Band 7 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der
Herr auf dem Ölberg, Fortsetzung. (Kap.1-185)
[GEJ.07_001,01]
Alle kehrten nun ihre Augen nach dem Aufgange hin und bewunderten das gar
herrliche Morgenrot. Es zeigten sich äußerst anmutige Nebelgruppen über dem
Horizont, die immer heller und heller wurden, und jeder sagte, daß er schon
lange keinen so herrlichen Morgen gesehen habe.
[GEJ.07_001,02]
Und Ich sagte nun zu den vielen Umstehenden: „Seht, solch ein Aufgang der Sonne
hat eine große Ähnlichkeit mit dem geistigen Lebensmorgen des Menschen und mit
dem Aufgange der geistigen Sonne der Himmel in seiner Seele!
[GEJ.07_001,03]
Wenn der Mensch das Wort Gottes hört, so fängt es in seiner Seele zu
morgendämmern an. Wenn er den vernommenen Worten glaubt und traut, so wird es
schon heller in ihm. Er fängt dann an, eine stets größere Freude an der Lehre
zu bekommen, und wird tätig danach. Da werden diese Taten gleich jenen
lieblichen Morgenwölkchen von der Liebe gerötet, und es wird dadurch schon
heller und heller im Menschen. Aus solcher Freude des Menschen zum Guten und
Wahren aus Gott gelangt der Mensch zur stets helleren Erkenntnis Gottes, und
sein Herz erbrennt in voller Liebe zu Gott, und das gleicht ganz diesem nun
schon strahlend hellen Morgenrot. Die Erkenntnisse über Gott und daraus auch
über sich und seine große Bestimmung steigern sich derart, wie nun auch durch
die schon große Helle des Morgenrotes alle die schönen Gegenden der Erde
ringsherum wohl erkenntlich werden.
[GEJ.07_001,04] Es
wird aber immer noch heller und heller. Die der aufgehenden Sonne zunächst
stehenden Wölkchen – gleich den Taten aus reiner Liebe zu Gott – werden
hellstrahlendes Gold. Endlich erglüht es im Morgen, und seht, die Sonne selbst
steigt in aller Lichtglorie und Majestät über den Horizont herauf, und wie der
neue Tag also aus der Nacht durch die Lichtkraft der Sonne neu geboren wird, so
auch der Mensch durch die Kraft des Wortes Gottes und aus dem dann durch die
stets steigende Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn darin besteht die geistige
Wiedergeburt im Menschen, daß er Gott stets mehr und mehr erkennt und sonach
auch stets mehr und mehr liebt.
[GEJ.07_001,05]
Hat er es dann in seinem Herzen zu einer wahren Glut gebracht, so wird es
heller und heller in ihm, die Glut wird zur hellsten Lichtflamme, und Gottes
Geist geht gleich der Morgensonne auf, und im Menschen ist es vollkommen Tag
geworden. Aber es ist das kein Tag wie ein Tag dieser Erde, der mit dem Abend
wieder sein Ende hat, sondern das ist dann ein ewiger Lebenstag und die volle
Neu- oder Wiedergeburt des Geistes Gottes in der Menschenseele.
[GEJ.07_001,06]
Wahrlich sage Ich euch: Bei wem solch ein Tag in seiner Seele anbrechen wird,
der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit, und bei dem
Austritt aus seinem Leibe wird er einem Gefangenen im Kerker gleichen, der
begnadigt worden ist, und dessen Kerkermeister mit freundlicher Miene kommt,
die Kerkertür öffnet und zum Gefangenen spricht: ,Erhebe dich; denn dir ist
Gnade geworden, und du bist frei! Hier ziehe an das Kleid der Ehre, verlasse
diesen Kerker, und wandle hinfort frei vor dem Angesichte dessen, der dir
solche Gnade erwies!‘
[GEJ.07_001,07]
Wie sich ein Gefangener sicher im höchsten Grade über solche Gnade freuen wird,
so und noch mehr wird sich ein im Geiste wiedergeborener Mensch freuen, so Mein
Engel zu ihm kommen und sagen wird: ,Unsterblicher Bruder, erhebe dich aus
deinem Kerker, ziehe an das Lichtgewand der Ehre in Gott, und komme und wandle
hinfort frei und selbständig in der Fülle des ewigen Lebens im Angesichte
Gottes, dessen große Liebe dir solche große Gnade erweist; denn von nun an
wirst du ewig keinen solchen schweren und sterblichen Leib mehr zu tragen
haben!‘
[GEJ.07_001,08]
Meinet ihr wohl, daß eine Seele da eine Betrübnis fühlen wird, so Mein Engel
also zu ihr kommen wird?“
[GEJ.07_001,09]
Sagte der Mir nahe stehende Römer: „Herr, wer wird da sogestaltig noch eine
Betrübnis fühlen können? Das ist ganz sicher nur jenen Weltmenschen eigen, die
in der Eigenliebe, Selbstsucht und in der größten Unkenntnis Gottes und ihrer
Seele leben; denn diese wissen von einem Leben der Seele nach dem Tode des
Leibes nichts, – und haben sie davon auch je etwas gehört, so glauben sie es
nicht, wie mir gar viele solche nur zu bekannt sind. Ich bin bis jetzt nur ein
Heide und bin es noch meinem Äußeren nach; aber an die Unsterblichkeit der
Menschenseele habe ich schon von meiner Kindheit an geglaubt, und nach den
gehabten Erscheinungen war für mich das Leben der Seele nach des Leibes Abfall
etwas völlig unbezweifelt Gewisses. Wenn man aber das den andern Weltmenschen
kundgibt, so lachen sie darüber, zucken mit den Achseln und halten am Ende
alles für das Spiel einer lebhaften Phantasie und Einbildungskraft.
[GEJ.07_001,10]
Nun, für derlei Menschen, die dazu noch sehr gerne leben, mag der Tod des
Leibes wohl etwas ganz Entsetzliches sein; doch uns – und besonders von nun an,
wo wir von Dir aus als dem Herrn alles Lebens die höchste Zuversicht über die
Seele und über ihr ewiges Fortleben nach des Leibes Tode haben – kann eben der
Tod des Leibes kein Bangen mehr verursachen, besonders wenn ihm keine zu großen
Leibesschmerzen vorangehen, durch die der Leib bis auf den Tod gemartert und
gequält wird. Aber auch dann muß die Erscheinung des das Tor des harten
Gefängnisses öffnenden Kerkermeisters sicher eine höchst willkommene sein! –
Das ist so meine Meinung und auch mein fester Glaube; ein anderer aber kann da
meinen und glauben, was er will!“
[GEJ.07_001,11]
Sagten alle: „Ja, also meinen und glauben auch wir; denn wen sollte das Leben
in dieser Welt, die eigentlich die Hölle in ihrer vollsten Blüte und
Reichhaltigkeit ist, noch freuen können?!“
[GEJ.07_001,12]
Sagte Ich: „Ja, also ist es! Darum sage Ich euch denn auch: Wer das Leben
dieser Welt liebt, der wird das wahre Leben der Seele verlieren; wer es aber
nicht liebt und in der Art, wie es ist, flieht, der wird es gewinnen, das
heißt, das wahre, ewige Leben der Seele.
[GEJ.07_001,13]
Lasset euch nicht blenden von der Welt, und horchet nicht auf ihre
Verlockungen; denn alle ihre Güter sind eitel und vergänglich! So ihr euch aber
in dieser Welt schon Schätze sammelt, so sammelt euch vor allem solche, die
kein Rost angreift und die Motten nicht verzehren! Das sind Schätze für den
Geist zum ewigen Leben, zu deren vollstem Erwerb ihr alles aufbieten möget. Wem
aber auch irdische Schätze verliehen sind, der verwende sie gleich dem Bruder
Lazarus, und er wird dafür Schätze des Himmels ernten. Denn wer viel hat, der
gebe viel, und wer wenig hat, der gebe wenig!
[GEJ.07_001,14]
Wer einem Durstigen in rechter Nächstenliebe aus seinem Brunnen auch nur einen
Trunk frischen Wassers reicht, dem wird es jenseits vergolten werden; denn wer
da seinem Nächsten Liebe erweist, der wird auch drüben Liebe finden. Es kommt
hier wahrlich nicht darauf an, wieviel jemand gibt, sondern hauptsächlich
darauf kommt es an, wie jemand seinem armen Nächsten etwas gibt. Ein aus wahrer
Liebe freundlicher Geber gibt doppelt, und es wird ihm auch jenseits also
vergolten werden.
[GEJ.07_001,15]
Wenn du viel hast, so kannst du, wie gesagt, auch viel geben. Hast du das mit
Freuden und mit vieler Freundlichkeit gegeben, so hast du dem Armen doppelt
gegeben. So du aber selbst nicht viel hast, hast aber deinem noch ärmeren
Nächsten dennoch auch von deinem Wenigen mit Freude und Freundlichkeit einen
Teil gegeben, so hast du zehnfach gegeben, und es wird dir jenseits auch also
wiedergegeben werden. Denn was ihr den Armen also tut in Meinem Namen, das ist
so gut, als hättet ihr solches Mir Selbst getan.
[GEJ.07_001,16]
Wollt ihr aber bei jeder Gabe und edlen Tat erfahren, ob und wie Ich Selbst
daran ein Wohlgefallen habe, so sehet nur in das Antlitz dessen, dem ihr in
Meinem Namen also, wie Ich's nun erklärt habe, Gutes erwiesen habt, und es wird
euch den wahren Grad Meines Wohlgefallens klar und deutlich anzeigen.
[GEJ.07_001,17]
Was die wahre Liebe tut, das allein ist vor Gott wohlgetan; was aber da irgend
pur nach dem Maße des Verstandes getan wird, das hat wenig Wert für den Nehmer
und noch weniger für den Geber. Ich sage es euch: Seliger ist es zu geben als
zu nehmen.
[GEJ.07_001,18]
Nun aber gehen wir ein wenig fürbaß und sehen uns die Gegend gen Bethania an!
Da werden wir große Zuzüge von allerlei Handelsleuten erschauen, da heute der
große Markt beginnt und fünf Tage hindurch fortdauert.“
2. Kapitel
[GEJ.07_002,01]
Darauf begaben wir uns auf die Stelle hin, von der man gar gut die Gegend von
Bethania sehen konnte, aber auch eine Menge Wege und Straßen, die nach
Jerusalem führten. An den Wegen und Straßen waren die Maut- und Zollhäuser
erbaut, bei denen die Fremden den verlangten Zoll zu entrichten hatten. Die
meisten Zöllner von dieser Seite mit mehreren ihrer Diener und Knechte waren
seit gestern bei uns.
[GEJ.07_002,02] Es
fragte sie aber der Schriftgelehrte, ob sie nun nicht lieber da unten wären und
viel Geldes einnähmen.
[GEJ.07_002,03]
Sagte ein Zöllner: „Mein Freund, diese Frage hättest du dir füglich ersparen
können! Denn wäre uns an dieser höchst materiellen Gewinneinnahme mehr gelegen
als an der höchst geistigen, so wäre sicher schon ein jeder von uns auf seinem
Platze; denn wie wir gekommen sind, so hätten wir auch schon lange wieder gehen
können, und niemand hätte uns etwas in den Weg legen können. Aber da uns dieser
große Lebensgewinn hier lieber ist als der materielle bei unseren Zollhäusern
da unten, so bleiben wir hier und kümmern uns um die vorüberziehenden
Handelskarawanen gar nicht. Was aber die kleine Wegmaut anbelangt, nun, so
haben wir daheim schon noch Leute, die das besorgen werden.
[GEJ.07_002,04]
Es wird aber ja nun in eurem Tempel die Krämerei auch bald angehen. Würde es
dir gefallen, so ich zu dir sagete: ,Freund, sieh da hinab; es wird schon sehr
lebendig vor des Tempels Hallen! Kümmern dich die dort zu erwartenden großen
Gewinne nicht? Es wird da des blanksten Goldes und Silbers und der Edelsteine
und Perlen in großer Menge geben, und euch muß von allem der Zehent gegeben
werden. Wird man euch davon etwas geben, so ihr nicht gegenwärtig seid?‘
[GEJ.07_002,05]
Wir Zöllner und Sünder vor euch aber wissen nun von euch, daß ihr eurem Tempel
für immer den Rücken zugewendet habt, und so wäre solch eine Frage, von uns an
euch gestellt, nun sicher so unklug wie möglich. Wir aber haben nun ohnehin den
vollwahren Entschluß gefaßt, daß wir aus Liebe zum Herrn jedermann das
Zehnfache zurückvergüten werden, so wir mit unserem Wissen ihn je irgendwann
übervorteilt haben, und so mögen darum heute alle die vielen Handelsleute
wenigstens an unseren Zoll- und Mauthäusern ganz frei vorüberziehen, und wir
alle werden darum noch lange nicht verhungern. Darum lassen wir sie nun nur
ganz ruhig vorüberziehen!“
[GEJ.07_002,06]
Auf diese ganz energische Antwort des Zöllners sagte der Schriftgelehrte gar
nichts mehr und bewunderte im stillen die Großmut des Zöllners und seiner
Gefährten.
[GEJ.07_002,07]
Lazarus aber sagte: „Alle diese Fremden werden gegen Abend ganz sicher da
herauf kommen, und ich werde noch Sorge treffen müssen, daß erstens der Keller
noch besser bestellt wird und ebenso auch die Küche und die Speisekammer. Dazu
werde ich auch noch mehr Tische und Bänke im Freien herrichten lassen müssen, –
sonst wird es mir knapp gehen!“
[GEJ.07_002,08]
Sagte Ich zu Lazarus: „Laß das alles; denn solange Ich hier bin, da bist du
schon mit allem am besten und reichlichsten versorgt! Und kämen ihrer noch so
viele, so sollen sie dennoch alle bestens versorgt werden. – Sehen wir nun nur
ganz ruhig dem tollen Welttreiben da unten zu! Wie viele stark beladene Kamele,
Pferde, Esel und Ochsen traben auf den Wegen und Straßen einher und tragen
große Schätze und Güter ihrer Herren, und sie werden alles verkaufen!
[GEJ.07_002,09]
Aber dort auf der breiten Straße, die aus Galiläa nach Jerusalem führt, sehen
wir mit Ochsen bespannte Wagen und Karren; die führen Sklaven aus den Gegenden
am Pontus hierher zum Verkaufe. Es sind Jünglinge und Mädchen im Alter von
14-18 Jahren von schönstem körperlichen Wuchs. Ihre Zahl beträgt hundertzwanzig
männliche und hundertsiebzig weibliche Personen. Nun, diesen Verkauf wollen wir
verhindern und dann für dieser Armen Bildung und Freiheit sorgen! Derlei
Menschenmärkte dürfen innerhalb der Stadtmauer nicht statthaben; dieser Berg
aber befindet sich schon außerhalb der Stadtmauer und ist dennoch sehr nahe bei
der Stadt, und so werdet ihr bald sehen, wie diese Wagen- und Karrenbesitzer
gerade am Fuße dieses Berges ihre Verkaufshütten aufrichten werden und darauf
bald ihre Anbieter und Ausrufer allenthalben überallhin auszusenden suchen
werden! Allein da werden wir ihnen zuvorkommen und ihnen solche ihre Ware ganz
abnehmen und dann aber auch den schnöden Verkäufern ein Wörtlein sagen, das
ihnen solch einen Handel auf lange hin verleiden soll!“
[GEJ.07_002,10]
Sagte hier Agrikola: „Herr, wie wäre es denn, so ich diesen Menschenverkäufern
alle die männlichen und weiblichen Sklaven abkaufte, und das um den verlangten
Betrag, sie dann mitnähme nach Rom, sie dort ordentlich erziehen ließe und
ihnen dann die volle Freiheit und das Bürgerrecht Roms schenkte?“
[GEJ.07_002,11]
Sagte Ich: „Deine Idee und dein Wille sind gut; aber Meine Idee und Mein Wille
werden da noch besser sein! Wozu da Geld hingeben für etwas, das man ganz
Rechtens auch ohne Geld haben und in Besitz nehmen kann?! Bist du damit nicht
einverstanden? Solchen Menschen noch einen Gewinn geben, hieße sie in ihrem
Bösen noch bestärken; wenn sie aber mehrere solche Erfahrungen machen werden,
so werden sie sich dann schon hüten, zu solch unmenschlichen Erwerbsarten ihre
fernere Zuflucht zu nehmen.“
[GEJ.07_002,12]
Sagte hier Agrikola: „Herr, es ist hierbei nur noch auf eins zu sehen! Mir
kommt es vor, daß da in dieser Beziehung von Rom aus für alle Länder ein
eigenes Gesetz in bezug auf den Menschenhandel besteht, laut dessen ohne
Bewilligung eines römischen Oberstatthalters kein Sklave aus irgendeinem
fremden, nicht römischen Reiche in Roms Länder eingeführt werden darf; die
Bewilligung kostet aber ganz entsetzlich viel. Nun, da geschieht es aber sehr
häufig, daß derlei Sklavenhändler ihre Sklaven auf geheimen Wegen und oft auch
mit falschen Bewilligungsdokumenten in ihren Händen in unsere Länder
hereinschmuggeln. Wenn das bei diesen nun ankommenden Sklavenhändlern der Fall
sein dürfte, dann wäre es ein leichtes, ihnen ihre Ware abzunehmen; doch im
Falle, daß sie im Besitze einer oberwähnten teuren Befugnis wären, da wäre auf
dem natürlichen Wege nicht viel anderes zu machen, als den Händlern ihr
verlangtes Geld zu geben und sie dann ungehindert weiterziehen zu lassen, weil
sie in diesem Falle unter dem Schutze des Gesetzes stehen.“
[GEJ.07_002,13]
Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig geurteilt; aber weißt du, Ich bin Der, der
der Ewigkeit und der Unendlichkeit Gesetze vorschreibt, und so wirst du daraus
schon begreifen, daß Ich Mich nun da, wo das Gegenteil not tut, nicht an die
Gesetze Roms binden werde, obwohl Ich ihnen sonst als Mensch völlig untertan
bin.
[GEJ.07_002,14]
Diese Menschen, die nun die bezeichneten Sklaven hierher auf den Markt bringen,
sind zwar sehr gewinnsüchtig, aber dabei im höchsten Grade abergläubisch.
Dieser ihr stockblinder Aberglaube ist ihr größter Feind; und da weiß Ich schon
zum voraus, was da zu geschehen hat, um diese Menschen derart zu strafen, daß
sie nicht nur ihre Ware, sondern noch mehreres allerwilligst hinzu hergeben
werden, um nur mit heiler Haut davonzukommen. Wenn sie bald dasein werden, so
werdet ihr alle dann schon sehen und wohl erfahren, was Gottes Weisheit und
Macht alles zu bewirken gar wohl imstande ist.
[GEJ.07_002,15]
Jetzt aber gehen wir wieder ins Haus und stärken unsere Glieder mit einem guten
Morgenmahle; denn die Tische sind bereits alle wohl bestellt. Währenddessen
werden unsere Sklavenhändler auch vollends an Ort und Stelle sein, und wir
wollen ihnen dann einen Besuch abstatten!“
[GEJ.07_002,16]
Sagte zu Mir der Schriftgelehrte: „Herr, den Tempel wirst Du heute etwa doch
nicht besuchen? Denn heute geht es wahrlich zu arg darin zu!“
[GEJ.07_002,17]
Sagte Ich: „Was kümmert Mich nun diese Mördergrube da unten in der Hölle! Dort
und da ist der rechte Tempel Jehovas, wo im Menschen ein Herz ist, das Gott
über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt! – Gehen wir nun zum
Morgenmahle!“
[GEJ.07_002,18]
Darauf begaben wir uns alle ins Haus, setzten uns an die Tische, auf denen
schon alles in der vollen Bereitschaft war, was jedem nach seiner Art am besten
mundete, und am besten Weine hatte es auch keinen Mangel. Die Römer bewunderten
nun erst am vollen Tage die herrlichen Trinkgefäße aus dem reinsten Golde, wie
auch ihre silbernen Speiseschüsseln. Auch die sieben Pharisäer gingen nun näher
hin und konnten sich nicht genug verwundern über die Reinheit und vollste Güte
der Trinkgefäße und Eßgeschirre. Lazarus aber ermahnte sie zum Essen, weil
sonst die Fische kalt würden, und so griffen denn die sieben auch sogleich zu
und aßen und tranken mit vielem Rühmen über die Güte der Speisen und des
Weines. Auch die etlichen siebzig Armen mit dem Weibe in ihrer Mitte
erschöpften sich im Lobe über die Speisen und über den Wein, und ebenso auch
die Zöllner und ihre Gefährten.
[GEJ.07_002,19]
Ein Römer sagte: „Nun bin ich volle sechzig Jahre alt, und noch nie sind so
gute Speisen und ein solch wahrer Götterwein in meinen Mund gekommen!“
[GEJ.07_002,20]
Und so gab es hier des Lobens und Dankens nahezu kein Ende.
3. Kapitel
[GEJ.07_003,01]
Als wir da noch saßen, aßen und tranken, da kam aus dem reinen und völlig
wolkenlosen Himmel ein mächtiger Blitz, dem ein alles erdröhnen machender
Donner folgte. Alle entsetzten sich und fragten Mich, was denn nun das zu
bedeuten habe.
[GEJ.07_003,02]
Sagte Ich: „Das werdet ihr bald sehen! Diese Erscheinung hat schon den Anfang
für unsere Sklavenhändler gemacht; denn während wir hier aßen und tranken,
kamen sie unten am Berge an, und alle ihre Wagen und Karren stehen schon unten.
Sie hätten sogleich ihre Ware abgesetzt, wenn nicht dieser Blitz sie davor
gewarnt hätte.
[GEJ.07_003,03]
Es haben die Völker am nördlichsten Pontus auch eine Art Gotteslehre, die aber
natürlich im höchsten Grade mangelhaft ist; und selbst diese liegt ganz in den
Händen gewisser Wahrsager, die vom anderen Volke ganz abgesondert für sich
leben, ihre eigenen Gründe und sehr zahlreiche Herden haben und zumeist auf den
Bergen in schwer zugänglichen Hochtälern wohnen. Diese Wahrsager stammen
zumeist von den Indiern ab und sind darum in steter Kenntnis von allerlei Magie
und Zauberei, gehen jedoch nie oder nur höchst selten zu den in den großen
Tiefebenen wohnenden größeren Völkern; aber diese wissen weit und breit von
ihnen und gehen bei für sie wichtigen Angelegenheiten zu den erwähnten
Wahrsagern und lassen sich von ihnen weissagen, natürlich gegen nicht geringe
Opfer. Bei solchen Gelegenheiten sagen dann und wann diese Weisen der Berge den
Fragern auch von höheren und mächtigen unsichtbaren Wesen, von denen sie und
alle Elemente beherrscht werden, und daß eben sie als die Weisen der Berge ihre
nächsten Diener und Beherrscher der unteren Naturmächte sind. Dieses setzt
natürlich die blinden Wallfahrer stets in größtes Erstaunen, besonders, so
daneben ein solcher Wahrsager den Fragern noch irgendein Zauberwunder zum
besten gibt.
[GEJ.07_003,04]
Unsere Sklavenhändler sind mit ihrer Ware eben von dorther, und das nun schon
zum siebenten Male, obwohl in Jerusalem erst zum ersten Male, da sie sonst
solche ihre Ware entweder in Lydien, Kappadokien, auch schon in Tyrus und
Sidon, oder auch in Damaskus verkauft haben. Diesmal haben sie sich einmal nach
Jerusalem gewagt und würden auch diesmal nicht hierher gekommen sein, wenn sie
nicht Mein Wille gezogen hätte.
[GEJ.07_003,05]
Bevor sie aber daheim mit ihrer Ware abfuhren, befragten sie auch einen
Wahrsager, ob sie mit ihrem Handel glücklich sein würden. Und er sagte mit
tiefernster Miene: ,Wenn ihr keinen Blitz sehen und keinen Donner hören werdet,
so werdet ihr eure Ware wohl an den Mann bringen.‘ Das war alles, was ihnen der
Wahrsager sagte. Die Sklavenhändler hielten das für eine gute Prophezeiung, da
sie meinten, daß in dieser späten Jahreszeit kein Donnerwetter mehr kommen
werde. Doch dieser gewaltige Blitz mit dem heftigsten Donner hat sie nun eines
andern belehrt, und sie stehen nun ratlos unten am Berge. Doch bevor wir
hinabgehen, werden noch ein paar solcher Blitze folgen, durch die unsere
Sklavenhändler noch mehr eingeschüchtert werden, und wir werden dann mit ihnen
leicht reden!“
[GEJ.07_003,06]
Sagte hier einer Meiner alten Jünger: „Wer weiß, was sie für eine Zunge reden?“
[GEJ.07_003,07]
Sagte Ich: „Das geht dich vorderhand gar nichts an; Mir ist keine Zunge in der
ganzen Welt fremd! Doch diese Menschen reden zum größten Teil Indiens Zunge,
die da der urhebräischen gleichkommt.“
[GEJ.07_003,08]
Da sagte der Jünger nichts mehr, und es kam auch der zweite Blitz mit dem
heftigsten Donner, bald darauf der dritte; doch alle schlugen in die Erde und
richteten keinen Schaden an.
[GEJ.07_003,09] Nach
dem dritten Blitz aber kam schnell ein gar wunderschöner Jüngling ins Zimmer,
verneigte sich tief vor Mir und sagte mit lieblicher und doch männlich- fester
Stimme: „Herr, hier bin ich nach Deinem Rufe, um zu vollziehen Deinen heiligen
Willen!“
[GEJ.07_003,10]
Sagte Ich: „Du kommst von Cyrenius und von der Jarah?“
[GEJ.07_003,11]
Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, nach Deinem heiligen Willen!“
[GEJ.07_003,12]
Hier erkannten die alten Jünger den Raphael, gingen hin und grüßten ihn.
[GEJ.07_003,13]
Der Jüngling aber sagte zu ihnen: „O ihr Glücklichen, die ihr stets um den
Herrn in Seiner allerhöchsten Wesenheit sein könnet! – Aber bevor wir an ein
großes und wichtiges Werk schreiten, gebt auch mir etwas zu essen und zu
trinken!“
[GEJ.07_003,14]
Da wetteiferten alle, dem Jünglinge zu essen und zu trinken zu geben. Die Römer
luden ihn zu sich, und auch alle andern boten alles auf, um dem Jüngling zu
dienen; denn alle konnten die Anmut des Jünglings nicht genug bewundern. Sie
hielten ihn für einen überschönen Sohn einer irdischen Mutter, der auf
irgendein ihm bekanntgemachtes Verlangen Mir nachgereist sei. Nur die alten
Jünger wußten, wer der Jüngling war. Er aß und trank wie ein Heißhungriger, und
es nahm alle wunder, wie der Junge gar soviel in seinen Magen bringen konnte.
[GEJ.07_003,15]
Raphael aber lächelte und sagte: „Meine Freunde! Wer viel arbeitet, der muß
auch viel essen und trinken! Ist es nicht also?“
[GEJ.07_003,16]
Sagte Agrikola: „Oh, allerdings, du wahrhaft himmlisch schönster Junge! Aber
sage mir doch, wer dein Vater und wer deine Mutter ist, und aus welchem Lande
du abstammst!“
[GEJ.07_003,17]
Sagte Raphael: „Laß dir nur Zeit! Ich verbleibe nun einige Tage hier und in
dieser Zeit wirst du mich schon noch näher kennenlernen. Jetzt haben wir eine
große Arbeit vor uns, und da, lieber Freund, heißt es sich sehr
zusammennehmen!“
[GEJ.07_003,18]
Sagte Agrikola: „Aber, du mein allerliebster und schönster junger Freund, was
wirst du wohl arbeiten mit deinen durch und durch jungfräulich zarten Händen?
Du hast noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, und du willst dich nun bald an
eine große und schwere Arbeit machen?“
[GEJ.07_003,19]
Sagte Raphael: „Ich habe nur darum noch nie eine schwere Arbeit verrichtet,
weil mir eine jede dir noch so schwer vorkommende Arbeit etwas ganz Leichtes
ist. Die Folge wird dich schon eines Bessern belehren!“
[GEJ.07_003,20]
Sagte darauf Ich: „Nun ist die Zeit da, diese Gefangenen da unten zu erlösen
und frei zu machen; und so gehen wir! Wer aber hierbleiben will, der bleibe
hier!“
[GEJ.07_003,21]
Es baten Mich aber alle, daß sie mitgehen dürften, und Ich ließ es ihnen zu.
Und so gingen wir schnell den Berg hinab und waren bald bei unseren
Sklavenhändlern, um die schon eine Menge Volkes versammelt war, um die armen
Sklaven und ihre Verkäufer anzugaffen.
[GEJ.07_003,22]
Ich aber winkte dem Raphael, daß er das müßige Volk hinwegschaffen solle, und
er stob das Volk wie Spreu auseinander. Jeder lief, was er nur laufen konnte,
um von mehreren Löwen der grimmigsten Art, die sie unter sich bemerkten, nicht
zerrissen zu werden.
4. Kapitel
[GEJ.07_004,01]
Als das Volk sich also bald gänzlich verlaufen hatte, da erst trat Ich mit
Raphael, Agrikola und Lazarus zu dem Haupthändler hin und sagte zu ihm in
seiner Zunge: „Wer gab euch zuerst das Recht, Menschen und eure Kinder als eine
Ware auf den Märkten der Welt zu verkaufen und sie dadurch zu Sklaven eines
tyrannischen, geilen Käufers zu machen?“
[GEJ.07_004,02]
Sagte der Oberhändler: „Willst du sie mir abkaufen, dann zeige ich dir, daß ich
dazu das Recht habe; kaufst du sie aber nicht, so sage ich dir, so du's haben
willst, erst vor dem Pfleger des Landes, daß ich mein Recht dazu habe. Bin ich
dereinst doch selbst als ein Sklave verkauft worden; aber mein Herr, dem ich
treust diente, schenkte mir darauf die Freiheit und vieles Geld. Ich zog wieder
in mein Heimatland und handle nun selbst mit derselben Ware, als welche ich
selbst vor zwanzig Jahren einem andern dienen mußte. Ich wurde als ein Sklave
glücklich; warum diese da nicht?! Dazu ist das in unseren Ländern eine schon
gar alte Sitte, und unsere Weisen haben uns darob noch nie zur Rede gestellt.
Gegen unsere Landesgesetze sündigen wir dadurch nicht, und für die eures Landes
zahlen wir ein Lösegeld; und so haben wir uns vor niemandem unseres guten
Rechtes wegen zu verantworten!“
[GEJ.07_004,03]
Sagte Ich: „Du warst aber doch vor dreißig Tagen im Gebirge und opfertest
dreißig Schafe, zehn Ochsen, zehn Kühe und zehn Kälber, und dein Wahrsager
sagte zu dir: ,Wenn du auf deiner Reise keinen Blitz sehen und keinen Donner
hören wirst, so wirst du glücklich sein!‘ Du aber legtest dir die Sache gut
aus, indem du meintest, daß es in so später Jahreszeit kein Ungewitter mit
Blitz und Donner mehr gäbe, und begabst dich mit deinen Mithändlern auf die weite
Reise. Aber nun hat es denn doch gedonnert und zum voraus geblitzt! Was wirst
du nun machen?“
[GEJ.07_004,04]
Hier sah mich der Haupthändler groß an und sagte: „Wenn du nur ein Mensch bist,
gleichwie ich einer bin, so kannst du das nicht wissen! Denn erstens bist du
noch nie in unserem Lande gewesen, und zweitens weiß auf der ganzen Welt kein
Mensch um den Ort, wo der erste und berühmteste Wahrsager wohnt. Verraten haben
kann es dir auch kein Mensch denn wir verraten uns um alle Schätze der Welt
nicht. Wie also kannst du mein tiefstes Geheimnis wissen? Freund, sage mir nur
das, und alle diese Sklaven gehören dir!“
[GEJ.07_004,05]
Sagte Ich: „Hat euch nicht euer Wahrsager einmal gesagt, daß es noch einen
größeren Gott gebe, von dem er bloß aus alten, geheimen Schriften gehört habe?
Doch das sei für Sterbliche zu groß und unbegreiflich, und sie sollten sich
darum nicht weiter um diese Sache bekümmern! – Hat nicht also geredet euer
Wahrsager?“
[GEJ.07_004,06]
Nun ward der Haupthändler ganz außer sich und sagte: „Ich habe es gesagt und
sage es noch einmal: Du bist kein Mensch, sondern – Du bist ein Gott! Und was
soll ich, ein schwacher Wurm der Erde, mich gegen Dich setzen, der Du mich mit
einem Hauche vernichten kannst?! Es ist wahr, ich mache irdisch ein schlechtes
Geschäft! Aber hätte ich noch tausendmal so viele Sklaven, als ich hier habe,
und das wahrlich um teures und großes Geld, so wären sie alle Dein eigen! Denn
weißt Du, großer und unbegreiflich erhabener Freund, wir in unserem Lande
wissen es zum größten Teile, wo uns das harte Bärenleder am Fuße drückt; aber
helfen können wir uns nicht! Hilf Du uns, Freund, – und nicht nur diese,
sondern tausendmal so viele, und so viele Du noch darüber haben willst, gehören
Dir; denn Du bist kein Mensch, sondern Du bist ein völlig wahrster Gott!“
[GEJ.07_004,07]
Sagte Ich zu den Umstehenden: „Nehmt euch alle ein Exempel daran! Das sind
Sklavenhändler von sehr finsterer Art, und wie bald haben sie Mich erkannt! Und
da oben stehet der Tempel, den David und Salomo mit großen Unkosten Mir erbauen
ließen, – aber welch ein ungeheurer Unterschied zwischen diesen
Sklavenhändlern, die nur der Menschen Leiber verkaufen, und diesen
Seelenverkäufern an die Hölle!“
[GEJ.07_004,08]
Seht, diese Sklavenhändler sind Eliasse gegen diese elenden Seelenmeuchelmörder
da oben! Darum wird es dereinst auch Sodom und Gomorra vor Mir besser ergehen
als dieser elenden Höllenbrut da oben. Denn wäre in Sodom und Gomorra das
geschehen, was hier geschieht, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan und
wären Selige geworden. Allein, hier bin Ich Selbst da, und sie trachten Mir
nach dem Menschenleben!
[GEJ.07_004,09]
Seht, hier an Meiner Seite steht Mein Lieblingsengel Raphael, und Ich sage es
euch: Es besteht mehr Ähnlichkeit zwischen ihm und diesen Sklavenhändlern denn
zwischen ihm und diesen Gottesdienern da oben! Ich sage es euch: Dieser
Sklavenhändler ist schon ein Engel; aber die da oben sind Teufel!“
[GEJ.07_004,10]
Hier wandte Ich Mich wieder an den Sklavenhändler und sagte zu ihm: „Freund,
wieviel verlangst du für alle diese deine Sklaven? Rede!“
[GEJ.07_004,11]
Sagte der Haupthändler: „Mein Gott, was soll ich, ein schwacher, sterblicher
Mensch, von Dir wohl verlangen? Alle diese und noch tausendmal so viele gebe
ich Dir, wenn Du mich nur der Gnade für wert hältst, mir zu sagen, wo es uns so
ganz eigentlich fehlt und gebricht!“
[GEJ.07_004,12]
Sagte Ich: „So gib sie alle frei, und Ich werde euch darob die ewige Freiheit
eurer Seelen und das ewige Leben geben!“
[GEJ.07_004,13]
Sagte hierauf der Haupthändler: „Der Handel ist gemacht und geschlossen; denn
mit Göttern ist leicht handeln. Gebt alle Sklaven frei; denn wir haben nun den
besten Handel gemacht! Daß unsere Sklaven nicht schlecht daran sein werden,
davon bin ich zum voraus überzeugt. Wir selbst aber haben den größten Gewinn
gemacht; denn wir haben uns dadurch von Gott das ewige Leben erkauft. – Seid
ihr, meine Gefährten, alle einverstanden?“
[GEJ.07_004,14]
Sagten alle: „Ja, Hibram, wir haben noch nie einen größeren Gewinn gemacht! Aber
unser Wahrsager hat sich diesmal sehr geirrt; denn gerade der Blitz und der
Donner haben uns zum größten Glücke verholfen! – Machet sie frei, die
Gebundenen, und sie seien ein unentgeltliches Eigentum dieses reinen Gottes!
Wir aber wollen uns sogleich auf den Rückweg machen!“
[GEJ.07_004,15]
Sagte Ich: „O nein, die Gebundenen nehme Ich wohl an, – aber ihr selbst werdet
euch noch drei Tage hier aufhalten, jedoch ohne eure Kosten; denn für euch
werde Ich der Zahler sein zeitlich und ewig!“
5. Kapitel
[GEJ.07_005,01]
Hier gab Ich dem Raphael wieder einen Wink zur Befreiung der Gefangenen, und
sie wurden in einem Augenblick frei und ganz vollkommen bekleidet, während sie
früher nackt waren. Es machte aber diese plötzliche Befreiung der jungen
Sklaven aus leicht begreiflichen Gründen eine übergroße Sensation, und der
Haupthändler, seinen Augen nicht trauend, ging hin und befühlte die nun ganz
gut bekleideten Sklaven und sah, daß ihre Kleidung aus ganz echten
Kleiderstoffen verfertigt war, und daß diese Sklaven wirklich die seinen waren.
[GEJ.07_005,02]
Da hob er die Hände auf und sagte (der Sklavenhändler): „Jetzt erst erkenne ich
klar, daß ihr nun wahrhaft in den Händen der Götter seid! Bittet aber auch ihr
sie, daß sie euch gnädig sein möchten! Wenn ihr aber im wahren Glücke sein
werdet, dann gedenket eurer Alten daheim, die in hartem Lande hausen und mit
schwerer Mühe und Arbeit sich die dürftige und magere Leibeskost verschaffen
müssen und in dürftigen und sehr elenden Hütten aus Lehm und Stroh wohnen! Sammelt euch allerlei Kenntnisse, und kommet dann
wieder zu uns, auf daß es durch euch dann auch einmal bei uns licht und gut
werde; denn von nun an sollen keine Menschen mehr aus unseren Ländern
ausgeführt und verkauft werden!“
[GEJ.07_005,03] Hierauf wandte sich Hibram zu
Raphael, dessen Schönheit und Zartheit er nicht genug bewundern konnte, und
sagte: „O du unbegreiflich selten schönster Junge! Bist denn auch du ein Gott,
daß dir so eine wundersame Tat möglich war? Wie vermochtest du die Binden, mit
denen diese Sklaven gebunden waren, so schnell zu lösen, und woher nahmst du
die vielen und sehr kostbaren Kleider für die Jünglinge und für die Mägde?“
[GEJ.07_005,04] Sagte Raphael: „Ich bin kein
Gott, sondern nur durch die Gnade Gottes Sein Diener! Ich vermag aus mir selbst
ebensowenig wie du; aber wenn der allmächtige Wille Gottes mich durchdringt,
dann vermag ich alles, und es ist mir dann nichts unmöglich. – Was wirst du
aber mit den zweihundert noch daheim gelassenen Sklaven machen, die für den
Handel noch nicht hinreichend gemästet sind?“
[GEJ.07_005,05] Sagte Hibram: „Auch darum
weißt du, allmächtiger Junge?! Was anders soll ich nun tun, als sie zu
nützlichen und guten Menschen erziehen und sie fürderhin als meine wahren
Kinder betrachten! Dich aber werde ich bitten, daß du mir auch für sie Kleider
verschaffen wollest, die ich dann für sie mitnehmen werde.“
[GEJ.07_005,06] Sagte Raphael: „Das ist nun
noch nicht nötig; wenn du aber nach etlichen Tagen von hier abziehen und
redlichen Sinnes verbleiben wirst, so wirst du samt deinen Gefährten daheim
schon alles antreffen, dessen du und deine Gefährten bedürfen werden.“
[GEJ.07_005,07] Damit war Hibram ganz
zufrieden und desgleichen seine Gefährten, und alle dankten ihm und noch mehr
Mir, dem Herrn; denn das erkannten nun alle diese Händler, daß Ich allein der
Herr sei. Darauf aber gedachten sie der ziemlich vielen Wagen und Karren – die
freilich mit den Wagen dieser Zeit nicht zu vergleichen waren – und der schon
sehr ermüdeten Zugtiere.
[GEJ.07_005,08] Und Hibram sagte zu Raphael:
„Mein allmächtiger Wunderjunge! Wo werden wir wohl unsere Wagen, Karren und die
Zugtiere unterbringen und woher ein Futter nehmen?“
[GEJ.07_005,09] Sagte Raphael: „Da, innerhalb
dieser Mauer, die diesen Berg umschließt, der im Besitze jenes Mannes ist, der
nun mit dem Herrn spricht, sind Hütten und Stallungen in Menge, ebenso das
Futter für eure Zugtiere im Vorrat vorhanden, und da könnet ihr all das Eure
wohl unterbringen.“
[GEJ.07_005,10] Damit war der Händler Hibram
ganz zufrieden, und seine Knechte versorgten nun Wagen, Karren und Tiere.
[GEJ.07_005,11] Sagte Ich: „Da nun auch
dieses Werk wohl beendet ist, so wollen wir alle uns denn wieder auf den Berg
begeben, und die befreiten Sklaven sollen zuerst mit Speise und Trank gestärkt werden.
Und wenn du, Hibram, alles in der Ordnung haben wirst, dann komme auch du mit
deinen Gefährten und Knechten und nehmet als Meine Gäste auch Speise und
Trank!“
[GEJ.07_005,12] Damit waren alle im höchsten
Grade zufrieden, und die befreiten Sklaven wußten sich vor Freude nicht zu
helfen. Alle wollten nun zu Mir hingehen und Mir danken. Da sie aber ihrer
großen Anzahl wegen nicht auf einmal Platz haben konnten, so stellten sie sich
in schönster Ordnung in einem Kreise um Mich herum und baten Mich in ihrer
Zunge, daß ich sie ansehen und anhören möge. Da sah Ich sie alle freundlich an
und bedeutete ihnen, daß sie nun reden möchten.
[GEJ.07_005,13] Darauf sagten sie mit vieler
Rührung (die Sklaven): „O du guter Vater! Wir danken dir, daß du uns gerettet
und unsere harten Binden gelöst hast. Wir haben nichts, um es dir je zu
vergelten; aber wir wollen dir in der Folge dienen, als wären wir deine Füße,
Hände, Augen, Ohren, Nase und Mund. Oh, laß dich auch von uns lieben, guter
Vater! Bleibe uns fortan ein Vater in deiner Güte und Liebe, und verlasse uns
nimmerdar!“
[GEJ.07_005,14] Darauf ging Ich im Kreise zu
jedem einzelnen, umarmte ihn und drückte ihn an Meine Brust und sprach dabei
die Worte: „Der Friede mit dir, Mein Sohn, Meine Tochter!“
[GEJ.07_005,15] Da weinten alle die zarten,
blondlockigen Jünglinge und die noch zarteren und gar sehr lieblichen
Jungfrauen und benetzten mit ihren Freudentränen Meine Hände und Füße.
6. Kapitel
[GEJ.07_006,01] Nach dieser gar feierlichen
und jedes Herz rührenden Handlung, die keiner von allen Anwesenden ohne Tränen
in den Augen ansehen konnte, sagte Ich zu Raphael: „Nun führe du sie hinauf und
versorge sie vor uns; so wir aber dann nachkommen werden, dann erst werde für
uns gesorgt!“
[GEJ.07_006,02] Nun führte Raphael die Freien
hinauf, und als sie in den großen Saal kamen, da waren schon drei große und
lange Tische gedeckt, und diese noch ganz wahren Kinder aßen die für sie
bereiteten Speisen mit vieler Lust und Freude und tranken auch etwas Wein mit
Wasser und wurden dabei voll Freude und voll guter Dinge.
[GEJ.07_006,03] Wir aber verweilten noch am
Wege und sahen uns da die vielen herankommenden Kaufleute und Krämer an, die
mit allerlei Waren, Tieren und Früchten auf der großen Straße in die Stadt
zogen.
[GEJ.07_006,04] Da sagte der Römer zu Mir:
„Herr, das sind doch sehr viele Juden! Wissen sie denn noch nichts von Dir? Es
ist doch sehr sonderbar, wie gleichgültig die Menschen an uns vorüberziehen!“
[GEJ.07_006,05] Sagte Ich: „So wie diese da
werden noch viele an Mir vorüberziehen, werden Mich nicht ansehen und nicht
erkennen, sondern sie werden in ihrem Welttume fortwühlen, bis der Tod sie ins
Grab werfen wird und ihre Seele in die Hölle! Derlei Händler, Kaufleute, Krämer
und Mäkler sind zu weit von allem Geistigen entfernt und sind das unter der
besseren Menschheit, was da sind die Schmarotzerpflanzen auf den Ästen der
edlen Fruchtbäume und das Unkraut unter dem Weizen. Lassen wir sie ziehen,
ihrem Grabe und Tode entgegen!“
[GEJ.07_006,06] Sagte Agrikola: „Aber mein Herr
und mein Gott! Es muß aber doch unter den Menschen der wechselseitige Kauf- und
Verkaufhandel bestehen, da sonst bei den Menschen schlechter und magerer Länder
das Leben ganz und gar nicht möglich wäre! Ich kenne in Europa Länder, die
unbeschreibbar gebirgig sind, nichts als Felsen über Felsen; den dort lebenden
Menschen muß durch den Handel der meiste Lebensbedarf zugeführt werden. Hebe
diesen notwendigen Verkehr auf, und ein ganzes, großes Volk stirbt vor Hunger!
Da mußt Du selbst als Herr Himmels und aller Welten einsehen, daß derlei
Menschen nur durch einen gewissen Handelsverkehr leben und bestehen können.
Mich wundert es daher sehr, daß Deine höchste, göttliche Weisheit das
platterdings verdammt! Denn weißt Du – sonst alle erdenklichste Achtung vor Deiner
reinsten Göttlichkeit! –, aber für dieses Dein Urteil kann ich Dir mit meinem
sonst ganz gesunden Menschenverstande keinen Beifall zollen!“
[GEJ.07_006,07] Sagte Ich: „Freund, was du
weißt und verstehst, das – erlaube es Mir – habe Ich schon lange eher
verstanden, bevor noch eine Urzentralsonne in einer Hülsenglobe leuchtete!
[GEJ.07_006,08] Wahrlich, Ich sage es dir:
Ich eifere nicht gegen den gerechten und höchst wohltätigen Verkehr zwischen
Menschen und Menschen, – denn so will Ich es ja Selbst haben, daß ein Mensch
von dem andern in einer gewissen Beziehung abhängen soll, und da ist ein
gerechter Verkehr zwischen Menschen und Menschen ja ohnedies in der höchsten
Ordnung der Nächstenliebe; aber das wirst du hoffentlich denn doch wohl auch
einsehen, daß Ich dem pur allerlieblosesten Wucher kein lobend Wort reden kann!
Der redliche Kaufmann soll für seine Mühe und Arbeit seinen entsprechenden Lohn
haben; aber er soll nicht für zehn Groschen hundert Groschen und noch mehr
gewinnen wollen! Verstehst du dieses? Ich verdamme nur den Wucher, aber nicht
den notwendigen, rechtlichen Verkehr. Verstehe solches wohl, auf daß du nicht
in eine üble Versuchung fallest!“
[GEJ.07_006,09] Hier bat Mich der Römer um Vergebung
und gestand ein, daß er sich sehr und gar grob geirrt habe.
[GEJ.07_006,10] Hier trat Lazarus zu Mir und
sagte: „Herr, da wir nun ohnehin uns in die Höhe begeben werden, da hier wohl
nicht besonders viel mehr zu machen sein wird, so möchte ich von Dir nun
erfahren, was denn da mit dem wunderbaren Jünglinge ist! Wer und woher ist er
denn? Seiner Tracht nach scheint er ein Galiläer zu sein; aber wann ist er denn
zu solch einer Weisheit und Wundertatkraft gelangt? Der Mensch ist seinem
Ansehen nach kaum sechzehn Jahre alt – und übertrifft Deine alten Jünger! Wolle
mir darüber doch auch eine Auskunft geben!“
[GEJ.07_006,11] Sagte Ich: „Steht es denn
nicht in der Schrift: ,In derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes vom Himmel
zur Erde steigen sehen, und sie werden den Menschen dienen‘? Wenn dir solches
bekannt ist, so wirst du bald und leicht einsehen, was es mit dem Jünglinge für
eine Bewandtnis hat. Behalte das nun vorderhand für dich; denn alle die andern
müssen selbst darauf kommen! Meine alten Jünger kennen ihn schon, dürfen ihn
aber auch nicht vor der Zeit ruchbar machen.
[GEJ.07_006,12] Du meintest, daß wir uns nun
bald in deine Herberge begeben sollen, – doch dazu wird es nach einer Stunde
auch noch Zeit sein! Nun aber wollen wir noch hier an dieser Straße verharren;
denn es wird bald etwas vorkommen, das unsere Gegenwart sehr benötigen wird!“
[GEJ.07_006,13] Fragte Mich Lazarus, sagend:
„Herr, haben wir Schlimmes zu erwarten?“
[GEJ.07_006,14] Sagte Ich: „Freund, in dieser
Welt und unter diesen Menschen ist wenig Gutes zu erwarten! Siehe, die Zuzüge
der Marktleute werden nun schon schwächer, und so werden die Knechte der
Pharisäer nun bald einen armen Sünder, der sich vor einer Stunde im Tempel ob
seines Hungers an den Schaubroten vergriffen hat, dort an den freien Platz
unter der hohen Mauer bringen, um ihn ob seines Frevels zu steinigen! Das aber
wollen wir verhüten. Und so weißt du nun schon, warum wir noch hier verweilen.“
[GEJ.07_006,15] Es vernahm solches aber auch
Agrikola, trat zu Mir hin und sagte: „Herr, ich vernahm Deine Worte, die
wahrlich nicht sehr erbaulich klangen! Haben denn die Templer auch ein JUS
GLADII? Ich weiß doch um alle die Privilegien, die Rom seinen Völkern gegeben
hat; doch von einem solchen Privilegium weiß ich nichts! Ah, um diese Sache
werde ich mich wohl um ein sehr bedeutendes näher erkundigen! – Sage Du, Herr
und Meister, was an dieser Sache liegt!“
[GEJ.07_006,16] Sagte Ich: „Als die Römer
Herren von der Juden Länder wurden, durchprüften sie haarklein der Juden Gotteslehre
und ihre Satzungen von Moses und von den Propheten und fanden auch, daß dem
Tempel, das heißt den Priestern, von Moses aus das Recht eingeräumt ist,
gewisse gar große Verbrecher zu Tode zu steinigen. Doch die Priester selbst
haben kein Recht, jemanden zum Tode zu verurteilen, sondern sie haben den
Verbrecher den Gerichten zu überantworten, und diese haben dann nach der
Priester treuem Zeugnisse zu urteilen und den großen Verbrecher den Steinigern
zu übergeben. Allein dies geschah hier nicht, sondern das tun nun die Priester
eigenmächtig und zahlen dem Herodes eine Pacht, auf daß auch sie eine Art
eigenmächtiges Jus gladii haben, mit dem sie den größten Mißbrauch treiben, wie
es nun soeben der Fall sein wird. Aber nun heißt es, ganz gehörig auf der Lauer
zu sein; denn nun werden sie auch gleich dasein!“
7. Kapitel
[GEJ.07_007,01] Ich hatte dieses kaum
ausgesprochen, da nahte sich schon eine bedeutende Schar, die den Unglücklichen
grausamst in ihrer Mitte daherschleppte.
[GEJ.07_007,02] Ich aber sagte zu Agrikola:
„Nun gehen wir beide diesen Schergen, die von einem Tempelobersten angeführt
werden, entgegen!“
[GEJ.07_007,03] Wir kamen ihnen gerade noch
am Ausgange des großen Tores entgegen, und Ich legte dem Römer die zu redenden
Worte in den Mund, und der sagte zu dem Obersten mit der gewaltigen, ernstesten
Stimme und Miene eines Römers (der Römer): „Was gibt es hier?“
[GEJ.07_007,04] Sagte der Oberste: „Wir haben
das alte Recht von Moses, auch das Jus gladii, und können es gegen einen gar
großen Frevler auch aus eigener Macht in Vollzug setzen!“
[GEJ.07_007,05] Sagte der Römer: „Ich bin
aber als erster kaiserlicher Gesandter aus Rom nun hierhergekommen, um eure
vielen Mißbräuche der euch von Rom gegebenen Privilegien zu untersuchen! Wo
habt ihr das Urteil eines Weltrichters?“
[GEJ.07_007,06] Diese Frage kam dem
Tempelobersten sehr ungelegen, und er sagte (der Oberste): „Zeige du mir zuvor,
daß du wirklich ein Gesandter aus Rom bist; denn es könnte sich bald jemand als
ein Römer verkleiden und uns im Namen des Kaisers neue Gesetze vorschreiben!“
[GEJ.07_007,07] Hier zog Agrikola eine
Pergamentrolle aus einer goldenen Büchse hervor, die mit allen Insignien
versehen war, die den Obersten keinen Augenblick im Zweifel ließen, daß der
Vorweiser eines solchen Dokumentes ein mächtig-hoher Römer sei.
[GEJ.07_007,08] Hierauf aber fragte Agrikola,
mit großem Ernste sagend: „Nun, ich habe dir das verlangte Dokument auf dein
Begehren sogleich vorgewiesen; wo hast du nun das von mir verlangte
weltrichterliche Urteil über diesen Verbrecher?“
[GEJ.07_007,09] Sagte der Oberste: „Ich habe
es dir ja zuvor gesagt, daß der Tempel von Moses aus das alte Recht hat, einen
großen Frevler am Tempel mit dem Tode zu bestrafen, und dieses Recht ist nun
auch von Rom aus sanktioniert, und somit handelt der Tempel recht, wenn er zum
abschreckenden Beispiele einen solchen Verbrecher an Gott und Seinem Tempel
durch den Tod mittels der Steinigung, die Moses verordnet hat, bestraft!“
[GEJ.07_007,10] Sagte Agrikola, immer ernster
werdend: „Stand dieser Tempel auch schon zu den Zeiten Mosis?“
[GEJ.07_007,11] Sagte der Oberste: „Das eben
nicht; aber Moses war ein Prophet und wußte in seinem Geiste sicher davon, daß
Salomo, der weise und große König, Gott einen Tempel erbauen werde, und es ist
sonach ein Frevel gegen den Tempel und seine höchst geheiligten Einrichtungen
ebensosehr strafbar wie ein Frevel gegen Gott Selbst!“
[GEJ.07_007,12] Sagte Agrikola: „Warum hat
denn hernach Moses selbst für derlei Vorfälle eigene Richter aufgestellt und
gab solch ein Gericht nicht in die Hände der Priester? Wie seid denn ihr nun
auch zu Richtern über Tod und Leben eines Menschen geworden? Moses hat euch nur
zu Priestern gemacht, und Rom hat nun dafür, daß es gleich euren Weltrichtern
zu eures Königs Saul Zeiten sich dasselbe Recht nahm, euch allen auch ein
weltliches Richteramt gegeben, und das mit der ausdrücklichen Weisung, daß wie
immer geartete Verbrecher, besonders die, die den Tod verdient haben, allzeit
dem Weltrichter des Ortes zu übermitteln sind, und daß kein Priester sich dann
weiter darum zu kümmern habe, was das Gericht über den Verbrecher verfügen mag.
Euch kommt es daher niemals zu, je jemanden zu richten, zu verurteilen und am
Ende gar selbst Hand an ihn zu legen!
[GEJ.07_007,13] Daher lasset nun diesen euren
Verbrecher augenblicklich los! Ich selbst werde ihn vernehmen und daraus
ersehen, ob sein Verbrechen wohl den Tod verdient hat oder nicht; und wehe
euch, wenn ich da eine Ungerechtigkeit von eurer Seite gegen diesen Menschen
finde!“
[GEJ.07_007,14] Auf diese scharfe Androhung
ließen die Tempelschergen und Knechte den Verbrecher los und stellten ihn vor
Agrikola hin.
[GEJ.07_007,15] Und der Oberste sagte: „Da
ist der Bösewicht! Erforsche ihn selbst! Ich und alle diese Knechte aber sind
hoffentlich Zeugen zur Genüge und können wider sein hartnäckiges Leugnen
auftreten!“
[GEJ.07_007,16] Sagte Agrikola: „Ganz wohl;
aber ich habe eben hier einen höchst wahrhaftigen Zeugen an meiner Seite und
erkläre euch hiermit zum voraus, daß ich jede Lüge, sowohl von seiten dieses
Verbrechers, wie auch von eurer Seite, auf das allerschärfste ahnden werde!
Aber noch schärfer werde ich mit denen verfahren, die über diesen Armen etwa
gar ein boshaftes und somit höchst strafbares Urteil gefällt haben!“
[GEJ.07_007,17] Auf diese eben nicht sehr
freundliche Anrede des Römers wurde der Oberste samt seinen Knechten von einer
großen Angst befallen, und der Oberste machte Miene, sich zu entfernen, und
auch die Knechte sagten: „Was haben wir dabei zu tun? Wir haben keinen Willen,
sondern wir müssen selbst dem Willen des Tempels gehorchen. Der Oberste soll
diese Sache mit dir, hoher Gebieter, selbst aus- und abmachen! Wenn ein
Verbrecher zu bestrafen ist, so sind wir die tätlichen Vollstrecker des
Urteils; warum aber jemand im Grunde des Grundes verurteilt worden ist, davon
wissen wir selbst nichts anderes und weiteres, als was uns von den Richtern nur
stets ganz kurz mitgeteilt worden ist. Wie könnten wir da nun gegen oder für
diesen Verbrecher zeugen? Darum laß uns, du hoher Gebieter, weiterziehen!“
[GEJ.07_007,18] Sagte darauf Agrikola: „Das
geht hier durchaus nicht an, sondern ihr bleibet des Obersten wegen, also wie
auch der hier verbleiben muß, bis ich den Verbrecher werde vernommen haben!“
8. Kapitel
[GEJ.07_008,01] Als alle solche Sentenz
vernommen hatten, blieben sie stehen, und Agrikola fragte zuerst den Obersten,
sagend: „Was hat dieser Mensch denn verbrochen, darum er vor euch den Tod
verdient hätte?“
[GEJ.07_008,02] Sagte der Oberste sehr
verlegen: „Er hat gestern nachmittag mit frecher Hand gewagt, die höchst
geheiligten Schaubrote anzugreifen und sogar davon zu essen, was allein nur der
Hohepriester ungestraft tun kann, unter Gebet und Absingung der Psalmen. Man
ergriff ihn bei der frechen Tat und verurteilte ihn nach dem Gesetz zum
verdienten Tode, und da bedarf es keines weiteren Verhörs, weil da schon die
Tat ohnehin der größte Beweis für die Schuld des Verbrechers ist.“
[GEJ.07_008,03] Sagte Agrikola: „So, – das
ist eine gar löbliche Gerichtsbarkeit! Muß denn nicht laut unseren Gesetzen bei
jedem Verbrecher vor allem darauf gesehen werden, inwieweit bei einem oder dem
andern Verbrechen ein Verbrecher zurechnungsfähig ist?! Wenn ein blöder Mensch
ein noch so großes Verbrechen begeht, das bei einem mehr intelligenten Menschen
nach den Gesetzen offenbar den Tod nach sich ziehen würde, so ist der offenbar
Blöde in Gewahrsam zu nehmen, damit er der menschlichen Gesellschaft fürderhin
nicht so leicht gefährlich werde, und ist, wenn er sich gebessert hat, entweder
freizulassen oder im nicht völligen Besserungsfalle als Galeerensklave zu
verwenden, damit er da seine Sünden abbüße und dabei den Menschen doch noch
etwas nütze.
[GEJ.07_008,04] Ferner ist bei einem
Verbrecher ja auch darauf zu sehen, durch welche Umstände gedrungen ein Mensch
oft bei den Haaren zu einem Verbrechen hingezogen wurde, welche Umstände dann
das Verbrechen auch gar sehr mildern können. Denn es ist gewiß ein großer
Unterschied, ob jemand vom Dache fällt und dadurch einen zufällig darunter
weilenden Menschen tötet, oder ob jemand vorsätzlich einen Menschen tötet. Und
zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch eine Menge Nebenumstände, die ein
jeder gerechte Richter wohl zu beherzigen hat, weil sie auf ein und dasselbe
Verbrechen entweder mildernd oder erschwerend einwirken können.
[GEJ.07_008,05] Wenn zum Beispiel jemand als
Kläger zu euch käme und sagte: ,Durch diesen Menschen ist mein Bruder getötet
worden!‘, und wenn ihr dann, ohne den verklagten Menschen weiter zu prüfen, ihn
sogleich zum Tode verurteiltet, welch elende Richter wäret ihr da! Ist denn in
unserem Gesetz nicht ausdrücklich jedem Richter strengstens geboten, sich vor
allem über das CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS genauest zu erkundigen
und dann erst zu urteilen?! Habt ihr das bei diesem Verbrecher getan?“
[GEJ.07_008,06] Sagte der Oberste: „Wir aber
haben im Tempel kein römisches, sondern allein nur das Mosaische Gesetz, und
das lautet ganz anders!“
[GEJ.07_008,07] Sagte Agrikola. „So? Wenn
euer Moses solche richterlichen Gesetze gab, wie ihr sie in eurem Tempel
beobachtet, dann müßte euer Moses der dümmste und grausamste Gesetzgeber
gewesen sein, gegen den wir Römer reine Götter wären! Doch ich kenne die
sanften Gesetze Mosis nur zu gut, und wir haben unsere Staatsgesetze zumeist
nach ihm geformt, und ihr Templer seid vor Gott und vor allen Menschen die
strafwürdigsten Lügner, so ihr mir ins Gesicht behaupten wollt, daß eure
allerdümmsten, tyrannisch grausamsten Tempelsatzungen von Moses aufgestellt
sind! Das sind eure Satzungen, die ihr eigenmächtig und gottvergessen ganz
sinn- und gewissenlos zusammengeschrieben habt, und ihr quält nun das arme Volk
nach solchen euren scheußlichen Gesetzen ganz nach eurer Willkür! Könnet ihr so
etwas als ein von einem höchst weisen Gotte geheiligtes Gesetz anerkennen?“
[GEJ.07_008,08] Sagte der Oberste: „Habe ich
doch die Satzungen des Tempels nicht gemacht! Sie sind einmal da, und wir haben
uns an sie zu halten, ob sie nun von Moses oder von jemand anders herrühren!“
[GEJ.07_008,09] Sagte Agrikola: „Ganz gut,
wir Römer werden solch einem Unfuge schon zu steuern wissen! Aber nun heißt es:
AUDIATUR ET ALTERA PARS“!
[GEJ.07_008,10] Hierauf wandte er sich mit
einer freundlicheren Miene an den Verbrecher: „Gib du mir nun ganz der Wahrheit
gemäß an, wie es mit deinem Verbrechen steht! Leugne nichts, sondern bekenne
alles; denn ich kann dich retten, aber auch töten, so dein Verbrechen irgendwie
den Tod verdient hat!“
9. Kapitel
[GEJ.07_009,01] Hier richtete sich der
Verbrecher auf und sagte voll Mutes ganz frei und ohne allen Hinterhalt: „Mein
großer und mächtiger und gerechter Herr und Richter! Ich bin ebensowenig
irgendein Verbrecher wie du und der, welcher mit dir ist!
[GEJ.07_009,02] Ich bin ein armer Tagewerker
und muß mit meinen Händen erhalten und ernähren Vater und Mutter, welche beiden
Eltern stets krank und nahe ganz arbeitsunfähig sind. Dazu habe ich noch eine
jüngere Schwester, die erst siebzehn Jahre und acht Monde alt ist. Auch diese
muß ich ernähren, weil sie sich selbst nichts verdienen kann, da sie daheim die
kranken Eltern pflegen muß. Diese meine gar liebe und brave Schwester, obschon
sehr arm, ist aber von Natur aus sehr schön und reizend und ist als das den
Templern leider nicht unbekannt, und es haben sich einige schon eine große Mühe
gegeben, um sie zu verführen; aber sie richteten dennoch nichts aus und machten
mir und den Eltern Drohungen, sagend: ,Na warte, du stolzes Bettelvolk, du
sollst uns bald zahmer und demütiger werden!‘
[GEJ.07_009,03] Ich suchte am nächsten Tage
in den mir schon bekannten Häusern Arbeit, und man sagte mir, daß ich von den
Priestern darum für einen großen Sünder erklärt worden sei, weil ich mit meiner
leiblichen Schwester Blutschande triebe. Man wies mir die Tür, und ich wußte
mir nicht zu helfen.
[GEJ.07_009,04] Ich ging darauf zu etlichen
Heiden und stellte ihnen meine große Not vor. Diese beschenkten mich mit
etlichen Pfennigen, damit ich für uns doch etwas Brot kaufen konnte. Doch die
etlichen Pfennige waren bald verzehrt, und ich und die Meinen hatten schon zwei
Tage nichts zu essen, und ich konnte mir auch nichts mehr verdienen und auch
von niemand mehr etwas erbitten, woran aber auch diese Feiertage viel
schuldeten, weil man in dieser Zeit auch auswärts keine Arbeit bekommen kann. Da
dachte ich mir: ,So du als schuldloser Jude das tätest, was einst David tat,
als es ihn sehr hungerte, so wäre das vor Gott ja doch keine so grobe Sünde!?‘
[GEJ.07_009,05] Und ich ging gestern am
späten Nachmittag, von großer Not getrieben, in den Tempel, kam zu den
Schaubroten, griff nach einem ersten und für meinen Hunger besten Laibe und
wollte mich sättigen und einen Teil meinen ebenso hungrigen Eltern und der
nicht minder hungrigen Schwester bringen; aber da entdeckten mich alsbald die
lauernden Wächter, schrien Frevel über Frevel und schleppten mich
unbarmherzigst vor die Priester. Diese erkannten mich bald und schrien: ,Ha,
das ist ja der stolze Bettler, der Blutschänder und nun Frevler an den
Schaubroten! Darum werde er morgen noch vor der Mitte des Tages gesteinigt!‘
[GEJ.07_009,06] Darauf schleppte man mich
unter allerlei Mißhandlungen und fürchterlichsten Beschimpfungen in ein
finsteres Loch, darin ich bis heute schmachtete. Wie man mich von dort bis
hierher geschleppt hat, das hast du, hoher Richter, selbst gesehen. Wie es aber
den armen Eltern und meiner armen Schwester ergehen wird oder schon ergangen
ist, das wird Jehova wissen!
[GEJ.07_009,07] Hoher Richter! Das ist alles,
was ich dir von meinem Verbrechen als völlig wahr sagen kann! Oh, richte mich
nicht so hart, wie mich besonders dieser Oberste gerichtet hat! Denn offen
gesagt, eben der war es auch, der meine keusche Schwester verführen wollte, –
was ich beschwören kann vor Gott und vor allen Menschen! Ich kann dir dafür
auch getreuest wahre Zeugen angeben, die diesen gewiß traurigen Vorfall mit Eid
bestätigen werden!“
[GEJ.07_009,08] Sagte Agrikola, ganz ergrimmt
über den Templer: „Mein Freund! Wer so offen spricht wie du, bei dem bedarf es
wahrlich nicht vieler anderer Beweise! Zudem habe ich hier an meiner Seite
einen gar gewichtigen Zeugen zur Steuer der Wahrheit deiner Aussage. Es wird
aber sogleich jemand dasein, der deine Eltern und deine Schwester ganz gestärkt
hierherschaffen wird – und dann noch jemand anders, den ich für diesen Templer
sehr vonnöten haben werde!“
10. Kapitel
[GEJ.07_010,01] Hier war auf Meinen innern
Ruf Raphael auch schon da, zu dem Ich innerlich sagte: „Horche nun auf das
Verlangen des Römers; denn Ich gebe ihm Gedanken, Worte und Willen!“
[GEJ.07_010,02] Als Agrikola den Raphael
bemerkte, sagte er: „Ich dachte mir es ja, daß du nicht lange auf dich warten
lassen wirst!“
[GEJ.07_010,03] Sagte Raphael: „Was du
willst, weiß ich bereits! Es wird alles binnen weniger Augenblicke in der
Ordnung sein; denn die verlangten Menschen wohnen nicht weit von hier, und ich
werde sie darum auch bald herbeigeschafft haben.“
[GEJ.07_010,04] Sagte nun der Oberste: „Wozu
das?“
[GEJ.07_010,05] Sagte Agrikola: „Du wirst
reden, wenn du gefragt wirst; jetzt schweige!“
[GEJ.07_010,06] Hier entfernte sich der Engel
schnell und brachte die beiden Alten und die junge, sehr ärmliche, aber der
Gestalt nach wahrlich sehr schöne Schwester, und zugleich kamen hinter ihnen
zehn römische Soldaten und ein von Pilatus abgeordneter Richter.
[GEJ.07_010,07] Raphael sagte zu Agrikola:
„Freund, also wird es recht sein!“
[GEJ.07_010,08] Sagte Agrikola: „Das sicher;
denn also wollte ich es ja haben!“
[GEJ.07_010,09] Hierauf trat Raphael zurück
und stand in der vollsten Bereitschaft, auf Meinen Wink zu handeln.
[GEJ.07_010,10] Agrikola wandte sich nun zu
den dreien und fragte sie, ob sie den mißhandelten Menschen wohl kennten.
[GEJ.07_010,11] Sagte die Schwester: „O
Jehova, was ist denn mit meinem armen Bruder geschehen? Er ging gestern
nachmittag irgendwohin, Brot zu holen, da wir schon zwei volle Tage nichts
gegessen hatten, kam aber nicht wieder. Wir hatten eine große Angst um ihn und
beteten, daß ihm ja nichts Arges begegnen möge. Und nun treffen wir ihn nach
der Nachricht jenes lieben, jungen Boten hier in einem Zustande, der nichts
Gutes hinter sich haben kann!“
[GEJ.07_010,12] Die Schwester wollte noch
weiter forschen, doch Agrikola ermahnte sie mit freundlicher Stimme, sagend:
„Lasse, du lieblichste Tochter Zions, nun alles weitere Fragen; denn dein
Bruder befindet sich nun schon ohnehin in den besten Händen! Ich werde dir aber
nun jenen Tempelobersten, der sein Gesicht soeben von uns abgewandt hat,
vorstellen, und du mußt mir der vollsten Wahrheit nach bekennen, ob und wie du
ihn kennst!“
[GEJ.07_010,13] Sagte die Schwester: „O Herr,
erspare dir diese Mühe; denn diesen Elenden habe ich zu meinem Entsetzen bei
meinem Hergehen von weitem schon erkannt!“
[GEJ.07_010,14] Sagte Agrikola: „Das macht
nichts; desto besser für euch alle!“
[GEJ.07_010,15] Hierauf berief der Römer mit
sehr gebieterischer Stimme den Obersten, sagend: „Nun tritt offenen Angesichtes
näher und rede! Was kannst du nun auf solch eine gegen dich gerichtete Anklage
erwidern? Bekenne offen die Wahrheit, oder ich werde sie dich am glühenden
Kreuze bekennen lassen, auf daß du der Römer Gerechtigkeit näher kennenlernen
sollst; denn wir Römer machen auch mit keinerlei Priestern irgendwelche
Ausnahmeumstände! Tritt her und rede!“
[GEJ.07_010,16] Hier wandte sich der
Tempeloberste um und sagte mit bebender Stimme: „Herr voll Macht und Würde! Was
soll ich hier noch erwidern können?! Es ist leider also, wie der Arme ehedem
über mich ausgesagt hat, und ich habe die Strafe verdient, die du immer über
mich erlassen wirst! Könnte ich je frei werden, so würde ich mein unmenschlich
großes Vergehen an dieser armen Familie tausendfach gutmachen; aber ich habe
keine Befreiung von einer gerechten Strafe verdient, und so wird es schwer
sein, an dieser armen und höchst braven Familie das wieder gutzumachen, was ich
ihr Übles zugefügt habe.“
[GEJ.07_010,17] Sagte Agrikola: „Ich bin kein
Richter gleich euch nach dem Maße der Leidenschaft, sondern ein Richter nach
dem Maße des Rechtes; ich sage aber hier, daß nun deine Hauptrichter diese vier
von dir so unmenschlich tief Beleidigten sind! Wie dich diese verurteilen
werden, also werde auch ich dich verurteilen! Was aber dieser Arme und Hungrige
im Tempel gegen eure Schaubrote sich versündigt hat, das soll Gott richten!
Vergibt ihm Der, so vergeben ihm auch wir; denn gegen uns hat er keine Sünde
begangen!“
[GEJ.07_010,18] Hierauf wandte sich Agrikola
an die arme Familie und sagte: „Bestimmet nun, was ich diesem großen Übeltäter
tun soll! Denn er hat euch nicht nur in eurem Hause doppelt geschadet, da er
eure keusche Tochter hat schänden wollen und, weil ihm das mißlang, dann durch
seinen bösen Mund dahin wirkte, daß euer Sohn nirgends mehr eine Arbeit bekam,
sondern er hat euern Sohn auch deswegen, weil er sich aus Hunger an einem Laib
Schaubrot vergriff, zum Steinigungstode verurteilt, – und wäre dieser größte
aller Menschenfreunde nicht dagewesen, so wäre dieser euer Sohn nun schon tot,
und ihr hättet ihn nie wieder zu Gesichte bekommen!
[GEJ.07_010,19] Dort vorne stehen noch die
tierischen Tempelhäscher und Schergen, die ihn gesteinigt hätten, – dieser
Tempeloberste aber ist eben auch vorzugsweise jener allerunbarmherzigste und
ungerechteste Richter, der euren Sohn zum Steinigungstode verurteilt hat! Mir
ist das Gesetz über den Vergriff an den Schaubroten nicht unbekannt; die
Todesstrafe hat Moses nur für den Fall des verstockten Mutwillens erlassen und
nicht für den Fall einer wahren Hungersnot, wo ein jeder Jude das Recht hat,
sich auch mit den Schaubroten zu sättigen, so es ihn zu gewaltig hungert, wie
desgleichen auch euer großer König David getan hat, als es ihn hungerte, weil
er das Gesetz Mosis besser verstand als sein damaliger Oberpriester. Damit aber
spreche ich auch euren Sohn von aller Schuld frei, und an euch ist es nun, ein
Urteil über diesen gewaltigen Verbrecher an euch auszusprechen!“
[GEJ.07_010,20] Sagte der Vater des Sohnes
und der schönen Tochter: „Herr und mächtiger Richter! Wir alle danken dem
großen Gott und dir und deinem Freunde, daß wir so wunderbar aus solch einer
großen Gefahr gerettet worden sind. Wie aber Gott das Gute und Rechte am Ende
allzeit beschützt, so bestraft Er auch allzeit das wahrhaft Böse eines
verstockten Sünders, so er ohne Reue und Buße in seiner Bosheit verharrt.
Bessert er sich aber ernstlich, so vergibt ihm Gott auch seine noch so großen
und vielen Sünden. Darum richte ich diesen Menschen auch nicht, sondern
überlasse ihn lediglich dem Willen Gottes; denn Gott allein ist ein
gerechtester Richter. – Das ist unser Urteil über diesen unsern großen Feind.
Wir alle vergeben ihm von Herzen alles, was er an uns Übles getan hat.“
11. Kapitel
[GEJ.07_011,01] Als der Tempeloberste solches
Urteil über sich aus dem Munde des ehrlichen, armen Vaters vernommen hatte,
brach er in Tränen aus und sagte: „O großer Gott, wie gut sind deine wahren
Kinder, und wie entsetzlich schlecht sind wir als eine wahrhafte Schlangenbrut
der Hölle! O Gott, strafe mich ganz nach meinem bösesten Verdienste!“
[GEJ.07_011,02] Sagte Agrikola: „So dich
diese nicht gerichtet haben, die dazu das eigentliche Recht hätten, so richte
auch ich dich nicht; aber darum habe ich den Richter kommen lassen, daß er es
dir und dem ganzen Tempel strengstens untersage, je ein Todesurteil über jemand
zu verhängen; – ansonst bist du und der ganze Tempel nicht straffrei. Diese
Häscher und Schergen aber sollen für ihren freien Mutwillen mit diesem Armen
jeglicher mit hundert Rutenhieben gezüchtigt werden, damit auch sie fühlen, wie
wohl ein solch unmenschlicher Mutwille einem Armen tut. Die Soldaten mögen sie
sogleich ins Zuchthaus bringen und sie stäupen! Es geschehe!“
[GEJ.07_011,03] Nun fingen diese an zu heulen
und zu bitten.
[GEJ.07_011,04] Sagte Agrikola: „Hat euch
dieser Arme nicht auch gebeten, daß ihr ihn nicht also mißhandeln sollet, – und
ihr achtetet nicht seines Flehens, da euch doch nur befohlen ward, ihn zu
bewachen? Daher, weil ihr etwas getan habt, wozu ihr nicht einmal ein
scheinbares Recht hattet, wird euch auch nicht ein einziger Rutenhieb erlassen,
sondern den Peinigern noch streng bedeutet, daß ein jeder Hieb mit der größten
Schärfe geführt wird. Und nun weiter; denn für euch gibt es weder bei Gott und
noch weniger bei mir ein Erbarmen!“
[GEJ.07_011,05] Hier umschlossen die Krieger
die im ganzen fünfzehn Tempelhäscher und Schergen und stießen sie vor sich hin.
[GEJ.07_011,06] Der Tempeloberste aber fragte
mit zitternder Ehrfurcht den Römer, sagend: „Hoher und mächtiger Gebieter! Was
soll ich denn nun eigentlich mit diesem Richter abmachen?“
[GEJ.07_011,07] Sagte Agrikola: „Das habe ich
dir schon angezeigt; so du es aber noch nicht begriffen hast, da sage ich es
dir noch einmal: Du gehst mit dem Richter ins Amthaus und wirst dort von ihm
eine wohlgemessene Weisung erhalten, wie sich der Tempel in aller Zukunft mit
seinen Mosaischen Strafen zu verhalten hat! Jede Übertretung solch einer
Weisung wird von Rom aus auf das schärfste geahndet werden! Mit solch einer von
Pilatus auf meinen Befehl unterfertigten Weisung begibst du dich dann in den
Tempel und machst sie kund!“
[GEJ.07_011,08] Sagte der Oberste: „Was soll ich
aber dem Pilatus sagen, so er mich näher um dich fragen möchte?“
[GEJ.07_011,09] Sagte Agrikola: „Das wird
Pilatus nicht tun, da ich schon vor ein paar Tagen bei ihm war, er mich nur zu
gut kennt und wohl weiß, warum ich nun diese unsere Länder im Namen des Kaisers
bereise. Und nun magst auch du gehen!“
[GEJ.07_011,10] Hier verbeugten sich der
Richter und der Oberste tief vor Agrikola, und der Richter ermahnte den
Obersten, ihm zu folgen.
[GEJ.07_011,11] Aber der Oberste sagte: „Nur
eine Frage an den Gesandten des Kaisers laß mich noch stellen!“
[GEJ.07_011,12] Sagte der Richter: „So frage
eilig; denn wir Richter haben in dieser Zeit wenig Weile!“
[GEJ.07_011,13] Hierauf wandte sich der
Oberste nochmals an Agrikola und sagte: „Mächtiger Gesandter des Kaisers!
Siehe, ich bin sehr reich, und es ekelt mich vor meinen Schätzen! Da ich aber
dieser armen Familie ein gar so himmelschreiendes Unrecht zugefügt habe, so
möchte ich durch die vollkommenste Abtretung aller meiner Schätze an sie dieses
Unrecht an ihr nach aller Möglichkeit sühnen. Dürfte ich nun bei diesem Richter
unter einem einen Schenkbrief ausfertigen lassen und solchen ihr dann samt
allen meinen Schätzen einhändigen, auf daß sie dann niemand fragen kann, woher
sie solche erhalten hat?“
[GEJ.07_011,14] Sagte Agrikola: „Du wirst der
armen Familien noch in großer Menge finden, an denen du die langversäumten
Werke der Nächstenliebe üben kannst; doch diese arme Familie ist schon so gut
wie allerbestens versorgt. Und somit kannst du nun schon gehen! Tue in der
Folge recht und fürchte Gott, so wirst du zu keiner solchen Begegnung mehr
gelangen! Es sei!“
[GEJ.07_011,15] Hierauf verneigten sich die
beiden nochmals und gingen von dannen.
[GEJ.07_011,16] Wir aber kehrten mit der
geretteten Familie wieder zu den Unseren zurück, die schon voll Neugierde
harrten, um zu erfahren, was sich da alles zugetragen hatte. Denn sie waren von
uns so weit entfernt, daß sie uns wohl noch sehen, aber von all dem
Vorgegangenen nichts vernehmen konnten. Auch unser Sklavenhändler Hibram hatte
sich mit seinen Gefährten vorgedrängt, um zu erfahren, was etwa da vorgefallen
sei.
[GEJ.07_011,17] Aber Ich sagte zu Lazarus:
„Freund, nun ist vor allem nötig, diesen vieren eine Leibesstärkung zu
verschaffen, – alles andere werden wir dann schon oben besprechen; denn diese
haben nun schon über zwei Tage lang nichts gegessen. Die beiden Alten waren
sehr krank und schwach, doch sie sind geheilt. Dieser sonst kräftige jüngere
und sehr mißhandelt aussehende Mensch ist eben derjenige, der da hätte
gesteinigt werden sollen, und diese gar liebliche Jungfrau ist seine Schwester,
und beide sind Kinder dieses armen, aber ehrlichen Elternpaares. Und nun weißt
du schon, mit wem du es zu tun hast!“
[GEJ.07_011,18] Sagte auch Agrikola: „Und was
sie verzehren werden, solange ich mich hier aufhalten werde, das kommt auf
meine Rechnung, sowie ich auch wünsche, daß sie an meinem Tische bestens
verpflegt werden sollen! Hierauf nehme ich sie ohnehin mit nach Rom. Also werde
ich auch die Sklaven alle auf meine Rechnung nehmen und werde fortan für ihr
gutes Fortkommen in natürlicher und geistiger Hinsicht alle meine Sorge
aufbieten!“
[GEJ.07_011,19] Sagte Lazarus: „Freund,
einige aber möchte wohl auch ich behalten; denn sieh, ich habe weder ein Weib
noch Kinder und möchte wohl auch etliche an Kindesstelle aufnehmen!“
[GEJ.07_011,20] Sagte Agrikola: „Das steht
dir ganz frei; so viele du willst, überlasse ich dir gerne!“
[GEJ.07_011,21] Damit war Lazarus ganz
zufrieden, und wir traten den Weg auf den Berg an und waren auch bald an Ort
und Stelle.
12. Kapitel
[GEJ.07_012,01] Als wir oben ankamen, da
waren die Sklaven alle in guter Ordnung aufgestellt und grüßten Mich schon von
weitem, sagend: „Heil dir, lieber, guter Vater; denn du hast uns erlöst und
frei gemacht von unseren harten Banden! Du hast uns ein neues, gar schönes
Gewand gegeben, daß wir nun gar lieblich anzusehen sind, und hast uns gesättigt
mit überguter Speise und gar kräftig und süß schmeckendem Tranke! O du guter,
lieber Vater du, komme, komme, damit wir dir mit unserer Liebe danken können!“
[GEJ.07_012,02] Als Ich ganz zu ihnen kam, da
drängten sich alle zu Mir und küßten und kosten Mich.
[GEJ.07_012,03] Die Jünger aber bedeuteten
ihnen, daß sie sich nicht gar so sehr und heftig um Mich drängen sollten.
[GEJ.07_012,04] Ich aber sagte zu den
Jüngern: „Lasset ihnen ihre allerunschuldigste Freude; denn wahrlich, Ich sage
euch: Wer Mich nicht liebt wie eins dieser wahren Kinder hier, der wird nicht
zu Mir kommen! Denn wen nicht der Vater (in Mir) zieht, der kommt nicht zum
Sohne (zur Weisheit aus Gott). Diese aber zieht der Vater, und darum drängen
sie sich denn auch also um Mich. Diese wissen noch nicht, wer Ich bin, doch den
Vater haben sie in Mir schon um vieles besser erkannt denn ihr bis zur Stunde.
Wie gefällt euch das?“
[GEJ.07_012,05] Da sagten die Jünger nichts
mehr und fühlten es wohl, daß sie Mich noch nie mit solcher Liebe in ihren
Herzen aufgenommen hatten wie nun diese Kinder aus dem sonst so kalten Norden.
[GEJ.07_012,06] Als Mich diese Kinder also
abgekost und Mir für alles gedankt hatten, da traten sie wieder in einer ganz
guten Ordnung zurück, und wir gingen ins Haus und setzten uns an die Tische in
der Ordnung wie am vergangenen Tage, nur nahmen die vier Armen nach dem guten
Willen des Agrikola am Tische der Römer Platz. Die Sklavenhändler mit Hibram
aber nahmen neben den sieben Pharisäern Platz, und als also alles geordnet war,
da wurden Speisen aufgetragen und Wein und Brot in schwerer Menge, so daß die
Sklavenhändler sich über eine so reiche Mahlzeit nicht genug wundern konnten.
Raphael saß neben Mir, um gewisserart schnell bei der Hand zu sein, so Ich
seines Dienstes benötigte.
[GEJ.07_012,07] Es waren aber die vier Armen
aus sehr leicht begreiflichen Gründen höchst dürftig in schon sehr schadhafte
Kleider gehüllt, was den Lazarus, der auch neben Mir saß, sehr dauerte.
[GEJ.07_012,08] Er sagte darum zu Mir
(Lazarus): „Herr, ich habe daheim der Kleider in Menge! Wie wäre es denn, so
ich jemanden nach Bethania entsendete und für diese Armen Kleider
herbeischaffen ließe? Vielleicht käme auch die Schwester Maria, die hier sicher
auch eine große Freude hätte!“
[GEJ.07_012,09] Sagte Ich: „Freund, deine
Sorge für die Armen ist Mir immer sehr lieb, und Ich habe darum Wohnung bei dir
genommen; aber diesmal werde schon Ich auch für diese also sorgen, wie Ich
ehedem für die Kinder, die nun draußen herum sich erheitern, gesorgt habe! Die
beiden Schwestern aber haben daheim nun ohnehin mit den vielen Fremden zu tun
und sind in deinem Hause notwendig; wenn Ich aber wieder von hier gehen werde,
so werde Ich ohnehin vorher zu dir nach Bethanien kommen und da deine
Schwestern sehen und sprechen. Diese vier Armen aber wirst du bald in besseren,
und zwar in römischen Kleidern ersehen. Doch lassen wir sie nun zuvor ihren
inneren Leib und ihre Glieder stärken, – darauf soll dann schon auch für ihren
äußeren Leib gesorgt werden! – Bist du damit zufrieden?“
[GEJ.07_012,10] Sagte Lazarus: „Herr, ganz
vollkommen; denn nur das ist gut und völlig recht, was Du willst und anordnest!
Aber nun heißt es essen und trinken, und wenn wir alle gestärkt sein werden,
dann werden wir wieder über gar viele verschiedene Dinge reden können.“
[GEJ.07_012,11] Darauf aßen und tranken alle
ganz wohlgemut und konnten die gute und freundliche Bewirtung und die
wohlschmeckenden Speisen wie auch den lieblichen und das Herz erheiternden Wein
nicht genug loben. Die Sklavenhändler waren ganz und gar außer sich vor Freude
und bekannten, daß sie selbst bei ihren früheren Reisen in die südlicheren
Länder der Erde noch nie so etwas außerordentlich Gutes genossen hätten.
[GEJ.07_012,12] Ein Pharisäer am selben
Tische aber sagte dazu: „Ja ja, meine lieben fernen Freunde, im Hause des
Vaters leben oft die ungeratenen Kinder besser als irgendwo, weit vom
väterlichen Hause entfernt!“
[GEJ.07_012,13] Sagte Hibram: „Wie sollen wir
das verstehen?“
[GEJ.07_012,14] Sagte der freilich nun ganz
bekehrte Pharisäer, auf Mich hinzeigend: „Siehe, dort sitzet der ewig wahrste
Vater unter uns, Seinen ungeratenen Kindern, die wir, was alle Menschen dieser
Erde, sind! Die da zu Ihm kommen, Ihn erkennen und Ihn lieben, sind Seine
besseren Kinder, und Er sorgt dann durch Seine Weisheit und durch Seinen
allmächtigen Willen allenthalben für sie, daß es ihnen dann schon auf dieser
Erde wohl ergeht, nach diesem Leibesleben aber noch besser im Reiche der ewigen
Geister, die nimmerdar sterben, sondern ewig fortleben. Und siehe, das meinte
ich darunter, daß es selbst den ungeratenen Kindern nirgends besser geht als im
Hause ihres wahren Vaters! – Verstehst du nun solches?“
[GEJ.07_012,15] Sagte Hibram: „Ja ja, das
verstehe ich nun schon, und du hast da vollkommen gut und wahr geredet; doch
jener Mann ist eigentlich ja Gott, und da ist Er zu erhaben, als daß Er ein
Vater von uns schlechten Menschen wäre! Ich möchte das sogar für eine gar große
Vermessenheit halten, Ihn Vater zu nennen!“
[GEJ.07_012,16] Sagte der Pharisäer: „Da hast
du einesteils freilich wohl nicht ganz unrecht; doch er Selbst lehrt uns
solches und bedrohet jeden, der das nicht in seinem Gemüte glauben würde, mit
der Ausschließung von dem seligsten, ewigen Leben und zeigt uns, daß Er allein
aller Menschen Schöpfer und wahrhaftigster Vater ist, und so müssen wir solches
auch glauben, aber auch nach Seinem uns bekanntgegebenen heiligsten Willen also
auf dieser Welt leben, daß wir dadurch erst würdig werden, Seine Kinder zu
sein. Wenn Er Selbst uns aber solches lehrt, so müssen wir das dann wohl auch
mit aller Liebe und Dankbarkeit annehmen und das tun, was Er uns lehrt; denn Er
allein weiß, wie es mit uns Menschen steht, und wozu Er uns ins Dasein gerufen
hat.“
[GEJ.07_012,17] Mit dieser ganz guten
Belehrung waren unsere Sklavenhändler denn auch vollkommen zufrieden und aßen
und tranken darauf weiter und unterhielten sich mit den Pharisäern, so gut es
ihre Zungen zuließen. Aber mit der Zeit verstanden sie sich immer besser, weil
der eine Pharisäer in der urhebräischen Sprache so ziemlich bewandert war, in
der die nordischen Abkömmlinge Indiens in einer noch wenig verdorbenen Art
ihren Gedanken Raum und Form gaben.
13. Kapitel
[GEJ.07_013,01] An den anderen Tischen ging
es noch ganz still her; denn alle lauschten nur, ob Ich Selbst etwa bald über etwas
den Mund öffnen würde. Da nun aber auch Ich Mich mehr der Ruhe hingab, so
fingen die Zungen an den andern Tischen sich ein wenig mehr zu regen an. Die
Römer fingen an, sich mit der armen Familie etwas vertrauter zu machen, und
Agrikola fragte die gar lieblich aussehende Tochter, ob sie sämtlich keine
besseren Kleider hätten als die am Leibe.
[GEJ.07_013,02] Die Tochter aber sagte:
„Edler, hoher Herr! Wohl habe ich daheim in unserer elenden Wohnung ein härenes
Oberkleid; aber es ist noch schlechter als der linnene Leibrock, den ich nun
anhabe. Wir sind ehedem nicht gar so entsetzlich arm gewesen, als die Eltern
noch gesund waren und arbeiten konnten. Als sie dann, schon vor ein paar
Jahren, recht schwer krank wurden, da ging es dann immer schlechter und
schlechter. Der Bruder konnte mit allem Fleiße nicht mehr so viel verdienen,
daß wir uns außer dem kärglichen Mundvorrat noch etwas anderes hätten
anschaffen können, und so sind wir nun ohne unser Verschulden in diese große
Armut geraten, und es wäre mit uns allen wohl in längstens noch zwei Tagen rein
aus geworden, wenn du und jener Freund dort uns nicht gerettet hättet auf eine
nahe ganz wunderbare Weise; denn ich begreife es noch immer nicht, wie jener
schöne Jüngling dort unsere ärmlichste Wohnung also hat finden können, als wäre
er, Gott weiß es, wie sehr bekannt in all den geheimsten Winkeln dieser großen
Stadt. Wer etwa jener gar herrliche Mann und jener wunderholde Jüngling an
seiner Seite doch sind? Möchtest du mir das nicht nur ein wenig aufklären?“
[GEJ.07_013,03] Sagte Agrikola: „Ja, du meine
allerliebste Arme, du wahrhaft schönste Tochter Zions, das steht wahrlich nicht
bei mir; denn siehe, ich bin ein sicher gar großer und mächtiger Herr im ganzen
römischen Reich, und doch bin ich gar nichts gegen jenen herrlichen Mann und
gegen jenen schönen Jüngling! Ich könnte wohl heute an den Kaiser von Rom einen
beglaubigten Boten mit meinem Handschreiben absenden, und er würde mir gar
viele Legionen senden, und ich könnte damit das ganze große Asien mit Krieg,
und das siegreich, überziehen, – aber was wäre das gegen die unendliche Macht
jenes herrlichen Mannes?! Wenn Er etwas will, so ist das schon eine vollbrachte
Tat!
[GEJ.07_013,04] Meine liebe Tochter Zions!
Verstehst du wohl, was das sagen will? Sieh, deine Eltern waren krank, wie du
sagst, über zwei Jahre hinaus! Und bloß der Wille jenes herrlichen Mannes hat
sie in einem Augenblick gesund gemacht, und eben jener herrliche Mann wußte
auch jenem Jünglinge ganz genauest eure Wohnung anzuzeigen, in der er euch ganz
unfehlbar hat finden müssen. Also hat auch jener herrliche Mann vor ungefähr
drei Stunden angezeigt, was diesem deinem Bruder bevorsteht, und darauf erst
ward es mir ermöglicht, deinen Bruder und euch durch Seine alleinige Gnade zu
retten, und so habe nicht ich, sondern nur Er ganz allein hat euch alle
gerettet; denn ich war nur Sein förmlichst blindes Werkzeug.
[GEJ.07_013,05] So hast du zuvor draußen auch
die vielen, gar wunderherrlich schönen Jünglinge und Mägdlein gesehen. Siehe,
diese herrlich schönsten Wesen hätten alle als elende Sklaven verkauft werden
sollen! Und siehe wieder, jener herrliche Mann hat sie alle befreit und sie vom
Fuße bis zum Kopfe gar schön bekleiden lassen, und das alles in einem
Augenblick, weshalb sie Ihn alle denn auch als einen gar lieben Vater
begrüßten. Wenn aber das nun ganz wahrhaftig also der Fall ist, was ist da
meine gesamte Macht gegen nur einen Hauch Seines Willens?! Daher habet nun auch
ihr vorzüglich auf jenen herrlichen Mann euer ganzes Augenmerk zu richten; denn
was jener Mann bloß nur durch Seinen Willen zu bewirken imstande ist, davon
haben sich die Menschen noch nie etwas träumen lassen. Was ich dir aber hier
ganz offenherzig gesagt habe, das ist die höchste Wahrheit. Was aber sagst du
nun dazu?“
[GEJ.07_013,06] Sagten alle die vier: „Ja,
wenn jener herrliche Mann das alles also vermag, wie du als ein
allerglaubwürdigster Zeuge uns das kundgegeben hast, so muß jener herrliche
Mann ja gar ein großer Prophet sein! Denn sieh, wir Juden erwarten einen Messias,
der gar sehr mächtig in Wort und Tat werden soll! Doch bevor Jener kommen wird,
soll Ihm vorangehen der große Prophet Elias und nach der Meinung vieler
Menschen auch dessen Jünger Eliseus (Elisa). Und sieh, am Ende ist das gar der
Elias oder sein Jünger Eliseus!“
[GEJ.07_013,07] Sagte Agrikola: „Diese eure
Sage ist mir eben nicht gar zu sehr bekannt, wohl aber die von eurem Messias,
dessentwegen ich nun hauptsächlich von Rom hierher nach Jerusalem gekommen bin.
Habt ihr denn noch nichts gehört von dem nun schon überall über die Maßen
berühmt-bekannten Heiland aus Galiläa?“
[GEJ.07_013,08] Sagte der Alte:
„Allerehrwürdigster Freund und Herr! Wir armen Tagwerksleute kommen des Jahres
höchstens zehnmal in den Tempel; dort verrichten wir unser kleines Opfer und
hören irgendeine Predigt an, die wir nicht verstehen. Wenn es dann auch
irgendwo etwas Neues und so Außerordentliches gäbe, so erfahren wir in unserer
Abgeschiedenheit sicher nur höchst wenig oder auch wohl gar nichts davon.
[GEJ.07_013,09] Zudem waren wir nun ja über
zwei volle Jahre bettlägerig. Der Sohn mußte Tag für Tag, sogar den Sabbat
nicht ausgenommen, arbeiten, um uns nur den dürftigsten Lebensunterhalt zu
verschaffen. An den Sabbaten arbeitete er bei einem Griechen oder Römer, die
natürlich unseren Sabbat nicht feierten und irgend heiligten, und das war
gewisserart noch ein wahres Glück für uns; denn ohne das hätten wir jeden
Sabbat, besonders in diesen zwei letzten Jahren, vollkommen fasten können.
[GEJ.07_013,10] Wenn du, hoher Herr und Freund,
das zusammenfassest, so wirst du das ganz leicht einsehen, wie eine ganz arme
Familie, selbst mitten in dieser großen Stadt wohnend, von allen noch so großen
und außerordentlichen Erscheinungen und Vorkommnissen ebensowenig erfahren
kann, als lebte sie irgendwo ganz am Ende der Welt! Wenn wir nun aus dem dir
gezeigten Grunde von dem berühmten und sonst schon weithin bekannten Galiläer
nahe soviel wie nichts wissen, so kann uns das wahrlich nicht zu einer Schuld
gerechnet werden.
[GEJ.07_013,11] So viel haben wir vor einem
Jahre in Erfahrung gebracht, daß etwa ein Prophet namens Johannes in einer
Wüste am Jordan wider die Pharisäer gepredigt habe und ihnen tüchtige
Wahrheiten gesagt haben soll. Was aber dann weiter mit ihm geschehen ist, davon
haben wir nichts erfahren. Vielleicht ist nun dieser herrliche Mann jener
Prophet?“
[GEJ.07_013,12] Sagte Agrikola: „Das ist
dieser euer herrlicher Mann nicht; aber ihr werdet Ihn zu eurem Glücke schon
noch heute näher kennenlernen. Darum esset und trinket, daß ihr gehörig stark
werdet, um die große Enthüllung, die euch werden wird, zu ertragen; denn es ist
keine Kleinigkeit, jenen euren herrlichen Mann näher kennenzulernen!“
[GEJ.07_013,13] Auf das aßen und tranken die
Armen wieder ganz gemütlich fort. Während des Essens und öftermaligen Trinkens
fielen ihnen die schönen und schweren Speiseschüsseln auf, und noch mehr die
goldenen Weinkrüge und Trinkbecher.
[GEJ.07_013,14] Die Tochter betrachtete diese
Dinge mit stets größerer Aufmerksamkeit und sagte am Ende zu Agrikola: „Aber
höre, du großer und mächtiger Herr, ist das nicht purstes Silber und Gold? Das
hast du sicher von Rom hierher mitgebracht? Oh, das muß ja gar entsetzlich viel
gekostet haben!“
[GEJ.07_013,15] Sagte Agrikola: „Ja, meine
schöne Tochter Zions, das würde wohl sehr viel kosten, so man das Silber und
Gold kaufen und dann daraus diese Gefäße machen lassen müßte! Aber diese Gefäße
hier haben mich gar nichts gekostet und Den, der sie auf eine wundervollste
Weise hergestellt hat, auch nichts, und dennoch sind sie alle von einem
unschätzbar großen Wert. Denn sieh, Dem, der allmächtig ist, ist nichts
unmöglich! – Verstehst du das?“
[GEJ.07_013,16] Sagte die schöne Jüdin: „Ja,
das verstehe ich schon; aber allmächtig ist ja nur Gott allein! War denn Gott
Selbst hier, oder hat Er einen Engel hierher gesandt, der hier solch ein Wunder
gewirkt hat? Denn solche Dinge sind unter dem jüdischen Volke stets geschehen!“
[GEJ.07_013,17] Sagte Agrikola: „Mein
liebstes und wahrlich schönstes Kind! Ja, ja, Gott Selbst war hier, ist noch da
und gibt Sich denen wunderbar zu erkennen, die Ihn wahrhaft und rein lieben!
