ich es, der ihm dazu die Mittel reichen wird. Es soll daher
niemand diese Waschungen fürchten, ansonst er keinen Teil an Mir haben wird.
[GEJ.11_071,09] Ich gab also hier den Jüngern
eine tiefe Lehre in einem Symbol, wobei allerdings dieses letztere nicht die
Hauptsache ist, sondern der in diesem steckende Kern alles bedeutet.
[GEJ.11_071,10] Wie Ich aber Meine Jünger
reinigte, so sollen auch die Menschen untereinander bemüht sein, sich zu
reinigen, damit sie reinen Herzens, also mit gewaschenen Füßen, Mir wahrhaft
nachfolgen können. –
[GEJ.11_071,11] Es war nun Sitte, daß nach
dem Mahle von dem Hausvater noch ein Bissen verabreicht wurde, indem er einen
Spruch der Schrift dazu dem sagte, der diesen Bissen erhielt. Diese Sitte hat
sich nicht bis zur Jetztzeit erhalten, wurde jedoch damals allgemein ausgeübt
und galt bei vielen als eine Art Weissagung für die kommende Zeit.
[GEJ.11_071,12] Während Ich nun diese
bereitete, überfiel Meine Seele große Traurigkeit, und Ich sagte die Worte: „Einer
unter euch wird Mich verraten!“ (Joh.13,21)
[GEJ.11_071,13] Die Jünger, entsetzt über
diesen Ausspruch, der ihnen dunkel erschien, bestürmten Mich mit Fragen, wie
Ich das meine, und wer Mich verraten könne. (Joh.13,22) Ich lehnte aber jede
Antwort ab und begann, die Bissen zu verteilen, indem Ich jedem nach seinem
Charakter noch eine Ermahnung sagte. Petrus, der einer der ersten war, war am
meisten von Meinem Ausspruch bedrückt und winkte dem Johannes, der Mir zunächst
saß, er möge forschen, wer es wäre, den Ich meine. (Joh.13,23.24)
[GEJ.11_071,14] Das ‚An-der-Brust-Liegen‘ ist
vielfach falsch verstanden worden, indem die vielen Deutungen nur durch
Mißverstehen des Sprachgebrauchs entstanden sind. Wir lagen nicht zu Tische,
wie die Römer es taten, wie oft gedeutet wird – diese Sitte nahmen die Juden
als heidnisch nie an, wie sie alles vermieden, was sie mit heidnischen Völkern
hätte gemein machen können –, sondern wir saßen. Derjenige nun, dem eine
besondere Freundesauszeichnung gegeben werden sollte, saß dem Hausvater zur
Rechten und wurde von ihm dadurch geehrt, daß er ihm die Speisen zubereitete.
Geschah dieses, so mußte sich der Hausvater ihm oftmals zuwenden, ihm die Brust
entgegenstellen. Im Sprachgebrauch der damaligen Zeit bedeutete dieser Umstand
eben das, was jetzt mit ‚An-der-Brust-Liegen‘ übersetzt ist, wodurch allerdings
ein anderer Begriff mit untergelaufen ist, der nicht beabsichtigt war.
(Joh.13,25a)
[GEJ.11_071,15] Johannes fragte Mich nun
leise, und ihm, als dem vertrautesten Meiner Jünger, sagte Ich: „Der ist es,
dem Ich den Bissen gebe!“, wonach Judas denselben erhielt mit den Worten: „Was
du tust, das tue bald!“ (Joh.13,25b-27)
[GEJ.11_071,16] Natürlich konnten die andern
Jünger aus diesem Spruch nicht entnehmen, was Ich meinte. Judas aber, der
ebenfalls durch Meinen ersten Ausspruch erschreckt war, da er sich getroffen
fühlte, nahm diese Worte nun ganz als Aufforderung auf, die seinen Plänen
zustimmte, erhob sich schnell und ging innerlich triumphierend hinaus.
(Joh.13,28-30)
[GEJ.11_071,17] Der ganze Hochmut eines
zukünftigen Mitherrschers, der er durch Mich nun zu werden hoffte, sowie die
größte Begierde, Ruhm und Ehre rücksichtslos einzuheimsen, erfüllte ihn nun, so
daß Satan mit allen Hochmutsteufeln von seiner Seele Besitz nahm, die nur in
dem Wunsche erglühte, zu herrschen und alle Gegner zu vernichten. –
[GEJ.11_071,18] Hätte Ich aber nun dieses
alles nicht vermeiden können?
[GEJ.11_071,19] Gewiß! Es stand hier aber dem
Menschensohne die Wahl, allen Glanz und alle Ehre der Welt ergreifen zu können.
Er mußte daher auch wahrhaft in die Lage kommen, zu wählen, und hierin lag die
Entscheidung für Ihn in dem Sinne, wie sie schon früher angedeutet worden ist.
[GEJ.11_071,20] Daher sprach Ich nach des
Judas Fortgang: „Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in
Ihm. Ist Gott verklärt in Ihm, so wird Ihn Gott auch verklären in Sich Selbst
und wird ihn bald verklären!“ Das heißt also: Der Menschensohn wird wahrhaft
Gottes Sohn sein, und der Vater wird Sich bald für alle Ewigkeit mit Ihm
vereinen. (Joh.13,31.32)
[GEJ.11_071,21] Ich gab nun Meinen Jüngern
nochmals Meine gesamte Lehre in kurzen Worten wieder, wie es in Johannes,
Kapitel 13 bis 17, genau zu lesen ist mit allen Reden und Gegenreden der
Jünger, mit des Petrus und Philippus Einwänden und der Begegnung derselben.
[GEJ.11_071,22] Es war aber über allen diesen
Reden schon spät geworden, und Ich nahm nun das Brot nochmals, von dem Ich die
ersten Bissen zubereitet hatte, und sagte zu den elfen: „Nehme noch jeder einen
Bissen, den Ich hier bereite. Es ist Mein Leib, das Fleisch gewordene Wort,
welches in euch lebendig werden soll. Nehmet auch diesen Kelch, trinket alle
daraus, es ist Mein Blut, welches für euch zur Vergebung eurer Sünden vergossen
werden wird. Wer nicht Mein Fleisch isset und Mein Blut trinket, wird
nimmermehr selig werden. Ihr wisset aber nun, wie ihr dieses zu verstehen habt,
und werdet euch nicht mehr an solchen Worten stoßen. Esset, trinket, und
solches tut, sooft ihr es tut, zu Meinem Gedächtnis. (Matth.26,26-88;
Mark.14,22-24) Wo aber zwei solches tun werden zu Meinem Gedächtnis und sind
versammelt in Meinem Namen, da bin Ich auch unter ihnen.“ (Matth.18,20)
[GEJ.11_071,23] Die Jünger taten nun also,
wie Ich gesagt hatte. Und sodann begaben wir uns aus dem Hause, nachdem Ich
auch unserem Wirte gedankt hatte, der sich liebevoll von Mir verabschiedete.
72. Kapitel – Jesus in Gethsemane. – Jesu
Gefangennahme.
[GEJ.11_072,01] Wir gingen nun zum Tore
hinaus und wandten uns dem Ölberge zu. Dort lag also der Garten, der jetzt noch
‚Gethsemane‘ benannt wird, jedoch an einem ganz andern Orte. Der Garten
Gethsemane gehörte zu jener Herberge am Ölberge, die dem Lazarus gehörte und
als beliebter Ausflugsort bekannt war. Unterhalb jener Herberge, die auf der
Höhe lag und eine weite Aussicht bot, erstreckte sich eine parkartige Anlage,
durch welche hindurch ein sehr angenehmer Weg hinauf zur Höhe führte. Dieser
Park selbst aber ist das eigentliche Gethsemane gewesen und liegt daher an
einer ganz andern Stelle als das jetzt gezeigte, das mit ihm nur den Namen
gemein hat, weil die dortigen sehr alten Bäume den späteren Suchern dieses
Ortes es wahrscheinlich machten, die richtige Stätte gefunden zu haben.
(Joh.18,1)
[GEJ.11_072,02] Wir versammelten uns ja oft bei
dem Wirte, und so glaubte auch Judas sicher, Mich bei diesem zu finden, da Ich
Lazarus sonst nicht verlassen haben würde, um mit Meinen Jüngern allein sein zu
können. Der Park selbst bot wegen der großen Stille, die dort herrschte, einen
geeigneten Ort zur inneren Beschauung, und darum führte Ich die Jünger dorthin,
damit sie die letzten Ereignisse nochmals überdenken möchten. (Joh.18,2)
[GEJ.11_072,03] Wir lagerten uns abseits des
Weges, und Ich forderte Petrus, Johannes und Jakobus auf, mit Mir von den
andern weg etwas abseits zu gehen. Sie taten so und folgten Mir.
[GEJ.11_072,04] Hier trat nun der Augenblick
ein, wo die ganze Wucht des nahenden Unheils die Seele des Menschensohnes
befiel und die Gottheit sich wiederum gänzlich zurückzog, um die freieste
Entschließung dem Menschen Jesus zu überlassen. (Mark.14,33)
[GEJ.11_072,05] Daher empfand dieser auch die
bange Stunde und sagte (Jesus): „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!“ Er
sagte sodann auch zu den dreien: „Bleibet hier und wachet mit mir!“ (Mark.14,34)
[GEJ.11_072,06] Und er ging abseits und
betete die Worte: „Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir;
doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst!“ (Mark.14,35.36)
[GEJ.11_072,07] Da jedoch in diesen Worten
noch nicht der eigene feste Entschluß steht, so trat die Gottheit auch noch
nicht in ihn zurück.
[GEJ.11_072,08] Jesus ging zu den Seinen
zurück und fand sie schlafend.
[GEJ.11_072,09] Daraus ersah er, daß er nur
eine Stütze finden könne an dem Vater in sich, weckte die drei und sprach die
bekannten Worte: „Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und
betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geist ist willig; aber das
Fleisch ist schwach.“ (Mark.14,37.38)
[GEJ.11_072,10] Mit diesen Worten meinte er
nicht nur die drei, sondern auch sich selbst zu bezeichnen.
[GEJ.11_072,11] Jesus ging nun zurück und
betete abermals: „Mein Vater, ist es nicht möglich, daß dieser Kelch von mir
gehe, so trinke ich ihn denn, und Dein Wille geschehe!“ (Mark.14,39)
[GEJ.11_072,12] Wiederum von Unruhe
getrieben, suchte die Seele Anschluß nach außen bei den Seinen und fand diese
wiederum schlafend, und zwar so fest, daß sie nicht erweckt wurden, sondern bei
ihrem Anruf sich nur schlaftrunken regten. (Mark.14,40)
[GEJ.11_072,13] Jetzt hatte Jesus, der
Menschensohn, gesiegt.
[GEJ.11_072,14] Mit einem Blick des Mitleids
überschaute er die Seinen, eilte zurück und rief laut: „Vater, ich weiß, es ist
möglich, daß dieser Kelch vorübergehe; aber Dein Wille allein geschehe, und
darum will ich ihn trinken!“
[GEJ.11_072,15] Da kehrte die Gottheit in ihn
völlig zurück und stärkte ihn, durchdrang ihn völlig und sprach: „Mein Sohn,
zum letztenmal hattest du dich zu entscheiden! Nun sind Vater und Sohn in dir
geeint und ewig untrennbar geworden. Trage, was dir zu tragen gegeben worden
ist! Amen!“
[GEJ.11_072,16] Darauf erhob Ich Mich wieder
und ging zu Meinen Jüngern, die wieder schlafend dalagen, weckte sie und
sprach: „Wie könnet ihr nur schlafen und Mich allein lassen in der schwersten
Stunde? Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet; denn der Geist
ist wohl willig, aber das Fleisch ist schwach. Ihr aber sollet allzeit stark
sein. Sehet, jetzt ist die Stunde gekommen, wo Ich Meinen Feinden überliefert
werde; darum schlafet nicht, und seid stark!“ (Mark.14,41)
[GEJ.11_072,17] In diesem Augenblick nahte
sich eine Schar bewaffneter Tempelwächter mit Fackeln, welche Judas anführte,
und die er nach der Herberge führen wollte, wo er Mich vermutete. Die Jünger
fragten Mich, was das bedeute. Ich aber hieß sie zurücktreten und ging auf dem
Wege der Schar entgegen. Als Mich Judas sah, trat er auf Mich zu, grüßte Mich
und wollte Mich küssen als Erkennungszeichen für die Schergen. Ich aber wehrte
ihm und sagte: „Judas, verrätst du also des Menschen Sohn? Dir wäre besser, nie
geboren zu sein!“ (Joh.18,3)
[GEJ.11_072,18] Darauf wandte Ich Mich zu dem
Haufen und fragte mit starker Stimme: „Wen suchet ihr?“ (Joh.18,4)
[GEJ.11_072,19] Der Anführer antwortete:
„Jesum von Nazareth!“
[GEJ.11_072,20] Darauf gab Ich Mich mit den
Worten: „Ich bin's!“ ihnen zuerkennen und trat ihnen einige Schritte näher.
(Joh.18,5)
[GEJ.11_072,21] Die Schergen aber wichen
zurück, weil sie von Meiner Kraft gar manches gehört hatten und sich vor dieser
fürchteten, – weswegen auch von Kaiphas nur solche Knechte ausgewählt worden
waren, die Mich noch nicht kannten. Einige der zuletzt Stehenden fielen von dem
Anprall der Vorderen sogar zu Boden. (Joh.18,6)
[GEJ.11_072,22] Wiederum fragte Ich sie, da
die Knechte zögernd und ängstlich dastanden: „Wen suchet ihr?“
[GEJ.11_072,23] Und auf die nochmalige
Antwort des Anführers wiederholte Ich: „Ich habe es euch gesagt, daß Ich es
bin! Suchet ihr aber Mich, so lasset diese hier gehen!“ (Joh.18,7.8)
[GEJ.11_072,24] Als nun die Knechte merkten,
daß ihnen nichts geschehe, schämten sie sich ihres anfänglichen Schreckens,
drangen auf Mich ein und umringten Mich alsbald, während der Anführer ihnen
zurief, nur auf Mich zu achten, da der Befehl des Hohepriesters laute, nur Mich
zu fangen.
[GEJ.11_072,25] Petrus aber, der da nun
erkannte, daß ernstlich Gefahr für Mich drohe und keinerlei Wunder geschehe,
Mich zu befreien, zog das stets verborgen getragene Schwert und drang zu Mir
hin. Ihm stellte sich Malchus entgegen, der ihn mit dem Spieße abwehrte. Da
führte Petrus einen Streich nach ihm, der dem Malchus das Ohr abtrennte.
(Joh.18,10)
[GEJ.11_072,26] Ich rief nun dem Petrus zu:
„Stecke dein Schwert in die Scheide! Soll Ich den Kelch nicht trinken, den Mir
Mein Vater gegeben hat?“ (Joh.18,11)
[GEJ.11_072,27] Darauf wich Petrus zurück.
Ich aber berührte das wunde Ohr des Knechtes, und alsobald ward es heil.
(Luk.22,51) Diese Tat verwunderte die Knechte, so daß sie sich um die Jünger
nicht weiter kümmerten, sondern nur bedacht waren, Mich fortzubringen.
[GEJ.11_072,28] Da Ich nun alles schweigend
über Mich ergehen ließ, Mir auch die Hände von ihnen ohne jedes Widerstreben
binden ließ (Joh.18,12), so sprachen sie unter sich ihre Verwunderung aus,
warum doch ihnen gesagt sei, die äußerste Gewalt zu gebrauchen, da doch einen
solchen Menschen zu fangen nichts weniger als gefährlich sei. – Judas aber
stand dabei und wartete, daß irgend etwas geschehe, wodurch die Wächter in
Schrecken versetzt würden. Da aber nichts geschah, glaubte er um so sicherer,
es werde sich vor dem Hohen Rate Meine Kraft schon entfalten.
73. Kapitel – Jesu Verhör und Verurteilung.
[GEJ.11_073,01] Der Zug ging nun über den
Kidron durch dasselbe Tor hindurch, durch welches Mein Einzug geschehen war. Die
Tempelwachen führten Mich zunächst zu Hannas, welcher des Hohenpriesters
Kaiphas Schwäher war. Hannas aber war darum der erste, zu dem Ich gebracht
wurde, weil er Stellvertreter des Kaiphas war und in dieser Angelegenheit sich
stets sehr regsam verhalten hatte, weswegen auch ihm zunächst die Nachricht
gebracht wurde, es sei geglückt, Mich zu fangen. (Joh.18,13)
[GEJ.11_073,02] Notabene. Es ist nun durchaus
nicht die Absicht, hier das alles zu wiederholen, was im Evangelium Johannis
schon ausführlich behandelt worden ist – denn diese Schrift soll das Evangelium
Johannis durchaus nicht überflüssig machen –, sondern es wird in den folgenden
historischen Ereignissen nur ergänzt werden, was als Lücke empfunden werden
kann.
[GEJ.11_073,03] Die Art, wie Hannas Mich
empfing, und auch des Petrus Fall ist daher dort nachzulesen. (Joh.18,13-27). –
[GEJ.11_073,04] Hannas sandte Mich gebunden
zu Kaiphas.
[GEJ.11_073,05] Judas, welcher nun einsah,
daß alles wohl anders abzulaufen schien, als er gemeint hatte, sah, wie Ich
fortgeführt wurde, und folgte dem Zuge bestürzt und voller Furcht über das
Gelingen seiner Absicht. Er wollte auch mit Mir zum Hohenpriester eindringen,
jedoch wurde ihm der Eintritt verwehrt.
[GEJ.11_073,06] Bei Kaiphas war der ganze
Hohe Rat versammelt, der auf Mein Erscheinen schon längst ungeduldig und
rachebrütend wartete. Dort wurde nun in aller Form die Anklage gegen Mich
erhoben, und Zeugen traten wider Mich auf, die da bezeugen sollten, Ich sei ein
Hochverräter. Hierzu wurde namentlich der Einzug benutzt, sowie, daß Ich es
gewagt hätte, das Heiligtum zu betreten, und Mir dadurch priesterliche Kraft
angemaßt hätte, die Ich nicht besäße. Sodann wurde haarscharf bewiesen, daß Ich
das Volk gegen den römischen Kaiser aufbringen wolle, um Mich Selbst zum Könige
zu machen. Als es jedoch dazu kam, Zeugen hierfür zu gewinnen, welche diese
Absicht durch Meine Worte beeiden konnten, fanden sich keine.
[GEJ.11_073,07] Schließlich traten die Zeugen
auf, welche sagten, Ich habe gesagt: ‚Brechet diesen Tempel ab, und in drei
Tagen will Ich ihn wieder aufbauen!‘
[GEJ.11_073,08] Kaiphas sagte nun, dies sei
eine Schmähung gegen den Tempel selbst; denn um dies zu vollbringen, dazu
gehöre göttliche Gewalt, die dem Gesalbten des Herrn, der da einmal in großer
Kraft kommen würde, nur allein eigen sein könne. Ich aber habe gesagt, Ich sei
Christus, der Gesalbte, und so beschwor er Mich, zu sagen, ob Ich wirklich sei
Christus, der Sohn Gottes. (Matth.26,63)
[GEJ.11_073,09] Darauf antwortete Ich: „Du
sagst es. Doch sage Ich euch: Von nun an wird es geschehen, daß des Menschen
Sohn wird sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels zu
dem Vater, der da in Ihm wohnt!“ (Matth.26,64)
[GEJ.11_073,10] Da zerriß der Hohepriester
seine Kleider und sprach: „Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer
Zeugen? Ihr habt seine Gotteslästerung gehört.“ (Matth.26,65)
[GEJ.11_073,11] Natürlich stimmten alsbald
alle dem zu; denn im Rate waren nur die versammelt, von denen Kaiphas wußte,
daß sie ihm ergeben und willfährig waren. Die da aber Mir irgendwie freundlich
gesinnt waren – wie sich bei den letzten Sitzungen bereits erwiesen hatte –,
denen war die Absicht, Mich zu fangen, und des Judas Verrat verheimlicht
worden. So war denn auch das Todesurteil schnell fertig, und es handelte sich
nur darum, die Genehmigung des Pontius Pilatus zu erlangen.
[GEJ.11_073,12] In der Frühe wurde Ich dahin
gebracht und dem Landpfleger die Sache vorgetragen: Ich sei ein Rebell und
Gotteslästerer und habe als solcher den Tod verschuldet. (Joh.18,28-32)
[GEJ.11_073,13] Pontius Pilatus, dem Mein
Einzug sehr wohl bekannt war und der nichts Rebellenhaftes an ihm hatte finden
können, suchte Mich zu retten, da er als Römer geneigt war, in Mir eine Art
Halbgott von besonderen Kräften zu sehen. Er sprach nun mit Mir, wie es im
Evangelium Johannis (18,33-38) zu lesen ist, und sagte den vor dem Richthause
stehenden Templern, daß er keine Schuld an Mir fände.
[GEJ.11_073,14] Darauf trat einer der höheren
Priester vor und erklärte ihm nochmals, daß Ich das Land durchzogen und gegen
den Tempel und dessen Diener gepredigt habe, die doch die Hoheit des Landes und
Stellvertreter Gottes seien. Bei dieser Gelegenheit wurde gesagt, daß Ich aus
Galiläa sei.
[GEJ.11_073,15] Pilatus war froh, als er
diese Botschaft hörte, und sah einen Ausweg, sich den ganzen Handel vom Halse
zu schaffen. Galiläa stand unter der Oberhoheit des Herodes, und so konnte
dieser hier ein Urteil sprechen. Er endete also kurz das Verhör und gab Befehl,
Mich zu Herodes zu senden, um diesen das Recht sprechen zu lassen über einen
seiner Untertanen. (Luk.23,6.7)
[GEJ.11_073,16] Herodes war sehr erfreut, als
Ich zu ihm gebracht wurde, da nun sein Wunsch, Mich persönlich zu sehen,
erfüllt wurde und er sich nun überzeugen wollte, was an den vielen Gerüchten
von Meiner Wunderkraft Wahres sei. (Luk.23,8) Er ließ Mich sogleich vor sich
führen und befahl seiner Umgebung, sich zu entfernen. Wir blieben allein. Er
sprach seine Verwunderung aus, daß ein Mann wie Ich, der doch über besondere
Kräfte verfüge, sich habe fangen lassen, und wollte wissen, wie das hätte
geschehen können. Ich antwortete ihm jedoch nicht, so daß er darüber in
Verlegenheit geriet und ernstlich verlangte, er wolle Antwort von Mir haben.
Mein fortgesetztes Schweigen verstimmte ihn zunehmend, und er geriet in eine
große Wut darüber, so daß er auf Mich zulief und Mir mit der Folter drohte. Ich
sah ihn nur ruhig an, und alsogleich erzitterte der alte Sünder ob dieses
Blickes so sehr in seinem Herzen, daß er angstvoll nach seiner Umgebung rief. –
Ich war ihm äußerst unheimlich geworden, und um seine Furcht zu verbergen,
spottete er nun Meiner vor dem Hofgesinde, das selbstredend sogleich mit dem
Herrscher in solche Spottreden einstimmte. (Luk.23,11a)
[GEJ.11_073,17] Herodes sah sich nun in
seinen Hoffnungen betrogen, durch übernatürliche Macht etwas ausrichten zu
können, und wollte nun wenigstens noch soviel als möglich Nutzen aus der ganzen
Sache ziehen. Daher gab er Befehl, Mich zu Pilatus wieder zurückzuführen, indem
er mit verbindlichen Worten sagen ließ, daß er der Oberhoheit Roms gern
untertan sei und verzichte, über einen seiner Untertanen zu richten, der nach
Ausspruch des Tempels sich auch gegen die Oberhoheit Roms auflehnen wollte. Mit
einem weißen Kleide angetan, das Mir Herodes als ein Zeichen der Unterwerfung
geben ließ, kam Ich nun zu Pilatus zurück, der über Meine Rückkunft nicht
sonderlich erbaut war, wohl aber über das Handeln des Herodes, das auch später
eine völlige Versöhnung zwischen beiden Machthabern verursachte. (Luk.23,11b)
[GEJ.11_073,18] Pilatus war inzwischen von
seinem Weibe gewarnt worden, welches im Traum gesehen hatte, wie die Guten und
Bösen vom Sohne geschieden wurden (Matth.27,19), und er trachtete danach, Mich
loszulassen. Er verfiel daher auf die Idee, dem Volke vorzuschlagen, Mich
freizugeben, da es zur Osterzeit Sitte war, irgendeinen Verbrecher zu
entlassen, für den das Volk sprach. (Joh.18,39)
[GEJ.11_073,19] Die Priester und Templer
hatten jedoch ihren ganzen Anhang aufgeboten, der vor dem Richthaus stand, und
dieser ließ niemand von dem übrigen Volke hinzu, so daß die eingeschüchterte,
Mir anhängliche Volksmenge nicht in nächster Nähe stand, sondern nur diese
Tempelsippe, die ihren Zweck, Mich zu beseitigen, mit aller Macht zu erreichen
suchte. Da, wie schon früher gesagt, Barabbas beim Tempel gut angeschrieben
war, so wurde auf die Frage des Landpflegers, welchen Gefangenen er losgeben
sollte, sogleich verabredetermaßen ‚Barabbas!‘ gerufen und Mich zu kreuzigen
verlangt, wobei immer betont wurde, Ich sei ein Aufrührer und gegen den Kaiser.
(Joh.18,40)
[GEJ.11_073,20] Pilatus wußte sich nicht mehr
zu helfen, da wohl Beschuldigungen genug gegen Mich vorgebracht worden waren,
er aber die Schuldfrage bei sich nicht bejahen konnte. Er glaubte nun, durch eine
Geißelung allein genug Strafe über Mich zu verhängen und verlas diese denn
auch. Und so wurde Ich denn gegeißelt. (Joh.19,1-3)
[GEJ.11_073,21] Nach dieser Strafe führten
die Knechte Mich im erbarmungswürdigsten Zustande, im Purpurmantel und mit
Dornen gekrönt, heraus, da Pilatus hoffte, dieser Anblick würde die Juden zum
Mitleid bringen, so daß er Mich freilassen könne. (Joh.19,4.5)
[GEJ.11_073,22] Doch der Juden Herzen waren
härter als Stein und wieder schrien sie: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“
[GEJ.11_073,23] Pilatus wiederholte: er finde
keine Schuld an Mir, die den Tod verdiene, und Ich sei nun genug gestraft.
(Joh.19,6)
[GEJ.11_073,24] Da schrien die vordersten und
erbittertsten pharisäischen Priester: „Er muß sterben, denn er hat Gott
gelästert! Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht, und nach unserem Gesetz
ist der des Todes, der Gott lästert!“ (Joh.19,7)
[GEJ.11_073,25] Da erschrak Pilatus noch
mehr, als er das hörte; denn seine römische Ansicht, Ich könne ein Halbgott
sein, fand hier neue Nahrung. Darum ging er wiederum in das Haus, in das Mich
die Knechte ebenfalls zurückgeführt hatten, und fragte Mich, von wannen Ich
sei, das heißt welcher Herkunft und welchen Landes, da er Mir glauben wolle,
nicht Meinen Anklägern. (Joh.19,8.9)
[GEJ.11_073,26] Ich jedoch antwortete ihm
nicht – und das aus Erschöpfung. Pilatus fragte wiederum, wie Johannes, Kapitel
19, Vers 10, angegeben. Auch die weiteren Ereignisse spielten sich nach Vers
11,12 und 13 ab. –
[GEJ.11_073,27] Pilatus, welcher nun
eingeschüchtert war – denn er kannte den Tempel und wußte, daß dieser zu allem
fähig war, wenn es galt, etwas durchzusetzen –, wollte daher der Sache ein Ende
machen und bestieg den Richtstuhl, eine Zeremonie, die bei den Römern Sitte
war, wenn es galt, ein unumstößliches Urteil zu fällen. Er stellte Mich
nochmals dem Volke vor und fragte, wen er freilassen solle. (Joh.19,13)
[GEJ.11_073,28] Der Anhang schrie wiederum:
„Barabbas!“
[GEJ.11_073,29] Es wurde daher nun nach
diesem gesandt, um ihm die Freiheit zu geben. Sodann wies Pilatus auf Mich und
sagte: „Sehet hier, euer König! Was geschehe mit ihm?“ (Joh.19,14)
[GEJ.11_073,30] Schrie wiederum der Haufe:
„Kreuzige ihn!“
[GEJ.11_073,31] Pilatus sagte nun spöttisch:
„Soll ich euern König kreuzigen?“
[GEJ.11_073,32] Darauf trat einer der
Hohenpriester vor und sagte sehr nachdrucksvoll: „Wir haben keinen König denn
den Kaiser; dieser aber ist gegen den Kaiser und hat sich selbst zum König
gemacht. Auf ihn kommt die Schuld!“ (Joh.19,15)
[GEJ.11_073,33] Sagte Pilatus sehr ernst:
„Und wenn nun dennoch unschuldig Blut vergossen wird?“
[GEJ.11_073,34] „So komme sein Blut über uns
und unsere Kinder!“ rief laut der Hohepriester. Und der Anhang fiel lärmend in
diesen Ausruf ein, ihn oft wiederholend. (Matth.27,25)
[GEJ.11_073,35] Da sah nun Pilatus, daß er
Mir nicht helfen könne, ohne sich selbst schwere Ungelegenheiten zu bereiten.
Auch fürchtete er, das römische Ansehen könne darunter leiden, wenn er zu viel
Schwäche zeige.
[GEJ.11_073,36] Um aber ein äußeres Zeichen
zu geben, daß er sich frei von der Verantwortung fühle, wusch er sich vor allem
Volk die Hände und sprach (Pilatus): „Ich bin unschuldig an dem Blute dieses
Gerechten; denn nach unserm Gesetz hat er nicht gefehlt. (Matth.27,24) Anders
mag es sein nach eurem Gesetz, wie ihr sagt, – und so übergebe ich ihn nun
eurem Gesetz!“ (Joh.19,16)
[GEJ.11_073,37] Darauf überantwortete er Mich
den bereitstehenden Tempelwächtern, die Mich alsbald in Gewahrsam nahmen, zu
derselben Zeit, als Barabbas entlassen und vom Volke mit lauten Zurufen begrüßt
wurde.
74. Kapitel – Jesu Kreuzigung, Tod und
Begräbnis.
[GEJ.11_074,01] Der Tempel hatte nun
anscheinend gesiegt, und derselbe beeilte sich, das ausgesprochene Todesurteil
so schnell als möglich zur Vollstreckung zu bringen. –
[GEJ.11_074,02] Es soll nun weiterhin nicht
die genaue Beschreibung aller Martern erfolgen, die Mein Leib durchzumachen
hatte; denn das sind Dinge, die keines Menschen Seele im Leibe schon fassen
kann. Erst im freigeistigen Zustande ist es dieser möglich zu begreifen,
inwiefern diese Todesqual geeignet war, den Leib völlig zu vergeistigen und
dadurch auch zur Erlösung der Materie beizutragen, obschon nicht gerade die
Notwendigkeit dieser Peinigung vorlag.
[GEJ.11_074,03] Es sollen hier nur verschiedene
Irrtümer noch berichtigt und Klarheit in einige Dinge gebracht werden, damit an
der Hand der bezüglich des Leibestodes ziemlich genauen Evangelien ein
deutliches Bild der letzten Stunde des Menschensohnes gegeben werde.
[GEJ.11_074,04] Es ist hier zunächst das
Kreuztragen ins Auge zu fassen. Es war bei den Römern Sitte, daß jeder zum Tode
der Kreuzigung verurteilte Verbrecher sein Marterholz selbst bis zur
Richtstätte tragen mußte, und oft, falls ihn die Kräfte hierzu verließen, wurde
er auf das grausamste gepeinigt, um diese Strafe zu vollführen. Auch Mir blieb
natürlich dieses nicht erspart; jedoch verließen den auf das höchste
erschöpften Körper sehr bald die Kräfte, so daß Ich mehrere Male zu Boden
stürzte.
[GEJ.11_074,05] Simon von Kyrene nun, der ein
Anhänger Meiner Lehre und als solcher den Priestern sehr wohl bekannt war,
begegnete dem Zuge und beobachtete voller Entsetzen und Mitleid Meine
jammervolle Lage.
[GEJ.11_074,06] Da rief ihm einer der Templer
höhnend zu: „Da sieh deinen großen Meister, der sich nicht selbst helfen kann!
Jetzt kommt all sein Betrug elend zutage.“
[GEJ.11_074,07] Simon entgegnete empört und
weissagenden Geistes: „Ihr werdet noch der Stunde fluchen, in der ihr solches
getan habt! Ich aber wünsche, meinem Meister dienen zu können, damit dieser
Schmerzensweg Ihm leichter werde.“
[GEJ.11_074,08] „Das sollst du!“, riefen
erbost mehrere Priester. „Denn da du es wagst, die Handlungen des Tempels zu
schmähen, so legen wir dir Buße auf, und du sollst das Kreuz deines Meisters
tragen!“ Als Simon das hörte, eilte er freudig hinzu, nahm das schwere Kreuz
auf seine starken Schultern und bot Mir, dem am Boden Liegenden, noch seine
Hand, damit Ich Mich stützen möge. Ich nahm diese, und Simon ward so sehr in
seiner Kraft gestärkt, daß es ihm leicht wurde, die schwere Last zu tragen.
[GEJ.11_074,09] Es waren aber alle Meine
nächsten Freunde, die während der Aburteilung nicht zu dem Richthause gelangen
konnten, nun gefolgt, und auch nahte sich jetzt viel des Volkes, das erst
eingeschüchtert von ferne gestanden hatte, als der Anhang des Tempels sein
‚Kreuzige ihn!‘ geschrien hatte. Diese nahmen alsbald eine drohende Haltung an,
als der Zug sich dem Tore näherte, an dem ein weiter Platz es ermöglichte, sich
auszubreiten. Die Pharisäer hatten aber sehr wohl so etwas befürchtet und
hatten daher eine größere Abteilung römischer Soldaten beordert, welche den Zug
am Tore nach Golgatha hin erwartete, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.
[GEJ.11_074,10] Als nun die Mir Wohlgesinnten
sahen, daß Ich rettungslos verloren und eine etwaige gewaltsame Befreiung aus
den Händen der Tempelschergen unmöglich sei, erhob sich ein großes Wehklagen,
in das namentlich die Weiber stark einstimmten.
[GEJ.11_074,11] Ich wandte Mich daher zu den
Nächststehenden und sagte zu ihnen: „Weinet nicht über Mich, sondern über euch
und eure Kinder; denn diesen wird Schlimmeres widerfahren, als ihr nun sehet,
daß es Mir geschieht! Ich gehe ein zu Meinem Vater; jene aber werden nicht
wissen, wohin sie gehen!“
[GEJ.11_074,12] Es heißt in der Überlieferung
der Kirche, die Magd Veronika habe Mir ein Tuch gereicht, um den Schweiß zu
trocknen. Das ist wohl wahr; denn diese stand in den ersten Reihen der
Wehklagenden. Das Abdrücken des Gesichtes in dies Tuch ist jedoch eine später
entstandene Sage, ebenso wie es hier gesagt sei, daß es zu Meiner Zeit nie
einen Juden Ahasver gegeben hat, der Mich von seinem Hause verjagte. Beides
sind Mythen, die später entstanden sind aus Erzählungen frommer Gemüter, die
bemüht waren, Meinen Leibestod mit allen möglichen Wundern auszuschmücken, die
sich auch in den Evangelien eingeschlichen haben.
[GEJ.11_074,13] Wäre tatsächlich, während der
Leib am Kreuze hing, all derartiges geschehen, wie es berichtet wird – das
große Erdbeben, die Verfinsterung der Sonne, das Erscheinen der Geister und
vieles andere –, so hätte Jerusalem, gezwungen durch diese starken Zeichen,
noch desselben Tages Buße in Sack und Asche getan und Meine Auferstehung nicht
mit Zweifeln, sondern mit Freuden und als Zeichen der Vergebung aller Sünden
betrachtet. So ist aber in der Zeit des Absterbens des Leibes nichts so
Außergewöhnliches geschehen, daß es gerade auf Meinen Tod zwingend Bezug hätte
haben müssen. Und es kann das nicht anders sein, weil die Freiheit des Willens
gewahrt werden muß, Mir jedoch, falls dieses Hauptprinzip nicht gewahrt werden
sollte, es jedenfalls schon früher möglich gewesen wäre, durch solche Wunder
einen Zwang auszuüben. Alles, was geschah, war derart, daß es auch wohl ohne
Meinen Leibestod hätte eintreten können, – und so wollen wir jetzt genauer
betrachten, was das gewesen ist.
[GEJ.11_074,14] Als Ich nun hinausgeführt
worden war nach Golgatha, der derzeitigen allgemeinen Richtstätte von
Jerusalem, kam Judas Ischariot in höchster Verzweiflung angestürzt und versuchte,
den Ring zu durchbrechen, welchen die Tempelwächter um die Stätte gezogen
hatten. Er wurde mit Gewalt zurückgetrieben und blieb mit stieren Augen in der
Nähe stehen, immer noch hoffend, es werde etwas Außergewöhnliches zu Meiner
Befreiung geschehen. Er war stets in der Nähe gewesen, als Meine Verurteilung
erfolgte, und je mehr es ihm klar wurde, daß Meine Kraft hier entweder
erloschen sei oder nicht von Mir gebraucht werde, in um so größere Angst geriet
er.
[GEJ.11_074,15] Schließlich eilte er zu dem
Hohen Rate zurück und wollte das Geld zurückgeben, indem er sagte, er habe
unschuldig Blut verraten, und sich selbst heftig anklagte. Voll Hohnes wurde er
natürlich abgewiesen mit dem Bemerken, er solle sehen, wie er da mit sich
fertig werde. Voller Verzweiflung warf er das Geld in den Almosenkasten des
Tempels und eilte hinaus, noch immer sich mit schwacher Hoffnung daran haltend,
Ich würde Mich Selbst befreien, ehe das Schlimmste eintrete. Als er nun sah,
wie Mein Leib zu Boden geworfen und auf das Kreuz gelegt wurde, als er die
Hammerschläge hörte, die die Nägel durch Mein Fleisch ins Holz trieben, schrie
er laut auf und stürzte eilends davon. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, eilte
er in eine einsame Gegend, wo er sich an einem Feigenbaum mit seinem Gürtel erhängte.
[GEJ.11_074,16] Er hatte seinen Irrtum, seine
Geldgier und Selbstsucht teuer bezahlt. Was jedoch mit ihm sodann geworden ist,
davon wird noch einmal berichtet werden.
[GEJ.11_074,17] Erst mehrere Tage nach seinem
Leibestode ward sein Leichnam gefunden, der von dem Gürtel heruntergefallen war
und von den Hunden und Schakalen benagt wurde. An derselben Stätte wurde er
auch verscharrt. –
[GEJ.11_074,18] Es wird nun berichtet, es sei
eine Finsternis eingetreten, als Mein Leib am Kreuze hing. Ja, eine große
innere Finsternis trat ein über Jerusalem, aber keine äußere. Eine innere, die
jeder fühlte, als sei ihm etwas verlorengegangen, ohne daß er wußte, was es
sei, und selbst die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Pharisäer und Tempeljuden,
die doch sehr nach Meinem Tode verlangt hatten, fanden keine Befriedigung und
keine Freude an ihrer Tat.
[GEJ.11_074,19] Daher kam es auch, daß der
Tempel keinerlei Schritte tat gegen Meine Jünger und nächsten Anverwandten,
auch nicht gegen Nikodemus, Joseph von Arimathia und Lazarus, die alle zu
Meinem Kreuze wallfahrten und in der letzten Lebensstunde zugegen waren.
Vornehmlich der Würde des Nikodemus als Mitglied des Hohen Rates verdankten es
die Meinen, daß sie in nächster Nähe zu bleiben die Erlaubnis erhielten, während
sonst der Platz von Soldaten abgesperrt und niemand hinzugelassen wurde. Dieser
Fürsprache zufolge wurde eine Ausnahme gemacht. Meine allernächsten Jünger
jedoch, außer Johannes, waren nicht zugegen, wie Ich es auch schon oftmals
früher vorhergesagt hatte. Der Hirte war geschlagen, und so zerstreuten sich
die Schafe. Nach Meiner Gefangennahme hatten sie sich teilweise zu Lazarus
geflüchtet, teils waren sie bei Freunden versteckt, die sie verborgen hielten.
[GEJ.11_074,20] Nur Johannes allein wagte es,
sich überall offen zu zeigen und Meiner Leibesmutter Maria eine Stütze und ein
Trost zu sein.
[GEJ.11_074,21] Petrus, der nach seinem Falle
von tiefster Reue erfaßt worden war, folgte allerdings heimlich dem Zuge, der
Mich durch die Straßen von Jerusalem von einem Oberhaupte zum andern führte,
hielt sich jedoch von allen Brüdern fern, da er in seiner Seele das Bedürfnis
des Alleinseins fühlte und nun erst zur völligen Klarheit hinsichtlich Meines
Wirkens gelangte, wozu die Übungen in Ephrem ihm ganz besonders dienlich waren.
Er erkannte das Wesen und den Zweck Meines irdischen Heimganges und war auch
fest durchdrungen von dessen Notwendigkeit und von Meiner vorhergesagten
Auferstehung, auf die er, zwar ohne ein Wort darüber zu äußern, fest vertraute.
[GEJ.11_074,22] Bezüglich Meiner letzten
Stunden ist das Notwendigste bereits früher gesagt worden, und wer es sich
nochmals vergegenwärtigen will, lese „Die sieben Worte am Kreuz“, so wird er
über Meine letzten Stunden genugsam aufgeklärt sein.
[GEJ.11_074,23] Als Meine Seele sich nun vom
Körper trennte, entstand allerdings ein Erdbeben; aber das war wiederum eine
Erscheinung, die nicht zu sehr auffiel, da in jener Gegend zu Meiner Zeit die
unterirdischen Gewalten des Jordantales noch weit häufiger sich bemerkbar
machten als jetzt, daher Erdstöße nicht allzu selten waren. Daß allerdings aber
diese Erscheinung wirklich mit Meinem Tode zusammenhing, kam den verstockten
Juden nicht in den Sinn.
[GEJ.11_074,24] Auch ist es richtig, daß der
Vorhang im Tempel zerriß als ein äußeres Zeichen, daß es nun gar keine Schranke
mehr gebe, um zum allerheiligsten Herzensraum des Vaters zu gelangen, ja, daß
ein jeder dahin gelangen könne, um das ewige Leben daselbst zu empfangen; aber
auch diese Erscheinung, wenn auch verwunderlich, machte weiter kein Aufsehen.
Die diensttuenden Priester hingen den Vorhang wieder auf, und damit war die
Sache abgetan.
[GEJ.11_074,25] Weiter wird berichtet, daß
die Sonne ihren Schein verlor. Es ist schon gesagt, daß eine Finsternis nicht
eintrat, – wohl aber ist es jedem bekannt, daß sich Erdbeben in heißeren
Ländern durch eine starke Trübung der Atmosphäre ankündigen, wodurch die Sonne
an Glanz verliert. So geschah es ähnlich auch hier. Allerdings hatte aber diese
Glanzlosigkeit der Sonne einen andern Grund als den gewöhnlichen, – wenn auch
die Erscheinung die nämliche war.
[GEJ.11_074,26] Es wird noch berichtet, daß
Verstorbene aus ihren Gräbern stiegen und vielen erschienen sind. Dieser
Bericht muß richtig verstanden werden, und es wird ihn jeder besser begreifen,
wenn er das Folgende in sich aufnehmen wird. –
[GEJ.11_074,27] Als nun der Körper gestorben
war und die Zahl der Feinde ihre Rache völlig gekühlt hatte, verlief sich das
Volk auch bald, weil ein inneres Grauen – eben die innere, schon berichtete
Finsternis – jeden veranlaßte, einen Schutz in seinem Hause zu suchen, wo sich
die Juden nach ihren Satzungen nun zum Sabbat vorzubereiten hatten, der mit
Sonnenuntergang herannahte.
[GEJ.11_074,28] Meine Anhänger näherten sich
nun immer mehr der Richtstätte, so daß der Kreis der Mir Nahestehenden sich
ziemlich vergrößerte. Joseph von Arimathia war schon früher zu Pilatus gegangen
und hatte um Meinen Leib gebeten, eine Vergünstigung, die nicht immer gegeben
wurde.
[GEJ.11_074,29] Pilatus jedoch gab sie ihm
gern, da er dadurch, sowie auch durch die in drei Sprachen ausgeführte Schrift
an der Spitze des Kreuzes, welche besagte, Ich sei der Juden König, den Juden
einen Ärger bereiten wollte.
[GEJ.11_074,30] Meine Freunde nahmen alsbald
den Körper herab, reinigten und salbten ihn und trugen ihn sorgsam zu einem
Felsengrab, das dem Joseph von Arimathia gehörte, auf einem Grundstück, welches
dieser dem Nikodemus abgekauft hatte, um daselbst einst seine eigene letzte
Ruhestätte zu finden.
[GEJ.11_074,31] Golgatha war zwar ein
Felsenhügel, jedoch war die Stätte in nächster Nähe eines vielbewohnten
Villenviertels, wo sich viele reiche Römer und Juden angekauft hatten und
herrliche Landhäuser erbauten; daher ist die Nähe des Gartens erklärlich.
[GEJ.11_074,32] In dieses Grab legten sie den
Körper und verwahrten es wohl, aus Furcht, die Juden möchten in ihrer Bosheit
sonst auch noch dem Leichnam Böses antun.
[GEJ.11_074,33] Diese aber hatten wiederum
Furcht, Meine Anhänger möchten den Leichnam entführen und dann etwa behaupten,
Ich sei auferstanden; denn sie hörten und wußten sehr wohl, daß die Rede von
Meinem vorhergesagten Tode und auch von Meinem Auferstehen im Volke umging.
Daher baten sie den Pilatus um Wachen, die dieser auch bewilligte, schon aus
Neugierde, ob denn da etwas Wunderbares herauskommen würde, wie allerseits
sowohl von den Freunden erwartet, als auch von den Feinden befürchtet wurde. Es
wurden daher Wächter bestellt, römische Soldaten, welche fünf Tage lang an dem
Grabe Wache stehen sollten. –
75. Kapitel – Über den Tod des Herrn.
[GEJ.11_075,01] Was ist denn aber nun
geschehen, während der Leib im Grabe lag, und was war denn der eigentliche,
zwingende Grund Meines Sterbens? – Hierüber soll jetzt eine kurze, aber klare
Erklärung folgen. Und so höret:
[GEJ.11_075,02] Es ist bereits früher öfter
auseinandergesetzt worden, daß Adam als erster Mensch – im Sinne der völligen
Geistesfreiheit – dieser Erde dazu erschaffen worden war, eine Form zu bilden,
aus der heraus die Materie wieder zum freien Geistesleben zurückgeführt werden
könnte. Dazu gehörte aber vor allen Dingen die Überwindung der Materie selbst,
das heißt: es mußte durch freien Entschluß ein Zustand geschaffen werden, der
nach der einen Seite hin die Besiegung aller niederen, als irdische Lüste,
Begierden und Neigungen bekannten Eigenschaften aufwies, um nach der andern
Seite ein freies Aufsteigen zum reinsten Geistesleben zu ermöglichen.
[GEJ.11_075,03] Es ist schon oft genug gesagt
worden, daß die menschliche Seele aus kleinsten Anfängen besteht, welche,
wachsend und zu immer höheren Bewußtseinssphären sich entwickelnd, schließlich
im Menschen wieder diejenige Form erlangen, welche eben als irdische Form nicht
weiter mehr entwicklungsfähig ist, wohl aber in ihrer seelischen. Deswegen
begegnen sich im Menschen zwei Prinzipien: das Ende des materiellen Lebens als
höchst ausgeprägtes Selbstbewußtsein und der Anfang eines seelischen,
unwandelbaren Lebens in der höchsten errungenen Formenvollendung. Deswegen kann
der Mensch auf dieser Messerschneide des irdischen Lebens sich dem Bewußtsein,
daß er lebt, wohl nicht verschließen – denn dessen ist er sich selbst Beweis –,
aber dennoch gar keine Ahnung davon haben, daß er an der Schwelle eines
geistigen Lebens angelangt ist, welches nun in der unwandelbar bleibenden
Menschenform seinen Anfang nimmt, – mit anderen Worten: nachdem er viele
Leibeswandlungen, welche die Menschengestalt als Ziel sich setzten,
durchgemacht hat, bleibt diese jetzt in ihrer allgemeinen Gestaltung unberührt;
wohl aber beginnt jetzt eine seelische Wandlung, die das Ziel hat, sich immer
mehr dem Gottgeiste Selbst zu nähern und mit Diesem in eine Gemeinschaft zu
treten.
[GEJ.11_075,04] Wer nun zu denken vermag, der
denke! Was kann geschehen, wenn nicht dieser Übergang vermittelt wird? Denn
hier stehen sich Materie und Geist schroff gegenüber, die sich wohl gegenseitig
immer mehr verfeinern, nie aber – als Polaritäten – ganz berühren können. Es
muß doch jedenfalls hier ein Weg gezeigt, eine Brücke geschlagen werden, über
welche es möglich ist, von der Materie zum Geiste zu gelangen, – und dieser Weg
muß ein Beispiel sein, dem jedermann nachzufolgen imstande ist. Würde dieser
Weg nicht gefunden, das heißt also, würde nicht ein Mensch denselben betreten,
so würde der Austritt aus der Materie, um in ein freigeistiges Leben
hinüberzukommen, unmöglich werden.
[GEJ.11_075,05] Es muß also das Bestreben der
Gottheit Selbst sein, Ihre Geschöpfe, welche Sie aus Liebe und zu ihrer Rettung
in den Materiegang einzwängte – nachdem diese die Grenze erreicht haben, von wo
der geistige Weg möglich ist –, auch zu Sich heranzuziehen und so in das
Verhältnis des Vaters zum Kinde zu führen. Adam sollte diese Brücke in sich
bauen und hatte es eigentlich sehr leicht, indem die Anreizungen der Materie
sehr gering waren im Vergleich zu jetzt. Es bedurfte bei ihm nur der
Selbstbesiegung, des Gehorsams, so war die Brücke geschlagen, und in ihm konnte
das geistige Leben blühend erwachen, da Gehorsam gegen Gott bei einem Menschen,
der sonst frei von jedweder Sünde ist, das einzige Prüfungsmittel ist. Erst aus
dem Ungehorsam folgen alle anderen Vergehen von selbst, wie jeder bei Kindern
leicht beobachten kann. Nun fiel Adam, und damit war ein Zurücktreten in die
Materie, das heißt in diejenige Polarität geschehen, welche sich ebensoweit von
Gott entfernen kann, als zu Gott Selbst zu immer höheren Seligkeiten
aufzusteigen vermag.
[GEJ.11_075,06] Mit diesem Falle aber war die
Sünde deswegen in die Welt getreten, weil Gott nie ein Werk schafft, um es etwa
wieder zu zerstören, sondern der einmal geschaffene Weg wird weiterverfolgt,
sozusagen zu korrigieren gesucht, weil die göttliche Weisheit von vornherein
die Folgen eines Mißlingens berücksichtigt. Soll es aber heißen, freie
Geschöpfe zu schaffen, keine Geistmaschinen, so ist der Weg der
Selbstentwicklung im Menschen überhaupt nur der Weg hierzu. Mit dem Entstehen
des Menschengeschlechtes als Völker aber war die Folge der sämtlichen Sünden,
die in langer Reihe als nun immer tieferer Fall bestehen, gegeben, da deren
Anfang als Ungehorsam nun einmal bestand. Das heißt, wäre Adam nicht ungehorsam
gewesen, so hätte auch keiner seiner Nachkommen ungehorsam sein können, weil er
in sich sodann einen Keim vernichtet hätte, der dann nicht mehr fortvererbt
werden konnte. So aber befruchtete er diesen Keim, und in seinen Nachkommen
wuchs er zu dem Baume aus, der das Licht der Sonne durch sein starres
Blätterdach kaum mehr hindurchscheinen läßt.
[GEJ.11_075,07] Oftmals wurde es nun von
besonders starken Seelen versucht, durch dieses Blätterdach hindurchzubrechen,
um die Sonne durchscheinen zu lassen, und je nachdem dieses auch bei einzelnen
Teilen desselben gelang, besitzt die Menschheit uralte Religionen. Nicht aber
gelang es diesen starken Seelen, den Kern des Baumes so zu treffen, seine Krone
so zu brechen, daß dieser mächtige Baum ersterben mußte. Und zwar gelang es
ihnen darum nicht, weil sie selbst in ihrem irdischen Leben nicht ohne Schuld
waren, sondern erst die Welt verkosteten, ehe sie Durst nach Wahrheit, nach
Gotteserkenntnis empfanden. Die Welt schmeckte ihnen schal, – nun erst suchten
sie Besseres.
[GEJ.11_075,08] Die altindischen Religionen
sind die ältesten, die euch bekannt sind; denn die altägyptische in ihrer
echten Lehre war die älteste, und deren Kenntnis ist verlorengegangen. Alle
diese Lehrer waren solch starke Seelen, welche das Blätterdach für sich
durchbrachen, den Weg zeigten, auch Wahres und Echtes beschrieben und
ausgesprochen haben, jedoch nicht anders schreiben konnten zu ihrer Zeit,
wodurch jetzt vieles hinfällig geworden ist, was in seinem Zusammenhange der
Dinge leicht erklärlich ist. Darüber nun folgendes:
[GEJ.11_075,09] Gott war, bevor die
Einkleidung ins Fleisch als Jesus geschah, unpersönlich. Daher konnte auch
niemand zu Seiner Anschauung gelangen, sondern nur zu der Empfindung Seines
Wesens, das naturgemäß sich allein als Licht bemerkbar machen konnte, da Gott
in Sich Selbst pures Licht ist, das seine Strahlen aussendet. Wo jedoch Licht
ist, ist es auch überall; es durchflutet alles und belebt alles. Die Unpersönlichkeit
Gottes bedingt aber nun nicht einen Ausstrahlungspunkt, wie von einer Sonne
aus, sondern ein Lichtmeer, in dem es keine Konzentration gibt. Diejenigen
also, welche geistig zu dem Gottwesen hinaufdrangen, konnten das Gottwesen auch
nicht anders empfinden als ein Leben im Licht, das Schweben und Ruhen im
Lichte, das wunschlose Sich-Vermählen mit dem Lichte. Als der Mensch Jesus nun
die Personifizierung Gottes wurde, war das Empfinden der Gottheit für den, der
sich Ihr näherte, ein ganz anderes, – einfach das Sich-Nähern eines Menschen an
den andern, und somit haben die alten Seher recht; aber die neueren, welche
nach Mir lebten, haben ebenfalls recht.
[GEJ.11_075,10] Nach dem Falle Luzifers, als
die materielle Welt in die Erscheinung trat, war allerdings die geistige Sonne
geschaffen worden als Sitz der Gottheit; aber trotz alledem war diese nicht als
eine alleinige Konzentrierung aufzufassen. Das Licht war in der geistigen Welt
überall, und für den leiblichen Menschen ist, solange seine Seele an diesen
Leib gebunden war, vor Meinem irdischen Leben diese geistige Sonne nicht
sichtbar geworden. Das Sichtbarwerden derselben war eine Krönung des Glaubens
der Geistwesen; denn erst für diese war sie sichtbar, jetzt jedoch auch dem
Menschen, der an Mich glaubt, sowie ihm das geistige Auge geöffnet ist, weil
der Mensch Jesus allen, die an Ihn glauben, auch Sein gesamtes Reich jederzeit
enthüllen kann.
[GEJ.11_075,11] Es fragt sich noch: Warum
findet man in den alten Religionen dieselben Grundzüge?
[GEJ.11_075,12] Für den, der diese
Enthüllungen begriffen hat, wäre es nur verwunderlich, wenn es nicht so wäre;
denn sind diese alten Religionen Vorläufer der Lehre des Menschen- und
Gottessohnes, so müssen sie auch die Grundzüge der letzteren enthalten, sie können
nicht von ihr Verschiedenes enthalten. Daß das Leben der einzelnen Lehrer,
welche erstanden, auch Gleichheiten mit dem Meinen enthält, beruht auf
demselben Grund.
[GEJ.11_075,13] Würde die altägyptische
Religion in ihren urältesten Grundzügen, die durch den späteren Götterkultus
nur verwischt auf die Jetztzeit gekommen sind, gänzlich bekannt sein, so würde
es heißen: die christliche Religion ist der altägyptischen entnommen, – so sehr
gleichen sich diese, hauptsächlich wenn die Wesenheiten des Osiris, der Isis
und des Horus genau in ihrem uranfänglichen Sinn erkannt würden.
[GEJ.11_075,14] Inwiefern nun gelang es aber
Mir, den Sündenbaum zu brechen und nicht nur das Blätterdach zu durchbrechen?
[GEJ.11_075,15] Zunächst mache sich da einmal
jedermann klar, was es heißt, ‚sündigen‘!
[GEJ.11_075,16] Mancher wird da schnell mit
der Antwort fertig sein und sagen: Sünde ist alles, was gegen Gottes Willen
verstößt! – Das ist schon richtig. Aber was ist denn Gottes Wille, und wie
erkennt diesen der Mensch, der nicht einmal an Gott glaubt und noch viel
weniger dessen Willen anerkennt?
[GEJ.11_075,17] Es muß da aus dem
menschlichen Leben heraus geurteilt werden. – Sündigen kann niemand gegen Gott,
wenn er Ihn nicht erkannt hat. Ebensowenig wie sich jemand an einem Blinden
ärgern wird, der da behauptet, es gäbe kein Licht, nur weil er dieses nicht
sieht, ebensowenig wird Gott denjenigen bedrücken, der Ihn aus Unverstand nicht
erkennt. Wohl aber kann ein Blinder seinen Nachbar oder einen andern Menschen, den
er zwar auch nicht sieht, jedoch hört, fühlt, und dessen direkt fühlbare
Wohltaten er genießen kann, beleidigen, wenn er sich ihm in irgendeiner Weise
widersetzt. Er kann gegen dessen Liebe sündigen; denn trotz der Blindheit kann
er sich dessen Wesenhaftigkeit nicht verschließen.
[GEJ.11_075,18] So ist es auch mit dem
geistig Blinden, der gegen das Gebot der Nächstenliebe sehr wohl verstoßen
kann, auch wenn er Gott nicht erkennt. Die Nächstenliebe ist der Weg zur
Gottesliebe, – das ist schon oft erklärt worden.
[GEJ.11_075,19] Da der Mensch Jesus nun aber
dieses Gebot bis in das Kleinste erfüllte, und zwar von Jugend auf, so wuchs in
ihm auch die Gottesliebe, so daß er schließlich in ihr aufgehen konnte. Die
Sünde hatte keine Macht über ihn; denn er war bestrebt, von dem anfangs
sichtbaren Weg der Nächstenliebe, der sich durch äußere Werke kundtut, zu dem
innerlichen, unsichtbaren Weg in der Gottesliebe zu gelangen.
[GEJ.11_075,20] Gott hatte Adam ein Gebot
gegeben: unbedingten Gehorsam. Er mißachtete es und fiel. Der Mensch Jesus gab
sich aus Liebe zu Gott freiwillig dieses Gebot, nichts ohne des Vaters Willen
zu tun, und ward dadurch das leuchtende Vorbild zur Nachfolge. Er errang also
in sich die Stufe, die Adam nicht errungen hatte, und versöhnte also in sich
die Gottheit, die in Ihrer Heiligkeit verletzt war, durch das mißachtete Gebot.
[GEJ.11_075,21] Die Weisheit gab das Gebot;
der Wille, die Kraft, verlangte die Erfüllung; die Liebe fand den Weg, in dem
Menschen Jesus die Bedingungen zu erfüllen, welche notwendig waren, um den
früheren Seligkeitszustand für alle Geschöpfe zurückzubringen. Darin aber, daß
nun dieser Weg eröffnet ist, der direkt zu Gott führt, und darin, daß dieser
Weg von dem Menschensohn Jesus erfüllt wurde, der dadurch zum Gottessohn wurde,
liegt die Erlösung. Das Sterben Jesu ist die Besiegelung des unbedingten
Gehorsams. Es wäre nicht notwendig gewesen; aber da die Menschheit in ihrem
unbeschränkt freien Willen es durch Luzifers Hauch verlangte, so unterwarf sich
Jesus auch dieser Forderung und starb leiblich. –
[GEJ.11_075,22] Das Verfallen von einer Sünde
in die andere erzeugt stets größere Seelenhärte. Man spricht von versteinerten
Herzen, um diesen Zustand auszudrücken. Wie weit das nun führen kann, ist
unabsehbar. Die Materie, die äußere Lust, wächst immer mehr, und naturgemäß
schwindet damit das Bewußtsein von irgendeinem geistigseelischen Wesenskern
immer mehr. Diese Verhärtung führt schließlich zu einem tierischen Zustand, der
nichts weiter als Erhaltung und Fortpflanzung kennt, ohne geistige, innere
Freiheit. Die Erlösung aus solchem Zustand bietet nur eine reingeistige Lehre,
welche zum sittlichen Bewußtsein der Menschenwürde führt, und diese Lehre wurde
gegeben in nicht mißzuverstehender Kürze und größtmöglicher Klarheit. Die
Befolgung sprengt die Ketten der Materie, lockert die Bande der irdischen
Genußsucht und führt schließlich die materiellen Wünsche und Begierden zu einem
Zustande des reinsten Empfindens, als Kenntnis des Bösen, jedoch nicht mehr zur
Vollbringung des Bösen, weil das eigene Ich immer mehr zusammenschmilzt,
während sonst dieses Ich (Egoismus) sich immer mehr auswächst. Je mehr es
schwindet, desto mehr erlöst sich (erweicht sich) die Materiefessel, um
schließlich nicht mehr als Fessel empfunden zu werden.
[GEJ.11_075,23] Der Baum der Sünde wurde und
konnte also nur durch Jesus gebrochen werden, weil er in sich eben den
Gottesgeist umschloß, der bereits Adam das Gebot gegeben hatte, ohne daß dieser
es erfüllte.
[GEJ.11_075,24] Man wird nun sagen: Wo liegt
denn nun aber der Beweis, daß es sich so verhält, daß nicht die früheren Lehrer
dasselbe vollbrachten? Denn was hier gesagt ist, entzieht sich dem
Menschenauge, ist ein innerer Vorgang, über den ein anderer als eben Jesus
Selbst nicht berichten kann, während der äußere Vorgang, das Auftreten eines
vortrefflichen Lehrers, dessen Wandel und gute Lehren, auch das Sterben, sich
schon öfter gezeigt hat. Wieso ist nun hier der Sündenbaum wirklich gebrochen
und dort nur das Blätterdach durchbrochen? Die äußere Wirkung in der Welt ist
wenig zu spüren, denn die Sünde blüht zur Stunde wie noch nie, – und andere als
äußere Merkmale kann die Menschheit doch nicht beurteilen!
[GEJ.11_075,25] Ja, das scheint schon auf den
ersten Blick so zu sein, aber näher betrachtet – doch nicht!
[GEJ.11_075,26] Jeder, der den inneren Weg
beschreitet, wird bald gewahr werden, wie er in Wahrheit beschaffen ist. Der
äußere Anschein besagt da gar nichts; denn dieser ist eine hohle Nuß. Wer aber
den inneren Weg nicht gehen will, der ist ebensowenig zu überzeugen, oder ihm
ist ebensowenig auch nur ein Bild von diesem Wege zu geben, als es unmöglich
ist, einem Blinden einen Begriff von den Farben zu geben. Hier entscheidet der
Erfolg. Der Weg ist da, betretet ihn, – dann urteilet!
[GEJ.11_075,27] Ohne Mich kann niemand zum
Vater gelangen, und ohne den Glauben an Jesus hat auch noch kein Weiser jemals
das allgewaltige Gottwesen als den Urquell aller Liebe, die sich persönlich
darstellen kann, empfunden. Das Unpersönliche wird zum Persönlichen nur in
Jesus, und diese Vereinigung beider in der Menschenform ermöglicht das
Herantreten des Geschöpfes an den Schöpfer, das Aufgehen der Materie in den
Geist, die Rückführung der entstandenen Sündenfolge aufwärts über die
Scheidewand von Materie und Geist als sonst sich unmöglich berühren könnende
Punkte hinweg – Brücke ist das Leben Jesu. –
[GEJ.11_075,28] Es entsteht also nun die
Frage: Wie weit konnten denn nun vor dem Tode des Menschensohnes die
abgeschiedenen Seelen gelangen?
[GEJ.11_075,29] Sie konnten natürlich, je
nachdem sie eine gegebene Lehre der vielen schon früher aufgetretenen Lehrer
befolgten, zur Erkenntnis und auch zur Seligkeit in sich gelangen, natürlich
aber nicht zur Anschauung der personifizierten Gottheit.
[GEJ.11_075,30] Das geschah aber nun in der
Zeit erstmalig, als der Leib Jesu im Grabe lag. Der rein irdische Leib lag da,
während die Seele mit dem innewohnenden Gottgeiste hinüberging und dort allen
sich zeigte als Der, der Er ist und war.
[GEJ.11_075,31] Darüber sind hier nur
Andeutungen zu geben. Später soll aber auch der genaue Vorgang offenbar werden.
[GEJ.11_075,32] Mit diesem Sich-Offenbaren in
der Geisterwelt entstand der Bau und die Bevölkerung des neuen Jerusalem als
der Stadt Gottes, und sie wird bestehen bleiben in Ewigkeit. –
76. Kapitel – Jesu Auferstehung und
Himmelfahrt.
[GEJ.11_076,01] Am dritten Ostertage nun
kehrte die Gottheit zurück und rief den Körper des Menschensohnes an, der sich
sofort gänzlich auflöste und nun als Gewand der Seele noch hinzugefügt wurde.
Diesen Vorgang ersahen die römischen Wächter als ein glänzendes Licht, das die
Grabhöhle erfüllte, und das sie so erschreckte, daß sie eilends davonliefen, um
Kunde zu geben, Ich sei auferstanden. Der Stein wurde von der Öffnung
hinweggewälzt, so daß nun jedermann Einblick in das Grabgewölbe haben konnte.
[GEJ.11_076,02] Die Soldaten eilten zu
Pilatus, der sich höchlich verwunderte und dem Hohen Rat mit einer gewissen
Schadenfreude Mitteilung machte. Bald gingen daher einige von dessen
Mitgliedern hinaus und fanden die Stätte leer, worauf sie ängstlich des Volkes
wegen, dessen Unmut sie kannten, die Sache zu vertuschen suchten, den Wächtern
Geld gaben und verlangten, sie sollten sagen, die Jünger hätten den Leichnam,
während sie schliefen, gestohlen. Gleichzeitig sicherten sie ihnen
Straflosigkeit zu bei Pilatus, der ein solches Vergehen des Schlafens auf dem
Posten mit dem Tode hätte bestrafen müssen.
[GEJ.11_076,03] Pilatus aber wollte diese
Straflosigkeit nicht zugestehen, sondern sagte, als ein höherer Priester mit
ihm zu verhandeln suchte: „Entweder haben die Kriegsleute geschlafen, so sind
sie doppelt schuldig, indem sie schliefen und mich belogen haben, oder sie
haben nicht geschlafen; sodann stelle ich mich nicht dem Zorn des
Auferstandenen durch eine Lüge entgegen!“
[GEJ.11_076,04] Es war mit ihm da nichts zu
machen, weswegen die Priester den Soldaten viel Geld gaben, daß sie in ferne
Gegenden flüchten sollten, was diese auch taten, wonach dann die Rede vom
Diebstahl des Leichnams ins Werk gesetzt wurde, welcher Glaube sich auch
erhalten hat bis auf diesen Tag.
[GEJ.11_076,05] Es ist aus den Evangelien
bekannt, daß Ich nach diesem Vorgang vielen erschienen bin, und nicht nur an
den angegebenen Orten ist das geschehen, sondern überall, wo Ich gelehrt habe,
um den Anhängern zu beweisen, daß die Lehre, die Ich ihnen gab, richtig sei.
[GEJ.11_076,06] Nicht nur Meine Person ist
sichtbar geworden, sondern auch viele derer, die schon vorher abgerufen worden
waren, erschienen ihren Angehörigen in hellen Träumen und vereinzelt auch
selbst am Tage, um ihnen Kunde zu geben von dem neuen Jerusalem. Diese
Tatsachen sind später mit dem Augenblick des Todes in Verbindung gebracht
worden, und es ist hier die Erklärung dafür zu suchen, daß viele Tote
auferstanden und ihren Anverwandten in den Häusern erschienen sind.
[GEJ.11_076,07] Was nun noch wichtig ist aus
der Zeit bis zur Wegnahme auf dem Ölberge, soll jetzt ganz kurz erwähnt werden.
[GEJ.11_076,08] Zunächst war es Maria
Magdalena, welche Mich gesehen hat. Es war der Vorgang genau so, wie ihn
Johannes angibt (Joh.20,1-18).
[GEJ.11_076,09] Maria war mit noch sechs
anderen Weibern schon sehr frühe zum Grabe gegangen – noch bevor der Hohe Rat
Kunde hatte –, um dort zu beten und die wohlriechenden Salben, die den Körper vor
der Zersetzung bewahren sollten, nochmals über diesen auszugießen. Sie fanden
aber das Grab leer und eilten nun zurück, es den Jüngern zu sagen.
[GEJ.11_076,10] Als sich die Aufregung
derselben gelegt hatte und alle zurückgingen, die Kunde den übrigen zu bringen,
die noch nicht wußten, daß etwas geschehen sei, blieb Maria Magdalena allein
zurück.
[GEJ.11_076,11] Es ist nun bereits gesagt,
warum Ich sie zurückwies mit den Worten: „Rühre Mich nicht an!“ – Ihre noch
unreine Liebe zu Mir hätte sie vernichten können, wenn sie Mein nun
reingeistiges Wesen berührt hätte.
[GEJ.11_076,12] Weiterhin berichtet Johannes,
daß Ich den Jüngern erschien, als sie hinter verschlossenen Türen versammelt
waren (Joh.20,19-23). Dieser Vorgang war folgender Art: Es entstand alsbald,
nachdem die Pharisäer ihre falschen Berichte ausgesprengt hatten, eine große
Unruhe unter dem Volk in Jerusalem. Die meisten glaubten den Templern nicht;
denn die entgegengesetzte Meinung wußte sehr wohl, daß es etwas Unerhörtes sei:
Römische Soldaten sollten einen unter ihre Bewachung gegebenen Ort derart
vernachlässigen, daß ein Grab geöffnet und geleert werden könnte! Es wurden
daher auch bald allerhand Bemerkungen über den tiefen Schlaf der Soldaten laut,
die diese unwahrscheinliche Erklärung verhöhnten und den viel tieferen Schlaf
des Tempels mit dem der Soldaten verglichen. Es wurden die Priester daher sehr
erbost und suchten die Jünger, welche durch die Erzählung des Sachverhaltes
ihre Lügen zuschanden machten, möglichst zu fangen, um auch diese unschädlich
zu machen.
[GEJ.11_076,13] Die Jünger versammelten sich
daher, um zu beraten, was sie tun sollten, und zwar bei dem Wirte in der
Herberge des Ölberges, der hinlänglich bekannt ist.
[GEJ.11_076,14] Thomas jedoch war bei dieser
ersten Versammlung nicht zugegen, da er in Jerusalem bemüht war, zu erforschen,
wie die Sachen daselbst standen.
[GEJ.11_076,15] Mitten in diese Versammlung,
bei welcher auch Lazarus zugegen war, trat Ich hinein und begrüßte die
Anwesenden, die nach dem ersten Staunen, von Freude überwältigt, sich um Mich
drängten. Ich belehrte sie an diesem Abend nun nochmals über den Zweck Meines
Sterbens, sowie über das ihnen nun überkommene Lehramt, sodann, daß sie keine
Furcht haben sollten, da sie bei festem Vertrauen und Liebe zu Mir vor allen
Nachstellungen gesichert seien. Ich bewies ihnen die Unsterblichkeit in Meinem
Reiche somit durch Mein Erscheinen, und alle waren jetzt völlig von Glauben
erfüllt und eifrigen Herzens.
[GEJ.11_076,16] Sodann verabschiedete Ich
Mich von ihnen, nachdem Ich ihnen anriet, sie sollten sich nach acht Tagen
wiederum hier versammeln, und jeder solle suchen, sein Haus zu bestellen.
[GEJ.11_076,17] Nach acht Tagen folgte sodann
die beschriebene Szene mit Thomas, wieder wie Johannes berichtet (Joh.20,26-29).
[GEJ.11_076,18] In dieser Zeit nach Ostern
bin Ich allen denen persönlich erschienen, die mit Mir in direktem Verkehr
gestanden haben, um diesen den Beweis für die Wahrheit Meiner Worte zu geben
und die Gemüter für die Verbreitung der Lehre zu kräftigen. Niemand ist
ausgeschlossen worden. Diejenigen, welche durch Meinen Tod auf die Juden
erbittert waren, wurden besänftigt und die Wankelmütiggewordenen gekräftigt.
[GEJ.11_076,19] Es ist jedoch nutzlos, alle
diese Fälle zu beschreiben, da nichts hierbei vorgefallen ist, was sich nicht
jeder selbst vorzustellen vermag. Diese Taten sind nur für jene eine Krönung
ihres Glaubens gewesen, nicht jedoch ist dadurch eine Erweiterung Meiner Lehren
erfolgt.
[GEJ.11_076,20] Die Erzählung der beiden
Jünger von Emmaus zum Beispiel gibt ein ziemlich genaues Bild aller dieser
ähnlich verlaufenden Ereignisse; daher ist sie auch überliefert worden.
[GEJ.11_076,21] Die Offenbarung am
Galiläischen Meer (Joh.21,1-19) hatte jedoch den Zweck, Petrus, der unter dem
Bewußtsein, Mich verleugnet zu haben, unsäglich litt, wieder aufzurichten und
zu stärken. Daher wurde ihm die Probe auferlegt, seinen Glauben zu betätigen.
Als die Jünger im Schiffe waren und Mich erkannten und dieses Erkennen zu
Petrus äußerten, warf er sich sofort ins Meer, um den Weg zu Mir abzukürzen.
Dieser Glaube reinigte ihn von den noch anhaftenden Schlacken; denn jeder, der
Mich erkannt hat, muß durch das brandende Meer den kürzesten Weg zu Mir suchen.
[GEJ.11_076,22] Seinem dreimaligen Verleugnen
entspricht sodann auch die dreimalige Frage: „Hast du Mich lieb?“ –
[GEJ.11_076,23] Es liegt in diesem Vorgang
eine große Entsprechung, die jeder sich lösen kann, der dieses Werk mit dem
Herzen gelesen hat und nicht nur mit dem Verstande. Darum prüfe sich ein jeder,
ob er diese Entsprechung löse!
[GEJ.11_076,24] Die Jünger gingen alsbald ein
jeder wieder seiner Beschäftigung nach, um ihr Haus zu bestellen. Ich hatte
ihnen geboten, sich an einem bestimmten Tage wiederum bei dem Wirte zu
versammeln, wie es auch geschah. Dieser Tag war der vierzigste Tag nach dem
Osterfest, entsprechend den vierzig Tagen in der Wüste, derer jeder zur
Vorbereitung bedurfte.
[GEJ.11_076,25] Es kamen denn auch alle, die
Mir nahestanden, zusammen, und Ich trat wiederum mitten unter sie und führte
sie auf die Spitze des Ölberges, von wo man eine weite Umschau hatte. Dort
versammelte Ich die Apostel um Mich. Die übrigen Jünger umstanden uns in weitem
Kreise. Ich ermahnte nochmals alle, fest an Mir und Meiner Lehre zu halten.
Auch gab Ich Meinen Jüngern den Auftrag, in alle Welt zu gehen und das
Evangelium zu predigen in Meinem Namen. Alsdann verabschiedete Ich Mich von
ihnen und erklärte ihnen, daß sie Mich nun leiblich nicht mehr sehen würden,
jederzeit jedoch geistig mit Mir verbunden bleiben würden.
[GEJ.11_076,26] Dann segnete Ich sie, und
alsbald war Ich aus ihrer Mitte verschwunden. – – –
77. Kapitel – Schlußwort.
[GEJ.11_077,01] Hiermit ist nun alles
besprochen und getreulich niedergeschrieben, was mit Meinem leiblichen Leben
zusammenhängt und was auf Erden in sichtbare Erscheinung getreten ist.
[GEJ.11_077,02] Es fehlt jedoch hier noch ein
großer Teil, nämlich das, was in der geistigen Welt sich abspielte. – Das zu
fassen, ist die Welt noch viel zu unreif, und auch die wenigen, die Meinem direkten
Worte glauben, können es noch nicht in sich aufnehmen. Es wird jedoch eine Zeit
kommen, und sie ist nicht allzu ferne, wo die Menschen zu einem reingeistigeren
Empfinden zurückkehren. Sodann ist es Zeit, auch dieses zu offenbaren und wird
es sodann geschehen.
[GEJ.11_077,03] Jetzt begnüge sich jeder mit
dem Gebotenen und folge Meiner Lehre nach, damit diese Zeit bald ganz nahe
komme; denn die Völker sollen (einander) genähert werden und die Erde eine
Stätte des Friedens werden. Amen! –
Gottfried Mayerhofer
(Lebensbeschreibung)
LEBENSGEHEIMNISSE
Eröffnungen über wichtige Lebensfragen.
Durch das Innere Wort empfangen von Gottfried
Mayerhofer.
Nach der 5. Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321
Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, D-74321
Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Licht, Leben und Liebe.
30. Juni 1870
[Lg.01_001,01] Du hast hier drei Worte
gewählt. Richtiger und umfangreicher konntest du nicht wählen im ganzen
Wortreichtum einer menschlichen Sprache; denn diese Worte bezeichnen den
Inbegriff alles Geschaffenen, das Fortbestehen desselben und dessen Dauer!
[Lg.01_001,02] Siehe, alles, was von Mir
geschaffen ist, wurde im Lichte geschaffen, Leben ihm gegeben und aus Liebe
ewig nie mehr vernichtet.
[Lg.01_001,03] Was gibt es wohl in dem großen
Kreise der Unendlichkeit, das nicht diesen drei inhaltschweren Worten seine
Existenz und seine ewige Fortdauer verdankte?
[Lg.01_001,04] Mit dem Licht beginnt das
Leben, mit dem Leben die Liebe. Das Licht repräsentiert die schöpferische
Kraft, die ewig Neues gebärt, immer ausströmend nach allen Richtungen der
Unendlichkeit, Leben erweckend, das Finstere verscheuchend und dann durch die
Liebe das Erhalten des Geschaffenen und immer neues Schaffen bedingend!
[Lg.01_001,05] Mit dem Licht entwickelt sich
die Wärme, die Wärme entspricht dem Leben; denn wo Kälte herrscht, hört das
Leben auf, da hat die Liebe keinen Anhaltspunkt mehr; denn auch die Liebe ist
nichts anderes als der entzündete Eifer, alles vollkommen glücklich und
gesättigt zu sehen.
[Lg.01_001,06] Wo also das Licht mit seinen
sanften Strahlen die zerstreuten Elemente zur Anziehung und Abstoßung anregt,
da erzeugt sich durch dieses Regen und Assimilieren die Wärme oder, wo es sich
regt, da ist Leben.
[Lg.01_001,07] Das Leben aber will gesättigt,
will alles in allem sein, und das kann es nur durch die Liebe werden.
[Lg.01_001,08] Die Liebe will das Leben
erhalten, während der Haß es zerstören will. Wo ihr hinblicket, dort werdet ihr
diese Elemente im Kampfe mit den Gegenpolen finden.
[Lg.01_001,09] Licht hat den Kampf mit der
Finsternis, Leben mit dem Tode und Liebe mit dem Haß als Gegenpol zu führen. So
sehr die ersteren alles erhalten und anziehen wollen, ebenso wollen die anderen
alles abstoßen und zerstören.
[Lg.01_001,10] Ihr seht also in dem Vereine
der ersten drei Meine Gottheit, als ewigen Erhalter alles Geschaffenen, und in
den letzten drei den Gegenpol, den Satan mit seiner Kälte und seiner
Zerstörungswut.
[Lg.01_001,11] So zieht sich der Kampf vom
Engel angefangen bis zum letzten, härtesten und gebundensten Geist in der
Materie hindurch; stets kämpfend erringt die Liebe durch das Licht das Leben
und zerstört die Finsternis mit dem Tode und dem Haß.
[Lg.01_001,12] Hier habt ihr also in diesen
drei Worten mit ihren Gegensätzen das einzige Erhaltungsprinzip für alles
Geschaffene. –
[Lg.01_001,13] Als Ich, das Licht Selbst,
Mich entschloß, auch außer Mir Geister zu schaffen, die Mich lieben, Mich
verstehen und Mir nach und nach gleichkommen sollten, da ward der erste Impuls
gegeben des Werdens; deswegen leset ihr in den mosaischen Büchern: „Alles war
wüst und leer, und der Herr schuf das Licht!“ –
[Lg.01_001,14] Mit dem Licht erwachte die
Tätigkeit der Elemente, und Geister begannen sich ihrer selbst bewußt zu
werden, sich anzuziehen, sich abzustoßen. Es begann mit dem Licht das Leben;
denn auch der Zerstörung, so scheinbar grausam sie oft ist, liegt der höhere
und schönere Zweck zugrunde, dem allerhöchsten Licht näherzukommen, indem die
niederen Formen verlassen werden, um höhere, dem allgemeinen Lichte
näherstehende anzunehmen.
[Lg.01_001,15] Sobald also Licht und Leben
erwacht war, sobald das Geschaffene anfing seines Daseins sich zu freuen im
Glanze des ewigen Grundlichtes aus den Himmeln, da ward der dritte Gedanke
erweckt, der alle diese Geschöpfe der sicht- und unsichtbaren Welt vereinen
sollte; es war die Liebe, der Grundgedanke des Lichtes und des Lebens, der
alles, was sich nun seiner Existenz freute, stets vervollkommnend ewig erhalten
wollte.
[Lg.01_001,16] So wurden die reinsten Engel,
die Liebe in Person, mit dem größten Lichte ausgestattet und des intensivsten
Lebens halber ausgesandt, von der Fülle ihres eigenen Ichs allen andern
lebenden Wesen von dem Gnadenstoff mitzuteilen, den sie in solchem Maße zur
Verfügung erhalten hatten.
[Lg.01_001,17] Die andern Wesen, dadurch
gestärkt, erleuchtet und erwärmt, vereinten sich, erkannten ihr hohes Ziel, und
jubelnd und kämpfend streben sie demselben nun entgegen. Freudig zerbricht der
niedere Geist seine Hemmschale, die ihn hinderte, vorwärtszuschreiten; er
zerstört seine eigene Existenz, um zu einer höheren zu gelangen, wo er mehr
Licht, mehr Leben und mehr Liebe von dem alleinigen Urquell all dessen
einsaugen kann.
[Lg.01_001,18] Das also, was ihr blindlings
Zerstörung nennt, ist nichts anderes als ein Sichfreimachen zu einer höheren
Stufe, da ein Geist schon seit seiner Gefangennehmung in der Form die Materie
dulden mußte und nur den Moment abwartet, wo diese Fesseln fallen, und er,
einzeln oder vereint durch das Band der Liebe mit tausend andern
Gleichgesinnten, im großen Kreise der Schöpfungen einen höheren Platz einnehmen
kann.
[Lg.01_001,19] Die Liebe, die allbeseligende
Wärme, die dem Urlicht entströmt, sie ist es, die den Geist antreibt, sein
Geschick selbst zu vollenden und so stufenweise zurückzukehren zum Urquell des
Lichtes, von Dem er ausgegangen ist.
[Lg.01_001,20] So ergeht es allen
Engelsgeistern. Nannten ja doch schon eure Vorgänger den einen, obwohl jetzt
gefallenen Engel, „Luzifer“ Lichtträger.
[Lg.01_001,21] Ja, er war ein Lichtträger
durch alle weiten Räume Meiner Schöpfung; aber weil er, sich seiner
unermeßlichen Gnade von Mir aus bewußt, mit einer Macht sich ausgestattet sah
wie kein anderer, so verwandelte sich seine durch sein Licht zu entwickelnde
Wärme in zu großer Heftigkeit in das Entgegengesetzte der Liebe, in Haß, gerade
gegen Den, Der ihn mit so vieler Macht bekleidet hatte; und noch jetzt ist er,
ein gefallener Engelsfürst, Mein eifrigster Gegner, der nur noch eine kurze
Zeit frei bleiben, dann aber genau wird wählen müssen, ob er Meine ersten drei
großen Worte der Schöpfung annehmen oder bei ihren Gegenpolen verharren will!
[Lg.01_001,22] Mittelwege zu wählen und
geschicktes Ausweichen gegen Mein Drängen, zu Mir zurückzukehren, wird ihm
nicht lange mehr gelingen; er wird bald sich kategorisch erklären müssen, ob er
zum ewigen Leben des Lichtes und der Liebe oder zum ewigen Tode der Finsternis
und der Kälte sich wenden will. –
[Lg.01_001,23] Und auch ihr Menschen, denen
Ich mittels Meines Gnadenlichtes einen Funken göttlichen Lebens in eurer Seele
angezündet habe, bedenket doch, was ihr eigentlich im Herzen tragt! Ihr traget
göttliches Licht, Leben der Liebe, von eurem Vater in der Brust!
[Lg.01_001,24] Er gab euch diese
Dreifaltigkeit als Pfand eures Ursprungs, eures Anfangs und eures Endziels:
verscherzet nicht so leichtsinnig diese göttlichen Geschenke, die ihr, ihrer
bewußt, als Gnadengeschenk vor Millionen anderer Geschöpfe voraushabt.
Begreifet wohl das göttliche Licht, geschenkt und eingehaucht mit Liebe,
welches euer Seelen- und Geistesleben ausmacht; gedenket des Gebers, Der euch
als Kinder einst mit Seinem Blute unter herbsten Leiden erkauft, wieder zu dem
machen will, was ihr in dem großen Kreis der geschaffenen Wesen sein sollt;
vergesset nicht, es ist Seine Liebe, die euch zum ewigen Leben führen möchte,
indem Er euch das Licht der Erkenntnis und göttlichen Bewußtseins angezündet
hat.
[Lg.01_001,25] Strebet nach der Vollkommenheit,
die euch als geschaffenen Wesen zu erreichen möglich ist, damit ihr außer den
erhaltenen drei Geschenken diese einst in höheren Potenzen ertragen könnt! –
Denn Mein göttlich Licht, ausstrahlend aus Mir in alle weiten Schöpfungsräume,
hat keine Grenzen, stets neues Leben erweckend will es alles Geschaffene einst
liebend vereinen und um Den sich scharen sehen, Der das höchste Licht des
Lebens und der Liebe ist. –
[Lg.01_001,26] So, Meine lieben Kinder,
betrachtet diese drei Worte, sie haben den Urborn alles Seins in sich, sie sind
die Grundfundamente alles Geschaffenen, ohne sie gibt es kein Wesen und kein
lebendes Geschöpf. Wo sie mangeln, hat aller Fortschritt aufgehört, da ist der
Tod, die Finsternis und der ewige Haß!
[Lg.01_001,27] Dort steht ein Lebensengel mit
einer Siegeskrone und angetan mit einem Lichtkleid, zum Beweis, daß die
Dreifaltigkeit der Gotteseigenschaften stets siegen wird, und verbergen muß
sich bis in die innersten Winkel der Erde, wer dagegen sich sträubt und dem
Lichte die Finsternis, dem Leben den Tod und der Liebe den Haß vorzieht!
[Lg.01_001,28] Vorwärts, Meine Kinder, drängt
alles; die Liebe, die nie gesättigte Liebe, die alles gibt, um alles wieder
zurückzuerhalten, das Licht, das alles erleuchtet, damit jeder finstere Winkel
aus der Schöpfung verbannt werde, und das Leben, das nur Bewegung, Wechsel der
Formen und Fortschritt von einer Stufe zur andern bedingt! Alle drei rufen euch
zu: „Ohne uns keine Welt, keine Vergangenheit und keine Zukunft! Wir sind deren
Träger im Innersten des höchsten Herrn; wir sprechen Sein ganzes ,Ich‘ aus!“
[Lg.01_001,29] Also vorwärts, ihr Abkömmlinge
des Lichtes! Schwinget euch hinauf, dorthin, wo keine Sonne mehr untergeht,
kein Tod mehr mit dem Leben wechselt, und kein Streit, kein Zorn noch Haß das
schöne harmonische Konzert der Liebe unterbricht!
[Lg.01_001,30] Höret die Engelsharmonien, die
durch diese drei Worte getragen durch alle Unendlichkeiten dringen, sie sind
der immerwährende Lobgesang des einen und einzigen Herrn und Schöpfers, eures
Vaters, Der nur darin Sein ganzes Glück und Seine Seligkeit findet, wenn Er
sieht, daß die Geschöpfe, die Er geschaffen hat, sich Seiner freuen, Ihn lieben
und stets mehr begreifen lernen. Die so oft mißdeutete Dreifaltigkeit ist nur
in diesen drei mächtigen Worten und liegt im Kleinen in jedem geschaffenen
Wesen, mit dem Keim sich ausbilden zu können bis zur höchsten Potenz eines
Lichtengels, der an den Stufen des Herrn aller Himmel steht! –
[Lg.01_001,31] Kinder, erkennet euer großes
Geschenk! Seid stolz darauf, Meine Kinder werden zu können, frohlocket! Es wird
einst eine Zeit kommen, wo ihr, mit der geistigen Sehe begabt, die
unermeßlichen Räume der Ewigkeit durchblicken und von dem Throne des Vaters bis
zum letzten Raum, wohin nur ein Lichtstrahl noch dringen kann, die
Grundprinzipien Meines Wesens, verteilt in Millionen und Millionen Wesen, in
dem großen harmonischen Lobgesang zu Seiner Ehre werdet vernehmen können!
[Lg.01_001,32] Trachtet also danach, dieser
Stufe der Aufklärung würdig zu werden; trachtet danach, im wahren Sinne Meine
Kinder zu werden, und ihr werdet dann fühlen, daß:
[Lg.01_001,33] Wohl in allen Räumen und
Sternen, / In unermeßlichen Weiten und Fernen / Des Vaters Licht und Leben nur
strahlet. / Wo Seine Liebe mit Großem nicht prahlet / Und nur im Kleinen Er
suchet zu finden, / Was Seinen Geist ans (Un-)Endliche könnt' binden! / Da ist
das Leben des Lichts und der Liebe / Als das Höchste vom rein göttlichen
Triebe.
[Lg.01_001,34] Drei ist die Zahl der
inhaltschweren Worte, / Sie tönen fort und fort von Ort zu Orte. / Laßt nie sie
verhallen, die himmlischen Töne, / Die allein nur entwickeln das geistig
Schöne! / Wo Licht, Leben und Liebe nicht wehet, / Da alle Freude der Schöpfung
vergehet; / Wo aber sie alle im Frieden stets walten, / Da wird sich des Vaters
Lieb' auch entfalten! / D'rum getrost nur gebaut auf Vaters Segen, / Er wird ja
geben, woran jedem gelegen: / Des Lichtes Strahl, des Lebens Reiz und der Liebe
Freuden, – / Ob derowegen auch die Gefall'nen euch meiden, / Verharret bei Mir
– im Lichte, im Leben und in der Liebe, / Ihr pflegt so der Schöpfung
Gott-geistige Triebe. / Nur wer mit diesen drei Worten sich weihet / Dem
höchsten Vater, als Sein Kind sich erfreuet, / Der hat den Grundstoff, die
Liebe, als besten Samen / Zur Kindesstatt bei Mir, und somit – Amen!
2. Kapitel – Himmel, Hölle, Erde.
9. Juli 1870
[Lg.01_002,01] Du hast Mich um drei Worte
gebeten, und deren Erklärung dazu, das versteht sich von selbst. Nun, Ich gab
dir diese drei inhaltschweren Worte: Himmel, Hölle und Erde. Jetzt wollen wir
sehen, was sich aus diesen drei Worten Erhebendes, Erbauendes und Belehrendes
für euch und die ganze Menschheit ziehen läßt.
[Lg.01_002,02] Das erste der drei Worte ist
das das Größte bezeichnende, so daß selbst ihr bei dessen Aussprache den Ton
erheben und die Sprachmuskeln in eine größere Spannung bringen müßt, wollt ihr
dieses Wort aussprechen, wie es verdient ausgesprochen zu werden.
[Lg.01_002,03] Wißt ihr aber, was ihr bei
diesem Worte eigentlich aussprecht? Nein, das wißt ihr nicht, sondern ihr könnt
es nur ahnen; denn sehet, – „Himmel“ ist und bezeichnet den höchsten Wohnort,
als Aufenthalt der höchsten Geister, und auch Meine mehr bleibende Wohnstätte;
Himmel ist die höchste Potenz aller Seligkeiten, wo die Geister im reinsten
Licht, ohne Leidenschaften, ohne Fehler, ohne anderen als nur Meinen höchsten,
Mir eigentümlichen Eigenschaften nachkommend, sie alle ein Leben der Seligkeit
führen, das ihr hier nie begreifen und kaum ahnen könnt!
[Lg.01_002,04] Es gibt zwar auch an diesen
Orten verschiedene Stufen der Vervollkommnung; ja die Vervollkommnung hört nie
auf, weil Ich stets Neues schaffend, neue Wirkungskreise sich entwickeln lasse.
[Lg.01_002,05] Von dem Himmel aus gehen alle
Lebensfunken aus Mir durch Meine größten Engelsgeister bis in die untersten
Schichten, wo nur noch ein Funke Meines Ich schwach in schwere Materie
eingeschlossen glimmt. In den Himmeln, die weit über alle Hülsengloben und
materiell erschaffenen Sonnensysteme hinaus liegen, strahlt ewige Ruhe, ewige
Liebe, dort ist – aus Liebe zu Mir Meine Befehle und Wünsche zu vollführen –
das erste Grundprinzip des hohen geistigen Lebens, Meinen Eigenschaften
nachzukommen – die größte Seligkeit.
[Lg.01_002,06] Dort in den höchsten Himmeln,
wo ewige Harmonie der Geister ist, dort ist auch Einfalt, Demut und die
Nächstenliebe in ihrer höchsten Stufe, deren Ausdruck ja Ich Selbst bin.
[Lg.01_002,07] Dort habe Ich Mir Meinen
Aufenthalt so eingerichtet, wie es Meinen Gedanken und Wünschen nach in der
ganzen Schöpfung sein sollte, und auch wohl nach namenlosen Zeitläufen sein
wird, wann alles geistig Verlorene sich wiederfindend, durch Prüfungen
geläutert, kämpfend zu Mir zurückgekehrt sein wird.
[Lg.01_002,08] Wenn das der Fall ist, dann
werden, wie Ich es schon einmal sagte, alle Welten umgestaltet; denn dann haben
sie alle als Prüfungs- und Läuterungs-Schulen ihren Zweck erfüllt und alles
vollendet, und müssen natürlich dann für höhere geistige Wesen auch anders
eingerichtet und mit größerem Glanz, Pracht und Seligkeiten ausgestattet sein,
damit dann eben diese geläuterten Geister wieder neuen Stoff zu ihrer weiteren
Vervollkommnung, zu ihrer höheren geistigen Reife finden; denn unendlich ist
der Raum, unendlich sind die Stufen der Vollendung, und unendlich bin Ich
Selbst – als Höchstes All in allem!
[Lg.01_002,09] Dieser geistige Himmel, wo
ewiges, mildes Gnadenlicht aus Mir in alle Geister einströmt, wo die reinsten
Harmonien den geistigen Ohren die größte Sehnsucht nach Mir in die Herzen
einhauchen, ist der Inbegriff Meiner unbegrenzten Liebe, in Tönen, Farben und
Worten ausgedrückt.
[Lg.01_002,10] Dort lebt alles in allem, und
jeder sieht sich nur glückselig in der Seligkeit des andern!
[Lg.01_002,11] Die größte Erhebung – sei es
im Gebet, im Gedicht oder im Gesang, deren ihr Menschen auf dieser Erde fähig
seid, und die euch, wie ihr euch ausdrückt, „bis in die höchsten Himmel
erhebt“, und so euch den Vorgeschmack eines besseren Seins bietet – ist dort in
Meinen Himmeln die unterste Stufe der Seligkeiten, und zwar als ein bleibendes
und kein vorübergehendes Gefühl.
[Lg.01_002,12] Ich kann es euch nicht
erklären und noch weniger fühlen lassen – wie es einem Geiste dort zumute ist;
denn ihr ertrüget es in irdischer Hülle nicht, und dann würde euch alles auf
dieser Erde anekeln, wenn ihr nur eine Sekunde solche Seligkeit in der
Erinnerung behalten könntet; auch hier sage Ich es euch nur, um euch
anzuspornen, damit ihr begreift, welche Genüsse euch einst erwarten, die dann
dem Geprüften zum Lohn für seine Ausdauer und für seine Liebe zu Mir bereit
sein werden.
[Lg.01_002,13] Was Ich euch hier von den
höchsten Himmeln sage, wo kein Tag mit Nacht, nicht Kälte mit Wärme, nicht
Leben mit dem Tode wechselt, wo ein gleiches, stetiges, ewiges Lichtmeer die
seligen Geister umgibt und alles ihrer Umgebung beleuchtet, dort ist auch
ebenfalls alles Erschaffene der anderen Welten wieder geistig dargestellt, wie
zum Beispiel – ihr sehet eine Blume, deren Farbe euer Auge ergötzt, deren
Geruch eure Nerven angenehm berührt, aber ihr wißt ihre geistige Bedeutung
nicht, ihr kennt nicht ihre geistige Substanz, aus der sie besteht, nicht – was
Geistiges in ihren Röhrchen oder Äderchen auf- und abströmt als lauter
Ausflüsse einer höheren Natur, die von der Sonne, deren Licht die Mutter dieser
Blumenfarben und Gerüche ist, bis hinauf zu den höchsten und feinsten Potenzen
in Verbindung steht.
[Lg.01_002,14] Seht, diese Blume befindet
sich auch in Meinen Himmeln, als geistiger Spiegel alles Erschaffenen; würdet
ihr diese Blume dort sehen können – in Form nur Licht, in Farbe nur
Leuchtfarbe, und ihr Geruch in höchst geistiger Entsprechung ein ewiges Loblied
ihres Schöpfers!
[Lg.01_002,15] Dort würdet ihr erst
begreifen, was das sagen will – geistige Anschauung, und würdet erst recht
erkennen, wie stumpf eure Sinne auf dieser Welt sind; aber seid nicht
beunruhigt über diesen Zustand eurer Sinne auf dieser Erde, bedenket, nur die
weise Hand eures liebevollsten Vaters hat es so eingerichtet, und Seine Zwecke,
wenngleich ihr diese hier nicht begreift, noch je sie ganz begreifen könnt,
sind doch der Art, daß sie immer die höchste Weisheit und Liebe zum Grunde
haben, und daß triftige Ursachen vorhanden sein müssen, daß dies alles euch
erst nach langen Kämpfen und Zeiträumen, und auch dann nicht allen, sondern nur
einzelnen (ihrer Liebe gemäß), solche Glückseligkeit, zuteil wird.
[Lg.01_002,16] Meine lieben Kinder, wollte
Ich euch dies alles auf einmal genießen lassen (was Ich nur denen aufbehalte,
die Mich wahrhaft lieben, und also auch mit allem Ernste danach gestrebt haben,
Meine Kinder zu werden), so wären ohne Kampf diese unaussprechbar großen
Seligkeiten ohne großen Wert und ohne dauernden Reiz; denn ihr hättet solche ja
nicht selbst errungen, sondern gleichsam nur geschenkt bekommen, und zwar ohne
Mühe, weshalb dann deren Wert nur halb und von kurzer Dauer wäre.
[Lg.01_002,17] Nur was man mit Kraftaufwand
erkämpft, das genießt man erst im vollen Maße, wie es dem Verdienste auch
gebührt!
[Lg.01_002,18] Ein Fürst oder König, der als Königssohn
geboren ist, wessen kann sich dieser rühmen, wenn einst sein Haupt eine Krone
ziert? Seid versichert, es ist ihm bei weitem gleichgültiger, als die unter ihm
Stehenden es glauben; was ist so ein Geburtskönig gegen einen Menschen, der mit
allen Leiden, körperlichen und geistigen, gekämpft, und doch endlich sein Ziel
erreicht, das er nie aus den Augen gelassen! Er ist eine Geistesgröße, während
der andere vielleicht gar keine Größe, sondern auf seinem hohen Posten manchmal
eine wahre Null ist.
[Lg.01_002,19] Deswegen, wer Mein Kind werden
will, für das Ich die größten Seligkeiten aufbewahrt habe, der muß sich auch
diesen Namen verdienen, dann erst wird er alle Leiden und Kämpfe segnen, die
ihn zu der Stufe der Seligkeit führten, wo erst das Geistige alles Seins ihm
begreiflich zu werden anfängt, und dort, eben in der Ausführung und Ausübung
aller Engelspflichten, die höchste Seligkeit für einen geschaffenen Geist
beginnt. Da Ich aber einst gesagt habe, daß jeder Mensch das ganze Universum in
sich trägt, so trägt er auch, obwohl im Kleinsten nur, diesen eben
beschriebenen Himmel in sich.
[Lg.01_002,20] Bei jeder guten Tat, mit jedem
über seine Leidenschaften errungenen Sieg, dringt ein Lichtstrahl dieses
kleinen Liebehimmels aus der Sphäre seines Geistes in seine Menschenbrust. Es
ist ein vorübergehender Strahl, ein Ahnen, ein Aufjauchzen der Seele, aber
(leider) nicht bleibend, es ist nur ein Moment, wo der Geist dem Menschen
zeigt, was er in sich trägt, was ihm dereinst wird, wenn er treu aushält auf dem
schwierigen Wege des Lebens.
[Lg.01_002,21] Der Geist im Menschen läßt der
Seele nur ein sanftes Nachwehen davon zurück, sonst nichts. Der Strahl aus den
Himmeln war nur ein Mahnruf, der sagen will:
[Lg.01_002,22] Wanke nicht und harre aus!
Einst wirst du bleibend haben, was hier mit Blitzesschnelle nur an dir
vorüberstreift!
[Lg.01_002,23] Deswegen nicht verzagt, Meine
Kinder, der Himmel steht euch offen. Soweit es eure körperliche und geistige
Konstitution erlaubt, lasse Ich euch denselben auch manchmal fühlen, um euch
aufzumuntern. Mehr könnt ihr ja nicht ertragen, und würde auch einer von euch
imstande sein, mehr zu ertragen, so wäre er inmitten der andern Menschen
unglücklich, und statt mit Eifer auf seiner Bahn fortzuschreiten, würde
Ermattung und Verzweiflung ihn zu Boden drücken. Deswegen bedenket, daß Ich,
euer Vater, alles wohlweislich so gestellt habe, wie Meine Kinder es ertragen
und auch Nutzen davon ziehen können. –
[Lg.01_002,24] Jetzt wollen wir zur Hölle
übergehen.
[Lg.01_002,25] Was Ich euch von den Himmeln
gesagt habe, ungefähr dasselbe könnt ihr von der Hölle annehmen, aber – wie es
sich von selbst versteht – im entgegengesetzten Sinne.
[Lg.01_002,26] Ich werde euch aber von der
Hölle, ihrer Einrichtung und Beschaffenheit nicht soviel kundgeben, weil es Mir
Selbst kein Vergnügen macht, an sie zu denken, und auch wenig Nutzen bringt,
sie genau beschrieben zu haben. Euch genügt zu wissen, daß sie wirklich
besteht, und zwar zu Meinem und eurem Schaden. Doch, um euch wenigstens etwas
von diesem Gegensatz Meiner Himmel zu sagen, so will Ich euch bloß andeuten,
daß sie besteht, und zwar ebenfalls in mehreren Abteilungen und Stufen, welche
so die Bosheit in verschiedenen Graden vorstellen, in deren Zentrum der Sitz
des Satans selbst ist!
[Lg.01_002,27] Der Satan, als
personifiziertes Böse, ist als Gegensatz zu Mir der Ausdruck aller
Leidenschaften, die Meinen Eigenschaften entgegengesetzt sind; so zum Beispiel,
indem Ich aus Liebe alles erhalten will, möchte er aus Haß gegen alles
Geschaffene – alles zerstören, weil es erstens von Mir geschaffen, und
zweitens, weil es überhaupt geschaffen ist.
[Lg.01_002,28] Er würde, ginge es nach seinem
Willen, stets Geschöpfe aller Gattung erzeugen, nicht aber um sich an ihrem
Bestehen, sondern nur um sich an deren Zerstörung wieder (satanisch) zu freuen,
und sodann wieder neu schaffen, um das Spiel stets von vorne anzufangen.
[Lg.01_002,29] Seine untergeordneten Geister,
die von Mir als lebende Wesen erschaffen, sich so weit verfinsterten, daß sie
nur an der Finsternis eine Freude haben, wie Meine Engel am Licht, sind je nach
der Intensität ihrer Bosheit dem Satan näher oder ferner gestellt und in
verschiedenen Abteilungen in und auf der Erde verteilt, wo sie ihren
(teuflischen) Vergnügungen nachjagen, sich bestrebend – ihrem Herrn zu gleichen
soviel als möglich, und so haben sie die größte Freude, wenn sie durch alle
möglichen Vorspiegelungen die Menschen vom guten oder bessern Wege abwenden,
und sie auf ihre breite Heerstraße bringen können.
[Lg.01_002,30] Da in ihnen wie in ihrem Herrn
nur satanische Liebe ist, so freut es sie, dieselbe auch in die Herzen der
Menschen einzupflanzen, die ihren Einflüssen Gehör geben wollen.
[Lg.01_002,31] Dort ermangeln sie nicht,
ihren Opfern die Welt und ihre Vergnügungen so angenehm als möglich
vorzustellen, ihnen nur an List, Trug, Wollust und allen niedrigen
Leidenschaften Geschmack einzuprägen, und sie so reif zu machen, ihre würdigen
„Brüder“ zu werden.
[Lg.01_002,32] Ihr werdet mich fragen – „aber
wie konntest Du, Schöpfer, denn so mächtige Horden böser Geister nebst ihrem
Herrn fortbestehen lassen? Warum vernichtest du nicht mit einem Machtspruch
solche Wesen, die den sanften Trieben Deiner Liebe und Deiner göttlichen
Eigenschaften so entgegenstehen, und noch dazu – warum hast Du sie gerade in
und auf die Erde gebannt, während doch Millionen anderer Erden und Sonnen in
der Unendlichkeit umherkreisen, deren Bewohner ungestört ihrem Besserungs- und
Läuterungswandel entgegengehen können, ohne solcher Plage ausgesetzt zu sein,
und nur wir, die Du uns ,Deine Kinder‘ nennest, derentwegen Du gerade auf
diesen kleinen Erdball gekommen bist, daselbst ihretwegen gelitten und geduldet
hast, warum sind denn gerade wir diejenigen, die auf einer Seite die
Bevorzugten, auf der andern Seite aber gerade die am meisten Geplagten und
allen Verführungen und Versuchungen ausgesetzt sind?“
[Lg.01_002,33] Meine lieben Kinder, dieser
Vorwurf, den ihr Mir da macht, ist von eurer Seite, als von Menschen dieser
eurer Erde gedacht, ganz natürlich, und Ich muß Mich bei euch deswegen
rechtfertigen, damit ihr, wenngleich der Anschein nicht dafür zeugt, doch
erkennt, daß Ich stets der liebevollste und gütigste Vater bin, und alles nur
zu eurem Besten von jeher angeordnet habe, und auch stets alles zum Wohle
Meiner Kinder leiten werde.
[Lg.01_002,34] In einem früheren (dem
vorstehenden) Worte tat Ich schon Erwähnung von einem gefallenen Engel, der
auch eine Unzahl anderer Geister in seinem Falle mitzog, und in der
„Haushaltung“ erklärte Ich euch auch, daß dann aller Stoff aus seinem ganzen
Seelischen, in Parzellen geteilt und in die Materie gebunden, von ihm genommen
ist und nun auf der Vervollkommnungsstufe nach und nach wieder zu Mir
zurückkehrt; ferner, daß alles Geborene auf Erden, sofern nicht Geister von
anderen Welten zum Probeleben behufs Erreichung Meiner Kindschaft hierher
verpflanzt wurden, alles übrige Teile von dem Gefallenen sind, die dann auch
den nämlichen Weg wie alle in die Materie gebundenen Geister machen müssen.
[Lg.01_002,35] Ferner sagte Ich noch, daß
eben dieser gefallene Engelsgeist dorthin verbannt wurde, wo eben Meine
Pflanzschule für Meine Himmel ist, in die Erde, daß er dort am meisten wirkt,
zum Trotze gegen Mich und Meine Anordnungen.
[Lg.01_002,36] Sehet, dieses alles habe Ich
euch schon früher erklärt, und auch das „Warum“ – warum gerade da die größten
Versuchungen und Gefahren sein müssen, wo Geister und Seelen es sich zur
Aufgabe gemacht haben, Mein Reich zu erwerben und mitten durch Hölle und
Verdammnis das Kreuz der Duldung und der Liebe zu Meiner Ehre und zur Schande
Meines großen Gegners zu tragen; und daß trotz aller Verführungen und aller so
scheinenden (scheinbaren) Annehmlichkeiten, mit denen der Satan seine künftigen
Zöglinge überhäuft, um sie in sein Netz zu ziehen und später jede Vergnügung
und jede Annehmlichkeit mit tausend Qualen der Hölle zu vergüten, es doch
Seelen gibt auf dieser Erde, die allen seinen Versuchungen Trotz bieten, allen
seinen großartigen Versprechungen den Rücken kehren, unter Leiden und Kämpfen das
Banner des Glaubens, der Demut und der Liebe hochhalten und einst nicht ihm,
sondern ganz allein Mir angehören wollen! –
[Lg.01_002,37] Als der Satan sich von Mir
trennte, mußte Ich ihm und seinem ganzen Gefolge die eigene Freiheit belassen,
die jeder Geist haben muß, um als freier Geist Meiner je würdig werden zu
können.
[Lg.01_002,38] Die Umkehr zu Mir muß von
innen her und aus freien Stücken, nicht mit Zwangsmaßregeln geschehen;
ebendarum muß Ich das Gebaren dieses Meines größten Gegners nebst seiner Brut
geschehen und sie schalten und walten lassen, wie sie wollen, so lange sie
nicht Meine festgestellte Ordnung beeinträchtigen.
[Lg.01_002,39] Daß aber von alledem, was sie
tun, das Resultat immer gerade das Gegenteil und das Entgegengesetzte zur Folge
hat von dem, was sie bezwecken wollen, das ist der Triumph der guten Sache, da
auch das Böse, ja das Ärgste, was die Schöpfung aufzuweisen hat, nur zu seiner
(und ihrer) eigenen Besserung und zur Weiterbeförderung des Guten im
allgemeinen beitragen muß und kann.
[Lg.01_002,40] Ebendeswegen ist der Satan
auch mit seinem Reich dorthin verbannt, wo ihm Gelegenheit gegeben ist, alles
zu versuchen, was ihm nur möglich, um seine Lebenstheorie gegen die Meinige
geltend zu machen; ja, es wurde ihm sogar erlaubt, Mich Selbst während Meines
Erdenwandels persönlich zu versuchen, der Ich nicht ein geschaffener Geist,
sondern der Schöpfer alles Geschaffenen (und seiner selbst) war. Weil Ich ihm
nicht aus dem Wege ging, als er Mich als Mensch, allen menschlichen Leidenschaften
ausgesetzt, antraf, so wagte er auch an dem Allerhöchsten den Versuch, welches
ihm auch zugelassen wurde; – doch mit welchem Erfolg, das wisset ihr, damit er
dann im Großen wie im Kleinen mit der Zeit erkennen möge, daß all seine Mühe
umsonst ist, und er durch so viele Zeitläufe vergeblich Widerstand geleistet
hat, und zwar gegen Denjenigen, welcher ihn erschuf, und Der, wenn er heute
reuig zurückkehren wollte, ihn mit offenen Armen wie einen „verlorenen Sohn“
aufnehmen würde, so wie Ich es euch in den Zwölf Stunden schon einmal
kundgegeben habe, wie es nicht auf einmal, sondern nach und nach geschieht und
auch geschehen wird.
[Lg.01_002,41] Was Ich von Meinen Himmeln
sagte, daß ein jeder Menschengeist sie im Kleinen in sich trägt, ebenso ist
auch der Keim der Hölle oder die Lust zu sündigen und gegen Meine Ordnung zu
handeln, oder die Hölle im Kleinen in eines jeden Menschen Brust.
[Lg.01_002,42] Sie ist deswegen dort, weil
Tugend ohne die Erkenntnis ihres Gegensatzes, das Laster, keine Tugend und
Liebe ohne das Entgegengesetzte keine Liebe wäre! Wäre nicht die Finsternis.
ihr wüßtet das Licht nicht zu schätzen, wäre nicht der erstarrende Eindruck der
Kälte, ihr begriffet nicht das Wohlgefühl der nach und nach einfließenden
Wärme.
[Lg.01_002,43] Es mußte also, wo Meine
„Kinder-Pflanzschule“ ist, auch die Schule der Überwindung und Bezähmung aller
Leidenschaften sein!
[Lg.01_002,44] Was wäre das Leben ohne Kampf?
Ein einförmiges Dahinschwinden der Zeitabschnitte, ohne sich dessen bewußt zu
sein, wie einer kommt und der andere geht. Das Leben hätte keinen Zweck, keine
Würze!
[Lg.01_002,45] So wie das Salz in allen euren
Speisen, in allen Kräutern, Metallen, Pflanzen, selbst in der Luft und auch in
eurem Magen wegen der richtigen Verdauung einen wichtigen Bestandteil ausmacht,
der zum Leben reizt und dieses eben durch solchen Reiz fördert, – ebenso ist
das Salz des geistigen Lebens, die Versuchung oder die Tendenz, anders zu
denken und anders zu handeln, als man eigentlich tun sollte. Eben durch diesen
Gegensatz oder dieses Anreizmittel wird der bessere Teil eures Ich gekräftigt,
das körperliche und geistige Leben in euch wird durch diese Nahrung erhalten,
sein Fortbestand befestigt und der Genuß erhöht, wieder eine neue Stufe der
Vervollkommnung errungen zu haben, und zwar – mit Kampf und durch Entsagung
errungen zu haben, während ihr im Gegenteil bei dem Fortschreiten ohne
Hindernisse euch des Fortschrittes gar nicht bewußt wäret.
[Lg.01_002,46] Wenn die Sonne des Morgens die
ersten Strahlen über die Fluren eurer Erde herniedersenkt, wie jauchzt ihr die
ganze lebende Natur entgegen! Alle Wesen, jedes in seiner Art zwitschert, girrt
oder sumset seinen Lobgesang dem Licht und seinem Geber entgegen; selbst der
Tautropfen, der am Blatt einer Moospflanze hängt, bekleidet sich mit
Diamantenschimmer, spiegelt die große über ihm gewölbte Licht-Halbkugel ab und
leuchtend freut er sich gleichsam des nach der Finsternis wiederkommenden
(Tages-)Lichtes! – und warum? – weil von einem Abend bis zum nächsten Morgen
die Nacht oder Finsternis alle lebenden Kreaturen den Wert des Lichtes fühlen
ließ!
[Lg.01_002,47] So ist es auch in geistiger
Hinsicht! – Das süße Bewußtsein geistiger Liebe, geistigen Fortschritts und
geistigen, höheren Seelenlebens erkennt die Seele eines geschaffenen Wesens
erst dann, wenn sie die Abgründe und Irrwege kennenlernte, welche ihr auf ihrem
Prüfungswege drohen; erst dann, wenn die Seele eine kleine Stufe errungen hat,
freut sie sich derselben und erneuert alle Kräfte zur Gewinnung einer nächsten;
und so steigt der Reiz, der Genuß und die Seligkeit nicht so sehr mit dem
besseren Zustande, den man errungen, sondern wegen der Hindernisse, die man
besiegt hat.
[Lg.01_002,48] Seht ihr, Meine Kinder, was
wären alle Himmel ohne die Hölle! Wie viel entbehren andere Geschöpfe in andern
Sonnen und Erden an Seligkeit, die nur Meinen Kindern vorbehalten ist, weil die
andern Geschöpfe in andern Sonnen und Welten nur Licht und wenig oder gar keine
Finsternis kennen. –
[Lg.01_002,49] Habt ihr Mir nun noch Vorwürfe
zu machen, warum die Hölle so nahe bei euch und sogar in euch liegt? Oder
möchtet ihr nicht, Mir dankend, vielleicht Mich um mehr Hölle bitten, damit ihr
noch mehr kämpfen, noch mehr leiden könntet, nur um den Namen „Meine Kinder“ in
reicherem Maße zu verdienen?! –
[Lg.01_002,50] Seid deswegen ruhig, Ich weiß,
was euch zur Probeschule not tut, verlanget nicht mehr, als euch von Mir
gegeben wird, und seid versichert – ihr habt genug mit dem, was Meine liebende
Hand euch auferlegt; wäre es mehr, so würde es eine strafende Hand sein, und
diese habe Ich als euer Vater nicht!
[Lg.01_002,51] Jetzt habe Ich euch also
gezeigt, wie selbst das ausschließliche Böse, ja Böseste in der ganzen
Schöpfung, mit seinem Treiben und Tun doch von Mir zum Segen alles Lebenden
verwendet und ausgebeutet wird, und wie der Satan mit seinen Gehilfen, statt
Mir zu schaden, im ganzen gerade zum größten Segen beitragen muß!
[Lg.01_002,52] Jetzt wollen wir also zu eurem
Wohnort, als dem dritten, oben gegebenen Wort „die Erde“ übergehen, damit ihr
auch da wieder die Liebe und die weise Umsicht eures Vaters in ihrer ganzen
Herrlichkeit sehen mögt!
[Lg.01_002,53] Beim Aussprechen des Wortes
„Himmel“, wo ihr eure Stimme erhöhen und bei dem Worte „Hölle“ dieselbe vertiefen
müßt, werdet ihr schon bemerkt haben, daß zur Aussprache eines jeden dieser
Worte eine andere Muskelbewegung im Sprachorgan stattfindet, und sehet, bei der
Aussprache des Wortes „Erde“ ist diese Muskelbewegung wieder verschieden, indem
ihr dazu den Mund breit öffnen müßt. (Drei verschiedene Tonarten.)
[Lg.01_002,54] Sehet, es ist beim Aussprechen
dieser drei Wörter in eurer Sprache und den dazu gehörenden Bewegungen des
Sprechorgans alles so geordnet, daß Geister, die die Entsprechungsformeln der
Schöpfung besser kennen als ihr, in den Bewegungen der Muskeln im Munde schon
alles aufgeschrieben und aufgezeichnet finden, was das eine oder andere
ausgesprochene Wort zu bedeuten hat.
[Lg.01_002,55] Bei dem Wort „Himmel“ habt ihr
gesehen, wie die Erhebung der Stimme mit der näheren Beschreibung desselben
zusammenhängt, bei dem Worte „Hölle“, wo der Mund bei der Aussprache gleich
einer Höhle geschlossen werden muß, wird euch die enge Verbindung dieser
Muskelbewegung und der Beschreibung der Hölle nicht entgangen sein, wo noch
nebenbei das Wort „Himmel“ mit dem Aufblick nach oben und das der „Hölle“ mit
dem Blick nach unten – und gewiß nie nach oben – und endlich „die Erde“ mit der
Öffnung des Mundes in der Breite gerade vor sich hin ausgesprochen wird.
[Lg.01_002,56] Die ersten beiden haben wir
erörtert, jetzt bleibt uns nur noch das letzte breitausgesprochene Wort und
dessen geistige Entsprechung und die Erde selbst als euer Aufenthalt übrig, um
sie einer näheren Betrachtung zu unterziehen.
[Lg.01_002,57] Daß zu dem Wort „Erde“ den
Mund breit dehnen, ja daß man beim Aussprechen dieses Wortes die Lippen in die
Höhe ziehen und die weißen Reihen der Zähne zeigen muß, bedeutet, daß bei der
geistigen Bedeutung der Erde, wie dort die Lippen als Vorhänge in die Höhe
gezogen und die Zähne gezeigt werden, bei der Erde im geistigen Sinne das
Weichere, nämlich das Fleisch zurückgezogen und die festeren, kompakten Teile –
das Moralische, oder die Zähne – in Anbetracht zu ziehen sind.
[Lg.01_002,58] Nun sehet, Meine lieben
Kinder, in der geistigen Entsprechung bedeuten die Zähne, als feste,
knochenartige Teile, den bleibenden und ersten Halt, im Menschen sowohl als in
der Erde, der – erstens – dem Angesicht des Antlitzes eine schöne Form gibt,
die das moralisch Schöne dem ganzen Äußeren des Menschen, und zweitens in der
Erde selbst als Körper, seine innere Lebenskraft, die Schöne der Oberfläche der
Erde erzeugt.
[Lg.01_002,59] Die Zähne bedeuten nebenbei
auch noch das Moralisch-Seelische, das erste geistige Verdauungsorgan, das im
weltlichen Leben das Gute vom Schlechten sondern sollte; und wie im Munde zum
Zerquetschen der Speisen durch die Zähne das Salz im Magensafte des Speichels
sich dazumischt, ebenso ist das Salz entsprechend der Reiz, stets gegen das
Gute zu handeln. Und diesem Reiz entgegenzukämpfen und darin am Ende auch zu
siegen, ist eure Hauptaufgabe.
[Lg.01_002,60] Hier, auf dieser Erde
empfanget ihr alles gemischt, Gutes mit Schlechtem, Liebe mit Haß, und Leben
mit Tod; das heißt, es wechselt beides leicht miteinander, oder es verkehrt
sich jedes leicht in seinen Gegenpol.
[Lg.01_002,61] Habt ihr genug Kraft, um das
Böse und Schlechte auszuscheiden, so kann das Böse, sooft es auch an euch
herantritt, in eurer Seele doch keinen bleibenden Eindruck machen, und im Jenseits
gänzlich verschwindend, wird nur das Gute euer eigentlicher Wert sein!
[Lg.01_002,62] Daß ihr beim Aussprechen des
Wortes „Erde“ euren Mund breit in horizontaler Richtung öffnen müßt, bezeichnet
in Entsprechung, daß eure Erde in geistiger Hinsicht, obwohl körperlich klein,
weit über alle Sonnengebiete, ja bis zu Meinen Himmeln reicht; indem dieser
kleine Planet erstens der Wohnort Meiner Kinder, und zweitens auch der Meinige
ward, wo Ich durch Leiden und Sterben den Sieg über das Böse errungen habe.
[Lg.01_002,63] Würdet ihr diese
Geistersprache etwas besser kennen, ihr würdet in jedem Wort, das auf Mich
bezug hat, den wichtigen und weit größeren geistigen Sinn entdecken und euch
nicht mit dem Verständnis des Wortes – gleich der Rinde – begnügen, sondern an
dem inneren Gehalte mehr Freude und Glückseligkeit empfinden, als euch je in
den Sinn gekommen ist.
[Lg.01_002,64] Ihr würdet nebenbei dann auch
finden, daß ein jedes Volk, je nachdem es in seiner geistigen Stufe hoch, höher
oder am höchsten steht, sich in seinen Mich bezeichnenden Worten und Ausdrücken
offenbaren wird, oder glaubt ihr denn, die Sprachen sind erfunden worden, wie
es eure Sprachforscher nachzuweisen glauben? O da seid ihr in großer Irre!
[Lg.01_002,65] Die Worte sind nicht immer mit
den erfundenen Gegenständen und neuen Bedürfnissen eines Volkes gemacht worden,
sondern die Sprache – als ein geistiges Produkt – ging stets parallel mit der
geistigen Anschauung eines Volkes. Ihr könnt es ja selbst aus der Geschichte
der Nationen sehen, wie mit dem geistigen Steigen oder Sinken einer Nation ihre
Sprache ebenfalls sich erhob oder sank und mit dem Aufhören einer Nation auch
ihre Sprache (als lebend) ganz erlosch.
[Lg.01_002,66] Die Sprache ist der Ausdruck
der Seele, je höher und schöner die Sprache, desto größer die Intensität ihrer
Ausdrücke, was aber nur Geister zu würdigen wissen, oder Geweckte durch Meine
Liebe und Gnade, die dann hinter den verschiedenen Wendungen der Mund- und
Kehlmuskeln, zwischen den zwitschernden, schnalzenden, trillernden und
pfeifenden Tönen, die so und so zusammengestellt das eine oder andere Wort
ausmachen, einen höheren, geistigen Sinn entdecken, der euch wie Hieroglyphen
eines verlorenen Paradieses unbegreifbar geworden ist!
[Lg.01_002,67] So ist die Erde auch darin
verschieden von vielen anderen Welten. Während in diesen nur eine
Ausdrucksweise (Sprache) herrscht und alle Geschöpfe nur einen und denselben
Weg gehen, gibt es auf der Erde Tausende von verschiedenen Sprachen, als
Abarten einer einzigen; und so ist auf diese Art dem Bewohner dieser Erde neben
vielen Prüfungen seiner Geduld und Ausdauer noch diese auferlegt, daß er, wenn
er mit den Brüdern anderer Nationen verkehren will, er ihre Sprache erlernen
muß, um ihnen begreiflich zu machen, was er denkt und fühlt, oder will er von
seinem fremden Bruder etwas erlernen oder ihm selbst etwas kundgeben, er sich
in jener Sprache verständlich machen muß.
[Lg.01_002,68] Soweit ihr die Erde
betrachtet, von den wildesten Völkern bis auf euch zivilisierte Nationen, so seht
ihr die kleine Erde mit ihren unruhigen Geistern sich über alles Bekannte
ausbreiten. Freilich ist auch überall beim Haufen der Eigennutz der Haupthebel;
allein dieses führt doch die Völker zusammen, da lernen sie sich kennen, einer
den andern schätzen und lieben.
[Lg.01_002,69] Die Forschenden in der Natur,
in den Sternen, im Innern und auf der Oberfläche der Erde, geben ihre
Erkenntnisse der Menschheit als Gemeingut hin, was Ich aus Gnade den einzelnen
finden ließ; sie vollführen, auch ohne es zu wissen, nur Meine, und nicht ihre
Pläne, und so erziehe Ich die Seelen dieser Erde, welche einst auf kurze Zeit
auch Mein Aufenthalt war, zu einem besseren Leben.
[Lg.01_002,70] Jetzt eilen die Gedanken der
Menschen mit Blitzesschnelle von einem Pol zum andern, und sie selbst rollen
auf eisernen Wegen gleich einer Windsbraut von einem Ort zum andern.
[Lg.01_002,71] Die Wege sind von Eisen und
die meisten darauf Fahrenden haben auch das Herz von Eisen (wenigstens für ihre
Menschenbrüder); aber das tut nichts zur Sache. Meine Zwecke werden doch durch
die schnelle Verbindung von Städten und Dörfern und dem Zusammenkommen der
darin wohnenden Menschen mehr gefördert, als alle Eisenbahnbauer und
Eisenbahnbesitzer glauben.
[Lg.01_002,72] Hier habe Ich – Himmel, Hölle und
Erde, oder geistig gut, böse oder materiell denkende Menschen in einem Wagen
oft zusammengestopft. Beim Einsteigen waren sie noch so ziemlich in ihrer
Meinung ein jeder für sich, beim Aussteigen hat vielleicht die Hölle sich an
dem Himmel und der Erde einen bleibenden Funken der Belehrung aus der
Unterhaltung herausgezogen, der dem Betreffenden in seinem ganzen Leben nicht
mehr aus dem Sinn kommen wird.
[Lg.01_002,73] So vollführe Ich Meine Pläne,
auch dieses zusammen Fahren benutzend, – was früher durch starr abgegrenzte
Kreise getrennt war, da lasse Ich Vergessenheit der Vorurteile eintreten, und
wenngleich Eigennutz, der Trieb nach Genuß und Geld das Veranlassende ist,
warum die Menschen zusammenkommen, in andere Länder reisen, sich Gefahren aller
Art aussetzen, so habe dann Ich doch auch Meinen Zweck erreicht, nämlich den
Zweck der Verbrüderung. Jetzt gehört nur noch ein mächtiger Stoß und geistiger
Impuls dazu, und die Menschen stehen wie Brüder da, vereint, Mir als dem Ewigen
Hirten zu folgen! Dann ist die geistige Bedeutung der Erde auch erfüllt, – dann
ist die Zeit, daß Ich persönlich unter euch wiederkommen werde, nachdem die
Widerspenstigen entfernt, und nur die Willigen geblieben sind.
[Lg.01_002,74] Und so, Meine lieben Kinder,
sehet ihr, wie Himmel, Hölle und Erde, im Großen wie im Kleinen, nur den
Zwecken der Liebe, der Grundidee Meiner Schöpfung folgen müssen.
[Lg.01_002,75] Rechnet jedoch nicht nach
Jahren, bei dem was Ich soeben euch hier sagte, bei Mir gibt es keine Zeit! Ich
kenne weder Tag noch Nacht, um Zeitabstände zu messen, bei Mir ist es stets
Tag, stets glänzt die Sonne der Liebe, die allen leuchtet und leuchten wird,
bis alle den Weg zu Mir, ihrem liebevollsten, gütigsten Vater, gefunden haben
werden. –
[Lg.01_002,76] Jetzt glaube Ich, daß auch du
mit dieser Beigabe zufrieden sein kannst; sie ist wieder eine Leuchte in den
großen Tälern Meiner Schöpfung. Bedenket es wohl, welche Liebe und Gnade Ich
euch angedeihen lasse, daß Ich euch soviel geistiges Brot reiche, damit ja kein
Zweifel in eurer Brust mehr aufsteigen möge, als wäre nicht alles, was ihr
sehet – von Vaters Hand!
[Lg.01_002,77] Dies zum Troste mit Meinem
Segen! Amen!
3. Kapitel – Gesundheit, Krankheit und Tod.
13. Juli 1870
[Lg.01_003,01] Hier hast du wieder drei
Worte, die im natürlichen Sinne genommen leicht zu entziffern sind, und was sie
eigentlich bedeuten.
[Lg.01_003,02] Gesundheit bedeutet den
normalen Zustand eures vegetativen Lebens, wenn alle Organe ihre Funktionen
erfüllen wie sie sollen, und eben dadurch euch keine Schwierigkeiten machen,
eurem Lebensberuf nachzugehen, sowie eurer geistigen Entwicklung und
materiellen Beschäftigung nachzukommen.
[Lg.01_003,03] Die Gesundheit, die wahre
Gesundheit, ist nur dann in einem Körper, wenn der Mensch sich der Bewegungen
und Funktionen seiner Organe nicht bewußt ist. Wo eine Störung in diesen
Bewegungen eintritt, da äußert sich das eine oder mehrere beteiligte Organe im
entgegengesetzten Sinn; es bereitet euch Unannehmlichkeiten oder Schmerz, die
Seele wird traurig, da sie sich in ihrem Wirken durch den Körper gehindert
fühlt, und es entsteht aus diesem Unbehagen und Leiden das, was ihr Krankheit
nennt.
[Lg.01_003,04] Nimmt dieser Zustand überhand,
verweigern noch mehr Organe ihren Dienst, oder werden solche in ihren
Funktionen durch einzelne leidende gestört, so breitet sich dieses Unbehagen
weiter aus, der ganze Lebensprozeß wird dadurch unterbrochen, und mit dem
Aufhören des regelmäßigen Einnehmens von neuem Lebensstoff und Ausscheiden des
Verbrauchten tritt endlich in der ganzen Maschine der notwendige Stillstand
ein, den ihr Tod nennt.
[Lg.01_003,05] Es geschieht somit die
Zersetzung des als Einzelwesen zusammengehaltenen Körpers in seine früheren,
primitiven Elemente. Aber die Seele, ihrer Überhüllung entkleidet, muß sich um
ein anderes Kleid, um einen andern Leib umsehen, nachdem der frühere unnütz
geworden und zu nichts mehr zu gebrauchen ist.
[Lg.01_003,06] Das scheinbar körperliche
Leben hat aufgehört und es beginnt ein geistiges, das mit seinen Stufen und
Gradationen (Steigerungen), je nachdem die Seele gewillt ist, dem Zuge nach
oben oder nach unten folgt, ein neues geistiges Leben, wo die Funktionen des
Körpers durch Funktionen des geistigen Lebens ersetzt und sich selbst
ausbildend vervollkommnet werden.
[Lg.01_003,07] Das ist der Verlauf des Lebens
im Jenseits. Damit aber dieser Verlauf ein leichter und sanfter wird, so muß
der Gesundheit des Körpers auf der materiellen Erde – auch die Gesundheit der
Seele soviel als möglich nachstreben und gleichen Schritt mit ihr halten.
[Lg.01_003,08] Denn so wie die Gesundheit des
Körpers das Wohlbestehen desselben bedingt und fördert, ebenso umgekehrt
bedingt Gesundheit der Seele – die des Körpers, wo die geistigen Funktionen der
Seele durch keine Wolken und Trübungen der Leidenschaften gestört werden.
[Lg.01_003,09] Wo der im Menschen wohnende
Geist regelmäßig seinen Einfluß auf die Seele bewerkstelligen kann, da ist auch
der Körper gesund, ja es wird im ganzen wie in seinen einzelnen Teilen die
moralische Schönheit der Seele in ihren Formen entsprechungsweise sich
ausdrücken, wie es in den meisten Fällen im Angesicht des Menschen der Fall
ist, wo alle Neigungen, Verirrungen und Leidenschaften der Seele sich willenlos
abspiegeln. Ihr könnt nur nicht diese Sprache der wellenförmigen und eckigen
Linien, die in eines jeden Angesicht den Stand seiner Seele bezeichnen, lesen,
sonst würdet ihr in diesem wahren Seelenspiegel so manches erblicken, was –
statt euch an viele Menschen anzuziehen – euch von denselben zurückweisen
würde.
[Lg.01_003,10] Ich habe es wohlweislich nicht
zugegeben, daß dieses Geheimnis der Physiognomie allen aufgedeckt werden
sollte, wie Mein lieber Lavater es sich dachte; denn durch dieses klare Lesen
des Charakters eines jeden Menschen in seinem eigenen Angesicht würde vielen
Menschen das Fortschreiten zur geistigen Besserung erschwert, ja sogar manchem
unmöglich gemacht.
[Lg.01_003,11] Und so lasse Ich es zu, daß
unter dem Deckmantel einer schmeichelnden Rede oder angelernter
Höflichkeitsmanieren auch ein Teufel in die Gesellschaft der Guten kommen kann,
ohne daß die andern die mindeste Ahnung davon haben; und so ist durch das Wort
der Weg in der Gesellschaft nicht abgeschnitten, auch aus dem verirrtesten
Wesen mit der Zeit etwas Besseres zu machen, was unmöglich wäre, kennete ein
jeder sogleich seinen Nächsten an seinen Gesichtszügen wessen Geistes Kind er
ist; denn vor dem Bösen würde gewiß sich ein jeder dann fernhalten, und dem
Bösen selbst bliebe nichts anderes übrig, als der Verkehr mit seinesgleichen
oder die Isolierung und der Mangel an Mitteilung, die ihn dann nur noch ärger
machen würde, als er zuvor schon war.
[Lg.01_003,12] Im Jenseits ist es freilich
anders, da kennt ein jeder Geist den andern beim ersten Anblick, kann also
meiden, was schlecht ist, und zu dem sich gesellen, was ihm gleich oder besser
ist. Daher die große Schwierigkeit, dort sich zu bessern, weil dort das
Erkennen das erste, wie hier auf der Welt das Verbergen das erste ist.
[Lg.01_003,13] Darum, Meine Kinder, befleißet
euch, gesunde Seelen zu haben, setzet den Einflüssen des Geistes keine
Hindernisse entgegen, bekämpfet alles, was eure Seele beschmutzen und auch
vielleicht auf eurem Antlitz unangenehme Eindrücke hinterlassen könnte.
[Lg.01_003,14] Seid versichert, diese Abdrücke
der Leidenschaften auf eurem Angesicht, in eurer Form, als wie in Hand und
Bewegung des ganzen Körpers, oder wohl gar in dem unheimlichen, nicht für euch
zu erklärenden Licht, welches dem Auge entströmt, sind nicht in eurer Macht, da
hilft kein Verbergen der Gedanken, ihr mögt sie so geheim als möglich halten,
mit andern Worten verschleiern, aber den Eindruck eines bösen oder unheimlichen
Blickes könnt ihr nicht verbergen, wenn er einem klaren, sich keiner Schuld
bewußten Auge begegnet, dasselbe unangenehm berührt, und die Seele dann zum
Rückzug mahnt, indem hier hinter blumenreichen Worten und Manieren die Schlange
des Verrates lauert.
[Lg.01_003,15] Daher befleißet euch der
Gesundheit eurer Seele, damit euer Auge klar und ohne Falsch jedem frei ins
Angesicht schauen kann.
[Lg.01_003,16] Seid versichert, es gibt
nichts großes Geistiges im Menschen, das mehr seine höhere Abkunft und seinen
von Mir ererbten Adel erkennen läßt, als ein seelenvolles Auge, ein Blick voll
Milde, Sanftmut und Liebe!
[Lg.01_003,17] Im Auge spiegelt sich
äußerlich die ganze materielle Natur; aus dem Auge strahlt die ganze
Geisterwelt, von den höchsten Himmeln angefangen bis zur untersten Hölle.
[Lg.01_003,18] Solange ihr Mein Wort im
Herzen tragt, solange ihr an Mir und nicht an der Welt hängt, so lange wird
auch eure Seele gesund, ja stets gesünder werden, bis dieser Gesundheitszustand
dergestalt wächst, daß der für den früheren Zustand gesund gewesene Körper nur
noch ein Hindernis für eure Seele in ihrem Fortschreiten ist, wo dann die
Seele, durch Meine Lehre, Mein Wort und Meine Gnade vergeistigt, auch eine
geistige und nicht mehr materielle Umhüllung als Organ nötig hat.
[Lg.01_003,19] Ist dieser Zustand
eingetreten, dann werde Ich diese Bürde, die ihr während eures irdischen Lebens
mit euch herumgeschleppt habt, euch abnehmen und sie mit einem ätherischen
Leibe vertauschen, der noch sensibler euer Inneres durchleuchten läßt und ganz
die entsprechende Form eures inneren Ich annehmen wird.
[Lg.01_003,20] Deswegen werdet geistig schön,
und im Jenseits werdet ihr dann ebenso geistige Umkleidung haben, die der
jugendlichen und unverwelkenden Schönheit eures Geistes entsprechen und stets
schöner, stets erhabener und durchsichtiger werden wird.
[Lg.01_003,21] Wie die Krankheit des Körpers
eine Störung ist in den Funktionen seiner Organe, ebenso ist das
Nicht-nach-Meinen-Gesetzen- und Nicht-nach-Meiner-Lehre-Leben eine Störung der
Funktionen der Seele. Dieselbe wird durch weltliche Begierden oder durch
seelische Leidenschaften wie Haß, Zorn, Herrschsucht usw. vom eigentlichen Wege
abgezogen, sie lebt ein Schein- und kein wahres Leben im Geiste; sie lebt für
die Begierden ihres materiellen Teiles, des Körpers, wird dadurch am Ende
selbst materiell, verliert ihre ganze Bestimmung aus dem Auge und verfehlt so
ihre ganze Aufgabe und Mission auf diesem Erdball, der eine Prüfungsschule sein
sollte, um hier die Leidenschaften anfangs bezähmen zu lernen und in der Folge
solche gänzlich auszumerzen, um als geistig reiner Ton in Meinen geistigen
Sphären anzukommen.
[Lg.01_003,22] Sie, die weltliche Seele, hat
also, statt nach der geistigen Gesundheit zu streben, die geistige Krankheit
vorgezogen, statt daß ihr Verlangen sein sollte, das Böse stets auszuscheiden
und neues Gutes, neues Leben einzusaugen, gerade das Verkehrte getan, sie ist
statt zum Leben durch die Krankheit zum Tode übergegangen! Schon beim
Leibesleben hat sie aufgehört, statt den Körper für ihre Zwecke zu gebrauchen
und denselben zu vergeistigen, alles Edle, das Ich als verzinsliches Gut
gegeben, in sich selbst verkörpert, das Seelische, Geistige eingebüßt, und ist
pur Körper geworden, oder hat, mit andern Worten gesagt – einen geistigen Mord
an sich selbst begangen!
[Lg.01_003,23] Wenn dann alle Mittel
unmöglich geworden sind, eine solche Seele wieder aus ihrer Verkörperung
herauszureißen, so bin Ich gezwungen, diese Hülle, in die sich solch eine Seele
vergraben hat, aufzulösen.
[Lg.01_003,24] Was sie dann für eine Umkleidung
in der andern Welt haben wird, und wie diese ausschauen wird, das könnt ihr
euch leicht denken! Ein Kleid des Lichtes gewiß nicht, da sie ja schon auf
dieser Erde keine Freundin desselben gewesen, sondern eine Freundin des
Gegensatzes, des Materiellen, eine Freundin der Finsternis war. –
[Lg.01_003,25] Hier hast du die drei Worte
belehrend und warnend für euch und für alle, die sie je einst lesen werden.
[Lg.01_003,26] Mögen alle wohl bedenken, was
sie tun und auf welchen Wegen sie wandeln! Meine Gesetze der materiellen und
geistigen Welt sind unwandelbar, und der materiellen Schwere entspricht die
geistige Schwere, und es ist so wie Mein Paulus sagte: „Wie der Baum fällt, so
bleibt er liegen!“ Sehet euch vor, daß ihr nicht als nutzloses, halbverfaultes
Holz fallet, sondern als grünende Zweige und Reiser für ein besseres und
schöneres Leben!
[Lg.01_003,27] Der dürre Baumstamm, wenn er
fällt, bleibt lebens- und regungslos liegen, es ist kein Trieb, noch lebendiges
Element in ihm, das zum ferneren Leben ihn antreiben könnte, er zersetzt sich
und verfault, geht in andere Formen und Elemente über, die in kürzester Zeit
von ihrer früheren Form als Bestandteile eines Baumes keine Spur mehr an sich
tragen.
[Lg.01_003,28] Nicht so mit den grünen
Zweigen und Reisern. Fallen dieselben auf feuchten Boden, wo noch im mindesten
nahrungsfähige Elemente sich in ihrer Unterlage befinden, so treiben sie leicht
Wurzel in die fruchtbare Erde, fangen an sich zu erheben, fühlen sich heimisch
in ihrer neuen Existenz, treiben Blätter, Blüten und Früchte, und je nachdem
der Boden – so auch die Produkte.
[Lg.01_003,29] Das Edle des Zweiges,
verbunden mit edlen Elementen der Erde, verwandeln die gefallenen Reiser zu
einer schöneren und edleren Gattung und führen sie eine Stufe näher ihrer
Bestimmung.
[Lg.01_003,30] So auch ihr, Meine lieben
Kinder, trachtet, recht geistig gesund zu werden, merzet allen Rost geistiger
Krankheit aus, und wenn endlich auch ihr einer besseren Umkleidung bedürfet,
als euer materieller Körper bis jetzt war, dann fallet als lebensfrische Reiser
auf Meinen lebensfähigen geistigen Boden, wo die Liebe der Dünger, und Demut
und Nächstenliebe die Erde sind; dort streckt eure Arme gleich Wurzeln in die
Erde und nach dem Dünger aus; lasset euch dort veredeln, damit aus dem hier
ausgesäten Korn dort ein edler Zweig, und mittels der neuen Erde noch höhere
und geistige Früchte das Resultat davon seien. So werdet ihr dann stets fort
und fort durch eure Taten und eure Liebe zu Mir – eure Früchte stets mehr
veredelt, stets edlere Früchte und höhere, geistigere Produkte liefernd, Dem
immer näherkommen, Der euch schon so oft mit Geistesfrüchten der andern Welt
gespeist und den Trank des ewigen Lebenswassers für eure durstige Seele gegeben
hat.
[Lg.01_003,31] Merket euch wohl, daß, unter
welcher Form Ich euch auch geistige Speise verabreiche, Meine Sorge nur immer
die ist, daß ihr als gesunde Seelen nicht mit Krankheit behaftet dem Tode,
sondern zum ewigen Leben erzogen werdet.
[Lg.01_003,32] Dies mit Meinem väterlichen Segen
euch, Meinen Kindern (zum heutigen Morgen) – von eurem guten Vater! Amen!
4. Kapitel – Körper, Geist und Seele.
18. Juli 1870
[Lg.01_004,01] Diese drei Worte sind in
Meinen Kundgaben schon oft erörtert worden, und ihr habt schon einen Begriff
davon, was „Körper“, „Geist“ und „Seele“ im allgemeinen, und was in spezieller
Hinsicht dieselben bedeuten im geistigen Sinne.
[Lg.01_004,02] Da aber in allen Worten von
Mir Unendliches liegt und stets Neues, Geistiges aus ihnen gezogen werden kann,
so wollen wir es versuchen, ob wir nicht eben auch diesen Worten noch eine
andere Bedeutung abgewinnen können, die vielleicht ebensowichtig wie die
frühere oder wohl gar noch höher und erhabener sein könnte!
[Lg.01_004,03] Da Meine Belehrungen stets
stufenweise gehen, und die Erklärung von Körper oder Materie, oder als
gebundene Geister in derselben, oder – Meine Gedanken und Ideen in Materie
fixiert – eurer früheren Auffassungsfähigkeit entsprechen, so will Ich jetzt,
da ihr reifer geworden seid und in die Geheimnisse Meiner Schöpfung schon
tiefere Blicke gemacht habt, euch eben dieses Wort „Körper“ von einer andern
Seite beleuchten und somit ein neues Feld zur Belehrung eurer Seele und zur
Erhaltung eures Geistes euch kundgeben, damit ihr daran ersehen möget, daß, wenngleich
Ich schon früher gebrauchte und erklärte Worte wiederbringe, Ich doch stets,
außer den früher gegebenen Erklärungen, noch andere Seiten daran auffinden
kann, so daß ihr in dem Gegenstand neue Wunder und neue Beweise Meiner Liebe
und Weisheit entdecken könnt. Ja, wollte Ich es versuchen, so würde Ich, dieses
Wort noch tausendmal umwendend, stets neue Seiten euren überraschten Blicken
zeigen. Doch zur Sache, also:
[Lg.01_004,04] Wie Ich euch in früheren
Kundgebungen erklärt habe, so war dort stets „Körper“ mit „Materie“
gleichbedeutend, und Ich zeigte euch, daß auch in der Materie eigentlich nichts
Materielles, sondern nur geistig Gebundenes ist; oder Ich sagte euch, daß
Materie Meine festgehaltenen Gedanken und Ideen sind, die so lange Materie oder
Körper bleiben, als Ich Meine Gedanken und Ideen in denselben eingeschlossen
und verkörpert – nicht zurückziehe!
[Lg.01_004,05] Diese Erklärungen sind alle
richtig, erstens – weil sie das Wahre bezeichnen, und zweitens – weil Ich sie
euch gegeben habe.
[Lg.01_004,06] Wollen wir aber diesen Begriff
„Materie“ oder „Körper“ von einer andern Seite auffassen, so frage Ich vorerst:
Was bezeichnet eigentlich das Wort „Körper“?
[Lg.01_004,07] Sehet, um da gründlich zu sein
und dann stufenweise aufwärts zu steigen auf der großen Stufenleiter Meiner
Schöpfungen und Meines Wesens selbst, müssen wir den Begriff eines Wortes erst
feststellen, und nicht so gedankenlos bei der Aussprache des Wortes „Körper“
stehenbleiben, ohne dessen Wesen näher zu bezeichnen. Nun denn, so fangen wir
also an, wie die Schulkinder, wenn sie lesen lernen, beim Abc.
[Lg.01_004,08] „Körper“, dieses Wort
bezeichnet eigentlich ein separates (gesondertes) Ding, mit Dimensionen
(Ausdehnungen) nach Breite, Länge und Tiefe, das ein abgeschlossenes und abgetrenntes,
für sich selbst bestehendes Ding inmitten der grenzenlosen Unendlichkeit ist!
[Lg.01_004,09] Der Körper ist daher ein
Etwas, das einen Raum einnimmt, eine Umkleidung hat, welche eben damit sein
individuelles Sein vom ganzen allgemeinen All-Sein trennt.
[Lg.01_004,10] Ein Körper kann aber
ebendeswegen doch alle Grade der Dichtigkeit und Schwere durchmachen, er kann
bis ins Unendliche fein, für euch nicht mehr wägbar (imponderabel), aber auch
bis zur härtesten Steingattung, wie Granit oder besser „Grundstoff der
Erdfeste“ genannt, verdichtet sich vorfinden.
[Lg.01_004,11] Immer bleibt er ein Körper,
ein für sich bestehendes Etwas, das Dimensionen annehmen kann, und zwar im
verflüchtigten Zustande ungeheuer große, im verdichteten aber außerordentlich
kleine, die dann durch den Drang der Anziehung und Aneignung von Gleichartigem,
Steine, Erden, Welten, Sonnen-Gebiete usw. bilden können.
[Lg.01_004,12] Körper ist daher als Wort der
Ausdruck für etwas für sich körperlich Bestehendes, Gewordenes, aus dem Allsein
herausgerissenes Getrenntes, für sich allein dastehendes Ganzes.
[Lg.01_004,13] Der Körper kann sich teilen
lassen ins Unendliche, bis wo eure Augen und Instrumente euch die weitere
Wahrnehmung versagen; aber er existiert doch noch immer und hat als Größe seine
Dimensionen nach allen drei Seiten, wenngleich für euch nicht mehr begreifbar,
so wenig, als die Grenze, da seine Teilbarkeit aufhört, und das in ihm
gebundene Geistige seinen Anfang hat.
[Lg.01_004,14] Ohne Körper gäbe es keine
sichtbare Schöpfung!
[Lg.01_004,15] Es gibt Körper oder Stoffe,
die wohl durchsichtig sind und unwägbar, wie Licht und Elektrizität, allein,
sie sind solches nur für eure Augen, aber nicht für die Augen der Geister!
[Lg.01_004,16] Für eure Augen ist alles
unsichtbar, was den Lichtstrahl durchläßt und denselben nicht von seiner
Oberfläche zurückwirft; aber bedenket – ihr seht die Gegenstände nicht, und
nicht den auf sie fallenden, sondern ihr seht sie nur durch den von ihnen
zurückprallenden Lichtstrahl.
[Lg.01_004,17] Einen Lichtstrahl, der in die
Unendlichkeit hinausflieht, seht ihr nicht.
[Lg.01_004,18] Wann also etwas Körper hat,
aber von sehr geringer Dichtigkeit, das ist für euer Auge nicht vorhanden; und wäre
nicht die Scheidekunst (Chemie), die euch da mehrere „Elemente“ zeigt, wo ihr
glaubtet nur mit einem zu tun zu haben, wie zum Beispiel die Luft, in der ihr
lebt, die ihr einatmet, sie in euren Lungen chemisch zersetzt, den darin
enthaltenen Lebensstoff herauszieht und dann das Verbrauchte oder Verkohlte
wieder aushaucht.
[Lg.01_004,19] Alle diese Bestandteile sind
für eure Augen nicht daseiend, während sie für euren Körper fühlbar sind; denn
wenn „das Salz der Luft“ oder, wie ihr sagt, der Sauerstoff mangelt, und nur
„Kohle“ vorhanden ist, hört das Leben für euch auf, und jedes lebende Wesen
verfällt dem Tode, das allein nur letztere einatmet; ebenso ist es auch mit dem
dritten Hauptelement, der Luft, dem Stickstoff!
[Lg.01_004,20] Es sind aber in der Luft noch
eine Menge anderer Stoffe enthalten, die alle Körper haben, jedoch für eure
Sinne unwahrnehmbar sind.
[Lg.01_004,21] Was in der Luft schon dichter
ist, das findet sich im Äther verfeinerter, und je mehr die Luft sich den Erden
nähert, die sie umgibt, desto gröbere, dichtere Teile enthält sie; sie
verdichtet sich im Wasser zur Flüssigkeit und wird sogar fest wie Eis, indem
also verdichtete Luft ohne Wärme ein dichter, kompakter Körper geworden ist.
[Lg.01_004,22] Vom Wasser gehen dann die
Stufen der Verdichtung fort bis zu den allerdichtesten und schwersten Metallen
und Steinen des Erdinhalts.
[Lg.01_004,23] Diese so aus dem Allsein
herausgerissenen und getrennten Dinge, die durch den Namen „Körper“ bezeichnet
sind, stellen die ganze Schöpfung Meiner fixierten Gedanken in geregelter
Stufenreihe dar, allwo Ich vom ersten unwägbaren, aber doch körperlichen Atome
angefangen die ganze Reihe von Dingen, eines vollkommener als das andere,
hinaufbaute bis zu Mir Selbst, durch alle Sonnengebiete und Hülsengloben, bis
in Meinen höchsten Himmel, in welchem auch die zartesten Umkleidungen Meiner
Schöpfungsgedanken doch noch etwas Körperliches haben, welches jedoch, mit
euren Sinnen gemessen, ein höchst Geistiges wäre!
[Lg.01_004,24] Das Bestehen dieser ganzen Körperwelt
wird einfach dadurch bewirkt, daß, wie die gleichen Geister sich gerne
zusammengesellen, so auch alle elementarischen Stoffe oder Körper von gleicher
Beschaffenheit einem großen Drang der Anziehungskraft nicht widerstehen können
und gemäß Meines in ihnen wohnenden Schöpfungsgedankens sich in gewissen Maßen
aneinanderreihen, manchmal bestimmte, von Mir gedachte Formen annehmen, und
manchmal wieder in unregelmäßigen Gestalten sich dem leiblichen Auge zeigen.
[Lg.01_004,25] Diese ganze Körperwelt ist also,
obwohl eines vom andern getrennt, doch durch das gleiche Band der Liebe
verbunden, der sicht- und unsichtbare Träger Meiner Gedanken, oder der in sie
gelegte Funke Meines Geistes ist in ihnen mehr oder weniger gebunden.
[Lg.01_004,26] Das, was diese Körper treibt,
nach gewissen Gesetzen sich anzuziehen oder abzustoßen, diese oder jene Form
anzunehmen, ist der in ihnen wohnende Trieb, den sie von Mir bekommen haben,
und ist eigentlich der in der Materie gebundene Geist; denn „Geist“ (hier
Naturgeist) oder „Naturkraft“, wie ihr es nennt, sind die nämlichen (gleichen)
Dinge.
[Lg.01_004,27] Der Geist ist der notwendige
Drang in jedem Körper, seine Gestalt, die er sich nach seiner Intelligenz
geformt hat, so lange zu erhalten, als die Existenz der Körperhülle dem
innewohnenden Geist entspricht.
[Lg.01_004,28] Der Geist, erhaben über alle
Vergänglichkeit wie eure Naturkraft, ist es, der eingeschlossen den Körper zu
dem macht, was er eigentlich ist.
[Lg.01_004,29] Erleidet der Körper eine
Veränderung, so entweicht der Naturgeist, der in ihm wohnte, und zerteilt sich
in Geistes-Partikel, oder vereint sich mit anderen gleichen (Natur-)Geistern zu
einem höheren Geiste auf der Stufe Meiner Schöpfungsleiter, umkleidet sich dann
mit anderem Körper, gemäß seiner Intelligenz.
[Lg.01_004,30] Die früher zusammengehaltene
Materie oder der Körper geht dann in der Verwandlung zum Teil eine Stufe auf-
und zum Teil abwärts.
[Lg.01_004,31] Das Geistige im Körper treibt
denselben zur Veränderung, und der Geist, seinem Triebe folgend, erfüllt wieder
einen andern Schöpfungsgedanken, indem er so die zur Substanz geläuterte
Materie (Seelisches) zurückführt, von woher sie gekommen war, oder durch
Verbindung mit andern höherstehenden Körpern dieselbe als Wohnort intelligenter
Geister in Meinem großen All der Vervollkommnung näherrückt. –
[Lg.01_004,32] Was ist eigentlich Geist!
[Lg.01_004,33] Unter diesem Wort versteht man
nächst dem oben Gesagten eigentlich ein Unkörperliches.
[Lg.01_004,34] Auch bei gewissen
Flüssigkeiten in ihrer höchsten Verfeinerung und Zersetzung entwickelt sich ein
ätherisches Fluidum, sei es auf natürlichem oder auf chemischem Wege, das nicht
mehr durch die gröberen Sinne, sondern nur manchmal noch durch die
Geruchsnerven fühlbar ist.
[Lg.01_004,35] Diese Art von „Geist“ ist es
aber nicht, welchen Ich euch erklären will, denn dies ist noch immer ein
Körper, wenngleich von feiner Art.
[Lg.01_004,36] Was Ich unter „Geist“
verstehe, ist ein Ausfluß aus Mir, ein Ableger Meiner göttlichen Kraft, der, so
beschränkt er auch sein mag in seiner Wirkungssphäre, doch ein Unverwüstliches,
nie Zerstörbares ist.
[Lg.01_004,37] Diese „Naturgeister“ sind es,
die die ganze Schöpfung zusammenhalten, ihr den eigentlichen Bestand und die
ewige Dauer sichern, weil sie als Ausgänge aus Mir unsterblich sein müssen, wie
Ich Selbst es bin.
[Lg.01_004,38] Geister, in Materie oder
Körper gebunden, sind die untersten Schichten der Schöpfung, ihre Grundpfeiler;
ohne sie bestünde kein Körper, ohne sie würde das Licht der Sonne nur in die
Unendlichkeit hinaus sich verlieren; denn nur dadurch, daß sie die Körper in
ihrem Bestand erhalten, und diese so dem Lichte kompakte Flächen
entgegensetzen, und zwar in allen möglichen Formen, bewirken sie durch das
teils aufgenommene und teils zurückstrahlende Licht die tausend und tausend
Schönheiten der sogenannten stummen Natur, gegenüber der belebten, großen
geistigen.
[Lg.01_004,39] Der Körper besteht durch den
in ihm wohnenden Geist, der Geist als Funke Meines Ich manifestiert (offenbart)
sich dann in den höheren Stufen des lebenden Organismus als eine höhere, sich
mehr oder weniger bewußte Potenz (Kraft), als „Seele“.
[Lg.01_004,40] Er beseelt den Körper und gibt
ihm das große Lebensprinzip, von dem untersten eingeschlossenen Geist
angefangen, durch die Fakultät (Fähigkeit) sich stufenweise höher
hinaufzuschwingen, und in höher ausgebildeten Körpern vermittels einer
belebenden Seele sich seiner Existenz stets mehr bewußt zu werden, und die
Freude des Bestehens auch anderen Wesen mitteilen zu können.
[Lg.01_004,41] So ist die dritte Stufe der
Schöpfungsleiter die Reihe der beseelten Wesen, wo der Geist schon mehr frei
sich ein anderes intelligentes Wohnhaus in der Materie als Körper errichtet
hat, vermöge dessen er sich mehr äußern und auch mit seinem materiellen
Wohnhause mehr nach Belieben verfahren kann.
[Lg.01_004,42] Dieses Seelenleben beginnt bei
den untersten Tieren, die neben dem kunstvoll eingerichteten Körper gemäß ihrer
Individualität noch das für sich haben, daß die meisten auch die Freiheit der
Bewegung besitzen.
[Lg.01_004,43] Der Körper tritt hier schon
als Knecht auf, und nicht wie ein Herr im Mineralreich.
[Lg.01_004,44] Die Seele gebraucht denselben
zu ihrer Erhaltung und zu ihren Lebensbedürfnissen, geleitet freilich noch
immer durch den Geist als „Instinkt“ oder Gängelband der Natur, womit der Geist
die Seele jetzt zu diesem und dann zu jenem antreibt.
[Lg.01_004,45] Eine freie Bewegung bedingt
stets einen höheren Grad der Intelligenz; denn wenn Ich einer Seele erlaube,
ihren Körper freier zu bewegen, so muß Ich ihr doch den Impuls eingeben, wie
und wann und für welche Zwecke sie denselben bewegen soll.
[Lg.01_004,46] In dieser Stufenleiter der
sich frei bewegenden Körperwesen geht es nun aufwärts, ringend stets nach
derjenigen Stufe, wo der Geist das Höchste, was der Schöpfer geben konnte, der
Maschine oder dem Körper alle mögliche geistige Intelligenz darbietet; und
endlich die Seele, ihrer Stellung in der Schöpfung sich bewußt, ihre Abkunft
erkennt, den kleinen, geistigen, göttlichen Funken, der in dem letzten Atom
eingeschlossen war, zu einer sich selbst bewußten Potenz erhoben hat und nun,
den Blick nach oben gerichtet, erst anfängt, ihren Ursprung und ihre Abkunft
vom Allerhöchsten zu begreifen.
[Lg.01_004,47] Dieser Schlußstein aller Körper-,
Geister- und Seelen-Welt ist der Mensch, den Ich als Mein Ebenbild geschaffen,
als ein Kompendium alles übrigen hingestellt habe zwischen zwei Welten, der
körperlichen und der geistigen, mit dem Drange, seine körperliche Welt mittels
seiner Seele zu vergeistigen, seinem mit allen göttlichen Fähigkeiten begabten
Geist die Tür zum Allerhöchsten zu öffnen, damit – durch den Einfluß des
Geistes – die Seele ein Geist und der Körper, statt wie bisher seine materielle
Umkleidung, einst seine geistige werde, welche dann im Geistigen alles das
wieder repräsentiere, was der Körper im Körperlichen besaß, und so vergeistigt,
körperliches Vehikel als feinste Substanz – dem edelsten Menschengeiste sein
herrlichstes Kleid werde!
[Lg.01_004,48] Hier, Meine lieben Kinder,
habt ihr die große Stufenreihe Meiner Schöpfung, vom ersten sich gestaltenden
Atom und der kleinsten Monade bis zu Meinem letzten Werk, dem Menschen, von wo
aus dann in geistiger Produktion das Nämliche wieder beginnt, bis in Meine
letzten Himmel, wo die reinsten Geister mit den feinsten Lichtkörpern die
höchste Reinigung eurer körperlich möglichen Substanz aus dem Schöpfungsraum
zur Überkleidung ihrer Gott-Seelen nehmen, und dieselbe wie ihr euren Körper
gebrauchen können, der aus groben Stoffen zusammengesetzt ist.
[Lg.01_004,49] Es ist ein langer, aber doch
nicht unmöglicher Weg bis dorthin.
[Lg.01_004,50] Befleißet euch, Meine Kinder,
das zu werden, zu was Ich euch auf dieser Stufenreihe bestimmte, das heißt, auf
den Gipfelpunkt des Körperlich-Materiellen und zum ersten Anfang der
Geisterwelt euch zu schwingen, wo die Tür des Lichtes und der Erkenntnis sich
selbst auftun wird, und wo ihr vor euch die unermeßliche geistige und hinter
euch die nie endende körperliche oder „Sinnen-Welt“ erblicken werdet, und
inmitten alles dessen – Den, der alles schuf, und Der nur daran eine Freude
hat, wenn Seine Geschöpfe Ihn, den sie „Herr“ und „Gott“ nennen, nun „Vater“ zu
nennen gelernt haben.
[Lg.01_004,51] Wenn ihr das alles einst mit
einem Blicke werdet überschauen können, dann ist auch Er nicht mehr fern von
euch, Der euch, wenn ihr auch gelitten, geduldet und gekämpft habt, dann
beweisen wird, daß ohne alle diese irdischen Drangsale ihr nicht da wäret, wo
ihr dann wirklich genießet, das heißt den allerhöchsten Begriff der Körper-,
Geister und Seelen-Welt, eine Vater-Liebe, wie sie nur Der euch fühlen lassen
kann, Der hier wieder mit diesen drei Worten euch einen kleinen Beweis geben
will, wie sehr Er wünscht, daß ihr – Seinen Lehren folgend alles Weltlich-Körperliche
gehenlassend – nur nach Seinen himmlischen Genüssen streben sollt! – Amen!
5. - 8. Kapitel – Knabe – Jüngling – Mann und
Greis / oder / Winter, Frühling, Sommer und Herbst / oder / Die vier Epochen
der Welten- und Erden-Schöpfung / endlich / Geistes-, Seelen-, Engels- und
Gottesleben.
28. Juli 1870
[Lg.01_005,01] Hier hast du vier Worte aus
dem menschlichen Leben sowie Worte aus dem Erden- und Worte aus dem
Schöpfungs-Leben. Alle diese Worte sind für sich in Zeitabschnitte abgeteilt.
Die ersten bedeuten die vier Phasen (Werdestufen) eines Menschen, oder seine
Lebensperioden, in bezug auf seine körperliche und geistige Entwicklung.
[Lg.01_005,02] Was nun hier vom Menschen
gesagt werden wird, das gilt in seiner Art auch für die Völker, die diese vier
Perioden in ihrer geistigen Erziehung durchlaufen müssen, so wie die großen
Abschnitte im Erziehen der gesamten Menschheit.
[Lg.01_005,03] Um hier mit diesen vielen
Bedeutungen und Erklärungen regelrecht anzufangen und auch vernunftgemäß zu
enden mit dem einen, dann sich an das andere wendend, um es zu erklären, seinen
geistigen Zusammenhang mit dem ersten zeigend, ferner auf das dritte
übergehend, der nämlichen Folgenreihe nach, dann euch in Meine Werkstätte
einführend, und endlich noch vier andere geistig große Worte in ihrer höchsten
Bedeutung beleuchtend, damit ihr das Ganze dann in harmonischer Übersicht
erblicken könnt, – so wollen wir dieses große Wort, das Ich dir hier gebe, in
mehrere Abschnitte einteilen und also mit dem ersten, das heißt mit Erklärung
der ersten vier Worte, das Natürliche vorausschicken; und so harret denn, Meine
lieben Kinder, auf das, was der Vater hier wieder Schönes für euch entwickeln
wird!
[Lg.01_005,00] 1. Knabe, Jüngling, Mann und
Greis.
[Lg.01_005,04] Hier seht ihr vor euch den
Stufengang eines Menschen, auf- und abwärts, während seines Lebenswandels auf
dieser Erde. Körperlich geht es auf- und abwärts auf dieser Stufenleiter,
geistig sollte es nur aufwärtsführen.
[Lg.01_005,05] Der Knabe oder das Kind,
unbehilflich geboren, seine Seele in einem Traumleben befangen, weiß und
erkennt nichts, muß alles erst lernen, selbst seine Gedanken, die mit dem
Entwickeln seines Ich sich vermehren, in eine Sprache einkleiden, welch
letztere anfangs mangelhaft, dann stets klarer und bezeichnender wird, je mehr
der Körper und das Begriffsvermögen voranschreiten.
[Lg.01_005,06] Der Geist, als Funke von Mir,
verhält sich ruhig, in das Innerste des Herzens eingeschlossen, treibt nur hie
und da die Seele an, auf die gesetzmäßige Weise ihren Körper auszubilden, um
denselben als tüchtiges Werkzeug gebrauchen zu können, und um den aus dem
regelmäßig ausgebauten Körper sich entwickelnden Seelenleib für ein anderes
Leben mit ins Jenseits hinüberzunehmen, wenn der irdische Leib als die
Umhüllung der Seele für sie nicht mehr brauchbar ist und sie eines anderen
bedarf.
[Lg.01_005,07] Im Knaben oder Kinde schlafen
noch alle Leidenschaften, höchstens der Eigensinn und der Zorn sind es, die
sich kundgeben; es sind dies die ersten Schmarotzerpflanzen, die sich um den
jugendlichen Lebensbaum ranken, sich an ihn anklammern und, wenn nicht frühe
Hilfe zur rechten Zeit dazutritt, den ganzen Baum seiner Kräfte berauben, seine
Säfte und Kräfte in die der beiden Unkrautpflanzen verwandeln und dann den mit
diesen Eigenschaften aufwachsenden Menschen gänzlich verderben, indem er als
Sklave dieser Leidenschaften beinahe auf allen geistigen Fortschritt Verzicht
leisten muß und viele Unannehmlichkeiten sich und auch anderen bereitet, die
mit ihm in Berührung kommen.
[Lg.01_005,08] Eigensinn und Zorn sind einige
der mächtigsten Eigenschaften der satanischen Natur; denn des ersten wegen will
der Satan nicht auf den Weg zu Mir einlenken, und wegen der zweiten Eigenschaft
kann er keiner leisesten Spur von Liebe in seinem Herzen Eingang geben, die
ihn, statt wilder, sanfter machen würde.
[Lg.01_005,09] So geht es dem Knaben, da gar
oft dumme Eltern, statt diese beiden Eigenschaften mit aller Gewalt zu
bekämpfen, diese noch unterstützen, glaubend, wenn man dem Kinde nicht gibt,
was es will, man ihm an der Gesundheit schade, oder mit der leichtfertigen
Ausflucht gleich bereit sind: „das Kind versteht ja nicht, was es will; wenn es
größer wird, wird es schon anders werden!“
[Lg.01_005,10] Törichte Eltern! Ja, es wird
anders werden; das, was es als Kind mit Tränen und unartikulierten Lauten
ausdrückte, wird sich später in lieblose und kränkende Worte gegen euch
verwandeln, dann mit dem Wachsen des Kindes und eurem Abnehmen vielleicht in
tätliche Handlungen ausarten, wo ihr eure schöne Aussaat wieder zurückbezahlt
erhalten werdet, wie ihr es verdient habt.
[Lg.01_005,11] Das Kind, welches wie eine
Pflanze sich nach und nach entwickelt und immer mehr seine Arme von der
Mutterbrust in die weite Welt hinausstrecken will, um gerade das zu erfassen,
was von ihm am weitesten entfernt liegt, das Kind wächst mit der Erkenntnis,
und mit der Erkenntnis wachsen die Leidenschaften, und mit den Leidenschaften
wächst die Begierde, diese zu befriedigen.
[Lg.01_005,12] So angekommen in einem Alter,
wo dieser Strom geistiger, seelischer und körperlicher Triebe, noch wie
untereinander vermischt, geläutert werden muß, tritt das Bedürfnis des Lernens
und der Schule heran, das Kind muß einen Begriff bekommen, was gut, was
schlecht, was erlaubt, was verboten, was Tugend und was Sünde ist.
[Lg.01_005,13] Hier, in diesem Stadium der
Läuterung aller jugendlichen Begierden und Wünsche, müssen Eltern und Lehrer
alles aufbieten, den von jugendlichem Übermut beinahe überflutenden Strom aller
Wünsche, Leidenschaften und Begierden in ein streng abgeschlossenes Bett
einzurahmen, ihm Dämme zu setzen, „damit er nicht aus seinen begrenzten Ufern
heraustritt“.
[Lg.01_005,14] Hier fängt die Seele an zu
lernen, das heißt das erste ernste Wort des geistigen Menschen; es ist die
Bezähmung seiner Leidenschaften, die Kraft, seinen Wünschen ein Ziel und seinen
Eingebungen und Einflüsterungen ein gerechtes Ja oder Nein entgegenzusetzen.
[Lg.01_005,15] Mit der Schule und dem
Beispiel der Eltern als erste Führer in ein weiteres Feld eintretend, gleitet
das Lebensschiffchen des Knaben zwischen Spiel und Lernen, Belehrung und
Bestrafung in das Jünglingsalter, mehr schon aufgeweckt in Geist und Seele;
sowohl mit andern ihm Gleichstehenden als Höheren oder Älteren in Berührung
kommend, drängt es die jugendliche Seele zu fragen über Dinge, die sie zwar
willenlos als Kind angenommen, aber nicht aus Überzeugung in ihrem Innern zur
Vergeistigung ihres eigenen Ich gemacht hat.
[Lg.01_005,16] Mit dem Eintritt in eine
höhere Lebenssphäre, die zwar auch noch voll von Trugansichten ist, fängt das
Fragen an: „aber warum dieses, warum jenes? – ! – ?“
[Lg.01_005,17] Gemäß der Aufklärung baut sich
dann der geistige Mensch im Innern auf, es regen sich im Jüngling endlich auch
die geschlechtlichen Triebe, er sieht sich zum weiblichen Geschlecht
hingezogen, das ihm in seinen Schuljahren gleichgültig, oft sogar verächtlich
war.
[Lg.01_005,18] Dieser Trieb, so gefährlich
für die entfesselte Natur, ist doch einer der heilsamsten, denn er zähmt oft
die rohesten Leidenschaften eines verdorbenen Kindes; und was Mutter, Vater und
Lehrer nicht möglich war, das bezähmt ein Blick aus einem Auge voll Liebe und
Seelenglück eines sich dessen nicht bewußten Mädchens, welches in dieser
geistigen Magnetisierung etwas vollbringt, das nur in den Himmeln begriffen,
dort einst seine rechte Aufklärung finden wird und hier auf dieser Erde nur
einen leisen, leider nicht bleibenden Nachklang zurückläßt.
[Lg.01_005,19] Mit dem Eintritt dieses
Wendepunktes im Jünglingsleben ist der erste Schritt getan zum Mannesalter; die
Liebe, die den Jüngling mit Rosen bekränzt, die ihm einen Himmel offen zeigt,
den er noch nicht begreifen und fassen kann, diese Liebe, zuerst nur dem
Gegenstand seiner Neigung zugewendet, leitet ihn dann zum Bewußtsein des Mannes
und seiner ernsteren Pflichten.
[Lg.01_005,20] So geht der ungestüme Jüngling
in den bedächtigeren Mann über, wo die Lebensverhältnisse ernster werden, und
der Mann, nicht mehr allein lebend, sondern eine Lebensgefährtin suchend, von dem
Einzelleben in das der Familie eintritt, wo er seine Leidenschaften mehr
bekämpfen muß, ein ernsteres Anschauen seines eigenen Lebens, um sich und die
Seinen zu erhalten, ihm Pflichten auferlegt, von denen er als Knabe keine
Ahnung, als Jüngling keinen Begriff hatte, und deren ganze Tragweite er jetzt
erst als Mann erfassen kann.
[Lg.01_005,21] Wie ein lustiger, frischer
Wildbach sprang der Knabe über Stock und Stein; in der Ebene angekommen, noch
von seiner Gefällsgeschwindigkeit zwischen den Bergen in sich habend, rauscht
er als Lebensstrom lustig zwischen blumigen Ufern fort, doch stets mehr seine
Geschwindigkeit verlierend und in der Ebene sich mehr und mehr ausbreitend,
gleitet er ins Mannesalter hinüber.
[Lg.01_005,22] Als Mann tritt er mit seinen neuen
Lebensbedürfnissen, neuen Lebenssorgen und neuen Verpflichtungen gegen seine
Familie schon in ein Stadium, wo der geistig-seelische Mensch in ihm, mehr und
mehr nach einem gewissen Gesetze formiert (geformt), entweder die Tendenz zum
Guten, das heißt den Weg zu Mir, oder die entgegengesetzte, das heißt weg von
Mir, angebahnt hat.
[Lg.01_005,23] So treibt sein Lebensstrom
fort, suchend, zweifelnd, aus dem Gefundenen sich ein eigenes Ich aufbauend,
vielleicht stets mehr und mehr ruhiger werdend, glorreich aus allen Kämpfen und
Zweifeln heraustretend, endlich als ruhiger Fluß dem Greisenalter
entgegenschleichend, wo die Bewegung beinahe aufhört und – eigentlich wie der
Hamster vom zusammengetragenen Kapital während der Lebenssommerzeit, von selbem
gelebt werden muß, da Neues schwerlich hinzukommt, und alles, was die
menschliche Laufbahn betrifft, durchgemacht ist, ihre Täuschungen, ihre Freuden
– nun endlich die Ernte der vollbrachten Taten einzuheimsen ist.
[Lg.01_005,24] So steht der Greis am Rande
eines sichtbaren Körperlebens, hinter sich eine Vergangenheit, die nie
zurückkehrt, vor sich eine unklare Zukunft, zwischen zwei Welten, einer
sichtbaren und einer unsichtbaren, den Augenblick abwartend, wo seine Lebensuhr
abläuft, und das so oft bewegte Pendel seines Körpers, das Herz, stillesteht!
[Lg.01_005,25] Wohl dem Greise, der am Ende,
nach heftigen Kämpfen und vielfachen Störungen, wenigstens doch so viel sich
gerettet hat, daß das Kleid seiner Seele dem Urtypus Meines Ebenbildes, wenn
nicht gleich, doch sich ihm genähert hat; wohl ihm, wenn er, sei es auch erst
spät, doch seine Mission auf dieser Erde, seinen Gott und Herrn und die andere
Welt richtig erkannt hat; er wird den Scheideaugenblick ruhig erwarten, wo die
Kleider gewechselt werden, er wird die Welt ohne Scheu und ohne Reu verlassen,
denn er hat, wenngleich spät, seinen Schöpfer, seinen Vater gefunden, Der ihm,
dort oben, seinem stets jugendlich gebliebenen Herzen gemäß, gewiß auch ein
jugendlich frisches Kleid anziehen wird, damit er dort als ewig schöner und
stets geistiger werdender Jüngling auf der Stufe der Vervollkommnung immer mehr
und mehr sich Mir nähern kann, um des Namens – „Gottes Kind“ ganz würdig zu
werden!
[Lg.01_005,26] Hier habt ihr den Weg des
Kindes, des Jünglings, des Mannes und des Greises, in wenig Umrissen
dargestellt vor euch.
[Lg.01_005,27] Jetzt wollen wir sehen, wie
diese Lebensepochen analog (entsprechend) mit den Jahreszeiten eures Erdballs
übereinstimmen, und inwieweit Winter, Frühling, Sommer und Herbst mit dem Kinde,
Jüngling, Mann und Greis in ähnlicher Weise das nämliche geistig aussprechen,
was ihr im darauffolgenden Kapitel in einem noch höheren Sinne vernehmen sollt!
Also:
[Lg.01_006,00] 2. Winter, Frühling, Sommer
und Herbst.
[Lg.01_006,01] Es wird da so mancher fragen,
wie kann wohl der Winter, wo die Natur eher mit dem Tode zu vergleichen ist,
wie kann man den Winter, wo statt Wärme, als Quelle alles Lebens, die Kälte,
gleichbedeutend mit dem Tode, herrscht, – wie kann der Winter mit der
beweglichen Natur eines Kindes verglichen werden, wo alles Leben zeigt und
alles von Leben strotzt?
[Lg.01_006,02] Und doch, Mein lieber
Zweifler, gibt es kein schöneres Beispiel, das Kindesleben mit dem Winter und
seinem Leben zu vergleichen, als eben dieses, welches durch ein geistiges Band
verbunden, das nämliche in seinem Wesen zeigt.
[Lg.01_006,03] Warte nur ein wenig, Mein
Freund, und Ich werde dir den so tot vorkommenden Winter so lebendig, so warm
darstellen, wie das Leben des Kindes ist; nur wollen wir die Sache nicht von
dem Standpunkt der gewöhnlichen Darstellungsweise eurer Dichter und Poeten
auffassen, sondern von dem Standpunkt, von welchem Ich es für gut finde,
dieselbe nach Meiner Manier (Art) zu betrachten. Nun, so höre denn:
[Lg.01_006,04] Siehe, Mein Freund, wenn du
das ganze vegetative Leben des Kindesalters und sein Seelenleben damit
vergleichst, so ist es, wie Ich im Anfang gesagt habe, ein Traumleben, ein
Leben, wo alles Gute und Schlechte, alles Rechte und Unrechte noch den festen
Schlaf des Sich-nicht-Bewußtseins unter der Decke der Unschuld schläft; denn
Unschuld nennt man nur diesen Zustand, wo man keiner Schuld sich bewußt ist,
aber auch keine kennt, denn mit der Erkenntnis der Unschuld hat dieselbe
aufgehört.
[Lg.01_006,05] Wie dieses Traumleben des Kindes,
wo wie in einem Embryo alle Leidenschaften und alle andern Triebe verdeckt
ruhig nebeneinander schlafen und nur den bessern Zustand ihres sie
umschließenden Leibes erwarten, um dann zu erstarken und sich entwickeln zu
können, ebenso – siehe, Mein lieber Freund, welch passender Vergleich und wie
geistig nahe! – ebenso liegt unter der weißen Decke des Schnees (Weiß ist ja
die Farbe der Unschuld) die ganze künftige Existenz eines Teiles des Erdballs
im Schlafe begraben, nur wartend, bis eine höhere Macht, die Wärme der Sonne,
diese Decke der Unschuld lüftet, dieselbe vernichtet, und den tausend und
tausenderlei Leben ihren freien Lauf läßt, damit jedes gemäß seiner Bestimmung
wirken und seinen Daseinszwecken nachzukommen vermöge.
[Lg.01_006,06] Wie beim Kinde gute und
schlechte Eigenschaften mit der Ausbildung des Körpers sich mehr manifestieren,
so zeigt sich im Erdenleben bei aufwachender Natur ebenfalls der Einfluß
friedlicher und feindlicher Einwirkungen; anfangs, wie die Leidenschaften beim
Kinde, ruhig unter der eisigen Decke des Schnees beisammen wohnend, trennen sie
sich dann kämpfend und streitend, und so in stetem Kampfe gehen sie dem
Frühling oder einer besser entwickelten Zeit entgegen, wo schon alles Lebende
auf dieser Erde mehr erstarkt, auch im Kampf der Elemente und sonstiger
Einflüsse widerstehen und denselben siegreich ertragen kann.
[Lg.01_006,07] Im Frühjahre drängt alles
unbewußt seiner Bestimmung entgegen; das Pflänzchen wird ein Bäumchen, bereitet
alles vor, um einst als Baum seinen Zweck zu erfüllen, und Tiere bauen
Wohnungen für ihre Brut, von der sie noch nicht wissen, woher sie kommt. –
Alles schafft und webt; Zerstörung und Neuaufbauen, Formwechsel und Neugeburt
sind des Erdballes Aufgabe; es ist ihre Jünglingszeit, welche oft Mißarten und
Afterbildungen (Nachbildungen), die nicht in den Kreis des Gewöhnlichen
hineingehören und später wieder ausgeschieden werden, hervorbringt, wie bei dem
Jünglinge seine dummen Streiche und leichtsinnigen Fehler.
[Lg.01_006,08] So bekränzt die Natur im
aufgewachten Frühling sich mit den schönsten Blumen, wie der Jüngling mit
rosigen Wangen, und geht langsam dem Mannesalter entgegen, der Periode der
Reife der Früchte, welche aus dem Treiben und Drängen des Frühlings hervorgehen
soll, ganz im Sinne des Schöpfers.
[Lg.01_006,09] Der Sommer oder das
Mannesalter ist auch schon heißer, dem Manne rinnt der Schweiß von der Stirn
bei Gewinnung seines täglichen Brotes; dem fruchttragenden Baum fehlt oft das
Wasser oder die Feuchtigkeit, seine Kinder, die Blätter und Früchte, zu
ernähren und letztere auszureifen.
[Lg.01_006,10] Ebenso hoffnungslos steht der
Mann oft da, läßt seine ermüdeten Arme sinken, wie der Baum seine Blätter; ein
Sturmwind, ein Hagel entreißt ihm seine Kinder, die nur mit Mühe hervorgebrachten
Früchte.
[Lg.01_006,11] Dem Manne rauben Krankheiten
seine Sprößlinge, seine Gefährtin; und wo beide, Mann und Baum, keinen Trost
und keine Hilfe mehr erwarten, da türmt oft eine Windsbraut Wolken des Segens
und Regens auf; letzterer ergießt sich in Strömen über die dürstenden Felder
und Wiesen, befruchtet und befeuchtet die verschmachtende Natur, reinigt die
Lüfte, und siehe, die ewig nie verlorene Naturkraft belebt wieder alle Wesen
von neuem; der Sturm ist überstanden, manches wohl verloren, aber dafür tausend
anderes ersetzt worden.
[Lg.01_006,12] Beim Manne, wenn vom Unglück
gebeugt er keine Hilfe mehr weiß, wenn das ganze, vielleicht von Jugend auf
erbaute Religionsgebäude mit dem Sturm des Schicksals zusammenbrach, da glimmt
im Osten ein lichter Funke auf; es ist anfangs ein kleiner Stern, er steigt
höher und höher, vergrößert sich, wird zur Sonne, zur Gnadensonne mit Meinem
Bilde in der Mitte und mit Meiner Lehre als Strahlenbündel umwebt, beleuchtet
das zerrissene Gemüt des Mannes, gießt sanften Trost und Licht in sein Herz,
läßt den Tiefgeprüften, vielleicht zum ersten Male, den geistigen Vorgeschmack
eines Himmels, das Vorgefühl einer göttlichen Liebe fühlen!
[Lg.01_006,13] Der Mann richtet sich auf,
begreift die Huld seines Vaters und segnet die Schicksalsschläge, die ihn
getroffen und endlich keinen andern Zweck hatten, als ihn in die Arme Dessen zu
führen, Der sie schon längst ausgebreitet hatte, ihn zu empfangen, und nur
keine andere Art wußte, dieses zu bewerkstelligen, als durch ein dem Anschein
nach vermeintliches Mißgeschick.
[Lg.01_006,14] So wird der Mann dann reif zum
Greisenalter, wie der Baum seine Früchte ausreift zur Herbstzeit. Endlich kommt
der Herbst, die Naturkraft, die während des Winters ruhig unter der Decke des
Schnees schlief, die im Frühling alles zu neuem Leben weckte, im Sommer tätig
war, alles seiner Bestimmung zuzuführen, hat gegen den Herbst sich
ausgebraucht, ist müde geworden, hat ihren Zweck erfüllt und geht wieder
schlafen.
[Lg.01_006,15] Die Blätter fallen ab, der
Baum, sonst in üppiger Fülle dastehend, verliert seine äußere Form, und bald
als Gerippe und Skelett zeigt er zwar das Grundfundament, welches all das
Hervorgebrachte getragen hat, aber die schöne Farbe, die Lebensfrische ist
dahin; der Baum ruht, um in einem andern Jahre seine nächste Bestimmung
anzutreten, entweder vollkommener als in dem Vergangenen, oder aber auch
umgekehrt, der Zersetzung in andere Elemente sich nähernd.
[Lg.01_006,16] So ist es ebenfalls mit dem
Manne, nach und nach geht es dem Greisenalter zu; die Tatkraft, das schnelle
Entschließen fängt an sich zu mildern, die Farbe des Gesichtes ändert sich, das
Ergrauen der Haare (Zurückziehen des Eisens im Blut anzeigend, als Träger der
Tätigkeit) wird immer bedeutender. Die Außenwelt schließt sich immer mehr, und
der Greis beginnt ein inneres Leben, wie der Baum im Herbst, wo auch bei ihm
die Zirkulation der erneuerten Säfte aufhört, und ein langsameres inneres
Wirken, den menschlichen Blicken entzogen, sich fortsetzt.
[Lg.01_006,17] So erwartet der Baum seine
Bestimmung fürs nächste Jahr, gemäß seiner Tätigkeit, ob er als Brennholz dem
Feuer übergeben oder zu anderen Zwecken dienen soll, oder ob er als Baum,
vielleicht veredelt, bessere und schönere Früchte bringend, dem Menschen wieder
körperliche und geistige Genüsse verschaffen soll, körperliche durch seine
materiellen Produkte, und geistige durch sein Betrachten in bezug auf den
allgütigen Schöpfer und Herrn.
[Lg.01_006,18] Alle Früchte und Produkte der
ganzen Natur, die den lebenden Wesen zur Nahrung dienen, gehen durch ihre
verschiedene Verwendung in eine höhere geistige Stufe über, indem sie zur
Erhaltung von höher stehenden Wesen dienen, deren Körperliches befördern und
das Geistige vervollkommnen helfen.
[Lg.01_006,19] Was die Früchte bei den
Erdprodukten, das sind bei den Menschen die Taten, sie helfen dem am Rande des
irdischen Lebens Stehenden sein geistiges Ich aufbauen, um auch ihn zu einer
höheren Stufe zu führen.
[Lg.01_006,20] Was Ich euch hier gesagt, das Pflanzen-
und Tierreich sowohl als den Menschen in seinen vier Lebensperioden betreffend,
das hat ebenfalls seine nämliche Bewandtnis bei ganzen Völkern und Nationen.
[Lg.01_006,21] Auch sie haben ihre Kinder-,
Jünglings-, Mannes- und Greisenperiode; werden von Mir nach und nach auf den
Weg zur Erkenntnis, durch Unglücke, Kriege, verheerende Krankheiten und durch
sonst allerlei geführt, bis auch sie dann ihre geistige Höhe errungen, einzeln
als Individuen oder im Ganzen als Nationen in höhere Sphären übergehen können;
je nachdem ihre Neigung war, Meine Ratschläge und Mahnungen zu beachten, wo
dann das eine Volk früher, das andere später zur Reife gelangen wird.
[Lg.01_006,22] Hier habt ihr die zweite Reihe
unserer Titelworte – Winter, Frühling, Sommer und Herbst –; jetzt wollen wir
uns auf einen höheren Standpunkt schwingen und von da gleich Mir Meine
Schöpfung in ihrem stufenweisen Wirken betrachten, wo ihr dann wieder Meine
Liebe und Meine, nur auf das Glück Meiner geschaffenen Wesen bedachte Weisheit
noch klarer erschauen möget!
[Lg.01_007,00] 3. Die vier Epochen der
Welten- und Erden-Schöpfung.
29. Juli 1870
[Lg.01_007,01] Da alles, was Ich tue, stets
nur nach ein und demselben Grundprinzip geschieht und als ein Schöpfungsakt
bestimmt ist, etwas Zweckentsprechendes hervorzubringen, und diesen
Grundprinzipien gemäß alles stufenartig nacheinander entwickeln und es
vervollkommnend alles wieder zu Mir zurückführen muß, so ist auch in dieser
Hinsicht der innigste Zusammenhang zwischen den beiden früher angeführten
Abschnitten und dem jetzigen, wo Ich euch dasselbe wieder zeigen werde, was
zuvor in den vier Perioden des Menschenlebens, dann in den vier Jahreszeiten
oder Entwicklungs- und Ausreifungs-Epochen ebenfalls vorgeführt wurde. Hier ist
solches nur in größeren Dimensionen und in Äonen und Äonen von Zeitläufen
vollführt worden, ehe die früher angeführten Stufen ins Leben treten konnten.
[Lg.01_007,02] Ich sandte die anderen
Abschnitte voraus, weil sie euch näherstehend euch leichter begreiflich waren,
und ihr dann in dieses dritte Problem eher eingehen, und euch so besser
zurechtfinden könnt.
[Lg.01_007,03] Wie ihr im Kindesalter das
geistig-seelisch einst zu großen Dingen sich entwickelnde Leben gesehen habt,
und wie im Winter unter der Decke des Schnees alles Lebende und Vegetierende
seiner Erlösung harrt, so war auch einst im unendlichen Raum alles vermengt,
gemischt und im untätigen Zustande ruhig verharrend, bis Mein Machtwort es aus
seinem Schlafe zur Tätigkeit erweckte.
[Lg.01_007,04] Meine Ideen und Gedanken der
Schöpfung, die vom Einfachsten ausgehend, wieder in jedes einfachste Ding die
Fähigkeit legten, aus demselben zahllose seinesgleichen zu erzeugen, sie waren
es, die der unendlichen Äthermasse den ersten Anstoß gaben, wo bisher alles
ruhig beisammen wohnte, ohne Anziehungs- noch Abstoßungs-Gelüste, – und als
Mein Wille den ersten Impuls dazu gab, so begann das Werden, das sich
Zusammengesellen des Gleichen zum Gleichen, und das Abstoßen des Fremdartigen.
[Lg.01_007,05] Es schieden sich die einzelnen
Elemente, getrieben durch geistige Kräfte, oder es vereinten sich solche unter
gewissen Meinen Gesetzen entsprechenden Ordnungen; es begann das Leben, das
Sichgestalten; was früher noch aufgelöst, ohne Grenzen der Breite, Länge und
Tiefe im Äther ruhte, begann sich zu formen, zu bilden. Es begann auch hier der
entsprechende Prozeß des Kindesalters oder der Kampf der Elemente unter der
Schneedecke, sobald der erste Strahl des geistigen Triebes die Kindesseele
erweckte, oder der erste Strahl der lebenbringenden und erwärmenden Sonne die
eisige kalte Schale des Schnees zerbrach, worunter Millionen von gefesselten
Leben ihrer Erlösung entgegenharrten.
[Lg.01_007,06] Der große Frühling des
kosmischen Werdens nahm seinen Anfang, und die Welten, Hülsengloben und Sonnen
traten in das Jünglingsalter, wo noch nicht alles geschieden, wo noch
Gärungsprozesse ihre unruhigen Teile von der Haupt- oder Zentralsonne
ausschieden, welche dann wieder durch den nämlichen Prozeß zu kleineren Sonnen,
und diese erst nach langem Zerstückeln und Lostrennen einzelner noch kleinerer
Teile zu den wie Kinder sie umkreisenden Erden wurden.
[Lg.01_007,07] Die Weltensonnen in ihrer
ungeheuren Größe mußten, bildlich gesagt, ganz den Jünglingsstand durchmachen.
Nicht ruhig, sondern durch heftige Störungen mußten sie ihren Entwicklungsgang
voranschreiten, machten Revolutionen in ihrem Innern wie an ihrer Oberfläche
durch, welche ihr Inneres wie ihr Äußeres stets veränderten, wie beim Jüngling
die mächtigen Leidenschaften in seiner jugendlichen Natur in seinem Innern
geistige und im Äußeren körperliche Spuren zurücklassen.
[Lg.01_007,08] So ging der Kampf fort, unter
Zerstörung manches Gewordenen und dessen Erneuerung in einer höheren Stufe, –
alles vorwärts drängend, bis endlich ein Gleichgewicht zwischen innen und außen
hergestellt wurde, und die Welten- wie die Nebensonnen und deren Erden in ihr
Mannesalter traten, wo geregelter Verlauf ihres Lebensprozesses eintrat, und
die gewaltsamen Umwälzungen und Zerstörungen nach und nach einer gesetzmäßigen
Ordnung Platz machen mußten, und von wo aus, stets den Trieb nach
Vervollkommnung in sich tragend, alles Geistige, durch die Materie Gebundene,
in den Welten und Sonnen nach und nach deren Formen und Hüllen veränderte und
so durch viele Millionen von Stufen es seinem geistig höheren Ziel
entgegenführte.
[Lg.01_007,09] Auf diese Weise werden auch
die Welten, Sonnen und Erden nach langen großen Zeiträumen wieder ins
Greisenalter treten, wo dann die meiste Lebenskraft verbraucht und in geistige
Elemente verwandelt sein wird, die Materie verändert – ähnlich wie beim Baum,
wenn nur noch sein Skelett ohne Blätter und Früchte – , und beim Menschen der
abgenutzte Körper seiner vorgeschrittenen Seele nicht mehr als Wohnhaus und
Werkzeug dienen kann, indem das starre Materielle dem verfeinerten Geistigen
nur hinderlich ist.
[Lg.01_007,10] So geht es also mit den
Welten, Sonnen und Erden; haben sie einst ihre Tätigkeit so weit gesteigert,
daß am Außenkleid derselben alles verbraucht, und nur der große und mächtige
Trieb im Innern geblieben ist, der noch mehr zum Weiterschreiten zwingt, dann
wird auch dieser innere Geistes-Komplex der großen Welten, wie die Seele beim
Menschen, die untauglich gewordene Schale zersprengen, die ihr bisher als
Umkleidung und Organ der Tätigkeit gedient hat, und wird vergeistigt und
vervollkommnet ein höheres Welten-, Sonnen- und Erden-System daraus begründet
werden, wo im Vergleich damit die jetzige Schöpfung sich zu der künftigen
verhalten wird, wie die Schlacke zum Eisen, welches die erstere aus sich
ausgeschieden hat, da solche in bezug auf das Eisen und dessen Verwendung zu
nichts mehr zu gebrauchen ist. –
[Lg.01_007,11] Das sind die großen
Schöpfungsepochen, wie sie im unendlichen Raume von Ewigkeit her vor sich
gehen, und was sie ihrem Zweck getreu vollführen werden nach Zeiträumen, für
deren Dauer ihr keine Zahl habt, und für welche auch keine für euch denkbar
ist, während welcher Mein Wille sich vollführen wird.
[Lg.01_007,12] Der jetzigen materiellen
Schöpfung folgt eine geistige, wie dem irdischen Menschenleben ein geistiges,
wo auch die Produkte und Lebewesen nach solcher Veränderung eine auf höherer
Stufe gebauten Welt entsprechende Existenz haben werden. –
[Lg.01_007,13] Jetzt will Ich euch noch eine
andere, noch höhere geistige Stufenleiter als die früheren, zeigen, und diese
Stufenleiter des Geistigen und Höchsten bis zu Mir Selbst heißt:
[Lg.01_008,00] 4. Geistesleben, Seelenleben,
Engelsleben und Gottesleben.
[Lg.01_008,01] Unter Geistesleben verstehe
Ich hier eigentlich das Leben aller jener Geister oder Naturkräfte, die den
Zusammenhang des ganzen materiellen Universums oder den Bestand aller Metalle,
Steine und Erden und deren Fortdauer bewirken.
[Lg.01_008,02] Diese Geister, die in allem
die eigentlichen Träger aller Formen, aller Produkte wie aller lebenden Wesen
außer den Mir ähnlichen Bewohnern der Weltkörper ausmachen, sind auf
verschiedenen Stufen, gemäß ihrer Intelligenz, allerdings lauter göttliche
Funken, von Mir Selbst in alles Bestehende hineingelegt; dieselben bedingen
also das Bestehen der Dinge und deren Vervollkommnung, indem sie auch von einer
Stufe zur andern aufwärts steigen. Sie sind aber noch keine Persönlichkeiten,
sondern nur insoweit intelligent, als sie auf die Materie, in die sie gebunden
sind, zu deren Bestand wirken, und werden es bei jeder höheren Daseinsstufe
noch mehr, sie gehen also zuerst als Trieb auftretend, und später als Tierseele
nach und nach in ein sich selbst bewußtes Geisteswesen über.
[Lg.01_008,03] Diese Geister sind im großen
Reiche der Geister das, was im Knaben die schlummernden Triebe und
Leidenschaften, und die unter dem Schnee liegenden Embryonen, sowohl in den
Pflanzensamen als auch in den Tierkeimen ruhenden ersten Anfänge sind, die nur
den ersten Anstoß erwarten, um ihr Leben und Wirken zu beginnen, sich aus den
tiefsten Schichten sodann emporarbeitend, zum Jünglingsalter gelangen, bis sie
als mehr selbstbewußte Seelen, jedoch immer noch am Leitseil des allgemeinen
großen Naturgeistes geführt werden, der durch alle Welten und Räume weht, und
alles Geschaffene antreibt, seinen Zweck zu erfüllen, und euch als Instinkt
bekannt ist.
[Lg.01_008,04] Das Seelenleben beginnt in
einer schon mehr begrenzt abgeschlossenen Form, es ist ihm schon die
Eigenschaft der Vervielfältigung durch Samen oder Zeugung, und höher hinauf im
Tierleben auch mehr oder weniger freie Bewegung gegeben.
[Lg.01_008,05] Es ist wie das Jünglingsalter
mit seinen Trieben und zu erlernenden Eigenschaften als Vorbereitung zum Manne,
dem Höhepunkt dieser Existenz.
[Lg.01_008,06] Die reife Pflanze oder der
Baum hat schon höhere Triebe, und die in ihnen wohnende Seele drängt schon nach
Höherem, nach dem Übergang ins Tierreich hin, ist aber noch fest an die
Erdscholle gebunden; es gibt wohl auch einige Kräuter und Schlingpflanzen,
denen sogar eine fortschiebende Bewegung eigen ist, und die daher die nächsten
Übergänge zum frei beweglichen Tierreich sind. Die Seelen der Tiere, von den
ersten Mollusken (Weichtieren) und Infusionstierchen angefangen bis zu den
Affen – den eurer Form, aber nur eurer Form, nicht eurer Seele nächststehenden
Tieren –, drängen alle schon nach Vervollkommnung, haben auch diese Eigenschaft
in gewissem Grade, sich vervollkommnen zu lassen, und erreichen solches auch,
besonders je mehr sie dem Menschen näherstehen und mit ihm in Berührung kommen.
[Lg.01_008,07] Sie veredeln ihre Intelligenz
mehr und mehr und gehen auch nach ihrem Absterben ihrer Bestimmung in
schnelleren Schritten entgegen, als weiter vom Menschen abstehende Seelen, wie
zum Beispiel die in den Tiefen der Meere und Seen und in dichtesten Wäldern und
Wildnissen lebenden Tiere, die statt einen Hang zur Annäherung an den Menschen
zu fühlen, dessen größte Feinde sind, und anstatt in seiner Nähe sich zu sonnen
und sich zu erwärmen, sogar nach dessen Leben trachten.
[Lg.01_008,08] Die meisten anderen Tierseelen
sind mit so viel Intelligenz ausgestattet, als nur möglich, um sich euch
Menschen zu nähern, und wenn ihr wüßtet, wie viel Liebe, Hingebung und
Anschmiegung oft in einer Tierseele liegt, die sich glücklich fühlen würde,
wenn ein hoher Menschengeist sich mit ihr abgäbe, ihr würdet gewiß erstaunen,
was für Eigenschaften in solchem Tier vorhanden sind, welche manchen Menschen
beschämen und ihn zwingen würden, seine stolze Idee, der Beherrscher alles
Geschaffenen zu sein, demütig zurückzuziehen.
[Lg.01_008,09] Dieses ganze Seelenreich, mit
seinen Millionen und Millionen von verschiedenen Abstufungen, ist wie das Ende
des Jünglingsalters, das zur Reife des Mannes oder männlichen Charakters hindrängt,
und dort seinen Schlußpunkt auf allen Erden in dem zuletzt geschaffenen, aber
schon mit rein geistigen Fähigkeiten und Eigenschaften befähigten Menschen, als
Ebenbild eines allumfassenden ewigen Gottes, findet.
[Lg.01_008,10] Hier und in allen materiellen
Schöpfungen schließt der Mensch die geistige Stufenreihe ab, und durch sein
Emporringen und geistiges Wirken – indem er seine Seele vergeistigen muß, um
als geistiges Wesen stets höher emporzusteigen – geht er dem Weg zum
Engelsleben entgegen, einem Leben, das dem Mannesalter in geistiger Hinsicht
entspricht, indem dort größere, ernstere Aufgaben zu vollführen sind, und zwar
nicht mehr für sich, sondern für viele andere Millionen von geistigen Wesen,
für deren geistigen Fortschritt gesorgt werden muß.
[Lg.01_008,11] Das entspricht dem
Familienleben des Mannes, als große Pflanzschule für Kinder Gottes.
[Lg.01_008,12] Zu dieser Stufe des
Engelslebens sind aber besonders die Bewohner eurer Erde auserwählt, und alle
andern lebenden Menschwesen und Bewohner anderer Erden und Sonnenwelten, wollen
sie Meine Kinder werden, müssen sich diesen Weg der Einverleibung auf Erden
gefallen lassen; denn außer diesem gibt es keinen andern zu Mir, das heißt in
Meine allernächste Nähe, wo dann Ich, als entsprechend dem menschlichen
Greisenalter, als vollkommenster Geist nur in Meinem inneren Wesen lebend, der
Endpol und der Gipfelpunkt alles Geschaffenen, alles Wesenden und Lebenden
Selbst bin.
[Lg.01_008,13] Das ist dann das Gottesleben,
ein Leben für sich, und doch – durch alle – für alle, der Zentral-, der Schluß-
und auch, wie früher gezeigt, der Anfangs-Punkt, wie die Form eines Kreises
Meine Wirkung und Meine Macht vorstellend, unendlich, indem alles von Mir
ausgeht, alle Phasen der möglichen Veränderungen durchläuft und dann stets
veredelter wieder zu Mir zurückkehrt. –
[Lg.01_008,14] Hier habt ihr also die vier
Stufen des geistigen Lebens: in der Materie als unbewußt Gebundenes, in der
Seele als bewußt Tätiges, im Geiste als frei sich selbst Überlassenes, und in Mir
als Gott, Schöpfer und Herrn der ganzen Schöpfung als allein waltend und
regierend, und zwar nebenbei auch diese höchste Stufe als eine edelste und
erhabenste darstellend, statt als ein unerbittlicher Richter die Zügel alles
Geschaffenen handhabend, nur mit den sanftesten Eigenschaften wirkend, und zwar
als Vater und nur durch Liebe alles zusammenhaltend, alles umschlingend, und so
durch Milde an Mein Vaterherz zurückführend!
[Lg.01_008,15] Begreifet also wohl, Meine
Kinder, nachdem Ich euch nun hier, wie ein ungeheures Panorama, die ganze
Schöpfung nach und nach entrollte, was für eine Stellung ihr in diesem
geistigen Reich von lebenden Wesen und Geistern einnehmt.
[Lg.01_008,16] Begreifet eure Stellung, zu
was ihr auserkoren seid, und mit welchen Opfern sogar Ich euch erkauft habe, um
euch zu dem zu machen, zu was Meine Vaterliebe unter Myriaden von Wesen euch
bestimmte! – –
[Lg.01_008,17] Trachtet dem nachzukommen,
ergreifet die Vaterhand, die euch zu Sich hinaufziehen will ganz in Seine Nähe;
diese Vaterhand, die euch so viele andere beschwerliche und langwierige Wege
ersparen will, damit ihr nur recht bald zu Dem kommt, Der ja keine andere
Freude kennt, als die ganze Schöpfung Seiner großen Ideen und Gedanken im
Geiste und in den Herzen Seiner Kinder sich widerspiegeln zu sehen, und als
Lohn für alles, was Er getan, nur das Bekenntnis von euch wünscht und nur den
Titel, daß ihr Ihm entgegeneilend ausrufen möget: „Vater! Wer sind wir, daß Du
unser gedenkest!“
[Lg.01_008,18] Damit Ich, Meine Arme als Vater
gegen euch ausstreckend, euch erwidern kann: „Das, zu was Ich euch geschaffen
habe, nämlich ,Meine Kinder!‘“ Amen. Amen. Amen!
9. Kapitel – Mädchen, Jungfrau, Mutter und
Weib.
4. August 1870
[Lg.01_009,01] Nachdem deine Gesellschaft
beinahe in der Überzahl weiblichen Geschlechts ist, und eben dieses Geschlecht
auf die geistige Erziehung Meiner Kinder so wesentlichen Einfluß hat, so will
Ich denn, diesen deinen Schwestern zulieb, auch einige Worte für sie geben,
damit die einen erkennen, was sie eigentlich hätten tun sollen, und die andern
das in Betrachtung ziehen mögen, was ihnen noch zu tun übrigbleibt, teils um
den Namen Meiner Kinder zu verdienen, teils um dahin zu wirken, daß alle
Seelen, die Ich ihnen in die Hand legen werde, gemäß Meiner höheren Bestimmung
auch auf Meine Wege mögen geleitet werden. Also nun zur Sache:
[Lg.01_009,02] Wir wollen beginnen wie bei
dem vorigen vierfachen Diktat, das heißt mit der Jugend oder mit dem ersten
Stadium als Kind oder – im geschlechtlichen Ausdruck – mit dem Mädchen.
[Lg.01_009,03] Zunächst nach der Geburt, wo
noch kein geschlechtlicher Unterschied vorhanden ist in bezug auf Triebe und
Leidenschaften, wo das vegetative Leben nur allein das Vorherrschende ist, da
zeigt sich beim Knaben oder Mädchen kein anderer Unterschied als nur in der
körperlichen Einrichtung, indem beim Mädchen der schwächere Organismus, der
ruhigere, leidende, passive vorherrscht, während beim Knaben schon mehr das
ungestüme und beweglichere Temperament durchleuchtet, was demselben später seinen
Charakter gibt, im Vergleich mit dem sanfteren und schwächeren Mädchen.
[Lg.01_009,04] Diese Epoche ist also die
nämliche bei beiden Geschlechtern; alle Leidenschaften und Tugenden schlafen
ruhig den Schlaf des Gerechten, bis andere Zustände sie zur Trennung und zum
Kampf aufwecken, wo dann ebenso beim Mädchen der Eigensinn und der Zorn die
ersten bösen Eigenschaften sind, die sich kundgeben, wie wir es beim Knaben
gezeigt haben.
[Lg.01_009,05] Was Ich dort über diese beiden
Triebe gesagt, das gilt auch nun beim Mädchen; nur ist hier der Eigensinn eine
noch gefährlichere Leidenschaft beim Mädchen als beim Knaben, indem der Knabe
im späteren Alter doch mehr Willenskraft besitzt, denselben eher zu bändigen,
während das Mädchen, schwächer, nicht dem Reiz widerstehen kann und auch noch
leichter in all ihrem Tun deshalb bestätigt wird, weil es als das schwächere
Geschlecht überall Nachgiebigkeit findet, welche Nachgiebigkeit gegen seinen
Trotz aber später der Jungfrau und Mutter böse Stunden bereiten wird, indem sie
alsdann mit dem andern Geschlecht in Berührung kommt, das von Mir Selbst
bestimmt wurde zu herrschen, und nicht beherrscht zu werden. Soviel also über
diese beiden Eigenschaften.
[Lg.01_009,06] Wer von deinen Schwestern
Kinder zu erziehen hat, beachte wohl diese beiden Giftkräuter, die, sosehr das
Weib geschaffen ist, überall wo es nur auftritt, den Frieden und Segen zwischen
aufgeregten Gemütern herzustellen, ebenso im Gegenteil den schönsten Himmel zur
Hölle verwandeln kann, wenn das Weib diese bösen Eigenschaften zu bezwingen
nicht die Kraft hat, woraus dann die schlimmsten Folgen erwachsen, nicht nur
für das eigensinnige und zornmütige Weib selbst, sondern auch auf Kind und
Kindeskinder wie ein krebsartiger Schaden sich fortpflanzen.
[Lg.01_009,07] Was beim Knaben mit seinen
fortschreitenden Jahren die Kampfeslust, das Stärker-als-andere-Sein und
Über-seine-Kameraden-herrschen-Wollen, eine Lieblingsneigung ist, das ist im
Gegensatz beim Mädchen die Eitelkeit. Der Knabe möchte als der Stärkste, Gewandteste
(und Gescheiteste) von seinen Mitgespielen angesehen und als solcher gefürchtet
sein, – das Mädchen dagegen möchte die Schönste und Bestgekleidete (und
Reizendste) unter ihren Freundinnen sein; ersteres ist zwar auch beim Knaben,
aber eine bei weitem nicht so gefährliche Leidenschaft, als jene bei Mädchen,
wo sie als Eifersucht von desto größerer Tragweite ist.
[Lg.01_009,08] Sie, die Eifersucht, ist die
ärgste und furchtbarste Leidenschaft, die aus dem weiblichen Gemüt alle andern
besseren Eigenschaften verdrängt, sich mit Haß, Zorn und Rache verbindet, und
es ist so, wie Ich einst in einem Meiner Worte sagte: „Wollt ihr den Satan in
Person sehen, so schauet nur ein eitel aufgeputztes Fräulein oder ein
eifersüchtiges Weib an!“
[Lg.01_009,09] Ja, ein nur von Leidenschaften
sich regieren lassendes Weib ist eine Furie in Person; denn beim Manne ist
trotz des Rache- und Zorngefühls doch fast stets die Vernunft mehr Herrscherin;
aber beim Weibe gibt es da kein Denken mit dem Kopfe mehr, sondern nur das Herz,
der Sitz alles Edelsten oder alles Schlechtesten, ist der Leiter und Träger
aller ihrer Entwürfe und Handlungen.
[Lg.01_009,10] Ein Weib, besonders wenn ihre
Stellung sie noch begünstigt, ihren Leidenschaften Nachdruck zu geben, ist
geeignet, die ganze Erde zu verwüsten, wenn es ihr möglich wäre, und ist fähig,
Ströme Blutes mit kaltem Blick fließen zu sehen, Elend überall zu verbreiten;
es genügt ihr, wenn nur ihre Rache gesättigt ist, wenn nur ihr vermeintlicher
Ehrgeiz das süße Bewußtsein in ihrer satanischen Seele dann zurückläßt: Du bist
gerächt!
[Lg.01_009,11] Sehet die Geschichte der
Menschheit eures Erdballs an, wie, seit das weibliche Geschlecht aufgehört hat,
das Untergeordnete zu sein, seit es angefangen hat, aus dem häuslichen Leben,
seiner eigentlichen Sphäre, herauszutreten, wie viel Unglück dieses Geschlecht
der Menschheit, sei es im Familien-, sei es im Staatenleben, verbreitet hat!
Während gerade diesem Geschlechte von Mir die Palme des Sieges durch seine
passive Macht der Sanftmut über die ungestümen Leidenschaften des Männlichen
zugedacht war, triumphiert es jetzt durch die Künste des Satans, verführt und
leitet den Mann statt zum Siege durch die Liebe, zum Untergang und gänzlichen
Verfall, durch seine Herrschsucht, so daß Ich jetzt wieder einschreiten muß, um
den Mann aus diesen mit Dornen umwundenen und von Mir aus sein sollenden
Rosenketten zu befreien, und aus dem weiblichen Herzen diese schlechten und
bösen Leidenschaften durch Elend, Armut und Krankheit auszutreiben, damit Meine
Schöpfung wieder ins rechte Geleise kommt, in welchem das Weib die Stütze
(Gehilfin) des Mannes, der besänftigende, nicht aber der befehlende und allein
kommandierende Teil auf dieser Erde sein soll.
[Lg.01_009,12] Ich habe euch alles dieses
vorausgeschickt, um euch zu zeigen, wohin eigentlich dieses mit so vielen edlen
Eigenschaften von Mir aus veranlagte weibliche Geschlecht gekommen ist, und daß
nur noch in wenigen Herzen bessere Gefühle als Ehrgeiz und Putzsucht Platz
haben.
[Lg.01_009,13] Ich habe euch gezeigt, wie ein
Funke, in der Jugend wenig beachtet, einst zum Brande angefacht heilloses
Unglück um sich her verbreiten kann, damit ihr seht, vor was ihr euch selbst zu
hüten habt, und vor was ihr eure Kinder schützen sollt.
[Lg.01_009,14] Jetzt wollen wir das Bild von
einer andern Seite betrachten, nämlich von der Seite, wie Ich eigentlich das
Weib schuf, wie Ich alles in es hineinlegte, um Meinem Zweck nicht hinderlich
zu sein.
[Lg.01_009,15] Ich will euch jetzt das Weib
in seinen vier Epochen darstellen, wie es sein sollte, wie es nur allein auf
diesem Wege zu Meiner Kindschaft gelangen und so seiner Aufgabe auf dieser Erde
vollständig entsprechen kann.
[Lg.01_009,16] Was bei der Erziehung
notwendig ist, habe Ich euch im Anfang angedeutet. Suchet das Herz eines
Mädchens sanft zu erhalten, erwecket beizeiten die Liebe, die alles
besänftigende Liebe zu Mir und zum Nächsten, erwecket das Mitgefühl in ihr;
denn wenn ein Herz die Leiden eines andern Menschen fühlen lernt, so sucht es
auch Hilfe dagegen, so viel ihm möglich. Mitgefühl erhält das Herz weich und
bereit zu helfen, wo es kann, und entfernt viele andere böse Gelüste und
Gedanken, die sonst in einem stolzen Herzen den Platz für sich allein einnehmen
würden.
[Lg.01_009,17] Mitgefühl leitet zur Achtung,
Gleichheit mit seinem Nächsten und ist gerade das Entgegengesetzte von Stolz,
welchen der Wahn beherrscht, etwas Besseres als andere zu sein.
[Lg.01_009,18] Mitgefühl, diese Blume aus der
Krone der Nächstenliebe, versüßt das Leben, sänftet jeden Schmerz und tröstet
in jedem Verhältnis; – und wem habe Ich gerade mehr Mittel gegeben, dieses
Mitgefühl am wirksamsten auszuüben?! –
[Lg.01_009,19] Habe Ich euch, Meine
lieblichen weiblichen Kinder, nicht die schönsten, weichsten Formen, weiche
Gesichtslinien, seelenvolle Augen gegeben, deren Blick, durch Mitgefühl bis zu
Tränen gerührt, niemand des stärkeren Geschlechts widerstehen kann?!
[Lg.01_009,20] Habe Ich euch nicht eine
sanftere Stimme verliehen, deren einschmeichelnder Ton Balsam auf die Wunden
anderer hauchen sollte?
[Lg.01_009,21] Und wie wird dieses alles bei
den meisten von euch verwendet! Ich muß Meinen Blick abwenden von diesem
Gemälde, das Ich nun vor euren Blicken entrollen könnte, wollte Ich schildern,
was jetzt mit diesen göttlichen Geschenken getrieben wird, wahrlich nicht zu
Meiner Ehre! Doch genug davon, kehren wir zu unserem Weibe zurück, wie Ich es
schuf.
[Lg.01_009,22] Also wachet über diese
gefährlichen Eigenschaften im jugendlichen Herzen eines Mädchens; einmal
Jungfrau geworden, ist es zu spät, auch nur daran zu denken – übelgeleitete
Triebe auszurotten; denn dort in diesem Blütenstande steuert das weibliche Herz
mit vollen Segeln seinen Leidenschaften dem ihm noch nicht klaren Stande
entgegen, wo sie als Mutter und Lebensgefährtin eines Mannes entweder alle ihre
schönen Ideen eines häuslichen Lebens verwirklicht sieht, und also im Hafen des
Familienlebens an andere Freuden denken kann; oder wo sie in allem enttäuscht,
die nackte Wahrheit, die sie vielleicht früher nie hörte, gerade aus dem Munde
dessen hören muß, von dem sie früher glaubte, es fließe nur Milch und Honig ihr
entgegen; und wenn es in der Tat so verkehrt ist, so ist es eine gerechte
Bezahlung für die falsche Erziehung, die das Mädchen und die Jungfrau erhalten
hat, deren Nachteil auf die Eltern und weniger auf das Haupt des Kindes fallen
sollte.
[Lg.01_009,23] Aber eben durch die Last
fremder Schuld wird man klug, und so mildert vielleicht die harte Wirklichkeit
die Leidenschaften einer Neuvermählten, und als Mutter wird sie, gerade durch
Erfahrung gewitzigt, ihre Kinder nicht so erziehen, wie sie selbst erzogen
wurde.
[Lg.01_009,24] So lenke Ich dann stets wieder
die verirrten Gemüter durch eigene unangenehme Erfahrungen dorthin, von wo sie
früher hätten nicht abgehen sollen.
[Lg.01_009,25] Die Mutter beim Krankenbett
des Kindes blickt dann zu Mir hinauf, wendet ihr Herz von den eitlen Dingen der
Welt ab, kehrt ein in ihr Inneres, sieht da oft mit Schaudern, wie verwüstet
und leer es dort aussieht. Das sind dann ihre Prüfungs-, ihre
Resignations-(Selbstüberwindungs)Tage, und so, während die Jungfrau glaubte, im
Ehestand gehe es erst recht in Saus und Braus der weltlichen Vergnügungen fort,
findet sie dort, statt mit Freuden und Tanz durchwachten Nächten, freudenleere
Tage und kummervolle Nächte, Sorgen von nie geahnter Tragweite.
[Lg.01_009,26] Das Auge, das einst von
Freudentränen feucht, dem Lebensgefährten den ersten Liebesblick zusandte, ist
jetzt vielleicht ebenfalls wieder voll von Tränen am Kranken- oder Totenbette
eines Lieblings; die Freudentränen dort führten von Mir und Meinen Worten weg,
die Tränen des Schmerzes aber sind die ersten Wegweiser wieder zu Mir. Da stehe
Ich dann in einsamer Kammer oft neben einer trauernden Mutter mit offenen
Armen, sehe das Mutterherz bluten, sehe ihre Hoffnungen wie ein Kartenhaus
zusammenstürzen, und – o väterliche Freude! – aus den Ruinen der
zusammengebrochenen Hoffnung wächst eine himmlische Blume heraus; es ist die
Blume des Glaubens und der stillen Ergebung in Meinen Willen.
[Lg.01_009,27] Was nicht durch Freuden und
weltliche Unterhaltungen je möglich gewesen, was bei dem Mädchen und der
Jungfrau vergebens an ihren tauben Ohren abgeprallt ist, hier am Krankenbette
eines Kindes blüht es auf, – was selbst die Liebe nicht vermochte, die Angst
hat es vollführt, es hat Mir ein Herz wiedergegeben, welches unter anderen
Umständen verloren gewesen wäre! –
[Lg.01_009,28] Kennet ihr jetzt, Meine lieben
Kinder, Meine Absichten, und wie Ich auch Meine nicht so leicht nachgiebigen
Kinder zu führen verstehe!
[Lg.01_009,29] Ich lasse oft viele von eurem
Geschlecht in dem großen Wirwarr des Lebens von einer Unterhaltung zur andern,
von einem Genusse zum andern forttaumeln. Allein, seid versichert, wenn Mir daran
gelegen, eine Seele zu retten, so erspähe ich den Moment, und das Vögelchen,
welches früher so frei und lustig in der Luft der Ergötzlichkeiten
umherschwärmte, sitzt dann da, läßt die Flügel hängen und vergißt ganz, daß es
Flügel hat, um dem Erdboden entschweben zu können, weil eben an den Erdboden
das geheftet ist, was ihm am liebsten war.
[Lg.01_009,30] So geht die Mutter ihren
Dornenweg fort, wird selten für das belohnt, was sie für ihre Kinder
ausgestanden hat, sieht aber eben dadurch am besten die Nichtigkeit der Welt
und ihrer verkehrten Ideen und Gewohnheiten ein, wendet sich dann nach und nach
zu Mir, – und wenn einst alle geschlechtlichen Umstände zur Ruhe gegangen, dann
fängt auch das Weib an, entweder an dem früher nicht so beachteten Lebensgefährten
eine bessere Stütze zu finden, oder allein die Stütze bei Mir zu suchen, wo sie
auch Trost und Hilfe genug finden wird.
[Lg.01_009,31] Deswegen, Meine lieben Kinder,
ihr, die ihr meist schon den Weg der Tränen und der Duldung gegangen seid, ihr,
deren Ich Mich erbarmt habe, und euch Mein Wort habe zuteil werden lassen,
verzaget nicht! Eure Vergangenheit wird bei Mir nicht so hoch angerechnet
werden, als es manche vielleicht glauben, und eure Zukunft will Ich euch
versüßen, soviel es Mir möglich ist, damit ihr Mich und Meine Lehre nicht
vergessen mögt!
[Lg.01_009,32] Dies sei euch zum Troste
gesagt, von Dem, Der euch ja ebenso wie alle Seine Kinder liebt und segnet!
Amen!
10. Kapitel – Glaube, Vertrauen und
Zuversicht.
4. Oktober 1870
[Lg.01_010,01] Nachdem du gestern diese drei
Worte in einem spiritistischen Buche gelesen hast und sie dir nicht aus dem
Kopfe gehen, so will Ich auf deine Bitte dir auch einige Worte über diese drei
wichtigen Eigenschaften geben, die für dich besonders und auch für deine ganze
Gesellschaft sehr notwendig sind; denn es mangelt auch bei ihr am Glauben, noch
mehr an Vertrauen, und Zuversicht ist fast gar keine da. So höre denn:
[Lg.01_010,02] Der Glaube, dieses schöne und
edle Wort, welches ausdrückt, daß der Mensch oder sein geistiges Wesen sich
ganz dem hingibt, was er als Wahrheit erfaßt hat, und darauf seine fernere
Handlungsweise baut, seinen Frieden daraus erhält und seine zukünftige
Seligkeit darauf gründet – dieser Glaube, wie wenige haben ihn, und wenn er
auch bei einzelnen vorkommt, wie gering ist seine Dosis!
[Lg.01_010,03] Der Glaube ist die Grundbasis
in allem, wie Ich es erst vor kurzem in Meinen Worten an deinen zweifelnden
Freund gesagt habe. Ohne Glauben gibt es nichts, was geistig begründet werden
sollte. Der Glaube ist mit den ersten Begriffen des Kindes das erste Band, das
es an seine Mutter und an die Welt kettet. Was die Mutter dem Kinde, das heißt
seinem aufstrebenden Geiste vertrauensvoll ins Herz legt, gläubig nimmt es das
auf; es ist überzeugt, daß seine Mutter ihm nur Wahrheit sagt, es hat diese
feste Überzeugung – durch die geistigen und körperlichen Bande geknüpft – als
die einzige angenommen, durch welche es mit der Mutter und mit der umgebenden
Welt in Verbindung steht; der Glaube an diese ersten eingeprägten Wahrheiten
ist oft so anhaltend, was seine Stärke beweist, wenn er rein und aufrichtig
ist, daß auch in den letzten Tagen des Greises der Mensch die Wirkungen nicht
vergißt, welche ihm die ersten eingeprägten Lehren der Jugendjahre machten, welche
er so ganz im Vollmaß als von seiner Mutter kommend kindlich annahm, und sie
als die ersten geistigen Schätze in seinem Herzen aufbewahrte.
[Lg.01_010,04] So mancher von euch Menschen
wird oft ausrufen: „O schöne Zeit der ersten Jugendtage, wo ich als unmündiges
Kind den lehrenden Erzählungen meiner Mutter horchte, und alles für wahr, ja
nicht anders möglich seiend, annahm, was sie mir damals ins Herz legte, und das
noch jetzt, trotz allen Widerwärtigkeiten des Lebens und entgegengesetzten
Erfahrungen, dennoch nicht aus dem Herzen zu verwischen ist.“
[Lg.01_010,05] Ja, der Glaube, diese Tugend,
mit kindlicher Einfalt an dem zu hängen, was man als Wahrheit erkennt, eben
dieser Glaube ist der erste Grund, der den Menschen in den Friedenstempel
einführen und ihm als Stütze dienen sollte gegen alle auf ihn einstürmenden
Zweifel.
[Lg.01_010,06] Wenn ich nun den Glauben im
religiösen Sinne anwende, was sollte er erst da noch sein! – Die heilige Fahne,
zu welcher der begeisterte Mensch schwört, sie nie mehr zu verlassen, als
Fundament aller Lehren und Wahrheiten, die euch von Mir einst sichtbar und
jetzt unsichtbar durch geistiges Einfließen gegeben werden!
[Lg.01_010,07] Manche schon haben zu dieser
Fahne geschworen, sie bis zum letzten Atemzug verteidigt, und sie auch öfters
mit dem eigenen Blut besiegelt. Aber wie viele andere haben sie verlassen und
sind zu ihr nie mehr zurückgekehrt. Und wie viele haben auch nebenbei ihren
schönen Eifer des Glaubens in fanatische Wut ausarten lassen, welche dann zu
Schändlichkeiten führte, wie sie die Geschichte des Priestertums bis auf den
heutigen Tag in Unzahl aufweisen kann.
[Lg.01_010,08] So ist es mit dem Glauben wie
mit dem Feuer; das Feuer, ein so wohltätiges und nützliches Element es ist für
den, der es weise gebraucht, so furchtbar ist es für den, welcher die Wirkungen
desselben mißachtet und vernachlässigt, und welchem es am Ende, statt ihm
nützlich zu sein, den größten Schaden zuzufügen imstande ist.
[Lg.01_010,09] Alles, was Ich geschaffen
habe, hat zwei Seiten, eine gute und eine schlechte; ebenso der Glaube. Als
reines Hingeben in den göttlichen Willen, welche sanfte Wärme verbreitet er
über das menschliche Herz, – und wie brennend, wild und auflodernd, intolerant
ist er, wenn von schlechter Hand benutzt, er dem Frieden suchenden Menschen,
statt ein kleines Lämpchen als Wegweiser ihm eine Brandfackel in die Hand
drückt!
[Lg.01_010,10] Deswegen, Meine Kinder, hütet
euch vor den Extremen, besonders in jetziger Zeit; nehmet den Glauben als
heilenden Balsam und achtet wohl darauf, daß er nicht für euch ein verzehrendes
Gift wird!
[Lg.01_010,11] Um in allem sicherzugehen,
glaubet nur Mir, höret nur auf Meine Stimme in eurem Herzen, die trügt nicht, und
lasset euch nicht betören durch schlaue, nur ihrem eigenen Interesse folgende
Ausleger Meines Wortes. Hier gilt das Wort: „Was ihr hört und leset, das
prüfet; das Gute behaltet, und das Schlechte entfernt!“
[Lg.01_010,12] Wenn ihr diese Regel in eurem Leben
stets treu beachten werdet, so wird die Fahne des Glaubens euch stets das
heiligste Palladium (Schutzbild) sein, mit welchem ihr den Weg zu eurer
Seligkeit und zu Meinem Herzen gewiß sicher finden werdet.
[Lg.01_010,13] Damit ihr aber auch euren Glauben
stets mehr festiget, so müßt ihr auch das zweite Wort im höchsten Grade
besitzen, das heißt, ihr müßt unbedingtes Vertrauen in Meine Worte legen, und
wenn ihr es eigentlich genau nehmt, so ist Glaube und Vertrauen beinahe
dasselbe.
[Lg.01_010,14] Der Glaube ist die feste
Annahme der Wahrheit, und das Vertrauen besagt ebenfalls nichts anderes, als
die innigste Überzeugung, daß das Gesagte und gläubig Angenommene nicht anders
sein kann, und nur zu dem Endziel führt, welches man wünscht, indem man festes
Vertrauen darauf hat, daß so oder so handelnd das Geglaubte durch die Tat
bestätigt werden muß.
[Lg.01_010,15] Um euch diese beiden Begriffe
bildlich näher zu bezeichnen, so setze Ich den Fall, ein Mann hat sich in einem
Walde verirrt, er weiß keinen Ausweg mehr, da begegnet ihm wie zufällig ein
anderer, der, um Holz zu sammeln, in den Wald gegangen war; der Verirrte fragt
den andern um den Weg, welchen er einschlagen soll, um aus dem Walde zu kommen;
der Holzsammler bezeichnet ihm genau die Richtung, die er zu nehmen hat. Der
Verirrte glaubt den Aussagen des Holzsammlers, verfolgt den bezeichneten Weg,
fest vertrauend, daß er ihn aus dem Walde führen wird.
[Lg.01_010,16] Hier habt ihr den Unterschied
zwischen Glauben und Vertrauen bildlich dargestellt; wollt ihr nun dieses Bild
auf euer eigenes Leben, auf das Bekenntnis Meiner Lehre und auf das praktische
Ausführen derselben anwenden, so muß Ich euch sagen, daß ihr so manches von Mir
Gesagte glaubt, aber nicht das feste Vertrauen habt, daß beim Anwenden und leben
danach das gewünschte und vorausgesagte Resultat die Folge davon sein wird.
[Lg.01_010,17] Es geht aus dem hervor, daß
wenn ihr zwar dem Anschein nach glaubt, was Ich in Meinen Evangelien und in
Meinen nun euch gegebenen Worten sage, ihr aber doch nebenbei nicht das
unbegrenzte Vertrauen auf die Unfehlbarkeit des Gesagten habt, dann geht es
euch gerade so, wie dem Verirrten, den Ich früher anführte; wenn er dem
Holzsammler nicht unbedingten Glauben schenkt, nicht fest überzeugt ist und ihm
vertraut, daß der bezeichnete Weg der einzig wahre sei, so wird er den Ausweg
aus dem Walde nicht finden, indem er unterwegs von Zweifeln geplagt unschlüssig
zu werden anfängt.
[Lg.01_010,18] So geht es euch gar oft, ihr
glaubt, seid überzeugt, wenigstens für den Augenblick, sobald es aber an die
Ausführung des Geglaubten gehen soll, so steigen leichte Nebel von Zweifeln
auf, bald da bald dort ein „Warum“ oder „wer weiß, wenn ich so handle, ob der
Erfolg wohl der sein wird, wie man es mir vorausgesagt hat, usw.!“ Es mangelt
das Vertrauen, und alles noch so eifrig Geglaubte hilft nichts, oder: Die Worte
ohne Tat sind leerer Schall! –
[Lg.01_010,19] Es muß also zum rechten
Glauben das rechte Vertrauen sich gesellen; das erste ist der Baum, der
gepflanzt, das zweite die Blüte, die gezogen, und das dritte – die feste
Zuversicht, die als Frucht erzielt werden soll. Wo diese drei Eigenschaften
vereint in einem Herzen walten, da gilt Mein Wort, welches Ich einst zu Meinen
Jüngern sprach, wo es heißt: „Wenn ihr unerschütterlich glaubt und wollt, so
heben sich euch auch Berge hinweg!“ Das will soviel sagen als: Habt ihr den
Glauben an die Kraft des Wortes, ausgesprochen mit dem festen Vertrauen der
Untrüglichkeit, so ist auch die feste Zuversicht dabei, daß das Gewollte
erfolgen muß!
[Lg.01_010,20] Wo aber findet sich dieses
Kleeblatt von göttlichen Eigenschaften in einem von euch vereint? Überall ist
seichter Glaube, wenig Vertrauen und gar keine Zuversicht. Hundertmal
wiederhole ich es euch: „Tuet und lebet nach Meinen Worten, und ihr werdet
Wunder ersehen!“
[Lg.01_010,21] Des Glaubens schönste
Eigenschaften, gekrönt durch unerschütterliches Vertrauen, werden eure
himmlische Zuversicht erhöhen, daß auch ihr gleich Mir Elementen gebieten und
gegen alle gewöhnlichen Gesetze der Natur Dinge ausführen könnt, die den andern
als Wunder erscheinen müssen, weil sie nicht wissen, daß euer Wille gepaart mit
dem Meinen das erste Gesetz ist, wovor sich alle übrigen Gesetze beugen müssen.
[Lg.01_010,22] Ich weiß recht wohl, daß bei
jedem Versuch euch Zweifel in Menge aufsteigen werden; denn solche Eingriffe in
das Wesen Meiner Naturgesetze kann eben auch nur einer wagen, der ein
Wiedergeborener geworden, und auch nur Meine Hilfe in sich anruft zu solchen
Taten, wenn diese zum Besten der Menschen notwendig sind, und nicht aus Scherz,
Ruhmsucht oder Eitelkeit, wo ihn auch das Gelingen im Stiche lassen würde. –
[Lg.01_010,23] Ich sage euch nur, daß es
möglich und schon Meinen Jüngern und andern begeisterten Menschen gelungen ist,
aber nicht so leicht erreicht werden kann, wenn nicht diese drei Eigenschaften
– der Glaube, das Vertrauen und die Zuversicht – im höchsten Grade bei einem
Menschen ausgebildet sind.
[Lg.01_010,24] Die feste Zuversicht des
Gelingens ist die Frucht des Glaubens und des Vertrauens, darauf arbeitet hin.
[Lg.01_010,25] Befestiget zuvor euren
Glauben, daß er nicht wanke wie ein Schilfrohr, sondern fest stehe wie eine
Mauer; sodann bauet auf diese Fundamentmauer das unerschütterliche Gebäude des
Vertrauens, und die Vollendung des Ganzen wird euch dann die Zuversicht geben;
in diesem Hause, auf solchen Grund gebaut, könnt ihr allen Stürmen von innen
und außen trotzen und euren Weg der Vervollkommnung ungehindert verfolgen.
[Lg.01_010,26] Dies, Meine Kinder, bedeuten
diese drei Worte!
[Lg.01_010,27] Auch du, Mein lieber
Schreiber, leidest sehr an Mangel dieser drei Tugenden, und wenn diese Tugenden
ebenfalls, wie Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, in Zahlen ausgedrückt werden
sollten, so wäre das numerische Resultat für dich sehr gering und nicht zu
deinem Vorteil; denn du hast wenig Glauben, noch weniger Vertrauen und beinahe
keine Zuversicht, daß Meine Worte, die Ich dir gegeben, in Erfüllung gehen
werden, trotzdem Ich dir tagtäglich wiederholen muß: Laß die Leute reden,
bleibe bei Mir, bei Mir ist Wahrheit und keine Lüge!
[Lg.01_010,28] Allein Ich kenne dein Herz und
deine Gründe, welche dich zum Zweifel drängen. Es sind Prüfungen, die Ich dir
sende, du wirst sie überstehen, und dann werden deine Kapitalien des Glaubens,
Vertrauens und der Zuversicht schon zunehmen, damit du auch die übrigen deiner
Gesellschaft mit diesen Gaben bereichern kannst, und dann – statt wie jetzt der
Letzte – der Erste werden wirst. Bedenke diese wenigen Worte, es liegt viel
darin, wie in allem, was aus Meinem Munde fließt. – (Hier einschließlich aus
Diktat vom 20. Januar 1871): „Ihr alle müßt euch aber nicht denken, daß Ich ihn
wegen seiner besondern moralischen Eigenschaften zu Meinem Schreiber gewählt
habe, als sei er besser als ihr. Mitnichten, Ich wählte ihn, weil seine
Verhältnisse ihm mehr Zeit lassen, seine Kenntnisse Mir mehr anpassen zur
Entwicklung höherer Erklärungen, die ein anderer nicht so fassen könnte; aber
wegen seines moralischen Wertes und seines Vertrauens zu Mir steht er nicht
besser, als viele von euch. Ebendeswegen müßt ihr nicht glauben, wenn er in
eure Versammlung tritt, daß Ich bei ihm bin, da würdet ihr ihm eine Verehrung
zollen, die weit über seinen Bereich hinausgeht. Es ist da wie bei einem Vater,
der seinen Kindern schreibt, nur die Feder oder der Vermittler ist er, mehr
nicht! Wenn ihr einen lieben Brief empfangt, nach was sehnt ihr euch denn bei
Lesung desselben? Gewiß nicht nach der Feder, mit welcher der Brief geschrieben
worden, sondern nach dem Verfasser selbst.
[Lg.01_010,29] So ist auch er ein Mensch, wie
ihr alle, mit seinen Schwächen und Gebrechen, mit seinen Wünschen und Sorgen;
er kämpft ebenfalls täglich, alles dieses loszuwerden, bittet auch oft Mich um
Abrufung aus dem Jammertal, und zeigt eben dadurch, wie ihr alle, daß er ganz
wenig Vertrauen zu Mir besitzt und bei weitem mehr haben sollte. Ihr seht aus
allem diesem, daß überall das schwache Vertrauen der Hauptmangel bei euch und
das Haupthindernis bei eurem Fortschritt ist.
[Lg.01_010,30] Noch habt ihr alle nicht begriffen,
warum Ich euch alle Tiefen Meiner Schöpfung, alle innersten Falten Meines
göttlichen Ichs aufdecke und erkläre. Seht, Meine Lieben, alles dieses
geschieht, um euch gerade eben das einzuflößen, was euch allen mangelt, das ist
das Vertrauen zu Mir. Denn, wenn ihr mit Mir die unermeßlichen Räume Meiner
Unendlichkeit durchfliegt, wenn Ich euch Meine geistigen Himmel eröffne, euch
ahnen lasse, was dort alles noch für euch aufbewahrt und bereitet ist; wenn Ich
euch Mein eigenes Ich erkläre, das nur Liebe ist – und Liebe nur wieder will;
wenn Ich euch bis in die kleinsten Atome beweise, daß Ich als Schöpfer und
Vater alles mit gleicher Liebe erhalte, so will Ich damit doch nichts anderes
als euch beweisen, daß ein Wesen mit dieser Macht und Kraft ausgestattet, wie
Ich Mich euch zeige, doch des Vertrauens wert sein sollte, und daß im Gegensatz
zu Meiner Allwissenheit und Allmacht euer Wirken und Treiben auf weniger als
null heruntersinken muß.
[Lg.01_010,31] Bedenket diese wenigen Worte,
es liegt viel daran, wie in allem, was aus Meinem Munde fließt; vertiefet euch
alle in den Sinn des Gegebenen, und ihr werdet nicht allein Trost und Frieden,
sondern, was die Hauptsache ist, ihr werdet euren Standpunkt stets mehr und
mehr erkennen, wo ihr dann das Wankende befestigen und so Mir näherkommen
könnt.
[Lg.01_010,32] Kein Wort, das Ich euch durch
Meinen Knecht sende, war und ist noch ohne seine eigenen Zwecke; auch diese
drei Worte führte Ich Meinem Schreiber eben jetzt vor die Augen, weil gerade
jetzt es anfängt, in eurer Gesellschaft etwas wankend zu werden; es ist kein
rechtes geistiges Leben da, – viele von euch leben wieder nur ihren Geschäften
und Lieblingsideen, vergessen Mich und Meine Lehre fast ganz und denken nur an
sie, wenn zufällig ein oder der andere eine Ansprache in diesem Sinne gehalten
hat.
[Lg.01_010,33] Wachet und betet, auf daß ihr
nicht in Versuchung fallet! Treibet nicht Scherz mit Meiner Gnade! Ich gebe sie
nicht so wie manche glauben denjenigen, welche sich mit Mir und Meiner Lehre
nur beschäftigen, wenn sie sonst nichts anderes zu tun haben. Sie sollten sich
in acht nehmen, es könnte ein Blitz aus heiterem Himmel sie erschrecken, und
dann sie zwingen aus Not einzusehen, daß sie das als Nebensache betrachtet
haben, was eigentlich die Hauptsache sein sollte!
[Lg.01_010,34] Wer von Meiner Lehre nichts
weiß und dagegen sündigt, ist nicht so strafbar; wer aber Meine Lehre gelesen,
sie so halb glaubt, aber kein rechtes Vertrauen in bezug der Ausführung zeigt
und an die Erreichung des eigentlichen Zweckes mit keiner Zuversicht denkt, da
werde Ich wohl genötigt sein, durch einen direkten Rüttler ihn aufzuwecken,
damit er nicht in den Schlaf der weltlichen Dinge verfalle und Meine geistige
Schule dabei vergesse! Heute mahne Ich noch, wer außer Mir weiß, was Ich morgen
tun werde? Eure Erdscholle, worauf ihr lebt und ruhig darauf herumwandelt und
euch eures Lebens freut, ist unter euren Füßen hohl, furchtbare Abgründe
bedeckt diese dünne Schale, und ihr mit dem festen Glauben und dem festen
Vertrauen blickt ja mit großer Zuversicht zu Mir auf in der Hoffnung, Ich werde
diese dünne Schale nicht einsenken und so euch alle unverhofft den Tod
schmecken lassen! Ruhig legt ihr euch über diesen Abgründen nieder, während
vielleicht unter euren Füßen euch unbegreifliche Kämpfe der Elemente
stattfinden, legt euch nieder mit festem Vertrauen und Zuversicht, des andern
Tages wieder gesund und gestärkt aufzustehen. Warum habt ihr denn diese
Zuversicht in diesem Falle und in geistigen Dingen nicht? Seht, weil ihr glaubt,
Ich werde es nicht tun! Und warum werde Ich es nicht tun? – Weil ihr auf einen
liebevollen Vater vertraut, der Seine Kinder nicht ohne Grund mit der
Vernichtung strafen wird. Was ist also eure Zuversicht? Sie ist, daß das
Gehoffte, nämlich die stete Angedeihung Meiner Gnade gegen euch, nicht wanken
wird!
[Lg.01_010,35] Nun, wenn ihr in diesem Punkte
so festen Glauben, Vertrauen und Zuversicht in Mich habt, so erlaubet doch auch
Mir, von euch – wenn auch nicht in diesem Maßstabe göttlicher Langmut, doch in menschlicher
Nachsicht – zu fordern, daß ihr in geistigen Dingen ebenfalls mehr festen
Glauben, stärkeres Vertrauen und größere Zuversicht haben mögt; daß ihr
begreifen sollt, daß alles, was Ich euch schon gegeben habe, nur zu eurem
Besten und nicht etwa für Mich zur Unterhaltung, sondern nur deswegen geschehen
ist, um euch die Ehre angedeihen zu lassen – Meine Kinder werden zu können.
[Lg.01_010,36] Ihr fordert von Mir
unbegrenzte Gnade, und Ich fordere von euch unbegrenzte Liebe. Beim Austausch
dieser beiden Bedingungen gewinnt bloß ihr, indem Ich euch mit einer Macht
ausstatten will, die euch zu Herren alles Geschaffenen machen soll! –
[Lg.01_010,37] Wenn Ich also solch große
Gnaden euch in Aussicht stelle, so ist es doch auch Mir erlaubt, diejenigen,
welche einmal auf dem Wege zu Mir sind, falls sie während des Gehens vom
Schlafe befallen werden würden, durch sanfte Stöße aufzuwecken, wie Ich es
jetzt mit euch tue, damit ihr merken sollt, daß man Meine Wege nicht mit
geschlossenen Augen wandeln, sondern Aug und Ohr wohl offen erhalten muß, um
den rechten Weg nicht zu verfehlen und nicht auf Abwege zu geraten.
[Lg.01_010,38] Also nochmals, bedenket alle,
was Ich euch hier gebe! Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung
fallet! – Dies sei euer Wahlspruch zum steten Wachstum im festen – Glauben,
Vertrauen und in der Zuversicht! – Amen!
11. Kapitel – Die Sprache.
30. Januar 1871
[Lg.01_011,01] Gestern abend besprachen sich
zwei deiner Brüder über den Stil oder die Art der Wortfügung, die in Meinen Diktaten
an euch öfters herrscht, und gemäß ihren Ideen der deutschen Grammatik nicht
immer angemessen ist.
[Lg.01_011,02] Dein Bruder M–ch brachte
zuerst die kritische Bemerkung, daß es ihm mehrmals begegnet, wo er ändern
wollte, daß er doch wieder zu der von Mir gesetzten Reihenfolge der Worte
zurückkehren mußte, worauf ihm dein Bruder L. ganz gut antwortete: „man soll
Meine Worte nicht mit dem Kopfe, sondern mit dem Herzen lesen, dann wird der
Sinn stets klar sein!“
[Lg.01_011,03] Da nun letzterer so recht den
Nagel auf den Kopf getroffen hat durch seine Bemerkung, so will Ich dir hier
überhaupt über die Art und Weise sich auszudrücken, über die rechte Wortfügung
und endlich über eine Grundwahrheit den Aufschluß geben, welche sich durch
Meine ganze Schöpfung hindurchzieht, und von dem eben angeregten Zweifel deines
Bruders M–ch anfängt und bei dem großen Geistesmenschen aufhört.
[Lg.01_011,04] Bevor wir uns aber so ganz in
die nähere Erklärung dieser Frage, warum Mein Stil oft sich von dem eurigen
unterscheidet, einlassen, müssen wir, wie überall, bei dem eigentlichen Grund
anfangen und sagen:
[Lg.01_011,05] „Was ist die Sprache? Wie
entstand sie? Und wer war der eigentliche Leiter, welcher die Reihenfolge der
Wörter so festsetzte, wie ihr es jetzt gewohnt seid zu lesen, zu schreiben und
zu denken?“
[Lg.01_011,06] Stets von dem Einfachsten
ausgehend – kommt man am leichtesten zu einem wahren und wahrhaft tauglichen
Schluß, der dann auf soliden, einfachen und festen Grund gebaut, als wie ein
auf Felsen fest gebautes Haus auch nimmer umzustoßen ist.
[Lg.01_011,07] Um nun also bei der
allerersten Frage „Was ist die Sprache?“ anzufangen, so müssen wir antworten:
[Lg.01_011,08] Die Sprache ist eine
Zusammensetzung von verschiedenen Lauten, die durch Mundwerkzeuge hervorgebracht
werden, und in ihrer Verschiedenheit, oft einzeln, oft zusammenhängend, ein
Wort und das Wort – einen Begriff ausdrücken.
[Lg.01_011,09] Je niederer ein Volk auf der
geistigen Bildungsstufe steht, desto weniger Bedürfnisse hat es und braucht
auch deswegen desto weniger Worte, um seine Bedürfnisse und sonstigen
Gegenstände zu bezeichnen.
[Lg.01_011,10] Die Sprache also entstand,
indem man durch die artikulierten Laute und hervorgebrachten Töne entweder den
Laut gewisser tönender Dinge nachahmen wollte, oder eigentliche Laute erfand,
die das eine oder andere Bedürfnis, sei es des Körpers oder der Seele,
ausdrücken sollten: so wie ihr es auch jetzt noch in der Kindersprache findet,
wo in jeder Familie vom ersten Lallen des Kindes bis zur bessern Verständigung
jedes Kind seine eigene Art hat, kundzugeben, was es eigentlich will.
[Lg.01_011,11] Was ihr bei den Kindern
täglich seht, das war auch einst bei den ersten Menschen, wo auch sie viele
Worte sich selbst erfinden mußten, viele andere aber durch die innige
Verbindung mit Meiner Geisterwelt von dieser erlernten, Worte, die stets in
Entsprechung den betreffenden Gegenstand geistig bezeichnen.
[Lg.01_011,12] Nach Vermehrung der Menschen,
nach dem Falle des ersten Menschen schon, wodurch die Geistergemeinschaft
abgeschnitten wurde, bis auf eure Zeit haben sich Sprachen und untergeordnete
Mundarten zu Tausenden ausgebildet; die Menschen verstehen sich nicht mehr, und
es müssen die Sprachen der Völker erlernt werden, mit denen man sich in
Verbindung setzen will, weil sonst ein Sich-Verständigen nicht möglich ist.
[Lg.01_011,13] Diese mehrere Tausende jetzt
bestehender Sprachen haben auch natürlich von ihrem Ursprung an bis auf die
Jetztzeit viele Änderungen erlitten; manche sind vorwärts, manche rückwärts
gegangen, je nach dem Kulturstand und der geistigen Bildung der Völker selbst.
[Lg.01_011,14] Überall aber, wo eine Sprache
besteht oder bestand, war eines ihrer charakteristischen Merkmale, außer den
der Sprache eigentümlichen Benennungen der Gegenstände und Begriffe, auch die
Art, die Worte zu einem Satz zusammenzufügen, und endlich noch die Art –
dieselben schriftlich oder bildlich aufzuzeichnen.
[Lg.01_011,15] Bei der Wortfügung, wo eben
deine beiden Brüder auch über die von Mir übliche Art ihre Gedanken
austauschten, ist die erste Frage: „wie soll dieselbe eigentlich richtig
gehandhabt werden?“
[Lg.01_011,16] Sehet nun, hier sind wir bei
dem angekommen, wo Ich eben entgegen der euch angewöhnten Art zu schreiben,
öfters Mich anders ausdrücke.
[Lg.01_011,17] Um euch dieses zu erklären,
wollen wir uns in eine Diskussion einlassen und vorerst fragen: ,,was ist ein
Satz?“ Ein Satz ist der Ausdruck eines Gedankens, dem entweder die Erklärung
eines Begriffes oder die einer Handlung zugrunde liegt.
[Lg.01_011,18] Wenn ich also eine Handlung
erklären will, so sollte eigentlich im Satz zuerst das handelnde Zeitwort, als
Willensäußerung des Handelns, und dann erst das die Handlung bezeichnende Wort
folgen.
[Lg.01_011,19] Wenigstens in der Sprache
eines jeden Geistes setzt sich vorerst der Grundgedanke fest – ich will etwas
tun, und dann kommt – was ich tun will.
[Lg.01_011,20] So zum Beispiel heißt es in
der Bibel: „Und Er schuf das Licht!“ und nicht: „Er hat das Licht geschaffen“,
wie ihr gewohnt seid zu schreiben; es geht das Wort „schaffen“ dem des Lichtes
voraus.
[Lg.01_011,21] Nun, in Meinen Diktaten findet
sich sehr oft ebenfalls diese nämliche Wortsetzung, und L. hatte ganz recht:
Mit dem Herzen, das heißt geistig gelesen, ist es recht, wie Ich es diktierte,
und wie es beinahe in allen alten Sprachen des Morgenlandes und Asiens und auch
noch in einigen neueren der Brauch ist, in der eurigen aber gerade vermieden
wird, indem das Nennwort zwischen dem Hilfs- und Haupt-Zeitwort eingeschaltet
zu werden pflegt, ja oft ganze Sätze so eingeschoben werden, daß erst am Ende
das eigentliche Zeitwort kommt, welches bezeichnet, was eigentlich geschehen
soll.
[Lg.01_011,22] Nachdem nun allem ein
geistiges „Warum“ zugrunde liegt, so ist es auch hier wieder das Geistige, welches
Meine Wortfügung rechtfertigt, und „geistig“ mit „Herz“ vertauscht soviel sagen
will, als – wenn ihr euer Verstandesleben beiseite laßt, und mit dem Herzen wie
Meine Geister denkt, so wird euch Meine Wortfügung ganz recht sein, sobald ihr
aber von der inneren Seelensprache abgeht und zum Gehirn- oder Außenleben
übergeht, so verliert ihr auch diese Ordnung, wie solches auch bei dem
Schreiben der Sprachen geschehen ist.
[Lg.01_011,23] Die alten Sprachen Asiens und
Afrikas sind alle wie die allgemeine Geistersprache! Diese sollte von der
Rechten zur Linken nur lesbar geschrieben werden, während bei euren jetzigen
der nach außen oder dem Verstande lebenden Menschheit gerade das Gegenteil
ausgeübt wird, das heißt von der Linken zur Rechten.
[Lg.01_011,24] Auch dieses Verkehren deutet
wieder auf den nämlichen Unterschied hin, wie Materielles und Geistiges.
[Lg.01_011,25] Im Materiellen, wie zum
Beispiel im menschlichen Körper, ist die linke Seite die Herz-Seite, von wo das
Blut in den ganzen Körper ausströmt, sie ist die positive oder die geistige
Seite; die rechte aber, wo das Blut zur Lunge und später wieder dem Herzen
zurückgebracht wird, ist die negative und materielle Seite.
[Lg.01_011,26] Was durchs Ohr zum Gehör- und
Gefühlsorgan der Seele, oder dem geistigen Menschen von der Außenwelt
mitgeteilt wird, ist die negative, und was die Seele durch ihre
Bewegungs-Werkzeuge der Außenwelt kundgibt, ist die positive Seite.
[Lg.01_011,27] Ein jedes Ding hat ebenfalls
zwei Seiten, eine rechte und eine linke, eine negative und eine positive, eine
innere und eine Außenseite.
[Lg.01_011,28] Die menschliche Haut ist
innerlich linke Seite positiv, Außenseite rechts – negativ! Sie scheidet aus
als positiv, wechselt dann die Pole, und saugt ein als negativ; was in jedem Augenblicke
zahllose Male vor sich geht; denn Abstoßen und Anziehen, Reibung und erzeugte
Wärme, Zerstören und Neuschaffen ist erstes Prinzip des Lebens!
[Lg.01_011,29] Das Auge, als Aufnahmeorgan
der Eindrücke von außen, ist negativ, aber als Spiegel des Innern positiv.
[Lg.01_011,30] Was hier als „positiv“ und
„negativ“ bezeichnet wird, ist auch im Geisterleben, mit andern Worten gesagt,
ein Annähern oder ein Entfernen von Mir und Meinen Gesetzen!
[Lg.01_011,31] In den ersten Zeiten, wo die
Menschen und Völker noch mehr dem Geisterleben näherstanden, erfanden sie ihre
Sprachen ihrem geistigen Zustande gemäß; so war ihre Wortsetzung, so ihre
Schreibart; wie sie aber mit der Zeit von dem großen Naturgesetz abfielen und
den verkehrten Weg einschlugen, so wurden auch ihre Ausdrucks- und
Schreibweisen verkehrt, deswegen die meisten neueren Sprachen verkehrten Stil
und verkehrte Schreibart haben.
[Lg.01_011,32] Die Menschen vertauschten die
Herzens-Geistersprache mit der Verstandes-Gehirn-Sprache, sind von Mir und
ihrer eigenen Mission abgefallen, und deswegen scheint ihnen auch in der Natur
manches ganz verkehrt, was den einst einfacher lebenden Naturmenschen gerade
richtig erschien.
[Lg.01_011,33] Ihr seht also, wie da vom
Herzen, zum Herzen, oder durchs Herz, oder durch den Verstand ein Ab und Zu,
ein Nahen und Entfernen, ein Bessern und Verschlechtern ist.
[Lg.01_011,34] Was Ich euch früher von der
Haut sagte, das gilt von jeder Frucht, von jedem Baum und von jedem Ding,
überall sind es zwei Dinge, wodurch die Intelligenz des Innern sich der
Außenwelt kundgibt oder von der Außenwelt Eindrücke erhält, überall positiv –
negativ, überall rechts – links, überall Annähern und Entfernen, Ausscheiden
und Einsaugen, gerade oder verkehrt.
[Lg.01_011,35] So geht es fort in der ganzen
Schöpfung – bis zum großen Weltenmenschen, dessen Eingeweide lauter Sonnen,
Kometen und Planeten, und bis zum noch endlos größeren Geist-Welten-Menschen,
dessen innere Einrichtungen lauter Himmel der verschiedensten Arten und
Seligkeiten sind.
[Lg.01_011,36] Auch diese saugen zu ihrem
Bestande von außen ein, was sie dann in sich zu Geistigem verkehren, und geben
oder stoßen hinaus, was dem Weltenmenschen an Geistigem gebricht.
[Lg.01_011,37] Dort herrscht auch die rechte
Ordnung, dort ist das Herz Mein Himmel im Zentrum der große positive Pol, der
alles Gute hinausströmen läßt, und die Geister in der materiellen Welt – der
negative Pol, welcher Mir wieder alles Geistige gereinigt zurückbringt, wo es
sich aber vorerst vom negativen in positiven Pol verändert haben muß, wodurch
der Wechsel von neuem beginnt.
[Lg.01_011,38] Dieses ist das große
Grundgesetz der Schöpfung, Ich, die Liebe – positiver Pol, und ihr und Meine
Geister und Engel, als aufsaugende Teile – der negative Pol, bis nach vielem
Aufsaugen und Abstoßen, was der Bewegung oder dem Leben gleichkommt, endlich
Mein positiver Pol, als geistig ewig und unveränderlich bestehend, allein
dastehen wird, und alles Aufgesaugte vergeistigt Mir gleich dann ewigen Frieden
und Seligkeit genießen wird, wo nur stets sanfte Anziehung, aber kein Abstoßen
mehr sich ereignen kann!
[Lg.01_011,39] Äonen und Äonen von Zeiträumen
werden zwar wohl bis dahin verrinnen, aber geschehen wird es doch einmal, wo
Geist und Materie so gereinigt und vergeistigt ihre als ersten Impuls gegebenen
Prinzipien verleugnen, und ruhig neben und ineinander leben wird, was einst nur
durch Kampf und Auflösung sein Fortbestehen sichern mußte, und wo also Einigung
zwischen allem bestehen wird.
[Lg.01_011,40] Nun, seht ihr, Meine lieben Kinder,
von der kleinen Frage und der Antwort Lks. angefangen bis zum Geistesmenschen
das nämliche Band geschlungen und in alle Schöpfungen verflochten; dort als
kleine Frage der Wortfügung in eurer Sprache, und hier in ungeheuren euch nicht
denkbaren Entfernungen als Attraktions- und Repulsionskraft gegründet.
[Lg.01_011,41] Ihr mögt aus dem ersehen, wie
wenig dazu gehört, um eine ganze große Wahrheit, ein großes Grundgesetz Meines
göttlichen Haushalts zu entdecken und zu erklären; freilich gehört aber eben
auch Der dazu, Der es euch erklären kann; Der all diesen großen und kleinen
Welten, all diesen Produkten, seien es geistige oder materielle, den nämlichen
Weg verzeichnet hat; es gehört dazu euer Vater, Der euch solch große Wunder in
kleinen Fragen erläutern und wieder dadurch zeigen will, wie viel und wie wenig
dazu gehört, erstens Meine Größe, und zweitens Meine Liebe zu begreifen und
dieselbe schätzen zu lernen! Amen!
12. Kapitel – Sprache, Kunst, Musik.
14. Januar 1871
[Lg.01_012,01] Diese drei Worte bezeichnen
drei Dinge, die in allen Welten und Sonnen vorkommen, indem sie das Hauptleben
und der Haupthebel zum Fortschritt im Geistigen sind. Überall könnt ihr sie
finden, den Größenverhältnissen der Weltkörper und den Menschen in ihrer
geistigen Entwicklung angemessen.
[Lg.01_012,02] Da nun diese drei wichtigsten
Lebens-Faktoren eben sich überall vorfinden, und ohne sie kein Leben, ja kein
Erkennen gegenseitig oder Erkennen der geistigen Welt, und endlich kein
Erkennen Meines Schöpfungsbaues und Meines eigenen Ich möglich wäre, so stellt
sich natürlich vor allem die Frage:
[Lg.01_012,03] Was ist denn eigentlich
„Sprache“? – was „Kunst“? – was „Musik“?, – ferner: Warum sind diese alle drei
notwendig? Und was liegt Geistiges unter diesen in das äußerliche Leben
tretenden Erscheinungen verborgen? Sei es im Worte oder in artikulierten Tönen,
in der Form oder in durch begrenzte Flächen ausgesprochenen Ideen, oder
vermittelt durch den Ton, der nicht verstanden, sondern nur gefühlt werden
kann!
[Lg.01_012,04] Also gehen wir zur ersten
Frage:
[Lg.01_012,00] Was ist die Sprache?
[Lg.01_012,05] Die Sprache ist – wie Ich es
euch schon in einem früheren Wort angedeutet habe – eine Mitteilung des Innern
eines Wesens durch die Außenwelt an ein anderes.
[Lg.01_012,06] Diese Sprache nun ist
verschieden, sie kann sein durch artikulierte Töne, durch Gebärden und Zeichen
und durch unartikulierte Töne.
[Lg.01_012,07] Artikulierte Töne begreifen
alle Sprachen in sich, wodurch jeder menschliche Geist seinem Mitmenschen
dasjenige kundgibt, was er ihm begreiflich machen will.
[Lg.01_012,08] Diese Sprache ist, gemäß der
geistigen Bildungsstufe der Menschen, auf allen Welten und Sonnenkörpern
verschieden; je edler die Seele, desto edler die Sprache, je vernachlässigter
erstere, um so ärmer letztere.
[Lg.01_012,09] Nachdem aber die Sprache
vermittels der Laute der menschlichen Seele nicht genügt, so will sie durch
analoge (entsprechende) Gebärden den Inhalt ihrer Redeweise verstärken, wodurch
dann eine Gebärdensprache entsteht, die selbst am Ende bei vielen Menschen auch
ohne Worte verstanden wird, wonach man bei euch die sogenannte Mimik als
Gebärdensprache in euren Schauvorstellungen künstlich ausgebildet hat, wo ein
Eingeweihter durch Gebärden alles ausdrücken kann, was ihm durch Laute zu sagen
während der Vorstellung verboten ist.
[Lg.01_012,10] Endlich kommt nun auch die
Zeichensprache; dahin gehört zum Beispiel diejenige, welcher bei euch die
Taubstummen sich bedienen; auch den Blinden wird durch Zeichen, die fühlbar
sind, das geistige Reich soweit aufgeschlossen, als es mittels des Tastgefühls
möglich, wobei das Gehör ergänzend den inneren Menschen vervollständigen kann.
[Lg.01_012,11] Die andere Zeichensprache, nämlich
die – durch Zeichen Worte, und durch diese Gefühle auszudrücken und
festzuhalten, gehört in die Formsprache, und wird erst unter dem Wort „Kunst“
ihre nähere Erörterung finden, wo nachgewiesen werden wird – warum alle
Menschen Zeichen zur Mitteilung haben müssen, und wie diese entstanden sind.
[Lg.01_012,12] Jetzt kommen noch die
unartikulierten Laute, welche aber keinen Begriff, sondern Gemütszustände, als
Freuden oder Schmerzen ausdrücken, und welche nicht allein dem Menschen als
vernünftigem Wesen, sondern mehr oder minder allen Geschöpfen gegeben sind, um
ihr Wohl- oder Mißbehagen ausdrücken zu können; auch diese mangelhafte
Ausdrucksweise gehört ins Reich der Töne, wo es dann klarer und verständlicher
euch gegeben werden wird.
[Lg.01_012,13] Nun, die Sprache, warum ist
sie allgemein? Warum ist sie ein Bedürfnis eines lebenden Wesens? Das sind nun
die Fragen, die Ich euch vorerst beantworten will.
[Lg.01_012,14] Nun sehet, eine Seele, sei es
Menschen- oder Tierseele, ist ein lebendes Wesen, das in sich stets die
Eindrücke der Außenwelt aufnimmt, diese geistig verdaut, für ihr eigenes Ich
verarbeitet und dann das Resultat davon, wegen der ihr angeborenen Liebe zu
seinesgleichen, denselben mitteilen will, was es fühlt, was es erlebt, und wie
es dasselbe sich zum Nutzen gemacht hat.
[Lg.01_012,15] Sowenig Ich, als Schöpfer
Meiner großen Wunderwerke, solche nur Selbst bewundern kann, sondern
teilnehmende Herzen suche, welche Meine Freuden mit Mir teilen, und wie Ich
dann in der Freude anderer Wesen an Meinen Werken erst Selbst wieder diese
Freude genieße; ebensowenig kann ein lebendes Wesen die Eindrücke der
Außenwelt, die fortwährend auf dasselbe einwirken allein in sich behalten, es
muß andern seine dabei erwachten Gefühle und Gedanken mitteilen, es muß
gleichgesinnte Wesen zum Mitgefühl, zum Mitgenuß anregen, und um diesen Drang
zu befriedigen, erfand die Seele ihre artikulierte oder nicht artikulierte
Sprache, um ihren Mitgefährten auf der irdischen Lebensbahn das mitzuteilen,
was ihr allein zu haben zu viel war, indem erst die Mitteilung desselben an
andere sie den eigentlichen Genuß des Empfangenen doppelt fühlen läßt.
[Lg.01_012,16] Dieses Bedürfnis für die
Mitteilung findet ihr in schwachen unartikulierten Tönen bei den Tieren, in
artikulierten beim Menschen, und in plastischen geistigen Formen und nicht mehr
laut gesprochenen, aber gefühlten Worten und Ausdrücken bei den Geistern und
höchsten Engeln, wo alles, was im Materiellen durch Laut oder Ton mitgeteilt,
dort nur durch geistige Entsprechung gefühlt und verstanden wird, und zwar in
einer Sprache, wovon ihr keinen Begriff haben könnt, weil nur die
Gedankenschnelle als der einzige Maßstab zur ähnlichen Begriffs-Vorstellung
angelegt werden könnte.
[Lg.01_012,17] „Sprache ist also im
allgemeinen „verkörpertes Geistiges“.
[Lg.01_012,18] Die Innenwelt gibt sich da
durch die Außenwelt kund, alle Fortschritte im Geistigen bestimmen sich
dadurch, ohne dieses wäre die Schöpfung nur ein halbes, ja weniger als ein
halbes Machwerk.
[Lg.01_012,19] Alle Tiere haben eine Sprache,
das heißt eine gewisse Art sich mitteilen zu können, sei es durch Töne, sei es
durch Gebärden, es muß das eine dem andern begreiflich machen können, was es
will, sonst ist die Schöpfung ohne Trieb.
[Lg.01_012,20] Liebe und ihr Gegensatz, der
Haß, sprechen sich in den Wesen angemessenen Gebärden aus, oder in Tönen.
[Lg.01_012,21] Das geistige Leben wäre nicht
möglich ohne Sprache, ohne Mitteilung; denn nur mittels derselben ist Leben,
ist gemeinsames Leben, gemeinsamer Fortschritt!
[Lg.01_012,22] Ich, Der die Welt mit so
vielen Millionen von Geistern und Wesen erschuf, frage euch – was wäre die Welt
ohne Sprache? Was wären alle Meine Wunder-Einrichtungen, wo blieben die
eigentlichen geistigen Faktoren der ganzen Schöpfung, die Liebe, die Freude,
die Wonne der Seligkeit, wenn deren Ausdruck den Wesen versagt wäre?
[Lg.01_012,23] Alle Wesen müßten vergehen
unter dem Eindruck der Außenwelt, wenn sie sich nicht dessen entledigen
könnten, was ihnen das Herz voll Freude anschwellt, oder von Schmerz
zusammenpreßt!
[Lg.01_012,24] Wo ein Einsaugen möglich, muß
auch eine Entledigung sein, sonst ist kein Leben, kein Austausch des Geistigen,
kein geistiger Fortschritt möglich! Mitteilung ist Lebensbedürfnis, ist das
einzige Band, was alle zu einem verbindet, ist das Band, was Tiere an Menschen,
Menschen an Geister, und Geister, Menschen und Tiere an Mich bindet.
[Lg.01_012,25] Dieses gemeinschaftliche Band
– so unvollkommen und beschränkt beim letzten Infusions-Tierchen bis zur
begeisterten Sprache eines größten Engels – ist der Liebe Produkt, ohne Liebe
keine Sprache, und ohne Sprache keine Liebe! –
[Lg.01_012,26] So seht ihr dieses Bedürfnis
als notwendigen Bestandteil der ganzen Schöpfung, ja als seinen Grundpfeiler;
denn ohne Sprache bliebe jedes Wesen, wie es geschaffen wurde, ohne Sprache
wäre kein Fortschritt, ohne Fortschritt kein Leben, kein Zweck, warum etwas
erschaffen werden sollte.
[Lg.01_012,27] Dieses geistige Band, das uns
alle umschlingt, uns alle zu einer Familie verbindend uns vereint, uns alle
belebt und einander nähert, das euch zu Mir führte und Mich zu euch; dieses
Band ist das große Lebensprinzip, welches überall wo Licht, Leben, Liebe
herrschen, alle zu einem gemeinschaftlichen Zwecke verbindet, euch, Meine
Geschöpfe, erhebt, und Mich zum zweiten Male Meiner Schöpfung Wert und
Schönheit fühlen läßt, das erste Mal als Schöpfer, und das zweite Mal in weit
schönerem Lichte, in dem Liebelichte eines Vaters gegenüber Seinen Kindern!
[Lg.01_012,28] Diese Sprache, die bei dem
Ausdruck schöner freudiger Empfindungen das Tier in schönerem Lichte zeigt, und
beim Menschen sein Auge schöner leuchten macht, seine Stimme erhebt und seinen
ganzen Organismus mit Wonne durchzittern macht, diese Sprache ist der Ausdruck,
wo der innere Teil eines Wesens kundgibt, inwiefern er die Eindrücke von außen
erfaßt, und wie geistig und richtig er dieselben verstanden hat.
[Lg.01_012,29] Deswegen ist, außer der
Belehrung durch die Sprache, auch noch die Frucht der geistigen Verdauung der
gesamten Eindrücke der Außenwelt, die gerechte und schöngeformte Rede, oder die
in schönen Formen gebildete Wiedergabe, die begeistert von der Seele gesprochen
wieder Begeisterung hervorrufen muß; und so ist es zu verstehen, wenn es im
Evangelium Johannis heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott!“ Ja,
im Anfang war das Wort, und das Wort war Ich!
[Lg.01_012,30] Ohne Mein Wort keine
Schöpfung, ohne Schöpfung kein Wesen, keine Liebe, ohne Liebe kein Leben, und
ohne Leben keine Mitteilung!
[Lg.01_012,31] Ich war vom Anbeginn „das
Wort“, das heißt der Ausdruck und Typus eines ewigen Begriffes, und eben weil
Ich das Wort war, so mußte auch bei allen geistigen Produkten als erstes
Bedürfnis das Wort oder die Mitteilung durch das Wort Mir alle Meine
geschaffenen Wesen wieder zurückführen, die Ich durch das Wort in die Ewigkeit
hinausgestellt habe, auf daß sie kämpfend und streitend Mir wiedergeben
sollten, durch Worte, Gebärden und Töne, was Ich im ersten Wort in sie
hineingelegt habe.
[Lg.01_012,32] Im Anfang war das Wort, „Wort“
als Inbegriff einer Idee, und am Ende aller Schöpfungs-Perioden wird wieder
alles Lebende sich in einem Worte vereinigt haben, und dieses Wort werde wieder
Ich sein!
[Lg.01_012,33] Das Wort, das aus Liebe Wesen
und Welten schuf, wird wieder als Liebe seinen Kulminationspunkt in seinen
Geschöpfen erreichen, und am Ende im geistigen Himmels-Menschen, in Mir als
Zentrum, wieder durch alle geschaffenen Wesen verherrlicht werden.
[Lg.01_012,34] So ist der Begriff der
Unendlichkeit gleich einem Kreise.
[Lg.01_012,35] Von Mir ging das Wort aus: „Es
werde!“ scholl es hinaus in alle unendlichen Räume, und es ward! –
[Lg.01_012,36] Alles wurde, alles lebte,
alles liebte und teilte sich mit und ging seinen Fortschrittsplan durch Äonen
von Zeitläufen durch, und kehrt einst zu Mir vergeistigt, verschönert und
verklärt zurück, mit dem Ausruf:
[Lg.01_012,37] „Vater! Du riefst einst ,Es
werde!‘ Nun siehe, Deine Kinder haben diesem Rufe entsprochen und stehen nun
vor Dir, jubelnd und segnend ihren großen und mächtigen Schöpfer und Vater;
denn hier stehen wir als lebendiger Beweis – es ward! – Und so vom Worte
ausgegangen zum Worte zurückgekehrt ist der Zyklus der Schöpfungsperiode
vollendet, und ein neuer und ewiger beginnt – in Dir und mit Dir!“ Amen!
[Lg.01_012,00] Die Kunst.
[Lg.01_012,38] Nun, im vorigen hättet ihr die
Sprache als Mitteilung und das Wort geistig aufgefaßt und erklärt vor euch;
jetzt wenden wir uns zur Kunst, oder dem Drang, welcher in allen Menschen liegt,
ihre Gedanken und Begriffe in Formen oder bildlich darzustellen!
[Lg.01_012,39] Hier müssen die Tiere
ausgeschlossen bleiben, denn was diese auch „Künstliches“ verrichten, so ist es
von der Natur ihres eigenen Ich bestimmt und nur zum Erhalten und der
Fortpflanzung dienlich, daher die Tiere ihre künstlichen Arbeiten instinktmäßig
und nicht mit Überlegung verrichten, und deswegen auch kein Fortschritt und
keine Verbesserung bei ihnen möglich ist.
[Lg.01_012,40] Die Kunst, oder der Drang, in
Zeichen, Bildern oder plastischen Formen das Geschaute wiederzugeben, ist
ebenfalls eine Sprache der Seele. Es ist, wie eben bei der „Sprache“ gesagt
wurde, der Drang, das Gesehene wiederzugeben, nur mit dem Unterschied, daß wie
bei der Sprache in artikulierten Lauten und Tönen der innere Seelenzustand
aufgedeckt wird, so drängt es die Seele in der Kunst als Form- und
Zeichen-Sprache, ihre Lieblingseindrücke in Formen, Zeichen und Bildern fest
vor sich hinzustellen, sie in materielle Formen einzukleiden und so diesen
Eindrücken von Dingen der Außenwelt einen bleibenden Gehalt zu sichern und bei
deren Anblick sich zu ergötzen, um so gleichsam die Eindrücke sich öfter
wiederholen zu können.
[Lg.01_012,41] Dieses Bedürfnis gründet sich
also darauf, den flüchtigen Verlauf der Rede oder den Inhalt des Gedachten oder
Gesagten oder Erschauten zu fixieren.
[Lg.01_012,42] Alle Völker und alle
menschlich-geistigen Wesen in allen anderen Welten haben dieses Drängen mit
euch gemein, überall lebt die Kunst, nur in verschiedenen Manieren, so daß sie
nur der geistigen Stufe der dort lebenden Wesen entspricht, und ihr Inneres
daraus zu erkennen ist.
[Lg.01_012,43] Auch auf eurer Erde seht ihr,
wie die niedrigsten, auf der untersten Kultur stehenden Völker eine Freude
daran haben, gewissen angenehmen Eindrücken durch gezeichnete, gemalte und
geformte Bilder einen bleibenden Bestand zu geben.
[Lg.01_012,44] Stufenweise seht ihr dieses
Bilden mit dem geistigen Ich der Völker und Nationen wachsen, im Anfang ahmen
sie das in der Natur Gesehene nach, nach und nach idealisieren, stilisieren sie
es, glauben es zu verschönern, nach ihren ihnen eigentümlichen Kulturbegriffen;
das Ideal verbessert, verschönert sich, je geistiger der Mensch, desto schöner
sind seine Ideen, und demgemäß auch seine danach geformten Bilder und Produkte,
weil er da überall seinen Schöpfungen den Stempel der Göttlichkeit aufdrücken
will.
[Lg.01_012,45] Die Kunst hat ihre Perioden,
wie der geistige Kulturzustand der Völker; diese gehen auf- und abwärts, und
mit ihnen ihre Vorstellungsweise, und ihre Art die Welt geistig aufzufassen; da
habt ihr auf eurer Erde Völker, die von einer großen Höhe geistiger Bildung
wieder durch Übermaß des Genusses oder durch Abweichen vom Wege ihrer
Bestimmung herabgestiegen, in die niedrigsten Stufen zurückverfallen, und mit
ihnen ihre Kunst und ihre geistigen Produkte verschwunden sind; nur Abarten
eines geistigen Typus der Weltanschauung leben noch in ihren Ideen, und so auch
die Abbildungen des Geschauten, als eingebildete Zerrbilder der Natur, wo von
einer geistigen Idealisierung nichts mehr gefunden werden kann.
[Lg.01_012,46] Die Sprache, dieses flüchtige
Wiedergeben des Gefühlten und Erlebten, wollte man bleibend für sich und andere
erhalten, und so entstand die Schrift- oder Zeichen-Sprache, wo gewisse Zeichen
oder Bilder ihrer Form entsprechende Begriffe bezeichnen sollen.
[Lg.01_012,47] Auch dieses schon seit
ältester Zeit gepflegte Bedürfnis erlebte seine Umwandlungen gemäß der Bildung
der Völker, indem mit der Bilderschrift angefangen, endlich mit der
Zeichenschrift und deren Vervielfältigung, dem Druck, das Festhalten des
Gesprochenen und Gedachten erleichtert, und so ein Gemeingut für alle
geschaffen wurde, was einst nur einzelnen zu genießen vergönnt war.
[Lg.01_012,48] Die Kunst in ihrem höchsten
Sinne ist also nichts anderes als die Verwirklichung der geistigen Ideen der
Seele, wo diese durch das Mitgefühl angeregt auch andern mitteilen will, was
sie fühlt und denkt, und materiell es herzustellen das Bedürfnis fühlt, weil
sie glaubt, es wird auch andern den nämlichen oder wenigstens einen ähnlichen
Eindruck machen, durch welches Verfahren sie in dem Wohlgefallen anderer ihr
eigenes doppelt genießt und auf sich zurückstrahlen sieht.
[Lg.01_012,49] So ist die Kunst das
Bindemittel zwischen Völkern und Nationen; es bindet die Kunst als drittes
Herzen zusammen, die sonst kalt aneinander vorübergehen würden; das enge Band,
welches als Sprache, wenn nicht durch Zeichen festgehalten, nur flüchtig die
Herzen erwärmt, sie einander näher zieht, und sie so gemeinschaftlich wieder
einer höheren geistigen Stufe und also auch Mir näher führt, dieses Band der
bildenden Kunst ist das materiell, was die Sprache geistig ist.
[Lg.01_012,50] Auch wäre die Welt ohne sie um
vieles ärmer, aber durch sie gibt ein reiches, von großen Ideen angefülltes
begünstigtes Gemüt seinen Mitmenschen Genüsse, wovon diese vorher keine Ahnung
hatten, führt sie in eine schönere, höhere Welt ein, zeigt ihnen in der idealen
Nachbildung der Natur das Geistige, welches Ich in alles gelegt habe, was aber
nicht jedem gegeben ward, es aufzufinden.
[Lg.01_012,51] Während das gesprochene Wort
in der Luft verhallt, und nur der Gesamteindruck des Gesagten übrigbleibt, und
zu andern Gedanken und Ideenfolgen anreizt, ist das von der Seele festgehaltene
Bild eines Meiner Schöpfungsprodukte, oder ein dargestellter Moment aus dem
geistigen Menschenleben, ein immerwährender Reizpunkt, darin der Mensch sich
vertiefend, den Schöpfer und Vater wieder in der Natur, in ihren Formen
erkennen, Ihn lieben und verehren lernt. – Ich spreche hier bloß von der Kunst
im edelsten Sinne, nicht eingedenk der Mißbräuche, wo dieses göttliche
Geschenk, die Einbildungs- und Vorstellungskraft und die Gabe der Darstellung,
auf eine dem Menschen unwürdige Art zu ganz andern Zwecken benützt wird.
[Lg.01_012,52] So lebt die Kunst stets
bildend, wie ein geschriebenes Wort, stets geistig fort; wenn es auch von
vielen nicht verstanden wird, so ist doch ihre Anregung in jedem Beschauer
wirkend und gemäß der geistigen Bildung desselben verschieden.
[Lg.01_012,53] In allen Welten, wie auch bei
euch, wird die Kunst gepflegt, ins häusliche Leben übertragen, zu Tempeln,
Gebets- und Wohnhäusern benützt, um wie bei euch die Begriffe auszudrücken,
welche diese Menschen von ihrem Gott und Schöpfer haben, und wie sie auch in
ihrem häuslichen Schaffen das Geistige oder Materielle vorwalten lassen.
[Lg.01_012,54] Überall könnt ihr daraus, wie
bei euch aus Liebe die Kunst gepflegt wird, den geistigen Zustand der Menschen
dieser Welten beurteilen.
[Lg.01_012,55] Denn wenn in der Sprache
flüchtig das Geistige dem andern gegeben wird und dort Anklang findet, so auch
mittels der Kunst, wo ebenfalls die Art und Weise, was geschaffen und wie es
von andern beurteilt wird, der richtige Maßstab der inneren Bildung eines
Volkes ist.
[Lg.01_012,56] Geist ist überall das
Bindemittel zwischen den Menschen, den Geistern und Mir!
[Lg.01_012,57] Die Sprache lehrt durch in
Worte und Sätze gelegte Begriffe und Ideen, die Kunst durch in Farben, Formen
und Zeichen verwirklichte Gedanken, und so verbindet diese fixierte Anwendung
des Gedachten und Gefühlten, als Stufenleiter zwischen Bildner und Beschauer,
zwischen dem Schaffenden und den zu höheren Graden zu Erziehenden, den Menschen
mit Mir und Meinem Geisterreiche, den einen gebend, die andern empfangend!
[Lg.01_012,58] Der eine erhob sich zu Mir und
Meinem Reiche während des Schaffens, und der andere, das Geschaffene
betrachtend, fühlt die Grund-Idee des Bildners durch die Materie hindurch, sie
zieht ihn magnetisch in einen anderen Kreis von Ideen-Verbindungen hinein, die
nicht die seinigen waren, läßt ihn fühlen, was der andere hat, und was ihm
mangelt, und spornt auf diese Weise seine eigene Seele an, den Berg der
Begeisterung zu erklimmen, wo die Natur, der Ausdruck Meiner Liebe zu allem
Geschaffenen, in so schönen Formen verkörperlicht ihm stets zuruft: „Kommet her
ihr, die ihr beladen seid, auf daß Ich euch erquicke!“ In Betrachtung einer
Naturszene, eines schönen menschlichen Abbildes, einer großen edlen Handlung,
überall findet der Beschauer den Spruch verwirklicht, den ihm bei jedem
Spaziergang ein jedes Blümchen zuruft, indem es euch sagt: „Sauge ein in vollen
Zügen die Liebe deines Schöpfers und Vaters, der dieselbe überall ausgegossen
hat, um dir mit jedem Atemzug zu beweisen, wie schal die Freuden der Welt sind,
und wie wenig dazu gehört, um glücklich und zufrieden zu sein!“
[Lg.01_012,59] Wenn der Beschauer eines
Abbildes eines Menschen darin alle die geistigen Eigenschaften herauslesen
kann, die der Mensch als geistiges Abbild seines Schöpfers haben sollte und
leider nicht hat, wenn er dort selbst sieht, wie hoch die Idee der menschlichen
Form in geistiger Hinsicht steht, und er ihn sich nebenbei denkt mit all seinen
Gebrechen, und doch nicht umhin kann sich selbst zu gestehen, wie weit er
selbst von diesem Ideal der Menschheit entfernt ist, und wenn er dabei bedenkt,
daß trotz seiner Fehler die mächtige Hand seines Schöpfers und Vaters ihn doch
täglich unverdient mit Gnaden überhäuft, dann muß auch er ausrufen: „Was bin
ich, o Herr, daß du meiner also liebend gedenkest!“
[Lg.01_012,60] So, und in vielen andern
Weisen, regt die (edelreine) bildende Kunst Gefühle und Ideen im Beschauer an,
die alle ewige Mahner zum Fortschritt, und ewige Anreger zur Begeisterung
bleiben, nicht nachzulassen, dorthin zu streben, wo, wie in dem Künstler als
eigenes geistiges Produkt eines schöneren Lebens, solche Gefühle einst ein
Gemeingut für alle werden sollten, und am Ende, sei es in Sprache mit
artikulierten Tönen, sei es in festgehaltenen Formen, sich der geistige Faden
überall durchzieht, der alle wie am Gängelbande leise auf der geistigen Stufe
weiterführt, wo sie von Welten zu Welten, von Sonnen zu Sonnen, Sprache und
Kunst stets verschönert, vervollkommnet, stets mehr vergeistigt Mir sich mehr
nähernd, erblicken werden, bis im geistigen Himmelreich Ich als Zentrum, als
„Wort“ und Typus jedwelcher Form, als Mensch ihnen in höchster Wonne die
Eindrücke vergeistigt wiedergenießen lassen werde, die sie alle bei Anhörung
einer begeisternden Rede oder bei Anschauung eines erhabenen Bildes als Abbild
Meiner nie vergehenden Schöpfung empfunden haben!
[Lg.01_012,61] So zieht die Kunst als
geistige Bildnerin Meiner großen Ideen in der Schöpfung die Seelen zu Mir, und
was Sprache anregt, hält die Kunst fest, und um das Kleeblatt der
Dreifaltigkeit vollzumachen, so bildet sich in den unaussprechlichen Tönen und
Gefühlsregungen dann noch die Musik aus – und somit schreiten wir zur letzten
dieser Drei-Einigkeit (Dreifaltigkeit) und zeigen euch, wo diese sich schließt,
wie sie anfing, und wie am Ende alles geistig vereinigt, Mich, Meine materielle
und Meine geistige Schöpfung in einem Bilde, das heißt in Mir Selbst als
„Wort“, „Form“ und „Ton“ darstellt. Amen.
[Lg.01_012,00] Die Musik.
[Lg.01_012,62] Nun sind wir am dritten Faktor
des menschlichen Geisteslebens angekommen, nämlich an der Gefühls- oder
einstigen Geistersprache, einer Sprache, die nicht mit Worten übersetzt werden
kann, weil deren Anfänge, als von der kreatürlichen Welt unverstanden, von
derselben nur geahnt werden können.
[Lg.01_012,63] Diese Sprache nennt ihr
allgemein „Musik“; aber obwohl ihr Musik im Zimmer, im Walde, in den Lüften und
manchmal unter der Erdschale vernehmt, so wißt ihr doch nicht ihre geistige
Bedeutung, was sie ist, warum sie ist, und was ihre eigentliche Grundbedeutung
sein wird.
[Lg.01_012,64] Nun sehet, bei der Sprache in
artikulierten Tönen habe Ich euch dargetan, daß die Seele durch die Eindrücke
von außen gedrängt und durch innerliches Bedürfnis gezwungen sich ein Mittel
erfand, ihresgleichen mitzuteilen, von was ihr Inneres überfüllt war, habe euch
ferner dargetan die ganze weitere Folge, ihren Ursprung, ihre Wirkung und ihr
Ende.
[Lg.01_012,65] Bei der Kunst habe Ich euch gezeigt,
wie diese die bildliche Sprache in Zeichen, Bildern und Formen materiell
ausdrücken will, was bei der Sprache in Worten zu flüchtig vorgeht; schon bei
dieser letzteren Ausdrucksweise mischt sich eine andere Sprachweise mit ein;
denn wenn Ich die erstere die „Sprache des Kopfes“ nennen möchte, so ist die
zweite die Sprache der Hand oder der Tat, es mischt sich aber hier schon bei
höherer Begeisterung die Sprache des Herzens oder die Gefühls- (und
Ton-)Sprache mit ein, welche zwar auch bei der ersten, der Wortsprache, oft mit
in Anspruch genommen wird, jedoch nur in höchst erhabenen göttlichen Dingen, wo
das Wissen aufhört und das Glauben anfängt!
[Lg.01_012,66] Jetzt wollen wir uns also mit
der letzteren, erhabensten und den Geistern nur eigentümlichen Sprache, mit der
Gefühlssprache beschäftigen. Nun so höret:
[Lg.01_012,67] Wenn eine Seele von erhabenen
Gefühlen durchströmt, sich den Einflüssen der Natur hingibt, insoweit diese
durch das Gehörorgan in ihr Inneres dringen können, so sind die durch die
Schallwellen ans Ohr gelangenden Töne manchmal von so erhabener Natur und
erwecken in dem im Zentrum der Seele wohnenden Geiste eine Sehnsucht nach
seiner früheren eigentlichen Heimat, daß dann die Seele ein gewisses Etwas
empfindet, das geistiger Wohllust nahekommt, aber von ihr in Worten, Zeichen,
Bildern und Formen nicht dargestellt werden kann; nun, dieses Zusammenströmen
verschiedener Töne, nach Rhythmus, Tiefe und Höhe zusammengefügt, ist eben das,
was ihr unter dem Titel „Musik“ kennt; es ist ein Vibrieren des Geistes
inmitten seiner kleinen Zelle, ein Erzittern vor Wonne, hervorgebracht durch
das Erzittern von Luftwellen, die ebenfalls angeregt sich aneinander reiben und
einander forttreiben bis an den Gegenstand des Anpralls, Wärme entwickelnd, die
gebundenen harmonischen Geister der in der Luft liegenden Elemente entbinden,
so daß diese wonnetrunken, ihrer Haft frei, in freudigem Entzücken derselben
entschweben und durch ihre große Freude einen oder mehrere Töne hervorbringen,
die, im Trommelfell des Ohres angelangt, die gleichgestimmten Gefühle im Innern
des Geistmenschen erwecken und sodann dieses Gefühl der Seele und sogar auch
dem Körper mitteilen!
[Lg.01_012,68] Nachdem diese Töne als ein
geistiges Produkt wieder nur einem Geiste mitgeteilt, also nur von diesem
verstanden werden können, so ist diese Sprache der Seele nicht zugänglich, wie
sie, noch zu wenig mit dem Geiste verbunden, sie wohl ahnen, in künftigen
Genüssen schwelgen, aber sie nicht sich deutlich machen kann!
[Lg.01_012,69] Deswegen geht auch die Musik
mit ihrer großen Gewalt auf das menschliche Herz und jedes andere Wesen
unverstanden über diese Erde hinweg; die Erhabenheit fühlt ein jeder, nur das
„Warum“ weiß keiner! –
[Lg.01_012,70] Ihr habt nun, um diese
Luft-Schallwellen aufzufangen oder ähnliche Töne selbst hervorzubringen,
verschiedene Instrumente erfunden, welche geeignet sind, dieses Vibrieren der
angeregten Luftwellen, auch in den Stoffen, aus denen jene zusammengefügt sind,
ähnliches Erzittern der Bestandteile derselben hervorzubringen, indem auch dort
gebundene gleichgesinnte Geister sich lösen.
[Lg.01_012,71] Dieses Lösen und Vermischen
mit den freien Geistern der Luft gibt dann jedem Instrument seinen eigenen
Klang, wo bei manchen Instrumenten zwei, drei und mehr verschiedene Gegenstände
zusammenwirken müssen, um den rechten Ton hervorzubringen, welcher dadurch
bezweckt werden soll!
[Lg.01_012,72] Nun, um aber zu wissen, wie
ihr zu eurer Musik gekommen seid, so muß Ich euch vorerst sagen, daß der Drang,
seinen inneren Gefühlen durch unartikulierte Töne Luft zu machen, ihr, sowie
alle lebenden Geschöpfe, daher erhalten habt: „Wenn ein Liebewind durch die
ganze Schöpfung zieht, der alles aufweckt, anregt und reizt, wo weder das Tier
noch der Mensch weiß, warum er so fröhlich und warum ihm so leicht zumute ist,
da fühlt der Mensch ein sanftes Drängen, das nicht im Reden, nicht in Bildern
und Formen, nein, sondern im Singen, Schreien, Jauchzen seine endliche
Befriedigung erhält; und eben dieses Gefühl, was den Menschen zum Singen und
Jubeln anregt, regt auch das Tier – jedes nach seiner Weise – an, dem Schöpfer
und Urheber seines Wonnegefühls zu danken und zwar in Tönen, die keine Worte,
jedoch individuell weit mehr als Worte ausdrücken wollen!