Wenn du im Herzen recht voll Liebe zu Ihm wirst, dann wird Er Sich dir und euch
allen schon auch zu erkennen geben! – Glaubst du, Holdeste, mir solches?“
[GEJ.07_013,18] Sagte die nun immer schöner
werdende junge Jüdin: „Aber Gott ist ja ein Geist, den kein Mensch je sehen
kann und dabei behalten das Leben; denn also steht es im Moses geschrieben:
,Gott kann niemand sehen und leben.‘“
[GEJ.07_013,19] Sagte Agrikola: „Da hast du
wohl recht; aber es steht auch in den andern Propheten geschrieben, daß der
ewige Geist Gottes – also Gott Selbst – in der Zeit um der Menschen willen
Fleisch anziehen werde und Selbst als ein Mensch unter ihnen wandeln und sie
Selbst die rechten Wege des Lebens lehren werde. Und so kann nun ein rechter
Mensch Gott schauen und hören und dabei nicht nur dieses irdische Leben
behalten, sondern noch das ewige Leben der Seele hinzuerhalten, so daß er dann
fürder ewighin keinen Tod mehr sieht und fühlt. Wenn dieser Leib mit der Zeit
auch abfällt, so lebt aber dennoch die Seele des Menschen ewig fort und genießt
dabei die höchste Seligkeit. – Wie gefällt dir denn nun das?“
[GEJ.07_013,20] Sagte die schöne Jüdin: „Ja,
das gefiele uns allen wohl gar überaus; doch für solch eine nie erhörte Gnade
sind wir sicher zu gering und auch zu große Sünder! Denn erstens konnten wir
schon lange den Sabbat nicht ordentlich heiligen und gehörten schon lange in
die Reihe der großen Sünder, und zweitens konnten wir uns davon auch nicht
reinigen, weil wir dazu die Mittel niemals besaßen. Und so wird Gott, so Er nun
auch irgend leiblich zu den Menschen kommt, uns sicher nicht ansehen. Er kam
wohl zu Abraham, Isaak und Jakob; aber das waren ungeheuer fromme und
sündenfreie Menschen. Was sind da wir dagegen? Lieben könnte ich Gott also
schon über alle die Maßen; aber Er ist viel zu heilig und kann die Liebe eines
Sünders nicht annehmen.“
[GEJ.07_013,21] Hier sagte Ich über den Tisch
zu der Jüdin: „O liebe Tochter, Gott sieht nicht auf die Sünden der Menschen,
besonders deiner Art, sondern allein auf das Herz! Wer Gott wahrhaft liebt, dem
werden alle Sünden erlassen, und hätte er derselben so viele, als wie da ist
des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere. Deine Sünden aber liegen nur
in deiner Einbildung und nicht in der Wirklichkeit. Gott aber ist alles das nur
ein Greuel, was vor der Welt groß ist; du bist aber gar klein vor der Welt und
somit vor Gott kein Greuel. Liebe Gott nur recht stark, und Er wird dich dann
auch lieben und dir geben das ewige Leben! – Verstehest du das?“
[GEJ.07_013,22] Sagte die Jüdin: „Das habe
ich verstanden; aber führet mich doch dahin, wo nun Gott ist, damit ich Ihn
sehe, liebe und anbete!“
14. Kapitel
[GEJ.07_014,01] Es wollte nun die schöne
Jüdin noch mehr mit Mir verkehren; aber es kamen des Lazarus Diener in den Saal
herein und sagten, daß eine Menge fremder Menschen den Berg heraufkämen, und
sie (die Diener) wüßten nicht, wo alle die Ankommenden unterzubringen sein
würden.
[GEJ.07_014,02] Sagte Lazarus zu Mir: „Herr,
was wird hier zu tun sein? Ich vertraue nun allein auf Dich!“
[GEJ.07_014,03] Sagte Ich: „Wie viele können
ihrer sein, die da nun ankommen und auch später noch ankommen können?“
[GEJ.07_014,04] Sagte Lazarus: „Herr, nach
den vergangenen Jahren zu urteilen, könnten da wohl fünf-, sechs- bis
siebenhundert Köpfe ankommen; heute aber wird der Zudrang offenbar am stärksten
sein!“
[GEJ.07_014,05] Sagte Ich: „Gut nun, gehe du
mit diesem Meinem Diener hinaus, und er wird dir im Freien schon alles also
herrichten, daß da alle die ankommenden Gäste ganz gut unterzubringen sein
werden! Die Jugend aber lasset in den kleinen Saal treten, auf daß sie nicht
der Gaff- und Geilsucht der Fremden zu sehr ausgesetzt sei!“
[GEJ.07_014,06] Als Lazarus solches vernommen
hatte, ging er mit Raphael sogleich ins Freie hinaus, wo Raphael zuerst die
vielen Jungen in den anstoßenden kleinen Saal brachte und darauf zu Lazarus
sagte: „Hast du wohl Tische und Bänke in genügender Anzahl?“
[GEJ.07_014,07] Sagte Lazarus: „Ja, du mein
liebster und gar mächtiger Freund voll Heiles aus Gott, damit hat es nun eben
den größten Anstand! In Bethania hätte ich daran wohl einen großen Vorrat; aber
den kann ich nun nicht so bald herschaffen! Was wird da nun zu machen sein?“
[GEJ.07_014,08] Sagte Raphael: „Mache dir
nichts daraus! Da du auf den Herrn vertraust und Ihn über alles liebst, so wird
dir hier gleich geholfen sein. Sieh, ich bin im Namen des Herrn ein guter
Zimmermann und Schreiner, und so wird gleich alles dasein, was du nun nötig
hast!“
[GEJ.07_014,09] Als Raphael das noch kaum
ausgesprochen hatte, da standen auch schon Tische und Bänke in der rechten
Menge da, und über jedem Tisch war ein Zelt gespannt und so recht lieblich
anzusehen.
[GEJ.07_014,10] Nun kamen aber die fremden
Gäste auch schon an und fragten, ob sie wohl hier bewirtet werden könnten.
[GEJ.07_014,11] Sagte Lazarus: „O allerdings,
es werden die Diener sogleich kommen und einem jeden geben nach seinem
Verlangen!“
[GEJ.07_014,12] Sagte Raphael zu Lazarus:
„Wirst du wohl mit deinen Dienern auslangen für so viele Gäste?“
[GEJ.07_014,13] Sagte Lazarus: „Zur Not etwa
wohl; aber sie werden alle vollauf zu tun haben!“
[GEJ.07_014,14] Sagte Raphael: „Gut, sollte
es an ihnen gebrechen, so werde dann schon auch ich ihnen helfen!“
[GEJ.07_014,15] Sagte nun Lazarus: „Siehe, du
heilvoller Diener Gottes, das, was du mir nun im Namen des Herrn hier gemacht
hast, ist ein Wunder über Wunder; aber es nimmt mich nun schon nahe nichts mehr
wunder, da ich den Herrn kenne und schon Zeuge von gar vielen Wundern war, von
denen eines größer war als das andere!“
[GEJ.07_014,16] Sagte Raphael: „Das ist nun
ganz ein und dasselbe; denn alles, was du siehst und fühlst und denkst, ist ein
noch größeres Wunder des Herrn, und ein jeder Mensch selbst ist das größte! Ob
der Herr nun einen schnellsten Blitz erschafft, der in einem Momente aus einer
Wolke auf die Erde herabfährt, oder ob Er eine Sonne erschafft, die dann
äonenmal äonen von Erdenjahren vielen Erden leuchtet, so ist das der Weisheit
und der Macht des Herrn wohl ganz ein und dasselbe, und so hast du auch ganz
recht, daß du dir aus diesem gegenwärtigen Wunder eben nicht gar soviel machst.
Es wäre das nun vor den vielen sehr neugierigen Fremden auch eben nicht sehr
klug. – Aber jetzt kannst du schon zusehen, daß alle die vielen Gäste bedient
werden, sonst fangen sie an, einen großen Lärm zu schlagen!“
[GEJ.07_014,17] Sagte Lazarus: „Ja, du
heilvoller Diener des Herrn, du hast recht; denn es haben noch die wenigsten
etwas! Was werden wir da tun?“
[GEJ.07_014,18] Sagte Raphael: „Nun, was tun?
Helfen wollen wir deinen Dienern, sonst bekommen die vielen und sich noch immer
mehrenden Gäste noch lange nichts!“
[GEJ.07_014,19] Hier verließ Raphael auf ein
paar Augenblicke Lazarus, und in solch einem kürzesten Zeitraume waren alle
Tische, an denen sich Gäste befanden, mit Wein, Brot, Salz und auch anderen
Speisen bestens versehen.
[GEJ.07_014,20] Es fiel solche Bedienung
freilich wohl manchen Gästen auf; aber die Gäste dachten sich, daß sie ob ihrer
Gespräche auf das Herschaffen des Weines und Brotes und der anderen Speisen
nicht gehörig achtgegeben hätten, und so aßen und tranken sie fort. Was ihnen
aber dennoch auffiel, das war die außerordentliche Güte des Weines, da sie
zuvor wohl noch niemals etwas Ähnliches über ihren Gaumen gebracht hatten.
[GEJ.07_014,21] Es kamen darum einige, von
ihren Tischen aufstehend, zu Lazarus hin und fragten ihn, was das für ein Wein
wäre, und ob er solchen auch in einem größeren Quantum verkaufen würde.
[GEJ.07_014,22] Sagte Lazarus: „Diesen Wein
bekomme ich selbst wahrhaft ordentlich durch die Gnade Gottes. Bei diesem
Umstande könnet ihr ihn nach Maß und Ziel trinken; aber zum Weiterverkauf
besitze ich gar keinen Wein!“
[GEJ.07_014,23] Darauf gingen die Gäste
wieder an ihre Plätze.
[GEJ.07_014,24] Die aber einmal da waren, die
gingen nicht mehr fort, und dennoch kamen noch immer neue hinzu, so daß es
Lazarus schon ordentlich zu schwindeln begann und er zu Raphael sagte: „Mein
liebster, von Gottes Heil erfüllter Freund, wenn das noch lange fortgeht, so
werden wir am Ende doch noch zu wenig Sitze und Tische haben!“
[GEJ.07_014,25] Sagte Raphael: „Nun, da
werden wir denn noch einige hinzustellen müssen!“
[GEJ.07_014,26] Und kaum hatte Raphael das
ausgesprochen, so standen auch schon Tische, Bänke und Zelte da, und doch
merkte von vielen Hunderten von Gästen niemand, wie die vielen Tische, Bänke
und Zelte entstanden waren. Die Gäste kamen und wurden auch auf die gleiche
Weise bedient.
[GEJ.07_014,27] Als so nach ein paar Stunden
die Fremden, die auch in früheren Jahren stets diese Herberge zu besuchen
pflegten, sich alle eingefunden hatten und hinreichend gesättigt worden waren,
wandte sich Lazarus an Raphael und fragte ihn: „Liebster, von Gottes Heile
voller Diener des Herrn, sage mir denn nun doch ein wenig nur, wie dir solches
zu bewirken möglich ist, und das alles in einem Augenblick! Ich wollte von den
Tischen, Bänken und Zelten noch nichts sagen; aber woher die entsprechenden
Gefäße, das Salz, der Wein und die Speisen, und die Speisen aber also, daß der
Perser für sich und also der Ägypter, der Grieche und, kurz, ein jeder, woher
er auch sei, seine nationale Landeskost allerbestens bereitet vor sich hat? Wie
ist dir denn doch das alles, und das in einem Augenblicke, möglich?“
[GEJ.07_014,28] Sagte Raphael: „Mein liebster
Freund, so ich dir auch die Möglichkeit alles dessen noch so genau erklärte, so
würdest du davon dennoch nur wenig oder nahe gar nichts begreifen. Ich kann dir
daher vorderhand nur das sagen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind!“
15. Kapitel
[GEJ.07_015,01] (Raphael:) „Ich bin
eigentlich für mich selbst aus mir ebensowenig etwas zu tun imstande wie du;
aber ich bin ein purer Geist und habe hier nur einen aus den Stoffen der Luft
zusammengezogenen Leib. Als Geist aber kann ich ganz mit dem Willensgeiste des
Herrn erfüllt werden und dann also wirken wie der Herr Selbst. Wenn ich also
mit dem Geiste des Herrn erfüllt bin, dann habe ich keinen andern Willen als
den des Herrn und kann unmöglich etwas anderes wollen, als was der Herr allein
will. Was aber der Herr will, das ist dann auch schon da.
[GEJ.07_015,02] Siehe, alles, was auf dieser
oder auch auf einer andern Erde ist und wächst, das ist – samt der Erde –
ebenso ein Wunder, hervorgehend aus dem Willen des Herrn, nur daß der Herr da
der Bildung der Intelligenz wegen bei den Geschöpfen eine gewisse notwendige
Stufenfolge beobachtet und eines aus dem andern so nach und nach pur aus Seinem
Willen entstehen läßt. Wenn der Herr solches der Bildung und Festigung der
intelligenten und belebten Geschöpfe wegen nicht tun würde, so könnte Er
vermöge Seiner Allmacht auch eine Welt im selben Augenblick ins Dasein rufen,
wie Er einen Blitz ins Dasein und Wirken ruft.
[GEJ.07_015,03] Sieh, in der Luft der Erde
sind in einem aufgelösten Zustand alle Substanzen und alle Stoffe einer ganzen
Erde enthalten! Du kannst sie zwar mit deinen irdischen Sinnen nicht
wahrnehmen, aber für einen vollkommenen Geist ist das etwas ganz ebenso
Leichtes, wie es dir ein leichtes ist, einen Stein vom Boden aufzuheben und zu
unterscheiden, daß er kein Fisch und nicht ein Stück Brotes ist. Und es ist dem
Geiste dann auch ein leichtes, zum Beispiel die zu diesem oder einem anderen
Gegenstande nötigen Stoffe zusammenzufassen, nämlich aus der Luft, und sie in
einem Augenblick als das darzustellen, was sie in naturgeordnetem Zustande erst
nach und nach geworden wären.
[GEJ.07_015,04] Wie aber einem vollkommenen
Geiste das möglich ist, das ist nun freilich eben jene Sache, die der
natürliche Mensch, solange er im Geiste nicht völlig wiedergeboren ist,
unmöglich fassen und begreifen kann. Und das kann ich dir denn auch nicht näher
erklären. Doch will ich dir aber in Kürze eine kleine Hinweisung auf so manche
Erscheinung in der Natur geben.
[GEJ.07_015,05] Siehe, in allen Keimen der
Pflanzen und Bäume wohnt in einer kleinen und zarten Hülse eine sonderheitliche
Intelligenz in der Gestalt eines deinem Auge nicht mehr sichtbaren Fünkleins! Dieses
Fünklein ist das eigentliche erste Naturleben des Samens und hernach der ganzen
Pflanze. Nun denke dir aber die beinahe zahllose Menge der verschiedenartigsten
Pflanzen und Bäume, die natürlich auch alle verschiedenartige Samen tragen, in
deren Keimhülschen auch ebenso verschiedene geistige Intelligenzfünklein
wohnen!
[GEJ.07_015,06] Wenn du nun verschiedene
Samen ins Erdreich legst, so werden sie durch die Wärme und durch die vom
Erdreich aufgesogene Feuchtigkeit der Luft erweicht, das geistige Fünklein wird
tätig und erkennt ganz bestimmt jene Stoffe in der es umgebenden Luft, fängt
an, sie durch seine ihm eigene Willenskraft anzuziehen und bildet aus ihnen
eben jene Pflanze mit ihrer Gestalt und Frucht, für die zu bilden es eben die
geeignete Intelligenz und die ihr entsprechende Willenskraft vom Herrn aus
besitzt.
[GEJ.07_015,07] Könntest du mit deinem
Verstande, mit deinen Sinnen und mit deinem Willen wohl auch die für ein
gewisses Samenkorn bestimmten Stoffe aus der das Samenkorn umgebenden Luft herausfinden?
Sicher nicht; denn du ißt und trinkst ja auch, um dich zu ernähren, und hast
doch keine Ahnung, wie dein dir bisher noch völlig unbekannter Geist, als der
geheime Liebewille Gottes im Herzen deiner Seele wohnend, durch seinen dir noch
völlig unbekannten Willen und durch seine hohe Intelligenz aus den zu dir
genommenen Speisen eben jene Stoffe, die zur Bildung deiner sehr
verschiedenartigen Leibesteile unerläßlich notwendig sind, ausscheidet und sie
dahin zieht, wo sie eben notwendig sind.
[GEJ.07_015,08] Wenn du das dir nun Gesagte
so recht tiefsinnig betrachtest, so wirst du eben dieselben Wunder allenthalben
ersehen, als wie diese da sind, die ich vor deinen Augen nach dem Willen des
Herrn in einem Augenblick gewirkt habe, – nur daß ich als ein vollkommener
Geist das durch den Willen des Herrn in einem Momente aus der Luft
zusammenzuziehen vermag, was ein natürlich noch ganz unvollkommener Geist mit
seiner beschränkten Intelligenz und ebenso beschränkten Willensmacht nur so
nach und nach vermag.“
16. Kapitel
[GEJ.07_016,01] (Raphael:) „Siehe, du siehst
den Stoff, aus dem das ganz reine Gold besteht, sicher nicht als in dieser Luft
enthalten herumschwimmen; ich aber sehe ihn und kann ihn von den zahllos vielen
anderen Stoffen sehr wohl unterscheiden. Weil ich aber das wohl kann und auch
meinen Willen als entsprechend gleichartig nach allen Richtungen ausdehnen
kann, so kann ich auch eben diesen in der Luft enthaltenen reinsten Goldstoff
sogleich auf einen sichtbaren Haufen zusammenziehen, oder ich kann ihn auch
ebenso leicht sich in eine beliebige Form, als wie etwa da ist ein Trinkgefäß,
festest zusammenfügen lassen, und du wirst entweder alsogleich einen beliebig
großen Goldhaufen oder ein Goldgefäß vor dir sehen, und es wird solches ebenso ein
ganz natürliches und kein gewisserart nichtig wunderbares Gold sein, als wie
natürlich jenes Gold ist, das die Menschen aus den Bergen graben, von den
fremden Stoffen reinigen, es dann im Feuer schmelzen und daraus allerlei
kostbare Sachen und Dinge verfertigen.
[GEJ.07_016,02] Denn die gewissen
Naturgeister in der Materie der Berge, die eben mit dem in der Luft freien
Goldstoffe am nächsten verwandt sind, ziehen vermöge ihrer sehr geringen
Intelligenz und der mit ihr verbundenen Willenskraft – was die Apotheker die
Anziehungskraft nennen – das freie Gold aus der Luft an sich, und so das
mehrere Hunderte von Jahren fort und fort geschieht, so wird an einer solchen
Stelle dann recht viel Gold sichtbar werden.
[GEJ.07_016,03] Daß aber solch eine
Ansammlung des Goldes in der Natur nur sehr langsam vor sich geht, daran
schuldet die sehr geringe Intelligenz und die ebenso geringe Willensmacht
solcher Naturberggeister in ihrem notwendig gerichteten Zustande.
[GEJ.07_016,04] Ich aber als ein höchst
freier und vollkommener, mit den höchsten Intelligenzen ohne Zahl und Maß sowie
dazu mit der Fülle der Willensmacht aus Gott versehener Geist kann nun das in
einem Augenblick bewirken – wie ich das schon gezeigt habe –, was die einseitig
schwach intelligenten und ebenso willensbeschränkten Naturgeister nur nach und
nach zustande bringen.
[GEJ.07_016,05] Habe nun wohl acht, wie ich
solch ein Wunder vor dir bewirken werde! Ich will es dir zuliebe aber mit dem
Wunder etwas langsamer machen, damit du leichter merken kannst, wie sich das
Gold aus der freien Luft gerade auf deiner Hand ansammeln wird. Sieh, ich will
nun, und schon siehst du auf deiner Handfläche einen dünnen Goldanflug! Sieh
nur zu, wie sich das Gold mehrt und mehrt! Nun bedeckt deiner Hand Fläche schon
eine ganz gewichtige Goldscheibe. Über diese fängt nun ein ganz wohlgeformter
Rand an sich zu erheben. Er wächst nun fort, und sieh, du hast jetzt in wenigen
Augenblicken schon ein fertiges Gefäß aus reinstem und – sage – ganz
natürlichem Golde auf deiner Hand, das nur eines vollkommenen Geistes Macht
wieder in seinen Urstoff auflösen kann, sonst aber auch nicht leichtlich eine
andere Kraft in der Natur. Aber ich werde dir dieses Gefäß belassen, wie es
ist, und du kannst es verwerten oder dir von einem Goldschmiede auch etwas
anderes daraus machen lassen oder es auch also behalten.
[GEJ.07_016,06] Du hast nun gesehen, wie ich
auf eine langsamere Weise vor dir ein Wunder gewirkt habe; aber nun strecke
deine andere Hand aus, und ich werde dir ein gleiches Wunder augenblicklich
bewirken! Sieh, ich will, und du hast nun in einem Augenblick ein ganz gleiches
Gefäß in deiner linken Hand!
[GEJ.07_016,07] Wie ich aber das vermag durch
die mir innewohnende Kraft, so vermag ich auch alles andere, was ich dir für
die vielen Gäste dargestellt habe. Aber du brauchst darum das Mahl diesen
Gästen nicht zu schenken; denn sie sind alle reiche Handelsleute und sollen
auch bezahlen, was sie gegessen und getrunken haben. Sie werden sich darauf
bald wieder in ihre nun unterdessen verschlossenen Verkaufsbuden begeben und
die Käufer durch ihr Geschrei anlocken. Laß nun nur deine Diener das Geld
einsammeln!“
[GEJ.07_016,08] Hierauf berief Lazarus die
Diener und sagte, daß sie von jedem Gaste nicht mehr als einen Groschen
verlangen sollten. Und die Diener taten das, und jeder Gast zahlte gern den
verlangten Groschen und bedankte sich noch obendrauf für die gute Verpflegung,
und alle erbaten sich die Freiheit, am Abend sowie an den noch kommenden zwei
Tagen wiederkommen zu dürfen, was ihnen natürlich von Lazarus freundlichst
gestattet wurde.
[GEJ.07_016,09] Als so die vielen Gäste sich
vom Berge hinab in die Stadt verliefen, da wollten die Diener die Tische nach
gewohnter Sitte abräumen. Aber Raphael bedeutete ihnen, daß sie sich diese
Arbeit ersparen sollten; denn so dieselben Gäste am Abend wiederkommen würden,
so brauche niemand sich anders um sie zu kümmern, als daß die Diener ihnen nach
dem Abendmahle das Geld abverlangen und darauf wieder alle Tische so wie jetzt
gedeckt lassen. Bei dem blieb es denn auch, und es wurden also die noch
folgenden zwei Tage hindurch alle die vielen Gäste mit Speise und Trank
versorgt, ohne daß Lazarus auch nur einen Fisch, ein Stück Brotes und einen
Becher Weines von seinem Vorrate herzugeben vonnöten hatte.
17. Kapitel
[GEJ.07_017,01] Als aber nun alle Gäste sich
verlaufen hatten, da fragte unser Freund Lazarus den Raphael, sagend: „Höre, du
Gottes Heils vollster Menschengeist, du sagtest ehedem, daß es in der Luft eine
unzählbare Menge von allerlei Urstoffen und Substanzen als freischwebend und
ungebunden gibt, die durch die Weisheit und durch den Willen eines vollkommenen
Geistes als solche erkannt und zu einem festeren Körper zusammengezogen und
verbunden werden können! Durch die mir gegebenen Beispiele wurde mir diese
Sache notwendig sehr einleuchtend; aber daneben fiel mir eine noch ganz andere
äußerst wichtige Frage auf, und diese besteht darin: Sieh, die Urstoffe und
Substanzen mögen immerhin also in der Luft dieser Erde vorhanden sein, wie du
mir das wahrlich sehr einleuchtend gezeigt hast; aber wie erzeugen sie sich
denn ursprünglich? Wie kommen sie denn in so zahlloser Mannigfaltigkeit in die
Luft unserer Erde, wahrscheinlich auch in noch größerer Mannigfachheit in die
Luft der zahllos vielen anderen Erden und Welten, die mich und die vielen
anderen Jünger der Herr Selbst gnädigst hat kennen gelehrt? Erkläre mir denn
auch das noch!“
[GEJ.07_017,02] Sagte Raphael: „Ei, ei, daß
dir das noch nicht von selbst einleuchten mag! Gibt es denn außer Gott etwas,
das etwa nicht aus Ihm hervorgegangen wäre? Ist nicht alles, was von Ewigkeit
her den unendlichen Raum erfüllt, Sein Gedanke, Seine Idee, Seine Weisheit,
Sein Wille?
[GEJ.07_017,03] Siehe, Seine Gedanken in der
nie versiegbaren endlosesten Fülle von einer Ewigkeit zur andern sind die
eigentlichen Ursubstanzen und die Urstoffe, aus denen alles, was da auf Erden
und in den Himmeln gemacht ist, durch die ungeteilte ewige Macht des göttlichen
Willens besteht. Kein Gedanke und keine Idee aber kann selbst in Gott ohne
Seinen Willen entstehen und fortbestehen. Dadurch aber, daß ein jeder Gedanke
und eine jede Idee als aus der höchsten Intelligenz Gottes durch Seinen Willen
hervorgehend eben auch in sich selbst als eine sonderheitliche Intelligenz den
entsprechenden Teil des Gotteswillens in sich birgt, kann denn auch jeder
solche den Gotteswillen in sich tragende Einzelgedanke Gottes oder eine ebenso
beschaffene größere Idee des Herrn nimmerdar ebensowenig je ein Ende nehmen wie
Gott Selbst, weil Er einen einmal gedachten Gedanken und eine noch tiefer
gefaßte Idee nimmerdar vergessen kann in Seiner allerlichthellsten
Selbstbewußtseinssphäre. Weil aber das bei Gott die purste Unmöglichkeit ist,
einen einmal gehabten Gedanken oder eine einmal gefaßte Idee zu vergessen, so
ist auch jeder noch so kleine Gedanke und eine noch so geringfügig scheinende
Idee Gottes für ewig in ihrer urgeistigen Beschaffenheit unzerstörbar.
[GEJ.07_017,04] Da aber ferner – wie schon
früher angedeutet – ein jeder Gedanke und eine jede Idee Gottes auch teilweise
als ein göttlicher Intelligenzfunke notwendigerweise auch den göttlichen Willen
in sich trägt und tragen muß, weil er ohne den nie gedacht worden wäre, so kann
denn auch jeder solche Einzelgedanke und jede solche Einzelidee Gottes entweder
für sich oder durch mehrere weise miteinander verbundene Gedanken – was dann
eine Idee ist – als ein für sich Bestehendes sich selbst in seiner Art und
Sphäre ausbilden, sich vervollkommnen in und für sich als das, was er ist, sich
ins Unendliche vermehren und durch weise Verbindung mit anderen Urstoffen und
Substanzen auch edler und vollkommener werden.
[GEJ.07_017,05] So ist eine werdende Sonne
zuerst ein purer, lichtschimmriger Lichtäther oder ein Sich-Ergreifen von
zahllos vielen Gedanken und Ideen Gottes infolge des in ihnen eigens zugrunde
liegenden und entsprechenden Willensanteiles aus Gott. Diese ziehen dann eben
durch den in ihnen zugrunde liegenden Gotteswillen das ihnen Gleiche aus dem
endlosen Äther fort und fort an sich, und so wird der früher lichtschimmrige
Äther schon dichter und bekommt nach und nach die Dichtigkeit dieser Erdluft.
Diese verdichtet sich nach und nach auch mehr und mehr, und es wird Wasser zum
Vorscheine kommen; aber auch dieses verdichtet sich nach und nach, und es wird
daraus Schlamm, Lehm, Steine und somit ein schon festeres Erdreich.
[GEJ.07_017,06] Die nun also fester und
fester aneinandergebundenen, ursprünglich geistigen Ursubstanzen und Urstoffe
fangen an, sich in solch einem unfreien Zustande stets mehr und mehr unbehaglich
zu fühlen, werden sehr tätig, um sich freier zu machen, und es fängt in einem
solchen Weltkörper, besonders in seinen festen und schweren Partien, sehr
feurig zu werden an. Durch diesen Feuereifer der gedrückten ursprünglichen
freien Ursubstanzen und Urstoffe werden die festeren Teile eines solchen neuen
Weltkörpers zerrissen, ja es wird da das Innerste oft zum Äußern und umgekehrt
das Äußere zum Innersten, und erst nach gar vielen solchen Kämpfen wird ein
solcher neuer Weltkörper in eine ruhigere Ordnung gesetzt, und die in ihm
gefangenen Urgedanken und Urideen Gottes finden dann einen andern Weg, sich von
dem großen Drucke frei und los zu machen.
[GEJ.07_017,07] Und sieh, da entstehen bald
allerlei Pflanzen und Tiere, und das so fort bis zum Menschen hin, in welchem
gar sehr viele solcher Urgedanken und Urideen Gottes dann erst ihre volle
Erlösung von ihrem alten Gerichte finden. Diese erkennen dann erst Gott als den
Urgrund alles Seins und alles Lebens und kehren sodann als selbständige,
freieste Wesen – das heißt, so sie nach Seinem erkannten Willen gelebt haben –
zu Ihm zurück.
[GEJ.07_017,08] Aber es ist in dieser rein,
frei und selbständig geistigen Umkehr auf den zahllos vielen und höchst
verschiedenartigen Weltkörpern auch ein ebenso großer Unterschied wie in und
zwischen den Weltkörpern selbst. Die allervollkommenste Rückkehr von einem
Weltkörper zu Gott aber ist und bleibt nur von dieser Erde möglich, weil hier
ein jeder Mensch in seiner Seele und in seinem Geiste Gott vollkommen ähnlich
werden kann, wenn er nur will; denn wer hier nach Gott strebt, der wird auch zu
Gott kommen. – Verstehest du solche Dinge?“
[GEJ.07_017,09] Sagte Lazarus: „Das verstehe
ich nun wohl, da ich in Hinsicht auf den gesamten Weltenbau schon vom Herrn aus
die allerbedeutendsten Vorkenntnisse innehabe; aber es bleibt mir doch noch so
manches unverständlich und somit zu fragen übrig.“
[GEJ.07_017,10] Sagte Raphael: „Oh, mein
lieber Freund, das ist auch bei mir selbst der Fall! Denn es liegt in Gott noch
gar endlos vieles verborgen, von dem wir, die nach Gott höchsten und reinsten
Geister selbst nichts wissen; denn Gott hat für die guten und reinen Geister
ewigfort einen derartig großen Vorrat, daß Er sie auch ewigfort mit nie
geahnten neuen Schöpfungen aus Seiner Liebe und Weisheit auf das
unaussprechlichste überraschen und dadurch ihre Seligkeit stets mehren und
erhöhen kann. Und sieh, so könnte es wohl geschehen, daß du mich bald dieses
und jenes fragen würdest, worüber ich dir dann keinen Aufschluß geben könnte!“
[GEJ.07_017,11] Sagte Lazarus: „O ja, das
glaube ich dir recht gerne; doch worüber dich mein noch sehr beschränkter
Menschenverstand zu fragen vermag, darüber kannst du mir auch schon ganz sicher
einen Aufschluß geben!
[GEJ.07_017,12] Sieh, so las ich einst ein
altes Buch mit dem Titel ,Kriege Jehovas‘, und darin ist, freilich in einer
höchst mystischen Sprache, die Rede vom Falle der urgeschaffenen Engel!
[GEJ.07_017,13] Anfangs habe Gott – natürlich
endlos lange vor aller Weltenerschaffung – sieben große Geister entsprechend
den sieben Geistern in Gott erschaffen. Er gab ihnen eine große Macht und eine
ebenso große Weisheit, daß dadurch auch sie vermochten, Gott gleich, kleinere
ihnen völlig ähnliche Geister in höchster Unzahl zu erschaffen, und es ward
also der ewige Raum mit zahllosen Geisterheeren angefüllt.
[GEJ.07_017,14] Der größte und mächtigste
dieser sieben urgeschaffenen Geister war offenbar nach der alten Schrift
Luzifer. Er aber überhob sich in seiner Macht und Größe, wollte nicht nur Gott
gleich, sondern sogar über Gott sein und herrschen. Da ward Gott zornig,
ergriff den Verräter und stieß ihn für ewig von Sich ins Gericht. Die sechs
großen Geister aber blieben mit ihren zahllos vielen Untergeistern bei Gott und
dienen Ihm allein von Ewigkeit zu Ewigkeit, wogegen die Untergeister Luzifers
als arge Teufel mit ihm für ewig als von Gott verworfene Wesen mit Luzifer im
ewigen Feuer des Zornes Gottes brennen und stets die größten Qualen zu leiden
haben ohne irgendeine Linderung. – Nun, was sagst du als sicher auch ein
solcher erster Engel Gottes dazu?“
18. Kapitel
[GEJ.07_018,01] Sagte Raphael: „Das ist ja
nur ein entsprechendes Bild von eben dem, was ich dir ehedem von der
Erschaffung oder sukzessiven Bildung eines ganzen Weltkörpers mitgeteilt habe.
[GEJ.07_018,02] Die urgeschaffenen großen
Geister sind ja eben die Gedanken in Gott und die aus ihnen hervorgehenden
Ideen.
[GEJ.07_018,03] Unter der mystischen Zahl
Sieben wird verstanden das vollkommen ursprünglich Göttliche und Gottähnliche
in jedem von Ihm ausgehenden Gedanken und in jeder von Ihm gefaßten und wie aus
Sich hinausgestellten Idee.
[GEJ.07_018,04] Das erste in Gott ist die
Liebe. Diese läßt sich finden in allen geschaffenen Dingen; denn ohne sie wäre
kein Ding möglich.
[GEJ.07_018,05] Das zweite ist die Weisheit
als das aus der Liebe hervorgehende Licht. Auch diese kannst du in jedem Wesen
in seiner Form ersehen; denn für je mehr Licht ein Wesen empfänglich ist, desto
entfalteter, entschiedener und schöner wird auch seine Form sein.
[GEJ.07_018,06] Das dritte, das aus der Liebe
und Weisheit hervorgeht, ist der wirksame Wille Gottes. Durch ihn bekommen die
gedachten Wesen erst eine Realität, daß sie dann wirklich sind und da sind, – ansonst
wären alle Gedanken und Ideen Gottes eben das, was deine hohlen Gedanken und
Ideen sind, die niemals ins Werk gesetzt werden.
[GEJ.07_018,07] Das vierte, das wieder aus
den dreien hervorgeht, ist und heißt die Ordnung. Ohne diese Ordnung könnte
kein Wesen irgend eine bleibende und stetige Form und somit auch nie einen
bestimmten Zweck haben. Denn so du einen Ochsen vor den Pflug spanntest, und er
würde seine Form und Gestalt verändern, zum Beispiel in einen Fisch oder in
einen Vogel, würdest du da wohl mit ihm je einen Zweck erreichen? Oder du
wolltest eine Frucht essen, und sie würde dir vor dem Mund zu einem Steine
werden, – was würde dir die Frucht nützen? Oder du gingest irgendwohin auf
festem Wege, und der Weg würde dir unter den Füßen zu Wasser, – könnte dir da
selbst der festeste Weg etwas nützen? Siehe, alles das und zahllosfach anderes
wird verhütet durch die göttliche Ordnung als den vierten Geist Gottes!
[GEJ.07_018,08] Der fünfte Geist Gottes aber
heißt der göttliche Ernst, ohne den kein Ding als etwas Bestehendes möglich
wäre, weil er gleich ist der ewigen Wahrheit in Gott und erst allen Wesen den
wahren Bestand, die Fortpflanzung, das Gedeihen und die endliche Vollendung
gibt. Ohne solchen Geist in Gott stünde es mit allen Wesen noch sehr schlimm.
Sie wären gleich den Fata-Morgana-Gebilden, die wohl etwas zu sein scheinen,
solange sie zu sehen sind; aber nur zu bald ändern sich die sie erzeugt
habenden Bedingungen, weil in ihnen kein Ernst waltet, und die schönen und
wunderbaren Gebilde zerrinnen in nichts! Sie sind zwar auch sehr wohlgeordnet
anzusehen, aber weil in dem sie hervorbringenden Grunde kein Ernst waltet, so
sind sie nichts als leere und höchst vergängliche Gebilde, die unmöglich einen
Bestand haben können.
[GEJ.07_018,09] Siehe, da haben wir nun schon
einmal die fünf großen Urgeister Gottes, und wir wollen denn noch zu den zwei
letzten übergehen, und so höre mich noch weiter an!
[GEJ.07_018,10] Wo die höchste Liebe, die
höchste Weisheit, der allmächtige Wille, die vollkommenste Ordnung und der
unwandelbar festeste Ernst vorhanden sind, da muß doch offenbar auch die
höchste und ewig nie erreichbare Geduld vorhanden sein; denn ohne sie müßte
sich alles überstürzen und endlich in ein unentwirrbares Chaos der alten Weisen
übergehen.
[GEJ.07_018,11] Wenn ein Baumeister ein Haus
aufbaut, so darf er doch nebst seinen anderen dazu erforderlichen Eigenschaften
auch die Geduld nicht außer acht lassen; denn fehlt ihm diese, so – glaube es
mir – wird er mit seinem Hause niemals zurechtkommen.
[GEJ.07_018,12] Ich sage es dir: Wenn Gott
diesen Geist nicht hätte, so leuchtete schon gar endlos lange keine Sonne einer
Erde im endlosesten Raume, und in der Welt der Geister sähe es ganz
absonderlich, gänzlich wesenlos aus. Die Geduld ist die Mutter der ewigen,
unwandelbaren Barmherzigkeit Gottes, und wäre dieser sechste Geist nicht in
Gott, wo und was wären dann alle Geschöpfe dem allein allmächtigen Gott
gegenüber?!
[GEJ.07_018,13] Wenn wir nun denn auch irgend
fehlen und uns dadurch offenbar dem vernichtenden Fluche der göttlichen Liebe,
Weisheit, des göttlichen Willens, dem Sein Ernst offenbar wegen der
vorangegangenen Ordnung folgt, preisgeben, so stoßen wir an die göttliche
Geduld, die mit der Zeit dennoch alles ins Gleichgewicht bringt und bringen
muß, denn ohne sie wären alle noch so vollkommenen Geschöpfe dem ewigen
Gerichte des Verderbens anheimgestellt.
[GEJ.07_018,14] Die göttliche Geduld würde
mit den vorangehenden fünf Geistern in Gott wohl einen oder auch zahllos viele
Menschen auf den Weltkörpern erschaffen und sie auch gleichfort erhalten; aber
da würde ein Mensch oder auch zahllos viele Menschen im schweren Fleische eine
endlose Zeit fortleben, und von einem endlichen Freiwerden der Seele aus den
Banden der Materie wäre da schon ewig lange keine Rede. Zugleich würden sich
Tiere, Pflanzen und Menschen gleichfort mehren und am Ende in einer solchen
Anzahl auf einem raumbeschränkten Weltkörper so eng zusammengedrängt wohnen,
daß da einer dem andern nicht mehr ausweichen könnte. Das ist aber nur zu
verstehen, wenn ein Weltkörper unter dem Walten der endlosen göttlichen Geduld
je noch dahin reif werden würde, daß er Pflanzen, Tiere und Menschen tragen und
ernähren könnte. Ja, es ginge mit den alleinigen dir bis jetzt bekanntgegebenen
sechs Geistern sogar mit der Erschaffung einer materiellen Welt unendlich
saumselig her, und es wäre sehr zu bedenken, ob da je eine Welt zum materiellen
Vorscheine käme.
[GEJ.07_018,15] Aber die Geduld ist, wie
schon gesagt, die Mutter der göttlichen Barmherzigkeit, und so ist der siebente
Geist in Gott eben die Barmherzigkeit, die wir auch die Sanftmut nennen wollen.
Diese bringt alles zurecht. Sie ordnet alle die früheren Geister und bewirkt
die rechtzeitige Reife einer Welt sowohl, wie aller Geschöpfe auf ihr. Für
alles hat sie einen bestimmten Zeitraum gestellt, und die reif gewordenen
Geister können demnach bald und leicht der vollen Erlösung gewärtig werden und
in ihre ewige Freiheit und vollste Lebensselbständigkeit eingehen.
[GEJ.07_018,16] Dieser siebente Geist in Gott
bewirkte denn auch, daß Gott Selbst das Fleisch annahm, um dadurch alle die
gefangenen Geister aus den harten Banden des notwendigen Gerichtes der Materie
in möglichster Kürze der Zeit zu erlösen, darum auch dieses Sein Werk – die
Erlösung – die Neuumschaffung der Himmel und der Welten und somit das größte
Werk Gottes genannt werden kann, weil in diesem alle die sieben Geister Gottes
völlig gleichgewichtig wirken, was vordem nicht so sehr der Fall war und auch
nicht sein durfte zufolge des Geistes der Ordnung in Gott. Denn früher wirkte
dieser dir nun bekanntgegebene siebente Geist in Gott nur insoweit mit den
anderen Geistern mit, daß alle die Gedanken und Ideen Gottes zu Realitäten
wurden; von nun an aber wirkt er mächtiger, und die Folge davon ist eben die
vollkommene Erlösung.
[GEJ.07_018,17] Und siehe nun, das sind die
von dir unverstandenen sieben Geister Gottes, und all das Erschaffene aus den
sieben Geistern Gottes entspricht in allem und jedem diesen sieben Geistern
Gottes und birgt sie in sich. Und die ewig fortwährende Erschaffung und das
ebenso fortwährende Erschaffen ist das, was die Urweisen dieser Erde die
,Kriege Jehovas‘ nannten.“
19. Kapitel
[GEJ.07_019,01] (Raphael:) „Wie die sieben
Geister oder besonderen Eigenschaften in Gott dahin gleichsam in einem
fortwährenden Kampfe stehen, daß die eine stets auch die andere zur Tätigkeit
herausfordert, also kannst du den gleichen Kampf mehr oder weniger auch in
allen Geschöpfen Gottes ganz und gar leicht erkennen.
[GEJ.07_019,02] Die Liebe für sich ist blind,
und ihr Bestreben ist, alles an sich zu ziehen. Aber in diesem Bestreben
entzündet sie sich, und es wird Licht und somit Verständnis und Erkenntnis in
ihr.
[GEJ.07_019,03] Siehst du nun nicht, wie das
Licht gegen das vereinzelte Bestreben der puren Liebe kämpft und sie zur
Ordnung und Besinnung bringt?!
[GEJ.07_019,04] Aus diesem Kampf oder Krieg
aber erwacht zu gleicher Zeit der Wille als der tätige Arm der Liebe und ihres
Lichtes, der das, was das Licht weise geordnet hat, ins Werk setzt.
[GEJ.07_019,05] Aber da wird aus der
Erkenntnis der Liebe durch ihr Licht und durch die Kraft der beiden eben auch
gleichzeitig die Ordnung hervorgerufen, und diese kämpft fort wider alles
Unordentliche durch das Licht und durch den Willen der Liebe, und du hast darin
wieder einen ewig beständigen Krieg Jehovas in Ihm sowie in allen Geschöpfen.
[GEJ.07_019,06] Das wäre nun aber schon alles
recht also, wenn man nur dafür gutstehen könnte, daß das, was die vier Geister
noch so schön geordnet ins Werk setzten, damit schon einen Bestand hätte. Aber
alle die noch so herrlichen Werke der ersten vier Geister gleichen noch sehr
den Spielwerken der Kinder, die zwar mit großer Lust und Freude so manches ganz
meisterlich geordnet ins Werk setzen, doch kurze Zeit darauf an ihrem Produkte
keine Freude mehr haben und es dann noch eifriger wieder zerstören, als sie es
ehedem ins Dasein gesetzt haben. Und wahrlich, Freund, da sähe es mit dem
Bestande all des Geschaffenen noch sehr übel aus!
[GEJ.07_019,07] Um aber das zu verhüten,
erhebt sich aus den vier Geistern, und zwar infolge des großen Wohlgefallens an
der vollendeten Gelungenheit der Werke, der Ernst als ein fünfter Geist in Gott
sowie in Seinen Geschöpfen, und dieser Geist kämpft dann gleichfort wider die
Zerstörung und Vernichtung der einmal hervorgebrachten Werke, gleichwie auch
ein verständig ernst gewordener Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus erbaut
hat und einen Weinberg angelegt, alles auf die Erhaltung und Nutzung des Hauses
und des Weinberges verwenden wird, nicht aber etwa auf die baldige
Wiederzerstörung des Hauses und des Weinberges, wie ich dir solches ehedem bei
den hervorgebrachten Werken der Kinder gezeigt habe. Und siehe, das ist – wie
schon gesagt – schon wieder ein Krieg Jehovas!
[GEJ.07_019,08] Aber das erbaute Haus zeigt
mit der Zeit dennoch Mängel, und der Weinberg will noch immer nicht die
erwünschte Ernte bringen, und der Erbauer fühlt Reue wegen seiner Mühe und
wegen seines Ernstes in seinem Tätigkeitseifer, und er möchte darum das Werk
auch gleichwohl zerstören und dafür ein ganz anderes und neues errichten; aber
da tritt dann der sechste Geist solchem Ernste entgegen und heißt – wie schon
gezeigt – die Geduld. Und siehe, die erhält dann das Haus und den Weinberg! Und
das ist schon wieder ein neuer Krieg Jehovas!
[GEJ.07_019,09] Nun, die Geduld für sich, wie
auch mit den früheren Geistern vereint, würde aber weder am Hause noch am
Weinberge besondere Verbesserungen vornehmen, sondern so hübsch alles gehen und
stehen lassen; aber da kommt der siebente Geist, nämlich die Barmherzigkeit,
die in sich enthält die Sanftmut, die Besorgtheit, den Fleiß, die Liebtätigkeit
und Freigebigkeit. Und siehe, der Mensch bessert dann sein Haus so gut aus, daß
dann an ihm keine Mängel von nur irgendeiner Bedeutung mehr vorhanden sind, und
gräbt und düngt den Weinberg, so daß er ihm bald eine reiche Ernte abwirft! Und
sieh nun abermals, das ist dann wieder ein Kampf oder ein Krieg Jehovas im
Menschen gleichwie in Gott und im Engel!
[GEJ.07_019,10] Und also ist das wahre,
vollkommene Leben in Gott, im Engel und im Menschen gleichfort ein Kampf der
dir nun gezeigten sieben Geister. Aber dieser Kampf ist in Gott wie im Engel
kein solcher, als wäre in einem oder dem andern der sieben Geister ein
Bestreben, die anderen Geister zu unterdrücken und untätig zu machen, sondern
der Kampf geht ewig dahinaus, daß ein Geist den andern gleichfort nach aller
seiner Kraft und Macht unterstützt und sonach ein jeder Geist in dem andern
vollkommen enthalten ist. Es ist also die Liebe in allen den anderen sechs
Geistern und ebenso das Licht oder die Weisheit in der Liebe und in den anderen
fünf Geistern und also fort, so daß in jedem einzelnen Geiste auch alle anderen
ganz vollauf wirken und stets wirkend gegenwärtig sind und sich fort und fort
im schönsten Ebenmaße unterstützen.“
20. Kapitel
[GEJ.07_020,01] (Raphael:) „Also sollte es
auch im Menschen sein; aber es ist leider nicht so. Wohl ist diese Fähigkeit
jedem Menschen gegeben, jedoch ohne je völlig ausgebildet und durchgeübt zu
werden. Nur wenige Menschen gibt es, die alle die sieben Geister in sich zur
vollen und gleichen Tätigkeit bringen und dadurch wahrhaft Gott und uns Engeln
Gottes gleich werden; aber, wie gesagt, gar viele sind davon abgewandt und
kümmern sich wenig darum und erkennen sonach das wahre Geheimnis des Lebens in
sich ganz und gar nicht. Solche blinden und halbtoten Menschen können dann den
ihnen zugrunde liegenden Zweck des Lebens nicht erkennen, weil sie sich nur von
einem oder dem andern der sieben Geister leiten und beherrschen lassen.
[GEJ.07_020,02] So lebt der eine pur aus dem
Geiste der Liebe und achtet der anderen Geister gar nicht. Was ist dann ein
solcher Mensch anders als ein freßgieriges und nie genug habendes Raubtier?
Solche Menschen sind stets voll Eigenliebe, voll Neid und voll Geiz und sind
gegen alle ihre Nebenmenschen hartherzig.
[GEJ.07_020,03] Andere wieder haben eine
erleuchtete Liebe und sind somit auch recht weise und können ihren
Nebenmenschen ganz gute Lehren geben; aber ihr Wille ist schwach, und sie
können darum nichts völlig ins Werk setzen.
[GEJ.07_020,04] Wieder andere gibt es, bei
denen die Geister der Liebe, des Lichtes und des Willens ganz tätig sind; doch
mit dem Geiste der Ordnung und des rechten Ernstes sieht es ganz schwach aus.
Diese Art Menschen werden auch recht klug und manchmal sogar recht weise reden
und auch hie und da etwas Vereinzeltes ins Werk setzen; aber der recht und ganz
aus allen sieben Geistern weise Mensch wird nur zu bald aus ihren Worten, Reden
und Werken ersehen, daß darin keine Ordnung und kein Zusammenhang waltet.
[GEJ.07_020,05] Und wieder gibt es Menschen,
die Liebe, Licht, Willen und Ordnung besitzen; aber es fehlt ihnen der Geist
des Ernstes. Sie sind darum ängstlich und furchtsam und können ihren Werken
selten eine ganz volle Wirkung verschaffen.
[GEJ.07_020,06] Wieder andere sind dabei auch
voll Ernst und Mut; aber mit der Geduld sieht es schwach aus. Solche Menschen
überstürzen sich gewöhnlich und verderben mit ihrem geduldlosen Eifer oft mehr,
als sie irgend gut machen. Ja, Freund, ohne eine gerechte Geduld gibt es
nichts; denn wer keine gerechte Geduld hat, der spricht sich selbst ein
gewisses Todesurteil! Denn der Mensch muß warten, bis die Traube vollends reif
wird, wenn er eine gute Ernte machen will. Ist er damit widerwillig, nun, so
muß er es sich denn am Ende doch selbst zuschreiben, so er statt einen edelsten
Wein nur einen untrinkbaren Säuerling geerntet hat.
[GEJ.07_020,07] Die Geduld ist also in allem
und jedem ein notwendiger Geist: erstens zur Beherrschung und zur
Zurechtbringung des oft ins Unendliche gehen wollenden Geistes, den ich Ernst
nannte – weil dieser Geist in Verbindung mit der Liebe, Weisheit und dem Willen
in den größten Hochmut ausartet, der bekanntlich beim Menschen dann keine
Grenze findet –, und zweitens, weil die Geduld zunächst, wie ich dir schon
gezeigt habe, die Mutter des Geistes der Barmherzigkeit ist, welcher Geist als
rückdurchwirkend erst allen vorhergehenden Geistern die göttlich-geistige
Vollendung verleiht und der Menschenseele zur vollen und wahren Wiedergeburt im
Geiste verhilft.
[GEJ.07_020,08] Darum hat der Herr Selbst nun
euch allen die Liebe zu Gott und zum Nächsten vor allem ans Herz gelegt und
dazu gesagt: ,Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist,
und seid sanftmütig und demütig, so wie auch Ich von ganzem Herzen sanftmütig
und demütig bin!‘
[GEJ.07_020,09] Der Herr gebot euch Menschen
sonach, den siebenten Geist vor allem darum auszubilden, weil eben in diesem
letzten Geiste alle vorhergehenden enthalten sind und durchgebildet werden. Wer
demnach diesen letzten Geist mit allem Eifer bildet und stärkt, der bildet und
stärkt auch die vorangehenden Geister und wird dadurch am ehesten und
sichersten vollendet. Wer aber seine Bildung mit einem oder auch mehreren der
früheren Geister beginnt, der gelangt schwer oder oft auch gar nicht zur ganzen
und vollen Lebensvollendung, weil diese ersteren Geister als pur für sich den
siebenten Geist nicht in sich enthalten, aber für sich alle die ihm notwendig
vorangehenden.
[GEJ.07_020,10] Und siehe nun, darin besteht
dann auch fortwährend insolange der Fall der Engel oder der Gedanken und Ideen
aus Gott – die wir auch als die von Gott beständig ausgehenden Kräfte benamsen
können –, als wie lange sie in ihrer Gesamtheit im Wesen des Menschen nicht den
siebenten Geist in sich zur wahren und höchsten Vollendung gebracht haben. Denn
alle die früheren Geister sind beinahe allen Geschöpfen teilweise mehr oder
weniger frei gegeben; aber der siebente Geist muß erst von dem Menschen durch
seinen höchsteigenen Fleiß und Eifer gewonnen werden.
[GEJ.07_020,11] Und wie durch solche
Gewinnung alle die früheren sechs Geister erst ihre wahre Bedeutung und den
wahren Lebenszweck erreichen, so erreicht denn auch der ganze Mensch durch ihn
erst die vollste Lebensfreiheit und Selbständigkeit. – Und nun frage ich dich
aber, ob du das alles auch wohl verstanden hast?“
[GEJ.07_020,12] Sagte Lazarus: „Ja, du von
Gottes Geist erfüllter Diener des Herrn, ich kann dir für solche deine große
Geduld und Gnade wahrlich ewig nie genug danken! Nun verstehe ich erst der
alten Bücher Weisheit! Nur ist es ewig schade, daß ich das nun ganz allein
verstehe, der ich ein zu schlechter Schreiber bin, um mir solche Lehren in ein
Buch aufzuzeichnen. Das solltest du wohl auch den andern Jüngern des Herrn
kundgeben, auf daß sie es, weil einige unter ihnen des Schreibens wohl kundig
sind, für alle Zeiten und Völker aufzeichneten; denn sie werden davon noch
nichts wissen.“
[GEJ.07_020,13] Sagte Raphael: „Sorge du dich
nur darum nicht; denn in eben der Stunde, als ich dir alles das von den
Wundern, von den Kriegen Jehovas und von den sieben Geistern Gottes erklärte,
hat im Saale der Herr Selbst ganz auf ein Haar das gleiche und dasselbe allen
ebenso verständlich erklärt, wie ich selbst dir nun solches erklärt habe, und
Johannes und Matthäus haben sich davon die Hauptpunkte auch notiert! So du aber
ein leeres und unbeschriebenes Buch hast, so will ich dir das denn auch selbst
im Momente von Wort zu Wort aufzeichnen.“
[GEJ.07_020,14] Sagte Lazarus: „Ein solches
Buch besitze ich nun wohl; soll ich es dir hierherbringen?“
[GEJ.07_020,15] Sagte Raphael: „Hat keine
Not! Gehen wir aber nun auch ins Haus, und da wirst du dein Buch schon
vollgeschrieben finden!“
[GEJ.07_020,16] Darob hatte Lazarus eine gar
große Freude, und beide kamen bald zu uns in den großen Speisesaal.
21. Kapitel
[GEJ.07_021,01] Als Lazarus mit Raphael zu
uns kam, da hörte er noch die allseitigen großen Verwunderungen über Meine
Lehre – über die Wunder, über die Kriege Jehovas, über die sieben Urgeister in
Gott und über den sogenannten Fall der Engel, und der Römer Agrikola bedauerte
Lazarus, weil er nicht anwesend war bei einer so heiligen und überwichtigen Lehre
aus Meinem Munde.
[GEJ.07_021,02] Darauf sagte Lazarus zu ihm:
„Ich danke dir für diese deine besondere Aufmerksamkeit! Doch was euch der Herr
durch Seine übergroße Gnade hier im Hause allergütigst erklärte, ganz dasselbe
erklärte und zeigte mir draußen dieser überweise und durch den Willen des Herrn
auch gar übermächtige Jüngling.
[GEJ.07_021,03] Hier zum Beweise diese zwei
Becher aus reinstem Golde, von denen – um mir das Wirken eines vollkommenen
Geistes um so anschaulicher und begreiflicher zu machen – der eine langsam vom
Boden bis zum obersten Rande, der zweite aber augenblicklich mir in meiner Hand
erschaffen wurde! Die Veranlassung dazu war die wunderbar plötzliche
Herstellung der vielen Bänke, Tische, Zelte und der Tischgeschirre, der
Tischdecken und der verschiedenen Speisen und Getränke. Es wurden nahe an acht-
bis neunhundert Menschen von allen Weltgegenden in ihrer Art und Weise bestens
bedient, und dennoch ist den Fremden aus meinen Vorräten nicht so viel
vorgesetzt worden, wie da unter einem Nagel Platz hätte! Weil alles das unter
meinen Augen geschah, so war es denn doch begreiflich, daß ich mich erkundigte,
wie ihm alles das zu bewirken möglich wäre. Und er erklärte mir alles so gut
und rein, daß ich alles, was er mir aufhellte, ganz wohl begriffen habe.
[GEJ.07_021,04] Darauf kamen wir auf das alte
Buch der Kriege Jehovas, auf die sieben Geister Gottes und auf den Fall der
Engel mit ihrem Fürstenengel Luzifer zu sprechen. Und sieh, dieser anscheinende
Jüngling enthüllte mir alles und machte dazu noch, daß seine ganze, über eine
Stunde lange Rede über diese hochwichtigen Dinge in ein Buch gezeichnet wurde,
das ich dir als einen zweiten Beweis dafür, daß ich alles das, was ihr
vernommen habt, auch vernommen habe, sogleich vorweisen werde, und du kannst
darin selbst eine vergleichende Nachlese halten!“
[GEJ.07_021,05] Sagte Agrikola: „Da wirst du
wahrlich sehr wohl daran tun, und es war ganz klug und weise von dir, daß du
den wunderbaren Jungen dazu beredet hast; denn es war diese Lehre zu hochwichtig,
als daß sie nicht wortgetreu hätte aufgezeichnet werden sollen. Es haben auch
hier zwei Jünger des Herrn geschrieben, doch nur, wie es lautete, die
Hauptpunkte der großen Rede. Gehe darum hin, wo du das Buch hast, und bringe es
hierher, auf daß wir es alle sehen und vergleichen mögen!“
[GEJ.07_021,06] Hier wandte sich Lazarus an
Mich uns sagte: „O Herr, sage Du es mir auch, ob es an der Zeit ist, den Römern
das Buch vorzuweisen!“
[GEJ.07_021,07] Sagte Ich: „O allerdings, gehe
nur und bringe es! Es wird niemandem schaden, wenn er solche gar wichtige Lehre
noch einmal vernimmt.“
[GEJ.07_021,08] Hierauf ging Lazarus in sein
Gemach und brachte, selbst voll Staunens und großer Freude, das Buch, legte es
vor den Römer auf den Tisch und sagte dazu: „Siehe, Freund, hier ist das
wunderbar geschriebene Buch! Lies es laut vom Anfange bis zum Ende vor, auf daß
alle Anwesenden noch einmal vernehmen können, was Wichtiges der Raphael und der
Herr uns geoffenbart haben!“
[GEJ.07_021,09] Sagte Agrikola: „Das werde
ich auch alsogleich tun, wenn die Schrift nur gut leserlich ist!“
[GEJ.07_021,10] Hierauf öffnete der Römer das
Buch, fand die Schrift in griechischer Zunge äußerst klar und deutlich und las
das geschriebene Wort allen Anwesenden vor vom Anfange bis ans Ende, was denn
auch nahe eine Stunde dauerte, und alle, die hier zuallermeist der griechischen
Zunge mächtig waren, konnten sich nicht genug verwundern, wie Meine frühere
Belehrung ganz von Wort zu Wort darin enthalten war.
22. Kapitel
[GEJ.07_022,01] Hier erst fing die junge
schöne Jüdin an, den Agrikola ernster zu fragen, wer Ich und der wunderbare
Jüngling denn so ganz eigentlich seien, und warum Mich alle stets mit ,Herr und
Meister‘ anredeten. Das sähe sie schon ein, daß Ich ein Grundweiser sei; aber
sie wüßte dennoch nicht, woher Ich wäre, und wer Ich sei.
[GEJ.07_022,02] Da antwortete ihr Agrikola
und sagte: „Meine schöne Tochter! Sei du nur auf alles recht aufmerksam, samt
deinen Eltern und deinem Bruder, und du wirst schon dahinterkommen, wer jener
herrliche Mann ist, und woher Er gekommen ist, wie desgleichen auch dieser
Jüngling!“
[GEJ.07_022,03] Sagte die Jüdin: „Wisset denn
ihr selbst das auch noch nicht ganz und gar sicher, wer jener herrliche Mann so
ganz eigentlich ist? So ihr es aber wisset, – warum saget ihr es mir denn
nicht?“
[GEJ.07_022,04] Sagte Agrikola: „O meine
liebste Tochter, euer weiser König Salomo sagte einst: ,Alles in dieser Welt
hat seine Zeit, und zwischen Zeit und Zeit soll der Mensch Geduld haben; denn
solange die Traube nicht reif ist, soll man sie nicht vom Weinstocke nehmen!‘
Und siehe, also wirst auch du noch nicht völlig reif sein, das Nähere über
jenen herrlichen Mann zu erfahren; wenn du aber reif werden wirst, dann wird
dir auch schon das Nähere kundgemacht werden. Aber wie gesagt, gib du nur auf
alles genau acht, was jener herrliche Mann reden und tun wird, und es wird dir
dann dein Herz sagen, wer jener herrliche Mann ist! – Hast du mich nun wohl
verstanden?“
[GEJ.07_022,05] Sagte die Jüdin: „Ja, ja, ich
habe dich ganz verstanden! Der arme Mensch ist noch allzeit auf die Geduld zum
Besserwerden hingehalten; der reiche und von aller Welt angesehene Mensch aber
kann sich für eine zu lange Geduld schon irgendein anderes Auskunftsmittel
verschaffen. Ja, ja, das ist mir schon ziemlich lange her bekannt! Nun, nun,
ich werde deinen gütigen Rat, hoher Herr, wohl ganz befolgen; ob ich aber dabei
etwas gewinnen werde, das ist eine ganz andere Frage!“
[GEJ.07_022,06] Hier bat der Vater der
Tochter den Agrikola sehr um Vergebung und sagte: „Herr, Herr, vergib es dem
armen Kinde; denn es ist manchmal bei aller seiner Gutherzigkeit ein wenig zu
wißbegierig und wird, so man ihm dann und wann irgend aus guten Gründen etwas
vorenthält, leicht unwillig. Aber wenn dann der oft eitle Neugiersturm vorüber
ist, so wird es darauf gleich wieder voll Geduld und Sanftmut und fügt sich
dann ganz gern in alles noch so Bittere. Darum wolle du, guter und hoher Herr,
diesem unserem Kinde diese kleine Ausartung ein wenig zugute halten!“
[GEJ.07_022,07] Sagte Agrikola: „Ah, was
fällt euch da bei?! Dieser eurer lieben Tochter Rede gefiel mir ja eben nur
ganz besonders gut, weil sie ganz offen und unbefangen die Wahrheit redete. Ich
bleibe von jetzt an noch mehr euer Freund, als ich es zuvor war. Darum könnet
ihr in dieser Hinsicht schon ganz beruhigt sein. Aber die Tochter soll in ihrer
Weise nur weiterreden, und wir werden dadurch doch noch aufs ganz Wahre
kommen.“
[GEJ.07_022,08] Damit waren die armen Alten
ganz zufriedengestellt, und die Tochter durfte nun reden, wie ihr die Zunge und
der Verstand gewachsen waren.
[GEJ.07_022,09] Sie wandte sich nun gleich
wieder an den Römer und sagte zu ihm (die Jüdin): „O lieber, großer Herr und
Freund, du bist wohl ein gar sehr guter Mensch, und alle deine Gefährten
scheinen es auch zu sein; aber du kannst in deinem großen Weltglück es doch nie
ganz fühlen, was die Armut in ihrer oft ganz hilflosen und großen Not fühlt!
Wenn man sich als ein junges und von der Gottesnatur nicht vernachlässigtes
Mädchen nicht in alles das begibt, was die Großen und Reichen wünschen, so ist
man dann schon so gut wie ganz verloren. Kein Mensch schaut da mehr auf
unsereins, man wird beschimpft und für ein eitel dummes und stolzes Wesen
gehalten, und kommt man dann in irgendeiner Not zu jemand um Hilfe, so wird man
zur Tür hinausgewiesen und darf sich dann nicht mehr vor einer solchen Tür
sehen lassen. Das ist und bleibt für unsereins denn doch immer etwas im hohen
Grade Unangenehmes und benimmt einem am Ende alles Vertrauen selbst zu der
besseren Menschheit. Denn Menschen sind wir alle und sind behaftet mit allerlei
Schwächen und Unvollkommenheiten. Ist das wahr oder nicht?“
[GEJ.07_022,10] Sagte Agrikola: „Du hast zwar
ganz wahr und recht gesprochen; aber es gibt dennoch noch etwas, dessen du bei
deiner Armut- und Notschilderung vergessen hast! Sieh, wen Gott liebhat, den
prüft er zuvor ganz gehörig durch, bevor Er ihm vollauf hilft! Und das scheint
denn Gott der Herr mit euch getan zu haben. Als aber eure Not aufs höchste
gestiegen war, da kam zu euch denn auch Seine Hilfe, und nun ist euch erst
wahrhaft geholfen. Denn ich habe euch im Namen Gottes, eures und meines Herrn,
zugesagt und werde mein euch gegebenes Wort auch halten, und das rein aus Liebe
und Dankbarkeit zu eurem wahren Gott und ja nicht etwa wegen irgendeiner
besonderen Liebe und Neigung zu dir, dieweil du eine sehr schöne Jüdin bist.
Denn meine Liebe zu Gott ist um sehr vieles größer, als ich sie je zu allen mir
vorgekommenen Schönheiten und Herrlichkeiten der Welt empfunden habe. Also
wegen deiner Versorgtheit darfst du von nun an in gar keine Bangigkeit mehr
geraten; daß dir aber eine nähere Bekanntschaft mit jenem Herrlichen noch eine
Weile vorenthalten wird, das hat einen ganz weisen Grund, und wir sind darum
nicht irgend hart gegen dich, so wir dir nicht gleich alles sagen, was wir alle
als ganz sicher und vollkommenst wahr von Ihm wissen.
[GEJ.07_022,11] Daß hinter Ihm etwas ganz
Außerordentliches steckt, das kannst du dir schon vorstellen; doch worin das
Außerordentliche besteht, das wirst du bald und leicht zum größten Teil von
selbst herausfinden, wenn du nur, wie ich dir geraten habe, recht aufmerksam
bist, und zwar auf alles, was Er reden und tun wird. Ich habe dich aber ja
schon gleich anfangs da auf diese Gefäße auf diesem unserm Tische aufmerksam
gemacht, wie Er sie bloß durch Seinen Willen gleichsam erschaffen hat. Dann
warst Du nun auch Zeugin, wie Er während der Erklärung Seiner Wundertaten jene
beiden Goldbecher aus der Luft heraus ins Dasein rief, die nun noch vor Ihm
stehen und jenen beiden völlig ähnlich sind, die der Hauswirt Lazarus
hereinbrachte, indem er erzählte, wie sie jener Jüngling, der nun an jenem
kleinen Tische mit dem Lazarus ißt und trinkt, auf die gleiche Weise wunderbar
aus der Luft ins Dasein rief also, wie hierinnen jener herrliche Mann dasselbe
tat. Wenn du solches alles gehört und gesehen hast, so sollte dir, wie auch
deinen Eltern und deinem Bruder, schon so ein wenig mehr Licht über jenen
herrlichen Mann kommen, der so überweise reden und so außerordentliche Taten
zustande bringen kann.“
[GEJ.07_022,12] Sagte die Jüdin: „Ja, ja, da
hast du schon ganz recht und wahr geredet; aber eben darin liegt für uns vier
ja der eigentliche Haken, über den wir nicht gar so leichten Fußes und Sinnes
hinwegzuspringen imstande sind; denn für einen noch so großen Propheten spricht
er zu klar und weise und tut zu unerhört Außerordentliches. Ihr Römer habt es
da leicht, weil ihr solch einen außerordentlichen Menschen gleich für einen Gott
ansehen, annehmen und ihn als solchen verehren und anbeten könnt; aber das geht
bei uns Juden nicht, weil wir nur an einen alleinigen Gott glauben, den niemand
sehen und leben kann. Die Weisheit dieses herrlichen Mannes übersteigt freilich
wohl alle bisherigen Begriffe der Menschen und ebenso auch seine Taten, und er
muß darum sehr viel des reingöttlichen Geistes in sich haben; aber darum können
wir Juden ihn doch nicht als einen Gott annehmen! – Was sagst denn nun du
dazu?“
23. Kapitel
[GEJ.07_023,01] Sagte Agrikola: „Ja, du meine
liebe Tochter Jerusalems, auf solch eine Äußerung von dir läßt sich vorderhand
freilich wohl nicht gar zu vieles einwenden; aber es wird schon noch eine
Stunde kommen, in der du von jenem herrlichen Manne ganz anders urteilen und
reden wirst.
[GEJ.07_023,02] Hast du denn als Jüdin noch
nie von einem Messias der Juden reden hören, der da kommen solle und werde, um
zu erlösen Sein Volk aus den ehernen Händen der Tyrannei der Sünde, die nun
alle Welt mit der ewigen Vernichtung überhart bedroht? Könnte denn nicht so
zufälligerweise eben jener herrliche Mann der verheißene Messias der Juden und
zugleich aller Menschen auf der ganzen Erde sein? – Was meinst denn du dazu?“
[GEJ.07_023,03] Sagte die Jüdin: „O Freund,
solch eine Weissagung klingt wohl gar sehr tröstlich, doch alle unsere
Weissagungen sind so gestellt, daß sie erstens von den Priestern nicht
verstanden werden und zweitens von uns Laien noch um sehr vieles weniger! Dazu
ist das alles in den Weissagungen der Propheten so unbestimmt gestellt, daß
kein Mensch unseresgleichen daraus klug werden kann, wann ein solcher Messias
kommen wird, wie Er aussehen, was für Eigenschaften Er besitzen und woran man
Ihn am ehesten und leichtesten erkennen wird.
[GEJ.07_023,04] Einmal ist Er ein Kind, das
andere Mal ein Lamm, der Löwe von Juda, und wieder ein Hoherpriester in
Ewigkeit – und das nach der Weise Melchisedeks –, Nachkomme Davids, ein König
der Juden ohne Ende, und so ist Er noch unter verschiedenen anderen Namen und
Bedeutungen verheißen, so daß man sich am Ende gar nicht mehr auskennen kann,
als was und in welcher menschlichen Form, Art und Würde Er in diese Welt zu uns
Juden kommen wird.
[GEJ.07_023,05] Übrigens aber hätte ich auch
wahrlich schon ganz und gar nichts dawider, so eben jener herrliche Mann dort
der wahre Messias wäre; nur verstehe ich das nicht, daß eben unsere Priester,
die doch zuallernächst – des Volkes wegen, das ihnen zuerst glaubt – davon in
der vollsten Kenntnis sein sollten, sich um diesen schier wahren Messias ganz
und gar nicht zu kümmern scheinen! Denn er war ja mit dir unten am großen
Stadttor, als du Hoher mit dem Tempelobersten wegen meines Bruders gerechtet
hast, und siehe, jener schien ihn gar nicht zu kennen! Wie kommt denn das?“
[GEJ.07_023,06] Sagte Agrikola: „Das kommt
daher, weil die Templer zu sehr herrsch- und habgierig sind und für nichts
anderes irgendeinen Sinn haben als nur fürs irdische Wohlleben aller Art und
Gattung, wie du solches selbst erfahren hast. Um das zu erreichen, nehmen die
Templer ihre Zuflucht zu allen möglichen Lügen und Betrügereien und sind, wie
ich mich selbst überzeugte, Feinde jeder Wahrheit und somit auch jedes
Wahrhaftigen. Sie führen den Namen Mosis und der andern Propheten wohl im
Munde, aber deren Lehren und Gesetze verachten sie und geben ihre schlechten
und selbstsüchtigen Satzungen für die des Moses und der andern Propheten dem
Volke, das sie dadurch quälen, daß sie ihm allerlei unnötige Lasten aufbürden
und es geistig und physisch bedrücken.
[GEJ.07_023,07] Dieser unser herrlicher Mann
aber ist die Liebe, die Wahrheit und die höchste Weisheit selbst und zeugt von
der großen Schlechtigkeit solcher Pharisäer, die sich da als Priester und
Schriftgelehrte dem Volke vorstellen und sich als seiende Diener Gottes, an den
sie nicht glauben, und den sie auch gar nicht kennen und auch nicht erkennen
wollen, über alles Maß hoch verehren und schon förmlich anbeten lassen, und so
sind sie Ihm feind und wollen von Ihm nichts hören und wissen, was nur zu offen
am Tage liegt.
[GEJ.07_023,08] Ich selbst habe mich vor ein
paar Tagen alsbald nach meiner Ankunft überzeugt, wie sie Ihn, als Er im Tempel
lehrte, steinigen wollten, weil Er ihnen die volle Wahrheit gepredigt hat. Wenn
du nun das weißt, so wirst du schon auch den Grund einsehen, warum eure
Tempelpriester diesen herrlichen Mann nicht als den verheißenen Messias und
Heiland der Welt annehmen wollen, – was aber für die Hauptsache nichts
ausmacht; denn ob diese eure Templer das annehmen oder nicht, so bleibt Er
dennoch Der, der Er der vollsten Wahrheit nach ist. – Begreifst du, meine holde
Tochter, nun das wohl?“
[GEJ.07_023,09] Sagte die Jüdin: „O ja, das
begreife ich nun schon ganz gut; du wirst schon ganz recht haben! Für die da unten
könnten nun schon Moses und Elias sichtbar aus den lichten Himmeln herabkommen
und ihnen ihre großen Schändlichkeiten zeigen und sie zur wahren Buße ermahnen
und sie dann hierher führen und ihnen zeigen in jenem herrlichen Manne den
verheißenen und gekommenen Messias, so würden sie selbst diesen zwei größten
Propheten nicht glauben, sondern sie nur verfolgen und lästern! Oh, das ist uns
eine nur zu bekannte Sache! Aber nun lassen wir ab von unserem Gespräch; denn
ich merke es, daß auch jemand anders etwas reden möchte, und der herrliche Mann
scheint etwas im Sinne zu haben, und auf das müssen wir wohl sehr achthaben!“
24. Kapitel
[GEJ.07_024,01] Hier winkte Ich dem Raphael
und beschied ihn dahin, daß er der Jüdin, ihrem Bruder und auch ihren Eltern entsprechende
Kleider verschaffen solle.
[GEJ.07_024,02] Darauf ging Raphael schnell
an den Tisch zu den vieren und sagte zu ihnen: „Was für Kleider habt ihr daheim
in eurer Wohnstube?“
[GEJ.07_024,03] Sagte die Jüdin: „O du
liebster und gar überaus himmlisch schöner und ebenso mächtiger Diener jenes
gar herrlichen Mannes! Du weißt ohnehin, wie gar schlecht wir schon seit langem
mit unserer Bekleidung bestellt sind, und das wahrlich ohne unsere Schuld. Und
so meine ich, daß wir dir für diese deine immerhin gütige Frage eine Antwort
ganz schuldig bleiben können, und das um so mehr, weil ich dir schon ohnehin
angezeigt habe, wie es mit unserer Bekleidung steht. Gehe hin und überzeuge
dich!“
[GEJ.07_024,04] Sagte Raphael: „Darum habe
ich dich auch nicht gefragt; denn euer Kleiderbesitztum in eurer Wohnstube
kenne ich ganz genau; aber ich kenne noch etwas, das du wegen deines etwas
unzeitigen Ehrgefühls gerne verschweigen möchtest. Doch siehe, bei uns ist kein
Verschweigen möglich, da wir um gar alles nur zu genau wissen. Du hast aus
Liebe zu deinen Alten und zu deinem Bruder deine guten und sogar sehr kostbaren
Kleider einem griechischen Pfandleiher gegen hundert Groschen auf ein Jahr lang
versetzt und hast den Pfandschein daheim, und siehe, davon hast du mir eben
nicht gar besonders vieles gesagt! So du nun jene Kleider besäßest, – wärest du
damit nicht zufrieden? Für deine Alten und für deinen Bruder könnte dann schon
hier gesorgt werden!“
[GEJ.07_024,05] Hier ward die junge Jüdin
etwas verlegen, sagte aber nach einer kleinen Weile dennoch: „Ja, ja, du hast
wohl die volle Wahrheit geredet; aber was soll das mir nun noch nützen? Jene
guten Kleider waren ja auch nur ein Geschenk von einem reichen Anverwandten,
der leider gestorben ist und uns nachher keine weitere Unterstützung hat
angedeihen lassen können. Die mir noch bei seinen Lebzeiten geschenkten Kleider
aber waren auch das ganze Erbe, das uns allen zugute kam; alles andere erbten
seine drei Söhne, die aber sehr harte Menschen sind und Arme nicht mehr ansehen
wollen.
[GEJ.07_024,06] Ich selbst aber habe jene
kostbaren Kleider nie an meinem Leibe getragen, da sie sich erstens für ein
armes Mädchen nicht geschickt hätten und mir fürs zweite auch zu groß gewesen
wären. Unsere große Not aber zeigte mir damit einen andern Ausweg. Weil ich sie
des Andenkens wegen schon auch nicht verkaufen wollte, so versetzte ich sie mit
dem Gedanken, daß es etwa in einem Jahre doch möglicherweise irgend also sich
fügen werde, daß ich sie zurücklösen könnte. Aber bei unserem stets wachsenden
Elende wäre trotz des Pfandscheins in meinen Händen von einem Zurücklösen wohl
ohnehin nie mehr die Rede gewesen, und so habe ich denn auch lieber nichts
davon gesagt; und es zwang mich auch noch der Umstand, daß das Versetzen bei
uns zu keiner besonders preiswürdigen Tugend gehört, davon eben keine Erwähnung
zu machen. Und jetzt weißt du, allerschätzbarster, jugendlicher Freund, aber
auch schon alles; es fragt sich jetzt nur, was da zu machen ist!“
[GEJ.07_024,07] Sagte der Engel mit
freundlicher Miene: „Was anderes als auslösen! Doch es würde das dir, du meine
liebe Schwester in Gott dem Herrn, viele Gänge und Unbequemlichkeiten machen,
und so will ich das an deiner Stelle tun. Ist dir das recht also?“
[GEJ.07_024,08] Sagte die Jüdin: „Ja, recht
wäre es mir gar sehr; aber fürs erste habe ich den Pfandschein nicht hier bei
mir, und fürs zweite wohnt der Grieche gar weit von hier und kommt nur alle
Monde einmal nach Jerusalem, macht da seine Geschäfte ab und zieht dann wieder
dahin, wo er zu Hause ist, ich glaube gar in Tyrus oder Sidon. Er kann jetzt
wohl auch hier in Jerusalem sein, was ich nicht wissen kann, da er ganz gewiß
nur zu den Osterfesten nach Jerusalem kommt und da seine Hauptgeschäfte
abmacht.“
[GEJ.07_024,09] Sagte Raphael: „Das macht alles
nichts! Weil es dir also recht ist, so werde ich mit deinem Pfandscheine deinen
Griechen schon bald irgendwo finden, deine Kleider auslösen und sie dir selbst
hierherbringen. Wie bald möchtest du sie wohl haben?“
[GEJ.07_024,10] Sagte die Jüdin: „O holdseligster
Freund, wenn du das auf ganz natürlichem Wege verrichten willst, so wirst du
wohl mehrere Tage zu tun haben, bis du dieses Geschäft mit dem Griechen wirst
abmachen können; aber da dir auch Wunderbares möglich ist, so könntest du so
etwas vielleicht auch in einer viel kürzeren Zeit zustande bringen!“
[GEJ.07_024,11] Sagte darauf Raphael: „Nun,
so zähle denn die Augenblicke, die ich dazu benötigen werde, um dir zuerst
deinen Pfandschein zu holen! Nun, hast du die Augenblicke schon zu zählen
angefangen?“
[GEJ.07_024,12] Sagte die Jüdin: „Wie kann
ich das, solange du noch hier weilst?“
[GEJ.07_024,13] Sagte Raphael lächelnd: „Ich
war aber nun schon fort und habe hier deinen Pfandschein auch schon in meinen
Händen. Sieh ihn an, ob er wohl der rechte ist!“
[GEJ.07_024,14] Hier fingen alle im höchsten
Grade zu staunen an über solch eine nie erhörte Schnelligkeit, und Agrikola und
noch andere Römer sagten: „Aber Freund, du warst ja keinen Augenblick abwesend!
Wie war dir das möglich? Du hast den Pfandschein wahrscheinlich schon früher,
als du diese Familie in ihrer Wohnung abgeholt hast, gleich deshalb
mitgenommen, um nun damit einen nützlichen Gebrauch zu machen? Denn das ist
doch wohl nicht zu glauben, daß du in einem nicht denkbar schnellsten Augenblick
hin und zurück hättest kommen können!?“
[GEJ.07_024,15] Sagte Raphael: „In dieser
materiellen Welt und bei den Menschen ist gar vieles nicht möglich, was Gott
und Seiner Macht doch möglich ist! Du weißt aber nun aus dem Munde dieser
Jüdin, daß jener Grieche, der ihre Kleider als Pfand für die ihr dargeliehenen
hundert Groschen besitzt, nun in Tyrus sich befindet, obschon sein
Geschäftsdiener wohl hier ist und seine Geschäfte besorgt. Seine Geschäftsbude
ist aber doch gut bei zwei Stunden Weges außerhalb der Stadt in der Richtung
gen Bethlehem hin, und ich werde dieser Armen Kleider ebenso schnell
herbeischaffen, wie ich ihr nun diesen Pfandschein herbeigeschafft habe, und du
wirst dann nicht sagen können, daß ich etwa auch schon früher ihre Kleider
abgeholt habe. Zähle du nun die Augenblicke, die ich zu dieser Arbeit brauchen
werde! Hast du sie schon gezählt?“
[GEJ.07_024,16] Sagte Agrikola: „Wie soll ich
sie wohl gezählt haben, da du dich von hier noch nicht entfernt hast?“
[GEJ.07_024,17] Sagte Raphael: „So sieh hin!
Dort auf der Bank neben der Tür, in ein Tuch gut eingebunden, befinden sich
schon die völlig ausgelösten Kleider dieser armen Jüdin; sie soll sie in
Augenschein nehmen und euch sagen, ob dies nicht vollkommen ihre ihr
wohlbekannten Kleider sind!“
[GEJ.07_024,18] Hier erhob sich alsbald die
Jüdin, nahm unter der größten Verwunderung die Kleider in Augenschein und
erkannte sie auch sogleich als vollkommen die ihrigen.
[GEJ.07_024,19] Da aber ihre Mutter noch
schlechter bekleidet war als sie selbst, so sagte sie zu Raphael (die Jüdin):
„Höre, du mein überwunderbarer, junger Freund, ich frage dich gar nicht, wie es
dir möglich war, mir gar so urplötzlich diese Kleider herbeizuschaffen, die ein
Weib zur Übergenüge bekleiden können, doch für mich und diese meine Mutter
nicht ausreichen würden! Daher gebe ich sie ihr, auf daß sie sich völlig
bekleide; ich selbst aber will diese ihre Kleider nehmen, die sie nun am Leibe
hat, und sie werden genügen, um meines Leibes Blößen zu bedecken auf so lange
hin, bis ich durch die Güte dieses weltmächtigen Römers zu einem besseren
Kleide kommen werde. Lasset mich aber mit der Mutter in ein einsames Zimmer
treten, in welchem wir uns umkleiden können!
[GEJ.07_024,20] Zuvor aber frage ich dich, du
wahrhaft unbegreifbar wundermächtiger Jüngling, ob diese sonst kostbaren
Kleidungsstücke nun wohl als rein anzusehen sind; denn sie befanden sich zuvor
in den Händen eines Heiden, die vor uns Juden unrein sind. Ich wollte aber
lieber gar kein besseres Kleid an den Leib dieser meiner Mutter tun, so sie
durch dasselbe nur auf einen Tag lang unrein werden könnte.“
[GEJ.07_024,21] Sagte Raphael: „Mein Kind,
was du mit dem Kleide nun tun willst, das ist wohlgeraten und wohlgetan! Tue
also nach deinem Herzen, und es wird dir das gute Früchte tragen! Wegen der
Reinheit der Kleidungsstücke aber habe keine Sorge; denn was sich in meinen
Händen befand, das ist auch völlig rein. Lazarus aber wird dir und deiner
Mutter schon ein Zimmer anweisen, in welchem ihr euch umkleiden könnet.“
[GEJ.07_024,22] Darauf dankten beide, nahmen
die Kleider, und Lazarus führte sie sogleich in ein kleines Gemach, allwo sie
sich umkleiden konnten.
[GEJ.07_024,23] Als nun die Mutter ganz
köstlich bekleidet war, nahm die Tochter der Mutter abgelegte, schon stark schadhafte
Kleider und bekleidete sich damit und hatte eine große Freude an der Freude
ihrer nun wohlbekleideten Mutter und achtete nicht darauf, daß sie selbst gar
armselig bekleidet war.
[GEJ.07_024,24] Als die beiden bald wieder zu
uns in den Speisesaal kamen, siehe, da war die Tochter ebenso köstlich
bekleidet wie ihre Mutter, und sie fing an, sich sehr zu wundern, daß sie nun
auch also gar köstlich bekleidet war gleichwie ihre Mutter. Aber noch höher
stieg ihre nimmer aufhören wollende Verwunderung, als sie am Tische der Römer
auch den Vater und den Bruder gar festlich bekleidet antraf.
25. Kapitel
[GEJ.07_025,01] Hier erst fing der Tochter
innerlich ein helleres Licht über Mich aufzugehen an, so daß sie mit der Mutter
darob zu Mir hintrat und sagte (die junge Jüdin): „O Herr und Meister, mein
Herz sagt es mir, daß nur Du allein hier solches tust, was keinem Menschen,
keinem Propheten und ohne Deinen Willen auch keinem Engel, sondern nur einem
Gott allein möglich ist, und somit bist Du auch ein Gott! Darum sei auch Dir
allein alle unsere Verehrung und Liebe unser ganzes Leben hindurch! Alle Ehre
und alles Lob Dir ganz allein!“
[GEJ.07_025,02] Sagte Ich: „Wer da glaubt und
tut nach Meinem Worte, der wird selig werden! Aber ihr glaubet nun, dieweil ihr
Zeichen gesehen habt, und saget, daß Ich ein Gott sei; hättet ihr aber keine
Zeichen gesehen, so hättet ihr auch nicht geglaubt und nicht gesagt, daß Ich
ein Gott sei. Nun, wie kommt denn das?
[GEJ.07_025,03] Sehet, das kommt daher, weil
in euch bis jetzt noch keine Wahrheit ist und auch nicht sein kann, weil ihr
eben bis jetzt noch nie eine Wahrheit vernommen habt! Ich aber sage es euch
nun: Befleißet euch alle der reinen Wahrheit; denn nur sie allein kann euch
vollkommen frei machen am Leibe und an der Seele, – am Leibe, weil euch die
Wahrheit sagen wird, warum euch ein Leib zu tragen gegeben worden ist, und an
der Seele, weil euch eben die Seele aus der Wahrheit in ihr selbst sagen wird,
daß sie für die vollste Freiheit und ewige Selbständigkeit da ist!
[GEJ.07_025,04] Nun, Meine arme und holde
Tochter, Ich hätte dir das nun wahrlich nicht gesagt, so Ich es nicht wüßte,
daß du ein in allem möglichen ganz besonders wohlerzogenes Kind bist. Aber Ich
sage es dir, daß Ich Menschen, die manchmal in ihrem besseren Erkennen so ein
wenig hartnäckig sind, lieber habe als jene, die oft nach wenigen Zeichen und
Beweisen schnell wie ein Schilfrohr im Sturme umwenden und sich nach des
Richters (Sturmes) Zuge kehren, was dann für sie offenbar beweist, daß sie eben
keine irgend besondere Selbstkraft besitzen. Wenn aber jemand die Selbstkraft
nicht besitzt und kein gutes Urteil fällen kann in seinem Verstande, ist er zum
Reiche Gottes ebensowenig geschickt wie derjenige, der einen Acker pflügt und
sich dabei fortwährend nach rückwärts umsieht.
[GEJ.07_025,05] Und siehe, du holde Gestalt,
also steht es nun noch mit dir! Du hast Mich ehedem wohl für einen Gott
erklärt, wozu dich die Zeichen und Meine Weisheit nötigten; aber du verwarfst
im selben Augenblick den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn du dachtest
dir: ,Wer also weise reden und solche unbegreiflichen Wunderzeichen wirken
kann, der ist dann bei dir schon ein Gott!‘ Aber nun reut es dich schon geheim
im Herzen, daß du solches ausgesprochen hast, weil du dir gleich darauf wieder
die Gesetze Mosis ins Gedächtnis gerufen hast, und du hast nun eine Furcht in
dir, daß du in einer Gemütsübersprudelung des alten Jehova vergessen und Mir
die nur dem wahren Gott gebührende Ehre geben konntest. Und siehe, das heißt
die Hand an den Pflug legen und dabei nach rückwärts schauen!
[GEJ.07_025,06] Wenn du Mich aber schon für
einen Gott ansiehst, so mußt du Mich ganz für einen Gott wohlerkenntlich
ansehen und dir keinen andern Gott neben Mir denken; denn so du Mich nun für
einen Gott erklärst, dabei aber auch an den alten Gott denkst und dich vor Ihm
darob fürchtest, weil du dich dadurch am Gesetze Mosis versündigt zu haben
wähnst, so ist solch ein Bekenntnis von dir an Mich ein eitles, und du bist
dadurch um nicht vieles besser als eine Heidin, die wohl auch an den Gott Mosis
glaubt, aber dabei auch an den Jupiter, Apollo, Merkur und noch viele andere
Götter mehr.
[GEJ.07_025,07] Siehe, als du zu Mir
hertratst, da dachtest du, daß Ich einer der erwähnten Götter der Heiden wäre,
und gabst Mir jener hohen Römer wegen die Ehre! Aber sogleich gedachtest du des
Gottes Mosis, der da sagt: ,Du sollst nur an einen Gott glauben und keine
fremden Götter neben Mir haben!‘ Es übermannte dich die Reue, das laut ausgesprochen
zu haben, und siehe, das war sonach offenbar nicht recht von dir! Denn so du an
den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubst, so kannst du Mich nicht als einen
Gott begrüßen. Glaubst du aber ernstlich, daß nun Ich ein Gott bin, so mußt du
den alten Gott fahren lassen, da es nur einen Gott geben kann, und nicht zwei
oder noch mehrere Götter, gleichwie es auch nur einen unendlichen Raum und nur
einen ewigen Zeitenlauf gibt, in dem alles ist und geschieht.
[GEJ.07_025,08] Nur wenn du glauben könntest,
daß Ich und der alte Gott etwa ein und dasselbe sind – obwohl es geschrieben
steht, daß niemand Gott schauen und leben kann –, dann bliebe doch wenigstens
dein Gewissen ruhiger, und deine Furcht vor dem alten Gott wäre dadurch
offenbar eine mindere! – Sage Mir aber nun, was du tun wirst!“
26. Kapitel
[GEJ.07_026,01] Hier dachte die Junge eine
Weile nach, was sie denn jetzt darauf sagen solle; denn sie fühlte sich ganz
getroffen.
[GEJ.07_026,02] Da wollte ihr aber gleich
ihre gefaßtere Mutter aus der Verlegenheit helfen und sagte zur Tochter (die
Mutter): „Ei, was denkst du nun gar so ängstlich und verlegen nach, was du
reden sollst? Hat denn je jemand den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
gesehen? Niemand weiß etwas anderes von Ihm, als was er aus den von lauter
Menschen geschriebenen Schriften von Ihm gelesen oder von den Priestern reden
gehört hat. Die Priester aber, die den alten Gott am meisten kennen und Seine
Gebote am eifrigsten in allem und jedem befolgen sollten, tun gerade das
Gegenteil und legen durch solches ihr Tun und Lassen vor jedem denkenden
Menschen den Beweis ab, daß der alte Gott der Juden ein ebenso erdichteter ist
wie alle Götter der Heiden, die auch nie von einem Menschen dieser Zeit gesehen
worden sind. Diesen Gott aber sehen wir, hören Seine weisen Reden und bewundern
Seine außerordentlichen, nur einem allmachtsvollen Gotte möglichen Taten. Was
soll uns da weiter abhalten, Ihn als einen allein wahren Gott anzuerkennen und
Ihm allein die Ehre zu geben?!“
[GEJ.07_026,03] Sagte darauf die Tochter:
„Ja, ja, Mutter, es wäre das also wohl schon alles ganz recht, wenn wir mit der
größten Bestimmtheit behaupten könnten, daß es nie einen Moses und nie einen
Propheten gegeben habe und alle Schrift von Moses an nichts als eine Dichtung
der stets gleichen Pharisäer sei. Doch weil sich das denn doch nicht so ganz
vollkommen erweisen läßt, und weil es bekanntlich im Moses und in den andern
Propheten dennoch gar viele Dinge gibt, die außerordentlich gut und wahr sind,
und die meines Wissens den Pharisäern stets eine gar zuwidere und von ihnen nur
zu bekanntermaßen nie beachtete Sache waren, so können wir denn doch nicht so
ganz eigentlich annehmen, daß eben die aufeinanderfolgenden Pharisäer die ganze
sogenannte Heilige Schrift unter allerlei fingierten Namen zusammengestellt
haben, sondern es haben dieselbe offenbar von Gott begeisterte Menschen
geschrieben, und das ist denn auch Gottes Wort, wenn auch jene gottbegeisterten
Männer Gott niemals geschaut haben! Und es ist da immer eine wahrlich sehr gewagte
Sache, einen Menschen ob seiner Reden und sicher höchst wunderbaren Taten
sogleich als einen Gott anzuerkennen und anzupreisen.
[GEJ.07_026,04] Ich habe solches in meiner
ersten Überraschung auch getan und habe in meinem Wahne die große Blindheit meines
Herzens auch nicht in die allergeringste Berücksichtigung gezogen, der nach ich
bald zwei Götter angebetet hätte. Der herrliche Mann hat mich jedoch gleich auf
den rechten Weg gebracht, indem er mir ganz klar und sehr verständlich zu
erkennen gegeben hat, daß er eben kein Gott, sondern nur ein großer, von Gott
begeisterter Prophet sei, – und eines Weiteren bedürfen wir nicht.
[GEJ.07_026,05] Wissen wir denn nicht, daß
der Prophet Elias noch früher kommen wird, als da kommen wird der große
Messias?! Und ich irre mich eben – wie du, Mutter, es weißt – einmal nicht gar
zu leicht, und so sage ich, daß dieser gar überaus herrliche Mann der
Rücksendling Elias und jener überholde Junge sein Jünger Eliseus (Elisa) ist.
Aber von nun an dürften wir wahrlich nicht lange mehr auf den großen Messias zu
warten vonnöten haben!
[GEJ.07_026,06] Das ist nun so meine Ansicht,
und weil eben dieser sonst gar so herrliche, weise und wundertätige Mann meint,
daß ich im Glauben ein Schilfrohr bin, so will ich ihm aber nun von seiner
Meinung auch das hartnäckigste Gegenteil zeigen. Wie in der Welt nicht alles
Gold ist, was also aussieht und glänzt, als wäre es Gold, so will ich aber hier
auch zeigen, daß eben auch nicht gar alles schwach ist, wenn es auch dafür ein
Aussehen hat.
[GEJ.07_026,07] Gott gibt es nur einen; doch
der Propheten kann es eine große Anzahl geben, zu denen ich diesen herrlichen
Mann nun auch ganz offenbar zähle. Und so glaube ich nun, dir und diesem sonst
herrlichen Manne auf seine Frage an mich doch gewiß ganz sicher die beste
Antwort gegeben zu haben. Es war seine Bemerkung an mich wegen des Gottes
Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz gut, und ich habe mich durch sie eben sehr
ermahnt gefühlt und bin ihm für solch eine Ermahnung und für alle andern uns
allen erwiesenen Wohltaten im höchsten Grade allen Dank schuldig; aber ob er
der verheißene Messias ist, das lassen wir noch hübsch lange auf sich warten!
Oh, ich bin alles eher als ein schwaches Schilfrohr!“
[GEJ.07_026,08] Hier ermahnte die Mutter die
Tochter, daß sie nicht so eitel und stützig (widerspenstig) sein solle.
[GEJ.07_026,09] Sagte die Tochter: „Ich bin
nicht stützig und noch um vieles weniger eitel; aber ich kehre mich an die
Belehrung dieses herrlichen Mannes und großen Meisters und bin ihm von ganzem
Herzen dankbar für die übergroßen Wohltaten, die er uns erwiesen hat. Was kann
ich und was können wir alle wohl noch mehr tun? Ich will aber auch in dem nicht
stützig sein, diesen herrlichen Meister als einen wahren Messias und Heiland
der Menschen anzusehen; denn das war ja in einer gewissen Hinsicht ein jeder
große und auch nach Umständen, jeder kleine Prophet, weil er den in alle Nacht
des Lebens versunkenen Menschen wieder das Licht der Lebenswahrheiten brachte
und sie aus dem Schlamme der Sinnlichkeit wieder in ein reineres geistiges und
wahrheitsvolles Leben erhob. Und das tut, wie ich es nun gar wohl merke, auch
dieser Mensch voll Herrlichkeit und voll wahrhaft göttlicher Kraft und Macht
und ist darum denn auch sicher ein wahrer Messias der Menschen, die sich von
ihm belehren lassen.
[GEJ.07_026,10] Mit solchem meinem Urteil
über ihn kann ich mich unmöglich in einer großen Irre befinden; denn ich
urteile nun nur nach dem, was ich von ihm selbst gehört und gesehen habe. Es
kann sich die Sache vielleicht auch noch ganz anders verhalten – was wir nicht
wissen können –, doch wir können da unmöglich fehlen, wenn wir jetzt nur das
annehmen, was wir nach dem Gehörten und Gesehenen annehmen können. Gottes
Geist, Kraft und Gnade leite ihn zum Wohle aller Menschen fort und fort!“
[GEJ.07_026,11] Sagte die Mutter: „Meine
liebe Tochter, ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht gar so
entsetzlich gescheit wärst! Der alte Rabbi hat dir die zwei Jahre hindurch den
Kopf mit allem möglichen, was ein Mensch auf dieser Welt nur immer wissen kann,
voll angestopft, und du hast hernach schon gleich alles besser gewußt als wir,
deine Eltern, und dadurch bist du manchmal wohl ganz unausstehlich geworden,
und ich merke es nun, daß du auch diesem großen Meister nahe auch schon
widerlich geworden bist! Daher halte ich es nun für geraten, daß wir ihn um
Vergebung bitten und uns dann auf unsere Plätze zurückziehen!“
[GEJ.07_026,12] Sagte nun Ich: „Oh, da hat es
noch lange keine Not; denn Ich habe ja mit der Tochter Helias noch nichts reden
können, weil nur du als ihre Mutter mit ihr verkehrt bist! Lasse nun auch Mich
mit der schönen Helias verkehren (sprechen), auf daß sie als eine geweckte
Jungfrau für sich und dann auch für viele andere, mit denen sie in Verkehr kommen
wird, der vollsten Wahrheit nach erfahre, mit wem sie es in Meiner Person zu
tun hat; denn bis jetzt weiß sie noch nichts, und du als ihre Mutter noch
weniger! Darum rede du, Mutter, erst dann, wenn Ich dich zum Reden auffordern
werde!“
[GEJ.07_026,13] Hier sagte die Mutter nichts
mehr, bat Mich aber, dennoch in Meiner Nähe bleiben zu dürfen, was Ich ihr denn
auch gestattete.
27. Kapitel
[GEJ.07_027,01] Darauf erst wandte Ich Mich
wieder zur Helias und sagte zu ihr: „Höre nun, du schöne Helias! Du hast ehedem
gesagt, daß Ich als ein großer Prophet ebensogut ein Messias sein könne und
auch sei, wie ein jeder andere große und auch kleine Prophet; denn nach deinem
eben ganz beachtenswerten Urteil ist gewisserart ein jeder Mensch ein Messias
und Heiland der Menschen, der sie durch das Licht der vollen Wahrheit aus dem
finstern Schlamme der Lüge, des Betruges und des lichtlosen Aberglaubens
befreit. Und weil Ich eben das nun tue, so bin Ich denn auch wahrhaft ein
Messias der Menschen, die Mich hören und sich nach Meiner Lehre kehren. Das ist
ein ganz gutes Urteil von dir, einer jungen und von einem alten und ehrlichen
Rabbi wohlunterrichteten Jüdin. Nur was deinen Glauben an Einen Gott betrifft,
so bleibst du – und das mit allem Rechte – beim alten Gott Abrahams, Isaaks und
Jakobs.
[GEJ.07_027,02] Doch muß Ich dich auf mehrere
Stellen der Propheten aufmerksam machen, die eben Mich Selbst im Schilde
tragen. Daraus wirst du dich dann schon leichter und reiner zurechtfinden, als
wie das bis jetzt der Fall sein konnte. Sieh, da heißt es unter anderem im
Jesajas:
[GEJ.07_027,03] ,Eine Jungfrau wird empfangen
/ und einen Sohn gebären, / welcher genannt wird: / „Gott mit uns“ (Jes.7,14).
[GEJ.07_027,04] Ein Knabe ist uns geboren, /
und ein Sohn ist uns gegeben, / auf dessen Schultern die Herrschaft ist, / und
Seinen Namen wird man nennen / Wunderbar, Gott, Held, / Vater der Ewigkeit, /
Fürst des Friedens. (Jes.9,5)
[GEJ.07_027,05] Sagen wird man an jenem Tage:
/ ,Siehe, Der ist unser Gott, / den wir erwarteten, / daß Er uns befreie! /
Dieser ist Jehova, / den wir erwarteten. / Frohlocken lasset uns und uns /
freuen in Seinem Heile!‘ (Jes.25,9)
[GEJ.07_027,06] Die Stimme eines Rufenden in
der Wüste: / ,Bereitet den Weg Jehovas, / und ebnet in der Wüste / einen
Fußsteig unserem Gott, / und sehen wird das / alles Fleisch zumal.‘
(Jes.40,3.5)
[GEJ.07_027,07] Siehe, Jehova kommt im
Starken, / und Sein Arm wird Ihm walten! / Sieh, Sein Lohn mit Ihm! / Wie ein
Hirte wird Er / Seine Herde weiden. (Jes.40,10.11)
[GEJ.07_027,08] Und Jehova sprach: / ,Juble,
und freue dich, / Tochter Zion! / Sieh, Ich komme, / daß Ich in deiner Mitte
wohne; / denn dann werden viele Völker / Jehova anhangen / an Seinem Tage.‘
(Sach.2,14.15)
[GEJ.07_027,09] Ich, Jehova, / rief dich in
Gerechtigkeit / und werde dich zum Bunde des Volkes geben; / Ich, Jehova – /
denn dies ist Mein Name –, / werde Meine Herrlichkeit keinem andern geben.
(Jes.42,6.8)
[GEJ.07_027,10] Siehe die kommenden Tage, /
da Ich dem David / einen gerechten Sproß erwecken werde, / welcher als König
herrschen / und Gericht und Gerechtigkeit / machen wird auf Erden! / Und dies
ist Sein Name: / Jehova, unsere Gerechtigkeit.‘ (Jer.23,5.6)“
[GEJ.07_027,11] Siehe, du Meine Helias, also
verkündeten Mich die Propheten in alter und sogar in dieser jüngsten Zeit! Und
der Täufer und Prediger Johannes war eben die Stimme des Rufers in der Wüste,
die Mir die Wege ein wenig ebnete und von Mir sagte: ,Siehe, da kommt das
Gotteslamm, welches hinwegnimmt die Sünden dieser Welt!‘
[GEJ.07_027,12] Wenn du auch meinst, daß vor
dem Messias noch Elias kommen müsse und alles Fleisch vorbereiten auf die große
Ankunft des Messias, der Jehova genannt wird, so sage Ich dir: Elias war eben
in jenem Johannes schon da, und Ich Selbst bin nun auch da. Ich kam in Mein
Eigentum, und siehe, die Meinen erkennen Mich nicht! – Wie gefällt dir denn
diese Sache?“
28. Kapitel
[GEJ.07_028,01] Sagte die Helias: „Herr und
Meister, mir fängt es an zu schwindeln vor dem, was Du mir nun gesagt hast! So
Du also schon ganz sicher Der bist, von dem die Propheten also geweissagt
haben, – was sollen wir armen Sünder dann nun vor Dir, o Herr, anfangen?“
[GEJ.07_028,02] Sagte Ich: „Nichts als Meine
Lehren anhören, sie behalten und danach leben, Gott lieben über alles und
seinen Nächsten wie sich selbst, und ihr habt dadurch alle die sieben Geister
Gottes in euch erweckt und dadurch erlangt das ewige Leben, wie Ich solches
ehedem erklärt habe. – Bist du damit zufrieden?“
[GEJ.07_028,03] Sagte die Helias: „O Herr, o
Jehova, wer sollte damit nicht zufrieden sein und wer nicht befolgen Deine
Lehre und Deine allerliebevollsten Gebote?! Nur fragt sich hier dennoch, ob Du,
o Herr, nun durch diese zwei Gebote der Liebe nicht die zehn Gesetze und die
Propheten aufhebst, weil Du gesagt hast, daß in diesen zwei Geboten das ganze
Gesetz Mosis und alle Propheten enthalten seien.“
[GEJ.07_028,04] Sagte Ich: „Du Meine liebe
Helias, wie magst du um so etwas fragen? Wenn das Gesetz Mosis und alle Propheten
in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, wie könnten sie da wohl je
aufgehoben sein? Siehe, gerade wie der siebente euch wohl erklärte Geist Gottes
im Menschen die sechs vorhergehenden Geister durchdringt und erfüllt und somit
alle in sich aufnimmt, ebenso erfüllt die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten
alle die vorhergehenden Gesetze Mosis und alle die Vorschriften und Ermahnungen
der Propheten!
[GEJ.07_028,05] Wenn Moses sagt: ,Du sollst
allein an einen Gott glauben und keine fremden und nichtigen Götter der Heiden
neben dem rechten Gott haben!‘, da erfüllst du dieses erste Gebot Mosis ja
dadurch mehr als vollkommen, so du Gott über alles liebst. Denn könntest du
Einen Gott recht über alles lieben, wenn du zuvor nicht ungezweifelt von Ihm
glaubtest, daß Er wahrhaft da ist?! So du aber durch deine Liebe zu Ihm mehr
als tageshell und lebendig dartust, daß du an einen Gott glaubst, – wirst du
aus deiner großen Liebe zu Ihm wohl imstande sein, Seinen Namen je irgend zu
verunglimpfen, zu verunehren und zu entheiligen? Sicher ewig nicht! Denn was
ein Mensch im höchsten Grade liebhat, das ehrt er auch stets am meisten, und er
wird sogar gegen jeden bitter und sehr ernst auftreten, der es ihm gegenüber
wagen würde, sein Allerliebstes irgend zu verunehren. Oder würde es dich nicht
in hohem Grade empören in deinem Gemüte, wenn jemand deinen Vater, den du sehr
liebhast, verunehren würde? So du aber nun Gott über alles liebst, wirst du da
wohl je imstande sein, Seinen Namen irgend zu entheiligen?
[GEJ.07_028,06] Wenn du das nun so recht in
dir betrachtest, so mußt du schon auf den ersten Blick darüber ganz im klaren
sein, wie sowohl das erste als auch das zweite Gesetz Mosis in dem einen Gebote
der Liebe zu Gott ganz enthalten sind.
[GEJ.07_028,07] So du, Meine liebe Helias,
nun Gott ganz sicher über alles liebst und eben darum auch über alles ehrst, –
wirst du dich da nicht gerne, und das sehr oft, von dem weltlichen
Tagesgeschäft zurückziehen und dich mit dem Gegenstand deiner heißesten Liebe
beschäftigen? Ja, ganz ungezweifelt wahr und sicher! Und siehe, darin besteht
ja auch die wahrste und rechteste und vor Gott allein gültige Feier des
Sabbats, die Moses befohlen hat! Denn an dem Tage selbst liegt wenig oder auch
gar nichts, sondern allein daran, daß du am Tage oder in der Nacht in der Liebe
und Ruhe deines Herzens gern an Gott denkst und dich mit Ihm unterhältst. Und
siehe, wie auch das dritte Gebot Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott
enthalten ist!
[GEJ.07_028,08] Wer sonach Gott wahrhaft über
alles liebhat, der hat Ihn auch sicher erkannt und hat einen lebendigen
Glauben, gibt Gott auch alle Ehre und wird Seiner sicher stets am meisten
gedenken. Und wer das tut, der kann keine Sünde gegen Gott begehen. Oder kann
wohl eine Braut gegen ihren Bräutigam, den sie über die Maßen liebhat und von
dem sie wohlwissentlich noch mehr geliebt wird, irgendeine Sünde begehen? Nein,
das sicher nicht, weil beide in ihrem Herzen völlig eins geworden sind eben
durch die Liebe! Wer aber Gott wahrhaft über alles liebt und also durch die
Liebe eins geworden ist mit Ihm, der wird auch seine Nebenmenschen als ihm
ebenbürtige Kinder Gottes ebenso lieben, wie er sich selbst liebt, und wird
ihnen das tun, was er mit klarer Vernunft will, daß die Menschen ihm tun
möchten.“
29. Kapitel
[GEJ.07_029,01] (Der Herr:) „Siehe, im
vierten Gebote ist den Kindern die Liebe gegen ihre Eltern geboten! Die Eltern
sind auf der Erde wohl die ersten Nächsten ihrer Kinder und lieben sie überaus.
Sie sind ihre Ernährer, Beschützer und Erzieher und verdienen darum auch sicher
alle Liebe und Ehre von den Kindern.
[GEJ.07_029,02] Wenn denn ein gut erzogenes
Kind seine Eltern liebt und ehrt, so wird es auch bemüht sein, alles das zu
tun, was den Eltern eine rechte Freude macht. Und so ein Kind wird sich darum
auch ein langes und gesundes Leben und ein bestes Wohlergehen auf Erden
bereiten; ein Kind, das seine Eltern liebt und ehrt, das wird auch seine
Geschwister lieben und ehren und stets bereit sein, ihnen alles Gute zu tun.
[GEJ.07_029,03] Ein Kind oder ein Mensch
aber, der seine Eltern und seine Geschwister wahrhaft liebt und ehrt, der wird
auch die anderen Menschen darum lieben, weil er weiß und erkennt, daß sie alle
Kinder ein und desselben Vaters im Himmel sind. Aus der ursprünglichen wahren Liebe
zu den Eltern wird der Mensch zur Erkenntnis Gottes, seiner selbst und zur
rechten Erkenntnis auch seiner Nebenmenschen geleitet und sieht dann bald und
leicht ein, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und was sie alle werden
sollen. Dadurch gelangt er dann stets mehr und mehr zur Liebe zu Gott und durch
diese zur Vollendung seines inneren, wahren, geistigen Lebens.
[GEJ.07_029,04] Wer aber also seine Eltern,
Geschwister und auch die anderen Nebenmenschen liebt und ehrt und darum auch
Gott über alles liebt und ehrt, – wird der wohl je gegen jemanden eine Sünde
begehen können? Ich sage es dir: Nein, denn er wird niemanden beneiden,
niemanden hassen und fluchen, niemanden töten, weder leiblich, noch durch ein
Ärgernis seelisch. Er wird sich keusch und wohlgesittet gegen jedermann
benehmen, wird jedem gerne das Seinige lassen, wird niemand belügen und
betrügen, und ist er auf dem ordentlichen Wege der Mann eines Weibes geworden,
oder die züchtige Jungfrau das Weib eines Mannes, so wird er kein Verlangen tragen
nach dem Weibe seines Nächsten und sein Weib nicht nach dem Manne ihrer
Nachbarin, und du kannst nun daraus für deinen Verstand schon ganz gut
entnehmen, wie und auf welche Weise das Gesetz und alle die Propheten in den
zwei Geboten der Liebe enthalten sind, und wie diese dir von Mir nun
kundgegebenen zwei Gebote keine Aufhebung des Gesetzes Mosis und der anderen
Propheten zulassen, sondern nur die volle Erfüllung derselben sind. – Verstehst
du das nun?“
[GEJ.07_029,05] Sagte die Helias: „O Herr, Du
überweiser und überguter Schöpfer und Vater aller Menschen, jetzt verstehe ich
erst die Gesetze Mosis! Denn ich muß es hier selbst vor Dir ganz offen
bekennen, daß ich zuvor das Gesetz Mosis und noch weniger die Sprüche und
Belehrungen der andern Propheten niemals irgend recht verstanden habe. Und je
öfter ich mich mit meinen Eltern, alles wohl erwägend, darüber besprach, desto
mehr Lücken und wahre Unvollkommenheiten entdeckte ich darin, was mich denn
auch gar nicht selten auf den Gedanken brachte, daß das sehr unvollkommen
aussehende Gesetz Mosis entweder gar nicht von einem höchst weisen Gott
ausgehe, oder daß die spätere Priesterkaste das Mosaische Gesetz ganz
aufgegeben und dafür zu ihrem materiellen Besten ein lückenhaftes, menschliches
Machwerk aufgestellt habe. Mein guter, alter Rabbi hat darum gar oft seine
rechte Not mit mir gehabt, weil ich ihm die sichtbaren Mängel des Mosaischen
Gesetzes ordentlich an den Fingern nachwies. Aber jetzt nach Deiner Erklärung,
o Herr, hat das Gesetz Mosis freilich gleich ein ganz anderes Aussehen bekommen
und kann auch von jedermann sicher freudig und leicht beachtet werden!“
[GEJ.07_029,06] Sagte Ich mit sehr
freundlicher Miene: „Nun, du Hauptkritikerin des Mosaischen Gesetzes, was
fandest du denn gar so Unvollkommenes und Lückenhaftes am Mosaischen Gesetze?
Lasse auch uns deine Kritik hören!“
[GEJ.07_029,07] Sagte die Helias unter der
allgemeinen Aufmerksamkeit aller Anwesenden: „O Herr, was soll ich wohl reden
vor Dir, der Du meine Gedanken sicher schon lange eher gekannt hast, als ich
sie noch gedacht habe? Auch jener allmächtige und allwissende Jüngling dort
wird das schon alles bis auf ein Haar genau wissen, und so meine ich, daß daher
solch eine laute Kundgabe meiner Kritik über das Mosaische Gesetz ganz unterbleiben
könnte.“
[GEJ.07_029,08] Sagte Ich: „O nein, Meine gar
sehr liebe Helias, die Sache verhält sich hier ganz anders! Ich und jener
Jüngling wissen freilich gar wohl darum, worin deine Kritik übers Mosaische
Gesetz und auch über die Propheten besteht; aber die andern, mit Ausnahme
deiner Eltern und deines Bruders, wissen das nicht, möchten es aber nun, da du
selbst die Wißbegierde in ihnen erweckt hast, wohl wissen, und darum habe Ich
dich denn auch aufgefordert, daß du auch uns laut hören läßt deine Kritik über
das Gesetz Mosis und über so manche Propheten. Und also öffne du nur deinen
Mund und sprich ohne allen Hinterhalt alles aus, was dir am Gesetz und an den
Propheten mangelhaft vorkommt, und zeige uns ganz beherzt des Gesetzes und der
Propheten Lücken!“
30. Kapitel
[GEJ.07_030,01] Sagte die Helias: „Herr, so
ich das tue, was Du von mir verlangst, da sündige ich sicher nicht, und so will
ich denn auch ganz offen meine am Gesetze und an den Propheten gefundenen
Lücken und Mängel kundtun!
[GEJ.07_030,02] Siehe, den ersten und mir
ganz bedeutend vorkommenden Mangel und eine große Lücke am Gesetze merkte ich,
und zwar als ein früh reif und ziemlich klar denkendes Kind, gleich am vierten
Gebote Mosis darin, daß der Mann Gottes wohl den oft noch sehr begriffsmageren
und schwachen Kindern die Liebe, den Gehorsam und die Ehrfurcht zu und vor den
Eltern einschärft, aber dagegen den Eltern gegen ihre Kinder im Gesetze nahe
gar keine Verpflichtung auferlegt! Und solch sieht denn so ein Gesetz doch ein
wenig sonderbar aus, zumal es denn im allgemeinen doch nur zu oft Eltern gibt,
deren Kinder oft schon in der Wiege vernünftiger und besser waren als ihre gar
dummen und mit allen Schlechtigkeiten vollgefüllten Eltern.
[GEJ.07_030,03] Ein Kind hat oft einen von
Natur aus guten und edlen Sinn und könnte, wenn es im selben fortgebildet
würde, eben auch zu einem guten und edlen Menschen werden. Aber da muß das Kind
nach dem Gesetze Mosis nun ein für alle Male seinen dummen und bösen Eltern
strengweg und ohne jede vernünftige Ausnahme gehorchen und am Ende ebenso dumm
und böse werden, als wie dumm und böse da des Kindes Eltern sind. Da hätte der
Mann Gottes wohl schon auch von einer rechten Pflicht der Eltern gegen ihre
Kinder etwas einfließen lassen können, nach deren gewissenhafter Erfüllung erst
die Kinder auch ihren Eltern als gegenverpflichtet zu bezeichnen gewesen wären.
[GEJ.07_030,04] Oder sind nach Moses auch
Kinder der Räuber aus schuldigem Gehorsam gegen ihre Eltern verpflichtet, sie
zu lieben, zu ehren und in die Fußstapfen ihrer Alten zu treten? Wenn – was
sich schon gar oft ereignet hat – vernünftige Kinder böser und arger Eltern,
deren schwarzes Tun und Treiben den noch mehr unschuldigen Kindern auffallen
und mißfallen mußte, darum eben solchen argen Eltern Liebe und Gehorsam
versagten, sie verließen und Gelegenheit suchten, sich anderorts unter besseren
Menschen selbst zu besseren Menschen umzugestalten, – haben solche Kinder sich
dadurch auch versündigt am Mosaischen Gesetze, weil sie nicht auch aus Liebe
und Gehorsam zu ihren Eltern selbst Diebe, Räuber, Mörder, Heuchler, Betrüger
und Lügner werden wollten?
[GEJ.07_030,05] Wenn Moses und die Propheten
auch da solchen besseren Kindern eine Strafe bestimmen und ihnen ihre Unliebe
und ihren gerechten Ungehorsam gegen ihre bösen Eltern zur Sünde rechnen, so
sind Moses und alle die Propheten noch um tausend Male dümmere und blindere
Menschen gewesen denn ich und haben mit ihren Schriften und Weissagungen der
göttlichen Weisheit wahrlich keine absonderlich große Ehre gemacht! – Herr, bin
ich darum schlecht, weil ich das Gesetz Mosis und der Propheten also beurteilt
habe?“
[GEJ.07_030,06] Sagte Ich: „Oh, durchaus
nicht, weil du da ganz recht und richtig geurteilt hast! Aber dennoch ist deine
Kritik darum nicht völlig in der Ordnung, weil Moses durch Meinen Geist nur zu
klar einsah, daß es eben nicht nötig ist, den Eltern noch eigens die Liebe zu
ihren Kindern zu gebieten, weil solche den Eltern ohnehin im Vollmaße schon von
Mir aus gewisserart instinktmäßig eingepflanzt worden ist, was aber eben bei
den Kindern, die erst in die Schule dieses irdischen Lebens gekommen sind,
nicht so sehr der Fall sein kann, weil diese erst für die rechte und wahre
Liebe erzogen werden müssen.
[GEJ.07_030,07] Darum kommt ja eben auf
dieser Erde ein jeder Mensch so schwach und ganz ohne Erkenntnis und Liebe ins
Weltleben, daß er sich dann in aller wie immer gearteten Zwanglosigkeit, als
wäre er von Gott ganz verlassen, durch äußere Lehre, durch Gesetze und durch
seinen freiwilligen Gehorsam zu einem freien und ganz selbständigen Menschen
bilde.
[GEJ.07_030,08] Und sieh, darum müssen denn
auch nur besonders den Kindern zumeist Lehren und Gesetze gegeben werden und
nicht so sehr den Eltern, die einst auch Kinder waren und durch die Lehren und
Gesetze, für Kinder gegeben, erst zu freien und selbständigen Menschen geworden
sind!
[GEJ.07_030,09] Was aber insbesondere die
Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder betrifft, so haben Moses und die
Propheten schon in den staatlichen Gesetzen dafür gesorgt, die du freilich noch
nicht gelesen hast. Aber es ist da rechtzeitig schon für alles gesorgt, und es
können sich zwei nicht wohl ehelichen, wenn sie dem Priester nicht zuvor
dartun, daß sie in den zur Ehe nötigen staatlichen Gesetzen wohlbewandert sind.
[GEJ.07_030,10] Und so siehe, du Meine liebe
Helias, daß deine Kritik in bezug auf das vierte Gebot Mosis eben nicht zu sehr
in der rechten Ordnung war, und Ich habe nun die Lücken und Mängel beseitigt.
Aber du fahre nun mit deiner Kritik nur auch über die anderen Gesetze fort, und
Ich werde dir dann schon wieder sagen, inwieweit du recht oder auch nicht recht
hast!“
[GEJ.07_030,11] Sagte Helias: „O Herr, warum
soll ich da meine dumme Kritik noch weiter fortsetzen? Denn ich sehe es nun ja
schon im vorhinein nur zu klar ein, daß Du mir abermals haarklein zeigen wirst,
wie ganz unrichtig und geistlos ich geurteilt habe.“
[GEJ.07_030,12] Sagte Ich: „Nun, was kann dir
oder jemand anderem das wohl schaden? Denn darum bin Ich ja in diese Welt
gekommen, auf daß Ich euch von allen den vielen Irrtümern frei mache durch das
lebendige Licht der Wahrheit. Kommst du mit deinen scheinbar recht wohl
begründeten Bemängelungen des Gesetzes und der Propheten nicht an das
Tageslicht, so bleiben sie in dir und können noch gar wohl verkümmern das Leben
deiner Seele; entäußerst du dich aber ihrer, so bist du auch von ihnen los, und
das Licht der ewigen Wahrheit wird dafür Wohnung nehmen in deinem Herzen. Daher
rede und kritisiere du nur fort, und das ohne irgendeinen Rückhalt, und Ich
werde dir dann schon wieder ein rechtes Licht geben! Denn sieh, es ist das
sogar eben jetzt recht notwendig, weil viele hier sind, die schon lange gleich
wie du Moses und die Propheten bemängelt haben! Daher öffne du nur wieder
deinen schönen Mund und rede mit deiner gewandten Zunge!“
31. Kapitel
[GEJ.07_031,01] Sagte die Helias: „O Herr,
wie früher, so sage ich jetzt: Wer das tut, was Du willst, der sündigt wahrlich
nicht! Und so nehme ich denn das fünfte Gebot Mosis her und sage: Da steht
geschrieben: ,Du sollst nicht töten!‘ Ich nehme aber hier nur auf das einfache
Gesetz meine kritische Rücksicht und kümmere mich vorderhand gar nicht darum,
was Moses oder auch später ein anderer Prophet Erklärendes darüber gesagt und
geschrieben hat; denn es muß ja ein wahrhaft göttliches Gebot doch selbst in
seiner möglichsten Einfachheit das in sich fassen, was vernünftigermaßen einem
jeden Menschen frommen kann. Aber dieses Gebot enthält das ganz und gar nicht,
und so kann ein denkender Mensch von ihm unmöglich etwas anderes sagen und
behaupten, als daß es entweder ein menschliches Werk ist, oder daß – auch erst
später, etwa des Kriegführens wegen – von den Menschen etwas davon weggelassen
worden ist.
[GEJ.07_031,02] Du sollst nicht töten! Wer
ist denn erstens eigentlich der ,Du‘, der nicht töten soll? Gilt das für jeden
Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes, Alters und Standes oder nur für das
männliche Geschlecht und für ein gewisses Alter und für einen gewissen Stand?
Und zweitens: Wen oder was soll man denn so ganz eigentlich nicht töten? Bloß
die Menschen nicht, oder auch die Tiere nicht? Nach meinem Urteil will weder
das eine noch das andere darunter verstanden sein.
[GEJ.07_031,03] Das Menschentöten nicht, weil
schon Josua die Stadt Jericho zerstört und ihr Volk getötet hat, und das auf
Jehovas Geheiß. Die Schlachtung der Götzenpriester durch die Hand des großen
Propheten Elias ist bekannt. Sehen wir dann auf den König David, den Mann nach
dem Herzen Gottes, der andern gar nicht zu gedenken! Wie viele Tausende und
Hunderttausende sind durch ihn getötet worden, und wie viele werden in jedem
Jahre jetzt noch getötet! Die Mächtigen der Erde haben trotz des ganz
kategorisch ausgesprochenen göttlichen Gesetzes dennoch das vollste Recht von
Gott aus, ihre Nebenmenschen zu töten. Und so geht dieses Gesetz nur die
bedrückten, armen Teufel von Menschen an. Inwieweit dieses Gesetz auch das Weib
angeht, ist da gar nicht zu ermessen, obwohl die Chronika auch nachweist, daß
auch die Weiber mit dem Schwerte gewirtschaftet haben, und das wie!
[GEJ.07_031,04] Ob wir armen Menschen auch
die Tiere nicht schlachten und töten sollen, das, meine ich, ist nicht einmal
einer Besprechung wert; denn das lehrt die Menschen die Natur, daß sie sich
ohne Unterschied des Standes, Geschlechtes und Alters gegen die vielen bösen
Tiere auf Leben und Tod zur Wehr setzen müssen, so sie nicht allerwegs von den
zu überhandgenommen habenden bösen und reißenden Bestien angefallen, zerrissen
und gefressen werden wollen.
[GEJ.07_031,05] Du sollst nicht töten! So ich
aber von einem wilden Straßenräuber angefallen werde, der mich berauben und
dabei ganz sicher töten will und wird, – ich aber, als die Angefallene oder der
Angefallene, habe Kraft, Mut und eine Waffe, um ihn eher zu töten, als er mir
den Todesstreich versetzen kann, – was soll ich da wohl tun? Diese Notwehr
sollte im Gesetze doch insoweit ausgedrückt sein, daß es hieße: ,Du sollst
nicht töten, außer im Falle der äußersten Notwehr!‘ Aber nein, von dem steht im
Gesetze wahrlich keine Silbe! Es heißt nur ganz einfach: ,Du sollst nicht
töten!‘ Wenn aber das einfache Gesetz also lautet, wo steckt da im selben die
göttliche Liebe und Weisheit, die denn doch wissen mußte, unter welchen
wahrlich höchst bedauerlichen Verhältnissen die Menschen auf dieser Erde ihr
Leben durchzumachen haben?
[GEJ.07_031,06] Warum gab denn Gott ein
solches Gesetz und befahl dann Selbst einem David, die Philister und Moabiter
gänzlich zu vernichten? Warum durfte die Judith den Holofernes töten, und warum
darf nicht auch ich sündefrei jemandem das Leben nehmen? Wer gab denn den
Ägyptern, den Griechen und den Römern das Recht, jeden zu töten, der sich
gröblich an ihrem Gesetze versündiget?“
[GEJ.07_031,07] Hierauf sah sie um sich, um
zu sehen, was alle die andern zu ihrer Kritik für Gesichter machten.
[GEJ.07_031,08] Beinahe alle gaben ihr recht,
und einer der Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, sagte: „Ja, ja, man kann
in dieser Sache, mit unseren menschlichen Begriffen betrachtet, dem schönen
Kinde nicht völlig unrecht geben; denn das Hauptgesetz lautet einmal
buchstäblich also, obschon nachträglich in den Büchern Mosis alles gezeigt ist,
wie dieses Gebot zu nehmen und zu halten ist. Aber ein primitives Haupt- und
Grundgesetz sollte wahrlich das Wesentliche, das es verlangt und will,
wenigstens mit den höchst nötigsten Nebenumständen schon ausgedrückt in sich
fassen; denn jede spätere und nachträgliche Beleuchtung und größere
Vervollständigung eines einmal gegebenen Gesetzes scheint zu sagen, daß der
Gesetzgeber beim Geben der Grundgebote noch nicht an alles gedacht hat, was er
durch das gegebene Gebot eigentlich gebieten und verbieten wollte.
[GEJ.07_031,09] Nun, bei Menschen, wenn sie
Gebote geben, ist das begreiflich, weil in ihrem Denken und Wollen keine göttlich
helle Vollendung sein kann, und es ist auch ganz natürlich, daß bei
menschlichen Gesetzen dann nachträglich allerlei Zusätze und Erläuterungen zum
Vorschein kommen müssen; aber bei einem wahrhaft göttlichen Gesetze sollte
wahrlich keine Lücke alsogestaltig vorkommen, daß sie erst hinterdrein mit
allerlei Zusätzen und Erläuterungen ausgefüllt werden soll! Ja, die Sache also
betrachtet, könnte man wahrlich beim Mosaischen Gesetze auf die Idee gebracht
werden, daß es entweder gar kein rein göttliches ist, oder daß es als solches
durch den selbstsüchtig bösen Willen der Menschen also entstellt worden ist.
Doch ich will damit kein Urteil über das Gesetz gefällt, sondern nur meine
bisher noch sicher sehr blinde Meinung ausgesprochen haben.“
[GEJ.07_031,10] Sagte Ich: „Ja, das sicher;
denn wenn ihr Meine Gesetze mit menschlichen Sinnen beurteilt, dann müsset ihr
freilich wohl Lücken und Mängel darin entdecken. Wenn du deinen Nächsten liebst
wie dich selbst, so wirst du ihn nicht hassen, nicht anfeinden und ihm keinen
Schaden zufügen; tust du das aber, so wirst du ihn um so weniger je irgendwann
weder leiblich und noch weniger seelisch durch allerlei Ärgernisse töten
wollen.
[GEJ.07_031,11] Du sollst nicht töten! Das
ist ganz richtig und wahr also gegeben im Gesetze. Aber warum? Weil unter
,töten‘ schon von uralters her Neid, Scheelsucht, Zorn, Haß und Rache
verstanden ward.
[GEJ.07_031,12] ,Du sollst nicht töten!‘
heißt demnach soviel wie: Du sollst niemanden beneiden, sollst den
Glücklicheren nicht mit scheelen Augen ansehen und sollst nicht im Zorn
erbrennen wider deinen Nebenmenschen; denn aus dem Zorn entsteht der Haß, und
aus dem Haß geht die böse, alles verheerende Rache hervor!
[GEJ.07_031,13] Es steht ja auch geschrieben:
,Mein ist der Zorn, und Mein ist die Rache, spricht der Herr.‘
[GEJ.07_031,14] Ihr Menschen aber sollet euch
in aller Liebe achten, und es soll einer dem andern gute Dienste erweisen; denn
ihr alle habt an Mir einen Vater und seid somit gleich vor Mir! Ihr sollet euch
untereinander nicht ärgern und lästern und einer soll dem andern durch bösen
Leumund nicht die Ehre abschneiden; denn wer das tut, der tötet die Seele
seines Nebenmenschen!
[GEJ.07_031,15] Und seht, alles das ist kurz in
dem Bilde ,Du sollst nicht töten!‘ ausgedrückt! Und die ersten Juden, auch noch
die zu den Zeiten Salomos, verstanden dieses Gesetz nicht anders, und die
Samariter als die Altjuden verstehen es heutzutage noch also. Wenn aber dieses
Gesetz vom Fundamente aus nur also zu verstehen ist, – wie kann jemand da
annehmen, daß durch dieses Gesetz dem Menschen die Notwehr gegen böse Menschen
und sogar gegen reißende Tiere untersagt sei?“
[GEJ.07_031,16] Sagte die Helias: „Ja, Herr,
das sehen wir nun sicher alle recht gut ein, weil Du uns das nun in der
vollkommen rechtesten und wahrsten Weise erklärt hast; doch ohne diese Deine
gnädigste Erklärung hätten wir das eben nicht zu leicht ins reine gebracht.
Warum hat denn Moses mit dem Gesetze nicht auch sogleich eine solche
Erläuterung gegeben? Denn er als ein Prophet mußte das ja doch auch schon zum
voraus eingesehen haben, daß die späteren Juden das einfache Gesetzesbild nicht
also verstehen würden, wie es die Juden zu seiner Zeit sicher verstanden
haben.“
[GEJ.07_031,17] Sagte Ich: „Ja, du Meine
liebe Kritikerin, das hat Moses wohl eingesehen, und er hat darum auch eine
große Menge Erklärungen für die Zukunft niedergeschrieben; aber dafür, daß du
sie bis jetzt noch nicht gelesen hast, kann weder Moses noch Ich.
[GEJ.07_031,18] Es war aber deine Kritik
dennoch ganz gut, weil du eben die Mängel und Lücken aufgestellt hast, die zwar
nicht am Gesetze, aber desto mehr in eurer Erkenntnis haften, und um diese
auszufüllen, lasse Ich ja eben von dir das alte Mosaische Gesetz kritisieren.
[GEJ.07_031,19] Und da wir nun sogestaltig
auch das fünfte Gebot ins reine gestellt haben, so kannst du dich nun schon
über das sechste Gebot machen und auch an diesem die gewissen Mängel und Lücken
zeigen, so du deren auch irgendwelche entdeckt hast. Und so rede denn!“
32. Kapitel
[GEJ.07_032,01] Sagte die Helias: „O Herr und
Meister, sieh, ich bin eine Maid und habe noch nie einen Mann erkannt; daher
würde es sich etwa wohl nicht ganz besonders schicken, so ich über das sechste
Gebot meine Bemerkungen machen würde! Ich möchte Dich darum bitten, daß Du, o
Herr, mir erlassen möchtest, über dies sechste Gebot zu reden.“
[GEJ.07_032,02] Sagte Ich: „O du Meine liebe
Tochter, so du geheim bei dir von diesem Gebote durchaus keine Kenntnis
besäßest, so ließe Ich dich auch wahrlich nicht davon reden; aber weil du
dieses Gebot wohl kennst, obwohl du mit einem Manne noch nie etwas zu tun
gehabt hast, so kannst du geziemend schon auch von diesem Gebote reden. Und so
rede du nur zu nach deiner Weise!“
[GEJ.07_032,03] Sagte die Helias wieder ihren
Spruch: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der begeht keine Sünde! Und so will ich
denn auch reden in wohlgeziemender Weise. ,Du sollst nicht ehebrechen!‘, also
lautet buchstäblich das sechste Gebot. Nach dem aber, wie es mir mein Rabbi
lehrte, hieß es auch: ,Du sollst dich keusch und rein verhalten vor Gott und
vor den Menschen; denn wer da unkeusch und unrein lebt und handelt, der ist ein
Sünder so gut wie ein Ehebrecher, ein Unzüchtler und ein Hurer!‘ Das waren die
Lehrworte meines Rabbi.
[GEJ.07_032,04] Ich habe da nichts anderes zu
bemängeln, als daß erstens Moses in der Aufstellung der Grundgebote in seinem
zweiten Buche, 20. Kapitel, nur den Ehebruch verbietet, obwohl er dann im
dritten Buche, etwa vom 18. Kapitel an, sehr ausführlich davon redet, – was ich
aber auch noch nicht gelesen habe, weil mein Rabbi solches für mich nicht gut
fand. Und zweitens gab Gott durch Moses dies Gebot wie mehrere andere dem
(hebräischen) Wortlaute nach immer nur dem männlichen Geschlecht und gedachte
nur selten des Weibes.
[GEJ.07_032,05] Wer ist der ,Du‘, der nicht
ehebrechen soll? Es ist im Gesetze das einzelne Gebot nur auf einen Menschen
oder nur auf ein Geschlecht gerichtet, und das offenbar auf das männliche, und
es ist des Weibes nicht gedacht. Man kann da freilich wohl sagen: Wenn der Mann
nicht ehebrechen darf, so kann das auch kein Weib, weil es ohne einen Mann
nicht sündigen kann. Aber meines Erachtens ist eben das Weib durch seine Reize
das den Mann am meisten zum Ehebruch verlockende Element, und so sollte denn
auch besonders zum Weibe gesagt werden, daß es keinen Mann zum Ehebruch
verleiten und auch selbst die Ehe nicht brechen soll. Denn wo das Weib dem
Manne völlig treu ist, da wird sicher bald allenthalben von einem Ehebruch
keine Rede mehr sein. Aber im Grundgesetze bildet das Weib förmlich eine
Ausnahme, und es wird seiner auch nur erst in den späteren Verordnungen Mosis
gedacht.
[GEJ.07_032,06] Ich möchte aber denn nun
wissen, warum das also geschah! Und warum gedachte Moses im Gesetz um vieles
seltener des Weibes als des Mannes? Gehört denn das Weib weniger zum
Menschengeschlecht als der Mann?“
[GEJ.07_032,07] Sagte Ich: „Nun, diese deine
Bemängelung läßt sich noch hören, obwohl auch sie nur so neben der Wahrheit einherschreitet.
Sieh, auch hier steckt schon wieder die wahre und reine Nächstenliebe im
Vordergrunde, und diese betrifft das Weib ebenso wie den Mann!
[GEJ.07_032,08] So zum Beispiel du das Weib
eines ordentlichen Mannes wärst, – würde es dir wohl eine Freude machen, so das
Weib deines Nachbarn deinen Mann begehrte und mit ihm triebe, was nicht recht
wäre? Wenn du aber in deinem Herzen das sicher nicht wünschen könntest, daß dir
so etwas geschehen solle, so mußt du auch gegen deine Nachbarin dich ebenso verhalten,
wie du wünschest, daß diese sich gegen dich verhalten soll. Und was also da im
Gesetze gesagt ist dem Manne, das gilt auch im gleichen Maße für das Weib.
[GEJ.07_032,09] Gott gab nur darum dem
(hebräischen) Wortlaute nach das Grundgesetz wie allein dem Manne, wie er dem
Haupte des Menschen die Hauptsinne gab und durch sie den Verstand im Gehirn.
Wie aber Gott vorerst nur zum Verstande des Menschen redet, so redet Er auch
zum Manne, der fortan das Haupt des Weibes ist wie das Weib gewisserart des Mannes
Leib. Wenn nun eines Menschen Haupt erleuchtet und sehr verständig ist, – wird
da nicht auch im gleichen Maße mit verständig sein der ganze Leib?
[GEJ.07_032,10] Wenn des Menschen Verstand
wohl erleuchtet ist, so wird auch bald wohl erleuchtet werden des Menschen
Herz, das sich der Ordnung des Verstandes gerne fügen wird. Das Weib aber
entspricht auch dem Herzen des Mannes; und wenn also der Mann als das Haupt
wohl erleuchtet ist, so wird auch das Weib als sein Herz ebenso wohl erleuchtet
werden und sein.
[GEJ.07_032,11] Es steht aber ja schon von
alters her geschrieben, daß Mann und Weib seien ein Leib. Was sonach zum Manne
gesagt ist, das ist auch gesagt zum Weibe.
[GEJ.07_032,12] Und siehe, damit habe Ich dir
nun auch die Nichtigkeit dieses deines Zweifels erwiesen und habe dir gezeigt
das rechte Licht des Gesetzes, das du sicher gar wohl verstanden hast. Und da
du solches wohl verstanden hast, so kannst du nun schon mit deiner Kritik
weitergehen.“
33. Kapitel
[GEJ.07_033,01] (Der Herr:) „Was findest du
etwa im siebenten Gebote Mangelhaftes oder dir wenigstens Unverständliches?
Rede du nur mutvoll darauflos; denn deine Bemängelungen und deine Zweifel sind
auch noch Mängel und Zweifel in dem Gemüte vieler hier Anwesenden. Wie lautet
wohl das siebente Grundgebot Mosis?“
[GEJ.07_033,02] Sagte Helias: „O Herr, bei
diesem Gebote finde ich nun, nachdem ich von Dir das richtige Licht erhalten
habe, gar keine Mängel und Lücken mehr! Es heißt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ Da
ist ja schon wieder die wahre Nächstenliebe von oben an in die volle
Betrachtung zu ziehen! Denn was ich vernünftigermaßen durchaus nicht wünschen
kann, daß es mir geschehe, das darf ich auch meinem Nächsten nicht tun; und so
sehe ich nun von neuem, wie das ganze Gesetz Mosis und sicher auch alle
Propheten in Deinen zwei Geboten der Liebe enthalten sind. Ich merke nun auch,
daß das Gebot der Nächstenliebe rein aus der Barmherzigkeit als aus dem
mächtigsten siebenten Geiste Gottes im Menschenherzen hervorgeht und alle die
früheren sechs Geister durchdringt und belebt und den ganzen Menschen erst gut
und wahrhaft weise macht. Wer aber gut und weise ist, der wird sich sicher
nimmer irgend an dem vergreifen, was seines Nächsten ist. Und so ist auch das
siebente Gebot schon ganz in der Ordnung, und ich finde nichts, was daran
mangelhaft wäre.“
[GEJ.07_033,03] Sagte Ich: „Gut, Meine Mir
nun schon viel liebere Helias, diese deine nun angestellte Kritik über das
mosaische, rein göttliche, und somit auch makellos weiseste Gesetz zum wahren
Wohle der Menschen ist Mir um gar unglaubbar vieles werter als alle deine
früheren Kritiken. Aber es soll uns das durchaus nicht abhalten, die noch
übrigen drei Gebote einer recht scharfen Kritik zu unterwerfen, und so gehen
wir denn auch gleich zum achten Gebote über! Wie lautet wohl dieses? Rede du
nun nur ganz keck weg, wie dir die Zunge gewachsen ist, und du wirst Mir
dadurch eine rechte Freude machen!“
34. Kapitel
[GEJ.07_034,01] Hier faßte das Mädchen mehr
Mut und sagte zu Mir ganz zutraulichen Blickes: „Ja, Du mein
allerliebenswürdigster Herr, wenn ich Dich, der Du mir so unendlich tief ins
Herz hineingewachsen bist, nur etwa nicht beleidigen würde, so möchte ich Dir
schon noch etwas sagen übers achte Gebot; aber vor Dir, o Herr, – Jehova nun
leibhaftig vor uns – muß man sich sehr zusammennehmen, daß man Deiner inneren,
göttlichen Heiligkeit ja nicht zu nahe tritt! Und da ist es etwas hart und
schwer, so ganz von der Leber weg zu reden!“
[GEJ.07_034,02] Sagte Ich: „O du herzliche,
liebe Seele, das hast du von Mir aus wahrlich ewig nie zu fürchten; darum rede
du nun nur ganz keck von der Leber weg!“
[GEJ.07_034,03] Sagte Helias mit einem
äußerst liebfreundlichen Gesicht: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der sündigt
nicht, und so will ich denn reden! Das achte Gebot lautet ganz einfach: ,Du
sollst kein falsches Zeugnis geben!‘ Und weil in der Schrift nicht näher
bezeichnet ist, über wen alles man kein falsches Zeugnis geben soll, so
versteht sich das ja auch schon von selbst, daß man auch über sich selbst kein
falsches Zeugnis geben soll. Denn das hat mir mein alter Rabbi gar sehr oft
gesagt, daß die Lüge eine allerabscheulichste Sünde ist; denn von ihr stammt
alle böse List, aller Betrug, aller Zwist, Zank, Hader, Krieg und Mord. Man
soll allzeit die Wahrheit im Munde führen und reden, was man ganz bestimmt weiß
und fühlt, und sollte das auch irgendwann zu unserem irdischen Nachteile
gereichen! Denn ein wahres Wort hat vor Gott einen viel größeren Wert als eine
ganze Welt voll Gold und Edelsteine. Es ist somit auch ein jedes unwahre Wort
über sich selbst ein von Gott verbotenes falsches Zeugnis.
[GEJ.07_034,04] Und ich nehme somit auch hier
gar keinen Anstand, Dir, o Herr, gerade ins Angesicht zu sagen, daß ich Dich wirklich
über gar alles liebe! Oh, dürfte ich Dich so an mein Herz drücken, wie ich
möchte, oh, so könnte ich sterben vor süßester Wonne! Sieh, o Herr, hier habe
ich über mich selbst sicher kein falsches Zeugnis gegeben! Und wie ich über
mich kein falsches Zeugnis ablege, so lege ich auch über meinen Nächsten nie
ein falsches Zeugnis ab! Und es muß dahinter ebenso der siebente Geist Gottes
tätig sein wie bei den anderen Gesetzen. – O Herr, habe ich Dich jetzt etwa
doch nicht irgend beleidigt?“
[GEJ.07_034,05] Sagte Ich: „O mitnichten, du
Meine liebe Tochter; denn wie sehr du Mich auch immer liebst, so liebe Ich dich
dennoch um ein dir Unbegreifliches mehr! Mit unserer gegenseitigen Liebe wären
wir beide denn nun schon ganz im reinen, aber mit dem achten Gebote noch nicht
so völlig! Und so höre denn, Ich will dich auf etwas noch aufmerksam machen!
[GEJ.07_034,06] Du würdest zum Beispiel von
irgendeinem Richter befragt werden, ob du ein geheimes, großes Verbrechen, das
etwa ein dir sehr teurer und liebster Anverwandter begangen hätte und von dem
du wohl eine Kenntnis haben könntest, nicht näher kennest, und ob du nicht
angeben könntest, wo sich der Verbrecher aufhalte, weil man seiner noch nicht
habe habhaft werden können. Nun setze Ich bei dir aber den Fall, daß du sowohl
über das Verbrechen deines sehr nahen Anverwandten, wie auch über seinen
verborgenen Aufenthalt in ganz genauer Kenntnis wärst! Was würdest du dem
Richter sagen, der dich darum befragt hat?“
[GEJ.07_034,07] Sagte ganz beherzt die
Helias: „Herr, so auch dieses achte Gebot auf der reinen Nächstenliebe fußt, da
man nur darum über niemand ein falsches Zeugnis geben soll, um ihm dadurch
nicht zu schaden, so kann doch umgekehrt dieses achte Gebot nicht eine
Bedingung aufstellen, daß man dann durch eine rücksichtsloseste Wahrheit seinem
Nächsten schaden soll! In einem solchen Falle würde ich mit der Wahrheit ewig
nicht zum Vorschein kommen! Denn wem kann ich dadurch nützen? Dem
strafsüchtigen Richter sicher nicht, weil er dabei nichts gewinnen kann, ob er
den armen Verbrecher in seine Hände bekommt oder nicht, und dem armen
Verbrecher, der sein Verbrechen irgend bereut und sich ernstlich bessert, noch
weniger! Denn so ich ihn in die Hände des Richters liefere, dann ist er
verloren vielleicht für ewig, was ich sogar dem nicht wünschen würde, der an
mir selbst ein Verbrechen begangen hätte. Also in dem Falle würde ich der
Wahrheit offenbar den Rücken zuwenden und an dem armen Verbrecher selbst um den
Preis meines Lebens keine Verräterin machen!
[GEJ.07_034,08] Wenn nach Deiner Erklärung, o
Herr, die Nächstenliebe darin besteht, daß man seinem Nächsten alles das tun
soll, was man wünschen kann, daß er es auch unsereinem tun möchte, so kann mir
selbst der allergerechteste Gott nicht verargen, wenn ich sogar meinem größten
Feinde das nicht antun möchte, was ich in seiner Lage sicher auch nicht
wünschen könnte, daß ein anderer Nächster an mir einen Verräter machte. Zudem
bedarf Gott, um irgendeinen groben Sünder zu züchtigen, weder eines weltlichen
Richters und noch weniger eines verräterischen Leumundes. Er, der Allwissende,
der Allergerechteste und Allmächtige, wird den Verbrecher schon auch ohne einen
Weltrichter und ohne meinen Mund zu züchtigen verstehen! Es ist Ihm bis jetzt
noch keiner durchgegangen, und so wird Ihm auch in der Folge keiner durchgehen!
[GEJ.07_034,09] Nun aber frage ich Dich, o
Herr, ob Isaaks Weib dadurch vor Gott gesündigt hat, daß sie den alten blinden
Isaak dadurch offenbar belog und betrog, daß sie ihm zur Erteilung und
Gewinnung des Vatersegens den zweitgeborenen Sohn Jakob für den erstgeborenen
rauhen Sohn Esau hinstellte! Ich halte das für einen offenbaren Betrug, und
doch sagt die Schrift, daß solches nach dem Willen Jehovas geschah. War aber
das recht und gerecht vor Gott, so wird es auch recht und gerecht vor Dir, o
Herr, sein, so ich da mit der Wahrheit innehalte, wenn ich durch sie meinem
Nächsten, der mir sogar niemals ein Leid angetan hat, nichts nützen, sondern
nur ungeheuer schaden muß!
[GEJ.07_034,10] Ich bin nun der Meinung, daß,
wenn Gott und Moses in dem achten Gebot keine Ausnahme gestellt haben, eben in
diesem Gebote eine große Lücke offengeblieben ist, die allein durch Dein Gebot
der Nächstenliebe ausgefüllt werden kann und auch ausgefüllt werden muß. – Habe
ich recht oder nicht?“
[GEJ.07_034,11] Sagte Ich: „Einesteils wohl,
aber andernteils auch wieder nicht! Denn siehe, der Verbrecher wäre nach seiner
Flucht kein besserer Mensch geworden, sondern würde, dir etwa nicht unbekannt,
noch mehrere und größere Verbrechen zum Schaden vieler Menschen verüben! So du
aber dann dem Gerichte kundtätest, wo sich der Verbrecher aufhält, damit dann
das Gericht sicher nach ihm fahnden kann, so würdest du dadurch ja viele
Menschen vor großem Unglücke retten und ihnen dadurch einen großen Liebesdienst
erweisen. Was meinst du zu diesem sehr leicht möglichen Falle?“
[GEJ.07_034,12] Hier stutzte die Helias und
wußte nicht so ganz recht, was sie darauf erwidern sollte. Erst nach einer
Weile tieferen Nachdenkens sagte sie: „Nun, wo eines schlechten und
unverbesserlichen Menschen wegen viele Unschuldige leiden müßten, da sagt die
Vernunft, daß es besser sei, so dieser eine wohlverdientermaßen leidet. Da ist
es dann eben wieder infolge der wahren Nächstenliebe angezeigt, die Wahrheit,
wenn sie verlangt wird, zu reden. Ob man aber bei solch einer Angelegenheit
einen freiwilligen Verräter machen soll, das hast Du, o Herr, allein zu
bestimmen!“
[GEJ.07_034,13] Sagte Ich: „Dazu sei von Mir
aus niemand verhalten, sondern das steht euch frei! Und so gehen wir zum
neunten Gebote über! Wie lautet es?“
35. Kapitel
[GEJ.07_035,01] Sagte die Helias: „O Herr und
Meister, bei dem neunten und zehnten Gebote finde ich gleich von vornherein
einen wahrlich nicht unbedeutenden Anstand, und der besteht darin, daß wir
Neujuden nun ein neuntes und zehntes Gebot haben, während Moses doch nur ein
neuntes Gebot zum Schlusse seiner Grundgesetzgebung gab. Das gesamte neunte
Gebot aber lautet: ,Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses, laß dich
nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechtes noch seiner Magd,
noch seines Ochsen noch seines Esels, noch alles dessen, was der Nächste hat!‘
[GEJ.07_035,02] Mit dem hat die
Grundgesetzgebung ihr Ende; denn gleich darauf floh nach der Erzählung Mosis
das Volk aus Furcht vor den Blitzen, Donnern, vor dem Posaunenschall und vor
dem gewaltigen Rauchen des Berges und bat Moses, daß er allein mit Gott reden
solle – denn so es noch länger Gottes alles erschütternde Stimme anhören solle,
dann würde alles Volk sterben vor zu großer Angst und Furcht –, worauf dann
Moses das Volk beruhigte und vertröstete. Von einem weiteren zehnten Gebote ist
dann weiter keine besondere Rede mehr.
[GEJ.07_035,03] Doch bei uns ist das ,Laß
dich nicht gelüsten nach deines Nächsten Weibe!‘ im neunten Gebot ausgelassen,
und es ist daraus ein zehntes Gebot gemacht worden, und noch andere benennen
das das neunte und alles andere das zehnte Gebot. Es fragt sich nun zuerst: Hat
Moses von Gott doch zehn Gebote oder nur neun erhalten?“
[GEJ.07_035,04] Sagte Ich: „Anfangs, Meine
liebe Helias, wahrlich nur neun; später dann, als er gezwungen war, die
zerbrochenen ersten steinernen Gesetzestafeln wieder durch neue zu ersetzen,
hat er selbst das letzte Gebot in zwei abgeteilt, um das ehebrecherische
Begehren nach eines Nächsten Weibe – was die Juden in Ägypten sich sehr zu
eigen gemacht hatten und dadurch in beständigem Hader und fortwährender
Zwietracht lebten und sich gegenseitig zu Todfeinden wurden – recht anschaulich
zu machen, und am Ende setzte er auf den Ehebruch sogar die leibliche
Todesstrafe, weil das noch so weise Wort bei den in alle Sinnlichkeiten
versunkenen Juden nichts fruchtete.
[GEJ.07_035,05] Und so weißt du nun, wann,
wie und warum aus dem letzten, neunten Gebot ein für sich bestehendes zehntes
entstand. An der Zahl aber liegt hier ja ohnehin nichts, sondern nur allein an
der Sache, und so kannst du hier deine Kritik entweder bloß über das gesamte
neunte Gebot oder auch über das gesonderte zehnte Gebot für sich aufstellen.
Das hängt nun bloß von dir ab, wie es dir lieber ist. Und du kannst nun schon
zu reden anfangen!“
[GEJ.07_035,06] Sagte die Helias: „O Herr und
Meister über alles! Das Reden wäre für meine schon von Geburt aus sehr
geläufige Zunge schon gerade recht; aber ich sehe es da auch schon zum voraus
ein, daß ich wieder völlig umsonst werde geredet haben. Denn wer kann aus
seiner großen Dummheit heraus Dir irgend etwas vorbringen, das Du ihm nicht
sogleich tausendfältig widerlegen könntest! Wenn aber das, warum da noch
reden?“
[GEJ.07_035,07] Sagte Ich: „Ja siehe, du
Meine sonst überaus liebe Tochter, du möchtest wohl auch gern einmal recht
haben, wie das schon nahe bei den meisten Weibern der Fall ist; aber es handelt
sich hier durchaus nicht um eine eitle Rechthaberei, sondern um den größten
Lebensernst, und da müsset ihr mit euren alten Irrtümern von selbst ans
Tageslicht treten, damit ihr sie an Meinem wahrsten und lebendigsten Lichte
desto vollkommener erkennen möget! Und darum lasse Ich nun dich für alle reden,
da Ich nur zu gut weiß, daß du ein sehr gutes und scharfes Gedächtnis
besitzest, dazu auch eine sehr beugsame Zunge, und daß eben du durch deinen
Rabbi am meisten die Lücken und Mängel am Gesetz und an den Propheten gar wohl
kennengelernt hast. Und so rede du nun nur wie zuvor ganz geradeheraus, was dir
etwa auch an diesem Gesetze als nicht so ganz in der vollsten und besten
Ordnung vorkommen sollte!“
[GEJ.07_035,08] Sagte die Helias: „Herr, so
man das tut, was Du willst, begeht man doch sicher keine Sünde, und auf das
gestützt, muß ich hier schon ganz offen bekennen, daß ich mit – sage – diesem
ganzen neunten Gebote am allerwenigsten und schon eigentlich ganz und gar nicht
einverstanden bin, weil all das darin Verbotene jeder klaren Vernunft den
reinen Hohn spricht, – erstens, weil alles darin Enthaltene schon ohnehin
hinreichend im sechsten und siebenten Gebote enthalten ist, und zweitens, weil
dem Menschen darin ganz ordentlich das Denken, Fühlen und Wünschen untersagt
ist!
[GEJ.07_035,09] Was liegt denn daran, so
irgendein armer Mensch, der sein ganzes Leben hindurch zum Dienen und zur
schweren Arbeit um magere Kost und um einen schlechten Lohn von Geburt aus
verurteilt war, sich auch dann und wann denkt und sogar eine Sehnsucht bekommt,
auch einmal ein Haus oder ein liebes Weib oder einen Ochsen oder Esel als
Eigentum zu besitzen?! Denn es wird sein für ihn frommer Wunsch ja ohnehin nie
erfüllt werden! Wenn es ihn nach so etwas auch gar nie gelüsten soll, so muß
ihm zuvor ja doch das Denken, Fühlen und Empfinden ganz genommen werden.
[GEJ.07_035,10] Wahrlich, es kommt mir dieses
alberne Gebot geradeso vor, als so Moses den Menschen den Gebrauch ihrer Sinne
und dazu auch ihrer Hände und Füße untersagt hätte, was sich aber noch um
vieles bescheidener ausgenommen hätte, als wenn er ihnen die innersten
Lebensfunktionen verboten hätte, für die doch wahrlich kein Mensch etwas kann,
wenn sie in ihm, durch allerlei Umstände und Verhältnisse geweckt und erregt,
vor sich gehen.
[GEJ.07_035,11] Ich will das hier gar nicht
mehr in irgendeine Anregung bringen, daß dieses Gebot ganz besonders
wahrnehmbar nur für den Mann gegeben ist; allein dieser Grund ist bereits
erörtert worden, und man kann da nun schon mit der größten Bestimmtheit
annehmen, daß ein jedes Gesetz das Weib ebensogut angeht wie den Mann und es da
denn auch für das Weib also gesagt ist: ,Du sollst nicht begehren deiner
Nächsten Mann!‘ Das ist im Gesetze sonach alles in der Ordnung; aber daß ein
Mensch nicht denken, nicht fühlen, nichts wünschen und auch nichts empfinden soll,
– da hört sich aber auch schon alles auf!
[GEJ.07_035,12] Es ist schon wahr, daß in uns
allerlei Gedanken, auch allerlei Wünsche, Begehrungen und endlich auch
Bestrebungen und Taten guter und böser Art entstehen; aber ohne die
vorhergehenden Gedanken, aus denen freilich gar oft schlechte Handlungen
entstehen, können auch keine guten Entschließungen und Taten zum Vorschein
kommen. Das muß jedem Engel und jedem nur einigermaßen vernünftigen Menschen
klar und sehr begreiflich sein. Und so sage ich, daß dieses letzte Gesetz,
insoweit es den Menschen schlechte Handlungen verbietet, schon ganz in der
Ordnung ist, obschon meines Erachtens überflüssig, weil das, wie schon früher
bemerkt, ohnehin durch das sechste und siebente Gebot geschehen ist. Aber es
ist ganz und gar nicht in der Ordnung, so es dem Menschen das Denken, Fühlen,
Empfinden und ein daraus sicher hervorgehendes leises Wünschen, Gelüsten und
Begehren verbietet.
[GEJ.07_035,13] Zum Beispiel ich, meine
Eltern und mein Bruder haben unser Vermögen und Besitztum ganz ohne unser
Verschulden verloren und haben nun nichts als unser nacktes Leben und durch
Deine Gnade, o Herr, die guten Freunde. So wir denn in unserer großen Armut die
Reichen und Großen im Überflusse schwelgen sahen, – haben wir da gesündigt, so
wir das Begehren in uns fühlten, nur einen ganz kleinen Teil von ihrem
Überflusse unser nennen zu dürfen?! So es uns in unserem Hunger auch nicht
einmal gelüsten soll, uns von den überfüllten Schüsseln nur dem Gedanken nach
einmal zu sättigen, dann hört sich aber schon alles auf!
[GEJ.07_035,14] Zu dem kommt da noch eine
große Frage: ob an dem, was die Erde trägt, die eigentlich Gottes Grund und
Boden ist, nicht alle in diese Welt ohne ihr Verschulden gesetzten Menschen
wenigstens so viel natürliches Recht besitzen sollen, daß sie nur zur Notdurft
ihren Leib versorgen können. Warum müssen oder sollen manche Menschen gar so
viel ihr eigen nennen, und das unter allem möglichen gesetzlichen Schutze, die
allergrößte Zahl dafür aber nichts und muß sich am Ende auch noch das göttliche
Gesetz dahin gefallen lassen, daß sie kein Verlangen nach dem haben sollen, was
als Überfluß die Großen und Reichen ihr Eigentum nennen? Man nimmt ihnen
dadurch ja ohnehin nichts weg; aber wenn man kein notwendiges Verlangen nach dem
Überflusse des Reichen haben darf, so darf man ihn als ein Bettler ja auch
nicht darum bitten! Denn das Bitten setzt ja notwendig eine durch die Not
gezwungene Lüsternheit nach einem Teile des Besitzes des reichen Nächsten
voraus.
[GEJ.07_035,15] Wir Armen dürfen demnach nur
zu den Besitzern kommen und sie um eine Arbeit bitten und uns dafür mit dem
noch so schmalen Liedlohne (Gesindelohn) völlig zufrieden geben, da jedes
weitere Verlangen eine gesetzwidrige Lüsternheit nach dem wäre, was des reichen
Nächsten ist und er sein nennt. O Herr und Meister, das kann ein höchst
liebevoller Schöpfer nie und niemals also gewollt und also angeordnet haben!
Das können nur schon von alters her habsüchtige Menschen unter dem Titel der
Vorsehung Gottes also gewollt und gemacht haben, auf daß wir Armen sie auch
nicht einmal mit unseren Gedanken in ihrem Besitze stören sollen.
[GEJ.07_035,16] O Herr und Meister, der Du so
überweise und allmächtig bist, – was sagst Du nun dazu? Denn ich habe geredet
nun und habe dargestellt, was ich an diesem letzten Grundgesetz als nach meinem
menschlichen Verstande überaus mangelhaft gefunden habe, freilich infolge von
dem, was ich von meinem Rabbi bekommen habe. Oh, gib Du uns allen darüber nun
ein rechtes Licht; denn ich denke mir, daß eben dieses gar nicht möglich zu
haltende Gesetz die Menschen am meisten zu allerlei Sünden und anderen
Verbrechen verleitet hat, weil ich nur zu gut weiß, daß eben dieses letzte
Gesetz beinahe von allen verständigeren Juden als ein nicht göttliches erkannt
wird! Oh, öffne Deinen heiligen Mund und gib uns Deinen Willen kund!“
36. Kapitel
[GEJ.07_036,01] Sagte Ich: „Du bist ja ein
ganz entsetzlich scharf verständiges Wesen und hast das letzte Mosaische Gesetz
gar scharf angegriffen! Ja, ja, manchmal sind die Kinder der Welt klüger als
die Kinder des Lichtes; sie sehen oft eher das Eckige einer Lehre denn die
Kinder des Lichtes. Doch auch bei diesem letzten Gebote hast du dich,
ungeachtet der großen Schärfe deines Verstandes, geradeso verhauen wie bei den
früheren.
[GEJ.07_036,02] Du kannst denken, was du
willst, so kannst du dadurch nicht sündigen, so dein Herz an einem
unordentlichen Gedanken kein Wohlgefallen findet. Findest du aber an einem
schlechten Gedanken ein Wohlgefallen, so verbindest du auch schon deinen Willen
mit dem schlechten, aller Nächstenliebe baren Gedanken und bist nicht ferne
davon, solchen Gedanken, der einmal schon von deinem Wohlgefallen und von
deinem Willen belebt worden ist, in die Tat übergehen zu lassen, wenn dir die
Umstände günstig erscheinen und die Tat ohne äußere Gefahr zulassen. Daher ist
die weise Überwachung der im Menschenherzen vorkommenden Gedanken durch das
geläuterte Licht des Verstandes und der reinen Vernunft ja doch von der
höchsten Wichtigkeit, weil der Gedanke der Same zur Tat ist, und es könnte die
notwendige und weise Überwachung der Gedanken wahrlich nicht trefflicher
ausgedrückt sein als eben dadurch, daß da Moses sagt: ,Laß dich nicht gelüsten
nach diesem und jenem!‘ Denn so es dich einmal stark zu gelüsten anfängt, so
ist dein Gedanke schon belebt durch dein Wohlgefallen und durch deinen Willen,
und du wirst dann deine Not haben, solch einen belebten Gedanken in dir völlig
zu ersticken. Der Gedanke, und die Idee, ist ja, wie früher gesagt, der Same
zur Tat, die da die Frucht des Samens ist. Wie aber der Same, so dann auch die
Frucht!
[GEJ.07_036,03] Du kannst daher denken, was
du willst; aber belebe keinen Gedanken und keine Idee eher zur Frucht, als bis
du ihn vor dem Richterstuhle deines Verstandes und deiner Vernunft gehörig
durchgeprüft hast! Hat der Gedanke da die Licht- und Feuerprobe bestanden, dann
erst kannst du ihn zur Frucht oder Tat beleben, und es kann dich da dann schon
gelüsten nach etwas Gutem und Wahrem; aber nach etwas Unordentlichem, das
offenbar wider die Nächstenliebe geht, soll es dich nicht gelüsten! Und darin
liegt das, was Moses in seinem letzten Gesetze ausgedrückt hat, und es liegt
darin wahrlich wohl nie und nirgends der Widerspruch mit den inneren
Lebensfunktionen, den du mit Hilfe deines scharfsinnigen Rabbi willst gefunden
haben. Was soll, ja was kann aus einem Menschen werden, wenn er nicht schon
frühzeitig lernt, seine Gedanken zu prüfen, zu ordnen und alles Unreine, Böse
und Falsche aus ihnen zu scheiden? Ich sage es dir, solch ein Mensch würde
schlechter und böser werden denn ein allerreißendstes und bösestes Tier!
[GEJ.07_036,04] In der guten und weisen
Ordnung der Gedanken liegt ja der ganze Lebenswert eines Menschen. Wenn nun
Moses zur Regelung der Gedanken, Wünsche und Begierden auch ein Gebot gab, –
kann da ein ganz weise sein wollender oder sein sollender Rabbi ihn dahin
verdächtigen, als hätte er ein solches am allermeisten zu berücksichtigende
Gebot nicht vom wahren Geiste Gottes empfangen? Siehe, siehe, du Meine liebe
Tochter, wieweit sich da dein Rabbi verstiegen hat!“
37. Kapitel
[GEJ.07_037,01] (Der Herr:) „Daß die Güter
dieser Erde sehr ungleich verteilt sind, und daß es Reiche und Arme gibt, das
ist schon also der weise Wille Gottes, und Er läßt darum auch solch ein
Verhältnis unter den Menschen bestehen, weil ohnedem auch die Menschen schwer
oder auch gar nicht bestehen könnten.
[GEJ.07_037,02] Denn stelle dir einmal die
Sache also vor, daß da ein jeder Mensch auf der ganzen Erde schon von Geburt an
mit allem also versorgt wäre, daß er von keinem andern nur ein Geringstes mehr
benötigen würde, so würde er nur zu bald den Tieren des Waldes und den Vögeln
der Luft gleich leben. Diese bauen sich keine Häuser, bebauen keine Felder und
Weinberge und haben nicht not, für ihre Bekleidung zu sorgen. Und hätten sie
auch in ihren Höhlen und Nestern hinreichend Nahrung, so würden sie diese auch
nie verlassen, sondern sie würden gleich den Polypen im Meeresgrunde ruhen und
fressen, wenn sie einen Hunger verspürten. Aber weil die Tiere ihren Fraß erst
suchen müssen, so sind sie voll Bewegung und ruhen erst dann, wenn sie ihren
Hunger gestillt haben.
[GEJ.07_037,03] Und siehe, also hat es Gott
besonders unter den Menschen gar sehr weise eingerichtet, daß Er die irdischen
Güter unter sie sehr ungleich verteilt und sie auch mit sehr verschiedenen
Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat! Dadurch ist ein Mensch dem andern
ein unerläßliches Bedürfnis. Der Reiche ist gewöhnlich für eine schwerere und
doch höchst notwendige Arbeit nicht sehr dahin eingenommen, daß er selbst seine
Hände daran legte; aber er hat eine Freude daran, daß er alles nach seinem
Wissen und nach seinen gemachten Erfahrungen anordnet und seinen Knechten und
Mägden anzeigt, was sie zu tun und zu arbeiten haben. Diese legen dann ihre
Hände ans Werk und arbeiten nun und dienen willig dem Reichen um den bedungenen
Lohn. Und damit sie sich etwa aus Liebe zum Selbstreichsein und zum Wohlleben
nicht am reichen Dienstgeber vergreifen können, so schützen diesen die
weltlichen, wie auch die göttlichen Gesetze, freilich nur bis zu einem gewissen
Maße, über das auch für die Reichen gar scharfe und weise Gesetze gegeben sind.
[GEJ.07_037,04] Also braucht der reiche
Besitzer auch allerlei Professionisten. Er muß zum Schmied kommen, zum
Zimmermann, zum Maurer, zum Schreiner, zum Töpfer, zum Weber, zum Schneider und
zu noch gar vielen anderen, und so lebt einer von dem andern, weil einer dem
andern dient. Und nur auf diese Art kann das Menschengeschlecht auf der Erde
erhalten werden und könnte sehr gut bestehen, wenn sich so manche nicht auf
eine gar zu übermäßige Habsucht und Herrschgier geworfen hätten. Doch diese
werden von Gott stets scharf heimgesucht und schon auf dieser Welt gezüchtigt,
und ihr ungerecht zusammengeraffter Reichtum geht höchstens bis auf die dritte
Nachkommenschaft über.
[GEJ.07_037,05] Du siehst daraus, daß es in
der Welt Arme und Reiche geben muß, und so kannst du auch schon einsehen, daß
Moses das letzte Gesetz nicht lückenhaft, sondern so vollständig wie nur immer
denkbar den Juden und durch sie allen Menschen gegeben hat, und daß eben in
diesem Gesetze erst die wahre, innere Vollendung der reinen Nächstenliebe und
des Geistes der Barmherzigkeit im Menschenherzen zugrunde liegt.
[GEJ.07_037,06] Wenn aber das unleugbar der
Fall ist, so ist darin auch die Bedingung enthalten, daß ein jeder zur wahren
Reinigung seiner Seele eben dieses letzte Gesetz sehr beherzigen und auch gar
sehr und vollkommen beachten soll. Denn solange ein Mensch nicht völlig Herr
seiner Gedanken wird, so lange wird er auch nicht Herr seiner Leidenschaften
und der daraus hervorgehenden Tätlichkeiten. Wer aber da nicht Herr und Meister
in sich und über sich ist, der ist noch ferne vom Reiche Gottes und ist und
bleibt ein Knecht der Sünde, die aus seinen unordentlichen Gedanken und daraus
hervorgehenden Begierden geboren wird und den ganzen Menschen verunreinigt. –
Hast du das nun wohl verstanden? Nun ist wieder an dir die Reihe, zu reden.“
38. Kapitel
[GEJ.07_038,01] Sagte die Helias: „O Herr und
Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Was soll ich arme Magd noch mehr reden?
Denn mit Dir über göttliche Dinge reden kommt mir nun geradeso vor, als so ein
recht allereinfältigster Narr sich vornähme, das ganze, unmeßbar große Meer mit
einem Eßlöffel in einen Wassereimer auszuschöpfen. Alles, was Du, o Herr,
sagst, ist Wahrheit; wir Menschen alle zusammen aber wissen ganz und gar
nichts. Diese meine Bemängelung des letzten Gebotes kam mir doch so grundrichtig
vor wie nur etwas unumstößlich Wahres in der ganzen lieben Welt, und was ist
eben diese meine Gesetzesbemängelung jetzt? Nicht nur gar nichts, sondern ein
ausgesprochenes Etwas, über das man sich gleich eine ganze Ewigkeit lang
schämen könnte, daß man es eben dümmsterweise ausgesprochen und dadurch auch so
erst ganz ordentlichst seine eigene Dummheit zur offensten Schau getragen hat.
Herr und Meister, wahrlich wahr, ich bin nun mit mir selbst im höchsten Grade
unzufrieden, und es reut mich tiefst, daß ich je nur zu wagen mich getraut
habe, mich mit Dir in einen Wortwechsel einzulassen! Was werden nun alle die
hier versammelten weisen Männer von einer solchen naseweisen und eingebildeten
Dirne denken? O Herr und Meister, ich fange nun an, mich ganz entsetzlich zu
schämen!“
[GEJ.07_038,02] Sagte Ich: „Nun, warum denn
so ganz eigentlich? Ich habe dich ja doch Selbst dazu aufgefordert, und du
selbst hast es allzeit ausgesprochen: Wer das tut, was Ich will, der sündigt
nicht! Du hast aber eben das getan, was Ich gewollt habe, und somit hast du
denn auch nicht gesündigt; und hast du nicht gesündigt, so hast du dich wegen
irgendeiner Sünde vor Mir auch nicht zu schämen. Denn was du geredet hast, das
war nicht nur deiner selbst wegen von großer Wichtigkeit, sondern auch der gar
vielen andern wegen; denn sie alle trugen ganz dieselben Zweifel in ihren
Eingeweiden und sind dadurch nun von Grund aus geheilt. Und siehe, das war mehr
oder minder auch ein Werk deiner wahrlich sehr gewandten Zunge, und siehe, das
war etwas ganz Gutes und gar nichts Schlechtes, und so darfst du dich dessen
gar nicht schämen, was du geredet hast. Du hast für dein geringes Alter einen
ganz geläuterten Verstand, und der ist das anfängliche Licht des Herzens; und
wer ein rechtes Licht des Herzens hat, der kann auch bald und leicht das rechte
Licht des Lebens finden. – Verstehest du, was Ich dir damit gesagt und gezeigt
habe?“
[GEJ.07_038,03] Sagte die Helias: „O Herr und
Meister, das verstehe ich wohl; aber dessenungeachtet habe ich dennoch in mir
das vollste Bewußtsein, daß ich das vollkommenste Nichts im Nichts bin und Du
das vollendetste Alles in Allem bist! Aber von nun an bitte ich Dich, o Herr,
mich nicht mehr zum Reden aufzufordern; denn ich bin sehr blind!“
[GEJ.07_038,04] Sagte Ich: „Du solltest wohl
noch reden, weil du auch die Propheten verdächtigt hast; doch weil du nun
einsiehst und begreifst, daß das Gesetz Mosis ein rein göttliches ist und keine
Mängel und Lücken in sich faßt, als wäre es ein menschliches, so kannst du dir
nun das weitere Reden ersparen. Doch so dich irgend etwas noch mit einem
Zweifel erfüllt, so kannst du fragen, und es wird dir Licht gegeben werden.
[GEJ.07_038,05] Doch hier um Mich sitzen
Meine alten Jünger, und jener scheinbare Jüngling ist Mein Diener, wie Ich deren
noch gar viele habe; auch ihn kannst du fragen, und er wird dir, gleich wie Ich
Selbst und gleich wie diese Meine Jünger, über alles den rechten Aufschluß
geben. Ich Selbst aber werde nun zu Meinen Jungen gehen, die dort auf der
entgegengesetzten Seite dieser Herberge sich in einem Gemache befinden, und
werde sie in die Freie führen. Begleiten aber darf Mich nun nur Lazarus, der
Römer Agrikola und der Sklavenhändler Hibram.
[GEJ.07_038,06] Nun weißt du, Meine Helias,
schon, was du zu tun hast, wenn du noch ein weiteres Licht haben willst; denn
Ich muß nun etwas anderes tun, da die Sonne nur noch etwas über eine halbe
Stunde am Himmel verweilen wird. Sodann kommen nach dem Untergange die vielen
fremden Gäste, die draußen unter den Zelten ihr Abendmahl zu sich nehmen
werden, und da ist für Mich keine Zeit, draußen unter den Weltmenschen
umherzuwandeln, sondern Ich will dann wieder hier in eurer Mitte sein. Aber
wenn dann die Fremden nach dem Abendmahle wieder in ihre Wohnhütten abziehen
werden, dann werden wir gemeinschaftlich uns ins Freie begeben, und ihr alle
sollet da viel Wunderbares erleben. Und so verharret nun hier und erbauet euch
geistig, bis Ich wieder zu euch zurückkehren werde!“
[GEJ.07_038,07] Sagte nun die Helias mit
einer etwas trüben Stimme: „O Herr und Meister, warum darf denn ich nun nicht
mit hinaus ins Freie? Und ich möchte doch gar so sehnlichst gerne immer in
Deiner nächsten Nähe sein!“
[GEJ.07_038,08] Sagte Ich: „Das ist wahrlich
gar sehr löblich von dir; aber du kannst auch ohne Meine Persönlichkeit stets
in Meiner nächsten Nähe sein, wenn du Mir nur im Herzen nahe bist! Siehe, in
Genezareth befindet sich auch ein gar liebliches Mägdlein, dessen Namen Jarah
ist; die hat Meine Person schon beinahe ein ganzes Jahr lang nicht mehr gesehen,
und dennoch ist sie Mir in ihrem Herzen noch um ein bedeutendes näher als du
nun! Ich kann Mich in jedem Augenblick mit ihr besprechen, und sie vernimmt
jedes Meiner Worte genaust in ihrem Herzen und richtet sich strenge danach. Tue
du desgleichen, so wirst auch du gleich jener Jarah dich stets in Meiner
nächsten Nähe befinden, und das auch dann, wenn Ich nicht mehr in diesem Leib
und Fleisch auf dieser Erde umherwandeln werde! Verstehe solches und richte
dein Leben danach ein, so wirst du das ewige Leben haben in dir!“
39. Kapitel
[GEJ.07_039,01] Darauf erhob Ich Mich schnell
und die drei Berufenen mit Mir, und wir gingen zu unseren Jungen, die wir ganz
ruhig und mit heiteren Gemütern antrafen; denn da hatte eines dem andern stets
vieles zu erzählen, was ein jedes auf der weiten Reise Absonderliches gesehen
und bemerkt hatte, und wie solches auf ihre gegenwärtige Erlösung Bezug
genommen habe. Einige hatten Träume, andere wollten andere Erscheinungen bald
auf der Erde und bald wieder am Himmel gesehen haben. Und also unterhielten
sich diese Jungen die etlichen Stunden untereinander ganz gut und merkten es
kaum, daß es schon nahe zum Ende des Tages gekommen war.
[GEJ.07_039,02] Als wir zu ihnen in ihr ganz
geräumiges Gemach traten, da war es völlig aus vor lauter Freude, und alle
schrien: „Gegrüßet seist du, unser allein rechter und ganz allein wahrer Vater;
denn du hast uns ein gutes Brot und einen guten Trank gegeben, hast uns frei
gemacht von unseren harten Banden und hast wohl bekleidet unsern nackten Leib,
und darum bist du nun ganz allein unser rechter und wahrer Vater, und wir alle
lieben dich nun über alles! Aber unsere harten Eltern können wir nun nicht mehr
allzusehr lieben; denn sie haben uns nie etwas Gutes getan, außer daß sie uns
eine Zeitlang gemästet haben, um uns dann teurer verkaufen zu können. Wir
wünschen ihnen darum dennoch nichts Arges, sondern nur das wünschen wir ihnen,
daß sie bald zu der Einsicht kommen sollen, daß es höchst unrecht ist, so
Menschen wieder Menschen und sogar die Eltern ihre Kinder gleich wie andere
Haustiere an gewinnsüchtige Kaufleute verkaufen. Doch da wir nun alle einen so
überguten Vater gefunden haben, so sei auch der alte Frevel, den unsere Alten
an uns, ihren unschuldigen Kindern, begangen haben, ihnen vergeben, was du,
harter Kaufmann Hibram, ihnen daheim wohl vermelden kannst, wenn noch irgendein
ehrlicher Blutstropfen in deinen Adern fließt!“
[GEJ.07_039,03] Lazarus und auch Agrikola
erstaunten über die große Entschiedenheit dieser Ansprache an Mich und teilweise
an den Sklavenhändler Hibram; denn Ich gab den zweien die Gabe, die Sprache
dieser nordischen Jungen zu verstehen, wie auch mit ihnen zu reden, da solches
höchst notwendig war, auf daß sich besonders der Römer mit ihnen besser
verständigen konnte. Ich hätte solch eine Fähigkeit auch allen diesen Jungen
geben können; aber es wäre das für sie nicht so gut gewesen, weil sie durch
eine vollkommenere Sprache auch eher und vollkommener zur Kenntnis aller
möglichen Unarten, Untugenden, Sünden und Laster gelangt wären. Wenn sie aber
die ihnen noch fremde Sprache der Römer erst nach und nach erlernen mußten, so
wurden sie vorerst in ihrer Sprache von dem Römer, der am Ende doch alle die
Jungen mit nach Rom führte und dem Lazarus keinen zurückließ, in Meiner Lehre
unterwiesen, die ihnen dann einen immerwährenden Schutz gegen die Torheiten
Roms gab; und es war somit alles gut, wie Ich diese Sache angeordnet hatte.
[GEJ.07_039,04] Als sich diese Jungen mit uns
ordentlich unterredet hatten und auch Hibram ihnen die teuerste Versicherung
gab, daß er daheim für ihre zurückgebliebenen Gefährten schon bestens sorgen
werde, und daß er fortan auch keinen Menschenhandel mehr führen wolle, für
welches Versprechen sich ihm alle Jungen beiderlei Geschlechts sehr dankbar
bezeigten, da sagte Ich, daß sie nun alle mit uns hinaus in die Freie gehen
sollten, was ihnen eine große Freude verursachte.
[GEJ.07_039,05] Als wir aber im Freien waren,
sahen wir die schöne Landschaft gegen den Sonnenuntergang, und die Jungen sagten
ganz wonnetrunken, daß sie noch nie eine so schöne Landschaft gesehen hätten.
[GEJ.07_039,06] Und ein Junge, der eine
besonders hervorragende Denk- und Redefähigkeit besaß, sagte: „Wahrlich, in
diesem Lande, das gar so schön und warm ist, müssen die Menschen dem guten Gott
um vieles näher sein als dort, wo wir geboren sind; denn dort ist es nur eine
ganz kurze Zeit warm und darauf eine lange Zeit sehr kalt, so daß vor lauter
Kälte das Wasser zu Stein wird, und das ganze Land sieht sehr traurig aus! Daher
sind dort die Menschen auch dem bösen Gott näher und sind daher auch böse und
schlecht. Denn dort lieben sich die Menschen untereinander nicht, und jeder
trachtet nur, wie er seinen Nebenmenschen etwas Arges zufügen könne. Der am
meisten Starke ist dort ein fürchterlicher Herr der anderen schwachen Menschen,
zwingt sie, ihm die schwersten Dienste zu tun, und gibt dafür keinen Lohn, –
Das muß dort wahrlich der böse Gott bewirken! Und du, Hibram, bist dort auch
ein solcher starker Herr; darum laß du dich in Zukunft daheim ja nicht mehr von
dem bösen Gott gefangennehmen in deinem Gemüte und in deinem Verstande und
bringe ihm kein Opfer mehr dar, sondern opfere dem guten Gott dieses Landes,
dann wird auch unser Land so schön und warm werden, wie nun dieses da ist.
[GEJ.07_039,07] Denn ich meine, daß der gute
Gott um vieles mächtiger ist als der böse, der das Wasser wohl töten und zum
Steine machen, aber selbst nicht wieder auflösen und lebendig machen kann. Hier
hast du den guten und mächtigsten Gott gefunden; nimm Ihn mit in deinem Herzen
und opfere Ihm allein, und Er wird dann schon auch segnen unser großes Land!
Wirst du aber daheim wieder dem bösen Gott opfern, so wird unser Land nimmer
diesem schönen und warmen Lande gleich werden.“
[GEJ.07_039,08] Diese kindlich weisen Worte
des Jungen rührten Hibram zu Tränen, und er versprach dem Jungen auf das
feierlichste, daß er seinen Rat und Wunsch auf das pünktlichste befolgen und
dem vermeinten bösen Gott nie mehr ein Opfer darbringen werde; wohl aber werde
er dort allen seinen Untergebenen den guten Gott, den er hier gar wohl
kennenlernte, verkünden und zeigen, wie man Ihm allein opfern kann und soll.
[GEJ.07_039,09] Aber bei der Gelegenheit
machte er auch alle Jungen darauf sehr aufmerksam, wie auch sie sich nun vor
allem emsigst bestreben sollen, den guten und allein wahren Gott stets näher
und näher zu erkennen und Ihn über alles zu verehren und zu lieben, und, wenn
sie es in der Erkenntnis des guten und allein wahren Gottes zu einer Vollendung
gebracht haben würden, sie dann ihres Heimatlandes nicht vergessen sollen.
[GEJ.07_039,10] Auch dieses gelobten die
Jungen, und der Redner sagte: „So wir einmal des guten, allein wahren und über
alles mächtigen Gottes Segen und Kraft also innehaben werden wie diese Menschen
hier – wovon wir uns alle auf das hocherstaunlichste überzeugt haben –, dann
werden wir auch gar leicht wieder heimfinden und auch heimkehren; denn da wird
uns Sein Geist schon den rechten und den nächsten Weg zeigen und auch führen.
Aber ohne solch einen Führer und über alles mächtigen Führer und Beschützer,
würden wir unser von hier so überweit entferntes Land wohl nimmer finden
können, und das darum um so schwerer, da wir vier Tage lang mit verbundenen
Augen und mit Lehm überklebten Ohren auf den Wagen und Karren vom Heimatlande
weg geschafft worden sind. Darum lasset auch von dieser bösen Gewohnheit ab;
denn es ist etwas gar sehr Entsetzliches, blind und taub als ein Sklave sein
Heimatland, wenn es auch ein noch so unfreundliches Aussehen hat, für immer
verlassen zu müssen. Also auch dieses merke dir, du daheim starker und die
armen Menschen weit und breit beherrschender Hibram!“
[GEJ.07_039,11] Hierauf wandte sich der Junge
gar sehr liebfreundlichen Angesichtes an Mich und sagte: „O du, unser guter Vater
und weisester und sehr mächtiger und von dem guten Gott sehr erfüllter Mann
voll Macht und jeglicher Kraft, sage auch du dem Hibram, daß er das tun soll,
was wir Armen ihm durch meinen Mund treuoffenherzig geraten haben, und er wird
das dann um so gewisser tun, da auch er auf dich schon viel zu halten scheint!
Wenn er daheim das tun wird, so wird dann auch unser Land so schön und warm
werden, wie dieses da ist, und der böse Gott wird dann sicher nicht mehr
imstande sein, das Wasser zu töten und das ganze große Land mit dem sehr kalten
Schnee zu überstreuen, – was für die dortigen Menschen ein gar böses Leben
zeiht (verursacht).
[GEJ.07_039,12] O du guter Vater von uns
allen, habe doch die Barmherzigkeit nicht nur mit uns, sondern auch mit allen
denen, die in unserem schlimmen Lande zu Hause sind und gar oft nichts zu essen
haben als das getrocknete Fleisch von wilden Tieren und Fischen! Wenn ich im
Namen aller dieser, die dich hier als den guten Vater preisen, eine Fehlbitte
getan habe, so magst du mich wohl darum strafen; denn an Macht und Kraft dazu
fehlt es dir, du lieber, guter Vater, sicher nicht, wie wir uns alle schon
überzeugt haben!“
[GEJ.07_039,13] Sagte Ich: „Warum nicht gar!
Ich habe von Ewigkeit her noch kein Wesen gestraft, außer es hat sich selbst
gestraft, – um so weniger werde Ich dich je strafen für dein gar gutes und
edles Herz. Im Gegenteil, Ich sage dir: Du wirst in sieben Jahren in dein Land
zurückkehren, und Ich werde aus deinen Lenden ein Geschlecht erwecken, das des
Nordens weite Länder über tausend Jahre hindurch in Meinem Namen beherrschen
und leiten wird. Aber deine späteren Nachkommen werden die Herrschaft nicht
erhalten, weil sie roh und höchst herrschsüchtig werden. Allein, daraus
brauchst du dir nichts zu machen; denn Ich werde Mir da allzeit Lenker wählen,
wie Ich sie eben werde brauchen können. Doch das Reich wird stets ein und
dasselbe mit wenigen Veränderungen verbleiben; doch in den späteren Zeiten
werden die Lenker nicht in Asien, sondern in Europa ihren bleibenden Wohnsitz
aufschlagen. Darum aber seid alle besonders fleißig und lernet alles Gute und
Wahre und verpflanzet Mein Licht auch nach dem sehr finsteren Norden!
[GEJ.07_039,14] Es wird zwar dort so wie bis
jetzt der Winter der Weltnatur die Erde beherrschen; allein das macht nichts.
Wenn nur eure Herzen warm sind durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten,
dann werden eure toten Ströme schon auftauen und euch vielen Segen ins Land
schaffen. Aber ihr müsset euch nun denn so recht emsig in allem Guten und
Wahren von denen unterweisen lassen, die euch nach Rom mitnehmen werden, und
ihr werdet dann nach sieben Jahren voll Segens in euer Land zurückkehren. Und
so ihr euch wieder in eurer alten Heimat befinden werdet, da tut denen Gutes,
die euch Böses getan haben, und ihr werdet dadurch viel Segen in euer Land
bringen! – Habt ihr das wohl verstanden?“
[GEJ.07_039,15] Alle bejahten das und
versprachen, es zu halten.
[GEJ.07_039,16] Und Ich sagte: „So haben wir
einen guten Zweck erreicht und wollen uns denn wieder ins Haus zurückbegeben!“
[GEJ.07_039,17] Damit waren auch alle völlig
zufrieden, und wir zogen uns wegen der ankommenden Fremden wieder ins Haus
zurück, wo wir die Helias in glühendem Gespräche mit dem Engel antrafen.
40. Kapitel
[GEJ.07_040,01] Als Ich Mich wieder an den
Tisch gesetzt hatte, da berief Ich den Raphael und den Lazarus und zeigte
beiden an, daß die Fremden aus der Stadt bereits im Anzuge seien und sie darum
Sorge tragen sollten, daß diese in ihren Zelten untergebracht und versorgt
würden und nicht in die Gemächer des Hauses kämen.
[GEJ.07_040,02] Da fragte Lazarus, sagend:
„Herr, es wird schon dunkel, weil die Sonne untergegangen ist. Wie werden wir
da mit der Beleuchtung auskommen? Im Hause haben wir der Lichter schon in
gerechter Anzahl; aber in den Zelten haben wir bis jetzt noch keine Lampen, und
da möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, mir da zu helfen. Denn wenn die Zelte
finster sind, so gehen uns die Fremden ins Haus, wo sie ein Licht sehen
werden.“
[GEJ.07_040,03] Sagte Ich: „Darum gebe Ich
dir Raphael mit; der wird dir schon tun, was da nötig ist, wie er dir solches
um die Mittagszeit getan hat. Und also kannst du schon ganz getrost
hinausgehen. Gehet aber nun, da die Fremden schon ankommen!“
[GEJ.07_040,04] Da ging Lazarus mit Raphael
und mit seinem Wirte hinaus und fand zu seinem großen Staunen die Zelte alle
hell erleuchtet und die Tische alle mit Wein und allerlei Speisen bestens
besetzt. Da kamen aber auch des Hauses Diener und Mägde und fragten den Lazarus
und den Wirt, woher sie die Speisen und den Wein genommen hätten, da sie als
Diener des Hauses nichts davon wüßten.
[GEJ.07_040,05] Da sagte Lazarus: „Seid ihr
ja doch auch Menschen! Warum bekümmert ihr euch also so wenig um das, was nun
in meinem Hause ist und geschieht?! Wir wissen das schon gar wohl, woher diese
Zelte, die Tische, das Tischgerät, der Wein und die Speisen sind. Hättet ihr
selbst euch mehr darum bekümmert, so wüßtet ihr das auch. Aber euch kümmert das
wenig, und so wisset ihr denn auch wenig oder gar nichts! Wer ist denn
Derjenige, der mit Seinen Jüngern nun schon bei vier Tage lang hier in meinem
Hause wohnt?“
[GEJ.07_040,06] Sagten die Köche und einige
Diener: „Ah, nun wissen wir es schon! Das ist der große Prophet aus Galiläa! Es
ist uns aber nun sehr zu verzeihen, so wir bis jetzt davon wenig wußten und
noch weniger verstanden, was es da mit dem Propheten für eine Bewandtnis hat;
denn wir waren stets vollauf mit unserer Arbeit beschäftigt und hatten bis
heute nachmittag wahrlich wenig Zeit, uns um derlei Dinge umzusehen, und es
hätte sich für uns auch gar nicht geschickt, um eines oder anderes zu fragen,
wenn uns auch hie und da so manches aufgefallen ist. Doch von nun an werden wir
uns schon um alles mehr bekümmern, da wir ja auch Menschen sind – wie du selbst
es gesagt hast –, denen es auch nicht schaden kann, so sie etwas mehr wissen,
als sie bis jetzt gewußt und erfahren haben. Nicht wahr, Herr des Hauses und
deiner vielen anderen Güter, wir dürfen das?“
[GEJ.07_040,07] Sagte Lazarus: „O allerdings,
doch jetzt gehe ein jeder an seine Arbeit, damit für die vielen Gäste im Hause
ein gutes und hinreichendes Abendmahl bereitet wird! Und ihr Diener gehet zu
den Zelten, weiset den Fremden die Plätze an, und nehmet von ihnen wie am
Mittage, wenn sie gegessen und getrunken haben werden, das Geld! Gehet nun;
denn die Gäste kommen schon!“
[GEJ.07_040,08] Da ging ein jeder an seine
Arbeit; Lazarus mit dem Wirte aber bewillkommnete die nun auf einmal massenhaft
ankommenden Gäste.
[GEJ.07_040,09] Einer der Fremden aber fragte
den Lazarus doch, wie er denn so genau wissen konnte, daß der fremden Gäste
eben so viele ankommen würden, als er Zelte, Bänke, Tische und Speisen und
Weine vorbereitet habe. Denn es falle ihm das sehr auf, daß er als ein Wirt das
so ganz genau zu erraten vermocht habe. In andern Herbergen sei das beinahe gar
nie der Fall; denn da treffe es sich meistens, daß die Herbergswirte entweder
zuviel oder zuwenig für die ankommenden Gäste vorbereitet hielten.
[GEJ.07_040,10] Auf diese Frage sagte Lazarus
vorderhand, weil sie ihn ein wenig überrascht hatte, nichts als das nur, daß
sich der geehrte Gast nun nur in das nächste Zelt begeben und essen und trinken
solle, und er werde ihm dann schon, so er noch darauf bestehe, den nötigen
Aufschluß geben.
[GEJ.07_040,11] Damit stellte sich der Gast
denn auch zufrieden, ging in sein Gezelt, setzte sich zu Tische, aß und trank
ganz wacker darauflos und konnte den Wohlgeschmack der Speisen und Getränke
nicht genug loben.
[GEJ.07_040,12] Ein anderer Gast im selben
Zelte sagte: „Wahrlich, diese Speisen müssen von Göttern zubereitet worden
sein, da sie gar so fabelhaft wohlschmeckend sind! Und der Wein ist ein echter
Nektar, der für die Götter taugte!“
[GEJ.07_040,13] Und es wurden noch eine Menge
solcher Bemerkungen von diesen griechischen Kaufleuten gemacht. Einer wollte
viel Geldes hergeben, so er das Geheimnis solch eines ausgezeichneten Kochens
erfahren könnte.
[GEJ.07_040,14] Da Lazarus derlei Bemerkungen
wohl vernommen hatte und nicht so recht wußte, was er darauf sagen sollte, so
besprach er sich mit dem Engel, was er sagen solle, so er etwa um derlei Dinge
befragt werden würde.
[GEJ.07_040,15] Sagte Raphael: „Laß du diese
Sache nur ganz gut sein, das werde schon ich mit diesen Menschen abmachen; denn
du könntest da ein wenig irre werden und diesen Menschen entweder zuviel oder
zuwenig sagen, und beides wäre da eben nicht am rechten Platze! Und so, wie
gesagt, lasse du die Sache nur ganz gut sein; denn alles das werde schon ich
machen!“
[GEJ.07_040,16] Damit war denn Lazarus auch
ganz vollkommen zufrieden und ließ die Gäste ganz wohlgemut ihre Bemerkungen
machen.
[GEJ.07_040,17] Doch es kam nun die Zeit, daß
die Gäste vollauf gesättigt waren, ihre Zeche zahlten und anfingen, sich auf
den Weg in die Stadt zu machen, wo sie gewöhnlich in ihren Verkaufshütten die
Nacht zubrachten.
[GEJ.07_040,18] Doch die Kaufleute von der
bewußten ersten und nächsten Zelthütte, die unseren Lazarus schon gleich
anfangs in Verlegenheit gebracht hatten, fingen von vorne an, ihn mit ihrer
Neugier zu plagen.
[GEJ.07_040,19] Aber er wies sie nun ganz
keckweg an Raphael und sagte (Lazarus): „Wisset ihr was? Daß ihr sicher nicht
leicht irgend besser bewirtet werdet als eben hier bei mir, das scheint aus
euren Fragen ganz klar hervorzuleuchten; doch es hat ein jeder ehrliche Wirt
seine eigenen Geheimnisse, die er um gar keinen Preis dahin veröffentlicht
wissen möchte, daß auch andere Kenntnis davon besitzen sollen. Aber dieser
herrliche junge Mensch kann euch ganz gut das sagen, was euch davon zu wissen
allenfalls nötig sein kann, und so wendet euch an ihn, – er wird euch den
rechten Bescheid dann schon geben!“
41. Kapitel
[GEJ.07_041,01] Auf diese Rede des Lazarus
wandte sich der Grieche an den Jungen (Raphael) und sagte: „Du lieber Junge,
der Wirt hat uns mit unserem Anliegen an dich beschieden, du würdest uns etwa
schon das Rechte kundgeben! Um was es sich handelt, das hast du ohnehin
erfahren, und so kannst du schon gleich zu reden anfangen!“
[GEJ.07_041,02] Sagte der Engel: „Ja, meine
Lieben, das geht nicht sogleich, wie ihr euch das so vorstellet! Denn es steht
in unseren auch euch nicht mehr ganz unbekannten Büchern geschrieben: ,Das Land
Kanaan ist gegeben den Kindern Jehovas, und Götter werden darin wohnen.‘ Und so
seid ihr nun im Lande der Götter, und ihr habt es da mit Göttern zu tun und
nicht mit puren Weltmenschen, gleich wie ihr es seid. So ihr aber von Göttern
etwas erreichen wollet, so müsset ihr sie zuvor sehr ernstlich bitten können,
ansonst verschließen die Götter ihren Mund und geben euch keine Lehre und
keinen Rat. – Verstehet ihr mich?“
[GEJ.07_041,03] Da machte der Grieche große
Augen und sagte zum Jungen: „Na, na, du mein lieber, junger Jude, mit eurer
Götterschaft scheint es eben nicht gar zu weit her zu sein; denn wäret ihr
Götter, so hätten euch die Römer nicht unterjocht! Aber es macht das eben
nichts, wenn du als ein junger, wahrscheinlich noch nicht sehr
erfahrungsreicher Jude dir auf eure alten, mystischen Schriften etwas zugute
tust und dir einbildest, irgendein Gott zu sein. Ich kann dich ja auch bitten,
mir einiges von eurem Kochgeheimnis mitzuteilen, und so sei denn darum auch
ganz ernstlich gebeten!“
[GEJ.07_041,04] Sagte der Engel: „Jetzt sage
ich dir und jedem von euch noch weniger von unserem Kochgeheimnis denn zuvor;
denn jetzt bist du sogar etwas grob geworden, und mit der Grobheit ist bei uns
Göttern schon gar nichts auszurichten! Denn ihr Menschen habt euch nach uns,
nicht aber wir uns nach euch zu richten, da wir ohne euch ganz gut leben und
ewig bestehen können, ihr aber ohne uns nimmer. – Habt ihr dieses auch wieder
verstanden?“
[GEJ.07_041,05] Sagte der Grieche: „O ja, nur
zu gut, und wir haben daraus ersehen, daß eben du als ein noch unbärtiger
Jüngling ein sehr sonderbarer Kauz bist! Aber so du dir auf deine Götterschaft
denn schon gar soviel zugute tust, so gib uns eine Probe davon, und wir werden
dann schon auch sicher wissen, was wir dir gegenüber zu tun haben werden! Denn
mit Worten allein kann sich ein scheinbarer Mensch uns Menschen gegenüber nie
und niemals als ein Gott manifestieren, sondern nur durch eine Tat, die nach
dem Zeugnisse aller in allerlei Künsten und Wissenschaften Kundigen
notwendigerweise als eine nur einem Gott mögliche angesehen werden kann. – Hast
du als ein als Gott verehrt sein wollender Junge auch das verstanden?“
[GEJ.07_041,06] Sagte Raphael: „O ja, doch
mit derlei griechischen Weisheitsfloskeln richtet ihr bei mir nichts aus; denn
ich besitze göttliche Macht und Kraft und habe darum auch keine Furcht vor
irgendeinem Menschen und auch vor allen Menschen auf der ganzen Erde nicht. Wer
von mir etwas erhalten will, der muß mich zuvor vollernstlich darum bitten mit
reinem und demutsvollem Herzen; aber mittels eurer Weisheitskniffe erhaltet ihr
nichts und allzeit nichts von mir. – Verstehet ihr das?“
[GEJ.07_041,07] Sagte der Grieche: „Höre, du
bist ein ganz unbändiger Junge, und es ist mit dir, wenn du im Ernste etwelche
Geheimnisse besitzest, mit aller menschlichen Vernunft nichts zu machen, was
wir nun schon ganz klar heraushaben! Du hast dich darauf gut einstudiert, vor
den Menschen einen Gott zu spielen; fahre du nur fort! Wenn du also fortfährst,
so wirst du noch einmal ein großer und sehr berühmter Mann werden. Doch wenn du
im Ernste so eine göttliche Allmachtsnatur besitzest und dabei offenbar ein
Jude bist, so kannst du kein Freund der Römer sein. Es wäre dir ja doch ein
leichtes, alle Römer über Nacht aus diesem deinem Götterlande hinauszutreiben.
Warum lasset ihr euch denn ihre harten Gesetze gefallen?“
[GEJ.07_041,08] Sagte der Engel: „Der Römer
Gesetze sind zwar hart, aber dabei gerecht und dienen nun den besseren Juden
selbst zum Schutze gegen jene bösen Juden, die sich zwar Juden nennen, aber in
ihrem Herzen weder Juden und noch weniger Kinder Gottes sind. Und so sind die
Römer nun unsere Freunde und schon lange keine Feinde mehr und halten eine gute
Zucht unter den verworfenen Menschen dieses Landes wie vieler anderer Länder,
und wir sind darum eher ihre Beschützer als solche, die sie aus diesem Lande
vertreiben möchten. Daß wir aber, so es nötig wäre, auch die sehr mächtigen
Römer wie der Sturmwind die Spreu aus diesem Lande treiben könnten, davon will
ich euch ein kleines Pröbchen geben, und so habt denn alle sehr wohl acht
darauf!“
[GEJ.07_041,09] Sagte der Grieche: „Junge,
was willst du uns denn zeigen oder so aus deiner allfälligen Zauberei
vormachen?“
[GEJ.07_041,10] Sagte Raphael: „Lasset eure
Vorbemerkungen gut sein und urteilet erst nach der Tat!“
[GEJ.07_041,11] Sagte der Grieche: „Ganz gut;
so wollen wir erst nach der Tat urteilen!“
[GEJ.07_041,12] Sagte Raphael: „Gut denn;
also urteilet nach der Tat! Wie ich es euch ganz klar gesagt habe, so urteilet
nach eurer hochweisen griechischen Vernunft, und saget es mir dann, was eure
hochweise Vernunft dazu spricht!“
[GEJ.07_041,13] Sagte der Grieche: „Gut denn,
so gib uns ein Pröbchen, und wir werden dann schon recht wohl einsehen, was
daran ist! Denn bei uns in Athen hat es schon gar sehr verschiedene Weise
gegeben, und wir Griechen wissen darum gar sehr wohl zu beurteilen, was da
Zauberei und was da eine wahrhaftige Götterwundersache ist. Und darum nur
heraus mit deinem götterhaften Allmachtspröbchen!“
[GEJ.07_041,14] Sagte der Engel: „Aber gebet
darauf wohl sehr acht, daß euch dabei der ganz natürliche Odem nicht zu kurz
wird!“
42. Kapitel
[GEJ.07_042,01] Hier hob Raphael einen zehn
Pfund schweren Stein vom Boden auf und sagte: „Ich meine, dieser Stein wird
groß und schwer genug sein, um euch mit ihm ein ganz tüchtiges Pröbchen geben
zu können!“
[GEJ.07_042,02] Sagte der Grieche:
„Allerdings; aber was soll daraus werden?“
[GEJ.07_042,03] Sagte Raphael: „Auf daß ihr
mich nicht etwa für einen absurden Magier ansehen sollet, so magst du diesen
Stein selbst in deine Hand nehmen und ihn auch deine Gefährten in ihre Hände
nehmen lassen, auf daß auch sie sich wohl überzeugen mögen, daß das ein
wirklicher, allerfestester Stein ist, wie er nur in dieser Gegend vorkommt! Und
so nehmet den Stein in eure Hände und untersuchet ihn!“
[GEJ.07_042,04] Hier nahm der Grieche den
Stein in seine Hände und prüfte ihn, und seine Gefährten taten desgleichen.