[Lg.01_012,73] Nachdem Ich als Schöpfer keine
tote Natur, sondern eine freudig Mir entgegenkommende geschaffen habe, so legte
Ich auch in die Organe der schon höher im Gefühlsleben stehenden Tiere
Einrichtungen, die das Hervorbringen von Tönen erlauben, um bei ähnlichen
ahnungsvollen, geistig-prophetischen Stimmungen sich derselben bedienen zu
können, und somit den Wesen, welchen die Sprache in Worten versagt, die weit
höhere, die Sprache der Töne gegeben ist!
[Lg.01_012,74] So seht ihr die Singvögel,
einen jeden nach seiner Art seinen Dank Mir bringen, wenn durch die Wärme,
oder, was gleichbedeutend ist, durch die Liebe ihr Inneres vor Freude
erzittert!
[Lg.01_012,75] So seht ihr die Lerche am
frühesten Morgen, wenn der erste Sonnenstrahl ihr Auge trifft, sich zum
Emporsteigen vorbereiten, singend und jubelnd steigt sie höher und höher, und
je höher sie steigt – desto leichter wird es ihr, desto mehr kann sie den in
der Brust gefangenen Gefühlen Luft machen, desto eher kann sie sich ihres Mir
gewidmeten Lobliedes entledigen, bis sie, wie ein kleiner Punkt in der Höhe
angekommen, Mir die letzten Grüße sendet, und das unerbittliche Gesetz der
Schwere sie wieder zur Erde niederzieht, wo sie dann nach kurzer Zeit den
nämlichen Flug wieder beginnt; aber nur immer das nämliche Resultat erzielt.
[Lg.01_012,76] Könntet ihr die verschiedenen
Loblieder der fliegenden, sumsenden und zirpenden Welt verstehen, welche im
Frühling bei neu erwachter Naturtätigkeit, beim Aufgang der Sonne, täglich Mir
entgegenströmen, ihr euch weise dünkende Menschen müßtet euch beschämt
verkriechen wegen eurer Gottlosigkeit und Hartherzigkeit, da ihr unter so
vielen Mir ergebenen Wesen allein mit hartverschlossenem Herzen dastehet,
obwohl ihr auch den kräftigen Frühlingshauch durch eure Lungen ziehen lasset;
aber dabei – wer weiß an was – nur an Mich nicht denket!
[Lg.01_012,77] Dieses Singen der Vögel und
die Verschiedenheit ihres Gesanges, wisset ihr, woher es kommt?
[Lg.01_012,78] Sehet, auch das will Ich euch
sagen; denn ihr müßt wissen, daß kein von euch erfundenes Instrument woanders
seinen Grund hat, als aus der Natur der geschaffenen Wesen selbst, wo der
aufmerksame Beobachter der Tierwelt dann dem Instrument ähnliche Einrichtungen
gab, die er sodann vervollkommnete, und aus welcher immerwährenden Verbesserung
die jetzigen bei euch gebräuchlichen Musikinstrumente entstanden sind.
[Lg.01_012,79] Sehet, zu vielen Instrumenten,
hauptsächlich bei Blasinstrumenten, diente als Norm die menschliche oder
tierische Kehle, wo im Kehlkopf die ganze Vorrichtung bis in den Kanal, die
Luftröhre, die vibrierenden und zitternden Apparate angebracht sind, wie die
knorpelartigen Kreise im Kehlkopf selbst, sodann die Stimmritze mit der in sie
hineinragenden, kleinen vibrierenden Zunge, die beim Tönen gemäß der Höhe oder
der Tiefe desselben ihre Vibration modifiziert und durch das Erzittern der
Luftsäule im Innern der Luftröhre und durch ihr eigenes Vibrieren den Ton
hervorbringt, welchen die Seele hervorbringen will, welcher Ton dann an dem
Gewölbe des Gaumens anprallend, seinen eigentlichen charakteristischen Laut
bekommt.
[Lg.01_012,80] Was dort die Stimmritze, das
sind bei den Streichinstrumenten die meist S-förmigen Einschnitte im Holz, die
gewölbten Wände entsprechen dem Gaumen, als Resonanzboden usw.; so werdet ihr
bei ernster Betrachtung bei jedem Instrumente, das bei euch üblich ist, als
erstes Grundprinzip das menschliche oder tierische Stimmorgan erkennen.
[Lg.01_012,81] Da aber wie die Größe des
Organs so auch die Stimme verschieden sein muß, und besonders bei den Vögeln
der Mund nach anderer Form, nämlich als Schnabel gebildet ist, so wird auch
dort der Ton wieder eigentümlich modifiziert, wie es jedem Singvogel angemessen
ist.
[Lg.01_012,82] Ein großer Unterschied, der
auch dazu beiträgt, die Töne, ihre Vibrationen und Modulationen zu verändern,
ist dies, daß wie beim Menschen so auch bei Tieren die eingeatmete Luft eine
andere als die ausgehauchte ist; in der einzuatmenden Luft liegen andere
Elemente gebunden, die im Körper des Tieres eingesaugt, verarbeitet und
chemisch zersetzt werden; beim Singen der Vögel zum Beispiel ist der Klang
meist aus den Elementen der eingeatmeten und ausgehauchten Luft
zusammengesetzt, das heißt aus für die Vögel belebenden und abgestorbenen
Elementen; nun sehet, ebendeswegen ist der Ton des Gesanges eines jeden Vogels
verschieden, weil er beim Einatmen wohl die gemeinsame Luft, aber beim Ausatmen
nur das ihm Unbrauchbare ausstößt, und dieses Ausgestoßene bei jedem Tiere
etwas anderes ist, so wie auch beim Menschen; so ist der Schall, welchen diese
ausgestoßenen Stoffe in Vereinigung mit der Luft hervorbringen – neben den
verschiedenen Gesangsorganen – auch ein verschiedener, und so ist wie überall
auch in dieser Hinsicht aus einem einfachen Prozeß eines und des nämlichen
Stoffes die Verschiedenheit seiner Verwendung dasjenige, welches wieder Meine
Göttlichkeit und Meine Macht zeigt, indem Ich auch hier wie stets mit wenigem
vieles zu bewirken verstehe.
[Lg.01_012,83] Sehet, es ist noch ein Grund,
der in der ganzen Natur großen Einfluß hat. Nämlich, ihr werdet aus der
Naturgeschichte wissen, daß die meisten Singvögel, arm an Feder- und
Farbenpracht, auf der nördlichen Halbkugel eurer Erde zu Hause sind, während
auf der südlichen dieselben an Farbenpracht ihre Mitgeschöpfe der nördlichen
bei weitem übertreffen; aber dabei an Gesang so stiefmütterlich bedacht sind,
daß gerade die am meisten gezierten das häßlichste Geschrei erheben. Nun, das
hat seinen Grund wieder einfach in der geistigen Erklärung der Musik.
[Lg.01_012,84] Die nördliche Erd-Halbkugel
mit dem Nordpol ist der Teil, welcher von dem großen Ätherraum das Geistige für
die Erde einsaugt, und der Südpol mit seinem großen Wulst-Gebirge ist der Ort,
von wo das in der Erde Verbrauchte wieder in den Ätherraum sich ergießt.
[Lg.01_012,85] Nun sehet, der nördliche Teil
entspricht dem oberen Teil eines menschlichen Körpers, wo Kopf, Herz und Lunge
ihren Sitz haben, der südliche Teil entspricht dem untern Teil des Menschen;
die Erde ist auch anderseits oben Mann und unten Weib, oben positiv und unten
negativ, das heißt, im Norden lebt das Geistige und im Süden das Materielle
vorherrschend!
[Lg.01_012,86] Im Norden ist der Einfluß des
großen Äthers und der Sonne auf das Geistige wirkend, bringt dort auch in den
Produkten der Erde nicht die große Mannigfaltigkeit, wohl aber die kräftigsten,
nahrhaftesten Gewächse hervor. Klein und unbeachtet ist sein Erdwuchs und seine
Tierwelt, aber geistig höher.
[Lg.01_012,87] Im Süden ist es umgekehrt;
dort steht alles mit großen Ziffern angeschrieben: was im Norden nur kleines
Gewächs, ist im Süden baumartig groß, aber wenig Frucht bringend, denn der
Süden, der auf seinem Pol die verbrauchten Stoffe ausstößt, und wo diese sich
wieder von der Äther-Atmosphäre bis gegen den Äquator heraufziehen, schwängert
alle Gewächse viel mit Elementen, die wohl ihr Wachstum fördern, bekleidet die
Vögel mit Stoffen, die eine andere Lichtstrahlenbrechung in den Farben ihrer
Federn bedingen; und so verteilt der Süden seine Lebenskräfte, gepaart mit den
verbrauchten Elementen des Innern der Erde, und fördert wohl das äußere
Wachstum, während im Norden das Äußere vernachlässigt scheint, aber die innere
geistige Natur desto mehr gedeiht.
[Lg.01_012,88] Daher die große Gesangskraft
und Verschiedenheit der Vögel im Norden, und die große Farbenpracht derselben
im Süden.
[Lg.01_012,89] Hier, im Norden, herrscht der
göttlich eindringende Strahl des großen Geistes-Menschen, und dort, im Süden,
der Einfluß des Welten-Menschen, hier Weisheit – dort Form, hier Geist – dort
Materie!
[Lg.01_012,90] Und wenn ihr euch nun
hinausschwingen wollt, die Sphärenharmonie der einander umkreisenden Welten zu
belauschen, so würdet ihr auch dort diese Gegensätze finden, dort im Kopfe und
im Herzen Geistes- und im untern Teile Farben- und Formen-Pracht; hier Liebes-,
dort Verstandes-Leben; und weiter hinauf bis in die geistigen Himmel geht der
Ton stets verfeinert, stets harmonischer und reiner und klangvoller, weil dort
auch mehr geistiges Leben vorherrschend und auch mehr nur die Sprache des
Gefühlslebens gesprochen und verstanden wird.
[Lg.01_012,91] Dort oben im großen
Geistes-Menschen, wo die Musik ihre höchste Reinheit erreicht hat, dort im
Zentrum ist dann wieder in Mir als alles Umfassendes der Ton in Meinem Ich
personifiziert, dort vibriert alles, Licht, Luft und Ton, und so erzitternd von
nie gefühlter Wonne steigert sich das geistige Leben bis zur höchsten Potenz.
[Lg.01_012,92] Dort auch wird das
Gefühlsleben nur allein verstanden; dort sieht man in jeder Vibrierung der
reinsten Luft- und Lichteswellen in Entsprechung die schönsten Liebesworte und
Dankgebete in einer Form ausgedrückt; dort lebt die Poesie, die ja ebenfalls
nur wegen des gereimten Rhythmus und dessen gleichen Klängen dem Zuhörer
erhabener als Prosa klingt; dort lebt die Harmonie in den Herzen der Geister
und im Verschmelzen der Töne; dort ist nur Ein Ton als Grundton, der allem als
Basis dient, und alles durchdringt, und dieser Ton bin Ich! – – –
[Lg.01_012,93] Und so von der Sprache
angefangen, die dort die Weisheit Meiner Geister ist, die Kunst, die dort die
geistigen Urformen alles Geschaffenen sind, und endlich die Musik, die dort die
Sprache des Gefühls des Innersten ist, wo keine Sprache Worte dafür hat, wo
alles nur gefühlt, weder gesprochen noch gebildet werden kann; dort ist alles
vereint, was hier als Dreieinigkeit getrennt erscheint: in Sprache, Kunst und
Musik; in Weisheit, Form und Liebe; oder Ursache, Wirkung und Grund; oder
Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges; Wesen – Sein und Werden; Wärme –
Licht und Leben; Gedanke – Begriff und Idee; Jesus – Mensch und Gott, (Der) nun
vor euch steht.
[Lg.01_012,94] Dort, im Zentrum, steht euer
Vater, mit Seinen Armen Seine Schöpfung, Seine geschaffenen Wesen erhaltend und
sie alle mit Speisen aus dem göttlichen Borne labend, und ruft euch allen zu:
„Benützet die Sprache, um andere zu bilden; benützet die Kunst, um andere zu
begeistern; benützet die Musik, um anderen den Weg zum Gefühle und zu Mir zu
zeigen!“
[Lg.01_012,95] Wie ich einst in einem Liede
sagte: „Ohne Ton wird nichts geboren“, ebenso sage Ich jetzt: „Ohne
Gefühlsleben gibt es keine geistige Ausgeburt!“
[Lg.01_012,96] Wo nur der Verstand waltet,
oder nur die Außenform beobachtet wird, aber das Gefühl fehlt, da ist nur
halbes oder gar kein geistiges Leben, ist nur pflanzenartiges (vegetierendes)
Fortschreiten.
[Lg.01_012,97] Wo aber des Herzens Türflügel
weit offenstehen und zum geistigen Ohre, vermittels der Schallwellen der Luft,
geistige Reminiszenzen einer schöneren und geistigeren Welt dringen, dort lebt
das rechte Gefühls-Leben, das Leben, das, obwohl vielleicht arm an
Ohrenschmaus, doch reich an Lebensfülle ist, und dessen Gipfelpunkt weit hinaus
über alle materiellen und geistigen Welten alles im Zentrum eines einzigen
Wesens, in Meinem Ich, findet.
[Lg.01_012,98] Mit Dem trachtet euch zu
vereinen, dort strebet hin; dort, wo die Sprache, die Formen und die Musik
geistig in allen Schöpfungen verkörpert vor euren Augen stehen wird; dort
werdet ihr einst die Lösung von vielen andern Schöpfungsrätseln erhalten, die
hier in Tausenden von Jahren nicht aufgezeichnet, aber dort mit einem Blick
erfaßt und verstanden werden können!
[Lg.01_012,99] Das ist euer Ziel! – Jetzt
wißt ihr, ob es der Mühe wert ist, sich den Mißhelligkeiten (und
Mühseligkeiten) während der irdischen Lebensbahn zu unterwerfen, um einst dort
im reinsten Ton euren Vater wiederzufinden, der euch so manche Schönheiten und
Seligkeiten während eures irdischen Wahnlebens ahnen ließ!
[Lg.01_012,100] Also gekämpft! Es lohnt sich
der Mühe – ein Kind Dessen zu werden, Der für einen Blick der Liebe euch
Sonnen- und Welten-Systeme geben kann! Amen!
13. Kapitel – Kraft, Stoff und Geist.
22. Februar 1871
[Lg.01_013,01] Diese drei Worte bezeichnen
Dinge, wovon sich die Menschen sehr viel irrige Begriffe machen und besonders
die ersten zwei den Materialisten viel zu schaffen machen, weil sie darin das
ganze Universum, den Grund seines Entstehens, Bestehens und Vergehens gefunden
zu haben glauben, bei welcher Erklärung der Gott oder ein geistiges, alles
regierendes Wesen dann ganz wegdisputiert worden ist.
[Lg.01_013,02] Nachdem nun gerade die
Materialisten oder jetzigen „hochgelehrten Professoren“ der Erd-, Tier- und
Steinkunde mit diesen Worten so herumwerfen, sie als erste Prinzipien
aufstellen, und sie damit alles in allem gesagt zu haben glauben, so müssen wir
doch – sollen wir diesen gescheiten Herren Professoren etwas sagen, das ihre
Unverständigkeit klar beweist – mit den Begriffen dieser Worte anfangen; denn
vor allem muß man erst wissen, was man als Werkzeug gebraucht, ehe man sich ans
Arbeiten macht, worauf dann der richtige Gebrauch des einen oder des andern
Werkzeugs erst die Geschicklichkeit des Meisters beweist.
[Lg.01_013,03] Also – was ist oder heißt eigentlich
„Kraft“?
[Lg.01_013,04] Sehet, ihr euch weise dünkende
Herren Gelehrte, die ihr nach allem Forschen und Untersuchen gerade da wieder
ankommt, von wo ihr ausgegangen seid, ihr, die ihr die Kraft als einen Faktor
in der ganzen sicht- und unsichtbaren Welt bestimmen wollt, seht, Ich muß euch
sagen, daß Kraft, dieses hochgepriesene Wort auf den Titelblättern eurer
Bücher, nichts für sich Selbständiges noch Alleindaseiendes, sondern nur das
Produkt eines andern unsichtbaren Faktors bezeichnet, den ihr eben nicht
zugeben wollt, indem ihr frisch darauflos erklärt: Kraft ist ein Naturgesetz,
welches der Bewegung oder dem Leben gleichkommt.
[Lg.01_013,05] Nun fragen wir diese Gelehrten
aber: Wenn eure ganze Welt nur aus Stoff und Kraftäußerung besteht – wer gibt
denn dieser Kraft den Impuls, daß sie sich so und nicht anders äußern kann und
muß, – und durch ihre Kraftäußerung auf den zweiten Glaubensartikel eurer
Wissenschaft, den Stoff, stets einwirkt?
[Lg.01_013,06] Ihr seht den Stein vom Berge
herabrollen oder aus der Luft herabfallen und habt sogleich den Schluß fertig:
Es ist die Kraft oder das Gesetz der Schwere, die Anziehungskraft der Erde,
welche den seiner Unterlage beraubten Stein fortreißt, bis er wieder eine
andere feste Basis erreicht hat, und dort liegenbleibt, erwartend eine andere
„Kraft“, die mit ihm etwas anderes vornimmt!
[Lg.01_013,07] Nun, wenn Ich bei diesen
Gelehrten in die Lehre gehen müßte, so fragete Ich, nachdem Ich ihre weisen
Gründe vernommen hätte, wie die Welt sich selbst erschaffen hat, und wie sie
sich selbst erhält, und sich selbst zerstören wird (!): Meine Herren! Sie haben
Mir die Wirkungen einer Kraft gezeigt, das ist wahr; ja Ich habe es selbst
versucht und fand diese von Ihnen aufgestellten Sätze bestätigt; Ich möchte aber
doch wissen, nachdem Ich die Kraft nicht sehen, sondern nur ihre Wirkungen
fühlen kann – was sie denn so ganz eigentlich ist, Ich möchte gern eine
Erklärung über sie haben!
[Lg.01_013,08] Die Herren Gelehrten antworten
gleich einstimmig: Kraft ist ein Naturgesetz, ohne welches die Natur nicht
bestehen kann.
[Lg.01_013,09] Gut, sage Ich, Sie haben
recht! Aber jetzt möchte Ich auch wissen: Haben wir in der Natur ein Beispiel,
daß ein Ding sich selbst Gesetze gibt? Denn Sie, Meine Herren, nehmen keinen
Gesetzgeber an, obwohl Sie Mich mit dem Begriff von „Naturgesetzen“ abspeisen
wollen; nun, Ich bin eben einer von den Schülern, die gern alles ganz wissen
möchten und mit nur halben oder gar nichts bedeutenden, wenn auch
„wissenschaftlichen“ Ausdrücken sich nicht zufriedenstellen können!
[Lg.01_013,10] Die Herren Gelehrten erzürnen
sich über einen Zögling, der mehr wissen will als sie selbst, und wenden Mir
den Rücken zu, und so bin Ich denn gezwungen, Mich aus dem Chaos von
wissenschaftlichen Ausdrücken selbst herauszufinden, da der Gelehrten Schiff
auf zu seichtem Grunde ihrer „Naturgesetze“ steckengeblieben ist.
[Lg.01_013,11] Nun, da so viele Leute von
„Kraft“, „Naturkräften“, „Anstoß“, „Abprall“, „Schwere“, „Druck“, „Ziehkraft“
usw. reden, so wollen wir versuchen, uns zuerst eine Idee zu machen, was denn
eigentlich „Kraft“ ist; dann sehen, wie sie sich in der Natur kundgibt und wie
sie auf organische und unorganische Leben einwirkt, das Leben gibt, das Leben
nimmt, es baut und zerstört, und so die Erhalterin des Universums geworden ist.
[Lg.01_013,12] Also vorerst: Was ist Kraft?
[Lg.01_013,13] Sehet, Kraft ist nichts
anderes als eine wahrnehmbare Äußerung an einem Dinge, welches entweder seinen
Platz oder seine Form verändern muß, gemäß eines andern auf ihn einwirkenden
Gegenstandes, was dadurch bewirkt wird, daß am Äußern oder Innern eines Dinges
eine Bewegung, eine Vergrößerung oder Verkleinerung oder gar ein Vergehen
bemerkt wird.
[Lg.01_013,14] Nun, dieses Drängen eines
fremden Gegenstandes auf irgendwelchen anderen ist nichts als der in dem
zweiten Wesen liegende Zug, sich den einwirkenden, es umgebenden Elementen zu
entziehen, es ist der Zug der Ruhe, als Gegensatz der Bewegung.
[Lg.01_013,15] Der Stein will ruhig
liegenbleiben, das heißt, er will im Verbande seiner Unterlage verharren, wo
alle seine Teile, bis in die kleinsten Atome, in ihrer Ausdehnung der Breite,
Länge und Tiefe nach sich nicht gestört fühlen.
[Lg.01_013,16] Sobald also ein anderer
Gegenstand auf den Stein einwirkt, um ihn aus seiner behaglichen Ruhe
herauszureißen, so stemmt sich sein ganzes ich dagegen; alle Teile in ihm, die
sonst bewegungslos hart aneinandergeschlossen dalagen in völliger Ruhe, alle
diese Teile fangen an, sich entweder auszudehnen oder womöglich sich
zusammenzuziehen, in Vibration zu geraten. Kurz, der Stein, wegen seines
Widerstehens gegen den andern auf ihn einwirkenden Gegenstand, ist nicht mehr
der harte, leblose Stein geblieben, der er vorher war, sondern er hat Leben
bekommen, alles in ihm bewegt sich und vibriert.
[Lg.01_013,17] Nun, was ist das Resultat,
wenn ein sonst ruhiger Gegenstand in Bewegung kommt? Sehet, das Resultat ist,
daß er seine bisher gehabte Form und seinen Bestand aufgeben muß, und etwas
anderes zu werden gezwungen wird; denn seine Elemente sind nicht mehr so
zusammengefestet wie früher, und die einwirkende Kraft gewinnt eben dadurch die
Oberhand, zersetzt, zersplittert den Stein, und wenn möglich löst sie auch
seine Bestandteile in Staub auf.
[Lg.01_013,18] Der Kraft der Schwere, oder
der Anziehungskraft der Erde auf ihre Bestandteile, steht also eine andere
Kraft stets entgegen, nämlich die Kraft oder der Zug, alles Bestehende zu
zerstören und aus demselben wieder Neues zu formen.
[Lg.01_013,19] Die Kraft, wie sie sich äußert
und wie der Mensch sie wirken sehen und fühlen kann, ist also als ein anderer
Faktor, der weder im Stein noch in seiner Umgebung liegt, sondern von andern
Elementen bedungen und angeregt diese letztere zur Veränderung ihrer Form und
ihres Bestandes führt, Leben nimmt, Leben hervorbringt, also zerstört und neu
aufbaut, und so den ewigen Bestand nur dadurch sichert, daß sie stets
zerstörend Neues erzeugt.
[Lg.01_013,20] Diese Kraft äußert sich in
allen möglichen Richtungen und unter allerlei Formen, das Bedingende derselben ist
also eine höhere Potenz, die sich äußern wollend als Kraft nur erscheinlich
ist; daher Kraft als selbständiges Ding, so wie es die Herren gelehrten
Materialisten wollen, gar nicht existiert, nie selbständiger Lebensfaktor,
sondern das Produkt von zwei höheren Faktoren, nämlich von Ruhe und Bewegung
ist!
[Lg.01_013,21] Durch diese beiden wichtigen
(Grund-)Prinzipien des ganzen Universums besteht die Welt, wurde sie
erschaffen, wird sie erhalten und wieder in Neues verwandelt.
[Lg.01_013,22] Die Ruhe drückt sich auch im
zweiten Namen aus, den wir ihr geben könnten, nämlich im Stoff und die auf ihn
einwirkende Lebenstätigkeit, die alles erhält und alles belebt, ist der Geist,
welcher Anreger der Kraft, Zusammenhalter des Stoffes und so der Hauptfaktor
des ganzen Lebens ist; denn ohne Geist gibt es kein Leben, ohne Leben keinen
Stoff und der Stoff braucht keine Kraft; denn die Kraft ist das Produkt aus
ersteren, fehlen diese, so fehlt alles!
[Lg.01_013,23] Nun hätten wir die Kraft
soweit im reinen. Jetzt können wir ans zweite gehen, woran sich die Kraft
äußert, das heißt an den Stoff; denn die Kraft kann nur bestehen, wo Widerstand
ist, und Stoff als Materielles gibt eben mit seinen Bestandteilen den
körperlichen Widerstand in dem Prinzip der Ruhe, wo er sich der Bewegung
entgegensetzt und so als Kraft sichtbar wird.
[Lg.01_013,24] Nun fragen wir: Was ist der
Stoff? Und die Gelehrten sagen: Stoff ist alles, was einer Ausdehnung nach
Länge, Breite und Tiefe fähig ist.
[Lg.01_013,25] Gut, nun fragen wir weiter: Aus
was besteht der Stoff? Und so werden die Gelehrten wieder sagen:
[Lg.01_013,26] „Stoff“ ist aus allem
zusammengesetzt, was im ganzen Universum entweder aufgelöst oder kompakt sich
vorfindet; „Stoff“ ist alles, was man Grundelemente der Schöpfung nennen kann.
[Lg.01_013,27] Gut, nun fragen wir aber: Wie
viele Stoffe gibt es denn, und wie kann man sie unterscheiden oder auseinander
scheiden?
[Lg.01_013,28] Da sagen die Gelehrten wieder:
Wir haben in der chemischen Analyse eine Unzahl Stoffe gefunden, die (für uns
bis jetzt) unauflösbar sind, und aus diesen ist das Universum zusammengesetzt;
ihre verschiedenen Vermischungen erzeugen dann alles, was wir körperlich sehen
oder fühlen können; diese Vermischungen oder wie sie sagen „chemischen
Verbindungen“ sind aber gewissen Gesetzen unterworfen, wo das eine das
Assimilations-, das andere das Repulsions-Gesetz ist.
[Lg.01_013,29] Nun fragen wir wieder: Aber,
meine Herren, schon wieder reden Sie von Gesetzen, wo Ich doch am Ende einen
Gesetzgeber voraussetzen müßte.
[Lg.01_013,30] Sie antworten darauf: Freund,
das ist nicht so gemeint, die Stoffe im einzelnen haben verschiedene
Eigenschaften, wodurch ihnen nur eine oder die andere Vermischung oder
Annäherung erlaubt ist, andere aber für sie Unmöglichkeiten sind.
[Lg.01_013,31] Nachdem wir nun sehen, daß wir
mit den Herren Professoren wieder nicht ins reine kommen können, so müssen wir
uns wieder auf uns selbst und unsere fünf Sinne verlassen, und stellen also an
uns selbst die Frage: Was ist der Stoff? Und unser Inneres sagt uns einfach:
[Lg.01_013,32] „Stoff ist gar nichts! „Stoff“
ist ein zu allgemeiner Ausdruck, der, indem er alles in einen Tiegel wirft, gar
keinen Unterschied mehr zuläßt! Wollte man alles, was in der sichtbaren Welt
ist, als Stoff bezeichnen, so wüßte man am Ende keinen einzelnen Namen für
Kombinationen von dichten und feinen, starren und beweglichen Massen.
[Lg.01_013,33] „Stoff“ ist also höchstens der
große Äther-Raum außer dem Bereiche der Erd-Atmosphäre, wo alle Ingredienzen
aufgelöst beisammen sind, die zu allen andern Kombinationen, zur Erschaffung
der Weltkörper und ihrer sie umgebenden Luftarten gehören.
[Lg.01_013,34] Nur dort ist „Stoff“, das
heißt die große Vorratskammer zum Weltenbau; aber in, auf und um die Erde ist
der Stoff nicht mehr „Stoff“, sondern da sind schon, je nach dem Zweck,
gebundene zusammengefügte Elemente, die dann den andern höherstehenden
Potenzen, als Leben, Bewegung oder Kraft, ausgesetzt, zu Veränderungen,
Formwechsel gezwungen, wieder in andere Gestalten sich verwandelnd, als etwas
anderes auftreten, in einer neuen Form, nachdem in ihrer früheren ihr Wirken
aufgehört hat.
[Lg.01_013,35] Hier, auf dieser Erde, ist der
Stoff schon so gebunden, daß ein Trennen in seine primitiven Formen nicht mehr
möglich ist, da seine einzelnen Bestandteile so eng verbunden sind, daß sie nur
in dieser engsten Verschmelzung ein anderes Ganzes ausmachen und jeder
künstlichen Scheidung sich widersetzen; da glauben dann die Herren Gelehrten,
„Gesetze“ oder sogenannte „Naturgesetze“ entdeckt zu haben, weil ihnen das
nicht gelingt, was eine höhere Potenz, der über alles waltende Geist, mit
Leichtigkeit ausführt.
[Lg.01_013,36] Die Naturforscher und
Gelehrten, welche natürlich nur da etwas sehen, wo die Natur ihre Prozesse mit
groben oder großen Mitteln bewirkt; diese Herren begreifen nicht, daß trotz
ihres Leugnens es doch Etwas gibt, das höher steht als ihre chemischen
Analysen, ihre Mikroskope und Fernrohre, ihre Baro-, Elektro-, Thermo-, Anemo-
u. a. Meter usw.; das, was sie beobachten, sind lauter grobe Prozesse in den
Retorten und Destillier-Apparaten. Sie sehen wohl darin eine große Konsequenz,
begreifen sie aber nicht. Und da sie keinen Herrn und Gesetzgeber annehmen
wollen, so legen sie diesen Stoffen die Intelligenz bei und sagen: „sie folgen
nur dieser oder jener Impulsion“, wie sie selbst der eigenen,
materialistischen, das heißt der des Irrwahns, als wüßten oder sähen sie
wirklich etwas.
[Lg.01_013,37] Das, was ihnen in der Natur
ein Rätsel ist und auch an ihrem eigenen Körper eine von ihnen nie zu
erklärende Frage sein und bleiben wird, wie nämlich Materie und Geistiges
zusammenhängen, oder wie die Gehirnmasse, gewiß etwas Materiell-Sichtbares, nur
Geistiges hervorbringt, oder wie „der Stoffwechsel“ in ihrem eigenen Leibe vor
sich geht, daß sie sich eines gesunden Lebens erfreuen können; dieses, das
heißt den Geist, wollen sie nicht finden!
[Lg.01_013,38] Diese Herren – die in der
Natur keinen Herrn, keine höhere Potenz anerkennen wollen, und doch in ihrem
Körper selbst tagtäglich, ja stündlich sehen können, wie der Geist über die
Materie zu gebieten imstande ist –, diese Herren nehmen in der Natur ein Gesetz
an, das Kraft und Stoff zu dem bildet, was sie vor sich sichtbar sehen und
unsichtbar fühlen; in ihrem Körper aber, wo doch das nämliche vorgeht, da
wollen sie kein Naturgesetz anerkennen, sondern da wollen sie allein
Selbstherrscher sein.
[Lg.01_013,39] „Wie schwach und einseitig
seid ihr doch, ihr armen Blinden!“ Diese Stimme tönt aus lebenden und auch aus
anscheinlich toten Gegenständen der sichtbaren Natur euch entgegen, überall
ruft sie euch zu:
[Lg.01_013,40] Wir sind! aber nicht aus
Zufall oder nach euren „Gesetzen“ zusammengekettet, sondern wir sind aus und
durch höhere Macht zusammengeformt, ziehen uns gegenseitig an und stoßen uns
ab, je nach der Individualität des Einzelnen; und das alles nur darum, um euch
Ungläubigen einen angenehmen Aufenthalt auf dieser Erde zu verschaffen, und
auch, wenn ihr es gleich nicht hören wollt, eurem Weisheitsdünkel stets
zuzurufen:
[Lg.01_013,41] Wir sind! Aber wir sind nicht
„Kraft“, nicht „Stoff“ – wie ihr Blinden glaubt –, wir sind „Geist“, das heißt
gebundenes Geistiges, gelöstes Geistiges, Geistiges in Formen schaffend, und
wieder dessen Formen zerstörend, um aus all diesem Kampf am Ende vergeistigt
hervorzugehen, und euch zu zeigen, daß in der ganzen Natur alles Geist ist, und
euch nur der Geist der Auffassung dazu fehlt, und ihr euch trotz Offenbarung
der sicht- und unsichtbaren Natur doch nicht zu dem Bekenntnis bequemen wollt:
Ja, jetzt sehen wir ein, daß wir nichts wissen! Wann dieser Ruf in eurem Herzen
und Kopfe zutage bricht, dann habt ihr den ersten Schritt getan zu dem größten
Ziele, das euch eben dieser große Geist gesteckt hat, Der euch mit so viel
Langmut und Gnade behandelt, und alles Mögliche aufbietet, euch zu beweisen,
daß Er – ein Geist – nichts Stoffliches, sondern nur Geistiges schaffen kann!
[Lg.01_013,42] Nun, jetzt also, da Ich euch
so ziemlich den Unsinn aller materialistischen Lehrgebäude gezeigt, treten wir
auf unser Feld über, und wollen allen (gut gewillten) Nicht-Glaubenden
beweisen, daß weder „Kraft“ noch „Stoff“ sind, sondern daß es nur „Geist“,
Geister, und Einen geistigen höchsten Schöpfer gibt! Amen.
23. Februar 1871
[Lg.01_013,43] Gestern also haben wir behauptet,
daß nur Geist der Hauptbestandteil und der Haupt-Träger des ganzen Universums
ist; jetzt müssen wir das, was wir gestern behauptet, heute auch beweisen.
[Lg.01_013,44] Nun seht, die erste Frage, die
hier auftaucht, ist eigentlich wohl diese: Was ist eigentlich „Geist“, und aus
was besteht denn dieser?
[Lg.01_013,45] Um diese Frage zu beantworten,
wird es wohl etwas schwer gehen, jedoch versuchen wir es, euch solches durch
ein Beispiel klarzumachen, damit ihr „Geist“ von „Kraftäußerung“ wohl unterscheiden
könnt!
[Lg.01_013,46] Sehet nun zum Beispiel: Jemand
will eine gewisse Arbeit beginnen, die nach seinen Begriffen, logisch
angefangen und konsequent fortgesetzt, ein gewisses Resultat hervorbringen
soll. Nun, um dieses zu bewerkstelligen, wird er vorher eine Idee fassen, dann
diese überdenken und überlegen, dann den ganzen Gang der Ausführung vom Anfang
bis zum Ende im Geiste durchgehen, ferner, nachdem alles genau überdacht und
erwogen wurde, die dazu nötigen Mittel und Materialien herbeischaffen, und
diese unter steter Einwirkung der erstgefaßten Idee so verarbeiten, vermischen
und verbinden, bis das geschaffte Resultat endlich herauskommt.
[Lg.01_013,47] Nun, wenn ihr diesen Prozeß so
ganz klar euch vorstellen wollt, so seht ihr, daß die geistige Idee oder
lebendig wirkende Potenz, die alle Fähigkeiten in sich trägt, alles aus allem
zu machen, was sie will, und die ihr auch Leben, nämlich innerstes Leben nennen
könnt, diese Potenz (Macht-Wille) ist; also der Träger, Förderer und Schaffer
der ganzen durch sie gestellten Aufgabe. Alles, was diese Potenz zu ihrem
Zwecke verwenden will, muß sie erst mit ihrer eigenen Kraft durchdringen, damit
sich unter der Einwirkung dieser Kraft nach und nach das Ganze zu einem
einheitlichen Bau zusammenfügt, und sodann die erstgefaßte Idee in Wirklichkeit
ausdrückt.
[Lg.01_013,48] Dieses Vergeistigen der
Materie oder Verwendung der Materie zu einer Handlung, dieses Erwecken der in
der Materie ruhenden Geistes-Elemente zu gemeinschaftlicher Wirkung, ist nun das
eigentliche Leben oder das Triebrad der ganzen Maschine; diese bewegende, über
allen ponderablen (wägbaren) und imponderablen Elementen stehende Lebens-Kraft
ist also eigentlich „der Geist“, der dann nach allen seinen Abstufungen bis zu
Mir, als Einzigem Schaffer und Herr des Geschaffenen, alles in sich schließt,
was diese Potenz in höchster Instanz sein kann.
[Lg.01_013,49] Nachdem nun aber diese Potenz
natürlich auch insoweit folgerecht eingerichtet sein muß, daß auch sie
folgerecht oder konsequent etwas schaffen kann, welche Konsequenz ihr als
Natur-Gesetz erkennt, so ist auch natürlich, daß, wenn etwas konsequent zum
Bestehen erschaffen wurde, dasjenige Urprinzip (Grundursache), welches die
Erschaffung veranlaßte, nicht dessen Zerstörung, sondern seine Erhaltung will;
somit muß auch diese geistige Potenz „ein Wohlgefallen“ an dem Geschaffenen
haben, was nichts anderes als Zuneigung ist; und was ist „Zuneigung“ anderes
als die Liebe? – gleich wie die Abneigung oder der Reiz zur Zerstörung des
Geschaffenen als Haß bezeichnet werden müßte.
[Lg.01_013,50] Mithin ist der Urgeist oder
die höchste Potenz ebendeswegen, weil Er schaffendes, wirkendes Prinzip, weil
Er unvergängliches Leben ist, auch die Liebe, oder mit andern Worten gesagt:
[Lg.01_013,51] Die höchste Potenz – Gott –
ist die Liebe!
[Lg.01_013,52] Wo Liebe, da ist keine
Zerstörung, kein Haß möglich!
[Lg.01_013,53] Nun, wenn der Geist in Meiner
Person, als ewiges, selbständiges Ich die Haupteigenschaft Liebe als
Grundprinzip haben muß, so ist es natürlich, daß Ich auch alle andern
Eigenschaften besitzen muß, die der Liebe angehören, die nicht ohne sie, und
ohne welche die Liebe nicht bestehen kann.
[Lg.01_013,54] Diese Eigenschaften sind: die
Sanftmut, die Geduld, die Beharrlichkeit (Konsequenz oder auch Treue), die
Demut; und nachdem alle geschaffenen Dinge Meine Produkte, gleichsam Meine
Kinder sind, so ist in denselben auch die väterliche Liebe im höchsten Grade
ausgedrückt.
[Lg.01_013,55] Nun sehet, um etwas zu
erschaffen, so muß doch der Schöpfer etwas von Seinem Ich in das Geschaffene
hineinlegen, damit dasselbe ihm ähnlich, seinem Schöpfer würdig sei!
[Lg.01_013,56] Um also das Universum mit all
seinen Welten und Sonnen, mit ihrem Pflanzen-, Stein- und Tierreich ins Leben
zu rufen, so mußte Ich doch jedem dieser Teile eine gewisse Quantität Meines
Ichs beigeben, damit allen Dingen des Universums ein stufenartiges Emporringen,
und ein Drängen – in Mich wieder zurückzukehren, eingeboren ist; dadurch daß
das Gleiche doch stets zum Gleichen den Zug der Annäherung fühlt, ward also in
allem Geschaffenen ein geistiger Teil, wie ihr es begreifen und verstehen
könnt, verdichtet, oder wurden mehrere kleine Parzellen (Teilchen) in ein
größeres Volumen (Form) zusammengedrängt, daß, gemäß der verwandten Eigenschaft
der Geisterteilchen selbst, dann diese mehr oder minder dicht aneinanderhaften
und so einen Körper ausmachen.
[Lg.01_013,57] Auf diese Art entstand also
alles, was ihr Materie nennt, sei es in leicht auflöslichen, flüchtigen oder
festen Elementen bis zum härtesten Stein, diesen mit eingerechnet.
[Lg.01_013,58] Überall ist und war der
Hauptbestandteil Geist, der in verschiedenen Verbindungen mit seinesgleichen
oder andern, größere oder kleinere, mehr oder weniger dichte Massen
hervorgebracht hat.
[Lg.01_013,59] Ein sprechendes Beispiel habt
ihr im Wasser, welches als bewegliches, leichtes Element leicht in der Wärme
sich in Luft verwandelt; aber umgekehrt, sobald ein gewisser Grad Wärme aus
seinen Teilen oder einzelnen Atomen entweicht, zum starren, festen Eisklumpen
wird.
[Lg.01_013,60] Nur ist hier der Unterschied,
daß das Wasser zu Eis wird wegen Mangels an Wärme oder an Liebe der einzelnen
Teile zueinander, während in der ganzen geschaffenen Welt gerade die Liebe
alles vereint; da die Liebe alles zwingt, sich gegenseitig anzuziehen, und auch
eben durch diesen Drang, sich gegenseitig so nah als möglich zu vereinigen, den
andern wichtigen Lebensfaktor aus der Liebe hervorruft, nämlich die Wärme, die
auch wegen ihrer unzertrennlichen Gemeinschaft mit ihr gleichbedeutend mit der
Liebe ist.
[Lg.01_013,61] Wo nun die Liebe die
gleichgesinnten Geistteilchen zusammengeführt hat, da entsteht wonniges Drängen
oder Wärme; wo Wärme sich entwickelt, da beginnt ein allmähliches Freiwerden,
ein Streben nach besserer Lage, schöneren, erhabeneren Verbindungen; es
entsteht mit einem Worte der andere sichtbare Faktor, das Leben.
[Lg.01_013,62] Wo keine Liebe – ist keine
Wärme, und wo keine Wärme – kein Leben!
[Lg.01_013,63] Dieses Leben als Produkt aus
Wärme und Liebe, oder Produkt aus dem Aneinanderreiben der Bewegung der
einzelnen gebundenen Geisterteilchen, bringt wieder einen andern Faktor der
Schöpfung hervor, nämlich wo Wärme, ist Reibung, wo Reibung, entwickelt sich im
gesteigerten Falle Hitze, und wo Hitze sich steigert, entsteht das Verzehren
oder Freiwerden der Geisterteilchen in andere Formen, in höhere, leichtere,
welches freudige Freiwerden sie durch heftige Schwingungen oder Erzittern
kundgeben, und dieses Kundgeben heißt dann endlich Licht!
[Lg.01_013,64] Also: wo Liebe, ist Wärme, wo
Wärme – Leben, wo Leben – Licht!
[Lg.01_013,65] Nun haben wir diese drei
Hauptmomente beisammen, die zu einer Schöpfung gehören, welche diese erschaffen
und bestehen machen helfen, und ohne welche nichts existiert; denn in allem Geschaffenen
ist immer ein oder der andere Faktor vorherrschend, und wo alle diese drei
Lebens-Träger aufhören, da ist kein Schaffen, kein Leben, keine Wärme, sondern
Tod, Kälte und Zerstörung oder Auflösung, damit diese aufgelösten Teile wieder
in den Kreislauf des Lebenden zurückkehren können.
[Lg.01_013,66] Nun sehet, „Kraft“ ist also
nichts anderes als der geistige Drang, aus dem Bestehenden Neues zu schaffen;
dieses Bestreben, in der Wirklichkeit sich äußernd, erkennen eure Naturforscher
als Naturgesetze an.
[Lg.01_013,67] „Stoff“ ist nichts anderes als
gefestetes Geistiges, das, wie ihr hier auf Erden seht, schon längst seine
primitiven Formen verloren hat, in festeren, gröberen Bestandteilen sichtbar
nicht mehr Stoff, sondern Materie ist, welche eben unter gegenseitiger
Einwirkung des Mächtigen auf das Schwächere, des Größeren auf das Kleinere,
deren Zersetzung und Veränderung bedingt, um die dort eingeschlossenen Geister
frei zu machen und ihnen den Weg zu höheren Stufen anzubahnen.
[Lg.01_013,68] Dieses Zersetzen oder
Einwirken des einen auf das andere gibt sich euren Augen als „Leben“ kund, als
das große Naturgesetz „Werden und Vergehen!“, wo das eine sich auflösend das
andere ergänzen muß, um so die große Stufenleiter und den Rückweg zu Mir anbahnen
zu können.
[Lg.01_013,69] Wo also eure Gelehrte nur
Naturgesetze wittern, die unbekümmert um ihre Ideen nur Meinem Willen folgen,
ebendort lebt und entwickelt sich kein anderes, als geistiges Leben, ein Leben,
das über alles Greifbare hinaus weit höher steht, als die Ideen und Begriffe
eurer Gelehrten sich schwingen können.
[Lg.01_013,70] Und ebendeswegen, weil das
Geistige sich nicht ihrem Willen unterwirft und kein Gemeingut für sie allein
werden will, so haben sie beschlossen, am besten daran zu tun, es ganz
wegzuleugnen.
[Lg.01_013,71] Für sie existiert kein Gott,
kein Gesetzgeber, obwohl sie Gesetze in der Natur annehmen; für sie ist es „der
Stoff“, der sich die Gesetze selbst macht, also ein intelligenter Stoff?! –
[Lg.01_013,72] Für sie sind die Gesetze nur
ein gewisses „Muß“. Nach ihren Begriffen löst sich alles im Universum auf in
stoffliche Elemente und beginnt von dort wieder seinen maschinenmäßigen
Kreislauf, für sie gibt es keine Verbesserung, sondern ein ewiges
„Beim-Alten-Bleiben“.
[Lg.01_013,73] Wenn sie sich
zufriedenstellen, nach ihrer Auflösung selbst ein Stück „Sauer-, Kohlen- oder
Stick-Stoff“, oder sonst ein anderes wäg- oder unwägbares „Element“ zu werden,
so habe Ich nichts dagegen; Ich kann ihnen sogar diesen Wunsch erfüllen und sie
als ein Quantum von Luftart einige Millionen Jahre in der Atmosphäre eines
Planeten herumschwimmen lassen; es wird dann doch die Zeit kommen, wo auch
dieser geträumte Zustand dem sich äußernden Bewußtsein lästig werden wird, aber
nur wird dann von einem Teile Luft bis zu einer Menschenseele der Weg etwas
langsam und schwierig sein!
[Lg.01_013,74] Bis jetzt lasse Ich sie als
freie Menschen machen, was sie wollen. Es ist ja schon bei den meisten der Fall
gewesen, daß wenn diese so kaltblütig gerühmte Auflösung aller Dinge auch an
sie herantritt in Form des Todes, sie dann selbst alles Geschriebene widerrufen
möchten, wenn es nur möglich wäre, und sie dann selbst zurückschaudern vor dem
trostlosen Bild, das sie sich von der Welt gemacht haben und auch andere haben
glauben machen wollen.
[Lg.01_013,75] Wäre nicht Meine unbegrenzte
Liebe und Mein Erbarmen mit diesen verirrten Kindern, Ich müßte wohl anders
verfahren mit ihnen; so aber mache Ich es wie ein Sehender, der auch dem
Blinden verzeiht, wenn dieser an ihn stößt oder ihn gar umwirft; denn der
Blinde weiß ja nicht, was er getan hat.
[Lg.01_013,76] Geist ist überall, und mögen
es eure Philosophen und Gelehrten wegleugnen, soviel und sooft sie wollen, ohne
Geist wäre keine Schöpfung, prangte keine Sonne am Himmel, und wäre kein Leben!
[Lg.01_013,77] Der Geist und das geistige
Element ist es ja nur, was Leben verschafft, was dem Starren schönen Impuls
aufdrückt, was der totscheinenden, gefühllosen Materie „Leben“ gibt, und alles zum
Jubelgesang für den höchsten, größten Geist, als personifizierte Liebe, zu Mir
empordrängt.
[Lg.01_013,78] Ohne Geist wäre keine Liebe,
und was wäre das Leben ohne Liebe!? – ein Chaos, eine kalte Natur, nichts
Erwärmendes, nichts Tröstendes, nichts Heiligendes!
[Lg.01_013,79] Selbst in eurem menschlich
irdischen Leben, was ist das Leben ohne Liebe? Wo gibt es ein Gefühl, das der
Liebe gliche? Was macht auch die Natur schön und erhaben? Was erweckt auch in
der Musik zu erhabenen Gefühlen? Was begeistert, erwärmt das arme, leidende,
duldende Herz?
[Lg.01_013,80] Es ist der Strahl der Liebe,
der durch die materielle Natur euch anweht, der die geistigen unsichtbaren
Sphären durchzieht, euch bewegt, euch drängt zu einer Umarmung, zu einem
Annähern an eine andere Persönlichkeit, wo ihr wieder das Pochen eines Herzens
vernehmt, das wie das eurige für das Schöne und Heilige schlägt.
[Lg.01_013,81] Was wäre die ganze
Sichtbarkeit, durchzöge dieses geistige Band nicht alle lebenden Wesen, und was
würde Mich mit euch verbinden, euch zu Mir und Mich zu euch ziehen, wäre es
nicht die Liebe?
[Lg.01_013,82] Dieses heilige, selige Gefühl,
das von den sinnlichen Grenzen eurer Natur noch weit hinausreicht über alle
Sterne, bis dorthin, wo in ewiger Seligkeit und Ruhe Derjenige harrt, Der euch
dieses Geschenk als Sein eigenstes Ich gegeben hat und es euch fühlen lassen
will, daß ohne die Liebe die Welt umsonst geschaffen wäre!
[Lg.01_013,83] Betrachtet diese Welt als
nichts anderes, denn als ein geistiges Panorama, wo die Geister in tausenderlei
Formen verbunden stets nur das nämliche darstellen und euch zurufen; so der
Lichtstrahl einer von euch Millionen und Millionen Meilen entfernten Sonne, wie
der Wurm, der zu euren Füßen kriecht; alle stimmen in das nämliche Loblied ein:
„Gott ist die Liebe!“
[Lg.01_013,84] Ja, Ich bin „die Liebe“, Ich
bin „der Geist“, Der alles liebend erschuf, Der alles liebend erhält.
[Lg.01_013,85] Ich bin der Gott, Der zu euch
einst auf diesen kleinen Erdball herabstieg, um Mein größtes Liebe- und Demut-Werk
zu vollbringen.
[Lg.01_013,86] Ja, Ich bin der Gott, Der als
Geist oder höchste Potenz nicht allein in der Schöpfung dastehen will.
[Lg.01_013,87] Ich bin der Gott, Der Vater
sein und liebende Kinder um Sich sehen will, die Seine Macht zwar ahnen können,
aber Ihn nur lieben sollen!
[Lg.01_013,88] Dieses sind die Gründe, warum
Ich jetzt nicht nachlasse, es euch immer und immer ins Gedächtnis zu rufen:
[Lg.01_013,89] Vergesset nicht euren
Ursprung! Ihr seid Meine Geschöpfe, seid geistige Produkte! Trachtet durch eure
Handlungen, Mir würdig, Meine Kinder zu werden!
[Lg.01_013,90] Deswegen rufen alle Himmel und
alle Tiefen Meiner Schöpfung euch zu, damit ihr überall den nämlichen Ruf
vernehmen sollt:
[Lg.01_013,91] „Liebet Gott über alles, denn
Er ist die Liebe! Er hat uns für Liebe und nur für Liebe erschaffen! Trachtet
Seiner würdig zu werden, damit Seine Worte an euch nicht umsonst verschwendet
wurden!“
[Lg.01_013,92] So heißt es überall. Erwecket
in euren Herzen die nämlichen Gefühle, und erfreut euren Vater mit eurer Liebe,
und beweiset Ihm dieselbe an euren Nächsten: dieses wünscht euer Vater! Amen!
14. Kapitel – Des Menschen Würde.
22. Oktober 1872
[Lg.01_014,01] Nun, über diesen Gegenstand,
was eigentlich „des Menschen Würde“ heißt oder bedeuten soll, da herrschen
ebenso viele Ansichten, als es gebildete oder erzogene Menschen gibt; denn die
wilden Völker und die rohen verwahrlosten Menschen haben ja so keine Idee, was
der Name Mensch bedeuten soll, und wie sie sich dessen würdig machen könnten.
[Lg.01_014,02] Nur wo der Mensch sittlich,
moralisch erzogen und gebildet ist, nur da kann man annehmen, daß eine Idee von
der eigentlichen Würde des Menschen zu finden sei, welche jedoch eben wieder
gemäß der Erziehung, des Lebensberufes, verschieden sein muß.
[Lg.01_014,03] Alle diese gangbaren und
vorherrschenden Ideen über den Begriff „Würde des Menschen“ aber sind nicht der
Grund, warum Ich dieses Wort erklären will und warum euch sagen, in was denn
eigentlich die Würde des Menschen besteht, sondern Ich will euch nur dazu
verhelfen, eben Meine Lehre mit dem praktischen Leben zu verbinden, und so auf
diese Art würdig zu werden, als ein Wesen zwischen zwei Welten gestellt,
geistig und seelisch zugleich dem großen Schöpfungs-Gedanken eures himmlischen
Vaters zu entsprechen; denn auch ihr habt, obwohl schon vieles von Mir
empfangen, doch noch nicht die rechte Idee, was eigentlich „Würde des Menschen“
heißen will, da ihr eben nur zu sehr an andern seht, wie sie diesen Titel für
sich wohl beanspruchen, aber auch gemäß ihren Begierden und Leidenschaften ihn
zu wenden und zu erklären suchen, um nach ihren Begierden ein jeder in seiner
Art ein würdiger Mensch zu sein!
[Lg.01_014,04] Um nun die Würde des Menschen
besser zu begreifen und das Folgende leichter zu fassen, so wollen wir wieder
mit dem Begriff des Wortes beginnen, es aus der Wurzel seines Entstehens
herleiten und sodann den eigentlichen Begriff und Wert desselben feststellen,
wie es bei euch Gebrauch sein sollte, und wie Ich es Mir vorstelle.
[Lg.01_014,05] Sehet, das Wort „Würde“ kommt
von „Werden“ her, und das Wort „Werden“ ist eigentlich ein Wort aus dem
Schöpfungsgedanken, welcher als Grundlage Meines Wesens der ganzen sichtbaren
Welt gegeben wurde; denn ohne das „Werden“ wäre keine Sonne, kein Planet, kein
großes Welten-, kein großes Geisterreich, da Ich nur durch den Ausspruch „Es
werde!“ die ganze Unendlichkeit belebte, belebte zur Seligkeit der erschaffenen
Wesen, und zur Seligkeit Meines eigenen Ich, das die personifizierte Liebe ist,
welcher Ausdruck „Liebe“ aber nur heißen will – alles für andere tun und
schaffen, und an dem Verstehen und Vervollkommnen anderer seine eigene
Seligkeit, seine eigene Wonne finden.
[Lg.01_014,06] Mit dem Ausspruch „Es werde!“
war aber auch das Gesetz und der Weg gegeben, was ein jedes Geistes- oder
Seelenprodukt sein soll, oder zu welchem Grade der Vervollkommnung es bestimmt
war, wo natürlich die in die materielle Welt gebundenen, gefesteten Geister
einen andern Weg zu gehen hatten, als die freigestellten sich selbst bewußten
Geisterheere Meiner unendlichen Geisterwelt.
[Lg.01_014,07] Nun, mit dem „Werde“ entstand
natürlich auch die Frage, ob besonders die freigestellten, sich selbst
überlassenen Geister auch das geworden sind, was sie werden sollten, das heißt,
ob sie wurden, was Ich mit ihnen bezweckte.
[Lg.01_014,08] Durch das Wort „Wurde“
entstand ein Zustand, welcher, wenn er Meinen Absichten entsprach, dem Titel
„Würde“ oder „würdig“ entsprach, ebenso wie bei euch auf der Welt ihr
demjenigen eine „Würde“ verleihet, oder ihn „würdig“ heißet, welcher diese
Stellung oder durch seine Eigenschaften als geistiger Mensch das Prädikat
„würdig“ verdient hatte.
[Lg.01_014,09] Was also ihr als Würde
bezeichnet, drückt eigentlich aus, daß dieser Mensch, der eine Würde bekleidet
oder würdig genannt zu werden verdient, jene Eigenschaften innehat, welche den
Menschen als geistiges Wesen adeln – ihn zu etwas Besserem stempeln sollten,
als was die übrige Anzahl seiner Mitbrüder erreichen konnte!
[Lg.01_014,10] Diese Idee von Würde, die ihr
im allgemeinen habt, eben diese Idee nur in anderm Maßstabe, habe auch Ich in
bezug auf die von Mir geschaffenen Geschöpfe.
[Lg.01_014,11] Als Ich auf eurer Erde den
ersten Menschen erschuf, setzte Ich ihn ein, wie ihr einen höher gestellten Beamten
mit einer Würde bekleidet, indem Ich ihm die Macht einräumte, über vieles zu
gebieten, erhabener zu sein als alles andere geschaffene Geschöpf auf Erden.
Ich verlieh ihm mittels seiner geistigen Eigenschaften als Abkömmling von Mir
Vollmachten, das zu sein, zu was Ich ihn nämlich machen wollte, das heißt „Herr
der Erde zu werden!“ So sollte er seine Fakultäten (Fähigkeiten) ausbeuten, zum
Besten seiner selbst, und zum Wohle aller ihn umgebenden Welt.
[Lg.01_014,12] Damit er aber auch seine
eigene Würde erst in dem Sinne begreifen möge, wie Ich sie verstanden haben
möchte, so ließ Ich ihn frei, ließ ihn alle in ihn gelegten Triebe benützen,
zum Guten oder Bösen, damit er erst dadurch erkennen möge, daß die ihm von Mir
übergebene Würde nur darin besteht, wenn er nicht als Maschine sondern als
freies, selbsthandelndes Wesen seine Eigenschaften, Triebe und Begierden zu
regeln weiß, und daß er nur in der Beherrschung seiner Leidenschaften die
geistige Würde erlangen kann, wozu Ich ihm alle Mittel gegeben habe, sie zu
erreichen und ein würdiges Mittelglied zwischen der gebundenen und der ganz
freien Geisterwelt zu sein.
[Lg.01_014,13] Ich rief ihm das „Werde!“ zu,
und er ward oder wurde – was? – das könnt ihr jetzt überall sehen; leider nicht
das, zu was Ich ihn berufen habe, sondern statt Freiherr ist er Sklave seiner
Leidenschaften geworden, und hat so ganz entgegengesetzt seiner Bestimmung sich
und die ihn umgebende Natur entwürdigt, mißbraucht; und daher kommen auch alle
Mißstände, welche in geistiger und materieller Hinsicht den Menschen jetzt
verfolgen mit Übeln und Leiden aller Art, weil er entgegengesetzt seiner hohen
Bestimmung, statt sich Meiner würdig zu machen, sich vom Wege des Rechtes
entfernt hat, „unwürdig“ geworden ist, ein „Mensch“ zu heißen, welchen Ich
einst, ihm Meinen geistigen Odem einhauchend, zu einem Kinde Meines großen
Geisterreiches stempeln wollte, welches große Geisterreich er jetzt erst auf
großen Umwegen, und mit aller Art von Übeln und Leiden kämpfend, erreichen
kann.
[Lg.01_014,14] Nachdem nun die Menschen mit
ihrer vermeintlichen Wissenschaft und Gelehrsamkeit so weit gekommen sind, sich
dieses Wort „Würde des Menschen“ so bequem als möglich zu machen, nachdem der
Egoismus als Gegenpol Meiner Liebe und der Liebe überhaupt das Hauptsteckenpferd
der jetzt lebenden Menschheit geworden ist, nachdem aber auch eben durch dieses
tolle Treiben das Maß der Verirrungen auf eurer Seite und das Maß Meiner Geduld
ebenfalls zu Ende zu gehen anfängt, so ist eben dieses Wort wieder euch gegeben,
um noch vor dem allgemeinen Verfall so manchen zu retten, damit er nicht ganz
seine Würde – seinen einzigen Anteil an der geistigen Welt verlieren möge!
[Lg.01_014,15] Wohl ist dieses und alle Meine
Worte, die Ich bis jetzt euch durch Meine Schreiber zukommen ließ, nur für
wenige erst zugänglich; aber Geduld, die Mißzustände des menschlichen Lebens
werden bald noch manchen in euer Lager führen, so daß er endlich, nachdem er
alles vergeblich versucht hat, bei euch einkehren und euch bitten wird mit den
Worten:
[Lg.01_014,16] „Freunde und Brüder! Habt ihr
keinen Trost, kein Labsal für meine wundgepeitschte Seele, ich fühle es, ich
habe die Würde des Menschen verloren, ich habe sie mit Füßen getreten, und
jetzt, wo ich Trost und Ruhe von all den Hirngespinsten verlange, die man mir
als Weisheit, als religiöse Dogmen angerühmt hat, jetzt erweisen sie sich alle
als unzugänglich, als nicht stichhaltig. Wie ein Nebelgebilde zerfließt aller
Traum eines rationellen, vernunftmäßigen Scheinwissens; gebet mir die Würde des
geistigen Menschen zurück, daß ich mich fühle als Mensch, als geistiges Wesen,
welches einst rein aus der Hand eines liebenden Schöpfers hervorgegangen, jetzt
wieder Seiner würdig zu Ihm zurückkehren möchte!“
[Lg.01_014,17] Dann, Meine Kinder, dann sind
es die Worte, welche Ich unter Heutigem euch gebe, welche dem Dürstenden Labsal
und Trost bringen und ihn zu dem Rufe mit dem Blick nach oben zwingen werden:
„Was bin ich, o Herr, daß Du meiner gedenkest?“
[Lg.01_014,18] Das ist der Zweck, euch und
allen Suchenden die „Würde des Menschen“ wieder mit klaren, hell leuchtenden
Zügen darzustellen, damit der Suchende, der Fehlende, der Zweifelnde erkennen
möge, wie weit er von ihr abgekommen ist, und wo die Mittel der Wiedergewinnung
sind, um das verlorene Paradies wiederzufinden.
[Lg.01_014,19] Denn wisset, wie Adam Meinem
Befehle entgegen gehandelt hatte, verlor er sein Paradies, das heißt, er verlor
das Bewußtsein seiner geistigen Würde, und eben dieser Verlust stürzte seine
Nachkommen bis auf den heutigen Tag in den Wirrwarr von falschen Ideen,
Begriffen, Lebens- und Weltansichten, welche alle nichts anders sind als das
ewige Streben nach Wiedererlangung einer geistigen Würde, welche den Menschen
weit über alles Materielle, über alles Sinnliche erhebt, ihn über Trümmer der
Verheerung und Unglücksfälle mit einer Zuversicht nach einer andern Welt
blicken läßt, wo alle diese Kalamitäten, welche am Ende doch nur das leibliche
Wohl der Menschen angehen, als Null entschwinden, und ihre Zulassung klar und
einfach eingesehen wird als Mittel zu dem Zwecke, den ins Materielle
versunkenen Menschen wieder zum geistigen Weltbürger zu erheben, zu welchem Ich
ihn einst geschaffen habe, und welches er auch wieder werden muß, wenn er
gleich noch so viele Seitensprünge macht; es ist nur die Zeit verschieden, aber
das Endziel bleibt sich gleich. Was Ich hergegeben habe, muß zu Mir wieder
zurückkehren, denn es war Mein und muß es wieder werden!
[Lg.01_014,20] Nun, nachdem Ich euch mit
wenigen Worten gezeigt habe, was „Würde“ ist, wie sie von Mir euch gegeben, und
wie sie von euch Menschen mißbraucht wurde, jetzt muß Ich euch auch beweisen
und streng mit Worten festen Abschlusses vor die Augen stellen, was eigentlich
Würde des Menschen nach Meiner Idee heißt, damit auch ihr einen klaren Begriff
bekommt von dem, was Ich euch gab und was Ich von euch auch wiederbegehren
kann, damit ihr Meinen Wünschen entsprechen mögt.
[Lg.01_014,21] Nun sehet, Meine Kinder! Die
menschliche Würde ist eigentlich nichts anderes, als das fortwährende Handeln,
Denken und Wollen nach Meinen Liebesgesetzen!
[Lg.01_014,22] Ich, der Ausdruck der Liebe,
habe euch aus Liebe erschaffen, ihr also Erschaffene müßt eben diesem Schöpfer,
der den Funken der Liebe in euch legte, gleich zu werden trachten, soviel es in
eurer Macht steht.
[Lg.01_014,23] Dies ist der eigentliche
Grundbegriff der Liebe, von der Würde des Menschen, welcher, seine
Leidenschaften des Zornes, des Hasses oder der Rache bezähmend, nur alles aus
Liebe, nur alles für andere tut, leidet und fühlt.
[Lg.01_014,24] So wird der materielle,
körperliche Mensch mit seinen menschlichen Bedürfnissen durch die höhere Glut
einer göttlichen Liebe geheiligt, vergeistigt, seiner eigentlichen Abstammung
mehr würdig, und eher fähig, Seinen Schöpfer zu verstehen und sich Ihm zu
nähern!
[Lg.01_014,25] Die Würde des Menschen besteht
also nur in der Unterjochung alles Unedlen, sei es in Gedanken, Wort oder Tat!
– So ist der Mensch allein nur erhaben über das Tier, das doch so manche
Eigenschaften mit dem Menschen gemein hat; allein eben diese Eigenschaften zu
edleren Zwecken zu benützen, auch das gemeinste sinnliche Begehren geistig zu
verschönern, ihm einen edleren Anstrich zu geben, ihm höhere Beweggründe zu
unterlegen, das adelt den Menschen, das gibt ihm seine angestammte Würde
wieder, wodurch er ein Bürger eines Geisterreiches wird, welches einst sein
bleibender Aufenthalt sein wird.
[Lg.01_014,26] Den Menschen adelt nicht das
konventionelle Halten der Anstandsregeln und der staatlichen Gesetze. Nein! Den
Menschen adelt sein eigenes Gewissen, wenn er das Bewußtsein hat, alles nur aus
den edelsten, erhabensten Beweggründen getan zu haben, alles gewirkt zu haben
aus Liebe, aus Liebe zu seinem Schöpfer, aus Liebe zu seinen Mitgeschaffenen.
[Lg.01_014,27] Nicht die Tat stempelt den
Wert, sondern das „Warum“ solche Tat geschehen ist! Die Tat sieht wohl der
Mensch, den Beweggrund kennen aber nur zwei – Ich und der Handelnde, wo Ich bei
ihm sein lohnendes oder strafendes Gewissen repräsentiere.
[Lg.01_014,28] Was sind denn „Gewissensbisse“
anderes als die Unruhe, seiner geistigen Würde zuwidergehandelt zu haben?
Daher, so oft ihr etwas unternehmt, so oft Gedanken euch beschleichen, seid
aufmerksam auf sie, damit sie euch nicht entwürdigen; denn ein jeder trägt sein
Lebensbuch in sich, und am Ende seiner Laufbahn wird er in einem Bilde
erschauen können, welche Physiognomie (Gesichtsausdruck) sein geistiger Mensch
beim Scheiden aus dieser Welt erhält; denn der Abglanz des weltlich gelebten
Lebens wird der Ausdruck des seelischen Gewandes sein, wo die Gesamtzahl aller
Gedanken, Wünsche und Begierden den geistigen Menschen so bezeichnend den
andern Geistern darstellen wird, wie er nicht körperlich geformt, wohl aber
geistig sich ausgebildet hat.
[Lg.01_014,29] Daß natürlich diese Form des
würdigsten Menschenbildes bis zur Ungestalt millionenartige Abstufungen haben
muß, versteht sich von selbst. Ein jeder prägt sich das Gesicht auf, wie er
gelebt hat; je mehr seiner Würde gemäß, desto reiner werden auch die äußeren
seelischen Formen das innere Geistige ausdrücken! Ist ja schon jetzt, obwohl
nicht jedem, doch manchem lesbar, welche Seele oft ein oder der andere Körper
verbirgt, wo doch noch so viele Verstellung im menschlichen Körper möglich ist,
was in der andern Welt wegfällt.
[Lg.01_014,30] Deswegen sende Ich euch diese
Worte und rufe euch zu:
[Lg.01_014,31] Lebet eurer würdig! Lasset
alles Scheinen weg, und zeiget euch auch andern als Menschen, so wie Ich einst
den ersten schuf, als Menschen, welche den Funken des unsterblichen Geistes in
sich tragen, als Menschen, welche gerade durch alle früheren Vorkommnisse, wie
selbst Meine Menschwerdung, zu so großen Zwecken bestimmt und erschaffen
wurden!
[Lg.01_014,32] Verunglimpfet nicht eure
Würde, seid streng gegen eure Gedankenwelt, sie ist die erste Verführerin,
welche euch so leicht über die Brücke des Schicklichen, über das Edle ins
Unedle führt.
[Lg.01_014,33] Die Würde des Menschen ist ja
euer einziges Heiligtum, durch sie werdet ihr alles, ohne sie versinket ihr zur
Tierwelt hinunter, werdet gleich Tieren materielle Geschöpfe, die nicht eines
göttlichen Funkens wert sind, werdet eigentlich noch mehr (weniger) als Tier;
denn wenn das Tier Handlungen begeht, die für euer Auge grausam und
hinterlistig sind, so weiß es solche nicht zu beurteilen, sie liegen in seiner
Natur; aber der Mensch sinkt eben deswegen unter das Tier hinab, weil er die
Fakultät (Fähigkeit) hat, seine Handlungen und Gedanken zu beurteilen,
abzuwägen, und wohl sich bewußt, daß er etwas ganz anderes tun sollte, doch das
Entgegengesetzte vollführt, weil es seiner sinnlichen, nicht aber seiner
göttlichen Natur schmeichelt.
[Lg.01_014,34] Die Würde des Menschen ist das
Palladium, welches heilig gehalten werden sollte, und in dieser Reinheit liegt
die Ruhe und der Trost bei Unglücksfällen jeder Art; denn dieses Palladium
führt zum Vertrauen auf eine leitende Vaterhand, welche, wenn auch dem Anschein
nach strafend, doch nur aus Liebe bessern will!
[Lg.01_014,35] Diese Würde des Menschen macht
die Menschen zu Engeln, so wie der Verlust derselben sie zu Teufeln in
menschlicher Gestalt umwandelt.
[Lg.01_014,36] Wenn nicht eben diese so viel
mißverstandene „Würde“ eigentlich der Grundpfeiler und das Grundprinzip zu
allen Gedanken und Handlungen wäre, so hätte Ich es euch nicht näher
auseinandergesetzt, damit ihr etwas strenger auf euch selbst aufmerksam sein
sollt und stündlich und täglich erkennen mögt – wie oft ihr eben gegen diese
Würde in Gedanken, Worten und Taten fehlt oder sündigt!
[Lg.01_014,37] Unbemerkt und unbelauscht gehen
zwar die unlautern Gedanken an der Mitwelt vorüber, aber an eurem
Seelenmenschen bleiben sie haften. Dort werden einst andere mit Schrecken
lesen, wie so mancher Würdenträger eurer Welt nicht einen Funken von
Menschenwürde mehr besaß, welche Ich ihm als Mein Ebenbild auf seine
Lebensreise mitgegeben habe.
[Lg.01_014,38] Lasset daher diese
Hochgestellten ihre Sache mit sich selbst ausmachen; auch sie werden in
Verhältnisse kommen, wenn nicht in dieser doch gewiß in der andern Welt, wo mit
Grauen und Schrecken Wesen voreinander fliehen werden, die hier mit
Freundschaft aneinander hingen.
[Lg.01_014,39] Die Enttäuschung wird kommen,
wenngleich spät, für die Unwürdigen aber noch immer zu früh! Bewahret daher
eure Gedankenwelt rein! Dort lasset eure Menschenwürde als reine Flamme der
Liebe, der Duldung und der Verehrung leuchten, und ihr werdet, wenngleich von
euren Mitmenschen verkannt, den Himmel schon auf Erden genießen, welcher hier
nur flüchtig, dort einst bleibend in und um euch sein wird!
[Lg.01_014,40] Sehet, Meine Kinder, wüßte Ich
nicht, was euch während eures Erdenwandels noch erwartet, Ich würde euch diese
menschliche Würde nicht so ans Herz legen; aber ein guter Arzt weiß, wenn er
Symptome (Anzeichen) von Krankheiten sieht, schon als Vorsichtsmaßregeln Mittel
anzuordnen, damit wenn eine Krankheit sich einstellt, derselben vorgebeugt
werden kann.
[Lg.01_014,41] So auch Ich; bald werden
Mißgeschicke auf Mißgeschicke sich häufen, der Gärungs- und Scheidungs-Prozeß
muß seinem Ende entgegengehen, die geistige Luft eures Erdballs ist, wie oft
die materielle Atmosphäre, mit gewitterschweren Dünsten angefüllt, die
Entladung muß folgen, und ebendeswegen rate Ich euch:
[Lg.01_014,42] Fliehet zu Mir! Verletzet eure
Menschenwürde nicht; denn nur so habt ihr Vertrauen zu Mir und nicht zu euch
selbst, so nur könnt ihr allen Stürmen trotzen; denn diese geistige Würde
erhebt euch über das gewöhnliche Leben, läßt euch alle noch so großen Übel in
einem andern Licht erblicken und erfüllt euer Herz mit Vertrauen und Zuversicht
auf euren Vater im Himmel, der ja nur, eben weil der größte Teil der Menschheit
schon längst seine Würde eingebüßt, solche Mittel zulassen muß, um durch Elend
und Not das zu erreichen, was mit Güte nicht erreichbar war!
[Lg.01_014,43] Die Würde des Menschen, oder
das geistige Bewußtsein – ich bin nicht von dieser, sondern von einer andern,
besseren und ewigen Welt – dieses Bewußtsein erhebt den Menschen, wenn er auch
unter den allgemeinen Mißzuständen leiden muß, doch über diese irdische Welt
hinaus, und es ergeht ihm wie einem auf einem hohen Berge Stehenden, er
übersieht mit Gleichmut das Wirren und Treiben unter ihm und erfreut sich einer
größeren, weiten und schönen Aussicht. Es wird ihm dann wohl der Gedanke oft
aufsteigen:
[Lg.01_014,44] „O warum sind diese Menschen
so blind und vergessen ob der weltlichen Dinge drunten im Schlamme der
niedrigsten Leidenschaften das Wesentliche, was sie eigentlich sein sollten!
Ach, wenn es ihnen an Mut nicht gebräche, wenn sie es wagten, zu Mir heraufzuklimmen,
wie lächerlich, wie töricht würden sie alles das finden, was ihnen jetzt so
wichtig, so unumgänglich notwendig erscheint; wie würde es sie schaudern bei
dem Gedanken, daß sie alles, was sie sich errungen zu haben glaubten, nur eben
durch den Verlust ihres einzigen Gutes erkauft hatten, durch den Verlust der
geistigen Menschenwürde!“
[Lg.01_014,45] So wird mancher denken, der
über Schlamm und Schmutz der niedrigsten Leidenschaften sich hinausgearbeitet
und seine Würde wiedererlangt hat; so sollt auch ihr denken, ihr, die Ich schon
seit längerer Zeit mit Gnaden- und Lichtworten überschütte, damit ihr, eurer
Menschenwürde bewußt, euch des erhabenen Standpunktes freuen sollt, auf welchen
Ich euch gestellt habe, und stets eingedenk eurer eigenen Würde danach streben
mögt, auch selbst würdig zu werden dessen, was Ich euch schon oft geheißen
habe, nämlich Meine lieben Kinder! Dieser Vaterruf ist nur für die, welche ihre
Menschenwürde zu wahren wissen; denn indem sie sie bewahren, erlangen sie auch
stets mehr die Würde, Meine Kinder zu werden, das, was Ich bei Erschaffung des
ersten Menschen wollte, daß er es werde, aber leider nicht wurde!
[Lg.01_014,46] So seid streng! „Wachet und
betet, auf daß ihr nicht in Versuchung fallet“, so rief Ich einst Meinen
Jüngern zu. Ich wußte wohl in jener Zeit warum, und jetzt sage Ich es euch
nochmals: Wachet und betet, auf daß ihr euch nie entwürdigt und stets dem
getreu bleibt, was ihr durch so viele Worte von Mir leicht entziffern könntet,
daß nämlich nur durch den Seelen-Adel die Menschenwürde erlangt, gefestigt und
behalten werden kann, ohne welche alles Lesen und Beten nichts nützt! Der
innere Mensch muß Mir gleichsehen, dann wird sein Außenbild schon einst auch zu
seiner geistigen Umgebung im Jenseits passen, und daher trachtet, mit einem
geistig-seelischen Antlitz begabt in die andere Welt zu kommen; es ist besser,
das hier schon vorzubereiten, als es erst dort erlangen zu wollen! Hier gehört
dazu „des Menschen Würde“, dort ist „des Geistes Würde“ eine andere Stufe,
welche die Menschenwürde als Unterlage hat, aber ohne sie nicht erreichbar ist!
[Lg.01_014,47] Ich bereite euch vor, im
kurzen irdischen Lebenswandel das zu vollbringen, was dort bei weitem schwerer
zu erreichen ist. Daher folget Meinen Worten, sie kommen von eurem Vater, der
eben euch Seiner würdig machen möchte, welches ihr aber nicht werden könnt,
bevor ihr nicht eurer selbst würdig geworden seid!
[Lg.01_014,48] Dieses zur Danachachtung für
euch und alle kommenden Durstigen und Hungrigen, welche bei euch wiedererlangen
wollen, was sie bewußt oder unbewußt oft leichtsinnig verloren haben, das ist –
ihre eigene Würde, als alleinigen einzigen Halt mitten im Leben, zwischen Kampf
und Entbehrung aller Art, als Anker des Vertrauens, der Hoffnung und der Liebe!
Amen!
15. Kapitel – Die Gedankenwelt.
25. November 1872
[Lg.01_015,01] Vieles habe Ich euch schon
gesagt über Meine Schöpfung, Ich habe euch in die tiefsten Geheimnisse Meines
geistigen Wesens so manche Blicke tun lassen, habe euch erklärt die Wechselwirkung
zwischen Geist und Materie, Ich habe euch die Wichtigkeit und Notwendigkeit der
großen Zentralsonnen so wie des kleinsten Infusionstierchens erklärt, habe euch
bewiesen, wie alles zusammenhängt, wie es eine Kette bildet von Mir ausgehend
bis zum letzten unauflösbaren Atom. Und doch fehlt noch die Haupterklärung zu
allem diesem, der Anfangs- oder Grundstein, so wie der Schlußstein Meiner
Schöpfung, Meines Ich und eurer selbst, und dieser Schlußstein oder erste Motor
alles Daseienden, welcher der Urgrund von allem gewesen und stets sein wird,
ist der Gedanke, von wo aus erst alle andern Fäden auslaufen. Dieser Gedanke,
und die ganze Welt der Gedanken als nur geistige Faktoren, soll nun vor euren
Augen entrollt werden wie ein großartiges Panorama, von wo ihr eine, aber nur
geistige Übersicht gewinnen könnt über die ganze Schöpfung, über alles
Dagewesene und noch Werdende!
[Lg.01_015,02] Denn ohne einen Gedanken wäre
kein Geisterreich und keine materielle Welt entstanden oder erschaffen worden,
ja wenn Ich euch Mein Wesen geistig vorstellen wollte, so müßte Ich euch
Dasselbe unter dem Gedanken der Unendlichkeit vorstellen! Denn nur dieser
Gedanke bezeichnet Mein Ich ganz, der Ich unendlich in Zeit, Raum und Macht
bin!
[Lg.01_015,03] Wollt ihr euch in die frühesten
Zeiten zurückversetzen, wo noch kein Stern am Firmamente glänzte und keine
Sonne um die andere kreiste, damals, wo selbst das Geisterreich noch nicht
geschaffen war, so ist es eben in jener Zeit, wo nur Mein Gedanke, Ich allein,
wesete, leuchtete und existierte!
[Lg.01_015,04] Um Mich herum war alles
finster, leblos und starr, nur Ich allein lebte, und eben als lebender, ewiger
Gedanke leuchtete Ich bloß allein in der ganzen Schöpfung, oder besser gesagt,
bloß Ich allein hatte das Bewußtsein des Seins, wo eben der Gedanke – Leben,
und das Leben – Licht, als Erreger des Lebens allein vorhanden war.
[Lg.01_015,05] Sehet, dort bestand die Welt
nur aus einem Wesen, Einem Gedanken im unendlichen Äther mit all seinen
schlafenden Elementen, ausgedrückt durch das in ihm wohnende Zentrum, Mein Ich,
belebt und wesend!
[Lg.01_015,06] Dort wußte nur Ich allein –
Ich bin, Ich lebe; und wenn ihr diesen Zustand im mindesten begreifen wollt, so
vergleichet ihn mit dem eurigen, wo ihr auch in der ganzen Schöpfung mit dem
Bewußtsein ein abgeschlossenes Ganzes zu sein, mitten in derselben steht, und
ein jeder sich bewußt ist, was heißen will: Ich bin, ich lebe.
[Lg.01_015,07] Ihr sagt: „Ich bin“ und doch
tausend und tausend von andern verschiedenen Prozessen gehen in euch vor, ohne
daß ihr es ahnt; ihr rufet aus: „Ich bin!“ und euer geistiges Seelen-Gewand,
welches sich bis zum letzten Haargefäß-Nerv eurer Haut ausdehnt, umfaßt euer
ganzes Ich, ohne daß ihr von der Ausdehnung oder Umspannung des menschlichen
Körpers Notiz nehmt.
[Lg.01_015,08] So ist und war einst auch Mein
Ich, Ich lebte, Mein ganzes Wesen umfaßte den unendlichen Äther, und nur einer
Anregung von innen bedurfte es, um diese weit ausgedehnte, nie endende
Außenseite Meines Ich zu belebender Tätigkeit anzuspornen!
[Lg.01_015,09] Also des Schaffens Erstes war
der Gedanke; er war es, der vorerst Geistiges und dann Geistiges im Materiellen
schuf.
[Lg.01_015,10] Ohne den Gedanken regte sich
aus dem Zentrum, Meinem Ich, nichts! Und es war also die Gedankenwelt, welche,
vorerst belebt in allen Einzelheiten ausgedrückt, Meinen außer Mich gestellten
Geistern und Meiner materiellen Welt den Impuls gegeben hat zu werden, zu
bestehen, sich zu erhalten und zu vervollkommnen.
[Lg.01_015,11] So müßt ihr auch überhaupt die
Gedankenwelt als eine geistige, abstrakte Welt auffassen, wo eben sie (die
Gedanken) die ersten Anreger, Verarbeiter und Erhalter alles dessen sind, was
sichtbar und unsichtbar die geistige und materielle Welt heißt!
[Lg.01_015,12] Mein erster Gedanke also, als
Ich die Welt erschuf und in dem Bewußtsein der Geister und lebenden Wesen Mein
Eigenes sich widerspiegeln sehen wollte, wobei aber stets das Verhältnis blieb
wie Licht zum Reflex, Mein erster Gedanke also war: „Es werde!“ und mit diesem
wurde alles belebt, von Meinem Innern ausgehend bis zum letzten Atom; die
Assimilation des Gleichgesinnten begann geistig wie später materiell; und was
die Funktionen bewirken in eurem Körper bis in die kleinsten Lebensfasern, das
war auch bei Mir der Fall, aus einem Gedanken des Werdens entwickelten sich die
Millionen und Millionen Konsequenzen, als Folgen von Ursache und Wirkung,
überall war der Gedanke das anregende Prinzip, und seine weitere Ausarbeitung
der weitere Erfolg, woraus endlich aus einem Gedanken, von Mir als unendlichem
Gott und Schöpfer gedacht, die große Geister-Familie und die große materielle
Welt entstanden, welche so wie Ich ewig sind, und ebenso Meine
Schöpfungsgedanken, auch ihr Gang vom Entstehen, Sich-Bilden und Vervollkommnen
ebenfalls ewig oder unendlich, stets vorwärtsschreitend, einen Gedanken aus dem
andern entwickelnd, ergänzend und fortleitend.
[Lg.01_015,13] Ich mußte euch alles dieses
vorausschicken, damit ihr wenigstens von dem Gedanken, seinem geistigen Bereich
und seiner Tragweite eine entfernte Idee bekommt, wie der Gedanke aus sich
selbst sich herausbildend endlich eine Welt voll Gedanken erzeugen kann, und
wie am Ende alles, was besteht, nur die sichtbare Überkleidung einer
unsichtbaren geistigen Gedankenwelt ist.
[Lg.01_015,14] Ich mußte dies alles
voraussenden; denn ihr seid gewöhnlich mit dem Begriff eines Wortes gleich
fertig und haltet es nicht der Mühe wert, in dessen tiefere, geistige Fassung
einzudringen. Denn vom Denken, vom Gedanken redet ihr oft, und zwar so
gedankenlos, daß es erstaunlich ist, wie ihr intelligente Wesen, Abkömmlinge
von einem geistigen Wesen wie Ich, solch oberflächliche Begriffe von dem haben
könnt, was gerade euch als Bewohner zweier Welten hinstellt, das heißt einer
unendlichen geistigen und einer ewig sich erneuernden materiellen Welt!
[Lg.01_015,15] Nachdem Ich nun euch erwiesen
habe, daß der Gedanke die Hauptsache bei allem Geschaffenen ist, nachdem Ich
euch erklärt habe, wie auch der weiter ausbildende Faktor ist, welcher, nachdem
er sich selbst ausbildete, auf die ihn umschließende Materie geistigen Einfluß
ausübt, so wollen wir von unserer geistigen Schöpfungssphäre zurückkehren in
engere, euch näherstehende Kreise, die euch eher faßlich, eher begreiflich
sind, weil sie teils euer Leben selbst berühren, teils sogar euer geistiges und
materielles Leben ganz ausmachen, dasselbe formen, erhalten und vervollkommnen!
[Lg.01_015,16] Denn hier ist der Punkt, wo
Ich euch aufmerksam mache, daß wie im großen Schöpfungsraum die Welten sich
formten und ausbildeten durch den belebenden Gedanken, ebenso formt und bildet
sich euer materielles irdisches Gewand oder der äußere Ausdruck in eurem
Seelen-Menschen durch die Eigenheit der in ihm wohnenden Gedankenwelt, welche
dann der Außenseite den Typus aufdrückt, wie dem Geistigen im Innern.
[Lg.01_015,17] So werdet ihr sehen, wie diese
große Gedankenwelt eigentlich nur die wahre geistige Welt allein ist, nach
welcher einst alles gerichtet und klassifiziert werden wird; denn der Gedanke
war bei Mir das erste anregende Element, und so ist er auch in einem jeden
lebenden Wesen der Faktor, welcher einst bemessen den hieraus entspringenden
Handlungen und Taten ihren Voll- oder Nenn-Wert aufdrücken wird.
[Lg.01_015,18] Als Ich den ersten Gedanken zum
Werden der ganzen sicht- und unsichtbaren Welt durch das „Es werde!“ in die
weiten Räume hinausrief, da begann alles Meinem Wesen gemäß sich zu gestalten,
und nachdem Ich als Gott unendlich, als Wesen nur die Liebe mit unendlicher
Weisheit verbunden bin, nur Geistiges oder Materielles schaffen kann, welches
Mir ähnlich ist, so waren also auch die Welten und selbst die Geister so
geschaffen, wie sie dem Schöpfer der Liebe und Weisheit Selbst entsprechen
konnten, das heißt, sie waren alle perfekt, ohne Fehler, nach göttlichen
Gesetzen geregelt, sich zu erhalten, zu vervollkommnen und so Meinem großen
Zweck als Schöpfer zu entsprechen.
[Lg.01_015,19] Was Ich in jener Zeit getan
habe, und wie Meine Werke Meinem Ich als Schöpfer und ewigem Liebewesen
entsprechen, ebenso ist auch bei euch als geistige Wesen euer äußerer Umriß das
getreue Abbild des Innern; doch ist es bei euch der Fall, daß ihr voneinander
nicht herunterlesen könnt, was in hieroglyphischen Buchstaben die Seele oft auf
euer Antlitz gezeichnet hat, nur manchmal verrät das Auge als Spiegel der
Seele, wie ihr es wohl nennt, was aus dem Innern hervorleuchtet, ob ihr es
wollt oder nicht!
[Lg.01_015,20] Die Wissenschaft, welche einst
ein eifriger Verfechter der Wahrheit und Liebe aufstellen wollte – die
Physiognomik, ist eben zum Besten der Menschheit nicht weiter verfolgt worden,
sonst würde es in der Welt ganz anders aussehen, wenn ein Mensch an dem andern
ersehen könnte, welch Geistes Kind er ist!
[Lg.01_015,21] Wie aber dieses geschieht,
auch das will Ich euch erklären, damit ihr seht, wie analog (ähnlich) in der
ganzen Schöpfung alles ist, und was im Großen als stetiges Gesetz, auch im
Kleinen das nämliche ist!
[Lg.01_015,22] Ich habe euch vorher gesagt,
daß das Bewußtsein: ich lebe, die ganze menschliche Seele und mit ihr die
irdisch-körperliche Außenseite erfüllt, in ebendem Maße, wie Mein ganzes großes
All von Meinem göttlichen Lebensbewußtsein erfüllt, und dort der genaue Abdruck
davon ist.
[Lg.01_015,23] Was nun in Meiner Schöpfung
geschieht, wo alles nach Meinen göttlichen Gesetzen sich formend, nur
Göttliches, Hehres, Schönes hervorbringen kann, da alle Schöpfungs-Elemente vom
Zentrum, Meinem Ich, bis in die letzten Räume hinausgehend, überall wo nur noch
eine Welt leuchten kann, überall die nämlichen Prinzipien verfolgend und alles
Geschaffene der Ab- und Ausdruck Meines Ich in verschiedenen entsprechenden
Bildern und Schöpfungen ist; ebenso ist es in euch die Gedankenwelt, welche
ohne euer Zutun ebenfalls so verfährt, die verschiedenen Organe entweder mehr
oder weniger ausbildet, welche zur Ausführung des Gedankens nötig sind, und
zwar diese Ausführung durch entwickelten mechanischen Prozeß vollführt, wodurch
die Haut oder sonst andere den einzelnen Organen naheliegende Überkleidungen
dann getreu im Äußern abbilden und wiedergeben, was im innern Seelenmenschen
die Lieblingsgedanken des Menschen sind.
[Lg.01_015,24] Durch die Gedanken oder
Gedankenwelt wird der mechanische Lebensprozeß beschleunigt, aufgehalten oder
gar zerstört: Je nachdem die Gedanken die Nerven anregen, ebenso die Wirkung
der Nerven auf die Organe, welchen sie als Leiter dienen. Und so ist sogar
Gesundheit, Krankheit oder selbst der Tod zunächst nicht Folge der Störung der
Funktionen im menschlichen Körper, sondern der leichte unsichtbare Gedanke,
welcher die Nerven vibrieren macht, die Ausscheidungsprozesse oder den
Stoffwechsel beschleunigt, dieser ist der eigentliche Urheber entweder eines
gesunden oder kranken, der Bildner eines schönen oder häßlichen Körpers, und da
die meisten Leidenschaften als Resultate von mit Liebe gehegten Gedanken im
Angesicht der Menschen ihre Spuren zurücklassen, so sind auch schöne und
häßliche Gesichtsformen der Ausdruck des innern Seelenlebens.
[Lg.01_015,25] Ihr seht aus diesem leisen,
aber fortdauernden Wirken eines geistigen Seelenlebens, welche Freuden, welche
Leiden für den Menschen daraus entspringen, und wie sodann wieder gestörte
Lebensfunktionen auf den Geist rückwirkend selbst jenen verdüstern, wo dann der
Mensch die Welt, die Verhältnisse, sich selbst ganz anders beurteilt, als es
wirklich der Fall sein sollte, und wovon dann die Folgen sind – Krankheit,
Leiden, Starrheit, oder gar ein verfrühter Tod!
[Lg.01_015,26] Alles dieses entspringt aus
der Gedankenwelt, welche insofern auf den Körper, und der Körper wieder auf den
Geist rückwirkend, auch den Menschen zu andern Schlüssen, zu andern Handlungen
bestimmt, die auch – weil alles eine geistige Kette ist – auf andere Menschen,
Familien und Staaten einwirkt, wo die geistigen Resultate eine andere Wendung
erfahren, besonders wenn machthabende Personen, geistig krank, Weh und Leiden
über ganze Völker bringen, die alle nicht wissen, warum ihnen so geschieht, es
ihnen auch nie in den Sinn kommen wird, daß eine Lieblingsidee eines Herrschers
seine Gesundheit untergräbt, ihn zu andern Schlußfolgerungen zwingt, und so
namenloses Elend verbreitet, wo dann gewöhnlich Mir die Schuld beigemessen
wird, während Ich doch ganz und gar nichts dabei zu tun habe, als nur das
wieder zum Guten zu benützen, was geistig und körperlich kranke Menschen Böses
verursachen.
[Lg.01_015,27] Wenn ihr so die ganze
unsichtbare Welt der Gedanken betrachtet, welch Hin- und Herwogen, welch
reichhaltiger Stoff zum Guten und Bösen oft sich von einem einzigen Menschen
auf Tausende und Millionen verbreitet, wie ein in ein stilles Wasser geworfener
Stein Kreise und Kreise um sich bildet, bis diese Bewegung die Ruhe des Wassers
unterbricht an fernen Stellen, wo die kleineren Bewohner dieser letzten Ufer
nicht begreifen noch ahnen können, daß ein weit von ihnen oft aus Mutwillen
geworfener Stein Ursache ist, daß ihre Wohnungen zerstört und ihre Jungen
getötet werden.
[Lg.01_015,28] So ist das Gedankenmeer ein
ewig wogendes, flutendes; in allen lebenden Wesen gären die Gedanken, steigen
auf wie Luftblasen aus stehendem Wasser, alles denkt, fühlt, sucht sich seine
Verhältnisse, sein Leben zu verbessern, alles baut, zerstört, versucht, gibt
sich Mühe, vom Bekannten das Unbekannte zu entziffern. So ist also diese große
Gedankenwelt eigentlich der Hauptfaktor Meiner Schöpfung, denn diese Welt ist
wie die Meine unbegrenzt, ist ewig, und wenn es die Umstände begünstigen,
unendlich!
[Lg.01_015,29] Daher trachtet wohl, diese
geistige Welt der Gedanken im Zaume zu halten, trachtet nur so zu denken, wie
es Meinen Kindern geziemt; denn der Gedanke ist der Bildner eurer Hülle
diesseits und euer Abdruck für das Jenseits; dort kommt ihr an mit dem
Resultat, welches die Gedanken auf eurer Erde zurückgelassen haben. Hier ist es
euch und anderen verborgen; dort aber nicht; die Hülle von außen richtet sich
nach dem Innern, und wie innen so der Ausdruck von außen. Dort herrscht keine
Verstellung und dort gibt es kein Geheimnis vor andern, ein jeder sieht im
andern die Gedanken, und gemäß ihnen den moralischen Wert oder Unwert des
Individuums.
[Lg.01_015,30] Diese Gedankenwelt als
geistiger Träger der Materie ist eben deswegen so mächtig, weil sie unermüdet
Neues schafft, baut, zerstört, wechselt und ändert, und auf diese Art nichts
isoliert für sich, sondern als Ganzes angesehen deswegen die größte Wichtigkeit
hat, weil, wie die Umstände kommen mögen, aus dem leichten aufsteigenden und
wieder sich verflüchtigenden Gedanken die Tat wird, deren Folgen dann nicht
mehr in der Hand der Denkenden als einzelnen liegen, sondern der ganzen
geistigen und materiellen Welt angehören.
[Lg.01_015,31] Man kann sich die
Unendlichkeit nicht besser vorstellen als in dem Begriff einer Gedankenwelt;
denn alle bekannten Geschwindigkeiten, alle Entfernungen und Zeiträume
verschwinden gegen die Schnelle des Gedankens, gegen seine Macht und seine
Wirkung, besonders wenn ersteres ihm verliehen und das zweite ihn begünstigt.
[Lg.01_015,32] So nehmet auch ihr, Meine
Kinder, euch in acht, in dem großen Reiche der Gedankenwelt Meiner würdig zu
wandeln, beschleicht euch ein nicht erlaubter Gedanke, so vertilgt oder
überwachet ihn; denn vom Denken zum Werden ist ein kurzer Sprung, und die
Folgen davon lasten auf euch als Urhebern des Gedankens!
[Lg.01_015,33] Schmeichelt euch nicht mit der
Idee, „es waren ja nur Gedanken, bis zur Ausführung hat es seine geweisten
Wege!“ Es ist nicht wahr, ihr betrügt euch selbst damit; denn wie Ich oben
sagte, ist die Gelegenheit da, so wird der Gedanke zur Tat, welche, wenn auch
bereut, doch nicht zu verwischen ist, sie steht als Faktum, als eine Denksäule
auf eurem Lebensweg, deren ihr euch dann entweder freuen oder schämen mögt!
[Lg.01_015,34] Nicht umsonst habe Ich euch
dieses Wort gegeben. Alles hat sein Warum, und auch hier liegt ein großes
„Warum“ zugrunde, weil Ich nur zu sehr weiß, wie leicht ihr es mit dem Denken
nehmt, und ihr gerade das für das Schwächste haltet, was eigentlich das
Stärkste ist; denn der Gedanke ist eine geistige Potenz, und mit solchen
Kräften ist nicht zu scherzen!
[Lg.01_015,35] Ich muß euch belehren und eure
Gewissens-Waagschale noch zarter machen; denn ihr gehört für ewig Meinem
Geister- und nur kurz dem materiellen Reiche an.
[Lg.01_015,36] Lernet selbst denken! Lernet
logisch denken! Lernet moralisch denken! Diese drei Arten des Denkens müssen
euch geläufig werden, dann werdet ihr die Zukunft leichter entziffern, die
Gegenwart leichter beurteilen, euer geistiges Ich besser aufbauen und tüchtiger
für das andere Leben vorbereiten können.
[Lg.01_015,37] Suchet in dem weltbewegten Meer
der Gedanken von Millionen von Wesen das Steuer-Ruder eures geistigen Menschen
nie zu verlieren; der Gedanke beglückt oder verdammt euch; dieses ist euer
innerer Wert, der nur allein endgültig für jetzt und für immer ist.
[Lg.01_015,38] Was hilft's, wenn die Menschen
euch vergöttern und ihr euch selbst der Schwäche, des Wankelmutes beschuldigen
müßt, die Vergötterer werdet ihr einst ob ihres Wahns, und euer eigenes Ich
bedauern müssen.
[Lg.01_015,39] Die Gedankenwelt, als
Einschreibebuch eures eigenen Ich, ist das Vademecum (Führer), welches euch
begleitet, ist euer Geleitschein hier und euer Paß für dort, wo sodann alles
verzeichnet sein wird, was euch kenntlich macht und zu eurer weiteren
Befähigung den Ausschlag geben wird!
[Lg.01_015,40] Suchet in eurem Lebensbuche
weiße Blätter zu vermeiden, als Zeichen unbenutzter Zeit; suchet aber auch zu
vermeiden, daß nicht auf jenen Blättern Gedanken aufgezeichnet stehen, deren
ihr euch schämen müßtet, gelangten sie zu fremder Einsicht.
[Lg.01_015,41] Der Gedankenmensch ist eure
lebendige Photographie, das Licht des Geistes malt sie; trachtet danach, daß
sie gelungen ausfällt und euch zeigt, wie ihr sein sollt, wollt ihr einst
„Meine Kinder“ genannt werden.
[Lg.01_015,42] Das materielle Sonnenlicht
schont bei einem von einer Person abgenommenen Lichtbild keine Mängel, alle
trägt es schonungslos auf das für dieses Licht empfängliche Papier; so auch
Mein geistiges Wahrheits-Licht, auch dieses zeigt dem im Jenseits ankommenden
Menschen die Gestalt auf, wie sein innerer Gedanken-Mensch es gebaut hat
während des irdischen Lebens. Wohl dem, der aus dieser Gedanken-Prüfung gut
hervorgeht, und außer einigen Makeln willenloser Fehler doch ein Bild
darstellt, welches den Schönheits-, Liebe- und Weisheits-Regeln entspricht, welche
Ich als ersten Gedanken in alle Welt und in alle Wesen gelegt habe!
[Lg.01_015,43] Soviel über diesen Gedanken.
Erkennet und erwäget Meine Worte! Die Zeit, die alles verschlingende Zeit,
raubt euch Minute um Minute, das Leben vergeht wie ein Traum, und ein Erwachen
erwartet euch im ewigen Lichte Meiner Geisterwelt, wo Gedanken, unwägbare Dinge
für dieses Leben, gewichtig in die Waagschale des moralischen Wertes fallen; da
dort Geister Geistiges wägen, und einem jeden seine geistige Laufbahn von neuem
bezeichnen!
[Lg.01_015,44] So sei euch dieses Wort
gegeben, um euch von der Materie die Brücke zu zeigen, welche euch schon hier
gegeben ist, um das Bürgerrecht einer Welt zu erringen, in welcher ihr einst
gewesen seid, und in welche ihr wieder zurückkehren müßt! Einst gewesen, als
göttliche Ableger Meines Schöpfungs-Gedankens, und bald dorthin zurückkehren
sollt ihr als gereinigte Geistes-Menschen, euch stets mehr und mehr Mir und
Meinen Geistern nähern! Amen!
16. Kapitel – Vater unser!
11. November 1872
[Lg.01_016,01] Viele Tausende plappern dieses
Gebet des Tages oft viele Male herunter, und kaum einer unter ihnen versteht,
was er eigentlich sagt, oder was Ich damit sagen wollte, als Ich es Meine
Jünger lehrte.
[Lg.01_016,02] Auch ihr selbst, die ihr doch
schon besser unterrichtet seid wie viele, ja sogar über dieses Gebet von Mir
Selbst verschiedene Erklärungen erhalten habt; auch ihr wisset doch nicht im
tiefsten reinsten Sinne, was der Inhalt dieses Gebetes ist, sonst würdet auch
ihr es nicht allein oft im Aufblick zu Mir beten, sondern ihr würdet kein
anders formuliertes Gebet dem gleich achten können.
[Lg.01_016,03] Um nun wieder einen
Lichtstrahl in euer Herz zu senden, der euch die Wunder Meiner Geisterwelt von
einer andern Seite beleuchten soll, so will Ich euch dieses Gebet und die darin
enthaltenen Worte näher erklären, damit ihr erkennen möget, was das heißen
will: ein Gott, ein liebender Schöpfer und Vater lehrte euch dieses Gebet,
damit ihr erkennen mögt, wie viel Geistiges in jenen Worten liegt, die Ich
Meinen Jüngern und der ganzen Menschheit hinterließ, um mit Mir in geistige
Gemeinschaft zu treten, und nebenbei noch die weltlichen sowie die geistigen
Verhältnisse des Menschen so ganz zu umfassen, als wie dieses Gebet als Bitte
zu mir, als Bitte eines Kindes zu seinem Vater es nur auszudrücken vermag.
[Lg.01_016,04] Nun, Ich will also Wort für
Wort, Satz für Satz euch dieses einzige Gebet aus Meiner Wanderzeit auf Erden
erklären, dessen tiefen Sinn enthüllen, und so euch um einen großen Schatz
reicher machen.
[Lg.01_016,05] Wenn ihr die Zeitverhältnisse
ins Auge fassen wollet, in welchen Ich dieses Gebet Meinen Jüngern vorsagte, so
werdet ihr leicht erkennen, welch mächtiger Unterschied schon darin lag, daß
Ich Meinen Mitlebenden gegen alle religiösen Gebräuche schon in den ersten
Worten Meines Gebetes zeigte, wie wenig sie selbst ihre religiösen Bücher
verstanden, noch sie geistig auslegen konnten; denn während den Juden es streng
verboten war, den Namen ihres Gottes eitel zu nennen, während sie ihren Gott
als einen Gott der Rache und des Zornes ansahen und höchstens ebendeswegen Ihn
oft anflehten, mehr aus Furcht als aus Vertrauen zu Ihm, so lehrte Ich sie in
den ersten zwei Worten „Vater unser“ diese Kluft zwischen ihrem Gott und
Schöpfer und den Menschen zu übersteigen, und aus dem strengen Richter einen
liebenden Vater zu machen.
[Lg.01_016,06] Nur durch dieses Wort allein
schon wurde der nachfolgende Inhalt des Gebetes gerechtfertigt; denn einen
Vater konnte sein Kind so bitten wie Ich es Meine Jünger lehrte; aber kein
Mensch durfte damals seinen Gott anflehen um Dinge, welche nach dem Begriffe
jener Zeit viel zu nichtig gewesen wären, als daß ein Gott, den man sich weit
hinter den Sternen in unzugänglichen Räumen dachte, sich damit abgegeben hätte!
[Lg.01_016,07] Das Wort „Vater“, und noch
mehr bezeichnend „unser“, war also dieser große Unterschied, welcher den
entfernten Gott bis ins menschliche Leben niederzog und dem Menschen erlaubte,
als unmündiges Kind seinen Schöpfer mit Liebe zu umfassen, während in allen
andern Auffassungen göttlicher Würden, selbst bei den heidnischen Völkern mit
ihren Göttern, diese eigentlich nur einzig wahre fehlte!
[Lg.01_016,08] So war der erste Eingang
dieses Gebetes auch der größte und mächtigste Impuls, ein Gemüt in fromme
Begeisterung zu erheben; denn der sanfte Ruf „Vater!“ – „mein Vater!“ oder wie
in diesem Gebet der Begriff der Nächstenliebe in tiefster Bedeutung zugrunde
liegt, „unser Vater“ ist der größte, mächtigste Hebel, ein Vertrauen zu
erwecken zu Dem, zu Dem man betet, daß dieses Gebet auch erhört werde, und daß
dem Menschen als Kind sein Vater angedeihen lassen wird, was zu seinem weltlich
und geistig Besten ist!
[Lg.01_016,09] Der nächste Satz heißt: „im
Himmel“ Diese Worte haben eine zweifache Bedeutung, erstens, wenn ich einen
Vater habe, welcher im Himmel als dem Sitze von reinen Geistern und dauernder
Seligkeit ist, so versteht sich wohl von selbst, daß entweder ich von dort
abstamme, oder doch wenigstens, wenn ich mich des Vaters würdig mache, einst
dort in die Nähe Dessen gelangen kann, Der mir erlaubte, Ihn „Vater“ zu heißen.
[Lg.01_016,10] Die zweite Bedeutung dieser
Worte ist, daß ein Vater im Himmel ein Wesen sein muß, welches trotzdem, daß
Ich Ihn in die Himmel versetzte, doch allgegenwärtig, allmächtig sein muß; denn
sonst ist mein Bitten vergebens, Er hört es nicht, oder kann es nicht erfüllen,
um was man Ihn bittet.
[Lg.01_016,11] Ferner ist noch dabei in
Anschlag zu bringen, daß unser Vater im Himmel als Geist, ebendeswegen auch
geistig und in tiefster Ergebung angefleht werden muß, wenn ich nur im
mindesten Seine Größe und meine Winzigkeit in Anschlag bringen will. Dieses
bezeugt auch der nachfolgende Satz, wo es heißt: „Dein Name werde geheiligt!“
Denn nur wer die ersten Worte im tiefsten Sinn begriffen hat, kann erfassen,
was es heißen will: Dein Name werde geheiligt!
[Lg.01_016,12] Es will heißen, daß, als
Unterschied zu einem weltlichen Vater, der Vater im Himmel, als Geist, nur dann
würdig geehrt werden kann, wenn man auch bei Anrufungen, Beteuerungen und
Schwüren den Namen des allerhöchsten Wesens nicht mißbraucht und in weltliche
Händel herunterzieht; denn dieser Schöpfer, der euch erlaubte, Ihn als Vater
anzurufen, ist zu erhaben, und du eben als Kind zu hoch gestellt auf der geistigen
Stufe aller denkenden Wesen, als daß du einen solchen Namen und mit dem Namen
selbst deinen Gott und Vater anrufen solltest, als sollte Er Zeuge deiner
ausgesprochenen Worte sein; denn nur wenn du den Namen „Vater, unser aller
Vater“, wenn du die Stellung dieses Vaters, nämlich im Himmel als ewigem
Freudenort, ganz auffassest und begreifst und danach handelst, dann kannst du
mit der Bitte hervortreten: „Dein Reich komme zu uns!“ Nur dann bist du würdig,
daß dieses Reich der Himmel, dieses seelische Paradies auch herabsteigt in dein
eigenes Herz und dich da im Kleinen fühlen läßt, was dich einst im größeren
Maßstabe erwarten wird.
[Lg.01_016,13] Nur nach der Befolgung der
ersten Sätze ist der Mensch würdig, in ein Reich derjenigen Geister aufgenommen
zu werden, welche den Schöpfer des Universums als ihren einzigen Gott und ihren
einzigen liebenden Vater anerkennen.
[Lg.01_016,14] Damit aber dieses Reich auf
Erden ein Bleibendes werde, so ist es nötig, daß der Wille oder die göttlichen
Gesetze eines höchsten Wesens, das du Vater nennen darfst, auf Erden auch
ausgeführt werden; denn dieses besagt als Beleg des früheren Satzes der
nächstfolgende, wo es heißt: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel!“
Nur dann, wenn die Menschen, ihre geistige Abstammung anerkennend und
würdigend, den Gesetzen der Liebe zu Gott und dem Nächsten nachkommen; nur dann
ist es möglich, daß das Reich Gottes daniedersteige und aus dem Erdenleben
wieder das Paradies mache, aus welchem die ersten Menschen vertrieben wurden.
Nur dann, wenn auf Erden bereitwillig wie im Himmel diese Liebesgesetze stets
vollzogen werden, nur dann ist bleibender Friede sowie stete Ruhe möglich.
[Lg.01_016,15] Und wenn Ich dort Meinen
Jüngern begreiflich machen wollte, wie das Erdenleben verschönert werden
könnte, so sagte Ich ihnen geistig, daß, wenngleich das paradiesische
Freudenleben nicht allgemein so leicht zu erzielen ist, es doch einzelnen
möglich ist, in ihrem Herzen diese reine Freude des ungetrübten Bewußtseins zu
erreichen, und so einen Vorgeschmack zu haben von dem, was in künftigen Zeiten
und höheren Regionen sie erwartet!
[Lg.01_016,16] So soll die Macht des Gebets
einen Zustand, wenngleich nur auf Augenblicke, herbeiführen, der tröstend für
sich und beruhigend im ferneren Lebenswandel der Seele Stärke und Kraft geben
kann.
[Lg.01_016,17] Damit aber diese geistige
Hebung, wo die Seele sich zu Ihm, dem Vater aller lebenden Wesen erhebt, nicht
durch weltliche Mißstände getrübt, damit auch auf Erden euer Lebenswandel
fruchtbringend für andere werde, und ihr nicht mit Tränen der Not und des
Schmerzes zu Ihm aufblicken müßt, so schließt sich dieser früheren geistigen
Bitte die weltliche an, nämlich: „Gib uns unser täglich Brot immerdar!“ Nur wer
sein tägliches Brot hat, kann seinen weltlichen Verpflichtungen nachkommen, und
auch wo es not tut, seinem Nächsten helfen.
[Lg.01_016,18] Daß Ich, als Jesus, Meine
Jünger dieses Gebet so lehrte, hatte darin seinen Grund, weil eben die geistige
Erhebung und geistige Nahrung nur dann erst im vollen Sinne möglich ist, wenn
der Körper, als notwendiges Bindungsmittel zwischen hier und dort, nicht unter
dem Druck der Verhältnisse leidet!
[Lg.01_016,19] Meine Jünger mußten wohl in
der ferneren Zeit nach Meinem Hingange manchmal fasten, und es mangelte ihnen
an dem Nötigsten; aber darum wendete Ich dieses Gebet so, daß auch die
weltlichen Bedürfnisse von Mir erfleht werden sollen, und der Mensch sich nicht
dem Wahne hingibt, als dürfte er bloß um Geistiges zu Mir flehen!
[Lg.01_016,20] Das Gebet, wie Ich es gab, schloß
das ganze menschliche Pilgerleben in sich ein, so wie alle Zehn Gebote, nebst
Meinen zwei großen Liebes-Gesetzen.
[Lg.01_016,21] Es mußte praktisch sein, für
alle Lebensverhältnisse passen, und dem Menschen, in welche Lage er auch kommen
mag, wenn er es mit ganzer Inbrunst und geistig tiefster Auffassung betet, den
Trost und die Ruhe verschaffen, welche nur einem Gott, einem himmlischen,
liebenden Vater zu geben möglich sind. – So folgt der weitere Satz: „Vergib uns
unsere Sünden!“ welches ein offenes Bekenntnis ist, daß Menschen, eben als
Menschen und nicht als geistige Wesen oder Kinder eines himmlischen Vaters,
fähig sind, gegen Seine Gesetze zu handeln, zu fehlen, oder wie es heißt, zu
sündigen.
[Lg.01_016,22] Die Bitte um Vergebung der
Sünden schließt das Bekenntnis von Schwachheit in sich ein; es zeigt, daß der
bittende Mensch oder das flehende Kind seine Schwäche erkennt, daß es fähig
ist, zu sündigen, und zwar oft auch wider Willen, wo zwar der Wille zu
widerstehen vorhanden ist, jedoch entweder die eigenen Leidenschaften oder die
Welt zu mächtig sind, so daß das Kind mit den besten Vorsätzen fehlt, und sich
dadurch eben dieses himmlischen Vaters unwürdig macht.
[Lg.01_016,23] So, von Reue geplagt, soll das
Kind sich hinwerfen zu den Füßen seines geistigen Vaters, soll Ihm seine Schuld
bekennen, und soll aber auch eben durch diese Versicherung der Besserung, als
Vorsatz denselben mit sich in die weiteren Schritte der Welt mitnehmen, was im
nächsten Satze ausgedrückt ist, nämlich: „wie auch wir vergeben allen, die uns
schuldig sind!“ Es soll dieses der Vorsatz sein, eben wie der Vater im Himmel
nur der Verzeihung und der Liebe, nicht aber des Hasses und der Rache fähig
ist, daß auch ihr, wenngleich im geringern Maßstabe, göttlich, oder eures himmlischen
Vaters würdig handeln sollt, denen vergebend, die euch Böses getan haben; ein
Wort von großer Bedeutung, besonders in jener Zeit, wo es hieß: „Aug um Aug,
usw.“, wo die Rache erlaubt war, ja sogar zu den göttlichen Attributen Jehovas
gezählt wurde!
[Lg.01_016,24] So seht ihr, wie dieses Gebet
alle menschlichen Leidenschaften umfaßt, alles Hohe, aber auch alles Niedere in
Erwägung bringt, und so mit wenigen Worten in Form eines Gebetes den als Mensch
geschaffenen Wanderer auf dieser Welt zu einem geistigen Weltbürger macht, wenn
er diese wenigen Worte, die einst aus Meinem Munde flossen, beachten will!
[Lg.01_016,25] Damit aber dieser festgesetzte
Vorsatz nicht zum Scheitern gelange, so enthält eben dieses Gebet im
nachfolgenden Satz die eigentliche Ursache, welche den Menschen oft abtrünnig
macht und ihn zwingt, anders zu handeln als er will. Es ist seine Umgebung und
die Verkettung der Umstände, welche ihm Versuchungen bereiten, woraus er nicht
immer als Sieger hervorgeht.
[Lg.01_016,26] Obwohl diese Versuchungen in
der Welt notwendig sind – denn ohne Kampf keine Erstarkung im Glauben, im
Vertrauen zu Mir –, so erkennt der Mensch doch die Schwäche, die in seinem
zweifachen Organismus liegt, nämlich dem seelischen und geistigen, daß er nicht
immer Herr seiner selbst ist, und eben deswegen fleht er in diesem Gebete:
„Führe uns nicht in Versuchung!“ was geistig heißen will: „O Vater, erbarme
Dich Deines schwachen Kindes und helfe ihm, damit es nicht oft auch gegen
seinen Willen den Versuchungen erliege, die andere ihm bereiten!“
[Lg.01_016,27] Nur in der redlichen
Anerkennung seiner eigenen Ohnmacht liegt die ganze Inbrunst eines Gebetes zu
einem Allmächtigen, Der Sich von Menschen Vater nennen läßt, und Der eben diese
Menschen zu Seinen Kindern erziehen und heranbilden möchte!
[Lg.01_016,28] So lange Stolz oder
Überschätzung seiner eigenen Kräfte in einem Herzen herrschen, kann kein
aufrichtiges Gebet oder Bittgesuch zu Mir gelangen. So wie Ich es einst sagte,
so lautet es heute noch, wo es heißt: „Und wenn ihr alles getan habt, was
Menschen möglich ist, so seid ihr doch noch immer faule Knechte!“
[Lg.01_016,29] Der Mensch, in welchen
Verhältnissen er sich befinden mag, was für Umstände er zu bekämpfen haben wird,
stets soll er rechnen, daß das wenigste er, das meiste aber Ich getan habe!
[Lg.01_016,30] So wächst sein Vertrauen zu
Mir, so erkämpft er sich seine Ruhe, seinen Frieden, und nur wenn er vor Mir
zerknirscht hinfällt und ausrufen muß: „Herr! was bin ich, daß Du meiner
gedenkest!“, wenn er bekennt und erkennt, wie wenig seine Kräfte allein
ausreichen, um zu seinem geistigen ewigen Ziele zu kommen, dann erst wird er
begreifen, was die Hilfe seines geistigen Vaters wert und wie weit sie
verschieden ist von dem, was andere Mitmenschen ihm angedeihen lassen können!
[Lg.01_016,31] Dieses Bekenntnis, daß ohne
Ihn, den einzigen wahren und stets sich gleich bleibenden Vater, nichts möglich
ist; dieses allein kann dann den Menschen, nachdem er seine Ohnmacht erkannt
hat, zu dem Ausruf bewegen, mit welchem dieses Gebet schließt, indem er sagt:
[Lg.01_016,32] Da ich nun begriffen, daß ohne
meinen Vater im Himmel ich eine Null bin, so bitte ich Ihn, daß Er mich von
allem Bösen fern halte, oder wie es im Gebet heißt: „von allem Übel erlösen
möge!“ Die Erlösung, oder auch Freisprechung alles Getanen, ob mit oder ohne
Willen, muß natürlich geschehen, sonst ist ein Fortschritt nicht möglich, ein
Kind des Vaters im Himmel zu werden, nicht ausführbar.
[Lg.01_016,33] Eben deswegen schließt auch
dieses Gebet mit der Bitte: „Entferne alles Gefährliche von mir“, was mich auf
meiner Bahn rückwärts statt vorwärts bringen könnte. Verzeihe das Begangene und
verhindere das böse Kommende.
[Lg.01_016,34] Nur so kann der Mensch auch eine
Ruhe, einen Trost in einem Gebet finden, welches mit wenigen Worten ihm seine
ganze Stellung als Mensch und Kind Gottes beweist, daß er ein Wesen zwischen
zwei Welten, zwischen Materiellem und Geistigem ist, dem letzteren folgen muß,
soll er dieses Namens würdig sein, mit welchem er den Schöpfer alles
Bestehenden anruft.
[Lg.01_016,35] Deswegen fängt dieses Gebet
mit dem Vater-Rufe an, und endet mit der Bitte, eben an diesen Gott, welcher,
wäre Er nicht Vater, den Menschen nicht von seinen Übeln erlösen, nicht ihm
verzeihen, nicht ihm Zutrauen einflößen könnte!
[Lg.01_016,36] So, Meine Kinder, betet dieses
Gebet zu Mir, denket mit dem ersten Anruf nicht an euch allein, nein, umfasset
mit dem Rufe: „Unser Vater!“ die ganze Menschheit, die jetzt mehr als je ein
Haufe verirrter Kinder ist, welche alle willenlos und ohne Zweck und Ziel dem
Verderben entgegensteuern, weil die meisten eben diesen Vater vergessen oder
gar verleugnet haben, nicht wissend und nicht wissen wollend, daß Er im Himmel
ist, daß Er ihrer harret, um einst sie alle mit liebenden Armen zu umfangen.
[Lg.01_016,37] Betet zu Ihm, dem Vater aller
Kreatur, daß Er verzeihen möge, wenn Sein Name mißbraucht und in den Staub
gezogen wird, statt geheiliget zu werden. Betet, daß das Reich des Friedens,
der dauernden Seligkeit, welches eben in jenem Himmel, der Sein Wohnsitz ist,
thront, auch zu euch herabsteigen möge, daß nicht Mensch gegen Mensch in ewigem
Haß und Hader, sondern daß Brüder gegen Brüder in Wort und Tat die
Nächstenliebe im höchsten Sinn ausführen mögen, da nur dann die Welt ein
Paradies werden kann, wenn der Wille des Vaters im Himmel auch auf Erden
ausgeführt wird!
[Lg.01_016,38] Betet, daß allen Menschen auf
Erden nicht der tägliche Unterhalt ermangele, damit auch alle sich der aufgehenden
Sonne erfreuen mögen, und nicht einen Tag verwünschen, der höchstens nur Elend
beleuchten muß.
[Lg.01_016,39] Betet so in Meinem Gebet das
„Vater unser“, dann werden eure Sünden vergeben werden in dem Maße, als ihr
selbst nachsichtig gegen andere seid. Die Versuchungen werden dann weniger
werden, eben weil ihr im Glauben erstarkt leichter sie bekämpfen könnt, und so
von allen Übeln dadurch erlöst werdet, weil rein geworden – „dem Reinen alles
rein ist“, und wo, wenn auch vielleicht anfangs leicht gewankt oder gefehlt
wurde, jetzt erstarkt durch das Vertrauen in Mich ihr an Gefahren
vorüberwandelt, die für euch schon längst den Stachel der Verführung verloren
haben!
[Lg.01_016,40] So betet Mein Gebet, das Ich
vor mehr als tausend Jahren Meinen dortigen Kindern und Jüngern gegeben habe
und nun euch, Meinen jetzigen Auserwählten, wiedergebe!
[Lg.01_016,41] Erkennet in diesem Worte, wie
viel Erhabenes und Schönes in Meinen Worten liegt, und begreifet damit auch,
daß, wenn ein Gott euch beten lehrt, Er euch Worte in den Mund gelegt hat, in
welchen eine unbegrenzte Tiefe von Wahrheit und eine unendliche Seligkeit für
den erwächst, welcher, wie Ich es einst sagte, Mich im Geist und in der
Wahrheit anbetet; denn in diesem Gebet ist im Anfang höchstes Geistiges, sodann
mit weltlicher Wahrheit verbunden, wo ihr im Anfang wohl, eurer göttlichen
Abstammung bewußt, den Vater im Himmel anflehet; aber in der Folge die
Schwächen und Gebrechen der menschlichen Natur nicht vergeßt, und während ihr
in den ersten Worten voll Andacht vor dem großen Schöpfer als eurem Vater
daniedersinkt, später eure Schwächen anerkennend Ihn um Hilfe anfleht, damit Er
euch nicht im Schlamme der sinnlichen Leidenschaften eure geistige Herkunft
vergessen lasse!
[Lg.01_016,42] So müsset ihr das „Vater
unser“ beten, und euer Vater wird euch als Kinder Seine Vaterliebe im vollsten
Maße fühlen lassen, wenn auch ihr wie Er, statt Strafe, Rache und Zorn, nur
Liebe und Verzeihung in eurem Lebenswandel praktisch ausüben wollt; dann ist
euer der Vater, welchen ihr in diesem Gebet mit so bewegtem Herzen an Seine
Gnade, an Seine Macht und an Seine nie verwelkende Liebe erinnert habt, indem
ihr neben Seiner großen Allmacht eure Ohnmacht reuig bekennen wollet! Amen!
17. Kapitel – Das Wort.
14. November 1873
[Lg.01_017,01] Einfach ist der Titel, und
doch so gewichtig und voll von Tiefe, daß ihr darob erstaunen werdet; da durch
das Wort einst die ganze Schöpfung entstand und noch jetzt jedes Wort ein
Entstehungs- oder Schöpfungs-Grund ist. Wie dieses zu nehmen ist, wird euch das
Folgende näher beleuchten.
[Lg.01_017,02] Vor allem müssen wir erklären:
Was ist das Wort?, um seine Bedeutung in der größten Tiefe zu erfassen; denn
ohne eine sichere Basis (Grundlage), ohne das klare Bewußtsein dessen, was man
eigentlich erklären will, kann kein vernünftiges Resultat aus dem gefaßten
Begriffe emporkeimen.
[Lg.01_017,03] „Wort“ ist also, um es euch
mit wenigen Worten zu sagen, nichts anderes als ein verkörperter Gedanke, der
zum Begriff gediehen, als Wort sich erst kundgibt, und ebendeswegen ein
Schöpfungsakt; so wie es auch die Dreifaltigkeit in sich trägt, wie solches bei
allen Schöpfungen erweislich ist, nämlich Geist, Seele und Körper, analog mit:
Gedanke, Begriff und Wort.
[Lg.01_017,04] So wie allem Geschaffenen eine
Seele, wohlverstanden nicht immer eine sich bewußte wohnt, welche geleitet von
Meinem Geiste die Materie formt, sie erhält und sie verwandelt, ebenso ist ein
Wort der verkörperte Begriff, erzeugt durch den Gedanken.
[Lg.01_017,05] In der Schöpfung war zuerst
der Geist, das heißt Mein Geist, der jedem Ding sein inneres Bestehen, seine
Zeit und seine Verwandlung anwies.
[Lg.01_017,06] Dieses Bestreben ist seine
Seele, die das Material nach Urgesetzen bildet, erhält und wieder zerstörend es
weiter vervollkommnet, vergeistigt oder dem Urgeiste, Mir, wieder zuführt!
[Lg.01_017,07] So ist der Gedanke das
anregende Prinzip, das sich zum Begriff gestaltet; dieser Begriff gewinnt Form,
Gehalt und Bedeutung erst durch das Wort, das sichtbare Zeichen einer
unsichtbaren Schöpfung.
[Lg.01_017,08] Und so wie Mein
Gottes-Gedanke, als Schöpfungs-Idee oder Begriff sich äußernd, erst in der
sichtbaren Welt eine Umhüllung, wenn auch noch so fein, erhält, so ist nur
durch letzteren Akt jedes Geschaffene, Gedachte, Begriffene einzeln vor sich
hingestellt ein Ganzes im Ganzen, und doch einzeln für sich bestehend.
[Lg.01_017,09] Durch diese Erklärung,
angewendet auf „das Wort“, gewinnt auch dieses erst seine Bedeutung, weil auch
das Wort für sich freistehend ein Abgeschlossenes und doch mit der ganzen
Geisterwelt Verbundenes ist, das zwar für sich, je nach Ausdruck eines
Gedankens oder Begriffes, ein an Tiefe oder Weisheit Verschiedenes, Einzelnes,
und doch ein mit allem Bestehenden verkettetes Ganzes ist.
[Lg.01_017,10] Wie in der Schöpfung ein Ding
auf das andere einwirkt und Einfluß hat, so daß kein geschaffenes Wesen oder
materiell erzeugtes Ding sich diesem Bereich entziehen kann, ebensowenig steht
„ein Wort“ ohne allen Erfolg, ohne Wirkung auf andere da in der Geisterwelt; da
eben das Wort ein selbstschaffendes, erregendes, in alle Schöpfungsverhältnisse
eingreifendes geistiges Produkt, aus Gedanke, Begriff, und durch Benützung der
materiellen sichtbaren Welt, ein körperlich sichtbares Zeichen eines geistigen
Lebens ist.
[Lg.01_017,11] Mit dem Worte, wie euch die
Schöpfungsgeschichte von Moses sagt, erschuf Ich die Welt!
[Lg.01_017,12] Mit dem Wort „Es werde!“
stellte Ich alle einzelnen Geistesteile Meines Ich hinaus, wies ihnen ihre
gerechten Entwicklungs-Perioden, ihren Anfangs-, Bestands- und
Verwandlungs-Prozeß an; um nach gehöriger Prüfung wieder geläutert,
vervollkommnet zu Mir und in Meine Nähe zurückzukehren, um dort auf höheren
Stufen, vermittels geistiger Potenzen, ein neues Wander-, ein neues
Vervollkommnungsleben zu beginnen, das fort und fort steigend, nie ein Ende
haben wird, weil Ich der Schöpfer desselben ebenfalls unendlich bin!
[Lg.01_017,13] Weil Ich aber eben unendlich
bin, und als Schöpfer es auch sein muß, so ist natürlich, daß alles Erschaffene
nie fehler- oder mangelhaft gestaltet sein konnte; denn der Fehler wäre ebenso
unendlich, wie das Prinzip, nach welchem es geschaffen wurde.
[Lg.01_017,14] Es läßt also kein von Mir
geschaffenes Ding eine eigentliche Verbesserung oder Veredelung zu; wohl aber
einen sich nach und nach zu höheren Stufen fortbildenden
Vervollkommnungs-Prozeß, der aber schon im ersten Embryo voraus bestimmt und
wohl ausgedacht war.
[Lg.01_017,15] Diese Eigenschaften Meiner
Schöpfung im allgemeinen wie im einzelnen, im Materiellen ausgedrückt,
wiederholen sich im Geistigen und im Seelenleben ebenfalls; denn der Gedanke,
der Begriff und das daraus entstandene Wort haben die nämliche geistige
Verbindung, das nämliche unfehlbare Prinzip wie Meine Schöpfung im allgemeinen,
nur mit dem Unterschied, daß ein seelischer, verfehlter Gedanke einen irrigen
Begriff und ein Wort erzeugen muß, das, wie Mein Gedanke – Begriff und Wort –
ewig nur Gutes hervorbringen muß, also der schlechte, irrige Gedanke konsequent
ebenfalls durch das in ihm bei seiner Entstehung Verfehlte im Wort und dessen
Wirkung nach außen und auf andere sich ergebende Resultat, seinem Ursprunge
gemäß, schlechte und irrige Wirkung hervorbringen muß.
[Lg.01_017,16] Ihr seht aus diesem allem eben
Gesagten, daß auch die Worte aus Menschen- oder Geistermund ebenso unfehlbar
sind wie die Meinigen, nur in anderer Bedeutung, weil bei geschaffenen Wesen
die Vollkommenheit des Seelen- oder Geisteslebens nicht mit dem Meines Ich in
Vergleich gebracht werden kann; da Ich als Gott, als die Liebe Selbst, nur
diesen Prinzipien gemäß denken, handeln und sprechen kann, während
untergeordnete Geister, frei wie sie geschaffen sind, mit oder ohne Willen im
entgegengesetzten Sinne denken, reden und handeln können; aber in dem Gebaren
selbst schon liegt die natürliche Folge von solchem Verfahren begründet, woraus
der Satz hervorgeht, „daß ein jeder, der gegen Meine Gesetze sündigt, sich die
Folgen selbst zuzuschreiben hat, weil die Übertretung Meiner Gesetze sich immer
selbst straft!“
[Lg.01_017,17] Alles dieses mußte
vorausgehen, um euch aufmerksam zu machen, wie bedeutungsvoll, wie wichtig es
ist, ehe man ein Wort ausspricht, zu bedenken, was ihr eigentlich damit sagen
wollt, da das Wort wohl in eurer Macht, jedoch seine Wirkung, seine Tragweite weit
außer eurem Bereich liegt; denn jedes ausgesprochene Wort gehört nicht mehr
euch, gehört der ganzen Geister- und Seelenwelt, gehört der Unendlichkeit an,
wo stets fort und fort wirkend, es seinem Ursprunge gemäß Gutes oder Schlechtes
schafft!
[Lg.01_017,18] Hier ist der Ort, wo Ich euch
auch bemerken muß, wie und wo Mein Einwirken auf euer Tun und Lassen ist, ohne
euren eigenen freien Willen zu beeinträchtigen.
[Lg.01_017,19] Nämlich Ich lasse euch denken
und reden; doch die Wirkung des verkörperten Gedankens, die Wirkung des Wortes
auf andere, die behalte Ich Mir Selbst vor; denn hier verkette Ich die
Verbindungen zwischen Seelen und Geistern so, daß auch das projektierte
(beabsichtigte) Schlechte zum Nutzen gereichen muß, wohl oft nur auf indirekte
Weise, wie ihr sagt in dem Sprichwort: „Durch Schaden (Erfahrung) wird man
klug!“
[Lg.01_017,20] Ich nehme dem Worte nicht
seine gute oder schlechte Wirkung, Ich füge bloß die Umstände so, daß es dem
Menschen nicht an Mahnungen fehlen wird, entweder mit aller Glut der Liebe das
Wort des Guten zu erfassen und es zu verwirklichen, oder das Schlechte zur
rechten Zeit zu gewahren und sodann zu handeln, damit die eigene Individualität
nicht eingebüßt werde!
[Lg.01_017,21] Deswegen ist euer Sprichwort
nicht unrecht, wenn ihr sagt: „Der Mensch denkt, und Gott lenkt.“ Ja so ist es,
ihr könnt denken, und reden auch, als Ausdruck der Gedanken, was ihr wollt;
aber die zu erzielende Wirkung der Rede ist in Mein Bereich gefallen, weil es
eine Anfrage an Meine Geisterwelt ist, welche ihr mit dem „Worte“ beeinflussen
möchtet, und da habe auch Ich „ein Wort mitzureden“.
[Lg.01_017,22] So wie Ich euch schon in der
„Gedankenwelt“ den großen Bereich und das eigene rege Leben der
Geistes-Produkte als Gedanken gegeben habe, ebenso gebe Ich euch hier die große
Wichtigkeit und Tragweite eines Wortes, abgesehen noch von der eigentlichen
Untersuchung der Tiefe eines jeden Wortes, oder des in ihm enthaltenen und
sichtbar ausgedrückten Begriffes oder Gedankens.
[Lg.01_017,23] Daher bestrebet euch stets
zweier Hauptsachen: Erstens, eure Worte wohl zu überlegen, in bezug auf den
Schaden oder Nutzen, welchen ihr damit anstiften könntet, und zweitens, auf den
Inhalt oder die Bedeutung eines Wortes genau acht zu haben; denn „Worte“ sind
Träger geistiger Potenzen, die vieles oft unter wenigem verbergen.
[Lg.01_017,24] Mit dem Worte trat durch Mich
eine Schöpfung voll des Großen und Schönen ins Leben, und mit einem Worte könnt
ihr, dasselbe zur rechten Zeit und am rechten Orte ausgesprochen, Licht verbreiten,
Gutes stiften, wo die größten Engel bis in Meine Nähe noch eine Nachwirkung
dieses einfachen Ausdruckes einer Mich liebenden Seele verspüren.
[Lg.01_017,25] Worte der Liebe verbreiten
überall Liebe, Freude, Seligkeit; Worte der Trauer, des Hasses oder Neides das
Entgegengesetzte; sie müssen so wirken, weil in ihnen der Keim dazu schon beim
Ausspruch liegt. Daher befleißigt euch, Meinen Worten vorerst Gehör zu
schenken, nur Worte auszusprechen, die Göttliches enthalten und nur Gutes
bewirken sollen, so werdet ihr Ruhe und Frieden in euch und um euch erzielen!
[Lg.01_017,26] Ich muß euch wieder ein
Sprichwort anführen, da solche Sentenzen meistens auf reinem Grunde gewachsen,
stets ihre Wirkung nicht verfehlen, und dieses Sprichwort heißt: „Ein gutes
Wort findet einen guten Ort.“ Ja, ein gutes Wort wird nie verfehlen, eine wenn
nicht so ganz gewünschte, doch eine ähnliche Wirkung beim bittersten Feinde zu
bewirken. Es ist die Macht des Inhaltes, welches den Gegner entweder bewältigt
oder entwaffnet!
[Lg.01_017,27] Sehet Meine Lehrjahre an, wie
gewogen, wie gewählt waren Meine Worte, weil Ich eben nicht für diese drei
Jahre Meines Erden-Lehr-Wandels, sondern für die Ewigkeit gesprochen, geredet
und gepredigt habe.
[Lg.01_017,28] Und wenn diese Reden noch
jetzt nicht ganz ergründet und in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt worden sind, so
liegt eben der Keim des Göttlichen in denselben, und keine Macht kann diesen
inneren Kern vernichten, oder durch etwas anderes ersetzen!
[Lg.01_017,29] Meine Worte waren, sind und
bleiben Träger des Lichts, Träger der Liebe, die vom Himmel herunterstieg, um
euch kleine Erdbewohner und eine ungeheure Geisterwelt wieder zum Himmel
hinaufzuführen.
[Lg.01_017,30] So soll das Wort, dieses
geistige Samenkorn, stets nur Gutes bergen, damit auf guten Grund gefallen es
wieder Gutes hervorbringe.
[Lg.01_017,31] Das Wort ist das Senfkörnlein,
das in gutes Erdreich gelegt zu einem Baum des Glaubens anwachsen wird, unter
dessen Schatten die Engel und Geister sowie alle Seelen sich des himmlischen
Segens erfreuen sollen.
[Lg.01_017,32] So fasset den Begriff auf, was
ein Wort ist, welche Tiefe, welche Tragweite ihm innewohnt; und ihr werdet auch
eure eigenen Worte zu bemessen, zu beurteilen wissen, und nebenbei auch
behutsamer verfahren in dem Aussprechen von Worten, wenn ihr deren unendliche
Fortwirkung erst im ganzen Sinne begriffen und erfaßt habt.
[Lg.01_017,33] So werdet ihr denn auch besser
verstehen, wie Ich mit einem Wort eine ganze Welt erschaffen konnte, wenn ihr
es euch klar vorstellen könnt, welch Unendliches in einem Worte verborgen sein
kann.
[Lg.01_017,34] Dieses alles euch zu beweisen,
zu erklären, und auf so manche Mißbräuche euch aufmerksam zu machen, die ihr
mit der Gabe der Sprache treibt, war der Zweck dieses Wortes von Mir, damit ihr
wieder erkennen möget, wie klein die Anfänge von so manchem großen Unendlichen
sind, wo ihr am Großen euch erstaunet, dessen Ursprung ihr ganz außer acht
gelassen habt.
[Lg.01_017,35] So leset das erste Kapitel
Meines Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott
war das Wort! In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen!
Und das Licht scheinet in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht
begriffen!“
[Lg.01_017,36] Ebendeswegen soll auch jetzt
wieder jedes Wort von Mir diese Finsternis oder die finstern Gemüter der
Menschen nach und nach erleuchten, damit endlich „die Finsternis“ das Wort
begreife, das vom Anfange her „das Wort“ war bei Gott und durch Gott oder durch
Mich euch Licht und Leben brachte, obwohl es von den meisten nicht begriffen
wurde, und auch heutigentages noch mit Hohn und Verachtung zurückgewiesen wird!
[Lg.01_017,37] Im Anfang war das Wort, und
das Wort wird auch ewig das Wort bleiben.
[Lg.01_017,38] Das Wort war Gott, das heißt das
Wort, welches aus Liebe eine Welt voll großer Schöpfungen materiell und geistig
geschaffen hat, damit die Geschaffenen erkennen mögen, daß die Liebe nicht
allein sein kann, sondern daß sie etwas haben muß, woran sie ihre Liebe
beweist, und von selbem wieder wegen ihrer Liebe geliebt und geehrt werde!
[Lg.01_017,39] Das Wort der Liebe schuf
Welten voll Glanzes, voll Herrlichkeit; das Wort der Liebe konnte nichts
anderes schaffen, als liebende Geister; das Wort der Liebe erweckte Liebe, weil
es selbst Liebe war, und so möge bei euch auch jedes Wort Liebe erwecken; denn
Liebe ist das (all-)mächtige Band, welches Herzen zu Herzen führt, und erst am
geliebten Gegenstande durch dessen Erwiderung seine eigene Liebe ganz genießt.
[Lg.01_017,40] So schuf Ich das Wort und die
Welt, so schafft ihr eure geistige Welt um euch herum; Liebe ist Leben, ist
Licht der Menschen; Licht erwärmt, erleuchtet. Und so mögen eure Worte stets
nur als Worte der Liebe erwärmen, erleuchten, und Liebe-Leben um euch
verbreiten, damit die Wirkung des Liebeswortes bis in die Unendlichkeit
ebenfalls, wie einst Mein eigenes erstes Schöpfungswort, stets Liebe, stets
Wonne verbreitend, Geister, Seelen und Körper durch dieses sanfte Band
verbinde, damit die Dreifaltigkeit der Schöpfung, die Dreieinigkeit des Wortes
auch dreifache Wirkung bringe, welche die Materie vergeistige, das Seelische
veredle und den göttlichen Geist frei mache, um vereint mit allen dorthin
zurückzukehren, von wo es einst durch „das Wort“ ausgesendet worden ist.
[Lg.01_017,41] So möge „das Wort“, als Licht-
und Lebensträger überall Seligkeiten und Freuden bereitend, von euch in euch
aufgenommen und an andere mitgeteilt werden.
[Lg.01_017,42] Dieses in seinem ganzen Gehalt
zu fassen, dazu soll euch dieser langen Rede kurzer Sinn dienen: „Bedenket das
Wort, bevor es ausgesprochen wird; denn seine Folgen sind für euch
unberechenbar!“
[Lg.01_017,43] So entgeht ihr manchen
bitteren Stunden, wo ihr vielleicht übereilte Reden bereuen und vor dem
Richterstuhl eures eigenen Gewissens verdammen müßtet.
[Lg.01_017,44] Dieses euch zu ersparen,
scheue Ich keine Mühe, auf so verschiedene Weise euch begreiflich zu machen,
daß alles Sichtbare nur Nebensache, das Geistige allein der einzige Träger,
Erhalter und Richter alles Bestehenden ist!
[Lg.01_017,45] So möget ihr wieder besser
begreifen, wie im einfältigen Wort sowohl wie im ernsten doch stets mehr
Deutung liegt, als ihr oft vermutet, und wie die Folgen und die Tragweite des
Wortes ewig dauernd, auch euch an eure eigene Verantwortlichkeit erinnern
mögen, damit ihr nicht ein so köstliches Gut wie die Rede, die Sprache zu
unnützen Dingen, sowie die dazu verwendete Zeit nur so verwerten sollt, daß
keine Minute eine verlorene sei!
[Lg.01_017,46] Ihr seid Kinder einer Ewigkeit
und eines ewigen unendlichen Gottes, benehmt euch danach, damit bei jedem Wort
euer Anfang und eure Zukunft hindurchleuchten mögen, so wird das Wort in eurem
Munde nur Träger des Lichtes und Lebens auch solches verbreiten, wo es an
geneigten Ohren und ergebenen Herzen seinen Widerhall finden wird, wie es einem
„Liebe-Wort“ geziemt.
[Lg.01_017,47] Im Anfang war das Wort, und
das Wort war Ich! So soll bei euch auch das Wort euer Ich bezeichnen, es soll
kein falsches, kein böses Wort über eure Lippen kommen, das nicht Zeuge wäre,
daß ihr Kinder jenes Schöpfers seid, der einst eine Schöpfung aus dem Chaos
hervorrief, wo auch das kleinste Atom Zeuge Seiner Liebe und Seiner Güte war.
[Lg.01_017,48] So soll euer Gebaren in der Geisterwelt
dastehen, wenn ihr einst verantworten sollt, was, wo und wie ihr gesprochen
habt, damit nicht ein Wort euch die Schamröte ins Gesicht treibe, und ihr
beweisen könnt, daß ihr stets eingedenk Meines Wortes die eurigen wohlgewählt
zum Besten der Menschen benutzt habt! Amen!
18. Kapitel – Über die verschiedenen Formen
und Arten der Tiere.
9. August 1872
[Lg.01_018,01] Schon manche von euch und auch
viele andere haben sich den Kopf zerbrochen, warum es so viele verschiedene
Tiere gibt, deren Nützlichkeit ihr als Menschen nicht einsehen könnt, und die
noch obendrein nicht im mindesten den ästhetischen Grundsätzen gemäß eine dem
Auge gefällige Form haben und nach eurer Aussage häßlich sind, während man doch
von Mir als Schöpfer erwarten könnte, daß Ich alles, was Ich schaffe, Meiner
würdig, das heißt mit den schönsten Formen bekleidet schaffen sollte.
[Lg.01_018,02] So urteilt ihr, so urteilen
viele Menschen und Naturforscher, die überall die Sache finden möchten, wie sie
es sich einbilden, aber nicht wie Ich es gemäß Meiner Weisheit gewollt habe.
[Lg.01_018,03] Nun, wie euer Sprichwort sagt:
„Jeder Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, so muß man ja diesen
gelehrten Herren und so manchem Grübler und Kritisierer verzeihen, wenn er in
seiner Blindheit von Dingen redet, die er nicht versteht und nie verstehen
wird.
[Lg.01_018,04] Um euch aber doch einen Beweis
zu geben, daß Ich nachsichtig, wie Ich es immer mit Meinen unmündigen Kindern
gewesen bin, ihnen auch diese lächerlichen und ungeschickten Urteile verzeihe,
nebenbei aber doch will, daß wenigstens unter einer kleinen Zahl Meiner
Anhänger eine bessere Meinung herrsche, so will Ich auch hier wieder – wie
schon bei andern Gelegenheiten – euch hinter den Schleier der Isis blicken
lassen und Meinen Anhängern und Verehrern beweisen, daß doch nicht alles so
ungeschickt gemacht ist, was auf der Welt euren Augen sich so darstellt, und
daß „der alte Gott“ doch wohl schon lange früher gewußt hatte, was Er tut, ehe
nur die Idee da war, ob ein Menschenherz schlagen sollte oder nicht! Nun also
zur Sache.
[Lg.01_018,05] Ihr seht so manche Tiere,
deren Daseinsgrund ihr nicht begreifen könnt, während ihr doch dabei annehmen
müßt – weil Ich sie geschaffen, daß doch ein „Warum“ dabei zugrunde liegen muß.
[Lg.01_018,06] Seht, wenn ihr eure
Rechenkunst wirklich verstündet, wie sie bei Mir zu Hause ist, und nicht bloß
eine kleine leise Ahnung von dem tiefen Sinn eurer Mathematik hättet, so würdet
ihr so manches leichter begreifen.
[Lg.01_018,07] Es ist wahr, die Mathematik
oder Rechnungskunst lehrt euch vom Bekannten auf Unbekanntes schließen; sie
lehrt euch regelmäßig denken, regelmäßig schließen, von einem auf das andere,
aber doch liegt zwischen diesem Denken und Schließen immer wieder der Abstand
eines endlich menschlich geschaffenen Wesens und eines Gottes, der, wenn Er
auch die nämliche Weise der Schlußfolgen beobachtet, die ihr in der Mathematik
entdeckt habt, doch noch auf eine ganz andere Weise rechnet, schließt und
denkt, als ihr noch schwache und unmündige Kinder eines mächtigen Herrn und
Gottes.
[Lg.01_018,08] Aus diesem folgt also, daß
wenn ihr euren Maßstab des Denkens und Schließens an Meine Worte leget, stets
Lücken entstehen, wo das menschliche Denken nicht ausreicht, weil ein
göttlicher Gedanke dazwischen liegt.
[Lg.01_018,09] Ihr kennt zum Beispiel eine
Menge Insekten, deren Nutzen ihr nicht begreifet, aber deren Plagen ihr täglich
verspürt, wenn ihr euch nicht mit allen Mitteln dagegen schützt; ihr kennt eine
Menge anderer Tiere, die nur leben, um wieder andere unter ihnen stehende zu
verzehren, die also nur des Raubes wegen leben.
[Lg.01_018,10] Ihr kennt eine Menge anderer
Tiere, die eurem Auge erst durch das Mikroskop bekannt geworden, und die mit
einer Produktionskraft, einer Lebensdauer versehen sind, wogegen die
höhergestellten Tiere und selbst der Mensch weit zurückstehen muß.
[Lg.01_018,11] Ihr seht also im Tierreich
eine Menge Widersprüche, die ihr nicht erklären könnt, und doch, wenn ihr ein
einzelnes von diesen Tieren genau beobachtet, so stellt sich heraus, daß es mit
einem so wunderbaren Bau geschaffen, daß es mit einer so großen Sorgfalt
erhalten wird, damit seine Gattung sich nicht verliert, woraus natürlich der
Schluß hervorgehen muß, daß wenn ihr den Bau eines solchen Tieres, sein Leben
und seine ungeheure Fortpflanzung betrachtet, doch ein großer Grund da sein
muß, daß Ich solch winziges Tierchen mit Eigenschaften bedacht habe, die Ich
Selbst euch intelligenten Menschen, Meinen Kindern, verweigert habe!
[Lg.01_018,12] So steht ihr denn da zwischen
Zweifeln, ohne zu wissen, was ihr von dem Geschaffenen, was ihr vom Schöpfer
halten sollt.
[Lg.01_018,13] Sehet, um euch diese Anomalie
(Ausnahme von der Regel) etwas näher zu beleuchten, so muß Ich euch auf ein
ganz anderes Feld als das Materielle führen; denn wir müssen mit dem Geistigen
anfangen, dem die Materie nur als Umkleidung dient!
[Lg.01_018,14] Nur mit geistigen Augen ist
dann zu erschauen, was dem materiellen und auch dem Verstandes-Auge ewig
verschlossen bleiben wird.
[Lg.01_018,15] Die Idee eines Gottes bedingt
ja schon als geistiges Wesen von vornherein, daß Seine Schöpfungen geistige
Produkte sein müssen!
[Lg.01_018,16] Wenn aber ein Gott eine Welt
oder einen sichtbaren Ausdruck Seiner Göttlichkeit schaffen will, so muß auch
Er eine gewisse Stufenreihe im Geschaffenen herstellen, welche Stufenreihe dem
gesetzmäßigen Denken entspricht und als Grundbasis des Bestehens und Erhaltens
der geschaffenen Welt bestehen muß; denn nur so ist dann ein Leben, ein Streben
und ein Vorwärtsdringen des Untersten zum Obersten möglich, welches in den
Worten oder Begriffen „Entstehen“, „Bestehen“ und „Vervollkommnen“ seinen
gerechten Zweck findet.
[Lg.01_018,17] Alles Geschaffene hat also
mehr oder weniger ein geistiges Prinzip zur Unterlage; in allem Wesenden steckt
etwas von Meinem Göttlichen!
[Lg.01_018,18] Wie nun dieses Göttliche sich
zu weiteren Stufen verbreiten kann und muß, so ist ihm auch ein analoger
Körper, eine analoge innere Einrichtung und eine analoge Lebensdauer anberaumt.
[Lg.01_018,19] Es gibt in der Natur keine
Sprünge, sondern stets leise Übergänge von einem Tiere zum andern; diese
Übergänge sind es, welche dann manche Schöpfungen nötig machten, die als
Mittelglieder eben diese Vorbereitungen des Übergangs von einer Stufe zur andern
möglich machten, und diese Mittelklassen im geistigen Sinne genommen sind eben
jene Tiere, die euch oft so viel zu schaffen machen, weil ihr nicht wißt, warum
sie eigentlich da sind.
[Lg.01_018,20] Bei euren Schlüssen vergeßt ihr
nämlich ganz, daß zu einem Fortschritt in geistiger Hinsicht, so wie der
Schöpfer eines Weltalls denken muß, noch ganz andere Stufen der Logik gehören
als die eurigen.
[Lg.01_018,21] Bei vielen dieser Tiere ist
aber noch ein anderes der Grund ihrer Form und ihres Lebens gewesen, nämlich
nicht nur allein als Mittelglieder und Übergangs-Wesen zu dienen, sondern auch
noch eine andere Wechselwirkung zur Anregung des geistigen Fortschritts der
ihnen weit überlegenen Wesen zu sein.
[Lg.01_018,22] Sehet, die Wanzen, Läuse und
Flöhe und alle andern Insekten, die euch besonders plagen, sie sind für euch
geistige Anreger, daß ihr euren Körper, eure Wohnung so besorgt, daß ersterer
dem intelligenten Geiste würdig, und die zweite durch Achtung des
Reinlichkeits-Prinzips auch eure Gesundheit fördert, damit ihr nicht wie die
Schweine im Dreck und Unflat eher ab- statt aufwärts steigt.
[Lg.01_018,23] Diese Tiere und noch andere
Plagegeister des Menschen haben bei weitem höhere Missionen in ihrem
Lebenszweck, als ihr glaubt; es verwirklicht sich in ihnen die
Vermittlungsstufe von einer kleinen Intelligenz zur etwas höhergestellten, in
einen Körper eingekleidet, welches freilich euch nicht begreiflich ist, die,
mit einer Produktion an Kraft und Ausdauer weit über die eurige hinausgehend,
euch wohl zeigen könnten (würdet ihr mit geistigen Augen die geistigen Stufen
betrachten), wie viel dazu gehört, um einen niederstehenden Gottesfunken
aufnahmefähig zu machen auch nur für einen millionsten Teil höherer
Intelligenz.
[Lg.01_018,24] Tausenden und Tausenden der
niedrigsten Tiere ist es ja gar nicht möglich, sich höher zu entwickeln, und
sie müssen den Stufengang aufwärts nur dadurch antreten, daß sie als Nahrung
für höhergestellte Tiere zu Tausenden erst miteinander fähig werden, ein
einziges höhergestelltes Tier auszumachen.
[Lg.01_018,25] Die kleinsten Infusorien und
Monaden, wie ihr sie heißt, sowie die Würmer der Korallen und anderer
Krustazeen (Krebstiere) sind ja nur da, um eure Erdrinde mit ihren Leibern
aufbauen zu helfen und dadurch die Solidität der Erdschale sowie die gehörige
Quantität von Mineralien und Steinen zu liefern, die sie aus dem flüssigen
Meerwasser in Festeres ihres eigenen Leibes und durch dieses in gefestetes
Gebirge oder Gestein umwandeln.
[Lg.01_018,26] Wenn nun oft Millionen solcher
Tiere in einem Wassertropfen allein leben können, so begreifet ihr doch selbst,
daß dort die Produktionskraft außerordentlich sein muß, um in der von Mir
festgestellten Zeit eine Erdrinde mit ihren Gebirgen herzustellen, die alles
auf ihr mit Leichtigkeit trägt und der Expansionskraft der in Dampf
verwandelten Elemente im Innern derselben widerstehen kann.
[Lg.01_018,27] Sehet, bei euch muß der Soldat
seine Kleidung, seinen Unterhalt, ja alles, was er braucht, aus der ihm zugeteilten
Löhnung bestreiten. Es gibt keine Fahrstraße in eurem Lande, wo nicht die
Befahrer dieser Straße diese und ihre Erhaltung durch selbstauferlegten Zoll
bezahlen müssen, ja der ganze Staatenkomplex eures Reiches lebt und besteht nur
dadurch, daß alle, die in dessen Grenzen leben, den Bedarf des ganzen Staates
mit seinen Beamten und Königen bezahlen müssen, so zwar, daß der Staat, der für
sich selbst kein Geld hat, nur der Verwalter des anvertrauten Geldes ist.
[Lg.01_018,28] So wie ihr es in einem Staate
macht, so mache Ich es in den Welten; eine jede Welt muß sich aufbauen, selbst
erhalten und selbst sich vervollkommnen, um einst zum Übergang in andere
Verhältnisse die dort dann notwendigen Formen in sich vorbereitet zu haben!
[Lg.01_018,29] Die kleinsten euch kaum mit
freiem Auge bemerklichen Tiere bauen eure Erdkruste, tragen zum Leben von
Millionen anderer Tiere bei und helfen die Oberfläche der Erde verschönern und
festigen; die etwas höherstehenden Tiere, in denen Mein göttlicher Funke schon
als nahezu ausgebildeter Sinn sich auch schon mehreres aneignen kann, müssen
die Träger und Ernährer von wieder höhergestellten Tieren sein, und so
stufenweise fort bis zum Menschen. Wo große Produktionskraft vorhanden, sind
auch Verzehrer dieser Kräfte in der Nähe, welche dieser Vermehrung die rechten
Schranken anweisen, damit sie nicht über das gesetzliche Maß hinausreiche!
[Lg.01_018,30] So besteht die Harmonie des
Ganzen. Von dem im festen Stein gebundenen Geist bis zum freien Menschen geht
ein leises Band der Assimilation, wodurch eines durch das andere bestehen,
eines durch das andere sich vervollkommnen und so durch den Menschen in das
Geisterreich wieder zurückkehren kann, aus dem es gekommen ist.
[Lg.01_018,31] Euch den Grund und das Warum
zu erklären, von den kleinsten Infusorien bis zum Elefanten, dazu würden Jahre
nicht ausreichen, um nur eine Klasse der niedrigsten Mollusken deutlich
darzustellen, warum sie so geformt, warum diese kleinen Intelligenzpartikel des
vegetierenden Lebens in dieser Form, in diesem Element, sei es Wasser, Erde
oder Luft, und warum solche Verwandlungen nötig sind, daß ein solches dem
Anscheine nach verwahrlostes Tier so und nicht anders geformt sein muß, um
seinem Zweck zu entsprechen.
[Lg.01_018,32] Ihr müßtet also vorerst diese
Einrichtungen und ihr „Warum“ erkennen, ehe ihr auf die Frage kämet: Warum ist
nun das ganze Tier da, zu welchem Zweck und auf welcher Stufenleiter?
[Lg.01_018,33] Wo ist eure Wissenschaft, die
solches erklären könnte!
[Lg.01_018,34] Sehet nur in einem lebenden
Körper einen kleinen Nervenstrang an; was ist er? Ist er der Leiter, ist er der
Fortpflanzer organischen und animalischen Lebens? Lebt er, oder pflanzt er das
Leben nur fort?
[Lg.01_018,35] Lauter solche Fragen müßten
zuerst erörtert werden, wollt ihr das gesamte Tier verstehen; wo sind die
Bücher, die da ausreichen würden, euch den Faden durch dieses Labyrinth von
„Warums“ zu geben?
[Lg.01_018,36] Hier steht der Mensch als
endliches Ding an der Grenze seines Wissens, an der Grenze seines Begriffsvermögens;
hier fängt der Gott, der Schöpfer an, der dem Menschen nur sagen kann:
„Unmündiges Kind, was willst du mit deinem beschränkten Fassen dessen, was ein
Gott, ein unendliches Wesen, geschaffen hat? Eine Nervenfaser ist und bleibt
dir ein ewiges Rätsel, wie willst du erst bekritteln und beurteilen ein
geschaffenes Wesen, welches aus Millionen Teilen besteht, die unter
verschiedener Form doch nur eines ausdrücken, nämlich die Stufe eines
Geistes-Partikels, ein Minimum des großen Schöpfers, welcher eben alle diese
Vorrichtungen für nötig fand, um auch solch einem kleinen Funken die Fähigkeit
des Fortschreitens nicht für immer abzuschneiden? Wo ist deine, wo ist Meine
Weisheit? Eines nur erlaubte Ich dir, daß du nämlich, mit geistig gewecktem
Auge Meine Schöpfung durchspähend, den großen Schöpfer, als deinen geistigen
Vater, ahnen und Ihn lieben lernen kannst! Aber Ihn begreifen, das liegt über
den Grenzen selbst des ganzen Geisterreiches; denn nur Ich allein bin
vollkommen unendlich, nie geschaffen, und ihr, wenn noch so nahe an Mir, seid
doch als geschaffene Wesen ewig endlich und unvollkommen!“
[Lg.01_018,37] Dieses, Meine Kinder,
begreifet! Erfasset es, und dann werdet ihr auch leicht erfassen können, daß,
wie beim langsamen Vorwärtsschreiten der Geistespartikel in einzelnen Wesen und
Klassen, ebenfalls die äußere Form dieser Tiere dem Bedürfnisse des Geistes und
dem Bedürfnisse des ihm gegebenen Körpers angemessen sein muß!
[Lg.01_018,38] Wie bei euch Menschen am
Gesicht und an der ganzen Form die geistige Innenseite zum Teil sich ausdrückt
und man den Menschen an seinen Zügen zum Teil erkennen kann, ob in ihm eine
edle oder eine gemeine Menschenseele wohnt, so ist auch die Form selbst der
niedrigsten Tiere, bis in die Nähe des Menschen, bis zum Affen, stets der
Ausdruck des in ihn gelegten Funkens, weswegen bei noch unentwickelten Sinnen
und Fakultäten (Fähigkeiten) auch nicht die Formen den ästhetischen Ideen einer
menschlichen höchsten Geistesform gleichkommen können, weil eben dieser Geist
in seiner Unmündigkeit noch andere Bedürfnisse, andere Einrichtungen braucht,
um seinem Zwecke entsprechen zu können; der Geist selbst ist da in seiner
geistigen Form noch ein Embryo der kleinsten Ausbildungsstufe, und kann
deshalb, einfach wie er ist, so auch seine ihn umgebende Hülle nur einfach
sein!
[Lg.01_018,39] Das einzige Maßgebende in der
Form der Tiere ist die Region, in welcher sie leben, sich mehren und
fortpflanzen müssen; diese bedingt bei dem einen tausend, bei dem andern gar
keine Füße; beim einen ein Auge, beim andern viele Augen; beim einen einen
Apparat zum Tasten, bei andern viele; überall ist aber die äußere Form der
materielle Ausdruck der Stufe, auf welcher der in ihr eingeschlossene
Geistesfunke ist.
[Lg.01_018,40] Und deswegen findet ihr oft Tiere,
die ihr, weil ihr von oben herab urteilt, häßlich findet; würdet ihr aber von
unten hinauf die Klassen und Stufen geistig sehen können, welche solch ein
Geist durchmachen muß, bis er zu einem größeren Bewußtsein seiner selbst kommt,
so würdet ihr die für seine Isoliertheit angemessene Form als die geeignetste
finden, welche nur so und nicht anders dessen geistigen und weltlichen
Bedürfnissen entsprechen kann.
[Lg.01_018,41] Eure Begriffe der ästhetischen
Form habt ihr alle aus der menschlichen hergeleitet, habt die menschliche Form
als Grundbasis genommen, als Grund-Typus, weil auch Ich einst euch nach Meinem
Ebenbilde geformt habe; aber die Formen der Tiere können nicht nach dieser
menschlichen beurteilt werden, weil eben bei den Tieren die innere geistige
Form nicht vollendet, nicht ganz klar ausgedrückt ist und noch viele Zusätze
braucht, bis sie geistig und materiell der menschlichen sich nähern kann; und
selbst da, wo sie sich am meisten dem Menschen nähert, wie beim Affen als Tier,
das einzige aber höchste mangelt, was den Menschen zum Menschen macht, nämlich
das Freiwerden vom Gängelbande der Natur (Instinkt), und die von Mir ihm, als
Schlußstein der Schöpfung gegebene höchste Geistesgabe des freien Willens,
emanzipiert (getrennt) vom Instinkt, als freies Wesen auch frei von allen
Ketten und Banden seiner ihm untergeordneten Natur, Herr seiner selbst und
geistiger Herr der Schöpfung zu sein!
[Lg.01_018,42] Die Form einer Spinne, eines
Käfers, eines andern Insektes, Vogels oder vierfüßigen Tieres ist ebensogut
nach ästhetischen, Mir nur allein bewußten Grundsätzen gegeben, welche einzelne
Uranfänge des Schönen, wie deren Ausgang in der menschlichen Form ahnen läßt,
die aber noch zu sehr verdeckt ist unter dem Einfluß, welchen Aufenthalt,
Nahrungsmittel und Zweck seines Daseins ihm auferlegen mußten.
[Lg.01_018,43] Mangelhaft schön ist da die
verdeckte Geistesform, mangelhaft schön muß auch ihre Umkleidung sein; aber
dessen mögt ihr versichert sein, es geht eine Kette von Ideen durch alle
organische Welt, welche langsam eine Form aus der andern vorbereitet, eine in
die andere einführt, immer hinzusetzend, immer vervollkommnend, bis im
menschlichen Körper der Schlußstein alles Strebens erreicht worden ist, welcher
vom harten Gestein anfangend, bis zu ihm, dem Menschen, die logische oder
mathematische Idee eines höchsten Wesens, eines Gottes entwickelt hat, welcher
in den Menschen ein Ihm ähnliches Ebenbild schaffen wollte, geistig (und
formell), zu welchem alles andere Getier ehrfurchtsvoll hinaufschauend, in ihm
seinen Herrn, aber auch seinen Freund und sein höchstes Ziel, wenn nicht
erkennt, aber doch ahnt!
[Lg.01_018,44] Nehmet aber nicht den Menschen
wie er jetzt geworden ist, sondern denket euch den Menschen, wie Ich ihn
erschaffen habe, wie er rein und unbefleckt aus Meiner Hand ging, ein Abbild
von Mir, und ein höchstes Produkt von geistiger Fähigkeit und schönster
materieller Form!
[Lg.01_018,45] So war die Menschenform einst
der wahre Ausdruck seines von Mir abstammenden Geistes; so muß er auch wieder
werden!
[Lg.01_018,46] Und wenn er sich so veredelt
hat, wird auch die ihn umgebende Tierwelt an dieser Veredelung teilnehmen; sie
wird nicht zurückbleiben, damit der Mensch, wenngleich veredelter, doch in den
Verhältnissen bleibt, wie er zu der ihn umgebenden Tierwelt stehen soll, und
wie Ich ihn einst geschaffen habe.
[Lg.01_018,47] Einst verstand der Mensch die
Tierwelt besser als jetzt, einst gehorchte auch letztere dem Menschen mehr und
trat nicht feindselig gegen ihn auf; allein der Mensch entfernte sich von
seiner primitiven (ursprünglichen) Form, „er wurde anders, während die Tierwelt
die gleiche geblieben ist“, und so sieht die Tierwelt den jetzigen Menschen mit
mehr Scheu und mehr Angst als ihren Feind an, weil eben der Mensch den meisten
Tieren durch seine feindlichen Absichten bloß bekannt geworden ist; das sanfte
Verhältnis, welches von Uranbeginn zwischen beiden geherrscht hat, ist
zerstört, und an die Stelle des Freundes das des unerbittlichen egoistischen
Herrschers gestellt worden.
[Lg.01_018,48] Jetzt ist der Mensch oft
angewiesen, sein eigenes Leben vor dem Angriff von Tieren zu schützen, die in
frühester Zeit ruhig zu seinen Füßen lagen und nur seinen Befehlen gehorchten.
[Lg.01_018,49] So hat der Mensch seine Freiheit
mißbraucht und die friedliche Welt zu einer Mördergrube gemacht, wo natürlich
nur Furcht und Haß, aber keine Liebe, kein Zutrauen mehr herrschen können.
[Lg.01_018,50] Euch, ihr wenigen, die ihr
noch an Mich, an Meine Lehre glaubt, euch sende Ich diese Zeilen, damit ihr
darin einen neuen Beweis ersehen möget, wie Ich bemüht bin, ohne eure von Mir
euch gegebene Freiheit anzutasten, euch wieder zu solchen Menschen zu machen,
wie derselbe einst aus Meiner Hand hervorging, und wie er, soll dieser Erdball
wieder ein Paradies, ein Eden für seine Bewohner werden, wieder werden sollte!
[Lg.01_018,51] Euch diese Zeilen, damit ihr
aus diesen lesen mögt die unendliche Liebe und Güte, welche Ich für und mit
euch habe, damit kein Seelen- oder Geistes-Partikel verlorengehe, welches Ich
einst ausgesandt hatte in die weiten Räume Meiner Schöpfung, sondern damit es
erstens gehörig geachtet und zu ihrer Vervollkommnung soviel als möglich
beitragend, alle – einfache und komplizierte, Infusorien, Monaden, Tiere und Menschen
– einstens auf dem langen Wege der Vervollkommnung wieder gereinigt und
ausgereift ins Geisterreich eingehen mögen, von wannen Ich sie aussandte, um
ihr Prüfungsleben durch alle Stufen Meines Geister- und materiellen Reiches
durchzumachen, und vereint mit dem höchsten und intelligentesten Geiste der
Welten- und Erden-Schöpfung im Menschen ein Mir wohlgefälliges Ganzes bilden zu
können!
[Lg.01_018,52] Denn was ist der vielen Worte
kurzer Sinn! Daß nur Liebe der Hauptfaktor ist, der, wenngleich er anfangs die
Geister trennt, doch nur den Zweck hat, sie am Ende desto inniger (weil
vervollkommnet) vereint zu sehen!
[Lg.01_018,53] Um aber diese Vereinigung zu
würdigen, wie es Geistern, Abkömmlingen von Mir geziemt, so muß sie errungen,
verdient werden. Denn nur „dem Verdienste gebührt seine Krone!“
[Lg.01_018,54] Das Bewußtsein des
Errungenhabens gibt die Seligkeit des Besitzes. –
[Lg.01_018,55] Daher strebt auch ihr danach
zu erringen, was Ich euch vorgesetzt habe, damit ihr des Namens „Meine Kinder“
als Meine Ebenbilder auch würdig und wert seid!
[Lg.01_018,56] Dies zu erlangen, dazu sind
alle diese Gnadenlichter, die Ich euch von Zeit zu Zeit sende, damit ihr immer
mehr und mehr erkennen sollt, daß sowohl im kleinsten Monadentierchen wie in
eurem Nächsten der gleiche Gott stets das gleiche euch predigt, was auch die
Natur auf jedem Spaziergang und jeder Pulsschlag als Zeitabschnitt euch zuruft:
[Lg.01_018,57] „Vergesset nie, zu was ihr
geschaffen seid! Benützt jede Zeit und jedes Wort von Mir, diesem Zwecke nachzukommen“;
denn bald wird die Zeit kommen, wo das Korn von der Spreu geschieden wird, und
wohl denen, welche Zeit und Wort so benützt haben, daß sie zum Korn als
fruchtbringendes belebendes Brot für die Himmel erzogen, den Weg der
Vervollkommnung getrost weitergehen können, wann Ich kommen werde, als
alleiniger Hirte, Meine Schafe unter Meinem Schutze zu versammeln, was auch in
Bälde geschehen wird! Amen!
19. Kapitel – Das Leben.
12. August 1872
[Lg.01_019,01] Sehet, unter diesem Wort liegt
wieder so viel Geheimnisvolles, so viel falsch Aufgefaßtes und schlecht
Bewiesenes von euren Gelehrten, Naturforschern und Medizinern, daß Ich Mich
bewogen fühle, euch wieder ein Licht anzuzünden, das in Ewigkeit leuchten soll,
euch und allen künftigen Geschlechtern!
[Lg.01_019,02] „Was ist denn das Leben?“ Nun,
wenn Ich diese Frage erörtern wollte, wie sie euch von euren studierten Männern
gegeben wird, so würde Ich ebenfalls so wie sie falsch schließen müssen; denn
alle insgesamt nehmen die Wirkung für die Ursache, nehmen das Produkt für die
Faktoren, indem sie nur nach dem urteilen, was ihnen sichtbar oder greifbar
ist.
[Lg.01_019,03] Wollte Ich euch das Leben nach
einem früheren Wort in seiner dortigen Beziehung wiedergeben, wo es heißt: „Wo
Licht da ist Wärme, wo Wärme Leben!“, so würde Ich wieder die sichtbare Wirkung
oder Erscheinung des Lebens für das Produkt aus Licht und Wärme erklären; Ich
will aber mit diesem heutigen Wort euch weder das eine noch das andere sagen,
sondern Ich will euch das Leben von tieferer und höherer geistiger Seite
zeigen, um manchen Zweifler und Gottesleugner faktisch seines Unglaubens zu
überweisen (überführen), damit auch er, von den triftigen Gründen überzeugt,
nicht anders kann, als zu glauben oder zu ahnen, was er bis jetzt mit so großer
Hartnäckigkeit verleugnet hat.
[Lg.01_019,04] Nun zur Sache; die Frage heißt
also: „Was ist Leben?“
[Lg.01_019,05] Sehet, wenn Ich die Sache so
nehme, wie es euren Sinnen sich kundgibt, so ist „Leben“ überall da, wo eine
Veränderung, ein Wechsel, eine Bewegung sich kundgibt; ihr sagt: die Pflanze,
dieses Tier, dieser Mensch lebt; dort, wo das Leben nicht sichtbar, euren
Gefühlen nicht bemerkbar ist, wie im Mineralreich, da nehmt ihr kein Leben mehr
an, sondern höchstens einen gesetzmäßigen Stoffwechsel, gemäß welchem auch der
Stein, wenngleich langsam oder unmerklich, einer Veränderung entgegengeht;
jedoch, wie ihr glaubt, einer unwillkürlichen, einer von den Einflüssen anderer
Elemente auf ihn bedingten.
[Lg.01_019,06] So betrachtet ihr das Leben. Eure
Botaniker beweisen euch durch ihr eifriges Studium die Zirkulation der Säfte in
den Pflanzen, sagen euch, soweit ihre Mikroskope und sonstigen chemischen
Analysen reichen, wie und aus was der Baum, das Blatt, die Blüte und die Frucht
bestehen, erklären euch die Fasern und Kanäle und das Mark der Bäume und
Pflanzen; erklären euch aber mit diesem nur die Träger und Leiter des Lebens,
aber nicht das Leben selbst.
[Lg.01_019,07] Eure Anatomen zerschneiden
lebende und tote Tiere, suchen bei den Martern der ersteren oder bei
Leblosigkeit der letzteren, freilich auf verkehrtem Wege, wenn das Leben
entflohen ist, dessen Wirkungen; sie erklären euch die Nerven, die weiße, die
graue Masse, als Gefühls- und Bewegungs-Faktoren, sie erklären euch das
organische Leben und das tierische Leben im Menschen, finden auch zum Teil den
Mittelpunkt, von wo alles Leben ausgeht, erklären euch endlich auch das Gehirn
mit seinen Windungen, Verzweigungen, seinen Sympathisierungen und seiner
Abhängigkeit von dem andern Nervensystem, als von den will- und unwillkürlichen
Nerven, erklären euch die Struktur der Nerven als Leiter des Willens und der
Lebenskraft; aber das Leben selbst wissen sie nicht zu ergründen. Warum der
Nerv wie ein Telegraphendraht den menschlichen Gliedern den Willen der Seele
oder des inwohnenden Lebens kundgibt, das wissen sie nicht; sie sagen bloß: der
Nerv sei so gebaut und geschaffen als Leiter zu dienen; aber das Fluidum,
welches diesen Telegraphen belebt, die Lebenspotenz selbst ist ihnen unbekannt
und wird es, so lange sie bloß mit dem Verstande suchen, auch bleiben; denn den
Gedanken, der in den Windungen des Gehirns bis zur Zunge oder schreibenden
Feder fortgeleitet wird, diesen imponderablen (unkörperlichen) Faktor werden
sie nie, obwohl durch das Gehirn kommend, mit diesem ergründen können!
[Lg.01_019,08] Der Gedanke ist
Geistes-Produkt, und das sieht und begreift nur der tiefer sehende Geistes
Mensch, wie und warum er entsteht.
[Lg.01_019,09] Dieses Leben, das höher noch
als das organische und tierische steht, ist ebendeswegen noch weniger
erklärbar; denn weder die Masse des Gehirns noch die daraus entspringenden
Nerven werden ihm je sagen können, wer oder was sie zu dem fähig machte, die
Innenwelt der äußern kundzugeben, oder von letzterer die Eindrücke im Innern
aufzunehmen und zum weiteren geistigen Aufbau des Seelenmenschen zu benützen!
[Lg.01_019,10] Umsonst plagen sich manche
Materialisten ab, alle Bewegungen und Erscheinungen im menschlichen wie auch im
tierischen oder pflanzlichen Leben auf die chemischen Assimilationsgesetze
zurückzuführen, es ist und bleibt ein ewig falscher Schluß; denn wenn eure
Gelehrten euch alle Elemente hersagen, aus denen euer Körper oder der eines
Tieres oder einer Pflanze besteht; wenn sie nachweisen, daß dieses oder jenes
aus Phosphor, Kalk, Eisen, Salz usw. besteht, so will Ich ihnen nur sagen:
Nehmet alle diese primitiven Elemente und vermischt sie, ob sich daraus eine
Arterie, eine Vene, ein Nervenstrang oder gar ein pulsierendes Herz je bilden
wird?
[Lg.01_019,11] Sehet, ihr schwachen blinden
Gelehrten, ihr könnt wohl sehen, daß im organischen Leben gewisse Grundelemente
in ihren Mischungen Verbindungen eingehen und wieder andere Stoffe höherer
Ordnung erzeugen; aber das ganze chemische Laboratorium wird aus allen diesen
Stoffen keinen Grashalm zuwege bringen, viel weniger ein mit organischem Leben
bedachtes lebendes Wesen!
[Lg.01_019,12] Zu diesem gehört eine andere
Kraft, die die rohen Materialien der Stein- und Mineralwelt nach anderen
Gesetzen als denen der Attraktion (Anziehung) oder der Abstoßung verarbeitet
und daraus Organe als Träger organischen Lebens bildet. Hierher gehört ein
anderes Gesetz, ein anderes Leben, und eben dieses Leben ist euch und so vielen
ein Geheimnis, und der Zweck Meiner heutigen Worte.
[Lg.01_019,13] Dieses Leben, was im Stein zu
seiner Verwandlung drängt, was ihn entstehen, vergehen oder in andere Elemente
auflösen macht; dieses Leben, welches bei der Pflanze ihre Organe baut, bei den
lebenden Tieren ihren instinktmäßigen Führer macht, und beim Menschen alles
frühere Leben des Steines und der Pflanze zusammenfassend, eben daraus das
Geistige für eine andere und ewig dauernde Welt entwickelt; dieses Leben läßt
sich nicht mit chemischer Analyse, nicht mit dem Mikroskop, nicht mit dem
Seziermesser finden und klassifizieren; dieses Leben steht höher, als ihr
schwachen Forscher glaubt: denn dieses Leben ist nicht ein Produkt der Materie,
sondern „ein Ausläufer Meines eigenen, ewigen, nie endenden Lebens!“
[Lg.01_019,14] Wie wollet ihr endliche, schwache
Geschöpfe das Leben des unendlichen Gottes bemessen? Ihr seht sichtbar Seine
Wirkung in allem, was euch umgibt, ihr könnt es ahnen, wenn ihr nur euer
eigenes Ich betrachtet, welches für so viele ein Rätsel ist und bleiben wird!
[Lg.01_019,15] Überall werdet ihr finden, daß
es noch eine andere Potenz gibt als alle Luftarten, als Magnetismus und
Elektrizität; denn alle diese sind nur da, um das Leben zu verbreiten und die
ganze sichtbare Welt zu bauen, zu erhalten, und so einem geistigen, höheren Ziel
entgegenzuführen.
[Lg.01_019,16] Alle Absurditäten der Herren
Materialisten werden noch von ihnen selbst bereut und verflucht werden, wenn
der Moment herantritt, wo der Sarg sich öffnet und das so viel gerühmte
materielle Machwerk, der Körper, nolens volens in selben hineingelegt der Erde
übergeben wird, um wieder das zu werden, aus dem er hervorgegangen ist.
[Lg.01_019,17] Dort an dieser Brücke der
Ewigkeit wird es ihnen schaudern vor der trostlosen Aussicht, welche sie sich
und andern haben weis machen wollen, als existiere sie nicht, und die nun doch
auch an sie herantritt!
[Lg.01_019,18] Allein, dort wird es „zu spät“
sein, sie werden in ein erbärmliches Jenseits kommen, in ein „Nichts“, wie sie sich's
gedacht haben; dort wird ihnen dann Zeit gelassen werden, bis sie ihre
materialistischen Schöpfungs-Gedanken abgestreift haben und nach und nach ein
wenig Geistes-Licht ertragen können!
[Lg.01_019,19] Das wird ihr Schicksal sein,
ein Schicksal, das nicht Ich, sondern sie sich selbst bereitet haben. Sagte
doch einst der Apostel Paulus: „Wie der Stamm fällt, so bleibt er liegen!“
[Lg.01_019,20] Ungläubig fielen sie, und
ungläubig werden sie auch dort wieder erwachen! Das Gehirn- und Verstandesleben
haben sie mit dem Apparate dazu der Erde übergeben müssen, und das geistige
Leben, was sie während ihres Erdenwandels leugneten, ist auf Null
herabgesunken; welch trostloser Zustand sie dort erwartet, Meine Kinder,
begreift ihr nicht und könnt es auch nicht fassen!
[Lg.01_019,21] Doch lassen wir sie mit ihrem
Weisheitsdünkel nur fortarbeiten und kehren wir zu unserm Wort „das Leben“
zurück; denn Ich will nicht das Los der Ungläubigen, sondern jenes der
Gläubigen schildern. Dieses wird euch in Aussicht gestellt, das erstere ist
jedem selbst anheimgestellt, daß er es sich selber so oder so bereiten kann,
wie es ihm gut dünkt.
[Lg.01_019,22] Nun sehet also, das Leben, wie
Ich es euch gezeigt habe, als „Ausfluß Meines ewigen unvergänglichen Lebens“
ist es allein, welches die ganze Schöpfung durchwebt, im Lichte bis in die
weiteste Ferne dringt, dort durch Vibration die Wärme hervorbringt, und dann
nach Meinen unumstößlichen Gesetzen die primitiven Elemente zuerst antreibt,
sich miteinander zu verbinden, von Grad zu Grad höhere Stufen im unorganischen
Leben erringend, endlich langsam ins organische Leben übertritt, wo vermittels
der Organe alle früheren Elemente zu andern Zwecken und durch andere Prozesse,
vom Festen ins Flüssige umgewandelt, dem neugestalteten Leben nur dienen
können.
[Lg.01_019,23] So wird der frühere, scheinbar
„leblose Stoff“ ein lebendiger, bei den Tieren ein seelischer, und endlich beim
Menschen als Geistiges verarbeitet.
[Lg.01_019,24] Das angenehme Einatmen der
Frühlingsluft ist nicht das Produkt von Sauer- oder Kohlenstoff, wie ihr sie
nennt, sondern es ist das geistige, neu aus dem Winterschlaf erwachende Leben,
welches die eine Halbkugel der Erde überkommt, während die andere ihrem
Ruhepunkte auf einige Monate entgegengeht oder -eilt.
[Lg.01_019,25] Es ist nicht bloß materielles
Wohlsein oder materieller Einfluß, den die Gebirge auf den Wanderer äußern,
wenn er zwischen ihnen wandelt, wenn er rauschende Waldbäche von schroffen
Felswänden herabstürzen sieht, oder verwitterte Steinmassen und Schneefelder
ihn aus unübersteigbarer Höhe anblicken; es ist ein weit größerer, geistiger
Zug des geistigen Lebens im Menschen, welcher ihn beschleicht, ihn ahnen läßt,
daß hoch über der stummen Materie in der Natur noch ein anderer Geist weht,
welcher freundlich zu ihm spricht: „Siehe, kleiner winziger Wanderer! Das was
du siehst und was du fühlst hier in meiner Nähe, ist Gottes Stimme, welche zu
dir spricht und welche hier im ewigen Walten, zum Besten von euch, mit wenigen
Mitteln Zufriedenheit, Ruhe und Glückseligkeit unter euch verbreiten und euch
sagen möchte:
[Lg.01_019,26] „Verlieret euch nicht so, ihr
Menschen, in materiellen Interessen, die nur auf diese kurze Spanne Zeit des
irdischen Lebens Bezug haben! Achtet mehr auf eure geistige Ausbildung! Wir alten
Zeugen einer vorweltlichen Natur, die wir waren, ehe ihr den Fuß auf diesen
Erdball gesetzt habt, wir zeugen euch stets von Gottes Größe, von Seiner
Allmacht, von Seiner Liebe! Schließet euch an uns an! Seid einfach und stets
gleich wie die Natur, und euer physisches, wie euer geistiges Leben wird nicht
wie unsere Gewässer, rauschend und tobend sich zwischen Felsen und Engpässen
Bahn brechen müssen, sondern wird langsam und sanft dann zwischen blumigen
Wiesen und schattigen Wäldern seinem Ziel entgegengehen!
[Lg.01_019,27] Betrachtet das Leben als
Ausfluß aus eures Schöpfers Geist, durch Dessen mächtigsten Willen auch wir
gehoben wurden, um einst wieder verwittert zur Tiefe herabzusinken; als hartes
Gestein stehen wir da, Wind und Wetter trotzend, bis auch unsere Elemente,
unser Leben, zur höheren Stufe reif geworden, in ein anderes, höheres übergehen
kann.“
[Lg.01_019,28] So sprechen die Berge zu euch,
so spricht das geistige Leben in ihnen zu eurem Geiste, der im herabfallenden
Wasser nicht Wasser, im bedeckten Schneehaupt eines Berges nicht kalten Schnee,
sondern geistige Entsprechungen lesen kann, welche Speise für seine Seele und
Nahrung für seinen Geist sind!
[Lg.01_019,29] Dieses Leben kultiviert, und
so fasset das Leben auf, welches wohl durch Gefäße und Nerven geleitet euch
Kunde gibt von etwas Höherem, Größerem, als bloß von Anziehen und Abstoßen oder
Assimilierung (Angleichung) verwandter chemischer Elemente, und ihr werdet dann
leichter begreifen, daß euer Gehirn mit seinen Windungen wohl dasein muß, um
euch das Leben mitzuteilen und es zu erhalten; aber daß alles dieses nur
Leiter, Behälter und Verbreiter eines höheren Lebens ist, welches dem
tierischen wie dem organischen und unorganischen Leben den Impuls zur
Manifestation gibt, aber doch nicht das Leben selbst ist!
[Lg.01_019,30] Bedauert alle, welche die
Äußerungen des vegetativen Lebens für Hauptsache halten und kein höheres, über
alle Mißzustände des Lebens erhabenes Geistiges anerkennen wollen! Arme
Geschöpfe! Sie plagen sich mit der Materie, die ihnen nichts gewähren, nichts
ersetzen kann; sie müssen eine große Masse von seligen Eindrücken und Stunden
entbehren, die derjenige genießt, welcher, ein höheres Leben anerkennend, sich
mit selbem trösten kann, wann gerade das Irdische, Materielle ihn so recht in
den Staub ziehen will, aus dem er geboren wurde!
[Lg.01_019,31] Ja, Meine Kinder, es gibt ein
höheres Leben, ein Leben, das weit über alles Vergängliche hinausreicht, das
selbst im Steine unendlich ist; denn auch er verändert nur die Form und seine
chemischen Verhältnisse, aber zu nichts wird auch er nicht; und was im Steine
schon, weil von Mir kommend, unendlich ist, was im Pflanzen-, Tierreich und im
Menschengeschlecht noch mehr ausgedrückt ist, dieses unvergängliche Etwas,
dieses ist das Band, welches die materielle mit der geistigen Welt und beide
mit Mir verbindet!
[Lg.01_019,32] Je mehr das Gefühl vorhanden
ist, daß das, was das pulsierende Herz treibt, das, was die Seele zum Denken
drängt, nicht mechanische Kraftanstrengung als Produkt von materiellen Faktoren
ist, desto mehr erhebt sich das Bewußtsein eines höheren, geistigen Lebens,
welches über diese vergänglichen Kraftäußerungen des tierischen und organischen
Lebens noch weiter hinausreicht und, wo alle Materie aufhört, noch fortdauert.
[Lg.01_019,33] So fasset das Leben, dieses
Drängen nach vorwärts auf, und ihr werdet in den kleinsten Monaden oder
Infusions-Tierchen noch ein höheres Leben entdecken, das nicht von den
Bestandteilen dieses winzigen Geschöpfes abhängt, sondern ihr werdet begreifen,
daß alle, wenn auch euch nicht sichtbaren Organe dieses Tierchens, ebenso wie
die größten Welten, von der nämlichen Kraft belebt und durchdrungen sind,
welche diese Tierchen zur Vervollkommnung treibt.
[Lg.01_019,34] Dieses geistige Leben äußert
sich natürlich durch das Vegetative, durch das Organische, weil es anders nicht
möglich ist; aber es ist nicht dieses selbst, sondern steht höher und ist
dauernder als alles andere.
[Lg.01_019,35] Das organische Leben äußert
sich bloß, solange Organe vorhanden, solange diese tüchtig sind, ihre
Funktionen zu erfüllen. Sind die Organe nicht mehr tätig, so entschwindet zwar
scheinbar das Leben in ihnen; aber der Trieb, welcher sie zur Tätigkeit
drängte, hat nicht aufgehört, er ist eben nur wegen der Unfähigkeit der Organe,
ihn in sich aufzunehmen, nicht sichtbar.
[Lg.01_019,36] Mein geistiges Leben hat nicht
aufgehört; denn kann es so nicht weiterschreiten, so führt es die Materie durch
deren Auflösung wieder in neue Kombinationen, wo auf höheren Stufen und in
andern Verhältnissen das Leben von neuem beginnt, um so dem Ziele, der
einstigen Rückkehr zu Mir, näher zu kommen!
[Lg.01_019,37] So ist das Leben als ewig
ausfließender Geistesfunken aus Mir dasjenige, welches den ersten Atomen im
großen Äther die Kraft mitteilte, sich zu verdichten, aus ihnen Welten und
Sonnen machte, diese mit allen Wundern der Schöpfung ausstattete, sie
bevölkerte und sie einst auf demselben Wege zurückführen wird, um aus den
gebliebenen Überresten wieder andere, geistige und höhere Wohnungen für
freiere, größere Geister aufzubauen.
[Lg.01_019,38] Das Leben aus Mir ist
unendlich, und sein Wirken ebenfalls! Wer sein eigenes oder das Leben der ihn
umgebenden Welt nicht in diesem Sinne versteht, der begreift nicht, was Gott,
was Schöpfer heißt, der faßt nicht den Gedanken eines liebenden Vaters, der ja
alles tut und tat, um von Seinen Geschöpfen geliebt, geehrt und auch gekannt zu
werden, der begreift nicht, warum Ich eben gerade jetzt mehr als sonst
Kundgebung auf Kundgebung, Licht auf Licht auf euch herabsende, damit ihr nicht
im Finstern wandeln sollt, nicht mit Vorurteilen und falschen Begriffen
kämpfen, sondern das eigentliche Licht des wahren Lebens recht erkennen möget,
welches doch aus jedem Schlage eures Herzens euch zuruft, daß jeder Pulsschlag
eine Gnade, ein Ausfluß jenes göttlichen Lebens ist, das nie Anfang noch Ende
haben wird.
[Lg.01_019,39] Nehmt euch diese Worte zu
Herzen! Da verwahret und verdauet sie; denn da ist der Sitz, wo geistiges
Leben, durch organisches getragen, in euren Körper einströmt und Gesundheit,
Segen und Frieden euch verleihen kann.
[Lg.01_019,40] So sollten alle Meine Worte
nach und nach alle Lücken ausfüllen, alle Zweifel verdrängen und euch stets
mehr die Gewißheit geben, daß ihr nicht in einer materiellen, sondern in einer
Geisterwelt schon jetzt lebt, wo die Materie nur die rohe Überkleidung ist, die
wechselt, während das eigentlich Geistige, Höhere, sich als Leben
manifestierend, stets und ewig bleibend ist.
[Lg.01_019,41] Es gibt keine abstrakte
Materie, sondern nur gebundenes Geistiges, und dieses ist es, welches zur
Verwandlung der ersteren drängt, sich in Formen äußert, vom Unorganischen zum
Organischen, und von dem zu seinem eigentlichen Ursprung, zum Geistigen
übergeht.
[Lg.01_019,42] Es ist also alles nur Mittel
zum Zweck, was in der sichtbaren Welt euren Sinnen entgegentritt; die Ursache
liegt tiefer und ist nur als geistiges Leben mit geistigen Sinnen zu ahnen und
teilweise zu fassen.
[Lg.01_019,43] Dort liegt der Herd eines nie
versiegenden Lebensborns; dort ist die große elektrische Batterie, welche durch
ihre Telegraphendrähte an alle Welten ihre Impulse aussendet, um alles zum
Fortschritt, zur Vervollkommnung anzutreiben; dort liegt das Leben, das
geistige Grundelement, welches ewig wie Ich Selbst nur Geistiges zum Ziele hat,
nur Geistiges anstrebt, wenn es gleich je nach den Organen sich materieller
Mittel bedienen muß.
[Lg.01_019,44] Dieses geistige Leben wird
sich dieser Mittel so lange bedienen, als es ihrer bedarf; ist einst alles vergeistigt,
dann wird auch sein Wirken intensiver und mächtiger werden, und was jetzt auf
langsamem, materiellem Wege geschehen muß, wird dort in kurzer Frist und mit
ganzer Macht ausgeführt werden, so wie Ich mit Meinem Willen auf einmal Welten
entstehen lassen oder vernichten kann, wenn es Mein großer Plan erheischt und
Ich nicht den Weg der langsamen Entwicklung beibehalten will.
[Lg.01_019,45] Ihr kennt die Kraft dieses
Geistlebens nicht, ahnen möget ihr es, und dazu euch zu führen sollen diese
Worte dienen, damit ihr stets im Auge haben möget, daß ihr „Kinder einer
Geisterwelt“ eben Geistiges in euch habt und zu dessen Ausbildung mehr
verwenden sollt als ans Materielle, Irdische, Flüchtige, welches nur für kurze
Dauer ist, während das andere mit euch ewigen Geschöpfen ewig bleiben wird.
[Lg.01_019,46] So hat euer Lebenswandel einen
Zweck, und euer einstiger Hingang in das andere Leben ein gewisses Ziel,
nämlich mit Benutzung der Zeit das in euch gelegte Lebenskapital so
auszubeuten, daß es euch im Jenseits die gerechten Zinsen und Früchte tragen
möge! Amen!
20. Kapitel – Geister- und Welten-Leben.
24. Februar 1873
[Lg.01_020,01] Schon früher habe Ich euch in
einigen Worten, als wie in „Die Gedankenwelt“ und wie im „Leben“, gezeigt, wie vielseitig
das geistige Leben ist, und wie es aufgefaßt werden muß, um einen schwachen
Begriff von Meiner Welt und Meiner Macht zu haben.
[Lg.01_020,02] In dem „Worte für
Kurzsichtige“ habe Ich euch ermahnt, Meine Natur im Großen zu studieren; denn
einen großen allmächtigen Schöpfer könnt ihr leichter fassen und begreifen in
Seinen großen Werken, während einem tiefeingehenden Forscher Ich auch bei
seinem Rundgang in Meinen unscheinbaren Werken groß, unerreichbar in den
kleinsten Infusionstierchen erscheine.
[Lg.01_020,03] Ich habe euch alles dieses
vorausgeschickt, damit ihr eure geistigen Augen und Ohren stets offen halten
möget, um den Strom des geistigen Lichtes und den Ton oder die Stimme Meiner
geistigen Weltensprache zu vernehmen, wenn sie in und aus allem Geschaffenen
euch das große Lied der ewigen Liebe und des nie versiegenden Erbarmens
verkündet, das auf jedem Schritt und bei jedem Pulsschlag euch des Vaters Liebe
und Seine Gnade verkündet.
[Lg.01_020,04] In dem Worte „Zeit“ teilte Ich
euch mit, was die Zeit ist und wie ihr sie benutzen sollt; und in der
„Menschenwürde“ sagte Ich euch, was ihr tun und lassen solltet, um Meine
Kinder, angetan mit Meinem Ebenbild, zu werden, und wie ihr würdig dieses
Bildes handeln solltet; in der „Gedankenwelt“ erklärte Ich euch, wie alles
materiell Geschaffene, alles Getane nur nach seinem Ursprung, der ihm
zugrundeliegenden Idee einst abgewogen und beurteilt werden wird; und jetzt
sende Ich euch wieder ein Wort, voll des hehren Schöpfungsgeistes, um euch in
neuer Ansicht Meine Schöpfung, Meinen Zweck mit ihr deutlicher vor Augen zu
stellen, damit ihr einmal sehen lernet und mitten im Weltgetümmel und Treiben
weltlich-menschlicher Leidenschaften erkennen sollt, daß weit über alles
körperlich Materielle hinaus der Geist, Mein Wille, der große Träger alles
Geschaffenen ist, es entstehen macht, es eine Zeitlang erhält und dann wieder
durch Formveränderung einem höheren Ziele entgegenführt.
[Lg.01_020,05] In der „Gedankenwelt“ sagte
Ich euch, daß der Gedanke, die leitende Idee höher steht als alles Materielle,
ja daß er die Grundbasis alles Bestehenden ist. Und jetzt will Ich euch
beweisen, wie das rege Treiben der Gedankenwelt als ein Geisterreich
betrachtet, eben auch der eigentliche Faktor alles sich kundgebenden Lebens, alles
Bestehenden und Vergehenden ist, und daß, eben um Meine Schöpfung, die nur ein
geistiges Produkt ist, zu begreifen und zu fassen, ihr als Geister denken, als
Geister Mein Machwerk (Schöpfungswerk) anschauen und als Geister den Verlauf
des ganzen geistig-materiellen Lebens betrachten müßt, wollet ihr eine rechte
Idee von Mir, von Meiner Schöpfung, von deren Dauer und von euch selbst haben;
denn sonst seid ihr mitten im Glanzlichte Meiner Wunder nur Blinde, mitten im
großen Harmonie-Konzert Meiner Sphären- und Welten-Musik den Tauben zu
vergleichen.
[Lg.01_020,06] Und so will Ich euch nun mit
Mir nehmen auf einen geistigen Flug durch die von aller Materie entkleidete
Geisterwelt, damit ihr erkennen und begreifen möget, wer Derjenige ist, welcher
die euch umgebende Welt erschuf, warum Er sie erschuf, und warum Er euch sowie
alle geistiglebenden intellektuellen Wesen je nach ihrer Fassungsfähigkeit mit
Mitteln ausgestattet hat, Ihn, den allmächtigen Herrn und Schöpfer sowohl als
Ihn, den ewig nur liebenden Vater, begreifen und fassen zu lernen.
[Lg.01_020,07] Sehet, die Welt, sowohl die
große Geister- als die materielle Welt, welche nur eine Überkleidung der
ersteren ist, ward geschaffen, um sichtbar das auszudrücken, was für materielle
Wesen unsichtbar im Geister-Reich, als dem urewigen Träger alles Schönen,
Wahren und Guten, von Mir als Ausdruck Meines Ichs und Meiner Eigenschaften,
schon längst bestand und ewig bestehen wird!
[Lg.01_020,08] Diese sichtbare, materielle
Welt, die also nur Geistiges verhüllend, demselben zum Leiter und
Vervollkommner dienen muß, diese materielle große Welt, von den Zentralsonnen
angefangen bis zum kleinsten Infusions-Tierchen, hat also keinen andern Zweck,
als das in sie gelegte Geistige durch die Materie zu einer höheren Stufe zu
führen. Das in die Materie aber geistig Eingeschlossene nur allein ist
bestimmt, erstens die Materie zu diesem Vervollkommnungs-Prozeß stets
anzuregen, um am Ende aller geläuterten und vergeistigten Materie allein als
bleibendes, nie zu vernichtendes Ewiges übrig zu bleiben, um so Zeugnis von Dem
zu geben, Der es schuf, Der, ein ewiger Gott, nur Ewiges, aber nichts
Zeitliches je erschaffen konnte!
[Lg.01_020,09] Nun sehet, Meine Kinder!
Erhebet euch über die Materie und betrachtet alles Geschaffene als geistiges
Produkt, so wird eurem geistigen Auge klar werden, was geistiges Leben, was
materielles Leben ist; denn geistiges Leben ist das ewige Drängen des in der
Materie gebundenen Geistes, und materielles Leben ist: die durch dieses Drängen
in der sichtbaren, materiellen Welt sich zeigenden Veränderungen als Entstehen,
Bestehen und Vergehen.
[Lg.01_020,10] Nun, die ganze Unendlichkeit
ist voll von geistigen Wesen, eben weil die Unendlichkeit Mein Ich ausmacht,
wie euer Körper ebenfalls das Ich eurer Seele sichtbar vorstellt.
[Lg.01_020,11] Alles dieses Geistige in der
Unendlichkeit hat seinen zweckmäßigen Fortschritt, alles hat seinen Zweck, sein
Warum, wo es sich binden, wo es sich lösen muß; und wenn es in Materie
gebunden, wann es wieder von dieser befreit als Geistiges nur selbst bestehen
kann!
[Lg.01_020,12] So entstand die jetzige Welt,
so werden stets neue Welten aus den vergangenen aufgelösten hervorgehen, und so
begründet sich die Unendlichkeit als ein Begriff, auch für endliche Wesen
faßbar.
[Lg.01_020,13] Wie das letzte geistige
Partikelchen gebunden in festes Gestein, durch die Materie sein Leben äußernd,
stets den Stein treibt zur Veränderung, zur Auflösung, um anderes auf höheren
Stufen zu werden, so ganze Welten-Systeme, so ganze Welten-Alle und selbst
endlich die ganze sichtbare Welt. Dieses geistig-materielle Streben, „Leben“
genannt, weil es sich als Bewegendes, als Tätiges kundgibt, dieses ist es,
welches überall gleich, nach dem nämlichen Prinzip den letzten Wurm wie den
größten Sonnenkörper oder den noch in materielle Hülle gekleideten Engelsgeist
vorwärts treibt zu höheren Stufen, zu höheren Seligkeiten und größeren
Genüssen!
[Lg.01_020,14] So wie euer eigener Körper nur
dazu dienen sollte, die Seele zu vergeistigen, indem er sich durch gerechte
Lebensart und als gerechtes Werkzeug zu menschenwürdigen Handlungen nur
brauchen lassen sollte, um dadurch diesen Vergeistigungs-Prozeß der euch
innewohnenden Seele zu bewerkstelligen und zu beschleunigen, ebenso die größte
Zentralsonne und der ganze große Welten-Mensch mit seiner in Zeiträumen nicht
zu berechnenden Aufgabe, damit das Geistige stets mehr entbunden frei, höheren
Stufen entgegengeführt, seinem Zwecke entsprechen kann!
[Lg.01_020,15] So wie Ich euch in dem Worte
„Gedanken-Welt“ die ganze geistige Sphäre aufgedeckt habe, welche eigentlich
der Träger alles Sichtbaren ist; ebenso will Ich euch hier begreifen und
erfassen machen die Idee des geistigen Lebens, welches die Materie drängt, sich
zu vergeistigen, wodurch sie als materielles Leben euch sichtbar vor die Augen
tritt.
[Lg.01_020,16] Unaufhörlich geht dieses
Drängen und Treiben fort, wie der Strom der Zeit, wie das Leben der
Gedankenwelt; Entstehen, zeitweises Bleiben und wieder Vergehen, das sind die
sichtbaren Belege der nie ruhenden Geisterwelt; ewig drängt es vorwärts – und
aufwärts! Von dem kleinsten Äther-Atom angefangen, drängt alles zum Beginnen,
zum Bestehen und Vergehen oder Eingehen in höhere Ordnung.
[Lg.01_020,17] Seht doch eure eigene Welt mit
geistigen Augen an, wie vielfach ist dort der Stoffwechsel, wieviel Geistiges
wird in jedem Augenblick frei, freiwillig oder gezwungen, um dann andere
Verbindungen anzutreten.
[Lg.01_020,18] Sehet bei den lebenden Wesen
und Tieren aller Art, welch ein Verzehren, welch ein Morden!
[Lg.01_020,19] Ja selbst ihr Menschen, wie
viele geistige Leben zerstört ihr selbst täglich, um eurem Magen Nahrung oder
ausgesuchte Leckerbissen zu bereiten!
[Lg.01_020,20] Wie viele Tiere schickt ihr in
die andere Welt, weil eben keine geistige Unterhaltung euch beschäftigt,
sondern wie bei Jagden ohne Not nur die Lust des Mordens euch ein Zeitvertreib
ist!
[Lg.01_020,21] Millionen und Millionen von
entbundenen Seelen der Tierwelt entgehen durch dieses nicht immer zu
rechtfertigende Treiben ihrer eigentlichen Bestimmung, auf langsamem Wege ihr
Ziel zu erreichen, und es müssen die größten Teile der geistigen Partikel erst
in dem Verzehrer und durch denselben den weitern Fortschritts-Prozeß
durchmachen.
[Lg.01_020,22] Aber wenn dieses auch
geschieht, und zwar so manches gegen Meinen Willen und gegen Meine Gesetze, so
hält es doch nicht im mindesten den allgemeinen Entwicklungsgang auf, dem Ich
die Welt unterworfen habe, sondern dieser Entwicklungsgang wird nur durch solch
wenngleich widerrechtliches Treiben beschleunigt und befördert; und wenn
Mißzustände aus dem Sündigen gegen Meine Gesetze entstehen, so werden nur die
Täter und Hervorrufer solcher Kalamitäten selbst bestraft, und zwar durch ihr
eigenes Gebaren. Mich aber hindert nichts in Meinen Mir vorgesetzten Plänen,
Meine Welten zur Reife zu bringen, Mein in selbe gelegtes Geistiges wieder
vergeistigt zurückzuerhalten!
[Lg.01_020,23] So ist die ganze sichtbare
Welt und ihr sichtbares Leben nur das Scheinende, welchem das Geistige, Tiefere
zugrunde liegt, und so ist, wie beim kleinsten Tierchen oder festen Gestein,
auch bei großen Welten die Dauer eines jeden durch das Freiwerden seines in
seine Hülle gebundenen Geistigen bedingt.
[Lg.01_020,24] Wie bei euch Menschen nach
natürlichem Verlauf eurer Lebensperiode der Tod erst erfolgen sollte, wenn eure
Seele zum Übergang ins Jenseits reif ist, ebenso bei Welten und Zentral-Sonnen;
wenn in ihnen alles vergeistigt ist, dann vergehen sie oder lösen sich von
Stufe zu Stufe auf, werden immer geistiger, haben immer leichtere Materie, bis
ins Luft- oder Gasartige, wo dann sie auch nur für Wesen bestimmt sein werden,
die mit den leichtesten materiellen Körpern umkleidet dort wesen können!
[Lg.01_020,25] So wie euer eigener Körper
einst bei höchster geistiger Stufe auch nicht mehr diese schwere Materie als
Umkleidung haben wird, die ihr heute mit euch herumschleppt, ebenso wird auch
eure Erde einst vergeistigt, statt fester schwerer Materie nur ätherische
Stoffe, ätherische Bewohner haben, die mit ihrem Erdball Schritt haltend, sich
stets mehr und mehr vergeistigend, dann ebenfalls – nicht durch große
Elementarereignisse – samt ihrem Wohnort in andere Verhältnisse übertreten,
welche dem geistigen Standpunkt angemessen sein werden.
[Lg.01_020,26] So seht ihr stufenweise das geistige
Leben nach und nach sich aus dem Materiellen entwickeln; seht, wie das eine nur
Ausdruck des andern ist, begreifet leichter, wie Ich die Welten geschaffen
habe, und ahnet, wie groß die Perioden sein müssen, die nötig sind, solche
Vergeistigungsprozesse zu bewerkstelligen. Und doch habt ihr noch kein
geistiges Auge, um zu sehen, mit welcher Gedanken-Geschwindigkeit dieser
Entwicklungsprozeß vor sich geht; noch habt ihr keine Idee, was eine
Zeit-Sekunde in bezug auf diesen Läuterungs- und Verfeinerungs-Prozeß
millionenfaches leistet, und erkennt noch nicht, selbst in dem
weltlichpolitischen Treiben eures kleinen Erdballs, den geistigen Wind, der die
großen Saiten des geistigen Welt-Instruments vibrieren macht. Es schallen die
Harmonien durch die ganze Unendlichkeit; aber stumm und taub verhaltet ihr euch
dabei, erkennet nicht, sehet nicht, höret nicht, wie alles mit Sturmeseile, mit
der Geschwindigkeit der Gedankenwelt sich drängt, den Prozeß der Befreiung vom
gebundenen Materiellen anzubahnen!
[Lg.01_020,27] Ihr leset Zeitungsartikel, –
aber versteht nicht zwischen den Zeilen zu lesen, versteht nicht hinter den
Worten, als materielle Träger einer geistigen Gedankenwelt, zu ahnen, welch
großes Geisterleben dahinter steckt, welches weit erhaben über alle kleinlichen
Berechnungen und menschlichen Spitzfindigkeiten ungestört seinen
Entwicklungsgang fortgeht, und ebendeswegen will Ich euch wieder einen
Fingerzeig geben, damit ihr aufwacht aus euren weltlichen Träumen und klar
erseht, wie weit hinaus über alle Welt-Gebirge und Throne dort oben in jener
Geisterwelt andere Gesetze walten, als die im menschlichen Kodex geschrieben
sind, welche einer Zentral-Sonne sowohl wie dem kleinsten Atom sein Leben
geben, um mittels dieses Lebens seinen Zweck zu erfüllen, das heißt, sich
vergeistigend dem Herde alles Lichtes sich wieder zu nahen, von wo es einst
ausgesandt wurde, um individuell, als großer Weltkörper oder als Wurm, seinen
Lebens- und Entwicklungsprozeß durchzumachen.
[Lg.01_020,28] Noch treibt euch mehr
Neugierde als Wissensbegierde zum Lesen Meiner Worte, noch habt ihr nicht ein
Wort erfaßt, wie ein geistiger Mensch, als Abkömmling von Mir, es erfassen
konnte; noch ist euer Leben zu sehr materiell, noch gehört ihr immer mehr der
Welt und nicht euch selbst oder gar Mir an, und ebendeswegen muß Ich euch von
Zeit zu Zeit Mahnworte schicken, auf daß ihr aufwachet, damit ihr wenigstens in
der Zeit eurer geistigen Konzentration fähig sein möget, euch über das
gewöhnliche Leben hinauszuschwingen, euer Aug und Ohr dem zu öffnen, was stets
und immerwährend aus allen Winkeln der Schöpfung euch entgegenleuchtet und
entgegentönt, nämlich daß ihr Geister seid, welche nur auf kurze Zeit mit
Materie umkleidet, bald wieder in Verhältnisse kommen werden, wo eben nur euer
geistiges, nicht aber euer materielles Leben in der Waagschale etwas wert sein
wird!
[Lg.01_020,29] Daher lasset Mich nicht
umsonst euch mahnen; die Zornschalen Johannis werden geleert werden, und schon
sind es einige; die Siegel des großen Schöpfungsbuches werden gelöst werden,
und es werden Zeiten kommen, wo ihr all euer Geistiges brauchen werdet, um dem
Weltlichen Widerstand zu leisten und Stärke und Mut beizubehalten!
[Lg.01_020,30] Daher trachtet, Meine Worte zu
verstehen, sie zu fassen wie Ich sie euch gebe, damit ihr von nichts überrascht
werdet, wenn etwa das geistige Leben das Materielle zum Zertrümmern
alt-angewohnter Verhältnisse drängt, und Schlag auf Schlag an eure Herzen
angepocht werden wird, wie einst Ich es mit Meinen Jüngern vor Meiner Gefangennahme
getan, als Ich ihnen mehrmals zurief:
[Lg.01_020,31] „Wachet und betet, auf daß ihr
nicht in Versuchung fallet!“
[Lg.01_020,32] Dieses rufe Ich auch euch zu:
Erkennet das Geisterleben! Wachet auf aus eurem weltlichen Schlafe! Erkennet
die Zeit, wie sie drängt zur Lösung, erkennet an dem Verfall alles Edlen jetzt
in der Welt, daß die Zeit nicht fern ist, wo die Menschen ernten werden, was
sie gesät haben. Erkennet den Strom des Lichtes, der sich über eure Welt
auszugießen anfängt, höret die Stimmen der Geisterwelt, die in großen
Schallwellen an eure Ohren schlagen; es sind die Mahnworte eines liebenden
Vaters, Der Seine Kinder im Drang der Ereignisse nicht verlieren, nicht
einbüßen, sondern sie erhalten, ja wenn möglich deren Zahl noch vermehren will,
damit das Geisterleben von ihnen gehörig und im wahren Sinne gewürdigt werde
und sie alle verstehen mögen, wenn auch Welten in Trümmer gehen: „Die Liebe
eines himmlischen Vaters kann nicht wanken, kann nicht strafen, sondern nur
Seinen Liebes-Gesetzen getreu alles in festgesetzter Zeit zur Vollendung
führen, damit alles wieder dorthin zurückkehre, von wannen es ausgegangen ist,
und damit doch endlich auch Vater und Kind sich verstehen lernen, und das Kind
begreift, was es heißt, von Ihm geführt, geleitet zu werden, von Dem, der
Welten um Welten kreisen macht, und bei allen Wundern und allem Glanze einer
unendlichen Schöpfung doch auch den kleinsten Wurm nicht vergißt!“
[Lg.01_020,33] So soll euer Verständnis
Meiner Schöpfung, so eure Auffassung des Geistes- und materiellen Lebens
werden; denn nur so kommt Ruhe in euer Herz, nur so lernt ihr Meine Worte
begreifen und verstehen, wie Ich sie euch und warum Ich sie euch gebe!
[Lg.01_020,34] Solange ihr nicht diesen
Standpunkt erreicht habt, so lange seid ihr noch immer Lehrlinge; aber keine
Kinder von Mir!
[Lg.01_020,35] Meine Kinder müssen mit
geistigem, offenem Blick Meine Natur beschauen können, müssen dort Geistiges
vom Materiellen entkleidend, das Wahre erkennen lernen; müssen die Stimme
Meiner Geisterwelt verstehen, müssen ihre geistigen Ohren den sanften Melodien
Meiner himmlischen Musik leihen, damit sie alle begreifen und verstehen lernen,
daß, wenngleich die Materie das Überkleidungsmittel des Ganzen ist, es doch nur
so möglich war, einem lebenden Geschöpf das in der Materie verborgene Geistige
verständlich zu machen und ihm dadurch den Schöpfer alles Geistigen und
Materiellen näherzubringen.
[Lg.01_020,36] Wenn so einst euer Auge und
Ohr geistig geschult den ganzen Vervollkommnungs-Prozeß alles Lebenden und
Wesenden begreifen wird, dann habt ihr selbst die Stufe erreicht, die geistig
euch gebührt, und welche jeder Mensch anstreben sollte. Dann hat die Zeit kein
Maß und die Materie keine Dauer mehr für ihn; er erkennt dann klar, daß hoch
über allem Wesenden und Leiblichen erhaben die Geisterwelt thront, und daß die
Materie und das materielle Leben, Vergänglichkeit genannt, doch nur
vermittelnde Faktoren sind, welche als Mittel zum Zweck zwar dasein müssen,
aber nicht die Hauptsache sind.
[Lg.01_020,37] Dieses ist der Schleier der
Isis, welche die alten Ägypter als Göttin der Wahrheit verehrten, und von
welcher sie behaupteten, daß kein Sterblicher den Schleier lüften könne.
[Lg.01_020,38] Sie hatten recht; denn wer
diesen Schleier lüftend der göttlichen Wahrheit ins Antlitz schauen kann und
darf, der weiß aber auch, daß er erstens Unsterbliches geschaut, und zweitens,
als eben auch selbst unsterblich, nur solches begreifen und verstehen kann. Für
ihn hat die körperliche Materie aufgehört, eine Last zu sein, sie ist bloß eine
Hülle, die gemäß der Erkenntnis der Wahrheit stets leichter und leichter,
ätherischer werden wird, wo, wenn auch die Materie durch den leiblichen Tod vom
Geistigen geschieden, es keine gewaltsame Trennung, sondern nur ein leichtes,
sanftes Hinübergehen von einem in den andern Zustand sein wird, der
ebendeswegen schmerzlos sein muß, weil die Bande des Geistes und Körpers
vergeistigt, dieselben keines Zerreißens, sondern nur ein leises Auflösen
bedürfen, um dem im irdischen Körper schon hier reinerer Geist gewordenen
Seelen-Menschen seine letzten Hemmnisse zu lösen, von wo er dann getrost sich
in höhere, geistige Verhältnisse aufschwingen kann.
[Lg.01_020,39] Dieses, Meine Kinder, euch zu
erleichtern, ist der Zweck all Meiner Worte; denn im Jenseits erwartet euch
eine Geisterwelt, mit andern Bedingungen und andern Verhältnissen, und um euch
zu diesem einst neuen künftigen Beruf tüchtig zu machen, scheue Ich nicht die
Mühe, durch Worte des Trostes, der Belehrung und Mahnung euch begreiflich zu
machen, daß es nur einen Gott gibt, der nur die Liebe ist und euch ebenfalls
nur zur Liebe erziehen will; denn Liebe ist Mein eigenes Ich, Liebe ist der
Ausdruck alles Geschaffenen, Liebe ist der Endzweck alles Bestehenden und
Werdenden, und nur mit Liebe und durch sie ist Meine Schöpfung verständlich,
und Liebe ist das einzige, was Meinen Geschöpfen den Geistes-Adel aufdrückt,
wodurch sie „Meine Kinder“ genannt werden können!
[Lg.01_020,40] Ein liebendes Gemüt versteht
die Sprache Meiner Natur, versteht die Sprache Meiner Geisterwelt und weiß die
Materie, ihr Leben und ihre Form nach dem Liebes-Gesetz zu deuten!
[Lg.01_020,41] Lernet daher zuerst lieben!
Verbannet alle andern Eigenschaften aus euren Herzen, und ihr werdet eure
geistigen Augen und Ohren Meinem Liebes-Geistes-Leben den Eingang offen lassen;
lernet den Inhalt Meiner Worte erst geistig auffassen, und dann werdet ihr erst
begreifen, warum Ich so viel Geduld mit euch hatte, um euch zu liebenden
Kindern eines ewig liebenden Vaters zu machen!
[Lg.01_020,42] So vergeistigt ihr dann euer
Ich, nähert es dem Meinen und macht euch reif, mit Ruhe und Frieden auch
anderen mitzuteilen, was in euch selbst in Fülle lebt!
[Lg.01_020,43] Dieses behaltet wohl, und
nehmet dieses Wort als einen neuen Beleg Meiner Gnade und Meiner nie wankenden
Geduld an, die verirrten Kinder zum Herde des Lichtes zurückzuführen, nachdem
sie lange genug im Finstern gewandelt haben!
[Lg.01_020,44] So soll euch dieses Wort über
„Geistes- und Welten-Leben“ eben wieder beweisen, daß noch lange nicht das
rechte Verständnis Meiner Worte bei euch eingetreten ist und Ich es immer noch
nötig finde, zu dem vielen schon Gesagten Neues hinzuzufügen, damit alle
Geheimnisse Meiner Schöpfung euch klar vor Augen liegen, und ihr eben durch sie
erst recht Mich, den Schöpfer derselben als solchen und als euren Vater
erkennen möget; denn je mehr ihr Mich und Meine Worte geistig auffasset, desto
mehr vergeistigt ihr euer eigenes Ich und bereitet euch auf diese Art vor zum
Übergang in höhere Stufen, die ohne diese Erkenntnis eben nicht zu erreichen
wären, denn kurz ist das Leben und lange die Ewigkeit!
[Lg.01_020,45] Daher Meine Sorge für den
Aufenthalt in der letzteren, wozu die Prüfungszeit in dem ersteren nur als
Probeschule oder Prüfungszeit gelten soll!
[Lg.01_020,46] Benützt also die irdische
Probeschule, um euch gehörig mit dem auszustatten, was ihr einst als Grundbasis
dort nötig haben werdet; benützt die Spanne Zeit und Meine euch stets in Fülle
gegebenen Worte, damit die Ernte dem Säen eine Ehre mache, und ihr, ehe ihr
noch ins Geisterleben eintretet, wisset, was eigentlich Leben, was
Geisterleben, was Welten-, was materielles Leben ist!
[Lg.01_020,47] Nur so bewaffnet mit geistiger
Kenntnis wird euer Fortschreiten leicht sein, und ihr werdet an Erkenntnis und
Weisheit wachsen, je nachdem ihr diesen Bedingungen entsprechen werdet.
[Lg.01_020,48] Ein Geist muß wissen, was
Geistesleben ist, muß wissen, wie viel es wert und zu was es da ist.
[Lg.01_020,49] Ein Geist muß wissen, wie groß
der Unterschied zwischen scheinbarem und wirklichem reellem Leben ist, um
beurteilen zu können, inwiefern die ihn hemmenden Hindernisse geeignet sind,
ihn statt rückwärts- gerade vorwärtszubringen.
[Lg.01_020,50] Nur mit dieser klaren Einsicht
ausgerüstet, kann ein vergeistigter Mensch ruhig der Zukunft entgegensehen;
denn er erwartet den Himmel nicht von außen, sondern trägt ihn in sich selbst,
weswegen auch weltliche Störungen für ihn keine Störungen, sondern nur
Anregemittel sind, ihn in seinem Glauben auf seiner Bahn zu festigen und zu
kräftigen.
[Lg.01_020,51] So müßt ihr durch inneres
Erkämpftes gestählt werden, damit ihr eure Mission in bezug auf euch und andere
erfüllen könnt!
[Lg.01_020,52] Solange bei euch selbst nur
halber Glaube, halbes Vertrauen und wenig Geduld ist, so lange erkennt ihr noch
lange nicht das große Triebrad des Geister-Lebens, welches, indem es alles
bewegt, auch euch mit in diese Bewegung zum allgemeinen Ziel befördern will.
[Lg.01_020,53] Folget also Meinem Rate,
erwäget Meine Worte wohl, bedenket, von Wem sie sind und an wen sie gerichtet
werden!
[Lg.01_020,54] Ich als Vater aller Meiner
geschaffenen Wesen lasse nichts unversucht, einem jeden zu helfen und ihm
seinen Weg zu erleichtern; wenn er sich aber nicht helfen lassen will, so
werden die Miß-Zustände, die daraus erwachsen nicht Mir, sondern nur ihm selbst
zur Last fallen!
[Lg.01_020,55] „Erwäget also alles, und das
Gute behaltet!“
[Lg.01_020,56] So sagte Ich einst, so rufe Ich
es auch euch zu, damit ihr nicht fallet, wenn etwa die Zeit der Versuchung
kommen sollte, wo ihr euch selbst überlassen die Folgen euch selbst werdet
zuschreiben müssen!
[Lg.01_020,57] Es ist einmal das Geistesleben
die Hauptbasis alles Seienden, und das materielle Leben nur sein sichtbarer
Faktor. Wer beide verwechselt oder ersteres gar verleugnet, der wird am Ende
doch gewahr werden, daß mit dem Verleugnen die Sache nicht abgetan ist, sondern
erst dadurch das geistige Auge ganz erblindet und die Seele taub gegen alle
Stimmen der sie umgebenden Natur wird.
[Lg.01_020,58] Wäre der Prozeß des
Geisteslebens nicht so furchtbar schnell, so würde man sagen können, wie ihr es
oft als Sprichwort gebraucht: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ Allein, dieses Kalkül
ist hier schlecht angewendet; denn die verlorene Zeit bringt nichts mehr
zurück, und die neue bringt stets Neues, nicht dem Vergangenen ähnlich, und so
ist es erstes Gesetz, die Zeit zu benützen, damit nicht Reue über die
vergeudete das Resultat des einstigen Erkenntnisses sei! Daher, Meine Kinder,
nehmet alles ernster, nehmet Meine Worte ernster, nehmet es mit eurer Zeit
ernster, damit Meine Worte nicht tauben Ohren gepredigt sein werden!
[Lg.01_020,59] Dieses wünscht euer Vater zu
eurer Belehrung und zu eurem geistigen Fortschritt! Amen!
21. Kapitel – Das Leben.
19. März 1873
[Lg.01_021,01] Schon mehrere Worte habe Ich
euch gegeben über dieses Thema, und von verschiedenen Seiten wurde euch
gezeigt, was Leben ist und was „Leben“ heißt, und doch gibt es noch viele
Seiten, von wo aus das Leben betrachtet eine aufmerksame Beobachtung verdient,
um am Ende wieder weiter fortzurücken und einen Schritt vorwärts zu machen in
der Erkenntnis dessen, was Leben heißt, und wie eben dieses Leben sicht- oder
unsichtbar nur Mein eigenes geistiges Ich vorstellt, wie es, wenngleich mit
verschiedenen Mitteln und auf verschiedenen Wegen, wieder alles zu Mir
zurückführen muß!
[Lg.01_021,02] In dem „Geister- und
Welten-Leben“ habe Ich euch gezeigt, wie nach und nach jedes gebundene Leben
stets sich frei machend zu höheren Stufen drängt, habe euch dadurch bewiesen
und begreiflich gemacht den Ursprung und Anfang des Geister- und Welten-Reiches
sowie das notwendige Ende des letzteren.
[Lg.01_021,03] Ich habe euch in jenem Wort
einen tiefen Einblick in Meine Schöpfungsgeheimnisse gewährt, und doch fehlt
noch ein anderer Faktor, der vielleicht bei Betrachtung der verschiedenen
Widersprüche in Meiner Schöpfung mit Meinen Worten, die Ich einst gegeben und
auch heute euch noch zukommen lasse, sich vereinbaren läßt; nämlich die
Erklärung, wie der Satz „Gott ist die Liebe“ mit den verschiedenen eben dagegen
zeugenden Widersprüchen in der sichtbaren Natur zusammengereimt werden kann!
[Lg.01_021,04] Dieses nun euch noch näher zu
beleuchten und faßlich zu machen, soll der Zweck dieses Wortes sein, damit ihr
noch klarer erkennen möget, daß Meine Worte wirklich Worte eines Gottes, eines
höchsten Schöpfers und ewig liebenden Vaters sind!
[Lg.01_021,05] Sehet, Ich habe euch gesagt in
dem vorigen Worte, daß in der Materie überall nur gebundene Geister, Ableger
Meines eigenen göttlichen Ich, die ganze sichtbare Schöpfung ausmachen, und daß
eben nur diese Geisterpartikel der Haupt-Bestandteil und die Hauptsache in dem
Bestehenden sind; das Materielle aber nur Nebensache oder nötige Überkleidung
ist, um einzelne Geistesteile im ganzen Universum zu wie für sich selbst
bestehenden abgeschlossenen Wesen zu machen!
[Lg.01_021,06] Dieses ist der erste
Schöpfungsgrund gewesen, warum alles geschaffen wurde; der zweite Grund aber:
dieses Erschaffene einem allgemeinen Zweck unterzuordnen, und ein geistiges
„Warum“ festzustellen, weswegen eben alles so in Materie eingekleidet wurde,
deshalb auch der ewige Drang eines jeden Bestehenden, sich zu verändern, – aus
der Gefangenschaft sich zu befreien, und in höhere Stufen aufzusteigen, wo mehr
Freiheit, mehr geistiger Genuß möglich und auch erlaubt ist!
[Lg.01_021,07] Daher auch das Drängen und
Treiben in allem Geschaffenen, seine Form zu zerbrechen und unbewußt einer
besseren Existenz entgegenzueilen!
[Lg.01_021,08] Dieses Bestreben und Drängen
ist es nun, welches sich als Leben kundgibt, und welches, wo es auftritt, eben
deswegen die drei Schöpfungs-Phasen in sich birgt, das heißt Entstehen,
Bestehen und Vergehen.
[Lg.01_021,09] Durch diese Drei-Einigkeit,
welche auch Meine eigentliche wesentliche Dreiheit entsprechend ausdrückt, in
Liebe, Weisheit und Göttlichkeit, und ebenfalls in jedem geschaffenen Wesen
enthalten ist, und zwar unter der Form von Geist, Seele und Körper, durch diese
drückt sich und manifestiert sich das Leben als sichtbare Tätigkeit, die Meiner
Schöpfung erst das sichtbare Siegel aufdrückend beweist, daß ein höheres Wesen
als alle Geschaffenen es sein muß, das nur auf diese Weise Sich Selbst Seinen
Wesen verständlich machen kann, und nur durch sichtbares Leben das unsichtbare
Geistige begreiflich und faßlich machen will allen Wesen, denen es Vernunft,
Verstand und Herz gegeben, um zu begreifen, von woher sie gekommen sind, warum
sie da sind, und was der Zweck ihres Daseins und das Ziel ihres Lebens, ob
materiell oder geistig, sei!
[Lg.01_021,10] Nun, nachdem dieses Leben
aber, wie Ich es euch gezeigt habe, von Mir ausgegangen ist und wieder zu Mir
zurückführen soll, so müssen doch auch alle sichtbaren Erscheinungen desselben
einen gerechten Zweck, ein geistiges „Warum“ haben, warum gerade so und nicht
anders, welches Warum den aufmerksamen Beobachter in Meiner Schöpfung zu
manchen Irrschlüssen führen kann, und auch schon oft geführt hat!
[Lg.01_021,11] Diese Irrschlüsse nun zu
enträtseln und das scheinbar Unharmonische in Harmonisches wieder aufzulösen,
sei der Zweck, warum eben dieses Wort wieder den Titel „Leben“ trägt, weil eben
dieses Wort weder in seiner Tiefe noch Ausdehnung und Bedeutung von euch
begriffen worden ist, woran Mir liegt, da der Zeitpunkt nahe ist, wo Ich in
Meiner Schöpfung keine Finsterlinge, sondern helle geistig-sehende Wesen haben
will, die Mich und Meine Schöpfung verstehen sollen; darum falle auch der
Schleier von dem anscheinlich Unenträtselbaren, und es verschwinde wieder eine
Decke, die bis jetzt über euren geistigen Augen gehangen hat.
[Lg.01_021,12] Sehet, Meine Kinder, als Ich
die Welt oder das ganze Universum erschuf, so war Mein Zweck mit dem Binden von
Geistes-Partikeln nicht allein der, daß diese durch den in sie hineingelegten
Drang die Materie bloß verändern sollen, um eine bessere Existenz zu erhalten,
nein! Sondern während die gebundenen Geister zur Vergeistigung der Materie
beitragen müssen, sollten auch sie selbst durch eine andere geistige Schule
sich zur nächsten Stufe vorbereiten, sollten durch Leiden, Entbehrungen, Kämpfe
aller Art geschult werden, um nicht allein die Materie zu einer besseren Stufe
vorzubereiten, sondern vorerst sich selbst geistig zu stärken, und so Dem sich
zu nähern, der – das Symbol aller höchsten Geistes-Eigenschaften, als Liebe,
Demut, Gnade, – ihnen in allem vorangegangen ist, und auch noch durch das
Daniedersteigen auf diese kleine Erde als winziger Erdenmensch, Sich den
niedrigsten Verhältnissen unterziehend, doch im Niedrigsten und in der größten
Schmach den höchsten geistigen Charakter eines Gottes bewiesen und mit Seinem
Erdentode und Auferstehen sogar besiegelt hat!
[Lg.01_021,13] Alles, was Mir in Meinem
Erdenleben zugestoßen ist, von Geburt bis zum Kreuze; Meine Lehre, Meine Leiden
und Meine Kämpfe, Meine Liebe und Meine Demut, Meine Gnade und Mein Verzeihen
und Vergessen aller Meiner Macht, Meine namenlose Geduld mit den verirrten
Menschen, alles dieses war in entsprechender Weise in jedes kleinste
Geistes-Partikel gelegt. Und was Ich als Beispiel auf Erden erlebt, gelitten
und erkämpft hatte, das war schon längst eben in jeder Kreatur, in jeder
Materie, wo immer ein Funke von Mir verborgen lag, bestimmt, damit auch das
kleinste Geistes-Atom konsequent mit seinem großen Schöpfer die nämliche
Laufbahn durchmache, die einst den Geist über die Materie erheben soll, und so
triumphierend von Stufe zu Stufe aufsteigend tatsächlich beweise, daß, wie es
nur Gesetze für die Materie, Gesetze der Abstoßung und Anziehung, gibt, es auch
Gesetze, moralische, hohe, geistige, gibt, die in Meinem Ich begründet, Mein
eigenes Wesen und das Bestehen alles Geschaffenen ausmachen.
[Lg.01_021,14] So seht ihr den im Gestein
gebundenen Geist, dessen erstes Prinzip die Ruhe wäre, durch den Einfluß der
Elemente, durch Einfluß der Tier- und Menschen-Welt aus seiner Ruhe vertrieben,
ihr seht, würdet ihr es begreifen können, auch seine Leiden, sein Sträuben
gegen alles Fremde, sich stets wehrend, bis er dem Drange doch folgen muß, und
während durch Licht, Wärme und Nässe seine Überkleidung stets in vibrierendem
Zustande das Bestehende verändert, und so seine Form zerbricht, dem Geiste,
wenngleich oft gegen seinen Willen zu dem verhelfend, was ihm allein nötig und
was ihm als Lebensprinzip angewiesen ist.
[Lg.01_021,15] Wie im Steine oder in der
festen Materie ebenso im Pflanzenreich, wo das pflanzliche Leben des in der
Pflanze wohnenden Geistes ebenfalls durch allerlei Umstände dazu veranlaßt
wird, seine eigene Geistes – Existenz durch Leiden und Kämpfe zu befestigen.
[Lg.01_021,16] Denn ihr wißt es nicht, wenn
ihr eine Pflanze aus der Mutter Erde grausam reißt, oder einen Baum umhauet,
oder einer Pflanze den schönsten Schmuck, ihr Bräutigamsleben, die Blume nehmt,
ob nicht der Pflanzengeist in seinem höchsten Wonneleben gestört auch ein Weh
empfindet, als wie wenn euch etwas Unangenehmes widerfährt.
[Lg.01_021,17] Könntet ihr mit geistigen
Augen die geistige Welt erschauen, ihr würdet vor manchem mit Schaudern
zurückbeben, wie viele Grausamkeiten ihr vernünftig sein wollende Menschen oft
verübt, die eben eine niederer gestellte Existenz mit Stillschweigen ertragen
muß, weil keine Sprache ihr gegeben wurde, um durch Töne Freud und Leid
auszudrücken.
[Lg.01_021,18] Sehet den ewigen Kampf der
Elemente mit dem harten Gestein, das Leben der Pflanzen und das Leben der
Tiere, die ebenfalls geistige Funken in sich bergen; alle müssen kämpfen,
müssen leiden, und nicht allein der oberflächliche Mensch hat das Recht sich zu
beklagen, daß dieses Erdenleben ein Leben voll Trug und Täuschung ist, und daß
es oft nicht der Mühe wert sei zu leben, bloß um zu leiden!
[Lg.01_021,19] Die Tierwelt, die von euch so
mit Füßen getretene Tierwelt, leidet oft bei weitem mehr als ihr, und leidet
oft, nicht bloß durch Gesetze der Natur, welche zu ihrem Fortschreiten auch
Leiden und Kämpfe in ihr kurzes Leben hineingewoben hat, sondern meist
unschuldig durch das, was der Mensch ihr antut, und wogegen eure
Sklaventyrannei und sonstiger Despotismus (Gewaltherrschaft), den ihr überall
entfernen wollt, bei weitem an Herzlosigkeit übertroffen wird!
[Lg.01_021,20] Dem Tiere sind neben seinen
eigenen Feinden, durch die es, ihnen zur Nahrung dienend, auf eine höhere Stufe
gehoben wird, nebenbei auch Eigenschaften gegeben worden, die zur Fortpflanzung
und Erhaltung einer Gattung nötig sind; dieses ist das Muttergefühl, die Liebe
zu ihren Jungen, die Liebe für ihr natürliches und künstliches Haus, eine
Liebe, die bei den Tieren durch die Natur geboten, bei euch Menschen durch eure
sittliche Stellung ebenfalls bedingt sein sollte, jetzt aber beinahe auf Null
herabgesunken ist, wo so manches dumme Tier den sich gescheit dünkenden
Menschen beschämen könnte!
[Lg.01_021,21] Und sehet, eben diese Liebe,
Liebe als göttlicher Funke aus Mir ausgegangen, sänftet das Tier gegen seine
nächste Umgebung, läßt einen Lichtstrahl der Freude, des Wohlbehagens in die
kleine Tier-Seele fallen, damit auch sie, nicht allein dem Nahrungs- und
Erhaltungstriebe folgend, noch ein höheres geistiges Vergnügen kennt, welches
nicht an Materie, sondern Geist an Geist bindet.
[Lg.01_021,22] Wenn dem Tier seine Brut,
seine Wohnung vernichtet wird, betrachtet seine Ängstlichkeit, seinen Schmerz,
sein unruhiges Umherirren; betrachtet es und schämet euch, daß ihr selbst so
oft mit großer Unbarmherzigkeit solchen Akt der Grausamkeit vollführt, weil ihr
euch „Herren der Welt“ glaubt!
[Lg.01_021,23] Wenn Ich solche Dinge zulasse
und nicht strafe, wie sie es verdienten, so ist es eben, weil diese Leiden, so herb
und bitter sie sind für die stumme Kreatur, doch zur Stärkung ihres Seelen- und
Geisteslebens beitragen müssen.
[Lg.01_021,24] Auch das Tier findet sein
Leben nicht auf Rosen gebettet!
[Lg.01_021,25] Freilich soll euch dieses
nicht das Recht geben, deswegen das Tier zu quälen, sondern ihr sollt als
Stärkere die Schwächeren beschützen und nicht, von ihrer Schwäche Mißbrauch
machend, oft euch die Zeit vertreibend mit unnützem Morden bei Jagden und
qualvollem Füttern, Mästen usw. zur Lust eures Gaumens, einem unschuldigen
Wesen sein Leben verbittern, das ihr ihm nicht gegeben, und also auch nicht das
Recht habt, dasselbe ihm zu nehmen!
[Lg.01_021,26] Ihr Menschen solltet euch
erinnern, daß Ich so nicht die Welt erschaffen habe, wie ihr sie jetzt vor
Augen habt, nein! In den ersten Zeiten lebte der Mensch in Harmonie mit der
Tierwelt; das Tier sah nicht seinen Feind in dem Menschen, und der Mensch
brauchte das Tier ebenfalls nicht zu fürchten; aber jetzt, wo die Menschen auch
dem Tiere gegenüber das Vertrauen in Mißtrauen verkehrt haben, jetzt tragen sie
auch die Folgen davon!
[Lg.01_021,27] Das einstige Paradies bestand
eben in der Einigung der ganzen geschaffenen Welt, als immerwährendes Dankgebet
zu Mir; und den Mißton des Eigennutzes, des Hasses und der Rache hat nur der
Mensch selbst in sie hineingepflanzt, weswegen er auch nicht mehr Herr der
Welt, sondern die Welt sein Herr geworden ist!
[Lg.01_021,28] Die ihm drohenden Gefahren,
die Aufgabe, sein eigenes und das Leben seiner Familie zu beschützen, genügten
dem Tierreich als Schule, um aus der Lethargie der Ruhe geweckt zu werden. Es
war nicht nötig neben Meinen Lebensgesetzen, daß ihr Menschen noch andere
Grausamkeiten hinzugefügt habt, um das so schon scheinbar weit unter euch
gestellte Tier noch mehr in seinem eigenen Leben zu verletzen und zu plagen.
[Lg.01_021,29] Allein, wenngleich dieses
stumme Dulden und Leiden der Tierwelt doch in bezug auf sein geistiges
Fortschreiten ihm zum Vorteil gereicht, so ist auf der andern Seite eben gerade
dieses euer Gebaren, eure Grausamkeit und Freßlust, die größte und erste
Ursache, weswegen ihr Herren der Welt sein wollende Menschen in tausend Fällen
weit hinter der Tierwelt zurücksteht, und auch durch Aneignung einer Masse
nicht in eure Organisation hineingehöriger Elemente euer Leben verkürzt,
Krankheiten und Leiden heraufbeschwört, von denen eben das so verachtete Tier
keine Ahnung hat und es als Triumph eurer Weltherrschaft euch ganz allein
überläßt, damit auch ihr durch selbstverschuldete Fehler wieder abbüßen müßt,
was ihr so mutwillig an Grausamkeiten an allem unter euch Stehenden verübt
habt!
[Lg.01_021,30] Nehmet nur alle diese Tiere,
die euch nützen, für euch arbeiten, oder welche ihr als notwendige
Nahrungsmittel für euren eigenen Bestand nötig glaubt, welch herzloses Gebaren
zeichnet da den „Herrn der Erde“ aus!
[Lg.01_021,31] Wie lohnt er die willige
Dienstfertigkeit derjenigen Tiere, die er eben darum in seinen Bereich gezogen
hat, weil ohne ihre Kräfte er nichts oder sehr weniges ausrichten könnte?!
[Lg.01_021,32] Sehet das Pferd, den Ochsen,
das Schaf usw., welch trauriges Schicksal hat nicht ersteres, wie leidet es oft
stumm unter brutaler Hand Mißhandlungen als Ersatz für Herleihung seiner ihm zu
Gebote stehenden Kräfte?
[Lg.01_021,33] Wo ist da die Sittlichkeit des
Menschen? Wo ist eine ähnliche Grausamkeit im menschlichen Leben? Zwischen
Tieren selbst existiert sie nicht!
[Lg.01_021,34] Der Ochse, der euren Pflug
zieht, euch zu Brot und Nahrung verhilft, euch gutwillig eure Lasten zieht, was
ist seine Belohnung? – Spärliches Futter, um endlich noch von euch aufgezehrt
zu werden!
[Lg.01_021,35] Ihr nennt die Menschenfresser
Kannibalen, und was seid ihr denn mehr, ihr zivilisierten Städte- und
Dorfbewohner?
[Lg.01_021,36] Wie geht ihr mit den andern
Tieren um, welche ihr zu eurer Nahrung auserkoren habt, und zwar nicht zur
notwendigen, sondern vielmehr zum künstlichen Gaumenkitzel!
[Lg.01_021,37] Wie herzlos geht ihr bei der
Fütterung derselben, wie herzlos beim Verkauf mit ihnen um!
[Lg.01_021,38] Taub für eure Ohren erschallt
der Angstschrei eines geplagten Tieres; ihr, nur eure Freß- und Gewinnbegierde
im Auge haltend, vergeßt, daß auch das Tier Schmerz empfindet, daß es von Mir
geschaffen wurde zu anderem Zweck, als gerade nur zu dem ihr es gebrauchet!
[Lg.01_021,39] Sehet, so ist die große
Leidensschule, die Ich einst als Beispiel Selbst auf eurer Welt erduldete,
symbolisch, je nach der Gattungsstufe der geschaffenen Wesen, eingewebt in
ihrem Leben; und wenn Ich geduldig zusehe, wie dieses alles geschieht, wie
Tausende von Tieren noch weit vor ihrer Bestimmung schon aus dem Weltleben
entfernt werden, als Meine gesetzliche Dauer es bestimmt hatte, so ist es der
Grund, weil Ich doch wieder aus allen Verirrungen des menschlichen Geschlechtes
einen geistigen Nutzen für Meine minder begabten Wesen ziehen kann, und die
Strafe oder Entgeltung nur auf euch selbst zurückfällt, wo dann auch ihr als
Menschen das erlebt, was ihr den unschuldigen Tieren bereitet habt, und so eine
Welt voll Leiden und Kämpfen, voll von Begierden und Entbehrungen euch selbst
bereitet, welches natürlich eben das Verkehrte oder Entgegengesetzte ist von
dem, was ihr gehofft und zu erlangen gestrebt habt!
[Lg.01_021,40] So zieht sich der Faden durch
Meine ganze Schöpfung, welcher allen Geschaffenen durch Leiden, Kämpfen,
Entbehren und Erlangen den geistigen Weg zeigt, mittels welchem nur allein
geistiges Leben und geistiger Fortschritt bedingt werden kann!
[Lg.01_021,41] Ruhe als Glückseligkeit sucht
der gebundene Geist in der gefesteten Materie; Ruhe und ruhiges Nachgehen
seinem Erhaltungstriebe sucht das Tierreich, und Ruhe und gemütliches Behagen
in seinen tierischkörperlichen Befriedigungen sucht der Herr der Erde, der
Mensch!
[Lg.01_021,42] Aber ein hehres, großes Gesetz
der Geisterwelt, das Ruhe nur mit Tod und Nichtsein vergleichen würde, stört
fortwährend diese Ruhe, regt fortwährend an zum Kampfe, zum Streben gegen
fremde Eindringlinge, und dieses Anstreben ist das geistige Leben, das eben die
von Mir in die ganze Schöpfung hinausgestellten Geister-Partikel Meines Ich
wieder zur Umkehr, zur Verbesserung ihres Seins, zur Vervollkommnung zwingt!
[Lg.01_021,43] Wie Ich einst zu Adam sagte:
„Im Schweiße des Angesichts sollst zu dein Brot verdienen“ (1 Mose 3, 19), was
soviel sagen will als:
[Lg.01_021,44] „Die Ruhe, welche Ich dir
geben wollte, hast du nicht verstanden, hast sie statt zum Leben zum Tode
deines geistigen Ich benützen wollen; diese Ruhe soll dir genommen werden, auf
daß dein geistiges Ich nicht verdorre unter dem Wuste von tierischen
Leidenschaften, und kämpfend und leidend sollst du erst erringen, was, frei aus
Meiner Hand dir gegeben, du verschmähtest und es mißverstanden hast!
[Lg.01_021,45] Und wie die Welt, so wie sie
nun ist, nur durch die Leidensschule für euch Menschen ebenfalls zu etwas
Besserem führen kann, und diese also nötig ward, so war und ist es auch beim
Tierreich eine eigene Lebensperiode, welche je nach Umständen dem einen oder
dem andern mehr zu dulden und zu leiden auferlegte, je mehr es befähigt sein sollte,
eine geistig höhere Stufe zu erlangen.
[Lg.01_021,46] Was die Ausschreitungen und
Grausamkeiten der menschlichen Rasse gegen das ihm unterstehende Tierreich
betrifft, so ist es damit Schritt für Schritt mit dem Verfall seiner eigenen
geistigen Würde gegangen und hat die Menschen geistig und körperlich auf einen
Standpunkt gebracht, der jetzt seinem Ende ebenfalls bald entgegengehen wird,
wo die menschliche geistige Würde bald wieder ihre Stellung einnehmen muß, die
er, der Mensch, dann ebenfalls nicht allein gegen seinen Nächsten, sondern auch
gegen alles unter ihm Stehende tätig ausüben wird, wodurch die Erde mit
geistigen Menschen belebt werden wird, und auch das Tierreich ihnen weniger
feindlich gegenübersteht, und so der Mensch das einstige verlorene Paradies im
Vereine alles Lebenden, als große geistige Lebensschule anerkennen wird! Dahin
strebt jetzt alles! Der geistige Wind zur Regeneration bricht aus allen Ecken
hervor. Die Menschen, wenigstens die meisten von ihnen, wissen ihn nicht zu
deuten, jedoch einzelne unter ihnen, und besonders ihr, die Ich unter Meine
eigene Obhut genommen habe, ihr sollt alle erfahren, was geistiges Leben heißt,
damit ihr die Anzeichen erkennen mögt, wo alles darauf hinzielt, die
menschliche Gesellschaft, nebst der sie umgebenden Tier- und Pflanzenwelt, zu
dem wieder umzugestalten, was sie einst war, nämlich: zum Garten für Meine
Kinder, zum Wohnort Meiner Geschöpfe, die alle nach einem Liebes-Gesetz
erschaffen, auch nach demselben Einen erzogen und ausgebildet wurden, einst Mir
all Mein Ausgesandtes reichlich mit Zinsen zurückbringen sollen, damit Ich Mein
Geisterreich aus der Materie ergänzend, selbst letztere vergeistigt wieder
erhalte, und so eine Welt von Geistern Mich umgibt, die Meiner würdig und ihrer
eigenen Lebensaufgabe gemäß das Ziel vor Augen hat, mittels dessen der kleinste
in die feste Materie gebundene Geist so gut wie der Mir zunächststehende Engel
alle ihre eigene Bestimmung erfassen, Mich erkennen und lieben lernen, und in
allem, wenngleich Materiellem, nur eine Vor- und Probeschule ersehen mögen, wie
Wesen, geschaffen von einem Gott, Seine Kinder werden können!
[Lg.01_021,47] Daher befleißet auch ihr euch
zu erkennen und geistig aufzufassen, was das geistige Leben ist, welches dem
kleinsten Wurm so wie euch als Menschen- und Gottes-Ebenbildern als Ziel
gesteckt wurde. Lernet eure Menschenwürde erkennen, wie ihr euch gegen das
scheinbar leblose, aber doch auch lebende Wesen unter euch benehmen sollt,
damit ihr geistige Wesen, eingedenk eurer Abstammung, stets als solche handeln
möget; denn nur so befestigt sich der Adel der Seele, nicht dort nur recht zu
handeln, wo politische oder Familien-Gesetze es erheischen, edel zu handeln,
nein, sondern wo, wenn der Mensch auch grausam ist, kein bestehendes Gesetz ihn
bestraft, außer sein eigenes Gewissen; nur dort, wo der Mensch keinen andern
Richter hat als seinen freien Willen, wo er mit diesem allein vor einem Gott
und Schöpfer steht, dort aus freiem Antrieb, aus edler innerer Liebe gedrungen
Barmherzigkeit auszuüben, auch gegen das letzte unbedeutendste Tier oder Wesen,
in welchem Leben vermutet wird, dort auch großmütig zu handeln, das erhebt, das
belohnt. Nicht daß ihr einen Wurm nicht zertreten habt, nein, sondern daß ihr,
höheren Lebensgesetzen gehorchend, eurer Leidenschaften Meister geworden seid,
dieses Bewußtsein ist es, welches euch über die Masse erhebt, eure Liebe und
Barmherzigkeit übt, und so euch zur zweiten Natur werden wird, wo ihr dann
eurem Nebenmenschen nicht das versagen werdet, was ihr einem schwachen,
unmündigen Tiere angedeihen ließet!
[Lg.01_021,48] Was macht denn Mich zum großen
Gott, zum großen Schöpfer?
[Lg.01_021,49] Vielleicht Meine Macht? Meine
Allgewalt? Nein! Ich bin nur wahrhaft groß, weil Ich eben liebend als Vater
auch das kleinste Infusionstierchen mit derselben Liebe und Geduld seine kurzen
Wege führe, wie Ich dem höchsten Engelsgeist die seinigen vorgezeichnet habe,
und allem, was von Mir geschaffen ward, nie Meine Macht, aber nur stets Meine
Liebe, Meine Gnade und Geduld fühlen lasse.
[Lg.01_021,50] Das macht Mich groß vor euch
denkenden Wesen, das macht Mich zum liebenden Vater, zu Dem ihr inbrünstig
flehen könnt; aber nicht Meine Allmacht, vor deren strengem Richterblick ihr
euch als Sünder verbergen müßtet!
[Lg.01_021,51] Werdet wie Ich, vergebt – wo
ihr vergelten, verzeiht – wo ihr bestrafen, und vergeßt – wo ihr aus Liebe an
das Unrecht nicht erinnern wollt!
[Lg.01_021,52] So erhebet euch als freie
Wesen über das Getriebe der Masse; sehet die Welt mit geistigen Augen an und häufet
nicht Leiden bei unschuldigen Geschöpfen zu deren notwendigen Kämpfen, die Ich
in die Lebensperiode des Tieres gelegt habe, damit auch der kleinste, aber
gebundene Geist dort auch in seinen geistigen Kräften geübt, gestärkt und
gefestet werde, um auf einer höheren Stufe leicht sich zurechtfinden zu können.
[Lg.01_021,53] So soll euer eigener
Lebenslauf eine Kette von ungesehenen Wohltaten werden, welche ihr, gleichviel
wem, ob Tier oder Mensch angedeihen laßt, weil ihr eingedenk Meines eigenen
Beispiels, den Adel eures eigenen Herzens vorerst bewahren, und als Kinder
eines Gottes auch demgemäß göttlich handeln wollt, wo es die Gelegenheit
erlaubt.
[Lg.01_021,54] So befördert ihr geistiges
Leben im allgemeinen und im einzelnen, in fremder und in eigener Brust. Das
Bewußtsein solcher Taten, denen die Barmliebe, die Geduld zugrunde liegt, gibt
diese Ruhe, welche auch Ich Selbst als Mensch noch am Kreuze hatte, und warum
Ich auch dort ausrufen konnte: „Verzeihe ihnen, o Herr, denn sie wissen nicht,
was sie tun!“
[Lg.01_021,55] Die Höhe des göttlichen
Selbstbewußtseins, die Mich dort zu diesem Ausruf veranlaßte, möge euch in
seiner ganzen Tiefe einleuchten, wie hoch ein Mensch moralisch stehen kann,
wenn er trotz Unbilden und Leiden noch, statt Vergeltung – Verzeihung erflehen
kann!
[Lg.01_021,56] Dieses geistige Leben
erfasset! Übet es im Kleinen, und es wird euch erheben, beseligen; denn was Ich
als Mensch mit Meiner göttlichen Gewalt gegen Meine Mitmenschen war, das sollt
ihr gegen eure Umgebung, ja gegen das letzte lebende Wesen sein, das heißt
eifrige Beschützer des Schwachen und Verteidiger des Leidenden!
[Lg.01_021,57] So fasset Meine
Lebensgeschichte auf! Und es werden Strahlen des Lichtes über euch sich
verbreiten, die ihr, Mein Beispiel nachahmend, ebenfalls zur höchsten Seligkeit
verwenden könnt, indem ihr um euch nur Gutes, nur Wohltaten verbreitet, euer
eigenes Ich erhebt und Mir euch näher bringt, da ihr, in Meine Fußtapfen
tretend, dasselbe tut, was Ich getan habe und stets tue, das heißt, daß ihr,
eure Menschen- und Geistes-Würde wahrend, euch erhebt zu dem, was Ich aus euch
machen möchte, nämlich zu Kindern eines ewigen Gottes und stets liebenden
Vaters. Amen!
22. Kapitel – Das menschliche Leben.
14. Januar 1875
[Lg.01_022,01] Schon oft drang bis zu Mir der
Klageton eines Menschen, der Mich der Ungerechtigkeit, der Härte beschuldigte,
weil sein Leben und die dasselbe bestimmenden Ereignisse nicht so ausfielen,
wie er es glaubte, hoffte oder wünschte.
[Lg.01_022,02] Schon oft hörte Ich das Flehen
einer gedrückten, mit allem Elend des menschlichen Lebens kämpfenden Seele,
wenn sie ausrief, im Drange ihres höchsten Schmerzes: „Aber Vater und Herr, was
habe ich denn verschuldet, daß Du mich mit allen möglichen Drangsalen
verfolgst, während Du andern das Glück in Fülle in den Schoß schüttest, ohne
daß sie wissen, warum sie eigentlich es verdient haben!“
[Lg.01_022,03] So und auf tausenderlei Arten
werden Klagen gegen Meine Gerechtigkeit, gegen Meine Worte, daß Ich die Liebe
sei und nicht strafen könne, und weitere Klagen geführt; gegen Mich als
unerbittlichen Richter, als strengen, aber nicht liebenden Vater
Beschuldigungen erhoben, die dem Anschein nach oft sogar nach menschlichen
Begriffen gerechtfertigt erscheinen.
[Lg.01_022,04] Um nun alle diese Klagen und
Beschuldigungen ins rechte Licht zu stellen und auch noch die Frage zu
erörtern, warum es in der menschlichen Gesellschaft so viele verschiedene
Stände, Professionen und Gewerbe gibt, warum es im menschlichen Gemüt so
verschiedene Neigungen zu einem oder dem andern Lebensberuf gibt, will Ich
euch, nachdem Ich oft genug das geistige Leben nach dem Tod euch erklärt habe,
auch diese Fragen des euch am nächsten liegenden menschlichen Lebens lösen,
damit ihr erstens doch einmal aufhört, Mich zu beschuldigen, und zweitens,
damit ihr einsehen lernt, zu was das menschliche Leben da ist, gerade so wie es
ist, und nicht, wie ihr es euch konstruieren möchtet.
[Lg.01_022,05] Stets hat den Menschen das am
meisten zu Forschungen angeregt, was er am wenigsten begreifen konnte; er
verwendete dort Zeit und Mühe aufzuklären aus dem Suchen in der Ferne, was
eigentlich seine Lösung in seiner nächsten Nähe gefunden hätte.
[Lg.01_022,06] Und so ist es auch im
menschlichen Beisammenleben, in den wechselseitigen Verbindungen der Menschen
zueinander, wo Verhältnisse entstanden sind, die zwar Ich nicht gemacht, wohl
aber vorausgesehen und zugelassen habe, jedoch stets mit dem Vorbehalt, alles
zu Meinen großen Schöpfungs-Zwecken zu benützen!
[Lg.01_022,07] Ehe Ich aber auf die Erklärung
der oben angeführten Klagen und Fragen eingehen kann, muß Ich weiter ausholend
erst euch wieder Dinge näher ans geistige Auge rücken, welche ihr bis jetzt nur
einseitig, das heißt menschlich betrachtet habt, und wo immer noch menschliche
Vorurteile bei deren Beurteilung den Ausschlag geben.
[Lg.01_022,08] Bevor wir also den Menschen in
seinem Verhältnis zu seinem Nächsten oder Mitmenschen betrachten, müssen wir
vorerst fragen: „Was ist eigentlich der Mensch, aus was besteht er denn, und
was ist seine Mission auf diesem Erdball?“
[Lg.01_022,09] Dieses vorerst klar begriffen,
wird uns dann schon zu einer näheren Beleuchtung der sozialen Verhältnisse des
menschlichen Geschlechts behilflich sein!
[Lg.01_022,10] Sehet, der Mensch besteht, wie
ihr wißt, aus drei Dingen, nämlich aus Körper, Seele und Geist.
[Lg.01_022,11] Nun, diese drei Dinge habt ihr
alle im allgemeinen so aufgefaßt, daß ihr sagt: „Der Körper ist Materie, die
Seele ist dem materiell-geistig Gebundenen vom Fall des einen großen Geistes entnommen,
und der Geist ist ein göttlicher Funke, der die Seele erheben, vergeistigen und
dann diese ebenfalls durch ihre Verfeinerung auch die Elemente des materiellen
Körpers auf eine höhere Stufe bringen soll, damit alles nach und nach seinen
Stufengang der Vervollkommnung gehen kann, wie es im großen Schöpfungszweck
voraus schon bestimmt war.“
[Lg.01_022,12] Hier in diesen Schlüssen liegt
schon der erste irrtümliche Begriff, da ihr nur euren Geist als göttlichen
Funken annehmt, der alles veredeln solle, während, hättet ihr nicht immer (oft
unbewußt) aristokratische Ideen, welche ihr auf Meine Person anwenden wollt,
ihr leicht einsehen und begreifen würdet, daß alles, was geschaffen ist, im
Grunde göttlich ist und unendlich sein muß, weil es von Mir abstammt, von Mir
ausgegangen ist und zu Mir zurückkehren muß!
[Lg.01_022,13] Der Körper als materielles
Werkzeug während eurer Lebensdauer besteht ebensogut aus den edelsten,
erhabensten Elementen Meines geistigen Ichs wie Seele und Geist, nur sind diese
Elemente in Materie gebunden gezwungen, nur so sich zu äußern, wie es ihre
momentane Organisation erlaubt.
[Lg.01_022,14] Diese feinsten geistigen
Elemente, welche die Körper schon im Mutterleibe aufbauen helfen, ringen
ebenfalls nach Vervollkommnung, nach Vollendung, prägen ihre Tendenz in der
Form des Körpers aus, soweit eine plastische Form ein geistiges Prinzip
ausdrücken kann, suchen durch den an sie gestellten Beruf im menschlichen Leben
das zu ergänzen, was höhere, göttliche Elemente in der Seele, im Geiste dann
weiterführen werden.
[Lg.01_022,15] Sie sind die Handlanger,
Mitarbeiter zum großen geistigen Bau einer vollendeten göttlichen Idee, ebenso
wie kein Architekt ein Haus allein bauen kann, sondern tausend Hände braucht;
die aber, wohlbemerkt, nicht maschinenmäßig, sondern ebenfalls wieder, durch
andere Intelligenzen geleitet, den ganzen Bau ausführen helfen.
[Lg.01_022,16] So wirken im Menschen, so in
allem Geschaffenen, im starren Steine, im vegetierenden Pflanzen- und im sich
selbst bewußten Tierreich stets die Formen bildenden Kräfte, tragen zur
Veredelung, zur Verfeinerung des Ganzen bei, während die Art und Gattung noch
tausend anderen, verschiedenen Einflüssen unterworfen ist, wo die ursprünglich
in sie gelegten Fähigkeiten nicht zur Vollendung gedeihen können, weswegen auch
überall, trotz des gemeinsamen Geschlechtes und derselben Abkunft, doch wieder
ebensoviele verschiedene Resultate entstehen, als Geschaffenes im ganzen
Weltraum besteht.
[Lg.01_022,17] Die Seele, als Ableger oder
Abkömmling eines großen gefallenen Lichtbringers, mußte vorerst eine ihr
angemessene Umkleidung und ferner ein ihr verliehenes höheres, geistiges
Prinzip besitzen, welches sie antreibt, ihre Ausbildung nicht allein hier zu
vollenden, sondern noch nach Ablegung jeder irdischen Hülle als Basis für eine
geistige Welt zu dienen.
[Lg.01_022,18] So ist die Seele des letzten
Infusionstierchens wie die des Menschen stets angetrieben, vorerst ihren
Lebenszweck hier zu erfüllen, in dem Maße, als die Umkleidung sie dazu befähigt
und ein unbewußtes Geistiges, welches ihr unter dem Namen „Instinkt“ oder „die
Natur“ bezeichnet, ihr den Weg zur Vervollkommnung in anderen Formen und andern
Verhältnissen anbahnt.
[Lg.01_022,19] Der Geist beim Menschen ist
ebenso der nämliche wie beim letzten Stein, nur hat er dort eine geordnetere
Organisation vor sich, die seiner eigentlichen Wirkungssphäre nicht so
widerstrebt, sondern sogar all seinen Bestrebungen zu folgen geschaffen ist.
[Lg.01_022,20] Es ist also nicht ein
geistiger Funke Meines Ich, welchen Ich dem Menschen allein gegeben haben soll,
sondern es ist in allem nur göttlicher Funke, und nur dort ein dem Geistigen
sich mehr anpassender Leib, welcher der größten Ausdehnung der geistigen Kräfte
ganz entspricht.
[Lg.01_022,21] Sehet, eine einförmige Gegend,
ein monotones Leben zeigt euch schon genug, daß „Leben“ nur besteht, wo
Abwechslung, wo Verschiedenheit ist; denn eben durch das, daß nicht alles auf
gleicher Stufe steht, nicht alles in gleichem Schritt fortschreitet, ist das
Leben als anregendes Streben das zu erreichen, was zwar allen bestimmt ist,
nicht aber auf jede Art erlangt werden kann!
[Lg.01_022,22] Verschiedenheit ist die Basis
des Lebens. Verschieden sind die Welten, verschieden ihre Geschöpfe und verschieden
sogar der Weg, den sie zur Vervollkommnung durchgehen müssen. Ohne diese
Verschiedenheit wäre kein Leben, kein Bewegen, kein Fortschritt. Nur so, mit
dem Keim aus sich stets Neues aber Höheres zu gestalten, konnte eine Schöpfung
in die Wirklichkeit gesetzt werden, eine Schöpfung, die erstens ihrem Schöpfer
Ehre macht, und auch wie Er eben den Keim der Unendlichkeit in sich tragen
kann.
[Lg.01_022,23] So müßt ihr diese ganze sicht-
und unsichtbare Welt auffassen, vom feinsten Atom im Weltenraum bis zu Meinem
großen Geisterreich, wenn ihr je begreifen wollt, warum Ich denn das alles und
warum Ich es so und nichts anders geschaffen habe.
[Lg.01_022,24] Bei Mir ist nicht annehmbar,
daß Verbesserungen, Reparaturen oder Modifikationen je eintreten können; denn
sie setzen Fehler, falsche Schlüsse voraus, die bei einem Gott nicht möglich
sind.
[Lg.01_022,25] Daher weg mit euren menschlich
beschränkten Ideen! Die Welt ist so, wie Ich sie euch beschreibe, wo Ich
beinahe tagtäglich ein Schöpfungsgeheimnis ums andere euch aufdecke und
erkläre, damit ihr doch einmal einsehen lernt, daß euer Lebenszweck ein ganz
anderer ist, als wie ihr ihn herauskonstruieren und auch noch dazu die Mittel
so eingerichtet haben möchtet, wie es eurer leiblichen, aber nicht der geistigen
Natur und Bestimmung am meisten passen sollte!
[Lg.01_022,26] Ihr seht also, Körper, Seele
und Geist sind Träger Meines göttlichen Funkens, und wie in denselben und durch
dieselben die Ausdrucksweise verschieden ebenfalls die Menschen wieder verschieden
macht, ebenso mußte auch bei größerem Zusammenleben der Menschen diese
Verschiedenheit der Fähigkeiten auch verschiedene Berufsgeschäfte hervorrufen,
welche sodann im ganzen zum gemeinsamen Leben nötig, in sich jedoch
verschiedenartig gestaltet werden mußten.
[Lg.01_022,27] Schon in einem andern Wort
sagte Ich euch, daß alles, was geschaffen ist, von den ersten geistigen Atomen
an verschiedenes in sich aufnehmend, ebenfalls auch verschiedenartige
Äußerungen haben muß.
[Lg.01_022,28] Beim Menschen, der aus allen
Elementen seiner Erde zusammengesetzt, als letztes Glied oder „Kompendium“ des
ganzen Erdballs dasteht, mußte diese Vielfältigkeit alles Geistigen noch mehr
hervortreten, weil er in der Art der Mitteilung seiner Gedanken und Ideen höher
stehend als alles andere, auch die Fähigkeit besitzt, sein Geistiges
durchleuchten zu lassen und es verwerten zu können; woher auch die Neigungen zu
einer oder der andern Beschäftigung teils durch die Eindrücke der ersten
Jugendzeit, teils durch die vorherrschenden Elemente bei der Zeugung als
angeerbtes geistiges Gut natürlich ihren Einfluß ausüben und auch im Leben sich
geltend machen mußten, was gerade da am meisten geschah, wo die größten
Hindernisse zu deren Befriedigung sich entgegensetzten.
[Lg.01_022,29] So entstand mit den wachsenden
Bedürfnissen der Menschen, analog mit dem Streben der Bequemlichkeit und dem
Drang der Leidenschaften, eine Menge Gewerbe, um dem Menschen sein materielles
Leben so angenehm wie möglich zu machen.
[Lg.01_022,30] Dieses Bedürfnis erweckte in
den Menschen die Liebe zu einzelnen Kunsterzeugnissen, welche die andern wieder
veranlaßten, um eben gemütlich zu leben, ein jeder nach seiner Anschauungsweise
sich der Anfertigung des Verlangten zu unterziehen.
[Lg.01_022,31] So entwickelte sich sodann
nach und nach der Wettstreit der Bestbefähigten, und aus diesen entstand
endlich die verschiedenartigste Klassifikation aller Stände, wo einer mittels
des andern gewinnen und gemütlich lebend nur seinen Leidenschaften frönen
wollte.
[Lg.01_022,32] Daß bei diesem Wettstreit
Übelstände durch die Eifersucht, größere Befähigung, guten oder bösen Willen,
überhaupt durch den Drang aller menschlichen Leidenschaften (Mißverhältnisse)
entstanden, daß diese wieder auf das soziale Leben der einzelnen einwirkten, wo
zwischen Not und Überfluß stets kämpfend und ringend eure ganze jetzige
menschliche Gesellschaft herauswuchs, das ist leicht einzusehen, denn nur das
zeitliche Leben veranlaßte solche Zustände. Nach den moralischen Gesetzen
könnte der Niedrigste wie der Höchstgestellte auf Erden von den gleichen
Grundsätzen beseelt sein, da die Moral und Meine göttlichen zwei Gesetze für
Bauer und König gleich sind.
[Lg.01_022,33] Allein eben weil die
göttlichen Gesetze, höher stehend als die irdischen, keinem Wechsel
unterliegen, keine verschiedene Deutung zulassen, ebendeswegen sind die aus dem
sozialen Leben entstandenen Mißverhältnisse oft die Ursache, warum die Menschen
Mich dann anklagen, so sie wohlverstanden selbst im allgemeinen daran schuld
sind.
[Lg.01_022,34] Es ist wohl richtig, daß das
Bauernkind ebenso viele menschliche Rechte besitzt wie ein schon in der Wiege
gekrönter Prinz, vor Mir sind beide gleich, jedoch die Fähigkeiten, die in dem
einen schlummern, sind oft sehr verschieden von denen des andern, und ein jeder
bringt schon ein großes Stück seiner späteren zu durchlebenden Laufbahn mit auf
die Welt, als ererbtes Gut seiner Eltern, wo dann noch das eigene dazukommen
wird, um den Besitz entweder zu vergrößern, oder zu verkleinern.
[Lg.01_022,35] Verschieden sind alle
geschaffenen Wesen, verschiedenartig ihre zu gehenden Wege, und ebendeswegen
auch verschieden die anscheinliche „Glücks- oder Unglücks-Bahn“, die sie
verschuldet oder unverschuldet durchlaufen müssen.
[Lg.01_022,36] Wäre nicht hinter diesem
materiellen Leben ein großes geistiges, wäre nicht das moralisch Göttliche
Meines Ichs, was allem innewohnt; schon längst wäre die menschliche Natur zum
Tier und unter dasselbe herabgesunken, indem der Mensch, stets nur seinen
Leidenschaften frönend, alles auf der Erde zu deren Befriedigung ausbeuten
möchte.
[Lg.01_022,37] Allein eben weil das
Materielle nur zeitlich und oft nur momentan beglücken kann, weil rohe und
finster gewordene geistige Elemente nicht mit hohen, feinen sich vereinigen
können, und deswegen alles weltliche Glück von kurzer Dauer ist, so ist es die
notwendige Folge, daß erstens der Mensch durch Tausende von Mißverhältnissen
gedrängt, doch einsehen lernt: „Die materielle Welt genügt nicht, es muß eine
andere geben!“ – Und nachdem er doch trotz allen Leugnens am Ende auch gestehen
muß:
[Lg.01_022,38] „Es muß doch einen Jemand
geben, Der diese sichtbare sowie die geahnte unsichtbare Welt erschaffen hat“,
so daß er gezwungen wird, sich einen Gott zu schaffen, wenn er seinen inneren
Drang stillen will, da bei Mißzuständen kein weltliches Ding Ersatz geben kann,
da der Mensch ein geistiges Produkt und nur auf kurze Zeit in materielle Hülle
eingekleidet wurde, um darin als Prüfungsleben das an ihm haftende Gröbere
abzustreifen, um höherem Geistigen entgegenzugehen.
[Lg.01_022,39] Alles, was ihr seht, hat
geistigen Grund, hat höhere Tendenzen (Ziele) als bloß das flüchtige Leben;
eben darum müßt ihr auch alles vom geistigen Standpunkte aus betrachten. Die
Jammertöne, welche bis zu Mir erschallen wegen Plagen und Unglücksfällen,
zeugen nur von Unkenntnis der menschlichen Verhältnisse, von nicht geregelter
Auffassung, inwieweit Materielles, wenn man ihm zu sehr huldigt, nur geistiges
Übel hervorrufen kann und muß.
[Lg.01_022,40] Den Trost, daß hinter diesem
materiellen Leben ein geistiges ist, haben viele Menschen sich selbst geraubt,
weil sie wieder Menschen glaubten, statt Mir, der Ich es sogar für gut fand,
auf diesen Erdball Selbst herabsteigend, auch im allgemeinen Rettungs-Prozesse
sie nicht zu vergessen.
[Lg.01_022,41] Wenn also Klagen und Vorwürfe
kommen, wo Meine Regierung bekrittelt wird, so zeigt es klar, auf welch
schwachen Füßen die Ansicht von der Welt, wie sie eigentlich ist, steht.
[Lg.01_022,42] Alle können nicht in gleichen
Verhältnissen geboren, alle können nicht mit gleichen Talenten ausgestattet
werden; es muß Verschiedenheit herrschen, da eben in der Verschiedenheit das
Leben und der Fortschritt liegt!
[Lg.01_022,43] Nebenbei kommt noch dazu, daß
auf eurer Erde viele Geister aus anderen Welten die Prüfungsschule zu
Erreichung Meiner Kindschaft durchmachen wollen, welche natürlich nicht ohne
Mitgabe aus jenen Welten hier ankommen und manchmal für das eine oder andere
eine gewisse Vorliebe haben, ungeahnt, daß es einst in besseren und feineren
Organisationen von ihnen ausgeübt wurde.
[Lg.01_022,44] Diese, und deren gibt es
viele, werden es einst schon erfahren und erklärt finden, warum so mancher
geistige, ihnen unbewußte Drang sie stets zu der oder jener Beschäftigung
trieb, die zwar materiell war, aber doch unter dieser Hülle viel Geistiges
verborgen hatte.
[Lg.01_022,45] Ich als Gott und höchste Liebe
schuf die Welt, schuf die einzelnen Sonnen und Erden. Aber diese Liebe darf
nicht nach euren Ideen von Liebe beurteilt werden; diese Meine Liebe ist eine
ganz andere, welche zu verstehen euch nicht möglich ist, wohl aber sie euch
ahnen zu lassen Ich keine Mittel scheue, da nur aus dem Verständnisse dieser
Liebe die richtige Beurteilung alles Seienden sowie die Ereignisse eures menschlichen
Lebens beurteilt werden können.
[Lg.01_022,46] Meine Liebe ist eine
allgemeine in dieser Hinsicht, weil sie nur die großen Zwecke einer Schöpfung
im Auge behalten muß, denen alle anderen sich unterordnen müssen. Liebe, wie
Ich sie verstehe, vergißt auch den Wurm nicht und nicht den fühllosen Stein,
und noch weniger die größeren und feiner ausgebildeten Wesen; aber diese Liebe
hat andere Gesetze, hat andere Absichten, hat andere Zwecke.
[Lg.01_022,47] Wenn nicht Meine Liebe wäre,
wie sie eben ist, so müßte Ich ein Rache-Gott sein, wie Mich bei euch so manche
Menschen machen möchten, Ich wäre dann ein strenger Richter, ein unerbittlicher
Bestrafer, lauter Eigenschaften, die ihr nach euren Gesetzbüchern erlernt habt;
die aber in Meinem Gesetzbuche nicht stehen.
[Lg.01_022,48] Eben aus Liebe verwandle Ich
alles Böse, was die Menschen einander antun, in Gutes; eben aus Liebe richte
Ich nicht, fahre nicht mit Bannflüchen und Donnerkeilen zwischen streitende
Menschen.
[Lg.01_022,49] Die Menschen machen sich die
Übel nur selbst, und Mein Geschäft ist kein anderes, als das tröstende Wort aus
einer besseren Welt in die Brust der Bedrängten einfließen zu lassen; wohl
ihnen, wenn sie es beachten, was leider selten der Fall ist, daher die Klagen
und Vorwürfe, die man Mir macht.
[Lg.01_022,50] Allein deswegen bleibt die
materielle Welt wie die geistige doch die gleiche, sie ändern ihre Gesetze
nicht, sondern der Mensch bestraft sich nur selbst, der dagegen fehlt!
[Lg.01_022,51] Das was dem Anschein nach unverschuldetes
Leiden ist, dieses ist oft, wie bei Krankheiten, eine nötige Medizin, wo im
allgemeinen die bittersten am ehesten kurieren; nicht daß Ich sie schicke,
sondern Ich könnte helfen, tue es aber nicht, eben weil Meine Ansichten und
Zwecke mit den Menschenseelen andere sind, als wie das bedrängte Menschenkind
es sich einbildet.
[Lg.01_022,52] Es stirbt kein Mensch, weil
Ich es will; es geschieht kein Unglück, weil Ich es will; es wird keiner in
armen und keiner in reichen Verhältnissen geboren nach Meiner Idee; alles
dieses lasse Ich nur zu. Der Mensch ist frei, und so kann er tun, was er will;
er kann sich durch regelmäßiges Leben dasselbe verlängern, durch unregelmäßiges
verkürzen; Glück und Unglück – wenn sie über die Menschen hereinbrechen, aus
von ihnen selbst hervorgerufenen verkehrten Anordnungen – sind eine Schule für
die Menschheit, wodurch sie für Mich erzogen werden, so daß es Mir dabei
möglich ist, geistig auf sie einzuwirken, das heißt, daß sie endlich doch auch
Meine Stimme hören, was zwar früher ebenfalls hätte sein sollen, aber eben
nicht geschehen ist.
[Lg.01_022,53] Ob reich oder arm geboren,
jeder kann in seiner Stelle „Mein Kind“ werden, sich nach und nach reif machen
für eine andere längerdauernde Geisterwelt, seine Armut kann ihm zu reichen
Geistesschätzen verhelfen, während der Reichgeborene seine materiellen
Reichtümer verlieren kann, ohne daß sie durch Geistiges ersetzt werden.
[Lg.01_022,54] Überall finde Ich Mittel,
Meinen Zweck zu erreichen. Ich benutze bloß die Umstande, führe sie aber nicht
herbei. Dieses überlasse Ich dem Menschen, der so gern sich stolz den „Herrn
der Erde“ nennt und alles zu regieren und zu unterjochen wähnt, während er
selbst gleich einer Windfahne durch alle geistigen Strömungen, die durchs
Weltall gehen, unbewußt bald nach dieser, bald nach jener Richtung segelt,
stets sein zeitliches materielles Glück suchend, ohne zu bedenken, daß mit dem
einen selten das andere – das geistige, länger anhaltende – zu vereinbaren ist!
[Lg.01_022,55] Daher, Meine Kinder, klaget
nicht Mich an!
[Lg.01_022,56] Ich bin Der, welcher alle
Schuld in den Sand schreibt, nicht flucht, nicht haßt, nicht vergilt, sondern
stets bereit war und ist, Balsam auf klaffende Wunden zu streuen. Ich bin nie
ein ungerechter Gott gewesen, ebensowenig ein strenger Vater gegen Meine
Kinder!
[Lg.01_022,57] So wie ihr nun seid, habe Ich
euch ja nicht geschaffen, sondern zu dem habt ihr euch selbst gemacht. Und wenn
Ich jetzt komme und eure Leitung wieder direkt in die Hand nehme, so ist es,
weil es Mir zu bunt wird, weil Ich nicht zusehen kann, wie die Menschen sich
und ihr ganzes ferneres Dasein so ganz mißverstehen und mißachten, keinen
Glauben, keine Liebe und keine Furcht vor Mir haben. Ich muß nun alle Mittel
anwenden, um die Verirrten zum rechten Wege wieder zurückzuführen!
[Lg.01_022,58] Das geistige Element wird zu
sehr in den Hintergrund gedrängt, zu sehr vergessen und verleugnet; daher diese
Übelstände, Unglücke nach allen Seiten, und wenn dabei so mancher Leidende zu
Mir aufschreit, was ein Zeichen ist, daß er wenigstens noch an Mich glaubt, so
ist es an Mir, ihm doch mit wenigen Worten zu zeigen, daß sein Leiden nicht von
Mir kommt, sondern daß, will er Trost für diese Plage haben, er solchen nur bei
Mir finden kann!
[Lg.01_022,59] Daher eben auch dieses Wort;
denn so manches könnte sich ereignen, was die im Anfang angeführten Vorwürfe
auch von euch zu hören Veranlassung geben könnte, und damit dieses nicht
geschehe, damit ihr, ehe ihr den Mund zum Klagen aufmacht und eure Stimme zu
Mir erhebt, ihr doch bedenken möget, wer anzuklagen ist, Ich, der ewigliebende
Vater, oder er, der nur nach der Sättigung seiner Leidenschaften drängende,
verirrte Mensch!
[Lg.01_022,60] So nehmet dieses Wort, und es
wird euch wieder einen ruhigen Blick in das wirre Getriebe der Menschen selbst
machen lassen! Amen!
23. Kapitel – Das kosmische Leben.
14. Juli 1876
[Lg.01_023,01] Schon manches habe Ich euch
gesagt in bezug auf Leben, habe es euch in verschiedenen Phasen gezeigt, wie es
sich äußert und was es eigentlich ist, und doch bleibt stets noch etwas darüber
zu sagen übrig, wie dieses Leben als scheinbare Ausströmung einer geistigen
Potenz eigentlich nichts anderes ist, als die Willenskraft aus Mir, die sich in
Millionen verschiedener Äußerungen kundgibt!
[Lg.01_023,02] Um euch nun auch in dieses
geistige Leben einzuführen und euch noch deutlicher den Unterschied zwischen
Geist und Materie zu zeigen, so soll dieses Wort unter dem Titel „kosmisches
Leben“ euch das geistige Leben im allgemeinen und ferner auch im einzelnen
näher erklären, wie es immer dasselbe Prinzip, dasselbe Motiv ist, welches vom
kleinsten Ätheratom angefangen bis zum höchsten Engelsgeist nur Mein göttliches
Wesen ist, welches auf verschiedenen Stufen und in verschiedenen Formen sich
äußernd, nach Entwicklung und Vervollkommnung ringend, den geistigen
Fortschritt erweckt, ihn bedingt und als Leben in allem sichtbar auftritt.
[Lg.01_023,03] Wenn Ich sage „kosmisches
Leben“, so nehme Ich den Begriff so, wie dieses aus der altgriechischen Sprache
hergeleitete Wort es bezeichnet und ein „allgemeines, das ganze Universum
umfassendes Leben“ besagen will.
[Lg.01_023,04] Denn alles, was existiert, muß
einen Grund-Gedanken gehabt haben, warum es erschaffen wurde, zu was es
bestimmt war, und zu was es endlich auch führen soll!
[Lg.01_023,05] Gemäß euren wissenschaftlichen
Forschungen und deren regelmäßigen Untersuchungen bestreben sich auch eure
Gelehrten, alles auf den letzten Grund zurückzuführen, auf die letzten und
einfachsten Grundkräfte, welche alles bewegen und zu Ende führen. Und so will
auch Ich euch eben diesen letzten Motor aufdecken, welcher der Grund oder die
Basis alles Wesenden ist und alles zur weiteren Entwickelung nach und nach
vorbereitet.
[Lg.01_023,06] Wenn ihr das ganze Universum
mit geistigem Auge betrachtet, mit der Kraft des Gedankens das Gebiet des
unendlichen Ätherraumes durchfliegt, so werdet ihr darin nichts anderes
entdecken können als „Äther-Atome“ oder allerfeinste Bestandteile von
materiellen Stoffen, aber eure Werkzeuge wie Mikroskope, Elektrometer usw.
würden nie imstande sein, diese eurem fleischlichen Auge bemerkbar zu machen.
[Lg.01_023,07] Diese feinsten Ätherteilchen
haben alle in ihrem Zentrum einen Ableger geistigen Inhaltes von Mir, von
Meinem Wesen, welcher ihnen dadurch die ewige Fortdauer und den immerwährenden
Trieb nach Entwicklung, Erhaltung und Fortschritt einprägt. Ein geistiger
Partikel Meines Ich ist in jedem Atom, so wie, um es euch deutlicher zu machen,
etwas in eurem Organismus innerlich und äußerlich bis in die letzten und
feinsten Ausläufer eures Nervensystems als Gefühl in der Haut besteht, welches
als seelisches Prinzip keinen anderen Zweck hat, als den Körper zu bilden, ihn
zu erhalten, und ihn zu vergeistigen.
[Lg.01_023,08] So wie nun eure Seele im
Bereich eures Körpers allwissend ist, eben wegen des feinen Nervenfluidums,
welches euren Körper durchströmt und selbst noch als Dunsthülle (Atmosphäre,
Außenlebensäther) von außen euch umgibt, so ist auch in jedem Ätheratom etwas
von Mir, und dadurch, wie Ich es in einem andern Wort anführte, gibt es keinen
Punkt in dem sicht- und unsichtbaren Reich Meiner geistigen und weltlichen
Schöpfung, wo Ich nicht stets gegenwärtig wäre, alles sehe und fühle, was sich
ereignet.
[Lg.01_023,09] Auf dieses gründet sich eben
die sogenannte Allwissenheit und Allgegenwart, wie ihr sie ebenfalls in eurem
Körper habt, nur mit dem Unterschied, daß das geistige Leben in euch, die Seele
und der Geist das Physische und Psychische aufbauen, wo bei Mir das erstere
hinwegfällt, da Ich keine Materie, sondern nur Geistiges sehe, auch da wo ihr
Elementarstoffe zu entdecken glaubt.
[Lg.01_023,10] Nun, um wieder zu den
Äther-Atomen zurückzukehren, so muß Ich euch vorerst erklären, wie dieses Atom
beschaffen ist, was es für eine Mission hat, und welches sein Zweck ist, warum
es existiert! Nun höret also:
[Lg.01_023,11] Ein Äther-Atom ist, wenngleich
nach euren Begriffen ein unkörperliches, oder mit gelehrtem Ausdrucke
bezeichnet, ein imponderables Ding; aber doch ein für sich Abgeschlossenes,
Begrenztes, da es sonst ohne Grenzen sich wieder in etwas anderes auflösen
müßte.
[Lg.01_023,12] Ein solches Atom hat also
trotz seiner Kleinheit doch Dimensionen der Breite, der Tiefe und Länge, wie
jeder Körper.
[Lg.01_023,13] In diesem Atom ist ein Funke
von Mir eingeschlossen; denn Ich habe es erschaffen, es muß also etwas von Mir
und ebendeswegen nur Meine Eigenschaften besitzen.
[Lg.01_023,14] Es ist in ihm der Trieb des
Weiterbildens, und da ein jedes Atom in quantitativer und in qualitativer Beziehung
von anderen Atomen verschieden sein muß, um alle Elementarstoffe darzustellen,
welche zur Erschaffung des Universums nötig sind, so entwickelte sich zwischen
den Atomen mittels ihrer sie umgebenden Dunsthüllen die Assimilation und die
Assoziation; wo sodann (wie bei vielen Insekten die Fühlhörner) (nach Abschrift
Joh. Busch korrig.) die respektiven (jeweiligen) Dunsthüllen das Homogene
(Gleichartige) anziehen und das Heterogene (Fremdartige) abstoßen.
[Lg.01_023,15] Auf diese Art bildeten sich
aus Atomen Moleküle, aus diesen Zellen und Kristalle; es entwickelte sich
Wärme, Licht und Leben und beschleunigte die Bildung größerer Körper.
[Lg.01_023,16] Nach Bildung der Weltkörper
begann sodann das organische Leben, aus diesem das Geistige und aus dem Geistigen
das Streben, dem Göttlichen ähnlich zu werden, wodurch endlich der in die
kleinsten Atome gelegte Gottesfunke stufenweise dahin wieder zurückkehren muß,
von wo er ausgegangen ist.
[Lg.01_023,17] Daß natürlich da, wo Ich
lebende Wesen erschaffen will, Ich ihnen vorerst einen Wohnort und einen Trieb
geben mußte, der sie fähig machte, als einzelne Wesen inmitten der ganzen
Unendlichkeit ihren geistigen vorgezeichneten Lebensweg zu gehen, das versteht
sich von selbst.
[Lg.01_023,18] Da Ich aber neben der
Eigenschaft als Schöpfer, wie ihr es aus vielen Meiner Worte wißt, auch nur die
Liebe in Person bin, und Liebe nur darin besteht, andere glücklich zu machen
und im Glücke anderer, in ihrer Seligkeit seine eigene wiederzufinden, so mußte
Ich als Gott der Liebe euch Wohnorte der Seligkeit erschaffen, mußte die Wesen
selbst als Ebenbilder Meines Ich mit Formen ausstatten, die die Liebe als
Göttliches in denselben ausdrücken sollten. Und so entstanden aus den kleinen
Ätherteilchen die Welten, und nach ihrer materiellen Ausbildung erst die
lebenden Wesen, die alle gewisse Eigenschaften Meines Ich repräsentierten, wo
dann, wie zum Beispiel bei euch auf Erden, der Mensch als der Schlußstein der
materiellen Schöpfung in seiner Mission als Erdenmensch die nächste geistige
Stufe als künftiger Bewohner eines Geisterreiches anbahnen muß, da kein Sprung,
sondern nur ein sanfter Übergang von einer Stufe zur andern, der allmähliche
Fortschritt in Meinem Reiche bedungen ist!
[Lg.01_023,19] So formten und bildeten sich
auch die Welten aus dem ungeheuren Vorrate im Ätherraum, und ebendeswegen das
Herumkreisen derselben, welches durch die Reibung, mit welcher sie sich
fortbewegen, Wärme und Licht entwickelt, die feinsten Atome aus ihrer Ruhe
aufjagt und sie zur Amalgamierung (innigen Verbindung) zwingt, wo sie in ihren
großen Zeitumläufen durch Regionen geführt werden, wo das Verbrauchte stets
wieder Neues findet, und zwar meistens dasjenige, was in früheren Stellungen
nicht vorhanden war.
[Lg.01_023,20] Das Umkreisen einer Welt um
die andere, das sich Umherschwingen um ihre eigene Achse hat keinen andern
Zweck, als durch diese beiden Bewegungen Leben zu erwecken und Leben zu
verbreiten!
[Lg.01_023,21] Sehet, überall regt sich
dieser Trieb, nicht in Ruhe zu lassen; denn alles, was eine Schwere besitzt,
sucht einen Ruhepunkt und würde auch dort verbleiben, wenn nicht entweder im
Innern der Zersetzungsdrang oder die Einflüsse der Außenwelt stets an seinem
Bestande rütteln würden.
[Lg.01_023,22] Bewegung ist Leben, und dieses
Bewegen, sei es das große kreisförmige der Welt, sei es das vibrierende des
Lichtes und der Wärme, alle müssen dazu beitragen, den Gegenstand oder das
Wesen aus seiner Lethargie herauszureißen, es zur weiteren Entwicklung, zur
Neugestaltung zu zwingen, da nichts Geschaffenes bleibend ist, sondern stets
sich verändernd fortschreiten muß.
[Lg.01_023,23] So bildeten sich die Millionen
und Millionen von Sonnen und Welten im großen und weiten Ätherraum, so bilden
sich noch jetzt die Kometen als erste Anfänge ganzer Weltensysteme, umkreisen
in langen elliptischen Bahnen ihren großen Zentralkörper, aus welchem sie
hervorgegangen sind. Und so hat das scheinbar materielle Reich den Keim des
Weiterbildens in sich, bis auch die Welten, sie mögen so groß sein als möglich,
ihren Zyklus vollführt, alles in ihnen vergeistigt, verfeinert haben und andere
Verbindungen eingehen, um dann als höherstehende Weltkörper ganz natürlich auch
für höhere geistige Wesen Wohnorte zu bilden.
[Lg.01_023,24] Wie die Materie von Stufe zu
Stufe das in ihr wohnende Leben ausbildet, bis auch sie vom groben Sichtbaren
zum feineren Ätherischen übergehen kann, ebenso bilden sich die Wesen aller
Art, welche sich gradatim (stufenweise) vervollkommnen müssen, weil die
Wohnorte für sie mit ihrem geistigen Zustande korrespondieren sollen.
[Lg.01_023,25] Wie Ich einst sagte: „In
Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“, so wiederhole Ich es jetzt: „Ja,
sehr viele Wohnungen oder geistige Aufenthalte gibt es, wo die analogen
(gleichartigen) geistigen Wesen jene Seligkeiten genießen werden, die ihrer
eigenen Geistes-Konstitution angemessen sind, und die da so beschaffen und so
eingerichtet sind, daß sie neben dem stetigen Genusse auch das Vorgefühl von
größeren Seligkeiten und reineren geistigen Wohnorten haben können, da bei Mir
kein Stillstand möglich, sondern eine stets größere Annäherung zu Mir das
Gesichtsfeld immer weiter eröffnet, weil Ich unendlich bin und Meine Welt
denselben Charakter tragen muß.“
[Lg.01_023,26] So sehet ihr das kosmische
Leben, angefangen im kleinsten Ätheratom, sich hinaufringend vom unbewußten
Materiellen zum geistig sich selbst bewußten Engelsgeist, der mit einem Blick
die materielle Welt überschauend, Meine Ideen fassen kann und auch die Macht
besitzt, dieselben auszuführen.
[Lg.01_023,27] So bestehen diese
Welten-Inseln als „Hülsengloben“, deren es unzählige gibt, die alle immer
wieder als ein abgeschlossenes Ganzes im großen Ganzen ihren Entwicklungsprozeß
machen müssen.
[Lg.01_023,28] So bestehen diese großen
Welten mit ihren analogen Geschöpfen, wo eure Phantasie nicht hinreicht, weder
ihre Entfernung noch ihre Größe zu ermessen, welche alle, obwohl durch große
Entfernung voneinander getrennt, im großen Äther-Raum eine Selbstbewegung
haben, um die auf ihnen lebenden Wesen und Bewohner zu ferneren Zwecken
auszubilden und zu vervollkommnen, damit, wenn das materielle Reich einst
seinem Ende entgegengeht, nur großartigeres Geistiges aus dem Vorhandenen
hervorgehen kann.
[Lg.01_023,29] Daher sagt die Schrift: „Bei
Mir sind tausend Jahre gleich einem Tage!“ Ich aber sage euch: „Bei Mir sind
Millionen Jahre nur ein Augenblick!“, denn unzählige materielle Welten kreisen
in der großen Schöpfung umher, wo Millionen von Jahren nicht zu zählen sind,
welche vergingen, bis sie sich zu Welten gestalteten, bis sie ihre Planeten und
Kometen bildeten, und bis sie sich soweit vervollkommneten, um Wohnorte für
fühlende Wesen zu werden.
[Lg.01_023,30] Eure Lebensjahre, der Umlauf
eurer Erde um die Sonne, die ganze Umlaufszeit eures Sonnensystems um seinen
Zentralpunkt, alles dieses ist weniger noch als eine Sekunde auf der großen
Zeitenuhr, wo Meine kosmische Schöpfung ihre Dauer oder ihre Existenz
aufgezeichnet findet.