[GEJ.07_042,05] Als sich alsbald alle
hinreichend überzeugt hatten, daß der Stein ein ganz natürlicher Stein war, so
übergaben sie ihn wieder dem Engel, und der Grieche sagte: „Der Stein ist ganz
Stein, darüber erhebt niemand von uns einen Zweifel; doch was willst du nun aus
dem Steine machen?“
[GEJ.07_042,06] Sagte Raphael: „Nehmet diesen
Stein noch einmal in eure Hände, und hebet noch mehrere gleiche Steine auf,
dann erst sollet ihr unsere Götterkraft kennenlernen! Doch sollet ihr darob
auch keine Furcht haben, da euch dabei auch nicht ein Haar gekrümmt werden
wird!“
[GEJ.07_042,07] Darauf suchten sie eine Menge
solcher Steine zusammen und hielten sie in ihren Händen, als wollten sie den
Jungen steinigen.
[GEJ.07_042,08] Hier sagte der Engel zu
ihnen: „Ihr sehet, daß ich keinen der Steine in euren Händen auch nur mit einem
Finger anrühre. Sowie ich aber mit meinem Willen sagen werde: ,Löset euch auf
in euern ätherischen Urstoff!‘, so soll kein Stäubchen von diesen Steinen in
euern Händen übrigbleiben!“
[GEJ.07_042,09] Sagte der Grieche: „Junger
Freund, das wird wohl nur so ein Wortspiel von dir sein! Ein Stäubchen wird von
diesen Steinen freilich nicht in unseren Händen verbleiben, aber wohl die
ganzen Steine, und aufgelöst werden sie ganz natürlich sein, weil wir sie
selbst vom Boden ,auflösten‘, und auch in den Äther werden sie übergehen, weil
wir sie schon mit unseren Händen in den Luftäther emporhalten. Habe ich recht
oder nicht? Erlaubst du, junger Judengott, daß wir diese Steine, wenn du sie
mit deinem Willen völlig aufgelöst und somit vernichtet haben wirst, nach dir
werfen dürfen?“
[GEJ.07_042,10] Sagte der Engel: „O
allerdings, nur zugeworfen dann! Aber nun gebet fein acht, daß euch die Steine
nicht durchgehen, da ihr dann nichts nach mir zu werfen hättet! Ich will nun,
daß die Steine zunichte werden! – Und nun werfet eure schweren Steine nur nach
mir, so ihr noch welche in euren Händen habt!“
[GEJ.07_042,11] Hier sahen sich die etlichen
dreißig Griechen alle groß und höchst verwundert an, und der erste sagte:
„Hörst du, mein holder Junge, du verstehst mehr, als was wir vielerfahrenen und
vieles gesehen habenden Griechen zu fassen imstande sind! Dazu gehört wahrlich
eine agathodämonische innere Kraft; denn da kann es nicht mit natürlichen
Dingen zugehen. In einem kaum bemerkbaren Nu waren alle Steine völlig zunichte.
Wie war dir das möglich?“
[GEJ.07_042,12] Sagte der Engel: „Das Wie
werdet ihr noch lange nicht fassen; aber ich habe es euch ja zuvor gesagt, daß
ihr es hier mit uns als noch wahren und unverdorbenen Juden und somit mit
Gottes Kindern zu tun habt, und diese besitzen eine götterhafte Kraft in sich und
sind somit Herren der ganzen Naturwelt und sind unsterblich. Darum sagte ich
dir ja, daß wir als Götter keinen Feind fürchten und Herren der ganzen Welt
sind. Und wer von uns etwas haben will, der muß sich auch aufs vollernstliche
Bitten verstehen, sonst erhält er nichts von uns. – Verstehst du das nun schon
besser?“
[GEJ.07_042,13] Sagte der Grieche: „Wie aber
seid denn ihr also zu ordentlichen Göttern geworden und seid doch ebensogut
Menschen wie wir?“
[GEJ.07_042,14] Sagte Raphael: „Weil wir uns
vor allem nur der reinen und wahren Erkenntnis des einen, ganz allein wahren
Gottes bestrebt haben und nicht trachteten nach den eitlen und toten Schätzen
dieser Welt! Und so haben wir von dem einen, allein wahren Gott denn auch die
wahren und lebendigen Schätze des Geistes und seiner Kraft und nicht die toten
Schätze der Materie dieser Welt, in der samt ihr alles vergänglich ist,
erhalten, die wir in Ewigkeit nie wieder verlieren, sondern stets größere noch
hinzuerhalten werden.
[GEJ.07_042,15] Um aber die lebendigen
Schätze des Geistes zu erhalten, muß man von dem einen, allein wahren Gott die
Mittel und Wege erhalten haben, was bei uns Juden schon durch die ersten
Patriarchen und darauf hauptsächlich durch den großen Propheten Moses, sowie
nach ihm durch noch viele andere Propheten und Lehrer geschehen ist. Wer von
den Juden dann die angeratenen Mittel bei sich völlig angewendet hat und auf
den gebotenen Wegen gewandelt hat, der hat sich dadurch auch der Kindschaft
Gottes würdig gemacht und mit ihr erreicht die innere Kraft des Geistes. Da
aber das bei euch noch nie der Fall war, so wisset ihr von dem einen, allein
wahren Gott nichts, nichts von den Kindern Gottes auf dieser Erde und auch
nichts davon, was sie zu leisten imstande sind. – Verstehet ihr das?“
[GEJ.07_042,16] Sagte der Grieche: „Ja, ja,
es mag das bei euch schon also sein; aber so der gewisse eine, wahre Gott euch
Juden solche Mittel gegeben und solche Wege gezeigt hat, – warum hat er denn
das uns nicht getan, da wir doch ebensogut Menschen sind, wie ihr Juden es
seid? Wir Griechen haben ja auch Vernunft und Verstand und wurden zu allen uns
bekannten Zeiten sogar als eines der geistreichsten und gebildetsten Völker der
Erde anerkannt. Daß wir euch nun an der inneren Geisteskraft nachstehen, daran
sind wir ja doch wahrlich nicht selbst schuld! Hat sich der gewisse eine,
allein wahre Gott euch Juden als solcher offenbaren können, – warum denn uns
Griechen nicht?“
[GEJ.07_042,17] Sagte Raphael: „Mein Freund,
das steht bei weitem nicht also, wie du es dir nun vorstellst, sondern sehr
bedeutend anders! Auch die Griechen, wie die Römer und die alten Ägypter haben
sich einst auf demselben Punkte befunden, auf dem sich nun noch einige wenige
Juden befinden. Aber sie verließen den allein wahren Gott, so wie Ihn nun auch
wieder gar viele Juden gänzlich verlassen und sich freiwillig von Ihm abwenden;
die aber also den allein wahren Gott verließen, die verließ dann auch Er und
überließ sie ihrem eitlen Welttaumel.
[GEJ.07_042,18] Wenn sie aber einstens in
ihrem Herzen wieder zu Ihm werden zurückkehren wollen, so wird Er sie auch
annehmen und wird ihnen wieder die alten Mittel und Wege zeigen, durch die sie
auch wieder vollwahre Juden und Kinder Gottes werden können. Es werden zur
rechten Zeit schon auch wieder Boten und Lehrer zu euch und zu allen andern
Völkern der Erde gesandt werden und werden ihnen die alten Mittel und Wege
kundgeben. Wohl denen, die sich danach kehren werden!“
[GEJ.07_042,19] Sagte der Grieche: „Warum
aber geschieht das nicht eben jetzt schon?“
[GEJ.07_042,20] Sagte der Engel: „Weil ihr
eben jetzt noch zu voll von allen Dingen der Welt seid! Wenn ihr diese mehr und
mehr ablegen werdet und dadurch für etwas reiner Geistiges reif werdet, dann
wird das, wovon ich sprach, schon auch zu euch kommen. Doch nun habe ich euch
genug gesagt und genug gezeigt; vielleicht reden wir morgen ein Weiteres
darüber!“
[GEJ.07_042,21] Sagte der Grieche: „Ja,
morgen wollten ich und diese alle wieder abreisen, weil wir alles Mitgebrachte
schon ganz gut verkauft haben; doch dir zuliebe will ich den morgigen Tag noch
bis zum Nachmittag hier verweilen und mir von dir noch einige geistige Schätze
zur Mitnahme nach Griechenland ausbitten. Vielleicht erfahre ich morgen von dir
etwas über die Zubereitung eurer wahrlich götterhaft wohlschmeckenden Speisen!“
[GEJ.07_042,22] Sagte der Engel: „Nun, nun,
das werden wir schon sehen! Aber ich meine, daß du vorderhand unsere Art, die
Speisen zuzubereiten, ebensowenig fassen wirst wie meine frühere Vernichtung
der harten Steine. Allein auch daran liegt nun nicht viel; es gibt aber hier
noch ganz andere Dinge, mit denen du bekannt werden kannst, und diese werden
dir nützlicher sein als zu wissen, wie wir unsere Speisen bereiten. Bist du
damit zufrieden, so kannst du morgen wiederkommen; doch wegen der Bereitung der
Speisen brauchst du nicht wiederzukommen, weil ich dir nun schon gesagt habe,
was es damit für eine Bewandtnis hat.“
[GEJ.07_042,23] Sagte der Grieche: „Wegen der
Bereitung der Speisen will ich auch kein Wort mehr verlieren, wenn ich etwas
erfahren kann, was uns allen nützlicher sein kann denn die Bereitung der
Speisen. Und so werden wir heute gehen und morgen gen Mittag hin wiederkommen,
da alle die andern Gäste schon hinabgegangen sind. Denn später dürfte es noch
dunkler werden denn jetzt, und der Berg ist ziemlich steil.“
[GEJ.07_042,24] Sagte der Engel: „Der Berg
wird schon so viel erleuchtet sein, daß ihr leicht und ohne Gefahr hinabkommen
werdet, und so möget ihr schon gehen im Namen des einen, wahren Gottes!“
[GEJ.07_042,25] Auf diese Worte des Engels
zogen nun die Griechen ab und kamen gar bald und leicht zu ihren
Verkaufshütten, darin sie wie gewöhnlich übernachteten. Aber sie schliefen in
ihren Hütten sehr wenig; denn sie dachten die ganze Nacht über die Vernichtung
der Steine nach, rieten hin und her, und keiner vermochte dem andern einen
Aufschluß zu geben. Denn die Erscheinung hatte sie so aufgeregt, daß sie in
ihrem Gemüte keine Ruhe fanden und kaum den Tag erwarten konnten, an dem ihnen
ein Licht über die erlebte Erscheinung werden könnte.
[GEJ.07_042,26] Am Morgen packten sie ihre
Sachen zusammen und stellten sie für die Abreise ganz fertig. Aber sie alle
verschoben die Abreise bis auf den nächstkommenden Tag; denn sie beschlossen
alle, dieser wunderbaren Sache um jeden Preis näherzukommen. Sie beschlossen
denn, auf jeden Fall diesen kommenden Tag ganz dieser Sache zu widmen. Und so
konnten sie kaum den Mittag erwarten.
[GEJ.07_042,27] Doch nun lassen wir diese
etlichen dreißig Griechen stehen, denken und urteilen und begeben uns mit
Raphael, Lazarus und mit dem Wirte in unsern großen Speisesaal, in dem wir alle
schon an unseren Tischen ganz wohlgemut aßen und tranken.
43. Kapitel
[GEJ.07_043,01] Als die drei in den
Speisesaal traten, wollte unser Lazarus uns gleich nach aller Länge und Breite
zu erzählen anfangen, was sich draußen, namentlich mit den Griechen, alles
zugetragen hatte.
[GEJ.07_043,02] Aber Ich Selbst sagte zu ihm:
„Bruder, erspare dir diese Mühe; denn siehe, wir wissen ganz bestimmt um gar
alles! Die etlichen dreißig Griechen sind offenbar ein guter Fund für unsere
Sache; aber sie müssen erst vollends zurechtgebracht werden. Die harten
heidnischen Zweifelssteine müssen erst also aufgelöst werden, wie Mein Raphael
die harten Steine in ihren Händen völlig zunichte gemacht hat; dann wird es
sich schon auch mit ihnen machen, und sie werden in ihrem Lande für Meine
rechten Jünger ganz brauchbare Vorläufer werden. – Doch nun setzet euch an die
Tische und esset und trinket!
[GEJ.07_043,03] Wenn ihr gestärkt sein werdet,
dann wollen wir hinausgehen, und ihr sollet bis gen Mitternacht hin so manches
aus dem Bereiche der Herrlichkeit Gottes zu Gesichte bekommen; denn nun seid
ihr schon bis auf sehr wenige dahin reif geworden, um höhere, göttliche
Offenbarungen ertragen zu können, und diese Nacht soll uns so günstig sein, wie
nicht bald wieder eine zweite.“
[GEJ.07_043,04] Auf diese Meine Worte
beeilten sich alle mit der Zusichnahme des Abendmahls; denn es waren auf diese
Meine Rede denn doch alle Anwesenden schon zu sehr gespannt, was am Ende da
noch alles zum Vorschein kommen werde.
[GEJ.07_043,05] Es trat aber nun Agrikola zu
Mir und fragte Mich, sagend: „Herr und Gott, sage mir nun doch einmal, wer denn
so ganz eigentlich dieser wunderbare Jüngling ist! Ich fragte Dich schon einmal
darum, und Du beschiedest mich darauf, daß ich ihn von selbst mit der Weile
erkennen werde. Aber bis jetzt habe ich aus mir selbst noch nicht klug werden
können, was ich eigentlich aus ihm machen soll. Er ißt und trinkt wie wir, und
eigentlich in einem bedeutend größeren Maße, bei welcher Gelegenheit er denn
auch ein völlig menschliches Aussehen bekommt. Aber ganz anders sieht es dann
mit ihm aus, wenn er redet, wirkt und handelt; denn da versteht er durchaus
keinen Scherz und leistet dabei Wunderdinge, vor denen man als ein nur ein
wenig schwacher Mensch und doch dem Priesterstande so halbwegs angehörend – das
heißt, was unser römisches, besseres Priestertum betrifft – rein zunichte
werden muß.
[GEJ.07_043,06] Denn ich habe eben in meiner
hochstaatsamtlichen Wirkungssphäre hauptsächlich alles Priestertum im ganzen
großen römischen Kaiserreich zu überwachen und habe mir bei solcher Gelegenheit
auch die genaue Kenntnis aller Gotteslehren, die im ganzen Reiche gang und gäbe
sind, verschafft, was schon aus dem erhellt, daß ich mich auch in der
Judenlehre ganz genau habe unterrichten lassen. Als ein solcher Mensch aber,
wie ich einer bin, vor dem alle Geheimnisse aufgeschlossen werden müssen, habe
ich denn auch schon so manches auf dieser Erde kennengelernt und habe hie und
da alte und auch junge Menschen von gar besonderen Talenten und Fähigkeiten
gesehen und kennengelernt, wobei mir denn auch mein eben nicht geringer
Verstand tagelang stehenblieb.
[GEJ.07_043,07] Doch es war das alles rein nichts
gegen diesen Jüngling, dessen äußeres höchst mädchenhaftes Aussehen nach
unserer Römerkritik im Grunde eben gar selten das Zeichen eines großen Geistes
ist. Die sogenannten Adonisse und die Venusse sind bei uns stets für die
geistlosesten Menschen angesehen worden, und Ausnahmen gab es nur sehr wenige
darunter. Und dieser junge Mensch ist bei weitem der allerschönste, der mir je
unter die Augen gekommen ist. Wenn er weibliche Kleidung anhätte, so wäre er
bei weitem die schönste Jungfrau auf dem ganzen Erdenrund. Und dennoch besitzt
der Mensch einen so göttlich großen Geist, daß ihm so wie Dir Selbst, o Herr
und Meister, rein alles möglich ist. Du siehst es, o Herr, daß ich nun meine
Wißbegierde über diesen sonderbaren jungen Menschen nicht mehr unterdrücken
kann, und so magst Du es mir ja wohl endlich sagen, was es mit diesem Jungen
für eine Bewandtnis hat!“
[GEJ.07_043,08] Sagte Ich: „Freund, wenn Ich
so wie ihr Menschen mit irgendwelchen Schwächen behaftet wäre, so würde Ich dir
ganz geradeheraus sagen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis hat;
aber da Ich durchaus keine menschlichen Schwächen besitze und in Meinem Geiste
von Ewigkeit her wohl einsehe, was jedem Menschen in seiner
Seelenbildungssphäre am heilsamsten ist, so sage Ich nie zu jemandem ein Wort,
das Ich ein paar Tage darauf nicht mehr halten möchte, und so bleibt es bei
dem, daß du den jungen Menschen aus dir selbst noch ganz gut und klar erkennen
wirst.
[GEJ.07_043,09] Du hast ja auch gehört, wie
die Geduld auch ein Urgeist Gottes im Menschen ist und gleich allen andern
sechs Geistern gestärkt und ausgebildet werden muß, so ein Mensch zur wahren,
inneren Lebensvollendung gelangen soll. Und so will Ich es hier auch bei dir
haben, daß deine Geduld deinen oft zu isoliert übertriebenen Ernst und Eifer
etwas mäßigen soll. Und siehe, aus diesem sehr triftigen Grunde sage Ich dir
denn das auch nicht, was du nun gar so dringend gerne wissen möchtest; denn die
Geduld ist dem Menschen das, was ein sanfter Regen der Erde ist. Sie sänftigt die
brennenden Begierden im Menschenherzen, auf daß sie nicht in wilde, stürmische
und oft alles verheerende Leidenschaften ausarten. Wenn du das so recht
verstehst, so finde dich nur in der Geduld zurecht, und es wird dir dann schon
alles werden, wonach du einen edlen Durst in deiner Seele fühlst.“
[GEJ.07_043,10] Sagte der Römer: „Ja Herr,
Meister und Gott, Dir kann auch der weiseste aller Menschen der ganzen Erde
nichts einwenden, weil Du die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit Selbst bist,
und also hast Du auch hier recht; denn ein Gott, der mit Sich handeln ließe wie
ein griechischer Früchtekrämer, wäre kein Gott, sondern auch nur ein schwacher
und wetterwendischer Mensch, – und wer könnte sich da wohl verlassen auf eines
schwachen Gottes Verheißung?!“
[GEJ.07_043,11] Sagte Ich: „Siehe, da hast du
wieder völlig wahr gesprochen! Bleibe in dem und übe dich in der gerechten
Geduld, so wirst du am ehesten zum Lichte des inneren Lebens gelangen! Habt ihr
Römer doch auch von alters her ein gutes Sprichwort ersonnen, nach dem man mit
Weile eilen soll, und das ist soviel wie ,sich in der Geduld üben‘. – Doch nun
gehen wir allesamt ins Freie, allwo ihr vieles erfahren sollet!“
44. Kapitel
[GEJ.07_044,01] Als Ich solches kaum
ausgesprochen hatte, da erhob sich alles und zog Mir nach ins Freie. Als wir
nun alle im Freien standen, da bewunderten viele die schönen Zelte mit ihrer
sehr zweckmäßigen Einrichtung und staunten über deren so schnelle Herstellung,
weil sie am Morgen noch nichts davon wahrgenommen hatten. Allein es hatte
dieses Staunen bald ein Ende, weil Ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden
gleich auf etwas anderes hinzulenken verstand. Was war es aber, worauf Ich alle
die Anwesenden aufmerksam machte?
[GEJ.07_044,02] Es ging nämlich im Osten eine
ganz glühende Wolkensäule auf und stieg höher und höher, so daß es allen, die
sie sahen, vorkam, sie reiche schon gleich bis zu den Sternen. Die Säule ward
heller und heller, bis sie des Mondes Glanz erreichte und die ganze Gegend nahe
in eine Tageshelle umstaltete. Hier fragten Mich alle, was das wäre, und was es
bedeute.
[GEJ.07_044,03] Ich aber sagte: „Nur Geduld,
Meine lieben Freunde, es kommt schon noch mehreres nach! Wenn ihr alles werdet
gesehen haben, dann erst wollen wir sehen, woher das etwa kommt, und was es zu
bedeuten hat. Darum habt nun nur gleichfort auf alles acht, was sich da noch
alles zeigen wird; denn es steht ja in den Propheten geschrieben, daß in dieser
Zeit Zeichen geschehen werden auch am Himmel und nicht allein auf der Erde. Und
da nun solche Zeichen geschehen, so sehet ihr auch sogar mit euren
fleischlichen Augen, daß nun die Worte der alten Weissagungen erfüllt werden.
Aber nun gebet weiter acht, was noch alles zum Vorschein kommen wird!“
[GEJ.07_044,04] Nun sahen wieder alle gen
Osten hin, und siehe, eine zweite, gleiche Säule stieg empor und erreichte
wieder den Glanz des Mondes, und es ward um so heller die Gegend! Und es währte
kaum einige Augenblicke, so stieg eine dritte Wolkensäule empor und erleuchtete
die Gegend nun stärker. Es sahen das aber nicht nur die, die bei uns auf dem
Berge standen, sondern auch viele in Jerusalem und viele im ganzen Judenlande,
und es entstand dadurch ein großer Rumor in allen Gassen und Straßen der Stadt,
so daß man es bis auf den Berg gar gut hören konnte.
[GEJ.07_044,05] Da sagte Lazarus zu Mir:
„Herr, wenn das noch lange dauert, so werden wir diesen Berg bald voll Menschen
haben! Es wäre darum nun schon sehr an der Zeit, unten das Tor zu sperren.“
[GEJ.07_044,06] Sagte Ich: „Sorge du, Bruder,
dich um gar nichts, solange Ich bei dir bin; denn ohne Meinen Willen kommt
nicht einmal eine Fliege in diesen Garten, geschweige irgendein Mensch! Gib
aber nun wohl acht; denn es werden noch sieben solche Säulen emporsteigen!“
[GEJ.07_044,07] Als Ich solches kaum ausgesprochen
hatte, da stieg auch schon die vierte, gleich darauf die fünfte, sechste,
siebente, achte, neunte und zehnte Säule, in angemessenen Entfernungen
voneinander abstehend, auf, und diese zehn Säulen, deren Licht dem Lichte des
Vollmondes gleichkam und stark wurde, verbreiteten endlich eine so große Helle
über die ganze Gegend, daß man das Licht auch bis nach den Ufern des
Mittelmeeres noch gar sehr wahrnahm und hinauf bis nach Kleinasien und weiter
rückwärts nach Osten bis in die fernen Gegenden des Euphratstromes.
[GEJ.07_044,08] Aber nun war es mit der Stadt
denn auch völlig aus. Die Heiden betrachteten das als ein MALUM OMEN, die Juden
sprachen schon vom Jüngsten Gericht. Wieder andere sogenannte Zeichendeuter
verkündeten zehn sehr fruchtbare Jahre, andere wieder zehn sehr heiße und somit
unfruchtbare Jahre.
[GEJ.07_044,09] Einer aber, ein alter Rabbi,
schrie laut durch alle Gassen: „Das bedeutet die Ankunft des Messias, und die
zehn Säulen sind die Symbole Seiner Kraft, und da diese Säulen im Osten stehen,
so zeigt das an, daß der Messias von daher gen Jerusalem kommen wird!“
[GEJ.07_044,10] Aber dieser Rabbiner fand
keinen Glauben und wurde von vielen, die ihn gehört hatten, verlacht, und die
Weltmenschen sagten zu ihm: „Geh und hör auf mit deinem alten Messiasgeplärre;
denn du siehst schon lange in einer jeden vom Monde hell erleuchteten Wolke den
Messias kommen! Vor einigen Tagen, als wir eine Mondfinsternis hatten, die auch
viel Verwirrung hervorgebracht hat, hast du auch die Ankunft des Messias ausgerufen,
und die pfiffigen Essäer, die gerade in jener Gegend ihre große
Zauberniederlassung haben, haben die vergangene Mondverfinsterung schon vor
einem Jahre ganz genau berechnet, und du hast gleich deinen kommenden Messias
mit Haut und Haaren darin entdeckt! Der Messias wird dir gleich etwas
aufwarten! Diese zehn Säulen sind sehr schön anzusehen und sind nichts anderes
als ein Produkt der essäischen Zauberkunst! Gehe zu den Essäern, – die werden
dir deinen Messias bald ausgetrieben haben!“
[GEJ.07_044,11] Diese radikal natur- und
weltmäßige Erklärung aber machte auf den alten Rabbiner jedoch keinen Eindruck,
und er schrie dennoch fort und sagte laut (der alte Rabbiner): „Und redet ihr,
was ihr wollt, und es soll sich in Bälde zeigen, ob ich nicht recht geurteilt
habe! Gott richtet Sich nicht nach dem Weltgespräche solcher Welttümlinge, wie
ihr seid, sondern nach dem Worte Seiner eigenen Weissagung, die Er den Menschen
kundgetan hat durch den Mund Seiner Propheten. Sehet nur zu, ihr bösen und
frevelhaften Jungen, daß nicht ein Teufel kommt und euch allesamt holt! Oh,
frevelt nicht über einen alten Rabbi!“
[GEJ.07_044,12] Ich erzählte auch auf dem
Berge den Meinen, was diese Erscheinung da unten in der Stadt für Meinungen und
Urteile hervorgerufen hatte, und alle wurden darob recht heiteren Mutes.
[GEJ.07_044,13] Lazarus und auch Meine Jünger
meinten, daß der Rabbi im Grunde denn doch recht habe, und daß es sehr schnöde
sei von den jungen Gecken Jerusalems, den Alten also zu verhöhnen.
[GEJ.07_044,14] Sagte Ich: „Da habt ihr
einesteils wohl recht; aber der Alte ist auch ein Fuchs des Tempels und benutzt
solche Gelegenheiten, bei denen er stets fleißig die Ankunft des Messias
verkündet, um sich dabei einige Opfer zu erschleichen. Ihm selbst aber ist es
hinterdrein sehr lieb, wenn seine Gassenweissagung vor seinen Augen am Ende
doch noch ausbleibt und noch weiter auf sich warten läßt; denn es kann in
diesem an Naturwundern reichen Lande ja bald und leicht wieder eine Erscheinung
auftauchen, die er dann schon wieder recht fein benutzen kann. Nun kennt ihn
aber die freilich sehr ausgelassene Jugend von Jerusalem als solch einen
Gassenpropheten, und tritt ihm dann, wenn er etwas zu laut wird, in die Quere
und verhöhnt ihn, und so ist da der Prophet eben nun nicht viel besser als
jene, die ihn verhöhnen. Und Ich sage es euch, daß Mir die schlüpfrigen Jungen
dennoch um vieles eher anhangen werden als jener alte Rabbi, der allzeit nur
sehr bemüht ist, in seinen Sack hinein zu weissagen, bei und für sich aber im
Grunde doch an nichts glaubt. Aber lasset die Sache jetzt nur gut sein; es wird
der weitere Verlauf der Erscheinung schon noch eine größere Hetze bewirken! –
Höret ihr nicht von den hohen Zinnen des Tempels die Posaunen erschallen?“
[GEJ.07_044,15] Sagten alle: „Ja ja, wir
vernehmen sie gar gut!“
[GEJ.07_044,16] Sagte Ich: „Das zeigt an, daß
die Templer auch schon wach geworden sind und selbst nicht wissen, was sie aus
der Erscheinung machen sollen. Daher posaunen sie alle die außerhalb des
Tempels wohnenden Pharisäer und Schriftgelehrten zusammen, um in aller
Schnelligkeit zu beraten, was da zu machen sei, und wie man etwa diese
Erscheinung dem Volke, natürlich gegen ganz bedeutende Opfer, erklären solle.
Aber lassen wir sie nun einen kurzen Rat halten, und wenn sie dem Volke, das
sich schon dicht um den Tempel schart, die Erklärung ganz nagelfest gemacht
haben werden, dann werde Ich diese Erscheinung gleich bedeutend verändern, und
die Templer werden wieder Rat halten und das Volk anlügen. Die Bedeutung der
ganzen Erscheinung aber werde Ich euch dann erst zum Schlusse in aller Kürze
treu und wahr kundgeben. Aber nun schauet nur hinab, wie das dumme und
stockblinde Volk von allen Seiten zum Tempel hinwallet! In einer Viertelstunde
wird die Erscheinung ein ganz anderes Gesicht bekommen; nachher sehet euch erst
die noch größere Hetze an! Nun aber ruhen wir diese Viertelstunde Zeit!“
45. Kapitel
[GEJ.07_045,01] Sagte der ebenfalls ganz nahe
bei Mir stehende Römer: „Aber der unbegreiflichen Blindheit dieser so vielen Menschen!
Da rennen die Narren hin, und das sollen die erleuchteten Juden – sage – Gottes
Volk sein, und wir blinden Heiden stehen an der Urquelle des Lebens, des
Lichtes und an der Quelle der ewigen Urwahrheit! Es ist wahrlich im hohen Grade
sonderbar! Wir, offenbar die Letzten, sind – und sage, wer da immer etwas wolle
– nun offenbar die Ersten, und diese, Abrahams Kinder, wälzen sich da unten
gleich den Schweinen im schmutzigsten Schlamme herum! Das, o Herr, ist für uns
Heiden eine ewig unbegreifliche Gnade, die wir wahrlich nie aber auch nur im
geringsten verdient haben! Na, ich bin hier denn doch nun auf den weiteren
Verlauf dieser höchst sonderbaren Sache und Begebenheit wahrlich auch schon
aufs höchste gespannt! Was da am Ende noch alles herauskommen wird, das wirst
Du, o Herr, ganz allein am allerbesten wissen!“
[GEJ.07_045,02] Sagte Ich: „Die Sache wird
durchaus nicht übel ausfallen! Es ist an der Zeit, diese argen Weltmäkler
endlich auf eine ganz eigentümliche Art und Weise in eine große Verlegenheit zu
setzen, wodurch sie wieder gar vieles beim besseren Volke verlieren werden.
[GEJ.07_045,03] Aber nun haben sie ihren Rat
da unten in der eiligsten Kürze abgehalten, und der lautet nun dahin, daß die
zehn Säulen die dem Tempel noch treu gebliebenen zehn Stämme aus dem Stamme
Israels bedeuten und die zwei Stämme verworfen worden sind, aus denen die
Samariter und auch die Galiläer hervorgegangen sind, und es verunreinige sich
ein jeder Jude auf ein ganzes Jahr, der die zwei verworfenen Stämme auch nur laut
beim Namen nenne.
[GEJ.07_045,04] Das Volk schlägt sich mit
Fäusten an die Brust und schwört, diese verruchten Stämme nimmerdar beim Namen
zu nennen.
[GEJ.07_045,05] Aber nun gebet acht, und es werden
sogleich zu den zehn Säulen noch zwei dazuwachsen, und dann schauet euch
nachher die Hetze an! Die Zeit ist um, und es soll sogleich die besagte
Veränderung vor sich gehen.“
[GEJ.07_045,06] Nun gaben alle acht, und es
stiegen zu gleicher Zeit noch die zwei Säulen im Osten in größter Pracht in die
Höhe; aber diese beiden Säulen glänzten für sich ums zehnfache stärker als die
früheren zehn Säulen zusammen, und es stand die eine zur Rechten und die andere
zur Linken der früheren zehn Säulen, und ihr starkes Licht ward bis nun gen
Europa hin und nach rückwärts bis vierhundert Meilen weit wahrgenommen.
[GEJ.07_045,07] Jetzt war es aber aus beim
Volke und noch mehr mißlich aus bei den Templern. Von des Tempels Zinnen fingen
nun die Posaunen gar gewaltig zu schmettern an, um noch mehr Räte aufzuwecken,
obwohl ohnehin schon beim ersten Posaunenrufe alle in Jerusalem wohnenden
Priester beim ersten Rate anwesend waren. Es kam nun zwar niemand mehr, aber
dennoch wurde zu einer abermaligen Beratung geschritten. Aber der ganze Hohe
Rat wußte nun aus den zwei zuletzt aufgegangenen, überlichten Säulen nichts
mehr zu machen, weil er sich bei der Erklärung der ersten zehn gar jämmerlich
verhauen hatte.
[GEJ.07_045,08] Das Volk aber schrie laut:
„Das sind die zwei Stämme, von denen ihr gesagt habt, daß sie verworfen seien!
Und wenn es nicht also ist, so erkläret es uns, sonst fordern wir unsere euch
dargebrachten Opfer zurück, oder wir bestürmen euch!“
[GEJ.07_045,09] Da fingen den Templern alle
Ängste aufzusteigen an. Es dauerte die Geschichte eine ganz kurze Zeit, und es
kam dann einer mit einer ganz überaus dummen Ausrede, über die im Volke eine
große Lache entstand.
[GEJ.07_045,10] Und ein stämmiger Jude sagte
laut zu den Pharisäern: „Wenn ihr uns in unserer großen Angst, Not und
Bestürzung keine befriedigende Auskunft zu geben imstande seid, so brauchen wir
euch auch dann nicht, wenn keine solchen jedes Menschenherz im höchsten Grade
beunruhigenden und ängstigenden Zeichen am Himmel sich zeigen! Wenn ihr uns
jetzt keinen Trost geben könnet, – wozu seid ihr dann? Ihr könnet nichts als
Zehent und große Opfer fordern und sie dann verschlingen und vergeuden und
könnet weise Menschen aus dem Tempel mit Steinen treiben, die euch die Wahrheit
ins Gesicht sagen und Kranke wunderbar heilen! Aber nun, wo das offenbare
Gericht Gottes mit dem erschrecklichsten Lichte über uns alle hereinleuchtet,
seid ihr stumm wie eine Mauer und getrauet euch kein Wort zu reden! Oh, da
ziehet hinaus zu den erschrecklichen zwölf Säulen, die ein wahres
Jüngstes-Gerichtstages-Licht allerdrohendst über die Erde hin verbreiten und
sicher bald mit dem allererschrecklichsten Feuersturm alles, was auf der Erde
lebt und webt, zerstören werden, und bewerfet sie mit euren verfluchten
Steinen, und begießet sie mit eurem verfluchten Wasser, und wir wollen sehen,
ob die zwölf allererschrecklichsten Feuersäulen sich vor eures Priestertums
Macht beugen werden! O ihr elenden und sonst so hochmütig grausamen Heuchler
und Volksbetrüger! Jetzt, jetzt zeiget uns, daß ihr die allein wahren Freunde
und Diener Gottes seid, sonst werden wir Volk uns an euch rächen für jede
Unbill, die wir von euch zu erdulden bekamen!“
[GEJ.07_045,11] Hier trat ein Oberster auf
und sagte: „Du Volksredner, habe doch Geduld! Der Hohepriester betet ja ohnehin
schon im Allerheiligsten mit zerrissenem Oberkleide, und wir werden uns auch
noch, wenn es nötig werden sollte, dazugesellen, und es wird dann schon wieder
besser werden. Ihr müsset nur nicht gar so schnell verzweifeln, wenn Jehova uns
mit irgendeiner Plage heimsucht, die wir alle zusammen sicher verdient haben
werden. Anstatt daß ihr nun uns Priester mit allerlei Schmähungen und Drohungen
überhäufet, betet vielmehr zu Gott, daß Er bei uns Gnade für Recht ergehen
lasse! Das wird besser sein als euer gegenwärtiges Benehmen gegen uns; denn in
der Not kann jeder Mensch ganz wirksam zu Gott beten.“
[GEJ.07_045,12] Diese Rede beschwichtigte das
Volk ein wenig, und es fing an zu beten, und die Priester zogen sich
wohlweisermaßen zurück und hielten unter sich Rat, was diese so sonderbare
Erscheinung sei. Aber sie kamen zu keinem haltbaren Bescheide, und so wuchs
auch in ihnen die Angst. Und es war das ein merkwürdiger Kontrast zwischen
denen, die sich bei Mir auf dem Berge befanden, und den Templern und dem zu
ihnen Zuflucht genommen habenden Volke. Die Meinen waren alle voll der
freudigsten Entzückung über den herrlichen Anblick dieser Lichtsäulen, und im
Tempel herrschte darob die größte Bestürzung.
[GEJ.07_045,13] Es befand sich aber im Tempel
auch der schon bekannte Nikodemus im Rate und ward auch um seine Meinung
befragt.
[GEJ.07_045,14] Aber er sagte (Nikodemus):
„Ihr habt auf meinen Rat nie etwas gehalten, weil ihr mich schon zu öfteren
Malen beschuldigt habt, daß ich's heimlich mit den Galiläern hielte, und ich
erachte auch bei dieser unerhörten Gelegenheit meinen Rat für sehr erläßlich.
Denn hat Jehova uns wohlverdientermaßen eine große Strafe oder gar den völligen
Untergang bestimmt, so wird dagegen keines Menschen Rat mehr etwas vermögen, und
mit unserem wenig sagenden Amte hat es dann für alle Zeiten ein Ende. Hat
Jehova aber die zwölf schrecklichen Feuersäulen uns nur als ein letztes
Mahnzeichen zur wahren Buße hingestellt, so werden wir wohl durch einen
Propheten noch zur rechten Zeit erfahren, welche Buße und Opfer Gott von uns
verlangt. Doch bedenket es alle wohl: den Zacharias habt ihr ermordet, und er
war sichtlich ein Prophet! Also mußte auch der Prediger und Täufer am Jordan
durch eure Vermittlung im Gefängnisse des Herodes enthauptet werden. Und wieder
kam ein großer Weiser aus Galiläa, lehrte vor drei Tagen im Tempel, und seine
Lehre war gut und wahr vor dem Volke, und ihr wolltet ihn darum auch steinigen.
Ja, wenn ihr mit allen vom Geiste Jehovas erfüllten Menschen gleichfort also verfahren
wollet, da ist zur Verhütung unseres allseitigen, sichern Unterganges euch
selbst von Gott aus kein Rat mehr zu erteilen und von mir aus um so weniger,
obschon ich ein Ältester im Tempel bin!“
[GEJ.07_045,15] Sagte der Hohepriester, der
im Rate präsidierte: „Ja, wer kann uns denn beweisen, daß die von dir erwähnten
Männer wahrhaft von Gott erweckte Propheten waren?“
[GEJ.07_045,16] Sagte Nikodemus: „Gleichwie
du nun fragten in den Zeiten der wahren Propheten auch die Hohenpriester im
Hohen Rate, und der traurige Beschluß war allzeit leider dahin lautend, daß die
nachher erkannten wahren Propheten allzeit zum größten Teile gesteinigt oder
erwürgt worden sind. Und wie es damals war, also und noch um vieles schlechter
ist es jetzt, was ich mit großem Leidwesen offen bekennen muß. Und weil es
leider also ist, ist auch des Herrn Geduld mit uns höchstwahrscheinlich zu Ende
gekommen, was uns jene zwölf erschrecklichen Feuersäulen nun nur zu
augenscheinlich zeigen, und dagegen wird wahrscheinlich kein menschlicher Rat
irgend etwas mehr vermögen. Sehet nur hin, wie sie stets größer und dichter
werden, – was sicher daher rührt, daß sie uns näher und näher rücken!
[GEJ.07_045,17] O welch ein schrecklicher Tag
in der Nacht! Es ist nun noch kaum die fünfte Stunde der Nacht, und in der Welt
ist es so hell wie am hellsten Mittage! Darum werde ich euch nun verlassen, und
mich in mein Haus zu den Meinen zurückbegeben und sie nach Möglichkeit
trösten.“
[GEJ.07_045,18] Der Hohe Rat aber wollte ihn
zurückhalten; Nikodemus sagte jedoch: „Wenn ich euch in etwas nützen könnte, so
würde ich auch bleiben; aber da ich euch hier ebensowenig nützen kann wie ihr
mir, so gehe ich und will lieber zu Hause sterben als hier in diesen schon so
oft entweihten Mauern.“
46. Kapitel
[GEJ.07_046,01] Hierauf ging Nikodemus aus
dem Rate und suchte des Volkes wegen, das schon sehr ungestüm geworden war, auf
einem geheimen Wege zu seinem Hause zu gelangen. Als er aber daselbst in die
Nähe seines Hauses gekommen war, so fand er um dasselbe auch viel Volkes
versammelt, das von ihm in solch einer Bedrängnis einen Rat haben wollte.
[GEJ.07_046,02] Da dachte er bei sich: ,Gehe
ich nun nach Hause, so wird mich das Volk bestürmen, und ich könnte ihm doch
beim besten Willen über diese Erscheinung keine nur im geringsten befriedigende
Auskunft geben. Ich weiß aber, was ich tun werde: Ich werde mich auf den
ziemlich hohen Ölberg zu Lazarus begeben und mich mit ihm über diese
Erscheinung besprechen. Er war stets so ein Mann noch nach dem Herzen Gottes,
wenn er auch mit dem Tempel in manchem Hader stand, und er wird sicher nun mehr
wissen denn ich und der ganze Tempel!‘ Gedacht und getan!
[GEJ.07_046,03] Und als er an das
offenstehende große Gartentor kam, fragte ihn eine aufgestellte Wache, was er
da suche.
[GEJ.07_046,04] Und Nikodemus sagte: „Ich
habe Wichtiges mit dem Lazarus zu besprechen, und so laß du mich nur frei
gehen!“
[GEJ.07_046,05] Und die Wache fragte ihn nach
dem Namen, den sie auch sogleich erfuhr, worauf sie dann den Nikodemus auf den
Berg gehen ließ; denn er hatte vor jedermann einen guten und gerechten Ruf. Nur
fragte ihn der Wachmann, ob er ihm nicht sagen könne, was die noch nie
dagewesene wunderliche Erscheinung etwa doch bedeute.
[GEJ.07_046,06] Und Nikodemus sagte
freundlich zum Wachmann: „Ja, du mein Freund, derentwegen will und muß ich eben
zum Lazarus auf den Berg gehen, weil ich weiß, daß er um diese Zeit, des Festes
und des Marktes wegen, stets auf diesem Berge in seiner großen Herberge zu
wohnen pflegt! Er ist in diesen Dingen sehr kundig und wird mir darüber sicher
den möglichst besten Aufschluß geben können. Doch so viel kann ich als ein
Ältester Jerusalems dir schon für ganz gewiß sagen, daß diese außerordentliche
Erscheinung für die Guten etwas Gutes und für die Bösen etwas Böses anzeigt;
denn das ist kein gewöhnliches Spiel der Natur mehr. Darum sei du, wenn du gut
bist, samt mir ganz unbesorgt; denn uns beiden wird nichts Arges begegnen!“
[GEJ.07_046,07] Dafür bedankte sich der auch
schon sehr ängstlich gewordene Wachmann, und unser Nikodemus ging eilends auf
den Berg und staunte, oben ankommend, nicht wenig, eine so große und ganz
heiter gestimmte Menschenmenge anzutreffen, die hier die sich gar großartig
ausnehmende Erscheinung anstaunten und ihre Herrlichkeit mit froher Miene betrachteten.
[GEJ.07_046,08] Ich aber sagte zu Lazarus:
„Du, Bruder Lazarus, der Älteste Nikodemus, von starker Furcht getrieben, ist
heraufgekommen, um mit dir darüber zu reden, was etwa doch diese Erscheinung zu
bedeuten habe! Gehe denn hin, empfange ihn, und Ich werde es dir schon in den
Mund legen, was du vorderhand zu ihm zu sagen haben sollst! Und so wolle denn
hingehen, doch sage ihm nicht zu bald, daß Ich hier bin!“
[GEJ.07_046,09] Lazarus war darob recht von
Herzen froh; denn er liebte den Nikodemus als seinen einzigen Freund gar sehr.
Und so ging er denn auch schnell hin und tat, was Ich ihm angeraten hatte.
[GEJ.07_046,10] Als unser Nikodemus bei der
ungewöhnlichsten Tageshelle in der Nacht schon auf mehrere Schritte des Lazarus
ansichtig ward, grüßte er ihn schon von weitem und sagte: „Bruder, vergib es
mir, daß ich dich so spät in der Nacht besuche! Aber du darfst ja nur dort im
Osten die zwölf Feuersäulen ansehen, und du wirst es sehr leicht erraten, was
mich so ganz eigentlich zu dir heraufgeführt hat. Ich sage es dir: In der
ganzen großen Stadt wie im Tempel ist es aber ganz rein aus! Es ist dir das ein
Etwas, das unseres Wissens eigentlich denn doch noch nie dagewesen ist! In der
Stadt laufen die Juden und die Heiden wie verrückt durcheinander. Die muntere
Jugend macht Scherze und schiebt diese ganze Erscheinung den Essäern in die
Schuhe; aber da schreit wieder ein alter, des Geldes barer Rabbi durch alle
Gassen und Straßen: ,Der Messias kommt an!‘, was aber doch die Menschen auch zu
keiner Ruhe kommen läßt. Die Heiden glauben an einen Götterkrieg, und
engherzige Juden sehen entweder die Ankunft des verheißenen Messias oder andere
haben Daniels Jüngstes Gericht vor Augen. Die Priester sind ratlos und wissen
dem Volke auf seine Fragen keine haltbare und nur halbwegs wahre Silbe zu
sagen. Das Volk wird im Tempel unwillig und verhöhnt das Priestertum auf eine
ganz unerhörte Weise. Und so ist das in der großen Stadt nun ein solches
Durcheinander, wie ich noch nie eines erlebt habe!
[GEJ.07_046,11] Ich bin selbst im Hohen Rate
nahe eine Stunde lang gesessen und ward befragt von allen priesterlichen
Seiten; aber wer kann bei solchen unerhörten Erscheinungen jemandem einen
weisen Rat erteilen?! Ich habe ihnen allen einen so ziemlich reinen Wein
eingeschenkt; aber es hat das alles rein gar nichts gefruchtet.
[GEJ.07_046,12] Ja, was soll man denn da wohl
noch Weiteres beginnen? Die Tiere leben nach ihrem harmlosesten Instinkte, doch
die Priester im Tempel – ich sage es dir – haben weder Instinkt und noch viel
weniger eine Vernunft oder irgend einen Verstand! Und so ist mit diesen wahren
Halbmenschen, oder eigentlich schon gar keinen Menschen mehr, gar nichts
anzufangen und gar nichts zu machen. Und siehe, so bin ich denn bei dieser
außerordentlichen Gelegenheit zu dir herauf geflohen; denn unten in der Stadt
wie im Tempel ist für unsereinen gar nicht mehr zu bestehen!
[GEJ.07_046,13] Aber wenn du nun gerade Muße
hättest, so könntest du mir wohl von deinen Lebensgeschichten etwas ganz
Besonderes kundtun, was bei mir um so wünschenswerter wäre, da ich nun selbst
in meinem Gemüte sehr bedrängt bin. Sage mir ganz offen: Hast du bei deinen
Reisen in Persien und Arabien je eine ähnliche Erscheinung gesehen? Und so du
je etwas Ähnliches gesehen hast, – von was für Folgen war sie hinterdrein oder
auch schon gleichzeitig begleitet?“
[GEJ.07_046,14] Sagte Lazarus: „Laß dir wegen
dieser wahrlich allergroßartigst herrlichen Lichterscheinung kein schweres Herz
machen; denn sie trägt durchaus kein Anzeichen von irgend bösen Folgen für uns
wenigstens insoweit bessere Menschen, da wir noch den alten und festen Glauben
an Gott und unsere Treue zu Ihm in unserem Gemüte bewahrt und nach Möglichkeit
Seine Gesetze beachtet haben! Für die Abtrünnigen aber ist sie eine gute
Mahnung und sagt ihnen, daß der ewig-alte Jehova noch gleichfort lebt und die
Macht hat, die Sünder zu züchtigen, wie und wann Er will. Wenn du diese
Erscheinung von dem Standpunkte aus besiehst, so kann es dir nicht bange
werden. Sieh dort die etlichen Hunderte von Menschen! Sie betrachten diese
Erscheinung allesamt von diesem Standpunkte aus und sind voll Ruhe und voll
guten Mutes, und du mit deiner alterprobten Rechtlichkeit vor Gott und den
Menschen wirst doch wohl auch keinen Grund haben, dich vor dieser Erscheinung
zu fürchten! – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.07_046,15] Sagte Nikodemus: „Jawohl,
jawohl, du hast recht und gut geantwortet und mein Herz mit deinen freundlichen
Worten sehr erquickt, wofür ich dir von ganzem Herzen dankbar bin; doch hast du
mir nun davon noch nichts erwähnt, ob du bei deinen weiten Reisen in Persien
und Arabien noch nie etwas Ähnliches gesehen hast!“
[GEJ.07_046,16] Sagte Lazarus: „Noch nie,
weder in Persien noch in Arabien, habe ich derartige Erscheinungen gesehen!
Andere oft auch sehr sonderbare Erscheinungen in großer Menge bei Tag und bei
Nacht habe ich wohl gesehen, die den Menschen, der sie ein erstes Mal sieht,
sicher auch sehr stutzen machen; aber weil sie sich zu gewissen Zeiten immer
gleichartig wiederholen, so machen sie auf die Einheimischen keinen besonderen
Eindruck. Aber diese Erscheinung würde sicher die mutigsten Araber ins
Bockshorn treiben; denn da hat auf dieser Erde Boden noch nie ein Mensch etwas Ähnliches
gesehen, außer in einer prophetischen Verzückung irgendein Prophet, wie man
sich solches noch erzählt von dem alten Vater Kenan und Henoch, und noch von
Moses, auch von Elias und von Daniel. Aber mit den fleischlichen Augen dürfte
solch eine Erscheinung noch nie gesehen worden sein. Es wird diese Erscheinung
jedoch nicht gleichfort also stehenbleiben, sondern sich so nach meinem Gefühle
bald und zwar noch mehrere Male verändern.“
[GEJ.07_046,17] Sagte Nikodemus: „Meinst du
das im Ernste?“
[GEJ.07_046,18] Sagte Lazarus: „Allerdings,
so wie die zwölf Lichtsäulen nun stehen und sich auch stets um etwas
vergrößern, werden sie nicht bis zum Ende verbleiben!“
[GEJ.07_046,19] Sagte Nikodemus: „Oh, da wird
es noch schlimmer werden in der Stadt und in der ganzen Umgegend! Was werden
deine beiden Schwestern daheim machen? Die werden ja vor Angst verschmachten,
so wie auch meine Familie in meinem Hause!“
[GEJ.07_046,20] Sagte Lazarus: „Oh, sorge du
dich um etwas anderes! Dafür ist schon vom Herrn aus gesorgt; denn Er läßt die
Seinen nicht verschmachten, und mögen Dinge über die Erde kommen, welche nur
immer wollen. Denn der Herr wacht auch über derlei Erscheinungen, läßt sie
werden, sich verändern und vergehen, und das stets zum Besten und zum Heile der
Menschen dieser Erde. Und also magst du auch wegen deiner Familie ganz
unbesorgt sein; denn der Wille Gottes wacht über uns alle!“
47. Kapitel
[GEJ.07_047,01] Sagte Nikodemus: „Da hast du,
mein Bruder, wohl ganz recht! Wer fest auf Gott vertraut, dem kann nichts Arges
begegnen, obwohl von Gott aus den Menschen oft so manches begegnet, worin man
eine besonders gute Obsorge als von Gott ausgehend mit unserem Verstande nicht
so ganz recht wohl merken kann. Mir selbst ist es schon einige Male also
ergangen, und ich bin darum bei derlei großen Erscheinungen dieser Erde gleich
einem Kinde, das darum stets eine Furcht vor dem Feuer hat, weil es sich schon
einmal am Feuer einen Finger verbrannt hat. Und so erging es mir auch, und das
schon einige Male, und das eine Mal durch einen Blitz, der mich betäubte und
mir nachher eine Zeitlang sehr empfindliche Schmerzen in meinen Gliedern
hinterließ. Ein anderes Mal wurde ich von einem Wirbelwind erfaßt, über zwei
Mannshöhen in die Luft gehoben und darauf sehr unsanft auf den Boden wieder
zurückgesetzt. So hat mich gut bei zwei Mal ein böses Wetter am Galiläischen
Meere über fünf Stunden lang zwischen Leben und Tod umhergetrieben, und wieder
ein anderes Mal ward mir mein sonst ganz sanftes und gut abgerichtetes Maultier
wild, fing gar jämmerlich zu rennen an, und das so lange, bis es vor Müdigkeit
niedersank und mir einen Fuß stark quetschte. Daran war denn auch ein starker
Blitz und ein schnell darauf folgender Donner schuld.
[GEJ.07_047,02] Und siehe, diese und mehrere
Unfälle sind mir durch pure Naturerscheinungen zuteil geworden, und so habe ich
gleichfort eine kleine Angst, wenn ich so etwas ganz Besonderes von einer
Erscheinung wieder erlebe. Ich habe bei allen meinen Unfällen wohl mein
irdisches Leben nicht verloren, was bei ähnlichen unverschuldeten Gelegenheiten
gar vielen Menschen schon begegnet ist; aber ich bin dennoch stets voll Angst,
wenn in der Natur der Erde durch Zulassung Gottes solche Erscheinungen zum
Vorscheine kommen, mit denen sich unsere menschlichen Kräfte nimmer messen
können. Und das ist eben jetzt ganz besonders der Fall, wo dort im Osten die
zwölf ungeheuren Feuer- und Lichtsäulen alles auf dem Erdenrund zu vernichten
drohen. Ich glaube an Gott und vertraue fest darauf, daß Er uns vor allem
großen Unglück beschützen wird; aber gerade dort, wo die sehr drohend
aussehenden Säulen den Boden der Erde berühren, möchte ich mich gerade nicht
befinden, – denn dort wird es sicher sehr feuerstürmisch aussehen.“
[GEJ.07_047,03] Sagte unser Lazarus aus Mir:
„Auch dort in der Gegend des Euphrat wird keinem Wesen durch diese Säulen etwas
geschehen, – dessen du völlig versichert sein kannst und dich darum durchaus
nicht zu ängstigen brauchst. Doch sieh nun, die mittleren zehn Säulen rücken
nun näher und näher aneinander; nur die beiden äußeren bleiben noch
unbeweglich! Sieh, das ist schon eine Veränderung! Und nun stoßen je zwei und
zwei gar zusammen und einen sich so, daß wir jetzt gar nur fünf große
Mittelsäulen sehen, ohne daß dadurch das Licht stärker oder gar schwächer wird.
Siehe, wiederum eine Veränderung! Die beiden äußeren Säulen rühren sich noch
nicht!“
[GEJ.07_047,04] Sagte Nikodemus: „Diese
merkwürdige Veränderung scheint mir nun von einem denkenden Wesen geleitet zu
sein, da sonst derlei Erscheinungen mehr plump und ganz planlos untereinander
sich begegnen, sich manchmal einen, manchmal auch zersplittern oder gar
zerstören. Man nehme nur die höchst ungeschickten und planlosen Wolkenzüge bei
Stürmen an und die Planlosigkeit der dahinzuckenden Blitze! Aber hinter dieser
großartigsten Erscheinung scheint auf jeden Fall ein höchst klug denkendes
Wesen verborgen zu sein, und man könnte beinahe den Gedanken fassen, daß das
irgendeine neue Zauberei der Essäer sei, die in jener Gegend sicher auch neue
Besitzungen haben. Denn diese Leute ziehen alle Zaubereien der ganzen Welt auf
einen Punkt zusammen und sind selbst sehr erfinderisch in derlei ungewöhnlichen
Dingen. Da sieh nur hin! Nun fangen die fünf Säulen sich auch zu einen an! Ihre
Bewegung geht rasch vor sich, und siehe, sie sind schon eins! Ah, das wird die
Templer und das Volk denken und ordentlich verzweifeln machen und wird manchem
Schwachen zum Wahnsinn helfen!“
[GEJ.07_047,05] Sagte Lazarus: „Jetzt minder
denn ehedem; denn nun fangen schon viele an, diese Sache den etwa in jüngster
Zeit ankommenden indischen Magiern in die Schuhe zu schieben, weil ihnen die
Sache der Erscheinung zu plan- und regelmäßig vorkommt.“
[GEJ.07_047,06] Sagte Nikodemus: „Aber für
was hältst nun du diese wirklich höchst merkwürdige Erscheinung? Denn ob sie
schon auch von Magiern hervorgebracht werden könnte, so könnte sie, vermöge
ihrer ungeheuren Großartigkeit auch noch eher von Jehovas Willen herrührend,
etwa darum dasein oder wenigstens zugelassen sein, um besonders uns Juden
irgend etwa ein kommendes Gericht oder sonst einen noch verborgenen Plan, was
Gott mit uns Menschen vorhat, damit anzuzeigen. Weißt du, wer hinter dieser
Erscheinung allenfalls noch stecken könnte?“
[GEJ.07_047,07] Fragte ihn Lazarus: „Wer kann
da von dir gemeint sein?“
[GEJ.07_047,08] Sagte Nikodemus: „Der gewisse
wunderbare Heiland aus Nazareth! Er war nun auf dem Feste und – glaube –
zweimal im Tempel, wo er den Pharisäern die tüchtigsten Wahrheiten ins Gesicht
gesagt hat, so daß sie Ihn am Ende gar steinigen wollten. Er zog darauf sicher
weiter, und Er dürfte nun von dem Orte, wo unsere Erscheinung aufsteigt, eben
nicht gar zu weit entfernt sein. Ich habe diesmal leider keine Gelegenheit
finden können, daß ich Ihn geheim wieder besucht hätte; denn du weißt schon, welche
Tendenzen nun der Tempel verfolgt. Aber es macht das nun nichts, da ich – unter
uns gesagt – an Ihn und Seine Sendung glaube; denn so Er der Messias nicht ist,
so kommt fürder auch schon ewig kein zweiter mehr in diese Welt. Doch das kann
ich dir – verstehe mich – nur so unter vier Augen sagen, weil ich wohl weiß,
daß auch du meiner Ansicht sein wirst, so wie viele aus dem Volke; aber man
darf nun das noch nicht gar zu laut in Jerusalem aussprechen. Also, Freund, der
erwähnte Heiland dürfte um diese Erscheinung wohl auch wissen; und was sie
allenfalls anzeigen soll oder könnte, darum wird auch Er schier am besten
wissen. – Was sagst nun du zu dieser meiner Ansicht?“
[GEJ.07_047,09] Sagte Lazarus: „Ja, ja, da
könntest du wohl schon recht haben; nur begreife ich das noch nicht so ganz
wohl von dir, wenn du sagst, daß du glaubst, daß der Heiland aus Nazareth im
Ernste der verheißene Messias sei, dabei aber dennoch eine Furcht hast, Ihn als
das, was Er unzweifelhaft ist, ohne alle Furcht laut vor aller Welt zu
bekennen. Ist Er der Messias, so ist Er laut gar vielen dir wohlbekannten
Stellen des Moses, Elias, Jesajas, Jeremias und noch vieler anderer Propheten
und Seher Jehova Zebaoth Selbst. Ist Er aber das, – was ist dann alle Welt
gegen Ihn?! Kann Er sie nicht verwehen mit einem Hauch, wenn sie Ihm am Ende
doch zu mißliebig würde und der Menschen zu große Bosheit Seine Geduld auf eine
zu große Probe stellte?! Wenn aber sonach Er eben der allmächtige Herr der
ganzen Schöpfung unzweifelhaft ist und du das auch glaubst, – wie kannst du da
noch eine Furcht vor der dummen und blinden Welt haben?! Siehe, das ist mir an
dir wahrlich nicht sehr einleuchtend! Daß du ein erstes Mal nur in der Nacht
Ihn besuchtest, das war wohl begreiflich; aber Er war seitdem schon ein paar
Male hier, und du hast Ihn weder in der Nacht und noch weniger am Tage wieder
besucht, und das war offenbar nicht recht von dir. Nur wenn du nicht völlig
glaubst, daß Er der wahrhafte Messias ist, so entschuldigt das ein wenig deine
Furcht und Lauheit, und du kannst das Versäumte wohl noch einholen! – Hast du
mich wohl verstanden, was ich dir damit gesagt habe?“
[GEJ.07_047,10] Sagte Nikodemus: „Bruder, du
hast vollkommen recht; aber was kann man tun, wenn man leider ein Mitglied des
Tempels ist und bloß dahin alle Hände voll Arbeit hat, um den Tempel nur so zu
stimmen, daß er sich nicht zu grelle Übergriffe in die Rechte der Menschen
erlaubt? Um aber das zu bewirken, muß man leider oft mit den Wölfen zu heulen
anfangen und sie heimlich klugermaßen von guten Herden ablenken, damit diese
von ihnen nicht ganz zerrissen und gefressen werden! Und so war es mir wahrlich
nicht so leicht möglich, abzukommen und mich mit dem Heilande nach Gebühr zu
beschäftigen, so wie ich auch mit dir als meinem bewährtesten Freunde außer im
Tempel schon beinahe zwei Jahre lang nicht habe zusammenkommen können. Denn es
machte eben der Prophet Johannes und nun der Heiland aus Nazareth dem Tempel
große Sorgen, und es ward über Seine Bewegungen und Lehren beinahe
allwöchentlich großer Rat gehalten und es wurde Mittel ergriffen, Ihn
verstummen zu machen; aber es fruchtete bis jetzt alles zusammen nichts, weil
das Volk Ihn teils für einen großen Propheten, teils aber auch schon im Ernste
für einen groß werdenden neuen König und größtenteils aber auch schon für den
vollwahren Messias hält, was auch – aufrichtig gesagt – bei mir selbst der Fall
ist.
[GEJ.07_047,11] Das Merkwürdige dabei aber
ist nur das, daß Er bei den Römern einen großen Anhang hat, und Ihm bei der
Ausbreitung Seiner Lehre von ihnen gar kein Hindernis in den Weg gelegt wird!
Das halte ich für ein großes Wahrzeichen für die Echtheit Seiner Messiaswürde.
Weißt du aber nun nicht, wo Er etwa von Jerusalem hingezogen ist? Bei dieser
Gelegenheit hätte ich selbst gute Lust, Ihn aufzusuchen und mich mit Ihm zu
besprechen.“
[GEJ.07_047,12] Sagte Lazarus: „Freund, sieh
nun nur wieder die drei Licht- und Feuersäulen an; denn nun fangen die beiden
äußeren Säulen auch an, sich zu bewegen, und nähern sich der einen Mittelsäule.
Wir wollen nun sehen, was daraus werden wird! Sieh, die eine von der
mittäglichen Seite her hat sich nun schon mit der Mittelsäule vereinigt; aber
die von der Nordseite her blieb stehen, und wir sehen nun nur noch zwei, und
diese zwei leuchten nun ebenso stark wie die früheren zwölf, denn ihr Licht ist
nun greller und gediegener geworden. Ja, ich kann es mir nicht denken und
vorstellen, daß es am Tage heller sein könnte! Nur das Firmament ist dunkler,
und hie und da in der Abendgegend ist noch ein oder der andere große Stern
ersichtlich.
[GEJ.07_047,13] Und da sieh in die Stadt
hinab, wie die Menschen durcheinanderrennen! Selbst auf den Giebeln der Häuser
stehen Menschen und starren nach der Erscheinung hin! Aber nun bewegt sich auch
die Nordsäule zur Mittelsäule und vereint sich mit ihr! Jetzt haben wir es nur
noch mit einer Säule zu tun!“
[GEJ.07_047,14] Sagte Nikodemus: „Das ist
wahrlich im höchsten Grade denkwürdig! Was nun etwa doch noch weiter geschehen
wird?“
48. Kapitel
[GEJ.07_048,01] Als Nikodemus noch kaum die
Frage ausgesprochen hatte, da erhob sich diese nun eine Säule und stieg höher
und höher, und das so lange und auch äußerst schnell, daß man bald gar nichts
mehr von ihr ersah, und es ward wieder sehr finster auf der Erde.
[GEJ.07_048,02] Und Nikodemus sagte: „Da
haben wir's nun! Was war nun diese so drohende Erscheinung, und was hat sie
bedeutet? Daß sie von Gott aus zugelassen war, das ist nun wohl ganz klar; denn
keine menschliche Macht hätte sie in des Firmamentes tiefste Tiefen emporziehen
können. O du menschliche Weisheit, wie stehst du nun einmal wieder da: so
nackt, so unbehilflich und ratlos wie ein neugeborenes Kind! Freund Lazarus,
was denkst du nun über diese Erscheinung, die nun bei zwei Stunden lang aller
Menschen Gemüter mit Furcht und Angst erfüllte? Ist sie eine göttliche
Zulassung gewesen, so stehen uns große Dinge bevor, und war sie irgendein Spiel
der Erd- und Luftgeister, so haben wir armen und schwachen Erdenmenschen auch
nichts Gutes zu erwarten; denn nach den großen, feurigen Erscheinungen kommen
gerne große Erdstürme, große Ungewitter, Erdbeben und auch Krieg, Hungersnot
und Pest. Und das sind auch wahrlich keine tröstlichen Aussichten für uns arme
Menschen! – Was aber ist da deine Ansicht?“
[GEJ.07_048,03] Sagte Lazarus: „Ich weiß da
für mich ebensoviel wie du; aber lassen wir das nun gut sein! Sieh dort hinter
den Zelten nur die große Menschenmenge an! Die alle sind nun meine Gäste, und
über zweihundert sind noch im Hause untergebracht, die von dieser Erscheinung
wenig gesehen haben werden. Aber unter diesen vielen Menschen, die sich
jenseits der Zelte befinden, werden schon ein paar sein, die diese Erscheinung
sicher besser verstehen werden als wir beide.“
[GEJ.07_048,04] Sagte Nikodemus: „Ja, das
wird wohl schon also sein; aber wie komme ich zu ihnen?“
[GEJ.07_048,05] Sagte auf Mein inneres Geheiß
Lazarus: „Komme du nun mit mir, und ich werde dich schon dem Rechten
vorstellen!“
[GEJ.07_048,06] Sagte Nikodemus: „Das wäre auch
alles recht, wenn ich unerkannt bleiben könnte, damit ich im Tempel nicht
verraten werde.“
[GEJ.07_048,07] Sagte Lazarus: „Ah, sorge
dich da um etwas anderes! Die Menschen, die du hier bei mir findest, sind
selbst Feinde des Tempels, weil sie einen besseren Tempel gefunden haben; daher
hast du von allen jenen Menschen nicht das Allergeringste zu besorgen
(befürchten), – gehe nur ganz unbesorgt und mutig mit mir!“
[GEJ.07_048,08] Da erst entschloß sich
Nikodemus, mit Lazarus zu uns zu gehen.
[GEJ.07_048,09] Als er aber in Meine Nähe
kam, da erschrak er ordentlich, da er gar keine Ahnung hatte, Mich allda zu
treffen.
[GEJ.07_048,10] Ich aber trat zu ihm hin,
reichte ihm die Hand und sagte: „Was erschrickst du vor Mir, als wäre Ich
irgendein Gespenst? Du wolltest Mir doch nachziehen, so du von Lazarus
erführest, wohin Ich gezogen wäre, und nun hast du Mich hier! Ist dir denn das
nicht um so lieber nun?“
[GEJ.07_048,11] Sagte nun Nikodemus: „O Herr,
das wohl sicher; aber Du bist der Heilige Gottes und ich ein alter
Tempelsünder! Das drückt und beengt sehr mein Herz, und ich habe nun wenig Mut,
mit Dir zu reden.“
[GEJ.07_048,12] Sagte Ich: „Wenn Ich dir eine
Sünde vorhalten werde, so kannst du sagen: ,Herr, vergib mir die Sünde!‘ Doch
da Ich dir das zu sagen keinen Grund habe, so bist du frei und kannst reden,
wie es dich freut. Was sagst denn du zu der Erscheinung, über die sich die
Templer nun noch in den Ohren und Haaren liegen?“
[GEJ.07_048,13] Sagte Nikodemus: „O Herr, die
Erscheinung war etwas Unerhörtes, noch nie dagewesen seit Anbeginn der Welt!
Aber was sie zu bedeuten hat, das wirst Du sicher wohl besser wissen als wir
alle hier, und darum möchte ich nur Dich fragen. Denn ich war ehedem sogar der
Meinung, daß sie etwa gar von Dir herrühre, da Du Dich ja auch ganz leicht in
jener Gegend hättest befinden können. Denn vor etwa einem Jahre soll sich, wie
ich's später vernommen habe, ja auch bei Cäsarea Philippi während Deiner
Anwesenheit etwas Ähnliches gezeigt haben und soll die eigentliche Ursache vom
Brande jener Stadt gewesen sein. Und so meinte ich denn nun auch, daß hier nun
eine Wiederholung jener Erscheinung zu Cäsarea Philippi statthaben könnte, so
Du Dich in jener Gegend befändest. Doch Du bist noch hier bei uns in Jerusalem,
und so haben wir wahrlich keine Ursache, uns nun noch weiter mit der
Erscheinung zu ängstigen. Aber was war denn die Erscheinung in sich? Du, o
Herr, wirst das wohl am allerbesten wissen, wie ich das schon bemerkt habe!
Wenn es Dir genehm wäre, so könntest Du uns schon etwas darüber sagen!“
[GEJ.07_048,14] Sagte Ich: „Die Erscheinung
war Mein Wille und somit auch Mein Werk; doch wir haben dann später noch Zeit,
ein mehreres darüber zu sprechen. Für jetzt aber bleibe du noch in der Ruhe,
denn es war diese von dir gesehene Erscheinung das letzte noch nicht, was diese
Nacht bieten wird; dann erst wird die Erklärung im Hause folgen! Hebet aber nun
alle eure Augen empor, und sehet, was sich nun in einem Bilde zeigen wird!“
49. Kapitel
[GEJ.07_049,01] Als nun alle ihre Augen nach
oben richteten, da wurde der Himmel glühend und blutrot gefärbt, und man ersah
die Stadt Jerusalem auf dem glühenden Grunde, belagert von römischen Kriegern,
und aus den Toren der Stadt floß Blut. Bald darauf aber stand die Stadt in
hellen Flammen, und ein dicker Qualm umzog den ganzen weiten Horizont. Bald
darauf ersah man keine Stadt mehr, sondern nur noch einen dampfenden
Schuttberg. Zuletzt verschwand auch dieser, und man ersah eine unfruchtbare
Wüste, auf der sich wilde Horden eine Stätte zur Wohnung erbauten. Nach dem
verschwand diese Erscheinung, und man vernahm aus der Stadt ein großes
Angstgeschrei, und Nikodemus meinte, daß nun in der Stadt offenbar eine Emeute
(Aufstand) losgehe.
[GEJ.07_049,02] Ich aber beruhigte ihn und
sagte: „Das ist noch ferne; aber von jetzt an zwischen vierzig und fünfzig
Jahren wird es in diesem Lande also geschehen und dieser Stadt, weil sie die
Zeit ihrer großgnädigen Heimsuchung nicht hat erkennen wollen, ein voller
Garaus gemacht. – Nun aber wartet noch auf die letzte Sache! Darauf erst wollen
wir ins Haus gehen und uns darüber besprechen. Doch jetzt gebet noch weiter
acht darauf, was ihr sehen werdet!“
[GEJ.07_049,03] Auf diese Meine Beheißung
sahen alle wieder nach dem Firmamente, und es senkte sich die Lichtsäule
abermals aus den Höhen zur Erde nieder, doch nicht mehr an jener Stelle, wo sie
ehedem aus zwölf einzelnen Säulen entstand, sondern am ganz entgegengesetzten
Orte gen Westen hin, und leuchtete nun aber um vieles stärker denn ehedem. Bald
darauf zerteilte sie sich, doch nicht mehr in zwölf Säulen, sondern aus ihren
zahllos vielen Teilen bildete sich eine übergroße Stadt, deren Mauern aus den
zwölf Hauptedelsteingattungen bestanden und einen höchst mannigfaltigen
Lichtglanz nach allen Seiten hin verbreiteten. Und also hatte diese Stadt auch
sichtlich zwölf Tore, durch welche zahllos viele Menschen aus allen Teilen der
Erde höchst wonniglich aus und ein wandelten.
[GEJ.07_049,04] Über der Stadt hoch in den
Lüften aber stand, wie von Rubinen und Smaragden gebildet, eine Schrift nach
der alten hebräischen Art, und deren Worte lauteten: ,Dies ist die neue Stadt
Gottes, das neue Jerusalem, das dereinst aus den Himmeln niedersteigen wird zu
den Menschen, die reinen Herzens und eines guten Willens sein werden; darin
werden sie mit Gott wohnen ewig und lobpreisen Seinen Namen.‘ Diese Schrift,
wie auch diese ganze Erscheinung, aber sahen nur alle die, so bei Mir auf dem
Berge waren, und sonst niemand im ganzen Lande.
[GEJ.07_049,05] Nachdem aber alle Anwesenden
in einen Wonnejubel ausgebrochen waren und anfangen wollten, Mich förmlich laut
anzubeten, da verschwand die Erscheinung, und Ich ermahnte alle, daß sie Gott
anbeten sollen in der Stille ihres Herzens und nicht mit lauten, lärmenden
Worten gleich den Pharisäern, was vor Gott keinen Wert hat. Da ließen sie ab
und machten in der Stille ihres Herzens ihre Betrachtungen.
[GEJ.07_049,06] Nach einer kleinen Weile erst
sagte Ich: „Nun ist es um die Mitte der Nacht geworden, und wir wollen uns in
das Haus begeben und dort etwas Brot und Wein zu uns nehmen. Darauf werde Ich
euch eine kurze Beleuchtung über die stattgehabten Erscheinungen geben.“
[GEJ.07_049,07] Auf diese Meine Worte begab
sich alles wieder ins Haus, dessen großer Speisesaal noch ganz wohl beleuchtet
war.
[GEJ.07_049,08] Als wir uns bald wieder im
Saale in guter Ordnung bei unseren Tischen befanden und Lazarus und Nikodemus
neben Mir Platz nahmen, da ward Wein und Brot an alle Tische in hinreichendster
Menge gebracht, und Ich behieß alle, nun eine kleine Stärkung zu sich zu
nehmen. Und alle nahmen Brot und Wein und aßen und tranken ganz wohlgemut.
[GEJ.07_049,09] Nachdem wir uns wohl gestärkt
hatten, sah sich unser Nikodemus die verschiedenen Gäste an den Tischen näher
an, bemerkte die sieben Templer, die mit den Sklavenhändlern an einem kleineren
Tische saßen, und sagte ein wenig verlegen zu Mir: „Herr, dort sehe ich mir nur
zu wohl bekannte Priester des Tempels! Wie kommen denn diese daher? Werden die
an uns keine Verräter machen? Kann man ihnen wohl trauen?“
[GEJ.07_049,10] Sagte Ich: „Freund, die
einmal bei Mir sind, die haben mit dem Tempel da unten gar keine Gemeinschaft
mehr! Sie wurden wohl in einer Verkleidung vom Tempel aus hierher beordert, um
Mich und Mein Tun zu beobachten; aber sie erkannten die Wahrheit und verließen
den Tempel für immer. In etlichen Tagen aber werden sie nebst noch mehreren
andern mit jenen hohen Römern dort nach Rom abreisen und dort versorgt werden,
und so hast du dich vor gar niemandem irgend zu fürchten, daß er dich etwa
verraten könnte, weil du hier bist; darum kannst du nun schon ganz ruhig sein.“
[GEJ.07_049,11] Nikodemus dankte Mir für
diese Aufklärung, griff noch nach einem Stück Brot, verzehrte es dann ganz
sorglos und nahm darauf den Becher mit Wein und trank ihn ganz aus.
[GEJ.07_049,12] Nachdem denn nun auch
Nikodemus sich ganz gestärkt hatte, sagte er zu Mir: „Herr und Meister, da nun
alles sich in einer Ruhe befindet und Du versprochen hast, uns in Kürze ein
Licht über die Erscheinungen zu geben, die sich heute so wunderbarerweise
zugetragen haben, so möchte ich Dich wohl darum bitten, daß Du uns nun Dein
Versprechen erfüllen möchtest!“
[GEJ.07_049,13] Sagte Ich: „Das werde Ich nun
auch tun; doch so da Ich werde ausgeredet haben, dann fraget Mich darüber um
nichts Weiteres mehr, sondern da denke dann ein jeder bei sich über das
Vernommene nach, und es wird das seiner Seele von mehr Nutzen sein denn ein
langes Fragen! Und so höret denn!“
50. Kapitel
[GEJ.07_050,01] (Der Herr:) „Die zwölf
Feuersäulen im Osten stellten richtig die zwölf Stämme Israels vor, und der
starke Mittelstamm war Juda, und die beiden äußersten waren Benjamin und Levi.
Durch die verschiedenen Ereignisse verschmolzen die zwölf Stämme in den letzten
einen Judastamm, und der bin Ich, der Ich gekommen bin, alle die andern Stämme
in Mir als dem einzig wahren Stamme Juda zu vereinen, daß sie alle in Mir also
Eins werden sollen, wie Ich und der Vater im Himmel völlig Eins sind von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
[GEJ.07_050,02] Als ihr sahet die sieben
Säulen, da sahet ihr gewisserart die euch schon bekannten sieben Geister
Gottes, und als es nachher drei wurden, da sahet ihr in Benjamin den Sohn, in
Levi den Geist und inmitten Juda als den Vater. Und seht: Vater, Sohn und Geist
wurden Eins, waren von Ewigkeit her Eins und werden auch ewig Eins verbleiben!
Und dieses Eins bin eben auch Ich Selbst, und wer Mein Wort hört und danach
handelt, tut und lebt, der wird auch Eins sein mit Mir und in Mir. Er wird Mir
gleich auffahren in die Himmel Gottes und wird in Mir das ewige Leben haben. –
Das ist ganz kurz die vollwahre Bedeutung der ersten Erscheinung.
[GEJ.07_050,03] Was aber da betrifft die
zweite Erscheinung, so zeigte sie das Vollmaß der Sündengreuel dieses Volkes an,
das nun am hellsten Tage, der über ihm aufgegangen ist, dennoch in aller
Finsternis wandelt und auch fortan wandeln will. Und darum wird es nach seinen
Taten die Früchte ernten, und das in der Zeit, die Ich dir, Freund, schon
draußen im Freien kundgegeben habe, nämlich zwischen vierzig und fünfzig
Jahren, und Ich setze noch einen außerordentlichen Geduldstermin von höchstens
noch zehn und sieben Jahren hinzu; dann wird es aber auch gänzlich aus sein mit
diesem Volke für alle Zeiten der Zeiten. Und das sage Ich euch: Diese Erde und
dieser sichtbare Himmel werden vergehen und morsch und brüchig werden wie ein
altes Kleid; aber diese Meine Worte werden erfüllt werden und ewig nimmerdar
vergehen!
[GEJ.07_050,04] Denn Ich bin der Herr. Wer
will mit Mir rechten und will mit Lanzen und Schwertern gegen Mich ziehen?! Ja,
sie werden auch noch das tun, und dieses Mein Fleisch wird wohl am Kreuze den
Tod finden; aber eben das wird ihr Maß voll machen und ihren Untergang
unwiderruflich besiegeln. Denn die Blindheit will herrschen und töten ihren
Gott. Und das wird sie tun in wahrlich nicht gar langer Zeit, und es wird ihr
auch diese Greueltat zugelassen werden, damit ihr Untergang für alle Zeiten der
Zeiten ein vollkommen sicherer und unausbleiblicher werde. Doch was diesem
Volke zum Untergange dienen wird, das wird euch dienen zum größten Heile und
zur vollendetsten Erlangung des ewigen Lebens.
[GEJ.07_050,05] Machet euch aber nun alle
nichts daraus, da Ich euch das zum voraus gesagt habe; denn diese arge Brut da
unten kann wohl diesen Meinen Leib töten, aber nicht Den, der in Mir lebt und
ewig wirkt und schafft und ordnet. Ich werde aber auch den Leib wahrlich nicht
im Grabe lassen; denn schon am dritten Tage werde Ich auch diesen Leib wieder
erwecken und werde dann wieder bis ans Ende der Zeiten mit denen umgehen, die
an Mich glauben, Mich lieben und Mein Wort halten werden. Und ihr, Meine
Brüder, werdet Mich sehen und Mich sprechen können so wie jetzt, da Ich noch im
unverklärten Fleische unter euch wandle.
[GEJ.07_050,06] Wenn ihr nun das alles wohl
überdenket, so werdet ihr es alle wohl einsehen, daß die zweite traurige
Erscheinung ihren vollen und lebendigen Grund hat. Sage von euch aber ja
keiner: ,Herr, das könntest Du mit Deiner Allmacht wohl abändern!‘ oder: ,Das
könntest Du anders machen!‘ Denn wahrlich sage Ich es euch, daß Ich nun ohnehin
das Alleräußerste tue, was Meine ewige und höchste göttliche Weisheit Mir
zeigt, und es hilft diesem Volke da unten dennoch nichts mehr; denn es ist
durch die eigene, unnennbare Bosheit so verstockt, daß ihm auch keine
Gottesmacht mehr helfen kann.
[GEJ.07_050,07] ,Ja‘, denket ihr und saget es
in euch, ,ja, wie sollte denn so etwas möglich sein? Gott muß ja alles machen
können, was Er nur immer will!‘ Ja, das kann Gott fürwahr. Aber bei der
vollendetsten Freiheit des menschlichen Willens kann und darf Gott nie und
nimmer tun, was Er will; denn würde Gott da nur im geringsten dem menschlichen
Willen in die Quere treten, so würde der Mensch eine Kinderpuppe, an der Schnur
des fixen göttlichen Willens geführt, und könnte dabei ewig nie zu einer
Lebensselbständigkeit gelangen. Kann er aber zu dieser aus sich nicht gelangen,
so ist es mit dem ewigen Leben seiner Seele notwendigerweise auch für ewig gar.
[GEJ.07_050,08] Der Mensch muß also seine
vollkommenste Willensfreiheit haben, die nur durch äußere Gesetze und durch den
selbstischen (freiwilligen) Gehorsam zu seinem wahren Vorteile gelangen kann,
und dabei darf die göttliche Allmacht wenig oder eigentlich schon gar nichts zu
tun haben und muß darum dem Menschen des selbständigen Lebens wegen alles
zulassen, wonach es ihn gelüstet, und also auch nun die Tötung sogar Meines
allerunschuldigsten Fleisches.
[GEJ.07_050,09] Und weil diese Menschheit
hier in Jerusalem das Gottesgesetz nahe ganz verworfen hat und dafür ihr mehr
zusagende und ihren Weltinteressen sehr dienende Satzungen aufgestellt hat, die
Meinen Satzungen, durch Moses und durch die Propheten den Menschen gegeben,
schnurstracks zuwiderlaufen und sie ganz verdrängen wollen, Ich aber nun wider
sie und ihre große Ungerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen zeuge, so
hassen sie Mich und wollen Mich töten um jeden Preis der Welt. Ja, es wird
ihnen auch das zugelassen werden; aber dann wird ihr Maß der verübten
Greueltaten auch voll sein, und es wird dann an diesem Volke geschehen in der
Fülle, was ihr als zweite Erscheinung ehedem gesehen habt.“
[GEJ.07_050,10] Sagte nun Nikodemus: „Herr
und Meister, ich bin nun der Meinung, daß die zwei Erscheinungen die Templer
sehr nüchtern gemacht haben dürften, und sie werden sich in der Folge wohl
hüten, die Hände an jemand zu legen; denn ich habe es im Tempel gar deutlich
vernommen, wie das Volk den höchst verlegenen Priestern vorhielt, wie Gott sie
nun alle richten werde, weil eben sie als Priester die meisten Propheten bis
auf Zacharias und Johannes herab getötet haben! Und sogar der Hohepriester
schwieg und getraute sich nicht, dem Volke etwas zu erwidern, obwohl es seine
dargebrachten Opfer ganz keck vom Tempel zurückforderte, was sonst für ein
übergroßes Verbrechen angesehen wird. Und weil ich das selbst noch beobachtet
habe, so bin ich der Meinung, daß sie Dir, o Herr und Meister, nicht mehr gar
so besonders gehässig und aufsässig sein werden. Sie werden sich sehr Zeit
lassen, Dir feindlich zu begegnen! Zugleich ist dem Tempel durch einen Obersten
von seiten des hohen römischen Gerichts in bezug auf das JUS GLADII eine
äußerst scharfe Verwarnung zugekommen, und diese möchte ihnen wohl für alle
Zeiten die Lust und den Eifer benehmen, je mehr jemanden ohne ein römisches
Gerichtsurteil zum Tode zu verurteilen.“
[GEJ.07_050,11] Sagte Ich: „Das werden sie
auch nicht tun; aber sie werden in ihrer Wut und Mordlust so lange dem
römischen Richter in den Ohren liegen und bezahlte Zeugen in solcher Menge über
ihr Opferlamm vorbringen, daß am Ende der Richter das wird tun müssen, was sie
werden haben wollen. Es glaubt zwar schon viel Volkes an Mich und an Meine
Lehre, aber der Tempel hat dennoch einen großen, wennschon gänzlich blinden
Anhang, und mit dem kann er noch alles bewirken. Daß aber der Tempel noch einen
starken Anhang hat, das beweist die beinahe unzählige Menschenmenge, welche an
den Festen zum Tempel wallfahrtet. Diese großen und menschenreichen Wallfahrten
aber bezeugen ja mehr denn zur Übergenüge, wie viele noch am Tempel hängen, und
wie viele Blinde es noch im ganzen Judenlande gibt, die dadurch Gott einen
wohlgefälligen Dienst zu erweisen wähnen, sie ganz gewissenhaft das tun, was
ihnen vom Tempel aus geboten wird. Wenn du dir das so recht vor Augen stellst,
so wirst du für das Leben Meines Leibes nun noch sehr wenig Bürgschaft unter
den Juden finden.“
51. Kapitel
[GEJ.07_051,01] Dieses Gespräch vernahmen
auch die Römer, und Agrikola stand ganz entrüstet auf und sagte: „Herr aller
Himmel und Welten, wenn gegen Dich von dieser Brut da unten je etwas von dem im
Zuge sein sollte, so wird Deine Allmacht es uns wohl zuvor wissen machen
können, und wir werden dann nicht säumen, dieser Betrügerbrut ein völliges Ende
zu machen, und ich werde den Pilatus noch morgen sehr darauf aufmerksam
machen!“
[GEJ.07_051,02] Sagte Ich: „Mein sehr lieber
Freund, du hast gleich am ersten Tage deiner Ankunft Mein Heer und Meine Macht
gesehen, und es kostete Mich nur einen Wink, und zahllose Scharen der allermächtigsten
Engel stünden Mir zu Gebote, von denen einer hinreichen würde, die ganze Erde
und den ganzen sichtbaren Himmel in einem Moment zu vernichten! Aber darum bin
Ich ja nicht in diese Welt gekommen, daß Ich sie richte und verderbe, sondern
darum nur, daß sie durch Mich vom Untergange gerettet werde. Und so muß Ich den
Menschen, wie sie auch sind, ihren freien Willenslauf lassen, selbst dann, wenn
sie sich an Meinem Leibe vergreifen wollen; denn wirke Ich da mit Meiner
göttlichen, Mir vom Vater gegebenen Willensmacht entgegen, so tötet das jedes
Menschen Seele, und niemand kann an ein ewiges Leben nach dem Abfalle des
Fleisches denken und noch weniger glauben und darauf hoffen.
[GEJ.07_051,03] O ja, die Menschen brauchten
sich auch gar nicht an Meinem Fleische zu vergreifen und würden darum doch das
ewige Leben ihrer Seelen überkommen können, gleichwie es auch ihr überkommen
werdet, so ihr bis ans Ende eures Erdenlebens in Meiner Lehre verharret, ohne
daß sich jemand an Mir vergreifen soll, und der eine, der sich an Mir
vergreifen würde, der würde das Leben nicht haben und auch nicht überkommen.
[GEJ.07_051,04] Doch da unten bei diesen
Weltmenschen stehen die Dinge anders. Sie alle sind offenbar Diener der Hölle
und ihres Lügenfürsten geworden und stehen nun in seinem Weltsolde. Sie häufen
Sünden auf Sünden und Greuel auf Greuel, treiben allerlei Hurerei, Ehebruch und
Blutschande und trachten gleichfort, wie sie jemanden zum Judengenossen machen
könnten, indem sie ihm den Himmel und das ewige Leben verheißen. Ist aber
jemand ihr Genosse geworden, so ziehen sie ihn beinahe ganz aus, damit er sich
den Himmel und das ewige Leben erkaufe.
[GEJ.07_051,05] Haben sie aber so einen
blinden Heiden einmal ganz von seinem Vermögen losgemacht, so sagen sie mit
gleisnerischer Miene: ,So, so, Freund, siehe, nun bist du schon auf dem halben
Wege zum Himmel und zum ewigen Leben! Bisher haben wir für dich gewirkt; aber
von da an mußt du selbst wirken nach dem Gesetze, das wir dir gezeigt haben,
ansonst hätten unser Vorwirken und deine Gott dargebrachten Opfer keinen Wert!‘
[GEJ.07_051,06] Und so rauben sie einen um
den andern aus und tun dann weiter ganz und gar nichts für ihn; und kommt er zu
ihnen, um sich irgendeinen Rat zu holen, dann verweisen sie ihn auf ihre
Predigten, so er den Rat nicht bezahlen kann. Kann aber jemand einen Rat gut
bezahlen, so bekommt er dann auch außer der Predigt einen Rat, der gewöhnlich
eine fein zusammengefügte Lüge ist.
[GEJ.07_051,07] Und so wie diese
Himmel-und-Ewiges-Leben-Verkäufer selbst nicht in den Himmel kommen, weil sie
bei sich an keinen glauben und nie geglaubt haben, so lassen sie aber auch
niemand anders hinein, weil sie durch ihre allerfinstersten Lügen den Weg dahin
verrammen.
[GEJ.07_051,08] Wer das noch mit einem
helleren Verstande erkennt und nach der Wahrheit zu forschen anfängt, den
verdammen sie alsbald als einen Ketzer und Gotteslästerer und verfolgen ihn mit
aller Wut bis zum letzten Tropfen Blut, wie sie auch aus demselben Grunde die
von Gottes Geist erfüllten Propheten zum größten Teil getötet haben, deren
Gräber sie nun zum Scheine ehren und an den gewissen Gedächtnistagen weiß
übertünchen. Aber sie selbst sind eben gleich den übertünchten Gräbern, die
auch nach außen hin ganz erbaulich aussehen, aber inwendig voll Aases und
Ekelgeruchs sind.
[GEJ.07_051,09] Ihr meinet nun freilich und
saget es in euch: ,Ja, wenn diese arge Brut schon seit lange her also
beschaffen war, da hätte ihr Gott ja aber auch schon lange einen völligen
Garaus machen können!‘ Ja, das hätte Gott auch wohl tun können und hat es
teilweise auch getan durch mancherlei Gerichte, die einst so weit gingen, daß
das ganze Judenvolk vierzig Jahre lang in die harte Gefangenschaft Babylons
geriet und der Tempel Salomos und zum größten Teil auch die Stadt Jerusalem
zerstört wurden. Darauf tat das Volk wieder Buße und kehrte sich zu Gott
zurück. Und es ward wieder frei und kam wieder in dies Gelobte Land, baute
Stadt und Tempel wie von neuem auf und lebte dann eine Zeitlang in ganz guter
Ordnung. Aber als es dann wieder zu äußerem Glanz und Ansehen kam, da fing es
nach und nach auch an, von den rechten Wegen abzuweichen, und machte sich
selbst Satzungen, – das heißt hauptsächlich der Tempel, er stellte sie an die
Stelle der göttlichen Gesetze und hielt das Volk dazu an, diese
Menschensatzungen streng zu befolgen, während die Priester offen sagten und
lehrten: ,Es ist euch nützlicher, diese neuen Gesetze zu beachten denn die
alten!‘ Und auf diese Weise ging es also fort und fort, und es ward schlechter
und gottloser als unter den Richtern und Königen.
[GEJ.07_051,10] Es fehlte aber nie an
Mahnungen und teilweise ernsten Heimsuchungen, die leider keinen fruchtbaren
Boden mehr fanden. Als das Volk samt den Königen und Priestern des lebendigen
Gottes kaum mehr gedachte und alles in den Welttaumel hineinlebte, da sandte
Gott wieder Propheten und bedrohte es scharf, daß ein mächtiger Feind ins Land
gelassen werde, der alle Juden unterjochen und ihre Könige gefangennehmen werde
und der als Geiseln hinwegführen werde der Juden Weiber, Töchter, Ochsen, Kühe,
Kälber und Schafe und ihnen auch viel Gold, Silber, viele Edelsteine und Perlen
nehmen werde, und daß das Volk geknechtet werde für immer. Kurz, es wurde den
Juden alles in wohlverständlicher Rede dargestellt, wie es ihnen ergehen werde,
wenn sie von ihren Weltsatzungen und von ihrem Welttume nicht abgingen. Aber es
war da alles umsonst, und die Weissagung ging in Erfüllung; denn die Römer
drangen ins Land eroberten es und taten nach der Weissagung.
[GEJ.07_051,11] Nun bekamen die Juden der
weltlichen Gesetze genug ins Land und mußten sie auf Leben und Tod beachten.
Der Tempel kehrte dann unter manchen frommen Priestern zeitweilig zu Gott
wieder zurück, hielt aber nicht an und ist seit – sage – dreißig Jahren zu
einer wahrsten Räuberhöhle und Mördergrube herabgesunken und ist nun in sich
schlechter bestellt als irgendein Götzentempel der Vor- und Jetztzeit.
[GEJ.07_051,12] Und obwohl Ich nun, als der
Herr, mit Fleisch angetan, Selbst unter den offenbarsten Zeichen im Tempel lehre
und alles Volk samt den Tempeljuden die Wahrheit lehre, so nützt das aber
dennoch nichts, sondern die Pharisäer treiben nun ihr Trug- und Lugwesen noch
ärger denn je und halten beständig Rat, wie sie Mich aus dieser Welt schaffen
könnten. Und es wird ihnen sogar das auch noch zugelassen werden, damit ihr
Greuelmaß voll werde. Aber dann kommt auch das euch allen in der zweiten
Erscheinung gezeigte große Gericht über dieses Volk und damit auch ihr, der
Juden, Ende, worauf sie dann wie Spreu in alle Enden der Welt zerstreut werden.
Und ihr Name, der bis jetzt vor aller Welt ein so hochrühmlicher war, wird ein
verachteter sein.
[GEJ.07_051,13] Hätten sie diese Zeit der
großen Gnadenheimsuchung erkannt, so wären sie wohl für ewig das erste Volk in
der ganzen Unendlichkeit geworden und auch geblieben; weil sie aber eben diese
große Zeit der Zeiten nicht erkennen wollten, so werden sie denn auch, vom
großen Gerichte über sie alle angefangen, zum letzten Volke der Erde werden.
Zerstreut unter alle Völkerschaften der Erde, werden sie sich unter allerlei
Verfolgungen ihre Kost gleich den Vögeln der Luft suchen müssen, und sie werden
allenthalben untertänig sein.
[GEJ.07_051,14] Und wenn es auch in den
späteren Zeiten welche geben wird, die sich Berge groß des Mammons
zusammensammeln werden, so werden sie sich aber dennoch kein Land, kein Reich
und keine Regentschaft irgend auf der Erde erkaufen können; und also sollen sie
zum Zeugnisse für diese Meine Weissagung verbleiben bis ans Ende der Zeiten
dieser Erde.“
52. Kapitel
[GEJ.07_052,01] (Der Herr:) „Denket euch aber
nicht, daß das etwas Derartiges sei, das die gewissen blinden Weltweisen
,Bestimmung‘ nennen, als habe Gott schon für jeden Menschen bestimmt, was er in
seinem kurzen oder längeren Leben zu gewärtigen hat! Etwas Derartiges zu denken
und zu glauben kann der Seele den Tod bringen, weil das eine Lehre ist, die
eine heimliche Ausgeburt der Hölle ist und zu den wahren Lebensprinzipien aus
Gott für die Menschen gerade das schroffste Gegenteil darstellt. Die Bestimmung
machen sich die Menschen selbst durch die Verkehrtheit ihres freien Willens und
dadurch, daß sie nicht erwecken wollen alle die sieben Lebensgeister in sich,
wodurch sie auch nicht zu der wahren Anschauung ihres innern, wahren und
unvergänglichen Lebensschatzes kommen. Dadurch kommen sie auf Abwege und wollen
dann auch im Lichte der Welt das wahre, innere Licht des Lebens aufsuchen und
frohen Mutes nach demselben wandeln und handeln.
[GEJ.07_052,02] Wenn eine Menschenseele aber
einmal so recht in der dicksten Nacht ihres selbstgeschaffenen Weltdünkels
steckt, so können ihr bei Belassung ihrer inneren Willensfreiheit auch alle
Engel der Himmel keine andere Richtung geben, und es kann da dann niemand
sagen: ,Siehe, das war schon also die Bestimmung für diesen Menschen!‘ Ja, es
war wohl allerdings eine Bestimmung, aber nicht etwa von Gott ausgehend,
sondern vom Menschen selbst.
[GEJ.07_052,03] Von Gott aus war es nur eine
Zulassung, und das eben infolge des vollkommen freien Willens des Menschen. Und
was Ich nun sagte von einem Menschen, das gilt denn auch von einem ganzen
Volke. Es ist und bleibt der Selbstschöpfer seiner zeitlichen und seiner ewigen
Schicksale.
[GEJ.07_052,04] Und so wäre es großirrig
anzunehmen, Gott habe schon gar von Ewigkeit her bestimmt, daß dies alles, was
Ich euch nun durch die Erscheinungen gezeigt und mit dem Munde vorausgesagt
habe, also geschehen müsse. O nein, das durchaus ganz und gar nicht! Aber es
wird dennoch alles also geschehen, weil es die Menschen also wollen, weil der
allergrößte und mächtigste Teil von ihnen in aller Nacht der Hölle sich gar
wohlbehaglich und allerhartnäckigst freiwillig befindet und nun selbst auf
Meinen allergewaltigsten Ruf diese Nacht des Todes nicht verlassen will.
[GEJ.07_052,05] Denn mehr, als was Ich Selbst
nun tue, getan habe und noch tun werde, kann bei der vollen Belassung der
Freiheit des menschlichen Willens unmöglich getan werden, und wem da nicht die
Augen aufgehen, und wer sich danach noch nicht kehrt, dessen Blindheit und
eherne Verstocktheit des Herzens heilt kein Mittel mehr, von dem jeder sagen
kann, daß es ein wahres, gutes und sanftes ist. Da muß dann das Gericht kommen
und als letztes Mittel wirken. Damit aber das Gericht losbreche, muß das
dasselbe bewirkende Maß voll werden, was bei diesem Volke bald – wie Ich's
gesagt habe – der Fall sein wird. Und so denket nun nicht ängstlich viel
darüber nach; denn nicht Ich, sondern die unbekehrbaren Menschen wollen es
also!“
[GEJ.07_052,06] Sagte nun Nikodemus: „Aber
Herr und Meister, da sieht es um die Menschheit ja ganz entsetzlich böse aus!
Wenn Gott Selbst solchen Menschen niemals sogar wider ihren dummen Willen und
Eigensinn helfen kann, ja, wer soll ihnen dann noch helfen können?“
[GEJ.07_052,07] Sagte Ich: „Ja, Freund, du
verstehst gar viele irdische Dinge nicht, die du doch siehst und begreifst, –
wie willst du dann rein geistige Dinge fassen und begreifen, die du nicht
siehst und irgend fühlst?! Ich habe es ja gesagt, daß Gott beim Menschen in
bezug auf seine innere, geistige Entwicklung mit Seiner Allmacht nicht leitend
und lenkend einwirken darf, und das aus Seiner ewigen Ordnung heraus. Denn täte
Gott das, so würde der Mensch in sich zur toten Maschine und könnte nie zu
einer freiesten Lebensselbständigkeit gelangen.
[GEJ.07_052,08] Bringe Mir den ärgsten
Raubmörder her, und Ich werde ihn plötzlich umgestalten zu einem Engel des
Lichtes; aber da wird unterdessen sein Selbstisches so gut wie völlig tot sein!
Sowie Ich Mich aber mit dem Geiste Meines allmächtigen Willens wieder zurückziehen
werde, so wird sein Selbstisches wieder tätig, und vor dir wird der alte
Raubmörder stehen. Denn seine Liebe ist Raub- und Mordlust und ist somit sein
Leben; nimmt man ihm dieses, so ist er dann vollkommen tot und hat gänzlich zu
sein aufgehört.