[Lg.01_023,31] Daher euer Erstaunen und eure
Bewunderung beim Betrachten Meiner Schöpfung, weil ihr einen zu kleinen Maßstab
anlegt, um die Schöpfung eines Gottes, eines unendlichen Wesens zu beurteilen
oder zu bemessen.
[Lg.01_023,32] Es gibt Sonnensysteme und
ganze Hülsengloben, von wo der Lichtstrahl Millionen Jahre braucht, um zu euch zu
gelangen. Was wisset ihr von diesen Welten, wie groß müssen sie sein, daß sie
nur als kleinste Sterne für euch sichtbar werden! Wo ist eure Rechenkunst, die
diese Entfernung in Zahlen begreift oder aussprechen kann, wo eure Phantasie,
welche die Größe solcher Welten zu denken und auszumalen wagt!
[Lg.01_023,33] Und doch, Meine Kinder, auch
diese Welten sind noch nicht die letzten Marksteine Meiner Schöpfung. Weit
hinter diesen entfernten Welten stehen noch Weltensysteme, deren Strahl noch
lange nicht bis zu euch gedrungen ist, und es werden vielleicht eure Erde und
Sonne nicht mehr bestehen, ehe ein Lichtstrahl von dort den Platz durchfliegt,
wo einst euer Sonnensystem kreiste.
[Lg.01_023,34] Erhebet euch, und fasset diese
Größe, wenn auch nur der materiellen Welt, vertiefet euch in den Begriff der
Allmacht, die dieses schuf, und zwar mit wenig Mitteln, mit Attraktion
(Anziehung) und Repulsion (Abstoßung), mit Licht und Wärme; begreifet diesen
Herrn und Schöpfer, in dessen Auge eure Sonne mit all ihren Planeten und
Kometen nur als ein Punkt erscheint! Der, wäre Er nicht, was Er wirklich ist,
ein Vater Seinen Kindern, schon längst ein Geschlecht wie das eurige hätte in
Verfall kommen lassen müssen, welches nach alle dem, was Er schon für dieses
getan, so widerspenstig und abtrünnig sich gegen Ihn benimmt; begreifet diese
Liebe, welche, wie er einst sagte, „die Sonne über Gute und Böse alle Tage
aufgehen läßt“, und welche die Menschen trotz aller Verirrungen und
Verleugnungen des Göttlichen doch in jeder Sekunde mit Millionen von Gnaden
überhäuft!
[Lg.01_023,35] Begreifet diesen Gott, Der zu
euch schwachen Geschöpfen einst in Menschengestalt vom Himmel herabgestiegen
ist, Der euch Lehren der Liebe, der Duldsamkeit, der Verzeihung hinterließ;
vertiefet euch in den Gedanken Seiner Größe, Seiner Macht, Seiner unendlichen
Schöpfung, und bemesset aber dabei auch, was es heißen will, daß Er, dieser
unendliche Schöpfer und Herr, euch nichts von diesen euch erdrückenden
Attributen (Eigenschaften) fühlen lassen, sondern daß Er nur euer Vater, euer
liebender Führer sein will, und Der jetzt sogar schon längere Zeit mit euch
direkt verkehrt, euch zu Sich zu ziehen versucht, euch alle Geheimnisse Seines
Ich, Seiner Schöpfung erklärt und aufdeckt, und nur deswegen, damit ihr Ihn
liebenlernen, damit ihr euren geistigen Weg leichter finden sollt, welcher
allen vorgezeichnet ist, die von Ihm und durch Ihn geschaffen wurden!
[Lg.01_023,36] Dieses alles bedenket, und
wenn ihr in ruhigen Stunden euer Herz zu Ihm erheben wollt, so trachtet,
solches Seiner und euer würdig zu tun; denn nur so könnt ihr Erhörung eurer
Wünsche von Ihm erwarten; denn „Er ist ein Geist, und wer Ihn anbeten will, der
muß Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“
[Lg.01_023,37] Vor mehr als tausend Jahren
sprach Ich dieses aus, und noch begreifet ihr es nicht, verliert euch in
weltliche Sorgen, bittet Mich um nichtssagende Dinge, und vergeßt dabei ganz,
daß ihr Abkömmlinge von Mir, einst Teilnehmer geistiger Seligkeiten, andere,
höhere Missionen und Endzwecke habt, als gerade in diesem irdischen Leben an
flüchtigen Dingen zu hängen und darin euer ganzes Heil zu suchen!
[Lg.01_023,38] Daher die Enttäuschungen,
daher die nichterfüllten Hoffnungen; denn ihr habt nie Mich, noch Meine Welt
verstanden, habt nie begriffen, daß Ich andere Absichten mit euch habe, welche
oft euren Wünschen zuwiderlaufen müssen, weil ihr oft Nebensachen als
Hauptsachen nehmt!
[Lg.01_023,39] Ihr kennet, trotz aller Worte,
die Ich euch bis jetzt zuteil werden ließ, noch nicht, was es heißt: „geistig
leben“, was es ist: „kosmisches Leben!“
[Lg.01_023,40] Dieses allgemeine Leben,
welches das Grundgesetz der ganzen Schöpfung ist, worin ein jedes Warum seine
Enträtselung findet, ihr kennet es nicht!
[Lg.01_023,41] Würdet ihr diese großen
Gesetze ganz durchschauen können, ihr würdet bei weitem leichter begreifen, daß
kein Wesen sich diesen Gesetzen entziehen kann, und daß jeder Übergehung
(Übertretung) derselben die Strafe auf dem Fuße folgen muß.
[Lg.01_023,42] Solange ihr nicht fähig seid,
euch mit großen, tiefen Ideen zu befassen, bleibt ihr an der Scholle dieser
kleinen Erde hängen, habt nur einen kleinen Gesichtskreis zu überschauen, der
nicht über euer häusliches Leben hinausreicht.
[Lg.01_023,43] Deswegen Meine Worte, Meine
Mahnungen, Meine Erklärungen; deswegen Meine vielfachen Aufdeckungen, wie durch
das Kleine nur das Große erreicht werden kann, damit ihr Mir folgen sollet,
damit ihr auch in eurem irdischen Leben klein werdet, um sodann geistig groß zu
wachsen und euch zu erheben und euch hinaufzuschwingen auf jene Höhe des
menschlichen Begriffes, wo ihr klar und ruhig den Bildungsverlauf der
materiellen Welt in den kosmischen Gesetzen, aber auch deutlich erkennen
lernet, wie selbst diese Gesetze geistig und unendlich für den materiellen Anfang,
erst in der geistigen Vollendung ihren Kulminationspunkt (Höhepunkt) finden, wo
von Stufe zu Stufe vorwärts schreitend, stets euch Mir nähernd, ihr erst
erkennen werdet, was Ich als Schöpfer bin!
[Lg.01_023,44] So bedingt sich die Liebe dann
von selbst, wenn sie auf Achtung gegründet, nur die natürliche Folge der
letzteren ist, da, wenn man den Meister aus Seinen Werken erkennen gelernt, es
erst recht begriffen werden kann, welche Eigenschaften Ihn zieren müssen, und
warum bei solcher Macht noch so viel Güte und Liebe vorwaltend ist!
[Lg.01_023,45] So nehmet dieses Wort wieder
aus Meiner Hand, es ist die Vaterhand, welche euch zu Mir hinaufziehen möchte,
verschmähet sie nicht, denn sonst wird der Schaden nur auf eurer Seite sein!
Amen!
24. Kapitel – Zucker, Salz und Essig.
1875, an Pfingsten
[Lg.01_024,01] Sehet, Meine Kinder! Hier gebe
Ich euch drei Worte, die Dinge bezeichnen, welche ihr alle wohl kennt und doch
nicht wisset, was sie, die bezeichneten Stoffe nämlich, in der materiellen
Natur eigentlich für eine Rolle spielen, und noch weniger aber, was sie geistig
entsprechend vorstellen.
[Lg.01_024,02] Damit also wieder ein neuer
Bereich in den Naturgegenständen eurer sichtbaren Erde euch geliefert oder
aufgeschlossen werde, und damit ihr wieder, wie schon oft, von neuem sehen und
erfahren möget, welch wichtige Eigenschaften oft in Dingen verborgen liegen,
die, eben weil ihr sie alle Tage vor Augen habt und sie alle Tage zu
verschiedenen Bedürfnissen braucht, gerade nichts Auffallendes für euch haben,
so soll mit diesen drei Dingen, Zucker, Salz und Essig, ein neuer Beweis
gegeben werden, wie sehr das Geistige mit der Materie verbunden, durch sie
ausgedrückt und in ihr enthalten ist, damit ihr verstärkt erkennen möget, wie
sehr der Mensch sich befleißen sollte, die geistige Struktur der ganzen Welt zu
erkennen, welche Erkenntnis ihn sodann viel zur richtigen Beurteilung Meines
Selbst leiten kann!
[Lg.01_024,03] Sehet, der Zucker oder
Zuckersaft findet sich im Pflanzenreich überall vor, auch im Tierreich, und
selbst in der menschlichen Organisation fehlt er nicht.
[Lg.01_024,04] Der Zuckersaft oder der süße,
im allgemeinen eine angenehme Empfindung bei seinem Genusse hervorbringende
Saft ist so in der Natur verteilt, daß es beinahe kein lebendes Geschöpf gibt,
welches nicht dessen Annehmlichkeiten kennt.
[Lg.01_024,05] Die vielen Pflanzen, welche in
ihrer Organisation die Fähigkeit besitzen, den Zuckerstoff aus der Erde zu
ziehen, auf welcher sie wurzeln, sie sind wieder die größten Ernährer vieler
Tiere, welche diesen so bereiteten Zuckerstoff in Blumen oder Früchten zu ihrem
eigenen Unterhalt sammeln, verzehren und verarbeiten.
[Lg.01_024,06] In den Früchten, und in
früherer Zeit selbst in den wenigen Arzneimitteln, welche die Menschheit kannte,
spielte der zuckerhaltige Nahrungsstoff die Hauptrolle, während in jetziger
Zeit, bei der Verkommenheit der menschlichen Rasse, die Gifte an seine Stelle
gesetzt worden sind.
[Lg.01_024,07] Zuckersaft oder zuckerhaltige
Substanzen waren die Ausgleicher bei Krankheiten, waren die mildernden
Hilfsmittel, welche den meisten lebenden Wesen bis auf den Menschen ihr
materielles Leben sozusagen versüßten, solange ganz natürlich dessen Gebrauch
mäßig oder geregelt war; denn ausschließlich von zuckerhaltigen Substanzen
leben zu wollen, vermag weder Mensch noch Tier.
[Lg.01_024,08] Nachdem ihr nun seht, wie der
Zuckersaft, welcher durch künstliche Fabrikation aus den Pflanzenstoffen
ausgezogen, in kristallisierter Form bei euren Nahrungsmitteln als Mischung
unter selbe so eine außerordentliche Wichtigkeit erlangt hat, so entsteht wohl
dann leicht die Frage: „Warum denn gerade der süße Saft, Zucker genannt, so
angenehme Genüsse beim Essen oder Trinken verursacht, während es doch auch
andere Stoffe genug gibt, die aus allen Reichen der Natur entnommen zu unserer
Nahrung verwendet werden, und die wohl vielleicht entbehrt werden könnten, wo
hingegen durch Mangel an Zuckersaft viele Speisen ganz ungenießbar sein
würden?“
[Lg.01_024,09] Nun, hierauf antworte Ich mit
einer andern Frage: „Was ist denn der Zucker, in geistiger Hinsicht
betrachtet?“ Und durch die Antwort auf diese Frage werdet ihr die obige Frage
ebenfalls beantwortet finden. Denn wenn ihr die Grundlage wisset, auf welcher
alle diese materiellen Erfahrungen, materiellen Wünsche und materiellen Gelüste
fußen, so werdet ihr leicht das Warum erkennen, weshalb mit Zucker versüßte
Speisen und Getränke euch so munden.
[Lg.01_024,10] Seht, der Zucker, geistig
entsprechend, repräsentiert in der materiellen Schöpfung die Liebe!
[Lg.01_024,11] Wie die Liebe nur das
Bestreben ist, angenehme Gefühle zu erwecken, zu erhalten und sie
fortzupflanzen, so ist der Zucker, als Beigabe zu anderen Dingen, der
Hauptvermittler, daß viele Stoffe genießbar werden.
[Lg.01_024,12] Die Liebe unter jeder Form
kann und muß den Menschen ihre Lage versüßen, und das tut entsprechend
ebenfalls der Zucker.
[Lg.01_024,13] Die Liebe mildert alle herben
Gefühle, streut Balsam auf offene Wunden, tröstet, beruhigt, gleicht aus und
macht manches erträglich, was sonst unerträglich scheint.
[Lg.01_024,14] Die Liebe ist und war der
Grundgedanke der Schöpfung, der Grundpfeiler Meines eigenen Ich, der
Hauptfaktor, um den Menschen zum Menschen zu machen.
[Lg.01_024,15] Ohne die Liebe wäre die Welt
ein Chaos, ein gesetzloses Konglomerat (Gemisch) von Stoffen und Elementen,
welche sich stets selbst bekriegen und zerstören würden.
[Lg.01_024,16] Die Liebe also ist, eben weil
im Geistigen die höchste Potenz, ebenfalls im Materiellen der mächtigste
Faktor, und so wie dem Menschen und selbst teilweise dem Tiere in seinem
Seelenleben Fakultäten (Fähigkeiten) gegeben wurden, die Liebe zu fühlen, zu
fassen, sie stets zu suchen, ebenso ist der Zuckerstoff in der ganzen Welt oder
das süße angenehme Gefühl, welches beim Genießen von Produkten der Erde dem
lebenden Wesen beigegeben ist, der Hauptfaktor, um das materielle vegetative
Leben zu versüßen und angenehm zu machen, und dieses angenehme Bewußtsein,
welches euer Gaumen dabei erhält, entspricht der Liebe, welche ebenfalls nur
versüßend oder liebend alles Unebene, alles Bittere ausgleicht. Und so seht ihr
im Zucker, sei es als natürlicher Saft oder künstlich erzeugt und
kristallisiert, den bildlich der Liebe entsprechenden Faktor, dessen Bereich
niemand entgehen kann, sondern dessen sanfte Wirkung alles Lebende aufsucht,
daran sich ergötzt und beim Schlürfen desselben, wie bei dem Gefühl der Liebe,
alles andere leicht vergißt.
[Lg.01_024,17] Und wer bereitet euch denn
diesen schmackhaften Zuckerstoff? Wer entlockt ihn der finsteren Erde? Wer regt
Pflanzen und Tiere an, ihn zu suchen und zu sammeln?
[Lg.01_024,18] Es ist der Sonnenstrahl, es
ist das Licht, als Erguß Meiner göttlichen Liebe, welche Ich in die unendliche
Welt ausströmen lasse, zur Freude, zum Genusse und zum Leben alles dessen, was
Ich erschaffen habe, damit alles Lebende im Lichte Meine Schöpfung sehe, und im
Lichte die Liebe als dessen Trägerin erkenne, die weit durch Äonen von Meilen
ihre Kraft mitteilt, alles anregt, schafft, erhält und zur Verwandlung, zum
geistigen Fortschritt zwingt!
[Lg.01_024,19] Was das Licht als Liebe
geistig, das ist im Materiellen der Zucker bildlich. Die sanften Worte der
unendlichen Liebe oder die sanft erwärmenden Strahlen des Lichtes, oder der
angenehme süße Geschmack in den Früchten, alles dieses ist gleichbedeutend;
Liebe heißt dieses große Wort, Liebe, wie ein Schöpfer sie hatte, als Er alles
dieses erschuf, Liebe, die dem Erschaffenen eingegossen, und Liebe, die selbst
noch in der starren Erde als Zuckersaft durch Sonnen- oder Liebe-Licht
herausgezogen, dem Genießer der Erdprodukte den nämlichen Genuß, den Geschmack
verursachen soll, den ein liebendes Wort, ein erwärmender Sonnenstrahl dem
Gefühl erweckt, wenn ein oder das andere Tieren und Menschen begegnet.
[Lg.01_024,20] So, Meine Kinder, erkennet im
süßen Zucker, daß ihr vorerst selbst aus Liebe-Elementen gemacht, das Liebliche
in der Natur instinktmäßig aufsucht, und daß zweitens, wenn ihr süße Früchte
esset, oder den Zucker mit Getränken vermischt zum Stillen eures Durstes
verwendet, es nur immer die Liebe ist, welche in tausenderlei Formen das
nämliche verlangt, bewerkstelligt und auszuführen bestrebt ist, was in dem
Worte lag, als Ich zur Grundbasis Meiner Schöpfung neben dem „Werde!“ das
„Licht“ betonte (1. Mose 1,3), weil Licht Liebe bedeutet, und nun Ich eben auch
durch die vielen Worte, die Ich euch gebe, Licht in euren Herzen machen will,
damit es seine eigene Licht-Welt erkenne, damit es begreifen lerne, daß selbst
in dem Unansehnlichsten, Alltäglichsten noch der große Schöpfer gefunden werden
kann, wenn ein der Liebe fähiges Herz seinen Vater als personifizierte Liebe
suchen will und daß es Ihn finden kann, wenn Licht und offenes Auge und
Verständnis der ganzen Schöpfung Hand in Hand gehen.
[Lg.01_024,21] Jetzt habt ihr also die
geistige Bedeutung des Zuckers, was er ist, wie ihr ihn ansehen sollt, wenn ihr
Mich begreifen wollt.
[Lg.01_024,22] Und jetzt wollen wir zum
Zweiten übergehen, zum Salze, welches dem Geschmack nach gerade das
Entgegengesetzte des Zuckers ist, und auch dort versuchen, was Geistiges hinter
ihm steckt, und wie seine Wirkung, sein Dasein selbst entsprechend ausgebeutet
werden kann, damit ihr Mich als euren Vater und als den großen Schöpfer der
großen Natur eben auch in diesem Mineral wieder erkennen sollet.
[Lg.01_024,23] Um also logisch diese Sache
anzufangen, so betrachten wir das Salz einfach, als was es sich zeigt, wo es
sich vorfindet, und warum es eben notwendig ist.
[Lg.01_024,24] Sehet, Salze gibt es
verschiedene, und so gut wie der Zucker emsig gesucht wird, ebenso wird
besonders bei Tieren und Menschen das Salz gesucht, da ohne dieses vieles nicht
zu genießen wäre, um so mehr, weil gerade bei der Zubereitung der Speisen in
eurer Küche ihr aus den Rohstoffen, die ihr dort chemischen Prozessen
aussetzet, durch das Kochen die in diesen Substanzen enthaltenen Salze
entfernt, und dann natürlich mit anderen Salzen, das heißt durch euer Kochsalz
sie wieder ersetzen müßt.
[Lg.01_024,25] Salz ist in beinahe allen
Teilen der Materie enthalten.
[Lg.01_024,26] Salz besteht als Mineral, und
Früchte und Pflanzen haben es auch, selbst der Zucker enthält Salz, sowie auch
im Blut, im Magen von vielen lebenden Wesen das Salz ein Haupt-Element ist.
[Lg.01_024,27] Nun fragt sich also wie
früher: „Woher dieses Begehren, woher diese unausweichbare Sucht nach Salz?“
[Lg.01_024,28] Sehet, hier ist wieder wie
beim Zucker die geistige Erklärung die Antwort auf das Vorkommen des Salzes in
der Materie.
[Lg.01_024,29] „Salze“ sind da entsprechend,
was „Leben“ im Universum ist, Salze sind Anreger, Anreger zur Erschaffung, zur
Erhaltung, zur Vervollkommnung.
[Lg.01_024,30] So ist das Salz das
entsprechende Element, welches Leben gebäret, Leben entwickelt, und Leben
stufenweise weiter führt.
[Lg.01_024,31] Daher das Salz als Reizmittel
von Tier und Menschen gesucht wird; daher das Salz in den Schächten der Erde
sich vorfindet, wo diese Ablagerungen als Magazine des eben für den Bedarf dort
Überflüssigen vorhanden sind, damit das Überflüssige im Innern der Erde zur Deckung
des Bedürfnisses der Außenwelt diene.
[Lg.01_024,32] Wie Meine Liebe die alles
ausgleichende Macht ist, so ist das Leben die alles anregende Kraft, welche das
aus Liebe Geschaffene zum Leben anregt, es zur Vervollkommnung zwingt, um es
nach Verwandlung und Verwandlung veredelt wieder dorthin zurückzuführen, von wo
es ausgegangen ist.
[Lg.01_024,33] Daher ist im Meer das Salz als
erstes Anregungsmittel noch heute in Masse vorherrschend, weil das Element des
Wassers (als verdichtete Luft) die Mutter alles Festen war und stets sein wird.
[Lg.01_024,34] Mein Machtwort „Es werde“,
Leben bezeichnend, schuf diesen Trieb, der stets fortbestehend sowohl die
Materie als die lebenden Wesen drängt, ihre Missionen, ihren Bildungszyklus zu
vollenden.
[Lg.01_024,35] Was das Salz als Reizmittel,
was das Salz als Verdauungsmittel, das ist das Salz geistig genommen im
menschlichen Leben, im Kampf mit der Welt und mit seinen eigenen
Leidenschaften; die Widerwärtigkeiten, die Mißgeschicke sind das Salz des
Lebens, was notwendig ist, ohne welches das Leben keinen Reiz hätte, wie die
Speisen keinen Geschmack ohne Salz hätten.
[Lg.01_024,36] Was im Organismus seine Organe
reizt oder anregt, ihre Funktionen leichter zu erfüllen, das ist das geistige
Salz der Mißgeschicke, welches Geister und Seelen stärkt, sie fähig macht,
Größeres zu leisten und der gesetzmäßigen Vervollkommnung leichter
nachzukommen.
[Lg.01_024,37] Und dieses Reizen, dieses
Anregen ist das Leben.
[Lg.01_024,38] Liebe kann sich nicht äußern
ohne das Leben; denn die Liebe will die Wirkung ihrer Tatkraft sehen, sie will
nicht umsonst alle Mittel angewendet haben ohne Resultat, Liebe will
Gegenliebe, und um diese zu erreichen, gehört Bewegung oder Tätigkeit, oder
Lebenskraft dazu, damit die Forderungen der schaffenden Liebe erfüllt werden
können.
[Lg.01_024,39] Dies ist der Zweck der Salze
in der Materie, sie bewirken Leben, helfen der trägen Materie zum Fortschritt
und bezwecken so den Grundtypus (Grundzug) der ganzen Schöpfung, wo Leben der
Hauptzweck, Liebe seine Hauptgrundlage ist.
[Lg.01_024,40] So sehet ihr, Meine Kinder,
wie ein unbedeutendes, euch allen bekanntes und täglich gebrauchtes Element,
geistig entsprechend aufgeklärt, ein wichtiger Faktor in der ganzen elementaren
Schöpfung werden kann, und eine Wichtigkeit erreicht, von welcher ihr gar keine
Ahnung hattet.
[Lg.01_024,41] Das Salz als Heilmittel ist
ebenso heilbringend, im rechten Maße gebraucht, und erhält die lebende Bewegung
in den Organen menschlicher und tierischer Körper, wie das „Salz des Lebens“
oder die weltlichen Verhältnisse die Tätigkeit und Lebenskraft der Seelen
erhöhen.
[Lg.01_024,42] So tragen beide Faktoren,
Liebe als Zucker und Leben als Salz, am meisten dazu bei, daß die einmal von
Mir geschaffene Welt in ihren ersten Grundprinzipien schon die Keime der
Ewigkeit hatte, indem alles aus sich selbst sich aufbauend entsteht, besteht
und sich verwandelt. –
[Lg.01_024,43] Es fehlt uns also noch das
letzte oben angeführte Wort, der Essig, seine Bedeutung im materiellen Leben,
sein Gebrauch und seine geistige Entsprechung.
[Lg.01_024,44] Nun fangen wir auch bei
diesem, ebenso wie bei den vorhergehenden an, seine Eigenschaften als „Essig“
zu definieren, wo wir dann seine Bestimmung und weiteren Gebrauch von selbst
herausfinden werden.
[Lg.01_024,45] Also, was ist Essig oder, wie
die Chemiker es benennen, „Oxos“? Woher dann „Oxydation“ hergeleitet ist; denn
ihr müßt nicht allein den Essig oder die Säure-Substanz nehmen, welche ihr in
der Küche und bei Getränken gebraucht, sondern dieses Wort als den allgemeinen
Ausdruck für den sauren Stoff auf alle Materie ausdehnen, wo ihr beim
„Oxydieren“ usw. ebenfalls diesen Stoffen begegnet, die mittels ihres
Verbindungs-Prozesses mit ihnen oxydierend, verändernd wirken.
[Lg.01_024,46] Das „Sauerwerden“ oder Oxydieren
ist eigentlich nichts anderes, als wenn ein Stoff oder eine Substanz an dem
Wendepunkt angekommen ist, in andere Formen oder Verhältnisse überzugehen, wozu
sie eben das Salz angeregt hat.
[Lg.01_024,47] So entsteht das Zersetzen in
andere Elemente, welche dann des früheren Verbandes ledig, andere
Wechselverbindungen eingehen.
[Lg.01_024,48] Selbst euer Tischessig ist
nichts anderes als ein zersetztes, früher anders geordnetes Ding, und so ist
die Oxydation diejenige Form, in welcher eine Verwandlung bewerkstelligt wird,
wo alle chemischen Teile andere Verbindungen eingehen können und müssen.
[Lg.01_024,49] Dieser Prozeß, der in der
ganzen Natur stets vor sich geht, da ein Zersetzen des einen ein Entstehen des
andern ist, weil im ganzen Universum nichts bleibend ist, selbst das Bilden
oder Ausbilden zu einer Form nur aus dem Zersetzen des Früheren hervorgehen
kann, so ist dieses entsprechend bezeichnet das, was in der Natur Oxydation, in
der geistigen Form als Fortschritt betrachtet, auch wirklich also ist.
[Lg.01_024,50] Fortschritt oder
Vervollkommnung ist das große Wort, ohne welches Meine Schöpfung nicht bestehen
könnte, Fortschritt bezeichnet auch der Flug der Zeit, auch die Stunden,
Minuten und Sekunden fliehen, und mit ihnen Millionen ausgelebte Produkte der
Welten vergehen, und aus ihrem Vergehen, aus ihrem Tod entkeimt eine neue Saat,
eine neue Frucht, wo alles vorwärtsdrängend vom Materiellen zum Geistigen, zum
Endpunkte alles dessen, zuerst zu Meinem Geisterreiche und dann zu Mir Selbst
sich drängt.
[Lg.01_024,51] Sehet, die Liebe schuf die
Welt, das Leben erhält die Geschaffene, und der Fortschritt, das Erschaffene
stets läuternd, führt der Liebe wieder zurück, was sie gebunden entsandte und
frei wieder sich nahen sieht.
[Lg.01_024,52] So ist es in der
unorganischen, und so in der organischen Welt. Süß und sanft sind die ersten
Anfänge, welche als Salz oder Leben im Zweiten zu reizen haben, damit es seine
Energie nicht verliere, und die immerwährende Oxydation, Resultat des
Reizmittel-Salzes, befördert eben durch die Zersetzung die Elementarstoffe von
Stufe zu Stufe, zu höheren, reineren, wichtigeren Verbindungen, wo endlich das
Materielle stets geistiger werdend, endlich eine feinere Überkleidung
erhaltend, dem Geistigen sich mehr und mehr amalgamiert (innig verbindet), bis
die gesamte Materie des ganzen Universums vergeistigt neue Verbindungen
eingehend, die Liebe als Seligkeit oder Zuckersüße stets stärker, das Leben
oder Salz stets intensiver und der Fortschritt oder die Oxydation stets leichter
werdend, die Verwandlung herbeiführen wird, welche sanft, ohne Reiz fühlen zu
lassen, eine ewige Glückseligkeit begründet, wo das Entstehen eine Seligkeit,
das Leben eine Wonne, und der Fortschritt ein Zustand ist, von dem ein in
körperlicher Hülle lebender Mensch sich keine Vorstellung machen kann; da
selbst nur die höchsten Geister ahnungsvoll begreifen, daß auch über ihnen noch
ein weites Feld liegt, wo von ihnen bis zu Mir noch zahllose Schöpfungen
ewigfort stattfinden werden, die stets fortschreitend die Genüsse erhöhen, die
Fernsicht des geistigen Auges erweitern, und jeder fühlenden Geistes-Seele nur
zu sehr beweisen werden, was eigentlich Unendlichkeit, was eigentlich die
höchste Liebe, was eigentlich das tiefste Leben, und was der ewige Fortschritt
ist; wo ebenfalls, wie im groben Materiellen, aus Grobem Feineres, aus
Materiellem Geistiges und aus Geistigem Göttliches entstehen kann, welches
wieder, die nämlichen Phasen durchmachend, im unendlichen Raum den unendlichen
Gott in Seiner unendlichen Liebe bei jedem Schritt gezeichnet findet!
[Lg.01_024,53] Daher trachtet auch ihr, die
ihr auf eurer kleinen Welt schon von Millionen von Wundern umgeben seid, wo
jede Minute, jede Sekunde euch Zeugen abgeben könnten; trachtet auch ihr, Meine
geliebten Kinder, diese Liebe eures Vaters zu begreifen, das göttliche Leben,
was in allem Wesenden von Minute zu Minute sich manifestiert, und den
Fortschritt, den ewigen Oxydationsprozeß zu begreifen, wie aus dem ersten
Liebesprozeß durch Licht und Wärme, durch Salze und Oxyde, selbst in der
materiell totscheinenden Natur, sich der ewige Gesetzesgang erfüllt, der die
Welten im leeren Raum unaufhaltsam vorwärts treibt, wo der große Liebes-,
Lebens- und Oxydations-Prozeß durch die Fortwälzung und Umdrehung um sich selbst
das nämliche bewirkt, wie im Schoße eurer Erde die Metalle und Erdarten, all
die verschiedenen chemischen Elemente, durch die Liebe hineingelegt, durch das
Salz als Leben zur Oxydation oder zum Fortschritt vorbereitet, den nämlichen
Gesetzgang gehen, wie im geistigen sich selbst bewußten Menschenleben, die
Liebe wirkend, das Leben reizend, und die Scheidung endlich oder Unterordnung
des Materiellen unter das Geistige, den nämlichen Fortschrittsprozeß bewirkt,
der aus dem Menschen einst einen großen Geist, wie Salze und Oxydation aus
einem plumpen Stein eine Pflanze, aus der Pflanze das Tier und aus dem Tiere
den letzten Schöpfungsakt dieser Erde, den Menschen hervorbringt; wo sodann
dieses letzte Glied der materiellen Schöpfung, als Bürger zweier Welten, die
Prozesse der materiellen und geistigen Ordnung auf dieser Welt durchgemacht,
dann in ein Geisterreich eintritt, wo zwar seine verfeinerten Sinne Dinge sehen
werden, wovon jetzt sein Herz keine Ahnung hat, aber auch Verhältnisse und
Forderungen an ihn herantreten werden, die auch ganz andere Aufgaben von ihm zu
lösen verlangen, als wie er sie bis jetzt gewohnt war.
[Lg.01_024,54] Auch dort existiert – „Zucker,
Salz und Essig“; aber der Zucker, wenngleich süßer als alle irdischen, muß erst
gewonnen werden, wenn durch die Essig- oder Säure-Gärung (oder Oxydation) das
Leben als Reizmittel oder „Salz“ die Tätigkeit erhöht hat, und es der reinen
Seele möglich wird, in jenen Sphären zu leben, die feinerer Oxydationsprozesse
fähig sind, aber auch höhere, intensivere Liebe dem geben, der durch das Salz
des geistigen Lebens angeregt, seine eigene „Oxydation“ überstanden hat, zur
Liebe geläutert und edel zurückkehrt, so wie die Liebe den Lohn angemessen
hatte, damit dann auch dem Sieger seine Krone gereicht werden könne!
[Lg.01_024,55] O wenn ihr wüßtet, was euch
dann erwartet, wenn ihr wüßtet, wie es errungen werden kann, und welche
Seligkeiten, welche Wonnegefühle dort stets behalten, nicht wie hier nur in flüchtigen
Momenten genossen werden; ihr würdet alles Mögliche tun, um ja ganz vorbereitet
dort anzukommen, wo der Grenzstein zwischen Materie und Geist ist, und wo dann
das Fortschreiten ein leichtes, sanftes, nur durch Liebe geleitetes ist!
[Lg.01_024,56] Sehet, euch große
Schöpfungsräume, große Schöpfungsgedanken, große Schöpfungsgesetze und
-prozesse oder Welten zu beschreiben, wäre vergebliche Mühe, um durch sie Mich
zu begreifen, ihr würdet höchstens vor Erstaunen vor Mir niederfallen, denn die
Welt ist zu groß, als daß ihr kleinen Menschen deren Distanzen, deren Größe
fassen könntet; allein in ganz nahen, euch oft unscheinbaren Dingen Meine
Größe, Meine Liebe, Meine Geduld und Sanftmut euch fühlbar zu machen, dieses
ist weit leichter, um damit zum Ziele zu gelangen. Denn gerade wenn ihr sehet,
daß Ich neben den großen Welten- und Sonnen-Komplexen auch die unbedeutendsten
Dinge so eingerichtet habe, daß auch in ihnen der nämliche Gottesgedanke sich
widerspiegelt, der euch im Sternenzelt in Erstaunen setzt, nur dann begreifet
ihr, daß Gott etwas anderes, Höheres, Größeres sein muß, eben weil für Ihn
alles gleich wichtig, und der letzte Wurm so wie die größte Sonnenwelt das
nämliche ist, wo überall Seine Liebe, Sein in alles eingepflanztes Leben und
Sein im ersten Schöpfungsakt bedungener Fortschrittsdrang ist, welcher alles
vorwärts drängt von Stufe zu Stufe, bis im Geisterreich das große Jenseits mit
anderen Gesetzen der Liebe, anderen des Lebens und anderen des Fortschritts ihm
beweisen wird, daß Zucker, Salz und Essig oder Liebe, Leben und Fortschritt nie
enden werden, so lange Gott mit Seiner Liebe, mit Seinem Lichte die Schöpfung
erleuchtet, erwärmt und zur Annäherung an Ihn anregt.
[Lg.01_024,57] Diese große Lehre aus diesen
drei kleinen Worten nehmet hin als Beweis Meiner Liebe, einer Liebe, die, ganz
verschieden von der eurigen, nur Vergessen, Verzeihen und Vergelten kennt.
[Lg.01_024,58] Machet also, daß Ich wenig zu
vergessen, zu verzeihen; aber viel euch zu vergelten habe, und ihr werdet der
Seligkeiten in Fülle genießen, wenn diese drei als Titel angeführten Worte
ihren Prozeß während eurer Lebensbahn erfüllt haben werden! Amen!
25. Kapitel – Wachsen.
13. September 1875, Triest
[Lg.01_025,01] Schon vor geraumer Zeit
wolltest du sowohl die Bedeutung dieses Wortes als den eigentlichen Begriff vom
Wachsen deinen Freunden und Schwestern auseinandersetzen; allein, bald mangelte
dir der Gedankenstrom, diesen Stoff so zu behandeln, wie er behandelt deinen
Brüdern zum Nutzen gereichen sollte.
[Lg.01_025,02] Nun, jetzt will Ich dir sowohl
dieses Wort als wie den Prozeß beim Wachsen in geistiger und materieller Weise
erklären, und mit dieser Erklärung wieder einen Baustein zum großen Bau der
geistigen Erkenntnis hinzufügen, damit ihr wieder erkennen möget, wieviel noch
von euch ungekannt ist, und wieviel, wollte man nur einzelne Vorkommnisse in
der Natur betrachten, noch zu beleuchten wäre, bei Dingen, die, eben weil ihr
sie alle Tage vor Augen habt, euer Interesse nicht im mindesten in Anspruch
nehmen.
[Lg.01_025,03] Wir fangen wieder bei der
Bedeutung des Wortes selbst an, und fragen ganz einfach: Was heißt eigentlich
„wachsen“?
[Lg.01_025,04] Wachsen heißt zunehmen, und
zunehmen will sagen: zu dem Bestehenden etwas hinzufügen, wodurch sodann in der
materiellen Welt der Gegenstand an Umfang (und Gewicht) gewinnt und in der
geistigen Qualität sich verbessert.
[Lg.01_025,05] Nun, ihr seht um euch herum
alles wachsen, und solange ihr jung seid, könnt ihr das Wachsen oder Zunehmen
selbst eures Körpers an euren Kleidern beobachten; aber das eigentliche
„Wachsen“, weder um euch noch in euch, versteht ihr deswegen doch nicht. Es
interessiert euch auch wenig, weil ihr gewohnt seid, dieses Treiben in der
Natur alle Tage vor euch zu sehen. Und doch, würdet ihr den Prozeß ganz kennen,
welcher vor sich geht beim Wachsen nur eines Grashalmes, ihr würdet bald
bemerken, daß beim Wachsen noch bei weitem mehr dahintersteckt, als euer
gewöhnlicher Weltverstand zu begreifen fähig ist.
[Lg.01_025,06] Selbst eure Gelehrten können euch
nicht zuviel über den Prozeß des Wachsens sagen, weil auch sie, trotz aller
mechanischen Mittel, doch den geistigen Apparat nicht begreifen können, der
beim Wachsen eines jedwelchen Gegenstandes oder Wesens die Grundbasis ist, um
so mehr, da sie beim Wachsen oder „Zunehmen“ auch im nämlichen Augenblick ein
„Abnehmen“ bemerken könnten, welch letzteres mit der Zeit und der Lebensperiode
gemäß vorherrschender wird und den Tod „des materiellen Lebens“ oder
Verwandlung in anderes herbeiführt.
[Lg.01_025,07] Um euch nun eine schwache Idee
zu geben von dem, was beim Wachsen eines Gegenstandes, sei er lebend oder
leblos, vorgeht, so muß Ich euch vorerst noch eine Frage beantworten, und diese
heißt:
[Lg.01_025,08] „Was treibt denn jeden
Gegenstand an, daß er wachsen will und muß?“
[Lg.01_025,09] Sehet, hier werden die
Gelehrten oder Naturforscher gleich mit der Antwort fertig sein, und diese wird
so lauten: „Es ist das Gesetz der Natur, das alles Geschaffene vervollkommnen
will, bis es den Standpunkt seiner höchsten Ausbildung erreicht hat!“
[Lg.01_025,10] Nun, mit dem „Gesetz der
Natur“ mag sich ein jeder zufriedenstellen, wenn er mag; aber wer geistig sich
ausbilden will, wer die Materie in ihren geistigen Geheimnissen belauschen und
erforschen möchte, wie sie dort geheimnisvoll in kleinen, euch unsichtbaren
Zellen, Gefäßen und Wesen den Lebens-Urgrund, Mein eigenes Ich in Parzellen
(Teilchen) vorerst geistig, dann körperlich zusammenwebt, dem genügt die
Antwort als „Naturgesetz“ nicht, denn sein Wissen möchte sicherere Beweise
haben, daß eben im Kleinsten wie im Größten Ich der Schöpfer und Vater alles
Geschaffenen immer der Nämliche bin und Ich überall Meine Haupteigenschaft, die
Liebe, allein wirken lasse. Und eben für solche Wissensdurstige, welche überall
nur Mich suchen, in allem nur Mich erkennen wollen, eben für solche soll dieses
Wort wieder als Aneiferung dienen, nicht nachzulassen, auch im Kleinsten Mich,
den Größten, wieder aufzusuchen, um Ihn noch besser verstehen und lieben zu
lernen.
[Lg.01_025,11] Sehet, solche Forscher, wie
Ich sie hier bezeichnete, solche Forscher sind auf dem Wege, auch „Meine
Kinder“ zu werden, weil sie nur den Gedanken als Hauptmotiv ihres Suchens haben
– Mich, ihren Vater, so genau wie möglich kennenzulernen, und für sie soll auch
der Schleier eines alltäglichen Lebensprozesses besser gelüftet werden, damit
ihr Sehnen gestillt und aus dem Ahnen, Fühlen und Forschen eine geistige
Gewißheit erwachse.
[Lg.01_025,12] Sehet, in jedem Samenkorn
liegt ein Trieb der Ausbildung verborgen, der dasselbe, sobald es in die
rechten Verhältnisse eingetreten ist, welche seine Entwicklung begünstigen
können, zur Ausbildung des in ihn Gelegten antreibt, und so seine
Transformation in andere Gefäße und Organe bewirkt, beschleunigt, und so lange
forttreibt, bis aus dem Samenkorn alles hervorgegangen ist, was in ihm lag, und
von seinen primitiven (anfänglichen) Bestandteilen selbst nichts mehr
übriggeblieben ist.
[Lg.01_025,13] Dort, wo eben die ersten
Anfänge sind, in dem mikroskopischen Zellgewebe des Samens, dort reagiert das
große Lebensprinzip des Universums und bildet die Zellgewebe aus nach seinen
Substanzen, welche wieder mit andern Stoffen in Verbindung gebracht, sich
verhärten, sich aneinander ankleben, und so eine Zelle um die andere bilden, in
welchen dann nach ihrer Ausbildung die Bildung anderer Organe wieder
vorbereitet wird.
[Lg.01_025,14] So sind im ersten Anfang
Magnetismus und Elektrizität als Wärme-Entwickler tätig, welche durch die Wärme
andere Stoffe zersetzen, sie in Verwesung bringen und durch die Verwesung des
Fremden die Entstehung des Eigenen begründen.
[Lg.01_025,15] Zuerst ist der geistige Trieb,
der die ganze Schöpfung durchdringt, der Mein eigenes Ich ausmacht, und ewig
unendlich wie Ich Selbst nur von Stufe zu Stufe vervollkommnen, ergänzen will,
welcher das geistig feinste „Fluidum“ in Säfte verkörpert. Diese Säfte selbst
sind aber wieder nur kleinste Kügelchen, welche in feiner Haut umschlossen die
ersten Anfangs-Prinzipien eines ewigen Lebens als Körperteile enthalten, welche
dann, je weiter dieses Transformieren geht, von Stufe zu Stufe dichter und so
nach vielen Verwandlungen erst euch Menschen mit euren Instrumenten sichtbar
werden.
[Lg.01_025,16] So geht der Prozeß in jedem
Ding fort und fort, überall dehnen sich die Zellgewebe aus, geben von dem
ihrigen etwas ab, was nicht mehr zur Erhaltung des eigenen Lebens nötig ist,
und nehmen stets neue Substanzen auf, die wieder teils zum eigenen, teils für
anderes Leben ihnen in jedem kleinsten Zeitpartikel zugeführt werden.
[Lg.01_025,17] So verkörpert sich, was euch
unsichtbar, unfühlbar und unwägbar ist, zu fester Masse, wird scheinbar
flüssig, durch die Wärme zur Tätigkeit angeregt, verdichtet sich dann nach und
nach ebenfalls wieder nach dem Bedürfnis des Zusammenhaltens, ob auf kurze oder
längere Dauer, bis wieder eine andere Stufe erreicht ward, wo diese ersten
Zellen andern komplizierteren Platz machen müssen.
[Lg.01_025,18] So ist dieser Prozeß, der
unaufhaltbar in dem ganzen Geister- und Weltenreich gleichmäßig fortgeht, der
erste Anreger alles Erschaffenen, um es seinem Ziel entgegenzuführen, und so
ist dieser Trieb das, was ihr „Wachsen“, Ich aber „geistiges Leben“ nenne,
welches mitten im scheinbar Starren die geistige ewige Idee eines segnenden
Schöpfers und Vaters festhält und so die Kette bildet, vom ersten Gedanken oder
der Idee, als Bestandteil Meines Ichs hervorgegangen, die Ewigkeit, die
Unverwüstbarkeit, die Unendlichkeit in sich tragend, um so am ehesten
beweisend, daß selbst im harten Stein wie im letzten geistigen Engel die
nämliche Macht, das nämliche Prinzip obwaltet, welches im Materiellen Gleiches
zu Gleichem, auch im Geisterreich demselben Grundsatz huldigend, alles
gleichzumachen strebt, damit aus allem materiell Geschaffenen
Geistig-Verwandtes werde, und dort wieder weiter und weiter vorwärts gehend
reiner, feiner, höher und schöner seinem Urheber sich nähernd, vervollkommnet
das Ziel wieder erreichen kann, von wo aus es vor Millionen von Jahren als
einzelner Lichtstrahl in die weiten Räume der Schöpfung gesendet wurde.
[Lg.01_025,19] Sehet, ihr stumpfen Geschöpfe,
in denen der Keim einer Unendlichkeit liegt, sehet, alle Tage geht die Sonne
als Lebensträgerin über euren Häuptern auf, bringt euch Leben, Licht und Wärme,
aber ihr geht gleichgültig unter ihr herum. Niemand denkt ja nur einen
Augenblick an das, was wohl ein Lichtstrahl, wenn er auf eure Erdscholle
auffällt, dort bewirkt. Niemand begreift, wieviel von göttlicher Lebenskraft,
geistigem Material in diesem einzelnen Lichtstrahl, der aus Millionen Meilen
weiter Entfernung auf die atmosphärische Umhüllung eines andern Körpers
gesendet, von dort reflektiert zu euch kommt, hier chemische Verbindungen
erweckt, Leben verbreitet, zur Tätigkeit alles anspornt, damit ein jedes seinen
Zweck erfülle, damit das Gedeihen, das Wachsen, das Zunehmen vollführt werde,
so wie Ich es in Meiner unendlichen Liebe gedacht und schon lange
vorausbestimmt habe.
[Lg.01_025,20] Und eben ein solcher
Lichtstrahl, der Sonne geborgt von einer andern, ist auch nicht Eigentum dieser
zweiten, sondern ward auch ihr von andern noch größeren Welten gegeben, wo
sodann die Wechselwirkung fortgeht bis an die Grenzen der materiellen Welt,
wozu erst der Hauptfaktor alles Lebens ebensoviel Verwandlungen im Geistigen
durchmachen mußte, wie ihm beim Eingang ins materielle Leben noch bevorstehen.
[Lg.01_025,21] Von Mir geht der Strahl des
Geisteslichtes aus, durchdringt die ganze Geisterwelt, sättigt sie, belebt sie,
vervollkommnet sie und geht dann in die materielle Welt von Sonne zu Sonne, von
Planet zu Planet, von Komet zu Komet, überall wieder durch Zersetzung,
Verwandlung neues Leben hervorbringend, welches endlich in den Welten, in ihrem
Innern zur Vervollkommnung der eigenen Masse, bis zum scheinbar toten Stein
verkörpert, dort durch Zersetzung nach und nach verfeinert wieder aufsteigt,
durch die ganze Stufenleiter einer Vegetation, einer Tierwelt, eines
Menschengeschlechts, bis im Alter die Verwandlungsperiode ihre Materie löst,
und wo dann geistig erst noch vervollkommnet wird, was in Materie nicht zu
lösen war.
[Lg.01_025,22] So nimmt der Grashalm von der
Erde in sich auf, was die Sonne durch ihr Licht und ihre Wärme in derselben für
ihn zubereitet; so entwickelt er sich, wächst und geht seiner Bestimmung
entgegen, um dann die Elemente und Nahrungsstoffe zu enthalten, die für andere
Organismen tauglich sind.
[Lg.01_025,23] So geht in seinen Wurzeln,
hervorgegangen aus dem ersten Samen, der erste Prozeß vor sich, der dann in doppeltem
Streben sich kundgibt, im Aufsaugen von unten und im Einsaugen von oben.
[Lg.01_025,24] So steht ein Grashalm, ein
unbedeutendes Ding für Millionen von Menschen, zwischen zwei Welten, zwischen
der Welt seiner Erdscholle, auf der er wächst, und zwischen einer Welt voll
geistiger Einflüsse, die von ferne herkommend in ihm das ergänzen müssen, was
von unten herauf allein nicht möglich ist; so wächst der Grashalm, so wächst
jedes geschaffene Ding, jedes Tier und jeder Mensch!
[Lg.01_025,25] Und was ihr hier im
Materiellen seht, das ist im Geistigen individuell in jedem einzelnen Leben das
nämliche; das geistige Leben eines jeden Tieres ist erstens zur eigenen
Ausbildung, sodann zur Bildung anderer Leben bestimmt; fort und fort, von Stufe
zu Stufe reihen sich die Geistes-Entwickelungen, die Geistesfähigkeiten
fortschreitend aneinander, bis im Menschen die andere geistige Bestimmung sich
noch mehr geltend macht, weil ihm auch die Mittel gegeben sind, welche allen
andern Geschöpfen nur dürftig verliehen wurden, die Mittel der Mitteilung, wo
einer dem andern mit wohlartikulierten Worten sagen kann, welchen Eindruck die
umgebende Natur auf ihn macht, und welche Eindrücke und Gefühle sich in seinem
Innern regen.
[Lg.01_025,26] Es ist die Sprache, die
Mitteilung, obwohl noch beschränkt; denn es gibt noch andere Mitteilungen, die
bei weitem besser und leichter das auszudrücken vermögen, was eine Seele in den
höchsten Momenten fühlen kann, als eure irdische Wortsprache. Aber es ist nicht
so leicht, dieses alles euch verständlich zu machen, weil ihr Menschen doch im
Grunde nur menschlich denken könnt!
[Lg.01_025,27] Eben weil beim Menschen das
Hereinragen einer Geisterwelt, oder sein Hereinragen in diese, sich öfter und
stärker manifestiert als bei allen Tieren, ebendeswegen ist es ihm zur Pflicht
gemacht, diese Eindrücke zu benützen und sich seiner geistigen Heimat würdig zu
machen!
[Lg.01_025,28] Ebendeswegen, weil ein
Geisteslicht, eine geistige Sonne ihn bescheint, ebendeswegen muß und soll er
auch geistig wachsen, geistig zunehmen, um sich seines Schöpfers würdig zu
machen, Der ihn mitten in eine Welt des Wunderbaren als selbst das größte
Wunder gestellt hat, damit er seiner Stellung sich bewußt, wie des Einflusses
des materiellen Sonnenlichtes so auch des geistigen, noch intensiveren sich
bewußt werde, um zu wachsen, sich zu vervollkommnen, sich würdig zu machen, bis
die große Transformation an ihn heranrückt, die geistige Verwandlung und
Abstreifung des materiellen Leibes, um einen leichten geistigen anzuziehen, der
schon bei Lebzeiten aus dem materiellen Erdenleib gewoben, ihm als
Umkleidungsmittel dienen solle; wo, je feiner er ist, desto leichter dann auch
die großen Strahlen einer Geistessonne durchdringen können, um auch in ihm, wie
beim Grashalm auf der Erde, das in ihm Schlummernde zu wecken, und er so, das
über ihm ausgebreitete Lichtmeer einsaugend, ein wahrer Bürger eines
Geisterreiches werde, wo, wie die Blume auf dem Felde sich freudig nur der
Sonne zuwendet, er ebenfalls nur der großen Sonne im Geisterreiche, Mir, sich
zuwenden kann, und von dort dann in vollen Zügen einschlürfen möge, was im
irdischen Leibe ihm unmöglich war.
[Lg.01_025,29] So soll der Mensch dann
geistig wachsen, geistig zunehmen und Bürger eines Geisterreiches und Kind
eines Schöpfers werden, in Dessen Behausung keine Sonne mehr untergeht, sondern
das Licht der Wahrheit stets fort und fort leuchten wird!
[Lg.01_025,30] Betrachtet also die euch
umgebende Welt mit etwas mehr aufmerksamem Auge, erwecket euer geistiges
Verständnis; es liegt noch vieles Geistige in der materiellen Schöpfung
verborgen, welches aber nur ein Hellsehender, kein Blinder bemerken kann.
[Lg.01_025,31] Allsehend bin Ich, wollet ihr
Meine Kinder werden, so müsset auch ihr schärfere Augen haben und weit hinaus
über Materie und deren Dauer den eigentlichen Grundkeim alles Wesenden, den
eigentlichen Endzweck des ganzen Universums klar vor Augen haben, nur dann ist
neben eurem körperlichen Wachstum, neben eurer körperlichen Vervollkommnung und
neben eurer irdischen Mission ein geistiges Wachsen, ein geistiges Gedeihen und
ein geistiger Himmel voll Seligkeiten erreichbar, der vorerst in eurem eigenen
Innern, dann um euch sich ausdehnend bis zu Mir reichen soll, wo ihr in allem
den ewig liebenden Vater erkennen werdet, Der aber nur denen die größten
geistigen Genüsse vorbehalten hat, die sich auch innerlich dazu fähig gemacht
haben, sie zu ertragen und zu fassen!
[Lg.01_025,32] Wachset also, Meine Kinder, an
Erkenntnis, an Einsicht in Meine materielle Schöpfung; verlieret euch nicht in
eitlen irdischen Dingen, welche von kurzer Dauer sind, suchet das
Unzerstörbare, das Ewige, suchet Mich, und ihr werdet bei diesem Tausch
zwischen Materiellem und Geistigem nichts verlieren, sondern bloß gewinnen,
oder „wachsen“, so wie Ich das Wachsen im Materiellen wie im Geistigen
verstanden wissen möchte! Amen!
24. September 1875, Triest
[Lg.01_025,33] Im letzten Wort erklärte Ich
euch das Wachsen, was es bedeutet, und wie es sowohl in der materiellen als in
der geistigen Welt vor sich geht. Ich zeigte euch bildlich sowohl im Wachstum
eines Grashalmes als in der geistigen Fortschreitung des Menschen und der
ganzen Geisterwelt, wie man wächst, und wie man sich stets vervollkommnend ewig
fortschreitet, um seine Mission zu erfüllen.
[Lg.01_025,34] Jetzt in diesem Wort will Ich
euch nun wieder aus der materiellen Welt die geistige erklären, und wie bei der
Pflanze, zum Beispiel beim Grashalm, das Wachsen sichtbar zu einem andern
Produkte, zur Blüte oder Blume drängt, so auch selbst im Menschen, irdisch
betrachtet, derselbe Prozeß sich entwickelt, wobei aber auch im Geistigen
dieser Prozeß und das Produkt in der großen Geisterwelt stets ebenfalls das
nämliche, der Blüte oder Blume entsprechend, stattfindet, was aber nur in
Entsprechung angedeutet werden kann.
[Lg.01_025,35] Sehet, wenn eine Pflanze, aus
dem Samenkorn sich entwickelnd, anfängt zu wachsen, sich auszubilden, sich zu
entfalten, so ist ja doch die nächstliegende Frage, die man an einen Schöpfer
derselben stellen könnte, diese: „Zu welchem Zweck wächst sie denn?“
[Lg.01_025,36] Nun, da Ich als geistig
denkender Schöpfer des ganzen Universums bei allem, was Ich schuf, einen Zweck
haben mußte, ebenso wie ihr, wenn ihr etwas zustande bringen wollt, so ist
natürlich die Antwort auf diese Frage:
[Lg.01_025,37] „Daß Ich die Pflanze nicht aus
Zeitvertreib geschaffen und auch ihre ganze Einrichtung nicht aus Zufall so
angeordnet habe, wie ihr bei näherer Untersuchung es leicht entdecken könnt,
sondern ihr werdet bald einsehen, daß alles Drängen, Bilden und Treiben im
Organismus einer Pflanze einem gewissen Zweck entgegentreibt, und dieser Zweck
als nächstes Stadium ist neben der Ausbildung von Stamm und Blättern die Blüte
oder Blume, wo dann in andern Formen ein anderer Organismus hervorgegangen ist,
der dem früheren nicht im mindesten ähnlich ist, und der wieder in seinem
Schoße noch eine Phase der Entwicklung anbahnt, welches das Endziel der Pflanze
ist, nämlich die Frucht oder der Same zu einer neuen Pflanze ihresgleichen.
[Lg.01_025,38] So beim Pflanzenreich, so beim
Tierreich, und so selbst beim Menschengeschlecht, soweit es sich um Ausbildung
ihres Körpers handelt, der als Werkzeug zur Vervollkommnung einer in ihm
wohnenden Seele dienen soll!
[Lg.01_025,39] Nun wollen wir beim
Pflanzenreich vorerst den ganzen Prozeß der Weiterbildung aufmerksam, nämlich
geistig betrachten und dann auf das Ähnliche in den andern Reichen übergehen.
[Lg.01_025,40] Sehet, ihr habt letzthin
gehört, wie im Grashalm Zelle an Zelle, Faser an Faser sich anbaut, sich entwickelt,
wie die (bildlich gesagt) Blutkügelchen ihre Säfte in alle Räume der Pflanze
treiben, dort verwandeln, zersetzen und ausbilden; ihr habt gesehen, wie eine
geistige Macht diese Bewegung leitet, sie zu etwas, was in der primitiven
Bildung noch nicht ersichtlich ist, antreibt, und jetzt, wo ihr alle wißt, daß
die Blüte oder Blume der zweite Ruhepunkt ist, welcher eine Neubildung genannt
werden kann, jetzt wißt ihr auch, daß neben allen den Erhaltungsmitteln des
Bestehenden noch andere Elemente von der Mutter Erde aufgesaugt, durch Stamm
und Blätter dem Prozeß des Lichtes ausgesetzt, bei vielen Pflanzen duftende
Blüten hervorbringen, die mit Farbenglanz euren Augen und mit Wohlgerüchen
euren Sinnen wohltun.
[Lg.01_025,41] Nun, die Blüte oder Blume ist
nichts anderes als das Produkt von Grobmateriellem, feinerem Seelischen und
Göttlich-Geistigem. Sie ist der Zustand einer geistigen, freudigen Wonnezeit,
wo nach langem Arbeiten, vom Samenkorn angefangen, durch Stamm und Blätter
hindurch das Schönste, dem Lichte Nächstverwandte zu einem geschlossenen
Komplex verarbeitet wurde, welches ihr bildlich als den Brautstand der Pflanze
ansehen könnt, wo sie sich ihrer Errungenschaften freuend, im Hochzeitskleide
ganz dem Sonnen- und geistigen Schöpfungslichte hingibt, nachdem sie alles
Dazugehörige mit Mühe und Kampf dem Grobmateriellen abgerungen hat.
[Lg.01_025,42] Sie schwelgt in dem Bewußtsein
des Errungenen, wiegt sanft ihr Köpfchen zwischen leichten Lüften, stets der
Sonne sich zuwendend und Duft und Wohlgeruch als Entsprechendes ihres Wesens
der sie umgebenden Luft, den Pflanzen, Tieren und Menschen mitteilend.
[Lg.01_025,43] Die Pflanze steht da im
Brautschmuck; das Feinste, am meisten dem Lichte Verwandte, ist eingekleidet in
zarte Blätter, die noch mit einer Masse kleiner Saugadern vom Lichte aufsaugen,
was für ihr neubegonnenes Werk nötig ist; denn die Pflanze – ihren Brautstand
errungen habend – bleibt dabei nicht stehen; vorwärts drängt es sie, höher und
höher stets zu andern geistigen Zwecken; immer mußte das Feinere vom Gröberen
geschieden werden. So entstanden aus dem Samenkorn durch Verwesung der äußern
Umkleidung die ersten Elemente, die Wurzeln, mit denen sich der innere Teil des
Samenkornes mit der es umgebenden Erde in Verbindung setzte; so saugen dann die
Wurzeln die ersten Elemente ein, welche zur Bildung des Stammes gehören, so
aufwärts treibend verfeinerten sich die Säfte des Stammes zur Blätterbildung;
und nachdem natürlich im Stamme nur das, was des Stammes, im Blatte, was des
Blattes, aufgenommen werden konnte, so trieb der Organismus des primitiven
Samenkorns noch andere Substanzen, andere Elemente in die Höhe, dem Lichte der
Sonne, dem Lichte der ganzen Sternenwelt und des ganzen geistigen Universums
zu, welches sodann als das Feinste, geistig aus Materie entwickelt, in der
Blume oder Blüte eingeschlossen, das Resultat des Brautstandes, die
Befruchtung, die Fortpflanzung weiterbildet, wodurch eben alles von Mir
Geschaffene nur einmal ins Leben gerufen, ins Leben gerufen durch einen
unendlichen Gott und Herrn, ebenfalls den Keim der ewigen Fortdauer in sich
bergen mußte; denn nur solche Schöpfungen sind eines Gottes, sind Meiner würdig
und angemessen.
[Lg.01_025,44] So wie der Brautstand die
Wonnezeit eines erreichten Zieles sein sollte, so ist auch die Blütenzeit in
der Pflanzenwelt das Stadium des höchsten, intensivsten Lebens, wo alle
Fakultäten (Fähigkeiten) entwickelt, wo alle Nerven und Fasern gespannt mit
Ungeduld dem Augenblick entgegenharren, wo die höchste Wonne ihre Befriedigung,
wo der höchste Zweck erreicht und das Göttliche, Ewige seinen größten Triumph
feiert.
[Lg.01_025,45] Dieser Akt ist ebendeswegen
von dieser großen Bedeutung und die Natur bei jedem kleinsten Produkt feiert
denselben mit all ihren Mitteln, weil es eine Vorbereitung zu einem
Schöpfungsakte ist, welcher nicht materiell, nicht bloß geistig, sondern
gottverwandt ist.
[Lg.01_025,46] So ist nun die Pflanze an dem
Punkte angelangt, wo sie, die Geschaffene, eine Schaffende wird.
[Lg.01_025,47] Begreifet ihr nun den Wert einer
Blüte, einer Blume; ihr, die ihr soviel Mißbrauch mit diesen höchsten geistigen
Schöpfungen macht, ohne je dabei zu bedenken, wenn ihr eine Blume oder Blüte
pflückt, wie geistig weh ihr einer Pflanze tut, da ihr derselben gerade den
Dolch ins Herz stoßet, wo sie vor Wonne, vor Seligkeit, vor Dankgefühl für ihre
Existenz überfließen möchte, weil sie ihre höchste geistige Stufe erreicht hat
und der Fruchtbildung entgegengeht.
[Lg.01_025,48] Stumpf seid ihr Menschen alle,
ihr wisset nicht, was im geringsten Prozesse der lebenden Natur vorgeht, ihr
kennt nur eure eigenen Gefühle, achtet wenig oder gar nicht die der ganzen
Tierwelt, und von dem geistigen Leben einer Pflanzen- oder Steinwelt habt ihr
keinen Begriff. Und doch sage Ich euch, daß alles, was Ich erschuf, geistiges
Leben hat, ein Leben der Unendlichkeit, ein unzerstörbar Ewiges, das,
wenngleich von euch verleugnet, doch existiert, aber als zartes geistiges Leben
auch nur einer zarten, höchst fein gebildeten Seele zu begreifen möglich ist,
aber nicht Geschöpfen, die, obwohl hochgestellt im Schöpfungsplan, doch noch
bis über die Ohren im Schlamme der niedrigsten Leidenschaften stecken.
[Lg.01_025,49] Daher die vielen Beleuchtungen
von verschiedenen Naturprodukten, von Naturgesetzen und Einrichtungen der
ganzen geschaffenen Welt, welche Ich euch gegeben habe, damit ihr eure
geistigen Augen weit aufmachen sollet, um die große Geisterwelt zu erkennen,
welche weit über die Materie hinaus in alles eingreift, überall schafft und
webt, und überall, selbst in dem anscheinlich Materiellsten, den großen
geistigen Schöpfungsgedanken der ewigen Liebe in Millionen von verschiedenen
Formen euch vor Augen gestellt hat.
[Lg.01_025,50] Was vom Pflanzenreich, vom
Grashalm, von seiner Blüte, von seiner Frucht gesagt wurde, das gilt ebenfalls
vom Tier- und Menschengeschlecht.
[Lg.01_025,51] In der Bildung des tierischen
oder menschlichen Körpers ist es ebenfalls ein in eine kleine Zelle
eingeschlossener göttlicher Funke Meines Geistes, der von dort angefangen den Körper,
das Nerven- und Blutsystem bildet, und wie die Pflanze zur Blüte, so auch beim
Menschen und Tier am Ende seines Knochenbaues, als gleichsam Blume, als Blüte,
die Gehirnmasse aufbaut, wo alle Intelligenz, alles Geistige sich konzentriert,
was zum Leben, zur Aus- und Fortbildung des Geschlechtes nötig ist.
[Lg.01_025,52] Beim Tier sind diese
Blütenperioden oft durch heftige Kämpfe, große Erregungen im ganzen
Nervensystem bezeichnet. Das Tier wird noch an Meiner Hand geführt, und nur
wenn es Zeit ist zur Begattung, fühlt es Meine Macht im höchsten Grade, welche
es zu etwas treibt, was es wohl oft ahnt, aber nicht gewiß weiß.
[Lg.01_025,53] Kein Schöpfungsakt kann
ungestört (das heißt ohne mächtige Erregung) vollzogen werden; es ist derselbe
ein erlaubtes Eingreifen in Meine Macht, und da muß natürlich der Prozeß alle
Lebensorgane so in Anspruch nehmen, damit, obwohl nur Gemisch des Materiellen,
doch wieder Geistiges sich entbinde, das aber wieder in der Materie gebunden
doch so viel Kraft besitze, sich selbst nach und nach zu entwickeln und einer
geistig höheren Stufe entgegengehen zu können.
[Lg.01_025,54] So wie beim Tier meistens
schon die Stirn mehr nach oben gewendet, ist beim Menschen auch das Gehirn mit
seinem gallertartigen Stoff, mit seinen Windungen der Sitz aller geistigen
Eigenschaften, welche die Seele nötig hat, erstens, um sich in steter
Verbindung mit der Außenwelt zu halten, und zweitens, um eben dort durch
Ausbildung, Vergeistigung des Materiellen den geistig-seelischen Menschen als
Bewohner eines ewigen Jenseits vorzubereiten, um sich zu vervollkommnen und Mir
ähnlich zu werden, soweit es sein Organismus und seine geistigen Fähigkeiten
schon auf Erden erlauben.
[Lg.01_025,55] Was beim Tier „Instinkt“, bei
der Pflanze „Gesetz“, das ist beim Menschen „frei“ ihm gegeben zur Benützung,
damit, obwohl der höchsten Erregungen fähig, er sich selbst beherrschen lerne,
auf daß er so ein Mir ebenbürtiges Wesen werde, welches frei ohne Zwang die
Schranken des moralischen Gesetzes nie überschreiten sollte, was aber leider
nun bei den meisten doch geschieht, jedoch müssen die Folgen eben von ihnen
selbst auch getragen werden.
[Lg.01_025,56] Sehet, beim Menschen ist es
das Gehirn, da alles Erhabene gedacht und gefühlt wird. Das Gehirn ist der Sitz
der geistigen Eigenschaften; aber das Gehirn allein könnte für sich selbst
nicht bestehen, würde es nicht durch einen andern Nervenkomplex stets in
Tätigkeit erhalten, wie alle anderen Organe, und dieser Nervenkomplex ist euch
bekannt unter dem Namen „Sonnengeflecht“ oder Nerven-Zentrum der
unwillkürlichen Bewegungen; dort ist eigentlich der Sitz der Seele, von dort
aus bildet sie, webt sie den Leib, erhält und verbessert, wo Schaden ist, von
dort aus bewegt sie das Herz in rascheren Schlägen, bei Gemütsbewegungen, bei
Leid und Freud.
[Lg.01_025,57] Von dort gibt sie durch
Sprache und Blick der Außenwelt kund, was im Innern vorgeht, und dort wird
geistig verdaut, was durch Ohr und Auge ins Innere gedrungen ist.
[Lg.01_025,58] So wie die Pflanze durch das
Licht, seine Wirkung und seine Strahlen, mit der ganzen geistigen Welt in
Verbindung stehend, ihre Wonnezeit, ihren Brautstand genießt, so genießt der
Mensch ebenfalls bei Annäherung seiner Blütezeit diesen Einfluß der höheren
Geisterwelt, die ihn umgibt und die in ihm und außer ihm lebt, webt und alles
erhält, so wachsen die Gefühle der ersten Liebe, des Erwachens eines Zustandes,
welcher das materielle Leben ganz zurückdrängen möchte, und den bei euch einst
ein griechischer Weltweiser als höchstes Stadium des Menschen hingestellt hat,
und der euch noch unter dem Namen „platonische Liebe“ bekannt ist.
[Lg.01_025,59] Ja, so sollte diese erste
Liebe auch aufgefaßt werden; denn es ist die Blütenzeit der menschlichen Natur,
die zum Schöpfungsakte der Zeugung eines neuen Wesens drängt, welches aber
ebenfalls nicht ein materielles, sondern ein geistiges Produkt werden sollte.
[Lg.01_025,60] Daß durch die Berührung der
Körper die schönsten Illusionen wieder vergehen müssen, ist ja natürlich; denn
Ich habe in euch nicht körperlose Geister (siehe Predigt 49), sondern irdische
Menschen geschaffen, welche ebenfalls das, was sie als geistige Wesen gekostet
hatten, als irdische Wesen, als Keim in ein neues zu werdendes Wesen
niederlegen sollten!
[Lg.01_025,61] Diese Liebe, dieses Wonnegefühl,
diese Seligkeit, die beide Geschlechter zueinander führt, diese Liebe soll nur
der Impuls sein zur Erschaffung eines Wesens, das ebenfalls einst Mir ähnlich
werden sollte!
[Lg.01_025,62] Um solche Wesen zu zeugen,
gehört eben vorerst selbst die höchste geistige Würde dazu, damit das Ergebnis
seines Schöpfers würdig sei! –
[Lg.01_025,63] Eure sozialen Zustände, eure
niederen Leidenschaften haben meist verhindert, daß diese erste Liebe auch auf
Erden die letzte geworden ist, und eure Genußsucht hat längst schon durch
Mißbrauch eurer Triebe eine Welt geschaffen, deren Bewohner, kaum geboren,
schon wieder dem Tode entgegeneilen, nachdem die meisten Menschen beiderlei
Geschlechtes mit Not, Elend und Enttäuschung gekämpft, aus Langeweile Kinder
gezeugt haben, welche den Eltern gleichen, in allem ihnen nachfolgen werden,
und am Grabe angekommen, ebensowenig wie sie, ihre Eltern, wissen werden, warum
sie geboren wurden und warum sie sterben müssen.
[Lg.01_025,64] Seid versichert, Meine lieben
Kinder, Ich habe die Welt ganz anders erschaffen, als ihr sie jetzt seht. Ich
habe dem Menschen die schönsten Formen gegeben, Ich habe ihn mit seiner Blume
oder Blüte (das Gehirn), dem ganzen Universum entgegengestellt, ihm die
Fähigkeit eingehaucht, mit dem Gedankenflug über alle weltlichen Räume hinweg
bis zu Mir zu dringen. Ich habe ihm Organe gebaut, die es erlauben, trotz
Materie ihn eine geistige, große erhabene Welt fühlen zu lassen, die,
wenngleich weit über ihm, doch nur in ihm selbst ist. Ich habe ihm die Sinne
gegeben, das Auge, Meine Wunder zu betrachten, das Ohr, Meine Harmonien zu
hören, und die Sprache, um seinen Mitmenschen sein ganzes großes geistiges
Inneres aufzuschließen, denn was wäre alles Geschaute, alles Gehörte ohne
Mitteilung?
[Lg.01_025,65] Ich habe ihn, den Menschen,
wie zum Beispiel hier auf eurer kleinen Erde, zum Herrn dieses Erdballes
hingestellt, damit er sich nicht beklagen könne, Ich hätte ihn stiefmütterlich
behandelt, Ich habe ihm durch Mein einstiges Daniedersteigen eine Lehre gegeben
und zurückgelassen, die allein schon genug ist, auf ewige Zeiten der ganzen
Menschheit ihre Würde stets ins Gedächtnis zu rufen.
[Lg.01_025,66] Ich habe ihn mit Geistesgaben
ausgerüstet, sich alles auf dieser Erde zum materiellen Leben zunutze zu
machen, damit das materielle Leben kein Hemmschuh in der Ausbildung des
geistigen sein möge.
[Lg.01_025,67] Ich ließ ihn frei, selbst kann
er handeln, selbst urteilen und wählen, wie er will!
[Lg.01_025,68] Ich habe ihn hingestellt, für
diesen Erdball als gleichsam den Alleinherrn, und wie hat er alles mißbraucht,
seinen Körper, seine Umgebung und seine unter ihm stehende Pflanzen- und
Tierwelt! Und jetzt erschloß Ich ihm sogar noch das Geisterreich, zeigte ihm,
noch lebend, was er erst nach seinem Hinscheiden erfahren sollte, und doch
alles vergebens!
[Lg.01_025,69] Wie ein Wütender raset er
fort; nur seinen niedrigsten Leidenschaften gehorchend, nur weltlichen
Interessen frönend, leugnet er Mich, Meine Gesetze, tritt selbst die
Menschenwürde mit Füßen, und wird auf diese Art die Folgen sich selbst
zuzuschreiben haben, welche daraus erwachsen müssen.
[Lg.01_025,70] Ich erschuf diese kleine Erde,
so wie die großen Sonnen- und Weltkörper, zu ganz anderen Zwecken, als wie die
Menschen es glauben.
[Lg.01_025,71] Ich erschuf Mein ganzes
Universum zu einer großen Sphären-Harmonie, wo alles Liebe atmen, aber nicht
mit Haß und Neid einer den andern verfolgen sollte, oder wo einer Tausende
seiner Mitbürger zu egoistischen Zwecken knechtet und hinschlachtet.
[Lg.01_025,72] Nein, diese schönen Gefühle,
die Ich euch in der Pflanze, im Wachsen, im Blühen und im Fortpflanzen
entwickelte und selbst bei Menschen und Tieren nachgewiesen habe, sie sind
nicht umsonst in aller Brust gelegt; so muß und so wird Meine Welt wieder
werden; denn was gegen Meine Gesetze anstrebt, straft sich von selbst; und wenn
Ich Selbst jetzt sogar direkt mit euch wenigen verkehre, so geschieht es
ebenfalls bloß deswegen, weil zwischen Meinem Wort und dem Worte der Menschen
ein großer Unterschied ist, und weil erst, wenn die Menschheit durch eigenes
ungeschicktes Verfahren sich selbst viele Trübsale zuzog, sie so mürbe geworden
ist und fähig, Besseres aufzunehmen, damit dann das Material schon fertig
daliegt, mittels welchem der alte, längst vergessene, zerrüttete Bau des
geistigen Menschenlebens wieder aufgebaut werde, und zwar nicht vorübergehend,
sondern bleibend!
[Lg.01_025,73] Dann wird ein anderes
Geschlecht auch andere Kinder zeugen, wird wieder die Liebe fühlen, wie Ich sie
in ihr Herz gepflanzt hatte, und wird aber auch eingedenk seiner eigenen Würde,
von keiner Eigenschaft, die Ich dem Menschen gegeben habe, Mißbrauch, sondern
nur den rechten Gebrauch machen.
[Lg.01_025,74] Die Erdwelt wird wieder
werden, was sie einst war, ein Paradies, wo nur diese Eigenschaft die
vorherrschendste ist, welche Mein ganzes Ich allein ausmacht; es wird „Liebe“
gegeben, „Liebe“ empfangen, und so der Erde und ihren Einwohnern das rechte Maß
gegeben werden, gemäß welchem sie in der großen Kette all Meiner Schöpfungen
eine solche geistig bedeutende Stellung stets eingenommen hat.
[Lg.01_025,75] Wachset also, Meine Kinder!
Öffnet eure Augen; nicht allein materiell, sondern geistig, und erkennet, wie
um euch herum alles – selbst die Pflanze oder der Grashalm, welche ihr oft gedankenlos
mit Füßen tretet – ein geistiges Leben hat, und daß hinter dieser scheinbaren
Hülle auch des kleinsten Dinges ein unbekanntes Etwas stets ohne Unterlaß
geschäftig ist, zum großen Vervollkommnungsplan beizutragen und Mir alle Meine
kleinsten Partikel wieder zurückzubringen, welche Ich einst zur Prüfung vor
Äonen von Jahrtausenden ausgesandt habe.
[Lg.01_025,76] Jede Sekunde gehen Millionen
von Wesen und Dingen ins Geistige über, und jede Sekunde werden wieder
Millionen von Wesen ins Materielle einverleibt. Alles ist eine Kette, wie in
einem Ziehbrunnen der eine Eimer herauf-, der andere hinabgeht, so im
Schöpfungsraum Vergehen und Kommen sich stets die Hand bieten!
[Lg.01_025,77] Es gibt auf eurer Erde keinen
Ort, wo es ewig Nacht oder ewig Tag ist. Der Sonnenuntergang einer Gegend ist
der Aufgang für eine andere; hier legen die Menschen arbeitsmüde sich zur Ruhe,
dort erweckt der nämliche Sonnenstrahl, welcher euer müdes Auge trifft, den
Schlaftrunkenen zu neuer Arbeit. So ist es in Meiner Schöpfung, – stets im
Wachsen, stets im Blühen, stets im Neu-Erschaffen geht die Zeitenuhr ihren
Lauf; aber nur der geistige Mensch kann sich dieses ewige Streben nach dem
höchsten Ziel begreiflich machen, und nur dem geistigen Forscher und
aufmerksamen Beobachter Meiner sichtbaren Natur kann der Schlüssel gegeben
werden, um auch hinter dieser materiellen Verwandlung den großen geistigen
Prozeß zu entdecken, der eigentlich die Hauptsache, das Urprinzip und das
Endziel alles Geschaffenen sein wird!
[Lg.01_025,78] Immer und immer sage Ich euch
und rufe es euch zu:
[Lg.01_025,79] Erhebet euch von euren
irdischen Welt- und Verstandes-Kenntnissen! Lasset euch nicht für Augenblicke
bloß begeistern von Meinen Worten, sondern behaltet sie stets im Herzen; wo ihr
geht, wo ihr steht, möge euch der Gedanke begleiten, daß nicht alles das ist,
was es scheint, und daß es „Gesetze“ gibt, gegen welche man nicht ungestraft
handeln kann!
[Lg.01_025,80] Begreifet diese Gnade Meiner direkten
Mitteilung! Sie ist weit ernster zu nehmen, als ihr es meistens tut; denn jede
Vernachlässigung, jedes Lauwerden wird sich an euch selbst strafen.
[Lg.01_025,81] Schon vor mehr als tausend
Jahren rief ich Meinen Jüngern zu: „Wachet und betet, auf daß ihr nicht in
Versuchung fallet!“ Auch heute sage Ich es euch wieder: „Wachet und betet“,
damit euch nicht eure eigenen Leidenschaften ins Schlepptau nehmen und euch zu
Sklaven machen, während ihr zu Herren geboren worden seid!
[Lg.01_025,82] Es ist ja bei euch die
Sklaverei so verhaßt, ein jeder will frei sein, überall hört man über
Knechtung, über Tyrannei schimpfen, und doch, wer ist denn der jetzigen
Menschheit größter Tyrann, als ihre eigenen Leidenschaften selbst!
[Lg.01_025,83] Die Menschen sind schon längst
von dem Herrscherthron heruntergestiegen, auf welchen Ich sie alle gestellt
habe; nur einzelne begreifen noch, was Ich mit dem Menschen wollte, jedoch noch
sind sie zu schwach und zu wenig, um maßgebend auf die Schicksale der ganzen
Menschheit einwirken zu können; aber Geduld! Auch hierin wird sich ein Wachsen
und ein Blühen zeigen, die Knospe der geistigen Erkenntnis wird ebenfalls noch
sich entfalten, und wie eine Blume einer anderen Welt als Nahrungssaft ihren
Honig gibt, so wird auch diese Knospe im herrlichsten Lichte und mit den
schönsten Farben strahlend, ebenfalls Tausende die Süße ihres Inhalts fühlen
lassen, wenn des Bitteren genug zuvor genossen wurde.
[Lg.01_025,84] So, Meine Kinder, nehmet auch
dieses Wort als Fortsetzung des letzteren und machet es euch eigen; nicht bloß
zum Durchlesen habe Ich es euch gegeben, sondern zum Danachhandeln!
[Lg.01_025,85] Bedenket, die Zeit flieht, und
– weit schneller als ihr es ahnet – die Stunden, die Tage, die Jahre verrinnen,
und so mancher wird am Ende seiner Laufbahn bei weitem früher stehen, als er
glaubte.
[Lg.01_025,86] Trachtet, daß es nicht zu spät
ist und ihr nicht in der andern Welt mit Mühe erst erringen müsset, was euch
hier in Fülle in den Schoß geschüttet wurde!
[Lg.01_025,87] Dieses als Mahnungs- und
Danachachtungs-Wort! Amen!
26. Kapitel – Noch ein Wort über die Sprache
und ihren Ursprung.
9. November 1875
[Lg.01_026,01] Schon einige Worte habe Ich
dir über diesen Titel gegeben, aber jetzt will Ich dir dieses Wort „Sprache“
von einer andern Seite zeigen, um mit dessen Erklärung den Gelehrten eurer Welt
von neuem zu beweisen, daß sie eigentlich nichts wissen, oder wenigstens, daß
ihre Folgerungsschlüsse in manchen Fällen ganz verkehrte sind. –
[Lg.01_026,02] Sehet, wenn ihr die Sprachforscher
im allgemeinen fragt, woher die Sprache ihren Ursprung nahm oder wie sie sich
gebildet hat, so antworten sie ganz einfach: „Die Sprache als nötige Mitteilung
zwischen Menschen war im Anfang nur auf sehr wenige Worte beschränkt; erst mit
Steigerung ihrer Kultur, mit Vermehrung ihrer Bedürfnisse aber waren sie
gezwungen, neue Worte zu erfinden, und so gestalteten sich nach und nach die
Sprachen in der Welt, den Intelligenzen der Menschen und Völker gemäß.“
[Lg.01_026,03] Dieses ist das ganze Resultat aller
Sprachforschungen, mit wenigen Worten ausgedrückt.
[Lg.01_026,04] Wem es genügt, der kann es
dabei bewenden lassen.
[Lg.01_026,05] Nachdem aber Ich anders denke
und andere Absichten mit Meinen Erdkindern habe, als daß Ich sie mit solchen
Weisheitsdeutungen abspeisen will, so sollt ihr eben heute wieder eine
Mitteilung von Mir erhalten über ein allgemein bekanntes Wort, nämlich „die
Sprache“, wo so mancher von euch mehrere spricht und in ihnen sich ausdrücken
kann, ohne je geistig nachgeforscht zu haben, wie denn eigentlich Sprachen
überhaupt, nämlich ihr regelmäßiger, wohl überlegter Bau entstanden ist, so wie
ihr deren noch manche aus dem Altertum und der Neuzeit kennt?
[Lg.01_026,06] Nun sehet, hier will Ich euch
eine Frage aufwerfen und sagen: „Habt ihr noch nie darüber nachgedacht, wie es
denn möglich ist, daß eine Sprache mit all ihren Zeit-, Nenn-, Bei- und
Fürwörtern usw., mit allen Deklinationen, Konjugationen und ihren Veränderungen
entstanden ist, wo doch, wenn ihr nur die Zeitwörter allein betrachtet, eine
logische Folgerung, ein korrektes Denken herausschaut, und wo die
verschiedensten Handlungen in allen möglichen Zeitepochen geregelt bezeichnet
sind?
[Lg.01_026,07] Ist euch noch nie der Gedanke
gekommen, wie es wohl möglich ist, daß die ersten Menschen und ihre nächsten
Nachkommen sich schon so ausdrücken konnten, daß ihre Mitteilungen
untereinander verständlich und ihren Bedürfnissen entsprechend waren?“
[Lg.01_026,08] Denn daß die ersten Menschen,
ehe sie den Mund zum Sprechen öffneten, sich vorerst in Gedanken mit einer
Grammatik oder Sprachlehre beschäftigten, dieses könnt ihr gewiß nicht
annehmen.
[Lg.01_026,09] Nun, wenn ihr die Sprache von
dieser Seite betrachtet und die Sentenz eurer Sprachforscher, welche Ich oben
schon angeführt, daneben haltet, so könnten doch einige Zweifel in eurem Kopfe
auftauchen, deren Lösung euch und euren Gelehrten nicht so leicht werden möchte
und die Ich allein zu entziffern imstande bin.
[Lg.01_026,10] Um nun dieses zu
bewerkstelligen, wie es euch verständlich und lehrreich werden kann, so müßt
ihr Mir auf ein anderes Feld folgen, wo Ich mit anderen Fragen anfangen muß,
damit aus deren Beantwortung erst diese Sprachenfrage erläutert werden kann.
[Lg.01_026,11] Glaubt denn ihr, Meine Kinder,
in der Epoche, als die Welt, nämlich die eurige, geschaffen wurde, existierten
noch keine anderen Sonnenkomplexe (Sonnenwelten)? Oder seid ihr der Meinung,
das ganze Universum sei auf einmal entstanden, das heißt mit den entferntesten
Hülsengloben, die eure Augen mit den schärfsten Fernrohren nur mit Mühe
entdecken, wo sie euch als schwache Nebel erscheinen, bis zu eurem
Planetensystem mit seiner Sonne und den sie umkreisenden Planeten, Monden und
Kometen?
[Lg.01_026,12] Darauf muß Ich euch antworten,
daß die Erschaffung des ganzen Universum ebenfalls nur nach und nach in großen
Zeitepochen, und zwar auf die nämliche Art und Weise entstanden ist und ewig
fortgebaut wird, wie heute noch, um euch ein Beispiel zu geben, aus dem Samen
die Pflanze und aus der Pflanze der Same wieder sich bildet.
[Lg.01_026,13] So entstanden und entstehen
heute noch die Welten, Sonnen, Planeten und Kometen; denn eben in dem
Schöpfungsprozeß auf solch eine Art ist die Unendlichkeit gegründet und
festgestellt. So ersetzt und ergänzt sich alles, das Kleinste wie das Größte,
nur wieder aus sich selbst!
[Lg.01_026,14] So wurde auch euer
Sonnensystem aus anderen Systemen und aus dem Äther gebildet, vorerst als Komet
durch Äonen von Jahren im Äther herumkreisend, alles aufsaugend, was zum
Bestand seiner eigenen Welt und der aus ihm entstehenden Erden und Monde nötig
war, wo sodann die Erden und Monde ihre eigenen Revolutionen durchmachen
mußten, während die Kometen neuen Bildungen entgegengehen, bis sie für lebende
Wesen tauglich werden, wie ihr es auf eurer eigenen Erde seht, wo übrigens die
Bildungs- oder Entwicklungs-Perioden nicht aufgehört haben, sondern eure Erde
wie die auf ihr lebenden Geschöpfe, dem Drange nach vorwärts gehorchend, stets
zu einer höheren Stufe vorwärts schreiten, bis auch für sie der Zeitpunkt
gekommen sein wird, wo der materielle Erdball mit seinen Inwohnern ein
geistigerer, feinerer geworden ist!
[Lg.01_026,15] Diese Welten und
Welten-Systeme in Unzahl, welche das materielle Weltengebäude ausmachen, haben
und hatten alle diesen nämlichen Prozeß durchzumachen und sind noch stets im
Verwandeln, im Vervollkommnen begriffen.
[Lg.01_026,16] Weltensysteme gibt es, deren
Anzahl zu bezeichnen ihr keine Zahlen habt, und ebenso keine zur Bestimmung
ihrer Dauer.
[Lg.01_026,17] Millionen von Welten wurden
geschaffen und vergingen, ehe eure Sonne nur als leichter kometenartiger Stern
im Ätherraum herumkreiste. Diese Welten und Sonnen waren mit Wesen bevölkert,
und sind es noch, weit verschieden an Körper- und Geistes-Organisation.
[Lg.01_026,18] Geister aus dem großen
Geisterreich ließen sich als Wesen in sie einkleiden, um als Prüfungsschule
ihren Fortschritt zu beschleunigen, und vergeistigter wieder aus ihnen zu
scheiden, um so stufenweise sich Mir nähern zu können, von wo sie alle
ausgegangen waren.
[Lg.01_026,19] So war die Kette oder
Verbindung zwischen Geister- und Weltenreich überall.
[Lg.01_026,20] So wie die Geister,
eingekleidet in Wesen der verschiedenen Welten, ihre Mission erfüllten, ebenso war
auch zu diesem Zweck eine Sprache als Mitteilungsmittel nötig, welche gemäß der
Intelligenz der Bewohner manchmal viele Worte und Laute, manchmal wenige
bedurfte, um ihre Gedanken auszudrücken. Wie Millionen von Welten, so
millionenmal verschieden die Sprache der einen von der andern.
[Lg.01_026,21] Diese Einkleidung,
Inkarnierung der Geister, oder Seelen-Wanderung von einem Sterne zum andern,
stets durch freiwilliges Begehren bedingt, fand und findet noch immer statt,
und so kamen auch auf eurer Erde die ersten Menschen schon mit einer gewissen
geistigen Sprachfähigkeit auf dieser Welt an, wo die grammatikalische
Konstruktion der Sprache nicht ihr Werk, sondern ihr Erbteil von andern Welten
war.
[Lg.01_026,22] So entstanden die bis jetzt
euch bekannten Tausende von Sprachen nebst ihren Abarten auf eurem kleinen
Erdball, welche alle nur Anfänge von Sprachen sind, die Geister aus anderen
Welten herüberbrachten und dann dem Bedürfnis und Bildungsgrad der
verschiedenen Völker gemäß zu euren lebenden Sprachen mit der Zeit
umgestalteten.
[Lg.01_026,23] So seht ihr eine jede Sprache,
wenngleich mangelhaft, doch immer nach rationellen Prinzipien gebildet, die
nicht auf eurem Boden gewachsen sind; wozu auch später noch das Bedürfnis
gekommen ist, das Gesprochene aufzuzeichnen, was dann die Schrift-, Zeichen-
und Bilder-Sprache zur Folge hatte.
[Lg.01_026,24] Von Tausenden und Tausenden
von Welten strömten die Geister zu diesem kleinen Planeten, teils schon in der
Voraussicht seiner künftigen Wichtigkeit im Geistesleben, teils später, als Ich
für alle Geister diese kleine Erde als Meinen Gnadenort einsetzte, wo Ich als
Mensch das größte Beispiel der Demut und der Duldung allen geistigen Wesen
geben wollte, welche materiell oder immateriell im ganzen Universum leben.
[Lg.01_026,25] So entstanden die Sprachen,
verbessert durch Menschen, deren größerer Lebenszweck eben war, sie zu
verbessern und sie den Bedürfnissen der Völker, gemäß ihrem eigenen
Kultur-Fortschritt, anzupassen.
[Lg.01_026,26] So bildeten sich aus einzelnen
Muttersprachen die Abarten, vorerst nur als Dialekte, später als eigene
Sprachen, je nachdem die Völker im sozialen Leben eine mehr oder minder
bedeutende staatliche Stellung eingenommen hatten.
[Lg.01_026,27] Dieses ist der ganze
geschichtliche und staatliche Verlauf, wie Sprachen entstanden sind, längere
Zeit bestanden und wieder aus dem Gebrauch kamen oder sich so veränderten, daß
von ihrer ersten Muttersprache nichts übrigblieb, je nachdem in der Kultur die
Völker vor- oder rückwärts geschritten sind.
[Lg.01_026,28] Nachdem bei allen Völkern nur
immer es einzelne Menschen sind, die auf den geistigen und materiellen
Fortschritt der Völker einwirken, und diese Menschen meist aus besseren Welten
übersiedelte Geister waren, so findet ihr in der Geschichte auch einzelne
Völker im Glanze höchster geistiger Kultur oder materiellen Fortschritts.
Allein, entweder der Übermut im Glück oder der Verfall in tierische
Leidenschaften verhinderten den ferneren Fortschritt. Das Einkleiden besserer
Geister wurde seltener, sie machten niedereren Platz, welche sodann nach und
nach die Völker in Verfall brachten, sie entnerven halfen.
[Lg.01_026,29] Und so seht ihr jetzt
Nationen, die einst große Einsichten in Meine Naturgeheimnisse hatten,
vertiert, – nur den niedrigsten Leidenschaften und materiellem Interesse sich
hingebend, wo von aller Größe ihrer Vorfahren höchstens noch einige Überreste
in der Sprache geblieben sind, welche Zeugnis geben von den Fähigkeiten, die
einst hier tätig waren, um die Menschen den geistigen Weg zu führen, wozu jetzt
niemand mehr weder Willen noch Tatkraft besitzt.
[Lg.01_026,30] Beispiele davon seht ihr in
Indien, Persien, Ägypten, auch bei Völkern Amerikas, deren Spuren längst von
der Erde verschwunden sind.
[Lg.01_026,31] So, Meine Kinder, ist auch
eure Sprache noch nicht die letzte, welche auf dieser Erde ihren Abschluß
finden wird. Es wird eine noch intensivere, geistigere dieser nachfolgen, die
die Menschen erst dann erlernen werden, wenn ihre Annäherung zum Geisterreich
so frei sich gestaltet, daß ein Hinüber- oder Herübergehen nur ein sanfter
Übergang und leichter Stoffwechsel sein wird, und die intelligenten Bedürfnisse
der materiell verkörperten Menschen mit denen der Geister vom Jenseits in
besserem Einklang stehen werden.
[Lg.01_026,32] Jetzt ist es der Fall, daß
eure Sprache, so ausgebildet und reich an Ausdrücken ihr sie auch wähnt, doch
für manche Gefühle und Seelenzustände noch keine Worte hat, um das
auszudrücken, was gerade euer Herz so erfüllt, wie zum Beispiel in den höchsten
Augenblicken der höchsten Wonne der ersten Liebe, oder des Abschiednehmens und
des Wiedersehens oder gar, wenn ihr harmonischen Akkorden und Tönen wörtlichen
Ausdruck geben wolltet. Wie viel möchtet ihr da mit einem Worte sagen, und eure
Sprache muß sich höchstens mit einem Blick voll Seligkeit, einem Händedruck,
einer Umarmung begnügen, da alle eure Worte zu arm und unfähig sind, im
mindesten das auszudrücken, was in eurer Seele mit geistiger Flammenschrift
geschrieben steht und in dem Worte „Liebe“ gipfelt, aber sich nicht näher
beschreiben läßt.
[Lg.01_026,33] Nachdem aber alles dieses
Gesagte nur zu oft aus euren eigenen Erfahrungen bewiesen werden kann, so möget
ihr daraus schließen, wie eben ihr Menschen auf der großen Geisterstufe noch
nicht die letzten seid, und viele Grade noch über euch liegen, ebenso auch eure
Sprache ebenfalls nicht die letzte ist, sondern es noch andere Arten des
Ausdrucks gibt, wovon ihr keinen Begriff haben könnt, solange ihr noch in
Materie eingeschlossene Seelen seid.
[Lg.01_026,34] Ihr müsset ja stets im Auge
haben, daß, je mehr euer Auge geistig geschärft Größeres, Seligeres in sich
aufnehmen kann, und je mehr sich einst die Wunder einer Geisterwelt vor euch
entfalten werden, desto mehr werdet ihr auch Ausdrücke benötigen, welche
solches im rechten Maße ausdrücken können. Also je höher der Standpunkt, desto
geistiger die Sprache, nachdem es sich dort nicht mehr um äußere Formen,
sondern um geistigen Inhalt handelt.
[Lg.01_026,35] Wie Ich im Anfange sagte, daß
der nämliche Prozeß es ist, wie aus dem Samen die Pflanze und aus der Pflanze
der Same erwächst, so entsteht auch im großen Weltenreich der geistigen
Intelligenz aus einer Sprache wieder eine andere, je nach dem geistigen
Bedürfnisse stets fortschreitend, vom verdorbenen Dialekt des Landvolkes
angefangen bis zur reinsten Mundart eines gebildeten Menschen.
[Lg.01_026,36] Dieser Unterschied, wenngleich
für euch hier nur berührt, ist im geistigen Sinne in der Ausdrucksweise, in der
Sprachbildung zwischen intellektuellen Wesen ein großer, weit ausgedehnter,
welcher keine Grenzen kennt, da die Sprache als Ausdruck geistig unendlicher
Begriffe ebenfalls unendlich in ihrer Erweiterung und Vervollkommnung sein kann
und muß.
[Lg.01_026,37] So ist die Sprache nicht, wie
die Gelehrten glauben, ein von Sprachforschern zusammengesetztes Machwerk,
sondern eine Erbschaft aus anderen Welten, wobei meistens vieles hinweggelassen
werden mußte, weil entweder die Geistesfähigkeit der Menschen es nicht
benötigte, oder weil selbst die umgebende Natur und der Kulturstand auf Erden
anders war als dort, von woher diese Sprachelemente von euren Wandergeistern
gebracht wurden.
[Lg.01_026,38] Es ist immer der Eigendünkel
des Erdenmenschen, welcher glaubt, sie hätten alles gemacht; sie wüßten
Pflanzen zu veredeln, Tiere zu höheren Stufen, wenn es nur möglich wäre, selbst
zu Menschen zu machen! Alles dieses glauben die Menschen bewerkstelligen zu
können, und bedenken nicht dabei, daß, was Ich geschaffen, von ihnen weder
veredelt noch besser erzogen werden kann!
[Lg.01_026,39] Es liegt ja schon in einem
einzelnen Worte soviel Tiefes, soviel Bezeichnendes, das nur ein Tiefdenkender
ahnen, aber nie ergründen kann, um wieviel mehr in einem ganzen Sprachenbau,
wo, wäre nicht schon im Menschen selbst geistig die Sprachfähigkeit gegründet,
die Sprachforscher gewiß oft in Zweifel wären, wie sie eine Handlung in allen
möglichen Veränderungen bezeichnen sollten.
[Lg.01_026,40] Seid versichert, keiner eurer
Professoren wäre je imstande gewesen, nur das Zeitwort „sein“ mit seinen
Zeitabänderungen zu erfinden.
[Lg.01_026,41] Denket nur über das Gesagte
nach, und ihr werdet leicht einsehen, daß es ganz etwas anderes ist, eine
bestehende Sprache auszuforschen, oder aber eine neue zu erfinden, ohne alte
Sprachen nachzuahmen, solches ist für euch Menschen eine Unmöglichkeit!
[Lg.01_026,42] Daher ließ Ich dieses Wort
euch geben, damit ihr daraus wieder erkennen möget, wie klein, wie beschränkt
euer Wissen ist, und wie am unrechten Platz der Stolz eurer Gelehrsamkeit, wo,
wenn man's beim rechten Licht betrachtet, ganz wenig Neues eure Errungenschaft,
sondern das meiste Meine Gnadengabe ist, die weiter sieht, und die auch überall
und stets gewußt hatte, was sie tut, wie sie es zu Werke bringt, wenn der
Zeitpunkt dazu da ist, und welche Mittel dazu erforderlich sind.
[Lg.01_026,43] Das geistige Element, welches
in der materiellen Natur liegt, ist ebenfalls in der Sprache, da sie ja fähig
sein soll, einst dem geistig hellsehenden oder wiedergeborenen Menschen als
Ausdrucksweise zu dienen.
[Lg.01_026,44] Diese Sprache muß also alles
in sich tragen, um solchem Bedürfnisse zu entsprechen, und ebendeswegen ist
auch die Sprache, ihre Grammatik oder Lehre, so rationell und konsequent
zusammengesetzt, daß für einen Wiedergeborenen stets das rechte Wort zum
richtigen Begriff vorhanden ist.
[Lg.01_026,45] Nachdem nun alle Menschen
einst in den Zustand des Wiedergeborenseins eintreten müssen, um die zukünftige
vergeistigte Erdenwelt zu bevölkern, so muß auch ihre Sprache sich nach und
nach diesen geistigen Erfordernissen anpassen, sich nach und nach vergeistigen,
damit dort mit geistigen Begriffen auch endlich selbst für die höchsten Gefühle
entsprechende Ausdrücke in der Sprache vorhanden sind.
[Lg.01_026,46] Millionen von Welten und
Millionen von Jahren mußten vergehen, während welcher sich die Sprachen für die
Zukunft vorbereiten mußten, wovon jetzt ganze Generationen erst den Vorteil
genießen, in einer wohlgebauten Wort- und Schriftsprache ausdrücken zu können,
was ihrem geistigen Bedarf angemessen ist, und selbst nicht allein den jetzt
Lebenden, sondern auch ihren fernen Nachkommen noch zugute kommen wird.
[Lg.01_026,47] So soll euch auch dieses Wort
wieder den Beweis liefern, wie die Gnade eures Vaters nichts unterläßt, teils
einfältigen Menschenstolz zu dämpfen, teils euch Mittel zu geben, das geistige
Weltenreich zu begreifen, wo eben nach allem Gehörten, Gesehenen und Gefühlten
nur die Sprache, „das Wort“ allein gegeben ist, um auch andern mitteilen zu
können, was einzelnen Eingeweihten, welche selbst mit der Geisterwelt in
Verbindung standen, in manchen einsamen Stunden zuteil geworden ist, wo die
Liebe des Vaters den schwachen Kindern Seine Gnade fühlen ließ, und ihnen
zeigte, wie vor Äonen von Jahren angebaut wurde, was jetzt erst zur Ernte
reifen wird! Amen!
27. Kapitel – Die Unendlichkeit.
28. März 1876
[Lg.01_027,01] Hier steht ein Wort vor euch,
das oft gedankenlos ausgesprochen wird, dessen Bedeutung aber noch nie ein lebendes
Wesen in seiner Tiefe erfaßt hat, und so will Ich euch wieder einen Blick in
Mein Universum, einen Blick in Meine große Schöpfung, und einen Blick in Mein
eigenes Ich machen lassen, wo ihr sodann mittels dessen ersehen könnt, was alle
eure Wissenschaften, alle eure tiefen Denker, alle Philosophen nie entdeckt
haben, das aber ein unmündiges Kind am Gängelbande der Liebe leicht begreifen
kann, nämlich, daß Liebe der erste Faktor war von allem Geschaffenen, und daß
Liebe der Erhalter und Vervollkommner alles Wesenden stets bleiben wird!
[Lg.01_027,02] Wenn Ich euch dieses Wort
„unendlich“ erklären soll, so müsset ihr von einer großen Masse eingelernter
Begriffe abgehen, müßt weit über alles Wissenschaftliche hinaus den Begriff
dieses Wortes nicht nach menschlicher Weise, nach irdischen Vernunft-Gesetzen,
sondern gemäß eures göttlichen Funkens, den Ich in euch gelegt habe, sonach als
Geister, nicht aber nach endlicher Anschauung entziffern wollen; denn sonst
kann nie ein scheinbar endliches Wesen, wie ihr seid, den unendlichen Gott und
seine unendliche Schöpfung begreifen.
[Lg.01_027,03] So wollen wir bei dem Wort und
dessen Definition anfangen und wie gewöhnlich dann Schritt für Schritt weiter
gehen, wo von einem denkbaren Begriff angefangen bis zum ahnenden Bewußtsein
des Ewig-Unendlichen fortgeschritten werden kann.
[Lg.01_027,04] Was heißet ihr „unendlich“? –
„Unendlich“ heißt ganz einfach ein Ding oder Zustand, der kein Ende hat.
[Lg.01_027,05] Gut, diesen Begriff könnt ihr
euch in eurer Phantasie ausspinnen, so lange und so weit ihr nur immer wollt,
und er bleibt euch als Begriff faß- und denkbar. Aber dieser Begriff, angewandt
auf Meine Schöpfung oder auf Mein eigenes Ich, langt nicht aus; denn da tritt
euch ein anderer Faktor entgegen, welcher in eurem menschlichen Gehirne keinen
Anhaltspunkt findet oder euch nicht denkbar ist, weil ihr selbst nur eines
Anfangs euch bewußt, auch bei allem einen solchen nur euch vorstellen könnt,
was bei Mir und Meiner Schöpfung aber nicht angewandt werden kann; denn Ich und
Meine Schöpfung haben neben dem Unendlichen der Fortdauer auch keinen Anfang
aufzuweisen.
[Lg.01_027,06] Hier gewinnt also das Wort
„unendlich“ eine andere Bedeutung, weil es sich auf zwei Seiten hin bezieht,
auf keinen Anfang und kein Ende; für euch ist diese Unendlichkeit auf einer
Seite wohl, aber auf der andern nicht denk-, noch begreifbar.
[Lg.01_027,07] Nun, hier will Ich euch
helfen, wenn ihr Mir in Meinem Ideengange folgend euch hinaufschwingen könnt
über alles Irdisch-Geschaffene; wenn ihr als Geister Mich beurteilen und von
der Schöpfung eine dem Schöpfer gerechte Idee erhalten wollt; denn als
Menschen, wie ihr jetzt erzogen und ausgebildet seid, gibt es keine
Möglichkeit, sich einen Begriff von etwas zu machen, das nie einen Anfang hatte.
[Lg.01_027,08] Es muß also hier als
göttlicher Geist, weit über euren Verstand hinaus, alles geistig angeschaut,
und selbst eure eigene Existenz von einem andern Gesichtspunkt aufgefaßt
werden.
[Lg.01_027,09] Rühmt sich doch der Mensch mit
seinen wissenschaftlichen Kenntnissen, als wüßte er etwas, und hat im Grunde
doch wenig von dem erfahren, was ihn umgibt, wie es fortbesteht, und was sein
Endzweck ist.
[Lg.01_027,10] Ist ja dem Menschen trotz
aller Forschungen sein eigenes „Leben“, oder „die Lebenskraft“, mit der er
fühlt, denkt und handelt, ein Rätsel; um wieviel mehr muß ihm alles fremd
vorkommen, was außer dieser Sphäre liegt, wo er, dieses winzige Geschöpf, in
sein kleines Gehirn den Schöpfungsgedanken nach seinen eigenen, von ihm
konstruierten Ideen hineinzwängen möchte!
[Lg.01_027,11] Welch eitles Abmühen und
Abplagen! Mich und Meine Schöpfung versteht nur ein Geist, ein Abkömmling von
Mir, welchen Geist zwar jeder von euch im Herzen trägt; aber er weiß ihn nicht
zu kultivieren und bringt ihn meistens so in seiner Einfachheit ins
Geisterreich mit, wie er ihn bei seiner Geburt von Mir empfangen hat. (Paulus
1. Kor.2,10)
[Lg.01_027,12] Also, vor allem vergeßt eure
menschliche Hülle, euer menschliches Dasein, euer menschliches Wissen! Vergeßt
euren kleinen Erdball, vergeßt eure Sonne, die Wärme und Licht euch täglich
spendet, vergeßt alle Materie, alle Welten, deren Anzahl als Summe von euch nie
gedacht werden kann!
[Lg.01_027,13] Schwinget euch hinauf in den
unendlichen Raum, wo alle die Welten, eine um die andere kreisend, ewig und
ewig ihr Ziel der Vervollkommnung stillschweigend verfolgen! Schwinget euch
hinauf, mit Mir in Gedanken hinauf, wo das Licht und die Zeiten keine Grenzen
mehr finden, wo, wenn es so zu nennen wäre, der unbegrenzte Raum stets nur im
unbegrenzten Maße denkbar ist; schwinget euch mit Mir hinauf, wo kein Licht,
keine Wärme, sondern nur Finsternis, ewige Finsternis herrscht; wo die großen
Elemente für alles Geschaffene aufgespeichert liegen.
[Lg.01_027,14] Schwinget euch mit Mir inmitten
dieses „Raumes“, wie es euch scheinen würde, und wenn es euer Geist oder eure
Einbildungskraft fassen kann, so steht ihr vor der Unendlichkeit und ihrem
Schöpfer und Herrn, welcher aus ihr alles erzeugte, was sicht- und unsichtbar
im Raume webt und lebt.
[Lg.01_027,15] Und dort in dieser
Unendlichkeit wird euch dann faßbar, wie Gott ebenfalls „unendlich“ diesen
unbegrenzten Raum gleichsam wie jedes andere Ding oder Wesen als Seine geistige
Atmosphäre um Sich hat, und inmitten welcher Er thront, inmitten welcher Er das
Symbol der Liebe, aus diesem Dunstkreise die materielle und aus Seinem Ich die
geistige Welt erschaffen oder ins Leben gerufen hat.
[Lg.01_027,16] Ohne Anfang müsset ihr Mich
denken lernen; denn sonst müßte ein anderer Gott Mich erschaffen haben, diesen
aber wieder ein anderer und so fort, wo ihr ebenfalls nach eurer
Erschaffungstheorie nie fertig würdet.
[Lg.01_027,17] Ich sagte euch in einem andern
Wort, daß die jeden Gegenstand oder jedes Wesen umgebende Atmosphäre an den
Gegenstand oder an das Wesen abgibt, was sie von außen einsaugt, und wieder in
sich aufnimmt, was von selbem verbraucht ihr, der Atmosphäre, zurückgegeben
wird.
[Lg.01_027,18] Nun, hier habt ihr den
Schlüssel zur „Unendlichkeit“.
[Lg.01_027,19] Der unendliche Raum mit allem
Wesenden darin ist Meine Atmosphäre, unendlich wie Ich Selbst, in welche alles
ausströmt von Mir, hinausgehend ins Unendliche, um den großen Reinigungs-Prozeß
durchzumachen, da es durch diese Atmosphäre teilweise schon materiell geworden
ist; und dieser unendliche Raum gibt Mir wieder all das Geistige zurück, was in
ihm gebildet, verbraucht, aufgehört hat, materiell zu sein, und ergänzt so Mein
geistiges Wesen wieder, indem es Mir in anderen Wesen aller Art Meine Liebe,
Meinen Geist in allen Abstufungen geistig wiedergibt, und so das Mich umgebende
Geisterreich bildet, wo die Liebe als Idee, verwirklicht in Gestalten und
Formen, vor Mir steht, die alle geistig ausdrücken, was von Mir ihnen einst
geschenkt, jetzt als vergeistigter Geistes-Mensch oder geistiges Wesen
vollendet ist.
[Lg.01_027,20] Sehet, so wie alle euch
umgebende Atmosphäre, so wie der Dunstkreis eines jeden Dinges oder Wesens die
einzige Kette ist, mit welcher eines mit dem andern in Berührung kommt, und
eines an das andere abgeben kann, was es selbst nicht mehr benötigt, ebenso der
unendliche Raum, in welchem alle Materie in feinste Atome aufgelöst stets das
Assimilations-Vermögen hat, Gleiches mit Gleichem zu verbinden.
[Lg.01_027,21] Als die materielle Welt sich
gemäß dem großen Gesetze aus dem unendlichen Raume gestaltete, da lag schon in
jedem einzelnen Dinge der Keim und der Trieb des immer sich Neugestaltens.
[Lg.01_027,22] Einmal wurde dieses Gesetz in
alles gelegt, und so folgt es noch jetzt seinem ihm vorgeschriebenen Weg.
[Lg.01_027,23] Meine großen
Schöpfungs-Gedanken riefen nur einmal das „Es werde“ in die unendlichen Räume;
da fing alles an sich zu regen, in das Chaos oder Konglomerat aller materiellen
Stoffe drang Mein Geist; es ward Leben, Abstoßen und Anziehen, Bilden und Verwandeln
begannen, und so wird es ewig fortgehen, weil kaum ein Atom dem Ätherraum
zurückgegeben, es neue Verbindungen suchen muß.
[Lg.01_027,24] Sehet die großen Welten an,
wie Millionen und Millionen von euren Jahren als Zeitrechnung zu gering wären,
um deren Bildungs-Prozeß bestimmen zu wollen, seht die Unzahl derselben an, wie
sie vom ersten Atom angefangen, sich bildeten, wie durch gegenseitige Anziehung
die Atome zu Molekülen, die Moleküle in mikroskopische Körper, in Zellen, diese
wieder mit den sie umgebenden Atmosphären in Dunsthüllen verdichtet, später
nach und nach fester wurden, endlich eine haltbare Kruste über einen
lichtwarmen Kern bildeten als Oberfläche solcher Welten, wo die im Innern
verschlossene Kraft und Leben ein eigenes Leben schufen, wo vom Wärmeverbrauch
gebildet und durch Niederschlag sich dann aus den Dünsten Gewässer, äußere
Atmosphären, Vegetation und lebende Wesen bildeten!
[Lg.01_027,25] Sehet alle diese Welten an,
denket euch deren Unzahl, deren Größe, wo vom kleinsten Sandkorn bis zu den
darauf lebenden Menschen als letztes Glied der Keim der Fortpflanzung überall
tätig ist! Denket euch die Zahl eurer kurzen und kleinen Jahre für solch einen
Bildungs-Prozeß, denket euch die ausgeschiedenen materiellen und geistigen
Elemente eines einzelnen solchen Weltkörpers, welche dann Anlaß zu
Kometenbildungen gegeben haben, die nach den nämlichen Gesetzen sich formen,
sich ausbilden müssen, bis auch sie, eine feste Masse geworden, in dem Bereich
eines Sonnensystems ihre weitere Laufbahn und Entwicklung als kreisende
Planeten fortsetzen!
[Lg.01_027,26] Denket euch das große Heer der
sichtbaren Sterne, welche ihr mit freiem Auge oder durch eure künstlichen
Fernrohre entdeckt; denket euch diese Welten, und die Zeit ihrer Bildung, ihres
notwendigen Bestehens, ihrer gesetzmäßigen Verwandlung, wie alles nach dem
Gesetz der Anziehung und Abstoßung stets fortgeht, und die ganze Unendlichkeit
steht vor euren geistigen Augen in ihrer nie zu begreifenden Größe, die wie im
Samenkorn einer kleinen Pflanze, oder der Fortpflanzung eines
Infusionstierchens das nämliche Gesetz befolgt, daß ewig und ewig aus
Verbrauchtem Neues sich gestalten muß, daß von Stufe zu Stufe zuerst die
feinsten Atome Materie werden, und dann die Materie in ihren millionenfach verschiedenen
Abstufungen als Materielles eines dem andern nützlich sei, beim Verwandeln
stets höher und höher steigend, endlich sich selbst vergeistigend, vom Leblosen
zum Lebenden, und vom Lebenden zum geistigen Leben vorwärts schreitet; wo dann
alles von Mir durch den großen Ätherraum Hinausgegangene wieder zu Mir in die
geistige Heimat zurückkehrt, um dort den Preis und Entgelt zu empfangen für
alles, was zu erdulden war; wo sodann ein von der Liebe ausgesandtes, eben
wieder durch die Liebe zurückgeführtes, geistig denkendes Wesen, Meine
Allmacht, Meine Liebe und Meine Schöpfung ganz durchschauend und begreifend,
als Kind eines liebenden Vaters die Seligkeiten genießen kann und wird, die
allen vorbehalten sind, die treu ausharren, und stets daran denken, von wo sie
einst ausgegangen sind, und wohin sie als Endziel gelangen müssen!
[Lg.01_027,27] So wie bei euch eure
materiell-geistige Atmosphäre den einen an den andern geistig bindet,
unwillkürlich ihn anziehen, ihn beglücken will, ebenso die große Anziehungskraft
der Liebe von Mir zu jenen Wesen, welche Mir ähnlich werden wollen.
[Lg.01_027,28] So fasset „die Unendlichkeit“
oder das Wort „unendlich“ auf.
[Lg.01_027,29] Unendlich ist die Kraft, die
aus Mir in alles Lebende einströmt, unendlich ist Meine Liebe, die nie
versiegen wird, und auch unendlich ist die Fortpflanzung, welche vom Kleinsten
bis zum Größten nach dem nämlichen Gesetz fortschreitet.
[Lg.01_027,30] So könnt ihr die Unendlichkeit
der Welten und des Raumes begreifen, so könnt ihr auch den großen
Weltenmenschen oder das ganze materielle Weltensystem auffassen, welches
ebenfalls eine Atmosphäre um sich hat, in weitem Kreise um seine geistige
Zentralsonne kreiset, an den großen Ätherraum der Unendlichkeit alles
Verbrauchte abgibt, und bei jedem Schritt neues Belebendes wieder aufnimmt.
[Lg.01_027,31] So seht ihr die Unendlichkeit,
oder die Unmöglichkeit, etwas zunichte zu machen, sei es auch nur das geringste
Atom, ebenfalls noch bildlich im geistigen Leben, wo der geistige Gedanke stets
einen andern hervorruft, wo der Gedanke die Idee, die Idee das Wort, und das
Wort endlich auch das Werk oder die Tat erzeugt, und so den geistigen Schöpfer
zeigt, und was Er im Materiellen Geistiges ausdrücken wollte.
[Lg.01_027,32] Unendlich ist alles, unendlich
seid auch ihr! Nicht daß ihr mit eurer Geburt erst angefangen, nein, schon
längst, ja von Ewigkeit her seid oder waret auch ihr, bloß nicht als Menschen,
als einzelne Individuen, sondern als Materie, mit ebenso unvergänglichem Stoffe
wie alle Materie; das Geistige in euch, ein Funke aus Mir, Meines göttlichen
Ich, welcher sich erst seiner Existenz bewußt ward, als die andern zwei
Faktoren, Seele und Körper, mit dem Geiste die Dreieinigkeit ausmachten, wie
sie bei Mir ebenfalls ist; denn auch Mein Ich besteht erstens aus all dem
Geschaffenen und Wesenden als Materie, zweitens aus dem ganzen Seelenreiche,
welches alles zu einem Zweck vorwärts treibt, und drittens aus dem göttlichen
ewigen Prinzip, welches dem Vorhergesagten die unendliche Dauer und seinen
göttlichen Wert gibt.
[Lg.01_027,33] So sind wir, Ich im Großen,
Körper, Seele und Geist, und ihr und alles, was lebt und webt, im Kleinen
ebenfalls aus denselben Prinzipien geformt; und ebendeswegen strebt auch das
Körperliche zu Seelischem, das Seelische zu Geistigem, sich auszubilden,
welches der Stufengang alles Unendlichen ist, sein muß und sein wird.
[Lg.01_027,34] Das Wort „Vernichtung“ gibt es
in Meiner Schöpfung nicht, nur Verwandlung, wenn diese auch oft unter dem
Schein der ersteren auftritt!
[Lg.01_027,35] „Unendlich“ sind die Keime des
Göttlichen, „unendlich“ ist ja der Schöpfer Selbst, wie sollten die Produkte
aus Ihm nicht den nämlichen Stempel tragen?! Allein nach beschränkten
menschlichen Begriffen, nach den Gesetzen der menschlichen Vernunft ist dieser
Gedanke nicht faßbar. Deswegen führte Ich euch hinaus in den großen Ätherraum,
zeigte euch dort die nämlichen Verhältnisse als Gott, die ihr als Menschen
ebenfalls habt, die jedoch nur geistig aufgefaßt, gleichbedeutend gedacht
werden können.
[Lg.01_027,36] Nur in diesem Sinne bin Ich
euch faßbar, bin Ich euch nahe, und könnt ihr Meine Liebe, Meine Opfer und
Meine Geduld mit euch begreifen.
[Lg.01_027,37] Hätte Ich nicht größere
Absichten mit der Welt, wäre vor Mir nicht das ganze Universum ausgebreitet wie
ein offenes Buch vor Mir liegend, wo Ich alles sehe, alles weiß, aber auch
alles zu dem großen Ziele der Vereinigung mit Mir führe, so hätte Ich nach
euren menschlichen Urteilen und Begriffen schon längst euren ganzen Erdball aus
dem Bestehenden verschwinden lassen sollen; aber wie Ich am Kreuze einst sagte:
„Verzeihe ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun!“, so ist es auch jetzt
noch. Verirrte Kinder seid ihr, und viele Millionen mit euch!
[Lg.01_027,38] Die großen Gedanken, welche
euch über das Irdische erheben sollten, ihr könnt sie nicht fassen, habt keine
Kraft, keine Energie, euch dorthin zu schwingen, wo alle menschlich-weltlichen
Sorgen in ein Nichts zusammensinken, wo trotz aller Worte, direkt von Mir
gegeben, ihr noch nicht begriffen habt, was es heißt – „Mensch“ oder gar „Kind
Gottes“ zu sein!
[Lg.01_027,39] Daher Meine Worte zu euch,
daher die Verschiedenheit derselben, daher Meine Erklärungen von allem
Geschaffenen, um euch eure geistigen Augen zu öffnen.
[Lg.01_027,40] Seligkeiten über Seligkeiten
habe Ich geschaffen; aber nicht für Blinde, nein, sondern für Sehende, welche
geistig sehen, geistig begreifen sollen, Wer sie führt, und wohin Er sie führen
will.
[Lg.01_027,41] Sehende will Ich in Meiner
Schöpfung haben, die Meine Werke bewundern und aus ihnen den Schöpfer derselben
erkennen und Ihn liebenlernen sollen!
[Lg.01_027,42] Sehende will Ich haben, die
klar begreifen sollen, daß sie nicht für die Spanne Zeit, bei euch Leben
genannt, geschaffen wurden, sondern die einsehen sollen, daß sie, eben weil sie
unsterblich sind, den Keim des Göttlichen in sich tragen; aber auch ihn zur
Geltung bringen sollen, um Meine Welt und Mich ganz zu verstehen!
[Lg.01_027,43] Sehend will Ich Meine Kinder
haben, damit sie in dem Bewußtsein des „Unendlich“ oder „Unsterblich“ begreifen
sollen, wessen Bürger sie sind, daß sie Bürger eines Geisterreiches waren, und
es wieder werden müssen, wo die Geistige Sonne nie untergeht, sondern wo alles
Licht, von Mir ausströmend, dem kleinsten Atom wie dem menschlichen Geiste sein
Licht gibt, wenn er es benutzen will zur Erkenntnis, daß er selbst als ein
unendliches Wesen von einem unendlichen Gott geschaffen wurde!
[Lg.01_027,44] So möge dieses Wort wieder ein
geistiger Stoß für eure beinahe eingeschlafenen Herzen sein, damit ihr erwacht
aus dem weltlichen Traum und klar seht, daß, wenn euer Lebenstraum ein Ende
hat, ihr in diese eben jetzt beschriebene Welt als unsterbliche Wesen eintreten
werdet.
[Lg.01_027,45] So sei es euch gegeben zum
Trost und als Rat! Möge es euch nicht vergebens geworden sein; denn ihr werdet
es büßen müssen, weil ihr, nicht eingedenk der göttlichen Gesetze, „endlich“
fortleben wollt, während doch „die Unendlichkeit“ eurer Ziel ist! Amen!
28. Kapitel – Die Schattenseite der Natur.
5. Februar 1877
[Lg.01_028,01] Schon in vielen Worten habe
Ich euch Meine Natur von ihrer schönsten geistigen und materiellen Seite
gezeigt, euch darauf hingewiesen, wie alles nur aus Liebe, nur zur Freude der
lebenden Wesen geschaffen wurde; und doch findet sich in der sichtbaren Natur,
in dem Leben der Tiere und selbst des Menschen so manches, was gegenüber allem
diesem früher Gesagten als Gegensatz erscheint, wo vielleicht so mancher sagen
könnte: „Wenn ich die Welt und das Leben auf dieser Erde genau betrachte, so
ist nicht alles so rosig, wie es gemäß den eben geschilderten Worten sein
sollte; ich sehe hier Elementar-Ereignisse, die der Menschen Leben und ihr
sauer erworbenes Gut zerstören, sehe nur Raub und Mord beinahe im ganzen
Tierreich, sehe Gifte aller Art, sehe Ungeziefer, die Menschen und Tiere
plagen, sehe, wie selbst Menschen und Tiere wieder der Wohnort abscheulicher
Würmer sind, wo letztere nicht warten können, bis der Körper tot ist, sondern
die Menschen und Tiere diese ungeladenen Gäste noch bei lebendigem Leibe mit
sich herumtragen und sie nähren müssen, sehe neben wohlduftenden Blumen, Ölen
und Gewürzen eine Masse von Dingen, die einen pestilenzialischen Gestank
verbreiten, und sehe neben üppigem Leben die alles zerstörende Verwesung,
welche Menschen und Tiere durch üblen Geruch von sich zurückstößt.
[Lg.01_028,02] Alles dieses ist doch nicht
zur Freude, zum angenehmen Aufenthalt auf dieser Erde geschaffen, und nicht da,
als sollte es uns unseren Lebenswandel versüßen oder gar noch ein Zeichen von
der allgepriesenen großen Vaterliebe unseres Schöpfers sein!“
[Lg.01_028,03] Diese und noch andere Einwürfe
können Mir gemacht werden, und zwar natürlich nur von Menschen, welche das
Scheinbare fürs Wirkliche halten, und welche keinen Begriff von Meiner Weisheit
haben, und sich nicht in die Lage versetzen können, von welcher Seite Ich Meine
Schöpfung und das Leben selbst anschaue und wirklich betrachten muß.
[Lg.01_028,04] So, wie Ich es euch schon
einmal in einem andern Wort gesagt habe, rief ein Gelehrter von euch
Erdenmenschen in seinem Unmut aus: „Wenn es einen Gott gibt, und ich seine
Stelle vertreten müßte, so würde ich mich schämen, eine Welt so erbärmlich
eingerichtet zu haben, wie sie wirklich besteht!“
[Lg.01_028,05] Um nun alle diese Vorwürfe zu
beseitigen, und da auch bei euch, einem oder dem andern, ähnliche Zweifel gegen
Meine weisen Anordnungen aufgestiegen sind, will Ich euch nun Mich, Meine
Schöpfung und das scheinbar Widersprechende soviel als möglich aufklären und
die sogenannte Schattenseite Meiner Natur auch in eine Lichtseite verwandeln.
[Lg.01_028,06] Vorerst muß Ich aber all
diesen Aufschlüssen eine Erklärung Meines großen Haushalts und eine klare
Ansicht vorausschicken, wie ich das Leben anschaue!
[Lg.01_028,07] Es geschieht dieses, damit wir
einander verstehen; denn sonst sind alle Worte nur leeres Stroh gedroschen, da
es ohnedies nicht ermöglicht wird, von Meinem Standpunkte aus die Welt zu
betrachten, die doch Ich geschaffen habe und daher Ich allein nur wissen kann,
warum Ich sie so und nicht anders gebaut und eingerichtet habe.
[Lg.01_028,08] Es ist gerade, wie (als
Gleichnis gesprochen) wenn zwei, der eine auf einem Berg und der andere in der
Ebene, über eine gewisse Fernsicht sich verständigen wollen, was natürlich nur dann
möglich ist, wenn beide auf ein und demselben Standpunkte sich befinden, da der
in der Ebene nie das sehen kann, was dem anderen auf dem Berge ganz klar vor
Augen liegt.
[Lg.01_028,09] Also, Meine Kinder, wollt ihr
Mich begreifen, so müsset ihr zu Mir heraufsteigen; denn bei Mir ist ewiges
Licht, und bei euch und vielen anderen ewige Finsternis oder im besten Falle
leichte Dämmerung.
[Lg.01_028,10] Um also die Schattenseite
Meiner Natur zu würdigen, müßt ihr vorerst bedenken, daß Ich als Schöpfer des ganzen
Universums, als ewiger Herr des ganzen überall sich manifestierenden Lebens
eine ganz andere Idee von demselben habe, als ihr schwachen Menschenkinder,
denen der Tod in tausend verschiedenen Formen entgegentritt, während es für
Mich und vor Mir keinen Tod gibt, sondern höchstens eine Verwandlung oder einen
Stufenwechsel.
[Lg.01_028,11] Also das Schreckliche, was ihr
in und auf eurer Erde mit Tod bezeichnet, ist nur eure Ansicht, auf welche ihr
dann die meisten Belege dafür gründet, aber nicht die Meinige!
[Lg.01_028,12] Ferner müßt ihr bedenken, daß
eure Erde nicht die Hauptsache in der ganzen Schöpfung ist, daß viele Hunderte
von Planeten wie der eurige und Millionen von Sonnen Mein materielles
Weltenreich ausmachen, und daß ebendeswegen Meine Sorge die Erhaltung des
Ganzen ist, während ihr nur für den Bestand eurer kleinen Erde ein Interesse
habt, welche bei Mir wie ein Tautropfen im großen Weltmeere verschwindet.
[Lg.01_028,13] Denn ihr müßt Meine Welt so
auffassen, daß Meine ganze Schöpfung ganz gut ohne eure Erde, ja ohne euer
ganzes Sonnensystem bestehen könnte; aber eure Erde nicht ohne ihre Sonne, ohne
die Verbindung mit den andern Welten, weil alles wie eine Kette zusammenhängt
und wie ein vielkompliziertes Räderwerk ineinandergreift. –
[Lg.01_028,14] Ihr werft Mir die
Elementar-Ereignisse vor, welche den Menschen oft um Hab und Gut und selbst um
sein Leben bringen, worauf Ich euch antworte, daß im ganzen Weltenreiche ein
ewiges Bewegen, ein ewiges Verwandeln und Verbrauchen und Erneuern im größten
Maßstabe besteht.
[Lg.01_028,15] Der Äther, dieser unermeßliche
Raum, ist nie ruhig, seine kleinsten Atome gehen immer Prozesse durch, wo alles
erzittert, alles sich bewegt. Eure Luft, ebenfalls ein leicht bewegliches
Element wie der Äther, nur etwas dichter, kann sich dieser Bewegung nicht
entziehen, wird mitbewegt, mitangeregt, um an dem großen Erhaltungs-Prozeß
teilzunehmen, um so mehr noch, da der Einfluß der Sonne durch ihre
Wärmestrahlen die Ausdehnung und Zusammenziehung der Luftschichten bewirkt,
welche sodann immerwährende Störungen in der Atmosphäre veranlassen, so daß
stets die kalte Luft mit der wärmeren sich ausgleichen will und muß.
[Lg.01_028,16] Diese Ausgleichungen bestimmen
und begründen die Feuchtigkeit oder Trockenheit der Luftschichten, und diese
wieder die Wolkenzüge, die Phänomene und Elementar-Ereignisse, welche den
Menschen im einzelnen oft Schaden bringen; im ganzen aber nur Segen verbreiten.
[Lg.01_028,17] Hierbei ist aber noch in
Betracht zu ziehen, daß die Menschen in manchen Gegenden durch ihre Gewinn- und
Habsucht selbst oft das meiste dazu beitragen, daß solche Elementarereignisse
sich öfters ereignen, indem man ihnen die Türen weit öffnet und zum Beispiel
durch Vernichtung der Wälder Stürmen und Gewittern leichteren Eingang gestattet,
und selbst die klimatischen Verhältnisse einzelner Länderstriche dadurch
gänzlich ändert.
[Lg.01_028,18] In Meinem großen Haushalt ist
alles wohlberechnet, und ein Eingreifen durch Menschenhand kann sich nur wieder
an ihr selbst rächen, weil es ihre Berechnungen höher als Meine stellt.
[Lg.01_028,19] Ich muß im Großen für das
nötige Gleichgewicht sorgen, habe Meine Gesetze so geordnet, daß diese, wo sie
gestört werden, sich von selbst wieder herstellen, unbekümmert, wenn auch
einzelne des Ganzen wegen Schaden erleiden.
[Lg.01_028,20] Ihr fangt ja auch oft Kriege
an, zerstört erbarmungslos Haus und Hof usw. von unschuldigen Landleuten,
verwüstet ihre Felder, ihre Saaten, ihre Herden, verbreitet Unglück und Elend
überall, und was für Entschuldigungen könnt ihr von euren Machthabern darob
erhalten? Sie sagen: „Höhere Zwecke erheischen es, fürs Vaterland, fürs Ganze
in die Schranken zu treten, wo Glück oder Unglück des einzelnen nicht in
Betracht gezogen werden könne!“
[Lg.01_028,21] Ihr in eurem kleinen Land
findet diese Erklärung ganz gerecht, und wenn Ich in Meinem großen Haushalt
ebenfalls wegen allgemeiner Erhaltungsprinzipien so manches Elementarereignis
für nötig halte, so habe Ich nach eurem beschränkten Urteil Unrecht getan, habe
gegen Meine Eigenschaften als Vater und Verbreiter der Liebe gefehlt!
[Lg.01_028,22] Seht, wie leicht ihr den Stab
über Mich brechen möchtet, während ihr doch selbst unnötigerweise oft bei
weitem größeres Elend verbreitet, dessen Tragweite ihr nicht kennt, und dessen
üble Folgen ihr nicht gutmachen könnt!
[Lg.01_028,23] Was das Morden und Rauben im
ganzen Tierreich betrifft, wo doch ihr Menschen selbst die größten Räuber und
Mörder seid, und zwar meist um eures Bauches willen oder als mutwilliger
Zeitvertreib halbverwildeter Menschen, da muß Ich euch auf das früher Gesagte
hinweisen, wo Ich euch sagte, daß für Mich kein Tod existiert, sondern nur
stufenweises Fortschreiten! (Siehe Gr.Ev.Joh.VII,Kap.17-19)
[Lg.01_028,24] Nun, wie kann denn dieses
Fortschreiten geschehen, wenn nicht teils materielle, teils geistige Partikel
der umstehenden Tiere in die höheren einverleibt werden, welche eben zu ihrem
Bestande all diese Elemente und Stoffe nötig haben. Was tut denn ihr selbst?
Nehmt ihr nicht ebenfalls aus allen Naturreichen Nahrungsmittel zu euch, wo
stets Partikel, seien es geistige oder materielle, darin vorhanden sind, die
teilweise ihr zum Aufbau eures Körpers für nötig glaubt!
[Lg.01_028,25] Was sind denn eure Jagden von
dem Treiben der Tiere viel verschieden? Der große Unterschied ist nur der, daß
ihr die Tiere zu Tode hetzt zum Zeitvertreib und nicht aus Not, wie der Löwe
oder Tiger seine Beute suchen muß; und während das Tier aus Instinkt so zu
Werke geht, so ist es bei euch sogenannten vernünftigen Geschöpfen eine Seelenlust,
ein Tier leiden zu sehen, was im Tierreich nicht vorkommt.
[Lg.01_028,26] Ihr wollt Mir Grausamkeiten
zuschreiben, und übt deren bei weitem mehr als Ich aus!
[Lg.01_028,27] Schauet eure Hetzjagden an,
und schämet euch vor euch selbst; denn in diesem Punkte steht ihr weit unter
dem niedersten Tier!
[Lg.01_028,28] Sehet, eure Naturforscher und
Gelehrten haben aus den Formationen der Erdrinde euch bewiesen, daß gerade, je
kleiner die Tiere sind, desto größer ihre Produktionskraft; und wenn dieses
wirklich der Fall ist, wo ja ein großer Teil der Erdrinde und Gebirge aus den
Schalen und Skeletten solcher Tiere bestehen, so könnt ihr daraus entnehmen,
daß Ich bei Erschaffung solcher Einrichtungen ganz andere Zwecke hatte, als nur
Leben zu verbreiten.
[Lg.01_028,29] Sehet, da „die Erde“ von ihrem
ersten Anfang bis auf die letzte Revolution mit diesen Tieren so reich gesegnet
war – nebenbei aber auch Tiere existierten, die längst ausgestorben eure jetzt
lebenden, was Größe anbetrifft, bei weitem in den Hintergrund stellen würden –,
so findet ihr neben den vielen Produzenten auch die Konsumenten, die wieder
nach jeder neuen Umwälzung als Materie zu einer neuen Schicht der Erdrinde
dienen mußten.
[Lg.01_028,30] Das Leben war dort im
allgemeinen in Betracht gezogen, und es konnte auf einzelnes keine Rücksicht
genommen werden, sondern alles mußte dazu beitragen, die Erde so bald wie
möglich zur bleibenden Wohnstätte des Letztgeschaffenen, des Menschen
herzurichten, wo dann diese Verwandlungen im großen Maßstabe aufhörten und die
jetzt hie und da eintretenden Phänomen- und Naturereignisse nur schwache
Nachklänge jener großen Schöpfungsprozesse sind.
[Lg.01_028,31] In jener Zeit, wo eure Erde,
von der Dunstform zur festen Masse fortgeschritten, ihren Entwicklungsprozeß
durch Millionen von Jahren fortsetzte, war ja sie es nicht allein, die sich all
diesen Verwandlungen unterziehen mußte, sondern alle Planeten eures
Sonnensystems standen im gleichen Bildungsprozeß, überall regte es sich; der
Äther lieferte die Elemente zur Atmosphäre, und der Niederschlag der letzteren
bildete die ersten Anfänge der Erdrinde.
[Lg.01_028,32] Habt doch auch ihr eure
Jugendjahre, wo alles in euch gärt, das Blut in rascheren Schlägen durch den
Körper kreist, und der Bildungsprozeß schleuniger und schneller zum Jünglings-
und später zum Mannesalter treibt.
[Lg.01_028,33] Eben solche Phasen macht eure
Erde, ja selbst das ganze Planetensystem durch.
[Lg.01_028,34] Moses sagte euch in seiner
Schöpfungsgeschichte, wann es auf Erden Licht ward, wann Festes vom Wäßrigen
sich schied.
[Lg.01_028,35] In eurem Leben – wann wird es
licht, wann gewinnt euer Geistiges festere Gestalt? – doch ebenfalls erst im
späteren Alter!
[Lg.01_028,36] So war es bei dem großen
Pflanzenwuchse und bei den großen Tieren.
[Lg.01_028,37] Die allgemeine gleiche Wärme
der Erdrinde, ihre ungeheure Produktionskraft an Tieren aller Art, welche mit
jeder Umwälzung andern Schöpfungen Platz machen mußten; alles dieses waren die
Jugendjahre der Erde, ihre Blütenzeit, die nur für Mich und Meine großen
Schöpfungsgedanken von Wert waren, wo jetzt Gelehrte und Naturforscher in den
Schichten der Erdrinde lesen können, was Ich einst mit weiser Hand geordnet,
und daß Ich erst den Menschen von Meiner Schöpfung Zeuge werden ließ, als der
Gärungsprozeß im Großen vollendet die Erde in ein ruhigeres Stadium trat, um
dem Menschen als bleibende Wohnstätte zu dienen. –
[Lg.01_028,38] Was die Gifte, die
pestilenzialischen Gerüche anbelangt, welche ihr auf eurer Erde neben
balsamischen Düften antrefft, so ist diese Sache relativ. Gift ist nicht für
alle Wesen Gift, und übler Geruch nicht für alle lebenden Geschöpfe das
gleiche.
[Lg.01_028,39] Was heißt denn eigentlich
Gift? Sehet, alle Welt hat dieses Wort im Munde, und niemand will es auf seinen
Grund zurückführen, so will denn Ich es tun, damit wir uns besser verstehen.
[Lg.01_028,40] Gift ist nur der Gegensatz von
dem, was der einen oder der andern Natur zusagt! – Gift ist zum Beispiel fast
jede Arznei, die ihr nehmt, was ihr daran bemerken könnt, mit welcher Hast die
Seele dieses genommene Heilmittel wieder aus dem Körper entfernen will. Gift
ist also für den Menschen so manches, was den Tieren nicht schadet, sondern
sogar ihnen oft als Heilmittel dient.
[Lg.01_028,41] Wenn die Schlangen Giftzähne
haben, so ist es für sie vorerst eine Waffe, und zweitens ein Mittel, dem zu
verzehrenden Tier den letzten Moment des Sterbens zu erleichtern.
[Lg.01_028,42] Gift in den Pflanzen, in den
Mineralien mittels chemischer Prozesse gewonnen, sind allerdings Stoffe, welche
– für den Menschen entweder lähmend auf sein Nervensystem oder zerstörend auf
andere Organe wirkend – ihm den Tod bringen können. Dazu hat aber der Mensch
auch seinen Verstand und sollte sich mittels desselben vor solchen Giften zu
schützen wissen.
[Lg.01_028,43] Warum diese Gifte in Meinem
Haushalte sind, dieses für euch zu ermitteln, wird etwas schwer halten, weil
ihr die Stufenleiter, auf der alles sich nach oben drängt, nicht kennt und nie
begreifen werdet, wie vom ersten Äther-Atom angefangen eine geordnete
Stufenleiter sanft von einem zum andern, Höheren führen mußte.
[Lg.01_028,44] Hierher gehört auch der
Vorwurf wegen des Vorhandenseins des Ungeziefers, davon manche die Tiere und
Menschen plagen, und wo der Mensch keine Ursache und kein Warum findet, weil er
nur immer sich als Erstes betrachtet.
[Lg.01_028,45] Auch dieses Ungeziefer hat in
seiner Stellung einen gewissen Platz auszufüllen, wo von einem Tier zum andern
kein Sprung gemacht werden kann, und wo neben der materiellen und geistigen Bildung
dieser Geschöpfe auch noch ein Höheres mit verbunden war, welches darin
bestand, den Menschen nicht unter das Tier herabsinken zu lassen, da in bezug
auf seinen eigenen Körper das Reinlichkeitsprinzip ihn zwingen sollte, selbst
an seinem Körper den geistigen Adel zu bewahren, für welchen er auf der Welt
ist, und welch geistigen Rang er gegen die Tierwelt stets behaupten sollte.
[Lg.01_028,46] Diejenigen Völker, die dieses
Prinzip vernachlässigen, stehen weit unter dem Tier, welchem es als Instinkt gegeben
ist, seinen Körper rein zu halten, wobei es aber einzelne Ausnahmen gibt.
[Lg.01_028,47] Was die Verwesung und den
meistens damit verbundenen Geruch anbelangt, so ist selbst in der Schöpfung
dafür gesorgt, daß schadenbringende Ausdünstungen und deren üble Folgen durch
Tiere, wie Fliegen, Würmer und andere Insekten, welche auf sie als
Nahrungsmittel angewiesen sind, eben dadurch vereitelt werden, indem diese
Tiere solche euch schädliche Stoffe in ihr eigenes Ich verwandeln und so wieder
ihren Körper für höherstehende Tiere als Nahrung zubereiten.
[Lg.01_028,48] Der Geruch ist wieder ein
Zeichen, daß das Reinlichkeitsprinzip euch Menschen gegeben ist, um als Geister
nur Würdiges in eurer Nähe zu lassen, während alles übrige, was dem gröberen
materiellen Reiche angehört, von euch entfernt bleiben sollte. In eure Sinne
legte Ich den Impuls, euch stets als Menschen, als Meine Abkömmlinge zu
erhalten, damit ihr nie unter das Tier zu stehen kommt!
[Lg.01_028,49] Jeder üble Geruch, jede
unästhetische Form, jedes triviale (gemeine) Wort sollte euch mahnen, daß ihr
Bürger einer geistigen Welt werden, und nicht ins Materielle von Stufe zu Stufe
abwärts steigen sollt, wo nur einzelne Tiermenschen ihre Gelüste und ihre
Freuden im Schlamm gleich den Schweinen finden.
[Lg.01_028,50] Was ihr Mir vorwerft, daß
selbst euer Körper schon bei Lebzeiten ein Wohnort von einer Masse Infusorien
ist, davon seid ihr am ersten selbst schuld, indem eure meisten Nahrungsmittel
aus solchen Stoffen bestehen, wo die Eier solcher Tierchen in eurem Leibe und
durch die natürliche Körperwärme zur Ausbrütung gelangen. Diese kleinen
Tierchen sind nur dort zu Hause, wo die Verwesung und Zersetzung ihnen
Nahrungsstoff liefert.
[Lg.01_028,51] Je mehr Leichtverwesliches
(und Halbverwestes) ihr in euren Magen aufnehmt, desto mehr ähnliche Elemente
erzeugt ihr in eurem Blut, und desto mehr begünstigt ihr die Bildung und
Fortpflanzung solcher Tiere, welche sodann bis in die feinsten Haargefäße eures
Blutsystems dringen.
[Lg.01_028,52] Würdet ihr aus euren
Nahrungsmitteln diejenigen verbannen, die solchen Einschub erlauben, so wäre es
auch mit eurer Gesundheit und Lebensdauer besser!
[Lg.01_028,53] Allein, so seid ihr einmal
gewöhnt, so (verkehrt) zu leben, und so muß Ich es dabei bewenden lassen, bis
eine Krankheit euch zwingt, in den Nahrungsmitteln eine engere Auswahl zu
treffen.
[Lg.01_028,54] So seht ihr aus all dem
Gesagten, daß nicht alles so grausam und schrecklich ist, wie so mancher
aufgeklärt sein Wollende es euch vormalen möchte, und könnt ihr aus allem dem
Vorhergegangenen entnehmen, daß eine höhere Absicht stets Mich leitete!
[Lg.01_028,55] Wenn Ich aber in allem
Geschaffenen das Selbsterhaltungs-Prinzip als Erstes hingestellt habe, so sollt
ihr dabei auch bedenken, daß neben dem Eingesogenen auch Verbrauchtes sein muß,
daß wenn ersteres Lebendes, letzteres Unbrauchbares, dem Anschein nach Totes,
das Belebende angenehme Wohlgerüche, letzteres das Gegenteil desselben
enthalten muß; wenn also Neubelebendes in seiner Form als Nahrungsmittel für Pflanzen,
Tiere und Menschen angewiesen ist, das Verbrauchte nicht wieder dieselbe Form,
sondern eine andere erhalten muß, und daß, wenn die Urstoffe zu diesem ersteren
Zweck in schönen Formen eingekleidet, sie in letzteren, wo sie wieder andern
Zwecken dienen müssen, auch in allem das Gegenteil von dem sein werden, was sie
früher waren.
[Lg.01_028,56] Deswegen ist die Verwesung
oder Zersetzung selbst ein Verbrennungsprozeß, damit der Übergang beschleunigt
werde, welcher von einer Kombination (Zusammenstellung) zur andern nötig ist.
[Lg.01_028,57] Die meisten von euch, die Mir
die Schattenseite der Natur als Vorwurf gemacht haben, hatten nur das Bild des
Scheinbaren vor Augen, wollten mir als „ästhetischem Gott“ nicht verzeihen, daß
Ich etwas erschaffen habe, was gegen ihre Augen und Nasen anstößig wäre.
[Lg.01_028,58] Ich habe aber dem Menschen
seine Gefühls- und Gesichtsorgane gegeben, daß er sich als Mensch nie seiner
geistigen Würde entledige.
[Lg.01_028,59] Deswegen stehen diese Organe
als Mahner stets auf der Wacht, um den Menschen zu hindern, Tier zu werden.
[Lg.01_028,60] Meine Ansichten und Meine
Schöpfungsgedanken sind zu groß und zu tief, als daß ein Mensch sie beurteilen
oder ergründen möchte.
[Lg.01_028,61] Es genügte freilich, aus so
manchem bis jetzt auf wissenschaftlichem Wege Gefundenen auf das Unerklärliche
zu schließen, wo das Resultat kein anderes sein könnte, als ein günstiges für
Mich; denn nirgends haben da die aufmerksam Suchenden einen Fehler entdeckt
oder etwa aufgefunden, als hätte Ich das eine oder andere stiefmütterlich
behandelt. Überall werden sie gefunden haben, wie alles wohl bedacht, ja auf
Ewigkeit festgestellt war, und wenn sie in Tausenden von Fällen diese Ordnung
eingestehen müssen, so glaube Ich doch, daß sie Mir soviel zutrauen könnten,
daß auch in dem Unerklärbaren, nicht leicht zu Entziffernden, ebenfalls ein
geistiger höherer Grund liegt, warum Ich gerade diese scheinbaren Gegensätze
oder diese Nachtseite nicht von Gelehrten beleuchten ließ.
[Lg.01_028,62] Diese Toleranz dürfte Ich bei
dem Menschen voraussetzen, allein sein Stolz auf sein bißchen Verstand läßt es
nicht zu; er glaubt sich in seiner Ansicht als vernünftiger Mensch
beeinträchtigt, wenn er nicht gleich alles weiß! Und doch, wenn man es bei
Lichte betrachtet, so ist so wenig Positives in seinem Wissen, daß es nicht der
Mühe wert ist, sich dessen zu rühmen.
[Lg.01_028,63] Tausende und Tausende von
Wundern sind noch vor den Augen der Menschen verborgen, viele davon, ja die
meisten, wird er im körperlichen Zustande nie erschauen, und wenn er noch so
viel entdeckt, wird er doch immer beim Alpha stehenbleiben müssen.
[Lg.01_028,64] Dieses ist der deutlichste
Beweis, daß Ich auf das Lob der Menschen nicht stolz bin, sonst würde Ich alles
klar vor ihnen ausbreiten, würde ihnen den ganzen Mikro- und Makrokosmos
zeigen, und sie zur Verehrung zwingen, um sie vor Meiner Allmacht in den Staub
zu drücken.
[Lg.01_028,65] Seht, dieses könnte Ich; tue
es aber doch nicht, und warum?
[Lg.01_028,66] Erstens, weil ihr Menschen nicht
alles fassen und begreifen könnt, und zweitens, weil nicht die Masse von
wunderbaren Einrichtungen dieser Welt euch von Meinem Dasein überzeugen soll,
sondern weil ihr als Geister Mich geistig erkennen und gemäß dieser Erkenntnis
im Geist und in der Wahrheit Mich anbeten (das heißt lieben) sollt!
[Lg.01_028,67] So wird dann das Verhältnis
hergestellt, welches zwischen Mir und jeder geschaffenen Kreatur bestehen soll.
[Lg.01_028,68] Es solle der Mensch vorerst
Meine Allmacht, Meine All-Weisheit erkennen, und dann begreifen lernen, daß bei
allen diesen Schöpfungen die Liebe der Hauptfaktor war.
[Lg.01_028,69] So wenig Ich euch mit Meinen
Worten unterhalten will, ebensowenig will Ich mit Meinen wohldurchdachten
Einrichtungen Meines Universums eure Neugierde befriedigen.
[Lg.01_028,70] Was nützt euch zu wissen, wo
die Grenze ist, aus welcher euch die letzte Sonne den Lichtstrahl sendet, was
nützt es euch, die Einrichtungen aller dieser Millionen Welten zu kennen, was
nützt es euch, im Kleinsten die Grenze zu wissen, wo die ersten Anfänge des
Lebens sind, wenn ihr nicht schon beim ersten Schritt in dieses Labyrinth von
Wundern den liebenden Vater, den wohlmeinenden Schöpfer erkennt, Der nichts für
Sich, sondern alles für seine geistigen Wesen erschuf, die Seine Güte, Seine
Allmacht auch schon im kleinsten Sonnenstäubchen fühlen sollen, welches
fröhlich im Äther sich schwingt! Das Wissen als Vernunftresultat langt nicht
aus, es muß das Herz dabeisein, welches über die Grenze des Faßbaren hinaus
ahnet, daß noch bei weitem mehr des Großartigen in der Welt der Geister ist,
als die Materie euch bieten kann.
[Lg.01_028,71] Viel Unerklärliches findet ihr
schon auf eurer Erde, noch mehr erwartet euch im Jenseits, wo die Grenze scharf
gezogen ist zwischen Fühlen und Begreifen.
[Lg.01_028,72] Mich Selbst möchtet ihr im
Jenseits sehen und sprechen, und doch sage Ich euch: Mich als Schöpfer, als
Herrn der Unendlichkeit in Meiner ganzen Allmacht von Angesicht zu Angesicht zu
schauen, ist nie möglich; denn es kann der Geschaffene den Ungeschaffenen nie
begreifen, nie mit Ihm sich ganz vereinigen! Es ist ein ewiges Annähern; aber
kein Erreichen denkbar.
[Lg.01_028,73] Schaudert ihr doch vor dem
Gedanken „Unendlichkeit“ zusammen, ihr könnt euch wohl eine unendliche
Fortdauer denken; aber nie einen Anfang gehabt zu haben, das ist eine Phrase
für euch, die aber kein Gefühl je ausfüllen kann.
[Lg.01_028,74] Daher begnüget euch mit dem,
was Ich euch von Zeit zu Zeit angedeihen lasse, seid zufrieden mit den kleinen
Entdeckungen und Erfindungen, welche Ich aus Liebe zu euch zulasse, um euer
materielles Leben noch angenehmer, noch freier zu machen, damit ihr dem
geistigen, tieferen Leben mehr nachspüren könnt.
[Lg.01_028,75] Suchet nicht Geheimnisse zu
entschleiern, welche euch geistig doch nicht viel weiterbringen, machet es wie
mit euren Astronomen, auch ihnen glaubt ihr, wenn sie Sonnen- und
Mondfinsternisse auf Jahrhunderte vorausberechnen, wo sie stets wirklich auf
Minute und Sekunde eintreffen.
[Lg.01_028,76] Auch bei ihnen zweifelt ihr
nicht, wenn sie euch von andern Welten mit fabelhaften Entfernungen, von
Planeten- und Kometen-Bildung Kunde geben, wo Rechnungen dazu erforderlich
sind, die ihr, als nicht vom Fach, nicht verstehen und nicht begreifen könnt.
[Lg.01_028,77] Die Astronomen sagen euch, was
euer Verstand fassen und ertragen kann, so mache es auch Ich, Ich gebe euch,
was euch zum Nutzen ist, und ziehe den Schleier über Hieroglyphen (Rätsel),
durch welche, könntet ihr sie auch lesen, ihr doch nicht gescheiter würdet.
[Lg.01_028,78] Seid überzeugt, die Welt ist
vollkommen und ohne Fehler geschaffen worden; alles steht an seinem rechten
Platz und alles hängt zusammen, so daß eins ohne das andere nicht bestehen
kann!
[Lg.01_028,79] Das Wie und Warum sind aber
Dinge, die mehr als Menschenverstand erfordern, der schon ganz verblüfft vor
dem Anblick eines Infusionstierchens stehen bleibt, weil er trotz seiner
Forschung noch kein Ende sieht und auch keines ahnen kann!
[Lg.01_028,80] Die Welt ist einmal so, und
Ich bin ebenfalls so, wie Ich es euch schon oft gesagt habe; nämlich, die Welt
ist unendlich, hat keine Grenzen, und es gibt keine Zahl, ihre Dauer zu
bestimmen, wie auch Ich als Schöpfer unendlich bin.
[Lg.01_028,81] Es hilft alles Sträuben
nichts; so ist es, so war es, und so wird es sein!
[Lg.01_028,82] Suchet euch nur in diese
Gedanken hineinzufinden, und es wird bald mit dem festen Vertrauen auf Mich
auch auf der Schattenseite der Natur Licht werden, in dem euch alles beweisen
wird, daß ein allweiser Schöpfer ebenso wie ein Vater vor seinen Kindern
Geheimnisse hat, welche Er ihnen nicht enthüllen kann, nicht weil Er nicht
will, sondern weil sie diese nicht fassen können.
[Lg.01_028,83] So vertrauet auf Mich! Da Ich
die großen Welten in Anzahl von Millionen erschuf, so glaubet, daß Ich auch im
Kleinen wußte, warum Ich das eine oder das andere so einrichtete.
[Lg.01_028,84] Glaubet und vertrauet Meiner
Liebe, und bekrittelt nicht, was ihr nicht verstehen werdet und höchstens als
Vernunftschluß eines Ahnungsgefühls euch sagen könnte:
[Lg.01_028,85] „Derjenige, welcher die
sichtbare Welt in allen Dingen so eingerichtet hat, wie wir sie sehen, wird
wohl auch Seinen Grund haben, wie es dem allgemeinen Zweck dienlich ist, das
Unsichtbare ebenso perfekt herzustellen“; und mit diesem Glauben wird die
Schattenseite der Natur aufgehört haben, eine dunkle zu sein, welche wohl
Zweifler, nicht aber gläubige Herzen beschäftigen kann, die wohl wissen, daß
ein Schöpfer als Vater, als Liebe nur so alles anordnen konnte, wie es zum
Besten aller lebenden Wesen nötig gewesen ist! Amen!
29. Kapitel – Die Schattenseite der Natur in
bezug auf das menschliche Leben.
21. Februar 1877
[Lg.01_029,01] In Meinem letzten
(voranstehenden) Wort habe Ich Mich gegen die Einwürfe verteidigt, welche
manche oder eigentlich viele Menschen Mir in bezug auf die Widersprüche machen,
welche sie in Meiner sichtbaren Natur zu finden glauben, wenn sie diese mit
Meinen überall verkündeten Worten der Liebe, der Sanftmut und der versprochenen
Freuden vergleichen.
[Lg.01_029,02] Soweit es möglich war, habe
Ich euch diese Schattenseite beleuchtet und euch das „es könnte anders, aber es
muß doch so sein, wie es wirklich ist“ erklärt.
[Lg.01_029,03] Nun bleibt Mir noch eine
wichtige Beleuchtung eures eigenen Lebens übrig, wo auch so mancher sagt:
„Sehet doch einmal das menschliche Leben an, von Geburt bis zum Grabe ist es
nichts als Kampf, Leiden, Enttäuschung, und sehr wenig Liebe, Freude und sonst
versprochene Dinge, wenn der Mensch sich solche nicht selbst zu verschaffen
weiß!
[Lg.01_029,04] Was ist das Leben auf dieser
Erde anderes als ein Jammertal, wo man eben – weil man nichts Besseres weiß –
auf Religions-Dogmen und sonstige Kundgebungen hingewiesen ist, welche von
einem andern Leben nach dem Tode stets sprechen, von Vergeltung und Ersatz für
ausgestandene Leiden, während sie den Menschen hier auf Erden mit allen
Mißhelligkeiten kämpfen lassen.
[Lg.01_029,05] Was kümmert mich eine andere,
jenseitige Welt, von welcher ich eigentlich nichts Gewisses weiß, und an welche
ich nur blindlings glauben soll!
[Lg.01_029,06] Wenn ich diese hier mich
umgebende Welt so erbärmlich sehe, wer steht mir gut dafür, daß die künftige
Welt nicht ebenso widersprechend als die hier wirkliche ist, wo statt Freuden
nur Leiden, körperliche oder geistige, miteinander abwechseln, und selbst das
mit Mühe Errungene nicht diese Genüsse uns gibt, wie sie manche davon erwartet
haben!“ –
[Lg.01_029,07] So und in tausend andern
Formen werde Ich angeklagt, den Menschen Versprechungen gemacht zu haben, während
Ich doch nie im Sinne hätte, auch nur eine einzige zu halten!
[Lg.01_029,08] Derjenige Mensch, welcher nur
das Daseiende, ihm Sichtbare, als eigentlich existierend annimmt und kein
geistiges Leben außer seinem Verstandesleben anerkennen will, der hat ganz
recht, so zu urteilen, weil er im voraus nur dasjenige als bestehend
betrachtet, was er entweder mit seinen Händen greifen oder mit seinen fünf
Sinnen fassen kann.
[Lg.01_029,09] Es ist dieses so ganz die
Theorie aller Materialisten, welche aus zufälliger Vermischung aller
Schöpfungs-Elemente die ganze sichtbare Welt erstehen ließen und selbst das
geistige Streben in ihrem eigenen Gehirn nur als Produkt solcher
Zusammenmischungen ansehen.
[Lg.01_029,10] Daß ihre Theorie leicht viele
Anhänger findet, ist ganz natürlich; denn sie legt dem Menschen keinen Zwang
an, er braucht seinen Leidenschaften nur zu frönen, soweit es polizeiliche
Gesetze erlauben; denn er denkt nur: „Nach diesem irdischen Leben ist ja so
alles zu Ende, also ,leben‘ wir (nach seinen Begriffen) so gut wie möglich!“
[Lg.01_029,11] So schaut er die Nachtseite
des menschlichen Lebens nur, wo materielle Verluste, Krankheiten,
Mißhelligkeiten und Enttäuschungen aller Art miteinander abwechseln.
[Lg.01_029,12] Und um diese Vorwürfe auf ein geregeltes
Maß zurückzuweisen, und dem Menschen zu zeigen, wenn das menschliche Leben
wirklich so ist, wer eigentlich daran die Schuld trägt, soll dieses Wort
dienen, da Ich auch bei euch oft solche Klagen aussprechen höre, und noch
ärgere in euren Gedanken lese, wo ihr – wie verirrte Seelen, welche nur das
materielle Wohlleben voransetzen möchten –, dem geistigen nur manchmal ein
Stündchen widmen wollt, wenn ihr eben nichts anderes zu tun habt! Nun zu Sache!
[Lg.01_029,13] Daß euer Leben nicht in lauter
Freude dahinfließt, sondern meistens gerade das Gegenteil ist, das kann Ich
Selbst nicht ableugnen.
[Lg.01_029,14] Daß ihr Menschen, die ihr gern
bloß materiell leben möchtet, von einem geistigen Leben gar keine Notiz nehmen,
ja selbst alle geistige Verbindung und das Dasein eines höheren alles ordnenden
Wesens ableugnen möchtet, dieses seht ihr in mehr als tausend Beispielen, wohin
ihr nur euren Blick wenden wollt!
[Lg.01_029,15] Und woher kommt dieses? Es
kommt daher, weil die Menschen die Welt so konstruieren möchten, wie es ihren
Ideen anpassend wäre, und weil sie nicht annehmen wollen, daß es anders ist,
und auch anders sein muß, wenn sie bestehen soll.
[Lg.01_029,16] Sehet, der Mensch, will er die
Welt verstehen oder begreifen, muß vorerst bei sich selbst anfangen. Nur wenn
er sich selbst erkennt, wenn er die Dreifaltigkeit zwischen Körper, Seele und
Geist klar begriffen hat, nur wenn er über sich selbst richtig zu urteilen
vermag, nur dann kann er auch Schlußfolgerungen über seine Nebenmenschen und
die ganze ihn umgebende Welt machen.
[Lg.01_029,17] Wer aber sich nicht selbst
kennt, der kennt die andern Menschen auch nicht, beurteilt sein Handeln und das
anderer ebenfalls falsch, und erwartet von der Welt, was sie nicht hat und
deswegen ihm auch nicht geben kann!
[Lg.01_029,18] Daher das Wehklagen und das
Jammergeschrei über diese Welt!
[Lg.01_029,19] Solange der Mensch nicht
annehmen will, daß sein Leben, so wie er denkt, fühlt und handelt, nur obigen
drei Dingen entspricht, so lange werden ihm nur Widersprüche begegnen; denn
überall stellt er nur sein materielles Ich in den Vordergrund und vergißt dabei
ganz seine intellektuellen Fähigkeiten, welche ihm über die Materie
hinaushelfen sollten!
[Lg.01_029,20] Der Mensch hat leibliche
Bedürfnisse; aber er hat auch geistige, die sich im Denken manifestieren, ihn
sodann zum Handeln drängen, um so durch die Materie auszudrücken, was geistig
in ihm lebt und webt.
[Lg.01_029,21] Bei diesem Denken, selbst über
die materielle Welt, ist es unmöglich, daß nicht auch Gedanken auftauchen,
welche in Fragen sich äußern, als wie: „Ich sehe die Dinge um mich her, sehe
ihre Mannigfaltigkeiten, bewundere oft anhand der Wissenschaft ihre
gesetzmäßige Ordnung, ihre schönen geistigen Formen, und unwillkürlich drängt
sich mir die Frage auf:
[Lg.01_029,22] ,Wer hat doch dieses alles so
gestaltet, so geordnet?‘“
[Lg.01_029,23] Die Theorie der Materialisten
genügt dann einem solchen Denker nicht; denn er findet, daß sie dem
Geschaffenen gegenüber nicht haltbar ist; er geht also um einen Schritt weiter
und sucht selbst in seinem Innern nach, wo er eine Seite aufdeckt, welche ihm
ahnend sagt, daß er am rechten Wege ist, weil er selbst oft Regungen in sich
wahrgenommen hat, die ihn gern über das materielle Leben emporgehoben hätten.
[Lg.01_029,24] So bei sich selbst anfangend,
gelangt der Mensch dann nach und nach zum Begreifen der äußeren, ihn umgebenden
Welt.
[Lg.01_029,25] Er bemerkt vorerst in sich das
materielle, nicht seinem Willen gehorchende Leben der Organe, er wird sich des
Denkens, Schließens und richtigen Folgerns bewußt, welches als Verstandesleben
mehr zu seiner eigenen materiellen Erhaltung Hilfe leisten muß; er bemerkt
nebenbei auch oft erhabene Stimmungen, die nicht vom Pulsieren des Herzens und
noch weniger vom kaltberechnenden Verstand herrühren und feiner, intensiver als
die früheren sind.
[Lg.01_029,26] Diese Gefühle oder geistigen
Kundgebungen führen ihn endlich dazu, daß er diese auch auf die ihn umgebende
Natur überträgt und so vom Geschaffenen auf einen Schöpfer geführt wird, was
dann mit dem Wort „der Mensch hat Religion“ bezeichnet werden kann, da er sich
einen geistigen Kultus gründet, und zwar „Vernunft-Religion“, weil sie aus dem
„Vernehmen“ erbaut ward.
[Lg.01_029,27] So entstanden alle Religionen,
alle späteren religiösen Gebräuche, welche symbolisch ausdrücken wollten und
sollten, was sonst in Worten sich nicht sagen ließ.
[Lg.01_029,28] So gründete sich die Religion
der Wilden „vom großen Geiste“, so die indische Religion des Buddhismus und die
der andern heidnischen Völker mit ihrer Unzahl von Göttern.
[Lg.01_029,29] Nachdem nun einmal das
geistige Leben im Menschen geweckt war, so folgte ganz natürlich, daß einzelne
sich mehr diesem Nachdenken hingaben, dadurch ins geistige Leben mehr
eindrangen, die Geheimnisse der Natur mehr belauschten und durch dieses
Verfahren eine Fernsicht über das Materielle erlangten, welche weit darüber
hinaus ins geistige Wirken reichte!
[Lg.01_029,30] Diese Menschen fühlten dann
den Drang, das Gesehene und Gefühlte auch andern Menschen mitzuteilen, und so
schrieben sie es nieder, wodurch sie Propheten, („Seher“) und Weise ihrer
Völker wurden.
[Lg.01_029,31] Aus diesen erleuchteten
Männern gestaltete sich später die Priesterkaste, welcher sich dann viele
anschlossen, weil sie neben dem geistigen Leben darin auch die Quelle
materiellen Wohlseins erblickten.
[Lg.01_029,32] Wie es weiter mit den
Religionsbekenntnissen ging, und wie die einzelnen Wahrheiten mißbraucht
wurden, dieses könnt ihr aus der Geschichte der Völker selbst lesen.
[Lg.01_029,33] Mir war nur darum zu tun, euch
zu zeigen, wie das geistige Leben, abgesehen von geistiger Erziehung, von
selbst aus des Menschen eigener Organisation herauswuchs und somit trotz aller
materiellen Theorien nie zu zerstören sein wird.
[Lg.01_029,34] So entstanden die heiligen
Bücher Indiens, wie bei den Juden das Alte Testament, welches dann durch das
Neue ergänzt wurde, in welchem Ich als Jesus alle jene Andeutungen eines
geistigen Lebens, die zerstreut in den verschiedenen Büchern vorhanden waren,
auf einfache große Wahrheiten als Meine Lehre zurückführte, die ewig
unzerstörbar sein wird.
[Lg.01_029,35] Nun, um auf die Vorwürfe wegen
der Schattenseite des menschlichen Lebens zurückzukommen, so ist es schon aus
alledem klar bewiesen, daß neben dem materiellen, neben dem Verstandes-Leben
noch ein anderes Geistigeres, Tieferes existiert, welches die ersten zwei nur
zum Ausdruck seines eigenen Gebarens verwenden will!
[Lg.01_029,36] In der Natur, wohin das Auge nur
schweift, erblickt der Mensch nur strenge Gesetze; im Verstandesleben sind sie
ebenfalls vorhanden, da korrekte Folgerungen von einem auf das andere keine
zweite Deutung zulassen.
[Lg.01_029,37] Im Geistesleben ist es der
nämliche Fall, auch dort gibt es unwandelbare Gesetze, die jeden strafen, der
dagegen sündigen will.
[Lg.01_029,38] In diesem
Entgegenhandelnwollen den geistigen Gesetzen gegenüber liegt alles Unglück,
alles Leiden und alle Täuschung im irdischmenschlichen Leben, während, in der
Harmonie mit diesen Gesetzen, denkend, handelnd und wirkend, die Freude, der
Trost und die Zufriedenheit liegen, als geistiges Produkt der als geistiges
Wesen erfüllten Pflichten!
[Lg.01_029,39] Diejenigen Menschen, welche an
kein geistiges Leben, an keinen Gott glauben, sind ebendeswegen unglücklich,
weil alles andere, was nicht aus geistiger Quelle stammt, auch nicht fähig ist,
als Trostgründe bei vorkommenden Unglücksfällen, bei unvorhergesehenen
Mißhelligkeiten usw. das zu ersetzen, was der Mensch eben verloren hat.
[Lg.01_029,40] Daher die falschen
Beurteilungen, sowohl der Mitmenschen als auch der sie umgebenden Welt.
[Lg.01_029,41] Die Welt ist ganz einfach
gebaut, die scheinbare Materie birgt Geistiges, wer dieses leugnet, täuscht
sich in seinen Erwartungen, denn, wer seinen materiellen Gelüsten folgen will,
der findet den ersten Gegner in seiner eigenen Lebens-Organisation, wenngleich
er sein Verstandes- und Gefühls-Leben übertäuben möchte!
[Lg.01_029,42] So straft sich alles selbst,
was die ewige göttliche Ordnung nicht liebt! Das Elend, das über den Menschen
hereinbricht und ihm sein ganzes Leben verbittert, ist ebendeswegen mehr sein
eigenes Werk als das von andern, oder gar wie viele glauben, „Mein Wille“!
[Lg.01_029,43] Wenn ich einst sagte: „Von nun
an sollst du (Mensch) dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen“, so
war es der Ausspruch eines weit voraussehenden Gottes, der wohl wußte, daß der
Mensch mehr seinen tierischen Eigenschaften als seinen geistigen Gaben
gehorchen und dann bald nicht mehr die sichtbare Welt ihm untertan sein werde,
sondern daß er mit der Materie kämpfend seinen leiblichen Unterhalt sowie
seinen geistigen Fortschritt erringen müsse.
[Lg.01_029,44] Ich sah voraus, daß der Mensch
auf diese Art mit Schweiß sein Brot verdienen, und daß er unter Schmerzen
geboren werden müsse, weil er die Natur und seine eigene Mission falsch
auffaßte; Ich sah voraus, daß er unter Schmerzen wider seinen Willen geistig
erzogen werden müsse, und selbst am Ende seines (irdischen) Lebens mit Kampf,
Furcht und oft mit Verzweiflung in die andere Welt übergehen wird.
[Lg.01_029,45] Dieses Schicksal, statt eines
paradiesischen Lebens der Eintracht und Liebe, hat sich der Mensch selbst
gegründet, und statt mit sanften Übergängen von einem Zustand zum andern, muß
er kämpfend und streitend körperlich und geistig sich fortschleppen, seine und
die Fehler seiner Voreltern abbüßen, um sich auf diese Art von dem Schlamm zu
reinigen, welcher moralisch und physisch ihm in seiner ganzen Lebensperiode
stets anhing.
[Lg.01_029,46] Die Menschen klagen über
schweren und sauren Erwerb des Lebensunterhalts. Wer macht ihnen denselben so
schwer? Nicht Ich, nicht die Welt, sondern einer dem andern!
[Lg.01_029,47] Ein jeder sucht Gewinn aus dem
zu erzielen, was er entweder mühsam erlernen mußte, oder was unberechnet ihm in
den Schoß fiel. Wer ist es anders als gewissenlose Menschen, die selbst das
Unglück ihrer Mitmenschen dazu benutzen, sich zu bereichern und so den
Lebensunterhalt verteuern!
[Lg.01_029,48] Und weil solche Menschen eben
jetzt die Mehrzahl ausmachen, die kein enges Gewissen haben, keine geistige
Mission anerkennen und an keinen Gott noch die Unsterblichkeit der Seele
glauben, ebendeswegen seht ihr, wie einer den andern zu übervorteilen sucht,
und keiner dem andern sich zeigt, wie er ist. Selbst die glatte, verkünstelte
Erziehung hilft noch dazu, damit auch das, was den Kindern zu ihrer Erziehung
gegeben wird, nur Deckmantel sei, um mit größter Heuchelei die schlechtesten
Laster zu verdecken!
[Lg.01_029,49] So ist die ganze Welt nun wie
ein Maskenball, wo die Maske bei den meisten von dem Wesen des Trägers
derselben verschieden ist.
[Lg.01_029,50] Wenn nun die Menschen über die
schlechte Welt klagen, so frage Ich: Wer hat sie denn so schlecht gemacht? Ich
oder – ihr selbst?
[Lg.01_029,51] Daher klaget nicht Mich an,
Ich bin ein langmütiger Gott, sehe geduldig zu, wie von den höchsten bis zu den
niedrigsten Klassen alles einander beherrschen will!
[Lg.01_029,52] Herrschsucht ist das große
Laster, welches die Menschen beseelt, und welche sie bei jedem Schritt den
Nebenmenschen fühlen lassen wollen.
[Lg.01_029,53] Umsonst predigte Ich in Meinem
Leben die Liebe, die Duldung, die Verzeihung, und sagte ihnen sogar: sie
sollten ihre Feinde lieben!
[Lg.01_029,54] In jener Zeit wandten die
meisten ihr Ohr weg von solchen Forderungen, und jetzt, wo ihr behauptet, „es
sei ein aufgeklärtes Zeitalter“(?), tut ihr etwas anderes?
[Lg.01_029,55] Diese von Mir gepredigten
Eigenschaften hätten ein friedliches Beisammenleben der Menschen erzielt.
Allein der Mensch mit seinen tierischen Leidenschaften gab sich letzteren mehr
hin, er selbst hat sich diese für alle gleich ausgestattete Erde zur Hölle
gemacht, aus welcher er sich nicht mehr retten kann, so daß es Mich Mühe genug
kostet, einzelne vom gänzlichen Verfall (ins Materielle) abzuhalten!!
[Lg.01_029,56] Aus diesem wilden tierischen
Leben, aus dem alles genießen wollenden Leben ging dann, wie aus der Büchse der
Pandora, das Heer von Krankheiten hervor, welche das Kind im Mutterleibe schon
mit Fehlern seiner Eltern belastet, wobei es in späteren Jahren die seinen noch
hinzufügt!
[Lg.01_029,57] Sehet die ganze Welt an; alles
ist (ursprünglich) vollkommen, alles ist so gestaltet, daß es keines Zusatzes,
keiner Wegnahme bedarf; wie könnt ihr also glauben, daß Ich das letzte Glied
der Erdenschöpfung mit Mängeln erschaffen habe!
[Lg.01_029,58] Auch der Mensch war
vollständig das, was er sein sollte; er war in Gestalt und Körperbau sowie an
Geistesfakultäten (-fähigkeiten) so ausgerüstet, daß er stets „der Herr der
Erde“ bleiben sollte.
[Lg.01_029,59] Aber das Wort „Herr“ verstand
Ich so, wie Ich der Herr der Welt wirklich bin, indem Liebe Meine
Haupteigenschaft ist, und nicht wie der Mensch, der ein alles zerstörender,
alles vernichtender Herr der Welt sein möchte!
[Lg.01_029,60] Meine große Welt ist Mir
untertan, mit Liebe gehorcht alles gern Meinen Gesetzen (der Liebe); der Mensch
aber wollte mit Gewalt die Welt unterjochen. Diese, dem höheren Gesetz
gehorchend, widersetzte, empörte sich und machte dann den Menschen zu ihrem
Knechte.
[Lg.01_029,61] Einst gebot der Mensch den
Elementen und der ganzen Materie; aber jetzt ist alles feindlich ihm
gegenübergestellt!
[Lg.01_029,62] Die Elemente gehorchen ihm
nicht mehr, und beinahe jedes lebende Tier ist des Menschen Feind, weil bei dem
(jetzigen) Menschen nicht Liebe, nicht Fürsorge für andere, sondern der
schmutzigste Gewinn die Triebfeder all seiner Handlungen ist!
[Lg.01_029,63] So ist die Welt geworden, was
sie jetzt ist. Statt ein Paradies zu sein, wo alles gemütlich leben könnte, und
der Austausch von verschiedenen Geistesanlagen das materielle Leben angenehm
gemacht hätte, statt dessen ist sie nun ein Tummelplatz, wo Mord und Raub das
tägliche Ereignis sind, und wo nur über dem Ruin eines Menschen ein anderer
eine Stufe höher steigen will!
[Lg.01_029,64] O ihr törichten Menschen! Was
habt ihr aus Meiner Erde, was aus eurem eigenen Ich gemacht, welches Ich
körperlich und geistig nach Meinem Ebenbild geschaffen, indem Ich euch zu
Bürgern zweier Welten, der geistigen und der körperlichen, gemacht habe?!
[Lg.01_029,65] Wie Ich einst die Händler und
Verkäufer mit der Geißel aus dem Tempel jagte, indem Ich ihnen zurief: „Wie, ihr
wollt Meinen Tempel zu einer Mördergrube machen?“, ebenso sollte Ich dieses
verkommene Geschlecht von der Erde hinwegfegen; denn auch es hat diese Erde zu
einer Mördergrube umgestaltet, wo auf der einen Seite materieller Mord und Raub
nichts schonen, und auch auf der andern Seite geistig gemordet wird, soviel es
nur erlaubt ist.
[Lg.01_029,66] So sollte Ich als gerechter
Gott, als Herr Meiner Schöpfung verfahren, wäre Ich nicht der Gott der Liebe,
hätte Ich nicht die Willensfreiheit bei allen Meinen Geister-Wesen obenan
gestellt, da Ich „liebende Kinder“ und keine Sklaven erziehen wollte!
[Lg.01_029,67] So lasse Ich euch Menschen
eben fortwirtschaften gegen alle Meine Gesetze, lasse euch einen dem andern das
Leben verbittern, bis das Maß voll ist, und ihr im eigenen Schlamm der
Leidenschaften erstickt!
[Lg.01_029,68] Mir bleibt es immer
vorbehalten, selbst alle Mißstände, alle Unglücke zu Meinen Zwecken zu
benützen.
[Lg.01_029,69] Wer auf dem sanften Pfade der
Liebe den Weg zu Mir nicht suchen will, der muß durch Unglück aus eigenem
Verschulden dann klüger werden.
[Lg.01_029,70] Bei Tausenden und aber
Tausenden von Menschen nützt das Predigen nichts. Unglücksfälle aller Art,
langwierige Krankheiten, unfreiwillige Opfer usw. müssen sie mürbe machen;
trostlos muß ihnen alles erscheinen, die Welt ihnen den Rücken kehren, der
Körper seinen Dienst versagen, alle angelernten Religionsformeln sich als
unhaltbar erweisen, bis sie endlich ernstlich anfangen, über ihr eigenes Ich,
ihre allenfallsige Mission auf Erden, über die materielle Welt etwas kühler
nachzudenken, um eine Ahnung zu haben von dem, was außer ihr liegt!
[Lg.01_029,71] Dann erst sind sie fähig,
etwas Ernsteres, etwas mehr Haltbares anzunehmen, wenn sie den Becher der
materiellen Vergnügungen bis zum Grunde geleert und noch einen andern voll von
bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen als Zugabe erhalten haben.
[Lg.01_029,72] So bin Ich gezwungen, diese
Welt und diese Menschen zu erziehen, die Mein eigenes Gut sind, deren geistiger
Funke, aus Mir genommen, Mir wieder zurückgegeben werden muß. So müssen die
Menschen auf verkehrtem Wege dahin kommen, wohin Ich sie bestimmt habe, und so
rechtfertigen sich alle Klagen derselben, wenn sie über dieses „Jammertal“ des
menschlichen Lebens losziehen, welches sie sich selbst zubereitet haben, es
selbst gewollt haben, und wofür sie natürlich nun auch die Folgen tragen
müssen.
[Lg.01_029,73] So wie Ich in dem
vorhergehenden Wort bewiesen habe, daß nicht alles so schwarz ist, wie ihr es
gern sehen möchtet, sondern alles an seinem Platze perfekt und nicht anders
sein kann, ebenso suche Ich auch hier zu erklären, daß – wenn in dem Tierreich
und in der ganzen Anordnung des tellurischen (irdischen) Lebens eine Ordnung
herrscht, wo bis auf den heutigen Tag jedes Ding wie jedes lebende Wesen noch
immer den Zweck erfüllt, zu dem es einst von Mir geschaffen wurde – also die
Schattenseite des materiellen Lebens gerade das Gegenteil ist und sein muß;
denn dort ist gebundenes, instinktmäßiges, und hier ungebundenes, freies Leben,
wo der Mensch die von Mir bezeichneten Wege nicht eingehalten hat, und
ebendeswegen auch bezahlen muß, was sein freier Wille ihm bereitet hat.
[Lg.01_029,74] In allen euren Staaten, in
allen euren Zeitungen wird fortwährend geschwärmt für „Fortschritt“, und
„Freisinnigkeit“ ist das große Wort auf allen Lippen.
[Lg.01_029,75] Aber so wenig wie die
Menschheit diese Freiheit versteht, ebenso begreifen auch die Völker nicht, daß
zwischen absoluter und gesetzmäßiger Freiheit ein großer Unterschied ist.
[Lg.01_029,76] Die Marktschreier in euren
Zeitungen wollen noch immer „mehr Freiheit“, wollen keine Schranken, keine
Gesetze, und doch begreifen diese Schwachköpfe nicht, daß, wenn sie auch alle
erdenkliche Freiheit zum Handeln hätten, die auf dieser Welt möglich ist, sie
doch nicht zufrieden wären, weil sie den Geist, den Ich in die Seele des
Menschen legte, nicht kennen, nicht zu würdigen wissen!
[Lg.01_029,77] Diese Freiheit, die alle
Menschen träumerisch suchen, geht weit über die Materie hinaus, dorthin, wo nur
geistig alles webt und lebt.
[Lg.01_029,78] Diese Freiheit des Denkens und
Handelns ist der ewige Impuls, der ein immerwährendes Fortschreiten verlangt
und nur darin sein Leben und seinen Zweck erkennt.
[Lg.01_029,79] Glaubet denn ihr kurzsichtigen
Menschen, daß Ich, ein Geist ohne Anfang und ohne Ende, Herr einer
unermeßlichen Schöpfung, euch diesen Funken Meines Ich für dieses kurze
Erdenleben nur gegeben habe, wo Millionen von Menschen nicht wissen, wie sie in
dasselbe gekommen und wie sie aus demselben gegangen sind?
[Lg.01_029,80] Glaubt ihr denn, daß dieser
Geist sich mit solchen Errungenschaften begnügt, die ihr hier auf Erden
erreichen könnt, oder daß sein Drang im Jenseits sogleich gestillt wird?
[Lg.01_029,81] Zu was denn ein unendliches
Leben, wenn es mit ein paar Momenten Erdenlebens und einigen Spannen in den
Sphären des Geisterreichs abgetan wäre?
[Lg.01_029,82] Nein, der Drang der Freiheit,
des freien Willens, den Ich in alle Geister legte, hat eine geistige und weit
tiefere Bedeutung; allein, ihr müsset diese Freiheit als eine Meinem Willen
untergeordnete annehmen, wo nicht Zwang, sondern Überzeugung, daß nur so und
nicht anders vorwärts geschritten werden kann, alle Geister beseelt und leitet.
[Lg.01_029,83] Denn da Ich der vollkommenste
Geist bin, so kann keine Meiner Anordnungen anderes als den Stempel der Ordnung
tragen!
[Lg.01_029,84] Diese Freiheit hat in ihrem
Wirkungskreise keine Grenzen.
[Lg.01_029,85] So erklärt sich die ganze
Bewegung in allen Welten; so wird deutlich, was Ich meinte, als Ich den
Menschen nach Meinem Ebenbilde schuf; ihr müßt euch mit solchen Gedanken
vertraut machen, euch hineindenken und sie fassen lernen, und ihr werdet über
allen menschlichen Mißzuständen eures gesellschaftlichen Lebens noch eine
Sphäre erblicken, wo euer Geist erst die echte Weihe der Wahrheit erhält, wo
ihr erst zu lernen anfangen werdet, daß selbst Unglücke und Leiden ihre
nützliche Seite haben, da in Meinem Haushalte nichts geschehen, nichts
vorkommen kann, das nicht zum allgemeinen Vorwärtsschreiten dienen müßte.
[Lg.01_029,86] Klaget also nicht über die
Kalamitäten des menschlichen Lebens, machet es wie ich: Ich ziehe aus allem
Nutzen für den Bestand Meines großen Geisterreiches. Was bei Mir Mein
Geisterreich, das ist für euch eure Seele, der Komplex eures Ich.
[Lg.01_029,87] Ich habe euch eben erklärt,
daß an allem, was euch auf Erden das Leben sauer macht, ihr selbst schuld seid.
Benützt also diese Schule als Aufwecker eures geistigen Lebens, suchet Trost
und Ruhe in den Regionen, wohin die Mißhelligkeiten des menschlichen Lebens
nicht mehr reichen, und wie Ich einst zu Meinen Jüngern sagte: „sie könnten
Gift essen und auf Schlangen wandeln, ohne daß es ihnen schaden werde“, ebenso
könnet auch ihr dann, selbst aus den bittersten Ereignissen, die große Lehre
ziehen und die Überzeugung in euch festigen, daß dieses Leben zu kurz ist, um
den geistigen Reichtum eurer Seele ganz zu entfalten, wo bei unbedingter
Freiheit im Jenseits erst ein Wirkungskreis euch eröffnet wird, der jetzt nicht
begriffen werden kann.
[Lg.01_029,88] Alles, was die Welt euch
zufügen kann, sollen nur Lehren sein; wenn sie auch bitter sind, doch den Zweck
als Lehren sollen sie nie verfehlen!
[Lg.01_029,89] Alles dergleichen zieht von
der Welt ab und nach oben hinauf; widersetzet euch diesem Drängen nicht; denn
es ist ja nur zu eurem geistigen Wohl!
[Lg.01_029,90] Wenn ihr einst die Welt im
Rücken haben werdet, dann werdet ihr erst erkennen, welch lächerliche
Wichtigkeit ihr oft Dingen und Verhältnissen beigelegt habt, die nicht wert
waren, euch derentwegen nur eine Minute zu kümmern oder beunruhigen zu lassen.
[Lg.01_029,91] So soll euch dieses Wort im
Unglück aufrichten, wenn ihr traurig in die Zukunft blickt und nicht wißt, was
sie bringen wird.
[Lg.01_029,92] Daß das Gesetz „Liebe deinen
Nächsten, wie dich selbst!“ aus dem Bereich des menschlichen Wirkens
verschwunden ist, und nur ein jeder sich selbst liebt, das ist fürwahr nicht
Meine Schuld; denn deswegen sind alle Leiden, die aus der Nichtbefolgung dieses
Gesetzes erwachsen, nicht Meine, sondern der Menschen Werke!
[Lg.01_029,93] Bei ihnen beklaget euch, bei
ihnen suchet wenigstens in eurer nächsten Umgebung dieses einfache Gesetz
auszuüben, und wenn der Erfolg nur im mindesten günstig ausfällt, so habt ihr
in dem Bewußtsein, dazu beigetragen zu haben, schon eine Quelle des Trostes und
der Ruhe, als Gegensatz der Unbilden, die euch andere Menschen verursachen,
welche nur ihren eigenen Interessen folgen!
[Lg.01_029,94] Suchet euren eigenen Geistesadel
zu retten und lasset das andere Mir über! Zum Guten leite Ich alles, um des
Guten willen verschwende Ich auch so viele Worte an euch, um euch wenigstens
den Weg zu zeigen, den ihr im Labyrinth der Weltereignisse gehen sollt, um eure
Seele zu retten und Meinen in euch gelegten göttlichen Funken nicht
herabzuwürdigen. Amen!
30. Kapitel – Worte an einen Rationalisten
(I) (Verstandes-Menschen).
22. September 1870, G. M. T.
[Lg.01_030,01] Dein Bruder M–ch hat dich
gebeten um eine Antwort für einen seiner Freunde, der, nur mit der
Verstandeslaterne allein versehen, die ganze Schöpfung, ihr „Warum“ und „Was“
erleuchten möchte, nachdem er das Gefühls- oder Herzens- oder innerstes
Geistes-Leben verworfen hat und also trotz allem Forschen und Grübeln nicht zu
etwas Befriedigendem kommen kann.
[Lg.01_030,02] Nun, Ich will es versuchen,
einer Seele, die zwar hungrig und durstig ist, aber noch nicht weiß, welche
Speise oder welche Getränke ihr eigentlich den Hunger und Durst befriedigen
könnten, die geeigneten Nahrungs- und Linderungsmittel darzureichen; ob diese
Seele sie annimmt, und wie sie diese geistig verdauen wird, das werden wir in
der Folge sehen.
[Lg.01_030,03] Dein Bruder M. fühlt es sehr
gut, daß, um seinem Freunde den eigentlichen Trost und Frieden zu verschaffen,
nicht menschliche Suppositionen (Lehrmeinungen) ausreichen, weil es nur immer
ein aus Vernunftgründen zusammengestoppeltes System wäre, welches einem andern
entgegengesetzt wird, und am Ende, von Meinem Standpunkt aus betrachtet, eines
so wenig Halt und Festigkeit hat, wie das andere; er wandte sich deswegen an
Mich mit der innigsten Bitte, es möchte doch auch diesem Freunde die Ruhe und
der Friede gegeben werden, wie er ihn durch Lesung und Danachlebung Meines
(neuen) Wortes so reichlich genießt.
[Lg.01_030,04] So will Ich es denn versuchen,
einer irrenden, aber dem Guten nicht abgewandten Seele, wie die Mutter einem
neugeborenen Kinde die Mutterbrust, so auch ihm die ersten geistigen
Nahrungsmittel zu verabreichen; auch neugeborene Kinder verschmähen oft die
Mutterbrust; wir wollen nun sehen, wie deinem Freunde diese neue Kost, und zwar
aus ihm ganz unbekannten Händen munden wird! –
[Lg.01_030,05] Daß ein Gott, ein Schöpfer und
Vater aller Kreatur, sich einem menschlichen Wesen vermittels eines andern
Menschen kundgibt, ihn belehren, ihn geistig erziehen und bessern will, das
wird diesem Freunde deines Bruders wohl im Anfang nicht so recht zu seiner
bisher gewohnten Denkungsart passen; denn er wird wahrscheinlich antworten:
„Das ist nicht möglich! Wie kann oder will ein Gott, vorausgesetzt, daß einer
besteht, Sich in Seiner unendlichen Größe mit uns Würmern abgeben? Wie soll
Ihm, dem Allmächtigen, etwas daran gelegen sein, wie ein oder der andere Mensch
denkt, geistig fortlebt, oder je gänzlich verlorengeht? Es beweist doch die
ganze Schöpfung und alles Sichtbare in jedem Augenblick, daß am Zerstören eines
einzelnen Lebens, ja von tausenden Ihm nichts gelegen ist!
[Lg.01_030,06] Und dieser von euch törichten
und leichtgläubigen Menschen verehrte Gott sollte sich herablassen, auf diesem
kleinen Sandkorn von Erde ein noch tausend und tausendmal kleineres, allda
vegetierendes Würmchen, den Menschen, belehren zu wollen! Nein, das grenzt an
Narrheit oder furchtbaren Unsinn!“ –
[Lg.01_030,07] So, liebes Kind, denkt wohl
dein Freund, und sieh, er auf seinem Standpunkte, wo er jetzt steht, hat recht;
er kann und muß so denken, gemäß dem, was er teils von seinen Erfahrungen und
von seiner Anschauung der Schöpfung insgesamt, teils aus den in seine Hand geratenen
Büchern, denen er allein vollen Glauben schenkte, eingesogen hat. (Bücher:
Darwin u.a.)
[Lg.01_030,08] Bevor Ich also auf auch nur
einen seiner Zweifel eingehen kann, muß Ich es versuchen, ihm erst das
begreiflich zu machen, daß solche außerordentliche Kundgebungen möglich und
schon seit den frühesten Zeiten vorgekommen sind und noch stets sich ereignen
können, und nun mehr als je den Menschen zufließen.
[Lg.01_030,09] Dieser Freund deines Bruders
teilt sein Leben in Gefühls- und Verstandesleben ein, er macht zwischen beiden
einen großen Unterschied. Nun will Ich ihn bloß fragen: Hat er sich jemals wohl
einen klaren Begriff machen wollen, was denn eigentlich Gefühlsleben und was
Verstandesleben ist, wo das eine und wo das andere herkommt? Bei genauer
Betrachtung wird er eigentlich keine befriedigende Antwort geben können, die
jeden Einwurf zurückweisen könnte. Nun, so will Ich also vorerst Selbst Fragen
aufstellen, und dann diese Fragen auch Selbst beantworten, da Mir daran liegt,
diesem Freunde Meine Ansichten zu erläutern, und nicht die Seinigen
entgegenzunehmen, die Ich schon längst weiß.
[Lg.01_030,10] „Was heißt überhaupt Gefühl,
was Gefühlsleben? Wo kommt es her, zu was führt es, und welcher Unterschied
besteht im Vergleich mit dem Verstandesleben?“
[Lg.01_030,11] Lauter Fragen, die
inhaltschwer genug, erläutert werden müssen, wenn man nur im mindesten auf
solche Fragen und ihre respektiven (entsprechenden) Antworten ein geistiges
Gebäude, ja die Einrichtung der ganzen Unendlichkeit aufbauen will, und zwar
fest und dauerhaft, daß nicht ein Windstoß neuer aufgetauchter Ideen eines
sogenannten Gelehrten dasselbe wieder umstoßen könnte. Also nun zur Sache!
[Lg.01_030,12] Was heißt Gefühl? Dieses war
die erste Frage; nun so antworte Ich: „Gefühl ist etwas, was man fühlt.“ Was
heißt aber fühlen? Hier steckt es; denn Denken und Fühlen sind weit voneinander
unterschieden.
[Lg.01_030,13] Mit seinen äußerlichen Sinnen
fühlt der Mensch alle Eindrücke der ihn umgebenden Natur; mit dem inneren
Gefühlsvermögen nimmt er wahr die Einflüsse einer geistigen Natur, die, er mag
sie verleugnen wie er will, aber doch da sind!
[Lg.01_030,14] Dahin gehört die Stimme des
Gewissens, die eben, wie es eure Sprache nennt, etwas Gewisses ist; und trotz
alles philosophischen und wissenschaftlichen Streites der Gelehrten und
Nichtgelehrten doch (jeden) mit ihrem eigenen Raisonnement (Folgerungen)
verfolgt, das oft nicht zu dem paßt, was die Gelehrten anderen aufdrängen
möchten, während sie doch mit sich selbst nicht im reinen sind.
[Lg.01_030,15] Dieses Gefühl und Gefühlsleben
ist also nicht materiellen, sondern geistigen Ursprungs, das heißt, es führt
uns zur Annahme, daß außer allen sichtbaren und unsichtbaren Naturelementen
noch eine höhere Stufe von geistigen Dingen existiert, die wir nicht wägen,
nicht sehen und nicht chemisch zersetzen können; die im Ganzen da sind, sich
wohl fühlen, aber weder sehen, noch hören, ja sogar nicht denken lassen, wie
zum Beispiel das Gefühl, das einen jeden ergreift bei Anhörung erhabener Musik;
was könnet da ihr Menschen, könnt ihr auch einen Akkord denken, oder vielmehr
nur dessen Eindruck auf eure Seele fühlen?
[Lg.01_030,16] Nachdem wir nun festgestellt
haben, daß ein Gefühl und Gefühlsleben existiert, so müssen wir doch auch
natürlich auf den nächsten Gedanken kommen: „Von wo kommt dieser Strom der
seligsten Empfindungen, deren ein menschliches Herz fähig ist, her? Wo ist sein
Anfang, und wo sein Endziel oder Gipfelpunkt?“ Das nun bewiesene geistige
Reich, das höher als alle elementare Materie ist, muß natürlich in aller
Materie mehr oder weniger vorhanden sein, um deren Bestehen zu bewirken.
[Lg.01_030,17] Wenn die Menschen einen Baum
umhauen, eine Pflanze ausreißen, wissen sie wohl, ob der Baum oder die Pflanze
bei diesem gewaltsamen Akt etwas fühlt? Sie wissen es nicht! Mit dem
Nichtwissen ist aber noch nicht bewiesen, ob der Baum oder die Pflanze nicht
materiell Schmerz und geistig den Tod fühlt! Denn was eure Sinne für den Moment
nicht wahrnehmen, ist noch kein Beweis von dessen Nichtexistenz; dieses
Gefühlsleben ist also wahrscheinlich in allem Geschaffenen mehr oder weniger
vorhanden, gemäß der Individualität (Wesenheit).
[Lg.01_030,18] Nun liegt die Frage doch wohl
nahe: Wenn das Gefühl gewissen Gesetzen gemäß da ist, wer hat denn diese Gesetze
festgestellt, wer sie in ihre geregelten Schranken gewiesen, über welche sie
nicht hinaus können?
[Lg.01_030,19] Wo Gesetze, muß auch ein
Gesetzgeber sein; denn Elemente und Naturkräfte gestalten sich nicht von
selbst; wann also aus den Gesetzen der Gesetzgeber naturgemäß bedingt ist, so
versteht es sich von selbst, daß bei allerweisesten Gesetzen auch ein
allerweisester Gesetzgeber sein muß, Der der Gipfelpunkt aller Weisheit ist.
[Lg.01_030,20] So viel ihr Menschen in der
Natur bis jetzt habt erforschen können, so habt ihr im Großen wie im Kleinen
überall die gleiche Vollendung erkennen können; nirgends habt ihr
stiefmütterliche Behandlung gesehen, eine Zentralsonne ist so perfekt wie eine
Grasmilbe.
[Lg.01_030,21] Was geht aus diesen
Entdeckungen hervor? Es geht das große Grundgesetz daraus hervor, daß dem
Gesetzgeber und Erhalter des Universums von dem letzten Sternbild bis zum
kleinsten Infusionstierchen auf eurer Erde nicht eines wichtiger als das andere
ist, sondern daß alles auf seiner Stufe mit gleicher Sorgfalt eingerichtet,
erhalten, und zu seinem Zweck des Fortschreitens weiter ausgebildet wird.
[Lg.01_030,22] Wenn ihr nun dieses bloß aus
euren Forschungen schon annehmen müßt, so geht natürlich daraus hervor, daß,
wenn dem Schöpfer eine Milbe von Wichtigkeit ist, es doch auch der menschliche
Geist mit all seinen Eigenschaften sein muß, und daß, wenn der Schöpfer kein
Atom vergehen oder sich verlieren läßt, Er noch weniger eine menschliche Seele
oder ganze Völker als verloren ansehen will.
[Lg.01_030,23] Nun, wenn die Menschen mit
ihren guten, aber auch bösen Eigenschaften und ihrem völlig freien Willen so
weit von dem eigentlichen Ziele abgekommen sind, weswegen sie der Schöpfer
erschaffen hat; sollte es da nicht möglich sein, daß dann eben dieser Gott oder
Schöpfer zu besonderen Mitteln greift und durch Sein Einfließen in das Herz
eines einzelnen von ihm erwählten Propheten oder Mediums (wie ihr es jetzt
nennt) die andern verlorenen Geister und Seelen wieder auf den rechten Weg
zurückbringen möchte?! Hier sind wir also endlich auf einem Punkte angekommen,
wo unser Freund vielleicht sich überzeugen könnte, daß (wenn auch nur in
außerordentlichen Fällen) ein solches Einfließen möglich ist.
[Lg.01_030,24] Dieses Einfließen kann jedoch
nur in dem Organe geschehen, welches dem geistigen Geber entspricht, und dieses
Organ ist das Gemüt, das Herz oder das Gefühl, das als Erstes, Höchstes, und
zum erhabensten Aufschwunge, dem Gott ähnlichen Geistesflug allein geeignet
ist.
[Lg.01_030,25] Der Verstand gehört der Welt,
ihren Bedürfnissen und ihren materiellen Interessen.
[Lg.01_030,26] Das Gefühl ist das Organ des
geistigen Lebens, das nur flüchtig hier auf dieser Welt gekostet werden kann, hier
nicht bleibend ist, und höchstens eine leise Ahnung einer geistigen höheren
Welt zurückläßt.
[Lg.01_030,27] Ich mußte so weit ausholen, um
diesem Freunde wenigstens einen kleinen Wink zu geben, teils aber auch ihn
ahnen zu lassen, was das für eine Gnade ist, wenn jemand, wie er jetzt eben,
von Mir, dem Herrn alles Geschaffenen, belehrt wird.
[Lg.01_030,28] Ich liebe ihn, wie alle Meine
Kinder, wie alles Geschaffene. Nichts will Ich verlieren, und so auch ihn
nicht, der eben nicht eine der unedelsten Seelen ist, die auf diese Erde zur
kurzen Prüfungszeit versetzt wurde.
[Lg.01_030,29] Dein Freund beklagt sich in
seinem Brief an deinen Bruder über die verschiedenen Mißtöne, die er in der
Schöpfung, die er im menschlichen Leben, ja die er überall sieht, wohin er sein
Auge wendet; er führt Redeweisen von Gelehrten an, die Mich verurteilen und von
Meinen Einrichtungen sprechen, wie der Blinde von der Farbe.
[Lg.01_030,30] Mein lieber Freund! Schon oben
habe Ich es gesagt: der Verstand gehört zu der Beurteilung von Weltdingen,
Maschinen zu erfinden und Entdeckungen zu machen, um euer Leben bequemer
einzurichten, oder dem einen oder dem andern mehr Macht zum Herrschen
einzuräumen und so weiter. Aber was ihr auch alles mit dem Verstande nur immer
aushecken möget, Meine Schöpfung, ihr „Warum so und nicht anders“ könnt ihr
damit nicht ergründen. Mit dem Gefühl könnet ihr es wohl ahnen, aber auch nicht
begreifen; nur erst, wenn Ich Mich ins Mittel lege und euch einen Blick in Mein
Wirken machen lasse, nur dann wird euch etwas Licht werden, und dann werdet ihr
aber auch mehr den liebenden Vater, als den unerbittlichen Gott in Mir finden,
Der nie zerstören, sondern stets aufbauen und sammeln will!
[Lg.01_030,31] Dein Freund sagt ferner in
seinem Briefe, es werde sehr viel auf Gemütserziehung verwendet, ja mehr als
auf Bildung des Verstandes.
[Lg.01_030,32] Hierauf muß Ich ihm bemerken,
daß Ich gerade der entgegengesetzten Meinung bin; es wird nun beinahe in allen
Erziehungsanstalten das Gemüt, das Herz mit seinen edlen Eigenschaften fast
ganz vernachlässigt und nur der Weltverstand allein ausgebildet; ebendeswegen
herrscht so viel Schlechtigkeit unter den Menschen, weil sie bloß Kopf und kein
Herz haben; ebendeswegen auch Meine Zulassung von Elend und Unglück in der menschlichen
Gesellschaft, um das in der Jugend vernachlässigte oder irregeführte Gefühl zu
wecken, um der inneren Stimme wieder Gehör zu verschaffen, um zwischen
weltlichem und geistigem Wohlsein und Vorteil das letztere dem ersteren wieder
vorziehen zu lernen.
[Lg.01_030,33] Durch Elend und Mißgeschicke
wecke Ich die schlummernden Herzen auf; im Elend suchen sie dann Mich, Mich,
den sie im Wohlleben ganz vergaßen, ja oft auch ganz verleugnet hatten.
[Lg.01_030,34] Von diesem Standpunkte aus die
Erde nur als eine Übergangsperiode betrachtet, muß dein Freund alle Leiden, die
ihm oft Mitleidsseufzer auspressen, ansehen, und er wird (wie Meine Engel und
reinen Geister) dort segnen, wo er jetzt fluchen möchte.
[Lg.01_030,35] Was wäre der Mensch, wenn er
nicht am Ende, als letzte Zufluchtsstätte gegen alle Mißgeschicke, sein eigenes
Herz, sein inneres Leben hätte?
[Lg.01_030,36] Der Verstand mit all seinem
Wissen ist kalt; und wo Kälte, da ist kein Leben!
[Lg.01_030,37] Das Gefühl erwärmt; dort, wo
geistige Sonnenstrahlen, Embleme (Zeichen) der ewigen Liebe, das gefolterte
Herz durchzucken, dort facht sich die Flamme der Begeisterung an; dort genießt
der Mensch nun die höhere Weihe der Ahnung eines weit über diesem Erdenleben
nur manchmal durch den Sargdeckel durchschimmernden Lichtes einer höheren und
schönern Welt.
[Lg.01_030,38] Wer hat nicht schon solche
Stunden empfunden, die ihm das Betrachten der Natur, oder die Produkte wahrer
Dichter und Musiker geboten haben?!
[Lg.01_030,39] Und alle diese schönen
Empfindungen, wohin führen sie denn eigentlich? – gewiß nicht zu einem
zerstörenden, streng richtenden Gott, nein, sondern zu einem liebenden Vater
und Erhalter aller Seiner geschaffenen Wesen.
[Lg.01_030,40] Auch in der Natur trügt der
Schein, wenn das menschliche Auge nur mit menschlicher Vernunft dieses
Zerstören eines Tieres durch das andere, dieses Würgen und Morden mit
Weltvernunftansichten beurteilt.
[Lg.01_030,41] Ihr Menschen beurteilt da oder
dort mit mitleidigem Herzen die Zerstörungen in der Natur, die ihr seht, und
die von Mir aus weisen Gründen so und nicht anders festgesetzt sind; aber wo es
eure Unterhaltung oder die Tötung der Zeit, die ihr mit nichts Besserem
vertreiben könnt (oder zu können wähnt), angeht, da beachtet ihr nicht, wie ihr
aus Langeweile unschuldigen Tieren auf der Jagd das Leben raubt, um eure
Mordlust daran zu kühlen.
[Lg.01_030,42] Ihr verurteilt den Vogel, der
unbarmherzig die Insekten verzehrt, was er nur zur Erhaltung seines eigenen
Lebens tut, dort findet ihr einen ungerechten Gott; bei eurer Freßlust aber, wo
alles nur für euren Magen lebt, wo ihr bei weitem mehr noch würget und mordet
als viele Tiere, und das nicht aus Not, sondern aus Übermut und Langeweile, da
findet ihr schwache Geschöpfe euer Treiben gerecht, ja sogar lobenswert,
während ihr dort einem liebevollen Schöpfer das vorwerft, was vielleicht gerade
zu eurer Existenz mehr notwendig ist, als ihr es euch je vorstellen könnt!
[Lg.01_030,43] Deshalb, Mein lieber Freund,
lerne zuvor lieben und ehren Den, der dir mit jedem Pulsschlag Tausende von
Gnaden angedeihen läßt; lerne die Sprache der Natur verstehen, und du wirst
nicht so viele Dissonanzen mehr darin finden, wie bis jetzt!
[Lg.01_030,44] Sei versichert, die Welt ist
stets die gleiche; ein liebendes Gemüt sieht nur Liebe, wo ein erbittertes Haß
und Zwietracht findet!
[Lg.01_030,45] Nicht die Welt selbst, sondern
den Spiegel derselben nur siehst du in deinem Herzen; reinige den Spiegel, und
das Abbild Meiner Natur, die stets die gleiche bleibt, wird sich dir bald auch
reiner zeigen!
[Lg.01_030,46] Lies Meine alten und neuen
Worte, dort liegt der Friede und die Ruhe, die du in Büchern von Gelehrten
vergebens suchst.
[Lg.01_030,47] Die Gelehrten schreiben ihre
Bücher, die meisten, um sich die Ruhe zu verschaffen, die ihnen selbst fehlt;
oder sie wollen andern den Frieden und die klare Ansicht von der Welt geben,
welche ihnen selbst in allen Ecken gemangelt hat.
[Lg.01_030,48] Gebrauche deinen Verstand für
deine weltliche Laufbahn, lasse aber auch hier den Verstand durch Liebe
begleitet sein; dann wird es in dir schon ruhiger werden, du wirst Gott, den
Schöpfer und den Vater, näher kennen und lieben lernen, und wirst nicht mehr
andere weder bedauern noch beneiden dürfen.
[Lg.01_030,49] Folge Meinem Rate, und bald
wirst du diese Stimme, die jetzt durch einen andern Menschen zu dir spricht, in
dir selbst vernehmen, die dir dann Friede, Trost und wahre Ansicht der Welt und
ihres Lebensprozesses geben wird!
[Lg.01_030,50] Dieses sei dir gesagt als
Trost, Ich schätze dich, weil Ich dein Herz kenne; es braucht nur den rechten
Leiter, um es auf den wahren Weg zu bringen; dieser Leiter will vorderhand Ich
Selbst sein; und so folge Meinem Rate, und du wirst es gewiß nie bereuen. Dies
sagt dir dein huldvollster Vater! Amen!
31. Kapitel – Worte an einen Rationalisten
(II).
8. Dezember 1870, G. M. T.
[Lg.01_031,01] Du bist schon wieder
angegangen worden, für den Freund deines Bruders M. als Antwort auf dessen
letzten Brief Trostworte und Erklärungen von Mir zu erflehen.
[Lg.01_031,02] Nachdem es euch beiden am
Herzen liegt, aus eurer Bruderliebe diesem Freunde soviel als möglich seine
Zweifel und seine von Weltgelehrten eingesogenen Begriffe zu erläutern, und
ihn, der zwar nach Aufklärung seufzt, aber dabei doch das früher Aufgenommene
nicht fahren lassen will, den gewünschten Trost und die Ruhe wiedergewinnen zu
helfen, so wollen wir sehen, ob wir nicht dieser Seele, statt ihres
vermeintlichen „wissenschaftlichen“ Lichtes, ein anderes geistiges Licht
anzünden können, das sich zu dem früheren verhält, wie Sonnen- zum
Kerzenlichte.
[Lg.01_031,03] Dein Freund ist natürlich in
Aufregung gekommen durch Meine Worte, die ihr ihm gesandt habt. Diese Kost ist
ihm neu, zwar nicht hart, aber doch ungewöhnlich; denn sie ist eine Kost für
das Herz und nicht für den Kopf.
[Lg.01_031,04] Eure Weltgelehrten, die, wie
Ich es schon das vorige Mal sagte, nicht gerade alles glauben, was sie
schreiben, und auch öfters auf dem Totenbett alles widerrufen, was sie
geschrieben haben, diese Gelehrten, wie sie sich irrtümlich nennen, bauen oft,
ja meistens ihr ganzes System auf eine Hypothese, die falsch oder nicht, für
sie wenigstens beweisbar ist; sie wissen dann mit so schönen Worten und so
vernünftig scheinenden Schlüssen auf dieser Hypothese ein Gebäude aufzubauen,
daß, wer den ersten Satz (der Hypothese) als wahr annimmt, natürlich auch alles
andere glauben muß.
[Lg.01_031,05] Aber am Ende eines jeden so
„geistreich“ abgefaßten Buches, was ist denn da der gewöhnliche Schluß? Er ist,
„daß bis hierher die materielle und rationelle Forschung geht, und weder
geschichtlich noch experimentell weiter nachgewiesen werden kann, indem
Erfahrung und die Instrumente nicht ausreichen, diese so schön ausgearbeitete
Behauptung weiter verfolgen zu können“.
[Lg.01_031,06] Was haben eure Gelehrten nicht
alles schon geschrieben über die Entstehung der Erde, über ihre Formation, ihr
Alter usw., und was ist das Endresultat? Daß sie nichts wissen! Denn diese
Erd-Erschaffung, ihr nach und nach entwickelter Ausbau, ihre Bevölkerung von
den untersten Schaltieren bis zum Menschen, umfaßt solche Zeiträume, daß die
Geologen noch so viel herumgraben mögen in den letzten Schichten der Erdrinde,
und sie werden dort nichts Erhebliches finden von dem, was Ich nur allein weiß.
[Lg.01_031,07] Was haben die Astronomen auf
den mühsamen Wegen der Mathematik herausgefunden, aus dem großen
Sternengewölbe, das jede Nacht über ihren Häuptern ein Meer von Wundern für den
menschlichen Geist ausbreitet? Nur die Entdeckung von einer kleinen Zahl von
Planeten, die eure Sonne umkreisen; außer diesen wissen sie nichts. Die
allernächste Sonne, die außerhalb eures Sonnensystems kreiset, bleibt für sie
trotz aller ihrer besten Instrumente ein kleiner Stern, und ein großes Rätsel.
[Lg.01_031,08] Was wissen sie von den großen
Sternen- oder Sonnenkomplexen, die ihr Nebelflecken nennt? Nichts! Eure
Fernrohre reichen nicht bis dahin, und eure Zahlen langen nicht aus, die
Entfernungen auszudrücken, wo noch Sonnen voll Glanzes und voller Wunder mit
Mich liebenden Wesen einander umkreisen und Mir, dem Herrn, ein beständiges
Loblied singen; während dein Freund mich nur zur Not als daseiend annimmt (und
das alles erst in eurer für euch unendlichen Hülsenglobe; was können sie erst
von dem wissen, was außerhalb deren Haut liegt, wogegen diese ganze für euch
unendliche Hülsenglobe im Universum nur ein Atom ist?).
[Lg.01_031,09] Was wissen die Gelehrten eurer
Welt vom Tierreich, was wissen sie, wie die Tiere die Welt und die Menschen
sehen? Sehet, ein Ochs ist für euch eine ganz fremde Welt; ihr wißt nicht, ob
er euch grau, rot und blau, klein oder groß sieht; sein geistig intellektuelles
Leben ist euch und allen Gelehrten ewig ein Rätsel, und so das Leben eines
jeden Tieres.
[Lg.01_031,10] Die Gelehrten können nur die Tiere
der Gattung nach äußerlich einteilen, sie zerschneiden, ihren materiellen Bau
und seine Ähnlichkeit mit dem nächststehenden Tiere nachweisen, einzelne
Eigentümlichkeiten in ihrer Lebensweise belauschen; aber warum das Tier da ist,
wissen sie mit all ihrem Forschen nicht; und wenn sie dann aus dem Labyrinth
von Rätseln nicht mehr herauskommen, in das sie sich selbst hineingearbeitet
haben, dann fangen sie an, Mich anzuklagen, und glauben in ihrer Stubenweisheit
an Meiner Stelle alles gescheiter gemacht zu haben, als Ich Selbst.
[Lg.01_031,11] Was wissen denn eure Ärzte und
Anatomen samt ihrem unaufhörlichen Leichenzerschneiden (NB. und gar
Vivisezieren) und dem chemischen Analysieren der Elemente, aus denen der
menschliche Körper zusammengesetzt ist?
[Lg.01_031,12] Sie kommen Mir alle vor wie
ein Schneider, der aus den Kleidungsstücken, die er zur Ausbesserung bekommt,
den Charakter und die geistigen Eigenschaften dessen herauszufinden wähnt, der
sie getragen hat. Das Materielle, ja das Grobmaterielle nur ist ihnen sichtbar,
aber die stille Kraft mit Intelligenz, die diese Gefäße bis ins Kleinste mit
gleicher Vollkommenheit baut, sie belebt und sie von der Zeugung an aufbaut und
bis zum Tode erhält, diese Intelligenz kennen sie nicht; denn mit dem Sezieren
läßt sie sich nicht finden.
[Lg.01_031,13] Seht das Gehirn eines Menschen
an; was ist denn dieses Gewebe von verschiedener in feine Häute abgeschlossener
und getrennter Masse mit ihren Windungen?
[Lg.01_031,14] Warum sind diese Windungen,
warum nicht eine Masse, warum ist die graue und warum die weiße Masse? Zum Teil
glauben eure Gelehrten entdeckt zu haben, wo diese oder jene Fähigkeit ihren
Sitz hat. Was ist aber Fähigkeit oder Leidenschaft? Ist es ein Fluidum, ein
elektrischer oder magnetischer Strom? Wie geht das Denken vor sich? Was
geschieht dabei in den Gehirnmassen?
[Lg.01_031,15] Sehet, alles dieses! Wäre auch
das Gehirn zutage gelegt und der Beobachtung zugänglich, so würden diese
Gelehrten doch nichts sehen; denn ein Gedanke hat keinen Körper.
[Lg.01_031,16] Gerade hier in der
halbkugelförmigen, weißgrauen Masse des Gehirns grenzen zwei Welten aneinander,
die trotz alles Bestreitens doch da sind.
[Lg.01_031,17] Mag auch so mancher
Materialist mit sophistischem Unsinn es wegleugnen wollen, an ihm selbst, noch
im Wegleugnen beweist es sich, daß es existiert. –
[Lg.01_031,18] Siehe nun, dein lieber Freund
hat in diesen Büchern das süße Gift der menschlichen Weisheit aufgesogen; er
ist diesen Gelehrten Schritt für Schritt gefolgt, hat ihre Beweisgründe auch in
seinem Leben oft dem Anschein nach bestätigt gefunden, und so ist er nun die
Beute eines „Pseudo-(falschen)Wissens“, das ihn nicht befriedigt und nicht
tröstet, sondern ihn verdammt, das traurige Schicksal, das diese Gelehrten dem
Menschen in der Schöpfung angewiesen haben, leider mit ihnen zu teilen, nämlich
geduldig abzuwarten, bis nach vielem Unglück und Leiden des menschlichen Lebens
endlich auch seine Stunde schlägt, die ihn aus diesem Jammertal entführt und
ihn vielleicht zu einem Stück Wasser, oder Äther, oder Stickstoff macht (nach
ihrer Idee)! Diese untröstliche Aussicht ist es, die ihn daniederdrückt, und da
(zu ihm!) noch niemand gekommen ist, der ihn eines Besseren belehrt hätte, so
ist er seines Lebens satt und seiner Existenz müde. –
[Lg.01_031,19] Ja, Mein liebes Kind, du hast
wohl recht, wenn du die Welt so anschaust, wie du es wirklich tust, daß du
gleichsam den Tag verfluchen möchtest, an dem du das Licht der Welt erblickt
hast, und wo du schaudernd daran denkst, wenn der Tag kommt, an dem du wieder
in ein unbewußtes Nichts zurückkehrst, aus dem du gekommen zu sein glaubst.
Diese Aussicht ist freilich traurig, hoffnungslos nach so vielen Drangsalen,
Leiden und Krankheiten, die den Menschen auf seiner ganzen irdischen Laufbahn
begleiten, am Ende auf gar keine Vergeltung zu hoffen und nicht einmal den
Grund zu wissen, warum man gelebt hat!
[Lg.01_031,20] Dies ist wirklich einem Gott
nicht angemessen, Menschen erschaffen zu haben, die während ihres ganzen Lebens
sich untereinander plagen, um am Ende wieder zu vergehen und sozusagen gar
keinen Zweck gehabt zu haben, weder auf diese Erde zu kommen, noch von selber
wieder wegzugehen; man müßte nur annehmen, es gäbe einen Gott, der Sich an den
Qualen der Menschen weiden möchte, und da Er nichts anderes zu tun habe, sie
bloß zu Seinem Zeitvertreib erschuf.
[Lg.01_031,21] Wenn du aber, Mein liebes
Kind, so in einsamen Stunden diese Sache einer ernsten Betrachtung unterziehen
willst, so frage Ich dich, ist es dir denn nie aufgefallen, daß trotz aller
Mißhelligkeiten im menschlichen Leben auch andere Gefühle, andere Bewegungen
sich in dir oft geltend machten, die nicht immer Überdruß und Verzweiflung
verkündeten, die dir sanftere, tröstendere Seiten des geistigen Lebens
enthüllten!
[Lg.01_031,22] Hast du nie Mitleid, nie einen
Drang gefühlt, nach oben zu blicken? Ist dir nie das sanfte Gefühl der Liebe im
Herzen aufgetaucht, mit dem du, der ganzen Menschheit verzeihend, sie doch
lieben könntest?
[Lg.01_031,23] Hast du nie, sei es bei großen
Naturereignissen oder in stiller Nacht beim Anblick des gestirnten Himmels,
eine heilige Ahnung gefühlt, die, wärest du ihr gefolgt, dich höher getragen
hätte in geistige Sphären, wo das Menschengetriebe verschwunden wäre und einem
schöneren sanften Gefühle Platz gemacht hätte, dem Gefühl der Verzeihung und
der Liebe?
[Lg.01_031,24] Ist dir nicht in solchen
Augenblicken dein Gott in schönerem Lichte vorgekommen, als wie Ihn die tote
Wissenschaft dich lehrte, wo Er als ein unerbittlicher Tyrann regieren sollte?
Gewiß, Ich weiß es nur zu gut, es kamen solche Momente in Fülle, die dein Herz
beschlichen, du wolltest ihnen nur kein Gehör schenken.
[Lg.01_031,25] Jetzt aber, wo Ich dich auf
andere trostreichere Wege führen will, jetzt muß Ich dich daran erinnern:
Siehe, diese Augenblicke waren die Stunden der Weihe, wo Mein Geist zu dir,
verirrtes Kind, sprach; es waren Momente Meiner geistigen Nähe, Ich wollte dich
trösten, wollte deine Wunden heilen, die dir eure philosophischen Grübler und
Büchermacher geschlagen haben; wollte dir zeigen, daß weit über alle
vermeintlichen wissenschaftlichen Forschungen erhaben noch etwas anderes lebt
und webt, das selbst die größten Disharmonien und Grausamkeiten des
menschlich-irdischen Lebens auflösen kann in harmonische Lieder des Dankes
gegen Den, den du zwar suchst, aber noch nicht gefunden oder Ihn wenigstens
nicht verstanden hast, so wie Er von euch Menschen verstanden sein möchte!
[Lg.01_031,26] Noch vieles liegt dir im
dunkeln; du verlangst Wunder, und glaubst: es gibt keine Wunder!
[Lg.01_031,27] Nun frage Ich dich, was heißt
denn eigentlich Wunder? Siehe, so manche Erfindung, die jetzt bei euch das
kleinste Kind begreift, wären vor einigen Jahrhunderten Wunder gewesen. Was
waren sie denn eigentlich? –
[Lg.01_031,28] Es waren Naturgesetze oder
Kräfte, die die Menschen noch nicht kannten, oder falls sie diese auch kannten,
sie doch nicht zu benutzen verstanden! –
[Lg.01_031,29] Glaubst du denn, das Land der
Entdeckungen sei schon ausgebeutet? Liegt nicht vielleicht noch das meiste im
dunkeln begraben, besonders was geistig ist; und wenn Ich bald da oder dort
solches Auffinden der Zugänge zum geistigen Leben zulasse, damit die Menschen
Mich, den reinsten Geist, näher kennenlernen sollten; muß es deswegen denn
gerade ein Wunder sein, welches die Menschen dann willenlos zum Glauben zwingen
würde?
[Lg.01_031,30] Wie du in deinem Briefe
schreibst „wenn sich deine Stahlfeder plötzlich in einen Bleistift verwandelte,
so wolltest du glauben“; aber wenn Ich solches zuließe, was geschähe dann?
Siehe, du wärest gezwungen, wenigstens im ersten Augenblick an eine Möglichkeit
einer solchen Verwandlung zu glauben, und doch weiß Ich nicht, ob in ein paar
Stunden du dir selbst nicht wieder dieses Wunder weggestritten hättest; hättest
vielleicht gedacht, es muß eine Verwechslung beider Gegenstände stattgefunden
haben, die du in Gedanken selbst verübt hast, ohne derselben gerade ansichtig
geworden zu sein!“
[Lg.01_031,31] Mein liebes Kind, Wunder gibt es
keine, denn alles hängt von den schon längst von Mir geordneten Gesetzen ab!
[Lg.01_031,32] Weißt du, was eigentlich ein
Wunder ist oder wäre? Sieh, Ich will es dir sagen: Ein Wunder wäre, wenn
entgegengesetzt Meinen von Anbeginn der Schöpfung festgesetzten unwandelbaren
Gesetzen Ich etwas zulassen oder bewerkstelligen würde, was schnurstracks gegen
diese Gesetze wäre, und Ich Mich damit einer Inkonsequenz (Widerspruch)
beschuldigen müßte; denn wisse, Meine Gesetze sind so gemacht, daß ein Handeln
dagegen nicht möglich ist, wenigstens nicht von Meiner Seite.
[Lg.01_031,33] Ihr handelt zwar oft gegen
Meine Gesetze, allein dem Überschreiten derselben folgt die Strafe auf dem Fuße
nach.
[Lg.01_031,34] Wo aber Meine Gesetze anfangen
und aufhören und wie viele noch vorhanden sind, wovon eure Forscher und
Philosophen keine Ahnung haben und sie auch nie entdecken werden, das ist eine
ganz andere Sache.
[Lg.01_031,35] Deswegen, Mein Kind, sieh, du
liesest hier, was Ich als Gott zu dir spreche; du begreifst dieses Ereignis
nicht; denn es ist dir in deinem Leben noch nicht vorgekommen, daß ein sein
sollender Gott, Schöpfer all dieser unermeßlichen Welten, Sich mit dir
unterhalten sollte, und trotz deines Erstaunens und Kopfschüttelns tue Ich es
doch, denn Ich liebe dich als Mein Geschöpf zu sehr, als daß Ich dich möchte
verloren sehen, eine Beute des Materialismus und des Unglaubens!
[Lg.01_031,36] Wisse, du trägst einen
göttlichen Funken Meines göttlichen Ich in dir, der dir von der Geburt schon
eingelegt war; du hast eine ganz andere Bestimmung als die ist, welche du bis
jetzt als deine einzige glaubtest; du hast eine höhere; und um dich nicht zu
verlieren, so ließ Ich es zu, daß du durch (scheinbar) zufällige Verbindung mit
einem Manne (Meinem jetzigen Schreiber) in Berührung kamst, der Meinem Herzen
schon nähersteht und Meine Stimme schon öfter deutlich in sich vernahm. Siehe,
dieser Mann, der auf dem Wege ist, das zu werden, was alle Menschen einstens
werden sollten, dieser Mann hat dir jetzt den Weg zu Mir durch direktere
Verbindung erleichtert; es gelangen auf diese Art Worte an dich von einer
Region, die du nie geahnt hast, daß sie existiere.
[Lg.01_031,37] Nun denn, versuche diese dir
neue Kost geistig zu verdauen, vielleicht wirst du in ihr doch finden, was du in
den philosophischen und anderen Schriftstellern nicht gefunden hast, das ist:
eine schönere Weltanschauung und eine bessere Idee von Mir, deinem Schöpfer!
[Lg.01_031,38] Vergleiche Meine Worte mit
jenen der Stubengelehrten! Welche kann man öfter lesen, ohne sich daran
sattgelesen zu haben? Und du wirst nach und nach schon finden, daß Der, den du
über allen Sternen wähnst, dir oft so nahe stand und mit mitleidigem Blick voll
väterlicher Liebe dich ob deiner geistigen Verirrung bedauerte!
[Lg.01_031,39] Aller Anfang ist schwer! Ein
altes bequemes Kleid abzulegen und ein neues dafür anzuziehen, kostet so
manchen eine Überwindung; versuche es auch du, vielleicht wird die Folge dir
zeigen, daß du den Kleiderwechsel nicht bereuen darfst. Dieses sagt dir dein Vater,
Der alles in Seiner Schöpfung nicht mit Tyrannenklauen, sondern mit den Banden
der Liebe zusammenhält, und Der nicht will, daß sich auch nur ein Atom
verliere, geschweige eine Menschenseele, wie es die deinige ist! Amen!
32. Kapitel – Die Alchimisten. (An Brd. S. in
K.)
6. Juli 1871, G. M. T.
[Lg.01_032,01] (Vorbemerkung aus einem Brief:
„Und so müssen Worte des Herrn Sie dazu bestimmen, mit verborgenen Wünschen und
Zweifeln ans Tageslicht zu treten, um vom Herrn Selbst die weitere Erklärung
dieses gewünschten Themas zu erfahren, und so hören Sie denn:“)
[Lg.01_032,02] „Mein lieber Sohn, als du in
jenen Zeiten in diesen Werken (der Alchimisten usw.) Mich, deinen Vater
suchtest, da erkanntest du freilich noch nicht, was Wahres und was Falsches in
diesen Büchern war, und es erging dir, wie heutigentages noch einer Menge von
Menschen, die die Bibel ebenfalls nicht verstehen, weil sie den geistigen Sinn
darin nicht auffinden können.
[Lg.01_032,03] Jene Männer, welche schon seit
den ältesten Zeiten sich mit der Nachtseite der Wissenschaft abgaben und
Magier, Astrologen, Alchimisten hießen, jene Männer hatten alle eine ferne
Ahnung, daß hinter dem, was die Natur sichtbar dem Menschen zeigt, noch bei
weitem etwas Größeres, Erhabeneres dahintersteckt.
[Lg.01_032,04] Sie belauschten in nächtlicher
Stille den Lauf der Sterne, studierten meistens eben bei Nacht, weil der Geist
bei Nacht mehr konzentriert als bei Tage war; in der dunklen Nacht umschwebte
sie der große Geist des stillen Wirkens, welcher Mein ganzes Universum
durchdringt; sie ahnten seinen Einfluß; kannten aber den Geist Selbst nicht,
und warum? Weil sie selbst nur zu weltlich gestimmt waren, nur auf ihren
Eigennutz bedacht, alles was sie finden würden, nur zu ihrem Einfluß und zu
ihrer Machtstellung benützen wollten.
[Lg.01_032,05] Daher der Grund, warum sie
alle nichts (Rechtes) fanden, weder den „Stein der Weisen“ noch das „Arcanum
longae vitae“, sie wurden nicht gescheiter, und mußten sterben, wie alle, die
geboren werden.
[Lg.01_032,06] Das, was diese verirrten
Kinder bald mit lateinischen, bald mit griechischen Namen als den
Universal-Geist bezeichneten, ist, war und bleibt nichts anderes als Mein Wille
oder die stets wirkende Macht, die alles erhält, alles zerstört und alles
wieder neu schafft, um so in einer Reihe von Verkettungen und Transformationen
alles auf den geistigen Weg zu Mir wieder zurückzuführen.
[Lg.01_032,07] Manchmal tauchte ein
Lichtgedanke in dem Gehirne eines solchen nächtlichen Studierenden auf, er
wollte aber mit dem Verstande fassen, was nicht des Verstandes war, betitelte
es mit fremden Namen unter mystischem Anstrich, um das Dumme noch dümmer zu
machen, wollte andere Menschen glauben machen, was er selbst nicht glaubte,
nämlich als wisse er mehr als andere, er hüllte sich dem Anscheine nach in
einen Mantel von hoher Gelehrsamkeit. Niemand sah, daß aus seinem mystischen
Anzuge als Zauberer, Alchimist oder Astrolog ein paar gewaltig große Eselsohren
hervorragten.
[Lg.01_032,08] Was der von dir angeführte
Pseudo-Philosoph als Salpeter, als wirkende Kraft bezeichnet, welche der Wind
als den gesuchten Geist im Bauche getragen habe, ist nichts als die tätige
Lebenskraft, die eben der Wind oder jeder Luftzug in sich birgt. Denn was ist
eigentlich Salpeter, was ist Salz, und was ist der tätige Lebensgeist in der
Schöpfung?
[Lg.01_032,09] Siehe, Mein lieber Sohn, das
ist alles ein und dasselbe, nur mußt du es etwas genauer anschauen. – (Siehe
das Wort: Zucker, Salz und Essig).
[Lg.01_032,10] Salpeter oder Salz ist eine
Substanz, welche, aus der Zersetzung anderer Elemente genommen, wieder alles
zersetzt, mit dem es vermischt wird.
[Lg.01_032,11] Was heißt aber „zersetzen“?
Siehe, Zersetzen in Meiner Sprache ist nichts anderes als Anregen, als
Lebenstätigkeit entwickeln, als Gebundenes frei machen.
[Lg.01_032,12] Wenn der Salpeter aus
verwesten anderen Elementarstoffen sich in kristallinischer Form wieder frei
macht, so ist er aus dem Ausgeschiedenen das feinste Geistige, steht gegen das
Frühere auf einer höheren Stufe, um dann woanders, wo er hinzutritt, auch
höheres Leben zu entwickeln, und so sich vergeistigend, auch alles andere durch
die Zersetzung frei machend, eben den Weg zum geistigen Fortschritt anzubahnen.
[Lg.01_032,13] Das Ätzende desselben, wie des
Salzes, ist der Wecker, Anreger zum höheren Leben, ist also nichts anderes als
Mein mächtiger Wille, der alles Geschaffene auf seiner Bahn weitertreibt.
[Lg.01_032,14] Wenn dein Philosoph sagt: „Der
Wind trägt den gesuchten Geist im Bauche“, so heißt dieses dann mit andern
Worten: „Die hervorgebrachte Bewegung in der Luft, welche zum schnelleren
Stoffwechsel antreibt, diese Bewegung ist die Ausgebärerin des tätigen Lebens;
denn wie das lebende Tier und der Mensch (das weibliche Geschlecht) die
künftige Frucht im Bauche zur Auszeitigung trägt, so liegt auch in der Luft
alles zur weiteren Beförderung bereit, was bei einer schnelleren Bewegung,
schleunigerem Prozesse der Ausscheidung, als Wind oder Luftbewegung bemerkbar,
zur Entscheidung treibt. Es ist der Geist, den Ich in Meine Natur legte,
welcher alles anregend zersetzen und wieder neu schaffen muß.
[Lg.01_032,15] Und wenn die alten Alchimisten
von einem ewigen, nie zu vernichtenden Leben etwas ahnten, so war es nicht ihr
körperlich-irdisches Leben, sondern das Leben ihres in sie hineingelegten
Geistes, welches sie aber in ihren nächtlichen Einflüsterungen einer höheren
Geisterwelt nicht verstanden und falsch auslegten.
[Lg.01_032,16] Es ist der Erde Vater oder
Mutter nicht die Sonne noch der Mond, der Vater alles Geschaffenen bin Ich, und
die stets ausgebärende Mutter, die fortwährend schafft, antreibt, erhält und
neu kreiert (erschafft), ist Mein Wille, ausgedrückt durch alle Stoffe im
Äther, welche alle den Impuls in sich tragen, wie die Salze anzuregen, zu neuen
Formen zu zwingen, zu verkörpern und wieder als Salze zu zersetzen, und in
neuen Verbindungen sich dem geistigen Weltenbau zu nähern, aus dem sie kamen
und wohin sie, durch Meinen Willen getrieben, im Kreislauf wieder zurückkehren
müssen.
[Lg.01_032,17] Dieses, Mein Sohn, sind die
eigentlichen Träger Meiner Schöpfung gewesen und sind es noch.
[Lg.01_032,18] Es ist Mein Wille als
„werktätige Kraft“, die als Magnetismus anzieht, als Elektrizität abstößt, als Licht
anregt, als Wärme entwickelt, als Feuer zerstört, und endlich das durch die
Salze und Säuren Veränderte, als Allerwecker, wieder in neuen Formen, aber mehr
vergeistigt wie zuvor, einen anderen Zyklus von Schöpfungen durchzumachen
nötigt.
[Lg.01_032,19] Und was ist denn dein eigenes
Leben? Ist es etwas anderes?
[Lg.01_032,20] Sieh, Mein Kind, die
verschiedenen Verkettungen im Lebensweg sind die Salze, die Anreger, die
Wecker, sie reizen dich zu denken, zu fühlen, zu handeln.
[Lg.01_032,21] Sie zersetzen die durch die
Außenwelt aufgenommenen Eindrücke; es geht aus diesem Prozeß der Charakter oder
die eigentliche geistige Physiognomie (äußere Erscheinung) des Menschen hervor.
[Lg.01_032,22] Diese Erfahrungen treiben
deinen Geist weiter, läutern, entbinden und verknüpfen die Lebenseindrücke zu
einem Ganzen.
[Lg.01_032,23] Mein Wille als geistiger Wind
durchzieht deine Seele, gebärt dort neue Gedanken, neue Ideen aus, die dann, zu
Handlungen sich gestaltend, dich auf bessere Wege geleitet und so dir den Weg zu
Mir bedeutend abgekürzt haben.
[Lg.01_032,24] Das ist der Salpeter und das
Salz des Lebens, das du überall findest, auf Bergen und in Tälern, in Grotten
und auch bei dir zu Hause; es ist das anregende Prinzip der Verkettungen der
Umstände, wie in der ganzen Schöpfung das immerwährende Anziehen und Abstoßen
der gleichen und ungleichen Substanzen.
[Lg.01_032,25] So geht die Welt, und so gehst
auch du deiner Veränderung entgegen.
[Lg.01_032,26] Hier hast du mit wenigen
Worten deine, aus alten Büchern noch übriggebliebenen Nachklänge vergeistigt,
erläutert.
[Lg.01_032,27] Von jeher war es dem denkenden
Menschen ein Bedürfnis, nach dem Unbekannten zu forschen, und je weniger er es
erreichen oder entziffern konnte, desto mehr reizte es ihn, sei es im
materiellen, sei es im geistig-seelischen Fach.
[Lg.01_032,28] Daher stammen alle diese
Verirrungen des menschlichen Geistes, der auch heute noch nur bei wenigen ganz
klar sieht und seine Mission erkennt.
[Lg.01_032,29] Du, Mein Kind, bist nun aus
dem Dunkeln ins helle Licht gelangt, folge Meinen Lehren und Meinen Worten, und
du wirst, nicht mit dem Verstande, wohl aber mit dem Herzen aus der ganzen dich
umgebenden Natur herauslesen und erkennen, daß es dein Vater ist, der aus allen
Produkten und aus allen Winkeln deines Herzens dir zuruft: Es gibt nur einen
Gott, einen Schöpfer und einen Herrn, aber auch nur einen Vater, Der mit Seinem
Willen als allgemeines Lebenssalz alles erweckt, anregt und führt, damit es,
als aus dem geistigen Ich Seines Wesens Hervorgegangenes, einst wieder dorthin
zurückkehren könne! Amen!
33. Kapitel – Freimaurer.
7. Mai 1870, empfangen durch G. Mhfr.
[Lg.01_033,01] Wollt ihr vielleicht wissen,
was die Freimaurer heutzutage sind, so betrachtet nur den jetzigen christlichen
Kirchenkult; seht, er ist auf Schein gerichtet, und so ist es auch bei den
jetzigen Freimaurern. In leere Zeremonien und Phrasen legen sie ihre
Hauptsache. Den Zweck, den Menschen zu helfen, schützen sie vor; denn obwohl
Könige und Kaiser und andere hochgestellte Personen ihre Mitglieder waren, so
könnt ihr aus dem Treiben derselben ersehen, ob ihnen die Rechte der Menschheit
wirklich so über alles am Herzen gelegen waren.
[Lg.01_033,02] Was Ich einst zu den Essäern
sagte, daß sie nichts im geheimen, sondern alles offen treiben sollten, das
sollte auch zu diesen heutigen Freimaurern gesagt werden. Bei ihnen gilt wohl
als Grundsatz: die Menschenrechte der Gleichberechtigung, alle sollen „Brüder“
sein; ja sie waren und sind es; aber nur in der Loge selbst, außer derselben hört
alle Gleichheit wieder auf, und der König ist wieder König, und der
Unbemittelte im Gegensatz zu ihm ein Nichts, indem er nur als ein Mittel zum
Zweck gebraucht wird.
[Lg.01_033,03] Wißt ihr, was die Freimaurerei
eigentlich sein sollte? – selbst nach den Statuten der jetzigen Gesellschaft,
nichts anderes als die Repräsentanz der Ausübung Meines zweiten Gebotes, der
Nächstenliebe!
[Lg.01_033,04] Wie schön und wie erhaben wäre
es, wenn in diesem Sinne alle Freimaurer wären; aber nicht nur allein in ihren
Versammlungen, sondern während ihres ganzen Lebenslaufes, so wäre für Mein
Reich schon bei weitem das meiste gewonnen; allein, so lange es nur bei
Zeremonien bleibt, ist es eben, wie bei kirchlichen Zeremonien, auch meist
leeres Flitterwerk, dem zwar bei weitem Höheres zu Grunde liegt, wovon aber die
jetzigen Menschen, welche den Gebräuchen beiwohnen, weder von dem eigentlichen
Grunde etwas wissen, noch kaum je danach gehandelt haben! –
[Lg.01_033,05] Seid auch ihr Freimaurer, aber
im edelsten Sinne des Wortes! Unterstützet die Armen als eure Brüder; was ihr
tut, tuet alles, als wenn es vor aller Augen geschähe, also offen, wenngleich
eure Tat im geheimen geschieht, es genügt, daß ihr euch nicht zu schämen habt
vor Meinem allsehenden Auge, das andere bekümmere euch wenig!
[Lg.01_033,06] Wenn ihr so die Mauern Meiner
Lehre aufbauet, frei und offen, daß jedermann es sehen kann; dann habt ihr das
Recht, den Titel „Frei-Maurer“ eher zu tragen und zu verdienen, als solche, die
nur in gewissen Hand-Zeichen und sonstigen nichtssagenden Deutungen ihre
Brüderschaft einander zu erkennen geben!
[Lg.01_033,07] Folget so Meiner Lehre, und
Ich Selbst werde dann der erste „Freimaurer“ und euer Präsident (Meister vom
Stuhl) sein, und dann werden wir in kurzem eine (segensreiche Schutz-)Mauer der
Wahrheit und der Liebe erbaut haben, die weder Zeit- noch Elementar-, noch
politische Ereignisse umstoßen können!
[Lg.01_033,08] Dies zur Aufklärung über
Freimaurerei und ihre Mitglieder, wie sie eigentlich sein sollten; aber eben
leider nicht sind; und somit genug davon für heute. Amen!
SCHÖPFUNGSGEHEIMNISSE
Kundgaben über Dinge der Natur.
Durch die innere Stimme des Geistes empfangen
von Gottfried Mayerhofer.
Nach der 4. Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321
Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, D-74321
Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Das Evangelium der Natur und
über die Mission des Menschen auf Erden.
22. Januar 1872
[Sg.01_001,01] Mein lieber Sohn, du hast deiner
Geistesschwester einen langen Brief geschrieben, und zwar vom Standpunkte
deines Wissens aus, worauf sie als Weib dir nicht antworten kann. Und eben in
dieser Klemme zwischen „nicht können“ und „doch mögen“ wandte sie sich an
Meinen Schreiber, ihn bittend, er möchte bei Mir um Belehrung und Rat bitten,
damit dir geschehe, wie es recht ist.
[Sg.01_001,02] Nun denn, du sagst in deinem
Brief, du möchtest von einem Meister eine Antwort und eine Beurteilung
desselben erfahren, so nehme denn Ich es auf, Mich mit dir in einen
theologischen Streit einzulassen, damit du deinen Meister erkennen mögest, der
dir so wie allen lebend-denkenden Wesen der ganzen Schöpfung auf ihre Fragen
wohl Bescheid geben kann.
[Sg.01_001,03] Bevor Ich aber zum
eigentlichen Inhalt deines Briefes übergehe, muß Ich dir vorerst helfen, deine
Zweifel zu beseitigen, als wäre dieses Wort, das Ich dir hier gebe, nicht
direkt von Mir, sondern entweder nur menschliches Machwerk oder ein unter
Einfluß eines höheren Geistes diktiertes Wort.
[Sg.01_001,04] Du selbst gestehst zwar in
deinem eigenen Brief, daß auch nicht alles, was du schreibst, auf deinem
eigenen Grunde gewachsen sei; auch das lichtvoll und umfassend neu geoffenbarte
Große Evangelium Johannes, welches du eben jetzt gelesen hast, dieses
„Machwerk“ nimmst du nicht so ganz als Meines an, du glaubst, es sei für
Lehrlinge, nicht für tief Eingeweihte in der Gottesgelehrtheit, wie ihr es
nennt, geschrieben; es sei nur zu süß, höchstens für Kinder, Laien und
Unmündige, aber nicht für Männer geschrieben!? Hier irrst du gewaltig! und
diesen Irrtum dir zu benehmen und die Wahrheit festzustellen, daß alles, was du
eben jetzt gelesen, nur von Mir und von niemand anderem sei, dieses soll Mein
erstes sein, worauf dann die Nähereingehung auf deinen langen Brief folgen
wird, um auch dir zu leuchten als Morgensonne, die dich durchs materielle Leben
zum geistigen Himmel geleiten soll. –
[Sg.01_001,05] Siehe, Mein Sohn, in dir lebt
ein Geist, der eben deine Seele über die Tierseele erhöht, der dich als freien
Menschen hinstellt, während das Tier am Gängelbande des Instinkts seiner
Bestimmung entgegengeführt wird.
[Sg.01_001,06] Dieser Geist nun, ein Funke
aus Mir, den Ich nach Moses dem ersten Menschen einblies und durch welchen Ich
den Menschen, abgesehen von seinem Äußern, nach Meinem Ebenbild geschaffen habe
– dieser Geist ist es, welcher der Vermittler zwischen Mir, Meinem Geisterreich
und den Menschen ist.
[Sg.01_001,07] Vermittels dieses Geistes
spreche Ich zum Menschen in seinem Herzen, ermahne, rate und tröste Ich, als
etwas, was sich trotz mancher Abneigung nicht hinwegdisputieren läßt; weswegen
ihr es auch „Gewissen“ nennt, weil es etwas Gewisses ist. –
[Sg.01_001,08] Durch diese Stimme gab Ich den
Propheten im Alten Testament Meinen Willen kund, und eben durch diese Stimme
leite und führe Ich jetzt die Menschheit zu ihrem nahestehenden Ziel, zur
Sichtung; denn es ist die Zeit gekommen, wo bald der Weizen von der Spreu
gesäubert werden wird, dahin deuten die großen politischen, weltlichen und geistigen
Umwälzungen, die sich auf eurer ganzen Erde kundgeben.
[Sg.01_001,09] Zu diesem Zweck Meiner
direkten Mitteilung diente Mir auch ein Mann von schlichtem Charakter, welcher
mehr als viele sich angewöhnt hatte, auf seine innere Stimme zu horchen, die Phantasiegemälde
seines Gehirns von Meiner Stimme der Liebe unterscheiden lernte und so geeignet
war, alles das zu Papier zu bringen, was bestimmt ist, nicht bloß für den
kleinen Leserkreis, der jetzt diese Schriften kennt, sondern für die ganze
Menschheit als das zukünftige Religionssystem zu dienen, welches bloß auf Meine
eigenen Aussagen während Meines Erdenwandels basiert, den Kultus und das ganze
Lehrgebäude der Religion auf das zurückführen soll, wie Ich es einst Meinen
Aposteln, einfachen Männern aus dem Volke, gegeben habe; denn das kannst du dir
wohl denken, daß Ich nicht umsonst auf eure Erde herabgestiegen bin und euch
das Beispiel größter Demütigung und Aufopferung gegeben habe. Dieses Mitteilen
an Mir ergebene Männer und Weiber war nach Meinem Heimgehen stets in
Intervallen wiederholt worden; stets gab es solche Hellersehende als andere;
die von ihnen übriggebliebenen Mitteilungen sind natürlich stets der Zeit und
der Auffassung des mit ihnen lebenden Volkes angemessen, so daß ihre Sprache in
verschiedenen Jahrhunderten voneinander abwich. Sind ja bei euch die Bücher,
welche eigens für Kinder bestimmt sind, auch in einem andern Stil geschrieben
als jene, welche, vielleicht den nämlichen Gegenstand behandelnd, für
erwachsene Männer abgefaßt sind.
[Sg.01_001,10] War das Volk in den
Kinderschuhen, so erhielt es Kindermärchen und Erzählungen, hinter denen die
eigentliche Weisheit verborgen ward, und war das Volk im Mannesalter, so
erhielt es Kundgebungen, die einem helleren Geiste angemessen waren. Stets war
es aber immer ein und dieselbe Quelle, stets war es Meine direkte Mitteilung,
die so langsam auf die Menschen einwirkend, sie von einer Stufe zur andern
vorbereitete. In der jetzigen Zeit, nachdem der genannte Schreiber von Mir
abberufen ward, habe Ich Mir wieder einen andern ausgesucht, der die
Eigenschaften besitzt, Mir und der Menschheit durch diese Mitteilungen zu
nützen. – Durch diesen empfängst du hier diese Zeilen, welche deine guten
Eigenschaften und dein eifriges Suchen nach Licht wohl in Anschlag bringend,
dir nicht allein Meinen Willen kundgeben, sondern nebenbei auch den großen
Strom von Gelehrsamkeit, welchen du aus deinen (theologischen und
philosophischen) Studien hergeleitet, in ein gewisses begrenztes Strombett
eindämmen und so durch geregelten Lauf deines Lebensflusses dich langsam zum
Meere des ewigen Lichtes und der ewigen Seligkeit und Wonne zurückführen
sollen.
[Sg.01_001,11] Siehe, du hast sehr viele
Stellen aus dem Alten und Neuen Testament angeführt, um deine geistige Richtung
und deine persönliche Anschauungsweise zu rechtfertigen, so will auch Ich mit
einem Spruch aus Meinem Erdenwandel beginnen, der gerade hier am besten paßt,
und der wichtigste und erste ist: „Wenn ihr nicht werdet wie diese da (nämlich
die Kinder), so werdet ihr nie ins Himmelreich eingehen!“
[Sg.01_001,12] Siehe, dieser Ausspruch ist
der erste, welchen Ich dir zur Danachachtung ans Herz lege; werde Kind und laß
die Manneskost liegen, bleibe beim Einfachsten! und suche nicht weit von dir,
was dir eben so nahe liegt.
[Sg.01_001,13] Siehe, du hast die
Dreieinigkeit, die Schöpfungsgeschichte, die Persönlichkeit Christi, Seine
Geburt, ja noch vieles andere aus den alten Kirchenvätern zitiert, du hast
diese Erklärungen, welche oft sehr scharfsinnig waren, als Belege des einzigen
Themas, nämlich die Göttlichkeit Christi, das Dasein Gottes, Seines
Geisterreiches und noch mehreres dartun wollen. – Als du diese Erklärungen in
den alten Büchern der Kirchenväter lasest, schienen sie dir sehr geistreich,
sehr wahr, und warum? Weil sie den Gesetzen deines Verstandes entsprachen. Ich
muß dir aber sagen, daß alle diese alten Schriftsteller und Erklärer Meines
Wortes, sowohl des Alten wie des Neuen Testaments, nur gleichsam Nagewürmer
waren, welche wohl durch die rauhe und materielle Schale des Lebensbaumes
durchgedrungen, sich ins Innere desselben vergraben haben, weil sie ahnten, daß
etwas Besseres, Feineres noch hinter und unter dieser Schale verborgen liegt,
und auch sie, wie die Nagewürmer an einem Baume, je weiter sie in ihn
hineindringen, desto vergeistigter sie selbst durch die stets feinere Nahrung
werden. Allein es erging ihnen wie eben den Nagewürmern eines Baumes: Zu hoch
in den Baum konnten sie nicht dringen, weil ihnen die Kost nicht mehr zusagte,
und so waren alle Forschungen und Erklärungen im allgemeinen nur immer aus der
gleichen Sphäre, hellten die Zweifel einer suchenden Seele doch nicht ganz auf
und trieben die Sucher nur im Kreise herum, um einen Mittelpunkt, den alle
ahnten, aber keiner imstande war, ihn zu erreichen. –
[Sg.01_001,14] Da Ich aber von ganz anderen
Ansichten ausgehe und weitersehe als alle Bibelausleger, so will Ich dir, statt
wieder ein Buch eines Propheten oder alten Kirchenvaters aufzuschlagen, Mein
eigenes Buch zur Durchlesung anraten, nämlich das Buch Meiner sichtbaren und
unsichtbaren Natur, will dir dort das nämliche zeigen, was du durch
Bibelerklärung beweisen wolltest, und wo du es stets neu und immer finden
kannst, daß Ich, Gott, die Liebe, Mein Sohn die Weisheit, und der Heilige Geist
die Verbindung beider zur Ausführung der Schöpfung ist.
[Sg.01_001,15] Sieh, Mein Kind, Ich erschuf
das ganze Universum mit all seinen lebenden Wesen, weil Ich, als die Liebe
Selbst, von andern geliebt sein wollte; denn Liebe ohne Gegenstand ist eine Unmöglichkeit.
Also Meine Liebe, diese unbegrenzte göttliche, von euch Geschöpfen nicht
faßbare Liebe, erschuf Wesen und Welten, materielle und geistige große Reiche,
wo intelligente Wesen, sich an den Schöpfungen freuend, den Schöpfer lieben
lernen und so auf diese Art Mir Meine Liebe wieder zurückgeben sollten.
[Sg.01_001,16] Diese göttliche unbegrenzte
Liebe mußte auch einen Zweck, ein Warum, ein „bis hierher und nicht weiter“
haben, und dieses Begrenzende war die Weisheit. Mithin Liebe mit Weisheit
gepaart waren die Faktoren, welche die Ideen zur Schöpfung ausreiften, und der
Geist der Erhaltung krönte das Werk mit dem Stempel der Unendlichkeit, weil,
was ein Gott geschaffen, ebenfalls göttlich sein muß, und was ein unendliches
Wesen ins Leben rief, ebenfalls unendlich sein wird.
[Sg.01_001,17] So ward die große
Dreieinigkeit gegründet, welche im Materiell-Sichtbaren stets durch ebenfalls
drei Dinge sich ausdrückt, als Länge, Breite und Dicke – oder Form, Gehalt und
Dichtigkeit, oder wie bei dem Menschen Geist, Seele und Leib, und in jedem
geschaffenen Ding ein Äußeres, Inneres und Innerstes.
[Sg.01_001,18] Dieser Dreieinigkeit huldigt
alles, alle Produkte der Erde, sowohl in als außer derselben.
[Sg.01_001,19] Die Liebe war es also, welche
alles schuf, alles erhält und alles vervollkommnet; ohne diese Liebe leuchtete
keine Sonne, ohne Liebe wäre keine Wärme, kein Leben. Sie ist die große
Triebfeder, welche alles seinem Ziele entgegenzuführen strebt. Sieh Meine ganze
Schöpfung, wo du nur ein Produkt ansehen willst, magst du erkennen, eben aus
seiner Vollkommenheit im Kleinsten wie im Größten, daß der Schöpfer, stets sich
gleich bleibend, alles mit gleich liebenden Armen umfaßt. –
[Sg.01_001,20] Fliehe hinauf in jene Räume,
wo Millionen von Jahren nicht genügen, um dir einen Lichtstrahl von dort
zuzusenden, oder steige hinab bis zu den kleinsten Atomen im unendlichen Äther
– und du wirst denselben liebenden Schöpfer antreffen.
[Sg.01_001,21] Siehe, deine kleine Erde
kreiset um die Sonne, diese mit all ihren Planeten und Kometen um eine andere,
größere, im Verein mit anderen Sonnensystemen; diese Zentralsonne mit ihrem
Gefolge wieder um eine größere, und so fort, bis das ganze Weltensystem
ausgefüllt, geordnet ist, wie es sich dir teilweise am nächtlichen Himmel zeigt.
[Sg.01_001,22] Wie dieses große Sternenzelt
nur ein System wieder für sich ausmacht, so gibt es deren noch Millionen viele,
wovon ihr einzelne unter dem Namen Nebelflecken kennt. Wenn du nun diesen
Sternenwelten folgst und fort und fort neue entdecken wirst, so wirst du am
Ende an ein anderes Reich stoßen, wo alle diese früheren Gebilde ihre geistigen
Entsprechungen haben, und wo nach und nach die ganze Schöpfung, sich stets
vergeistigend, endlich in diesem aufgehen wird, um dort einen neuen Zyklus von
Schöpfungen, aber nur geistiger – hervorzurufen.
[Sg.01_001,23] Nun, in jenem Geisterreich, wo
alles in seiner höchsten Potenz sich vorfindet, dort ist auch Mein Sitz; von
dort aus regiere Ich, von dort aus sandte Ich Meinen Sohn, die Weisheit, bis
herunter auf dieses kleine Sandkorn, damit Er allen Geistern und Wesen als
Beispiel diene, was die Liebe vermag, wenn es sich um einen hohen, großen Zweck
handelt. Alle andern Sonnen und Welten nicht achtend, wo Menschen von euch nie
geahnten Größen, Geistes- und Leibeskräften in einer Welt voll Wunder leben,
mußte Meine eigene Göttlichkeit sich zur größten Demütigung herablassen und
eben diese Demütigung auf einem Stern vollführen, der kleiner als ein Sandkorn
im Meere und dessen Bewohner infusorienartig in körperlicher Ausdehnung doch
den größten Geist in sich tragen, so wie bei euch eben gerade dort, wo der Nerv
in die kleinsten Spitzen auslaufend, der größten Gefühle, sei es der Wonne oder
des Schmerzes, fähig ist.
[Sg.01_001,24] Auf diese dunkle Erde stieg Ich
(als göttliche Weisheit, als Lehrer) einst herunter, entkleidete Mich alles
Göttlichen, fing als unmündiges Kindlein in der dürftigsten Stellung an und
beschloß diesen Lebenswandel durch den entehrendsten Tod am Schandpfahle. Und
alles dieses aus Liebe, um Meinen Geistern zu zeigen, was ein geistiges Wesen
tun muß, soll es einst Mir gleichen.
[Sg.01_001,25] Ich kam auf eure Erde, um, wie
du selbst sagst, die Morgenröte eines neu anbrechenden Tages zu verkünden, den
Tag der Liebe, den Tag des Friedens und der Versöhnung, den Tag der zur Geltung
bringenden Würde Meines in euch gelegten göttlichen Funkens.
[Sg.01_001,26] Diese aufopfernde Liebe ohne
alle Hintergedanken, diese Liebe begreife! bedenke sie, auf daß auch dein Herz sich
erweitere, sich über die ganze Menschheit ausdehne, in deinen Mitmenschen dich
nur verirrte Kinder erblicken lasse, diese Liebe erwärme dich und sei die
Grundlage für alle deine Handlungen, dann wirst du wieder neu geboren, du wirst
wieder Kind, das mit Vertrauen auf seinen Vater sieht, von Ihm alles annimmt,
was da kommen mag, weil es weiß, daß der Vater nicht straft, nicht Sich rächt,
sondern nur verzeiht, nur vergißt.
[Sg.01_001,27] So betrachte Mich als ewig
liebenden Gott, als sanft- und demütigen Jesus und folge Meinen Fußstapfen, und
du wirst in der materiellen Natur die Stimme dieser Liebe überall entdecken,
sie wird dir im warmen Sonnenstrahl, im sanften Säuseln einer milden
Frühlingsluft und in dem dir von Millionen und Millionen Meilen entfernten
Sternen auf dein Auge treffenden Lichtstrahl immer das nämliche sagen: Gott ist
die Liebe!
[Sg.01_001,28] Auf deinen Spaziergängen
werden es dir die Vögel in der Luft und die Blumen auf der Erde zurufen: „Werde
auch du – was wir sind, die Geschöpfe, die ihren Zweck vollkommen erfüllen!“
Wenn diese Liebe einst deine Brust durchzieht, wenn du das große Wort Meiner
Liebe zu euch verstanden hast, dann breite deine Arme aus gegen die ganze Welt
– alles wird dir rosiger, friedlicher erscheinen, du wirst Harmonien entdecken,
wo du früher kaum einzelne Töne wahrnahmst, neugeboren wirst du Mich und deine
Nebenmenschen in einem ganz anderen Lichte sehen; denn das Buch Meiner
Schöpfung ist dir leserlich, verständlich geworden, du wirst dann erst
erfahren, daß dieses Bild der Liebe du schon längst in deiner eigenen Brust
trägst, nur es nicht verstehen konntest, es nicht zu deuten wußtest. Dann wirst
du deine Kirchenväter wohl in Ruhe lassen, wirst ihres Strebens stets ehrend
gedenken; aber Mein Buch des Lebens werden sie nicht verdrängen können! –
[Sg.01_001,29] Und warum schuf Ich denn die
ganze Natur? Warum stattete Ich sie mit so vielen Reizen aus? Eben deswegen,
damit dadurch Meine Kinder Mich, den Geber, zuerst als Schöpfer achten und dann
als Vater lieben lernen. Sieh, wie ein Tautropfen auf einem Blättchen die ganze
ihn umgebende Welt abspiegelt, so soll dein Inneres durch den himmlischen
Frieden, der dann darin eingezogen ist, die ganze Harmonie Meiner Schöpfung
widerspiegeln, und dann wirst du fühlen, was es heißt: „Dem Reinen ist alles
rein.“
[Sg.01_001,30] So ausgerüstet mit dieser
großen Liebe für deine Mitmenschen sorge, sorge für die Seelen deiner dir
anvertrauten Menschen, in diesem Sinne werde „Seelsorger“, in diesem Sinne,
wenn du dein Meßopfer Mir darbringst, wird der „Dominus nobiscum“ – und „pax
nobiscum“ ein wahrer Segen für deine Gemeinde werden, wenn du auch sie belehrt
hast, aus dem Materiellen das Geistige, aus dem praktischen Leben das Seelische
zu entwickeln und sich so zu verbessern.
[Sg.01_001,31] So stehst du als Priester, als
Arbeiter in Meinem Weinberg, am rechten Platz, und Ich werde dich, so wie alle,
die du Mir zuführen wirst, mit gleichem Maße und Gewichte belohnen, das heißt,
sie werden alle an Mir den Vater, den liebenden Jesus, als Heiland finden, der
ihnen ihre Last abnehmen und ihre Wunden heilen wird!
[Sg.01_001,32] So nimm du Meine Welt als das
große Evangelium zur Hand, sehe darin, wie dort Meine Liebe alles weise
geordnet, wie dort alles dazu bestimmt ist, dem Menschen als Endziel aller
Schöpfungen auf jedem Erd-, Sonnen- oder Kometen-Körper im Kleinsten wie im
Größten Meine Liebe, Meine Weisheit und Meinen schöpferischen Geist zu zeigen,
welcher alle diese Wunder erschuf, um bei den intelligent denkenden Wesen den
nämlichen Trieb zu wecken, der im Schöpfer und Herrn aller Kreatur Sein
einziges Ich ausmacht.
[Sg.01_001,33] Aus Liebe erschuf Ich diese
Welten, damit durch das Verständnis des Geschaffenen diese Liebe wieder zu Mir
zurückkehre. Sieh, der große Baum des Lebens, er hat wie der dir sichtbare Baum
auf deiner Erde die Wurzeln im Materiellen; dort wie bei jedem andern Baume
sucht die Wurzel dasjenige aus dem ihn umgebenden Erdreich herauszuziehen, was
zum Aufbau ihrer eigenen Individualität nötig ist. Dieses Aufgesogene leitet
die Seele des Baumes aufwärts, aus dem Finstern zum Licht, aus der Kälte zur
Wärme, aus dem Groben zur feinern, leichtern Erd-Luft. Je mehr diese Säfte
höhersteigen, in der Rinde, im Zellengewebe verarbeitet werden, je mehr sie das
Festere zurücklassen, das Feinere vorwärts schieben, desto mehr tritt der
Einfluß der Erde zurück und der mächtigere des Lichtes, der Luft und der Wärme
macht sich geltend; die Produkte des Prozesses werden stets feiner, stets
leichter, es drängt alles zur näheren, direkteren Einwirkung der Substanzen aus
Meinen Himmeln, das Holz des Stammes wird weicher schon in den Ästen, die
Vorbereitungen zur Entwicklung des Blattes, der Blüte und dem Endziel: der
Frucht, werden beschleunigt, alles geht eins aus dem andern hervor, bis als Frucht,
angelangt am Ziel ihrer Bestimmung, sie dann zu anderen Zwecken und unter
anderen Formen einen ähnlichen Kreislauf mittels Stoffwechsels anfangen muß, um
eine andere, geistigere Stufe zu erreichen.
[Sg.01_001,34] Und so wie diesen Weg das
ganze Pflanzenreich macht, so geht auch die Menschenseele in ihrer eigenen Art
den nämlichen Weg, soll sie je zu Mir gelangen wollen.
[Sg.01_001,35] Auch sie soll aus dem
gewöhnlichen Leben (Materie) das Geistige aufsaugen, es verfeinern,
vergeistigen, soll stets aufwärtssteigend zur Blüte, zur Frucht dringen; damit
auch sie, ist ihre Zeit des Prüfungslebens vorüber, im Jenseits unter anderen
Verhältnissen den weiteren und größeren Weg mit Leichtigkeit antreten könne.
[Sg.01_001,36] Wolltest du Meine Natur mit
geistigen Augen betrachten, wie viele Andeutungen und geistige Entsprechungen
würden dir da zeigen, zu was Ich eigentlich die materielle Welt, und zu was Ich
euch Menschen bestimmt habe. Alles, was du siehst in der Natur körperlich, ist
geistig im Lebenslauf der Menschheit, der Völker und des einzelnen Individuums
ausgedrückt.
[Sg.01_001,37] In der Natur siehst du das
Ringen nach Licht, nach Freiheit, nach Vervollkommnung, du siehst nebenbei
Entstehen und Vergehen, ewigen Stoffwechsel, ewigen Kampf, stets ein geistiges
Resultat aus materieller Vernichtung hervorgehen. Die Menschheit seit ihrem
Entstehen folgte den nämlichen Weg wie die Säfte des Baumes von Nacht zum
Licht, und so ward ihre Kulturbewegung, so war der Geistes-Stufen-Zyklus, der
sie reif machte, Mein Herniedersteigen vorzubereiten und notwendig zu machen.
So geht die Menschheit zwischen Entstehen und Vergehen, zwischen Kampf,
Niederlage und Sieg doch vorwärts zu dem Ziel, zu welchem Ich sie erschaffen
habe.
[Sg.01_001,38] So die Völker, jedes nach seiner
Geistesreife, so der einzelne Mensch, sich durchwindend zwischen Freuden und
Leiden, falschen und rechten Ansichten, zwischen Wahn und Wahrheit. So war
selbst Mein eigener kurzer Lebenswandel auf Erden; zwischen Verachtung, Kampf
und Leiden, zwischen Rache, Haß und Verfolgung, stets das Banner der geistigen
Freiheit und der göttlichen Würde des Menschen – hoch über alle Kalamitäten des
irdischen Lebens hinaufhebend, besiegelte Ich Meine Mission mit Meiner
glorreichen Auferstehung! Ich rief am Kreuze den Menschen und den Völkern das
„Es ist vollbracht!“ zu, was nur für Mich den Wert und Sinn hatte, indem Ich
ihnen das Vollbringen ihrerseits für die Zukunft selbst überlassen mußte; zwar
sie unterstützend bei ihrem Streben dahin.
[Sg.01_001,39] Und wie Ich während Meiner
Lehrjahre durch all diese bitteren Kämpfe durchgehen mußte und Mein Kreuz
willig trug, so müssen auch jetzt die Menschen, jeder für sich und alle
miteinander, ebenfalls durch Kämpfe und Leiden zum Siege, zur glorreichen
Auferstehung geführt werden.
[Sg.01_001,40] Betrachte die jetzigen
Weltereignisse, die Verwirrung der Meinungs-Ansichten in religiöser Hinsicht,
alles drängt nach Läuterung, nach Gewißheit, alles will von Nacht zum Licht!
Lerne also auch du in Meinem großen Buche lesen, lerne erkennen, daß überall,
im materiellen und geistigen Reiche, nur ein Gesetz und ein Ziel ist, welches
alles Erschaffene vorwärts schiebt, es ist das Ziel, allem, was man tut, sieht,
spricht und erlebt, einen geistigen Wert abzugewinnen, alles auf Mich zu beziehen;
denn nur von Mir kam alles und zu Mir will alles!
[Sg.01_001,41] Ihr habt eurem Gott Bethäuser
gebaut, habt dort einen zeremoniellen Kultus eingeführt, in welcher Weise
dieser Gott verehrt werden solle; lerne nun aus Meinen Worten an dich erkennen,
daß in jenen Bethäusern Ich nicht bin, nicht in jenen Zeremonien, wenn nicht
ihr im Herzen Mich dorthin mitbringet.
[Sg.01_001,42] Mein Bethaus ist die ganze
Schöpfung, die euch, ohne es zu wollen, stets zuruft: „Gott ist die Liebe!“ –
Sobald also der Mensch die Sprache Meiner Natur gelernt hat, dann wird er auch
in einem zum Beten eigens gebauten Hause mit mehr Andacht und nicht
gewohnheitshalber erscheinen; selbst der die Messe zelebrierende Priester wird
seine eigene Funktion als Messelesender andächtiger vollführen, wenn er sich
des Schöpfers erinnert, welcher ihn mit jedem Atemzuge mit tausend Gnaden
überschüttet. Der Priester wird erst dann begreifen, welche Verantwortlichkeit
ihm obliegt, seine Untergeordneten auf geistigem Wege vorwärts zu bringen; er
wird, Meine Liebe in ihrem ganzen Umfange kennend, beschämt oft zu Mir
aufblicken, wenn im schönsten und aufrichtigsten Seelendrange, das Beste zu
wollen, seine Hoffnungen nicht realisiert werden! Allein er weiß, daß jener
Spruch, den Ich als Mensch im Garten von Gethsemane getan, auch für ihn gelten
muß. Auch er muß ausrufen: „Nicht mein – sondern, o Herr, Dein Wille geschehe!“
[Sg.01_001,43] Die Entsagung, welche in
diesen Worten liegt, wird ihm sein Vertrauen zu Mir wiedergeben und sein
Bewußtsein stärken; denn er weiß ja: die Liebe, welche in der ganzen Natur Sich
kundgibt und unter Zerstörung und Vernichtung, unter Elend und Unglück nur
Segen bewirkt, diese Liebe kann nicht wanken, nicht fehlgreifen!
[Sg.01_001,44] Und wenn er so oft abends nach
mühseliger Arbeit seinen Blick zum gestirnten Sternenhimmel erhebt, wenn er
diese tausend und tausend Liebesflammen im großen Äther wie leichte Öltropfen
auf dem Wasser schwimmen sieht, wenn dieses unermeßliche Buch Meiner großen
Schöpfung sich zeigt, dann, wenn er, erdrückt durch diese Größe, gezwungen wird
zum Rufe: Herr! was bin ich, daß Du meiner gedenkest! dann senke Ich den Strahl
der Ruhe in sein Herz, indem Ich ihm antworte: „Du bist und sollst ,Mein Kind‘,
Kind eben dieses großen Schöpfers werden! Daher öffne dein Herz, erweitere es,
daß der Gedanke Meiner Schöpfung, der Gedanke Meiner unendlichen Liebe dort
Platz finde! Breite auch du deine Arme aus, umfasse geistig alles Geschaffene –
alles ist Produkt Meiner Liebe, alles hat wenigstens einen Funken Meines Ichs
in sich! Ehre Meine Schöpfung, du ehrest so Mich – und dich selbst!“
[Sg.01_001,45] Diese allumfassende Liebe laß
einziehen in dein Herz, diesen großen Gedanken des Allumfassens laß Platz
nehmen in deinem Herzen, und du wirst alles, was in klarer Sprache, im
Gleichnis oder in verhüllter Entsprechung im Alten und Neuen Testament verhüllt
liegt, klar vor dir stehen sehen mit ewig unauslöschlichen Buchstaben in allem
Erschaffenen und selbst in deinem eigenen Ich wieder lesen können und erkennen,
was all dieser vielen Worte kurzer Sinn ist, nämlich: „Gott ist die Liebe“, aus
Liebe erschuf Er dich und durch Liebe will Er dich zu Sich zurückführen.
[Sg.01_001,46] Dieses bedenke und werde Kind,
und zwar Mein Kind! Das ist deine Aufgabe, die Ich dir als Prüfung auf dieser
Erde zu lösen gegeben habe! – Amen!
2. Kapitel – Der Magnetismus.
22. Oktober 1870
[Sg.01_002,01] Schon heute mittag wurde diese
Frage angeregt, und da die Besprechung dieses Gegenstandes, das heißt unter
Meinen Händen, einige Streiflichter zum Teil auf eure Ideen, zum Teil aber auch
auf den eigentlichen Gegenstand werfen könnte, die für euch zum Nutzen und zur
Lehre dienen sollen, so will Ich dir denn einige Worte darüber sagen.
[Sg.01_002,02] Schon in einem früheren Diktat
habe Ich euch gesagt, was eigentlich Magnetismus ist, nämlich – Mein Wille.
Allein der Magnetismus ist eine Kraft, die ihr auch in den Metallen und Steinen
antrefft und die auch in den Tieren und endlich im menschlichen Organismus
ebenfalls sich kundgibt.
[Sg.01_002,03] Es handelt sich nur darum: Was
ist denn eigentlich dieser Magnetismus in den Mineralien und im Eisen? Ferner,
was ist derjenige in den Tieren? und welcher Unterschied ist in all diesen
gegenüber dem Magnetismus, der auch im menschlichen Körper und endlich in der
Seele des Menschen selbst ist?
[Sg.01_002,04] Nun, um dieses alles zu
erörtern, müssen wir zunächst mit dem ersten Begriff dieser Kraft anfangen, wie
sie im Mineralreich euch ansichtig wird. –
[Sg.01_002,05] Die magnetische Kraft ist,
soweit ihr sie kennt, eine anziehende, welche nur Gleiches anzieht, wie das
magnetisierte Eisen nur Eisen anzieht; auch andere Dinge gibt es, die
magnetische Kräfte äußern, aber nicht gerade Eisen, sondern auch andere Dinge
anziehen, wie ihr oft spielend gesehen habt, daß zum Beispiel Siegellack, ein
wenig gerieben, auch Papierstückchen anzog; ebenso Bernstein sowie alle
Harzarten haben diese Eigenschaft. –
[Sg.01_002,06] Nun, diese Eigenschaft des Anziehens,
welches ihr im kleinen mit dem Magnetstein oder bestrichenen Eisen und mit der
Magnetnadel seht, welche eine stete Richtung nach Norden zeigt, bis da, wo sie
auf einem gewissen Punkte angekommen, statt nach Norden, den Punkt ihres
Strebens als in der Erde selbst andeutet. Dieses Andeuten allein beweist euch,
daß diese Kraft, welche ihr mineralen Magnetismus heißet, in der Erde ihren
Sitz hat; und eben nachdem sie bloß eine anziehende und nicht eine
zurückstoßende ist, so ist sie als Attraktionskraft (Anziehungskraft)
eigentlich das einzige Element, das die ganze Erde samt ihrer Atmosphäre zu
einem Ganzen verbindet.
[Sg.01_002,07] Diese Kraft ist wohl, wie Ich
es einst sagte, nur Mein Wille; allein die materielle Äußerung des Magnetismus
ist nicht mehr als Mein direkter Wille, sondern nur als eine seiner
vielfältigen Ideen anzusehen.
[Sg.01_002,08] Die magnetische Kraft, welche
die Magnetnadel nach Norden zieht, ist ein Zeuge des großen Stromes, der alles
durchweht und alles zum Zusammenwirken zwingt; darin liegt der große Zweck
verborgen, wo jedes einzelne als Teil des Ganzen nur einem Zuge folgen muß; ihr
nennt es den Zug der Schwere, und Ich nenne es den vollgewichtigen „Zug der
Liebe“.
[Sg.01_002,09] Was bei der ganzen Erde ohne
Bewußtsein geschieht, wo alles fest aneinandergeschlossen seinen großen Zweck
vollführen muß, das ist schon nicht mehr so gefestet im Tierreich, wo es freier
auftritt und nur einzelnen, dem einen oder andern Tier zu seinem eigenen Aufbau
nötig ist; es ist da die erste stumme und strenge Kraft gelockert und
verfeinert in bezug auf das Wirken des einen auf das andere.
[Sg.01_002,10] Nachdem aber die Tiere
stufenweise aufwärts gehen und ihre magnetischen Eigenheiten sich stets
verfeinern, so gelangen sie auch endlich als letzte Stufe zum Menschen, der
ebenfalls eine magnetisch anziehende Kraft besitzt, welche jedoch
ausgebreiteter und weitreichender ist als die der Tiere und des Mineralreiches.
[Sg.01_002,11] Der Mensch hat nämlich
ebenfalls ein von seinem Körper ausgehendes „magnetisches Fluidum“ und hat
nebenbei aber auch noch ein von seiner Seele hergeleitetes höheres oder
eigentlich von Mir stammendes Erbteil, mit welchem er, wenn er es zu benutzen
wüßte, Mir gleich „schaffen“ und walten könnte!
[Sg.01_002,12] Sein körperliches Fluidum oder
die willenlos ausströmende Kraft, die er jedoch durch seinen Willen noch mehr
aus seinem Körper treiben und dorthin richten kann, wohin er will – diese Kraft
ist ebenfalls die nämliche, welche, wie sie bei der Erde alles fest zusammenhält,
auch seinen Körper zu einem Ganzen gestaltet, in seinen Adern rollt und sogar
seine äußerste geistige Sphäre ausmacht. Diese Macht oder Kraft kann er als
freies Wesen gebrauchen wie er will, entweder zum Guten oder zum Schlechten.
[Sg.01_002,13] In jetziger Zeit ist schon
viel von den Eigenschaften dieser allgemeinen Naturkraft entdeckt worden, und
einzelnen ließ Ich es angedeihen, daß sie mit dieser Kraft zum Besten der
kranken Menschheit heilend auftreten konnten.
[Sg.01_002,14] Jedoch über dieser Kraft und
allen früher angeführten untergeordneten Stufen steht noch eine höhere, und
dies ist die Kraft, die direkt vom Geiste, von Mir Selbst kommt und die vom
gewöhnlichen magnetischen Einwirken so weit verschieden ist wie augenscheinlich
Geist und Materie.
[Sg.01_002,15] Diese Kraft als Ausfluß Meines
Geistes ist ebenfalls das Band, das alles zusammenhält, was geistig oder Mir
gleich ist, jedoch aber mit dem Unterschied, daß, während die Natur ihre
verschiedenen Elemente mit Zwang zusammengefügt hat, beim Menschen und seinem
geistigen Verbande mit anderen höheren Wesen und Mir Selbst nur ein zartes
Band, das Band der Liebe, um alles gezogen ist, das, statt durch strenge
Gesetze, nur durch Liebe wirken soll.
[Sg.01_002,16] Wenn also jemand einen andern,
sei es Bruder oder Schwester, seinen natürlich-magnetischen Strom fühlen läßt,
so wirkt bloß das Seelisch-Körperliche auf das Entsprechende im andern Körper,
es legt die Nerven des Magnetisierten bloß, erleichtert ihm die Last des
Körpers und lockert seine Bande; darum auch der Magnetisierte im Hellschlafe
Dinge sieht und spricht, die der Magnetisierende vielleicht gar nicht kennt!
[Sg.01_002,17] Sobald aber der geistige
Magnetismus eintritt, der Mein Wille, Meine Kraft und Mein „Segen“ ist, so ist
es möglich, daß nicht nur allein der Magnetisierte, sondern auch der
Magnetisierende, beide gleiche Wonne, gleiche Seligkeiten genießen können; denn
sie haben durch dieses geistige Band der Liebe, das sich bei dieser Verbindung
um ihre Herzen schlingt, gleiche Seligkeiten aufgedeckt, welche ihr einst,
fällt die schwere Hülle ab, dauernd genießen werdet.
[Sg.01_002,18] Begreifet ihr jetzt den großen
Unterschied zwischen den verschiedenen Wesenheiten des Magnetisierens,
begreifet ihr den Unterschied, wo einerseits nur mehr rohe, ungeläuterte
Gewalten ihren Einfluß ausüben, und wo reine Himmelsluft andererseits weht, wo
nicht der Zwang des „Muß“ eines Magnetiseurs den andern zwingt, seinem Willen
zu folgen, sondern wo beide vereint den Hochgenuß schwach verschmecken werden,
welcher jeden Gereiften in Meinem Reiche einst erwarten wird.
[Sg.01_002,19] Der erstere Magnetismus ist
eine Ausgabe eures Lebenskapitals, der zweite eine Einnahme eures himmlischen
Erbteils!
[Sg.01_002,20] Befleißiget euch daher, wenn
ihr je die Hand ausstreckt zum Magnetisieren, nicht bloß die
körperlich-seelische Kraft aus euch strömen zu lassen, sondern vergeistiget und
läutert sie durch den Gedanken an Mich, an Meine Worte, an Meine Liebe! und ihr
werdet, statt nur andere zu erhöhen, zuerst selbst erhoben werden, diese
Empfindung sodann dem andern mitteilen, mit ihm mitfühlen, und so gleiche
Genüsse der einst zu erwartenden Seligkeiten haben.
[Sg.01_002,21] Ich sagte im Anfang: der
Magnetismus ist das Band, das alles zusammenzieht, verbindet, und so den
Bestand des Erscheinlich-Materiellen ausmacht; ebenso ist der geistige
Magnetismus das ewige Band, das Mich mit Meinen Geistern und mit Meinen Kindern
auf ewig verbinden soll, damit wir einst alle als Eins ebenfalls so
zusammengeschmiegt durch Liebe sein mögen, wie es jetzt eure kompakte Erde und
alle andern Erdkörper durch Zwang sind.
[Sg.01_002,22] Dieser magnetische Zug der
Liebe zog euch zu Mir – und Mich zu euch; lasset ihn stets walten, und es wird
euch nicht an Hochgenüssen einer jetzt nie zu ahnenden Seligkeit fehlen, und
Ich werde auch dabei mehr und mehr die Freude haben, euch Mir näher und näher
zu ziehen, bis der immerwährende Zug euch Meinem Vaterherzen ganz genähert hat,
wie Ich es gerne möchte, und wozu Ich euch alle Mittel angedeihen lassen will,
daß ihr dieses erreichen könnt! – Amen.
3. Kapitel – Die Elektrizität.
23. Oktober 1870
[Sg.01_003,01] Nachdem Ich dir gestern abend
eine kleine Aufklärung über den Magnetismus gegeben habe, wie Ich ihn verstehe,
und auch will, daß ihr ihn im nämlichen Sinne, würdig Meiner Kinder, auffassen
sollet, so will Ich heute zu der gestrigen Aufklärung eine andere hinzugeben,
und zwar über Elektrizität, eine Kraft, von der ihr und eure sogenannten
Gelehrten zwar die Wirkungen zum Teil kennt, allein nicht genau wißt, was sie
eigentlich ist, und wie Ich sie möchte von euch verstanden sehen.
[Sg.01_003,02] Nun, um auch dieser Kraft auf
den Grund zu kommen, müssen wir von der ersten Idee einer Schöpfung im
allgemeinen ausgehen, sodann den notwendigen Bestand einer forttreibenden Kraft
bestätigen; diese Kraft sodann in ihren einzelnen Wirkungen verfolgen und sie
am Ende wieder zurückführen zu Dem, von wo sie ausgegangen als sich äußernde
Kraft und als geistige Potenz zurückgekehrt ist und nun eine Meiner Haupteigenschaften
als Gott und Schöpfer ausmacht.
[Sg.01_003,03] Nun sehet denn, Meine lieben
Kinder, denen Ich schon so viel über Meinen Schöpfungsbau gesagt habe – da
dieser Bau aber unendlich ist in seiner Ausdehnung, so kann er von euch
Endlichen nur zum Teil verstanden und manches nur geahnt werden, woraus
hervorgeht, daß soviel Ich euch auch in die Geheimnisse Meiner Schöpfung
einweihen würde, ihr doch nach Millionen von Jahren nur teilweise die Wunder
Meiner Werke begreifen könntet.
[Sg.01_003,04] Nachdem aber ein Vater, so wie
Ich es sein will und auch bin, vor seinen Kindern keine Geheimnisse haben soll,
damit die Kinder, je mehr der Vater ihnen seine weisen Einrichtungen zeigt,
durch Achtung vor ihm gezwungen, ihn auch mehr lieben werden, so will Ich von Zeit
zu Zeit euch in diese Werkstätte Meiner unendlichen Macht einen Blick werfen
lassen, damit ihr immer mehr erkennen möget, wer Der ist, der an euch so viele
Gnaden austeilt, und was es heißt: von Gott belehrt zu werden, wo doch schon
mancher auf eurer Erde glaubt wunder, was er ist, wenn er sich rühmen kann, er
sei der Schüler von dem oder dem großen Gelehrten oder Künstler!
[Sg.01_003,05] Um so mehr müßtet ihr euch
einbilden, wenn ihr bedenket, daß Ich, der Herr alles Geschaffenen, Mich
herabgelassen habe in Meiner väterlichen Liebe, euch als Schüler zu
unterrichten!
[Sg.01_003,06] Da aber in Meiner Schule nicht
Stolz als erster Grundsatz, sondern nur die Demut als solcher aufgestellt ist,
so will Ich euch eben deswegen noch manches sagen über Meine große Schöpfung
und hoffe, daß ihr ob des Erlernten nicht stolz, sondern nur stets demütiger
werdet.
[Sg.01_003,07] Also kehren wir zu unserer
Elektrizität zurück. So höret denn:
[Sg.01_003,08] Als im unendlichen Raum Meine
ersten Ideen sich zu verwirklichen anfingen und Welten auf Welten geschaffen
wurden, da herrschte nur das Gesetz der Anziehung und der Abstoßung, welches
sie zur Umdrehung um ihre Achsen und ihre Zentralsonnen zwang.
[Sg.01_003,09] Dort in jener Zeit waren es
also nur zwei Kräfte, die alles dieses verrichteten, die anziehende und die
abstoßende.
[Sg.01_003,10] Die eine wollte alles an sich
reißen, die andere alles in die Unendlichkeit hinaustreiben. Nun, aus dem
Konflikt dieser beiden Kräfte, der einzigen Motoren einer jeden Sache, die geschaffen
ist und bestehen soll, entstand die drehende Bewegung; und so wurde durch diese
Kräfte das ganze Universum mit Welten bevölkert, ihre Ausbildung eingeleitet,
und noch jetzt sind diese beiden Kräfte die Hauptträger alles Lebens und alles
Geschaffenen und werden es auch bleiben, solange Ich Derjenige bin, welcher in
Wirklichkeit alles leitet und zum allgemeinen Endziele führt! –
[Sg.01_003,11] Die erste dieser Kräfte ist,
wie Ich es schon im gestrigen Diktat gesagt habe, die Liebe.
[Sg.01_003,12] Die Liebe will alles an sich
reißen und um keinen Preis mehr sich davon trennen lassen, will alles bei sich
haben; die Folge davon wäre ein endliches Erdrücken, ein Tod, und zwar aus
Liebe – also kein Leben! –
[Sg.01_003,13] Um also diesen mächtigen Trieb
Meines Ichs in seine gerechten Schranken zu weisen, trat die Weisheit hinzu,
die zwar das Anziehen der Liebe nicht hinderte, sondern sie nur bis zu einem
gewissen Grade zuläßt und wieder die Entfernung und Loslassung bedingt.
[Sg.01_003,14] Nun, durch dieses Anziehen und
Loslassen entstand das erste, was in Meiner Schöpfung notwendig ist: die
Bewegung! Was ist aber Bewegung? Bewegung ist – Leben!
[Sg.01_003,15] Es war also das rege Leben das
Produkt von zwei Kräften, die stets miteinander im Streit die wohltätige
Wirkung hervorbrachten, des Schaffens, Vergehens und wieder neu Aufbauens, des
Kommens, Gehens, und dieses als Gesetz der ewigen Erneuerung und Fortdauer
festsetzten.
[Sg.01_003,16] Kampf ist Leben, und Ruhe ist
Tod!
[Sg.01_003,17] Nun, wo Kampf, da ist Reibung;
wo Reibung, da ist ein Erzürnen der einzelnen Teile, die sich aus ihrer Ruhe
nicht wollen stören lassen, wo der Zorn, erweckt sich die Wärme, wo die Wärme
in ihrer höchsten Vibration, da entwickelt sich das Licht! –
[Sg.01_003,18] Nun sehet! Aus den einfachen
ersten Gesetzen des Anziehens und des Abstoßens entwickelt sich das zum Leben
allein notwendige Licht, denn ohne Licht kein Leben. Da aber das Licht nur das
Produkt der Wärme ist, so ist wo Leben – auch Wärme! wo keine Bewegung, keine
Wärme, sondern Kälte oder Tod, das heißt ein Stillstehen; da bleibt ein jedes
Ding in diesem Zustande wie es ist, hat keinen Drang, weder zur Veränderung
noch Vervollkommnung, noch Auflösung.
[Sg.01_003,19] Hier haben wir also schon zwei
weitere Haupteigenschaften aus den ersten zwei primitiven Kräften
herausgefunden, nämlich aus Abstoßen und Anziehen – Licht und Wärme!
[Sg.01_003,20] Dem Lichte und der Wärme
entwuchs daher alles Geschaffene. Die Liebe baut, die Weisheit erhält. Die
Liebe ist gleichbedeutend mit Magnetismus – die Weisheit mit Elektrizität.
[Sg.01_003,21] Wie Meine Gedanken mit
Blitzesschnelle die Unendlichkeit durchfliegen, so strömt die Elektrizität in
die weiten Fernen hinaus, Gleiches mit Gleichem verbindend, Harmonie
hervorbringend, durch die Anregung der „schlummernden Kräfte“ oder der
„gebundenen Geister“ im Weltall.
[Sg.01_003,22] Die Elektrizität ist der
Träger des Lebens; in ihrer positiven Gestalt befördert sie die Erhaltung des
Geschaffenen, und in ihrem negativen Wert bringt sie Zerstörung (Auflösung) und
reizt so wieder zum Neuaufbau!
[Sg.01_003,23] So geht der ganze
Schöpfungsbau aus zwei Grundgesetzen, aus zwei Haupteigenschaften Meines Ichs
hervor: aus Magnetismus und Elektrizität oder aus Liebe und Weisheit.
[Sg.01_003,24] Ja, auch Ich Selbst, um tätig
zu sein und stets eine Anregung zur Weiterbildung zu haben, ließ es zu, daß
einer Meiner größten Geister von Mir abfiel und als Prinzip des Bösen sich Mir
gegenüberstellte, um das Werden und Entwickeln zu befördern, bis es eine gewisse
Periode erreicht haben wird, wo das materielle Schaffen aufgehört, kein
Vergehen mehr notwendig und eine geistige Ära für alle Welten und alle Wesen
eingetreten sein wird.
[Sg.01_003,25] Was (negative) Elektrizität in
der Schöpfung, das ist der Satan in der geistigen Welt; auch er hat seine
Aufgabe, welche er vollführen muß, nur mit dem Unterschied, daß er wähnt, sein
Bleiben in seinem geistigen Zustande währe ewig.
[Sg.01_003,26] Hier irrt er sich gewaltig. Er
bleibt, solange Meine großen Grundprinzipien für die Welten und alles
Geschaffene notwendig sind. Vollendet sich diese Periode, so wird auch die
Liebe – Magnetismus – und die Weisheit – Elektrizität – eine andere Form
bekommen und eine andere Richtung erhalten; dem einen wie dem andern werden die
Extreme genommen werden (des Anziehens und der Abstoßung), und es wird ein
friedliches, harmonisches, gemeinschaftliches Wirken dem früheren Platz machen,
wo der Bestand des einen auf die Zerstörung des andern gebaut war.
[Sg.01_003,27] Die Elektrizität als latente
(gebundene) Wärme, das heißt als Licht, ist aus euren physikalischen Versuchen
und auch aus deren Anwendung in Krankheitsfällen genug bekannt, überall
manipuliert ihr mit ihr, und doch wißt ihr nicht, was ihr eigentlich tut, weil
für euch die bemerkbaren Resultate und Tatsachen (also die Erscheinungen) bloß
etwas Beständiges sind. Was aber das geistige Wirken und den geistigen Grund
dabei anbelangt, der hinter diesen Versuchen verborgen liegt, das erkennt ihr
nicht, weil ihr keine Augen für geistiges Wirken habt, und weil die schnelle
Wirkung der Elektrizität und des Lichtes in so kurzen Zeiträumen erfolgt, die
einem Menschenverstand zu geschwind sind, als daß er sich diese tatsächlich
vorstellen könnte.
[Sg.01_003,28] Würdet ihr aber sehen, wie bei
jedem Experiment mit der galvanischen Batterie sich wundervolle Erscheinungen
und Prozesse entwickeln, nur aus zwei Grundursachen hervorgehend, ihr müßtet
vergehen vor Andacht vor Mir, dem Schöpfer alles Daseienden, gleichwie ihr aus
den kleinsten Atomen des Lichtes und der Wärme die größten und wichtigsten
Faktoren zur Erschaffung von Millionen Meilen großen Weltkörpern aus eben
diesen kleinen Produkten der Vibration und der Anziehung hervorgebracht sehet.
[Sg.01_003,29] Wenn ihr da sehen würdet, wie
dieses mächtige Fluidum durch sein billionen- und trillionenmaliges Erzittern
der kleinsten Atome in einer Sekunde in der großen Schöpfung das intensivste
Licht und die größte Wärme verbreitet, so könnt ihr euch einen kleinen Begriff
machen davon, wenn Ich als Gott Meine Liebe und Weisheit in ihrer ganzen Macht
jemand fühlen lassen wollte, er müßte in einem Augenblick vergehen, und wenn
auch sein Geistiges widerstände, sein Materielles aber würde aufgelöst bis in
die kleinsten ersten Schöpfungsatome!
[Sg.01_003,30] Wenn ihr sehen würdet, wie der
elektrische Strom in eurem Blute in einem Moment die augenblickliche
Veränderung aller Bestandteile desselben bewirkt, alles Gestorbene in
Lebendiges verwandelt und das Krankhafte ausscheidet – nicht der Gedanke mit der
Zeit ihn zu denken reicht hin, um das zu begreifen, was da in einem Nu
geschieht, wozu ihr Tage brauchen würdet, alles einzelne zu verstehen, wie
eines aus dem andern hervorgegangen ist.