[GEJ.07_052,09] Ein solcher Mensch aber kann
dennoch gebessert werden, und das durch den höchst schlimmen Zustand, in den er
sich selbst durch seine böse Liebe versetzt hat. Denn des Menschen Seele fängt
erst dann an, über den Grund ihres argen und unglückseligen Zustandes
nachzudenken, wenn sie sich schon im schweren Gerichte aus sich selbst
befindet; und fängt die Seele einmal an, den Grund zu erkennen, dann wird sie
auch bald den Wunsch in sich wahrnehmen, ihres argen Zustandes loszuwerden, und
wird auf Mittel und Wege nachzusinnen anfangen, wie sie sich von dem argen
Gerichte irgend losmachen könnte.
[GEJ.07_052,10] Und hat die Seele einmal
solchen Wunsch und Willen in sich, so ist sie auch schon fähig, ein Licht in
sich aufzunehmen, das ihr von oben her durch allerlei geeignete Mittel geboten
wird.
[GEJ.07_052,11] Ergreift die Seele die ihr
gebotenen Mittel, so fängt ihre ehedem böse Liebe an, sich in eine gute und
bessere aus und in sich selbst umzugestalten. Es wird lichter und lichter in
ihr, und sie geht wie von Stufe zu Stufe zu einer höheren Lebensvollendung
über, und das ist nur durch die Zulassung eines schärfsten Gerichtes möglich.
Und es wird sonach denn auch über die Juden, wenn ihr Greuelmaß voll sein wird,
ein schärfstes Gericht zugelassen werden, und das hier und jenseits, und das
wird sie sehr demütigen für alle Zeiten der Zeiten, da sie nimmer zu einer
Volksbeherrschung gelangen werden.“
53. Kapitel
[GEJ.07_053,01] Sagte Nikodemus: „Herr und
Meister, warum aber muß erst dann ein solch böses Gericht über ein Volk kommen,
so es sein gewisses Maß mit Sünden aller Art und Gattung vollgemacht hat? Und
was ist das für ein Maß, und worin besteht es?“
[GEJ.07_053,02] Sagte Ich: „Das ist aber doch
etwas sonderbar, daß du als ein Ältester des Tempels und der ganzen Stadt das
nicht verstehst, und hast doch die weisen Sprüche Salomos oft und oft für dich
und für die andern gelesen! Wenn ein Kind im Mutterleibe einmal vollreif
geworden ist, so hat es sein Maß als Fötus voll, und es wird in die Außenwelt
geboren. Eine Frucht am Baume hat ihr Maß erreicht, so sie vollreif wird,
worauf sie dann vom Baume fällt. Ein Mensch, der des Gesetzes wohl kundig ist,
dasselbe vollständig hält und es aus Liebe zu Gott und seinem Nächsten nicht
mehr übertritt, hat dadurch das lichtvolle Maß der eigenen Lebensvollendung
vollgemacht und ist dadurch schon diesseits ein Bürger der Himmel geworden, da
er den geistigen Tod in sich vollkommen besiegt hat und voll des ewigen Lebens
aus Gott geworden ist.
[GEJ.07_053,03] Aber ein Mensch, der sich
fürs erste schon nie eine rechte Mühe gibt, die Lebensgesetze Gottes näher und
heller kennenzulernen – da ihn die Lustbarkeiten der Welt zu sehr abziehen –,
und der sich von einem Sinnentaumel in den andern stürzt, der fängt an, Gott zu
vergessen, und sein Glaube an Ihn schwindet dadurch mehr und mehr. Wie er aber
des Glaubens an einen Gott bar wird, so werden ihm auch seine Eltern lästig. Er
gehorcht ihnen nicht nur nicht mehr, sondern ärgert sie nur durch allen
möglichen Ungehorsam, schlägt sie am Ende wohl gar, bestiehlt sie und verläßt
sie. Wie er aber seine Eltern nicht achtet, so achtet er seine Nebenmenschen
noch weniger. Er treibt Hurerei aller Art und Gattung, wird ein Dieb, ein
Räuber und ein Mörder, um sich Mittel zu verschaffen, seinen Sinnen und argen
Leidenschaften mehr frönen zu können. Und so hat sich dieser Mensch endlich
aller Lebensgesetze ledig gemacht und handelt dann nach den Gesetzen seiner
argen und bösen Natur und versündigt sich sogestaltig vollkommen am ganzen Gesetze.
Dadurch aber hat er auch das Maß des Bösen erfüllt, ist ein Teufel geworden und
hat dadurch denn auch in sich und aus sich das Gericht über sich selbst zum
Losbruche gebracht und muß es sich in seiner großen Qual und Pein nun selbst
zuschreiben, daß daran niemand als nur er selbst schuld war.
[GEJ.07_053,04] Daß aber auf ein
Sündenvollmaß ganz sicher das Gericht – was der eigentliche geistige Tod ist –
folgt, das ist von Gott aus schon von Ewigkeit her also verordnet und
unabänderlich für alle zukünftige Ewigkeit festgestellt; denn wäre das nicht
also, so gäbe es kein Feuer, kein Wasser, keine Erde, keine Sonne und keinen
Mond und auch kein Geschöpf auf ihnen.
[GEJ.07_053,05] Das Feuer ist wohl ein böses
Element, und so es dich ergriffe, da würde dir das den Tod geben. Soll aber
darum kein Feuer sein, weil es auf die Menschen leicht eine tödliche Wirkung
ausübt? Siehe, die Erde hat eine gewisse Anziehung, derzufolge jeder Körper
schwer wird und unablässig nach ihrem Mittelpunkte strebt! Vermöge dieser Eigenschaft
der Erde aber kannst du von einer Höhe herabfallen und dich töten. Ja, soll die
Erde diese Eigenschaft nicht besitzen, weil sie dem Menschen den Tod geben
kann? Oh, da sähe es bald gar übel mit der Erde aus; denn sie ginge auseinander
und löste sich noch völliger auf als ein Stück Eis an der Sonne, und mit allen
Geschöpfen auf ihr hätte es ein Ende! Denn wo wohl sollten sie bestehen, so sie
keine feste Unterlage hätten? Und siehe, diese notwendige Eigenschaft der Erde
und aller ihrer Materie ist auch ein Gericht von Gott aus für alle Materie,
ohne das es keine Materie gäbe!
[GEJ.07_053,06] Und so ist alles ein Gericht,
von Gott verordnet, was du in dieser Welt nur immer ansehen magst, und wer sich
vom Geistigen und somit auch von Gott abwendet und sich in seiner Seele zur
Materie der Welt kehrt, der kann doch unmöglich anderswohin als ins alte
Gericht und seinen Tod gelangen; denn die Freiheit und die vollste
Gerichtslosigkeit ist nur im reinen Geiste aus Gott, den jeder überkommen kann
und wird, der nach Meiner Lehre lebt und glaubt, daß Ich in diese Welt von Gott
aus als Selbst Gott gekommen bin, um allen Menschen das wahre Lebenslicht und
das ewige Leben zu geben. Denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg
und das Leben. – Verstehest du das nun?
54. Kapitel
[GEJ.07_054,01] Sagte Nikodemus: „Herr und
Meister, das verstehe ich nun und danke Dir inbrünstigst für diese Deine so
hochwichtige Belehrung! Aber da Du uns nun die zwei Erscheinungen erklärt hast,
so möchte ich Dich wohl bitten, uns noch die dritte Erscheinung zu beleuchten;
denn hinter der muß etwas gar Großes verborgen sein.“
[GEJ.07_054,02] Sagte Ich: „Ja ja, Ich werde
euch die dritte Erscheinung wohl beleuchten; doch ihr werdet sie nicht wohl
verstehen; denn was die noch ferne Zukunft bringen wird, das werdet ihr erst
dann klarer einsehen, so ihr im Geiste wiedergeboren sein werdet. Aber Ich will
euch dennoch darüber etwas sagen, und so höret denn!
[GEJ.07_054,03] Die aus den Himmeln auf die
Erde zurückgekehrte Lichtsäule bin Ich im Geiste Meines lebendigen Wortes, das
Ich in der Zukunft in die Herzen jener Menschen legen werde, die Mich lieben
und Meine Gebote halten werden; zu denen werde Ich Selbst kommen und werde Mich
ihnen offenbaren. Und also werden sie alle von neuem von Gott belehrt sein.
[GEJ.07_054,04] Die Zerteilung der Säule in
zahllos viele Teile bedeutet die Enthüllung des innern, geistigen Sinnes aller
Meiner Worte und Lehren, die Ich seit Beginn des Menschengeschlechts den
Menschen durch den Mund der Urväter, der Propheten und Seher und nun Selbst
gegeben habe.
[GEJ.07_054,05] Aus solchen vielen
Teilenthüllungen des innern, geistigen Sinnes des Wortes Gottes wird sich dann
erst eine wahre und große Licht- und Lebenslehre zusammenformen, und diese
Lehre wird dann sein das große und neue Jerusalem, das aus den Himmeln zu den
Menschen herniederkommen wird. Und die in der neuen Lehre sein und leben
werden, die werden wandeln im neuen Jerusalem und werden darin wohnen ewig, und
ihrer Seligkeiten über Seligkeiten wird ohne Maß und Ziel nimmer ein Ende sein.
Denn Ich Selbst werde bei ihnen sein, und sie werden schauen alle die zahllosen
Herrlichkeiten Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht.
[GEJ.07_054,06] Es wird aber vom Untergange
dieser alten Stadt Jerusalem an bis in die Zeit der neuen Stadt Gottes auf
Erden wenig Licht unter den Menschen auf Erden geben; denn es werden sich nur
zu bald eine Menge falscher Propheten und Priester in Meinem Namen erheben und
werden falsche Wunder wirken und die Menschen betören und blind machen, ja der
Antichrist wird solche Dinge mit Hilfe der Könige der Erde tun, daß sogar Meine
Auserwählten, so Ich es zuließe, verlockt werden könnten, ihre Knie vor dem
neuen Baal zu beugen. Aber Ich werde dann wieder eine große Drangsal unter die
Menschen kommen lassen, wie sie noch nicht war unter der Sonne. Da wird der
Baal gleich der großen Hure Babels gestürzt werden, und das Licht des
lebendigen Wortes in den Herzen vieler Menschen wird dann kommen und aufrichten
und erlösen die Bedrängten und Gebeugten, und sie werden sich alle freuen in
dem neuen Lichte und lobpreisen Meinen Namen lobpreisen.
[GEJ.07_054,07] In jener Zeit werden die
Menschen vielfach Umgang haben mit den reinen Geistern Meines Himmels, und
diese werden ihre Lehrer sein und sie unterweisen in allen Geheimnissen des
ewigen Lebens in Gott, wie euch solches in der dritten Erscheinung auch dadurch
gezeigt wurde, daß ihr durch die zwölf Tore Menschen aus- und eingehen sahet.
[GEJ.07_054,08] Die zwölf Tore bezeugten nun
aber nicht mehr, daß die neue Stadt erbaut sei aus den zwölf Stämmen Israels,
sondern aus den zwölf Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, und diese sind enthalten
in den zehn Geboten Mosis und in Meinen neuen zwei Geboten der Liebe; denn
diese sind die Tore, durch die künftig die Menschen in die neue, licht- und
lebenvolle Stadt Gottes eingehen werden.
[GEJ.07_054,09] Nur wer diese Meine Gebote
halten wird, der wird auch in diese Stadt eingehen, und es wird ihm Licht und
Leben gegeben werden; wer aber die Gebote nicht halten wird, der wird in diese
neue Stadt auch nicht gelangen. Also bezeichneten auch die zwölf
Edelsteingattungen wieder dieselben zwölf Gebote, aus denen die Mauer um die
große Stadt erbaut war.
[GEJ.07_054,10] Diese zwölf Gebote sind für
den Menschen sonach nicht nur die Eingangstore zum Licht und zum Leben, sondern
sie sind auch dessen unzerstörbarer Schutz und Schirm, den die Pforten und
Mächte der Hölle oder das materielle Welttum nimmer zerstören und besiegen
können.
[GEJ.07_054,11] Zugleich aber habt ihr bei der
Erscheinung auch bemerkt, wie die Steine der Mauer auch ein starkes Licht in
allen ihren Farben von sich gaben. Das zeigte euch an, daß in den euch
gegebenen zwölf Geboten auch alle Grade der göttlichen Weisheit enthalten sind,
und es kann sonach der Mensch nur durch die Haltung der zwölf Gebote zur
vollkommenen Weisheit gelangen. Denn in den Geboten ist alle Weisheit aus Gott
enthalten, und weil darin alle Weisheit Gottes enthalten ist, so ist darin auch
alle göttliche Macht und Kraft enthalten, und das darum, weil in diesen Geboten
der allweiseste und allmächtige Wille und durch diesen die höchste Freiheit
enthalten ist.
[GEJ.07_054,12] Wer sich sonach den Willen
Gottes durch die Haltung der Gebote zu eigen gemacht hat, der hat sich auch zu
eigen gemacht die göttliche Macht und die göttliche Freiheit und hat den
Zustand der wahren Wiedergeburt des Geistes erreicht und ist als ein wahres
Kind Gottes so vollkommen wie der Vater im Himmel Selbst.
[GEJ.07_054,13] Und Ich sage euch denn nun
allen, daß ihr euch eben durch genaue Haltung der Gebote vor allem bestreben
sollet, schon hier auf Erden also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel
vollkommen ist, so werdet ihr auch das und noch Größeres zu tun imstande sein
als Ich Selbst nun. Und werdet ihr euch in diesem Zustande befinden, dann
werdet auch ihr schon zum voraus Bürger des neuen Jerusalem sein. Das ist
demnach der Sinn der dritten Erscheinung. – Habt ihr das alles wohl aufgefaßt
und begriffen?“
[GEJ.07_054,14] Auf diese Meine Erklärung der
dritten Erscheinung machten alle große Augen und dachten eine Weile sehr nach,
wußten aber doch nicht recht, inwieweit sie diese letzte Erklärung recht und
wieder etwa doch nicht ganz recht verstanden hatten.
55. Kapitel
[GEJ.07_055,01] Nikodemus sagte nach einer
Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, übergroß und tief ist das, was
Du uns nun ganz lichtvoll gezeigt hast, und ich werde Dir wohl ewig dafür nicht
zur Genüge danken können; aber weil das von Dir nun Gesagte und Gezeigte so
übergroß und übertief ist, so habe ich, wie vielleicht auch mancher andere,
diese Sache nicht so ganz aus dem Fundamente lichtvoll begreifen können. Ich
sehe es aber wohl ein, daß mir diese Sache auch eine weitere Erklärung nicht
klarer machen würde, und so sage ich denn auch nicht: Herr, mache mir das noch
klarer und begreiflicher!“
[GEJ.07_055,02] Sagte Ich: „Da hast du auch
ganz vollkommen recht. Diese Sache läßt sich für dich und auch für manchen
andern nicht klarer darstellen; das alles und noch zahllos mehr aber wirst du
erst dann fassen, wenn du im Geiste wiedergeboren sein wirst.
[GEJ.07_055,03] Mein Wort und Meine Predigt
an euch kann nicht in der gewissen weltvernünftigen Redeweise der Menschen und
ihrer Weltweisheit gegeben werden, sondern sie besteht in der Beweisung des
euch völlig unbekannten Geistes und seiner Kraft, damit euer Glaube und euer
zukünftiges Wissen nicht auf der Weisheit der geistig blinden Menschen, sondern
auf der wunderbaren Kraft des Geistes aus Gott beruhe.
[GEJ.07_055,04] Nun, diese Meine Lehr- und
Redeweise erscheint vor den Augen der Weltweisen als eine Torheit, weil sie vom
Geiste und seiner Kraft nichts wissen und nichts wahrnehmen mit ihren groben
Sinnen; aber Meine Lehre ist dennoch eine Weisheit tiefster und höchster Art,
nur vor den Augen, Ohren und Herzen der vollkommenen Menschen, die eines guten
Willens sind und die Gebote Gottes allzeit beachtet haben. Aber für die Weisen
und Obersten dieser Welt, die vergehen wie ihre Weisheit, ist Meine Lehre
freilich wohl das nicht.
[GEJ.07_055,05] Ich rede zu euch von der
verborgenen Weisheit Gottes, die Er schon vor der Erschaffung dieser
materiellen Welt verordnet hat zu eurer ewigen Lebensherrlichkeit, welche
verborgene Weisheit noch kein Pharisäer, kein Ältester und Schriftgelehrter und
Tempeloberster nach seiner Weltvernunft aus der Schrift erkannt hat; denn
würden sie diese verborgene Weisheit jemals erkannt haben, so würden sie nicht
in einem fort Rat halten, wie sie Mich, den Herrn von Ewigkeit, töten und
verderben könnten. Doch lassen wir sie nur trachten und Rat halten; denn wie
ihr Tun, so wird auch ihr Lohn sein!
[GEJ.07_055,06] Euch aber sage Ich, wie es
geschrieben steht: ,Kein Menschenauge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und
in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn
lieben und Seine Gebote halten!‘
[GEJ.07_055,07] Was Ich euch nun offenbare,
das offenbart der Geist Gottes eurem Geiste, auf daß auch euer Geist erforsche
und erkenne die Tiefen in Gott. Denn nur der Geist durchschaut und durchforscht
alle Dinge und, dadurch geläutert, auch die Tiefen in Gott. Und also bekommet
ihr von Mir nun nicht den Geist der Welt, dessen ihr nimmerdar bedürfet,
sondern den Geist aus Gott, auf daß ihr durch diesen Geist erst völlig fassen
und begreifen könnet, was euch von Mir als von Gott gegeben ist.
[GEJ.07_055,08] Ich kann denn darum mit euch
davon nicht nach Art der Menschenweisheit reden, sondern nur mit Worten, die
der Geist Gottes lehrt, und alle Dinge geistig richtet, und ihr vermöget Mich
darum auch nicht völlig zu verstehen, weil euer Geist noch nicht ganz
durchdrungen hat eure Seele. Wenn aber eure Seele ganz sich mit aller Liebe und
freiem gutem Willen im Geiste aus Gott, den ihr nun bekommet, befinden wird,
dann werdet auch ihr aus euch heraus alle Dinge geistig richten und wohl
erkennen und verstehen alles, was euch nun noch dunkel und unverständlich
erscheint.
[GEJ.07_055,09] Ihr vernehmet aber nun doch
schon etwas vom ewig wahren Geiste Gottes und könnet auch schon gar manches
geistig richten. Doch der ganz natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste
Gottes in sich, und wenn man davon zu ihm redet, so ist ihm das eine Torheit,
weil er das nicht in sich hat, was seine Seele geistig richten könnte. Denn so
ein Mensch Geistiges fassen und begreifen will, so muß zuvor seine Seele und
alles völlig geistig gerichtet sein; denn alles Leben und alles wahre Licht und
alle wahre Kraft ist nur im Geiste, der allein alles richtet und von niemandem
etwa entgegen gerichtet werden kann.
[GEJ.07_055,10] Der natürliche, noch
geistlose Mensch aber ist Materie in ihrem Gerichte, und sein Naturleben ist
ihm vom Geiste Gottes aus nur als ein Mittel gegeben, daß er sich durch
dasselbe das wahre, geistige Leben in sich erwecken kann, so er will. Und so
kann er mit seinem Naturverstande die Gebote Gottes schon als solche wohl
erkennen und dann den Willen fassen, sie auch zu beachten und nach ihnen zu
leben und zu handeln. Und tut er das, so dringt der Geist Gottes schon auch
insoweit in seine Seele, inwieweit diese in der Beachtung der Gebote Gottes und
im Glauben an den einen Gott und in der Liebe zu Ihm und zum Nächsten
vorwärtsgedrungen ist.
[GEJ.07_055,11] Wenn die Seele es aber darin
zu einer nimmer möglich rückfälligen Stärke gebracht hat, so ist das dann schon
ein sicherer Beweis, daß der Geist aus Gott sie ganz durchdrungen hat und in
ihr all ihr Erkennen und Wissen geistig richtet, und solch eine Seele hat
dadurch ihre früher tote Materie völlig überwunden und ist mit dem Geiste
Gottes, der sie durchdrungen hat, ein Geist, eine Kraft, ein Licht und ein
wahres, nimmer verwüstbares Leben geworden, das von niemand mehr gerichtet
werden kann.
[GEJ.07_055,12] Darum suchet ihr alle vor
allem das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch
dann von selbst hinzugegeben werden; denn das wird dann der Geist Gottes in
euch tun. Sorget euch gar nicht um irdische Dinge, nicht einmal darum, was ihr
am kommenden Tage essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet;
denn um das alles sorgen sich die Heiden und andere Weltmenschen, die den
wahren Gott noch nie erkannt haben. Wenn der wahre Geist in euch seine volle
Wiedergeburt erreicht haben wird, so werdet damit auch ihr alles erreicht
haben, was euch not tut.
[GEJ.07_055,13] So ihr auf Meinen Wegen wandeln
und bleiben werdet, wie Ich euch das lehre und gelehrt habe, so werdet ihr auch
in Mir sein und Mein Geist in euch, und mit dem werdet ihr alles tun und
bewirken können, was seine Weisheit euch sagen und sein Wille in euch wollen
wird. Und damit ist euch jede nötige weltliche Versorgung für die Zeit eures
Erdenlebens auch im allerreichlichsten Maße gegeben.
[GEJ.07_055,14] Ihr habt nun bei Mir
erfahren, was dem Geiste alles möglich ist; was aber Meinem Geiste möglich ist,
das wird auch eurem Geiste möglich sein, wenn er eins wird mit Mir. Wie er aber
mit Mir eins werden kann, das habe Ich euch schon zu vielen Malen gezeigt, und
so tut denn danach, und ihr werdet diese Meine Verheißung in euch in die volle
Erfüllung gehen sehen!
[GEJ.07_055,15] Nun aber, da wir heute vieles
getan und gewirkt haben, wollen wir, da es schon ein paar Stunden über die
Mitternacht hinaus ist, eine kleine Ruhe nehmen und morgen ein neues Tagewerk
beginnen!“
[GEJ.07_055,16] Sagte Lazarus: „Herr, mit den
Schlaflagern wird es mir hier für so viele Menschen auch etwas knapp gehen!“
[GEJ.07_055,17] Sagte Ich: „Warum denn? Ein
jeder bleibe auf seinem Flecke sitzen, stütze sich auf seine Arme und ruhe, und
es wird ihm das sehr wohl zustatten kommen!“
[GEJ.07_055,18] Damit war Lazarus ganz
zufrieden und tat auch für seine Person dasselbe.
[GEJ.07_055,19] Nikodemus aber wollte nun
nach Hause ziehen, um am Tage nicht auf dem Berge gesehen zu werden; denn er
hatte Furcht vor den Pharisäern.
[GEJ.07_055,20] Ich aber sagte zu ihm: „Habe
du keine Furcht vor denen, die dir nichts anhaben können! So Ich es will und du
es glaubst, da kannst du auch am hellsten Tage ungesehen diesen Berg verlassen
und dich in dein Amt begeben.“
[GEJ.07_055,21] Sagte Nikodemus: „Dann bleibe
ich, da meine Familie mich ohnehin im Tempel und arbeiten wähnen wird.“
[GEJ.07_055,22] Sagte Ich: „Allerdings, und
so bleibe, und ruhe auch ein wenig.“
[GEJ.07_055,23] Auf diese Meine Worte hin
ward es still im Saale, und alles gab sich einer kurzen und den Leib sehr
stärkenden Ruhe hin.
[GEJ.07_055,24] Unser Raphael aber begab sich
auf Mein inneres Geheiß zu den Sklaven, die noch nicht ruhten, und brachte sie
auch auf die gleiche Weise zur Ruhe, blieb dann bis zum Aufgang der Sonne bei ihnen
und bewirkte, daß sie alle gar seltsam schöne Träume hatten; denn es war das
diesen nordischen Kindern sehr eigen, allerlei weissagende Träume zu haben. Und
hatten sie im Traume schöne und wunderbare Dinge gesehen, so waren sie am Tage
sehr erbaut, fromm, geduldig und munter.
[GEJ.07_055,25] Und so ward hier jedem das
Seinige.
56. Kapitel
[GEJ.07_056,01] Wir ruhten und schliefen noch
gar gut, als die Sonne schon über den fernen Horizont stieg. Da ward Lazarus
und sein Wirt munter, und letzterer erhob sich alsbald vom Stuhle und ging
hinaus, die Dienerschaft zu wecken, auf daß sie sich an die Zubereitung eines
guten und reichlichen Morgenmahles mache. Es ward daher bald alles im ganzen
Hause lebendig, und so erwachten denn auch wir, erhoben uns von unseren Plätzen
und gingen hinaus ins Freie.
[GEJ.07_056,02] Es war aber vor dem Hause ein
Brunnen, der ein gutes und reines Wasser hatte, und Ich sagte zu Lazarus:
„Bruder, auf daß wir dem Nikodemus kein Ärgernis geben, so lasse Krüge bringen
und sie mit Wasser füllen, auf daß wir uns die Hände waschen können und es
nicht heiße, wir äßen das Brot mit ungewaschenen Händen!“
[GEJ.07_056,03] Dies geschah, und alle
wuschen sich die Hände, das Gesicht und auch die Füße, worauf reine Tücher zum
Abtrocknen der Haut gereicht wurden.
[GEJ.07_056,04] Als diese Waschung vorüber
war, da kam auch unser Raphael wieder zu uns und berichtete dem Lazarus, daß
die Jugend noch ganz wohl ruhe, schlafe und träume und daher vor ein paar
Stunden noch nicht geweckt werden solle. Solches geschah denn auch, weil das
für die durch die weite und schlechte Reise müde gewordene Jugend sehr
notwendig war.
[GEJ.07_056,05] Jetzt aber bei Tage bemerkte
Nikodemus erst so recht die blendende Schönheit Raphaels und konnte sich nicht
satt sehen an ihm. Nach einer Weile des innern, tiefen Staunens sagte er zu
Mir: „Aber Herr und Meister, wo ist denn dieser überirdisch schöne Jüngling
her? Wie heißt er denn? Nein, ich habe noch nie eine ähnliche männliche
Schönheit gesehen! Unweit von ihm steht zwar auch, wenn man es recht
betrachtet, ein gar sehr liebliches Mädchen; aber wie irdisch ist es doch gegen
diesen schon überhimmlisch schönen Jüngling! Seine Goldlocken, wie sie so schön
geordnet über seinen ganz ätherisch weichen Nacken, der beinahe schneeweiß ist,
herunterwallen! Welch eine unbeschreibliche Anmut in seinem Angesicht! Wie
weich, voll und zart und sanft seine Arme und Füße! Es ist an ihm alles so
geordnet und gewählt, wennschon ganz einfach, daß ich als ein Ältester der
Stadt und des Tempels noch nie auch nur in einem Traume etwas Ähnliches gesehen
habe. Wahrlich, dieser Jüngling kann kein Kind dieser Erde sein! Wenn er nach
dem Muster der Cherube, die im Allerheiligsten des Tempels die Lade bewachen,
Flügel hätte, so wäre er ein vollkommener Engel Gottes!“
[GEJ.07_056,06] Sagte Ich: „Meinst du denn
wohl, daß die Engel Gottes Flügel haben müssen, um Engel zu sein? Da bist du
noch in einer sehr großen Irre! Hatten die drei Männer, die zu Abraham kamen,
Flügel? Oder hatten das die Jünglinge, die den Lot retteten, oder der Engel,
der den jungen Tobias führte? Mir ist es nicht bekannt, daß in der Schrift von
ihren Flügeln irgend eine Erwähnung geschieht. Auch der Engel, der dem Abraham
erschien, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte, und ihn davon
abhielt, hatte nach der Schrift keine Flügel.
[GEJ.07_056,07] Nur die beiden ehernen
Cherube mußte Moses als vorbildlich dahin entsprechend mit Flügeln darstellen,
um für die damals noch sehr sinnlichen Juden anzudeuten, daß die reinen Geister
aus den Himmeln Gottes sich in allem höchst schnell bewegen – im Denken,
Beschließen, Handeln und Vollbringen. Nun kennt der natürliche Mensch der der
Erde keine schnellere Bewegung als den Flug der Vögel in der Luft mittels ihres
Flügelpaares, und so hat denn auch Moses, um den Menschen die Schnelligkeit des
Geistigen zu versinnlichen, den Cheruben die Flügel machen müssen nach der
Anordnung Gottes. Sonst aber in der Wirklichkeit hat kein Engel Gottes je ein
Paar Flügel gehabt.
[GEJ.07_056,08] Der Flügel bedeutet also nur
den hohen Grad der Weisheit und Kraft alles rein Geistigen, aber nicht, als
müßte ein reiner Geist sich auch gleich einem Vogel auf ein Geheiß Gottes vom
Himmel auf die Erde herab- und von da wieder zurückbewegen. Übrigens gab es im
wahren Himmel niemals irgendeinen Engel, der nicht zuvor ein Mensch auf
irgendeiner Erde gewesen wäre. Das aber, was ihr euch unter den als reine
Geister geschaffenen Engeln sehr irrig vorstellet, ist nichts als die
auswirkenden Kräfte und Mächte Gottes, durch die Gottes Allgegenwart, in aller
Unendlichkeit wirkend, bekundet wird, die sich aber kein Mensch unter einem
Bilde vorstellen soll, weil das Unendliche aus Gott für jedes begrenzte Wesen
der Wahrheit nach unvorstellbar ist, was hoffentlich doch nicht schwer zu
begreifen ist.
[GEJ.07_056,09] Weil aber ein jeder Mensch
seiner Seele nach berufen ist, ein wahrer Engel der Himmel Gottes zu werden, so
kann dieser schöne und keuscheste Jüngling ja auch ebensogut ohne Flügel auf
dieser Erde sein, wie Ich Selbst nun im Fleische als der alleinige Herr Himmels
und der Erde bei euch bin und euch Selbst lehre und dabei dennoch die ganze
Unendlichkeit erhalte. Übrigens steht es aber ja geschrieben: ,Zu derselben
Zeit werdet ihr die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen, die dem Herrn
dienen werden!‘ Und also kann dieser Jüngling auch ganz gut ein Engel sein. –
Was ist da deine Meinung?“
[GEJ.07_056,10] Sagte Nikodemus: „Ja, ja,
schön ist er offenbar mehr denn zur Übergenüge dazu; aber er steigt nicht auf
und nieder zwischen Erde und Himmel!“
[GEJ.07_056,11] Sagte Ich: „O du große
Blindheit der Menschen! Wie kannst du als ein vielerfahrener Mensch doch
annehmen, daß Engel aus dem materiellen Himmel auf diese gleich materielle Erde
und von da wieder zurück steigen werden und die Menschen das also sehen werden
und auch, wie Mir solche Engel dienen möchten?! Das Auf- und Niedersteigen der
Engel bedeutet ja nur: von der Liebe zur wahren Weisheit aufsteigen und mit der
Weisheit wieder zur Liebe, welche der wahre, lebendige Geist aus Gott in euch
ist, zurückkehren.
[GEJ.07_056,12] Wenn ein Mensch in seinem
Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten recht erweckt und fasset, so steigt
er dadurch auf zur Weisheit oder zur rechten und tiefen Erkenntnis in allen
Dingen. So ein Mensch aber solch eine Erkenntnis erlangt hat und Gottes
unbegrenzte Liebe, Weisheit und Macht tiefer und tiefer erkannt und begriffen
hat, so wird er voll Demut und voll der lebendigsten Liebe zu Gott. In diesem
Falle steigt er dann wieder ins Herz, erleuchtet dasselbe noch heller und macht
es glühender in der Liebe zu Gott.
[GEJ.07_056,13] ,Aber‘, sagst du bei dir,
,stellt denn diese Erde die Liebe und der Himmel die Weisheit dar, da es doch
auf der Erde gar so lieblos zugeht und vom Himmel nur Gutes kommt, – höchst
selten irgend etwas minder Gutes?‘
[GEJ.07_056,14] Ja, im Menschenherzen als dem
Sitze der Liebe geht es zumeist auch sehr lieblos zu, und dennoch ist das Herz
der Sitz der Liebe. Aber die pure Liebe im Herzen, als ganz allein für sich
daseiend, würde ebensowenig Früchte des Lebens zustande bringen wie die Erde
ohne das Licht der Sonne. Die Sonne des Himmels für das Herz im Menschen aber
ist einmal sein natürlicher Verstand. Dieser steigt in geordneten, guten
Gedanken, Ideen und Begriffen ins Herz oder auf die Erde im Menschen herab,
erleuchtet sie und belebt die Keime zu guten und edlen Taten. Ist das Licht des
Verstandes noch schwach gleich dem Lichte der Sonne im Winter, so wird dabei
das Herz wohl verständiger und klüger; aber da es noch sehr in der Selbstliebe
verharrt, so werden die edlen Keime in ihm nicht aufgehen, wachsen und
lebensvolle Tatenfrüchte zur Reife bringen. Wenn aber ein Mensch durch Fleiß
und rechte Verwendung seiner Talente und Fähigkeiten in seinem Verstande heller
und heller wird, so wird des Verstandes Licht auch mächtiger erwecken die
Lebenswärme im Herzen, und die in ihm ruhenden Samenkörner zu guten Taten
werden zu keimen, zu wachsen, zu blühen anfangen und bald edle Tatenfrüchte zur
reichen Lebensernte bringen und vollreif werden lassen.
[GEJ.07_056,15] Und so sind hier unter
,Engeln‘ einmal die Gedanken, Ideen und Begriffe des lichten Verstandes, der
der Weisheitshimmel des Menschen ist – freilich im kleinsten Maßstabe –, zu
verstehen. Diese steigen auf und nieder und dienen dem noch verborgenen Geiste
Gottes im Menschenherzen, und dieser Geist heißt Liebe zu Gott und Liebe zum
Nächsten. Wie aber dieser lebendige Geist aus Gott im Menschenherzen von nur
gar zu vielen Menschen nicht erkannt und beachtet wird – während doch das ganze
Heil des Menschen in Hinsicht seines zeitlichen und ewigen Lebens von eben
diesem Geiste abhängt –, also werde auch Ich Selbst als der Herr und der
Urgrund alles Seins und Daseins von der Menschenwelt nicht erkannt, obwohl sie
sehen, welche großen Gedanken, Ideen und Begriffe aus den Himmeln Gottes durch
Mich auf diese Erde nieder- und wieder aufsteigen und das Herz hellst
erleuchten und zur Tragung der lebendigen Tatenfrüchte erwärmen und beleben.
Darum aber gibt es viele, die berufen sind, aber der Auserwählten gibt es
wenige, die Meine Worte fassen, beherzigen und zur reichen und lebensvollen
Tatenernte bringen.
[GEJ.07_056,16] Kennst du dich nun schon ein
wenig heller aus, wer so ganz eigentlich in der ersten Instanz die Engel sind,
die vom Himmel zur Erde nieder und wieder auf in den Himmel steigen und Mir als
Gott von Ewigkeit und hier auf Erden, zeitlich für euch Menschen, die ihr als
berufene Kinder Gottes eben Sein Herz und also Seine Erde seid, dienen?“
57. Kapitel
[GEJ.07_057,01] Sagte Nikodemus: „Herr und
Meister von Ewigkeit, nun sehe ich erst wahrhaft in der Fülle ein, daß Du
allein wahrhaft Christus, der Gesalbte Gottes bist, dessen Fülle in Dir wohnt!
Denn so hat noch nie ein Prophet auf dieser Erde gelehrt. Da Du uns aber nun
schon eine so große Enthüllung gemacht hast, so könntest Du, so es Dein
heiliger Wille wäre, uns auch noch über die Himmelsleiter des Vaters Jakob ein
Licht geben, auf der eben Engel zwischen Himmel und Erde auf und nieder
stiegen. Aus diesem Gesichte konnte ich nie so recht klar werden, was Jehova,
der zuallerhöchst dieser Leiter gesehen ward, dem Jakob hat anzeigen wollen.
Denn dieses Traumgesicht hat Jakob sicher um vieles besser begriffen als ich,
da wir bis jetzt keine nähere Deutung solch eines Gesichtes von ihm überkommen
haben. – Herr, bei meiner großen Liebe zu Dir bitte ich Dich darum!“
[GEJ.07_057,02] Sagte Ich: „Was Jakob in
seinem Traume sah, war ganz das, was Ich euch allen nun hell zur Übergenüge
gezeigt habe. Die Leiter ist das Band zwischen dem Herzen und dem erleuchteten
Haupte des Menschen. Das Herz ist hier ebenfalls die gesehene Erde, die damals
auch in Jakob, als er sich in großer Not und Verlegenheit befand, zu wüst, öde
und wenig erleuchtet war. Aber eben in diesem Zustande fing er an, sehr an Gott
zu denken, und dachte nach, was er irgend getan habe, daß Er ihn in eine solch
große Verlegenheit habe kommen lassen. Da schlief er auf offenem Felde ein und
ersah in sich die Verbindung zwischen seiner Herzerde und seinen Lichthimmel in
seinem Haupte. Da ersah er, wie seine Gedanken, Ideen und Begriffe von seinem
Haupte wie über eine Leiter hinab in sein Herz stiegen, dasselbe erleuchteten
und trösteten und so, durch die erhöhte Liebe des Herzens selbst mehr belebt
und gestärkt, wieder empor zu Gott stiegen, um dort wieder mehr und tiefer
erleuchtet zu werden. Und siehe nun den ganzen Lebensverlauf Jakobs, und du
wirst es sehen, wie er von da an stets mehr und mehr an Gott dachte und auch
strenger und strenger nach dem Willen Gottes lebte.
[GEJ.07_057,03] Zugleich aber wurde durch den
denkwürdigen Traum auch dargestellt, wie sich aus ihm eine
Geschlechtsstufenleiter als ein rechter Bund zwischen seinen Nachkommen und
Gott erheben werd, auf der die Kinder Gottes in der bald steigenden und bald
wieder sinkenden Erkenntnis Gottes zu- und abnehmen werden, und daß am höchsten
Ende seiner gesehenen Geschlechtsstufenleiter sich in Meiner Persönlichkeit
Jehova Selbst als ein Mensch offenbaren wird und den alten Bund erneuen und
durch und durch zur lebendigsten Wahrheit erheben wird.
[GEJ.07_057,04] Und so hast du und habt ihr
alle nun denn auch die Jakobsleiter doppelt und dreifach erklärt und wisset
nun, was ihr wahrhaft geistig unter dem Begriffe ,Engel Gottes‘ alles zu
verstehen habt. Aber dennoch frage Ich euch um euer selbst willen, ob ihr das
wohl alles verstanden habt.“
[GEJ.07_057,05] Sagte Nikodemus: „Mir ist
auch in dem ein großes Licht aufgegangen, und es ist also und kann nie anders
sein; doch was diesen sichtbaren Engel betrifft, so fragt sich da, ob er eine
schon wirkliche, für sich dastehende Realität, – oder ist er nur so ein von Dir
festgehaltener Gedanke, hervorgehend aus Deiner Liebe, Weisheit und Allmacht!“
[GEJ.07_057,06] Sagte Ich: „Das ist wahrlich
eine so recht kindische Frage von dir! Ich sage es dir, der Engel ist – gleich
wie du und alle Menschen und die ganze endlose Schöpfung – beides zugleich,
weil es in der ganzen Unendlichkeit keine andere Realität außer Mir gibt als
eben nur Meine Gedanken, Ideen und Begriffe. Diese werden durch Meine Liebe
belebt und durch Meinen Willen für ewig fest erhalten und gehalten. Was Ich
aber als Gott tun kann und von Ewigkeit her getan habe und auch hinfort ewig
tun werde, das werdet auch ihr dereinst in Meinem Reiche tun können.
[GEJ.07_057,07] Daß aber in euch Menschen
solche Fähigkeiten vorhanden sind, das könnet ihr ganz leicht und richtig euren
helleren Traumgesichten entnehmen; denn in denen werden eure inneren Gedanken,
Ideen und Begriffe zu Realitäten und werden lebendig und gar wohl geformt, und
ihr könnet euch mit ihnen wie mit wahren Objekten unterhalten. Nun, ihr wisset
freilich nicht, wie das in euch vor sich geht, daß ihr euch in euren Träumen in
einer ganz ordentlichen Welt unter Menschen befindet, die mit euch oft sogar
sehr weise reden und dies und jenes tun und verrichten; allein das macht
vorderhand nichts. Wenn ihr nach der Art, wie Ich es euch erklärt habe, im
Geiste aus Mir wiedergeboren sein werdet, dann werden euch alle Geheimnisse
eures Lebens und ihr Grund klar werden; vorderhand aber könnet ihr das als eine
lichtvolle Wahrheit annehmen, daß da jedwede Lebenserscheinung im Menschen
einen höchst weisen und wahrsten Grund hat, ansonst sie im Menschen nicht und
nie zum Vorscheine kommen würde.
[GEJ.07_057,08] Wenn der Mensch dem Leibe nach
einmal stirbt, so lebt die Seele dann zwar dem Wesen nach auch im Raume, hat
aber dann keine andere Welt zu ihrer Unterlage und zur Wohnung als die, die sie
sich selbst geschaffen hat, und hat mit dieser äußeren Welt keine wesentliche
Verbindung mehr, weil sie in sich nur zu klar einsieht, daß die gesamte
materielle Welt nichts als ein notwendiges und schwer zu ertragendes Gericht
ist, und daß ein freiestes und ungebundenstes Leben ein endlos vorzüglicheres
ist als ein nach allen Seiten hin gebundenes.“
[GEJ.07_057,09] Sagte hier Nikodemus: „Herr,
wenn ich also einmal gestorben sein werde, so wird meine fortlebende Seele von
dieser Erde ewig nichts mehr zu Gesichte bekommen, sondern in ihrer
selbstgeschaffenen Welt fortleben, – und doch gibt es auf und in dieser Erde
noch gar sehr vieles, was sich eine nach höherer Erkenntnis dürstende Seele
gerne zu einer näheren Anschauung gebracht hätte! So sehen wir auch oft mit
großer Sehnsucht den gestirnten Himmel an und möchten näher wissen, was der
Mond, die Sonne, die Planeten und was alle die andern Sterne sind, und möchten
auch die Tiefen der Meere ergründen. Aber wenn die Seele nach dem Tode nur so
in einer hellen, aus ihrer Phantasie entsprungenen Traumwelt leben und handeln
und nur mit solchen scheinbaren Menschengestalten verkehren wird, die auch nur
Produkte ihrer höchsteigenen Phantasie sind, so wird das nach meiner schwachen
Ansicht der ewig fortlebenden Seele unter dem Gesichtspunkte, daß ihr eine
volle Rückerinnerung bleibt, eben keine gar zu große Freude machen können.
Natürlich, so der Seele aber mit dem Leibe die Rückerinnerung nur höchstens
insoweit belassen wird wie in einem hellen Traum, in dem man gewöhnlich sein
Ich erkennt, sich aber dabei an nichts oder nur an sehr wenig wahrhaft
Diesirdisches mehr erinnert, da kann so eine Seele dann freilich schon ganz
heiter fortbestehen; denn was ihr mit dem Leibe völlig benommen wird, nach dem
wird sie auch ewig keine Sehnsucht mehr haben. Ich rede hier, wie ich diese
Sache verstehe, bitte Dich aber auch in dieser Hinsicht um eine tiefere
Belehrung.“
[GEJ.07_057,10] Sagte Ich: „Daß du da noch
sehr schwach bist, das sehe Ich nur zu klar ein; aber deine Begriffe über das
Leben der Seelen nach dem Abfalle ihres Fleisches sind noch öder, finsterer und
schwächer als deine Gefühle und inneren Wahrnehmungen. Sage Mir bloß das: Wo
und wann sieht ein Mensch schon mit seinen natürlichen Augen mehr: in einem
finsteren Kerker zur Nachtzeit oder auf einem nach allen Seiten hin freien und
hohen Berge am reinen, hellen Tage? Und ein Mensch, der nun in vollster
Freiheit, mit allem versorgt, sich mit seinen besten Freunden auf dem Berge
befindet, – wird der sich wohl zurücksehnen in den alten, finsteren Kerker und
Lust haben, dessen finstere Winkel und Löcher zu untersuchen und zu erforschen?
Denke über diese Meine Fragen nach – frage dein offenes Gefühl – und beantworte
sie Mir dann, und Ich will dir erst auf das ein helleres Licht über deine
Zweifel geben!“
58. Kapitel
[GEJ.07_058,01] Sagte Nikodemus: „O Herr,
diese Deine gnädige Frage beantwortet sich ja nach eines jeden Menschen Gefühl
von selbst; denn da liegt die klarste Antwort ja doch schon in der Frage
selbst, und es wäre da wohl sehr unnötig, nur irgendeine Antwort darauf zu
geben. Aber ich entnehme daraus, daß Du damit nur das allergnädigst hast
andeuten wollen, daß eine vollendete Seele nach dem Abfalle des Leibes Deine
ganze Schöpfung in einem endlos klareren Lichte schauen wird, als ihr das im
Leibesleben je möglich gewesen wäre, und daß eine solche Seele alles Erlebte
und auf der Erde Mit- und Durchgemachte um vieles heller in ihrer Erinnerung
behalten wird, als das im Leibe je hat stattfinden können. – O Herr, habe ich
da recht geantwortet?“
[GEJ.07_058,02] Sagte Ich: „Vollkommen, und
Ich will euch dafür auch den Grund zeigen, damit da mit der Zeit niemand sagen
soll: ,Ja, Er als der Wahrhaftigste hat uns das wohl zu glauben befohlen, und
es wird das alles schon sicher also sein, wie Er uns das Selbst gelehrt hat,
ohne uns den Grund und das Wie näher gezeigt zu haben!‘ Nein, also will Ich
euch nicht lehren! Denn euch eben will Ich es ja geben, das Geheimnis des
Reiches Gottes zu verstehen. Und so höret Mich denn!
[GEJ.07_058,03] Der Leib, wie er ist, könnte
für sich als eine tote Materie weder etwas sehen noch hören, fühlen, riechen
und schmecken ohne eine lebendige Seele in sich. Er ist also nur ein
notdürftiges Werkzeug der Seele, also gebaut und wohl eingerichtet, daß sich
die Seele seiner für die Außenwelt bedienen kann. Sie kann also mittels des
Leibes nach außen hinaus schauen, hören und empfinden Widriges und Angenehmes.
Sie kann sich von einem Ort zum andern bewegen und kann mit den Händen
mannigfache Arbeiten verrichten.
[GEJ.07_058,04] Der Lenker der Leibesglieder
ist der Verstand des Herzens und sein Wille; denn der Leib für sich hat weder
einen Verstand noch einen Willen, außer die Seele geht durch ihre weltlichen
und sinnlichen Gelüste selbst ins Fleischliche über und verliert sich also sehr
in ihrem Fleische, daß sie darin das Bewußtsein ihres geistigen Ichs verliert.
Dann freilich ist auch ihr ganzer Verstand samt dem Willen ein völlig
fleischlicher geworden. In diesem Falle aber ist dann die Seele nahe so gut wie
völlig tot, und es kommt ihr wie ein Wahnwitz vor, so sie von einer pur
geistigen Selbständigkeit und von einem geistigen Leben nach dem Tode des
Leibes etwas vernimmt.
[GEJ.07_058,05] Aber selbst solch eine
Fleischseele stirbt eigentlich nach dem schmerzvollen Abfalle des Leibes nicht,
sondern lebt fort in der Geisterwelt; aber ihr Fortleben ist dann ein ebenso
mageres wie ihr Erkennen und Selbstbewußtsein in einer rein geistigen Sphäre.
Nun, solch eine Seele lebt dann jenseits freilich nur so wie in einem etwas
helleren Traume fort und weiß oft nicht, daß sie je in einer anderen Welt schon
einmal gelebt hat, sondern sie lebt und handelt ihrer gewohnten Sinnlichkeit
gemäß. Und wird sie von helleren, sich ihr offenbarenden Geistern dahin ermahnt
und belehrt, daß sie sich nun in einer anderen und geistigen Welt befindet, so
glaubt sie das doch nicht und verhöhnt und verspottet die, die ihr die Wahrheit
anzeigen.
[GEJ.07_058,06] Es braucht eine sehr lange
Zeit jenseits, bis eine solche verweltlichte und verfleischlichte Seele zu
einem helleren Erkennen kommt. Wenn sie aber heller und heller wird, so kehrt
ihre Erinnerung auch nach dem Grade ihres Hellerwerdens zurück, und sie kann
dann auch alles sehen, hören und fühlen, was da auf und über und in der Erde
geschieht.
[GEJ.07_058,07] Ist aber eine Seele schon
hier auf dieser Welt durch die geistige Wiedergeburt ganz vollendet geworden
und dadurch schon hier zur Anschauung und klaren Wahrnehmung der rein geistigen
und himmlischen Dinge gelangt, so gelangt sie auch zur richtigen und vollwahren
Anschauung der gesamten materiellen Schöpfung in sich und weiß um alles, was
sogar im Monde, auf und in der Sonne geschieht, was die Sterne sind und wozu
sie erschaffen worden, und was da alles auf und in ihnen ist.
[GEJ.07_058,08] Wenn aber solch eine
vollendete Seele erst von ihrem schweren Leibe erlöst worden ist, so ist ihr
Schauen dann völlig ein gottähnliches, und sie wird dann – so sie es will –
allsehend, allhörend, allwissend und allfühlend sein. Wenn aber das, wie soll
sie deshalb, weil sie gottähnlich selbst Schöpferin ihrer Wohnwelt sein kann
und auch sein wird, alle ihre Rückerinnerung verlieren können?
[GEJ.07_058,09] Damit du aber siehst und noch
tiefer erkennst, daß das von Mir dir nun Gesagte seine vollste Realität hat, so
will Ich nun auf einige Augenblicke deine und noch einiger Anwesenden Seelen frei
machen, und du kannst in solch einem Zustande dann sagen, was du gesehen und
was du gehört und wahrgenommen hast. – Und also sei es!“
[GEJ.07_058,10] Hier wurden mehrere in einen
hellen magnetischen Zustand versetzt, und sie befanden sich zuerst in einer
ihnen unbekannten Gegend, die allen ungemein wohl gefiel, so daß sie Mich
baten, daß Ich sie nun nur gleichfort in dieser himmlisch schönen Gegend
belassen solle; denn sie wünschten gar nicht mehr, in diese irdische Welt
zurückzukehren.
[GEJ.07_058,11] Ich fragte sie aber, ob sie
nicht auch diese Welt sähen.
[GEJ.07_058,12] Da antworteten alle: „Ja,
Herr; aber wir sehen sie wie hinter uns, und wir sehen sie auch wie durch und
durch!“
[GEJ.07_058,13] Ich fragte sie, ob sie die
große Stadt Rom sähen.
[GEJ.07_058,14] Alle bejahten das und
beschrieben alles darin, was sie sahen.
[GEJ.07_058,15] Als die anwesenden Römer das
hörten, da konnten sie sich nicht genug verwundern, wie getreu und genau die
Verzückten die Gestalt Roms schilderten, obschon keiner von ihnen je in Rom
war, noch jemals ein Bild von dieser Stadt gesehen hatte.
[GEJ.07_058,16] Und Ich fragte sie, ob sie
auch den äußersten Osten von Asien sähen.
[GEJ.07_058,17] Und sie alle gaben die
Antwort: „Ja, Herr, wir sehen auch das förmliche Ende dieses großen Weltteils;
denn weiter nach Osten sehen wir nichts als pur Wasser und Wasser mit Ausnahme
einiger Inseln! Aber das ist ein großes Reich, und wir sehen auch eine
ungeheuer große Stadt, die von einer Tagereise langen Mauer eingeschlossen ist,
und darin unzählig viele Menschen!“
[GEJ.07_058,18] Sagte Ich: „Wie sind sie
bekleidet?“
[GEJ.07_058,19] Hier beschrieben sie schnell
die Tracht dieser Menschen auf ein Haar, und einer von den alten Pharisäern,
nachher Judgriechen, verwunderte sich hoch darüber, weil er Gelegenheit gehabt
hatte, mehrere Chinesen im äußersten Osten von Hochindien zu sehen.
[GEJ.07_058,20] Darauf ließ Ich sie einen
Blick in den Mond tun, und sie beschrieben kurz diese traurig aussehende kahle
Welt, in der sie außer einigen Gruppen von traurig aussehenden und graufarbigen
Kobolden nichts ersähen. Es sei da kein Baum und kein Gras und so auch kein
Tier ersichtlich.
[GEJ.07_058,21] Hierauf weckte Ich sie wieder
zurück mit der Belassung der vollen Rückerinnerung an all das Gesehene.
[GEJ.07_058,22] Als sie sich also wieder
völlig im natürlichen Zustande befanden, da sagte Nikodemus: „O Herr, das ist
ja doch wunderbar über wunderbar! Wir waren hier, sahen Dich und alle andern
genau, und doch sahen wir auch alles höchst genau und klar, was wir
beschrieben, und ich habe nun wahrhaftest selbst erfahren, wie unbeschreibbar
heller das Schauen der freien Seele ist als das im Verbande mit dem Leibe. Aber
wir sahen nicht nur alles heller in der Nähe wie auch in der größten Ferne,
sondern wir hörten auch alles. Und so wir einen Baum oder ein Haus oder ein
Schiff auf dem Meere oder auch einen Menschen oder ein Tier sahen, so sahen wir
es ganz nach der natürlichen Außenform; aber wir sahen das alles auch durch und
durch, obschon der Gegenstand nicht durchsichtig war.
[GEJ.07_058,23] Ja, bei den Menschen sahen
wir sogar ihre Gedanken, die anfangs als kleine Bildlein in ihren Herzen
ersichtlich wurden. Als solche in das Haupt gleich einem Mückenschwarm
aufstiegen, da wurden sie heller und ausgeprägter, stiegen wieder zum Herzen
zurück, wurden da größer und entschiedener und traten darauf bald außer die
Sphäre des Menschen, wurden größer und größer und bildeten eine ordentliche
Welt um den Menschen. Doch bei den Tieren war davon nichts zu entdecken.
[GEJ.07_058,24] Aber was ist denn mit dem
armseligen Monde? Daß er eine materielle Welt ist, das ist klar, – aber so
kahl, wüst und öde wie die höchste Spitze des Berges Ararat! Wer sind denn jene
armselig kleinen, grauen Kobolde? Sie haben wohl so ziemlich die Gestalt eines
Menschen; aber dabei scheinen sie doch nur mehr einer Tierart jenes Weltkörpers
anzugehören, obwohl sie so gewisserart denn doch mehr Geister als irgend
materielle Wesen sein mögen. Denn ich bemerkte, wie sich ein solcher Kobold
bald sehr vergrößerte und sich bald wieder ganz puppenklein machte. Wäre so ein
Kobold rein materiell, so meine ich, daß ihm solch eine Vergrößerung und
Verkleinerung seines Leibes wohl nicht so leicht möglich wäre. – Also, Herr und
Meister, was ist es mit dem Monde?“
[GEJ.07_058,25] Sagte Ich: „Das, Mein Freund,
wirst du noch früh genug erfahren und kannst dich darüber mit Meinen Jüngern
besprechen, die von allem dem schon eine ganz genaue Kunde haben. Ich aber habe
euch noch viel Wichtigeres zu zeigen und zu sagen, – aber das erst nach dem
Morgenmahle. Jetzt aber werden ohnehin sogleich die dreißig Griechen
heraufkommen, ein Morgenmahl nehmen und sich über so manches mit dem Jünglinge
dort besprechen. Sie kommen früher, weil die nächtlichen Erscheinungen sie auch
erregt haben.“
[GEJ.07_058,26] Sagte Nikodemus: „Ganz gut,
ganz gut, Herr und Meister, nur allein Dein Wille geschehe! Bloß das möchte ich
zuvor noch erfahren, wer dieser gar so wunderherrliche Jüngling ist, woher er
ist, und wie er heißt.“
[GEJ.07_058,27] Sagte Ich: „Das wirst du
schon bei dieser Gelegenheit erfahren! Sein Name ist Raphael.“
[GEJ.07_058,28] Sagte Nikodemus: „Also lautet
ja nach der alten Schrift der Name eines Erzengels! Am Ende ist das gar der
Erzengel selbst? Wenn das, so könnte mich da eine große Furcht ergreifen! Ja,
ja, ich habe das ja schon gleich anfangs gesagt!“
[GEJ.07_058,29] Sagte Ich: „Und Ich habe dir
nicht widersprochen, sondern dir und euch allen bis jetzt gezeigt, was und wer
ein Engel Gottes ist. Wenn aber also, warum sollst du nun vor diesem Engel
Furcht bekommen, da du doch auch berufen bist, selbst ein Erzengel zu werden?
Damit du aber über diesen Engel nicht in einem Zweifel stehst, so wisse, daß er
Henochs Geist ist! Sein Leib ist nun Mein Wille. Darum sagte Ich dir ja, daß es
in den Himmeln keine andern Erzengel gibt und je geben wird als die nur, welche
zuvor schon im Fleische auf einer Welt gelebt haben. – Aber nun nichts Weiteres
mehr davon; denn die Griechen kommen bereits! Mache Mich aber niemand ruchbar
vor ihnen; denn ihre Zeit ist noch nicht da, Mich Selbst jetzt schon
kennenzulernen!“
[GEJ.07_058,30] Darauf begab Ich Mich ein
wenig fürbaß, und die ankommenden Griechen lagerten sich im nächsten Zelte. Daß
das Morgenmahl für die dreißig Griechen schon bereitet auf dem Tische im Zelte
stand, braucht kaum erwähnt zu werden. Es wurde von ihnen auch bald verzehrt.
59. Kapitel
[GEJ.07_059,01] Als aber das Morgenmahl
verzehrt war, da trat eben jener Grieche, der am vergangenen Abend das Wort am
meisten führte, heraus zu Lazarus und Raphael und wollte gleich zu reden
anfangen; aber er wurde von der Schönheit des Engels so sehr überrascht, daß er
wie stumm und versteinert dastand und kein Wort über seine Lippen brachte.
[GEJ.07_059,02] Nach einer Weile des größten
Staunens sagte er (der Grieche) so wie in sich hinein: „Ja ja, das ist wahrlich
ein Olymp, auf dem die Götter wohnen! Hättet ihr mich gestern nicht dahin
belehrt, daß es nur einen einzigen wahren Gott gibt, so würde ich dich, du
wunderholdester Jüngling, unfehlbar für unseren Gott Apollo halten; aber da es
nach eurer sicher ganz wahren Aussage nur einen wahren Gott gibt, dessen Kinder
ihr offenbar seid, so bist du, allerholdester Jüngling, sicher ein sehr lieber
Sohn von Ihm. Und weil ihr denn schon unfehlbar Kinder Gottes und unsterblich
seid, wie wir das von den Göttern glauben, so lasset euch von uns sterblichen
Menschen anbeten, und nehmet gnädig ein Opfer von uns an!“
[GEJ.07_059,03] Hier griffen die Griechen in
ihre mitgebrachten Beutel, zogen römische Goldstücke heraus und wollten sie dem
Engel als Opfer zu Füßen legen.
[GEJ.07_059,04] Aber der Engel sagte:
„Stecket, ihr lieben Freunde, euer Gold nur alsbald wieder dorthinein, wo ihr
es herausgenommen habt! Denn seht und hört, was ich euch nun sagen werde! Die
wahren Götter lassen sich von den Menschen weder anbeten, noch nehmen sie von
ihnen irgendein materielles Opfer. Der Götter weisester und liebvollster Wille
an euch Weltmenschen aber besteht darin, daß ihr nur an einen, allein wahren,
ewigen und allmächtigen Gott glauben und Ihn über alles aus allen euren
Lebenskräften lieben sollet, eure Nächsten aber wie ein jeder von euch sich
selbst, was soviel heißt wie: Was du vernünftig wünschest, das dir dein
Nächster tun soll, dasselbe tue du auch ihm!
[GEJ.07_059,05] Wenn ihr das beherziget,
glaubet und danach tuet, so betet ihr dadurch den einen wahren Gott würdigst
und geziemendst an und bringet Ihm also das Ihm allein wahrhaft wohlgefällige
Opfer. Und so ihr Weltmenschen das tun werdet, so wird der eine, wahre Gott
euch uns gleich zu Seinen unsterblichen Kindern annehmen, und die Macht und
Gewalt des Todes wird weichen von euren Seelen.
[GEJ.07_059,06] Anbetung mit den Lippen und
Opfer aller Art und Gattung haben nur die argen und herrschsüchtigen Priester
und Könige erfunden. Sie lassen sich überhoch ehren und verlangen übergroße
Opfer von den Menschen, denen sie in einem fort in die Ohren schreien, daß sie
stets große Sünder seien und darum den Göttern große Opfer bringen sollen,
ansonst diese sie mit großen und schweren Plagen heimsuchen würden. Aber das
tun die argen Priester ja nicht der Götter wegen, sondern nur um ihrer selbst
willen, auf daß sie reich und mächtig werden, um die armen, blinden Menschen
desto mehr knechten zu können.
[GEJ.07_059,07] Der wahre Gott aber will nur,
daß alle Menschen sich untereinander als Brüder lieben und frei und
ungeknechtet auf der Erde wandeln sollen und durch die Gnade des einen und
allein wahren Gottes in allen Dingen stets weiser und weiser werden. Da ihr nun
aus meinem Munde es offen, treu und wahr vernommen habt, was der allein wahre
Gott von den Menschen will, so nehmet euer Gold zurück; denn dieses Erdkotes
bedürfen die wahren Menschen und der wahre Gott ewig nicht!“
[GEJ.07_059,08] Hier hoben die Griechen ihr
Gold wieder auf und steckten es in ihre Beutel.
[GEJ.07_059,09] Aber der Wortführer sagte mit
einer sehr freundlichen Miene: „O du mein der höchsten Liebe würdigster
Gottmensch, deine Worte waren wahr, sanft, mild und süß wie Honigseim, und wir
werden sie auch befolgen! Aber da du denn schon gar kein Opfer von uns annehmen
willst, so begreife ich aber doch nicht, warum ihr von uns Menschen für eure
freilich wohl überguten Speisen und Getränke denn doch ein Geld annehmet! Wozu
benötiget ihr des Geldes?“
[GEJ.07_059,10] Sagte der Engel lächelnd:
„Euch Menschen recht zu tun, ist selbst einem Gott schwer. Wußtet ihr denn
gestern schon, daß wir hier Kinder Gottes sind? Nein, das wußtet ihr nicht und
hieltet uns für ganz gewöhnliche Menschen, die sich für ihre Speisen und Getränke
und für die Bedienung zahlen lassen. Da wir aber das wohl wußten, so taten wir
denn auch, was die Menschen tun, und es hat gestern am Abend viel des Redens
und Beweisens gebraucht, bis ihr von uns eine andere Meinung bekommen habt.
[GEJ.07_059,11] Da ihr aber nun wisset, mit
wem ihr es hier zu tun habt, so habt ihr nun denn auch gegessen und getrunken,
und es hat darum auch noch niemand von euch ein Geld verlangt und wird nun auch
niemand eins von euch verlangen.
[GEJ.07_059,12] Sehet, so verhält es sich
hier mit dieser Sache! Bei uns zahlen nur die Fremden den Zoll, die
Einheimischen sind nach unserem alten Gesetze frei. Fremd aber ist ein jeder,
der unseren Gott und Seine Gesetze nicht kennt und ein Götzendiener ist. Wer
aber an unseren einen und allein wahren Gott glaubt, Seine Gesetze kennt und an
dieselben glaubt und danach lebt, tut und handelt, der ist ein Einheimischer
und ist bei uns wahren Juden zoll- und zechfrei.
[GEJ.07_059,13] Freilich gibt es nun bei uns
schon gar viele, die zwar auch Juden sind, aber dabei doch an keinen Gott mehr
glauben und Seine Gesetze nicht halten, sondern nur nach ihren Gelüsten leben
und handeln. Diese verlangen auch Zoll und Zeche von den Einheimischen wie von
den Fremden; aber sie werden von uns aus auch nicht mehr als Einheimische,
sondern als Fremde angesehen und behandelt. – Bist du darüber nun im klaren?“
60. Kapitel
[GEJ.07_060,01] Sagte der Grieche: „Ah, jetzt
schon, – und ich muß offen bekennen, daß das eine wahrhaft göttlich herrliche
Einrichtung ist! Aber da wir nun denn schon reden, so möchten wir uns von euch
wahren Gottesmenschen darüber nun einen Aufschluß erbitten, was denn doch die
nächtlichen Lichterscheinungen für eine Bedeutung haben dürften. Es ist darüber
noch heute die ganze Stadt in einer großen Aufregung, und es haben die meisten
fremden Kaufleute schon zur Nachtzeit mit ihrem Warenvorrate die Stadt
verlassen, da sie nicht wissen konnten, was diese Erscheinung etwa schon in
jüngster Zeit für Folgen haben könnte. Zudem kauft auch niemand etwas, und
alles ist voll Furcht in der Erwartung der schrecklichen Dinge, die – besonders
infolge der zweiten Erscheinung – über diese Stadt und über das ganze Judenland
hereinbrechen können. Ja, selbst wir, so wir nicht gestern euch näher
kennengelernt hätten, wären schon lange über Berg und Tal. Aber wir gedachten
euer und trösteten uns damit, daß wir heute sicher von euch darüber irgend
einen genügenden Aufschluß erhalten würden. Und so denn bitten wir euch darum!“
[GEJ.07_060,02] Sagte der Engel: „Sehet uns
an und alle die andern Leute, die hier sind, und ihr werdet nirgends irgend
eine Furcht oder Gemütsaufregung ersehen! Warum aber das? Weil wir es nur zu
wohl wissen und kennen, was diese Erscheinung bedeutet. Und wir wissen und
kennen das leicht, weil wir im Lichte Gottes hellsehend sind; die da unten aber
sind blind und sehen und verstehen darum nichts, und ihre große Furcht ist aber
eben deshalb auch schon eine ganz gerechte Züchtigung für ihre eigenwillige
Blind- und Bosheit.
[GEJ.07_060,03] Die Erscheinungen aber
bedeuten für die Guten nur Gutes, aber für die Bösen auch Böses, und so haben
nach den Erscheinungen die Guten Gutes zu erwarten und können dabei leicht
guten Mutes und heiteren Sinnes sein. Werdet nur auch ihr nach meiner euch
heute gegebenen Lehre gute Menschen, so werdet auch ihr nur Gutes zu erwarten
haben hier und jenseits! Habt ihr aber das wohl aufgefaßt, so könnet ihr auch
jetzt schon frohen Mutes und Sinnes sein, und eines Weiteren bedürfet ihr
vorderhand nicht; denn was ich euch hier sagte, ist eine vollste Wahrheit.“
[GEJ.07_060,04] Sagte der Redeführer:
„Holdester und zugleich weisester junger Freund! Wir danken dir alle unter
meinem Worte; denn du und der freundliche Wirt, der wahrscheinlich dein Vater
oder sonst ein dir sehr naher Anverwandter ist, habt uns gestern abend treu
versprochen, uns heute mit dem allein wahren Gott näher bekannt zu machen, und
ihr habt das nun auch redlich getan, und wir sind darob denn nun auch gar
heiter und fröhlich und danken euch nochmals von ganzem Herzen dafür, und wir
versprechen euch auch auf das teuerste, daß wir diese Lehre auch befolgen
werden, und das auf das möglich genaueste.
[GEJ.07_060,05] Doch nun hätten wir noch eine
Frage, und wir wollen dann ganz ruhig von hier ziehen. Da unten habt ihr ja
einen Tempel, in welchem auch, wie wir's vernommen haben, der eine, allein
wahre Gott der Juden verehrt wird. Was ist mit diesem Gott? Ist da wohl auch
etwas daran? Ist das derselbe Gott, den du uns nun näher kennen lehrtest, oder
ist das auch nur so ein toter Götze, wie wir deren eine übergroße Menge haben?“
[GEJ.07_060,06] Sagte Raphael: „Einst ward in
diesem Tempel wohl der allein wahre Gott verehrt, und den Menschen wurden Seine
Gebote vorgepredigt, und den Dawiderhandelnden wurde von den Gotteslehrern
bedeutet, daß sie sich bessern und Buße wirken sollen und sich wieder zu Gott
kehren, von dem sie sich durch ihre Sünden abgewendet hatten. Darauf taten die
Sünder das, und Gottes Gnade und Liebe kehrte wieder bei ihnen ein, und die das
nicht taten, die wurden von Gott aus gezüchtigt dadurch, daß sie Seine Gnade
entbehren mußten, – oft ihr Leben lang. Sie hatten viele Leiden zu bestehen,
und wenn am Ende der Tod über sie kam, da hatten sie keinen Trost und starben
in großem Schmerz, in großer Angst und unter großen Schrecken. Die aber, Gottes
Gebote hielten, verloren die Gnade Gottes nie, hatten ein stets gesundes und in
Gott heiteres Leben, und des Leibes Tod hatte für sie nichts Schmerzhaftes;
keine Angst und keine Schrecken begleiteten ihn.
[GEJ.07_060,07] Aber wie es damals war, also
ist es jetzt nicht mehr. Die Gotteslehrer sind zu puren Weltmenschen geworden.
Sie führen den Namen des einen, wahren Gottes wohl noch im Munde, aber im
Herzen haben sie dennoch keinen Funken Glauben an Ihn und ebenso keinen Funken
Liebe zu Ihm und sind darum nun samt ihrem Tempel voll der finsteren
Gottlosigkeit. Darum ward ihnen in dieser Nacht von Gott aus auch angezeigt,
was sie für ihre gänzliche Gottlosigkeit zu erwarten haben. Und ich habe es
euch darum zuvor gesagt, daß aus diesen Erscheinungen die Guten nur Gutes und
nur die bösen und gottlosen Menschen Böses zu erwarten haben.
[GEJ.07_060,08] Da unten, wie im ganzen
Lande, leben zwar der Geburt nach auch Juden; aber in ihrem Glauben und Wandel
sind sie ärger denn die allerfinstersten Heiden, und es wird ihnen darum alle
Gnade und alles Lebenslicht Gottes genommen und den Heiden gegeben werden.
Darum sagte ich euch nun schon so einiges von dem allein wahren Gott, und ihr
möget das auch daheim euren Anverwandten und Freunden sagen, was ihr gehört und
gesehen habt. In wenigen Jahren aber werden von uns aus schon Boten zu euch
gesandt werden, die euch im größten Umfange die licht- und machtvollsten
Wahrheiten aus Gott werden kennen lehren.
[GEJ.07_060,09] Und da ihr nun solches von
mir als auch einem Boten Gottes vernommen habt, so möget ihr nun denn im Namen
des einen, allein wahren Gottes in Frieden ziehen in euer Land, und solltet ihr
auf dem Meere einen Sturm haben, so rufet den einen, allein wahren Gott um
Hilfe an, und es wird sich der Sturm alsbald legen, und ihr werdet darauf auf
der ganzen weiten Reise kein Ungemach mehr zu bestehen haben! Und das soll euch
auch zu einem Zeugnisse dienen, daß der allein wahre, eine Gott mit der Macht
und Kraft Seines Geistes überall als Herr über alle Natur und über alle
Elemente gegenwärtig ist und alle Kräfte der Natur in Seiner allmächtigen
Willensmacht zu Hause sind.“
[GEJ.07_060,10] Hier dankten die Griechen dem
Engel sehr für diese Belehrung und Verheißung.
[GEJ.07_060,11] Doch bevor sie sich noch zur
Weiterreise anschickten, fragte der Redner, sagend: „Liebster und der Kraft
Gottes vollster junger Freund! Wird aber der eine, allein wahre Gott, der Sich
irgend hier unter euch sicher in der Person eines Menschen, dir gleich,
befindet, wohl irgend darauf merken (achten), wenn wir uns weit von aller
Länder Ufern mitten auf dem großen Meere in der Bedrängnis der bösen Stürme
befinden werden?“
[GEJ.07_060,12] Sagte der Engel: „Wenn schon
ich darum wissen werde, um wieviel mehr der allhöchste Geist Gottes! Siehe, ich
als nun ein vor dir stehender Jude war in dieser meiner Persönlichkeit wohl
noch niemals in Athen, wo ihr zu Hause seid, und dennoch weiß ich in meinem
Geiste um gar alles, was sich in eurer ganzen großen Stadt befindet, und um
alles, was sich namentlich in deinem Hause vorfindet und zu jeder Zeit in
selbem geschieht! – Glaubst du mir das?“
[GEJ.07_060,13] Sagte der Grieche etwas
verlegen: „O ja, ich will dir das schon glauben, daß du vermöge deiner inneren,
wunderbarsten Kraft wohl um alles das wissen kannst; aber unter meinem großen
Hause befindet sich –“
[GEJ.07_060,14] Sagte der Engel das Weitere:
„– eine Katakombe, und in der hast du viel Gold, Silber und Edelsteine
aufbewahrt, was deine mutigen und sehr pfiffigen Kaperer vor sieben Jahren
einem römischen Handelsschiffe abgenommen haben. Nach unserem Gesetze wäre
solch eine Tat eine übergroße Sünde vor Gott; denn du sollst dem Nebenmenschen
nicht tun, was du sicher nie wollen wirst, daß dir dasselbe dein Nebenmensch
tun möchte! Aber da kanntest du unser Gottesgesetz noch nicht und brachtest für
den glücklich gelungenen Raub deinem Gott Merkur ein Opfer dar und konntest
dich gegen unser Gottesgesetz darum nicht versündigen, weil es dir völlig
unbekannt war.
[GEJ.07_060,15] Aber in der Zukunft sollst
du, wie auch ihr alle, solch ein Gewerbe nicht mehr betreiben; denn so ihr das
nun wieder betreiben würdet, so würde die Gnade des allein wahren Gottes
nimmerdar euer Anteil werden. Zugleich aber steht ihr ja auch unter den recht
weisen Staatsgesetzen Roms, die Raub und Diebstahl strengstens verbieten. So
ihr euch halten werdet nach den römischen Staatsgesetzen, so werdet ihr euch
auch gegen die Gebote Gottes nicht leichtlich versündigen. – Verstehst du das?“
[GEJ.07_060,16] Sagte der Grieche: „Ich sehe
nun schon, daß euch wahren Kindern des einen, wahren Gottes nichts unbekannt
ist; und wäre ich damals, so wie jetzt, mit euren rein göttlichen Gesetzen so
bekannt gewesen wie nun, so wäre solch ein Raub auch nie begangen worden, wie
er auch nie wieder begangen wird. Aber da kein Mensch auf dieser Erde das
einmal Geschehene ungeschehen machen kann, so frage ich dich nun, was ich mit
den geraubten Schätzen machen soll.“
[GEJ.07_060,17] Sagte der Engel: „Der, dem du
die Schätze geraubt hast, ist ohnedies um vieles reicher denn du, er bedarf
sonach dieser Schätze nicht; aber ihr habt der Armen eine übergroße Anzahl in
eurem Lande, denen ihr Gutes tun könnet. Denn es spricht Gott der Herr also:
,Was ihr den Armen tut, das habt ihr Mir getan, und Ich werde es euch vergelten
schon hier und hundertfältig in Meinem Reiche!‘ Verwertet sonach eure
überflüssigen Schätze und beteilet die euch bekannten Armen, und ihr werdet
dadurch sühnen eure Sünden vor Gott und den Menschen! – Und nun möget ihr im
Frieden von hier abziehen!“
[GEJ.07_060,18] Hierauf dankten die Griechen
noch einmal und fingen an abzugehen.
61. Kapitel
[GEJ.07_061,01] Es war aber nun auch schon
das Morgenmahl bereitet, und Lazarus kam zu Mir hin und lud uns alle zum Morgenmahle.
Wir gingen denn auch alsogleich und nahmen das Mahl auch bald zu uns.
[GEJ.07_061,02] Hierbei wunderte sich unser
Nikodemus, als er auch den Engel ganz wacker essen und trinken sah, und fragte
Mich, ob denn die Geister des Himmels auch essen und trinken gleich den
materiellen Menschen auf dieser Erde.
[GEJ.07_061,03] Sagte Ich: „Erstens siehst du
wohl, daß dieser Geist ebensogut ißt und trinkt wie Ich Selbst, der Ich in
Meinem Wesen doch der allerhöchste Geist bin. Da aber nun dieser Geist für die
Zeit seines Hierseins doch auch einen Leib haben muß, um sich euch sichtbar zu
machen, so muß er solchen Leib, wenn er auch noch so ätherisch-zarter Art ist,
auch mit der Kost dieser Erde ernähren, auf daß er für euch sichtbar bleibt,
solange es nötig ist; wenn es aber nicht mehr nötig sein wird, dann wird er
auch selbst im schnellsten Momente seinen Leib auflösen und euch als ein reiner
Geist nicht mehr sichtbar sein.
[GEJ.07_061,04] Im Himmel der reinen Geister
aber wird auch gegessen und getrunken, aber geistig und nicht materiell. Die
geistige Speise aber besteht in der reinen Liebe und in der Weisheit aus Gott.
Diese durchdringt die ganze Unendlichkeit und nährt alle die zahllosen Wesen,
und zwar zuerst die Geister und dann durch diese alle materielle Schöpfung, und
von dieser vorerst den unermeßlichen Ätherraum, in dem die zahllosen Myriaden
Sonnen und Planeten oder Erden wie Fische im Meere und wie die Vögel in der
Luft umherschwimmen. Aus dem Äther bekommen dann erst die Weltkörper ihre
notwendige Nahrung und aus den Weltkörpern dann auch alle Geschöpfe auf und in
ihnen. Bei den Weltkörpern aber wird zuerst die Luft aus dem sie allenthalben
umgebenden Äther und durch sie erst der Weltkörper ernährt. – Hast du das nun
aber auch wohl verstanden?“
[GEJ.07_061,05] Sagte Nikodemus: „Ja, Herr
und Meister, so gut ein schwacher Mensch eine solche Sache Deiner unbegrenzten
Weisheit nur immer verstehen kann! Wenn ich einmal geistiger sein werde, dann
werde ich derlei Geistiges auch sicher klarer verstehen; doch jetzt geht mir
noch gar vieles ab, da ich nicht weiß, was eigentlich ein reiner Geist ist, und
wie er als solcher aussieht, und auch nicht weiß, welch ein Unterschied
zwischen Äther und Luft besteht, und ebenso gar keinen Begriff habe, was da so
ganz eigentlich eine Sonne ist, wie groß sie in ihrem Körperinhalte ist, und
wie weit sie von der Erde absteht. So sprachst Du von mehreren Sonnen, um die
Deine Weisheit wohl wissen wird. Doch woher sollte ich das wissen?! Aber so ich
das, was da diesweltlich ist, noch so gut und klar wüßte, so kann ich doch von
dem, was das Reingeistige ist, unmöglich etwas wissen, weil das für unsere
materiellen Sinne nicht zugänglich und somit für unseren Verstand auch unfaßbar
ist und bleibt.
[GEJ.07_061,06] Was ist ein Geist? Welche
Gestalt hat er, und wo und wie lebt er? Das sind Fragen, die keinem Sterblichen
je zur Genüge werden beantwortet werden können. – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.07_061,07] Sagte Ich: „O ja, da hast du
ganz recht gesprochen; denn solange der Mensch ein Sterblicher bleibt, wird er
auf deine vier Fragen freilich wohl keine noch so klare Antwort zu begreifen
imstande sein. Aber wenn er durch die Beachtung Meiner Lehre zur Wiedergeburt
des Geistes und dadurch zur Unsterblichkeit gelangt ist, dann wird er die
sonnenhelle Antwort auf deine etwas sonderbaren Fragen schon in sich finden;
denn nur der Geist durchdringt sich und also auch die geistigen Tiefen in Gott,
wie Ich euch solches gestern in der Nacht doch klar genug gezeigt habe. Da aber
dein Gedächtnis nicht zu den stärksten gehört, so fragst du nun wieder um
Dinge, die Ich ohnehin schon hellst beleuchtet habe. So du aber schon die
diesirdischen Dinge nicht fassen und verstehen kannst, so kann es dich ja nicht
wundernehmen, wenn du die geistigen und himmlischen Dinge und Verhältnisse noch
weniger fassest und begreifest.
[GEJ.07_061,08] Warum habt ihr denn das
sechste und siebente Buch Mosis und den prophetischen Anhang verworfen,
beiseitegelegt und niemals gelesen? Darin steht gar vieles, das euch über den
gestirnten Himmel und über die Welt der Geister und ihr Sein ein gar klares
Licht gegeben hätte. Suche du jene Bücher hervor und lies sie, so wird es dir
dann schon heller werden in deinem Herzen! Würde es je eine Materie geben, wenn
nicht der Geister Kraft und Wille sie schaffte, richtete und erhielte?!“
62. Kapitel
[GEJ.07_062,01] Sagte Nikodemus: „Ja, ja, Du
hast ewig allein recht, und wir Menschen können kein Recht haben, weil in uns
keine Wahrheit, Weisheit und keine wahre Lebenskraft waltet! Aber es ist und
bleibt für den mit aller Welt umgebenen Menschen doch stets etwas sehr
Schweres, sich von der Welt ganz loszureißen und sodann ganz ins Geistige
überzugehen. Das pure Anhören selbst der weisesten Lehren genügt dem einmal
blind gewordenen Menschen wenig oder nichts, wenn er nicht durch eigene
Anschauungen und Erfahrungen zur Wahrheit der geistigen Sache gelangen kann.
[GEJ.07_062,02] Wenn aber nur ein Mensch für
sich wohl Erfahrungen macht und Tausende um ihn aber nicht, so nützt das der
Menschheit auch wenig, weil sie somit nur einem Erfahrenen glauben muß, ohne in
sich je eine anschauliche Bestätigung dessen zu finden, was sie zu glauben
genötigt ist. Ah, ein ganz anderes aber wäre es, wenn alle Menschen
Anschauungen und Erfahrungen machten; dann müßte es ja mit der rein geistigen
Bildung der Menschen vorwärtsgehen!“
[GEJ.07_062,03] Sagte Ich: „Wie ein Blinder
über die Farben, so urteilest du nun über die Geistesdinge! Ich aber meine, daß
eben Der, welcher die Menschen erschaffen hat, es wohl am allerbesten einsehen
wird, wie Er die Menschen zu stellen und zu behandeln hat, damit sie über kurz
oder lang das Ziel erreichen mögen, das Er ihnen gestellt hat. Ich habe euch
nun Zeichen gewirkt, die euch genötigt haben zu glauben, daß eben Ich und ewig
kein anderer der verheißene Messias bin. Aber diese Nötigung dient nicht
wahrhaftig zu eurem Seelenheile, sondern ihr werdet erst selig, so ihr lebet
nach Meinem Worte.
[GEJ.07_062,04] Glaube du es Mir: So Ich euch
Menschen zu Maschinen machen wollte, so kostete Mich das nur einen mit Meinem
Willen verbundenen Gedanken, und der ganze Tempel, ganz Jerusalem und das ganze
große Land, in dem die Juden wohnen, würden Mich unmöglich für etwas anderes
erkennen als für den Messias – Jehova Zebaoth! Aber wäre allen Juden und auch
allen Heiden damit geholfen? Ich sage es dir: Wahrlich, nicht um ein Haar mehr
als dieser hölzernen Speiseschüssel, die – wie du das sogleich sehen sollst –
sich nach Meinem Willen nach allen Richtungen hin zu bewegen anfangen wird!
[GEJ.07_062,05] Sieh, nun lebt die Schüssel
schon und schwebt in der Luft gleich einem Vogel umher! Möchtest du nun dein
Dasein wohl mit ihr tauschen? Siehe, sie ist ganz lebendig und kann sich nach
allen Richtungen hin bewegen; aber sie hat kein Selbstbewußtsein, sondern Mein
höchsteigenes Bewußtsein durchdringt sie und macht sie lebendig. Du kannst an
die Schüssel sogar Fragen stellen, und sie wird dir ohne Mund und Zunge
antworten. Aber wirst du wohl je glauben können, daß die Schüssel für sich
lebt, weise denkt und ohne Mund und Zunge spricht?!
[GEJ.07_062,06] Ich sage dir aber noch mehr:
Ich kann dieser Schüssel vermöge Meiner Allmacht dieses Scheinleben für ewig
erhalten. Wird sie aber darum je ein eigenes, selbständiges und freies Leben Mir
gleich haben? Ewig nicht; denn solange Ich sie lebendig erhalte mit Meiner
puren Macht, ist sie für sich so gut wie völlig tot. Denn ihr Scheinleben ist
nur Meine Willensmacht in ihr und somit Mein höchst eigenes Leben. So Ich
dieses zurückziehe, so ist auch der alte Tod und das alte, notwendige Gericht
aller Materie da, und du wirst an ihr kein Leben mehr entdecken, – wie munter
sie sich nun auch nach allen Richtungen hin und her bewegt.
[GEJ.07_062,07] Und siehe, eben ein solches
Leben hätten die Menschen, so Ich sie mit Meiner Allmacht oder auch mit solchen
Zeichen zwänge, die dem Menschen keinen freien Gedanken übrigließen. Und es ist
sonach für den Menschen ein freier Unglaube um endlos vieles besser als ein
durch Wundermittel erzwungener Glaube; denn die vollste und selbständigste
Freiheit des Willens im Menschen ist der große Plan Gottes im Menschen. Der
Mensch kann wohl ganz unschädlichermaßen von Gott belehrt werden, was er zu tun
hat, um in sich des Lebens Vollendung zu erlangen; aber von Gott wie auch von
einem andern Geiste darf er dazu nie mit einer Macht genötigt werden. Denn wird
er das, so ist er gerichtet und somit für sich völlig tot und besteht als ein
freies und selbständiges Wesen gar nicht mehr.
[GEJ.07_062,08] Und siehe nun, aus eben
diesem Grunde werden von Mir aus gewisse von dir gewünschte Anschauungen und
Erfahrungen im Reiche der reinen Geister so selten wie möglich zugelassen, und
so solche schon dann und wann für einzelne Menschen, die dazu gleich den
Propheten ausersehen sind, zugelassen werden, so müssen eben nur diese
ausersehenen Menschen – die von oben her sind und schon auf einer anderen Welt
die Leibeslebensprobe durchgemacht haben – solche Anschauungen und Erfahrungen
über das Jenseits machen, weil ihnen solches nimmer schaden kann, aber auch den
Nebenmenschen darum nicht, weil diese den Propheten nur glauben können, so sie
wollen. Wollen sie aber nicht – was leider am allerhäufigsten der Fall ist –,
so bleiben sie dennoch völlig frei in ihrem Denken und in der Selbstbestimmung
ihres Handelns, und das frommt ihnen offenbar noch immer mehr als irgendeine
äußere oder gar innere Nötigung zu einem Glauben.
[GEJ.07_062,09] Der Mensch wird zwar nur
durch Gott und in Gott selig, aber nur insoweit, als er durch sein eigenes
Wollen den Willen Gottes zu dem seinigen gemacht hat und in seinem
Selbstbewußtsein gewisserart eins mit Gott geworden ist. Wenn aber Gott dem
Menschen seinen freien Willen hinwegnähme und dafür durch Seine Allmacht Seinen
eigenen Willen in des Menschen Herz setzte, so wäre der Mensch, wie schon
gesagt, so gut wie für und in sich völlig tot, da nur der aufgedrungene
allmächtige Wille Gottes den Menschen ebenso belebte, wie der Meinige diese
Schüssel belebt hat. Gott aber hat den Menschen erschaffen und hat ihn belebt
und also eingerichtet, daß er sich nach und nach selbst entfalten kann und muß,
und das ist so weise, daß der Mensch sich mit aller seiner Vernunft und allem
seinem Verstande nichts noch Weiseres vorstellen kann. – Und Ich meine nun, dir
diese Sache genügend erklärt zu haben. Wenn du das nun verstehst, so erheben
wir uns von den Tischen, gehen abermals hinaus ins Freie und sehen, was sich
draußen alles zuträgt!“
63. Kapitel
[GEJ.07_063,01] Auf diese Meine Anrede
erhoben sich alle von den Tischen und folgten Mir ins Freie hinaus, und zwar
auf die Stelle, auf der wir uns schon vor dem Morgenmahle befanden. Von da aus
sah man gen Emmaus hin, einem Flecken in der Nähe von Jerusalem. Von Jerusalem
führten mehrere Wege dahin, aber nur für Fußgänger. Eine Fahrtstraße aber
führte nicht hin, außer auf einem großen Umwege, so daß ein Mensch um vieles
eher zu Fuße nach dem Flecken kommen konnte als ein Fuhrmann. Die Menschen
zogen am heutigen Tage als an einem Donnerstag ordentlich in Massen hinaus nach
diesem Flecken; denn es war in diesem Orte und an diesem Tage ein Brotmarkt,
und die Menschen zogen darum hinaus, um sich dort gewöhnlich für eine Woche mit
Brot zu versehen. Es war nun in diesem Flecken wegen der in der vergangenen
Nacht stattgehabten Erscheinungen beinahe gar kein Brot gebacken worden, die
vielen Menschen waren aber eben des Brotes wegen da hinausgezogen.
[GEJ.07_063,02] Als unser Nikodemus das von
Mir in Erfahrung gebracht hatte, da sagte er: „O Herr und Meister, da wird es
übel aussehen; denn in diesem Orte befinden sich ja eben des Tempels Bäckereien
und tragen ihm wöchentlich gut tausend Silbergroschen römischen Geldes ein. Und
heute kein Brot, und das Volk wird mit Ungestüm das Brot verlangen! Oh, da wird
es zu Meutereien kommen, die nun kaum zu verhüten sein werden! Was wird da zu
machen sein? Es ist nur der einzige böse Umstand dabei, daß über diese
Tempelbäckereien zu Emmaus gerade ich die Oberaufsicht zu führen habe und dem
Tempel für die richtige und rechtzeitige Bereithaltung einer hinlänglichen
Menge Brotes verantwortlich bin. O weh, o weh, diese Geschichte sieht wahrlich
gar nicht gut aus! O Herr und Meister! Was wird nun da zu machen sein? Woher
nun das Brot schaffen für so viele Menschen? Du, o Herr, könntest mir da wohl
helfen, wenn es Dein heiliger Wille wäre!“
[GEJ.07_063,03] Sagte Ich: „Dir soll auch
geholfen werden; doch sage Ich dir und euch allen: So ihr nicht in einem fort
Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht, und wenn die euch vorgesagte
Wahrheit auch als solche schon ordentlich mit den Händen zu greifen ist! Es
wird aber das Volk wegen des Brotmangels keine zu großen Geschichten machen, da
es in der Nacht auch die Erscheinungen gesehen hat. Es gibt beinahe niemanden
in der Stadt, noch in ihrer weiteren Umgebung, den die gesehenen Erscheinungen
nicht heute und noch mehrere Tage lang ängstigen werden, und so wird auch deine
gefürchtete Meuterei in Emmaus sicher nicht stattfinden, wenn das Volk auch gar
kein Brot bekäme. Es wird aber schon des Brotes einen rechten Vorrat finden.
[GEJ.07_063,04] Aber Ich werde euch nun auf
etwas anderes aufmerksam machen, aus dem heute und auch morgen für den Tempel
eine größere Verlegenheit erwachsen wird als aus dem etwaigen Brotmangel in
Emmaus. Seht, wie auf allen Straßen, die nach Jerusalem führen, eine Menge Volk
herbeiströmt! Das Volk kommt vom Lande und will sich im Tempel Rates erholen
und aus dem Munde der Priester erfahren, was es mit den Erscheinungen für eine
Bewandtnis habe. Und da wird es den Templern schlecht ergehen! Diese werden dem
Volke wohl Bußpredigten über Bußpredigten halten und werden reden vom Zorne
Gottes, und wie Gott nunmehr nur durch starke Bußübungen und große Opfer wieder
versöhnt werden könne.
[GEJ.07_063,05] Aber das Volk wird sagen:
,Warum sagt ihr uns das erst jetzt, da ihr es von Gott doch schon lange hättet
erfahren können und sollen, wie es mit uns vor Seinem Angesichte steht? Denn
wir wissen es von alter Zeit her, daß Gott Sein Volk, wenn es irgend
leichtsinnig Seiner vergaß, stets durch Propheten und Seher jahrelang vorher
erinnern ließ, was über dasselbe kommen werde, so es sich nicht zu Gott wieder
zurückwende. Aber diesmal kamen keine Propheten, die uns zuvor verkündigt
hätten, wie wir etwa vor Gott stehen! Und so nun auch schon in der jüngsten
Zeit irgend Propheten aufgestanden sind, die uns zur Buße und wahren Besserung
ermahnten, so erklärtet ihr sie für falsch und verfolgtet sie und auch die,
welche sie anhörten und sich danach kehren wollten. Und da ihr nun mit uns die
schrecklichen Zeichen gesehen habt, aus denen es sich mit Händen greifen läßt,
daß Gottes Zorn im höchsten Maße über uns gekommen ist, so wollet ihr die
Schuld nun ganz auf uns legen; wir aber werden das nicht annehmen, und uns ohne
euer Gebet selbst an Gott wenden und Ihn bitten, daß Er uns vergebe unsere
Sünden, – und das werden wir darum tun, weil ihr uns nicht schon lange vorher
gesagt habt, wie wir vor dem Angesichte Jehovas stehen.‘
[GEJ.07_063,06] Solche Rede des Volkes wird
die Priester in eine große Verlegenheit setzen, und es werden etliche zum Volke
sagen: ,Gott ist aber sicher wohl nur darum also über euch erzürnt, weil ihr
uns nicht hören und glauben wollt, sondern euch zu den gewissen falschen
Propheten wendet, die wider uns sind und sich alle Mühe geben, euch von uns abwendig
zu machen.‘
[GEJ.07_063,07] Da wird das Volk aber sagen:
,Ihr irret euch da; denn wir haben noch keines falschen Propheten Stimme und
Wahrsagers Wort vernommen. Die wir aber hörten, die waren keine falschen
Propheten; denn sie lehrten offen und erklärten laut vor aller Welt, daß das
Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Ihr aber verfolgtet sie, wie ihr es mit
solchen Menschen zu allen Zeiten getan habt, und das wird auch wohl der Grund
sein, warum Gott uns Seinen großen Zorn angezeigt hat, und wie Er uns zur
harten Zucht in die Hände unserer Feinde geben wird. Daß ihr Priester aber
keine Propheten seid, sehen wir klar daraus, daß ihr nicht wußtet bis zur
Stunde, wie wir vor dem Angesichte Gottes stehen.‘
[GEJ.07_063,08] Da wird abermals ein Priester
sagen: ,So ihr uns aber dafür haltet, daß wir nichts wüßten und fürs Volk gar
nichts mehr wären, – warum kamet ihr denn hierher in den Tempel? Da hättet ihr
ja sonach daheim bleiben können!‘
[GEJ.07_063,09] Da wird das Volk sagen:
,Euretwegen sind wir auch wahrlich nicht gekommen, sondern des Tempels und
Gottes wegen, den wir allerinbrünstigst bitten wollen, daß Er uns vergebe
unsere Sünden. Ihr aber könnet mit uns beten, so ihr wollet; aber wir werden
euch darum kein Opfer darreichen, sondern was wir opfern werden, das werden wir
opfern den Armen und Bedrängten.‘
[GEJ.07_063,10] Darauf werden sich die
Priester zurückziehen, und das Volk wird im Tempel und in seinen Vorhallen
einen großen Lärm machen. Du, Freund Nikodemus, aber kannst nun, so du es
willst, hinabgehen in den Tempel und dich von allem dem, was Ich nun zu dir und
zu allen geredet habe, selbst überzeugen und kannst bei dieser Gelegenheit dem
Volke auch einige wahre Trostworte sagen; doch von Meinem hiesigen Aufenthalt
sage dem Volke ja nichts!“
[GEJ.07_063,11] Als Ich solches zu Nikodemus
gesagt hatte, da dankte er Mir dafür und sagte auch noch hinzu: „Das werde ich
alles genauest befolgen und auch suchen, nach Möglichkeit das Volk zur Ruhe zu
bringen. Aber was werde ich dem Hohenpriester, den Pharisäern und den Ältesten
für eine Antwort geben, so sie mich fragen werden, wo ich diese Schreckensnacht
zugebracht habe, da ich – was sie alle nun schon gar sicher wissen werden –
weder im Tempel noch daheim in meinem Hause zu erfragen war? Wenn ich da die Wahrheit
reden muß, so verrate ich mich und Dich!“
[GEJ.07_063,12] Sagte Ich: „Gehe du nur ganz
ruhig hinab und habe keine Furcht, es wird dich kein Mensch darum fragen, und
was du zu reden haben wirst, das wird dir in den Mund gelegt werden! Am Abend
aber kannst du, so du willst, schon wieder heraufkommen; denn heute werde Ich
noch ganz hier verbleiben.“
[GEJ.07_063,13] Hierauf ging Nikodemus hinab,
sah sich aber während des Gehens öfter um, ob ihn nicht etwa ein echter Jude
erschaue. Aber Ich sandte ihm Raphael nach und ließ ihn bis zum Stadttore
geleiten, so daß niemand Nikodemus zu ersehen vermochte. Am Tore aber
verschwand der Engel plötzlich und befand sich im selben Moment wieder in
unserer Mitte.
[GEJ.07_063,14] Darauf sagte Ich zu ein paar
Jüngern, daß auch sie, so sie wollten, sich bis zum Mittage hin in den Tempel
verfügen könnten, um Zeugen von dem zu sein, was sich im Tempel zutragen werde.
Da gingen auch die Jünger hinab und blieben im Tempel bis über den Mittag,
worauf sie wieder zu uns kamen und erzählten, was sie erlebt hatten.
64. Kapitel
[GEJ.07_064,01] Hierauf sagte Lazarus zu Mir:
„Herr, da wäre ich selbst auch so ein wenig neugierig, wie diese Geschichte im
Tempel heute enden wird; denn ich sehe noch viel Volk auf allen Straßen
einherziehen. Wenn das den Tempel füllen wird, so wird es ein Drängen und ein
Schreien abgeben, wie man etwas Ähnliches sicher schon seit langem nicht erlebt
hat. Da wird der Nikodemus mit seiner schwachen Stimme nicht wohl auslangen! Es
kann da wahrlich ganz leicht zu einem großen Tumulte kommen!“
[GEJ.07_064,02] Sagte Ich: „Sorge du dich um
etwas anderes! Ich habe schon noch der Mittel genug in Meinen Händen, um einen
zu großen Tumult zu verhindern; aber es wird die Sache wahrscheinlich nicht
soweit kommen.
[GEJ.07_064,03] Jetzt aber sind unsere Jungen
auch schon wach geworden und haben Hunger. Darum gehe du, Mein Raphael, zu
ihnen und mache, daß sie zu essen und etwas Wein, aber mit zwei Drittel Wasser
vermischt, bekommen!“
[GEJ.07_064,04] Raphael besorgte solches
schnell, was den Jungen eine große Freude machte, so daß sie kaum erwarten
konnten, Mir ihren kindlich herzlichen Dank abzustatten.
[GEJ.07_064,05] In kurzer Zeit waren sie alle
wohlgestärkt außer dem Hause, und Raphael führte sie zu Mir hin. Hier stellten
sie sich in einer langen Reihe auf, dankten Mir laut für eine so gute
Verpflegung und baten Mich, daß Ich zu ihnen kommen möchte, auf daß Mir ein
jeder einzeln seine Liebe bezeigen könnte; denn da ihrer so viele seien,
könnten sie nicht alle auf einmal zu Mir kommen und Mir ihre große Liebe
bezeigen.
[GEJ.07_064,06] Da sagte Ich zu ihnen: „Meine
lieben Kinder, es hat dies nun nicht not! Wenn ihr aber das schon tun wollet,
so kommet lieber einzeln zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe; denn so Ich zu
euch ginge, da könnte unter euch leicht eine Eifersucht entstehen, da ihr dann
unter euch beraten und sagen würdet: ,Aber warum wandte sich denn der gute
Vater nicht zu mir oder zu diesem oder jenem? Den einen oder den andern hat er
gewiß lieber als mich oder meinen Nachbar!‘ Damit aber eine solche Meinung
unter euch nicht Platz greife, so kommet selbst einzeln oder auch paarweise zu
Mir und bezeiget Mir eure Liebe, und ihr werdet dann nicht sagen können:
,Siehe, diesen oder jenen hat der gute Vater mehr ausgezeichnet!‘ Denn es hängt
das rein von euch ab, welcher von euch am ersten zu Mir kommen will.“
[GEJ.07_064,07] Sagten die Jungen: „Ja, guter
Vater, wir möchten aber alle am ersten bei dir sein, und das gäbe dann ein für
dich sehr lästiges Gedränge! Darum möchtest doch du bestimmen, an welchem Orte
oder Ende unserer Reihe wir anfangen sollen; denn eine Ordnung muß ja auch in
der Liebe sein, weil eine Unordnung auch in der Liebe nicht schön wäre. Denn
der gute Gott in diesem schönen Lande hat alles so schön geordnet, und so
müssen wir aus Hochachtung zu Ihm auch alles in einer gewissen Ordnung
verrichten!“
[GEJ.07_064,08] Sagte Ich: „Nun wohl denn,
wenn ihr es schon durchaus so haben wollet, so fanget beim rechten Ende eurer
Reihe an und kommet!“
[GEJ.07_064,09] Diese Anordnung gefiel den
Jungen, und so eilten sie nun vom rechten Ende, ein Paar nach dem andern, und
zwar zuerst die Jünglinge und darauf erst ebenso die Mägdlein, zu Mir. Vor Mir
verneigten sie sich tief, dann ergriffen sie Meine Hände und drückten dieselben
an ihre Brust, verneigten sich darauf wieder und zogen in guter Ordnung in ihre
vorige Reihe.