[Sg.01_003,31] Und sollte es nicht so sein?!
wo wäre eine Schöpfung und wo ihr Erhalten, wenn nicht Kräfte wirken würden,
die Meine Gedanken sogleich mit für euch unbegreiflicher Schnelligkeit den
weiten Schöpfungsraum durchfliegend ausführen würden, um überall Leben zu
erhalten und neues Leben zu bringen; in jene Räume, wo Äonen von Lichtweiten
nur eine kurze Spanne Zeit von einer Sekunde ausdrücken! –
[Sg.01_003,32] Eben diese Elektrizität, der
Hauptträger alles Geschaffenen ist es, welcher als Meine Weisheit alles
durchdringt, alles zum Leben und zur Vervollkommnung treibt. Die Elektrizität
als Meine Weisheit schreibt dem Materiellen Gesetze vor, dem Geistigen aber
gibt sie nur Ratschläge. Bei dem Ersten ist es notwendiger Zwang, bei dem
Zweiten nur sehnlichster Wunsch.
[Sg.01_003,33] Elektrizität erhöht das Leben,
wo dessen Strom hingeleitet wird. –
[Sg.01_003,34] Laßt auch ihr euch
elektrisieren von Meiner Weisheit, die Ich euch als Vater begreiflich machen,
und von Meiner Liebe, die euch anziehen will!
[Sg.01_003,35] Ich als Schöpfer blieb einst
als Liebe in den Himmeln, und als „Sohn“ oder Weisheit stieg ich zur Erde
nieder.
[Sg.01_003,36] Als Liebe, das ewig
verbindende Mittel harmonischer Geister, inspirierte Ich Meine Weisheit, um
euch Gesetze und Lehren zu geben, gegründet auf Liebe; elektrisiert euch dafür!
lasset euch durch diesen Strom anfüllen mit geistiger Liebe zu Mir, lasset alle
eure Herzensfibern erzittern und vibrieren, damit sich dort die Wärme der Liebe
entwickelt und das Licht des Glaubens an Mich und Meine Sendung zu euch, als
Sohn, stets mächtiger eure Herzen durchdringe!
[Sg.01_003,37] So soll die Elektrizität als
großer Wärme- und Lichtleiter in der Schöpfung auch der geistige Liebe- und
Weisheitsleiter in eure Herzen werden.
[Sg.01_003,38] Alle geistigen Zustände, alle
mächtigen Gemütsbewegungen, alle sind ausgedrückt in der Natur, im Leben und –
im elektrischen Funken.
[Sg.01_003,39] Auflösend, alle Hindernisse
überspringend, eilt der elektrische Funke mit Lichteseile durch die
wetterschweren Wolken, Licht und Wärme, aber auch Kälte und Zerstörung verbreitend;
er durchzuckt die Elemente, löst Metalle, Steine und alles, was ihr bisher für
unauflöslich hieltet, in einem Augenblick auf; ihm widersteht nichts.
[Sg.01_003,40] Ebenso ist Meine Weisheit,
Meine Lehre. Wo sie eindringt, löst sie alles Harte auf, bringt Wärme, Licht
und Leben, Begeisterung für Höheres, Geistiges, und Kälte für Weltliches
hervor, zerstört alle alten, angelernten Vorurteile und baut neues Leben auf
alten Ruinen!
[Sg.01_003,41] So ist Elektrizität das
Sinnbild und das Produkt Meiner Weisheit, und Magnetismus das Bild Meiner
Liebe!
[Sg.01_003,42] Lasset euch durch erstere zum
zweiten führen; und wenn euch der Strahl des Lichtes und der Wärme für Mich
durchzuckt, als elektrischer Funke, so schmiegt euch an Meine Liebe an; dort
wird dieser Funke euch erwärmen, erleuchten, und euch ganz klar zeigen, daß,
wie Ich aus zwei Kräften eine ganze Unendlichkeit voll Welten aufbauen konnte,
es auch zwei geistige Kräfte für alle Himmelreiche gibt, die aber beide ihren
Ruhepunkt nur in einer finden, das ist: in Meiner Liebe!
[Sg.01_003,43] Denn die Liebe schickte die
Weisheit hinaus in alle Fernen, um zu erleuchten und zu erwärmen alles
Geschaffene; sie verlangt aber auch, daß der von ihr ausgehende Strahl nicht
mit leeren Händen zurückkehre, und so geht es auch mit der Elektrizität: hinaus
strömt sie in die unermeßlichen Fernen, auflösend, zerstörend, aber auch neu
erweckend und aufbauend; überall wird durch sie die Finsternis in Licht, die
Kälte in Wärme und Tod in Leben verwandelt.
[Sg.01_003,44] So auch soll Mein Wort, Meine
Lehre in euch alles Finstere in Licht, alles Gestorbene in lebendige Taten
verwandeln, damit ihr einst geläutert, gereinigt, wie ein Lichtstrahl in Meinen
Himmeln ankommen möget und Den von Angesicht zu Angesicht schauen könnt, der
euch jetzt mit Seinen Worten zu göttlichen Taten anspornen oder elektrisieren
möchte! Amen.
4. Kapitel – Die Adelsberger Grotte.
7. Juni 1870
[Sg.01_004,01] Du möchtest gern einige Zeilen
über die geistige Bedeutung haben, was denn eigentlich diese Bildungen sagen
wollen, welche die in der Erde wohnenden Geister mittels des heraustropfenden
Wassers bilden.
[Sg.01_004,02] Mein lieber Sohn! Die Sprache
der Zeichen, welche in der Grotte geschrieben sind, wo gestern dein Bruder war,
und wovon er heute noch begeistert, eben jetzt einen von den zahllosen
Eindrücken euch kundgab – diese Sprache ist die in Bildern ausgedrückte Sprache
der Geister, die emsig im Innern der Erde schaffen und weben fürs künftige
Leben!
[Sg.01_004,03] Was das heruntertropfende Wasser
an Steinen und Sand auflöst, das sammeln sie zusammen und binden es nach ihrer
Intelligenz, wie bei euch die Hausfrau die Wohnung ausschmückt und dort
ebenfalls fegt und webt, um ihre Wohnung als den Aufenthalt, wo sie die meiste
Zeit zubringt, so gemütlich als möglich zu machen.
[Sg.01_004,04] Sehet, so eine Hausfrau setzt
da einen Tisch, dort ein Bett; den Tisch bedeckt sie mit einer Decke, das Bett
behängt sie mit Vorhängen; hier pflegt sie eine kleine Blume, und dort ziert
sie mit ebensolchen ein Fenster. So machen es die Geister auch, und wenn ihr in
das Innere der Erdrinde eindringen könntet, so würdet ihr Dinge schauen von
solcher Schönheit, wogegen das gestern in der Grotte Gesehene nur ein
Kinderspiel ist; denn im Innern der Erde, wo verschiedene Metalle gebunden
zwischen Stein und Sand und Erde liegen, werden auch die Tropfsteingebilde
nicht immer weiß, sondern gefärbt, so zwar, daß ihr da ganze feurigrote (von
Eisen herrührend) oder grüne Vorhänge von ungeheurer Höhe und noch alle
möglichen Formen sehen könntet.
[Sg.01_004,05] Was Ich in der Unendlichkeit
geschaffen, was die Menschen Meinen Schöpfungen nachgemacht haben, das ahmen
dann die Geister nach, nur in anderen Typen und Formen, die aber mehr Meinen
großen Grund-Ideen der Schöpfung entsprechen als alles zusammengestoppelte
Machwerk der Menschen.
[Sg.01_004,06] Jede Figur, die der Tropfstein
unter den Händen Meiner Erdgeister bildet, hat eine geistige Bedeutung, ist
immer ein Lobgesang für Mich und Meine Schöpfung.
[Sg.01_004,07] Da seht ihr einen Schleier,
der leicht und zart gebildet dem leisen Wirken eines jungfräulichen Geistes
entspricht, er bildet ihn mit zarter Hand, webt nach seiner Intelligenz Formen
und Gebilde hinein, die zusammen in der Geistersprache mit wenig Worten sagen wollen:
[Sg.01_004,08] „Sei gelobt! o Du großer Gott
und Herr der Heerscharen! und Dein zartes Liebesweben, wie Du uns alle führest
unter sanfter Leitung auf dem Wege der Vervollkommnung! Du wirkest, ohne daß
wir es merken, unter einem Schleier, und wenn er auch noch so zart, so erkennen
und fühlen wir Deine mächtige und liebende Hand zugleich!
[Sg.01_004,09] Sei gepriesen! auch in unsern
schwachen Formen, die Du nach Deinen großen Gesetzen uns erlaubst, nur aus
Wasser und aufgelöstem Gestein zu bauen; wir wollen diese finsteren Gewölbe und
Dome unter der festen Rinde der Erde zu geistigen Domen machen, und wenn dann
nach Deiner Zulassung manchmal Deinen Kindern es erlaubt ist, diese nur für uns
bestimmten, finsteren Höhlen zu betreten, daß auch sie bei ihren Lichtern sich
ergötzen mögen an unseren Werken unter Deiner Führung und in allen den Formen,
die wir hier in verschiedenen Arten, gleich der Ausdrucksweise unserer
Geistessprache, zusammengestellt haben, erkennen mögen, daß Du, die Liebe
Selbst, auch dort wo kein Licht hindringt, ewig stets der Gleiche bist und ewig
nur die einzige, unverwüstliche Liebe!“
[Sg.01_004,10] Sieh, Mein Sohn, solche
Gedanken sollten die Menschen in diesen unterirdischen Tempeln begeistern für
Mich, wo Ich mit großen Buchstaben von Meinen Geistern die nämlichen Worte
schreiben ließ, wie sie am Firmament in noch größerer – einer Ewigkeit
gleichenden Schrift – jede Nacht vor euch stehen, und diese Worte heißen:
[Sg.01_004,11] „Wanderer, stehe still, es
wehet dich hier ein Geisterhauch einer immerwährend wirkenden Macht an; du
stehest vor Gebilden, von Geisterhand geformt, noch ehe lebende Wesen diesen
Erdball bewohnten, und du, nun später Nachkömmling eines längst verschollenen
Geschlechts, bewundere die Liebe und Geduld deines Schöpfers, der dich, sei es
mit großen oder auch mit den kleinsten Produkten Seiner Gedanken, an Sein
liebend Herz ziehen möchte!“
[Sg.01_004,12] Aber – – o ihr armen Menschen,
wie entweihet ihr Meine Tempel der höchsten Andacht mit profaner Unterhaltung!
[Sg.01_004,13] Ich sollte wohl anders mit
euch verfahren, wären nicht auch immer einige unter den Besuchern solcher
Höhlen, die doch mit andern Eindrücken herausgehen, als sie hineingegangen
sind; nun, eben wegen diesen lasse Ich diese Feste so ruhig verlaufen, da Mir
eine andächtige Seele lieber als Tausende, denen alles das eine Null ist.
[Sg.01_004,14] Jetzt hast du in kurzem eine
Idee, wie ihr Meine Werke betrachten sollt, um daraus immer die nämliche Lehre
zu ziehen, die sich mit wenigen Worten sagen läßt:
[Sg.01_004,15] „Liebet den Vater! denn es
gibt außer Ihm nichts, das Ihm gliche!“
[Sg.01_004,16] Soviel für heute; jetzt lese
es deinen Brüdern und Schwestern vor, damit auch sie dann in den Chor Meiner
Geister einstimmen und wie jene nur Mich, als ewigen Vater und Herrn, preisen
mögen! Amen.
5. Kapitel – Schmetterling und Schwalbe.
10. November 1870
[Sg.01_005,01] Deine Schwester wünscht eine
Aufklärung zu haben, was denn eigentlich, im geistigen Sinne, die Schwalbe und
der Schmetterling sind, oder was für geistige Urtypen unter diesen beiden
Bildern aus Meinem Schöpfungsreich verborgen liegen?
[Sg.01_005,02] Nachdem Ich in alles etwas
Geistiges gelegt habe, so ist freilich auch in diesen beiden Tieren, als einzelne
Glieder von zwei Gattungen, ebenfalls etwas daran, welches auf euch Menschen
bezogen als ein erhabenes Beispiel dienen könnte; nun denn, so will Ich deiner
Schwester sagen, daß diese beiden Gattungen von Tieren die nämlichen Stufen,
das eine unter allen geflügelten Käfern und Insekten und das andere unter den
fröhlich die Luft durchziehenden Vögeln einnehmen.
[Sg.01_005,03] Um nun zur rechten Aufklärung
zu gelangen, müssen wir erst die Frage beantworten: Was ist der Schmetterling?
Siehe nun, Mein liebes Kind, der Schmetterling ist eines dieser Gattung Tiere,
die, wie die fliegenden Insekten als Übergangsstufe dienend – vom kriechenden
Wurm oder der Raupe und dem Vogel – ein Mittelglied bilden. Und von diesem ist
wieder der Schmetterling insbesondere dasjenige Tier, welches in seinem Körper
seine Abhängigkeit von den Erdelementen und in seinen buntgeschmückten Flügeln
die Verwandtschaft mit den Licht- und Sonnenspezifika kundgibt. –
[Sg.01_005,04] Seine und der ganzen Gattung
eigene Metamorphose – zuerst als Wurm und Raupe die ihr angemessenen
Erdbestandteile in sich aufnehmend und dann als Schmetterling sie durch die
Sonnenlicht-Produkte, als die feinsten Säfte der Blumenkelche, vergeistigend –
gibt euch, Meine lieben Kinder, ein sehr schönes Beispiel für euer eigenes
Wirken und Leben, daß Ich nicht umhin kann, es euch näher zu erklären und es
euch ans Herz zu legen. So höret denn:
[Sg.01_005,05] Im Staube kriecht der Wurm,
und die Raupe nährt sich von dem inneren Teil der Baum- und Gesträucher-Knospen,
beide saugen dadurch und nehmen aus der Erde kommende Elemente auf.
[Sg.01_005,06] So geht es auch mit euch
Menschen.
[Sg.01_005,07] Von Kindheit auf wird auch
euch meistens durch die jetzt herkömmliche Erziehung zunächst nur Weltliches
gegeben und mit oberflächlichen Wissenschaften euer kindliches Herz
vollgepfropft.
[Sg.01_005,08] So beladen mit eitlem Wissen
geht ihr dann dem reiferen Alter entgegen, wie die Raupe dem Stande, wo sie
verpuppt den Winterschlaf und die bessere Entwicklung zu einem von ihr ganz
verschiedenen Wesen antritt.
[Sg.01_005,09] Und ihr, was geschieht denn
mit euch? Sehet, auch ihr geht so dem Frühlingsstande eures Lebens entgegen.
Eingesponnen und eingewickelt in lauter konventionelle Verhaltungs-Maßregeln
und Begriffe, glaubet ihr dem eigenen Berufe ganz zu entsprechen, haltet nur
die Gesetze für wichtig, welche der Staat oder die übliche Sitte euch
auferlegen, und käme kein anderer mächtigerer Wecker, ihr würdet ebenfalls, wie
die Puppe des Schmetterlings oder die Larve eines fliegenden Insektes, euer
ganzes Leben das bleiben, zu was euch die Schul- und häusliche Erziehung
gemacht hat!
[Sg.01_005,10] Aber wie beim Schmetterling in
seiner Puppe sich schon das Bild zu seiner künftigen Existenz formt und sein
Leib schon vorbereitet ist, nicht wie früher schwer dem Boden
entlangzukriechen, sondern von zwei leichten Flügelpaaren durch die Lüfte
getragen zu werden – so ist auch trotz aller verkehrten Erziehung in euch
Menschen ein höherer geistiger Mensch eingeschlossen, der nur verdeckt, aber
nicht vernichtet worden ist, und bei dem es, wie bei der Puppe des
Schmetterlings, nur eines Anstoßes bedarf, um die Larve zu zersprengen, damit
ihm die Flügel auswachsen können und er als freies luftiges Wesen, im wärmenden
Sonnenstrahle seine Flügel leicht ausbreitend, sich eines höheren geistigen
Lebens freuen könne, und mit seinen neuen, statt früher Freßwerkzeugen jetzt
Saugorganen, von den mit ihm gleich stehenden Gliedern des Pflanzenreiches, den
mit Farben bekleideten Blumen, seine Lichtkost zur weiteren Erhaltung seines
Ichs saugen zu können. –
[Sg.01_005,11] So ist es mit euch, Meine
lieben Kinder, ebenfalls.
[Sg.01_005,12] Sobald die reifere, ernstere
Zeit eures Lebens herannaht, sende Ich die erwärmenden Strahlen Meiner Liebe,
gebe den ersten Anstoß durch verschiedene Leiden und Unglücksfälle, um die
harte weltliche Kruste der angelernten Vorurteile zu durchbrechen, damit ihr
einsehen lernt, daß in vielen Fällen das Angelernte nicht hinreicht, euch Trost
zu geben; der innere geistige Mensch rührt sich, pocht an seinen weltlichen
Panzer, will seine Flügel ausbreiten, denn er fühlt, daß er zu einer höheren
Existenz geschaffen ist als die, zu welcher ihr ihn verdammen wollt; die Leiden
von außen, das Drängen von innen wirken zusammen, und bei manchem berstet die
weltliche Schale, welche den geistigen Menschen umgab, und frei wie ein
Schmetterling, jubelnd und dankend, schwebt er der geistig ihn erwärmenden
Sonne zu, fühlt sich in ihren Strahlen wohl, saugt nur die geistigen, ewig nie
vergehenden Lehren Meiner Liebe als feinste Blütensäfte Meiner Weisheit und
wird dann, was der Schmetterling auf der Erde, er im geistigen Himmel, er wird
ein Kind des Lichtes oder – „Mein Kind“!
[Sg.01_005,13] So fasset den Schmetterling
auf, und wie er geziert mit den schönsten Farben in zartem Staube, der seine
Flügel bedeckt, sich seines Lebens freut, so sollt auch ihr eure Seelenflügel
mit dem Blütenstaube der göttlichen Eigenschaften übersäet haben und, statt dem
niedrigen Erd- und Welt-Gewühle, Sonnenlicht-Nahrung Meiner göttlichen Liebe
und Weisheit zu eurer Erhaltung allen anderen Speisen vorziehen.
[Sg.01_005,14] Dies, Mein Kind, ist der
symbolische Typus, den ein Mir zugewendetes Herz aus dem Schmetterling und
seiner Erscheinung in der Natur ziehen kann, werde auch du, was er ist, und du
wirst dich stets Meiner Gnadensonne im heiteren Geistesfluge durch die Wunder
der Schöpfung erfreuen können!
[Sg.01_005,15] Und nun gehen wir zu dem
zweiten Tier über, welches dich interessiert und von dem du seine geistige Bedeutung
wissen möchtest; so höre denn:
[Sg.01_005,16] Schon im Anfange habe Ich
gesagt, daß was der Schmetterling unter den fliegenden Insekten, das ist die
Schwalbe unter den Vögeln; nun denn, um das zu beweisen, müssen wir die
Gattung, welcher sie angehört, etwas näher betrachten.
[Sg.01_005,17] Sieh nun, Mein liebes Kind,
wenn zwischen Tieren eine geistige Ähnlichkeit herrscht, so muß diese so
verstanden werden, daß nicht alle Bedingungen des einen Tieres bildlich im
andern genau wiederholt werden, sondern daß Ich als Schöpfer beim einen wie
beim andern Tier nur eine gleichmäßige, geregelte Vorrückung in der Ordnung
beabsichtige.
[Sg.01_005,18] Nun sieh, bei den Vögeln gibt
es verschiedene Arten, ihr Unterschied besteht entweder im Gefieder, Gesang
oder Bau, gemäß der Nahrung, die sie nehmen, um Niederes in Höheres zu
verwandeln.
[Sg.01_005,19] Nun, unter dieser Gattung gibt
es Tiere, die aus gröberen Elementen ihre Nahrung ziehen oder die Pflanzen- und
Körnerfressende sind, und endlich noch eine andere Gattung, die von fliegenden
Insekten lebt, welche Insekten selbst wieder in ihrer Gattung die
ausgebildetsten in geistiger Hinsicht, „Sonnenlicht-Sammler“ sind.
[Sg.01_005,20] Nun, diese letztgenannte
Nahrung ist eben den Schwalben, den Vögeln, die dir so sympathisch sind,
angewiesen, und eben in dieser Beziehung gleichen die Schwalben den
Schmetterlingen, weil auch sie nur die feinste Kost verzehren, damit dann aus
ihnen die nächste Stufe, die schon mit edlerem Gesang begabte Vogelgattung
hervorgehe. In ihrem (der Schwalbe) Organismus sammelt sich schon all das
Geistige, was – obwohl beinahe stumm oder doch nur im einfachen Gezwitscher
ausgeprägt bei ihnen – erst in den andern höher gestellten Gattungen lauter
jubelnde Stimmen, ein Dankeslied für Mich wird!
[Sg.01_005,21] Und so sind die Schwalben
diejenigen Tiere, welche von Sonnenkost genährt, sich auch mit dem Menschen,
der ja auch der geistigen Sonne näher steht, stets befreunden.
[Sg.01_005,22] Sie, die Schwalben, wählen
sich zum Nestbau menschliche Wohnungen, durch ihre Nahrung befreien sie euch
von vielen anderen Plagen, und wenngleich der Mensch gegen viele andere ihrer
Gattung grausam ist und sie tötet, teils um seinem verwöhnten Gaumen einen
Leckerbissen zu bereiten, teils aus Langeweile und Mordsucht sie vertilgend, so
ist er doch gegen diese Gattung von Vögeln mehr tolerant. Es ist eine gewisse
Scheu, welche ihn abhält, diese Tiere von seiner Behausung zu verjagen, welche
so vertrauensvoll sich ihm genähert haben, und er tut nicht unrecht daran; denn
solange Schwalben unter seinem Dache nisten und um dasselbe herumflattern, so
lange ist es ein Zeichen, daß eine gesunde Luft es umgibt, wo auch die
fliegenden Insekten, die ihnen zur Nahrung bestimmt sind, sich aufhalten
können. Mangeln aber einmal die einen oder die andern, dann mag der Mensch
überzeugt sein, daß bald Krankheit und Tod in sein Haus und in sein Land
einziehen werden; ebenso wenn Blumen und die von ihren Säften lebenden
Schmetterlinge mangeln.
[Sg.01_005,23] Wo beides fehlt, da ist Mein Segen
ferne, und leider wird dort über ein unverbesserliches Volk die Zuchtrute
geschwungen, nachdem Meine Liebes- und Gnadenworte nur taube Ohren fanden.
[Sg.01_005,24] Also auch ihr alle, Meine
Kinder, seid tätig in Meiner Schule, daß Ich nicht gezwungen werde, Meine
Friedensboten auf eurer Erde von euren Wohnungen zurückzuziehen; denn dann
hilft das Hilfeflehen nichts mehr, und ihr müsset euch herberen Heilmitteln
unterziehen, welche Ich, aber wohlgemerkt nur im allerletzten Falle, anzuwenden
genötigt sein würde.
[Sg.01_005,25] Jetzt, Meine liebe Tochter,
hast du ungefähr einen schwachen Begriff, wie man, wenn man geistig forscht,
Meine Natur und ihre einzelnen Glieder betrachten und auffassen soll.
[Sg.01_005,26] Daß aber noch vieles und
Merkwürdiges über diese beiden Tierchen zu sagen wäre, kannst du dir denken;
denn sie sind Geschöpfe eines Gottes; und deswegen ist ihre Bedeutung ebenfalls
unendlich! Amen.
6. Kapitel – Vergißmeinnicht und
Klapperschlange.
23. November 1870
[Sg.01_006,01] Meine lieben Kinder! Oft kommt
es euch vor in eurem Leben, daß ihr ganz verschiedene Gegenstände miteinander
zusammenbringt, die nicht im mindesten eine Verbindung unter sich zu haben
scheinen, und es entsteigt dann eurem Herzen die Frage: „Diese kuriosen Dinge,
die mir eben jetzt eingefallen, möchte doch wissen, so fremdartig eines dem
andern ist, ob nicht doch eine geistige Verbindung zwischen ihnen obwaltet,
weil eben diese Gegenstände ohne meinen Willen sich so zufällig in meinem Kopfe
begegneten?“
[Sg.01_006,02] Auf diese vorausgeschickte
Bemerkung kann Ich nur antworten, daß es manchmal auch in Träumen geschieht,
daß nie geahnte Gegenstände sich vor eurer Seele im Gehirn abspiegeln und wie
in einem Kaleidoskop die bizarrsten Dinge in sich vereinen. Es liegt in dieser
euch nicht bekannten Verwandtschaft von Dingen, die nach der Außenseite
betrachtet, wohl keinen Rapport (Beziehung) miteinander haben, in geistiger
Hinsicht und in geistiger Auslegung aber gar vieles, worin sie sich
näherstehen, als ihr gerade wegen ihrer äußerlichen Verschiedenheit ahnet. –
[Sg.01_006,03] Schon letzthin wies Ich euch
das enge geistige Verhältnis nach, welches zwischen einem Schmetterling und
einer Schwalbe besteht. Hier liegen zwei andere Dinge vor, die gemäß dem gewöhnlichen
Menschenverstande nicht im mindesten verwandt erscheinen, denn ein Blümchen und
eine Schlange sind gewiß nicht Gegenstände, die eine geistige Verwandtschaft
ahnen lassen; so wie ihr zu denken gewohnt seid, gewiß nicht!
[Sg.01_006,04] Aber wie Ich die Sache ansehe,
so muß Ich euch gestehen, daß ihr wohl kein besseres Verhältnis hättet finden
können als das zwischen der Blume und der in Frage gestellten Schlange. – Wie
ist es doch möglich? werdet ihr fragen, und Ich antworte, nur eine kleine
Geduld, es wird sich alles auf ganz natürlichem Wege beweisen lassen.
[Sg.01_006,05] Die erstere und jüngere
Fragestellerin fragte: Was bedeutet das Blümlein „Vergißmeinnicht“? Nun, die
Antwort ist leicht gegeben.
[Sg.01_006,06] Es bedeutet, daß der oder die,
welche das Blümchen einer geehrten oder geliebten Person gibt, ihr damit sagen
will, daß diese Person die Geberin des Blümchens nicht vergessen solle, damit
nicht mit dem Entfernen auch das Vergessen eintreten möchte.
[Sg.01_006,07] Gut, jetzt gehen wir etwas weiter
und fragen erstens: Dieses Blümchen, welches ihr Deutsche mit solchem Namen
belegt habt, ist es denn ein eigentlicher Zug der Blume oder sonst etwas, warum
gerade diese Blume in der sogenannten Blumensprache dieses stete Erinnern
bedeuten solle?
[Sg.01_006,08] So muß Ich antworten, daß nur
ihr Deutsche diesem Blümchen diesen Namen gegeben habt, und viele andere
Nationen in ihrer Sprache dieses Blümchen entweder gar nicht kennen oder es mit
ganz verschiedenen Namen benennen. –
[Sg.01_006,09] Das, was ihr „Blumensprache“
nennt, und so manche ihrer Bedeutungen kennt, was diese oder jene Blume
bedeuten oder ausdrücken solle, ist eine Sprache aus den Vorzeiten des alten
Asien und hat einen tiefen und geistigen Ursprung, aber der Schlüssel zur
Erklärung dieser Beziehungen ist längst für euch verlorengegangen, und ihr
kennt höchstens nur die Beziehungen, aber das „Warum“ bleibt euch unentziffert.
[Sg.01_006,10] Auch dieser Name
„Vergiß-mein-nicht“ stammt aus einer solchen Entsprechungssprache.
[Sg.01_006,11] Wir wollen also sehen, wie
denn so ganz eigentlich auf geistige Weise diese Worte, als Blume ausgedrückt,
sie treffend bezeichnen.
[Sg.01_006,12] Sehet also: Dieses Blümchen,
welches weder durch Geruch noch durch andere auffallende Schönheit sich
auszeichnet, nur am Ufer frischer, klarer, rieselnder Bächlein wächst, ist
geistig genommen das Ergebnis der Einwirkungen von Naturkräften, die im stillen
unter schattigen Gesträuchen und Bäumen und hochwallenden Gräsern ein Blümlein
aufbauen, das gleichsam seine Wurzeln in stets bewegtem Wasser hat und auch
fern von den brennenden Sonnenstrahlen unter kühlen Lüften und
wassergeschwängerten Düften seine blauen Blättchen entfaltet, sie mit den
Himmelsfarben bekleidet und so, bescheiden ohne Prunk und Glanz, seine Bestimmung,
die es unter den Pflanzen hat, getreu erfüllt.
[Sg.01_006,13] Das Geistige also, oder die
geistige Tendenz und Eigenschaft dieser Blume ist – die Demut, Bescheidenheit
und Einfachheit in Sitten und Gedanken ausgedrückt.
[Sg.01_006,14] Manch gemütvoller Mensch, der
am einsamen Ufer eines kleinen rieselnden Bächleins wandelnd, mit einer ihm
geistig verwandten Seele die Natur, ihr stilles Wirken und ihre sanften Reize
bewunderte, fühlte sich hingezogen, der andern Seele diese göttlich reinen
Stunden, genossen am ewig gleichen Busen der Natur, dadurch zu verewigen, daß
er eben, unbewußt warum, gerade diese Blume zum Ausdruck seiner Gefühle wählte,
um in der Brust des Empfängers die Erinnerung stets wach zu erhalten an Stunden
des reinsten Genusses, indem er damit sagen wollte:
[Sg.01_006,15] „Vergiß-mein-nicht! wenn im
Gewühle der Welt andere Verhältnisse dir diese sanft genossenen Stunden zu
verwischen trachten, bleibe einfach, demütig und bescheiden wie dieses
Blümchen; suche nie den Glanz der Weltsonne auf, darin zu prangen und zu
glänzen, sondern wie dieses Blümchen nur den Schatten, das heißt, zurückgezogen
von allem großen Lärm auf anderen blumenreichen Wiesen, von tausend und
abertausend Honigsaugern umschwärmt, so bleibe auch du fern davon im Schatten
deines eigenen Ichs; suche diese Ruhe und Einfachheit dir zu erhalten, die wie
dem Blümchen die notwendige Lebensluft, so auch dir der einzige innere
Lebens-Preis werden solle!
[Sg.01_006,16] Vergiß-mein-nicht in schweren
Stunden, es ist der Freund oder die Freundin, die an deinem Schicksal Anteil
nimmt!“
[Sg.01_006,17] So ist dieses Blümchen als
Typus der Bescheidenheit, der sanften Erinnerung tieffühlender Herzen
geblieben; und wie die reine Luft am rieselnden Quell das Blümchen erhält und
erfrischt, so soll auch dieser Freundesruf dem wandernden Pilgermenschen auf
seiner Lebensbahn ebenfalls wie dieses Blümlein ähnliche Gefühle erwecken, ihn
zurückführen an den ewig gleich klaren rieselnden Urquell seines inneren
Lebenswassers, um dort seine eigene Nahrung zu suchen, die ihm dann auch alles
andere ersetzen wird.
[Sg.01_006,18] Hier habt ihr die eigentliche
geistige, mit eurer künftigen Bestimmung eng zusammenhängende Entsprechung
eines schlichten Blümchens, des Vergißmeinnicht!
[Sg.01_006,19] Nun wollen wir zur
Klapperschlange uns wenden, und wollen sehen, was dieses Tier uns für Lehren
und Entsprechungen gibt, die Ich in ihr Wesen gelegt und die nur der geistig
wiedergeborene Mensch aus ihr ohne Meine Hilfe herauslesen könnte! Nun, so
höret denn! Wie das Blümchen unter schattigen Bäumen im stillen blüht und
wächst, so hält sich diese Schlange, wie die meisten anderen ihrer Gattung,
ebenfalls am liebsten an einsamen stillen Orten auf. Was die Blume dort
unschuldig bezeichnet, das bezeichnet hier dieses todbringende und kriechende,
schleichende Wesen, nur auf eine andere Art!
[Sg.01_006,20] Dort zieht es den Menschen in
die schattigen Haine, und hier warnt es ihn vorm Dickicht. Dort blüht ein
Blümchen, ohne Scheu kann es der Kenner pflücken und, dessen Namen gemäß, an
Freunde zum Andenken geben. Hier lauert der Tod zwischen üppiger Natur, und
wenn dort das Blümlein ihm zurief, seine jetzigen Gefühle gehörig auszudrücken:
„vergißmeinnicht“! – so muß aber hier die Natur und Vorsicht ihm zurufen:
„Vergiß mein nicht, du, o Mensch, daß ich dort vielleicht lauernd verberge den
Tod, wo sonst nur Friede sein sollte!“
[Sg.01_006,21] Der Klapperschlange wurde eine
Reihe beweglicher Schuppen am Rücken gegeben, wodurch sie einen eigentümlichen
Lärm machen kann, der dem Klappern oder Aneinanderschlagen von metallenen
Schalen ähnlich ist. Diese Vorrichtung gebraucht dieses Tier meist, wenn es,
auf Nahrung ausgehend, seine Beute dann vor sich sieht.
[Sg.01_006,22] Durch dieses Geräusch, welches
eine Art von magnetischem Einfluß auf ihre Opfer ausübt, betäubt sie ihre
Beute, wenn diese einmal in ihren Bereich getreten ist, daß sie von dort nicht
mehr fliehen kann. Und je mehr sich dann die Mord- und Freßlust in der Schlange
steigert, desto mehr entwickelt sie ihren seelischmagnetischen Einfluß auf ihr
Opfer, bis sie es ergreift, mit ihrem Geifer überzieht und zermalmt, nachdem
sie es durch einen giftigen Biß des Lebens beraubte, und sodann nach und nach
in ihren Rachen hinunterwürgt.
[Sg.01_006,23] Seht, welch geistiges Entsprechungsbild
ist uns in der Schlange gegeben, für den, welcher des Freundes Ruf nicht
hörend, und unter dem Getümmel und Geklapper der verführerischen Welt, sich in
seinem Taumel hinreißen läßt, bis er, ganz unfähig, sich loszumachen, durch den
giftigen Biß des Lasters geistig getötet, nach und nach in die Welt und seine
Seele in seinem Fleische untergeht!
[Sg.01_006,24] Auch ihm hätte man zurufen
sollen: „Vergiß mein nicht im wilden Lärm der Welt; im schattigen Hain, im Grün
des Waldes, am Rande eines klaren Bächleins blühte eine schlichte Blume – und
lauerte auch der Verrat! Du warst nicht vorsichtig genug, vertrautest deiner
Stärke, achtetest am Ende nicht des Freundes Ruf, und statt dem edleren, zarten
und schöneren Bilde der stillen Natur nachzugehen, vergaßest du der Schlange
der Verführung, die wohl auch unter der blühenden Decke des weltlichen Lebens
den giftigen Schlangenbiß verbirgt, bis dann der rechte Moment gekommen, wo,
statt daß der Freund dir sagen sollte: du vergaßest mein sanftes Mahnen, so daß
du der Schlange vergessen hast, die jetzt dich gänzlich umstrickt in den
geistigen Tod zieht.
[Sg.01_006,25] So hat, wie Ich es vor kurzem
sagte, jedes Ding zwei Seiten, die Licht- sowohl als die Schattenseite.
[Sg.01_006,26] Nur der Geweckte kann unterscheiden
und wittert die Gefahr, wenn sie auch mit Blumen verdeckt ist.
[Sg.01_006,27] Auch Ich, Meine lieben Kinder,
rufe euch zu:
[Sg.01_006,28] „Vergesset nicht die
Bescheidenheit des Blümchens und seine Bedeutung! Und vergesset nicht, daß oft
auch unter Rosenhecken die Schlange der Verführung lauert!
[Sg.01_006,29] Vergesset aber ewig auch
Meiner nicht! der Ich euch stets führen will, daß ihr die Gefahr, so versteckt
sie auch sei, doch ahnen möget! Und so gedenket dieser beiden Bilder, das eine
das Bild der Sanftmut und Bescheidenheit, das andere als geistiges
Warnungszeichen eben dort, wo man den Feind nicht glaubt, und beide rufen euch
zu: „Vergesset Meiner nicht!“ oder mit evangelischen Worten gesagt: „Seid
listig wie die Schlangen, aber arglos wie die Tauben!“ Amen.
7. Kapitel – Tai-fun oder eine
Riesenwasserhose im Stillen Ozean.
19. Februar 1871
[Sg.01_007,01] Dein Bruder hat dich gebeten
um eine geistige Erklärung des Sturmes, dem sein Freund im Stillen Ozean
beinahe zum Opfer gefallen wäre.
[Sg.01_007,02] Ich sehe das Bestreben deines
Bruders wohl, wie er diesen Freund in den Bereich eurer Glaubens- und
Lebenslehre ziehen möchte.
[Sg.01_007,03] Der Wunsch ist aller Ehren
wert, und auch für Mich wäre es angenehm, wenn er erfüllt würde; aber die
Verwirklichung ist nicht so leicht, wie dein Bruder glaubt.
[Sg.01_007,04] Schon vielmals habe Ich euch
gesagt, daß Menschen, die von der Not oder andern traurigen Verhältnissen nicht
geplagt und nicht gemahnt werden, den weltlichen Freuden und Interessen den
Rücken zu wenden, schwer für Mein Reich zu gewinnen sind. Sie sind entwöhnt,
ein Kreuz auf ihren Schultern zu tragen, und wenn es auch noch so leicht wäre.
[Sg.01_007,05] Die Mahnungen, welche Ich
ihnen manchmal zukommen lasse durch Gefahren und Unglücksfälle, denen sie
jedoch stets glücklich entkommen, weil es so Mein Wille ist, haben auf sie nur
momentanen Einfluß und deren Eindrücke sind, wie die Leiden im Krankenbett nach
Herstellung der Gesundheit, sogleich vergessen.
[Sg.01_007,06] So ist es auch mit dem Freunde
deines Bruders: Dieser Freund, wohl mit einem edlen Herzen, wie ihr zu sagen
pflegt, und mit kosmopolitischen (weltbürgerlichen) Ansichten ausgerüstet, hat
ebenfalls so manches erlebt, wobei ihm die andere Welt oder der Übergang in
dieselbe sehr nahe gestanden ist; er hat auch in jenen Augenblicken, gedrungen
durch die Umstände, an Mich gedacht; aber, die Gefahr vorbei – und Ich wurde
wieder beiseite gesetzt, wie es die Chinesen (wo er jetzt war) mit ihren
Hausgöttern machen, denen sie nur dann den Ehrenplatz im Hause einräumen, wenn
sie die Hilfe eines solchen Gottes brauchen; ist das erreicht, was man wollte,
so wird der Gott wieder abgesetzt, in eine finstere Kammer verschlossen und
kann dort warten, bis eine andere schwierige Angelegenheit ihn aus seinem
Versteck hervorruft. Dein Bruder möchte diesen Freund für Mich gewinnen, so
urteilt er, aber ob sein Freund sich gewinnen lassen will, das ist eine andere
Sache!
[Sg.01_007,07] Dein Bruder fragt um die
geistige Erklärung eines „Tai-fun“ oder „Zyklonen-Wirbelwindes“ oder einer
„Riesenwasserhose“, wie ihr es heißet, was es in bezug auf seinen Freund
geistig hätte bedeuten sollen.
[Sg.01_007,08] Nun, das ist mit zwei Worten
sogleich erledigt: Geistig will dieser Sturm zeigen: der Menschen Ohn- und
Meine Allmacht; hier habt ihr seine geistige Erklärung und Bedeutung.
[Sg.01_007,09] Was deines Bruders Freund aber
persönlich angeht, so ist dieser Sturm, wie auch so manches, was dieser Freund
erlebte, nur ein geistiger Fingerzeig gewesen, daß über aller Wissenschaft und
kluger Berechnung doch noch Jemand steht, der mit einfachen Mitteln oft die
größten Wirkungen hervorzubringen versteht.
[Sg.01_007,10] Siehe, dieser Freund hat jetzt
beinahe den ganzen Erdkreis umschifft, er hat viele Länder und Menschen, andere
Tiere, Gewächse und Blumen gesehen, hat eine andere Luft als die eurige
eingeatmet und dadurch auf sein Inneres einwirken lassen; überall, wo er stand
und ging, habe Ich ihn geführt und ihm viele lehrreiche Winke gegeben von
Meinem Dasein; allein er war zu beschäftigt mit seiner Mission, als daß er die
geistige Stimme in seinem Innern hätte vernehmen können.
[Sg.01_007,11] Jetzt aber, da er wieder zu
seinem häuslichen Herde zurückgekehrt, seine Kinder und sein Weib wieder
begrüßt, jetzt wird wohl mancherlei getrieben werden, um die Zeit
totzuschlagen, wie ihr zu sagen pflegt, alle erlebten Ereignisse werden als
naturgemäß angesehen und auch so erklärt werden, was im allgemeinen noch dazu
beiträgt, den Stolz eines Rückkehrenden von langer Fahrt zu vermehren, weil er
diese Gefahren überstanden hat; die geistigen Warnungen und Winke, die in
solchen Momenten liegen, werden am wenigsten gerechnet und noch weniger
verstanden.
[Sg.01_007,12] Liegt ja doch im ganzen Leben
eines Menschen soviel Geistiges, das er nicht versteht, daß dazu nicht gerade
solche Momente gezählt werden müssen, wo das Hereinragen einer andern Welt mit
so großen Natur- oder andern wichtigen Ereignissen mit dem menschlichen Leben
verschmolzen ist! Wie oft mahne Ich Meine Kinder, und wie wenig verstehen sie
Meine Mahnungen und glauben, es wäre nur Spiel des Zufalls.
[Sg.01_007,13] Dein Bruder möchte aber gern
im einzelnen erfahren, was dieser Sturm im Stillen Ozean zu bedeuten habe, wo
sein Freund mit seinem Schiff tagelang in Gefahr war, aus dem irdischen Leben
hinausgeschleudert und in wenigen Tagen nachher dem ewigen Vergessen
anheimzufallen.
[Sg.01_007,14] Ich sagte es schon früher, es
war nur ein Zeichen der menschlichen Ohnmacht gegen Meine Allmacht; es war ein
Fingerzeig, wie wenig die Berechnung der Fahrt, der Kreuzung der Winde oder der
Strömung des Wassers hilft, wenn Ich, zum Beispiel, wie es dort geschah, das
Steuer zerbrechen lasse.
[Sg.01_007,15] Was will das geistig sagen? Es
will geistig sagen: Was hilft alles Auf-sich-selbst-Vertrauen, wenn der
Hauptfaktor, das Vertrauen zu Mir fehlt!
[Sg.01_007,16] Freilich, in der Gefahr werde
Ich dann angerufen, da solle Ich helfen, aber früher wäre Ich überflüssig
gewesen; da fuhr der Mensch, stolz auf sein bißchen Wissenschaft sich brüstend,
über Abgründe und Gefahren hinweg, traute sich alles zu, als hätte er niemand
Höheren nötig und genügte sich selbst.
[Sg.01_007,17] Eben um diesen Eigendünkel
etwas herabzustimmen, schicke Ich so unvorhergesehene Naturereignisse und lasse
die Menschen, ohne daß sie es wissen, großen Naturphänomenen sich nahen, wo
wieder große in bezug auf das Wohl des Erdballs nötige Prozesse vorgehen, um
die Menschen ihre Nichtigkeit fühlen zu lassen und wenigstens doch auf
Augenblicke zu zeigen, daß nicht sie die Herren der Welt sind, sondern daß nur
Ich der Herr bin!
[Sg.01_007,18] Deinem Freunde ging es ebenso,
er kam einem jener großen Wirbelwinde zu nahe, welche im Stillen Ozean einer
großen Ausgeburt von Naturgeistern vorangehen, wo diese gerade in der Mitte des
Stillen Ozeans, von wo auch einst der Mond an derselben Stelle von der Erde
getrennt wurde, aus ihrer Gefangenschaft befreit, in die leichtere bewegliche
Luft übergehen, um dort ihrer weiteren Ausbildung entgegengehen zu dürfen; dort
rotten sie sich zusammen, und wo kegelförmig die Luftsäule mit reinen
Naturgeistern sich herabsenkt, um die niederen nach und nach in ihr Reich
aufzunehmen, dort erhebt sich auch kegelförmig ein Wasserberg, geschwängert mit
diesen Naturelementen.
[Sg.01_007,19] Das gierige Aufsaugen von oben
und das schnelle Hindrängen von unten verursacht eine kreisförmige Bewegung,
welche sodann immer heftiger wird, je mehr der Drang nach oben zunimmt und das
Heraufsteigen von unten beschleunigt, wie eine Windsbraut dann über die weite Meeresfläche
hinzieht und alles in diesen Wirbeltanz mit hineinzieht, was ihm auf seinem
Wege begegnet.
[Sg.01_007,20] Bildlich gleicht dieses
Ereignis dem Wirbeltanz des Lebens und der darin mit fortgerissenen Menschen
selbst; auch sie sind in dieses kreisförmige Treiben von Interessen, Begierden
und Wünschen hineingezogen, können zu keinem rechten Bewußtsein kommen; ein
Ereignis drängt das andere, Gegenden, Landschaften, Länder, alles flieht an
ihnen vorüber, wie die Menschen, die sie bewohnen; alle Laster, alle Tugenden,
Gebräuche und Sitten geben diesen vorübereilenden Reisenden so ganz die Gestalt
eines „Tai-fun“ oder Wirbelwindes in geistiger Beziehung, daß nur der Kopf als
geistiges Steuer noch zur Not die ganze Beurteilungskraft aufrechterhält, damit
sie nicht ganz verlorengehe.
[Sg.01_007,21] Eben das wollte Ich den
Schiffenden zeigen, wenn ihr vermeintliches Steuer gebrochen, daß sie selbst
nicht mehr wissen, an was sie sich halten sollen. Und so brach deinem Freunde
und seinen Gefährten auf ihrem Schiff auch das Steuer, und sie waren den
Wellen, Winden und Meinem Willen preisgegeben, wie sie auch ohne ihre Vernunft
auf den Wellen des Lebens allen Leidenschaften und Begierden als Beute
anheimfallen müssen und nicht mehr wissen, wo ihnen eigentlich der Kopf steht.
[Sg.01_007,22] Als ihnen das Steuer am Schiff
gebrochen war, sahen sie erst ein, es gibt doch etwas Höheres, ein höheres
Wesen, zu Dem wandten sie sich, und still im Innern flehten sie um Hilfe. Was
wollte das sagen? „Wenn in deinem berechnenden irdischen Leben dir das Steuer
der Vernunft nicht mehr auslangt, dann steige hinunter in dein Herz, dort wirst
du eine Fülle von Reichtum finden, die dich ebenfalls wieder zu dem nämlichen
Gott führen wird, den du notgedrungen mitten im Meer zwischen Wellen und Winden
angerufen hast.
[Sg.01_007,23] Dort suche deinen Frieden und
deinen Anhaltspunkt, wenn das Vernunftsteuer bricht, dort wirst du erst
erfahren, daß weit über alle Berechnung hinaus und weit über alle irdischen,
vergänglichen Schätze ein noch Höheres dort verborgen liegt, das dich erst
dahin führen wird, wo du den eigentlichen Wert der Welt und deines eigenen Ichs
kennenlernen wirst! – –“
[Sg.01_007,24] Dein Bruder will nun durch
solch geistige Erklärung des Sturmes im Stillen Ozean seinen Freund dahin
bringen, daß auch er jetzt, nachdem er den weltlichen Großen Ozean glücklich
durchschifft hat, den nämlichen Weg betrete im Stillen Ozean des häuslichen
Friedens und der Ruhe, der diesen Namen eher verdient, als jene große
Wasserfläche, wo zwar in der Erde im stillen große Entwicklungsprozesse
vollbracht werden, die aber für die Menschen nicht immer so still ablaufen, wie
es der diesem Meere gegebene Name andeutet.
[Sg.01_007,25] Dein Bruder möchte seinem
Freunde sagen, wenn er wieder im Kreise seiner Familie ist: „Sieh, Bruder,
jetzt hast du viel in der Welt gesehen, viel erfahren, und doch mit all diesem
Gesehenen und Erlebten bist du noch nicht an der Quelle angelangt, wo Ruhe und
Frieden wohnt und der Mensch sich seiner geistigen Existenz und seiner Mission
freuen kann.
[Sg.01_007,26] Du hast während deines ganzen
Aufenthalts in fremden Ländern viel für andere und wenig für dich getan; du
wirst auch dafür auf weltliche Art belohnt und entschädigt werden; jetzt kommt
die Zeit der körperlichen Ruhe, ein Stillstand im häuslichen Leben, wo nicht
mehr Neues mit Neuem wechselt, sondern andere Verpflichtungen an dich
herantreten, die du deiner Familie und deinen Kindern schuldig bist. Sieh,
jetzt, wo die Neugierde, andere Länder, andere Völker zu sehen, befriedigt ist,
jetzt, wo du, geehrt von deinen Kameraden und geschätzt von deinem Monarchen,
genug entschädigt sein wirst, jetzt komme ich, alter Freund, und möchte auch
dir einen freundlichen Rat geben. Siehe, mich Leidenden, seit Jahren nur an
eine Kammer mit vier Mauern gebunden, höchstens fähig, mittels langsamer
Bewegung einen kleinen Spaziergang in freier Luft zu machen, siehe, mich hat
der Herr der großen Schöpfung, wovon du mehr Wunder gesehen hast, als ich je
gelesen, dieser Herr voll Gnade hat mir mein Herz aufgetan, hat mir gezeigt,
wieviel Schönes und Erhabenes dort vergraben liegt, und jetzt, wo ich durch
dieses Finden Ruhe und Trost, ja göttliche Seligkeit gefunden habe, jetzt
steigt in mir der Wunsch auf, auch dich, mein alter Freund, das nämliche
genießen zu lassen, und um so mehr, da auch du Kinder hast und gewiß sie zu
Menschen nach Gottes Ebenbild erziehen möchtest.
[Sg.01_007,27] Jetzt drängt es mich, dir
diesen Weg zu öffnen, o schenke meinen Worten Gehör, laß jetzt, wo die Außenwelt
dir genug unvergeßliche Eindrücke zurückgelassen hat, laß jetzt dir deine
Goldgrube im Innern durch mich eröffnen, damit auch du, der du in so manchen
Dingen mit mir gleich denkst und fühlst, auch in diesem reinen, heiligsten und
erhabensten Punkte mit mir übereinstimmen mögest! Dieses ist auch der Grund,
warum ich in meiner Einfalt den Herrn bat, mir zu helfen und mit Seinen Worten
das auszudrücken, was meiner schwachen Zunge nicht möglich ist.
[Sg.01_007,28] Nachdem wir nun in unserm
Kreise diese hohe Gnade der direkten Mitteilung des Herrn genießen, so nimm du,
o Freund, diese Zeilen von Ihm, dem alliebenden Vater, der, so wie Er uns alle
gezogen, auch dich und die deinigen in den Kreis der Verehrer Seines Wortes
aufnehmen möchte; lasse dich von Ihm ziehen, und du wirst sehen, daß, wohin Er
dich führt, dich der Weg nicht gereuen wird; denn wie ich und viele andere dir
bezeugen können, dieser Weg führt zum einzigen Glück, das dem Menschen zu
erreichen auf dieser Welt möglich ist – zum Glück, sich selbst und seinen
Schöpfer als Vater kennenzulernen!“ – –
[Sg.01_007,29] Wenn dein Bruder so seinem
rückkehrenden Freunde euer Streben und Mein Einfließen in euch vorstellen wird,
so seid überzeugt, er wird nicht ungerührt dabei bleiben, und wenn er auch nicht
gleich der eurige wird, so werde ich schon dafür sorgen, daß von Zeit zu Zeit
die Eindrücke dieses geschriebenen Wortes wieder durch Ereignisse aufgefrischt
werden, damit er Gott und seinen h. Vater nicht ganz vergißt, den Gott, der im
Schlachtengetümmel wie im Zyklon-Wirbelwinde ihn nicht vergaß, als er dort
flehend Ihn um Hilfe anrief, die ihm auch zuteil geworden, was seine Rückkehr
in bester Gesundheit beweist.
[Sg.01_007,30] Dein Bruder gedulde sich nur
etwas, vertraue auf Mich, und das Weitere wird ihn dann lehren, inwieweit sein
Vertrauen gegründet war oder nicht! Amen.
8. Kapitel – Luft, Wasser, Erde und Feuer.
25. Juni 1871
[Sg.01_008,01] Dieses waren geraume Zeit die
vier Elemente, aus denen, wie früher die Menschen glaubten, das ganze Universum
oder doch wenigstens die Erde und alle Weltkörper beständen.
[Sg.01_008,02] Lange blieb dieser Glaube
feststehend, bis die Scheidekunst, „Chemie“ bei euch genannt, noch mehrere
Elemente herausfand, die sich jeder weiteren Zersetzung (Zerlegung) widersetzten
und deren Anzahl jetzt (1871) auf etwa 70 angewachsen ist.
[Sg.01_008,03] Was die Männer der
Wissenschaft als primitive Elemente ansehen und sie als Urprinzipien
darstellen, sind aber noch lange nicht die letzten Stoffe, aus denen Meine
Schöpfung zusammengesetzt ist, sondern den Forschern auf diesem Gebiet fehlen
erstens die Mittel zur weiteren Teilung der Stoffe und zweitens die Sinne, um
die geteilten Substanzen wahrnehmen zu können.
[Sg.01_008,04] Daß diese Grübler in Meinen
Werken nicht weiter gelangten, als sie bis jetzt sind, wo ihre ganze
Wissenschaft am Ende dahin geht, im praktischen Leben alle ihre Entdeckungen
nur zu weltlichen Zwecken zu verwenden, geschieht deswegen, weil es noch keinem
Chemiker eingefallen ist – Mich als den ersten Scheidekünstler anzuerkennen, zu
begreifen und lieben zu lernen!
[Sg.01_008,05] Eben deswegen lasse Ich sie
auch alle da, wohin sie jetzt gekommen sind, wo sie genug Erfahrungen aus
Meiner Natur gesogen haben, die wohl den Eigennutz der Menschen, aber nicht ihre
Nächstenliebe fördern halfen.
[Sg.01_008,06] Es ist auch hier nicht der
Zweck, euch mit chemischen Analysen zu unterhalten oder Neues aufzudecken; es
ist des Alten genug!
[Sg.01_008,07] Was aber die Herren der
Wissenschaft nicht erkennen wollen, ist, daß, obwohl sie in der Chemie gerade
den strengsten Gesetzen begegnen, sie doch keinen Gesetzgeber anerkennen
wollen, wenngleich sie bei jedem Schritt auf Seine Spur stoßen; wären sie
vorurteilsfrei, könnten sie Denselben gewiß nicht verleugnen.
[Sg.01_008,08] Wir wollen aber jetzt zu
unseren erstgenannten „vier Elementen“ zurückkehren und sehen, was dort für
eine Beziehung in geistiger Hinsicht mit Meiner Schöpfung und mit Mir Selbst
besteht, die euch vielleicht lehrreicher sein kann als alle Regeln der Scheidekunst
nebst ihren Tausenden von Namen aus allen schon längst außer Brauch gekommenen
Sprachen.
[Sg.01_008,09] Seht, Meine Kinder, wenn ihr
diese vier Elemente genau und aufmerksam betrachtet, als Luft, Wasser, Erde und
Feuer, so sollte euch vorerst auffallen, daß die Luft das zarteste, leicht
beweglichste Element, das Wasser schon dichter – euren Augen zwar schon als
Körper, wenngleich noch im flüssigen Zustande bemerkbar, die Erde ein
Konglomerat (Gemengsel) von lauter festen Gegenständen, wie Steine, Sand und
verfaulte und zersetzte Überreste der auf ihr bestehenden Tier- und
Pflanzenwelt, und endlich das Feuer das alles zerstörende und wieder in andere
Formen organisierende Element ist.
[Sg.01_008,10] Nun sehet, die Luft ist
geistig gleichbedeutend mit Meinen Schöpfer-Gedanken, wo noch alles, ohne
Selbständigkeit gewonnen zu haben, beisammen ruht, nur des ersten Winkes zur
weiteren Entwicklung harrend; das Wasser, als verdichtete Luft, ist geistig:
kondensierte Gedanken zu Ideen, welche dann ausgeführt stetige Größen geistig,
wie die Erde, bilden; und wo in ihnen endlich als ein zersetzendes Prinzip zu
ewiger Erneuerung antreibend, die Liebe dem Feuer gleichend auftritt, welche,
stets neu schaffend, das Abgenutzte in neuen Formen wieder herstellt.
[Sg.01_008,11] Nun, wie diese vier Elemente
eure ganze Erdkugel, das in ihr Bestehende sowohl, als das sie Umgebende
ausdrückt, ebenso stellen auch diese Eigenschaften, als: Gedanke, Idee, Tat und
erhaltende und umgestaltende Liebe, Mein Ich als schaffender Gott vor.
[Sg.01_008,12] Denn auch Ich schaffe vorerst
Meine Gedanken, forme sie dann zu Ideen, gebe diesen Ideen den Impuls, in die
Wirklichkeit zu treten, sich zu gestalten, und wenn die so dargestellten Dinge
ihre Lebensbahn durchgemacht, das Geistige in ihnen sie höheren Stufen
zugeführt hat, so tritt Meine Liebe hinzu als verzehrendes, zersetzendes
Element, als Feuer, und befähigt durch Verbrennung das übriggebliebene Gröbere
zu neuer Tätigkeit in anderen Formen, so zwar, daß was einmal geschaffen, nie
mehr vergehen kann.
[Sg.01_008,13] In der euren Erdball
umgebenden Luft liegen alle Stoffe in aufgelöstem Zustand, welche zum Bestand
der Erde, ihrer Atmosphäre, ihres Gedeihens, sowohl der grobmateriellen Teile
als der auf ihr lebenden Pflanzen- und Tierwelt gehören.
[Sg.01_008,14] Sie liegen dort als Embryonen
verschlossen wie die ersten Urkeime zur weiteren Ausbildung.
[Sg.01_008,15] Der Einfluß des Äthers auf die
Atmosphäre, der Einfluß des Sonnenlichtes sowie deren Wärmestrahlen und der
Einfluß aller fern und nahe stehenden größeren Weltkörper und Sonnen tragen
dazu bei, die noch im Kindesschlummer ruhenden Elemente zu wecken, zu
entwickeln und sie zu ihrer weiteren Bestimmung vorzubereiten, wo sie, beim
flüchtig-beweglichen Wasser anfangend, dann zum Starren übergehend, wieder ins
lebendige Geistige verwandelt, durch das Verzehren mittels erhöhter Wärme ihrer
Fesseln entbunden, als primitive Elemente auftreten, um von dort einen neuen
Kreislauf von Schöpfungen anzufangen.
[Sg.01_008,16] So ist das Wasser eigentlich
die Mutter oder Ausgebärerin gewesen aller jetzt als Festland bestehenden
Weltteile. So war und ist noch im Meer, als großem Behälter alles zu
Erzeugenden, alles in aufgelöstem Zustande vorhanden, was dann durch
Ausdünstung, Niederschlag, unterirdische Verbrennung usw. wieder der Atmosphäre
zurückgegeben wird, um wieder neue Verbindungen anzutreten, nachdem vorher aus
allen diesen Elementen das Geistige sich auf höhere Stufen geschwungen und nur
das Gröbere, Schwerauflösliche, als materielle Bestandteile zurückgeblieben
ist.
[Sg.01_008,17] So sehet ihr vom härtesten
Stein der Grundfesten der Erde bis zum weichsten Lehm eine Reihe von
stufenartiger Entwicklungen der in der Luft, gleich den Gedanken, gelegenen
Urelemente, im Wasser als verdichteter Luft, gleich den kondensierten Gedanken
zu Ideen; in der Erde als materielle Bestandteile derselben ausgebildet, gleich
der Tat; und endlich in der steten Veränderung, Zersetzung, Verbrennung des
Daseienden die ewige Wirkung der stets neuschaffenden Liebe, wo aus Altem Neues
erbaut und zum großen Entwicklungsprozeß angetrieben wird, und zwar so lange
fort, bis auch das letzte Materielle geistig geworden ist.
[Sg.01_008,18] Was ihr also in den vier
Elementen bildlich vor euren Augen seht, das ist der geistige Rundgang all
Meiner Schöpfungsgedanken, es ist der Weg alles Geschaffenen, es ist auch euer
Weg!
[Sg.01_008,19] Denn auch in euch selbst,
nämlich im geistigen Seelenmenschen, entwickeln sich vorerst die Gedanken; ohne
gewisse oder bestimmte Tendenzen schweben sie im Gehirn, im Herzen, und warten
des Anstoßes, sich zu etwas Gediegenem zu vereinen; sie sind wie die Luft,
leicht beweglich und schnell ihre Form ändernd.
[Sg.01_008,20] Sobald ihr dann einem Gedanken
mehr nachhängt, sammeln sich um ihn seine nötigen Mithelfer, erzeugen und
scheiden aus, was gleich dem Prozesse des Wassers ist – so die Ideen-Verbindung
in der menschlichen Seele: die Ideen verwirklichen sich zur Tat, zu fest
ausgeprägter Tat, gleich dem aus dem Wasser entstandenen Festland, welche Taten-Gesamtheit
eigentlich den Geistesmenschen zu dem stempelt, was er in Meinem Reiche einst
sein wird.
[Sg.01_008,21] Nachdem aber die Tat als
Produkt der Gedanken und Ideen ebenfalls auf andere einwirkt, so wird auch sie
durch die geistige Zersetzung der Liebe in ihre ersten Uranfangstriebe entweder
zur göttlichen, erhabenen oder zur bösen, niedrigen gemacht, wo sodann ihre
Folgen auf ihren eigenen Urheber zurückfallen müssen; denn es gilt im Geistigen
nicht die Vollziehung einer Tat, sondern das: unter welchen Beweggründen sie
gedacht und zur Ausführung gebracht wurde.
[Sg.01_008,22] Daher soll sich auch ein jeder
Mensch vorher wohl besinnen, ehe er sich zur Tat entschließt, daß diese ja auf
reinstem moralischem Grunde gebaut und ausgeboren ist, damit sie für ihn nie
üble Folgen auf sein Bewußtsein haben kann, damit am Ende seines reinen Willens
wegen, das Beste zu tun, die üblen Folgen, herbeigeführt durch Mißbrauch oder
Mißverständnis, nicht auf ihn als Urheber, sondern auf den diese Tat zum
eigenen Vorteil ausbeutenden Verwender fallen möge.
[Sg.01_008,23] Ihr seht hier den geistigen
Weg einer Tat, sie wie Luft, Wasser, Erde und Feuer den nämlichen Weg gehen,
den Meine Schöpfungsgedanken, den die Materie und endlich auch Meine Geister sowie
ihr als Geistesmenschen durchlaufen müssen.
[Sg.01_008,24] Denn das geistige Kleid im
Jenseits ist der Ausdruck der Gesamtheit der Gedanken, geformt zu Ideen,
ausgebildet zur Tat und vergeistigt durch die Liebe.
[Sg.01_008,25] So, Meine Kinder, wie die Luft
der Träger alles künftigen Körperlichen, das Wasser die Gebärerin des festeren,
solideren Ganzen ist, so sollen auch eure Gedanken, Ideen und Taten nur aus
reinster göttlicher Quelle fließen, um einst durch die Liebe geläutert,
vergeistigt, euch als Krone zu dienen, welche ihr als Produkt des irdischen
Lebens mit ins andere Leben hinüber nehmt. Wie die Luft, als leicht beweglich,
auch Stürme und Verwüstungen bringt, so auch die Flut der Gedanken, wenn diese
nicht vorher reiflich überlegt, einer den andern überwältigen will; und wie die
starken Bewegungen der Luft auch auf dem Meere große Wogen hervorrufen, so
zeigt auch diese bildliche Folge in der Natur, daß auch stürmisch bewegte
Gedanken nur aufgeregte Ideen hervorrufen, die selten etwas Gutes zur Folge
haben.
[Sg.01_008,26] Und wie endlich die Erde oft
in ihren Eingeweiden durch heftige Erdbeben und vulkanische Ausbrüche
erzittert, die teilweise Zerstörung und Verwüstung bringen, ebenso die
unüberlegte Tat, als Produkt eines wirren Gedankenschwarmes und stürmischer
Ideen, welche als unausgegorene Tat nie Segen verbreiten wird und seinem
Urheber nur Reue hinterläßt.
[Sg.01_008,27] Trachtet daher auch ihr, wie
die vier Elemente, daß auch ihr euren Zweck so erfüllt wie Luft, Wasser, Erde
und Feuer, das heißt, daß bei euch nur reine Gedanken geduldet werden, welche
einem Menschen, als Meinem Ebenbild, stets würdig sind, daß eure Ideen stets
menschenfreundlich, wie das Wasser, gern an andere abgeben, was denselben zum
Besten gereichen kann, und sie dann als Taten das nämliche Produkt haben wie
die feste Erdrinde, welche ausgeboren aus dem Wasser und dieses aus seiner
erzeugenden Schwester, der Luft, dann dasteht, geziert mit allen Schönheiten,
die eine liebende Hand eines Schöpfers hineinlegen konnte; damit auch eure
Taten die zersetzende Liebe nicht zu scheuen haben, sondern wie die Erde beim
Erzittern durch vulkanische Ausbrüche als Endresultat nur ihre eigene Tätigkeit
erhöht, und das Gute euch als lohnendes Bewußtsein und das Schlechte den
falschen Auslegern anheimfällt.
[Sg.01_008,28] So folget Mir, folget in ihren
Prinzipien euren vier Elementen und euer Geistesmensch wird einst ebenso im
ganzen Maße das sein können, zu dem Ich ihn geschaffen habe, wenn er, gleich
der Erde, seine Stürme und Revolutionen glücklich überstanden hat, die zu
seinem geistigen Fortbestande ebenso notwendig waren wie jene großen
Umwälzungen, die euer Erdball durchmachen mußte, ehe er das wurde, was er jetzt
ist, das heißt: ein paradiesischer Garten, für Meine Kinder! Amen.
9. Kapitel – Der Apfel.
7. Juli 1871
[Sg.01_009,01] Der Sohn deines Bruders hat
dich gebeten um ein Wort in bezug auf den Vergleich, welchen Ich in der
Geistigen Sonne mit einem Apfel machte.
[Sg.01_009,02] Aber das liebe Kind hat also
den eigentlichen Sinn dieser Rede nicht verstanden. Ich führte den Apfel als
Beispiel an, daß überall in allen Produkten und Formen ein noch tieferes
geistiges Etwas verborgen liegt, es muß nicht gerade ein Apfel sein, sondern
jeder Gegenstand in seinem Naturzustande hat eine geistige Bedeutung, das heißt
eine geistige, korrespondierende Ähnlichkeit mit etwas aus dem Geister-Himmel
und seinen ätherischen Produkten.
[Sg.01_009,03] Da aber dieses Kind doch
speziell etwas vom Apfel wissen möchte, so will Ich ihn denn auf manche Eigenheiten
dieser Frucht aufmerksam machen, was ihre Form und ihr Inhalt geistig – und
noch tiefer himmlisch ausdrückt.
[Sg.01_009,04] Ehe wir aber zum Apfel selbst
übergehen, wollen wir zuerst seine Entstehung aus der Blüte leicht berühren und
dann zu dieser Frucht selbst übergehen.
[Sg.01_009,05] Nun, so höre denn, Mein liebes
Kind:
[Sg.01_009,06] Du wirst dich erinnern, daß
Ich in einem andern Wort an eine liebe Tochter gesagt habe: „die Blume sei der
Brautstand“. So ist es auch die Blüte eines Baumes, auch sie ist die vorletzte
Stufe seiner eigentlichen Bestimmung als Baum, denn die letzte ist die Frucht
selbst.
[Sg.01_009,07] Und wenn du eine Blüte genau
ansiehst, so wirst du bemerken, daß sie außer den weißen Blütenblättern auch
noch Staubfäden und in der Mitte derselben den eigentlichen Zeugungsapparat
hat.
[Sg.01_009,08] Sobald nun die Blüte der
Vollreife entgegengeht und als Blüte in ihr letztes Stadium tritt, wo die
Staubfäden als Befruchter anfangen, sich mit dem feinsten Saft des Baumes zu
füllen und dieser Saft dann durch das Sonnenlicht vergeistigt wird, so nähert
sich der Moment, wo sodann diese Staubfäden sich einwärtsbiegen in den
Mutterkelch der Blüte, dort diese Feuchtigkeit entladen und sodann den
Mutterkelch zur Schließung zwingen.
[Sg.01_009,09] Die Blätter der Blüten, ebenso
die leeren Staubfäden fallen ab, der untere Teil der Blüte schließt sich zu,
und ein aus dem Innern aufsteigender Saft fängt dann an, diese zugeschlossene
Kapsel nach und nach aufzutreiben und so die Frucht oder den Apfel zu bilden.
[Sg.01_009,10] Dort, wo die Einimpfung durch
die Staubfäden vor sich ging, bildet sich vorerst der Hauptteil der Frucht, es
sind die Kerne, und um sie ganz auszubilden, ziehen fortwährend Säfte aus dem
Innern des Baumes heran, umlagern die Kerne, um sie vor den Einflüssen der
Witterung zu schützen, teils aber auch, um ihnen durch die in ihren Zellen
aufgespeicherte Feuchtigkeit Nahrung zukommen zu lassen, bis sie sich selbst
entwickelt, ihren inneren sowohl als ihren äußeren Teil ausgebaut haben.
[Sg.01_009,11] Die Tausende und Tausende von
Zellen, die den Kern umgeben, sind also die, welche stets mehr und mehr
angefüllt und in Größe getrieben werden und so die Krone des Apfels bilden, der
auch gerade dem Mutterkelch entgegengesetzt, am Ende noch die Einbiegung zeigt,
wo die Befruchtung vor sich ging.
[Sg.01_009,12] So sammeln sich diese Säfte,
werden durch das Sonnenlicht und die Sonnenwärme ihres größeren sauren Stoffes
beraubt, das Wässerige verdunstet und das übrige wird in mehr süßen als sauren
Geschmack Tragendes verwandelt.
[Sg.01_009,13] So bleibt der Apfel, tritt
zuvor noch in den Prozeß der Oxydation auf seiner Oberfläche ein, weswegen
seine Schale an manchen Seiten, welche der Sonne zugewendet sind, gefärbt wird
und so schon eine Veränderung der inneren Substanz anzeigt, die, am letzten
Entwicklungspunkt angekommen, schon wieder durch Zersetzung ihrer Elemente in
andere Formen übergehen möchte.
[Sg.01_009,14] Das geistige Analogon
(Ähnlichkeit) des Apfels ist, daß er die Form eurer Erde hat, worauf er selbst
wächst und der er auch seine Entstehung verdankt.
[Sg.01_009,15] Die Äpfel sind an Geschmack
verschieden je nachdem im Grunde, worauf der Stamm wächst, salpetersaure
Substanzen die Wurzeln umgeben, und es trifft auch zu, daß, wo die Äpfel zu
größerem als gewöhnlichem Volumen aufgetrieben worden, sie auch im rohen
Naturzustande nicht zu den angenehmsten im Essen gehören der großen Masse von
Säure wegen, welche sie durch den Stamm von der Erde aufgesogen haben; sie
verarbeiten wohl in ihrem Zellgewebe mittels der Sonnenwärme die Säure, allein
ganz läßt sie sich nicht entfernen, und sie entweicht dann erst teilweise beim
Zubereiten zur Speise mittels des Feuers. –
[Sg.01_009,16] Die weitere geistige Bedeutung
des Apfels ist eine für euer ganzes Geschlecht wichtige, da es gerade ein Apfel
war, welchen Ich als Probe des Gehorsams den ersten Menschen zu essen verbot
und ihnen bildlich damit sagen wollte:
[Sg.01_009,17] „Beißet nicht – in diesen
sauren Apfel, denn ihr und das ganze nachkommende Geschlecht werdet es büßen
müssen!“
[Sg.01_009,18] Ich wählte dazu den Apfel, als
Symbol die Erde vorstellend, welche auch des Sauren genug für ihre künftigen
Bewohner aufbewahrt hatte, und es war gerade die Eva, welche vollführte, was
Ich ihr ersparen wollte, sie biß in die süß-saure Frucht und vererbte so auf
ihr ganzes Geschlecht die unter süßem Gewande verborgenen sauren und bitteren
Leiden, denen das weibliche Geschlecht bis zum Ende des Lebens ausgesetzt ist.
[Sg.01_009,19] Auch bei den Weibern gilt es
im allgemeinen, daß je mehr sie aufgetrieben und schwülstig einhergehen, desto
mehr Saures und Bittres ihr Gemüt birgt, und auch sie sind nicht zu genießen,
bis das starke Reinigungsfeuer ihnen mit Gewalt die Säure benimmt und sie
dadurch der menschlichen Gesellschaft erträglicher werden.
[Sg.01_009,20] Wie beim Apfel, je kleiner, je
rotbackiger seine Außenseite ist, gleich einem Mädchen, welchem die Gesundheit
auf der Stirn geschrieben steht, desto süßer ist auch der Apfel und desto
besser auch das Gemüt des Mädchens.
[Sg.01_009,21] Je grüner, härter und
aufgetriebener der Apfel ist, desto mehr gleicht ihm auch das weibliche Wesen,
welches fast grün vor Zorn und Neid aufgeblasen einhergeht und gleichsam
niemanden neben sich dulden will!
[Sg.01_009,22] Der Apfel war der erste
Verführungsgrund für das erste Weib der Erde und gleichsam das Bild für ihr
ganzes Geschlecht geblieben, er drückt auch nebenbei das Leben dieser Erde aus,
wo, um zur Erkenntnis seiner selbst zu kommen, der Mensch im Schweiße seines
Angesichts sein Brot sauer erwerben muß, wo er mit allen Lastern und
Leidenschaften ringend, sich zu Meinem einstigen Kinde ausbilden muß und, durch
bittere und saure Erfahrungen seine Mission beendigend, erst dann als ein
anderer, Besserer, Geistigerer ins jenseitige Leben eintritt.
[Sg.01_009,23] Was beim Baum dessen Blüte
ist, das ist beim Menschen sein erstes Erwachen zum irdischen Leben, wo er kein
Leid noch kennt, bis die Staubfäden des menschlichen Lebens ihm die ersten
Wunden beibringen und ihn durch dieses Ätzen zum Kampf und Streit mit seiner
eigenen Natur und der ihn umgebenden Welt anreizen.
[Sg.01_009,24] Und wie der Mutterkelch der
Blüte sich schließt und dann die inneren Säfte die Frucht auftreiben, so
schließt sich auch das junge verwundete Herz, und von innen die Lebens-Elemente
seiner eigenen Natur und von außen die seiner Mutter Erde als Nahrung
empfangend, wird auch er ein Behältnis von guten und schlechten, süßen und
sauren Leidenschaften und Eigenheiten, bis endlich im Kampf mit sich selbst,
das Bittere ausgemerzt, er seiner höheren Bestimmung entgegengeht – und wie
beim Apfel das den Kern umgebende Zellgewebe die Mittel in sich trägt zur
ferneren Entwicklung eines anderen Baumes, so sind es auch die guten
Eigenschaften, welche die Seele als Kern mit ihren Kleidern umgebend und
schützend, den Menschen fähig machen sollten für eine Reihe von höheren und
größeren Ausbildungsstufen.
[Sg.01_009,25] Was der Apfel als Saures in
sich enthält, das sind die unreinen Triebe im Menschen, die auf der einen Seite
ihn reizen zu ihrer Gewährung, auf der andern Seite aber das bessere Ich zur
Gegenwehr anspornen und so aus dem Kampfe des Süß-Sauren ein auflösendes
Prinzip hervorbringen, welches zum Heile des Menschen, wenn es zu seinem Besten
als geschmackvoller Saft, wenn er unterliegt als bitterer Essig oder
berauschender Wein das Resultat seiner Lebensexistenz geworden ist.
[Sg.01_009,26] Daher sehe auch du, Mein
liebes Kind, in dem noch alles Süße und Saure, wie im aufkeimenden Apfel, im Gärungsprozeß
in dir begriffen ist, daß nicht das Saure die Oberhand bekommt, denn was die
Liebe eigentlich als Wärme ist, das ist der Zuckerstoff als Gegensatz zum Haß,
Zorn und anderen Leidenschaften, die der Galle entsteigen und als
gleichbedeutend mit dem Sauren zu verstehen sind.
[Sg.01_009,27] Strebe vorwärts! sei
aufmerksam auf dich und auf die Regungen in deinem Herzen, damit nicht auch du,
wie ein Sprichwort sagt: einst „in einen sauren Apfel beißen“ mußt, sondern daß
du noch zur Zeit ausscheidend, nur das Gute in Taten um dich scharest und so
getrost den Weg der zweiten, geistigen Reihe im Jenseits antreten kannst!
[Sg.01_009,28] Hier hast du das dreifache
Bild des Apfels: als Frucht, als Symbol der Erde und als Entsprechung für das
menschliche Leben.
[Sg.01_009,29] Nimm dir die gehörige Lehre
daraus, damit dieses Wort dir nicht umsonst gegeben worden ist. Dieses sagt dir
dein Vater, der im Handeln dich stets segnend stärken wird! Amen.
10. - 12. Kapitel – Von Nacht zum Licht.
[Sg.01_010,00] I. Die Blume
3. Mai 1871
[Sg.01_010,01] Nun, hier will Ich dir das vor
kurzem geschaute geistige Gesicht, welches dich überkam beim Anblick eines
abgerissenen Tannenreises, nicht nur allein näher erklären, sondern auch dir
noch weitere Eröffnungen über das geistige Verhältnis machen, das zwischen
allen materiellen Produkten und der geistigen Welt besteht, und wie in einem
jeden Pflänzchen schon die ganze geistige Laufbahn eines Menschen, wie eines
Geistes oder Engels, begründet, angedeutet und genau bezeichnet ist.
[Sg.01_010,02] Es gehört nur die innere Sehe
dazu, um diese geistige Schrift der Entsprechungen lesen und deuten zu können.
[Sg.01_010,03] Dich überkam solch ein lichter
Moment, als du nur in die Schönheiten eines Tannenreises dich vertieftest, auf
welchem auch seine künftige Frucht schon angesetzt war, eine Stimmung, in
welcher du Meine Gnade, Huld und Liebe in diesem kleinen Produkte lesen und
schauen konntest.
[Sg.01_010,04] Es ließ dir den ganzen Tag
eine sanfte Stimmung zurück, du warst auch einige Momente ausgesöhnt mit deinem
Schicksal, zufrieden mit dem, was Ich dich in einem Blick in Meine Natur
geistig sehen und fühlen ließ.
[Sg.01_010,05] Da Ich aber dich zum Lehrer
und Führer für die andern aufgestellt habe und die Kundgebungen, die du durch Mich
erhältst, noch weiter hinausreichen sollen, als dein Wirkungskreis und deine
eigene Lebensdauer umfaßt, so soll auch dieses geistige Gesicht nicht dir
allein gegeben, sondern es soll ein allgemeiner, geistiger Blick werden, den
dann jeder machen kann, wenn er nicht oberflächlich Meine Natur, sondern
geistig mit großen Buchstaben geschrieben lesen will, was die einzigen Worte
sind, welche aus allen Winkeln hervorleuchten, heraustönen und hervortreten,
nämlich: „Gott ist die Liebe!“
[Sg.01_010,06] Diese Worte will Ich dir,
euch, und der ganzen Menschheit in diesen folgenden Worten zurufen, zeigen und
womöglich in jedem Herzen erwecken, damit ihr alle den großen Plan und Zweck
eures Schöpfers erkennt, achtet und begreifen lernet. Ich will euch alle führen
„Von Nacht zum Licht“, wie dein getreuer Mitarbeiter in Meinem Weingarten, der
unermüdliche Busch in Dresden dir erst vor kurzem geschrieben hat!
[Sg.01_010,07] Ja, Gott ist die Liebe! Die
Liebe ist es, welche die Welten erschuf, sie erhält, und sie auch bis zu ihrer
Vollendung weiter befördern wird.
[Sg.01_010,08] Die Liebe ist es, die in jedes
materielle oder geistig Geschaffene ihre ganze Macht, ihre ganze Glut und ihren
Eifer hineingelegt hat.
[Sg.01_010,09] Gott ist diese Liebe, Er, der
euch führt, euch leitet, mit euch und eurem Halbwesen nachsichtig, euch doch
stets mit Gnaden und Wohltaten überhäuft; Er, der euch an allem Geschaffenen
geistig zeigen will, daß nur immer der nämliche Zweck, das nämliche Prinzip Ihn
geleitet hat, und wenn euer Auge vom Weltlichen abgewendet, ihr einst das
Geistige der Formen und Bildungen der materiellen Welt erschauen könnt, ihr
auch dort schon seit der Erschaffung der materiellen Welt alles längst
vorbereitet finden werdet, was dann geistig gelesen euch nötig ist, um euch
aufwärts in jene Region zu führen, wo Materie aufgehört und das Geistige
angefangen, und wo das Körperliche, Vergängliche mit dem Ewigen gewechselt,
euch im Kleinen wie im Großen die nämlichen Worte in tausend und tausend
Formen, Bildern und Gebilden zeigt, die alle miteinander nur Liebe atmen, Liebe
sind und Liebe verbreiten und so euch von der finstern, materiellen Welt, von
Nacht zur geistig-hellen, ewig nie vergehenden Welt, zum Lichte führen sollen!
[Sg.01_010,10] So war es auch dir, als du in
dem Tannenzweig Meine ganze Schöpfung in ihrem größten Liebesreiz erblicktest,
so war es dir, als ob der geistige Himmel, wie bei einem trüben Wetter die
Sonne, dir einen Lichtstrahl aus seinen Räumen zusandte, wo Sorgen, Kummer und
Leiden aufgehört und nur Freude, Wonne und Seligkeit ihren bleibenden
Aufenthalt haben.
[Sg.01_010,11] Dir diese Stimmung zu lassen,
war nicht möglich; denn du bist noch Erdenkind und bist noch zu sehr an die
Materie gebunden. Kommt einst die Zeit der geistigen Vollreife, wo die Materie
als Hülle deinen Geist freilassen muß, dann wirst du diese nur in flüchtigen
Augenblicken genossene Stimmung als bleibendes Kleid anziehen können, wirst
damit Licht verbreiten für andere und Licht einsaugen von andern; aber noch ist
es nicht möglich, dich bleibend genießen zu lassen, was nur geistigen und nicht
körperlich-seelischen Wesen förderlich sein kann.
[Sg.01_010,12] Um dir aber den Weg zu zeigen,
den alle Meine Wesen gehen müssen, so gebe Ich diesem Wort eben gerade den
Titel: „Von Nacht zum Licht, oder die Blume“, weil Ich dir und euch allen in
der Blume zeigen will, daß der Weg zu diesem geistig erhabenen Standpunkt der
Liebe der nämliche Weg ist, welchen jedes materiell Geschaffene, bis zu Meinen
höchsten Engelsgeistern, durchmachen muß und teils schon durchgemacht hat!
[Sg.01_010,13] Ich wählte die Blume oder
jedes Gewächs, weil der materielle Prozeß dieses geschaffenen Symbols der Liebe
euch mehr bekannt und daher leichter verständlich ist; Ich wählte es auch
nebenbei, damit ihr nicht so gedankenlosen Mißbrauch mit Meinen Schöpfungen
machen sollt, wie es gerade mit diesen Erzeugnissen aus zwei Welten geschieht,
nämlich als Produkten der Erd- und Lichtwelt, damit ihr beim Anblick oder
Geruch des duftenden Balsamgeruches einer Blume nicht bloß eure Seh- und
Geruchsnerven ergötzen sollt, sondern, tiefer in den Kelch der offenen Blume
hineinschauend, das Geistige, weit Höhere und Schönere erkennen möget, das Ich
hineingelegt habe, um euch bei jeder Blume ins Gedächtnis zurückzurufen: „Gott
ist die Liebe!“
[Sg.01_010,14] Sehet, Ich habe soeben gesagt:
„Die Blume ist ein Produkt aus der Erd- und Licht-Welt!“ Nun, solch ein Produkt
seid auch ihr; auch ihr seid aus Erde und Licht, seid Körper und Seele, als
Überkleidung Meines göttlichen Geistes, auch ihr ringet von Nacht zum Licht,
wie der Same, der eingelegt in die Erde nach oben strebt, die Erdscholle
durchbricht, nach dem Licht der Sonne, sein Geistig-Höchstes, sich wendet.
[Sg.01_010,15] Sehet also und leset in dem
Beispiel eines Gewächses, das eine Blume oder Frucht zum Endzweck hat, leset
darin eure ganze Lebensgeschichte, wie sie dort ebenfalls so klar geschrieben
steht wie in eurem Ich!
[Sg.01_010,16] Kurzsichtige, gleichgültige
Menschen! öffnet eure materiellen und geistigen Augen! erhebet euren Blick
etwas höher, als nur bis an die Grenzen des sichtbaren Materiellen; und ihr
werdet eben gerade in einem Gewächs so klar geschrieben finden, was Ich euch
auch mit tausend Worten stets zurufe: „Gott – ist – die Liebe!“
[Sg.01_010,17] Erkennet doch den Vater! Wenn
ihr Ihn nicht geistig sehen könnt, erkennet Ihn doch in Seinen Werken!
[Sg.01_010,18] Wandelt nicht so gedankenlos
in Seinen Wundern herum; schämet euch eurer selbst, diese von Mir so deutlich
geschriebene Geisterschrift (in der Schöpfung) nicht verstehen zu können!
[Sg.01_010,19] Ist es doch schon traurig auf
eurer Welt, wenn ein Kind seinen Vater nicht kennt, um so mehr, wenn ein Kind,
das Kind eines Schöpfers von so vielen Wundern und Schönheiten, Seinen Vater so
ganz und gar ignoriert (vergißt), als wäre Er für es ganz und gar nicht
bestehend, oder nur dann, wenn es gerade Hilfe braucht!
[Sg.01_010,20] Sehet, dieses ist der Zweck
Meines heutigen Wortes an euch, daß ihr alle mehr das Geistige in der Welt
begreifen lernen sollt und nicht die gewöhnlichen, trivialen Lebensbedürfnisse
und weltlichen Sorgen nur, eure geistige Bestimmung und Mich vergessend, auf
Meinen Wundern herumwandelt wie Tote unter Lebenden, wie Blinde unter
Schauenden.
[Sg.01_010,21] Wüßte Ich nicht, wie lau und
gleichgültig ihr alle Meine Worte nehmt, so würde Ich nicht wieder auf einem
anderen Weg euch das nämliche wiederholen, was ihr schon auf vielerlei Art und
Weise gelesen, aber leider sehr wenig ausgeübt habt.
[Sg.01_010,22] Ich will alles tun, euch zu
wecken, euch zu etwas Besserem zu erziehen; wenn ihr aber euch nicht wecken
lassen wollt, wenn ihr den geistigen Schlaf vorzieht, so gebt dann nicht Mir
die Schuld, wenn Umstände und Ereignisse hereinbrechen werden, die euch in
eurem weltlichen Taumel nicht mit Liebe, sondern mit Schrecken und Verzweiflung
aufwecken werden; ihr habt es so gewollt, so genießet auch die Früchte eurer
weltlichen Sorgen für Magen und Körper, dann wird aber der Weg „von Nacht zum
Licht“ etwas schwerer und langsamer gehen als jetzt, wo Ich euch als sanfter,
geduldiger Führer durch Erklärung Meiner Wunder in der materiellen Schöpfung
euch ins Reich der geistigen Wonne und Seligkeit einführen will.
[Sg.01_010,23] Nun, jetzt will Ich wieder zu
Meinem gewählten Bilde „die Blume“ oder „das Gewächs“ zurückkehren.
[Sg.01_010,24] Ich habe euch nur Mahnworte
dazwischen gegeben, damit ihr den Ernst Meiner Worte, wie auch die Größe Meiner
Liebe begreifet, die sich soviel Mühe gibt, euch Harthörigen das Gehör für
Geistiges zu eröffnen!
[Sg.01_010,25] Sehet, die Pflanze wird als
Same ins Erdreich gelegt; in dem Samen liegt schon für seine künftige
Bestimmung alles vorbereitet, es liegen darin alle Mittel zur Ausfüllung seines
Zweckes und zur ewigen Erhaltung seiner Gattung durch die Wiedererzeugung neuen
Samens. Es liegen in einem Samenkorn einer einzigen Pflanze die Elemente ihres
stufenweisen Fortschreitens zu einer höheren Klasse, und von dort fort und
fort, bis zum Bestandteil eines seelischen und endlich geistig-seelischen Wesens,
bis wo die Pflanze ebenfalls vervollkommnet ins Geisterreich übergeht und dort
eine Integrität eines geringsten Wesens bis zum höchsten Engelsgeist ausmacht.
[Sg.01_010,26] So sehet ihr in einer Pflanze
eine folgerechte Fortschreitung vom Grob-Materiellen bis zum höchsten
Geistigen.
[Sg.01_010,27] Sobald der Same in die Erde
gelegt wird, gesellt sich zu seinen schlummernden Elementen der erste Faktor
seiner Umgebung dazu, es ist die Feuchtigkeit, welche als Produkt von zwei
andern wirkenden Elementen besteht, nämlich aus verdichteter Luft oder Wasser
und Wärme, letztere das Produkt des Prozesses der Scheidung und Entwicklung.
[Sg.01_010,28] Durch diese Feuchtigkeit
angeregt, schwillt der Same auf, seine Außenteile werden erweicht und die
inneren zur Entwicklung angeregt; von außen wirkt die Natur der ihn umgebenden
Erde und von innen seine eigene Individualität.
[Sg.01_010,29] So gedrängt durch zwei
Faktoren, entsteht der Kampf, der Kampf der Außen- mit der Innenwelt, wo am
Ende das Innere siegt, die Schale, welche es von seiner Umgebung getrennt
hielt, zersprengt und dann seinem Aufbau nur obliegend, das Taugliche aus den
ihn umgebenden Elementen heraussaugt und zum weiteren Fortschreiten ausbeutet,
nach und nach einen ersten Sproß aufwärts und Wurzeln abwärts treibt, damit
zwischen beiden: Nacht und Licht, Erde und Sonne, das Gleichgewicht hergestellt
werde und der Same seinem Zwecke gemäß sich zu dem ausbilden kann, wozu Mein
Wille ihn geschaffen hat.
[Sg.01_010,30] So dringt das Pflänzchen,
genährt durch die aus der Erde aufgesogenen und individuell verarbeiteten
Elemente, stets aufwärts. Je höher es dringt, desto weniger lastet die Schwere
der es umgebenden Erde auf ihm, desto leichter kann es die Schwierigkeiten
überwinden, es geht mit Sturmschritt dem Lichte, dem noch nicht geschauten,
aber geahnten Licht der Sonne entgegen, die Wärme derselben fühlt es schon, je
höher es dringen kann, bis endlich, angekommen im Lichte des großen
Wohltatenbringers jeder Kreatur, das Pflänzchen anfängt, das Mehr aus dem
Lichte und das Wenigere aus der Erde zu ziehen.
[Sg.01_010,31] Farbe, Substanz, alles wird
dann gewechselt, die unteren Kräfte der Nacht müssen entweder weichen oder sich
in Lichtelemente verkehren lassen, wobei die Pflanze wieder einen anderen
Prozeß vollführen hilft, indem sie, sich selbst aufbauend, ihre Umgebung bis
zur Wurzel vom Groben zum Feineren ausbildet und indirekt, abgesehen vom
eigenen Aufbau, auch das Vergeistigen der sie umgebenden Erdwelt mitbefördern
hilft.
[Sg.01_010,32] Je weiter das Pflänzchen im
Licht-, Luft- und Wärme-Strahl der Außen-Atmosphären-Welt aufwärts dringt,
desto mehr verfeinern sich seine Bestandteile, seine aus der Erde aufgesogenen
Elemente.
[Sg.01_010,33] Verfeinerte Substanzen müssen
auch Verfeinertes hervorbringen, daher die Stengel und Blätter zarter und
weicher als der Stamm oder Stiel sind, welcher noch unter dem Einfluß der Erde,
als Nacht, stets Gröberes erhält. Doch dieses alles genügt noch nicht. Ein
ungewisses Drängen treibt die intellektuellen Teile eines Gewächses fort nach
einem unbekannten Etwas. Aufwärts und aufwärts geht es. Die Blätter werden
zarter und zarter. Je weiter der Weg von der Erde bis zum Gipfel, desto mehr
müssen die Substanzen der Erde verarbeitet, durch die Intelligenz der Pflanze
selbst feiner werden, sie gehören endlich nicht mehr zu Blättern, Stiel und
Stengel; alles Grobe ist dann zurückgeblieben, alles das schon früher
aufgesaugt worden, und doch hat das Treiben nach Entwicklung noch kein Ende –
noch steckt im Keim tief in der Erde Nacht das Beste verschlossen, das Geistige
der Pflanzenindividualität, das ihren Zweck und ihren Fortbestand bezeichnet.
[Sg.01_010,34] Bisher hatte diese
Individualität nur das verarbeitet, was ihr zwar als eigen gehörte, jedoch aber
nur Mittel zum Zweck war, dieses mußte früher ausgeschieden, früher verarbeitet
werden.
[Sg.01_010,35] Jetzt kommt das, was beim
Mädchen die höchste Illusion, der letzte Wunsch ist, es drängt zum Brautstande,
zur Vermählung des Materiellen mit dem Geistigen, es drängt zur Blume, wo das
Ende einer materiellen und der Anfang einer geistigen Welt ist, nämlich aus der
Blume wieder die Erzeugung des Samens oder der Frucht!
[Sg.01_010,36] Alle Säfte waren verbraucht,
die zum Unterbau gehörten; sie, die Blume, prangt nun im schönsten Licht,
duftend und geistig ihren Schöpfer lobend, als Endresultat des ersten
Prozesses, als höchste Stufe des Samens und als niedrigste wieder der geistigen
Reproduktionskraft, wo der Same wieder erzeugt, das früher Verarbeitete der
Atmosphäre in anderen Formen und das Übriggebliebene in Samenform oder Frucht
zum nämlichen Prozeß der Erde wieder zurückzugeben bereit ist, was er von ihr
empfangen hatte, um dort wieder Neues aus ihr zu entbinden, so die Materie nach
und nach zu vergeistigen, und wenn ihr euch auf den höheren Standpunkt erheben
wollt, den ganzen Erdball durch die Vegetation einer höheren, geistigeren Stufe
entgegenzuführen.
[Sg.01_010,37] Also „von Nacht zum Licht“
strebt der Same empor, strahlt endlich in aller Schönheit, balsamische Düfte
verbreitend, als Blume euch auf euren Spaziergängen entgegen, ruft euch überall
zu:
[Sg.01_010,38] „Gott ist die Liebe!“ – „Sieh,
Wanderer, mein Ringen, mein Streben und mein Ende auf ihr (der Erde)!
[Sg.01_010,39] Folge auch du mir nach, denn
auch du bist ebenfalls ein in körperliche Hülle gelegter Same; erfülle auch du
deinen Zweck, wie ich den meinen erfülle, und du wirst wie ich mit Schönheit
und Duft, mit geistigem Genuß und Wonne bekleidet werden!“
[Sg.01_010,40] Ja, so ist es, Meine Kinder!
Höret diesen Ruf eines winzigen Pflänzchens, das auf dem Felde für den
gewöhnlichen Menschen sprachlos, für den geistigen aber ein ganzes Evangelium
der Liebe und Gnade seines Schöpfers ist.
[Sg.01_010,41] Folget diesem Pflänzchen – von
Nacht zum Licht, und erfüllet auch ihr euren Zweck wie dieser Same, und ihr
könnt versichert sein, auch ihr werdet dann als geistige Blumen in Meinem
Reiche glänzen und duften!
[Sg.01_010,42] Wenn ihr alle Phasen
aufmerksam betrachtet, welche die Pflanze durchmachen muß bis zu ihrer Entwicklung,
da werdet ihr die nämlichen in eurem Leben nicht verkennen.
[Sg.01_010,43] Auch in eure Körperhülle ist
die Seele und als letzter Intelligenzfunke ein Strahl Meiner Liebe gelegt; auch
ihr seid vom Anfange als Kind bis zum Greise von der Wärme oder Liebe geweckt,
getrieben zur höheren Entwicklung, seid von der Außenwelt umgeben und müßt von
selber aufsaugen, was euch tauglich, und ausscheiden, was untauglich ist; auch
euch drängt es, als körperliche Wesen – wegen Naturbedürfnissen, Weltsorgen –
die Wurzeln nach unten zu treiben; für euch ist die Außenwelt ebenfalls die
Nacht, doch ein innerer Trieb, der Trieb des Geistes – treibt euch nach oben,
nach dem Geistigen, und wenn ihr das Geistige auch verleugnen wolltet, dieser
Trieb schweigt nicht, es ist der Trieb des Gewissens.
[Sg.01_010,44] So geht es vorwärts bei der
Pflanze, so beim Menschen; durch Verirrungen, Leiden und Kämpfe ziehe Ich euch
zu geistigen Pflanzen für Meinen Garten.
[Sg.01_010,45] Viele fallen unter dem Einfluß
der Leidenschaften, wie die Pflanzen und Blumen unter dem Einfluß der
Witterungselemente. Wie diese dann unter anderen Formen einer andern Bestimmung
folgend, den für sie bestimmten Zweck doch erreichen, ebenso auch die verirrten
Geisteskinder – sie müssen den längeren Reinigungsweg betreten, um die
Erreichung der Blume, den Brautstand, die Krone alles Treibens und Kämpfens,
welches Ziel andere eher erreichten, auf längerem Wege und auf längere Zeiten
hinauszuschieben.
[Sg.01_010,46] Daher, Meine Kinder, nehmt euch
die Blumen oder Pflanzen als Beispiel; scheidet auch ihr alle gröberen Elemente
aus, vergeistigt das Aufgesaugte! Ihr vergeistigt durch eure Reinigung auch
eure Umgebung und zieht mit euch, einem besseren Sein entgegen, auch andere
mit.
[Sg.01_010,47] Aufwärts! Meine Kinder! Nach
den zarten Blättern und Stengeln, nach diesen erwächst die Blume eines ruhigen,
gottergebenen Bewußtseins, erwächst die himmlische Ruhe; und wie die Blume
freudig und sanft ihr Köpfchen bewegt und in den balsamischen Lüften wiegt, die
sie umfächeln, so auch ihr im höheren Geisterreiche, wo statt der materiellen
Sonne Licht und Wärme, geistiges Licht „Erkenntnis“ und geistige Wärme „Liebe“
euch sanft umwehen!
[Sg.01_010,48] Strebet dahin, zu was Ich euch
schuf: Meine Kinder zu werden! Lasset euch nicht von einer Blume oder Pflanze
beschämen!
[Sg.01_010,49] So wie Ich einst sagte: „Sehet
an die Blumen auf dem Felde, sie arbeiten nicht“, ebenso lasset auch ihr euch
nicht durch weltliche Sorge zu sehr betören; gebet der Welt, was der Welt ist,
„und Mir, was Mein ist“ – werdet Blumen in Meinem geistigen Garten und ihr habt
euer Ziel auf dieser Welt erreicht – seid auf der höchsten Stufe als
Erdenkinder angelangt, um auf der niedrigsten als Geisteskinder euren Weg
weiter durch Millionen von Himmeln und Äonen von Zeiten verfolgend, stets euch
Mir nähernd – den ganzen Prozeß des Samens bis hin zur Blume und Frucht geistig
wiederholen zu können!
[Sg.01_010,50] Seht, dieses alles sagt euch
ein Blümchen, das ihr oft schon gedankenlos mit euren Füßen daniedergetreten
habt.
[Sg.01_010,51] Lernet doch einmal die Sprache
Meiner Natur begreifen!
[Sg.01_010,52] Lernet lesen diese zarte und
sanfte Schrift, mit welcher Ich, euer Schöpfer, Herr und Vater in jedes
Sandkorn, in jedes Blümchen, bis hinauf in die größten Sonnenwelten die
nämlichen Worte stets geschrieben habe: Gott ist – die Liebe!
[Sg.01_010,53] Dieses predigt euch die Natur
im Kleinen und im Großen.
[Sg.01_010,54] Dieses ruft euch euer eigenes
Herz bei jedem Atemzuge zu. Dieses sende Ich euch in tausend verschiedenen
Formen und Worten durch Meine Knechte und Schreiber.
[Sg.01_010,55] Höret doch einmal diese große
Sphärenharmonie, diesen Choralgesang, der aus Millionen Wesen und Produkten Tag
und Nacht Mein Loblied singt; seid nicht kalt gegen alle diese großartigen
Deutungen, gehet vorwärts „von Nacht zum Licht“! von Welt zum Geist! und werdet
Blumen der Demut, Liebe und Sanftmut in Meinen himmlischen Gefilden!
[Sg.01_010,56] Dieses allein bezweckt oder
will euer Vater mit all diesen Worten, die Er euch fortwährend aus Seinen
Himmeln zur Aufklärung zusendet – beachtet sie wohl! – denn sie sollen euch
führen, dem Samen gleich, „von Nacht zum Licht“! Amen.
[Sg.01_011,00] II. Eine Jakobsleiter.
26. Juli 1871
[Sg.01_011,01] Du wünschest diesen freien
Flug durch Meine Schöpfung, den du vor einigen Tagen an Meiner Hand gemacht
hast, auch anderen mitteilen und mitfühlen zu lassen, damit auch sie Meine
Macht, Meine Liebe und ihren eigenen Wert kennenlernen.
[Sg.01_011,02] Nun, da überhaupt alles, was
durch deine Seele zieht, nicht für dich allein, sondern für einen bei weitem
größeren Zweck in dir geweckt wird, so soll auch dieses geistige Gesicht, wo du
die Stufenreihe alles Geistigen sahest bis zu Mir, nun wiederholt vor deine
Seele geführt werden, um dir und allen zu beweisen, was es heißt – einen
Ableger von Meinem Ich, einen göttlichen Funken in sich zu tragen.
[Sg.01_011,03] Denn, was nützeten all die
Schöpfungen mit ihren großen Wundern, wenn ihr nicht einen intelligenten Geist
besäßet, der all dieses Geschaute, Geahnte auffassen kann; was nützte euch der
Anblick des gestirnten Himmels, wo Millionen von Schwestersonnen ihr Licht auf
eure Erde herabsendend, euch zurufen:
[Sg.01_011,04] „Auch wir senden euch kleinen
Würmchen unser Licht aus weiten, unermeßlichen Fernen, ihr bemerkt es aber nur
dann, wenn eure Sonne für euch zu leuchten aufgehört hat! Nehmt diesen unsern
Ruf als geistiges Trost- und Mahnwort, und übersetzt ihn so:
[Sg.01_011,05] Auch eine unermeßliche
Geisterwelt sendet euch großen Geistern göttlichen Ursprungs ihre Grüße von
fern her, ihr – oder doch viele – bemerken und fühlen diesen Gruß der
Geisterwelt nicht, weil ihnen noch zu sehr die Weltsonne leuchtet, aber wenn
diese anfängt, sich ihrem Untergange zuzuneigen, wenn das Nichtige und
Vergängliche, das euch an ein anderes, höheres Leben erinnert, sich bemerklich
macht, wenn es im weltlichen Herzen anfängt, Nacht zu werden, dann beginnen die
Einflüsse einer hohen Geisterwelt wie die flimmernden Sterne einer nach dem
andern am unermeßlichen Firmament aufzutauchen, dann beginnen die
Geisterstimmen euch einzuflüstern, was dem Menschen auch die Sterne oft sagen,
das heißt: – es gibt noch eine andere Welt, eine geistige, wie eine große
materielle unendliche Welt, wo stufenweise aufgebaut, die Geister nach und nach
ihrer Vollendung entgegengehen, bis sie alle in Meinem Geisterhimmel, weit über
alle geschaffenen Welten hinaus, erst den rechten Zweck ihres Lebens und ihres
Strebens erkennen werden.“ –
[Sg.01_011,06] Dorthin drängt sich das
kleinste Infusionstierchen ebenso gut wie der größte Engelsgeist, dort findet
alles seinen Abschluß, sein materielles Ende und seinen geistigen Anfang.
[Sg.01_011,07] Dort beginnt erst das rechte
Geistesleben, im Himmel aller Urtypen der Schöpfung; von dort gehen alle
Strahlen Meiner göttlichen Macht und Liebe aus, weit hinaus alle Sonnen- und
Welten-Systeme mit Geistigem befruchtend, von dort geht der Liebe Gedanke, wie
der elektrische Strahl und das schnelle Licht hinaus nach allen Richtungen,
regt an, verkörpert, vergeistigt, gebäret, erziehet und entwickelt vom
kleinsten Atom bis zur größten Weltensonne alles nach ein und demselben Plan,
nach ein und demselben Gesetz, nach dem Gesetz der Liebe, damit es einst seinem
Schöpfer sich nähernd, Ihn begreifen, Ihn lieben lerne.
[Sg.01_011,08] Geist ist alles. Überall ist
der Geist der Wecker, der Träger, der Entwickler.
[Sg.01_011,09] In der festen Materie
gebunden, ist er der Erhalter des beständigen Stoffwechsels, vom Starren zum
Flüssigen, vom Flüssigen zum Luftartigen, vom Luft- zum Gasartigen, bis zum
feinsten flüchtigen Ätherteilchen.
[Sg.01_011,10] Im Pflanzen- und Tierreich ist
es der Geist, der instinktmäßig die Wurzel dahin leitet, wo sie das ihr
Geeignete zur Nahrung, zur weiteren Entwicklung findet.
[Sg.01_011,11] Beim Tier treibt der Geist zur
Aufsuchung der Nahrung, zum Bauen der Wohnungen, zur Fortpflanzung; und so
stets sich mehr frei machend, steigt der Geist aufwärts von Stufe zu Stufe, vom
ersten Tastsinn und mangelnder freier Bewegung bis zum selbstbewußten Begriff
des Seins im letzten Glied aller materiellen Schöpfungen, bis zum Menschen, der
sodann als erstes Glied in einer Reihe von geistigen Bildungen mit
verschiedenen Fakultäten (Fähigkeiten) bereichert, die ganze Schöpfung in sich
trägt und der Wendepunkt zwischen zwei Welten seiend, die materielle mit der
geistigen verbindet.
[Sg.01_011,12] Daher die verschiedenen Arten
von Geschöpfen auf all Meinen Welten, mehr oder weniger mit materiellen Körpern
angetan, je nachdem sie Mir nahe oder fern stehen; verschieden in ihrer Größe,
in ihrer Lebensdauer und stufenartigen Fortschreitung gehen sie alle den Weg zu
Mir, zu ihrem Schöpfer zurück, von dem sie ausgegangen sind.
[Sg.01_011,13] Wie der Baumeister vorerst,
ehe sein Haus fertig dasteht, nur mit rohen Materialien zu tun hat, sie nach
und nach durch verschiedene Prozesse erst zu seinem Zwecke tauglich machen muß,
daß sie ihm nützlich sein können; ebenso ist das Heer von Geschöpfen auf allen
Welten, je nach der Welt, die sie bewohnen, ebenfalls teilweise rohes
unbearbeitetes Baumaterial.
[Sg.01_011,14] Wie es mit dem Holz zum
Beispiel geht, welches ein Baumeister zu seinen Zwecken braucht, so geht es mit
den Menschen auf den verschiedenen Welten.
[Sg.01_011,15] Das Holz als roher Stamm muß
zuerst behauen werden, eine andere Form erhalten, zu Balken (als Stützen des
ganzen Gebäudes) zugerichtet, sodann müssen die Balken auseinandergesägt werden
zu verschiedenen kleineren Bedürfnissen wie Latten, Bretter, Pfosten
(Verbindungsmittel), endlich wird das Holz zur Einrichtung des Hauses noch
mehrfach durch kunstfertige Hände zu Hausgeräten verwendet, von der ersten
rohen Ruhebank bis zum feinsten polierten Lehnsessel und anderen verschiedenen
Gegenständen (alles entsprechend vergeistigte Potenz in Stufen bis zur
höchsten, die, als fertig poliert, wie ein Spiegel alles Licht aufnehmend und
wieder zurückgebend, es auch andern mitteilen kann).
[Sg.01_011,16] So geht es mit dem Eisen, mit dem
Stein, wo beide, mittels des Feuers ihrer primitiven Härte beraubt, hier leicht
biegsam der willigen Hand folgen, wie auch der Mörtel ebenfalls ein Bindungs-
und Erhaltungsmittel des ganzen Gebäudes ist.
[Sg.01_011,17] So ist auch in Meiner
Schöpfung alles Lebende, Organische und Unorganische in Millionen von
Bedürfnissen geteilt; aber alles nur einem Ziele dienend.
[Sg.01_011,18] Die Menschen auf allen Sonnen
sind gleich dem Holze, dem Eisen, dem Steine, sie müssen vorerst alle
Läuterungsprozesse durchmachen, ehe sie fähig sind, in Meine direkte Nähe, in
Mein Geisterreich übergehen zu können.
[Sg.01_011,19] Ebenso wie aus dem Holz
tausenderlei Gerätschaften und nützliche Dinge verfertigt werden, beim Eisen
noch mehr, ja bis ins Unendliche, ebenso ist die verschiedene Stufenleiter der
Menschen und Geister.
[Sg.01_011,20] Die einen bewohnen noch
unausgeführte Häuser, die andern schon bessere; wieder andere Paläste, und so
fort bis zur höchsten Vollendung.
[Sg.01_011,21] Überall ist es das geistige
Prinzip, das alles klassifiziert, ordnet und so der Entwicklung entgegenführt.
[Sg.01_011,22] Schon aus dem, was Ich euch
von der Sonne und euren Planeten kundgegeben habe, ersehet ihr – von den
pedantischen Merkurbewohnern anfangend bis zu den musizierenden Miron-(Neptun-)Menschen
– ein nach und nach geistiges Fortschreiten, sehet schon in der Sonne geistig
höherstehende Menschen mit mehr Einsicht in die geistige Schöpfung.
[Sg.01_011,23] Das, was die Saturnbewohner
nur als großen Geist ahnen, wissen die Sonnenbewohner schon besser.
[Sg.01_011,24] So geht es fort und fort bei
allen Welten; bei allen Sonnen und Weltallen geht es stufenweise, gemäß den
Welten selbst, mit deren Bewohnern ebenso; vorwärts drängt sie alle Meine
Liebe, und wie auf jeder dieser Millionen von Welten, ebenfalls von der
untersten Pflanze und dem Tiere angefangen, die Stufenreihe zu ihren
Weltenmenschen vorwärts geht, ebenso geht es dann von den Weltenmenschen
aufwärts in geistige, höhere Stufen.
[Sg.01_011,25] Betrachtet hier nicht weder
die Größe noch die Schönheit der Welten, noch die Eigentümlichkeiten ihrer
Bewohner, sei es in Form oder Intelligenz. Dieses alles entspricht nur der
Welt, auf der sie leben, mit der sie auch in einer gewissen Analogie
(Entsprechung) stehen müssen, betrachtet bloß ihre geistige Stufe, diese ist
die bedingende. Dann sehet, auf eurer Erde habt ihr ja auch genug der
Beispiele, wo eben nicht die äußere Form dem Inneren, Geistigen entspricht.
Nehmet nur den Papagei und andere schön gefiederte Vögel des Südens, wo ist da
der seelenvolle Gesang als Ausdruck der inneren Gefühlsstufe?
[Sg.01_011,26] Ebenso bei den Welten. Könntet
ihr eine dieser großen Welten mit geistigem Auge überblicken, ihr würdet in der
Farbenpracht und Schönheit der Formen, die dort herrschen, eine geistige
Intelligenz vermuten, die die Bewohner einer solchen Welt zu Göttern machen
sollte – und doch, eben diese Bewohner, euer Inneres erblickend, würden in
Staub zusammensinken ob der Größe und Erhabenheit eurer göttlichen Natur, die
eben ihnen gänzlich fehlt, da sie mehr nur ein Traumleben haben; während ihr,
von Mir zu Meinen Kindern auserkoren, mit einem Blick gleich dem des Adlers
Meine weiten Schöpfungsräume durchfliegen könnt, um dort mit intelligentem
Geistesfunken klar zu lesen, was Ich bin und was ihr einst werden könnet.
[Sg.01_011,27] Millionen und Millionen von
solchen Welten kreisen im unendlichen Äther, ausgestattet mit Schönheiten, die
ihr nie begreifen, ja kaum ahnen könnt, dem Anschein nach wahre Paradiese des
ewigen Friedens und der ewigen Seligkeit; und doch, hinter diesen großen
lichtvollen Welten steckt die geistige Finsternis, steckt das Nichterkennen,
Nichtwissen, zu was all dieses Schöne und Große geschaffen ist!
[Sg.01_011,28] Und auch hier seht ihr wieder,
daß Ich nur groß im Kleinsten bin. Eure Erde, millionenfach kleiner als ein
Atom einer solchen Welt, birgt die größten Geister, beherbergt die Wesen,
derentwegen Ich Mensch geworden bin und Mich sogar von ihnen, aus Liebe zu
ihnen, töten ließ!
[Sg.01_011,29] O begreifet doch einmal, was
das heißen will, in einer solch unendlichen Schöpfung voll des Großen und
Erhabenen diejenigen Wesen zu sein, die alle diese langen Wege zu Mir nicht
mehr brauchen, Wesen zu sein, mit denen ich direkt unterhandle, sie lehre, sie
führe, und während andere, Mich ebenso liebende Wesen, nur ahnen können, habt
ihr die klarsten Beweise Meines Daseins, Meines Wirkens und Meines
fortwährenden Segens.
[Sg.01_011,30] Dort in jenen Welten ist wohl
der ewige Friede, dort ist wenig Kampf, es ist aber auch wenig Verdienst, dort
Mensch zu sein, es ist bei weitem leichter, als auf eurer Erde Mein Kind werden
zu wollen.
[Sg.01_011,31] Dort oben, müsset ihr
bedenken, leben diese Menschen gemäß dem, was ihre Welt in geistiger Hinsicht
von ihnen verlangt, und es geht von dort höchstens nur wieder in eine neue,
höhere oder analoge Geisterwelt; aber bei euch ist es anders, die ihr hier
kämpfen, euch verleugnen müßt, das Herbste ertragen und doch das Vertrauen zu
Mir nicht verlieren sollt; hier, wo Ich Selbst als Schöpfer Mensch geworden
bin, das größte Beispiel gegeben habe der tiefsten Demütigung, hier seid ihr in
einer Pflanzschule für Meine großen Geisterreiche, für Meine Geisterhimmel, und
wie euren intelligenten Augen am Abend die ganze weite Schöpfung mit ihren Millionen
Welten lesbar und verständlich ist, so ist eurem von Mir in euch gelegten Geist
der ganze Geisterhimmel, seine Stufen, seine Ausdehnung, seine Seligkeiten,
alles begreiflich und faßbar; alles dieses, was Millionen von anderen
Weltenbewohnern für immer verschlossen ist und nur erst sich auftut, sobald
auch sie euren, obwohl oft bitteren, aber zur höchsten Seligkeit führenden Weg
durchmachen wollen.
[Sg.01_011,32] Daher jetzt, nachdem Ich vor
euren Augen das geistige Bild Meiner materiellen Schöpfung entrollt habe, wo
dann an dieselbe der nie endende Geisterhimmel sich anschließt, jetzt bedenket
– was ihr werden könnt, zu was ihr bestimmt seid!
[Sg.01_011,33] Lasset euch also nicht
abschrecken von den Widerwärtigkeiten dieses Lebens! Lasset euch nicht vom
Licht der Weltsonne blenden! Sehet, erst wenn ihr dieser den Rücken kehrt, wenn
sie für euch nicht mehr existiert, öffnet sich wie am Abend der gestirnte
Himmel die Geisterwelt für euch, in welcher ihr ebenfalls so viele Wohnungen
und Stufen entdecken könnt, als wie ihr am Abend Sterne, Sonnen und Welten seht
und noch mehr voraussetzen könnt, deren Licht wegen zu großer Ferne eurem Auge
nicht zukommt! Ebenso viele geistige Welten und Stufen warten auf euch, ihr
Kinder, für die Ich so viel gelitten, getan und geschaffen habe!
[Sg.01_011,34] Erkennet aus dem unendlichen
Äther Meine unendliche Liebe und aus den euch jeden Abend entgegenleuchtenden
Sternen ebenso viele Gnadenstrahlen und Lichtwege, die alle Meine Wesen ob auf
kurzen oder langgedehnten Wegen doch einst zu Mir, dem Vater alles
Geschaffenen, führen werden! –
[Sg.01_011,35] Nicht umsonst gab Ich Meinem
Geheimschreiber dieses Bild und Einsicht in Meine geistige Schöpfung; jetzt
geschrieben, wird sie vorerst seiner kleinen Gesellschaft und einst der ganzen
Menschheit ein fester Zeuge sein, wie Ich Meine Kinder führte und auf was für
Wegen und mit welchen Mitteln Ich ihnen zeigen wollte, daß es eine große Gnade
ist, ein Mensch auf dieser Erde zu sein, und noch eine größere, so direkt
geführt und geleitet zu werden, wie Ich es jetzt schon seit einer geraumen Zeit
euch angedeihen lasse.
[Sg.01_011,36] Betrachtet also auch diese
Worte wohl; jeder Abend soll euch im Aufblick zum Sternengezelt als Buch Meiner
Liebe die Worte ins Gedächtnis rufen: „Herr, was bin ich, daß Du meiner
gedenkst!“ Und aus allen Welten jubelt es dann euch zu: „Frohlocke, du kleiner
Erdenmensch, was du so leicht werden kannst, um das beneiden dich alle unsere
Bewohner! Frohlocke und sinke in Andacht vor deinem Schöpfer nieder, der den
Herrn in sich vergaß und dir als Vater, als liebender Vater Seiner Kinder, die
offenen Arme entgegenhält!“ Amen.
[Sg.01_012,00] III. Fortsetzung.
27. Juli 1871
[Sg.01_012,01] Ja frohlocket, Meine Kinder,
über diese geistige Stufe, auf die Ich euch gestellt habe, und hängt nicht
gleich die Köpfe, wenn kleine Widerwärtigkeiten euren Sinn verdüstern oder
einzelne Entbehrungen im weltlichen Leben euch daran erinnern, daß eben dieses
Weltliche von kurzer Dauer ist und keinen Bestand hat, damit ihr daraus erkennen
sollt, daß der Drang nach dem Geistigen, nach höherer, dauernder Glückseligkeit
nicht im Befriedigen von körperlichen und sozialen Bequemlichkeiten, sondern in
der Befriedigung des geistigen Wertes eurer Seele liegt, die danach dürstet,
mit dem von Mir in euch gelegten Geiste sich zu vereinigen, um in Meiner
geistigen Welt den Platz einzunehmen, welchen bis jetzt der Geist allein inne
hatte, nicht aber die Seele, bevor sie nicht die Taufe der Wiedergeburt erlangt
hat.
[Sg.01_012,02] Wenn Ich euch in dem früher
Gesagten Meine ganze Schöpfung und ihre Bewohner in geistiger Hinsicht
vorgeführt habe, wie sie geistig verschieden auf verschiedenen Wegen ihr
vorgesetztes Ziel erreichen müssen, welches für euch bedeutend abgekürzt ist,
so war es nur, um euch zu beweisen und begreiflich zu machen, um wieviel mehr
euer Eifer angeregt werden sollte, dieser Stellung in Meinem Geisterreiche zu
genügen und auch alle Kräfte aufzuwenden, nachdem eben der Weg zu Mir euch
nicht verschlossen ist, ihn fortzuwandeln und, kein Hindernis scheuend, stets
den Blick nach Mir gerichtet, alles, was euch begegnen mag, nur als Glied einer
Kette zu betrachten, die stufenartig euch ausbildet, veredelt und schon in
diesem irdischen Leben euch so vorbereitet auf das Jenseits, daß ihr das meiste
hier, und zwar leichter als dort vollbringen könnt, damit ihr dann ohne
Rückschritt sogleich zu eurer höheren Mission euch tüchtig erweisen möget.
[Sg.01_012,03] Und besonders ihr, denen Ich
mit so vieler Sorgfalt Mein Licht aus den Himmeln zukommen lasse, bedenket
wohl, daß Ich, eben weil Ich dieses tue, mit euch außer dem Zweck der
Menschheit im allgemeinen noch sogenannte spezielle Zwecke im Auge habe.
[Sg.01_012,04] Zeiget euch also eurer Mission
und Meiner Gnade würdig; denn wenn Ich euch wichtige Aufgaben zugedacht habe,
so müsset ihr auch dabei bedenken, daß, um solche würdige Werkzeuge Meines
heiligen Willens zu werden, ihr auch vorerst selbst gereinigt, geläutert und
mit festem Eifer gestählt werden müßt, ehe Ich euch als Stützen für andere gebrauchen
kann!
[Sg.01_012,05] Daher nehmt alle Ereignisse,
die euch treffen, als Übungsschule, um in euch selbst erst das fest zu
begründen, was ihr andern nicht bloß in Worten, sondern in Taten zeigen sollet,
nämlich: daß die Lehre, wie Ich sie euch gegeben, die wahre und einzige ist,
die aus Menschen – geläuterte Geister und aus Geistern – Meine Kinder machen
kann!
[Sg.01_012,06] Viele von euch wollen diese
Idee nicht fassen, sie möchten noch immer ihr bequemes Weltleben mit Meinem Geistigen
verbinden; sie scheuen Verleugnung, Entbehrung, Aufopferung; allein es ist
umsonst; wollet ihr Meine Kinder werden, so müsset ihr, wie einst Ich, den
Kelch des Leidens bis zum letzten Tropfen leeren! Auch Ich habe im Garten zu
Gethsemane ausgerufen: „Vater, nimm den Kelch von Mir!“ Ich tat es, als Ich
(momentan) von Meiner Liebe verlassen, Meine Lage als Mensch ganz fühlen mußte,
und doch, so gerne die Liebe nur beglücken, nur selig machen will, so mußte sie
dort ihre Grundeigenschaft verleugnen, eines höheren Zweckes wegen, und Ich
trank den Becher des Leidens bis zur Neige aus.
[Sg.01_012,07] So ruft auch so mancher von
euch: „Herr, nimm den Kelch des Leidens von mir!“ Und Ich, der alles liebende
Vater, der Ich Meine Kinder nur glücklich sehen möchte, kann um seiner selbst
willen diesem Wunsche nicht willfahren, muß zum Besten seines eigenen Ichs und
zum Besten Meiner großen Zwecke ihn leiden, ihn den Becher ganz leeren lassen,
damit er auch, wie einst Ich Selbst, dann nach ausgestandenem Kampfe, glorreich
daraus hervorgehend, die Hand segnen lerne, die ihn aus der bitteren Nacht des
Leidens zum hellen Lichte der Seligkeit geführt hat.
[Sg.01_012,08] Alle möglichen mißlichen
Verhältnisse, die euch begegnen können, sie sind alle von Mir Selbst einst auch
durchgemacht worden; eben deswegen wurde Ich ganz Mensch, so wie ihr es seid,
ließ über Mich alle möglichen Weltstürme hereinbrechen, damit nie ein Mensch
sagen kann: „Predigen ist leicht, aber selbst ausführen und durch Taten
beweisen ist schwer!“
[Sg.01_012,09] Daher machte Ich euer ganzes
menschliches Leben von der Wiege an durch, um euch zu zeigen, daß, wenn der
Geist stark ist, er alles überwinden, alles besiegen und alles ertragen kann,
nur muß er vorausgesetzt fest überzeugt sein von seiner Mission und von seiner
geistigen Bestimmung, von welchem Gesichtspunkte aus dann alle Mißhelligkeiten
ihren rechten Wert und Aufklärung erhalten werden.
[Sg.01_012,10] Ihr müsset also, wollt ihr
wirklich Meine Kinder werden, vorerst fest überzeugt sein, daß ihr auch als
Beispiel zuerst rein dastehen müßt, daß aber dieses „Reinsein“ ohne vorheriges
Abwaschen der Fehler und falschen Ansichten nicht geht!
[Sg.01_012,11] Ich habe euch die großen
Welten und ihre Bewohner vor euer geistiges Auge geführt. Ihr erkennt jetzt,
wieviel ihr bevorzugt seid, erkennt aber auch, daß jeder Vorzug nur darin
besteht: wenn man mit Kampf erringt, was man anstrebt; denn wenn einem, wie
euer Sprichwort sagt, die gebratenen Vögel in den Mund fliegen, da ist kein
Verdienst! –
[Sg.01_012,12] Das Errungenhaben ist
dasjenige Bewußtsein, welches der Seele den Adel gibt und ihr zuflüstert: Ich
habe gekämpft, habe aber auch gesiegt (mit des h. Vaters Gnade).
[Sg.01_012,13] Sehet die Millionen von Welten
und ihre Bewohner, wie viele möchten kämpfen, um das zu erringen, und zwar mit
noch größeren Opfern, als ihr es erringen müßt, und doch, Meine väterliche
Liebe, die jene ebensosehr liebt wie euch, kann ihnen diesen Kampf im ganzen
nicht bewilligen, sondern nur einzelnen von ihnen diese Versetzung erlauben,
daß er durch den Verlust der geistigen Freiheit auf seiner Welt die
Knechtschaft und den Kampf auf der eurigen vorzieht.
[Sg.01_012,14] Ihr seid von Millionen und
Millionen von Geistern beneidet, und doch, blind wie ihr sein wollt, begreifet
ihr noch nicht, was es heißen soll, zu Meinen Kindern auserlesen zu sein!
[Sg.01_012,15] Lasset es nicht darauf
ankommen, einst in der anderen Welt ausrufen zu müssen: „Ja, wenn ich das
gewußt hätte, so hätte ich anders gehandelt!“
[Sg.01_012,16] Sollte einem von euch in der
andern Welt dieser Ausruf entschlüpfen, so ist es zu spät und dort nur unter
langen Kämpfen und Irrwegen erreichbar, was hier mit so wenigem hätte vollführt
werden können.
[Sg.01_012,17] Daher, Kinder, wachet auf!
erhebet euch zu Mir! – horchet auf die Stimme der Liebe, die aus allen Winkeln
der Schöpfung euch entgegenströmt; kehret der Weltsonne den Rücken und
versenket euch ins unendliche Lichtmeer des Geisterreiches, aus dem ihr
gekommen seid; dort lebt euer Vater, dort ist euer künftiger Wohnsitz und dort
werden einst alle Fragen und Zweifel eine Lösung finden, die euch hier
unauflösbar schienen.
[Sg.01_012,18] Dorthin strebet! und es werden
auch euch, wie manchmal Meinen Schreiber, Gesichte überkommen, die euch den
Einblick in jene Sphären gewähren, wo nur die Liebe ihr sanftes Licht
verbreitend, alles beseligt und beruhigt, und von wo aus gesehen alle Leiden
und Mißhelligkeiten dieses Lebens und sonstige Wünsche von weltlicher, sozialer
und pekuniärer Stellung wie nichts verschwinden werden im Vergleiche des
geistigen Genusses, der euch weit über das alles erhebt und dann erst euch
fühlen macht die Kraft Meiner Liebe und die hohe Seligkeit eines Bewußtseins,
endlich über die Schlacken dieses Lebens hinaus in das Eden des Friedens gelangt
zu sein, wo kein Mißton die Harmonie der Geister-Chöre unterbricht, und alle
darin übereinstimmen und ewig das Loblied Meiner Liebe, nicht als Schöpfer,
nicht als Herr, sondern als Vater Mir darbringen.
[Sg.01_012,19] Wachet auf! daß jetzt schon
sanfte Ahnungen von solcher Seligkeit eure Herzen durchziehen; lernet in
einsamen Stunden euer geistiges Auge stärken, daß es hinüber sieht, weit über
alles Materielle, hinüber in jene Geisterwelt, die zwar teils weit von euch und
doch auch, wenn ihr wollt, ganz nahe, in eurer eigenen Brust liegt.
[Sg.01_012,20] Habt ihr erst solche Momente
der geistigen Weihe genossen, dann fängt schon die weltliche Sonne an – sich
ihrem Untergange zuzuneigen, und das Heer der Geisterhimmel, wie die bei der
Nacht funkelnden Sterne, werden euch die Größe eines künftigen Seins, die Größe
eures eigentlichen Wohnortes faßlich machen!
[Sg.01_012,21] Dieses bedenket, handelt und
lebt danach, um einst Meiner würdig zu sein! Amen.
13. Kapitel – Die Schöpfung der materiellen
und geistigen Welt.
15. Januar 1871
[Sg.01_013,01] Mein lieber Sohn, du willst
von Mir eine Erklärung Meiner Schöpfung haben; du winziger Wurm möchtest, als
kleinster Punkt im Raume, die Unermeßlichkeit Meines Reiches erschauen und
erfassen seine Größe, seine Ausdehnung!
[Sg.01_013,02] Wenn Ich sie dir zeigen könnte
mit Meinem Geistesblick, so wäre es wohl möglich, daß du eine ferne Ahnung
ihrer Größe erlangen könntest; aber so, als endliches Geschöpf, wie soll Ich
dir die Unendlichkeit begreiflich machen? wie soll Ich dir verständlich zeigen,
daß wenn du die ganze materielle Schöpfung in all ihren Dimensionen dir denken
kannst (da, ja auch da noch, wo der letzte Stern oder die letzte Sonne eines
Systems flimmert, wieder aus neuer Ferne ein anderes seinen Anfang hat), daß –
wo alle Materie ihr Ende hat, erst das ewige Geisterreich beginnt?
[Sg.01_013,03] Wie kannst du dieses alles
fassen? Bedenke deine Frage an Mich wohl! Ich weiß, du fußest dich darauf,
indem du Mir entgegenhältst, sagend: „Ja, ein winziger Wurm bin ich wohl, doch
mein Geist, meine Seele sind es nicht, sie tragen einen Funken von Dir, und
mittels dieses Funkens wage ich als Kind eines unendlichen Vaters die Frage,
und sage: Vater! um Dich ganz zu begreifen, bitte, zeige mir Deine Macht, zeige
mir Dein Haus, wo ich einst wohnen und die Seligkeit genießen soll, die Du den
Kindern beschert hast, die Dich lieben und Deiner Lehre folgen!“
[Sg.01_013,04] Auf diese Frage will Ich dir
auch antworten und sagen: Sieh, Mein lieber Sohn, du hast die Sache am rechten Punkte
angegriffen. Als Mensch bist du zu unbedeutend, aber als Geist groß genug, mit
Mir in die tiefsten Schöpfungsräume zu dringen, dort Wunder zu schauen und
auch, vermöge deines von Mir abstammenden Geistes, das Warum zu begreifen. Und
so will Ich dich in Meine geistigen Arme nehmen und mit dir die unermeßlichen
Räume durchfliegen, wohin noch kein menschliches Auge seine Strahlen gesendet
und wo Millionen von Wundern der Schöpfung und zahllose Geschöpfe Mir, dem
Herrn und Schöpfer, als dem großen Geiste, ein immerwährendes Lob- und Danklied
singen.
[Sg.01_013,05] Ich will dich hinführen in
jene Räume, wo es nur einem geistigen Auge möglich ist, die Entfernungen zu
messen, da eure Art, zu zählen, längst aufgehört hat.
[Sg.01_013,06] Ich will dich hinführen an den
Born des Lebens, von wo alles Leben für die materielle Welt ausfließt, und von
dort wieder mit Lichtes- und Gedankenschnelle hinführen bis an die Außenseite
des Großen Schöpfungsmenschen, wo das Erscheinliche aufhört und erst der
geistige, noch bei weitem größere Weltenmensch seinen Anfang nimmt!
[Sg.01_013,07] Du sollst mit Mir die Idee
Meiner Größe genießen und nebenbei erstaunend in den Staub sinken vor Meiner
anderen Haupteigenschaft, der Demut!
[Sg.01_013,08] So komme also, erhebe dich mit
Mir! Laß das irdische Getriebe vergänglicher Wünsche und Sorgen und folge Mir
in den nie verwelkenden Blumengarten deines himmlischen Vaters, der dich dort
Genüsse ahnen lassen will, wovon noch kein Sterblicher die wahre Ahnung hatte.
[Sg.01_013,09] Hier siehst du den großen
materiellen Weltenmenschen vor dir, wie er mit dichter ätherischer Haut
umgeben, ein Begrenztes im Unbegrenzten ist. Du siehst, wie er mit
Gedankenschnelle seinen Flug in dem unermeßlichen Raum um ein ihm selbst
unbekanntes Zentrum fortsetzt; du siehst, wie er mit allen seinen Organen aus
dem ewigen Uräther durch seine Haut-Poren alles Lebensfähige einschlürft und
nebenbei auch das Verbrauchte dem Äther wieder zurückgibt; du siehst seine Form
oder Gestalt, der deinen gleich.
[Sg.01_013,10] Jetzt fragst du, warum hat er
diese Form?
[Sg.01_013,11] Nun, hier wollen wir nebst der
Erklärung des Daseienden auch das Warum dabei erörtern, und so folge Mir denn
auch im Gedankenflug, wie im Raume, und ersehe, daß Konsequenz (Beharrlichkeit)
oder Durchführung eines Grundprinzips das erste Fundament Meiner Göttlichkeit
ist und auch bei dem Menschen als geistiges Wesen seine erste Stütze sein
sollte.
[Sg.01_013,12] Sieh nun, Mein Sohn, die
menschliche Gestalt, oder eigentlich gesagt – Meine eigene, habe Ich als ersten
Grundtypus in der ganzen Schöpfung aufgestellt und demgemäß auch alle Wesen,
von den kleinsten Infusorien bis zum Menschen stufenweise diese Gestalt nach
und nach entwickelnd, geschaffen.
[Sg.01_013,13] Was für Tiere und lebende Wesen
es auch im ganzen materiellen Universum gibt, alle tragen wenigstens in ein
oder dem andern Teil Anklänge der Grundformen eines menschlichen Körpers als
Grundidee an sich, welche gemäß ihrer Eigentümlichkeit und für sie bestimmte
Lebensweise dann weiter veredelt, besser vervollkommnet zu einer höheren Stufe
vorrücken, bis nach langem Ringen der Kulminationspunkt, die menschliche Form,
erreicht ist.
[Sg.01_013,14] Neben diesem Ringen alles
Geschaffenen nach dieser Form gibt es noch einen anderen Hauptfaktor in der
ganzen Schöpfung, welchen Ich als solchen festgestellt habe und ohne den nichts
bestehen könnte; es ist das Prinzip der Selbsterhaltung. Denn nur einmal schuf
und dachte Ich Mir die materielle Welt in ihrem ganzen Bereich und Umfang, und
da ward auch ihre fernere Selbständigkeit durch Selbsterhaltung bestimmt, bis,
wie im Kleinen so im Großen, die Körper und Welten und alle geschaffenen Wesen
soweit ausgebildet sind, daß sie dann für eine höhere Stufe geeignet wären, wo
der erstgegebene Leib seine Mission erfüllt hat und am Endpunkt seiner Existenz
angekommen mit dem Zerfall desselben den ersten Schritt zu einem besseren Sein
machen.
[Sg.01_013,15] Um diese Selbsterhaltung
herzustellen, mußte Ich nebst der Außenseite eines jeden Wesens ihm eine innere
Organisation geben, die alle Bedingungen erfüllt, damit das Verbrauchte
ausgeschieden und Neues dafür eingesaugt wird; durch welchen Austausch das
Leben bedungen und die weitere Selbsterhaltung vollführt wird.
[Sg.01_013,16] Nun, hier siehst du also, warum
alles, was lebt, innere Organe und Teile hat, die alle zu diesem Prozesse
geschaffen worden sind.
[Sg.01_013,17] Was wir im Kleinsten gesehen,
das siehst du auch wieder im Größten, wo da kreiset der Schöpfungs-Mensch,
Meine oder auch deine Form, nur aber in Dimensionen, welche nur einem hohen
Geiste faßbar sind.
[Sg.01_013,18] Analog der Erhaltungs-Ordnung
eines kleinsten Wesens hat auch er seine innere Einrichtung, die ebenfalls wie
beim Menschen zum Austausch des Verbrauchten gegen Neues geordnet und gebaut
ist.
[Sg.01_013,19] Auch in ihm schlägt und
pulsiert ein Herz, das alles erhält und seine Lebenskräfte bis in die letzten
Sonnensysteme der Außenhaut hinaustreibt; auch er hat seine Lunge, um die
ätherischen Substanzen, wie die menschliche die Luft, in seine eigenen
brauchbaren Elemente zu verkehren; auch er hat alle Organe wie ihr, und in
diesen Organen leben ebenfalls wieder Wesen, wie in denen eures Leibes, der für
eure Augen auch eine ganze Welt unsichtbarer Tiere ist; ähnlich wie bei eurem
Körper machen alle diese Organe ebenfalls bei dem großen Weltenmenschen ein
Ganzes aus; überall herrscht die nämliche Ordnung wie im menschlichen
Organismus.
[Sg.01_013,20] Wesen, die in dem Organ der
entsprechenden Leber oder Lunge des großen Weltenmenschen leben, können nicht
zu Herz- oder Nieren-Menschen geformt werden. Sie sind glücklich in ihrer
Existenz und erwarten dort ihre Verwandlung, um wie alle geschaffenen Wesen
nach Ablegung ihres Leibes in ähnliche Organe des geistigen großen
Weltenmenschen versetzt zu werden oder schon im Weltenmenschen in edleren
Organen ihrer Bestimmung näher zu rücken.
[Sg.01_013,21] Nun sehe Ich in dir die Frage
auftauchen: Welches ist wohl der Unterschied zwischen unseren Leibes-Funktionen
und der Aufgabe dieser Sonnen-Komplexe, die hier das Herz, dort die Lunge und
dort das Haupt vorstellen?
[Sg.01_013,22] Da sage Ich dir: Die nämliche
Aufgabe wie im menschlichen Körper. Hier treibt das Herz das mit neuen
Lebenskräften geschwängerte Blut durch die Adern und Venen, dort ist das große
Sonnensystem, welches dem Herzen gleich ist, mit eben den Mitteln ausgerüstet,
vermittels seiner Organe das aus dem Äther eingeschlürfte neue Lebensprinzip
den anderen Teilen des großen materiellen Weltenmenschen mitzuteilen und so
seinen Bestand zu sichern. Die Lungen, andere Sonnen- und Planeten-Systeme von
verschiedener Beschaffenheit, empfangen das mit dem Verbrauchten geschwängerte
Weltenmenschenblut, und durch den Einfluß des unermeßlichen Äthers und dessen
Einatmung verkehren auch sie das Verbrauchte wieder in Lebendiges und stoßen
durch Ausatmung das Unnütze aus, und zwar in den großen Ätherraum durch Mund
und Nase wie ihr.
[Sg.01_013,23] Die großen und kleinen Kanäle,
als Adern, Venen und Kapillargefäße, die den menschlichen Körper durchziehen,
werden dort durch untergeordnete Systeme und Kometen vertreten; besonders
letztere sind die Licht- und Lebensbringer, welche, während sie mit ihrer
eigenen Bildung beschäftigt sind, auch bis in die entferntesten Teile des
Weltenmenschen durch ihre langgestreckten Bahnen bis zur Außenhaut desselben
den Lebensstoff hinaustragen und das Abgelebte entweder wieder selbst verdauen
oder es zum entsprechenden Organ oder Sonnen-All wieder zurückbringen.
[Sg.01_013,24] Deswegen sind sie frei von der
Anziehungskraft, nicht wie die Planeten, welche diese zwingt, in kurzen Bahnen
um ihre Sonnen zu kreisen, ohne aus ihnen entweichen zu können. Frei schwebt
der Komet, als eine künftige Welt sich ausbildend, durch alle Weltensysteme
hindurch, von ihnen aufnehmend, was zu seinem Ich ihm angemessen ist. Nichts
hält ihn auf, er vollführt seinen Zweck, bis auch er schwerer und dichter
geworden ist, seinen Lauf verkürzt und als umkreisender Planet oder
selbständige Sonne sich einem Sonnensystem anschließt, wo auch er seine Entwicklungsperiode
durchmacht, bis auch ihm, nach erloschener Tätigkeit seines Innern, die
Auflösung höhere Aufgaben zuweist.
[Sg.01_013,25] So siehst du alle Organe ihre
Funktionen erfüllen, das Gehirn erfaßt Geistiges, gibt es an die in seinen
Organen lebenden Wesen ab, diese verbreiten es durch die Nerven oder geistigen
Leiter in die anderen Sonnensysteme und Sonnen-Alle.
[Sg.01_013,26] Das Auge sieht hinaus in die
Weite der Unendlichkeit, sieht von fern das Ziel und erkennt seine Bestimmung
als Weltenauge und teilt es dem Gehirne mit; es ist der Vermittler des Innern
mit dem Äußern; das Gehirn empfängt durch das Auge die Eindrücke von außen und
teilt es den im ganzen Organismus lebenden Wesen mit.
[Sg.01_013,27] Das Ohr vernimmt die großen
Weltenharmonien, ergötzt durch sie die geistigen Bewohner seines Organs. Was im
Auge durch Licht bewirkt wird, ersetzt in diesem Sonnenkomplex der Ton; und wie
im menschlichen Körper stets ein Organ in Verbindung mit dem andern steht, so
ist es auch im großen Weltenmenschen, wo ein geistiger Genuß in einem Organ dem
andern mitgeteilt und von demselben mitgefühlt wird.
[Sg.01_013,28] Im Auge brechen die sieben
Farben sich in seinem Licht- und Sehprozeß; dort in jenen Konstellationen sind
diese Farben in ganze Weltensysteme verteilt, wovon das eine die blaue, das
andere die rote Farbe usw. vertritt. Dort in dem großen Weltenmenschen gibt es
Sonnen von verschiedenen Farben, den Regenbogenfarben gleich.
[Sg.01_013,29] Die Menschen selbst sind dort
in Farbe, obwohl in schwächerem Grade in ihren Augen, danach geformt. Dort sind
Wunder in Größe und Intensität, wovon ihr kleinen Geschöpfe keine Ahnung je
haben könnt. So im Organ des Ohres, wo die Harmonien und das Gesetz derselben
so ausgebreitet und vervollkommnet sind, daß eure Art, Musik zu machen, gar
keinen Vergleich damit aushält. Diese Wesen genießen demnach Seligkeiten, von
denen ihr keinen Begriff habt.
[Sg.01_013,30] Im Gehirn-Komplex mit seinen
großen Zentralsonnen-Allen ist alles Licht, alles Weisheit, dort versteht und
sieht der Mensch den ganzen Weltenmenschen, kennt dessen Mission, kennt auch
Mich als größten Geist. Wie im menschlichen Gehirn der Phosphor, so ist dort in
diesem System alles Licht, alles klar, so zwar, daß Schatten zu den
nichtgekannten Dingen gehört.
[Sg.01_013,31] Im Herzen, dem Sitz des
Lebens, bewegt sich alles und treibt die große Maschine; die schönsten,
erhabensten Gefühle der Seligkeit sind dort bleibend, bewegen sich aus und ein.
Alles kennt Meine Liebe und Meine Huld und weiß, warum sie da und was ihre
Aufgaben sind, und besonders der kleine anregende Bewegungsnerv desselben ist
auch der Ort, wo nicht fern davon euer Sonnensystem seinen Platz hat.
[Sg.01_013,32] Alle Organe, selbst diejenigen
der Ausscheidungen und Ausleerungen, so wie die zeugenden, den männlichen
gleichkommend, sind dort zu den nämlichen Zwecken bestimmt, zu welchen
Funktionen sie auch im menschlichen Körper da sind; sie gehören zum Ausscheiden
des Verbrauchten und müssen ebensogut vorhanden sein wie diejenigen zum
Einsaugen, soll eine Selbsterhaltung des großen Weltenmenschen bestehen. Die
Analogien der Bewohner dieser unermeßlichen Welten sind ebenfalls so
verschiedenartig wie ihre eigenen Organe selbst. Sie euch begreiflich und
faßbar zu machen, wäre vergebliche Mühe.
[Sg.01_013,33] Seht nur die Erde an, wo ist
hier Anfang, wo ein Ende ihrer Schöpfungen, und so überall. Ein unendlicher
Gott kann ja nur Unendliches schaffen, daher verlange auch du keine
Beschreibung von Weltensonnen, ihrer Größen, ihrer um sie kreisenden Sonnen und
Planeten, deren eine Unzahl ist, ihrer Schwestersonnen mit verschiedenen
Farben, ihrer Einwohner und Geschöpfe, wo kein Schreibmaterial ausreichen
würde, je nur die kleinste Welt zu beschreiben, geschweige jene Welten, wo euer
Licht, als schnellste Bewegung bekannt, doch nur ein langsamer und kurzer Zeit-
und Raummesser wäre.
[Sg.01_013,34] Diese Einzelheiten können nur
mit geistigen Augen erfaßt und mit Geistes-Gedanken gedacht werden. Solange ihr
in dieser irdischen Hülle lebt, ist eine andere Verständigung unmöglich. Dort
im Jenseits, mit gesteigerter Sehkraft des Geistes versehen, werdet ihr
leichter begreifen, was hier zu erklären Ich Selbst nicht imstande bin. –
Soviel kann Ich dir und euch allen nur sagen, daß überall, wo euer Auge oder
Gedanke nur hinreichen würde, die menschliche Gestalt als einzig allein
herrschende Form festgestellt worden ist; daß diese aber in Hinsicht der Größe
und Farbe gemäß den entsprechenden Welten natürlich auch anders sein muß, das
versteht sich von selbst. Überall aber ist Meine Liebe und Meine Gnade tätig
gewesen, den Geschöpfen, welche Ich ins Leben gerufen, die größtmöglichste
Seligkeit zu bereiten, deren sie auf ihrem Standpunkte fähig sind, und welche
Seligkeit dann von Stufe zu Stufe vermehrt wird, bis die letzte, Mein Kind zu
werden, alles Mühen und Ringen mit Meiner Nähe krönt.
[Sg.01_013,35] Gemäß allem diesen möget ihr
begreifen, zu was Ich euch auserkoren und zu welch großer Mission und
Befähigung Ich euch den Weg geöffnet habe.
[Sg.01_013,36] Millionen von Wesen entbehren
dieser Gnade, die ihr in vollstem Maße genießt, und während diese große Anzahl
geschaffener Wesen Mich nur durch Meine Werke oder durch Lehrer kennt, die Ich
in ihre Gefilde sende, um sie zu leiten und zu führen, lasse Ich Mich hier auf eurer
kleinen Erde so weit herab, um euch mit eignem Munde, vermittels Meiner
Schreiber, Brot aus den Himmeln zu geben.
[Sg.01_013,37] Bedenket doch einmal, was das
sagen will! Denket an die All-Größe Meiner Schöpfung, an Meine eigene Macht und
Zusage, und vergleicht eure Winzigkeit, und ihr müßt zusammensinken in ein
Nichts vor der Gnade, die Ich euch angedeihen lasse, wo ihr wirklich ausrufen
sollt: „Vater und Herr! was bin ich, daß Du meiner gedenkest!“ – Und wenn ihr
erst bedenkt die Opfer, die Ich für euch brachte, um euch zu dem zu machen, was
ihr in bezug auf den Nervenkomplex des Weltenherzens selbst sein sollet; das
heißt: die bewegende allgemeine Triebfeder Meiner ganzen materiellen Schöpfung!
[Sg.01_013,38] Nachdem im menschlichen Körper
auch nicht das kleinste Zellgewebe oder Kapillargefäß umsonst vorhanden ist, da
alles nur zur Erhaltung des Ganzen in seiner Weise beitragen muß, so ist auch
im großen Weltenmenschen nicht die kleinste Faser des menschlichen Körpers
vergessen und alles findet sich dort entsprechend nachgebildet vor; nur müßt
ihr euch die Funktionen des Weltenmenschen nicht so denken wie die eures
Körpers, sondern in analogen Entsprechungen, wo ganze Sonnensysteme in bezug
auf ihre Stellung, Beschaffenheit und Anzahl genau das ausdrücken und
vollführen, was ein oder das andere Organ im menschlichen Körper ebenfalls in
bezug auf das Ganze zu tun hat. – So ist zum Beispiel die Milz die elektrische
Batterie oder der Feuerherd, wo das Blut nach seinem kleinen Umlauf wieder neu
belebt wird. Also ist im Großen Schöpfungsmenschen das entsprechende große
Sonnen-All mit seinen tausend und tausend Sonnen und Planeten auch nichts
anderes als der große Lebensverteiler an viele andere ihm nahe stehende und von
ihm abhängende Welten, welche dann ebenfalls wieder, mit mehr als
verbrauchbarer Kraft und Licht begabt, es wieder ausstrahlend, durch Millionen
weite Lichträume an andere Sonnen und Welten ihr Überflüssiges verteilen. Diese
verarbeiten dann, gemäß ihrer Stellung zum Ganzen, das für sie Taugliche und
geben ebenfalls wieder durch ihre magnetisch-elektrische Ausströmung den Impuls
zu tausenderlei verschiedenen Prozessen und so fort, bis alles seinen Kreislauf
durchgemacht und das Verbrauchte mittels der Ausscheidungs-Organe dem Äther
wieder zurückgegeben wird.
[Sg.01_013,39] Dieses ist der
Erhaltungsprozeß des großen Weltenmenschen, der durch seine schnelle Bewegung
im unendlichen Raum vermittels der Reibung, die seine eigene Bewegung
verursacht, die im Äther liegenden Lebens-Elemente erweckt und sie dann durch
seine Billionen und Billionen von Aufsaugungs-Organen, wie bei der menschlichen
Haut durch die Poren, den inneren Organen zum weiteren Gebrauch und zu seinem
eigenen ferneren Bestand übergibt.
[Sg.01_013,40] Sieh nun, Mein lieber Sohn, so
lebenerweckend und lebengebend flieht unser Großer Schöpfungsmensch im
unendlichen Raum ohne Grenzen Äonen und Äonen von Zeiträumen fort, bis er auch
sich innerlich und äußerlich abgenutzt hat und seinem Verfall entgegengeht. Und
was mit dem menschlichen Körper nach seinem Tode geschieht, das geht auch dort
vor sich. Auch er (der Weltenmensch) wird aufgelöst werden in andere Elemente;
andere Produkte werden sich aus seinen Überbleibseln bilden, die wieder, wie es
bei den verwesenden menschlichen Körpern der Fall ist, zu neuen Schöpfungen
leiten werden.
[Sg.01_013,41] Die Materie, aus der er
geschaffen ist, wird sich scheiden lassen müssen. Das Geistige wird geistige
und das Materielle materielle Verbindungen eingehen, wo jedes für sich, den Bau
zur ferneren Selbsterhaltung in sich tragend, dann von neuem einen großen Kreis
der Entwicklung antreten und sich wieder unter der Form des menschlichen
Körpers organisieren wird, nur mit dem Unterschied, daß wie im menschlichen
Körper die irdischen Organe zu ihren künftigen geistigen sich verhalten, so
auch im großen Weltenmenschen dieselben in geistigen Entsprechungen vertreten
sind. –
[Sg.01_013,42] So geht dann aus dem
Zusammensturz des jetzigen großen Weltenmenschen ein anderer hervor, der, aus
feineren geistigen Elementen zusammengesetzt, wieder ein großer Weltenmensch
sein wird; aber alles darin, seine Bewohner und sonst lebende Wesen, mehr
geistiger Natur.
[Sg.01_013,43] Dasjenige, was im Körper des
Menschen die in ihm gebundene Seele und der Geist waren als Leiter des Ganzen,
das wird im großen Weltenmenschen der Trieb sein, der alles Geschaffene seiner
Erlösung und alles Geistige seiner Vergeistigung entgegentreibt.
[Sg.01_013,44] Sieh den großen Weltenmenschen
an, lauter Sonnen bilden sein Inneres; lauter Licht durchströmt als lebendes
Fluidum seine weitgedehnten Räume. Gleich dem Blute im menschlichen Körper
trägt er es überall hin, wo dafür Bedarf ist; entwickelt Wärme, die Wärme
zersetzt, behält das Gedeihliche und stößt das Unnötige aus. Letzteres, getrieben
durch die Kraft der Abstoßung, durchflieht den Raum, vereint sich mit anderem
Verwandten, wird wieder durchdrungen vom beleuchtenden Lichte und gebäret Neues
für andere Sonnenwelten; und so verwandelt sich das Unbrauchbare des einen zum
Segen fürs andere.
[Sg.01_013,45] So geht es fort in unendlichen
Zeiträumen, wo Millionen von Jahren ein kleinster Zeitabschnitt ist; stets
erneuernd, stets bildend, stets zerstörend; und aus allem diesem Regen, Bilden
und Zerstören entwickelt sich das in der Materie gebundene Geistige zu höheren
Stufen. Stets höher und höher verfeinert es sich von Potenz zu Potenz, wird
reiner, geistiger, göttlicher, bis es als göttlich Geistiges in den noch
größeren Geist-Weltenmenschen übergehen und dort seine Verwendung vorerst auf
der untersten Stufe finden kann, wovon dann eine noch höhere Stufenleiter
beginnt, die aufwärts und aufwärts steigt – bis zu Mir, zu Meinem Reich, zu
Meinen Himmeln der höchsten geistigen Ruhe und der höchsten ewigen Seligkeit.
[Sg.01_013,46] Daß dieses Streben der in der
Materie gebundenen geistigen Macht fortgeht, bis alles entbunden ist, und so
wie beim Menschen die Knochen mit der Zeit vom flexiblen, elastischen Knorpel
zum starren Kalk übergehen, ähnlich auch in dem großen Weltenmenschen, bis die
den menschlichen Organen entsprechenden Weltensysteme sich ausgelebt haben,
alles Lebende, Tätige, für Licht und Wärme Aufnahmefähige entflohen und nur das
gleichsam zum harten Stein Gewordene übriggeblieben ist.
[Sg.01_013,47] Wenn nach unendlichen
Zeiträumen dieser Fall eingetreten sein wird, dann hat der Organismus aufgehört
zu sein; die Reproduktionskraft der Lunge, die galligen Ausscheidungen der
Leber, die Ausscheidungen des Verbrauchten, die Zeugung neuer Welten, alles hat
seinen Ruhestand erreicht, die Poren der dichten Ätherhaut des großen
Weltenmenschen stehen offen, der Äther dringt ein und zieht wieder
unverrichtetersache auf der entgegengesetzten Seite hinaus, kein Organ saugt
seine Elemente auf, kein Licht verzehrt gierig seine Leben bringenden Substanzen,
starr prallt es ab von den verkalkten Wänden der Sonnen und Welten, das Leben
ist entflohen und hat sich geborgen in höheren geistigeren Räumen, wo der Tod
nie geherrscht und nur ewiges Licht, ewige Liebe und ewiges Leben seinen Sitz
aufgeschlagen hat.
[Sg.01_013,48] Wenn dieser Zustand
eingetreten ist, dann wird durch Mein mächtiges Wollen der große Weltenmensch
aufgelöst; er geht wie der menschliche Körper seiner Verwandlung entgegen, und
aus dem starren, verkalkten, leblosen Gestein geht wieder, wie der Phönix nach
einer alten weltlichen Sage, eine neue, schönere, geistigere Welt hervor, die
alles enthält, was der frühere Weltenmensch besaß, all seine Organe, alle seine
Funktionen, nur feiner, geistiger. Ein neues stufenweises Schaffen beginnt,
Leben und Wärme strömt wieder in den neu sich lebendig bewußten Weltenmenschen
ein; die Sonnen leuchten, die Erden kreisen wieder freudig in ihrem
fruchtbringenden Wirbeltanze um sie, und neue Wesen, neue Kreaturen mit
ebenfalls geistigeren Leibern angetan, beginnen ihren neuen Lebenslauf, wo dann
der Tod und die Zerstörung nicht mehr als notwendiges Grundprinzip festgestellt
als eine Unterlage zu einer neuen Schöpfung dienen muß, wo dann nur ein sanfter
Übergang von einer Stufe zur andern das Vorwärtsschreiten bezeichnet, wo das
Materielle aufhört und die geistige Welt ihren Anfang genommen hat.
[Sg.01_013,49] Dort beginnt das Leben im
großen Geistes-Menschen, dort bewegt sich der frühere, jetzt vergeistigte
Weltenmensch um Meine im tiefsten Hintergrunde leuchtende Zentralsonne, oder
das Herz der ganzen geistigen Welt; saugt nun nicht in sich Ätherisches,
sondern Geistiges durch seine neutätige Überzugs-Haut ein, vergeistigt so sein
Inneres, welches dann wieder nach und nach sich auflöst in seiner
Individualität entsprechende Organe des geistigen übergroßen Weltenmenschen.
[Sg.01_013,50] Wie nun der materielle
Weltenmensch so im Äther seine Bahn durchfliegt, nach Vergeistigung ringend, so
gibt es ätherische, in geistiger Entsprechung, Millionen und Millionen, die alle
ähnliche Prozesse in höhere Stufen durchgemacht und noch fortwährend
durchmachend und vergeistigt wieder einzelne Organe des großen Geistes-Menschen
bilden, der ebenfalls in den weiten unendlichen Räumen sich fortbewegend, aus
dem ihn umgebenden feineren, geistigeren Äther seine eigenen Lebensprinzipien
zur Selbsterhaltung aufsaugt und so ein ewiges Fortschreiten, ein ewiges
Verwandeln, Neuschaffen und Neubeglücken der auf solchen Welten lebenden
Geister begründet und erhält.
[Sg.01_013,51] Im Geistesmenschen ist der
Lebenszweck aller geschaffenen Geister, die Minderfähigen zu führen, sie zu
leiten, ihre Wohnorte zu vervollkommnen und so ihre Welten und ihre Seelen Mir
näher und näher zu führen. Und nachdem in dem geistigen Weltenmenschen das
Schaffen und Erziehen nie ein Ende nimmt, so ist auch der Tätigkeit aller
Geister dort kein Ziel gesetzt, sie können und müssen stets arbeiten, teils an
ihrem eigenen, teils an dem Ich anderer Wesen, und so Meine Pläne erfüllen
helfen. –
[Sg.01_013,52] Und sieh, als Ich diese große
Geisterwelt mit ihrer unermeßlichen Ausdehnung erschuf, als Ich den Geistern in
jener Zeit diese großen Vollmachten erteilte, da stellte ich den größten Geist,
geboren aus Mir, wie Weisheit aus Liebe, wie Eigen- zur Nächstenliebe, aus Mir hin
in die weite Schöpfung; übertrug ihm alle Geisterwelten, befähigte ihn zu
wirken und zu schaffen, gab ihm den Namen „Lichtträger oder Satana“ in der
himmlischen Sphärensprache. Und er, seiner ungeheuren Gewalt sich bewußt,
übernahm sich, seine Eigenliebe verblendete ihn, und er verleitete Millionen
von Geistern zum Abfall und wurde so mit ihnen Mein ärgster Gegner. Sein
sanftes Licht der Liebe rötete sich zum Zornfeuer, und so ist er samt seinen
mit ihm abgefallenen Geistern derjenige, welcher nach Meiner Macht trachtet,
Mir Meine Liebe, Gnade und Huld gegen alles Erschaffene in Zorn und Haß
verwandeln möchte und jeden auflösenden Hauch Meiner Liebe mit Spott und Hohn
daniedertritt.
[Sg.01_013,53] So ward er aus dem großen
Reich des Geistes-Menschen, aus Meinem Himmelreich verbannt, oder anders
gesagt, er verbannte sich selbst daraus, weil ihm die dort herrschende
Friedens- und Liebeluft nicht behagte; er floh weit hinaus in die ewige
Unendlichkeit. Und damit auch er, obwohl Gegensatz von Mir, doch nur Meinen
Zweck erfüllen muß, so erschuf Ich eine materielle Welt aus seinen und seiner
Geister Substanzen, kleidete ihn und die Seinigen dort in die Materie ein, um,
wenn auch nicht ganz, doch dann in kleine Parzellen aufgelöst, sich zu Mir
zurückbegeben zu können.
[Sg.01_013,54] Dieses ist das
Auflösungsgesetz der Materie, welche gezwungen nach und nach hergeben muß, was
freiwillig sich nicht Meinem Willen fügen wollte. Und so ist Satan selbst mit
dem, was ihm nach seiner Materialisierung geblieben, auf und in der Erde
gebannt, als dem Wohnort, wo gerade Ich schon vor Äonen und Äonen Jahren
bestimmt hatte, das große Demütigungs- und Erlösungswerk für alle Menschen und
Geister zu vollbringen. – Und eben dort, wo Ich den meisten Segen und die
größten Gnaden spenden und von da verbreiten will, auch er die größte Macht
haben soll, Meine einst zu werdenden Kinder zu verführen, soviel es ihm
möglich, damit gerade aus diesem Kampf, gegen und mit ihm, die herrlichsten
Blumen und Geister für Mein Reich hervorgehen, und er so, statt Mir zum Trotz
arbeitend, Meinen Kindern zum größten Sieg, zur größten Seligkeit verhelfen
muß.
[Sg.01_013,55] So muß Satan, frei wie Ich ihn
schuf, doch nur Mir und nicht seinen Plänen in die Hand arbeiten und den großen
Prozeß der Vergeistigung alles Materiellen befördern helfen.
[Sg.01_013,56] In dem geistigen großen
Schöpfungsmenschen lebt und webt stets das große Organisieren und Schaffen
fort, dort leben die Geister ebenfalls wie in dem materiellen Weltenmenschen
gemäß den Organen des menschlichen Körpers in den den Organen entsprechenden
Himmeln; dort ist alles anders als im Weltenmenschen. Was in ihm in Form der
Materie ausgedrückt ist, lebt und besteht dort im Geistigen; dort ist die
gröbste Materie Licht und die feinste Geist.
[Sg.01_013,57] Wie beim Weltenmenschen sein
Auge, ein großer Sonnen- und Weltenkomplex elektrisch leuchtend weit in den
Äther hinaus seine Strahlen sendet, um von dort den Lebensstoff für die
Kopfnerven oder die geistigen Weisheits-Welten einzusaugen, so ist das geistige
Auge des großen Geistesmenschen das Liebe-leuchtende, welches die zartesten
Elemente aus dem unendlichen Gnadenlichte in sich aufnimmt, um sie seinem
großen Gehirn-Nerven-System oder Weisheits-Himmel zu übermachen, wo die
Schöpfung, ihr Entstehen, ihr Zweck und Mein Wille von allen Geistern und
Weisheitsengeln wohl verstanden wird. Ebenso verrichtet jedes andere Organ des
Geistesmenschen seine ihm angewiesene Bestimmung, und die dort lebenden Geister
haben demgemäß ihren Beruf und ihre Seligkeit in ihm.
[Sg.01_013,58] In Meinem
Geist-Schöpfungsmenschen sind Liebe und Weisheit die Hauptsubstanz, wie beim
Menschen das Blut und die Luft und beim Weltenmenschen das Licht und die Wärme.
[Sg.01_013,59] Die Liebe ist der erste
Bewegungs-Faktor im geistigen Leben, sie begleitend – die Weisheit. Liebe regt
an, Weisheit erläutert – im Weltenmenschen das Licht, und Wärme dehnt aus. Oder
im menschlichen Körper – das Herzblut belebt, und im kleinen Blutumlauf der
Leber scheidet es die Galle aus, die dann als erregendes Prinzip wieder den
Scheidungs-Prozeß in der Verdauung bewirkt, wie im Weltenmenschen die
zersetzende Wärme und im Geistes-Menschen die erläuternde Weisheit.
[Sg.01_013,60] Wer dann dem einen oder dem
andern allein huldigt, verfehlt seine Mission. Liebe allein ist vernichtend und
die bis an Meine Grenzen reichen wollende Weisheit ebenfalls; Licht
(intensives) ist blendend und Wärme zündend. Blutumlauf ohne Austausch der
abgelebten Elemente mit neuen hat keinen Zweck, wie die Galle ohne dem
Verdauungs-Prozeß dienend ebenfalls.
[Sg.01_013,61] So sind Meine
Grundeigenschaften überall vertreten, und selbst bei Meinem Daniedersteigen auf
eure Erde, wo Ich das größte Werk für die Materie- und Geister-Welt vollführte,
trennte sich einige Augenblicke Meine Liebe von der Weisheit; letztere stieg zu
euch hernieder und lehrte euch die erstere kennen und besiegelte ihre Lehre und
deren Richtigkeit, daß Liebe ohne Weisheit und Weisheit ohne Liebe nicht
bestehen kann, mit dem größten Demütigungs-Akt, den ein Gott vollziehen konnte.
[Sg.01_013,62] Durch diesen großen Akt der
Demütigung von Meiner Seite wurde der ganzen Geisterwelt der rechte Maßstab
ihrer Aufopferungen und Verleugnungen erst klargemacht, wurde allen Geistern
der Weg zu Mir geöffnet; und seit jener Zeit belebt sie alle ein anderer Geist
als vorher, nämlich nicht die Furcht vor Meiner Macht, sondern die Liebe zu
Meinem Ich; früher sahen sie den Herrn in Mir und jetzt nur den Vater! – –
[Sg.01_013,63] Meine ganze Schöpfung strahlt
seit diesem Akt in schönerem Licht als früher. Verehrende, anbetende Geister
fielen einst vor Meinem Throne aus Ehrfurcht nieder und beteten stumm Meine
Größe an; jetzt drängt sich alles jubelnd zu Mir, dem Vater, der jetzt auch die
ganze Seligkeit Seiner Schöpfung doppelt fühlt – Er fühlt sie als mächtiger
Schöpfer und Herr und fühlt sie, indem Er Sein eigenes Gefühl in dem Herzen
Seiner Kinder sich dankbar abspiegeln sieht.
[Sg.01_013,64] So (und dadurch) ist die ganze
Welten- und Geistesschöpfung erst ein wahres Triumphlied für Mein Herz
geworden. Auch Ich kam jetzt nicht umsonst, auch Ich habe Mir für Meine Liebe
Organe geschaffen, in denen Mein Streben und Wirken den Widerhall Meiner Freude
im ewigen Danklied Meiner Kinder wieder zurückerhält.
[Sg.01_013,65] So hat diese Schöpfung ihren
unendlich ewigen Zweck; ewig sich erneuernd, bereitet sie Mir und den Meinigen
ein ewiges Glück und eine fortdauernde Seligkeit.
[Sg.01_013,66] Ein ewiges Glück für Meine
Kinder; denn sie finden Stoff zur Tätigkeit, Stoff zur Bewunderung und Stoff
zur Anbetung; und Ich Selbst finde Stoff zu nie endender Vaterliebe, Stoff zu
neuer Befriedigung, Meine Pläne und Zwecke erfüllt zu sehen, und Stoff zum
weiteren Schaffen und zum ewigen Beglücken Meiner Kinder.
[Sg.01_013,67] Die Liebe als Licht, wie das
Blut im menschlichen Körper, durchzieht die Adern des geistigen und materiellen
Weltenmenschen, wie den menschlichen Körper, überall Heil, Segen und Leben
verbreitend; die Weisheit erleuchtet Meine Wunder dem forschenden Geist; die
Wärme erregt die ruhende Materie, sie zur Verwandlung anreizend, die Galle
zündet im Magenbrei und scheidet Gutes vom Schlechten. So ist überall der
nämliche Wechsel, das nämliche Regen und das nämliche Streben.
[Sg.01_013,68] Was Meine höchsten Engel und
Geister vergeistigt im großen Geistesmenschen klar vor sich sehen, das ahnen
die Sonnen- und Weltenbewohner des materiellen Weltenmenschen und suchen die
Forschenden in der Materie.
[Sg.01_013,69] Dort oben, wo der Tod seinen Grenzstein
im ewigen Licht-, Liebe- und Geister-Reich hat, ist Seligkeit, ist ewiger
Austausch alles Geschaffenen und Gefühlten; dort herrscht nur Liebe mit
Weisheit gepaart, dort leben Meine Kinder erst das Wonneleben, welches allen
versprochen und bereitet ist, die nach Meinen Lehren und Meinem Beispiele
leben.
[Sg.01_013,70] Im Weltenmenschen sind
zahllose Menschen und Geister, die der Erlösung harren; sie alle gehen dem
Verwandlungs-Prozeß zum Geisterreich entgegen, aber nur langsam. Kein Wesen,
auf welchen Welten oder Sonnen es auch lebe, kann sich rühmen, diesen Vorteil
zu haben wie ihr, ihr winzigen Bewohner dieser Erde, dieses kleinen Sandkorns
im Universum.
[Sg.01_013,71] Auf keinem dieser großen
Körper bin Ich persönlich gewesen, wie gerade auf eurer Erde, überall zeigte
Ich Mich nur manchmal als Herr und Schöpfer, Meine Geschöpfe leitend oder durch
Meine Geister belehren lassend. Nur hier auf diesem nichtigen Klumpen
gefesteter, bösester Materie, dem Verbannungsort Meines größten Gegners,
vollbrachte ich die Tat Meiner größten Erniedrigung – und eurer größten
Erhöhung.
[Sg.01_013,72] O bedenket doch diesen
Schritt! Vergleichet euch mit allen übrigen im weiten Schöpfungsraume lebenden
Wesen, vergleichet euch mit den im Geistes-Menschen Lebenden; welcher Vorzug
ist euch gegeben durch diesen Schritt von Mir; und jetzt durch die Gnade der
direkten Mitteilung, wo Ich euch alles aufdecke, Meine Schöpfung euch klarmache
und euch hineinschauen lasse in die bisher von niemandem, auch nicht den
höchsten Engeln enthüllten Geheimnisse Meiner Macht und Meiner Liebe.
[Sg.01_013,73] Und wie benehmt ihr euch
dagegen! Wie kalt, wie herzlos, bloß aus Neugierde zum Teil getrieben, haschet
ihr nach neuen Mitteilungen und vergeßt dabei, daß jedes Wort aus Meinem Munde
ein Strom geistigen Lichtes ist, das weit über alle denkbaren Entfernungen
hinaus aus dem Zentrum Meiner Himmel, aus dem Zentrum Meines Herzens und Meiner
väterlichen Liebe zu euch kommt, um euch zu erleuchten, zu erwärmen und euch
Mir näher zu ziehen.
[Sg.01_013,74] Begreifet doch einmal, wie es
Meinem Vaterherzen wohltut, wenn Ich sehe, daß Meine Worte so verstanden
werden, wie Ich sie euch gebe, wenn Ich sehe, wie Mein großer geistiger Himmel
sich in euren Herzen abspiegelt, wenn Ich sehe, daß alle Meine Worte, alle
Meine materiellen und geistigen Schöpfungen von euch begriffen oder doch
wenigstens geahnt werden.
[Sg.01_013,75] Für wen erschuf Ich denn diese
zahllosen Wunder, diese zahllosen Licht- und Wärmeträger, die großen Welten und
Sonnen; für wen erschuf Ich Meine Geisterhimmel mit all ihren nie versiegenden
Freuden, wo eine Minute Äonen Zeitalter des Genusses auf andern Sonnen und
Welten aufhebt. Für wen erschuf Ich alles dieses, alles, was wieder in
bildlicher Form Mein eigenes Ich ausdrückt, damit ihr auch bildlich Den sehen
und erkennen sollet, der euch alle ans Vaterherz drücken möchte; für wen
erschuf Ich denn alles dieses, leite und führe es, legte in alles den Trieb der
Selbsterhaltung, damit ja nichts vergehe, was Meinen Kindern einst Freude machen
könnte oder beim Anblick ihnen eine Freuden- oder Dankesträne ausgepreßt hätte!
Für wen anders erschuf ich es als nur für euch, die Ich durch Meine größte
Erniedrigung erkaufte, erlöste, und erhoben habe.
[Sg.01_013,76] O bedenket doch alles dieses!
bedenket, wenn ihr die unermeßlichen Schöpfungen und den unendlichen Raum in
Gedanken durchfliegt; bedenket, Der, welcher alles dieses schuf, Der ist es,
welcher nichts zum Ersatz will als nur eure Liebe, als nur die Liebe Seines
Kindes zu Ihm, dem Vater!
[Sg.01_013,77] Wo ist ein Vater auf eurer
Erde, der solch einer Aufopferung fähig wäre, wie Ich sie euch bewiesen habe? –
und was verlange Ich?
[Sg.01_013,78] In zwei Gesetzen habe Ich es
mit großer Flammenschrift auf die Schöpfungstafeln Meines Himmels- und
Welten-Reiches geschrieben:
[Sg.01_013,79] „Liebet – Gott über alles! und
den Nächsten wie euch selbst.“
[Sg.01_013,80] Da habt ihr der vielen Worte
kurzen, aber großen Sinn. Vollführet diese beiden Liebes-Gebote eures Vaters im
Himmel, und Er wird euch dafür Seligkeiten bereiten, die keines Menschen Auge
je gesehen und keine Menschenbrust je gefühlt hat.
[Sg.01_013,81] Hier habt ihr dieses langen
Wortes kurze Deutung. Die Erschaffung des großen Weltenmenschen, die
Erschaffung des großen Geistesmenschen, alles dieses stürzete in ein Chaos
zusammen, wäre ohne Zweck und Grund, würde die Liebe mangeln.
[Sg.01_013,82] Liebe, Licht und Leben, drei
lebendige Worte Meiner Schöpfung; beherziget sie wohl! Ohne Liebe – kein Licht,
und ohne Licht keine Wärme!
[Sg.01_013,83] Wo in eurem Taten-Leben diese
drei Worte nicht gegründet sind, ist Haß, Finsternis und Tod!
[Sg.01_013,84] Liebet Mich! – erleuchtet euer
Herz! und erwärmet eure Nächsten! und die ganze Schöpfung jubelt euch entgegen;
denn ihr habt mit diesen das Vaterherz besiegt, habt euch zu Seinen Kindern
erhoben und dem Himmel Gewalt angetan!
[Sg.01_013,85] Dieses bedenkt, und erkennet
einmal ganz die Wichtigkeit Meiner Mitteilungen! Amen.
14. Kapitel – Das Ei.
12. April 1871
[Sg.01_014,01] Hier, Meine Kinder, will Ich
euch jetzt wieder zeigen, wie in einer einzigen Form eines Gegenstandes weit
mehr Geistiges liegt, und wie der Inhalt dieses oben genannten Eies mit Meinen
anderen Schöpfungen geistig verwandt ist, und auch, könntet ihr die Sprache des
Geistes verstehen, es weit mehr euch sagen würde, als was die Gelehrten und
Chemiker bis jetzt aus demselben herausgebracht haben.
[Sg.01_014,02] Nun, wir wollen mit seiner
Form anfangen und diese ein wenig näher betrachten, damit ihr dort schon ein
Licht aufgehen sehen möget, welches weit über den sichtbaren Horizont eures
Gesichtskreises hinausreicht und bis ins tiefste Seelenleben hinabführt.
[Sg.01_014,03] Sehet, das Ei ist in der Form
eines länglichen, plattgedrückten Kreises euch bekannt, welche Form bei den verschiedenen
Gattungen der Eier mehr gewölbt oder mehr spitz ist.
[Sg.01_014,04] Diese Form des Eies kommt
einer euch bekannten mathematischen Linie nahe, und ihr kennet sie unter dem
Namen Ellipse oder Ovale. Nun, diese Linie, die ihr auch, wenigstens wer etwas
mehr in die Gesetze der Rechenkunst (Mathematik) eingedrungen ist, berechnen
könnt, deren genaue Konstruktion ihr kennt, von der es euch auch bekannt ist,
daß in dieser Form Welten um Welten, Sonnen um Sonnen kreisen, was ihr von
Astronomen und Mathematikern vernommen habt, so muß Ich euch sagen, ihr wisset
dennoch die eigentliche Bedeutung, nämlich die geistige dieser Form nicht!
[Sg.01_014,05] Nun sehet, wenn ihr euch die
Unendlichkeit sinnbildlich vorstellen wollt, so wählet ihr gewöhnlich die Form
eines Kreises als Sinnbild dafür; also ein Kreis, ein körperlicher Ring oder
eine Kugel wäre nach euren Begriffen dem der Unendlichkeit nahe, weil da
nirgends ein Anfang, nirgends ein eigentliches Ende ist.
[Sg.01_014,06] Soviel nach menschlichen
Begriffen. Aber nach Geisterbegriffen oder nach Meinen Begriffen ist die
Unendlichkeit nicht im mindesten mit dem Kreise ausgedrückt, und das einfach
deswegen, weil in einem Kreise sowohl als in einem Ring oder in einer Kugel
alle Teile der Außenseite von ihrem Mittelpunkt gleich weit abstehen, was in
geistiger Hinsicht nicht der Fall ist, wo Ich der Mittelpunkt und die geistige
und materielle Welt, die Mich umgibt, nicht überall gleich weit von Mir
entfernt ist, sondern stufenweise je nach der Entwicklung der geistigen
Elemente das eine mehr, das andere weniger in Meine Nähe zu stehen kommt, daher
eine Ellipse oder ein Oval eher den geistigen Begriff einer Unendlichkeit und
des ganzen Universums bezeichnet.
[Sg.01_014,07] Die Oval-Linie hat auch kein
Ende, nur ist der Unterschied, daß das Oval als Linie oder Körper zwei
mathematische Kreis-Zentral-Punkte und einen Mittelpunkt hat, der aber nicht
von allen Seiten gleich absteht, sondern von den längeren weniger und von den
kürzeren mehr.
[Sg.01_014,08] Nun, um euch diese Figur oder
Form geistig zu erklären, will Ich euch sagen, daß in der ersten
Schöpfungsperiode der Geister- und Materie-Welt die Geister weit von Mir in die
Unendlichkeit hinausgestellt waren, um nicht durch Meinen Einfluß gezwungen so
handeln zu müssen, wie Ich es wollte; sie mußten frei ohne die mindeste
Abhängigkeit sein.
[Sg.01_014,09] Sobald aber das Bewußtsein in
ihnen aufzuwachen begann, sobald der Streit zwischen freiem Willen und Gehorsam
sich zeigte, da formte sich sodann das nämliche, was bei einem materiellen
Gegenstand geschieht, auf den zwei an Kraft verschiedene Faktoren zu gleicher
Zeit einwirken, das heißt, die Stellung der Geister um ihr Zentrum, um Mich
herum, richtete sich nach der Größe der Einwirkung dieser zwei Kräfte; wie bei
einem Körper nach den Naturgesetzen, wo dieser von der einen Kraft angezogen
und von der andern fortgerissen wird, weder der einen noch der andern ganz
folgend, er den Mittelweg zwischen Fortbewegung und Kreisbewegung einschlägt,
welcher Weg endlich nicht der Kreis, wohl aber der Ovalform oder der Ellipse
ähnlich ist.
[Sg.01_014,10] So war auch die Stellung der
Geister zu Mir gemäß ihres mehr oder wenigeren Gehorsams und Freilebens in einer
ellipsenartigen Form ausgedrückt, wo Ich nicht im Zentrum stand, sondern in
einem der, wie ihr sagt, Brennpunkte, von wo Ich die Geisterwelten in die
Unendlichkeit hinausgesetzt habe, welche dann nach und nach sich Mir nähernd zu
Mir wieder zurückkehren, geistig beinahe der Form eines Eies entsprechen, wo
der entfernte Kreis der größere und der Mir nähere der kleinere ist.
[Sg.01_014,11] Eure Astronomen bezeichnen
zwar die Planeten- und teilweise auch die Kometenbahnen in der Form der
Ellipse; allein diese Bahnen sind mehr der Form eines Eies ähnlich; wie auch
die Planeten, je weiter von ihrem Zentrum entfernt, langsamer und in der Nähe
der Sonne geschwinder ihre Bahn durchlaufen, schneller sich um ihre
Beherrscherin und Mutter bewegen müssen.
[Sg.01_014,12] Diese Form des Eies ist eine
der Haupt- und Primärformen Meiner Schöpfung; überall ist sie ausgedrückt, im
Mineral-, Pflanzen- und Tier-Reich.
[Sg.01_014,13] Überall ist der Grund des
Anziehungsprinzips darin verborgen, welches die gröberen Teile mehr anzieht und
die leichteren sich weiter von sich entfernen läßt.
[Sg.01_014,14] Selbst die Formen der Welten,
Sonnen und Planeten formten sich nach diesem Prinzip; eine Kugel im reinsten
Sinne gibt es nirgends, nur Ovale in verschiedenen Gestalten; und wenn auch
andere Formen in der materiellen Welt vorkommen, so sind ihre kleinsten Atome,
aus denen sie zusammengesetzt sind, doch wieder nur Ovale oder Ellipsen, und
warum?
[Sg.01_014,15] Weil eben diese Form Meiner
Schöpfungs-Idee entspricht und, geistig in Meinem Ich selbst begründet, als
Typus von Mir allen Produkten und Wesen eingeprägt ist.
[Sg.01_014,16] Als Typus von Mir ist die
Ovalform, nämlich geistig, so verstanden, wie die Unendlichkeit als Mein
zweites Ich es verkörpert oder plastisch ausdrückt in einem Zentrum, und wo das
zweite Zentrum oder der zweite Brennpunkt des geistigen Ovals weiter entfernt
von Mir zwar keine so große Anziehungskraft auszuüben imstande ist wie Mein
geistiges Ich, jedoch noch immer Einfluß auf das Werden und Vergehen hat.
[Sg.01_014,17] Dort in seiner Nähe (Satans)
bewegt sich zwar alles wohl um ihn herum, aber statt die Kreisbewegung zu
vollenden, entfernt es sich, und ein unwiderstehlicher Zug zieht es zu Mir, dem
ersten Brennpunkt, um den sich alles scharen möchte.
[Sg.01_014,18] Also in Ellipsen oder
Ovalformen steht die geistig materielle Schöpfung um ihren Schöpfer herum;
diese Form als Typus beibehaltend bildet sich in ihr alles wieder aus dieser
(Ur-)Form, die Pflanzen, ihre Blätter, die Tiere, ihre einzelnen Teile, Knochen
enden und verbinden sich in Ovalen (auch der Querschnitt der Langknochen und
der Zweige und Stengel sind Ovale, und diese Knochen sind somit nur sehr
langgezogene Eiformen), selbst die ganzen Figuren der Tiere und Menschen könnt
ihr geistig in Ellipsenformen einschließen, wo das Herz der eine und die
Zeugungsteile der andere Brennpunkt, oder ersteres geistig, zweites materiell
den Fortpflanzungspunkt bildet, der zum Bestehen des Ganzen notwendig ist.
[Sg.01_014,19] Euer Kopf hat eine Ellipsen-
oder ovale Wölbung, im Innern desselben, wie im Angesicht des Menschen selbst,
ist die schönste Form das Oval. Jede Form, die geistig erhaben oder schön
genannt werden kann, besteht aus Teilen von Ovalen, aber nicht aus Teilen von
Kreisen.
[Sg.01_014,20] Überall leuchtet das
Grundprinzip Meines eigenen Ichs durch, ein Herrscher, umgeben von Seiner
Schöpfung, je nach der moralischen Geistesschwere geordnet, inmitten seines
Universums! Wie da alles sich Mir entgegendrängt, in Meine Nähe zu kommen
strebt, weil dort nur Wonne, Liebe und Seligkeit ist, so ist auch, würdet ihr
alle Ovalformen in der Schöpfung untersuchen können, dort ebenfalls wieder das
nämliche im Größten wie im Kleinsten zu ersehen, nämlich, daß Ich als Gott und
Schöpfer nicht viele Formen brauche, sondern nur eine genügt, aus der Ich dann
Welten und geistige und materielle Weltenmenschen aufbaue, die eben deswegen,
weil sie alle nach einem Prinzip gebaut, auch alle wieder zu dem Gründer und
Erbauer zurückkehren müssen!
[Sg.01_014,21] Das Ei ist die Geburtsstätte
von vielen körperlichen Wesen; alles was lebt, oder doch wenigstens der größte
Teil davon, wird aus dem Ei geboren, welches in seinem Innern ebenfalls wieder
so geformt, gebaut ist wie der große Geistes- und der materielle Welten-Mensch.
Denn von dem Ei eines kleinen Tierchens angefangen, bis zum großen Welten- und
Geistesmenschen besteht das nämliche Prinzip seines Baues, die nämlichen
analogen Elemente und das nämliche Endresultat.
[Sg.01_014,22] Im Ei ist vorerst die harte,
kalkartige Schale, die überall, wo diese Form auftritt, die Außenseite ist,
welche das Innere als getrennt von der ganzen übrigen Schöpfung als ein für
sich Dastehendes bezeichnet und zusammenhält. Diese feste Schale ist die
ätherische Außenseite, die auch den großen Welten- und Geistesmenschen vom
allgemeinen Äther trennt. Alsdann kommt eine feinere Haut, die das Flüssige des
Eies vom Durchdringen und Zersetzen der äußeren Schale abhält. Diese feinere
Haut ist auch im großen Geistes- und Weltenmenschen der feinere Äther, der die
Welten alle umgibt und sich, wie im Ei als Flüssigkeit, im Äther dann als
Atmosphäre der einzelnen Sonnensysteme und der in ihnen kreisenden Sonnen und
Planeten verdichtet.
[Sg.01_014,23] Der Eidotter, wieder durch
eine andere Haut von der übrigen Flüssigkeit getrennt, ist im großen Welten-
und Geistesmenschen die den Welten zu ihrem weiteren Bestehen nötige, nähere,
dichtere Luftschicht, wo sich alles in aufgelöstem Zustand befindet, was dann
durch andere Verbindungen als feste Materie der Erd- und Sonnen-Körper deren
Bestand selbst ausmacht.
[Sg.01_014,24] Inmitten des Eies liegt dann
der eigentliche geistige Feuerpunkt eines ewigen Lebens, der nur durch Wärme
(der Liebe gleich) geweckt, die ihn umgebenden Substanzen zu seinem
verkörperten, individuellen Ich dann aufbaut und so aus dem Ei und seiner
flüssigen und festen Materie das Geschöpf formt, zu dessen Form die Elemente in
ihm selbst lagen.
[Sg.01_014,25] Im Welten- und Geistesmenschen
ist es ebenfalls wieder der innere, mehr dem Herzen gleichkommende geistige
Teil, wo der Trieb zum Aufbau, zur Erhaltung des Bestehenden durch das
Vorhandene, aufsaugend den Äther- und Lichtstoff und ihn verarbeitend, die
Sonnen- und Weltensysteme aufbaut, sie erhält und so sie weiter befördert zur
geistigen Entwicklung, wie im Geistes-Weltenmenschen die entsprechenden Himmel,
wo auch Ich endlich im Zentrum gelagert, um Mich herum die geistigsten,
großartigsten Schöpfungen, Geister und Wesen vereint habe, die alles von außen
Kommende zur Weiterbeförderung reifen, es immer mehr vergeistigend Mir näher
bringen, wo es dann – wie im Weltenmenschen Licht und Äther, hier Geist im
intensivsten Licht, dort durch die Wärme, hier durch die nie versiegende Liebe
– zu neuen, höheren Schöpfungen verbraucht und so Mein höchstes Ideal des Guten
und Schönen entwickelt wird.
[Sg.01_014,26] So sehet ihr im Ei, für euch
ein unansehnlich Ding, die höchste Potenz, Mein Ich, Meine Schöpfung, das
stufenweise Fortschreiten des Geschaffenen, Mein ewiges Neubauen, alles, was
ihr euch nur denken könnt, geistig vertreten.
[Sg.01_014,27] Das Ei drückt euch im Dotter
Meine Liebe, im Eiweiß Mein Geisterreich und in der harten Schale die
materielle Welt aus. Im Zentrum stehe Ich, als Lebens-, Feuer- und Liebe-Kern
alles bewegend, alles der großen Lösung entgegentreibend.
[Sg.01_014,28] Die Mich umgebenden Geister
schließen Meine Himmel von der materiellen Welt ab. Aber auch diese Wand, wie
beim Ei die Kalkschale, wird zerbrochen; das Innere des Eies wird aufgesaugt,
zu einer höheren Geburt verwendet, und aus all den Konglomeraten von
Schöpfungselementen wird, wie ein Phönix unversehrt aus der Flamme, einst Meine
geistige, innerste, aber erhabenste Welt treten, wo alles Geist, Licht und
Wärme oder Weisheit und Liebe ist und ewig so fortbestehen wird.
[Sg.01_014,29] Dorthin drängt sich alles, Ich
bin der Brennpunkt, das Zentrum, der Lebensfunken, der alles belebt, alles
erhält, und wenn er auch Formen ändert, sie doch wieder neu schafft!
[Sg.01_014,30] So sehet ihr im Ei eine ganze
Schöpfung, eine ganze Unendlichkeit und ein geistiges Bild eures Ichs und
Meiner Person Selbst.
[Sg.01_014,31] Auch ihr seid wie das Ei, von
außen mit einer Schale, die einst der Erde angehören wird, von dem übrigen
geistigen Leben getrennt, auch in euch bewegen sich ätherische Flüssigkeiten,
geistig eure guten und schlechten Eigenschaften, und im Zentrum, als geistiges
Triebrad, das pulsierende Herz mit dem ewig nie vergehenden Geistesfunken aus
Mir!
[Sg.01_014,32] Auch dieser Funke wird die
andern geistigen Elemente nach und nach aufsaugen, das Gute behalten und das
Schlechte ausscheiden, wird dann bei Vollreife die Erdschale zersprengen und
als eine geistige Welt im Kleinen, getrennt von der großen, seinen Himmel und
seine Wonne bei Mir, seinem Gründer suchen. –
[Sg.01_014,33] Trachtet also ihr alle, die
ihr so viel Geistiges von Mir erhalten habt, es zu eurem Besten zu verarbeiten;
trachtet diesen inneren Brennpunkt, den Liebefunken aus Mir, Mir einst
wiederzugeben wie Ich ihn euch überlieferte, und ihr werdet im großen Schöpfungs-Ei
auch nicht im weitern Kreise desselben, weit weg von Mir, sondern in den
nächsten an Meinem Herzen den Wohnsitz haben, von wo ihr das ganze Universum
übersehen, begreifen und beurteilen könnt, soweit es einem Geiste möglich ist –
und dann werdet ihr in der Oval- oder Ellipsenform das Urbild der ersten
göttlichen Idee im Großen und an euch selbst, an der Schönheit und Erhabenheit
der Geister und der Geisterwelt ganz verstehen, und es wird euch erst dann
einleuchtend sein, daß nur ein Gott aus so kleinen nichtigen Formen und den
Eigenschaften derselben so Großes schaffen kann, welches am Ende doch nur den
Zweck hat, Seinen Kindern einen Begriff Seiner Größe, Seiner Liebe, Seiner
Sanftmut zu geben, und ihnen zu zeigen, daß Er nicht im Großen allein groß,
sondern gerade im Kleinsten am größten ist! Amen.
15. Kapitel – Der Regen, I.
11. Juni 1876
[Sg.01_015,01] Was ist der Regen? Auf diese
Frage werden viele gleich mit der Antwort fertig sein: „Es ist verdichtete
Dunst-Atmosphäre, die plötzlich zu Wasser verdichtet in Tropfen vom Himmel
herabfällt.“
[Sg.01_015,02] Diese (oberflächliche) Antwort
genügt den meisten, aber vielleicht doch nicht allen; denn wenn sie die Wirkung
des Regens auf Menschen, Tiere und Pflanzen aufmerksam betrachten, so muß ihnen
auffallen, daß das Wasser, das aus den Wolken sich (als Regen) ergießt auf die
Erde, nicht allein der Grund sein kann, warum eben die ganze Natur nebst allen
lebenden Wesen nach einem Regen sich gestärkt und erquickt fühlen und Pflanzen
aller Art dann besser gedeihen.
[Sg.01_015,03] Bei euch gilt die Meinung, daß
Regen ebenso wie destilliertes Wasser die wenigsten Erdelemente enthalte, und
daß nur die durch den Regen erzeugte Feuchtigkeit oder Nässe das Gedeihen der Pflanzenwelt
befördert oder durch das Herabdrücken der Temperatur erfrischend auf Menschen
und Tiere einwirke.
[Sg.01_015,04] Nun sehet, hier will Ich
wieder belehrend auftreten, um diesen altherkömmlichen Sentenzen und
Vorurteilen entgegenzuarbeiten, damit ihr auch hier wieder sehen möget, wie in
den allergewöhnlichsten Dingen – die euch gewöhnlich erscheinen, eben weil sie
euch fast alle Tage vor die Augen treten – doch noch etwas anderes verborgen
ist, was ihr noch nicht wisset, das aber, weil doch zur geistigen Erkenntnis
nötig, ihr mit der Zeit erfahren sollt. So höret also:
[Sg.01_015,05] Es ist wahr, der Regen ist,
wie das Wasser, verdichtete Luft; aber nun frage ich, was ist denn die Luft?
Denn wenn ich weiß, was diese ist, aus was sie besteht, so kann ich stets
annehmen, daß, selbst in anderen Formen auftretend, sie (die Luft) doch immer
der Hauptbestandteil sein wird.
[Sg.01_015,06] Nun, die Luft, so wie sie euch
umgibt, ist ein Dunstkreis oder „die Atmo-Sphäre“, die, wie Ich euch anderswo
gesagt, in aufgelöstem Zustand alles enthält, aus was euer Erdball
zusammengesetzt ist.
[Sg.01_015,07] Ob nun leicht oder schwer,
verdichtet oder gar gefestet, wie zum Beispiel im Eise, so enthält auch diese
Form doch nur stets die nämlichen Bestandteile, welche die Luft selbst auch
innehat.
[Sg.01_015,08] Wenn es also regnet, oder wenn
das Wasser in Form von Tropfen auf die Erde fällt, so bringt es in dieser Form
alle Bestandteile der Erde verdichtet (und gereinigt) wieder (zurück), was als
Dünste von ihr früher in die Luft aufgestiegen war. Nur ist in der Luft ein
Zersetzungsprozeß (mit diesen Dünsten) durch das Sonnenlicht bewerkstelligt
worden, welches die verwesten Elemente von den neu zu bildenden ausschied und
so nur das wieder der Erde zuführt, was zu ihrem und dem Fortbestehen der
darauf lebenden Menschen sowie der Tier- und Pflanzenwelt nötig ist, während
das gröbere Verweste einen längeren Zersetzungsprozeß durchmachen muß, bis es
tauglich wird, der Erde (und ihren Wesen) wieder nützlich zu sein. –
[Sg.01_015,09] Nun ist aber noch ein anderer
Faktor, welcher bei dieser Naturerscheinung, dem Regen nämlich, zu beachten und
welcher eigentlich das Wesentlichste dabei ist.
[Sg.01_015,10] Sehet, wenn ihr den Himmel
betrachtet und die daran schwebenden Wolken, die zwar schon verdichtete Dünste
sind, aber nur in der Wärmeschicht, wo sie gerade schweben, noch nicht bis zur
Wasserform gezwungen als Regen herabfallen, so werdet ihr finden, daß sie in
steter Bewegung und steter Veränderung der Form sind. Denn die Strömungen,
welche im Meere dasselbe bewegen und durch diese Bewegung es vor Fäulnis
bewahren, diese Strömungen sind in dem noch leichteren Element der Luft noch
größer, noch vielfältiger und beständiger, weil es nur einer Erwärmung oder
Abkühlung der Luftschichten bedarf, um das zu erzeugen, was ihr „Winde“ heißet,
welche vom leisesten Zephir bis zum größten Sturmwind nur dadurch entstehen,
weil die abgekühlte oder erwärmte Luftschicht sich mit ihrer Umgebung ins
Gleichgewicht setzen will und zwar nach dem nämlichen Gesetz der Schwere wie
das Wasser, wie selbst die gröbste gebundene Materie.
[Sg.01_015,11] Nun, durch die Winde werden
die in die Luft aufgestiegenen Dünste als Wolken von einem Ort zum andern
getrieben, und so geschieht es, daß das in einer Gegend in Dunstform
aufgestiegene in einer anderen Gegend als Wasser, als Regen herunterfällt und
so Elemente aus einem Breitengrad in andere führt, wo sie in gröberer Form
mangeln, aber in Dunstform dahin gebracht werden können.
[Sg.01_015,12] Aus diesem (nun Gezeigten)
könnt ihr ersehen, wie also der Regen nicht bloß Wasser ist, wie dasjenige,
welches in euren Brunnen oder Flüssen sich findet, sondern daß der Regen als
ein Wasser aus anderen Gegenden auch andere Elemente in sich haben wird als das
eurige, weil dieses aus fremden Elementen zusammengesetzte Wasser auch das
Produkt aus anderen verwesten und verbrauchten Erdstoffen ist, welche zum
Beispiel bei euch gar nicht vorkommen oder, wenn sie da wären, wegen des Klimas
und anderen Gründen nicht in der Ausbildung bestehen würden.
[Sg.01_015,13] Nun gehen wir wieder um einen
Schritt weiter und sagen: Wenn also diese aus der Luft als Regen herabfallenden
Elemente dem Erdreich, wo sie auffallen, fremd sind, warum ist dieses bei euch
und vielen anderen Welten so eingerichtet? – so antworte Ich darauf: Deswegen,
weil eine jede Pflanze, Tier oder Mensch aus seiner Erde und seiner umgebenden
Atmosphäre gewisse Elemente aufsaugt, sie zu seinem Bestande verbraucht, und
wenn es so fortginge, diese am Ende in und um ihn nicht mehr vorhanden sein
würden.
[Sg.01_015,14] So will Ich euch aus euren
wissenschaftlichen Entdeckungen vorführen, wo es bewiesen ist, daß der Mensch
oder das Tier Sauerstoff aus der Luft zu seinem Lebensbedarf einsaugt und als
Verbrauchtes, für ihn gänzlich Unnützes, Kohlenstoff aushaucht, während die
Pflanzenwelt bei Tage Kohlenstoff in sich aufnimmt und bei Nachtzeit den
Sauerstoff wieder neu bereitet ausstößt; ferner wisset ihr, daß diese
ausgehauchte Luft von lebenden Wesen für sie keine Elemente mehr enthält,
welche ihnen nützlich wären, und der Tod die Folge davon sein müßte, wenn kein
anderes Respirations-Mittel das Verbrauchte ersetzte.
[Sg.01_015,15] Nun, dieses alles ist ganz
richtig, und eure Chemiker haben in dieser Beziehung den großen Stoffwechsel in
Meiner Natur angedeutet, nur ist ihnen noch etwas anderes entgangen, nämlich
daß beim Verbrauch des Sauerstoffes oder bei Bereitung des Kohlenstoffes noch
lange nicht alle Elemente genannt sind, die in der Luft zum Gedeihen alles
Lebenden oder Vegetierenden nötig sind.
[Sg.01_015,16] Noch Tausende von feinen
Partikeln sind es, welche in aufgelöstem Zustande in der Luft und gebunden in
der Erdrinde und unter ihr liegen, und die alle dazu beitragen müssen, daß
alles lebt und gedeiht.
[Sg.01_015,17] Da aber an jedem Ort in dieser
Hinsicht eine ewige Verschiedenheit des Verbrauchens aller Elemente und Stoffe
bedingt ist, die zum Leben nötig sind, um hier das Gleichgewicht stets zu
erhalten, damit ein Land oder ein Ort stets dem Charakter seiner Lage entspricht,
so bringen die Winde aus anderen Gegenden geschwängerte Wolken, welche in ihren
verdichteten Dünsten dasjenige mitbringen, was da mit der Zeit mangeln könnte.
Und so ist der Regen das Verbindungsmittel, welches Verbrauchtes wieder
ersetzt, in leichten luftigen Elementen aus weiter Ferne herführt (was
mangelt), um das Gedeihen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu befördern, die
alle nicht ahnen, daß dieses herabströmende Wasser im Regen oft Zonen entnommen
ist, wo keine einzige Pflanze, kein Tier und kein Mensch diesen gleicht, auf
welche der Regen jetzt erfrischend und befruchtend einwirkt.
[Sg.01_015,18] Die Naturforscher und Chemiker
sagen, ebenso wie der Landwirt und Gärtner, daß der Gewitter-Regen
befruchtender als der gewöhnliche (Land-)Regen ist, weil er, wie bei jedem
Blitz, die Elektrizität in der Luft zersetzt mit sich auf die Erde
herunterführt und durch diese Elektrizität die Pflanzen besser wachsen.
[Sg.01_015,19] Ja sie haben recht, aber sie
vergessen, daß eben diese Wolken vielleicht aus Gegenden herkommen, wo die
Elektrizität stets überwiegend ist, und von wo sie durch die Winde getragen
erst in diese Gegenden geführt werden, denen es an Elektrizität gebricht.
[Sg.01_015,20] Was das Blitzen und
Wetterleuchten anbelangt, so ist diese Entwicklung der Elektrizität deswegen,
weil eben in manchen Gegenden der Mangel dieses Fluidums in kurzer Zeit ersetzt
werden muß, weil die Winde die Gewitterwolken zwar mit Sturmeseile bringen, sie
aber auch diesen Gegenden mit der nämlichen Hast entführen würden, wie sie sie
gebracht haben. Der Ausgleich mußte geschehen, und so bedurfte es der großen
Elementar-Faktoren, um dieses zu bewerkstelligen.
[Sg.01_015,21] So seht ihr also, wie der
Regen, der Ausgleicher zwischen verschiedenen Breitegraden, als Mittel dient,
das Verbrauchte in Dunstform zu ersetzen und dem Erdreich wiederzugeben, was es
für immer verloren hätte, wäre nicht die Wechselwirkung durch die eure Erde
umgebende Atmosphäre hergestellt.
[Sg.01_015,22] Aus Asiens hohen Gebirgen oder
aus Afrikas Sandwüsten oder fruchtbaren Gegenden des Binnenlandes, wohin noch
kein Europäer seinen Fuß gesetzt, strömen euch die Ausdünstungen von
Vegetationen und lebenden Wesen zu, die ihr nie gekannt oder gesehen habt.
[Sg.01_015,23] Der Luftzug bringt euch das
Verbrauchte einer tropischen Pflanzenwelt und entladet es über euren Häuptern
als Erfrischendes, Fruchtbringendes, nicht ahnend noch wissend, daß später die
Dünste eures Landes in der großen Regenzeit auch zu jenen fernen Gegenden
getragen werden, um dort Ströme des Segens zu bringen, aus Elementen
zusammengesetzt, die dort als sichtbar unbekannt, geistig aber zum Gedeihen
stets nötig waren.
[Sg.01_015,24] So möget ihr erkennen, wie
einfach Meine Haushaltung es anzufangen weiß, um Verbrauchtes zu beseitigen und
das Nötige zu ergänzen, ebenso wie den Menschen und Tieren die mit anderen
Dünsten geschwängerte Luft nach einem Regen auch andere Lebenselemente zuführt,
welche sie einatmen und verarbeiten und so mit neuen Stoffen ihr Verlorenes
ergänzen und ihnen den Eindruck des Neubelebens, des Erfrischens geben.
[Sg.01_015,25] Die aromatischen Dünste einer
Tropenwelt mußten, durch die Luft und das Licht zersetzt und verwandelt,
Tausende von Meilen hereilen, um euren Blumengewächsen zu ihrem Gedeihen zu
verhelfen, damit überall der Grund des Entzückens und die Anregung zur Freude
in Meiner Natur vorherrsche.
[Sg.01_015,26] In der nichtssagenden Form des
Regens, welchen die meisten Menschen nur als Wasser betrachten, liegt so viel
Geistiges, so viel Göttliches von Mir, daß, würden die Menschen nur ein wenig
über alles nachdenken, was sich fast täglich vor ihren Augen abwickelt, sie
erstaunen müßten, wie Ich so an alles gedacht habe, den Menschen, Tieren und
selbst den Pflanzen ihr Dasein zu versüßen und zu erleichtern.
[Sg.01_015,27] Aus dem einfachen
Regentropfen, der schnell zur Erde fällt und dem erstaunten Auge unter
günstigen Verhältnissen noch im Regenbogen die Zersetzung in die sieben Farben
zeigt, wo eine jede eine andere Segensgabe auf die Erde mitbringt – aus diesem
könnten sie einsehen, was Moses in seinen Büchern erzählt, daß es ein
Friedenszeichen ist, war und ewig bleiben wird, weil es euch zeigt, daß selbst
im fallenden Regen nur Segen, nur Liebe, aber auch geistiges Erkennen ist, für
solche, die die Natur mit offenem Herzen und liebendem Gemüt aufzufassen
gewohnt sind und nicht überall nur „Stoffe“ oder „Elemente“ und deren
Wechselwirkung sehen.
[Sg.01_015,28] In allem liegt etwas
Geistiges, bin ja doch auch Ich ein Geist und kann daher nichts anderes geschaffen
haben als eben nur Geistiges.
[Sg.01_015,29] So ist auch in jedem Prozesse
der sichtbaren Natur ein geistiger Grund verborgen, und nur der kann ihn
begreifen, der geistig erzogen und geistig sich Mir, dem Schöpfer alles
Wesenden, nähern will.
[Sg.01_015,30] Wie der Regen von einer Zone
der andern nur Segen und Gedeihen bringt, so sind auch „Meine Worte“ nichts
anderes als geistige Produkte oder Elemente Meines Ichs, die Ich in menschliche
Worte geformt, den Regentropfen gleich, auf euch heruntergieße.
[Sg.01_015,31] Wie der Regentropfen mit
Tausenden fruchtbringender Elemente geschwängert auf eure Erde fällt, so ist
„das Wort“ in seiner geistigen Bedeutung, in seiner Tiefe ebenfalls voll des
Segens.
[Sg.01_015,32] Der Regen kommt aus fremden Ländern,
und Mein Wort ebenfalls aus andern, und zwar aus höheren Regionen, wo alles in
Fülle vorhanden, was zum geistigen Fortschritt nötig ist.
[Sg.01_015,33] So nehmet den Regen als
Segensmittel eures Gedeihens und Mein Wort als Lebenstropfen eures ewigen
Lebens, damit auch sie euer Herz befruchten mögen mit dem, was dort meistens
fehlt, aber in Meinem Reiche in Fülle zu haben ist, nämlich: Liebe zu Mir und
euren Nächsten!
[Sg.01_015,34] Wie die Zonen und Breitegrade
eurer Erde wechselwirkend aneinander abgeben, was eine jede bedarf, ebenso
gebet auch ihr, jedoch mit Vorsicht, euren Brüdern und Schwestern, was sie
bedürfen, d.i. geistige Speise: führet auch sie dahin, wo Ich euch schon seit
langer Zeit zu leiten bemüht bin, damit auch sie erkennen mögen, wie ewig die
Liebe, wie tätig sie, selbst in den unschuldigsten und alltäglichsten Dingen,
nur das nämliche Prinzip verfolgt, Freuden und Trost zu verbreiten, wo es nur
möglich ist. Amen.
16. Kapitel – Der Regen, II.
29. April 1871
[Sg.01_016,01] „Was bedeutet der Regen in
geistiger Beziehung – und wie verhalten sich dabei die unzähligen kleinen
Tierchen, deren Wohnung die Erde ist?“
[Sg.01_016,02] So hörtest du, Meine Tochter,
in nächtlicher Stille von einer Stimme dich fragen; und da dir diese Frage nicht
weiter beantwortet wurde, so muß eben jetzt erst dieselbe Stimme dir die
Antwort durch die Vermittlung ihres Schreibers zusenden. Nun sieh denn, Mein
liebes Kind:
[Sg.01_016,03] „Der Regen – ist ein Segen.“
Er ist ein Segen, weil er von oben kommt; er ist ein Segen, weil er Kräftiges,
Belebendes in sich schließend, ebenfalls auch alles wieder neu belebt, wo er
hinfällt und eindringt; er ist ein Segen, weil mit ihm die Liebe oder materiell
die Wärme entwickelt wird, und er ist ein Segen, und zwar ein göttlicher Segen,
weil er alles beglückt und neu belebt – und wie einst Ich als Jesus sagte von
der Sonne, daß der Vater im Himmel sie über Gute und Schlechte aufgehen läßt,
ebenso träufelt der Regen über nützliche und schädliche Pflanzen gleichermaßen
herab. Was die Tierchen im Erdboden betrifft, so hast du in deinem Brief selbst
die Antwort angedeutet, wenn du schreibst: „Als ich über die wahre Liebe
nachdachte, da ersah ich so manches als Sünde, was man oft als Tugend
taxierte.“ –
[Sg.01_016,04] Sieh, Mein Kind, die im
Erdboden lebenden Tierchen, Larven und Puppen, die einen schon im äußerlichen
Leben entwickelt, die andern der Entwicklung harrend, gleichen den kleinen
Fehlern, die der Mensch oft nicht als Fehler, sondern sogar als Tugenden oder
gute Eigenschaften ansieht.
[Sg.01_016,05] Nun, wenn der Regen auf die
Erde fällt und so manches Tierchen seines Lebens oder seiner Behausung beraubt,
sie erbarmungslos wegschwemmt, so gleicht dieses eurem Herzen, auf welches auch
Mein Gnadenregen herunterträufelt oder, bei geeigneter Disposition, gar in
Überfülle herabströmt.
[Sg.01_016,06] Dieser Gnaden-Regen bewirkt
das nämliche Resultat wie der Regen am Erdboden. Der Regen erweicht zuerst die
hartgewesenen Teile der Erde; die herabträufelnde Gnade muß in einem Meiner
Stimme geneigten Herzen ebenfalls die dort hartnäckigen, angewöhnten schlechten
Eigenschaften und Begierden erweichen. Der Regen erwärmt den Erdboden, bringt
Leben in seine Vegetation, gestattet den Wurzeln, sich dann mit mehr Kraft und
Elastizität weiter zu verbreiten.
[Sg.01_016,07] Der Gnaden- und Liebe-Regen
bewegt das Herz freudig, es wird weich, scheidet dann mit Vergnügen diese
kleinen Gewohnheiten und Fehler aus und belebt das Gute von neuem. Und wie dann
im Erdboden die Tierchen rege werden, um teils sich vorm Wasser zu schützen,
teils erst durch das Wasser von ihrem Winterschlaf erweckt zu werden, wie die
harte Erdscholle, welche sie jetzt leichter durchbrechen können, um auch sie
dem Lichte und der Sonnenwärme entgegenzuführen – ebenso der Liebe- und
Gnaden-Regen im menschlichen Herzen. Auch er erweckt die besseren und
erhabeneren Eigenschaften der menschlichen Natur, läßt ihnen Kraft zukommen,
die harte Schale, die bis jetzt die Welt um sie gezogen hat, leichter zu
durchbrechen, damit auch sie den Menschen zum Lichte der Wahrheit und der Liebe
geleiten sollen.
[Sg.01_016,08] Was der Regen vernichtet und
wegschwemmt, was er an Tierchen, deren Eiern und Behausungen verdirbt, das
gedeiht auf einer andern Seite wieder. Nach einem Regen wird in der Natur-Hauswirtschaft
das Gleichgewicht zwischen Produzenten und Konsumenten wieder hergestellt. Und
nach einer tüchtigen Reinigung des menschlichen Herzens wird auch dort alles
wieder ausgeglichen, da das Gröbere vertilgt, ausgemerzt wurde, aber doch noch so
viel übriggeblieben ist, um den Kampf des Guten mit dem Bösen nicht einschlafen
zu lassen; denn nur Kampf bedingt ein tätiges Leben, weil ohne ihn kein Reiz
und kein „Warum“ vorhanden wäre.
[Sg.01_016,09] Im menschlichen Herzen müssen,
wie im Erdboden die kleinen Tierchen durch den Regen angeregt werden zur
Tätigkeit – es müssen sich die guten Eigenschaften entwickeln können und die
schlechten weggeschwemmt, vertilgt, das noch ungeborene Geschlecht der Puppen
und Larven aber ebenso durch diesen geistigen Gärungs-Prozeß in ihrer
Entwicklung beschleunigt werden.
[Sg.01_016,10] Auch auf dein Herz, Mein Kind,
träufelt schon lange Mein Gnadenregen herab, auch bei dir wird es rege in
deinem Herzen. Gewisse kleine Eigenheiten, den Tierchen der Erde gleich,
verkrochen sich vor diesem Gnaden- und Liebe-Wasser, sie wollten sich nicht von
dir wegschwemmen, nicht verjagen lassen. Allein der Regen hörte nicht auf, ja
er vermehrte sich, und sieh, Mein liebes Kind, jetzt da der Grund deines
Herzens durch den Liebe- und Gnaden-Regen erweicht, erwärmt und zur Tätigkeit
gekräftigt worden ist, jetzt wo die Wurzeln deiner guten Eigenschaften sich
ausgebreitet haben gegen das Licht, jetzt beginnt ebenfalls der Gnaden-Regen
auf dich dichter zu fallen. Du beginnst jetzt, wo die meisten überflüssigen
kleinen Eigenschaften und Eigentümlichkeiten entfernt sind, erst anzufangen
noch mehr auszuräumen, was in dir als Unkraut sich noch vorfand, und du stehst
nun da wie eine Blume nach dem Regen, wo brillantene Tropfen des gefallenen
Regens auf ihren Blättern und Blumenkelchen das ganze Universum abspiegeln,
dein Herz zu Mir erhebend, offen zur Schau tragend die herrlichen Resultate der
allumfassenden, nie versiegenden Liebe deines Vaters im Himmel, der auch dich
durch Nacht zum Licht, durch Regen und Wind geistig geführt, dich fähig gemacht
hat, jetzt erst so ganz die balsamischen Düfte einzuatmen, die dem erquickenden
Regen, sei es in der materiellen als auch in der geistigen Welt, stets folgen.
[Sg.01_016,11] Stehe fest! als die schöne, geistige
Blume, die Ich Mir in dir erzogen habe; sei Mir eine Freude und ein Trost
deiner Umgebung; und wie eine Blume nur balsamischen Duft um sich verbreitet,
so verbreite auch du lindernde Liebe, Toleranz und Liebe erweckende Sanftmut um
dich!
[Sg.01_016,12] Das soll das Resultat des
geistigen Regens sein, den Ich jetzt auf dich herabströmen lasse. Und wie der
Regen und die Sonne, beide über Gute und Schlechte nur Wohltaten ausgießen, so
verbreite auch du nur Gutes um dich herum. Kümmere dich nicht, wie dieses Gute
verstanden und verwertet wird, du tue es, weil du Mir, dem Spender alles Guten,
gleichen willst, ob es die andern zum Guten benutzen oder nicht, das sei dir
gleichgültig. Du, Gutes tuend, sammelst dir diamantene Perlen des
Wohltaten-Regens auf deinem Haupte; die andern, welche die Gaben nicht zu
benutzen wissen, oder oft nicht benutzen wollen, oder gar mißbrauchen, diese
sammeln sich statt (reine) Wasserperlen, die in ihrem Glanze die Unendlichkeit
abzuspiegeln fähig sind, nur schmutziges Wasser, das ihre Sehe noch mehr trübt
als stärkt.
[Sg.01_016,13] Sei Mir gleich! Betrachte die
ganze Natur – was tue Ich nicht jeden Tag, jede Stunde, ja in jedem Pulsschlag
oder geringsten Zeitabschnitt! Wie viele Gnaden-Regen sende Ich über die ganze
Menschheit, und wo sind die, welche dies alles begreifen, wo die, welche je nur
einen Blick zu Mir erheben und ausrufen möchten: „Herr, was sind wir, daß du
unser gedenkest!“
[Sg.01_016,14] Und doch höre Ich nicht auf,
Gnaden auf Gnaden zu häufen, um doch zuletzt auch den Verstocktesten, nicht
durch Strafe, sondern durch Liebe zur Umkehr zu zwingen.
[Sg.01_016,15] So mache es auch du, Mein
liebes Kind, lasse Gnade auf Gnade, Wohltaten auf Wohltaten auf deine
Mitmenschen träufeln; sie sind alle Stufen zu Mir, zu Mir, deinem Vater, der
schon längst dich führte und mit ausgebreiteten Armen Sein Kind erwartet, wenn
es einst, nach langen Kämpfen, siegestrunken in diese sinken wird.
[Sg.01_016,16] Dieses schöne Ziel habe Ich
dir zugedacht! Lasse also den Gnadenregen nicht umsonst auf dich herabströmen,
lasse ihn alles fortschwemmen aus deinem Herzen, was nicht hineingehört, und es
wird der Gnaden-Regen, der von oben kam, dich auch wieder nach oben führen.
[Sg.01_016,17] Also – ausgeharret! Das Ziel
ist des Ringens wert. Verzage nicht, Der, welcher dir dieses schreiben ließ,
wird stets dich unterstützen, solange du auf Seinen Pfaden wandelst! – Amen.
17. Kapitel – Der Mensch und die Schöpfung,
I.
27. Februar 1871
[Sg.01_017,01] Schon mancher von euch und
viele andere, denen Meine Worte nicht so zuteil geworden wie eben gerade euch,
haben oft nachgedacht über das menschliche Leben; wie viele Leiden und bittere
Erfahrungen den Menschen von Anfang an, von der Wiege bis zum Sarge begleiten,
wie viele eitle Hoffnungen und Wünsche sich auflösen wie leichte Nebelgebilde
in leeres Nichts, und so mancher dachte da in seinem Innern eben – zu was so
viel des Bitteren auf einer so kurzen Spanne Zeit der menschlichen Lebensbahn!
[Sg.01_017,02] Manche beschuldigten Mich der
Grausamkeit, der Lieblosigkeit und wer weiß was noch. Manche andere leugneten
Mir ab ein Gefühl für Schmerz und Leidwesen, und manche endlich verleugneten
Mich ganz, nahmen wie einst die Heidenvölker ein Fatum oder blindes Schicksal
an, dem niemand entrinnen könne und das in seinem unaufhörlichen Rollen wie
eine Kugel alles zermalmt, was ihm unter seine Wege kommt.
[Sg.01_017,03] Dem Anscheine nach spricht
vieles für die Gültigkeit solcher Annahme, wo am Ende der Verzweifler sogar
auch das Dasein eines waltenden Gottes verwerfen muß.
[Sg.01_017,04] Aber in der Wirklichkeit ist
es nicht so, nur muß man die Dinge und Verhältnisse von einem anderen
Standpunkte aus betrachten und beurteilen, als wie sie sich dem gewöhnlichen Weltverstand
vorstellen und von ihm beurteilt und bekrittelt werden.
[Sg.01_017,05] Wer die Welt von dieser Seite
betrachtet, der kann freilich zu keiner trostreichen, freudigen Ansicht kommen;
denn wenn er auch eine göttliche Lehre von Gerechtigkeit, Wiedervergeltung,
Belohnung oder Bestrafung annehmen möchte, so sieht er gerade von allem dem
meistens das Gegenteil, und es verwirklicht sich ihm täglich mehr die Wahrheit
so mancher im Volke eingewurzelter Sprichwörter, wie:
[Sg.01_017,06] „Je größer der Lump, je größer
das Glück!“ oder: „Die großen Diebe läßt man laufen, und die kleinen hängt
man“; oder wie im ehelichen Leben: „Mann und Weib sind ein Leib, aber nicht ein
Magen!“, wo der Mensch dann stets mehr fühlt, daß von den so schön
geschriebenen Worten auf dieser Erde sich keines erfüllt, wie von der Wiege an
Krankheiten dem jungen Leben drohen, mehr erwachsen, die moralischen
Versuchungen zum Laster und zu allerlei Untugenden reizen; wenn er sieht, wie
im Jünglingsalter, wo die schönsten Blumen blühen möchten, um den Lenz des
physischen Lebens zu einem paradiesischen Garten umzugestalten, wenn er sieht,
daß gerade dort die harte, erbarmungslose Hand der Welt alle diese Blumen
knickt, damit sie verwelken, um nie wieder aufzustehen; wenn er sieht, wie dort
alle Laster des berechnenden Verstandes blühen und von der Masse gerechtfertigt
werden; wenn er sieht, wie einer auf den Schultern des andern emporsteigen
möchte, wie ein jeder nur ans Herrschen, aber nicht ans Gehorchen denkt; wenn
er sieht, wie alles nur ums Wohlleben und um die Befriedigung der
menschlich-irdischen Bedürfnisse sich gegenseitig bekämpft und abplagt; wenn er
sieht, daß je weiter man hinauf kommt in die höheren Kreise der menschlichen
Gesellschaft, dort oben oft das eine Tugend ist, was bei den niederen Ständen
ein Laster genannt wird; wenn er sieht, daß, will man in solch einer Welt
fortkommen und sein Brot in Ruhe verzehren, wie ihr sagt, „man mit den Wölfen
heulen muß“ und alle sonstigen, edlen und schönen Grundsätze des Knaben- und Jünglingsalters
über Bord geworfen werden müssen, wenn man nicht vor Hunger sterben oder als
Narr vor der Welt erklärt werden will; wenn er endlich sieht, daß, ist ein
Familienkreis gegründet, die Sorgen in seiner eigenen Kindheit, welche er dort
seinen Eltern unbewußt bereitete, nun an ihn selbst herantreten, sich auch bei
ihm fühlbar anmelden; wenn er dann sieht, wie ein mit großer Sorge, Kummer und
Furcht erzogenes Kind durch Krankheit, später durch Entartung oder gar durch
den Tod ihm entrissen wird; wenn er sieht, wie er oft nach allem, was er für
seine Kinder tut, von ihnen nicht die geringste Anerkennung seiner Opfer, nicht
einen Dankesblick, nicht ein Dankeswort empfängt; wenn er sieht, wie da der
Sohn, dort die Tochter nur wartet, bis der Tod ihn aus der Welt schafft, damit
der eine oder die andere das Erbe ungestört genießen könne, das er im Schweiße
des Angesichts und auch manchmal nicht gerade auf ganz rechtlichem Wege
gesammelt hat, weil er dabei dachte: „Der Zweck heiligt die Mittel!“ Und wenn
er so nun selbst dem Greisenalter näher gerückt ist, wenn seine physischen
Kräfte und Fakultäten (Fähigkeiten) abnehmen, wenn Krankheiten sich einstellen
(oft Folgen früherer Verirrungen), wenn er dann sieht, daß er, unbehilflich,
den andern stets mehr zur Last fallen muß und so langsam dem Grabe
entgegengeht, welches er fürchtet, weil es ein ihm unbekanntes Land bedeckt,
indem es materiell sein Zunichtewerden, seine gänzliche Auflösung zu sein
scheint; – – – usw. – – –
[Sg.01_017,07] Wer gibt da dem gequälten Menschen
nicht recht, wenn er von allen Hoffnungen enttäuscht, all der schönen Bilder
seiner Jugend durch die spätere Laufbahn in der kalten Wirklichkeit beraubt,
leer, mit sterilem – Gemüt und voll Erbitterung wegen der Enttäuschungen den
Gott verfluchen will, der ihn in dieses Jammertal setzte, um mit Schmerzen
geboren zu werden, mit Leiden zu kämpfen, und mit schmerzlichem Todeskampf ihn
wieder aus dieser Welt führt, die er nicht verstanden, weder bei seinem
Eintritt, und noch weniger sich klar gewesen bei seinem Austritt aus ihr, ihn
endlich in ein Jenseits führt, von wo, wie er sagt, „noch niemand zurückgekehrt
ist“.
[Sg.01_017,08] So ist das Bild, welches die
Welt einem Verstandesmenschen vorhält. So wie Ich es hier geschildert, hat so
mancher schon Mich, die Vorsehung und sein eigenes Schicksal angeklagt; so hat
so mancher im stillen Gebet, wenn auf ihn zu viel einstürmte, Mich um
Abberufung aus diesem Leben angefleht!
[Sg.01_017,09] Jeder glaubt, er habe am
meisten geduldet, gelitten, geopfert; ein jeder glaubt, er hätte ein besseres
Los verdient, weil er weit schlechtere als er ist alles das im Überfluß
genießen sieht, was er sich als einziges Glück auf dieser Erde erträumt hatte.
Und eben deswegen, weil solche Anklagen, solche Ideen noch in so manchem von
euren Herzen stecken, eben deswegen wählte Ich diese beiden Worte, die bei
diesem Diktat obenan stehen, um aus diesen wankelmütigen Herzen den letzten
Funken der Anklage ihres Schicksals oder Meiner Führung zu verwischen, damit
sie sehen, daß hinter diesem vermeintlichen Bilde einer menschlichen Laufbahn
der herrlichste Zweck und die größte Seligkeit verborgen liegen, und daß nicht
ein blindes Fatum, sondern eine liebende Hand eines allwaltenden Schöpfers,
eines euch alle liebenden Vaters die Fäden spinnt, welche euch aus diesem
Labyrinth von Kalamitäten heraus in Seine Arme, in Seine Himmel führen.
[Sg.01_017,10] Sehet, Meine Kinder, es
herrscht ein heiliges, großes Gesetz in der ganzen materiellen und geistigen
Schöpfung, ohne welches diese nicht bestehen könnte, und dieses Gesetz hat zwei
große, einzige Lebensfaktoren, der eine heißt (Willens-)Freiheit und der andere
(ewige) Vervollkommnung.
[Sg.01_017,11] Wo keine Freiheit ist, wäre
keine Vervollkommnung, kein Fortschritt; und wo kein Fortschritt – kein Zweck;
und wo kein Zweck – kein Endresultat.
[Sg.01_017,12] Nun, als die große Schöpfung
von Mir gedacht, geschaffen und verwirklicht wurde, da mußte Ich, als Geist
Geistiges schaffend, auch diesen Geistern das erstere Prinzip lassen, wollte
Ich das andere erreichen; das heißt, Ich mußte ihnen Freiheit, ja unantastbare
Freiheit geben, sollten sie nicht Maschinen, sondern selbsthandelnde Wesen
werden: Diese Geschöpfe mußten Wesen Meiner würdig sein!
[Sg.01_017,13] Daß, wo jemand eine Macht an
einen oder an viele verleiht, diese auch mißbraucht werden kann, weil dieses in
der Freiheit selbst begründet ist, das versteht sich von selbst.
[Sg.01_017,14] Ich wußte also zum voraus, daß
Mißbrauch von dieser Freiheit gemacht werden wird, ja gemacht werden muß!
[Sg.01_017,15] Daher war schon im zweiten
Lebensfaktor „Vervollkommnung“ der Grund gelegt, daß bei Meinem Schaffen kein
Stillstand, sondern nur eine Verbesserung eintreten kann, woraus also
hervorgeht, daß, wer nur stehen bleiben will, während andere fortschreiten,
rückwärts gegangen ist!
[Sg.01_017,16] Denn wo Vervollkommnung, da
muß auch ihr Gegensatz möglich sein – Verschlimmerung; wo Fortschritt – ist
Rückschritt, wo Annäherung – ist Entfernen, wo Licht – ist Schatten, wo Wärme –
ist Kälte, wo Bewegung – ist Ruhe, wo Leben – ist Tod bedingt.
[Sg.01_017,17] Ihr seht also, daß nicht Ich
das Böse erschuf, nicht Ich die Schattenseiten aller möglichen geistigen
Eigenschaften in die Welt setzte als ordnungsmäßig; nein! sie bildeten sich
selbst durch das einzige große Grundgesetz Meines Ichs und Meiner Schöpfung,
durch das große Wort „Freiheit“!
[Sg.01_017,18] Wie nun diese Freiheit
gebraucht und mißbraucht wurde von Meinen erstgeschaffenen Geistern, wie sie
noch bis auf den heutigen Tag gehandhabt wird, oft nicht zum Besten der
lebenden Wesen und ihrer eigenen Bestimmung, das erseht ihr aus den
vorangeschickten Klagen eines Menschen über seine irdische Laufbahn.
[Sg.01_017,19] Nun wollen oder müssen wir
annehmen, daß zwischen einem Schöpfer und Seinen geschaffenen Wesen stets eine
ungeheure Kluft bestehen muß, die nie überschritten werden kann, wo, wie in
eurer Mathematik die Asymptoten (krumme Linien, Kurven, die ewig sich einer
Geraden nähern, dieselbe aber nie berühren), alles Geistige sich Mir ewig
nähern, aber Mir nie gleich (nur immer ähnlicher) werden kann, so seht ihr das
zweite große Prinzip – die Vervollkommnung – als unumgänglich notwendig aus dem
ersten hervorgehen.
[Sg.01_017,20] Die abgefallenen Geister, die
sich zwar freiwillig von Mir entfernt und den verkehrten Weg angetreten hatten,
konnten oder wollten nichts von Vervollkommnung, von Fortschritt wissen.
[Sg.01_017,21] Um aber auch ihnen diesen Weg
nicht gänzlich abzusperren, mußten sie in Verhältnisse gebracht werden, wo,
unbeirrt ihrer eigenen Freiheit, sie umkehren können, wann sie wollen.
[Sg.01_017,22] Hierzu nun wurde die
materielle Welt oder das ganze Universum oder der materielle Schöpfungs-Mensch
gegründet; in ihm wurden die Geister, nach dem Grade ihrer Böswilligkeit, in
die Materie eingehüllt (eingekleidet), Kämpfen, Versuchungen und Leiden
ausgesetzt, erstens, um sie nach und nach zur Einsicht ihrer eigenen Fehler
durch auf sie einwirkende Verhältnisse zu bringen, und zweitens auf diese Art
ihre freiwillige Rückkehr selbst einzuleiten.
[Sg.01_017,23] Nun, so viel es Welten, so
viel es Sonnen und Planeten gibt, ebenso viele Millionen und Millionen
Abstufungen der Geister gibt es, die alle den Weg zu ihrem Schöpfer noch einst
zurückmachen werden, und überall könnet ihr sehen, ist das Prinzip „Freiheit“
als Erstes und das Prinzip der Vervollkommnung (Fortschritt) als Zweites
festgestellt.
[Sg.01_017,24] Auch die in der Materie
gebundenen Geister wollen sich befreien; die Befreiung führt zur Verwandlung
der Materie, die weniger Schlechten wirken auf die andern ein, das ist das
Zersetzen der Materie, ist ihre Verwandlung, ihre Auflösung.
[Sg.01_017,25] Das Gröbere löst sich in immer
Leichteres, das Festere in Weicheres auf, wo dann immer mehr der Wirkungskreis
erweitert, die Einsicht des Verbesserns mehr klar, mehr gefühlt wird.
[Sg.01_017,26] Von der groben, mineralischen
Materie geht es zu den pflanzlichen Stoffen, die lebend, obwohl an einen Ort
gebunden, bis auf wenige Ausnahmen doch schon freiere Geister enthalten; von
den pflanzlichen zu den tierischen und von den tierischen zu den letzten in der
materiellen Schöpfung, zu den menschlichen Geistern oder Seelen über.
[Sg.01_017,27] Überall sind, wegen der
Vervollkommnung, die Kämpfe mit der andern auf sie einwirkenden Welt, überall
ein Streben nach oben, nach Freierwerden; überall bedingt die Auflösung oder
Zerstörung den Schritt zu einer höheren Stufe.
[Sg.01_017,28] Auch in der kleinsten
Pflanzenseele sind Kämpfe durchzumachen, das Pflänzchen hat bis zum
ausgewachsenen Baume mit allerlei Widerwärtigkeiten (seiner Wesenheit gemäß) zu
kämpfen, wie auch der Mensch von der Wiege bis zum Grabe.
[Sg.01_017,29] Jedes Tier lebt in dem
nämlichen Falle, unmündig zur Welt kommend, bereitet es seinen eigenen
Erzeugern Sorgen, hat dann alle Gefahren zwischen Elementareinflüssen und
Feinden, die danach streben, seinen geistigen oder körperlichen Organismus zu
zerstören, durchzumachen. Je höher das Tier steht, desto empfindlicher mehren
sich die Gefühle bei solchen Gefahren und so weiter.
[Sg.01_017,30] Während die niedrigsten Tiere,
kaum dem Ei entschlüpft, schon so beschaffen sind, daß sie sich ihre Nahrung
selbst suchen können, von einer Anhänglichkeit gegen ihre Erzeuger nicht viel
oder gar nichts verspüren, entwickelt sich mit höher steigender Stufe das geistige
Innere, dieses Gefühl für die Brut, die Sorge für die Ernährung der Jungen, die
Schmerzen, wenn entweder gewaltsame Hände diese kleine Welt zerstören oder wenn
andere Umstände die Entfernung oder Vernichtung derselben herbeigeführt haben.
[Sg.01_017,31] Je höher das Tier steigt,
desto tiefer, anhaltender und dauernder sind diese Zeichen einer höheren
geistigen Stufe.
[Sg.01_017,32] Es wiederholen sich zum
Beispiel in einem Vogel ebenfalls alle Mißhelligkeiten, welche der Mensch
erfährt und weswegen er sein Schicksal als grausam anklagt. Auch diese kleinen,
luftigen Bewohner eurer Atmosphäre haben ihre Leiden, ihre Kämpfe und ihre
Befürchtungen.
[Sg.01_017,33] Hilflos im Neste liegend, der Wiege
gleich, hängen sie von ihren Eltern ab; dann einst von diesem Zwang befreit,
gleichsam im Jünglingsalter, kommen die Gefühle der geschlechtlichen
Vereinigung, Familienleben in Aussicht; da singt der Vogel seine Dankeslieder
seinem ihm unbekannten Schöpfer, jubelt der aufgehenden Sonne entgegen, er
freut sich seines Lebens, denn er kennt keine Gefahr.
[Sg.01_017,34] Doch eben durch dieses
Lautwerden seiner Brust gibt er sich auch seinen Feinden kund, überall lauert
Verrat und Enttäuschung; es kommt die Zeit der Begattung, und die Sorgen, die
er seinen Erzeugern verursachte, fühlt er jetzt selbst; dann naht das Alter
heran, wo das Nahrungssuchen und das den Gefahren Ausweichen schwerer wird; die
Elemente wirken mehr schädlich auf ihn ein, er fällt unter ihrem Einfluß oder
unter dem anderer Umstände dem Schicksal seiner Gattung anheim; alles geht bei
ihm wie bei einem andern Wesen vor sich, nur eins weiß er nicht, was nur dem
Letzten in der Schöpfung vorbehalten wurde, das heißt, er (als Tier) kennt den Tod
nicht; er fühlt wohl, daß eine Verwandlung mit ihm vorgehen will, aber er weiß
durch sein ganzes Leben kein ähnliches Gefühl – er floh bis jetzt nur den
Schmerz, aber die Auflösung, die Transformation oder das Übergehen in eine
andere Stufe zu etwas Höherem kennt er nicht.
[Sg.01_017,35] Dieses ist nur den Wesen, die
sich, ihres Ursprungs bewußt, Mir nähern sollten – diesen Wesen, die Ich nach
Meinem Ebenbilde schuf, diesen allein ward es vorbehalten, nebst allen
irdischen Leiden und Kämpfen das Bewußtsein des Todes zu kennen und eben diesem
anscheinlich schrecklichen, für alle Sterblichen unausweichlichen Gaste mit
kaltem Blut ins Antlitz sehen zu müssen.
[Sg.01_017,36] Aber eben deswegen haben auch
diese Wesen den höchsten Geist in sich, den Ich in materielle Geschöpfe gelegt
habe, damit sie auch dem materiellen Vergehen ein ewiges Bleiben als Geist
entgegenhalten können.
[Sg.01_017,37] Um aber diesen höchsten
geschaffenen Geist, das heißt eine Menschenseele zu erziehen, daß sie, Meiner
würdig, Mir einst gleichen sollte, und daß sie einst in Meiner nächsten Nähe
bestehen kann, eben deswegen ist der Mensch von der Wiege an das
unbehilflichste und am meisten der Fürsorge anderer überlassene Geschöpf;
deswegen sind seine Versuchungen und Prüfungen so stark, damit überall, wo er
sich ans Weltliche anklammern oder es zur Hauptsache machen möchte, es ihn
stets zurückstößt, ihm sagend: „Was willst du von mir, Sprößling einer höheren,
geistigen Welt; bei mir findest du nur Enttäuschung und Betrug, dort in jenem geistigen
Reiche ist, was du bei mir vergeblich suchst!“
[Sg.01_017,38] Deswegen die verschiedenen
Zulassungen von allen möglichen Unglücksfällen, Entbehrungen, Beispielen, wo
der eine momentan glücklich wird, der es nicht verdient, während der
Unschuldige leiden, darben und dulden muß. Deswegen das göttliche „Wort“, die
Lehre von einem schöneren, höheren Leben, damit der Mensch nicht verzweifle,
wenn die Welt ihn hart behandelt, wenn er sich mit aller Gewalt in ihre Arme
werfen möchte und sie ihn mit Hohn zurückweist, ihm zurufend: „Du bist nicht
für diese, noch von dieser Welt!“
[Sg.01_017,39] So gehen diese Prinzipien
„Freiheit“, „Vervollkommnung“ und „Fortschritt“ wieder, auch im menschlichen
Leben, ihren Gang.
[Sg.01_017,40] Freiheit lädt zum Mißbrauch
derselben ein; der Mißbrauch, als gegen Meine Ordnung, straft sich von selbst,
und um zur Vervollkommnung zu gelangen, müssen diese Fehler gegen Meine Gesetze
diese großen Enttäuschungen hervorbringen, wo am Ende der Mensch, notgedrungen
freilich, wieder zu dem zurückkehrt, wovon er ausgegangen, das heißt – zu Mir!
[Sg.01_017,41] Was ihm hier nicht gelingt,
wird in der anderen, längeren Lebensdauer wohl ersetzt werden können.
[Sg.01_017,42] Daher, Meine Kinder, klaget
nicht die Welt, nicht die Verhältnisse, nicht Mich an, wenn Unglücksfälle euer
Haupt treffen, eure Familien lichten: Es ist überall nur das zweite, große
Naturprinzip, ohne welches nichts bestehen kann; es ist die notwendige,
bedingte Vervollkommnung, die alles zu diesen Schritten antreibt, und wo Ich
Selbst durch Mein Daniedersteigen auf diese Erde euch den kürzesten Weg gezeigt
habe, und welchen Ich jetzt durch Meine vielen direkten Mitteilungen euch noch
bedeutend verkürzen will.
[Sg.01_017,43] Alles ist so angeordnet, um
euer geistiges Ich zur Vervollkommnung des, wie alles in der ganzen materiellen
Welt, auf einer niederen Stufe Stehenden aus den Ruinen dieser Stufen zu einer
höheren zu führen, wo nach Auflösung des materiellen Lebens Meine Hand euch auf
eine höhere, geistigere Stufe erheben will, wo ihr noch mehr Meine Macht, Meine
Liebe und eure Mission erkennen sollt.
[Sg.01_017,44] Begreifet es doch einmal, es
liegt eine noch weit höhere, größere und schönere Welt vor euch, die ihr zu
erringen habt und die ihr nur dann erreicht, wenn ihr, das Weltliche ganz außer
acht lassend, euer Schicksal geistig auffasset, es in Meine Hände legt und fest
überzeugt seid, daß ein Vater nur liebend, aber nie strafend gegen seine Kinder
handeln kann.
[Sg.01_017,45] Dann gewinnt die Welt für euch
ein anderes Ansehen. Lasset sie dem, dem die Welt ihre Ehre, ihr Geld gibt; die
Welt gibt ihm dieses, aber Ich nehme ihm dafür seinen geistigen Schatz; der
Weltschatz wird zerstäuben unter den Verhältnissen der Welt, die im großen
ganzen ebenfalls ihrem Vervollkommnungsprozeß entgegengeht, wie jeder einzelne
Mensch.
[Sg.01_017,46] Ihr aber, Meine lieben Kinder,
bleibet bei eurem geistigen Goldbergwerk im Innern eures Herzens! Dorthin nur
dringt die Welt nicht; dort herrscht ein anderes Prinzip, und das heißt: das
von Mir für alle Schöpfungen gegründete Prinzip der geistigen Freiheit!
[Sg.01_017,47] Wenn ihr diesem huldigt und
geistig euch vervollkommnen wollt, so bleibt der Fortschritt dann nicht aus,
der euch von der Welt weg stets näher zu Mir führt, und wo ihr den Weltsorgen
und weltlichen Unglücksfällen nur so viel Wert beilegen werdet, wie sie
eigentlich haben, um euer Inneres wieder um einen Schritt vorwärts zu bringen.
[Sg.01_017,48] Daher bewahret eure geistige
Freiheit, werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel ist, und eure Mission
wird erfüllt, und ihr werdet ganz Mir, eurem Schöpfer und Vater, würdig sein!
Amen.
18. Kapitel – Der Mensch und die Schöpfung,
II.
17. September 1871
[Sg.01_018,01] Wenn ihr die menschliche
Gestalt aufmerksam betrachtet und nebenbei noch in Erwägung zieht, daß die Form
des Menschen als Letztes in der ganzen Schöpfung dasteht, nach dem alles ringt,
zu dem alles treibt, und welche Form Ich als „Mein Ebenbild“ bezeichnet habe,
so müsset ihr euch doch denken, daß dieser Form und auch der inneren
Einrichtung des menschlichen Baues eine große, geistige Grund-Idee zugrunde
liege, die der Typus und das Endziel alles Geschaffenen ist; ihr müsset doch
öfter in einsamen Stunden bemerkt haben, daß so mancher Gedanke darauf
hingezielt hat, eben dieses Rätsel und sein „Warum“ zu entziffern.
[Sg.01_018,02] Jetzt will Ich euch wieder ein
kleines Stück Meiner Weisheit aufdecken, damit wieder neuer Impuls in euch
kommt und ihr wieder, und zwar von einer andern Seite, euren Vater als Schöpfer
und höchstes Wesen kennenlernen möget. Ich tue das, damit nicht Erschlaffung in
eurem Fortschreiten eintritt und ihr euer Herz dem Geistigen mehr als dem
Weltlichen zuneigen möget!
[Sg.01_018,03] Sehet, Meine Kinder, schon oft
habe Ich euch gesagt: Alles, was geschaffen wurde, hat einen geistigen, höheren
Zweck! Jetzt muß Ich euch noch nebenbei dazufügen, daß unter allen möglichen
Formen und Organismen eine geistige Wahrheit, eine geistige Idee verborgen
liegt, die nur so und nicht anders sein kann, weil Ich als höchstes, geistiges
Wesen ja nur hohe geistige Wahrheiten und Ideen haben und diese nur als Gott in
alles Geschaffene legen kann! Denn wäre es nicht also, dann wäre Ich kein Gott,
kein höchstes Wesen, und vielleicht von manchem großen Engelsgeist erreichbar, vielleicht
sogar übertreffbar. –
[Sg.01_018,04] Aus diesem Grunde sind also
alle geschaffenen Dinge und Wesen, die in der ganzen materiellen und geistigen
Schöpfung existieren, nur Ausdruck Meiner höchsten Weisheit, und es würde viel
Papier verschrieben werden müssen, wollte Ich euch nur das kleinste Ding in
seiner materiellen und geistigen Wichtigkeit erklären, denn wenngleich auf
eurer Erde viele Menschen sich mit Forschen in allen Gebieten der
Wissenschaften abgeben, so ist doch keiner unter ihnen allen, der bei einer
Form oder Einrichtung nur ein einziges „Warum“ gerecht und bündig erklären
könnte. –
[Sg.01_018,05] Was beim kleinsten Atom im
großen Äther der Fall ist, das ist ebenfalls überall. Überall ist Meine
Weisheit, Mein Grundgedanke des Schaffens verborgen, und überall, wenn eure
Gelehrten fragen möchten: „Aber warum so und nicht anders?“, ertönt ihnen keine
andere Antwort als: „Weil es eben so sein muß!“
[Sg.01_018,06] Daß diese Antwort wenigen
genügen kann, versteht sich von selbst, allein sie müssen sich mit dem
begnügen, da nichts anderes herauszufinden ist.
[Sg.01_018,07] Wie oft handle Ich ihren
mathematischen, mechanischen oder chemischen Gesetzen zuwider, und was kommt am
Ende überall heraus? Daß ihre Lehren, so gescheit sie oft ausgedacht sind, doch
nur Produkte eines Menschenverstandes und nicht eines höheren Wesens, eines
göttlichen Schöpfers sind.
[Sg.01_018,08] Die Menschen schuf Ich
begrenzt, in gewisse Schranken eingeengt, aus denen sie auf weltlichem
Verstandeswege nicht herauskommen können, sondern nur in einem Kreise
herumgehen, wo sie von dem Unerklärlichen ausgegangen, wieder zu dem
Unerklärlichen zurückkehren müssen, und die ägyptische Götterlehre der Isis
oder Göttin der Weisheit stets wahr bleibt, wo es hieß:
[Sg.01_018,09] „Kein Sterblicher kann den
Schleier der Wahrheit lüften und fortleben!“
[Sg.01_018,10] Die Ägypter wußten wohl, was
sie mit diesen Worten sagen wollten; nur die jetzigen Gelehrten verstehen es
nicht, denn die Ägypter standen der Wahrheit zu nahe, als daß sie nicht genug
gewußt hätten, daß mit dem Spekulationsgeiste der Vernunft nicht gar weit zu
kommen ist, und daß, will man weiter dringen, man mit dem Herzen sich in die
Schöpfung vertiefen muß, dort den Geistesfunken, ähnlich dem nämlichen, den Ich
in jeden Menschen legte, erst herausfinden muß, um dadurch dann eine leise
Ahnung von dem zu erhalten, was nicht Begriffs-, sondern nur Gefühlssache sein
kann!
[Sg.01_018,11] Wer dort angelangt ist, wer seinen
göttlichen inwohnenden Geist zu wecken und ihn mit seiner Seele zu vereinen
weiß, für den gibt es kein Geheimnis mehr, er sieht die Schöpfung durchsichtig
wie ein Glas mit Wasser gefüllt; er sieht das geistige Wirken, erkennt leicht
die einfachen, aber großen Gesetze, welche alles erschufen, alles erhalten, und
alles zu höheren Stufen treiben; er erkennt Meine Liebe in Meinen Werken, er
ahnt Meine Größe; und wenn auch bei jedem Blick tausend „Warum“ aufsteigen, so
gibt ein Blick zu Mir ihm die ganze Seligkeit eines Kindes zu genießen, welches
dort erfährt, daß alle diese Wunder, alle diese Welten nur für ihn, das kleine
schwache Ebenbild seines großen, überguten Vaters und Schöpfers, ins Leben
gerufen worden sind!
[Sg.01_018,12] So begreift denn der wiedergeborene,
geistige Mensch seinen Vater und sich selbst und sinkt in Andacht und Anbetung
vor Ihm nieder, der, in Staub und Erde eingehüllt, Seinen göttlichen Funken
herlieh, die Wunder alle zu beschauen und zu begreifen, die nur für diese
höchste und letzte Idee, den Verein aller andern, die menschliche Form und
menschlich geistige und materielle Organisation geschaffen wurde.
[Sg.01_018,13] Damit also ihr doch wenigstens
in leiser Ahnung erschauen könnt, was euer Körper und seine Einrichtung
Geistiges in sich trägt, damit ihr doch in kurzen Abrissen nur erblicken möget,
was dieser Körper, den ihr auf so kurze Lebenszeit mit herumschleppt, der euer
geistiges und seelisches Gewand verdeckt, und welchen Körper ihr so oft
mißbraucht, so will Ich wieder eine andere geistige Fernsicht Meines Schreibers
euch kundgeben, damit ihr in diesem Bilde wieder Mein und euer Ziel erkennen
sollt; so höret also:
[Sg.01_018,14] Der menschliche Körper, so wie
ihr ihn vor euch seht, mit seinen Millionen und Millionen von Verschiedenheiten
im einzelnen Individuum, ist der Abdruck Meiner einzigen und höchsten
Schöpfungs-Idee, ist das Ebenbild Meines geistigen Ichs verkörpert! Denn auch
alle Geister bis zu den größten und nächsten bei Mir, sie alle haben diese
menschliche Form; nur ist die Ausbildung dieser Form, ihre Schönheit noch so
weit ausdehnbar und erhaben, daß ihr euch nicht einmal von den nächsten
geistigen Wesen über euch, geschweige erst von jenen Gestalten eine Idee machen
könnt, wo die äußere Form der höchste Ausdruck des inneren, geistig Erhabensten
ist.
[Sg.01_018,15] Diese menschliche Form, die,
wie ihr wißt, sogar die materielle Welt als letzten Typus, als großen
Weltenmenschen, in dem sich Myriaden von Sonnen bewegen, ausdrückt – diese
Form, in welcher auch alle geistigen Himmel wieder zu einem Ganzen
abgeschlossen sind, diese Form hat überall die nämliche geistige Bedeutung,
ihre einzelnen Teile die nämlichen, dem Geistigen entsprechenden Ausbildungen
und Funktionen. – – Und überall, wo ihr nur anfangen wollt, würdet ihr sehen,
daß nur eine Grundidee und ein Grundprinzip Meiner höchsten Weisheit einfach
und klar durchleuchtet, da mit kleinen Mitteln die größten Zwecke erreicht
sind.
[Sg.01_018,16] Sehet, wie alle Hülsengloben
eine dichtere Atmosphäre umgibt und so die ganze materielle Welt als ein
isoliertes Ganzes in den unendlichen Äther-Raum hinausstellt, wo dieser große
Weltenmensch auf einer zu durchlaufenden Bahn stets neues Leben erhält und
seinen inneren Teilen dasselbe mitteilt – ebenso ist die Haut bei allen
geschaffenen, lebenden und nicht lebenden Wesen das, was sie als einzeln
dastehend vom Ganzen absondert und so deren Auflösung in die große materielle
Welt verhindert.
[Sg.01_018,17] Unter der Gehirnschale, welche
sich halbkugelförmig oder mehr ellipsenartig über den Sitz des menschlich
geistigen Lebens wölbt, unter dieser Schale, als Knochengebäude das Härteste,
lebt und webt das zarteste Organ, das Gehirn mit seinen geistigen Funktionen.
[Sg.01_018,18] Daß die Schale halbkugelig
oder gewölbt geformt ist, deutet darauf hin, daß als Halbkugel sie geistig
innerlich einen Mittelpunkt hat, von welchem aus sie geformt, oder als Ellipse
eigentlich zwei Brennpunkte besitzt, wovon der eine im Vorderhirn, der andere
im Hinterhirn liegt.
[Sg.01_018,19] Im Vorderhirn, dem Sitz der
Intelligenz, tritt das Außenleben mit dem Innenleben in Verbindung, so zwar,
daß seine geistigen Fenster, die Augen und Ohren, ihm die Eindrücke der
Außenwelt überbringen, während im Unterteil des Kopfes der Sprachapparat die
inneren Eindrücke der Außenwelt kundgibt.
[Sg.01_018,20] Das Hinterhirn, als weltlicher
Brennpunkt, besorgt die Funktionen des materiellen Fortbestandes, treibt die
Maschine zum Ausbilden des Körpers, zu seiner Erhaltung und Fortpflanzung an.
[Sg.01_018,21] Was das Vorderhirn bei
Menschen und auch bei Tieren ist, das sind im großen Weltenkomplex große
Weltalle, welche ebenfalls die nämlichen Funktionen haben wie hier im Kleinen.
[Sg.01_018,22] Die Atmungswerkzeuge, wie im
Kopf die Nase und der Mund, sind Respirationskanäle, einesteils zur Verbindung
der Außenwelt mit dem inneren Organismus, teils auch, besonders der Mund,
Mittel, nebst weltlicher Erhaltung auch, was noch wichtiger ist, geistigen
Stoff herausfördernd – durchs Wort, durch den Ton zu bekräftigen, daß eine materielle
Hülle ein noch weit Geistigeres umgibt, welche mit ihrer Ausbildung auch zur
Vervollkommnung des Geistigen beiträgt.
[Sg.01_018,23] Was dann die Lungen, das Herz,
letzteres als allgemeine Triebfeder der ganzen Maschine, den Magen, die Leber
und die Milz anbelangt, so sind ihre Funktionen alle geistig ausgedrückt.
[Sg.01_018,24] Erstens die Lunge –
Empfangsort des von außen in sie einströmenden Lebensstoffes, wie im geistigen
Menschen die geistige Wahrheit; die Lunge ist ebenfalls der Ort, wo materiell
Verbrauchtes durch geistig Neues gewechselt wird, im geistigen Menschen der Ort
der Ausscheidung zwischen bezähmten Leidenschaften und neu erworbenen Tugenden.
[Sg.01_018,25] Das Herz als allgemeines,
einziges Lebensprinzip, der ewige unermüdliche Beweger oder Motor, der an alle
Teile stets nur Neues abgibt, das Alte gern übernimmt, weiter befördert –
dieses Herz, geistig betrachtet, ist ebenfalls der Sitz des ewigen geistigen
Wirkens, der Sitz der ewigen geistigen Tatkraft, die den Menschen (den geistigen)
stets antreibt weiterzugehen, auszuscheiden, was in ihm Schlechtes ist und es
durch Besseres zu ersetzen. Dieses Herz ist als einziger Lebenspunkt der Herd
und Sitz der Seele und des von Mir hineingelegten Geistes. In seiner Form,
breit oben (gefäßartig) und spitz unten auslaufend, bezeichnet es, daß das
menschliche Leben auf breiter Basis angefangen und in spitzer oder zugespitzter
Form auf einen Zielpunkt hinarbeiten solle!
[Sg.01_018,26] Die Leber, als
Scheidungs-Apparat der galligen Teile vom Blut, die darin unbrauchbar geworden,
doch beim Ernährungsprozeß als Anreger des Verdauens und Scheidens in die
primitiven Elemente nötig sind, sie gleicht im geistig-seelischen Menschen dem
menschlichen Lebenslauf, wo ebenfalls das Bittere ausgeschieden, doch zur
Erhaltung und richtigen Beurteilung des Lebenswandels notwendig ist; denn ohne
bittere Erfahrungen gäbe es keine geistige Erhebung, ohne das Bittere,
Zusammenziehende gäbe es kein freudiges, seliges Erweitern oder Ausdehnen der
menschlichen Gefühle, weit über die Grenzen des materiellen Lebens hinaus.
[Sg.01_018,27] Was den Magen anbetrifft, den
Erhalter des materiellen Lebens, den Aufnahmeort von so verschiedenen
Produkten, um aus ihnen dann das für den Körper Notwendige herauszufinden, so
entspricht er geistig dem Kreise der Taten und Eindrücke der Außenwelt auf den
menschlichen Geist oder seine Seele.
[Sg.01_018,28] Wie im Magen die Speisen sich
vermischen, dann im weiteren Verlaufe der Verdauung, jedoch in anderen
Verbindungen, als wie sie in den Magen geschafft wurden, sich wieder trennen,
ebenso sind das Tatenleben und die Eindrücke von außen das Material, aus dem
sich die Seele ihre geistige Hülle aufbaut. Auch sie nimmt alles auf, was von
außen auf sie eindringt. Sie scheidet dann aus, reinigt durch bittere
Erfahrungen gewitzigt das übrige, und stets kämpfend und das Gute vom
Schlechten absondernd, behält sie das Bleibende, nie Verwesende und scheidet,
wie in den Gedärmen, am Ende das Überflüssige, nicht mehr zum Leben Gehörige
aus.
[Sg.01_018,29] Die Milz, dieser Feuerherd und
Beleber des Blutes (durch Elektrizität), welcher gleich einer elektrischen
Batterie das Blut mit neuem Wärmestoff schwängert und so zum Leben verbreiten
mithilft und am meisten beiträgt, denn ohne Wärme kein Leben; dieses ist im
geistigen Menschen die Liebe, die allumfassende Liebe, die dem geistigen
Menschen die geistige Wärme oder das geistige Leben gibt; denn wo keine Liebe,
da ist keine Wärme, wo keine Wärme – kein Leben!
[Sg.01_018,30] So entsprechen durchgängig
alle anderen Organe und ihre Funktionen geistig den nämlichen geistigen
Bedürfnissen des Menschen ohne körperliche Hülle.
[Sg.01_018,31] Die Organe, ihre Formen und
ihre Einrichtungen sind stets nur immer die Wiederholungen einer und derselben
Form, der Ei oder Ellipsenform, und ein und derselben Kraft, der anziehenden
oder abstoßenden; was geistig genommen ebenfalls in Meinem eigenen Ich die
Liebe als anziehende Kraft und die Weisheit als modifizierender (formender,
umformender) Faktor derselben ist. In dieser Ellipsenform bin auch Ich ein
Brennpunkt, um welchen sich alles bewegt und zu welchem alles hinfliehen
möchte, wäre nicht der andere Brennpunkt, die Materie, die wieder von Mir
abzieht, die wieder bindet, was sich gelöst, um es dann in neuer, höherer Form wieder
zurückzugeben.
[Sg.01_018,32] Aus diesen drei Faktoren:
Ovalform, Magnetismus und Elektrizität, besteht das ganze Universum, bestehen
alle organischen und unorganischen Wesen, bestehen alle Formen und inneren
Einrichtungen derselben, besteht der große Weltenmensch, der noch größere
Himmelsmensch, und bestehen Meine Engelsgeister; alle sind Abdrücke, wie ihr in
Menschengestalt, dieser geistigen Formen, gepaart mit Liebe und Weisheit.
[Sg.01_018,33] Alle einzelnen Teile eures
Körpers, vom Knochenbau angefangen bis zum letzten Blutkügelchen, sind teils
Ellipsen, teils dieser entnommene Formen, der geistige Ausdruck Meines
Zentralwesens als alleinherrschender und regierender Gott, wie auch in den
Weltenbahnen das nämliche System befolgt ist; auch dort steht eine jede
Zentralsonne in einem Brennpunkt als geistiges Zentrum, um den die andern
Welten und Erden kreisen müssen.
[Sg.01_018,34] Ich bin der Zentralpunkt der
ganzen geistigen und materiellen Schöpfung – ihr seid der Zentralpunkt alles
Geschaffenen, zu euch drängt alles, nach eurer Form strebt alles, wird alles in
Stufen weiterbefördert. – –
[Sg.01_018,35] Wie ihr als Menschen, als
letzte Schöpfungen der materiellen Welt, Meinen Willen, Meine Gesetze und eure
hohe Bestimmung ausdrückt, der ihr nachkommen sollt, so stehe Ich als
Zentralpunkt alles Geistigen einzig und allein da – auch zu Mir drängt sich
alles, nach Mir sehnt sich alles, und Mich zu erreichen geht alles seinen
planmäßigen Gang. So ist ein ewiges Fortschreiten begründet. „Aufwärts!“ und „Vorwärts!“
ist der Ruf, der durch alle weiten Räume der Schöpfung tönt.
[Sg.01_018,36] Mühsam ringt sich das kleinste
Infusionstierchen hinauf bis zu einer höheren Klasse; Millionen von ihnen sind
die Unterlage eines höher stehenden Wesens; die Sinne, welche den Menschen über
alles Geschaffene hinausstellen, liegen dort noch verborgen, nur ein oder der
andere wird stufenartig ausgebildet. So geht es aufwärts und vorwärts, in der
Materie Gebundenes befreit sich, bindet sich unter neuen Verhältnissen zu neuen
Formen, und so geht es fort und fort; zum Höchsten der materiellen Schöpfung –
zum Menschen drängt alles, ihn sucht alles zu erreichen. Allein wenn auch
angekommen an der letzten Stufe der tierischen Intelligenz, eine weite,
unübersteigliche Kluft trennt das letzte Tier vom ersten Menschen. Es ist die
nämliche Kluft, wie vom letzten Engelsgeiste bis zu Mir: eine Annäherung ist
möglich, aber keine Erreichung. – So wie das Tier nur im Verein mit vielen
anderen Seelen aus dem Tierreich erst zu dem materiellen Bau des menschlichen
Körpers mitwirken und so auf diesem weiten Wege sein Ich mit dem des Menschen
identifizieren kann, so ist es auch mit den Engelsgeistern und nächsten Wesen
in Meiner Nähe, auch sie können nur in Meiner geschaffenen Geisterwelt die höchsten
Stufen einnehmen, am nächsten Mir sich nahen; aber mit Mir (absolut) eins
werden nicht; was eigentlich (auch) nichts zur Sache hat, denn ein
allerhöchster Geist genießt schon eine solche sättigende Glückseligkeit, wie er
keine andere weder verlangt, noch auch ertragen könnte!
[Sg.01_018,37] So, Meine Kinder, lernet
begreifen, wie das Geistige überall der Hauptgrund und das Hauptprinzip alles
Geschaffenen ist. In allen Formen liegt der nämliche Gedanke Meiner Allmacht
mit Liebe verbunden verborgen; überall gilt das nämliche Gesetz, welches eure
Knochen formt, euch ein liebliches Äußeres gibt, oder welches Weltenalle
zusammenhält. Fraget nicht nach dem „Warum“, es ist nicht für Geschaffene
erklärbar. Sehet euer Auge, in welchem die ganze materielle Welt sich
abspiegelt, mit welchem ihr Kunde erhaltet von den Schöpfungen Meiner Liebe,
sei es in eurer nächsten Nähe, sei es von Welten, deren Lichtstrahl euer Auge
erst nach Tausenden von Jahren trifft!
[Sg.01_018,38] Sehet, wenn ihr da fragen
wolltet, aber warum denn eine gläserne, warum denn eine wäßrige Feuchtigkeit,
warum eine Kristall-Linse, warum die schwarze Netz-, warum die Regenbogenhaut,
warum alle diese Stoffe und Körper, und diese erst auch noch wieder aus andern
kleinen Atomen zusammengesetzt – da, Meine Kinder, kann Ich euch nur sagen,
weil es eben so und nicht anders sein mußte. Das „Warum“ in Meinem Sinne zu
begreifen, müßtet ihr wie Ich Götter sein, ausgestattet mit der nämlichen
Weisheit und Tatkraft wie Ich Selbst!
[Sg.01_018,39] Begnüget euch daher mit dem,
daß Ich euch Organe gegeben habe, damit ihr Meine Schöpfungen bewundern und
ihre Harmonien vernehmen könnt; begnüget euch mit dem, was ein liebender Vater
Seinen Kindern gegeben hat, damit sie durch Seine Werke Ihn lieben, Ihn
schätzen und verstehen lernen; den Schleier der göttlichen Schöpfungswahrheit
kann kein geschaffenes Wesen lüften. Lasset ihn unberührt und denket, daß ein
Vater seinen Kindern ebenfalls nur so viel sagt und sie lehrt, als ihrem
Verstande angemessen ist.
[Sg.01_018,40] Würde Ich euch ein kleines
Ding erschöpfend erklären wollen, was glaubet ihr denn, daß das Endresultat
davon wäre? Sehet, Ich will es euch mit wenigen Worten sagen:
[Sg.01_018,41] Ein kleines Ding für eure
Augen würde Ich in noch kleinere Dinge zerteilen, diese kleinen Teile würden
wieder teilbar sein, mit jeder Teilung würden andere Formen, andere Substanzen
sich zeigen, in die Unendlichkeit sich zwar stets verändern, zerteilen lassen,
aber doch kein Ende je haben! –
[Sg.01_018,42] Wenn ihr nun da fragen wolltet
bei jeder Zerteilung – Warum? bei jeder Veränderung – Warum? was würde da
herauskommen? – Sehet, es würde am Ende herauskommen, daß ihr Mich bitten
würdet, aufzuhören zu erklären, zu zerteilen; denn es würde die zweite, dritte
Veränderung oder Teilung schon über euer Begriffsvermögen weit hinausgehen! –
[Sg.01_018,43] Daher lasset Gott, was Gottes
ist! und bleibet bei dem, was ein Mensch, und später ein Geist, fassen kann,
das heißt: bleibet bei der Liebe zu Mir! so wie ein geschaffenes Wesen Mich
lieben kann; eure Liebe ist gegen die Meine ebenfalls wie Endlichkeit zur
Unendlichkeit. Liebet Mich! beweiset es in euren Taten! und ihr werdet dann
ahnen können mit dem Herzen, was euer Verstand nie fassen kann.
[Sg.01_018,44] So beurteilt die Form des
Menschen, ihre geistigen Entsprechungen, und ihr werdet finden, daß überall nur
Meine Vaterhand liebend alles so gestaltet hat, daß ihr den Weg zu Mir finden
könnt und Ich, durch eure Liebe beseligt, wieder in reichem Maße vergelten
kann, was ihr als Meine Kinder während eures Lebenslaufes Mir zum Opfer bringt.
[Sg.01_018,45] Seid ihr bei Mir, verstehet
ihr die Geistersprache in Form und Wort, dann wird euch die Harmonie in allem
leicht einleuchtend sein, und dann wird ein kindliches Gemüt im Aufblick zu Mir
mehr ahnen und wissen als ein gelehrter Weltweiser, der jahrelang seinen Kopf
mit Wissenschaften füllte und sein Herz dabei leer gelassen hat. –
[Sg.01_018,46] Daß eine geistige Idee, nur
von einem Geiste wie Ich kommend, in allem Geschaffenen liegen muß, ist ja
einleuchtend; daß aber diese geistige Idee nicht stets durchschaut werden kann
von niedereren Geistern als Ich Selbst bin, ist ebenfalls natürlich. – Haltet
doch ihr auf eurer Erde die Konsequenz für eine Haupteigenschaft des menschlichen
Geistes; wer hat denn diese Idee in euch gelegt? Sehet, die Konsequenz Meiner
Schöpfung war es, die euch zu ihr hinführte. Wollet ihr konsequent und
beharrlich im Durchführen eines Planes sein, warum sollte Ich es nicht sein,
Der eher war, als nur ein Wesen je geschaffen wurde, und Der sein wird, wenn
alle materielle Einkleidung aufgehört hat und nur Geistiges, Mir gleich,
fortbestehen wird.
[Sg.01_018,47] Daher trachtet auf geistigem
Wege zu ahnen, was im Materiellen verborgen liegt, und ihr werdet stets finden,
daß ein Gott, der solches schuf, nur ein Gott der Liebe ist und sein kann, der
natürlich Seine geschaffenen Wesen ebenfalls nur deswegen ins Leben rief, damit
sie alle Ihm wiedergeben, was Er für sie nur allein gebildet hat. – –
[Sg.01_018,48] So sah Mein Schreiber den
innigen Verband der großen Schöpfung mit der Form eines Menschen, so waren ihm
alle inneren Teile wie durchleuchtet hell und verständlich; er staunte stumm
das Geschaute an, sein Herz füllte sich mit Liebe zu Mir, die Liebe erleuchtete
ihn stets mehr und mehr; klarer und lichter traten die Formen auf, er erkannte
immer mehr die weisen Einrichtungen seines eigenen Ichs; er erkannte das sanfte
Band, das die geistige und materielle Welt verbindet, erkannte Meine Liebe und
Gnade, die es ihn ahnen und fühlen ließ. – Jetzt, wo es geschrieben steht, was
er in jener Stunde genossen hat, jetzt ist es an euch: Erhebet auch ihr euch
von dem Weltschlamme! schüttelt den Staub des Eigennutzes von euren Füßen!
erhebet den Blick nach oben, auf daß auch euch eine solche Stunde der Wonne und
des Friedens zuteil werde! Dieses ist Mein Zweck, weswegen Ich euch diese von
Meinem Schreiber erlebte Stunde als Gemeingut gebe; trachtet danach – Mich zu
lieben, wie Ich es eigentlich will, und auch gewiß verdiene; dann werdet auch
ihr genießen in Meinem geistigen Reiche, was das Weltliche euch nicht geben
kann.
[Sg.01_018,49] Dieses ruft euch euer Vater
zu, der schon so viel euch gespendet hat und noch mehr zu geben gesonnen ist;
es genügt, daß ihr es nur ernstlich fassen wollet und nicht bloß oberflächlich
in Wonne schwebet, sondern es tatkräftig in euer praktisches Leben aufnehmt;
dies ist Mein Rat, die Befolgung ist bei euch, wozu euch Meine Hilfe und
Unterstützung nicht fehlen soll! Amen.
19. Kapitel – Der Wasserfall.
29. Juni 1873
[Sg.01_019,01] Du hast gestern abend eine
Beschreibung des Niagarafalles gelesen und dabei Meiner und der Schönheit
Meiner Natur gedacht.
[Sg.01_019,02] Da aber in allem, was sichtbar
vor euren Augen steht, ein noch tieferer Grund des Bestehens sowohl, als der
Wirkung des Einzelnen auf das Ganze besteht, so will Ich dir hier wieder mit
einigen Worten beweisen, daß in allem noch etwas ganz anderes steckt, als die
Menschen oft wähnen.
[Sg.01_019,03] Gut, der Beschreiber des
Niagara-Falles hat Meine Natur, das heißt ein kleines Stück derselben
bewundert; die Großartigkeit des Schauspiels, der Lärm, das Gebrause der Wasser
hat in ihm Gefühle erregt, die er nicht umhinkonnte wiederzugeben, um auch
andern einen Begriff zu machen von dem ewig gleichen Triebe, der in Meiner
ganzen Natur herrscht und „Leben“ heißt.
[Sg.01_019,04] Hier bei diesem Wasserfall
donnerte ihm die Wassersäule ins Ohr, was er bei einem leichten Säuseln des
Windes oder bei einem Lichtstrahl aus fernen Sonnen ebenfalls hätte vernehmen
können, wenn er Ohren dafür hätte. Allein der gewaltige Wassersturz übertäubt
oder betäubt das menschlich-irdische Gefühl, und unter diesem mächtigen Kampf
von Wasser, Luft und Erde kam ihm der Mensch so winzig, so klein vor, daß er
nicht umhinkonnte, Meine Macht, wenn er es gleich nicht wollte, doch als
bestehend anzuerkennen.
[Sg.01_019,05] Nun, solche Natur-Szenen haben
immer das demütigende Gefühl zur Folge, welches den Menschen zwingt, seine
eigene Größe in nichts zusammensinken zu sehen.
[Sg.01_019,06] Erfreulich ist es doch, wenn
auch nur wenigstens ein Ahnen eines geistigen Reiches anerkannt wird, welches
durch dieses großartige Naturschauspiel hervorleuchtet und den Menschen zwingt
zu gestehen, was er eben unter anderen Umständen nicht will, nämlich: daß es
doch einen Gott geben muß, der dieses alles geschaffen hat, und zwar zum Nutzen
und zur geistigen Sprache für den Menschen, damit er doch manchmal erinnert
werde, daß alle seine Erfindungen, seine eingebildete Größe eine Null sind –
und bei Natur- und Elementarereignissen er eben diese Nichtigkeit selbst
eingestehen muß.
[Sg.01_019,07] Dieses alles ist aber nicht
der Zweck dieses Wortes, sondern Ich will den Niagara-Wasserfall zu etwas
anderem benutzen, und zwar zur Frage:
[Sg.01_019,08] Warum ist denn eigentlich ein
Wasserfall, groß oder klein, da?
[Sg.01_019,09] Hätte Ich nicht die Erde so
gestalten können, daß sie keine Gebirge und keine Vertiefungen hätte, daß
überall Flachland und die Bäche, Flüsse und Ströme ganz ruhig in ihrem Bett dem
Meere zuliefen?
[Sg.01_019,10] Auf diese Frage eine
genügende, aber geistige Antwort zu geben, das soll der Zweck dieses Wortes
sein, und Ich will euch wieder beweisen, wie viel des Tiefen, Geistigen, auch
notwendig Materiellen dazu gehört, einen Weltkörper zu erschaffen, daß er sich
dann selbst erhält, vervollkommnet und so seine Mission zu höheren Zwecken
erfüllt.
[Sg.01_019,11] Nun sehet, Meine Kinder, das
Leben, sei es materielles, das heißt geistig gebundenes, oder freies,
seelisches, kann sich überall nur so manifestieren, daß ein Entstehen, dann ein
teilweises Verbleiben und dann ein endliches Vergehen seine Phasen der
Entwicklung bezeichnet.
[Sg.01_019,12] Das Leben im materiell
Sichtbaren ist Reibung, Entwicklung der Wärme, des Lichtes, nach und nach
langsam fortschreitendes Zersetzen oder Verwandeln in andere Formen, um so
stufenartig zu höheren Bestimmungen sich tauglich zu machen.
[Sg.01_019,13] So kennt ihr das Leben und
sagt: „es bewegt sich, es lebt.“
[Sg.01_019,14] Was Ruhe hat, scheint leblos,
scheint tot.
[Sg.01_019,15] Dieses Leben oder der
immerwährende Kreislauf des Bestehens und Vergehens geht nach einmal
festgesetzten Grundprinzipien in einem fort; „Leben“ nennt ihr es, und „Kampf“
heiße Ich es.
[Sg.01_019,16] Kampf ums Bestehen, Kampf um
den Fortschritt, Kampf, um zu einer höheren Stufe zu gelangen.
[Sg.01_019,17] Nun, dieses Prinzip, welches
im letzten Infusionstierchen wie in der größten Zentralsonne das gleiche ist – dieses
Prinzip ist auch in den Elementen, welche in flüssigem Zustand sowohl die
Atmosphäre der Welten als auch ihr Inneres ausmachen.
[Sg.01_019,18] Ohne diesen Kampf würde alles
verwesen, sich zersetzen und der Fäulnis oder dem materiellen Tod entgegengehen.
[Sg.01_019,19] In eurer Atmosphäre zum
Beispiel ist die Luft ein leichtbewegliches Element, das nie ruhig steht, so
wie auf der Oberfläche der Erde das Wasser, welches als verdichtete Luft die
nämliche Unruhe oder das Bestreben hat, stets dem Zuge der Schwere folgend,
dorthin zu fließen, wo es einen Ruhepunkt erreichen kann!
[Sg.01_019,20] Im Innern der Erde sind
Metalle und Mineralien, verdichtete Gase und Licht-Elemente, welche wie das
Wasser auf der Oberfläche zum Gedeihen derselben, jene im Innern denselben
Prozeß vollführen müssen. Ruhe ist nirgends!
[Sg.01_019,21] In der Luft, könntet ihr sie
vor euren Augen sehen, sind „Luft-Fälle“, welche oft an Großartigkeit eure
Wasserfälle bei weitem übertreffen. Dort ist ebendiese notwendige Bewegung euch
als Wind fühlbar ebendasselbe, welches durch Bewegung die einzelnen
Bestandteile der Luft in steter Tätigkeit erhält, sie zu Verbindungen anregt,
sie bewegt, durch Bewegung erwärmt und lebendig erhält.
[Sg.01_019,22] Was in der Luft geschieht, das
ist im Wasser ebenso der Fall. Wasser ohne Bewegung verfault, zersetzt sich,
löst seine Bestandteile, sonst so fruchtbringend und nützlich, in schädliche
Dünste auf, sobald die Wirkung des Bewegens fehlt.
[Sg.01_019,23] Wasser also, würde es nur so
ruhig dahinfließen, hätte nicht die geeignete Lebenskraft, heilbringend auf
Pflanzen, Tiere und Menschen einzuwirken, es muß durch Bewegung in steter
Tätigkeit erhalten werden. Und wie in der Luft oft Stürme und heftige Winde
diese Lebenskraft noch erhöhen müssen, so ist der Wasserfall eben dasselbe
Ereignis, welches in großem oder kleinem Maßstab manchmal zugelassen oder
voraus bestimmt ist, um einem Fluß oder Strom auf seinem langen Lauf bis ins
Meer wieder neue Tatkraft, neues Leben beizubringen, damit er seinen Zweck erfüllen,
fruchtbringend auf seine Umgebung einwirken kann.
[Sg.01_019,24] Daher sind Wasserfälle, mit
geistigen Augen angesehen, die Lebensretter, die das Bestehende vor dem Zerfall
hüten und Leben und Tätigkeit um sich verbreiten; denn nicht allein der Fall
des Wassers, sondern auch der Fall der über ihnen schwebenden Luft, die Reibung
der einzelnen Teile beider Elemente, das Zersetzen, wieder Neubeleben sind es
eigentlich, die dem Wasser neue Lebenskraft und so der Erde größere Tätigkeit
bereiten.
[Sg.01_019,25] Wie das Wasser als flüssiges
Element an den starren Felsen sich stoßend, sich reibt, durch Reibung
Lebenstätigkeit entwickelt, so sind die Gebirge als große Höhen oder einzelne
Berge die Felsen im Luftstrom; wo auch dieser dort anstoßend, sich reiben,
seine Tätigkeit vermehren muß und so auf die Oberfläche der Erde und auf die
lebenden Pflanzen und die Tierwelt seinen Einfluß ausübt.
[Sg.01_019,26] In der Luft, wo noch nebenbei
Licht als zersetzender Faktor die einzelnen Atome zu Verbindungen anregt, steht
das nämliche Gesetz fest wie in allem: „Leben“ heißt bewegen, heißt kämpfen,
heißt erzeugen und durch kosmische Prozesse wieder in andere Formen auflösen,
so im Wasser. Das Wasser zerstört die ihm unterliegende feste Materie durch
Reibung, zersetzt durch seine Bewegung bei Wasserfällen besonders die Luft
seiner Umgebung und seine eigenen Bestandteile; und es ist also ein Strom der
Träger des Lebens, der überall, wo er hinfließt, Ströme des Segens durch den
ihn begleitenden Luftstrom ausströmt, bis er im Meere angekommen, seines Besten
und Kräftigsten entledigt, statt untätig zu ruhen, durch die bitteren und
salzigen Bestandteile des Ozeans wieder zu anderen Verbindungen, aber „unter
der Erde“ angeregt, seinen Kreislauf in anderen Formen und auf anderen Wegen
wieder beginnen muß.
[Sg.01_019,27] So sind die Gebirge als
Aufnahmebehälter der neu belebten Wasser von unten „Ventilatoren des
Luftstroms“, die auf der Oberfläche der Erde sich bewegenden Ströme mit ihren
Katarakten (Wasserfällen) – „Ventilatoren des Wasser-Stromes“; und was ihr in
der sichtbaren Natur, in der Luft oft mit Schrecken und an den Wasserfällen mit
Staunen bewundert, das durchzieht auch das geistige Leben nach denselben
Prinzipien und Grundsätzen, wo auch, um geistig fortzuschreiten, gekämpft und
gestritten werden muß, damit das geistige Leben tauglich werde für eine
Ewigkeit, nicht versaure oder gar in Fäulnis übergehe!
[Sg.01_019,28] Denn sehet, wie die Luft in
ihrem Dahinströmen auf Hindernisse stößt, welches die Gebirgsmassen als feste
Gegenstände sind, oder wie das Wasser während seines Laufes auf Widerstände
stößt, welche seinen Lauf beengen wollen und so Luft wie Wasser zu
Kraftanstrengungen nötigen, ebenso im geistigen Leben die Hindernisse erst den
geistigen Charakter erwecken, ihn stählen, ihn zur größeren Tätigkeit anfachen.
[Sg.01_019,29] Wie es in der Luft unter
Donner und Blitz brauset und die Windsbraut drohend einherzieht oder das Wasser
auf einmal unter donnerndem Lärm in eine nicht vorgeahnte Tiefe fallen muß,
dort wirbelnd und brausend sich zerstoßen und an festen Felsen sich reiben muß
– so sind es die Hindernisse im menschlichen Leben, welche die Fälle
verursachen, wo der Mensch, aus seiner geträumten Ruhe herausgeworfen, im
Strudel des Lebens alle Kraft braucht, um aus dem Gewirr der Lebensfelsen
herauszukommen.
[Sg.01_019,30] Mit Gewalt muß gekämpft
werden, und wenn, wie beim Wasser, oft ein Hindernis überwältigt ist, so droht
vielleicht nach kurzem Verlauf ein neues, ebenso unvorhergesehen wie das erste.
So geht es fort, das ruhig ersehnte Fließen zwischen blumenreichen Gestaden
wird dem Menschen hier nicht zuteil, und kommt er auch am Ende in breiteres
Stromgebiet, so geht es seiner geistigen Bestimmung entgegen, wo, wie das
Wasser im Meer, er im geistigen Reich des ganzen Universums andere Gesetze,
andere Verhältnisse antrifft, die ihn zwingen, alles Überflüssige wegzulassen
und nur mit dem weiterzusegeln, was seiner Umgebung, als dem großen
Geisterreich, anpassend ist. –
[Sg.01_019,31] So ist ein Sturm in der Luft, ein
Wasserfall zwischen hohen Ufern das geistige Symbol des menschlichen Lebens, wo
überall eben nur durch Kampf das eigene und das Leben anderer bedingt ist.
[Sg.01_019,32] Sehet den großen Strom an, wie
langsam fließt er dahin; ebenso ein Leben ohne geistige Tätigkeit. Der Strom
trägt zwar Schiffe, führt aber meistens Schlamm und nicht trinkbares Wasser mit
sich; seine größte Lebenskraft ist von ihm gewichen, er eilt seiner Bestimmung
zu, anderen mehr als sich selbst nützend. – So das menschliche Leben; auch
hier, im Greisenalter, wo die Lebenstätigkeit auf weniges beschränkt nur noch
dem vegetativen Fortgange dienen muß, geht der Greis wie der große Strom seiner
Verwandlung entgegen.
[Sg.01_019,33] Wohl beiden, wenn sie früher
ihrer Umgebung viel genützt und Leben und Tätigkeit an andere gespendet haben!
[Sg.01_019,34] Mit diesem Bewußtsein möge
auch der Mensch dann ausrufen können: „Ich habe nicht umsonst gelebt!“ Dann
kann er ruhig abwarten, wenn ihn der große Ozean der Geisterwelt in seinen
Schoß aufnimmt, wo nur der Lohn des Getanen ihn erwartet, und er durch das
Vollbrachte geeignet ist, in höheren Stufen ein neues Vollbringen zu beginnen.
–
[Sg.01_019,35] So, Meine Kinder, nehmt euch
das Beispiel an Meiner materiellen Natur, wie ihr in eurer geistigen alle
Verhältnisse betrachten sollt, welche euch begegnen.
[Sg.01_019,36] Wasserfälle! Das Wasser fällt
von einer Höhe herab, zerstäubt sich, verdunstet und belebt sich neu. Wenn auch
ihr oft von einer geträumten Höhe herabfallet, macht es wie das Wasser, erneuert
eure Kraft, durchbrecht die Felsen alter Gewohnheiten, kämpfet und streitet,
denn Kampf ist Leben! Und wie der rauschende Bergstrom frisches belebendes
Wasser enthält, wie er eine fruchtbare Feuchtigkeit seiner Umgebung mitteilt,
so sollt auch ihr, neu belebt durch eure Kraftanstrengung, euch frisch, das
heißt lebensfähig erhalten, um eure Mission für euch selbst und die gegen eure
Umgebung oder Mitmenschen zu erfüllen.
[Sg.01_019,37] Wie in der Nähe eines
Bergstroms alles schöner blüht, alles in schönerem Grün erglänzt und die Natur
sich mehr zu entwickeln scheint, so soll auch eure Umgebung eure Gegenwart
fühlen; ihr sollt auch auf sie die Lebenstätigkeit verbreiten, damit, wenn ihr
in schönerem Glanze eines moralischen Bewußtseins frisch und kühn durchs Leben
schreitet, auch alle Mitgehenden verstehen und begreifen mögen, wo die geistige
Feuchtigkeit herkommt und wie sie es ist, die Licht und Farbenpracht im
reichsten Maße erzeugen kann, wo ihre Wirksamkeit hinzudringen imstande ist.
[Sg.01_019,38] So möge dir und allen anderen
das schäumende Gebrause des Niagara- oder jedes anderen Falles ein geistiges
Beispiel sein, daß „Fallen“ notwendig ist, um desto größer geistig wieder
aufzustehen; und daß eben, wie bei Wasserfällen der Bogen des Friedens in den
sieben Farben oft den bewundernden Zuschauer ergötzt, das Licht es ist, welches
diesen Zauber bewirkt, wie bei einem moralischen Falle das Licht des göttlichen
Wortes mit den sieben göttlichen Eigenschaften es ebenfalls ist, welches dem
Gefallenen wieder aufhilft und zu seinem weiteren Verlaufe während der kurzen
Lebenszeit stets behilflich sein wird, wie die Luft beim Wasser, an andere zu
übertragen, was im eigenen Leben erfahren worden ist. –
[Sg.01_019,39] O könntet ihr doch deutlicher
in Meinem Buche der Natur lesen, wie viele lehrreiche Beispiele stehen dort
geschrieben, deren geistige Entzifferung euch manchen seligen Genuß gewähren
könnte, mehr als alles weltliche Vergnügen, und ihr würdet nebenbei noch sehen,
wie im materiell Sichtbaren wie im geistig Unsichtbaren stets das nämliche
Gesetz der Liebe, der Duldung, der Verzeihung herrscht, und wie auch bei
anscheinlichen Zerstörungen doch nur ein liebender Zweck und Grund verborgen
ist, der zwar viel Materielles vertilgt, um Geistiges zu retten! –
[Sg.01_019,40] So soll euch dieses Wort
wieder faktisch beweisen, wie viel geistiges Licht um euch her während des
Tages schon ist, und wenn die Nacht hereinbricht, euch erinnern, daß über
diesem kurzen Sonnenlicht eines verschwindenden Tages noch ein höheres, ewiges
aus den Sternen euch entgegenleuchtet, welches ihr aber erst dann ganz
verstehen werdet, wenn das irdische für euch für immer vergangen und euer Auge
ganz fähig ist, nur geistiges, und zwar stetiges Licht aufzunehmen; während es
hier im Prüfungsleben nur auf manche Momente, angeregt durch Naturereignisse,
euch ahnen läßt, was hinter dem Sargdeckel für eine Sonne, für eine Welt ist,
und was für ein Vater dort steht, der hier schon in so manchen großartigen
Naturszenen euch begreiflich machen möchte, daß ihr nicht für dieses kurze,
sondern für ein ewiges, nie endendes Leben geschaffen seid!
[Sg.01_019,41] Betrachtet also Meine Natur!
lernet in ihr lesen die heilige Schrift Meiner Liebe, die im Donner der
Gewitterwolken oder eines stürzenden Wasserfalls oder im leisen Murmeln eines
Baches oder im sanften Fächeln eines Lüftchens euch stets zuruft: Gott ist die
Liebe! lernet Ihn verstehen, und Ich versichere euch, auch ihr müsset Ihn
lieben! –
[Sg.01_019,42] Lerne auch du nun, der du
dieses Wort für andere geschrieben hast, lerne auch du in der Natur, die dir
bald gegenüberstehen wird, lesen, wie groß und gut dein Vater und Herr ist, der
dir solche Worte für andere und dir die Gelegenheit gibt, an Ort und Stelle
geistig zu genießen, was du anderen eben schildern mußtest; lerne auch du
begreifen, wie es eben dein Vater und Herr ist, welcher dich hinausschickt in
Seine weite Natur, damit du neben deinem materiellen Interesse dein geistiges
nicht vergissest; wo dir zwischen Bergen, Gletschern und brausenden Waldbächen
jedes Geräusch derselben die nämlichen Worte zuflüstern möge, die du vorher
hier auch für andere geschrieben hast!
[Sg.01_019,43] Soviel für dich und das
Vorhergehende für die andern zur Danachachtung und Kenntnisnahme! Amen.
20. Kapitel – Ein Wort für Kurzsichtige.
20. Januar 1873
[Sg.01_020,01] Du hast vor kurzem wieder
angefangen, dich in ein Studium zu vertiefen, welches dir einst in deinen
jüngeren Jahren viel Genuß und erhabene Stunden gegeben hat (Anm.), und wo du schon
in jener Zeit nur Mich suchtest, aber doch nicht den rechten Weg einschlagend,
Mich nur ahnen, aber nicht so klar vor dir sehen konntest wie jetzt, wo Ich
dich manchmal mit einer geistigen Fernsicht beschenke, die, weit hinaus über
Zeit und Raum, den unendlichen Gott dich im unendlichen Weltall fühlen läßt.
[Sg.01_020,02] Da aber du nichts allein
genießen, nichts allein fühlen willst, und dabei glaubst, ein jeder Lichtfunke,
den Ich in deine Brust senke, gehöre nicht nur dir, sondern auch deinen Brüdern,
deinen Mitmenschen, deinen nachkommenden Freunden der wahren Gotteslehre, so
will Ich dir auch deine Bitte gewähren und dir wieder ein Wort voll des Geistes
der Liebe, der Gnade und der Erbarmung geben, damit dein Wunsch erfüllt werde
und die Menschen jetzt und einst noch erkennen mögen, wo Ich am leichtesten zu
begreifen und am leichtesten zu finden bin. –
[Sg.01_020,03] Du durchlasest jüngst ein Werk
eines Mir sehr lieben Mannes, der nicht wie die gewöhnlichen Gelehrten sich
nur, sondern bei allem, was er in Meiner großen Haushaltung findet, Mir die
Ehre gibt.
[Sg.01_020,04] Dort begannst du eben mit dem
aus deiner früheren Jugend erwähnten Studium, mit der Sternkunde, durchflogst
mit dem Schreiber dieses Buches die großen Räume der Unendlichkeit, wo du eben
im Unendlichen den Unendlichen mehr als woanders so ganz fühltest, wo du Seine
Größe und deine Winzigkeit als Mensch dieser Erde so ganz verstanden und
begriffen hast!
[Sg.01_020,05] Die Zahlenwerte der
wahrscheinlichen Größen von Welten und Sonnen sowohl, als die Entfernung
derselben voneinander, ihre wechselseitige Verbindung, die Harmonie der
Bewegungen, die dabei herrscht, die unwandelbaren Gesetze und noch mehreres –
alles dieses erhob dich auf einer Seite und drückte dich auf der andern nieder.
Und als du zu Mir deinen Blick erhobst und Mich anriefst: „Was bin ich, o Herr,
daß Du meiner gedenkest!“ und Ich dir im Herzen antwortete: (Du bist) „Mein
Kind!“ – nur dann bekamst du Fassung und das moralische Gleichgewicht wieder,
weil du in Mir nicht allein den mächtigen unbegrenzten Schöpfer eines solchen
Weltalls sahst, wie es vor deinen geistigen Augen gleich einem Buche aufgerollt
ward, sondern weil du, wie es in der Schöpfung bei allem Wesenden zu sehen ist,
daraus verstanden hast, daß nur ein Gott wie Ich so Sich gegen Seine
geschaffenen Wesen verhalten kann, daß Er auch dem Kleinsten ebensoviel
Sorgfalt zur Erreichung der Vollkommenheit zugewendet hat als es notwendig ist,
auf daß ein jedes seiner Bestimmung genüge und ungestört den Weg zu höheren
Stufen fortsetzen kann! –
[Sg.01_020,06] Ja, Mein Kind, den großen
Schöpfer kann man am leichtesten im Großen finden, denn während man Seine Größe
im Kleinen erst suchen muß und Denk- und Gefühlskraft dazu gehört, das
Gefundene zu würdigen, so drängt sich unwillkürlich die Macht eines großen
Werkmeisters dem Beschauer auf, wenn letzterer vor Bauresten steht, die über
seinen gewöhnlichen Begriff hinausgehen.
[Sg.01_020,07] Da steht dann der Bewunderer
erstaunt und verblüfft vor einem schaffenden Geiste, wo sein eigenes Ich ihm
als nichts oder gleichsam als eigentliche Null erscheint. Es ist der
unabweisbare Vergleich zwischen beiden, was ist Er und was bin ich, welcher
sich nicht wegleugnen läßt.
[Sg.01_020,08] So erging es auch dir beim
Durchlesen des Fixsternhimmels, wobei seine Größe, seine Entfernungen, sein
gesetzliches Wirken untereinander, alle diese Größen, wo eure menschliche
Körperausdehnung oder euer winziger Maßstab, der Fuß, sowie der Durchmesser
eurer Erde oder der Durchmesser eurer Erdbahn, ja der Durchmesser eures ganzen
Sonnensystems und seine Entfernung vom nächsten Fixstern in nichts
zusammenschrumpfen und alle diese Größen, irdisch genommene Zahlen nicht
ausreichen, Meine Schöpfung und ihre Räume oder Zeiten auszumessen.
[Sg.01_020,09] Selbst als sich das Licht mit
seinem Fluge kaum als Rechnungsfaktor bewährte (weil wieder Zahlen zum
Vorschein kommen, welche eurem menschlichen Verstande nicht mehr faßbar sind,
und höchstens nur noch der etwas geschwindere elektrische Funke sich erweisen könnte
als ein Maßstab, mit welchem ihr aber eben außerhalb eurer Atmosphäre nichts
messen könntet), da erst griff die bedrängte Seele zu dem geschwindesten Zeit-
und Raummesser, zum Gedanken, dem Maßstab, welchen Ich als Gottesgedanken in
euch gelegt habe, um wenigstens doch die Annäherung zu ahnen, wie groß selbst
die begrenzte materielle Sonnen- und Welten-Schöpfung sein mag, wo alle anderen
Versuche, eine auch nur geringe Vorstellung von ihr zu haben, nicht
ausreichten.
[Sg.01_020,10] In Anbetracht alles dieses
Gefühlten und Geahnten durchströmte dich ein Gefühl der Wehmut, der
Zerknirschung, und doch wieder eine süße Ahnung wie ein Heimweh nach jenen
Gegenden und Gefilden, von wo vielleicht seit ihrer Schöpfung noch kein
Lichtstrahl zu deinem Auge gedrungen ist! – Du fühltest, weit über Zeit und
Raum hinaus, das Wehen eines höheren, größeren Liebegeistes, der, obwohl für
dich und deinen Verstand unmeßbar, doch für dein Herz fühlbar war, ist und sein
wird. – Da sankst du hin im Gebet vor dem Throne deines Schöpfers, der auch
dein Vater ist; es kam dir unbegreiflich vor, wie eben dieser Vater unter so
vielen Millionen von Welten gerade diese deine kleine Erde ausgesucht haben
solle, um hier die Geister alle, und euch winzige Menschen, zu einem
Ehrenposten zu erheben, den nach menschlichen Begriffen du vielleicht anderen,
schöneren, riesigeren Welten zugedacht hättest.
[Sg.01_020,11] In diesem Drange der Wonne,
der Liebe, der Zweifel und Fragen wandtest du dich an Mich um ein tröstend
Wort, weil auch du Mein Kind bist; und jetzt will Ich dir die Auflösung aller
dieser Rätsel, und zwar von einem Standpunkte geben, von dem du und deine
Freunde und Brüder wohl noch keinen Begriff und auch keine Idee gehabt habet.
[Sg.01_020,12] Wenn Ich auch wohl schon in
anderen Worten über Meine Schöpfung, über Mein Ich, euch viel gegeben habe, so
möget ihr versichert sein: Es gibt noch immer neue Seiten, von welchen ihr die
materielle wie die geistige Schöpfung nicht betrachtet und auch nicht im
mindesten geahnt habt, daß über diese Dinge noch etwas Neues gesagt werden
könnte. Und so will Ich auch eben in diesem Wort wieder zeigen, daß Meine
Schöpfung noch lange nicht so klar vor euren Augen liegt, wie es Meinen Kindern
geziemt, daß sie sie begreifen sollten; und um kein Mittel ungenutzt zu lassen,
euch den leichteren Weg zur Kenntnis zu führen, so folget Mir denn auf einem
Spaziergange durch Mein Haus, wo Ich ebenfalls, wie Meine (parodierenden)
„Stellvertreter auf Erden“, der Wohnungen in Unzahl habe. –
[Sg.01_020,13] Sehet, Meine Kinder, es ist
eine allgemeine Geisteskrankheit der meisten Menschen, daß sie sich nicht mit
dem beschäftigen wollen, was sie Mir näher bringen könnte, und zwar leichter
als anderes, und daß sie meistens anderswohin sich wenden, wo mit abstrakten
Begriffen, mit mühsam hergekünstelten süßen Momenten und Erhebungen sie sich
selbst geistige Genüsse zu bereiten suchen, um mit Mir in Gemeinschaft zu
treten.
[Sg.01_020,14] Ihr alle, die ihr seit Jahren
Worte von Mir direkt erhaltet, ihr alle seid mit dem materiellen Leben, mit
euren Leibessorgen so verwachsen, daß nur bei einem neuen Wort, bei einer
neuen, schönen Phrase euer innerstes Liebesfünklein aufleuchtet, wie bei einem
Nachtlicht, das anfängt wegen Mangels an Nahrung zu verlöschen, wo oft
ebenfalls solche Lichtmomente vorkommen, denen aber gleich darauf eine um so
größere Finsternis folgt.
[Sg.01_020,15] Diese Art, Meine Worte
aufzufassen, ist bei euch am meisten wahrzunehmen, und warum? Sehet, eben weil
ihr nicht dem nächsten Wege, euch in Stimmungen zu halten, in welchen ihr die
Menschheit, die Welt und Mich in schönerem, ruhigem Lichte sehen könntet,
nachkommt.
[Sg.01_020,16] Diese momentanen Erhebungen
sind als Nervenreizungen nur für kurze Zeit möglich. Um eine solche ruhige,
erhabene Ansicht des euch Umgebenden zu gewinnen, muß auf anderen Grund gebaut
werden, auf Grund von Ideen, welche euch überall begleiten, auf welche ihr alle
Ereignisse und Erlebnisse zurückführen könnt. Solange ihr diese Fertigkeit
nicht habt, werdet ihr stets teils im Handeln wanken, teils so manches
schwärzer ansehen, als es wirklich ist, oder ihm mehr Wert beilegen, als es in
der Tat hat.
[Sg.01_020,17] Sehet, schon in eurem
gewöhnlichen irdischen Leben wißt ihr wohl aus eigener Erfahrung, daß wenn das
menschliche Herz etwas mit ganzer Liebe erfaßt, wie bei Lieblings-Ideen oder
gar beim Verliebtsein, wie da diese Ideen oder das Bild des geliebten
Gegenstandes euch überall folgt, von morgens bis abends bei allen Handlungen
euch begleitet, alles Erlebte auf ihn bezogen wird, ja selbst noch in Träumen
es euren Geist beschäftigt!
[Sg.01_020,18] Wenn ihr das aus Erfahrung
erlebt habt und jetzt nach genauerer Kenntnisnahme Meines direkten Wortes euch
rühmen möchtet mit den Worten, wie Ich sie einst sagte: „Mein Reich ist nicht
von dieser Welt!“, so glaube Ich, daß es ebenfalls in eurem Herzen so aussehen
sollte in bezug auf Mich, wie einst in bezug auf einen irdischen geliebten
Gegenstand. Und doch, wenn ihr Mich fragt, so sage Ich es euch, bei euch ist
das nicht der Fall, sondern nur bei einem oder dem andern sind die Momente der
höheren geistigen Genuß-Augenblicke länger als bei andern, aber Augenblicke,
vorübergehend bleiben sie doch immer!
[Sg.01_020,19] Um euch also auch hier wieder
den Weg zu zeigen, wie man so ganz mit Mir in Gemeinschaft treten, mit Mir so
ganz vertraut werden und durch ein immerwährendes Zwiegespräch stets höher und
höher steigen und ruhiger werden kann, so höret also Meine Worte an euch in
dieser Beziehung, welche so lauten:
[Sg.01_020,20] „Betrachtet Meine Natur! Sie
ist die einzige wahre Vermittlerin zwischen Mir und euch; denn Ich bin ein
Geist, als Geist euch nicht sichtbar, nur ahnen könnt ihr Mich, während Ich
Meine eigene Liebessprache nur zu deutlich in alles Materielle gelegt habe, wo
es dann nur an dem aufmerksamen Beobachter fehlt, der dieses Buch lesen und
verstehen will –
[Sg.01_020,21] Mein Schöpfungsbuch ist
unendlich! Und so wie es vor euch liegt, besonders im Kleinen, könnt ihr es nur
dann verstehen, wenn ihr euren wissenschaftlichen Forschern folgt, die mit viel
Zeit und Aufwand von Geduld euch langsam in die Geheimnisse der Schöpfung
einführen, soweit es ihre Verstandesleuchte und ihre menschlichen Hilfsmittel
erlauben.
[Sg.01_020,22] Wenn aber manchmal die
Schlußfolgen dieser Gelehrten andere sind als die euren, so stoßet euch nicht
daran:
[Sg.01_020,23] Alle Entdeckungen auf
wissenschaftlichem Gebiet sind nur dann fruchtbringend für das höhere geistige
Leben, wenn sie sich auf Mich, auf Meine Lehre, auf Meine Liebe beziehen!
[Sg.01_020,24] So müsset ihr die Schöpfung
verstehen, so dann auch Meine Natur lesen, und es wird euch bald ein Geist des
Friedens und der Ordnung aus allem entgegenleuchten, der euch gerade das als
stetige Größe in der Natur zeigt, was euch im ganzen fehlt.
[Sg.01_020,25] Wenigen von euch und auch von
den meisten Menschen ist es gegönnt, in die Geheimnisse des Mikrokosmos
einzudringen; entweder fehlt ihnen der Sinn für diese Beschäftigung oder fehlen
die Mittel oder sind es Berufsgeschäfte, alltägliche, geistlose, welche sie am
Weiterforschen in dieser Hinsicht hindern, und es bleibt ihnen nichts übrig,
als bei einem Spaziergang in freier Natur nach ermüdender Arbeit ausrufen zu
können: „Ach wie schön!“ „Wie herrlich ist alles!“ Aber das Warum zu wissen,
dazu fehlen ihnen die nötigen Kenntnisse.
[Sg.01_020,26] Das leise Wirken der Natur
also näher zu verstehen, bleibt und blieb bis jetzt nur denen vorbehalten,
welche tiefer eindrangen in das Gewebe, welches wie ein Netz alles Sichtbare
übersponnen hat. Dem ernsten Beobachter, dem tiefen Denker war es vorbehalten,
die hieroglyphische Schrift zu entziffern, welche auf so manchem Tautropfen,
der an einem Moosblatte hängt, sich zeigt und welche Ich als Vater alles
Geschaffenen ebensogut in den Tautropfen wie in eine mächtige Zentralsonne von
tausend Millionen eurer Meilen im Durchmesser gelegt habe!
[Sg.01_020,27] Diese geheimnisvolle
Liebessprache ist wenigen vorbehalten; aber leichter ist sie zu entziffern,
wenn nachts das ganze große Sternenzelt sich über euren Häuptern ausbreitet, wo
ihr nur zu oft, statt dort in jene bis jetzt ungemessenen Räume einen Blick zu
tun, schlaftrunken eure Fenster und Vorhänge schließt und im irdischen Schlafe
die euch umgebende und die über euch ausgebreitete Welt vergessen wollt und
euch materiell gesinnt ins Bett legt, um am Morgen wieder nur zu oft noch
materieller aufzustehen.
[Sg.01_020,28] Die Sterne, die doch jedem
Menschen die Frage abdringen müssen: zu was sind sie dann da? zum Leuchten –
gewiß nicht, denn es fehlt ihnen an geeigneter Helle; zur Erwärmung ebenfalls
nicht; also die Sterne, als daseiende, geschaffene Dinge, müssen einem jeden
Menschen, der nur im mindesten denken gelernt hat, den Wunsch abdringen:
[Sg.01_020,29] „Ich möchte doch wissen, was sind
denn diese glänzenden Punkte am nächtlichen Himmel?“ –
[Sg.01_020,30] Wer nun dieser Frage Gehör
gibt und nicht zu sehr ins weltliche, irdische Treiben vertieft seinem
Interesse nachsucht, wie das Vieh dem Futter, der wird auch bald Bücher und
Menschen finden, die ihm dann so einen kleinen Wink geben von dem, was bis
jetzt aufmerksame Beobachter aus dem gestirnten Himmel herausgelesen haben,
während Millionen Menschen im Schlafe unbewußt nur ihr irdisches Leben
fristeten.
[Sg.01_020,31] Nicht umsonst habe Ich die
Menschen Erfindungen machen lassen, um in diesem großen Schöpfungsreich lesen
zu können, nicht umsonst habe Ich durch langes Arbeiten und Suchen auf
berechnendem Wege die Bahnelemente von Sonnen, Planeten und Kometen,
Fixsternen, Sternenlinsen, Nebelflecken und Sternenhaufen entdecken lassen. Ich
wollte damit eben dieses große Buch, wo Ich als Schöpfer und Meine Schöpfung
als Größtes dasteht, dem Menschen näherrücken, damit er Meiner gedenkt, sich
seiner eigenen Würde bewußt wird und nicht den Blick nach unten, wie die Tiere,
sondern nach oben richtet – als die Richtung, von wannen er gekommen und wohin
er wieder gehen wird, um wie alle kreisenden Sterne auch seine Bahn zu
vollenden auf Erden.
[Sg.01_020,32] Wie auf dem Felde Blumen von
allerlei Farben prangen und alle Zeugen Meiner Liebe und Gnade sind, so kreisen
auch dort oben Sterne um Sterne verschieden an Farbenglanz und Lichtstärke; sie
sind auch Blumen in dem großen Garten Meiner unendlichen Schöpfung, sie duften
zwar nicht, doch ihr Glanz, ihr Licht hat etwas Geistiges, Erhabenes, was in
ein Auge dringend, euch Gefühle der Weltenharmonie erweckt, der Einheit von
Gesetzen, wie ihr solche auf Erden in eurem eigenen Lebenswandel selbst nicht
habt.
[Sg.01_020,33] Die Berechnung zeigt euch Größen,
die über eure Phantasie hinausgehen, sie sind (für euch) unaussprechlich,
undenkbar, wie ihr Schöpfer Selbst.
[Sg.01_020,34] Von Millionen und Millionen
Zeiträumen her fliegt das Licht, auch nur ein materieller Stoff, um doch einst
dem aufmerksamen Beobachter Zeugnis zu bringen von einem geistigen Schöpfer,
der jene Welten hervorrief, noch ehe die eurige als Dunstball nur die mindeste
Neigung hatte, sich von der Gesamtmasse zu trennen und ein abgetrenntes Ganzes
zu machen, um dann erst wieder nach und nach sich verhärtend und sich
entwickelnd ein Wohnort von lebenden Wesen zu werden, Mich ebenso wie viele
Millionen andere Geschaffene zu loben, zu lieben und zu verehren!
[Sg.01_020,35] Dieser gestirnte Himmel mit
seinen Millionen von Sonnen, mit seinen Entfernungen, mit seiner Größe ist das
einzige wahre Bild, unter welchem ihr kleinen winzigen Erdgeschöpfe Mich als
Schöpfer erkennen oder ahnen könnt!
[Sg.01_020,36] Er (der Sternenhimmel) drängt
euch die Ahnung auf, daß da oben mit anderen Größen, mit anderen Zeiten
gemessen werden muß, um dieses große, unendliche Werk zu begreifen, welches in
sich unendlich, eben den Unendlichen und die Unendlichkeit am meisten
ausdrückt.
[Sg.01_020,37] Dieser über eurem Haupte
täglich ausgebreitete Sternenhimmel sollte euch zum Nachdenken, zum Forschen
anregen, damit, wenn euch auch der Mikrokosmos undeutlich und verschlossen,
doch der Makrokosmos zum Teil erklärbar sei, damit ihr dort in großen
Weltschöpfungsbuchstaben lesen könnt, was in kleinen Lettern auch auf jeder Moospflanze,
auf jedem Infusorienwesen geschrieben steht: „Gott ist die Liebe“
[Sg.01_020,38] „Und wer Ihn anbeten will, muß
Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!“
[Sg.01_020,39] „Im Geiste anbeten“ will
heißen, wenn ihr Meine materielle Welt, wo Ich alle Meine Gedanken
aufgezeichnet habe, geistig versteht, und „in der Wahrheit“ will sagen, wenn
ihr in den gefundenen und entdeckten Geheimnissen aller Forscher das Wahre vom
Falschen, die richtige von der falschen Schlußfolgerung unterscheiden gelernt
habt.
[Sg.01_020,40] Dort oben, in den
unermeßlichen Räumen seht ihr einen Gott rechnen und bauen nach Seiner Weise,
nicht nach Pygmäen-Weise, sondern nach dem Maße Seines Ichs, nach dem Maße der
Unendlichkeit. – Dort wo alle materiellen Hilfsquellen nicht ausreichen,
Distanzen (Entfernungen) und Größen zu messen, dort steht nur – Gott als
höchster Gedanke, und nur mit dem Gedanken kann gemessen, beurteilt werden, was
eben nur der Gedanke schuf.
[Sg.01_020,41] Daher dein Zusammensinken in
Nichtigkeit, du Mein lieber Schreiber, weil du dir vorstellen wolltest, was nur
denkbar dem Geiste und ahnbar dem Herzen, aber dem Verstande unerreichbar ist.
[Sg.01_020,42] Darum riefst du aus: „Was bin
ich, daß Du meiner gedenkest!“ Die Wucht der Größen war dir zu groß, du wolltest
die Unendlichkeit fassen, die doch nur Ich, aber du endliches Wesen nie ganz
begreifen wirst!
[Sg.01_020,43] Ich gab dir dieses Wort zu
deiner Beruhigung und zur Aufmunterung anderer, daß sie diese Wissenschaft,
welche ihnen den größten Genuß und die höchste Idee eines Schöpfers nur ahnend
zwar beizubringen imstande ist, nicht für so gering halten sollten, daß sie
nicht glauben sollten, es sei bloß ein Studium, um ein paar Sonnen- oder
Mondfinsternisse im voraus zu berechnen, oder den Schiffern wegen der
Verfinsterung der Jupiter-Monde in ihrer Berechnung zu helfen.
[Sg.01_020,44] Nein! die Astronomie ließ Ich
deswegen gedeihen unter euch, um euch dieses große Buch, das jede Nacht sich
vor euren Augen entrollt, leserlich und verständlich zu machen und gerade den
Ungläubigsten, den Gottesleugnern und Materialisten den Beweis aufzuzwingen,
daß wo so geordnete Gesetze wie dort oben herrschen, auch ein Gesetzgeber da
sein muß, und die Millionen und Millionen kreisenden Welten nur zu deutlich
zeigen, daß ein Gott als Schöpfer das mit und durch Liebe bewirken will, was Er
auf anderem Wege nicht so leicht erreichen konnte!
[Sg.01_020,45] Was deine andere Frage
betrifft, wie und warum Ich gerade den Stern, „Erde“ genannt, auserwählt habe,
um auf ihm das größte Werk der Demut für euch und die ganze Geisterwelt zu
vollführen, so genüge dir zur Antwort: Wenn du den Bau des Fixsternhimmels
genau mit geistigen Augen betrachtet hast, so wirst du finden, daß erstens euer
Sonnensystem, wovon die Erde ein Glied ist, beinahe in der Mitte dieser
Sternenlinse steht, und zweitens, daß eben dieses System mit allen seinen
Kometen und Planeten eine der jüngsten Schöpfungen ist, die aus Meiner Hand
entstanden und noch immer im Vervollkommnen sich befindet.
[Sg.01_020,46] Du hast gelesen, daß über 6000
Kometen (was für euch so scheint, es sind deren aber eine Unzahl) noch um diese
Sonnen kreisen. „Was sind aber Kometen?“ Siehe, Kometen sind ebenfalls nur
Weltsysteme, die wieder Planeten und Erden werden, damit auch sie einst im engeren
Kreise um ihre Mittelsonne kreisend, dem Lobgesang aller anderen
Sphärenharmonien beistimmen können!
[Sg.01_020,47] In eurem Sonnensystem selbst
wirst du finden, daß der in der gerechten Ordnung als vierter Planet gesetzte
Stern, jetzt zertrümmert in viele kleine Stücke, seinen Kreislauf fortsetzt.
Dieser Stern ward einst bestimmt, wie Ich es woanders sagte, zu Meinem
Daniederkommen auf eine Welt, ein Zeuge Meiner Macht und Meiner Liebe zu
werden.
[Sg.01_020,48] Doch er hat sich, oder
eigentlich seine Bewohner haben sich nicht würdig gezeigt einer solchen Gnade,
und so wurde er zertrümmert, wie ihr ihn jetzt noch findet, und es wurde dann
die Erde ausersehen, als Mittelglied zwischen den Vorder- und Hinter-Planeten,
Zeuge Meines Demuts-Aktes zu sein!
[Sg.01_020,49] Wenn Ich sage: „Jüngstes
Sonnensystem“, so mußt du dir nicht diese Zeit in Jahren vorstellen wollen,
dort oben gibt es keine Jahre, keine Tage, sondern die Zeit ist Mein ewiges
Vervollkommnungs-Gesetz, das kein anderes Maß als die Unendlichkeit selbst hat,
aus welcher sie kommt und in welche sie wieder verrinnt.
[Sg.01_020,50] Daher ist auch die
Schöpfungszeit eures Planeten bis zu seiner Bewohnbarkeit nicht so alt wie jene
Welten, die vor euch unberechenbaren Zeiten oder Äonen von Jahren ihren Kreislauf
begannen und wo jede von euch denkbare Jahreszahl, von ihrem Werden bis zu
ihrem jetzigen Bestand, nicht ausreichen würde, dir einen Begriff zu geben von
der Dauer einer solchen Weltkugel, noch von ihrer Größe, noch von ihrer
Beschaffenheit und ihren Einwohnern.
[Sg.01_020,51] In diesem Punkte muß der
menschliche Verstand zurücksinken in ein Nichts gegen Meinen allmächtigen
Willen, gegen Meine Weisheit und gegen Meine Anordnungen, wo, was eben ihr alle
nicht begreifet, Ich im endlosen Raume schaffe, während ihr nur endliche Räume
kennt!
[Sg.01_020,52] Alle diese Welten, obwohl
geschaffen, hatten noch keine letzte Weihe des höchsten Geistigen erhalten, bis
Ich den Impuls zum Werden des letzten, eures Sonnensystems gab, wo sodann die
materielle Welt, bis dorthin überkleidete Geisterwelt, erst ihren Zweck, ihre
Bestimmung und ihre Mission erhalten hat!
[Sg.01_020,53] Nach Meinem Daniedersteigen
auf eure Erde und Meiner Heimkehr begann erst eine neue Ära für alle
geschaffenen Wesen, ob Geister ob Menschen, auf allen Welten und Sonnen.
[Sg.01_020,54] Was die ersteren als Gewißheit
hatten, konnten die andern als Ahnung erfassen, und so wurde das Prinzip der
Liebe als allgemeines Gesetz überall erkannt, befolgt und bei minder begabten
Wesen geahnt.
[Sg.01_020,55] Nur durch die große Probe
Meiner eigenen Demütigung erhob sich erst das Bewußtsein aller lebenden,
denkenden Geschöpfe; denn wenngleich sie Mich nicht als Vater, als Träger der
Schöpfung, als personifizierte Liebe erkannten, so verehrten sie Mich als
„großen Geist“, als geistiges und nicht als materielles Wesen.
[Sg.01_020,56] So hat der große materielle
Weltenmensch seine geistige Bestimmung erhalten, so hat der geistige
Weltenmensch sein eigenes Dasein erst erkannt, warum er, warum die Materie da ist
und warum Ich auf ein kleines Sandkorn im Ozean Meiner Schöpfung herunterstieg,
um unter diesen kleinen Geschöpfen den größten Akt der Liebe und der Demut zu
vollführen!
[Sg.01_020,57] Jetzt, wo dieses alles
geschehen ist, jetzt geht der Welten-Mensch, zusammengesetzt aus der ganzen
sichtbaren Schöpfung, seinem Lösungsprozeß entgegen.
[Sg.01_020,58] Die Geisterwelt weiß, wohin
sie gehen muß, um die Kindschaft ihres Herrn zu erlangen, und die materielle Welt
empfindet durch die in sie gebundenen Geister das Bedürfnis, dorthin zu
drängen, aus Dessen Schoße sie hervorgegangen, um dort den Kreislauf ihres
Werdens, Bildens und Vervollkommnens zu vollenden. Eine Kette, ein Band
umschlingt die beiden großen Welten, die Geister- und die Materie-Welt, ein
Band, eine Kette bindet alles Geschaffene gegenseitig untereinander und
verbindet es mit der Geisterwelt – es ist das Band der Liebe, das Band, welches
der Schöpfer deswegen um sie alle zog, weil die Liebe als Erhaltungs-Prinzip
das einmal Gewonnene, dessen Ausbildung und weiteres Fortschreiten, Streben und
Vervollkommnen in sich trägt.
[Sg.01_020,59] Deswegen, wenn bei nächtlichem
Himmel euer Auge ein Lichtstrahl aus so fernen Zonen Meiner Schöpfung noch
trifft, so denket auch dabei, daß es der Lichtstrahl, von der Hand der Liebe
gesandt ist, der euch Kunde gibt von einer unermeßlichen Welt in weiter Ferne,
und daß dieser Lichtstrahl eben beim Auffallen auf euer Auge – von einer Welt,
die vielleicht tausend Millionen Lichtweiten Entfernung hat, sich in eurem Auge
verkörpert mit eurem materiellen Ich und ihr so ein Teil jener (materiellen)
Welt werdet, während ihr auf Erden wandelnd, aus anderen Stoffen
zusammengesetzt, eben diesen Lichtstrahl braucht, um nicht isoliert, sondern
Verbindungsglieder solch ferner Welten mit dem kleinen Planeten Erde zu sein. –
[Sg.01_020,60] Licht ist Materie, euer Auge
ebenfalls, und so verbindend bleibt die Kette, die geistig dadurch sich äußert,
daß ein gefühlvoller Mensch die sanfte Liebessprache dieser für ihn entfernten
Welten ahnt, ohne zu wissen, warum eben dieser Lichtstrahl vielleicht gerade
der Träger der Liebe ist, welcher dort aus Meiner Gnade entsprossen nach
Millionen und Millionen Jahren erst in einem menschlichen Auge seine letzte
Mission vollführen mußte, warum er von dort ausgegangen ist.
[Sg.01_020,61] O Meine Kinder, wie wenig
kennt ihr noch Meine Natur, wie wenig kennt ihr ihre Sprache, wie wenig die
Deutung aller dieser Liebeszeichen, die aus allen Winkeln, von oben und unten,
euch entgegenkommen und von euch verstanden sein wollen.
[Sg.01_020,62] Das große Buch Meiner
Unendlichkeit, jede Nacht liegt es vor euch aufgeschlagen, Trost und Ruhe dem
von harter Tagesarbeit Ermüdeten spendend mit der Hoffnung: dort oben in
heiliger Ruhe wird Vergeltung, wird Liebe sein; und wenn bei einsamen
Spaziergängen in Meiner schönen Natur das ganze Kleintiergeschlecht euch durch
seine Freudenbezeugungen zu erkennen gibt, daß auch es nicht gefühllos ist
gegen die Einwirkungen des Sonnenlichtes und der Sonnenwärme, beides Träger des
Lebens und der Liebe!
[Sg.01_020,63] Lernet verstehen diesen
Harmoniengesang, lernet begreifen, was hier aus tausend Kehlen euch
entgegenjauchzt, es ist die Liebe, das unbewußte Behaglichkeits-Gefühl von Millionen
von Geschöpfen, die durch das Licht der Sonne – welches auf ihre Augen fallend,
eben auch ihr eigenes wird – die nämliche sanfte Sprache verspüren wie ihr
denkenden Menschen, wenn in ruhiger Nacht vom gestirnten Himmel Millionen und
Millionen Strahlen heruntersteigen, die Erde auf ihrem Lauf um die Mutter Sonne
begrüßen, euch ebenfalls vermittels eurer Sehorgane Produkte von entfernten
Welten zuschicken, damit auch ihr von dem Jubelglanze dieser großen Schöpfungen
eine leise Ahnung empfangen solltet, um zu begreifen, was Ich einst zu Meinen
Aposteln sagte:
[Sg.01_020,64] „In Meines Vaters Hause sind
viele Wohnungen!“
[Sg.01_020,65] Ja viele, unzählbare und
unermeßlich große Wohnungen sind in dem Hause Meiner Schöpfung, Meiner
„gefesteten Liebe“, alle gehören dazu, Meine Macht, Meine Unendlichkeit den
endlichen Geschöpfen darzulegen.
[Sg.01_020,66] Wenn auch der Lichtstrahl
Millionen und Millionen Jahre braucht, um euch Kunde zu geben von Fernen, wo
noch Welten kreisen, wo noch die Liebe nicht ihren Grenzstein aufgepflanzt hat,
so ist es stets ein Beweis, daß, eben weil die Liebe unendlich, auch ihre
Schöpfungen unendlich, ohne Grenzen sind.
[Sg.01_020,67] Daher, du, Mein Schreiber,
sinke nicht zusammen in ein Nichts vor der Schöpfungsgröße der materiellen
Welt, erschrecke nicht vor Entfernungen, vor Größen, die dein Verstand
allerdings nicht fassen kann. –
[Sg.01_020,68] Der, welcher diese Schöpfungen
in die Unendlichkeit hinausstellte als Zeugen Seiner Macht, Seiner Größe,
Seiner Liebe, hat alle wesenden Geschöpfe auf ihnen nur deswegen erzeugt, auf
daß sie alle Zeugen sein sollen, wie Gott, ein Gott der Liebe, es versteht, das
Unbegreifliche begreiflich zu machen, wie Gott versteht, auch im kleinsten Atom
wie in der größten Weltkugel Sich gleichzubleiben, indem beide perfekt ohne
alles Zusatz- oder Wegnahme-Bedürfnis in der Schöpfungskette dastehen als das,
was sie sein sollen.
[Sg.01_020,69] Auch du, Mein Kind, bist ein
Glied jener großen Kette aller Schöpfungen, auch du hängst mit der größten
Zentralsonne wie mit dem kleinsten Atom im unendlichen Äther zusammen, auch du
bist auf deinem Platz, mußt und wirst deinen Platz ausfüllen, wie es Mein
liebender Wille ordnet.
[Sg.01_020,70] Verzage nicht, die Größe
Meiner Schöpfung zu fassen; groß bin Ich in allem, groß muß Ich sein, sonst
wäre Ich kein Schöpfer. Beurteilt man doch euch Menschen nach eurem Schaffen –
gut, so beurteilet auch Mich nach Meinem Geschaffenen, und wenn ihr vor manchem
Menschen ob seiner Gelehrsamkeit den Hut abziehen müßt, wie ihr sagt, so gebet
auch Mir die Verehrung und den Dank, der Mir gebührt, nicht allein weil Ich
alles so geschaffen und geordnet habe, sondern weil Ich euch inmitten Millionen
anderer lebender Wesen mit einem Geiste ausgerüstet habe, um, wenn nicht Mich
ganz zu begreifen, doch aber Meine Größe zu ahnen, indem ihr die Sprache Meiner
Werke verstehen lernt.
[Sg.01_020,71] Den Charakter eines anderen
Volkes zu verstehen, mit ihnen zu verkehren, dazu erlernt ihr fremde Sprachen,
weil es eurem materiellen Interesse anpaßt; gut, Meine Gemeinschaft, Meinen
Charakter zu studieren, lernet also Meine Sprache! Lernet diese Zeichensprache
Meiner Natur geistig deuten, lernet, ihr Abkömmlinge eines großen Geistes,
Seine Liebe und Gnade bemessen, wenn Er es zuläßt, daß ihr – sei es in weiter
Ferne oder in nächster Nähe – Seine Wunder kennenlernt und so, statt
zusammenzusinken unter der Wucht Seiner Größe, euch wie eine Efeuranke am
Stamme des ewigen Lebensbaumes hinaufwindet, von Ihm Lebenskraft einsaugt,
welche euch dann stets mehr fähig macht, Ihn durch Seine Worte zu schätzen, zu
lieben und zu begreifen.
[Sg.01_020,72] Werdet fernsichtig, erkennet
in der Ferne zuerst aus Meinem großen Lebensbuche des nächtlichen Himmels Meine
Liebe, Meine Sorgfalt und Meine Macht, und es werden diese funkelnden Sternchen
euch gar manches erzählen von den großen Harmonien im Weltengebäude, die sich
überall bis zu den kleinsten Infusorien wiederholen und überall die Größe eines
Schöpfers mit der Liebe eines Vaters für Seine Kinder in Verbindung bringen!
[Sg.01_020,73] Welten wurden, Welten
vergingen und werden, von denen euer Auge keine Kunde erhalten, aber die Stimme
des Vaters in eines jeden Herzen wird nicht versiegen, sobald nur dieses Herz
ihr geöffnet und für sie empfänglich ist!
[Sg.01_020,74] Mag die Sprache aus der
Sternenwelt mittels Teleskop oder aus dem Wassertropfen mittels Mikroskop euch
Wunder über Wunder zeigen, sie ist doch stets dieselbe, nur lernet sie
verstehen, und Ruhe und Frieden, das Grundprinzip Meiner Schöpfung, wird in
euer Gemüt einziehen. Meine Geistessprache in eurem Innern wird euch stets
begleiten und euch führen vom Nahen zum Fernen oder vom Fernen zum Nächsten,
nämlich: vom letzten Lichtstrahl einer unendlich weit entfernten Weltensonne
bis zum Sitz aller Liebe, bis zum eigenen Herzen, wo immer der nämliche Spruch
lauten wird:
[Sg.01_020,75] „Preiset hoch den Vater! denn
Er ist, war und wird ewig sein: der Gott der Liebe!“ Amen.
23. Januar 1873
[Sg.01_020,76] Du fragst Mich – wie werden
wohl alle diese Welten beschaffen, eingerichtet und bevölkert sein?
[Sg.01_020,77] Sieh, Mein Kind, das ist
wieder eine ganz menschliche Frage, und auf diese muß Ich dir auch wieder eine
menschliche Antwort geben, das heißt, Ich muß dir zeigen, daß die Antwort dir
so nahe liegt und es nur deiner Kurzsichtigkeit zur Schuld angerechnet werden
muß, wenn du sie bis jetzt noch nicht selbst gefunden hast. So höre also: Du
wirst schon aus allem, was du gelernt, gelesen und was Ich dir gesagt habe,
ersehen haben, daß überall nur ein Gedanke, in Millionen von Formen das ganze
Universum durchdringend, diesem zur Grundlage dient und natürlich auch eben in
Mir, als geistiger Ausdruck alles materiell Geschaffenen, seine letzte Lösung
findet.
[Sg.01_020,78] Selbst in den Worten von Mir
von Anfang an, in den Urzeiten den Vätern gegeben bis auf die Mitteilungen, die
du heute von Mir empfängst, überall herrscht Konsequenz, Logik oder eine
richtige Folgerung, ein geregeltes Schließen; Ursache und Wirkung ergänzen
sich, Lücken füllen sich aus, wo solche entstehen, damit das Band, welches
alles umfassen soll, keine Störung, keine Trennung erleidet!
[Sg.01_020,79] Und eben diese Konsequenz
(beharrliche Folgerichtigkeit), dieses Zusammenwirken von allem zu einem Zweck
ist es, welches auch die Verschiedenheit der Weltkörper, Sonnen und Planeten
ebenso leicht natürlich gestaltet, wie aus einem Baum der Zweig, aus dem Zweige
das Blatt, die Blüte und Frucht erwachsen müssen.
[Sg.01_020,80] Es ist keine kopfzerbrechende
Arbeit, wie du als Mensch es dir vorstellst, welche Ich haben müßte, wo,
nachdem so viele Welten erschaffen waren, Ich etwa in Verlegenheit war, sie
äußerlich auszustatten, sie zu bevölkern und den geistigen Wesen auf ihnen ihre
Richtung und Lebensbahn zu bestimmen.
[Sg.01_020,81] Das, was der Grund dessen war,
wie diese Welten im Raume verteilt wurden, warum sie so groß waren und in
welchen Zeitverhältnissen sie, eine um die andere kreisend, ihren materiellen
Kreislauf, ihre materielle Bestimmung erfüllen sollten – alles dieses bedingte
auch ihre Außenseite, ihre Produkte und ihre auf ihnen lebenden Geschöpfe und
Wesen. –
[Sg.01_020,82] Siehe, auf der Erde, wo du
lebst, gibt es ja ebenfalls tausenderlei Tiergattungen und doch sind bei den
Gattungen die einzelnen Tiergeschöpfe auch wieder individuell oft himmelweit
voneinander unterschieden.
[Sg.01_020,83] Bei den Menschen ist dieses
eben auch der Fall. Millionen von Menschen leben auf dem Erdball und doch
gleicht keiner (völlig) dem andern, während die Form als Mensch überall eine
und die nämliche ist.
[Sg.01_020,84] Nicht nur in der geistigen
Individualität ist kein lebendes Geschöpf dem andern gleich. Und so wie die
Geschöpfe verschieden sind, welche Verschiedenheit sich nach Klima, Boden und
Kulturverhältnissen richtet, wo dann die geistige Differenz zwischen den
Gliedern der einzelnen Gattungen dadurch bedingt und beeinflußt wird, ebenso
sind bei den Welten ihre äußere Ausstattung, ihre Produkte und ihre Geschöpfe
nur die Folge des inneren Baues und ihrer gegenseitigen Stellung zueinander.
[Sg.01_020,85] So wie in jedem Geschöpf
Organe sind, wo die einen zu edleren, geistigeren, die anderen zu materiellen,
gröberen Verrichtungen bestimmt sind, ebenso sind im Weltenbau die einzelnen
Sonnen, Planeten und Kometen ähnlich verschiedene Organe, welche gemäß ihren Funktionen
im ganzen großen Weltengebäude ebenso verschieden innerlich gestaltet, ebenso
verschieden äußerlich geformt und bevölkert sind! –
[Sg.01_020,86] Auch in deinem Körper taugt der
Magen bloß zur Aufnehmen der Speise und nicht zum Atmen oder wie das Gehirn zum
Denken, und ebenso die Welten, die einen gemäß ihrer Stellung, Entfernung,
Leuchtkraft, Wärme usf. sind nur geeignet, solche Produkte hervorzubringen,
welche ihrer Stellung gemäß sind, und die darauf lebenden Geschöpfe werden auch
geistig das ausdrücken, was materiell im Boden zugrunde liegt, welchen sie
bewohnen.
[Sg.01_020,87] Es gehört also nicht das Spiel
der Phantasie dazu, um Welten zu bevölkern und sie mit allen möglichen
Schönheiten auszustatten, sondern sie tragen diesen Trieb in sich selbst schon,
er wurde ihnen eingelegt bei dem ersten Moment ihrer materiellen Formation
(Gestaltung), wie bei dem Kinde im Embryo schon alles vorausbestimmt und
vorbereitet liegt, was es infolge der Zeit werden soll, und wo dann nur die
Umstände und Verhältnisse der Außenwelt dazutreten, um diesen Zweck zu
beschleunigen (oder auch zu verzögern).
[Sg.01_020,88] So ist alles durch sich selbst
bedingt. Wie der Mensch, das Tier, die Pflanze und das Gestein geschaffen den
Keim in sich haben zur Ausbildung dessen, was jedes werden soll, so haben alle
Welten denselben Drang, das zur Vollendung zu bringen, was in ihnen noch
unausgebildet schläft. So ist die Verschiedenheit des inneren Baues einer
Zentralsonne ebenso der Grund ihrer Produkte und Geschöpfe, als wie Menschen
nur Menschen, Tiere nur Tiere und Pflanzen nur Pflanzen hervorbringen können!
[Sg.01_020,89] Die mathematische Konsequenz
als richtige Folge, in welcher eines sich aus dem andern entwickeln muß, diese
ist in Meinem Ich wesentlich vorhanden und kann ebendeswegen in Meinen
Schöpfungen, weil sie von Mir sind, wiedergefunden werden.
[Sg.01_020,90] Das Hervorgehen des einen aus
dem andern, das „wenn das so ist, so muß dieses so werden“ – dieses Prinzip,
geleitet durch Meine unendliche Weisheit, ist der Grundstein des geschaffenen
Universums, ist der Grundstein des geistigen Weltenreiches, ist die Basis jeder
regelrechten Denkungsweise eines vernünftigen Wesens, welches dann ebenfalls nur
so und nicht anders, folgend Meiner Natur, Mein Schaffen begreifen und Mein Ich
ahnen kann! –
[Sg.01_020,91] So mußt du dir die Welt denken
als ein Buch von lauter aufgelösten mathematischen Problemen, die natürlich
auch nur der lesen und verstehen kann, der selbst Mathematiker und logischer
Denker ist.
[Sg.01_020,92] Trachte du – und ihr alle, die
ihr dieses und Mein voriges Wort leset, das zu werden, und es wird euch gewiß
gelingen, auch in eurem Tun und Lassen eine Regel, eine Ordnung
hineinzubringen, die menschlich genommen Verstand, göttlich ausgedrückt
„höchste Weisheit“ heißt.
[Sg.01_020,93] So werdet ihr euren Zweck und
die Mittel dazu nie verfehlen, und euer Leben wird dann dem Meiner ganzen
organischen und geistigen Schöpfung gleichen, wo alles in Ordnung seiner
Bestimmung entgegengeht und alles am rechten Flecke steht, um zur rechten Zeit
die Wechselwirkung der Welten untereinander, die Einigkeit des ganzen
Riesenbaues zu befördern und die Weisheit ihres Schöpfers auf jedem Schritt zu
beurkunden.
[Sg.01_020,94] So soll auch euer Leben
beschaffen sein!
[Sg.01_020,95] So wie das unbewußte Tier am
Gängelbande Meiner Hand geführt seinen Zweck erfüllt, so sollet ihr als freie
Wesen trachten, ebenfalls Meinen Absichten zu entsprechen, weswegen Ich euch
erschaffen und gerade auf diesen und keinen andern Wandelstern oder keine
andere Sonne gesetzt habe!
[Sg.01_020,96] So nur seid ihr die wahren
Glieder in dieser großen Kette, welche ebenso wie die Millionen verschiedener
Geschöpfe auf anderen Welten den Zweck ihres Daseins erfüllen, zuerst
körperlich sich ausbildend, um so dem Geiste im Innern die möglichsten Mittel
zu verschaffen zu seiner hohen Mission, welche auf allen Welten zu erfüllen
alle lebenden denkenden Wesen, in was immer für einer Verschiedenheit der
menschlichen Form, ebendenselben Zweck verfolgen! –
[Sg.01_020,97] Hier hast du ein kurzes Wort
zur Aufklärung deiner Frage und zur Beruhigung deiner Neugier.
[Sg.01_020,98] Im „Saturn“ habe Ich euch
schon ein Beispiel gegeben, wie ungefähr eine andere Welt ausschauen kann gemäß
ihren Dimensionen und Verhältnissen, so wie du weißt, wie annähernd auch die
übrigen Planeten eures Sonnensystems beschaffen sind, wovon deine kleine Welt
auch ein Glied ist; selbst „Die Sonne“ ist dir nicht unbekannt. Lerne nur
vorerst in jenen Kundgebungen zwischen den Zeilen lesen, lerne die Ursache und
Wirkung vom einen und dem andern verstehen, warum es so und nicht anders sein
kann, und du wirst bald den Faden haben, der dich sicher in dem Labyrinth
Meiner Schöpfung führt, aber auch sicher dich wieder herausgeleiten wird, wo
dann das Endresultat all deiner Forschungen sein wird, daß nur deine
menschlich-schwachen Schlüsse daran schuld waren, wenn du nicht im vornherein
erkanntest, daß die Lösung, welche du auf tausend Millionen Lichtweiten
gesucht, dir am nächsten, ja sogar nicht außer, sondern in dir lag!
[Sg.01_020,99] Dieses zum Verständnis der
großen Schöpfung, die jedoch nur entstanden ist und noch bestehen wird, um
mittels Geist in Materie gebunden den ersteren von letzterer zu erlösen und
also das gereinigt und geläutert zu Mir zurückzuführen, was unbehilflich und
schwach von Mir in den großen Äther-Raum hinausgestellt wurde!
[Sg.01_020,100] Mache deine geistigen Augen
weit auf und lasse das Licht Meiner Weisheit und Liebe dir leuchten, damit du
überall erkennen mögest: „es gibt nur einen Schöpfer“, „einen Gott“ und „einen
liebenden Vater“, der dich mit so vielen Gnaden überhäuft, obwohl du,
strenggenommen, keiner einzigen würdig bist! Amen.
21. Kapitel – Die Schöpfungs-Pyramide.
15. Januar 1872
[Sg.01_021,00] Diese Kundgabe folgte auf eine
Frage des damaligen Verlegers Johannes Busch bezüglich einiger Stellen des
Wortes über den Kuß, wo es heißt: „und das soll die Geistergemeinschaft sein,
welche dann noch weit über das kurze Erden-Wanderleben hinaus erst da recht
begriffen wird, wo kein fester materieller Körper die Schwingen der Seele mehr
hemmt, sich mit dem geliebten ergänzenden Geist – Meinen Gesetzen gemäß – zu
vereinigen, um Mir in unendlicher Liebe wieder zurückzugeben, was Ich in sie
hineingelegt habe“. –
[Sg.01_021,01] Sieh, Mein Sohn, dieses sind
die von dir in deinem Briefe angeführten Worte, welche in dir die Fragen
anregen, was ist eigentlich das: „Ich bin die Liebe in Person“, und wie ist
obiges aus den Worten vom 24. Dezember 1871 an dich zu verstehen?
[Sg.01_021,02] Nun, da Ich will, daß dir
alles klar werden solle und du Mich und Meine Liebe begreifen lernest sowie
auch alle Worte, welche schon über dieses Wort gegeben sind und noch ferner
mitgeteilt werden sollen, so will Ich dich in jene Sphären führen, von wo aus
du wie bei euch auf einem hohen Berge eine größere Rundschau nehmen kannst,
indem da der Horizont für deine geistige Sehe um vieles sich erweitern kann.
[Sg.01_021,03] Schwinge dich also mit deinem
Geiste hinauf in jene Räume, wo der Zeiten und Größen Maß längst aufgehört hat,
in jene Fernen, wo kein Lichtstrahl weltlicher Sonnen mehr hindringt, in jene
Orte der großen Geisterwelt, wo schon in einem einzigen Haargefäß (dieses
Geisterweltenmenschen) euer euch bekanntes, sichtbares Weltsystem Platz hätte.
[Sg.01_021,04] Schwinge dich hinauf in jene
Gegenden, wo es weder links noch rechts, wo es kein „Unten“ und kein „Oben“
mehr gibt, sondern wo der unendliche Äther dem großen Geister-Weltenmenschen
ewig in seinem Laufe neue Nahrung zufließen läßt und wo ewig nur Licht ist und
Finsternis zu den unbekannten Größen gehört.
[Sg.01_021,05] Dort in jenem Geisterhimmel
ist Mein Wohnsitz, Mein Aufenthalt, von dort aus regiere Ich die ganze Geister-
und materielle Welt, und wie, um es dir verständlicher zu machen, deine Seele
in deinem Körper ebenfalls überall und doch nirgends ist, aber dennoch einen
Hauptsitz inmitten dieser dir gegebenen Körperhülle hat und von dort aus die
Bedürfnisse deines Leibes besorgt, ebenso bin auch Ich, obwohl weit von euch
entfernt, doch euch stets nahe – leite, führe und erhalte alles von Mir
Erschaffene und lenke so alles, Geister- und Materie-Welt zu dem ihnen
vorgesetzten Ziel.
[Sg.01_021,06] Von diesem Standpunkte aus sieh
dir nun die ganze unendliche Schöpfung an; sieh dieses Treiben, dieses
geschäftige Wirken, dieses Schaffen und Verändern, dieses stufenweise
Sich-Entwickeln vom letzten, kleinsten Atom des großen unendlichen Äthers bis
zum größten Engelsgeiste, so wirst du bemerken, daß alles den Stempel der
Göttlichkeit oder der Unverwesbarkeit, der Ewigkeit an sich trägt.
[Sg.01_021,07] Die größten Übelstände, die
grellsten Disharmonien siehst du sich auflösen in Segnungen, in Gnadenspenden
von Mir, überall bemerkst du das nämliche Gesetz, das Gesetz der Annäherung und
Abstoßung, Gleiches sucht Gleiches und Liebendes umfaßt nur Geliebtes.
[Sg.01_021,08] Wenn du nun so aufmerksam
diese große Weltenuhr betrachtet haben wirst, so muß dir doch das allgemeine
Triebrad all dessen näher bekannt werden, dieses Triebrad, welches seine Kraft
allen anderen kleineren Rädern, Walzen, Stiften und selbst den Elementen, aus
denen diese Werkzeuge zusammengesetzt sind, mitteilt, indem diese Kraft als
Bewegungsmotor alles in vibrierende Bewegung setzt, dadurch Leben, Wärme,
Licht, Fortbestehen und Vergehen bedingt, wo aus letzterem wieder Neues
erstehen muß, nur nicht das schon Dagewesene, sondern Höheres, Besseres,
Geistiges.
[Sg.01_021,09] Nun, dieses große Triebrad ist
Mein Liebe-Wille, ist diejenige Kraft, die Mein Ich ausmacht, aus der Ich alles
schaffe, alles leite, und in welcher nur Mein geistig-göttlich-persönliches
Leben besteht.
[Sg.01_021,10] Um dir all dieses deutlicher
zu machen, so will Ich dir einige Beispiele aus dem Bereich des Erdenlebens
vorführen, wo du das nämliche bemerken kannst; denn ihr habt und könnt nichts
formen, nichts tun, was nicht seine Wurzeln teils in Meiner geistigen, teils in
Meiner materiellen Welt hat.
[Sg.01_021,11] Sieh, zum Beispiel einen Musiker,
einen Maler, einen Mathematiker, einen Naturforscher, einen Mechaniker usw.,
wenn diese Menschen so recht bloß ihrem Lebensberufe leben oder sich demselben
ganz hingeben, so wirst du finden, könntest du in ihrem Seelenleben lesen, wie
alle alles, was sich ihrer Aufmerksamkeit aufdrängt, nur auf ihre
Lieblingsneigung beziehen.
[Sg.01_021,12] Der Musiker lauscht den
Weisen, wie sie in der Natur überall ihm entgegentönen, findet überall geistige
Nahrung, für ihn ist alles Musik. Der Maler forscht nach den Formen, nach den
Farben zu einem ästhetischen Ganzen, welches er dann als Bild seinen
Mitmenschen zur geistigen Anregung mitteilen will. Der Maler ist ganz Form,
ganz Farbe.
[Sg.01_021,13] Der Mathematiker sieht in der
Natur nur seine mathematischen Linien, seine mathematischen Gesetze, so wie er
jede Bewegung, jedes Vorkommnis auf seine Lieblingswissenschaft reduziert. Ein
Beispiel davon mag dir der englische Astronom Newton sein, welcher einen Apfel
vom Baume fallen sehend, die Gesetze der Schwere oder der Anziehungskraft
entdeckte.
[Sg.01_021,14] Der Naturforscher lebt in den
Perioden, die Meine Schöpfung durchgemacht, bis zum Beispiel eure Erde als
Wohnort für Menschen eingerichtet ward, er wandert nicht auf Spazierwegen, nein
auf Überbleibseln der zerstörten und wieder neu aufgebauten Erdrinde, er sieht
im Gestein, im Wasser, in der Atmosphäre nicht Stein, nicht Wasser, nicht Luft,
sondern die Urstoffe, aus denen sie zusammengesetzt sind, die Elemente, welche
wieder in ihrer Auflösung neue Verbindungen anknüpfend, neues, für ihn
Interessantes hervorbringen werden. Er ist ganz nur Betrachter und Forscher
nach Meinen in die materielle Welt gelegten Gesetzen, die, wenn er einige
entdeckt, er den anderen Menschen zu ihrem materiellen Wohle mitteilt.
[Sg.01_021,15] Der Mechaniker sieht nur
bewegende Kräfte und ihre Gesetze, erkennt überall nur das starre „Muß“, warum
das so und so sein muß, er belauscht die Kraft der bewegenden Natur, sucht sie
zu seinen Plänen auszubeuten, baut und lebt nur in Maschinen, und so der
Chemiker in der Zersetzung und Verschmelzung Meiner Welt-Substanzen. –
[Sg.01_021,16] So wie alle diese
verschiedenen Menschen die Natur und ihre Gesetze jeder mit anderen Augen
ansieht und sie meist nur für sich auszubeuten sucht, ebenso ist auch die in
dir wohnende Seele nur auf deinen Körper bedacht, auf dessen Gesundheit, und
wenn sie geistig geweckt ist, auch auf ihre geistige Ausbildung mehr
aufmerksam.
[Sg.01_021,17] Siehe, wenn zum Beispiel im
Körper eines Menschen ein kleiner Fehler, eine kleine Störung einer Funktion
der Organe sich zeigt, wie schnell sucht da die Seele diesen Fehler
auszubessern. Den Ameisen gleich, wenn ihnen Gefahr droht, schickt sie
Blutwelle auf Blutwelle nach dem schadhaft gewordenen Ort, damit rasche Hilfe
werde, sie beschleunigt den Stoffwechsel, um so ihre Behausung
wiederherzustellen. Ihr nennt dieses Drängen des Blutes „Fieber“ und
„Entzündung“ und glaubt da einen Krankheitsfall vor euch zu haben, hemmt oft
mit Gewalt, was langsam zum Ausgleich geführt hätte! Nun, so wie die Seele
ebenfalls nur für ihren Körper sowohl seelisch als materiell lebt, ebenso lebe
auch Ich nur Meiner von Mir geschaffenen Welt, lebe in ihr und für sie, und
nachdem Ich alles erschuf aus Liebe, so lebe Ich und bin Ich auch ganz für Liebe.
[Sg.01_021,18] Wie die früher angeführten
Fachmänner nur ihren Lieblingsideen und Neigungen ihr ganzes Leben widmen,
ebenso auch Ich, da Ich stets besorgt bin, das Geschaffene zu erhalten, das in
Materie Gebundene zu vergeistigen und das Geistige durch die Materie geläutert
zu Mir zurückzuführen.
[Sg.01_021,19] Weil Ich nun die Welt, sowohl
die Geister- als die Materie-Welt, erschaffen habe, so ist die nächste Frage –
warum und für wen? –
[Sg.01_021,20] Diese Frage nun beantwortet
sich durch das Gesetz der Liebe. Ich erschuf die Welt, belebte sie mit
intelligenten Geisterwesen, um an den Freuden der letzteren – die Meinigen zu
verdoppeln! Du mußt also die Liebe in ihrem tiefsten Sinne auffassen, wie sie
beschaffen ist, so höre: Liebe ist Zuneigung für etwas. Neigen heißt sich
beugen, das heißt von der geraden Linie abweichen und eine gebogene bilden.
Wenn nun zwei solch gebogene Linien sich vereinigen, so werden sie sich endlich
schließen und es wird ein Kreis, eine Ellipse oder eine Ei-Form daraus, welche dann
ohne Anfang und ohne Ende, unendlich, also Mein Wesen, Mein Ich ausdrückt.
[Sg.01_021,21] Die gerade Linie bezeichnet
die Selbstsucht, die gebogene – die Nächstenliebe. Die gerade Linie sucht und
hat keine Vereinigung mit einer ihr gleichlaufenden. Die gebogene hingegen
nähert sich der andern, kann sich mit ihr vereinigen; angeschlossen haben wir
dann das Bild einer ganzen Figur, zusammengesetzt aus (entsprechenden) zweien.
Diese Figur ist die geistige Entsprechung der Geister- und Materie-Welt – mit Mir
und ist die Entsprechung der Vereinigung zweier liebender Wesen zu einem
Gedanken, in welchem sie sich ergänzen wie in der Form eines Kreises oder
Ovals, wo eine gekrümmte Linie die andere ihr entgegenkommende ergänzt.
[Sg.01_021,22] Der Vereinigungspunkt, das
ewige Zusammenhalten und Zusammenwandern nach gemeinschaftlichem Ziel, ist der
Kuß, welcher die nämliche Vereinigung schon in der Körperwelt erzielen möchte,
wo sie jedoch nicht bleibend ausführbar ist.
[Sg.01_021,23] Hier hast du einen Teil deiner
Zweifel erledigt. Jetzt kommen wir an den zweiten Teil, nämlich wie du dir
diese Vereinigung Meiner Geisterwelt mit Mir vorstellen sollst?
[Sg.01_021,24] Siehe, so viele Atome es im
unendlichen Äther gibt, ebenfalls so viele Geister-Partikel gibt es; denn kein
Atom ist ohne Leben, das heißt, in jedem wohnt ein von Mir hineingelegter
Geist, welcher von dort an seine Rundreise antreten muß, um einst zu Mir
zurückgelangen zu können mit dem Bewußtsein seiner göttlichen Abkunft.
[Sg.01_021,25] Alle diese Geister, welche so
stufenweise pyramidalisch ihrer Spitze zu gegen Mich gerichtet sind, haben ihre
verschiedenen Aufgaben, welche sie lösen müssen, soll ein Vorrücken möglich
werden.
[Sg.01_021,26] Je mehr aber diese (noch
rohen) Natur-Geister sich Meinen (persönlichen) Geistern nähern, desto klarer
wird ihr Bewußtsein und ihre Fernsicht, wo sie gewahren, was sie waren und was
sie werden müssen. Diese Intelligenz wächst wie bei euch vom saugenden Kinde,
welches noch ein bei ihm unbewußtes Pflanzenleben führt, bis zum gereiften
Manne, wo, wie ein von euch gefeierter Dichter sagt, das Kleine, nämlich die
Wiege, dem Säugling zu groß, und wenn er selbst groß geworden, die unendliche
Welt seinem forschenden Geiste zu klein ist.
[Sg.01_021,27] So schreitet auch die Vorstellung
von Mir und Meiner Schöpfung mit dem Grade der Erkenntnis weiter.
[Sg.01_021,28] Nicht daß ein Engelsgeist Mich
wirklich sieht, wie Ich persönlich (als absoluter Gott) bin; denn dies erträgt
kein erschaffener Geist, nein, sondern ein jeder Geist sieht Mich, wie sein
Inneres ist. Gemäß der geistigen Bildungsstufe eines jeden formt sich sein
Ideal, Mein Ich, und eben auch nur so bin Ich allen gleich zugänglich, da ein
jeder Mich im Herzen tragen kann, wie er Mich fühlt und wie Ich seiner
Erkenntnis faßbar bin.
[Sg.01_021,29] Sieh zum Beispiel den Säugling
an der Mutterbrust, begreift oder versteht er die Liebesworte seiner Mutter,
ihren sanften Blick? – nein, er versteht nichts davon; erst mit der Zeit wächst
sein Erkenntnisvermögen und so stufenweise die Verbindung und gegenseitige
Liebe, welche aber meist von dem Kinde ganz anders aufgefaßt wird, bis dann der
Verlust der Mutter ihm den ganzen Wert eines sich für ihn aufopfernden Herzens
in seinem ganzen Gewicht fühlen läßt.
[Sg.01_021,30] So wie diese Liebe, ebenso ist
die Liebe Meiner Geschöpfe zu Mir. Alle schreiten vorwärts, erkennen vorerst
Meine Schöpfung mehr und mehr, und dieser Erkenntnis gemäß wird auch ihre Liebe
sein.
[Sg.01_021,31] Da alles in Meiner Schöpfung
einen Zweck hat, warum es da ist, so ist auch natürlich die ganze große
Geisterwelt geschaffen, um gemäß ihrer Bestimmung und ihrer Intelligenz
mitzuhelfen am Aufbauen, Erhalten und Weiterbefördern des Geringeren zu etwas
Höherem.
[Sg.01_021,32] Wie bei euch ebenfalls ein
ganzes Staatsgebäude nur das ist, was es sein soll durch das Zusammenwirken
vieler, ebenso ist auch in Meinem Geisterreich kein Stillstand. Leben ist
Grundprinzip alles Bestehenden, und dieses Leben ist ja nichts anderes als
Tätigkeit! Wie die materielle Welt durch Vibrieren ihrer einzelnen Atome oder
Moleküle zur Ausbildung gelangt, und wie aus Kleinem sich Großes bildet, so ist
auch im Geisterleben das nämliche Gesetz – gearbeitet werden muß überall. Ruhe
wäre gleichbedeutend mit Tod, und eigentlichen Tod gibt es in Meiner Schöpfung
keinen.
[Sg.01_021,33] Daher werden auch den Geistern
gemäß ihrer Intelligenz und geistigen Höhe Wirkungskreise angewiesen, wo sie
für sich fortschreitend auch zur Vorrückung anderer Welten, anderer Wesen
beitragend, stete Übung haben, teils ihre moralisch-geistige Höhe zu
verbessern, und teils beitragend zum Bestande des Ganzen, sich selbst eine ewig
dauernde Seligkeit und Mir stets Freude zu bereiten.
[Sg.01_021,34] Damit aber diese Geister einen
Maßstab haben, inwieweit sie den göttlichen Eigenschaften nachkommen können,
und ob es möglich sei, das von ihnen Verlangte zu erfüllen, deshalb beschloß
Ich durch Meine Menschwerdung, durch Meine Einkleidung in diese kleine Hülle
eines Erdenmenschen, der großen Geisterwelt damit einen Beweis zu geben, daß
wer Göttliches in sich tragen will und es verwerten möchte, wie es ihm geziemt,
im Kleinsten die größten Endzwecke, im Kleinsten die größten Wirkungen erzielen
kann.
[Sg.01_021,35] So ward Meine Menschwerdung
vorerst mit ihrer Demütigung, Verleugnung und Aufopferung der Maßstab zur
Kindeswürde für alle jene Geister, welche in Mir neben dem Schöpfer auch den
liebenden Vater erblicken wollten.
[Sg.01_021,36] So ward der Grundstein gelegt
zu dem großen Gebäude der geistig möglichen Höhe, die ein geschaffenes Wesen
erreichen kann. Das Band, welches alles zusammenhalten sollte – die Liebe –
ward erst durch Meinen Erniedrigungs- und Aufopferungs-Akt fester gebunden, es
zog die Gleichgesinnten enger aneinander, um vereinigt den Weg der
Vervollkommnung gemeinschaftlich zu gehen. Und wie in der ganzen Schöpfung
nichts perfekt ist, außer Mir, so fühlte ein jeder etwas klar sehende Geist die
Mängel, die an seinem Wesen hafteten, er suchte daher an anderen Geistern das
Fehlende, suchte durch die Verbindung seines eigenen Ichs mit einem andern
dasselbe zu ergänzen, damit er dann von dem anderen Geist lerne, was ihm selbst
fehlt, und er ein beständiges Vorbild um sich habe dessen, was ein Geist in
bezug auf den Schöpfer und Herrn der ganzen Unendlichkeit sein und werden kann.
[Sg.01_021,37] So fortschreitend, sich
ergänzend, stets das nämliche fühlend wie Ich Selbst, nur im endlichen Maße,
streben die Geister aufwärts, stets Mir und Meinen Liebesgesetzen entsprechend
– werden auch, je höher sie steigen, gemäß ihrer tieferen Einsicht in Meine
Schöpfung zu größeren Missionen verwendet, wo sie, sich selbst immer mehr
läuternd, auch andern den Weg zu Mir anbahnen können.
[Sg.01_021,38] Dieses ist der große Lehrzweck
Meiner Geisterwelt, ihre beständige Beschäftigung und ihre eigentliche Aufgabe.
[Sg.01_021,39] Wie in Mir die Dreieinigkeit
als Ganzes personifiziert sich darstellt, nämlich – Liebe, geregelt durch
Weisheit und ausgeführt durch Beharrung (Wille), ebenso bei ihnen die Dreizahl
als wichtiger Hauptfaktor ihres Wesens im Sein – Werden – und Hoffen besteht,
das heißt in dem Bewußtsein, was sie sind, in dem gewissen Wege, was sie werden
sollen, und in dem festen Vertrauen, daß sie dies auch in stetem Aufblick zu
Mir erringen werden.
[Sg.01_021,40] So wie bei euch ein ganzer
Staat eine Menge von Beamten niederer und höherer Art hat, die alle dazu
beitragen müssen, das ganze Staatsgebäude zu erhalten und zu lenken, ebenso
Meine Geister mit ihren verschiedenen Missionen alle dazu mitwirken, um das
Leben, die Tätigkeit, den Fortschreitungs- und Entwicklungsprozeß zu befördern,
nur mit dem Unterschied, daß während bei euch und auf jeder andern Welt der
Untergeordnete dem höher Gestellten falsche Berichte über den Stand des ihm
anvertrauten Wirkungskreises machen kann, im Geisterreiche eben kein Verhüllen
der Gedanken möglich ist und die Oberen die Unteren klar durchschauen können.
Die Welt der Verstellung und der Lüge existiert dort nicht, sondern das Reich
der Wahrheit, wo Ich als deren Urtypus obenan stehe.
[Sg.01_021,41] So ist die Stufenreihe der
Geister in der Materie gebunden – mit beschränktem Wirkungskreis und
beschränkter Fernsicht.
[Sg.01_021,42] Frei von der Materie – mit
unbegrenzter Vollmacht des Willens und mit göttlicher Ahnung des
Unerreichbaren! Ewiges Streben und ewiges Fortschreiten, ewige Geburt und ewige
Verwandlung; ewiges Ausscheiden und ewiges Einsaugen; ewiges Leben und ewiger
Formwechsel!
[Sg.01_021,43] So bringen Mir Meine Geister
das vor Äonen von Zeiträumen hinausgesandte Göttliche wieder auf langsamen
Läuterungswegen zurück, geprüft, gedemütigt und zu größerem Aufschwung fähig.
[Sg.01_021,44] Wenn du so deinen Blick in die
Unendlichkeit hinausschweifen lässest, welch geschäftiges Leben erblickst du
da, welch reges Treiben in und außer der Materie, in und auf den großen Welten
wie auf den sie umkreisenden Sonnen, Planeten und Schweifsternen. Überall der
nämliche Zweck, überall das nämliche Resultat: Vergeistigung des Gröberen,
Erlösung des Gebundenen.
[Sg.01_021,45] Und was so in der Materie- und
Geister-Welt ewig fort sich bewegt, lebt und vergeht und sich wieder erzeugt,
was im Großen ebenso wie im kleinsten materiellen Atom geschieht, dieses
findest du auch in dir, in deinem Leben, wie in der großen Geisterwelt wieder.
[Sg.01_021,46] Das gleiche sucht sich durch
das Mangelnde zu ergänzen, der Hunger sucht die Nahrung, der Durst die
Sättigung seines Bedürfnisses, um dann vereint mit dem ihm Fehlenden wieder
weiter und höher zu steigen, (was alles sich darstellt) in Form einer Pyramide,
auf deren Spitze als End- und Schlußpunkt Ich als Schlußstein, der breiten
Basis letzter Punkt, alles zusammenhalte, alles übersehe und für alle der
Gipfelpunkt ihres Sehnens bin. – –
[Sg.01_021,47] Nicht umsonst haben die alten
Ägypter die Pyramidenform zu Grabmälern und Schulgebäuden gewählt. Die Pyramide
war ihnen in geistiger Entsprechung wohlbekannt, es war die geeignetste Form
des Ausdrucks „Alle für einen, und einer für alle!“ oder Pirami-dai. So wie bei
den Pyramiden von oben her ein gleicher Druck auf alles Unterliegende ausgeübt
wird, so wie in einer Pyramide alle einzelnen Bauteile nicht jeder für sich,
sondern alle für alle da sind, so ist auch in der Geisterwelt keiner für sich.
Keiner arbeitet und lebt für sein eigenes Emporkommen nur, nein, die Erhaltung
des eigenen Ichs ist zwar notwendig, aber es bedingt sich wegen der Erhaltung
der andern, wegen der Erhaltung des Ganzen.
[Sg.01_021,48] Auch in den Pyramiden sind die
Massen im Grunde dichter, kompakter und von festerer Natur und je höher hinauf,
desto leichter, desto geringere Dimensionen, bis endlich ein einziger leichter
Stein, dem ganzen Werk als Schlußstein dienend, dessen Krone und Ende ist.
Pyramidalisch ist das geistige Fortschreiten vom Großen zum Kleinen, wohl aber
auch vom Schwereren, Materiellen zum Geistigen. Und wie mit der Zeit die Steine
der Pyramiden durch den Druck von oben ihre Höhe vermindern und wohl gar einst
zu Staub zerfallen werden, indem der auf der höchsten Spitze gewesene
Schlußstein ebenfalls der Grundbasis immer näher und näher gerückt wird –
ebenso wird auch im Geisterreich durch immerwährende Vergeistigung des Niederen
die Entfernung von Mir bis zum untersten Geiste stets eine geringere, wodurch
Ich, wie der Schlußstein einer Pyramide, einst ebenfalls bis ganz nahe an die
Überreste der Basis ankommen werde, – aber was werde Ich dort dann finden?
[Sg.01_021,49] Nicht mehr die grobe Masse der
Pyramiden-Basis, nicht hartes Gestein, sondern Material, welches, eben seiner
früheren Existenz ledig, sich anschickt, neues Leben durch andere Verbindungen
einzugehen, welche, während die erste Verbindung hart und fest war, jetzt
brauchbar und fähig ist, Leichteres und Geistigeres aufzunehmen und so einen
Kreislauf von neuen Stufen zu unternehmen, die Mich, als ehemaligen Schlußstein
über ihnen, dann zum Führer, Leiter und Vater unter ihnen haben sollen.
[Sg.01_021,50] So war die Schöpfung einst
pyramidalisch aufgestellt, und durch Meine Daniederkunft auf eure Erde wurde
das Signal gegeben zur Vergeistigung dieser Form, zur Auflösung derselben,
damit nichts fern, sondern alles nahe aneinandergereiht mit Mir und durch Meine
Lehre den Weg des Geistes antreten und sich vervollkommnen kann. –
[Sg.01_021,51] Dieses große Vereinigungsfest
hat, wenigstens für euch auf dieser kleinen Erde lebenden Menschen, die Ich
einst zu Meinen Kindern bestimmt habe, begonnen.
[Sg.01_021,52] Die Spitze der Pyramide senkt
sich allmählich herab, das Unerreichbare nähert sich euch, um euch vergeistigt
in Sein Reich, in das große Reich der Geisterwelt einzuführen, wo dann kein
Unten noch Oben, sondern nur ein Zentrum, Ich und eine Schar liebender Geister
um Mich ist – und ewig sein wird! (Ein Hirt und eine Herde.)
[Sg.01_021,53] Hier hast du deine Fragen
erledigt, wie sie dir faßlich sein können. Ja, es gibt und muß eine unendliche
Stufenleiter geben, da die Geister zu Mir aufsteigen, wo sie vereint alle
wirken müssen, Meine Herrlichkeit zu vermehren und Meine Liebe besser zu
begreifen.
[Sg.01_021,54] Auch du, Mein Sohn, wirst
einst deine geistige Bestimmung klarer ersehen und Den noch mehr begreifen, was
Er, was Seine Liebe ist, denn Er und Seine Liebe sind unendlich und daher nie
von geschaffenen Wesen völlig zu fassen, wohl aber zu ahnen, daß es ein ewig
dauerndes Fortschreiten gibt. – Aber die letzte Sprosse dieser Stufenleiter
könnet ihr geschaffene Wesen weder sehen noch erreichen: denn solche habe Ich
inne, und von dort übersehe Ich ganz, was ihr, Geister und Abkömmlinge von Mir
(individuell mehr und mehr, aber stets nur partiell), je nach der Höhe eurer
Stufenleiter erkennen könnt.
[Sg.01_021,55] Vorwärts! ist das Losungswort
in Meiner Schöpfung; arbeitet alle – mit Liebe, durch Liebe – zur Liebe! Amen!
22. Kapitel – Zur Schöpfungsgeschichte.
16. April 1871
[Sg.01_022,01] Nachdem dein Bruder so
sehnlichst „von der Nacht – zum Licht“, wie er sich ausdrückt, gelangen möchte,
so will Ich denn auch ihm diese Bitte gewähren und somit ihm den Weg zeigen,
den er zwar schon längst geht, aber doch sich alles dessen nicht klar bewußt
ist, was ihm auf diesem Wege schon gesagt und gelehrt worden ist.
[Sg.01_022,02] Nun sieh, Mein lieber Sohn, da
du schon lange in Meinem Garten arbeitest und unverdrossen den Samen ausstreust
nach allen vier Weltgegenden – – siehe, schon manches ist dir unter die Hände
gekommen und du hast es, wenngleich aufgefaßt, aber doch nicht so recht
verstanden, wie Ich es will, und so ist auch diese Frage deines letzten Briefes
wieder ein Beweis, daß du weder Meine Geister- noch Welten- noch
Menschen-Erschaffung ganz richtig in ihrem tiefsten Sinn begriffen hast.
[Sg.01_022,03] Um dir dieses alles deutlicher
zu machen, um was du Mich jetzt bittest, muß Ich dir nichts Neues sagen,
sondern nur das Alte, schon in verschiedenen Worten von Mir Gegebene näher
erklären und dich an vergessene Stellen erinnern, welche dir dann den Leitfaden
aus dem Labyrinth geben werden, damit du (auch darin) „von Nacht zum Lichte
kommst“. Nun, so höre also:
[Sg.01_022,04] Du wirst dich erinnern, daß
schon in der „Haushaltung“, wo es von der Schöpfung der Geister- und
Materie-Welt handelt, Ich sagte, daß zuerst die Geister und aus und unter ihnen
der größte – „Satana“ oder Luzifer erschaffen wurde, welch letzterer aber statt
Lichtträger, nebst seinen Gefährten von Mir abfallend, Träger und Vertreter der
Finsternis geworden ist.
[Sg.01_022,05] Du wirst dich ferner erinnern,
daß Ich dann, um diesen abgefallenen Geistern einen Weg zur Rückkehr
anzubahnen, die materielle Welt erschuf, dort sie in die Materie einkleidete
und sie so wieder, obwohl unfreiwillig, die Schule der Demut und der
Verleugnung durchzumachen nötigte.
[Sg.01_022,06] Du wirst dich auch erinnern,
daß, nachdem auf diese Weise die Bahn angedeutet wurde, auf welcher die
Geister, von der härtesten Masse angefangen bis zum Menschen als letzte Stufe
der materiellen Schöpfung, stets mehr sich läuternd emporsteigen können; daß
aber im Menschen, wie du erwähnst, „drei Tage vor der Geburt ein kleines
Bläschen von der feinsten, solidesten Seelensubstanz den einst böse gewordenen
Geist einschließt, in dessen Innerstem aber doch der eigentliche Gottesfunken
der Liebe selbst seinen Sitz hat, welch letzterer dann diesem bösen
Geistesfunken erstens die Möglichkeit gibt, sich für das Gute auszubilden, und
zweitens ihn auch stets zu diesem antreibt“.
[Sg.01_022,07] Nun siehe, wenn du das
Vorausgesagte nur ein wenig überdenkst, so muß in dir die Frage aufsteigen:
Wenn dieser Geist in dieses Bläschen erst drei Tage vor der Geburt eingelegt
wird, wer bildet dann den Körper des Kindes bis dorthin aus? Wer sorgte für
seine innere, wer für seine äußere Form und Beschaffenheit als Mensch, auf daß
wenigstens doch die Mittel schon alle vorhanden sind, die dazu benötigt wären,
einen Menschen nach Meinem Sinn daraus zu machen?
[Sg.01_022,08] Siehe, hier muß Ich dir
antworten:
[Sg.01_022,09] Hast du denn vergessen, daß
alle abgefallenen Geister in Materie gebunden die Materie selbst ausmachen!
[Sg.01_022,10] Wer ist nun die Bildnerin des
Kindes, vom Embryo angefangen bis zu dieser erwähnten Zeit vor der Geburt?
Siehe, das sind die nämlichen namenlosen Geister-Parzellen, die – als
seelischer Prozeß geführt durch die Mutter-Seele – selbst die Entwicklung,
Aufbauung und Einrichtung des Kindesleibes betreiben, die aber wie in einer
Pflanze oder sonst einem materiellen Produkt den materiellen Aufbau genauso wie
dort gemäß ihrer Gattung vollziehen.
[Sg.01_022,11] Das Kind, ehe es geboren wird,
hat ein Pflanzen-(vegetatives) und kein intellektuelles Leben noch Bewußtsein; es
wird von den Geistern ausgebaut gemäß seiner Gattung wie jedes Tier im
Mutterleibe oder im Ei. Sobald aber der Austritt aus dieser inneren Welt sich
nähert und das Pflanzenleben des Kindes nicht mehr genügt, sondern eben der
große Schritt getan werden muß, der den Menschen vom Tier unterscheidet, da
wird diesem zu weiterem geistigen Aufbau fertigen Apparate der eigentliche
Pulsator, Wecker und Weiterbeförderer in dieses Bläschen gelegt, das heißt ein
Funke jenes großen Geistes, der hier im Kleinen das aus der Finsternis des
Mutterleibes kommende unmündige Kind, wie du Mein Sohn es sagst, „von Nacht zum
Licht“ führen muß!
[Sg.01_022,12] Dieser Funke des einst
abgefallenen großen Lichtgeistes hat allerdings Tendenzen seines Ursprungs in
sich, da der Weg der Menschen stets der nämliche ist, und zwar vom Schlechten
zum Guten vorwärts zu schreiten, allein – wie auch im großen, gefallenen Geist
nur Mein Liebesfunke lag, der von ihm verkannt, mißbraucht wurde, ebenso liegt
in diesem kleinen einst abgefallenen Geistesfunken derjenige Strahl Meiner nie
zu vernichtenden Liebe, wodurch dann mit dem Austreten des Kindes und seinem
Trennen von dem Leben der Mutter sein eigenes beginnt, wo, wie im großen
Luzifer, der Streit zwischen dem Guten und Bösen seinen Anfang nimmt (als
menschliches Leben), das nur das Produkt aus dem Kampfe dieser beiden sich
entgegenwirkenden Prinzipien und Tendenzen (Neigungen) ist.
[Sg.01_022,13] So auf diese Art ist der Zweck
des Lebens und die geistige Vorwärtsschreitung gesichert, von Nacht – zum
Licht! So besteht sie, und muß die Welt sich selbst erhalten.
[Sg.01_022,14] Daß im Anfang, bei Erschaffung
des ersten Menschen Adam nicht so zu Werke gegangen werden konnte, ist ganz
natürlich. Denn wie die erste Pflanze, das erste Tier usw. ohne Samen, ohne
Geburt nur aus Meinen Händen direkt hervorgehen mußte, das war auch beim
Menschen der Fall. Auch er ging aus Meiner Hand direkt hervor, war nach Meinem
Ebenbild geschaffen, hatte in dieser Erschaffungsperiode eine andere
Organisation, eine andere Gestalt und andere Geistesvermögen, war für eine
längere Lebensdauer bestimmt, wenn er seinen Bestimmungen gemäß leben würde,
welche Ich auch den Geistern und Luzifer oder Satana selbst als „Sollte“ und
nicht als „Muß“ vorgezeichnet hatte.
[Sg.01_022,15] Dieses Alleinleben des ersten
Menschen war nicht bedungen, sondern es war schon nicht allein vorausgesehen,
sondern es lag selbst in Meinem eigenen Ich, daß Ich ihm ein Wesen beigeben
mußte, das mit ihm fühlen, mit ihm denken sollte, und so Leid und Freud miteinander
tragend, sie den Lebens- und Prüfungsweg gemeinschaftlich fortwandeln sollten.
[Sg.01_022,16] Auch Ich Selbst wollte nicht
allein leben, nicht allein sein, bloß Meiner Macht Mir bewußt. Deswegen erschuf
Ich Wesen, die dann an Meinen Schöpfungen sich ergötzend, sich freuend, Mir
Meine Freude, Schöpfer zu sein, verdoppeln konnten.
[Sg.01_022,17] So schuf Ich die Geister,
schuf große, Mir würdige Ebenbilder – und was geschah mit dem Größten unter
allen? Ihr wisset es, er fiel, fiel von Mir ab – und was geschah mit dem
Menschen? – auch er fiel, fiel ebenfalls von Mir ab. Beide, Luzifer und Mensch,
achteten nicht das Gesetz der Liebe, wollten als freie Wesen ihren eigenen Weg
gehen, und so mußte das Gesetz der Liebe wohl auf anderen Wegen, aber doch zum
gemeinschaftlichen Ziele führen.
[Sg.01_022,18] Der Satan oder Luzifer
verwandelte seine Liebe in Haß, Übermut und Stolz. – Die eigentlichen geistigen
Eigenschaften des Mannes aber waren luziferischer Abkunft.
[Sg.01_022,19] Um dem Menschen auf einer Seite
zu erleichtern, auf der andern aber ihm mehr Gelegenheit zu geben, seine
geistigen Fakultäten (Fähigkeiten) mehr auszubilden, sie zu stärken und auf
diese Art eher Mir gleich zu werden, nahm Ich diese verkehrte Liebe, das ist
die Eigenliebe, die mehr zum Bösen als zum Guten sich neigen wollte, aus dem
Manne heraus und stellte sie ihm als Gefährtin, als Begleiterin und
Fortpflanzerin seines eigenen Geschlechtes und seiner Gattung zur Seite.
[Sg.01_022,20] So wurde das Weib geschaffen,
ausgestattet mit allen körperlichen und innerlichen Reizen, die Ich einst in
die Satana hineingelegt hatte, um als Typus ewiger Liebe in der Schöpfung zu
glänzen; und so sollte auch das Weib, als selbständig, diese ihre eigene
Eigenliebe dem Manne gegenüber bekämpfen, gehorchen, und dem Manne seine Last
der Lebensbahn erleichtern. –
[Sg.01_022,21] Das einzige, was Ich dem
Menschen als Meinem Ebenbilde vorenthielt und es zum Eckstein des ganzen
geistigen Weltgebäudes machte, war die sinnliche Zeugung.
[Sg.01_022,22] Diese sollte nicht den Tieren
gleich stattfinden, sondern den Geistes-Wesen gleich geschehen. Allein frei gab
Ich dem Menschen seinen Willen. Das in ihn gelegte Prinzip des Luzifers, das
Prinzip der Opposition siegte, was Ich wohl vorauswußte und danach schon alles im
voraus bestimmt hatte. – Allein Ich wollte, daß der Mensch und die Geister nie
Mir die Schuld, sondern nur sich selbst beimessen sollten, wenn ihre gewünschte
Glückseligkeit nicht auf dem Wege erreicht wurde, den sie, und nicht Ich, gehen
wollten.
[Sg.01_022,23] Die Satana benutzte diese von
ihr in den Menschen gelegten Eigenschaften, verführte den Menschen, machte auch
ihn zum Teil zum Mitschuldigen ihres eigenen Falles, um sich mit ihren
gefallenen Geistern stets konsequent als Gegenpol von Mir zu benehmen.
[Sg.01_022,24] So wurde denn die Welt mit
allen ihren Einrichtungen umgeändert, damit gerade dieser größte Schritt
Luzifers, oder der Satana, zum größten Vorteil Meines geistigen Aufbaues werde:
und zwar so, wie die abgefallenen Geister jetzt erst recht dazu beitragen
müssen, Mein Reich zu befördern und ihre eigene Rückkehr zu erleichtern. Ich
mußte, als freier Gott freie Wesen schaffend, ihnen auch diese Freiheit nicht
schmälern. Und als endlich die Satana durch die Reize der Weiber und den
Ehrgeiz der Männer die Menschheit so nach und nach von Mir abtrünnig machen
wollte, mußte Ich durch eine teilweise Vernichtung des Menschengeschlechts dem
Keim des Bösen Schranken setzen, durch die Sündflut; mußte die Menschen wieder
erinnern, daß Ich der Herr und Satan nur Mein Diener ist und bleiben wird. –
[Sg.01_022,25] Als Satan Mir dann
Versprechungen der Rückkehr machte und wenigstens dem Anscheine nach von seinem
Treiben nachließ, da setzte Ich ihn auf die letzte Probe. Ich Selbst beschloß
in Menschengestalt und im Ganz-Mensch-Sein Mich seinen Versuchungen
auszusetzen, um durch tatsächlichen Beweis ihn zu überzeugen, daß all sein
Bestreben umsonst, daß alles Ankämpfen gegen Meinen Willen und Meine heiligen
Gesetze vergebens ist.
[Sg.01_022,26] Ich wurde Mensch, predigte und
lehrte, unter steter Einwirkung des Satans, Meine sanften Lehren; er nebenbei
verleitete die Menschen bis zur tollsten und frechsten Sünde, nämlich daß sie
ihren Schöpfer und Herrn leiblich töten sollten, was sie auch taten; und sie
krönten gerade dadurch das größte Werk, das Ich als Gott schon längst
vorausbestimmt und vorausgesehen hatte, um Meinen Geistern und Menschen mit dem
Beispiel zu zeigen, was sie durch Worte nicht glauben wollten. – – –
[Sg.01_022,27] Jetzt geht die Welt wieder in
ihrem satanischen Treiben so weit, daß sie mit Hilfe Satans nochmals die ganze
Saat des Göttlichen ausrotten möchte; denn Satan kann von Meiner Langmut zwei
Proben aufweisen – allein er weiß auch von Meinem Wiederkommen besonders auf
diese Erde; er weiß, daß Ich Mich nicht umsonst vor tausend und so vielen
Jahren kreuzigen ließ; er weiß, daß Ich Mein Mir vorgenommenes Werk nicht
unvollendet lassen will; und so tut er jetzt noch alles mögliche, beraubt die
Menschen alles Guten und Seligen und treibt sie ins materielle Elend, wo dann
gerade Mein Reich als letzter Rettungsanker wieder leuchtend auftauchen und wo
dann wieder nicht sein Plan, sondern Mein großes Friedenswerk gekrönt sein
wird.
[Sg.01_022,28] Denn die große Liebe wird
wieder alle Verirrten in ihre Arme nehmen, wird ihnen mit Wohltaten vergelten,
was sie Böses getan und besonders gegen Mich verübt zu haben glauben, und wird
ihnen die Hand der Verzeihung darreichen; und alle Menschen werden dann
begreifen, daß sie nicht Mir, sondern sich selbst den größten und schlechtesten
Streich gespielt haben.
[Sg.01_022,29] So wird Mein Triumph sein. So
wird die Liebe, die einst die ersten Geister und Wesen schuf, wieder diese
verirrten Wesen mit der nämlichen Liebe ans Vaterherz drücken wie einst die
geschaffenen Geister; und Luzifer mit leeren Händen ausgehend, wird wieder
eingestehen müssen, daß er wie die Menschen nicht Mir, sondern sich selbst am
meisten geschadet hat.
[Sg.01_022,30] Das ist der Triumph der
Wahrheit und der Liebe und der mit ihr verbundenen Weisheit, daß aus all dem
Preisgeben des eigenen Willens, aus all dem frei ausgeübten Bösen oder Guten
doch nur stets das Endresultat das nämliche ist, das heißt der Schritt- „von
Nacht zum Licht!“
[Sg.01_022,31] Begreifst du jetzt, Mein Sohn,
Meine Schöpfung der Geister, des Adams, Meine Menschwerdung und dein eigenes
Heil! Sieh, Mein Kind, so mußt du diese Dinge auffassen.
[Sg.01_022,32] In allen Meinen Worten liegt
Unendliches, und wenn dir manchmal Zweifel aufsteigen, so nimm ein Wort von Mir
zur Hand, und mit Nachdenken und Meiner Hilfe wirst du bald auch dort von Nacht
zum Licht getrieben werden, wo du dann stets im Lichte deinen dich liebenden
Vater mit ausgebreiteten Armen erblicken wirst, der dir und allen zuruft:
„Kommet her, ihr alle, die ihr beladen seid, auf daß Ich euch eure Last abnehme
und euch erquicke!“ – Amen.
23. Kapitel – Das Kreuz in der Schöpfung.
1. Februar 1872
[Sg.01_023,01] In Meinem letzten Wort habe
Ich euch gezeigt, wie die Form des Kreuzes in geistiger Entsprechung aufgefaßt
werden solle. Ich habe euch ferner bewiesen, wie zwischen geistigem Streben und
weltlichem Handeln die Kreuzform wieder das Wirken des einen gegen das andere
ausdrückt, Ich habe euch belehrt, wie in dieser Form bildlich stets zwei sich
widerstrebende, seien es materielle Kräfte, seien es geistige Eigenschaften,
stets sich zu durchkreuzen suchen. Ich habe euch ferner den Weg vorgezeichnet,
welchen ihr gehen sollt unter der Last des Kreuzes, wenn menschliche, weltliche
Verhältnisse eure geistige Richtung „durchkreuzen“. Und jetzt will Ich euch
noch weiter andere Tiefen auftun, wo eben dieses Kreuz als Symbol Meiner
Erniedrigung und Verherrlichung zugleich in allen Formen der geschaffenen Wesen
entweder klar dargestellt oder verdeckt darin verborgen liegt, und euch zeigen,
wie selbst im Gang der Welten, in der Form ihrer Bahnen und im materiellen und
geistigen Weltenmenschen immer diese Form herausleuchtet; damit ihr ersehen
möget, daß es nicht unbedeutend in Meinem Lebenswandel war, daß Ich, der
Schöpfer alles Daseienden, gerade nur auf diese Art den leiblichen Tod erleiden
mußte, wo, wie bei Meiner Geburt, auch die Umstände und Orte dazu beitrugen,
das Herniedersteigen des höchsten Wesens würdig zu bezeichnen, so auch Dessen
Heimgang in der Art und Weise, wie er geschah, eben in seiner geistigen
Entsprechung dem Schöpfer alles Wesenden würdig war und den Stempel göttlicher
Eigenschaften trug.
[Sg.01_023,02] Denn ihr müsset wohl bedenken,
daß als Todesart, durch welche Ich nach den Begriffen der Menschen „Meinen Geist
aushauchen“ sollte, nicht gerade die nächstliegende genügte, sondern daß da
eine solche gewählt werden mußte, welche, wenngleich für die Menschen ein
Zeichen der Schande, für Mich aber das Zeichen der Göttlichkeit tragen sollte.
[Sg.01_023,03] Nun sehet, die Form des
Kreuzes, wie sie bestand, als Ich daran geheftet wurde, war so, daß das
Querholz nicht in der Mitte, sondern im oberen Dritteile den Hauptbalken
durchschnitt.
[Sg.01_023,04] Auch dieser Durchschnitt im
oberen Dritteil ist nicht ohne Bedeutung, sondern, wie beim weltlichen Kreuz,
von großer Wichtigkeit in geistiger Entsprechung.
[Sg.01_023,05] Denn so wenig ein Mensch ans
Kreuz genagelt werden könnte, wenn dieser Querbalken nicht mit der Höhe seiner Arme
korrespondierte, ebenso in geistiger Hinsicht ist es die Lebensbedingung des
Bestehens aller Welten, daß gerade eben dieser Durchschnittspunkt in den
Weltenbahnen in die obere Hälfte fällt, weil dadurch der Zweck der Erhaltung
und Fortdauer ihrer eigenen Existenz gesichert liegt.
[Sg.01_023,06] Ich habe euch in einem andern
Wort einst erklärt, wie die Oval-, Ellipsen- oder Ei-Form diejenige ist, in
welcher Welten um Welten, Systeme um Systeme kreisen, und wie fast alle Formen
der geschaffenen Dinge im Kleinen und im Großen sich auf diese Form
zurückführen lassen. Ich habe euch ferner gesagt, wie im großen Weltenall, sei
es geistig oder materiell, in einem der Brennpunkte Mein Sitz ist, von wo aus
Ich alles leite; ferner, daß dieser Brennpunkt und Bewegungsfaktor bei allen
Weltenbahnen ebenfalls stets der wichtigste ist, wo sich immer die
Zentralsonnen befinden, und daß selbst in jedem geschaffenen Ding dieser
geistige Punkt als Attraktionspunkt (Anziehungspunkt) besteht, welcher sowohl
die kleinsten Atome zu einem großen Körper verbindet, als auch im großen
Geistes- und Welten-Schöpfungs-Menschen der Knotenpunkt allen Lebens ist.
[Sg.01_023,07] Nun, wenn ihr diese Ei-,
Ellipsen- oder Oval-Form genau betrachtet, und wenn ihr aus ihren beiden
Brennpunkten Linien gegen ihre Peripherie zieht, welche senkrecht die große
Achse der Ellipse, eines Eies oder Ovals durchschneiden, so habt ihr wieder ein
Kreuz, geformt aus der großen Achse und dem Radius des Kreises, welcher bei
Konstruktion dieser Ovalform angewendet und eigentlich ihr Hauptfaktor ist
(siehe Figur 4).
[Sg.01_023,08] In der Ellipse oder Ovalform,
wo die Kreise – aus den beiden Brennpunkten beschrieben gleich sind (siehe
Figur 5), ist es einerlei, wie ihr diese Ellipse anschauen oder umdrehen möget,
es ist immer die nämliche Form. Im Ei ist es anders, da bekommt ihr zwei Kreise
zu sehen, wovon der eine ein großer, der andere ein kleiner ist. Wie ich es im
Ei erklärte, ist dort der kleine der wichtigere geistige Lebensträger und der
größere der minder bedeutende, materielle Erhaltungs-Koeffizient (siehe Figur
6). Dort breitet sich in weiten Bahnen das Materielle über diesem Brennpunkte
des großen Kreises aus, und hier (bei 0) vereint sich und nähert sich mehr
alles dem kleineren, aber geistig mächtigeren Kreise, von welchem aus die ganze
Peripherie der Ei-Form und der andere große Kreis beherrscht wird. – Nun, wenn
ihr diese Figur des Kreuzes im großen Weltenbau betrachten wollt, so werdet ihr
finden, daß die auf dem Brennpunkte oder Mittelpunkte errichtete senkrechte
Linie die Peripherie auf beiden Seiten durchschneidet, und zwar oben dort, wo
die Kreislinie ihren Halbkreis vollendet und die eiförmige Verlängerung der
ganzen Umfassungslinie dann nach und nach sich neigend gegen den kleinen Kreis
hinführt (siehe Figur 6).
[Sg.01_023,09] Dieser Punkt also ist es, wo
die Querlinie die Peripherie, durch den Mittelpunkt gehend, durchbricht und
gleichsam einen auf der Peripherielinie sich fortbewegenden Körper ebenfalls in
zwei Hälften teilt, sobald er an diesem Punkte angekommen ist.
[Sg.01_023,10] Nun fragt sich, was ist in der
geistigen Entsprechung die große Achse einer Ellipsen-, Oval- oder Ei-Form und
was ist diese quer sie durchschneidende andere, ihr entgegengesetzte Richtung?
(siehe Figur 4)
[Sg.01_023,11] Nun sehet, nachdem alle
Weltensysteme in Form des Eies sich nebst ihren Satelliten (Begleitern) von
Erden, Monden und Kometen wieder um andere größere Zentralsonnen bewegen, so
bezeichnet diese große, aufrechte Achse die geistige Richtung aller in der Materie
gebundenen Geister und die Querlinie, welche vom Brennpunkt aus bis zur
Peripherie geht, die materielle Tendenz, stets der geistigen Widerstand zu
leisten, ja selbst beim Durchschnitt der Peripherie ihr Einhalt zu tun.
[Sg.01_023,12] Es streiten sich also auch
hier wieder zwei Mächte, die geistige und die materielle um ihren bleibenden
Bestand (siehe Figur 4).
[Sg.01_023,13] In den großen Weltensystemen
ist der Brennpunkt des kleinen Kreises stets der mächtigere, geistig genommen,
um welchen die Planeten und Nebensonnen mit größerer Schnelligkeit
herumgetrieben werden, während in weiter Ferne beim großen Kreise ihre Bewegung
in Abnahme ist (siehe Figur 6).
[Sg.01_023,14] Hier, in der Nähe des kleinen
Kreises, entwickelt sich in raschem Fluge Geistiges; dort im großen Kreise in
langsamem Fortschreiten Materielles.
[Sg.01_023,15] Hier trifft die Linie, welche
durch den Brennpunkt des kleineren Kreises geht, die Peripherie der Ei-Form in
kurzer Nähe von ihrem Mittelpunkt; es ist das Göttliche, welches das Geistige
durchschneidet oder berührt, und dort ist es das Geistige, welches die Materie
vergeistigen will.
[Sg.01_023,16] Was hier in der Ellipsen- oder
Ei-Form in jedem Planetensystem gegründet und in größeren Systemen stets
wiederholt wird, das ist auch im Welten- und Geistes-Menschen zu finden, wo die
Richtung von den Füßen bis zum Kopfe die geistige und die der ausgebreiteten
Arme jene der materiellen Richtung in Entsprechungen ausdrückt (siehe Figur 3).
[Sg.01_023,17] Es ist die Kreuzesform, welche
hier als zwei verschiedene Richtungen Leben erweckt, bedingt, erhält und so den
Bestand alles Geschaffenen sichert.
[Sg.01_023,18] Wenn ihr die menschliche Form
aufmerksam betrachtet, so findet ihr, daß wenn ihr euch einen mit
ausgebreiteten Armen wie ans Kreuz gehefteten Menschen denkt, ihr durch die
Endpunkte seines Körpers, das heißt durch Kopf, Hände und Füße ebenfalls eine
Linie ziehen könnt, welche der Eiform entspricht (siehe Figur 3).
[Sg.01_023,19] Nur ist der Unterschied, daß
hier der große Kreis dorthin fällt, wo der Kopf ist, und der kleine in die Nähe
der Füße zu stehen kommt. –
[Sg.01_023,20] Dieses ist so zu verstehen:
Die große Achse der Eiform bedingt die geistige Richtung des Menschen, von
unten nach oben, von der Erde zum Himmel, vom Materiellen zum Geistigen! Es ist
diese Richtung, als die eines geschaffenen Wesens, der Meinen und Meiner
Geisterwelt entgegengesetzt; denn bei Mir hieß es – vom Geistigen zum
Materiellen, von oben nach unten, und beim Menschen vom Materiellen zum
Geistigen.
[Sg.01_023,21] Deswegen bezeichnet beim
Menschen der über und an seinem Haupte vorbeigehende große Kreis die große
materielle Schöpfung, die über seinem Haupte sich ins Unendliche ausbreitet,
wie der gestirnte Himmel des Nachts es zeigt.
[Sg.01_023,22] Dort ist der Brennpunkt sein
Herz, als die Gemeinschaft des Geistigen mit der Welt, und das Organ des
Verstandes der Kopf, der dem Herzen untergeordnet nicht selbständig handelnd,
sondern nur dem Herzen helfend auftreten sollte.
[Sg.01_023,23] Die ausgebreiteten Hände sind
der Durchschnittspunkt oder die Gegensatzlinie aller geistigen Handlungen und
Bestrebungen durch seelische und weltliche Leidenschaften.
[Sg.01_023,24] Der Brennpunkt des großen
Kreises also ist es, welcher beim Menschen die Hauptrolle spielt, während der
kleinere gar nicht als festgebahnt existiert, sondern nur als der göttliche
Funke dem seelischen Ich des Menschen beigegeben ist, um es zu vergeistigen.
[Sg.01_023,25] Bei den Tieren findet ihr die
Kreuzform ebenfalls, wie bei Vögeln, fliegenden Insekten; bei den vierfüßigen
Tieren sind es ebenfalls die nämlichen Kräfte und geistigen Brennpunkte, nur
ist bei letzteren die Hauptrichtung parallel mit der Erdoberfläche, und ihre
doppelten Durchschnittspunkte wie ihre vier Füße – als noch zweifach an die
Erdscholle geheftet – des Zweckes ihres Daseins gemäß, und der Instinkt
seelischer Richtung entsprechend.
[Sg.01_023,26] Am Gängelbande der Natur
werden die Tiere noch durch ihren Instinkt von Stufe zu Stufe geleitet, die
materielle Richtung ist die vorherrschende, die geistig-seelische die
untergeordnete.
[Sg.01_023,27] Auch ihre beim Menschen zu
„Hand“-lungen bestimmten Hände sind noch als Füße, als Stützen des Ganzen
benutzt, und nur wenige außer dem Affengeschlecht können diese zu etwas anderem
als zum Gehen benützen. Bei ihnen ist die Kreuzform wohl da, aber nicht zum
Zwecke des Ausdrucks verwendet wie beim Menschen, wo in ihm erst das
geistig-seelische Prinzip frei dasteht und nach geistiger Entwicklung sich
immer mehr sehnt. Je mehr vervielfältigt die Kreuzform bei den Insekten und
Würmern auftritt, desto mehr möget ihr erkennen, wie vielfach das Materielle
den geistigen Weg durchschneidet und so der höheren Entwicklung entgegensteht
und sie nur auf vielen und langsamen Wegen es vollführen läßt.
[Sg.01_023,28] So ist die Kreuzform erstens:
Träger und Gründer der Ei- oder Ellipsenform; zweitens: einziger Faktor des
bewegenden Lebens, des Erhaltens und Bestehens und fortwährender Anreger zu
größerer Tätigkeit, zu weiterem Vorrücken auf der geistigen Stufenleiter bis zu
Mir, als höchstem Endziel aller geschaffenen Geister.
[Sg.01_023,29] Sehet, so wie bei eurem
Erdball eine Achse existiert, welche von Süden nach Norden ihn durchzieht, aber
nicht wie ihr solche auf euren bildlich nachgemachten Erdgloben sehet, sondern
wie sie von einem magnetischen (nicht mathematischen) Pol zum andern gezogen
gedacht werden soll, wo sodann im oberen Dritteil eine andere Kraft ihn
durchzieht, das heißt die Kraft der Intelligenz und geistiger Fähigkeiten – so
sehet ihr auch eben diese Weltteile, welche im oberen Dritteil liegen,
geistiger, geweckter, weil sie, durch diese ihnen entgegenstehende Kraft
angeregt, zum höheren geistigen Leben gedrängt werden; während im Süden der
materielle Teil wie gleichsam eingeschlafen noch im halben Traumleben diese
Fähigkeiten mehr entbehrt, und, wie eben im Traume, wohl eine schöner
ausgestattete (Natur-)Welt besitzt, jedoch geistig genommen als entsprechend
den Phantasie-Gebilden des Traumlebens im Vergleich zum erwachten geistigen Verstandes-
und Gemüts-Leben zu vergleichen ist.
[Sg.01_023,30] So wie euer Erdball auch hier
die Form des Kreuzes zeigt, so spricht sie sich überall aus im Bestehen und
Vergehen der Materie, im Geistigen als Richtung nach oben oder unten; nur im
Göttlichen gibt es keine Gegenrichtung mehr, denn dort ist als Stützpunkt alles
Geschaffenen Stillstand, Ruhe und ewiges festgestelltes Grundprinzip: nur,
obwohl nach einem Zwecke strebend, nach Liebe und Weisheit zu rechnen, wo
letztere die erstere bedingt und modifiziert.
[Sg.01_023,31] Aber während das Kreuz überall
den Kampf zweier sich widerstrebender Richtungen anzeigt, so sind im Göttlichen
die Liebe und Weisheit insoweit vereint, als wie zwei parallel laufende Linien,
welche – nach gleicher Richtung und gleichem Zwecke strebend – nur das ewige
Bestehen des Geschaffenen zum Zwecke haben, und eben Liebe und Weisheit oder
Mein eigenes Ich darin Seine Befriedigung findet, wenn alles von beiden
Geschaffene seinen Zweck und seine Mission richtig erkennt, und wenn die Liebe
– auf diese Art ihre Gedanken durch die Weisheit verwirklicht sehend – die als
primitive Ideen hinausgestellten Geistesfunken dann als helleuchtende Sterne
zurückkommen sieht.
[Sg.01_023,32] So war, ist und wird das Kreuz
das Symbol des geistigen und materiellen Lebens bleiben, wo stets das Produkt
von zwei sich widerstrebenden, sich kreuzenden Faktoren als Resultat eine
höhere Geistesstufe sein soll, von wo aus die eine Richtung nach oben stets
mächtiger, die andere sie durchschneidende immer schwächer, kürzer und
ohnmächtiger wird – bis auch in dem verklärten Geiste nur zwei gleichlaufende
Potenzen, Weisheit und Liebe, seine Richtschnur geworden sind und, alle
Einflüsse materieller Ereignisse aufgehört, das Geistige allein den Weg der
Verklärung weitergehen wird.
[Sg.01_023,33] In dieser Kreuzesform lebt der
große Triumph des Geistigen über das Materielle, bildlich dargestellt durch
Meine Kreuzigung, ewig fort; diese Form, geistig genommen, bildet die Schule
eures Prüfungslebens, diese Kreuzesform ist der Lebensfaktor Meiner
Weltensysteme, Meines geistigen und materiellen großen Weltenmenschen.
[Sg.01_023,34] Überall ist sie die
vorherrschende Form, denn sie bedingt zwei kämpfende Elemente, und durch Kampf entsteht
das Leben, das ewig fortschreitende, zu höheren Stufen ringende Leben.
[Sg.01_023,35] Hinauf! – Wie Ich am Kreuze
geheftet, als symbolisches Bild von der Erde gegen den Himmel gerichtet dahing,
ebenso hinauf nach oben, nach jener großen Geisterwelt ist der große Drang
alles Wesenden. – Vorwärts! drängt es unbewußt das kleinste Atom im Äther wie
den großen Engelsgeist im Geisterreich; und nur durch die divergierenden,
kreuzenden Nebenrichtungen, welche niemanden das erreichen lassen, was er
sehnlichst wünschte; eben durch dieses Hemmen wird der Drang des Widerstandes,
des Kampfes und des endlichen Sieges bezweckt, durch welchen die materielle,
geistige und göttliche Welt bestehen und fortdauern kann.
[Sg.01_023,36] Daher befleißiget euch, auch
unterm Kreuze oder unter dem Druck der weltlichen Verhältnisse nicht die
Hauptrichtung nach oben zu vergessen. Dort hört aller Widerstand auf, und ihr
werdet in Kreuzesform ebenfalls einst euren himmlischen Vater wiederfinden, der
aufrecht stehend, mit ausgebreiteten Armen die Dulder und Kämpfer alle liebend
empfangen will, die unter dem Kreuze, als symbolisches Bild des Leidens und des
Kampfes, doch während ihrer Prüfungsschule Ihn und Seine Lehre nicht vergessen,
nicht verleugnet haben! –
[Sg.01_023,37] Deswegen ehret das Kreuz!
welches im großen Maßstabe in Meiner Schöpfung und im kleinen auf Golgatha zu
Meiner Verherrlichung beigetragen hat und das auch euch durch die Erniedrigung
zur geistigen Erhöhung verhelfen wird. –
[Sg.01_023,38] Es ist das Symbol von Leiden;
deswegen erinnert euch Meiner Worte, als Ich einst sagte: „Wer sich erniedrigt,
der wird erhöht werden!“ –
[Sg.01_023,39] Auch die Juden erniedrigten
Mich, erhöhten Mich dann am Schandpfahle, aber die geistige Verherrlichung, die
sie durch diese Erhöhung bewirkten, begriffen sie nicht! –
[Sg.01_023,40] Was in jenen Zeiten nur von
wenigen gefühlt und geahnt wurde, das könnt ihr jetzt ganz klar vor euren Augen
sehen; euch zeigte Ich, wie auch diese Form und ihr späteres bildliches
Ausdrücken als Leiden und Kämpfe, als geistiges Kreuz, nur der alleinige Weg
ist zu Mir, den Ich euch glorreich vorausging und auf dem ihr mit Demut folgen
sollet; denn auch eure Erniedrigung wird einst bei Mir zur größten Erhöhung
werden, und ihr werdet dann erst erkennen, daß nicht genossene Freuden, nein,
sondern überstandene Leiden den Hochgenuß einer Seligkeit geben können, welche
auch Ich genoß, als Ich, Meine Mission vollendet, zu Meiner Liebe wieder
zurückkehrte und Meinen Engeln und Geistern allen zeigte, daß das Kreuz nicht
ein Schandpfahl, sondern ein Zeichen des Sieges ist für den, der sich demselben
geduldig unterziehen will! Amen.
24. Kapitel – Die Schönheit.
3. Februar 1872
[Sg.01_024,01] Ein gewichtiges, tiefes und
von euch Menschen in verschiedener Art verstandenes Wort.
[Sg.01_024,02] Wäre es Mir nicht darum zu
tun, euch und alle Meine neu ankommenden Kinder der Zukunft in die Geheimnisse
Meines Ichs, Meiner Schöpfung, ja Selbst Meiner Weisheit einzuweihen, Ich würde
euch bei euren Begriffen lassen, die ebenso viele sind, als es Menschen auf
Erden gibt.
[Sg.01_024,03] Und doch, wenn überhaupt ein
Begriff, eine Idee unter euch gangbar ist, so muß sie, wenngleich sie nach der
Eigentümlichkeit der Individualität verschieden aufgefaßt wird, doch eine
Grundbasis, einen Grundgedanken haben, wovon alle anderen Begriffe nur Ableger
oder Variationen sind – wie bei einem Baum seine Zweige nur von den Wurzeln und
diese selbst von einem Zentrum ihre ganze Tätigkeit, ihr ganzes Leben erhalten,
ebenso diese individuellen Ideen von einer Grundidee abhängen.
[Sg.01_024,04] Um nun diese Grundidee euch
klar vor Augen zu stellen und euch dadurch zu beweisen, wo doch immer der Sitz
alles Wesenden und Sichtbaren liegt, so will Ich daher euch in dieser Hinsicht
in jene Sphären führen, von wo alle Anfänge ausgehen und wohin alle wieder
einst zurückkehrend sich zu einem Ganzen verbinden.
[Sg.01_024,05] Nun sehet! Worte sind
sichtbare oder, wie ihr sagen möchtet, euch hörbare Ausdrücke eines geistigen
Gedankens oder einer in Worte gehüllten Idee; Worte haben daher also immer –
als Produkte einer andern Macht – woanders ihr Anfänge, ihre Wurzeln; Worte
drücken Lebendiges, drücken Geistiges, drücken Göttliches aus, und eben
deswegen ist ihre Wirkung von ewiger Dauer, und der Apostel Paulus hatte wohl
recht, wenn er an die Korinther schrieb: „Alles Herrliche wird vergehen, doch
Gottes Worte werden ewig bestehen!“
[Sg.01_024,06] Im Worte liegt wie in einem
Samenkorn der ewige Keim zu weiterer Saat, im Worte liegt eine ungeheure
Triebkraft. Sehet euer ganzes Leben, die Geschichte der Menschheit und endlich
Meine Lehre selbst an – wo ist größere Wirkung aufzuweisen, in allen grausam
geführten Kriegen, die materiell viel zerstörten und geistig nichts aufbauen
konnten, im Vergleich mit dem Wort; es liegt eine unendliche Tiefe in dem Wort,
ebendeswegen sagte auch Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war
Gott!“
[Sg.01_024,07] Das Wort ist und war der
Träger der Schöpfung, ist der Träger eures geistigen Lebens, ist der Träger
allen Fortschritts; ohne Wort ist kein geistiges Leben zwischen Menschen
möglich.
[Sg.01_024,08] Das Wort verbindet Seelen,
zieht sie aneinander in Verehrung eines höheren Wesens oder Zieles.
[Sg.01_024,09] Das Wort ist die einzige
verständliche, begreifbare Brücke, wo ein Mensch dem andern begreiflich machen
kann, was in seinem Innern vorgeht.
[Sg.01_024,10] Und wenngleich auch der Blick,
der Druck der Hand, eine Umarmung usw. noch Größeres birgt und nicht in eure
Sprache übersetzbar ist, so ist es eben nur das Wort, welches als artikulierte
Laute, hervorgebracht mittels der Stimmwerkzeuge und der euch umgebenden Luft,
es euch möglich macht, von den Tiefen, die in eurem Innern wohnen, den
Nebenmenschen und der ganzen Menschheit einen leisen Begriff zu geben.
[Sg.01_024,11] Daher vertiefet euch vorerst
in die Idee, was „Wort“ heißt, damit ihr dann desto leichter fassen könnt, was
ein Wort sagen will, das so wie keines Meine ganze Schöpfung umfaßt, überall in
mehr oder minderem Grade ausgeprägt ist und in Mir Selbst, als vollendetes
Ganzes, seine eigentliche Lösung findet.
[Sg.01_024,12] Ich mußte diese Erklärung
vorausschicken, damit ihr die Worte, die Ich euch sende – nicht so leicht
hinnehmt und doch leise ahnen lernt, was unter einem Wort für Schätze
unberechenbaren Genusses liegen, wenn man gelernt hat, sich darin so ganz zu
vertiefen.
[Sg.01_024,13] Auf diese Art ließen sich
ganze Bücher schreiben über einzelne Worte, welche von vielumfassenden
Begriffen oder Ideen der sicht- oder hörbare Ausdruck sind. –
[Sg.01_024,14] Nun, um das Wort „Schönheit“
zu begreifen, so müssen wir natürlich vorerst mit der Frage beginnen: was
heißet ihr denn eigentlich „schön“? Hier wird die Antwort sein: Schön ist ein
Begriff von einem gewissen Eindruck, der wohltuend auf die Seele wirkt, indem
sie im harmonischen Einklang der Formen eine geistige Idee ausgedrückt sieht.
[Sg.01_024,15] Dieses Sehen der harmonischen
oder, wie ihr sagt, der „ästhetischen“ Formen ist so individuell verschieden,
hängt so von der geistigen Bildungsstufe des Menschen und seines Innern ab, daß
„schön“ ebenso viele Deutungen zuläßt, als es Menschen selbst gibt; denn wenn
auch einige oder viele Menschen im Urteil über einen Gegenstand, sei es welcher
es wolle, übereinstimmen, so ist es nicht die gleiche Ansicht aller, sondern
nur weil so viele (Menschen-)Seelen mehr oder minder ihre Idee, die sie von
einem solchen Gegenstand hatten, verwirklicht sehen – wo jedoch ein jeder
Mensch nicht den Gegenstand selbst, sondern im Gegenstand das wiederzufinden
glaubt, was er als Bild im Innern trägt.
[Sg.01_024,16] Also die Harmonie der Formen
ist es eigentlich, was den Begriff Schönheit bedingt.
[Sg.01_024,17] Nun frage Ich: Wie müssen denn
diese Formen beschaffen sein, daß sie im Menschen solchen Eindruck hervorrufen,
und warum rufen sie ihn hervor?
[Sg.01_024,18] Sehet, der Kreis des Begriffs
von Schönheit zieht sich stets enger zusammen und wird eben deswegen, seinem
Zentrum sich nähernd, leichter erfaßbar.
[Sg.01_024,19] Um die erste Frage zu
beantworten, muß Ich euch an ein früheres Wort erinnern, wo Ich die zwei
Linien, die gerade und die gebogene kreis- oder ovalförmige (Ei), als
Hauptträger alles Geschaffenen und auch als symbolische Entsprechungen
gebraucht habe.
[Sg.01_024,20] Von den dort angeführten Eigenschaften
gibt es aber neben der materiellen und der geistigen auch noch die göttliche
Bedeutung, nämlich – gebogen, wellenförmig laufende Linien sind Produkte der
Liebe, sich gerade zu Formen zusammenfügende, Produkte der Weisheit.
[Sg.01_024,21] So auch der Eindruck von
geformten Gegenständen. Solche aus lauter runden, gebogenen, wellenartig
laufenden Linien zusammengesetzt, haben als Gesamteindruck den des Lieblichen,
die aus geraden Linien zusammengefügten jenen des Ernsten, der Weisheit
ähnelnden.
[Sg.01_024,22] Wie Ich sagte in einem anderen
Wort, daß eine gebogene Linie der Liebe gleicht, welche Mithilfe, Mitgefühl
anstrebt, so die gerade für sich selbst bestehende Linie sich selbst genügt und
die Weisheit personifiziert, wie die krumme, sich neigende Linie – die Liebe
ausdrückt. –
[Sg.01_024,23] Wie nun in Meinem eigenen Ich
– Liebe mit Weisheit gepaart, vereinigt zu einem Ganzen sich darstellt, wo Ich
Schöpfer, Richter und doch Vater bin, so sehet ihr in euren Tempeln, Kirchen
und Bauten, welche alle als Ausdruck einer geistigen Idee dienen sollen, wo man
„ein Wohnhaus für Mich“ bauen wollte, den Ernst mit der Liebe verbunden; daher
der hohe Eindruck, welchen euch solche Monumente machen, wo ihr in ihnen den
Gottesgedanken in geraden und gebogenen Linien verschmolzen findet.
[Sg.01_024,24] Hier spricht die künstlich
zusammengeformte Materie als ausgehend vom Innersten der Seele, verwirklicht
durch den Verstand.
[Sg.01_024,25] Ich fing hier mit den größten
Werken an, die Menschenhände vollbringen können, gehe nun, wie ihr selbst, von
jenen auf Meine eigenen Schöpfungen über; denn auch ihr, wüßtet ihr nicht,
welche Schwierigkeiten es kostet, ein Wohn-, ein Bethaus oder einen Palast zu
erbauen, wieviel Studium, Talent und Ausdauer, wieviel Aufwand von Kräften dazu
gehört, Bauten aufzuführen, ihr würdet Meine Bauten: eure Erde, die sichtbaren
Planeten, Monde und Sonnen nicht zu schätzen wissen.
[Sg.01_024,26] Aber so, eure eigene Ohnmacht
fühlend, erkennet ihr erst die Allmacht eures Schöpfers; die eigene Nichtigkeit
recht ins Auge fassend, die Höhe Dessen, der aber am Ende eben doch nur im
„Kleinsten am Größten“ ist! –
[Sg.01_024,27] Nachdem nun Meine ganze
sichtbare Natur nur ein Wiederholtes alles dessen ist, was ihr Menschen
künstlich hervorbringen wollt, und ihr nichts schaffen könnt, was ihr nicht in
Meiner Schöpfung vorher gesehen habt und wovon euer Inneres stets schon lange
den Urtypus in sich trug, so macht euch natürlich auch in Meiner Natur alles
einen angenehmen Eindruck, was eurem Innern entspricht, wo ihr individuell das
Studium der Formen mehr oder weniger ausgebildet habt.
[Sg.01_024,28] Je mehr also ein Gegenstand,
sei er von euch künstlich hervorgebracht oder schon unübertrefflich in Meiner
eigenen Schöpfung vorhanden, in eurem Innern geistig vorhanden ist, desto mehr
erwacht in euch das Gefühl des Wohlbehagens bei seinem Anblick, welches ihr
dann mit dem Namen „schön“ bezeichnet.
[Sg.01_024,29] Je feiner dieses Formgefühl im
Menschen ist, desto mehr Schönheiten wird er in dem Geschaffenen entdecken, wo
auch nebenbei stets das Nützliche mit dem Schönen Hand in Hand geht.
[Sg.01_024,30] So wird aber auch nur der
Geist-Gebildetere, oder mit andern Worten gesagt – der mehr in der Liebessphäre
Lebende überall Schönheiten in Formen, in harmonischen Verhältnissen entdecken,
wo ein anderer gleichgültig vorübergeht; daher der verschiedene Begriff von
„schön“, weil er stets nicht bloß von dem Gegenstand, sondern auch von dem
geistigen Innenmenschen des Beschauers abhängt.
[Sg.01_024,31] Würdet ihr die Menschen
geistig beurteilen können, so wäre es euch leicht, aus dem, was ein Mensch
schön oder häßlich findet, sein Inneres zu erkennen, inwiefern es Liebe
besitzt; denn je mehr Liebe, desto mehr sucht der Liebende in allen
Gegenständen diese Eigenschaft auf, welche seine eigene Liebe erweckend, ihm
das angenehme Gefühl des „ästhetischen Genusses“ macht; denn er, ohne es zu
wissen, vergeistigt die vor ihm stehenden Formen und sieht eben da, wo ein
anderer nur Materie sieht, den Ausdruck einer nie verwelkenden Liebe, welche
auch im Größten wie im Kleinsten nur seligen Genuß verschaffen will und kann.
[Sg.01_024,32] Wenden wir nun diesen Begriff
„Schönheit“ auf das letzte Produkt der Erde oder der Welten an, nämlich auf den
Menschen selbst, so ist auch hier wieder die Idee von Schönheit ebenso
verschieden, als es geistige Stufen in der menschlichen Seele geben kann.
[Sg.01_024,33] So wie beim einen der Anblick
eines schönen Weibes zur höchsten Begeisterung, zur höchsten Liebe und
Verehrung führen kann, weil er hier das Abbild der Liebe, der Unschuld in
Formen ausgedrückt, vor sich stehen sieht – ebenso können diese Formen bei
einem andern nur sinnlich-tierische Gefühle erwecken, welche nicht der Form
eigen, sondern vom Beschauer derselben hineingelegt werden.
[Sg.01_024,34] Das könnet ihr euch wohl
vorstellen, daß, als Ich den ersten Menschen schuf, als Ich ihn nach Meinem
Ebenbilde formte, Ich alles in seine Formen hineinlegte, was möglich war, um
eine göttliche Idee in menschlichen Formen auszudrücken. Ich formte den Mann
als Ausdruck der Kraft, entsprechend der Weisheit, und das Weib als Ausdruck
der Milde, entsprechend der Liebe.
[Sg.01_024,35] Beide vereint sollten geistig
das werden, was Ich in Mir vereine, das heißt Liebe mit Weisheit gepaart, so
sollten sie dem Vereinigungsakt der höchsten geistigen Stufe entgegeneilen, wo
sie gebunden durch den Drang zum Dritten, zu Mir, die reinste Seligkeit
genießen könnten, weil jede Freude des einen in dem andern widerhallend ihren
Ausdruck gefunden hätte.
[Sg.01_024,36] So war Mein erstes oder
letztes Werk auf den Welten, vom letzten Atom bis zum Menschen in der Form
stets Liebe und Weisheit entwickelnd, und gestaltete sich in der menschlichen
Form zum harmonischen Ganzen, zu jener Form, wo aus der kleinsten Wellenlinie
des Körpers die größte geistige Idee stets hervorleuchten sollte und jedem
zurufen möchte:
[Sg.01_024,37] „Gedenket, daß ihr nach Meinem
Ebenbilde, nach dem Ebenbilde eines Gottes, nach dem Ebenbilde der unbegrenzten
Liebe und der unbegrenzten Weisheit geformt seid!“
[Sg.01_024,38] Daß dann die Menschen als
freie Wesen diese Form geschändet, mißbraucht und verdorben haben, das war
Sache ihres freien Willens; jedoch in Mein Reich werden sie nicht eingehen
können, bis nicht ihre äußere Umkleidung, von so feinen Stoffen sie auch
geformt sei, den Typus einer reinen, einer schönen Seele trägt. So wie Ich
einst den Menschen als Mein Ebenbild in die Schöpfung hinausstellte, so muß er
wieder zu Mir zurückkommen, das heißt geistig und körperlich schön, wo die Außenhülle
der Abdruck des in ihm wohnenden göttlichen Geistes ist. –
[Sg.01_024,39] Nach diesem Gesagten seht ihr,
wie vielseitig die Auffassung vom Worte Schönheit ist, so vielfach ist auch der
Weg, den alle Geister und Seelen durchzumachen haben, bis sie zu Mir, das heißt
in Meine Nähe gelangen und diese unbeschadet ertragen können.
[Sg.01_024,40] Der Begriff vom Worte
Schönheit zeigt euch klar die namenlosen Abstufungen, welche bestehen im
Geisterreich; es zeigt euch deutlich dieser Begriff, wie Menschen, wie Völker
auf ihrer geistigen Kulturstufe fallen oder sich erheben; denn mit jeder
höheren Stufe formt sich ein neues, schöneres, geistigeres Ideal vom Worte
„schön“.
[Sg.01_024,41] Schön ist der Ausdruck der
Liebe. Schön kann eigentlich nichts sein, was nicht gut ist, denn da die Form
selbst nur die Hülle eines in ihr wohnenden Prinzips ist, so kann nur das
„schön“ genannt werden, wo das Äußere dem Inneren entspricht (und letzteres
„gut“ ist).
[Sg.01_024,42] Wenn auch die Natur und
Verhältnisse manches Geschöpf zieren, daß dessen erstes Erscheinen wohltätig
wirkt, so ist doch oft bei näherer Bekanntschaft diese Wirkung nicht von Dauer,
und statt Begeisterung tritt Bedauern ein, weil der Beschauer leicht bemerkt,
daß das Äußere nicht mit dem Inneren korrespondiert.
[Sg.01_024,43] Ein geistiges Auge sieht alles
geistig, und nur ein materielles kann dort Schönheiten finden, wo es selbst
nichts als in einer andern Form sein eigenes Ich bewundern kann.
[Sg.01_024,44] Die wahre Schönheit ist also
im reinsten und tiefsten Sinne nur Ausfluß eines göttlichen Funkens, sichtbar
in der materiellen Form.
[Sg.01_024,45] Nachdem nun Ich nur Liebe bin
und diese Liebe gepaart mit Weisheit diese sichtbare und unsichtbare Welt
erschaffen hat, so kann auch in ihr, so wie sie aus Meinen Händen hervorging,
nur Liebliches und Weises herrschen.
[Sg.01_024,46] Wenn der Mensch diese Urtypen
verfälscht hat und nur in seltenen Fällen in einer oder der andern Form solche
Vereinigung von höchster Weisheit mit Güte und Liebe erblickt, so ist es nicht
Meine Schuld. Ich schuf die Welt voll Engel, die Teufel haben die Menschen
selbst daraus gemacht!
[Sg.01_024,47] Da Ich aber nicht umsonst
erschaffen habe, und es (das Geschaffene) nur so anerkenne, wie Ich es Mir
dachte, so müssen diese Urtypen Mir wieder zurückgegeben werden, ob über kurz
oder lang, die Zeit hat dabei nichts zu sagen, denn es ist eine Ewigkeit immer
lang genug dazu!
[Sg.01_024,48] Befleißiget also auch ihr euch
alle, diesen Meinen Ideen der Schönheit der Seele zu entsprechen, dann wird
auch das äußere Kleid in jener ewigen Lichtwelt so ausfallen, daß es ein
reiner, geistig-seelischer Abdruck eures Innersten für euch sein wird.
[Sg.01_024,49] Dieses ist der Begriff von Schönheit,
wie Ich ihn auf seine Wurzel, auf Mich, auf Meine Liebe zurückgeführt habe.
[Sg.01_024,50] Schön ist alles, was aus
Meinen Händen hervorging. Nur einem unschönen Gemüt sind jene Formen
gleichgültig und nicht faßbar, welche teilweise oder ganz den Abdruck des
Göttlichen durch sie hindurchleuchten lassen – daher der große Grad von
verschiedenen Begriffen der Schönheit. Und wie Ich einst sagte: „Dem Reinen ist
alles rein!“, so sage Ich jetzt noch diesem hinzufügend: „Dem Schönen ist alles
schön!“
[Sg.01_024,51] Hier habt ihr wieder ein Wort
geistig erklärt vor euch. Begreifet die Fülle des Geistigen eines solchen
Wortes, und ihr könnt im Kleinen ahnen, was es erst in der Sprache der Geister
ist, wo mit jedem Worte die ganze unendliche Bedeutung desselben durchgefühlt
und geahnt und eben dadurch die Geistessprache bedingt wird, welche manchmal
auch – aber nur in höchsten Momenten – an euren geistigen Ohren vorüberflutet,
um euch anzuspornen, geistig heller sehen und besser hören zu lernen! Amen.
25. Kapitel – Das Licht – Welten-, Sonnen-
und Sternen-Licht.
4. Mai 1873
[Sg.01_025,01] Schon früher habe Ich euch
öfter über das Wort „Licht“, was Licht ist und wie es entsteht, wie es Leben
verbreitet, Leben erregt und selbst Leben ist, so manches gesagt, und doch
wisset ihr vom Licht weniges zu sagen, begreifet noch gar nicht, was Licht ist,
und eben deswegen soll ein neues Wort an euch erklären, was oft dämmernd aus
den früheren nur durchgeschimmert hat und nur einzelne ahnen ließ, daß Licht
eine Emanation (Ausfluß) Meines eigenen Ichs oder Ich Selbst bin!
[Sg.01_025,02] Wenige von euch geben sich
damit ab oder haben die Lust, sich mit den physikalischen Gesetzen, insoweit es
(das Licht) auf eurer Erde auftritt, zu befassen. Wenige fühlen in sich den
Drang, je nachzuspüren, was denn eigentlich der Lichtstrahl ist, welcher doch
in jeder Sekunde, wo er euer Auge trifft und in dieses eindringt, euch Wunder
über Wunder erzählen könnte, wie Meine Schöpfung verstanden sein sollte und
wieviel schon nur ein einziger Lichtstrahl des Wonne- und Liebevollen enthält,
welches euch euren Schöpfer in Seiner schönsten Glorie – als liebenden Vater
zeigen müßte!
[Sg.01_025,03] Blind seid ihr alle, blind
gegen das kleinste, blind und gefühllos gegen das größte Liebeswerk, welches
stets von Mir, von Meiner Größe und von Meiner Allmacht zeugt!
[Sg.01_025,04] Und eben daher, weil gerade in
den alltäglichen Begegnissen des menschlichen und materiellen Lebens aus
Gewohnheit Meine Wunderwerke nicht bemerkt, nicht beurteilt werden, so sollet
ihr heute durch dieses Wort wieder angeregt werden, aus eurem lethargischen
Schlaf zu erwachen, um das Geistige der Schöpfung in eurer nächsten Umgebung
wahrzunehmen, wie der liebeschmeichelnde Lichtstrahl aus eurer Sonne und der
nämliche aus Millionen Meilen weit entfernten Gestirnen euch, eben durch ihn,
mit Meiner ganzen materiellen und geistigen Welt verbindet!
[Sg.01_025,05] Ihr sollt verstehen und
begreifen lernen, wie das geistige Reich, Mein eigener Wohnort, einst auch euch
aufnehmen, euch näher ziehen soll; damit ihr erkennen möget, was ein einziger
Lichtstrahl euch zu sagen vermag, geschweige, was erst eine Lichtwelt euch
sagen wird!
[Sg.01_025,06] Sehet, Meine Kinder, Ich will
euch nur einmal eine Frage stellen, um euch zu beweisen, wie wenig ihr wisset!
Die Frage heißt: „Was ist Licht?“
[Sg.01_025,07] Nun, die Antwort gemäß euren
menschlich-wissenschaftlichen Entdeckungen, gemäß Meiner euch gegebenen Worte
wird sich auf Folgendes beschränken lassen: Licht ist eine „Emanation“,
hervorgebracht durch schnelles, ja billionenmaliges Vibrieren der kleinsten
Atome in einem Augenblick, welche sodann, vorerst durch Wärme, dann im Licht,
als Resultat sichtbar dem Menschen sich offenbart!
[Sg.01_025,08] Wissenschaftlich wird es
heißen: Licht durch ein Prisma geleitet, läßt sich in Farbenstrahlen brechen
oder zerteilen; jeder dieser Farbenstrahlen ist wie ein drei- oder
vierschneidiger Stockdegen geformt, wo stets die eine Kante mit der
entgegengesetzten elektrisch-positiv oder elektrisch-negativ sich verhält; im
Lichtstrahl sind auch noch dunkle Strahlen, die eure Forscher als
„Wärmestrahlen“ qualifiziert haben.
[Sg.01_025,09] Das alles ist gut und schön,
nur muß Ich aber noch eine andere Frage aufwerfen, denn diese Antwort genügt
Mir nicht; Ich frage nämlich eure Naturforscher und Astronomen: „Wo kommt denn
das Licht her?“
[Sg.01_025,10] Auf dieses antworten sie Mir:
„Von der Sonne, welche eine feurige Kugel ist (?) und die im Verbrennungsprozeß
ihrer Außenatmosphäre den Glanz, nämlich Licht und Wärme entwickelt und
dasselbe zu uns auf Erden und zu den sie umgebenden Planeten und Kometen sendet
und so Leben, Tätigkeit, Entwicklung, Bestehen und Vergehen aller in allem
veranlaßt.“
[Sg.01_025,11] Gut, auch diese Antwort hat
ihr Wahres, aber sie genügt Mir noch nicht, Ich frage weiter: „Von wo hat denn
die Sonne dieses Licht hergenommen?“ Ist es erborgtes oder eigenes Licht?
[Sg.01_025,12] Sehet, hier fängt es schon an,
Meinungen verschiedener Art zu geben, und hier läßt schon der menschliche
Verstand seine Schwächen sehen; denn es sind bloß Hypothesen, welche da
aufgestellt werden können, aber Gewißheit fehlt, weil die nähere Untersuchung
des Sonnenlichtes außer eurem Bereich liegt und um so mehr noch das Licht einer
anderen Sonne, die vielleicht nicht Millionen, sondern Billionen Meilen
entfernt ihr Licht darleiht, um eure Sonne zu erleuchten und so seinen Glanz
auf Tausenden von andern ihr unterstellten Welten zu verbreiten.
[Sg.01_025,13] Und wenn ihr auch faktisch
beweisen könntet, daß von dem oder jenem Sterne eure Sonne ihr Licht erhält, so
bleibt doch noch immer die Frage: und von welch einer anderen entfernteren
Sonne erhielt diese wieder ihr Licht? und so ins Unendliche hinaus.
[Sg.01_025,14] Nachdem also ihr Menschen aus
diesem Wust von Fragen nicht mehr herauskommen würdet, so muß Ich Mich ins
Mittel legen und, statt daß ihr in Billionen Meilen entfernten Räumen den Grund
und die Lösung eurer Frage suchet, vorerst mit euch vom Nahen anfangend, das
Ferne erklären.
[Sg.01_025,15] Nun sehet, fangen wir wieder
von vorne an, und zwar mit der Frage: „Was ist Licht?“ und „wie gibt es sich
kund? und warum muß es da sein?
[Sg.01_025,16] Ihr wißt – Licht entsteht
durch Vibration der Atome, die Farben entstehen ebenfalls durch
billionenmaliges Vibrieren der Materie, und je nach der Anzahl dieser
Vibrationen werden eurem Auge die Farben sichtbar – gut, was regt aber die
Materie an zu vibrieren? was gibt ihr Leben? daß sie durch solch heftiges
Schwingen und Erzittern sich als Leben manifestiert?
[Sg.01_025,17] Sehet, hier tritt nun das
Grundprinzip der ganzen Schöpfung auf und sagt euch: Das bewegende Element,
welches alles durchdringt, in so ungeheuren Schwingungen den ganzen Ätherraum
beben macht, ist:
[Sg.01_025,18] Mein Wille, ist Mein Ich
Selbst, ist nicht materiell Bedingtes, sondern Geistiges, Unbedingtes, ist
nicht Vergängliches – ist unendliches Leben!
[Sg.01_025,19] Dieses große Geistesleben
Meines eigenen Ichs ist es, welches entsprechend der Liebe, entsprechend der
Weisheit sich als Farbe, sich als Wärme kundgibt.
[Sg.01_025,20] Ohne diesen Meinen
allmächtigen Willen würde kein Atom im großen Ätherraum erzittern, kein
Wärmestoff entwickelt, kein Licht ausgestrahlt werden!
[Sg.01_025,21] Und warum geschieht dieses? so
fragt vielleicht mancher. Auch auf diese Frage soll Antwort werden: weil Licht
– Leben, und Finsternis – Tod bedingt.
[Sg.01_025,22] Was ist Finsternis? oder gibt
es eine Welt, wo Finsternis waltet? gibt es Leben, ist es denkbar da, wo
Finsternis, gleichbedeutend mit „Ruhe“, alles in einem Zustande verharren
müßte, der ewig der gleiche wäre! – ? – – –
[Sg.01_025,23] Ihr habt noch nie begriffen,
was eigentlich „Finsternis“ ist; denn wenn ihr nicht mehr sehet, das ist noch
nicht Finsternis, sondern nur relative, für eure Sehorgane. Es gibt zum Beispiel
viele Tiere, die noch ganz gut sehen, wo es für euch die tiefste Nacht scheint;
wo also diese Tiere sehen, da muß auch Licht sein, nur nicht in dem Maße, wie
ihr gewohnt seid, Licht und Finsternis zu qualifizieren.
[Sg.01_025,24] Ebenso ist es auch mit der
Wärme. Wer von euch hat denn schon bestimmt oder bemessen, wo Wärme aufhört, wo
also das Wärme bewirkende Vibrieren der einzelnen Atome aufgehört hat.
[Sg.01_025,25] In euren kältesten Regionen
ist noch Wärme, wenngleich ihr es als „Kälte“ mit so und soviel Graden benennt.
[Sg.01_025,26] Diese absolute Finsternis also
existiert nirgends, kann nicht existieren in einer Schöpfung, in welcher Ich
der Herr und Erschaffer davon bin.
[Sg.01_025,27] Licht ist gleichbedeutend mit
„Erkenntnis“; denn wie nur im Licht ein Erkennen der Gegenstände, ein Sehen
möglich, so ist auch Erkenntnis dem Bewußtsein entsprechend: ich erkenne mich
und kann die mich umgebende Welt beurteilen.
[Sg.01_025,28] Dieses geistige Erkennen,
welches den Geschöpfen, seien es Geister oder körperliche Wesen, ihren eigenen
moralischen Wert gibt, sie antreibt zur Vervollkommnung ihres eigenen Ichs –
dieses Erkennen kann nur im Lichte, im geistigen Licht Meines eigenen Ichs
möglich sein, da im Finstern weder geistiges Erkennen gefördert noch weltliches
möglich wäre!
[Sg.01_025,29] Wie aus der Mosaischen
Schöpfungsgeschichte das Wort bis auf euch gekommen ist, wo Ich aussprach: „Es
werde Licht!“, so möget ihr in diesem Ausspruch die ganze große Bedeutung erkennen,
welche darin liegt – denn ohne Licht, ohne Tageshelle kein materielles, ohne
Geisteshelle kein höheres Leben!
[Sg.01_025,30] Wenn ihr so Meine ganze
Schöpfung betrachten könntet, so müßtet ihr daraus den notwendigen Schluß
ziehen, daß nur wo Licht, wo wahrgenommen werden können die Millionen von
Wundern, welche Meine Allmacht beurkunden – nur da, nur im Lichte ein Schöpfer,
ein liebender Vater denkbar ist! –
[Sg.01_025,31] So war das erste Wort „Es
werde Licht“ der erste Impuls alles Werdens, der erste Anfang einer materiellen
Schöpfung und der erste Gedanke zu einem geistigen ewigen Lichtreiche! –
[Sg.01_025,32] „Licht“, als geistige
Entsprechung Erkennung alles Wesenden, war notwendig, und eben dieses Wort,
welches alle Atome des Äthers in Schwingungen versetzte, welches Leben und
Wärme hervorrief – eben dieses Wort erzeugte auch in dem Geisterhimmel die
Unzahl von Abkömmlingen von Mir, die licht- (und liebe-) fähig, das heißt sich
selbst bewußt, Meine Welt und Meine Liebe erkennen sollten. –
[Sg.01_025,33] Dieses Licht, von Mir
ausströmend, durch alle Räume dringend, alles belebend, schuf die materielle
Welt, kleidete Geister in Materie, um aus letzterer wieder erstere, aber unter
anderen Verhältnissen zu befreien!
[Sg.01_025,34] Licht, gleichbedeutend mit
Meinem ewigen Leben, war in Mir und erfüllte Mich stets; nur als Ich das Wort
aussprach: „Es werde Licht!“, da begann es auszustrahlen durch alle
unbegrenzten Ätherregionen und regte die Materie zum Leben, zum Anziehen, zum
Abstoßen, zur Vereinigung, zur Trennung, zum Entstehen, zum Vergehen an. Ohne
Mein Wort „Es werde!“ und „Es werde Licht!“ hätte nie am Firmament eine Sonne
geleuchtet, hätte nie ein Weltkoloß um einen noch größeren sich geschwungen.
[Sg.01_025,35] Allein Mein Machtspruch „Es
werde!“ und Mein Liebewort „Es werde Licht!“ war es, welches den unendlichen
Äther bevölkerte, welches die sichtbare Welt mit Wundern erfüllte und welches
den Impuls gab, daß in Materie eingekleidete Wesen, sich ihres Ursprungs
erinnernd, erst verstanden – warum sie eingekleidet wurden und warum sie wieder
nach Befreiung der Einkleidung trachten müssen.
[Sg.01_025,36] So ist die Welt erst sichtbar
geworden und dem mit geistigem Auge Begabten kein materielles Konglomerat von
Stoffen, sondern eine große Prüfungsschule geworden, wo Geister, ewige
Lichtgeister sich bestreben müssen, durch verschiedene Stufen gehend dahin zu
gelangen, von wo sie ausgegangen sind, das heißt zu Mir, dem Schöpfer, der
alles mit gleicher Liebe erschuf, es erhalten und auch zur geistigen Vollkommenheit
führen will!
[Sg.01_025,37] So ist das Weltenlicht
gleichbedeutend mit Weltenleben; denn die Welten, im Lichte lebend, verbreiten
Licht und Leben in ihrer Umgebung, beleben die Materie und die darin
schlummernden Geister wecken sie auf, nach Höherem sie ziehend – und so ist das
Licht, welches eine Welt der andern zusendet, nichts anderes als das freudige
Erzittern der Materie, welche, erregt durch die Wärme, den eingeschlossenen
Geistern Kunde gibt von der liebenden Hand, die sie zwar in erstere
eingeschlossen hat, aber sie auch aus ihr befreien will! –
[Sg.01_025,38] Dieses Vibrieren, dieses
Lichtverbreiten ist es, welches von der Geisterwelt ausgehend in die materielle
herüberstrahlt, in ihr an den entferntesten Sonnen sich kundgibt – und als Farbenbündel
alle göttlichen Eigenschaften entsprechend in Vibrationen ausdrückt.
[Sg.01_025,39] Nicht umsonst geht bei euch
die Sage, daß gewisse Farben gewissen geistigen Eigenschaften entsprechen. Es
ist eine Ahnung, die durch die Seele zieht, wenn sie im rosenfarbigen Licht den
Strahl der Liebe, im grünen den der Hoffnung, im blauen den des Glaubens wähnt.
[Sg.01_025,40] Alle prismatischen Farben
haben geistigen Sinn und entsprechen – gemäß den Vibrationen, welche sie
hervorbringen – den eigentlichen Wirkungen Meiner göttlichen Eigenschaften!
[Sg.01_025,41] Es ist ja wie in allem
Sichtbaren – ebenso in den Farben, und zwar mehr als in andern Dingen, Meine
Liebe, Meine Gnade, Meine Weisheit, Meine Demut ausgedrückt – und wenn „Weiß“
die Farbe der Unschuld ist, so will das nichts anderes sagen, als daß in dem
ungebrochenen Lichtstrahl als weißer Strahl alle göttlichen Eigenschaften
vereint liegen, welche so wie sie von Meiner Geisterwelt ausgehen bis zu euch
als Sternen- oder Sonnenlicht, euch dann mahnen sollen, daß auch ihr in
Unschuld gekleidet alle andern göttlichen Eigenschaften an euch traget, die
aber erst mit anderen Wesen in Berührung kommend teilweise in Anwendung
gebracht werden, so wie der weiße Lichtstrahl von Millionen Sonnenfernen erst
beim Auffallen auf Materielles sich in seine Farbenstrahlen bricht und durch
solches Anmut, Glanz und Schimmer den Gegenständen verleiht!
[Sg.01_025,42] Dieses ist die geistige Kette,
welche das kleinste Würmchen mit dem letzten Weltall verbindet, welches an den
Grenzen Meiner Geisterwelt kreiset.
[Sg.01_025,43] Und wenn ein Lichtstrahl aus
fernen Sternen auf euer Auge fällt, so bedenket, daß, wäre nicht euer Auge von
Sonnennatur, ihr die Sonne nicht bemerken würdet!
[Sg.01_025,44] In eurem Auge ruht schon in
seinen verschiedenen Feuchtigkeiten eine Lichtwelt, die dem vom ganzen
Universum euch zugesandten Lichte homogen ebenfalls in euch das Leben oder den
nämlichen Prozeß hervorruft, welchen das Licht in der ganzen Schöpfung bewirkt.
[Sg.01_025,45] Euer Seh-Organ ist einer von
jenen Vermittlern, welche die Seele mit und durch das Sichtbare zum Geistigen
und Unsichtbaren erheben.
[Sg.01_025,46] Daher das Sprichwort bei euch:
„Das Auge ist der Spiegel der Seele“. Ja, in eben dem Grade, wie auf eurem Auge
von außen sich die unendliche materielle Welt abspiegelt, in demselben Maße
leuchtet eure geistige Welt durch dieses hindurch hervor.
[Sg.01_025,47] Was ihr unbewußt aus weiter
Ferne durch Sternen- und Sonnenlicht empfanget, das strahlt wieder vergeistigt
aus dem kleinen Sehapparate heraus und verbindet so unendliche Welten als
Materie mit unendlichen Geistern in Materie gekleidet.
[Sg.01_025,48] Licht, materielles, erweckt
Licht, geistiges. Das Licht zeigt euch Meine Schöpfung in ihren wunderbaren
Reizen, um geistiges Licht in euch zu wecken. –
[Sg.01_025,49] „Es werde Licht!“ so scholl es
einst in alle weiten Räume und „es werde Licht!“ so will Ich auch in eure
Herzen rufen.
[Sg.01_025,50] Ja, es werde Licht – in eurem
Ich! damit ihr Mich, Meine Schöpfung und Meine Liebe erkennen möget, damit ihr
begreifen und verstehen möget, daß Licht, gleichbedeutend mit Liebe und
Weisheit vereint, das ganze Weltall belebt, in ungeheuren Schwingungen alle
Atome erhält, und dieses Erzittern nicht ein schmerzliches, sondern ein wonnevolles
ist.
[Sg.01_025,51] Licht werde es in eurem Gemüt!
Wärme entwickle sich in euren Herzen! und so werden auch – wie in Meiner
Schöpfung durch Licht Meine Gedanken, so in eurem Schalten und Walten eure
Handlungen sichtbar werden, welche ebenso wie Meine Schöpfungen den Stempel der
Liebe, den Stempel der Weisheit tragen sollten!
[Sg.01_025,52] Fühlet euch erhoben, Meine
Kinder, wenn ihr die Welt um euch erblickt in rosigem Morgenschimmer oder wenn
am nächtlichen Himmel euch Millionen Sterne und ferne Welten den „Gruß der
Weihe“ senden!
[Sg.01_025,53] Trachtet euch einzuweihen in
Meine Schöpfungsgeheimnisse! Lernet das große Buch Meines Universums, Meiner
Lichtwelt verstehen, damit es auch in euch Licht werde und ihr sowohl im Lichtstrahl
einer entfernten Welt, wie im Lichtstrahl, der an einem Tautropfen glänzt, die
nämliche Liebe und die nämliche Weisheit erkennen möget, welche einst den
schlummernden Elementen zurief: „Es werde!“ und um den geschaffenen Wesen den
Genuß des Bewußtseins zu verstärken, das „Licht“ dazu setzte. Licht, ja Licht!
unendliches, großes, geistiges, leuchtet euch aus allem entgegen. Licht ist's,
wonach der kaum geborene Säugling strebt, und Licht, geistiges, ewiges ist es,
welches trotz aller Schranken des Todes noch durch Sargdeckel schimmert, wo es
klar bewiesen sein wird, daß ein Gott, ein Vater, der die Welt, das ganze
Universum so mit Wundern ausstattete, der so alles in Lichtformen und
Lichtkleider webte, auch noch am Ende der materiellen Zersetzung eines
Geistergewandes stets wieder Licht verbreiten wird – nur insofern verschieden,
daß während des Lebens viel materielles, geringes geistiges, dann nach Abfall
der materiellen Hülle kein materielles, aber desto mehr geistiges Licht euch
leuchten, euch führen soll zu dem Urquell, aus welchem alle Lichtbündel vor
Äonen von Zeiträumen ausströmten und zu welchem alle Lichtstrahlen, sowohl die
geistigen als materiellen, wieder zurückkehren müssen.
[Sg.01_025,54] „Licht!“ Meine Kinder,
„Licht!“ so wird euer Ruf einst ertönen, wie bei verirrten Schiffern auf hoher
See nach langem Sehnen der Ruf: „Land! Land!“ ertönt. Wie dort dann alles
freudig sich umarmt, da man des Reisens Ziel entdeckt, so wird einst nach
Abschluß dieses Lebens in euch der Ruf ertönen nach Licht, wenn ihr in andere
Verhältnisse, andere Räume gelangen werdet, wo euer materielles Sonnenlicht
hier auf Erden nur wie finstere Straßenlaternen leuchten wird im Vergleich des
Liebelichts, das in jenen Räumen strahlt, wo vergeistigte Geschöpfe sich ihres
Sieges über die Materie erfreuen!
[Sg.01_025,55] Um euch an dieses Licht zu
gewöhnen, das jetzt schon, wenngleich spärlich, aber bei manchen schon im
irdischen Leben leuchtet, um euch den Weg dazu zu erleuchten, um euch das
geistige Licht, den großen Faktor Meiner Schöpfung kennenzulehren, scheue Ich
keine Mühe, auch in eure Seelen hineinzurufen: „Es werde Licht!“
[Sg.01_025,56] Schauet die Natur, schauet die
Welten, die Gestirne, selbst eure Sonne an – alle zeugen vom geistigen, ewigen
Licht, vom Licht, das aus Mir ausgehend Wärme und Liebe verbreitet, wo es
auftritt.
[Sg.01_025,57] Lasset es ein in euer Herz!
Erkennet aus den Gegenständen, welche mit materiellem Licht erleuchtet sind,
das Geistige, was aus diesen sichtbaren Zeugen Meiner Macht und Meiner Liebe
euch zuruft:
[Sg.01_025,58] „Vom Lichte der Sonne
beleuchtet erfreuen wir uns unserer Existenz, alles jubelt, zittert, vibriert,
sei es in stummer Farbenpracht, sei es in hellem Lobgesange. Lasset auch ihr
euch erwecken, o ihr Lieblinge eines Gottes und eines liebenden Vaters!
Erkennet aus uns nur durch sichtbares Licht Lebenden das geistige, in euch
selbst liegende Gotteslicht, erkennet die Kette oder das sanfte Band, welche
alles verbindet und von der weit entfernten Geisterwelt herabeilend in Form des
Gedankens, dann von den letzten Weltallen als materielles Licht euch den
Geistergruß vermaterialisiert als Lichtstrahl bis zu eurem Auge bringt, der
euch kundgeben soll, daß es nur einen Gott, einen Schöpfer – aber auch nur
einen liebenden Vater gibt, der Geistiges durch Materielles verwirklichend auch
dem letzten Tierchen nicht versagt, welches im Staube seine Wege fortkriecht,
und auch euch, ihr Ebenbilder Seiner eigenen Macht, zu Lichtträgern, zu
Verbreitern geistigen Lichtes machen will! Um aber dieses zu werden, müsset ihr
selbst vorerst recht verstehen, was Licht, was materielles, was geistiges Licht
ist; nur dann könnet ihr auch andern mitteilen, was in euch lebt!“
[Sg.01_025,59] So redet die ganze Natur, so
rede Ich zu euch, damit ihr begreift, daß „Licht“ gleichbedeutend mit
„Erkennen“ ist, entsprechend dem Bewußtsein: Ich bin nicht von dieser, bin von
einer andern Welt, bin kein Erden-, sondern ein Himmelsbürger, nur
hierhergestellt, um Meine Fakultäten zu üben, die da oben im ewigen Licht allein
nur „gang und gäbe“ sind!
[Sg.01_025,60] Daher lasset das Licht durch
euer körperliches Auge eindringen, euch das geistige innere erwecken, damit ihr
begreifet Meine Liebe, welche so viele Worte verschwendet, um ein kleines
geistiges Flämmchen in euren Herzen anzuzünden – während sie mit einem
Machtwort Sonnen von ungeheuren Größen angezündet hat, die zwar materiell des
Wunderbaren in Unmasse haben, aber doch nicht mit dem einzigen sich
selbstbewußten Gottesfunken verglichen werden können, welcher mitten in der
Schöpfung stehend ausrufen kann, während aus Myriaden Welten die Lichtstrahlen
auf sein Auge fallen:
[Sg.01_025,61] „Ich bin erkoren, ein Kind
eures Schöpfers zu werden, für mich geschah es, daß Er Sein Leben einst hingab,
dort verleugnete Er Sein geistiges Licht, um in meinem Herzen das Fünkchen
anzuzünden, das, ein Ableger von Ihm, geläutert und verklärt einst Ihm wieder
zurückgegeben werden soll!“
[Sg.01_025,62] So werde es Licht in euren
Herzen! Jede dunkle Stelle, jeder Zweifel, jede Schattenseite soll
verschwinden; denn wo Ich einst wohnen soll, da muß es licht werden – Licht ist
Wahrheit, Licht ist Liebe! Licht ist Wärme oder Begeisterung fürs Göttliche!
Diese Eigenschaften sollet ihr euch aneignen, Licht muß es werden in euch! Und
dazu soll auch dieses Wort wieder beitragen, euch zu zeigen, wie selbst in
wissenschaftlichen Entdeckungen und Forschungen nur geistiges Licht verborgen
ist, welches aber nur dem zuteil wird, der inmitten materieller oder chemischer
Prozesse doch nur ersteres als notwendig erkennt, um Geistiges zu erfassen!
[Sg.01_025,63] Wenn der Sterbende auf dem
Totenbett liegt und öfter ausruft: „Licht! Licht!“, weil seine Sinne nach und
nach sich verdunkeln und schwächer werden, so ist es veranlaßt in dem Drange,
weil „Licht“ auch „Leben“ bedeutet.
[Sg.01_025,64] Jetzt, wo ihr ebenfalls auch
im Scheidungsprozeß vom Materiellen zum Geistigen begriffen seid; jetzt
entsteht auch in euch oft der Ruf: „Licht! Licht! geistiges Licht!“ Hier gebe
ich es euch, nehmet es auf in eure Herzen!
[Sg.01_025,65] Lasset dort die Sonne der
geistigen Wahrheit scheinen, damit auch sie dort verkehre was finster in
Lichtes, damit das Liebe-, das Gnadenlicht Meiner Worte euch erwärme und belebe
und ihr in jedem Wort von Mir nur Zeichen erkennen möget, wie sehr es Mir daran
gelegen ist, euch zu Lichtträgern, zu Kindern des Lichtes zu erziehen, nachdem
leider eben jetzt so viele Kinder der Finsternis ihr Wesen auf dieser Erde
treiben.
[Sg.01_025,66] Licht, Welten-, Sonnen- und
Sternen-Licht, es ist alles nur immer das nämliche – es ist der große Strom des
geistigen Liebe-Lichtes, das in großen Massen große Welten dort belebt und
kleine Geister zur Vervollkommnung treibt.
[Sg.01_025,67] Es ist dasselbe Licht, welches
aus weiter Ferne herstrahlend Ähnliches im Sehorgan des lebenden Wesens erweckt
und durch Materielles Geistiges hervorruft! So wird die Materie vergeistigt,
und so kehrt die Materie zu Mir einst zurück, von Dem sie ausgegangen ist.
[Sg.01_025,68] Licht in den unermeßlichen
Räumen verbreitend, erfüllt dieser materielle Glanz durch die Strahlenbrechung
in Farben, was das geistige Licht im Worte bewirkt.
[Sg.01_025,69] Mein Licht macht Stoffe
vibrieren und Mein Wort Geister erzittern!
[Sg.01_025,70] So ist die Vibration der
Licht- und Wärme-Erzeuger, Verbreiter und Vervollkommner, und Mein Wort der
Anreger zu guten Gedanken, Entschlüssen und gesegneten Handlungen.
[Sg.01_025,71] Daher befleißiget euch in
eurem Pilgerleben, soviel geistiges Licht ausstrahlen zu lassen, als die
Umstände es erlauben, damit ihr als kleine Menschen auf eurem kleinen Erdball
das nämliche vollführet, was Ich im großen Universum tue!
[Sg.01_025,72] Dort bin Ich der große
Lichtverbreiter, und das sollet ihr hier im Kleinen werden! Aber um zu
schimmern und Licht zu verbreiten, muß man desselben mehr, als sein eigener
Bedarf erheischt, besitzen!
[Sg.01_025,73] Daher trachtet das
Geisteslicht in Fülle aus Meinen Worten zu ziehen und daß, wenngleich ihr
anderen davon mitteilet, euch doch noch zum Selbst-Fortschritt genug
übrigbleibt!
[Sg.01_025,74] Dieses ist der Zweck Meiner
Worte, der Zweck Meiner direkten Eingabe an einzelne, um wo möglich noch Licht
zu verbreiten, ehe die ganze moralische Finsternis eintritt, welche leider
schon mehr als Dreivierteile der lebenden Menschheit in ihren Armen
verschlungen hält und sie dem ewigen geistigen Tode zuführen will!
[Sg.01_025,75] Noch fließt euch die Quelle
Meiner direkten Mitteilung, noch habt ihr Worte über Worte des Trostes, der
Liebe, der Aufklärung und des Gnadenlichtes, allein, es könnte sich auch
ereignen, daß euch diese Quelle ihren Dienst versagt, und dann wird es bei
weitem schwerer sein, sich Licht zu verschaffen, da ihr bei einer solchen Masse
von Licht nicht sehen wolltet.
[Sg.01_025,76] Nicht Neugierde, sondern
Wißbegierde nach göttlichen Dingen soll euch beseelen; denn je mehr ihr wisset,
desto mehr Licht ist in eurem Innern; und je finsterer es von außen wird, desto
mehr bedarf ein jeder seine eigene geistige Leuchte!
[Sg.01_025,77] Also – wachet und betet! auf
daß ihr nicht – dem Schlafe der Finsternis anheimfallet! Das Tageslicht macht
euch so manches weniger schrecklich, was bei Nacht in eurer Phantasie zu
riesengroßen Formen anwächst; und geistiges Licht läßt euch auch die kommenden
Ereignisse weniger schrecklich fühlen: denn das Licht in euch ist das
Gnadenlicht von Mir, das – je mehr das Welt-Licht sich verdunkelt, desto
schöner leuchtet!
[Sg.01_025,78] Ich müßte nicht ein
allmächtiger Gott sein, wenn nicht Mein Licht über alle Finsternis herrschen
könnte!
[Sg.01_025,79] Vertrauet euch nur Meiner
Führung, Meinem geistigen Lichte an, und ihr werdet in Bälde ersehen, daß Mein
geistiges Licht der Liebe und der Gnade euch führen, euch leiten wird, das zu
werden, zu was Ich euch alle erschaffen habe und jetzt erziehen will, das heißt:
zu reifen Bewohnern einer Geisterwelt, wo Schatten und Finsternis fehlen und
nur das ewige Licht der Liebe euch leuchten und euch zu eurem liebenden Vater
führen soll! Amen.
26. Kapitel – Ein Blick in den Orion, Sirius
und die Plejaden, I.
2. Dezember 1875
[Sg.01_026,01] Vor einigen Tagen, als du in
später nächtlicher Stunde die Fenster deines Zimmers schließen wolltest,
sandtest du einen Blick nach dem Sternbild, das bei euch unter dem Namen
„Orion“ bekannt ist, neben welchem in kurzer Entfernung der Sirius sein helles
Licht dir entgegenwarf und auf der andern Seite das sogenannte „Siebengestirn“
oder „die Plejaden“ dich an deine Jugend erinnerten, wo du im
Militär-Erziehungshause (oder „Kadetten-Schule“) oft in den winterlichen
Abenden diese Sterne mit einem ahnungsvollen Gefühl betrachtetest, ohne zu
wissen, was sie sind, woher ihr Licht stammt und wie sie in jenen Räumen frei
im Äther stets in derselben Entfernung voneinander sich zeigen.
[Sg.01_026,02] Die Zeiten und Jahre
verrannen, mancher Winter strich über dein Haupt dahin mit seinen Freuden und
Leiden, und jetzt, beinahe am Ende deiner irdischen Laufbahn, sandtest du
wieder einen Blick nach diesen Sternbildern, und wenn einst nur Ahnung deine
Seele schwellte, so hat jetzt ein geistiger Blick dir zum Teil eröffnet, was du
als Jüngling nie hättest begreifen können!
[Sg.01_026,03] So, Mein Sohn, reift der
Jüngling zum Manne und der Mann zum Greise, so wechseln Ideen und Begriffe, je
nach den Lebenserfahrungen und der intellektuellen Bildung; so reift von dem
einst gelegten Samen nach und nach die Blüte und Frucht, und so wird von Mir so
mancher Mensch nach und nach zum Übergang ins Geisterreich, zur Vorbereitung
für höhere Missionen erzogen.
[Sg.01_026,04] So erging es auch dir: durch
viele Widerwärtigkeiten geschult, lerntest du nach und nach „ertragen“
(dulden), lerntest du die Demut und Sanftmut ausüben, lerntest du den Weg
erkennen und gehen, der allein zu Mir führt, und so stehst du jetzt als Greis
oder gereifter Mann wieder vor einem Stück Meiner Schöpfung, vor einem
Sternbild, und erkennst in diesen leuchtenden Welten den großen und mächtigen
Geist, Der solche ungeheure Massen frei im Raume erhaltend ruhig ihre Wege
führt; und es mögen noch Tausende und Tausende von Jahren vergehen, so werden
sie den Einwohnern noch immer als das erscheinen, was sie jetzt sind:
flimmernde Sternchen am dunklen nächtlichen Horizont.
[Sg.01_026,05] Du und das ganze
Menschengeschlecht mit eurer kurzen Lebensdauer, was seid ihr gegen solche
Welten! was eure Erde gegen einen solchen Stern nur! Selbst eure Sonne, die
doch beinahe hundertmal größeren Durchmesser als eure Erde hat, selbst diese
ist gegen den Sirius oder einen Stern im Orion ein Sandkorn nur; was seid dann
ihr erst im Vergleich mit den Bewohnern, die jene Sterne bevölkern! An
körperlicher Größe wohl ebenfalls nur sehr unbedeutend, kaum sichtbar; aber an
Geist doch mehr als sie.
[Sg.01_026,06] Würde Ich euch diese Welt
schildern, ihre Oberfläche, Vegetation, Formation und ihr Licht, ihr würdet
zusammensinken in ein Nichts vor der Pracht und Herrlichkeit dieser Schöpfungen
und würdet dann erst so recht einsehen, was der Menschenstolz eigentlich wert
ist, der hier auf Erden manchen so sehr aufbläht.
[Sg.01_026,07] Allein diese Erklärungen
würden höchstens eure Neugier befriedigen; aber moralisch geistig euch nicht
weiter befördern (voranbringen), da ihr eben als geistige Menschen Mich auch im
Kleinsten erkennen solltet, und es nicht nötig noch angemessen ist, eure
Einbildungskraft durch Aufzeichnen von Schöpfungen zu erdrücken, wovon ihr
trotz des Erklärens nicht den zehnten Teil fassen oder begreifen könntet; denn
ihr müsset stets bedenken, daß ihr Menschen seid und über euren Horizont hinaus
alles andere euch schwer begreiflich sein muß.
[Sg.01_026,08] So viel sage ich euch nur, daß
diese Sterne, welche für euch das Sternbild des Orion bilden, von ungeheurer
Größe sind, und daß eine Masse von anderen Welten um jeden dieser Sterne sich
bewegen; und daß der Sirius, als der für euch nächste Fixstern, eben jene Sonne
ist, um welche euer ganzes Sonnensystem seine Bahn beschreiben muß, daß –
während eure Sonne Hunderttausende von Meilen im Durchmesser hat – der
Durchmesser des Sirius nach Millionen von Meilen gemessen werden muß.
[Sg.01_026,09] Aus diesem könnt ihr
folgerecht schließen, daß auf diesen Welten alles so eingerichtet sein muß, daß
das nötige Verhältnis zwischen Tier- und Pflanzenwelt auch menschliche
Geschöpfe bedingt, die über eure Fassung hinausgehen.
[Sg.01_026,10] Nebenbei muß Ich noch bemerken,
daß der Sirius, wie ihr ihn nennt, bei weitem euch näher steht als der Orion,
der Millionen Meilen weit von ihm, und das Siebengestirn, ein Sternenkomplex
von mehr als fünfhundert Sonnen, noch weiter hinter ihm in seiner Herrlichkeit
prangt. –
[Sg.01_026,11] Von dem großen „Nebel im
Orion“ will Ich gar nicht reden, denn dieser ist ja so nur eine ganze
großartige Hülsenglobe, die nur im nächtlichen Dunkel zwischen den Sternen des
Orion hindurch nach vielen tausend Jahren erst (das heißt so lange braucht das
Licht) ihr herrliches Licht euch sendet!
[Sg.01_026,12] Sehet, in diesem Sternbild des
Orion allein steht vor euch ein kleines Stück Meiner Schöpfung, wovon der erste
Stern, der Sirius, in nächster Wechselwirkung mit eurem Sonnen-System und
demgemäß mit euch selbst steht.
[Sg.01_026,13] Der Orion, scheinbar hinter
ihm stehend, zeigt euch in regelmäßigen Linien ein Sternbild, das ebenfalls
durch gegenseitige Anziehungskraft auf ungeheure Entfernung verbunden euch
stets das nämliche Bild zeigt, und dann die Plejaden, eine kleine Hülsenglobe
in einer anderen großen euch in noch weitere Entfernungen führt, und endlich
der Nebel im Orion euch an Distanzen mahnt, wo eure Zahlenrechnung schon längst
keine Ziffern mehr hat, sie nur annäherungsweise auszudrücken!
[Sg.01_026,14] Und glaubt ihr vielleicht, daß
dort, wo dieser Nebel sich zu Sternenkomplexen gestaltet, schon das Ende Meiner
Schöpfung sei? Mitnichten! Weit noch hinter ihm schweben Welten im freien Raum,
deren Licht seit Erschaffung der Erde noch nicht zu euren Augen dringen konnte;
und wenn es auch einst geschieht, sie den Erdbewohnern mit den schärfsten
Fernrohren kaum sichtbar sein werden.
[Sg.01_026,15] Noch lange nicht ist dort der
Markstein Meiner materiellen Schöpfung gesetzt, weiter und weiter geht es, von
Nebelflecken zu Nebelflecken, sich bildend, sich vervollkommnend, sich
auflösend.
[Sg.01_026,16] Dort in jenen Räumen ist
selbst euer Maß der Zeit nicht mehr möglich, denn was ist euer Jahr! Schon
Moses sagte euch, „bei Mir seien tausend Jahre wie bei euch nur ein Tag“, und
Ich setze hinzu – selbst diese tausend Jahre sind noch zu klein für eine
Zeitrechnung Meiner Schöpfung! –
[Sg.01_026,17] So, Mein Sohn, durchdrang dein
Auge jene Sternbilder mit geistigem Blick, durchflog die unermeßlichen Räume
eben wie der Gedanke, erkannte in jener stufenweisen Entfernung die langsam
fortschreitende Bahn, wie die Materie vom Grob-Gebundenen zum Feineren, vom
Seelischen zum Geistigen, vom Geistigen zum Göttlichen sich fort erstreckt –
dein geistiger Blick umfaßte in diesem Sternbild Meine Allmacht, Meine Größe
und Meine Liebe; denn das nämliche Leben, das dein langsam pulsierendes Herz in
rascheren Schlägen bewegte, das nämliche Leben blickte dir im Flimmern solcher
entfernter Welten entgegen.
[Sg.01_026,18] Du erkanntest im Lichte den
Träger des Lebens, aber auch den Grund der Liebe, denn ohne Licht wäre kein
Leben und ohne Leben kein Denkvermögen. Um die Wunder eines liebenden Vaters zu
begreifen, muß man sie erst sehen können, welches Sehen zum Fühlen und alsdann
zum Fassen leitet.
[Sg.01_026,19] So war für dich das Flimmern
des Sternenlichtes ein Liebes-Geflüster deines Vaters, und du erinnertest dich
an deine Jugendjahre, wo du manchmal jene schönen Sterne fragend anblicktest
und gleichsam ihnen sagen wolltest: „Was seid ihr, liebliche Lichter, am
dunklen Horizont der Welt? Tausende von Jahren der Erde vergingen, und so
manche Generation verging und wußte das ebensowenig wie ich, und Tausende von
Erdjahren hindurch noch werden euch ihre Bewohner winters im Osten aufsteigen
sehen und es ebensowenig wissen wie alle ihre Vorgänger! Unlüftbarer Schleier!
Nichts als Ahnungen und nicht ein Zollbreit Gewißheit!“
[Sg.01_026,20] So dachtest du oft, wenn diese
Sterne jeden Winter wieder am Horizonte standen, und beinahe siebzig Jahre
mußten vergehen, ehe du begreifen und fassen konntest, was Ich euch andeutete,
wenn Ich sagte: „In Meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!“
[Sg.01_026,21] Jetzt weißt du mehr als
damals, jetzt kannst du auch mehr ahnen, mehr fassen, aber auch deinen
Schöpfer, deinen Vater mehr lieben als damals; denn jetzt weißt du sicherer,
was du einst nur in Ahnung suchen wolltest.
[Sg.01_026,22] Du weißt auch noch mehr,
nämlich daß hinter dieser großen materiellen Welt eine noch größere Geisterwelt
ist, daß diese Geisterwelt sogar bis in deine Nähe reichend dich umgibt und daß
du dort schon Freunde hast, die deiner mit Sehnsucht warten, und daß, wenn du
auch mit deinem Verstande eine Unendlichkeit der materiellen Welt begreifen
könntest, du jetzt auch mit deinem Herzen eine Unendlichkeit des menschlichen
Geistes fühlst, die dir beweist, daß wenn all diese Welten in Äonen von Jahren
vergangen oder verwandelt sein werden, du immer doch ein Zeuge ihrer
gesetzmäßigen Revolutionen und Umgestaltungen sein wirst.
[Sg.01_026,23] Du hast aus allem ersehen und
begriffen, daß neben diesem Heer von Welten ein großer mächtiger Schöpfer ist,
der liebend als Vater neben diesen großen Schöpfungen auch die kleinsten Wesen
nicht vergißt und im großen wie im kleinen stets der Gleiche ist, daß Liebe
Seine Haupteigenschaft, daß Liebe der Grund ist, warum Er solche Welten schuf,
daß Liebe der Faktor ist, der alles Materielle zum Geistigen drängt, daß Liebe
nur allein dann als Leben betrachtet werden kann, wenn das kleinste Wesen
denselben Trieben folgt, welche den Schöpfer bewogen, die ganze Welt zu
erschaffen!
[Sg.01_026,24] Der kaltberechnende Verstand
mag hundertmal die Distanzen der Welt abmessen, soweit es seine Instrumente und
seine Rechenwissenschaft erlauben, und noch umkreisende Planeten entdecken, die
alle nur einem Gesetz gehorchen; aber kein einziger Liebes-Gedanke wird sein
Herz erwärmen, er wird vor den Welten, ihren Entfernungen erstaunen; aber vor
Bewunderung und heiliger Begeisterung sinkt nur das liebende Herz nieder,
welches erkennt, wie mitten durch alle Materie, mitten durch alle leuchtenden
Welten und Sonnen nur der Liebe Strahl allein erwärmen kann!
[Sg.01_026,25] Was ist eure ganze Astronomie?
Ein kaltes Aufzählen der Sterne, ihrer Bahnen, und höchstens ihres
verschiedenen Lichtes – allein dieses alles gibt euch noch nicht den Schlüssel
zu Meiner Schöpfung:
[Sg.01_026,26] Wenn ihr Gesetze entdeckt, so
vergesset den Gesetzgeber nicht, Er kann euch erst das Geschaffene wert machen!
[Sg.01_026,27] Wenn Er aus Liebe erschuf, so
muß ja ebenfalls wieder „die Liebe“ zuerst es sein, die den Strahl der Liebe
aufsaugt und, ihn erwidernd, ihr wieder zurückgeben kann.
[Sg.01_026,28] So war dein geistiger Blick in
das Sternbild des Orion, du sahst in ihm dein ganzes Leben, deine Mission,
deine künftige Bestimmung, es leuchtete dir aus allen flimmernden Strahlen
dieser Sterne die Liebe deines Vaters entgegen, vor Dem du hättest niedersinken
mögen und ausrufen: „Was bin ich, o Herr, daß Du meiner gedenkest!“
[Sg.01_026,29] Und Ich antwortete dir: „Steh
auf, Mein Kind! Ich kenne dein Herz und weiß, was du sagen willst; deine
Sprache hat keine Worte, sie ist irdisches Produkt, mit welchem du überirdische
Gefühle nicht ausdrücken kannst.“ Beruhige dich, und harre aus auf dem Posten,
auf welchen Ich dich gestellt habe; nicht lange mehr wird es währen und du
wirst diese unermeßlichen Räume mit den geistigen Augen bemessen und begreifen
lernen, wirst überall in und auf allen Welten stets deinen Vater finden, der liebend
alles geordnet hat, alles weiter führt und alles beseligend um sich vereinigen
will.
[Sg.01_026,30] Laß nur das Licht der fernen
Welten auf deine Augen einfallen, laß es in dir diese angenehme Regung
hervorbringen, die alle Herzen friedlich stimmt; wisse – das Licht aus allen
Sternen ist Liebe-Licht! ist reines geistiges Fluidum, noch nicht verunreinigt
mit Grob-Materiellem – es ist geistiges Leben, verwandelt in die feinsten
Stoffe des Schöpfungsraumes. So wie deine Sonne der Träger allen Lebens auf deiner
kleinen Erde ist, ebenso das Licht der Sterne, obwohl von weit herkommend,
stets ein Träger jener geistigen Potenzen, die in dir und euch allen Menschen
dasjenige ergänzen müssen, was eure Sonne nicht zu bringen vermag.
[Sg.01_026,31] So regte in dir das Licht des
Sternbildes des Orion, des Sirius und der Plejaden die zarten Fäden deines
Herzens an; das Licht aus jenen Welten als Liebelicht war deinen Gefühlen
geistig verwandt, und so entstand jener geistige Fernblick in die Räume, wo das
Zählen aufhört und selbst die Geschwindigkeit des Lichtes zur Null wird.
[Sg.01_026,32] Verwandtes vereinigte sich mit
Ähnlichem, und so verstandest du die Sprache eines Lichtstrahls, der von
Millionen Meilen weit her dir das nämliche sagte, was dir das winzige Staubkörnchen
ebenfalls predigt, das heißt: „Gott ist die Liebe!“
[Sg.01_026,33] So wird es jedem ergehen, wenn
er mit rein-kindlichem Gemüt zu seinem Vater und Seiner Schöpfung den Blick
erhebt. Meine Schöpfung und Mich zu begreifen, ist nicht Verstandessache, es
ist Sache des Herzens, des Gefühls!
[Sg.01_026,34] Die Gefühls-Sprache kennet ihr
nicht, ihr ahnet sie nur; aber in anderen geistigen Verhältnissen wird auch
diese Sprache dem geistigen Menschen verständlich werden; denn er muß sie ja
haben, wenn sie sein eigener Stufengang von Gefühl zu Gefühl, von Seligkeit zu
Seligkeit sein soll!
[Sg.01_026,35] Glaubst du denn, diese
Seligkeiten, man ertrage sie alle so ganz allein und stumm! – ? – – – – Nein –
nur durch Mitteilung an andere genießt man ganz; so genieße Ich durch die
Freude Meiner Kinder, und so müssen auch sie eine Ausdrucksweise haben, sie
kundzutun.
[Sg.01_026,36] In einzelnen Momenten eures
Lebens fühlt ihr, daß solch eine Sprache existiert; aber ihr fühlt zu gleicher
Zeit, daß ihr derselben nicht mächtig seid!
[Sg.01_026,37] Eben deswegen gebe Ich auch
dir den Ausdruck eines einzigen Momentes geistiger Erhebung in so vielen
Worten, damit auch andere fassen mögen, was ein gefühlvolles Herz in einem
Moment empfinden kann, um auch andere anzuregen, Meine Natur doch nicht gar so
geistlos zu betrachten, sondern damit sie sich daran gewöhnen sollten, die
materiellen Eindrücke von sich zu entfernen, und wenn sie doch wirken, sie
geistig zu übersetzen; – – – denn die Menschen sind Geister, und Geistiges ist ihre
erste Nahrung, und die Geisterwelt am Ende ihr längster Aufenthalt.
[Sg.01_026,38] Wie viele Tausende gehen
abends gedankenlos unter Meinem Sternenzelte hin, es keines einzigen Blickes
würdigend schleichen sie in ihre kalten vier Mauern, rein dem tierischen
Bedürfnisse nachjagend, um im Schlafe sich, Mich und Meine Welt zu vergessen.
[Sg.01_026,39] Das Reich der Unendlichkeit,
über ihren Häuptern ausgebreitet, ist als nicht daseiend betrachtet, das Reich
unter ihnen ein verschlossenes Buch; so wandeln sie zwischen zwei
Wunderschöpfungen, wo selbst ihre eigene Existenz für sie ein Rätsel ist. So
gehen sie Tag für Tag der Auflösung, der Verwandlung entgegen; kamen in die
Welt, wußten nicht warum, und gehen wieder aus ihr fort, ohne nur ein Haarbreit
gescheiter geworden zu sein!
[Sg.01_026,40] O armes Menschengeschlecht!
wie wird es dir in der andern Welt ergehen? wenn ihr in jene nicht hineinpasset
und in diese nicht zurückkönnet! – ! –
[Sg.01_026,41] Allein so ist es, frei sind
sie, und so sollen sie genießen, was sie sich selbst geschaffen haben.
[Sg.01_026,42] Wer Tier sein will, der bleibe
Tier; und wer Geist werden will, der werde es und erfahre schon im irdischen
Leben, in einzelnen Momenten, daß die sichtbare Welt ganz etwas anderes ist als
sie scheint; und daß über ihr und inmitten derselben noch ein geistiges Reich
ist, welches kein Ende hat und keinen Anfang und wo als Mittelpunkt alles
Geschaffenen Ich als Vater, als personifizierte Liebe allen mit Liebe
entgegenkomme und sie schon öfter selbst im irdischen Leben fühlen lasse, was
eigentlich erst im Geisterreich seinen ganzen Ausdruck finden wird.
[Sg.01_026,43] So war es auch bei dir, Mein
Sohn, so möchte Ich es bei allen Meinen Kindern wissen, so nur erlangen sie
alle, was sie sehnlichst suchen: Ruhe und Trost im Erdenleben und noch
geistigen Genuß in der Geisterwelt!
[Sg.01_026,44] So erzielen sie einen
regelmäßigen Fortschritt und so können sie sich die Stunden geistiger Erhebung
öfter wiederholen, bis in der andern Welt sie bleibend ihr Leben ausmachen
werden.
[Sg.01_026,45] Immer predige Ich: Erhebet
euch vom Schlamme des irdischen Lebens! Es ist umsonst, nie werdet ihr in
seinen Genüssen dasjenige finden, was ihr sucht. Geister seid ihr, und geistig
sollet ihr genießen lernen.
[Sg.01_026,46] Selbst das Materiellste hat
geistige Seiten, und wer noch nicht soweit gekommen ist, allem einen geistigen
Anstrich zu geben, aus allem geistigen Gewinn zu ziehen, der ist noch weit weg
von dem Ziel, welches er als Mensch hier auf Erden erreichen sollte, worauf er
dann das andere, höhere im Jenseits erst erreichen kann.
[Sg.01_026,47] Alles, was euch umgibt, sind
Wunder; ihr selbst, eure körperliche und geistige Organisation, überall ist
Materielles nur die Unterlage eines allgemeinen großen Geisterreiches!
[Sg.01_026,48] Was ist Leben?! Was ist
Licht?! Was ist Wärme, was Magnetismus, was Elektrizität?! usw. – lauter
Fragen, die Ich euch zur Genüge schon beantwortet habe, und doch schleicht ihr
wie Blinde in diesem Garten voll herrlicher Produkte einer göttlichen Liebe
herum, den Kopf tief gebeugt, vergesset ob eurer materiellen Bedürfnisse eure
geistige Mission, eure geistige Ausbildung.
[Sg.01_026,49] O verdorbenes
Menschengeschlecht, was wirst du dir für bittere Erfahrungen selbst bereiten!
Mein Auge sah es längst voraus, doch aufhalten kann Ich es nicht; und so muß
Ich Mich mit den wenigen zufrieden geben, welche, obwohl erst nach harten
Prüfungen, Meine Stimme hören und nicht so gedankenlos dahinwandeln wollen, da
die Zeit des Wandelns kurz und das Ziel fern ist!
[Sg.01_026,50] Daher beherzigt auch dieses
Wort! Es war zwar im Anfang nur an Meinen Schreiber allein gerichtet; aber
alles, was Ich sage, ist und muß Gemeingut werden. Und so möge dieser Blick
eines einzigen die Augen vieler eröffnen, auf daß sie alle erkennen mögen, was
ihnen zu Gebote steht (wenn sie nur ernstlich wollen), um sich in diesem
Prüfungsleben schon Genüsse zu bereiten, die erst die wahre Deutung finden
werden in jenem Leben, wo die Zeit ein anderes Maß, das Maß der Ewigkeit
angenommen, unendlichen Geistern auch unendliche Freuden bieten kann! – Amen.
27. Kapitel – Blick in den Orion u. a., II.
21. Dezember 1875
[Sg.01_027,01] Im letzten Wort führte Ich
dich hinaus in jene Fernen, von wo nach Jahrtausenden erst ein Lichtstrahl zu
euch dringt, zeigte dir in einem Sternbild ein kleines Stück Meiner unendlichen
Schöpfung, zeigte dir die großen Weltensonnen, die in Nebelflecken
zusammengeschart dort ein Reich des Glanzes und der Farbenpracht bilden, wovon
keine menschliche Phantasie sich einen Begriff machen kann, noch je ein
festgeformtes Bild davon zustande bringen wird.
[Sg.01_027,02] Ich sagte dir, wie viele
Wunder Ich im Raume hingestellt habe, nur um für die Geister, die Mich lieben
und erkennen, Seligkeiten vorzubereiten, welche sie nach erfolgtem Sieg als
eine geeignete Belohnung für ihr kampf- und sorgenvolles Leben erhalten und
genießen sollen.
[Sg.01_027,03] Ich bewies dir durch
Aufzählung aller dich selbst umgebenden Wunder, durch die Organisation deines
und jedes fühlenden Wesens von Mir euch geschenkten Körpers, wie weit ihr alle
entfernt seid trotz aller Worte und faktischen Beweise, euren eigenen geistigen
Standpunkt zu erkennen.
[Sg.01_027,04] Ich sagte dir, wie die meisten
deiner Brüder und Schwestern stumpf und nichtsdenkend oft unter Meinem
gestirnten Himmelszelt dahingehen, ohne im mindesten zu ahnen, geschweige zu
wissen, was sich über ihren Häuptern ausbreitet und wieviel Lehrreiches dort zu
lesen wäre, wenn sie fähig wären, diese großen Schriftzüge Meiner ewigen Liebe
zu entziffern!
[Sg.01_027,05] Ich ließ dich beim letzten
Wort all die Größe Meiner Schöpfung ahnen und deine eigene Ohnmacht daneben
fühlen; Ich sprach Mahn- und Trostworte zu dir und zu allen, und doch ist es nicht
genug, was Ich über diesen Geistesblick sagte, welchen du in Meine Schöpfung
getan hast. –
[Sg.01_027,06] Noch bleibt viel, ja sehr viel
zu sagen übrig, ehe es auch andern verständlich wird, was dieser große
Ätherraum ist, welcher sich über ihren Häuptern zu wölben scheint, und was der
Mensch inmitten dieses unendlichen unbegrenzten Raumes eigentlich für eine
Stellung einnimmt.
[Sg.01_027,07] Die Zahlen reichen nicht aus,
Meine Welten und ihre Entfernungen zu messen, die Worte vermögen nicht alle
Schönheiten dieser Schöpfungen zu schildern, und kein menschlicher Geist, weder
hier noch dort, wird je einen vollkommenen Überblick erhalten über Mein ganzes
materielles und geistiges Reich.
[Sg.01_027,08] Unendlich dehnt sich die eine
(Welt) – aber noch unendlicher ist die zweite – aus; denn wenn das Materielle
teilweise vom Raume beschränkt erscheint, so ist die Ausdehnung des
Geister-Reiches eine unbeschränkte, weil eben die aus allen bis jetzt
bestehenden Welten absterbenden Menschen ein Geisterreich erfüllen, wo neben
ihnen noch eine Unzahl anderer Geister sich ihrer Existenz freuen, welche noch
nie in materielle Hülle eingekleidet waren.
[Sg.01_027,09] Dort aber herrschen andere
Gesetze und belebt alles eine andere Ordnung, die nicht Zeit und Raum als Maß
anerkennt, sondern wo neben der ewigen Existenz selbst alles sie Umgebende den
Tempel der Unendlichkeit noch besser ausgeprägt an sich trägt.
[Sg.01_027,10] Du hast einen Blick in und
durch ein Sternbild in Meine Schöpfung getan, hast gesehen, wie Millionen
Sonnen aus weiter Ferne dir die Strahlen ihres Lichtes zusenden, wo der jetzt
in dein Auge fallende Lichtstrahl vor Jahrtausenden aus jenen Räumen hervorging
und nun, wo derselbe dir erst bemerkbar wird, dort schon längst wieder
tausendfache Veränderungen auf diesen großen Sonnen und in deren Licht
vorgegangen sind – so zwar, daß bei allem, was du aus jenen Fernen siehst, nur
eine längst vergangene Zeit dir entgegenleuchtet und nur Vergangenheit, nicht
Gegenwart noch Zukunft, du aus denselben herauslesen kannst.
[Sg.01_027,11] So ist diese große geistige
Kette, welche alles zu Einem verbindet und bis in das Kleinste sich verzweigt,
um das ewige Walten aller Meiner Gesetze, wie Ich sie vom Anfang her
festsetzte, zur Selbsterhaltung des Geschaffenen zu begründen.
[Sg.01_027,12] Da der Lichtstrahl eben nicht
allein zum Leuchten, sondern auch Träger einer ewigen Lebenskraft ist, so
verstehst du wohl, daß er ebenfalls, wo er auffällt, einen lebentreibenden
Einfluß haben muß; denn keinem Lichtstrahl, selbst von den entferntesten Sonnen
und Welten herkommend und etwa erst nach Jahrtausenden auf einen Gegenstand
fallend, ist die primitive Kraft verlorengegangen, welche er jedoch erst äußern
kann, sobald ein Gegenstand sich seiner Bahn entgegenstellt.
[Sg.01_027,13] So traten neue Welten ins
Leben, deren jungfräuliches Licht noch nicht zu euch gelangt ist: und so sehet
ihr Sonnen leuchten, deren Existenz schon längst als Sonnen im Raume aufgehört
hat.
[Sg.01_027,14] Die sogenannte siderische
Einwirkung der Außenwelt auf euer körperliches und geistiges Leben könnet ihr
alle nicht begreifen, noch euch deutlich machen, da diese zu sanft und nicht
zerstörend ist.
[Sg.01_027,15] Sie sind aber da, diese
Einflüsse, und fortwährend wirken sie, dieses kann Ich euch versichern,
wenngleich ihr sie nicht fühlt und eure Gelehrten sie ableugnen. Es muß ja eine
solche Wechselwirkung vorhanden sein, sonst ließe sich nichts Einheitliches
darstellen!
[Sg.01_027,16] Wie wäre bei solchen
Entfernungen und bei solchen Größen eine gegenseitige Verbindung möglich, wenn
nicht neben der Anziehungskraft auch der immerwährende Austausch der geistigen
und materiellen Bestandteile vermittels des Lichtes befördert und
bewerkstelligt würde!
[Sg.01_027,17] Das Licht ist der Träger und
der Erwecker allen Lebens, ohne Licht wäre kein Bewegen, keine
Wärme-Entwicklung möglich, wo die Wärme als Erwecker und Zersetzer alles
Geschaffenen eben dasjenige bewirkt, was ihr alle „Leben“ heißet.
[Sg.01_027,18] Der Zersetzungs- und
Verbrennungs-Prozeß befördert alle Elemente von Stufe zu Stufe, vervollkommnet,
indem er zerstört, und so ist ewige Neubildung das Resultat des einst
geschaffenen Grundprinzips, wodurch die unendliche Fortdauer alles materiell
Gebildeten bedingt und festgestellt werden konnte!
[Sg.01_027,19] Was ihr hier alle Tage in der
materiellen Welt sehen könnt, das nämliche geht in der Geisterwelt ebenfalls
vor sich.
[Sg.01_027,20] Die geistige Verbindung, der
schnelle Flug des Gedankens bringt ebenfalls das nämliche Resultat wie das
Licht in der materiellen Schöpfung hervor.
[Sg.01_027,21] Die lebendige Kraft, die im
geistigen Lichte wohnt, ist der Gedanke – und das Materielle des geistigen
Lichtes ist das mitgeteilte Wort.
[Sg.01_027,22] Körperlos ist die Kraft, indem
sie sich nur in ihren Wirkungen kundgibt, so wie auch der Gedanke erst durch
das ausgesprochene Wort oder die ausgeführte Tat dem andern fühlbar wird.
[Sg.01_027,23] Das Reich der Gedanken ist
unendlich, kennt keine Grenzen, und der Gedanke selbst hat noch schnelleren
Flug als das Licht.
[Sg.01_027,24] Der Gedanke belebt wie die im
Lichte geborgene lebenstätige Kraft. Aber wie das Licht erst dann zu wirken
anfängt und sichtbar wird, wenn es auf einen festen Gegenstand anprallend davon
zurückstrahlt (reflektiert), so ist auch der Gedanke erst dann bemerkbar, wenn
er in Form verdichtet, in Worten sich anderen vernehmbar macht. –
[Sg.01_027,25] Und wie im Lichte längst
verschwundener Welten doch die Neues gebärende Kraft noch ist, ebenso das Wort,
welches, wenngleich vor Jahrtausenden gesprochen, doch seine Wirkung nicht
verfehlen wird.
[Sg.01_027,26] Siehe, was Ich vor mehr als
tausend Jahren gesprochen habe, und wo nun wieder Mein Daniedersteigen auf eure
kleine Welt in einigen Tagen als Erinnerungsfest an jene Zeiten bei euch
gefeiert wird – jetzt noch ist es in seiner ganzen Kraft! Und wie das Licht, so
bewirkt auch das Wort, wo es auffällt und Wurzel fassen kann, das nämliche, was
das Licht hervorbringt, das heißt Wärme oder geistige Liebe und mit der Wärme
der Liebe Tätigkeit oder Ausscheidung des Untauglichen und Vervollkommnung des
Bessern.
[Sg.01_027,27] Nie hat Mein Wort aus jenen
Zeiten seine Macht verloren, sondern, um es besser zu sagen, es hat noch nie
seit jener Zeit seine ganze Macht entfaltet, aber bald wird die Zeit kommen, wo
es in seinem ganzen Glanze als dasjenige dastehen wird, als was Ich es einst
gegeben: als einziges Bindemittel zwischen dem geistigen und materiellen Reich.
[Sg.01_027,28] Bald wird die Zeit kommen, wo
von einem Ende der Schöpfung bis zum andern der Licht-Gedanke der Liebe
verstanden und ausgeübt werden wird!
[Sg.01_027,29] Auf eurer Erde weht schon der
Wind geistiger Erkenntnis. Und wie der Morgenwind jedem Sonnenaufgange
vorausgeht, wo die von der Sonne erwärmte Luft mit der kalten der Nacht in
Berührung kommt und sich mit ihr ins Gleichgewicht zu setzen strebt, so wird
auch Mein göttlicher Gedanke, welchen Ich in jener Zeit als Samen auf diese
kleine Erde brachte, Wärme und Licht verbreiten und die kalte Luft des Egoismus
und der tierischen Leidenschaften zu vertreiben beginnen.
[Sg.01_027,30] Immer und überall das nämliche
Prinzip – Licht und Wärme im Materiellen, Gedanke und Ausdruck desselben durch
Wort und Tat im Geistigen. Das sind die Verbindungsmittel, die alles
aneinanderketten, ein jedes vom andern abhängig machen!
[Sg.01_027,31] So besteht Mein Reich im
ewigen Fort-Leben, Fort-Bilden und Sich-Vervollkommnen.
[Sg.01_027,32] In allen Räumen lebt und webt
die Macht der Liebe, das nämliche im Materiellen wie im Geistigen
hervorbringend, und wenn dein Blick die Fernen im Raume nicht ermessen kann, so
kann auch deine Einbildung die Wirkungen eines ausgesprochenen Gedankens nicht
verfolgen. Ewig fort wirkt das eine wie das andere. Wo Licht einen Gegenstand
antrifft, muß er sich seinem Einflusse unterziehen; wo ein Gedanke als Wort ein
Herz berührt, da bleibt der Erfolg nicht aus, welcher bei der Verschiedenheit
der geschaffenen Wesen, wegen ihrer Individualität ebenfalls nie der gleiche
sein kann.
[Sg.01_027,33] So ist auch im Geistigen die
Gedankenwirkung eine fortwährende, weil wenngleich sie bei den höher gestellten
Geistern das ihrige getan, doch bei allen andern auf niedereren Stufen
stehenden ebenfalls einwirkt, sobald ein oder das andere denkende Wesen in
ihren Bereich kommt. –
[Sg.01_027,34] Ein Blick in das Sternbild des
Orion hat dir geistig die weiten Räume Meiner Schöpfung eröffnet, und du sankst
zusammen vor der Größe der Entfernungen, vor der Größe der Weltkörper; und
jetzt ein Blick in die Unendlichkeit der Gedankenwelt erfüllt dich mit Andacht
und Liebe für Mich, da Ich in väterlicher Huld dir und den andern schon manche
geistige Gabe geschenkt habe, aus welcher alle erkennen sollten, was ihre
Stellung in dieser Welt sein sollte und könnte, wären sie geistig besser erzogen!
[Sg.01_027,35] Das Weihnachtsfest, der
Neujahrswechsel, beide erinnern dich, das erste an Meine große Liebestat, das
zweite an den Flug der Zeit, wo ihr euch jetzt weit weg in ganz anderen Räumen
befindet als wie im vorigen Jahre, indem eure Sonne samt ihrer Begleitung mit
großer Schnelle forttreibend euch anderen kosmischen Räumen entgegenführt, als
wie die waren, in deren Nähe ihr euch vorigen Jahres befandet.
[Sg.01_027,36] Fraget nicht nach dem Ändern
von klimatischen Verhältnissen, nicht nach dem Ändern der Geistes-Gesinnungen
der Menschheit sowohl, als des einzelnen Menschen; ihr wisset ja nicht, wo ihr
jetzt seid und wohin die Gesetze Meiner Schöpfung euch führen!
[Sg.01_027,37] Im unendlichen Raum bewegen
sich die Sonnen um Sonnen, und die Planeten müssen stets unter dem Einflusse
derselben auch ihre Veränderungen, auch ihre Wechselwirkungen mitfühlen.
[Sg.01_027,38] Alles hat seinen Endzweck, so
auch das Kreisen der Welten um Welten. Im ganzen Äther ist nicht ein Ort, wenn
auch noch so klein, dem andern völlig gleich, da eben dort bestehende
Verhältnisse wieder andere Lebensbedingungen erfordern.
[Sg.01_027,39] Es ist bei euch auf der
kleinen Erde ebenso, am Meeresstrande ist ein anderes Leben als im Gebirge, in
Sumpfländern anders als in der Steppe oder in der Wüste – überall leidet selbst
die Organisation der lebenden Wesen unter diesen klimatisch verschiedenen
Verhältnissen, und diese bedingen wieder teilweise die geistige Entwicklung.
[Sg.01_027,40] So wie dieses Beispiel im
kleinen, so am Sternenhimmel im großen: auch dort bedingen andere Einflüsse
andere Wirkungen und andere Zwecke.
[Sg.01_027,41] Nicht umsonst sind Millionen
von Meilen die nötigen Entfernungen für das Bestehen des einen oder anderen
Weltkörpers; nicht umsonst sind noch größere Entfernungen für noch größere
Sonnen nötig. Sie müssen Raum haben zu ihrer materiellen Ausbildung und zur
Vervollkommnung aller von ihnen abhängigen kleineren Welten.
[Sg.01_027,42] Nichts ist umsonst so
gestellt, wie es nun eben ist, einst war und ewig sein wird.
[Sg.01_027,43] Ein unendlich dauerndes Werk
muß auf breiterer Basis gebaut sein, wenn es nebst dem Ins-Leben-treten auch
noch sich selbst erhalten, sich selbst vervollkommnen und sich selbst zu einem
bestimmten Endresultat bringen muß.
[Sg.01_027,44] Den ersten Impuls des
Bestehens gab Ich, das weitere muß sich aus sich selbst entwickeln.
[Sg.01_027,45] In eurem Seelenleben ist es ja
ebenso, der erste Lichtstrahl der Liebe zu Gott und Menschen muß vorerst gelegt
werden, und dann obliegt es einem jeden Menschen, sich zu dem heranzubilden, zu
was Ich ihn eigentlich geschaffen habe; der Gedankenstrahl „das Wort“ muß ihn
erwecken, den übrigen Zersetzungs- und Vervollkommnungsprozeß muß er demgemäß
selbst durchführen.
[Sg.01_027,46] Wie die Welten durch weite
Räume geführt werden, um überall aus dem Äther aufzusaugen, was sie zu ihrer
Erhaltung und Ausbildung nötig haben, ebenso der Menschengeist im großen
Gedankenreich, wo auch er aus den hinterlassenen Worten, seien es göttliche
oder menschliche, seine Mission zu begreifen und ihr nachzukommen die Aufgabe
hat.
[Sg.01_027,47] Weit hinter der materiellen
Schöpfung wohnt „der große Geist“ inmitten Seines Geisterreiches, und weit über
der Gedankenwelt lebt eigentlich erst der Quell des geistigen Verständnisses
der gegebenen Worte!
[Sg.01_027,48] Nicht die Worte, nicht die
Gedanken sind es, welche die Menschen zum Ziele führen müssen, sondern deren
geistig richtige Auffassung, deren praktische Verwirklichung.
[Sg.01_027,49] Ebenso wie das Licht mit all
seiner Schöpfungskraft nur dann erst wirkt, wenn es auf einen festen Gegenstand
fällt; ebenso die ganze Gedankenwelt erst dann fruchtbringend wird, wenn sie
auf empfänglichen Boden fallend auch Früchte tragen kann. –
[Sg.01_027,50] Siehe Meine Lehre an, wie einfach
gab Ich sie selbst ungebildeten Leuten, wie Meine Apostel nur Fischer usw. und
keine Gelehrte waren! Und heutzutage mit aller Gelehrsamkeit der ganzen Welt
gibt es noch niemanden, der sie den Menschen so wiedergeben könnte, wie Ich sie
gesprochen und wie Ich sie verstanden sehen möchte; sondern Ich Selbst muß
wieder gleichsam von neuem anfangen und vorerst nur wenigen alles wieder
einzeln erklären, wenn Ich will, daß Meine Worte, Worte des höchsten Geistes,
auch geistig aufgefaßt werden sollen. –
[Sg.01_027,51] Wie oft versuchte ich dieses
Mittel. Von Jahrhunderten zu Jahrhunderten sprach Ich durch verschiedene
Menschen, stets dem Zeitgeiste gemäß, allein vergebens! Meine Worte wurden
nicht gehört oder überhört oder falsch ausgelegt; und jetzt bist auch du wieder
einer jener Auserwählten, mittels welchen Ich Meinen Lehrplan ergänzen will,
und trotzdem, sieh deine Anhänger an, wie wenige verstehen, was du schreiben
mußt und was Ich ihnen in Meiner unendlichen Gnade sagen lasse.
[Sg.01_027,52] Aus allen Reichen der Natur,
aus allen Winkeln der Erde und der Schöpfung suche Ich Gegenstände hervor,
welche unter Meiner Hand eine Wichtigkeit empfangen, wie sie noch kein Mensch
erahnte.
[Sg.01_027,53] Ich zergliedere ihnen das
Nächststehende so gut wie das Fernste, überall zeige Ich ihnen den nämlichen
Zweck, den nämlichen liebenden Vater und die nämliche Ursache.
[Sg.01_027,54] Überall erkläre Ich ihnen, was
der Urgrund alles Geschaffenen ist, ob nun durchs Mikro- oder Tele-skop
(Fernrohr) sie Meine Wunder betrachten wollen – überall ist, war und wird es
die Liebe sein, welche alles schuf, alles erhält und alles vervollkommnet.
[Sg.01_027,55] Im Orion wie im kleinsten Atom
des Welten-Äthers ruft es euch allen zu, das, was einst Meine Engel bei Meiner
Geburt gesungen:
[Sg.01_027,56] „Friede“ mit der Welt!
„Friede“ predigt Meine Schöpfung, „Friede“ ist mein Endziel – und „Friede“ soll
auch unter euch herrschen! – –
[Sg.01_027,57] Sehet hin, wohin ihr wollt, so
werdet ihr finden, daß die Natur stets den Frieden herstellen will, wo er durch
Elementarereignisse oder sonst etwas gestört wurde. Nach Frieden sehnt sich
jedes geschaffene Wesen.
[Sg.01_027,58] Das herannahende
Weihnachtsfest soll auch euch diesen Frieden wieder ins Gedächtnis rufen.
[Sg.01_027,59] „Frieden mit der Welt, mit
euch selbst“ sei auch euer Losungswort für das kommende Jahr, damit ihr ihn
verbreiten möget, wo auch eure Stellung sei! –
[Sg.01_027,60] So möge das Licht aus den
letzten Nebeln des Orion euch ebenso den Frieden zusenden, wo Welten prangen,
deren Entfernung und Größe zwar für euch unberechenbar, aber deren Tendenz und
Existenz ebenso nur Friedensgesetzen gehorchend euch den sanften Liebesstrahl
ihres Lichtes herabschicken, damit ihr erkennen sollt, daß auch dort noch das
nämliche Gesetz, die nämliche Fürsorge waltet, welche auch hier auf eurer
kleinen Erde den letzten Wurm nicht vergißt und überall nur Frieden verbreiten
möchte, weil nur im Frieden die Liebe allein tätig sein kann! Amen.
28. Kapitel – Das Licht, II.
4. Januar 1876
[Sg.01_028,01] In Meinen letzten zwei Worten
über das Sternbild des Orion habe ich dir schon einige und zwar die
Haupteigenschaften des Lichtes auseinandergesetzt, nämlich als erste – „die
anregende, belebende Kraft“ und als zweite „die Entwicklung der Wärme oder des
Lebens“.
[Sg.01_028,02] Jetzt will Ich dir aber andere
Eigenschaften des Lichtes zeigen, welche teilweise wohl manchmal von einzelnen
geahnt wurden, aber deren Begriff ihnen doch nie zum klaren Bewußtsein geworden
ist.
[Sg.01_028,03] Schon vor Jahren sagte Ich in
einem Wort an euch, daß „Licht, Leben und Liebe“ so miteinander verbunden sind,
daß eines aus dem andern hervorgeht; aber nun will Ich euch auch noch näher
erklären, wie es sich damit verhält, damit ihr wieder erkennen sollt, wie vieles
noch in einem Lichtstrahl vorhanden ist und sein muß, soll er Meinen Ideen
entsprechen und ewig fort ein Träger Meines Willens und ein Erwecker von Leben
und Liebe sein!
[Sg.01_028,04] Sehet, Meine Kinder, der ganze
unermeßliche Äther ist ein finsterer Raum, in welchem die kosmischen Kräfte nur
allein wirken.
[Sg.01_028,05] Der Äther selbst hat aber in
sich alle Elemente, welche zur Erschaffung der einzelnen Welten und zu deren
Erhaltung nötig sind. In dem kleinsten Äther-Atom liegt diese Ur-Kraft, und zwar
gemäß seiner Lage stets so eingerichtet, daß sie entweder eine anziehende oder
eine abstoßende ist, wodurch eben selbst der Äther keine Ruhe genießt, sondern
beide Kräfte, die anziehende wie die abstoßende, in ihm die nötige Bewegung und
das eigentliche kosmische Leben erhalten, welches allein geeignet ist, erstens
den bestehenden Welten zu ihrer Erhaltung das Nötige zu geben oder daraus das
Unnötige, Verbrauchte zu entfernen, und zweitens – welches Ätherleben eben
dadurch in den Stand gesetzt wird, aus den in ihm liegenden Elementarstoffen
neue Welten hervorgehen zu lassen.
[Sg.01_028,06] Nun, inmitten dieses großen
Äther-Raumes, wo kein unten und kein oben, kein rechts und kein links denkbar
ist, in diesem finstern Raume schwimmen gleich Öltropfen auf dem Wasser ohne
Schwere die großen Welten und Sonnen nebst allen sie umkreisenden Planeten und
Kometen – gegenseitig bloß durch die wechselseitige Anziehung oder
Abstoßungs-Kraft gehalten – in lang gestreckten, elliptischen oder auch in
beinahe kreisförmigen Bahnen. –
[Sg.01_028,07] Im Äther, wie Ich sagte,
herrscht durch diese zwei Kräfte, welche ihr auch „Elektrizität und
Magnetismus“ nennen könnt, ewige Bewegung, durch welche die Welten-, Sonnen-
und Planeten-Bahnen bestimmt oder beeinflußt werden.
[Sg.01_028,08] Diese Bewegung bedingt eine
Reibung, die Reibung erzeugt Wärme, und Wärme endlich auch Licht, und Licht mit
seinen Kraftäußerungen, wie Ich schon oben gesagt, Leben oder ein gesetzliches
Bestreben, sich zu gestalten, sich zu erhalten und durch Abnutzung, Zerstören
oder Verwandeln alles zu vergeistigen; so daß alle Welten, die Sonnen und ihre
Satelliten endlich wieder, nach ihrer materiellen Zerstörung oder ihrem
Zerfall, als neue, aber geistige Welten einen Schritt weitergehend den
nämlichen Bildungsprozeß durchmachen müssen, welchen sie als gebundene Materie
vom Äther-Atom bis zur Welten- und Sonnen-Gestaltung durchgemacht haben.
[Sg.01_028,09] Da nun die Welten und Sonnen
nicht alle gleich, ja eigentlich gesagt, keine der andern gleicht, so ist auch
ihr Entwicklungs-Prozeß auf verschiedene Zeitepochen begrenzt, wo die eine in
soviel Millionen und die andere erst in Äonen von Jahren ihren Entwicklungs-,
Vervollkommnungs- und Neubildungs-Prozeß ganz vollführen kann.
[Sg.01_028,10] Eure Gelehrten haben im Licht
Eigenschaften entdeckt, welche – da sie nicht allen bekannt sein können – Ich
hier aufzählen will, wo sodann an diese kleinen Errungenschaften große,
wichtige Eröffnungen angeknüpft werden sollen; damit ihr seht, daß alles, was
die Gelehrten durch Versuche oder Instrumente finden, zwar wohl wahr ist, aber
daß ihnen dessen richtige Beurteilung fehlt, da sie es nicht als Gnadengabe des
Schöpfers eines Universums betrachten wollen.
[Sg.01_028,11] Sehet also, die Gelehrten
haben im Licht gefunden, erstens: daß das Licht (Ich rede vorderhand vom
Sonnenlicht) aus einem Büschel von Strahlen besteht und ein jeder Strahl in der
Form eines vierkantigen Sterns (im Querschnitt) – stets eine positive und eine
negative elektrische Kante hat. Ferner entdeckten sie, daß neben diesen
leuchtenden Strahlen sich noch dunkle schwarze Linien zeigen, welche sie
„Wärmestrahlen“ genannt haben. Auch haben sie noch gefunden, daß der
Lichtstrahl selbst, wenn er auf chemisch präparierte Metalle fällt, gewisse
Farben erzeugt, mittels welcher Entdeckung sie ihre Untersuchung so weit
ausdehnen wollten, um die materiellen Bestandteile weit entfernter Welten und
Sonnen zu bestimmen, ob diese aus ähnlichem Material wie eure kleine Erde
bestehen!
[Sg.01_028,12] Die Gelehrten haben nebenbei
durch das Prisma den Lichtstrahl in seine sieben Farben gebrochen, wie ihr sie
an allen Produkten und im Regenbogen mit ihren verschiedenen Mischungen stets
beobachten könnt.
[Sg.01_028,13] Nun, alle diese auf mühsamem
Wege gemachten, teils wahren, teils falschen Entdeckungen hätten die Gelehrten
schon noch einen Schritt weiter führen können; allein da hätten sie ihre
Gelehrsamkeit aufgeben müssen, um sich vor ihrem Herrn, vor Mir zu beugen;
dieses sagte aber ihrem Stolz nicht zu, und so blieben sie bei dem Gefundenen
stehen.
[Sg.01_028,14] Da Ich aber andere Ansichten
von der Welt habe als sie und eben kein Privilegium aus Meiner Erkenntnis der
Dinge machen will, wie sie, sondern von dem Prinzip ausgehe: „Mich kennt man
nur dann erst ganz, wenn man Meine Werke verstehen lernt“, so ist und war es
stets Meine Fürsorge: Meinen Kindern (seien es materiell geschaffene Menschen
oder Geister) soviel von Meinem Geiste mitzuteilen, wie sie begreifen und
fassen können. Und so will Ich auch jetzt wieder, an diese eben angeführten
Entdeckungen anknüpfend, Mein Wort über das Licht weiterführen, damit es in
eurem Kopfe licht werde und ihr selbst die Entdeckungen eurer Naturforscher im
rechten Maße würdigen könnt.
[Sg.01_028,15] Ich sagte euch im letzten
Wort, daß das Licht eine belebende Kraft hat; und eben jetzt sagte Ich auch,
daß im Äther sich zwei Kräfte stets gegenüberstehen, nämlich Anziehung und
Abstoßung, welche das Leben, das heißt Licht und Wärme und aus diesen das Leben
bewirken.
[Sg.01_028,16] Nun, die Entdeckungen eurer
Gelehrten in dem vierkantigen Lichtstrahl sind ebenfalls nichts anderes als
diese beiden Kräfte, welche, wo sie auf feste oder dichtere Gegenstände
auffallen, diesen Kampf der beiden Grundkräfte alles Bestehenden in Tätigkeit
setzen und so den ganzen Lebensprozeß vom Entstehen bis zum Vergehen oder
Verwandeln weiterführen oder bedingen.
[Sg.01_028,17] Die sogenannten „schwarzen
Linien“ der Wärmestrahlen sind nichts anderes als dichtere Stoffe, welche aus
dem Ätherraum vom Lichtstrahl in seinem schnellen Lauf mitgeführt werden, und
welche – eben wegen der Schnelligkeit des Lichtes natürlich aneinander sich
reibend – Wärme selbst im Lichtstrahl erzeugen und so „Wärmestrahlen“ genannt
werden können, da gerade, je direkter sie auf einen Gegenstand auffallen, durch
ihre Wärme und durch ihre Schnelligkeit sie auch die latente Wärme der
Körperwelt desto mehr entwickeln.
[Sg.01_028,18] Was aber hauptsächlich zu
dieser Wärme-Entwicklung beiträgt, ist die Brechung des Lichtstrahls, vorerst
in seine drei Hauptfarben: rot, blau und gelb, und ferner die Vermischung
dieser zu den andern (sekundären und tertiären Farben), da die Körper teilweise
die Farben aufsaugen und nur die nicht verbrauchten zurückstrahlen, durch
welche sie dann dem menschlichen Auge sichtbar werden.
[Sg.01_028,19] Sehet, Ich habe euch im
letzten Wort gesagt, daß, wo ein Lichtstrahl auffällt, er Leben und Wärme
hervorbringt, das „Wie“ aber findet ihr in der Farbenbrechung und
Farbenzerteilung. Denn sobald ein Lichtstrahl mit seiner Lebenskraft einen
Gegenstand berührt, so fängt dieser Gegenstand oder dessen Stoffteilchen an zu
vibrieren, so zwar, daß einzelne Teile desselben billionenmal in einer Sekunde
vibrierend, diese oder jene Farbe aus sich ausscheidend, als zurückstrahlende
dem Beobachter auf ihrer Oberfläche sich zeigen; wozu noch eingerechnet werden
muß die Reaktion, welche in den Elementen eures Auges vor sich geht durch die
erneuerte Brechung der zurückgestrahlten Farben in der Regenbogenhaut und den
übrigen Teilen der Sehorgane.
[Sg.01_028,20] „Sehen“ heißt also nichts
anderes, als jeden Gegenstand in der Farbe bemerken, welche er als nicht sein
eigen betrachtet zurückwirft, während er alle andern, sowohl Haupt- als
Mischungs-Farben, aufgesaugt hat, da sie zu seinem Bestehen notwendig sind.
[Sg.01_028,21] So ist die schwarze Farbe
keine Farbe, weil der Gegenstand alle Farben aufgesaugt hat, und „Weiß“
ebenfalls keine Farbe, weil der Gegenstand, der euch weiß erscheint, die Gabe
der Aufsaugung gänzlich entbehrt und alle Lichtstrahlen zurückwirft, wie sie
auf ihn auffallen, ohne sie zu seinem Bedarf zu zersetzen.
[Sg.01_028,22] Ihr seht also aus allem, daß
ihr die ganze Farbenpracht der Natur anders beurteilen müßt, als sie dem
irdischen Auge erscheint; denn dem geistigen Auge zeigt sich dort ein
fieberhaftes Regen, wo Ruhe scheint, welches zum Gestalten, Erhalten,
Entwickeln und Verwandeln angeregt ist, und zwar nur durch den einfach dort
auffallenden Lichtstrahl.
[Sg.01_028,23] Im großen Äther-Raume, sagte
Ich euch, regt sich ebenfalls alles, bedingt durch die zwei Elementar-Kräfte
der Anziehung und Abstoßung; aber in der scheinbar festen Materie ist ebenfalls
keine Ruhe, denn mit dem ersten Lichtstrahl, welcher auf sie fällt, geht der
nämliche Prozeß vor sich; auch in ihr regt sich alles, und zwar mit einer
Schnelligkeit, die kein menschlicher Sinn fassen und kein menschliches Auge je
bemerken kann.
[Sg.01_028,24] So ist die Wirkung des
einfachen Lichtstrahls der große Faktor alles Lebens.
[Sg.01_028,25] Was eure Gelehrten erfunden zu
haben glauben, nämlich eine Vorrichtung, selbst die Elementar-Bestandteile
entfernter Welten zu bestimmen mittels Reaktion des Lichtstrahls auf chemisch
präparierte Stoffe, so sind sie sehr im Irrtum, welchen sie leicht erkennen
könnten, wenn sie ihre Versuche nur vergleichen möchten, wo bei allen Sternen
und Sonnen nur immer das nämliche Resultat zum Vorschein kommt, weil sie eben
den Faktor dabei, die Erd-Atmosphäre, ganz außer acht lassen, durch welche doch
ein jeder Lichtstrahl hindurchgehen muß, ehe er auf die Oberfläche der Erde
kommt.
[Sg.01_028,26] Nun, so frage Ich diese
Gelehrten, glauben sie denn nicht, daß im Dunstkreis der Erde die nämlichen
Stoffe alle vorhanden sind, und zwar in aufgelöstem Zustand, welche
festgebunden im Erdkörper selbst sich finden!
[Sg.01_028,27] Mit wenig Nachdenken müßte da
eine Bejahung herauskommen, denn aus der Atmosphäre entstand ja einst der
Erdball, und in diese wird er sich einst wieder als Nebelball auflösen, wie er
schon jetzt in jeder Sekunde seine verbrauchten Elemente an diese abgibt.
[Sg.01_028,28] Wenn nun ein Lichtstrahl von
fern herkommend den Dunstkreis der Erde berührt, in ihn eindringt, so muß er
sich dem Einflusse desselben teilweise unterziehen und dann also zersetzt auf
die Oberfläche der Erde die nämlichen Stoffe auch mitbringen, aus welchen die
Atmosphäre besteht.
[Sg.01_028,29] Zum Beispiel „Eisen“ ist in
der Erd-Atmosphäre in aufgelöstem Zustande vorhanden, der Lichtstrahl kommt also
schon mit solchen Elementen belastet auf das chemisch präparierte Papier und
reagiert daher natürlich auch wieder darauf eisenhaltig, aber nicht als reiner
Lichtstrahl von einer entfernten Sonne oder Welt, sondern als veränderter
Faktor, beeinflußt durch den tellurischen (irdischen) Dunstkreis unseres
Planeten selbst.
[Sg.01_028,30] Wenn es möglich wäre, den
Lichtstrahl einer Sonne oder sonstigen Welt direkt aus dem Äther-Raume zu
bekommen, ohne daß er anderen chemischen Prozessen unterliegen müßte, die er
beim Durchgang durch Atmosphären nicht vermeiden kann, dann würden eure
Gelehrten andere und auch manchmal gar keine Resultate erhalten.
[Sg.01_028,31] Dieses ist aber unmöglich, da
ohne einen Dunstkreis kein lebendes Wesen existieren kann, obwohl im Äther die
Urstoffe der Schöpfung alle bereit sind, aber erst durch viele Verwandlungen
den lebenden Geschöpfen brauch- und genießbar gemacht werden müssen.
[Sg.01_028,32] Deswegen begnügt euch mit dem,
was Ich euch als zu eurem Besten angewiesen habe, und suchet nicht Dinge zu
erforschen, die doch zu keinem andern Resultat führen als zu der Erkenntnis,
daß es andere Weltkörper gibt, die Erden oder Sonnen wie die eurige sind, deren
innere Einrichtung sowie deren Oberfläche, Vegetation und Geschöpfe aber so weit
von euren geträumten Gestalten und Formen abweichen, daß ihr eurer Phantasie
den ganzen Spielraum freilassen könnt und doch um keine Haaresbreite der
Wahrheit näherkommen werdet.
[Sg.01_028,33] Meine Welten sind Wohnungen
von Geschöpfen, die Ich alle aus Liebe schuf, aus Liebe erhalte, erziehe und
vervollkommnen will, bis auch sie alle aus dem Kampfe mit der Materie als reine
Geisteskinder ihres großen Vaters und Schöpfers hervorgehend, Ihn erkennen,
begreifen und lieben gelernt haben.
[Sg.01_028,34] Das eine bleibt bei allem
feststehen: Das Licht ist der Träger Meiner Liebe, der Erwecker alles Lebens –
und wenn es auch auf noch so verschiedene Weise geschieht, so wird doch ein
geistiger Mensch stets vor Erstaunen zusammensinken müssen, wenn er erfährt, wie
das ganze große Schöpfungs-Gebäude all sein ewiges Fortbestehen, seine
Vervollkommnung, seine Entwicklung und endliche Vergeistigung nur dem
Lichtstrahl zu verdanken hat, der mit so großer Schnelle Welten aneinander
bindet, ihre Bedürfnisse ausgleicht, Leben und Liebe erregt, wo er nur seine
Macht fühlen lassen kann.
[Sg.01_028,35] Hier sprach Ich nur vom
einzelnen Lichtstrahl und dessen Eigenschaften. Wenn ihr aber nur eure Sonne
betrachten wollt, wo ein Lichtmeer von Strahlen aus ihrer großen Atmosphäre in
jeder Sekunde auf eure Erde fällt, jenes Lichtmeer, welches kein menschliches
Auge, obwohl auch dieses mit Sonnenlichtelementen gefüllt ist, ungestraft
betrachten kann, – wenn ihr euch dann größere Sonnen denkt, deren Durchmesser
und Dunstkreis weit über die Bahn eurer letzten Planeten (von unserer Sonne als
Mittelpunkt an) hinausreicht, und ahnt, welche Masse von Licht dort ausströmt,
welche Bewegung, Leben und Wärme es hervorrufen muß, welchen Farbenglanz und
welche Farbenpracht jene Lichtstrahlen, wo sie auffallen, hervorzubringen
imstande sind, dann könnt ihr euch schon einen Begriff machen von der
Herrlichkeit, welche in Meiner Schöpfung ist, wo eure Sonne im Vergleich zu den
andern nur als ein schwaches Nachtlichtchen vor dem Glanze größerer Sonnen
verschwinden müßte. Und auf solchen Welten leben Wesen, die, obwohl den
menschlichen Typus beibehaltend, eine Schönheit in Form und Ausdruck haben, daß
all eure Begriffe von Schönheit ungenügend, unzulänglich wären; denn ihr habt
noch keinen Begriff von höhergestellten Seelen; von deren geistiger Bildung, wo
aber auch die Außenseite dem Innern entspricht und ein Engels-Angesicht – wie
ihr oft sagt – bei all eurer Phantasie nach menschlichen Begriffen noch nicht
zureichend ist, wie ihr dergleichen in andern Welten der Unzahl nach antreffen
könntet.
[Sg.01_028,36] Oh, Meine Schöpfung ist groß,
sie ist aber auch herrlich und erhaben, voll von Seligkeiten und geistigen
Genüssen, wobei eure Erde, einer wüsten Einöde gleich, nur den schwächsten
Vergleich aushalten könnte.
[Sg.01_028,37] Warum aber Ich gerade eben
diese kleine Erde zu Meiner größten Tat ausersehen habe, warum ihr vor vielen
andern bevorzugt seid, um einst nach Müh und Kampf Meine wahren Kinder zu
werden, das hat einen andern, großen, geistigen Zweck, welchen Ich euch
anderswo schon früher erörtert habe und hier nun nicht wiederholen will!
[Sg.01_028,38] Zu diesem Schritt bewog Mich
die geistige Lichtverbreitung, und deswegen fing Ich dort an, wo es gerade am
finstersten war – und leider noch ist; während in jenen anderen Welten die
Menschen in Seligkeit schwelgen, von keinem Kampf, von keiner Sorge etwas
wissen, aber auch deswegen kein Verdienst haben. Sie schreiten langsam vorwärts
und werden auch längere Bildungsphasen durchzumachen haben, bis sie dahin
kommen, wo ihr jetzt – von Meiner Hand geführt – schon sein könntet!
[Sg.01_028,39] Es ist eben im geistigen
Fortschreiten ein anderes Gesetz und ein anderes Warum als im Materiellen. Und
deswegen beneidet nicht jene, welche nie den Drang nach Geistigem fühlten, weil
ihre Zustände sie schon so selig machen, daß ein Scheiden von dort sie
unendlich schmerzt; während ihr arme Wanderer auf dürrem Boden, mitten unter
einer verwahrlosten Welt die Fahne des geistigen Adels hochtragen und also
sauer erkämpfen müßt, was anderen Geschöpfen willenlos und im Überfluß in den
Schoß gefallen ist.
[Sg.01_028,40] Licht, der Träger und
Vervollkommner des Materiellen, hat ihnen in Fülle gegeben, was andern mangelt;
aber Licht, geistiges Licht mit den nämlichen Faktoren wie das materielle, es
erhellt euer Herz, verschönert euch selbst die langweiligste Einöde, weil sie
durch dieses Licht betrachtet anders gedeutet (und selbst ihre Eigenschaften
anders verwertet), andere Resultate hervorbringen kann. –
[Sg.01_028,41] Das Licht mit seinen
zersetzenden Farben, entsprechend den sieben Eigenschaften Meines göttlichen
Ichs, vollführt materiell, was diese geistig vollbringen.
[Sg.01_028,42] Das Licht macht alles
materiell Gebundene vibrieren und erzittern. Auch das geistige Licht, wenn es
in seine Eigenschaften zersetzt die Seele oder das menschliche Herz bewegt,
macht auch dieses vor Wonne erbeben, macht es fühlen, daß ein liebender
Schöpfer nur solche veredelnde Genüsse bereiten will, und daß wie beim
materiellen Licht die Reaktion folgt – wo es auffällt, so auch das geistige
Licht alles verschönert und mit demselben zeigt, was seine Eigenschaften:
Liebe, Toleranz, Barmherzigkeit, Vergebung und Ergebung in den höchsten Willen
als wahre Demut selbst bei den größten Aufopferungen zu leisten fähig sind. –
[Sg.01_028,43] So wie das Licht, wenn es als
erster Sonnenstrahl am Morgen auf die kalte Erde fällt, alles belebt, auf alles
einwirkt, daß es sich rege und bewege, ebenso das geistige Licht, welches alle
geistigen Fähigkeiten in Bewegung setzt, um die Mission zu erfüllen, weswegen
die Menschen dieses kurze Wanderleben betreten haben.
[Sg.01_028,44] Die ganze Tierwelt mit nur
wenig Ausnahmen fühlt den ersten Lichtstrahl. Selbst der schlaftrunkene Mensch,
trifft ein Sonnenstrahl sein Lager, fühlt sich beunruhigt, es drängt ihn,
unruhig wälzt er sich herum, nicht wissend und nicht ahnend, daß es eine
Ewigkeit ist, welche in dem Lichtstrahl der aufgehenden Sonne ihm einen Beweis
von seiner nie versiegenden Kraft geben will.
[Sg.01_028,45] Die fleißige Ameise streckt
ihre Fühlhörner aus ihrem Loch in der Erde heraus, denn es mahnt sie der
Lichtstrahl zur Arbeit. Dort sitzt auf einem dürren Reis ein kleines Vögelchen,
der erste Morgenstrahl der allbelebenden Sonne bewegt es, sein Morgenlied zu
zwitschern, und die Biene verläßt summend ihren Bau, um von Blume zu Blume den
süßen Saft einzusammeln, den sie für ihre Genossen im Bienenstock für
Winterszeiten aufzubewahren glaubt, den aber der genußsüchtige Mensch ihr
leider wieder raubt.
[Sg.01_028,46] Überall regt es sich, in und
auf der Erde, – alles jubelt diesem wiederkehrenden Sonnenstrahl entgegen, denn
in ihm ist Leben und von ihm hängt das Leben ab.
[Sg.01_028,47] Selbst im fernen Norden,
während alles vom Einfluß der großen Kälte erstarrte, ist das Licht der einzige
Zeuge von der Tätigkeit der Natur, während sonst alles kein Lebens-, kein
Wärme-Zeichen gibt.
[Sg.01_028,48] Im Süden eures Erdballs, am
Pol desselben entsteigen ihm verbrauchte Stoffe des Erdorganismus, sie taten
das ihrige und gleich leuchtenden Bändern kehren sie wieder gegen Norden zurück
dorthin, wo die magnetisch-siderisch-(ätherische) Kraft in das Erdinnere
einströmt, dorthin zieht sie das geheimnisvolle Wehen der Erd-Atmosphäre. Und
kaum in der Nähe des magnetischen Pols angekommen, wo zwei Kräfte sich begegnen
– Magnetismus und Elektrizität, entzünden sich durch Reibung ihrer
Elementar-Atome diese Dünste und verbreiten als Nordlicht euer bekanntes
elektrisches Licht. In verschiedenen Strahlenbrechungen und verschiedenen Formen
geht der Zersetzungs- und Verbrennungs-Prozeß vor sich, bis alles für den
Erdorganismus Tote wieder brauchbar geworden als tätige magnetische Kraft in
das Erdinnere als belebender Stoff wieder einströmen kann, damit alles auf der
Oberfläche dieses kleinen Planeten gedeihe, sich verschönere, in steter
Wechselwirkung mit der Außenwelt auch im Innern die nämliche Harmonie
hergestellt und der nämliche Zweck erfüllt werde.
[Sg.01_028,49] So wie ihr Menschen und das
ganze Tierreich den „Sauer- und Lebensstoff“ einatmet und ihn verbraucht als
Kohlenstoff wieder ausatmet, welch letzteren die ganze Pflanzenwelt zu ihrem
Gedeihen gierig einsaugt und den Austauschkreislauf vollendet, indem sie zur
Nachtzeit den Sauerstoff zubereitet – ebenso saugt die Erde als lebendes
pulsierendes Wesen im Norden magnetisches Fluidum ein, stößt im Süden
elektrisches aus und schickt es wieder gegen Norden hin, wo gerade inmitten des
Starren auf Erden in der Atmosphäre der geistige Reinigungs-Prozeß vorgeht,
welcher das Verbrauchte mit neuen lebensfähigen Elementen ergänzt.
[Sg.01_028,50] Überall ist es das Licht,
welches Wärme und Leben verbreitet. Und gerade dort, wo der Mensch mit seiner
Habsucht nichts mehr zu gewinnen findet, und in jener Höhe eures Dunstkreises,
wo tierisches Leben unmöglich geworden, dort ist die Werkstätte Meiner
Allmacht, die ewig erneuert, was in Millionen täglich verbraucht wird.
[Sg.01_028,51] Im großen Äther-Raume ist es
ebenso. Nur das Licht durchkreuzt mit seinem schnellen Fluge diese ewige
Finsternis. Lichtstrahlen von Millionen von Sonnen und Welten begegnen,
durchkreuzen sich dort, da gibt ein Strahl an den andern ab, was er selbst
nicht mehr braucht, was über Millionen von Meilen hinaus einer andern Sonne,
einem andern Planeten partielle vergeistigte Speise werden soll, damit das
einzelne im Ganzen sich erhalte.
[Sg.01_028,52] Der vierkantige Lichtstrahl
mit seiner positiven und negativen Elektrizität ist es, welcher Meine Schöpfung
erhält und sie zum Ziele führen hilft.
[Sg.01_028,53] Zwischen den Kreisen ganzer
Welten-Systeme bewegt sich eine Kometenschar als werdende Sonnen mit ihren
zukünftigen Planeten. In langgestreckten Bahnen durchziehen sie den dunklen
Äther, einen langen Streifen leuchtend zurücklassend, welcher ebenfalls nur
ihre Elementarstoffe enthält und der von ihrer Größe und ihrer Geschwindigkeit
zeugen soll. –
[Sg.01_028,54] Hier ist ein Stern, der nach
von euch eingeführter Klassifikation der zwölften Klasse angehört, stets
leuchtender, stets größer werdend bis zum Stern erster Größe im Glanze
heranwächst und dann wieder nach einigen Jahren an Licht abnimmt, bis er euren
Augen ganz entschwunden ist.
[Sg.01_028,55] Er zeigte euch den Prozeß
seines Werdens und seines Vergehens, aber sein Werden ging dem Lichtstrahl
längst voraus, und seine Auflösung erfolgte, da ihr ihn im höchsten Glanze
geschaut.
[Sg.01_028,56] Hier ein Komet, ein künftiges
Sonnensystem im Bildungsprozeß und dort ein geendetes Weltenleben, wo
vielleicht einzelne Trümmer von ihm im Weltenraum herumkreisend von seiner einstigen
Größe Zeugnis geben könnten.
[Sg.01_028,57] Von all diesem großen
Schöpfungsleben gibt euch niemand Kunde, wenn es nicht der flüchtige
Lichtstrahl ist, der wie die schnell vergehende Zeit an die Vergänglichkeit des
Bestehenden mahnt, wo nur der Zweck, Neues zu schaffen, vorwärts zu gehen, das
Hauptprinzip in der ganzen Schöpfung ist.
[Sg.01_028,58] O wie wenige kennen den wahren
Wert des Lichtes, weder in geistiger Entsprechung, vermöge welcher es als Lichtstrahl
dem Menschen oft große und fruchtbare Lehren geben könnte, wenn er fähig wäre,
sie aufzunehmen oder geistig zu begreifen, noch in materieller Hinsicht, wie
aus dem Lichtstrahl alles Gute und Schöne emporkeimt!
[Sg.01_028,59] Du, Mein Sohn, sahst im
Lichtstrahl von ein paar Sternen eine ganze große Welt. Ich half dir diesen
Augenblick für immer festzuhalten, damit, wenn du auch einst von hinnen
gegangen bist, dein und Mein Wort Früchte trage. Und jetzt habe Ich wieder das
nämliche Thema ergriffen und habe euch allen den Lichtstrahl gerade wie ein
Professor erklärt, ferner den geistigen Lichtstrahl Meines Wortes euch fühlen
lassen, – und nun sende Ich euch wiederholt das Licht als Urstoff Meiner
Eigenschaften als liebendes Wesen, gleichbedeutend und gleichwirkend überall,
wo stets das Licht, Leben erregend, das Mangelnde ersetzen kann.
[Sg.01_028,60] Ich habe euch gezeigt, wie das
Licht allein der einzige Faktor ist, welcher euch von dem Dasein ferner Welten
Kunde gibt und so euch mit Welten in Verbindung setzt, wo geistig verwandte,
liebende Seelen ebenfalls der Erlösung aus der Materie warten, um einst als
geistige Wesen alle Seligkeiten genießen zu können, welche eben nur geistig,
also nur von Geistern errungen und gefühlt werden können.
[Sg.01_028,61] Ich zeigte euch im Nordlicht
den Ausgleich des Verbrauchten mit Neuerworbenem im Stoffwechsel eurer Erde,
belehrte euch, wie überall das Licht als Verbreiter des Lebens wirkt, webt und
erhält, und wie eben im dunklen Ätherraume auch dort, wo auf eurer Erde alles
erstarrt ist, erst die geistige Wirkung aller Elementarstoffe anfängt, der
kleinen Erde im Innern und Äußern nützlich zu sein.
[Sg.01_028,62] So habt ihr einen Komplex
aller möglichen Erklärungen des Lichtes, habt im einzelnen Strahl wie im Lichtmeer
einer Zentralsonne das Wort vernommen, welches euch ein geistiges Licht
anzünden soll, damit ihr Denjenigen nicht vergessen möget, welcher keine
Gelegenheit unterläßt, auf die Wunder und Gesetze Seiner Schöpfung aufmerksam
zu machen, damit ihr die ersteren als Zeugen Seiner Liebe betrachten und nie
gegen die letzteren sündigen solltet. Denn nur ihr selbst werdet der Strafe
unterliegen müssen, so wie auch nur ihr die Seligkeiten genießen könnt und
sollt, wenn ihr durch Meine Schöpfung Mich erst recht kennen und lieben gelernt
habt.
[Sg.01_028,63] Immer und immer wiederhole Ich
es und auch heute wieder: Ich bin die Liebe! Nur so begreifet ihr Mich, könnt
Meine Worte schätzen und Meine Werke würdigen lernen; und nur durch die Liebe
findet ihr den Schlüssel zum Reiche der Geister, dessen Bewohner ihr bei weitem
länger sein werdet, als dieses kurze Erdenleben ist! – –
[Sg.01_028,64] Wo Liebe im Herzen ist, da
leuchtet der erste Strahl, um den Weg zu Mir zu finden; denn auch diese Liebe,
Wärme und Leben verbreitend, wird wie der Lichtstrahl ewig der Träger alles
Guten und Erhabenen sein.
[Sg.01_028,65] Ohne Liebe können Meine sieben
Eigenschaften nicht ausgedrückt werden, denn alle entspringen aus ihr. Und wie
das Licht in seine sieben Farben sich teilend die sichtbare Welt verschönert,
so versüßt auch die Liebe sich in ihren Eigenschaften tätig zeigend dem
Menschen seinen Lebenswandel, wo er gegen seinen Nächsten dieselben ausübend
erst die Gottesliebe recht begreifen wird, welche ohne die Nächstenliebe nicht
bestehen kann.
[Sg.01_028,66] Denn der Nächstenliebe wegen
erschuf Ich das ganze Weltall, leitete das Licht hindurch, und selbst Ich fühle
nur Meine Eigenschaften wieder, wenn ich sie an lebenden Wesen verwirklicht
finde.
[Sg.01_028,67] So muß der Lichtstrahl von
einem Pol der Schöpfung zum andern die Harmonie und gegenseitige Wechselwirkung
herstellen und erhalten, und so knüpft sich durch ihn das Band zwischen
liebenden Wesen, zwischen Vater und Kindern stets enger, bis einst – wie Ich es
auf Erden sagte: „ein Hirt und eine Herde“ sein wird, wo Ich dann nicht mehr in
die weiten Räume Meiner Schöpfung das Wort werde ertönen lassen: Es werde
Licht! denn es wird überall Licht geworden sein, im Innern der Herzen wie im
Äußern der materiellen Welt, wo dem geistigen Auge bei Aufsuchung Meiner Werke
kein dunkler Fleck sich entgegenstellen wird!
[Sg.01_028,68] So soll euch das Licht als
Symbol Meiner Liebe führen, weit hinaus zu jenen fernen Welten und weit hinein
in die Eingeweide der Planeten und Sonnen, wo ebenfalls die Liebe als Ersatz
des materiellen Lichtes alles tut und bereitet, um den auf der Oberfläche
lebenden Geschöpfen ein erträgliches, glückliches Leben zu verschaffen, wo die
Erhaltung des physischen Lebens leicht und die Ausbildung des geistigen durch
nichts gestört werden soll, damit, wie Ich es euch schon vor Jahren sagte:
Licht, Leben und Liebe das Kleeblatt der Dreieinigkeit sei, welches euch auf
allen Wegen leiten und endlich euch zu Mir ins Geisterreich führen soll, wo das
Licht, das Leben und die Liebe kein Ende mehr haben werden – und ihr stets
„mehr Licht“ im geistigen Leben und „mehr Liebe“ im geistigen Lichte finden
werdet, welches von Mir ausgehend, vorerst das ganze Geisterreich belebend, das
materielle Leben erleichternd und die Menschenherzen erwärmend, einen Bund
fester schließen solle, worin vom Vater zum Kinde nur sanfte Abstufungen sind
und also nie die Allmacht des ersteren letzteres erschrecken, sondern Seine
Liebe alles vergessen macht, was das Leben im großen Geisterreich erschweren
könnte.
[Sg.01_028,69] So habt ihr nun hier wieder
ein Wort, ein Wort von Meinen Wundern, um euch zu zeigen, daß, wenn ihr auch
vor der Größe Meiner Welt erstaunen müßt, ihr doch vor dem Schöpfer, der nur
ein Vater sein will, nicht zurückschrecken sollt, sondern festes Vertrauen
haben möget, daß Er so wie ein Vater auf Erden ebensowenig etwas anderes euch
zukommen lassen will als Freuden – und zwar Freuden ohne Ende! Amen.
29. Kapitel – Ergänzung zum Wort über „Das
Licht“, III. (Ergänzungen).
14. Januar 1876
[Sg.01_029,01] Was Ich dir sagte in bezug auf
die Bewohner anderer Welten, daß sie in besseren Verhältnissen und
glücklicheren Umständen leben als ihr, und daß sie, obwohl sie schon
Seligkeiten genießen, doch in geistiger Hinsicht hinter euch stehen – dieses
Beispiel könnt ihr auch auf eurer Erde selbst sehen, wenn ihr die nördliche und
südliche Hälfte eures Erdballs, deren Bewohner und klimatischen Verhältnisse
betrachten wollet.
[Sg.01_029,02] Auch hier ist Natur, Klima und
leichtere Ernährungssorgen den südlichen Bewohnern anheimgefallen, während die
nördlichen, mit den Elementen kämpfend, mehr den Ausspruch des Alten
Testaments: „Du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen“,
beinahe täglich verspüren müssen.
[Sg.01_029,03] Auch hier seht ihr die
geistigen Fakultäten im Norden mehr entwickelt, weil gerade die äußeren
klimatischen Verhältnisse den Menschen zum Suchen nach Ruhe und Trost in seinem
Innern drängen, während die mildere Temperatur, stets heiterer Himmel und
üppige Vegetation im Außenleben den Südländer von seinem Innenleben fast
gänzlich abziehen.
[Sg.01_029,04] Auch hier auf eurem Erdball
könnt ihr euch den Vergleich bildlich vorstellen – zwischen den Bewohnern der
herrlichen Welten und euch auf eurer kleinen Erde.
[Sg.01_029,05] Alle Menschen sind zum
gleichen Ziel berufen, so wie alle Bewohner der anderen Sonnen und Welten; aber
der Prozeß der geistigen Bildung geht, gemäß der Empfänglichkeit der Seelen –
bei der einen geschwinder, bei der anderen langsamer, und so ist es auch auf
eurer Erde. Der Südländer braucht länger zur geistigen Reife als der
Nordländer, eben weil er weniger um seine Nahrung zu kämpfen hat, weniger durch
äußerliche Verhältnisse zur Einkehr in sein Inneres angespornt wird.
[Sg.01_029,06] Er hat nebenbei aber auch
seine tierischen Leidenschaften mehr zu bekämpfen, und der Nordländer kennt
manche Seite der menschlichen Seele gar nicht, welche den Südländer am meisten
beunruhigt.
[Sg.01_029,07] Der Südländer entspricht der
auf der südlichen Halbkugel vorherrschenden Elektrizität und der Nordländer
jener des Magnetismus.
[Sg.01_029,08] So ist es auch mit den Welten
gemeint. Je schöner die Welt und je behaglicher das Leben auf ihr – desto
langsamer der geistige Fortschritt; und je mehr Kampf, desto mehr ist schon der
Schatten eines geistigen Lebens dem Dulder eine Belohnung.
[Sg.01_029,09] Es ist in diesem das Gesetz
der Einkleidung der Geister in andere Welten so geordnet, daß sie nicht einen
zu großen Sprung machen müssen, sondern im Süden der weniger ausgestatteten
Welten solche ähnliche Verhältnisse vorfinden.
[Sg.01_029,10] Dieses wollte Ich euch mit dem
Erklären der anderen Welten sagen und lasse es hier nachfolgen, damit ihr stets
besser die Ordnung Meiner Schöpfung erkennen möget, wo alles nach ein und
demselben Prinzip geleitet und geordnet ist und ihr die Analogie (Ähnlichkeit)
finden könnt, wenn ihr die Sache nur mit geistigem Auge ansehen wollt. –
[Sg.01_029,11] Selbst die Pflanzen- und
Tierwelt zeigt euch das nämliche, so wie Ich es woanders einst sagte.
[Sg.01_029,12] Vergleichet die Pflanzen und
Früchte des Südens mit denen im Norden. Welche Farbenpracht der gefiederten
Welt, ohne melodischen Gesang; welch einfaches Kleid mit seelenvollem Ausdruck
– im Norden (Nachtigall)! Im Norden gibt es Singvögel und im Süden mit Farben
gezierte, aber schreiende oder kreischende Luftbewohner; das heißt, hier
üppiger Schein mit wenig innerem Gehalt und dort harmonisches Sein mit
vernachlässigter Gestalt!
[Sg.01_029,13] Selbst eure geschätztesten
Metalle und Edelsteine findet ihr im Süden mehr als im Norden, weil dort alles
für das irdische Scheinleben und im Norden mehr für das praktische Erdenleben,
nur dem Geistigen nützen sollend, vorhanden ist.
[Sg.01_029,14] Im Süden bei den meisten
Völkerschaften Hang zur Kleiderpracht, gleich ihrer sie umgebenden Natur; im
Norden, dem Lande des Eisens, mehr dem Festen, Nützlichen huldigender Sinn.
Während im Süden Weichlichkeit vorherrscht, gilt im Norden als Hauptprinzip,
sich allem kampffertig entgegenzustellen, was der geistigen Entwicklung
hinderlich ist.
[Sg.01_029,15] Eben deswegen auch der
Nordländer eher als der Bewohner des Südens für Geistiges empfänglich ist, weil
seine Seele mehr an Kampf gewöhnt, diesen nicht scheut, ihm gerade entgegengeht,
während der Südländer ihm behutsam ausweicht.
[Sg.01_029,16] Durchleset die Geschichte, so
werdet ihr finden, daß selbst im Kriege zwischen Völkerstämmen ihre Bewaffnung,
dem Charakter derselben entsprechend, im Norden und Süden stets sehr verschieden
war.
[Sg.01_029,17] Die Zeit des Mittelalters hieß
man im Norden die Zeit des Eisens oder „die eiserne Zeit“, weil dort alles in
schweres Eisen gehüllt sich wohl befand.
[Sg.01_029,18] Der Zug zum Eisen ist nicht
gerade wegen der Sicherheit, die man unter solcher Bekleidung hatte, er liegt
noch tiefer, es ist der verwandte magnetische Stoff, welcher im Eisen und in
der ihm verwandten Menschenseele lag.
[Sg.01_029,19] Sehet eure Bewohner des
Flachlandes an, wie hebt sich ihre Brust, wie groß wird ihre Begeisterung, wenn
sie bedeutenden Gebirgsländern sich nahen, wenn sie zwischen ihren saftigen
Talgründen, ihren Schluchten wandeln, wenn sie auf schwindelnden Höhen den
Gebirgsbewohnern folgen bis an die Grenzlinie der Vegetation und auf
zerrissenen Felsenklippen oder ewig überdeckten Schnee- und Eisfeldern in der
Ferne ihre Heimat erblicken!
[Sg.01_029,20] Sehet, es sind nicht sowohl
die Massen der Gebirge, es ist ihr inneres Gefüge, welches verwandte Elemente
enthält, die der Menschenseele nahestehend eben zur nördlichen Hälfte des
Erdballs gehören.
[Sg.01_029,21] Der Südländer verlangt nach
keinem Gebirge, nach keiner großartigen Naturszene, er will Ruhe haben und
Bequemlichkeit, weil schon die Temperatur seines Landes ihm nicht viel Bewegung
erlaubt, ohne große Opfer von Kraftaufwand zu bringen.
[Sg.01_029,22] So sind die großen und schönen
Welten ebenfalls nur für solche Menschen geschaffen, denen langsame Ausreife
allein zuträglich ist, und so sollt ihr Meine ersten Worte und diese
nachfolgenden deuten, wenn ihr in dem anscheinlich Ungerechten doch eine
gerechte Logik finden wollt.
[Sg.01_029,23] Ich führte euch geflissentlich
diese Vergleiche auf eurer Erde zwischen Süden und Norden vor, damit ihr im
Nahen das Ferne leichter begreifen könnt.
[Sg.01_029,24] Ich könnte euch noch so
manches als Beleg des Unterschieds aufzählen, welches ebenfalls darin seinen
Grund hat, wie die kleinen Bestandteile selbst der Erdoberfläche oder ihres
Innern unwillkürlich auf die geistige Entwicklungsperiode der Völker einwirken,
inwiefern sie im Süden oder im Norden wohnen.
[Sg.01_029,25] Nehmt zum Beispiel die
Religionen mit ihren Kulten, wie weichlich, wie sinnlich sind sie bei den
Südländern ausgeartet, während sie im Norden stets strenger den sittlichen
Charakter trugen. Selbst die Vorstellung einer künftigen Dauer nach dem Tode
mußte unter diesem Einflusse leiden und so ihre Mission erschweren, statt sie
zu erleichtern.
[Sg.01_029,26] Wie wenige unter euch sind
fähig, den eigentlichen Stand, sei es der Völkerkultur, als ihrer Entwicklung
gerade richtig so zu beurteilen, weil die meisten Geschichtsschreiber und
Ethnologen den Menschen nur nach dem sichtbar Geschehenen, nicht aber nach dem
geheimen Zuge beurteilen, welcher unwillkürlich oft der Hauptfaktor ist.
[Sg.01_029,27] Sehet, klimatische
Verhältnisse beeinflussen den Körper, Nahrungsmittel und Lebensbeschäftigung
die Seele, Erziehung und soziale Stellung den Geist! Die große Kette, welche
alle Wesen verbindet, nebenbei aber den einzelnen die Stelle anweist, wo sie am
ehesten wirken können und am leichtesten fortschreiten, diese große Verbindung
kennt ihr nicht; denn sie fängt außerhalb eures kleinen Planeten an und geht
weit über eure Sonnen- und Weltensysteme hinaus.
[Sg.01_029,28] Es ist kein Zufall, wenn der
eine in diesen, der andere in jenen Verhältnissen geboren oder erzogen worden
ist; es ist kein willkürliches Zusammentreffen von Umständen, welche
bestimmten, den einen so, den andern anders zu leben und zu wirken.
[Sg.01_029,29] Überall, seid versichert, ist
ein geistiges „Warum“, welches sodann das praktische „Darum“ festsetzte.
[Sg.01_029,30] Das, was die südlichen Völker
„Fatum“ und ihr „Schicksal“ nennen, wo die Freiheit des Menschen im Handeln
dadurch beschränkt wäre, ist nirgends vorhanden.
[Sg.01_029,31] Wahr ist es, klimatische
Verhältnisse, Nahrung, soziale Stellung und Erziehung stempeln den Menschen auf
Erden zu dem, was er scheint; aber doch ist ebenfalls wieder der Seele die
Macht gegeben und durch den ihr beigegebenen Gottesfunken fest bedingt, alle
diese Einwirkungen insofern zu beherrschen und zum geistigen Nutzen zu
verwerten, daß das Geist-Seelische stets die Oberhand behält und der Körper,
wenn er durch diese Beschränkung auch leidet, doch der Seele gehorchen muß.
[Sg.01_029,32] Und hier seht ihr oder könnet
wenigstens ahnen, wie viele Umstände oft eintreten müssen, um die verschiedenen
Seelen mit all ihren verschiedenen geistigen Anlagen doch zu einem gemeinsamen
Ziel zu führen.
[Sg.01_029,33] Hier könnt ihr begreifen
lernen, wie Ich das Regiment führe, da Ich alle Handlungen der Menschen, alle
ihre Taten doch wieder so verwende, daß Mein Zweck, das heißt ein allmählicher
Fortschritt in der ganzen geschaffenen Welt dadurch gefördert wird, indem
selbst das Schlechteste, von Menschen ausgeheckt und vollführt, doch nur Gutes
hervorbringen muß. –
[Sg.01_029,34] Ich habe diese Worte als ein
Anhängsel zu Meinem vorigen gegeben, auf daß es bezwecke, noch mehr Licht in
euren Herzen anzuzünden, und ihr in diesem Blick in das große Regiment der
Geister ahnen könntet, was in den Worten, welche Ich euch einst unter dem Titel
„Die Gedankenwelt“ und „Das Wort“ gab, eigentlich noch mehr enthalten ist. Es
soll dieses Wort euch neben seiner eigenen Wichtigkeit den Wert des früheren
erst in sein wahres Licht stellen; denn „Licht“ war auch der Titel jenes
Wortes, und licht soll und muß es werden, wenngleich bei eurer Lauheit es sich
nur langsam verbreiten kann.
[Sg.01_029,35] Die magnetische und
elektrische Kraft, diese großen Faktoren Meines Welten-Reiches, sind zu
gewichtig, als daß sie übersehen oder mißverstanden werden sollen, und wenn Ich
sagte, es ist eine Kette, welche alles verbindet und zusammenhält, so sind
diese zwei Faktoren das Bindungsmittel in der materiellen Welt, welchen in der
geistigen Mein Wille und Mein Ernst entsprechen, alles doch dahin zu führen,
wohin Ich will und zu was Ich alles bestimmt habe.
[Sg.01_029,36] Aus diesen beiden eben
angeführten Kräften entwickelt sich das Licht. Das Licht bestimmt den Bestand
der Welten, ihre klimatischen Verhältnisse, ihre Produkte, welche sodann als
Unterlage zum Seelenleben aller Wesen werden, die unter all diesen Einflüssen
sich erst durch Kampf und Streit mit der eigenen Natur den Stempel des
geistigen Adels oder geistiger Höhe aufdrücken müssen.
[Sg.01_029,37] Wenn der Mensch nichts hätte,
was ihm auf seiner irdischen Lebensbahn hinderlich in den Weg tritt, so würde
er dem geistigen Verwesungsprozeß anheimfallen, wie ein stehendes Wasser,
welches ohne Bewegung den auf es einwirkenden Luft-, Licht- und Wärmestrahlen
unterliegen muß.
[Sg.01_029,38] Wie die Luft, die Winde, das
Meer, die Wellen und das Innere der Erde ihr magnetisch-elektrisches Leben
stets in Bewegung erhalten, so im Geistigen der menschlichen Lebensbahnen die
Widerwärtigkeiten und die verschiedenen Verhältnisse, welche stets anregend,
fördernd auf Geist und Seele einwirken, damit auch dort, wie im Meere stets
Ebbe und Flut, so sie das geistige Seelenleben vor Fäulnis retten.
[Sg.01_029,39] So seht ihr die große Kette,
welche auch im Geisterreich noch nicht ihr Ende hat, sondern die Geister an die
Welt und die lebenden Wesen an die Hinübergegangenen (Seelen) anknüpft und
stets diese Verbindung erhält, sobald sich nur ein geeignetes Organ vorfindet,
das diese auch sichtbar herstellen kann.
[Sg.01_029,40] Überall ist es die große
geistige Potenz Meines Willens, die sanfte Einwirkung Meiner göttlichen
Eigenschaften, welche dieses ungeheure Gebäude, das ihr als Universum kennt,
erhält, und wo eben die Erhaltung auch noch ein Fortschritt ist, indem es
überall nur Anfänge, stufenweise Vorrückung, aber nirgends eine Vollendung
gibt!
[Sg.01_029,41] Der einfache Faktor „Licht“
ist der Träger alles Daseienden, und das einfache „Wort“ als sichtbar
ausgedrückter Gedanke ist das geistige Licht, welches alles bewegt und alles zu
Mir zurückführen wird, von wo es ausgegangen ist.
[Sg.01_029,42] Das Licht mit seinen
Strahlenbrechungen bewirkt eure Farben, belebt eure Erde, hilft sie bekleiden,
verschönern und euch erträglich machen.
[Sg.01_029,43] Das Licht zieht aus dem
finsteren Erdreich die Säfte empor und führt vom kleinsten Moospflänzchen
angefangen bis zum größten Baume ein jedes Gewächs zu seiner Bestimmung.
[Sg.01_029,44] Blau, weiß oder rot gefärbt sind
die ersten Anfänge einer jeden Pflanze, ehe sie aus der finsteren Erde
emporsteigt; ihr Blut oder der rollende Saft, Kügelchen wie die eures Blutes,
machen die Hauptsubstanz aus und bewegen sich dort in geregeltem Lauf.
[Sg.01_029,45] Noch sind sie nicht grün
gefärbt, blaß steigen sie aus dem Boden empor, aber kaum erreicht sie das Licht
mit seiner Strahlenbrechung, mit seiner erregenden Kraft, so beginnt ein
anderes Leben, das Blasse, Fahle wird gefärbt, wird grün in allen
Abwechslungen, der Individualität der Pflanze angemessen – alles lebt, alles
arbeitet, zersetzt, formt und bildet sich, wird aber wieder zersetzt, wieder
geformt und wieder zu einem andern Zweck verwendet.
[Sg.01_029,46] Stets steigen neue Kräfte aus
der Erde empor, die gröberen und dichteren bleiben gemäß ihrer Schwere unten
zurück, die feineren gehen weiter; es bilden sich aus ihnen die Knospe, die
Blume, die Frucht.
[Sg.01_029,47] Immer ist das Licht der
Anreger. Was die Blätter an Farbenpracht einsaugten und dann nur die grüne Farbe
zurückstrahlen, das geben sie nun wieder verfeinert in der Blume, in deren
verschiedenen Farben zurück, indem sie in der Blume das Grüne für sich behalten
und die andern Farben euren Augen sichtbar zeigen und so dem aufmerksamen
Beschauer von ihrem inneren Wirken Kunde geben.
[Sg.01_029,48] Neben dem Farbenspiel ist das
Licht noch als Wärme-Entwickler der Hauptfaktor, welcher das Ätherische in den
feinsten Säften der Gewächse herauszieht als süßen Saft oder feinen Wohlgeruch,
der Tier- und Menschenwelt angenehme Sinnes-Einwirkungen bereitet.
[Sg.01_029,49] So seht ihr, wie das Licht
treibend, arbeitend in jedem Organismus zu dessen Entwicklung und dessen
Endzweck hilft. Und wie das materielle Licht aus dem finsteren Boden der
Erdscholle alles dieses hervorzieht und zur Oberfläche bringt, wo es dann als
weitere Unterlage für Tiere und Menschen dienen muß – ebenso ist Mein Wort als
göttliches Licht, welches auf den finsteren Herzensgrund fallend, dort die
schlummernden Geisteskräfte weckt. Und wie das Licht mit seinen sieben Farben,
ebenso Meine sieben Eigenschaften sich darin entzünden, welche sodann – wie
beim Blatt anfangs als Hauptfarbe das Grün zurückstrahlend – die Tugend der
festen Willenskraft im Außenleben zeigen, sodann, wenn alle sieben Eigenschaften
geistig verdaut, die Willenskraft für sich behaltend, die übrigen Eigenschaften
als Lebensblume oder Krone allen geistigen Strebens dem Nächsten
entgegenhalten, um durch Ausübung dieser göttlichen Eigenschaften geistig seine
Mission zu erfüllen. Wie die Blume zur Frucht übergeht, so soll aus dem
Tatenleben der eigentliche große edle Geistesmensch als Resultat herauswachsen.
[Sg.01_029,50] So seht ihr die
Lichtverbreitung auch im Geistigen als den nämlichen Leiter und Führer, und es
werden nun so manche begreifen, was Ich damit sagen wollte, als Ich in dem
letzten Wort folgendes sprach: „daß, wenn ihr das Licht und seine Bedeutung
auch in geistiger Entsprechung ganz kennen würdet, es euch manche fruchtbare
Lehre geben könnte“.
[Sg.01_029,51] Hier habt ihr noch in kleinen
Umrissen den Prozeß des Lichtes als Wirkung der Elektrizität und des
Magnetismus und am Ende selbst das geistige Licht oder das klare Verständnis
Meiner Worte beisammen, welches teils in Vergleichungen, teils in Bildern euch
die große Wechselwirkung zeigen soll, welche in Meinem Reiche herrscht, wo
weder Materie noch Geist sich deren Einfluß entziehen kann, sondern alles
miteinander verbunden nur eines ausmacht, welches ihr Universum oder Weltall,
Ich aber nur den sicht- oder unsichtbaren Ausdruck Meines Willens und Meiner
Eigenschaften nenne – und ebendeswegen, weil es dieses auch ist und ebensolange
wie Ich Selbst dauern wird, das heißt: unendlich und ewig, wie sein Schöpfer
und euer Vater ist, war und sein wird! Amen.
30. Kapitel – Das Auge.
26. Januar 1876
[Sg.01_030,01] Schon seit dem Blick in den
Orion und später im Wort über „Das Licht“ habe Ich dir vieles gesagt über Meine
Schöpfung, über die ersten Faktoren derselben, welche sie entstehen machen, sie
verwandeln und zum immerwährenden Fortschreiten drängen; habe dir in den
letzten zwei Worten das Licht mit all seinen Eigenschaften, Wirkungen und
chemischen Prozessen erklärt, und es blieb Mir also nichts übrig, als euch noch
dieses kleine Werkzeug näher vor eure geistigen Sinne zu führen, mit welchem
ihr eben Meine Schöpfung ermessen und des Lichtes Wunder begreifen könnt – und
dieser große, in kleinem Raume eingeschlossene Apparat ist euer Auge, so wie es
bei jedem lebenden Wesen dasjenige Vermittlungsglied ist, welches alle mit der um
sie lebenden Natur und ihren Einwirkungen verbindet.
[Sg.01_030,02] Was ein lebendes Wesen ohne
Auge ist, und was ein Mensch ohne diesen Organismus wäre, darüber befragt nur
einen Blindgewordenen, welcher zwar die wohltätige Einwirkung der Wärmestrahlen
seiner Mittagssonne fühlt, aber den Anblick der ihn umgebenden Natur entbehren
muß, welche wie zum Beispiel im Frühling oder Sommer in ihrem Festgewande um
ihn her ausgebreitet ist.
[Sg.01_030,03] Niemand von euch Menschen weiß
den Wert eines Organs seines Körpers oder sonst ein Gnadengeschenk von Mir
gehörig zu schätzen, als erst dann, wenn er es verloren hat.
[Sg.01_030,04] Diesen Satz könnt ihr alle
Tage bewährt finden, wenn ihr seht, wie die Menschen besonders in
Krankheitsfällen nach Herstellung ihrer Gesundheit seufzen, welches
Gnadengeschenk sie jedoch vorher mit Füßen getreten haben, indem sie dann erst
wußten, was sie wert ist, wenn sie sie nicht mehr besaßen.
[Sg.01_030,05] Ebendaher wird auch der Sinn
des Sehens, des Hörens, der Sprache, erst dann in seiner ganzen Größe
begriffen, wenn er der Seele mangelt. Dann erst lernt der Mensch einsehen,
welch große Himmelsgabe es ist, nicht allein nur ein Glied der großen
Schöpfungskette zu sein, sondern auch alles sehen, hören und dann auch andern
mitteilen zu können.
[Sg.01_030,06] Wenn Ich euch jetzt in diesem
Wort das Auge beschreiben werde, so ist damit nicht gesagt, daß es das einzige
Werkzeug ist, mit welchem ihr euch mit Meiner Welt in Verbindung setzet,
sondern es ist nur einer jener Faktoren, welcher zum geistigen Fortschritt der
menschlichen Seele notwendig ist, denn mit dem Sehen allein ist es nicht
abgetan, wenn der Vorteil mangeln würde, das Gesehene auch andern mitzuteilen.
Und so ist der nächste verwandte Organismus des Auges die Gabe der Mitteilung –
die Sprache, welche ebenfalls das ewig belebende Element Meiner Schöpfung, da
wo es sich bis zum Tone steigert, entweder geistig fühlend wiedergibt oder zu
ahnen sucht und so mit dem Gehör als Vorausgesetztes in nächster Verbindung
ist; denn zuerst muß man hören, ehe man sprechen, ehe man das Gehörte, sei es
in Sprache, Gesang oder Musik, mitteilen kann.
[Sg.01_030,07] Hier habt ihr wieder eine
Dreifaltigkeit, nämlich: Sehen, Hören und Sprechen, welche zusammen ein Etwas,
das heißt – die Individualität der Geistesbildung ausmachen und durch welche
die Außenwelt mit der Innenwelt verbunden ist, indem die ersten beiden dem
Innern mitteilen, was außer ihm vorgeht, und die letztere, die Sprache
wiedergibt, wie das Aufgenommene im Innern verstanden und begriffen worden ist.
[Sg.01_030,08] Daß bei einzelnen Individuen,
wo die eine oder die andere Fakultät entweder verlorengegangen oder der Mangel
gar schon bei der Geburt mit auf die Welt gebracht wurde, wo ein Organ schwach
durch das andere ersetzt wird – dieses sind einzelne Fälle, welche nur
beweisen, daß die Seele alle drei Motoren haben muß, um sich auszubilden, und
nur durch Übung der andern das Verlorene zu ergänzen sucht.
[Sg.01_030,09] Kehren wir nun einstweilen
wieder zum Auge zurück, dessen Titel dieses Wort trägt, so sehet ihr klar, daß
alle Wunder Meiner Schöpfung umsonst dastünden, wären die Wesen nicht mit einem
Organismus (Sinneswerkzeug) ausgerüstet, welcher ihnen die Möglichkeit gibt,
sie wahrzunehmen oder zu sehen – denn was ist das Licht ohne das Auge? Ein
halbangefangenes Werk, wo der Anfang eben zu keinem Zwecke führt.
[Sg.01_030,10] Es muß also vorausgesetzt
werden, daß Ich als logischer Schöpfer, sobald Ich eine Welt erschaffen wollte,
sobald Ich auf sie Wesen setzen wollte, die Mich erkennen, die Mich lieben,
Mich begreifen sollten, und zwar, da Ich Selbst unsichtbar, nur ein Geist bin,
sie aus Meinen Schöpfungen den Schluß ziehen könnten, daß ein Wesen, welches
solche Welten ins Leben rufen konnte, neben Seiner Macht auch ein liebender Vater
sein muß, welcher alles eben diesen von Ihm ins Leben gerufenen Geschöpfen
zuliebe so und nicht anders eingerichtet hat, und Ich deshalb auch Meinen
Geschöpfen die geeigneten Organe geben mußte, mit welchen sie alles dieses
wahrnehmen, begreifen und fühlen können – oder mit wenigen Worten: Als Ich das
Licht erschuf, da mußte Ich auch das Auge erschaffen als einziges Aufnahmegefäß
des Lichtes, welches – da Gleiches nur Gleiches anziehen und verwerten kann –
ebenfalls aus jenen Elementen zusammengesetzt ist und sein muß, welche im
Lichte die vorherrschenden sind. Ferner mußte das Auge so gebaut sein, daß der
Lichtstrahl mit seiner großen Schnelligkeit, mit welcher er darin eindringt,
nicht allein demselben nicht schadet, sondern auch der Seele Zeit läßt, ihre
durch das Auge ihr gegebenen Bilder zu geistigen Vorstellungen des Gesehenen zu
ergänzen.
[Sg.01_030,11] Da nun aber die Seele mittels
des Gehirns durch einen Nerv mit dem Auge in Verbindung steht und im Gehirn die
geistigen Fakultäten der Seele mittels der Materie der Gehirnmasse erst einen
geistigen Prozeß durchmachen müssen, der langsamer als das Licht selbst ist, so
mußten im Auge Vorkehrungen getroffen werden, den schnellen Lichtstrahl zu
verlangsamen, wozu nun eben die verschiedenen Feuchtigkeiten, welche das Innere
des Auges ausmachen, als Vermittler und Zersetzer desselben dienen.
[Sg.01_030,12] Siehe, das Blut, welches mit
großer Kraft durch den Druck des Herzens in alle Teile des Körpers bis zu den
feinsten Kapillar-Gefäßen geleitet wird, dieses Blut darf, sobald es gegen das
Gehirn seinen Lauf fortsetzt, nicht mit solcher Hast eindringen, sondern muß
seinen Lauf verlangsamen, damit die Vermittlung zwischen Geist und Materie,
welche in allen seinen Teilen (des Gehirns) vorgeht, langsam geschehe; und
ebendeswegen findet ihr, daß die große Schlagader, sobald sie gegen den Kopf
sich wendet, dort nicht gerade, sondern in Windungen das Gehirn erreicht, um
den Andrang des Blutes dort zu schwächen und so der Seele Zeit zu lassen, aus
dem durch Materie Empfangenen Geistiges zu bilden.
[Sg.01_030,13] So wie es hier für das Gehirn
beschrieben ist, so ist es im Auge mit dessen Inhalt, so mit dem Knochenbau des
Organismus im Ohr, wodurch ebenfalls die Schwingungen der Schallwellen verkürzt
und modifiziert zu einem Etwas sich gestalten können.
[Sg.01_030,14] Es ist in Meinem Reiche so,
daß Ich nur wenige Faktoren brauche, um große Resultate zu erzielen. Und so
sehet ihr auch hier wieder, wie Ich vorgesorgt habe, hier durch die Biegung
einer Pulsader, daß ihr denken, dort durch einige wäßrige Feuchtigkeiten
bewerkstelligte, daß ihr sehen könnt, das heißt: daß ihr mit dem ersteren das
ganze Reich der Gedanken und mit dem zweiten das große Reich Meiner sichtbaren
Schöpfung umfassen könnt!
[Sg.01_030,15] Das Durchdringen der
Lichtstrahlen durch die Substanzen, welche in eurem Auge sich befinden und dem
Lichte verwandt sind, das heißt Magnetismus und Elektrizität, im Phosphor
enthalten, wäre nicht genug. Ich mußte auch dafür sorgen, daß der Lichtstrahl
nicht als unaufgelöster, als weißer darin eindringe, sondern Ich mußte diesen
Stoffen noch Elemente beifügen, welche ihn zerteilen helfen, und daß ihr so
bemerken könnt, wo der Lichtstrahl auf feste Gegenstände auffallend, ebenfalls
nach den nämlichen Gesetzen zerteilt, seine Farben kundgibt nach den
chemisch-physikalischen Prozessen, welche Ich euch in den vorhergehenden Worten
zur Genüge gezeigt habe.
[Sg.01_030,16] Auch dieses genügte noch
nicht, denn nachdem Ich euch lebenden Wesen Meine große Schöpfung durch ein so kleines
Organ begreiflich machen wollte, so war es ja natürlich, daß eine Vorrichtung
dazu gehörte, um im Kleinen das Bild des Großen wieder zu erzeugen.
[Sg.01_030,17] Es mußten also vorerst die
vielen Lichtstrahlen der Gegenstände im Großen „gesammelt“ werden, um im
kleinen Auge sich wieder „zerstreuend“, „divergierend“, ein verjüngtes Bild der
vor euch und außer euch sich befindenden Gegenstände wiederzugeben.
[Sg.01_030,18] Hierzu stellte Ich hinter die
Pupille eures Auges die Kristall-Linse, welche die Strahlen aufnimmt, sie
konzentriert und dann im Pigment der Netzhaut wieder auseinandergehen läßt, um
auf dem schwarzen spiegelgleichen samtenen Grunde das Bild des gesehenen
Gegenstandes wieder zu erzeugen.
[Sg.01_030,19] Eure Theorie, daß beim Sehen auf
der Nervenhaut sich das Bild verkehrt zeigt und dann durch das Zurückstrahlen
aus dem Auge sich wieder umkehre und sodann als gerade sichtbar ist, diese
Theorie beruht auf einem großen Irrtum; denn eure Optiker haben wohl mit einem
Glas, welches so wie die Kristall-Linse geschliffen ist, das heißt auf beiden
Seiten konvex (erhaben, nach außen gewölbt), dieses Resultat des Umkehrens des
Bildes gefunden; allein sie haben dabei vergessen, daß das Glas leblos und die
Brechung des Lichtstrahls darin ebendeswegen eine andere ist, weil im Auge
alles lebt, teils materiell, teils geistig, und die Seele dort mit dem
Sehprozeß ganz anders zu Werke geht, als es eben die Optiker glauben.
[Sg.01_030,20] Ich möchte diese Herren nur
auf etwas aufmerksam machen. Wenn ihre Theorie wahr ist und sie den ganzen
Sehprozeß nur auf die mathematischen Linien des Kreises beschränken wollen, wie
werden sie denn ein Bild konstruieren, welches in das Auge einer Ziege, eines
Pferdes, Ochsen usw. geht, wo die Pupille nicht rund, sondern ein längliches
Viereck ist? –
[Sg.01_030,21] Freilich liegt ihnen nichts
daran, wie und was die Tiere sehen, auch können sie es nicht erfahren, weil die
Tiere es ihnen nicht sagen können. Jedoch mögen sie versichert sein, daß die
Tiere ebenfalls trotz der viereckigen Pupille so gut wie die Menschen und
manche noch weit besser und schärfer sehen als sie.
[Sg.01_030,22] Sie mögen überzeugt sein, daß
überall, wo Ich einem lebenden Wesen ein Seh-Organ gegeben, es ihm so angepaßt
habe, wie es seine Bedürfnisse erheischen. Und so können eure Gelehrten
bemerken, wenngleich sie es nicht begreifen, wie selbst der Maulwurf in der
finsteren Erde doch noch sieht, also Licht da sein muß, wo sie, die Herren,
keines mehr wahrnehmen können; sehen, wie die Fledermaus noch in später Nacht
die kleinen Mücken in der Luft sieht, sehen, wie der Adler in erstaunlicher
Höhe sich wiegend – doch die am Boden schleichende Nahrung erspäht; wozu
natürlich ganz andere Augen gehören als wie diese, die Ich dem Menschen
gegeben, welche den direkten Sonnenstrahl nicht ertragen können, während zum
Beispiel eine Fliege und all das summende Geschlecht, deren Kopf nur aus zwei
kugelförmigen Augen besteht, stets den ganzen Halbkreis des Himmelsgewölbes
nebst dem starken Glanz der Sonne ruhig ertragen und sich desselben noch
erfreuen, ohne Schaden dabei zu erleiden.
[Sg.01_030,23] In den meisten Erfindungen und
Entdeckungen haben die Menschen stets vom Leblosen auf das Belebte geschlossen
und eben hier die größten Irrtümer mit ihren eigenen Wissenschaften verbreitet,
wodurch sodann viele Widersprüche zum Vorschein kommen, welche sie nicht
erklären können.
[Sg.01_030,24] So zum Beispiel ist das
Zerschneiden der Leichen ein Mittel, die gröbsten Fehler im menschlichen Körper
zu entdecken, warum dieser oder jene ins andere Leben hinübergehen mußte;
allein bildlich gesagt: Die Uhr ist stillgestanden und die lebende Kraft,
welche sie gehen machte, entwichen. Teilweise können es die Räder, die Feder
oder das Öl sein, welche den Gang der Uhr anfangs hinderten, endlich ganz
aufhoben; aber es gibt noch viele Einwirkungen, die der Triebkraft der Uhr die
Energie raubten, weswegen sie stehenbleiben mußte. Das ist beim Menschen das
seelische Lebens-Prinzip, welches am Ende auf die zwei großen Faktoren
hinausläuft, die in Meiner Schöpfung das Leben allein bewirken, nämlich
Magnetismus und Elektrizität.
[Sg.01_030,25] Solange diese im rechten Maße
im menschlichen Körper aus- und einströmen können, das Abgestorbene beseitigen
und Neues amalgamieren (einverleiben) helfen, so lange ist normale Gesundheit,
normales Fortbestehen möglich. Sobald aber dieses, und zwar meist durch die
Fehler der Menschen selbst, zerstört und aufgehoben wird, ist kein Fortleben
mehr möglich, und wenn der Mensch tot ist, so ist im zerschnittenen Leichnam
höchstens die Zerstörung als Wirkung wahrzunehmen, welche die Unregelmäßigkeit
der Ein- und Ausströmung dieser Hauptelemente hervorgebracht haben, aber der
eigentliche Lebensfaktor ist entflohen und mit ihm die Möglichkeit, den Grund
oder das Warum zu entziffern.
[Sg.01_030,26] So seht ihr überall, daß
„Leben“, wenn auch nur sichtbares, materielles Leben, ein ganz anderer Faktor
ist, als bloß durch chemische Analyse die Körper und Stoffe zu zersetzen. Denn
nehmet diese analysierten Bestandteile, mischet sie zusammen, und Ich will
sehen, ob sich da nur zum Beispiel die Bestandteile einer menschlichen Lunge
ergänzen lassen, oder ob ihr aus dem kleinsten Sandkörnchen, zersetzt in seine
primitiven Elemente, wieder ein ähnliches Sandkorn herauskonstruieren werdet
können. Etwas anderes wird das Resultat der Zersetzung sein; aber das Zersetzte
wird es nie!
[Sg.01_030,27] So, Meine Kinder, sehet ihr,
wie Ich auch im Auge Stoffe und Elemente, wie in dem Pigment oder der Netzhaut,
in der gläsernen oder wäßrigen Feuchtigkeit, in der Kristall-Linse, in der
Regenbogenhaut, in der Hornhaut, zusammengestellt habe, die alle von
Sonnen-Natur sind, also nur Lichtstoffe in sich tragen; aber im Auge,
vergeistigt, noch ganz anderen Prozessen unterliegen, indem dort noch ganz
andere Verwandlungen vorgehen, wovon ihr wohl Zeuge sein könnt, aber nicht
wisset, wie solches vor sich geht.
[Sg.01_030,28] Was beim materiellen Sehen der
Prozeß ist, wie die Seele das Gesehene aufnimmt, das ist eben auch im geistigen
Verhältnis, wo selbst die Seele, und oft ohne zu wollen, durch das Auge von dem
Zeichen gibt, was in ihr vorgeht. Und hier sehet ihr wieder einen anderen
großartigen Faktor auftreten, welcher euch von Seelen-Zuständen Kunde gibt,
welche im Innersten des geistigen Lebens vorgehen und im Auge sich abspiegeln,
ohne weder seine Stoffe, noch seine äußere sichtbare Form zu verändern.
[Sg.01_030,29] Und wenn Ich da wieder eure
Herren Doktoren, eure Optiker frage, was ist dieses für ein Fluidum, welches
das zornglühende, das listige, das schlaue oder das liebende Auge auszeichnet,
wo ein jedes anders ist und aus anderer Quelle entsteht und doch nur immer das
nämliche Auge ist?!! – –
[Sg.01_030,30] Sehet, Meine Herren, dieses
geistige Leben, welches bei solchen Gemütszuständen das Auge durchdringt, ist
eben wieder ein Imponderables (Unwägbares), welches nicht gefaßt, nicht
gemessen, wohl aber von den Menschen gefühlt werden kann, wenn ein solcher
Strahl geistigen Lichtes aus dem Auge des Gegners sein eigenes trifft, ohne ihm
erklären zu können, woher es kommt, was es bewirkt und wie es selbst trotz des
Menschen Willen oft doch nicht zu verbergen ist.
[Sg.01_030,31] Es ist eben derjenige Faktor
des Lichtes, welchen Ich im vorigen Worte „die geistige Potenz“ desselben
nannte!
[Sg.01_030,32] Diese Potenz nährt, belebt und
füllt die menschliche Seele ganz aus, treibt sie vorwärts; und wenn Verirrungen
oder Störungen in dieser Lebens-Potenz eintreten, so entströmt das
Überflüssige, welches dann in der Seele und durch sie im ganzen Körper vorherrschend
ist, was ihr sodann im Auge und auch, wenn ihr wollt – in der Sprache, am Ton
derselben wahrnehmen könnt. Dieser ausstrahlende Überfluß begegnet in dem ihm
gegenüberstehenden Auge einem negativen Element, stößt sich daran ab und wird
ebendeswegen bemerkbar, wo es dann öfter durch diese Abstoßung nach und nach
das gleiche hervorzurufen imstande ist.
[Sg.01_030,33] Hier ist es die geistige
Seelenwelt, welche die Materie durchdringt, durchleuchtet und sie beherrscht.
Und wenn bei edlen Bewegungen des Herzens, bei Begeisterung für Höheres, für
Geistigeres, der Drang noch wächst, so ereignet es sich sogar, daß selbst der
gewöhnliche Seh-Prozeß aufgehoben und ein anderer dafür eintritt, welcher dem
erstaunten Menschen sodann eine Geisterwelt zeigt, welche er vielleicht als
nicht daseiend geglaubt hatte.
[Sg.01_030,34] Dieses ist der geistige Blick
eines Menschen, welcher sich so an die Grenze zwischen Leben und Tod zu
versetzen weiß, wo schon das Geisterreich ihm näher als das irdische ist.
[Sg.01_030,35] Ein dritter Grund des Sehens
ist derjenige, welcher dem geistig Gebildeten oder „wiedergeborenen“ Menschen
das ganze große Verhältnis Meiner Schöpfung zeigt, wo die Verbindungen und das
Warum gelöst ist, das Also-und-nicht-anders, welches sogar mittels des
körperlichen Auges erspäht, nur mit dem geistigen Auge oder seinem feineren
Gefühl begriffen werden kann.
[Sg.01_030,36] Dieses geistige Auge ist
dasjenige, welches dann nach dem Tode im Geisterreich alles klar demjenigen
zeigen wird, welcher bestrebt war, Mich durch Meine Werke und Worte
kennenzulernen.
[Sg.01_030,37] Denn dort ist, wie vom ganzen
menschlichen Körper so auch von seinem Organismus und Auge, nur der geistige
Bestandteil mit ins Jenseits hinübergegangen, welcher, würde er schon im irdischen
Leben kultiviert, auch da schon von manchem Nutzen gewesen wäre, was aber
leider nicht so leicht zu erreichen ist, da den meisten Menschen eine mehr als
dreifache Decke wie einst dem Moses vor den Augen hängt.
[Sg.01_030,38] Würden die Menschen geistig
sehen, so würden sie eine andere Welt als die körperliche vor sich erblicken,
sie würden überall den Grund, die Ursache, aber nicht die Wirkung nur
erblicken, das menschliche Auge würde die Zerteilung des Lichtes so gut wie die
Ausströmung des geistigen Lichtes aus dem Auge wahrnehmen können.
[Sg.01_030,39] Der Mensch würde, stets mehr
Meine Schöpfung begreifend, sich selbst veredeln, sich schon hier auf eine
Stufe erhöhen, welche ihm den Fortschritt dort oben leichter machen würde;
würde sein eigener Lehrmeister, sein eigener Doktor sein; nichts würde ihm
Zweifel erregen, überall würde er klar sehen, wie Ich alles und warum Ich es so
geordnet habe. –
[Sg.01_030,40] Sein Blick würde nicht so
nichtssagend über Tausende von Gegenständen hinwegschweifen, ohne sich das
mindeste dabei zu denken.
[Sg.01_030,41] Intelligent, geistig, würde
sein Blick überall auch nur Intelligenz, Ursache und Wirkung erkennen; würde in
den Werken den Meister erkennen und auch nebenbei so manches große Rätsel
begreifen, vor welchem er jetzt oft staunend stehenbleibt, weil er seinen
menschlichen Eigendünkel nicht abstreifen will und sogar die Welt nach seinen
Plänen einrichten möchte – während die Welt unabänderlich größeren geistigen
Gesetzen folgt, die höher stehen als das winzige Kind von einem Erdenmenschen
auf diesem mikroskopischen Sandkorn, Erde genannt.
[Sg.01_030,42] Das materielle Verständnis des
Licht-Prozesses, das klare Begreifen des Prozesses, welcher beim Sehen vorgeht,
das sichere Beurteilen alles Sichtbaren und das gläubige Vertrauen von der
Existenz des Unsichtbaren und Geistigen erwächst nur dann aus all diesem
Gesagten, wenn der Mensch durch sein materielles Organ, das Auge, durch den
materiellen Vorgang in seinem Gehirn fähig geworden ist, seiner Seele nebst den
materiellen Bildern, nebst den Melodien und Harmonien das Geistige verständlich
machen kann, was hinter der Materie verborgen ihr Träger, ihr Erhalter und ihr
Zerstörer ist.
[Sg.01_030,43] Das Resultat des Außenlebens,
so wie es durch Auge und Ohr in die Seele dringt – ist nur ein geistiges,
welches höher hinaufführt, welches die Seele des Menschen erhebt, veredelt,
durchgeistigt, damit, wenn einst die letzte irdische Lebensstunde schlägt, der
Sprung kein großer, sondern nur als ein sanfter Übergang die Seele dorthin
geleiten kann, wo schon zu Lebzeiten sie mehr als Dreivierteile gelebt und
gewirkt hat.
[Sg.01_030,44] Dieses zu erreichen, sende Ich
euch Worte über Worte; dahin geht Mein Streben, euch begreiflich zu machen,
wieviel Geistiges in allem Geschaffenen verborgen liegt, damit ihr nicht allein
auf dieser Welt Zeugen abgeben sollt, was eine Gott ergebene Seele vermag,
sondern damit ihr, wie Ich es klar sagte, schon hier Meine Kinder sein sollt
und nicht in der andern Welt es erst zu werden braucht.
[Sg.01_030,45] Ich erklärte euch das Auge im
Verhältnis zum Licht, Ich könnte euch ebensoviel vom Ohr als Aufnahmeorgan des
Schalls und der Töne in bezug auf ihre Wirkung auf die Seele sagen.
[Sg.01_030,46] Ich erklärte euch, wie diese
beiden Organe die Verbindungskanäle sind, mit welchen die Seele die Eindrücke
von außen erhält, und die Sprache, der Mund mit seinen Sprech- und
Respirationsorganen (Atmungsorganen) das Werkzeug ist, wodurch das verdaute
Materielle geistig wiedergegeben werden kann.
[Sg.01_030,47] Ich beschrieb euch diese
Organe als Dreifaltigkeit, Ich sagte euch nebenbei, daß selbst das Sehen
dreifach ist, nämlich das gewöhnliche Sehen, das vergeistigte Sehen und das
geistig höhere Sehen oder Schauen.
[Sg.01_030,48] Überall ist „Drei“ die Grundzahl,
die Zahl Meines Ichs, die Zahl auch des eurigen, denn auch ihr besteht aus
Körper, Seele und Geist.
[Sg.01_030,49] Körperlich sehet ihr,
menschlich-seelisch fühlt ihr und geistig durch Meinen Lebensfunken wird alles
vergeistigt, veredelt – verschönert geschaut.
[Sg.01_030,50] So begreifet doch einmal nach
so vielen Worten, daß es eine ganz andere Welt ist, welche euch umgibt, als wie
sie dem materiellen Auge und dem menschlichen Verstande erscheint.
[Sg.01_030,51] Lasset euer Verständnis, euer
geistiges Auge leuchten, durchdringt die Materie bis zu ihrem Seelischen und
verwandelt dann alles zum geistigen künftigen Seelenmenschen, der nach Meinem
körperlichen und geistigen Ebenbilde geschaffen wurde – wo seine Außenform eine
göttliche Schönheit und ein großer geistiger Strahl des reinsten Bewußtseins
aus seinem Blick ausstrahlen wird, in welches Auge hier schon vergeistigter
Lichtstrahl fällt, aber im Jenseits die geistige Sonne Meiner Weisheit und
Liebe alles ergänzen wird, was euch hier wohl als Ahnung, nicht aber als
Wirklichkeit gegeben werden kann.
[Sg.01_030,52] So nehmt dieses Wort „Das
Auge“. Machet eure Augen weit auf, damit dieser geistige Lichtstrahl Meines
Wortes bis zu eurem geistigen Verständnis dringe und euch auch in diesen Zeilen
wieder beweise, daß nur richtiges Verstehen des Sichtbaren zur wahren Würdigung
des Unsichtbaren und Geistigen führen kann! Amen.
31. Kapitel – Der gestirnte Himmel.
16. Januar 1877
[Sg.01_031,01] Wenn Ich euch über diesen
Gegenstand wieder ein Wort gebe, so hat es eigentlich keinen anderen Zweck, als
teilweise so manches früher Gesagte zu ergänzen, wie auch als Wink, nicht in
wissenschaftlichen Forschungen und gelehrten Abhandlungen Mich und Meine Worte
erkennen zu wollen, sondern in dem Allernächstliegenden, dem nächtlichen
Sternenhimmel, welchen ihr bei heiterer Luft jede Nacht über euch sich
ausbreiten sehet, Gott den Schöpfer und Herrn zu finden, der stets zu euch
gesprochen hat und täglich noch immer Seine Stimme nicht verstummen läßt. –
[Sg.01_031,02] Sehet, wenn ihr
wissenschaftliche Bücher studieren wollt und in ihnen die Naturgesetze, die
Kombinationen der Urstoffe, die chemischen Verwandtschaften, den
Kristallisationsprozeß der Mineralien, das Gesetz der Zellenbildung bei den
Pflanzen, den Bau der Tierwelt und des Menschen, soweit es euch Menschen
möglich ist, erklärt findet, so ist dieses Studium nur ein Studium einzelner
oder des einzelnen, der, wenn er will – hinter den Gesetzen auch den
Gesetzgeberfinden kann. Denn wer Mich wirklich sucht, der findet Mich auch
überall; denn es genügt, daß er Mich finden will! –
[Sg.01_031,03] Diese einzelnen Studien,
selbst auch das Studium der Astronomie, erfordern, wo es nicht Berufsgeschäft
ist, viel Zeit, viel Geduld und Ausharrung, um nicht inmitten derselben wieder
alles fallenzulassen.
[Sg.01_031,04] Vieles habe Ich euch Selbst
aus allen Zweigen der Naturwissenschaft erklärt, erläutert und das Fehlende
ergänzt, euch gezeigt, wenn man sie studieren will, wie man sie auffassen
solle, damit sie geistiges Resultat ergeben und nicht bloß die materiellen
Vermischungen und Verwandlungen euch lehren, wo selbst so mancher Naturforscher
die Materie höherstellt als das Geistige und den Begriff „Gott“ ganz beiseite
setzt.
[Sg.01_031,05] Ich habe euch in religiösen
Glaubenssachen, in dem Alten und Neuen Testament manche Stellen erklärt, wie
sie aufgefaßt werden sollten, habe euch dadurch klar bewiesen, daß zwischen
Lesen und Verstehen des Gelesenen ein großer Unterschied ist, daß der
beschränkte Geist pedantisch an dem Wort(-Buchstaben) hängt und nur eine
aufgeklärte Seele verstehen kann, was, vor mehr als tausend Jahren geschrieben,
stets als Wahrheit sich gleich bleiben wird.
[Sg.01_031,06] Von allen Seiten und in all
den Büchern mangelt es nicht an Worten an euch, um euren Geist zu erheben, um
ihn zu erziehen, Höheres zu suchen und auch zu fassen, aber umsonst. Dem einen
ist es zu mühevoll, über etwas nur ein paar Minuten nachzudenken, der andere
wehrt sich mit aller Kraft und will nur beim Angelernten bleiben oder höchstens
annehmen, was ihm konveniert (behagt). Wird ihm ein etwas größeres Gesichtsfeld
gezeigt, so verschließt er Augen und Ohren, kommen Zahlengrößen in der
Astronomie vor seine Augen, so wendet er seinen Kopf ab, will nichts wissen,
höchstens von der Liebe ein paar Worte hören, die ihn momentan rühren, aber von
ihm vielleicht doch nicht ausgeübt werden und daher so ganz gemütlich nur auf
dem Papier stehenbleiben.
[Sg.01_031,07] So hat ein jeder und eine jede
ihre Ansichten, läßt davon nicht ab, hängt am Materiellen, treibt das Geistige
nur nebenbei, mehr zum Zeitvertreib als zum ernsten Studium, um sich auf die
Reise ins Jenseits vorzubereiten, die doch nicht unterbleiben wird.
[Sg.01_031,08] Nun, um auf unser Titelwort
zurückzukommen, so sage Ich euch, daß Ich es gewählt habe, weil eben der
nächtliche Himmel alle Tage sichtbar ist, und wenn jemand alles Gesagte,
Geschriebene und Vollzogene in Zweifel zieht, er doch beim Anblick dieses
gestirnten Himmels nicht umhin kann, an sich selbst die Frage zu stellen:
[Sg.01_031,09] „Was sind denn diese
leuchtenden Punkte am schwarzen Horizont der Nacht?“ Die Antwort darauf wurde
den Fragenden schon in frühester Jugend in der Schule gegeben, welche also
lautete: „Es sind Sterne, das heißt leuchtende Körper wie unsere Sonne!“ –
[Sg.01_031,10] Nun, wenn dieses angenommen
ist, so wird eine zweite Frage auftauchen, welche heißen wird: „Sind diese
Sterne oder Sonnen dort oben an etwas befestigt, denn sonst würden sie ja
herunterfallen?“
[Sg.01_031,11] Auch dafür hat die populäre
Astronomie für die Jugend gesorgt und hat erklärt: „Es sind Welten, sphärische
Kugeln, welche sich bewegen.“ – –
[Sg.01_031,12] Weiter wird eine andere Frage
auftauchen, welche heißt: „Sind diese Sterne oder Welten weit von uns
entfernt?“ Und auch hier hat die Astronomie, soviel es möglich,
annäherungsweise Zahlen aufgestellt, die zwar dem menschlichen Geiste nicht
mehr faßlich, doch beiläufig einen Wert für die Entfernung ergeben.
[Sg.01_031,13] Nun, an diese Fragen knüpfen
sich noch ein paar andere an, nämlich die erste würde heißen: „Da uns Bewohnern
dieser Erde die Sterne zu nichts nütze sind, zu was sind sie denn eigentlich
da?“ und die zweite Frage würde heißen: „Da also diese großen Welten nicht
befestigt sind, wer hält sie denn so freischwebend im Raum?“
[Sg.01_031,14] Auf die erste dieser Fragen
haben so manche Gelehrte und Astronomen geantwortet, haben auch bewiesen, daß
diese Welten systematisch gruppiert einander umkreisen, haben auch gesagt, daß
ähnlich wie unser kleiner Erdball eingerichtet ist, ebenso diese Welten mit
allem ausgestattet sein werden, was den dort lebenden Wesen ihr Dasein angenehm
machen kann.
[Sg.01_031,15] In weiteren Details konnten
sie euch keine Auskunft geben, weil sie es selbst nicht wissen. Und da taten
sie sehr wohl daran; denn dem Menschen ist es unmöglich, über seine eigene
Existenz hinaus etwas anderes zu erfinden, was nicht in seiner eigenen Natur
vorhanden ist.
[Sg.01_031,16] Die letzte Frage nun: „Wer hat
diese Welten so gestellt, daß sie nicht herunterfallen, daß sie in elliptischen
Kreisen sich umeinander bewegen?“ –
[Sg.01_031,17] Diese Frage zu beantworten
soll nun Meine Sache sein, um euch verfinsterte Geister, die ihr nur euren
Gelüsten und Leidenschaften Gehör gebet, in wenigen Worten zu sagen, daß es ein
Gott ist, welcher diese funkelnden Sterne oder unermeßlichen Welten geschaffen
hat als Schule für Millionen und Millionen Geister, die alle den Weg zur
Vervollkommnung durchmachen müssen, um das zu werden, was Ich euch
Menschenkindern freiwillig eingeräumt habe. –
[Sg.01_031,18] Dort oben in jenen
unermeßlichen Räumen schwimmen diese Welten wie Öltropfen auf einer
Wasserfläche, gehalten von Meiner Allmacht, umher. Keine stört die andere, alle
vollführen ihre Bahnen in regelmäßiger Umlaufzeit, überall herrscht Ordnung,
weil überall nur ein Gesetz obwaltet, das Gesetz der Anziehungskraft.
[Sg.01_031,19] Eine jede solche Sonnenwelt
hat ihre sie umkreisenden Planeten und Kometen, welche jedoch wegen ihren
geringen Dimensionen und zu großer Entfernung der Sterne selbst von hier aus
nicht sichtbar sind.
[Sg.01_031,20] Unzählige Millionen von Jahren
brauchte es zur Entwicklung eines solchen Welten-Systems und ebenso viele
wieder zu seiner gänzlichen Auflösung, so daß es von der Erde aus gar nicht
bemerkt wird – ob es erst entstanden oder längst vergangen ist.
[Sg.01_031,21] Sehet, alle diese unendlichen
Schöpfungen, die wie funkelnde Sternchen jede Nacht über euren Häuptern
glänzen, diese großen Welten (wäre nur eine kleine Intelligenz für Höheres in
eurer menschlichen Seele) sollten für euch Menschen nicht unbeachtet bleiben;
denn sie allein ohne alles Vorstudium sind fähig, den Menschen erstens zu oben
angeführten Fragen zu führen und zweitens ihm eine ernstere Stimmung zu
verleihen, welche mit der Frage enden sollte: „Was bin ich denn eigentlich, ich
gebrechliches Werkzeug, mit dem Fuße auf einer Erde haftend, die ich nicht
kenne, und meinen Blick sehnsüchtig in die Höhe richtend, und: – Was seid ihr
Sterne, ihr stummen Zeugen so vieler tausend Generationen, wo so mancher
dieselben Fragen auf den Lippen hatte und ebensowenig eine entscheidende
Antwort erhielt wie ich?“ – – –
[Sg.01_031,22] Solche Gedanken sollten
freilich einen jeden Menschen beseelen, wenn er den nächtlichen Himmel in seinem
geheimnisvollen Dunkel vor sich erblickt, und doch wie wenige Menschen würdigen
den Sternenhimmel eines Blickes, und wie noch viel wenigere denken sich etwas
dabei! während doch in der ganzen Natur es nichts gibt, das so tiefen Eindruck
auf ein Herz machen kann als eben dieser gestirnte Himmel in nächtlicher
Stille, wo alles Weltgetümmel ein Ende hat und selbst die grünblühende Natur
sich bloß in schwarzen Umrissen zeigt und so dem Menschen Zeit und Gelegenheit
gibt, gewissen Ahnungen freien Spielraum zu lassen, welche in solchen Momenten
die Seele beschleichen, die so manche Frage gelöst haben möchte.