[GEJ.07_064,10] Als Mir also alle ihre Liebe
bezeigt hatten und sie sich wieder in ihrer alten Ordnung befanden, da
verbeugten sich abermals alle tief gegen Mich und fragten, was sie nun tun
dürften.
[GEJ.07_064,11] Und Ich sagte zu ihnen:
„Erheitert euch mit allerlei nützlichen Betrachtungen! Sehet euch diese schöne
Gegend an, betrachtet die Blumen und verschiedenes anderes und gedenket dabei,
wie das alles ein guter Gott mittels Seiner Weisheit und Allmacht aus Sich
heraus erschaffen hat, und seid Ihm darob recht sehr dankbar in euren Herzen,
so werdet ihr die Zeit am allernützlichsten zubringen und dabei eine große
Freude haben in euren Herzen! Aber ihr brauchet dabei nicht stets also in einer
Linie zu stehen und zu gehen, sondern stehet und gehet frei, und das also, wie
ihr das hier an Mir und an allen andern Menschen sehet, so werdet ihr euch um
vieles besser vergnügen, als so ihr gleichfort eure steife Linienordnung
beachtet. – Gehet nun und tuet nach Meinem Rate!“
[GEJ.07_064,12] Hier dankten die Jungen für
solch einen guten Rat, lösten alsbald ihre Linie auf und zerstreuten sich nach
allen Richtungen des Berges und unterhielten sich so ganz gut in der frischen
und freien Natur.
65. Kapitel
[GEJ.07_065,01] Wir aber gingen auch noch
mehr fürbaß, und zwar auf dieses Berges höchsten Punkt. Da befand sich ein
ordentliches Wäldchen von Ölbäumen, unter denen sich eine Menge Bänke und Sitze
befanden, und alle ließen sich da nieder und lobten den Lazarus für solch eine
zweckmäßige Herstellung von so vielen und so niedlichen Ruhebänken und Sitzen.
Lazarus dankte allen für die gute Meinung und hatte eine rechte Freude darob.
Von dieser nach allen Richtungen hin ganz freien Höhe genoß man die schönste
Aussicht. Von da aus sah man den Jordan und sein Tal und – freilich in weiter
Ferne – auch einen Teil des Toten Meeres.
[GEJ.07_065,02] Alle betrachteten mit großem
Entzücken die schönen Gegenden, die umliegenden Städte, Flecken und Dörfer eine
gute Weile lang, ohne ein Wort zu reden, und Agrikola sagte, als er sich alles
sehr gut angesehen hatte: „Meine Lieben alle, wie ihr hier seid, und vor allem
Du, o Herr und Meister, ich muß hier ganz offen gestehen, daß ich in unserem
weiten Reiche noch niemals eine gar so wunderherrliche Gegend und Landschaft
gesehen habe wie eben diese hier! Wahrlich, in solch einer herrlichen Gegend
muß einem Menschen das Sterben noch bitterer und schwerer vorkommen, als in einer
mehr wüsten und minder schönen Gegend! Denn da möchte man schon gleich so ewig
fort leben und sich weiden an so einem Anblick! – Was sagst Du, o Herr und
Meister, zu dieser meiner Meinung?“
[GEJ.07_065,03] Sagte Ich: „Freund, du
hättest da mit deiner Meinung wohl recht, wenn die Seele nach des Leibes Tode
im Verbande mit dem Geiste aus Gott nicht das Vermögen überkäme, endlos
herrlichere Gegenden auch in anderen Welten zu schauen und zu genießen, – wenn
das Anschauen von wunderschönen Gegenden und Landschaften für eine Seele schon
ein höchster Seligkeitsgenuß sein sollte. Aber Ich meine, daß es nach dem
Abfalle des Leibes für eine lebensvollendete Seele wohl noch höhere
Seligkeitsgenüsse geben wird als bloß das Anschauen von sehr schönen
Landschaften.
[GEJ.07_065,04] Ich setze dir den Fall, daß
du hier – sage – nur hundert Jahre hindurch diese Landschaft in einem fort
betrachten müßtest und wärest dabei aber auch mit allen anderen
Leibesbedürfnissen auf das reichlichste versorgt, so stehe Ich dir dafür, daß
dich diese schöne Landschaft bald derart zu langweilen anfangen würde, daß du
sie dann in deinem ganzen Leben nimmer ansehen möchtest. Ja, unter guten
Freunden dann und wann macht der Anblick einer schönen Gegend auf das
menschliche Gemüt immer einen erhebenden Eindruck; aber dann sehnt sich die
Seele bald nach Veränderungen, damit sie größere und gedehntere Erfahrungen
mache und aus ihnen auch stets etwas Neues erlerne.
[GEJ.07_065,05] So gut aber eine vollkommene
Seele jetzt durch die Augen des Leibes das schauen kann, was sie umgibt, so
wird sie das Vermögen des Schauens, Hörens und Fühlens in ihrem reinen
Geisteszustande wohl auch noch in einem höheren Grade und Maße besitzen, als
sie das jetzt in dem schweren und mühseligen Leibe besitzt! Ich habe es euch ja
schon ehedem unten vor dem Hause gezeigt, wie das innere Schauen der Seele
beschaffen ist – worüber du dich selbst im hohen Grade verwundert hast –, als
dir die von Mir auf eine kurze Zeit im Geiste entzückten und zuvor nie in Rom
gewesenen Menschen deine große Vaterstadt so genau beschrieben haben, wie du
sie selbst nie genauer mit deinen Augen hattest schauen können.
[GEJ.07_065,06] Da wirst du denn doch wohl
einsehen, daß die Seele in ihrem freien und rein geistigen Zustande ein viel
höheres Sehvermögen besitzt als in dem beschränkten Leibe! Wenn aber erwiesen
das der Fall ist, so kannst du, wenn du Meinen Worten und Zeichen und auch
deinen im Fache des Seelisch-Geistigen gemachten Erfahrungen den vollen und
lebendigen Glauben schenkst, doch wahrlich nicht sagen, daß man in einer
solchen Gegend dem Leibe nach schwerer sterben würde als in einer öden und
düsteren Landschaft! Daß eine jede Seele nach dem Tode des Leibes aber fortlebt
und sich ihres Lebens klarst bewußt ist, das wirst du etwa doch nicht mehr
bezweifeln?“
[GEJ.07_065,07] Sagte Agrikola: „Herr und
Meister, das sicher nicht, da ich doch schon zuvor in Spanien, in Sizilien und
in Ägypten Erfahrungen über das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes
gemacht habe, und das sicher auf eine alleruntrüglichste Weise. Aber es handelt
sich hier um etwas ganz anderes, und das ist es eben, weshalb ich mir ehedem
eine Bemerkung zu machen erlaubte!“
[GEJ.07_065,08] Sagte Ich: „Und worin besteht
denn dieses dein anderes? Rede nun nur zu; denn wir haben noch viel Zeit bis
gen Mittag hin, um noch so manches zu verhandeln!“
[GEJ.07_065,09] Es traten aber nun auch die
vielen anwesenden Zöllner vor Mich und fragten Mich, ob Ich ihnen wohl darum
nicht gram werden würde, so sie bis an den Abend hin sich nach Hause begäben,
um alldort nachzusehen, ob alles wohl in der Ordnung sei, und ob sich ihre
Diener bei dieser Gelegenheit gegen das noch immer auf allen Straßen
hereinziehende Volk etwa nicht irgendwelche Bedrückungen erlaubten.
[GEJ.07_065,10] Sagte Ich: „Tuet das und tuet
Gutes nun für so manches Üble, das ihr durch viele Jahre an den Menschen
begangen habt, so werden euch eure Sünden vergeben sein! Wie ihr aber nun frei
abziehet, so könnet ihr auch frei wiederkommen.“
[GEJ.07_065,11] Mit dem verneigten sich die
vielen Zöllner, dankten für alles Empfangene und Genossene und zogen dann
schnell ab.
66. Kapitel
[GEJ.07_066,01] Ich aber sagte abermals zu
Agrikola: „Nun kannst du deine Sache vorbringen, – und so rede nun!“
[GEJ.07_066,02] Sagte Agrikola: „Herr und
Meister, daß des Menschen Seele auch nach dem Tode des Leibes fortlebt, das ist
nun eine völlig abgemachte Sache der klarsten Wahrheit. Aber wo kommt sie hin,
und was ist eigentlich ihr Wesen und was das des ganz reinen Geistes? Da Raum
nach Deiner Belehrung der unendlich ist, so müssen ja auch die Seelen und
selbst die reinsten Geister sich innerhalb des endlos ewig großen Raumes
befinden; denn ein Außerhalb desselben kann es ja unmöglich irgend geben.
[GEJ.07_066,03] Dann noch eine Frage: Welche
Gestalt hat für sich eine Seele oder gar ein reiner Geist, und warum kann ein
natürlicher Mensch nicht immer die Seelen und Geister sehen? Herr, nur auf
diese meine Fragen gib mir noch eine lichtvolle Antwort, und ich will Dich dann
um nichts mehr fragen; denn unsere volle Unwissenheit in dieser Sache ist
eigentlich dasjenige, was uns das Sterben gar bitter und angstvoll macht. Haben
wir Menschen aber auch darin ein genügend helles Licht, so werden wir leicht
sterben und nicht ängstlich am tollen Leben des Fleisches hängen.“
[GEJ.07_066,04] Sagte Ich: „Ja, das wäre Mir
etwas sehr Leichtes, dir das zu erklären, wenn du nur das freie Verständnis
dafür besäßest; aber das besitzest du eben noch nicht, obwohl du seit deinem
Hiersein schon gar vieles in eben dieser Hinsicht von Mir wohlbeleuchtet
vernommen und auch in wohlgeordneten Wunderzeichen selbst gesehen und erfahren
hast. Und so ist das eine schwere Sache, dir diese Sache noch näher zu
beleuchten, als sie dir schon beleuchtet worden ist.
[GEJ.07_066,05] Die Seele des Menschen ist
eine rein ätherische Substanz, also – wenn du das fassen kannst – aus sehr
vielen Lichtatomen oder möglich kleinsten Teilchen zu einer vollkommenen
Menschenform zusammengesetzt durch die Weisheit und durch den allmächtigen
Willen Gottes, und der reine Geist ist eben der von Gott ausgehende Wille, der
da ist das Feuer der reinsten Liebe in Gott.
[GEJ.07_066,06] Der reine Geist ist ein
Gedanke Gottes, hervorgehend aus Seiner Liebe und Weisheit, und wird zum wahren
Sein durch den Willen Gottes. Da ber Gott in Sich ist ein Feuer aus Seiner
Liebe und Weisheit, so ist das gleiche auch der in ein eigenes Sein realisierte
und gewisserart aus Gott getretene Gedanke. Wie aber das Feuer eine Kraft ist,
so ist dann solch ein Gedanke aus Gott auch eine Kraft in sich, ist seiner
selbst bewußt und kann für sich wirken in eben jener Klarheit, aus der er
hervorgegangen ist. Als eine Reinkraft durchdringt er alles, was du Materie
nennst, kann aber von der Materie nicht durchdrungen werden, weil die Materie
im weiteren Verlaufe nichts ist als eine Außenäußerung des Geistes aus Gott.
[GEJ.07_066,07] Die Seele ist gewisserart
durch die Kraft des Geistes wieder aufgelöste Materie, die in des Geistes
eigene Urform, durch seine Kraft genötigt, übergeht und sodann, mit ihrem
Geiste vereint, gleichsam seinen lichtätherisch- substantiellen Leib ausmacht,
so wie die Seele aus der sie umgebenden Fleischmaterie, wenn diese völlig
verwest und aufgelöst worden ist, sich durch ihren rein geistkräftigen Willen
ihr einstiges Kleid formt und bildet.
[GEJ.07_066,08] Da hast du nun eine ganz
kurze und vollwahre Darstellung dessen, was die Seele für sich ist, und was der
reine Geist für sich ist.
[GEJ.07_066,09] Wohin aber eine Seele beim
Austritt aus ihrem Leibe kommt, das dem Ort im Raume nach zu bestimmen, wird
für dich wohl noch schwerer zu fassen sein; aber Ich will dir dessenungeachtet
einen Wink geben, aus dem du für dich einiges Licht ziehen kannst. Denn das
Eigentliche wirst du erst dann in dir selbst erfahren, wenn du eben auch in dir
selbst zur vollen Wiedergeburt oder vollen Einigung des Geistes mit deiner
Seele gelangt sein wirst, weil solches die Seele so lange nie völlig fassen
kann, solange sie sich nicht durch die Kraft des Geistes in ihr also gestaltet,
daß sie fähig ist, sich mit dem Geiste völlig zu einen.
[GEJ.07_066,10] Raumörtlich hält sich eine
Seele nach dem Abfalle ihres Leibes – besonders in ihrer ersten Seinsperiode –
gewöhnlich dort auf, wo sie sich im Leibe auf der Erde aufgehalten hat, das heißt,
wenn sie als noch nicht völlig vollendet ins fleischlose jenseitige Reich
übertritt.
[GEJ.07_066,11] In solchem Falle sieht und
hört sie aber von der Naturwelt, die sie im Leibe bewohnt hat, dennoch nichts,
wenn sie sich auch räumlich auf eben derselben Welt befindet. Ihr Sein ist mehr
oder weniger wie ein heller Traum, in welchem die Seele auch in einer gleichsam
aus ihr hervorgegangenen Gegend oder Landschaft lebt und ganz so tut und
handelt, als befände sie sich in einer ganz natürlichen Welt, und es geht ihr
die verlassene Naturwelt nicht im geringsten ab.
[GEJ.07_066,12] Aber durch Zulassungen von
Gott aus wird die von ihr bewohnte Gegend oft vernichtet, und die Seele
befindet sich in einer andern, die ihrem inneren Zustande ganz angemessen ist. Bei
einer solchen Seele dauert es dann oft wohl lange, bis sie durch manche
Belehrung dahin kommt, daß das alles, was sie dort zu besitzen wähnt, eitel und
nichtig ist. Kommt sie einmal aus manchen Erfahrungen und Erscheinungen zu
dieser Einsicht, so fängt sie dann erst an, ernstlicher über ihren Zustand und
ihr Sein Betrachtungen zu machen und daraus auch eben mehr und mehr
innezuwerden, daß sie die frühere, irdische Welt verlassen hat, und die
Sehnsucht wird in ihr wacher, eine bleibendere und unwandelbarere Lebensstätte
zu bekommen.
[GEJ.07_066,13] In solch einem Zustande wird
sie von schon vollendeteren Geistern belehrt, was sie zu tun hat; und tut sie
das, so wird es denn auch heller und heller in ihr, weil ihr innerer Geist sie
mehr und mehr durchdringt. Je mehr sie aber der innere Geist durchdringt und
gleichsam in ihr wächst wie ein Kind im Mutterleibe, desto mehr Bestand fängt
um sie herum alles anzunehmen an.
[GEJ.07_066,14] Wenn aber eine Seele einmal
dahin kommt, daß ihr innerer Geist sie ganz durchdringt, dann kommt sie auch
zum vollen Hellsehen und klaren Erkennen, zum vollsten Bewußtsein und zur
klaren Erinnerung an alles: was sie war, wie sie geworden ist, was sie gemacht
hat und wie die Welt, in der sie im Leibe gelebt, ausgesehen hat, und wie sie
bestellt war.
[GEJ.07_066,15] Solch eine Seele kann dann
sowohl diese Erde als auch den Mond, die Sonne, alle die andern um diese Sonne
kreisenden Planeten oder Erden – was bisher freilich noch kein Sternkundiger,
weder ein Grieche, noch einer der alten ägyptischen PDOLOMEUZE (Feldmesser)
erkannt hat – und auch die anderen Sonnen in einer oder mehreren Hülsengloben,
die Ich euch schon gestern hinreichend erklärt habe, auf das allergenaueste
durchschauen und sich an ihrer wunderbaren Gestaltung und Einrichtung wahrhaft
im höchsten Grade ergötzen und die wahre und höchste Freude haben an der Liebe,
Weisheit und Macht des einen Gottes.“
67. Kapitel
[GEJ.07_067,01] (Der Herr:) „Das steht also
solch einer vollendeten Seele sicher und sogar notwendig bevor, und doch ist
diese Eigenschaft einer lebensvollendeten Seele als ein mindester Grad der
eigentlichen großen Seligkeit anzusehen, weil das allein eine vollendete Seele
mit der Weile ebenso anzuwidern anfangen würde, wie es dich hier anwidern
würde, wenn du diese noch so schöne Landschaft nur hundert Jahre nacheinander
fort betrachten und bewundern müßtest.
[GEJ.07_067,02] Die größere Seligkeit einer
Seele besteht doch offenbar nur darin, daß die vollendete Seele auch mit der
wahrhaften göttlichen Schöpferkraft ausgerüstet und versehen ist und aus
gottähnlicher Weisheit alles bewirken kann, was Gott Selbst auf ganz dieselbe
Art und Weise bewirkt und hervorbringt.
[GEJ.07_067,03] Ein noch höherer und
eigentlich schon beinahe allerhöchster Seligkeitsgrad einer vollendeten Seele
aber besteht darin, daß sie Gott, den alleinigen Herrn und Schöpfer der
Unendlichkeit, als ihren höchsten Lebensfreund fort und fort um sich haben und
Ihn ohne alles Maß und ohne alle Grenzen lieben kann und mit Ihm in einem
Augenblick die ganze geistige und materielle Schöpfung übersehen kann.
[GEJ.07_067,04] Das gar Allerhöchste der
Seligkeit einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie sich, als mit
Gott durch die Liebe völlig vereint, auch in der vollsten göttlichen Freiheit
befindet.
[GEJ.07_067,05] Wie aber das dir nun Gesagte
völlig wahr ist, das kannst du allein an diesem Meinem jungen Diener schon mit
deinen leiblichen Augen gar wohl entdecken. Du fragtest Mich schon ein paarmal,
was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis habe, woher und wer er sei. Und
nun will Ich es dir kundtun:
[GEJ.07_067,06] Siehe, dieser Jüngling ist
schon lange ein reiner Geist, hat aber schon einmal auf dieser Erde als ein
Mensch im Fleische gelebt! Sein Name war Henoch, und er war ein erster Prophet
und Gotteslehrer der ersten Nachkommen Adams.
[GEJ.07_067,07] Da seine Seele in jener
Urzeit der Menschen dieser Erde in der höchsten und reinsten Liebe zu Gott
entbrannte, so löste eben solche Liebe seinen Leib in eine ätherische Substanz
auf, mit der die freie Seele bekleidet ward und sofort für immer ein Erzengel
der höchsten Himmel Gottes, das heißt der höchsten göttlichen Freiheit, wurde,
was du wohl daraus ersehen kannst, daß sie hier zu nächst um Mich ist.“
[GEJ.07_067,08] Hier machte Agrikola große
Augen und sagte: „Wie? Das wäre ein Geist, und das ein reiner und vollendeter
auch noch dazu?! Er hat ja doch sichtbar Haut, Fleisch und Blut und ißt und
trinkt wie unsereins!
[GEJ.07_067,09] Daß er Wunderbares gleich Dir
bewirken kann, das habe ich mir also erklärt, daß er schon lange Dein Jünger
sein werde und als solcher von Dir dazu die gehörige Weisheit und Macht
erhalten habe; denn als einen ganz reinen Geist könnten wir Menschen ihn ja
nicht sehen. So man ihn angreift, so fühlt man alles wie bei einem ganz
natürlichen Menschen. Aber Du hast es nun gesagt, und ich muß es Dir glauben,
obschon das all mein Denken noch mehr verwirrt. Wie hat denn dieser reine Geist
nun einen Leib?“
[GEJ.07_067,10] Sagte Ich: „Ich habe es dir
ja ehedem gesagt, daß wir nun so manches verhandeln können, weil wir dazu Muße
haben, und so werden wir mit dem schon auch noch ins reine kommen. Siehe, da
steht schon Mein Raphael Henoch vor uns, und Ich sage dir nun, daß du das
Weitere, was du wissen willst, mit ihm selbst verhandeln kannst; denn er wird
dir ganz dieselbe Auskunft geben, die Ich dir geben würde, und was er dir sagen
und zeigen wird, das wird er dir sagen und zeigen aus seiner selbständigsten
Freiheit, Macht, Weisheit und Kraft, weil er sich solche aus Gott völligst zu
eigen gemacht hat. – Und so magst du nun mit ihm deine Erforschungen beginnen!“
68. Kapitel
[GEJ.07_068,01] Sagte hierauf Agrikola zu
Raphael: „Hochliebster Diener unseres Gottes, Herrn und Meisters! Was hast du
denn als ein reiner Geist hier für einen Leib? Ist das auch, wie bei mir,
Fleisch und Blut?“
[GEJ.07_068,02] Sagte Raphael: „Fühle mich an
und überzeuge dich selbst!“
[GEJ.07_068,03] Hier befühlte der Römer des
Engels Hände und Füße und fand, daß sie ganz so aus Fleisch und Blut bestanden
wie die eines andern Menschen, und er sagte darauf: „Ja, da ist wahrlich nichts
Geistiges zu fühlen, – und dennoch sollst du ein reiner Geist sein, und das
schon beinahe so alt wie das Menschengeschlecht auf dieser Erde?“
[GEJ.07_068,04] Sagte nun der Engel: „Befühle
mich noch einmal, und wir wollen hören, wie du nachher urteilen wirst!“
[GEJ.07_068,05] Hier fing der Römer den Engel
neuerdings zu befühlen an; aber nun fühlte er keinen Körper mehr, und wo er den
Engel anfaßte, da gingen seine Finger ebenso leicht hindurch wie durch die
Luft.
[GEJ.07_068,06] Als er diese zweite Erfahrung
gemacht hatte, da sagte er hochverwundert (der Römer): „Ah, da könnte aber doch
selbst der allergescheiteste Mensch zu einem Narren werden! Ehedem war alles
gediegen, und jetzt ist alles Luft und somit so gut wie völlig nichts! Ja, aber
sage mir nun – wenn du als ein gar so luftiges Phänomen noch reden kannst –, wo
du deinen früheren, wohlfühlbaren Leib nun hingetan hast!“
[GEJ.07_068,07] Sagte der Engel: „Gar
nirgends hin, sondern ich habe ihn noch genau also, wie ich ihn früher gehabt
habe! Daß du ihn früher als festen Leib fühltest, das war mein freier Wille;
und daß du ihn nun zum zweiten Male gar nicht fühltest, das war auch also mein
Wille. Denn was wir vollendeten Geister wollen, das geschieht, wie wir es aus
unserer Freiheit und Weisheit wollen, entweder augenblicklich oder nach und
nach in einer bestimmten weisen Ordnung.
[GEJ.07_068,08] Denn wir sind durch unsere
Liebe zu Gott auch völlig in Seiner uns ertragbaren und wohl erkennbaren
Weisheit und Macht, und so ist Gottes Liebe auch unsere Liebe, Seine Weisheit
unsere Weisheit, Sein Wille unser Wille und Seine Macht auch unsere Macht. Aber
dennoch gibt es in Gott noch unergründliche Tiefen, die kein geschaffener Geist
je ergründen wird; und könnte er das, so wäre er nicht selig, weil er dann aus
Gott keine steigende Seligkeit mehr zu erwarten hätte. – Verstehet ihr Römer
das wohl?“
[GEJ.07_068,09] Sagten nun mehrere Römer:
„Ja, du unser Freund – wenn du auch ein Geist bist –, um das so recht zu
verstehen und zu fassen, dazu gehört mehr als unser römischer Verstand! Es wird
schon alles also sein; doch das eigentliche Wie müssen wir erst bis dahin
abwarten, wenn wir selbst in unseren Seelen vollendeter sein werden.“
[GEJ.07_068,10] Sagte der Engel: „Höret, ich
rede nun nur mit dem Agrikola und nicht mit euch allen zugleich; denn ich weiß
das schon ohnehin, daß ihr andern nicht gleich verständig seid. Darum mögen nun
alle hören und auf alles aufmerksam sein, was ich mit dem Verständigsten von
euch rede, und was ich ihm zeige! Und so rede du, Agrikola, nun allein!“
[GEJ.07_068,11] Sagte nun Agrikola: „Ja, ja,
du mein rein geistiger Freund, ich habe es im Grunde wohl so halbwegs
verstanden, was du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen; doch ganz habe ich
das wohl auch so, wie die andern, nicht verstanden, – doch auch ich warte da
nach der Verheißung des Herrn auf bessere Zeiten! Aber das möchte ich von dir
nun erfahren – und zwar unter der Bedingung, auf manches andere vollen Verzicht
zu leisten –, wie du dich durch deinen Willen so entleiben kannst und doch noch
also da bist wie ehedem mit dem höchst fühlbaren Leibe? Denn das ist für mich
das Allerunbegreiflichste! Einmal bist du ein wirkliches Etwas, gleich darauf
bist du dem Gefühle nach ein vollendetes Nichts, und das Nichts ist dennoch
wieder das vollendete ganz gleiche Etwas. Ja, wie ist denn das doch wohl
möglich?“
[GEJ.07_068,12] Sagte der Engel: „Das ist ja
etwas ganz Einleuchtendes! Wir Geister in unserer für euch imponderablen
(unwägbaren) rein geistigen Sphäre sind ja das eigentliche, allein wirkliche
und allerursprünglichste Etwas. Alles andere in aller materiellen Welt ist nur
eine durch unseren Willen bewirkte Erscheinlichkeit, damit für eure materiellen
Seelen ein beharrliches Medium da ist, mittels dessen ihr euch gleich uns die
vollste und wahrste Lebensfreiheit verschaffen könnet.
[GEJ.07_068,13] Um dir das aber noch
handgreiflicher zu zeigen, so nimm du, Agrikola, nun selbst einen Stein vom
Boden auf in deine Hand! – Gut, du hast nun einen ganz harten Naturstein in
deiner Hand! Du wirst nun sagen: ,Siehe, dieser Stein ist nun, wie er ist, eine
barste Wirklichkeit!‘ Denn du fühlst nun in deiner Hand seine Schwere und seine
für dich unzerstörbare Härte und sagst bei dir: ,Das ist ein wirkliches Etwas!‘
Aber ich sage es dir, daß es sich hier mit deinem wirklichen Etwas geradealso
verhält wie ehedem mit meinem Fleischleibe und darauf mit diesem meinem noch
immerfort gleich geistigen Leibe. Denn die Härte und diese Schwere des Steines,
den du noch in deiner Hand festhältst, hängt auch nur ganz allein von der
Beharrlichkeit unseres Willens ab. Solange wir ihn als einen harten und
schweren Stein erhalten wollen, so lange wird er auch das bleiben, was er ist.
[GEJ.07_068,14] Will zum Beispiel aber auch
nur ich, daß dein Stein mir nun ganz – was den Körper betrifft – gleich werden
soll, so wirst du den Stein ebenso durchgreifen können, wie du ehedem mich
durch und durch gegriffen hast. Und wird das der Fall sein, so hat die durch
unseren Geisterwillen produzierte Materie des Steines erst ihre Urrealität
erreicht, ohne die sie nun durch die Beharrlichkeit meines selbstischen
(eigenen) Willens dir als ein harter und schwerer Stein erscheint. Damit du das
aber noch leichter fassest, so prüfe deinen Stein noch einmal fest durch, ob er
noch derselbe Stein ist!“
[GEJ.07_068,15] Sagte Agrikola: „Der ist
noch, wie er war!“
[GEJ.07_068,16] Sagte der Engel: „Wie ist er
denn jetzt?“
[GEJ.07_068,17] Sagte Agrikola: „Ah, ich sehe
ihn wohl noch wie ein Wölkchen in meiner Hand, doch seine Härte und Schwere ist
gleich nichts! Nein, das ist aber doch im höchsten Grade sonderbar! Hätte ich
mir doch alles eher einbilden können, als daß so etwas möglich sein sollte! Ja,
wie ist dir das zu bewirken möglich?“
69. Kapitel
[GEJ.07_069,01] Sagte der Engel: „Ich habe es
dir ja ohnehin schon gesagt, daß das nur durch die Beharrlichkeit unseres
Willens geschieht, und daß alle Materie nichts ist als die Beharrlichkeit des
Willens des Geistes Gottes, so verschiedenartig sie dir auch erscheinen mag;
denn die verschiedenen Stoffe der Materie samt den Elementen, aus denen sie vor
deinen Augen zu entstehen und zu bestehen scheint, sind unsere Gedanken. Ihre
Formen und Farben sind unsere aus unseren Gedanken gestalteten Ideen. Ihre
Zweckdienlichkeit sind unsere aus den Ideen entwickelten Begriffe, und die
Erreichung eines höheren geistigen Zieles für alles, was nun Materie ist, sind
unsere Absichten, aus denen aller Materie glückliches Endziel hervorgehen wird.
[GEJ.07_069,02] Darum ist ein wahres und
reales Sein nur bei uns ewig unsterblichen Geistern, und das Sein der Materie
ist nur ein pur von uns bewirktes und in jedem Momente von uns abhängiges, wie
du das nun mit dem Steine ganz klar hast sehen müssen. Du hast das Wölkchen
aber noch auf deiner Hand, und sieh, ich werde es wieder mit der vollen
Beharrlichkeit meines Willens erfüllen, und du wirst den früheren Stein wieder
in deiner Hand haben!“
[GEJ.07_069,03] Der Engel tat das, und in der
Hand des Römers befand sich wieder ganz der frühere, alte, harte und schwere
Stein.
[GEJ.07_069,04] Das machte auf den Römer
einen noch mächtigeren Eindrucke und er sagte zum Engel (der Römer): „Dieser
Stein bleibt mir ein Schatzstein zum Gedächtnis an das, was hier so wunderbar
vorgefallen ist! Aber nun noch eine Frage! Sieh, in mir wohnt doch auch eine
Seele und in ihr nach eurer Lehre ein dir ganz ebenbürtiger Geist! Warum kann
denn ich nicht durch solchen meinen Geist auch das bewirken, was du als ein
Geist zu bewirken imstande bist?“
[GEJ.07_069,05] Sagte der Engel: „Weil deine
Seele dazu noch nicht reif und dein innerer Geist noch nicht in deine Seele
übergegangen ist! Aber etwas bewirkt dein Geist dennoch durch die
Beharrlichkeit seines deiner Seele noch ganz unbekannten Willens, und das ist
der Bau und die zeitweilige Erhaltung deines Leibes. Solches aber kann deine
Seele nicht merken, wie sie auch nicht merkt, wie ihr Leib gebaut ist, weil ihr
solches ihr innerer, rein jenseitiger Baumeister nicht offenbaren und zeigen
kann, da sie, wie gesagt, noch nicht reif ist.
[GEJ.07_069,06] Der innere Geist arbeitet
zwar unablässig dahin, die Seele ehest möglich reif und völlig frei zu machen,
doch kann und darf er ihr nicht den geringsten Zwang antun, weil sogestaltig eine
Seele dann noch materieller und unfreier werden würde, als sie durch alle
Einflüsse der Außenwelt je werden könnte. Darum ward der Seele in ihrem Leibe
ein eigener Wille und ein eigener Verstand gegeben, durch den Unterricht von
außen her dahin sich selbst bestimmend gebracht zu werden, sich von aller
Weltlichkeit durch ihren eigenen Willen stets mehr und mehr zu entäußern und in
sich gehend die reiner und reiner werdenden geistigen Wege zu betreten.
[GEJ.07_069,07] In dem Maße aber die Seele
die stets reineren geistigen Wege tätig begeht, in demselben Maße eint sich
dann auch ihr innerer, reiner und jenseitiger Geist mit ihr. Und hat sie sich
durch ihren in sich stets lauterer gewordenen Verstand und durch ihren dadurch
auch stets freier gewordenen Willen aller Welt vollends entäußert, so ist sie
ihrem Geiste gleich und eins mit ihm geworden, welche Einswerdung wir die
geistige Wiedergeburt nennen wollen, und so wird sie als eins mit ihrem Geiste,
auch noch im Leibe seiend, eben das vermögen, was ich nun vor deinen Augen als
eben ein solcher mit meiner Seele vereinter Geist vermag.“
70. Kapitel
[GEJ.07_070,01] (Raphael:) „Als ich als
Mensch viele Jahre einen Leib bewohnte, da ward ich durch die Gnade des Herrn
dieses inneren Lebensweges inne und beging ihn mit stets größerer
Beharrlichkeit. Dadurch geschah es in meiner letzten Zeit, daß mein Geist und
meine Seele eins wurden, und es ward mir die volle Macht auch über meinen
irdischen Leib, so daß ich ihn dann ebenso plötzlich auflösen konnte, wie ich
nun den Stein und vorher meinen dir fühlbaren Leib aufgelöst habe und von ihm
nur so viel behielt, daß du mich mit deinen fleischlichen Augen noch sehen
konntest.
[GEJ.07_070,02] So ich nun aber wieder einen
Leib dir gleich haben will, so darf ich nur wollen, und der Leib wird auch
wieder dasein. Sieh, ich will das, und du fühle mich jetzt wieder an, und du
wirst mich wieder also fest finden, wie ich ehedem war!“
[GEJ.07_070,03] Der Römer tat solches und
fand, daß Raphael wieder ganz Mensch war wie zuvor.
[GEJ.07_070,04] Da fragte er (Agrikola) den
Engel und sagte: „Als du, als ein vollendeter Mensch auf Erden seiend, deinen
Leib aufgelöst hattest, konntest du dir ihn auch wieder zurückerschaffen?“
[GEJ.07_070,05] Sagte Raphael: „Das sicher so
wie jetzt; aber ich wollte das nicht, weil ein rein geistiges, körperfreies
Sein ein endlos vollendeteres ist als ein mit irgendeinem Körper – wenn auch
durch den eigenen Willen – gebundenes. Siehe, in diesem Leibe kann ich weniger
wirken als ohne ihn! So du mich aber wirken siehst Wunderbares, dann ist der
Leib schon fort und wird erst nach der Tat wieder geschaffen. Ich vermag zwar
auch im Leibe alles, doch nicht so vollkommen wie außer dem Leibe. – Hast du
noch Fragen, so gib sie von dir, und ich will sie dir beantworten!“
[GEJ.07_070,06] Sagte Agrikola: „Oh, Fragen
hätte ich noch in großer Menge vorrätig! Könntest du denn durch die
Beharrlichkeit deines Willens auch einen Teil der freien Luft in irgendeine
Materie verwandeln?“
[GEJ.07_070,07] Sagte der Engel: „Allerdings;
denn fürs erste ist die Luft schon Materie und enthält alle erdenklichen Stoffe
in sich und kann darum um so eher in jede beliebige Materie verwandelt werden,
und fürs zweite steht es meinem Geiste wahrlich frei – und das im höchsten
Grade –, meinen Willen da im vollsten Maße wirkend auftreten zu lassen und
somit die Luft, die du mir anzeigst, augenblicklich in irgendeine Materie zu
verwandeln. Sage mir nun nur an, in was ich die Luft verwandeln soll!“
[GEJ.07_070,08] Sagte Agrikola: „Freund, das
überlasse ich deinem besten und weisesten Ermessen! Tue, was du willst, und mir
wird nun schon alles recht sein!“
[GEJ.07_070,09] Sagte der Engel: „Nun gut
denn! So soll nun die Luft, die vor uns weht, in der Ferne von zwölf Schritten
vor uns im Augenblick in eine fünf Mannshöhen hohe und bei einer Mannslänge im
Durchmesser starke und vollkommen runde Säule sich gestalten! Es sei! Und nun
gehe hin und untersuche die schon stehende Säule, ob sie noch Luft oder ob sie
wohl eine festeste Granitsäule ist!“
[GEJ.07_070,10] Hier gingen alle Römer hin
und untersuchten die Säule.
[GEJ.07_070,11] Und alle sagten: „O Wunder
der Wunder! Es ist erstaunlich über erstaunlich! Es ist wahrlich die
allerfesteste Granitsäule, wie wir selbst in Rom keine ähnliche nachzuweisen haben!
Ja, ja, im reinen Geiste ist das Wesen, und alle Materie ist nur eine Folge der
Beharrlichkeit des freien Willens eines reinen Geistes!“
[GEJ.07_070,12] Hierauf sagte der Engel: „Für
wie schwer haltet ihr wohl diese Säule?“
[GEJ.07_070,13] Sagte Agrikola: „Ja, Freund,
das wäre für uns wohl sehr schwer zu bestimmen! Aber beiläufig kann man das
schon annehmen, daß diese Säule ganz sicher hunderttausend Pfunde schwer sein
dürfte, und tausend Männer würden sie kaum bewältigen.“
[GEJ.07_070,14] Sagte der Engel: „Da hast du
ein ziemlich richtiges Urteil gefällt! Und dennoch sage ich dir, daß es mir als
einem reinen Geiste ein gar leichtes ist, diese schwere Säule so hoch, wie du
es nur immer haben willst, bloß durch meinen Willen in die Höhe zu heben. Bestimme
die Höhe oder bestimme mir die Entfernung, wohin ich sie bloß durch meinen
Willen von dannen heben soll, und es wird auch das alsogleich bewerkstelligt
werden!“
[GEJ.07_070,15] Sagte Agrikola: „Nun, so du
das schon gerade also haben willst, da sage ich: Hebe die Säule hundert
Mannshöhen gerade in die Luft empor, und stelle sie dann dorthin auf das Feld,
das sich gerade in der halben Ferne gen Emmaus befindet!“
[GEJ.07_070,16] Sagte der Engel: „Ganz gut,
es geschehe das alles alsogleich!“
[GEJ.07_070,17] Als der Engel solches kaum
noch ausgesprochen hatte, da befand sich die Säule schon in der verlangten Höhe
in der Luft, und bald darauf sah man sie im Felde gen Emmaus stehen.
[GEJ.07_070,18] Nun aber war es auch schon
völlig aus bei allen und natürlich schon ganz besonders bei den Römern; denn
sie konnten sich darüber alle nicht genug verwundern.
[GEJ.07_070,19] „Aber“, sagte der Engel, „wie
könnet ihr euch denn darüber gar so sehr verwundern? Ist denn einem reinen
Geiste irgend etwas unmöglich? Es beruht alles ja auf dem festen Willen eines
reinen Geistes! Wenn wir reinen Geister Erden, Sonnen und aller Art
Zentralsonnen im Raume umherzutragen imstande sind und am Ende sogar ganze
Hülsengloben, wie sollte es mir und allen reinen Geistern dann nicht noch ein
leichteres sein, solch eine Säule im Moment dahin zu schaffen, wohin man sie
will? Wer mit Löwen wie mit Fliegen spielen kann, dem werden die Mücken sicher
auch kein Bangen verursachen!“
71. Kapitel
[GEJ.07_071,01] (Raphael:) „Aber da wir noch
Zeit haben, so will ich euch auch noch etwas zeigen; denn sonst könntet ihr
noch auf den Gedanken kommen, daß ich mich nur mit den Steinen abgebe. Seht,
die Säule ist einmal da und versorgt, und sie soll Jahrhunderte auf jenem
Punkte stehenbleiben und tausend Jahre erhalten werden durch die Beharrlichkeit
meines freien Willens! Aber auf daß besonders ihr Römer es sehen könnet, daß
einem Geiste durchaus nichts unmöglich ist, so sollen an eben jener Stelle, an
der ehedem aus der Luft eine mächtige Granitsäule entstand, ein großer und mit
reifen Früchten vollreich beladener Dattelbaum stehen und ihm zur Seite zwei
Feigenbäume, die an reifen Früchten auch keinen Mangel haben sollen.
[GEJ.07_071,02] Seht, ich sagte und wollte
das, und die besagten Bäume, mit ihren Früchten reichlichst beladen, stehen
schon an Ort und Stelle! Und nun gehet alle hin und prüfet die besagten Früchte
mit eurem Gaumen, und ich meine, daß sie euch allen sehr wohl schmecken
werden!“
[GEJ.07_071,03] Hier erhob sich alles und
ging hin, das Wunder zu prüfen. Alle sagten, daß sie von Früchten dieser Art
noch nie etwas Edleres und Vollendeteres genossen hätten.
[GEJ.07_071,04] Sagte der Engel: „Und nun
noch ein Dutzend Schafe auf jene grüne Weide vor dem Hause unseres alten und
liebevollen Freundes und Bruders Lazarus aus der Luft hingeschaffen! – Seht,
sie sind alle auch schon ganz munter an Ort und Stelle und sind ein Eigentum
des liebevollen Lazarus!
[GEJ.07_071,05] Dabei aber meine ich auch,
daß ihr durch diese Zeichen nun doch einsehen werdet, was da ein reiner und
vollkommen willensfreier Geist alles vermag. Denket nun ein wenig nach, und
saget mir dann, wie ihr diese Sachen verstanden und begriffen habt, und es soll
euch dann schon noch ein größeres Licht vom Herrn aus gegeben werden! Und so denket
nun über das alles reiflich nach!“
[GEJ.07_071,06] Sagte Agrikola: „Oh, du mein
Freund aus den Himmeln Gottes, es wäre da schon ganz leicht nachzudenken, wenn
wir uns schon in deiner erhabenen Sphäre befänden; aber unser Lebensweg bis
dahin dürfte noch ein so hübsch langer sein! Doch das, was du, himmlischer
Freund, durch die allergnädigste Zulassung des Herrn uns geoffenbart hast,
verstände wenigstens ich zur menschlichen Genüge; allein wie des Geistes
beharrlicher Wille so ganz der allerverschiedenartigste Stoff der Materie der
ganzen Erde und sogar der anderen Welten im endlosen Raume ist und sein kann,
das können wir unmöglich so verstehen, wie du, o himmlischer Freund, es hellst
verstehen wirst.
[GEJ.07_071,07] Die Materie ist also nichts
und die Seele, als gewisserart ein Produkt der Materie, für sich auch nichts;
nur allein der reine Geist für sich ist ein reales Etwas. Was ist also ein
reiner Geist in und für sich für ein Stoff, oder was für ein Etwas ist er? Das
ist eine Frage, die ein sterblicher Mensch, der nur aus seiner wenigstens noch
halbmateriellen Seele und aus seinem Stoffleibe heraus denkt und will, so lange
niemals völlig beantworten wird, als er nicht selbst nahe ganz geistig geworden
ist. Und so mußt du, himmlischer Freund, mit uns wohl eine kleine Geduld haben,
wenn uns deine Erklärungen in diesem höchst zarten Lebenspunkte trotz deiner zu
dem Behufe gewirkten Wunderzeichen noch immer nicht jenes Licht verschaffen,
mit dessen Hilfe wir denn dahin ins völlig klare zu kommen vermöchten, was der
lebendige reine Geist in und für sich für ein Stoff und für ein Etwas ist.
[GEJ.07_071,08] Ja, es ist das Wort ,Geist‘
bald und leicht ausgesprochen; aber wo bleibt da der Verstand? Es ist da
demnach für uns ein kurzes oder längeres Nachdenken gleich nutzlos und völlig
unfruchtbar, und du, unser lieber, himmlischer Freund, kannst uns über die
eigentliche Wesenheit des reinen Geistes sogleich von neuem hellere Erklärungen
zu geben anfangen, das heißt, so dir unser Unverstand nicht schon zu überlästig
wird.“
[GEJ.07_071,09] Sagte Raphael: „Gott über
alles lieben und euch Menschen dienen, die ihr berufen seid, Seine Kinder, uns
reinen Geistern gleich, zu werden, ist ja eben unsere höchste Wonne und
Seligkeit! Wie soll mir dann etwas lästig werden, das euch ein noch größeres
Licht geben kann? So gebet denn weiter wohl acht darauf, was ich euch über das
Wesen eines reinen Geistes noch Weiteres eröffnen werde!
[GEJ.07_071,10] Im Grunde des Grundes ist
Gott allein der allerpurste und reinste Grundgeist aller Geister, und Er ist
als solcher denn auch der Grundstoff und das ewige Urelement aller Urelemente.
[GEJ.07_071,11] Der reine Geist in sich als
Stoff und Element ist ein Feuer und ein Licht oder in sich die Liebe und die
Weisheit selbst. Doch müßt ihr euch darunter kein Materiefeuer und keine
sinnliche Liebe vorstellen und also auch kein Licht wie etwa das der irdischen
Sonne oder einer brennenden Lampe – obschon zwischen beiden eine Entsprechung
besteht –; denn das Feuer des Geistes ist pur Leben und dessen Licht seine
Weisheit.“
72. Kapitel
[GEJ.07_072,01] (Raphael:) „Ihr sehet hier
die höchst durchsichtige Luft und wähnet, daß sie darum so gut wie beinahe
schon gar nichts sei. Wenn aber diese Luft in eine starke Bewegung gesetzt
wird, daß sie durch ihre sturmwindige Gewalt die mächtigsten Zedern entwurzelt
und das Meer in eine solche Unruhe versetzt, daß es sich zu bergehohen,
schäumenden Wogen erhebt, so müsset ihr dann doch bekennen, daß die Luft wohl
ein ganz bedeutend mächtiges Etwas ist. Ja, die Luft ist somit schon ein Körper
und enthält auch alle erdenklichen Stoffe und Körper in einem noch mehr und
mehr ungebundenen Urzustande in sich.
[GEJ.07_072,02] Das Wasser, besonders das
Regen- und Quellwasser, ist dasselbe, was die Luft ist, aber nur in einem mehr
gebundenen Zustande. Das Salzwasser der Meere ist natürlich noch dichter,
gebundener.
[GEJ.07_072,03] Aber steigen wir nun höher,
so ungefähr zehn Stunden hoch über die Erde hinaus, so werden wir gar keine
Luft, wie sie uns hier umgibt, mehr antreffen, sondern den reinsten Äther, der
für eure Augen wie ein so gänzliches Nichts wäre, daß ihr euch etwas so
Nichtiges nicht leicht vorstellen könnet. Denn sehet ihr über die Erde in eine
Ferne von mehreren Stunden Weges hin, so wird die noch so reine Luft, die den
Raum zwischen euch und den fernen Bergen erfüllt, eben vor den Bergen als
blauer Dunst erscheinen; aber wenn diesen Raum nur der reine Äther erfüllte, so
würdet ihr die Berge nicht blau, sondern in ihrer ganz ungetrübten Färbung
ersehen. Ja seht, zwischen der Erde und der Sonne ist eine so große Entfernung,
daß ich nun wahrlich nicht imstande bin, euch auf dieser Erde dafür ein
begreifliches und richtiges Maß anzugeben, – wie euch solches auch der Herr
Selbst schon erklärt hat! Und dieser für eure Begriffe ganz entsetzlich weite
Raum ist mit solchem für eure Sinne völlig nichtigen Äther erfüllt.
[GEJ.07_072,04] Aber dieser Äther ist trotz
seiner scheinbar völligen Nichtigkeit durchaus nicht so nichtig, wie seine
Erscheinlichkeit euch das zeigt; denn in ihm sind alle die zahllosen Stoffe und
Elemente in einem noch ungebundeneren Zustande als in der allerreinsten
atmosphärischen Luft dieser Erde. Aber sie sind da noch mehr freie Kräfte und
sind dem Urfeuer und Urlichte um vieles näher und verwandter und nähren die
Luft der Erde, diese dann das Wasser und das Wasser die Erde und alles, was auf
ihr lebt, webt und strebt. Wenn aber solches alles schon im Äther sich
vorfindet, so ist er ein ganz tüchtiges Etwas und kein Nichts, wenn er auch
euren Sinnen also vorkommt.
[GEJ.07_072,05] Aber der Äther ist noch lange
kein Reingeistiges, sondern er hat mehr innere Ähnlichkeit mit der Substanz der
Seele, aber nur insoweit, als er ein räumliches Medium ist, durch das zahllose
Urkräfte aus Gott sich begegnen, sich verbinden und endlich wie ganz gemeinsam
wirken.
[GEJ.07_072,06] Du wirst mich nun freilich
wieder fragen und sagen: ,Ja, wie ist denn bei so verschiedenen Kräften
irgendein homogenes Wirken möglich?‘ Und ich sage es dir: Nichts natürlicher und
leichter als das!
[GEJ.07_072,07] Siehe, wir haben auf der Erde
des Herrn, unter ihren Meeren und anderen Gewässern doch eine solche für euch
auch ganz unbegreiflich große Anzahl von Arten der Pflanzen, Gesträuche, Bäume
und ebenso der Tiere und also auch von Mineralien, daß dieselben selbst der
berühmteste Gelehrte dieser Zeit nicht aufzuzeichnen und auszusprechen imstande
wäre! Sie machen mit der ganzen Erde ein vereintes Ganzes aus und wirken alle
zu dem einen Hauptzwecke, und doch sind sie hier auf der Erde und in der Erde
so verschieden geartet und geordnet, daß du sie auf der Stelle beim ersten
Anblick unmöglich also wirst verwechseln können, daß du am Ende einen
Feigenbaum nicht von einem Distelstrauch, einen Ochsen nicht von einem Löwen,
eine Schwalbe nicht von einer Henne, einen Fisch nicht von einer Schildkröte
und das Blei nicht vom Golde unterscheiden könntest.
[GEJ.07_072,08] Auf der Erde aber merkst du
derlei Unterschiede leicht; doch im Äther, in der Luft und im Wasser kannst du
sie nicht merken, und das weder durch dein Gesicht noch durch dein Gehör, noch
durch deinen Geruch und Geschmack, noch durch dein gesamtes Nervengefühl,
obschon all die zahllosen verschiedenen Arten der Kräfte und der von ihnen
produzierten Urstoffe und Elemente im Äther, im Wasser und in dieser Luft noch
entschiedener voneinander abgesondert sind, als dir solche Unterschiede die
Dinge auf der materiellen Erde kundtun.
[GEJ.07_072,09] Also hinter der Substanz des
Äthers ist das deinen Sinnen nicht sichtbare Geistfeuer eine ewig waltende
Kraft, die, von Gott ausgehend, ewig den unendlichen Raum erfüllt und in einem
fort wirkt und schafft. Gott Selbst aber ist der ewige Urgeist und der ewige
Urmensch in Seinem Zentrum und erfüllt die ewig aus Ihm hervorgehende Unendlichkeit
mit Seinen großen Gedanken und Ideen, die, durch Seine Liebe erfüllt zu einem
Ihm gleichen Lebensfeuer, durch Seine Weisheit zu geordneten Formen und durch
Seinen Willen zu voneinander abgesonderten und wie für sich bestehenden Wesen
werden, in welche die Fähigkeit gelegt wird, sich selbst als solche ewig
fortzupflanzen, fortzubilden und auf der Stufenleiter der ewigen Ordnung Gottes
sich mit der Zeit zu einen und zur Gottähnlichkeit emporzusteigen.“
73. Kapitel
[GEJ.07_073,01] (Raphael:) „Damit du, Agrikola,
aber das noch leichter verstehst, so will ich dir noch so manche Beispiele
zeigen, die ich, zwar schon dem Freund und Bruder Lazarus gezeigt habe, und der
Herr auch; aber da du das vom Herrn Gezeigte zu wenig aufgefaßt hast, so muß
ich dir nun nach dem Willen des Herrn die Sache noch heller machen. Und so habe
denn wohl sehr genau auf alles acht, was ich dir nun sagen werde!
[GEJ.07_073,02] Siehe, du bist auch ein
Gärtner, hast in Rom große Gärten, an denen du eine große Freude hast!
Tausenderlei Pflanzen, Blumen und Früchte werden in ihnen gezogen. Darin hat es
auch keinen Mangel an allerlei Gattungen von Trauben, Feigen, Äpfeln, Birnen,
Pflaumen, Kirschen, Pomeranzen, Zitronen, Limonen, Kastanien und Melonen aller
Art und Gattung. Damit dein Garten, der wahrlich sehr groß ist, stets von neuem
mit allem bepflanzt werden kann, mußt du auch immer einen rechten Vorrat von
allerlei Samen zusammensammeln, den du zur geeigneten Zeit in die gute Erde
deines Gartens legst.
[GEJ.07_073,03] Nun, der Same ist in der Erde
und fängt zu deiner Freude an, ganz reichlich und gesund emporzukeimen. Ja, das
ist nun alles recht schön, gut und freudig anzusehen; aber hast du wohl auch
für jede Gattung deiner in das Gartenerdreich gelegten tausenderlei
verschiedenen Sämereien ebenso verschiedene Erdarten, für jeden Samen eine
eigene, gegeben? Du sagst: ,Der ganze große Garten unweit der Mündung der Tiber
ins große Mittelländische Meer hat nur ein und dieselbe gute und fruchtbare
Gattung des Erdreiches, und es gedeiht im selben jede Frucht vortrefflich.‘
[GEJ.07_073,04] Gut, sagte ich dir, wenn es
aber im Sommer nicht regnet – wie das in Rom eben beinahe immer der Fall ist –,
so müssen deine Diener mit der Gießkanne den Garten befeuchten. Hast du da etwa
für jede Fruchtgattung auch eine eigene Gattung Wasser? Du sagst abermals:
,Nein, auch das nicht; ich lasse alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume nur mit
ein und derselben Gattung Wasser begießen, die die Wasserleitungen in den
Garten bringen!‘ Wieder gut, sage ich! Also auch nur ein und dieselbe Gattung
des Süßwassers, weil das Meerwasser zur allgemeinen Belebung der
Trockenerdpflanzen nicht wohl taugt.
[GEJ.07_073,05] Nun wissen wir, daß dein
großer Garten nur aus einer Erdgattung besteht und mit ein und demselben Wasser
begossen wird. Die Luft in deinem Garten ist und bleibt auch dieselbe, und das
Licht und die Wärme aus der Sonne bleiben auch unverändert stets ein und
dieselben und können – wenigstens über die ganze Fläche deines Gartens – in
Hinsicht der niederen oder größeren Stärke und Kraft von gar keinem
Unterschiede sein, außer dem, den die Jahreszeiten – aber auch stets in
gleicher Verteilung – über den ganzen Garten ausbreiten.
[GEJ.07_073,06] Nun, so denn alle
Vorbedingungen zum Wachstum der verschiedensten Pflanzen, Gesträuche und Bäume
die ganz gleichen sind, so müßten sie als die gleichen Ursachen ja auch bei
allen Pflanzen, Gesträuchen und Bäumen die ganz gleichen Wirkungen sowohl in
Hinsicht der Form als auch der Gestalt und des Geschmacks und Geruchs
hervorbringen. Und doch, welch ein gewaltiger Unterschied!
[GEJ.07_073,07] Wenn du den Kern einer
Zitrone zerkaust, so schmeckt er bitter. Woher nimmt denn die Frucht die
angenehme Säure? Und so geht die Geschichte der ganzen Reihe der Wesen nach.
Alles ist in seiner Art himmelhoch verschieden von dem andern. Ja, wie geht
denn das mit ein und derselben Nahrung zusammen? Die Rebe sieht anders aus als
ein Feigenbaum, und welch ein Unterschied ist in allem zwischen der Frucht
einer Rebe und der eines Feigenbaumes! Wieder stecktest du den Samen eines
gemeinen Kürbisses und den einer Melone in die Erde. Der erste brachte dir die
Frucht eines gewöhnlichen geruch- und geschmacklosen Kürbisses zum Vorschein,
und der Melonensame bezahlte dir deine gar ehrenhafte Mühe mit einer mehr denn
honigsüßen Frucht, und doch war überall dieselbe Erde, dasselbe Wasser,
dieselbe Luft und dasselbe Licht und ganz dieselbe Wärme aus der Sonne.
[GEJ.07_073,08] Wenn du nun darüber etwas
weiter nachdenkst, so wirst du dich selbst offenbar fragen müssen und sagen:
,Ja, wie können denn eben die gleichen Kräfte die stets verschiedenartigsten
Wirkungen hervorbringen?‘ Ich sagte dir freilich, daß all die endlos vielen
seelischen Substanzen zuerst im Äther, dann in der Luft und im Wasser vorhanden
sind; aber das schärfste Menschenauge und der allerempfindlichste Geschmacks-
und Geruchssinn findet weder in den einen, noch in den andern
Urallgemeinelementen irgend etwas nur von dem Geschmack und von dem Geruch
irgendeiner Pflanze und ihrer süßen, sauern oder bittern Frucht heraus, – über
ihre Gestalt und Farbe wollen wir ohnehin kein Wort verlieren. Nun, wie kommt
es denn hernach, daß ein jeder verschiedene Same aus der gleichen Erde, aus dem
gleichen Wasser, aus der gleichen Luft, aus demselben Lichte und aus derselben
Wärme nur diejenigen Urstoffsubstanzen an sich zieht und sie in sich in seiner
Art verkörpert, die er als stets der gleiche und unveränderte Same schon vor
mehreren tausendmal tausend Jahren an sich gezogen und verkörpert hat?
[GEJ.07_073,09] Siehe, da taucht
Reingeistiges sogar in der organischen Materie auf und zeigt dem geweckten und
scharfsinnigen Beobachter, daß es eben nur als Reingeistiges ein wahres Etwas
ist, und daß das, was des Außenmenschen Sinne als ein Etwas ansehen und
betrachten, eigentlich gar nichts ist, sondern daß nur das, was im Samenkorne
verborgen ruht, ein wirkliches Etwas ist, weil es ein Reingeistiges ist. Dieses
ruht im deinem Auge kaum sichtbaren kleinsten Hülschen, das in dem vom ganzen
Samenkorne umschlossenen Keimbützchen vorhanden ist. Dieses in dem angezeigten
Hülschen eingeschlossene Reingeistige ist ein mit Liebe, Licht und Willenskraft
erfüllter Gedanke oder eine Idee in ihrer vollen Isoliertheit von den zahllos
vielen anderen in sich und für sich ebenso abgemarkten und abgesondert
abgeschlossenen Gedanken und Ideen.“
74. Kapitel
[GEJ.07_074,01] (Raphael:) „Dieser also für
sich abgesonderte Geist im Keimhülschen, im Besitze seiner klaren Intelligenz
und im Bewußtsein seiner Kraft, die er eigentlich selbst ist, wird leicht inne,
wenn der Same als sein von ihm erbautes materielles Wohnhaus in jener Lage und
Stellung sich befindet, in der der reine Geist seine Tätigkeit beginnen kann.
[GEJ.07_074,02] Wenn der Same in die feuchte
Erde gelegt wird und die äußere substantiell- materielle Umkleidung sich
erweicht, weil ihre seelisch-substantiellen Teile mit den äußeren sie
umgebenden ähnlichen Teilen in der Feuchte des Erdreichs zu korrespondieren
anfangen, so fängt der reine Geist gleich an, von seiner Intelligenz und seiner
Willensmacht den rechten Gebrauch zu machen. Er erkennt genauest die ihm
entsprechenden Teilchen in der Erde, im Wasser, in der Luft und im Lichte und
in der Wärme aus der Sonne, zieht sie an sich und schafft aus ihnen in seiner
Ordnung das, was seinem Wesen entspricht, und so siehst du dann eine Pflanze
aus dem Boden der Erde emporwachsen mit der ihr stets gleichen
Eigentümlichkeit. Das Kraut oder gewisserart das Außenfleisch der Pflanze von
der Wurzel bis zur höchsten Stammspitze ist nur darum vom Geiste erzeugt, auf
daß der reine Geist sich in den neuen Samenkörnern schöpferisch vervielfachen
kann und so sein Ich verunendlichfältigt, obschon der einmal also gewirkt
habende Geist sich selbst erhebt und im Verbande mit den an sich gezogenen
Seelenteilen zur Bildung höherer und vollkommenerer Formen und Wesen übergeht.
[GEJ.07_074,03] Und was ich dir jetzt von den
Pflanzen gesagt habe, das gilt in geringerem Maße auch von allen Mineralien und
in einem höheren Maße von allen Tieren und endlich auch vorzüglich vom
Menschen. Uranfänglich aber gilt dasselbe von der Bildung aller Weltkörper,
aller Hülsengloben und des gesamten Großen Weltenmenschen, den euch der Herr
Selbst hinreichend klar beschrieben und gezeigt hat.
[GEJ.07_074,04] Aus dem allem aber kannst du
nun doch erkennen, daß alle Wahrheit, Wirklichkeit und Realität nur im
Reingeistigen daheim ist, und daß alles Materielle nichts anderes ist als der
beharrliche Wille des Geistes, den er nach und nach sänftigen, mehr und mehr
auflösen und endlich in einen ihm ähnlichen substantiell-seelischen Leib
umgestalten kann in kürzerer oder längerer Zeit, je nachdem eine Seelensubstanz
infolge des auch in ihr erwachten freien Willens sich mehr oder weniger fügbar
für die innere, lebendige Ordnung des Geistes erweist.
[GEJ.07_074,05] Betrachte du von nun an nur
aufmerksam die gesamte Natur, und du wirst das in ihr finden, was ich dir nun
erklärt habe! Denn du kannst das von mir für die kurze Zeit unseres
Beisammenseins nicht verlangen, daß ich nun speziell alle Mineralien, alle
Pflanzen und alle Tiere sonderheitlich erörtern soll, inwieweit sie rein
Geistiges und inwieweit sie pur Substantiell-Seelisches in sich enthalten. Es
ist genug, daß ich dir nun ganz klar dargetan habe, wie sich alles
Reingeistige, Seelisch-Substantielle und am Ende alles Materielle gegenseitig
verhält. Denn die nun von mir dir gegebene Regel gilt für die ganze Ewigkeit
und für die ganze Unendlichkeit; verstehst du das alpha, so verstehst du auch
das OMEGA. Was dazwischen liegt, ist den beiden auf ein Haar gleich, –
abgesehen von den zahllos verschiedenen Formen.
[GEJ.07_074,06] Und nun, – da ich dir nun
denn doch so manches auf eine ganz außerordentliche Art und Weise enthüllt
habe, so kannst du dich denn auch ganz offen äußern, wie du alles das mit
deinem Verstande begriffen hast. Wir haben noch Zeit und können noch so manches
darüber miteinander verkehren. Und so magst du nun wieder reden und uns allen
kundtun, wie du die Sache in dir aufgefaßt hast!“
75. Kapitel
[GEJ.07_075,01] Sagte Agrikola: „Himmlischer
Freund, diese Sache jemandem noch klarer und einleuchtender zu machen, als du
sie mir und uns allen gemacht hast, ist wahrlich unmöglich! Daß wir aber alles
das noch nicht in der vollen Tiefe also einsehen und begreifen können, wie du diese
Sache einsiehst und begreifst, das wird dir sicher auch noch um sehr vieles
klarer sein, als es uns selbst klar sein kann; denn wofür der irdische Mensch
noch lange keinen rechten Begriffssinn hat, das kann er auch bei seinem
allerbesten Willen niemals völlig im rechten Lichte begreifen. Doch das ist mir
nun dennoch völlig klar geworden, daß alle wesenhafte Realität eigentlich nur
im Reingeistigen zu suchen und somit auch ungezweifelt zu finden ist. Ich
möchte dich, du liebster, rein himmlischer Freund, wegen des noch möglich
klareren Begreifens deiner Lehre übers Reingeistige nur noch um einige noch
handgreiflichere Beispiele bitten. Denn sieh, wir Römer haben da einen alten
Spruch, und der lautet: LONGUM ITER PER PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA!
Und das ist sicher eine alte und ganz wahre Lehre. Ein ganz kleines und kurzes
Beispiel sagt einem forschenden Menschen oft und nahezu immer mehr, als was ihm
alle theoretischen Lehren und Grundsätze zu sagen imstande sind, und aus eben
dem Grunde bitte ich dich denn auch um einige kleine und gute Beispiele.“
[GEJ.07_075,02] Sagte Raphael: „Ja, du mein
Freund, es wären dir schon noch eine Menge und das sehr handgreiflich klare
Beispiele zu geben; aber du wirst darum das Reingeistige dennoch nicht völlig
mit deinen Natursinnen fassen können. Der Geist als überall die innerste Kraft
durchdringt alles, sieht alles und bezwingt alles – was auch dein Geist tun
wird, aber noch nicht heute und auch nicht morgen, sondern dann, wenn in dir
alles in der vollen Wahrheit geordnet sein wird.
[GEJ.07_075,03] Siehe an dort die Jünger des
Herrn, von denen zwei sich nun noch unten im Tempel aufhalten; einer von den
zweien aber ist ein Weltsüchtler! Siehe, diese Jünger – mit Ausnahme des einen
– sind schon nahe auf dem Punkte, auf dem ich als ein reiner Geist mich nun
befinde; aber das zu erreichen war für sie auch durchaus nicht etwas derart
Leichtes, wie du dir das irgend vorstellen möchtest. Sie waren zumeist Fischer
am Galiläischen Meere in der Nähe von Kapernaum und waren dabei Haus- und
Grundbesitzer und haben Weiber und Kinder, und siehe, sie verließen alles und
folgten willig und mit großer Freude dem Herrn nach, der Erreichung des
Gottesreiches wegen und zur Erreichung Seiner Kraft und Macht! Und weil sie pur
des Reiches Gottes wegen aller Welt den Rücken zugewendet haben, so haben sie
auch dasselbe in sich erreicht in kurzer Zeit, was du als ein großer Weltmensch
erst so nach und nach wirst erreichen können.
[GEJ.07_075,04] Du wirst das aber erreichen
nach dem Maße deiner Liebe zu Gott dem Herrn und nach dem Maße deiner Liebe zu
deinen Nebenmenschen; denn die Stärke deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten
wird dir anzeigen, wieviel des Reiches Gottes in dir wach und reif geworden
ist.
[GEJ.07_075,05] Das Reich Gottes in dir aber
ist die besagte Liebe in dir, und diese Liebe ist auch dein Geist als die
einzige Wahrheit, Realität und das ewige, unverwüstbare Leben. Nun, wie aber
das also ist, wie ich es dir nun gezeigt habe, das kann dir kein noch so
gewähltes Beispiel zeigen, sondern das mußt du in dir selbst erfahren. Bis zu
der eigenen Erfahrung aber heißt es: glauben und hoffen auf die sichere
Erfüllung alles dessen, was der Herr als die urewige Wahrheit dir und euch
allen treulichst verheißen hat!
[GEJ.07_075,06] Ich will dir aber
dessenungeachtet dennoch einige Beispielszeichen wirken, aus denen du noch
etwas heller ersehen wirst, daß allein im Geiste aller Urstoff und alle
Realität zu Hause ist. Ihr Römer habt auch einen Spruch, den wir hier recht gut
brauchbar voranstellen können. Siehe, euer Spruch lautet folgendermaßen: QUOD A
PRINCIPIO NON VALET, AUT VALERE NEQUIT, ETIAM IN SUCCESSU NON ALIQUID VALERE
POTEST; EX NIHILO NIHIL ERIT. Aus dem aber geht schon der menschlichen Vernunft
zufolge klar hervor, daß das Reingeistige ein wahrstes Etwas sein muß; denn
wäre es nach den materiellen Begriffen der Menschen ein gewisses, seiner selbst
unmöglich bewußtes Nichts, wie könnte es ewig je zu einem seiner selbst
bewußten Etwas werden?!
[GEJ.07_075,07] Damit aber aus dem
Reingeistigen alles, was da ist, werden, entstehen und bestehen kann, so muß ja
dieses Reingeistige vor allem ein wahrstes Etwas sein, damit aus ihm jedes
andere Etwas als Folge hervorgehen kann. In dem Samenkorn ist demnach der im
Keimhülschen ruhende Geist allein ein wahres Etwas, während der ganze andere
Samenleib für sich gar nichts ist, sondern das, was er ist, nur durch den ihm
innewohnenden Geist ist. Dieser Geist arbeitet nach seiner ihm innewohnenden
Intelligenz durch die Kraft seines Willens, und es wird daraus eine Pflanze,
ein Strauch, ein Baum, ein Tier, ja eine ganze Welt.
[GEJ.07_075,08] Was aber der Geist in sich
ist, das habe ich dir bereits schon zum öfteren Male erklärt. Doch du kannst
das nun darum noch nicht bis auf den Grund des Grundes einsehen, weil dein
eigener Geist dich selbst noch nicht durchdrungen hat, aber so viel kannst du
es dir in deiner Seele doch versinnlichen, daß das Uretwas des Geistes ein
lebendiges und seiner selbst überklar bewußtes Feuer und Licht und somit die
höchste Liebe und die höchste Weisheit selbst ist. Mehr kann dir darüber auch
der Herr Selbst nicht sagen!“
76. Kapitel
[GEJ.07_076,01] Sagte Agrikola: „Siehe, nun
bin ich schon wieder um ein bedeutendes heller, und ich erinnere mich nun so
einiger Sätze des alten weisen Plato. Der forschte lange dem Geistwesen Gottes
nach und bekam endlich einmal ein Gesicht wie in einem hellen Traume. Da ward
es ihm angedeutet, daß er Gottes Geistwesen schauen werde. Da kam es ihm vor,
daß alles um ihn zu Feuer und Licht ward. Er selbst wurde ganz wie förmlich
aufgelöst, ohne jedoch sein vollstes Bewußtsein dabei einzubüßen. In diesem
Feuer aber empfand er kein Brennen, sondern nur eine mächtige, höchst
entzückend wohltuende Liebe- und Lebenswärme, und eine Stimme gleich der
reinsten Harmonie einer wohlklingenden Äolsleier sprach aus dem Feuer- und
Lichtmeere zu ihm: ,Sieh und fühle das Geistwesen Gottes und fühle und schaue
dich selbst in Ihm und durch Ihn!‘ Und Plato sah nun seine Form als Mensch und
sah um sich aber noch zahllose Formen seinesgleichen. In diesen Formen aber
entdeckte er noch in kleinsten Bildern, die alle lebten, eine Unzahl anderer
Formen, die aber alle zusammen nur eine Menschenform ausmachten. Und siehe,
deine Erklärung hat eine große Ähnlichkeit mit dem Gesichte des großen
Weltweisen, der in aller gebildeten Welt gar sehr bekannt ist!
[GEJ.07_076,02] Nun, das von Plato gesehene
Feuer und Licht haben auch sicher nicht seine fleischlichen Augen gesehen,
sondern nur die Augen seines Geistes, und so denke ich mir nun: Wenn ich einst
selbst werde geistiger geworden sein, so werde auch ich im Geiste gleich Plato
dasselbe Feuer und Licht erschauen, was er erschaut und gefühlt hat. – Habe ich
da recht oder unrecht geurteilt?“
[GEJ.07_076,03] Sagte Raphael: „Oh, ganz
recht und ganz richtig hast du da geurteilt, und ich kann dir dazu nichts
anderes sagen als: Die Sache verhält sich so ziemlich also! Doch Plato war ein
Heide und konnte nicht zu jener ganz klaren Anschauung und Wahrnehmung
gelangen, zu der ein Mensch nach der Lehre Gottes des Herrn gelangen kann. Doch
um dir hier noch so manchen sehr anschaulichen Beweis über das allein wahre und
allerrealste Etwas des reinen Geistes zu geben, will ich dir noch einige
Experimente des reinen Geistigen zum besten geben, und so gebe denn nun
abermals sehr wohl acht auf alles, was ich dir mit der allergnädigsten
Zulassung des Herrn noch zeigen werde!
[GEJ.07_076,04] Sieh, was uns da nun umgibt,
ist pure, ganz wohl durchsichtige Luft, und du kannst nun deine Sinne
anstrengen, wie du willst, und du wirst darin nichts entdecken als höchstens
eine Menge Mücken und allerlei Fliegen durcheinander schwärmend, hier und da
einen größeren Käfer oder gar einen Vogel! Aber ich will dir nur auf eine kurze
Zeit die innere Sehe deiner Seele eröffnen, und du wirst staunen, was du in
dieser unserer atmosphärischen Luft alles zu Gesichte bekommen wirst.“
[GEJ.07_076,05] Sagte Agrikola: „Himmlischer
Freund, tue du das, und was mir da frommt, das soll in kurzer Zeit vielen
Tausenden frommen!“
[GEJ.07_076,06] Sagte Raphael: „Ganz gut, ich
darf es ja nur wollen, und du stehst nun schon auf dem Punkte, auf dem ich dich
habe haben wollen. – Was siehst du nun alles in der Luft?“
[GEJ.07_076,07] Sagte Agrikola: „Ah, höre, das
ist unbeschreiblich! Diese endlose Menge von Wesen, Pflanzen, Tieren, Gegenden
und sogar Menschengestalten! Und ich sehe auch eine zahllose Menge von sehr
kleinen leuchtenden Würmchen durcheinanderzucken und -schweben, und bald da und
bald dort ergreift sich ein Bündel, und im Augenblick wird irgendeine volle
Form daraus; aber sie bleibt nicht lange und geht gleich wieder in eine andere
Form über. Licht ist überall, nur haben die Dinge wenig Bestand und verändern
sich bald wieder; nur einige Gestalten halten nun in der angenommenen Form
länger an. Nein, bei dieser Anschauung könnte ein noch so kräftiger Kopf voll
Schwindels werden!
[GEJ.07_076,08] Ja, was sind denn diese
myriadenmal Myriaden Leuchtwürmchen, und was sind diese zahllosen sich stets
neu bildenden Formen und Gestalten aller Art und Gattung? Und greife ich unter
sie hinein und will mir eine solche Form oder Gestalt festhalten, so habe ich
durchaus nichts in der Hand! Ah, das ist denn eine wahre Lebensfopperei!“
[GEJ.07_076,09] Sagte nun Raphael: „Nun, so
warte also nur noch ein wenig, und du sollst gleich etwas Beständigeres davon
haben!“
[GEJ.07_076,10] Hier kamen allerlei Vögel und
sogar auch Fische, wie in der Luft fliegend und schwimmend, in die Nähe des
Römers, und dieser fing sich einen Vogel und einen gar seltsamen Fisch und
hielt sie in seinen Händen.
[GEJ.07_076,11] Als er diesen Fang gemacht
hatte, da sagte er (Agrikola) zum Engel: „Höre, du mein himmlischer Freund, ich
habe nun meinen Fang schon gemacht! Mache nun, daß ich die Luft wieder in der
Natürlichkeit sehe, und ich will mich überzeugen, ob ich den Vogel und den
Fisch noch in meinen Händen habe!“
[GEJ.07_076,12] Sagte der Engel: „Oh, das
kann dir gleich gewährt werden! Siehe, nun bist du schon wieder ganz in der
natürlichen Luft und kannst deinen Fang nach Muße betrachten!“
[GEJ.07_076,13] Agrikola war nun wieder in
seiner ganz natürlichen Ordnung und wollte gleich seinen Vogel und seinen Fisch
näher in Augenschein nehmen; aber es befand sich weder ein Vogel noch ein Fisch
mehr in seiner Hand.
[GEJ.07_076,14] Dadurch überrascht, fragte er
(Agrikola) den Engel, sagend: „Ja, was ist denn nun mit dem Vogel und mit dem
Fische? Wo sind diese nun? Mein ganzes Schauen war denn doch nur mehr ein Traum
als irgend etwas in der vollen Wirklichkeit!“
[GEJ.07_076,15] Sagte der Engel: „Oder gerade
umgekehrt! Geradewegs warst du früher der wahren Wirklichkeit näher, als du ihr
nun bist! Deinen Vogel und deinen Fisch hast du noch, aber nicht in deiner
Fleischhand, sondern in deiner Seelenhand, und ich sage dir, daß du diese dir
sehr entsprechenden Tiere noch nicht so bald verlassen wirst und sie dich auch
nicht; denn siehe, du hast daheim in Rom als ein altstämmiger Patrizier ein
Schild, auf dessen Außenseite ein gleicher Vogel mit einer Ähre im Schnabel und
ein gleicher Fisch mit einem Wurm in seinem Rachen in Gold abgebildet sind, und
weil du noch große Stücke auf solch ein Weltehrenzeichen hältst, so wirst du
sie noch nicht zu bald loswerden.
[GEJ.07_076,16] Du hast zwar in der
eigentlichen Luft mit den Augen deiner Seele viele Gestalten und Formen
geschaut – diese waren Erscheinungen, entsprechend deinen neuen Erfahrungen –;
aber du konntest sie noch nicht festhalten. Und wie deine eigenen Gedanken
darin stets wechselten und in allerlei Formen übergingen und ausarteten, also
stellten sich selbige auch deiner Seele beschaulich dar; aber dein
Ehrenschildvogel und -fisch, an denen du noch ein festes und großes
Wohlgefallen hast, blieben dir noch fest und unverändert in deiner Seelenhand –
welche gleich ist der Lust und der Begierde der Seele nach außenhin –, und so
du sie auch in ihrer Natürlichkeit sehen willst, so kann ich dir auch noch das
bewirken.“
[GEJ.07_076,17] Sagte Agrikola: „Wenn dir
solches sicher auch möglich ist, so tue das! Ich möchte denn doch sehen, ob das
mein Vogel und mein Fisch ist! Vielleicht könnte ich dann solch eine barste
Weltdummheit leichter loswerden.“
[GEJ.07_076,18] Sagte der Engel: „Sieh nach
deinen beiden Händen, und du wirst deine Weltehrenzeichen erschauen!“
[GEJ.07_076,19] Hier sah Agrikola nach seinen
Händen und bemerkte in seiner Rechten den Vogel, eine Art Phönix, und in seiner
Linken eine Art kleinen Delphin. Da staunte er gewaltig über diese Erscheinung,
fragte den Engel aber gleich, wie er diese beiden ihm lästigen Tiere wohl am
ehesten loswerden könnte.
[GEJ.07_076,20] Sagte der Engel: „Diese
beiden dir ganz unnützen Tiere kannst du dadurch ganz leicht loswerden, daß du
dein Herz von ihnen ganz abkehrst und es ganz zum Herrn hinwendest. Wenn du das
kannst, so werden dich die beiden Tiere in deiner Seele bald verlassen; in
deinen fleischlichen Händen aber können sie nur so lange Bestand haben, als ich
sie dir erhalten will. Und siehe, ich will, daß sie weg seien! Und sieh, deine
Hände sind nun schon wieder frei! Ich habe dir jetzt alles gezeigt, was dir die
innere Wahrheit mehr und mehr erhellen kann; ein Weiteres mußt du von nun an in
dir selbst suchen und finden.“
77. Kapitel
[GEJ.07_077,01] Hierauf trat der Engel auf
Meinen Wink auf die Seite zu Lazarus hin, und beide gingen ins Haus, um
nachzusehen, wie für die Jungen, die sich nun zumeist in den Zelten
belustigten, und für uns nun von den Schafen, die Raphael hervorgerufen hatte,
ein gehöriges und genügendes Mittagsmahl bereitet wurde.
[GEJ.07_077,02] Agrikola aber wandte sich nun
an Mich und sagte: „Nein, Herr und Meister, mir ist auf dieses Geistes
Erklärungen hin nun ganz sonderbar zumute, und ich komme mir wahrlich wie ganz
ausgewechselt vor! Ich habe doch von Dir vieles und Übergroßes gehört und
gesehen, – aber ich habe mich doch dabei stets heimischer gefühlt; aber bei dem
Engel habe ich mich ordentlich mir selbst entfremdet! Wie kam denn das, und was
bedeutet das?“
[GEJ.07_077,03] Sagte Ich: „Mein Freund, das
alles geschah in der allergrößten Ordnung! Denn solange du dir selbst nicht
gewisserart fremd wirst, bist du dem Reiche Gottes eben noch nicht gar zu
besonders nahe; aber wenn du dir einmal selbst so etwas fremd vorzukommen
anfängst, so ist das ein Zeichen, daß dein Geist in dir ein wenig aufgerüttelt
worden ist und ein wenig in deiner Seele einen Schritt vorwärts getan hat. Und
weil du das in deinem Leben gewissermaßen das erstemal verspürst, so ist das
eben ein Zeichen, daß sich dein Geist in dir so ein wenig mehr zu regen angefangen
hat. Und das kannst du immer für ein ganz gutes Zeichen halten. Es wird dir das
noch mehrere Male, und das stets in einem entschiedeneren Grade, widerfahren.
[GEJ.07_077,04] Wenn du aber solch eine
Erfahrung machst, da sei darob nur sehr froh und heiter; denn darin liegt eben
ein Hauptzeichen, daß sich dein innerer Geist gar stark mit deiner Seele zu
einen angefangen hat! Denn solange du in deinem alltäglichen und
heimatduftenden Gefühle dich befindest, so lange bist du noch dieser Welt
angehörig und hast keine Fähigkeit in dir, dich dem Reiche Gottes wahrhaft
nähern zu können; denn wenn der reine Geist einmal im Menschen erwacht und mit
seinem Leben und Lichte den ganzen Menschen zu durchdringen beginnt, so beginnt
im Menschen auch ein ganz anderes und – sage – ein ganz neues Leben, das er
früher nicht geahnt hat. Und darin liegt der höchste Beweis, daß der Mensch
nach dem Abfalle des Fleisches von seiner Seele ein ganz neues und in seinem
Leibesleben nie geahntes und noch weniger gekanntes Leben beginnt.
[GEJ.07_077,05] Was aber den Abfall des
Fleisches von der Seele des Menschen betrifft, so will Ich damit nicht schon
den vollen und wirklichen Leibestod bezeichnet haben, sondern jenen Zustand des
Menschen, in dem er seine sinnlichen und weltlichen Begierden nahe ganz von
sich verbannt und ganz im Geiste zu leben angefangen hat.
[GEJ.07_077,06] Der Geist fängt da mächtig
sich mit der Seele zu einen an, und diese tritt dann immer mehr und mehr in den
Verband mit der allein wahren Geisterlebenswelt. Diese aber, früher ungeahnt
und ungekannt, liegt vorerst tief im Menschenherzen gleichwie das reine
Geistflämmchen im Keimhülschen eines Samenkornes.
[GEJ.07_077,07] Solange aber das Samenkorn in
der Erde nicht stirbt und zerfällt und sich also auflöst, daß seine früher
festen Teile in die Ähnlichkeit des Geistes überzugehen anfangen, so lange auch
bleibt der Geist untätig und verborgen. Wenn aber das Fleisch des Samenkornes
sich in der Erde zu erweichen und aufzulösen beginnt und in seinen stets
ätherischer werdenden Teilchen dem im Keime wohnenden Geiste ähnlicher wird,
dann fängt der Geist die ihm ähnlichen Teile zu ordnen an und durchdringt sie
stets mehr und mehr, und es tritt da – wie du das bei jeder emporkeimenden und
fortwachsenden Pflanze gar wohl merken kannst – ein sicher ganz neuer
Seinszustand ein. Und was du im kleinsten Maßstabe bei einer oder der andern
Pflanze merkest, das geschieht denn auch in einem großen und allumfassenden
Maße beim Menschen, wenn er alle seine seelischen und auch leiblichen Gelüste
und Begierden für die Außenwelt durch seinen ernsten Willen in sich zerstört,
auflöst und in allem dem inwendigsten Geiste ähnlicher und ähnlicher zu machen
anfängt.
[GEJ.07_077,08] Nun, da kann es einem lange
an alle Welt gewohnten Menschen eben nicht sehr heimatlich zumute werden; wenn
er sich aber mit der Zeit in seiner neuen, inneren und allein wahren Lebenswelt
mehr und mehr wird heimlich (heimisch) zu fühlen anfangen, so wird ihm dann die
Außenwelt in gleicher Weise stets unheimlicher zu werden anfangen. Daher mache
du dir nichts daraus, so dich Mein Raphael ein wenig mehr als gewöhnlich
aufgerüttelt hat; denn es ist dir solches von einem großen Nutzen.
[GEJ.07_077,09] Er ist in seinem Wesen schon
ein reiner Geist und konnte darum auch direkter auf deinen Geist einwirken, als
es ein anderer noch so geweckter Mensch zu tun imstande wäre, solange er die
volle geistige Wiedergeburt noch nicht erreicht hat. Aber das ist nicht zum
Nachteile deiner Seele, sondern nur zu ihrem großen Vorteil von Mir also
zugelassen worden. Darum mache dir, wie Ich schon gesagt habe, nichts daraus,
wenn es in dir etwas befremdlich und unheimatlich auszusehen angefangen hat!
Wenn dich dieses Gefühl noch öfter heimsuchen wird, da frohlocke du in deinem
Herzen; denn das zeigt dir die stets größere Annäherung des Reiches Gottes im
Herzen deiner Seele an. – Hast du das nun wohl verstanden?“
[GEJ.07_077,10] Sagte Agrikola: „Ich danke
Dir, o Herr, für diese Deine allergnädigste Erklärung! Mir ist das Gefühl wohl
noch geblieben, – aber es befremdet mich nicht mehr so, wie es mich ehedem
befremdet hat. Aber nun möchte ich nur das noch wissen, wie der Engel denn gar
so genau wissen konnte, welche Tiere mein altes Ehrenschild zieren; denn das
Schild befindet sich wohlverwahrt in Rom, und wir sind hier. Wie kann er so
weithin schauen?“
[GEJ.07_077,11] Sagte Ich: „Das hatte er
diesmal auch gar nicht vonnöten, weil er als ein reiner Geist dasselbe in
deiner Seele bis in die allerkleinsten Teile hatte schauen können. Übrigens
hätte er als ein reiner Geist dir auch dein Ehrenschild in einem Augenblick von
Rom hierher stellen können!“
[GEJ.07_077,12] Sagte Agrikola: „Das dürfte
denn doch ein wenig schwer sein; denn wenn auch ein Geist alle Materie
durchdringen und auflösen kann, so kann aber doch die Materie die Materie nicht
durchdringen. Mein Schild befindet sich in einem steinernen Schrank, der mit
einem ehernen Deckel wohlverschlossen ist. Er müßte den ganzen Schrank gänzlich
zerstören, um das Schild herauszubekommen; und würde er dann mit dem Schilde
die unendlich schnelle Bewegung durch die Luft machen, so müßte das Schild ja
in der Luft zerstört werden!“
[GEJ.07_077,13] Sagte Ich: „Du urteilst, wie
du die Sache verstehst; aber die reinen Geister verstehen das schon alles ganz
anders. Siehe, der Engel hätte ja nicht einmal nötig, sich von hier gar nach
Rom zu begeben; es genügt sein Wille und seine alles durchdringende Erkenntnis.
Er löst dir in Rom dein Schild völlig auf, wie er zuvor den Stein aufgelöst
hat, und fügt es durch seinen Willen – ebenso wie den Stein, den du noch in
deiner Hand hast – hier augenblicklich wieder zu seiner Materie und Form
zusammen. Und siehe, so ist dann einem reinen Geiste wohl nichts mehr
unmöglich! Wenn du solches nun einsiehst, so denke nun darüber nach, und es
wird dann in deiner Seele schon heller werden! –
[GEJ.07_077,14] Jetzt aber kommen die zwei
Jünger aus dem Tempel auch schon zurück und noch ein paar andere Männer mit
ihnen. Diese wollen wir nun vernehmen, auf daß sie uns sagen, wie es nun unten
zugeht. Darum ruhen wir nun, bis sie hier sein werden!“
78. Kapitel
[GEJ.07_078,01] Nach einer kleinen Weile
kamen die zwei Jünger bei uns an und die zwei andern Männer mit ihnen. Der eine
war der uns schon bekannte Wirt im Tale, ein Nachbar des Lazarus in der Nähe
von Bethania, bei dem Ich schon einige Male eingekehrt war, und der zweite Mann
war ein bekannter guter Freund von ihm und auch ein Wirt, aber in der Nähe von
Bethlehem, der die große Herberge an der Hauptheeresstraße besaß, und bei dem
Ich auch einmal eingekehrt war und daselbst viele Kranke geheilt hatte.
[GEJ.07_078,02] Die zwei Jünger aber waren
Thomas und Judas Ischariot. Der letztere wollte gleich alles der Länge und
Breite nach zu erzählen anfangen, was sich da alles im Tempel zugetragen habe.
[GEJ.07_078,03] Aber Ich verwies ihm solches
und sagte: „Rede du erst dann, wenn Ich dich dazu auffordern werde; denn bis
jetzt bin noch immer Ich euer aller Herr und Meister, der da wohl am
allerbesten weiß, wem von euch vieren Er des Volkes wegen das Geschäft des
Erzählens auferlegen wird!“
[GEJ.07_078,04] Bei dieser Ermahnung wich
Judas Ischariot etwas mürrisch zurück und sagte zu Thomas: „Habe es wohl schon
vorher gewußt, daß ich wieder zurückgedrängt werde!“
[GEJ.07_078,05] Sagte Thomas: „Ich habe es
dir aber auch schon unterwegs gesagt, daß du dich nicht vordrängen sollst!
Weißt du denn aus tausend Lehren des Herrn noch nicht, daß beim Herrn nur der
etwas gilt, der sich allzeit und überall selbst demütigt? Ich habe mich nicht
vorgedrängt und habe darum auch keine Zurechtweisung vom Herrn erhalten. Laß
dir das doch einmal gesagt sein! Es sind ja noch zwei Männer bei uns, die im
Tempel schon vor uns alles gehört und beobachtet haben, was sich darin
zugetragen hat. Sie wissen also mehr als wir beide, und der Herr wird des
Volkes wegen von ihnen alles erzählen lassen, und wir werden höchstens ein
Zeugnis zu geben aufgefordert werden, so es nötig sein wird. Begeben wir uns
nun nur ganz ruhig auf unsere alten Plätze zurück und sehen uns die Gegend
recht gut an; denn da gibt es auch tausenderlei zu beobachten, woraus man für
sich auch manche gute Lehre ziehen kann!“
[GEJ.07_078,06] Mit dieser Zurechtweisung des
Thomas war Judas Ischariot einmal zufrieden und setzte sich in Ruhe auf seinen
alten Platz, und also auch Thomas.
[GEJ.07_078,07] Ich aber wandte Mich nun an
den Wirt im Tale in der Nähe von Bethanien und sagte zu ihm: „Nun, Freund,
erzähle du des Volkes wegen, was du im Tempel alles erlebt hast; denn du warst
heute auch mit vielen aus deinem Orte schon vor Tagesanbruch im Tempel! Was
sagen die Templer über die in dieser Nacht gesehenen Zeichen, was sagte das
Volk dazu, und was sagst am Ende du selbst dazu?“
[GEJ.07_078,08] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister! Ich war wirklich schon vor Tagesanbruch im Tempel, und zwar auf Grund
der in dieser Nacht stattgehabten Erscheinungen, die von einer so
außerordentlichen Art waren, daß wohl kein Jude und kein Heide je etwas
Ähnliches gesehen hat. Hätte ich aber nur ahnen können, daß Du Dich noch in
Jerusalem aufhieltest, und das hier auf dem Ölberge, so wäre ich mit diesem
Dich auch wohl kennenden Freunde statt in den Tempel gleich und zwar schon
während der furchtbaren Erscheinungen hierher geeilt. Dieser mein Freund aber
blieb in der Nacht bei mir und wollte heute morgen wieder nach Hause reisen –
er kam aus Galiläa, wo er irgendwelche Geschäfte hatte –; aber die in der Nacht
plötzlich aufgetauchten Erscheinungen hemmten seine Weiterreise, und wir gingen
hinauf nach Jerusalem, um möglicherweise etwa doch ein Licht darüber zu
bekommen. Als wir aber eilschrittig in den Tempel kamen, da gab es einen Lärm
durcheinander, so daß man darin sein eigenes Wort nicht zu verstehen imstande
war.
[GEJ.07_078,09] Es kam bald dieser, bald ein
anderer Priester auf den großen Predigerstuhl und fing dies und jenes zu
erklären an; aber das Volk, den vorgetragenen Unsinn bald einsehend, wollte
nichts mehr von dem Prediger hören und verlangte einen andern.
[GEJ.07_078,10] Im Anfange hörte das Volk ihn
ganz ruhig an; aber sowie er wieder von strenger Buße und von großen Opfern zu
reden begann, da ward das Volk bald unwillig und sagte: ,Ihr schiebet eure
groben Sünden immer auf uns armes Volk, – wir sollen dann, wenn es nötig ist,
allzeit für euch die Sündenböcke machen! Welche Opfer haben wir schon dem
Tempel gebracht! Welche schauderhaften Bußen haben wir schon gewirkt, und ihr
sagtet uns, daß Jehova also Sein Volk mit freundlichen Augen gnädig anschaue!
In dieser Nacht aber haben wir Seine Freundlichkeit nur zu gut gesehen, und es
leuchtete nur zu klar heraus, daß alle unsere dem Tempel dargebrachten Opfer
und alle unsere blutigen Bußwerke zu gar nichts gut waren, sondern es ist nun
kein Schein, sondern eine offenbare Wahrheit vor uns, daß alle von uns
dargebrachten Opfer und alle von uns geübten Bußwerke, weil sie sicher zu
unsinnig waren, da sie über alle mosaischen Satzungen hinausgingen, Gottes
gerechten Zorn nur mehr anfachten als besänftigten. Und daran schulden wahrlich
nicht so sehr wir als vielmehr ihr Priester, die ihr denn in dieser Zeit
infolge eurer zu großen priesterlichen Herrschsucht uns schon zu gar vielen
Schand- und Greueltaten angeleitet habt, indem ihr sagtet: ,Wenn ihr dies oder
jenes tuet, so werdet ihr von Mund auf in den Himmel kommen!‘ Und somit seid
nur ihr diejenigen, die den Zorn Gottes angefacht haben, und nicht wir, die wir
uns leider stets getreu an das hielten, was ihr uns gelehrt habt, und allzeit
das getan haben, was ihr von uns verlangt habt. Bringet nun vielmehr ihr große
Opfer und wirket eine rechte Buße für die vielen Sünden, die ihr an uns und an
den vielen von Gott gesandten Propheten verübt habt, dann wird sich Gott unser
schon wieder annehmen. So, dieser Meinung sind wir Volk!‘“
79. Kapitel
[GEJ.07_079,01] (Der Wirt:) „Da sagte der
Priester, daß er noch nie einen Propheten getötet habe und seine Mitpriester
auch nicht.
[GEJ.07_079,02] Da fing das Volk schon wieder
zu lärmen an und sagte: ,Du bist schon vierzig Jahre lang Priester und solltest
nicht dabeigewesen sein, als der fromme Zacharias vor ungefähr fünfundzwanzig
Jahren zwischen dem großen Opferaltar und dem Allerheiligsten von
wutentbrannten Händen erwürgt worden ist?!
[GEJ.07_079,03] Es ist noch kaum ein Jahr
her, daß draußen in der wüsten Gegend am Jordanflusse Johannes, ein Sohn des von
euch erwürgten Zacharias, durch euer Mühen und Zahlen von den Schergen des
Herodes aufgegriffen wurde. Doch Herodes, da er bald merkte, daß Johannes ein
weiser Mann war und Gottes Geist aus seinen Worten wehte, behandelte ihn mehr
als einen Freund und ließ des Propheten Jünger frei und ungehindert aus und ein
gehen. Aber der Satan hatte euch von solch gutem Zustande des Johannes bald
Kunde getan, und ihr sannet dann Tag und Nacht nach, wodurch ihr den Herodes
dazu bewegen könntet, daß er töten ließe den frommen Propheten. Nach vielem
Sinnen und Rathalten fandet ihr in der bösen Mutter der schönen Herodias, die
Herodes sehr liebte, ein sehr geeignetes Mittel, den Propheten aus dem Wege zu
schaffen. Und somit habt ihr auch diesen Propheten, weil er eben euch vor allem
Volke zu sehr ins Gewissen redete, getötet.
[GEJ.07_079,04] Jetzt lebt und lehrt aber
noch ein großer Prophet, der aus Galiläa zu uns gekommen ist, von dem Johannes
selbst sagte, daß er nicht würdig sei, Ihm die Schuhriemen aufzulösen, und daß
er selbst bloß eine Stimme des Rufenden in der Wüste sei, zu bereiten dem
großen Propheten die Wege, von welchem Propheten allgemein wegen Seiner Lehren
und Taten gesagt wird, daß Er der verheißene Messias sei.
[GEJ.07_079,05] Was saget aber ihr? Ihr saget,
es stehe geschrieben, daß aus Galiläa kein Prophet aufstehe und ein jeder, der
an Ihn glaubt, verflucht sei.
[GEJ.07_079,06] Wir aber sagen: Wenn es auch
schon geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht, so steht aber
unseres Wissens doch nirgends geschrieben, daß aus Galiläa der Messias nicht
erstehen soll!
[GEJ.07_079,07] Und dieser große Prophet hat
erst jüngst auf dem Feste im Tempel gelehrt, und auf eine so weise Art, daß
sogar eure argen Knechte, die Ihn hätten ergreifen und vor euch hinschleppen
sollen, Ihm am Ende das Zeugnis geben mußten, daß noch nie ein Mensch also
geredet habe. Aber euer Grimm stieg immer höher und höher. Und als Er euch so
recht göttlich mächtig die Wahrheit ins Gesicht schleuderte, da wurdet ihr so
erbost, daß ihr Ihn gleich im Tempel habt steinigen wollen. Er aber ward
unsichtbar, und ihr habt die aufgehobenen Steine voll Ärger wieder zur Erde
legen müssen.
[GEJ.07_079,08] Lazarus, der Herr von
Bethanien, war in eurem Rate und gab als einer der reichsten Menschen vom
ganzen Judenlande dem Tempel große Opfer. Als euch aber alle seine großen Opfer
noch immer nicht genügten und ihr ihm darum Tag und Nacht in den Ohren laget,
da ward ihm die Geschichte denn doch zu arg, und besonders darum, weil ihr zu
ihm allen Ernstes sagtet, daß es ihm besser und nützlicher sei, lieber alles
dem Tempel denn irgend den Armen etwas zu geben; Denn das arme Gesindel solle
nur arbeiten, und es werde dann schon etwas zu essen bekommen. Denn es sei Gott
nicht wohlgefällig, so der reiche Mensch durch seine unweise Barmherzigkeit die
armen Menschen zu nutzlosen Müßiggängern mache. So habt ihr zu ihm geredet, was
wir aus seinem Munde vernommen haben.
[GEJ.07_079,09] Nun, Lazarus ließ sich am
Ende auch das noch so halbwegs gefallen; aber im Einverständnis mit seinen
beiden Schwestern beschloß er bei sich und sagte: ,Wir besitzen noch viel
unurbares Land. Ich werde mit dem freien Almosengeben wegen des Tempels einen
Einhalt tun; dafür aber werde ich mit Ausnahme der bresthaften Menschen alle die
zu uns kommenden Armen fragen, ob sie uns nicht dienen möchten in einer oder
der andern Arbeit nach ihren Kräften um einen guten Lohn.‘ Solches tat Lazarus,
nahm viele Arbeiter auf und bestellte mit ihnen seine sehr ausgedehnten und
weitläufigen Besitzungen. Dem Tempel aber ließ er noch immer große Opfer
zukommen, was wir nur zu gut wissen. Allein ihr habt das nur zu bald erfahren,
konntet dem guten Manne zwar nichts Wesentliches dagegen sagen, weil er in der
Hauptsache euren Willen befolgt hatte, aber geheim waren euch schon wieder
seine nun sehr vielen Arbeiter ein Dorn in euren bösen Augen, und ihr nahmet
euch bald alle Mühe, ihm die Arbeiter und Diener durch alle erdenklichen
Mittel, die euch nur immer zu Gebote standen, abwendig zu machen.
[GEJ.07_079,10] So kamet ihr durch eure
getreuen Diener bald da- und bald dorthin und sagtet: ,Wie möget ihr da
arbeiten? Wisset ihr denn nicht, daß das ein verfluchtes Stück Land ist, dessen
einstiger gottloser Besitzer in seinem Übermute zehnmal dem Tempel den gebührenden
Zehent verweigert hat?!‘
[GEJ.07_079,11] Aber die Arbeiter richteten
sich nicht danach und erwiderten euren Tempelboten: ,Das mag sein, obschon es
nirgends geschrieben steht; aber nun besitzt dieses Land ein Mann, der dem
Tempel noch niemals einen Zehent verweigert hat und solchen auch von diesem
Grund und Boden, wenn er tragbar wird, nicht verweigern wird. Daher lasset uns
arbeiten, und wir wollen sehen, ob Jehova diesem Boden den Segen verweigern
wird!‘
[GEJ.07_079,12] Wenn eure Boten auf diese Art
nichts ausgerichtet haben, so gingen sie an eine andere Besitzung des guten
Mannes hin und suchten durch andere Mittel ihm die Arbeiter abwendig zu machen.
Ihr tatet sogar einen Fluch über seinen Ölberg, weil er ihn euch nicht schenken
wollte, – und ihr hättet ihn dann um ein großes Geld an einen reichen Griechen
oder Römer verkauft.
[GEJ.07_079,13] War alles das nach dem Willen
Gottes gehandelt, der durch Moses und zu ihm selbst gesagt hatte: ,Laß dich
nicht gelüsten nach dem, was deines Nächsten ist!‘? Am Ende, weil der gute Mann
euch eure Handlungsweise gegen ihn ganz energisch untersagt hatte, da erst
wolltet ihr ihm zeigen, welche Macht ihr gegen ihn habt. Aber der gute Mann war
klüger als ihr: er wurde bald mit allen seinen Besitzungen vollkommen römischer
Untertan und römischer Bürger, steht nun unter ihrem vollen Schutze, zahlt
ihnen den viel geringeren Zins, und euren Boten und Knechten ist durch römische
Wachen und in jüngster Zeit sogar durch große und böse Hunde der Zutritt zu
seinen Besitzungen verwehrt. Nur dann und wann darf ihn von euch irgend ein
alter und um etwas ehrlicherer Pharisäer und Schriftgelehrter besuchen.