[Sg.01_031,23] Leider ist es im allgemeinen
das Gegenteil. Die meisten Menschen, wenn sie abends oder spät in der Nacht von
weltlichen Vergnügungen, trivialen Unterhaltungen heimkehren, schleichen so
dahin, den Kopf zur Erde geneigt, schwelgend noch in dem kürzlich Erlebten –
das große Universum über ihren Häuptern kaum eines Blickes würdigend – – sie
sind wie die Tiere, die ihr Haupt nicht nach oben richten können, sondern ihre
Blicke der Erde zuwenden, welche nach kurzer Zeit ihr letzter Wohnort sein
wird.
[Sg.01_031,24] Wer würde es wagen, solchen
Tiermenschen von etwas anderem zu sprechen als von dem eben Erlebten, wer würde
es wagen, ihnen zu sagen:
[Sg.01_031,25] „Erhebet doch ein wenig euren
Blick über euch! Da oben steht eine geheimnisvolle Welt, die bald euer längerer
Aufenthalt sein wird, wo andere Verhältnisse, andere Umstände euch und euren
Lebenswandel bestimmen werden; dort oben wird der Eigendünkel von so manchem in
nichts zusammensinken. Alle Würden, Schätze, Reichtümer, alles müßt ihr hier
zurücklassen – arm tratet ihr in die Welt ein und arm kommt ihr in jener Welt
an, welche ihr hier nicht einmal eines Blickes wertgehalten habt.“
[Sg.01_031,26] Tier-Menschen wie ihr seid,
Ich weiß wohl, warum ihr den Anblick des Sternenhimmels scheut – weil er euer
Gewissen aufregt, weil gewisse Gefühle in euch wach werden könnten, die ihr
gern unterdrücken möchtet. Ihr vermeidet alle ernsten Fragen, vermeidet selbst
die Antworten darauf, weil sie nicht mit euren weltlichen Ideen
zusammenstimmen.
[Sg.01_031,27] Das Reich der Toten und ewig
Lebenden steht in einer sternhellen Nacht vor euch – ihr fürchtet euch vor dem
ersteren und glaubet nicht an das zweite. Daher hinweg von diesem schwarzen,
geheimnisvollen Schleier der Zukunft flüchtet ihr euch in einen mit Kerzen und
Lampen erleuchteten Salon, schaut dort wie einer den andern betrügt, indem er
ihm eine bessere Meinung aufdrängen möchte, als er selbst von sich hat;
schwelget dort an Tafeln voll gekünstelter Speisen (und Getränke), die euch
noch eher dahin verhelfen, wohin ihr eben so spät wie möglich kommen möchtet.
Durchschwärmet die Nächte im Rausche sinnlicher Genüsse, bis die Sonne das
finstere Gespenst der Nacht verscheucht hat, taumelt dann nach Hause, um im
Morgenschlaf das zu ersetzen, was ihr bis dorthin vergeudet habt, und ihr
werdet in Bälde erfahren, was es euch genützt hat, das Unabweisbare ganz zu
ignorieren und niemand mehr als euch selbst zu betrügen! – – –
[Sg.01_031,28] Der gestirnte Himmel ist ein
so einfaches Bild der großen Schöpfung, daß es nicht besser gegeben werden
kann; denn ihr seht an dem beschränkten Horizont, welcher in Halbkugelform sich
über eurem Haupte wölbt, in kleinen Sternbildern, Nebeln und Kometen ein Reich
vor euch, welches unendlich ist.
[Sg.01_031,29] Diese großen Welten, wofür
eure Phantasie keine Zahl mehr hat, erscheinen euch als kleine Sternchen,
flimmernd und glänzend im reinsten Licht.
[Sg.01_031,30] Ihr sehet sie ihre Stellung
wechseln, sie gehen auf und gehen unter, das heißt, eure Erde in ihrer Achsen-
und Sonnenbewegung führt euch im Fluge an diesen Welten vorbei.
[Sg.01_031,31] Gewißheit habt ihr keine von
ihnen über das „was sind sie?“ – „wie groß sind sie?“ – „wie sind sie
eingerichtet?“ usw., lauter Fragen, die wissenschaftlich unbeantwortet bleiben
werden; wo euer Verstand sagt, ich weiß keinen Bescheid darüber zu geben, und
euch auf euer Herz hinweist, wo ahnungsvolle Gefühle ersetzen müssen, was
astronomisches Kalkül nicht mehr beantworten kann.
[Sg.01_031,32] So lasset also euer Herz
fühlen, was der Sternenhimmel euch unwillkürlich aufdrängt. Vertiefet euch in
diese Schöpfungsgedanken, welche den Urheber dieses sichtbaren Universums
bestimmt haben mögen, so viele, so große und so herrliche Welten zu schaffen!
[Sg.01_031,33] Lasset den Gedanken Raum
gewinnen, der euch oft überkommt, wenn Mißhelligkeiten und Unglücke euch
verfolgen, wenn die Welt mit allen ihren materiellen Freuden sich für euch
verschlossen hat, daß doch vielleicht woanders ein besseres Sein, ein ruhiger
Wohnort nach den Tagesmühen des Erdenlebens sein könnte, wo nichts beständig
und selbst das vermeinte Glück von kurzer Dauer war.
[Sg.01_031,34] Sehet, der Verstand hat keinen
Trost für euch, aber das Herz, welchem Ich die Gabe verliehen habe – wenn es
will, sich weit über das Weltliche, über die Materie emporzuschwingen; laßt es
sprechen in trostvollen Worten! denn – – – „Herz“ und „Liebe“ sind
gleichbedeutend. Lasset euch sagen, daß alles, was die beiden Testamente in
religiösen Sachen euch lehrten, Meine Lehre, Meine Gegenwart auf Erden, Mein
Tod, Meine Auferstehung, daß alles dieses kein leerer Wahn war, lasset euch
sagen, daß schon in jener Zeit Ich sprach: „In Meines Vaters Hause sind viele
Wohnungen“ – daß Ich schon in jener Zeit auf eine ewige Dauer alles
Geschaffenen hinwies. Lasset dieses alles vor eurer Seele vorüberziehen und der
nächtlich gestirnte Himmel wird euch anders erscheinen – er wird eine
verständliche Sprache führen. Nicht bloß leuchtende Sternchen von verschiedenen
Größen, selbst nicht materiell ausgeschmückte große Sonnenkörper, sondern
Wohnorte für Millionen und Millionen Geschöpfe werdet ihr dort erblicken,
welche alle nach geregelten Gesetzen ihre Laufbahn beschreiben, stufenweise
sich nach und nach entwickeln, freilich nicht nach eurer winzigen
Jahresrechnung, sondern wozu nach dem Maßstabe des ganzen Weltgebäudes auch die
Entwicklungs-Perioden in anderen Zahlenwerten ausgedrückt werden müssen.
[Sg.01_031,35] Ihr werdet dort einen großen
Schöpfungs-Gedanken ausgeführt sehen, der erstens die Liebe zur Grundbasis und
zweitens eine gewisse geistige Vervollkommnung als höchstes Ziel sich gesteckt
hat; denn so wie es eure Ahnung sagen wird, daß unter diesen Millionen von Welten
eine Rangordnung, ein Höheres oder Niederes sein muß, ebenso müssen auch die
auf ihnen lebenden Wesen geistig mehr oder weniger vervollkommnet sein, wo
sodann das Weitere während ihres Lebens ihnen selbst überlassen wird.
[Sg.01_031,36] Wo eine Regel, ein Gesetz und
der Übergang von einer Stufe zur andern nur sanft geschieht, da kann ja der
Schöpfer dieses unermeßlichen Reiches nicht anders als wie ein Vater zu Seinen
Kindern betrachtet werden. Wo aber dieses Verhältnis aus allen Schöpfungen
herausleuchtet, da ist es ganz natürlich, daß wenn die Sonne untersinkt und der
nächtlich gestirnte Himmel sich euren Blicken zeigt, ihr keine andere Sprache,
kein anderes Gefühl in eurem Herzen verspüren solltet als die Sprache der
Liebe, des sanften Gefühls, der Vaterliebe, wodurch Er euch allen sagt: „Sehet
um euch! dieses alles schuf Ich für euch, schuf Ich für Meine Kinder, die Mir
die Liebe wiedergeben sollen, welche Ich in alles Geschaffene ausgegossen
habe!“ – –
[Sg.01_031,37] Wenn diese Sprache in euren
Herzen Platz findet, dann ist der gestirnte Himmel ein Jubelgesang geistiger
Harmonien und jeder Lichtstrahl aus einer entfernten Sonne ein Geisterkuß aus
einer weit von euch entfernten, aber doch noch verwandten Welt. Dann werdet ihr
die nächtliche Stille, das bunte Flimmern von Millionen von Welten anders
beurteilen, wenn euch der geistige Schöpfungshauch sanft anweht, der alles
umfaßt, alles zur Vervollkommnung treibt, um alle geprüften Geister endlich in
einem Orte zu vereinigen, wo Tag und Nacht, Geburt und Tod aufgehört hat, alles
Materielle verschwunden ist, geistiges Licht, geistige Freuden, und zwar ewige
Genüsse, alles ersetzen werden, was die Geister, in Körper eingekleidet oder
nicht, durchmachen mußten.
[Sg.01_031,38] Deswegen rate Ich euch, so ihr
nicht studieren, Mich nicht in Meinen Werken im Kleinen suchen wolltet –
verschmähet wenigstens den Eindruck nicht, welchen der nächtlich mit Sternen
geschmückte Himmel auf euch macht. Glaubet nicht, mit ein paar Worten von Mir
gelesen seiet ihr schon bei Mir – o nein! da ist noch ein weiter Weg; denn mit
Worten will Ich euch weder zu Tränen rühren, noch genügen Mir eure
Versprechungen!
[Sg.01_031,39] Taten will Ich haben! will in
eurem Gebaren sehen, daß Meine Worte ins Blut gedrungen sind, daß Sanftmut, Toleranz
(das heißt Duldung) besonders gegen Niederstehende, gegen die Dienerschaft, die
Brutalität verscheucht haben – will sehen, daß ihr ein Herz nicht nur für euch,
sondern auch für andere habt! – – –
[Sg.01_031,40] Solange diese sanfte Stimmung
in eurem Herzen nicht Platz gewonnen hat, nützt euch alles Lesen, alles
Schwärmen für Meine Worte nichts. Und ebendeswegen gab Ich euch dieses Wort,
damit ihr vielleicht am Abend oder in der Nacht manchmal dort hinaufblicket, wo
euch eine ewige Welt erwartet, die ihr aber nicht mit Sang und Klang betreten
werdet, wenn ihr nicht die ganze Harmonie im Herzen mitbringt. Denn merket es
euch, dort wird nach anderem Maßstabe gemessen, als ihr eure Worte und Taten
gerne abwägen möchtet; dort fragt man nach eurem geistigen Wert und nicht: wie
viele Diktate ihr gelesen oder abgeschrieben habt. Es wäre zu wünschen, daß ihr
doch wenigstens eines ganz verstanden hättet, um geistig fortzuschreiten; aber
leider kann Ich euch selbst dieses Zeugnis nicht geben! – –
[Sg.01_031,41] Daher gehet hinaus ins
nächtliche Dunkel! Schauet das große Universum an, lernet es mit geistigen
Augen betrachten, stellt eure Winzigkeit mit ihm in Vergleich, und sinket dann
zusammen vor der Macht eines Schöpfers, der neben dieser Unermeßlichkeit doch nur
Liebe spendet und nur Liebe wiederempfangen will!
[Sg.01_031,42] Wenn aber das Resultat einer
solchen Betrachtung bei euch euren Eigendünkel, euren Stolz, eure Kommandierwut
nicht besänftigen kann; wenn ihr es nicht übers Herz bringen könnt, alle Menschen
als eure Brüder und Schwestern mit gleicher Liebe zu behandeln, dann lasset das
Lesen Meiner Worte; denn dann ist eine Kruste schmutzigen Eigendünkels und
materieller Interessen über euer Herz gezogen, welche es unmöglich macht, daß
bessere Gefühle, menschlichere Ansichten darin auftauchen können.
[Sg.01_031,43] Dann hilft kein Sternenhimmel
als leuchtendes Evangelium, ebensowenig wie das geschriebene, und es muß
anderen Umständen und Verhältnissen überlassen bleiben, euch dorthin zu
bringen, wohin am Ende doch alle kommen müssen. –
[Sg.01_031,44] Also, jetzt wisset ihr, was
ihr zu tun habt – – die Wege zu Mir habe ich euch gezeigt. Mangelt euch die
Kraft, sie zu gehen, so gehet die eurigen, der Erfolg wird euch dann schon
zeigen, wo eigentlich der rechte gewesen wäre! Amen.
32. Kapitel – Die Schraube.
19. Dezember 1874
[Sg.01_032,01] Hier, Meine Kinder, will Ich
euch wieder ein großes Gesetz Meiner Schöpfung aufdecken, woraus ihr erkennen
sollt, wie es möglich ist, durch eine einzige Linie, wie die euch bekannte
„Schraubenlinie“, ein Universum in Gang zu bringen, es von selbst zur
Vervollkommnung zu drängen und so mit dem ersten Impuls eines Schöpfungsaktes
sogleich seine ewige Bestandsdauer zu begründen.
[Sg.01_032,02] Sehet, alles was euch sicht-
und unsichtbar umgibt, hat, sei es in Form, Gehalt oder Dauer, seinen
besonderen Zweck, zum Bestande des Ganzen beizutragen!
[Sg.01_032,03] Ein jedes Ding bis auf die
letzten Atome folgt dem großen Schöpfungs-Gesetz, welches Ich in alles gelegt
habe: der Entstehung, Vervollkommnung und Verwandlung, und nur so war es
möglich, einmal das „Werde!“ auszusprechen, da das fernere Werden sich dadurch
von selbst bedingt.
[Sg.01_032,04] Nun, unter diesen großen Schöpfungsgesetzen
sind gerade eben die Anfangs-Prinzipien die wichtigsten, welche als Grund und
Basis allem Erschaffenen dienen. Und von diesen Prinzipien, wovon Ich euch
schon so manches erklärt und entwickelt habe, ist eben auch die Schraubenlinie,
die ihr Meiner Natur abgelauscht und sie in euer praktisches Leben aufgenommen
habt, eine der wichtigsten, weil eben gerade sie oder die Anwendung ihrer Form
ein Hauptfaktor alles Bestehenden ist!
[Sg.01_032,05] Die Schraube kennt ihr alle,
ihre Anwendung seht ihr tausendfach in vielen Dingen. Eure Mathematiker haben
ihre Gesetze berechnet, ihre verschiedenen Formen einzeln euch dargelegt, die
Mechaniker haben die bewegende Kraft in spiralartiger Form angewandt zu Wasser
und zu Lande. In der Natur findet ihr sie überall, selbst in eurem Körper kennt
ihr die peristaltische Kraft eurer Eingeweide. Eure eigene Erde erhält
Bewegung, Nahrung und Wärme durch die in Windungen vom Nordpol her in sie
einströmende und am Südpol austretende Kraft.
[Sg.01_032,06] Überall im Kleinen und im
Großen würdet ihr sie bemerken, hättet ihr noch schärfere oder geistigere
Augen, – und doch fehlt bei all diesem noch der eigentliche Grund, um die große
Wichtigkeit der Schraube und Spiral-Linie zu erspähen, inwiefern sie im
Universum begründet, eine solch große Wichtigkeit erlangt hat und haben muß, da
ohne sie nichts bestehen, nichts fortschreiten könnte!
[Sg.01_032,07] Nun, um euch wieder einen
Beweis zu geben, wie sehr es Mir daran liegt, von euch durch Meine Worte
verstanden zu werden, so will Ich euch hier wieder beweisen, daß in dem
Unbedeutendsten oft bei weitem größere, tiefere Weisheit liegt, als wenn ihr
Meinen ganzen Sternenhimmel anstaunend, dort Meine Größe bewundernd, in den
Staub vor Mir niedersinken wolltet.
[Sg.01_032,08] Noch haben wenige von euch
begriffen, daß im unendlichen Raum, in der unendlichen Schöpfung es nur
leichte, zarte Anfänge sind von ganz unbedeutend scheinenden Dingen, deren
Tragweite freilich nur ein Gott, aber nicht ein endliches Wesen ermessen kann!
[Sg.01_032,09] Sehet sie an, die Schraube,
ihre spiralförmigen Windungen, und versucht, aus ihr neben ihren mathematischen
Gesetzen und ihrer Konstruktion noch etwas Tieferes, Geistigeres zu entdecken –
und wir wollen sehen, ob euer Geist von der materiellen Anschauung der
gekrümmten Linie sich hinaufschwingen kann ins höhere Reich des Geistigen,
welches eben im Kleinsten oft das Größte verbirgt!
[Sg.01_032,10] Ich weiß es im voraus, euer
Suchen ist vergebens, und deswegen will Ich mit einem kurzen Bericht des Lichtes
in Überfülle über euren Geist ausschütten, damit ihr wieder erkennen sollt, wie
ein liebender Vater stets bemüht ist, euch zu dem heranzuziehen, zu dem Er euch
erschaffen hat, das heißt zu Seinen Ihm ebenbürtigen Kindern.
[Sg.01_032,11] Um also mit euch verständlich
und begreiflich zu reden, so muß Ich euch erst auf die Form einer Spiral-Linie
aufmerksam machen, sodann auf ihren Zweck und zuletzt auf ihre geistige
Entsprechung übergehen; denn nur so ist es möglich, vom Materiellen euch ins
Geistige einzuführen. So höret denn!
[Sg.01_032,12] Wenn ihr eine Schraube oder
jede Spiral-Linie aufmerksam betrachtet, so werdet ihr leicht erkennen, daß so
wie sie bei euch im Gebrauch verschieden angewendet wird, sie den Zweck hat,
entweder einen Gegenstand an den andern stärker zu befestigen oder, wie bei
euren Schiffen und mechanischen Apparaten, eine vorwärtstreibende Bewegung
hervorzubringen. –
[Sg.01_032,13] Nun sehet, hier sind wir schon
dem großen Grund des allgemeinen Schöpfungs-Gesetzes nähergerückt. Die Schraube
also oder jede spiralförmige Linie hat den Trieb nach „vorwärts“ in ihrer Form
begründet, so brauchet ihr sie in eurem Leben.
[Sg.01_032,14] Das Geistige dieser Form ist
also entsprechend dem Materiellen, das heißt „vorwärts“ ist die eigentliche
Idee dabei. Nun, mit diesem Vorwärtstreiben oder -drängen im Materiellen
verbindet sich wie gewöhnlich noch ein anderer Faktor oder eigentlich entsteht
aus dem Mehr oder Minder des Vorwärtsgehens, nämlich die Erzeugung der Wärme
durch die Reibung des vorwärtsgehenden Gegenstandes. Hier habt ihr einen
zweiten Faktor Meiner großen Weltenschöpfung, nämlich die Entwicklung des
Wärmestoffes – aus der Bewegung!
[Sg.01_032,15] Weiter in unserer Betrachtung
fortschreitend, ergibt sich bei der Schraube und Spiral-Linie, daß ihre
Fortbewegung keine plötzliche, zerstörende, sondern eine langsame, aber stetige
und nicht zurückweichende ist, welches bei Meiner Schöpfung wohl in Betracht
gezogen werden muß, da Ich kein Freund von großen Kraft-Äußerungen bin, sondern
lieber alles mit Liebe und Sanftmut als mit Gewalt erreichen will! Nun, bis
hierher könnte euch schon manches in Meiner Schöpfung mehr einleuchtend sein,
wolltet ihr darüber nachdenken, allein Ich will euch nicht auf halbem Wege
steckenlassen, und so gehen wir weiter!
[Sg.01_032,16] Wir haben also drei
Eigenschaften an der Schraubenlinie entdeckt: Vorwärtsschreiten,
Tiefereindringen und nie mit Gewalt, sondern langsam nur. Gut, jetzt wollen wir
diese Eigenschaften im Naturreich des Sichtbaren vorerst auch aufsuchen, so
finden wir sie überall, bei euch im gewöhnlichen Leben und bei Mir im großen
Sternenkomplex.
[Sg.01_032,17] Sehet, alle Welten, Planeten
und Kometen bewegen sich vorwärts im Äther, sie bewegen sich aber nicht, wie
ihr es im allgemeinen glaubt, nur um sich selbst und durch eine andere
Triebkraft nach vorwärts – oder um eine Zentral-Sonne, das heißt in Ellipse,
nein! hier muß Ich sagen: sie bewegen sich alle in spiralförmigen Linien, sie
schrauben sich in den Äther-Raum hinein, erwecken durch diese Bewegung durch
Reibung – Leben und Wärme im Äther, die sie sodann den auf ihnen lebenden Wesen
mitteilen. Es ist nicht möglich, daß ein Körper, wie zum Beispiel eure Erde,
die durch das Einfließen eines magnetischen (Fluid-) Stromes in ihr Inneres vom
Nordpol aus in schraubenförmiger Bewegung fortgeht, nicht ebenfalls auch im
Weltenraum noch eine andere Bewegung haben soll. Die Erde bewegt sich
spiralförmig weiter, die Welten alle ebenfalls; denn nur so geht ihr
Fortschreiten sanft und gleichmäßig vor sich.
[Sg.01_032,18] Wäre es nur ein gerade
eindringendes Bewegen, so müßte endlich die Geschwindigkeit durch den
Widerstand des Äthers entweder vermindert oder gar aufgehoben werden, was nicht
in Meinem Schöpfungsgedanken liegt.
[Sg.01_032,19] Selbst das Licht, das mit so
großer Geschwindigkeit von einer Sonne zur andern fliegt, es schraubt sich in
den Äther hinein, und ebendeswegen ist das Licht auch Wärmeträger, welche
(Wärme) sich kundgibt, wo das Licht auf feste Gegenstände auffällt.
[Sg.01_032,20] Ihr selbst in eurem
praktischen Leben habt diese spiralförmige Bewegung zum Fortbewegen oft
benutzt.
[Sg.01_032,21] Schauet eure Schießwaffen an,
gezogene Gewehre und Kanonen habt ihr erfunden, wo der Kugel nächst der
treibenden Flugbewegung auch die spiralförmige mitgeteilt wird, damit sie die
Luft als den Gegenstand, welchen sie bei ihrem Fluge überwinden muß, leichter
durchdringt.
[Sg.01_032,22] Was die Wärme-Entwicklung
anbelangt, so nehmet einen Bohrer zur Hand, versuchet ein Loch in was immer für
einen Gegenstand zu machen, und ihr werdet leicht wahrnehmen, wie der Bohrer
sich erwärmt eben durch seine Umdrehung in spiraliger Form.
[Sg.01_032,23] In eurem Körper rollt das
Blut, aber seine einzelnen Kügelchen schieben sich wurmartig vorwärts, denn
durch diese Bewegung entwickeln sie Wärme da, wo sie durch den Stoß des Herzens
hingetrieben werden.
[Sg.01_032,24] Eure Eingeweide haben den
peristaltischen Gang, um das nicht Benutzbare aus dem Körper zu entfernen. Es
ist aber diese Bewegung nicht allein deswegen, sondern um durch Entwicklung der
Wärme bei der Reibung noch gasartiger und feiner die Teile zu entwickeln,
welche bei diesem letzten Gang der Nahrungsmittel aufgesogen werden sollen.
[Sg.01_032,25] Überall ist diese
spiralförmige Bewegung sichtbar. Pflanzen, Bäume, in- und auswendig winden oder
schrauben sich aufwärts in die Luft, dem Licht und der Wärme entgegen, ihre
Wurzeln winden sich zwischen Steinen und Felsen durch und entwickeln auf diese
Weise Kraftäußerungen, die auf anderem Wege weder möglich noch ausführbar
wären.
[Sg.01_032,26] Des Wurmes Leben ist bekannt
durch seine spiralförmige Bewegung, selbst im Meere gibt es Tiere, deren Form
noch weit zurück ist und ihr Organismus an Wärmebereitung leidet, welche zum
Fortschreiten eine um sich selbst spiralförmig vorwärtsschreitende Bewegung
haben, um so die Wärme durch Reibung zu erhalten, die der in ihnen
zirkulierende Lebenssaft entbehrt.
[Sg.01_032,27] So sehet ihr überall die
schraubenartige Bewegung als Lebens-Prinzip, als Bewegungs-, Lebens- und Wärme-Erzeuger.
[Sg.01_032,28] So entstehen, bilden und
vervollkommnen sich die Welten im großen, so geht alles vorwärts, langsam aber
sicher, stets seinem Endzweck entgegen, und so erkennet ihr im Materiellen sehr
leicht, wie nötig und allein nur möglich diese Bewegung ist, um einmal
Geschaffenes für immer zu erhalten, auf daß es seinen Zweck erreiche.
[Sg.01_032,29] Das Geistige dieser Bewegung
oder ihre geistige Entsprechung liegt klar am Tage, denn wie die Schraube sich
wendet, nach und nach alle Hindernisse „über-windet“, um vorwärts zu dringen,
ebenso ist im geistigen Leben das stete Vordringen von Stufe zu Stufe ebenfalls
eine geistig entsprechende Schraubenbewegung. „Um sich selbst drehen“ heißt ja
so nichts anderes, als einem vor mir stehenden Gegenstande alle Seiten Meines
Ichs entgegenzustellen. So stellt auch geistig ein jedes Wesen den
Widerwärtigkeiten des weltlich materiellen Lebens alle seine geistigen Eigen-
und Leidenschaften entgegen. Durch das Fortbewegen werden die Teile
abgeschliffen, poliert, die Wärme, welche der Liebe gleich dabei erzeugt wird,
besänftigt die Reibung; langsam, wie zwischen Hartem und Weichem geht es
vorwärts, unaufhaltsam dringt der Lebensbohrer ins geistige Reich ein, erringt
sich stets einen festeren Stand und gelangt so nach und nach dazu, sich eine
feste Stellung zu gründen!
[Sg.01_032,30] So ist im geistigen großen
Weltenreich, wo das Materielle nur als Umkleidung dient, diese langsam
vorwärtsschreitende Bewegung die einzig mögliche, vermöge welcher die Geister
auf verschiedenen Stufen nach und nach höhere erringen können!
[Sg.01_032,31] Die Bewegung selbst erregt
Liebe, der Wärme gleich, und Licht, der Weisheit entsprechend, und so bringt
auch ein jeder fortstrebende Geist das Resultat obengenannter Faktoren: Leben,
geistiges Leben, wo er nur hinkommt oder wo er sich wie eine Schraube langsam
hineinschraubt.
[Sg.01_032,32] So, Meine Kinder, ist diese
euch unscheinbare Linie so oft und vielmals in eurem Leben angewandt, eben
gerade die Form, ohne welche kein Stern, keine Sonne am Himmel leuchten, kein
Herz warm schlagen und kein Leben wo immer sich äußern würde.
[Sg.01_032,33] So ist diese Linie geistig der
große Trieb, der Geist zu Geist, Mensch zu Mensch und endlich alles zu Mir treibt;
weil Liebe – das Hauptmittel Seelen an Seelen kettet, sie miteinander
verbindet, sie einander näher führt, und so alles um alles, Materielles und
Immaterielles zu Mir in schraubenförmiger Bewegung wieder zurückbringt, von wo
es ausgegangen ist.
[Sg.01_032,34] Sehet also, Meine Kinder, im
Kleinen in dieser unbedeutenden Schraubenform liegt so viel Großes, liegt so
viel Tiefes, daß wenngleich die Menschen die mathematischen Gesetze der
Spirallinie fanden, sie doch nur die Anfänge einer Weisheit entdecken konnten,
welche weit über das Materielle hinaus im Unendlichen ihren Ursprung, im
Geistigen ihre Entsprechung und im Materiellen ihre praktische Ausführung
gefunden hat, wie sie gerade für euer Erdenleben paßt!
[Sg.01_032,35] Lernet aus diesen Worten, wie
geringscheinend die Anfänge Meiner Schöpfung sind und welche Resultate sie zu
erzielen imstande sind.
[Sg.01_032,36] Euch gab Ich diese Worte,
damit ihr wieder euren Schöpfer, aber auch euren Vater erkennen sollt, der nie
aufhören wird, Seine Kinder in die Geheimnisse Seines Reiches einzuführen; denn
nur wenn ihr den Bau Meines Werkes begreifen oder wenigstens ahnen könnet, nur
dann erst seid ihr fähig einer Liebe, die euch fest an Mich ketten kann.
[Sg.01_032,37] Ein Kind muß seinen Vater ganz
begreifen und erkennen lernen, es muß im Innersten überzeugt sein von des
Vaters Größe, Milde und Liebe, und nur dann wird es Seine Gesetze gern
erfüllen; denn dann haben sie aufgehört, „Gesetze“ für es zu sein, das Kind tut
dann alles aus Liebe. Liebe aber verbietet nichts, sondern gewährt alles, und
eben deswegen muß das Kind ganz genau wissen, was es heißen will, Kind zu sein,
damit es nicht begehre, was gegen die Liebe ist!
[Sg.01_032,38] So schreitet auch ihr alle
vorwärts, windet euch durch die Mißhelligkeiten dieses Lebens hindurch, damit
eure moralische Seite ebenfalls vom Groben abgeschliffen werde; dringet
tagtäglich wie eine Schraube tiefer ins geistige Leben ein, um
vorwärtszukommen, bis hinter dem Sargdeckel, den ihr durchbrechen müßt, das
helle Wahrheitslicht Meiner ewigen Liebe leuchtet. Dort werdet ihr dann erst
begreifen, warum so manches Hemmende, so manches Unangenehme im menschlichen
irdischen Leben euch begegnete, denn dort werdet ihr erst ersehen, daß ohne
diese stets vorwärtsschreitende Bewegung gleich der Schraube, die nichts mehr
ausläßt, was sie in ihren Gewinden erfaßt hat – ihr ohne dieses langsame, aber
stete Fortschreiten nicht eingedrungen wäret in jene geistige Tiefe Meiner
Schöpfung, wo aus jedem Atom euch Liebe zulächelt, und wo vom ersten Augenblick
eines seelischen Bewußtseins bis zum Übergang ins Geisterreich die
spiralförmige geistige und weltliche Bewegung nötig war, um euch
vorwärtszubringen, Leben und Wärme in euch zu entwickeln und so sanft aber
sicher den Zweck zu erfüllen, den Ich in diese Linien legte, als Ich das große
„Es werde!“ aussprach, wo alles, diesem Worte gehorchend, seine kreisende, aber
vorwärtsschreitende Bewegung begonnen hat und wie die gleichlaufende Schraube
nie aufhören wird, stets um Mich als den Mittelpunkt sich bewegend, mit Mir in
gleicher Nähe des Lichtes und der Wonne teilhaftig werden kann, welche für alle
bestimmt ist, die ihrem Zweck entsprechend ihre Aufgabe zu Meiner und ihrer
Zufriedenheit gelöst haben! Amen.
33. Kapitel – Mikro- und Makro-Kosmos.
20. Juli 1875
[Sg.01_033,01] Sehet, Meine lieben Kinder,
mit diesen zwei Worten hat die Wissenschaft ihre Namensammlung bereichert, aber
ohne eigentlich zu wissen, was sie mit diesen Worten sagen wollte, oder anders
gesagt – ohne zu begreifen, daß wenn Ich die Unendlichkeit als bestehend
annehme, Mikro- und Makro-Kosmos – natürlich in einem gewissen beschränkten
Sinne – das nämliche bezeichnen. Nur ist bei dieser Benennung der letztere Name
„Makro-Kosmos“ früher schon, und zwar von den Astronomen gebraucht worden, ehe
ein anderer Forscher auf weit kleinerem Gebiet mittels des Mikroskops
(Vergrößerungsgerät) eine ganz neue Welt entdeckte, zum Gegensatz von dem, wo
das Teleskop (Fernrohr) im weiten Raum keine Grenzen fand.
[Sg.01_033,02] So entstanden diese Worte,
ohne jedoch den mindesten Gedanken an einen unendlichen Schöpfer des Universums
zu fassen, wodurch diese Eigenschaften der Unendlichkeit im Großen und im
Kleinen von selbst begründet gewesen wären.
[Sg.01_033,03] Wenn die Astronomen von Stern
zu Stern mit stets verbesserten Fernrohren immer neue Welten entdecken und vor
den Entfernungen derselben zurückschaudern, weil sie keine Zahlen mehr dafür
finden oder diese Distanzen mit dem menschlichen Verstande nicht mehr fassen;
wenn von einem unauflösbaren Nebel zum andern am nächtlichen Himmel stets neue
Schöpfungen auftauchen, wo nur die größten Sternenkomplexe sichtbar sind, auch
alle diese Sonnen und Welten umkreisenden Planeten und Erden aber ewig dem
menschlichen Auge unerforschlich bleiben werden, so sollten doch sie dabei an
den Anordner alles dieses gedacht haben, da schon nach ihren schwachen
Berechnungen trotz scheinbarer Störungen doch alles seinen geregelten Lauf
geht. Allein wenige von ihnen bezogen alle Entdeckungen auf diesem Gebiete auf
Mich, sondern betitelten das Ganze nur als „Kosmos“, und weil die Entfernung
ohne Ende ist, als „Makrokosmos“, und ließen es bei diesem Ausdruck bewenden,
den jetzt beinahe ein jeder Schulknabe auch schon weiß, aber dabei sich
ebensowenig denkt wie der größte Sternenbeobachter.
[Sg.01_033,04] Der zweite Weg zur
„Unendlichkeit“, welchen ein anderer Forscher (Ehrenberg) und nach ihm auch
andere einschlugen, war der, indem sie erstens das tierische Leben verfolgten,
soweit es ihre von Mikroskopen unterstützte Sehkraft erlaubte, ferner mit
diesem Instrument die Zellgewebe der Pflanzen und die Bestandteile des
Mineralreiches untersuchten.
[Sg.01_033,05] Da sie auch hier die Grenze
nicht fanden, wo das tierische Leben aufhört und wo die Bestandteile der
einzelnen Elemente ihre Teilchen wieder in andere zersetzend ebenfalls „Leben“
zeigten, so nannten sie auch diese ganze ihnen sichtbar gewordene und
neuentdeckte Welt „Mikrokosmos“, wo ebenfalls dem Forscher noch kein Grenzstein
begegnet ist, der ihm das Ende der Welt, wohl aber das Ende seines schwachen
Verstandes und Forschergeistes gezeigt hat, indem er ihm zurief: „Bis hierher
und nicht weiter!“ – ebenso wie den Astronomen die weit entfernten Sterngruppen
oder Hülsengloben nur ahnen ließen, daß dort noch lange kein Ende, sondern nur
für ihn ein „Halt“ ist, wo der Menschenverstand nichts mehr fassen kann, was
ein Schöpfer nach Seiner Größe, nicht aber nach der körperlichen Größe eines
winzigen Menschen geschaffen hat.
[Sg.01_033,06] Auch diese letzteren Forscher
schreiben ganze Bücher über die immerwährend neuen und wieder neuen
Entdeckungen auf diesem Gebiet, aber auch dort werdet ihr Meinen Namen wenig zu
lesen bekommen; nur in der Materie wühlen sie herum, und eben materiell wie ihr
Suchen finden sie auch nichts als ebenfalls wieder Materie.
[Sg.01_033,07] Nachdem Ich aber so „Meine
Kinder“ nicht erzogen haben möchte, und wenn auch eure Gelehrten gewisse Namen
für unaussprechliche Dinge gemacht haben, sollet ihr doch eigentlich wissen,
was hinter diesen Namen steckt oder wie sie zu deuten sind. Deshalb ergriff Ich
eben wieder das Wort, um euch von neuem zu zeigen, daß wenngleich schon oft
gezeigt, doch stets neue Ansichten von Meiner Schöpfung gewonnen werden können,
wenn man mit geistigen Augen selbst menschlich erfundene Worte aufmerksam
betrachten will.
[Sg.01_033,08] Alles, was Ich euch bis jetzt
noch durch Meinen Knecht schreiben ließ, hat ja eben den Zweck, euch und
Tausenden nach euch kommenden Geschlechtern Meine Schöpfung ins rechte Licht zu
stellen; denn es mögen die sozialen Verhältnisse sich wandeln wie sie wollen,
es mögen Regierungsformen auftauchen in noch so verschiedenen Formen, zwei
Sachen und Dinge werden stets bestehen: ihr Bewohner der Erde sowie auch andere
von größeren Welten werdet stets eine je nach Maßgabe körperliche oder
materielle Umkleidung haben, und eure oder jede Welt wird ebenfalls stets aus
Materie bestehen, die Leben in sich birgt, um dadurch ihre Mission erfüllen zu
können.
[Sg.01_033,09] Solange also Materie besteht,
solange der Entstehungs-, Erhaltungs- und Verwandlungs-Prozeß in und auf den
Welten vorgeht, so lange werden Mikro- und Makro-Kosmos sich vorfinden, und
ganz natürlich eben darum, weil Ich als Schöpfer des Ganzen unendlich bin und
also Meine Schöpfung ebenfalls unendlich sein muß.
[Sg.01_033,10] Wenn der menschliche Geist
auch mit den besten Fernrohren in die weiten Räume des Universums hinausblickt,
so wird er – da eben Materie, angefangen vom feinsten Atom, stets wieder
Materie bildet – nur neue Welten entdecken, die (wieder alles in sich
enthalten), wie, wenn Ich ein euch naheliegendes Beispiel dafür setzen will,
ein jedwelches Samenkorn schon im einzelnen Körnchen die unendliche Fähigkeit
enthält, daraus die Pflanze, aus der Pflanze die Blüte und aus der Blüte wieder
den Samen zu erzeugen. Wie hier, wenn ihr es aufmerksam betrachten wollt,
ebenfalls kein Ende vorauszusehen ist, ebenso in dem Makro-Kosmos sich Welten
aus Welten bilden, wo natürlich nicht der Maßstab eurer kurzen Lebenszeit in
Rechnung gebracht werden kann.
[Sg.01_033,11] So im Großen und so im
Kleinen, wo das Leben stets einfacher, beschränkter, immer als Grund eines
höherliegenden das Gedeihen alles Lebenden hervorrufen muß, und im
Pflanzenleben, wo alles, was besteht und sichtbar dem bewaffneten Auge des menschlichen
Forschers entgegentritt, ebenfalls bei jeder Entdeckung eines neuen Zellgewebes
vorausgesetzt werden muß, daß eben diese kleinste Zelle wieder ihre
Bestandteile, ihre Organe, ihr eigenes Leben haben muß, welches sie zur
Ausbildung des Künftigen antreibt, bis endlich dem gewöhnlichen Menschenauge
auf einer höheren Stufe das ganze aus Millionen kleiner Gewebe
Zusammengesetzte, sei es Pflanze, Mineral oder lebendes Wesen, erst zeigt,
wieviel dazu gehört, um auch nur ein unscheinbares Pflänzchen oder ein
Infusionstierchen zu erschaffen und zu erhalten!
[Sg.01_033,12] Wären die Menschen geistig
aufmerksame Beobachter eines einzelnen Gegenstandes in Meiner Schöpfung, so
würden sie den Schöpfer mit großen Buchstaben in jedem erschaffenen Ding oder
Wesen erkennen und gewiß nicht so geist- und sorglos oft aus Mutwillen Dinge
zerstören, die für sie als Menschen die größten Wunder sind.
[Sg.01_033,13] Allein, leider ist der Mensch
im allgemeinen so, alles was er täglich sieht, was er, wie Pflanzen wachsen, gedeihen
und wieder verwesen sieht, es reizt ihn nicht zur weiteren Forschung oder zu
weiterem Nachdenken; er nimmt es als Daseiendes, Bestehendes an, gebraucht es
nach seinem Gutdünken, ohne im mindesten an den Geber oder Spender desselben zu
denken. Gedankenlos gehen so Millionen durchs Leben, werden geboren, erzogen
und sterben, ohne je gewußt zu haben, was „geboren werden“ heißt, wie man
erzogen werden sollte und was eigentlich „Sterben“ heißt oder ist. Alle glauben
– dazu habe es in der andern Welt auch noch Zeit, wenn es überhaupt eine gebe?
– !
[Sg.01_033,14] Deswegen die Klagen und das
Flehen der Hinübergegangenen, wenn sie dort zu ahnen anfangen, wie sie hätten
leben sollen und leider nicht gelebt haben; wenn sie sehen, wie viele Mittel
ihnen auf Erden zu Gebote standen und sie doch keines benutzen wollten, sondern
in dummem Eigendünkel und Wahn von Großmacht als Menschen – sie so ganz Den
vergessen hatten, der sie aus Liebe in die Welt setzte und keine Gelegenheit
unterließ, ihnen bei jedem Pulsschlag zuzurufen:
[Sg.01_033,15] „Gedenke, o Mensch, daß außer
dir, in dir und über dir eine geistige Welt ist, welcher du nicht entrinnen
kannst und die dich nach geistigen Gesetzen erschaffen hat und nach dem Tode
nach geistigen Gesetzen auch dich richten wird!“
[Sg.01_033,16] Daher folgt ein Wort auf das
andere, welches Ich euch gebe; denn in allem und überall suche Ich euch zu
beweisen, daß ihr nicht allein für diese Welt leben sollt und geboren seid;
sondern in allem suche Ich euch aufzuklären, damit ihr den Weg zu Mir finden
könnt, der, eben weil ihr materiell und mit materiellen Schöpfungen umgeben
seid, deshalb auch durch die Materie nur allein gefunden werden kann – denn in
der materiellen Schöpfung sollt ihr die geistige und in der geistigen Meine unendliche
wiederfinden, denn nur so könnt ihr moralisch von Stufe zu Stufe schreiten. Die
Lehre allein nützt euch nichts, wenn ihr nicht das Gelesene in euer Gemüt
einprägt, mit euch geistig vermengt, damit auch bei euch wahr werde, was einst
ein Apostel sagte: „Nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“
[Sg.01_033,17] Ebenso sollt auch ihr nicht
frömmelnde Worte, nicht immer den Ausdruck „der Herr“ im Munde führen, sondern
in eurer Denkungs- und Handlungsweise sollt ihr zeigen, daß ihr nicht anders
denken könnt, als wie eben euer Gott, Schöpfer und Vater Selbst denkt, Ihn
sollt ihr überall fühlen: im Makro- wie im Mikro-Kosmos. Im Lichte des letzten
Sterns, welches auf euer Auge fällt, sollt ihr die nämliche Sprache der Liebe
erkennen, welche gleich und unwandelbar im kleinsten Tierchen ebenso mit
Sorgfalt und Liebe alles so geordnet hat, daß dieses euch sichtbare letzte
Infusionstierchen ebenso relativ seiner Organisation Freude und Glückseligkeit
in seinem beschränkten Leben genießt, wie der erhabenste Engel, der in Meiner
Nähe Mir ähnlich mit einem Blick Äonen von Welten überblickt. – – Deswegen
wählte Ich auch diese zwei Wörter, damit ihr nicht bei dem oberflächlichen
Ausdruck stehenbleibend, gedankenlos über Wunder hinwegschreitet, die überall
gleich, in den großen Welten-Komplexen oder im kleinsten Zellgewebe einer
mikroskopischen Faser eines Pflänzchens, euch stets entgegenrufen: „Blick auf,
du menschlicher Geist, und verträume deine kurze Spanne Lebenszeit nicht!
Überall lächelt dir die Liebe des Vaters entgegen, der dir schon so manches
gezeigt, aber noch vieles vorenthalten hat, welches nur ein Wiedergeborener zu
sehen fähig ist, welcher dann erkennen wird, daß es nicht große Naturszenen,
erhebende Augenblicke von hoher Begeisterung und die namenlosen Entfernungen
von Weltenkörpern vonnöten hat, um die Liebe eines Schöpfers zu begreifen,
sondern daß es weit näher an dir und in dir selbst liegt, wo du dann ebenfalls
die nämlichen Gesetze, die nämliche Fürsorge überall antreffen wirst, wie ein
Gott, verstehe das o Mensch, wie ein Gott! erschafft! – – wie ein Vater Seine
Welten einrichtete, wo eben in der Materie das höchste Geistige – Seine Liebe
allein – dazu beiträgt, das Erschaffene zu erhalten und es höheren Stufen
zuzuführen!“ –
[Sg.01_033,18] So denket auch ihr, Meine
Kinder, oder so lernt auch ihr denken, fühlen und danach handeln! So bemühet
euch, wenn die beschränkte Wissenschaft euch Namen aus toten Sprachen hinwirft,
daß oft auch unter diesen Namen bei weitem mehr Geistiges verborgen liegt, als derjenige
ahnt, welcher sie zum erstenmal gebrauchte.
[Sg.01_033,19] Ich lasse es zu, daß viele von
euren Gelehrten und Forschern so manches aus Meinem Gebiet der Natur entdecken,
Ich lasse es zu, daß vieles von dem Entdeckten zu eurem sozialen Leben verwertet
wird, Ich lasse es sogar zu, daß selbst diese Entdeckungen statt zum Besten der
Menschheit auch zum Betrug und Mißbrauch verwendet werden! – –
[Sg.01_033,20] Aber neben diesen
„Zulassungen“ bleiben doch Meine primitiven Naturgesetze aufrecht stehen, wo
der Verfälscher derselben sich selbst straft, wenigstens in seiner moralischen
Würde, und der Unachtsame, den oft Geiz und Habsucht dazu verleiten, auch im
Körperlichen die Folgen seiner eigenen Leidenschaften büßen muß!
[Sg.01_033,21] Aber unter all diesem Für und
Wider habe Ich Mir doch Meinen eigenen Weg auserkoren, wo Ich teilweise schon
lange die Bausteine bereite, die einst nötig sein werden, um das große geistige
Haus zu errichten, wo alle Fälschung, alle Täuschung ein Ende haben wird und
Meine Kinder ihren Vater in all Seinen Werken erkennen und in all Seinen schon
früher gegebenen Worten das Zeugnis haben werden, daß eben wie in der Materie
die Grenze eines Mikro- und Makro-Kosmos nicht zu bestimmen ist, so auch in der
geistigen Auffassung Meiner Worte oder in ihrer Ausübung ebenfalls unendlich
fortwirkend das Kleinste oft die größten Folgen hat, oder von den
unscheinbarsten Ursachen die weittragendsten Wirkungen erzielt werden können!
[Sg.01_033,22] Der Blick eines emsigen
Forschers sucht vergebens die letzte Welt zu erblicken, wobei er stets vergißt,
daß die letzte Sonne, welche durch sein Fernrohr den Strahl auf sein Auge
sendet, ihm erborgtes Licht zeigt, dahinter eben wieder die andere größere
Sonne ihm verborgen bleiben wird.
[Sg.01_033,23] Und wenn er wieder in die
kleinsten Räume eindringt, wo tausend Vergrößerungen ihm wieder stets andere
Gebilde zeigen, die eben deswegen, weil sie dem Auge noch sichtbar sind, wieder
aus kleinen Gefäßen bestehen müssen, wo „das Leben“ wohnt, so ist auch im
geistigen Erkennen die nämliche endlose Stufenfolge, welche im höchsten Geiste,
den ein Erschaffenes ahnen kann, nicht die Grenze erreicht, wo Ich als Zentrum
oder Endpunkt alles wieder in Mir vereinigend, einfach und doch vielseitig das
ganze geistige und materielle Gebiet in Mir allein wieder vertrete, bis zum
einfachsten Gedanken, der doch vorausgehen mußte, um ein Äther-Atom zu
schaffen, welches ebenfalls sobald es „Atom“ noch aus kleineren Bestandteilen
zusammengesetzt ist, bis in die Grenze der Luft-, Gas- oder Geister-Form
hinreichend, alles in allem vorstellend, ebenfalls die Welt im Kleinen, wie
ersteres die Welt im Großen vorstellt!
[Sg.01_033,24] So fasset die Welt auf! So
leset und begreifet alle Worte, die Ich euch gegeben! – – Begnügt euch nicht
mit dem flüchtigen Eindruck; denn deswegen habt ihr alle diese Worte nicht
erhalten, sondern suchet, wie Ich oben schon sagte, als stoffumhüllte Geister
geistig aufzufassen, was euch zu Meinen Kindern stempeln soll! – Denn wo Ich
und wie Ich denke, so müssen oder sollten wenigstens alle diese denken, welche
Ich nach Meinem Ebenbild geschaffen habe.
[Sg.01_033,25] Unter Meinem Ebenbild ist aber
eigentlich Mein geistiges Ich gemeint, welches nur dann zu erreichen, wenn die
Schale der Materie durchsichtig geworden ist, man überall nur Geistiges
erblickt, und da wo der Blick nicht mehr hinreicht, es doch ahnungsvoll gefühlt
wird.
[Sg.01_033,26] Mein Ich als Gott hat keinen
Anfang und kein Ende, Meine Schöpfung ebenfalls nicht, und euer bis jetzt so
betitelter Makro- und Mikro-Kosmos ist ebenfalls unendlich, wo nie ein
menschlicher Geist die Grenzen weder des Anfangs noch des Endes entdecken wird!
[Sg.01_033,27] Stolz solltet ihr eigentlich
hinaufblicken in jene unermeßlichen Räume, von wo nach Tausenden von Jahren
erst ein Lichtstrahl auf euer Auge fällt, daß ihr gemäß eurer Organisation
fähig seid, solches zu ahnen, oder wenn ihr in die Tiefen des Kleinsten
hinabsteigt, wo ein Wassertropfen Millionen von Wundern enthält – aber demütig
solltet ihr zugleich dabei zu eurem Schöpfer aufblicken, der trotz eurer
körperlichen Winzigkeit euch diesen Geistesfunken ins Herz legte, daß ihr die
Größe der Unendlichkeit teilweise fassen könnt, und vor Liebe und Andacht
solltet ihr vor Meiner Allmacht niedersinken, die in ihrer unendlichen
Barmherzigkeit euch als geistige Wesen anerkennt, statt als unbedeutende Wesen
euch betrachtend, euch an Seine Brust ziehen, euch als Seine Kinder erziehen
und euch fühlen lassen will, daß wenngleich eine Vaterliebe auch auf Erden ist,
diese doch bei weitem kein schwacher Schattenabriß gegen jene ist, die Ich, als
allmächtiger Schöpfer, gegen euch sowie gegen den letzten Wurm im Staube fühle,
da Ich alle geschaffenen Wesen stufenweise nach und nach Mir näher führend,
alle in einem „Reich der Liebe“ vereinigen will, wo die Materie aufgehört hat
und, Geistiges nur Geistiges bildend, eine ewige, stete Seligkeit den Vater mit
Seinen Kindern vereinigen soll!
[Sg.01_033,28] Dazu die Mühen und dies der
Zweck all Meiner Worte, all Meiner Führungen und all Meiner Schöpfungen,
welche, vom Mikro-Kosmos angefangen, selbst beim Makro-Kosmos noch nicht das
Ende erreicht haben werden, sondern dort erst wieder in ähnlichen Verhältnissen
eine neue Schöpfung ihre Anfänge zu zählen beginnen wird, damit das Wort
„Unendlichkeit“ in seiner ganzen Bedeutung von allen erfaßt und begriffen,
gefühlt und genossen werde! Amen.
34. Kapitel – Urerschaffung der
Menschenseele.
3. November 1872
[Sg.01_034,01] Mein Sohn! So manche Frage
hast du an Mich gestellt, und Ich als dein Vater habe dir geantwortet, mit
vielen oder wenigen Worten, je nachdem deine Frage eine größere Erklärung oder
Auseinandersetzung beanspruchte.
[Sg.01_034,02] Immer noch tauchen in deinem
Gemüt neue Fragen auf, wie in deinem letzten an Meinen Schreiber gerichteten
Brief. Du sagst unter anderm, daß die Beantwortung dieser Frage dich besonders
beruhigen würde vor deinem Hingang aus dem irdischen Leben! Hier muß Ich dich
aber doch fragen, wenn du nun alles erfährst, was du wissen möchtest, was nützt
es dir dann? – Nützt es dir, deinen moralischen Zustand zu erhöhen? nützt es
dir, Mich und Meine Lehre besser kennen und begreifen zu lernen? kann dieses
Wissen einen Einfluß auf dein Denken und Handeln in bezug auf deine Nebenmenschen
haben? – Sieh, auf alle diese von Mir an dich gerichteten Fragen mußt du Mir
mit Nein antworten.
[Sg.01_034,03] Was du wissen willst, ist eine
Frage, um in Meine Schöpfungsgeschichte einen tieferen Blick zu werfen, und
wenn du es genau betrachten willst, so wären solcher Fragen, wie die, welche du
an Mich gestellt hast, noch Millionen vorhanden; denn ein jedes lebende Wesen,
eine jede Pflanze, selbst das tote Gestein könnte dich zur Frage reizen:
Welches war doch der erste Prozeß bei jeder Einzelerschaffung? oder was war
doch zuerst vorhanden – das Ei oder das Huhn? der Same oder die Pflanze? –
Lauter Fragen, welche, wenn sie dir von Mir getreu und faßlich beantwortet
würden, dich um kein Haarbreit weiter auf deiner geistigen Stufe bringen
würden.
[Sg.01_034,04] Um dich aber doch in etwas zu
befriedigen, so will Ich dir auf deine gestellten Fragen antworten, so weit du
als ein geschaffenes Wesen in Meine Schöpfung einen Einblick tun kannst. Nun,
so höre denn! Daß du Mich überhaupt in dieser Beziehung fragst, ist ein
Zeichen, daß das wenige, was Ich euch hierüber gegeben habe, dir nicht
verständlich ist; denn es ist eine leise Andeutung eines schöpferischen Aktes,
welcher nicht nur allein beim Menschen, sondern bei jedem Wesen vollzogen
wurde, nur mit dem Unterschied der Stufe, auf welche ein solches Wesen
hingestellt wurde.
[Sg.01_034,05] Du weißt, auch die Tiere haben
Seelen; es wäre also auch das eine Frage, wie, wann und von wo ward auf Erden
einem jeden Tier als Gattung bei seiner Erschaffung die Seele gegeben oder, wie
die Bibel in der Mosaischen Schöpfungsgeschichte sagt, eingehaucht?! Wo kam sie
her, was war ihr Ursprung?
[Sg.01_034,06] Auf diese und alle ähnliche
Fragen antworte Ich das, daß bei allen geschaffenen Wesen gebundene Partikel
des großen gefallenen Geistes eingekleidet wurden; ferner, daß der große
gefallene Geist selbst als ein Ableger von Mir frei in die weite Schöpfung
hinausgestellt ward, wo er wie ein jedes begrenzte Ganze eine innere und eine
äußere Organisation besaß, nebstbei noch als drittes einen großen Teil Meines
eigenen göttlichen Lebens, welches als Funken von Mir ihn über alles grob
Materielle hinaushob.
[Sg.01_034,07] Von seiner Außenseite oder
ätherischen Umkleidung wurden und werden ihm tagtäglich Parzellen (Teilchen)
für die materiellen Leiber als eure Umkleidung gebundene, ihm entnommene
Geister genommen und verwendet. – Von seiner Seele stammen alle geschaffenen
Wesen ab in bezug auf ihr seelisches Leben, und nur sein göttliches Erbteil von
Mir ward ihm gelassen, weil eben dieses es ist, welches, wie bei euch das
Gewissen, ihn fortwährend anspornt, anregt, zu Mir zurückzukehren.
[Sg.01_034,08] So siehst du die
Dreieinigkeit, wie Vater, Sohn und Geist – Materie, Seele und göttlicher Funke,
auch in ihm konsequent vertreten, wie eben auch jedes geschaffene Wesen aus
diesen drei Teilen besteht, welche in der materiellen Schöpfung, im geistigen
Himmel und in Meiner Person Selbst wieder auf ähnliche Weise sich dargestellt
finden.
[Sg.01_034,09] So ist also der Ursprung der
Seele, wie bei euch in der Zeugung, immer das nämliche, wo auch ihr etwas von
eurem geistigen Wesen abgebet, ohne doch dabei einen Mangel zu fühlen. – So
ward alles Lebende in der ganzen materiellen Welt geschaffen, und wenn in der
Mosaischen Schöpfungsgeschichte die Schöpfung des Menschen ausführlicher
besprochen wurde, so wie in dem Werke, welches Ich einst Meinem früheren
Schreiber gab, so hat es darin seinen Grund, weil erstens der Mensch das letzte
Schöpfungsglied auf eurer Erde war, und zweitens, weil eben ihr Menschen mehr
Interesse daran findet, die Entstehung eurer eigenen Rasse etwas näher zu
erfahren. –
[Sg.01_034,10] Wie die Eva aus dem inneren
und äußeren Leibe des ersten Menschen erschaffen wurde und warum so und nicht
anders, das liegt einfach darin, weil dem ersten Menschen eine Gefährtin, eine
Lebensbegleiterin geschaffen wurde, welche natürlich aus dem letzten feinsten
Material, welches Ich als Mein Ebenbild schaffen wollte, genommen werden mußte.
[Sg.01_034,11] So entstand das erste Weib,
wie bei jeder Vermischung der Geschlechter eins aus dem andern, und dieser
notwendige Prozeß, welcher bei den meisten lebenden Wesen ihren Fortbestand
gründet – nur mit dem Unterschied, daß zur Erschaffung des ersten Weibes Ich
eine Verfahrensart annahm, die materiell genommen das vollzog, was geistig bei
der Erschaffung von Millionen anderer Kreaturen ebenfalls geschehen ist. –
[Sg.01_034,12] Dir weiter zu erklären, warum
so und nicht anders, ist mit menschlichen Begriffen nicht faßbar, so wenig als
wenn du von Mir eine Antwort verlangen würdest auf die Frage: Wer hat denn Mich
geschaffen, oder woher ist der erste Keim, welcher Mein Wesen hervorbrachte?! –
[Sg.01_034,13] Euer Begriffsvermögen hat
seine Grenzen, über welche hinaus es euch an geistigen Bildern fehlt, um
gewisse Anordnungen, Raum- und Zeitverhältnisse zu bemessen. Ihr habt ja ein
altes Sprichwort, an welches Ich auch dich erinnern will, und das heißt:
Schuster bleib beim Leisten! Dieses Sprichwort will Ich dir ins Gedächtnis
rufen, und wenn Ich euch gleichwohl manchmal den kleinen Finger reiche, so
verlangt nicht auch die Hand; denn sie ist zu groß, weil in ihr die ganze
Schöpfung ruht, wo euer Ich und eure Erde wie ein Infusions-Tierchen im großen
Äther verschwinden muß.
[Sg.01_034,14] Du selbst bestehst ja aus
Körper, Seele und Geist. Sage Mir einmal, welches von diesen dreien, die doch
dir nahe genug sind, weil sie dein eigenes Ich ausmachen – welches von diesen
dreien begreifst du, oder kannst du dessen Bau, dessen Organisation richtig
klar durchschauen?! – Siehe, Mein lieber Sohn, Dinge ergründen zu wollen, die
gerade nicht zu wirklichem Nutzen oder Fortschritt beitragen, das sind unnütze
Grübeleien, die dich nicht fertiger, nicht besser machen.
[Sg.01_034,15] Du hast Mein Wort, daß neben
der Seele dir noch ein göttlicher Funke innewohnt – suche diesem Funken gleich
zu werden, da du geistig von Mir abstammst, wie Ich es euch Selbst kundgegeben
habe.
[Sg.01_034,16] Trachte dieser Abstammung
würdig zu werden, durch Denken, Reden und Handeln, wie es einem Gotteskinde
geziemt, das übrige überlasse Mir! Wenn du einst in leichterer Hülle auch mit
geistigen Augen Meine Schöpfung anschauen kannst, dann wirst du wieder einen
weiteren Aufschluß und Sättigung für deine Neugierde haben, aber Mich und Mein
Schaffen ganz verstehen zu wollen, das lasse beruhen, denn es ist solches nicht
für endliche Wesen – einen unendlichen Gott und Schöpfer verstehen und
begreifen zu wollen, weder hier – noch dort! Amen.
35. Kapitel – Gott ist die Liebe. Werde Sein
Kind! Unsere Aufgabe hier!
1. März 1872
[Sg.01_035,01] Mein lieber Sohn! Du hast dich
gehoben gefühlt durch diesen Titel, den Ich dir gegeben habe, und hast zum
ersten Male vielleicht bemerken müssen, welche Kraft und geistige Bedeutung in einem
Worte liegt, wenn man sich in es vertiefen will, wie du es auch bewiesen hast
durch das zweite Wort „Liebe“, welches du lang und breit definiert hast.
[Sg.01_035,02] Ich wußte wohl schon lange,
nach was du suchest, und leitete daher auch die Umstände so, daß das Finden des
Längstersehnten dir bei weitem erleichtert wurde.
[Sg.01_035,03] Du suchtest in allen
Wissenschaften, in allen Auslegungen Meiner der Menschheit hinterlassenen
Lehre, aber beim Suchen fehlte dir immer der Hauptschlüssel, du suchtest mit
dem Verstande und vergaßest darob das Herz!
[Sg.01_035,04] In allen Wissenschaften ist
dir oft Mein Ich entgegengetreten, wie es aus allen Schöpfungen herausleuchtet,
aber nur stets nach Fernem forschend, bemerktest du nicht das Zunächstliegende,
bemerktest du nicht, wie überall die Stimme der Liebe, der allgemeinen
Gottesliebe dir zurief: „Aber eifriger Forscher, bemerkst du denn in deinem
Herzen keine Frage, warum dieses alles so und nicht anders geschaffen wurde?
bemerkst du nicht, daß es nur aus Liebe und für wieder zu erweckende Liebe ins
Dasein gerufen ist?“ –
[Sg.01_035,05] Sieh die Erde an mit allen
ihren Wundern im Innern, soweit sie euch bekannt sind, im Äußern, womit ihre
Oberfläche ausgestattet ist, und du wirst das Streben einer allerbarmenden
Liebe leicht herauslesen können, um so mehr, wenn dein Blick, geistig
geschärft, nicht die rohe Materie als Hauptsache annehmend, diese nur als
Überkleidung einer andern geistigen Stufenleiter betrachtet, wo sodann auch
alle scheinbaren Grausamkeiten der lebenden Geschöpfe sowie die zerstörenden
Wirkungen der Elementarereignisse einem geistigen höheren Zuge folgend, nicht
als Übel angesehen werden, die zwar einzelnen zum Schaden, dem ganzen aber zu
seinem Fortbestand unumgänglich notwendig sind.
[Sg.01_035,06] Hättest du so die Geologie
studiert, so wäre, während du deinen Verstand mit Kenntnissen bereichert hast,
dein Herz nicht leer ausgegangen; überall hättest du den leitenden Faden der
Liebe gefunden, der in verschiedener Form, aber immer in derselben Weise, alles
seinem Vollendungsziel entgegenführt.
[Sg.01_035,07] Und wenn du aufmerksam das
Gelernte durchgegangen hättest, so würdest du bemerkt haben, daß nur das
grob-rohe Sichtbare euren Sinnen zugänglich ist und das weit Größere und
Erhabenere dem Forschungsgeiste eines Verstandesmenschen verschlossen und nur
dem liebenden Herzen offensteht.
[Sg.01_035,08] Was lerntest du aus der
Sternkunde? Einzelne Gesetze und Bewegungen deines eigenen Sonnensystems und
Entfernungen, die schon bei eurem Monde für menschliche Begriffe nicht faßbar
sind. Was ist aber euer Sonnensystem gegen die Hülsengloben, wovon dieses
System einen Teil ausmacht; was ist diese Hülsenglobe gegen das ganze
Universum, worin materielle Körper als Planeten und Sonnen immer wieder um größere
kreisen? – nur wie ein Tropfen Wasser in eurem großen Ozean! Und was ist diese
ganze Schöpfung gegen jene, welche außer dem Bereich des Materiellen geistig
eine noch höhere und größere vorstellt, aus welcher alle Welten hervorgegangen
sind und in welche einst, vergeistigt, geläutert, alle wieder zurückkehren
werden! –
[Sg.01_035,09] Siehe Mein Sohn! diese Größen,
diese Liebeswerke deines Gottes und Vaters kannst du mit dem Verstande nie, mit
dem Herzen jedoch ganz fassen.
[Sg.01_035,10] Bei diesem Gedanken der Größe
und der Unendlichkeit muß dir dein von Mir in dich gelegter Gottesfunke helfen,
dich über das Irdische, über das Materielle bis ins Geistige hinaufzuschwingen.
Denn dort reicht dein Verstand nicht mehr aus, dort hört die Seelenfähigkeit auf,
wenn sie nicht, durch Meinen Geist unterstützt, begreifen und fassen lernt, daß
nur ein ewiger Gott Ewiges schaffen konnte und ein endliches Wesen nur dadurch
erst recht inne wird, was der Name „Gott“ bezeichnen will und was es heißt,
„Sein Kind“ werden zu können!
[Sg.01_035,11] Du fühltest dich stolz beim
Lesen des Wortes, welches Ich an dich richtete, indem Ich dich ansprach: „Mein
Sohn!“ – Ja, fühle dich stolz, daß du auf dieser Sprosse der Stufenleiter
stehst, wo du schon Millionen und Millionen anderer Übergänge hinter dir siehst
und nur wenige vor dir hast, die, insofern du eifrig willst, dich leicht die
ganze Bedeutung fühlen lassen können, was es heißen will, „Mein Sohn“ genannt
zu werden und solches auch sein oder werden zu können!
[Sg.01_035,12] Um einen Meister
kennenzulernen, muß man vorerst die Größe Seiner Werke begreifen, muß deren
Grund, ihr Warum ganz klar vor sich sehen, weswegen, aus welchen edlen oder
großen Beweggründen Er sie geschaffen hat, und dann erst fängt die Bewunderung
an, ein geistiges Resultat zu haben, dann begreift man erst, was es heißt, ein
Meister wie Er und ein Schüler von Ihm zu sein!
[Sg.01_035,13] Hättest du so alle
Wissenschaften studiert, so wären dir auf jedem Schritt im Mikro- und
Makro-Kosmos die zwei Hauptprinzipien Meines Ichs entgegengetreten: die Liebe
und die Weisheit, der Ich alles erschuf, um wieder Liebe zu erwecken und das
von Mir aus Liebe hinausgestellte Körperliche vergeistigt und veredelt wieder
durch Meine geschaffenen Wesen zurückzuerhalten.
[Sg.01_035,14] Es wäre dir klar geworden, wie
Ich alles nur erschaffen habe, nicht für Mich, sondern für alle denkenden und
fühlenden Geschöpfe, wo ihr Dank- und Lobgesang die einzige Belohnung ist, die
Ich von ihnen, ein Unendlicher vom Endlichen, verlangen konnte! –
[Sg.01_035,15] So fasse Meine Welt des
Sichtbaren auf und die Decke vor deinen geistigen Augen wird fallen – du wirst
den geistigen Grund und das Warum überall leicht entziffern, sowohl im
leisesten Gesumse eines Insektes wie in der edelsten reinsten Rede eines von
Gott begeisterten Menschen oder in den Tiefen Meiner Worte selbst!
[Sg.01_035,16] Dann wirst du Wonnen erschauen
in einem Blümchen auf der Wiese und Seligkeiten entdecken in dem Ausdruck eines
Wortes, welches unendlich wie Ich Selbst – dich von einer Freude zur andern,
von einer Seligkeit zur andern führen kann; es genügt, daß du dich darin zu
vertiefen verstehst. Denn nicht nur das Wort „Sohn“ oder „Liebe“ sind so reich
an hohen Genüssen, nein, ein jedes Wort; denn jedes Wort kommt von Mir, ist
geistiges Produkt einer weit höheren Welt als die vergängliche materielle. Mit
dem Wort schuf Ich die Welt, mit dem Wort beseelte Ich sie, mit dem Wort
erhalte und führe und läutere Ich sie, bis sie als vergeistigtes Wort einst in
Mein Reich des Geistes zurückkehren wird – und dieses eine und große Wort, das
alles ausdrückt, alles besagt, dieses Wort ist „Liebe“! Fasse die Liebe in
ihrem ganzen Bereich, fasse sie als Mensch zu deinem Nächsten, als Mitleid zu
den dir unterstehenden Geschöpfen und fasse sie als Ausdruck und Beweggrund,
warum Ich, der große, unendliche Gott, einst herunterstieg auf eure finstere
Erde und dort den größten Liebesakt vollzog, den ein Gott begehen konnte, und
es werden sich dir noch größere Tiefen erschließen, die in diesem Wort und in
dem Wort „Sohn“ liegen, wenn du bedenkst, daß eben Ich – die Liebe Selbst –
dieses alles geschaffen, dieses alles getan, und in dich den Funken gelegt habe
– ganz zu begreifen, was es sagen will – die Kindschaft eines solchen Gottes
und liebenden Vaters nur eben um den leichten Preis von Liebe erwerben zu
können – und du wirst in Meiner sichtbaren Natur und im eigenen Herzen Stoff
genug finden, alles zu tun, um dieses Namens dich wert zu machen! Amen.
36. Kapitel – Die Zeit.
7. August 1872
[Sg.01_036,01] Du willst auch noch dieses
Wort erklärt haben – nun, so schreibe denn, da doch nichts mehr vergeudet wird
von euch Menschen als eben gerade die Zeit, das heißt diejenige, welche euch
als Prüfungsleben zugemessen ist.
[Sg.01_036,02] Seht, ihr wisset alle nicht,
was Zeit ist, was sie bedeutet und welchen Wert sie hat, sonst würdet ihr alle
anders leben, als ihr es wirklich tut. Um euch aber doch einen Begriff von
diesem Wort beizubringen, der einem geistigen Wesen, wie ihr Menschen es sein
sollt, würdig ist, so will Ich denn euch diesen Begriff so viel erklären, als
endliche Wesen Unendliches fassen können.
[Sg.01_036,03] Was ist also Zeit? Und wie
erkennt ihr, daß es wirklich eine Zeit gibt? „Zeit ist nichts anderes als ein
Abschnitt des Gedankens der Ewigkeit, ein kleines Bruchstück eines großen
unendlichen Ganzen!“ Ihr würdet nicht wissen, was Zeit ist, könntet ihr sie
nicht an materiellen Dingen ermessen, wo zwischen Kommen und Entstehen und
Verschwinden und Vergehen ein Zeitraum verflossen ist, welcher, wie ihr es auch
tut, gemessen oder mit Zahlen ausgedrückt werden kann.
[Sg.01_036,04] Nur im Sichtbaren ist die Zeit
zählbar, in der Ewigkeit, wo der Raum keine Dimensionen mehr hat, dort hat auch
das Maß der Zeit aufgehört, dort herrschen Begriffe und Ideen, die für endliche
Wesen nicht faßbar, nicht begreiflich sind.
[Sg.01_036,05] Ein endliches Wesen kann eben
deswegen Mich, den Zeitlosen, nie begreifen; denn wenngleich die ewige
Fortdauer zu denken möglich ist, so ist doch das: nie einen Anfang gehabt zu
haben, für geschaffene Wesen ein Absurdum, ein Unbegreifliches, Undenkbares –
und darin besteht der Unterschied zwischen Mir und aller Geisterwelt. Es ist
dieses Wort „Zeit“, welches Meine Göttlichkeit präzisiert, mehr als alles
andere; denn auch der Raum selbst ist ohne Zeit nicht meßbar, nicht begreifbar.
[Sg.01_036,06] Also die Zeit ist eigentlich
symbolisch der geeignetste Ausdruck für Meine Größe; denn Zeit als Begriff gab
es immer und wird es immer geben, ob man sie messen will oder nicht. Seht also,
wenn ihr diesen großen Faktor – die Zeit – von dieser Seite anseht, so ist er
es allein, welcher euch eine Idee von Mir und einen Begriff von Meiner
Schöpfung geben kann. In Zeiträumen erfolgte die Schöpfung, eine aus der
andern, eine nach der andern, und in Zeiträumen werden diese von Mir
geschaffenen Welten sich entwickeln, sich vervollkommnen, und in Zeiträumen
werden sie wieder vergehen und neuen Formen, neuen Welten, neuen Schöpfungen
Platz machen. So ist die Zeit der einzige Messer, nach welchem Meine Schöpfung
beurteilt werden kann; denn die Zeit als Größe, die Zeit als Entfernung und die
Zeit als Dauer eines geschaffenen Gegenstandes gibt dessen Wert, dessen Inhalt
und dessen Wirkungskreis an. Was dort im unendlichen ewigen Äther in Zeitabschnitten
Meine Welten vollführen, das ist wieder im Kleinen bei jedem erschaffenen Ding
und bei dessen Dauer der Fall. Nur die Zeit gibt dem Stein seine Größe, seine
Dauer, und bei lebenden Wesen ist es wieder die Zeit, die ihren Lebenswert
bestimmt.
[Sg.01_036,07] So ist also der Begriff „Zeit“
ebensowenig aus der Schöpfung zu vertilgen wie Ich Selbst. Ohne Zeit gibt es
keine Welt, und ohne Mich gibt es keine Zeit! – Was ist der Zeitraum des
Menschenlebens von der Wiege bis zum Grabe? Er ist nichts anderes als ein nur
durch Zahlen ausgedrückter Abschnitt der Unendlichkeit, welcher an einem
sichtbaren, geschaffenen Wesen in seinem Entstehen, seiner Entwicklung und
seinem Vergehen sichtbar ist. Ohne diese sichtbaren Veränderungen wäre keine
Zeit zu messen, wenn ihr nicht gerade den Wechsel der Tage oder den Wechsel
zwischen Tag und Nacht zählend einen Zeitmesser dadurch gewonnen hättet.
[Sg.01_036,08] Die Zeit hat keinen Anfang und
hat kein Ende, sie kommt aus der Unendlichkeit und verrinnt wieder spurlos in
sie. Nur sichtbare Schöpfungen zeugen von ihrem Kommen und Gehen, sonst wäre
sie unmeßbar. Diese Zeit also, welche als Maß jedem geschaffenen Ding seine
Dauer angibt, binnen welcher es sich geeignet haben muß, auf der großen
Stufenleiter zum Geisterreich fortzuschreiten, diese Zeit ist eben auch das Maß
für geistige Wesen, binnen welcher es ihnen auferlegt ist, gewisse Missionen zu
erfüllen; denn so wie die großen Welten und Sonnensysteme ihre angemessene Zeit
der Dauer haben, ebenso haben auch alle geschaffenen Wesen eine gewisse Zahl
von Zeitabschnitten, welche ihr Leben bis zur nächsten Verwandlung bestimmen.
[Sg.01_036,09] Die Zeit für den großen
Weltenbau ist eine bestimmte, denn nach deren Verlauf treten andere
Verhältnisse ein, welche von anderen Welten bedingt nun geregelt werden. Diese
Zeit also ist gemessen, und es muß während derselben vollführt werden, was nach
dem Plane des Ganzen gerade zur Erhaltung des Einzelnen wie des Ganzen nötig
ist. Was nun bei den Welten der Fall ist, das gilt auch für jedes einzelne
Geschaffene, auch für den Menschen; denn auch ihm ist von der Geburt bis zum
Tode ein Zeitraum angemessen, währenddem er seine Mission des Prüfungslebens
vollenden sollte! Da aber der Mensch ein freies Wesen ist, und da er eben auch
ein Komplex von Geistigem und Materiellem ist, so ist es ihm allein gestattet,
was er hier während seiner körperlich-irdischen Lebensbahn nicht erreichen
konnte, im Jenseits noch zu vollenden; denn der Mensch ist ein Kind zweier
Welten, der geistigen und der materiellen. Eben wegen dieses Verhältnisses sind
im Äther so viele Räume mit unreif verstorbenen Seelen angefüllt, die dort
vollenden müssen, was sie hier nicht konnten, sonst wäre ein Übergang von der
materiellen Welt zu den geistigen Wohnorten für sie direkt möglich, welches
aber so nicht stattfinden kann, da die Seelen der Menschen, leider die meisten,
unreif in der anderen Welt ankommen.
[Sg.01_036,10] Was erhellt aber aus dieser
Kundgebung? Seht, es erhellt daraus, daß die Menschen ihre Lebensdauer, das heißt
die Zeit ihres Erdenwandels soviel als möglich benützen sollten, ihren Geist
reif für die andere Welt zu machen, damit ihnen diese Zwischenreiche erspart
würden. Und darum gebe Ich euch dieses Wort über die Zeit, damit ihr aufmerksam
werden sollt, wie groß der Wert der Zeit ist und daß dieses vergeudete Gut für
euch ewig verloren ist. Ihr müßt euer Leben bei weitem ernster auffassen als
bisher; ihr müsset der Zeit einen bei weitem größeren Wert beilegen, als ihr
bisher getan; es sollen nicht in euren Mund kommen die Worte wie
„Zeitvertreib“, denn, nehmet euch in acht, die Zeit vertreibt euch, oder: „die
Zeit totschlagen“, denn die Zeit ist's, welche euch den Tod bringt, nicht ihr
der Zeit! Die Zeit, zerfallend in kleine Parzellen, sollte jeder dieser Teile
als geistiger Baustein fürs künftige Leben einen Wert haben, wenn auch noch so
klein, allein wertlos soll er nicht sein. Die Zeit ist der strengste Rechner
eurer Taten, und alles Gute und Schlechte, Überlegte und Unüberlegte, Übereilte
– in der Zeit findet es seinen Schätzmeister. Nachdem die Zeit das Geschehene
nicht wieder zurückgibt, so müsset ihr alles aufwenden, sowenig als möglich in
diese Zeitregister eingeschrieben zu sehen, was ihr zurückhaben möchtet; denn
es bleibt eben wegen seiner Unwiederbringlichkeit ein ewiger Vorwurf, ein
ewiger Dorn – und Dornen verwunden, stechen. Wäre nicht Meine allerbarmende
Liebe, was würde der Mensch wohl tun müssen, um das Andenken an manches Getane
zu verwischen, das die Zeit hartnäckig ihm nicht zurückgibt? – Nur Meine
Vaterhand kann diese Wunden heilen, die die Dornen des Vergangenen,
Gemißbilligten verursacht haben.
[Sg.01_036,11] Daher nützet eure Zeit!
Vertändelt sie nicht, die Zeit bin Ich, die Zeit ist das euch gegebene
Prüfungs-, das Lebens- oder Wandel-Maß, welches ihr getreu verwaltend als
geliehenes Gut einst Mir zurückgeben müßt! Die Zeit ist das Talent, welches Ich
einem jeden bei seiner Geburt als Angebinde gebe, vergrabt es nicht, sondern
benützet dieses Talent, auf daß es euch recht viele und große Zinsen im
Jenseits abwerfe. Bedenkt, mit allem, was ihr hier gewinnt, verkürzt ihr eure
Wanderjahre jenseits im Mittelreich, wo das Fortschreiten und der Zeitmesser
weit schwerer ist! Es ist wahr, Ich habe für Meine Kinder große Seligkeiten
bereitet; aber nur die genießen sie einst, welche in jene Räume gelangen
können, wo sie gespendet werden, und welche nur die ertragen können, die auch
dort sich nur wohl befinden. Solange euch noch Erdenschlacken von
Leidenschaften anhängen, könnt ihr nicht dorthin gelangen, wo die Zeit euch
kein strenger Richter, sondern ein lieblicher Freund ist, welcher zwischen
seligen Genüssen und Freuden euch langsam vorwärts führt, und wo ihr, getrost
rückwärts sehend, wenig oder gar nichts zu bereuen haben werdet.
[Sg.01_036,12] Nehmt euch diese Worte zu
Herzen! Es sind Worte eines Vaters, der Seine Kinder das, was Er ihnen
vorbehalten hat, auch genießen lassen möchte und ebendaher euch mahnt: die
Zeit, Ausfluß Seiner Göttlichkeit, nicht zu viel zu Materiellem, wohl aber zu
geistigen Genüssen zu benützen, denn die Zeit vergeht, führt euch auch zum
Vergehen und Verwandeln. – Wohl euch, wenn diese Verwandlung euch in Räume
führen wird, wo euch Der, der euch schon so vieles gegeben, auch fühlbar sein
kann und nicht, wie im Mittelreich, bloß geahnt werden muß! Die Zeit ist das
Maß der Dauer der Welten, sie ist aber auch das Maß eurer Taten und Werke,
benützet sie also so, wie es sich geistigen, und nicht materiellen, Menschen
geziemt, die Mir ähnlich werden wollen; denn zu diesem Zweck gab Ich euch
dieses Wort. Amen!
PREDIGTEN DES HERRN
Durch das Innere Wort erhalten und
niedergeschrieben von Gottfried Mayerhofer.
Nach der 7. Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321
Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright 2000 by Lorber-Verlag, D-74321
Bietigheim-Bissingen.
Vorrede.
Empfangen vom Herrn durch Gottfried
Mayerhofer in Triest, 22. November 1871
[PH.01_000,01] Schon seit vielen Jahren wird
in den Kirchen an jedem Sonntag ein Evangelium aus der Geschichte Meines
Erdenwandels den Besuchern vorgelesen und, je nach dem geistigen Standpunkt des
Predigers, den Zuhörern erklärt.
[PH.01_000,02] Die Zeit naht heran, da in dem
ganzen christlichen Kultus eine Reform vorgenommen und vielleicht das meiste,
von den bisher ausgeübten Gebräuchen und Zeremonien ausgemerzt wird, daß bei
den Zusammenkünften einer christlichen Gemeinde nur die Predigt oder die
Erklärung Meines euch hinterlassenen Evangeliums übrigbleibt. Ich will daher
durch Meinen Schreiber allen jetzigen und künftigen echten Nachfolgern und
Verehrern Meines Worts eine Reihe von Bibeltexten aus dem Neuen Testament näher
erklären, wie sie eigentlich im innersten Sinn verstanden werden sollen – wie
sie aber bis jetzt noch von niemand ausgelegt und erklärt wurden –, damit nicht
falsche und irrige Auslegung zu Abgötterei und Anbetung von Dingen führt, die
höchstens verehrt, aber nicht angebetet werden sollten.
[PH.01_000,03] Diese Reihe von Stellen aus
den Evangelien, welche euch Meine Worte wieder ins Gedächtnis rufen, sollen so
dargelegt werden, wie sie für euren Erdenwandel zutreffen, und sollen euch
nebenbei zeigen, wie diese Worte – vor beinahe zweitausend Jahren gesprochen –
in Erfüllung gehen; denn schon dort sagte Ich: „Die Welt und alles, was darauf
steht, wird vergehen, doch Meine Worte werden ewiglich bleiben!“ Amen.
1. Predigt – Am 1. Advent. Die Zeichen der
Zukunft.
[PH.01_001] Luk.21,25-26: Und es werden
Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen; und auf Erden wird den Leuten
bange sein, und sie werden zagen, und das Meer und die Wasserwogen werden
brausen, und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der
Dinge, die auf Erden kommen sollen; denn auch der Himmel Kräfte werden sich
bewegen.
23. November 1871
[PH.01_001,01] Dieses ist der erste
Evangelientext, mit welchem gewöhnlich das Kirchenjahr seinen Anfang nimmt. Er
wird alle Jahre den Gläubigen in der Kirche vorgelesen, alle Jahre erklärt – so
oder so –, wie es dem Prediger gerade zu seinem Zweck paßt. Wenn auch mancher
von Zeichen und Wundern spricht, so wissen doch wenige von ihnen, worin diese
Zeichen bestehen und auf welche Art sie die künftige Zeit verkünden werden. Die
meisten Prediger nehmen ihre Erklärungen für den Text aus dem politischen
Staatenleben und wollen so Geistiges durch Weltliches erläutern. Das ist ein
ebenso eitler Versuch, als wollte man die geistige Welt durch die materielle
erklären, während das Umgekehrte geschehen sollte, sind doch die weltlichen
Ereignisse eine Folge von geistigen Umwälzungen.
[PH.01_001,02] Seht, Meine Kinder, als Ich in
jener Zeit von den Zeichen sprach und den Juden die Zerstörung ihres Tempels
voraussagte, glaubten wenige von ihnen Meiner Aussage, weil sie Mich nicht
kannten. Jetzt, da Ich euch das nämliche zurufe, gibt es ebenso viele Zweifler
und Ungläubige, die die Zeichen von woandersher erwarten, als von wo sie
wirklich kommen werden.
[PH.01_001,03] In jener Zeit sagte Ich den
Untergang des Tempels von Jerusalem und das Aufhören des jüdischen Stammes als
selbständiges Volk voraus. Ich sagte ihnen voraus, daß die Art und Weise, wie
sie ihre Religionsgesetze beachten, gerade das Entgegengesetzte von dem sei,
was Moses und die Propheten ihnen geben wollten, und daß dieser Art der
Anschauung und werktätigen Ausübung ein Ende gemacht werden müßte, eben durch
die eigentliche Auslegung, wegen der Ich gekommen bin und auch Mein Leben für
diese Lehre gelassen habe.
[PH.01_001,04] Sie wollten sich nicht von dem
längst als Glauben oder Religion Angewöhnten trennen. Für sie galt der Tempel
zu Jerusalem als Repräsentant des geistigen Religionsgebäudes. Da es aber in
diesem Tempel so heillos zuging, und die Religion so gepredigt und ausgeübt
wurde, wie es den Interessen der Priester und Pharisäer angemessen war, mußte,
sollte die Menschheit nicht im Sumpfwasser ihrer schlechtesten Leidenschaften
verfaulen, dieser materielle Tempel fallen. Erst auf seinen Ruinen konnte ein
anderer, geistiger, ewig dauernder Tempel erbaut werden, zu dem Ich während
Meines Erdenlebens den Grundstein gelegt habe.
[PH.01_001,05] Schon von damals an, sowie
nach Meinem Heimgang bis zu Meiner nächsten Wiederkunft fehlte und fehlt es
nicht an Zeichen der Mahnung zur Umkehr; allein immer schien es nicht an der
Zeit, den jetzigen Tempel – nämlich Rom und seine Wirtschaft – zu zerstören.
Wenn auch vielen Menschen in besseren Augenblicken ein Lichtstrahl der Zukunft
das Herz erleuchtete, – in Rom blieb es finster, und statt heller wurde es
immer finsterer.
[PH.01_001,06] Was einst in Jerusalem
geschah, wo die bewaffnete Macht der Römer lange Zeit die Religion der Juden
und ihre Gebräuche achtete und sie gewähren ließ, das geschah auch bis auf den
heutigen Tag, wo die Machthaber mit dem Schwert in der Hand dem Unfug in Rom,
wenngleich sie ihn kannten, nicht steuern wollten, sondern ihn zu ihrem eigenen
Interesse ausbeuteten. Allein, wie einst die Juden durch ihren Übermut und ihre
Empörungssucht den Fall des Tempels und den Ruin ihrer eigenen Existenz
herbeiführten, so wird auch jetzt das Gebäude des Unfehlbaren auf Petri Stuhl
in Rom durch Übermut und Blindheit seiner eigenen Mithelfer fallen und wieder
wie einst Meiner Lehre Platz machen müssen.
[PH.01_001,07] Was bei Meiner ersten
Darniederkunft als Mensch geschah, wird sich wieder ereignen. Es werden Zeichen
geschehen. Wohl denen, die sie verstehen und sie zu ihrem eigenen und dem
Besten der Mitmenschen benutzen werden!
[PH.01_001,08] Das Vorausgesagte wird, im
geistigen Sinn, mit ebendiesen Symptomen beginnen – und hat eigentlich schon
längst seinen Anfang genommen –, wie einst während Meines irdischen
Erdenwandels. Kriege und Empörungen, Verfolgungen Meiner Anhänger, ängstliches
Bangen der Dinge wegen, die da kommen würden, Krankheiten aller Art, waren die
Vorboten in jenen Zeiten; und auch jetzt werden sie nicht fehlen. Nicht aber, daß
Ich sie schickte, sondern dieses Schicksal bereiten sich die Menschen nur
selbst durch ihr Nichtverstehen Meiner göttlichen Worte, die stets die gleichen
bleiben werden. Auch jetzt weht der Wind der geistigen Freiheit und durchdringt
alle menschlichen Herzen. Die schon längst mit Füßen getretenen Menschenrechte
wollen sich Geltung verschaffen, wollen geachtet und nicht, wie schon seit mehr
als tausend Jahren, nur von einer Sekte oder Kaste – nämlich der stärkeren –
mit Füßen getreten sein.
[PH.01_001,09] Man sagt auch: ,Der Wurm
krümmt sich, wenn er getreten wird!‘ Nun, die geistlichen und weltlichen
Machthaber haben den Wurm lange genug getreten, wollten sich denselben ganz
untertänig und botmäßig machen und die menschliche Würde erst bei sich anfangen
lassen. Zuviel schadet! Und so ist, nachdem sie den Bogen zu sehr gespannt
haben, das Reißen nahe. Sie fühlen es wohl; daher ihre Angst, ihre Suche nach
Mitteln, selbem zu steuern. Aber umsonst! Wie einst zu Jerusalem, so graben
sich diese Machthaber selbst die Grube, in welche sie eigentlich andere
hineinwerfen wollten.
[PH.01_001,10] Damals riet Ich Meinen wenigen
Anhängern, mäßig zu sein, ihre Seelen und Körper rein zu halten und nicht zu
schlechten Handlungen zu mißbrauchen, damit sie gereinigt vor dem Menschensohne
stehen können, wenn Er kommen wird.
[PH.01_001,11] Und jetzt gilt derselbe
Mahnruf: Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallet! Haltet euch
rein, stärkt euch mit dem Glauben an Meine Liebe und an Meine göttliche Fürsorge,
die, wenn sie auch das Schrecklichste zuläßt, doch nie die strafen wird, welche
Meiner Lehre mit kindlichem Gemüt angehangen und mit gläubigem Eifer danach
tätig waren.
[PH.01_001,12] Die Zeichen der Zeit werden
dann spurlos an euch vorübergehen, wenn ihr euern Körper auf wenige leibliche
Bedürfnisse habt beschränken lernen, aber desto mehr auf das Aufbauen eures
geistigen Seelenmenschen bedacht seid. Sodann werdet ihr wie einst in jenen
Zeiten Meine Anhänger ein Halleluja ertönen lassen, auch über rauchenden
Trümmern weltlichen Glanzes und über Schlachtfeldern, wo zwar die Materie
erlegen, jedoch der Geist frei geworden ist, zum Zeichen Meiner Größe, Meiner
Liebe und Erbarmung. Amen.
2. Predigt – Am 2. Advent. Die Anfrage des
Johannes.
[PH.01_002] Matth.11,2-6. 27-30: Da aber
Johannes im Gefängnis die Werke Christi hörte, sandte er seiner Jünger zwei und
ließ ihm sagen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern
warten?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Gehet hin und saget Johannes
wieder, was ihr sehet und höret: Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die
Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den
Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, der sich nicht an mir
ärgert!“ – Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater. Und niemand kennet
den Sohn denn nur der Vater; und niemand kennet den Vater denn nur der Sohn,
und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig
und beladen seid, ich will euch erquicken! Nehmet auf euch mein Joch und lernet
von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe
finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
4. Dezember 1871
[PH.01_002,01] Als in jener Zeit Johannes im
Gefängnis saß, schickte er einige seiner Jünger zu Mir, und ließ Mich fragen,
ob Ich derjenige sei, welcher als der verheißene Messias kommen solle, um die
Völker von ihrem materiellen Druck zu befreien und sie zur geistigen Würde zu
erheben, deretwegen die Menschen eigentlich geschaffen wurden, – oder ob er auf
einen andern warten solle.
[PH.01_002,02] Diese Frage, ob Ich eigentlich
derjenige sei, von dem die Propheten weissagten, ist auch jetzt wieder in den
Gemütern, die nicht recht im klaren mit sich selbst sind, aufgetaucht. Sie
haben wohl eine leise Ahnung von einem künftigen geistigen Zustand, der die
alten herkömmlichen Religionsgewohnheiten zum Teil vernichten wird und zum Teil
auf ihr rechtes Maß zurückführen soll.
[PH.01_002,03] Deswegen schicken auch sie
ihre Jünger und lassen fragen: „Bist Du derjenige, der da kommen soll, oder
müssen wir auf einen andern warten?“
[PH.01_002,04] Diese Jünger oder Anhänger der
eigentlichen, wahren Religionslehre sind noch befangen von den ihnen von Jugend
an eingeprägten Religionsgrundsätzen, die nicht immer Meine Lehre ins rechte
Licht stellten und, vermischt mit Gebräuchen, den Gläubigen stets zum Schwanken
brachten.
[PH.01_002,05] Diese Jünger oder Männer,
welche sich an die Spitze der Religions- und Glaubensbewegungen gestellt haben,
sind noch nicht frei von Vorurteilen. Sie fragen in ihrem Innern bei Mir an:
,Handeln wir so recht oder nicht?‘ Und Ich, der Ich jetzt durch Meine Knechte
die Lehre, wie Ich sie einst gab, wiedergegeben habe, und noch fortwährend
erläutere, sage ihnen: Seht Meine Taten; seht Meine Kinder, wie sie die Gottes-
und Menschenliebe auffassen; seht, welche Willenskraft in einzelnen Wunder
wirkt, nicht wie einst durch Meine eigene Hand, aber doch so, daß sie in vielen
Fällen eure Gelehrten und Doktoren zuschanden machen werden.
[PH.01_002,06] Auch damals sagte Ich: „Ihr
seid wie die Kinder! Ihr habt gepfiffen, und eure Gespielen wollten nicht
tanzen; ihr habt geklagt, und sie wollten nicht weinen!“ Und jetzt sage Ich
wieder: ,Ihr Unmündigen glaubt und hofft, die Menschen werden euren Führern
folgen, und ihr werdet das Gegenteil sehen! Ihr Menschen nebst euren Führern
werdet klagen und doch niemandem Tränen entlocken oder Mitleid erwecken
können!‘
[PH.01_002,07] Ja, wie einst, so ist es auch
jetzt und wird es stets sein: Dem Himmelreich muß Gewalt angetan werden! Es muß
mit Gewalt der alte Adam verdrängt und mit festem Willen der neue angezogen
werden, sonst ist alles Reformierenwollen umsonst. Mittelwege einschlagen und
teilweise Meine Lehre, teilweise Gebräuche veralteter Institutionen gebrauchen
wollen, geht nicht an. Ich bin ein Geist, und wer Mich anbeten will, muß Mich
im Geist und in der Wahrheit anbeten. Mit Wahrheit anbeten heißt: mit
unerschütterlichem Vertrauen – mit Gewalt! Und wer mit Gewalt den Himmel
ergreift, dessen Eigentum wird er auch sein.
[PH.01_002,08] Die Menschen von damals und
die Menschen von heute hatten und haben eine irrige Idee von Johannes, Meinem
Vorgänger, und von Mir selbst. Johannes glaubten sie zu finden, wie sie selbst
waren, nach ihren weltlichen Begriffen. Mich stellten sie sich ebenfalls vor
als einen die weltlichen Verhältnisse Verbessernden. Jedem Vorgänger und
ernsten Kämpfer für Meine Lehre wird es ergehen wie dem Johannes; er wird
ebensowenig begriffen werden wie Ich, der Ich schon in dieser Meiner Lehre
mehrere Jahre hindurch unter euch weile, mittelbar und unmittelbar Mich euch
kundgebend durch Meine Schreiber und Knechte.
[PH.01_002,09] Überall möchten die Menschen,
wenn sie auch von Meiner Lehre etwas wissen oder neuerdings erfahren, dieselbe
dem Leben so anpassen, daß es keiner Aufopferung, keiner Verleugnung bedarf, um
Meine Jünger, Meine Kinder zu werden.
[PH.01_002,10] Was Ich einst über die Stadt
Judas sagte, gilt auch heute noch für die großen Hauptstädte eurer Erde. Dort,
wo die größte Aufklärung walten sollte, herrscht die größte Finsternis, und in
jenen Städten, wo Ich Mich den Menschen direkt kundgebe, dort nimmt man am
wenigsten Notiz von Mir, wie einst in Kana, wo Ich das erste öffentliche Wunder
wirkte.
[PH.01_002,11] Ihr seht, daß ein Jahrtausend
verflossen ist, aber die Menschen stets die nämlichen geblieben sind.
[PH.01_002,12] Einst sagte Ich: „Mich, den
Sohn, kennt nur der Vater, und den Vater kennt allein der Sohn.“ Und auch jetzt
muß Ich leider ebenfalls sagen: ,Mich, die mit Weisheit tätige Liebe, kennt nur
allein die Gottesliebe im höchsten Sinn.‘
[PH.01_002,13] Die Menschen möchten Mich
finden, doch verstehen sie nicht zu suchen. Noch sind Führer und Geführte
befangen, noch hängt ihnen, wie einst Moses, eine dreifache Decke über den
Augen, und wenn Ich sie auch lüften möchte, wenn Ich auch rufe: „Kommet her,
ihr alle, die ihr beladen seid, auf daß Ich euch erquicke!“, so verstehen sie
diesen Ruf nicht. Sie kennen des Hirten Stimme noch nicht, sie sind verirrte
Schafe, die erst nach langem Herumtappen im Finstern zum Licht der Liebe, der
Wahrheit und des freien Bewußtseins gelangen werden.
[PH.01_002,14] Auch jetzt wird es so sein,
wie Ich einst sagte: „Den Hochmütigen wird vorenthalten werden, was den
Unmündigen, mit dem Herzen Suchenden geoffenbart wird!“
[PH.01_002,15] Alle Reformer, die sich jetzt
an die Spitze der Gläubigen gestellt haben, welche ein besseres geistiges Los
ahnen, werden so manches von ihren Lieblingsansichten fahren lassen müssen wie
ihre Nachfolger. Sie werden noch manches Bittere durchzumachen haben, bis sie
Mein Wort von damals begreifen, welches heißt: „Mein Joch ist sanft, und Meine
Bürde ist leicht!“ Lernt von Mir die Demut, die Sanftmut und die Nächstenliebe
oder in religiöser Hinsicht die Toleranz, so werdet ihr Ruhe finden für eure
Seele und auch fähig werden, anderen diese Ruhe zu geben, die ihnen jetzt noch
mangelt.
[PH.01_002,16] So wie dort vor Meinen
Lehrjahren sich alle diese Ereignisse zutrugen und Johannes als Vorläufer in
der Wüste predigte, so ist es auch jetzt, ehe Mein wirkliches Darniederkommen
erfolgt. Meine direkte Kundgebung an einzelne ist wieder Mein Vorläufer.
[PH.01_002,17] Der geistige Wind bläst. Er
kommt von Meinen Himmeln, um eure mit allerlei schlechten Dünsten geschwängerte
geistige Luft zu reinigen. Dieser geistige Wind ist der Erwecker, Läuterer und
Träger einer neuen Ära, damit die Menschheit ihrem geistigen Ziele
nähergebracht werde und endlich begreife, was Religion im geistigen Sinne bedeutet,
was es heißt: Mich im Geist und in der Wahrheit anbeten.
[PH.01_002,18] Noch immer klammern sich die
Menschen an Zeremonien und Gebräuche, – ein Zeichen, daß sie selbst noch sehr
materiell sind, nur Materielles wünschen und verstehen.
[PH.01_002,19] Wenn die Menschen erst geistig
gebildet sein werden, wenn sie erkennen werden, daß Ich als Geist kein
materielles Mittel brauche, um von ihnen verstanden zu werden, wenn sie
einsehen werden, was eigentlich Geist und geistige Bildung heißt, dann werden sie
begreifen, wie weit sie vom rechten Weg abgekommen sind. Sie nötigten Mich zu
dem Ausruf, daß nur Ich als Sohn den Vater kenne und Er Mich. Dabei lehrte Ich
einst körperlich auf Erden, wie diese Erkenntnis auch euch Menschen, die ihr
doch alle einen Funken Meines göttlichen Ichs in eurem Herzen tragt, welcher
euch stets zur Vereinigung mit Mir antreibt, gegeben werden könne.
[PH.01_002,20] Alle diese nun folgenden
Erklärungen der im christlichen Kirchenjahr festgesetzten Sonntagsevangelien
werden euch zeigen, wie die geistige Bildung der Menschheit stufenartig nach
und nach vor sich geht. Die Erklärungen werden euch zeigen, wie ihr selbst,
schon längst in diesem geistigen Strom mit fortgerissen, dem Weg der Aufklärung
entgegengeht, um das zu werden, wozu Ich euch geschaffen, erzogen und bestimmt
habe.
[PH.01_002,21] Wacht auf, Meine Kinder!
Verschließt eure Ohren nicht den Worten des Predigers in der Wüste, den
Diktaten, die Ich euch in solcher Fülle schicke! Wacht auf, und höret die
himmlischen Harmonien, die von oben herabgesandt werden, um euch zu beweisen,
daß ihr – geistigen Ursprungs – ein anderes Ziel und eine andere Aufgabe habt,
als nur im Weltlichen zu leben!
[PH.01_002,22] Es bläst der geistige Wind und
durchzieht alle Herzen; und wenn auch Tausende sein Tönen nicht verstehen, so
seid doch ihr nicht taub, die ihr seine Bewegung und seinen Zweck deuten könnt!
Wacht auf, werft das Weltliche weit hinter euch! Ihr seid Geister, Bewohner
einer andern, größeren, unendlichen, ewigen Welt! Vergeßt nicht, daß dieses
Erdenleben, das so flüchtig an euch vorübereilt, ein Probe-, ein Prüfungsleben
ist! Der größere, ja größte Teil harrt euer dort, wo ewig keine Sonne mehr
untergeht, wo die Nacht verbannt ist und nur Licht, gleichbedeutend mit Liebe,
als Erreger das ganze himmlische Gebiet durchdringt.
[PH.01_002,23] Laßt euch raten, jene Worte
des Evangeliums, die Ich einst vor mehr als tausend Jahren ausgesprochen habe,
in ihrem höchsten, geistigen Sinne zu deuten und zu fassen! Sie enthalten Meine
ganze Vaterliebe zu Meinen Kindern.
[PH.01_002,24] Schon damals wollte Ich dem
Judenvolk beweisen, welche Liebe ein Schöpfer als Vater haben kann und auch
haben muß; allein sie verstanden Mich nicht. Und jetzt – leider muß Ich es bekennen
–, jetzt verstehen Mich die Menschen im ganzen noch weniger.
[PH.01_002,25] Einst rief Ich ihnen zu: „Mein
Joch ist sanft!“, – und heute sage Ich es wieder: ,Wie kann denn ein Joch der
Liebe anders sein als sanft, wie die Last leichter, als wenn Liebe sie tragen
hilft?‘
[PH.01_002,26] Begreift es wohl! Laßt die
Welt, sie kann euch nur auf Augenblicke ergötzen, nie aber auf die Länge
befriedigen; denn mit dem Besitz eines weltlichen Gutes hört die Hoffnung auf,
es zu erlangen! Nicht aber so im Geistigen!
[PH.01_002,27] Mein Reich ist unendlich. Der
geistige Besitz hat keine Grenzen und keine Schranken; daher ist das ewige
Fortschreiten möglich. Mit jeder Stufe ist ein größerer Genuß, mit jeder Stufe
größere Kraft und größere Fähigkeit zu erreichen.
[PH.01_002,28] Während im Weltlichen immer
erst Verhältnisse und Umstände zusammentreffen müssen, um ein Erwünschtes zu
erreichen, bietet der geistige Fortschritt immer Gelegenheit, vorwärtszugehen.
Während im Weltlichen das meiste von andern abhängt, ist im Geistigen euer
Inneres die größte Fundgrube, wo alle Schätze einer unendlichen, geistigen Welt
verborgen liegen. Es ist euer Inneres, worin Ich Mich als Vater, als Sohn und
als höchster Geist kundgeben kann, von welcher Kundgebung euer Friede und eure Ruhe
abhängt, und wodurch ihr sodann alle Mißhelligkeiten des Lebens nicht als
Strafen, sondern nur als weise und nötige Prüfungen ansehen lernt und den Satz
erst ganz begreifen werdet: „Kommet her zu Mir, die ihr beladen seid!“ Die
Liebe, die ewige, unendliche Liebe eines himmlischen Vaters hat euch diese Last
zwar aufgeladen, – aber Er hilft sie euch auch tragen.
[PH.01_002,29] Die Leiden und Mißgeschicke
des menschlichen Lebens sind dann keine Plagen, sondern nur Segnungen eines
Vaters, der Seine Kinder nicht zu weltlichen Herren, sondern zu geistigen
Vorkämpfern Seiner Liebelehre hier und einst in jenem Reich ohne Ende machen
möchte.
[PH.01_002,30] Dies nehmt alles wohl zu
Herzen! Das Endresultat wird euch gewiß beweisen, was am Ende des Evangeliums
steht: „Denn Mein Joch ist sanft, und Meine Last ist leicht.“ (Matth.11,30)
Amen.
3. Predigt – Am 3. Advent. Das Zeugnis des
Johannes
[PH.01_003] Joh.1,1-27: Im Anfang war das
Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang
bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts
gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der
Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's
nicht begriffen. Es ward ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes. Dieser
kam zum Zeugnis, daß er von dem Licht zeugte, auf daß sie alle durch ihn
glaubten. Er war nicht das Licht, sondern daß er zeugte von dem Licht. Das war
das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt
kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die
Welt kannte es nicht. Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht
auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden,
die an seinen Namen glauben; welche nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen
des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine
Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Johannes zeugt von ihm, ruft und spricht: „Dieser war es,
von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er
war eher denn ich. Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum
Christum geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in
des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt.“ Und dies ist das Zeugnis des
Johannes, da die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn
fragten: „Wer bist du?“ Und er bekannte und leugnete nicht; und er bekannte:
„Ich bin nicht Christus!“ Und sie fragten ihn: „Was denn? Bist du Elia?“ Er
sprach: „Ich bin es nicht!“ „Bist du der Prophet?“ Und er antwortete: „Nein.“
Da sprachen sie zu ihm: „Was bist du denn? daß wir Antwort geben denen, die uns
gesandt haben. Was sagst du von dir selbst?“ Er sprach: „Ich bin eine Stimme
eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des Herrn, wie der Prophet Jesaja
gesagt hat!“ Und die gesandt waren, die waren von den Pharisäern und fragten
ihn: „Warum taufst du denn, wenn du nicht Christus bist, noch Elia noch der
Prophet?“ Johannes antwortete ihnen und sprach: „Ich taufe mit Wasser; aber er
ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der ist es, der nach mir
kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, dessen ich nicht wert bin, daß ich
seine Schuhriemen auflöse.“
9. Dezember 1871
[PH.01_003,01] Dieses Evangelium handelt von
Johannes dem Täufer, der als Vorläufer und Prediger, Mir den Weg bahnen und das
Judenvolk auf Mein Kommen und Meine Lehre aufmerksam machen sollte; daher seine
Antworten an die Abgesandten vom Tempel, daher seine Beteuerungen, daß er nicht
Christus, noch Elias, noch ein Prophet sei, und daß er nicht einmal wert sei,
Mir die Schuhriemen aufzulösen.
[PH.01_003,02] Johannes war sich in diesem
Punkt seiner Mission erstens wohl bewußt, und war zweitens unter den Juden das
einzige Beispiel der Demut, der Unterwürfigkeit unter Meinen Willen.
[PH.01_003,03] Der Evangelist Johannes fängt
sein Evangelium mit den Worten an: „Im Anfange war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und Gott war das Wort.“
[PH.01_003,04] Sehet, dieser erste Satz aus
dem Evangelium Meines Lieblings Johannes beweist euch, welche Stellung Johannes
unter seinen Brüdern sowie zu Mir eingenommen hat. Was Johannes der Täufer
durch seine materielle Taufe ausdrücken wollte, das sagt geistig Mein Apostel,
indem er offen bekennt, daß das Wort oder die Idee Gottes zuerst die geistige
Taufe über ihn ausgegossen und er am ehesten unter allen seinen Mitaposteln die
Tiefe Meines Geistes begriffen und verstanden hatte. Er war der erste, der
begriff, daß durch das Wort (Ausdruck einer Idee, eines Gedankens oder Willens)
die ganze Sichtbarkeit geschaffen, daß das Wort, Leben verbreitend, Licht
schuf, und eben dieses Licht in jener Zeit von wenigen begriffen und verstanden
wurde.
[PH.01_003,05] Er, Mein Liebling, war es, der
zuerst mit dem Herzen auffaßte, was dem Verstand allein nicht begreiflich ist
und nur dem Leben und Licht gibt, der die Liebe hat, so wie sie im Weltall von
Mir verbreitet, gehalten und verlangt wird.
[PH.01_003,06] Er liebte Mich im Geiste, und
die anderen Apostel verstanden Mich in der Wahrheit. Deswegen seine ersten
Ausrufe im Evangelium, die von Meiner Macht, Meiner Liebe, Meiner Schöpfung
zeugen, und wie Ich als Christus körperlich als Lehrer auftrat, in Meinem
Eigentum aber nicht er-, sondern verkannt wurde.
[PH.01_003,07] Zu diesen Ausrufen, als
Zeugnis seines tiefen Verständnisses Meiner Lehre und Meiner Sendung, trugen
die Bekenntnisse seines Namensbruders Johannes des Täufers wesentlich bei, der
vor Mir hergesandt war, die Wege zu ebnen und das Judenvolk zur Aufnahme Meiner
Lehre vorzubereiten.
[PH.01_003,08] Ein Schritt wie der Meinige
mußte vorbereitet werden. Wie den Blinden nach Erlangung ihrer Sehkraft das
Licht des Tages erst in Form des Zwielichts oder der Dämmerung gezeigt wird, da
sie den hellen Sonnenschein nicht gleich ertragen können, so war auch Johannes
der Täufer der Erwecker und Bearbeiter der Herzen, um sie für Edleres
empfänglich zu machen. Daher rief Johannes aus: „Einer wird kommen, der schon
vor mir gewesen ist!“ Er meinte damit das Wort, welches das ganze Universum
schuf. Dieses Wort oder die mächtige Willenskraft ist es, die sich bewogen
fühlte, sich in menschliche Form einzukleiden und körperlich wesenhaft selbst,
wie bei der Schöpfung einst das materielle, jetzt das geistige Licht und Leben
denen zu bringen, die im Finstern wandelten.
[PH.01_003,09] Denn der Ausruf des Johannes:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott!“ will soviel sagen als: Im
Anfang war Gott, der mächtige Schöpfer, welcher das Licht und Leben verbreitete
und durch die weiten Räume sandte, um Leben zu erwecken. Und jetzt ist es in
Christus derselbe Gott, der wieder Sein Wort als Licht durch die weiten Räume
des geistigen Universums sendet, um dort Licht, Liebe und Leben zu verbreiten.
[PH.01_003,10] Und wie der Morgenstern der Vorläufer
der Sonne ist, so war Johannes der Vorläufer und Wegbereiter Christi. Johannes
der Täufer erkannte seinen Herrn, als er Ihn zum ersten Male sah; denn die
innere Sehe war ihm gegeben, und er sah in der Gestalt einer Taube (geistig das
Sinnbild der Unschuld) die Verbindung Christi mit der geistigen Welt. Johannes
vollführte die äußere Taufe an Mir, während Ich die innere an ihm vollzog.
[PH.01_003,11] Auch seine Jünger erkannten
bald, wer der eigentliche Herr und wer der Diener sei; deswegen folgten sie Mir
und verließen Johannes. Und Nathanael, welchem Ich Dinge enthüllte, die nur er
allein zu wissen glaubte, ward durch dieses Zeugnis für Mich gewonnen. Damals
sprach Ich die prophetischen Worte: „Wahrlich, wahrlich, von nun an werdet ihr
den Himmel offen und die Engel Gottes herabfahren sehen auf das Haupt des
Menschensohnes!“
[PH.01_003,12] Alles, was in jenen Zeiten, im
Anfang Meiner Lehrjahre, Meiner geistigen Geburt, auf Erden geschehen ist, wird
sich jetzt wiederholen und wiederholt sich täglich.
[PH.01_003,13] Auch jetzt gibt es Johannesse
als Täufer und Johannesse als Meine Lieblinge und Apostel; nur ist die Art und
Weise des Wirkens anders als damals.
[PH.01_003,14] In jener Zeit galten unter dem
Judenvolk nur Moses und die Propheten. Es handelte sich darum, sie nicht
umzustoßen, sondern ihre Worte vor Verunglimpfungen zu bewahren, das Erz von
den Schlacken zu reinigen und zu beweisen, daß Ich als Christus nichts Neues
bringen, sondern nur geistig erklären und ins Leben übertragen will, was wörtlich
verstanden und aufgefaßt wurde.
[PH.01_003,15] In jetziger Zeit aber, als dem
Vorabend Meiner zweiten und letzten Ankunft auf diesem Erdball, ist die
Kulturstufe der Menschen und ihr Verstandesleben ein ganz anderes als einst in
jener Zeit. Jetzt habe Ich es mit grübelnden Philosophen und Stubengelehrten
oder mit fanatischen Anhängern des Worts im materiellsten Sinne zu tun, mit
Menschen, denen das angenehme Weltleben zu sehr am Herzen liegt, als daß sie
sich einer Religion hingeben möchten, die statt Vergnügungen und
Ergötzlichkeiten – Aufopferung und Verleugnung von ihnen fordert.
[PH.01_003,16] Auch jetzt komme Ich wieder
unter euch Menschen wie einst. ,Und das Licht kam in die Finsternis, und die
Finsternis begriff es nicht.‘
[PH.01_003,17] Schon seit langer Zeit
erschallen Stimmen, die zur Rückkehr, zur Einkehr ins Innere predigen; in
verschiedener Form und Rede wird der eingeschlafene Menschengeist geweckt. Die
Johannesse predigen aber auch heute wie einst meist nur tauben Ohren.
[PH.01_003,18] Selbst die, welche sich als
Meine Stellvertreter auf dieser Erde eingesetzt haben, sind taub und oft noch
tauber als die andern, denen sie Meine Lehre einprägen wollen. Auch jetzt, wie
einst, fallen die Anhänger von diesen Führern ab und suchen das Licht, suchen
das Wort – als Ausdruck ihres Gottes –, suchen, was ihnen ihre eigenen Führer
nicht geben können. So entsteht der allgemeine Drang nach Licht, nach geistigem
Leben, nach Liebe, nach erwärmender und rechter geistiger Lehre. So regt sich
die geistige Tendenz trotz allen Widerstandes derjenigen, die bis jetzt nur ein
verzinsliches Kapital für sich daraus machen wollten. So regt sich der Drang
nach Freiheit des Denkens, nach geistiger Freiheit, und obgleich nun die
Aufgeklärten eurer Welt mit ihrem Verstandeslicht die geistige Fackel, die über
ihren Häuptern brennt, nicht sehen, so wird doch bald die Dämmerung des
wissenschaftlichen Lebens durch sie verdrängt werden, und den Unmündigen wird
sich klar zeigen, was den sich mündig Dünkenden bis jetzt verhüllt blieb.
[PH.01_003,19] Das Wort, welches im Anfang
Himmel und Erde schuf, wie Moses sich ausdrückte, das Wort als tatsächliches
Leben und Licht, ist es wieder, welches von oben herabströmend euch Wärme und
Liebe in die Herzen gießt.
[PH.01_003,20] Am Anfang war das Wort, und
das Wort war Ich, und am Ende wird das Wort noch ewig forttönen und Ich werde
ewig fortdauern, Licht, Leben mit Liebe verbreitend, nicht die vom Geblüt,
nicht die vom Fleisch, sondern die vom Geist Mir ergebenen Kinder beglückend
und führend.
[PH.01_003,21] Das Wort ward einst Fleisch,
und die damals Lebenden sahen Seine Herrlichkeit, aber erkannten sie nicht; und
das Wort wird wieder Fleisch werden, aber vergeistigtes Fleisch, und wird von
den Lebenden in Seiner Herrlichkeit erkannt und begriffen werden, und von
Seiner Fülle werden sie alle Gnade um Gnade nehmen.
[PH.01_003,22] Wie Johannes einst mit Wasser
taufte, so wird jetzt mit dem Geist getauft. Ströme des Himmelswassers ergießen
sich auf die Herzen der Menschen, erweichen und erwecken manche; viele aber
bleiben unberührt, oder verstecken sich vor diesem Regen.
[PH.01_003,23] Glücklich, wer noch für das
Wasser von oben ein empfängliches Herz hat, das aufwärtsgekehrt den Einflüssen
himmlischer Segnungen den Eingang nicht wehrt! Es wird sich auf alle diese, wie
sich einst auf Christus ein Strahl göttlichen Lichts gleich einer Taube
herniedersenkte, das göttliche Gnadenlicht von oben ergießen und Ruhe und
Frieden in ihren Herzen und in ihrer Umgebung verbreiten.
[PH.01_003,24] Viele werden Mir als eifrige
Diener, wie einst Johannes der Täufer, und viele als Meine Lieblinge, wie
Johannes der Apostel, Meine Lehre verbreiten und lehren.
[PH.01_003,25] Schon regt es sich. Wie der
leichte Wellenschlag am Ufer des Meeres der Vorbote von größeren Wellen ist, so
ist die jetzige religiöse Bewegung der erste Anfang einer noch größeren,
hervorgebracht von der Bewegung des geistigen Lebens, das, zwischen Materie und
Geist gleichsam eingeklemmt, sich den Ausweg schaffen will, indem das Geistige
die Eigenschaft hat, daß es sich auch zusammendrücken läßt und bei zu großem
Zwange die Fesseln zersprengt.
[PH.01_003,26] Auch ihr, Meine Kinder, die
ihr berufen seid, durch eure Taten und Worte zu bezeugen, daß ihr Wegweiser und
Ebner der geistigen Lebensbahn seid, werdet oft gefragt werden: „Wer seid ihr?
Was wollt ihr eigentlich?“ Die Welt wird auch euch nicht sogleich alles
glauben, wie einst dem Johannes; aber seid getrost! Streut Samen aus, gebt gern
denen, die euch um Nahrung bitten, und es kümmere euch nicht, wenn oftmals der
ausgestreute Same nicht die Frucht bringt, die ihr wünscht! Auch in einem Walde
wachsen nicht alle Bäume gerade. Es gibt dort verkrüppelte, krumme und
schlechte; aber deswegen ist der Wald mit seinen Bäumen doch ein Wald, der
Tausenden lebender Wesen Schutz und Nahrung angedeihen läßt, und in welchem
selbst die mißratenen Gewächse und Bäume noch vielen Nutzen geben. So auch im
geistigen Wald der Menschenseelen!
[PH.01_003,27] Johannes predigte für viele
vergebens, wie später Ich selbst, und doch gingen Meine Worte nicht verloren,
sondern werden ewig bestehen, teils weil Ich sie sprach, teils weil Meine Worte
unumstößliche Wahrheiten sind.
[PH.01_003,28] Trachtet vorerst danach, euch
selbst zu reinigen, euch vom Weltlichen loszumachen, wie es Johannes getan hat!
Auch er fröhnte nicht dem Wohlleben des Fleisches, als dem vergänglichen Kleid
eines unvergänglichen, ewigen Geistes; nein, durch mäßige Lebensart – nach dem
Sinne jener Zeit – machte er den Körper bereit, dem Geist und seiner Seele zu
dienen.
[PH.01_003,29] Und so sollt auch ihr alles
Überflüssige, was den Körper verweichlicht, vermeiden. Euer Augenmerk soll
darauf gerichtet sein, den Geist und die Seele zu kräftigen. Nicht der Taufe
mit materiellem, nein, mit geistigem Wasser sollt ihr euch bestreben, würdig zu
sein, damit ihr stets Größeres sehen, Größeres erleben und mit geistiger Sehe
die Gemeinschaft der Geisterwelt mit der materiellen Welt begreifen lernt.
[PH.01_003,30] Euer Trachten soll dorthin
gerichtet sein: im Geiste wiedergeboren zu werden. Dann braucht ihr nicht wie
einst die zwei Jünger Johannes des Täufers zu fragen: „Rabbi, wo ist Deine
Herberge?“; dann ist Meine Herberge in eurem Herzen. Dort bergt ihr den Herrn,
der vom Anfang her das Wort, das Licht, die Liebe und das Leben war und dies
alles denen verleihen wird, die sich mit geistigem Wasser zu Seinen Kindern
taufen lassen. Amen.
4. Predigt – Am 4. Advent. Die Bußpredigt
Johannes des Täufers.
[PH.01_004] Luk.3,2-20: Als Hannas und Kaiphas
Hohepriester waren, da geschah der Befehl Gottes an Johannes, des Zacharias
Sohn, in der Wüste. Und er kam in alle Gegend um den Jordan und predigte die
Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden; wie geschrieben steht in dem Buch der
Reden Jesajas, des Propheten, der da sagt: „Es ist eine Stimme eines Predigers
in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und machet seine Steige richtig! Alle
Täler sollen voll werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden,
und was krumm ist, soll richtig werden, und was uneben ist, soll schlichter Weg
werden. Und alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen.“ Da sprach er zu dem
Volk, das hinausging, daß es sich von ihm taufen ließe: „Ihr Otterngezüchte,
wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet?
Sehet zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße und nehmet euch nicht vor, zu
sagen: ,Wir haben Abraham zum Vater!‘ Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham
aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die
Wurzel gelegt. Welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und in das
Feuer geworfen!“ Und das Volk fragte ihn und sprach: „Was sollen wir denn tun?“
Er antwortete und sprach zu ihnen: „Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der
keinen hat; und wer Speise hat, tue auch also!“ Es kamen auch die Zöllner, daß
sie sich taufen ließen, und sprachen zu ihm: „Meister, was sollen denn wir
tun?“ Er sprach zu ihnen: „Fordert nicht mehr, als gesetzt ist!“ Da fragten ihn
auch die Kriegsleute und sprachen: „Was sollen denn wir tun?“ Und er sprach zu
ihnen: „Tut niemand Gewalt noch Unrecht, und lasset euch genügen an eurem
Solde!“ Als aber das Volk im Wahn war und alle in ihren Herzen von Johannes
dachten, ob er vielleicht Christus wäre, antwortete Johannes und sprach zu
allen: „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber ein Stärkerer nach mir, dem
ich nicht genugsam bin, daß ich die Riemen seiner Schuhe auflöse. Der wird euch
mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen! In dessen Hand ist die
Wurfschaufel, und er wird seine Tenne fegen und wird den Weizen in seine
Scheune sammeln, und die Spreu wird er mit ewigem Feuer verbrennen!“ Und viel
anderes mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihnen das Heil. Herodes aber,
der Vierfürst, da er von ihm gestraft ward um der Herodias willen, seines
Bruders Weib, und um alles Übels willen, das Herodes tat, legte über das alles
Johannes gefangen.
10. Dezember 1871
[PH.01_004,01] Dieses Kapitel behandelt eine
Bußpredigt Johannes des Täufers, welche er am Jordan an die um ihn versammelte
Volksmenge hielt, mit welcher er die Juden für Den vorbereiten wollte, dem –
wie er sagte – er nicht wert sei, die Schuhriemen aufzulösen.
[PH.01_004,02] Ein jeder seiner Zuhörer
fragte den Johannes, was er in bezug auf seine Lebensweise, auf sein Gewerbe
oder seinen Stand zu tun habe; und allen gab er zur Antwort: ,Das Gesetz der
Nächstenliebe!‘, das er ausdrückte in Worten, wie sie gerade zu den Fragen
paßten.
[PH.01_004,03] Was damals Johannes getan und
gepredigt hat, das tue auch Ich schon seit langer Zeit. Auch Ich mahne die
Menschheit mit verschiedenen Mitteln, Worten und Ereignissen zur Umkehr. Wie
dort die Ankunft des eigentlichen Lehrers vorausgesagt und vorbereitet wurde,
so geschieht es auch jetzt schon seit längerer Zeit, als Vorbereitung zu Meiner
nächsten Wiederkunft. So wie die Juden damals dachten und handelten, waren sie
nicht geeignet, Meine Lehre richtig aufzunehmen und zu fassen. Und wie die
Menschen heute sind, da sie noch mehr im Schlamme des Eigennutzes vergraben
liegen, ist es noch dringender, sie zu wecken und zu mahnen. Die Zeit zum
Überlegen, was man eigentlich tun solle, oder wohin man sich wenden möchte, ist
kurz bemessen. Wie dem Schlafenden die Zeit seines Traumlebens schnell
entschwindet und Stunden wie Minuten vorüberfliehen, ebenso eilt die Zeit mit
Sturmesflügeln dahin für den, welcher so ohne Nachdenken in den Tag hineinlebt.
Daher die Ereignisse, Krankheiten, drohende soziale Umwälzungen, welche nötig
sind, um die so fest im Weltschlaf versunkene Menschheit aus ihrer Trägheit aufzurütteln.
[PH.01_004,04] Damals schon sagte Johannes:
„Der, welcher nach mir kommt, hat schon die Wurfschaufel in der Hand, um auf
der Tenne das Korn von der Spreu zu säubern.“ Und jetzt, da ihr Maschinen
erfunden habt, die mittels starker Luftbewegung das Getreide säubern, jetzt
brauche auch Ich statt der Wurfschaufel geschwindere Mittel, um zu Meinem Zweck
zu gelangen und die Gutwilligen von den Saumseligen und Trägen zu scheiden.
Schon dreht sich das Schaufelrad in Meiner geistigen Wind- und Getreidesäuberungsmühle.
Wirbelnd regt es die Massen auf, weit von sich schleudernd das leichte,
schalenartige Gesindel, welches gegen jede Mahnung taub der Welt und ihren
Freuden huldigt. Und wie Johannes einst selbst des Herodes, des Vierfürsten von
Galiläa, Lebenswandel rügte, ebenso rügt auch jetzt die Volksmeinung die
ehrgeizigen Pläne so mancher Herrscher. Damals ließ Herodes den Johannes
einsperren; jetzt möchten die Herrscher ebenfalls die Zungen hemmen und dem
Volk die Gedanken aus dem Kopfe treiben. Allein das wäre jetzt – wie einst –
vergebliche Mühe! Das Wort, der geistige Träger Meines Willens, ist weit
mächtiger als Waffen und Zwang. Es überschreitet als körperloses Wesen die
Schranken der materiellen Welt und regiert im Geistigen alles, da Ich das Wort
selbst bin.
[PH.01_004,05] Dort hörte das Volk den
Johannes an; aber sobald es auf Verleugnung und Aufopferung ankam, wandte es
ihm den Rücken, wie einst der reiche Jüngling Mir. Und jetzt lacht die größere
Anzahl der Menschen auch über die, denen Ich Meine Lehre direkt kundgebe.
Hohnlächelnd blicken sie auf solche herab, sich mit ihrem Weltverstand bei
weitem gescheiter dünkend als jene mit ihrer Herzenssprache.
[PH.01_004,06] Arme, verirrte Kinder! Es wird
eine Zeit heranrücken, wo all euer Weisheitskram nicht ausreichen wird, euch
einen Trost oder auch nur Ruhe zu geben. Bei den Ereignissen, die über euch
hereinbrechen, werdet ihr zwischen zwei Welten stehen und Gott und euer
Schicksal der Grausamkeit anklagen, weil die materielle Welt euch mit Hohn
zurückstoßen und die geistige euch nicht aufnehmen wird.
[PH.01_004,07] Solche Seelen-Qualen ahnte
schon damals Johannes. Er wollte das Judenvolk wecken und zur Umkehr antreiben;
und heute, wo schon beinahe alle edlen Eigenschaften der menschlichen Natur zu
Grabe getragen wurden und nur der Egoismus mit all seinen Eigenschaften
herrscht, ergeht dieser Mahnruf wieder, bekräftigt mit Unglücksfällen und
Drangsalen, um mit Gewalt das zu erreichen, was mit Milde bei der größeren
Masse der Menschheit bis jetzt ohne Erfolg geblieben ist.
[PH.01_004,08] Damals unterzog sogar Ich Mich
als Jesus der äußeren Taufe mit Wasser; jetzt sollt ihr euch freiwillig der
geistigen, unsichtbaren Taufe mit Meinem Geist unterziehen. In jener Zeit
strömte das göttliche Licht in Form einer Taube über Meinem Haupt, Meine
Abkunft, Meinen früheren und Meinen künftigen Wohnort bezeichnend. O Kinder,
tut jetzt, soviel euch möglich ist, auf daß die Ströme des Lichts und der Gnade
von oben nicht umsonst auf euch ergossen werden! Zeigt euch würdig eurer
Abkunft und eurer künftigen Bestimmung! Wie dort einst die Stimme ertönte:
„Dies ist Mein lieber Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe!“, so möge jetzt
über eurem Haupt und in eurer Brust die nämliche Stimme ertönen, welche euch
versichert, daß ihr auf dem rechten Weg seid, Meine Kinder zu werden.
[PH.01_004,09] Dort sprach Johannes: „Wer
zwei Röcke hat, der gebe einen weg, wer viel Speise hat, der teile sie mit den
Bedürftigen; wer etwas zu verlangen hat, der fordere nicht mehr, als rechtens
ist!“ All diese Beispiele sagen mit anderen Worten: Seid mildtätig, seid
gerecht, wie es euer Vater im Himmel ist! Gebet, damit auch euch gegeben, –
vergebet, damit auch euch vergeben wird!
[PH.01_004,10] Laßt euch nicht betören durch
den Schein der Welt mit ihren Gütern! Es naht die Zeit, wo ihr alles
zurücklassen müßt und euch nur die Güter bleiben, die ihr im Innern errungen
habt, und die weder Pest noch Krieg, weder Bedrängnis noch der Tod rauben kann.
[PH.01_004,11] Laßt die sich gelehrt
Dünkenden mit ihrer Scheinweisheit! Ihre Zeit des Triumphs ist kurz. Folgt
Meinem Rat, Meinem Mahnruf, der nicht, wie des Johannes Bußpredigt, euch als
Otterngezücht, sondern als Meine Kinder betitelt, die Ich euch einst nach
Meinem Ebenbild geschaffen und wieder zu diesem Ebenbild neu gestalten will!
Damals war die äußere Gestalt mit der des Geistes eins, heutzutage ist wohl
äußerlich noch die Ähnlichkeit der schon längst verschwundenen paradiesischen
Schönheit in entfernter Form geblieben, aber die Seele, als Tempel und Sitz Meines
Gottesfunkens, ist zum Zerrbild geworden. Dieser Zwiespalt kann nach Meinen
Gesetzen nicht geduldet werden, und es muß das Innere zum Äußeren wieder in
Harmonie gebracht werden. Wenn ihr auch die äußere Hülle, auf welcher die
Leidenschaften ihre Spuren zurückgelassen haben, nicht mehr ändern könnt, so
trachtet doch wenigstens aus allen Kräften danach, den inneren Geistmenschen
wieder dem Urbild nachzubilden; denn es gibt kein schöneres, größeres und
geistigeres Vorbild in der Schöpfung. Es ist jenes Bild, von dem jedes
erschaffene Wesen mehr oder weniger als Abdruck gestaltet ist, und von dem ihr,
als letzter Ausdruck der ganzen materiellen und geistigen Schöpfung, die Form
in euch tragt, jenes Urbild, – das nicht allein euer Schöpfer und Herr, sondern
auch euer Vater sein will, der euch mit unerbittlicher Strenge und Willenskraft
Gesetze vorschreiben und euch entweder göttlich belohnen oder unerbittlich
vernichtend strafen könnte, aber statt Strafe nur Verzeihung und Versöhnung,
nur Liebe will.
[PH.01_004,12] In jener Zeit war ein
Vorläufer nötig, der die Menschen auf Meine Ankunft vorbereitete; jetzt bin Ich
es selbst, der euch die Friedenshand entgegenstreckt, um euch hilfreich in den
Bedrängnissen zu leiten, welche nach und nach über die Menschheit hereinbrechen
werden, weil sie zu halsstarrig ist. Verstoßt diese Hand nicht; denn ihr findet
keine stärkere, keine kräftigere! Jeder menschliche Arm ist zu kurz, nur der
Meine reicht für alle Entfernungen und erreicht den Flehenden selbst weit über
jene Räume hinaus, in denen der letzte Stern seine Strahlen verbreitet und das
ewige Geisterreich seinen Anfang nimmt. Auch dort noch ist es dieselbe Hand,
die den Liebenden an sich zieht und ihn leitet.
[PH.01_004,13] Hört auf die Stimme, die, wie
einst in der Wüste, euch auch jetzt in der Wüste des Welttreibens zuruft:
,Vergeßt Den nicht, der über den Sternen Seinen Sitz hat, ihn aber auch ebenso
in jedes Menschen Brust haben möchte!‘ Johannes predigte in der Wüste. Er tat
dies absichtlich, weil die Wüste, in der alles vegetative Leben aufgehört hat,
den Zuhörern keine Ablenkung gab. Jetzt predige Ich euch in der Wüste des
geistigen Lebens, das – infolge des überheblichen Menschenverstandes – leer
geworden ist von allem, was das Herz erquickt. So suche Ich, wie Johannes,
inmitten des Sand- und Steinreichs die geistige Blume der Liebe zu pflanzen,
die, vom Erdreich keine Nahrung ziehend, Nahrung nur von oben bekommt. Und
jetzt, inmitten des vom Egoismus ausgetrockneten Bodens der spekulativen
Verstandeswelt, in der gedankenleeren Wüste des geistig göttlichen Lebens,
ergeht wieder der Ruf:
[PH.01_004,14] ,Wacht auf! Vertieft euch in
euer Innerstes, um dort die Quelle der nie versiegenden Freude, des nie endenden
Trostes und der nie verwelkenden Liebe – als Grundprinzip alles Geschaffenen
und Belebten – zu finden. Erkennt Den wieder, der durch blumenreiche Gärten,
durch schattige Wälder und erhabene Berge weit hinauf bis zur letzten
Weltensonne immer derselbe ist, der sich nie ändert und – eben weil Er alles
erschaffen hat – von Seinen geschaffenen Wesen nur die Erkenntnis fordert, die
eine Mutter, ein Vater von ihrem Kinde als erstes Zeichen der Verwandtschaft
erwarten, nämlich die Liebe.‘
[PH.01_004,15] Während eure schwachen,
weltlichen Herrscher euch durch Gewalt und eine Menge Gesetze zur Achtung
zwingen wollen, setze Ich euch frei in die Schöpfung hinaus. Frei könnt ihr
wählen zwischen Liebe oder Haß, Leben oder Tod, Licht oder Finsternis. Noch ist
es jedem anheimgestellt, zu wählen. Die Zeit kommt stets näher, wo diese Wahl
entscheidend getroffen werden muß.
[PH.01_004,16] Wie einst der Mahnruf vor
Meinem ersten Auftreten erscholl, so erschallt jetzt Mein zweiter Ruf, damit
ihr nicht schlaftrunken von den Ereignissen überrascht werdet, sondern mit
klarem Bewußtsein und ruhigem Herzen den Dingen entgegengehen könnt, die nur
für die bestimmt sind, die sich durch sanfte Mittel nicht wecken ließen.
[PH.01_004,17] Während eure Herzen für die
leisen Harmonien der Liebe empfänglich sind, müssen dort die Posaunen ertönen,
von denen Mein Liebling, der Apostel Johannes, spricht, wenn die Engel die
Zornschalen über die Häupter der Harthörigen ausgießen werden, die trotz aller
Mahnungen Meinen Liebeworten kein Gehör geben.
[PH.01_004,18] Oft genug habe Ich verkündet:
,Es werden böse Zeiten kommen!‘ – Ich wiederhole es nochmals: Die Zeiten werden
böse werden! Trachtet, vor der Zeit gut zu werden, damit ihr in diesem
Bewußtsein der guten Tat einen Schild habt gegen alle bitteren Ereignisse. Sie
sind nur bitter für jene, die, stets an den Honig des weltlich materiellen
Genußlebens gewöhnt, das Bittere nicht als Heil-, sondern als
Vernichtungsmittel ansehen.
[PH.01_004,19] Dies ist der Sinn von jener
Bußpredigt, für euch und für die jetzt kommenden Zeiten! Wer Ohren hat, der
höre! Amen.
5. Predigt – Am Weihnachtstage. Die Geburt
Jesu.
[PH.01_005] Luk.2,1-14: Es begab sich aber zu
der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt
geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit,
da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen
ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch Joseph auf aus
Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da
heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß
er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.
Und als sie daselbst waren, bekam sie ihren ersten Sohn und wickelte ihn in
Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten keinen Raum in der
Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden,
die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen,
und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr. Und
der Engel sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch
große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland
geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids! Und das habt zum
Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe
liegen!“ Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen
Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“
[PH.01_005,01] Dieses Kapitel handelt von
Meiner Geburt, einem Fest, welches ihr jedes Jahr nach kirchlichem Brauch am
25. Dezember feiert.
[PH.01_005,02] Schon früher habe Ich Worte
über dieses Fest gegeben. Die Einzelheiten, welche Meine Geburt begleiteten,
wißt ihr teils aus Meiner Jugendgeschichte, teils aus dem Evangelium Meiner
Apostel; und doch liegt noch manch Unaufgeklärtes in diesem Akt Meiner ersten
sichtbaren Erscheinung auf eurer Erde, dessen tiefere Bedeutung ihr in
geistiger Entsprechung noch nicht kennt. So will Ich, veranlaßt durch den Text
dieses Kapitels im Lukas, die weiteren Enthüllungen für euch und alle Meine
künftig gläubigen Kinder geben, damit ihr seht, daß auch das Kleinste, was Mich
und Meine Erscheinung auf Erden betrifft, eine hohe Bedeutung hat und sich
geistig bei Meiner Wiederkunft auf diesen kleinen Stern, als Wohnort Meiner
einst großen Kinder, wiederholen wird.
[PH.01_005,03] Wie einst durch die
Verhältnisse der Erde gerade jener Zeitpunkt und jenes Volk bestimmt war, Zeuge
von dem großen Gnaden- und Liebesakt zu sein, welchen Ich für euch und für die
ganze Geisterwelt vollzog, so werden auch bei Meinem zweiten sichtbaren
Erscheinen Zeit und Land so gewählt werden, daß sie diesem Schlußakt am meisten
angemessen sein werden.
[PH.01_005,04] Nicht umsonst habt ihr dieses
Fest „Weihnachten“ benannt. Es war eine geweihte Nacht, wo Ich Mich, euch und
der ganzen materiellen Schöpfung zuliebe, als Opfer der Demut weihte, indem Ich,
der unendliche Herr der Schöpfung, ein zerbrechliches, verwesliches Kleid
anzog, das unter Millionen anderer lebender Wesen auf anderen Welten, was das
Äußere betrifft, weit hinter der höchsten Urform eines Menschenbildes
zurücksteht. Viele Bewohner sind so ausgestattet, daß der Mensch dieser Erde
nur als eine schwache Nachahmung dessen erscheint, was Ich als Abbild Meines
eigenen Ichs in diese Form hineingelegt habe. Obgleich die auf anderen Welten
lebenden Menschen die Erdbewohner in vielem übertreffen, so sind diese doch in
geistiger Hinsicht zu etwas weit Größerem bestimmt als die in den
paradiesischen Welten und Sonnen Lebenden. Wenn jenen auch ein ewiger Frühling
lacht und sie in glücklichen Verhältnissen leben, die sich eure
Einbildungskraft nicht vorzustellen vermag, so geht ihnen doch die klare
Kenntnis Meines Ichs, Meiner geistigen Schöpfung und Meiner Vaterliebe ab.
[PH.01_005,05] Sie sind gut, weil nichts
Böses sie zum Gegenteil zu verleiten sucht. Sie erkennen ein höchstes Wesen,
sinken vor Ehrfurcht vor Ihm nieder; aber keines von ihnen wagt zu denken, daß
dieses höchste Wesen ein von Ihm Geschaffenes an Seine Vaterbrust drücken wolle
und ihm den süßen Namen des Kindes geben.
[PH.01_005,06] Das ist nur jenen vorbehalten,
die solch eine Stellung durch Kampf und Sieg erringen müssen, damit sie Kinder
Gottes werden können. Wo also die Bildungsschule solcher Kinder ist, muß neben
der größtmöglichen geistigen Erhebung auch das Gegenteil, die größtmögliche
Erniedrigung, ja der Abfall vom Guten, stattfinden können. Um euch zu zeigen,
daß zwischen solchen Gegensätzen ein Fortschreiten zum Besseren, ein Siegen
über alle Hindernisse möglich ist, kleidete Ich Mich in die Hülle einer der
letzten, unangesehensten Menschengestalten. Ich stieg selbst auf diesen
finsteren Erdball hinunter, der in bezug auf Ausstattung und Größe in Meiner
Schöpfung so gerechnet werden kann wie der Rang eines Infusionstierchens
zwischen allen Schönheiten und Wundern eurer Erde.
[PH.01_005,07] Wie aber in Meiner ganzen
Schöpfung alles mit gleicher Sorgfalt gebildet und das letzte Infusionstierchen
in seiner Art ebenso vollkommen gebaut ist wie der Mensch als Herr der Erde, so
zeigt euch Mein Schöpfungsprinzip, das durch alle Stufen des Geschaffenen geht,
daß Ich gerade im Kleinsten am größten bin und gerade im Kleinsten als
mächtiger Schöpfer und Herr dastehe. Dies war der Grund, warum Ich einen der
kleinsten Weltkörper wählte, um da Meine ganze Größe zu zeigen, indem Ich
Meiner Geister- und Seelenwelt bewies, daß gerade im Kleinsten nur das Größte
möglich, und in der größten Erniedrigung die größte Herrlichkeit zu erlangen
ist, ja, daß gerade der, welcher alles hingibt, würdig ist, alles zu besitzen.
[PH.01_005,08] So fand Meine Geburt nicht in
einem Palast und nicht von hochgestellten Menschen, sondern in niedriger
Stellung statt. Es mußte aber doch in allen Umständen, die dort zusammentrafen,
das Hohe, Geistige Meiner Geburt angedeutet werden.
[PH.01_005,09] So war es bestimmt, daß die
Volkszählung durch Herodes anbefohlen wurde, und Ich nicht in einem von
Menschen erbauten Haus, sondern in Meinem Haus, d.h. unter freiem Himmel in
einer Höhle das Licht der Welt erblickte.
[PH.01_005,10] Zeugen Meiner Geburt waren
nicht Kaiser und Könige, nicht einmal gewöhnliche Menschen, sondern nur Tiere,
– Geschöpfe, die, nicht verdorben, das waren, wozu Ich sie erschaffen habe.
[PH.01_005,11] Die Volkszählung mußte dazu
beitragen, daß Maria sich zur Reise nach Bethlehem aufmachte, um das zu
vollführen, was dem König aller Schöpfung zur Ehre gereichte.
[PH.01_005,12] Millionen von höheren Geistern
sangen Mir das Loblied: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf
Erden!“ Diese und die Tiere, wie sie aus Meiner Hand hervorgingen, waren bei
Meiner Geburt gegenwärtig. Solche Zeugen gebührten Mir, dem in Windeln
eingehüllten Herrn aller Heerscharen.
[PH.01_005,13] Durch die Volkszählung konnte
Meine Geburt nicht unbeachtet bleiben. Auch mußte gerade der grausame Herodes
als Landpfleger oder Vierfürst in Jerusalem herrschen, um Meine fernere
Erziehung und Meinen späteren Lebenslauf zu erschweren. Durch Überwindung all
dieser Schwierigkeiten sollte bewiesen werden, daß, obwohl Ich Mich in die
niedrigste Stellung gesetzt hatte, Ich im Angesicht Meiner ganzen Geisterwelt
Meine Aufgabe doch lösen werde, nämlich: außer dem Beispiel der Demut und
Verleugnung aus dieser kleinen Erde eine Pflanzschule für Meine Kinder zu
machen, die einst bestimmt sind, den auf den anderen Sternen und Sonnen
lebenden Wesen das Bild des großen Geistes und Schöpfers aller sichtbaren Natur
in das eines liebenden Vaters umzuwandeln.
[PH.01_005,14] Was Ich vor Äonen von
Zeiträumen beschloß und vor mehr als tausend Jahren begonnen habe, das nähert
sich jetzt der Vollendung. Meine Religionslehre, Mein Wort, das mit keinem besseren
vertauscht werden kann – es mögen die Menschen noch so grübeln und denken –,
Meine Liebelehre muß zur allgemeinen Geltung gelangen! Es muß die Liebe allein
regieren, und alle Leidenschaften des menschlichen Herzens, die nur darum von
Mir in dasselbe gelegt wurden, um durch Kampf gegen sie die Liebe zu verdienen
und zu erringen, alle diese Leidenschaften des menschlichen Herzens müssen
beherrscht zu den Füßen des Altars der Liebe liegen. Haß, Rache, Stolz und wie
sie alle heißen, diese mächtigen Triebe des Bösen im Menschen, müssen alle zum
Schweigen gebracht werden. Das Kreuz, auf welchem Ich einst angenagelt für die
verirrte Menschheit um Verzeihung bat, muß als Symbol der Versöhnung von jedem
geliebt, geehrt und im Prüfungsfall selbst getragen werden, zur Erinnerung an
den Weg, den Ich gezeigt, und der den Menschen allein zur geistigen Höhe führen
kann.
[PH.01_005,15] Wie in Meinem Lebenswandel auf
Erden gegen das Ende hin die Umstände scheinbar gegen Mich arbeiteten,
scheinbar Meinen Untergang und Tod herbeiführten und doch durch die
Auferstehung aus der Materie und die Heimkehr in Mein geistiges Reich Meinen
größten Triumph bewirken mußten, so mehren sich auch jetzt für die Menschen
scheinbar die Unglücksfälle, mehren sich die Anzeichen furchtbarer Katastrophen.
Der Mensch soll aus ihnen wie der Vogel Phönix aus der Asche verbrannter,
weltlicher Ansichten und Vorurteile unversehrt als geistiges Produkt seines
Schöpfers, als geistiges Kind eines noch höheren geistigen Vaters hervorgehen.
[PH.01_005,16] Dahin zielt alles, dahin
treibt wie ein steuerloses Schiff die ganze Menschheit. Zerbrochen werden
müssen alle die künstlichen Schutzwände, die der menschliche Verstand wie
Eisenpanzer um das für die Liebe schlagende Herz gezogen hat. Es müssen
vernichtet werden die Schranken von Geburt, von Rang, von oberflächlichem
Wissen. Der Mensch muß aufhören, mit dem Verstand zu denken, und mit dem Herzen
fühlen lernen. Das warme Feuer der Liebe muß zuerst seine ganze Seele erwärmt
haben, dann erst kann die Weisheit, als regelnder Trieb der Liebe Schranken
setzen und die Menschheit all das fühlen lassen, womit Ich sie ausgestattet und
wozu Ich sie so und nicht anders erschaffen habe.
[PH.01_005,17] Sooft Ich als Christus auf der
Welt Meinen Vater im Himmel anrief, war es stets die Weisheit, welche die Liebe
anrief, um durch dieses Anrufen ihr unbegrenztes Wirken zu zügeln. So wie die
Weisheit und Liebe nur miteinander bestehen können, ebenso war Ich als Christus
mit Meinem Vater, der Liebe, verbunden nur eins, und deswegen konnte Ich sagen:
„Mich kennt niemand als der Vater im Himmel, und nur Ich kenne Ihn!“ oder „Ich
gehe heim zum Vater!“ usw. Dadurch wollte Ich sagen: Die ganze Welt ist
geschaffen aus Liebe; aber die Weisheit hat ihre Bedingungen geregelt. Die Liebe
schuf, die Weisheit erhält. Die Liebe als ,Vater‘ stellte das höchste Symbol
der Reinheit auf, und Ich, die Weisheit, als ,Sohn‘ bewies sie durch die Tat.
Und wie Liebe und Weisheit, nur vereinigt, das ganze Ich Meines eigenen Wesens
ausmachen und dort im vollkommensten Abbild bestehen, so soll auch der Mensch
als Abkömmling von Mir der Ausdruck der Liebe und Weisheit werden. Er soll
zuerst lieben und dann weise sein lernen, um Mich, Meine Schöpfung und seine
Mission ganz zu erkennen und zu begreifen.
[PH.01_005,18] Dahin zielt Mein Streben mit
euch, alle die Ereignisse treiben euch dahin, die Wiedergeburt eures Jesus im
Innern zu vollführen, Er möchte euch dort als Ausdruck von Weisheit und Liebe
führen und leiten, bis in kurzer Zeit dieser Schöpfer alles Sichtbaren, der
Herr aller Heerscharen, als Vater (Liebe) gepaart mit dem Sohne oder Christus
(Weisheit), in Person wieder sichtbar auf die Erde treten und zum zweiten und
letzten Mal aussprechen kann, was Er am Kreuz vor mehr als tausend Jahren
ausgerufen hat, nämlich: „Es ist vollbracht, – es ist vollbracht das große Werk
der Sühne!“
[PH.01_005,19] Ich habe Meinen Geistern
gezeigt, wie das für sie Unmögliche möglich geworden ist. Ich bin mit dem
Beispiel vorangegangen und habe nun Meine Wesen auf dieser kleinen Erde zu
großen Bürgern Meines unendlichen Reichs, zu Meinen einzigen Kindern gemacht.
[PH.01_005,20] Es ist vollbracht, was Ich
einst in der Wiege, in einer Höhle bei Bethlehem, als unmündiges Kind begonnen
habe, was dort schon von Millionen Engelsgeistern besungen, aber von den
Menschen nicht verstanden, höchstens von einigen schwach geahnt wurde.
[PH.01_005,21] Ich habe es vollbracht das
Werk der Sühne, der Liebe, der Verzeihung. Gereinigt ist die Welt von allen unreinen
Schlacken des Eigennutzes, und wenn auch Drangsale und Unglücksfälle die
irdischen Körper der Menschen zerstören, – dem Geist- und Seelenmenschen können
sie nichts anhaben. Er steht hocherhaben über den Trümmern der Welt, seine Arme
ausbreitend nach dem göttlichen Retter, der – wie einst dort – allen zurufen
wird: Kommet her, ihr alle, die ihr beladen seid, auf daß Ich euch eure Last
abnehme und euch erquicke! Kommet her, ihr Kämpfer für Liebe und Weisheit, euch
sei die Krone des Lebens, euch seien die Schranken der Geisterwelt geöffnet,
damit ihr sehen möget, wie die Engelscharen wieder frohlocken und Loblieder
singen dem Herrn, dem Vater, mit den nämlichen Worten wie einst: „Ehre sei Gott
in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!“ Denn Er kam in Sein Eigentum,
und Seine Kinder haben Ihn erkannt. Amen.
6. Predigt – Am Sonntage nach Weihnachten.
Die Darstellung Jesu im Tempel.
[PH.01_006] Luk.2,33-40: Und sein Vater und
seine Mutter wunderten sich dessen, was von ihm geredet ward. Und Simeon segnete
sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: „Siehe, dieser wird gesetzt zu einem
Fall und Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen
wird (und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen), auf daß vieler Herzen
Gedanken offenbar werden!“ Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter
Phanuels vom Geschlecht Asser; die war wohl betagt und hatte sieben Jahre mit
ihrem Manne gelebt nach ihrer Jungfrauschaft und war nun eine Witwe bei
vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel und diente Gott mit Fasten und
Beten Tag und Nacht. Diese trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries den
Herrn und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung zu Jerusalem warteten.
Und da sie es alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie
wieder nach Galiläa zu ihrer Stadt Nazareth. Aber das Kind wuchs und ward stark
im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.
25. Dezember 1871
[PH.01_006,01] Dieses Kapitel handelt im
Anfang von Meiner Geburt, später von Meiner Beschneidung und dann von den drei
Tagen, welche Ich im zwölften Jahr im Tempel zu Jerusalem zubrachte. Es sind in
diesem Kapitel die Ankunft der drei Weisen aus dem Morgenland, der Kindermord
und noch weiteres – wie die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr nach dem Tod
des Herodes – verschwiegen. Auch Ich will das meiste davon übergehen, da ihr es
aus dem Evangelium Jakobs, Meiner Jugendgeschichte, und anderen Aufzeichnungen
Meiner Apostel wißt.
[PH.01_006,02] Wir wollen also bei dem oben
angeführten Text stehenbleiben, wo es heißt: „Joseph und Maria wunderten sich.“
[PH.01_006,03] Worüber wunderten sie sich?
[PH.01_006,04] Sie wunderten sich über die
prophetischen Worte Simeons und die Aussagen Hannas, die beide mit geistigem
Auge in dem zur Beschneidung nach Jerusalem gebrachten Kind den Erlöser nicht
nur der Juden, sondern der ganzen Menschheit erkannten, welcher gekommen war,
den Geist von dem Zwang der Materie zu befreien.
[PH.01_006,05] Daß Joseph und Maria es nicht
verstanden, was ihnen jene beiden prophezeiten, ist leicht einzusehen; denn wer
von der Empfängnis Marias angefangen bis zur Geburt und Tempeltragung, all das
rätselhaft Mystische in Betracht zieht, wird leicht bemerken können, daß weder
Maria noch Joseph wußten, wie sie sich dazu zu verhalten hatten.
[PH.01_006,06] Obgleich die Juden gewohnt
waren, durch Propheten direkte Mitteilungen von Mir zu erhalten, so war es bei
ihnen doch auch, wie es stets ist: sie glaubten ihnen wenig, solange diese
lebten, und ihre Aussagen gewannen erst Wert, wenn sie anfingen in Erfüllung zu
gehen.
[PH.01_006,07] Sie hofften auf einen Messias,
– nur war ihre Hoffnung auf weltliche Wünsche gegründet; sie hofften auf einen
Messias, der, vielleicht in einem Palast geboren, als ein großer Held sie einst
vom verhaßten Joch der Römer befreien sollte. Daß aber ein Kind eines
Zimmermanns, als den sie Meinen Nährvater kannten, ihr Erlöser werden sollte,
das lag außer dem Bereich ihrer gehegten Hoffnung, außer ihrer Fassungskraft.
[PH.01_006,08] Deshalb staunten auch Joseph
und Maria ob der Worte Simeons und Hannas. Maria hatte ja in kurzer Zeit so
Wunderbares an sich erlebt, daß sie nicht wußte, was mit ihr geschehen war und
was sich noch ereignen würde. Sie gebar einen Sohn, ohne die Hinneigung zu
einem Mann gekannt zu haben. Sie war Mutter, ohne eigentlich das Muttergefühl
in seiner ganzen Fülle zu kennen; denn im allgemeinen ist ein Kind erst das
Glied, das die Lebenswege des Mannes und des Weibes verbindet und sie zu einem
Ganzen, zu einer Familie zusammenfügt.
[PH.01_006,09] So war Maria Mutter und fühlte
wohl die Freude, eine Frucht ihres Leibes vor sich zu sehen; allein es war mehr
Mitleidsgefühl für den unmündigen Säugling als das Wonnegefühl einer Mutter,
ein Pfand der Liebe ihres Gatten an die Brust zu drücken. So begriff sie nicht
und konnte es nicht begreifen, was bei ihrer Empfängnis, was bei der Geburt und
ferner geschah; denn sie handelte nur nach Weisung höheren Einflusses und
verhielt sich dabei mehr passiv als aktiv, als Weib und Mutter nur ihren
Gefühlen folgend, welche sie an ihren Säugling banden.
[PH.01_006,10] Dieses unbewußte Gefühl wurde
natürlich gesteigert, als sie zu den Zweifeln und bangen Ahnungen, welche nur
sie allein im Busen zu tragen glaubte, das gleiche und noch Größeres von
anderen erfuhr, als sie das Jesuskind in den Tempel trug. Durch die
gesetzmäßige Beschneidung und Opferung sollte Ich als Kind in die israelitische
Religion aufgenommen und in ihr erzogen werden.
[PH.01_006,11] Was Simeon sagte, war ihr ein
noch größeres Rätsel, um so mehr, als er das Kind als Das erkannte, wovon sie
noch keine Ahnung hatte und haben konnte. Was sie aber noch weniger begriff,
waren Simeons letzte Worte, welche so lauteten:
[PH.01_006,12] „Siehe, Dieser wird gesetzt zu
einem Fall und Auferstehen des Volkes Israel und zu einem Zeichen, dem
widersprochen wird (und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen), auf daß
vieler Herzen Gedanken offenbar werden!“
[PH.01_006,13] Daß aus ihrem Sohn etwas
Außerordentliches werden könnte, war für sie denkbar – waren ja die Empfängnis,
die Geburt usw. mit so außerordentlichen Erscheinungen begleitet –; doch einen
Gott als Mensch unter dem Herzen getragen zu haben und den zu erwartenden
Messias den geistigen Wiederhersteller nicht allein ihres Volkes, sondern der
ganzen Menschheit, das waren Begriffe, die in ihrem Kopf keinen Platz fanden.
Sie hat Mich noch bei Meinem Kreuzestod nicht als Gott, sondern nur als
Menschen, als ihren Sohn beweint; erst durch die Auferstehung wurde sie, wie
auch Meine Apostel, in dem bekräftigt, was Ich ihnen oft gesagt hatte.
[PH.01_006,14] Das Schwert, welches in
Zukunft durch ihre Brust gestoßen wurde, war der mütterliche Schmerz; denn
hätte sie gewußt und erkannt, wer Ich eigentlich war, so hätte sie nicht
trauern, sondern bei Meinem Hingang frohlocken sollen.
[PH.01_006,15] Ich selbst habe es ihr und
Meinen Aposteln oft vorausgesagt, was Mir bevorstehen und wie Ich den Tod und
die Hölle überwinden werde; allein, wo ist die Überzeugung – besonders in jenen
Zeiten der Propheten und wunderwirkenden Essäer –, daß Ich, ein Mensch mit
Fleisch und Knochen wie sie, der ißt und trinkt, ein Gott, und zwar der Herr
aller Heerscharen sei, der in menschlicher Form, beim unmündigen Kind
angefangen, am Kreuz – in jener Zeit das Zeichen der Schande und Entehrung –
enden sollte!
[PH.01_006,16] Deswegen waren Joseph und
Maria erstaunt. Sie begriffen nicht, wer Der sei, welcher gekommen ist zum Fall
und Auferstehen der Juden, – zum ,Fall‘: die Zerstörung des Judenreiches
fünfzig Jahre nach Meinem Heimgang, und zum ,Auferstehen‘ vieler Juden zu
Christen, sowie die Veränderung des Kreuzzeichens, – früher Zeichen der
Schande, später Zeichen der höchsten Verklärung.
[PH.01_006,17] Und wenn Ich wiederkomme,
glaubt ihr, es werde dann mehr Verständnis unter den Menschen sein? Mitnichten!
Es wird auch dann eine Masse Bewunderer geben, die Mich, für nichts anderes
ansehen werden als einen von Gott begeisterten Menschen. Bei Meiner künftigen
Darniederkunft, welche natürlich nicht wie einst als Kind, sondern im
Mannesalter anfangen wird, wird es auch viele Zweifler geben, und Ich werde
vielen Mein Gottsein durch Wunder beweisen müssen, weil die Kraft des Wortes
allein bei ihnen nichts ausrichten würde.
[PH.01_006,18] So wird sich Meine
Jugendgeschichte zumindest stets in ihren Hauptzügen und Ereignissen
wiederholen, nur nicht in materieller, sondern in geistiger Hinsicht, weil dann
das geistige Verständnis bei weitem ausgebildeter sein wird und die Gläubigen
in der Mehrzahl, die Ungläubigen und Zweifler in der Minderzahl sein werden.
[PH.01_006,19] Seht, Meine Kinder, wie Ich
Mich einst nach jüdischem Brauch der Beschneidung unterzogen habe, so laßt auch
ihr euch mit der geistigen Taufe – gleich der Beschneidung als erster Schritt
und Eintritt in eine Kirchengemeinde –, mit dem Geiste Meiner Liebe taufen!
Entfernt aus eurem Herzen, was nicht dorthin gehört, fangt an, Mich und Meine
Welt tagtäglich immer mehr zu begreifen, damit nicht auch euch ein Schwert
durch die Brust gestoßen werde und ihr, dem Weltlichen zu viel Wert gebend, beweint,
was der Trauer nicht wert ist!
[PH.01_006,20] Befleißigt euch, die Dinge zu
nehmen, wie sie sind, und erfüllt so jeden Tag eure Aufgabe auf diesem Erdball,
solange euer Wandel hier noch bestimmt ist, damit ihr nichts zu bereuen und
nichts zu beweinen braucht, wenn die ernste Stunde des Scheidens schlägt.
[PH.01_006,21] So mögt ihr, wie Maria, als
Ich zum Vater heimging, Mich erkennen, – erkennen, daß Der, den ihr als
Christus wohl kennt, bei weitem größer und liebreicher ist, als ihr Ihn euch
vorgestellt habt, daß aber auch Meine Forderungen an euch strenger sind, als
ihr dachtet.
[PH.01_006,22] Viele leben jetzt, glauben und
lieben Mich wie Maria Mich zu Lebzeiten geliebt hatte. Allein das genügt nicht.
Maria erkannte erst am Kreuz und bei Meiner Auferstehung, daß Der, den sie
geboren, kein Mensch, sondern Gottes Sohn, das heißt die von der Liebe
getrennte Weisheit war, der nach dreitägigem Im-Grabe-liegen wieder in Sein
Himmelreich zurückkehrte und später nicht mehr körperlich, sondern nur
vergeistigt Seinen harrenden Aposteln und Seiner Leibesmutter erschien.
[PH.01_006,23] Macht, daß auch in euch
Christus auferstehe, wie Er ist und war, damit ihr euch einst nicht zu
verwundern braucht, wenn ihr Ihn anders als gedacht findet.
[PH.01_006,24] Dies zur Mahnung und
Darnachachtung! Amen.
7. Predigt – Am 1. Sonntage nach Epiphanias.
Der zwölfjährige Jesus im Tempel.
[PH.01_007] Luk.2,42-50: Und als Jesus zwölf
Jahre alt war, gingen sie hinauf gen Jerusalem nach Gewohnheit des Festes. Und als
die Tage vollendet waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb das Kind Jesus
zu Jerusalem, und seine Eltern wußten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter
den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den
Gefreunden und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder gen
Jerusalem und suchten ihn. Und nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzen
mitten unter den Lehrern, daß er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die
ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten. Und als
sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: „Mein Sohn,
warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen
gesucht!“ Und er sprach zu ihnen: „Was ist es, daß ihr mich gesucht habt? Wißt
ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ Und sie verstanden
das Wort nicht, das er mit ihnen redete.
26. Dezember 1871
[PH.01_007,01] Auch dieser Text ist aus dem
Evangelium des Lukas genommen und behandelt die drei Tage Meines Aufenthalts im
Tempel. Was Ich dort tat und lehrte, wißt ihr, da Ich es euch vor Jahren näher
erklärt habe. Wir wollen also diesen Akt aus Meiner Jugendgeschichte übergehen
und ihn nur insofern in Betracht ziehen, als er sich geistig vor Meiner künftigen
Darniederkunft ebenfalls wiederholen wird und bereits wiederholt. Was ihr aus
diesem geistigen Wiederholungsakt Lehrreiches ziehen könnt, wird der Schluß
dieses euch heute gegebenen Wortes sein.
[PH.01_007,02] Sehet, Meine Kinder, schon
öfter habe Ich euch gesagt, daß jede Handlung in damaliger Zeit, von Meiner
Geburt bis zu Meiner Auferstehung und Himmelfahrt, eine zweifache, ja eine
dreifache Bedeutung hatte. Was Ich tat und redete, war nicht nur für das
Judenvolk, sondern für die ganze damals lebende und zukünftige Menschheit, es
war auch, weit über eure Erde hinausreichend, für Mein ganzes Geisterreich
bestimmt, das mit neugierigen Augen Meinem Tun und Handeln folgte, um zu sehen,
ob und wie Ich als Erdenmensch Meine Mir selbst auferlegte Mission vollenden
werde.
[PH.01_007,03] Da Ich ganz in die menschliche
Natur eines Erdbewohners eingekleidet war, mußte Ich, um wieder aus derselben
herauszukommen und vergeistigt dahin zurückzukehren, von wo Ich gekommen war,
alle Leidenschaften der menschlichen Natur bekämpfen. Ich mußte, wie jedes
Kind, nach und nach Meine Seele ausbilden, Meine Begriffe und Anschauungen
entwickeln, um die Mir selbst eingehauchte Seele Meinem Geist anzupassen, damit
Ich am Ende Meiner irdischen Laufbahn Meinen Geistern zeigen konnte, wie Ich
nicht allein Meinen eigenen Geist wieder in seiner ganzen Größe zurückbrachte,
sondern wie Ich auch Mein Seelisches zu vergeistigen verstand.
[PH.01_007,04] So zeigte Ich dem großen
Geisterreich, wie man zu Meiner Kindschaft gelangt, und gab als lebendes,
kämpfendes und duldendes Menschenkind das Beispiel, wie und um welchen Preis
die Vereinigung mit Mir erreicht werden kann.
[PH.01_007,05] Wenn diese geistige
Entwicklung Meiner Mir eingekleideten Menschenseele schneller ging als bei
gewöhnlichen Menschenkindern, wenn Ich in Meiner frühesten Kindheit schon Worte
des Geistes sprach, wo andere Kinder noch unverständliche Laute hervorbringen,
wenn Ich, wie während des dreitägigen Aufenthalts im Tempel, Aufklärungen gab
und sogar Wunder wirkte, so müßt ihr bedenken, wessen Geist in diesem Jesus
verborgen lag, und wie leicht er bei der geringsten Erregung durch die
Menschenhülle durchleuchtete. Auch müßt ihr bedenken, daß Ich nicht, wie andere
Menschen, ein ganzes Menschenleben vor Mir hatte, sondern nur dreiunddreißig
flüchtige Jahre, innerhalb deren erstens bis zum dreißigsten Jahre Mein
Erdenmensch zum großen Werk reifte und zweitens dann nur drei Jahre
übrigblieben, in denen der Grundstein zur höchsten, nie vergehenden großen
Geistlehre gelegt werden mußte, ohne welche die Geisterwelt und indirekt auch
die materielle Welt nicht hätten fortbestehen können.
[PH.01_007,06] Es genügte nicht, Geister mit
ungeheuren Kräften und Eigenschaften geschaffen zu haben. Sie mußten auch
wissen, wozu und warum Ich ihnen diese Vollkommenheit gegeben habe, damit sie,
nur weisen Gebrauch von ihr machend, Mir, ihrem Schöpfer, Ehre bringen, Mich
ganz verstehen und Meine Schöpfung ganz begreifen lernen sollten. Um das große
Geisterreich rein göttlich zu errichten, dem Ganzen wie dem Einzelnen seinen
wahren, geistigen Wert zu geben und selbst in der Materie nur gefestetes
Geistiges sie erblicken zu lehren, welches ebenso wie die Geister selbst – nur
auf längerem Wege – den Gang der Vergeistigung durchmachen muß, um – gleichsam
als Teil Meines geistigen Ichs – einst vergeistigt zu Mir zurückzukehren: das
war der Zweck Meines Darniederkommens auf diese Erde, diesem Zweck diente Meine
ganze irdische Laufbahn, so wie ihr sie bis zum Ende kennt!
[PH.01_007,07] So waren die Ereignisse Meiner
Geburt, Meiner Flucht und Meiner Rückkehr nach dem Judenlande nur einzelne
vorausbestimmte Stufen in der geistigen Ausbildung der Mir gegebenen
Menschenseele. Auch im Tempel zu Jerusalem bestätigte sich das nämliche
Prinzip, indem Ich schon im zwölften Jahr anfing, einzelne Gedanken, die über
die damals gewohnten Lebens- und Religionsansichten weit hinausreichten,
aufzuzeigen. So mancher Meiner Zuhörer wurde dadurch zum weiteren Nachdenken
aufgeweckt, da im ganzen Judenvolk der Gedanke vom kommenden Messias, durch die
früheren Prophezeiungen angeregt, gerade auf diese Zeit Meines Erscheinens
gerichtet war.
[PH.01_007,08] Daß sie alle einen ganz
anderen Messias wollten, war nicht anders zu erwarten, weil die Menschen – und
besonders das Judenvolk – in jener Zeit, unter dem Druck einer fremden Nation
stehend, einen Befreier mit aller Sehnsucht erwarteten. Sie hatten alle den
Blick nach unten gerichtet, während der Messias von oben kam.
[PH.01_007,09] Was Ich im Tempel lehrte – wo
Ich, statt Fragen zu beantworten, den gelehrten Priestern Fragen aufgab, die
sie in Verlegenheit brachten –, hatte den Zweck, ihnen einen kleinen Beweis
ihrer oberflächlichen Kenntnis von dem zu geben, was sie allein zu wissen
vorgaben. Ich habe es im Tempel, der geistigen Schule jener Zeit, und vor
vielen Zuhörern getan, weil das Wort als Träger des unendlich großen Geistigen
ewig fortwirkte und so den Keim zu Meiner künftigen Lehre legte. Ich erwarb
schon während dieser drei Tage eifrige Verehrer Meiner Person und Meiner Lehre,
die es auch später geblieben sind. Wie Ich dort Gönner gewonnen hatte, so
machte Ich Mir die Pharisäer und Priester zu Feinden; und eben durch diese
beiden Gegensätze lebte Mein hingeworfenes Stück geistiges Brot fort und
brachte seine wohlberechneten Früchte. Wären alle mit Mir einverstanden
gewesen, hätte am vierten Tag kein Mensch mehr an Mich und Meine Lehre gedacht,
– zumal man Mich nur als einen aufgeweckten, etwas kritischen Knaben
betrachtete.
[PH.01_007,10] Daß Ich Mich nachher wieder
unter die Scheinhülle eines Zimmermanns zurückzog und jahrelang die
Aufmerksamkeit von Mir ablenkte, hatte seine Gründe: erstens die früheren
Äußerungen Meines göttlichen Geistes – besonders im Tempel – vergessen zu
machen; zweitens erst als Mann mit Wort und Tat zu bekräftigen, was man Mir als
Knabe und Jüngling nicht geglaubt hätte.
[PH.01_007,11] So verstand auch Maria, Meine
Leibesmutter, Meine Worte nicht, als Ich auf ihre Liebesvorwürfe, wegen des
langen Suchens, antwortete: „Wisset ihr nicht, daß Ich sein muß in dem, das
Meines Vaters ist?“ Joseph und Maria begriffen nicht, was Meines Vaters war;
sie waren selbst noch zu sehr dem jüdischen Kultus ergeben und glaubten, die
ganze Religion bestände in Haltung der Gebräuche. Sie kannten Mich nicht – und
Meinen Vater noch weniger; denn für sie gab es nur einen unteilbaren Gott.
Daher, hätten sie auch Mein göttliches Ich anerkannt, so wäre ihnen dieses
zweifache Wesen, Ich und der Herr – oder Sohn und Vater –, nicht faßbar
gewesen.
[PH.01_007,12] So mußte es geschehen, daß
Mein Ich reif wurde, – zur Zeit der Lehre, in der die menschliche
Verwandtschaft ihrem Ende zuging und die große geistige für die Menschheit und
das große Geisterreich ihren Anfang nahm, – Meine Mission in vollem Maß zu
erfüllen, indem Meine Seele, mit dem göttlichen Geiste vereint, das lehrte und
wirkte, was ihr im Evangelium Johannes aufgezeichnet findet. Das ist seit jener
Zeit mit unvertilgbaren Schriftzügen auf den großen Plan der ganzen Schöpfung
geschrieben mit den Worten: ,Einsetzung und rechte Auffassung der göttlichen
Eigenschaften, Erklärung und richtiges Erfassen der menschlichen und geistigen
Würde im Hinblick auf den Schöpfer alles Seienden und das wechselseitige
Verhältnis.‘
[PH.01_007,13] Dieses war der Zweck Meiner in
jener Zeit gegründeten Lehre, die göttlich ist und bleibt, weil sie Gott
gegeben, weil sie Gott Seinen göttlichen Abkömmlingen als Maßstab hinterließ
und zeigte, wie man Gott als Herrn, als Schöpfer, aber auch als Vater lieben
und sich Ihm nähern kann.
[PH.01_007,14] Und nun, Meine Kinder, nachdem
ihr begreifen könnt, warum Ich zur Welt kam, warum bis zu Meinem zwölften Jahr
sich die Ereignisse so und nicht anders gestalten mußten, will Ich euch von
jener Vergangenheit hinweg in eure Gegenwart führen und euch das Knabenalter
Jesu und Seine Fragen an die Priester in euren jetzigen Weltverhältnissen vor
Augen führen.
[PH.01_007,15] Sehet, in der Welt geht es oft
so, daß man die Augen in die Ferne richtet und das Nahe nicht sieht, oder wie
ein Sprichwort sagt, den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
[PH.01_007,16] Was ist das Knabenalter im
allgemeinen? – Es ist das Erwachen des inneren Geistes, wo die Seele sich
intellektuelle Kenntnisse verschaffen will, und sie das Äußerliche, sie
Umgebende, einer tieferen Betrachtung unterzieht, auch nicht mehr taub ist für
die Stimme, die im Innern oft anders spricht, als man es wünscht.
[PH.01_007,17] Dieses Knabenalter der
Menschheit, dieses Erwachen vom langen Glaubensschlaf, besonders in religiösen
Dingen, diese Zeit Meines zwölften Jahres ist jetzt da. Die geistige Bewegung,
die sich aller bemächtigt, zeigt sich in dem Abwägen des zum Glauben Gebotenen,
in den Fragen, welche die erwachten Gemüter den geistigen Machthabern, den
Theologen und Schriftgelehrten, die gelehrt und allein unterrichtet sein
wollen, zur Lösung geben, welche aber, weil sie unfähig sind, die gestellten
Fragen zu beantworten, Frage mit Frage lösen wollen.
[PH.01_007,18] Dieses ,zwölfte Jahr‘, als
Vorläufer Meiner späteren, reiferen Lehre, ist es, das die einen zur Ruhe, die
andern zur Verzweiflung führt. Es ist wieder das Wort: „Im Anfange war das
Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Das Wort ist es wieder
– als Ausdruck geistiger Gedanken –, welches, allmächtig durch alle Herzen
zuckend, tausend andere Gedanken hervorruft und zu tausend anderen Worten Anlaß
gibt.
[PH.01_007,19] Auch in jener Zeit warf Ich
den Stein nur an den Abhang; seine Schwere zog ihn dann von selbst, brachte ihn
ins Rollen und endlich zum Fallen. So das Wort! Es ist wie eine Lawine. Zwar
klein im Anfang, vergrößert sie sich dann immer mehr und zieht alles mit sich
in den Abgrund. So wie die Lawine schneebedeckte Abhänge von ihrer Decke
befreit und dem Lichte der Sonne wieder den Zugang zur Mutter Erde erleichtert,
ebenso stürzt die Gedanken- und Wortlawine das künstliche Gebäude von Lug und
Trug ein, und der Gnadenschein des göttlichen Liebelichts erleuchtet und
erwärmt die unter der Eis- oder Schneedecke erstarrt gehaltenen Herzen.
[PH.01_007,20] So geht die Vorbereitung zum
großen Reinigungsprozesse vor sich. Selbst die sozialen Verhältnisse, Resultate
der geistig-religiösen, rühren sich und verlangen nach Ausgleich, nach
Wiedereinsetzung göttlich-menschlicher Rechte.
[PH.01_007,21] Es ist das ,zwölfte Jahr‘, das
Frühlingsjahr, welches dem heißen Sommer, in dem die Früchte ausgereift werden,
vorausgehen muß, um im Herbst die volle Ernte halten zu können.
[PH.01_007,22] Auch Mein zwölftes Jahr, Mein
Knabenalter, war Mein Frühlingsjahr; Meine Zeit der Lehrjahre – Mein Sommer; Meine
letzten vierzig Tage bis zur Himmelfahrt – Meine Erntezeit.
[PH.01_007,23] So werdet ihr sehen, wie sich
alles nach diesen Gesetzen und Perioden entwickeln wird. Nach den
Frühlingsjahren, der Zeit der Gärung, werden die Sommerjahre des Ausreifens mit
ihren Stürmen und Gewittern – und dann die Herbstjahre kommen, in denen Ich als
Schnitter die Spreu vom Weizen sondern, das Bessere in Meine geistigen Himmel
und vergeistigten Erdkörper aufnehmen, das Schlechtere aber in die gefestete
Materie bannen werde, in der sodann auf weitem Wege das erreicht werden muß,
was auf kürzerem verschmäht wurde.
[PH.01_007,24] Bereitet euch also vor, im
Frühjahr des geistigen Lebens – durch den Gärungs- und Läuterungsprozeß jedes
einzelnen in seinem Innern – dasselbe zu tun, was Ich im Großen bewirkte.
Reinige ein jeder sein Herz von allem Weltlichen soviel wie möglich, damit er
die Stürme und Gewitter des nachfolgenden Sommers mit Geistesstärke ertrage
und, wie die Pflanzen und Bäume auf freiem Feld, siegreich aus dem Kampf
hervorgehe, damit im Herbste nicht leere Blätter, sondern schön ausgereifte
Früchte in Taten und Worten, würdig eines Kindes des göttlichen Vaters, das
Endresultat sein mögen!
[PH.01_007,25] So nur gewinnt ihr dann Meine
Liebe, Mein Reich und euren Seelenfrieden und seid durch Wind und Wetter
erstarkte Bäume und keine schwankende Schilfrohre geworden.
[PH.01_007,26] Dieses ist der Grund der
Bewegung der Zeit, der Gemüter und die Bewegung auch in eurem eigenen Herzen, das
immer zum Vorwärtsschreiten drängt. Beachtet daher den Ruf, den Ich nun in so
vielen Formen an euch ergehen lasse! Er hat immer euer Bestes zum Ziel, und
dieses könnt ihr mit Meiner Gnade auch erreichen, wenn ihr nur wollt. Amen.
8. Predigt – Am 2. Sonntage nach Epiphanias.
Die Hochzeit zu Kana.
[PH.01_008] Joh.2,1-11: Und am dritten Tage
ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber
und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen. Und da es an Wein
gebrach, spricht die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben nicht Wein.“ Jesus spricht
zu ihr: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht
gekommen!“ Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Es
waren aber allda sechs steinerne Wasserkrüge gesetzt nach der Weise der
jüdischen Reinigung, und es ging in je einen zwei oder drei Maß. Jesus spricht
zu ihnen: „Füllet die Wasserkrüge mit Wasser.“ Und sie füllten sie bis obenan.
Und er spricht zu ihnen: „Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister!“ Und
sie brachten es. Als aber der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser
gewesen war, und wußte nicht, woher er kam (die Diener aber wußten es, die das
Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu
ihm: „Jedermann gibt zum ersten guten Wein und, wenn sie trunken geworden sind,
alsdann den geringeren; du hast den guten Wein bisher behalten.“ Das ist das
erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen zu Kana in Galiläa, und offenbarte
seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.
[PH.01_008,01] Dieses Kapitel des Johannes
beginnt mit der Hochzeit zu Kana in Galiläa, wo Ich die erste öffentliche
Wundertat verrichtete, indem Ich Wasser in Wein verwandelte.
[PH.01_008,02] Mit diesem Ereignis, welches
in den Anfang Meiner Lehrjahre fällt, wollte Ich, obwohl Ich noch nicht lehrend
aufgetreten war, gerade durch die Verkettung der Umstände bei dieser Hochzeit
die Aufmerksamkeit vieler auf Mich lenken; denn in Kürze war Mein Wandel im
Verborgenen zu Ende.
[PH.01_008,03] Eine Hochzeit ist zwar ein
schon oft dagewesener und sich stets wiederholender Akt. Er wird aber, obwohl
viel Geistiges in ihm verborgen ist, von den meisten Menschen nur materiell
verstanden und begangen.
[PH.01_008,04] Wenn es nur eine solche
Hochzeit gewesen wäre, so würde man Mich dort nicht gefunden haben. Ich hatte
weit größere Zwecke im Auge, die jedoch nicht durch zu auffallende Ereignisse
erreicht werden sollten. Es sollten die Juden langsam auf Mein künftiges Lehr-
und Tatenleben aufmerksam gemacht werden.
[PH.01_008,05] Was diese Handlung und alle
weiteren betrifft, so ist ihre jetzige, geistige Wiederholung in einem größeren
und tieferen Sinne aufzufassen. Jetzt werden auch die Zeiträume größer sein als
während Meiner kurzen Lehrjahre und Meines Aufenthalts auf eurer finsteren
Erde. Dort war Mir nur kurze Zeit gegeben, um Großes für eine ewige Dauer zu
verrichten; jetzt, wo es sich um die künftige Vollendung der geistigen Bildung
der Menschheit handelt, fließt der Strom der Ereignisse langsamer, aber desto
gewaltiger, –, alle Hindernisse überwindend, die sich bis zu Meiner letzten
Ankunft gegen Meine Pläne erheben möchten.
[PH.01_008,06] Um bei der Hochzeit zu Kana
wieder anzuknüpfen, muß Ich vorausschicken, was eine Hochzeit eigentlich ist,
wie sie bei euch gefeiert wird, und wie Ich sie gefeiert haben möchte, damit
ihr später die geistige Bedeutung derselben inbezug auf die ganze Menschheit
erkennen möget, indem die Verbindung zweier Menschen, in der Entsprechung, auch
für die ganze Menschheit ihre tiefe Bedeutung hat.
[PH.01_008,07] Eine Hochzeit ist der Abschluß
eines vorhergegangenen Übereinkommens zweier Menschen verschiedenen
Geschlechts, welche, durch Sympathie angezogen, dem Drang ihrer Seele nachgeben
und gesonnen sind, diese einmal angefangene geistige Verbindung während ihrer
Lebensdauer nicht mehr aufzugeben, sondern, stets mehr eins miteinander
werdend, Freud und Leid gemeinsam zu tragen. So wird, infolge dieser gleichen
Gesinnung, durch einen gesetzlichen Akt die Ehe geschlossen, in der die
einzelne Individualität eigentlich aufhört, und ein gemeinsames Leben, das
Leben der Familie, vorgezogen wird.
[PH.01_008,08] Solch ein Akt zweier Seelen,
die sich erkannt haben, und ihre dauernde Verbindung sollten nicht nur für
dieses kurze Erdenleben, sondern auch für das jenseitige Leben gelten, wo beide
durch das Streben nach gleichem Ziele sich stets mehr und mehr vereinigen und
am Ende – wie ihr sagt – „ein Herz und ein Sinn“ werden sollen.
[PH.01_008,09] Eine solche Verbindung sollte
die wahre geistig-sittliche Liebe als Grundlage haben, um darauf das
Familienleben zu gründen, welches gegenseitige Achtung bedingt. Durch das von
Mir bestimmte Naturgesetz der Paarung wollte Ich nicht allein das Zusammenleben
zweier Individuen bezwecken, sondern Ich wollte auch aus solcher Liebe gezeugte
Früchte haben, welche die besseren Eigenschaften des Gemüts des einen und
anderen fortpflanzen und noch mehr veredeln sollten.
[PH.01_008,10] So war Mein Ehegesetz, welches
Ich in die Natur als Drang zur Fortpflanzung einlegte, die Ursache einer ewigen
Stufenleiter, von Wesen zu Wesen, bis zu Mir. Das wollte Ich, – und was habt
ihr Menschen daraus gemacht? Einen Markt mit Menschenfleisch und
Seelenverkäufern!
[PH.01_008,11] Als Ich in Kana zur Hochzeit
ging, war es gewiß nicht die sinnlich-materielle Seite, die Mich bestimmte,
dieser Einladung Folge zu leisten, sondern Ich wollte einesteils den Wünschen
Meiner Leibesmutter nachgeben, andernteils aber schon dort den ersten
Grundstein Meines großen Geisterreiches legen. Daß Ich Wein aus Wasser machte,
und daß die Brautleute den Wein für den besten erklärten, ist eben für die
jetzige Zeit in geistiger Entsprechung von Bedeutung.
[PH.01_008,12] Seht! was Ich euch von der
ehelichen Verbindung zweier Personen sagte, das soll nun geistig, auf der
Grundlage der in den Evangelien niedergelegten Liebelehre, zwischen den
verschiedenen Sekten der Christen geschehen; auch sie sollen sich in der Liebe
zu einer einzigen Familie verbinden. Schon nähert man sich, und tritt mehr in geistigen
Verkehr; man kommt nach und nach zu der Erkenntnis der geringen Unterschiede in
den Ansichten und Auslegungen der immer sich gleich gebliebenen Bibel, durch
welche die Trennung verursacht wurde.
[PH.01_008,13] Schon beginnen sich durch
diesen Austausch von Meinungen die vermeintlichen Hindernisse zu verringern,
kleiner zu werden, um einst ganz zu schwinden. In der jetzigen Zeit werden die
Vorbereitungen zu einem gemeinschaftlichen Leben getroffen, um dann einst das
Vereinigungsfest, die Hochzeit, zu feiern, zu welcher es wahrlich höchste Zeit
ist.
[PH.01_008,14] Wenn diese Vereinigung ihrem
Ziele nahen wird, dann werde auch Ich wieder das bis jetzt von allen getrunkene
Glaubenswasser in Meinen geistigen Liebewein verwandeln; und wie einst der
Speisemeister, werden dann die Harrenden fragen: „Warum haben wir denn bisher
den schlechten Wein getrunken und den besten bis zum Ende aufgespart?“
[PH.01_008,15] Und Ich werde antworten: ,Weil
ihr früher nicht fähig wart, Meinen Liebewein gehörig zu würdigen und zu
schätzen, und nur Mißbrauch das Resultat gewesen wäre! Jetzt aber, wo ihr euch
an eurem schlechten, von Menschen zusammengemischten Wein sattgetrunken habt,
jetzt, wo ihr in der Trinklust ruhiger geworden seid und Gutes von Schlechtem
klarer unterscheiden könnt, jetzt komme Ich und gebe euch nichts Neues, was ihr
nicht schon kennet, sondern denselben Wein, den ihr schon früher getrunken
habt, nur von seinen schlechten Teilen getrennt, als reinen göttlichen Trank,
den nur jene verdienen, welche, die Sinnlichkeit und das Materielle weit hinter
sich lassend, ihre geistige Natur erkennen und nur nach geistigem Trank und
geistiger Speise lechzen.‘
[PH.01_008,16] Dahin zielt jetzt alles
Treiben der Menschen. Alle sind satt der schlechten Brühe, die ihnen als göttlicher
Trank vorgesetzt wurde. Sie ahnen etwas Besseres; jeder glaubt, ein anderer
habe vielleicht das, was ihm selbst fehlt. Durch dieses Suchen und Fragen
fallen die Hindernisse des religiösen Fanatismus, und die Vereinigung wird
möglich, wo Ich dann kommen werde und es nur einen Hirten und eine Herde geben
wird.
[PH.01_008,17] Das ist die geistige Bedeutung
der Hochzeit zu Kana.
[PH.01_008,18] Beachtet dieses Wort wohl, und
richtet euer Auge auf die kommenden religiösen Bewegungen, und ihr werdet sehen,
wie die gleichgesinnten Geister sich finden, sich einander nähern, um den
Hochzeitstag, den Tag der ewigen Verbindung zu begehen, wo alle, miteinander
vereint, Mir entgegenstreben werden, um den Namen zu verdienen, welchen Ich
allen vorbehalten habe, die Meine Lehre ausüben und den ersten Grundsatz Meiner
ganzen geistigen und materiellen Schöpfung zu ihren Lebensgrundsatz gemacht
haben, um des himmlischen Vaters würdige geistige Kinder zu werden. Amen.
9. Predigt – Am 3. Sonntage nach Epiphanias.
Die Heilung eines Aussätzigen.
[PH.01_009] Matth.8,1-4: Da er aber vom Berge
herabging, folgte ihm viel Volk nach. Und siehe, ein Aussätziger kam und betete
ihn an und sprach: „Herr, wenn du willst, kannst du mich wohl reinigen!“ Und
Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: „Ich will es tun, sei
gereinigt!“ Und alsbald ward er von seinem Aussatz rein. Und Jesus sprach zu
ihm: „Siehe zu, sage es niemand, sondern gehe hin und zeige dich dem Priester
und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, zu einem Zeugnis über sie.“
11. Januar 1872
[PH.01_009,01] Dieses Kapitel Meines Apostels
Matthäus bespricht mehrere Heilungen und Wunder aus Meinen ersten Lehrjahren.
Es sind dies Taten, welche notwendig waren, um den strenggläubigen Juden eine
andere Idee von ihrer mosaischen Gesetzgebung und von ihrem Jehova-Zebaoth zu
geben. Ich mußte vor ihnen Taten vollbringen, weil Worte allein nicht
ausgereicht hätten.
[PH.01_009,02] Hier ist angeführt, wie Ich
durch bloße Berührung einen Aussätzigen heilte. Diese Art der Heilung ist jetzt
nicht mehr möglich oder nicht in Meinem Willen gelegen; denn wenn ihr die
Krankheit ,Aussatz‘ im geistigen Sinn nehmen wollt, so müßte Ich viele
Menschen, und zwar nicht die besten, auf einmal zu Engeln machen, welches aber
weder für Mich und Mein Geisterreich, noch für den plötzlich verwandelten
Geist- und Seelenmenschen von Nutzen wäre.
[PH.01_009,03] Was ist denn eigentlich der
Aussatz für eine Krankheit? Woher kommt er, und wie kann er geheilt werden?
[PH.01_009,04] Diese Fragen müssen wir zuerst
beantworten, ehe uns das geistig Entsprechende klar vor Augen treten kann.
Aussatz ist jene Krankheit, bei der man – sei es durch Ausschweifung, sei es
durch unnatürliche Lebensweise im Essen und Trinken, sei es durch
Unreinlichkeit – so viele fremde, giftige Stoffe in seinen Organismus
hineingeschafft hat, daß das ganze menschliche Uhrwerk nicht weitergehen kann.
Um nun die normale und natürliche Tätigkeit und Geschäftsleitung in allen
Teilen des Körpers wiederherzustellen, wirft die menschliche Natur alle seit
Jahren aufgenommenen fremden Stoffe oder Gifte auf ihr größtes und auch sehr
wichtiges Organ, auf die Haut, durch welche die größte und ausgebreitetste
Verbindung mit der Außenwelt besteht, erstens um auf diese Weise sich ihrer
fremden, lästigen Bürde zu entledigen, zweitens um selbst durch dieses giftige
Reizmittel eben die Haut anzuregen, mit mehr Tätigkeit den ganzen Organismus zu
unterstützen, und ihm so wieder zu seiner früheren Gesundheit zu verhelfen.
[PH.01_009,05] Geheilt wird diese Krankheit
natürlich am besten auf demselben Wege, auf dem sie entstanden ist, d.h. der
Aussatz kam von innen nach außen, und so muß auch die Heilung den nämlichen Weg
gehen. Das verdorbene Blut, welches seine schlechten Bestandteile in der Haut
abgesetzt hat, muß durch neues und gesundes ersetzt werden. Von außen gehört
natürlich auch die Reinhaltung der Wunden dazu, damit das Zersetzte, dem Körper
nicht mehr Taugliche, entfernt und dem allenfalls noch Nachkommenden Platz
gemacht wird.
[PH.01_009,06] So erfolgt dann die Heilung,
wodurch bei Beachtung einer naturgemäßen Lebensweise der Körper sich erneuert,
seinem Organismus volle Kraft und dem Menschen ein langes, gesundes Leben
sichert.
[PH.01_009,07] Hier habt ihr in kurzen
Umrissen ein Bild vom Wesen des Aussatzes als körperliche Krankheit. Jetzt
wollen wir dieselbe in ihrer geistigen Entsprechung betrachten, damit ihr auch
dort die Krankheitserscheinung und die Heilmittel erkennen mögt. Nur der
Wunderheiland, der diese Krankheit durch bloße Berührung oder durch ein Wort zu
heilen vermag, der wird und muß hier wegbleiben; denn in geistiger Hinsicht muß
jeder Aussätzige sich selbst heilen und so selbst sein Heiland werden.
[PH.01_009,08] Sehet, ,aussätzig‘, d.h. mit
vielen giftigen Beulen behaftet, ist ein großer, ja der größte Teil der
Menschen; aber eben, weil die Mehrzahl aussätzig ist, so nimmt man an dieser
Krankheit keinen Anstoß. Denn die wenigen von ihr Gereinigten ziehen sich von
den mit dieser Krankheit Behafteten nicht zurück, sondern pflegen sie mit der
Liebe und Geduld des christlichen Glaubens, um die Kranken, wenn sie zu schwach
sind, mittels Rat und Unterstützung zur Wiederherstellung ihrer verlorenen
moralischen Gesundheit zu führen.
[PH.01_009,09] Der Aussatz ist eine
Krankheit, die niemand verbergen kann. Sie zeigt sich offen am menschlichen
Körper. Das bedeutet in geistiger Hinsicht das Offen-zur-Schau-Tragen aller
schlechten Eigenschaften, aller bösen Leidenschaften und Gewohnheiten, die das
Resultat schlechter Ansichten und vernachlässigter Erziehung sind. Wenn,
geistig genommen, eine Seele in ihrem Innersten so verdorben ist, daß sie
beinahe ihren geistigen Wert eingebüßt hat, so treibt der Geist, Mein in sie
gelegter göttlicher Funke, sie so weit, daß sie sich nicht mehr schämt, diese
schmutzige Innenseite selbst nach außen öffentlich zu zeigen. Die Seele wird
durch diesen Prozeß gleichsam gezwungen, ihr Gewissen dem Nebenstehenden zu
enthüllen und durch ihre Lebensart und Denkweise, die die Folge der eingesogenen
falschen Grundsätze ist, sich an der Welt zu stoßen, bittere Erfahrungen zu
machen, um am Ende doch zu der Einsicht zu kommen, daß ein besseres, höheres,
moralisches Bestreben und Wirken erst zum rechten Frieden führt.
[PH.01_009,10] Um diese geistig Aussätzigen
schneller zu heilen, lasse Ich Ereignisse in der Welt zu, durch welche der
Ausscheidungsprozeß schneller vor sich geht und auch zur Heilung Kräftigeres,
Geistigeres ins Innere, ins Seelenleben, eindringt.
[PH.01_009,11] So wie die äußere Heilung von
innen kommen muß, so muß auch die geistige Genesung von dort ausgehen. Dadurch,
daß das Schlechte bis in die Öffentlichkeit gedrungen ist, durch das
Zusammenleben mit andern zersetzt und von der Außenwelt aufgenommen wurde, wird
im Innern das Leere durch moralisch-geistige Heilmittel wieder ergänzt und so
der Mensch zu seinem Normalzustande, als Ebenbild seines Schöpfers,
zurückgeführt und dem Geisterreiche wieder gewonnen.
[PH.01_009,12] Wie der materielle Aussatz
ansteckend ist für den, der mit solchen Kranken in Berührung kommt, ebenso ist
auch der geistige Aussatz ansteckend, weil er durch seine schlechten Grundsätze
auch andere zu schlechten Handlungen verleitet. Und so entstand, indem einer
den andern ansteckte, diese unmoralische Welt, wie ihr sie jetzt seht. Das, was
Ich in jener Zeit getan habe, daß Ich durch Berührung einen Aussätzigen heilte,
weil sein geistiges Inneres nicht seiner Haut entsprach, ist jetzt im Geistigen
nicht möglich. Der Mensch muß sich geistig selbst heilen. Mein Berühren besteht
oft nur darin, daß Ich ihn in Verhältnisse führe, durch die er schneller und
mit Gewalt von seinen anklebenden Unreinigkeiten befreit wird; aber ihn auf
einmal geistig rein herzustellen, würde ein Eingriff in die freie Würde des
Menschen sein.
[PH.01_009,13] Wenn Ich aus Teufeln plötzlich
Engel machen wollte und sie – ohne Kampf und Verleugnung zu ihrem Besten –
umgewandelt würden, – wo bliebe dann ihr Verdienst?
[PH.01_009,14] Diese Art Wunderheilung bleibt
also in jetziger und künftiger Zeit aus; wohl aber wiederholt und ereignet sich
oft, was dem Hauptmanne von Kapernaum begegnet ist, der mit starkem Glauben und
fester Zuversicht der Macht Meines Wortes vertraute und durch seine Rede:
„Herr, ich bin nicht wert, daß Du eingehst in mein Haus; sprich nur ein Wort,
und mein Knecht wird gesund!“ zeigte, wie der eigentliche Christenmensch
beschaffen sein sollte, der trotz allem widrigen Anschein auf Mich und Meine
Führung vertraut, Meinen Worten glaubt und dabei – Meine Größe öffentlich
bekennend – seine eigene Unwürdigkeit nicht vergißt.
[PH.01_009,15] Solche Seelen, die so mit Mir
reden, die bittend zu Mir kommen, sich selbst erniedrigend, die berühre Ich mit
Meinem Finger und heile sie mit Meinem Wort, d.h. Ich sende ihnen Trost und
Frieden ins Herz, die auf keine andere Weise zu erlangen sind. Bei solchen
Seelen gilt auch, was Ich in Kapernaum sagte, daß solcher demütig Glaubenden
das Himmelreich ist, – aber nicht denen, die sich noch mit ihrem Aussatz
brüsten. Diese müssen sich zuerst läutern und reinigen lassen, oder sie werden
die Finsternis ihres Herzens durch traurige Erfahrungen, erkennen müssen, und
daß es besser gewesen wäre, die schlechten Eigenschaften (den geistigen
Aussatz) auszumerzen, welche sie öffentlich zur Schau trugen und sich sogar mit
denselben brüsteten, da dieses nicht der Weg zum Geistigen, nicht der Weg zum
ewigen Leben, nicht der Weg zu Mir ist.
[PH.01_009,16] Solange sie nicht begreifen
werden, daß Demut und Liebe, mit unbegrenztem Vertrauen verbunden, die
Schlüssel sind, um bei Mir alles zu erreichen und sich selbst am schnellsten
fortzuhelfen, solange werden Krankheiten und Mißhelligkeiten aller Art auf sie
einwirken, bis der Aussatz verschwunden und durch Lebens-, Glaubens- und
Liebeselemente ersetzt wird.
[PH.01_009,17] Auch ihr habt noch so manche
Aussatzbeulen an eurer Seelenhaut, welche oft im Außenleben deutlich zeigen,
daß ihr noch lange nicht gereinigt seid, und noch lange nicht alle geistige
Nahrung, die Ich seit Jahren zu euch sende, bis in euer Außenleben verwirklicht
habt. Vieles ist es, das ihr wohl lest, manchmal auch glaubet, das aber an der
Außenseite der Lebenshaut noch keine Spuren gezeigt hat, als wäre diese Gnaden-
und Liebekost bis dorthin durchgedrungen. Nur wenige von euch erkennen ihre
Unwürdigkeit wie der Hauptmann zu Kapernaum, auf daß auch sie ausrufen möchten:
„Herr, ich bin so vieler Gnaden nicht würdig! Nur ein Wort des Trostes genügt,
und auch dieses ist schon zuviel für mich armes, schwaches und wankelmütiges
Kind!“
[PH.01_009,18] Die meisten von euch glauben,
wie die Juden jener Zeit, alles getan zu haben, wenn sie sich buchstäblich an
die Satzungen und Lehren Meiner Worte klammern. Sie sind aber noch weit
entfernt von der praktischen Ausübung der Worte ihres Vaters. Wie die Juden
oberflächlich nur das hielten, was ihnen materiell das Wichtigste zu sein
schien, so ist es auch bei euch! Mit der Begeisterung für Mein Wort, mit dem
Bekehrenwollen anderer, da seid ihr gleich bereit! Ihr wollt gleich helfen, den
Unrat vor anderer Leute Türen aufzuräumen; nur den eigenen laßt ihr gemütlich
liegen und wartet wie dieser im Evangelium genannte Aussätzige, daß Ich
vielleicht komme und mit Meiner Berührung euch gleich zu höchst moralischen
Wesen stempeln solle.
[PH.01_009,19] Hier liegt der große Fehler!
Weil ihr eure Eiterbeulen nicht kennt, so sucht ihr sie auch nicht zu heilen.
[PH.01_009,20] Hier in diesem Worte ermahne
Ich euch: Untersucht eure Lebens- und Seelenhaut! Und wenn ihr solche
Aussatzgeschwüre entdeckt, so möge euch das ein Zeichen sein, daß ihr noch
manches Fremde, nicht eurem geistigen Wesen Angehörige, in eurem Innern bergt.
Trachtet danach, solches auszumerzen und durch neue, kräftige Lebenssubstanzen
zu ersetzen, damit ihr nicht Meine direkte Berührung, sondern nur Mein Wort
nötig habt, auf daß eure Seele gesund werde! Amen.
10. Predigt – Am Sonntage Septuagesimä. Das
Gleichnis von den Arbeitern im Weinberge.
[PH.01_010] Matth.20,1-16: Das Himmelreich
ist gleich einem Hausvater, der am Morgen ausging, Arbeiter zu mieten in seinen
Weinberg. Und da er mit den Arbeitern eins ward um einen Groschen zum Tagelohn,
sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah
andere am Markte müßig stehen und sprach zu ihnen: „Geht ihr auch hin in den
Weinberg; ich will euch geben, was recht ist!“ Und sie gingen hin. Abermals
ging er aus um die sechste und neunte Stunde und tat gleich also. Um die elfte
Stunde aber ging er aus und fand andere müßig stehen und sprach zu ihnen: „Was
steht ihr hier den ganzen Tag müßig?“ Sie sprachen zu ihm: „Es hat uns niemand
gedingt.“ Er sprach zu ihnen: „Geht ihr auch hin in den Weinberg, und was recht
sein wird, soll euch werden!“ Da es nun Abend ward, sprach der Herr des
Weinbergs zu seinem Schaffner: „Rufe die Arbeiter, gib ihnen den Lohn und hebe
an bei den letzten bis zu den ersten!“ Da kamen, die um die elfte Stunde
gedingt waren, und es empfing ein jeglicher seinen Groschen. Da aber die ersten
kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein
jeglicher seinen Groschen. Und da sie den empfingen, murrten sie wider den
Hausvater und sprachen: „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du
hast sie uns gleich gemacht, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben!“
Er antwortete aber und sagte zu einem unter ihnen: „Mein Freund, ich tue dir
nicht unrecht! Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Groschen? Nimm, was
dein ist, und gehe hin! Ich will aber diesem letzten geben gleich wie dir. Oder
habe ich nicht Macht, zu tun, was ich will, mit dem Meinen? Siehst du darum
scheel, daß ich so gütig bin? Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten
die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Den ... Januar 1872
[PH.01_010,01] Dieses Gleichnis, sowie viele
andere, hatte den Zweck, den damals lebenden Juden geistige Wahrheiten in der
Form von Vergleichen und Schilderungen aus dem praktischen Leben leichter
verständlich zu machen. Außerdem war damals – wie heute noch im Orient – die
Bilder- und Gleichnissprache mehr gebräuchlich als in heutiger Zeit, wo man bei
allen Mitteilungen die direkte Darstellung vorzieht.
[PH.01_010,02] Es liegt in diesen
Gleichnissen immer ein tieferer, geistiger Sinn, der sowohl damals paßte, wie
auch für alle kommenden Zeiten stets den gleichen Wert haben wird.
[PH.01_010,03] Diesen geistigen Sinn wollen
wir nun etwas mehr beleuchten und seine Bedeutung hervorheben, weil er das
Wesentliche, der Kern, – das Gleichnis nur seine Schale oder Umhüllung ist.
[PH.01_010,04] Seht, in jenem Gleichnis sagte
Ich: „Das Himmelreich gleicht einem Weinberge.“ Der geistige Sinn dieser Worte
muß auf den eigentlichen Begriff, was denn ein Weinberg ist, zurückgeführt
werden.
[PH.01_010,05] Seht, ein Weinberg ist ein
Stück Land, aus dessen Boden durch Anpflanzung von Reben das Ätherische der
Erde in Geistiges, in der Traube zu Wein verwandelt wird. Durch Zersetzung der
Elemente werden gröbere Stoffe in feinere, geistigere umgewandelt.
[PH.01_010,06] Was ist aber neben der Erde
zum Ausreifen der Traube noch besonders nötig?
[PH.01_010,07] Es ist das Licht der Sonne;
denn ohne den Wecker von oben entwickelt sich aus der Erde kein geistiges
Produkt. Die Sonne muß mit ihren Lichtstrahlen erst die in der Erde schlafenden
Elemente wecken, sie mit ihrer Wärme vergeistigen helfen und so durch den
Kreislauf im Rebstock, durch Wurzeln, Äste, Blätter und Blüten, das Höchste
absetzen, das endlich nach seinem Zersetzungsprozeß sichtbar zeigt, welche
Fülle geistigen Stoffes in der Traube verborgen lag, welch geistiger Stoff sich
jedoch erst dann zu zeigen beginnt, wenn die Traube aufgehört hat, Traube zu
sein.
[PH.01_010,08] Hier habt ihr also den
Weinberg, bei dem drei Dinge – nämlich Erde, Wasser und Licht – zusammenwirken
müssen, um auf höherer Stufe etwas Geistiges hervorzubringen.
[PH.01_010,09] Nun wird euch der Vergleich
Meines Reichs oder des Himmelreichs mit einem Weinberg schon leichter
verständlich sein, wenn ihr die oben angeführte Erklärung auf Mein Reich
anwendet.
[PH.01_010,10] In Meinem Reich ist ebenfalls
das Höchste nur Geist; aber dieser Geist, verkörpert in geistigen Wesen, kann
erst aus den unter dem Geist stehenden, niederen Produkten der Schöpfung
gewonnen werden. So wie der ganze Bildungsprozeß des Weins, vom eingesaugten
Saft der Wurzel des Rebstocks bis zum im Fasse gärenden Mostwein, ein
fortwährendes Verwandeln, Läutern und Verfeinern der Stoffe ist, so werden auch
in Meiner ganzen Schöpfung alle geschaffenen Dinge – stets weiter vorrückend –
geläutert und verfeinert, bis nach ihrem Ende als Materie, bei dem Zerfall des
Bestandes, das Geistige mit leichter, ätherischer Umkleidung heraustreten kann.
So wie die Wurzel des Rebstockes aus der Erde die ihr zusagenden Stoffe zieht,
die zum weiteren Aufbau der ganzen Pflanze gehören, ebenso liegt die Wurzel des
einst Geistigen im Materiellen vergraben. Dort sind ihre ersten Anfänge, von
dort entbindet sich, was einer höheren Stufe fähig ist, und steigt aus der
Finsternis der Erdrinde in die feinere Luft auf. Hier tun sodann Licht, Luft
und Wasser das ihre, um den Vergeistigungsprozeß zu vollenden und feste
Elemente der Bestandteile der Erde in wässerige umzuwandeln, die leichter
Geistiges, Edleres enthalten können, weil sie, – den unteren Regionen
entwachsen, von Licht und Wärme durchdrungen, sich den Einwirkungen der höheren
Regionen leicht hingeben können.
[PH.01_010,11] In entsprechender Weise geht
auch der Erziehungsprozeß zum Einwohner Meiner geistigen Himmel vor sich.
[PH.01_010,12] Durch den Licht- und
Wahrheitsstrahl von oben muß das im Grabe Schlafende aus der groben Materie
gezogen, dann geläutert und in ihm der Drang erweckt werden, stets höher und
höher zu steigen. Ihr seht es auf eurer Erde, wie alles sich von der gröbsten
Materie zur leichteren Existenz hindurchringt durch alle Klassen des Erdreichs
zum Pflanzen- und Tierreich und von dort, sich stets weiter entwickelnd,
aufwärtssteigt zum Menschen, der dann die erste geistige Stufe zu Meinem Reich
bildet. Er ist schon der Traube gleich, in welcher alle Elemente zum köstlichen
Weine vorbereitet liegen.
[PH.01_010,13] Auch im Menschen ist alles so
geformt und gebildet, daß der Einfluß von oben der mächtigere und der von unten
der schwächere ist. Wenigstens war das so Meine Bestimmung. Die Entartung und
das Abweichen des Menschen von diesem von Mir ihm gebahnten Weg wird später an
der betreffenden Stelle dieses Gleichnisses zur Sprache kommen.
[PH.01_010,14] Durch die Auflösung der
menschlichen Hülle tritt der Mensch ins Geisterreich über, wo sich geistig der
nämliche Prozeß wiederholt.
[PH.01_010,15] Wie der unterste, in die feste
Materie gebundene Geist vorher bis zur obersten Stufe, die auf Erden möglich
ist, zum Menschen emporstieg, so muß er im Geisterreich wieder als einfache
Menschenseele anfangen, um bis zum größten Engelsgeist, ja bis zu Mir selbst,
fortzuschreiten.
[PH.01_010,16] In dieser Hinsicht also
gleicht das Himmelreich einem Weinberge, weil im einen wie im andern der
Läuterungsprozeß vom Groben zum Feinsten, vom Festen zum Beweglichsten, von der
Materie zum Geist vollzogen wird. In dieses Himmelreich als Weinberg – wie das
Gleichnis sagt – sucht also ein Hausherr Arbeiter, die den Weinberg bearbeiten
sollen.
[PH.01_010,17] Was der Eigentümer eines
Weinberges im weltlichen Sinn sucht, das suche Ich im geistigen. Ich suche
ebenfalls Seelen, die sich selbst und Meine Schöpfung begreifen und sich dazu
hergeben, Meine Liebesgebote zu erfüllen, und die durch ihre Lehren und ihr
Beispiel dazu beitragen sollen, die in der Materie gebundenen Geister zu
befreien, um so das einst von Mir Ausgegangene Mir wieder – und zwar geläutert,
verfeinert, vergeistigt – zurückzuführen.
[PH.01_010,18] Wie der Hausherr frühmorgens
ausgeht, die ersten müßig Dastehenden findet und sie zur Arbeit dingt, so gehe
auch Ich aus und suche auf Menschenseelen schon in den frühesten Jahren
einzuwirken, um sie für Mein Reich tauglich zu machen. Wie dieser Herr des
Weinberges zu verschiedenen Stunden ausgeht, um neue Arbeiter zu finden, suche
auch Ich in den verschiedenen Altersstufen, im Jünglings-, Mannes- und selbst
im Greisenalter, diejenigen wiederzugewinnen, welche – Mir bis dahin verloren –
nicht wußten, was ihre Mission auf dieser Welt war, und was ihr Zweck in der
andern sein wird.
[PH.01_010,19] Wie Meine Kinder in den
verschiedenen Altersstufen stehen, so stehen auch – im größeren Maßstabe – die
Völker teils im Kindes-, teils im Jünglings-, Mannes- oder Greisenalter. Auch
die Völker gehen den gleichen Gang der Entwicklung wie der einzelne Mensch in
seinen Lebensphasen.
[PH.01_010,20] Die ersten Anfänge einer Lehre
für Mein Reich waren die Zeiten des Glaubens, die dem Kindesalter entsprechen.
Dann kamen die Zeiten der Zweifel und des Fragens, – des Jünglingsalters.
Später folgten die Zeiten des klaren Bewußtseins, die des Mannesalters, und
endlich die Periode, die der nahe bevorstehenden Verwandlung vorausgeht, das
Greisenalter.
[PH.01_010,21] Mein erstes Kommen fiel in die
Zeit des Jünglingsalters der Menschheit, als die erwachten Gemüter anfingen,
das ihnen als Religion Gegebene zu kritisieren und zu erklären, woraus
verschiedene Glaubensbekenntnisse entstanden. Damit nun diese große Fragezeit
die Menschheit ihrer geistigen Existenz nicht ganz beraube, trat Ich gerade in
jener Zeit auf und rettete so das in der Kindheit angenommene Gute, entfernte
das durch spitzfindiges Grübeln Angeklebte und gab so dem Menschen seine
Geisteswürde wieder, die sonst im weltlichen, egoistischen Treiben
verlorengegangen wäre.
[PH.01_010,22] In diesem Jünglingsalter, wo
sich höchste Begeisterung und größte Erniedrigung die Hand gaben, suchte Ich
Meine Arbeiter für Meinen himmlischen Weinberg. Als Märtyrer bestiegen viele
den Scheiterhaufen – auf den wohl andere, aber nicht sie hingehörten –, um ihre
Mission zu vollenden.
[PH.01_010,23] Unter diesem Treiben und Hin-
und Herwogen zwischen großen Ideen, zwischen Geistlehre und Materialismus,
reifte das Mannesalter der Menschheit heran. Mein in der Jugendzeit gelegter
Same trug seine Früchte, wenngleich an vielen Orten entartet. Und wieder ging
Ich aus und sammelte Kämpfer für Mein Reich – und fand sie, wenn auch spärlich.
Einige wagten es wieder, den Weizen von der Spreu zu reinigen, damit nicht im
reifen Mannesalter, trotz klarer Einsicht, die ganze geistige Saat wegen
weltlicher Interessen wieder unterdrückt werde. Es begannen die Religionskriege
und die Verfolgungen, man wollte mit Feuer und Schwert, mit Haß und Rache
bekämpfen, was nur allein durch Liebe und Duldung hätte besiegt werden können.
[PH.01_010,24] Auch dieses Mannesalter mit
seinem ernsteren Charakter ging vorüber. Diejenigen, die die Welt nach ihren
Ideen verdummen und sie mit Blindheit schlagen wollten, fielen in die Grube,
die sie anderen gegraben hatten. Sie gehen einer Reform entgegen, die ganz
anders ausfallen wird, als sie es sich dachten.
[PH.01_010,25] Und so hatten Meine Arbeiter,
wenngleich noch nicht alles vollbracht, doch wenigstens bedeutend dazu
beigetragen, die Pflanze des Geistes, die den reinsten Wein des Himmels
enthält, vor der Zerstörung, vor der Verwesung zu bewahren.
[PH.01_010,26] Nun komme Ich wieder im
Greisenalter der Menschheit, in welchem sie reif ist, bald einer geistigen
Verwandlung entgegenzugehen. Wiederum suche Ich Meine Arbeiter und finde deren
schon mehrere. Obwohl im Greisenalter der Menschheit – wie in dem des einzelnen
Menschen – viel Angewohntes ist, das nicht leicht auszurotten ist, so wird doch
die Kraft der Umstände das meiste dazu beitragen, mit Gewalt zu entfernen, was
nicht mit Sanftmut und Liebe einem Besseren weichen will.
[PH.01_010,27] So dingte und sandte Ich Meine
Arbeiter, und wenn diese einst in Meinem Reich angekommen sein werden, so mögen
sie sich zu den anderen, schon früher Gegangenen scharen, um mit ihnen das Fest
des Sieges zu feiern und die Krone der Verdienste zu teilen.
[PH.01_010,28] Alle Menschen hatte Ich zu
diesem Läuterungswege berufen; allein nur wenigen gelang es, die Auserkorenen
genannt zu werden, die, über Elend, Gram, Sorge und Kampf triumphierend, stets
Meine Fahne des Glaubens hochtrugen. Manche haben auch gelitten und erduldet in
ihrem frommen, aber verkehrten, bis zum Fanatismus ausgearteten Sinn. Diese
werden im Jenseits die Murrer sein, wenn sie diejenigen zuerst belohnt sehen,
auf die sie bei Lebzeiten vielleicht mit Verachtung herabschauten. Sie waren
zwar auch die Auserwählten, doch es fehlte ihnen an Kraft, die Auserkorenen zu
werden; so werden sie sehen müssen, wie die Letzten die Ersten und die Ersten
die Letzten werden.
[PH.01_010,29] Doch die ewige Liebe, die
alles ausgleicht, wird auch dort Mittel wissen, um die Wunden des Eigenstolzes
zu heilen, denen falsche Ansichten zugrunde lagen.
[PH.01_010,30] Ihr, Meine Kinder, und die
ganze Menschheit seid jetzt in das Greisenalter eingetreten. Es naht die Zeit
der Auflösung – im geistigen Sinne genommen –, es naht Mein letztes Kommen.
Daher die Unruhe in den Gemütern, weil sie den baldigen Wechsel der weltlichen
und geistigen Dinge dunkel ahnen! Daher diese Hast, noch vor der Zeit das
Schlechte auszumerzen, um nicht von Ereignissen überrascht zu werden, in denen
das bis jetzt Geglaubte nicht ausreicht! Daher der Eifer der Arbeiter am Abend,
um in diesen wenigen Stunden des geistigen Lebens noch das zu ersetzen, was sie
bis dorthin nicht verrichten konnten!
[PH.01_010,31] So ist der Hausherr des
Weinbergs bald mit der Lohnauszahlung beschäftigt. So werde auch Ich bald die
Kronen und Siegespalmen denen verteilen, die – ob spät oder früh – die wahren
Vertreter und Ausbreiter Meiner Lehre waren.
[PH.01_010,32] Seht auch ihr, daß ihr nicht
nur zu den Berufenen gehört, Mein Wort zu vernehmen, sondern daß ihr zu den
Auserkorenen gezählt werdet, die, wie die fleißigen Arbeiter in einem Weinberg,
am meisten dazu beigetragen haben, noch am Lebensabend einer greisenartigen
Menschheit dem starren, lieblosen Treiben der Welt soviel Geistiges wie möglich
abzugewinnen, welches dann im Himmelreich, nach dem Gärungsprozeß, geistige
Früchte tragen soll! Amen.
11. Predigt – Am Sonntage Sexagesimä. Das
Gleichnis vom Sämann.
[PH.01_011] Luk.8,4-15: Da nun viel Volk
beieinander war und aus den Städten zu ihm eilte, sprach er durch ein
Gleichnis: „Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte,
fiel etliches an den Weg und ward zertreten, und die Vögel unter dem Himmel
fraßen es auf. Und etliches fiel auf den Fels; und da es aufging, verdorrte es,
darum daß es nicht Saft hatte. Und etliches fiel mitten unter die Dornen; und
die Dornen gingen mit auf und erstickten es. Und etliches fiel auf ein gutes
Land; und es ging auf und trug hundertfältige Frucht.“ Da er das sagte, rief
er: „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Es fragten ihn aber seine Jünger, was
dies Gleichnis wäre. Er aber sprach: „Euch ist es gegeben, zu wissen das
Geheimnis des Reiches Gottes; den andern aber in Gleichnissen, daß sie es nicht
sehen, ob sie es schon sehen, und nicht verstehen, ob sie es schon hören. – Das
ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber an dem Wege
sind, das sind, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von
ihrem Herzen, auf daß sie nicht glauben und nicht selig werden. Die aber auf
dem Fels, sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an; und
die haben nicht Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, und zu der Zeit der
Anfechtung fallen sie ab. Das aber unter die Dornen fiel, sind die, die es
hören und hingehen unter den Sorgen, Reichtum und Wollust dieses Lebens und
ersticken und bringen keine Frucht. Das aber auf dem guten Land, sind die, die
das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in
Geduld.“
20. Januar 1872
[PH.01_011,01] Dieses Gleichnis vom Sämann
und dem Samen, das Ich einst Meinen Jüngern und dem Mich umgebenden Volke gab,
ist nach seiner Form, in der es gegeben ist, leicht zu verstehen, um so mehr,
als selbst im Evangelium die zeitgemäße Erklärung steht, wie Ich sie Meinen
Aposteln, aber nicht dem Mir zuhörenden Volke gegeben habe.
[PH.01_011,02] Gemäß dieser Erklärung ist der
Same Mein Wort. Wo dieses auf den Weg fällt und zertreten wird, bezeichnet es
die Gleichgültigkeit derjenigen, welche es hören, aber sich nicht darum kümmern,
es mißachten und, ihren weltlichen Interessen allein huldigend, darüber
hinweggehen. Der felsige Grund, auf den der Same fällt, bezeichnet diejenigen
Herzen, die – wie die Gelehrten und Theologen – den Samen nur insoweit
annehmen, als er in ihre wissenschaftlichen Systeme paßt. Sobald sich aber bei
ihnen andere Ansichten geltend machen, so findet dieser Same auf dem felsigen
Grund keine oder sehr wenig Nahrung und muß verdorren.
[PH.01_011,03] Wenn der Same zwischen die
Dornen fällt und mit ihnen aufgeht, so heißt das soviel, daß Meinem Wort nur
insofern geglaubt und danach gelebt wird, wie es sich mit den weltlichen
Ansichten vereinen läßt. Stößt es gegen diese an, oder verlangt Mein Wort
Aufopferung und Verleugnung, so wird es beiseitegesetzt und bringt deshalb auch
keine Frucht. Es bleibt dann höchstens bei schönen Worten, aber zu Taten kommt
es nicht!
[PH.01_011,04] So weit die Erklärung, die Ich
schon Meinen Aposteln gegeben habe. Es kommt jetzt darauf an, wie dieses
Gleichnis auf die jetzige Zeit anzuwenden und ob ihm nicht noch eine andere,
wichtigere Seite abzugewinnen ist.
[PH.01_011,05] Bevor wir in der Erklärung
weitergehen wollen, müssen wir uns erst folgende Fragen beantworten: Was ist
eigentlich der Same? Was bezweckt sein Ausstreuen, und was ist die Absicht des
Sämanns selbst? – Erst nach Beantwortung dieser Fragen kann eine wahre Deutung
und Erklärung durch geistige Entsprechung folgen; denn im allgemeinen sprecht
ihr der Worte gar viele aus und seid euch doch nicht ihrer tiefen und geistigen
Bedeutung bewußt. Nur wer der Worte tiefsten Sinn und deren geistige
Entsprechung kennt, der erst ist seiner Sprache mächtig. Er hat das Geschenk,
mittels seines Mundes Töne hervorzubringen, in geistigem Sinne aufgefaßt, und
jedes Wort, das aus seinem Munde fließt, ist ein Strahl des Geistlichtes,
welches in ihm die Seele erleuchtet, vergeistigt und sie stufenweise zur
Vereinigung mit Mir weiterleitet. Daher ist zwischen Sprechen und Reden ein
großer Unterschied. Man kann viel sprechen – und doch nichts sagen, während der
gewichtige Sinn einer geistigen Rede sich inhaltsschwer gestalten kann.
[PH.01_011,06] So müssen wir also mit dem
Worte ,Samen‘ zuerst anfangen und es in seiner Bedeutung näher betrachten.
[PH.01_011,07] Seht, im Samen liegt die Unendlichkeit.
Aus einem Samenkorn entstehen immerfort Produkte derselben Gattung, zu welcher
der Same gehört.
[PH.01_011,08] So war es bei der Erschaffung
der materiellen Welt begründet, daß Ich nur einmal die Dinge einzeln erschuf.
Ich legte in dieselben schon den Keim zur weiteren Fortpflanzung, so daß die
erste Wirkung, das Aus-sich-selbst-Entwickeln, in Ewigkeit nie mehr aufhören
wird, solange die Elemente bestehen, welche im Erdboden und in der Luft zur
Entwicklung des Samens vorhanden sind.
[PH.01_011,09] Wie der Same eines Baumes alle
Keime seiner zukünftigen Bestimmung in sich trägt, ebenso Mein Wort, welches
als Produkt Meines Geistes fortwährend Neues zeugt, nie vergeht und ewig
fortdauert. – Daher sagte Johannes: „Im Anfange war das Wort, und das Wort war
Gott!“
[PH.01_011,10] Auch Ich bin das Samenkorn,
aus dem stets und ewig nur wieder Göttliches hervorgehen wird. Wohin dieses
Wort als Same fällt, erregt es den Grund, auf den es fiel, zur Tätigkeit – oft
bleibend, oft nur vorübergehend.
[PH.01_011,11] Da Ich aber auch der Sämann
bin, der seinen Samen über die gesamte Schöpfung ausschüttet, so geschieht es
natürlich auch – wie im Gleichnisse gesagt ist –, daß nicht aller Same gleich
gedeiht. Der eine bringt mehr, der andere weniger, der dritte gar keine Frucht.
Erstens weil selbst die Welten Meiner Schöpfung nebst ihren Bewohnern nicht
alle auf ein und derselben Stufe stehen, und zweitens, weil überall die
Menschen ihren freien Willen haben, zu tun und zu lassen, was ihnen gut dünkt.
Deswegen die verschiedenen geistigen Resultate auf allen Weltkörpern und bei
allen Menschen, und deswegen die längeren oder kürzeren Wege, die sämtliche
erschaffene Wesen gehen müssen, um zu ihrem Ziel, zur Vergeistigung ihrer Seele
zu gelangen.
[PH.01_011,12] Ich als Sämann streue Meinen
Samen überall aus. Wo er gleichgültig aufgenommen wird, liegt die Schuld an den
Seelen selbst, wenn sie durch bittere Zulassungen dann eine herbe Schule
durchmachen müssen. Wo Mein Same auf felsenharte Herzen fällt, da des Bleibens
nicht ist, weil jeder leichte weltliche Wind denselben verweht und keine Spur
von ihm zurückläßt, dort wird auch diese Härte der Herzen mit der Zeit mürbe
gemacht werden. Wo Mein Same auf dornigen Boden fällt und mit dem Unkraut
aufwächst, dort wird sein Schicksal auch das des Unkrauts sein, welches mit der
Zeit ausgerottet werden muß. Dann wird jenen Menschen gar nichts übrigbleiben
als die gänzliche Brachlage des Ackerfelds ihres Herzens, auf welchem nichts
bleibend fortkommen konnte, weder das Laster noch die Tugend. Nur da, wo Mein
Wort auf guten Boden fällt, wo die Herzen durch Mich schon vorher bereitet
wurden, dort wird der Same Meines Worts aufgehen, blühen und Früchte tragen, an
denen dann andere sich ein Beispiel nehmen können.
[PH.01_011,13] Mein Wort also, als Same,
wurde und wird noch täglich ausgesät, um die Menschen zu wahren Menschen, um
sie Mir würdig zu machen, damit sie als Ebenbilder Meines göttlichen Ichs nach
und nach das werden, wozu Ich sie bestimmt habe.
[PH.01_011,14] Zu allen Zeiten, seit Meinem
Erdenwandel, wurde durch Mich und Meine Auserwählten Mein göttliches Wort der
Liebe ausgesät. Und weil einst Meine Zuhörer aus verschieden gearteten Menschen
bestanden, so wollte Ich durch das Gleichnis dem einen seine Leichtfertigkeit,
dem andern seine Gleichgültigkeit und dem dritten seine Weltsüchtigkeit zeigen
und ihnen damit beweisen, welches Endresultat es hat, wenn man Mein Wort bloß
hört und nicht tätig ausübt. Was Ich dort Meinen Zuhörern und Aposteln zurief:
„Wer Ohren hat, der höre!“, das sage Ich jetzt wieder, da Ich als Sämann bald
kommen werde, um von Meinem Samen Ernte zu halten.
[PH.01_011,15] Mehr als je ist jetzt Mein
Wort als geistiger Same zur ewigen Glückseligkeit auf allen Wegen zertreten und
von den Vögeln aufgefressen worden, welch letztere sich das Wort nur für ihr
Interesse zu eigen machen wollten. Es ist schon längst auf zu steinigen Boden
egoistischer Herzen gefallen, wo es, ohne Nahrung, verdorren muß. Und wo noch
hier und da ein Hälmchen blüht, steht es zwischen den Genüssen der Welt, da es
nur so lange gelitten und gepflegt wird, wie es mit den Ansichten der Welt
harmoniert. Verlangt es aber Opfer, so wird es bei groß und klein über Bord
geworfen.
[PH.01_011,16] Wenige sind es, die trotz
aller Mißhelligkeiten, Kämpfe und Leiden Mein Wort im Herzen behalten, es
sorgfältig pflegen und es auch in Taten ausüben. Wie Ich einst sagte, daß viele
berufen seien, sich durch den Samen Meines göttlichen Wortes nach diesem kurzen
irdischen Dasein jenseits eine bleibende Seligkeit zu erwerben, sind unter
diesen vielen Berufenen nur wenige auserkoren, die Siegespalme zu erlangen, die
Ich selbst einst durch das Kreuz und am Kreuze als Mensch errungen habe.
[PH.01_011,17] Ich ging der Menschheit als
Beispiel voran. Wie Mein Leben sich nicht durch hohe Geburt und andere günstige
Verhältnisse auszeichnete und Ich schließlich vor der Menge als Verbrecher am
Schandpfahl Mein irdisches Leben lassen mußte, ebenso ergeht es allen, die Mir
folgen werden. Auch sie werden verfolgt, verachtet und mißhandelt werden. Aber
wie Meine Auferstehung und später die Heimkehr in Mein Reich alle Pläne der
Menschen zunichte machten und Ich vergeistigt in Meinen Himmeln ankam, so
werden auch diejenigen, welche ihr Herz als gutes Erdreich Meinen Worten
darboten, einst ernten, was Ich hier in ihre Brust gesät habe. Sie werden
belohnt werden durch das Bewußtsein, gekämpft, gelitten, aber auch gesiegt zu
haben. Sie werden den Lohn empfangen, da sie nie – wie eitle Wanderer – Mein
auf ihren Weg gestreutes Liebeskorn zertraten, noch ihr Herz zu Stein werden
ließen, noch wegen der weltlichen Freuden, welche die Dornen fürs Geistige
sind, die aufkeimende Frucht vernachlässigt haben. Sie werden als gutes
Erdreich edle Früchte tragen, wie auch Ich einst sagte: „An ihren Früchten sollt
ihr sie erkennen!“
[PH.01_011,18] So ist die Aussaat reif
geworden, damit endlich der Weizen von der Spreu gesondert, die Dornen und
Disteln einer feuerähnlichen Reinigung übergeben und das gereifte Korn in Meine
Scheunen gebracht wird. Schon seht ihr überall, wie die Sichtung beginnt. Ich
komme, um für Meinen ausgesäten Samen Verantwortung zu verlangen. – Wie die
Arbeit, so der Lohn!
[PH.01_011,19] Mein Wort ist göttliche
Aussaat, ist Aussaat der Ewigkeit für die Ewigkeit. Wenngleich die Aussaat mißachtet,
wenngleich sie mit Füßen getreten wird, wenngleich sie unter Dornen aufgeht, –
stets bleibt der göttliche Keim, und ein Samenkorn genügt, des Guten in Fülle
zu zeugen und über die Welt auszugießen. Daher ist es ganz gleich, wenn auch
Tausende dieser Samenkörner vergeblich ausgestreut wurden. Diejenigen, welche
auf gutes Erdreich, in gläubige Herzen fielen, werden Licht verbreiten über die
Dunkel-Gebliebenen. Und so wird nie vernichtet werden, was Ich als Schöpfer
schuf, was Ich als Jesus mit dem Kreuzestode besiegelte, und was Ich jetzt in
kurzer Zeit als Erntemann von den Feldern des geistigen Wirkens heimbringen
werde. Wenn die Ernte auch klein sein wird, so liegt eben im Kleinen der
Beweis, daß das Große nie verwelkt und verwest, so es, im Kleinsten eingehüllt,
die größten Wirkungen hervorzubringen vermag.
[PH.01_011,20] Daher laßt auch ihr eure
Herzen nicht versteinern, nicht mit Unkraut und Disteln bewachsen! Haltet sie
stets bereit, um Mein Wort, das in so verschiedener Weise eure Seele erquickt,
auch tatsächlich aufkeimen zu lassen, damit ihr nicht das Schicksal derer
teilet, die Mein Wort nur oberflächlich aufnehmen und dann, wenn es zur Tat
kommt, beweisen, daß der Same nur auf der Oberfläche ihres Herzens klebte, nie
aber in dasselbe tiefer eingedrungen ist!
[PH.01_011,21] Bedenket wohl: ein Sämann sät,
um einst auch zu ernten! Die Erntezeit rückt heran! Machet auch euch bereit, um
in Meine Scheunen aufgenommen zu werden und nicht mit den Dornen und Disteln
den längeren Weg zur Besserung antreten zu müssen!
[PH.01_011,22] Darum: Wer Ohren hat, der
höre, solange es noch Zeit ist! Amen.
12. Predigt – Am Sonntage Estomihi. Die
Heilung eines Blinden.
[PH.01_012] Luk.18,35-43: Es geschah aber, da
er nahe zu Jericho kam, saß ein Blinder am Wege und bettelte. Da er aber hörte
das Volk, das hindurchging, forschte er, was das wäre. Da verkündigten sie ihm,
Jesus von Nazareth ginge vorüber. Und er rief und sprach: „Jesus, du Sohn
Davids, erbarme dich mein!“ Die aber vornean gingen, bedräueten ihn, er solle
schweigen. Er aber schrie viel mehr: „Du Sohn Davids, erbarme dich mein!“ Jesus
aber stand stille und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe zu ihm
brachten, fragte er ihn und sprach: „Was willst du, daß ich dir tun soll?“ Er
sprach: „Herr, daß ich sehen möge!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Sei sehend! Dein
Glaube hat dir geholfen.“ Und alsobald ward er sehend und folgte ihm nach und
pries Gott. Und alles Volk, das solches sah, lobte Gott.
21. Januar 1872
[PH.01_012,01] Hier habt ihr ein Beispiel, in
dem der feste Glaube eines Blinden an Meine Allmacht ihm das Licht seiner Augen
wiedergegeben hat.
[PH.01_012,02] Wie viele Blinde gibt es jetzt
auf eurer Erde, die alle das Licht sehr nötig hätten, und doch sind unter ihnen
nur wenige, die den Drang haben, ihr Augenlicht wiederzuerhalten!
[PH.01_012,03] Die meisten sind mit ihrer
geistigen Blindheit zufrieden und haben sich an sie so gewöhnt wie ein
Blindgeborener, der, weil ihm der Gesichtssinn von Geburt aus mangelt, seine
übrigen Sinne, besonders den Tastsinn, so verfeinert und vervollkommnet hat,
daß letzterer den ersteren beinahe ganz ersetzt. Sie sind mit ihrer Lage
zufrieden, weil sie keine bessere kennen. Sie bedauern den Mangel des
Augenlichts nicht, weil sie keinen Begriff von dem haben, was eigentlich Licht
und seine Wirkung ist.
[PH.01_012,04] Wie diese Blindgeborenen
materiell in dieser Weise fortleben, so leben Tausende von Menschen geistig
fort. Durch Erziehung und Umstände wurde ihnen nie etwas von geistigem Licht,
von höheren Stufen der Auffassung selbst des Materiellen gesagt. Für sie
bestehen nur die Begriffe des Materiellen. Sie glauben, alles sei Materie, und
die Materie sei die eigentliche Welt, aus Materie werde alles ausgeboren, und
zur Materie kehre alles wieder zurück.
[PH.01_012,05] Zu diesen Stockblinden gehören
auch jene Gelehrten und Naturforscher, die sich selbst um den letzten Funken
geistigen Lichts durch die verkehrte Richtung ihres Studiums gebracht haben.
Die ersteren sind blind und wissen nicht warum, – die letzteren wollen blind
sein, weil das Licht, wenn es über sie hereinbräche, nicht mit ihrer Denk- und
Lebensweise zusammenpassen würde.
[PH.01_012,06] Außer diesen mit ihrer
Blindheit Zufriedenen gibt es noch eine andere Art Blinde, die den Wunsch
hegen, sehend zu werden. Das sind diejenigen, welche wie die blinden Bettler am
Lebensweg sitzen und die Vorübergehenden, wenn sie ihrer durch das Geräusch
gewahr werden, um geistige Nahrung bitten, damit ihre Blindheit entweder
erträglich oder gar geheilt werde.
[PH.01_012,07] Solche Blinde sind jene
Menschen, die in ihrem Lebenswandel auf manches gestoßen sind, was sie zum
Nachdenken veranlaßte, worüber sie gerne Licht und Bescheid haben möchten, aber
sich selbst nicht von der Finsternis befreien können. Es sind dies jene
Menschen, die den religiösen Zeremonien huldigen, in sie mehr Wert hineinlegen,
als sie wirklich haben. In einzelnen Fällen fühlen sie sehr wohl, daß über
diesem Kultus doch noch etwas Höheres, Geistiges ist, das ihnen den
eigentlichen Trost in den Fällen geben könnte, wo sie die menschliche Weisheit
im Stich läßt.
[PH.01_012,08] Diese Menschen sitzen am
großen Lebensweg der Geister, welche alle im Fortschreiten begriffen sind. Sie
sind es, die als Bettler um geistige Almosen bitten, damit auch sie an der
Erdenscholle, auf die sie ihr Schicksal gestellt hat, nicht ewig haften
bleiben, sondern damit auch sie den geistigen Flug antreten können, welcher
anderen zuteil wurde, die sie an sich vorüberrauschen fühlen. Manche gehen
diese große Heerstraße des geistigen Fortschritts; aber nicht alle fühlen sich
berufen und gedrungen, den Anflehenden zu helfen. Wie auch nicht alle einem
Bettler Almosen darreichen, sondern nur die, die den Begriff der Nächstenliebe
näher verstanden haben. So wird diesen geistigen Bettlern nur spärlich der
Lebensunterhalt gewährt, weil niemand – sei es aus Mangel an Kraft, sei es aus
Mangel an Kenntnis – den Bittenden geben kann, was sie eigentlich verlangen,
d.h. die geistige Sehe, welche nur wenige der Vorübergehenden ganz besitzen.
[PH.01_012,09] Damit aber eben diesen nach
göttlicher Speise Hungernden, sich nach dem Wahrheitslichte Sehnenden, ihre
Bitte erfüllt werde, und damit denjenigen das Gesicht wiedergegeben werde, die,
schon längst Meiner harrend, mit unerschütterlichem Vertrauen abwarten wollten,
bis Ich selbst als der große Lichtbringer ihnen das in ganzer Fülle geben
würde, was andere nur teilweise ihnen hätten darreichen können, – so habe Ich
Mich selbst auf den Weg gemacht.
[PH.01_012,10] Wie der Bettler bei Jericho von
weitem Meine Stimme erkannte und Mich flehend anrief: „Du Sohn Davids, erbarme
dich meiner!“, ebenso rufen Mich in ihrem Seelendrange manche an, und zwar im
vollsten Vertrauen, daß Ich ihr Flehen erhören werde. Diesen kann Ich dann Mein
ganzes Gnadenlicht geben; denn ihr Glaube hat ihnen geholfen. Sie waren fest
überzeugt, daß Ich derjenige bin, welcher ihnen geistiges Licht bringen und den
rechten Weg zur Erlangung der Seligkeit zeigen kann. Diese mache Ich sehend und
lege ihnen die Worte ins Herz: „Sei sehend, dein Glaube hat dir geholfen!“
[PH.01_012,11] Solche Blinde wart ihr alle,
Meine Kinder, die Ich aus vielen herausfand, weil ihr Mich aus innerem Drang
und Bedürfnis schon längst gesucht und in euch gefühlt habt, daß das angelernte
Glaubenswissen der christlichen Religion nicht ausreicht, für alle Fälle des
menschlichen Lebens stets den rechten Trost zu geben.
[PH.01_012,12] Ich ließ Euch so manche
bittere Arzneien kosten, um euch desto eher von den verkehrten und falschen
Ansichten zu heilen, welche die Welt in euch hineingelegt hat. Euch erzog Ich
durch Verwicklung von Umständen zu den Vorkämpfern Meiner Lehre, wie sie jetzt
bald auf dem ganzen Erdenrund als einzige anerkannt werden soll, damit ihr
nicht allein durch Worte, sondern auch durch Taten das beweisen sollt, was die
Worte aussagen.
[PH.01_012,13] Einzelnen von euch gab Ich die
Fähigkeit, Meine Stimme direkt in ihrem Innern zu vernehmen, damit Meine
eigentliche Lehre, wie Ich sie für das ganze Universum als ewig bleibend
aufgestellt habe, nicht wieder verfälscht und anders ausgelegt werde, als Ich
sie während Meines Erdenwandels Meinen Jüngern gegeben habe.
[PH.01_012,14] Damals und für die
nachfolgenden Generationen, mußte Ich Mein Wort oft in Gleichnisse und
mystische Aussprüche hüllen; denn Ich wußte, was die nachfolgenden Generationen
mit diesem Worte machen würden. Ich wußte, wie viele Umwälzungen Mein Wort im
sozialen Leben hervorrufen und wie viele Verfolgungen und unschuldige Opfer es
Meine Anhänger kosten würde. Damit die Feinde, trotz allen Eifers, den Kern
Meiner Lehre zu vernichten, und bis auf den heutigen Tag, nur an seiner Schale
nagen, redete Ich in Gleichnissen.
[PH.01_012,15] Jetzt, wo die Menschheit reif
geworden ist, und statt nur einzelnes aus dem jetzigen Religionsgebäude
auszuschalten, geneigt ist, das ganze Gebäude nebst seinen Bewohnern über den
Haufen zu werfen, ist der Zeitpunkt gekommen, wo klarer Wein, im allgemeinen
nicht mehr schädlich und für die Mehrzahl nur stärkend wirken kann. Jetzt sind
die Blinden am großen Wege zu Meinem Geisterreich fähig, das Licht zu
empfangen, das schon längst auf sie in Fülle herabströmt. Jetzt ist der
Zeitpunkt gekommen, wo das große Gebäude der Pfaffenwirtschaft – wie einst die
Mauern Jerichos – durch die Posaunenstöße Meiner göttlichen Lehre umgestoßen
wird, damit den hinter diesen Mauern harrenden Blinden die freie Aussicht über
das Tal des Jordans gegeben werde, in dessen Wellen Ich Mich einst taufen ließ,
und wo die Stimme aus den Himmeln erscholl: „Dies ist Mein Sohn, an dem Ich
Mein Wohlgefallen habe!“
[PH.01_012,16] So sollt auch ihr jetzt durch
Mein Wort und Mein Licht aus der ewigen Quelle des unversiegbaren Stromes
Meiner Gnade getauft und sehend werden, damit auch Ich ausrufen kann: Ihr seid
Meine Kinder, an denen Ich Wohlgefallen habe! Ihr seid diejenigen, die getauft
mit Meinem Geist und begabt mit geistiger Sehe, den am Wege des Lebens euch
ansprechenden Blinden das Licht zu verleihen habt, welches Ich euch in so
großer Fülle und schon seit so langer Zeit gegeben habe.
[PH.01_012,17] Bereitet euch vor, würdige
Schüler des Zimmermannssohnes, des Lehrers und Versöhners am Kreuz und des
Gottes und Vaters zu sein, der weit über alle Räumlichkeiten hinaus mit großen,
helleuchtenden Buchstaben Seine zwei Liebesgesetze in die ganze Schöpfung
eingeprägt hat!
[PH.01_012,18] Bereitet euch vor, Licht zu
verbreiten, wo Blinde euch um dasselbe anflehen, damit auch sie der Gnade
teilhaftig werden mögen, damit sie durch direkte Mitteilung auf dem kürzesten
Weg erfahren, was andere oft erst sehr spät, nach langen Mühen und Drangsalen
erkannt haben, daß Ich – der Herr und Schöpfer alles Daseienden – auch der
Vater bin, der dem Flehenden nie etwas verweigert, wenn es zu seinem Besten
ist, und der gerne dem Blinden die Augen erschließt, damit er seinen Vater in
der Einfachheit des Jesus und in der Herrlichkeit des Schöpfers erkenne und
würdige! Amen.
13. Predigt – Am Sonntage Invokavit. Die
Versuchung des Herrn.
[PH.01_013] Matth.4,1-11: Da ward Jesus vom
Geist in die Wüste geführt, auf daß er von dem Teufel versucht würde. Und da er
vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher
trat zu ihm und sprach: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot
werden!“ Und er antwortete und sprach: „Es stehet geschrieben: „Der Mensch lebt
nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
Gottes geht!“ „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und
stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn,
so laß dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln über dir
Befehl tun, und sie werden dich auf den Händen tragen, auf daß du deinen Fuß
nicht an einen Stein stoßest!“ „Da sprach Jesus zu ihm: „Wiederum steht auch
geschrieben: „Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen!“ „Wiederum führte
ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche
der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir
geben, so du niederfällst und mich anbetest!“ Da sprach Jesus zu ihm: „Heb dich
weg von mir, Satan; denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten Gott, deinen
Herrn, und ihm allein dienen!“ „Da verließ ihn der Teufel; und siehe, da traten
die Engel zu ihm und dienten ihm.
21. Januar 1872
[PH.01_013,01] Dieses Kapitel handelt von
Meiner Versuchung durch Satan während Meines Erdenwandels. So, wie diese
Versuchung durch Satan in den Evangelien Meiner Apostel niedergeschrieben ist,
ist sie nicht wörtlich zu nehmen; denn es ist ganz natürlich, daß Satan Mich wohl
kannte und in Jesus seinen Herrn sah. Deswegen wäre es auch keine Versuchung
von seiner Seite gewesen, Mir anzubieten, Ich sollte aus Steinen Brot machen –
da er wohl wußte, daß Ich ganz anderer Dinge mächtig war –, oder Mir anzuraten,
Ich sollte Mich von den Zinnen des Tempels hinunterstürzen, und es würde Mir,
wenn Ich Gottes Sohn wäre, kein Leid geschehen. Führte doch er Mich durch die
Lüfte aus der Wüste bis auf diese Zinnen und wußte, daß Ich weder der Erde ganz
angehöre, noch daß die Anziehungskraft dieses Planeten auf Mich eine Wirkung
haben könne, wenn Ich nicht wolle.
[PH.01_013,02] Oder wenn er Mich auf einen
Berg führte und Mir dort alles anbot, was Mein menschlich Auge von dort aus
erblickte, so wußte Satan wohl, daß er seinem Herrn und Schöpfer nicht die
winzigen Reiche eurer finsteren Erde oder gar die ganze Erde selbst anbieten
konnte; denn er konnte Mein unermeßliches Schöpfungsreich so wie kein anderer
Geist mit seinen geistigen Augen überschauen.
[PH.01_013,03] Ihr seht, daß die wörtliche Erklärung
dieser Stellen – wie sie im Evangelium geschrieben sind – nicht die Erklärung
sein kann, die den Worten zu entnehmen ist. Der Sinn dieser Versuchung, und was
sie bedeutet, liegt tiefer und ganz wo anders! Denn diese Versuchungen, wie sie
im Evangelium beschrieben sind, sind wohl für Menschen vielleicht solche, aber
für den Gott und Schöpfer alles Endlichen – wenngleich in Menschengestalt –
können sie nie und nimmer solche sein und werden.
[PH.01_013,04] Seht, wenn sich bei euch ein
Student auf eine Prüfung vorbereitet, so schließt er sich gewöhnlich mehr als
sonst in sein Kämmerlein ein und studiert da Tage und Nächte fort. Er entsagt
deswegen manchen weltlichen Genüssen, entweder in Speise und Trank oder in
sonstigen Unterhaltungen, damit in ersterem Falle der Magen nicht soviel
Einfluß auf seinen Geist gewinne, und im zweiten Falle, damit nicht
Unterhaltungen seinen Geist zerstreuen, während er gerade zum Studieren ihn
gesammelt braucht.
[PH.01_013,05] Was jeder Mensch tut, der sich
auf einen wichtigen Schritt in seinem Leben vorbereitet, das tat auch Ich!
[PH.01_013,06] Nachdem die Zeit gekommen war,
in der Ich Mein Lehramt antreten mußte – nämlich als Mensch, in dessen Hülle
Meine Göttlichkeit eingekleidet war –, mußte auch Ich Mich sammeln, mußte die
Nahrungsmittel für den Körper auf das nötigste heruntersetzen, weil Mein Geist
Geistiges und Ewiges schaffen wollte und von der Materie nicht beeinträchtigt
werden durfte.
[PH.01_013,07] Mein irdischer Mensch fastete,
während Mein geistiger im Übermaße aller Seligkeiten schwelgte, deren nur ein
geistiges Wesen fähig ist, welches, mit Hintansetzung alles Großen und
Mächtigen, sich den von ihm geschaffenen Wesen und Geistern aus Liebe opfern
will.
[PH.01_013,08] An Mich traten in jenen
Momenten alle Einflüsse menschlicher Leidenschaften heran. Nur dadurch, daß Ich
ganz Mensch wurde und das Göttliche sich in Mein Innerstes zurückzog, konnte
Ich Meinen Geistern das Beispiel geben, wie man siegen, wie man allen
Anfechtungen widerstehen kann. Ich wollte mit dieser Probe allen als ewiges
Beispiel vorangehen und ihnen begreiflich machen, daß derjenige, der Mein Kind
werden will, es nur durch Besiegung der mächtigen schlechten Einflüsse werden
kann.
[PH.01_013,09] Der Hunger war das erste, was
Mich, als irdischen Menschen, belästigte. Der Sieg darüber steht in den Worten,
die Ich dem Teufel auf sein erstes Anerbieten geantwortet habe, und die da
lauten: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen
Wort, das durch den Mund Gottes geht!“ Mit anderen Worten sagt dies: Wenn
leibliches Gelüsten des Menschen Seele bestürmt, so soll er dieses Spruches
gedenken, daß nämlich des Menschen geistiges, inneres Ich in erster Linie
genährt, ja sogar auf Kosten des Leibes gepflegt und erzogen werden muß. Der
Ausspruch, den Ich an den Teufel richtete, lautet für euch also: „Gedenket
stets, daß ihr nicht zur Pflege eures Körpers, sondern zur Vervollkommnung
eurer Seele geschaffen worden seid!“
[PH.01_013,10] Der zweite bildlich
dargestellte Versuch des Teufels bestand darin, die göttliche Macht, die in Mir
wohnte, zu versuchen. Dies heißt mit anderen Worten: Über Mich kam das
Begehren, Mich mit Meinen göttlichen Eigenschaften zu brüsten.
[PH.01_013,11] Diese Versuchung gleicht
derjenigen eines Menschen, der – mit größeren Fähigkeiten und Kenntnissen
ausgerüstet, ja mit göttlicher Macht begabt, Dinge zu verrichten imstande ist,
die anderen Menschen versagt sind, und ihnen deswegen wie Wunder erscheinen
müssen. Wenn er solche Eigenschaften benützt, nicht um seinen Mitmenschen zu
helfen oder des Gebers Herrlichkeit zu vergrößern, sondern diese Eigenschaften
mißbraucht, um damit zu prunken.
[PH.01_013,12] Hierher gehört meine zweite
Antwort an Satan: „Du sollst deinen Gott und Herrn nicht versuchen!“ Das heißt:
„Du sollst dich nicht dem Wahn hingeben, daß der Herr, wenngleich Er dir Macht
verlieh, nicht auch imstande wäre, dir dieselbe zu nehmen, sobald du sie zu
deinen und nicht zu Seinen Zwecken gebrauchen willst!“ Ein solcher Wunsch ist
Erhebung über die eigenen menschlichen Fähigkeiten, ist Mißbrauch eines
göttlichen Geschenkes, der beim Gelingen nicht die Demut, sondern nur den
Hochmut nähren würde. Satan versuchte Meine menschliche Eitelkeit zu wecken und
glaubte, Ich würde aus dieser niederen Stellung, in der nach Meiner Ansicht nur
allein das Gelingen Meines großen Planes lag, vielleicht heraustreten.
[PH.01_013,13] Der dritte Versuch war, Meine
Herrschsucht zu wecken; denn im menschlichen Herzen liegen als Grundlage für
alle anderen diese drei mächtigsten Leidenschaften: erstens der Hang zum
leiblichen Wohlleben, zweitens der Wunsch, mehr als andere zu sein – d.h. eine
soziale, glänzende Stellung innezuhaben, in der die Mittel zur Befriedigung der
ersten Leidenschaft liegen –, und endlich drittens die Sucht, statt zu
gehorchen herrschen zu können, statt der Letzte der Erste zu sein, der anderen
Gesetze vorschreibt, während er sich selbst über alles Gesetz erhoben und sich
von der Erfüllung auch nur des geringsten Gesetzes losgesagt hat.
[PH.01_013,14] Auf diesen dritten Versuch
Satans erfolgte die Antwort an ihn: „Hebe dich weg, Satan; denn es steht
geschrieben: Du sollst anbeten Gott deinen Herrn und Ihm allein dienen!“ Das
heißt mit anderen Worten: Hinweg mit dieser schmutzigen Leidenschaft des
Herrschenwollens, die in ihrem Gefolge alle anderen Leidenschaften hat, wie
Hochmut, Haß, Rache, Zorn und Vergeltung! Das Geistige im Menschen gebietet
Demut, Liebe, Verzeihung und Bruderliebe. Das Geistige, dem Menschen von Gott
in die Brust gelegt, verlangt von dir, du sollst abwärts-, heruntersteigen,
sollst der Kleinste werden, sollst allen andern dienen wollen, – wenn du einst
über Großes gesetzt werden willst. Du sollst deine Wünsche, den anderen zu
unterwerfen, gänzlich aufgeben. Du sollst gehorchen lernen, um einst befehlen
zu können, aber nicht befehlen mit richterlichen Worten, sondern befehlen mit
Liebe, mit Geduld und mit der Überzeugung, daß nur auf diesem Wege der Befehl
nie hart erscheint und genau befolgt wird, – weil der Gehorchende ebenfalls
einsieht, daß dies alles nur zu seinem Besten ist. So dient dann der Mensch
seinem Gott und Herrn, wobei er, Meinem Beispiele nachfolgend, im Kleinsten, im
Niedrigsten, die größten Resultate erreichen wird.
[PH.01_013,15] Wie also Ich selbst als Mensch
einst alle menschlichen Leidenschaften durchkämpfen mußte, die Ich als Schöpfer
absichtlich in eure Natur gelegt habe, ebenso müßt auch ihr, wollt ihr Mir
nachfolgen, dasselbe tun. Den mächtigen Trieb des leiblichen Wohllebens müßt
ihr bekämpfen, müßt alle diese Genüsse einem höheren Zwecke unterordnen, euch
von Fesseln frei machen, die die Schwingen eurer Seele hemmen. Ihr müßt die
Eitelkeit – als erste Lügnerin – von euch verbannen, da sie euch euer eigenes
Bild schöner ausmalt, als es ist, und Triebe der schlechtesten Art mit
klügelnder Weisheit entschuldigt, wodurch ihr dann oft glaubt, mehr und besser
zu sein, als ihr wirklich seid, – was euch natürlich im Fortschritt hindern
muß.
[PH.01_013,16] Traut euch keine Kräfte zu,
die ihr nicht besitzt! Denkt euch schwach und unwürdig, um im Glauben und
Vertrauen auf Mich zu erstarken, dann wird euch die dritte schlechte
Eigenschaft, die Herrschsucht, nicht übermannen, nicht zu Sklaven eurer selbst
machen! Es gibt nichts Schlechteres auf der Welt, als stets den Eigendünkel zu
haben, etwas Besseres als andere zu sein, und stets das Bestreben zu haben,
jedem Druck des Gehorsams auszuweichen und immer über die Schultern anderer
emporzuklimmen, wo dann der eine bloß Herr ist und die andern Sklaven. Zum
Herrschen über andere gehören ganz andere Eigenschaften als die, die jetzt auf
eurer Erde nach Herrschaft über ihre Mitmenschen drängen! Um einen Maßstab zu
haben, sehet nur Mich selbst an! Wie herrsche Ich? Herrsche Ich mit Gewalt?
Herrsche Ich durch augenblickliche Bestrafung oder durch unerbittliches
Richteramt über Gefallene und Verirrte? Herrsche Ich durch Zorn, Rache und
Bestrafung? Gewiß nicht! So wie ihr Mich kennt, seht ihr, daß Ich nur durch und
mit Meiner alles umfassenden Liebe herrsche, daß Verzeihung Mein erstes Prinzip
ist, und daß Ich nicht den verfolge, der vielleicht ohne Verschulden fehlt,
sondern ihm nachsichtig alle Mittel in den Weg schiebe, sich zu bessern.
[PH.01_013,17] Alles Schlechte, das sich in
der Welt augenscheinlich als solches zeigt, ist nicht von Mir geschaffen
worden, sondern ein Produkt des Mißbrauchs des freien Willens von seiten der
Menschen. Sie als freie Wesen können tun, was sie wollen, müssen aber auch die
Folgen davon nur sich selbst zuschreiben, – wie Ich in dem Wort über die
Wahrheit sagte: Es gibt nur eine Wahrheit, und wer dagegen sündigt, muß die
Folgen der Lüge fühlen!
[PH.01_013,18] So ist dieses Evangelium ein
Beispiel, wie Ich als Mensch trotz Meiner großen Machtstellung die
Leidenschaften kräftigst bekämpfte, um euch und allen Geistern zu zeigen, daß
das Schlechte, wenn Ich es auch in der Welt zugelassen habe, doch nur zum
Besten, zum Fortschritt dient.
[PH.01_013,19] Gott allein sollt ihr dienen;
ihr dienet Ihm aber nur, wenn ihr die großen Liebesgesetze befolgt, die euch
dazu antreiben sollen, euren Leib zu beherrschen und die schlechten seelischen
Eigenschaften der Eitelkeit und Herrschsucht zu bekämpfen. Nur durch
Verleugnung und Bekämpfung dieser starken Triebe eurer menschlichen Natur könnt
ihr einst in Meinem Reiche begreifen, was es heißt, über vieles gesetzt zu
werden, oder was der Spruch bedeutet: „Wer sich erniedrigt, der wird erhöht
werden!“
[PH.01_013,20] Auch dort werdet ihr diese
nämlichen Eigenschaften wiedertreffen, – die erste zwar nicht in materieller,
doch aber in geistiger Hinsicht, d.h. als Begierde, alles wissen, alles
begreifen zu wollen. Die anderen zwei Eigenschaften werden dort im Jenseits
mächtiger als hier in euch hervortreten; denn dort ist das Bewußtsein einer
Kraft noch größer als hier. Das seht ihr gerade an Luzifer und seinen Scharen,
welche – ebenfalls im Bewußtsein ihrer Kraft – das Gleichgewicht verloren, von
der Demut in Übermut übergingen und dann wie Satan selbst sogar über Mich
herrschen wollten.
[PH.01_013,21] Um dort das rechte Maß zu
wissen, wie und wann man seine Kraft gebrauchen darf, um zu begreifen, wieviel
der Kenntnis bei jeder Aufgabe notwendig sein wird, um zu wissen, daß man
jenseits, wenngleich man über Großes gesetzt wird, doch dem niedrigsten Wesen
in dessen Bereiche ein Diener sein soll, – dazu müssen diese Leidenschaften
schon hier in diesem Prüfungsleben bekämpft und bezwungen werden, damit man
auch in jenen Verhältnissen, mit größerer Macht betraut, ihr Herr sein kann.
[PH.01_013,22] Deswegen nehmt euch Meine
Worte zu Herzen! Ihr wißt nicht die Hälfte eurer Mission, ihr kennt nicht zum
dritten Teil eure eigene Natur und wißt ganz und gar nicht, warum sie so und
nicht anders geschaffen ist. Eure Augen sind noch bedeutend mit dem Star
behaftet. Das Licht Meiner Weisheit kann noch nicht bis zu eurem Innersten
dringen, höchstens ein Funken der Liebe bewegt manchmal euer Herz und läßt euch
fühlen, daß es noch etwas Höheres, Größeres gibt. Aber kaum daß dieser
Lichtstrahl die innersten Kammern eures Herzens erleuchtet, so sind es diese drei
Leidenschaften – Egoismus, Eitelkeit und Herrschsucht –, welche jene wieder
verdunkeln. Sie raunen euch tausend Ausreden ins Ohr: „Ja, man kann sich aber
doch von der Welt nicht ganz lossagen!?“, „Ja, man kann nicht so leben!“, „Ja,
so ist die Welt einmal gemacht!“ usw., – lauter Ausflüchte der Trägheit, weil
ihr alle zwar Hörer Meiner Worte, aber keine Täter werden wollt!
[PH.01_013,23] Gerade jetzt, wo euch von
Sonntag zu Sonntag Mein Evangelium erklärt wird, wie ihr es nie gehört, eben
jetzt möchte Ich euch zum Nachdenken zwingen über Meine Darniederkunft, damit
ihr ein wenig ihre Größe und Wichtigkeit erkennen und einsehen möchtet, was das
heißen will: Gott, der Schöpfer der ganzen Unendlichkeit, stieg auf eure Erde
herab, und zwar in die niedrigsten Verhältnisse, ließ sich durch euch verirrte
und blinde Geschöpfe verfolgen und sogar leiblich kreuzigen! Er machte alle
Phasen eures Lebens durch, bekämpfte die menschlichen Leidenschaften, um eben
euch und allen Geistern als leuchtendes Beispiel für alle Zeiten
voranzuleuchten. Er zeigte, daß, will man geistig Ihm gleichen, man auch das
Geistige als Höchstes achten und ihm alles andere unterordnen muß, um so die
mächtigsten Leidenschaften bekämpfend, einst würdig zu werden, auch anderen
Geistern als Führer und Leiter zu dienen und in der Tat zu beweisen, daß der
Mensch nicht allein von materieller, sondern vor allem von geistiger Speise
lebt. Er zeigte, daß man Gott nicht in Seiner Gnade versuchen soll, daß man,
Seine zwei Liebesgesetze befolgend, sich und andere dorthin führt, wohin Er,
der Vater aller, euch schon längst haben wollte, das heißt: in Sein Reich als
Seine würdigen Kinder. Amen.
14. Predigt – Am Sonntage Reminiszere. Die
Verklärung Jesu.
[PH.01_014] Matth.17,1-13: Und nach sechs
Tagen nahm Jesus zu sich Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, und
führte sie beiseits auf einen hohen Berg. Und er ward verklärt vor ihnen, und
sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie ein
Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia, die redeten mit ihm.
Petrus aber antwortete und sprach zu Jesu: „Herr, hier ist gut sein; willst du,
so wollen wir hier drei Hütten machen, dir eine, Mose eine und Elia eine!“ Da
er noch also redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe,
eine Stimme aus der Wolke sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich
Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ Da das die Jünger hörten, fielen sie
auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an
und sprach: „Stehet auf und fürchtet euch nicht!“ Da sie aber ihre Augen
aufhoben, sahen sie niemand denn Jesus allein. Und da sie vom Berge
herabstiegen, gebot ihnen Jesus und sprach: „Ihr sollt dies Gesicht niemand
sagen, bis des Menschen Sohn von den Toten auferstanden ist!“ Und seine Jünger
fragten ihn und sprachen: „Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elia müsse
zuvor kommen?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Elia soll ja zuvor kommen
und alles zurechtbringen. Doch ich sage euch: Es ist Elia schon gekommen, und
sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben an ihm getan, was sie wollten. Also
wird auch des Menschen Sohn leiden müssen von ihnen.“ Da verstanden die Jünger,
daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.
25. Januar 1872
[PH.01_014,01] Hier habt Ihr wieder eine
Begebenheit aus Meinem irdischen Lebenswandel, die Tiefes und Himmlisches in
sich birgt und wie einst für Meine Mich begleitenden Jünger so auch für euch
und die ganze lebende Menschheit ein bedeutungsvolles Ereignis und in seiner
geistigen Entsprechung von großer Tragweite für die Zukunft ist, der ihr
entgegengeht. Wir wollen dieses Ereignis betrachten, wollen erklären, was es in
jener Zeit und für Meine Jünger für eine Bedeutung hatte, und wollen dann auf
seine geistige, große Entsprechung übergehen: wie, wann und wo es in jetziger
Zeit sich wiederholt, und wie es als Regenerationswerk jetzt ebenso wirken
wird, wie einst auf Meine drei Mich begleitenden Jünger und ihre fernere
Lebensweise und Handlungen.
[PH.01_014,02] Das Evangelium sagt, Ich nahm
Meine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen Berg. Dort sahen sie
Mich verklärt, d.h. sie sahen Mich mit ihren geistigen Augen als Denjenigen,
der Ich eigentlich bin, war und sein werde. Sie sahen Mich vor sich als einen
hohen Geist, dessen Kleid, die Wahrheit, in Entsprechung weiß war, und dessen
Angesicht leuchtete wie die Sonne, d.h. von Liebe strahlte. Sie sahen daneben
zwei mächtige Stützen Meines ganzen zukünftigen Lehrgebäudes, die am meisten
dazu beitrugen, Mir Mein Werk zu erleichtern, und die Vorläufer und Wegbereiter
waren, – sie sahen Moses und Elias, mit denen Ich redete. Ferner hörten sie aus
einer Wolke eine Stimme die Worte sprechen, die einst bei Meiner Taufe am
Jordan ebenfalls ertönten: „Dies ist Mein lieber Sohn, an dem Ich Wohlgefallen
habe; den sollt ihr hören!“
[PH.01_014,03] Dieses Gesicht, das den drei
Jüngern von Mir zugelassen wurde, hatte den Zweck, ihnen einen Vorgeschmack
ihrer eigenen Bestimmung zu geben. Petrus, den Ich den ,Felsen‘ nannte, auf den
Ich Meine Kirche bauen wollte, hatte eine ähnliche Aufgabe wie einst Moses, der
das jüdische Volk auf Mein Kommen vorbereitete. Er gab ihnen Gesetze und
Verhaltungsregeln, die das Judenvolk leichter als jedes andere aufnehmen
konnte, um es zu dem auserwählten Volk zu machen, in dessen Mitte Ich Mein
Darniederkommen auf eure Erde beschlossen hatte.
[PH.01_014,04] Wie Elias, nach seiner
nochmaligen Einkleidung in die menschliche Form des Johannes des Täufers im
Kleinen dasselbe vollzog, was Moses im Großen bewirken mußte, so war Johannes,
Mein Liebling, bestimmt – durch sein spezielles Wirken und dadurch, daß gerade
er länger am Leben blieb als alle seine übrigen Mitjünger –, noch in seinen
letzten Jahren in seiner Offenbarung der Welt ihren geistigen Gang bis zur
Läuterung im voraus zu beschreiben und ein Zeugnis zu hinterlassen, daß die
Gesetze, die Ich in Meine Schöpfung gelegt habe – seien es moralische oder
physische –, nicht mit Füßen getreten werden dürfen.
[PH.01_014,05] Diesen Jüngern als noch Lebenden
und dem Moses und Elias als Verstorbenen wurde es als Zeugen zuteil, Mich in
Meiner ganzen Herrlichkeit zu schauen, Mich als Den zu erkennen, für dessen
großes, geistiges Reich sie alles opfern mußten, um die Dauerhaftigkeit Meines
Werkes zu begründen.
[PH.01_014,06] Sie sahen Mich in jener
Glorie, die ein menschlich Herz in irdischer Hülle nur auf wenige Augenblicke
ertragen kann, und eben diese nie geahnte Seligkeit und Wonne veranlaßte Petrus
auszurufen: „Herr, hier ist gut sein; willst Du, so wollen wir hier drei Hütten
bauen!“
[PH.01_014,07] Allein, da solche Momente nur
als Wecker, Aneiferer und Stärker dienen, wenn Gefahr droht oder
Wankelmütigkeit das Herz beschleicht, so waren sie von kurzer Dauer. Damit sie
aber in der Erinnerung von nachhaltiger Wirkung blieben, so erschollen noch aus
der weißen Wolke, als geistiger Überschattung Meiner Person, jene
geheimnisvollen, wichtigen Worte: „Dieses ist Mein lieber Sohn, an dem Ich
Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ Die Stimme riet also Meinen Jüngern,
noch mehr auf Meine Rede aufmerksam zu sein, sie recht ins Herz zu prägen,
damit aus ihnen einst des Lebens grünender Baum erwachse, der schirmend unter
seinem Schatten die ganze Menschheit versammeln soll, wo diese Schutz und Trutz
für alle Leiden und Unbilden finden wird.
[PH.01_014,08] Daß Ich den Jüngern auftrug,
von diesem Ereignis zu schweigen, bis Ich Mein Lehrgebäude mit Meiner
Auferstehung gekrönt hätte, hatte darin seinen Grund, weil die anderen Jünger
an dem Gesicht gezweifelt oder es nicht verstanden hätten. Auch Meine Jünger,
wie alle Menschen, besaßen nicht gleiche Fassungsgabe.
[PH.01_014,09] Dies war der eigentliche
Hergang jenes feierlichen Aktes, welcher sich auch jetzt wiederholen muß.
[PH.01_014,10] Was in jener Zeit Moses war,
der das jüdische Volk für Meine Lehre vorbereitete, das ist später ebenfalls
durch Petrus als Gründer der katholischen Kirche geschehen. Was Elias als
Johannes der Täufer in jener Zeit war, ist in eurer Zeit die Schar der Männer
gewesen, welche die von Petrus gegründete Kirche zu reinigen und zu läutern
hatten, damit sie den eigentlichen geistigen Wert nicht ganz einbüße.
[PH.01_014,11] Was in jener Zeit Petrus als
künftige Stütze Meiner Lehre war, werden jetzt wieder andere Männer werden, die
Mein Reich von neuem aufrichten. Und wie das jüdische Volk zu Meiner Zeit durch
seine Pharisäer und Schriftgelehrten in die Irre geführt wurde, so lebt jetzt
ebenfalls das ganze Menschengeschlecht in Zeremonien und Gebräuchen, lebt in
Erfüllung des Buchstabens, ohne den geistigen Sinn der Worte Meines doch so
einfachen Evangeliums zu verstehen. Es muß also eben jetzt wieder Männer geben,
die Meine Lehre von neuem auf ihre erste Grundlage, auf Meine eigenen Worte
zurückführen.
[PH.01_014,12] Wenn diese berufenen Männer
auch nicht gleich siegen werden bei dem Versuch, die ganze Menschheit zu
belehren – wie es auch Meinen Jüngern nicht auf einmal gelungen ist –, so sind
sie doch bestimmt, den Samen auszustreuen. Ob dieser nun überall auf guten
Erdboden oder auf den Weg oder auf steinigen Boden und Felsen fallen wird, das
tut nichts zur Sache. Die aufkeimende Saat wird das Verlorengegangene wohl
ersetzen und den Geistesboden so vorbereiten, daß er würdig sein wird, Mein
Wiederkommen mit Freude zu erwarten.
[PH.01_014,13] Wie Ich in jener Zeit die
Jünger mit Mir auf eine Höhe nahm und ihnen einen kleinen Vorgeschmack des
Lohnes gab, welcher ihrer wartet, wenn sie bei Mir treu ausharren, so geschieht
es auch heute noch, daß Ich so manchen Mir Ergebenen, der im einsamen
Kämmerlein oder bei nächtlicher Stille sich Mir hingibt, ebenfalls weit über
die irdische Welt hinaufführte, ihm dort gleich einer großen Fernsicht die
glorreiche Zukunft zeige, welche er zu erwarten hat, wenn er Mir und Meiner
Lehre treu bleibt. Ja, Ich lasse manchen sogar die ganze Wonne Meines mächtigen
Einflusses auf sein Herz fühlen, wobei Ich ihm der höchsten Wahrheit Schimmer
im rosigen Lichte der Liebe zeige und ihm so in herrlicher Verklärung Mein
eigenes Ich kundgebe, ausgedrückt durch eine Seligkeit, welche nicht hier,
sondern nur in höheren Sphären in geistiger Umhüllung zu ertragen möglich sein
wird.
[PH.01_014,14] Moses baute im mosaischen
Gesetz seine nie umzustoßenden Grundsätze der jüdischen Religion auf die einzige
Idee: Es gibt nur einen Gott! Und deswegen war das jüdische Volk – und kein
anderes – geeignet, Mich in Zukunft zu den Seinigen zählen zu können. Denn da
in jener Zeit überall Vielgötterei herrschte, so wäre es unmöglich gewesen,
alle Götter auf einmal zu entfernen und einen einzigen dafür aufzustellen. Aber
bei den Juden bestand der eine Gott; es ging also bei ihnen der Aufbau einer
göttlichen Religion leichter von statten.
[PH.01_014,15] So war Moses der Vorarbeiter,
wie ein Arbeiter im Weinberg, der die Erde umgräbt. Nach ihm kam der, welcher
die Reben beschneidet, und das war Elias. Er beschnitt in seiner Zeit, und
später als Johannes der Täufer nochmals, die Rebenzweige, erregte durch dieses
Beschneiden die Tätigkeit, um bessere Früchte zu erzielen, damit dann der
Einsammler mit seinen Vorarbeitern zufrieden sei. So war Johannes der Täufer
der zweite Arbeiter in Meinem Weinberg, bis Ich selbst kam und die letzte Hand
anlegte, das Fehlende ergänzte und die Frucht zur Reife brachte, d.h. aus der um
den Stamm der Rebe im Verwesungszustande liegenden Erde neues Leben hervorrief,
welches den Stamm entlang sich verfeinernd, von der groben Materie zur höheren,
geistigen Frucht, der Traube ausgereift und erzogen wurde.
[PH.01_014,16] So wie Moses zuvor, war später
Petrus der Felsen, auf den Meine Kirche gegründet wurde. Alle Umwälzungen und
Stürme konnten sie nicht vernichten. Entstellt ist sie zwar oft genug worden
durch die Herrschsucht und Macht einzelner Menschen; aber wie einst vor Meinen
Aposteln Meine Verklärung zugelassen wurde, bei der durch Meine irdische Form
Meine geistige, göttliche hindurchleuchtete, so geschieht es auch jetzt: Aus
dem irdischen Prunk und den Zeremonien des katholischen Kultus und seiner
Irrlehren beginnt das geistige Gewand hindurchzuleuchten. Die Klärung und
Verklärung beginnt. Aus Nacht wird Dämmerung, aus Dämmerung – Tag!
[PH.01_014,17] Das Licht der so lange
zurückgehaltenen Wahrheit bricht durch. In allen Gemütern lebt die Ahnung einer
höheren Extase, einer Verklärung. Alle fühlen den Geisteswind, der durchs
Weltliche hindurchströmt und die Eingeschlafenen weckt. Wie wenn ein
Lichtstrahl durch einen Fensterladen auf einen Schlafenden fällt und dieser,
durch dessen Lebenskraft geweckt, anfängt, sich im Bette herumzuwälzen, und
doch nicht weiß, wie ihm geschieht, – so bricht diese Verklärung an. Es dämmert
schon in vielen Köpfen.
[PH.01_014,18] Moses bereitete das mit ihm
lebende Judenvolk zu Meinem Empfange vor, Petrus das nach ihm kommende
Geschlecht, und die in der Jetztzeit von Meiner Lehre begeisterten Lehrer,
welche noch kommen, werden die Johannesse sein, die – wie einst Mein Jünger –
auch Meine Lieblinge werden und bis in ihr spätes Alter Zeugen Meiner Liebe,
Meiner Gnade sein sollen. So vollzieht sich stets der nämliche geistige
Läuterungsprozeß, zuerst vom Festen ins Leichtere, dann vom Leichteren ins
Flüchtige und vom Flüchtigen ins Luftartige und endlich ins Geistige!
[PH.01_014,19] Wie Ich in jener Zeit ans
Kreuz genagelt, Meine Lehre verhöhnt und Meine Jünger beschimpft und verfolgt
wurden, so wird es wieder sein. Statt Meiner Person werden die Menschen Meine
Lehre ans Kreuz schlagen und sie verhöhnen. Meine Kämpfer werden ebenfalls mit
allerlei Unbilden zu kämpfen haben; aber auch sie werden siegreich hervorgehen und
Mich dann bei Meiner nächsten Wiederkunft verklärt erblicken, und die Stimme
ihres Gewissens wird ihnen dann zurufen: „Segen euch, weil ihr Diesem treu
geblieben, Seine Worte gehört, ausgeübt und auch andern mitgeteilt habt, so,
wie Er sie von den Menschen verstanden wissen wollte!“
[PH.01_014,20] Die Verklärung wird aber dann
nicht – wie einst bei Meinen Jüngern – ein Ende haben, sondern Meine Vorkämpfer
werden Mich ewig von Angesicht zu Angesicht sehen können, werden mit allen
früher Hinübergegangenen sich Meines und ihres Sieges freuen können.
[PH.01_014,21] Dies ist der entsprechende
Sinn der Verklärung. Trachtet auch ihr danach, daß ihr solcher teilhaftig
werden möget, damit auch ihr zu jenen gezählt werden könnt, die, alles
Weltliche hintansetzend, nur Mich und Meine Lehre zum Hauptzweck ihres Lebens,
ihres Strebens gemacht haben! Dann werdet ihr in Momenten der höchsten Wonne,
wo eure geistige Sehe geöffnet wird, Den in Person verklärt sehen können, der
euch schon so lange mit Seinen Segensworten überhäuft und zu Seinen Kindern
machen möchte. Amen.
15. Predigt – Am Sonntage Okuli. Die
Austreibung eines Teufels.
[PH.01_015] Luk.11,14-28: Und er trieb einen
Teufel aus, der war stumm. Und es geschah, da der Teufel ausfuhr, da redete der
Stumme. Und das Volk verwunderte sich. Etliche aber unter ihnen sprachen: „Er
treibt die Teufel aus durch Beelzebub, den Obersten der Teufel!“ Die anderen
aber versuchten ihn und begehrten ein Zeichen von ihm vom Himmel. Er aber
vernahm ihre Gedanken und sprach zu ihnen: „Ein jeglich Reich, so es mit sich
selbst uneins wird, das wird wüst, und ein Haus fällt über das andre. Ist denn
der Satanas auch mit sich selbst uneins, wie will sein Reich bestehen, dieweil
ihr saget, ich treibe die Teufel aus durch Beelzebub!? So aber ich die Teufel
durch Beelzebub austreibe, durch wen treiben sie eure Kinder aus? Darum werden
sie eure Richter sein. So ich aber durch Gottes Finger die Teufel austreibe, so
kommt ja das Reich Gottes zu euch. Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast bewahret,
so bleibt das Seine mit Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und
überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und
teilt den Raub aus. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht
mit mir sammelt, der zerstreuet. Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen
ausfährt, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet ihrer nicht;
so spricht er: ,Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen
bin!‘ Und wenn er kommt, so findet er's mit Besen gekehrt und geschmückt. Dann
geht er hin und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind denn er selbst;
und wenn sie hineinkommen, wohnen sie da, und es wird hernach mit demselben
Menschen ärger denn zuvor.“ – Und es begab sich, da er solches redete, erhob
ein Weib im Volk die Stimme und sprach zu ihm: „Selig ist der Leib der dich
getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast!“ Er aber sprach: „Ja, selig
sind, die das Wort Gottes hören und bewahren!“
27. Juni 1872
[PH.01_015,01] Um diese Tat zu verstehen und
zu würdigen, müßt ihr erst wissen, wie die Teufel in den Menschen hineinkommen,
und was sie in der Tat sind, damit euch das Austreiben derselben verständlich
werden kann.
[PH.01_015,02] Um euch dieses deutlich vor
Augen zu führen, muß Ich weiter ausholen und euch in frühere Zeiträume
zurückführen, in denen noch keine materielle Welt, sondern nur das Geisterreich
bestand.
[PH.01_015,03] Aus Übermut und Trotz
mißbrauchte der erste Engel, Lichtträger bis in die fernsten Räume des
Geisterhimmels, seine Macht und lehnte sich nebst seinem Anhang gegen Mich auf.
Da er, sowie seine Spießgesellen von einer Rückkehr nichts wissen wollten,
wurden sie in die Materie gebannt und mußten auf langen Wegen der stufenartigen
Läuterung den Rückgang zum einst gewesenen besseren Zustand antreten, welcher
Läuterungsprozeß auch heute noch fortdauert, bis alle wieder das geworden sind,
was sie einst waren, nämlich: Erkenner Meiner Macht und Liebe und werktätige
Förderer Meines großen Schöpfungsplanes.
[PH.01_015,04] Nun seht, in jener fernen
Zeit, in der – wie jetzt noch gültig – die individuelle Freiheit des Geistes
als unantastbar festgesetzt wurde, stand es den Geistern, sowie Satan selbst
frei, von ihrer verkehrten Richtung umzukehren oder nicht. Da die Geister aber
nicht alle gleich an Erkenntnis, Güte und Einsicht waren – wie es auch heute
noch nicht zwei Geschöpfe gibt, die geistig einander gleichen –, so war die Art
und Weise jener Wesen, zu denken und zu handeln, sehr verschieden. Dem einen
genügte seine geistige Stufe, dem andern nicht. Der eine war standhaft und
widerstand den Anfechtungen Schlechterer, der andere dagegen widerstrebte dem
Einfluß Besserer. – So bestand nicht eine gleichsam geordnete Stufenreihe,
sondern, soviel es geistig denkende Wesen gab, ebenso vielseitig waren auch die
Ansichten und Vorstellungen von Mir, von der Welt und von dem nötigen
Fortschreiten.
[PH.01_015,05] Diese große Verschiedenheit,
die sowohl bei den guten Geistern wie auch bei den schlechten besteht, welche
eher den Satan als Höchsten ansehen – wie die guten Mich –, bedingte eben das
geistige Leben und Treiben, welches zum Bestand des großen Geisterreichs
notwendig ist.
[PH.01_015,06] Wenngleich die große Masse
abgefallener Geister unter ihren Hauptanführern eine andere Richtung als die
für alle bestimmte einschlug, so mußten doch auch ihre, Mir und Meinem Prinzip
des Guten entgegengesetzten Handlungen nur Meinen Zwecken dienen. Sie müssen in
den Resultaten, welche ihren Wünschen nicht entsprechen, Meine Allmacht
erkennen, der sie sich – sie mögen tun, was sie wollen – nicht entziehen
können.
[PH.01_015,07] Das gleiche Sein und Treiben
der Geister findet sich bei den von allen Welten abberufenen Seelen, die im
Jenseits leben. Auch sie haben Willensfreiheit. Sie können vor- oder rückwärtsschreiten,
können tun, was sie wollen, können in einer Minute von der Höllenqual eines
peinigenden Gewissens bis zur Seligkeit eines Engels gelangen, können das
bleiben, was sie im Erdenleben waren, oder durch Umgang mit anderen,
schlechteren Seelen selbst noch böser, noch schlechter werden. Ihr
Wirkungskreis ist durch nichts beengt als durch die Existenzmittel, welche jede
geistige Stufe mit sich bringt.
[PH.01_015,08] Ursprüngliche, noch nicht
inkarnierte Geister, sowie Abgeschiedene, aus menschlichen Leibern, welche
keinen Drang zum Vorwärtsschreiten haben, suchen – da Tätigkeit ein
Lebensgesetz ist, ohne das nichts bestehen kann – sich zu beschäftigen, indem
sie versuchen, entweder Geister oder noch lebende Wesen, deren Neigung eine
Beeinflussung zuläßt, in ihren Bereich zu ziehen und ihnen ihre Ansichten und
Neigungen beizubringen. Daher kommt es, daß der Mensch, je mehr er seine
eigenen bösen und schlechten Leidenschaften nährt, immer leichter diesem
jenseitigen Einfluß unterworfen ist und endlich ganz diesen bösen, von
Langeweile geplagten Geistern zur Beute wird. So wie durch Schreiben, Klopfen
und sonstige Mittel die Geister auf einzelne (empfängliche) Seelen einwirken
können und indirekt wenigstens dazu beitragen, daß die Ungläubigen zu der Erkenntnis
kommen: ,Es gibt eine andere Welt!‘, ebenso wirken die schlechten Geister der
Verstorbenen auf das Gemüt, ja auf die körperliche Organisation des Menschen
ein, wovon Tobsucht und andere Krankheiten die äußerlich sichtbaren Folgen
sind.
[PH.01_015,09] So könnt ihr, würdet ihr mit
geistigen Augen sehen, eine ganz neue Welt in und um euch erblicken, die ebenso
wie die äußere materielle bemüht ist, euch den Gang zu Mir soviel wie möglich
zu erschweren. Deswegen rief Ich auch einst Meinen Jüngern im Garten von
Gethsemane zu: „Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Versuchung fallet!“
[PH.01_015,10] Diese geistigen Einflüsse sind
anfangs so gelinde und sanft, unter spitzfindigen Gründen der Eigenliebe ihr
verderbliches Gift verbergend, daß ein feines Gefühl und stete Wachsamkeit dazu
gehören, um nicht statt des eigenen Willens den Willen anderer zu tun. Ist aber
Standhaftigkeit da und sieht der böse oder schlechte Geist, daß seinen
Einflüssen nicht Gehör gegeben wird, so läßt er von selbst ab, weil auch er
seine Zeit nicht unnütz verlieren will.
[PH.01_015,11] Dieses unsichtbare
Beeinflussen und Verändern der Materie, dieses Entstehen und Vergehen und
In-andere-Formen-Übergehen, alles dieses würde – hättet ihr die geistige Sehe –
sich in der geistigen Welt vor euren Augen abwickeln, in einem noch größeren
Maßstab, weil ihr die Geister durchschauen und schon von vornherein bemerken
könntet, welche Idee jetzt den einen oder andern bewegt, dieses oder jenes zu
tun. Ihr würdet an diese geistige Welt einen ganz anderen Maßstab anlegen
müssen als an eure materielle Welt, da dort schon die Gedanken gewogen werden,
während in eurer sichtbaren Welt tausend Gedanken unbemerkt an euch
vorübergehen, bis vielleicht erst der letzte, durch die Tat, die Idee eines
anderen lebenden Wesens verrät.
[PH.01_015,12] Ihr würdet staunen, wie die
Hinübergehenden dort anlangen, wie sie von anderen Geistern entweder mit Liebe
oder mit Haß empfangen werden. Ihr würdet staunen, welche moralischen Kämpfe
dort eine Seele durchmachen muß, bis sie ihren Weg selbständig gehen kann. Dort
hilft kein Verbergen, kein Heucheln und Verstellen. Dort ist der Mensch als
Geist nur der Abdruck seines geistigen Ichs, erworben hier auf dieser Welt, und
zwar nicht durch Taten, sondern bereits durch Gedanken; denn diese waren die
Urheber der Taten, und diese geben auch in der geistigen Welt den Ausschlag.
Jeder durch euern Kopf oder euer Herz flüchtig laufende Gedanke ist in eueren
inneren Geistesmenschen als unabänderlicher Abdruck eingeprägt worden und wird
einst die äußere geistige Umkleidung eures Seelenmenschen bedingen.
[PH.01_015,13] Wenn die Menschen wüßten, was
sie tun, wenn sie entweder mit Groll von dieser Erde scheiden, oder wenn die
Zurückgebliebenen den Hinübergegangenen fluchen, sie würden schaudern vor den
Folgen solcher Gedanken; denn solche Gedanken sind fähig, Qualen auf Qualen –
natürlich geistiger Natur – den Hinübergegangenen zu bereiten und in ihnen den
Wunsch entfachen, die noch Lebenden mit Rache zu empfangen. Daher seid streng
mit euren Gedanken! Ihr ruft oft mit einem Gedanken ein Heer gleichgesinnter,
schlechter Geister der andern Welt in eure Nähe, und während ihr glaubt, ihr
hinget diesen Gedanken bloß nach, sind es diese Geister, die euch in ihr Netz
zu verstricken trachten, die eure guten Eigenschaften zu vernichten streben, um
dann den Entschluß zu einer bösen Tat zur Reife zu bringen, welche wieder
unendliche Folgen für euch und andere Menschen und Geister hat.
[PH.01_015,14] Dies ist im Evangelium
ausgedrückt, wo Ich von dem mächtigen bösen Geist, der aus dem Kranken oder
Stummen getrieben wurde, sagte, daß er öde und wüst umherging, dann aber wieder
zurückkehrte mit sieben anderen Geistern, die ärger waren als er selbst.
[PH.01_015,15] Das ist das geistige Bild
eines Menschen, der wohl eine Leidenschaft besiegt, glaubt einen Teufel von
sich entfernt zu haben, sich aber nachlässig wieder diesen Gedanken, seinen
Lieblingsideen hingibt. Dieser Mensch nährt ein Flämmchen, und wie die Mücken,
von weitem das Licht bemerkend, alle dorthin ziehen, ebenso ist diese geistige
Gedankenrichtung ein Licht, das in der Geisterwelt gerade den im Finstern
tappenden Geistern als Leitfaden dient. Dort strömen sie hin, beginnt ihr
teuflisches Spiel mit verstärkter und vereinter Kraft, bis der geplagte Mensch
in ihr Netz fällt und hier auf Erden und dort im Jenseits auf lange Zeit für
Mein Reich verloren ist.
[PH.01_015,16] Die andere Welt, die Welt des
Unsichtbaren, ist nicht so rosig, wie eure Priester sie euch vorstellen; sie
ist aber auch nicht so höllisch, wie die Phantasie gewisser Religionsfanatiker
sie euch vormalen möchte. Das ganze Gemälde besteht darin: Wie der Mensch
geistig beschaffen ist, so sieht er auch die geistige Welt. So seht ihr ja auch
die materielle Welt, ob hüben oder drüben, das bleibt sich gleich.
[PH.01_015,17] Ein veredeltes, reines, Mir
ergebenes Herz wird dort nichts von alledem sehen, wie es auch hier nichts
davon sah. Es wird dort verirrte Geister, wie hier verirrte Menschen, erblicken
und helfend jedem unter die Arme greifen, wie es während seiner Lebenszeit
getan hat. Frieden mitbringend, sieht die Seele dort Frieden; Haß und Stolz
mitbringend, wird sie auch dort das nämliche von anderen erfahren und das
gleiche auch an anderen ausüben.
[PH.01_015,18] Es ist nur ein Gesetz, das in
Meiner Schöpfung gilt, – es ist das Gesetz der Schwere, der Anziehungskraft.
Das Materielle wird gefestet und erhalten durch dieses Gesetz; das Geistige
ebenfalls. Je schwerer, d.h. je dichter ein Körper ist, desto größer ist die
Kraft, die seine Urelemente zusammenhält; er ist Stein und ist auf festen Grund
gebaut. Je leichter die Substanzen sind, und je geringer ihre Bindekraft ist,
desto leichter ist ihre Erhebung möglich. Je fester die Atome zusammengefügt sind,
um so weniger sind sie für Licht und Wärme aufnahmefähig; je leichter sie sind,
desto mehr sind sie empfänglich für das von oben Kommende.
[PH.01_015,19] So ist es auch in der
Geisterwelt. Das moralische Gewicht bannt die Geister an die Materie; je leichter
es ist, desto eher können sie sich von der Materie entfernen. Im ersteren Falle
sind die Geister finster, im zweiten desto lichter. Die finsteren Geister also
sind es, die sich am Licht anderer beleben und erwärmen wollen, da ihnen selbst
die Wärme fehlt. Deswegen suchen sie entweder, so sie schlecht bleiben wollen,
die anderen mit in ihre Finsternis hineinzuziehen, oder sich selbst dieser zu
entwinden.
[PH.01_015,20] So ist das geistige Treiben im
ganzen Äther beschaffen: Ewig Kampf neben Ruhe, Verfolgung und Abstoßung neben
Einigung und liebender Zusammengesellung, da die Geister ihren geistigen Prozeß
erfüllen müssen. Auf die Zeit kommt es nicht an; denn die Ewigkeit ist lang.
Niemand wird gezwungen; was er sein will, das ist er, oder wie Paulus sagte:
„Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen!“
[PH.01_015,21] Daher gebet euch alle Mühe,
schon hier so viel Stärke zu erlangen, daß ihr dort den Versuchungen
widerstehen könnt und auch sogleich mit besseren Geistern zusammenkommt, bei
denen natürlich von Kampf und Verführung nicht die Rede ist! Enthaltet euch der
Flüche und Verwünschungen; denn die auf diese Art beleidigten, an ihrem
Fortschritte gehemmten Geister suchen sich zu rächen! Können sie es hier nicht,
so erwarten sie euch gewiß dort, um euch zu vergelten, was ihr in blinder
Eigenliebe an ihnen verschuldet habt.
[PH.01_015,22] Im Evangelium sagte Ich: „Wer
nicht mit Mir ist, der ist gegen Mich; wer nicht mit Mir sammelt, der
zerstreut!“ Merkt euch das; es heißt: Es gibt nur zwei Wege: zu Mir hin – und
hinweg von Mir! Daher selig diejenigen unter euch, die Meine Worte hören und
auch befolgen werden! Vieles werden sie sich in jener Welt ersparen, was sonst
eine unausbleibliche Folge irdischen Handelns gewesen wäre.
[PH.01_015,23] Ich könnte euch noch viel über
jene Welt sagen. Einen kleinen Blick in sie tatet ihr schon in der Beschreibung
der geistigen Sonne. Zwar ist das nur ein Schattenriß der großen Wahrheit, aber
genau durchdacht genügt er als Mahnwort, um Mich einst nicht zu beschuldigen,
als hätte Ich euch nicht einen Blick in jene Welt tun lassen, die einst euer
Aufenthalt, und zwar der bei weitem längere sein wird.
[PH.01_015,24] Die extremen Fälle, in denen
ein oder sogar mehrere böse Geister einen Menschen derart in der Gewalt haben,
daß selbst sein physischer Organismus mit in ihrer Gewalt ist, sind selten und
oft sogar aus guten Gründen zugelassen. Um solch kranke und von bösen Geistern
besessene Menschen zu heilen, gehört ein willensstarker, religiöser Mensch, der
Mich und Meine Macht kennt und auch das Vertrauen zu Mir hat, daß Ich ihm
helfe, wenn er darum bittet. Da kann dann durch Gebet und Händeauflegen in
Meinem Namen geholfen werden, so wie Ich es während Meines irdischen
Lebenswandels getan habe; nur muß stets dabei gedacht werden: wenn es Mein
heiliger Wille ist, daß es geschehe!