[GEJ.07_079,14] Und sage nun, du matter und
schwacher Prediger, was habt ihr damit gewonnen? Habt ihr euer Recht irgend bei
einem römischen Gerichte durchgesetzt? Darum hat euch Gott in dieser Nacht
gezeigt, was Er mit Jerusalem und eurem Tempel wahrscheinlich schon in jüngster
Zeit machen wird. Rede uns nun entgegen, wenn du kannst und magst! Wie viele
Schätze, Gelder und Güter der armen Witwen und Waisen habt ihr schon
verschlungen, und versprachet ihnen, daß ihr dafür für ihr zeitliches und
ewiges Wohl sorgen werdet. Waren sie aber einmal in euren Krallen, da sind sie
bald für die Ewigkeit von euch versorgt worden. Auf welche Art, das wissen wir
schon zum größten Teile, und ihr werdet es in eurem bösen Gewissen sicher noch
besser wissen!
[GEJ.07_079,15] Wenn ihr um irgend eine arme
Jungfrau oder um irgend ein junges Weib wußtet, so verkleidetet ihr irgendeinen
Templer, und er mußte hin, die Jungfrau für eure Geilsucht zu verlocken oder
das junge Weib zum Ehebruche mit euch zu verleiten, auf daß sie dann unter der
Androhung der Steinigung immer eure Buhlerin bleiben mußte. O der großen
Schande und der großen Greuel des Tempels!
[GEJ.07_079,16] Ihr glaubtet freilich wohl
schon seit langem an keinen Gott mehr und habt euch darum das freche Recht
herausgenommen, die Stelle des vom Volke noch immer geglaubten Gottes zu
vertreten und habt ihm (dem Volke) in Jehovas Namen allerlei eurer unersättlichen
Herrschsucht und übermäßigen Freßgier dienende Gesetze gegeben, vor denen es am
Ende sogar den Heiden zu ekeln anfangen mußte. Aber in dieser Nacht ist der
alte Gott wieder aufgetaucht und hat euch und dem Volke mit großartigen und
klaren Zeichen gezeigt, daß er noch ganz Derselbe ist, wie Er war zu Abrahams,
Isaaks und Jakobs Zeiten.
[GEJ.07_079,17] und nun haben wir Volk vor
Gott und vor euch das vollste Recht, euch offen ins Gesicht zu sagen, daß nicht
wir, sondern nur ihr die Urheber aller Sünden waret, die mit der Zeit durch
eure gottlosen Gesetze unter uns gang und gäbe wurden; denn ihr triebet uns ja
schon ordentlich zur Sünde an, damit wir dann für unsere begangenen Sünden mehr
opfern mußten, um dieselben durch eure faulen Brandopfer und durch eure völlig
leeren Machtsprüche loszuwerden. Also seid ihr ganz allein an allem schuld, wie
solches aus dem zweiten schrecklichen Zeichen auch gar deutlich zu entnehmen
war. Jetzt, weil ihr euch vor Gott und vor dem Volke so mächtig wähnt, machet es
mit Gott vor uns ab und saget, was Gott mit euch und mit uns tun wird!‘
[GEJ.07_079,18] Siehe, Herr und Meister, so
sprach das Volk buchstäblich mit dem schon höchst ängstlich und verlegen
gewordenen Prediger, der wie ein gegossenes Kalb ganz stumm und bewegungslos
alles das anhörte und dem Volke am Ende nichts anderes erwidern konnte als:
,Für solch ein Volk bin ich zu schwach, da muß ein Schriftgelehrter kommen!‘
[GEJ.07_079,19] Und das Volk sagte: ,Nur her
mit ihm, und wir werden auch ihm zeigen, daß des Volkes Stimme bei weitem mehr
Gottes Stimme ist als das dumme und leere und alles Rechtes bare Wort eines
herrsch- und habsüchtigen Templers!‘
[GEJ.07_079,20] Mit dem verlor sich der
Redner, und wir mußten darauf nahe eine halbe Stunde lang warten, bis der
angekündigte Schriftgelehrte erschien.“
80. Kapitel
[GEJ.07_080,01] (Der Wirt:) „Als dieser
Hochweise die große Rednertribüne bestieg, da fing er mit ganz ernster Miene
und Stimme also an: ,Gott sprach nur mit Moses und Aaron. Aber es stehet
nirgends geschrieben, daß Gott auch je unmittelbar zum Volke geredet habe; denn
das Volk war allzeit zu unheilig vor Ihm, was es, als noch unter dem
Wunderstabe Mosis stehend, dadurch bewies, daß es sich aus dem mitgenommenen
Golde ein goldenes Kalb goß und dasselbe anbetete. Darum hat dann Gott auch
nicht mehr mit dem sich vor Ihm unheilig gemachten Volke, sondern nur durch
eigens geweckte Propheten und durch uns Priester geredet. Und so merket euch
das wohl, daß des Volkes Stimme nie soviel wie eine Gottesstimme sein kann; und
so ihr das nun von euch behauptet, so begehet ihr dadurch eine große und
fluchwürdigste Sünde vor Gott und vor uns, Seinen rechten Priestern. Wir
Priester haben jedoch Nachsicht mit eurer großen Dummheit und Schwäche und
vergeben euch solch eine Sünde; ob sie euch aber auch Gott vergeben wird, das
ist eine andere Frage.‘
[GEJ.07_080,02] Mit dieser Anrede hatte das
Volk aber auch schon genug, und ein Mann von großer Gestalt, seines Ansehens
nach ein Bethlehemer, trat hervor und sagte im Namen des Volkes zum
Schriftgelehrten: ,Daß Gott mit Moses und Aaron geredet hat, das wissen wir so
gut wie du eingebildeter Schriftgelehrter; aber wir wissen auch, daß anfangs
Gott nur zum Volke geredet hat. Da aber das Volk vor der zu gewaltigen
Donnerstimme Gottes sich zu sehr zu fürchten begann, so bat es, daß Gott Seinen
allerheiligsten Willen nur dem Moses allein bekanntmachen möchte, und es werde
Seinen Willen tun, wenn es auch nicht mit anhöre Seine zu gewaltige Stimme.
Dann zog sich das Volk fernehin auf des Sinai-Tales Gegenseite. Und von da an
erst empfing Moses allein die Gesetze von Gott. – Aber lassen wir das, und ich
will dich, du eingebildeter Schriftgelehrter, nun gleich auf etwas anderes
aufmerksam machen!
[GEJ.07_080,03] Du sagst, daß Gott nicht mit
dem unheiligen Volke, sondern nur mit Moses, Aaron, nachher mit den Propheten
und auch mit euch Priestern geredet habe. Wir streiten dir das auch gar nicht
ab; aber wir ersuchen dich, uns zu erörtern, aus welchem Grunde ihr von den
Satzungen Mosis nahe gänzlich abgewichen seid und dafür eure selbst- und
herrschsüchtigen Gesetze hingestellt habt. Und warum haben eben die Priester
beinahe die meisten Propheten getötet und in der neuesten Zeit sogar Zacharias
und Johannes? Und warum trachtet ihr auch noch den Propheten von Nazareth zu
töten, der doch die größten Zeichen wirkt, die je von einem Propheten gewirkt
worden sind, und den Menschen das wahre Wort Gottes predigt?
[GEJ.07_080,04] Wenn wir nicht selbst schon
zu öfteren Malen Sein wahrhaft göttliches Wort gehört und von Ihm nicht Zeichen
gesehen hätten, die außer Gott niemand wirken kann, so würden wir auch nicht
reden; aber unser sind es Tausende, die wir an Ihm das alles selbst erlebt
haben, und wir können somit jetzt, wo Gottes Zorn über euch so ersichtlich
wurde wie die Sonne am hellen Tage, auch ohne Vorhalt und ohne alle Furcht vor
euch reden, wie wir es genau wissen, fühlen und einsehen. Ich habe dir die
Fragen gestellt, und du als ein eingebildeter Schriftgelehrter wirst sie ganz
klar beantworten, sonst sollst du die Kraft der Fäuste deines unheiligen Volkes
als erste Verwirklichung des nächtlichen zweiten Zeichens zum Verkosten
bekommen, damit dir und noch vielen Elenden deinesgleichen unsere Unheiligkeit
und Verfluchtheit fühlbar wird.‘
[GEJ.07_080,05] Als der besagte große
Bethlehemer solche Worte ausgesprochen hatte, stand der früher so grimmig ernst
auf der großen Rednertribüne stehende Schriftgelehrte ganz furchtsam, bleich
und fiebernd da und hatte kaum noch den Mut, sich als ein alter Mann mit einem
plötzlichen Unwohlsein zu entschuldigen, darum er nun die Kraft nicht habe, dem
Volke die gewissen Fragen zu beantworten.
[GEJ.07_080,06]Der Redner aber sagte: ,Geh,
du alter Frevler im Heiligtume Gottes – denn das wußten wir schon lange, welcher
Art Kreaturen deines Gelichters sind –, sonst segnen wir dich mit unseren
Fäusten!‘
[GEJ.07_080,07] „Als der Schriftgelehrte
solches Schaffwort (Befehlswort) aus dem Munde des Bethlehemers vernommen
hatte, verließ er in größter Eile die Tribüne und verkroch sich irgendwo in den
Seitenhallen des Tempels.“
81. Kapitel
[GEJ.07_081,01] (Der Wirt:) „Doch bald darauf
erschien auf der Tribüne ein alter, würdigerer Rabbi, der – wie bekannt – noch ein
Freund des alten, frommen Simeon und später auch des erwürgten Zacharias war.
Als der erschien, ward alles Volk ruhig, grüßte ihn und bat ihn, daß er ihnen
in dieser höchst bedrängten Lage einen gerechten und rechten Trost geben
möchte.
[GEJ.07_081,02] „Und der Rabbi sagte: ,Meine
lieben Mitbrüder aus dem Schoße Abrahams! Verzeiht es meinem hohen Alter, daß
ich meine Zunge nicht mehr so wie einstens zu allem Guten und Wahren in meiner
Macht habe; aber am guten Willen fehlt es mir noch immer nicht, euch allen
einen rechten und gerechten Trost zu geben.
[GEJ.07_081,03] Die Zeichen, die wir in
dieser Nacht zu sehen bekamen, vermittelt durch den Ratschluß des allmächtigen
Gottes, waren wahrlich von einer solchen Art, daß dabei sogar die Heiden zu
zittern anfingen, und kein Jude, sogar kein Sadduzäer und kein Samariter,
konnte sie mit einem furchtlosen Gemüte ansehen. Ich aber dachte mir so in
meiner alten Einfalt: Lieber Jehova! Wegen meiner Person hast Du diese gar
entsetzlich schlimmen Zeichen an Deinem gestirnten Himmel doch sicher nicht zum
Vorscheine kommen lassen, so wie Du auch Deine liebe Sonne nicht um
meinetwillen allein je hast aufgehen und scheinen lassen; denn sie hat ja
Jahrtausende vor mir schon diese Erde erleuchtet und wird sie nach mir auch –
wer weiß, wie viele – Jahrtausende noch erleuchten! Ich als ein beinahe
hundertjähriger Greis werde nicht lange mehr die Wohltat der lieben Gottessonne
genießen. Denn in die Gräber der Verwesung dringt das Licht der Sonne nimmer;
und dränge es auch hinein, so könnte es die toten Leichname doch sicher nicht
mehr erfreuen. Alles auf dieser wahrlich für jeden nüchternen Denker völlig
freudenlosen Welt ist vergänglich, nur die Macht Gottes nicht, die bleibet
ewig; unsere Seelen aber hängen bloß von dem Willen des Allmächtigen ab. Ob sie
nach dem Tode fortleben, das kann kein Mensch der vollen, einsichtlichen und
klar begreiflichen Wahrheit nach begreifen und erkennen; aber Moses und alle
späteren Propheten haben uns solches gelehrt, und wir müssen das glauben, – und
glauben wir das nicht, so gleichen wir den Sadduzäern, die von uns abgefallen
sind, weil sie von den griechischen Philosophen dazu verleitet wurden.
[GEJ.07_081,04] Aber es gibt leider auch
unter uns, und leider hier im Tempel, mehr Sadduzäer als unter euch draußen,
also auch in dieser großen Stadt, wo die Reichen ihres Reichtums wegen nahe
schon an gar nichts mehr glauben; und was sie in Glaubenssachen noch tun, das
tun sie nur zum Scheine, damit das gemeine Volk allein sich vor Gott noch
fürchten soll; aber im Herzen haben sie keinen Glauben und keinen Gott mehr.
[GEJ.07_081,05] Das dienende, arme und
gemeine Volk aber merkt das dennoch bei den Reichen und denkt sich: ,Ah, so ihr
Reichen, die ihr durch eure Mittel viel erfahren und wissen könnet, weder an
Moses noch an die Propheten und also auch an keinen Gott glaubet, warum sollen
denn wir Armen euch zu Gefallen an das glauben, was für euch Reichen nichts
ist?!‘
[GEJ.07_081,06] Und so, meine Lieben, treibt
in einem fort ein böser Keil den andern, und wir alle stehen nun beinahe auf
dem Punkt, auf welchem die Menschen zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots
gestanden sind. Damals wie jetzt hat Gott auserlesene Boten zu den Menschen auf
die Erde gesandt, die alle die Gott völlig vergessen habenden Menschen mit
Worten und Taten gar eindringlich ermahnt haben und ihnen auch die
unausbleiblichen Folgen ihres Starrsinns genau vorzeichneten; aber die Menschen
hatten sich zu weit in die tote und todbringende Welt hinein vertieft und
verrannt, hörten die Gottesboten entweder gar nicht, oder sie verfolgten
dieselben hartnäckig, mißhandelten sie und töteten sie wohl gar, und oft auf
eine grausame Weise. Und seht, ihr meine sehr lieben Freunde und Brüder, unter
uns gesagt, geradeso und vielleicht leider noch um etwas ärger steht es nun bei
uns und namentlich hier in diesem Tempel!
[GEJ.07_081,07] Die Juden blieben als solche
eigentlich nur bis in die halbe Zeit der Richter. Damals gab es noch keine
eigentliche Stadt im ganzen Lande; wohl aber Gemeinden mit notdürftigen Häusern
und einzelne Wohnhütten und in der Mitte des Landes auf dem Berge Horeb die
erbaute heilige Hütte, in der die Lade des Bundes sich befand, belebten das
Land des Vaters Jakob. Damals benötigten die Juden keiner festen Burg, um sich
in ihr gegen die auswärtigen Feinde zu schützen; denn Jehova allein war ihre
feste Burg, ihr unübersteigbarer Damm und ihr scharfes Schwert. Außer Gott
kannten sie keinen Herrn, lebten im tiefen Frieden, waren leiblich und geistig
gesund und kannten keine Not.
[GEJ.07_081,08] Aber gegen die Zeiten der
letzten Richter fingen sie schon an, in allem mehr lau und träge zu werden. Die
Gebote und auch andere Satzungen fingen sie an weniger zu achten und übertraten
sie zu öfteren Malen. Da bekamen sie auch gleich allerlei Ermahnungen, nach
denen sich wohl die Besseren richteten; aber die Weltlicheren taten nur mehr
zum Scheine etwas, in ihren Herzen aber gewann gleichfort die tote Welt den
Vorrang. Solche Weltjuden wurden bald reiche und angesehene Menschen und waren
mit ihren einfachen Wohnhütten nicht mehr zufrieden und auch mit den von Gott
verordneten Richtern nicht, sondern sie wollten auch, gleich den Heiden, einen
glanzvollen, mächtigen König haben und eine Stadt und feste Burgen. Sie
verlangten endlich unter Samuel mit allem Ernste einen König, und Gott der Herr
sprach: ,Da sieh dir an das undankbare Volk! Mit Meiner väterlichen Regierung,
unter der es gesund, reich und überansehnlich geworden ist, will es nicht mehr
zufrieden sein. Zu allen den vielen großen Sünden, die es schon vor Meinem
Angesichte begangen hat, tut es noch diese größte hinzu, daß es einen König
verlangt! Ja, es soll einen König haben und Städte und Burgen; aber nicht zu
seinem Frommen, sondern als eine scharfe und harte Zuchtrute soll es einen König
haben!‘
[GEJ.07_081,09] Ich sage euch das alles nur
in Kürze, damit ihr desto leichter den Grund dieses gegenwärtigen gänzlichen
Verfalles des wahren, alten und echten Judentums einsehet.
[GEJ.07_081,10] Saul mußte schon eine feste
Burg, wenn auch noch keine eigentliche Stadt haben. Da entstanden schon Kriege
mit den Philistern, und die Väter mußten sich ihre Söhne und besten Knechte vom
König in den Krieg nehmen lassen und dazu noch ihre besten Ochsen, Esel, Kühe,
Kälber und Schafe hergeben. Das war sonach schon der erste Segen eines
Judenkönigs, während Samuel noch lebte, der auf Gottes Geheiß den Saul zum
Könige salbte. Samuel meinte nun, daß das Volk durch solche Züchtigung in sich
gehen und reuig wieder zur Gottesregierung zurückkehren werde. Aber mitnichten!
Es wollte nur einen mächtigeren und weiseren König, und Samuel salbte den
David, der bald die Stadt Bethlehem erbaute und zur Stadt Jerusalem den Grund
legte. Sein Sohn Salomo baute mit großen Kosten und mit großer Pracht die Stadt
aus und den Tempel; aber das Volk versank dabei schon in eine große Armut und
mußte sich allerlei Drangsale gefallen lassen.
[GEJ.07_081,11] Wie es dem Volke nachher
unter den späteren Königen bis gegen die babylonische Gefangenschaft erging,
das wissen wir aus den Büchern der Chronika. Man sollte aber meinen, daß die
vierzig Jahre lang dauernde Gefangenschaft die daraus wieder befreiten Juden
völlig anderen Sinnes machen werde; doch nein, sie mußten wieder Könige und,
gleich den Heiden, Priester und Hohepriester haben!
[GEJ.07_081,12] In dieser Zeit, nahe bis auf
uns herab, sandte der Herr die meisten Propheten, die das Volk zu Gott
zurückriefen. Doch das durch die Könige und Priester schon zu finster und taub
gemachte Volk vernahm und verstand nichts mehr von dem, was ihm die Propheten
verkündeten. Dazu verfolgten die Könige und die Priester noch die Propheten,
und das oft mit der empörendsten blinden Rache und Wut, – wie ihr derlei Szenen
schon selbst erlebt habt und leicht noch mehrere erleben werdet, obschon die
Juden in dieser Zeit und schon lange vorher keinen eigenen König mehr haben,
sondern sich die eherne Oberherrschaft der Heiden gefallen lassen müssen.
[GEJ.07_081,13] Gott hat Sich aber auch
diesmal Seines Volkes hoch erbarmt und hat uns einen Messias in der Person des
Weisen aus Nazareth nach der Verheißung gesandt, den ich schon von Simeons
Zeiten an kenne, da Ihn auch Simeon im Tempel erkannte, Ihn beschnitt und Ihm
den Namen Jesus gab. Ich kann und darf euch das nur bei dieser
außerordentlichen Drangsalsgelegenheit sagen, und was ich als ein hoher Greis
euch nun sage, das ist hohe und heilige Wahrheit. Aber diese über alle Maßen
herrschsüchtigen Erztempler verfolgen ja jeden mit der größten Rachgier, der so
etwas zu einer andern Zeit aussprechen würde.
[GEJ.07_081,14] Und sehet, da ich nun alles
Notwendige kurz vorausgesandt habe, so kann ich euch nun sagen, wie die
heutnächtlichen schrecklichen Erscheinungen von Gott zugelassen worden sind!
Der Erztempeljuden Sündenfrevelgröße hat das ihr von Gott gestellte Maß nahe
bis an den Rand voll gemacht, und die große Geduld Jehovas hängt kaum noch an
einem Haare! Wenn das Maß voll wird, so wird auch mit Jerusalem das geschehen,
was ihr im zweiten Zeichen gesehen habt, und das vielleicht schon eher noch,
als da fünfzig volle Jahre vergehen werden.
[GEJ.07_081,15] Die zwölf Feuersäulen, die am
Ende in eine zusammenflossen, zeigten offenbar das Verschmelzen der zwölf
Stämme Israels in einen, nämlich in den gekommenen Messias, der am Ende, da Er
von den blindesten und bösesten Erztempeljuden nicht angenommen ward, wieder
dahin auffuhr, von wannen Er gekommen ist.
[GEJ.07_081,16] Es war aber später im Westen,
wie es mir der weise Nikodemus soeben erzählt hat, noch ein drittes Zeichen von
sehr tröstender Art zu sehen, aber freilich nur für jene, die den Messias
angenommen haben, an Ihn glauben und nach Seiner Lehre, die göttlich weise ist,
handeln. Doch davon kann euch eben Nikodemus später ein mehreres sagen, weil er
auch die besagte dritte Erscheinung selbst gesehen hat.‘
[GEJ.07_081,17] Hierauf empfahl der Greis
ihnen, das heißt dem Volke, alle Geduld und trat von der Rednertribüne ab. Und
alles Volk lobte den alten Redner.
[GEJ.07_081,18] Und der Bethlehemer sagte:
,Ja, das ist noch ein Alter nach der Art Aarons; aber er allein kann gegen die
vielen auch nichts machen! Was aber im Ernste sehr viel sagen will, ist das,
daß sich im Tempel am Ende doch noch auch unter den Pharisäern und
Schriftgelehrten etwelche vorfinden, die an den Heiland aus Nazareth glauben!‘
[GEJ.07_081,19] Es wurden noch mehrere
Betrachtungen der Art gemacht, und man harrte mit Sehnsucht auf den ehrlichen
und biedern Nikodemus, der noch ein wenig auf sich warten ließ.“
82. Kapitel
[GEJ.07_082,01] (Der Wirt:) „Es vernahm aber
irgend hinter einem Vorhange so ein rechter Erzpharisäer im Volke die starke
Befürwortung des Glaubens an den Heiland aus Nazareth, trat hervor, bestieg die
kleine Tribüne und sagte: ,Ich sage euch aus meiner oberpriesterlichen
Machtvollkommenheit: Wer da an den Heiland aus Nazareth glaubt und sagt, daß
dieser der verheißene Messias sei, der ist vom Tempel aus verflucht!‘
[GEJ.07_082,02] Er hatte aber diese
schmähliche Sentenz noch kaum völlig ausgesprochen, da war seine Tribüne schon
vom Volke umringt, und alles Volk schrie ihn also an: ,Und wir aber sagen: Wer
immer da nicht glaubt, daß der Heiland aus Nazareth unfehlbar der verheißene
Messias ist, der ist von uns aus verflucht! Und so aber ein elender
Schweinewicht von einem Oberpharisäer der den wahren Messias eher denn das Volk
erkennen sollte, in seiner blinden Herrschwut solch eine Sentenz gegen uns
auszusprechen wagt, der ist von uns siebenmal verflucht und hat den Tod
verdient! Du Schweinehund du, sahst du die Zeichen dieser Nacht nicht? Haben
auch diese deinen zottigen Pelz nicht zu durchdringen vermocht? Na warte, du
Schweinehund von einem Oberpharisäer, wir werden dir deinen zu dichten Pelz
schon dünner und durchdringlicher machen! Du bist uns gerade recht in den Wurf
gekommen; denn auf dich, du elender Schweinehund, haben wir es schon lange
scharf abgesehen!‘
[GEJ.07_082,03] Als der Oberpharisäer solche
Begrüßungen aus dem Volke vernahm, fing er an, um Hilfe zu rufen.
[GEJ.07_082,04] Aber das Volk schrie noch
mehr: ,Nieder mit dem Gotteslästerer!‘
[GEJ.07_082,05] Hier drängte sich unser
riesiger, wahrer Goliath von Bethlehem zu dieser kleineren Tribüne, griff mit
seiner kräftigen Hand nach dem Oberpharisäer, schüttelte ihn zuerst derart, daß
ihm dabei auf eine Zeitlang schier Hören und Sehen verging, dann hob er ihn von
der Tribüne herab und trug ihn zu jenem Vorhang hin, durch den er ehedem in die
große Tempelhalle gekommen war, gab ihm dort noch ein paar ordentlich glänzende
Backenstreiche und sagte dann mit einer wahren Donnerstimme zu ihm: ,So wird in
Zukunft das sehend gewordene Volk Priestern deiner Art Opfer und Zehent
abliefern! Jetzt gehe aber, und laß dich ja nimmer sehen, sonst kostet es dein
Leben!‘
[GEJ.07_082,06] Da raffte sich der ganz
schwindlig gewordene Oberpharisäer in aller Eile zusammen und verkroch sich
bebend in irgendeinem Winkel seiner Behausung.
[GEJ.07_082,07] Gleich nach dieser
Begebenheit erschien ein römischer Abgesandter vom Landpfleger, stieg auch auf
eine Kanzel, die für weltliche Redner und Verkünder bestimmt war, und sagte:
,Der Landpfleger läßt euch im Namen des Gesetzes ermahnen, daß ihr euch aller
Tätlichkeiten enthalten sollet; doch reden könnet ihr, wie ihr nur immer wollet
und könnet! Ihr sollet bedenken, daß dieser Tempel zur Ehre eures Gottes erbaut
worden ist, und da soll alles Ungebührliche vermieden! Geschieht aber jemandem
von irgendeinem dummen Tempelpriester oder -diener irgendein Unrecht, so komme
er nur zu uns, und es wird ihm sein volles Recht zuerkannt werden!‘
[GEJ.07_082,08] Unser Goliath aus Bethlehem
dankte für diese wohlgemeinte Ermahnung, setzte aber doch hinzu: ,Deine
Ermahnung, für die ich dir im Namen des ganzen Volkes gedankt habe, war sicher
völlig gut; aber wenn einmal die Kräfte der Himmel anfangen, ihren Willen mit
ihren allmächtigen Händen an das große Firmament hinzuzeichnen, da hat das
menschliche Gebieten auf dieser Erde bald sein Ende erreicht!‘
[GEJ.07_082,09] Sagte der Römer: ,Freund, das
wissen wir auch und erkennen den Wahrspruch: CONTRA JOVEM FULMINANTEM TONANTEMQUE
NON VALET VIS ENSIS, ET CONTRA VIM COELORUM VANE FRUSTRAQUE PUGNAT ARS
MORTALIUM sehr an; aber mit einer gewissen Brutalität der sterblichen Menschen
unter sich werden wir Menschen die unsterblichen und unbesiegbaren Kräfte und
Mächte der Himmel auch nicht um ein Haar anders stimmen! Die gemessene und
bescheidene Ordnung ziemt sich für uns sterbliche Menschen noch immer am
allerbesten, und ein ordentlicher und ruhiger Mensch wird auch dann noch nicht
verzagen, wenn selbst der ganze Erdkreis in Trümmer zusammenzustürzen begänne.
Das ist so meine Meinung! Darum beachtet den Wunsch des Landpflegers! DIXI.‘
[GEJ.07_082,10] Hierauf empfahl sich der
Römer, und das Volk lobte seine Mäßigung.
[GEJ.07_082,11] Aber gleich darauf erschien
Nikodemus auf der großen Tribüne und wurde vom Volke mit großem Jubel begrüßt.
Er aber sagte: ,Meine Freunde und Brüder! Ich habe euch eigentlich nichts Neues
zu sagen, bin aber dennoch gekommen, um euch das zu bestätigen, was euch auf
eben dieser Tribüne mein ältester und auch bester Freund schon gesagt hat. Es
verhält sich wahrlich alles also, wofür ich euch sogar mit meinem Leibesleben
bürgen kann, und es freut mich nun um so mehr, daß ich hier in dieser
geheiligten großen Tempelhalle mit Menschen zu tun habe, die sicher in allen
Stücken meine Ansicht, wie auch meine innerste und vollste Überzeugung mit mir
teilen.
[GEJ.07_082,12] Es hat sich zwar vor mir auf
jener kleineren Tribüne ein anmaßender Oberpharisäer vor euch auf eine höchst
ungebührliche Weise vernehmen lassen, ohne daß ihn jemand aus unserem
Priesterrate nur mit einer Silbe dazu aufgefordert hätte; aber ihr habt ihn
meines guten Wissens dafür auch gebührend entschädigt. Er hat sich beim Hohen
Rate darob wohl beklagt – was zwar in dieser Zeit eben nicht gar zuviel sagen
will –, doch bekam er bald den Bescheid: Alles zur Unzeit bringt Schmerz und
Leid! Es sei bei der leicht begreiflichen großen Aufgeregtheit des Volkes mehr
als unklug, etwas vorzubringen, was es in einem ganz ruhigen Zustande nimmer zu
ungünstig aufnehmen würde.
[GEJ.07_082,13] Als der höchst unbescheidene
Oberpharisäer solchen Bescheid vernahm, empfahl er sich bald mit seinen
ziemlich angeschwollenen Backen, und ich ward vom gesamten Rate abgeordnet,
euch zu sagen, daß ihr nur bei dem verbleiben sollet, was euch mein Vorgänger
verkündet hat. Aber da ihr nun alle solchen Trost hier im Tempel gefunden habt,
so sollet ihr Gott kurz in euren Herzen einen rechten Dank darbringen und euch
dann ruhig in eure Heimat begeben! Und solltet ihr welchen begegnen, so möchtet
ihr ihnen auch dasselbe kundtun, damit sie nicht den weiten Weg hierher
vergeblich machen, weil für heute nachmittag und morgen, als am Vorsabbat, der
Tempel, wie immer, geschlossen bleibt.‘
[GEJ.07_082,14] Hierauf fragte das Volk
Nikodemus noch wegen der Bedeutung des dritten Zeichens, das er nach der
Aussage seines greisen Vorgängers selber gesehen haben solle.
[GEJ.07_082,15] Nikodemus aber sagte: ,Das
werde ich euch auch noch tun, aber unter uns etwas leiser gesprochen, weil
unsere Wände viele Ohren haben! Aber erwartet mich nachmittags auf dem Wege,
der nach Emmaus führt! Dort werde ich zu euch kommen und euch das dritte
Zeichen treu und wahr kundtun und es euch auch erklären, so gut es mir nur
immer möglich sein wird.‘
[GEJ.07_082,16] Damit war das Volk zufrieden
und fing an, den Tempel zu verlassen.
[GEJ.07_082,17] Ich und dieser, mein Freund,
gingen auch und trafen eben beim Fortgehen Deine beiden Jünger, die uns von Dir
Nachricht gaben, der zufolge wir denn auch sogleich hierher geeilt sind.
[GEJ.07_082,18] Und das von mir nun Erzählte
ist auch alles, was sich heute im Tempel zugetragen hat. Herr, vergib mir mein
schlechtes Erzählen!“
83. Kapitel
[GEJ.07_083,01] Sagte Ich: „Lieber Freund, du
hast die Begebenheiten im Tempel ganz gut erzählt und in deiner Erzählung an
den Tag gelegt, daß du alles mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt hast, was
da vorging, und was sich besonders irgend auf Mich bezog. Aber das sage Ich dir
auch, daß dir dabei Mein Wille sehr behilflich war; denn ohne Mich ist alles
schwach im Menschen, mit Mir aber alles stark, kräftig und mächtig.
[GEJ.07_083,02] Es ist wahrlich für unsere
gute und wahre Sache im Tempel nun recht viel geschehen. Das Volk, der alte
Rabbi und Nikodemus haben Mich ganz als Den dargestellt, der Ich bin, und man
sollte meinen, daß nun schon der ganze Tempel vollauf bekehrt sei. Aber nichts
von dem! Nun haben der Rabbi und Nikodemus ihre Not mit den anderen Pharisäern
und mit dem Hohenpriester, und das darum, weil sie Mich vor dem Volke für den
verheißenen und allein wahren Messias erklärt haben. Aber Ich legte beiden
schon die rechten Worte in den Mund, und Nikodemus hat nun dem Hohenpriester
eine so brennende Rede ins Gesicht geschleudert, daß ihm dieser samt den
Pharisäern kein Wort mehr zu erwidern vermochte.
[GEJ.07_083,03] Der Hohepriester hat nämlich
dem alten Rabbi und Nikodemus bitter vorgeworfen, daß sogar sie Meinen Namen im
Tempel vor dem Volke offen bekannt und alle Schuld auf den Tempel geladen
haben, während sie bei dieser Gelegenheit Mich vor allem dem Volke so
verdächtig wie möglich hätten machen sollen. Sie hätten dem Volke nur unter dem
größten Ernste sagen sollen, daß Gott nun darum also zornig über das Volk
geworden sei, weil es solchen Irrlehrern und Aufwieglern nachlaufe, sich
verführen lasse und somit verflucht sei.
[GEJ.07_083,04] Nikodemus aber erwiderte dem
Hohenpriester, der Kaiphas hieß: ,Oh, wenn ihr denn schon gar so klug und weise
seid, so tretet nun selbst in den Tempel, der noch voller Menschen ist, obwohl
sich nach meiner Rede ein bedeutender Teil aus dem Tempel und von da nach Hause
begab, und redet nach eurer Art zum Volke, und ihr werdet es bald empfinden,
wie euch das Volk aufnehmen wird! Waren denn wir beide etwa die ersten, die zum
Volke geredet haben? Hundert von euch haben vor dem Volke gepredigt nach eurer
Art und Weise, und was war die Folge einer jeden solchen Predigt? Die Folge
war, daß der Prediger hat flüchten müssen, wenn er nicht auf das gewaltigste
mißhandelt werden wollte.
[GEJ.07_083,05] Was hättet ihr denn aber nun
gemacht, wenn das Volk, so wir beide es nicht auf eine kluge Art besänftigt
hätten, in Massen zu euch hereingedrungen wäre und euch auf eine vielleicht nie
erhörte Art zu mißhandeln angefangen hätte? Ist es sonach nicht klüger, zur Zeit
der Not zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen und dabei mit heiler Haut
davonzukommen, als dem Volke etwas aufbürden zu wollen, das es nimmer hören
will?!
[GEJ.07_083,06] Es war in dieser Nacht
wahrlich nicht an der Zeit, dem ergrimmten und verzweifelten Volke irgendeine
Strafrede zu halten, sondern es nur zu trösten und zu beruhigen, – und das
haben wir beide getan und dadurch sicher keinen Fehler begangen. Ob aber nun
auch ihr vor dem Volke keinen Fehler begangen habt, das ist eine ganz andere
Frage! Gehet aber nun nur hinaus in die große Halle des Tempels und versuchet,
das Volk eines andern zu belehren, und ich stehe euch dafür, daß es euch noch
ärger ergehen wird, als es ehedem dem Oberpharisäer und Schriftgelehrten
ergangen ist, als er dawider ein Wort erhob, da das Volk laut behauptete, die
Volksstimme sei so gut wie Gottes Stimme!
[GEJ.07_083,07] Zudem hast du, Kaiphas, mich
und den alten Rabbi ja doch selbst ersucht, daß wir als vom Volke stets
wohlgelittene Männer hinaus unter dasselbe treten sollen und trachten, es auf
eine jede mögliche Art und Weise zu besänftigen. Nun, wir taten das. Warum
machet ihr uns darum jetzt, da das Volk ruhig geworden ist, Vorwürfe? Es steht
euch ja noch immer frei, das Volk, das sicher noch bis über den Mittag im Tempel
verharren wird, eines andern zu belehren! Wir beide aber werden uns mit dem
Volke durchaus nicht mehr abgeben. Aber nehmt euch in acht, – das Volk kennt
eure Sünden!‘
[GEJ.07_083,08] Sagte der Hohepriester: ,So
wir einmal das Volk fürchten müssen, dann sind wir auch keine Priester mehr!
Wir dürfen dem Volke nicht um ein Haarbreit nachgeben, und komme über uns, was
da nur immer wolle! Das ist mein fester Wille und der Grundsatz meines
Handelns.‘
[GEJ.07_083,09] Darauf erwiderte ihm
Nikodemus: ,Du bist nun Hoherpriester und kannst in vielen Stücken tun, was du
willst; wenn aber, wie es sich nun zeigt, bald alles Volk von uns abfallen und
sich hinter den Schutz der Römer stellen wird, – was wirst du dann machen? Dann
kannst du das Volk verfluchen in einem Atem Tag und Nacht, und es wird dich
ebenso anhören, wie dich nun die Heiden, Samariter und Sadduzäer anhören. Mit
welchen Mitteln wirst du dann die Abgefallenen wieder für uns und den Tempel
gestimmt und uns zuzügig machen?
[GEJ.07_083,10] Was hast du mit deiner
Hartnäckigkeit gegen den reichen Lazarus in Bethania ausgerichtet und was dabei
gewonnen? Er ist nun mit allen seinen großen Besitzungen ein Römer, und du hast
keine Gewalt mehr über ihn! Dazu hatte er ehedem alljährlich an den Tempel
mindestens hundert Pfunde Goldes und fünfhundert Pfunde Silbers gezahlt, und
nun zahlt er um ein bedeutendes weniger an die Römer, und dem Tempel zahlt er
keinen Stater mehr. Nur den Zehent hat er noch gegeben, wird ihn aber in
Zukunft wahrscheinlich auch nicht mehr geben, weil er sich meines guten Wissens
darüber auch schon mit den Römern abgefunden haben soll. Ja, wenn infolge
deiner hohenpriesterlichen Hartnäckigkeit viele dem Beispiele des Lazarus
folgen werden, dann werden wir uns bald allein im Tempel befinden!
[GEJ.07_083,11] Siehe, das ist aber so meine
Meinung und kernfeste Überzeugung, und die Folge wird es zeigen, daß ich hier
die volle Wahrheit geredet habe, und es wird das schon so der Anfang sein zur
nicht lange auf sich warten lassenden Erfüllung des zweiten in dieser Nacht
gesehenen traurigen und schrecklichen Zeichens! Fahret nur so fort, so werden
wir alle auch bald mit allem fertig werden! – Ich habe nun geredet.‘
[GEJ.07_083,12] Daß diese Worte dem
Hohenpriester sicher nicht besonders mundeten, läßt sich leicht denken. Aber er
konnte da wenig oder nichts einwenden; denn es waren auch andere Älteste des
Tempels und Jerusalems mit Nikodemus einverstanden.
[GEJ.07_083,13] Aber nach einer Weile sagte
der Hohepriester dennoch wieder in einer Art Erregtheit: ,Ich weiß aber
dennoch, was noch geschehen muß, und wir stehen dann wieder auf festem Grunde!
Auch der falsche Prophet aus Galiläa muß fallen, wie Johannes gefallen ist, und
alles Volk wird wieder zu uns strömen. Habe ich recht geredet oder nicht?‘
[GEJ.07_083,14] Viele Pharisäer und
Schriftgelehrte stimmten nun mit dem Kaiphas; aber Nikodemus, der alte Rabbi
und noch mehrere Älteste schüttelten den Kopf, und der alte Rabbi sagte: ,Ich
bin wohl der Älteste unter euch und weiß, was seit achtzig Jahren sich im
Tempel und im ganzen Judenlande alles zugetragen hat. Schon oftmals sind im
Volke und auch im Tempel selbst fromme und vom Gottesgeiste erfüllte Menschen
aufgestanden und haben weise gelehrt und gehandelt. Der hochherrschsüchtige
Teil des Tempels hat sie aber auch allzeit mit allen Mitteln verfolgt und wo
möglich auch getötet. Doch fraget euch, fraget alle Ältesten vom ganzen
Judenlande und fraget unsere jährlichen Tagesschriften, und ihr werdet es
finden, daß der Tempel und sein altes Ansehen dabei nie etwas gewonnen, wohl
aber nach einer jeden solchen Handlung vieles verloren hat, und das also, daß
ihm das Verlorene nie wieder zurückerstattet wurde!
[GEJ.07_083,15] Wo sind die vielen Samariter,
wo die Sadduzäer, wo wird nur zu bald ganz Galiläa sein? Wie viele von uns sind
Essäer geworden, wie viele vollends Griechen und Römer! Wer – außer einigen
griechischen Kaufleuten – besucht uns noch aus Tyrus und Sidon, wer aus dem
großen Lande Kappadozien, Syrien und aus den vielen Städten am Euphrat? Sehet,
das hing sogar in meiner Jugendzeit noch fest am Tempel, und dieser wurde
überschüttet mit Opfern und Schätzen aller Art und Gattung und wurde sehr
übermütig und grausam! Die Priester brachen das Gebot Gottes ,Du sollst nicht
töten!‘, und die erwiesene Folge davon war der gänzliche Abfall vieler Länder
und Städte.
[GEJ.07_083,16] Wenn ihr aber in der
grausamen Art eurer Vorfahren noch weiter fortfahren werdet, so werdet ihr –
wie das zweite Zeichen es euch klar gezeigt hat – in Kürze auch noch das
verlieren, was bis jetzt schon ohnehin locker genug am Tempel hanget. Das ist
meine Ansicht; ihr aber könnet tun, was ihr wollet!‘
[GEJ.07_083,17] Diese ganz gute Rede des
Rabbi wurde von vielen ganz beifällig aufgenommen, die jüngeren aber konnten
ihr wenig entgegenstellen.
[GEJ.07_083,18] Hier wandte sich Kaiphas
wieder an Nikodemus und fragte ihn, ob auch er die Ansicht des alten Rabbi
gutheiße und billige.
[GEJ.07_083,19] Nikodemus aber sagte: ,Ich habe
schon geredet und sage nun noch einmal, daß ich in eurem Rate weder etwas dafür
noch etwas dagegen sagen werde. Wie mein alter Freund es nun gesagt hat, also
ist es auch. Für meine innere Überzeugung bin ich keinem Menschen Rechenschaft
schuldig, und öffentlich werde ich von heute an wenig mehr reden.
[GEJ.07_083,20] Ich bin ein Oberster der
ganzen Stadt Jerusalem und bin vom Kaiser aus ein akkreditierter
(bevollmächtigter) Vorsteher aller Bürger und habe im Notfall auch das JUS
GLADII in meiner Hand. Ihr könnet tun, was ihr wollt, und ich und mein Freund
verlassen euch für heute bis auf den Sabbat; wer aber irgend mit mir und diesem
meinem alten, wahren Freunde in vernünftigen Worten will reden, der findet mich
auf meinen Besitzungen in Emmaus. Und nun, Gott dem Herrn alles anbefohlen!‘
[GEJ.07_083,21] Mit diesen ganz ernsten
Worten verließen beide den großen Rat, obschon sie der Hohepriester noch
aufhalten wollte.“
84. Kapitel
[GEJ.07_084,01] (Der Herr:) „Nun erst
steckten die Großtempler die Köpfe zusammen und wußten nicht, was sie machen
sollten. Kaiphas machte ihnen den Vorschlag, daß doch noch jemand es versuchen
solle, das Volk durch eine gute Rede auf andere Begriffe zu bringen; aber es
hatte niemand den Mut dazu.
[GEJ.07_084,02] Als es nun aber schon sehr
nahe am Mittage war, wurde ein Tempeldiener beauftragt, hinaus in die Hallen zu
treten und dem Volke zu bedeuten, daß es sich nun bald ganz entfernen möge,
weil hernach des Vorsabbats wegen der Tempel der nötigen Reinigung wegen
geschlossen werde. Der Diener kam und verkündigte den Auftrag den noch im
Tempel weilenden recht vielen Menschen. Aber er fand eine schlechte Aufnahme.
[GEJ.07_084,03] Es war der riesige
Bethlehemer noch gegenwärtig und schrie den Diener mit einer wahren
Donnerstimme an: ,Wir wissen, wann wir den Tempel zu verlassen haben! Wir
werden ihn nun denn auch derart ganz verlassen, daß wir ihn
höchstwahrscheinlich nie wieder besuchen werden; denn der Tempel und seine
Einwohner allein sind schuld am ganzen Unheil, das über unser Gelobtes Land
jüngst hereinbrechen wird. Gehe hin zu deinen Herren und sage ihnen, daß nun
das Volk also spricht, und wem es nicht recht ist, der komme heraus und rechte
mit uns!‘
[GEJ.07_084,04] Als der Diener nun diese
Sentenz vernahm, sagte er wohlweislich kein Wort mehr und ging und zeigte das
dem Rate wortgetreu an.
[GEJ.07_084,05] Und Kaiphas sagte: ,Wie ich
es euch schon lange gesagt habe, also ist es: Wir sind durch den Nazaräer alle
verraten! Er macht sich die Römer zu Freunden durch seine Magie. Sie halten ihn
mindestens für einen Halbgott, und wenn es noch eine Zeitlang fortgeht, so
werden sie ihn auch noch zu einem Vizekönige der Juden machen, und wir können
uns hernach umsehen, wie wir davonkommen werden. Darum sollten wir denn nun
auch alles wagen, diesen uns höchst gefährlichen Menschen aus dem Wege zu
räumen; denn wächst er uns einmal über unsere Köpfe, so sind wir alle
verloren!‘
[GEJ.07_084,06] Sagte nun ein Ältester: ,Ich
sage euch nichts anderes, als daß da eines wie das andere eine höchst gefährliche
Spieltreiberei ist! Denn ist er ein Freund der mächtigen Römer, so werden sie
durch seine schon sehr vielen Jünger nur zu bald erfahren, was wir mit ihm
gemacht haben, und dann wehe uns für immer! Lassen wir ihn aber sein Wesen
forttreiben und schließen uns nicht an ihn an, so sind wir im ganzen Judenlande
auch binnen längstens drei Jahren völlig überflüssig geworden! Was ist nun da
Rechtens?‘
[GEJ.07_084,07] Sagte ein anderer Ältester:
,Ich wüßte, wenn ich Hoherpriester wäre, schon ganz wohl, was nun am
rätlichsten zu tun wäre.‘
[GEJ.07_084,08] Fragte nun Kaiphas, sagend:
,Was denn?‘
[GEJ.07_084,09] Sagte der Älteste: ,Wir sind
nun ganz unter uns, und ich kann da ein freies Wort reden, und ihr könnet mich
anhören, so ihr es der Mühe wert findet. Sehet, unserem Moses samt dem Jehova
und samt allen Propheten haben wir ja aller Wahrheit nach den Rücken zugewendet
und sind des Volkes und des Einkommens wegen pure Formenreiter geworden; denn
von uns, wie wir nun da beisammen sind, glaubt keiner an einen Gott, an einen
Moses, noch an irgendeinen Propheten. So wir aber nun sehen, daß alles Volk an
den Nazaräer glaubt und ihm nachrennt, so tun wir das auch, wenigstens pro
forma, und wir werden dadurch bei dem Volke und sogar bei den Römern sehr viel
gewinnen!‘
[GEJ.07_084,10] Hier sprang Kaiphas
ordentlich auf und sagte: ,Auch du willst uns alle verraten?! Wer im Ernste
also redet, wie du nun geredet hast, der ist von mir aus verflucht!‘
[GEJ.07_084,11] Sagte der Älteste: ,Sage mir
das vor dem Volke; denn hier im Rate hast du kein Recht, mir das ins Gesicht zu
sagen! Merke dir das wohl, sonst sehen wir uns heute noch vor dem Landpfleger!‘
[GEJ.07_084,12] Sagte hierzu noch ein anderer
Ältester: ,So wir hier im großen Rate versammelt sind, da hat ein jeder das
volle Recht, ein freies Wort zu reden, ansonst der Rat zu nichts nütze ist;
stehen wir aber vor dem Volke, so wissen wir, was wir zu reden haben. Wenn du
als nunmaliger Hoherpriester nur deinen Willen allein durchsetzen willst, so
ist unser Rathalten ganz überflüssig, und wir tun am vernünftigsten, wenn wir
künftighin gar keinen Rat mehr halten. Was ist vom Tempel aus schon alles
unternommen worden, um des Nazaräers irgend habhaft zu werden, und man konnte
ihm doch nirgends an den Leib kommen! An den Festtagen war er im Tempel und
lehrte das Volk frei und offen. Warum hast du ihn denn da nicht aufgreifen
lassen?‘
[GEJ.07_084,13] Sagte Kaiphas: ,Wer getraut
sich, dem großen Volke Widerstand zu leisten?‘
[GEJ.07_084,14] Sagte der Älteste: ,Gut, wenn
so, warum verfluchest du dann einen Ältesten, der dir sagt, daß wir gegen den
Galiläer mit unserer sehr verkümmerten Macht wenig oder nichts mehr ausrichten
werden? Unternehmen wir – wenn das noch irgend möglich ist – etwas Ernstes und
irgend für einige Tage Erfolgreiches gegen ihn, so haben wir uns das Grab schon
gegraben, – was ich ganz klar einsehe; unternehmen wir aber nichts und
betrachten sein Tun und Treiben mit mehr gleichgültigen Augen, so können wir
noch eine längere Zeit bestehen, besonders wenn wir selbst irgendwelche
Reformen im Tempeldienste annehmen und ins Werk stellen wollen. Aber nach
deinem Plane werden wir alle bald genötigt sein, das Weite zu suchen. Ich habe
geredet!‘
[GEJ.07_084,15] Nun entstand eine volle
Zwietracht im Hohen Rate. Ein Teil hielt mit den Ältesten, ein anderer mit dem
Hohenpriester, und es kam zu einem lauten Zank. Da erhoben sich die Ältesten
und gingen nach Hause, denn sie hatten ihre Häuser und andere Besitzungen. Nur
die Pharisäer blieben noch bei Kaiphas, empfahlen sich aber auch bald, da es
schon vollends um die Mitte des Tages war. –
[GEJ.07_084,16] Sehet, so stehen nun die
Dinge im Tempel, und Ich habe euch das nun darum genau mitgeteilt, damit ihr
sehen könnet, welch einen geringen Eindruck die nächtlichen Mahnzeichen auf
diese Natternbrut da unten gemacht haben! Sie sind und bleiben unverbesserlich,
wie sie allzeit waren; darum wird das Licht von ihnen genommen und den Heiden
gegeben werden. – Jetzt aber kommt auch schon unser Lazarus mit dem Raphael und
wird uns zum Mittagsmahle laden, und wir alle werden uns für die Zeit des
Mittagessens wieder in das Haus begeben!“
[GEJ.07_084,17] Hier sagte Agrikola: „Herr
und Meister, ich bin auf Deine nunmalige Mitteilung über den Hohen Rat, wie
auch über die frühere Erzählung des Wirtes, wie sich die gewissen Priester über
Dich ausgelassen haben, so ärgerlich geworden, daß ich nun gute Lust hätte, dem
Landpfleger die ganze Sache mitzuteilen und einen Boten an den Oberstatthalter
Cyrenius abzusenden, und es sollen da dem Oberpriester bald die Augen geöffnet
werden, damit er zur Einsicht komme, wie nun die Dinge stehen!“
[GEJ.07_084,18] Sagte Ich: „Freund, du weißt
es ja, welche Macht in Mir ist! Wollte Ich diese da unten mit Gewalt richten,
so würde ihnen das dennoch nichts nützen, weil Meine Allmacht – wie Ich euch
das schon gezeigt habe – keines Menschen freien Willen bessern kann. Das muß
die Lehre beim Menschen bewirken, nach der er sich selbst zu halten und zu
bestimmen hat, so oder so zu handeln. Will ein Mensch das Gute und Wahre einer
Lehre aber gar nicht einsehen und noch weniger danach handeln, so ist er schon
ein Böser und wird in sich dereinst das finden, was ihn richten wird. Darum
lassen wir das und begeben uns ins Haus!“
[GEJ.07_084,19] Darauf erhoben wir uns und
gingen in den großen Speisesaal, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte.
85. Kapitel
[GEJ.07_085,01] Da die vielen Zöllner uns
schon bald nach dem Morgenmahle verlassen hatten, so war nun ganz
natürlicherweise mehr Raum im Saale, und so konnten auch einige von den schon
älteren und ernsteren Sklavenjünglingen in unserem Saale untergebracht werden
und in unserer großen Gesellschaft ihr Mittagsmahl einnehmen. Es waren deren
dreißig an der Zahl, die in unserem Saale speisten, und es ward ihnen die
Fähigkeit verliehen, unsere Sprachen zu verstehen und auch zu reden, und das
darum, daß sie auch etwas für sich und für ihre Gefährten verstanden von dem,
was während des Mittagsmahles unter uns besprochen ward.
[GEJ.07_085,02] Wir aßen und tranken nun ganz
wohlgemut, und als der Wein den Gästen mehr und mehr die Zungen löste, da
fingen die bekannten Judgriechen untereinander an, über die jüdischen
Fastengebote zu reden, und einer machte die Bemerkung und redete also: „Von
Moses angefangen haben die Juden im Jahre gewisse Tage, auch ganze Wochen
gehabt, in denen sie fasten mußten. Die Propheten mußten gar viel fasten, weil
dadurch ihr Fleisch mehr herabgestimmt und ihr Geist offener und klarer wurde.
Also mußten auch die Seher gar viel und oft fasten, auf daß sie helle Träume
und Gesichte bekamen. Wer irgendeine besondere Gnade von Gott erhalten wollte,
der mußte Gott ein Gelübde machen, daß er so und so lange fasten und beten
wolle, bis ihn Gott erhören werde, und wer also sein Gott gemachtes Gelübde
hielt und erfüllte, der erhielt auch immer die erbetene Gnade von Gott, – was
wir aus der Schrift wissen.
[GEJ.07_085,03] Aber bei uns nun in dieser
neuen Sphäre ist von keinem Fasten mehr die Rede. Es scheint, daß der Herr und Meister
nun das alte Fastengebot ganz aufheben will so wie die Gelübdemacherei. Denn
wir sind nun doch schon eine geraume Zeit stets bei und um Ihn und haben schon
gar viele der rein göttlichen Lehren von Ihm vernommen und viele Wunderwerke
von Ihm wirken sehen; aber von dem alten Fastengebot hat Er noch keine irgend
besondere Erwähnung getan, und wir, wie Seine alten Jünger, haben noch nirgends
gefastet und irgend besonders gebetet. Es wäre demnach doch auch gut, so wir es
aus Seinem Munde vernähmen, was wir vom alten Fastengebot halten sollen.“
[GEJ.07_085,04] Auf diese Rede richtete einer
von ihnen die Frage an Mich, was es mit dem alten Fastengebot für eine
Bewandtnis habe.
[GEJ.07_085,05] Ich aber sah ihn an und
sagte: „Ich habe bei einer guten Gelegenheit auch schon davon eine Erwähnung
getan, nur habt ihr das – wie so manches andere – wieder vergessen, und so sage
Ich euch das nun noch einmal: Ich hebe das alte Fastengebot nicht auf. Wer da
im guten Sinne fastet, der tut für sich zwar ein gutes Werk – denn durch ein
rechtes Fasten und Beten zu Gott wird die Seele freier und geistiger –; aber
selig wird niemand durchs pure Fasten und Beten, sondern nur dadurch, daß er an
Mich glaubt und den Willen des Vaters im Himmel tut, wie Ich euch solchen
verkünde und verkündet habe. Das kann aber jedermann auch ohne die gewissen
Fasten und ohne das Sich-Enthalten von gewissen Speisen und Getränken.
[GEJ.07_085,06] Wer aber irgendeinen Überfluß
hat und übt wahrhaft die Nächstenliebe, der fastet wahrhaft, und solch ein
Fasten ist Gott wohlgefällig und dem Menschen zum ewigen Leben dienlich. Wer
viel hat, der gebe auch viel, und wer wenig hat, der teile auch das wenige mit
seinem noch ärmeren Nächsten, so wird er sich dadurch Schätze im Himmel
sammeln! Geben aber ist schon für sich seliger als Nehmen.
[GEJ.07_085,07] Wer aber vor Gott wahrhaft
und zum ewigen Leben der Seele verdienstlich fasten will, der enthalte sich vom
Sündigen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn die Sünden beschweren die
Seele, daß sie sich schwer zu Gott erheben kann.
[GEJ.07_085,08] Wer da gleich den Pharisäern
und anderen Reichen Fraß und Völlerei treibt und für die Stimme der Armen taub
ist, der sündigt gegen das Fastengebot, also auch ein jeder Hurer und
Ehebrecher.
[GEJ.07_085,09] Wenn dich das üppige Fleisch
einer Jungfrau oder gar des Weibes eines andern anzieht und verlockt, so wende
deine Augen ab und enthalte dich der Lust des Fleisches, und du hast dadurch
wahrhaft gefastet!
[GEJ.07_085,10] Wenn dich jemand beleidigt
und erzürnt hat, dem vergib; gehe hin und vergleiche dich mit ihm, und du hast
dadurch gültig gefastet.
[GEJ.07_085,11] Wenn du dem, der dir Böses
zugefügt hat, Gutes erweisest, und den segnest, der dir flucht, so fastest du
wahrhaft.
[GEJ.07_085,12] Was zum Munde hineingeht zur
Ernährung und Kräftigung des Leibes, das verunreinigt den Menschen nicht; aber
was oft aus dem Munde kommt, wie als Verleumdung, Ehrabschneidung, unflätige
Worte und Reden, böser Leumund, Fluch, falsches Zeugnis und allerlei Lüge und
Gotteslästerung, das verunreinigt den Menschen, und wer solches tut, der ist
es, der wahrhaft das wahre Fasten bricht.
[GEJ.07_085,13] Denn wahrhaft fasten heißt,
sich selbst in allem verleugnen, seine ihm zugewiesene Bürde geduldig auf seine
Schultern legen und Mir nachfolgen; denn Ich Selbst bin von ganzem Herzen
sanftmütig und geduldig.
[GEJ.07_085,14] Ob aber jemand dies oder
jenes ißt, um sich zu sättigen, so ist das einerlei; nur soll ein jeder darauf
sehen, daß die Speisen rein und auch gut genießbar sind. Besonders sollet ihr
mit dem Fleischessen behutsam sein, so ihr am Leibe lange und dauernd gesund
bleiben wollet. Das Fleisch von erstickten Tieren dient keinem Menschen zur
Gesundheit, da es böse Geister in den Nerven des Leibes erzeugt, und das
Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere ist nur gesund zu genießen, wenn es
also zubereitet wird, wie Ich euch solches schon angezeigt habe.
[GEJ.07_085,15] Wenn ihr aber hinausziehen
werdet in alle Welt unter allerlei Völker in Meinem Namen, da esset, was man
euch vorsetzen wird! Aber esset und trinket nie über ein rechtes Maß, so werdet
ihr die rechte Faste halten; alles andere aber ist Aberglaube und eine große
Dummheit der Menschen, von der sie erlöst werden sollen, wenn sie es selbst
wollen.
[GEJ.07_085,16] Was aber das Beten zu Gott
betrifft nach der Art der Juden, so hat solches nicht nur gar keinen Wert vor
Gott, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm. Was soll das lange Lippengeplärr
vor Gott dem Allerweisesten bewirken, und besonders dann, wenn es noch bezahlt
werden muß an gewisse privilegierte Beter, die dann für andere beten, weil ihr
Beten etwa allein kräftig und wirksam sei?! Ich aber sage euch: So tausend
solche Beter tausend Jahre lang ihre Gebete Gott vorplärren würden, da würde
sie Gott noch weniger erhören als das Geplärr eines hungrigen Esels; denn solch
ein Gebet ist kein Gebet, sondern ein wahres Gequake der Frösche in einem
Sumpfe, da es keinen Sinn und keinen Verstand hat und nie haben kann.
[GEJ.07_085,17] Gott ist in Sich ein Geist
von höchster Weisheit und hat den allertiefsten und lichtvollsten Verstand und
ist die ewige Wahrheit selbst. Wer also zu Gott wirksam beten will, der muß im
Geiste und in der Wahrheit beten. Im Geiste und in der Wahrheit aber betet der,
der sich in das stille Liebekämmerlein seines Herzens begibt und darinnen Gott
anbetet und anfleht. Gott, der alle Herzen und Nieren durchforscht, wird auch
in eure Herzen um so mehr schauen und gar wohl erkennen, wie und um was ihr
betet und bittet, und wird euch auch geben, um was ihr also wahrhaft im Geiste
und in der Wahrheit gebetet habt.
[GEJ.07_085,18] Das vollends wahrhafte Gebet
aber besteht in dem, daß ihr Gottes Gebote haltet und aus Liebe zu Ihm Seinen
Willen tut. Wer also betet, der betet wahrhaft und betet ohne Unterlaß. Also aber
beten auch alle Engel der Himmel Gott ohne Unterlaß an, da sie allzeit den
Willen Gottes tun.
[GEJ.07_085,19] Gott will nicht mit euren
Psalmen und Psaltern und Harfen und Zimbeln und Posaunen, sondern durch euer
reges und unverdrossenes Handeln nach Seinem Worte und Willen angebetet,
verehrt und gepriesen sein.
[GEJ.07_085,20] Wenn ihr Gottes Werke
betrachtet und darin stets mehr und mehr Seine Liebe und Weisheit erforschet
und erkennet, dadurch in der Liebe zu Ihm wachset und selbst in euch weiser und
weiser werdet, so betet ihr auch wahrhaft und bringet Gott ein rechtes Lob dar;
alles andere aber, was ihr bisher unter Beten verstandet, ist völlig leer,
nichtig und wertlos vor Gott.
[GEJ.07_085,21] Nun wisset ihr, was wahrhaft
fasten und beten heißt, und fraget nicht mehr, warum nun nach Meiner Lehre Ich
und Meine Jünger nicht fasten und beten nach Art der blinden Juden und
Pharisäer. Wir aber fasten und beten im Geiste und in der Wahrheit ohne
Unterlaß, und es ist sonach sehr albern, Mich zu fragen, warum das Beten und
Fasten von uns nach eurer alten und nichts werten Art unterlassen wird.
[GEJ.07_085,22] Meine Jünger aber sollen nun
auch so lange, wie Ich als ein rechter Bräutigam ihrer Seelen unter ihnen und
bei ihnen bin, nicht fasten; wenn Ich aber einmal nicht also wie jetzt unter
ihnen und bei ihnen sein werde, dann werden sie schon fasten auch mit dem
Magen, so ihnen die Lieblosigkeit der Menschen wenig oder oft auch nichts zu
essen geben wird. Aber solange sie nun bei Mir sind, sollen sie keinen Hunger
und Durst leiden. – Habt ihr das nun alle wohl verstanden?“
[GEJ.07_085,23] Sagten alle: „O Herr und
Meister, Dir ewig Dank für solch eine weise Lehre! Wir haben sie alle wohl
verstanden. Geehrt und geheiligt werde Dein Name!“
[GEJ.07_085,24] Sagte Ich darauf: „Also tuet
danach, so werdet ihr leben! Und nun esset und trinket, und stärket und
kräftiget eure Glieder!“
[GEJ.07_085,25] Hierauf griffen alle wacker
zu und aßen und tranken ganz wohlgemut.
86. Kapitel
[GEJ.07_086,01] Als da alle hinreichend
gegessen und getrunken hatten, da kam ein Diener des Lazarus und sagte zu ihm:
„Herr des Hauses, es sind etliche Menschen draußen und möchten mit dir allein
reden! Ich halte sie für Bethlehemer, die aber sehr dürftig und verkümmert
aussehen. Tue nach deinem Willen!“
[GEJ.07_086,02] Fragte Mich Lazarus: „Herr,
was werden diese von mir etwa wollen? Wenn ich von Dir zuvor einen Wink hätte,
so hätte ich dann leicht reden mit ihnen.“
[GEJ.07_086,03] Sagte Ich: „Traue ihnen
nicht! Es sind das keine Bethlehemer, sondern verkleidete Templer, die von dir
erfahren möchten unter einer feinen und höflichen Art, ob du etwa nicht
wüßtest, wo Ich Mich aufhalte. Sie werden dir die Versicherung geben, daß sie
Meine Jünger werden möchten, wenn sie nur erfahren könnten, wo Ich Mich
aufhalte. Unter ihren Mänteln aber haben sie Stricke und Schwerter, auf daß sie
Mich fangen und binden und dann hinschleppen könnten vor des Kaiphas Hohen Rat.
Denn diese böse, ehebrecherische Art da unten hat nun, da das Volk sich schon
zum größten Teile verlief, wieder Mut gefaßt, Mich zu verderben; aber Meine
Zeit ist noch nicht da. Darum gehe du nun mit Meinem Raphael hinaus, und es
wird dir schon in den Mund gelegt werden, was du zu reden hast; Raphael aber
wird schon das seinige tun.“
[GEJ.07_086,04] Hierauf begab sich Lazarus
mit Raphael schnell hinaus und fand bei zwanzig Männer in einem der ersten
Zelte sitzen und seiner harren.
[GEJ.07_086,05] Als er bei ihnen ankam, erhoben
sie sich von ihren Sitzen, und einer von ihnen als der Wortführer sagte nach
einer vorangehenden tiefen Verbeugung: „Lieber, guter Freund! Wir alle sind aus
der Umgebung der alten Stadt Davids und sind wegen der schrecklichen Zeichen,
die in dieser Nacht zu sehen waren, aufgebrochen noch vor Mitternacht und
hierher geeilt, um von irgendeinem Weisen zu vernehmen, was uns wohl irgend
bevorstehen möchte. Wir gingen zu dem Behufe auch sogleich in den offenen
Tempel und vernahmen da dieses und jenes, was uns aber durchaus nicht trösten
und befriedigen konnte. Aber es trat, als alles Volk im Tempel schon sehr
ungeduldig geworden war, ein sehr alter Rabbi auf und belehrte das Volk, wälzte
die meiste Schuld auf die Templer und ihr schlechtes Gebaren mit der Lehre
Mosis, was wir alle als eine volle Wahrheit sogleich nur zu gut einsahen. Am
Ende kam er auf den gewissen Propheten Jesus aus Galiläa zu sprechen und
stellte so ziemlich unverhohlen seine Vermutung dahin auf, daß dieser Nazaräer
der verheißene Messias sei. Und siehe, alles Volk jubelte ihm seinen
entschiedensten Beifall zu!
[GEJ.07_086,06] Da dachten wir uns: ,Der Alte
hat die volle Wahrheit geredet!‘, und wir faßten den festen Entschluß, ihn, den
Nazaräer, irgendwo aufzusuchen und womöglich seine Jünger zu werden. Wir
erkundigten uns schon seit heute morgen, wo er sich etwa in dieser Zeit
persönlich aufhalten könnte, und erfuhren durch einen uns wenig bekannten
Menschen, daß du uns darüber etwa den sichersten Aufschluß geben könntest, da
der Prophet bekanntermaßen ein besonderer Freund deines Hauses sei und du
somit, wie gesagt, am allerehesten wissen dürftest, wo der große Mann Gottes
sich nun aufhalte. Wenn du davon irgendeine haltbare Nachricht und Kenntnis
hast, so teile es uns freundlichst mit, auf daß wir dann sogleich dahin ziehen
und seine eifrigen Jünger werden können!“
[GEJ.07_086,07] Sagte Lazarus mit sehr
ernster Stimme: „Ihr wißt es, wie ich ehedem ein eifriger Anhänger und
Unterstützer des Tempels war; aber die Habgier des Tempels, die gegen mich
stets im Wachsen war, wollte mir am Ende gar alles nehmen und mich zu einem
vollen Bettler machen. Als alle meine noch so begründeten und vernünftigen
Gegenvorstellungen nichts mehr fruchteten, blieb mir nichts anderes übrig, als
mich ganz zum römischen Bürger umzuwandeln und mich völlig unter römischen
Schutz zu stellen, damit ich vor den zu sehr überhandnehmenden Verfolgungen des
Tempels völlig gesichert bin und nun jeden Angriff von seiten des Tempels mit
dem Schwerte Roms von mir weisen kann. Ihr dürftet mich heute nur mit einem
Tempelgewaltsfinger anrühren, so stündet ihr morgen vor den unerbittlich
strengen römischen Richtern und würdet wahrscheinlich mit dem Tode bestraft
werden, was ihr euch wohl sehr merken könnet; denn also lautet es in meinem
römischen Schutzbriefe. Dieses sagte ich euch nur darum zum voraus, damit ich
in der eigentlichen Sache etwas leichter mit euch reden kann.
[GEJ.07_086,08] Seht, eure durchgängig
allerschändlichste Lügenrede war recht gut gesprochen und zuvor recht fein
ausgedacht; aber ihr habt dabei das vergessen, daß der Lazarus das Vermögen
hat, jeden Menschen im Augenblick zu durchschauen, was er so ganz eigentlich
geheim im Sinne hat. Und so habe ich denn auch euch gleich durchschaut und nur
zu klar erkannt, wessen Geistes Kinder ihr seid.
[GEJ.07_086,09] Ihr sagtet, daß ihr aus der
Umgebung der alten Stadt Davids seid, – und sehet, ihr seid von hier und
bekannt als die feilsten Diener der herrsch- und habgierigen Pharisäer! Mit
welchem Rechte und aus welchem Grunde wolltet ihr mich denn gar so arg belügen?
Ihr gabet vor, den gewissen Jesus aus Nazareth aufzusuchen, und ihr seid mit
Schwertern und Stricken versehen, um den Propheten irgendwo aufzugreifen und
ihn entweder gleich zu erwürgen oder ihn vor eueren Hohen Rat zu schleppen. Ist
das eine Art, so zu mir, Lazarus, zu kommen? Na wartet, diese eure teuflische
Keckheit soll euch zur Witzigung für euch selbst und für euren Hohen Rat teuer
zu stehen kommen! O ihr allergottlosesten Häscher samt eurem Hohen Rat, – die
Frechheit ist wahrlich zu arg, als daß ich sie als nun ein römischer Bürger
ungestraft dahingehen lassen sollte!
[GEJ.07_086,10] Redet nun, welcher Teufel
euch den Sinn eingegeben hat, mich, den Lazarus von Bethania, den doch jeder
Mensch kennt und achtet, zu einem Verräter eines gottbegabten und allerbesten
und ehrlichsten Menschen zu machen! Ich habe das niemals irgendeinem Feinde
meines Hauses getan und soll das nun gegen einen besten und allerunschuldigsten
Menschen darum tun, weil Er eurer schnöden Lügenpolitik gar sehr im Wege
wandelt und die durch euch von Gott abgewichenen Menschen wieder zu Gott
zurückwendet und sie mit der schon so lange vermißten Wahrheit wieder
bekanntmacht? Redet nun, ihr Elenden! Warum habt ihr mir nun das angetan? Wer
sagte es euch, daß eben ich am ehesten in der Kenntnis sein würde, wo sich nun
irgend der Heiland aus Galiläa aufhalten könnte?“
[GEJ.07_086,11] Hier stutzten die
verkleideten Häscher gewaltig, und der frühere Wortführer sagte: „Wie aber
magst du da solches von uns eher behaupten, als du uns untersucht hast?“
[GEJ.07_086,12] Sagte mit lauter und heftiger
Stimme Lazarus: „Was, – ihr wollet mir noch in Abrede stellen, daß ihr keine
gottvergessensten Lügner und Häscher seid?! Na wartet, das soll euch noch
teurer zu stehen kommen! Ich bin ein Mensch, der allenthalben eine Menge
Herbergen besitzt, und der ich noch nie von einem armen Wanderer irgendeinen
Zehrpfennig verlangt habe. Mir muß nach dem römischen Gesetze jeder Wanderer
recht sein, ob er ein Jude oder von irgendwoher ein Heide ist. Wenn ich denn
auch den Propheten Jesus aus Galiläa irgendwann beherbergt habe, könnet ihr
mich darüber irgendwann zu einer Verantwortung ziehen? Ich erfüllte als Jude –
und nun als ein römischer Bürger – stets meine Pflichten und verdiene nicht von
so elenden Kreaturen, wie ihr da seid, untersucht zu werden!
[GEJ.07_086,13] Ihr habt die großen Zeichen
in der vergangenen Nacht wohl gesehen, die doch von der Art waren, daß sie
jedes Menschen Herz mit großem Bangen erfüllen mußten, – doch eure Tierherzen
blieben verstockt, und ihr habt samt eurem Hohen Rat keine Scheu, schon heute
am ersten Tage auf die erschrecklichen Wahrzeichen Sünden auf Sünden zu häufen!
Jetzt aber will ich euch überzeugen, daß ich nicht unrecht hatte, euch das zu sagen,
was ich euch gesagt habe!“
[GEJ.07_086,14] Hier sagte Lazarus zu
Raphael: „Enthülle du diese Gotteslästerer, auf daß wir ihnen noch klarer
zeigen können, wessen Geistes Kinder sie sind!“
[GEJ.07_086,15] Hier trat Raphael vor die
zwanzig Häscher und sagte zu ihnen: „Enthüllet euch nach dem Wunsch und Willen
des Lazarus, sonst werdet ihr von mir enthüllt werden!“
[GEJ.07_086,16] Sagte der Wortführer: „Da
müßten gar viele solche zarten Jünglinge über uns kommen, bis sie uns nötigen
könnten, daß wir dann lichteten unsere Mäntel. Verstanden, du milchzarter
Junge?“
[GEJ.07_086,17] Sagte nun Raphael: „Gut denn,
weil ihr es auf meine euch so ganz unscheinbare Gewalt ankommen lassen wollet,
so werde ich denn auch bei euch nun meine Gewalt anwenden und sage: Hinweg mit
euren Mänteln, die vor uns verhüllen eure Schwerter und Stricke!“
[GEJ.07_086,18] Als Raphael solches noch kaum
ausgesprochen hatte, da waren die Mäntel auch schon völlig vernichtet, und die
zwanzig standen nun ganz wie vom Blitze getroffen betäubt da; denn eine solche
Enthüllungsweise war ihnen wohl noch nie vorgekommen.
[GEJ.07_086,19] Hierauf sagte nun Lazarus:
„Wollet ihr jetzt auch noch sagen, daß ihr Bethlehemer seid, und daß ihr darum
zu mir gekommen seid, um da zu erfahren, wo sich der Heiland aus Nazareth
aufhalte, und ihr ihm dann nachzöget, um seine Jünger zu werden? Schöne Jünger
das, die mit Stricken und Schwertern nachziehen und auf ihren Röcken die
Abzeichen tragen, daß sie wirkliche Knechte und Häscher des Tempels und des
Hohen Rates sind! Was wollet ihr nun tun? Ihr seid nun in meiner Gewalt, und
dieser Jüngling genügt, euch alle ebenso zu vernichten, wie er eure elenden
Mäntel vernichtet hat! Darum frage ich euch noch einmal: Was werdet und wollet
ihr nun tun?“
[GEJ.07_086,20] Sagte mit sehr zitternder
Stimme der Wortführer: „Höre uns, Vater Lazarus! Wir legen hier unsere Waffen
und Stricke nieder und ergeben uns dir auf Gnade und Ungnade. Wir sind schlecht
und elend, doch nicht sosehr von uns selbst aus, sondern von dem Hohen Rat aus,
dem wir um einen schlechten Sold dienen mußten. Wir sind schon von Geburt aus
sehr arm und haben nie Gelegenheit gehabt, etwas Besseres zu erlernen; weil wir
aber stark und rüstig geworden sind, so hat man uns bald vom Tempel aus zu dem
gemacht, was wir leider nun sind. Könnten wir vom Tempel loswerden und irgendwo
einen andern Dienst bekommen, so wären wir gewiß sehr glücklich. Daß wir uns
ehedem gegen dich leider so recht teuflisch schlau benahmen, das war uns vom
Hohen Rat also aufgetragen; aber nach unserem eigenen Willen hätten wir das
wohl nie getan. Und nun kurz und gut, wir sind deine Gefangenen, und du mache
nun mit uns, was du willst! Wir haben erfahren die Macht deines Jungen, der wir
keine entgegenzusetzen imstande sind, und so ergeben wir uns dir vollkommen.
Nimmer werden wir dem Tempel mehr dienen und unsere Hände nicht legen an den
Heiland aus Nazareth!“
[GEJ.07_086,21] Sagte Lazarus: „So reißet
eure bösen Abzeichen von euren Röcken und ziehet nun nach der Gegend um
Bethlehem, allwo ich auch eine große Besitzung habe, tretet dort in meinen
Dienst, und es soll euch ein besserer Lohn werden denn im Tempel! Auf daß ihr
aber dort von meinem Sachwalter aufgenommen werdet, so erhaltet ihr nun von mir
ein Aufnahmezeichen, das mir dieser mein junger Freund sogleich herbeischaffen
wird.“
[GEJ.07_086,22] Als Lazarus ausgeredet hatte,
war Raphael mit den Zeichen auch schon bei der Hand, und als die zwanzig die
Tempelabzeichen von ihren Röcken vertilgt hatten, gab ihnen Lazarus das
Dienstaufnahmezeichen und dazu einem jeden sieben Groschen Zehr- und Reisegeld
bis nach dem Orte ihrer neuen Bestimmung und sagte zu ihnen: „So ihr mir gute
Dienste leisten und nach den wahren Geboten Mosis leben werdet, soll ein jeder
nebst der ganzen leiblichen Verpflegung jährlich noch hundert Silberlinge Lohn
haben. Und nun machet euch auf den Weg, daß ihr nicht zu spät in der Nacht an
Ort und Stelle ankommet! In Kürze werde ich selbst dahin kommen und nachsehen,
was ihr in meinem Dienste leistet.“
[GEJ.07_086,23] Hier dankten alle, begaben
sich schnell auf den Weg und zogen ganz wohlgemut nach Bethlehem. Auf dem Wege
zerbrachen sie sich freilich wohl die Köpfe darüber, wer denn der zarte und
doch so wunderbar mächtige Jüngling sein möchte, und rieten hin und her.
[GEJ.07_086,24] Aber der Wortführer sagte:
„Dieses unser Vermuten ist für nichts und führt zu nichts; wenn Lazarus zu uns
kommen wird, so wird er wohl etwas sagen!“
[GEJ.07_086,25] Damit hatte der Streit ein
Ende, und die zwanzig zogen ruhig weiter.
[GEJ.07_086,26] Lazarus aber ließ durch seine
Diener die Schwerter und Stricke ins Haus schaffen und kam darauf mit Raphael
wieder zu uns in den Speisesaal.
[GEJ.07_086,27] Als die beiden wieder bei uns
waren, sagte Ich zu Lazarus: „Du hast deine Sache nun gut ausgeführt, und es
sind dadurch zwanzig Seelen der Hölle entrissen worden; aber der Hohe Rat wird
der Hölle nicht entrissen werden! Es hätte aber der Wortführer dem Hohen Rate
eine Nachricht hinterbringen sollen, was alles er etwa hier über Mich in
Erfahrung gebracht habe, und darauf erst hätte er höhere Weisungen für Meine
Gefangennehmung vom Hohen Rat empfangen. Da aber von diesen ausgesandten
allerschlauesten Häschern, auf deren Nachricht der Hohe Rat nun schon mit
großer Spannung harrt, sich wohl keiner je mehr im Tempel wird sehen lassen, so
ist vorderhand des Hohen Rates Plan auf eine Zeit hin vereitelt. Und das ist es
eben, was zu erreichen notwendig war, und alles das ward also zugelassen, damit
das erreicht wurde, was nun erreicht worden ist.
[GEJ.07_086,28] Was aber wird nun der Hohe
Rat machen? Er wird sich nach dem Mittagsmahle teilweise auch hinaus nach
Emmaus zu Nikodemus begeben, um vom dritten Zeichen auch etwas zu vernehmen;
aber Nikodemus, der alte Rabbi und ein gewisser Ältester Joseph von Arimathia
sind ganz kluge Menschen, und des Hohen Rates Abgeordnete werden dort nicht
leicht etwas zu hören bekommen, was in ihren argen Kram passen sollte. So
stehen nun die Dinge, und es ist gut also. Wir aber begeben uns nun wieder ins
Freie und wollen ungestört auf dem Platze, wo wir heute morgen waren, den
ganzen Nachmittag bis zum vollen Abend zubringen!“
87. Kapitel
[GEJ.07_087,01] Auf diese Meine Worte erhoben
sich wieder alle Anwesenden und zogen mit Mir auf die Anhöhe. Auch die etlichen
Sklavenjünglinge zogen mit; ihre andern Gefährten aber blieben beisammen und
hatten ihre Freude mit den Schafen, deren Ursprung schon bekannt ist. Als wir
uns aber auf der duftigen Anhöhe befanden und uns in guter Ordnung gelagert
hatten, da ersahen wir auch, wie auf dem Wege gen Emmaus des Hohen Rates
Abgeordnete wandelten und an der gewissen Wundersäule stehenblieben und sie von
allen Seiten mit vielem Staunen betrachteten, denn es ging ihnen gar nicht ein,
wie solch eine Prachtsäule dahin gekommen sei. Denn zur Herschaffung und
Aufstellung einer solchen Säule würden mehrere Monate erforderlich sein, sie
aber hätten diesen Weg erst vor wenigen Tagen begangen, und da wäre von dieser
Säule noch gar nichts zu sehen gewesen. Da werde ihnen Nikodemus sicher die
beste Auskunft zu geben imstande sein, weil die Säule ganz auf seinem Grund und
Boden stehe.
[GEJ.07_087,02] Ich teilte das den Anwesenden
mit, und alle wurden recht heiter darüber und sahen voll Aufmerksamkeit, wie
sich die Pharisäer und die andern Erzjuden von der Säule gar nicht trennen
konnten.
[GEJ.07_087,03] Hier sagte Agrikola zu Mir:
„Herr und Meister, da wäre es nun gar nicht schlecht, wenn man nun jene
schwarzen und gottlosen Abgeordneten vernehmen könnte, was alles für dumme und
sicher mitunter auch böse Urteile sie über die Entstehung und über den Zweck
dieser Säule machen.
[GEJ.07_087,04] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, daß ihre Urteile überaus dumm sind, das kannst du dir schon auch so –
ohne sie zu vernehmen – vorstellen; denn woher sollten diese je ein weises Urteil
über irgend etwas Besonderes zu schöpfen imstande sein?
[GEJ.07_087,05] Wer über etwas ein gutes und
wahres Urteil schöpfen will, der muß in sich selbst gut und wahrhaft sein; jene
dort aber sind voll alles Bösen und Falschen. Wie soll dann aus ihrem Munde je
irgendein gutes Urteil ausgesprochen werden können?! Aber damit du dich dennoch
überzeugen kannst, wie ungeheuer blind und dumm jene heuchlerischen Zeloten
über jene Säule urteilen, so will Ich dir etliche jener ausgesprochenen Urteile
kundgeben. Und so vernimm sie!
[GEJ.07_087,06] Siehe, einer sagt: diese
Säule habe der Teufel aus der Hölle heraufgeschoben; denn sie sei, wenn er sie
anfühle, noch ordentlich heiß. – Die Säule ist nun durch die sie bescheinenden
Strahlen der Sonne im Ernste ganz tüchtig warm geworden –. Das sei etwa darum
geschehen, weil Nikodemus es nicht in allem mit dem Hohen Rat halte. – Sieh,
das wäre so ein löbliches Urteil von einem jener Tempelweisen! Mit dem sind
einige mit noch manchen gleich dummen Zusätzen ganz einverstanden.
[GEJ.07_087,07] Aber da ist einer, der
Nikodemus ein wenig in Schutz nimmt; der sagt: ,Ich will die Möglichkeit dieser
Art der Entstehung dieser Säule gerade nicht in Abrede stellen, will aber auch
nicht dieses Urteil als eine schon ausgemachte Wahrheit für ungezweifelt
annehmen; denn wenn der Teufel auf jedes Ältesten Grund und Boden, der nun
nicht in gar allem mit uns völlig einverstanden ist, wie zum Beispiel Lazarus
von Bethanien, eine solche Säule aus der Hölle und Erde herausschieben wollte, so
gäbe es schon eine Menge solcher Säulen im ganzen Judenlande.
[GEJ.07_087,08] Aber ich bin da einer anderen
Meinung. Nikodemus war und ist noch ein Freund von allem, was er irgend als
außerordentlich anerkennt. Bei ihm haben darum alle Magier, woher sie auch sein
mögen, stets eine gute Aufnahme gefunden. Irgend so etliche echt indische oder
persische Zauberer haben ihm mittels ihrer geheimen Kunst und Wissenschaft und
im Bunde mit den Kräften der Elemente – wie da etwa sind die Luft-, Wasser-,
Erd- und Feuergeister – aus Dankbarkeit ein solches Monument hergesetzt, und er
wird damit eine große Freude gehabt haben. Denn es sollen solchen Erzzauberern
solche Dinge eben nicht unmöglich sein.‘
[GEJ.07_087,09] Auch dieses Urteil hat seine
Anhänger gefunden. Nur macht der erste Urteilsschöpfer die weise Bemerkung
hinzu, sagend: ,Es ist das aber dann schon nahe ein und dasselbe; denn wir
wissen es ja, daß derlei Zauberer sicher im Bunde mit der Hölle stehen und mit
Hilfe der Teufel ihre Künste ausführen.‘
[GEJ.07_087,10] Sagt der zweite
Urteilsschöpfer: ,Na, na, wir wissen es ja auch nicht, was die Elementargeister
alles vermögen! Auch in gewissen Kräutern sollen manche verborgenen Kräfte
sein.‘
[GEJ.07_087,11] Damit sind wieder mehrere
einverstanden.
[GEJ.07_087,12] Aber nun kommt ein dritter
und sagt: ,Auch ich bin mit euren Urteilen unter gewissen Umständen teilweise
einverstanden, bin aber für mich doch noch einer anderen Ansicht und Meinung.
Es kann diese Säule auch von den Römern herrühren, die sie irgend zur Nachtzeit
dem Nikodemus als eine Auszeichnung darum hierhergesetzt haben, weil er geheim
ein ganz besonderer Freund von ihnen sein soll. Denn den Römern dürfte so etwas
eben nicht sehr unmöglich sein. Wagen und andere Mittel haben sie in großer
Menge und der kräftigsten Menschen auch. Wenn alles vorbereitet ist, so kann
solch eine Säule schon auch in einer Nacht aufgesetzt werden. Daß demnach diese
Säule in jeder unserer verschiedenen Ansichten keine für den Tempel freundliche
Bedeutung hat, das ist so gut wie völlig entschieden. Doch lassen wir nun das
und begeben uns nach Emmaus! Dort werden wir wohl irgend Näheres über den
Ursprung und Zweck dieser Säule erfahren.‘
[GEJ.07_087,13] Seht nun hin, wie die
schwarze Gesellschaft die Säule zu verlassen anfängt und, sich noch öfter nach
der Säule umsehend, nun weiter gen Emmaus hinzieht, was jeder mit nur etwas
scharfen Augen sicher noch ganz gut wahrnehmen kann!
[GEJ.07_087,14] Es sind aber noch mehrere
überaus dumme und bösmeinende Urteile über die Entstehung und über den Zweck
jener Säule gemacht worden, für deren Wiedererzählung um jeden Augenblick Zeit
ein großer Schaden wäre, weil daraus niemand zum Heile seiner Seele etwas
gewinnen würde. Aber Ich will euch nun lieber zum voraus von dem etwas sagen,
wie diese Abgesandten des Hohen Rates bei Nikodemus empfangen und was sie dort
ausrichten werden. Des leichteren Verständnisses wegen aber werde Ich die Sache
ganz kurz also darstellen, als wäre sie schon geschehen. Und so höret denn!
[GEJ.07_087,15] Nikodemus sieht schon von
weitem die Abgeordneten, wie sie sich seinem Wohnhause nähern, was ihm und
seinen wenigen Freunden – darunter auch zweien Römern – durchaus nicht angenehm
ist; aber hier heißt es: Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben!
[GEJ.07_087,16] Der alte Rabbi meint und
sagt: ,Es muß im Tempel etwas Besonderes vorgefallen sein, das diese Erzjuden
und Pharisäer bewogen hat, sich umsonst gar da heraus zu begeben, wo sie sich
doch sonst für jeden Schritt nie genug zahlen lassen können.‘
[GEJ.07_087,17] Sagt hierauf Nikodemus: ,Da
hast du sehr richtig geurteilt! Aber hier heißt es sich sehr zusammennehmen;
denn das sind die schlauesten Füchse des Tempels. Ihr wartet hier, ich aber
werde ihnen als der Hausherr mit der freundlichsten Miene von der Welt
entgegengehen, – und täte ich das nicht, so würden sie mir das gleich zu einem
großen Vergehen wider das Ansehen des Tempels anrechnen!‘
[GEJ.07_087,18] Nikodemus geht nun eilig den
Ankommenden freundlich entgegen und grüßt sie nach der Sitte des Tempels,
welchen Gruß sie ihm denn auch sogleich erwidern. Als sie nun vollends
beisammen sind, fragt sie unser Nikodemus gleich, was es denn sei, daß sie ihm
eine solche Ehre erwiesen haben.
[GEJ.07_087,19] Sagt gleich der eine:
,Freund, darüber werden wir in deinem wahrlich schönen und prachtvollen Hause
leichter reden denn hier, da uns der bedeutend weite Weg schon wahrlich recht
müde gemacht hat; aber es fragt sich vor allem, was du für Gäste bei dir hast.‘
[GEJ.07_087,20] Sagt Nikodemus: ,Niemanden
außer den alten Rabbi, Joseph von Arimathia und ein paar Römer, die hier, wie
ihr wisset, meine Nachbarn sind, und die man bei einer solchen Gelegenheit ja
nicht übersehen darf. Dann ist auch meine Familie hier, um sich auf den
heutnächtlichen Schreck ein wenig zu erholen. Also lauter euch bekannte
Menschen!‘
[GEJ.07_087,21] Sagt ein Pharisäer: ,Nun,
wenn sonst niemand bei dir ist, so macht uns das nichts; denn vor diesen kann
man schon reden, und die beiden Römer sind uns in einer gewissen Hinsicht sogar
sehr erwünscht. Das andere werden wir im Hause abmachen.‘
[GEJ.07_087,22] Hier treten sie ins Haus und
werden von Nikodemus mit der üblichen Zeremonie zu der anwesenden Gesellschaft
gebracht, die sie auch sehr freundlich und ehrerbietig begrüßt und bewillkommt
und ihnen am Tische auch sogleich die ersten Plätze anträgt, – etwas, worauf
die Pharisäer besonders schauen, wie ihr solches selbst gar wohl wisset. Es
wird ihnen nun sogleich in silbernen Bechern der beste Wein kredenzt und Brot
und Eier und Salz. Sie essen und trinken nun wacker, was auch eine bekannte
Tugend der Pharisäer ist; denn auf ein tüchtiges Freß- und Saufgelage halten
die Templer besonders große Stücke.
[GEJ.07_087,23] Aber da sie nun dem Weine
ganz tüchtig zugesprochen haben, so werden nun ihre Zungen beweglich, und einer
der Pharisäer sagt: ,Da wir uns nun ganz vollauf gestärkt haben, so wollen wir
euch denn auch die verschiedenen Gründe unserer persönlichen Hierherkunft ohne
allen Rückhalt offen kundtun, und ihr könnet darüber nach eurem besten Wissen,
Willen und Gewissen eure Meinung aussprechen.
[GEJ.07_087,24] Als ihr heute noch vor der
Mitte des Tages ob einiger Meinungsverschiedenheiten den Hohen Rat verließet –
wozu ihr als Älteste auch das volle Recht habt –, da wurde nachher noch so manches
beraten, und das natürlich zumeist über den Störenfried aus Nazareth.
[GEJ.07_087,25] Daß der Mensch große Dinge
leistet, bestreitet wohl keiner von uns; auch seine Rede ist weise und bündig.
Aber das sind denn doch noch immer Dinge, die gelegenheitlich ein jeder begabte
Mensch erlernen kann. Wir haben ja selbst oft genug morgenländische Magier
gesehen, die die unglaublichsten Wunderdinge bewerkstelligen konnten, und die
Heiden hielten sie oft sogar für Götter, weil sie nicht wußten, daß die Götter
mit Fleisch und Blut ihre Zauberstücke durch ihre geheimen Mittel zustande
brachten. Die Mittel aber ließen die Zauberer wohl sicher niemanden sehen und
von ihnen genaue Kenntnis nehmen. Und wie es war und noch ist mit allen solchen
Zauberern, so wird es auch sicher mit dem Nazaräer sein. Aber bei ihm ist nur
das besonders für uns Juden Gefährliche, daß er allen Menschen ohne alle Scheu
ins Gesicht sagt, daß er der verheißene Messias der Juden sei und nur die,
welche an ihn glauben, das ewige Leben haben werden.
[GEJ.07_087,26] Wir aber haben seinen Plan
durchschaut und wissen recht wohl, daß er sich mit der Zeit zum König der Juden
aufwerfen will, was unser Land dann mit Krieg über Krieg erfüllen würde; denn
die mächtigen Römer würden mit uns dann sicher nicht barmherzig umgehen. Um das
zu verhüten, haben wir dahin den Ratschluß gefaßt, nach dem Menschen zu fahnden
mit allen Mitteln und ihn dann dem scharfen Gerichte der Römer zu übergeben.
Sollte er wirklich der Messias sein, so wird er als ein Gott sicher nicht zu
töten sein, und wir können und werden dann auch an ihn glauben; wird er aber
getötet, so liegt es dann doch klar auf der Hand, daß er nur ein Zauberer ist,
der sich durch seine Zaubereien einen Thron im Judenlande aufrichten will.
[GEJ.07_087,27] Um aber dieses gefährlichen
Menschen habhaft werden zu können, muß man wissen, wo er sich befindet. Zu dem
Zweck entsandten wir nach dem Rate sogleich zwanzig unserer stärksten und
schlauesten Häscher an Lazarus, der sich unseres Wissens nun in der Festwoche stets
auf seinem Ölberg aufhält. Und wir entsandten die Häscher darum an Lazarus,
weil wir es in Erfahrung gebracht hatten, daß er es ganz sicher wisse, wo sich
der Zauberer aus Nazareth befinde. Es hätten uns aber die Häscher alsogleich
davon benachrichtigen sollen, was sie von Lazarus infolge ihrer Schlauheit
erfahren haben, und es hätte das in einer kleinen Stunde geschehen können. Aber
es kam keiner der Häscher – vielleicht bis jetzt noch nicht – zurück, und wir
sind darum zu dir herausgekommen, weil wir dachten, Lazarus könne vielleicht
die Häscher zu dir herausgeschickt haben, in der Meinung, daß du als Meister
der Bürger Jerusalems so etwas durch deine vielen Aufseher am ehesten wissen
werdest. Aber wir überzeugen uns nun hier vom Gegenteile.
[GEJ.07_087,28] Da wir aber nun schon hier
sind, so fragen wir denn nun dich selbst, ob du nicht oder wohl weißt, wo sich
nun der Nazaräer aufhalten dürfte. Denn wissen wir das, so wissen wir dann
schon, was wir zu tun haben. Die Zeichen in dieser Nacht kann ganz leicht er –
etwa in Verbindung mit den elenden Essäern – zustande gebracht haben; denn
diese sollen durch gewisse arkadische Spiegel dergleichen Dinge zu bewirken
imstande sein. Wir vermuten nun, daß er zu den Essäern gezogen ist. Wenn das
der Fall wäre, dann wäre mit unserem Plane freilich wohl nicht viel zu machen.
Was kannst du, Freund Nikodemus, über alles das nun sagen und raten?‘“
88. Kapitel
[GEJ.07_088,01] (Der Herr:) „Nun, wie es
dabei unserem Nikodemus ärgerlich zumute wurde, das läßt sich von selbst leicht
begreifen.
[GEJ.07_088,02] Nach einer kleinen Weile
tieferen Nachdenkens sagt nun er (Nikodemus): ,Ja, meine Freunde, das ist nun
eine Sache, in der es sich schwer reden und noch schwerer raten läßt! Ihr habt
es ja letzthin im Tempel selbst erlebt und gesehen, wie der Nazaräer, als ihr
ihn ob jener Behauptung, daß er schon vor Abraham war, steinigen wolltet, in
der Mitte des Tempels völlig unsichtbar wurde, und ihr dann eure Steine wieder
zur Seite legen mußtet! Ich habe die ganze Sache bei mir ganz ruhig und
reiflich überlegt und habe gefunden, daß da mit solch einem Menschen, dem aber
schon gar nichts mehr unmöglich ist – wovon ich mich selbst überzeugt habe und
als Bürgermeister der Stadt auch überzeugen mußte –, mit irgendeiner Gewalt gar
nichts auszurichten ist. Und weil ich vieles weiß, was ihr nicht wissen könnet,
so werde ich mich wohlweislich hüten, gegen einen solchen Menschen je irgend
etwas Feindliches zu unternehmen. Mein Rat hierüber wäre demnach dieser: gegen
diesen Menschen gar nichts Feindliches unternehmen, sondern die ganze Sache mit
ganz ruhigem Gemüte abwarten, was am Ende da noch alles herauskommen wird.
[GEJ.07_088,03] Denn ist die Sache wirklich
rein göttlicher Art, so stemmen wir uns fruchtlos dagegen; ist sie aber dennoch
eine diesirdisch-menschliche, so wird sie auch von selbst wieder zerfallen.
Sollte der Mensch aber mit der Zeit irgend für die Römer irgend politisch
gefährlich zu werden anfangen, so werden ihn die scharfsichtigen Römer bald
haben. Bis jetzt hat er sich in politischer Hinsicht aber noch nirgends
gefährlich gezeigt und steht bei den Römern meines guten Wissens in großem
Ansehen und ist von ihnen überaus wohl gelitten. Solange aber das der Fall ist,
wäre es von uns sehr unklug, wenn wir, ganz sicher allzeit vergeblich, den
mächtigen Römern vorgreifen wollten.
[GEJ.07_088,04] Der Funke, der mich nicht
brennt, wird von mir nicht vertilgt. Ihr habt nach eurer ganz guten Mutmaßung
gar richtig bemerkt, daß die heutnächtlichen Zeichen eben durch den Nazaräer
dürften bewerkstelligt worden sein, und ich sage es euch, daß ich schon gleich
in der Nacht der Meinung war. Wenn sich aber das sicher also verhalten dürfte,
da frage ich euch denn doch aus den reinsten Vernunftgründen, wozu alle die
blinde Verfolgungswut auf diesen Nazaräer am Ende dienen kann. Er wird hingegen
mit seiner unbegreiflichen Macht euch noch größere Verlegenheiten bereiten, als
das bis jetzt der Fall war, und ihr könnet ihm dagegen nichts anhaben, wie ihr
euch davon nun schon durch nahe volle zwei Jahre überzeugt habt. Was habt ihr
seinetwegen schon für Geld und Leute geopfert! Und zu welchem Resultate seid
ihr dabei gelangt? Ihr stehet heute noch auf dem Flecke, auf dem ihr vor zwei
Jahren gestanden seid!
[GEJ.07_088,05] Nun habt ihr wieder zwanzig der
besten Häscher nach ihm ausgesandt. Wo sind sie? Die sind sicher schon irgend
geradeso versorgt, wie noch die meisten versorgt worden sind, die auf ihn zu
fahnden von euch ausgesandt wurden! Ich bitte euch: Seid doch vernünftig und
lasset ab, einen Menschen zu verfolgen, dem ihr, wie die Erfahrung zeigt,
nichts anhaben könnet, er hingegen aber uns völlig zerstören und vernichten
kann, ohne daß wir uns ihm nur im geringsten zur Wehr stellen können. Ihr
könnet ihn weder mit Worten und noch weniger mit Stricken fangen. Wozu dann
solch euer Rathalten und euer rastloses Mühen?
[GEJ.07_088,06] Als ihr dort draußen durch
meine Felder gegangen seid, da werdet ihr eine Säule bemerkt haben, an der
sicher nie eines Menschen Hand gearbeitet hat. Wer anders als ganz sicher der
Nazaräer hat sie von irgendwoher hingeschaffen; denn sie war vorher nicht, –
und heute am Morgen stand sie da! Menschliche Kräfte haben sie sicher nicht
hingestellt! Wäre das der Fall, so wäre um die Säule herum weit und breit alles
zertreten; denn die Aufstellung solch einer ungeheuren Säule hätte Hunderte von
Menschenhänden in Anspruch genommen. Wenn aber der Nazaräer ungezweifelt solche
Dinge zu leisten vermag – sage, bloß durch seinen Willen –, was wollet ihr dann
mit aller eurer Macht und Gewalt gegen ihn ausrichten?!
[GEJ.07_088,07] Sei es bei ihm nun der Fall,
daß er das alles durch eine in ihm wohnende Kraft oder durch eine neue Art
Magie zustande bringt, so ist das nun einerlei; denn wir können uns weder so
noch so mit ihm in einen Kampf einlassen. Lasset euch darum geraten sein, sich
mit ihm in keinen weiteren Kampf einzulassen, sonst können wir noch alle samt
Mann und Maus verloren gehen! Ich werde mich sehr hüten, gegen ihn je mehr
etwas zu unternehmen. – Das ist nun mein offener Rat, und ich frage die beiden
Römer hier, ob ich recht oder unrecht habe.‘
[GEJ.07_088,08] Sagten die beiden Römer:
,Jawohl, der Meinung sind auch wir: Gegen eine gewisse innere, wunderbar
mächtige Willenskraft manches einzelnen Menschen richtet keine materielle,
irdische Macht etwas aus.
[GEJ.07_088,09] Als wir einmal in Oberägypten
zu tun hatten, da wurden wir in der Gegend bei zwei Tagereisen oberhalb Memphis
mit einem Menschen bekannt, der wohl sehr ägyptisch brauner Gesichtsfarbe, aber
noch kein eigentlicher Mohr war. Unsere Reisekarawane bestand aus zweihundert
Personen pur männlichen Geschlechts, und unsere Absicht war, das eigentliche
Land der Schwarzen aufzusuchen.