[PH.01_015,25] Hier habt ihr ein kleines Bild
des großen Geisterlebens, welches Ich euch bei diesem Anlaß aus dem Evangelium
geben wollte. Es ist zu wichtig, als daß ihr nur wisset, was ihr sehet; ihr
müßt auch nach und nach begreifen lernen, was außer der sichtbaren Welt
besteht, was derselben seinen Typus aufgedrückt hat und den weit größeren und
wichtigeren Teil Meines Reiches ausmacht.
[PH.01_015,26] Geist bin Ich, Geist seid ihr,
und geistig wird selbst die Materie noch werden. Also diesen großen Kreislauf
mit all seinen Stufen zu erkennen, zu überblicken und in ihm sich seine eigene
Stellung zu erringen, das ist die Aufgabe, die euch gegeben wurde. Zu ihrer
leichteren Lösung scheue Ich kein Mittel, um euch den unabweisbaren Weg zu
erleichtern und zu verkürzen, damit ihr hier schon das Meiste und Schwerste
bewältigt – und dort nur Weniges und Leichteres zu überwinden habt. Amen.
16. Predigt – Am Sonntage Lätare. Die
Speisung der Fünftausend.
[PH.01_016] Joh.6,1-15: Darnach fuhr Jesus
weg über das Meer an der Stadt Tiberias in Galiläa. Und es zog ihm viel Volk
nach, darum daß sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Jesus aber
ging hinauf auf einen Berg und setzte sich daselbst mit seinen Jüngern. Es war
aber nahe die Ostern, der Juden Fest. Da hob Jesus seine Augen auf und sieht,
daß viel Volks zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: „Wo kaufen wir Brot, daß
diese essen?“ (Das sagte er aber, ihn zu versuchen; denn er wußte wohl, was er
tun wollte.) Philippus antwortete ihm: „Für zweihundert Groschen Brot ist nicht
genug unter sie, daß ein jeglicher unter ihnen ein wenig nehme.“ Spricht zu ihm
einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: „Es ist ein Knabe
hie, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das unter so
viele?“ Jesus aber sprach: „Schaffet, daß sich das Volk lagere!“ Es war aber
viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünftausend Mann. Jesus aber nahm
die Brote, dankte und gab sie den Jüngern, die Jünger aber denen, die sich
gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, wieviel sie wollten. Da sie
aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: „Sammelt die übrigen Brocken, daß
nichts umkomme!“ Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf
Gerstenbroten, die übrig blieben denen, die gespeist worden. Da nun die
Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: „Das ist wahrlich der
Prophet, der in die Welt kommen soll!“ Da Jesus nun merkte, daß sie kommen
würden und ihn haschen, daß sie ihn zum Könige machten, entwich er abermals auf
den Berg, er selbst allein.
16. Februar 1872
[PH.01_016,01] Hier habt ihr eine jener Taten
vor euch, die bei den Juden am meisten Aufsehen erregten, und zwar in solchem
Grade, daß die Augenzeugen Mich zum Könige ausrufen wollten und Mich deshalb
zwangen, ihren Absichten auszuweichen, indem Ich Mich allein auf den Berg in
die Einsamkeit zurückzog.
[PH.01_016,02] Nun, die Handlung an und für
sich ist für Mich, als Herr und Schöpfer eine nicht so große und wichtige
gewesen, wenn Ich veranlaßte, daß sich aus den Stoffen der Luft die fünf
Gerstenbrote und die zwei Fische stets ergänzten, und zwar so, daß sie bequem
für fünftausend Mann ausreichten und vom Brote noch zwölf Körbe voll
übrigblieben. Für die Mich umlagernden Menschen aber war es wohl ein Wunder,
welches Meine göttliche Abkunft und Meine Macht schlagend bewies. Es wurde von
den Juden nicht geistig, sondern ihrem materiellen Interesse gemäß aufgefaßt,
da sie Mich nach dieser Handlung zu ihrem König ausrufen wollten. Ich mußte
Mich von ihnen zurückziehen; denn erstens war jenes nicht der Zweck Meines
Erdenwandels, und zweitens war Meine Zeit des ,Erhöhtwerdens‘ noch nicht
gekommen, welches Wort – sooft Ich es auch aussprach – ebenfalls nie begriffen
wurde, bis die Kreuzigung es erklärte und Meine Himmelfahrt auch geistig die
Erhöhung in Erfüllung brachte.
[PH.01_016,03] Die Handlung des Verteilens
der Gerstenbrote und Fische hat aber ihre geistige Entsprechung, die eigentlich
das Wesentliche ausmacht. Schon einmal sagte Ich euch, daß Mein ganzer
irdischer Lebenswandel, besonders Meine Lehrjahre und Meine während dieser Zeit
gesprochenen Worte und ausgeübten Taten, sich bei Meinem künftigen Wiederkommen
wiederholen werden, und zwar geistig.
[PH.01_016,04] So ist auch diese Handlung
eine derjenigen, die jetzt in ihrer Entsprechung vor sich geht. Was einst für
die fünftausend Mann gegolten hat, das gilt jetzt für die Menschen im
allgemeinen. Damals war Mein Wirkungskreis das Judenvolk, als der mit Mir
lebende, empfänglichste Teil der Menschheit, und sein Land, als die für Meine
Taten ausgewählte Welt. Jetzt, da Meine Lehre über die ganze Erde ausgebreitet
und, obgleich nur von wenigen befolgt, doch vielen bekannt ist, – jetzt ist
auch jede Tat aus jenen Zeiten im größeren, im geistigen Sinn zu nehmen, wenn
sie sich wiederholt, wie Ich es angedeutet habe.
[PH.01_016,05] Nun fragt es sich: Was haben
die Gerstenbrote, was die Fische zu bedeuten? Warum waren es bloß fünf
Gerstenbrote und zwei Fische? Denn seht, bei Handlungen Gottes hat alles eine
geistige und tiefe Bedeutung, und es ist nicht wie bei euch Menschen, die ihr
oft viel redet oder sogar handelt, aber nicht im mindesten wißt, was ihr sagt,
oder was ihr tut.
[PH.01_016,06] Um nun das erste – nämlich die
Frage: Was waren die Gerstenbrote, und was waren die Fische? – zu erklären, muß
Ich euch darauf aufmerksam machen, aus welchem Teil der Erde das eine, und
woher das andere seinen Ursprung hat.
[PH.01_016,07] Die Gerstenbrote stammen aus
der Erde, aus der das Korn vom Dunklen der Erde entwachsend zur höheren
Lichtweihe der Sonne emporstrebt und so das in der Erde Aufgesogene durch Licht
und Wärme zur Frucht ausreift, welche Frucht dann, geistigere Elemente
enthaltend, durchs Brotbereiten geeignet wird, diese Erdstoffe in geistig
höhere des menschlichen Körpers umzuwandeln.
[PH.01_016,08] Die Brote sind also das
Resultat von Prozessen der Erde und des Himmels.
[PH.01_016,09] Die Fische sind Produkte des
im Wasser vorhandenen Stoffes, zu lebendigen Wesen ausgeboren.
[PH.01_016,10] Das Wasser selbst ist ein
leichtbewegliches Element, ist verdichtete Luft. Und wie die Luft verdichteter
Äther ist und der Äther die Geburtsstätte aller Elemente, so ist die Luft die
Erzeugerin der Stoffe im Wasser und das Wasser selbst wieder Erzeuger der
festen Erdteile und der darauf vorkommenden Pflanzen und Tiere. Das Wasser war
und ist die große Mutter, aus welcher euer Erdball entstand, und noch jetzt
könnt ihr, wenn ihr chemisch die Körper der lebenden Wesen, ja selbst euren Körper
untersucht, sehen, daß das Wasser der Träger, Ernährer und Erhalter eures
eigenen Leibes ist.
[PH.01_016,11] Was die Vögel in der Luft
sind, das sind die Fische im Wasser; sie sind die Vögel in der verdichteten
Luft. Wie das Gerstenkorn, aus Grobmateriellem bis zur höheren geistigen Stufe
sich herausringend, fähig wird, als Ausgleichsstoff vom menschlichen Körper
aufgenommen zu werden, so ist der Fisch ebenfalls ein Bestandteil der im Wasser
aufgelösten Stoffe, welche, in ihm zum Festen, Körperlichen gestaltet, fähig
gemacht werden können, sich mit den Bestandteilen des menschlichen Körpers zu
verbinden. Nur müssen vorher durch die Wärme der Luft oder des Feuers seine
festeren Teile von den Lichtteilen getrennt werden, d.h. er muß getrocknet oder
gekocht werden, um dem Menschen in seinem Organismus nützlich zu sein, so wie
auch das Gerstenkorn, nachdem es zermalmt, zu Teig gemengt und durch die Wärme
der wässerigen Bestandteile wieder entledigt ist, dem Menschen zu gesunder
Nahrung dienlich sein kann.
[PH.01_016,12] Hier hätten wir also die
Bestandteile des Brotes und die der Fische erörtert; es handelt sich also jetzt
noch um die Zahl. Warum waren es gerade fünf Brote und zwei Fische?
[PH.01_016,13] Seht, wenn ihr diese
Gegenstände zusammenzählt, so erhaltet ihr die Zahl Sieben, eine Zahl, die in
allen Dingen mehr oder weniger vorhanden ist und stets mit der Zahl Drei einen
Faktor ausmacht, welcher zur Erschaffung, Erhaltung und Verwandlung eines
jeglichen Dinges nötig ist, wenn es auf höhere Stufen fortschreiten soll.
[PH.01_016,14] Die Zahl Sieben ist, ebenso
wie die Zahl Drei, eine Meiner Grundzahlen, die Ich in Mir selbst, als Gott,
Schöpfer und Herr, vorstelle.
[PH.01_016,15] Seht, wenn ihr die Zahl Sieben
genau betrachtet, so werdet ihr finden, daß drei auf der einen, drei auf der
anderen Seite und die vierte Zahl in der Mitte steht. Das heißt: Die
Göttlichkeitszahl Drei ist in der Gotteszahl Sieben zweimal enthalten und
gestaltet sich so, daß eben die vierte Zahl in der Mitte, vereint mit den
beiden drei auf jeder Seite, die heilige Zahl Sieben ergibt, die Mein geistiges
Ich ausdrückt.
[PH.01_016,16] Wenn in jedem geschaffenen
Wesen die Dreizahl als Prinzip seiner Existenz nötig ist, so steht diese Zahl
in der Gottheit selbst zweimal da, und zwar noch mit dem Zusatz einer Mitte, um
die sich alles andere schart.
[PH.01_016,17] Die geschaffenen Wesen können
die Dreizahl in ihrer höchsten Vollkommenheit wohl erreichen, wie die
Engelsgeister, – aber die Gottheit hat stets dieselbe Zahl im doppelten Maß und
eine nie erreichbare Mitte, welche sie zum Herrn alles Geschaffenen stempelt.
[PH.01_016,18] Daß ihr die Siebenzahl in so
vielen Gegenständen der Schöpfung findet, hat seinen Grund darin, daß diese
Gegenstände, in denen diese Zahl am meisten hervortritt, dem Schöpfer alles
Seienden am nächsten stehen und reine Ausflüsse von Ihm selbst sind. So seht
ihr z.B. die Siebenzahl in den Farben und in den Tönen, weil eben die
Lichtstrahlen in ihrer Brechung materiell die sieben Eigenschaften des
Schöpfers und die sieben Töne die sieben großen harmonischen Gesetze des
geistigen Lebens in sich einschließen.
[PH.01_016,19] Wollt ihr nun diese Siebenzahl
von Broten und Fischen mit Worten ausgedrückt lesen, so heißen sie:
[PH.01_016,20] Liebet Gott über / alles und /
den-Nächsten wie euch-selbst!
[PH.01_016,21] Die ersten vier Worte
bezeichnen die Gerstenbrote, die geistig den Menschen ernähren und ihn zum
höheren, geistigen Sein auszeitigen sollen, wovon wieder die ersten drei den
Grad der Liebe zu Gott ausdrücken, während die andern drei das Maß der
Nächstenliebe bezeichnen. Das Wort ,alles‘ und das Bindewort ,und‘ aber
bezeichnen den Mittelpunkt der göttlichen Liebe, d.h.: mehr als alles soll die
Liebe zu Gott sein, welche aber nur durch die Verbindung mit den nächstfolgenden
drei – den-Nächsten wie euch-selbst – in Ausführung gebracht werden kann. Denn
ihr könnt Mich als Gott nicht lieben ohne die Nächstenliebe; ihr könnt Mich
nicht über alles lieben, wenn ihr nicht euren Nächsten wie euch selbst liebt.
[PH.01_016,22] Also die drei ersten Worte
mögen erreicht werden, sowie die drei letzten nur das mittlere ,alles‘ nebst
dem Bindungswort ,und‘ bezeichnen die Unerreichbarkeit, obwohl ewiges
Fortschreiten möglich ist; denn – was ist ,alles‘ und wo hört die Nächstenliebe
auf?
[PH.01_016,23] Das ,alles‘, sowie die größte
Nächsten- und Vaterliebe gipfeln nur in Mir! Ich allein bin gesättigt von
dieser Liebe. Ich allein repräsentiere das ,alles‘ in seiner ganzen
Unendlichkeit, und in Meiner nie versiegenden Langmut und Geduld seht ihr die
Nächsten- oder Bruder- und Vaterliebe in ihrer höchsten Ausbildungsstufe in Mir
vereinigt.
[PH.01_016,24] Wie Ich euch früher sagte, daß
das Gerstenkorn, aus der finsteren Erde zum Licht sich drängend, seine Frucht
zur Reife bringt, so ist es auch mit der Gottesliebe, welche den materiellen
Menschen aus seinen finsteren Leidenschaften zum höheren moralischen Licht
erheben und führen soll.
[PH.01_016,25] Und wie Ich euch sagte, daß
die Fische Produkte der verdichteten Luft sind, also eines leichteren Elements
als der Erde, so soll die Nächstenliebe, euch vom festen Materiellen abziehend
und statt der Sorge für sich selbst, geistigeren Gefühlen in euren Herzen Platz
machend, die Ähnlichkeit der Gottesliebe ausdrücken; denn nur in der
Nächstenliebe könnt ihr zeigen, wie ihr Gott liebt, und das nie zu erreichende
,alles‘ erhält dort einen annähernden Maßstab in dem Worte ,wie euch selbst‘.
[PH.01_016,26] Wie das Brot gemacht wird aus
zermalmtem Korn unter dem Einfluß von Wasser und Wärme, so soll auch die
Gottesliebe entstehen aus der Vernichtung des Materiellen, erwärmt durch Meine
Lehre. Und wie die Fische getrocknet oder gekocht werden, so soll auch die
Nächstenliebe, an der Sonne der ewigen Liebe alle ihre Nebengedanken des
Egoismus aufgebend, sich mit allem Eifer dem Wohle des Mitbruders widmen und
der Mensch kein anderes Wort als Maßstab seiner Handlungen erkennen als das
,Für dich, und nicht für mich!‘
[PH.01_016,27] So ist schon seit längerer
Zeit mit diesen wenigen Worten Meiner einzigen Gesetze, die Ich den Menschen
zur Befolgung gegeben habe, der Weg angebahnt worden, ihnen zu entsprechen.
[PH.01_016,28] Stets wird der Drang, unter
welchem diese zwei Gesetze ihre Beachtung fordern, reger werden; und es muß
auch der Zeitpunkt kommen, wo, durch diese sieben Worte des Himmels gesättigt,
die ganze Menschheit Mich zu ihrem König ausrufen wird. Dann werde Ich aber
nicht – wie einst –, Mich verbergen, den Wünschen Meiner Kinder ausweichen,
sondern in aller Glorie und Macht zu allen kommen, die Mich gesucht, erkämpft
und gefunden haben.
[PH.01_016,29] Aber nicht einen König werden
sie finden, sondern einen Hirten, der seine Schafe dann in die Gefilde des
Lichts führen wird, wo jedes materielle Streben aufgehört hat und im ewigen
geistigen Fortschreiten die immer mehr zunehmende Gottes- und Nächstenliebe
Wonnen an Wonnen, Seligkeiten an Seligkeiten reihen wird, um euch zu beweisen,
daß Ich das, was Ich einst mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen getan, nun
auch mit sieben Worten des größten geistigen Inhalts ebenfalls erreicht habe,
nämlich: wie einst die materielle Sättigung Meiner Zuhörer und Nachfolger, so
jetzt die Sättigung Meiner vergeistigten Kinder. So ist immer, auch im
kleinsten Wort aus Meiner irdischen Lebensbahn, ein Stein zum einstigen großen
Geistesgebäude gelegt worden, in welchem alles den Endschluß finden wird, der
in der zwischen den Dreizahlen stehenden Mitte, Meinem Ich, mit Meiner
geistigen und materiellen Schöpfung das ,alles‘ ausmacht, aus dem alles
hervorging, und zu dem wieder alles zurückkehren wird und muß. Amen.
17. Predigt – Am Sonntage Judika. Der Juden
Versuch, Jesus zu steinigen.
[PH.01_017] Joh.8,59: Da hoben sie Steine
auf, daß sie ihn würfen; Jesus aber verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.
17. Februar 1872
[PH.01_017,01] Hier habt ihr wieder einen
Beweis, wie wenig die Mehrzahl des jüdischen Volkes Mich, Meine Mission, Meine
Herkunft und Meine Lehre verstand.
[PH.01_017,02] Wenn ihr dieses ganze Kapitel
vom Anfang bis zum Ende lest, so müßt ihr bekennen, daß Ich Ströme des Lichts
über Meine Zuhörer im Tempel ausgoß; aber es war umsonst! Die meisten nahmen
Meine Worte im buchstäblichen Sinn, die Pharisäer und Schriftgelehrten,
gekränkt durch Meine tief treffenden Worte wegen der Ehebrecherin, schlichen
sich davon, und die übrigen, an Einsicht Beschränkten, verstanden nicht, was
Ich sagte.
[PH.01_017,03] Diese Mißdeutung Meiner Worte
in jenen Zeiten besteht heute noch ebenso, und vielleicht in noch größerem
Maße. Denn während damals der Verstand eines jeden Menschen die Bibel und auch
Meine Worte buchstäblich nahm, wollen jetzt eure Gelehrten und Naturforscher
aus der sichtbaren Natur euch beweisen, daß es weder einen Gott, noch einen
Schöpfer gibt, und daß daher auch keines Seiner Worte – sei es durch Propheten
oder durch Jesus gesprochen – göttlichen Ursprungs ist. Damals wollten Mich die
Juden steinigen, weil Ich ihnen nicht nur die Wahrheit ins Gesicht sagte,
sondern weil Ich Mir anmaßte, von Meiner göttlichen Herkunft zu sprechen, von
der sie keinen Begriff hatten, ob eine solche möglich sei.
[PH.01_017,04] Die Juden in jener Zeit
hielten zwar dem Buchstaben gemäß streng an ihren Satzungen, machten sich aber
die Lehren Mosis so bequem wie möglich. Es war daher nicht anders zu erwarten,
als daß Meine Lehre, den Geist vom toten Buchstaben trennend, ihnen nicht
behagen konnte, da sie sich bei Haltung Meiner Lehre einschränken und ihren
Leidenschaften hätten den Zaum anlegen müssen. Sie waren – was heutzutage noch
viele Tausende sind – reine Tempelläufer und Zeremonienreiter. In dieser
Hinsicht hatten auch die Priester ihr Volk erzogen, damit es ihnen nicht aus
der Hand schlüpfe, und sie es zu ihrem Interesse ausbeuten konnten, wie sie
wollten.
[PH.01_017,05] Nehmt die Geschichte zur Hand
und lest sie aufmerksam durch, so werdet ihr sehen, daß von der Zeit an, als
eine Kirche mit den dazugehörigen Priestern ins Leben trat, nach kurzer Zeit
die Lehren Meiner Apostel zu dem Zwecke ausgebeutet wurden, dem Priesterstande
Macht und Ansehen zu verschaffen, worauf ja auch zu Meiner Zeit das
Hauptaugenmerk der Templer in Jerusalem gerichtet war. Die Erziehung der
Jünglinge zu dieser Kaste wurde planmäßig ausgerichtet, damit sie ja nichts
anderes lernen und verstehen sollten, als was den Zwecken der ganzen
Priesterschaft heilbringend war. So kamen dann infolge zu großen Unfugs die
Religionskriege, die Verfolgung und die Scheidung in zwei Hauptlager, in
Katholiken und Protestanten, zum Vorschein, welche zwei Klassen, stets in
Buchstabenauslegung ihr Heil suchend, wieder in mehrere Sekten zerfielen, deren
Grundlage – Meine Lehre – im ganzen die gleiche war, um deren Auslegungen sie
sich bekämpften.
[PH.01_017,06] Jetzt, wo der Reinigungsprozeß
angefangen hat, treten die gleichen Kämpfe auf, nur auf friedlicherem Wege.
Jetzt streiten sich die Sekten und Kasten wieder. Einzelne Männer verlangen
Reinigung der großen Masse zeremonieller Gebräuche, welche das ganze
Religionsgebäude fast verdecken. Sie wollen dieselben zurückführen auf den
ersten Kultus, der einfach war, und in welchem jede Zeremonie, wenn eine solche
festgesetzt wurde, eine geistige Grundlage hatte, die auch der Nichtpriester
oder Laie verstehen konnte. Noch irren auch diese Männer; denn sie leiden unter
der Last der genossenen Erziehung, auch sie begreifen noch nicht ganz, was Ich
einst sagte: daß Mein Wort Geist und Wahrheit ist, und wer Mich anbeten will,
Mich im Geist und in der Wahrheit anbeten muß.
[PH.01_017,07] Mehrere Meiner Apostel rieten
den Gemeinden, die sich damals gebildet hatten, von zeremoniellen Gebräuchen
ab. Denn die Zeremonie tötet den Geist und wird leicht mißverstanden; es wird
ihr mehr Wichtigkeit beigelegt, als ihr zukommt, und sie führt im ganzen, statt
zu Mir, von Mir weg.
[PH.01_017,08] Dieses Sehnen, das jetzt viele
Gemüter ergriffen hat, und das einen Religionskultus zum Ziele hat, der mehr
dem Zeitgeist und der Bildung der jetzt lebenden Christenheit entspricht, ist
aber der Übergang zum letzten, geistigen und höchsten Kultus, welcher angebahnt
wird durch Meine direkten Mitteilungen, die Ich euch schon seit mehr als
dreißig Jahren zukommen lasse.
[PH.01_017,09] Noch gibt es viele, denen
Meine Lehre nicht zu ihren weltlichen Ansichten paßt, und die sie totschlagen
möchten, wie einst die Juden Mich steinigen wollten. Auch jetzt geht Meine
Lehre mitten durch diese Hindernisse hindurch ihren eigenen Weg und wird der
Menschheit zugänglich werden, wenn der geeignete Zeitpunkt durch herbe
Schicksale, Drangsale und Leiden herbeigeführt sein wird, wenn alle
trügerischen Hoffnungen auf weltliche Macht und Größe in ihrer Nacktheit als
Irrlichter dastehen werden, die den ihnen folgenden Menschen, statt auf
trockenen Boden, in Sumpf und Morast leiteten. Dann wird erst die klare
Einsicht Meines Worts sich geltend machen und selbst diejenigen zum Glauben
zwingen, die sich früher auf ihr Verstandeswissen stützend schon wähnten, es
gäbe keinen Gott, sondern der Gott – wenigstens für diese Erde – seien sie
selbst, d.h. der Verstandesmensch mit seinen ausgedachten Hirngespinsten. Meine
Lehre wird sie alle zuschanden machen, und sie werden notgedrungen einsehen
müssen, daß das, was sie andere glauben machen wollten – nämlich: es gäbe
keinen Gott –, eine verkehrte Schlußfolgerung all ihres einstudierten Krames
war.
[PH.01_017,10] So wie Ich in jener Zeit im
Tempel Meinen Mördern ausgewichen bin, weil Meine Zeit noch nicht gekommen war,
so weicht auch jetzt noch Meine Lehre, wie ihr sie empfangt, den Kritikern aus.
Und wenn auch hie und da einer oder der andere sie, wie einst die Juden Mich,
zum Tod verdammen möchte und all seinen giftigen Geifer darüber ausschüttet, so
schadet er sich nur selbst; denn die Zeit wird auch ihn eines anderen belehren
und ihm beweisen, daß das, was Ich will, geschehen wird, und nicht das, was er
in seiner beschränkten Einsicht haben möchte.
[PH.01_017,11] Noch manche werden Steine auf
Meine Lehre werfen, Steine harter Worte, die unter ihrer Last die sanfte Lehre
der Liebe erdrücken sollen. Doch fürchtet nicht, daß sie siegen werden! Denn
wie in jener Zeit Mein Ich auch bestimmt war, noch härtere Proben zu bestehen,
bis Meine Verklärung vollführt und das Ende Meiner Mission erreicht war, ebenso
wird auch jetzt Meine Lehre gesteinigt, verdammt, verhöhnt, gekreuzigt und
dann, scheinbar besiegt, ins Grab gelegt werden, aus dem sie aber – wie einst
Ich selbst, den Tod besiegend – glorreich auferstehen wird.
[PH.01_017,12] Denn das müßt ihr bedenken: Je
mehr Meine Lehre Boden gewinnt, desto mehr werden sich Hindernisse gegen sie
auftürmen; denn sie greift viele in ihrem materiellen, und noch mehrere in
ihrem geistigen Wohlleben, in ihrer bis jetzt gewohnten Lebens- und Denkungsart
an. Es muß also sein, damit sich bis zu Meiner nächsten Darniederkunft alles
wiederhole, was einst sichtbar den Kern Meiner drei Lehrjahre ausmachte. Dort
legte Ich den Samen Meiner Lehre unter Disteln und Dornen, und wenig
fruchtbares Erdreich nahm ihn auf, wie er es verdient hätte. Er wucherte
dennoch fort, wenngleich nur auf einzelnen Stellen. Auch jetzt fällt Mein Wort,
das die Menschen frei machen will, auf steinigen Grund, von wenigen beachtet,
von den meisten zertreten und von den Schaden witternden Füchsen mit
Vernichtung bedroht. Und doch wird es ausreifen, wird zur Himmelsblume werden,
die Ich einst selbst auf eure kleine Erde gebracht habe, und die Ich euch
gleich einer Rose übergab, die durch Wohlgeruch die Sinne ergötzt, aber gar
leicht des Unvorsichtigen Hand durch ihre Dornen verletzen kann!
[PH.01_017,13] Die Rose ist die schönste
Blume auf eurer Erde, weil sie mit dem Wohlgeruch auch die schönste Farbe vereint,
von denen das eine die Liebe, das andere die Weisheit ausdrückt. Wie nun die
Rose in ihrem liebreizenden Gewand Schönheit mit Wohlgeruch verbindet, so läßt
auch Mein Wort, das Wort der Liebe, mit guten Taten gepaart, den Liebreiz
Meines göttlichen Wesens jeden Verehrer fühlen.
[PH.01_017,14] Die Dornen sind die weltlichen
Leidenschaften, die vorerst durch Kampf und Leiden beseitigt werden müssen. Und
so will die Rose eigentlich sagen: „Ich kann nicht bestehen ohne Dornen!“ Diese
müssen überwunden werden. Wie nun die Rose durch ihre Dornen Elektrizität
einsaugt und sie zur Verschönerung ihres eigenen Ichs verwendet, ebenso soll
ein jeder, der Meiner Lehre folgen und sie ausüben will, die weltlichen
Unannehmlichkeiten so ausbeuten, daß ebenfalls aus ihnen, wie aus den Dornen
bei der Rose, Geistiges und Erhabenes erwächst.
[PH.01_017,15] So pfleget auch ihr Meine
Worte! Lest sie nicht zum Zeitvertreib; denn es könnte eine Zeit kommen, welche
euch dieses Vergnügen vertreibt oder verbittert, wenn ihr nicht durch Gedanken
und Taten euer Ich veredelt habt! Handelt nach Meinen Worten, damit ihr,
gewappnet mit dem Bewußtsein guter Taten, nicht wie die Mehrzahl hungrig am
Buchstaben hängend, sondern an der Lebensquelle der ewigen Liebe Wonne und
Seligkeit trinkend, Mich, Mein Wort und Meine göttliche Liebe als euren ,Vater‘
auch unter Drangsalen nicht vergessend, die Fahne des Glaubens und Vertrauens
hoch erhebt und nicht – wie vielleicht viele – Steine des Unwillens, sondern
Segens- und Dankeswünsche Mir entgegensendet, wenn Ich kommen werde, die Palme
des Sieges den Ausharrenden zu überreichen. Amen.
18. Predigt – Am Palmsonntage. Der Einzug
Jesu in Jerusalem.
[PH.01_018] Matth.21,1-9: Da sie nun nahe an
Jerusalem kamen, gen Bethphage an den Ölberg, sandte Jesus seiner Jünger zwei
und sprach zu ihnen: „Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und alsbald
werdet ihr eine Eselin finden angebunden und ein Füllen bei ihr; löset sie auf,
und führet sie zu mir! Und so euch jemand etwas wird sagen, so sprechet: ,Der
Herr bedarf ihrer!‘; sobald wird er sie euch lassen!“ Das geschah aber alles,
auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht:
„Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet
auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin!“ Die Jünger gingen
hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das
Füllen und legten ihre Kleider drauf und setzten ihn darauf. Aber viel Volks
breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen und
streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und
sprach: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des
Herrn! Hosianna in der Höhe!“
18. Februar 1872
[PH.01_018,01] Dieses Kapitel beginnt mit
Meinem Einzug in Jerusalem. Auf einer Eselin, dem Bild der Demut, nahm Ich als
der demütigste Mensch die Huldigungen von so manchen Gläubigen entgegen und
begab Mich dann zu den Hochmütigsten jener Zeit, zu den Hohenpriestern und
Pharisäern, in den Tempel. Dort räumte Ich wohl dem Äußern nach dieses Bethaus
vom materiellen Mist, indem Ich die Wechsler und Taubenhändler austrieb. Was
die Reinigung von dem geistigen Unrate in den Gemütern der Machthaber in jenen
Mauern betrifft, mußte Ich es der Zeit überlassen, welcher von ihnen einst
gereinigt in Mein Reich gelangen werde.
[PH.01_018,02] Was sich dort während Meines
Lebenswandels ereignete, das alles hatte seine geistige Bedeutung in bezug auf
das ganze Geister- und Seelenreich. Ich, als Menschensohn auf eurer Erde,
stellte das große Prinzip Meiner Liebeslehre vor, wie es alle
Entwicklungsstufen des Lebens durchmachen mußten, damit es, als Beispiel und
erreichbares Ziel nicht nur von allen geschaffenen Wesen angestrebt, sondern durch
Mein eigenes Beispiel ausgeführt, auch als Wegweiser auf dem langen Wege der
geistigen Vervollkommnung im Strahlenglanz Meiner göttlichen Allmacht, Liebe
und Weisheit euch zur Nachahmung anregen könne und solle.
[PH.01_018,03] Was Ich im Tempel tat – sowohl
die Reinigung desselben als auch Meine Gleichnisreden an die Schriftgelehrten
und Pharisäer –, ist geistig genommen das gleiche, was in eines jeden Menschen
Herzen geschieht, sobald er sich nur im mindesten für Meine Lehre empfänglich
zeigt. Denn auch dort ziehe Ich dann ein unter dem Bild der Demut und Sanftmut.
Dort zieht Mir die frohlockende Seele ebenfalls angeregt durch den in ihr
ruhenden Geist, mit Lobgesängen der Freude entgegen. Auch dort ist Mein erstes
Augenmerk auf die Ausmerzung der weltlichen Leidenschaften, hauptsächlich des
Egoismus – der Handel ist ja das ausgeprägteste Bild desselben –, gerichtet.
Dann fange Ich an, der Individualität der menschlichen Seele gemäß, geistige
Nahrung zu verabreichen, welche den Gleichnissen entsprechen, die Ich vor den
Schriftgelehrten und Pharisäern redete, die zwar alles nicht im geistigen Sinn
begriffen, in welchem Ich es meinte, doch aber die Wahrheit der Vergleiche
nicht ableugnen konnten.
[PH.01_018,04] Was taten die Pharisäer und
Schriftgelehrten nach Anhörung Meiner Worte? Sie trachteten Mir nach dem Leben
und verwarfen Meine Lehre. – Und was tun so viele Menschen, bei denen Ich im
Anfang mit Triumph eingezogen bin? Sie tun das gleiche. Sobald es im Ernst auf
Verleugnung und Aufopferung ankommt, kehren auch sie Mir den Rücken, wollen
lieber die Eindrücke Meines ersten Kommens vernichten, als ihr materielles
Streben nach Glücksgütern und zeitlichem Wohlleben einem geistigen und höheren
Leben unterordnen.
[PH.01_018,05] Mein Einzug in Jerusalem und
im Tempel stellt auch die Epoche der Bekehrung des einzelnen Menschen, wie der
Menschheit im ganzen dar. Hierbei wurden die Vorarbeiten zur geistigen
Wiedergeburt in äußeren Verhältnissen angebahnt; dann, stets näher und näher
rückend, ging der Angriff auf den Lebenskern, auf das Herz selbst über, um mit
einem letzten Hauptversuch den ganzen Kampf gegen alle äußeren
Widerwärtigkeiten mit dem Sieg über das Hauptbollwerk zu vollenden.
[PH.01_018,06] Auch während Meiner Lehrzeit
hielt Ich Mich größtenteils in abseitsgelegenen Städten und Dörfern auf und
suchte Mir gerade dort, unter dem mehr unverdorbenen Volk und unter den Heiden,
Gläubige zu gewinnen. Erst als das Ende Meiner irdischen Laufbahn herannahte,
begab Ich Mich, und zwar freiwillig, in jene Orte – wie eben Jerusalem und sein
Tempel einer war –, von denen Ich im voraus wußte, daß Meine Lehre dort den
größten Widerstand erfahren werde. Ich sah aber auch voraus, daß, wenn mit dem
weiteren Erfolg in Meiner Lehrzeit sich materiell alles für Mich verschlimmern
werde, dann gerade geistig der Triumph Meiner Wahrheits- und Liebelehre am
größten sei. Ich wußte wohl, daß, wenn Ich – nicht wie früher, wo Ich Meinen
größten Widersachern und Feinden aus dem Wege ging – jetzt Mich in ihre Nähe
begeben würde, Ich ihren Racheplänen nicht entgehen werde; allein, so war es
von Mir bestimmt, so mußte es kommen. Nur so konnte Meine Lehre für die
Ewigkeit Bestand und Dauer gewinnen.
[PH.01_018,07] So würde der Same, welchen Ich
in Judäa und Palästina und anderen Orten säte, nicht auf unreifen Boden fallen;
denn mit Meiner Auferstehung krönte Ich Mein ganzes Werk, und jede spätere
Verfolgung, jede größere Trübsal und jedes Leiden, welches Meinen Gläubigen
zustieß, vermehrte und bestärkte Meine Anhänger. Jedes Ereignis in diesem Sinne
legte einen Stein zum großen Gebäude Meiner geistigen Schöpfung, das einst als
geistiges Jerusalem der Mittelpunkt alles geistig-himmlischen Lebens sein wird.
[PH.01_018,08] Was Jerusalem für die Juden
war, das soll Meine Schöpfung für Meine Geister und Seelen werden; und was der
Tempel als Wohnort Jehovas im Allerheiligsten war, das soll einst jedes lebende
Herz werden, – nämlich der Tempel, in welchem Ich Meine Wohnung aufschlagen
kann, ohne Mich Meiner Behausung zu schämen.
[PH.01_018,09] Wie es mir in jener Zeit
ergangen ist, so wird es den Menschen im allgemeinen und dem Menschen im
einzelnen ergehen. Je mehr der Mensch anfangen wird, sein Inneres Mir
zuzuwenden, desto mehr der Widersprüche wird er vernehmen; denn mit dem
geistigen Fortschritte wachsen die Feinde, welche ihn bekämpfen und verhindern
wollen.
[PH.01_018,10] Ich ging in jener Zeit, nach
Meinem letzten Erscheinen im Tempel, den größten Leiden entgegen, die ein
Mensch ertragen kann. So geht auch der Mensch geistig bei seinem Vorwärtsrücken
auf geistiger Bahn stets mehr Schwierigkeiten entgegen. Die Welt wird ihm stets
fremder. Aber die Welt rächt sich dann auch ob dieser Mißachtung. Es türmen
sich Hindernisse in der sozialen und Einsprüche in der geistigen Welt auf, die
der beängstigten Seele das Wandeln auf Meinen Wegen erschweren. Alles wird ein
treues Bild Meiner eigenen Leiden und Kämpfe werden, bis, angekommen an dem
großen Wendepunkt, die Welt gänzlich verlassen und das geistige Reich mit aller
Kraft ergriffen werden soll. Dann wird die Fahne des geistigen Triumphes auf
der einen Seite und die der weltlichen Freuden auf der andern Seite den
Menschen entweder zu Mir oder von Mir führen. Folgt er Meinem Beispiel, so wird
auch ihm die Auferstehung in seiner geistigen Wiedergeburt zuteil werden; folgt
er aber der Welt, so wird sein Schicksal das Jerusalems sein, welches, bei den
Weltfreuden beharrend, nach kurzer Zeit ein Trümmerhaufen war, und dessen
Einwohner als Sklaven anderer Nationen in allen Weltteilen zerstreut leben
mußten.
[PH.01_018,11] Der Einzug in Jerusalem ist
für die ganze Menschheit von einer weit größeren, geistigen Wichtigkeit, als
sie es ahnt. Der Einzug in Jerusalem bedeutet die Annäherung Meines Ichs an die
Menschheit und ist – wie dort – die eigentliche Weihe der lebenden Menschen und
Geister. Durch den Einzug in Jerusalem und im Tempel heiligte Ich diese Mauern,
erkannte sie offen als Mein Eigentum an, gab den Beweis, daß Ich es nicht für
zu gering erachtet habe, als Herr der Schöpfung, im schlichten Kleid und auf einer
Eselin reitend, demütig und sanft um Aufnahme bei den Menschen zu bitten.
[PH.01_018,12] Dieser Einzug besagt, geistig
genommen, folgendes: Ich will das menschliche Herz zu Meinem Wohnorte machen.
Dort will Ich verehrt und geliebt werden dadurch, daß Meine Lehre befolgt wird.
Wie der Tempel in Jerusalem zu Meiner Ehre als Gotteshaus erbaut ward mit all
dem Glanz und der Pracht, die jene Zeit aufbieten konnte, so soll das
menschliche Herz und die Menschenseele ausgestattet sein mit allen geistigen
Tugenden, die den Menschen zum Menschen, zu Meinem geistigen Ebenbild stempeln,
zu dem Ich ihn einst erschaffen und bestimmt habe.
[PH.01_018,13] Der Tempel in Jerusalem war
ein Haus von weltlicher Pracht, und in ihm sollte geistige Herrlichkeit wohnen;
so soll auch der Mensch ein Wesen werden, das auf der Grenze zweier Welten
stehend den Fuß zwar auf Materielles stützt, aber den Blick und das Herz nach
Geistigem richtet und so durch das erste zum zweiten gelangt. Diese Reinigung
vom Materiellen und das Anziehen des Geistigen ist die Mission der Menschen auf
dieser Welt, ist die Mission der Geister; sie war Meine eigene und ist noch
immer die eure.
[PH.01_018,14] Überall weht jetzt der
geistige Wind, um die Menschenherzen von weltlichen Dünsten zu reinigen; denn
der Herr und Vater ist in der Nähe. Er wartet, auf Seine Eselin, auf das Symbol
der Demut gestützt, den Augenblick ab, in dem Er triumphierend in eure Herzen
einziehen kann, damit auch ihr Ihm ,Hosianna‘ entgegensingen könnt!
[PH.01_018,15] Die große Zeit der geistigen
Wiedergeburt steht vor der Tür, Eingang fordernd in jene Räume, die schon seit
Schöpfungsanbeginn nur für den Herrn alles Seienden geschaffen und eingerichtet
waren. Machet weit auf die Tore, damit der Liebewind eure Herzen von Wechslern
und Taubenverkäufern, d.h. vom weltlichen, egoistischen Treiben reinige! Es
kommt die Zeit, in der der Herr Rechenschaft begehren wird über das euch
anvertraute Gut, über die euch allen geliehenen geistigen Gaben. Wie der Tempel
in Jerusalem ein Gotteshaus hätte sein sollen, so ist auch euer Herz bestimmt,
Mein Wohnhaus zu sein.
[PH.01_018,16] Bedenkt, die materielle Zeit
eilt, euer Leben schwindet von Minute zu Minute, und bald wird der Todesengel
den Rechenschaftsbericht von euch verlangen über das euch anvertraute Gut!
Vergrabet es nicht, sondern beutet es aus, damit das Eintreten in ein großes
geistiges Reich, in das große geistige Jerusalem nebst seinem Tempel – als
Wohnort eures Vaters – euch erlaubt sei und ihr nicht, wie die verstockten
Pharisäer, nachher als Sklaven eurer eigenen Leidenschaften in allen den großen
Räumen Meiner Schöpfung herumirren müßt. – Wohl würdet ihr dort alles finden,
was euch einst belustigte und Freude machte, aber bei all diesem flüchtigen
Genusse müßtet ihr doch den größeren, weit wichtigeren Genuß, den Meiner Liebe,
Meiner Gnade und Meines Wohnorts missen. Denn wisset: Wenn nicht euer Herz Mein
Wohnort ist und ihr nicht überall, wohin ihr euch wenden möget, Mich stets im
Herzen tragt, so bin Ich für euch nirgends zu finden, selbst in dem großen
geistigen Jerusalem nicht, welches ja nichts anderes vorstellt als das geistige
Liebesprinzip, welches alles geschaffen hat, erhält und stufenweise vorwärts zu
höheren Genüssen führt.
[PH.01_018,17] Dies beachtet! Seht mit
geistigen Augen eure Zeit, ihre Ereignisse und Tendenzen an, und ihr werdet
leicht begreifen, daß die Zeit nahe ist, in der Ich, der Herr, auf einer Eselin
reitend, Meinen Einzug in die geistige Welt, in die Seelen der Menschen halten
will! Wohl dem, der vorbereitet ist; denn ihn überrascht Meine Ankunft nicht!
Sie schreckt ihn nicht, sondern sie ist ihm das Fest des Einzugs in Jerusalem,
wie es einst von Meinen Anhängern vor mehr als tausend Jahren gehalten wurde.
[PH.01_018,18] Bereitet euch also vor, Mir
und Meiner Liebelehre den gehörigen Empfang zu bereiten und ihr das ,Hosianna‘
entgegenzurufen! Amen.
19. Predigt – Am Ostersonntage. Die
Auferstehung des Herrn.
[PH.01_019] Mark.16,1-8: Und da der Sabbat
vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und
Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn. Und sie kamen zum Grabe am
ersten Tage der Woche sehr früh, da die Sonne aufging. Und sie sprachen
untereinander: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Und sie sahen
dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand
sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich. Er aber
sprach zu ihnen: „Entsetzet euch nicht! Ihr suchet Jesus von Nazareth, den
Gekreuzigten; er ist auferstanden und ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da
sie ihn hinlegten! Gehet aber hin und sagt's seinen Jüngern und Petrus, daß er
vor euch hingehen wird nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch
gesagt hat.“ Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es
war sie Zittern und Entsetzen ankommen. Und sagten niemand etwas; denn sie
fürchteten sich.
19. Februar 1872
[PH.01_019,01] Der vorherige Evangelientext behandelte
Meinen Einzug in Jerusalem und im Tempel; der obenerwähnte beschreibt Meine
Grablegung und Auferstehung, sowie Meine Erscheinung bei verschiedenen Meiner
Jünger und der Magdalena. Zwischen dem Einzug in Jerusalem und Meiner
Grablegung liegt Meine gerichtliche Verurteilung, liegen Meine größten, als
Mensch und Gott ausgestandenen Schmerzen, Meine größte Demütigung als Schöpfer
und Herr der Welt und der Beweis Meiner größten Liebe, der nur Ich allein fähig
sein kann, indem Ich ungeschaffener, ewiger Gott und Herr Mich dem allem
unterzog, um Meinen geschaffenen Wesen und Geistern als Beispiel voranzugehen,
damit sie alle sehen können, was dazu gehört, ein Kind Desjenigen zu sein, der
Welten, Sonnensysteme und große Geisterreiche ins Leben rufen konnte und auch
wieder aus demselben vertilgen könnte, wenn Sein mächtiger Wille nicht eben
durch die allumfassende Liebe zur Erhaltung statt zur Vernichtung des
Geschaffenen angeregt würde.
[PH.01_019,02] Die letzten Tage Meines
irdischen Lebenswandels sollten allen Geistern den tatsächlichen Beweis
liefern, daß jeder, der einen Gottesfunken, in sich trägt, auch, weit über alle
Begriffe geschaffener Wesen hinaus, noch größerer Aufopferungen und
Verleugnungen fähig ist, und zwar nicht seines eigenen, sondern des Heiles
anderer wegen.
[PH.01_019,03] In nichts ist das zweite
Liebesgebot so ausgeprägt, so in seiner ganzen Fülle erfüllt worden wie in den
letzten Tagen Meines Leidens von Mir selbst. Ich erniedrigte Mich als Mensch,
alle menschlichen Leiden, die dem irdisch Geschaffenen die größten scheinen –
Torturen, Tod und öffentliche Entehrung –, geduldig zu ertragen, und zwar als
Mensch für alle anderen Menschen, sie als Meine Brüder betrachtend, welche,
obwohl feindlich gesinnt und Meine großen Wohltaten mit Undank und Rache
lohnend, Mich doch im letzten Atemzuge noch betend und Verzeihung für sie
erflehend am Kreuze sterben sahen.
[PH.01_019,04] Was kann die Nächstenliebe
mehr tun, als was Ich in jenen Momenten getan habe? – Weil Ich es tat, erhob
Ich dieses Gebot der Nächstenliebe, das auch als soziales für das Zusammenleben
gilt durch den Satz: „Was du nicht willst, das man dir tu, das tue auch anderen
nicht!“, zu einem göttlichen, unzertrennlich verbunden mit dem ersten, nämlich:
den Schöpfer über alles zu lieben.
[PH.01_019,05] Mein Scheiden von der kleinen
Erde, welche Ich unter Millionen und Millionen von Erdkörpern und Sonnen zum
Schauplatz Meiner größten, nur Mir möglichen Tat, auserkoren hatte, dieses
Scheiden besiegelte mit dem letzten Atemzuge die Göttlichkeit der beiden von
Mir aufgestellten Liebesgebote. Ich als Mensch übte beide in ihrer
größtmöglichen Erfüllung und hinterließ so der Menschheit das Ideal eines
Erdenmenschen, wie er sein soll. Ich zeigte als Geist Meinen höheren Wesen und
Engeln, was sie zu vollbringen imstande sein und nach was sie streben sollen,
wenn der Moment der Prüfung auch an sie herantritt.
[PH.01_019,06] Auf der Erde war der
Schlußstein zur Gewißheit Meiner Göttlichkeit die Auferstehung von den Toten;
denn ohne sie wären Meine Lehre, Meine Taten, überhaupt Mein Lebenswandel bald
vergessen worden. Meine Jünger hätten sich zerstreut, wären für sich Mir
vielleicht noch angehangen, aber für ihre Mitmenschen nicht mehr fruchtbringend
gewesen.
[PH.01_019,07] Meine Jünger glaubten wohl an
Meine Göttlichkeit unter dem Einfluß Meiner Gegenwart. Meine persönliche
Erscheinung, Meine Worte und Meine Taten waren zu gewichtig, als daß sie nicht
auf Meine Umgebung gewirkt hätten; jedoch, einmal Meiner Person entledigt und
frei von diesem moralischen Druck, hätte die Welt nach und nach ihre Rechte
wieder auf sie geltend gemacht und den von Mir gemachten Eindruck während
Meines Lebenswandels stets mehr geschwächt und endlich gar verwischt. Wenn von
Meinem Lebenswandel nichts übriggeblieben wäre als die Erinnerung an
Vergangenes – obgleich Wunderbares und Unbegreifliches –, mußte, sollte all
Mein Wirken nicht umsonst gewesen sein, durch ein Entgegenhandeln allen bis
jetzt gewohnten Gesetzen, die Auferstehung vom Tode Meine Göttlichkeit beweisen
und dadurch den Glauben Meiner Jünger und Anhänger kräftigen, um sie dadurch
erst zu ihrer ferneren Mission reif zu machen.
[PH.01_019,08] So war Meine Auferstehung der
Schlußstein dieses nie zu vernichtenden Glaubens- und Religionsgebäudes,
welches bis jetzt allen Stürmen widerstand, und welches bald in seiner ganzen
Reinheit und seinem Glanz auf Erden prangen und so der Vermittler zwischen zwei
wichtigen Faktoren der Schöpfung sein wird, nämlich zwischen Materie und Geist
oder zwischen dem Reich des Materiellen und dem Geisterreich.
[PH.01_019,09] Ja, so muß es geführt werden,
und so muß es kommen, damit auf eurer Erde überall anerkannt wird, daß die
Materie nur die Umkleidung des Geistigen ist, und daß die Materie oder das
Weltliche nur des Geistigen wegen geschaffen wurde.
[PH.01_019,10] Alles Materielle muß
vergeistigt werden, damit die Menschen sich Meinem Geistigen Reich nähern
können, und damit die andern geschaffenen Wesen auf dem Erdball, der
Vervollkommnung der Menschen nachstrebend, ebenfalls höher und höher steigen,
bis der Erdball selbst, seiner Dichtigkeit entbunden, zur Auflösung keinen
Gewaltschritt, sondern nur den des sanften Überganges nötig haben wird.
[PH.01_019,11] Um euch diesen
Vergeistigungsprozeß klar durchschaubar und begreiflich zu machen, was Meine
Auferstehung, sowie Meine Leidensgeschichte der letzten Tage Meines irdischen
Lebenswandels bis zu Meinem Tode bedeuten, muß Ich euch daran erinnern – was
Ich schon mehrmals wiederholt habe –, daß alle Meine Taten und Worte, ja selbst
die Weltereignisse während Meiner Lehrjahre, sich nach und nach bis zu Meiner
künftigen, nahe bevorstehenden Wiederkunft wiederholen werden, und zwar in
geistigen Entsprechungen und nicht tatsächlich an Meiner Person wie in jener
Zeit.
[PH.01_019,12] Was Ich in jener Zeit als
Menschensohn auszustehen hatte, das galt auch für das Fortschreiten Meiner
Lehre, welche Mich jetzt auf eurer Erde geistig darstellt. Auch sie wurde
verunreinigt, verspottet und schändlicher Unfug mit ihr getrieben; endlich hat
man sie in euren Kirchen, als großen Grabgewölben, zu Grabe getragen und auf
sie einen schweren Stein, den Stein des nichtigen Kultus, gewälzt. Dort sollte
sie ewig ruhen und nur denen nützen die weltlichen, aber nicht geistigen Nutzen
daraus ziehen wollten.
[PH.01_019,13] So war der Gang der
Weltgeschichte das genaue Abbild Meiner Lehrjahre. Allein, wie es in eurem
Leben in geistiger Hinsicht drei wichtige Abschnitte gibt, nämlich das
Kindesalter – entsprechend dem unbedingten Glauben –, das Jünglingsalter –
entsprechend dem Urteilen über das Geglaubte – und das Mannesalter –
entsprechend dem Unterscheiden von Schein und wirklichem Sein –, so folgte auch
Meine Lehre all diesen Phasen, teils während Meines eigenen Unterrichts, teils
später nach Meinem Hingang bis jetzt und weiterhin.
[PH.01_019,14] Auch Ich zwang im Anfang die
Mich umgebende Welt teilweise durch Meine Wunder zum Glauben und erzog die
Menschen dann wie die Kinder. Und wenn sie Mich dann anfingen zu verstehen, so
fanden sie bei ihrer Beurteilung die rechte Wahrheit des früher nur Geglaubten,
d.h. kamen ins Jünglingsalter. Und als ihr Glaube und Wissen auf diese Weise
gefestet war, wurden sie reif, traten mit aller Überzeugung für Meine Lehre,
für Mich ein und bestätigten mit Wort und Tat, was ihnen als das Heiligste und
Höchste erschien.
[PH.01_019,15] Die Geschichte Meiner
Religion, ihre spätere Verbreitung, lehrt euch die gleichen Übergänge, nur mit
dem Unterschied: Als Ich selbst lehrte, war kein Grund des Ausscheidens, des
Protestierens vorhanden; aber als Menschen, von menschlichen Leidenschaften
angetrieben und von weltlichen Ansichten und Interessen geleitet, es Mir
nachmachen wollten, verkehrten sie das Göttliche in Weltliches, gaben den
Menschen die Rinde statt den Kern des geistigen Lebens, was zur Folge hatte,
daß – nachdem das Menschengeschlecht herangereift war und selbst urteilen
konnte – von den meisten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde.
[PH.01_019,16] So kamen die Extreme von
Alles-Gläubigen und Nichts-Gläubigen zum Vorschein. Jetzt, wo dieses geistige
Sich-Regen stärker wird, wo der Leichnam im Grabe, mit Stein bedeckt und
versiegelt, sich zur Auferstehung vorbereitet, jetzt wollen sie noch anfangen,
wie einst Magdalena, mit irdischen Spezereien und Wohlgerüchen den Leichnam vor
der Verwesung zu bewahren. Wie aber die Magdalena sich damals täuschte, weil
sie das Grab leer fand, so werden auch jetzt die Hüter der geistigen Grabstätte
Meiner Lehre enttäuscht sein. Sie werden das Grab leer und nur die
Leichentücher finden, in welche sie den Leichnam meiner Lehre eingehüllt
hatten; doch Der, den sie dort unter Schloß und Riegel verwahrt glaubten, wird
auferstanden sein, wird Seine Anhänger und Jünger selbst aufsuchen und ihnen
durch Seine Gegenwart wieder neuen Mut und Eifer einflößen.
[PH.01_019,17] Je mehr diese Zeit herannaht,
desto größer ist der Eifer, den Leichnam ja wohl zu verwahren und zu bewachen.
Wie einst römische Soldaten als Nichtgläubige Mein Grab bewachten, so möchte
man auch jetzt, daß bewaffnete fremde Macht die Schänder und Richter Meiner
Liebeslehre unterstütze. Allein es ist umsonst. Schon bricht der erste Strahl
hervor und trifft den Steindeckel des Grabes. Und wie jeder Stein beim ersten
Strahl der Morgensonne zu vibrieren anfängt und dieses Zittern und Vibrieren
fortgeht, bis dadurch der Stein erwärmt wird und dann diese Wärme seiner
Unterlage mitteilt, so vibriert auch schon dieser Sargdeckel. Sein Zittern und
Bewegen wird sich vermehren, je mehr ihn die Reaktion zur ewigen Ruhe verdammen
möchte. Der Strahl der geistigen Liebessonne wird den Stein wegwälzen, die
geistig eingeschlafenen Mächte verscheuchen und ihnen und ihren Mithelfern nur
die Leichentücher überlassend, den „Leichnam“ neu beleben und ihn zu seiner
weiteren Vervollkommnung auf der Bahn des Lichts weiterführen.
[PH.01_019,18] Im Grabe herrscht Finsternis.
Der Lichtgott der göttlichen Wahrheit will jedoch nur Licht; Licht aber
verbreitet Wärme und Wärme Leben.
[PH.01_019,19] So wird auch der Leichnam
meiner Lehre aus diesem Grabe, in das weltliche Selbstsucht und Herrschsucht
ihn gelegt hatten, auferstehen, Licht, Wärme und Leben da vermehren, wo sie
schon im Herzen glühen und diese drei Elemente segensreich dort verbreiten, wo
sie vielleicht gänzlich gemangelt haben.
[PH.01_019,20] Das ist das geistige Bild Meiner
Auferstehung als Meine Liebelehre, welche Ich vor mehr als tausend Jahren
wirklich vollführte, und die jetzt bald auf dem ganzen Erdenrund vor sich gehen
wird. Wie Ich dort auferstand und Meine Jünger und Anhänger sich der
Auferstehung erfreuten, so wird auch diese Auferstehung von der ganzen
Menschheit und von jedem einzelnen im eigenen Herzen gefeiert werden. So werde
Ich auferstehen in den Herzen Meiner Gläubigen, wenn auch sie alle
Leichentücher, in welche sie Mich eingehüllt hatten, weit von sich geworfen
haben, alles Weltliche und Zeremonielle des Religionskultus weit hinter sich
lassen, nur dem Geistigen Meiner Lehre Glauben schenken und das Geglaubte auch
tatsächlich ausüben werden.
[PH.01_019,21] Diese Auferstehung in den
Herzen wird die Wiedergeburt, wird der letzte Schritt zum Bruch mit der Welt
und der erste Schritt oder Anfang eines geistigen Lebens werden, wo kein
materielles Band mehr mächtig sein wird, den Menschen zu verführen oder ihn auf
seinem Vergeistigungsweg aufzuhalten.
[PH.01_019,22] Daher wachet auf, Meine
Kinder! Öffnet eure geistigen Augen, Ohren und Herzen! Der Jesus, in Form
Seiner sanften Lehre von Duldung und Liebe, der dort am Kreuze nicht nur Seinen
Nächsten noch liebte, sondern selbst für Seine Feinde bat, dieser Jesus soll in
euch auferstehen! Und wie die Erde Seine Kirche, Sein Bethaus werden soll, wo
Friede, Ruhe und Seligkeit wieder einkehren sollen, so soll auch euer Herz,
paradiesisch geziert, nur Blumen der Liebe, der Gottes- und Nächstenliebe
tragen.
[PH.01_019,23] Bereitet euch vor auf dieses
Fest der Auferstehung in euren Herzen! Es ist das Fest der Vergeistigung, der
Verklärung eures eigenen Ichs.
[PH.01_019,24] Wie Ich damals verklärt mit
vergeistigtem Leib dem dunklen Grab entstieg, so sollt ihr ebenfalls verklärt,
vergeistigt, gebessert, veredelt und Meiner würdig eurem Grab weltlicher
Leidenschaften und Begierden entsteigen. Wenn euch bis jetzt Welt, Erziehung
und soziale Verhältnisse vielleicht mit Leichentüchern umhüllt, mit Spezereien
und Wohlgerüchen geziert hatten, um euren irdischen Menschen vor Verwesung zu
hüten, so werft sie weg, alle diese unnützen Mittel; denn sie sind Werkzeuge
der Materie und nicht des Geistes! Bedenkt, ihr seid nicht von dieser Welt! Ihr
wart vorher Geist und werdet wieder Geist werden. Dort ist euer Heimatland,
dort winkt euch Der, welcher, um euch das fühlen und begreifen zu lassen, für
euch den leiblichen Tod gestorben, aber auch geistig wieder auferstanden ist,
damit auch ihr – Ihm nachfolgend, rein wandelnd wie Er und am Ende mit Triumph
das Weltliche von euch werfend – geistig auferstehen und so Ihm im Kleinsten
vergelten könnet, was Er im Größten an euch getan hat, indem ihr euch durch
diese geistige Wiedergeburt zu Seinen Kindern erhöht. Bedenkt, was es heißt,
ein Kind des Schöpfers und Herrn der Welt genannt und ein Bruder jener Geister
zu werden, die schon längst, früher als ihr alle, diese Schule durchgemacht und
siegreich bestanden haben und jetzt in ewiger Wonne und Seligkeit dieses
immerwährende Auferstehen und Wiedergeborenwerden ihrer Brüder mit Freude
betrachten und mit Bruderliebe teilen!
[PH.01_019,25] So nehmt die Auferstehung
geistig, wie sie ist, und wie sie, als ewiges Denkmal und Beispiel für euch und
Mein ganzes Geister- und Seelenreich vollzogen, von euch aufgefaßt werden soll!
[PH.01_019,26] Ich in jener Zeit streifte das
Menschliche von Mir ab, nachdem Ich die menschliche Natur überwunden und die
göttliche wieder angezogen hatte. Tut auch ihr das gleiche, so wird der Tag
eurer geistigen Auferstehung oder Wiedergeburt euch der wichtigste auf eurer
Erdenbahn, der Schlußstein eurer irdischen und Grundstein eurer geistigen
Mission sein! Amen.
20. Predigt – Am Sonntage Quasimodogeniti.
Die Erscheinung des Herrn bei den Jüngern.
[PH.01_020] Joh.20,19-31: Am Abend aber
desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen
verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und
spricht zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Und als er das gesagt hatte, zeigte er
ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn
sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: „Friede sei mit euch! Gleichwie mich
der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Und da er das gesagt hatte, blies er
sie an und spricht zu ihnen: „Nehmet hin den heiligen Geist! Welchen ihr die
Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen
sind sie behalten.“ Thomas aber, der Zwölf einer, der da heißt Zwilling, war
nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: „Wir haben
den Herrn gesehen.“ Er aber sprach zu ihnen: „Es sei denn, daß ich in seinen
Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege
meine Hand in seine Seite, will ich's nicht glauben!“ Und über acht Tage waren
abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen
verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: „Friede sei mit euch!“
Darnach spricht er zu Thomas: „Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände,
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig,
sondern gläubig!“ Thomas antwortete und sprach zu ihm: „Mein Herr und mein
Gott!“ Spricht Jesus zu ihm: „Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst
du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Auch viel andere Zeichen tat
Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber
sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und daß
ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.
5. März 1872
[PH.01_020,01] Dieses Kapitel bestätigt Meine
Auferstehung und zeigt euch ihre Wichtigkeit und Notwendigkeit als Bedingung,
wenn Meine mit so großen Opfern erkaufte Lehre Dauer und Erfolg haben sollte;
denn ihr seht Meine Jünger furchtsam, ohne Mut und Glauben, sich in die
Wohnungen einsperren.
[PH.01_020,02] War doch, als Ich Meinen
Jüngern – wie der Magdalena am Grabe – erschien, einer Meiner Jünger so
ungläubig, daß er erst durch unmittelbare Berührung Meiner Wunden sich von
Meiner Auferstehung überzeugen wollte.
[PH.01_020,03] Dieses alles, was in jenen
Zeiten geschah, nebst den anderen Zeichen, welche Ich vor Meinen Jüngern bei
verschlossenen Türen ausübte – Zeichen, welche ihr später auch erfahren werdet
–, dieses alles wird auch bei Meiner nächsten Darniederkunft sich nach und nach
vor den Augen der Menschen abwickeln.
[PH.01_020,04] Je mehr die Gläubigen Meiner
reinen Lehre, wie Ich sie euch jetzt gebe, sich vermehren werden, desto mehr
werden sie auch alle Stadien der Begeisterung, des Zweifels, des Unglaubens und
alle Erschütterungen des geistigen Lebens durchmachen müssen; denn die
Verhältnisse werden oft gegen Mich zeugen. Die Menschen werden Meine Anhänger
in ihrem Glauben irreführen, werden sie verfolgen, hassen und wo es möglich
sein wird, sich an ihnen rächen.
[PH.01_020,05] Es wird auch in der Zeit so
Ungläubige wie Thomas geben, die irregeführt, entmutigt, allen früheren
Seelenfrieden und Glauben über Bord geworfen haben, und die erst durch Mein
persönliches Erscheinen zu heilen sein werden.
[PH.01_020,06] Was in der Zeit Meines
Erdenwandels die Behausungen mit den verschlossenen Türen waren, das werden
künftig die Herzen der Menschen sein, welche verschlossen weder dem Weltlichen,
noch dem Geistigen einen Eingang erlauben wollen. Dort werde Ich auch gezwungen
sein, mit sanfter Einsprache in das Herz Meiner Anhänger den Ruf ergeben zu
lassen: „Fürchtet euch nicht!“ und: „Der Friede sei mit euch!“, weil auch sie,
ohne Halt und Stütze, auf dem Punkte stehen, alles zu verlieren und in ewigen
Zweifeln unterzugehen.
[PH.01_020,07] Der ganz Ungläubigen, wie
Thomas, wird es dann viele geben, die – selbst Meiner Stimme nicht mehr Gehör
gebend – nur durch tatsächliche Beweise auf den früher betretenen Weg
zurückgeführt werden können.
[PH.01_020,08] So müssen auch Meine Gläubigen
und zukünftigen Kinder die letzte Feuerprobe des wahren Vertrauens bestehen;
denn wenn sie, wie einst Meine Jünger, ausgesandt werden sollen, um anderen
Vertrauen und Glauben einzuflößen, so müssen sie diese im höchsten Grad im voraus
besitzen. Sagte Ich ja einst selbst: „An Meinen Worten und Taten sollt ihr Mich
erkennen!“ Ebenso müssen auch Meine Kinder und zukünftigen Jünger an ihren
Taten und Worten zu erkennen sein, und durch sie den anderen den tatsächlichen
Beweis liefern, daß Vertrauen und fester Glaube die erste Bedingung sind,
Meiner würdig zu werden.
[PH.01_020,09] In jener Zeit sagte Ich zu
Thomas, nachdem er seine Finger in Meine Wunden gelegt hatte: „Du glaubst nun;
aber Ich sage dir: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
[PH.01_020,10] Auch ihr, Meine Kinder, denen
Ich schon so viel geistiges Brot gegeben habe, auch ihr seid nicht um ein Haar
besser, als Meine Jünger es einst waren. Auch ihr seid verzagt, kleinmütig,
fangt an zu zweifeln, grübelt an Meinen Worten und wendet euch der Welt mit
ihren verführerischen Reizen zu, wenn nicht alles gleich so geht, wie ihr es
wünschet. Auch ihr verschließt euch, wie die Schnecke in ihr Haus, und wollt
von der Innen- und Außenwelt nichts wissen, wenn dem Anschein nach Widersprüche
auftauchen, wo ihr gewisse Handlungen und Ereignisse mit Meiner allumfassenden
Liebe nicht vereinbaren könnt. Euch muß Ich dann zurufen: „Was weint ihr? Spart
eure Tränen auf andere Gelegenheiten! Der, welchen ihr von euch geschieden,
entfernt glaubt, ist euch nahe, nur nicht körperlich, sondern geistig!“ Auch
der Magdalena mußte Ich zurufen: „Weib, rühre Mich nicht an!“; denn es war Mein
vergeistigter Leib, welchen sie sah, der für menschlich-körperliche Berührungen
nicht tauglich war. Als Ich zu Meinen Jüngern in ihre verschlossenen Wohnungen
kam, ließ Ich es zu, als fühlten sie Mich körperlich; aber im eigentlichen
Sinne war Ich es nicht mehr. Denn als Meine Mission mit dem Kreuzestod beendigt
war, hörte das Menschliche auf, Meine Umkleidung zu sein; es war schon
vergeistigt, um nach wenigen Tagen sich mit dem Quell seines Gottwesens wieder
zu verbinden.
[PH.01_020,11] Meinen Jüngern wirkte Ich, wie
dieses Evangelium sagt, noch andere Zeichen, d.h. Ich öffnete ihnen ihr
geistiges Auge und Ohr, damit sie, von Meiner Gottheit noch mehr überzeugt, den
Mut erlangen sollten, allen künftigen Gefahren zu trotzen, welche die Umstände
und ihr Lehrberuf mit sich bringen würden.
[PH.01_020,12] Solange Ich körperlich lebend
unter ihnen wandelte, hatten sie noch keine feste Überzeugung, daß Ich ein
gottähnliches Wesen wäre, und daß Ich Kräfte und Eigenschaften hätte, die dem
gewöhnlichen Menschen nicht eigen sind. Sie sahen wohl Meine Wunder, lebten und
glaubten aber auch nur unter dem drückenden Einfluß derselben. Kaum war Ich von
ihnen genommen, kaum ließ dieser direkte Einfluß nach oder hörte ganz auf,
waren schon der feste Glaube, Zuversicht und das Vertrauen hinweggewischt! Wäre
Ich nicht auferstanden, hätte Ich nicht alle Meine früheren Versprechungen erfüllt,
so wäre nicht ein Mondesumlauf verflossen, und Meine Jünger, zu ihren alten
Beschäftigungen zurückkehrend, hätten das mit Mir Erlebte nur als einen Traum
angesehen, von welchem ihnen nur eine Erinnerung übriggeblieben wäre, von
dessen Wirklichkeit sie aber niemand hätten überzeugen können.
[PH.01_020,13] Und wie Ich damals Mein Werk
mit Meiner Auferstehung, mit Meinem vierzigtägigen Wandel unter Meinen Jüngern
bekräftigen und mit Meiner Himmelfahrt besiegeln mußte, ebenso muß Ich auch
jetzt euch, Meine Kinder, leiten, stärken und im Glauben und Vertrauen
festigen.
[PH.01_020,14] Wenn Ich in jenen Zeiten
Meinen Jüngern den heiligen Geist einblies, wenn Ich ihnen die Macht gab, die
Sünden zu lösen und zu binden – eine Gewalt, die bei der späteren Priesterschaft
so falsch verstanden und mißbraucht wurde –, so geschah es deshalb, weil sie
zur festen Überzeugung gekommen waren, daß es nur einen Gott gibt, der, über
alles Materielle erhaben, ein Geist ist und nur als solcher erfaßt werden kann,
und daß eben dieser Gott, Jesus, ihr Führer war. So konnte auch Meine Macht auf
sie übertragen werden, so mußte sie wirken, da Meine Jünger sie zu hohen
Zwecken anwendeten und nur Mein geistiges Ziel, die Menschen zu Meinen Kindern
zu machen, als Endresultat anstrebten.
[PH.01_020,15] So wie Meine Jünger Wunder
wirken und Kranke heilen konnten, bloß durch den Machtspruch des Worts, ebenso
sollt auch ihr und alle Meine künftigen Anhänger gestärkt werden, im festen
Vertrauen auf Meine Macht und Mitwirkung Taten zu verrichten, die dem
gewöhnlichen Menschen unmöglich, dem geistig Wiedergeborenen aber ein leichtes
sein werden. Die Zeiten und Verhältnisse werden euch dazu erziehen. Viele habe
Ich dazu berufen, aber das ,Auserkoren-zu-diesem-Zweck‘ zu erreichen liegt bei
euch allein.
[PH.01_020,16] Verschließt euer Herz nicht
Meiner Vaterstimme! Verzagt nicht, wenn auch die letzten Hoffnungsstrahlen
schwinden! Ich bin und bleibe stets bei denen, die um jeden Preis bei Mir
bleiben wollen. Wartet nicht auf Mein persönliches Erscheinen wie Thomas,
sondern bereitet euch vor, fest zu glauben und fest zu vertrauen, damit Mein
Erscheinen nur eine Bestätigung und Bekräftigung des schon früher Geglaubten
und Gehofften ist! Ihr werdet dann tüchtig sein, Mir, euch selbst und euren
Nächsten in dem Sinne zu nützen, wie Ich selbst einst Meinen Jüngern während
Meines Wandels unter ihnen nützte.
[PH.01_020,17] Laßt euer Herz nicht von
Zweifeln bestürmen, nicht mit Grübeleien euer Vertrauen schwächen! Meine Kinder
sollen ihr Herz nicht verschlossen halten; sie sollen, erhaben über alles
Weltliche den Blick nach oben richtend, stets Meines Opfers eingedenk sein,
Meiner Liebe und Meiner väterlichen Fürsorge für sie und alle lebenden
Kreaturen, damit ihr Herz, ein steter Tempel Meiner Liebe und des unerschütterlichen
Glaubens an Meine Unfehlbarkeit, ihnen eine echte Stütze in allen
Mißhelligkeiten des Lebens und ein fester Hort gegen alle Anfechtungen von
Zweifeln und Unglauben sei. Dann werdet ihr stets den Ruf in euch ertönen
hören: „Der Friede sei mit euch!“ Denn wo im Hinblick auf Mich und Meine Liebe
der Friede schon im Herzen thront, brauche Ich ihn nicht erst zu bringen,
sondern kann ihn nur bestätigen!
[PH.01_020,18] So rufe Ich euch zu: Der
Friede sei mit euch und weiche nie aus euren Herzen, damit Ich stets dort
Eingang, und zwar freien Eingang, finde und nicht bei verschlossenen Türen
durch die Gewalt Meines Willens eindringen muß, sondern ungehindert euer Gemüt
bereit finde, Mich als Den anzuerkennen, welcher auch Seinen Jüngern in jener
Zeit nichts anderes war als ihr Führer, Leiter und Vater! Amen.
21. Predigt – Am Sonntage Miserikordias
Domini. Der gute Hirte.
[PH.01_021] Joh.10,1-16: „Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt
anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder. Der aber zur Tür hineingeht,
der ist ein Hirte der Schafe. Dem tut der Türhüter auf, und die Schafe hören
seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit Namen und führt sie aus. Und wenn er
seine Schafe hat ausgelassen, geht er vor ihnen hin, und die Schafe folgen ihm
nach; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht nach,
sondern fliehen von ihm, denn sie kennen der Fremden Stimme nicht.“ Diesen
Spruch sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was es war, das er zu
ihnen sagte. Da sprach Jesus wieder zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, die sind
Diebe und Mörder; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorchet. Ich bin die Tür;
so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein- und ausgehen
und Weide finden. Ein Dieb kommt nicht, denn daß er stehle, würge und umbringe.
Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen. Ich bin der
gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber,
der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und
verläßt die Schafe und flieht, und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe.
Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht.
Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie
mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für
die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle;
und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören und wird
eine Herde und ein Hirte werden.“
9. März 1872
[PH.01_021,01] Dieses Kapitel handelt von dem
wahren Führer zum Lichte der Wahrheit und von den falschen Führern, die
vorgeben, nur durch sie ginge der Weg zum Licht, während sie selbst die
ausgeprägteste Finsternis sind. Denn was dort ,Diebe und Mörder‘ bezeichnet,
ist in geistiger Bedeutung das Streben, der Seele des Menschen das ihr gehörige
Geistige entweder zu entwenden oder gar zu vernichten.
[PH.01_021,02] Was im Evangelium besagt ist
mit der ,Tür‘, die nur Ich allein sei, bedeutet den einzigen, rechtmäßigen Weg
zur wahren Erkenntnis und will soviel heißen wie: Nur jene Menschen, welche
durch die Welt und ihr Treiben den geistigen Instinkt nicht verloren haben,
oder welche sich ihn nicht haben nehmen lassen oder, wenn er ihnen einst
genommen wurde, ihn wiederfanden, – nur jene Menschen wissen Meine Stimme und
Meine Lehre von der falschen Propheten Stimme und von der unrechten Lehre zu
unterscheiden, und nur jene werden Meinem Ruf folgen, weil sie Meine Stimme
erkennen und sie von den anderen verführerischen zu unterscheiden wissen.
[PH.01_021,03] Gerade jetzt seid ihr in
dieser geistigen Bewegung, wo – bildlich gesagt – in Mein Wohnhaus Diebe und
Mörder zu allen Fenstern und möglichen Öffnungen einsteigen, um sich des
Schatzes zu bemächtigen, welcher in ihm verborgen ist. Gerade jetzt seht ihr in
den aufgeregten Gemütern die religiöse Bewegung, wie sie die Herzen ergreift,
erweckt, sie hin- und herzieht, und wie es vor lauter Anpreisungen schwer zu
erkennen ist, wo eigentlich die wahre Tür und der wahre Hirte ist. Denn je mehr
der Instinkt die gläubigen Herzen zu Mir führt, desto mehr wehren sich die andern,
welche nur allein ihren Vorteil im Auge haben, damit nicht Ich, sondern sie den
Sieg davontragen möchten.
[PH.01_021,04] Dieses Drängen, Verleumden und
Hassen wird sich stets steigern. Je mehr Mein Einfluß wächst, desto mehr
steigert sich der Widerstand. Meine Kinder werden dadurch auf die härtesten
Proben gestellt, in denen ihr Ausharren geprüft und ihr Glaube und Vertrauen am
meisten angegriffen werden. Meine Lehre ist nur eine, und das ist die Liebe,
während die Lehren der anderen vielseitig sind und gerade statt Liebe – Haß,
statt Demut – Stolz, statt Duldung – Unduldsamkeit gepredigt wird, die jene
Führer selbst ausüben. Und so wird es sich wiederholen, was ihr im 8. Kapitel
des Gr. Ev. Johannes lesen könnt, daß die Juden Mich verfolgten, Mich steinigen,
d.h. töten wollten. Auch jetzt wird Ähnliches geschehen. Es werden Steine auf
Mich und Meine Lehre geschleudert werden, die falschen Ausleger Meiner Lehre
werden Meine Lehre dem Satan zuschreiben und die ihrige als direkt vom Himmel
herkommend ausposaunen. Es werden sich die Gemüter erhitzen statt erwärmen. Man
wird die Ideen aus den Köpfen in die Fäuste treiben, und da, wo Friede und
Liebe gepredigt werden sollte, wird der Fanatismus seine blutige Fackel
schwingen und Opfer über Opfer seiner für recht gehaltenen Lehre bringen.
[PH.01_021,05] So muß sich Mein Wort aus
jenen Zeiten erfüllen, wo Ich sagte: „Ich bringe euch nicht den Frieden,
sondern das Schwert!“ Wie in der ganzen Schöpfung durch Reibung Licht und Wärme
entstehen und durch diese beiden Faktoren das Weltall besteht und erhalten
wird, so muß auch geistige Reibung den Läuterungsprozeß vollführen, damit Licht
der Wahrheit und Wärme der Liebe sich entwickeln.
[PH.01_021,06] Gerade das Streben der ,Diebe
und Mörder‘ wird den Sieg Meiner Lehre und Meine Zwecke beschleunigen. Durch
ihr zu leidenschaftliches Auftreten regen sie die Gemüter zum Nachdenken, zum
Vergleichen an. Und wenngleich anfangs viele dem Rufe folgten, so werden sie
auf die ihnen als falsch hingestellte Lehre aufmerksam gemacht, werden ihr mehr
Aufmerksamkeit schenken, als sie ohne diesen Gegendruck getan hätten. Sie
werden dann an dieser verpönten Lehre das nicht finden, was ihnen vorgemalt
wurde, daß es darin enthalten sei, und das Endresultat wird sein, daß viele von
ihnen den rechten Führer und die rechte Türe finden werden, nur deswegen, weil
jene Führer und Leiter sie von dem Suchen abbringen wollten. So werden gerade
die Bemühungen Meiner Gegner Mir am besten in die Hand arbeiten und am Ende das
erreichen, was sie verhindern wollten, die Vereinigung Meiner Kinder mit Mir,
die Vereinigung Meiner Schafe mit ihrem einzigen Hirten. Sie werden sich wie
Mietlinge bei großen Gefahren zurückziehen, während Ich Meinen wahren Kindern
allen Schutz angedeihen lassen werde, an welchem Schutz auch Meine Nachfolger
den eigentlichen Herrn, den wahren Hirten und den mächtigen Beschützer der
Seinen erkennen werden.
[PH.01_021,07] So wird es kommen. Und eben
deswegen erschreckt und verzweifelt nicht, wenn gerade da, wo ihr im Glauben und
Vertrauen Mir sehr nahe zu sein glaubt, und wo ihr glaubt, es werde eure Zahl
sich mehren, eure größten Widersacher die stärksten und mächtigsten Hindernisse
auftürmen werden, um diese Gefahr für sich selbst abzuwenden!
[PH.01_021,08] Beeifert euch aber auch nicht
in dem Suchen von Gleichgesinnten oder im Bekehrenwollen! Es ist nicht so
leicht, wie ihr es oft glaubt, andere auf den Weg der reinen Liebelehre zu
führen. Meine Lehre fordert Entsagung von dem, was dem Menschen in der Welt am
angenehmsten scheint, Meine Lehre ist ja nicht von und nicht für diese, sondern
für Meine große Geisterwelt.
[PH.01_021,09] Um also alles seit langer Zeit
Angewöhnte, Geglaubte und Bequeme fahrenzulassen und den stets stärker
wachsenden Streit mit sich und der Welt zu beginnen, dazu gehört eine große
Liebe, eine große Aufopferungsfähigkeit. Schon in Meiner Lehrzeit habt ihr ein
Beispiel gesehen, als Ich einem, der Mir nachfolgen wollte, die Aufopferung
aller Güter, die er hatte, anriet, und er traurig von hinnen ging. So wird es
euch oft begegnen, sobald ihr einen vermeintlichen Anhänger an eure als wahr
und einzig geglaubte Lehre zur Tat anspornen wollt, er sich von euch entfernen
und vielleicht sogar statt Freund euer größter Gegner werden wird.
[PH.01_021,10] Seht, das ist die Folge, wenn
Menschen noch unreif zur Auffassung Meiner Lehre sind! Daher wartet, bis die
Hungrigen selbst zu euch kommen! Denen gebt Brot, aber auch das nur nach
Maßgabe ihres Verständnisses, weil es sonst – wie jede materielle Nahrung –
nicht verdaut wird und statt zu nützen, nur schaden muß!
[PH.01_021,11] Meine Stimme zu hören und
Meiner Lehre zu folgen, ist anderen nicht so leicht beizubringen. Selbst ihr,
die ihr schon so lange von Mir geführt und genährt werdet, wie schwach, wie
kurzsichtig benehmt ihr euch manchmal, als hättet ihr nie ein Wort von Mir
direkt bekommen! Wie oft wollt ihr in eurem törichten Wahne das Weltliche mit
dem Geistigen verbinden, weil das Befolgen des letzteren allein euch zu viel
Mühe kostet oder zu viel Entsagung von euch fordert! Wenn ihr so verfahrt, was
wollt ihr von andern erwarten, die, kaum an der Tür angelangt, noch nicht den
Mut haben, vorwärts zu gehen, die Schwelle zu überschreiten und alles
zurückzulassen, was ihnen früher so wichtig schien!? Daher seid vorsichtig bei
der Wahl eurer Freunde!
[PH.01_021,12] Bekümmert euch nicht um die
Widersacher! Je mehr die Zeit fortschreitet und Meine Schafe sich mehren
werden, desto weniger kann diese Meine Lehre unbekannt bleiben, desto größer
wird aber auch der Widerstand gegen sie und ihre Anhänger werden. Der Kampf muß
entglimmen! Nur den Beharrlichen ist der Sieg beschieden, und diese werden
Meine Kinder sein, weil sie Meiner Stimme und Meiner Lehre nicht nur glauben,
sondern weil sie auch wissen, daß diese allein zum Ziel führt und nur Ich die
Tür und der einzige Weg bin, um in das unendliche Reich des Geistes zu gelangen
und dort nicht mit Leiden, sondern mit Seligkeiten für die ausgestandenen
Kämpfe belohnt zu werden.
[PH.01_021,13] So entwickelt sich der
Lebensprozeß. Es muß das Geistige von der Materie befreit, das Seelische des
Menschen vom Weltlichen getrennt werden und sowohl des Menschen eigentliche,
geistige Bestimmung erreicht, als auch Mein einstiges Erdenwandeln mit seinen
Leiden und Kämpfen seine Erfüllung finden.
[PH.01_021,14] Es soll die Welt nur einen
Hirten mit seinen Schafen beherbergen; zwei Herren kann man nicht dienen. Wer
der Materie huldigt, muß zur Materie herabsinken; wer aber dem Geistigen
zustrebt, wird das Schwere lassen. Die Materie ist zu dicht, sie läßt kein
Licht hindurch. Nur Geistiges ist fähig zur Aufnahme Meines Liebelichtes aus
den Himmeln, und nur dieses Licht entwickelt Lebenswärme, entwickelt den in die
menschliche Seele gelegten göttlichen Funken und führt ihn zu seinem Urquell, zu
Mir zurück.
[PH.01_021,15] Das sollte der Zweck Meiner
Lehre, Meiner Darniederkunft in früheren Zeiten und Meines Wiederkommens in
baldiger Zukunft sein.
[PH.01_021,16] Je näher Meine Wiederkunft
heranrückt, desto mehr werden Licht, und Finsternis sich bekämpfen. Allein, wie
an jedem Morgen die aufgehende Sonne die finstere Nacht besiegt, wird auch Mein
aufgehendes Liebelicht die Diebe und Mörder verscheuchen, welche nicht bei Tag,
sondern nur nächtlicherweise ihr Handwerk treiben. Diese werden weichen müssen,
sich bekehren oder in ewige Finsternis zurücksinken, bis in ihrem Gemüte
selbst, und zwar im freien Streben, das Dämmerlicht nach und nach anbricht.
[PH.01_021,17] Die Welt wird sich, wie schon
früher, Meinen Plänen, Meinen Absichten widersetzen wollen; aber gerade ihr
Widerstand wird Meinen Endzweck beschleunigen, und am Ende werden doch Meine
Kinder und Ich das Feld behaupten.
[PH.01_021,18] Beharrung führt zum Ziel! Und
der Name ,Mein Kind‘ muß mit Entsagungen und Aufopferungen errungen werden;
denn der Preis ist des Kampfes wert. Daher seid alle bereit, nicht von Mir zu
lassen! Laßt die Welt und die Menschen gehen, bekümmert euch nicht um die
Ereignisse und die politischen Verwicklungen! Bedenkt, es sind Millionen von
Menschen, welche zu der rechten Türe des Lichts geführt werden sollen, und um
das zu erreichen, müssen auch ebensoviel verschiedene Ereignisse und Umstände
einwirken, die auf verschiedenen Graden der Intelligenz stehenden Individuen zu
einem gemeinsamen Ziel zu führen, – eine Arbeit, von der ihr keinen Begriff
haben könnt, und die nur Gott angemessen ist, welcher auch da, wie überall,
durch das Kleinste die größten Wirkungen zu erreichen imstande ist.
[PH.01_021,19] Soviel zum besseren
Verständnisse dieses Evangeliums des Johannes, damit ihr in dieser Zeit Meine
einstige Lehrzeit erst recht begreifen lernt und erkennt, wie schon vor mehr
als tausend Jahren die ganze spätere Entwicklungsgeschichte der Menschheit in
Meinen Lebens- und Wandeljahren auf eurer finsteren Erde vorausgezeichnet und
-bestimmt war.
[PH.01_021,20] Deswegen blieb auch die Bibel
erhalten, damit sie euch den größten und stärksten Beweis geben soll, wie dort
schon alles aufgezeichnet ward, was in späteren Zeiträumen sich stufenweise
entwickeln mußte, was aber nur dem Wiedergeborenen, dem mit geistigen Augen
Sehenden, deutlich wie in einem Zukunftsspiegel vorleuchtet.
[PH.01_021,21] So möget ihr getrost den Blick
zu Mir richten und eingedenk sein des Spruches: „Wer Mich nicht verläßt, den
verlasse auch Ich nicht!“
[PH.01_021,22] Bleibet bei Mir, und ihr
werdet stets mehr und mehr die Stimme des Hirten vernehmen und infolgedessen
auch stets mehr und mehr durch Wort und Beispiel beitragen können, anderen
Blinden diesen einzigen Weg des Heils zu zeigen, damit am Ende nur ein Hirt und
eine Herde sei! Amen.
22. Predigt – Am Sonntage Jubilate. Die
Vorbereitung auf den Heimgang des Herrn.
[PH.01_022] Joh.16,16-23: „Über ein kleines,
so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein kleines, so werdet ihr mich
sehen; denn ich gehe zum Vater.“ Da sprachen etliche unter seinen Jüngern
untereinander: „Was ist das, was er sagt zu uns: ,Über ein kleines, so werdet
ihr mich nicht sehen, und aber über ein kleines, so werdet ihr mich sehen‘!
und: ,Ich gehe zum Vater‘? Da sprachen sie: „Was ist das, was er sagt: Über ein
kleines? Wir wissen nicht, was er redet.“ Da merkte Jesus, daß sie ihn fragen
wollten, und sprach zu ihnen: „Davon fraget ihr untereinander, daß ich gesagt
habe: Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein
kleines, so werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr
werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr aber werdet
traurig sein; doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden. Ein Weib,
wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit; denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn
sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude
willen, daß der Mensch zur Welt geboren ist. Und ihr habt auch nun Traurigkeit;
aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude
soll niemand von euch nehmen. Und an dem Tage werdet ihr mich nichts fragen.
Wahrlich, wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten
werdet in meinem Namen, so wird er's euch geben.“
10. März 1872
[PH.01_022,01] In diesem Kapitel, sowie in
dem vorhergehenden, habe Ich Meinen Jüngern schon den Vorgeschmack gegeben, wie
es um sie stehen wird, wenn Ich sie verlassen muß und sie nicht mehr unter
Meinem sichtbaren Einfluß und Meiner Leitung stehen werden.
[PH.01_022,02] Im 15. Kapitel Johannes
verglich Ich Mich mit dem Weinstock und Meine Jünger mit den Reben, welche nur
so lange Früchte tragen können, als sie am Stocke haften.
[PH.01_022,03] Ich zeigte ihnen in diesem
Beispiel das Schicksal derjenigen, welche von Mir abfallen werden, sagte ihnen,
daß nur diejenigen Sünder sind, welche wissen, was sie tun und glauben sollen,
und doch dagegenhandeln, während die Unwissenden nicht strafbar sind. Ich
stellte ihnen im Gleichnis vor, daß der, welcher an Mich glaubt, nicht ein
Knecht Meines Gesetzes, sondern ein freiwilliger Ausüber desselben, also nicht
willenlos Mir untertan sein, sondern wie ein Freund den Ratschlägen des
Freundes folgen soll. Ich sagte ihnen, daß sie, wenn sie Mir und Meiner Lehre
folgen wollen, mit der Welt in Konflikt geraten werden, und daß die Welt,
während Ich sie lieben werde, sie mit Haß überhäufen wird. Ich gab ihnen aber
nebenbei die Hoffnung, daß sie, wenn Mein Geist sie überschatten wird, Ersatz
genug haben werden durch geistige Genüsse, wenn die weltlichen sich nach und
nach vor ihnen verschließen.
[PH.01_022,04] Alles dies mußte Ich Meinen
Jüngern im voraus sagen; denn sie hatten ja noch gar keinen Begriff, was und
wie ihre Mission eigentlich sein werde. Sie lebten noch zu sehr unter dem
Einfluß Meiner Persönlichkeit, hatten, obgleich sie jeden Augenblick bekannten:
„Wir wissen, daß Du von Gott gesandt bist!“, doch keine rechte Idee von Meiner
Sendung, weder von der Wichtigkeit Meines Kommens, noch eine entfernte Ahnung
von der Art und Bedeutung Meines Heimganges; denn sie waren Menschen und
dachten menschlich. Deswegen war Ich auch gezwungen, ihnen öfters von Meinem
Heimgange zu sprechen, und auch eben dieses Kapitel Meines Lieblings Johannes
spricht davon, als Ich Meine Jünger wieder auf die Ereignisse vorbereiten
mußte, welche in kurzer Zeit stattfanden.
[PH.01_022,05] Ich sprach zu ihnen von Meinem
Heimgang, von Meinem Scheiden, erklärte ihnen dessen Notwendigkeit; doch es war
eben so, wie es in diesem Kapitel steht: „Ich hätte euch noch viel zu sagen,
aber ihr könntet es noch nicht ertragen oder verstehen!“ So waren Meine Worte
für Meine Jünger rätselhaft, weshalb sie auch den angeführten Spruch nicht
fassen konnten, indem es hieß: „Und über ein kleines werdet ihr Mich nicht
sehen, und aber über ein kleines werdet ihr Mich sehen; denn Ich gehe zum
Vater.“
[PH.01_022,06] Wie wäre es möglich gewesen,
daß Meine Jünger dem Glauben Raum gegeben hätten, Ich könnte gefangen oder gar
getötet werden, wo sie Mich doch Gefahren aller Art so oft ausweichen und sie
vereiteln sahen!? Wie konnte es ihnen in den Sinn kommen, daß ein von Gott
Gesandter getötet werden könne!? Alles, was Ich von Meiner Erhöhung, von Meinem
Hingang, von Meiner Wiederkunft sprach, war ihnen nicht faßbar, bis die harte
Wirklichkeit sie nur zu sehr überzeugte, wie wahr Meine Worte gewesen waren.
Erst nach diesen Ereignissen verstanden sie, was ihre Mission, was Ich und was
die Welt war.
[PH.01_022,07] Was Ich in jenen Zeiten Meinen
Jüngern vielmals vom Reiche Gottes, von der Wichtigkeit Meiner Lehre und deren
Befolgung vorpredigte, was Ich ihnen durch Beispiele erklärte, wie es
demjenigen ergehe, der sich von Mir und Meiner Lehre entfernt, all dies predige
Ich schon Jahrhunderte in allen Sprachen und durch tausend verschiedenartige
Ereignisse der Welt. Allen rufe Ich zu: „Verlasset Mich nicht; denn ohne Mich
ist kein Trost und kein Heil in der Welt!“ Und wie Ich Meinen Jüngern Mein
Scheiden voraussagte, ihnen jedoch die Hoffnung nicht benahm, nach kurzer Zeit
Mich wiederzusehen, ebenso rufe Ich es euch und jedem Gläubigen zu: „Verlaß den
betretenen Weg nicht! Denn weg von Mir ist Finsternis, und selig wirst du sein,
wenn du, nach kurzem Umherirren, nach einer kleinen Pause Mich wieder zu
Gesicht bekommst!“ Wehe aber denen, die ihr Gesicht gänzlich von Mir abwenden!
Sie gehen den Weg der Finsternis, der groben Materie, wo lange
Läuterungsprozesse dazu gehören, das Verlorene wiederzugewinnen und das mit
Füßen Getretene auszubessern.
[PH.01_022,08] Meinen Jüngern teilte Ich mit,
daß es in dem Plan Meines Erdenwandels liege, wenn Ich sie verlasse. Ich sagte
ihnen vorher, daß Ich sie im Anfang nur auf ein kleines verlassen werde, damit
sie sich daran gewöhnen sollten, Meine Persönlichkeit auf längere Zeit zu
entbehren; aber Ich versprach ihnen als Ersatz für den herben Verlust Meiner
Sichtbarkeit den Tröster oder den Geist Gottes.
[PH.01_022,09] Wenn Ich dem Menschen in
manchen Stunden ebenfalls zurufe: „Verlaß Mich nicht!“, so ist dies auch so
gemeint, wie einst bei Meinen Jüngern das Wort: „Verzaget nicht, wenn über ein
kleines ihr Mich nicht sehet!“ Es will so viel sagen: „Mein Kind, verzweifle
nicht in Meiner Abwesenheit, wenn Momente eintreten, in denen die Welt und
deren Ereignisse auf dich einstürmen und du Meine Hand nicht mehr fühlst und
Meine Stimme nicht mehr hörst! Wenn die Welt dich für deine Ergebung mit Hohn,
Haß und Verfolgung lohnt, harre aus! Über ein kleines wirst du Mich wieder
sehen, wieder fühlen, wieder hören, – wieder sehen in der Sprache der Natur,
wieder fühlen in der Lenkung der Ereignisse und wieder hören in der sanften
Stimme des wiedererlangten Friedens in deinem Herzen!“
[PH.01_022,10] Wie Ich Meinen Jüngern
voraussagte, daß sie bittere Stunden des Schmerzes würden durchmachen müssen, so
geht es auch jedem Gläubigen, der mehr an Mir als an der Welt hängt; jedoch
Meine Wiedereinkehr in das hartgeprüfte Herz des Menschen, seine nach langen
Kämpfen erlangte feste Überzeugung, daß die Sonne, wenn auch Wolken sie
verfinstern, doch am Ende siegen und glorreich, überall Wohltaten verbreitend,
wieder hervortreten wird, – dies alles wird die bitteren, ausgestandenen
Schmerzen vergessen machen und den Glauben an Mich und das Vertrauen zu Mir
festigen.
[PH.01_022,11] Die Mission Meiner Jünger nach
Meinem Hingange war zu ernst, als daß sie nicht auch im Ertragen des Herbsten
geschult werden sollten. Sie mußten sich an Meine Abwesenheit vorerst gewöhnen,
um dann als selbsthandelnd auftreten zu können.
[PH.01_022,12] Was Meinen Jüngern als Schule
vorgezeichnet war, ist auch jetzt der Weg eines jeden, der Meinen und Meiner
Jünger Fußstapfen folgen will.
[PH.01_022,13] Den Jüngern sagte Ich: „Die
Welt wird euch hassen und verfolgen, weil ihr nicht von ihr seid!“ Und Meinen
jetzigen Kindern muß Ich das gleiche zurufen; denn je mehr sie Mich lieben, je
mehr sie Mir folgen, desto mehr kommen sie in Widerspruch mit der Welt, mit der
Mehrzahl der Menschen, bis Ich durch Ereignisse auch diese zubereiten werde,
daß sie für etwas Besseres empfänglich werden.
[PH.01_022,14] Diese Folgen sind erstens
natürlich und zweitens notwendig; denn ein Kind des Schöpfers der ganzen sicht-
und unsichtbaren Natur werden zu wollen, erlangt man nicht so leicht. Wenn ein
Kind in geistiger Hinsicht fortschreitet, so muß es mit der Welt und den
gewöhnlichen Alltagsmenschen stets mehr in Zwiespalt kommen. Der Haß der Welt
wächst mit der Liebe zu Mir. Daher nicht verzagt, wenn über ein kleines ihr
Mich nicht sehet; über ein kleines werdet ihr Mich wiedersehen!
[PH.01_022,15] Ich muß euch manchmal euren
Kräften allein überlassen; ihr müßt erproben, ob ihr auch wirklich fähig seid,
das öffentlich und ohne Scheu zu bekennen, was euch bei mancher Vorlesung
Meiner Worte so sehr begeistert Es muß die Frage an euch herantreten, inwieweit
ihr euch vor der Welt fürchtet.
[PH.01_022,16] Glaubt ja nicht, daß ihr einen
so großen Heldenmut habt, wie euch oft scheint! Seht Meinen Apostel Petrus an!
Im Garten von Gethsemane verteidigte er Mich mit dem Schwert, und kurze Zeit
danach verleugnete er Mich. Wenn also ein Petrus fehlen kann, so könnt ihr euch
denken, wie es im Moment der Entscheidung mit eurem Mute aussehen wird. Daher
müssen öfters solche Umstände kommen, die euch stärken und im Glauben an Mich
befestigen sollen. Verleugnete Mich der, welcher Mich persönlich kannte, was
soll man von euch erwarten, die ihr Mich nie gesehen habt, sondern Mich nur aus
der sanften Stimme eures Herzens kennt!?
[PH.01_022,17] Daher muß Ich euch öfters
verlassen, muß euch allein lassen, muß euch mit den Umständen und der Welt
ringen lassen, damit ihr ermessen könnt, was, ihr errungen habt, und was euch
noch fehlt.
[PH.01_022,18] Gedenket stets der Worte: „Der
Wille ist stark; aber das Fleisch ist schwach!“ Sie sind gewichtig und
bezeichnen ganz die menschliche Natur. In dem Moment der Begeisterung glaubt
ihr einen Elefanten auf die Schultern laden zu können, und im Augenblick des
wirklichen Ausübens ist euch eine Fliege oft schon lästig.
[PH.01_022,19] Daher forschet auch ihr emsig
in eurem Herzen nach, wieviel der Liebe, wieviel des Vertrauens ihr besitzet,
damit, wenn ihr manchmal scheinbar Meine Abwesenheit fühlt, ihr nicht verzagt,
sondern getrost dem Wiederkommen eures Führers und Vaters entgegenharrt!
[PH.01_022,20] Habt ihr eure eigenen
Schwächen erkannt, wißt ihr, wieviel Liebe dazu gehört, um praktisch auszuüben,
was euch im Gefühlsleben oft so leicht vorkommt, dann erst kennt ihr, den Weg
ganz, der zu Mir führt; dann wißt ihr auch, wie einst Meine Jünger – durch
Meine Abwesenheit geschult –, wieviel dazu gehört, die Mission als Mensch und
als Mein Kind im strengsten Sinne des Wortes zu erfüllen.
[PH.01_022,21] Dies sage Ich euch allen zur
Warnung, daß ihr euch nicht in träumerischer Verwegenheit fähig glaubt, Lasten
zu tragen, denen ihr nicht gewachsen seid, und zum Trost, damit ihr in herben
Umständen und Verhältnissen, bei scheinbarer Abwesenheit eures himmlischen
Vaters, euch dessen erinnern mögt, was Er einst zu Seinen Jüngern sagte: „Über
ein kleines, so werdet ihr Mich nicht sehen; und aber über ein kleines, so
werdet ihr Mich wieder sehen!“ Amen.
23. Predigt – Am Sonntage Kantate. Die Frage
nach der ewigen Heimat.
[PH.01_023] Joh.16,5-6: „Nun aber gehe ich
hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand unter euch fragt mich: Wo gehst
du hin?, sondern weil ich solches zu euch geredet habe, ist euer Herz voll
Trauerns worden.“
18. März 1872
[PH.01_023,01] Seht, dies ist der Text für
diesen Sonntag, und obwohl er dem Anscheine nach leicht verständlich ist, so
liegt doch bei weitem viel Tieferes darin, als ihr ahnen möget.
[PH.01_023,02] Nach eurem Ermessen sage Ich
diese Worte deshalb zu Meinen Jüngern, weil Ich – immer von Vater und Sohn
sprechend – sie vorbereiten wollte auf die nächsten Ereignisse, die der
Abschluß Meines irdischen Lebenswandels waren. Weil Ich ihnen Mein Verhältnis
zu ihrem Jehova nicht anders begreiflich machen konnte, als unter dem Bild von
Vater und Sohn, einem Bilde, das ihrem Weltverstand näher lag und auch in
geistiger Entsprechung völlig das Verhältnis der Liebe zur Weisheit ausdrückt,
wie Ich zwar als Weisheit Mensch geworden, aber als Liebe der ewige Erhalter
und Schöpfer des ganzen Universums geblieben bin.
[PH.01_023,03] Ich sagte dort: „Ich gehe zu
Dem, der Mich gesandt hat, und niemand fragt Mich: Wo gehst Du hin?, sondern
nur Trauer befällt euch alle wegen des Gedankens, ihr könntet Mich verlieren.“
[PH.01_023,04] Diese unerwartete Voraussage,
daß eine Trennung zwischen Mir und ihnen möglich sei, dieser Gedanke, der nicht
in ihre Vorstellungen von Meiner Göttlichkeit und Meiner Mission paßte,
versetzte sie in Trauer, und sie wußten daher auf dieses Wort weder zu
antworten, noch eine Frage zu stellen. Deshalb erinnerte Ich sie mit einer
solchen, indem Ich sagte, daß niemand Mich frage: „Wo gehst du hin?“ Dies war
die Frage, die sie selbst nie dachten. Es war ihnen unglaublich, daß Ich Mich
jemals von ihnen entfernen würde. Und wenn sie Mich als Gott annahmen, der
herabstieg, um die Menschheit von den weltlichen Banden zu erlösen, wußten sie
natürlich nicht, wohin Ich gehen sollte; denn obgleich sie durch den Einfluß
Meiner Worte und Wunder die Überzeugung Meines göttlichen Ursprungs hatten,
verkehrten sie doch viele geistigen Begriffe in weltliche Ideen. Daraus mußten
natürlich falsche Schlüsse folgen, was sehr oft geschah, wenn sie Meine Bilder
oder Meine Worte nicht verstanden und Mich beschuldigten, Ich rede hart oder
unverständlich.
[PH.01_023,05] Ich sagte in jener Zeit: „Ich
gehe zu Dem, der Mich gesandt hat!“ Und jetzt, nach so vielen Jahrhunderten,
richte Ich an euch und an die ganze Menschheit die Frage und sage: „Wo geht
denn ihr hin, und wer hat euch denn gesandt?“ Denn so wie Ich Meine Mission,
Meinen Zweck oder ein ,Warum‘ des Daseins habe, so haben es auch alle aus Mir
geschaffenen Wesen, ja selbst die dichteste, rohe Materie, da auch sie als
sichtbarer Ausdruck gebundener, gefesteter Geister eben ihren Zweck, ihre
Mission haben muß.
[PH.01_023,06] Ich frage also jetzt, da die
Prüfungszeit ihrem Ende naht, die Menschen durch politische, religiöse und
Elementarereignisse: „Wo geht ihr hin?“, damit sie sich besinnen sollen, wer
sie eigentlich sind, und warum sie eigentlich auf diese Erde gesandt oder
gestellt wurden.
[PH.01_023,07] Der geistige Wind, der Meinem
baldigen Kommen vorausgeht, um, wie im materiellen Leben, die Luft von
schlechten Dünsten zu reinigen, regt wie die Frühlingslüfte alles zur Tätigkeit
an. Überall ertönen die Fragen: „Warum bin ich eigentlich da?“ und „Was bin ich
eigentlich?“ und „Was ist mein Endziel, oder wo gehe ich hin?“
[PH.01_023,08] Der denkende Mensch, welcher
einmal von diesen Gedanken überrascht wurde, sieht sich natürlich zwischen zwei
Welten gestellt, zwischen eine sicht- und eine unsichtbare. Es genügen ihm die
wenigen Anhaltspunkte, welche die Vergänglichkeit alles Geschaffenen bietet, nicht
mehr, um ihm Trost und Ruhe zu bringen. Alles, was vor seinen Augen entsteht,
sieht er wieder vergehen, sich verändern, sich verwandeln. Und eben diese
Beispiele regen auch ihn an, an die vor ihm entstehenden und vergehenden
Gegenstände, so wie an sich selbst, die Fragen zu richten: „Wo kommt ihr her,
ihr Geschöpfe voller Wunder und Geheimnisse, und wo gehet ihr hin?“
[PH.01_023,09] So begrüßt er das Ankommende,
und so fragt er das Scheidende; und eben diese Fragen ist er auch gezwungen an
sich selbst zu richten, indem er selbst, wenn er nur ein bißchen nachdenkt,
noch ein größeres, unauflösbareres Rätsel ist als alle anderen, vor ihm
sichtbaren Dinge. Diese Fragen, die immer wieder auftauchen, sind es, welche
die Menschen, oder wenigstens viele von ihnen, zur besseren Beurteilung des
Bestehenden und des Angelernten zwingen. Und wo nicht genügend Wahres und
Klares das Endresultat solcher Forschung ist, dort steigt natürlich das Heer
der Zweifel auf, welche mit all dem Gefundenen nicht zufrieden, mehr Gewißheit,
mehr Klarheit haben wollen.
[PH.01_023,10] Dieses Drängen war stets der
Anfang von geistigen und weltlichen Umwälzungen. Es war der unvermeidliche
geistige Wind, welcher die menschliche Natur stets wieder aufweckte, sooft sie
sich gerade in einen bequemen Schlaf weltlicher Freuden und Genüsse versenken
wollte.
[PH.01_023,11] Da nun zwei Dinge diesen Wind
wieder erregten – erstens Mein baldiges Kommen als Ende und Krone Meiner
einstigen, auf eurer Erde vollführten Mission. Zweitens die Neigung der ganzen
Menschheit von oben bis unten, sich dem weltlichen Genusse hinzugeben und das
Geistige zu verleugnen –, so ertönt wieder in allen Gemütern, den meisten
unbewußt, der Ruf: „Wo gehen wir hin?“ und „Wozu sind wir da?“ Die ungenügende
Antwort, die die jetzige Geistesrichtung auf diese Fragen gibt, veranlaßt den
Umsturz alles Bestehenden, das Sehnen nach Neuem, aber nicht Trügerischem
sondern Wahrem.
[PH.01_023,12] Die Menschen empfinden, das
unsichtbare Reich ist nicht abzuleugnen. Es ist umsonst, wenn manche Gelehrte
sich die Mühe geben, zu beweisen, daß nur Materie bestehe und Geistiges nicht.
Die Menschen fühlen die Leere in ihrem Herzen nicht ausgefüllt, soviel grobes
Material durch den Verstand auch in jenes geworfen wird. Wie bei einem Faß ohne
Boden verschwindet es, wie es gekommen ist, und die alte Frage steht wieder neu
vor ihrem Geiste.
[PH.01_023,13] So wird die Menschheit
gedrängt, endlich einmal alle Fesseln abzustreifen, sich von dem Gängelbande zu
befreien, welches viele nur zu ihrem eigenen Vorteile benützen wollen.
[PH.01_023,14] Dieses Verhältnis, dieser
Streit mußte Meinem Kommen vorangehen, damit Ich am Ende nur mit denen zu tun
hatte, die das Geistige dem Materiellen vorzogen und auch wußten, woher sie kamen,
warum sie da sind, und wohin sie zu gehen bestimmt sind.
[PH.01_023,15] Es werden das diejenigen sein,
welche, alle Stürme überlebend, mitten im Schmutz des weltlichen Egoismus und
Leichtsinns sich rein gehalten haben; denn nur für diese werde Ich der Hirte
und nur sie werden Meine Schafe sein.
[PH.01_023,16] Auch an euch, Meine Kinder,
die Ich unter so vielen auserkoren habe, damit ihr, geleitet durch Mein
direktes Wort, den andern als Beispiel vorangehen sollt, auch an euch tritt
diese Frage ernster Art heran. Auch an euch stellt die Lebenszeit, welche euch
noch auf Erden zugemessen ist, die Frage: „Wo gehst du hin?“ Sie will damit
sagen: Bedenket die Verantwortung, die ihr auf euch genommen habt, das Wort
eures Gottes, eures Vaters hören zu wollen! Mit diesem Hören habt ihr euch der
Verpflichtung unterzogen, dieses Wort auch auszuüben; denn ohne Ausübung ist
das Hören zu nichts nütze.
[PH.01_023,17] Ihr, die ihr Mein Wort hört,
erfahrt und nun auch wißt, wie man demselben nachkommen soll, ihr seid doppelt
strafbar, wenn ihr die Ausübung unterlaßt.
[PH.01_023,18] Meiner Jünger Herz erfüllte
sich mit Trauer, als Ich sprach von Meinem Hingange zu Dem, der Mich gesandt
hatte. Welches Gefühl wird denn euch überkommen, wenn auch ihr hingehen müßt zu
Dem, der euch gesandt hat? Trachtet darnach, daß ihr mit dem anvertrauten
Kapital, wohl benutzt und verzinst, in Mein Reich zurückkehrt und nicht, wie
der faule Knecht, euer Kapital vergrabet; denn sonst kommt ihr unreif in einer
Welt an, in der es euch selbst zur Last würde, als Unreife zwischen Gereiften,
als Unglückliche zwischen Glücklichen leben zu müssen!
[PH.01_023,19] Wenn ihr hingehen müßt zu Dem,
der euch gesandt hat, so trachtet doch wenigstens danach, mit dem Bewußtsein in
jenes Geisterreich zu treten, alles getan zu haben, was gemäß allen an euch
ergangenen Worten von euch zu erwarten war! Trachtet danach, Meine Worte und
Meine Lehre so für euch und für andere zu nutzen, daß viele guten Taten und nur
wenige Fehler eure Lebensbilanz ausmachen, damit ihr dann ruhig fortschreiten
und den Mitbruder, der euch fragt: „Wo gehst du hin?“, getrost nach dem Morgen
des ewigen Liebelichts hinweisen könnt, indem ihr saget: „Ich gehe dorthin, von
wannen ich gekommen bin, und wo ewiges geistiges Fortschreiten und stetes
Annähern an meinen Schöpfer und Vater möglich ist!“
[PH.01_023,20] Auch Ich sagte: „Ich gehe zu
Meinem Vater, der Mich gesandt hat!“ Ich ging aber auch mit dem vollen
Bewußtsein, Meine Mission im strengsten Sinne erfüllt zu haben, obwohl als
Mensch das Herbste Mich noch erwartet. So sollt auch ihr einst sagen und euch
schon jetzt des Triumphes freuen können, wenn nach ausgestandenen Kämpfen und
besiegten Versuchungen ihr getrost die Hand nach der Siegespalme ausstrecken
dürft.
[PH.01_023,21] Wer von Meinem Worte nur
dunkle Begriffe hat oder gar nichts weiß, den kann Ich für seine Handlungen
nicht so verantwortlich machen wie diejenigen, welche Meine Lehre kennen,
welche begreifen, wie und wann sie nach derselben handeln müssen. Diese, wenn
sie vorsätzlich dagegen sündigen, sind strafbar und werden – nicht von Mir,
sondern von ihrem eigenen Gewissen – des Wankelmutes, der Kleinmütigkeit
angeklagt werden, weil es ihnen so sehr an Kraft mangelt, und weil sie, mitten
unter dem Einflusse geistiger Hilfe von oben, sich so ins Netz der weltlichen
Genüsse verstricken ließen, daß sie darüber ihre geistige Würde eingebüßt
haben.
[PH.01_023,22] Bedenket also alle Meine
Worte! So angenehm das Anhören derselben auch sein mag, so nehmt sie doch recht
ernst, da nur die Befolgung Meiner zwei einzigen Liebesgebote, im strengsten
Sinne, euch zu Meinen, zu Kindern des Schöpfers der ganzen Unendlichkeit
stempeln kann!
[PH.01_023,23] Den Preis, welchen Ich euch
aussetzte, könnt ihr noch nicht im ganzen Sinn und in seiner ganzen Tiefe
begreifen, weil ihr Mein Geisterreich nicht kennt; aber würdet ihr sehen, wie
Engel und große Geister euch um diesen Vorzug beneiden, ihr würdet gewiß stolz
darauf sein, von Dem ausgegangen zu sein und wieder zu Dem zurückkehren zu
können, der die Liebe selbst ist, eine Liebe, die ein menschlich Herz aber
nicht fassen kann.
[PH.01_023,24] Welch unfaßbare Liebe liegt
darin, daß die höchste göttliche Liebe euch zu ihren Kindern machen will, daß
diese Liebe den niedrigsten Stand auf eurer Erde vorgezogen hat, um eben das zu
beweisen, was sie als Jesus einst sagte, – daß sie als Weisheit, nach
vollendeter Mission, sich wieder vereinen will mit der Liebe, von welcher sie
ausgegangen ist, und zu welcher auch ihr kommen könnt, wenn ihr euch derselben
würdig zu machen wisset!
[PH.01_023,25] Ich ging einst zu Meinem
Vater, der Mich gesandt hat; trachtet auch ihr, dahin zu gelangen, um aus
Seinen Händen die Siegeskrone für eure Kämpfe und Leiden zu erhalten – wie Ich
einst als Gottmensch und Jesus vor mehr als tausend Jahren! Amen.
24. Predigt – Am Sonntage Rogate. Die rechte
Bitte.
[PH.01_024] Joh.16,23: „Wahrlich, wahrlich,
ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird
er's euch geben!“
19. März 1872
[PH.01_024,01] Dieser Vers, der im
katholischen Kirchenjahr für diesen Sonntag bestimmt ist, sagt euch, wie Ich
Meinen Jüngern als Trost für den Verlust Meiner Person die Hoffnung gab, daß
sie, wenn es nötig sein werde, von Meinem Vater im Himmel alles erhalten
würden, um was sie bitten. Ich stelle ihnen diese Freude in Aussicht, weil sie
dadurch in geistiger Gemeinschaft mit Mir verbleiben konnten, indem Ich, wenn
ihnen auch nicht mehr sichtbar, doch ihre Bitten vernehmen und auch erfüllen
helfen würde.
[PH.01_024,02] Der Satz, so wie er in der
Bibel aufgezeichnet ist, hat nicht viel Schwieriges, um verstanden zu werden.
Und doch liegt etwas bei weitem Tieferes darin, sobald ihr ihn nur ernstlich
betrachten wollt!
[PH.01_024,03] Um euch näher in seine
geistige Entsprechung und Deutung einzuführen, müssen wir vorerst die Frage:
„Was ist denn eigentlich eine Bitte?“ beantworten.
[PH.01_024,04] Sehet, es wird von euch – wie
Ich schon öfters gesagt habe – so manches Wort ausgesprochen, ohne daß ihr nur
im mindesten eine Ahnung davon habt, was es eigentlich bedeutet! Dies ist ein
Zeichen, wie wenig ihr die Tiefe, Kraft und Gewalt des Wortes, als Ausdruck
eines Gedankens kennt. Deswegen bin Ich öfters gezwungen, euch vorher auf die
einzelnen Worte, aus denen ein aus der Bibel angeführter Satz besteht,
aufmerksam zu machen, um euch so nach und nach in ihr Verständnis einzuführen.
Solange ihr die Zerlegung der Worte und ihre entsprechende Deutung nicht kennt
und zu finden vermögt, solange ist von einem eigentlichen Verstehen der
Bibelstellen, auch der einfachsten, keine Rede. Die Bibel mit all dem in ihr
niedergelegten Weisheitsschatz bleibt dann für euch unverständlich; höchstens
gewährt sie, wenn man sich mit dem oberflächlichen Buchstabensinne begnügt, dem
einen oder andern in schweren Momenten des irdischen Lebens einigen Trost und
Frieden.
[PH.01_024,05] Um auf unseren Satz des
Evangeliums Johannes zurückzukommen, wollen wir vorerst die Frage beantworten,
was eine Bitte ist, und auf die geistige Bedeutung übergehen, wie eine Bitte zu
nehmen ist, wenn sie an Mich als allwissenden Herrn und Schöpfer gerichtet
wird.
[PH.01_024,06] Nun seht, eine Bitte ist ein
Flehen um Hilfe bei einem Mächtigeren oder Stärkeren, wenn die eigenen Kräfte
nicht ausreichen. Es ist ein Ansuchen um tätigen Beistand entweder für sich
selbst oder für ein anderes Wesen, das der Unterstützung oder Hilfe bedarf.
[PH.01_024,07] Was bezeugt nun dieses
Anflehen? Es bezeugt die eigene Ohnmacht; diese veranlaßt zum Bitten, da man
nicht befehlen kann.
[PH.01_024,08] Wenn nun ein Bittsteller eine
Bitte an jemand stellt und sich dabei auf andere, wohlwollende oder befreundete
Menschen bezieht und mittels der Nennung ihres Namens oder mittels der
Fürsprache der Person selbst bei Einflußreicheren einen günstigen Eindruck
machen will, so bezeugt dies wieder, daß der Bittsteller durch die Anrufung
eines Namens, der auch dem Dritten teuer und angenehm ist, ihn um so eher zu
bewegen hofft, dem angesuchten Begehren zu willfahren.
[PH.01_024,09] Wenn ihr also diese einfache
Bemerkung erwägt, so begreift ihr leicht, warum Ich als Jesus Meinen Jüngern
anempfohlen habe, in Meinem Namen den Vater im Himmel zu bitten, und warum Ich
ihnen im voraus versprochen habe, daß keine ihrer Bitten unerfüllt bleiben
werde. Ich wollte sie dadurch stets an ihre eigene Ohnmacht erinnern, ihnen zu
Gemüt führen, daß sie aus sich selbst nichts zu verrichten vermögen, und wollte
dabei auch nebenbei die Erinnerung an Mein Wirken und Leben unter ihnen wach
erhalten, weil sie nur so – dem geistigen Streben mehr zugewendet – das
Weltliche nach seinem eigentlichen Wert einschätzen und daher nie mißdeuten
würden.
[PH.01_024,10] Diese Art zu bitten sollte ein
stetes Wachsen des Vertrauens zu Mir bewirken, der Ich, obwohl nicht mehr
sichtbar, doch geistig stets um sie war. Sie glaubten dadurch auch mehr an
Meine Abkunft von oben und konnten anderen diesen unerschütterlichen Glauben an
die Führung eines höchsten Wesens als Schöpfer, Erhalter, Herr und Vater
beibringen.
[PH.01_024,11] Daß Ich als Gott ihre Bitten
nicht nötig hatte und schon seit Äonen von Zeiten vorauswußte, wessen sie
bedurften, und was zu ihrem Besten war, das versteht sich von selbst. Das
Bitten hatte nur den Zweck, in ihnen, wie in den Menschen überhaupt, das
Zutrauen zu Mir als höchstem Wesen zu erwecken, daß Ich nicht ein Gott bin, vor
dessen Größe der winzige Mensch erzittern soll, sondern daß Ich – wohl ein Gott
und ein höchstes Wesen – als liebender Vater Meinen Kindern und erschaffenen
Wesen zugänglich bin, und zwar durch demütiges Annähern, durch inbrünstiges
Bitten oder Gebet, welches nur von einem liebenden Vater, aber nicht von einem
streng richtenden Gott erhört werden kann.
[PH.01_024,12] Daß Ich Mich als Jesus zum
Fürbitten anbot, daß Ich sagte: „Was ihr in Meinem Namen bittet, wird euch der
Vater im Himmel gewähren!“, das geschah deswegen, weil sie während Meines
Lebenswandels Meine Liebe, Meine Duldung und Geduld mit den Fehlern anderer
gesehen und begriffen hatten und sich so in schwachen Umrissen eine Vorstellung
von dem Vater machen konnten, der einem solchen Sohne, wie Ich es als Jesus
war, bei allen Gelegenheiten Seine Liebe bewies. Nur so wurde ihnen der
unzugängliche Gott Jehova zugänglich, nur so faßten sie Mut, ihr Herz zu Mir zu
erheben, und nur so vertrauten sie auch darauf, daß, wenn sie in Meinem Namen
beteten oder um Erhörung ihrer Bitten flehten, sie auch ein geneigtes Ohr bei
Mir finden würden.
[PH.01_024,13] Auf diese Art ward die
geistige Verbindung, welche Mich als Jesus früher mit ihnen einerseits und mit
Meiner Liebe oder dem Vater anderseits verbunden hatte, nie gestört. Nur so
gingen Meine Jünger getrost in die Welt hinaus, lehrten und predigten Mein
Evangelium, taten Wunder und opferten sogar ihr eigenes Leben, weil ihre
Verbindung mit Mir, die nie abgebrochen worden war, sie stets von der
materiellen Welt ab- und zur geistigen hinzog.
[PH.01_024,14] So gaben sie ein ewiges
Beispiel von der Gewalt des Glaubens, des Gebetes, wenn es, aus reinem Herzen
quellend und nur Geistiges verlangend, sich zu Mir erhebt und Mir den Dank vorauszahlt
für Wohltaten, welche Ich Meinen Kindern auch dann nicht entzogen hätte, wenn
sie nicht darum gebeten hätten.
[PH.01_024,15] Seht also, Meine Kinder, was
hinter dem Wort ,Bitte‘ steckt, wie groß seine Bedeutung, sein dem bittenden
Herzen zugelassener Genuß ist! Und wie im Weltleben oft ein Bittender sich der
süßen Hoffnung hingibt, daß das Erflehte ihm gewährt werde, und schon im voraus
die Freude genießt, welche das Zutrauen zu dem Angeflehten erhöht, die Liebe zu
ihm vergrößert, ebenso ist im geistigen Maßstabe das Annähern an Mich als Vater
alles Geschaffenen der einzige Trost und die einzige Beruhigung, daß ein
gerechter, alles mit Liebe umfassender Gott sicher nur das Rechte und Gute will
und jede Bitte, wenn sie gerecht ist, auch gewiß erfüllen wird.
[PH.01_024,16] So ist die Verbindung zwischen
Geschöpf und Schöpfer stets vorhanden. Sie ist nicht gegründet auf Furcht, auf
Kriechen vor dem Throne eines allmächtigen, zürnenden und streng richtenden
Gottes, nein, sie ist gegründet auf Zutrauen, auf Liebe, welche ein unmündiges
Kind für seinen mächtigen Beschützer, für seinen Vater hegt.
[PH.01_024,17] Es ist die Liebe und nicht die
Furcht, welche das Herz in höchster Bewegung erhält und es mit freudigen
Schlägen dem ewigen, sich stets gleich bleibenden Vater aller Kreatur
entgegenwendet. Es ist das schönste Band, das die Natur aufweisen kann, das
Band der Kindes- und Vaterliebe, deretwegen die ganze Schöpfung erschaffen,
erhalten und vervollkommnet wird, und welches Band nur das einzige sein kann,
das einem Geist wie Mir entspricht, und das einem Menschen oder geschaffenen
Wesen seinen geistigen Adel verschaffen kann.
[PH.01_024,18] Daher begreift, Meine Kinder,
was es heißt: ,bitten‘, was es heißt: ,beten‘, was es heißt, zu Mir im Namen
Jesu sich zu wenden. Der Name ,Jesus‘ schließt Meinen größten Akt, Meine größte
Tat, Mein größtes Opfer ein, welches Ich euch und allen Geistern zulieb
vollbrachte.
[PH.01_024,19] In Erinnerung an Mein Dulden
könnt ihr nicht stolz sein, in Erinnerung an Meine Liebe könnt ihr nicht
hassen, und in Erinnerung an Mein Opfer könnt ihr nicht geizig sein, sondern
nur bei Anrufung Meines Erdennamens allen diesen Tugenden nachstreben, die Ich
persönlich während Meines Erdenlebens ausgeübt habe.
[PH.01_024,20] Die Bitte zu Mir soll euch
erheben über alles Weltliche, soll euch in Mein geistiges Reich führen, in
welchem Ich dem Bittenden gerne gewähre, was in geistiger Hinsicht ihm oder
seinem Nächsten zum Besten dient.
[PH.01_024,21] Wenn ihr nun wißt, was
,bitten‘ heißt, wenn ihr wißt, wen ihr bitten müßt, so ist noch ein zweiter
Punkt in Betracht zu ziehen, nämlich: um was ihr bitten könnt, um wenigstens im
mindesten eine Gewährung zu erhoffen.
[PH.01_024,22] Hier nun in diesem zweiten
Punkt wird von vielen am meisten gefehlt. Viele bitten erst, wenn die Not sie
dazu zwingt, und viele andere wieder dann, wenn es sich um weltliche Vorteile
oder sonstige unbedeutende Dinge handelt.
[PH.01_024,23] Aus dem Vorhergegangenen mögt
ihr ersehen, was eigentlich eine Bitte, und zwar eine Bitte an Mich, ist. Ihr
mögt euch dabei erinnern, daß Ich öfters sagte: „Mein Reich ist nicht von
dieser Welt!“, und: „Wer zu Mir beten will, muß im Geist und in der Wahrheit
beten!“
[PH.01_024,24] Seht, diese Sätze beweisen
euch genau, daß es sich nicht um weltliche Dinge handelt, und daß es von wenig
Achtung und wenig Liebe eurerseits zeugt, wenn ihr Mich für so einen
gewöhnlichen Richter oder Monarchen haltet, an den man nur Bittschriften
einzureichen braucht, und bei dem man dann durch gewisse Fürsprache seinen
Zweck leichter erreichen zu können vermeint.
[PH.01_024,25] Seht die Welt an, wieviel
Unsinn wird da von Mir verlangt! Wie viele eingebildete Fürsprecher und
Fürsprecherinnen werden angerufen, die bei Mir zugunsten der Bittenden
fürsprechen sollen. Wenn die Menschen nur ein wenig nachdächten über ihr
eigenes Gebaren, so müßten sie sich ihrer eigenen Kurzsichtigkeit schämen und
müßten erröten, wie sie Gott, den Schöpfer und Herrn der Unendlichkeit, zu
nichtssagenden Dingen ins kleinliche Weltleben herunterziehen möchten. Sie
bedenken nicht, daß die meisten Übel und Unglücke nicht von Mir, sondern von
dem Verhalten der Menschen selbst herrühren.
[PH.01_024,26] Wenn Ich die Menschen tun
lasse, was sie wollen, und sie sich Krankheiten und Unglücksfälle zuziehen, aus
denen sie in der Folge geistigen Nutzen erreichen sollen, warum soll Ich das
verhindern, was gerade zum Besten der Menschen, zu ihrem geistigen Heile dient?
Ich kann doch nur das geistige Fortschreiten, aber nicht das weltliche
Wohlleben jedes einzelnen als Hauptzweck seines Erdenwandels im Auge haben! Wie
sollte Ich Meinen Kindern das angedeihen lassen, was gerade zu ihrem Schaden
wäre?
[PH.01_024,27] Kurzsichtige, leichtgläubige
Menschen! Ihr kommt Mir oft vor wie Kinder, die mit Gewalt ihre Hände ins Feuer
stecken wollen, weil sie noch nicht die Erfahrung gemacht haben, daß das Feuer
nicht allein leuchtet, sondern auch brennt.
[PH.01_024,28] Wie viele Fälle könnte Ich
euch aufzählen, um was alles gebeten wird! Da will einer Geld, der andere
Gesundheit, der dritte Gelingen seiner Unternehmungen, der vierte jammert, weil
der Tod Lücken in seine Familie gerissen hat, der fünfte möchte seine Kinder in
Luxus und Wohlleben so ganz der Hölle zueilen sehen usw.; aber alle bedenken
nicht, daß beim Gewähren ihrer Bitten das geistige Wohl und Wehe der
Beteiligten oft noch ärger, noch schlechter würde. Sie bedenken nicht, daß
gerade Leiden und Unglücke die Ecksteine sind, an welchen sich die Taumelnden
stoßen, wenn sie dem weltlichen Treiben huldigen und das geistige Fortschreiten
ganz beiseitesetzen möchten.
[PH.01_024,29] Ihr Familienväter und Mütter,
ihr wollt für eure Kinder alles Gute haben, Gesundheit, Reichtum, langes Leben
und hohe Stellung in der Welt. Nun, was ihr wollt als winzige Kreatur in Meiner
Schöpfung, wird wohl Mir, glaube Ich, auch erlaubt sein! Es wird wohl Mir auch
erlaubt sein, Meine Kinder so zu ziehen, daß sie alles Gute und Schöne, was Ich
in Meiner Schöpfung, und zwar nur für sie, aufgehäuft habe, im vollsten Maße
genießen, daß sie geistig gesund, an Liebe reich und Mir nahe über Großes
gesetzt werden können.
[PH.01_024,30] Seht, Ich will nichts, als was
ihr selbst wollt; und nur der Unterschied besteht, daß ihr Menschen, um Meine
Kinder zu werden, andere Schulen durchmachen müßt, als ihr eure Kinder besuchen
lassen wollt. Hier gehen also unsere Ansichten auseinander.
[PH.01_024,31] Noch muß Ich nebenbei
bemerken, daß ihr euch nur um eine kurze Spanne Zeit bekümmert, in der es euren
Kindern nach euren Begriffen gut gehen soll, während Ich Sorge trage, daß das
ewige, künftige Leben Meiner Zöglinge voll von Seligkeiten und nie geahnten
Genüssen werde.
[PH.01_024,32] Ihr seht aus dem, daß Ich in
diesem Punkte oft den Unerbittlichen spielen und eure Narrenbitten in den Sand
schreiben muß, damit sie der nächste Luftzug wieder verweht, während Meine
Anordnungen in nie vergehenden Steinen der Ewigkeit als Gesetze geschrieben
stehen. Daher bedenkt wohl eure Bitten und verlangt von Mir nicht den Ruin
Meiner Kinder! Ich habe sie fürs ewige Leben, fürs Geister-, fürs Engelleben
erschaffen und nicht für das Wohlleben in weltlichem Schmutz, um Mir vielleicht
einst eine befleckte Seele zu überbringen.
[PH.01_024,33] Wenn ihr also bittet und
Meinen Beistand anruft, so bedenkt, daß Ich wohl schon im voraus weiß, um was
ihr Mich bittet, und daß ihr Mir nichts Neues sagen könnt! Bedenkt, daß die
Menschen, wenn es nicht Mein Wille gewesen wäre, sie durch ihre eigenen Fehler
zu witzigen, nicht in diese bitteren Verhältnisse geraten wären! Bedenkt, daß euer
einziger Trost das Vertrauen zu Mir ist! Auch Ich hatte Vertrauen, als Ich im
Garten von Gethsemane im Drange Meines größten Leidens, welches Ich dort als
Mensch fühlen mußte, und bat: „Vater, nimm den bittern Kelch von Mir!“ Und doch
wurde der Kelch nicht von Mir genommen, sondern Ich mußte ihn leeren bis zum
letzten Tropfen! Bedenkt, daß Ich dort sagte: „Nicht Mein, sondern Dein Wille,
o Vater, geschehe!“
[PH.01_024,34] Was Ich einst ausrief, worauf
Ich Mich willig in Mein Schicksal ergab, das möge auch euer einziger Trost und
Leitstern auf eurer irdischen Lebensbahn sein!
[PH.01_024,35] Ja, bittet! Bittet in Meinem
Namen, fleht inbrünstig zu Mir! Das Flehen gibt euch Trost, gibt euch Frieden,
und ihr habt eure Pflicht und Schuldigkeit gegen Mich getan. Das Erfüllen oder
Nichterfüllen eurer Bitten überlaßt aber Mir! Ich sehe besser und weiter und
kann nicht alles gewähren, was blinde und unmündige Kinder wünschen. Ihr gebt
ja den Kindern auch nicht alles, was sie wollen, und warum? Weil ihr als
erwachsene Menschen klarer seht und verständiger seid. Und was kleine Kinder in
bezug auf euch sind, das seid ihr in bezug auf Mich, und noch um vieles
weniger.
[PH.01_024,36] Daher vertrauet auf Mich! Ich
weiß zu geben und zu nehmen, wann es an der Zeit ist. Meine Wege sind
unerforschlich, und oft gerade da, wo bei euch Tränen des Schmerzes im Überfluß
fließen, feiern Meine Geister und Engel ein Freudenfest.
[PH.01_024,37] Vertrauen in Meine stets
liebenden Absichten war es, was Ich einst Meinen Jüngern anriet. Dasselbe
Vertrauen möchte Ich auch in euch erwecken; denn ohne es könnt ihr keinen
Schritt vorwärts machen, ohne es müßtet ihr an eurem Schicksal verzweifeln und
bis zur Gottesleugnung gelangen. Vertrauen ist der Faden, der euch aus dem
Labyrinth des Lebens sicher hinausführt in die Hand eines liebenden Vaters, der
oft gerade da, wo Er euch am weitesten entfernt schien, am nächsten war.
[PH.01_024,38] Bittet und betet; aber
verlangt nichts Unmögliches, nichts Weltliches! Geist seid ihr, und Geist bin
Ich! Ich kann nur urteilen wie ein geistiges Wesen, und auch ihr müßt euch
angewöhnen, schon während eurer Lebenszeit das Geistige in euch dem
Weltlich-Materiellen vorzuziehen.
[PH.01_024,39] Dann gilt auch euch, was Ich
einst Meinen Jüngern sagte: „Was ihr in Meinem Namen bittet, wird euch gewährt
werden!“ Dessen mögt ihr versichert sein, zumal Ich es euch nun hier selbst
wiederholend verspreche! Amen.
25. Predigt – Am Sonntage Exaudi. Die
Verheißung des Trösters.
[PH.01_025] Joh.15,26 und Joh.16,7: „Wenn
aber der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, der
Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.“
„Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch
gut, daß ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht
zu euch; wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“
20. März 1872
[PH.01_025,01] Dieser Vers findet sich in
zwei Kapiteln des Evangeliums Johannes vor, und zwar im ersten als ein
Versprechen, daß Ich Meinen verlassenen Jüngern den Tröster, den Geist der
Wahrheit senden werde, welcher ihnen zeigen wird, daß alles wahr und richtig
war, was Ich sie lehrte, – und im zweiten als ein Hinweis, daß Mein Hingang
notwendig war, um das zu bekräftigen, was Ich ihnen von Mir und Meiner
göttlichen Sendung gesagt hatte. Denn in diesem zweiten Kapitel heißt es: „Wenn
Ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch!“ Dadurch bewies Ich
ihnen, daß Mein Hingang zum ,Vater‘ – wie Ich Mich dort ausdrückte – teils als
Schluß Meiner Mission, teils auch als Anfangspunkt der ihrigen nach Meinen
Plänen, die Ich zur Rettung der Menschen entworfen hatte, unumgänglich
notwendig war.
[PH.01_025,02] Wenn ein Meister seine
Zöglinge verläßt, ehe sie ganz reif sind, um auch ohne ihn den Lehrkurs
fortsetzen zu können, so ernennt er gewöhnlich einen Stellvertreter, der das
Weitere ausführt, was zur Vollendung des Ganzen notwendig ist. So tat auch Ich.
[PH.01_025,03] Meine Mission auf Erden oder
Mein Verweilen unter Meinen Jüngern war nur so lange von Nutzen, als sie noch
nicht ganz in Meine Lehre eingeweiht waren. Ich mußte Mein Dasein auf eurer
Erde erst mit der größten Tat der Demütigung und der Liebe beschließen, was der
praktische Teil Meiner Lehre war. Ich mußte Meinen Jüngern durch die Tat
zeigen, welche Opfer Meine Lehre und deren Erhaltung verlangt, und ihnen,
gleichsam vorausgehend, als ewiges Beispiel zeigen, was Meine rechten Jünger
auch zu ertragen imstande sein sollen, d.h. sogar ihr Leben für ihren Glauben
zu lassen, welchem Schicksal später viele von ihnen erlagen. Ich mußte ihnen
auch beweisen, durch Meine Auferstehung, wie wenig der Tod seine Macht an Mir
ausüben konnte. Damit sie sich aber in der Zwischenzeit bis zu Meiner
Himmelfahrt oder Rückkehr in Mein Reich nach dem harten Schlag, den ihnen die
Abwesenheit Meiner sichtbaren Person verursachte, recht fassen konnten, so war
es Meine eigene hohe Pflicht als ihr Meister und Lehrer, ihnen einen Ersatz für
Meinen Verlust in Aussicht zu stellen. So versprach Ich ihnen einen Tröster,
den sie sich, als Ich es ihnen sagte, wie auch später, als Ich es wiederholte,
eher als eine Persönlichkeit, denn als eine Kraft dachten.
[PH.01_025,04] Als Ich ihnen diese Worte und
manches andere sagte, waren sie noch zu sehr weltliche Menschen; sie konnten
den geistigen Sinn Meiner Worte, ja Meiner letzten, größten und tiefsten
Abschiedsworte nicht im geistigen Sinn verstehen. Deswegen sagte Ich ihnen ja
auch: „Ich hätte euch noch manches zu sagen; aber ihr könnt es nicht
ertragen!“, was mit anderen Worten sagen will: „Ich kann euch Geistiges nicht
in weltliche Begriffe verwandeln. Ihr seid zwar gläubige, aber noch unmündige
Kinder, und es muß erst die letzte Weihe über euch kommen, die euch von Kindern
zu Männern ausreift, damit ihr geeignet seid, das von Mir Gehörte zu verstehen
und es anderen so wiederzugeben, wie ihr es von Mir empfangen habt.“
[PH.01_025,05] Diese Überschattung durch
Meinen Geist machte sie zu Wiedergeborenen; denn Mein Geist vollzog diesen Akt als
Trennung des Geistigen vom Weltlichen. Das Verstandesleben hörte auf, und das
Leben des Geistes oder Herzens begann. So waren denn Meine Jünger ausgerüstet
mit geistiger Willenskraft, zu reden und zu wirken, wie es Meine Lehre
erheischte, um so dem von Mir begonnenen Erlösungswerk seine ewige Dauer zu
sichern.
[PH.01_025,06] Was in jenen Zeiten mit Meinen
Jüngern geschah, das hat sich in jedem Jahrhundert mit einzelnen, von Mir dazu
erwählten Männern erneuert. Nie mangelte es an solchen, Mir ganz Ergebenen, die
ihr Leben für ihre Überzeugung ließen. Immer gab es solche Mahner und
Auffrischer Meiner für die Menschheit so teuer bezahlten Lehre. Sie waren
bestimmt, mitten unter dem groben Mißbrauch, den man mit der Religion trieb,
die Lehre des echten und wahren Glaubens nicht in Vergessenheit geraten zu
lassen.
[PH.01_025,07] Auch in eurem Jahrhundert
mangelt es an solchen Begeisterten nicht, und jetzt, da die Menschheit sich
noch mehr ins Weltliche verirrt, jetzt, wo sich das Ende dieser Prüfungsperiode
für die Menschheit naht, vermehren sich auch die Anhänger Meiner wahren Lehre,
welche so zur Gründung Meines Reiches die ersten Bausteine liefern sollen,
damit Ich schon bei Meiner Ankunft gläubige Herzen vorfinde. Denn zum zweiten
Mal will Ich nicht tauben Ohren predigen, sondern die Dämmerung des Morgenrots
muß da sein, und die geistigen Augen Meiner Verehrer müssen schon vorbereitet
sein, das ganze Licht Meiner Liebe und Meines Erscheinens ohne Schaden ertragen
zu können.
[PH.01_025,08] Wie Ich in jenen Zeiten Meinen
Jüngern den Tröster versprach, welchen Ich ihnen senden würde, so lasse Ich
auch jetzt in jedes fromme, Mir ergebene Herz den wahren Trost einfließen, den
nur Meine Lehre, nur die wahre Religion und das wahre Glaubensbekenntnis geben
kann, welches aus Meinen Worten erhellt.
[PH.01_025,09] Jetzt ist der wahre Tröster in
den Menschen gelegt. Er erwächst aus der richtigen Befolgung Meiner beiden
Liebesgesetze, wenn sie richtig aufgefaßt, auch in diesem Sinne ausgeübt
werden.
[PH.01_025,10] Um Mein Werk zu beschleunigen,
habe Ich Mich herbeigelassen, durch direkte Mitteilungen alles klar
auseinanderzusetzen, was den Menschen, wie Meine Jünger einst sagten, zu hart
oder zu unverständlich war. Jetzt, da Meine Mitteilungen so reichlich fließen,
bin Ich eigentlich schon geistig auf eure Erde hinabgestiegen, lehre und führe
Meine Kinder tatsächlich wie einst. Es fehlt nur Meine sichtbare Erscheinung,
welche die Zweifelnden aber nur zum Glauben zwingen würde, was gegen die
Freiheit des Menschen wäre.
[PH.01_025,11] Jetzt wähle Ich wieder Meine
Jünger, die die goldene Saat Meiner Liebelehre aussäen sollen; nur habe Ich
jetzt nicht mehr nötig, sie so zu führen wie einst. In jener Zeit mußte Ich
andere Mittel anwenden, Ich mußte selbst kommen und ihnen das wirkliche Dasein
Gottes durch Meine Worte und Taten beweisen. Jetzt braucht es diese
Gewaltmittel nicht mehr; denn die Wissenschaft mit ihren Entdeckungen im
Gebiete Meiner Weltschöpfung hat den mit Geist und Herz beobachtenden Menschen
Wege genug geöffnet, Mich überall zu finden und Mein wirkliches Dasein
anzuerkennen.
[PH.01_025,12] Der Glaubenslehre parallel
läuft heutzutage die Lehre durch Überzeugung. Nur ein absichtlich blind sein
Wollender wird das Dasein eines Gottes leugnen, welches doch in allen Ecken und
Winkeln der Schöpfung, unten und oben, ja selbst in des Menschen eigenem Herzen
trotz aller Gegenbeweise besteht. Nur ein solcher Mensch wird leugnen, daß es
einen Gott, einen Gesetzgeber und – wie das hinterlassene Werk, eure Bibel, es
euch lehrt – auch einen liebenden Vater gibt, der trotz Verirrungen und
Ausschweifungen aller erdenklichen Art der Menschen stets Verzeihung statt
Vergeltung, stets Geduld statt strengen Gerichtes übt und stets das Leben und
nicht den Tod, den geistigen nämlich, verbreiten will.
[PH.01_025,13] Deshalb ist euch auch jetzt
der Tröster ins Herz gelegt, und ihr seid Herren eures Friedens und eurer Ruhe.
Ich brauche euch denselben nicht mehr zu senden, da ihr ihn schon von Mir
empfangen habt. Es ist an euch, das Empfangene gehörig in Wort und Tat
auszuüben, weil ihr dadurch zeigt, daß ihr Meine Kinder, Meine Jünger in dieser
Zeit seid.
[PH.01_025,14] Kümmert euch nicht um die
Ausschreitungen auf religiösem Gebiet, die sich jetzt überall regen! Sie sind
wohl Wecker, doch ihren Anhängern wird über kurz oder lang der Hauptfaktor, der
Tröster, fehlen, den Ich damals nur denen versprach, die Meine wahren Jünger
waren, und denen auch ihr in allem nachfolgen sollt.
[PH.01_025,15] Es mögen noch so viele
religiöse Lehrgebäude aufgebaut werden, – wer nicht zu Meinem einfachen Hause
zurückkehrt, in dem nur die Liebe, geleitet durch die Weisheit, allein thront,
dem fehlt in schweren Augenblicken der Tröster überall; denn ihm fehlt neben
dem wahren Glauben die wahre Überzeugung, ihm fehlt der Geist der Wahrheit, den
Ich einst Meinen Jüngern versprach und auch gesandt habe, und der einem jeden
zuteil wird, der Mich im Geist und in der Wahrheit begreift und im Geist und in
der Wahrheit Meine Lehre in der Tat anwendet.
[PH.01_025,16] Wahrheit gibt es, wie Ich es
euch vor kurzem bewies, nur eine. Wer dieser nicht huldigt, der hat auf Sand
gebaut. Kommen dann die großen weltlichen und geistigen Stürme, die zur
Reinigung des Geist-Seelenwesens auf dieser Erde stattfinden müssen, so wird
solch ein Haus, auf flüchtigen Weisheits- oder Verstandessand gebaut, samt
seiner Unterlage spurlos verschwinden, als wäre es nie dagewesen. Nur dasjenige
Gebäude wird feststehen, allen Stürmen trotzen und sich als einzige Wahrheit,
als einziger fester Grundbau erweisen, welches auf Mein Wort, auf das Wort des
Gottes und Schöpfers des ganzen Universums, gebaut ist; denn was ein Gott
sprach und mit solchen Opfern Seinem ganzen Geisterreich auch durch die Tat
bewies, wie Ich auf eurer Erde, das kann nicht trügen, kann nicht täuschen. Die
Getäuschten sind diejenigen, welche allen Mahnungen und Rufen aus der sicht-
und unsichtbaren Natur ihre Ohren verschließen, den Tröster in ihrem
Verstandesleben suchen, während er nur allein im Herzen zu finden ist.
[PH.01_025,17] Daher bedenkt jene Worte, die
gerade in diesen Kapiteln 15, 16 und 17 stehen, und die Ich einst zu Meinen
Jüngern gesagt habe!
[PH.01_025,18] Sie sind die wichtigsten,
gewichtigsten und tiefsten; denn sie waren die Scheideworte eures Vaters, der,
ehe Er den letzten Liebesakt vollziehen mußte, noch einen, und zwar den
Schlußstein Seines geistigen Gebäudes, welches Er auf Erden zurückließ, gelegt
hatte, dessen Bedeutung weit über die jetzige Zeit hinausragt.
[PH.01_025,19] Was Ich Meinen Jüngern
versprach als den ,Tröster‘, welchen Ich ihnen senden würde, das lag schon in
diesen, von Meinem Lieblinge Johannes aufgezeichneten Worten. Meine Jünger
verstanden sie nicht; aber ihr, die ihr jetzt schon so ziemlich geschult und
vorbereitet seid, Meine Lehre zu begreifen und zu fassen, wie Ich sie
verstanden und auch ausgeübt sehen möchte, ihr könnt in diesen hinterlassenen
Worten den Tröster finden, der euch erleuchten, erheben und stark machen kann
gegen alles Kommende, wie auch einst Mein Geist die Jünger bestärkte, um ihre
künftigen Schicksale mit der zu ihrer Mission notwendigen Seelenstärke zu
ertragen.
[PH.01_025,20] Euch erwachsen zwar solche
bitteren Momente nicht, wie einst Meinen Jüngern bei ihrem Lehramt: aber desto
mehr habt ihr zu kämpfen mit der Welt, mit ihren Annehmlichkeiten, mit euren
Mitmenschen, von denen die Mehrzahl nicht den Weg, den ihr geht, sondern gerade
den verkehrten eingeschlagen hat.
[PH.01_025,21] Euch wird es so gehen, wie Ich
es Meinen Jüngern prophezeite: „Die Welt wird euch hassen, weil ihr nicht von
ihr seid!“, d.h. weil ihr anderen Grundsätzen, anderen Prinzipien huldigt als
die Mehrzahl der Menschen; aber hier ist der Tröster euch am nächsten, der euch
für dieses kurze Prüfungsleben einen längeren, größeren, ja ewigen Genuß
entgegenhält als Lohn für ein treues Ausharren bei dem einmal festgesetzten
Wort eures Vaters, eures Jesus, der Sein irdisches Leben gab, um irdische
Geschöpfe vom geistigen Verderben zu retten.
[PH.01_025,22] Daher sei auch euch das der
beste Trost, den Ich jedem nach jeder vollbrachten guten Tat ins Herz lege, das
die beste Belohnung und die beste Beruhigung: Meinen Lehren, Meinen Worten
gefolgt zu sein, welche am Ende doch, trotz alles Weltglanzes und aller
Weltmacht, die letzten Stützen sein werden, welche den Kämpfenden als
Rettungspfeiler im großen Ozean der Weltereignisse bleiben werden.
[PH.01_025,23] Verlaßt daher den Tröster in
eurem Herzen nicht, – und Der, welcher diesen Tröster in euer Herz legte, wird
euch nicht verlassen! Das versichert euch Der, welcher schon so viel
himmlisches Brot, so viel geistigen Segen und so viel wahren Trost über eure
Häupter ausgeschüttet hat. Amen.
26. Predigt – Am Pfingstsonntage. Der Herr
und Seine Kinder.
[PH.01_026] Joh.14,23: „Wer mich liebet, der
wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm
kommen und Wohnung bei ihm machen.“
24. März 1872
[PH.01_026,01] Diesen Vers zu erklären
genügen wenige Worte; denn es ist ganz natürlich, wenn jemand für einen andern eine
Zuneigung hat und dieser noch höher gestellt und weiser ist, daß dann der erste
alles mögliche tun wird, um sich die Achtung und Liebe seines höhergestellten
Freundes oder Herrn zu verdienen. Er wird seine Zuneigung und Liebe durch Taten
zu beweisen suchen und genau nach den Lehren und Ratschlägen des
höhergestellten Freundes oder Lehrers handeln. Wenn dieses der Fall ist, so
wird die Zuneigung des einen durch die Liebe des andern erwidert, und es wird
dadurch ein geistiges Einvernehmen hervorgerufen, wie bei in Eintracht lebenden
Familiengliedern.
[PH.01_026,02] Das ist ungefähr der Sinn
dieser Worte, die Ich einst zu Meinen Jüngern sagte, und die eine Mahnung
waren, auch noch nach Meinem Hingang, nachdem kein sichtbarer Einfluß durch
Meine Worte und Taten mehr möglich war, auf dieser einmal eingeschlagenen Bahn
zu verharren und aus Liebe zu Mir Mein Wort zu halten und danach zu leben. Ich
sagte dieses Meinen Jüngern wohlweislich im voraus, weil Ich wußte, welchen
Versuchungen und Einflüssen der Welt sie bei Ausführung ihrer Mission
entgegengingen.
[PH.01_026,03] Deswegen machte Ich sie auch
auf einen Punkt aufmerksam, den sie noch nicht begriffen hatten, nämlich, daß
Ich und der Vater eins sind, und daß derjenige, der Mich sah, auch den Vater
gesehen hat; denn – wie Ich schon in einer früheren Texterklärung erwähnt habe
– sie dachten noch immer zu menschlich. Sie konnten sich eine geistige Welt,
einen geistigen Einfluß und ein geistiges, höheres Wesen, wie Ich eines bin, in
körperlicher Hülle nicht recht vorstellen. Manchmal glaubten sie wohl, jetzt
hätten sie diesen Begriff ganz richtig aufgefaßt; doch blieb ihnen diese
Stimmung nicht. Wenn sie Gefahr lief, sich ganz zu verlieren, so mußte Ich sie
auffrischen und wieder in ihrem Herzen rege machen, zumal in jener Zeit, in der
die letzten Augenblicke heranrückten, die Mir die bittersten waren und auch
ihnen die härtesten Schläge versetzten, da sie nie für möglich gehalten hätten,
was nun vor ihren Augen geschah.
[PH.01_026,04] Deswegen versprach Ich ihnen einen
Tröster und machte ihnen den Gedanken des Verlustes Meiner sichtbaren Person so
leicht erträglich wie möglich.
[PH.01_026,05] Was Ich dort zu Meinen Jüngern
sagte, das gilt auch in fernen Zeiten für alle diejenigen, die ebenfalls den
rechten Weg des Glaubens und der Liebe einschlagen; denn alle Menschen, die
Mich wahrhaft lieben wollen, bewahrheiten dieses eigentlich nur dann, wenn sie
Meine Worte halten und befolgen.
[PH.01_026,06] Das Befolgen Meiner Worte, das
Beweisen durch Taten ist erst der Probierstein, ob es den Menschen ernst ist,
Mir auf dem Wege der Demütigung und Selbstverleugnung, den Ich selbst
vorangegangen bin, zu folgen, indem sie, alle Annehmlichkeiten der materiellen
Welt dahintenlassend, den Blick nur nach dem geistigen, aber ewigen Weltreich
richten.
[PH.01_026,07] Viele gibt es auf dieser Welt,
die das Wort ,Mich lieben‘ gar nicht verstehen oder es nur so deuten möchten,
wie es ihnen bequem ist; mit diesen aber bin Ich nicht. Ich werde und kann
nicht, weder als Sohn noch als Vater, in ihren Herzen Wohnung nehmen; denn
darin ist der größte Platz den weltlichen Sorgen eingeräumt. Und es wird von
ihnen Meiner und Meiner Lehre nur dann gedacht, wenn etwa ein kirchlicher
Feiertag oder bittere Erfahrungen und Unglücksfälle sie daran erinnern, daß
neben der materiellen Welt eine geistige, und dahinter der Regierer, Erhalter
und Leiter von beiden steht, der sich trotz der Vernachlässigung von seiten der
Menschen als liebender Vater finden läßt.
[PH.01_026,08] Solchen Menschen, die Mich nur
so zur Not neben den Weltgeschäften herlaufen lassen, solchen Menschen kann Ich
freilich nicht das Versprechen erfüllen, in ihrem Herzen zu wohnen; denn sie
lieben Mich nicht, wie die Liebe zu Mir beschaffen sein sollte. Sie haben nur
eine Art von Wohlwollen für Meine Lehre und für Meine Person übrig – wobei sie
noch im Zweifel sind, ob diese besteht –, weil Ich durch Mein Wort ihnen nur
Gutes rate und ihr Bestes will. Allein, sich ganz Mir hinzugeben, Mir und
Meinen Fügungen alles aufzuopfern, so weit wollen sie ihre Liebe nicht
ausdehnen; denn da müßten sie gar vielen weltlichen Vergnügungen und Genüssen
entsagen, was nach ihrer Meinung doch nicht angeht, da man einmal in dieser
Welt sei und – wie sie sich entschuldigen – mit ihr leben müsse.
[PH.01_026,09] Diese Menschen – und es gibt
deren Millionen – haben noch einen weiten Weg von herben Erfahrungen zu machen,
bis sie zu der Einsicht gelangen werden, daß ihr so gleichsam nur Liebäugeln
mit Mir von keinem Wert und Nutzen ist, sondern daß man entweder sich Mir ganz
ergeben oder in der Folge der Welt verfallen muß.
[PH.01_026,10] Überall werden sie Ruhe und
Frieden suchen, alles anklagen, Mich, die Natur, die Verhältnisse oder das
Schicksal, wie sie es nennen werden; aber nur sich selbst werden sie als Urheber
ihres eigenen Unglücks nie erkennen wollen. So wird ihr Schicksal sein: kein
Tröster, kein Friedensstifter wird zu ihnen kommen können, weil sie nicht
begreifen, daß er nicht von außen hinein, sondern nur von innen heraus den
Frieden herstellen kann.
[PH.01_026,11] Wenn ihr jetzt die Welt stets
ärger, stets schlechter werden seht, wenn die Menschen stets unzufriedener,
stets mißmutiger, stets grausamer, stets egoistischer werden, so ist überall
der Grund der, daß niemand den eigentlichen Weg zum Frieden, zur Genügsamkeit
und zum völligen Ergeben in Meine Führung mehr erkennt. Je mehr dieses Haschen
nach flüchtigen Weltgütern und mächtigen Stellungen fortgeht, desto mehr
entfernen sich die Menschen von dem eigentlichen Quell aller besseren Tugenden,
und selbst das Wort ,Liebe‘ ist ihnen nur insofern bekannt, als es sich auf
ihre irdischen Genüsse bezieht, denen sie mit aller Hast nachjagen, und die sie
um jeden Preis erringen wollen.
[PH.01_026,12] Hier seht ihr die Quelle
vieler Selbstmorde, als Folge von Überdruß, weil das Erwünschte sich nicht
erreichen ließ. Es ist dies auch der Beweis, wie wenig in solchen Herzen von
Religion oder von dem Begriff eines ewigen, geistigen Lebens vorhanden ist, wo
Vergeltung für Gutes und Böses den Dahingeschiedenen erwartet, indem er in
solche Lagen versetzt wird, in denen er, auf sich selbst beschränkt, alles
Schlechte und Falsche aus seinem Innern ausmerzen muß, bevor er eine bessere
Stellung im Geisterreiche erhalten kann.
[PH.01_026,13] Unter solchen Menschen ist
natürlich denjenigen, welche wirklich Mir leben, Mir folgen und durch Taten Mir
beweisen wollen, daß sie Mich lieben, das Fortschreiten bedeutend erschwert,
weil sie gegen die Meinung der Mehrzahl ankämpfen müssen und, wie einst Meine
Jünger, für das Segenverbreiten nur Haß und Spott ernten.
[PH.01_026,14] Aber dieses Kämpfen, dieses
Streiten gegen den mächtigen Strom der materiellen Welt, das auch Meiner Jünger
Los war, dieses Kämpfen ist notwendig, um Meine Kindschaft zu erreichen. Denn
wenn es nicht Gott, das höchste Wesen wäre, das euch zu Seinen Kindern erziehen
will, so wäre es nach menschlichen Begriffen und Forderungen schon genügend,
wenn ihr so wie die große Mehrzahl der Menschen lebtet, d.h. wenn ihr Mir die
Ehre zollet, euch wohl die besten Lehren gegeben zu haben, es aber euch
überlassen bliebe, wie und wann ihr diese bequem mit euren weltlichen
Bedürfnissen vereinbaren wolltet.
[PH.01_026,15] Aber so habe Ich es nicht
gemeint, als Ich damals Meinen Jüngern sagte: „Wer Mich liebt, der wird Mein
Wort halten!“, und wie Ich euch auch jetzt wieder zurufe: „Wer Mich liebt, der
muß es durch Taten beweisen!“
[PH.01_026,16] Wie Meine Jünger in jener Zeit
entweder Heiden oder fanatische Juden vor sich hatten, denen sie Mein
Evangelium predigen mußten, so habt ihr jetzt ebenfalls Heiden, Ungläubige,
fanatische Buchstabenausleger und beschränkte Zeremonienreiter vor euch, von
denen die ersten gar nichts glauben, weil es ihnen so besser zusagt, und die
andern mit dem Halten des Religionskultus alles getan zu haben glauben, was sie
Mir schuldig sind.
[PH.01_026,17] Wie Ich einst Meinen Jüngern
versprach, ihnen den Tröster zu schicken, der sie führen und leiten wird, wenn
sie überall Schwierigkeiten und Hindernissen begegnen, so wird es auch jetzt
denjenigen ergehen, welche Mich im wahren Sinne lieben und Mein Wort halten
wollen.
[PH.01_026,18] Wäre dies nicht die Verheißung
Gottes, der alles Erduldete reichlich vergelten will, so wäre es entschuldbar,
wenn selbst die Eifrigsten in ihrer Mission scheiterten und die Hoffnung
verlören, auch nur den kleinsten Teil der Menschheit vom gänzlichen Verderben
zu retten. Da aber Ich als Schöpfer, Herr und Vater die Zügel der ganzen Welt
in der Hand habe, so werde Ich auch, wie Ich es Meinen Jüngern versprach, bei
denjenigen wohnen, die Mich lieben und Mein Wort halten, d.h. Ich werde ihr
Ratgeber und Führer sein. Ich werde ihnen die reifen Seelen in den Weg führen,
die durch bittere Schläge zugänglich und mürbe gemacht worden sind, welche die
Vergänglichkeit der Welt gekostet haben, und sich nach Besserem sehnen.
[PH.01_026,19] Ich werde Meine jetzigen
Jünger im Glauben und festen Vertrauen in Meine Fügungen stets mehr bestärken,
werde ihnen durch Mein Wohnen in ihren Herzen Ersatz geben für alles, was sie
Meinet- und Meiner Lehre wegen erdulden müssen, damit sie mitten im trüben
Gewirr aller menschlichen Leidenschaften die klare Fernsicht behalten und das
Ziel ihrer Aufgabe nicht aus den Augen verlieren. Daher folgt unverdrossen
Meinen Worten und Meiner Lehre!
[PH.01_026,20] Wißt ihr, warum Ich selbst nun
durch Meine Knechte und Schreiber euch Meinen Willen mitteile?
[PH.01_026,21] Der Grund, daß schon seit
mehreren Jahren Meine direkten Mitteilungen reichlicher fließen als in früheren
Zeiten, und daß Ich euch so viel Himmelsbrot gebe, wie es seit Meinem irdischen
Lebenswandel nie geschehen ist, ist der, weil gerade jetzt der Zeitpunkt sich
nähert, an dem die Welt ihren Gipfelpunkt in den Verirrungen und im Abweichen
von Meinen Schöpfungszwecken erreichen wird. Damit nun – zumal dies Meine
Wiederkunft bedingt – nicht alle Menschen verlorengehen, so habe Ich bestimmt,
daß von nun an einzelnen, wie einst Meinen Jüngern, Mein Wort und Meine Lehre
unverfälscht zukommen soll, nicht verschleiert wie in den Propheten, sondern
klar und verständlich, wie Meine Jünger es einst die Völker lehrten.
[PH.01_026,22] Dort war das Verbreiten der
Lehre schwieriger; heute aber ist durch eure Erfindung der Buchdruckerkunst das
Verbreiten Meiner Lehre bei weitem leichter, so daß überallhin, wo die Finsternis
der weltlichen Macht sich geltend machen will, der Schein Meines ewigen Liebe-
und Gnadenlichts dringen kann.
[PH.01_026,23] Ich will jetzt den Ungläubigen
die Augen öffnen und den Buchstabenauslegern Meiner Bibel den eigentlichen Sinn
erklären, damit niemand sich entschuldigen könne, als hätte er nichts davon
gewußt, und durch diese Ausrede Mich beschuldigen möchte, während doch die
ganze Schuld auf ihn selbst fallen wird.
[PH.01_026,24] Daher seid stark, ihr wenigen,
die ihr zerstreut in verschiedenen Gauen noch Meine Perlen im eigenen Herzen
bewahret! Vertraut auf Mich! Ich wohne bei und in euch, Ich werde euch führen
und nicht verlassen, solange ihr Mich liebt und Mein Wort haltet. Euch habe Ich
alles – Mein Ich, Meine Schöpfung und das Verhältnis des Menschen zu beiden –
durch viele Worte klar gezeigt. Für euch gibt es keinen Entschuldigungsgrund,
als hättet ihr es nicht gewußt. Nur das eine ist noch bei manchen von euch der
Fall, daß sie Mein Wort nicht in der größten geistigen Tiefe auffassen. Doch dazu
werde Ich euch schon Meinen Tröster und heiligen Geist in Form von bitteren
Erfahrungen und Zweifeln schicken, um auch diese letzte Schattenseite aus den
Herzen Meiner Ergebenen zu entfernen; denn wer berufen ist, einst auf andere zu
wirken, der muß in sich selbst fest sein und genau wissen, was er zu tun und
was er zu lassen hat.
[PH.01_026,25] Meine Worte sind einfach und
klar, nur dürfen nicht die Selbstliebe der Dolmetscher und falsche Ausleger
dabei sein; denn sonst würde von euch manches entschuldigt, was bei Mir nicht
vergeben werden kann.
[PH.01_026,26] Daher prüfet euch wohl!
Bedenket: Ich treibe keinen Scherz mit euch und will auch nicht, daß ihr mit
Mir nur so gelegentlich verhandelt, wie es euch gerade genehm ist!
[PH.01_026,27] Ernst ist das Leben und heilig
Meine Sache! Hinter diesem flüchtigen, irdischen Scheinleben steht ein ewiges,
wahres Leben, in dem keine Ausflüchte, keine Entschuldigungen gelten können und
dürfen; denn es ist das Reich des wahren Gottes, der nur eine Wahrheit und die
Liebe zu ihr kennt.
[PH.01_026,28] Darum befleißigt euch, Mich zu
lieben und Mein Wort zu halten! Ihr tut damit den größten Dienst euch selbst;
denn ihr erkämpft euch durch diese Liebe das ruhige Bewußtsein der edlen Tat
und eine bessere Stellung und ein leichteres Fortschreiten im Jenseits.
[PH.01_026,29] Ich bin kein strenger Richter,
kein zürnender Gott und will auch keiner sein. Ich bin – wie Ich es euch oft
gesagt habe – ein liebender Vater, ein voraussehender Hirte, der seine Schafe
auf gute Weideplätze und weit weg von jenen Gegenden führen möchte, wo Abgründe
oder sonstige Hindernisse ihrem geistigen Leben Gefahr bringen könnten.
[PH.01_026,30] Ich will nur das Gute, weil Ich
die Güte selbst bin! Ich will nur die Liebe, weil Ich die Liebe selbst bin, und
Ich will euch zu geistigen, höheren Wesen machen, weil Ich als das höchste
geistige Wesen selbst nur solche Kinder um Mich haben möchte, die Mir und
Meinem Reiche Ehre machen und ihren Frieden und ihre Freude nur in Mir suchen.
[PH.01_026,31] Dies bezeugt das Wort, das Ich
einst Meinen Jüngern sagte: „Wer Mich liebt, der wird Mein Wort halten!“
[PH.01_026,32] Haltet also Mein Wort und
macht euch Meiner Liebe würdig, und das Wort im Evangelium ist auch an euch
erfüllt! Amen.
27. Predigt – Am Dreifaltigkeitssonntage. Der
Abschied des Herrn.
[PH.01_027] Matth.28,18-20: Jesus trat zu
ihnen, redete mit ihnen und sprach: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und
auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des
Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistiges, und lehret sie halten alles,
was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der
Welt Ende!“
[PH.01_027,01] Diese Worte sagte Ich zu
Meinen Jüngern, als Ich ihnen nach Meiner Auferstehung vom Tode auf einem Berg
in Galiläa erschien. Es waren dies Worte, welche nicht Jesus, der
Zimmermannssohn von Nazareth, zu Seinen Schülern sprach, sondern es waren
Worte, die Gott der Herr alles Geschaffenen zu Seinen Kindern und einzigen
Verehrern und Gläubigen Seiner Lehre redete. Denn mit dem Kreuzestod hatte Mein
irdisches Wandeln auf eurer Erde seinen Abschluß und mit Meiner Auferstehung
Meine Göttlichkeit ihre Bestätigung gefunden.
[PH.01_027,02] Schon bei einer anderen
Gelegenheit sagte Ich zu Meinen Jüngern, daß Ich, der Sohn, und der Vater im
Himmel eins sind, und daß, wer Mich sieht, auch den Vater sieht; aber ganz
begreiflich war dieses Wort Meinen Jüngern doch nicht, weil sie Mich wohl als
einen, mit einer größeren Willenskraft als andere ausgestatteten Menschen
anerkannten, aber von ihrem Gott doch ein anderes Bild in ihrem Herzen trugen,
als daß es von ihnen mit Meiner Persönlichkeit hätte gleichgesetzt werden
können.
[PH.01_027,03] Nach Meiner Auferstehung,
einer nach menschlichen Begriffen außergewöhnlichen Tat, stieg ihre Idee von
Meiner Göttlichkeit schon etwas höher; aber erst am Himmelfahrtstag erreichte
sie ihren Kulminationspunkt, wo sie Mich für das erkannten, was Ich ihnen oft
gesagt hatte.
[PH.01_027,04] Ich muß bei diesen wenigen
Worten des Textes solche Bemerkungen vorausschicken, damit euch das Verhältnis
Meiner Jünger zu Mir in jener Zeit besser begreiflich ist, und damit ihr die
Anwendung dieser Texte auch auf euch und die jetzige und noch kommende Zeit
leichter einsehen lernet.
[PH.01_027,05] Wie dort Meine Jünger nach
Meiner Grablegung verlassen und trostlos umherirrten und über den Verlust ihres
Führers trauerten, ja selbst an Meiner göttlichen Sendung zweifelten, ebenso
ist die jetzige Menschheit – gläubig oder ungläubig – unschlüssig, ob sie etwas
glauben, oder ob sie wohl alles verwerfen soll.
[PH.01_027,06] Meine Jünger waren auch nicht
alle von gleicher Fassungskraft, nicht alle von gleichem Eifer für Meine Lehre
beseelt, nicht alle von Meiner Göttlichkeit überzeugt. Daher mußte Ich
manchmal, selbst nach Meiner Auferstehung, zu außerordentlichen Kundgebungen
greifen, um auch die Schwachen vollends zu überzeugen, daß Ich Der sei, für den
Ich Mich ausgab, und daß Meine Worte, wie Meine Lehre, nicht für sie allein,
sondern für die ganze Welt, für das ganze Geisterreich und für die Ewigkeit
bestimmt seien.
[PH.01_027,07] Wie dort, so jetzt: Auch jetzt
muß Ich durch kräftigere Handlungen in den weltlichen Wirren auf eurem Erdball
die Eingeschlafenen wecken, die Halbwachen bestärken und die Ganzwachen
beschützen, damit nicht ebenfalls Zweifel und Grübeleien den ausgestreuten
Samen an seinem Aufkommen hindern.
[PH.01_027,08] Denn seht: Wenn Ich heute auf
eurer Welt wieder sichtbar erscheinen werde, glaubt ihr denn, man wird Mich so
ohne alle weiteren Beweise für das halten, was Ich eigentlich bin? Mitnichten!
Es werden der Zweifler und Leugner, der Verfolger und Hasser genug auftreten.
Und wie in jener Zeit die Hohenpriester die römischen Soldaten bestachen, daß
sie aussagten, es wäre Mein Leichnam gestohlen worden, so werden auch bei
Meiner Darniederkunft die Vernünftler, die Gelehrten und Priester alles
aufbieten, um die Menschheit vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was Ich den
Menschen sagen werde.
[PH.01_027,09] Glaubt ja nicht, daß diese
Menge von Menschen, welche jetzt in Andacht vor den Mir gebauten Altären und
Kirchen kniet, sich so schnell mit der Idee vertraut machen wird, Ich sei
wiedergekommen, zumal wenn sie hören wird, wo Mein erstes Auftreten und wie
Meine Worte an sie gerichtet sein werden!
[PH.01_027,10] In jener Zeit, in der durch
Elementarereignisse und sonstige Wunder die Juden sich wohl hätten überzeugen
können, daß derjenige, den sie kreuzigen halfen, etwas anderes als ein
gewöhnlicher Mensch war, konnte Ich Mich nach Meiner Auferstehung doch nicht
dem ganzen Judenvolk zeigen, sondern nur Meinen Jüngern, und konnte nur den
wenigen, die wahrhaft an Mich glaubten, den tatsächlichen Beweis geben, daß die
Worte, die Ich zu ihnen oft klar, oft in Bilder eingekleidet, gesprochen hatte,
und die von der Besiegung des Todes und von Meiner Auferstehung handelten, wahr
waren.
[PH.01_027,11] Und wie in jenen Zeiten, so
wird es wieder geschehen. Nur einem kleinen Kreis Meiner wirklichen Jünger wird
es im Anfang zuteil werden, Mich als zurückkehrenden Jesus, aber auch als Gott,
Herrn und Schöpfer des Unendlichen ertragen und erkennen zu können. Diesen
werde Ich erscheinen und werde ihnen, wie einst Meinen Jüngern auf dem Berg in
Galiläa, zurufen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Gehet
hin, lehret die Völker und taufet sie, d.h. weihet sie alle ein in diese Lehre
im Namen der göttlichen Dreieinigkeit, im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes! Lehret sie aber auch halten, d.h. in Taten ausüben, was ihr
selbst als Wahres erkannt habt, und seid versichert, daß Ich bei euch sein
werde von Anfang bis in alle Ewigkeit! Amen.“
[PH.01_027,12] So wird der Ruf an die kleine
Schar ergehen, die Ich auserlesen habe zur weiteren Verbreitung Meines
göttlichen Worts, welches Ich einst als Mensch mit Meinem Blut erkauft und
besiegelt habe. So wird es geschehen, daß auch diese Neuerwählten, wie einst
Meine Jünger, als Wiedergeborene mit aller Macht von Mir ausgerüstet werden, um
ihre Worte durch Taten zu bekräftigen und Mir den Weg zu ebnen, damit Ich nur
Mir zugewandten, aber nicht entfremdeten Herzen begegne.
[PH.01_027,13] Jetzt schon ist Mein
Darniederkommen eingeleitet, indem Ich, wenn auch nicht sichtbar, doch schon
geistig einwirke, um Mir eine Anzahl Jünger zu bilden, welche die Wege ebnen
sollen. Und was die Aufgabe Meiner Jünger in jener Zeit war, was Meinen
Auserwählten damals bei Meiner sichtbaren Ankunft aufgetragen wurde, das müssen
Meine jetzigen Anhänger geistig vollführen. Auch ihnen, sowie euch allen, rufe
Ich zu: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden! Zweifelt nicht an
Meiner Liebe, an Meiner Lehre und an Meinem Versprechen, welches Ich der
Menschheit, und somit auch euch, gegeben habe; denn ich bin, war und werde
stets der Herr sein, der Seine Kinder beschützen, führen und auch für ihr
Ausharren einst belohnen wird.
[PH.01_027,14] Mir ist alle Gewalt gegeben,
Mir muß alles gehorchen, von Mir ging alles aus, und zu Mir muß alles wieder
zurückkehren. Streut Meinen Samen aus in die Herzen, welche gutes Erdreich für
solche Frucht zeigen! Vermehret Meine Anhänger, weiht sie ein in das
eigentliche Verständnis Meiner zwei einzigen Liebesgebote, damit sie das Wahre
vom Falschen unterscheiden und den Irrlehren Widerstand leisten können! Mir ist
die Macht gegeben, mit der sanftesten Liebelehre die härtesten, verstocktesten
Gemüter zu bekehren und zu erweichen.
[PH.01_027,15] Taufet eure Mitbrüder und
Mitschwestern mit dem Geist der Duldung, der Aufopferung und der Verzeihung!
Lehret sie alle die Nachsicht, wie Ich sie gegen euch und die ganze Menschheit
schon seit unendlichen Zeiten geübt habe! Lehret sie den geistigen Genüssen die
weltlichen unterordnen! Lehret sie die große, langandauernde Ewigkeit jenseits
des Grabes nicht durch eitle, nichtige Jagden nach Weltgütern verscherzen!“
[PH.01_027,16] So sollt ihr Meine Lehre als
geistigen Samen ausstreuen, damit auch ihr einen Anteil haben könnt an dem
Erneuerungswerk Meines geistigen Reichs, welches nach Meiner Ankunft auf Erden
herrschen soll.
[PH.01_027,17] So vollführt ihr geistig, was
einst Meine Apostel tatsächlich getan haben. Und wie Ich Meinen Jüngern dort in
Aussicht stellte, daß sie alle einst bei Mir sein würden, so erwerbet auch ihr
euch dieses Recht, in Meiner Nähe die Liebe und die ganze Seligkeit fühlen zu
dürfen, die denen vorbehalten ist, die Mein Wort und Meine Lehre sich so zu
eigen gemacht haben, daß sie ganz zu ihrem Ich geworden sind.
[PH.01_027,18] Seht, Ich verspreche euch
viel; aber wie einst, so sage Ich auch jetzt: Mir ist alle Macht inne! Ich bin
der Herr und Schöpfer, bin aber auch zugleich euer Vater, euer liebender, stets
nachsichtiger Vater, der nur in den Freuden, geistigen Genüssen und Seligkeiten
Seiner Kinder Seine eigenen wieder verherrlicht sieht.
[PH.01_027,19] Daher werdet ihr, wenn es
vielleicht euch allen nicht zuteil wird, Mein persönliches Erscheinen auf
dieser Welt mitzuerleben, von dorther, von wo Ich komme, Mich begleiten und mit
Wonne und Zufriedenheit Meine väterlichen Freuden mitgenießen, wozu ihr, wie es
euch euer Bewußtsein sagen wird, ebenfalls euer Scherflein beigetragen habt.
[PH.01_027,20] Dann werdet ihr Mich und Meine
Führungen preisen, wenn ihr klar erkennen werdet, wie die Worte gemeint waren,
welche Ich zu Meinen Jüngern einst sagte; denn ihr werdet Mich in Meiner ganzen
Macht, in Meiner ganzen Liebe, in Meiner ganzen Herrlichkeit sehen, wie Ich
wieder sichtbare Umkleidung wähle, um Meinen gläubigen, schon längst sich nach
Mir sehnenden Schafen der einzige und wahre Hirte zu werden. Dann wird die Erde
materiell dem Bilde der geistigen Welt auf ihr folgen; sie wird wieder zu einem
Paradiese werden, wenn der Seelenfrieden oder das geistige Eden in allen Herzen
seinen Wohnort aufgeschlagen hat.
[PH.01_027,21] Diesen Genuß und diese Feier
weiter auszumalen, ist nicht möglich; denn ihr ertraget und begreifet es nicht,
aber daß sie euch vorbehalten ist, das kann Ich euch versichern, – und Mein
Wort trügt nicht.
[PH.01_027,22] Jetzt schon bereitet sich
diese Umwandlung geistig auf eurem Weltkörper vor. Inniges Sehnen nach dem
geistigen Frühling hebt die bedrängten Herzen. Es regt sich überall. Viele
wissen nicht, wie ihnen geschieht. Die einen handeln mit, die andern ohne
vorgesetzten Zweck. Alle treibt es zu geistiger Reife; selbst die größten
Materialisten, die verstocktesten Ungläubigen und Gleichgültigen läßt es nicht
in Ruhe. Wie ein Sonnenstrahl, welcher durch eine kleine Öffnung eines
geschlossenen Fensterladens auf einen Schlafenden fällt und ihn beruhigt,
ebenso trifft dieser Liebestrahl, der Meinem Wiederkommen vorausgeht, alle. Die
einen wollen sich seiner Wirkung durch Verstandesgrübeleien entziehen. Sie
schwätzen sich selbst auf einige Zeit Ruhe ins Herz; aber es hilft nichts. Neue
Zweifel, neue ,Warum‘ steigen auf. Immer wieder regt es sich; es bewegt sie der
herrschende Geist, der schon die ganze Welt in seine Sphäre eingehüllt hat.
Vergebens ist es, diesen Geisteszwang abschütteln zu wollen. Die Verhältnisse
und Ereignisse lassen die Menschen immer mehr fühlen, daß alles, was sie als
Endziel, als Zweck ihres Lebens betrachten, nicht das Ende, nicht das letzte
Ziel ist. Unaufhaltsam drängt es sie vorwärts. In Sturmeseile geht es der Zeit
entgegen, in der Meine Darniederkunft ihnen allen beweisen wird, daß nicht
Weltliches, sondern Geistiges angestrebt werden muß, daß nicht ein kurzes
Erdenleben, sondern die lange Ewigkeit der eigentliche Aufenthalt Meiner von
Mir als Geist geschaffenen Wesen ist.
[PH.01_027,23] Unaufhaltsam drängt es dem
Schlußpunkt entgegen, wo Ich, wie einst Meinen Jüngern, Meinen neuen
Auserwählten die gleichen Worte sagen werde: Mein ist die Macht – auf der Erde,
wie im Himmel! Bereitet euch vor, Meine Kinder, wo ihr auch sein möget – hier
oder dort –, dieses Auferstehungsfest der geistigen Menschenwürde mit Mir zu
feiern; denn es ist nicht allein das größte Fest für euch Menschen, sondern
auch das wichtigste für Mein ganzes, großes Geisterreich, in welchem dieser
Schluß der Beweis sein wird, warum Ich einst auf eure kleine Erde herabstieg,
und warum Ich gerade euch unansehnliche und kleine Geschöpfe auf einem in der
Unendlichkeit herumkreisenden Sandkorn auserwählt habe, Meine Kinder zu werden.
[PH.01_027,24] Ich will wieder beweisen, daß Ich
im Kleinsten am größten bin. Wäre Mir nicht alle Macht gegeben, so könnte Ich
es nicht ausführen, wäre aber auch kein Gott, den diese Macht weit über alles
Geschaffene erhebt und selbst dem größten Engelsgeist unerreichbar ist.
[PH.01_027,25] Nehmt diese Worte, ihr kleinen
Kinder des großen Gottes, als Zeichen Seiner Liebe und erinnert euch Seiner
Worte, die Er als Jesus einst sagte: „Wer über Kleines gesetzt, es pflichtmäßig
verwaltet, dem wird einst Großes anvertraut werden.“
[PH.01_027,26] Wie Ich einst bei euch
winzigen Würmern in Meiner großen Schöpfung den größten Liebesakt vollzog, so
sollt auch ihr trachten, eben im Kleinsten, selbst bei sonst unscheinbaren
Vorkommnissen, Meine Liebesgesetze zu befolgen und sie am ehesten und
gewissenhaftesten auszuüben, damit auch ihr im Kleinsten eure größte
Seelenstärke zeigen und bewähren könnt. So seid ihr Meine würdigen Kinder, die
wert sind, einst über Großes gesetzt zu werden, wo ihr dann im Großen Frieden
und Seligkeit verbreiten könnt, wie ihr es nicht unterlassen habt, sie auf
eurer kleinen Erde bei den geringsten Verhältnissen an den Tag zu legen.
[PH.01_027,27] Dies merkt euch wohl! Weiht
auch andere in die Geheimnisse eures Herzens ein, lehrt sie ebenfalls Mein
Evangelium verstehen und begreifen, damit ihr, wie Meine Jünger, Anspruch haben
könnt, einst in Meiner Nähe die ganze Kraft der Liebe zu genießen, deren ein
göttlich-väterliches Herz fähig ist! Amen.
28. Predigt – Am 2. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom großen Abendmahle.
[PH.01_028] Luk.14,16-24: Er aber sprach: „Es
war ein Mensch, der machte ein groß Abendmahl und lud viele dazu. Und sandte
seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahles, zu sagen den Geladenen: ,Kommt,
denn es ist alles bereit!‘ Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen.
Der erste sprach zu ihm: ,Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und
ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.‘ Und der andere sprach: ,Ich
habe fünf Joch Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich
bitte dich, entschuldige mich.‘ Und der dritte sprach: ,Ich habe ein Weib
genommen, darum kann ich nicht kommen.‘ Und der Knecht kam und sagte das seinem
Herrn wieder. Da ward der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knechte: ,Gehe
aus schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und
Krüppel und Lahmen und Blinden herein!‘ Und der Knecht sprach: ,Herr, es ist
geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.‘ Und der Herr sprach
zu dem Knechte: ,Gehe aus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie
hereinzukommen, auf daß mein Haus voll werde! Ich sage euch aber, daß der
Männer keiner, die geladen sind, mein Abendmahl schmecken wird!‘“
27. März 1872
[PH.01_028,01] Dieses Gleichnis zeigt euch
Mein Streben, die Menschheit für Mich und Meine Lehre zu gewinnen, wie auch die
vorhergehenden Verse in einem Gleichnis sagen, daß Ich nicht gekommen bin, die
Gesunden, sondern die Kranken aufzusuchen und sie zu heilen. Ferner zeigte Ich
in den früheren Versen dieses Kapitels, wie ein jeder beschaffen sein soll, der
sich Mir oder Meinem Tische nähern will, daß nämlich Bescheidenheit oder Demut
die erste Eigenschaft eines Menschen sein soll, der Mir nachfolgen will. Auch
die weiteren Verse dieses Kapitels setzen klar auseinander, wie derjenige, der
Mir nachfolgen will, sein Herz von allem abwenden und nur Mir untertan sein
muß.
[PH.01_028,02] Es sollte sich daher ein jeder
fragen, bevor er sich entschließt, Mir zu folgen, ob er auch Kraft und Ausdauer
besitzt, sich stets unter jeglichen Umständen und Verhältnissen zum Banner
Meiner Liebe- und Glaubenslehre zu bekennen und dasselbe zu verteidigen. Daraus
geht hervor – was Ich euch schon oft gesagt habe –, daß Mir zu folgen, Meine
Worte zu vernehmen und auszuüben eine ernste Sache ist, die nicht leicht
genommen werden darf, weil nur die im strengsten Sinne verantwortlich, also
Sünder sind, welche das Gesetz oder Meinen Willen kennen und doch dagegen
fehlen, wenngleich ihnen ihr Gewissen davon abrät. Deswegen heißt es auch am
Schlusse dieses Kapitels: „Wer Ohren hat, der höre!“, was mit anderen Worten
sagen will: Man lasse nicht Meine Worte zum einen Ohr hinein- und zum andern
hinausgehen, sondern nehme das Gehörte wohl in sein Herz auf, überdenke es und
handle danach!
[PH.01_028,03] Um nun zum eigentlichen
Gleichnis vom großen Abendmahl zurückzukehren, müssen wir wieder, wie in den
meisten Fällen, mit der Worterklärung anfangen, wollen wir den tieferen Sinn
Meiner Rede klar vor Augen haben.
[PH.01_028,04] Ich sagte also: Es gab jemand
ein Abendmahl. Was ist nun unter einem ,Abendmahl‘ zu verstehen? – Das Wort ist
zusammengesetzt aus ,Abend‘ und ,Mahl‘. Es obliegt uns also zuerst, diese
beiden Wörter einzeln näher zu erklären, dann auf die Bedeutung des
zusammengesetzten Wortes und endlich auf seine Anwendung, wie Ich sie im
Gleichnis machte, überzugehen.
[PH.01_028,05] ,Abend‘ ist das erste Wort und
bezeichnet den letzten Teil eines Tages, wo die Arbeit aufgehört hat und man
Ruhe und Stärkung in der folgenden Nacht bis zum andern Morgen sucht. Der Abend
ist also eigentlich der Schlußstein alles Wirkens, das während des ganzen Tages
vollbracht wurde. Und wenn der Abend Ruhe und Zufriedenheit bringen soll, so
muß während des Tages natürlich alles das pflichtgemäß erfüllt worden sein, was
man sich beim anbrechenden Morgen vorgenommen hatte, auszuführen.
[PH.01_028,06] Daß der Mensch, welcher den
ganzen Tag geschafft und gearbeitet hat, sich am Abend auch danach sehnt, seine
verbrauchten Kräfte wiederzuerlangen, um am morgigen Tag seinem Lebensberuf
nachzugehen, versteht sich von selbst. Und da der Körper sowohl, als auch
indirekt die Seele durch aufgenommene Nahrung das während des Tages Verbrauchte
zu ersetzen sucht, führt das körperliche und seelische Bedürfnis die meisten
Menschen zu einem Mahl, welches, weil es am Abend eingenommen wird, eben den
Namen ,Abendmahl‘ erhalten hat zum Unterschied vom ,Mittagsmahl‘, welches,
inmitten des Tages eingenommen, denselben Bedürfnissen entspricht. Es hat
aber nicht, wie das Abendmahl, das Ausruhen und die Wiedergewinnung der
verbrauchten Kräfte zur Folge, sondern ihm folgt wieder nach kurzer Pause
tätige Beschäftigung und Anstrengung. Das Mittagsmahl ist deswegen nur mit
einem kleinen Ausruhen auf dem begonnenen Weg zu vergleichen, während das
Abendmahl, als Schluß des Tages, außer zum Ausruhen auch noch nebenbei zum
Überschauen des während des Tages Vollbrachten anregt, wobei nur demjenigen
Ruhe und Zufriedenheit wird, welcher sich mit dem ruhigen Bewußtsein an den
Tisch setzen kann, alles getan zu haben, was seine Pflicht oder sein Gewissen
forderte.
[PH.01_028,07] Hiermit hätten wir die
Bedeutung des Abendmahls, gemäß seinem tieferen Sinn, näher bezeichnet, und wir
kommen nun zur zweiten Frage, nämlich warum – wie im Gleichnis angeführt wird –
jemand Gäste zu seinem Abendmahl geladen hat.
[PH.01_028,08] Nun, hier ist wieder die
Hauptsache der geistige Sinn dieser Handlung, welcher uns zum Verständnis
dieses Bildes führt, das Ich in diesem Gleichnis Meinen Jüngern und den sonst
Anwesenden ans Herz legen wollte.
[PH.01_028,09] Das Einladen anderer, um ein
Mahl mit ihnen zu teilen, beruht auf der wichtigen Tatsache, daß der Mensch
nicht allein Körper, sondern auch Geist ist, und daß, obgleich er oft nur
Körperliches verrichtet, sein Geist und seine Seele dabei nicht vernachlässigt
sein wollen. Es ist dies einer jener tiefen Beweise für die Doppelnatur des
menschlichen Organismus, abgesehen von Meinem Gottesfunken, welchen Ich in euch
gelegt habe. Selbst die Tiere fühlen dieses Bedürfnis des Beisammenlebens und
sind nur im Sich-aneinander-Anschließen, also nur vereint, fröhlich und
zufrieden.
[PH.01_028,10] Eure klugen Materialisten
glauben, es sei die ganze Welt nur bewegt und erregt durch Kraft und bestehe
aus Stoff – zwei Dinge, die sie aber selbst nicht recht erklären können. Sie
sollten sich nur einmal bei einem einfachen Mahl selbst belauschen, dann würden
sie leichter als bei allen anderen Forschungen erfahren, daß der Mensch zwei
Seiten hat, aus Materiellem und Geistigem besteht, wobei das eine nur gedeiht
und gesund ist, wenn das andere beteiligt wird. Sie würden sich überzeugen, daß
eine Speise nur dann gedeihlich ist, wenn sie mit geistiger Nahrung, mit Liebe
vermischt ist und so den beiden Hauptelementen des menschlichen Wesens
entspricht.
[PH.01_028,11] Dieser unbewußte Drang der
meisten Menschen, auch geistige Nahrung zu sich zu nehmen, ist der Grund, warum
sie ein Mahl in Gesellschaft dem allein zu verzehrenden vorziehen, warum der
Wunsch in jedem sich klar zeigt, auch andere zu einem Mahl einzuladen, und
weshalb schon das Familienleben für die Gesellschaft bei der Mittags- und
Abendtafel sorgt.
[PH.01_028,12] Daß auch dieses Bedürfnis nach
fröhlichem Beisammensein ins Extreme ausarten kann, wobei der Mensch sein
geistiges Ich ganz vergißt oder durch Berauschung sogar verliert, das gehört
nicht in unsere Untersuchung, da Ich bloß von Menschen spreche, deren Geistiges
noch die Oberhand über das Körperliche hat. Wir übergehen also diese beiden oft
vorkommenden Fälle, in denen der geistig geschaffene Mensch, trotz seiner höheren
Bestimmung, weit unter das Tier herabsinkt.
[PH.01_028,13] Wir sind an dem Punkt
angekommen, wo wir das Abendmahl, sowie den Grund des Einladens erklärt hätten,
und können nun zur näheren Betrachtung des Gleichnisses, wie Ich es Meinen
Jüngern und den Pharisäern gegeben habe, schreiten.
[PH.01_028,14] In den vorangegangenen Versen
dieses Kapitels wird euch gezeigt, wie Ich den Pharisäern und Höhergestellten
einen kleinen Wink geben wollte, daß Bescheidenheit und nicht Stolz die Zierde
des Menschen sei. Ich erwähnte da, daß es besser sei, sich als geladener Gast
bei einem Mahle eher an den untersten als an den höchsten Platz zu begeben,
damit einem nicht die Beschämung einer Zurechtweisung begegne. Ich sagte ihnen:
„Wer sich selbst erhöht, soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt, soll
erhöht werden!“, was mit anderen Worten sagen will: Gebt nicht eurer Eigenliebe
Gehör, um zu erfahren, was für einen moralisch-geistigen Wert ihr habt, sondern
erwartet dieses Urteil von anderen, von Weiseren und Höhergestellten! So
entgeht ihr jeder Zurechtweisung; denn wer sich auf diese Art selbst richtet,
ist auch schon gerichtet.
[PH.01_028,15] Wenn Ich ihnen ferner sagte,
daß ein Mensch, wenn er jemand einladet, mit dieser Einladung möglichst auch
einen Akt der Bruderliebe verbinden soll, so tat Ich es, um ihnen zu zeigen,
daß der Mensch bei jeder Handlung, auch bei der geringfügigsten, seines hohen
geistigen Adels eingedenk sein soll. Deswegen sagte Ich ihnen: Verpflichte
nicht andere zur Erwiderung eines Liebesdienstes; denn wurde dir ein solcher
vergolten, so hört die Wirkung deiner guten Tat auf, gleichsam als hättest du
keine getan. Darum handle so – wenn auch Undank dein Lohn sein sollte –, daß
der Empfänger einer Wohltat sie dir nie oder höchstens schwach vergelten kann!
Damit zeigst du, daß du höheren Grundsätzen als bloß weltlichen Interessen
gefolgt bist.
[PH.01_028,16] Die Folgen dieser Einladungen,
wie Ich sie im Gleichnis anführte, daß ein jeder geladene Gast mit Ausreden
sich entschuldigte, sollten Meinen Zuhörern zeigen, wie wenig Dank und
Anerkennung man erhält, wenn man Wohltaten und Begünstigungen an solche
austeilt, die ihrer nicht bedürfen. So sah sich der, welcher das Abendmahl
geben wollte, gezwungen, um es nicht umsonst bereitet zu haben, seinen Knecht
nah und fern auf die Straßen zu schicken, um alle Armen, Lahmen und Durstigen
zum Mahl zu sammeln, damit es nicht verlorenginge.
[PH.01_028,17] In diesem Falle hat der
Hausherr freilich keinen Akt der Menschen- oder Nächstenliebe ausgeübt – denn
seine ursprüngliche Absicht war es nicht, solche Gäste an dem Tisch zu haben –;
aber die Not zwang ihn zu solchem Schritt. Es hat ihm aber in der Folge zur
Regel gedient, die geistigen Verhältnisse der Menschen mehr zu berücksichtigen
und nicht mehr nach weltlichen Glücksgütern den Wert oder Unwert seines
Nebenmenschen abzuwägen.
[PH.01_028,18] Dieses und noch mehr ließe
sich aus diesem Kapitel erklären, da ein jedes Wort aus Meinem Munde
Unendliches enthält. Wir wollen aber damit abbrechen und uns zu der Erklärung
wenden, inwiefern dieses Gleichnis auf die jetzige Zeit oder auf die Menschheit
überhaupt anwendbar ist, damit ihr einen geistigen, bleibenden Nutzen daraus
ziehen könnt.
[PH.01_028,19] Das große Abendmahl, welches
Ich der Menschheit gesonnen bin in Bälde zu geben, läßt sich aus allem
Vorhergehenden leicht erklären. Ich lade und habe schon längst die ganze
Menschheit zu diesem Mahl eingeladen, bei dem sie nach getaner Arbeit,
zufrieden mit sich selbst, des vollbrachten Lebenswandels sich freuen soll und
dann, nach der geistigen Ruhe, getrost dem neuen, anbrechenden Morgen eines nie
endenden Tages entgegensehen kann.
[PH.01_028,20] Doch wie es dem Hausherrn im
Gleichnis erging, so ergeht es auch Mir. Vor lauter Weltgeschäften
entschuldigen sich die meisten und verschmähen oder scheuen Meine Tafel, auf
der Mein geistiges Himmelsbrot der Liebe, Demut, Sanftmut und des unbedingten
Vertrauens aufgetischt werden soll. Und warum? Weil sie auf ihrem ganzen
Lebenswandel gerade den entgegengesetzten Neigungen gehuldigt haben.
[PH.01_028,21] So wird auch Mir nichts
anderes übrigbleiben, als Meine Knechte und Diener, die Mir treu geblieben
sind, in alle Welt hinauszuschicken, um unter den Armen, Krüppelhaften und
Lahmen Tischgäste zu suchen, die auf ihrer Lebensbahn genug Gelegenheit hatten,
wenn nicht Liebe, so doch Duldung und Sanftmut gegen ihre Mitbrüder auszuüben.
Dadurch, daß ihnen weltliche Glücksgüter zum Teil unbekannt waren, oder daß sie
wenig von ihnen genießen konnten, sind sie duldsamer und leichter zugänglich
geworden und genießen die auf Meinem Tisch aufgesetzten Speisen mit Freuden, da
ihnen in ihren körperlichen und seelischen Leiden dieses Abendmahl, am Ende
einer mühsam durchwanderten Lebensbahn, doch wenigstens das Ende aller ihrer
Duldungen und Entbehrungen ist.
[PH.01_028,22] Das ,Lahme‘ und ,Krüppelhafte‘
muß auch auf das geistige Seelenleben bezogen werden, da es doch bei weitem
mehr geistige Krüppel gibt als körperliche. Auch ihnen wird geholfen werden, weil
sie – verwahrlost, aber nicht verdorben – die reine, wahre, geistige Kost eher
annehmen werden als jene, die in ihrem Eigendünkel sich aufgeklärt wähnen und
glauben, keiner Belehrung zu bedürfen. Es wird ihnen bei Meinem Abendmahl
ebenso ergehen wie den Juden, zu denen Ich einst, als sie Meine Worte nicht
annehmen wollten, sagte, daß es ihnen entzogen und den Heiden gegeben werde.
[PH.01_028,23] So wird denn das große
Abendmahl vor Meiner Wiederkunft die Würdigen von den Unwürdigen scheiden. Den
einen wird der Weg zu Mir bedeutend verkürzt, während die anderen, auf lange
zurückgewiesen, sich selbst überlassen werden, bis es auch in ihnen tagt. Erst
wenn sie den ganzen Tag fleißig gearbeitet, gekämpft und gelitten haben, dann
erst, nach langen Zeiträumen, ist auch bei ihnen ein Abendmahl möglich.
[PH.01_028,24] Auch jenes Abendmahl, welches
Ich vor Meinem Hingang mit Meinen Jüngern hielt, hatte denselben Zweck, den die
Auslegung dieses Gleichnisses euch sagt.
[PH.01_028,25] Während Meines Erdenwandels
lud Ich das ganze Judenvolk, die Heiden und jeden, der Mich hören wollte, ein;
allein die meisten entschuldigten sich, und es blieben Mir nur die Schwachen
und Verwahrlosten übrig, die – obwohl nicht mit Glücks-, so doch mit vielen
Geistesgütern gesegnet – eher reif waren, Mein Brot, Meine Lehre in alle Welt
auszutragen.
[PH.01_028,26] So seid auch ihr jetzt in den
gleichen Verhältnissen. Noch hat kein Richter, kein Hochgestellter sich
gemeldet, an Meine Tafel zu treten, auf der Ich ihm die Speisen einer großen
Geisteswelt auftischen könnte. Sie wenden sich alle weg von Mir, und nur jene
Hartgeprüften und von der Welt halb Verlassenen sind es, die Meinem Wort Gehör
geben. Aus denen werde Ich auch Meine Arbeiterschar bilden, die für Mich auf
den Landstraßen und hinter den Hecken die noch in stärkerem Grad Krüppelhaften
und Bedürftigen suchen soll. Solche sind am leichtesten fürs Himmelreich zu
gewinnen. Sie sind am leichtesten zu einem kindlichen Sinne und zum Vertrauen
auf Mich zu führen, weil in ihnen während ihres Lebens nie der stolze
Mannessinn erwacht ist, der gewöhnlich bei jenen zu finden ist, die durch Güter
der Welt eine Stellung erhalten haben, in der sie glauben, das Geistige
entweder verleugnen oder ganz entbehren zu können.
[PH.01_028,27] Nehmt auch ihr dieses Beispiel
und Gleichnis aus Meinen Lehrjahren als Fingerzeig dafür, daß ihr erstens jeder
Handlung einen geistigen Stempel aufdrücken sollt, und zweitens, daß ihr nur
durch Liebe, Sanftmut und Geduld wieder Liebe, Zu- und Vertrauen erwecken könnt!
Trachtet danach, daß Ruhe und Zufriedenheit euer Mahl würze und ihr nicht mit
Angst und Bangen dem großen, heranbrechenden Morgen des ewigen Liebereiches
entgegensehet, wenn euer Lebenstag abgelaufen ist und ihr euch zur Rechenschaft
begebt! Handelt also alle Tage so, als müßtet ihr heute von dieser Erde
scheiden! Zieht euer Gewissen jeden Abend zur Rechenschaft und fragt euch:
„Wäre ich bereit, wenn jetzt der Herr, mein Gott, mich zum Abendmahl laden
würde?“ – Nur so könnt ihr, alle Tage etwas verbessernd, langsam aber sicher
euer Seelenhaus ausbauen, damit es dem Äußern wie dem Innern gemäß das Haus
einer von Mir durch Meinen göttlichen Funken geadelten Seele werde, welche
einst wert sein wird und mit Recht Anspruch darauf hat, Mein Kind, ein Kind des
Herrn der ganzen Schöpfung, genannt zu werden.
[PH.01_028,28] So seht ihr jetzt, wie Ich
euch helfe, durch jeden Text, durch jeden Vers euer Inneres zu vergeistigen und
zu veredeln, damit ihr, vorerst selbst als Werkzeug tüchtig, Mir einst dienen
könnt – und zwar mit Erfolg – zu der hohen Aufgabe, die Ich mit euch im Auge
hatte, als Ich es zuließ, daß ihr, aus so vielen bevorzugt, die Gnade genießt,
von Mir durch direkte Mitteilungen für Meinen Zweck und fürs große Geisterreich
erzogen zu werden.
[PH.01_028,29] Merkt euch dieses! Ich kann es
euch nicht oft genug wiederholen: Harret aus! Das Ende wird euch belehren, daß
Meine Worte nicht Worte der Vergänglichkeit, sondern Worte der Ewigkeit sind,
wie Ich selbst ewig war, bin und sein werde! Amen.
29. Predigt – Am 3. Trinitatissonntage. Vom
verlorenen Schafe.
[PH.01_029] Luk.15,3-32: Er sagte aber zu
ihnen dies Gleichnis und sprach: „Welcher Mensch ist unter euch, der hundert
Schafe hat, und wenn er deren eines verliert, der nicht lasse die
neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlornen, bis daß er's finde?
Und wenn er es gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und
wenn er heimkommt, ruft er seinen Freunden und Nachbarn und spricht zu ihnen:
,Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war!‘ Ich
sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße
tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.
[PH.01_029] Oder welches Weib ist, die zehn
Groschen hat, so sie der einen verlieret, die nicht ein Licht anzünde und kehre
das Haus und suche mit Fleiß, bis daß sie ihn finde? Und wenn sie ihn gefunden
hat, ruft sie ihren Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: ,Freuet euch mit
mir; denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte!‘ Also
auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder,
der Buße tut.“
[PH.01_029] Und er sprach: „Ein Mensch hatte
zwei Söhne. Und der jüngste unter ihnen sprach zu dem Vater: ,Gib mir, Vater,
das Teil der Güter, das mir gehört!‘ Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht
lange danach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen und zog ferne über Land;
und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen. Da er nun all das Seine
verzehret hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbige ganze Land, und er
fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger des Landes; der
schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch
zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm. Da schlug er
in sich und sprach: ,Wieviel Taglöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle
haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater
gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir
und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem
deiner Taglöhner!‘ Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber
noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und
fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: ,Vater, ich
habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert,
daß ich dein Sohn heiße.‘ Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: ,Bringet
das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an
seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästetes Kalb her und
schlachtet's! Lasset uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot
und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.‘ Und
sie fingen an fröhlich zu sein. Aber der älteste Sohn war auf dem Felde. Und
als er nahe zum Hause kam, hörte er das Gesänge und den Reigen. Und er rief zu
sich der Knechte einen und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: ,Dein
Bruder ist gekommen, und dein Vater hat ein gemästetes Kalb geschlachtet, daß
er ihn gesund wieder hat.‘ Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da
ging sein Vater heraus und bat ihn. Er aber antwortete und sprach zum Vater:
,Siehe, so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten;
und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich
wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren
verschlungen hat, hast du ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet.‘ Er aber sprach
zu ihm: ,Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist
dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder
war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder
gefunden!“
30. März 1872
[PH.01_029,01] Dieses ganze Kapitel Meines
Evangelisten Lukas handelt vom Verlorenen und von der Freude des Wiederfindens.
[PH.01_029,02] Es wurde den anwesenden
Schriftgelehrten und Pharisäern in drei Gleichnissen erläutert, warum Ich nicht
die Gesunden, sondern die Kranken, nicht die Guten und Gerechten, sondern die
Sünder aufsuchte.
[PH.01_029,03] Um auch diese Gleichnisse im
wahren Sinn aufzufassen, müssen wir – wie bei den meisten Texten – die
wichtigsten Worte in denselben etwas näher erklären; denn obwohl ihr eine
Sprache habt und euch ihrer Worte zum Ausdruck eurer Gedanken bedient, so muß
Ich euch offen sagen, daß ihr von allen gebrauchten Worten die tiefe Bedeutung
nicht versteht. Und so muß Ich sowohl als Belehrer und Erklärer Meines Evangeliums,
wie auch als Sprachlehrer bei euch auftreten.
[PH.01_029,04] Hier in diesen drei
Gleichnissen – vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen
Sohn – ist zu erklären:
[PH.01_029,05] Erstens: Was heißt ,verloren‘?
[PH.01_029,06] Zweitens: Warum sehnt man sich
so sehr danach, das Verlorene wiederzufinden?
[PH.01_029,07] Und drittens: Warum hat man
eine solch außerordentliche Freude über das Wiedergefundene, eine Freude, die
oft bei weitem größer ist als die über das vielleicht Wertvollere und
Wichtigere, das man noch im Besitz hat?
[PH.01_029,08] Seht, diese drei Fragen müssen
zuerst erörtert werden, ehe wir zur geistigen Erklärung und zur geistigen
Anwendung auf euch, auf das ganze Menschengeschlecht, ja auf die ganze
sichtbare Schöpfung schreiten können; denn wenn man um etwas fragt, so muß man
erst genau und klar die Bedeutung der Frage und deren Wert kennen, indem
dadurch die Antwort schon halb gegeben ist.
[PH.01_029,09] So wollen wir nun systematisch
mit der ersten Frage beginnen, welche heißt:
[PH.01_029,10] Was bedeutet das Wort
,verloren‘?
[PH.01_029,11] Seht, dieses Wort bezeichnet
den Gedanken, welcher denjenigen überkommt, der etwas ihm Gehörendes oder
Wertes, sei es eine Person oder eine Sache, seinem Wirkungskreise entrückt sieht
und nicht mehr einen Gebrauch davon machen oder einen Genuß davon haben kann!
Verloren ist jedes Ding, welches einer andern Bestimmung, einer andern Richtung
als der ihm zugewiesenen gefolgt ist.
[PH.01_029,12] Wenn nun diese Bedeutung so
tief in das Seelenleben des Menschen eingreifen kann, so entsteht daraus die
zweite oben angeführte Frage, welche heißt:
[PH.01_029,13] Warum sehnt sich der Mensch so
sehr nach dem Verlorenen?
[PH.01_029,14] Die Antwort darauf lautet:
Weil die Seelenruhe des Menschen durch den Verlust gestört worden ist und der
Mensch sich danach sehnt, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. So hat das
Verlorene für den Besitzer eigentlich einen geistigen Wert, der oft bei weitem
größer ist als der materielle Wert desselben.
[PH.01_029,15] Der Mensch sehnt sich also
danach, das Verlorene wieder in seinen Besitz, in seine Wirkungssphäre zu
ziehen. Er wird sich beim Fund freuen, weil das Mangelnde wieder an seinen
früheren Platz und an seine Stelle gelangt und er es wieder der Bestimmung zuführen
kann, welche er für die beste erachtet hatte.
[PH.01_029,16] Aus diesem Sehnen entsteht der
Eifer des Suchens oder die Anwendung aller möglichen Mittel, um sich wieder in
den Besitz des Verlorenen zu setzen, eine Tätigkeit, welche oft mit Mühseligkeiten
und Anstrengungen verbunden ist, daraus sich dann von selbst die dritte Frage
löst, welche heißt:
[PH.01_029,17] Warum freut man sich des
Wiedergefundenen mehr als dessen, was man schon im Besitz hat? Das läßt sich
leicht erklären. Weil nämlich das Wiederfinden, resp. das Suchen, Mühe kostet
und diese Anstrengung durch den Erfolg des Findens belohnt wurde!
[PH.01_029,18] Da nun aber eine Freude –
welche auch immer – erst dann zur rechten Freude wird, wenn man sie mit anderen
teilen kann, so sind eben diese angeführten Gleichnisse auch deshalb
beachtenswert, weil sie auch diesen Seelengenuß nicht vergessen, sondern ihn
mit erwähnen. Ebenso ist in diesen drei Gleichnissen, die Ich aus verschiedenen
Lebensverhältnissen wählte, auch der Schmerz über etwas Verlorenes jedem Bild
entsprechend ausgedrückt.
[PH.01_029,19] Voran geht der Vergleich mit
einem Hirten, der ein verlorenes Schaf sucht. Dieses Gleichnis wendet sich
gegen den Einwurf, daß Ich die Gesellschaft der in den Augen der
Schriftgelehrten und Pharisäer mit Sünden behafteten Leute aufsuchte.
[PH.01_029,20] Was ist ein Hirte?
[PH.01_029,21] Seht, ein Hirte ist ein
Mensch, dem eine gewisse Anzahl von Tieren anvertraut ist, die er auf die
rechten Weideplätze führen und im Notfall vor allen Gefahren schützen soll. Der
Hirte ist eben wegen dieses Auftrags seinem Herrn verantwortlich, daß keines
seiner ihm anvertrauten Tiere Schaden leide, und daß sie stets genügend Futter
haben, wozu der Hirte die geeigneten Plätze auszuwählen hat.
[PH.01_029,22] Wenn Ich mit Sündern aß und
auf diese Weise bewies, daß Ich eben die Kranken gegenüber den Gesunden, die
keines geistigen Arztes bedurften, bevorzugte, so war gerade dieses Gleichnis
vom verlorenen Schafe am besten geeignet, Meinen Jüngern den Grund Meines
Verhaltens einleuchtend zu machen; denn ein verlorenes, verirrtes Schaf ist –
bildlich gesprochen – ebenfalls wie ein nichtbekehrter, nicht geistig geführter
oder kranker Mensch.
[PH.01_029,23] Wie ein verirrtes Schaf
Unglücksfällen ausgesetzt ist, Raubtieren zur Beute fallen oder in Abgründe
stürzen kann, welche Gefahren zu beurteilen es oft nicht imstande ist, ebenso
läuft ein verirrter, geistig kranker Mensch, der – von der Welt verführt – von
seiner geistigen Bestimmung nichts weiß, Gefahr, seine eigentliche Bestimmung
als Glied eines zukünftigen, ewigen Reiches ganz zu verfehlen, um erst nach
langen Zeiträumen durch große Leiden und bittere Erfahrungen dahin zu gelangen,
wohin Ich ihn auf dem kürzesten Wege führen wollte.
[PH.01_029,24] Ich sagte: Der Hirt ist
verpflichtet, seine Schafe auf gute Weideplätze zu führen, und dies war ja auch
Meine Pflicht, als Ich es unternahm, die Menschen von den Abwegen, auf welchen
sie sorglos wandelten, wieder auf den wahren Lebenspfad, zu ihrer eigentlichen
geistigen Bestimmung zurückzuführen.
[PH.01_029,25] Das Beispiel vom Hirten führte
Ich deswegen an, weil es erstens den Menschen in jener Zeit am leichtesten
begreiflich war, und weil es Meinem Berufe als Menschensohn am besten glich,
indem Ich, die auf Erden herabgestiegene Weisheit, Meinem Vater die verlorenen
Kinder, wie verlaufene Schafe eines Hirten, wieder zurückzubringen suchte.
[PH.01_029,26] Wie die Freude eines Hirten
groß ist, der nach langem Suchen und Umherirren sein verlorenes Schaf, das ihm
anvertraute Gut, wiederfindet, so ist auch Meine Freude groß über eine
wiedergefundene Seele.
[PH.01_029,27] Um diesen Vergleich aber noch
deutlicher zu machen, so wählte Ich das zweite Gleichnis, welches von einem
Weibe erzählt, das einen Groschen verlor und alles aussuchte, um ihn
wiederzufinden.
[PH.01_029,28] Ich wußte wohl, welchen Wert
die Pharisäer und Gelehrten aufs Geld legten, und so war dies emsige Suchen des
Weibes – eben ihrer eigenen Denksphäre entnommen – ihnen leicht begreiflich.
Man kann ja auch um eine kleine Münze besorgt sein und so lange suchen, bis sie
gefunden ist!
[PH.01_029,29] Ich folgte noch anderen
Gründen, als Ich ihnen das Gleichnis vom verlorenen Schaf als seelischem Wesen
zuerst, dann den Verlust materiellen Gutes von vermeintlichem Wert und endlich
den Verlust der geistigen Würde im verlorenen Sohn zuletzt vortrug. Ich wollte
ihnen damit sagen, daß seelische Verluste leicht, materielle schwerer und
geistige am schwersten zu ersetzen sind.
[PH.01_029,30] Denn bei ersteren kann durch
Umstände und Verhältnisse der Verirrte von seinen falschen Ansichten abgebracht
werden, worauf er wieder den rechten Weg zu gehen anfängt. Materielle Verluste
aber üben gewöhnlich einen solch starken Druck auf die Seele aus, daß sie im
Vertrauen zu Mir wankt, ja ganz verzweifelt und wegen des gewohnten Lebens
alles mögliche aufbietet, um die weltlichen Genüsse wiederzuerlangen. Das von
Mir erwähnte Weib hätte sich mit den übrigen neun Groschen zufriedenstellen
können; allein, der verlorene Groschen war ihr so ans Herz gewachsen, daß sie
lieber alles durchstöberte, um ihn zu finden.
[PH.01_029,31] Daß Ich auch bei diesem
Gleichnis nicht den materiellen Hergang, sondern nur das Geistige im Auge
hatte, ist natürlich. Deshalb sagte Ich auch bei der Wiederfindung des
verlorenen Groschens, als das Weib den Fund allen Nachbarinnen und Freundinnen
mitteilte, daß im Himmel eine ebensolche Freude sein werde über einen Sünder,
der Buße tut, d.h. über eine vom Untergang gerettete Seele.
[PH.01_029,32] Was das dritte Gleichnis, das
vom verlorenen Sohn, betrifft, so hatte Ich Meine Zuhörer nun schon so weit in
den Bereich Meiner geistigen Auffassung gezogen, daß Ich ihnen als größtes und
letztes Beispiel eine Erzählung geben konnte, in welcher es sich nicht um
materiellen Verlust, sondern um den Verlust der geistigen Würde eines Menschen
handelt, welcher, uneingedenk seines eigenen Wertes, nur der Welt und ihren
Genüssen fröhnt, alle anderen Bande, die ihn an Haus und Familie knüpften,
zerreißt und in die Welt hinausstürmt, allen Leidenschaften die Zügel lassend,
bis er, ermattet und geistig vernichtet, im größten Unglück erst die Tiefe des
Abgrundes erkennt, in den er sich freiwillig stürzte.
[PH.01_029,33] Im ersten Beispiel war es ein
Hirte, der ein tief unter ihm stehendes Wesen, ein Schaf, vom Verderben
rettete, indem er es wieder zu den Seinen brachte. Im zweiten Fall war es ein
Weib, welches, ihr materielles Gut wiederfindend, sich glücklich schätzte. In
beiden Fällen ist nur Weltliches als Beispiel benützt. Im dritten Gleichnis
kommt aber zu all diesen möglichen Verlusten noch die Vaterliebe hinzu, die
einen noch größeren und wertvolleren Verlust erleidet. Dieses Gleichnis war in
bezug auf Mich, als den Vater aller Kreaturen, am ehesten anwendbar, weil in
ihm die Reue einer verlorenen Seele auf der einen Seite und die nie versiegende
Barmliebe eines liebenden Vaters mit all ihren Folgen auf der andern Seite
bildlich dargestellt ist.
[PH.01_029,34] Das Beispiel vom verlorenen
Sohn war, dem menschlichen Leben entnommen, das allerwichtigste, weil Ich darin
Meinen Zuhörern neben den Banden der Familie zeigte, wie ein Vater sein sollte,
und wie es leider bei ihnen die wenigsten waren. Ich wollte ihnen an der Freude
des Vaters über den zurückgekehrten Sohn zeigen, wie groß erst die Freude bei
dem Schöpfer aller Wesen sein werde, wenn Er die Menschen, die Er frei in die
Welt hinausstellte, dann freiwillig wieder zu sich zurückkehren sieht. Daß über
einen solchen Zurückkehrenden die Freude in Meiner Geisterwelt noch größer ist
als im Familienleben bei der Heimkehr eines längst vermißten Familiengliedes,
konnte Ich ihnen in diesem Gleichnis dadurch begreiflich und verständlich
machen, daß Ich bildlich von dem Feste sprach, das der Vater zur Wiederkehr
seines schon längst tot geglaubten Sohnes anordnete.
[PH.01_029,35] So waren diese Gleichnisse
drei Bilder aus dem Menschenleben, welche nicht nur in jenen Zeiten zu finden
waren, sondern sich stets wiederholen und auch bei euch zu finden sind.
[PH.01_029,36] Um die verlorenen Schafe und Söhne
wieder zu retten, die ersteren selbst heimzuführen und die letzteren zur
freiwilligen Umkehr zu bewegen, scheue Ich keine Mühe. Mahnungen, Bedrängnisse
aller Art, Krankheiten und Todesfälle sollen ihnen fortwährend vor Augen
halten, daß es noch eine andere Welt als die eben sichtbare gibt. Nichts
unterlasse Ich, und selbst die gesamte Schöpfung ist ja ein Beispiel dafür, auf
welche Weise der verlorene Sohn nach und nach zu mir, seinem Schöpfer und
Vater, wieder zurückkehren muß. Schon seit Äonen Zeiträumen, geht dieser Prozeß
auf anderen Welten vor sich. Auf dieser eurer Erde naht er sich bald einem
Abschlusse. Dadurch wird ein großer Schritt vollendet sein, damit das gebundene
Geistige sich leichter und schneller entwickeln kann, um zu der Bestimmung zu
gelangen, zu welcher Ich diesen Erdball und seine Bewohner auserwählt habe.
[PH.01_029,37] Alles im ganzen Universum muß
sich vergeistigen, muß aufwärtsschreiten; aber ihr Menschen, deretwegen Ich
selbst zur Erde kam, habt eine größere Mission als Millionen anderer Geister
auf anderen Welten vor euch; denn nicht ohne Grund und Zweck wählte Ich eure
Erde und auf ihr Meine eigene Demütigung als Beispiel für Mein ganzes
Geisterreich.
[PH.01_029,38] Deswegen seid ihr auch alle
hier mehr von Versuchungen umgeben, weil der Preis eurer künftigen Existenz ein
größerer ist als der vieler, auf anderen Welten lebender Wesen, welche langsam
ihren Läuterungs- und Verwandlungsprozeß durchmachen, während ihr, mit dem
großen Licht Meines Worts und Meines Beispiels ausgerüstet, bei starkem Willen
in kurzer Zeit dahin kommen könnt, wohin andere Wesen erst nach undenklichen
Zeiträumen gelangen. Hier auf dieser kleinen Erde muß der Vergeistigungsprozeß
schneller vor sich gehen. Es sind nun alle Mittel vorhanden und alle Anordnungen
getroffen, daß die Menschen, so wie sie sich selbst, ihre Seele und durch sie
ihren Körper vergeistigen, auch rückwirkend die in finsterer Materie gebundenen
Geister zum schnelleren Fortschreiten antreiben; denn für grob gebaute Seelen
ist eine grobe, starre Materie, für feinere, geistig entwickelte Wesen auch
eine leichtere Unterlage nötig. So wie sich also die Menschheit vergeistigt, so
folgt ihr Schritt für Schritt auch ihre Welt nach, die ihr als Wohnort
angewiesen ist.
[PH.01_029,39] Daher beeilt euch, zu diesem
Vergeistigungsprozeß euer Möglichstes beizutragen! Fangt bei euch selbst an;
denn je mehr ihr selbst das Weltliche entbehren könnt, desto mehr vergeistigt
sich euer Inneres! Dieses leuchtet endlich durch die äußere Form hindurch und
bildet damit eine Abspiegelung des inneren Gehaltes.
[PH.01_029,40] Dieses Fortschreiten, je mehr
es sich vorerst bei einzelnen, später bei vielen kundgibt, wird die große
Lösung Meiner geistigen Frage herbeiführen, wo Ich dann, als der eine Hirte,
euch alle als Meine Schafe auf den fetten Triften des Himmelslichtes alles
Geistige empfangen lassen werde, das ein liebender Vater euch seit Äonen von
Zeiten vorbereitet hat.
[PH.01_029,41] Sorgt daher, diesem Zweck
soviel als möglich nachzukommen! Gedenkt der Freude der Geister und Wesen, die
an eurem Schicksal Anteil nehmen! Und wenngleich Leiden und Kämpfe aller Art
dieses Fortschreiten begleiten müssen, so ist doch das Endziel aller dieser
Mühen wert. Die eigene Freude, alle Mühen überstanden zu haben, die Freude der
mit euch Jubelnden im Jenseits, die Belohnung mit Meiner ewigen Vaterliebe und
die ewig dauernde Steigerung von Seligkeit zu Seligkeit, von Genuß zu Genuß,
werden euch die leichten Unbilden eines kurzen Probelebens vergessen machen.
[PH.01_029,42] Daher folgt dem Hirten und
verirrt euch nicht wieder auf andere Wege, nachdem Er sich so viele Mühe
gegeben hat, euch den rechten Weg zum ewigen Leben und zu Seiner Kindschaft zu
zeigen! Amen.
30. Predigt – Am 4. Trinitatissonntage. Der
reiche Fischzug.
[PH.01_030] Luk.5,1-11: Es begab sich aber,
da sich das Volk zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes (und er stand am See
Genezareth und sah zwei Schiffe am See stehen; die Fischer aber waren
ausgetreten und wuschen ihre Netze), da trat er in der Schiffe eines, welches
Simons war, und bat ihn, daß er's ein wenig vom Lande führte. Und er setzte
sich und lehrte das Volk aus dem Schiffe. Und als er hatte aufgehört zu reden,
sprach er zu Simon: „Fahre auf die Höhe und werfet eure Netze aus, daß ihr
einen Zug tut!“ Und Simon antwortete und sprach zu ihm: „Meister, wir haben die
ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich das
Netz auswerfen.“ Und da sie das taten, beschlossen sie eine große Menge Fische,
und ihr Netz zerriß. Und sie winkten ihren Gesellen, die im andern Schiffe
waren, daß sie kämen und hülfen ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide
Schiffe voll, also daß sie sanken. Da das Simon Petrus sah, fiel er Jesu zu den
Knieen und sprach: „Herr, gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch.“
Denn es war ihn ein Schrecken ankommen und alle, die mit ihm waren, über diesen
Fischzug, den sie miteinander getan hatten, desgleichen auch Jakobus und
Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gesellen. Und Jesus sprach zu Simon: „Fürchte
dich nicht; denn von nun an wirst du Menschen fangen!“ Und sie führten die
Schiffe zu Land und verließen alles und folgten ihm nach.
1. April 1872
[PH.01_030,01] In diesem Kapitel handelt es
sich nicht um Gleichnisse und Bilder, in denen viel Geistiges verborgen liegt,
sondern Lukas erzählt euch von der Gewinnung eines Meiner eifrigsten Jünger,
des Petrus, früher Simon genannt, und seiner Mitarbeiter Jakobus und Johannes,
der Söhne des Zebedäus. Lukas erzählt euch, wie Ich den Fischer Simon dadurch für
Mich gewann, daß Ich ihm zeigte, daß, wer festes Vertrauen zu Mir hat, nie in
seinen Hoffnungen betrogen wird, vorausgesetzt, daß seine Wünsche auch in
Meinen Augen als billig und gerecht angesehen werden und den geistigen
Fortschritt bezwecken wollen.
[PH.01_030,02] Das Auswerfen des Netzes durch
Simon, trotz seiner Überzeugung, daß es vergeblich sein werde, und der reiche
Fischfang haben zweierlei Bedeutung. Erstens bewies es dem Fischer, daß Meine
Macht größer als die obwaltenden Umstände war, und zweitens zeigte es ihm, daß
sein Vertrauen auf Mich nicht unbelohnt blieb. Als hierauf Petrus den
Unterschied zwischen Mir und sich erkannte, rief er bittend aus: „Herr, gehe
von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!“, und Ich, seinen künftigen Beruf
wohl vorauswissend, antwortete ihm: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du
Menschen fangen!“
[PH.01_030,03] Daß Ich beinahe alle Meine
Jünger aus dem Fischerstand wählte, hatte seinen guten, geistigen Grund darin,
daß ihre Arbeit auf dem beweglichen Element, dem Wasser, und die damit
verbundenen Gefahren sie mehr an eine Gottes-, an eine Vorsehungslehre band und
sie deswegen religiöser, frömmer und auch vermöge ihrer Hauptnahrung, der
Fische, friedlicher gesinnt waren als andere, fleischessende Menschen.
[PH.01_030,04] Ich lenkte die Umstände
gewöhnlich so, daß sie, ohne Meine Absicht zu merken und Meinen Einfluß zu
fühlen, selbst zu Mir kamen und Mir nachfolgten. Dieses war auch hier wieder
der Fall. Ich wollte durch ein Wunder – nach eurer Denkungsart – ihre Herzen
gewinnen und sie zu dem großen Schritt bewegen, alles im Stich zu lassen und
Mir allein nachzufolgen, was nicht so leicht war, wie ihr vielleicht glaubt.
Ich mußte diese Bedingung stellen; denn in jenen Zeiten, und gemäß dem
künftigen Lehrberuf Meiner Jünger, war Mir nachzufolgen und gleichzeitig der
Welt oder seiner Familie anzugehören eine Unmöglichkeit.
[PH.01_030,05] Heutzutage habe Ich nicht mehr
nötig, Meinen Nachfolgern solch harte Bedingungen aufzuerlegen, weil die
Verhältnisse anders sind; und würde Ich solches verlangen, so würde die Zahl
Meiner Nachfolger sehr gering ausfallen. Denn bei einem so bequemen, schon von
Jugend an gewöhnten Familienleben und bei solch häuslichen Verhältnissen würde
es den meisten, welche sich jetzt so begeistert für Meine Lehre zeigen, eine
Unmöglichkeit sein, alles zu verlassen und Mir nachzufolgen, wie es einst Meine
Jünger taten.
[PH.01_030,06] Auch unter euch, die ihr euch
für Mich und Meine Lehre so begeistert wähnt, würden wenige die Charakterstärke
besitzen, Mir zuliebe diesen Schritt zu tun, auch wenn sie Mich, wie einst
Meine Apostel, sichtbar in ihrer Mitte leben und wirken sehen würden. Ich habe
solche Mittel jetzt nicht mehr nötig und weiß wohl auch auf anderen Wegen
ebenso Meinen Zweck zu erreichen wie einst unter jenen Voraussetzungen, deren
Erfüllung Meine Nachfolger erst zu Meinen Jüngern machte.
[PH.01_030,07] Jetzt verlange Ich von euch
und allen, welche Mir nachfolgen wollen, die Eigenschaften des Petrus, nämlich
sein unbegrenztes Vertrauen auf Mich und die klare Erkenntnis seiner eigenen
Unwürdigkeit. Weil er glaubte, er sei nicht würdig, in Meiner Nähe zu bleiben
und zu leben, diese freiwillige Erniedrigung vor Mir hat den Fischer Simon zum
Fels, zum ,Petrus‘ gemacht, auf welchen Ich Meine Kirche bauen will, die Himmel
und Erde nie zerstören werden. Sein festes Vertrauen auf Mich, schon bei der
ersten Begegnung, verstärkte sich noch fernerhin und ward zum Fels wie sein
Glaube.
[PH.01_030,08] Wenn Ich also diesen Text als
Wort an euch und die gesamte gläubige Menschheit richte, so wählte Ich ihn
deshalb, damit Ich euch als Beispiel den Mann vor Augen führen kann, dem ihr
vor allem nachfolgen sollt.
[PH.01_030,09] Auch Johannes, als
personifizierte Liebe, ist ein Leitstern erster Größe am geistigen Himmel; aber
um ihm ähnlich zu werden und seinen Beinamen ,Mein Liebling‘ zu verdienen, müßt
ihr vorerst durch die Schule Petri gehen, und diese Schule ist für euch die
Welt mit ihren Versuchungen.
[PH.01_030,10] Zwischen den Klippen der Welt,
da alle möglichen Verhältnisse und Ereignisse dazu beitragen, gerade das als
schön, angenehm und besonders wichtig zu finden, was nur von außen glänzt, aber
keine Beständigkeit, sondern Verwesung in sich birgt, gerade inmitten dieser
Versuchungen muß sich vorerst euer Glaube und euer Vertrauen stärken. Gerade da
könnt ihr am besten sehen, wie gebrechlich ihr seid, und auf welch schwachen
Füßen eure eigene moralische Kraft steht. Mitten in dem Weltgetriebe sind es
diese zwei Hauptsektoren, die ihr stets im Auge haben müßt: Meine Allmacht und
eure Ohnmacht! Sonst ist es unmöglich, zur Ruhe des Johannes zu gelangen, der
nur Liebe und kindliche, innige Verehrung für Mich fühlte.
[PH.01_030,11] Diese zarten Regungen, dieses
Hingeben in Meine Hände, dieses Leben nur für das Geistige ist den Menschen und
auch Meinen Anhängern in jetzigen Weltverhältnissen nicht so leicht möglich und
nicht so leicht ausführbar, da der Verfall der Welt und sein Eindringen ins
geistige Leben der Menschen zu mächtig ist, als daß sich jemand gänzlich von
ihm befreien könnte.
[PH.01_030,12] Eure Aufgabe und die Meiner
jetzigen und künftigen Anhänger und Nachfolger ist daher, vorerst das innere,
geistige Ich – wie Petrus – auf das Vertrauen zu Mir und auf den festen Glauben
zu stützen, daß Ich niemand verlassen werde, so drängend die Umstände sich auch
gestalten sollten, die auf andere Wege als zu Mir hinzuführen scheinen.
[PH.01_030,13] Was Ich als Sohn und Vater,
als Weisheit und Liebe, in der Schöpfung geistig bin, das stellten Petrus und
Johannes als Meine Jünger vor. Petrus war die der Welt gegenüber zu beachtende
Klugheit und Johannes die trotz alles Falschen in der Welt nie schwindende
Herzensgüte, von welchen Eigenschaften die erstere Meiner Weisheit und die
letztere Meiner Liebe entspricht.
[PH.01_030,14] So sollt auch ihr danach
trachten, jene Worte, die Ich zu Meinen Jüngern sagte, geistig aufzufassen:
„Seid listig wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben!“ Denn die List der
Schlange bedeutet in geistiger Entsprechung die Weltklugheit, und die Einfalt
der friedlichen Taube bezeichnet die nichts Arges, nichts Schlechtes denkende
und ausübende Tugend.
[PH.01_030,15] So sehet ihr, wie in den
Worten, Werken und Wundern eures Jesus während Seiner Lehrjahre alles geistigen
Ursprungs ist und alles eine geistige Bedeutung besitzt. Es genügt, daß man mit
Geistesaugen die innere Bedeutung der Ereignisse erwägt, so daß der dichte
Schleier der Unverständlichkeit sich nach und nach lüftet und reine, lichte
Wahrheit da erscheint, wo man vorher nur mystische, unzusammenhängende Worte
gelesen hatte. So wie die Natur dem Wiedergeborenen, dem geistig
Fortgeschrittenen ein lebendiges Buch wird, aus dem er nicht nur Vorteile fürs
weltliche Leben herausliest, sondern in welchem er Mahnungen und geistige Winke
für die sich danach sehnende Seele aufgezeichnet findet, ebenso ist Mein euch
hinterlassenes Buch, die Bibel, eine ewige Fundgrube, in der die einzigen
herrlichsten Wahrheiten verborgen liegen, welche Ich jenen vorbehalten habe,
die, durch Petri Schule gegangen, bei der Liebe Johannis angelangt sind.
[PH.01_030,16] Daher befleißigt auch ihr
euch, mitten zwischen Dornen dahinwandelnd, doch unverletzten Fußes, euer Ziel
zu erreichen, welches am Ende aller Versuchungen und Kämpfe die unbegrenzte
Liebe ist, die bildlich in allem Geschaffenen und geistig in Meiner eigenen
Nähe das Vertrauen und den Glauben, welche ihr während eures Lebenslaufes
gezeigt habt, reichlich belohnen wird.
[PH.01_030,17] Erinnert euch Meines Mahnrufes
an Petrus vor Meiner Gefangennahme, als Ich diesen sich jetzt stark Glaubenden
durch Meine Vorhersage: „Ehe der Hahn kräht, wirst du Mich dreimal verleugnen!“
an seine menschliche, schwache Natur erinnerte, die er einst dort im Schiff
bekannte, als er ausrief: „Gehe hinweg von mir, o Herr; denn ich bin ein
sündiger Mensch!“ Im Garten am Ölberg zeigte er sich stark, schlug mit dem
Schwert drein, war voll des Glaubens, des Vertrauens, und kurz danach – seht
die schwache menschliche Natur – verleugnete er Mich aus Furcht dreimal!
[PH.01_030,18] Deswegen gebt auch ihr euch
nicht dem Wahne hin, als wäret ihr schon die Auserwählten, die Unfehlbaren!
Vertraut auf Mich und nicht auf eure eigene Stärke; denn ein leichter geistiger
Windstoß genügt oft, und das ganze Gebäude geistigen Selbstbewußtseins und moralischer
Stärke liegt danieder, zusammengeworfen wie ein von Kindern errichtetes
Kartenhaus, und ihr habt dann das gleiche Resultat an euch selbst erfahren, das
der Fels Petrus in Meiner Nähe erlebte, daß ohne Mich nichts, mit Mir aber
alles ausführbar ist!
[PH.01_030,19] So soll auch dieser Text bei
einem großen Fischzug anfangend, mit dem kleinen, aber wichtigen Resultat
endigen: Wenn ihr, gleichwie Simon, bestimmt seid, nicht Fische, sondern
Menschen in Mein Glaubensnetz zu ziehen, so müßt ihr zuerst bei euch selbst
anfangen und nie außer acht lassen, daß nicht Worte, sondern Taten, ausgeübt im
edelsten Sinne, es sind, welche die Nächsten, eure Brüder und Schwestern, in
Meine Hände führen.
[PH.01_030,20] Aber bevor dieses möglich ist,
müßt ihr, die Lebensklugheit Petri und dann die Liebe Johannis selbst schon im
Herzen haben und stets eurer Schwäche und Meiner Stärke eingedenk sein. Auf
diese Art vollführt ihr Meinen Willen in bezug auf euch und in bezug auf
andere, wozu euch Mein Segen nie ermangeln wird. Amen.
31. Predigt – Am 5. Trinitatissonntage. Die
echte Gerechtigkeit.
[PH.01_031] Matth.5,20: „Ich sage euch: Es
sei denn eure Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer,
so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen!“
2. April 1872
[PH.01_031,01] Hier in diesem Kapitel liegt
vor euch Meine ganze Lehre als Inbegriff alles dessen, was den Menschen
betrifft. Es wird euch gezeigt, inwiefern seine Leiden, seine Aufopferungen und
Kämpfe einst einen geistigen Wert haben werden, und wie er sein Gewissen als
die Waagschale und die Richtschnur zu allen Gedanken, Worten und Taten
gebrauchen soll, wenn er einst Mein Kind genannt werden möchte.
[PH.01_031,02] Diese Bergpredigt war die
gewaltigste Predigt, welche Ich während Meines Erdenwandels gehalten habe, und
eben deswegen umfaßt sie alles, was Mich bewog, zu euch auf diese finstere Erde
herabzusteigen und die größte Schmach zu erdulden – zu Meinem und Meiner Lehre
größtem Triumph.
[PH.01_031,03] In dieser Predigt stellte Ich
Meinen Zuhörern und Jüngern alle Seligkeiten in hoffnungsvolle Aussicht, welche
denen zuteil werden sollen, die Meine Liebesgebote halten und ihretwegen
Unbilden und Leiden ertragen. Ich stellte ihnen aber auch die Wichtigkeit ihrer
Mission in bildlichen Ausdrücken dar, daß Ich Meine Lehre nicht vergebens
predigen will, sondern daß jeder, der sie hört, sie auch anwenden und
verbreiten soll. Es sind jene Verse, die vom Salz der Erde, von der Stadt auf
dem Berg und von dem angezündeten Licht handeln, damit es leuchte und nicht
verborgen unter einem Scheffel brenne.
[PH.01_031,04] Ich sagte ihnen, sie seien das
Salz der Erde, welches dem ätzenden oder anregenden Teile der
geistig-seelischen Welt entspricht, da es zur Tätigkeit, zur Ausscheidung des Schlechten,
zum materiellen Stoffwechsel notwendig ist.
[PH.01_031,05] Wo kein Salz oder Reizstoff
ist, dort ist kein Leben, keine Bewegung, keine Wärme, kein Licht. Wo das Salz
dumm wird – wie es im Evangelium heißt –, d.h. wo es verdirbt, da entstehen die
umgekehrten Resultate, weshalb es ausgeschieden werden muß, damit es die Leute
zertreten. Zu Staub und Sand zertreten, wird es anderen Schöpfungen auf anderer
Basis zur weiteren Bildung behilflich sein, so wie das durch Menschen verübte
Schlechte, ebenfalls durch Meine Fügungen am Ende zum Fortschritt, zur
Besserung der geistigen Wesen beitragen muß, nur in anderer Form und unter
anderen Umständen.
[PH.01_031,06] So ermahnte Ich das Volk und
Meine Jünger, daß sie Mein Wort nicht bloß hören und für sich behalten, sondern
daß sie es auch anderen mitteilen und es selbst in der Tat verwirklichen
sollten. Ich sagte ihnen auch, daß Meine Lehre nicht neu sei, sondern daß sie
nur die von Moses und den Propheten gegebenen Weisungen im wahren Licht
darstelle, den Sinn der Worte erkläre und so der ganzen Menschheit zeige, wie
alle diese göttlichen Vorhersagungen und Verordnungen der von Mir gesandten
Männer stets denselben Zweck hatten, nämlich die Menschen ihren geistigen Wert
erkennen zu lehren und sie alle auf dem kürzesten Weg vorzubereiten, ins große
Geisterreich eintreten zu können, wie es Wesen geziemt, die einen göttlichen
Funken von Mir im Herzen tragen. Ich versicherte allen, daß Meine Worte ewige
Dauer haben, weil sie von dem ewigen, höchsten Wesen gegeben wurden.
[PH.01_031,07] Ich sagte ihnen auch, daß Ich
jede Verunglimpfung dieser Meiner Gesetze bestrafen werde, hier und jenseits,
weil Ich im voraus wußte, daß in späteren Zeiten Menschen Meine Gesetze der
Liebe als Deckmantel benützen und, unter ihm ihren eigenen Interessen
nachgehend, die Leidenschaften des Hasses und der Rache ungestört ausüben
würden. Schon zu Meiner Zeit trieben die Pharisäer und Schriftgelehrten mit den
Lehren Mosis und der Propheten das gleiche Spiel, weshalb Ich zu Meinen Jüngern
und dem um Mich versammelten Volk die Worte sprach: „Es sei denn eure
Gerechtigkeit besser als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, sonst werdet
ihr nicht ins Himmelreich kommen!“
[PH.01_031,08] Obwohl nur dieser Vers für
diesen Sonntag gegeben ist, mußte Ich die vorhergehenden Verse desselben
Kapitels zuerst erklären, damit wir folgerichtig auf diesen zwanzigsten Vers
kommen und von diesem aus weiterschreiten können.
[PH.01_031,09] Weil Ich die falsche und
scheinheilige Gerechtigkeit jener Kaste anführte, der in jener Zeit die Macht
und das Recht gegeben ward, den Sinn, den Kultus und die Dogmen ihrer Religion
dem Volke beizubringen und zu erklären, und weil Ich wußte, auf welche Weise
sie es vollführten – nicht in Meinem, sondern in ihrem Sinne und nach ihren
Plänen –, so ward Ich natürlich gezwungen, dem Volk und Meinen Jüngern diese
schon vorhandenen Gesetze besser zu erklären und ihr Gewissen empfindlicher zu
machen. Auch deshalb mußte Ich es tun, weil in jener Zeit die Priester und
Gelehrten die Gesetze so erklärten, daß es sie nicht viel Mühe kostete, diese
zu erfüllen, und weil ihnen dadurch ein weiter Spielraum blieb, die
scheußlichsten Taten zu begehen, ohne dem Scheine nach gegen die mosaischen
Religionsgesetze zu verstoßen; ja den Anschein erwecken konnten, als übten sie
diese im strengsten Sinne aus.
[PH.01_031,10] Daher folgen dem zwanzigsten
Vers alle anderen wahren Liebesgesetze, welche in jener Zeit gerade als
Gegensätze zu dem Geglaubten betrachtet wurden; denn Wiedervergeltung, Rache,
Haß und Verfolgung waren durch einzelne Sprüche der Religion dem Anschein nach
gerechtfertigt. Auch deshalb sah man sie als Gegensätze an, weil es weit
leichter ist, den Durst der Rache und des Hasses zu kühlen, als dem zu
verzeihen, der feindlich gesinnt ist, oder den mit Wohltaten zu überhäufen, der
nur Böses im Schilde führt.
[PH.01_031,11] Eben deswegen ist diese
Predigt, besonders vom zwanzigsten Vers an, die wichtigste genannt worden, weil
in ihr das Symbol der Liebe, die Fahne der Nächstenliebe und die Verzeihung von
Mir als einzige Richtschnur für den Lebensweg aufgestellt wurden, indem Ich
allen zurief: „Nur unter dieser Fahne und mit dieser allumfassenden Liebe, mit
welcher Ich als Gott und Schöpfer alle Meine Wesen umfasse, nur mit dieser
Liebe könnt ihr Menschen Bürger eines geistigen Reiches, Bürger Meines Himmels
werden!“
[PH.01_031,12] Ich führte in den
nachfolgenden Versen verschiedene Lebensverhältnisse an, in welchen der Mensch
diese Bruder- und Nächstenliebe ausüben soll und kann. Ich zeigte, wie weit
diese Liebe gehen soll und muß, wenn ihre Taten vor Mir einen geistigen Wert
haben sollen. Ich setzte den Eckstein der Aufopferungsfähigkeit, an dem sich
leider in jener Zeit und bis auf den heutigen Tag viele gestoßen haben.
[PH.01_031,13] Ich sagte Meinen Zuhörern: Wie
Ich als Gott die Sonne über Gute und Böse aufgehen lasse, wie Ich die Felder
der Schlechten wie der Guten mit segnendem Regen befeuchte, so sollen auch
Meine wahren Nachfolger – erhaben über alle menschlichen Leidenschaften, Mein
Beispiel als Schöpfer und auch als Jesus stets vor Augen habend – allen mit
gleicher Liebe helfen, unbekümmert darum, ob ihnen je Dank zuteil wird oder
nicht.
[PH.01_031,14] Ich stellte in dieser Predigt
das Ideal eines geistig erhabenen Menschen auf und bewies selbst durch Meinen
Lebenswandel, daß man so leben kann, wenn man will. Der Inhalt dieser Predigt,
seien es die versprochenen Seligkeiten für die Leidenden, Kämpfenden und
geduldig Ausharrenden, als auch, wie weit sich die Nächstenliebe erstrecken
soll, hat heute noch dieselbe Geltung wie einst und wird sie auch nie
verlieren, solange Ich, Meine geistige und Meine materielle Welt bestehen. Denn
nur durch diese Gesetze und ihre Befolgung werden die vernünftig lebenden Wesen
geadelt und werden Zeugen ihres göttlichen Ursprungs, während sie auf dem
entgegengesetzten, am meisten gebräuchlichen und leider auch jetzt noch von
vielen als rechtlich bezeichneten Weg, statt zur geistigen Höhe
aufwärtszusteigen, zur materiellen Tiefe herabsinken.
[PH.01_031,15] In den folgenden Kapiteln des
Matthäus wird diese Lehre noch weiter dargelegt, damit sich niemand
entschuldigen kann, als hätte er nicht gewußt, was Gottes- und Nächstenliebe im
eigentlichen Sinne sei. So findet ihr auch im 6. Kapitel das einzige Gebet,
welches Ich die Meinen lehrte, und das ihr heute noch als Inbegriff aller
Gebete ansehen könnt. Nur müßt ihr den tiefen, geistigen Sinn eines jeden darin
enthaltenen Wortes fassen; denn wisset, etwas anderes ist es, wenn ihr mit
euren eigenen Worten betet, oder wenn Ich euch Worte in den Mund lege, die ihr
bei Bedrängnissen, ja wohl auch täglich an Mich richten sollt, damit Ich euch
Meine hilfreiche Hand in den Wirrnissen eines jeden neuen Tages reiche, auf daß
ihr nicht fallet, sondern Meine Bergpredigt stets im Sinn behaltet und als
einzige Richtschnur auf dem Prüfungsweg dieses irdischen Lebens vor Augen habt,
um der im Anfang unseres Kapitels verheißenen Seligkeiten teilhaftig zu werden.
[PH.01_031,16] Ja, Meine Kinder, auch an euch
geht die gleiche Mahnung wie einst an jene, die Mir bei der Bergpredigt
zuhörten, wo Ich sagte: „Wenn ihr nicht gerechter werdet als eure Pharisäer und
Schriftgelehrten, so könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen!“ Auch euch sage
Ich: Wenn ihr die Begriffe Gerechtigkeit, Liebe, Demut und Verzeihung nicht
strenger nehmt, als sie euch von vielen gepredigt und falsch ausgelegt werden,
so könnt ihr nicht in Mein Reich kommen und könnt nicht Meine Kinder werden;
denn zu Meinen Kindern können nur die gezählt werden, die Meinem Beispiel folgend
willig ihr Kreuz tragen, und die wie Ich, als Beispiel der Demut und
Selbstverleugnung, alle weltlichen Genüsse weit hinter die geistigen
zurücksetzen und bei Meinem Hauptgrundsatz verbleiben, der in dem Spruch
aufgezeichnet ist: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“
[PH.01_031,17] Meine Kinder dürfen keine
Weltkinder sein. Sie müssen danach streben, die höchste moralische Höhe zu
erreichen, die überhaupt der Mensch erreichen kann. Sie müssen, wie Ich, ihrer
Leidenschaften Meister werden und vertrauensvoll hinnehmen, was Ich ihnen zu
ihrem Besten schicke. Sie sollen nicht die Welt als eine Gefahr fliehen,
sondern sie müssen inmitten derselben alle ihre Eigenheiten, Genüsse und
Versuchungen, damit sie diesen nicht unterliegen, dem wahren Werte nach beurteilen.
Sie müssen in Gedanken, Worten und Taten reinen Gewissens dastehen, damit
andere nicht allein ihren Worten Glauben schenken, sondern auch in ihren Taten
den wirklichen Beweis des Gesagten ersehen können. Sie müssen, wie es im
Evangelium heißt, als eine Leuchte dastehen, die weit hinaus über alle
Unebenheiten des menschlichen Lebens ihr ruhiges Licht ausströmen läßt, das
Licht der Liebe, des Vertrauens und der Verzeihung.
[PH.01_031,18] So nur können sie, wenn sie
selbst gerechter, liebender, vertrauender als viele andere verirrte Kinder
sind, jenen zur Richtschnur und als Wegweiser dienen, und nur so können sie
nach vollendetem Lebens- und Prüfungslaufe Anspruch darauf machen, von Mir an
Kindesstatt angenommen zu werden und in Mein ewiges, großes Geisterreich, in
Meine Himmel einzugehen, wo ihnen für alles Ausgestandene und Erlittene jene
Seligkeiten zuteil werden, die beim Beginn Meiner Bergpredigt verheißen werden.
[PH.01_031,19] Dies nehmt euch zu Herzen!
Lest oft diese Predigt, welche Ich vor mehr als tausend Jahren Meinen Jüngern
und dem Volk gehalten habe! Sie enthält große Verheißungen und Forderungen an
euch und an Meine Geisterwelt.
[PH.01_031,20] Wer diesen Bedingungen nicht
nachkommen will, dessen Leben gleicht einem schön eingebundenen Buche, das aber
nur weiße leere Blätter enthält.
[PH.01_031,21] Trachtet daher, euer
Lebensbuch voll guter Gedanken, Worte und Taten ins andere Leben mitzubringen!
Ich habe euch ja in diesen Versen gezeigt, wie die Gedanken schon ein
Versündigen gegen Meine Liebesgesetze sein können; denn es mangelt oft nur an
der Gelegenheit, sie auszuführen. Wäre solche vorhanden, so vollführte der
Wille, was nur flüchtige Gedanken blieben.
[PH.01_031,22] Daher hütet euch zuerst vor
sündigen Gedanken! Sie entwürdigen euren inneren Seelenmenschen. Flieht ferner
die Gelegenheit, solche Gedanken in Ausführung zu bringen! Bekämpft die
Gedanken, und ihr seid des Handelns eher mächtig! Gebt ihr aber den ersteren
Raum, so seid ihr schon in das Reich der Sünde verstrickt und nur ein günstiger
Augenblick, – und eure Seele ist durch eine unüberlegte Tat ihres ganzen
Schmucks, der Reinheit, der Ruhe und der Zufriedenheit und ihrer schönen
Vorsätze beraubt!
[PH.01_031,23] Daher lest diese Verse alle
und sehr oft! Es wird euch so vieles darin gezeigt, worin ihr noch so schwach
seid und so oft sündigt gegen euch und gegen Mich. Dadurch seid ihr noch weit
davon entfernt, einen Anteil an Meinem geistigen Himmelreich zu haben.
[PH.01_031,24] Murrt nicht, wenn Ich euch
durch Verhältnisse stets Gelegenheit gebe, euch in dem zu üben, was euch noch
am meisten mangelt, nämlich das Vertrauen auf Mich und das stete Wachsein über
die Regungen des eigenen Herzens, um alles Böse und Schlechte gleich im Keim zu
ersticken!
[PH.01_031,25] So, stets sich übend, erstarkt
eure Kraft; so werdet ihr fähig, aller Versuchungen zur rechten Zeit Herr zu
werden; und so, Meiner Bergpredigt eingedenk, werdet ihr auch einst den Lohn
Meiner Jünger erhalten, wenn eure Mission hier auf dieser Erde beendet und der
Sieg errungen ist, um dann dort mit neuer Kraft größeren Anforderungen Genüge
leisten zu können; denn wer hier weniges treu verwaltet, den werde Ich dort
über vieles setzen!
[PH.01_031,26] Gedenkt eures Vaters, der euch
nicht umsonst alle diese Worte sendet! Gedenkt, daß Er euch zu dem machen
möchte, zu dem Er euch erschaffen hat, nämlich zu Seinen geistigen Kindern und
damit zu jenen Wesen, welche einst in Seinem Reich über Welten und Millionen
von Wesen das Licht der Liebe und der Gnade ihres ewig liebenden Vaters ausstreuen
sollen! Daß zu solchen Missionen in allem Leid und Unglück erprobte, also
gestählte Wesen gehören, versteht sich von selbst, weil sie, Gedanken- und
Tatenreinheit als Stempel auf ihrer Stirne tragend, durch die Erhabenheit ihres
Geistes die andern emporziehen können.
[PH.01_031,27] Deswegen gab Ich euch diese
ausführliche Auseinandersetzung Meiner Liebesgebote, damit ihr nicht den
Einflüssen eurer Eigenliebe Raum gebt, um gerade das zu entschuldigen, was bei
Mir vielleicht die größte Sünde ist, nämlich die Gedankenspiele, die der Same
zu allerlei unreifen und bösen Taten sind. Amen.
32. Predigt – Am 6. Trinitatissonntage. Die
Speisung der Viertausend.
[PH.01_032] Mark.8,1-9: Zu der Zeit, da viel
Volks da war und hatten nichts zu essen, rief Jesus seine Jünger zu sich und
sprach zu ihnen: „Mich jammert des Volks; denn sie haben nun drei Tage bei mir
beharret und haben nichts zu essen. Wenn ich sie ungespeist von mir heimgehen
ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn etliche sind von ferne kommen.“
Seine Jünger antworteten ihm: „Woher nehmen wir Brot hier in der Wüste, daß wir
sie sättigen?“ Und er fragte sie: „Wieviel habt ihr Brote?“ Sie sprachen:
„Sieben.“ Und er gebot dem Volke, daß sie sich auf die Erde lagerten. Und er
nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, daß sie
dieselbigen vorlegten. Und sie legten dem Volke vor. Und sie hatten ein wenig
Fischlein; und er dankte und hieß dieselbigen auch vortragen. Sie aßen aber und
wurden satt und huben die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Und ihrer
waren bei viertausend, die da gegessen hatten; und er ließ sie von sich.
7. April 1872
[PH.01_032,01] Dieses Evangelium handelt
wieder von einer Speisung des um Mich versammelten Volkes, und zwar von
viertausend an der Zahl, wobei dann am Ende sieben Körbe voll Brot
übrigblieben, während es anfangs nur sieben Brote und einige Fische waren.
[PH.01_032,02] Schon einmal verrichtete Ich
ein ähnliches Wunder, indem Ich fünftausend Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen
sättigte, wobei dann zwölf Körbe Brot übrigblieben. Was dort die fünf Brote und
zwei Fische für geistige Bedeutung hatten, wißt ihr; auch bei diesem zweiten
Male, bei dem Ich statt fünftausend nur viertausend Mann mit sieben Broten und
einigen Fischlein speiste und dann sieben Körbe voll übrigblieben – wie dort
zwölf –, hat alles eine geistige Bedeutung, welche Ich euch jetzt näher
erklären will.
[PH.01_032,03] Die zwölf übriggebliebenen
Körbe des ersten Wunders bezeichneten sowohl die zwölf Stämme Israels, als auch
die zwölf Gebote, die den Menschen nach Meinem Hinscheiden noch verbleiben
sollten. Die sieben Körbe, welche das zweite Mal übrigblieben, bezeichnen Meine
sieben Haupteigenschaften, welche den Menschen zur Festigung und zur
Richtschnur verbleiben sollten, wenn sie Mich nicht mehr persönlich besitzen
würden. Diese sieben Eigenschaften heißen: Liebe, Geduld, Demut, Vergebung,
Beharrlichkeit, Aufopferung und Barmherzigkeit.
[PH.01_032,04] Als Ich dem jüdischen Volke
predigte, mußte Ich ihnen manchmal zurufen: „Wer Ohren hat, der höre!“ Dies war
ein deutlicher Beweis dafür, daß eben bei ihnen vieles zum einen Ohr hinein-
und zum andern hinausging, und daß die Mehrzahl Meine Lehre nicht so auffaßte,
wie Ich es wollte. Das bildlich zu deutende Speisewunder am Ende Meiner
Ansprache an sie bezeugt das Übrigbleiben gerade des Wichtigsten. Wie sie das
Brot und die Fische nur verzehrten, um ihren leiblichen Hunger zu stillen, und
sieben Körbe Brot zurückließen, so faßten sie auch nur oberflächlich den Inhalt
Meiner Rede und ließen den Hauptinhalt derselben, Meine sieben
Grundeigenschaften, welche Ich ihnen durch Gleichnisse, Wunder und wirkliche
Lehren einprägen wollte, unbeachtet.
[PH.01_032,05] Wenn auch all die Gleichnisse,
Worte und verrichteten Wunder dem Volke die Augen öffnen sollten, so waren doch
stets wieder Schriftgelehrte und Pharisäer genug da, welche alles mögliche
taten, um jeden Eindruck, den Mein Handeln auf das Volk machte, abzuschwächen
oder gar zu vernichten. So suchten sie darin, daß von Mir und Meinen Jüngern
die zeremoniellen Gebräuche der Kirche – Waschungen usw. – nicht eingehalten
wurden, einen Grund zur Verdächtigung. Sie nahmen oft Anstoß an guten Werken,
an Heilungen Kranker und dergleichen, wenn sie am Sabbat oder sonst an einem
kirchlich geweihten Tag geschah. Sie regten sich darüber auf, wenn Ich nicht
die vorgeschriebenen Fasten hielt oder gar mit Menschen Mich abgab, die in
ihren Augen grobe Sünder oder unehrliche Leute waren. So waren sie bemüht,
alles zu verdächtigen, was von Mir gesprochen und getan wurde.
[PH.01_032,06] Daher die verschiedenen
Mahnungen, welche Ich Meinen Jüngern und dem Mir zuhörenden und nachfolgenden
Volk gab, womit Ich ihnen beweisen wollte, daß bei Mir nur Geistiges und nicht
Materielles gilt! Daher die Worte: „Was in den Menschen eingeht, das kann ihn
nicht gemein oder unrein machen, sondern das, was von ihm ausgeht, das ist es,
was den Menschen erniedrigen kann!“ Aus dem gleichen Grunde erging der Mahnruf
an Meine Jünger, sich vor dem Sauerteig der Pharisäer und des Herodes zu hüten,
und aus dem gleichen Anlaß führte Ich an, was ein früherer Prophet geweissagt
hatte: „Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von
Mir!“
[PH.01_032,07] Als Ich diese viertausend Mann
mit sieben Broten und einigen Fischlein gespeist, sie also materiell gesättigt
hatte, blieben sieben Körbe Brot übrig. Wenn sie dem Anscheine nach auch
geistig gesättigt waren, so ließen sie doch die von Mir als die höchsten
bezeichneten Eigenschaften unbeachtet. Jeder Korb mit seinem vielseitigen
Inhalt von großen und kleinen Stücken Brot bezeichnet zur Genüge, in wie
vielfältiger Weise diese Meine vorher genannten Eigenschaften im menschlichen
Leben ausgeübt werden könnten, wenn nicht der Mensch seinen eigenen Lebenskorb
meistens mehr mit anderen, weltlichen Dingen angefüllt hätte, worin dann Mein
Brot und Meine Geisteseigenschaften keinen Platz mehr haben.
[PH.01_032,08] Wenige gibt es, die wie das
Weib aus Syrophönizia denken, welche auf Meine Rede: „Man soll Mein Brot nicht
den Hunden vorwerfen!“ doch vertrauensvoll antwortete, daß es aber den Hunden
doch erlaubt sei, sich von den Brosamen zu sättigen, welche die Kinder unter
den Tisch fallen lassen, was mit anderen Worten heißt: Wenn auch die Schwachen,
die noch Unmündigen nicht wert oder fähig sind, sich von direkter Himmelsspeise
zu nähren, so möge es ihnen doch vergönnt sein, vom Abfall das herauszusuchen,
was für ihren momentanen geistigen Zustand gedeihlich ist.
[PH.01_032,09] Solch gläubige Seelen gab es
in jener Zeit nur vereinzelte, und jetzt sind sie gar zur höchsten Seltenheit
geworden.
[PH.01_032,10] So wie Ich gegen alle
herrschenden Ansichten, seien es weltliche oder kirchliche, kämpfen mußte und –
wie Ich es manchmal selbst sagte – von den Juden weniger als von den Heiden
erhoffte, so ist es auch in jetziger Zeit, in der von jenen wenig zu erwarten
ist, welche sich Katholiken nennen und glauben, es auch wirklich zu sein, wenn
sie nur die vorgeschriebenen Gebräuche halten. Ja, gerade sie, die das beste und
fruchtbarste Feld für Meine Lehre sein sollten, gerade sie sind die ärgsten
Widersacher alles dessen, was sie aus ihrer so bequem eingerichteten
Religionslehre aufweckt und Aufopferungen und Entsagungen fordert, denen sie
nicht gewachsen sind, weil ihnen die moralische Kraft der Überwindung
angewöhnter Gebräuche und Ideen fehlt.
[PH.01_032,11] Sie gleichen den meisten
Zuhörern jener Zeit. Sie suchen Mich überall nur in den Kirchen, aber nicht auf
dem Weg des Lebens, wo sie durch Taten beweisen sollen, was sie sooft in den
Kirchen geloben. Sie sind auch hungrig wie jene, lassen aber den Hauptgrund
Meiner Lehre, die sieben Körbe, ruhig stehen und verzehren bloß dasjenige, was
ihnen für den Moment am meisten mundet.
[PH.01_032,12] Wenn Ich euch dieses Beispiel
der Sättigung von viertausend Menschen mit sieben Broten und einigen Fischlein
als Thema zu einer Sonntagspredigt anführe, so ergeht damit an jeden einzelnen,
wie auch an alle Zuhörer Meines Wortes die Mahnung, sich nicht mit dem
oberflächlichen Eindruck Meiner Worte zu begnügen, sondern die darin verborgen
liegende Geistesspeise herauszufinden, sich nach dieser in seinen Handlungen zu
richten und auch die anderen zu gleicher Ausübung anzueifern.
[PH.01_032,13] Daß in jener Zeit Meine
Zuhörer wenig fruchtbare Äcker für Meine Lehre waren, das wußte Ich wohl; Ich
wußte aber, daß Ich nicht nur für sie, sondern für die ganze Menschheit nach
ihnen redete und handelte. Ich baute nicht nur für die Gegenwart, sondern Meine
Pläne reichten weiter. Als die Pläne eines göttlichen, unendlichen Wesens waren
sie von ewiger Dauer und Wirkung.
[PH.01_032,14] Selbst den Pharisäern und
Schriftgelehrten antwortete Ich auf ihre Forderung nach einem Wunderzeichen,
daß diesem Geschlecht kein Zeichen von Mir gegeben werde, was soviel sagen
will, daß dort, wo Meine sichtbare Erscheinung das größte Wunderzeichen war,
kein anderes, noch mehr beweisendes nötig sei, um Meine Göttlichkeit und die
Wahrheit und die ewige Dauer Meiner Lehre zu beweisen.
[PH.01_032,15] Was Ich dort von den Pharisäern
und Schriftgelehrten sagte, gilt auch heutzutage allen scheinheiligen
Kirchenläufern und allen über die Materie philosophierenden Gelehrten eurer
Zeit. Auch sie werden keine Zeichen sehen, weil sie das größte Zeichen, die
Stimme eines Gottes und Vaters im eigenen Herzen nicht anerkennen wollen.
Ebensowenig glauben viele eurer Gelehrten, trotz des steten Auffindens von
Gesetzen in der Natur, daß es auch einen Gesetzgeber geben muß. Sie disputieren
sich und andere lieber ihr eigenes Ich hinweg, als daß sie sich durch
tatsächliche Beweise vom Dasein Gottes für besiegt erklärten.
[PH.01_032,16] Auch in dieser Zeit tobt ein
immerwährender Kampf zwischen Zeremonie und Geist, zwischen Trug und Wahrheit,
der alle Gemüter in Aufregung bringt. Alle Sekten, alle Gläubigen mühen sich
ab, das Neuauftauchende mit dem Alten, Angewöhnten zu verbinden und zu
vermischen; aber es ist vergebens. Zwei Herren kann man nicht dienen, sondern:
entweder der Materie oder dem Geist! Und weil sich viele nicht entscheiden
können oder nicht wollen, so ist dies schuld daran, daß sie, soviel Ich auch
die Menschen mit geistigem Brot sättigen will, bis auf wenige das
Nebensächliche genießen, ja danach haschen, aber das Eigentliche, Wesentliche,
geistig Wahre liegenlassen.
[PH.01_032,17] So müssen Meine Jünger der
jetzigen Zeit, wie jene Meiner Lehrzeit, stets die übriggebliebenen Stücke
Meiner Himmelslehre oder des geistigen Brotes wieder sammeln und dann bei
anderen Hungrigen ihr Glück versuchen, bis endlich die sieben Körbe Meiner göttlichen
Eigenschaften leer sind und in den großen Lebenskorb der Menschheit, wie auch
jedes einzelnen, übergangen sind.
[PH.01_032,18] So ergeht auch an euch der
Mahnruf: Befleißigt euch, Meine sieben Eigenschaften euch zu eigen zu machen!
Nehmt die geistige Sättigung nicht so oberflächlich, daß ihr etwa glaubt, mit
dem Hören oder Lesen genüge es schon! Weit davon entfernt! Denn auch zu euch
werde Ich einst den Sammler schicken und werde das Übriggebliebene in Körbe
legen und für Bessere, Würdigere aufbewahren lassen, die eher fähig sind, den
geistigen Inhalt zu verwerten, während ihr – im Wahn, schon alles zu wissen –
nicht einmal die erste Stufe geistiger Erkenntnis erklommen habt.
[PH.01_032,19] Befleißigt euch daher, Meiner
direkten Mitteilung – wie einst Meine Jünger – würdig zu werden! Werdet auch
ihr, wie eben diese Apostel, Verbreiter Meines Wortes! Streut es aus, jedoch
so, daß es nicht auf unfruchtbaren Boden falle! Seid immer eingedenk dessen,
daß alles, was ihr jetzt in so reichlichem Maße von Mir erhaltet, nicht für
euch allein, sondern durch euch einst auch für andere bestimmt ist! Den einen
oder andern werden Verhältnisse überkommen, wo er das Gelesene und Gehörte
erproben muß; er muß zeigen, inwiefern er es verstanden und sich zu eigen
gemacht hat, um es eben auch anderen so wiederzugeben, wie Ich es ihm
angedeihen ließ.
[PH.01_032,20] Laßt also von Meinen Broten
nichts übrig! Verdaut sie geistig! Macht sie zu eurem eigenen Ich, damit ihr
als lebendig wandelnde Beispiele nicht nur durchs Wort, sondern auch durch
Taten beweisen könnt, daß Liebe, Geduld, Demut, Vergebung, Beharrlichkeit,
Aufopferung und Barmherzigkeit die Grundfesten eures Glaubens, die sieben Körbe
sind, in welche ihr eure guten Taten sammeln wollt, um sie im eigenen
Lebenskorbe als Eigentum Dem zu überbringen, der euch stets mit so vielen
Gnaden und so vielem Licht aus Seinen Himmeln überschüttet hat! Amen.
33. Predigt – Am 7. Trinitatissonntage. Von
den falschen Propheten.
[PH.01_033] Matth.7,15-23: „Sehet euch vor
vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber
sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man
auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein
jeglicher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge
Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum
kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte
bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, an ihren Früchten sollt
ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: ,Herr, Herr!‘ in das
Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es
werden viele zu mir sagen an jenem Tage: ,Herr, Herr, haben wir nicht in deinem
Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben
wir nicht in deinem Namen viel Taten getan?‘ Dann werde ich ihnen bekennen:
,Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!‘“
10. April 1872
[PH.01_033,01] Dieses ganze Kapitel handelt
von Lebensregeln, wie sie, auf Meine Lehre gegründet, zu beachten sind, damit
die Menschen – und besonders in jener Zeit Meine Jünger und Zuhörer wußten, wie
sie ihre eigenen Religionsgesetze im praktischen Leben ausüben sollten. Da
besonders in jenen Zeiten die Auslegung der mosaischen Gesetze nicht nach
Meinem Sinn war, deswegen mußte Ich selbst kommen, um den geistigen Lebensbaum
der den Juden übergebenen Religion vor dem Verfaulen zu retten, damit er wieder
Früchte trage, die den Gesetzen Meiner Geisterwelt entsprechen sollten.
[PH.01_033,02] So lehrte Ich in diesem
Kapitel die Nachsicht mit den Fehlern anderer, sowie die Vorsicht, Meine Lehre
nicht ohne Vorbereitung einem jeden an den Hals zu werfen, ferner die
Mildtätigkeit und Liebe, welche die Menschen, Meinem Beispiel gemäß, gegen
andere ausüben sollen. Ihr seht das Gesetz der Nächstenliebe im weitesten Sinne
erklärt und werdet auch darauf aufmerksam gemacht, daß diese Meine Forderungen
nicht so leicht sind, weil den Aufopferungen für Meine Liebesgesetze die
Versuchungen der Welt und die leicht überhandnehmende Selbstliebe
entgegenstehen.
[PH.01_033,03] Ich predigte nichts Neues,
sondern erklärte nur Meinen Jüngern und Anhängern das schon Bekannte in seinem
wahren Sinn, damit auch sie in der Folge den Mitmenschen den wahren Inhalt der
Gebote mitteilen konnten. Ich mußte dabei zuerst den Lehrern und dann den
Lernenden gewisse Maßregeln und Kennzeichen geben, woran die ersteren ihre
wahren Wißbegierigen und Gläubigen, die letzteren aber ihre Lehrer erkennen und
die falschen Lehrer oder Propheten von den echten, wahren unterscheiden
konnten. Daher sind die Kennzeichen in Gleichnissen aufgezählt. In wenigen
Sätzen ist gesagt, daß nicht Worte genügen, um andere zu überzeugen, sondern
daß Taten als Beweise darlegen sollen, daß der Lehrende von der Wahrheit seiner
Worte wirklich durchdrungen ist.
[PH.01_033,04] Dieser Maßstab, um falsche von
echten Führern zu unterscheiden, soll dem Urteil der Zuhörer bei allen
Gelegenheiten als Richtschnur dienen, weil sie sonst, durch Irrlehrer verführt,
auf ganz falsche Wege geraten könnten.
[PH.01_033,05] Meine Zuhörer in jener Zeit
machte Ich deshalb darauf aufmerksam, weil Ich im voraus wußte, daß nach Meinem
Dahingang auch andere neben Meinen Jüngern auftreten würden, die unter dem
Deckmantel Meiner Liebelehre nur ihren eigenen Vorteil suchen würden. Ich sagte
ihnen auch im voraus, welches das Schicksal dieser falschen Lehrer, sowie auch
derer, die auf solche Wahnlehren ihr geistiges Wohl bauen, sein werde, wenn
geistige und physische Stürme ihr Lebensschiff in Gefahr bringen würden, in
denen nur derjenige mit Ruhe der Zukunft – wie immer sie sich auch gestalten
möge – entgegensehen kann, der Meine Lehre auch in der Tat ausübt. Ich verglich
sie mit Menschen, von denen der eine sein Haus auf einen Fels, der andere auf
Sand gebaut hatte.
[PH.01_033,06] Was Ich nun in jenen Zeiten
Meinen Jüngern und Anhängern als Lebensregeln auf ihre dornenreiche Bahn
mitgegeben habe, findet seine Anwendung in allen Zeiten, bis auf die heutigen
und noch kommenden; denn Meine Worte sind ja Worte der Ewigkeit und für die
Ewigkeit. Sie können nie vergehen oder außer Gebrauch kommen, weil sie,
ebenfalls auf den Felsen Meiner Wahrheit gebaut, den Tempel Meines
Geisterhimmels ausmachen.
[PH.01_033,07] So wie dort gilt auch jetzt
dieser Mahnruf. Er soll sowohl den Führern, als auch jenen zur Richtschnur
dienen, die sich ihren Händen anvertraut haben und von ihnen in den bedrängten und
noch bedrängteren kommenden Zeiten Trost und Hilfe verlangen.
[PH.01_033,08] Viel Mißbrauch ist schon mit
Meiner Liebelehre getrieben worden, und viele sind den Irrlehren zum Opfer
gefallen; aber jetzt ist die Axt an den Baum gelegt, der die Verirrten so lange
beschattete und damit das eigentliche, göttliche Licht hinderte, bis zu ihnen
zu dringen.
[PH.01_033,09] Bevor Ich komme, müssen alle
Schatten in geistiger Hinsicht beseitigt werden; denn Ich bin das Licht und
vertrage keinen Schatten. Meine Lehre ist gegeben, um alle Winkel der
materiellen und geistigen Schöpfung zu erleuchten. Euer Scheinleben hat wohl
Licht- und Schattenseiten, wie eure Erde den Tag und die Nacht, – allein, es
ist dies notwendig, weil ihr, sowie die ganze materielle Welt, neben der
Tätigkeit auch Ruhe haben müßt, in der das Verausgabte ersetzt und der
Organismus zur ferneren Tätigkeit gestärkt werden muß. Nicht aber so in der
geistigen Welt! Da gibt es keine Nacht als nur die, welche die Geister sich
selbst bereiten. Da ist ewiges Licht, ewige Wärme, ewige Liebe, ewige
Tätigkeit.
[PH.01_033,10] Betrachtet nur eure Seele!
Auch sie, obwohl an einen irdischen Körper gebunden, schläft nicht, sondern
arbeitet Tag und Nacht an ihrem geistigen Leibe, um ihn möglichst vollkommen
ins große Jenseits zu bringen.
[PH.01_033,11] Dasselbe Streben besitzt die
ganze geistige Schöpfung, und was sich diesem entgegensetzen will, verfällt
seinem Untergange, wie es euch die jetzige Zeit nur zu klar zeigt.
Einrichtungen, so schlau und wohlberechnet sie auch angelegt und seit
Jahrhunderten erhalten wurden und soviel Gutes sie anscheinend verbreiten
sollten, sind doch nur auf Sand gebaute Häuser, die dem Platzregen und den
Stürmen Meines göttlichen Wahrheitslichtes nicht widerstehen können.
[PH.01_033,12] Wie sich der Kalkstein bei der
Berührung mit dem Lebens- oder Sauerstoff eurer Atmosphäre in einen Brei
auflöst, seine kompakte Form ändert und sich als feiner Staub, den Winden
preisgegeben, in alle Regionen verliert, ohne die geringste Spur seines früheren
Bestandes zurückzulassen – wenn er nicht, mit dem Sande vermischt, als
Vermittler in einer andern Form zum Festen eines Gebäudes beitragen muß –, so
wird es auch den irdischen Einrichtungen ergehen. Weil sich aber ein solches
schon lange bestehendes Gebäude und dessen Erhalter nicht so leicht dem Drange
der Umstände ergeben, so rufe Ich euch allen zu: „Hütet euch vor den falschen
Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, aber innerlich reißende Wölfe
sind!“
[PH.01_033,13] Ich weiß sehr wohl, daß von
vielen diese Meine euch jetzt direkt gegebene Lehre im Anfang verhöhnt und
verdächtigt werden wird und, wenn es auf diese Weise nicht gelingt, ihren Zweck
zu erreichen, sie sich dann entschließen werden, diese Meine Lehre als
Deckmantel zu gebrauchen, um ihre Existenz zu fristen; aber da gilt, was Ich
einst zu Meinen Jüngern sagte: An ihren Taten werdet ihr erkennen, ob sie
wirkliche, eifrige Ausüber Meiner Liebelehre oder nur Wortverkünder derselben
sind!
[PH.01_033,14] Es ist nirgends so notwendig,
auf seiner Hut zu sein, als gerade da, daß diese falschen Propheten und
falschen Ausleger Meines Wortes sehen, daß ihnen alle ihre Anstrengungen
mißlingen und sie sich entweder bekehren oder untergehen müssen. Denn sie
werden alle Mittel anwenden, die zu ihrem früheren Glanz, zu ihrer früheren
Macht führen sollen.
[PH.01_033,15] Daher gilt hier wieder Mein
Mahnspruch: Seid listig wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben, damit
ihr die List eurer größten Widersacher von ferne wittert und durch die Einfältigkeit
eures Herzens alle Giftpfeile von euch und euren Mitgläubigen abwenden könnt.
Sollten euch einige treffen, so führen sie euch zum Leben statt zum Verderben.
[PH.01_033,16] Wie hauptsächlich der Anfang
dieses Kapitels euch Gläubigen und Verehrern Meines wahren Liebewortes gilt,
indem es euch Geduld und Sanftmut rät, so ist auch der weitere Inhalt für euch
geeignet, daß ihr eure Anhänger auf all die Gefahren aufmerksam machen sollt,
die ihnen im Gewirre der Welt drohen, wo neben Wahrem das Falsche, neben echtem
Sein sich der Schein breit machen, damit sie nicht, durch falsche Lehrer und
Propheten irregeführt, euch des Trugs beschuldigen.
[PH.01_033,17] Seid daher auch vorsichtig wie
die Schlangen, und glaubt nicht blindlings jedem, der sich euch nähert und um
Himmelsbrot bittet oder – wie es im Evangelium heißt – zu Mir ,Herr, Herr!‘
sagen wird! Sie haben ganz andere Absichten, als euch zu folgen; sie wollen nur
durch euch erfahren, was ihrem Zwecke dienlich sein könnte.
[PH.01_033,18] Lest dieses Evangelium recht
oft! Es liegt bei weitem mehr geistige, tiefe Wahrheit darin, als Ich euch hier
geben kann. Beachtet das Gesagte, damit auch ihr euer Haus nicht auf Sand,
sondern auf den festen Felsen des Vertrauens baut! Sonst geht es euch wie
vielen, die beim geringsten geistigen oder moralischen Unwetter das
Gleichgewicht verlieren und nicht wissen, wie ihnen zu raten und zu helfen ist.
[PH.01_033,19] Viele Worte und noch viel mehr
Geistiges gebe Ich euch unter tausenderlei Formen. Jetzt empfangt ihr in diesen
Sonntagspredigten gleichsam den Schlüssel zu Meinen Worten, die Ich einst
Meinen Jüngern und ersten Nachfolgern gegeben habe.
[PH.01_033,20] Und wißt ihr, warum dies alles
geschieht? Seht, weil Ich eben nur zu gut weiß, wie sich die Zeitverhältnisse
fernerhin gestalten werden, in denen Stärke, Sicherheit und festes Aushalten
immer notwendiger sein werden! Bei manchem wird erprobt werden, ob er sein
geistiges Haus auf den Fels Meiner Glaubens- und Liebelehre gebaut oder ob er
sich nur mit dem Lesen und Anhören Meiner Worte begnügt hat, was dem Hause auf
dem Sande gleichkommt. So wie der Wind den Sand hinwegweht oder der Regen ihn
wegschwemmt, ebenso verwischt die Zeit die gehörten oder gelesenen Worte aus
dem Gedächtnis.
[PH.01_033,21] Die festen Bausteine zu Meinem
und zu eurem künftigen, geistigen Wohnhause sind Taten, – Taten, ausgeführt auf
Grund der Gottes- und Nächstenliebe. Nur diese sind bleibend, geben euch Ruhe
und Frieden und leuchten als schöne Beispiele für andere, welche euch an euren
guten Werken als echte und nicht als falsche Propheten und Lehrer erkennen
werden, deren Herz nicht das der reißenden Wölfe, sondern das der gutmütigen
Lämmer ist und nicht Haß, Zorn, Neid, Eifersucht oder Rache, sondern nur Liebe
atmet, Liebe verbreitet und wieder Liebe ernten will.
[PH.01_033,22] So sollt ihr Meine
Auserwählten werden, die mit Meinen Worten in der Hand alle Schatten und
Zweifel verscheuchen und das Licht einer großen, über euch hoch erhabenen
Geisterwelt verbreiten sollen, damit bei Meiner Wiederkunft nur ein Hirt und
eine Herde sei und euer Wohnort, der Erdball, wieder zu dem Paradies
umgestaltet werde, welches er einst gewesen ist, und welches nicht durch Mich,
sondern einst durch die aus Liebe geschaffenen Menschen verlorengegangen ist.
[PH.01_033,23] Dies merkt euch, und befolgt
es soviel und sooft wie möglich! Nur so blüht euch Ruhe und Frieden, und nur so
seid ihr fähig, auch andern Trost zu geben. Amen.
34. Predigt – Am 8. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom ungerechten Haushalter.
[PH.01_034] Luk.16,1-13: Er sprach aber auch
zu seinen Jüngern: „Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; der
ward vor ihm berüchtigt, als hätte er ihm seine Güter umgebracht. Und er
forderte ihn und sprach zu ihm: ,Wie höre ich das von dir? Tue Rechnung von
deinem Haushalten; denn du kannst hinfort nicht Haushalter sein!‘ Der
Haushalter sprach bei sich selbst: ,Was soll ich tun? Mein Herr nimmt das Amt
von mir. Graben kann ich nicht, so schäme ich mich zu betteln. Ich weiß wohl,
was ich tun will, wenn ich nun von dem Amt gesetzt werde, daß sie mich in ihre
Häuser nehmen.‘ Und er rief zu sich alle Schuldner seines Herrn und sprach zu
dem ersten: ,Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?‘ Er sprach: ,Hundert Tonnen
Öls.‘ Und er sprach zu ihm: ,Nimm deinen Brief, setze dich und schreibe flugs
fünfzig!‘ Danach sprach er zu dem andern: ,Du aber, wieviel bist du schuldig?‘
Er sprach: ,Hundert Malter Weizen.‘ Und er sprach zu ihm: ,Nimm deinen Brief
und schreibe achtzig!‘ Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er
klüglich getan hatte; denn die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder
des Lichtes in ihrem Geschlecht. Und ich sage euch auch: Machet euch Freunde
mit dem ungerechten Mammon, auf daß, wenn ihr nun darbet, sie euch aufnehmen in
die ewigen Hütten! Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und
wer im Geringsten unrecht ist, der ist auch im Großen unrecht. So ihr nun in
dem ungerechten Mammon nicht treu seid, wer will euch das Wahrhaftige
vertrauen? Und so ihr in dem Fremden nicht treu seid, wer wird euch geben, das
euer ist? Kein Knecht kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen
hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern
verachten. Ihr könnet nicht Gott samt dem Mammon dienen.“
11. April 1872
[PH.01_034,01] Dieses Evangelium handelt von
einem ungerechten Verwalter, welcher, nachdem sein Herr von seiner Untreue
unterrichtet worden war, sich doch wenigstens die Hintertür sichern wollte,
damit er nicht, der Not ausgesetzt, zum Darben verdammt würde oder durch
schwere Handarbeit sein täglich Brot verdienen müsse.
[PH.01_034,02] Ich sagte dies Gleichnis den
Pharisäern und Schriftgelehrten deswegen, weil sie am meisten dem Gelde oder
dem Mammon huldigten und, um dasselbe in Fülle zu erwerben, sich keines Mittels
schämten, ihren Zweck zu erreichen.
[PH.01_034,03] Was in diesem Gleichnis der
ungerechte Haushalter getan hat, nämlich daß er Schuldverschreibungen seines
Herrn von den Schuldnern auf die Hälfte herabsetzen ließ, um sich bei ihnen in
größere Gunst zu setzen, das taten auch die Pharisäer in ihren
Religionsgesetzen, indem sie den Reichen die Befolgung derselben erleichterten,
wenn diese sehr gut dafür bezahlten. So waren sie mit den Armen streng und mit
den Reichen nachsichtig, wie es eure Priesterschaft noch heute ist.
[PH.01_034,04] Die Lehren, welche Ich Meinen
Jüngern gab: Meine Mahnung, sich mittels des Mammons Freunde zu erwerben, auf
daß sie im Notfall nicht zu darben brauchen; dann der nächstfolgende Vers: „Wer
im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu, und wer im Geringsten
ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht!“; ferner: „So ihr nun in dem
ungerechten Mammon nicht treu seid, wer will euch das Wahrhafte anvertrauen?“;
und ferner: „So ihr in dem Fremden nicht treu seid, wer will euch geben
dasjenige, das euer ist?“; wie auch der folgende Vers: „Kein Hausknecht kann
zwei Herren dienen; entweder wird er den einen hassen und den andern lieben,
oder umgekehrt!“, was geistig auch heißt: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon
dienen!“; – alle diese Verse enthalten, mit nur wenig Unterschied, das gleiche;
nur der neunte Vers steht in scheinbarem Widerspruch mit den folgenden, weil
dort angeraten wird, sich mit dem Mammon Freunde zu machen, auf daß im Falle
der Not eine Freundeshand uns unterstütze, während in den anderen Versen gerade
mehr darauf hingewiesen wird, daß man nicht zwei Herren dienen könne, und im
dreizehnten Vers es sogar deutlich gesagt ist: „Ihr könnt nicht Gott und dem
Mammon dienen!“ Denn wie kann sich jemand mit dem Mammon Freunde erwerben und
dabei Gott dienen?
[PH.01_034,05] Ihr seht, hier bestehen dem
Scheine nach Widersprüche; denn Gott und der Mammon, d.h. die materielle Welt,
ihre Schätze und ihre Genüsse, sind doch gewiß entgegengesetzte Dinge, und es
ist ganz natürlich, daß derjenige, der dem Mammon oder der Welt huldigt, nicht
ebenfalls Gott lieben und Seinen Lebensregeln folgen kann.
[PH.01_034,06] Um die Widersprüche zu lösen,
wollen wir diese Verse etwas näher betrachten und versuchen, trotz ihres
scheinbaren Gegenüberstehens das gemeinsame Bewegen nach einem Ziel
nachzuweisen.
[PH.01_034,07] Seht, wenn Ich in diesem
Gleichnisse sagte, daß der schlechte Haushalter die Schuldverschreibungen
seines Herrn bedeutend herabsetzen ließ, so bedeutet das geistig eigentlich
nichts anderes, als daß die Fehler des Menschen, welche er gegen Mich als
höchstes Wesen begangen hat in Rücksicht auf seine eigene Natur und auf die
Verhältnisse, in welchen er leben muß, milder betrachtet werden. Wollte Ich
ohne diese Berücksichtigung eure Taten beurteilen oder euch gar bestrafen, so
stünde es wohl sehr schlecht um die ganze Menschheit. Das Ende müßte eine
zweite Vernichtung des ganzen Menschengeschlechts, wie einst bei der Sündflut
sein. Die Menschen wieder neu erschaffend, müßte Ich sie – wollte Ich nicht,
daß sie in dieselben Fußstapfen fielen – zu Maschinen, aber nicht zu freien
Menschen machen.
[PH.01_034,08] Wenn es heißt: „Erwerbt euch
Freunde mit dem Mammon!“, so will das soviel sagen als: Erleichtert dem mit Sünden
und Gewissensbissen Beladenen seine Last! Stellt ihm vor, daß seine Schuld
gegen Mich zwar groß ist, aber von seiner Seite nicht als untilgbar angesehen
werden soll! Beweist ihm, daß der Mensch ohne die Welt nicht auf Erden leben
kann, sondern daß er mit seinen Nebenmenschen leben muß; nur soll er das Gute
wirken, soviel in seinen Kräften steht, wenngleich er durch schlechte Einflüsse
daran gehindert werden sollte. Lehrt ihn, daß er Mich nicht als höchsten,
strengen Richter, sondern als liebenden Vater ansehen soll, welcher bei
Vergehungen wohl weiß, wieviel eigene Schuld und wieviel Schuld der Welt in
Anrechnung zu bringen ist!
[PH.01_034,09] Auf diese Art macht ihr selbst
den Beunruhigten ihre Last leichter und versöhnt sie mehr mit der Welt, der sie
sich vielleicht aus zu großem Eifer entziehen wollten. Indem ihr ihnen, sie so
tröstend, guten Rat erteilt, entspricht euer Handeln den Worten: „Machet euch
Freunde mit dem Mammon!“ So gewinnt ihr die Herzen anderer, welche auf anderen
Wegen, vielleicht verzweifelnd, entweder sich der Welt ganz in die Arme
geworfen hätten oder an Gott, Ewigkeit und sogar an der Existenz ihrer eigenen
Seele verzweifelt wären.
[PH.01_034,10] Der nächste, zehnte Vers,
welcher besagt, daß derjenige, der im Geringsten treu ist, es auch im Größten
sein wird, bedeutet: Wenn ein Gläubiger es einmal erfaßt hat, daß er mit seinen
schwachen Kräften der Welt widerstehen kann, indem er sich von ihr nicht
verleiten läßt, sondern allem nur den Wert zuerkennt, den es eigentlich hat, so
wird er sich durch materiellen Glanz nicht blenden lassen und, sollten ihn die
Verhältnisse einst weltlich höher stellen, auch dann seine Treue in bezug auf
seine Grundsätze bewahren, wie er es bei geringen Kräften und in beschränktem
Wirkungskreise früher ebenfalls getan hat.
[PH.01_034,11] Das bestätigt auch der zwölfte
Vers; denn das ,Fremde‘ bedeutet eure materielle und das ,Eigene‘ eure geistige
Bestimmung. Sich ganz dem einen oder dem andern hinzugeben, ist natürlich nur
dann möglich, wenn man das eine ganz hintansetzt und nur dem andern huldigt
(was besagen will, daß man nicht zwei Herren dienen kann), während es doch
angängig ist, daß man das eine benutzen kann, um im andern seinen Zweck
vollends zu erreichen. Nur so ist es möglich, daß Menschen sich Mir nähern und
ihre geistige Vervollkommnung anstreben können, nämlich wenn sie, wohl in der
Welt lebend, diese und alle ihre Reichtümer und Schätze benützend, doch keinen
andern Zweck im Auge haben, als durch weise Anwendung des ihnen Anvertrauten
dem Nächsten und durch ihn Mir selbst am meisten zu beweisen, wie sie Meine
zwei Liebesgesetze aufgefaßt haben.
[PH.01_034,12] Das nachfolgende Gleichnis vom
reichen Prasser und dem armen Lazarus sollte Meinen Zuhörern noch mehr zeigen,
welche Folgen es hat, wenn man sich dem Mammon ganz hingibt, statt ihn zu
geistigen Zwecken zu verwenden. Es sollte ihnen zeigen, daß auf diese Art der
eine seinen Lohn schon auf Erden empfängt, während dem andern die Vergeltung
für ein anderes, und zwar längeres Leben aufgespart wird, und daß das eine
Leben von kurzer, das andere aber von ewiger Dauer sein wird. Der Weg zur
Seligkeit wird dem weltlich Gesinnten ebenso unmöglich sein – außer aus seinem
Innern heraus – wie dem schon Guten der Rückschritt zur Welt.
[PH.01_034,13] Daß der Reiche in seiner Qual
gebeten hatte, wenigstens seine Brüder zu retten, worauf Abraham ihm
antwortete, daß den, der seiner Religion und ihren Grundsätzen nicht glaubt,
auch die Toten – kehrten sie auf die Welt zurück – nicht bekehren würden, will
sagen, daß diejenigen, welche sich der Welt oder dem Mammon ganz hingegeben
haben, wenig darauf achten würden, wenn selbst überirdische Einflüsse bei ihnen
sich geltend machten, weil sie, selbst zu niedrig gesinnt, das Überirdische
längst als nicht bestehend ansehen und durch Taten und Worte verleugnet haben.
[PH.01_034,14] Aus dem ganzen Evangelium vorn
ungerechten Haushalter geht also hervor, daß ihr Menschen – und besonders auch
ihr, welche Ich mehr als andere in Meine Schöpfungsgeheimnisse und in Meine
Lehre einführen will –, wollt ihr euch Freunde und Mir Kinder erwerben, ihr
vorerst nicht durch zu überspannte Anforderungen den andern den Weg erschweren
dürft, und daß ihr selbst bei euch, wenn ihr fehlet, es Meiner Gnade überlassen
sollt, inwieweit Ich euch eure Fehler anrechne oder nicht.
[PH.01_034,15] Das Zuviel ist in keiner
Hinsicht von Nutzen, sondern überall nur schädlich. Ihr müßt euch und andern
den Weg zu Mir nicht erschweren, nicht Meine Geister sein wollen, während ihr
noch schwache Menschen seid! Dieses Streben verträgt eure menschliche Natur
nicht. Ihr könnt doch ganz Liebe für Mich, ganz Liebe gegen euren Nächsten sein
und mitten in dem weltlichen Treiben eure sittliche Reinheit bewahren; ihr
könnt Mir ganz dienen, ohne der Welt den Rücken wenden zu müssen.
[PH.01_034,16] Seht ihr denn nicht, wie Ich
selbst die weltlichen Ereignisse benütze, um die Menschheit geistig zu
erziehen? Ich selbst verachte nicht und kann nicht hassen, was Ich selbst
geschaffen habe; nur ist dies der Unterschied, daß alles Gebaren der Menschen,
so schlecht es auch von seiten des einen oder andern sein mag, Mir doch zur
geistigen Vervollkommnung Meiner Kinder und der gesamten Menschheit dienen muß.
[PH.01_034,17] So wie Ich als höchster
Richter und Regent verfahre, so sollt auch ihr tun! Ihr sollt die Umstände,
Verhältnisse und Zusammenhänge, die euch auf eurem Lebensweg begegnen,
ebenfalls so benutzen, daß ihr am meisten durch die Taten an euren
Nebenmenschen Meinen Zweck fördern helft. Dann ist es nicht nötig, Verstorbene
heraufzubeschwören – wie der Reiche im Gleichnis glaubte, verlangen zu sollen
–, wenn ihr Lebenden die besten sichtbaren Zeugnisse dafür seid, daß mitten im
Weltgetümmel die menschliche Seele, eingedenk ihrer hohen Mission, nicht zwei
Herren, sondern nur einem Herrn, und zwar dem Herrn des ganzen Universums,
nämlich Mir allein, dienen kann, ohne die Verhältnisse unbenützt zu lassen, die
wohlweislich nur dazu da sind, um die große Aufgabe der Menschenkinder zu
beschleunigen und glorreich zu Ende zu führen.
[PH.01_034,18] So erseht ihr aus einem
Gleichnis, in dem die Ungerechtigkeit als Beispiel dient, wieviel Nutzen selbst
aus Umständen gezogen werden kann, die dem Anscheine nach schlecht sind, deren
Endresultat aber das Herrlichste ist, das Ich als Gott, als Jesus angestrebt
habe, und das ihr als Meine Kinder mit vollenden helfen sollt! Amen.
35. Predigt – Am 9. Trinitatissonntage. Die
Trauer des Herrn über Jerusalem.
[PH.01_035] Luk.19,41-46: Und als er nahe
hinzukam, sah er die Stadt an und weinte über sie und sprach: „Wenn doch auch
du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet! Aber nun
ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß
deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen,
dich belagern und an allen Orten ängsten; und werden dich schleifen und keinen
Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du
heimgesucht bist.“ Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben, die
darin verkauften und kauften, und sprach zu ihnen: „Es steht geschrieben: ,Mein
Haus ist ein Bethaus‘; ihr aber habt's gemacht zur Mördergrube!“
12. April 1872
[PH.01_035,01] Schon in den Mitteilungen über
,Die geistige Sonne‘ findet ihr erklärt, was es heißen will: „Und Jesus
weinte!“
[PH.01_035,02] Dort ist euch gezeigt, daß
diese Worte in geistiger Beziehung den tiefsten Schmerz Gottes ausdrücken,
welcher Seinen Kindern Sein ganzes Himmelreich auf ihre Erde brachte, ja ihnen
ihren Schöpfer und Herrn aller Welten in sichtbarer Gestalt zeigte, und wie die
Verblendeten trotz alledem Ihn, den Ausdruck der höchsten Liebe, Demut und
Gnade nicht erkannten. Sie verübten an Ihm was nur Verächtliches und
Schmerzliches an einem Menschen geschehen kann, wie sie auch Seine Lehre, die Lehre
der Liebe, der Versöhnung und des Vergessens, mit Füßen traten. Eben diese
große Verblendung der meisten Seiner Zeitgenossen war es, welche dem großen
Schöpfer, sichtbar als Jesus verkörpert, die Wehmutstränen auspreßte. Er weinte
über den Verfall der Hauptstadt des Judenvolkes und sah dessen gänzliches
Aufhören als selbständige Nation voraus, woran sich bis in ferne Zukunft auch
die entgegengesetzte Geistesrichtung knüpfte, welche diese einst von Mir zum
Größten ausersehene Nation bis auf den heutigen Tag verfolgt hat.
[PH.01_035,03] Das Frohlocken Meiner Jünger,
welche in Meinem Einzug in Jerusalem den Gipfel Meiner Mission zu erkennen
wähnten, war den Pharisäern und Schriftgelehrten nicht recht, und auf die
Forderung, Meinen Jüngern eine Zurechtweisung zukommenzulassen, antwortete Ich:
„Lasset sie frohlocken; denn wenn sie schweigen, werden die Steine reden!“
[PH.01_035,04] Ich wollte diesen betörten
Menschen damit sagen, daß wenn das Frohlocken Meiner Jünger sich in Trauer
verwandeln wird, kurze Zeit darauf die Steine der zerstörten Mauern ihrer Stadt
und ihres Tempels ihnen zeigen werden, daß sie Mich nicht erkannt haben, der
Ich in ihre Mauern mit der Friedenspalme einzog. Sie erkannten weder den
göttlichen Lehrer, noch Seine himmlische Lehre, und sehnten sich nur nach
weltlichem Glanz und Prunk und nach einem weltlichen Messias, der sie in ihrem
Wohlleben und unlauteren Genuß noch mehr bestärken und festigen solle.
[PH.01_035,05] Keine fünfzig Jahre waren nach
Meinem Tod vergangen, und Mein Mahnruf ging schon in Erfüllung. Das auserwählte
Volk hatte aufgehört, als selbständiges Volk zu existieren. Wie Ich einst im
Tempel die Verkäufer und Käufer austrieb, die aus dem Bethaus eine Marktbude
gemacht hatten, so wurden später die Juden aus Jerusalem vertrieben, weil sie,
was früher im Tempel geschehen war, auch in der Stadt fortgesetzt hatten, d.h.
sie hatten das geistige, höhere Leben des Menschen gänzlich vergessen und nur
weltlich gesinnt nach Genüssen, nach Macht und Reichtum getrachtet. So erfüllten
sie selbst Meine Weissagung, die Ich vom Schmerz betrübt über die Mauern
Jerusalems und ihren Tempel aussprach.
[PH.01_035,06] Wie Ich in jener Zeit den
verirrten Menschen Meine Klageworte zugerufen habe, so möchte Ich sie auch
jetzt dem lebenden und kommenden Geschlecht wieder zurufen; denn Ich bin nun
ebenfalls betrübt über das Schicksal so mancher Seelen, die Ich selbst als Gott
nicht retten kann, weil Ich ihnen ihre Freiheit des Handelns nicht nehmen darf.
[PH.01_035,07] So sehe Ich auch jetzt, wie
das Schiff der Menschheit mit vollen Segeln gegen Felsen und Klippen steuert,
sehe das Zerschellen aller ihrer Hoffnungen und geträumten Glückseligkeiten
voraus, sehe, wie viele Tausende und aber Tausende erst spät, ja zu spät
erkennen werden, was sie hätten tun sollen, aber doch nicht getan haben. Auch
zu ihnen möchte Ich, wie einst zu Jerusalem und seinen Einwohnern, sagen:
„Möget ihr doch bedenken, was euch zum Frieden dient; denn es wird die Zeit
kommen, wo ihr alle bitter fühlen werdet, was ihr nicht erkannt habt zu der
Zeit, als ihr durch Meinen Segen und Meine Gnade heimgesucht worden seid!“
[PH.01_035,08] Die Wehklagen über Jerusalems
unausweichbares Schicksal könnte Ich auch heute wiederholen; denn die törichte
Menschheit erkennt auch heute nicht ihre Mission, den Zweck ihres
Geschaffenseins und den Zweck des jetzigen und künftigen Lebens. So muß denn
auf ganz natürlich-geistigem Wege die Reaktion eintreten, welche, Meinen
göttlichen Gesetzen gemäß, die Geister, Seelen und Wesen wieder in jene Schranken
zurückweist, in welchen sie allein den Grad der Vervollkommnung erreichen
können, den Ich ihnen als höchstes Ziel gesetzt habe.
[PH.01_035,09] Traurig ist es oft für einen
irdischen Vater, wenn er sieht, wie seine Kinder trotz aller Aufopferung, Liebe
und Sorgfalt, die er für ihre geistige und moralische Erziehung verwendet
hatte, doch mißraten und den verkehrten Weg einschlagen, statt einst der Trost
und die Freude seiner alten Tage zu werden, wie sie ihm mit Gram, Sorgen und
oft mit Schande vergelten, was er aus Liebe für sie getan hat. Aber was bleibt
ihm, dem Enttäuschten, übrig? Er kann die Individualität seiner Kinder nicht
beherrschen; sie sind geistig frei und können denken und tun, was sie wollen.
So sieht ein Elternpaar oft all seine so schön aufgebauten Hoffnungen eine nach
der andern verschwinden, wie Luftschlösser zusammensinken, ohne im mindesten
helfen zu können.
[PH.01_035,10] Was hier den weltlichen Eltern
geschieht, das geschieht in noch intensiverem Grade auch Mir. Ich, der Schöpfer
des ganzen Universums, muß sehen, wie Meine Geschöpfe, von Mir zur höchsten
geistigen Würde erschaffen, gerade den verkehrten Weg gehen, statt – eingedenk
ihrer hohen Abkunft – dem Geistigen entgegenzueilen; Ich muß sehen, wie das
Geistige mit Füßen getreten, höhnisch verlacht und als Hirngespinst verrückter,
fanatischer Frömmler hingestellt wird, während man den grob-materiellen Genuß
des weltlichen Lebens als Höchstes preist; Ich muß sehen, wie gerade das äußere
Kleid als Hauptsache und der geistige Inhalt, welcher unter dieser Umkleidung
steckt, als Nichts betrachtet wird.
[PH.01_035,11] Auch hier gilt, was Ich einst
zu den Pharisäern sagte: Wenn auch Meine Jünger und Meine Anhänger schweigen,
so werden doch die Steine – d.h. das ganze, materielle Naturreich – reden und
dem Menschen überall zurufen: „Wache auf, Mensch, aus deinem weltlichen Taumel!
Vergebens suchst du deine Bestimmung und deinen Schöpfer wegzuleugnen! Wenn du
auch Seinen hinterlassenen Lehren aus der Zeit Seines sichtbaren Lebenswandels
keinen Glauben schenken willst, wenn du auch die Stimme in deinem eigenen
Herzen übertäuben willst, die dir als etwas ,Gewisses‘ doch immer wieder zuruft
und dich ermahnt, wenn du all dieses ableugnen willst, – so betrachte die
Natur!“
[PH.01_035,12] Die eifrigsten Grübler,
Naturforscher und Untersucher der Materie, alle kommen am Ende dazu und müssen
trotz ihres Sträubens dazu kommen, daß hoch über der Materie ein großer Geist
lebt, der die kleinsten Atome wie auch die großen Welten zu einem Ganzen
vereinigt, und der, wie aus allen Werken zu ersehen ist, nur ein Gott der
Liebe, der Gnade und der Langmut sein kann, der – wie einst im Beispiel vom
verlorenen Sohn gesagt wurde – über einen Wiedergefundenen mehr Freude hat als
über neunundneunzig Gerechte, die des Trostes nicht bedürfen.
[PH.01_035,13] ,Es ist ein Gott!‘ Dieser Ruf
tönt aus allem hervor. Selbst die Verkettung der politischen und sozialen
Verhältnisse zeigen dem aufmerksamen Beobachter deutlich genug, daß nicht immer
geschieht, was der Mensch bezwecken will, sondern daß sowohl beim einzelnen
Menschen, wie auch bei ganzen Völkern die Ergebnisse des Angestrebten oft ganz
andere als die erhofften sind. Überall zeigt sich diese Macht der Gottheit –
liebend den Liebenden, zürnend den Zürnenden, versöhnend den Versöhnenden.
[PH.01_035,14] Und wie Ich einst über die
Blindheit der Bewohner Jerusalems Tränen des göttlichen Schmerzes vergoß, weil
Ich voraussah, wie diese verirrten Kinder sich zuerst an Mir – körperlich –,
dann an Meiner Lehre – geistig – vergehen würden, und wie sie endlich selbst
den Tod erleiden würden, als Nation für immer aufzuhören, weil sie es selbst
nicht anders gewollt hatten, so füllt sich auch jetzt Mein Herz ob der
Blindheit des Menschengeschlechts mit Trauer.
[PH.01_035,15] Überall lasse Ich Funken
Meines Himmelslichts ausstreuen, überall ertönt Mein Vaterruf: ,Kehrt um, ihr
Betörten! Vernehmt Meinen Ruf, vernehmt die Stimme eures himmlischen Vaters,
der euch mahnt, ehe die große Katastrophe heranrückt – wie einst über Jerusalem
und seine Einwohner! Vernehmt die Stimme, die euch die Augen öffnen und euch
zeigen möchte, wie leichtsinnig ihr alle am Abgrund der Ewigkeit wie Betrunkene
umhertaumelt und jeden Augenblick in Gefahr seid, auf lange Zeit von diesem
verschlungen zu werden. Unreif, unzeitig werdet ihr dann in jenen zeitlosen
Räumen nur unter vielen Beschwerden und mit großen Mühen das erreichen können,
was hier in diesem irdischen Probeleben mit so leichter Mühe zu gewinnen ist!‘
[PH.01_035,16] So wie damals die Zerstörung Jerusalems
nur kurze Zeit nach Meinem Hingang erfolgte, so wird es auch jetzt nicht mehr
lange währen, bis eure sozialen Verhältnisse, von denen ihr glaubt, sie
bestünden für immer, zusammenstürzen werden.
[PH.01_035,17] Damals galt die Zerstörung
einer Stadt und einem Volke, jetzt gilt sie vielen Städten und vielen Nationen,
sie gilt der ganzen Erde und der darauf lebenden Menschheit.
[PH.01_035,18] Damals hörte nach der
Zerstörung Jerusalems der jüdische Kultus im großen und ganzen auf, und Meine
Lehre fing an unter den Heiden statt unter Meinem Volk, den Juden, die ersten
Früchte zu tragen. Ebenso werden jetzt die sogenannten Vertreter Meiner Lehre
aufhören, ihr sündiges Spiel mit Meinen Worten und Meiner Lehre zu treiben.
Dort fielen die Mauern des Tempels, welche gleichsam das Volk vom Heiligtum
trennten; jetzt fallen die geistigen Mauern. Was bis jetzt Eigentum einer Kaste
war, wird nunmehr Gemeingut werden. Vom Tempel blieb kein Stein auf dem andern,
Verwüstung und Greuel nur bezeichneten die Stätte, an der der große Gott, aber
falsch und unverstanden, verehrt wurde. Die zerstörten Ringmauern der Stadt
waren die einzigen Überreste, welche andeuteten, daß dort die Hauptstadt eines
Volkes stand.
[PH.01_035,19] Ebenso wird es jetzt im
Geistigen werden. Man wird nur mit Mühe erkennen können, wo einst unter lauter
Lügengeweben die reine Wahrheit verborgen und vergraben lag. Die Finsternis
wird schwinden, und nicht die trübe Lampe eines Tempelgewölbes, sondern die
allmächtige Sonne des geistigen Lichts wird alles erleuchten und alles
erwärmen. Auf den Ruinen des Wahns und des Truges wird man den ewig grünenden
Baum der Hoffnung pflanzen, welcher – stets nach oben, nach dem nie vergehenden
Himmelreich strebend – ein Symbol des Wegs für die übriggebliebene Menschheit
sein wird.
[PH.01_035,20] Daher, Meine Kinder, weil Mein
Gnadenlicht auf die große Masse der Verirrten umsonst scheint, was Ich mit
betrübten Augen und bekümmertem Herzen erkennen muß, so nehmt ihr das
Gnadenlicht auf, und bedenkt, daß Ich euch unter so vielen Tausenden deshalb
auserwählt habe, um einst nach dem zerstörten Wahngebäude des Truges die ersten
festen Bausteine des neuen Tempels eines neuen Jerusalems zu sein!
[PH.01_035,21] Einst wandelte Ich sichtbar
unter Meinen Kindern, und sie erkannten Mich nicht; jetzt aber, wo ihr Mich
erkennt oder wenigstens die Gelegenheit dazu habt – sei es durch Meine Worte,
sei es durch Meine Werke –, Mich als liebenden Vater zu erfassen, jetzt
trachtet doch wenigstens ihr danach, euch vom allgemeinen Verfall zu retten,
damit ihr, wenn die Mauern des Alten, Angewöhnten einstürzen, aufrecht stehen
bleibt! Beweist durch eure Ausdauer und euer Vertrauen, daß, wenn Ich auch
jetzt wieder über viele Verlorene Tränen des Schmerzes vergießen muß, es doch
noch einzelne gibt, die den Liebesblick des Vaters zu begreifen und zu
verstehen wissen und die, trotz des vielen Traurigen, ein Anhaltspunkt einer
künftigen, nie versiegenden Freude werden können!
[PH.01_035,22] Wenn andere Tränen des
Mitleids verdienen, so trachtet ihr danach, daß in Meiner Geisterwelt über
euch, euer Verhalten und eure Ausdauer Tränen der Freude und der Wonne
vergossen werden, welche die größten Beweise eures Sieges sein sollen! Amen.
36. Predigt – Am 10. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner.
[PH.01_036] Luk.18,9-14: Er sagte aber zu
etlichen, die sich selbst vermaßen, daß sie fromm wären, und verachteten die
andern, ein solch Gleichnis: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu
beten; einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und
betete bei sich selbst also: ,Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die
andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich
faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe.‘ Und
der Zöllner stand von ferne, wollte seine Augen nicht aufheben gen Himmel,
sondern schlug an seine Brust und sprach: ,Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ Ich
sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus vor jenem. Denn wer
sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt,
der wird erhöht werden.“
[PH.01_036,01] In mehreren Evangelien, die
Ich bis jetzt erklärt habe, waren Gleichnisse, durch deren Vorkommnisse im
gewöhnlichen Leben Meine Lehre oder eigentlich nur Meine zwei Liebesgebote
erläutert wurden, und von denen noch mehrere folgen werden.
[PH.01_036,02] Diese Erklärungen haben vor
allem den Zweck, anderen Deutungen vorzubeugen, wie auch Moses Meine Gebote in
zehn anderen näher bezeichnete, weil die Menschen sich nur zu oft bloß an den
Buchstaben haltend, des Wahnes sind und auch waren: was in den Gesetzen nicht
besonders erwähnt werde, sei auch nicht verboten.
[PH.01_036,03] Da Ich während Meines
Erdenwandels als Lehrer die Beschränktheit der Begriffe Meiner Jünger und
sonstiger Zuhörer wohl kannte, wählte Ich öfters Beispiele, Gleichnisse und
Vergleichungen von materiell Bestehendem mit geistig Unsichtbarem, um niemand
in Zweifel zu lassen, wie er Meine Lehre auffassen und wie er die ihm schon
früher gegebenen kirchlichen Gebote verstehen solle.
[PH.01_036,04] Hier in diesem Evangelium seht
ihr wieder, wie Ich besonders den Pharisäern, welche stets im Eigendünkel
lebten, als seien sie besser als das andere Volk, ein Gleichnis gab, welches
ihre Fehler berührte; denn sie glaubten, wenn sie nur die religiösen Gebräuche
hielten, so sei alles getan, und der Gott ihrer Religion könnte sich damit
zufrieden geben.
[PH.01_036,05] Ich erzählte ihnen von zwei
Menschen, von denen der eine, welcher die Satzungen seiner Religion in den
verschiedenen Gebräuchen dem Anscheine nach hielt, so ganz mit Hochmut und
Verachtung auf einen andern herabsah, welchen er weit unter sich glaubte, weil
sein Lebensberuf einer von denjenigen war, die in jener Zeit nicht im besten
Rufe der Redlichkeit standen.
[PH.01_036,06] Nun, dieser Vergleich des
einen, der in seinem übermütigen Stolze glaubte, nie oder nur wenig gesündigt
zu haben, mit dem andern, der in vollster Demut sich seiner Vergehen, die von
der menschlichen Natur oft nur zu leicht begünstigt werden, bewußt ist, –
dieser Vergleich war geeignet, den unbändigen Stolz der Pharisäer zu demütigen.
Er gab auch Meinen Jüngern und Zuhörern über manche Meiner Taten, die gegen die
gewöhnlichen Gebräuche der Juden verstießen, eine Aufklärung, damit sie alle
erkennen sollten, was für ein Unterschied es ist, ein Gesetz dem Worte oder
Buchstaben nach zu halten oder es im geistigen Sinne zu verstehen und zu
befolgen.
[PH.01_036,07] Als Erklärung dieses Beispiels
sagte Ich Meinen Jüngern: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer
sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden!“
[PH.01_036,08] In den folgenden Versen dieses
Kapitels ist zum Ausdruck gebracht, daß ,gut‘ niemand genannt werden kann als
nur Gott, wobei Ich Mich, als Menschensohn, selbst nicht ausnahm. Ich tat dies
geflissentlich, damit sie alle hören und begreifen sollten, daß das Wort ,gut‘
als Eigenschaft nicht so leicht zu erwerben und zu verdienen ist, und daß viel,
ja sehr viel dazu gehört, um auf eine solche Benennung Anspruch machen zu
können; denn das Wort ,gut‘ hat hier auch die Bedeutung des Begriffes
,sündenfrei‘.
[PH.01_036,09] In der weiteren Folge dieses
Kapitels sagte Ich bei der Gelegenheit, als man die Kindlein zu Mir brachte,
daß die Menschen, wollen sie auf Mein Reich Anspruch machen, den Kindern
gleichen müssen in bezug auf die Einfalt ihres Herzens, ihre Unschuld und das
unbeschränkte Vertrauen zu ihren Eltern. Denn nur derjenige, der diese
Eigenschaften des Kindes besitzt, wird durch Beten und Bitten den Eingang in
Mein Reich erzwingen können, – weswegen der erste Vers dieses Kapitels sagt,
daß man stets beten und nicht davon ablassen, d.h. daß man alles im Hinblick
auf Mich und Meine zwei einzigen Gebote vollführen solle. Um das aber tun zu
können, muß man auch fähig sein, seine Lieblingsgewohnheiten, das am schwersten
Entbehrliche nötigenfalls zu opfern, was Ich durch den Vorfall mit dem Obersten
näher erklärte; denn von diesem Manne verlangte Ich gerade die Opferung dessen,
was ihm am meisten ans Herz gewachsen war.
[PH.01_036,10] Das Gleichnis, daß ein Kamel
(Schiffstau) leichter durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in den
Himmel komme, will besagen, daß das erstere leichter zu bewirken sei – obwohl
es zu den Unmöglichkeiten gehört –, als daß ein Mensch, der noch an weltlichen
Dingen hängt, in Mein Reich des Geistes gelangen könne; denn nur, wenn alles
Weltliche dem geistigen Zwecke untergeordnet wird, ist von der Stufe des
Weltlichen ein Aufschwung ins Geistige möglich.
[PH.01_036,11] Das, was Petrus bei diesem
Vorfall mit dem Obersten zu dem Schlusse veranlaßte, sie seien Meine Jünger,
eben weil sie alles verlassen hätten und Mir nachgefolgt wären, zeigt klar, wie
leicht die Menschen ihre gebrachten Opfer überschätzen und schon auf dieser
Erde die Belohnung dafür erwarten, während diese ihnen vielleicht erst im
Jenseits, in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, zuteil wird. Meine Jünger hatten
davon deshalb eine andere Auffassung, weil sie alle noch sehr unter dem Einfluß
Meiner sichtbaren Persönlichkeit standen und daher nicht zur eigenen Reife
gelangen konnten. Ja, als Ich ihnen Meine Leidensgeschichte voraussagte,
begriffen sie es nicht; denn sie glaubten, wenn ihnen schon wegen ihrer
materiellen Aufopferungen hier und dort Seligkeiten versprochen würden, umsomehr
müßte Ich, der sündlos und rein vor ihren Augen einherwandelte, deren
teilhaftig werden.
[PH.01_036,12] Sie waren blind wie der Blinde
am Wege gen Jericho, sie hörten Mich wohl, aber sie verstanden nicht den Sinn
Meiner Worte. Und wie Ich diesen Blinden sehend machte, weil er fest an die
Möglichkeit der Heilung durch Meine Hand glaubte, so ward auch ihnen mit der
Ausgießung Meines Geistes über sie der geistige Star gestochen, und sie
begriffen dann erst ganz und sahen im hellsten Licht, was Ich ihnen in vielen
Gleichnissen und Bildern während Meiner dreijährigen Lehrzeit gesagt hatte. Da
erst begriffen sie, wer Ich war, was Meine Lehre zu bedeuten habe, und was ihre
eigene Mission sei.
[PH.01_036,13] Seht, dieses Evangelium sagt
euch vom Anfang bis zum Ende mit wenig Worten immer das gleiche! Es sagt euch,
wie im praktischen Leben das ,gut‘ oder ,ohne Sünde sein‘ so schwer ist, und
wie die Aufopferungsfähigkeit so viele tausend verschiedene Abweichungen hat.
Der Buchstabe des Evangeliums drückt eben nicht nur das vermeinte Eine aus,
sondern der Sinn des Evangeliums zielt im ganzen darauf hin, den menschlichen
Dünkel, man sei besser als der andere, herabzustimmen. Daher der Hinweis auf
die Demut, wie sie im Zöllner als Tugend, dann beim Obersten als höchst
Gefordertes, in den Kindlein als unbewußte Unschuld versinnbildlicht, Meinen
Jüngern als künftige Belohnung verheißen und von Mir als irdischer Mensch auf
Meinem letzten Leidensgange als höchstes Beispiel ausgelebt worden ist!
[PH.01_036,14] So seht ihr die Stufen der
Demut vor euch, das Herabwürdigen der eigenen Natur vor dem zu erreichenden
geistig höchsten Standpunkt, den Ich euch als Mensch als ewiges Beispiel
zeigte.
[PH.01_036,15] Beachtet dieses Evangelium, in
welchem der Lehren tiefste in Worten und in Meinem eigenen Lebensgang vor euren
Augen stehen! Glaubt nicht, als wäret ihr schon etwas Besseres, weil euch Mein
Wort vor vielen anderen zuteil wird und ihr gleichsam aus Meinem eigenen Munde
erfahret, wie man es auffassen und im Leben ausüben soll!
[PH.01_036,16] Auch unter euch sind noch
viele wie der Oberst. Wenn für euch die Stunde heranrücken wird, wo auch ihr
dem Teuersten dieser Welt, welches ihr bis jetzt mit so vieler Ängstlichkeit
bewahrt habt, entsagen müßt, da seid versichert, daß viele von euch traurig
sein und sich von dannen schleichen werden wie der Oberste. Dann wird der
Probierstein an eure menschliche Natur gesetzt, wieviel des Geistigen ihr aus
Meinem euch so vielfach gespendeten Himmelsbrote mit eurem eigenen Ich
vermischt und euch angeeignet habt. Deswegen geht auch an euch der Ruf des
ersten Verses dieses Evangeliums: Betet und lasset nicht ab, damit euch stets
Kraft genug bleibe, unter allen Umständen und Verhältnissen nicht zu wanken,
sondern fest bei Mir zu stehen; denn nur den Ausharrenden werden im Jenseits
ihre weltlichen Verluste vergütet werden, den Schwankenden und Zweifelnden aber
nicht!
[PH.01_036,17] Betet ohne Unterlaß, daß euch
in jeder Beziehung der Hochmut oder der Stolz verlasse, und zieht das Kleid der
Demut an! Werdet wie die Kindlein! Glaubt vertrauensvoll an Meine Verheißungen;
denn das, was Ich euch jetzt sage, ist ja nichts Neues! Schon vor mehr als
tausend Jahren wurde es von Mir Meinen Jüngern und gläubigen Zuhörern gegeben!
Schon lange liegt es, wie ihr sagt, schwarz auf weiß vor euren Augen; aber
blind wie der Bettler von Jericho seht ihr nicht das Licht, das aus diesen
Worten strahlt. In eurem Herzensdrange rufet auch ihr oft zu Mir: „O Herr, mach
mich sehend!“ Und es ergeht auch denjenigen unter euch, die vertrauensvoll wie
der Blinde von Jericho sich Meinen Händen anvertrauen, so, wie es in diesem
Evangelium heißt: „Wer ohne Unterlaß betet und bittet, den werde Ich erhören!“;
denn auch ihnen wird ihr Glaube, wie jenem Blinden der seine, helfen.
[PH.01_036,18] Ihr bekommt jetzt in diesen
Sonntagspredigten so viel Licht aus Meinen Himmeln, daß es unmöglich scheint,
daß ihr über den eigentlichen Sinn Meines Wortes, wie es einst gesprochen
wurde, noch Zweifel hegen könnt, ferner darüber, wie es ausgeführt werden soll,
und daß es jetzt selbst in der sozialen und politischen Entwicklung eures
gesamten Weltteils, dem Endresultat, der endlichen Vergeistigung der
menschlichen Seele entgegengeht.
[PH.01_036,19] Ich sagte Meinen Jüngern Meine
Leiden und Meinen Tod voraus, sagte ihnen aber nicht, daß eben diese Leiden und
dieser Tod der größte Triumph, der größte Sieg des Geistigen über die
menschliche Natur seien und bleiben würde. Ich verschwieg es, weil sie Mich
nicht verstanden hätten; aber nun sage Ich es frei heraus, daß alles dahin
drängt, zur Reife zu bringen, was Ich in jenen drei Lehrjahren als Samen
ausgesät habe. Meine Lehre wird trotz aller blutigen und scheußlichen Vorgänge,
denen sie in vielen Jahrhunderten als Deckmantel dienen mußte, am Ende doch siegend
hervortreten, wenn die Menschheit durch Leiden und Trübsale gezwungen sein
wird, sich all des Unflats zu entledigen, welcher ihr noch anklebt.
[PH.01_036,20] Was Mir in jenen Zeiten
geschah – die Leiden und Kämpfe und selbst der Tod, der aber durch die Auferstehung
und Himmelfahrt zum Sieg gekrönt wurde –, das geht jetzt mit der Menschheit
vor. Was Ich damals als Mensch litt, wird jetzt die Menschheit leiden müssen.
[PH.01_036,21] Das Weltliche muß verspottet,
verachtet, gekreuzigt werden, soll das Geistige im Menschen auferstehen, soll
eine Annäherung mit Meinem Geisterreich möglich werden!
[PH.01_036,22] Ich ging in jener Zeit mit dem
Beispiel voran, und die Menschen müssen jetzt nachfolgen. Wohl dem, der schon
früh Hand anlegt und abstreift, was als weltlicher Ballast sein Aufschwingen in
höhere Geistesstufen hindert! Er gewinnt viel im voraus, und die zu tief in der
Materie stecken und Meinen Ruf zum Erwachen nicht vernehmen wollen, denen wird
es ergehen wie den Mauern von Jericho, welche bei den Trompetenstößen
einstürzten. Sie werden ihrer Vernichtung ebenfalls nicht entkommen, weil sie,
nur Materie, in das Geistige Reich nicht aufgenommen werden können.
[PH.01_036,23] Nicht umsonst sind diese
dreiundfünfzig Predigten für die Menschheit kundgegeben. Für euch und für alle
die, welche einst durstig nach Lebenswasser lechzen werden, sind sie gegeben.
Alle sollen sehen, welche Fülle von Liebe, Wahrheit und Lebenswärme in den von
Meinen Jüngern aufgezeichneten Evangelien verborgen liegt, für welche aber bis
jetzt noch das geistige Verständnis bei der Mehrzahl fehlte.
[PH.01_036,24] Um euch also die Evangelien,
mit mehr als sieben Siegeln verschlossen, zu öffnen und durch diese Bücher den
Weg zu Mir und Meinen Himmeln anzubahnen, sende Ich euch diese Erklärungen.
Sollen sie Nutzen bringen, müssen sie nicht allein gelesen, sondern im Leben
ausgeübt werden, damit Ruhe, Frieden und Trost denjenigen im vollsten Maße
werde, welche es sich zum Ziel gesetzt haben, Meine Kinder zu werden. Amen.
37. Predigt – Am 11. Trinitatissonntage. Die
Heilung eines Taubstummen.
[PH.01_037] Mark.7,32-37: Und sie brachten zu
ihm einen Tauben, der stumm war, und baten ihn, daß er die Hand auf ihn legte.
Und er nahm ihn von dem Volk besonders und legte ihm die Finger in die Ohren
und spützte und rührte seine Zunge und sah auf gen Himmel, seufzte und sprach
zu ihm: „Hephata!“, das ist: ,Tu dich auf!‘ Und alsbald taten sich seine Ohren
auf, und das Band seiner Zunge ward los, und er redete recht. Und Jesus verbot
Ihnen, sie sollten's niemand sagen. Je mehr er aber verbot, desto mehr sie es
ausbreiteten, und das Volk wunderte sich über die Maßen und sprach: „Er hat
alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend!“
17. April 1872
[PH.01_037,01] Die schnelle Heilung eines
Taubstummen, von der diese Verse erzählen, war eine von jenen Taten, mit
welchen Ich von Zeit zu Zeit Meine Lehre bekräftigen mußte, damit Meine Jünger,
sowie das Volk, welches Mir nachfolgte, auch durch Taten überzeugt wurden, daß
Meine Worte göttlicher Abstammung sind. Diese Taten sollten auch Mein Dasein
auf eurer Erde als eine höhere Mission als die eines Propheten und Sehers
begründen und beweisen. Denn das Volk, durch scheinbare Wunderwerke der Magier
und Essäer daran gewöhnt, Dinge vor seinen Augen verrichtet zu sehen, welche es
nicht begreifen konnte, legte nur zu leicht dem einen oder dem andern einen
Namen oder eine Kraft bei, die ihm nicht eigen war, weswegen Ich hauptsächlich
nur Heilungen oder solche Wunder vollführte, die jenen Gauklern und Magiern
nicht zu verrichten möglich waren.
[PH.01_037,02] Was den Akt der Heilung selbst
betrifft, so wie Ich ihn verrichtete, hat er einen tieferen, geistigen Sinn als
nur den, daß Ich einen Taubstummen heilte, damit er dann von Mir und Meiner
Wunderkraft reden sollte. Ich hatte derlei Anpreisungen nicht nötig, ja – wie
einer der Verse deutlich sagte – Ich verbot dem Geheilten sowie den Zeugen, von
dieser Tat weiter zu reden. Dies wurde aber nur selten befolgt; denn eben
durchs Verbot erwacht der Drang zum Sündigen noch stärker. Auch Mein Jünger
Paulus empfand dies, indem er seufzend sagte: „Wäre nicht das Gesetz, so wäre
nicht die Lust, dagegen zu sündigen!“ Er bekannte in diesen Worten die Schwäche
der menschlichen Natur und warnte zugleich vor der zu großen Sicherheit, eine
gewisse Stärke erlangt zu haben, damit man nicht unverhofft desto tiefer falle.
[PH.01_037,03] Was das Verständnis der
geistigen Bedeutung dieser Heilung des Taubstummen für euch alle betrifft, so
müßt ihr die Worte ,taub‘ und ,stumm‘ recht ins Auge fassen und dann aus der
gegebenen Erklärung die geistigen Schlüsse herausfinden.
[PH.01_037,04] Die Handlung wurde einer
Sonntagspredigt deshalb zugrunde gelegt, um euch Mir näherzurücken. Denn ihr
müßt wissen, daß in jedem Wort, das Ich sprach, und noch mehr in jeder
Handlung, die Ich während Meines Erdenwandels verrichtete, die Hauptsache bei
weitem mehr das Geistige war als der Akt der Tat, die Gelegenheit oder die
Umstände, bei welchen Ich Meine Lehre dem Mir nachfolgenden Volk kundgab. Jedes
Meiner Worte hatte einen weittragenderen Sinn, als jene Zuhörer ahnten und auch
heutzutage noch die meisten Bibelerklärer und -forscher gefunden haben.
[PH.01_037,05] Deswegen muß Ich auch hier
diese beiden Worte ,taub‘ und ,stumm‘ etwas näher erklären, damit wir durch
geistige Entsprechung leichter herausfinden können, was jetzt zu Meinem Zwecke
paßt, und was schon in jener Zeit in Meinem Wort ,Hephata‘ und in der Handlung,
wie auch in der Person, an welcher Ich die Handlung vollzog, lag. Denn es war
kein Zufall, daß ein Taubstummer auf diese besondere Art von Mir geheilt werden
mußte, während Ich bei anderen Gelegenheiten Blinden, Lahmen, Aussätzigen und
anderen nur durch Mein Wort oder durch Auflegen Meiner Hände die Gesundheit
wiedergab.
[PH.01_037,06] Seht, um dies alles geistig
aufzufassen und zu begreifen, müssen wir diese beiden Worte ,taub‘ und ,stumm‘
näher betrachten, woraus sich das Weitere dann von selbst erklären wird.
[PH.01_037,07] ,Taub‘ sein ist ein Zustand,
bei dem der innere Geistesmensch, um einen Sinn ärmer, so manches von den
Annehmlichkeiten und geistigen Einflüssen der Außenwelt entbehren muß, was dem
gesunden Menschen durch das Gehör von allen Seiten zuströmt. Letzterem wird
dadurch bewiesen, daß selbst in dem Vibrieren der Materie, das den Schall
bewirkt, weit Größeres, Geistigeres liegt, als er wähnte; denn die Eindrücke
des Schalls bilden, vom leisesten Geräusch bis zur höchsten Harmonie der Musik
oder bis zum noch höheren Ausdruck aller geistigen Begriffe im Wort, eine große
Stufenreihe von Genüssen, Erklärungen und Kundgebungen Meiner Göttlichkeit und
Ewigkeit in der ganzen materiellen Schöpfung, welche alle dem Tauben fremd und
nicht erklärbar sind, sowenig wie dem Blinden die Farben, zumal wenn diese
Mängel von Geburt an bestehen.
[PH.01_037,08] ,Stumm‘ ist wieder das
Entgegengesetzte von ,taub‘. Während nämlich im Tauben der innere Mensch
tausender Einflüsse von außen durch das Nichthören beraubt wird, so muß
umgekehrt der Stumme, des Mittels der Sprache beraubt, den Mangel fühlen, die
Einflüsse, welche die ihn umgebende Außenwelt auf ihn ausübt, nicht kundgeben
und die durch das Äußere in seinem Innern sich abspiegelnde Welt anderen durch
das größte und umfassendste Werkzeug, durch die Stimme und Sprache, nicht
mitteilen zu können. Es stehen ihm im besten Falle neben Gebärden und Zeichen
unartikulierte Laute zu Gebot.
[PH.01_037,09] Wie Ich in einem anderen Wort
an euch schon sagte, daß gegenseitige Mitteilungen ein Hauptbedürfnis, ja ein
notwendiges Mittel zum Fortschritt auf dem geistigen Wege sind, so versteht es
sich von selbst, daß derjenige, welcher stumm ist, eine ungeheure Menge von
Genüssen entbehren muß, was ihm erst dann zum Bewußtsein kommt, wenn er das von
außen Empfangene wieder durch Mitteilung zurückstrahlen möchte.
[PH.01_037,10] Nachdem Ich euch die Bedeutung
dieser beiden Worte und die Nachteile des Verlustes der einen oder der andern
Eigenschaften näher erklärt habe, so könnt ihr euch einen rechten Begriff von
denjenigen Geschöpfen und Menschen machen, welche nicht nur den einen oder den
andern Sinn, sondern beide entbehren müssen.
[PH.01_037,11] Das Fühlen oder die Aufnahme
der von außen kommenden Harmonien und das Wiedergeben der durch dieselben auf
den Innenmenschen hervorgebrachten Eindrücke fehlen. Es liegt in diesem Mangel
ein ungeheurer Hemmschuh des Fortschritts im Geistigen; denn wer nur durch
andere Mittel als durch das Gehör das außer ihm Liegende aufnehmen und das
Aufgenommene notdürftig wieder mitteilen kann, der entbehrt in Meiner großen Schöpfung
vieles, was anderen, ohne es zu wissen, in vollem Maße in den Schoß fällt.
[PH.01_037,12] Nicht ohne Grund bat Mich in
jener Zeit das Volk, diesen Taubstummen zu heilen. Es war von dem Gedanken
geleitet, daß auch er Meine Worte vernehmen sollte, und daß er so, wenn sein
Inneres mit einem großen Reichtum von nie geahnter Geistesfülle genährt sei,
seine und auch Meine Mission auf Erden begreifen könne.
[PH.01_037,13] Wie viele Menschen haben noch
jetzt ihr geistiges Ohr Meiner Schöpfung und Meinen Lehren verschlossen, und
wie vielen ist noch bis jetzt Meine ganze Schöpfung ein stummes,
zusammengeworfenes Gemisch von Stoff und Materie, dessen Gesetze nach ihrer
Meinung nur dem Zufall entstammen. Wie vielen rufe Ich zu: „Hephata!“, d.h.:
„Tuet auf eure Ohren, vernehmt den Jubelgesang der ganzen Natur, die vom
letzten Atom bis zur größten Zentralsonne nur Liebe predigt! Macht auf eure
Ohren und vernehmt das geistig Tiefe, welches euch in Meiner Lehre gegeben
wurde, um euch zu etwas Höherem, zu etwas Größerem zu erziehen als zu
vegetierenden kräuter- und fleischfressenden Tieren, die nur mit größerer
Intelligenz als die anderen begabt sind!“
[PH.01_037,14] Wie vielen rufe Ich dieses
alle Tage, jede Stunde, ja jeden Augenblick zu, und jede Gemütsbewegung, jede
Idee, die doch nicht Produkt des Stoffes oder der Materie sein kann, zeigt
ihnen deutlich, daß in dem körperlichen Tiermenschen ein geistiger, höherer
Mensch verborgen liegt, der den äußeren Menschen so vergeistigen sollte, daß er
eine würdige Umkleidung des Innern und ein Geschöpf werde, das seinem Schöpfer
Ehre macht.
[PH.01_037,15] Und seht, Tausende haben sich
selbst zur Taubstummheit verdammt. Sie begreifen nicht, welch großer Schatz
geistiger Seligkeiten in Meiner Natur auf sie einwirken will; sie sind kalt
oder stumm bei diesen Eindrücken. An ihren Ohren gehen alle geistigen Harmonien
unbeachtet vorüber, und ihr Inneres ist leer oder nur von Eindrücken angefüllt,
die aus der niedersten Sphäre der Materie oder der Sinnlichkeit herrühren und
sie vom Menschen zum Tier herabdrücken.
[PH.01_037,16] Ihr Inneres ist leer, und weil
sie nichts Geistiges geben können, empfangen sie auch von andern nichts. Für
sie herrscht nur die Materie, und Geistiges ist ein Erzeugnis eines verrückten
Gehirns.
[PH.01_037,17] Durch dieselben Worte, welche
Ich euch schon seit mehreren Jahren zukommen lasse, rufe Ich Meinen verirrten
Kindern das ,Hephata!‘ zu, lege Meine Finger in ihre Ohren, um sie noch zu
retten, solange es möglich ist und ehe noch die ganze Natur mit Posaunentönen,
statt mit sanften Harmonien, ihnen ins Ohr tönen wird, was sie auf friedlichem
Wege nicht verstehen wollen.
[PH.01_037,18] Ich habe die Menschen nicht
erschaffen, daß sie gegen alle Meine Werke taub seien, und habe Meine Schöpfung
nicht mit so vielen Wundern ausgerüstet, daß sie Meinen geistigen Wesen ein
stummes Buch sein solle.
[PH.01_037,19] Taubstumm ist und soll nichts
sein in Meiner gesamten Natur! Alles, was lebt, soll die Sprache seines
Schöpfers, seines Vaters vernehmen. Denn Er will mit den Eindrücken Seiner
Schöpfungen die Seele der geschaffenen Wesen so erfüllen, daß in der Mitteilung
des Geschauten, Gefühlten und Gehörten die ganze Wonne des Daseins liegt.
[PH.01_037,20] Nicht stumm soll Meine Natur
sein; denn ,stumm‘ ist soviel wie ,geistig tot‘. Jubelnd soll alles bezeugen,
daß es lebt, daß es sich des Lebens freut, und daß es in allen Schöpfungen der
Außenwelt seinen Schöpfer, seinen liebenden Vater wieder erkennt! So soll die
materielle Schöpfung die Unterlage des Geistigen sein und die geistige
Schöpfung das Materielle vergeistigen!
[PH.01_037,21] Taub oder stumm ist und soll
nichts sein in der Welt, am wenigsten der Mensch, der als letztes Produkt der
materiellen Schöpfung auf dieser Erde Mein geistiges Ebenbild in sich trägt!
[PH.01_037,22] Wie Ich dem Taubstummen das
Gehör wiedergab, damit er höre, was und wie alles in der Natur Mich lobt und
preist, so sollte er auch nicht mehr stumm sein, damit er in diesen Jubelgesang
mit einstimmen könne und Mich als seinen Herrn, aber auch als seinen liebenden
Vater erkennen möge.
[PH.01_037,23] Wie Ich jenen Taubstummen
heilte, so laßt auch ihr euch heilen, damit ihr, nicht taub gegen Meine Worte,
den andern laut mit der Macht der Stimme voller Überzeugung verkünden könnt,
daß jene Taten und Wunder, vor mehr als tausend Jahren von Mir verrichtet,
geistig nur andeuten wollten, was Ich mit der ganzen Menschheit im Sinne hatte,
als Ich sie schuf, und als Ich euch Menschen auf dieser Erde zu Herren
einsetzte!
[PH.01_037,24] Ich wollte nicht Taube und
nicht Stumme, sondern Wesen für Mein Reich erziehen, die offene Geistesohren
und beredte Zungen haben sollen, Mich und Meine Schöpfung zu vernehmen und laut
zu verkünden: „Hosianna in der Höhe! Heil Ihm, der uns diese außerordentliche
Gnade gab, Ihn zu vernehmen, und uns nebenbei auch die Mittel verlieh, das
Vernommene wiederzugeben, damit es nicht für uns allein, sondern für alle
diejenigen ein Gemeingut werde, die Seine Kinder werden wollen!“
[PH.01_037,25] So wünsche Ich, daß ihr Mir
den täglichen Lobgesang darbringt, damit ihr der ganzen Welt durch Wort und Tat
beweist, daß ihr während Meiner Lehrzeit weder taub noch stumm gewesen seid!
[PH.01_037,26] Dies beachtet zu eurem Heil,
wie auch zum Besten eurer Nächsten! Amen.
38. Predigt – Am 12. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
[PH.01_038] Luk.10,25-37: Und siehe, da stand
ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: „Meister, was muß ich
tun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Jesus aber sprach zu ihm: „Wie stehet im
Gesetz geschrieben? Wie liesest du?“ Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott,
deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und
von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Er aber sprach zu ihm:
„Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben!“ Er aber wollte sich
selbst rechtfertigen und sprach zu Jesu: „Wer ist denn mein Nächster?“ Da
antwortete Jesus und sprach: „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab
gen Jericho und fiel unter die Mörder. Die zogen ihn aus, schlugen ihn, gingen
davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, daß ein
Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber.
Desgleichen auch ein Levit, da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er
vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte
ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden, goß drein Öl und Wein, hob ihn
auf sein Tier, führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des andern Tages
reiste er, zog heraus zwei Groschen, gab sie dem Wirte und sprach zu ihm:
,Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir's bezahlen, wenn
ich wiederkomme‘. Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei
gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war?“ Er sprach: „Der die
Barmherzigkeit an ihm tat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „So gehe hin und tue
desgleichen!“
10. April 1872
[PH.01_038,01] Diese Verse erzählen euch das
Gleichnis vom Samariter. Mit diesem handgreiflichen Bild wollte Ich dem
Pharisäer auf seine Frage: „Wer ist mein Nächster?“ zeigen, wer dieser sei, und
wie das zweite Liebesgebot – ,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst!‘ – im geistigen Sinn verstanden werden solle.
[PH.01_038,02] Die Menschen machten und
machen zu allen Zeiten zwischen Menschen-, Bruder- und Nächstenliebe, die alle
in eine Liebe zusammenfließen, einen großen Unterschied, worüber Ich euch vor
längerer Zeit ein ausführliches Wort gegeben habe, welches hier eingeschaltet
werden könnte, wenn keine andere Erklärung möglich wäre.
[PH.01_038,03] Da man aber in jenen Zeiten,
als Ich dieses Gleichnis gab, durch die Unterschiede der Stände oder Kasten,
wie auch durch die Ansichten der Menschen weit von dem entfernt war, was Ich
unter ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ verstanden haben wollte – was
auch aus der Antwort des Pharisäers hervorgeht, welcher erst fragen mußte: „Wer
ist denn eigentlich mein Nächster?“ –, so war es ganz natürlich, daß Ich aus
diesen triftigen Gründen ein Beispiel aufstellen mußte, um zu zeigen, wer
eigentlich der Nächste jedes Menschen sei. Es besteht in allen künftigen Zeiten
über den Begriff ,Nächster‘ und über die Ausübung der Liebe zum Nächsten kein
Zweifel mehr, denn mit einem Wohlwollen allein, oder mit frommen Wünschen ist
dem Nächsten, der Menschheit und Mir am wenigsten geholfen.
[PH.01_038,04] Soviel schon über dieses
zweite Liebesgebot geschrieben und geredet wurde, so haben doch die wenigsten
Menschen eigentlich verstanden, was die Nächstenliebe und wer der Nächste ist.
[PH.01_038,05] Der allgemeine Schluß ist
gleich gemacht: „Die ganze Menschheit ist mein Nächster, und durch das Gesetz,
daß ich den Nächsten lieben soll wie mich selbst, ist auch der Maßstab der
Liebe bestimmt!“
[PH.01_038,06] Ganz recht, sage Ich; aber
jetzt kommt es darauf an: „Inwiefern ist die Menschheit oder jeder Mensch mein
Nächster, und was heißt: sich selbst – aber wohlgemerkt – im gerechten Maß
lieben?“
[PH.01_038,07] In diesen beiden Begriffen
liegt der Schlüssel zu Meinem Reich, weshalb Ich unter allen erdenklichen
Geboten gerade dieses Gebot der Nächstenliebe zum zweiten Hauptgebot nicht
allein für eure Erde, sondern für alle Welten und selbst für das große
Geisterreich gemacht habe.
[PH.01_038,08] Es ist vor allem deshalb das
Gebot der Liebe, weil es ohne Liebe keine Wärme, ohne Wärme kein Leben, ohne
Leben keine Schöpfung – was immer für eine denkbare – gibt. Die Liebe ist der
erste Trieb, welcher zur Tätigkeit anspornt; die Tätigkeit erzeugt entsprechend
Wärme. Die Wärme – Ausdruck für Bewegung, Vibrieren – zeigt sich als Leben, und
Leben ist Entstehen, Bestehen und Vergehen, als sichtbares Zeichen des Lebens
oder der Schöpfung in ihrer ganzen Ausdehnung.
[PH.01_038,09] Die Liebe adelt alle Wesen,
die sie fühlen und gegen andere ausüben. Ohne Liebe gäbe es keinen geistigen
Maßstab der Handlungen, und ohne Liebe bestände weder Ich, noch etwas
Geschaffenes, das ein Bleibendes werden könnte.
[PH.01_038,10] Nun, wie die Liebe in Mir
Meine Geister, die lebenden Wesen und selbst die Materie schuf und sie alle mit
gleicher Glut umfängt, sie ernährt, erhält und leitet, zum größtmöglichen,
geistigen Ziel, zum Inbegriff der höchsten Liebe, – ebenso soll auch der Mensch
seine Umgebung, die Welt, in welcher er leben muß, mit gleicher Liebe umfassen.
Alles Geschaffene, aus Liebe und durch Meine göttliche Liebe erzeugt, soll
steter Beweis sein, daß Ich ein liebender Vater erst dann bin, wenn Meine
erschaffenen Wesen, Meine Nächsten, ihre Pflicht, ihre Mission so erfüllen, wie
Ich sie Mir gedacht habe, und wie Ich sie aus freiem Antrieb und nicht durch
Zwang ausgeführt haben möchte. Der freie Wille adelt das Geschöpf, im Gegensatz
zu dem durch den Instinkt geführten Wesen, das so handeln muß und nicht anders
kann.
[PH.01_038,11] Diese über alles sich
ausbreitende Liebe soll der Maßstab für die Menschenliebe sein, welche in jedes
Menschen Brust ihren Wohnort aufschlagen und als bleibendes Denkmal einer
höheren Abkunft auch alle Gedanken, Worte und Taten auf sie beziehen soll.
Diese Liebe soll aber auch, wie die Meine, keinen andern Zweck kennen als den,
alles zum Besten seiner Mitmenschen und seiner mitlebenden Wesen zu tun, wobei
man natürlich dem Nächsten das von ihm Gewünschte nicht immer gewähren darf,
sondern ihm auch manches versagen muß, so das Gewähren vielleicht Schaden statt
Nutzen bringen würde.
[PH.01_038,12] Betrachtet Mich! Ich liebe
euch Menschen alle, liebe euch mit einer Liebe, die ihr nicht begreifen, nicht
fassen und nicht erwidern könnt, und doch sage Ich nicht zu allen Bitten, mit
denen ihr Mich überhäuft: „Ja!“, sondern meistens das Gegenteil: „Nein!“ Und
warum? Weil ihr oft Dinge wünscht, die euch geistig schädlich wären! Und wenn
diese Verweigerung dann Leiden und Kämpfe, Unglücks- und Trauerfälle über euch
und die Eurigen bringt, so ist sie doch nur Ausfluß der Liebe, der Liebe eures
himmlischen Vaters, der euretwegen alles erschaffen, euretwegen so manches
erduldet hat und euch stets Undank, Verhöhnung, Verleugnung mit Segen vergilt.
[PH.01_038,13] Hier seht ihr, wie die Liebe
aufgefaßt werden muß, wenn sie nicht Böses, sondern Gutes bewirken soll. So
müßt auch ihr eure Menschen- oder Nächstenliebe auffassen! Wie ein Vater auf
Erden seinen unmündigen Kindern nicht alles gewährt, was sie in ihrem
Unverstand von ihm verlangen, sondern immer den höheren Erziehungszweck im Auge
behält, ebenso sollt auch ihr nur dann eurem Nächsten Gutes tun, wenn ihr
überzeugt seid, daß gemäß eurer Einsicht nicht etwa ein Laster genährt oder
euer Nächster im Nichtstun bestärkt, statt zur Arbeit gewöhnt wird.
[PH.01_038,14] Dies ist die Liebe, mit
welcher Ich aus Meiner Weisheit heraus Meine Welten regiere. Ebenso sollt auch
ihr mit euren Verstandeskräften den Trieb des Wohltuns bezähmen und regeln,
damit nicht das entgegengesetzte Resultat die Folge eures, wenngleich edelsten Willens
ist.
[PH.01_038,15] Der zweite zu erwägende Punkt
ist: „Ihr sollt den Nächsten lieben wie euch selbst!“
[PH.01_038,16] Nun, auch hier sind so viele
Begriffe möglich, wie es geistige Stufen der menschlichen Natur gibt, die von
der Verleugnung einer Selbstliebe bis zum höchsten Egoismus steigen kann, – und
so entsteht die Frage:
[PH.01_038,17] „Wann ist meine Selbstliebe
die gerechte, die mir und andern nützliche?“
[PH.01_038,18] Nur nach Beantwortung dieser
Frage weiß man, welche Liebe und wie sie anderen erwiesen werden soll! Ihr
seht, daß, genaugenommen, die Worte ,Liebe‘ und ,sich selbst‘ ganz andere
Begriffe ergeben als bei deren oberflächlicher Betrachtung.
[PH.01_038,19] Die Bedeutung der Selbstliebe
muß erst klar vor euren Augen stehen; ihr müßt wissen, wie und was ihr an euch
lieben sollt, um dann nach dieser Erkenntnis eure Liebe auf andere übertragen
oder die Liebe, mit welcher ihr andere behandeln sollt, genau beurteilen zu
können.
[PH.01_038,20] Es ist in jeden Menschen der Trieb
gelegt, sein Leben zu erhalten, es zu verlängern und so angenehm wie möglich zu
gestalten. Dieser nötige Erhaltungstrieb für die äußere Hülle oder Umkleidung
des geistigseelischen Menschen mußte tief in ihn gelegt und eingepflanzt
werden, damit er nicht bei den geringsten Mißhelligkeiten während seiner
irdischen Lebensbahn auf den Gedanken kommt, diesen hindernden Trieb zu
unterdrücken und sich seines Körpers noch vor der Reife des inneren Menschen zu
entledigen.
[PH.01_038,21] Dieser Erhaltungstrieb ist so
mächtig und nötig, daß nur Menschen, welche auf alles Geistige verzichten,
keinen Glauben und keine Religion im wahrsten Sinn haben oder durch verkehrte
Weltansichten oder geistige Störungen in ihrem Lebensorganismus geschwächt
sind, dahin kommen können, die so tief eingewurzelte Liebe zum Leben zu
zerstören und ihrem Dasein von sich aus früher ein Ende zu machen, als es im
Plane Meiner göttlichen, überall gültigen Gesetze bestimmt war.
[PH.01_038,22] Solche Selbstmörderseelen
werden im Jenseits einen mit weit schwierigeren Umständen verknüpften Weg zur
Ausreife zurückzulegen haben, weil sie unreif aus dieser Welt gegangen und
ebenfalls unreif in eine andere eingetreten sind.
[PH.01_038,23] Die zweite Art der Selbstliebe
ist eine höhere, nämlich der Erhaltungs- und Vervollkommnungstrieb des
Geistigen. Der Mensch sucht sein geistiges Ich soviel als möglich Dem gleich zu
machen, der diesen Funken göttlichen Bewußtseins in ihn gelegt, ihn damit weit
über die Materie erhoben und an die Grenze zweier Weiten gestellt hat, so daß
er der körperlichen Hülle nach der Materie und dem Geist nach der Geisterwelt
angehört.
[PH.01_038,24] Sowohl im materiellen wie im
geistigen Wesen des Menschen kann ein Mangel oder ein Überfluß an Selbstliebe
vorhanden sein.
[PH.01_038,25] Der Mangel an materieller
Selbstliebe gibt sich durch Lebensüberdruß kund, wobei der körperliche
Erhaltungstrieb so gering wird, daß der Mensch oft wegen geringfügiger
Unannehmlichkeiten des irdischen Lebens sein Körperleben vernichtet. Dieser Zustand
wird häufig durch eine verkehrte Erziehung, durch Nichtglauben an einen Gott
oder an ein Fortleben der Seele, oder durch geistige Störungen hervorgerufen.
[PH.01_038,26] Diesem Extrem des Mangels an
Selbstliebe steht dann wieder ein Übermaß an Eigenliebe gegenüber. Der Mensch,
sein leibliches Wohl als Höchstes achtend, will nur dem fröhnen, was der
schmutzigste Egoismus ist. Er ergreift alle Mittel, um seinen Zweck zu
erreichen. Es gibt für ihn nichts als sein eigenes Ich, und er ist, jedes Band
der Nächstenliebe verleugnend, stets nur allein sein Nächster. Diese Menschen
stehen auf der untersten geistigen Stufe; denn sie entziehen sich aller Kämpfe
und aller Aufopferungen. Sie wollen nur Genuß, und zwar nur für sich allein,
und alle Mittel – erlaubte oder unerlaubte, gesetzliche oder ungesetzliche,
göttliche oder teuflische – werden ergriffen, wenn sie nur zu ihrem
angestrebten Ziel gelangen. Solche Eigenliebe schließt alle Nächstenliebe
gänzlich aus.
[PH.01_038,27] Eine Eigenliebe kann auch
bestehen, wenn der Mensch nur seiner selbst willen seinen inneren Menschen so
ausbilden, so vervollkommnen will, daß ihm selbst sein Körper zur Last wird und
er sich desselben sobald wie möglich entledigt fühlen möchte.
[PH.01_038,28] Hier habt ihr die beiden
Extreme: Mangel und Überfluß an Selbstliebe, sei es im materiellen, sei es im
geistigen Wesen des Menschen. Wenn aber eine Mittelstraße eingehalten werden
soll, wo weder dem einen noch dem andern Extrem zu nahe gekommen werden darf,
so fragt es sich, wie es mit der Nächstenliebe steht, die sich doch nach der
Selbstliebe regeln soll.
[PH.01_038,29] Auch hier gilt das gleiche,
was Ich schon im Anfang erklärte: Die gemäßigte, durch den Verstand geleitete
Liebe, die das eigentliche, geistige Ziel des Menschen und das Ziel seiner
irdischen Laufbahn stets im Auge hat, diese Liebe soll die Eigenliebe in solche
Bahnen lenken, daß der Körper nicht unter dem Einfluß des Geistes und der Geist
nicht unter dem des Körpers leide oder gar verkümmere. Der Mensch soll stets
bedenken, daß ihm auch sein Körper als ein Gut anvertraut wurde, und wie er
einst von seiner Seele wird Rechenschaft geben müssen, so wird auch die Frage
an ihn ergehen: „Hast du deinen Körper zu dem Zweck gebraucht, zu dem er
bestimmt war, oder hast du ihn mißbraucht?“ So wird die Rechenschaft, die der
Mensch über seinen Geist und die ihm anvertrauten Talente abzulegen hat, mit
derjenigen, die er über das materielle Leben zu geben hat, zusammenfallen.
[PH.01_038,30] Beides, Geist und Körper so zu
gebrauchen, so zu erziehen und derselben so Meister zu werden, daß alle
Handlungen nur im Hinblick auf Mich, den Geber, geschehen und so den Stempel
der Göttlichkeit tragen. Diese Art zu denken, zu handeln und zu wirken soll
auch der Maßstab dafür sein, wie ihr dem Nächsten eure Liebe angedeihen lassen
sollt! Diese Liebe soll dem Nächsten alles Gute gewähren, insoweit es Meinen
eigenen, sittlichen Grundsätzen entspricht.
[PH.01_038,31] Der Mensch muß vorerst an sich
selbst erkennen, was er zu leisten imstande ist, um auch die Leistungsfähigkeit
anderer zu bemessen. Er muß vorerst bei sich das Gute und Schlechte
unterscheiden lernen. Er muß lernen, was dem Geist und was dem Körper nützt
oder schadet, ehe er aus blinder Liebe anderen angedeihen läßt, was sie nur zum
Ruin und nicht zum höheren Ziel führt.
[PH.01_038,32] Daher regelt vorher eure
Eigenliebe! Haltet darin gerechtes Maß und Gewicht, und es wird euch die rechte
Selbstliebe am besten zur Nächstenliebe führen! Denn nur da, wo klare Ansichten
herrschen, können auch vollgültige Taten das Resultat sein; sonst tappt ihr im
Finstern herum, verkennt oder mißbraucht eure Liebe zum Schaden anderer.
Überall in der ganzen Welt sind die Extreme schädlich und führen zu nichts: im
Lieben wie im Hassen, im Geben wie im Verweigern, im Reden wie im Schweigen.
[PH.01_038,33] Daher seid bei jeder Handlung
eurer höheren Bestimmung eingedenk und vergeßt dabei nicht, daß ihr Menschen
und keine Götter seid, und daß zu große wie auch zu geringe Liebe für sich
selbst ebenso zu schlechten Resultaten führt, wie zu hoch oder zu niedrig
gespannte Begriffe von Nächstenliebe dem Nebenmenschen eher schaden als nützen
können.
[PH.01_038,34] Erkennt zuerst eure eigenen
Schwächen, um nachsichtig gegen die anderer zu sein! Prüft, ob die Gewährung
einer Bitte bei euch Gutes oder Schlechtes hervorbringen möchte, und regelt
danach eure Liebesgaben, eure Aufopferungen gegen euern Nächsten! Nirgends kann
soviel Schaden gestiftet werden, als mit dem wörtlich genommenen Begriff der
Nächstenliebe.
[PH.01_038,35] Seht, Ich bin euer Nächster
und tue alles, damit ihr Meine Nächsten, Meine Brüder und Schwestern, ja, Meine
Kinder werdet; und doch bin Ich trotz aller Liebe und Weisheit nicht so
willfährig, den Menschen alles zu geben, was sie oft in ihrer Unmündigkeit von Mir
verlangen, weil Ich als Geist, und zwar als höchster Geist, am besten weiß, was
Meinen Kindern, Meinen geistigen Brüdern und Schwestern am zuträglichsten ist,
und weil Ich sie erziehen und nicht verziehen will!
[PH.01_038,36] Daher nehmt euch ein Beispiel
an Mir, wie Ich Meine ganze Schöpfung zusammenhalte und ihre Teile
gemeinschaftlich zum großen Ziel der Erlösung aus der Materie führe, und ihr
werdet gewiß den rechten Weg zwischen Geben und Nehmen, zwischen Gewähren und
Verweigern finden! Dann wird das zweite große Liebesgebot erst den eigentlichen
geistigen Ausdruck nicht allein im Wort, sondern auch in der Tat finden, wenn
ihr euern Nächsten das tut, was ihr – wärt ihr in der Lage und in den
Verhältnissen eures Nebenmenschen – als geistige Wesen für euch selbst für das
beste halten würdet.
[PH.01_038,37] Stets das Geistige hoch, ja
höher als alles andere haltend, müßt ihr darin den Anfangs- und Ausgangspunkt
aller eurer Handlungen suchen, damit sie mit Meinen großen Schöpfungsgedanken
übereinstimmend, euch veredeln und adeln und ihr Mich dadurch als euern
liebevollsten Vater stets mehr verklärt und als das erkennt, was Ich allen sein
möchte, nämlich euer geistiger Führer, Leiter und Vater. Amen.
39. Predigt – Am 13. Trinitatissonntage. Die
Heilung der zehn Aussätzigen.
[PH.01_039] Luk.17,5-19: Die Apostel sprachen
zu dem Herrn: „Stärke uns den Glauben!“ Der Herr aber sprach: „Wenn ihr Glauben
habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: ,Reiße dich aus und
versetze dich ins Meer!‘, so wird er euch gehorsam sein. Welcher ist unter
euch, der einen Knecht hat, der ihm pflügt oder das Vieh weidet, wenn er
heimkommt vom Felde, daß er ihm sage: ,Gehe alsbald hin und setze dich zu
Tische?‘ Ist's nicht also, daß er zu ihm sagt: ,Richte zu, was ich zu Abend
esse, schürze dich und diene mir, bis ich esse und trinke; danach sollst du
auch essen und trinken?‘ Dankt er auch dem Knechte, daß er getan hat, was ihm
befohlen war? Ich meine es nicht. Also auch ihr; wenn ihr alles getan habt, was
euch befohlen ist, so sprecht: ,Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was
wir zu tun schuldig waren.‘“
[PH.01_039] Und es begab sich, da Jesus gen
Jerusalem reiste, zog er mitten durch Samaria und Galiläa. Und als er in einen
Markt kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer, die standen von ferne und
erhoben ihre Stimme und sprachen: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“
Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: „Gehet hin und zeiget euch den
Priestern!“ Und es geschah, als sie hingingen, wurden sie rein. Einer aber
unter ihnen, da er sah, daß er gesund geworden war, kehrte um und pries Gott
mit lauter Stimme und fiel auf sein Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm.
Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: „Sind ihrer nicht
zehn rein geworden? Wo sind aber die neune? Hat sich sonst keiner gefunden, der
wieder umkehrte und gäbe Gott die Ehre, denn dieser Fremdling?“ Und er sprach
zu ihm: „Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen!“
14. April 1872
[PH.01_039,01] In diesen Versen wird erzählt,
wie Ich durch Meinen Willen zehn Aussätzige heilte. Als sie sich, durch den
Glauben an Meine Worte gestärkt, den Priestern zeigen wollten, verschwand beim
Eintritt in den Tempel der Aussatz; denn mit Aussatz behaftet wäre ihnen der
Eintritt in den Tempel verboten gewesen. Aus Gesundheitsrücksichten hielt sich
jedermann, auch außerhalb des Gotteshauses, von Menschen fern, die von solchen
Krankheiten befallen waren.
[PH.01_039,02] Diese Tat war ein Beweis, was
der feste Glaube und das unerschütterliche Vertrauen vermögen, wenn die Seele
davon ganz beherrscht wird. Ich wollte durch dieses Beispiel diese Kraft zeigen
und sagte zu Meinen Jüngern – im gleichen Kapitel, Vers sechs – die Worte:
„Wenn ihr Glauben habt, so groß nur wie ein Senfkorn, und sagt zu diesem
Maulbeerbaum: ,Reiße dich aus und versetze dich ins Meer!‘, so wird er euch
gehorsam sein!“
[PH.01_039,03] Was diese Worte geistig
bedeuten, das zeigte Ich kurz nachher durch die Heilung dieser zehn Männer. So
folgte der Theorie die Praxis auf dem Fuß, damit Meine Jünger an anderen die
Stärke des Glaubens beobachten könnten, welcher ihnen selbst bei so vielen
Gelegenheiten mangelte.
[PH.01_039,04] Da Ich euch dieses Beispiel
festen Glaubens als Sonntagspredigt gebe, wollen wir das Wort ,Glauben‘ ein
wenig näher betrachten, damit ihr und viele andere verstehen lernt, was
eigentlich ,Glauben‘ ist. Denn auch dieses Wort ist eins von denjenigen
Wörtern, welche in vieler Mund, aber in weniger Herzen sind.
[PH.01_039,05] Ich muß diese Erklärung
vorausschicken, sonst versteht ihr nicht einmal das Gleichnis vom Maulbeerbaum,
das Ich den Jüngern gab, – um so weniger dann die Handlung mit den zehn
Aussätzigen. Habt ihr erfaßt, was Ich unter ,Glauben‘ verstehe, dann erst
können wir zu seiner Beziehung auf euch, auf die jetzigen, sowie künftigen
Zustände übergehen, wobei auch des einen Samariters gedacht werden wird,
welcher zurückkehrte, um Mir zu danken.
[PH.01_039,06] Alles hat seine natürliche
Folge! Wer ein Haus baut, fängt nicht beim Dach, sondern bei den Grundmauern
an. Wenn diese fest sind, ruht auch das Dach auf sicherer Grundlage. Wie im
materiellen, so im geistigen Leben! Daher die vielen Erklärungen, die Ich euch
gebe; daher die vielen Beleuchtungen oft ein und desselben Gegenstandes, damit
ihr eure geistigen Ohren und Augen öffnet und es euch nicht geht wie einem
Menschen, der an etwas denkt und sich dabei nicht bewußt ist, wie sich während
dieser Zeit viele Tausende von Wundern Meiner Schöpfung auf der Netzhaut seines
Auges abspiegeln, weil seine anderweitig beschäftigte Seele keine Notiz davon
nimmt.
[PH.01_039,07] In der vorhergehenden Predigt
erläuterte Ich die Selbstliebe und die Nächstenliebe. In der heutigen sollt ihr
den wahren Sinn des Wortes ,Glauben‘ erfahren, desjenigen Wortes, welches so oft
mißbraucht und gewiß unter Hunderten nicht von einem geistig in seiner höchsten
Bedeutung aufgefaßt wird.
[PH.01_039,08] Seht, in jener Zeit wußten
Meine Jünger nicht, was eigentlich ,Glauben‘ ist. Ich mußte es ihnen
begreiflich machen, indem Ich sie sichtbar und persönlich führte und vor ihnen
Wunder tat, – und doch begriffen sie die Bedeutung des Wortes ,Glauben‘ nicht.
Glaubt vielleicht ihr, die ihr von Mir fast täglich so viel Himmelsbrot
erhaltet, daß ihr wißt, was ,Glauben‘ heißt? Ich muß euch sagen: Ihr begreift
dieses Wort ebensowenig und zeigt täglich und stündlich, daß ihr sehr wenig
Glauben habt, obgleich ihr meint, wenn auch im Lieben schwach, so doch im
Glauben stark zu sein. Dieses euch zu beweisen, soll der Zweck Meiner Worte
sein.
[PH.01_039,09] Was heißt eigentlich
,Glauben‘?
[PH.01_039,10] Nun, die meisten von euch
werden mit einer Antwort verlegen sein, oder sie wird so ausfallen: „Ich
,glaube‘ heißt soviel als: ich bin ,überzeugt‘, daß dies oder jenes wirklich so
ist, wie man es mir sagte oder mich lehrte.“ – „Glauben stützt sich auf die
Autorität desjenigen, welcher mir dies oder jenes sagt.“ – „Ich glaube es, weil
derjenige, der es mir sagt, davon überzeugt sein wird.“
[PH.01_039,11] Solche und ähnliche Antworten
werdet ihr überall zu hören bekommen, die aber alle auf eins hinauslaufen und
nur immer besagen, daß dieser Glaube auf so schwachen Füßen steht, daß der
leiseste Windstoß ihn umwirft oder zunichte macht.
[PH.01_039,12] Einen solchen Glauben meinte
Ich nie. Denn der Glaube, den Ich Meinen Jüngern in oben angeführtem Gleichnis
– Vers sechs – erklärte, indem Ich sagte: „Wenn ihr glaubet, so heben sich die
Berge hinweg!“, dieser Glaube bedeutet etwas ganz anderes, als man gewöhnlich
annimmt, wenn es z.B. heißt: ,Der Glaube macht selig!‘ Jener Glaube bedeutet
einen ganz anderen Zustand, als je durch Glauben, wie ihn die Priester dem
Volke lehren, erreicht worden ist. Ich zweifle sehr, ob mit dem angewöhnten
Glauben schon jemand selig geworden ist, wenn er ihn nicht nach Meinem Sinn, sondern
nach dem der Priester aufgefaßt hat.
[PH.01_039,13] Der Glaube also, den Ich Meine
Jünger lehrte, und den Ich ihnen durch die Heilung der zehn Aussätzigen zeigen
und begreiflich machen wollte, ist eine weit mächtigere Kraft in der
Geisterwelt, als ihr glaubt und wähnt; denn dieser Glaube ist die feste
Überzeugung, daß dies oder jenes unwiderruflich geschehen muß, wie es sich bei
Meinem Wort ereignete. Dieser Glaube ist ein Eingreifen in Meine Macht, eine
Teilung Meiner Allmacht, die Ich gerne denjenigen Kindern zulasse, die wahrhaft
diesen Namen verdienen, die aber auch – wohlgemerkt – diese ungeheure Kraft nie
mißbrauchen werden, weil sie nur zu klar und deutlich einsehen, wie groß dieses
Geschenk von seiten des allmächtigen Schöpfers ist, das nur ein liebendes Kind
als Geschenk vom Vater erhalten kann.
[PH.01_039,14] Dieser Glaube war es, welchen
die zehn Aussätzigen so fest erfaßt hatten, daß sie noch mit der Krankheit
behaftet ruhig zu den Priestern hingingen, fest überzeugt, Mein Wort – als
göttliches Wort – könne nicht trügen und müsse sich erfüllen, weil Ich es
wollte und sie es glaubten und ganz darauf vertrauten.
[PH.01_039,15] Diese Art des Glaubens, wer
hat sie von euch? Legt die Hand auf euer Herz und fragt euch selbst, und es
wird euch wie Meinen Jüngern ergehen! Das Geständnis wird sein: „Solchen
Glauben begreifen wir nicht! Solcher Glaube, solch feste, unwandelbare
Überzeugung, solch festes Vertrauen in Deine göttlichen Verheißungen fehlt uns
gänzlich; wir sind dessen nicht fähig!“
[PH.01_039,16] Und Ich antworte euch: „Ja,
Ich weiß es, daß ihr solchen Glaubens noch lange nicht fähig seid; sonst würdet
ihr die Seligkeit – wie es heißt: Glaube macht selig! – in euch verspüren, wenn
ihr mit Gottesmacht ausgerüstete Götter in menschlichen Körpern wäret.“ Welch
großes Feld der Wirksamkeit sich da vor euch öffnen würde, wieviel Gutes ihr da
stiften könntet, und wie erhaben ihr über dem niedrigen Getriebe der
gewöhnlichen Welt stündet, das könnt ihr nicht begreifen. Da wäre jenes Wort
erfüllt; denn ein solcher Glaube macht euch selig, überglücklich und zufrieden.
Ihr würdet das langsame Aufgehen eures Ichs in dem Meinen gewahren, wenn ihr
euch mit solcher Macht ausgestattet fühlen würdet, wie sie teilweise den ersten
Menschen verliehen war, aber von ihnen selbst wieder verscherzt wurde.
[PH.01_039,17] Dieser Glaube, diese feste
Überzeugung war und ist es, was Meinen Jüngern fehlte und auch euch und allen
Menschen mangelt; und eben deswegen will Ich euch diesen Glauben, der sich auf
die Liebe zu Mir gründet, ans Herz legen, damit auch ihr danach streben sollt.
Denn wenngleich er nicht so leicht zu erringen ist, da viel Beherrschung und
große Sittenreinheit dazu gehört, so könnt ihr dessen doch teilweise und in
Momenten der höchsten Begeisterung teilhaftig werden, wenn ihr einmal die Idee
dieses mächtigen Werkzeugs Meiner göttlichen Macht und Liebe begriffen habt.
[PH.01_039,18] Ihr habt das Wort ,Ich will!‘
noch nicht begriffen; denn dieses Wort gründet sich auf den Glauben, daß das,
was man will, auch geschehen muß. Diese Macht der Willenskraft ist derjenige
Glaube, der Berge versetzt, der selbst der Natur ihre geheimsten Gesetze
abringt, und durch den manches möglich ist, was bis jetzt zu den
Unmöglichkeiten gezählt wird.
[PH.01_039,19] Allein – alles, was ihr wollt,
muß erstens zu geistigen Zwecken und zweitens nur durch Mich und Meine Macht
gewollt werden; denn ohne sie seid ihr ohnmächtig, und nur mit ihr allmächtig!
[PH.01_039,20] Was ist es denn beim
Magnetismus anderes als die Willenskraft oder dieser Glaube, der fest und
unerschütterlich auf Mich vertrauend, durch Auflegen der Hände Übel in kurzer
Zeit heilt, die sonst einen längeren Verlauf hätten!?
[PH.01_039,21] Diesem Glauben allein weicht
alles! Nicht, daß das Bewirken außer dem Bereich der Naturgesetze läge, nein,
sondern diese Gesetze, die sich bis jetzt der menschlichen Macht entzogen
haben, werden dem Menschen dienstbar und gehorchen ihm als geistigem Wesen, als
Abkömmling von Mir, während sie dem materiellen Menschen, seinem Grübeln und
Forschen Hohn sprechen.
[PH.01_039,22] Sobald sich aber dieser Glaube
in das Menschenherz eingebürgert hat, so wird auch das als zweites im
Evangelium Erwähnte, nämlich die Danksagung und Anerkennung für das erhaltene
Geschenk von oben erfolgen.
[PH.01_039,23] Im Evangelium heißt es im
fünfzehnten Vers: Einer der zehn Geheilten kehrte zurück und bedankte sich bei
Mir.
[PH.01_039,24] Um es den Juden recht fühlbar
zu machen, was Undank über empfangene Wohltaten bedeutet, mußte es gerade ein
Samariter sein; denn diesen Stamm des jüdischen Volkes sahen die Juden als den
verächtlichsten an, bei dem sie alle schlechten, aber keine guten Eigenschaften
vorhanden glaubten.
[PH.01_039,25] Schon im vorigen Evangelium
war es ein Samariter, welcher den Priestern und Pharisäern als Beispiel dafür
dienen sollte, daß man Menschen nicht verachtet, welchen Stammes oder welcher
Abkunft sie auch seien. Auch diesmal mußte wieder einer aus jenem verachteten
Stamme die stolzen und sich besser dünkenden Juden beschämen, ihnen beweisen,
daß niemand, weder Zöllner noch Samariter, so schlecht sei, daß er nicht
Nächstenliebe üben könne, und daß man bei ihm nicht auch gute, ja oft bessere
Eigenschaften antreffen könne als bei manchen sich hochrühmenden Kasten, – ein
Beispiel für heutige Zeiten, in denen so mancher auf seine Mitmenschen wie
jener Pharisäer auf den Zöllner oder ein Jude auf einen Samariter herabblickte!
[PH.01_039,26] Daß von den zehn Aussätzigen
nur einer, und zwar derjenige zurückkehrte, von welchem man es am wenigsten erwartete,
zeigt daß der wahre Glaube nur in ihm Wurzel geschlagen hatte und er, übermannt
von der Gnade des Herrn, nicht anders konnte, als Dem die Ehre zu geben, von
dem die Gnade ausgegangen war.
[PH.01_039,27] So wird es auch mit den
Gnadenspenden im Leben aller Menschen sein. Nur diejenigen werden sich der
schönen Resultate ihres festen Glaubens und Vertrauens auf Mich und ihre eigene
Willenskraft zu erfreuen haben, welche offen und frei die Worte des zehnten
Verses bekennen, der lautet: „Und wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen
ist, so bekennet, daß ihr unnütze Knechte seid und nur getan habt, was ihr zu
tun schuldig wart!“
[PH.01_039,28] Ich ließ es bei diesem Akt der
Heilung zu, daß neben dem festen Glauben der Geheilten doch auch die größere Eigenschaft,
die Dankbarkeit für die erhaltenen Wohltaten, nicht vergessen wurde. Eine
empfangene Wohltat ohne Dankgefühl gegen den Geber ist eine halbe, ja oft gar
keine Wohltat. Statt daß eine erteilte Gnade den Empfänger demütigt, macht ihn
die Vernachlässigung des Dankes stolz. Das erste ist Ausdruck der Liebe, das
andere Ausdruck des Hasses; das erste ist ein offenes Bekennen der eigenen
Ohnmacht, das zweite ein Bereuen, daß Umstände es erheischen, anderen dankbar
sein zu müssen; das erste ist himmlischer, das zweite höllischer Natur.
[PH.01_039,29] So wollte Ich in diesem Akt
dem nachdenkenden Erforscher dieser Tat noch nach Jahrtausenden ins Gedächtnis
zurückrufen, daß die Macht des Glaubens, so schön sie auch bis zur höchsten
Steigerung sein kann, doch gleich null ist, wenn ihn nicht vor wie nach der Tat
der Aufblick nach oben zuerst seine eigene Ohnmacht und danach die Allmacht
Dessen begreifen läßt, der den Menschen als winzigen Wurm in der Schöpfung mit
solchen Kraftmitteln ausstatten kann.
[PH.01_039,30] Dem Menschen, der sich seines
göttlichen Ursprungs bewußt ist und nur nach oben blickt und alles von dort
Geschenkte wieder demütig und dankend auf dem Altar der Liebe niederlegt, einem
solchen Herzen wird die Kraft seines Wollens durch Meinen Willen verstärkt
werden. In einem solchen Herzen lebt als eine Frucht der Überzeugung der rechte
Glaube, welcher dem Menschen durch das Bewußtsein der Kraft die Seligkeit gibt,
die nur ein Kind genießen kann, wenn es die Macht seines liebenden Vaters
erkennt und sich derselben würdig fühlt.
[PH.01_039,31] Nach dieser Würde trachtet!
Und wo dann die Dankbarkeit ist, da wird auch das Vollbringen des Gewollten
eure Wünsche krönen!
[PH.01_039,32] So nehmt dieses Evangelium auf
als Wegweiser durch das Labyrinth des Lebens. Baut auf einen soliden, festen
Grund, und das Dach, welches dann das ganze Haus unter seine Obhut nehmen wird,
wird Meine Geisterwelt sein, unter deren Schutz ihr, je nach Maßgabe eures
Glaubens, von Stufe zu Stufe über höhere Wesen gestellt werdet und ihnen
beibringen könnt, was Ich euch während eurer Lebens- und Probezeit oft fühlen
ließ, nämlich die unendliche Liebe als Vater und die unendliche Macht als
Kinder, wenn ihr fest glauben und vertrauen gelernt habt! Amen.
40. Predigt – Am 14. Trinitatissonntage. Die
Warnung des Herrn vor irdischem Sinn.
[PH.01_040] Matth.6,24-34: „Niemand kann zwei
Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er
wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen
und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen
und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist
nicht das Leben mehr denn die Speise und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet
die Vögel unter dem Himmel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln
nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn
nicht viel mehr denn sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle
zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die
Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! Sie arbeiten
nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner
Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eines. So denn Gott das
Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen
geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen?
Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: ,Was werden wir essen? Was werden wir
trinken? Womit werden wir uns kleiden?‘ Nach solchem allem trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürft. Trachtet am ersten
nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles
zufallen. Darum sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird
für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage
habe.“
20. April 1872
[PH.01_040,01] Diese Verse geben
Verhaltungsmaßregeln für das Leben Meiner Jünger. Wörtlich genommen haben sie
einen ganz speziellen Charakter, indem sie, dem Leben Meiner Jünger angepaßt,
ihnen Vertrauen für die Zukunft, wenn Ich nicht mehr unter ihnen wandeln würde,
einflößen sollten.
[PH.01_040,02] Das ganze sechste Kapitel
enthält Maßregeln für das künftige Berufsleben, welchem Meine Jünger
entgegengingen. Es waren die letzten väterlichen Ermahnungen, die Ich ihnen
gab, damit sie Meine Worte in ihrem geistigen Sinn und nicht buchstäblich
auffassen lernten, was oft geschah; denn sie mußten erst selbst darüber im
klaren sein, ehe sie andere belehren und auf den Weg der wahren Erkenntnis
führen konnten.
[PH.01_040,03] So enthält dieses Kapitel
ausführliche Auseinandersetzungen über die Art und Weise, wie man Almosen
geben, wie man beten und die kirchlichen Gebräuche geistig und zum Nutzen der
Seele ausüben soll. Ferner ist darin der eigentliche Wert der zeitlichen,
materiellen und der ewigen, geistigen Güter gezeigt und die Art, wie man die
Lebenssorgen mit dem Vertrauen auf Mich verbinden kann. Letzteres war ein wichtiger
Punkt, da Meine Jünger nach Meinem Hingang zwischen Geist und Welt oder – wie
es dort geschrieben steht – zwischen Gott und Mammon zu wählen hatten.
[PH.01_040,04] Meine Jünger verließen alles,
was sie an die Welt band, und folgten Mir, die weltlichen Güter und Bande den
geistigen Gütern opfernd. Es war also wohlverständlich, daß, nachdem Ich ihnen
so oft Meinen Hingang vorausgesagt hatte, in ihnen der Gedanke auftauchte: „Was
wird aus uns werden? Es ist wahr, in Seiner Nähe hatten wir für nichts zu
sorgen; aber wenn Er nicht mehr unter uns wandelt, – was dann?“
[PH.01_040,05] Auf diese sich oft
einschleichenden Gedanken mußte Ich ihnen antworten, um ihre aufgeregten
Gemüter nicht allein während Meines Erdenwandels, sondern auch für spätere
Zeiten zu beruhigen, damit auch die Sorge um Nahrung und Kleidung nicht so
schwer auf ihnen laste, wodurch ihre geistige Mission bedeutend gelitten hätte.
Deswegen die väterlichen Worte, deswegen der Hinweis auf die Lilien des Feldes
und darauf, daß der liebende Vater im Himmel nichts vergißt, was Er erschaffen
hat, und Er aus diesem Grund auch sie, die Auserwählten für die höchsten
Zwecke, nicht im Stich lassen werde!
[PH.01_040,06] Alle diese Worte, zu Meinen
Jüngern gesprochen, hatten für sie in den Verhältnissen, in welchen sie lebten,
eine wörtliche Bedeutung, sind aber für euch und alle künftigen Geschlechter
geistig zu deuten; denn ihr lebt in anderen Verhältnissen und habt nicht nötig,
euch von allem zu entledigen, um Mir geistig auf dem bezeichneten Weg zu folgen.
[PH.01_040,07] Wenn Ich in jenen Zeiten
sagte: „Man kann nicht zwei Herren dienen!“, so wollte Ich damit sagen, daß man
unmöglich zwei verschiedene Dinge mit dem gleichen Grade der Liebe umfassen
kann. ,Entweder Gott oder dem Mammon dienen‘ will soviel sagen als: entweder
das eine oder das andere als höchstes Ziel vor Augen haben; denn ,dienen‘
bedeutet: sich mit ganzer Seele dem hingeben, das man vor allem andern liebt.
[PH.01_040,08] In solchem Sinne gilt dieses
Wort auch für euch und das lebende und kommende Menschengeschlecht. Wer ganz
der Welt und ihren Genüssen lebt, nur nach Befriedigung derselben strebt und
alle Mittel aufbietet, das zu erlangen, was ihm als Höchstes erscheint – d.h.
das zeitliche Wohl –, der kann natürlich von Gott und geistigen Gütern nur
einen mittelmäßigen Begriff haben, und diesen Begriff wird er stets den andern
Begriffen unterordnen, weil nur weltliches Wohl und nicht Geistiges sein
höchstes Ziel, sein einziger Wunsch ist. In dieser Hinsicht ist das Wort wahr:
„Man kann nicht Gott und dem Mammon dienen!“
[PH.01_040,09] Aber den Mammon, die
weltlichen Güter zu geistigen Zwecken benützen und demselben keinen größeren
Wert beilegen, als er wirklich hat, ihn zum eigenen und zum Besten seiner
Nebenmenschen verwenden, zumal wenn Ich einzelne mit besonderen Glücksgütern
beschenkt habe, das ist eine andere Sache!
[PH.01_040,10] Auch gab es Reiche, Begüterte
und Hochgestellte, welche dennoch nur Mir anhingen und die Welt so
betrachteten, wie Ich es wünschte. Die ihnen anvertrauten Güter waren daher nur
Mittel zum Zweck, aber nicht ausschließlich das einzige Endziel all ihres
Strebens.
[PH.01_040,11] Daher ist für diesen Satz:
„Man kann nicht zwei Herren dienen!“ das rechte Verständnis äußerst notwendig.
[PH.01_040,12] Auch die übrigen Trostworte,
die Ich Meinen Jüngern gab, sind nicht im wörtlichen Sinn zu nehmen; denn bei
den jetzigen Lebensverhältnissen ist es sogar Pflicht eines jeden, für die
irdischen Bedürfnisse zu sorgen. Nur soll diese Sorge nicht so weit gehen, daß
sie einen Menschen hindert, sein geistiges Ziel zu verfolgen und seinem
Nebenmenschen Gutes zu tun!
[PH.01_040,13] Wahr ist es wohl: ,Die Vögel
säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und der Vater
im Himmel sorgt für sie‘; allein die Tiere sind unmündig, und ihre Erhaltung
bewirkt der Instinkt, durch den die Hungrigen zur Nahrung, die Durstigen zur
Quelle geführt werden. Die meisten Tiere haben auch nur für sich allein oder
für ihre kleine Familie zu sorgen, und für letztere nur auf kurze Zeit.
[PH.01_040,14] Nicht so ist es mit dem
Menschen. Er ist frei. Nicht die Stimme der Natur, nicht der Instinkt, sondern
sein Geist treibt ihn, mittels des Verstandes seine Lage derart zu verbessern,
daß er nicht von Sorgen für seinen körperlichen Organismus gestört werde, an
seinem geistigen Ich zu arbeiten. Er muß also für sein künftiges Leben, für
sich und seine Familie sorgen, weil diese einer längeren Fürsorge bedarf als
die der Tiere.
[PH.01_040,15] Der Hauptzweck seines Lebens
muß allerdings das Reich Gottes und seine höhere, geistige Bestimmung sein, die
nach diesem kurzen Prüfungsleben im Jenseits ewig fort gilt. Es ist also seine
Pflicht, die ihm anvertrauten Geschenke – die Talente und Glücksgüter – so zu
verwerten, daß er dabei nie sein geistiges Kleid für jene lange Lebensdauer
einbüßt.
[PH.01_040,16] Es heißt wohl in diesen
Worten: „Sorget nicht für den morgigen Tag; denn jeder Tag hat seine eigene
Plage!“; aber dieses Wort war für Meine Jünger in anderem Sinn gesprochen, als
es für euch jetzt gedeutet werden muß. Es will – wie auch alle vorhergehenden
Verse – nur soviel sagen, daß der Mensch seine Sorgen nicht zu weit ausdehnen
und nicht in die Räder des Schicksals oder in die göttliche Führung des
einzelnen eingreifen soll, weil hier sein Bereich aufhört.
[PH.01_040,17] Ihr Menschen sollt euren
Sorgen und Anstrengungen nur so weit Raum geben, als sie durch Meine Lehre,
durch Mein Wort gutgeheißen werden und einen Erfolg versprechen. Dann sind sie
gerecht, aber auch nicht zu groß; denn stets werdet ihr den kleineren, Ich aber
den größeren Teil eurer Wünsche zu erfüllen haben. Wenn ihr dabei noch bedenkt,
daß eure Einsicht als endliche Wesen stets beschränkt, die Meinige als die des
allmächtigen Herrn und Schöpfers aber unbeschränkt ist, so müßt ihr auch
einsehen, daß das durch Flehen sehnlichst Erwünschte nicht immer erfüllt werden
kann, sondern daß Ich dasselbe oft verweigern muß, weil Ich weitblickender bin,
als ihr es seid.
[PH.01_040,18] Ihr seht aus der Deutung
dieser Verse, wieviel Mißverständnis durch einseitige Auffassung dieser in
jener Zeit ganz anders gemeinten Worte herbeigeführt werden kann. Damals waren
sie dem künftigen Lebensberuf und der sozialen Stellung Meiner Jünger angepaßt;
heutzutage sind sie zwar ebenfalls wahr – denn nur Wahrheit konnte ja aus
Meinem Munde kommen –, jedoch muß mehr ihr geistiger Sinn der Leitstern eures
Tuns und Lassens sein. Die Meinen ersten Jüngern gegebenen Trostworte müssen
Meinen jetzigen, vielleicht letzten Jüngern, in ganz anderer Bedeutung erscheinen.
[PH.01_040,19] Wahr bleibt alles, was Ich
sprach; aber der geistige Standpunkt eines jeden einzelnen motiviert das
Verständnis der Wahrheit. Wenn sie stets den eigenen Verhältnissen angepaßt und
auf Mich bezogen wird, so kann sie die Resultate bringen, die Ich einst
beabsichtigte, und die Ich jetzt bei der geistigen Erklärung derselben wieder
bezwecken will. Ich wiederhole hier, daß das rechte Verständnis Meiner Worte –
die, weil von Mir herrührend, von ewiger Dauer und ewiger Schönheit sein müssen
– euch Dinge offenbart, welche ihr oft in einzelnen Augenblicken ahnt, aber
deren Schleier ihr nie gänzlich zu entfernen vermöget.
[PH.01_040,20] Befleißigt euch also, das
geistige Verständnis zu erlangen, damit das in euch einstrahlende Licht in
seiner ganzen Stärke eure Seelen erleuchten, erwärmen, beleben und mit Meinem
Geist verbinden kann! Dann ist der Augenblick gekommen, wo die Decke der
materiellen Schöpfung für euer Auge nicht mehr existiert, wo sie dem geistigen
Auge gewichen ist und euch überall nur Geistiges und Mich als Herrn des
Geistigen, als ewig liebenden Vater erkennen läßt.
[PH.01_040,21] Dort blüht euch der Friede und
die Ruhe, als Endziel aller gerechten und eitlen Sorgen; dort ist die
Vergeltung für alles bitter Erlebte, die Belohnung für alles gerecht Verdiente;
dort sind die letzten Bausteine der materiellen Welt zu den ersten der
geistigen umgewandelt, auf denen der ganze, große Bau einer nie endenden
Geisterwelt ruht. Den materiellen Dingen wird ihr geistiger Platz und den
geistigen Wesen ihr zur weiteren Läuterung nötiger Weg angewiesen, damit sie –
von Stufe zu Stufe, von Welten zu Welten, von Sonnen zu Sonnen emporsteigend,
stets mehr Fähigkeiten empfangen, stets mehr Seligkeiten genießen und als
Endziel aller Mühen endlich die Stufe erreichen, wo der Vater, als der eine
Hirte, von Seinen Kindern, als der einen Herde, umringt wird, deren Sammlung im
körperlichen Leben angefangen und im geistig-höchsten geendet hat.
[PH.01_040,22] Das ist euer Ziel, und das ist
der Zweck all Meiner Kundgebungen an euch! Ich tue, wie ihr seht und wohl ahnen
könnt, Mein möglichstes. Es liegt nur an euch, Meine vielen Worte so
aufzufassen, wie Ich, der Ich Geist bin, sie nur gemeint haben kann.
[PH.01_040,23] Befleißigt euch, deren
Verständnis zu gewinnen, und das Endresultat wird euch beweisen, daß nur auf
diesem Weg ein Vater seine Kinder zu solch einem Ziel führen konnte! Amen.
41. Predigt – Am 15. Trinitatissonntage. Die
Erweckung des Jünglings zu Nain.
[PH.01_041] Luk.7,11-17: Und es begab sich
danach, daß Jesus in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seiner Jünger gingen
viele mit ihm und viel Volks. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da
trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn seiner Mutter war, und sie
war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr. Und da sie der Herr
sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: „Weine nicht!“, und trat
hinzu und rührte die Bahre an, und die Träger standen. Und er sprach:
„Jüngling, ich sage dir, stehe auf!“ Und der Tote richtete sich auf und fing an
zu reden; und er gab ihn seiner Mutter. Und es kam sie alle eine Furcht an, und
sie priesen Gott und sprachen: „Es ist ein großer Prophet unter uns
aufgestanden, und Gott hat sein Volk heimgesucht.“ Und diese Rede von ihm
erscholl in das ganze jüdische Land und in alle umliegenden Länder.
22. April 1872
[PH.01_041,01] Hier habt ihr wieder eine
jener Wundertaten, die das Volk und Meine Jünger im Glauben bestärken sollten,
daß Ich nicht nur ein gewöhnlicher Mensch, nicht nur ein Prophet, sondern etwas
Größeres sei, damit sie alle nach und nach williger in Meine Wege eingehen
sollten und sich leichter führen ließen.
[PH.01_041,02] Auch die Essäer erweckten
Tote; das ,Wie‘ aber habe Ich euch schon in dem Großen Evangelium Johannes kundgegeben.
Es war, wenn Ich ein Wunder wirken wollte, immer der Umstand zu bedenken, daß
Meine Wunder auf eine andere Art gewirkt sein mußten als die Wunder anderer.
Nur auf diesem Weg und nur durch die schlagendsten Beweise konnte Ich dieses in
den Mosaischen Lehren und Zeremonien verrannte Volk eines Besseren belehren.
[PH.01_041,03] Eine Totenerweckung wie bei
dem Jüngling zu Nain war ihnen noch nicht vorgekommen; daher ihr gerechtes
Staunen ob Meiner Macht über Leben und Tod, welche sie bei Menschen noch nicht
gesehen hatten.
[PH.01_041,04] So erzog Ich Meine Jünger und
viele des Volkes, auch Heiden, zu Fortpflanzern Meiner Glaubens- und
Liebelehre. Die Echtheit Meiner Worte und die Wichtigkeit Meiner Sendung, den
Grund, warum Ich auf diese Erde kam, und was das Ziel und der Zweck Meiner
irdischen Laufbahn als Mensch war, das alles bewies Ich ihnen bald durch
Gleichnisse, bald durch Reden, bald durch Wunder. Wenige verstanden Mich; aber
doch war der Same in ihre Herzen gelegt, der nach und nach aufging und,
wenngleich spärlich, doch Früchte zu tragen anfing. Überall paßte Ich mich den
Umständen an; entweder hielt Ich gewaltige Reden oder Ich wirkte Wundertaten,
welche dazu beitragen mußten, den Menschensohn als das zu verkünden, was er
eigentlich war.
[PH.01_041,05] Die Wundertat der Erweckung
des Jünglings zu Nain ist aber, wenn sie als Predigt von Nutzen sein soll,
geistig zu nehmen. Wir müssen den Akt des Natürlichen entkleiden, um seine für
alle Zeiten gültige Bedeutung herauszufinden, damit ihr erkennt, daß in jeder
Tat aus Meinen Lehrjahren etwas verborgen liegt, was für alle Ewigkeiten
Geltung hat.
[PH.01_041,06] Hier in diesem Evangelium habt
ihr ein einfaches Leichenbegräbnis vor euch, bei dem eine weinende Mutter dem
Sarg ihres geliebten, einzigen Sohnes folgte. Ein gewöhnliches Vorkommnis, das
euch täglich – entweder in eigener Familie oder bei Freunden und Bekannten –
begegnen kann. Überall werdet ihr einen starren Leichnam und weinende
Nachfolgende treffen.
[PH.01_041,07] Um diesen Akt einer natürlichen
Gesetzesfolge im menschlichen Leben geistig zu erklären, müßt ihr auch das, was
einem Leichenbegängnisse vorangeht, geistig auffassen lernen.
[PH.01_041,08] Seht, jeder Todesfall ist ein
Übergang von einem Extrem zum andern, vom Leben zum Tod, eine Verwandlung des
festen Körpers in einfache Elemente, eine Scheidung des Geistigen vom
Materiellen oder, wenn ihr es noch besser ausdrücken wollt, der Anfang des
geistigen und das Ende des materiellen Lebens.
[PH.01_041,09] Es gibt in der Schöpfung einen
materiell-scheinbaren und einen geistig-wirklichen Tod. Insofern ist ein
Begräbnis entweder als ein Begraben des Geistigen im Menschen oder als ein
Verlassen alles Weltlichen anzusehen.
[PH.01_041,10] Hier in diesem Falle beweint
eine Mutter ihren einzigen Sohn und folgt seinem Sarg. Zu dieser traurigen
Schmerzensszene kam Ich hinzu. Die Mutter dauerte Mich. Ich ließ die Träger
anhalten und erweckte ihren Sohn, damit er noch ferner die Stütze seiner ihn
liebenden Mutter bleibe.
[PH.01_041,11] Diese Handlung, geistig
aufgefaßt, will folgendes sagen: Jetzt und noch oft werden Eltern über ihre
Kinder, die eine falsche Richtung eingeschlagen haben, weinen. Sie werden
trauern, wenn sie sehen, wie diese – ungeachtet ihrer Mühen und Sorgen –,
gleich einer materiellen Leiche nichts Geistiges mehr in sich bergend, nur der
Welt und ihren Genüssen nachgehen und so dem geistigen Tod entgegeneilen.
[PH.01_041,12] Zu manchen solcher weinenden
und trauernden Eltern trete Ich bei solchen Ereignissen, wo Vater und Mutter
leider nur zu spät erkennen müssen, daß an dem frühen Geistestod ihres Kindes
sie selbst auch Schuld tragen, hinzu und rufe die in Sünde und Laster
versunkenen Kinder wieder ins Leben, ins geistige Leben zurück, indem Ich sie
die Folgen ihres Lebenswandels in bitterster Weise verkosten lasse. Ich erwecke
sie durch Leiden und Krankheiten, zerstöre ihre körperliche Gesundheit und ihre
weltlichen Verhältnisse und gebe auf diese Weise dem zum Leichnam gewordenen
Kind das Geistige wieder zurück, damit es von neuem anfangen möge, das
Verlorene wiederzugewinnen, und so seinen Eltern durch reuige Umkehr die
Selbstvorwürfe lindere und ihr Gewissen erleichtere.
[PH.01_041,13] Solche Leichenzüge gibt es
täglich im gewöhnlichen wie auch im geistigen Leben. Auf eurer Erde ist jetzt
mehr Fäulnis als geistiges Leben vorhanden; beinahe die ganze Menschheit liegt
in materiellen Gelüsten vergraben, gleichsam unbeweglich im Sarge weltlicher
Sorgen und Genüsse. Und die wenigen, welche noch geistiges Leben besitzen, sind
die Leidtragenden, die hinter diesem Sarg einhergehen und zu Mir um Abhilfe und
Rettung flehen, da sie die Toten, ihre Nächsten, bedauern, bemitleiden – und
doch nicht retten können.
[PH.01_041,14] Dieser Leichenzug im Kleinen
wie im Großen, wie auch das Wehklagen der wenigen Besseren veranlaßt Mich, zu
diesem Sarg hinzutreten und die Schlafenden oder scheinbar Toten aufzuwecken,
damit sie fürs geistige Leben nicht verlorengehen. Ich erwecke sowohl einzelne
Menschen als auch ganze Völker durch Ereignisse und Unglücksfälle aller Art und
lasse sie die Folgen ihres verkehrten Lebenswandels, da sie das Geistige so
ganz außer acht lassen, fühlen.
[PH.01_041,15] Seht, dieser große Leichenzug
bewegt sich langsam an den Ort, an dem die Zersetzung des materiellen Körpers
stattfindet. Der seelische Zustand vieler Menschen, wie auch der staatliche der
Völker, fängt an, in Fäulnis überzugehen, und es manifestiert sich ein
allgemeiner Zersetzungs-, Reinigungs- und Scheidungsprozeß, wie es bei jedem
Körper geschieht, der vom Leben verlassen und den natürlichen Gesetzen
unterworfen, anderen Bildungen wieder als Grundlage und als Förderungsstoff
dienen muß.
[PH.01_041,16] Mitten in diesem allgemeinen
Auflösungsprozeß der ganzen Menschheit, die – bildlich gesprochen – leblos im
Sarg der Weltgenüsse liegt, trete Ich hinzu, lasse durch Meine Boten und
Schreiber neues Leben, neue Kraft, neuen Geist in die Pulsadern der
menschlichen Seele strömen und rufe den eingeschlafenen Weltmenschen, wie einst
dem Jüngling zu Nain, zu: „Jüngling! Ich sage dir, stehe auf!“
[PH.01_041,17] Die Menschheit, wie sie jetzt
ist, gleicht mit der kurzen Dauer ihres Prüfungslebens einem Jüngling, der
seine Mission noch lange nicht erfüllt hat. Auch die Menschheit muß ins Mannes-
und dann ins Greisenalter übergehen, damit sie reif wird und sich anschickt,
ihre alten Kleider halbvermoderter Weltansichten auszuziehen und ein geistiges,
nie verwesendes Kleid anzuziehen, welches über dieses kurze Erdenleben hinaus
auch fürs andere, größere, ewige Leben tauglich ist. Dieser in die Verwesung
übergehenden Menschheit rufe Ich zu: „Stehe auf; denn du bist nicht geschaffen,
den langwierigen Weg der Materie, sondern den kürzeren des Geistes zu wandeln!
Stehe auf und beachte Meinen Ruf, ehe der gänzliche Zerfall aller sozialen Bande
dich nur zu bitter belehren wird, daß es noch eine ganz andere Welt gibt als
die, an welche du bisher gedacht hast, und die nur aus lauter Spekulationen,
Betrug und Machthaberei besteht!“
[PH.01_041,18] Seht, wie einst, so jammert
Mich auch jetzt dieser Zustand der Fäulnis! Es jammern Mich die besseren
Leidtragenden, aber auch die Toten, die – da sie Mein Wort nicht kennen – der
Verwesung, dem geistigen Zersetzungsprozeß unwiederbringlich anheimfallen
würden und den langen und beschwerlichen Weg der Erkenntnis von innen heraus,
freiwillig, antreten müßten. Mich jammert es, die Menschheit als Leiche vor Mir
zu sehen, da Ich doch bei Erschaffung der Menschen einem jeden einen geistigen
Funken Meines eigenen Wesens als Mitgift gab. Später durch Mein Herniedersteigen
auf eure Erde habe Ich nicht allein diesen Funken wieder zur Wirkung gebracht,
sondern – was Ich durch Demütigungen und Opfer bezahlen mußte – euch Menschen
vor so vielen anderen Geschöpfen auserkoren, Mich nicht nur als höchsten Geist,
sondern auch als Vater zu erkennen und mit Mir und durch Mich zur Weiterbildung
anderer Welten beizutragen, welchen ihr dann neue Seligkeiten und neue
Wahrheiten bringen dürft. Das Geben derselben wird euch selbst noch größere
Seligkeiten bringen, und ihr werdet als Kinder Meiner Liebe erst empfinden, was
es heißt, die Bevorzugten des allmächtigen Schöpfers und Herrn des ganzen
Universums zu sein!
[PH.01_041,19] Darum jammert Mich dieser
Leichenzug, und deswegen ertönt durch Meine Worte und Himmelsgaben, die Ich auf
euch und die ganze Menschheit seit Jahren herniederströmen lasse, stets der
Ruf: „Steht auf, erwacht von eurem weltlichen Schlaf! Erwacht zum geistigen,
zum ewigen Leben; denn nur dort ist die Löse eurer eigenen Existenz! Dort
allein ist der Anfang und das Ende des Menschengeschlechts! Ihr braucht euch
nicht wie der materielle Körper aufzulösen, um anderen Formen, Wesen und Dingen
anzugehören! Nein, ihr sollt eures einfachen Ursprungs wohl eingedenk, als
unmündige Seelen das Knaben-, Jünglings- und Mannesalter durchleben, um im
Greisenalter mit dem Bewußtsein schöner Taten und mit erhabenen Empfindungen in
jene Welt übergehen zu können, wo keine Verwesung des Weltlichen mehr
hinreicht, sondern wo alles Geist, alles Liebe, alles Licht ist, wo alles Wärme
und ewiges Leben atmet, wo es keine Leidtragenden, sondern lauter freudige,
jubelnde Geister gibt! Sie sollen mit und durch euch zum großen Endziel, in
Mein unendliches Geisterreich, geführt werden, und Ich werde als Vater Meiner
Kinder die Erweckten zum ewigen Lichtborn des Lebens führen. Dann werden sie
Mich als Vater erst ganz begreifen.
[PH.01_041,20] Diese Auferstehung aus dem
Materiellen, dem weltlichen Sarg, will Ich mit all Meinen Worten bezwecken, wie
Ich einst mit Meinen Wundertaten, Worten und Gleichnissen ebenfalls die
damalige Welt beschützen und vorbereiten wollte, daß sie geistig nicht verwese.
[PH.01_041,21] In jener Zeit waren die
Propheten, Meine Jünger und sonstige Gläubige die Leidtragenden; heutzutage
seid ihr es, denen Ich das Wort des Heils und des ewigen Lebens gegeben habe,
damit auch ihr, soviel wie möglich, zum Rettungswerk beitragen könnt!
[PH.01_041,22] Arbeitet zu diesem Zweck in
euren eigenen Familienkreisen! Laßt dort keine Tote oder Verwesende aufkommen!
Säet den Samen des Lebens, den dann Mein geistiger Wind, wie die Herbststürme
den materiellen Samen auf zu befruchtende Felder, in die durch Leiden und
Unglücksfälle zubereiteten Herzen führen wird, damit auch dort das
Auferstehungsfest sich wiederhole! Dann wird vom ganzen leblosen Leibe der
Menschheit nichts als der Sarg, die Welt selbst übrigbleiben, die sich dann –
will sie dem Menschen nützlich sein – durch den Einfluß der vergeistigten
Menschheit ebenfalls vergeistigen muß. So wird das einstige Paradies wieder
erstehen, in welchem der Mensch, als geistiges Geschöpf Meiner Schöpferhand
entstiegen, wieder geistiger Herr über alles Getier und selbst über die
Elemente ist, – was nur der lebende, nicht aber der tote ,Jüngling zu Nain‘
vermögen wird. Amen.
42. Predigt – Am 16. Trinitatissonntage. Die
wahre Sabbatfeier.
[PH.01_042] Luk.14,1-6: Und es begab sich,
daß Jesus in ein Haus eines Obersten der Pharisäer kam auf einen Sabbat, das
Brot zu essen; und sie hatten acht auf ihn. Und siehe, da war ein Mensch vor
ihm, der war wassersüchtig. Und Jesus antwortete und sagte zu den
Schriftgelehrten und Pharisäern und sprach: „Ist es auch recht, am Sabbat zu
heilen?“ Sie aber schwiegen stille. Und er griff ihn an und heilte ihn und ließ
ihn gehen. Und er sprach zu ihnen: „Welcher ist unter euch, dem sein Ochse oder
Esel in den Brunnen fällt und der nicht alsbald ihn herauszieht am Sabbattage?“
Und sie konnten ihm darauf nicht wieder Antwort geben.
23. April 1872
[PH.01_042,01] Der Anfang dieses Kapitels
spricht von der Heilung eines Wassersüchtigen, und zwar im Hause eines Obersten
der Pharisäer und an einem Sabbat, an dem nach den strengen Vorschriften der
Juden nichts weiter getan werden sollte, als den kirchlichen Gebräuchen und
Zeremonien nachzukommen.
[PH.01_042,02] Daß diese Heilung unter den
angeführten Umständen vorgenommen wurde, hatte seinen guten Grund. Dieser
Oberste war zwar ein Anhänger Meiner Lehre, jedoch faßte er die Satzungen des
Tempels nur im buchstäblichen Sinne auf; auch hörte er Mich gern an, wenn Ich
nur nichts unternahm, was gegen seine Ansichten und gegen seine Würde als
Pharisäer verstieß. Ich ließ es daher zu, daß, während Ich am Tisch bei ihm
saß, ein mit der Wassersucht behafteter Mann ins Zimmer trat und Mich um
Heilung seiner Krankheit anflehte.
[PH.01_042,03] Daß Ich ihn heilte, bezeugt
das Evangelium. Aber weil Ich ihn gerade an einem jüdischen Sabbat heilte, war
das ein Stein des Anstoßes. Gerade dadurch wollte Ich den Pharisäern klar
zeigen, wie schlecht sie ihre eigenen Satzungen verstehen, und wie falsch sie
diese dem Volk beibringen. Daher der Einwurf, indem Ich sagte: „Wenn euch ein
Ochse oder ein Esel am Sabbat in den Brunnen fällt, so ziehet ihr ihn doch
heraus, weil es eben euer eigenes Interesse verlangt; aber am Sabbat ein gutes
Werk an anderen oder für andere zu verrichten, das haltet ihr für Sünde!“
[PH.01_042,04] Ich wollte ihnen dadurch
beweisen, daß Wohltaten und gute Handlungen nicht den vorgeschriebenen Feiertag
oder Sabbat entheiligen, sondern ihn eher heiligen als viele nutzlose Gebräuche
und Zeremonien, welche gedankenlos vollführt werden.
[PH.01_042,05] Bei dem jüdischen Volke gab es
derlei Mißstände in Menge. Obwohl sie die Gesetze Mosis und die Propheten
hatten, so wußten sie doch ihren Wortlaut nicht geistig zu deuten. Sie wurden von
den Pharisäern und Schriftgelehrten im Wahne buchstäblicher Auffassung
bestärkt, weil den letzteren sehr viel daran lag, die Gesetze so auszulegen,
und daß es nicht viel Mühe kostete, ein Jude im Buchstabensinn zu sein.
[PH.01_042,06] Daher Mein Darniederkommen
gerade inmitten dieses Volkes, welches schon lange eine Religion besaß, die als
Unterbau zu Meiner Lehre am ehesten tauglich war. Es kam nur darauf an, die
alten Gesetze nicht umzustoßen, sondern sie dem Judenvolk gereinigt
wiederzugeben, geistig zu erklären und auf diese Weise die Menschenwürde zu
retten, welche nahe daran war, in lauter zeremoniellen Gebräuchen des Tempels
und in egoistischen Weltgenüssen unterzugehen.
[PH.01_042,07] Während Meiner drei Lehrjahre
verfolgte Ich stets diesen Zweck. Ich suchte Gelegenheiten auf oder ließ solche
zu, welche den Anlaß gaben, gegen die falschen Ansichten und Vorurteile der
Juden anzukämpfen.
[PH.01_042,08] So war auch die Feier des
Sabbats eine Frage, die Ich als Stifter Meiner göttlichen und einzig wahren
Religion nicht gleichgültig übergehen konnte. Um diese Vorurteile auszumerzen,
fing Ich gerade im Hause eines Obersten der Pharisäer an, dagegen zu handeln,
damit diese Handlung einen Grund zur Aussprache geben sollte. Weil nun die
Pharisäer die ersten sein und alles besser wissen und verstehen wollten, darum
mußten auch sie zuerst von ihren irrigen Begriffen gereinigt werden, wenn je
dem Volk reiner Wein eingeschenkt werden sollte. Deshalb wirkte Ich diese
Heilung gerade vor ihren Augen und antwortete ihnen, daß sie verstummen mußten,
wie die Verse 5 und 6 bezeugen.
[PH.01_042,09] Die Obersten des Tempels
hatten vom Wohltaten erweisen eine ganz andere Ansicht, so daß Ich Mich oftmals
genötigt sah, ihnen die Worte von der Nächstenliebe in Beispielen und Gleichnissen
näher auseinanderzusetzen; denn nach ihrer Ansicht waren Wohltaten nur dem
Tempel und ihrer Person zu erweisen. Alles andere, das an Menschen getan wurde,
war für sie nicht der Beachtung wert.
[PH.01_042,10] Schon in jener Zeit wurde die
Feier des Ruhetags jede Woche falsch aufgefaßt; und heutzutage wird dieser Tag
ebensowenig richtig gefeiert oder – mit anderen Worten gesagt – der geistigen
Erziehung gewidmet wie damals. Es ist deshalb wohl auch jetzt nicht unrecht,
wenn Ich, anschließend an diesen Heilungsakt am Sabbat, über die Feier dieses
Tages einige Bemerkungen anknüpfe und euch zeige, daß auch ihr noch sehr weit
davon entfernt seid, diesen Tag so zu feiern, wie es Moses gemeint hatte und
Ich selbst es verstanden wissen möchte!
[PH.01_042,11] In der Welt, wie sie war und
noch ist, gibt es stets Befehlende und Gehorchende. Es war von jeher der Fall,
daß die Befehlenden, nur ihren eigenen Nutzen im Auge behaltend, oft die
Gehorchenden und ihre Arbeitskraft mißbrauchten, ihnen wenig Ruhe, wenig Zeit
gönnten, um auch nur wenigstens einmal in der Woche das Zeitliche
beiseitesetzen und entweder ein Wort geistigen Sinnes vernehmen oder eine
Betrachtung höherer Art anstellen zu können über den wahren Grund ihrer eigenen
Existenz, darüber, was sie als Menschen sind oder als mit göttlichem Geist
begabte Wesen werden sollen.
[PH.01_042,12] Dies war der Grund, warum
Moses in seinen Gesetzen das, was die Mächtigen nicht freiwillig wollen, als
von Gott anbefohlen hinstellte. In der bildlich dargestellten Schöpfungsgeschichte
ließ er den obersten Herrn und Schöpfer selbst nach sechstägiger Arbeit den
siebenten Tag als den Tag der Ruhe einsetzen.
[PH.01_042,13] Diese Anordnung, die zur
Bewahrung der moralischen Würde des Menschen notwendig war, ist auch von anderen
Völkern angenommen worden und besteht jetzt fast überall. Wenn auch die
damalige Woche anders eingeteilt war, als es eure jetzige Zeitrechnung tut, so
ist doch immer ein Tag in der Woche festgesetzt, der zum Ausruhen von
körperlicher Anstrengung, zur Einkehr in sich selbst und zum Nachdenken über
die geistige Mission des Menschen bestimmt ist.
[PH.01_042,14] Was die Juden zuviel taten,
indem sie durch buchstäbliche Auffassung ihrer Satzungen zu weit gingen, das
ist bei den christlichen Völkern schon seit langer Zeit umgekehrt der Fall.
Während bei jenen als strenges Gebot die Heiligung des ganzen Tages anbefohlen
war, genügt bei den Christen zeitweiser Kirchgang; die übrige Zeit wird mit
Vergnügungen, Prassen und Schlemmen zugebracht. Am Sonn- und Feiertag wird im
ganzen mehr Schlechtes getan als während der ganzen Woche, wo wegen
Beschäftigung und Mangel an Mitteln die nötige Zeit und Gelegenheit fehlt.
[PH.01_042,15] Was bei den Juden die
Pharisäer taten, das befolgten später die christlichen Priester. Sie dachten
nur an ihr eigenes Ansehen und ihre Macht. Die Pharisäer setzten den Tempel als
erstes voran, und die Priester der Christen ihre Kirche. Bei den ersten dehnte
sich die Weihe des Feiertages auf 24 Stunden aus – auch außerhalb des Tempels mußte
der Feier des Tages noch gedacht werden –, bei den Christen beschränkt sie sich
nur auf einige Stunden in der Kirche. Die meisten Menschen glauben, sich mit
Mir abgefunden zu haben, indem sie ein paar Stunden in einer Kirche saßen,
standen oder träumten, nichtssagende Gebete herunterplapperten oder gemütlich
einschlafend den Predigten der Priester ein natürliches Stillschweigen
entgegensetzten. Damit ist freilich dem Ehrgeiz der Priester geschmeichelt,
sehen sie die Kirchen voll menschlicher Leiber; aber die Seelen derselben
beschäftigen sich entweder mit gar nichts oder mit etwas ganz anderem als mit
dem, was die Kirche oder Meine von Mir gestiftete Religion erheischt.
[PH.01_042,16] So greift der Mißbrauch immer
mehr um sich, und jetzt fängt man sogar an, auch diesen Tag nicht mehr als
Ruhetag gelten zu lassen, da man das Gewissen der Gehorchenden durch Geld zu
beschwichtigen weiß und ihnen das wenige, was sie noch glauben,
hinwegdisputiert, ohne ihnen dafür etwas Besseres zu geben.
[PH.01_042,17] So geht der Verfall von Stufe
zu Stufe fort. Die Befehlenden glauben dadurch einen Gewinn erreicht zu haben,
daß ihr Eigennutz nun freiwillig von der arbeitenden Klasse, die ebenfalls
wieder aus Eigennutz schafft, unterstützt wird. Doch sie irren sich gewaltig! Sie
werden sehen, wohin es führen wird, wenn man dem Minderbegüterten die wenigen
geistigen Elemente, die auch den Mächtigen ganz fremd geworden sind, entzieht
und ihm durch Vermehrung des Gewinns seine Laster vermehrt. Sie verachten
alles, was sich auf Mich und Meine Lehre bezieht. Und dieses Beispiel wird auch
von den Untergebenen gewissenhaft befolgt. So siegt endlich das Materielle über
das Geistige, bis Ich die Verhältnisse so stellen werde, daß die Machthabenden
die Früchte ihres Egoismus – welche ganz anders ausfallen werden, als sie es
sich erträumen – ernten müssen.
[PH.01_042,18] Der Sonn- und Feiertag soll
ein gewisser Hemmschuh sein; er soll der Tag sein, an dem die Mächtigen den
Niederen eine Anerkennung für das Geleistete zu geben haben. Und für die
Gehorchenden soll der Sonn- und Feiertag der Tag sein, an dem sie sich daran
erinnern sollen, daß ein Tag zu Betrachtungen über seine eigene geistige
Bestimmung nicht zuviel ist; er soll der Tag sein, an dem die Geschäfte zu
ruhen haben.
[PH.01_042,19] An diesem Tag spricht Meine
Natur ihre ewig gleiche Sprache zu allen Herzen: „Vergeßt über all euren
Arbeiten den Schöpfer nicht, der so viel Wunderbares und Herrliches auf dieser
Erde geschaffen hat, um euch stets daran zu erinnern, daß ihr nicht für diese
Welt allein bestimmt seid, daß eure Arbeit nicht immer materiell, sondern auch
geistig sein soll! Erkennt Den, der mit so viel Liebe und Geduld euch schwache
Kinder führt, und der euch mitten unter die Herrlichkeiten setzte, die
wenigstens an einem Tage der Woche euch eure schwere Arbeit vergessen machen
möchten!“
[PH.01_042,20] Ich selbst als Schöpfer setzte
den Tag der Ruhe nach Moses Schöpfungsgeschichte am siebenten Tag ein. Er war
gleichsam das Bild dafür, daß Ich, nachdem Ich Mich mit Materie beschäftigt
hatte, am siebenten Tag in die bis dahin starre Hülle den Geist eintreten ließ.
Und dieser Tag, an dem Ich die Materie zu etwas Geistigem erhob, war der Tag
der Feier oder der Weihe. Daher soll er auch vom Menschen gefeiert werden, wenn
er – gleich Mir – sechs Tage geschafft und gearbeitet hat.
[PH.01_042,21] Am siebenten Tag soll der
Mensch sein Werk betrachten, um darin die geistige Idee wahrzunehmen, welche
ihn leitete, solches hervorzubringen. Es soll dieser Tag ein Tag der Feier in
geistiger Hinsicht werden, an dem er erkennen soll, daß sein wöchentliches
Schaffen und seine eigene Existenz nicht eine materielle, sondern eine geistige
Grundlage hat, deren er sich eben an diesem Tag mehr als an anderen erinnern
soll. An diesem Tag, wo keine Pflicht, keine Arbeitsstunde ihn zum materiellen
Handwerk zwingt, soll er sich Meiner Schöpfung, Meiner Lehre, Meiner Liebe und
Meiner Aufopferung für ihn im einzelnen, wie für die ganze Menschheit erinnern.
[PH.01_042,22] Dieser Tag soll ihm deswegen
ein Tag der Weihe werden, weil er an ihm das Materielle abstreifend sich mehr
dem geistigen, hehren und erhabenen Ziel nähern kann, zu welchem er und die
Gesamtschöpfung gelangen sollen.
[PH.01_042,23] So soll ein jeder Mensch den
Sonntag feiern als einen Erinnerungstag Meiner Liebe und zum Andenken an alles,
was Ich für ihn getan habe. Dann wird dieser Tag für alle Werktage ein sanftes,
religiöses Gefühl zurücklassen, durch welches auch die materiellste Arbeit
geheiligt wird. So kann der Mensch allem, was er tut und leistet, den Stempel
seiner eigenen Göttlichkeit aufdrücken.
[PH.01_042,24] So soll der Sonn- oder Ruhetag
von euch verstanden und gefeiert werden. Ihr sollt euch stets erinnern, daß es
einst einen solchen Tag für Mich gegeben hat, und daß ein jeder einen solchen
Festtag dann erleben wird, wenn er, der materiellen Hülle ledig, in der
anderen, ewigen Welt als vergeistigter Seelenmensch ankommt und als Erinnerung
das Bewußtsein mitbringt, allen seinen materiellen Beschäftigungen den Stempel
eines großen Menschengeistes, der ihn adelte und dessen er würdig war,
aufgedrückt zu haben.
[PH.01_042,25] Daher haltet auch ihr diese
Ruhetage in einem höheren, geistigen Sinn! Seht durch des Buchstabens harte
Rinde das Geistige hindurchleuchten! Dieses ist, was beseligt. Vergeistigt
alles, eure Umgebung, euch selbst, eure Taten und Worte!
[PH.01_042,26] Nicht allein der siebente,
sondern ein jeder Tag, an dem ihr geistig vorwärtsschreitet, wird dann für euch
ein Sonn- und Feiertag sein, der – wie die Sonne, nach welcher dieser Tag bei
euch benannt ist – Licht, Wärme und Leben über euch und eure Umgebung
ausströmen wird. Jeder Tag wird ein Tag der Feier oder der Wonne werden, wenn
ihr – eures Schöpfers würdig und euer Ziel klar erkennend – von Stufe zu Stufe
vorwärtsschreitet, bis euch der ewige, nie endende Feiertag, der Tag der Feier
der ewigen Seligkeit in jenen Räumen zuteil wird, in denen jeder Tag ein Tag
der Weihe und des Friedens ist, wie ihn ein liebender Vater Seinen Kindern
schon von unendlichen Zeiten her bereitet hat. Amen.
43. Predigt – Am 17. Trinitatissonntage. Das
größte Gebot.
[PH.01_043] Matth.22,34-40: Da aber die
Pharisäer hörten, daß er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten
sie sich. Und einer unter ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und
sprach: „Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz?“ Jesus aber
sprach zu ihm: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von
ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das vornehmste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich
selbst. In diesen beiden Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“
24. April 1872
[PH.01_043,01] Über die Antwort, welche Ich
dem Pharisäer auf seine Frage: „Welches ist das vornehmste Gebot?“ gab, ist
euch schon manches gesagt worden, und es wäre eigentlich nicht notwendig, hier
über die beiden Liebesgebote: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie
dich selbst!“ noch weiter etwas zu sagen. Allein da es hier als eine
Sonntagspredigt besonders angeführt ist, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten
Mich versuchten, um einen Anklagepunkt gegen Mich zu finden – weil ihnen Mein
Treiben und Meine Wahrheiten lästig waren –, so wollen wir diese zwei Gesetze
einer näheren Betrachtung unterziehen. Ich werde euch sowohl die dortige Lage
der Dinge, als auch ihre analoge geistige in jetziger Zeit etwas näher
auseinandersetzen, damit ihr den Zusammenhang Meiner Worte und Taten in jener
Zeit mit den jetzigen Ereignissen leichter in Einklang bringen könnt.
[PH.01_043,02] Seht also, in jenen Zeiten
meines Erdenwandels war die Priesterkaste ebenso ehr- und habsüchtig, wie sie
es in allen späteren Zeiten gewesen ist, und wer ihre Macht schmälern oder gar
vernichten wollte, war natürlich ein Feind der Kirche, weil er ein Feind der
Priester war und das Volk von ihnen abwenden wollte, was sie dann besonders in
bezug auf ihre Macht und am meisten an ihren Geldsäcken verspürt hätten. Sobald
also ein Lehrer auftrat, wie Ich es tat, dem sie wegen seiner klaren Worte
wenig Widerspruch entgegensetzen konnten, waren sie nur darauf bedacht, ihn als
gefährlichen Aufwiegler gegen die bestehenden politischen Einrichtungen unter
irgendeinem Vorwand der Obrigkeit zur Bestrafung zu überliefern, welches ihnen
auch gelang, als die Zeit Meiner Mission auf Erden zu Ende ging. So oft sie es
früher versuchten, wich Ich ihren gelegten Fallen persönlich und ihren
verfänglichen Fragen durch wohlbedachte Antworten aus.
[PH.01_043,03] In diesem Kapitel findet ihr
verschiedene Fragen, verschiedene Versuche, Mich mit der Obrigkeit zu
verwickeln, damit sie ihren Zweck erreichen könnten, ohne daß es den Anschein
hätte, als wären sie die Urheber Meiner Gefangennahme, weil sie das Volk
fürchteten, das Mir anhing und nachfolgte. Daher solche Fragen, wie die wegen
des Zinsgroschens und mehrere andere dieser Art. Auch die Frage eines
Schriftgelehrten: „Welches ist das vornehmste Gebot?“ war auf einen Fang
abgesehen; denn dieser Fragende erwartete von Mir eine Antwort, aus welcher
eine Mißachtung der bestehenden weltlichen Gesetze herausgefunden werden
könnte, worauf die Diener und Knechte des Statthalters triftigen Grund gehabt
hätten, Mich den Gerichten zu überliefern. Da Ich jedoch ihre Gedanken und
Absichten im voraus wußte, hütete Ich Mich wohl, ihnen vor der Zeit Anlaß zu
lügnerischen Beschuldigungen zu geben. Meine Antwort fiel so aus, wie sie schon
in ihren Gesetzen lag, nur war Meine Deutung dieser Gesetze von ihrer Deutung
verschieden, verschieden war auch die Anwendung dieser Gesetze, also die Art
und Weise, wie Ich sie befolgt haben wollte.
[PH.01_043,04] In den mosaischen Gesetzen
waren die beiden einzigen und wichtigsten Gesetze ebenfalls enthalten. Doch die
Deutungen und Erklärungen der Priester und Schriftgelehrten machten sie dem Volk
nur von der Seite zugänglich, von welcher für den geistigen Menschen wenig
herausleuchtete und es ihm schwer wurde, seine richtige Stellung zu Mir und zu
seinem Nächsten, sowie zur ganzen Schöpfung herauszufinden, ein Verhältnis,
welches auch jetzt noch von wenigen in dem Sinne aufgefaßt wird, wie es dem
Geiste nach sein sollte. Damals hielt sich das Volk an den Buchstaben, und
jetzt, nach mehr als tausend Jahren, klebt es noch immer ängstlich an demselben
wie eine Fliege an einer Leimrute, welche gerne frei sein möchte, der aber die
nötige Kraft fehlt, sich selbst frei zu machen.
[PH.01_043,05] Wenngleich Ich dem Pharisäer
diese zwei einzigen Gebote als die größten bezeichnete, so begriff er sie
ebensowenig wie die Antwort auf Meine Frage: „Was haltet ihr von Christus?“
Diese Antwort war einem Psalm Davids entnommen und zeigte ihnen in Fernsicht,
daß Mir als Herrn der Schöpfung am Ende doch alles untertan und zu einem
Fußschemel wird, auf dessen Fläche Meine Füße ruhen werden, d.h. worauf Meine
Lehre als Gebäude aufgerichtet werden wird.
[PH.01_043,06] Was es heißt: „Gott über alles
lieben“, begriffen damals und begreifen heute noch viele nicht; und was es
heißt: „Seinen Nächsten lieben“ – ein Ergänzungsgebot des ersten –, ist vielen
Menschen ebensowenig klar.
[PH.01_043,07] Seht, „Gott über alles lieben“
ist ein Wort, das leicht auszusprechen, aber nicht so leicht verstanden und
noch schwieriger auszuführen ist! Da muß Ich wieder zuerst fragen: „Warum
sollen denn die Menschen Gott über alles lieben?“ – Diese Frage muß zuerst
beantwortet werden, ehe über Liebe und das Maß derselben gesprochen werden
kann.
[PH.01_043,08] Nun, wenn ihr diese Frage mit
kühlem Verstand betrachtet, so geht aus dieser Betrachtung eine andere Frage
hervor, nämlich die: „Warum soll ich denn Gott lieben?“ Hier ist nun in
Betracht zu ziehen, daß der kalt urteilende Mensch so antworten wird: „Wenn ich
so recht nachdenke, finde ich keinen Grund, einen Gott zu lieben, erstens, weil
ich etwas Unsichtbares nicht lieben kann, und zweitens, weil ich dem Gott, der
mich erschuf, nicht zum Dank verpflichtet bin. Als Er mich erschuf, hat Er mich
nicht gefragt, ob es mir recht ist oder nicht! Er hat dabei nur sein Vergnügen
des Erschaffens im Auge gehabt, aber nicht danach gefragt, ob ich als erschaffenes
Wesen dann mit meinem Zustand und meiner Stellung, die Er mir unter den andern
Wesen angewiesen hat, wirklich zufrieden bin, und ob ich mich glücklich fühle.“
[PH.01_043,09] Aus diesen Schlüssen ginge
hervor, daß von seiten des Menschen gar keine Verpflichtung vorläge, seinen
Schöpfer zu lieben, selbst wenn Er ihn auch in die glücklichsten Verhältnisse
gestellt hätte, um so weniger aber, wenn in Betracht gezogen wird, mit welchen
Drangsalen, Leiden und Mißhelligkeiten der Mensch von Geburt an bis zum Tode
kämpfen muß. Deswegen sollten die Menschen Gott lieben, und dazu noch über
alles? Das wäre doch etwas zuviel verlangt! So manche Menschen möchten zu ihrem
Schöpfer sagen: „Wenn Du mich nicht als Mensch erschaffen hättest, könntest Du
noch eher Anspruch auf meine Liebe erheben; aber unter diesen traurigen
Lebensverhältnissen, gehört eine zu große Dosis Einfalt dazu, Den zu lieben,
der mich im Materiellen in mancher Hinsicht unter das Tier gestellt hat, und
der mir nur die Fähigkeit verlieh, meine Lage so recht beurteilen und beweinen
zu können!“
[PH.01_043,10] Seht, Meine Kinder, so
urteilt, und nicht mit Unrecht, der Verstandesmensch, dem die kalte
Wirklichkeit – d.h. das, was er vor sich sieht, mit Händen greifen und mit
seinen Sinnen wahrnehmen kann – die ganze Welt ausmacht. Eine solche
Denkungsweise war schon seit Entstehung des Menschen immer bei einzelnen die
Basis ihrer Handlungen, und in jetziger Zeit predigen solches eure gelehrten
Materialisten ohne Scheu und finden ein großes Publikum, welches ihren
Ansichten ganz beistimmt und ihnen Beifall klatscht.
[PH.01_043,11] Wenn Ich also das Gebot: „Du
sollst Gott über alles lieben!“ in dieser Predigt wieder berühre, so geschieht
es deswegen, um dem größten Teil der Menschen ihre falschen Ansichten von Mir
und der Welt – nebst den damit zusammenhängenden Fehlschlüssen – vor Augen zu
halten, und um derer willen, die noch für etwas anderes Sinn haben, als nur
Verehrer der vergänglichen Materie zu sein, und welche fühlen, daß noch etwas
Besseres und Tieferes sich in ihrem Innern bewegt und sie zu geistigem Leben
antreibt.
[PH.01_043,12] Wenn Ich ein Gebot gegeben
habe, so muß doch ein Grund dazu vorhanden sein, warum das Gebot ausgeführt
oder befolgt werden soll. So muß also auch ein Grund bestehen, warum Ich dieses
Gesetz der Liebe als das vornehmste und größte in Meiner Schöpfung bezeichnete,
und warum es zu deren Fortbestand, Zusammenhang und Vervollkommnung eingesetzt
wurde.
[PH.01_043,13] Nun seht, bei jedem Gesetz
kann leicht beurteilt werden, was der Beweggrund war, das Gesetz so und nicht
anders zu geben, und ob das Gesetz aus Liebe, also zum Besten anderer, oder nur
aus Eigennutz für den Gesetzgeber selbst gegeben wurde.
[PH.01_043,14] Wenn nun Ich als Schöpfer
Meinen geschaffenen, Mir gleichenden Wesen als erstes Gesetz die Liebe
vorschreibe, die sie gegen ihren Erschaffer haben sollen, so ist doch klar, daß
man den Grund oder das Warum dieses Gesetzes auch in Meinen Anordnungen
erkennen muß, und begreift, daß überall – es mag geschehen, was will – Liebe
zugrunde liegt.
[PH.01_043,15] Was ist denn eigentlich
,Liebe‘?
[PH.01_043,16] Seht, auch diesen Begriff
müssen wir erklären, um dessen Größe besser beurteilen zu können!
[PH.01_043,17] Liebe ist nichts anderes als
eine gewisse Zuneigung zu einem belebten oder unbelebten Gegenstand. Diese
Zuneigung bedingt die Erhaltung dieses Gegenstandes in dem Maße, in dem er eben
unsere Liebe in Anspruch nimmt. Unter lebenden Wesen ist Liebe eine Zuneigung
oder ein Hingezogenwerden zu anderen Wesen, die wegen ihrer Eigenschaften mit
ihren Gefühlen harmonieren. Beim Menschen kommt hinzu, daß der, der Liebe gibt,
auch wieder Liebe empfängt. Der Liebende möchte mit dem geliebten Wesen im
Austausch seiner Gesinnung und Gefühle bleiben und, Liebe wieder von ihm zurückerhaltend,
sich gleichsam mit ihm vereinen und ein geistiges Ganzes ausmachen. Die Liebe,
welche keinen andern Zweck hat, als den Geliebten so glücklich wie möglich zu
sehen, ist ferner die Eigenschaft, welche uns fähig macht, dem Geliebten alles
zu geben und für uns nichts zu behalten als nur das Bewußtsein, ihn so
glücklich gemacht zu haben, wie es unsere Kräfte erlaubten.
[PH.01_043,18] Nun, wenn der Mensch diese
Liebe von seiten seines Gottes, Schöpfers und Herrn begriffen und erfaßt hat,
dann ist ihm auch das Gesetz der Liebe leicht verständlich, welches ihm
gebietet, dem Gott, der alles hergegeben hat, um Seine Geschöpfe glücklich, ja
ewig selig zu machen, auch aus ganzer Seele und mit aller ihm möglichen Kraft
zu lieben.
[PH.01_043,19] Wie beweist aber Gott dem
Menschen diese Liebe, die Er für ihn geopfert hat, um seine menschliche Liebe
so anzuregen, daß sie über alles Irdische, Sichtbare und Unsichtbare hinaus den
Schöpfer des großen Universums über alles lieben lernt?
[PH.01_043,20] Seht, hier gibt es zwei Wege,
die dem Menschen die Liebe seines Schöpfers beweisen und klar machen können:
die geistige, unsichtbare, in ihm wohnende Welt, und die materielle, sichtbare,
ihn umgebende Welt. Beide Wege, obwohl verschieden in ihrer Ausdrucksweise,
führen zum gleichen Ziel, d.h.: den Schöpfer als liebenden Herrn und Vater zu
erkennen.
[PH.01_043,21] Betrachten wir zunächst den
ersten Weg.
[PH.01_043,22] In früheren Zeiten, als man
die Natur weniger kannte, wurden durch die Gelehrten so manche Anfänge des Unendlichen
im Großen wie im Kleinen aufgedeckt. In jener Zeit war es der innere Mensch,
der die begeisterten Gesetzgeber, wie Moses und die Propheten und Seher
beschäftigte. Sie machten den Menschen auf sein Inneres aufmerksam und stellten
das als Gebot hin, was eigentlich aus freiem Antrieb geschehen sollte.
[PH.01_043,23] Damals stand dieses Gesetz der
Gottesliebe als Gesetz, nicht aber als Liebesgebot vor dem Menschen. Deswegen
fragte auch der Pharisäer, welches das vornehmste Gebot sei, weil er dieses Gebot
nicht für so wichtig hielt und vielleicht glaubte, von Mir eine Antwort zu
bekommen, welche auf ein bürgerliches Gesetz hindeutete. Denn Liebe, wie Ich
sie gebot, war diesem Pharisäer und auch vielen anderen Menschen in jenen
Zeiten fremd, wie auch jetzt noch die Liebe, wenn sie etwas anderes bedeutet
als nur Liebe für sich, Millionen Lebender trotz aller Aufklärung ein
unbekanntes Ding ist.
[PH.01_043,24] Um dieses Gesetz Meiner großen
Schöpfung zur Geltung zu bringen, stieg Ich selbst auf eure dunkle Erde
hernieder und zeigte euch durch Wort und Tat, was Liebe zu Gott und was Liebe
zum Nächsten ist. So brachte Ich den Menschen aus seiner materiellen Richtung
und erhob ihn zu einem geistigen Geschöpf, das zwar die Wurzel, seine Füße auf
Erden, im Materiellen, jedoch seinen Kopf oder die geistige Blume in Regionen
emporhebt, welche mit der Materie nichts zu tun haben.
[PH.01_043,25] So wie Ich Meinen Mitlebenden
die Gottesliebe erklärte, so zeigte Ich ihnen auch in vielen Gleichnissen,
Worten und Taten, was eigentlich Nächstenliebe ist, wie sie verstanden und
ausgeübt werden soll, zeigte ihnen wie das zweite Gebot, das der Nächstenliebe,
nur dann erfüllt werden kann, wenn man das erste ganz im geistigen Sinne
aufgefaßt hat, und wie umgekehrt die Gottesliebe nur dann echt und rein ist,
wenn sie am Nächsten und an der ganzen, den Menschen umgebenden Welt als
Bruderliebe ihren Ausdruck findet.
[PH.01_043,26] Der zweite Weg, die Liebe
Gottes durch die Natur zu beweisen und in ihr Gottes Sprache auf jedem Schritt
zu gewahren, war späteren Jahrhunderten vorbehalten, obwohl auch schon in jenen
Zeiten Meines Erdenwandels und noch früher die Priesterkasten mit den
Geheimnissen der Natur vertraut waren, so gut, wie es jetzt nur wenige sind.
Lange blieb diese Stimme, durch welche Ich den Menschen von Meiner
allumfassenden Liebe tausend und abertausend Beweise geben wollte, unbemerkt.
Auch jetzt noch ist es nur einzelnen vorbehalten, diese Stimme bei ihren
Forschungen zu vernehmen. Leider kennen die meisten im Gebiet der Naturwissenschaft
Herumwühlenden nur die Materie und ihre von Mir ihr aufgedrungenen Gesetze,
statt den leisen Ruf der Liebe zu vernehmen, der ihnen aus jedem Atom
entgegenweht, weil eben in jedem Atom ein Liebeshauch Meines göttlichen Ichs
verborgen liegt, der ebenfalls auf seine weitere Entwicklung nach den
Liebesgesetzen wartet.
[PH.01_043,27] Es war für euch jetzt Lebenden
das Fernrohr, das euch die weiten Räume über euch erschloß; es war das
Mikroskop, welches euch die Wunder des Kleinsten enthüllte. Durch beide
Instrumente könnt ihr die Unendlichkeit und den Unendlichen selbst wohl ahnen,
aber nicht begreifen.
[PH.01_043,28] Beide Wissenschaften,
Astronomie und Naturwissenschaft, sind dem Menschen gegeben, um seinen Stolz zu
dämpfen, seinen Dünkel zu beseitigen und ihn doch als Geist hoch über alle
Räume zu erheben, weil sie dem Endlichen die Fähigkeit gaben, das Unendliche zu
erfassen und zu ahnen.
[PH.01_043,29] Beide Wissenschaften sollen
zur Gottesliebe, die Gottesliebe zur Menschenwürde und die Menschenwürde zur
Nächstenliebe führen, die sodann wieder zu Dem zurückführt, der alles so
geordnet hat, daß jeder Funken Liebe seinen Kreislauf vollenden kann, indem er,
von Mir als Gott ausgegangen, zu Mir wieder zurückkehrt.
[PH.01_043,30] So soll denn die Gottesliebe
sich von selbst in den Herzen der Menschen bilden und ihren Ausdruck in der
Nächstenliebe finden, indem diese auf die erstere gegründet den Kreislauf
beschleunigt und sich so beide Gesetze, aus denen alles hervorgegangen ist, und
zu denen alles zurückzukehren sucht, als die höchsten, aber auch die einzigen
bewahrheiten. So sind diese Gesetze die vornehmsten; denn sie sind auf Liebe,
auf die Hinneigung von Gleichem zu Gleichem gebaut und können nur Harmonie,
d.h. Ruhe, Glückseligkeit und Wonne bereiten.
[PH.01_043,31] Wenn auch der Mensch auf
seiner Lebensbahn so manche Kämpfe und bittere Leiden zu ertragen hat, sieht
doch der geistige Seelenmensch darin nicht die Folge materieller oder sozialer
Verhältnisse, sondern er sieht in ihnen die Schulung zu einem höheren Leben. Es
müssen zuerst die Versuchungen der materiellen Welt überwunden sein, ehe die
geistige in ihrer ganzen Wichtigkeit erfaßt und verstanden werden kann. So sind
ihm, dem Sohn eines Gottes, Kämpfe und Leiden nur ein Ansporn zum Vorwärtsschreiten,
nicht aber ein Grund zur Enttäuschung; so fühlt er sich im Kampf mit der
materiellen Welt erhaben und als geistiges Kind eines ihn ewig liebenden Vaters
stark genug, sie zu besiegen, wie Ich zur größeren Bekräftigung euch als Jesus
ein glänzendes Beispiel gegeben habe.
[PH.01_043,32] In diesem Bewußtsein begreift
der Mensch, warum er Gott über alles – d.h. weit über jede andere Neigung
hinaus – lieben, die Liebe zu Gott somit als Höchstes achten und nur ihr
genügen soll, und warum er seinen Nächsten, ebenfalls ein aus Gottes Hand
hervorgegangenes geistiges Wesen, ebenso wie sich selbst lieben, d.h. ihn so
achten soll, wie er selbst, als Gottes Ebenbild, angesehen und geachtet sein
will.
[PH.01_043,33] So sollt ihr Mich als Gott lieben,
und diese Liebe an dem Nächsten beweisen, damit ihr die wahren Abkömmlinge
dessen seid, der allem so viele Wunder eingehaucht hat. Dann wird euch klar
werden, daß eine Welt nur dann bestehen kann, wenn Liebe ihr Grundwesen, Liebe
ihr Bestehungs- und Vervollkommnungstrieb ist.
[PH.01_043,34] Das ist es, was Meine beiden
Gesetze euch predigen, was sie euch von der Wiege bis zum Grabe in tausend
Formen und Verhältnissen sagen und weit über dieses Erdenleben hinaus immer
wiederholen werden, daß ohne Liebe kein Vater sein kann, aber ohne Liebe auch
keine Kinder bestehen können. Amen.
44. Predigt – Am 18. Trinitatissonntage. Die
Heilung eines Gichtbrüchigen.
[PH.01_044] Matth.9,1-8: Da trat Jesus in das
Schiff, fuhr wieder herüber und kam in seine Stadt. Und siehe, da brachten sie
zu ihm einen Gichtbrüchigen, der lag auf einem Bette. Da nun Jesus ihren
Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: „Sei getrost, mein Sohn, deine
Sünden sind dir vergeben!“ Und siehe, etliche unter den Schriftgelehrten sprachen
bei sich selbst: ,Dieser lästert Gott.‘ Da aber Jesus ihre Gedanken sah, sprach
er: „Warum denkt ihr so Arges in euren Herzen? Welches ist leichter, zu sagen:
Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle? Auf daß
ihr aber wisset, daß des Menschen Sohn Macht habe auf Erden, die Sünden zu
vergeben (sprach er zu dem Gichtbrüchigen): Stehe auf, heb dein Bett auf und
gehe heim!“ Und er stand auf und ging heim. Da das Volk das sah, verwunderte es
sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.
25. April 1872
[PH.01_044,01] Dieses Evangelium gibt wieder
mehrere Wunder kund, die Ich wirkte, und erzählt, wie Ich die Einwürfe und
Bemerkungen der Pharisäer abfertigte, mit welchen sie Meine Lehr- und
Handlungsweise stets kritisierten.
[PH.01_044,02] Schon das erste Wunder an dem
Gichtbrüchigen störte sie in ihrem priesterlichen Eifer, weil Ich, ehe das
Wunder der Heilung getan wurde, zu dem Kranken sagte: „Deine Sünden sind dir
vergeben!“ Ich vergab dem Gichtbrüchigen die Sünden seines Glaubens bzw. seiner
sicheren Überzeugung wegen, welche er und seine Verwandten und Bekannten
hatten, und dann vergab Ich ihm die Sünden, weil er – so wie die meisten
Kranken, die sich die Übel selbst zuziehen, weil sie sich gegen ihre Natur versündigen
– nun die Folgen davon tragen mußte.
[PH.01_044,03] Die Pharisäer und
Hohenpriester glaubten, nur sie hätten das Recht Sünden zu vergeben; deswegen
ihre Aufregung. Allein, Ich wollte ihnen zeigen, daß Ich nicht nur die Sünden
vergeben kann – und das im wahrsten Sinn –, sondern daß Ich auch die Macht
besitze, die Folgen der Sünden zu heilen, was sie nicht konnten.
[PH.01_044,04] Der Grund ihres Neides und
Hasses war, daß Ich das Volk durch solch schlagende Beispiele von Wundertaten
für Mich gewann und es nach und nach von ihnen entfernte.
[PH.01_044,05] Es war in jener Zeit
notwendig, Meine Worte durch solche Taten zu beweisen und zu bekräftigen, weil
die Masse des Volkes noch nicht auf jener religiösen Bildungsstufe stand, durch
geistige Beweisgründe allein auf den rechten Weg des Heils gelangen zu können.
Und so seht ihr in diesem Evangeliumsabschnitt, wie Ich die geistigen
Krankheiten und falschen Ansichten Meiner Umgebung zu berichtigen suchte, und
wie Ich durch Taten stets das als wahr bewies, was Ich eben gelehrt hatte. Es
bestanden in jenen Zeiten unter den Priestern des Judenvolkes sehr viele
Vorurteile, welche Ich erst beseitigen mußte, wollte Ich Meine Lehre allgemein
machen; denn vor Mir waren alle Menschen gleich, alle hatten durch den in sie gelegten
göttlichen Geist Anspruch auf Meine Kindschaft.
[PH.01_044,06] Ich mußte die falschen
geistigen Ansichten durch Meine Worte widerlegen und durch die Tat die
körperlichen Krankheiten zum Beweise Meiner Macht vertilgen. Daher seht ihr,
wie Ich und Meine Jünger öfters gerade das Gegenteil von dem taten, was die
religiösen Zeremonien der Juden vorschrieben, damit das Volk dadurch aufmerksam
gemacht werde, daß die Haltung der Tempelgesetze dem Wortlaut nach noch nicht
Religion, noch nicht dasjenige sei, was Moses, die Propheten und Ich wollten.
[PH.01_044,07] So arbeitete Ich daran, alle
mißverstandenen Gebräuche auf ihren rechten Wert zurückzuführen, um Meiner rein
geistigen Lehre Platz zu machen. Deswegen sprach Ich die Worte: „Die Gesunden
bedürfen des Arztes nicht, aber die Kranken!“ – „Ich habe Wohlgefallen an der
Barmherzigkeit und nicht am Opfer!“ – „Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu
rufen und nicht die Frommen!“ – und bei dem Einwurfe wegen des Fastens: „Wie
können die Hochzeitsleute Leid tragen, solange der Bräutigam unter ihnen ist?
Es wird aber eine Zeit kommen, da der Bräutigam ihnen genommen wird, alsdann
werden sie fasten!“ – „Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Fleck von neuem
Tuche!“ – „Man faßt nicht Most in alte Schläuche!“ usw.
[PH.01_044,08] Aus all diesem erseht ihr, wie
Ich unter verschiedenen Formen, durch Worte und Gleichnisse, die alten
Vorurteile bekämpfte, damit Meine Lehre als geistig anerkannt werde, und damit
man einsehe, daß sie nicht durch Zeremonien und Tempellauferei zu ersetzen sei
und der Spruch zur Wahrheit werde: „Wer Mich anbeten will, der muß Mich im
Geist und in der Wahrheit anbeten!“
[PH.01_044,09] Auch Meine Jünger erinnerte
Ich daran. Ich zeigte ihnen die vielen verirrten Kinder und sagte ihnen, daß
die Ernte groß, aber wenig Arbeiter seien. Deswegen ermahnte Ich sie: „Bittet
den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter in Seine Ernte sende!“
[PH.01_044,10] Seht, Meine Kinder! Bei der
Heilung des Gichtbrüchigen sagte Ich vorher zu ihm: „Deine Sünden sind dir vergeben!“
Seine Krankheit rührte von Sünden gegen seinen eigenen Organismus her. Ich
vergab ihm die Sünden; denn er wußte nicht, daß er sich dieses Übel durch die
Jagd nach sinnlichen Genüssen zugezogen hatte. Ich sagte auch nicht zu ihm:
„Gehe hin und sündige nicht mehr!“; denn er war noch weit davon entfernt, diese
Sünden zu begreifen und zu bereuen.
[PH.01_044,11] Seine plötzliche Heilung bloß
durch Mein Wort sollte ihn zum tieferen Nachdenken erwecken und ihm beweisen,
daß nicht das, was ihm anfangs so viel Vergnügen und später so viel Leiden
verursachte, das eigentliche Leben des Menschen ausmacht, sondern daß es noch
etwas Höheres, Geistigeres im Menschen gibt, welches ihn in schönere Regionen
ziehen will, in denen andere Reize als bloß schnöde Sinnenreize die Hauptsache
sind.
[PH.01_044,12] Mit Meinen Worten wollte Ich
diesen kranken Gichtbrüchigen erhöhen und den Stolz der Pharisäer erniedrigen,
damit sie ihre Ohnmacht fühlen sollten, da sie nicht imstande waren, ihren
Worten solchen Nachdruck zu geben. Worte verhallen, doch die Tat spricht fort!
So waren Meine Bemerkungen, welche Ich bei verschiedenen Anlässen machte, dahin
gerichtet, den aufgeblasenen, stolzen Menschenverstand in seine Grenzen zu
weisen, damit er sich demütig vor der hohen Macht des Geistes beuge.
[PH.01_044,13] Alles, was Ich in jener Zeit
bei dieser Gelegenheit geredet und getan habe findet jetzt und in allen Zeiten
seine Anwendung. Gichtbrüchige, Blinde, Lahme, ja Tote gibt es überall, wohin
das Auge sich wenden mag. Überall herrscht mehr Finsternis als Licht, höchstens
Dämmerung. Auch jetzt gibt es viele, die geistig lahm oder gelähmt sind ob der
falschen Richtung ihrer Seele, und die sich an Dinge vergänglicher Natur
hängend, das Geistige gänzlich verachten und hintansetzen. Die Folge dieser
geistigen Lähmung ist die verkehrte Ansicht über Geist und Materie. Dies sind
die Sünden, die Ich ihnen tagtäglich vergeben muß, wenn der größte Teil der
Menschen nicht zugrunde gehen soll.
[PH.01_044,14] Auch jetzt geschehen
Wundertaten in Menge in der Welt; aber die Menschen nehmen sie nicht als solche
an. Sie suchen mit dem Verstand alle Naturereignisse und alle politischen
Ereignisse auf ganz gewöhnliche Ursachen zurückzuführen und bemerken dabei
nicht, wie Ich ihnen selbst aus der Schlinge helfe, wenn sie sich ob ihres
Eigensinns in ein Labyrinth von Hypothesen und verhängnisvollen Ereignissen
verwickelt haben.
[PH.01_044,15] Allein, wie Ich einst sagte,
daß Ich die Kranken und nicht die Gesunden aufsuche, so geschieht es auch
jetzt. Die Kranken, Schwachen, Gichtbrüchigen, Blinden und mit allerlei Übeln
behafteten Seelen suche Ich auf und bestrebe Mich, sie zu heilen, indem Ich
ihre eigenen Sünden zu ihrer Schule wähle, aus welcher sie womöglich gestärkt
und gekräftigt hervorgehen sollen. So manchen heile Ich, weil er festen Glauben
hat. Ich bringe ihn in Verhältnisse, die ihm Zeit geben, über seine Lebensbahn
und über seine Irrtümer nachzudenken und sie zu berichtigen.
[PH.01_044,16] Auch euch, die ihr in vielem
schon besser erkennt, was Ich eigentlich mit dem Menschen bezwecken will, und
wozu Ich ihn auserkoren habe, muß Ich oft die Sünden vergeben, weil ihr euch
dessen noch nicht ganz bewußt seid, woher so manche Mißhelligkeiten, die euer
Dasein verbittern, kommen. Noch kann Ich zu euch nicht, wie zu der
Ehebrecherin, sagen: „Gehe hin, und sündige nicht mehr!“; denn nicht alle sind
so weit zur Einsicht gekommen, daß sie trotz des besten Willens und der größten
Aufopferung nur unnütze Knechte sind.
[PH.01_044,17] Auch jetzt seufzt so mancher
unter dem Druck der Erkenntnis seiner Schwächen. So soll er nur, wie der Kranke
im Evangelium, sich Mir nahen mit dem festen Glauben, daß Ich ihn heilen werde,
und er wird bald in seinem Innern die Stimme hören, die ihm zuruft: „Deine
Sünden oder lrrtümer sind dir vergeben! Nimm dein Bett und gehe heim!“ Das will
besagen: „Verlaß dich nicht auf andere, nicht auf kommende Ereignisse und
bessere Verhältnisse, sondern wirf die Schwachheiten, in deren Bett du bis
jetzt gelegen hast, von dir! Nimm deine falschen Ansichten und Irrtümer auf die
Schulter, trage sie und gehe festen Fußes deiner Vervollkommnung entgegen!
Deine Ansichten und Irrtümer, auf denen du seither wie ein Kranker gelegen
bist, sollen dich, da dir jetzt leichter ist, nicht auf dem Weg nach vorwärts
hindern, und du wirst sie fortschreitend auch gänzlich loswerden! Nur muß
vorher das umgekehrte Verhältnis eintreten. Früher lagst oder ruhtest du auf
ihnen, jetzt mußt du sie, wohlbewußt ihrer Bedeutung, selbst auf deine
Schultern nehmen, ohne daß sie dir infolge ihrer Schwere lästig werden dürfen.“
[PH.01_044,18] So sollt auch ihr, die Ich vor
vielen bevorzugt und mit Meiner Lehre vertraut gemacht habe, mit der Heilung
bei euch selbst anfangen. Ich schicke euch dazu die Verhältnisse, unter welchen
eure Seelenstärke erprobt und geübt werden soll; denn auch jetzt muß Ich die
Kranken aufsuchen. Ich muß ihnen helfen, damit sie geheilt als gutes Beispiel
für andere dienen können.
[PH.01_044,19] Auch Ich kann auf ein altes
Sündenkleid keinen neuen Fleck heften und keinen neuen Most in alte Schläuche
bringen. Beide halten das nicht aus. Das Kleid zerreißt, und der Schlauch
zerspringt. Es muß also vorerst das alte Kleid oder der alte Schlauch
beseitigt, der alte Adam ausgezogen werden, soll der neue an dessen Stelle
treten. Es müssen zuvor die Sünden, die Urheber des Übels, vergeben, d.h.
ausgemerzt werden, – dann erst kann der frühere Kranke als geheilt rüstig seine
Wege weitergehen. Zu alldem muß aber jedes Wort, jede Tat, jedes Ereignis
beitragen, um die Arbeiter zu vermehren, die zur Ernte nötig sind.
[PH.01_044,20] Schon einmal sagte Ich: „Viele
sind berufen, doch wenige auserwählt!“ Viele Lahme, Blinde und Gichtbrüchige
gibt es noch. Sie müssen alle gesunden. Dazu bedarf es tüchtiger Arbeiter in
Meinem Weinberge, und diese Arbeiter, sollen sie ihren Dienst erfüllen, müssen
selbst jeder Arbeit gewachsen sein. Dies ist nur dann möglich, wenn auch sie
durch die Schule der Erkenntnis, die sie andern bringen wollen, gegangen sind.
[PH.01_044,21] So bildet sich für sie eine
Kette von Prüfungen, Leiden und Kämpfen, die als letztes Resultat das
Abstreifen des Angewohnten und die Erneuerung mit dem Kleid der göttlichen
Wahrheit haben sollen, damit auch sie alle dem Ruf folgen können: „Steh auf,
nimm dein Bett und gehe heim!“
[PH.01_044,22] Ihr alle wart krank, mehr oder
minder gichtbrüchig. Ich habe euch die Mittel zur Heilung in Fülle dargereicht.
Wenn ihr ganz geheilt sein werdet, werdet ihr die Arbeiter zur Ernte sein, die
binnen kurzem in größerem Maßstab als bis jetzt betrieben werden wird.
[PH.01_044,23] Trachtet daher danach, daß ein
jeder von euch seine Pflicht, wie Ich sie von ihm verlangen kann und darf, auf
seinem Platz recht erfülle, da es bei euch an Heilmitteln nicht fehlt! Amen.
45. Predigt – Am 19. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis von der königlichen Hochzeit.
[PH.01_045] Matth.22,1-14: Jesus antwortete
und redete abermals durch Gleichnisse zu ihnen und sprach: „Das Himmelreich ist
gleich einem Könige, der seinem Sohn Hochzeit machte. Und er sandte Knechte
aus, daß sie die Gäste zur Hochzeit riefen, und sie wollten nicht kommen.
Abermal sandte er andere Knechte aus und sprach: ,Saget den Gästen: Siehe,
meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet,
und alles bereit; kommt zur Hochzeit!‘ Aber sie verachteten das und gingen hin,
einer auf seinen Acker, der andre zu seiner Hantierung. Etliche aber griffen
seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, ward er zornig,
schickte seine Heere aus, brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Da
sprach er zu seinen Knechten: ,Die Hochzeit ist zwar bereit; aber die Gäste
waren's nicht wert. Darum gehet hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen
ihr findet!‘ Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen,
wen sie fanden: Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der
König hinein, die Gäste zu besehen, und er sah allda einen Menschen, der hatte
kein hochzeitlich Kleid an. Er sprach zu ihm: ,Freund, wie bist du
hereingekommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?‘ Er aber verstummte.
Da sprach der König zu seinen Dienern: ,Bindet ihm Hände und Füße und werfet
ihn in die Finsternis hinaus! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Denn viele
sind berufen; aber wenige sind auserwählt.‘“
26. April 1872
[PH.01_045,01] Hier liegt das Gleichnis einer
Hochzeit vor euch, mit dem Ich den Pharisäern ihre eigenen Umtriebe und deren
Folgen begreiflich machen wollte; denn sie lebten stets in dem Wahne, daß
niemand ihre Schliche durchschaue. Ich aber, dem an ihrer Besserung gelegen
war, verhüllte bei vielen Gelegenheiten Meine Worte und Mahnungen, welche Ich
an sie richtete, durch Gleichnisse, welche den Pharisäern wohl, aber dem Volk
nicht immer verständlich waren. Ich wollte ihre Autorität, ihr Ansehen beim
Volk nicht ganz vernichten, solange sie noch einer Besserung fähig waren. Weil
Ich aber stets den Nagel auf den Kopf traf, so war ihr Ingrimm gegen Mich stets
im Wachsen, bis ihnen endlich, wie es bestimmt war, Gelegenheit und Macht
erteilt wurde, an Mir zu erfüllen, was die Propheten schon längst vorhergesagt
hatten, und was auch, Ich Meinen Jüngern als Mein künftiges Schicksal und Ende
prophezeit hatte.
[PH.01_045,02] Hier nun, in diesem Gleichnis,
verglich Ich das Himmelreich oder den Vater im Himmel mit einem König, der zum
Festmahl seines Sohnes Einladungen an Freunde und Bekannte ergehen ließ, jedoch
überall eine ausweichende oder abschlägige Antwort erhielt. Der König, darüber
erzürnt, rächte sich an ihnen, indem er ihnen Hab und Gut verbrannte und sie
selbst töten ließ.
[PH.01_045,03] Bei der zweiten Aussendung
seiner Knechte ließ er alle einladen, die sie auf den Straßen und Plätzen
finden würden, und die Knechte brachten Gute und Böse zum Tisch des Herrn. Unter
diesen hereingebrachten Gästen befand sich auch einer, der kein hochzeitliches
Kleid anhatte. Als er nichts zur Entschuldigung antworten konnte, wurde er
hinausgewiesen in die äußerste Finsternis, um dort seinen Fehler zu büßen. Und
das Ende des Gleichnisses waren die gewichtigen Worte: „Viele sind berufen,
aber wenige sind erwählt!“
[PH.01_045,04] Das ist der Inhalt dieses
Gleichnisses. Um es aber geistig auffassen zu können, müssen wir alle in ihm
angeführten Umstände genau prüfen, bis wir zu dem eigentlich geistigen Sinn des
Gleichnisses kommen und seine Anwendung auf jene, sowie auch auf die jetzige
und künftige Zeit deutlich finden. Ihr müßt immer bedenken, daß in den Worten
aus Meinem Mund eine größere Bedeutung liegt, als es die Zuhörer in jener Zeit
ahnten und es auch viele Leser der jetzigen und künftigen Zeit vermuten werden.
Wir wollen also vorerst mit der Form dieses Gleichnisses anfangen, damit ihr
seht, wie alles seine tiefe, geistige Bedeutung hat, wenn es geistig beleuchtet
vor das innere Auge des Seelenmenschen gestellt wird.
[PH.01_045,05] Ich verglich das Himmelreich
mit einem König, der seinem Sohn ein Hochzeitsmahl geben wollte. Nun seht,
dieser Vergleich bedeutet im höchsten Sinne die einstige, gänzliche Vermählung
oder Vereinigung des Materiellen mit der Geisterwelt oder die Auflösung der
Materie und die Befreiung des in der Materie eingeschlossenen Geistes, um ihre
Vereinigung mit dem Höherstehenden zu verwirklichen.
[PH.01_045,06] Das erste Bild – eine Hochzeit
– bedeutet die Vereinigung zweier zu einem geistigen Wesen, wenn auch getrennt
in zwei Körpern. Die Hochzeit ist das Bild der hohen oder höchsten Zeit, in der
Gleichgesinntes sich findet und vereint das vollführt, was dem einzelnen nicht
möglich gewesen wäre.
[PH.01_045,07] Zu dieser Vereinigung oder
Hochzeit, welche – wie gebräuchlich – auf Erden mit einem Hochzeitsschmause
gefeiert wird, waren alle geladen, die solcher Teilnahme für würdig befunden
wurden; das Gleichnis aber sagt, daß die Eingeladenen ihre Teilnahme an dem Hochzeitsmahle
verweigerten.
[PH.01_045,08] Seht, dieses Hochzeitsmahl
bedeutet die ganze Periode von der Erschaffung der Menschen bis zur Sündflut.
Die Erde, in ihrem Hochzeitsschmuck prangend, lud alle Menschen zur geistigen
Vereinigung ein. Als materielles Abbild des freudigen Entwicklungsprozesses der
ganzen Schöpfung wollte sie die geistigen Wesen, die Menschen zu diesem
Freudenfeste heranziehen. Die Menschen aber, der Sinnenwelt und ihren Genüssen
mehr als dem Geistigen huldigend, achteten nicht auf die Einladung und
Aufforderung, sich nach oben zu richten, sondern zogen das Streben nach unten
vor. Und so mußte, damit die Vereinigung Meines Geisterreiches mit der Materie
doch geschehe, die Sündflut der ganzen damals lebenden Menschheit ein Ende
machen, und gerade jene Menschen treffen, welche Ich mit allen Vorzügen
ausgestattet hatte und durch alle möglichen Mittel belehrte und erziehen ließ.
[PH.01_045,09] Nach dieser Katastrophe erging
an die übriggebliebenen Nachkommen in späteren Zeiten wieder eine Einladung,
sich zum Vereinigungsfest anzuschicken, und es verlangte die damals lebende
Menschheit, erschreckt vom früheren Strafgericht, als auch vom inneren Gefühl
getrieben, eine Vereinigung des Geistigen, des in ihrem Körper Gebundenen mit
den höheren Regionen der Geisterwelt. Dieses Verlangen war jedoch nicht klar
ausgeprägt und wurde von den verschiedenen Menschen verschieden gedeutet;
deswegen kamen zu diesem Hochzeitstisch – wie das Gleichnis sagt – Gute und
Böse.
[PH.01_045,10] Nun – fährt das Gleichnis fort
– befand sich auch ein Mensch unter diesen Geladenen, welcher das
Hochzeitskleid nicht anhatte und deshalb in die äußerste Finsternis
hinausgestoßen wurde. Dies will soviel sagen als: Alle, die wenigstens einen
Drang nach geistiger Besserung empfanden, waren der süßen Hoffnung, ihre
Wünsche, ihre Ideen erfüllt zu sehen. Sie waren alle voll freudiger Hoffnung,
d.h. ein jeder zog – bildlich gesprochen – das Beste, das er hatte, als
Hochzeitskleid an. So trugen die Guten ihre innere Liebe, ihr inneres, wahres
Streben, stets reiner und besser zu werden, offen zur Schau, ja, selbst die
weniger Guten und sogar die Bösen zierten sich nach außen hin mit den Abzeichen
der Frommen, weil sie doch besser scheinen wollten, als sie in Wirklichkeit
waren.
[PH.01_045,11] Nur ein einziger – wie das
Gleichnis sagt – kümmerte sich weder um das Sein, noch um den Schein. Er wollte
sich zeigen, wie er war, wollte aber auch an dieser Vereinigung teilnehmen,
vorausgesetzt, daß sie seinen Ansichten entsprechen würde. Und dieser einzige,
der Mir, dem König, so frech die Stirn bieten wollte, ist niemand anders als
der von Mir längst verstoßene Geist Luzifer oder Satana, welcher als
personifiziertes böses Prinzip den Gegenpol Meines eigenen Ichs ausmacht. Nun,
dieser Böse, mit Willen böseste Geist, wurde in die äußerste Finsternis
gestoßen, in der Heulen und Zähneklappern ist, oder – mit andern Worten gesagt
– in der er, der Finsternis des eigenen Gemüts überlassen, so lange harren
kann, bis eine in ihm selbst auftauchende Besserung seine Rückkehr möglich
macht.
[PH.01_045,12] Was nun der Satan als Person
ist, das vertritt auf eurer Erde diejenige Gattung von Menschen, die des Guten
und Edlen wohl kundig ist, doch mit Willen das Böse liebt und ausübt. Mit der
Bezeichnung ,Gute‘ und ,Böse‘, die am Hochzeitstisch saßen, sind alle jene
gemeint, welche sündigen, weil sie zu schwach sind, aber, teilweise ihren
eigenen Schwachheiten unterliegend, doch nicht im mindesten den Trieb zum
Besserwerden verloren haben, ihn weder verachten noch mit Füßen treten. Die
Ärgsten, Unverbesserlichsten und die am meisten in der Schöpfung
Zurückstehenden sind jene Geister und Seelen, welche das Gute wohl kennen, aber
es aus Haß gegen dasselbe nicht ausführen und womöglich andere zum Abfalle von
demselben verleiten wollen. Dieses Trachten ist teuflischer Natur, weil der in
alle Geister und Wesen von Mir eingelegte Trieb der Liebe sich statt dem Guten
dem Schlechten zugewendet hat.
[PH.01_045,13] Daß die Pharisäer unter dem
Bild des Menschen ohne Hochzeitskleid sich getroffen fühlten, das war es, was
sie mit Ingrimm erfüllte. Sie merkten, daß sie aus eigener Schuld von allen
künftigen Genüssen im Geisterreich ausgeschlossen seien, solange nicht
freiwillige Umkehr sie würdig mache, sich Mir zu nähern. Daher lautet das
Schlußwort des Gleichnisses: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt!“
Dies will soviel sagen als: Allen Geistern Meiner Schöpfung waren und sind die
Tore Meines großen Geisterreiches offen, aber nur wenigen wird es gelingen, in
jene Räume zu dringen, wo ewig Friede, Ruhe und Seligkeit herrschen. Es wird
nicht eher möglich sein, als bis sie alles Weltliche und Sinnliche aus ihrem
Herzen vertrieben haben. Nur dann sind sie als Auserwählte der Teilhaftigkeit
an Meinem Reich fähig; nur dann kann ihr geistiges Auge – wenn aus demselben
ein ähnlicher Himmelsstrahl leuchtet, der nur im Widerscheine des großen
Geisterlichthimmels seine Befriedigung, seine gänzliche Sättigung finden kann
und muß – den Glanz Meines Liebe- und Lichthimmels ertragen.
[PH.01_045,14] Hier habt ihr die geistige
Bedeutung dieses Gleichnisses, welches von der Zeit an, da es von Mir gegeben
wurde, bis auf heute seine Bedeutung bewahrt hat.
[PH.01_045,15] Seit jener Zeit sandte Ich
Meine Knechte aus, um alle zum Hochzeitsschmaus in Meine Wohnung einzuladen;
aber unverrichteter Sache kehrten sie oft wieder zurück. Ein Jahrhundert nach
dem andern rollt hinab in den Abgrund der Vergangenheit, und Ich ließ nicht ab
einzuladen. Es kamen wohl Geladene; aber töricht erwarteten sie von Mir und
Meinem Reich, was Ich von ihnen forderte. Sie kehrten dem Geisterreich den
Rücken und zogen die lange Straße dem kürzeren, beschwerlicheren Weg vor.
[PH.01_045,16] Noch immer lasse Ich nicht ab,
Boten auszusenden, die Meinen Willen verkünden, die den Menschen begreiflich
machen sollen, was der eigentliche Zweck ihres Daseins ist, und daß sie trotz
allen Sträubens über kurz oder lang doch dahin kommen müssen, wohin Ich sie
haben will. Viele wenden ihre Ohren ab, um die Stimme der Liebe, des Friedens
nicht zu vernehmen; sie sind auf lange Zeit verloren. Mit Trauern sehe Ich, wie
die große Masse anfängt, Mir nach und nach den Rücken zu kehren und statt Mir
zu folgen, dem folgt, das ihnen als böse bekannt ist.
[PH.01_045,17] Wie Ich einst, da Mein Einladen
umsonst war, durch die Sündflut die verlorene Menschheit retten mußte, so werde
Ich auch jetzt gezwungen sein, um der Guten willen und um den Zweck der
Menschheit nicht aus dem Auge zu verlieren, eine ähnliche Katastrophe über die
Menschheit ergehen zu lassen. Nur wird das materielle Wasser jener Zeit durch
das geistige Wasser Meiner Lichtwahrheit ersetzt werden. Und wie damals die
Menschen sich vor dem Steigen der materiellen Flut retten wollten, so werde Ich
sie jetzt mit Licht übergießen und werde bessere Geister erwecken, daß sie
dasselbe verbreiten; und wenn dann überall Licht sein wird, bleibt den
Finsterlingen nichts anderes übrig, als vor dem Glanz desselben zu fliehen und
sich in der äußersten Finsternis ihrer eigenen Schwächen zu verbergen.
[PH.01_045,18] So wird sich geistig erfüllen,
was Ich den Pharisäern bildlich sagte. Auch jetzt werden sich manche über
dieses gewaltige Licht erzürnen, weil es ihren lange im Finstern gehaltenen Bau
erleuchten wird. Allein, es muß Licht werden, – und mag sich Satana noch so
sträuben; denn Mein Reich ist ein Reich des Lichts! Entweder in ewiger
Finsternis der eigenen Seele, der dichtesten Materie gleich, einen langen
Reinigungsprozeß vor sich sehend oder mit Aufopferung und Kraftanstrengung, mit
Leiden und Kämpfen den kürzeren Weg der Erkenntnis gehend: Das ist das Los der
Geister und der von Mir geschaffenen Wesen, sowie der ganzen Menschheit.
[PH.01_045,19] Geladen sind sie alle als
Geister; doch wehe, wer ohne Hochzeitskleid ins Reich des Lichts eindringen
wollte! Es würde ihm ergehen wie dem, von dem dieses Gleichnis erzählt: er
würde hinausgestoßen werden in die Finsternis, bis es in seinem Innern von
selbst zu dämmern anfängt! So wie Ich in jener Zeit Meines sichtbaren Wandels
auf eurer Erde durch Meine Worte alle finsteren Winkel des menschlichen Herzens
erleuchten wollte, ebenso müssen auch bei Meiner nahen Ankunft alle Herzen
Licht haben oder doch wenigstens für das Licht aufnahmefähig gemacht sein,
damit das Hochzeitsfest gefeiert werden kann. Dann werde Ich als König und
Vater dem Sohn, Meinen Geistern, den Hochzeitstisch bereiten, und wir werden,
ein Herz und ein Sinn, das Jubelfest der größten geistigen Einigung feiern,
deswegen Ich in jenen Zeiten das größte Beispiel der Demut und Liebe für euch alle
gegeben habe. Amen.
46. Predigt – Am 20. Trinitatissonntage. Die
Heilung des Sohnes eines Königlichen.
[PH.01_046] Joh.4,47-53: Es war ein
Königischer, dessen Sohn lag krank zu Kapernaum. Dieser hörte, daß Jesus kam
aus Judäa nach Galiläa. Und er ging hin zu ihm und bat ihn, daß er hinabkäme
und hülfe seinem Sohne; denn er war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: „Wenn
ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht.“ Der Königische
sprach zu ihm: „Herr, komm hinab, ehe denn mein Kind stirbt!“ Jesus spricht zu
ihm: „Gehe hin, dein Sohn lebt!“ Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm
sagte, und ging hin. Und indem er hinabging, begegneten ihm seine Knechte,
verkündigten ihm und sprachen: „Dein Kind lebt!“ Da forschte er von ihnen die
Stunde, in welcher es besser mit ihm geworden war. Und sie sprachen zu ihm:
„Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.“ Da merkte der Vater,
daß es um die Stunde wäre, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: „Dein Sohn
lebt!“ Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
27. April 1872
[PH.01_046,01] Dieses Kapitel gibt eine Tat
kund, da Ich einem sterbenden Kinde nur durch das Wort seine Gesundheit
wiedergab. Es beweist euch, wie mächtig das Wort ist, und wie es, begleitet vom
festen Willen, Dinge bewirken kann, welche dem gewöhnlichen Menschen unmöglich
erscheinen.
[PH.01_046,02] Auch dieser Königische erfuhr
dasselbe, als er heimkehrend schon durch seine ihm entgegeneilenden Knechte
vernahm, daß sein Kind im gleichen Augenblick das Leben zurückerhielt, als Ich
das bedeutsame Wort ausgesprochen hatte.
[PH.01_046,03] Bei dieser Tat hatte Ich
dreierlei Absichten. Ich wollte Meinen Jüngern und den Mir Angehörigen zeigen,
daß der Königische erstens ein Mann aus einem höheren Stande und zweitens noch dazu
ein Heide war, und drittens sollte seine Erprobung als Festgläubiger allen, die
anwesend waren, die Augen öffnen über das, was ihnen noch am meisten fehlte.
[PH.01_046,04] Schon an anderer Stelle sagte
Ich zu den Juden, daß ihnen alles genommen und den Heiden übergeben werde, weil
gerade sie, die an erster Stelle Auserkorenen, so halsstarrig waren, Mich und
Meine Mission nicht anzuerkennen, – daß ihnen dieser Segen genommen und den
Heiden gegeben werde, weil bei diesen Meine Lehre einen besseren Acker finden
werde.
[PH.01_046,05] Dann wollte Ich ihnen zeigen,
daß nicht nur unverständliches Volk der niedersten Klasse zu Mir kam, sondern
auch Leute aus höheren Ständen, welche mit wissenschaftlicher Bildung
ausgezeichnet waren, sich nicht schämten, zu Mir zu eilen und Mich um Hilfe
durch Wort und Tat anzuflehen.
[PH.01_046,06] Hier war es wohl nicht die
Überzeugung von Meiner Macht allein, sondern vielmehr die Liebe zu seinem
Kinde, die diesen Römer zu Mir trieb; denn der Heilung erst folgte die
Überzeugung auf dem Fuße. Deswegen sagte Ich auch ihm: „Wenn ihr nicht Zeichen
und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!“ Ich sagte das, weil Ich wohl wußte, daß
dieser Mann nach der Heilung seines Kindes nicht anders konnte, als zu glauben.
Die Tatsache stand doch greifbar vor ihm, nämlich: statt seines toten, sein
genesenes Kind.
[PH.01_046,07] Am allerwichtigsten aber war
die dritte Absicht. Ich wollte Meinen Jüngern und sonstigen Verehrern Meines
Wortes mit Beispielen zeigen, daß zu allen Taten als Hauptfaktor von seiten der
Bittenden das Vertrauen auf Mein Wort nötig sei, das ihnen gerade vielmals
mangelte. So war diese Begebenheit geeignet, ihnen zu zeigen, daß man nie
betrogen sein wird, wenn man Meinem Wort unbedingt glaubt und darauf vertraut.
[PH.01_046,08] Der Königische ging von Mir
hinweg und hatte eine weite Strecke bis zu seinem Hause zu gehen; aber er
verließ Mich mit dem festen Vertrauen, daß sein Sohn leben müsse, weil Ich ihm
sagte: „Dein Sohn lebt!“ Eben dieses Vertrauen auf Meine Worte und dieses feste
Glauben, das möglich sein kann und stets vorhanden sein soll, wollte Ich Meinen
Jüngern und Zuhörern durch eine Tat zeigen.
[PH.01_046,09] So war diese Tat für Meine
Umgebung fruchtbringend; denn Ich unterließ nicht, ihr diese drei Gründe und
Meine damit verbundenen Absichten auseinanderzusetzen.
[PH.01_046,10] Zweifler gab es auch dort; ja
selbst dieser Königische war ein Zweifler, trotz seines Glaubens an Mich. Er
forschte bei seinen Knechten nach, wann diese Umwandlung in dem kranken Zustand
seines Sohnes stattgefunden habe. Und erst als er erfuhr, daß es in dem
gleichen Augenblick war, als Ich es zu ihm gesagt hatte, da erst war er von
Meiner Göttlichkeit fest überzeugt, und er, sowie sein ganzes Haus glaubten an
Mich und Meine Sendung.
[PH.01_046,11] Seht nun, wie dieses Beispiel
– als ein Glied der großen Kette, mit welcher Ich Meine Lehre auf Erden
befestigen und dauernd verankern wollte – euch zeigt, daß ein glücklicher
Erfolg nur dann zu verzeichnen ist, wenn das feste Zutrauen des Flehenden dabei
ist. Auch jetzt will Ich euch in Erinnerung bringen, daß ohne festes Vertrauen
auf Mich und ohne Zutrauen auf die Verheißungen, welche Ich euch oft gebe, kein
befriedigendes Resultat erwartet werden kann. So wie bei einer körperlichen
Heilung nicht der Arzt allein der Gesundheitsbringer ist, sondern das Vertrauen
zu ihm und die feste Überzeugung von der Wirksamkeit der Mittel, welche er
anwendet, ein Hauptfaktor, ja oft der Hauptfaktor sind, welcher die Genesung
herbeiführen kann, ebenso ist bei jeder Bitte an Mich – um geistige und auch
weltliche Dinge – das Vertrauen oder Zutrauen zu Mir der mächtigste Hebel,
welcher die Erfüllung beschleunigen und verwirklichen kann. Dieses feste
Vertrauen bindet Mich direkt, das zu gewähren, was Mein Kind von Mir als seinem
Vater erbittet; wo anders sollte die Vaterliebe sich zeigen können, als eben im
Gewähren? Im Verweigern gewiß nicht!
[PH.01_046,12] Schon früher habe Ich euch ein
Wort über ,Vertrauen‘ gegeben, vor kurzem ein anderes über ,Glauben‘, und jetzt
soll diese Ausführung von beiden – aber in einem andern Sinn – handeln. Das
Vertrauen soll hier als Zutrauen zu Mir erklärt werden und der Glaube nicht als
der mächtige Hebel, selbst Taten zu vollbringen, sondern als feste Überzeugung
von dem Gewicht Meiner Worte und Meiner Verheißungen.
[PH.01_046,13] Jener Hauptmann im Evangelium
hatte das Zutrauen und die feste Überzeugung, daß Meine Worte nicht trügen
können, deshalb verließ er Mich getrost und ging nach Hause. Er war überzeugt,
er müsse sein Kind gesund wiederfinden.
[PH.01_046,14] Begreift ihr, was das für ein
Glaube ist, der in der Brust eines Vaters so mächtig wirken kann, daß er auf
Meine persönliche Ankunft in seinem Hause verzichtet und nur Meinen Worten,
Meiner Versicherung glaubt, da es sich um das Leben seines einzigen Kindes
handelt?
[PH.01_046,15] Wo habt ihr dieses Vertrauen
schon gezeigt, ihr, die Ich mit so vielen Gnadenworten überschüttet und so oft
durch die Tat gezeigt habe, wie Ich stets mit euch bin? – Legt die Hand aufs
Herz und bekennt offen und frei, daß ihr im Glauben und Zutrauen noch weit
hinter diesem Manne im Evangelium zurück seid!
[PH.01_046,16] Ihr seid bei dem kleinsten
Mißgeschick, das euch trifft, verzagt. Sogleich eilt ihr zu Meinem Schreiber
und verlangt direkte Worte von Mir, weil ihr noch taub gegen Meine Stimme seid,
die euch in eurem Herzen so oft Trost zusprechen will. So seid ihr, die ihr
euch zu den Auserwählten zählen wollt!
[PH.01_046,17] Ich will euch durch dieses
Beispiel wieder auf das rechte Maß der Selbstschätzung zurückführen, damit ihr
erkennt, was euch abgeht, und wieweit ihr noch von dem eigentlichen Ziel eines
Wiedergeborenen entfernt seid.
[PH.01_046,18] Wenn ihr Bevorzugten so seid,
was soll Ich von denen erwarten, denen diese Gnadenworte mangeln, die im Strom
des Weltgewirrs hin- und hergeworfen werden und trotz aller Mahnworte und
Leiden, die Ich über sie hereinbrechen lasse, nicht zur Besinnung kommen
können?
[PH.01_046,19] Hier in diesem Wort will Ich
euch zeigen, wo der Grenzstein des Fragens an Mich sein sollte, damit ihr nicht
bei jeder Gelegenheit fragt und von Mir Bescheid haben wollt.
[PH.01_046,20] Jede Frage von euch an Mich
ist ein Beweis von Mangel an Zutrauen, Mangel an Vertrauen, Mangel an Glauben,
Mangel an dem eigentlichen Verständnis Meiner Worte und Mangel an der
Erkenntnis, was es eigentlich heißt, Mich fragen zu wollen. Hättet ihr einen
rechten Begriff von Meiner Größe und Meiner Heiligkeit, so wäre auch die
Wahrheit Meiner Worte festgestellt, die Ich euch in den Evangelien, in
Antworten auf eure oft einfältigen Fragen gegeben habe. Ich verfolgte den
Zweck, euch alle Geheimnisse Meiner Natur, eures Herzens, Meiner Darniederkunft
und Meines künftigen Wiederkommens klar zu machen.
[PH.01_046,21] Allein, ihr seid noch lange
nicht zur Einsicht gekommen, was ein Schöpfer und Herr des Universums ist,
deswegen übernehmt ihr euch oft in euren Fragen, auf welche Ich natürlich nicht
als Herr, sondern als liebender Vater geduldig antworte. Aber es stünde euch
zu, etwas reifer darüber nachzudenken, wozu die vielen Worte da sind, welche
Ich euch durch Meinen Schreiber bis jetzt gegeben habe. Ihr sollt sie nicht
bloß lesen, abschreiben und in Bücher binden lassen, nein, ihr sollt euch
bestreben, sie zu eurem eigenen Ich zu machen. Ihr sollt durch sie Meine ganze
materielle Schöpfung, den eigentlichen Wert der weltlichen Güter und eure
Mission und Stellung im Weltall immer mehr begreifen lernen. Ihr sollt in dem
kleinsten Atom und Sonnenstäubchen, das in der Luft herumfliegt, bis zu dem
größten, fernsten Stern, der als eine Zentralsonne euch sein Licht aus
Millionen und Millionen Meilen zusendet, überall euern Vater erkennen, der
obwohl groß, im Kleinsten und im Geringsten gerade am mächtigsten erscheint.
[PH.01_046,22] Aus diesen Betrachtungen sollt
ihr den Beweis schöpfen, daß Seine Wort gerade so wahr und wirkend sind wie die
Sprache Seiner Schöpfung, und wie Er so groß, unermeßlich, gut und liebend ist.
Seinen Versprechungen und Verheißungen muß der größte Glaube geschenkt werden,
weil es nicht Worte eines endlichen, wohl aber eines unendlichen, höchsten
Wesens sind, das sich in geringer Menschengestalt herabgelassen hat, euch den
Beweis der größten Demut und der größten Verleugnung seiner selbst zu geben.
[PH.01_046,23] Lernt von jenem Hauptmann im
Evangelium, was es heißen will, Vertrauen auf Meine Worte haben! Er stellte im
höchsten Schmerz, dem Verlust seines Kindes, Meine Worte höher als diesen
Schmerz, warf sich vertrauensvoll in Meine Arme und wurde in seinen Erwartungen
nicht betrogen.
[PH.01_046,24] Diese euch im Evangelium
Johannes mitgeteilte Tat nahm Ich zum Gegenstand der Belehrung, nicht um der
ganzen künftigen Menschheit, sondern um Meinen Auserwählten einen Maßstab zu
geben, wie sie alle Meine Worte auffassen und auf sie vertrauen sollen; denn nur
dann, wenn sie in diesem Vertrauen fest und wahres Zutrauen zu Mir haben
werden, können sie auch hoffen, ähnliches bei andern zu erwecken. Sonst sind
sie den meisten Priestern eurer Zeit gleich, die etwas predigen, was sie selbst
nicht glauben. So kann Mein Reich auf Erden nicht gefestigt, nicht einmal
gegründet werden.
[PH.01_046,25] Zuerst müßt ihr und alle
späteren Erwählten, wie einst Meine Jünger, mit gutem Beispiel vorangehen, wenn
ihr wollt, daß euch jemand folgen soll!
[PH.01_046,26] So nehmt euch diesen
Königischen zum Beispiel! Erstarkt im Vertrauen und Glauben, und ihr werdet
Ruhe und Frieden haben und beides überall verbreiten können! Amen.
47. Predigt – Am 21. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom Schalksknecht.
[PH.01_047] Matth.18,23-35: Darum ist das
Himmelreich gleich einem König, der mit seinen Knechten rechnen wollte. Und als
er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund
schuldig. Da er's nun nicht hatte, zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn,
sein Weib, seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der
Knecht nieder und betete ihn an, und sprach: „Herr, habe Geduld mit mir, ich
will dir alles bezahlen!“ Da jammerte den Herrn des Knechtes, und er ließ ihn
los, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand
einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff
ihn an, würgte ihn und sprach: „Bezahle mir, was du mir schuldig bist!“ Da fiel
sein Mitknecht nieder, bat ihn und sprach: „Habe Geduld mit mir, ich will dir
alles bezahlen!“ Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins
Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte
solches sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn
alles, das sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu
ihm: „Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du
mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht,
wie ich mich über dich erbarmet habe?“ Und sein Herr ward zornig und
überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte alles, was er ihm
schuldig war. – Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht
vergebet von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehle.
28. April 1872
[PH.01_047,01] Schon öfters habe Ich euch
gesagt, daß Ich Meinen Jüngern und sonstigen Anhängern alles einzeln auslegen
mußte, was in Meinen zwei Liebesgeboten gesagt und in den zehn Geboten Mosis
noch deutlicher erklärt ist. Allein, da Ich mit Leuten zu tun hatte, die gern
ausführliche Gebote wollten, damit sie genau wüßten, wie sie sich in
verschiedenen Fällen zu benehmen hätten, so war Ich gezwungen, dieser Neigung
wegen alles zu erläutern, ihnen bei allen Gelegenheiten die Gebote entweder durch
nähere Erklärungen oder durch Gleichnisse so darzustellen, daß sie für jeden
vorkommenden Fall im Leben einen Anhaltspunkt boten.
[PH.01_047,02] So findet ihr in diesem
Kapitel vom Anfang bis zum Ende Verhaltungsmaßregeln, teils klar, teils in Bildern
und Gleichnissen ausgesprochen, um Meine Jünger und künftigen Anhänger Meiner
Lehre nicht im Zweifel zu lassen, wie sie sich bei allen vorkommenden Fällen
benehmen sollten, und wie sie auch andere erfolgreich darüber belehren könnten.
[PH.01_047,03] Meine Jünger waren noch wie
unmündige Kinder, die anfangs von Mir und Meinem Reich nicht die hohen Begriffe
fassen konnten wie später nach dem Überkommen Meines Geistes. So findet ihr oft
Fragen, so unschuldig und einfach, daß es zum Verwundern ist. Wie konnten Meine
Jünger, stets unter dem Einfluß Meiner Gegenwart, Meiner Worte und Taten, noch
fragen: „Wer ist der Größte im Himmel?“ Wenn nun Meine Jünger noch so fragen
konnten, so könnt ihr euch denken, wie erst die andern, minder Eingeweihten
dachten. Deswegen ist auch die Antwort, die Ich ihnen darauf gab, und das
Folgende in den anderen Versen einfach.
[PH.01_047,04] Ich verglich die Einfalt des
Kindes mit dem Engelsinn Meiner Mir am nächsten stehenden Wesen. Wie Meine
Engel nicht beleidigt werden sollen, so sollen auch die an Kindeseinfalt
reichen Gemüter nicht erzürnt werden, weil in ihnen kein Falsch ist und die
Kinder im allgemeinen mit vollem Vertrauen einem jeden entgegenkommen, der sich
ihnen nähert. Deswegen ist es die größte Sünde, dieser Einfalt mit Falsch,
Hohn, Spott und Haß entgegenzutreten. Darauf beziehen sich die andern Verse, in
denen bildlich gesagt ist, daß, wenn eine Leidenschaft die Seele eines Menschen
beherrscht, es besser ist, diese zu überwinden zu suchen, als daß die ganze Seele
durch diese einzige Leidenschaft verlorengehe.
[PH.01_047,05] Diese Beispiele und
Gleichnisse sind in Bildern der Sprache jener Zeit gegeben, wie auch heute noch
im Orient die Bildersprache gang und gäbe ist.
[PH.01_047,06] Nachdem Ich Meinen Jüngern
vorgestellt hatte, daß es besser sei, einen Teil des Ichs anstatt den ganzen
Seelenmenschen zu opfern, deutete Ich ihnen in den nachfolgenden Versen die
Freude an, die Ich als Schöpfer habe, wenn nichts verlorengeht, was Ich in die
Welt hinausgesetzt habe, sondern alles einst gereinigt und vergeistigt zu Mir
zurückkehrt. Das ist in den Gleichnissen vom Hirten und dem verlorenen Schaf
zur Genüge ausgedrückt.
[PH.01_047,07] Um die Verlorenen zu gewinnen,
gab Ich – wie die weiteren Verse berichten – Meinen Jüngern die Mittel an, wie
sie die Verirrten und Fehlenden, ohne ihrer Eigenliebe zu nahe zu treten,
bessern könnten. Ich gab ihnen Ratschläge, was bei verstockten Sündern oder
minder hartnäckigen zu tun sei. Ich gab ihnen ferner die Versicherung, daß wenn
zwei sich vereinigt haben, in ihren Ansichten eins geworden sind und Mich um
Meinen Segen bitten, Ich ihnen diesen nie verweigern werde. Ich sagte ihnen,
daß, wo zwei in Meinem Namen versammelt sind, Ich als Dritter, als
Vereinigungs- und Friedensgeist mitten unter ihnen sein werde. Ich stellte
ihnen vor, daß dem reuigen Bruder seine Fehler nicht nur einmal, sondern
unendliche Male vergeben werden sollen, um seine Besserung zu ermöglichen. Ich
sagte ihnen auch: wenn sie, mit der Tugend der Duldung ausgerüstet, einem
Bruder seine Fehler vergeben, so würden sie ihm auch von Mir vergeben und
vergessen werden.
[PH.01_047,08] Ich führte ihnen das Gleichnis
vom Schalksknecht vor Augen. Mit diesem Gleichnisse wollte Ich sagen, was Ich
schon in dem ihnen von Mir hinterlassenen Gebet lehrte, in welchem es heißt:
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“, – daß
sie in hartnäckigen Fällen nicht die Geduld verlieren, nicht verdammen, wo sie
verzeihen, nicht fluchen, wo sie segnen sollten.
[PH.01_047,09] Ich stellte das Beispiel des
Schalksknechts deshalb in so grellem Licht dar, damit sie keinen Grund finden
sollten, hart zu sein – auch nicht in einzelnen Worten –, sei es aus
übertriebenem Eifer, sei es aus wirklicher, falscher Beurteilung und Intoleranz
gegenüber den menschlichen Fehlern. So lehrte Ich sie Meine Langmut und Meine
unbegrenzte Geduld begreifen, so bewies Ich ihnen, warum Ich Meine Sonne über
Gute und Böse aufgehen lasse, weil eben Mein Ich nur Liebe ist und Liebe nicht
strafen, sondern nur bessern will.
[PH.01_047,10] In diesem Kapitel findet ihr
das ganze menschliche Leben geschildert, wie es sein sollte: wie der Mensch,
nur durch Liebe geleitet, vorerst wie ein Kind vertrauensvoll auf Mich blicken,
alles ohne Falsch und ohne Hintergedanken tun und keinen andern Zweck im Auge
haben soll, als nur Mir, seinem Vater, zu gefallen um so des Namens ,Mein Kind‘
würdig zu werden. Ferner wird gezeigt, wie der Mensch mit Kindeseinfalt stets
wieder Liebe erwecken soll und es böse wäre, einem solchen mit aller Einfalt
und Zutrauen entgegenkommenden Menschen das Gute, das er will, mit Bösem zu
vergelten. Es wird gezeigt, wie der Mensch die Nächstenliebe verstehen und
höchst zart und sanft versuchen soll, seinen Bruder auf seine Fehler aufmerksam
zu machen und nur in den schlimmsten Fällen zu strengen Mitteln greifen, aber
stets verzeihen, vergessen und sogar am Ende Böses mit Gutem vergelten soll.
[PH.01_047,11] In diesem Kapitel liegt die
ganze geistige Mission des Menschen, wie er sich selbst zu dem Kinde erziehen
soll, wie Ich es wünsche, und wie er auf seine Mitwelt einwirken soll, um auch
sie Mir in die Arme zu führen, um dann im Jenseits als das dazustehen, was Ich
bei Erschaffung des ersten Menschen gewollt habe, nämlich als Mein würdiges
Ebenbild.
[PH.01_047,12] So sollt ihr Meine Evangelien
lesen und auffassen, dann wird euch das Gnadenlicht erleuchten, und ihr werdet
in den Gleichnissen nicht die harte Rinde des Lebensbaumes, sondern den hinter
ihr versteckten Kern der göttlichen Wahrheit erkennen. Um dieses zu vermögen
und zu verstehen, was dem profanen Auge verborgen ist, dazu gehören geistige
Augen und ein tiefes Verständnis.
[PH.01_047,13] So wird die Bibel eine
Fundgrube und eine Lichtquelle für alle menschlichen Verhältnisse, und der verständige
Leser wird finden, daß schon seit mehr als tausend Jahren die höchsten Schätze
in diesem Buch aufbewahrt liegen, um der Menschheit einziger Führer und Leiter
zu sein, und ihr zu zeigen, wie Ich schon in jenen Zeiten gesorgt habe, daß
nichts von dem verlorengehe, was für alle Zeiten und Ewigkeiten gesagt wurde.
[PH.01_047,14] Jetzt, da bald die Zeit
herannaht, wo die Menschen strenger gefragt werden, ob sie denn eigentlich
wissen, wozu sie auf der Welt sind, und ob sie auch wissen, warum Ich auf diese
Erde kam, jetzt ist es an der Zeit, die Rinde des Buchstabens und Wortlauts
Meiner Evangelien wegzunehmen und den Menschen unter dieser scheinbar harten
Rinde den glänzenden Strom des göttlichen Lichts zu zeigen, damit sie in dieser
letzten Zeit noch das Versäumte an sich und an anderen einholen und so ihre
Mission erfüllen können. Deswegen Meine vielen Erläuterungen und Erklärungen an
euch, deswegen diese ganze Reihe von Sonntagspredigten, damit ja niemand sagen
kann, dieses oder jenes habe er nicht gewußt, nicht verstanden.
[PH.01_047,15] Ich bin der Gott des Lichts,
der Liebe und der Weisheit. Wenn Ich einst wiederkomme, kann keine Finsternis
neben Mir bestehen. Es muß deshalb in den Herzen aller Menschen Licht werden.
Sie müssen alle lieben lernen, um diese Liebe, mit Weisheit verbunden, an ihren
Nächsten anzuwenden.
[PH.01_047,16] Der Grund Meiner Worte, die
Ursache Meiner Mahnungen und das Endziel Meines Strebens ist, euch auf diese
Art zu Meinen Kindern zu machen und die Welt wieder in ein Paradies zu
verwandeln, wie sie zur Zeit der ersten Menschen war, in dem kein Haß, kein
Zorn, kein Spott, sondern Liebe, Friede und Ruhe alle Geschöpfe beseelte und
der Mensch, das letzte Schöpfungswerk der Erde, alle die göttlichen
Eigenschaften in sich vereinte.
[PH.01_047,17] So muß es kommen, und dahin
muß alles streben! Trachtet danach – ihr und alle Menschen –, eure Mission zu
erfüllen, indem ihr so gut als möglich werdet! Tragt aus allen Kräften dazu
bei, euren Mitmenschen den Weg zu dem gleichen Ziel zu zeigen, dann sind Meine
Worte an euch nicht verschwendet, und ihr werdet, des Namens Meiner Kinder
würdig, auch den Vater im Jenseits finden, der hier schon mit so viel Liebe und
Geduld Seine verirrten Schafe zu retten sucht! Amen.
48. Predigt – Am 22. Trinitatissonntage. Die
Stellung des Herrn zur Obrigkeit.
[PH.01_048] Matth.22,15-22: Da gingen die
Pharisäer hin und hielten einen Rat, wie sie Jesus fingen in seiner Rede. Sie
sandten zu ihm ihre Jünger samt des Herodes Dienern und sprachen: „Meister, wir
wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach
niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was
dünkt dich? Ist es recht, daß man dem Kaiser Zins gebe oder nicht?“ Da nun
Jesus ihre Schalkheit merkte, sprach er: „Ihr Heuchler, was versuchet ihr mich?
Weist mir die Zinsmünze!“ Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er
sprach zu ihnen: „Wes ist das Bild und die Überschrift?“ Sie sprachen zu ihm:
„Des Kaisers.“ Da sprach er zu ihnen: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers
ist, und Gott, was Gottes ist!“ Da sie das hörten, verwunderten sie sich,
ließen ihn und gingen davon.
29. April 1872
[PH.01_048,01] Dieses 22. Kapitel ist voller
Gleichnisse, die Ich den Pharisäern und Schriftgelehrten vortrug, um allen
ihren Einwürfen richtig zu begegnen.
[PH.01_048,02] Die obigen Verse behandeln
eine jener Fallen, welche Mir die Pharisäer legten, um Mich durch eine
unvorsichtige Antwort der Obrigkeit überliefern zu können.
[PH.01_048,03] Die Römer, als ihre Herren,
kümmerten sich um nichts anderes als um ihre Oberherrschaft im Judenland; was
aber die Religion der Juden und ihre Reformatoren – seien es Propheten oder
Prediger, wie Mein Vorläufer Johannes oder gar der erwartete Messias, wie Ich
ihn vorstellte – betrifft, so war ihnen dies ganz gleichgültig, solange diese
Neuerungen auf kirchlichem Gebiet blieben und nicht ins Politische
hinüberreichten. Deswegen war es den Pharisäern hauptsächlich darum zu tun,
eine Frage zu finden, bei deren gewissenhafter Beantwortung Ich unmöglich das
Politische umgehen konnte.
[PH.01_048,04] So sandten denn die Pharisäer
ihre Jünger samt einigen Dienern des Herodes zu Mir mit der zweideutigen Frage:
„Ist es recht, dem Kaiser den Zinsgroschen zu entrichten?“
[PH.01_048,05] Es war dies eine Frage, bei
der sie vermuteten, daß Ich ihnen zur Antwort geben würde, vor allem gehe das
Opfer des Tempels vor, und die Steuer für den Kaiser sei eine ungerechte, durch
die Macht des Schwertes aufgedrungene Last. – Indem sie durch solch eine Antwort
die schlagendsten Beweise dafür in der Hand hätten, daß Ich das Volk mit
schlechten Erklärungen betöre und es feindlich gegen die Regierung stimme,
glaubten sie, Mich mit der Obrigkeit verwickeln zu können. Damit aber nicht der
Schein auf sie fiele und sie im Falle des Leugnens Meinerseits auch Zeugen
hätten, schickten sie Diener des Herodes mit, welche Meine von ihnen erwarteten
Aussagen bestätigen sollten.
[PH.01_048,06] Ich muß gestehen, die Frage
war verfänglich. Da die Römer nicht die rechtmäßigen Herren, sondern nur die
durch die Umstände aufgedrungenen Besitzer dieses Landes waren, vermuteten die
Pharisäer, daß Ich als geborener Jude die Fremdherrschaft verachten und
derselben entgegentreten werde. Ich aber, der Herzen und Nieren der Menschen
erforscht und wohl wußte, was die Pharisäer wollten, antwortete ihnen mit
wenigen Worten so, daß eine weitere Frage ihrerseits unmöglich wurde. Denn in
der Antwort: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!“ lag
schon die ganze Erklärung, die nur Ich als Der, welcher Ich war, geben konnte,
– die aber eben nicht die von ihnen erwartete Antwort war.
[PH.01_048,07] Da Ich ihnen auf der Mir
dargereichten Münze das Bildnis des Kaisers und seine Überschrift gezeigt
hatte, konnte Ich nicht anders sprechen als: „Dieses Bildnis auf der einen
Seite der Münze zeigt euch, wessen Untertanen ihr seid; und wenn ihr die
Bedeutung des Bildnisses nicht verstehen wollt, so beweist es euch die
Aufschrift auf der andern Seite noch besser. Diese Münze ist eine Scheidemünze,
mit welcher ihr Handel und Wandel treiben und damit eure weltlichen Bedürfnisse
befriedigen könnt; das Geistige aber ist erhaben über alle Münzen – sie mögen
von Gold oder sonstigem Metall sein –, das Geistige hat einen anderen Anfang,
einen anderen Grund und ein anderes Ziel!“ Damit schied Ich streng den
pflichtmäßigen Tribut der weltlichen Macht gegenüber dem der geistigen.
[PH.01_048,08] Meine an sie gerichtete
Antwort sollte ihnen sagen: „Mit den Abgaben an den Kaiser erkauft ihr euch
eure weltliche Ordnung, Ruhe und Sicherheit; mit den geistigen Opfern aber
verschafft ihr euch Ordnung in eurem Innern, die Ruhe eines reinen Gewissens
und die Sicherheit im Handeln, so daß ihr wißt, was und warum ihr etwas tut. So
erlangt ihr auf beiden Wegen das gleiche Ziel, hier im Geistigen und dort im
Weltlichen. Beide müssen bestehen; denn ohne sie ist kein Zusammenleben
mehrerer möglich, und ohne sie ist nicht klar ausgesprochen, was eigentlich das
Wichtigere ist: die Schätze der Welt oder die Schätze des Geistes.
[PH.01_048,09] Was Ich zu den Pharisäern
sprach, das hat auch für alle späteren Zeiten seine Geltung gehabt und wird sie
noch ferner haben, solange Menschen in Städten und Dörfern beisammenleben, und
solange noch Religion und Glauben an ein höchstes Wesen in ihren Herzen leben.
So gut wie ein Herrscher als weltliches Oberhaupt nötig ist, ebensogut ist auch
ein Gott nötig, der das ganze Universum zusammenhält. Beide sind
Ordnungsstifter, Ordnungserhalter und darum auch die alleinigen Gesetzgeber.
Die weltlichen Herrscher mögen heißen wie sie wollen, stets wird die
Exekutivgewalt nur einem einzigen übertragen werden; ebenso kann es auch in
geistiger Beziehung nur einen Regenten und nicht mehrere Götter geben.
[PH.01_048,10] Daß es immer Menschen gegeben hat,
welche als Herrscher ihre Gewalt mißbrauchten und andere, die keine Macht über
sich anerkennen wollten, ist ebenso natürlich, wie es Menschen und Völker
gegeben hat, denen ein Gott nicht genügte, und die sich ein ganzes Heer von
Göttern und Göttinnen schufen, um bequem ihren weltlichen Leidenschaften leben
zu können, – in welchem Falle aber auch wieder jede Tat durch einen göttlichen
Beschluß sanktioniert war. Ebenso gab und gibt es noch Menschen, die gar keinen
Herrscher, gar keinen Gott haben wollen – als nur ihr eigenes Ich.
[PH.01_048,11] Und doch – die Menschen mögen
es machen, wie sie wollen, den Zinsgroschen müssen sie überall zahlen! Sie
müssen dem weltlichen Herrscher einen Teil ihres Erwerbs und dem geistigen
Herrscher, nämlich Gott, alle weltlichen Leidenschaften opfern, wollen sie bei
ersterem in gutem Ansehen stehen und bei letzterem das Ziel erreichen, das Er
ihnen gesetzt hat.
[PH.01_048,12] Überall droht Strafe beim
Nichtbezahlen – hier weltliche, dort geistige –, und so hatte Ich wohl recht,
wenn Ich den Pharisäern sagte: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott,
was Gottes ist!“; das heißt: „Erfüllt eure sozialen Pflichten so gut wie die
geistigen! Erkennt eure Stellung als Menschen zu euren Nächsten und zu dem
weltlichen Herrscher! Vergeßt aber dabei eure Verpflichtungen nicht, die ihr
gegen Den habt, der euch in die Welt setzte und euch Talente oder Pfunde gab,
von denen Er einst den Zehent oder Zinsgroschen fordern wird! Vermengt beide
Pflichten nicht und trachtet nicht danach, auf einem Weg beide zufriedenstellen
zu wollen, was nicht möglich ist; denn ihr könnt euch des Weltlichen sowenig
wie des Geistigen ganz entledigen!“
[PH.01_048,13] Was für euch aus diesem Spruch
an die Pharisäer erhellt, ist, daß auch ihr der Welt den Zinsgroschen nicht
verweigern sollt, ohne jedoch das Geistige eures Wesens dabei einzubüßen, ohne
aber auch dabei ganz Geist sein zu wollen, solange ihr noch in der Körperhülle
diesen Erdball bewohnen müßt! Es ist so nötig, sowohl hier im irdischen Leben,
wie auch jenseits im höchsten Geistleben die rechte Mittelstraße zu kennen,
damit niemand in die Extreme verfällt, in welchen er niemand nützen kann,
sondern sich und andern nur schadet.
[PH.01_048,14] Daher beachtet auch ihr dieses
Wort an die Pharisäer, dessen tiefer Sinn euer ganzes irdisches und künftiges
Leben beleuchtet, damit nicht eine falsche Auffassung verkehrte Resultate
hervorbringe! Wie Ich sagte, daß die Liebe, als Liebe allein, dem Liebenden wie
dem Geliebten nur verderblich wäre, würde sie nicht durch die Weisheit geleitet
und gemildert, ebenso kann eine jede Tugend – auch die beste – verderblich
werden, sobald sie über die Grenzen des Möglichen hinauswill.
[PH.01_048,15] Vergeßt nie in eurem ganzen
irdischen Lebenswandel, der Welt das zu geben, was sie von euch zu verlangen
berechtigt ist!
[PH.01_048,16] Gebt der Welt, was der Welt
ist, laßt aber nicht weltliche Triebe ins Geistige hinüberschweifen!
Vergeistigt, wenn ihr wollt, alle möglichen Beschäftigungen, aber verweltlicht
nicht eure heiligen, geistigen Eigenschaften, die für länger als für dieses
kleine Pilgerleben dauern sollen! Gebt Gott, was Gottes ist! Betrachtet auch
die weltlichen Güter als Geschenke des Himmels; vergeßt aber ob der
vergänglichen, weltlichen Glücksgüter die ewigen, bleibenden nicht! Obwohl Welt
und Gott dem Anscheine nach zwei verschiedene Dinge sind, die verschiedene
Ziele verfolgen, so ist es doch möglich, beiden nicht nur zu genügen, sondern
sie auch zu vereinen, insofern als auch die Welt von Gott als Mittel erschaffen
wurde, die geistigen Eigenschaften Seiner Wesen zu steigern und zu kräftigen
und so auf diese Art das Weltlich-Grobe oder Materielle wieder zu seinem
Ursprung zurückzuführen, von dem es ausgegangen ist.
[PH.01_048,17] Der Tribut oder Zinsgroschen
muß der Welt gegeben werden; denn sie ist die Führerin zum Geistigen. Wie man
das Licht nur deswegen schätzt, weil man die Finsternis kennt, so wird man auch
das Unvergängliche dann höher schätzen, wenn man das Vergängliche, das
Weltliche kennt. Der Zinsgroschen, den ihr der Welt geben müßt, besteht in der
Bekämpfung ihrer Versuchungen, ferner in der klaren Ansicht über den
eigentlichen Wert ihrer Güter, welche nur dann gut verwertet sind, wenn sie ein
geistiges Produkt der Liebe liefern können. Auch der materielle Zinsgroschen an
den Kaiser gibt dem Menschen, dem Untertan die Ruhe, seinen friedlichen
Arbeiten nachzugehen und dadurch für sich und das Wohl seiner Familie sorgen zu
können. So sorgt der Richter fürs allgemeine und der Bürger fürs eigene Wohl.
[PH.01_048,18] So ist das irdische Leben nur
der Grund eines höheren Baues, welcher auf den rohen Steinen der materiellen
Wirklichkeit angefangen, in den letzten, geistigen Lichtelementen einer
anderen, höheren Welt enden soll. Um das höhere Leben zu erreichen, muß der
weltliche Zinsgroschen reichlich fließen, damit er viel Gutes und Erhabenes im
Geistigen erwirkt. Auf diese Art kann das, was des Kaisers ist, und das, was
Gottes ist, vereinigt werden. Dies kann das geistige Leben der einzelnen
Menschen nur fördern und entspricht dem eigentlichen Zweck, warum Ich euch in
die Welt setzte und mit so vielen, verschiedenen Eigenschaften – guten sowohl
wie schlechten – ausrüstete. Die letzteren bekämpft, sie sollen zur Stärkung
der ersteren beitragen und werden euch zu Meinem geistigen Ebenbild gestalten.
[PH.01_048,19] Beachtet daher dieses Wort,
das Ich euch in diesem Evangelium gegeben habe; auch in ihm liegt des Tiefen
viel, woraus der Verständige und Umsichtige Regeln für sein ganzes Leben ziehen
kann! Er wird dann nicht Extreme von sich, von seinem Nächsten und von der Welt
verlangen, sondern den rechten Mittelweg wandeln, indem er durch Zahlung des
Zinsgroschens seinem Nächsten das Beibringen des Tributs erleichtert. So wird
er seine Mission und Meinen Zweck erfüllen, deswegen Ich überhaupt Geister und
Materie erschuf, welch letztere, das Bindungsmittel der ersteren, am Ende
auflösen und das wiedervereinigen soll und muß, was Ich getrennt in den großen
Weltschöpfungsraum hinausgestellt habe.
[PH.01_048,20] So wollt auch ihr, indem ihr
den Mittelweg geht, dazu beitragen, daß das Materielle vergeistigt werde, damit
Mein Wiederkommen auf eurer Erde durch eure und der Menschheit Vergeistigung
gerechtfertigt werde. Dann wird es sich herausstellen, was ihr dem Kaiser, und
was ihr Gott gegeben habt, und inwieweit in diesem Geben das rechte Maß und das
rechte Gewicht vorherrschte. Nur wenn ihr fähig geworden seid, auch das
geringste Meiner Worte im rechten, tiefen und geistigen Sinn aufzufassen, ist
eine Vereinigung mit Mir und Meiner Geisterwelt möglich. Ich unterlasse zu
diesem Zweck kein Mittel, euch zu zeigen, was der Welt oder des Kaisers ist;
Ich erinnere euch aber auch stets daran, was Gottes oder Mein ist, und wie
beides, obwohl getrennt, doch vereint werden kann, wenn zum rechten Verständnis
auch die rechte Ausführung kommt. Amen.
49. Predigt – Am 23. Trinitatissonntage. Die
Erweckung der Tochter des Jairus.
[PH.01_049] Matth.9.18-19, 23-25: Es kam der
Obersten einer, fiel vor Jesus nieder und sprach: „Herr, meine Tochter ist
jetzt gestorben! Komm, und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig!“ Und
Jesus stand auf und folgte ihm nach und seine Jünger. – Als er in des Obersten
Haus kam und die Pfeifer und das Getümmel des Volks sah, sprach er zu ihnen:
„Weichet; denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft!“ Und sie
verlachten ihn. Als aber das Volk ausgetrieben war, ging er hinein und ergriff
sie bei der Hand. Da stand das Mägdlein auf.
30. April 1872
[PH.01_049,01] Dieses Kapitel handelt wieder
von Heilungen, teils durch Auflegen der Hände, teils durch den festen Glauben
der Leidenden; und unser Text behandelt sogar die Wiedererweckung der toten
Tochter eines Obersten, der so viel Glauben und Vertrauen auf Meine Macht
hatte, daß – wie das Evangelium sagt – er Mich bat, in sein Haus zu kommen,
damit seine Tochter durch Auflegung Meiner Hände lebendig würde.
[PH.01_049,02] Seht, wo sich so viel
Vertrauen zu Mir zeigt, da kann Ich nicht anders, als dem Flehenden seine Bitte
zu gewähren, um allen zu zeigen, was man durch unbedingtes Vertrauen auf Mich
erlangen kann. Wenn ein Kind mit Inbrunst seinen Vater um Erfüllung seiner
Wünsche bittet, so erhört er es gewiß. Was vom rechten Glauben schon früher
gesagt wurde, bezieht sich auch auf diesen Akt der Totenerweckung, und es wäre
überflüssig, dasselbe zu wiederholen. Diese Beispiele zeigen euch alle nur zu
deutlich, welchen Weg die Menschen einschlagen sollen, um der Erfüllung ihrer
Wünsche – vorausgesetzt, daß sie gerecht sind – gewiß zu sein.
[PH.01_049,03] Wenngleich Ich in jenen Zeiten
körperlich sichtbar diese Handlung vollbrachte, so kann nichtsdestoweniger
jetzt das gleiche geschehen; denn der Körper gibt hier nicht den Ausschlag,
sondern Mein Geist. Wie er dort unter Meinen Jüngern und Verehrern Meines
Wortes weilte, so ist er auch bei euch. Nur die Sichtbarkeit Meiner Person
mangelt; diese dürfte euch aber, die ihr wißt, wer Ich eigentlich bin, nur
stören. Bei Meinen Jüngern und dem Mir nachfolgenden Volk war das anders, da
sie in Mir wohl einen mächtigen Propheten oder den von ihnen erwarteten
Messias, aber nicht den Herrn der Schöpfung, der alles erschaffen hat, zu sehen
glaubten.
[PH.01_049,04] Was die Erweckung der Tochter
des Obersten betrifft, so war sie der Lohn für den unbegrenzten Glauben des
Vaters und zugleich ein Wegweiser und Fingerzeig für die erweckte Tochter.
[PH.01_049,05] Dieses körperliche Erwecken in
jener Zeit ist dem geistigen der Jetztzeit entsprechend; denn was in jener Zeit
durch Mich geschah, bewirkt und von Mir gesprochen wurde, das geht jetzt wieder
vor sich, nur in geistiger Beziehung. In jenen Zeiten zog Ich von Stadt zu
Stadt, von Dorf zu Dorf, predigte, heilte und tat Gutes, gab den halb
Eingeschlafenen wieder Anregung und erweckte körperlich und geistig Tote. Und
auch jetzt, schon seit langer Zeit geschieht das gleiche. Überall erwecke Ich
durch einen unbewußten Trieb der Seelen innerste Eigenschaften, erwecke durch
Verkettung von Verhältnissen, durch Unglücksfälle und Leiden aller Art die
Menschen, auf daß sie nicht ganz vergessen, daß sie aus mehr als einer Substanz
geformt sind, und damit sie das Geistig-Seelische nicht ganz hinwegleugnen.
Überall treibe Ich, wie bei dem Obersten, die Pfeifer und Schmauser, welche
einer Totenfeier sogar den Anschein einer fröhlichen Szene geben wollen, aus
dem Hause. Das Leben und sein Zweck sind zu ernst, als daß man mit seinen
Perioden und Wechselfällen wie mit Kinderspielsachen tändeln dürfte.
[PH.01_049,06] Es muß, ehe die wahre Einsicht
kommt, im innern Hause stille werden, damit die Seele Zeit gewinnt, sich in
ihrer Lage wieder zurechtzufinden, damit sie nach und nach darauf aufmerksam
gemacht werden kann, wie wenig Gehalt und Dauer im Weltlichen ist, damit sie
das Geistige vorzieht und keine Mühe und kein Opfer scheut, sich dieses
anzueignen.
[PH.01_049,07] So erwecke Ich manchen von
seinem geistigen Schlaf. Ich lege ihm Meine Hand auf oder rühre ihn nur mit
einem Finger an, damit er nicht ganz verlorengehe und im Materiellen seinen
geistigen Untergang finde; denn aus dieser Nacht ist nur ein langsames Erwachen
möglich.
[PH.01_049,08] Wie Ich zu den Umstehenden
sagte: „Das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft nur!“, so zeige Ich auch
jetzt den Menschen oft, daß manche, dem Anschein nach die verdorbensten
Menschen, nur in den geistigen Schlaf versunken sind und es des rechten
Weckrufs bedarf, um diese Lethargie zu beheben und aus dem Siebenschläfer einen
tätigen Arbeiter in Meinem Weinberg zu machen.
[PH.01_049,09] Wie viele habe Ich schon
erweckt, die es Mir jetzt tausendmal danken, wenngleich die Art und Weise des
Erkennens nicht nach ihrem Geschmack war. Jedoch, gemäß der geistigen
Individualität waren oft Reizmittel nötig, die allein den Endzweck zu fördern
vermochten. Auch euch, die ihr alle in einen gemächlichen Geistesschlaf
eingewiegt wart, indem ihr euch eure Glaubensanschauung so bequem wie möglich
machtet, habe Ich durch verschiedene Mittel erweckt, um die ruhenden
Eigenschaften der Seele wieder in Anregung zu bringen. Auch unter euch legte
Ich so manchem Meine Hand auf, und manchen berührte Ich mit dem Finger, je
nachdem der eine eine leise, der andere eine stärkere, einflußreichere
Berührung nötig hatte, um zur Erkenntnis zu kommen, wo er eigentlich steht, und
wieviel ihm noch fehlt, um zu dem angestrebten Ziel zu gelangen oder es wenigstens
zu erkennen. Da Mein euch vorgestecktes Ziel nicht so nahe und nicht so leicht
zu erreichen ist, so mußte Ich bei euch, so wie Ich einst die Musikanten bei
Trauerfällen auswies, zuvor die alt angewöhnten Vorurteile ausmerzen, ehe zur
Kenntnis Meiner Lehre geschritten werden konnte.
[PH.01_049,10] Was Ich bei euch in so
verschiedener Weise bewirkte, das geschieht auch jetzt noch mit ganzen Völkern.
Auch bei ihnen vertreibe Ich die lärmenden Musikanten, Pfeifer und Trommler,
die selbst über Gräbern noch Freudentage anregen möchten. Ich mache die Völker
durch Not nüchtern. Ich reiße sie aus dem Wahn heraus, daß die weltliche, nur
nach Genuß strebende Sucht das erste sei, was der Mensch suchen müsse. Ich
lehre sie – leider durch unangenehme Ereignisse – die Vergänglichkeit
weltlichen Eigendünkels, weltlichen Ruhmes und weltlicher Glücksgüter und
beweise ihnen nebenbei die ewige Dauer geistiger Schätze.
[PH.01_049,11] So ergeht es dem einzelnen, so
den Völkern, so den Herrschern, so den Priestern. Allen zeige Ich, daß über
ihnen noch ein anderer steht, der sie zwar machen läßt, was sie wollen, der
aber die Fäden der Verkettung der Umstände und Verhältnisse allein in der Hand
hält und alles – selbst das Schlechteste, von Menschen ausgeführt – zum Besten der
Gesamtmenschheit wie auch des einzelnen zu verwerten weiß.
[PH.01_049,12] So geht der Entwicklungsprozeß
zwar langsam vorwärts, nähert sich aber unaufhaltsam seinem Ziel. Ich erwecke
alle Menschen, alle Völker, alle Könige und Priester. Alle sollen einsehen und
begreifen, daß sie vorher geschlafen haben. Alle sollen aber auch erkennen, daß
man nicht immer schlafen kann, und daß der Schlaf, nur dann gut und nützlich
ist, wenn er dazu dient, die verbrauchten Kräfte wiederzuersetzen. Wo er aber
dieses nicht bewirkt, ist er nutzlos, schädlich und verschlimmert nur. So ist
der geistige Schlaf, in den viele eingelullt wurden oder sich selbst eingewiegt
haben, nur als eine große Versäumnis auf der Bahn der geistigen Entwicklung zu
betrachten. Daher ist das Erwecken nötig, umsomehr jetzt in dieser Zeit, in der
die Lösung der ganzen geistigen Bestimmungsfrage des Menschengeschlechts vor
der Tür steht und die meisten Menschen sich so in das weltliche, egoistische
Treiben hineingelebt haben, daß durch leise Berührung mit einem Finger fast
niemand mehr erweckt werden kann, sondern für die so tief in den Schlamm der
Welt Versunkenen zumeist Gewaltmittel angewendet werden müssen, um sie
herauszuziehen.
[PH.01_049,13] Die Menschen sind jetzt so
weit von ihrem eigentlichen Ziel abgekommen, daß keine menschliche Macht mehr
imstande wäre, sie aus ihren Träumen zu erwecken und sie von ihrem Jagen nach
Genuß abzubringen. Jetzt muß Ich Mich mehr als sonst ins Mittel legen, da auch
die Herrscher wie ihre Völker, vom gleichen Wahn befangen sind. Eben deswegen
ertönt überall und unter verschiedenen Formen der Weckruf sowohl an einzelne,
als auch an ganze Völker.
[PH.01_049,14] Bis jetzt sind sich weder die
Menschen noch die Völker darüber klar, was sie wollen. Doch, nur Geduld! Laßt erst
die Musikanten vertrieben sein, dann wird die ernstere Stimmung, die Besinnung
schon nachkommen! Die Verhältnisse werden sich klären, und das Unnatürliche,
Ungesetzliche und Überspannte wird dem Reellen, dem Unvergänglichen Platz
machen müssen. Des Sträubens von seiten vieler wird übergenug sein, – doch, die
Arznei muß genommen und der Kelch des Bitteren bis auf die Hefe geleert werden!
[PH.01_049,15] Sind die Menschen einmal so weit
vom rechten Weg abgekommen, so muß natürlich auch der Rückweg ein längerer
sein, – aber umgekehrt muß werden! Sie müssen zur Einsicht kommen, daß es nur
einen Gott und ein Geisterreich gibt, dem alles andere zum Fußschemel dienen
muß, und daß das Materielle, mag es noch so verehrt werden, doch keinen
bleibenden Gehalt hat und keinen bleibenden Genuß gewähren kann.
[PH.01_049,16] Tausende von Verirrten eilen
auf dem Irrweg ins frühe Grab. Sie gehen unreif aus dieser Welt und kommen noch
unreifer drüben an. Was soll aus solchen werden? Hier konnten sie nicht
bleiben, und dort behagt es ihnen auch nicht. Oh, ihr kennt nicht die Qualen
solcher Seelen, die unentschlossen umherirren! Das verlorene Irdische ist ihnen
nicht mehr zugänglich, und das Geistige ist für ihre Ansichten und ihr Wesen
nicht passend.
[PH.01_049,17] So geht es, wenn Menschen, ja
ganze Völker ihr geistiges Glück mit Füßen treten, nur dem Weltlichen
nachhängend und am Ende, nachdem sie das Weltliche verloren haben, nicht fähig
sind, sich das Geistige anzueignen. Es ist ihre eigene Schuld. – Dies ist der
Grund des Erweckens Meinerseits. Nicht umsonst sagte Ich: „Wenn dich ein Auge
ärgert, so reiße es aus; denn es ist besser, daß du mit einem Auge in einer
besseren Welt ankommst, als daß du dich mit zwei Augen der größten, geistigen
Qual aussetzest!“
[PH.01_049,18] Nehmt alle Ereignisse, wie und
wann sie kommen mögen, als Gaben der Liebe an; denn Ich weiß am besten, wie,
wann und womit Ich verwahrloste Menschen und verirrte Völker auf den rechten
Weg bringen und sie so noch beizeiten vom gänzlichen Verfall retten kann!
[PH.01_049,19] Man lehrte euch ein Fegefeuer,
worin die Seelen von den schlechten Leidenschaften gereinigt werden sollen, ehe
sie ins Paradies oder in den Himmel aufgenommen werden könnten. Ich sage euch:
So, wie man euch das Fegefeuer beschrieb, ist es ein wahrer Unsinn; aber
geistig existiert es wohl, nämlich im Menschen selbst. Dort muß alles Schlechte
erst weggefegt werden, bis man sich in besseren Verhältnissen heimisch fühlen
kann, und zu diesem Wegfegen trage Ich durch Schickung von allerlei Kämpfen und
Leiden bei. Ich erwecke dadurch die schlummernden guten Eigenschaften in der
menschlichen Seele, damit sie sich ermannen und aufraffen soll, das Böse mit
Energie zu bekämpfen und alles wegzufegen, was ihr Schaden bringen könnte.
[PH.01_049,20] Als Ich einst sagte: „Das
Mägdlein ist nicht tot, es schläft nur!“, wurde Ich von den andern verlacht.
Ebenso werde Ich auch heute von den wenigsten verstanden, wenn Ich sie erwecken
will, obgleich es zu ihrem Besten ist. Daher trachtet danach, Meine Winke und
Mahnungen zu verstehen, damit ihr es merkt, wenn Ich euch zu eurem Besten auch
nur mit dem Finger berühre! Denn ein liebender Vater, dem es um das Wohl seiner
Kinder zu tun ist, kann nur bessern, nie strafen. Dessen seid stets eingedenk!
Amen.
50. Predigt – Am 24. Trinitatissonntage. Die
Stillung des Sturmes.
[PH.01_050] Matth.8,23-27: Jesus trat in das
Schiff, und seine Jünger folgten ihm. Und siehe, da erhob sich ein großes
Ungestüm im Meer, also daß auch das Schifflein mit Wellen bedeckt ward; und er
schlief. Und die Jünger traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: „Herr,
hilf uns, wir verderben!“ Da sagte er zu ihnen: „Ihr Kleingläubigen, warum seid
ihr so furchtsam?“ Er stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da ward es
ganz stille. Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: „Was ist das für
ein Mann, daß ihm Wind und Meer gehorsam ist?“
1. Mai 1872
[PH.01_050,01] Dieses Evangelium erzählt
davon, wie Ich einst in ein Schiff stieg und, als sich ein großer Sturm erhob
und Ich eingeschlafen war, von Meinen Jüngern aufgeweckt wurde, damit Ich dem
Sturm und dem Meer Ruhe gebieten möchte.
[PH.01_050,02] Diese Tat geschah nur vor den
Augen Meiner Jünger, obwohl auch am Land stehende Menschen beobachtet hatten,
wie auf Mein Geheiß die Wogen sich legten und der Sturm verstummte. So gab Ich
Meinen Begleitern einen neuen Beweis, daß Ich nicht allein Herr des Todes und
des Lebens, sondern auch Herr der ganzen sichtbaren Natur bin.
[PH.01_050,03] Obwohl diese Tat manchem hätte
die Augen öffnen können, mit wem er es zu tun habe, begriffen doch wenige, daß
Ich mehr als Mensch, daß Ich Gottes Sohn oder Gott selbst war. Meine Jünger
verloren den Mut, als der Sturm seine Kraft vermehrte, und weckten Mich voll
Angst, weil sie glaubten, ihr Ende sei nahe. Sie hätten das nicht denken
sollen, da sie Mich so ruhig schlafen sahen. Aber ihnen war der Begriff ,Sohn
Gottes‘ noch nicht klar, und deswegen seht ihr sie in verschiedenen Fällen verzagt
und an Meiner Allmacht zweifeln, obgleich sie Mich erst einige Augenblicke
vorher Taten verrichten sahen, die kein gewöhnlicher Mensch, sondern nur Der
verrichten kann, der weit über alles Körperlich-Materielle hinaus die Fäden der
ganzen Schöpfung fest in Seiner Hand hält. Meinen Jüngern zeigte Ich oftmals
durch Wundertaten Meine Macht, und doch konnten sie sich nicht ganz mit dem
Gedanken befreunden, daß sie es mit keinem gewöhnlichen Erden-, sondern mit
einem Gottmenschen zu tun hätten. Stets ließ Ich die Umstände sich so
gestalten, daß außer Meiner Lehre Meine Taten noch deutlicher von Dem zeugen
sollten, der Mich gesandt hatte. Sogar nach Meinem Tode, bei Meinem
Wiedererscheinen unter Meinen Jüngern, gab es noch Zweifler, wie Thomas zum
Beispiel einer war.
[PH.01_050,04] Was in jenen Zeiten unter
Meinem direkten, sichtbaren Einfluß so schwer war, ist jetzt, wo Ich entweder
durch eigens dazu bestimmte Schreiber oder durchs Herz eines jeden Menschen mit
ihm rede, noch schwerer und zweifelhafter geworden. Jetzt sollen und müssen
Meine Worte genügen, da die Zeit des notgedrungenen Glaubens vorbei ist und
keine Wundertaten mehr ausgeführt, noch durch Mitwirkung anderer Menschen
zugelassen werden. Die meisten, welche jetzt an Mein Wort glauben, sind nicht im
mindesten von der Unfehlbarkeit desselben überzeugt. Auch ihnen ergeht es bei
der geringsten Gefahr wie den Jüngern, d.h. auch sie zweifeln an Meinen
Versprechungen, an Meinen Worten.
[PH.01_050,05] Die Lage, als Ich mit Meinen
Jüngern in einem Schiff weilte, entspricht bei einem jeden Menschen seinem
eigenen Lebensschiff, in welchem Ich als göttlicher Funke schlummere, bis
Unglücksfälle aller Art den Menschen drängen, seine Zuflucht bei Mir zu suchen.
[PH.01_050,06] Es geht den meisten Menschen
wie Meinen Jüngern. Solange es ihnen nicht schlecht geht, kommen sie nicht zu
Mir. Meine Jünger glaubten sich verloren und riefen Mich an. Der Mensch sucht
in bedrängten Lagen, in denen ihm die Gebrechlichkeit alles Irdischen die Maske
der nackten Wirklichkeit zeigt, im Innern seines Herzens Trost und Ruhe zu
gewinnen, welche er von der Außenwelt umsonst erwartet. Bis dahin schlummerte
Ich auch bei diesem Menschen. Er betrachtete Mich nicht als etwas Notwendiges
und Wirkliches, sondern als etwas Eingebildetes, ihm von anderen, z.B. von
Priestern Eingeredetes, das aller Realität entbehrend den Menschen nur aus dem
Grunde gelehrt wurde, um die Macht der Priester zu vermehren, während das
geistige Wohl der Menschen gar nicht in Betracht gezogen wurde.
[PH.01_050,07] Wenn dann das
Lebensschifflein, von weltlichen Stürmen gepeitscht, umhergeworfen wird, dann
kommen Angst, Zweifel und Furcht. Man sucht alle Lehren hervor, die der Seele
durch die Erziehung eingebleut wurden, erfährt aber mit Schaudern, daß alle
diese Dogmen und schönen Sprüche nicht geeignet sind, der geängstigten Seele
Ruhe und Frieden zu geben. Dann wendet sich der Mensch an den in ihm
schlummernden göttlichen Geist. Dann sucht er in der bis dahin nicht beachteten
Innenseite des menschlichen Lebens eine Stütze, damit er unter der Macht der
Umstände nicht zugrunde gehe. Und wenn er diesen inneren Schatz gefunden hat,
wenn er begriffen hat, wie wenig alles Materielle gegen einen einzigen
Gedankenblitz aus diesem Heiligtum ausmacht, dann glätten sich die Wellen. Es
schweigen die Winde der Leidenschaften, der Besorgnisse, und Ruhe und Frieden
kehren mit ihm in die Außenwelt zurück; denn die Außenwelt selbst war nicht
trüber, sondern nur der Blick in diese war getrübt. Da sagt dann der im Innern
geweckte göttliche Funken zur geängstigten Seele: „Aber warum bist du denn so
kleinmütig, wo du doch einen solchen Herrn über alles Leibliche in dir trägst?“
[PH.01_050,08] Seht, so hat diese Tat auf dem
See ihre geistige Entsprechung im menschlichen Einzelleben.
[PH.01_050,09] Auch im Leben der Völker ist
ein Funken göttlicher Triebkraft, welcher sie zuzeiten zum Denken anregt, damit
ebenso wie der einzelne auch ein ganzes Volk sich seiner Mission auf dieser
Erde bewußt werde. Denn alles, was auf dieser sichtbaren Welt vorgeht, ist nur
ein einfaches Wirken der Liebe, um das Seelisch-Geistige im Menschen zur
Geltung zu bringen.
[PH.01_050,10] Es geht dieser Prozeß aber
auch im Leben der Tiere, Pflanzen und Steine vor sich, ist dort aber nur
geistigen Augen sichtbar. Das Sich-Gestalten, Sich-Formen und
Sich-wieder-Zersetzen aller Materie ist kein anderer Drang als der des
erweckten Geistes, welcher in der Materie gebunden und schlummernd lag. Das
Aufwärtsschreiten von Stufe zu Stufe, das Sich-Vervollkommnen könnte nicht
stattfinden, wäre nicht im Innersten der Materie der durch äußere Umstände
geweckte Geist.
[PH.01_050,11] Wie in jener Zeit das
Schifflein mit Meinen Jüngern und mit Mir die ganze Welt ausmachte, welche auf
dem beweglichen Element, dem Wasser, herumgeschleudert wurde, ebenso ist das
durch äußere Einwirkung hervorgerufene Anregen des in der Materie liegenden
Geistes das gleiche, das zum Fortschreiten und zur Vervollkommnung drängt.
Meine Jünger mußten ebenfalls durch verschiedene Ereignisse zum Fortschreiten
im Glauben und Vertrauen veranlaßt werden. Sie mußten erstarken, damit sie in
den künftigen Lebensstürmen nicht zweifelten, sondern fest vertrauten.
[PH.01_050,12] Der Geist ist in der festen
Materie ein unbewußter Trieb, offenbart sich beim Tier als Instinkt und ist
beim Menschen der am höchsten ausgebildete göttliche Funken. Der Mensch soll
erstarken in dem Bewußtsein, daß er nicht nur ein Erden-, sondern auch ein
Weltenbürger ist, der zwischen zwei Welten stehend auf dieser Erde zwar die
materielle Überkleidung hat, dabei aber auch das geistige Ebenbild eines
höchsten Wesens, des Schöpfers ist, der weit hinaus über alle Vergänglichkeit
im Unendlichen wohnt. Er will Seine Abkömmlinge zu dem erziehen, wozu Er sie
erschaffen hat, zu Veredlern der Materie, zu Vergeistigern des Groben und
Festen und zu ewigen Bewohnern eines Geisterreiches, in dem die Materie einst
ihren ersten Ursprung genommen hat und ihr letztes Ende finden muß und wird.
[PH.01_050,13] Daher seid auch ihr beflissen,
den göttlichen Funken im Innern zu wecken, zu kultivieren und zu verstehen,
damit ihr auf des Lebens bewegten Wogen, unter den Stürmen der Leidenschaften,
Verhältnisse und Ereignisse nicht den Mut verliert wie einst Meine Jünger im
Schifflein, sondern stets dessen eingedenk seid, daß euer Vater bei euch ist.
Wenn auch Seine Stimme nicht immer vernehmbar ist, so schläft Er doch nicht,
sowenig als Mein göttlicher Geist in dem Schifflein Meiner Jünger geschlafen
hat, sondern nur geduldig abwartete, bis eine neue Kleinmütigkeit die Schwäche Meiner
Jünger offen an den Tag legte.
[PH.01_050,14] Dort gebot Ich den Winden und
dem Meer Ruhe; ebenso wird der, welcher Mich in seinem Innern suchen wird,
durch den in ihm geweckten göttlichen Geist auch Ruhe und Frieden – vorerst in
seinem Innern – haben und dann diese Ruhe auch auf die Außenwelt übertragen
können.
[PH.01_050,15] Dies merket euch, und
verzweifelt nicht sogleich, wenn eure Wünsche nicht immer so erfüllt werden,
wie ihr es gerne haben möchtet! Erstarket auch ihr im Glauben und im Vertrauen
auf euren in euch gelegten göttlichen Geist! Amen.
51. Predigt – Am 25. Trinitatissonntage. Das
Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.
[PH.01_051] Matth.13,24-30: Jesus legte ihnen
ein anderes Gleichnis vor und sprach: „Das Himmelreich ist gleich einem Menschen,
der guten Samen auf seinen Acker säte. Da aber die Leute schliefen, kam sein
Feind, säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Da nun das Kraut wuchs
und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte zu dem
Hausvater und sprachen: ,Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker
gesät? Woher hat er denn das Unkraut?‘ Er sprach zu ihnen: ,Das hat der Feind
getan.‘ Da sprachen die Knechte: ,Willst du denn, daß wir hingehen und es
ausjäten?‘ Er sprach: ,Nein, auf daß ihr nicht zugleich den Weizen mit
ausraufet, so ihr das Unkraut ausjätet! Lasset beides miteinander wachsen bis
zu der Ernte, und um der Ernte Zeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt
zuvor das Unkraut und bindet es in Bündlein, daß man es verbrenne; aber den
Weizen sammelt mir in meine Scheuer!‘“
2. Mai 1872
[PH.01_051,01] Die Gleichnisse dieses
Kapitels enthalten die ganze Geschichte Meiner Lehre und die Geschichte Meiner
Schöpfung vom Anfang bis zum Ende. Die Geschichte Meiner Lehre, weil sie euch zeigt,
auf welch verschiedenen Boden Meine Lehre und Meine Worte fallen, und die
Geschichte Meiner Schöpfung, weil sie euch klar vor Augen stellt, wie das
göttliche Wort der höchsten Geistesweihe, von Stufe zu Stufe aufwärts steigend,
in den Millionen von Welten seinen Ausdruck findet. Und wie der Eindruck, den
Mein Wort auf Millionen von Menschen macht, bei jedem verschieden ist, so ist
auch der Entwicklungsprozeß einer jeden Welt verschieden von dem einer anderen.
[PH.01_051,02] Diese Gleichnisse, wie Ich sie
zum Volke Israel redete, waren dem gewöhnlichen Leben entnommen, damit sie die
Zuhörer leicht verstehen konnten. Aber sie begriffen in dem Gleichnis, welches
für diesen Sonntag bestimmt ist, trotzdem nicht, wer unter ihnen mit dem guten,
wer mit dem steinigten Boden, und wer mit dem Wege, auf den der ausgestreute
Samen fällt, zu vergleichen sei.
[PH.01_051,03] Dieses Gleichnis bezeugt, daß
Ich wohl durch Taten und Worte die Leute zum Besseren bekehren möchte, daß aber
der gute Same, da die Welt mit ihren Genüssen sich darein mengt, nur vereinzelt
an manchen Stellen gedeiht, doch im allgemeinen nicht solche Frucht bringt, wie
es den Worten aus Meinem Munde gemäß verlangt werden könnte. Es bezeugt euch,
daß das Ende, die Ernte, Gutes vom Schlechten scheiden wird und die Guten den
gerechten Lohn empfangen werden, die Halsstarrigen und Bösen aber den langen
Weg der Materie werden durchmachen müssen, bis sie alles Unreine abgelegt haben
und sich in Meinem Himmel- und Geisterreich als ein geistiger Ton zur dort
herrschenden Harmonie gesellen können.
[PH.01_051,04] Seht, seit dem Abfall Luzifers
hat in der ganzen Schöpfung das Gute oder Leichte, Geistige – im Bösen oder
Schweren, Materiellen seinen Gegensatz!
[PH.01_051,05] Die ungeheure Menge
abgefallener Geister, welche mit Luzifer fielen und dann als Träger der Materie
in ihr gebunden wurden, sie alle klassifizieren die ganze Weltenschöpfung nach
dem geistigen Inhalt, und die Welten sind deswegen mehr oder minder
moralisch-geistig leicht oder schwer, was nichts anderes heißt als: Auf allen
Welten ist das große Prinzip der höchsten Eigenschaften Meines eigenen Ichs als
höchste Liebe mit allen von ihr abhängenden Eigenschaften ausgedrückt.
[PH.01_051,06] Wenn Ich Meine Jünger lehrte
und selbst auf eure Erde kam, so hatte dies keinen andern Zweck, als allen
geschaffenen Wesen Mein geistiges Reich, seine Gesetze und seine
Grundprinzipien kundzugeben. Als Ich auf Erden lehrte, sagte Ich nichts Neues,
sondern immer das gleiche, was Ich von Anbeginn der Welt all Meinen Geistern
eingeprägt hatte, nämlich: was ihr endliches Ziel und ihr ganzes Streben sein
soll. Selbst der Materie mit ihren in sie eingeschlossenen Geistern legte Ich
den Trieb ein, nach Vervollkommnung zu ringen, um so die Außenseite, die
Bestandteile der Materie zu vergeistigen, bis diese endlich, mit dem Innern in
Übereinstimmung, sich zu höheren Potenzen der Lebensentwicklung, vom schweren
Gestein bis zum sich seiner selbst bewußten Menschen aufschwingen kann, der
dann – mit dem Bewußtsein seiner Mission – sein eigenes Materielles
vergeistigen muß, bis er, wenn sein Äußeres mit seinem Inneren gleich geistig
geworden ist, zur Aufnahme in Mein Reich reif ist.
[PH.01_051,07] Dem Durchlaufen dieser Phasen
entsprechen die Gleichnisse mit dem Samen; denn der ausgestreute Samen wird,
auf verschiedenes Erdreich fallend, verschiedene Produkte hervorbringen, je
nachdem, was für Elemente er zu seinem Gedeihen dort vorfindet. Das Freigeben
der menschlichen Natur, d.h. der freie Wille, bedingt diese verschiedene Auffassung
Meiner Lehre, so wie Ich sie einst Meinen Jüngern predigte und jetzt nur
wenigen auf dieser Erde wieder kundgebe. Die Menschen, mitten zwischen den
beiden Polen von Gut und Böse stehend, mußten natürlich auch verschiedene
Reaktionen zeigen, wie sie Meine Lehre auffassen wollten oder konnten.
[PH.01_051,08] Wie die Welten in Meiner
ganzen Schöpfung millionenartig verschieden sind und dadurch bildlich das
verschiedene Auffassen der reinen Wahrheit ausdrücken, ebenso verschieden mit
Millionen von Abweichungen sind die Menschen, ein jeder einzelne als geistige
Welt für sich betrachtet.
[PH.01_051,09] Ihr erseht also aus diesen
Gleichnissen die weitgehende Bedeutung des Samens, des Wortes „Es werde!“, das
Ich einst gesprochen habe, das heute noch fortwirkt und am Ende alle Geister in
einem Geisterreich vereinen wird, wenngleich einzelne Welten und Individuen
längere und andere kürzere Wege dahin zurücklegen müssen.
[PH.01_051,10] Mein Wort, oder der Ausdruck
der Liebe in jeder Bedeutung, enthält die ganze Schöpfung und enthält Meine
ganze Lehre. Das beweist, daß Ich nur Gesetze der Liebe, und zwar nur zwei,
gegeben habe, die aber nur dann von Wert sind, wenn eins das andere ergänzt.
[PH.01_051,11] Diese Gesetze der Liebe sind
der Same, den Ich materiell in Meiner ganzen Schöpfung und geistig in den
Herzen aller vernünftigen Wesen gesät habe. Das Aufkeimen dieses Samens, je
nach dem mehr oder minder großen Einfluß der materiellen Welt, bedingt das
Fortschreiten zum Guten oder das Zurückschreiten zum Bösen, zum Materiellen.
[PH.01_051,12] Eingedenk der Freiheit des
Menschen und aller geschaffenen Geister mußte auch unterm guten Weizen Unkraut
aufkeimen, wie Ich es im Gleichnis bildlich sagte. In diesem Fall werden die
Menschen, welche nicht auf rechten Wegen gehen, erst am Ende ihrer irdischen
Lebensbahn erkennen, wie weit sie von der eigentlichen Straße zu ihrem Heil
abgekommen sind. In der andern Welt muß dann dieser Kampf, den so manche mit
dem Ende auf dieser Welt beendet glaubten, unter anderen Verhältnissen und mit
wenig Mitteln und großen Hindernissen von innen nach außen wieder neu begonnen
werden.
[PH.01_051,13] Was für einen jeden Menschen
als kleine geistige Welt der Körpertod ist, das ist für die Menschheit auf der
Erde das Ende alles Materiellen, das Ende aller weltlichen Versuchungen,
welches noch vor Meiner Wiederkunft eintreten wird, da nach derselben das
geistige Reich auf eurer Erde seinen Anfang nehmen und Mein Same oder Mein Wort
überall gleiche Früchte tragen wird.
[PH.01_051,14] Dahin zielen alle Meine
Vorbereitungen in eurer Zeit; denn auf eurer Erde ist leider schon mehr das
Unkraut als der gute Weizen vorherrschend, es ist beinahe nur noch steiniger
und sandiger Boden zu finden, und Disteln und Dornen sind die Hauptgewächse,
die die Oberfläche eurer Erde verunzieren. Meine Schnitter sind schon längst in
Tätigkeit und rotten das wuchernde Unkraut mit allen Mitteln aus; aber es wird
noch ärger kommen, weil eben der freie Mensch wirklich ein beinahe steinernes
Herz bekommen hat, auf dem, wie auf einem harten Stein, eine Berührung keine
Spur mehr zurückläßt, sondern über dessen Oberfläche alles spurlos weggleitet.
[PH.01_051,15] Seht euch vor, daß in euren
Herzen nicht so manches Unkraut schlechter Leidenschaften, durch weltliche
Einflüsse begünstigt, aufkeimt! Ich sage euch wie einst Meinen Zuhörern: „Wer
Ohren hat, der höre, und wer Augen hat, der sehe!“ Denn leider gibt es noch
viele, die Ohren haben, aber den geistigen Wind, der durch die ganze Schöpfung
geht, nicht hören, und die Augen haben und nichts bemerken von dem Lichtstrahl
aus Meinem ewigen Geisterreich, welcher anfängt, nach und nach alle Winkel
eurer finsteren Erde zu erleuchten, damit bei Meiner Ankunft als König des
Lichts kein Schatten, keine Finsternis mehr vorhanden sei.
[PH.01_051,16] Viele gibt es noch, die, bloß
weltlichen Genüssen und weltlichen Gütern nachjagend, keine geistige Welt, kein
höheres geistiges Prinzip, keinen Gott als Schöpfer anerkennen wollen. Sie sind
wie die Disteln und Dornen. Entfernt euch von ihnen! Ihre Stacheln lassen es
euch wahrnehmen, daß ihr euch solchen Scheinphilosophen und Gelehrten nur mit
Vorsicht nähern dürft. Sie werden, wie es geschrieben steht, ins Feuer
geworfen, ins Feuer der Drangsal und Leiden. Dann erst, nach langem Kampf
geläutert, werden sie an dem geistigen Reich teilnehmen können, das sie vorher
so fest hinweggeleugnet haben.
[PH.01_051,17] Ihnen gelten die
Naturereignisse und Epidemien, welche sie in Massen hinwegraffen. Andere werden
durch den Verlust geliebter Personen daran gemahnt, daß es noch eine andere als
nur diese natürlichmaterielle Welt gibt. Ihr Erwachen wird traurig sein, – und
doch muß Ich sie erwecken, weil Ich nicht ein Atom, viel weniger eine
Menschenseele, die Ich einst von innen wie außen nach Meinem Ebenbilde geschaffen
habe, verlieren möchte.
[PH.01_051,18] Lernt auch ihr zu hören, aber
mit geistigen Ohren, was Ich euch sage, was die Ereignisse der Welt euch sagen,
und was die ganze Natur euch zuruft: ,Es ist ein Gott, und dieser ist ein Gott
der Liebe!‘
[PH.01_051,19] Unbekümmert um den Boden sät
Er Seinen Samen aus, es mag die Heerstraße oder steiniger Boden oder auch
zwischen Dornen und Disteln sein. Frei ist der Mensch, und der Same kann daher
je nach der Individualität des einzelnen wirken; aber am Ende wird doch der
Zweck erfüllt werden, den Ich als Sämann im Auge hatte.
[PH.01_051,20] Es wird trotz des
verschiedenen Ackerbodens am Ende doch eine reichliche Ernte kommen, die
Ewigkeit sichert Mir den Erfolg. Mein Wort, nachdem es alle Phasen durchlaufen
hat, indem es von den einen mit Füßen getreten und von den andern mit freudigem
Herzen begrüßt wurde, muß doch das gleiche Resultat hervorbringen; denn Mein
Wort – der Same – ist göttliches Wort, und deswegen kann und muß es den Boden,
worauf es fällt, verbessern und vergeistigen, wenn auch nicht auf dieser Erde,
so doch gewiß jenseits.
[PH.01_051,21] Mein Streben und der Zweck
dieser Mitteilung ist ja nur, den Menschen diesen Weg zu verkürzen und ihnen
das Vorwärtsschreiten zu erleichtern. Daher der wiederholte Mahnruf in diesem
Kapitel: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
[PH.01_051,22] Versteht und faßt es wohl und
handelt danach, und ihr werdet es an euch selbst verspüren, ob der Same auf
guten oder steinigen Boden gefallen ist! Amen!
52. Predigt – Am 26. Trinitatissonntage. Die
Erklärung des Himmelreiches.
[PH.01_052] Matth.13,31-33, 44-50: Ein
anderes Gleichnis legte er ihnen vor, und sprach: „Das Himmelreich ist gleich
einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und säte es auf seinen Acker, welches das
kleinste ist unter allem Samen. Wenn es aber erwächst, so ist es das größte
unter dem Kohl und wird ein Baum, daß die Vögel unter dem Himmel kommen und
wohnen unter seinen Zweigen.“
[PH.01_052] Ein ander Gleichnis redete er zu
ihnen: „Das Himmelreich ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und
vermengte ihn unter drei Scheffel Mehl, bis daß es ganz durchsäuert ward.“
[PH.01_052] „Abermals ist gleich das
Himmelreich einem verborgenen Schatz im Acker, welchen ein Mensch fand, und
verbarg ihn. Er ging hin vor Freuden über denselben, verkaufte alles, was er
hatte, und kaufte den Acker.
[PH.01_052] „Abermals ist gleich das
Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche
Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.
[PH.01_052] „Abermals ist gleich das
Himmelreich einem Netze, das ins Meer geworfen ist, damit man allerlei Gattung
fängt. Wenn es aber voll ist, so ziehen sie es heraus an das Ufer, sitzen und
lesen die guten in ein Gefäß zusammen; aber die faulen werfen sie weg. Also
wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen, die Bösen von
den Gerechten scheiden und sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und
Zähneklappern sein.“
3. Mai. 1872
[PH.01_052,01] In diesen Versen ist das Himmelreich
mit verschiedenen Dingen bildlich verglichen, um Meinen Jüngern und dem um Mich
versammelten Volk begreiflich zu machen, was für ein Reich sie alle nach ihrem
Lebensende erwartet, um ferner darauf aufmerksam zu machen, wie sie dessen
teilhaftig werden können, aber auch, was ihr Los sein wird, wenn sie, den
göttlichen Gesetzen zuwiderhandelnd, sich desselben unwürdig machen.
[PH.01_052,02] Vom Himmelreich, von der
andern geistigen Welt haben die Menschen leider nie den rechten und wahren
Begriff; denn hätten sie diesen, so würden sie gewiß alles aufbieten, es zu
gewinnen und es sich nicht so leichtsinnig verscherzen, wie sie es heutzutage
tun.
[PH.01_052,03] Alles, was in der Welt
sichtbar ist, hat durch seine Sicht- und Tastbarkeit bei weitem mehr
Beweisendes an sich als eine geistige Potenz, welche sich nicht sehen, nicht
greifen, nicht wiegen läßt. Deswegen auch der größere Einfluß dieser
materiellen Welt auf das Gemüt der Menschen im Vergleich zu dem der geistigen
Welt! Es ist wahr, würden die Menschen die materielle Welt recht begreifen und
beurteilen, wie sie wirklich ist, woraus sie besteht, wie sie erhalten wird,
und zu welchem Zweck sie da ist, so würden sie auch aus diesem großen Buch
Meiner Schöpfung so manches herauslesen können, was ihnen die Türe zur
geistigen Welt leicht öffnet.
[PH.01_052,04] Wenn man irgendeine Maschine
betrachtet und deren Einrichtung begreifen gelernt hat, wird man anerkennen
müssen, daß diese jemand gemacht haben muß, und man wird vor ihrem Erbauer
immer mehr Achtung bekommen, je mehr man in die Geheimnisse dieser Maschine
eindringt. Es leuchtet einem ein, daß kein Zufall, sondern ein wohlberechnetes
System alles so und nicht anders geordnet sein läßt.
[PH.01_052,05] Daß man es bei Betrachtung
Meiner Natur ebenfalls so halten sollte, wäre zu wünschen, aber leider
geschieht es nicht. Eine jede Entdeckung auf naturwissenschaftlichem Gebiet
wird von euren Gelehrten auf falsche Art erklärt und nur zu materiellen Zwecken
ausgebeutet, woraus wenig Gewinn für den Schöpfer dieser kunstfertigen Maschine
der Natur herausschaut. Findet auch der eine oder andere Spuren einer höheren,
geistigen Macht als gerade die schon längst bekannten Elemente, so gibt er sich
alle Mühe, auf weiten Umwegen und mit großen, wissenschaftlich gelehrten Worten
das wegzuleugnen, was so nahe vor ihm liegt, oder er erklärt es nach seinem
Gutdünken anders, weil er keinen Gott anerkennen will. Wenn es einen geben muß,
so möchte er es selbst sein!
[PH.01_052,06] Diese falsche Auffassung
Meiner Natur ist schuld, daß gerade das größte Buch irreführt, das vor den
Augen der Menschheit Tag und Nacht offen daliegt. Ein jeder könnte darin lesen,
was Ich alles tue, um Meinen Geschöpfen Meine Liebe begreiflich zu machen, und
wie kurz der Weg zu Mir wäre, wenn die Menschen diese Natur und ihre Gesetze
beachten, und nicht den göttlichen Gesetzen zuwiderhandelnd, sich durch die
verkehrte Auffassung der materiellen, sichtbaren Welt die weit größere, ewige
unzugänglich machten.
[PH.01_052,07] In jener Zeit, in der Ich diese
im Evangelium erwähnten Gleichnisse dem Volk zur geistigen Verarbeitung gab,
mußte Ich alle wissenschaftlichen Vergleiche weglassen und Mich nur solcher
bedienen, welche als bekanntes Bild leichter verstanden werden konnten.
[PH.01_052,08] Das zuerst angeführte
Gleichnis vom Senfkörnlein bezeugt schon, daß Ich einen Vergleich mit einem
Samenkorn machte, das sowohl als Same wie auch als Pflanze dem Volk wohlbekannt
war. So wollte Ich ihnen andeuten: Wie in diesem kleinsten Samen eine so große
Pflanze eingeschlossen ist, ebenso ruht in dem menschlichen Herzen das ganze
künftige Geisterreich, das Himmelreich verborgen. Es braucht nur beim
menschlichen Herzen, wie beim Samen die Feuchtigkeit, die allmächtige Liebe als
geistiger Wecker hinzuzukommen, um diesen eingeschlossenen Keim göttlicher
Abkunft zu entwickeln, welche Entwicklung dann in einem so großen Maße
fortschreitet, daß – wie das Evangelium sagt – selbst die Vögel unter dem
Himmel kommen und unter den Zweigen Wohnung nehmen. Geistig will das besagen,
daß selbst die Engel, die leichten, seligen Bewohner der geistigen Sphären –
wie die Vögel, die Bewohner der Luft –, an dem Himmel, welcher von einem
gottbegeisterten Herzen ausgeht und Friede und Freude überall umher verbreitet,
Anteil nehmen.
[PH.01_052,09] So wollte Ich mit diesem
Gleichnis von einem kleinen Samenkörnchen und dessen Entwicklung beweisen, wie
unendlich die Kraft des göttlichen Wortes ist, wenn es gleich dem Samen auf
guten Grund fällt und somit Stoff zu seiner Entwicklung findet.
[PH.01_052,10] Das weitere Gleichnis, in dem
das Himmelreich mit einem Sauerteig verglichen wird, stellt den geistigen
Prozeß dar, der in einem menschlichen Herzen vor sich geht, sobald dasselbe das
Wort in sich aufnimmt und anfängt, das Gute vom Bösen zu scheiden, wie auch der
Sauerteig unter dem mit Wasser zubereiteten Mehl einen Gärungsprozeß bewirkt,
wodurch die verschiedenen Elemente der Mehlsubstanz in Streit geraten. Dieser
Prozeß endet damit, daß durch ihn das erzeugte Brot dem menschlichen Organismus
weniger schädlich gemacht wird, was besonders bei verschiedenen künstlich
erzielten Mehlgattungen beinahe unumgänglich notwendig ist.
[PH.01_052,11] So sollte mit diesem Gleichnis
der Kampf angezeigt werden, der beginnt, sobald sich das menschliche Herz vom Weltlichen
ab- und dem Geistigen zuwendet.
[PH.01_052,12] Weiter ist ein Gleichnis
erwähnt von einem Menschen, der einen verborgenen Schatz in einem Acker fand
und alles verkaufte, um Eigentümer dieses Ackers und somit des Schatzes zu
werden. Das will besagen: Wer einmal erkannt hat, welche Genüsse und Freuden
von nie geahnter Seligkeit aus der Aufnahme des göttlichen Wortes und dessen
Befolgung erwachsen, der läßt alles andere hinter sich und folgt nur dem Trieb,
diese geistigen Genüsse ja nicht mehr entbehren zu müssen, ebenso wie der
Kaufmann, welcher einer Perle zuliebe alles opferte, um sich deren Besitz zu
sichern.
[PH.01_052,13] So waren diese Gleichnisse
Bilder vom Himmelreich, welche alle etwas Wichtiges bezeichnen sollten. Das
erste zeigt die großartige Entwicklung des Himmelreichs, wenn es einmal im
menschlichen Herzen Wurzel gefaßt hat; das zweite den Kampf, den das
Himmelreich zwischen Welt und Himmel oder Materie und Geist hervorruft; das
dritte den Wert des Himmelreiches und die damit verbundene Ruhe und Seligkeit.
Mit diesem Schatz kann sich alles Irdische nicht messen oder mit ihm in die
Schranken treten.
[PH.01_052,14] Es liegt uns noch ein anderes
Gleichnis vor, nämlich das mit dem Netz, das im großen Meer ausgeworfen wird,
um reiche Beute aufzunehmen. Dieses Gleichnis besagt, daß das göttliche Wort
für alle zugänglich ist, für Schwache und Starke, für Gute und Böse, und daß
erst am Ende der Fang gesichtet wird und die Guten ihren Lohn empfangen werden,
während die Verächter dieses Wortes die Folgen sich selbst zuzuschreiben haben.
[PH.01_052,15] Wie dieses Gleichnis sagt,
wird eine Sichtung zwischen denen stattfinden, die Mein Wort, das allen gegeben
wurde, geistig in sich aufgenommen haben, und denen, die es unbeachtet ließen.
Das sollte Meinen Zuhörern in jenen Zeiten begreiflich machen, daß es nicht
gerade in ihrem Ermessen stehe, Mein Wort anzunehmen oder nicht, sondern daß
die Menschen durch mancherlei Umstände gezwungen werden können, ihrem freien
Willen eine bessere Richtung zu geben.
[PH.01_052,16] Ich schilderte ihnen die
Folgen der Nichtbeachtung Meiner Lehre mit den Ausdrücken ,Ins Feuer werfen‘
und ,Ewige Finsternis‘, was gleichbedeutend ist mit geistig peinigenden
Vorwürfen und einem vernachlässigten Herzen. Mein Geist sollte doch Licht und
nicht Finsternis verbreiten!
[PH.01_052,17] So sagte Ich ihnen das Ende
oder die Scheidung voraus, die endlich zwischen Hell und Dunkel kommen muß,
damit alle begreifen sollten, daß ein Gott mit dem was Er schuf auch einen
Zweck verband, den Er aber nicht wegen der Halsstarrigkeit der einen oder der
andern aufzugeben gewillt ist.
[PH.01_052,18] Daß solche und ähnliche Reden
unter dem Volk Aufsehen erregten, war vorauszusehen, da ihnen von ihren
Priestern und Gelehrten der Weg zum künftigen Genusse geistiger Seligkeiten und
selbst das nach ihren Begriffen rechtliche Handeln sehr leicht und bequem
gemacht wurde, während Ich zwar die gleichen Seligkeiten versprach, ihnen
jedoch den Gewinn nicht gar so leicht darstellte und sie vor den Folgen der
Übertretung der gegebenen Gesetze warnte.
[PH.01_052,19] Daher ihr Entsetzen über Meine
Sprache, und daher ihr Ärger über Mich, was Mich zu dem Ausspruch veranlaßte:
„Der Prophet gilt in seinem eigenen Lande nie etwas!“, ein Sprichwort, welches
noch heutzutage bei euch gang und gäbe ist und durch Tausende von Beispielen
bestätigt werden kann.
[PH.01_052,20] Die Welt ist noch immer
dieselbe, wie sie zur Zeit Meines Erdenwandels war. Damals predigte Ich vielen
tauben Ohren, und jetzt ist ebenfalls die Taubheit in geistigen Dingen Mode
geworden. Ein jeder glaubt, er wäre kein gebildeter Mensch, wenn er sich nicht
dieser Taubheit rühmen könnte. In jenen Zeiten war es öfter der Fall, daß man
seine Taubheit hinter schön tönenden Worten verbarg, in der jetzigen Zeit der Aufklärung
aber schämt man sich der geistigen Taubheit nicht mehr, sondern man legt gerade
ein großes Gewicht darauf, so recht stocktaub zu sein und auf diese Art
gleichsam Mich selbst zum Wettkampf herauszufordern, etwas Besseres zu
beweisen, wenn Ich dazu imstande sei.
[PH.01_052,21] Nun, diesen sogenannten
starken Geistern setze Ich eine unendlich große Langmut entgegen, und am Ende
werden wir schon sehen, ob sich nicht ein Mittel finden läßt, auch ihre
Taubheit zu heilen. Den übrigen aber – bei weitem kleiner an der Zahl –, welche
von Meinem Himmelreich eine leise Ahnung haben, lasse Ich ein Senfkörnchen
Meiner Liebe zukommen. Ich beobachte, ob das Körnchen die Macht hat, in ihren
Herzen zu wachsen und einen Kampf, gleich dem des Scheidungs- oder Gärungsprozesses
im Sauerteig hervorzurufen, und ob es fähig ist, ihnen den verborgenen Wert des
Schatzes in ihrem eigenen Herzen erkennbar zu machen, damit sie alles andere
über Bord werfen, um diesen Schatz allein zu besitzen. Dann warte Ich ab,
wieviel des Ausgestreuten in Mein geistiges Netz zurückkehrt. Endlich wird die
Sichtung vorgenommen und entschieden, ob der Mensch der geistigen Seligkeit
würdig ist, oder ob er erst durch langes Umhertappen im Finstern zu der
Erkenntnis gelangen muß, daß es doch göttliche Gesetze gibt, die man ungestraft
nicht übertreten darf.
[PH.01_052,22] Um die Menschen allgemein zu
dieser Ansicht zu bringen, und damit es ihnen nicht an Gelegenheit fehle, auch
den kleinsten Funken ihres besseren Ichs in Tätigkeit zu erhalten, sind schon
längst alle Vorbereitungen getroffen worden. Schon längere Zeit gehen alle
Weltereignisse, wie auch die Schicksale der einzelnen Menschen darauf hinaus,
den Boden zuzubereiten, damit Mein Wort dort, wo es noch keinen oder nur wenig
Anklang gefunden hat, aufgenommen werde und als Senfkörnlein seine allmächtige
Entwicklung beginne.
[PH.01_052,23] An euch habt ihr es selbst
schon erfahren, wie, wann und womit Ich die Menschen zu wecken verstehe. Ihr
selbst kennt Meine Mittel. Es ist wahr, sie waren und sind nicht immer die
angenehmsten; allein, Ich als der größte und einzige Seelenarzt weiß am besten,
welcher Reizmittel es bedarf, um die in scheinbar religiösen Schlummer
versunkenen Seelen zu erwecken.
[PH.01_052,24] Ich habe euch geweckt und dann
in eure blutenden Herzen durch Mitteilung Meines Wortes das Senfkörnlein der
Liebe gelegt, und wenngleich der erste Moment ein Reiz und nicht gerade
angenehm war, so habt ihr doch in der Folge erkannt, daß ihr Mir danken müßt
für das, was Ich euch als Ersatz für das Genommene gegeben habe.
[PH.01_052,25] So ist bei euch der
Gärungsprozeß eingetreten, und ihr habt dann endlich den Wert des verborgenen
Schatzes in eurem Innern selbst erkannt und die kostbare Perle gegen alles
andere eingetauscht. So habt ihr Mir beim Netzauswerfen den Fang und das
Scheiden der Guten und Bösen erleichtert, indem ihr durch euer eigenes Beispiel
andere vom geistigen Verderben errettet und ihnen den Weg zu Mir bedeutend
verkürzt und erleichtert habt.
[PH.01_052,26] Fahrt daher fort, die Senfkörnlein
der Liebe in euren Herzen zu pflegen; denn das Himmelreich – wie Ich einst
Meinen Zuhörern sagte – liegt in euch und nicht außer euch! Ihr könnt es
überall finden, wenn ihr es dorthin mitbringt. Durch euer Inneres wird alles
vergeistigt werden, wenn nur das Innerste, euer Herz Geist ist.
[PH.01_052,27] Daher laßt nicht ab von dem
Streben nach Vergeistigung! Mit dem Fortschreiten darin wachsen die wahren
Genüsse, und mit dem Fortschreiten in der Lehre wächst auch eure Erkenntnis.
Dann werdet ihr reif sein für die andere, ewige, große, geistige Welt, der
alles Wirken und Handeln hier als Grundlage dienen muß, und in der ihr Mir mit
reichem Segen die euch anvertrauten Pfunde reichlich zurückgeben könnt!
[PH.01_052,28] Bereitet euch vor und fürchtet
euch nicht! Wer bei Mir ist und auf Mich vertraut, der wird auch bei allen
Schrecknissen, die vielleicht noch über eure kleine Erde hereinbrechen werden –
gleich einem Gärungs-Prozeß, weil Ich Mein Wort als Sauerteig, als ätzendes
Mittel in die Herzen der Völker geworfen habe –, nicht verzagen. Er weiß, daß
der Vater Sein Netz in das große Meer der Seelen und Geister auswarf. Und wenn
er auch dadurch mitgefangen wird, so kann doch der Gute stets wieder nur Gutes
ernten.
[PH.01_052,29] So mit der Perle des Vertrauens
und der Liebe ausgerüstet, bewahrt euren Schatz bis zur Umwandlung! Ich werde
dann in anderen Welten und unter anderen Verhältnissen diesen hier auf Erden
erworbenen Schatz mit einem größeren vertauschen, der als Ergänzung des
früheren, des Senfkörnleins, den großen Baum darstellen wird, in dessen Zweigen
dann die Engel mit euch Mir den Lobgesang der Liebe und des Vertrauens
anstimmen werden. Amen.
53. Predigt – Am 27. Trinitatissonntage. Die
letzte Zeit.
[PH.01_053] Matth.24,15-28: Wenn ihr nun
sehen werdet den Greuel der Verwüstung, davon gesagt ist durch den Propheten
Daniel, daß er steht an der heiligen Stätte, alsdann fliehe auf die Berge, wer
im jüdischen Lande ist; wer auf dem Dach ist, der steige nicht hernieder, etwas
aus seinem Hause zu holen; wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine
Kleider zu holen. Wehe aber den Schwangeren und Säugerinnen zu der Zeit! Bittet
aber, daß eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat! Denn es wird
alsdann eine große Trübsal sein, wie sie nicht gewesen ist von Anfang der Welt
bis her und auch nicht mehr werden wird. Und wo diese Tage nicht würden
verkürzt, so würde kein Mensch selig: aber um der Auserwählten willen werden
die Tage verkürzt. So alsdann jemand zu euch wird sagen: „Siehe, hier ist
Christus!“, oder: „da!“, so sollt ihr's nicht glauben. Denn es werden falsche
Christi und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, daß
verführt werden in den Irrtum, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten.
Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt! Darum, wenn sie zu euch sagen werden:
„Siehe, er ist in der Wüste!“, so gehet nicht hinaus, – „Siehe, er ist in der
Kammer!“, so glaubet nicht! Denn gleich wie der Blitz ausgeht vom Aufgang und
scheint bis zum Niedergang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohns.
Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.
4. Mai 1872
[PH.01_053,01] Dieses Wort ist das letzte
Evangelium, welches Ich euch erklären will. Es behandelt die letzte Zeit des
Judentums, sowie die letzten Zustände der Menschheit und endlich sogar die
letzten Ereignisse am Ende der sichtbaren Welt, welche wieder, in andere Formen
und in höhere Stufen übergehend, einen neuen Kreislauf beginnen wird.
[PH.01_053,02] Einst sagte Ich Meinen Jüngern
den Untergang des Tempels in Jerusalem voraus, den ersten Akt des Endes der
Juden als Volk. Sie hatten damals als solches ihre Rolle ausgespielt und waren
nicht weiter wert, im Verbande miteinander auf diesem Erdboden ein Reich zu
bilden, nachdem sie das größte Reich, welches es je gegeben, Mein ewiges,
geistiges Reich zerstören wollten. So wie sie vom Anfang an auserkoren waren,
durch ihre Religion und ihre Propheten dasjenige Volk zu sein, in dessen Mitte
Ich Mein Darniederkommen auf diese eure Erde bewirken konnte, so untauglich zeigten
sie sich später, diese Meine Lehre anzunehmen und weiterzuverbreiten.
[PH.01_053,03] Nur Meinen Jüngern und wenigen
Auserwählten dieses Volkes ward das Licht der Wahrheit gegeben. Die übrigen
verschmähten es und zogen ihm die Finsternis und das Festhalten am toten
Buchstaben vor, eine Eigenschaft, die sie, obwohl sie unter allen Völkern
zerstreut leben müssen, heutzutage noch nicht abgelegt haben.
[PH.01_053,04] Die Geschichte erzählt euch
deutlich, daß alles, was Ich voraussagte, wirklich eingetroffen ist, und zwar
kurze Zeit nach Meinem Hingange in Mein Reich. So endete mit dem Tempel, der
geistig zwar schon längst zerstört war, auch die Geschichte eines Volkes,
welches Ich aus vielen auserwählt hatte, Träger und Förderer Meiner ewigen
Wahrheit zu werden.
[PH.01_053,05] Ich sagte Meinen Jüngern auch
voraus, wie in der Folge Meine Religion, Meine Lehre, im Kampf mit dem
Judentume sich nach und nach stets kräftigen und stets vorwärtsschreitend auch
ihre Verehrer stets mehr fördern werde, während das Judentum mit seinem Kultus
bis auf eure Zeiten, statt vorwärtszugehen, stehengeblieben ist und die an ihm
Hängenden noch heute ihren Messias mit denselben weltlichen Ideen wie vor mehr
als tausend Jahren erwarten. Über die Unrichtigkeit ihrer Vorstellungen suchte
Ich sie schon damals aufzuklären; aber an der Halsstarrigkeit der Juden hatte
Ich den größten Gegner.
[PH.01_053,06] Alles in Meiner Schöpfung
schreitet vorwärts. Alles verändert sich und vervollkommnet sich in der
Veränderung. Nur die Juden wollten keine Neuerung, keine Veränderung, und so
müssen sie ihr jetziges Los sich selbst zuschreiben, indem sie, nur dem
Niedrigsten auf Erden, dem Mammon allein huldigend, von allen andern Völkern
verachtet sind. So straft sich, wer nach dem Materiellen und nicht nach dem
Geistigen strebt; denn Mein Reich, obgleich es sichtbar Materie zu sein
scheint, ist doch nur Geist und nicht Materie.
[PH.01_053,07] Was den Juden zur Zeit der
Zerstörung Jerusalems begegnete, das wird sich auch als Ende der jetzt lebenden
Menschheit wiederholen; denn die Greuel des Krieges und der Zerstörung werden
wieder auftreten, nur in anderen Formen. Und wie in jenen Zeiten nur die
wenigen, die an Mich glaubten, entweder ein besseres Los hatten, oder wenn es
schon hart war, es leichter zu ertragen vermochten, weil sie im Glauben und im
Vertrauen auf Mich nicht wankten, so wird es auch in der Zeit sein, die Meiner
Wiederkunft vorausgeht. Auch dann werden Treue und Glauben auf Erden
verschwunden sein, da die Menschheit oder wenigstens der größte Teil der
Menschen, der Materie, der Welt und ihren Genüssen huldigt, wie ihr es jetzt
schon überall bemerken könnt.
[PH.01_053,08] So muß die Reinigung und
Läuterung des geistigen Seelenreichs vorgenommen werden, wie Ich es im
Evangelium vom Feigenbaume sagte. Wenn er anfängt, seine Blätter zu treiben und
saftig zu werden, so ist das die Vorzeit des Sommers, die Vorzeit der
Entwicklungs- und Fruchtbildungsperiode, welche uns geistig an die Scheidungs-
und Prüfungszeit erinnert, in der Rechenschaft über das den Menschen
anvertraute geistige Gut gefordert werden wird.
[PH.01_053,09] Die Elementarereignisse, die
Unglücksfälle und Krankheiten, welche dieser Zeit vorangehen, sind die letzten
Versuche, noch zu retten, was zu retten möglich ist, damit nicht alle im
Schlamm des Egoismus ersticken. Nur durch Unglück und herbe Schicksalsschläge
wird das stolze Menschenherz mürbe.
[PH.01_053,10] Die Wahrheit muß sich wie die
Wirklichkeit nackt zeigen, damit keine Illusion sie verschönt. Nur so wirkt sie
heilend. Und wenn die materielle Welt sich in ihrem eigentlichen Gewand der
Vergänglichkeit und des Truges zeigt, wenn sie den Menschen mit Hohn
zurückstößt und ihm, der sie liebkosen wollte, mit Verachtung den Rücken
wendet, dann erst – meist leider nur zu spät – beginnt das Geistige seinen
Einfluß auszuüben, dann erst erwachen bessere Gedanken und reinere Gefühle. So
muß Ich als liebender Vater den Menschen führen, damit er den wahren Wert der
Dinge erkennt und Den findet, der die stete Ruhe ist.
[PH.01_053,11] Daß gegen diese sich
steigernden Versuche, den Menschen in die Enge zu treiben, mit allen möglichen
Mitteln gearbeitet wird, daß Spott, Rache und Verfolgung die Gläubigen treffen,
daß falsche, aber auch wahre Propheten das Volk zu belehren suchen werden, daß
am Ende bei den meisten eine gänzliche Verwirrung der Begriffe eintreten wird –
das versteht sich von selbst. Alle Meine Mahnungen werden, wie vor der
Sündflut, bei vielen fruchtlos bleiben, und nur wenige werden sich bekehren.
Wenn die Ereignisse sich aber überstürzen, so wird doch die Mehrzahl geistig
gerettet werden, und sie werden Mir danken, daß Ich sie durch solche strengen
Mittel der allgemeinen Verderbnis entrissen habe.
[PH.01_053,12] Wenn all diese unglücklichen
Ereignisse über die Menschheit hereinbrechen werden, wie einst bei den Juden
die Zerstörung des Tempels und Jerusalems – wer ist dann schuld daran? Bin Ich
ein Rachegott, der das Blut und das Elend von so vielen Tausenden will? Oder
sind sie es nicht vielmehr selbst, die alles unter ihren Sinn beugen und selbst
die großen Gesetze der materiellen und geistigen Welt – wenn es nur möglich
wäre! – umstoßen möchten?
[PH.01_053,13] Seht, Ich lasse es hier
niederschreiben, damit alle Welt es weiß! Wie Ich einst den Verfall des
Judenvolkes voraussagte und derselbe auch wirklich eintraf, so habt ihr hier in
53 Predigten der Mahnungen und Voraussagungen genug, in denen Ich euch deutlich
gesagt habe, was kommen wird, wie und wann es eintreffen muß, um Meine
verirrten Kinder auf den rechten Weg zu bringen. Schon in jener Zeit sagte Ich
zu Meinen Jüngern: „Es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reiche Gottes
in der ganzen Welt!“, und dieses Evangelium ist dieses Werk, das Ich euch hier
als Zeichen Meiner Liebe und Gnade überlasse.
[PH.01_053,14] Die Zeit der Greuel und der
Verwüstung ist mehr geistig als materiell zu verstehen; denn was im Evangelium
steht, wie z.B.: „Wer auf dem Dache ist, der steige nicht hernieder!“ usw.,
dies alles besagt: Laßt das Weltliche fahren und haltet euch an das
Unverwesliche, Geistige! Dort ist der Anker, der euer Lebensschiff in den
Stürmen des materiellen Unglücks und der geistigen Not festhalten kann! Ohne
diesen Anker findet ihr keine Ruhe, keinen Frieden!
[PH.01_053,15] Deswegen sammelt euch um Mich
und haltet fest an Mir und Meiner Lehre! Denn – wie geschrieben steht –:
„Himmel und Erde werden vergehen!“ Ja, Himmel und Erde werden vergehen; sie
werden sich in andere Elemente auflösen, und aus ihnen werden andere Formen und
andere Welten hervorgehen. Die ganze Schöpfung wird den gleichen Prozeß
durchmachen, den auch das Judenvolk, welches mit seinen Traditionen und mit
seiner Religion die Grundlage Meiner Lehre war, durchzumachen hatte.
[PH.01_053,16] Ich habe bei der Schöpfung in
alles, auch in das geringste Atom, Meinen Geist hineingelegt, um die Materie
fähig zu machen, sich zu etwas Größerem und Höherem zu entwickeln. Ebenso war
das Judenvolk das geeignete Element, in welchem Ich Meine Darniederkunft
bewerkstelligen und – ähnlich wie in der ganzen sichtbaren Schöpfung – Mein
großes Geisteswerk vollenden konnte. Jedoch wie das Judenvolk nach seiner
Mission aufhörte ein Volk zu sein, und wie die Menschheit nach ihrer Läuterung
aufhören wird, Träger aller egoistischen Leidenschaften zu sein, weil Besserem
Platz gemacht werden muß, ebenso wird die ganze Schöpfung, die bis jetzt noch
die Grundlage Meiner Liebe zu allen geschaffenen Wesen ist, einst auch aufhören
müssen, der Ausdruck Meiner göttlichen Gedanken zu sein.
[PH.01_053,17] Wenn die Wesen der Schöpfung,
der Vergeistigung reif, an dem Punkt angekommen sein werden, wo auch die
feinste Materie noch als grob erscheinen muß, dann ist diese, mit so vielen
Wundern und Schönheiten ausgestattete Welt ein zu grober Träger für das
Rein-Geistige, und es muß dann die ganze Schöpfung als Wohnort den Wohnenden
gemäß eingerichtet werden, was die Auflösung bedingt. Zu dieser Zeit wird der
Menschensohn in aller Herrlichkeit erscheinen – wie Ich einst sagte –, weil
auch die geschaffenen Wesen in einem geistigen Verfassungszustand sein werden,
diesen Glanz und diese Herrlichkeit ertragen zu können. Dann werden die
höchsten Geister und Engel die Auserwählten aus allen vier Winden und von einem
Ende des Himmels zum andern sammeln.
[PH.01_053,18] Ja, so wird es noch oft
geschehen, stets auf höheren Stufen und verbunden mit größeren Seligkeiten. Ich
kann Mich Meinen Geistern immer nur so zeigen, wie sie Mich fassen können. Da
Ich aber unendlich bin, so sind auch die Auffassungen von Mir unendlich, und
Mein Reich wäre kein unendliches, wenn nicht eine stete Steigerung der
geistigen Potenzen möglich wäre.
[PH.01_053,19] Dies alles sagte Ich in jener
Zeit Meinen Jüngern in Bildern voraus, nicht nur damit sie es wissen, sondern
damit bewiesen werde, daß Meine Worte nie vergänglich sind und stets wahr bleiben
werden! Glaubt ja nicht, daß Ich für euch allein auf die Welt kam, daß Ich
alles der kleinen Erde und ihrer Bewohner wegen erduldete, nein, Meine Taten
sind Taten der Unendlichkeit! Auch die Bibel, worin zum Teil Meine Worte, die
Ich während Meiner Erdenjahre sprach, geschrieben stehen, ist nicht für euch
allein – sie gehört der ganzen Schöpfung.
[PH.01_053,20] Und wenn Millionen von Welten
von Meiner Existenz bis jetzt noch nichts wissen, so wird doch die Zeit kommen,
wo auch diese Worte Gottes zu ihnen dringen und von ihnen, entsprechend ihrer
geistigen Bildung, verstanden werden. Dann wird bei den geistig vollkommen
Wiedergeborenen die harte Rinde des Buchstabens und die wörtliche Auffassung
verschwinden, und es wird der reine und tiefe Sinn der Worte Gottes, der Worte
eines liebenden Vaters, klar und helleuchtend, der ganzen Schöpfung
verständlich, allen zurufen: „Liebet, o liebet nur alle einander!“ Denn aus
Liebe habe Ich die Welt erschaffen, aus Liebe den größten Akt der Demut auf
eurer Erde vollführt, aus Liebe die Menschheit geläutert durch Drangsale und
Leiden, damit Meine Worte, die Ich einst sprach und in diesem Evangelium
erklärte, stets wahr bleiben! Sie haben keinen anderen Zweck, als Meine Kinder
wirklich zu dem zu machen, was viele nur dem Namen nach waren.
[PH.01_053,21] So soll nach dem Greuel der
Verwüstung, wie nach Gewitter, Regen und Sturm, allen wieder die Gnadensonne in
ihrem ganzen Glanze leuchten! Wenn die geistige Luft von allen schlechten
Giften gereinigt sein wird, dann bereitet sich, wie die erfrischte Erde nach
einem Gewitter, alles zu einem neuen, tätigen Leben vor. Amen.
Nachwort.
[PH.01_000,01] So sind nun diese 53 Predigten
vollendet, und ihr habt einen Schatz vor euch, den ihr, wenn ihr ihn gleich
hochschätzt, dennoch nicht ganz fassen könnt; denn in Meinen Worten liegt
Unendliches. Individuell genommen, seid auch ihr unendlich verschieden, daher
die geistige Auffassung, wenngleich sie auch schon geistig ist, stets doch noch
eine höhere zuläßt.
[PH.01_000,02] Das Wort ist einem Senfkorn
gleich, das wachsend stets Neues gebiert und aus einem Wunder das andere
entwickelt. So ist auch dieses Buch bestimmt, euch Wunder über Wunder zu
zeigen, je mehr ihr in der Erkenntnis fortschreitet.
[PH.01_000,03] Nehmt daher am Sonntag die
betreffende Predigt zur Hand, lest sie und feiert wenigstens ihr unter vielen
Tausenden von Menschen den Sonn- oder Ruhetag nach materieller Arbeit auf eine
Weise, die Meiner und euer würdig ist!
[PH.01_000,04] So wird Ruhe und Zufriedenheit
in euer Herz fließen, und ihr werdet in manchen Fällen erleben, wie gerade die
eine oder die andere Predigt aus Meinem Munde so recht den Umständen angemessen
und geeignet ist, in euch das geistige Gleichgewicht wieder herzustellen, das
ihr wahrscheinlich auf eine andere Art nicht erlangt.
[PH.01_000,05] Der Mensch muß einen Trost
haben! Die Welt mit ihren Ereignissen, die Verwicklungen im Gesellschafts- und
Familienleben rauben ihm oft in einem Augenblick längst genährte Hoffnungen und
lassen in ihm Enttäuschungen zurück. Wo soll nun der Mensch, von allen
möglichen Leiden und Mißhelligkeiten verfolgt, einen besseren Trost finden als
in den Worten, die aus Meinem Munde flossen?
[PH.01_000,06] Seht, Meine Kinder, jeder Tag
hat seine Sorgen, jede Woche bringt euch – wenigstens von außen – mehr Bitteres
als Angenehmes! Wo soll da das durch äußere Einflüsse halbgeknickte Blümchen
des Vertrauens und der Liebe zu Mir eine bessere Stütze und einen stärkeren
Nährstoff finden als wieder in Meinem Wort, durch die Tröstungen eures
liebenden Vaters, der sie schon vor mehr als tausend Jahren für euch bestimmt
hatte?
[PH.01_000,07] Sie liegen im Buch der Bibel
vor euch; aber kurzsichtig, wie ihr seid, erkennt ihr nicht, was aus ihren
Worten hervorleuchtet. Darum habe Ich Mich herbeigelassen, euch diesen Schleier
lüften zu helfen. Ich sage euch: Arme Kinder, was blickt ihr oft so trostlos in
die Ferne, in den unendlichen, blauen Himmel hinauf, wo doch der Himmel mit
seinem Glanz und seinem Licht so nahe liegt? Nehmt diese Predigten zur Hand,
lest vorher das dort angeführte Evangelium der Bibel, vertieft euch in den Sinn
des angeführten Textes, und ihr werdet bald gewahr werden, welche Helle und
welche Wärme euch aus diesen Worten väterlicher Liebe entgegenstrahlen wird!
Fühlt ihr euch öfters getroffen und erschreckt selbst vor eurem Innern, wenn
ihr gewahr werdet, wie weit ihr noch von dem entfernt seid, was ihr schon lange
zu sein glaubtet, so tröstet euch damit, daß jeder Fehler verbessert werden
kann, wenn man ihn kennt! Hat euch die Predigt den Fehler aufgedeckt, so dankt
Mir, daß Ich euch zeigte, wo es euch fehlt! Es liegt dann allein in euren
Händen, diesen Fehler, den ihr früher nicht einmal für einen Fehler gehalten
habt, sorgfältigst zu vermeiden.
[PH.01_000,08] Stets werden euch diese hier
niedergelegten Worte Ruhe und Trost schaffen, wenn auch nicht augenblicklich.
Sie werden euch oft den Anstoß geben und euch als Leitfaden dienen, wie beides
gewonnen werden kann.
[PH.01_000,09] So sollen diese Predigten Stufen
gleichen, die euch nach und nach Mich, Meine Worte und euch selbst stets mehr
kennen und eure Einsicht erweitern lehren, denn was in Meinen zwei einzigen
Geboten der Liebe enthalten ist, das alles zu erläutern, würden Äonen von
Zeiten nicht ausreichen.
[PH.01_000,10] Und nun du, Mein lieber
Schreiber, der du mit fester Beharrung dieses Werk zu Ende geführt hast, und
zwar nicht immer unter den günstigsten Umständen, da dich äußerlich und
innerlich manche Stürme aus dem Geleise brachten, – tröste dich! Wenn Ich dir
auch Bitteres schickte, so, weil nur durch Herbes die beste Heilung erzielt
werden kann.
[PH.01_000,11] Du wirst geheilt werden, und
durch das, was Ich durch deinen Stift für andere schreiben ließ, werden auch
sie der Heilung und der Erkenntnis ihrer selbst näherkommen. Damit hast du zwei
Dinge im gleichen Werk erfüllt. Du hast es zwar unter bitteren Umständen
geschrieben, aber Segen wird dir daraus erwachsen; denn du hast anderen Hohes,
Göttliches gegeben, das ebenfalls für sie Segen, Ruhe und Frieden in bewegten
Augenblicken bringen wird. So hast du deine Aufgabe gelöst.
[PH.01_000,12] Das lebende und künftige
Geschlecht wird in diesem Buch den Schlüssel finden, seine Mission und seine
Bestimmung besser zu verstehen, wozu Ich allen und überall Meinen väterlichen
Segen geben werde. Amen.