[GEJ.07_088,10] Als wir an einer engen und
schwer zu passierenden Stelle des Nilstromes ankamen, da trat uns, aus einer
Höhle kommend, der vorbeschriebene Mensch in den Weg, und zwar in einem sehr
schwach bekleideten Zustande. Seine Gestalt fiel uns allen auf, und sein Blick
hatte augenblicklich unsere Füße derart gelähmt, daß wir keinen Schritt mehr
weder vor- noch rückwärts zu machen imstande waren. Hierauf sprach er uns auf
gut griechisch also an: ,Was suchet ihr in dieser Öde hier?‘
[GEJ.07_088,11] Sagte einer von uns: ,Wir
möchten das Land der Schwarzen aufsuchen und sehen, wie jene Menschen wohnen
und leben, und welche Sitten und Gebräuche sie haben, und ob mit ihnen kein
Handel für irgend seltene Naturprodukte anzubinden wäre.‘
[GEJ.07_088,12] Sagte der Mensch: ,Das Land
noch viele Tagereisen weit von hier ist für die Art eurer Bewegung; mir aber
ist das wohl freilich in einer viel kürzeren Zeit möglich, (jenes Land zu
erreichen), weil mir euch unbekannte Kräfte der Natur zu Gebote stehen. Ich
aber sage es euch eroberungssüchtigen Römern, daß ihr jenes noch ganz
glückliche und unschuldige Land nie betreten werdet, solange ich hier Wache
halte. Wäret ihr euer auch tausendmal so viele, als ihr nun da stehet, so
würdet ihr ohne meinen Willen ebensowenig wie jetzt auch nur einen Schritt
weiter zu gehen vermögen! Ich rate euch daher, umzukehren und dahin
zurückzukehren, von wo ihr hergekommen seid, sonst lasse ich euch hier
festgebannt stehen, und mit eurem Fleische sollen meine Löwen und Adler sich
mästen.‘
[GEJ.07_088,13] Nun, diese höchst
kategorische Anrede dieses sonderbaren Menschen hatte auf uns einen derartigen
Eindruck gemacht, daß wir uns trotz aller unserer Waffen, die wir mitgenommen
hatten, um alle Schätze der Welt keinen Schritt mehr weiter zu machen getraut
hätten.
[GEJ.07_088,14] Da der Mensch uns aber nun
ein etwas gutmütigeres Gesicht zeigte, so redete ihn einer von uns ganz
demutsvoll also an und sagte: ,Höre du rätselhaft mächtiger, lieber Mann uns
gütig noch einmal an, und sage uns, wer du bist, und wie du zu solcher Macht
des Willens gekommen bist! Dann aber wollen wir uns nach deinem Wunsche und
Willen sogleich auf den Rückweg machen.‘“
89. Kapitel
[GEJ.07_089,01] (Der Herr): „,Sagte darauf
der rätselhafte Mensch: ,Ich bin noch ein echter und wahrer Mensch, wie es in
der Urzeit gar viele solche Menschen gegeben hat, deren Lebensaufgabe da war,
den inneren Geist in sich zur vollen Kraft zu erheben und ihre Seele in dem
Schlamme der materiellen Leidenschaften des Fleisches nicht zu ersticken.
[GEJ.07_089,02] Ihr aber seid schon lange
keine Menschen mehr, sondern pure Menschenlarven, die sich eherner Waffen
bedienen müssen, um sich gegen einen äußeren Feind zur Wehr zu stellen, und
doch ihren größten Feind, die sinnlichen Leidenschaften ihres Fleisches, nicht
besiegen können, auf daß dann ihr Geist in ihnen wach, frei und mächtig würde.
[GEJ.07_089,03] Was nützet euch dieses euer
äußeres Leben, so ihr mit ihm nicht den inneren Geist wach, frei und mächtig zu
zeihen (machen) verstehet und vermöget! Ein Mensch wird erst dann ein Mensch,
wenn er sich selbst in seinem Geiste gefunden hat; das aber geht bei eurer
Lebensweise ewig nicht, weil ihr euch damit von dem Ziele, ein wahrer Mensch zu
werden, nur stets mehr entfernt, als daß ihr euch demselben irgend nähern
könntet.
[GEJ.07_089,04] Ja, es tauchen wohl auch bei
euch von Zeit zu Zeit noch Menschen auf, die auf dem rechten Wege, wennschon
nicht am vollen Ziele, wären; aber diese unterdrücket und verfolget ihr mit
aller Hast und Wut, und so können diese nicht ans volle Ziel gelangen, und ihr
bleibet völlig tot im Geiste und sterbet endlich nach einem kurzen, mühseligen
Erdenleben, den Tieren gleich, und euer Los ist dann der ewige Tod.
[GEJ.07_089,05] Ihr aber meinet nun in eurer
großen Lebensblindheit, daß ich als irgendein sich zurückgezogen habender
ägyptischer Weiser euch das nur so vorsage, um mich bei euch in einen größeren
Respekt zu setzen; aber ich sage es euch, daß ihr da in einer großen Irre seid.
Damit ihr aber sehet, daß ich zu euch die volle Wahrheit geredet habe, und daß
einem wahren Menschen ein mehreres möglich ist durch den Willen seines inneren
Geistmenschen, so werde ich euch nun, damit ihr auf eurem Heimwege tiefere
Gedanken zu fassen imstande sein könnet, einige Proben von der wahren
Lebenskraft eines wahren Menschen zeigen.
[GEJ.07_089,06] Sehet dort hoch oben in der Luft
einen Riesenaar! Ich will, und er muß sich hier zu meinen Füßen niederlassen
und dann das tun, was ich ihm gebieten werde! Sehet, wie ein Pfeil schießt er
herab aus der Höhe, – und hier ist er schon!‘ – Wir waren ob dieser Erscheinung
wie versteinert, und der Mensch gebot dem großen Aar, ihm einen edlen Fisch aus
dem Nil zu bringen.
[GEJ.07_089,07] Und in wenigen Augenblicken
war der Fisch auch schon da, und der Mensch sagte: ,Sehet, so dient dem wahren
Menschen die gesamte Natur!‘
[GEJ.07_089,08] Darauf öffnete er den Fisch,
weidete ihn aus und legte ihn auf eine sicher ganz heiße Steinplatte, weil der
bedeutend große Fisch in wenigen Augenblicken durch und durch gebraten war, was
wir wahrnahmen, als wir den Fisch von dem Menschen zum Verkosten bekamen und
ihn sehr gut gebraten und ebenso wohlschmeckend fanden.
[GEJ.07_089,09] Darauf sagte der Mensch:
,Sehet, so dient dem wahren Menschen auch die stumme Natur! Aber ich will euch
noch weiter zeigen, wie ein wahrer Mensch ein Herr der gesamten Natur ist! Ihr
habt nun den Fisch gegessen, den uns dieser Aar aus dem Nil geholt hat, und der
nachher auf dieser Steinplatte gebraten worden ist; aber ihr sehet euch nun um
und fraget, was ich außer dem trüben Nilwasser wohl zu trinken habe. Auch das
soll euch gezeigt werden. Sehet hier diesen Felsen an, wie trocken und von der
Glut der Sonne stark durchwärmt er dasteht, und dennoch soll er uns sogleich
des frischesten Wassers in großer Menge geben! Ich will es, und – da habt ihr
Wasser zum Trinken in großer Menge! Gehet hin und löschet euch den Durst!‘
[GEJ.07_089,10] Wir gingen hin und tranken,
und es war da das reinste und frischeste Wasser.
[GEJ.07_089,11] Und der sonderbare Mensch
sagte wieder: ,Sehet, so dient auch dieses Element dem wahren Menschen!‘
[GEJ.07_089,12] Hierauf fragten wir, ob er
hier in dieser Wildnis ganz allein lebe oder ob er noch irgend eine
Gesellschaft habe, vielleicht Jünger, die durch seine Leitung sich im wahren
Leben üben.
[GEJ.07_089,13] Sagte er: ,Diese Wüste ist
wohl für euch eine Wüste, für mich aber ist sie mehr als euer geträumtes
Elysium, das außerhalb eurer blinden Phantasie nirgends besteht. Für mich wäre
nur eure Stadt eine unausstehlichste Wüste des Geistes, weil sich darin auch
nicht ein wahrer Mensch befindet.
[GEJ.07_089,14] Ich bin hier für mich als
Person zwar allein, aber als ein wahrer Geistmensch gar nicht; denn einmal
umgeben mich wohl etliche Jünger, denen das wahre, innere Leben ein voller
Ernst geworden ist, und ihnen kommt es in dieser Wüste höchst anmutig vor. Sie
wohnen gleich mir in solchen Palästen, wie der da ist, den ich schon seit
beinahe fünfzig Jahren bewohne, und den vor mir schon mehrere wahre Menschen
bewohnt haben. Meine wenigen Jünger beiderlei Geschlechts kommen von Zeit zu
Zeit zu mir und bekommen von mir neue Verhaltungsvorschriften, nach denen sie
ihr inneres Leben weiter zu vervollkommnen haben.
[GEJ.07_089,15] Das ist sonach eine
Gesellschaft, die in meiner Nähe sich befindet, doch nicht in dieser Höhle, die
ich stets ganz allein bewohne. Für eure Augen wäre in dieser Höhle tiefe Nacht;
für mich aber ist es darin heller als für euch hier am hellen Tage. Denn wenn
des Menschen Inneres durch seinen ewigen Geist, der aus dem einen, wahren Gott
als ein Licht vom Urlichte stammt, licht und hell geworden ist, dann gibt es
nirgends mehr eine Nacht und Finsternis für den wahren Menschen. Bei euch aber
ist euer inneres Lebenslicht schon eine dichteste Finsternis; wie groß muß dann
erst eure eigene Finsternis sein! Ja, bei euch gilt der Satz, nach dem auch ihr
einen dichtesten Wald vor lauter Bäumen nicht sehet.
[GEJ.07_089,16] Ich überschaue aus dieser
meiner Höhle die ganze Erde, ihre Beschaffenheit, ihre Geschöpfe und Menschen
und hochmutsvollen Weltstädte und kann um alles wissen, was überall geschieht und
vor sich geht. Nebst dem aber kann ich in andere Welten, die ihr Sterne nennet,
schauen und mich weiden an des einen, ewigen Gottes Liebe, Weisheit und Macht.
Und so sehet, das ist meine zweite Gesellschaft.
[GEJ.07_089,17] Ich kann aber auch mit allen
Geistern zu jeder Zeit verkehren und durch sie selbst noch weiser und weiser
werden, und das ist meine dritte Gesellschaft.
[GEJ.07_089,18] Da aber des wahren Menschen
Wille auf dieser Erde eine für euch unbegreifliche Macht und weithin wirkende
Kraft innehat, so kann ich mir, so es irgend gegen einen argen Weltfeind gegen
uns wahre Menschen nötig wäre, auch noch eine vierte Gesellschaft verschaffen,
die ich euch sogar zeigen kann, doch mit der Versicherung, daß ihr euch als nun
unter meinem Schutze stehend vor ihr nicht zu fürchten habt; denn es soll euch
kein Haar gekrümmt werden. Sehet, ich will es, und da kommt sie schon!‘
[GEJ.07_089,19] In wenigen Augenblicken waren
wir von einer ganzen Herde Löwen und Panther umringt, gegen die sich auch viele
Hunderte der tapfersten Krieger nimmer hätten verteidigen können. Uns überfiel
ein Grauen und Entsetzen; aber der Mensch gebot den Bestien, und sie verloren
sich alle wieder, und der Mensch sagte: ,So es nötig wäre, könnte ich noch
größere Herden von diesen Kriegern herbeirufen. Und ihr habt nun zur Genüge
gesehen und erfahren, wie ein wahrer Mensch ein Herr aller Natur und ihrer
Kräfte ist, und so entlasse ich euch denn nun im Frieden dahin, woher ihr
gekommen seid!‘
[GEJ.07_089,20] Fragte ihn noch einer von uns,
ob er uns denn nicht irgend Winke geben könnte, nach denen lebend auch einer
oder der andere von uns auf den Weg zur Erreichung solcher wahren Menschenwürde
gelangen könnte.
[GEJ.07_089,21] Sagte der Mensch: ,Das wird
für euch, die ihr schon zu voll von aller Welt und ihren Lustreizen seid und
nicht einmal die leiseste Kenntnis von nur einem, allein wahren Gott habt, wohl
schwer sein. Denn das erste ist, einen wahren Gott erkennen, daraus sich selbst
und durch den Geist aus Gott erst die Gesetze, durch deren genaueste Haltung
man dann erst zum inneren, wahren Leben gelangen kann. Aber da heißt es
vollernstlich mit aller Welt und ihren eitlen Lustreizen brechen, – und das
wird euch bei eurer altgewohnten Lebensweise wohl schwer möglich werden.
[GEJ.07_089,22] Doch es werden in nicht zu
langer Zeit auch aus Asien erweckte Lehrer kommen und werden euch den einen,
wahren Gott und Seine Gesetze kennen lehren. Diese höret dann und glaubet,
erkennet und tut danach, so werdet auch ihr auf den rechten Weg gesetzt werden,
auf dem ihr wenigstens so weit fortkommen könnet, daß ihr wenigstens nach dem
Abfalle eures Fleisches als Seelen zur wahren Lebensvollendung gelangen könnet!
– Nun habe ich euch alles gesagt, was euch frommen kann, und nun ziehet im
Frieden von hier, und lasset es euch als Weltmenschen nimmer gelüsten, in diese
Gegend vorzudringen! Nur vollendete und von Gott erwählte Menschen werden das
in der Folge ungestraft tun dürfen!‘
[GEJ.07_089,23] Als der sonderbare Mensch das
ausgesprochen hatte, da konnten wir nimmer stehenbleiben; denn es ergriff uns
eine geheime Kraft und drängte uns derart unaufhaltsam zurück, daß wir uns nach
der Gegend gar nicht mehr umsehen konnten, in der wir den außerordentlichen
Menschen getroffen, gesehen und gesprochen hatten, und dadurch erreichten wir
die alte Stadt Memphis auch schon am nächsten Tage noch ziemlich früh am
Morgen. Daß uns diese Erscheinung auf der ganzen langen Rückreise im höchsten
Grade beschäftigt hat, läßt sich leicht von selbst denken.‘“
90. Kapitel
[GEJ.07_090,01] (Der Herr:) „(Sagten die
Römer:) ,Als wir wieder nach Rom zurückkamen, da kam uns die Stadt wahrlich wie
eine Wüste vor, und als wir vernahmen, daß es bei euch Juden auch ähnliche
Menschen geben solle, die dasselbe lehren und verstehen, was der sonderbare
Mensch im höchsten Oberägypten verstand, da haben wir Rom verlassen und haben
uns hier etwas angekauft, um, von der großen Welt abgezogen, mehr für unseren
inneren Menschen sorgen zu können; aber in eurem von euch uns sehr
angepriesenen Tempel haben wir das wahrlich nicht angetroffen, wohl aber ein
paarmal schon bei dem von euch nun in einer sonderbaren Frage stehenden
Menschen, der wahrlich noch mehr leistet denn alles das, was wir je gesehen
haben! Und auf so einen Menschen wollet ihr fahnden?! Oh, seid hunderttausend
Male froh, daß er nach euch nicht fahndet; denn fängt der einmal das an, so
seid ihr verloren für zeitlich und ewig!
[GEJ.07_090,02] Denn was derlei wahre und
vollendete Menschen vermögen, das haben wir erlebt und wohl mit höchsteigenen
Augen gesehen. Was wolltet ihr denn zum Beispiel machen, wenn er euch auf
einmal ein paar tausend grimmigste Löwen, Panther, Hyänen und Tiger in eure
Stadt oder nur in die Umgebung hinzieht?! Wahrlich, die fräßen euch in ein paar
Wochen auf, ohne daß ihr euch ihnen zur Wehr stellen könntet, – wie er laut
Berichten aus Galiläa etwas Ähnliches schon einmal ausgeführt haben soll, was
wir völlig glauben möchten.
[GEJ.07_090,03] So aber schon wir Römer vor
solch einem Herrn der Natur – wer dieser Mensch sein soll – den allertiefsten
Respekt haben, was wollet denn dann ihr als wahre Mücken gegen uns wider ihn
unternehmen?! So ihr davon nicht abstehet, so werdet ihr noch in die
fürchterlichsten Verlegenheiten geraten; dafür stehen wir Römer euch mit allem
gut!‘
[GEJ.07_090,04] Als die Pharisäer solches von
den zwei Römern vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie darauf erwidern
sollten. Nach einer Weile erst sagte einer, der so ein wenig heller war als die
andern: ,Ja, ja, es kann sich die Sache schon also verhalten; aber was läßt
sich da machen? Der Hohepriester Kaiphas hat das im Einverständnis mit Herodes
einmal fest und unabänderlich beschlossen, und wir müssen das auch wollen, was
die beiden wollen. Wenn es gerade nur auf uns ankäme, so wollten wir die Sache
bald gehen lassen, wie sie geht, und würden das Ende ganz ruhig abwarten; aber
es ist da mit unserem Hohenpriester nichts zu machen, und so müssen wir zum
bösen Spiele eine gute Miene machen, ob wir wollen oder nicht.‘
[GEJ.07_090,05] Sagten die Römer: ,Wem nicht
zu raten ist, dem ist auch niemals zu helfen. Aber in Kürze werdet ihr auf
unsere Worte kommen! Was derlei Menschen vermögen, das vermögen ganze
Kriegsheere nicht; denn wir haben uns davon überzeugt. Ob ihr uns glaubet oder
nicht, das ist uns einerlei; die sicheren Folgen aber werden euch über kurz
oder länger der Zeit nach schon den Beweis liefern, daß wir Römer die vollste
Wahrheit zu euch geredet haben, – denn wir haben viel gesehen und erfahren.‘
[GEJ.07_090,06] Hier erheben sich die beiden
Römer und verlassen die Gesellschaft, weil ihnen der Pharisäer Blindheit und
sichtliche Bosheit zu unerträglich wird.
[GEJ.07_090,07] Es fragen aber nun die
Pharisäer den Nikodemus, warum denn die beiden Römer sich so plötzlich
empfohlen hätten.
[GEJ.07_090,08] Sagt Nikodemus: ,Ja, da werde
ich euch auch schwer eine rechte Auskunft geben können; denn mich hat das
selbst sehr auffällig befremdet. Von Herodes hättet ihr bei dieser Gelegenheit
keine Erwähnung machen sollen; denn den können diese Römer schon von weitester
Ferne nicht ausstehen, und zwar wegen der schnöden Hinrichtung des Johannes,
auf den diese beiden Römer und noch mehrere mit ihnen große Stücke hielten, und
von dem sie behaupteten, daß er sicher auch ein wahrer Mensch sei. Ich sage es
euch, daß Herodes vor den Augen der Römer in keiner guten Haut steckt!‘
[GEJ.07_090,09] Sagt ein Pharisäer: ,Also,
meinst du, verhält sich die Sache?‘
[GEJ.07_090,10] Sagt Nikodemus: ,Jawohl,
jawohl, gerade also; denn ich wüßte sonst fürwahr nicht, was die zu einem gar
so plötzlichen Aufbruch gebracht haben sollte. Ich sage euch aber noch etwas:
Nehmet euch in acht vor den Römern; denn mit ihnen ist kein Scherz zu treiben!‘
[GEJ.07_090,11] Als nun die Pharisäer das von
Nikodemus vernehmen, sagen sie: ,Freund, wir danken dir für die gute Bewirtung
und werden uns auch aufmachen, damit wir noch stark am Tage in den Tempel
gelangen; denn die Nacht ist stets des Menschen Feind!‘
[GEJ.07_090,12] Hier erheben sich die
Pharisäer und machen sich eiligst davon.
[GEJ.07_090,13] Nikodemus und alle sind darob
höchst froh; auch die beiden Römer kommen wieder zu unserem Nikodemus und sind
herzlichst froh, diese ungeladenen Gäste losgeworden zu sein. Nikodemus aber
beschreibt und erklärt den Anwesenden nun das dritte Zeichen, darob alle sehr
erfreut sind.“
[GEJ.07_090,14] (Der Herr:) „Sage Mir nun, du
Freund Agrikola, wie dir diese Geschichte gefällt!“
[GEJ.07_090,15] Sagte Agrikola: „Diese
Geschichte gefällt mir derart, daß ich gleich mit einem Heere in Jerusalem
einrücken möchte und dann wie ein grimmiger Löwe wüten unter diesen gott- und
ehrlosesten Schurken! Aber es war doch gut, daß die beiden Römer Dir und auch
uns so einen gewissen Respekt bei den Tempelwichten verschafft haben, und ich
meine, daß es ihnen im Bestreben, Dich zu verfolgen, ein wenig kühler werden
wird. Die beiden Landsleute in Emmaus aber möchte ich wahrlich besuchen!“
[GEJ.07_090,16] Sagte Ich: „Das wird morgen
geschehen; auch Ich Selbst habe ein wahres Sehnen nach ihnen. Aber wenn du
meinst, daß die Tempelwichte da unten nun etwas kühleren Eifers werden, nach
Mir zu fahnden, da irrst du dich ein wenig. Sie werden wohl kühler werden dem
Außenscheine nach, aber darum in ihrem Innern desto wahrhaft teuflisch
verschmitzter. Allein das macht alles nichts, sie werden Mich nicht anrühren
können, außer wenn ihr Gericht vor der Tür ist. – Doch lassen wir nun das, und
Ich frage euch, wie euch der wahre Mensch, von dem die beiden Römer Nachricht
gaben, gefallen hat.“
[GEJ.07_090,17] Sagte Agrikola: „Ich kann
mich nun schon ganz gut erinnern, von dieser Begebenheit in Rom zu öfteren
Malen gehört zu haben, die mich selbst in ein großes Staunen versetzte. Ich
werde die beiden Römer sicher persönlich kennen! Oh, diese Geschichte ist
großwunderbar und herrlich! Wenn es nur viele solche wahren Menschen auf der
Erde gäbe, dann stünde es mit allen Menschen besser! Ob jener wahre Mensch nun
noch im Leibe lebt?“
[GEJ.07_090,18] Sagte Ich: „O ja, der lebt
noch und wird morgen mit seinen Jüngern hier eintreffen; denn er hat in seinem
Geiste aus Mir Kunde erhalten, daß Ich im Fleische hier unter den Menschen
wandle, berief seine wenigen Jünger und machte sich hierher auf den Weg, und es
wird darum der morgige Tag ein denkwürdiger werden.“
91. Kapitel
[GEJ.07_091,01] Als Ich solches verkündet
hatte, da ward alles über die Maßen fröhlich.
[GEJ.07_091,02] Ich aber sagte zu Lazarus:
„Und du lasse nun Brot und Wein hierher bringen; denn wir wollen nun frohen
Mutes sein!“
[GEJ.07_091,03] Und es wurde Brot und Wein in
rechter Menge gebracht. Als nun des Brotes und Weines in gerechter Menge da
war, da aßen und tranken wir alle ganz wohlgemut, und alles lobte in Mir den
guten Geber des gar so guten Brotes und Weines.
[GEJ.07_091,04] Als wir aber also aßen und tranken,
da bemerkte unsere Helias mit ihren scharfen Augen die heimziehenden Pharisäer
eben auf die gewisse Säule losgehen und bei derselben wieder stehenbleiben und
machte uns darauf aufmerksam.
[GEJ.07_091,05] Ich aber sagte: „Oh, lassen
wir sie ziehen und betrachten; sie werden dabei für das Heil ihrer Seele
dennoch nichts finden, sondern verstockten Herzens bleiben bis in den Tod!“
[GEJ.07_091,06] Sagte die Helias: „Oh, wenn
doch ich nur so ein wenig allmächtig wäre, da müßten mir die Wichte nun auf
lauter Schlangen und Nattern, auf Skorpionen und giftigen Eidechsen nach Hause
ziehen!“
[GEJ.07_091,07] Sagte Ich: „Oh, die Furcht,
von den Römern verfolgt zu werden, ist besser, als was du ihnen nun antun
möchtest! Sie halten sich bei der Säule nun auch gar nicht lange auf und ziehen
schon ganz behende weiter. Sie haben entdeckt, daß hinter ihnen einige Menschen
gehen; diese halten sie für etwaige Römer und fangen darum nun an zu laufen.
Siehe, das ist besser als deine Schlangen, Nattern, Skorpionen und giftigen
Eidechsen!“
[GEJ.07_091,08] Damit war die Helias denn
auch zufrieden und aß und trank ruhig fort.
[GEJ.07_091,09] Ich aber sagte darauf
abermals zu Lazarus, daß er auch für die jungen Sklaven sorgen möge, daß sie
etwas Brot zu essen und mit Wasser gemengten Wein zu trinken bekämen.
[GEJ.07_091,10] Da ging Lazarus in Begleitung
Raphaels, um Meinen Wunsch zu erfüllen. Als sie aber an die Zelte kamen, in
denen sich die Jugend befand, da war diese schon mit allem bestens versorgt.
[GEJ.07_091,11] Sagte Lazarus: „Da haben
wir's! Was sollen wir denn jetzt tun?“
[GEJ.07_091,12] Sagte Raphael: „Jetzt gehen
wir wieder besten Mutes zurück; denn wer so gern und willig wie du den Willen
des Herrn erfüllt, von dem braucht der Herr keine Tat. Denn ein vollkommener,
dem Herrn ergebener Wille ist vor dem Herrn schon die Tat selbst; denn da übet
dann der Herr Selbst die Tat, wie du das hier siehst. Oh, wenn die Menschen das
so recht einsähen und in ihrem Herzen auch danach täten, ein wie leichtes und
sorgenfreies Leben hätten sie da schon auf Erden, und welche Seligkeiten
genössen sie schon auf Erden! Aber so sind sie blind und verrennen sich in die
tote Materie und ersticken in ihr. Im oft blutigen Schweiße ihres Angesichts
müssen sie ihr Brot suchen, während sie es ohne leibliche Mühe vom Herrn haben
könnten, und das ein reineres und besseres, als sie sich's bereiten können.
[GEJ.07_091,13] Morgen wirst du in Emmaus die
noch wahren Menschen aus Oberägypten kennenlernen, und du wirst staunen über
die ungebundene Macht ihres Willens. Es werden ihrer nur sieben sein, die da
schon vollkommen sind; die Weiber, Kinder und die noch minder Vollkommenen aber
sind daheimgelassen mit nur einem Vollkommenen, da die Weiber, Kinder und die
minder Vollkommenen ohne ihn schwer bestehen würden. Doch ihr Meister, noch aus
der Schule der uralten ägyptischen inneren Weisheit, wird mit seinen sechs
Hauptjüngern nach Emmaus kommen, und du wirst es sehen, wie schnell er den
Herrn und auch uns alle erkennen wird. – Doch nun gehen wir wieder zum Herrn!“
[GEJ.07_091,14] Die beiden kamen wieder zu
uns, und Ich fragte den Lazarus, ob die Jugend versorgt sei.
[GEJ.07_091,15] Sagte Lazarus: „O ja, Herr
und Meister, die Jugend ist schon bestens versorgt, – aber wir beide haben gar
nichts dazu beitragen können; denn als wir an die Zelte kamen, da waren die
lieben Jungen schon mit allem bestens versehen. Du, o Herr, hast nur ein wenig
meinen Willen geprüft; aber gehandelt hast Du Selbst, wie das bei Dir schon
immer der Fall ist! Meinen Dank Dir allein; denn ohne Dich sind wir nichts und
vermögen auch nichts. Du allein bist alles in allem!“
[GEJ.07_091,16] Sagte Ich: „Ganz gut, ganz
gut, mein lieber Freund und Bruder Lazarus! Nun setze dich nur wieder her und
vergnüge dich mit uns allen!“
[GEJ.07_091,17] Lazarus nahm nun samt Raphael
wieder seinen früheren Platz neben Mir ein und wollte mit Mir wegen der morgen
nach Emmaus kommenden wahren Menschen aus Oberägypten etwas zu reden anfangen;
aber die beiden schon bekannten Wirte kamen ihm zuvor und baten Mich, ob sie
nicht auch etliche Tage bei Mir verbleiben und die gewissen wahren Menschen aus
dem hintersten Oberägypten in Emmaus mit ansehen dürften.
[GEJ.07_091,18] Sagte Ich: „Oh, allerdings!
Wer Mich und Meine Jünger gleich wie ihr freundlichst aufgenommen hat, der ist
auch allzeit bei Mir aufgenommen und kann allzeit bei Mir sein. Je mehr Zeugen
Mich aber umgeben, desto gedeihlicher ist das für die Ausbreitung Meines
Evangeliums. An jenen Menschen, die noch jetzt ebenso einfach leben wie
dereinst die Urpatriarchen der Erde, werdet ihr wahre Wunder erleben!“
[GEJ.07_091,19] Sagte nun Lazarus: „Aber,
Herr und Meister, das werden aber dennoch Abkömmlinge Noahs sein und nicht
irgend unmittelbar Abkömmlinge Adams, denn zu den Zeiten Noahs muß die große
Flut ja auch Ägypten ganz überflutet haben?“
[GEJ.07_091,20] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund und Bruder! Du darfst, wie Ich dir das schon einmal erklärt habe, die
natürliche hohe Wasserflut, deren Ursache in jener Zeit die mächtigen
Hanochiten waren, nicht mit der geistigen allgemeinen Überflutung der Sünde
verwechseln, ansonst du darin niemals ganz ins reine kommen wirst.
[GEJ.07_091,21] Durch die im westlichen Teile
Asiens stattgehabte große Wasserflut zu den Zeiten Noahs sind wohl höchst viele
Menschen und Tiere zugrunde gegangen, weil das Wasser im Ernste sogar den hohen
Ararat überspülte, aber deshalb reichte das natürliche Wasser dennoch nicht
über die ganze Erde, die damals noch lange nicht in allen ihren bewohnbaren
Teilen bevölkert war. Aber es ergoß sich die Flut der Sünde, die da heißt
Gottvergessenheit, Hurerei, Hochmut, Geiz, Neid, Herrschsucht und
Lieblosigkeit, über alles Menschengeschlecht, unter dem zu verstehen ist die
geistige Erde, und das ist es, was Moses unter der allgemeinen Sündflut
verstanden haben will.
[GEJ.07_091,22] Die höchsten Berge, über die
die Flut sich ergoß, sind der große Hochmut der damaligen Menschen, die über
die Völker herrschten, und die Überflutung ist die Demütigung, die damals über
alle Beherrscher kam und in jedem Reiche auf eine eigene, entsprechende Art.
Doch das Weitere wird schon noch morgen in Emmaus besprochen werden. – Nun aber
nehmen wir wieder Wein und Brot und erquicken damit unsere Glieder!“
92. Kapitel
[GEJ.07_092,01] Als wir in unserem schönen
Olivenhaine uns nun so ganz gemütlich wohl geschehen ließen, da sagte einer von
den etlichen siebzig, unter denen sich die gewisse Ehebrecherin befand: „Oh,
wie sehr wohl geht es uns hier! Die höchste geistige Nahrung für unsere Seelen
und die beste Kost für unseren Leib! Wie glücklich sind wir! Oh, möchten doch
alle, die nun gleich uns unverschuldet in großem Elende stecken, in einen so
glücklichen Zustand gelangen! Ich möchte, daß allen Menschen, die Not leiden,
geistig und leiblich geholfen werde, so es möglich wäre!“
[GEJ.07_092,02] Sagte Ich: „Mein Freund,
möglich wäre alles, aber aus gar vielen weisen Rücksichten nicht tunlich und
zulässig. Es gibt eine Menge sehr dürftiger und mit allerlei Übeln behafteter
Menschen, denen du nach deinem Mir sehr wohlgefälligen Herzen sicher gerne
helfen möchtest; und siehe, wenn du ihnen nach deinem besten Wissen und
Gewissen geholfen hättest, so wäre ihnen wahrlich gar nicht geholfen, sondern
es würde an ihnen dadurch gerade nur das Entgegengesetzte bewirkt werden!
[GEJ.07_092,03] Es ist darum wohl sehr
löblich von dir, daß du dich in deinem Wohlsein der Notleidenden und Elenden
erinnerst und den Wunsch hast, ihnen zu helfen; aber es wäre da wahrlich nicht
jedem geholfen, dem du geholfen hättest.
[GEJ.07_092,04] Siehe, niemand kennt die Not
und das Elend der Menschen besser als Ich, und niemand ist barmherziger und
liebevoller als eben auch Ich; aber es wäre allen Menschen mit Meiner
alleinigen Liebe und Erbarmung wenig geholfen, wenn nicht Meine höchste
Weisheit mit der Liebe und Erbarmung mitwirkte.
[GEJ.07_092,05] Ja, da geht es einer armen
Familie schlecht! Sie hat keine Arbeit, kein Dach und Fach, kein Brot und
leidet Hunger und Durst. Sie bettelt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort und erbettelt
sich im Tage oft kaum so viel, daß sie sich zur Not sättigen kann, während
andere im vollen Überflusse leben und schwelgen und solch einer armen Familie
die Tür weisen, so sie bittend zu ihnen kommt.
[GEJ.07_092,06] Es ist das von den Reichen,
die solch einer armen Familie mit harten Herzen begegnen, gewiß böse, und du
möchtest bei dem Anblick einer solchen harten Begegnung gewiß sagen: ,Aber, du
großer, allgütiger und allmächtiger Gott, kannst Du wohl solch eine
himmelschreiende Unbarmherzigkeit ungestraft dahingehen lassen? Vernichte
solche Menschen mit Blitz und Feuer aus Deinen Himmeln!‘ Und siehe, Gott würde
solchem deinem Anflehen dennoch kein Erhören schenken! Ja, warum denn aber das
nicht?
[GEJ.07_092,07] ,Soll die Lieblosigkeit der
Menschen denn fort und fort wuchern auf dieser Erde?‘ Nein, sage Ich dir, das
sei ferne! Aber sieh, es muß nach dem weisen Ratschlusse Gottes alles seine
Zeit haben auf dieser Erde, auf der die Menschen zur wahren Kindschaft Gottes
reif werden sollen! Es hat somit der Reiche seine Zeit, reich zu sein und mit
seinem Überflusse den Armen Barmherzigkeit zu erweisen, und der Arme hat seine
Zeit, sich in der Geduld und Selbstverleugnung zu üben und seine Not und sein
Elend Gott aufzuopfern, und Gott wird dem Armen bald auf die für sein
Seelenheil beste Art helfen und eben also den harten Reichen zur rechten Zeit
züchtigen. Denn es ist der Reiche wie der Arme zur Kindschaft Gottes berufen.
[GEJ.07_092,08] Es war aber unsere arme
Familie einstens auch wohlhabend und war hart gegen andere Arme, und es hatte
sich das Blatt ihres irdischen Glückes zum Heile ihrer Seelen notwendig einmal
wenden müssen. Würdest du ihr nun plötzlich helfen, so würde sie bald sehr
übermütig werden und Rache an jenen üben, die ihr mit Härte begegnet sind. Wenn
sie aber einmal in der Geduld recht durchgeprüft sein wird, so wird ihr nach
und nach, und zwar so unmerklich wie möglich, geholfen werden, und sie wird
darin die Fürsorge Gottes besser und heller erkennen, als so man sie von heute
auf morgen in einen sehr glücklichen Wohlstand erhoben hätte.
[GEJ.07_092,09] Der harte Reiche aber wird
auch nach und nach und von Punkt zu Punkt in einen mißlicheren Zustand versetzt
werden. Er wird bald da und bald dort in seinen Spekulationen einen Mißgriff
machen, wird eine schlechte Ernte haben, Schaden bei seinen Herden erleiden, er
wird entweder selbst krank werden oder sein Weib oder eines seiner liebsten
Kinder, und kurz, es wird Schlag auf Schlag über ihn kommen.
[GEJ.07_092,10] Wird er in sich gehen und sein
Unrecht erkennen, so wird ihm auch wieder geholfen werden; wird er aber nicht
in sich gehen und sein Unrecht nicht erkennen, so wird er um alles kommen, und
dann auch den Bettelstab oder nach Umständen noch etwas Schlimmeres zum
Verkosten bekommen.
[GEJ.07_092,11] Wer ihn dann in seiner Armut
trösten und ihm unter die Arme greifen wird, der soll auch von Gott aus
getröstet und belohnt werden; doch ganz helfen wird ihm niemand eher können,
als bis es Gottes Wille zulassen wird. Daher sei du, Mein Freund, nun nur ganz
ruhig und heiter; denn Ich weiß es schon, wer da zu einer Hilfe reif geworden
ist!“
93. Kapitel
[GEJ.07_093,01] Als der Mann das von Mir
vernommen hatte, ward er ganz heiter und aß und trank, und seine Gefährten
folgten emsig seinem Beispiele.
[GEJ.07_093,02] Das Weib aber, das sich mit
ihrem Manne unter ihnen befand, sagte ganz gerührt: „Oh, wie gut und wie
gerecht ist doch der Herr! Wer Ihn wahrhaft erkannt hat, der muß Ihn ja über
alles lieben! Oh, wenn die Templer da unten Ihn erkenneten, so würden sie Ihn
gewiß auch über alles lieben und Seine weisesten Gebote halten! Aber bei denen
läßt es der leibhaftige Teufel nimmer zu, weil sie seine getreuesten Diener und
Knechte und darum vom Herrn aus keiner Gnade mehr würdig sind. Oh, einst in der
Hölle werden sie das sicher ewig bereuen und sagen: ,Oh, warum haben wir uns
vom Teufel so sehr verblenden lassen!‘ Aber es wird ihnen dort solch eine Reue
sicher nichts mehr nützen! O Herr, wir danken Dir, daß Du uns Armen und
Unmündigen geoffenbart hast das Reich Deiner Gnade und hast es den Weisen
dieser Welt vorenthalten!“
[GEJ.07_093,03] Sagte Ich: „Hast recht wohl
geredet, und das also, wie du es verstehst; aber das merke dir hierzu, daß es
in der Hölle keine Reue gibt zur Besserung eines Höllengeistes, die dahinaus
ginge, daß es ihn ernstlich gereute, auf der Erde böse Taten verübt zu haben.
Denn käme ein Höllengeist ernstlich zu solch einer Reue, so käme er auch zur
Besserung und zur Erlösung; aber ein böser Geist – also ein Teufel – kann keine
solche Reue in sich je aufkommen lassen, die gut wäre, sondern nur eine solche
Reue, die so wie er selbst grundböse ist, und es reut ihn nur, daß er nicht
noch unaussprechlich viel mehr des Allerbösesten in der Welt angerichtet hat.
[GEJ.07_093,04] Daß bei solch einer Seele
keine Besserung herausschaut und somit auch keine Erlösung, das kann wohl ein
jeder Mensch von nur einigem Verstande sehr leicht einsehen.
[GEJ.07_093,05] Wie aber bei einem Engel des
Himmels alles grund- und erzgut ist, ebenso ist bei einem Teufel alles grund-
und erzböse. Je inwendiger ein Engel denkt und will, desto gottähnlicher,
freier und mächtiger ist er, und je inwendiger ein Teufel denkt und will, desto
allem Göttlichen unähnlicher, unfreier und ohnmächtiger ist er; denn das Grundböse
in ihm hemmt alle seine Kraft und ist sein Gericht und sein wahrer Tod.
[GEJ.07_093,06] Ja, Meine Liebe, wenn der
Teufel von innen heraus einer guten Reue fähig wäre, so wäre er kein Teufel und
befände sich nicht in der Hölle. Es kann darum ein Teufel von innen, also aus
sich heraus, ewig nie gebessert werden, wohl aber ist das noch nach undenkbar
langen Zeitläufen durch fremde Einwirkung von außen her möglich; die
Einwirkungen aber müssen stets dem Innersten des Teufels, das – wie gesagt –
grund- und erzböse ist, vollkommen entsprechen. Und so erstickt das auf den
Teufel von außen her einwirkende Arge das innere Böse, und nur dadurch kann es
in einem erzbösen Geiste nach und nach etwas heller und somit auch etwas besser
werden.
[GEJ.07_093,07] Darum sind die Qualen der
Höllengeister stets wie von außen her kommend, wie solches bei sehr bösen
Menschen auch schon auf dieser Erde zu geschehen pflegt. Wenn bei einem
erzbösen Menschen Lehre, Ermahnungen und die weisesten Gesetze nichts mehr
fruchten und er in sich nur stets mehr und mehr sich bestrebt, den Gesetzen der
Ordnung zuwiderzuhandeln, so kann er von innen, wie von sich aus, unmöglich
mehr gebessert werden. Er kommt da in die Hände der scharfen und unerbittlichen
Richter, die den Übeltäter mit höchst schmerzvollen äußeren Strafen belegen.
[GEJ.07_093,08] Wenn da der Übeltäter gar
vieles erleiden muß, so geht er nach und nach doch etwas mehr in sich und fängt
an, über den Grund seiner Leiden reifer nachzudenken, erkennt seine Ohnmacht
und dabei die Unerbittlichkeit der Gerichte; – ja er fängt endlich an
einzusehen, daß er ganz allein der Grund und die Ursache seiner Qualen ist, und
das durch seine bösen Taten, die er freiwillig und mit böser Lust gegen die
Gesetze der allgemeinen Ordnung verübt hat. Weil er aber nun sieht, daß eben
seine bösen Taten nun seine Quälgeister sind, so fängt er endlich an, sie in
sich zu verabscheuen, und wünscht, sie nie begangen zu haben. Und siehe, das
ist dann schon ein Schritt zu einer möglichen Besserung!
[GEJ.07_093,09] Aber es dürfen da die
Außenstrafen noch lange nicht zu Ende sein, weil der Übeltäter sein Böses nur
darum zu verabscheuen begann, weil es böse Früchte trägt. Er muß jetzt erst
durch äußeren Unterricht in sich zu erkennen anfangen, daß sein Böses in sich selbst
wahrhaft Böses und es auch aus diesem alleinigen Grunde zu verabscheuen ist,
und nicht darum, weil es für den Übeltäter notwendig böse Folgen nach sich
zieht.
[GEJ.07_093,10] Sieht dann der Übeltäter das
ein und fängt an, das Böse des Bösen selbst wegen zu verabscheuen und das Gute
eben des Guten wegen zu erwählen, so wird er in seiner Strafe geduldiger, da er
sein Leiden ganz gerecht findet und es für eine Wohltat, durch die sein Leben
gebessert wird, ansieht und mit Geduld erträgt. Wenn der Übeltäter
möglicherweise auf diesen Punkt gekommen ist und sein Inneres im Ernste besser
und besser wird, so ist es dann erst an der Zeit, mit den äußeren Strafen
insoweit nachzulassen, als eben das Innere des früheren Übeltäters wahrhaft
besser geworden ist.
[GEJ.07_093,11] Wenn die Weltrichter das
verstehen würden, so könnten sie auch aus so manchem Erzübeltäter einen guten
Menschen schaffen; aber sie sind bei großen Übeltätern gleich mit der
Todesstrafe bei der Hand und machen dadurch aus dem gänzlich ungebesserten
Übeltäter für die Geisterwelt erst einen vollendeten Teufel. Das soll aber in
der Folge unter euch nicht mehr sein!
[GEJ.07_093,12] Wenn ihr aber schon richten
müsset, so richtet, wie Ich es euch nun gezeigt habe, ein gerechtes Gericht zur
wahren und sicher möglichen Besserung des Sünders, aber nicht zu seiner noch
größeren Verteufelung!“
94. Kapitel
[GEJ.07_094,01] Sagte hier Agrikola: „Herr
und Meister! Diese Deine überwahren und heiligen Worte habe ich mir nun tief
ins Herz geschrieben, und ich selbst werde auch nach Tunlichkeit danach
handeln; aber dennoch frage ich Dich, ob man die Todesstrafe in gar allen
Fällen aufheben soll.“
[GEJ.07_094,02] Sagte Ich: „O Freund, ich
weiß es wohl, was du Mir nun sagen willst! Siehe, du hast es durch einen Meiner
Jünger erfahren, wie auch Ich Selbst vor einem Jahre in der Nähe von Cäsarea
Philippi am Galiläischen Meere einmal eine Art Standrecht an etlichen
grundbösen Häschern, die nach Mir fahndeten, ausgeübt habe, und hast Mich nun
aus diesem Grunde also gefragt!
[GEJ.07_094,03] Ja, Ich sage es dir: Wenn du
gleich Mir den Verbrecher derart erkennen kannst, daß er als noch ein
Fleischmensch ein vollendeter Teufel ist, so verhänge über ihn auch sogleich
die Todesstrafe, wie solches auch Moses aus Meinem Geiste erkannt hat; aber so
du das nicht Mir und dem Moses gleich erkennen kannst, so übereile dich niemals
mit der Todesstrafe!
[GEJ.07_094,04] Mir steht wohl von Ewigkeit
das Recht zu, alles Menschengeschlecht dem Fleische nach zu töten, und Ich bin
sonach gleichfort ein Scharfrichter aller materiellen Kreatur in der ganzen
ewigen Unendlichkeit; aber was Ich töte der Materie nach, das mache Ich geistig
wieder für ewig lebendig.
[GEJ.07_094,05] Wenn du das vermagst, so
kannst auch du töten, wen du willst und kannst, zur rechten Zeit; aber da du
das nun nicht kannst, so sollst du auch nicht töten, außer nur im höchsten
Notfalle, zum Beispiel in einem Verteidigungs- oder in einem von Gott aus
gebotenen Strafkriege gegen unverbesserliche, böse Völker, und auch im Falle einer
Notwehr gegen einen argen Mörder und Straßenräuber. In allen andern Fällen
sollst du nicht töten und töten lassen, solange du nicht in dir selbst Mein
volles Licht hast! – Hast du das nun wohl begriffen?“
[GEJ.07_094,06] Sagte Agrikola: „Ich danke
Dir, Herr und Meister! Nun ist mir das auch schon wieder ganz klar, und ich
werde mich als Richter möglichst genau daran halten, obwohl ich dem Kaiser
selbst da nichts vorschreiben kann, doch dann und wann nimmt auch er unter vier
Augen einen guten Rat an.“
[GEJ.07_094,07] Sagte Ich: „Das magst du
schon tun, obwohl du damit nicht viel ausrichten wirst. Denn ihr habt in eurem
Rom zwar manche recht guten Gesetze, aber neben solchen Gesetzen eine große
Menge böser und arger Gebräuche, neben denen etwas rein Gutes und Wahres
schwerlich je volle Wurzeln fassen wird.
[GEJ.07_094,08] Ich sage es dir: Rom ist und
wird Babel, eine Welthure bleiben trotz aller Übel, die auch über sie kommen
werden, obwohl es in ihr auch gar viele und eifrige Nachfolger Meiner Lehre
geben wird.
[GEJ.07_094,09] Ihr habt zwar auf Raub, Mord
und Totschlag und noch auf manche anderen Verbrechen die Todesstrafe gesetzt;
aber bei euren großen Festmählern mußten zu eurem größeren Vergnügen gewisse
Gladiatoren auf Leben und Tod kämpfen, und der Sieger ward dann ausgezeichnet.
Siehe, das ist vom Übel und gereicht keinem Volke zum Segen! Also habt ihr auch
allerlei wilde Tierkämpfe, bei denen sehr oft Menschen ihr Leben auf eine
grausame Art einbüßen müssen, und dennoch möget ihr euch sehr dabei ergötzen!
Und siehe, auch das ist von großem Übel! Darauf kommt schwerlich je ein Segen
von oben; ohne den aber gibt es für keinen Staat und für kein Volk irgendeinen
festen und dauernden Bestand, was du Mir sicher glauben kannst.
[GEJ.07_094,10] Wenn du da aber etwas wirken
kannst und magst, so trage dazu bei, daß derlei große Übel eurer Stadt und
eures großen Reiches abgestellt werden, und daß wenigstens ihr nun sehend
Gewordenen nicht daran teilnehmet und noch weniger diese Jugend, die du nach
Rom mitnehmen wirst, und du wirst dich allzeit und allenthalben Meines Segens
zu erfreuen haben.
[GEJ.07_094,11] Ich habe euch allen nur die
zwei Gebote der Liebe gegeben, die ihr treu beachten möget; aber um diese
Gebote zu beachten, darf man sich an den wilden Kämpfen nicht erlustigen.
[GEJ.07_094,12] Denn wer einen Menschen oder
auch ein Tier ganz gleichmütig kann verenden sehen, in dessen Herzen ist wenig
Liebe daheim. Denn wo eine wahre und lebendige Liebe daheim ist, da ist auch
das rechte Mitleid und die rechte Erbarmung daheim. Wie kann aber jemand eine
Nächstenliebe haben, dem das schmerzliche Sterben seines Nebenmenschen eine
Wollust ist?! Darum hinweg mit allem, was des besseren Menschenherzens unwürdig
ist!
[GEJ.07_094,13] Wenn du deinen Nächsten
weinen siehst, so sollst du nicht lachen; denn so du lachst, da gibst du ihm zu
verstehen, daß dir sein Schmerz etwas ganz Gleichgültiges ist und ebenso auch
dein leidender Nebenmensch, der doch dein Bruder ist.
[GEJ.07_094,14] Ist aber dein Bruder heiter
und freut sich seines Glückes, so gönne ihm die kurze Freude über sein kleines
Erdenglück! Werde nicht mürrisch, sondern freue dich mit ihm, so wird dadurch
dein Herz nicht schlechter, sondern nur edler!
[GEJ.07_094,15] So du einen Hungrigen siehst,
während du sehr satt bist, da komme es dir nicht vor, daß der Hungrige sich
etwa auch so behaglich befinde wie du mit deinem vollen Bauche, sondern stelle
du dir ihn sehr hungrig vor und sättige ihn, so wirst du darob in deinem Herzen
eine große Zufriedenheit empfinden, die dir noch um vieles behaglicher
vorkommen wird als dein voller Bauch; denn ein volles Herz macht den Menschen
um sehr vieles glücklicher als ein sehr voller Bauch.
[GEJ.07_094,16] Wenn du eine Tasche voll Gold
und Silber mit dir herumträgst und daheim noch um vieles mehr besitzest, und es
kommt dir ein Armer unter und grüßt dich und will mit dir reden, so wende dein
Gesicht nicht von ihm ab und laß es ihn ja nicht irgend fühlen, daß du ein
reicher und er ein armer Mensch ist, sondern sei voll Freundlichkeit zu ihm und
hilf ihm mit vielen Freuden aus irgendeiner Not! So du das tust, da wird dein
Herz bald voll Fröhlichkeit werden, und der Arme wird dir für immer ein Freund
bleiben und wird deine wahre Freundlichkeit nimmerdar vergessen.
[GEJ.07_094,17] Darum besteht die wahre
Nächstenliebe in dem, daß man seinem Nächsten alles das tut, von dem man
vernünftigerweise wünschen kann, daß er es einem auch tut.
[GEJ.07_094,18] Wenn dich ein armes Kind um
etwas anspricht, so schiebe es nicht von dir, sondern segne es und erquicke
sein Herz, so wirst auch du dereinst im Himmel von Meinen Engeln erquickt
werden! Denn da sage du mit Mir: Lasset die Kleinen alle zu mir kommen und
wehret es ihnen nicht; denn ihrer ist ja eben das Himmelreich! Wahrlich, das
sage Ich euch allen: So ihr in eurem Herzen nicht werdet wie die Kindlein, so
werdet ihr nicht zu Mir in Mein Reich kommen! Denn Ich sage es euch, daß das
Himmelreich eben vor allem ihrer ist.“
[GEJ.07_094,19] Ich weiß aber, daß bei euch
eine böse Sitte besteht, durch die ganz arme Kinder oft sehr böse gemartert
werden im geheimen, so daß aus ihrem Munde infolge solcher Marterei ein böser
und giftvoller Geifer zu fließen beginnt, aus dem eure argen Priester und
Magier ein böses Gift bereiten. Und, Freund, so etwas geschieht heutzutage noch
in Rom! Wo aber noch solche Greuel mit allem Gleichmute begangen werden können,
da ist noch die volle Hölle sehr tätig, und von Meiner Gnade findet sich da
wenig vor. Weise und gerechte Richter sollten daher solch einem
himmelschreienden Unfuge wohl schon lange auf das entschiedenste gesteuert
haben; aber es ist in dieser Hinsicht noch wenig oder nichts geschehen.
[GEJ.07_094,20] Ich sage es euch: Ich werde
den mit zornigen Augen ansehen, der solchen Unfug an den Tieren tun würde; denn
auch die Tiere sind Meine Geschöpfe und haben Leben und Empfindung, und der
vernünftige Mensch soll mit ihnen keinen Mutwillen treiben. Um wie endlos höher
aber steht selbst das ärmste Kind denn alle Tiere der Erde! Wer demnach an
einem Kinde solche Taten verübt, der ist ein Teufel und ist verflucht!
[GEJ.07_094,21] Ich könnte dir noch eine
Menge solcher eurer bösesten römischen Eigentümlichkeiten aufzählen, die euch
nicht unbekannt sind und bei euch geheim gegen Entrichtung eines gewissen
Tributes geduldet werden; aber eure Sache sei es, derlei allergottloseste
Mißbräuche abzuschaffen. So ihr dazu einen ernsten Willen haben werdet, wird es
euch an Meiner Hilfe nie und nimmer mangeln. Aber zuvor müßt ihr das selbst
ganz ernstlichst wollen; denn Mein Wille greift auf dieser Erde, wie Ich euch
das schon hinreichend erklärt habe, niemals dem eines Menschen vor, außer in
einem Gericht, dem aber stets viele Mahnungen vorangehen. Es wird bei euch das
wohl viel Kämpfens benötigen; aber eine gute Sache ist auch allzeit eines
ernsten Kampfes wert. – Hast du Mich in allem verstanden?“
[GEJ.07_094,22] Sagte Agrikola: „Ja, Herr und
Meister, verstanden habe ich das wohl, und es verhält sich die Sache leider
noch zumeist also, wie Du, o Herr, sie soeben beschrieben hast; sie ist aber
von uns besseren Römern schon seit lange her im hohen Grade mißbilligt und
geheim den Priestern untersagt worden, und zwar besonders in den Stücken der
geheimen und bösen Giftmacherei. Aber trotzdem kommen noch immer Fälle vor, und
es läßt sich gegen unser Priestertum wenig Erhebliches unternehmen, weil dieses
das gemeine Volk für sich hat, das es leicht gegen den Kaiser wie auch gegen
uns aufwiegeln kann, wann es nur immer mag und will.
[GEJ.07_094,23] Nun, unsere Stier- und
Tiergefechte lassen sich leichter abbringen, und das Gladiatorentum, das bei
den Altrömern noch sehr gang und gäbe war, ist bei uns schon stark in der
Abnahme, weil sich zu solchen Kämpfen wohl nicht leichtlich jemand mehr
herleihen will. Es geschieht bei großen Festmählern wohl manchmal so etwas,
aber mehr nur so pro forma denn in der alten wirklichen Grausamkeit. Nur die
Stierkämpfe bestehen noch und sind ein Lieblingsspektakel der Römer; aber wir
werden auch da alles aufbieten, daß sie vorderhand wenigstens seltener werden, und
es sollen an ihre Stelle andere die Sitten veredelnde Dinge kommen.
[GEJ.07_094,24] Daß sich derlei alte Übel und
Mißbräuche nicht gleich einem gordischen Knoten mit einem Hiebe zerhauen lassen
und zur Reinigung eines wahren Augiasstalles eine herkulische Kraft
erforderlich ist, das ist etwas ganz Gewisses. Sind wir Römer nun aber schon
auch keine Herkulesse und Alexander mehr, so wollen wir mit der Zeit doch auch
noch etwas zustande bringen. An unserem Ernst und festen Willen soll es keinen
Mangel haben.“
[GEJ.07_094,25] Diese Versicherung gaben auch
die andern Römer, und Ich sagte: „Gut also, und wo ihr euch wahrhaft in Meinem
Namen versammeln werdet, da werde Ich im Geiste unter euch sein und euch alles
Gute und Wahre ausführen helfen! Was Ich aber euch sage, das ist und bleibt
ewig wahr; denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde werden
vergehen, aber Meine Worte und ihre Erfüllung ewig niemals! Darum handelt alle
allzeit in Meinem Namen, und Ich werde euch allzeit helfen und euch das ewige Leben
geben!“
[GEJ.07_094,26] Als Ich solches geredet
hatte, dankten Mir alle für diese trostvollste Verheißung, erhoben dann die
vollen Becher und tranken auf das künftige Wohl aller Menschen und ihrer
Kinder.
95. Kapitel
[GEJ.07_095,01] Es kam aber nun wieder ein
Diener der Herberge und sagte zu Lazarus: „Herr des Hauses, es sind drei Männer
heraufgekommen und möchten mit dir reden! Wer sie sind und was sie wollen, das
weiß ich nicht; aber dem Aussehen nach scheinen sie Morgenländer zu sein.“
[GEJ.07_095,02] Sagte Lazarus: „Hin zu ihnen
gehe ich nicht; aber sie sollen hierher kommen und allda mir ihr Anliegen
vorbringen! Gehe hin, sage ihnen das, und führe sie hierher!“
[GEJ.07_095,03] Da ging der Knecht hin und
sagte den drei Fremden das.
[GEJ.07_095,04] Da entschlossen sich die drei
und kamen mit dem Knechte alsbald bei uns an.
[GEJ.07_095,05] Und Lazarus ging ihnen nach
der Juden Sitte sieben Schritte entgegen und sagte: „Was wünschet ihr, und was
ist euer Anliegen an mich? Denn ich bin der Besitzer dieser Herberge. Redet!“
[GEJ.07_095,06] Sagte einer mit ganz
freundlicher Stimme: „Herr, wir sind drei außerordentliche Magier und sonstige
Künstler aus Indien und möchten hier in dieser Stadt einige Vorstellungen geben
wegen der Gewinnung eines Zehrgeldes, da wir im Sinn haben, noch weiter nach
dem weiten Westen zu ziehen und dort, nahe etwa am Ende der Erde zu erforschen,
den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne. Wir erfuhren aber schon
ferne von hier, daß du einer der reichsten Menschen dieser großen Stadt seist
und dazu ein selten großer Freund alles Großen und Wunderbaren; darum, da man
uns hierher gewiesen hatte, faßten wir denn auch Mut und kamen zu dir herauf,
um dir unser Anliegen vorzutragen. Möchtest du uns nun, nur so zu einer Probe,
hier vor dir und diesen deinen vielen Gästen etliche wunderbare Stücke machen
lassen?“
[GEJ.07_095,07] Sagte Lazarus: „Ja, meine
werten Künstler, das kommt in Gegenwart dieser meiner Gäste nun nicht auf mich
selbst an, sondern vielmehr auf diese überaus hochverehrlichen Gäste! Ich werde
mich zuvor mit ihnen besprechen und euch dann ihren Willen kundtun.“
[GEJ.07_095,08] Damit waren die drei Magier
zufrieden, und Lazarus fragte Mich, was er da tun solle.
[GEJ.07_095,09] Sagte Ich: „So laß sie einige
Proben ihrer Kunst nun machen, auf daß auch die Römer, die an derlei Zaubereien
noch immer etwas Außerordentliches finden, den Unterschied zwischen Meinen
Taten und Zeichen und den Wunderwerken dieser Zauberer so recht handgreiflich
kennenlernen! Denn es wird das zur Kräftigung ihres Glaubens an Mich sehr
vieles bewirken, und sie werden dann auch morgen leichter einsehen und
begreifen, was der wahre Mensch durch die Macht seines Willens alles bewirken
kann, und wie derlei Zaubereien ein pures Garnichts gegen die Werke des Willens
eines wahren Menschen sind. Gehe denn hin und laß sie ihre angetragene Probe
machen!“
[GEJ.07_095,10] Da ging Lazarus die etlichen
Schritte zu ihnen und sagte ihnen das, was Ich zu ihm gesagt hatte, und begab
sich zu Mir zurück.
[GEJ.07_095,11] Da zogen die drei Magier ihre
Zauberstäbe aus ihren weiten Röcken hervor, machten um sich drei Kreise auf der
Erde und dann auch in der Luft. Die Römer waren da ganz Aug und Ohr.
[GEJ.07_095,12] Der erste, als der
Hauptmagier, öffnete nun seinen Mund und sagte mit lauter Stimme: „Sehet, ihr
großen Herren, diese Stäbe bestehen aus dem Wunderholze auf unseren höchsten
Bergen, das aber nur überaus selten wächst! Wer das Glück und die Kenntnis hat,
solch einen Baum zu finden und von ihm dann in einer bestimmten Zeit drei
Zweige zu nehmen, dem ist es dann möglich, durch seinen Willen, so er den Stab
in seiner Hand hält, beinahe alles, was ein Mensch will, zu bewirken, und wir
werden nun sogleich eine Probe davon ablegen.“
[GEJ.07_095,13] Hier zog einer aus seinem
Rocke einen toten Vogel hervor und sagte: „Sehet diesen völlig toten Vogel! Ich
werde ihn nun in kleine Stücke zerreißen, die Stücke darauf zwischen zwei
Steinen möglichst klein zermahlen, dann anzünden und zu Asche verbrennen und
endlich aus der Asche mit diesem Wunderstabe den nun völlig toten Vogel ganz
lebend wieder hervorziehen, und der Vogel wird vor euer aller Augen ganz munter
auf und davon fliegen.“
[GEJ.07_095,14] Hierauf tat der Magier das
Angekündigte. Die beiden Gehilfen machten ein Feuer an, weil sie Phosphor und
auch einige harzige Holzspäne bei sich hatten. Der ganz zerriebene Vogel ward
nun zu Asche verbrannt, und der Hauptmagier beugte sich mit seinem Stabe zur
Erde und fing an, mit dem Stabe unter Hinzumurmelung einiger unverständlicher
Worte die Asche zu rühren, und siehe, es hüpfte bald ein gleicher Vogel am
Boden herum und flog bald auf und davon!
[GEJ.07_095,15] Da fragte der Magier, wie wir
mit diesem Wunder zufrieden wären.
[GEJ.07_095,16] Da sagte ein Römer: „Das war
ja etwas ganz Besonderes! Zeiget uns noch ein Wunder, und wir werden euch dafür
schon zu eurer Zufriedenheit belohnen!“
[GEJ.07_095,17] Sagte der Magier: „Es soll
euer Wunsch alsogleich erfüllt werden!“
[GEJ.07_095,18] Hierauf zog er aus seinem
weiten Rocke ein Bündel ganz vertrocknet aussehender Blumen und sagte: „Wie
dieser Stab ehedem vermochte, einen toten und völlig zerstörten Vogel wieder
völlig lebendig zu machen, also wird er auch diese vertrockneten Blumen alsbald
wieder beleben und also frisch machen, als stünden sie im Garten auf frischer
Erde!“
[GEJ.07_095,19] Darauf hielt er eine Weile
die Blumen in seiner linken Hand und bestrich sie mit dem Stabe, und siehe, die
Blumen bekamen ein ganz frisches Aussehen!
[GEJ.07_095,20] Dann zeigte er, sich besonders
an die Römer wendend, den ganz frischen Blumenstrauß und sagte: „Sehet, durch
die Macht meines Stabes muß sich am Ende alles, was da alt und verwelkt
geworden ist, verjüngen und ein frisches und neues Leben zu atmen anfangen!
Wenn es die hochwertesten Gäste wünschen würden, so würde ich wohl noch ein
Pröbchen von der Macht meines Stabes zeigen können, – doch nur eines noch, weil
ich die großen Wunderstücke nur vor Tausenden von Menschen produzieren kann!“
[GEJ.07_095,21] Sagten die Römer, doch ohne
Agrikola: „Ja, ja, die Sache war auffallend gut, und so magst du uns schon noch
ein drittes Pröbchen zeigen!“
[GEJ.07_095,22] Sagte der Hauptmagier: „Das
freut mich sehr, hier auf diesem schönen Berge so viele Gönner der höheren, bis
jetzt noch völlig unbekannten Magie gefunden zu haben, und ich hoffe, daß die
hohen Herren Gäste auch meine großen Vorstellungen sich ansehen werden. Und so
will ich denn sogleich das dritte Pröbchen liefern.“
[GEJ.07_095,23] Hierauf zog der Magier ein
Stück Brot aus einem Sacke seines Oberrockes und sagte: „Ein jeder von euch
kann sich überzeugen, daß das ein wirkliches Stück Brot ist, und dennoch werde
ich es durch meinen Machtspruch und bloß durch die Berührung mit diesem
Zauberstabe in einen harten Stein verwandeln!“
[GEJ.07_095,24] Sagten einige Römer: „Das
wäre wirklich viel; denn wir sehen es ja ganz genau, wie noch die Brosamen von
dem Stück Brot zur Erde herabfallen. Also mache du nur dein Wunder!“
[GEJ.07_095,25] Hier berührte der Magier mit
seinem Stabe das Brot – das eigentlich schon vorher Stein war, und die Brosamen
wurden nur so nebenbei auf die Erde herabfallen gelassen – und sagte dann:
„Meine hohen Herren, wollet ihr nun das Brot untersuchen, ob es wohl noch Brot
ist?!“
[GEJ.07_095,26] Mit diesen Worten überreichte
er das scheinbare Stück Brot den Römern, die sich darob sehr wunderten, daß das
Stück Brot wirklich zu Stein geworden war. Und sie wollten nun wirklich dem
Magier einen bedeutenden Lohn geben.
[GEJ.07_095,27] Aber Ich winkte dem Raphael,
und er trat zwischen die noch etwas blinden Römer und die drei Magier, hob
seine Rechte auf und sagte: „Nein und nimmermehr soll je ein erwiesener Betrug
belohnt, sondern nur allzeit auf das entschiedenste bestraft werden, weil ein
derartiger Betrug am allermeisten dazu geeignet ist, die Seelen der Menschen
gefangenzunehmen und zu töten! Das waren falsche Wunder, und ihr blinden Heiden
habt von dem Betruge nichts gemerkt. Aber ich will ihn euch gleich zeigen!“
96. Kapitel
[GEJ.07_096,01] Hier waren die Zauberer
gleich entrockt, und es fielen eine Menge Artikel aus ihren vielen Säcken auch
mehrere tote und lebendige Vögel und verdorrte und frische Blumensträuße.
[GEJ.07_096,02] Raphael zeigte den Römern im
Augenblick, wie die indischen Magier ihre Wunder gewirkt hatten, was die Römer
auch gleich einsahen, und sagte: „Und für so einen elenden Betrug wolltet ihr
diese Menschen noch belohnen?!“
[GEJ.07_096,03] Da zogen sich die Römer
zurück, und die Magier sagten: „Ja, junger schönster Freund, besser verstehen
wir es nicht!“
[GEJ.07_096,04] Und Raphael sagte: „So
arbeitet daheim und verdienet euch euer Brot auf eine ehrliche Art und Weise,
aber nicht durch einen so schmählichen Betrug!“
[GEJ.07_096,05] Hier wollten die Magier
gehen, aber der Engel sagte: „Ihr werdet gehen, aber erst dann, wenn es euch
von uns aus gestattet wird, für jetzt aber werde ich mit euch noch so manches
verhandeln. Ziehet eure Röcke wieder an, und dann werden wir weiterreden!“
[GEJ.07_096,06] Hierauf griffen die ganz
verblüfften Magier nach ihren am Boden herumliegenden Röcken und zogen
dieselben wieder an.
[GEJ.07_096,07] Und der Hauptmagier sagte zu
Raphael: „Aber wie kannst du, allerholdester Junge, uns für nichts und wieder
nichts hier vor einer so ehrenvertesten Gesellschaft gar so außerordentlich beschämen?!
Denn wir verlangten für diese drei Stücke ja ohnehin nichts und hätten nur eine
freiwillige Spende mit Dank angenommen. Wir können ja auch noch viel mehr als
diese drei Stücke allein!“
[GEJ.07_096,08] Sagte Raphael: „Was ihr könnet,
weiß ich nur zu gut! Alles ist auf einen feinen Betrug abgesehen, für den ihr
euch noch obendrauf bezahlen laßt, und ihr nennet euch weltberühmt, weil ihr
die feinsten Betrüger seid. Ihr habt aber meines Wissens doch selbst ein
Gesetz, durch das Lüge und Betrug mit scharfen Strafen belegt sind. Und dennoch
lebet ihr nur von dem feinsten und schlechtesten Betrug, weil ihr als Betrüger
noch geachtet und hoch belohnt werdet, während ein anderer Betrüger, so er
entdeckt wird, der gerechten Strafe nicht entgeht, und weil ihr die Seelen der
Menschen verderbet. Denn ihr leistet für das Auge des in eure
Betrugsgeheimnisse nicht eingeweihten Menschen Wunder, weil ihr vorher durch
eure Reden auf eine pomphafte Weise vor den Menschen ankündiget, daß ihr durch
die Macht eures Stabes, Wortes und Willens Wunder wirken werdet.
[GEJ.07_096,09] Was ist aber solch ein Wunder
anderes als ein schmählicher Betrug, der schlechter und ärger ist als ein
anderer, und das darum, weil ein anderer gemeiner Betrug den Betrüger vor den
ehrlichen Menschen verächtlich macht und ihn vors Gericht der Welt setzt,
während eure Betrügereien euch vor den blinden Menschen zu hohen Ehren bringen
und ein göttliches Ansehen verschaffen. Und es hat mit euch schon Fälle
gegeben, wo ihr euch den Menschen als höhere Gottwesen vorgestellt und vom
Volke Opfer und Anbetung angenommen habt; ja man hat euch in eurem Lande sogar
einen Tempel erbaut und euer Bild zur Verehrung und Anbetung darin
aufgerichtet! Ich sage es aber, daß das ein Werk der Hölle und ihrer bösesten
Geister ist und ihr darum mit solchen im wahren Bunde stehet, nicht als hülfen
sie euch eure Trugwunder verrichten, sondern darum, weil ihr das auf Erden
tuet, was sie in der Hölle tun; denn bei den Teufeln ist alles Lüge und Betrug.
[GEJ.07_096,10] Ihr habt eure argen Künste
von den Priestern zwar erlernt, weil ihr selbst eurer schmählichen
Priesterkaste angehöret, und seid als ihre Apostel nun ausgezogen, um dadurch
viele Menschen in eure Schlingen zu ziehen; aber hierher seid ihr vergeblich
gekommen, und es wird euch hier euer böses Handwerk gelegt werden, wofür ich
euch völlig gutstehe.
[GEJ.07_096,11] Ihr habt zwar gleich anfangs
angegeben, daß ihr darum bis in den fernsten Westen ziehet, um dort, als am
Ende der Erde, den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne in der
nächsten Nähe zu beobachten und zu erforschen, und doch ist euch die Gestalt
der Erde nicht fremd; denn es hat bei euch Menschen gegeben, die die Erde gar
wohl erforscht haben und auch ganz gut wußten, was sie von der Sonne, vom
Monde, von den Planeten und Fixsternen zu halten haben. Aber solches habt ihr
dem Volke nie mitgeteilt, sondern ihr habt das Volk noch mit großen Strafen
bedroht, so es je wagte, von den Gestirnen und von der Erde etwas anderes zu
denken, zu reden und zu halten als nur das, was ihr ihm darüber allzeit
vorgelogen habt. Und für solche eure schamlosen Lügen muß euch das arme Volk
noch die größten Opfer bringen und sich von euch noch auf alle mögliche Arten
allergrausamst quälen lassen.
[GEJ.07_096,12] Ist euch das noch nie in den
Sinn gekommen, daß ein solches Handeln an euren Nebenmenschen ein höchstes
Unrecht ist? Ihr verkündiget dem Volke wohl einen allerhöchsten Gott, und auch
einen bösen, der mit dem höchsten, guten Gott in einem beständigen Kampfe
stehe, doch ihr selbst habt noch nie an einen solchen Gott geglaubt, lasset
euch aber doch als förmliche Gottessöhne vom Volke hoch verehren und anbeten!
Was seid ihr denn nun da vor mir für Wesen? Ich sage es euch: Ihr seid um
vieles ärger denn die bösesten Tiere der Erde! Denn diese leben und tun danach,
wie ihre innere Ordnung sie lehrt und zieht; aber ihr als mit aller Vernunft
und klarem Verstande und mit einem vollkommen freien Willen begabte Wesen seid
ärger gegen eure Mitmenschen, als da je die wildesten und reißendsten Tiere
untereinander sind. – Wie gefällt euch das, und was saget ihr nun dazu?“
97. Kapitel
[GEJ.07_097,01] Sagte der Hauptmagier: „O
lieber, holder und sehr weiser Jüngling! Wir stellen dir das ganz und gar nicht
in Abrede, daß sich die Sachen bei uns leider so verhalten; doch wir haben sie
schon also, wie sie sind, gefunden und nicht selbst eingeführt. Wer sie einmal
uranfänglich also erfunden, eingeführt und bestellt hat, der mag alles Unheil
unter uns irgend vor einem wahrhaftigen Gott verantworten! Ich bin als ein
Priesterkind also erzogen und gelehrt worden und kann nicht dafür, daß ich nun
das bin, was ich bin. Bei uns gilt der fromme Betrug als eine vorzügliche
Tugend; denn man braucht den gemeinen Menschen durch allerlei geheime Künste
nur zu einem festen und ungezweifelten Glauben zu bringen – was eben nichts
Schweres ist, wenn man die Sache nur am rechten Orte anfaßt –, und siehe, der
Mensch ist dabei völlig glücklich, lebt in einer bestimmten Ordnung und hat
keine Furcht vor dem Tode des Leibes, weil er an ein Leben nach des Leibes Tode
fest und ungezweifelt glaubt! Man nehme ihm diesen Glauben weg, und er ist im
Augenblicke unglücklicher als jedes noch so verlassene Tier! Bis man aber
imstande wäre, alle Menschen zu lauter Weltweisen zu machen, wäre man zuvor
schon lange ein Opfer der Wut des Volkes. Es ist daher nun vorderhand nichts zu
machen, als die Sache also fortzuführen, wie sie einmal bestellt ist. Soll sie
anders werden, so muß das ein allmächtiger Gott tun; wir Menschen sind zu
schwach dazu.
[GEJ.07_097,02] Ich bin mit meiner
Wissenschaft und Kunst schon weit in der Welt herumgekommen, war sogar im
großen Reiche über der großen Weltmauer, habe aber nirgends Menschen
angetroffen, bei denen die gewisse klare Weltweisheit allgemein daheim wäre.
Sie ist gewöhnlich nur ein Gut des Priesterstandes; das Volk aber lebt ruhig
und zufrieden und das infolge des blinden Glaubens, den es von den Priestern
überkommt. Und es ist dies sicher das beste Mittel, ein Volk in einer gewissen
Ordnung zu erhalten und zur fleißigen Bebauung der Erde anzuhalten.
[GEJ.07_097,03] Daß er lebt und auch sicher
sterben wird, das weiß der Mensch; so ein Mensch aber gesund und wohlversorgt
lebt, so lebt er auch gern und ist von Natur aus ein Feind des Sterbens und des
Todes und hat somit stets eine große Furcht vor dem Tode. Diese beständige
Furcht würde den Menschen bald derart übermannen, daß er zu einer jeden Arbeit
und auch für eine geistige Bildung gänzlich unfähig werden müßte, und er müßte
auch ein größter Feind des Lebens werden, – wie es bei uns auch ein solches
Volk gibt, das sein Leben verflucht und keine Kinder zeugt, um keine
unglücklichen Wesen in diese Welt zu setzen. Es vermehrt sich nur durch
Zuwanderungen von außen her, mit Ausnahme der Weiber, die darum unter diesem
Volke nicht anzutreffen sind. Aber es erscheint der sich selbst über alles
verleugnende Priesterstand, lehrt den Menschen irgend unsichtbare mächtige
Götter und ihre Kräfte kennen und führt sich als ein selbstmächtiger Sendling
und Diener der Götter dem Volke dadurch vor, daß er vor des Volkes Augen Wunder
wirkt und vor seinen Ohren weise spricht.
[GEJ.07_097,04] Die Wunderwerke sind die
Zeugen seines Wortes. Das Volk glaubt, weil es mit seinen Augen selbst die
Bestätigung gesehen hat, und wird glücklich, weil sein Glaube dem Tod alle
Schrecken einer ewigen Vernichtung dadurch benommen hat, daß er ihm die sichere
und von niemand mehr bezweifelte Aussicht auf ein besseres und ewiges Leben
nach des Leibes Tode gegeben hat.
[GEJ.07_097,05] Und siehe, das ist die Frucht
des nie genug zu achtenden Priesterstandes, der für sich zwar leider in der
stets traurigen Erkenntnis ist, daß der Tod des Leibes des Menschen wie des
Tieres und der Pflanze Letztes ist. Damit aber der Priester beim Volke stets
den Glauben aufrechterhält, so darf das Volk in die inneren Geheimnisse des
Priesters nie nur im entferntesten eingeweiht werden, sondern es muß in dem
Priester stets ein höheres Wesen erschauen, dessen Weisheit und Macht des
Menschen fromme Seele erst nach dem Tode erkennen wird; denn würde sie das im
Leben des Leibes, so wäre das ihr Tod. Das glauben die Menschen auch, halten
des Priesters Weisheit und Macht für heilig und führen dabei ein ruhiges,
ordentliches und möglichst glückliches Leben. Aus diesem Grunde werden bei uns
denn auch die außerpriesterlichen Wundertäter stets hart verfolgt und als von
einem bösen Wesen abgesandte Verführer des glücklichen Volkes mit harten und
schweren Strafen belegt. Denn es ist sicher besser, daß da einer leidet des
Volkes wegen, als daß das ganze Volk am Ende eines mutwilligen Menschen wegen
leiden soll.
[GEJ.07_097,06] Es gibt aber schon auch unter
uns Priestern welche, die gewisse faktische Beweise von einem Fortleben der
Seele nach dem Tode haben; aber solche Beweise taugen nicht für ein allgemeines
großes Volk, sondern nur für wenige, die in die innersten Lebensmysterien tief
eingeweiht sind.
[GEJ.07_097,07] Für das allgemeine, rohe,
aber dafür glaubensstarke Volk taugen nur erschauliche Beweise mit möglichst
großem und mysteriösem Gepränge. Diese schaut das Volk mit großen Augen voll
des höchsten Staunens und voll der tiefsten Erbauung an, – glaubt, opfert und
arbeitet dann mit Freude. Und das alles ist wahrlich nicht so schlecht, wie du,
mein holder junger Freund, es mir ehedem in scharfen Worten dargestellt hast,
und ich ersuche dich nun, mir darüber dein Urteil preiszugeben!“
98. Kapitel
[GEJ.07_098,01] Sagte unser Raphael: „Sollst
in deiner grobirdisch-materiellen Weise recht haben; denn auf große und vielen
Lärm und ein großes Getöse machende Spektakel werden sogar die Tiere der Wälder
aufmerksam und ergreifen vor Angst die Flucht. Also müssen eure großen
Zauberspektakel auf euer Volk um so mehr einwirken, weil das Volk eure Sprache
und eure Predigt versteht; denn könnten eure Menschen nicht selbst reden und
somit auch nicht eure trügerischen Reden verstehen, so würden sie bei euren
angeblich gottesdienstlichen Großpompzauberhandlungen offenbar den Tieren
gleich die Flucht ergreifen und sich vor Furcht und großer Angst in die Höhlen,
Klüfte und Löcher der Erde verkriechen. Aber ich sage dir noch einmal, daß ihr
nach eurer blinden Idee für euch recht haben sollet.
[GEJ.07_098,02] Aber wozu reiset ihr aus
eurem Lande und machet uns sicher geweckteren Menschen eure nichtssagenden
Wunder und Trugkünste vor? Was wollt ihr damit denn bei uns erreichen? Sollen
etwa am Ende auch wir euch für mächtige Mittler zwischen Gott und den Menschen
ansehen und glauben, daß ihr wahrhaftig Götter seid?! Daheim in eurem Lande,
das groß genug ist, könnet ihr ja ohnehin tun, was ihr wollet, und könnet euch
von euren blinden Völkern anbeten lassen; doch was treibt euch zu uns her, was
wollet ihr hier mit euren Trugkünsten erreichen? Des Goldes, des Silbers, der
Perlen und der Edelsteine wegen seid ihr nicht zu uns gekommen; denn an solchen
Schätzen habt ihr ohnehin den größten Überfluß. Wollet ihr etwa auch uns für
euch bekehren und uns glauben machen, daß ihr wahrhaftige Boten Gottes seid?
Ja, ja, seht, das ist euer geheimer Plan, da euch die ganze Erde sicher sehr
viel lieber wäre als euer Indien allein! Aber ich sage es euch, daß ihr da bei
uns mit solch eurer geheimen Absicht niemals durchdringen, sondern nur bald arg
zum Teile kommen werdet. Darum reiset für diesmal noch ungestraft in euer Land
zurück, und waget es nie wieder, in solcher eurer Absicht zu uns zu kommen, und
treibet eure Sache aber auch daheim nicht zu bunt, sonst könnte unser allein
wahrer, ewiger Gott und Vater über euch Seine Geduld und Langmut verlieren und
euch züchtigen in Seinem gerechten Zorne! – Hast du, toller Zauberer, mich
verstanden?“
[GEJ.07_098,03] Sagte der Magier: „Holder,
weiser Jüngling! Wir erkennen es ja an, daß du in allem recht hast, und daß wir
Indier sehr im Finstern wandeln; aber wir sind dabei dennoch ein ganz
glückliches Volk, da wir alles haben, was die Menschen auf dieser Erde
glücklich machen kann. Das Volk genießt durch seinen festen Glauben noch das
Gute, daß es keinen Tod vor sich hat und ihn somit auch nicht fürchtet. Es
fürchtet nur einen ihm verkündeten höchst unglückseligen Zustand der Seele nach
dem Tode des Leibes, so es denselben durch die Nichthaltung der Gesetze
verdient hat. Daß aber das Volk das glaubt und solch einen Zustand nach dem
Tode fürchtet, das beweisen die außerordentlichen Bußwerke des indischen
Volkes, die es für seine allfälligen Sünden verrichtet.
[GEJ.07_098,04] Das Volk ist demnach ganz
glücklich, wenn es nur die vorgeschriebenen Gesetze beachtet. Wenn aber nach
unserem guten Wissen und Gewissen das Volk naturmäßig und seelisch glücklich
ist und unsere Trugkünste eben dazu alles beitragen, so kann uns darum
irgendein wahrhaftiger, großer, weisester und allmächtiger Gott nicht gram
werden und seinen Zorn über uns kommen lassen; denn er kann ja doch nimmer
wollen, daß die Menschen auf dieser Erde so unglücklich wie möglich leben
sollen. Sollte ihm aber die Art und Weise nicht recht und angenehm sein, wie
wir durch unsere Klugheit und durch unser Geschick das ganze große Volk
glücklich machen – und das für alle Zeiten dauernd –, so wird es ihm doch nicht
unmöglich sein, uns seinen Willen dahin kundzutun, wie er das indische Volk
geleitet und geführt haben will.
[GEJ.07_098,05] Daß wir zuweilen aber auch
andere Länder bereisen, das hat für uns einen mehrfachen guten Zweck. Um Gold
und andere Schätze zu gewinnen, reisen wir sicher nicht, da wir daheim mit
goldenen Pflügen unsere Äcker bebauen! Uns wäre euer Eisen um vieles wertvoller
denn unser vieles Gold. Uns treibt auch nicht eine gewisse Produktionsgier nach
auswärts; denn wir haben daheim der Verehrer in größter Anzahl. Also wollen wir
auch in fremden Ländern für unsere Götterlehre niemanden gewinnen; denn wir
reisen nie als Priester, sondern nur als Magier und Weise aus dem fernen
Morgenlande. Aber da wir selbst geheim bei uns am allerbesten fühlen, wo es uns
fehlt, so suchen wir in fremden Ländern eben das uns Priestern selbst Fehlende.
[GEJ.07_098,06] Wir ahnen es wohl, daß es
irgendeinen allweisesten und allmächtigen Gott geben muß, durch dessen Willen
alles, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen, erschaffen oder gemacht worden
ist. Ja wir haben sogar durch unsere alten Weisen erfahren, daß im fernen
Westen, der die Sonne, den Mond und alle die Sterne aufnähme, sich ein Volk
befindet, welches allein mit dem einen, wahren Gott in steter Verbindung stehe,
Ihn daher wohl kenne und uns von Ihm sicher etwas Näheres sagen könnte und
würde. Wir aber sind nun mit unserer verborgenen Absicht schon sehr weit nach
Westen vorgedrungen, aber das gewisse glücklichste Volk der Erde haben wir noch
nicht gefunden. Wir fanden, daß wir selbst mit unserer Ahnung, daß es einen
Gott geben müsse, und mit unseren Trugkünsten, wie du, holder Junge, sie
nanntest, noch immer besser daran sind als alle die Weisen der vielen Länder,
die wir schon durchzogen haben.
[GEJ.07_098,07] Mein holdester Junge, ich
gestehe es dir ganz offen, daß wir unter allen den tausend und abermals tausend
Weisen, mit denen wir schon verkehrt haben, noch keinen weiseren angetroffen
haben, als wie du da bist. Dir muten wir es zu, daß du von dem allein wahren
Gott eine rechte Kenntnis hast, und es wäre uns darum höchst angenehm, so wir
uns mit dir näher besprechen könnten; denn du warst bis jetzt noch der einzige,
der unsere Wunder als das erkannt hat, was sie im Grunde auch sind. Du hast uns
in deinem jugendlichen Eifer freilich scharf zugesetzt und hattest auch ein
volles Recht dazu; aber wir haben durch unsere gewirkten drei Zeichen, mit
denen wir eine Probe vor euren Augen machten und derentwegen du uns arge
Betrüger gescholten hast, dennoch unseren geheimgehaltenen Zweck erreicht, und
so waren denn auch unsere falschen Wunder am Ende doch für etwas gut.
[GEJ.07_098,08] Sollten wir hier in dir das
lange und mühsam Gesuchte gefunden haben, so geben wir dir die vollste
Versicherung, daß wir in einem fremden Lande keine falschen Wunder mehr wirken
werden. Sollte aber das bei dir auch noch nicht der Fall sein, so werden wir
wieder auf die uns eigene Art das uns Verborgene irgend weiter zu suchen
bemüßigt sein, und wir meinen, daß uns da niemand sagen kann, daß wir unrecht
handeln. Falsch sind wir nicht, aber klug, und es liegt in unserer Art und
Weise, daß wir das, was wir suchen, zumeist auch finden, wenn es überhaupt
irgend zu finden ist. Holder, weiser Jüngling, sei uns nun nicht gram und
gestatte uns, daß wir dich morgen wieder, aber nicht mehr als Magier, sondern
als Gottsucher besuchen dürfen!“
99. Kapitel
[GEJ.07_099,01] Sagte Raphael: „Ich bin euch
nicht gram, da ich es wohl weiß, wie ihr beschaffen seid; aber das sage ich
euch, und das merket euch wohl, daß Gott in Sich die ewige Wahrheit und
Weisheit Selbst ist und Sich darum nie durch irgendeine Trugkunst finden und
begreifen läßt; denn Gott ist heilig. Ein Trug aber – wie immer geartet er auch
sein mag, und aus welchen Beweggründen er auch verübt wird – ist in sich
unheilig, darum verdammlich und eines heiligsten Gottes höchst unwürdig.
[GEJ.07_099,02] Wer Gott als die höchste
Wahrheit suchen und finden will, der muß Ihn in aller Demut und Wahrheit des
Herzens suchen und wird Ihn also auch finden; aber mit allerlei Lüge und Trug
läßt Sich Gott wohl nimmerdar finden!
[GEJ.07_099,03] Ihr habet aber ja selbst auch
solche altverborgene Weise in eurem Lande, die ihr Pirmanji nennt. Diese kennen
auch noch den einen, wahren Gott. Warum wollet ihr euch denn von ihnen nicht
über Gott belehren lassen?“
[GEJ.07_099,04] Sagte der erste Magier: „Wir
wissen das wohl, daß sie eine tiefere Kenntnis besitzen; aber wer kann zu ihnen
kommen? Sie bewohnen solche Gegenden, die nur den Adlern, aber sonst keinem
Sterblichen zugänglich sind. Wir wissen von ihnen nur so viel, daß sie irgend
in den Hochgebirgstälern ihren Aufenthalt haben; aber wo, das ist eine andere
Frage.
[GEJ.07_099,05] Wir haben wohl schon welche
persönlich kennengelernt und auch mit ihnen gesprochen; aber es war aus ihnen
mit aller unserer Klugheit nichts herauszubringen. Wir erkannten sie aber
dadurch, daß sie uns alles genau kundgaben, was sich seit unseren Kinderjahren
mit uns zugetragen hatte, und sie sagten uns auch zum voraus, was sich mit uns
noch zutragen werde, und das geschah schon vor zehn Jahren. Und siehe, alles
das uns von ihnen Vorausgesagte ist bis jetzt auf ein Haar eingetroffen!
[GEJ.07_099,06] Als wir aber mit ihnen über
das Dasein irgendeines wahren Gottes zu reden anfingen, da wichen sie ab und
gaben uns keine irgend bestimmte Antwort. Wir drangen darauf mit großem Ernste
in sie und gaben ihnen zu verstehen, daß sie sich in unserer Gewalt befänden.
[GEJ.07_099,07] Da sagten sie: ,Wir befinden
uns aber in der Gewalt des einen, wahren Gottes, und über der stehet keine
Gewalt dieser Welt!‘
[GEJ.07_099,08] Darauf verließen sie uns
plötzlich und verschwanden ordentlich vor unseren offenen Augen. Wir haben dabei
wohl das gewonnen, daß wir wenigstens eine stärkere Ahnung vom Dasein eines
wahren Gottes erhielten, doch von irgendeinem helleren Begriff über Ihn konnte
da keine Rede sein.
[GEJ.07_099,09] Wie es aber uns geht, so geht
es auch unserem Oberpriester; denn er weiß ebensoviel wie wir. Darum aber
sendet er auch beinahe alle Jahre einige der tüchtigsten Unterpriester in alle
Welt hinaus, damit sie irgendeine haltbare Kunde von dem einen, wahren Gott
erhalten könnten, von dem es in unserem alten Buche heißt: Ja seam zkrit (Ich
bin verborgen). Aber wo? Darin liegt eben der ewig fatale Grund, daß wir den
Verborgenen gleichweg suchen und nirgends finden. Unser Volk hat es leicht,
denn das glaubt unbezweifelt fest, daß Er auf unserem hohen, unersteigbaren und
heiligen Berge, und das in dem goldenen Palaste, verborgen sei, und es wird das
Volk in solchem Glauben auch stets durch unsere Wunderwerke bestärkt; aber wo
ist der eine, wahre Gott für uns selbst verborgen? Das ist eine andere Frage!
[GEJ.07_099,10] Wir suchten Ihn schon in
allen Winkeln und Schluchten der Erde, die uns nur irgend zugänglich waren,
fanden vieles und Seltsames, aber den Verborgenen fanden wir bis zur Stunde
noch nicht. Und dennoch sieht es auf der Erde, in der Luft und auch unter den
Sternen aus wie in einem Hause, dessen Einrichtung augenscheinlich zeigt, daß
es einen höchst guten und weisheitsvollen Hausvater hat. So man aber nach ihm
fragt und ihn selbst näher kennenlernen möchte, so ist er nie da, und es kann
sich niemand rühmen, ihn je gesehen und gesprochen zu haben. Und doch muß er
irgendwo sein und für die Ordnung seines Hauses sorgen. – Und, du junger,
weiser Freund, nun erst sind wir an dem rechten Punkte angelangt!
[GEJ.07_099,11] Es ist eben nichts besonders
Schweres, einem Menschen oder auch mit der Zeit einem ganzen Volke in seiner
Not ein Tröster mit ganz ernstem Gesichte zu sein und dabei aber selbst dennoch
jedes Trostes für immer bis zum letzten Atemzuge zu entbehren. Und so kann es
uns wahrlich kein Gott verargen – so irgendwo Einer ist –, daß wir altbewährten
Völkertröster am Ende auch für uns einen wahren Trost suchen, der von uns schon
durch undenkliche Zeiten dem armen, blinden Volke gewährt wurde. Daß wir diesen
Trost für uns nach deiner Rede sicher wohl mit den unfruchtbarsten Mitteln
suchen, das bezweifeln wir gar nicht; aber wo stehen die eigentlichen und
wahren Mittel angezeigt?
[GEJ.07_099,12] Du hast uns nun freilich wohl
angezeigt, daß Gott als die ewige Urwahrheit Sich nur wieder durch die Wahrheit
finden läßt. Das, unser holdester Freund, ist ganz gut und ganz wunderschön
gesagt; aber was ist die Wahrheit, und wo finden wir sie in dieser Welt?!
Glücklich der seltene Mensch, der von solch einer Wahrheit nur eine Ahnung hat;
aber wo ist der, der sie im Vollmaße sein eigen nennen kann?! Oh, sage uns den
Menschen an, und wir wollen ihn bis ans Ende der Welt verfolgen und ihm alle
Schätze unseres übergroßen Reiches anbieten, daß er uns einen Teil von seinem
geistigen Schatze mitteile!
[GEJ.07_099,13] Du kannst aber nun von uns
denken, was du nur immer willst; aber das sage ich dir nun ganz offen und frei
ohne allen Rückhalt – sogar auf die Gefahr hin, daß du selbst eben der
Verborgene wärest, den wir schon so lange suchen –, daß am Ende der Mensch, der
mit allen Mitteln, die er nur irgend ausfindig machen kann und mag, und dazu
mit allen möglichen Lebensbeschwerden, die es nur auf der Welt geben kann, die
Wahrheit beharrlich sucht, am Ende ebensoviel und vielleicht noch mehr wert ist
als ein so glücklicher Mensch, der die Wahrheit durch irgendein unberechenbares
Ungefähr gefunden hat und sie dann seinen armen Nebenmenschen, die die Wahrheit
suchen, hartnäckig vorenthält und sie geistig hungrig und durstig weiterziehen
läßt, während er sie vielleicht mit wenigen Worten für Jahrtausende vollauf
hätte sättigen können. Ja, ich sage dir aber noch mehr:
[GEJ.07_099,14] Wir haben eben darum den
größten Zweifel am Dasein eines einigen, wahren Gottes, weil wir Ihn schon so
lange suchen und Er Sich von uns noch immer so wie vor Jahrtausenden suchen
läßt. Was wohl könnet ihr im Grunde vor uns voraushaben darum, weil Sich der
wahre, einige Gott etwa von euch hat finden lassen? Wer weiß es denn, ob du Ihn
je emsiger gesucht hast als wir?
[GEJ.07_099,15] Ja, Freund, mit uns Indiern
ist in dieser Hinsicht wohl ein wenig schwer zu reden; denn wir sind keine
Menschen von heute bis morgen, sondern wie wir nun sind, so sind wir schon vor
undenklichen Zeiten gewesen. Daß wir noch immer auf dem alten Flecke stehen und
vielleicht noch Tausende von Jahren auf demselben Flecke stehenbleiben werden,
das wissen wir, wenigstens für die Zukunft, nicht ganz bestimmt. Doch sei ihm
da nun, wie ihm wolle, – die Schuld daran kann wahrlich nicht auf unsere
Schultern geladen werden!
[GEJ.07_099,16] Oder du hast irgendeinen
großen Schatz versteckt und sagst dann zu deinen Dienern: ,Gehet hin und
bringet mir den verborgenen Schatz wieder! Findet ihr ihn, so soll euer Lohn
groß sein; findet ihr ihn aber, sogar mit verbundenen Augen auch noch dazu,
nicht, so sollet ihr dafür ewig bestraft werden!‘ Oh, das wäre wahrlich eine
Gerechtigkeit, wie man eine gleiche kaum unter unseren Tigern und Hyänen suchen
dürfte!
[GEJ.07_099,17] Wenn es einen Gott voll
Weisheit und Güte geben soll, der das von uns ohnmächtigen Würmern dieser Erde
verlangen sollte, dann wäre es für den Menschen um ein endloses besser, nie
erschaffen worden zu sein. Wenn mich jemand um einen Weg nach irgendeinem
unbekannten Orte fragt, so ist es meine heiligste Pflicht, ihm einen gefälligen
Wegweiser zu machen, – und ich habe solches noch nie einem Menschen
vorenthalten, wenn ich nur in der Lage war, ihm einen Wegweiser machen zu
können.
[GEJ.07_099,18] So wir aber Gott und Seine
Wahrheit mit allem Eifer und mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln suchen
und in einem fort laut in uns rufen: ,Gott, Schöpfer und Herr, wo bist Du,
Verborgener?‘, und Er würdigt uns keiner noch so geringen Antwort, so sind da
drei Fälle möglich: Entweder besteht Er ganz und gar nicht, und alles besteht
da ewig nach einer Norm, die sich in der Natur von selbst zufällig gebildet und
nachher geordnet hat, oder Gott ist einer, der Sich nur um endlos große Dinge
kümmert, oder Gott ist so ein taubes und hartherziges Wesen, daß Ihm die
Menschen gerade das sind, was uns die Milben an einem Blatte sind und die
zahllosen Mücken in der Luft.
[GEJ.07_099,19] Und, Freund, unter diesen
drei nun ausgesprochenen Fällen ist uns ein Gott völlig entbehrlich; denn da
nützet Er den Tieren mehr denn uns armseligsten, mit Vernunft und Verstand
begabten Menschen! Merkwürdig bleibt es aber immer, daß Er irgendwo sein soll,
Sich aber von uns dennoch nicht finden läßt.
[GEJ.07_099,20] Was sagst du nun zu diesen
meinen wahren Worten? Denn ich zeigte dir nun, wie und warum wir mit Grund an
dem Dasein eines wahren Gottes zweifeln. So du willst, da magst du nun wieder
reden!“
100. Kapitel
[GEJ.07_100,01] Sagte Raphael: „Seht, nun
erst habt ihr die volle Wahrheit geredet und habt Gott als die ewige Wahrheit
mit der vollen Wahrheit gesucht, und ich kann euch nun schon sagen, daß ihr Ihm
noch nie so nahe gekommen seid wie eben jetzt! Aber es ist noch so manches in
euch, das zur völligen Auffindung des einen, wahren Gottes nicht taugt, und
solange ihr diesen schwarzen Fleck in euch nicht merket und findet und ihn nicht
aus euch schaffet, könnet ihr den Verborgenen noch immer nicht finden, so nahe
Er euch auch ist.“
[GEJ.07_100,02] Sagt der Magier: „Und dieser
schwarze Fleck wäre?“
[GEJ.07_100,03] Sagt Raphael: „Das ist euer
priesterlicher Hochmut. Denn wehe dem, der euch aus dem Volke begegnet und euch
etwa möglicherweise unversehens gar nicht grüßte, da ihr ihn bemerkt habt. Es
wird ihm das gleich als ein großes Verbrechen angerechnet, und er muß sich
darum einer starken Buße unterwerfen, die entweder in einer starken und oft
ganz schaudererregenden Leibeskasteiung oder bei einem Reichen in anderen
großen Opfern besteht, die bei euch nicht selten ins Fabelhafte gehen! Und
sehet, das ist ein gar grober schwarzer Fleck! Solange der bei euch gang und
gäbe ist und bleibt, wird Sich Gott von euch nicht finden lassen: denn Gott
können nur jene Menschen finden, die Ihm in ihrer Seele ähnlich zu werden
trachten oder Ihm schon mehr und mehr ähnlich sind.
[GEJ.07_100,04] Gott ähnlich werden aber
heißt: Werdet voll Liebe gegen eure Nebenmenschen, und euer Herz sei voll
Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung gegen jedermann, so wird Sich Gott auch
euer erbarmen und Sich von euch finden lassen im Geiste Seiner Liebe und der
ewigen Wahrheit.
[GEJ.07_100,05] So ihr Gott nur in und mit der
alleinigen Wahrheit suchet, da werdet ihr Ihm wohl nahekommen, aber Sein
eigentliches Wesen doch nicht erschauen und noch weniger je begreifen; suchet
ihr Gott aber in der reinen Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, so
werdet ihr Gott finden, Ihn erkennen und das ewige Leben eurer Seelen ernten.
[GEJ.07_100,06] Es war in diesem Lande und
unter diesem Volke einmal ein großer Prophet, voll des Geistes aus Gott. Licht
und Wahrheit waren seine Wege, und Gotteskraft lag in jedem seiner Worte. Durch
besondere Fügungen Gottes mußte er einmal in ein fernes Land fliehen, weil ihm
die Menschen im eigenen Lande nach dem Leben strebten. Im fremden Lande mußte
er eines hohen Berges Höhle, die ihn vor den Blicken der Menschen verbarg,
bewohnen. Als er schon eine geraume Zeit die Höhle bewohnte, in der er sich von
allerlei Wurzeln ernährte, betete er zu Gott, daß Er Sich ihm nur ein einziges
Mal zeigen möchte, dann wolle er mit Freuden sterben in des Berges Höhle.
[GEJ.07_100,07] Da vernahm er eine Stimme,
die zu ihm sagte: ,So stelle dich an die Öffnung der Höhle, denn Ich werde vor
derselben vorüberziehen!‘
[GEJ.07_100,08] Da ging der Prophet an die
Öffnung der Höhle und harrte, daß Gott vorüberzöge. Und siehe, als der Prophet
also harrte, da kam ein gar gewaltiger Sturm und zog so mächtig an der Höhle
vorüber, daß ganze Felsenmassen vor ihm hinstoben wie leichte Spreu!
[GEJ.07_100,09] Da meinte der Prophet: ,Ah,
das war also Gott! Also im gewaltigen Sturme ist Gott und gibt Sich also den
Menschen zu erkennen?!‘
[GEJ.07_100,10] Aber sogleich sagte eine
Stimme zu ihm: ,Du irrst dich! Im Sturme war Gott nicht. Harre nur, und Gott
wird vorüberziehen!‘
[GEJ.07_100,11] Da harrte der Prophet. Und siehe,
alsbald nach dem Sturm zog eine gar gewaltige Flammensäule, also ein mächtiges
Feuer, vorüber, und der Prophet sagte: ,Also im Feuer offenbarest Du, Gott,
Dich uns Menschen?!‘
[GEJ.07_100,12] Und abermals sprach eine
helle Stimme: ,Nein, auch im Feuer zog Gott nicht vor deiner Höhle vorüber!
Aber harre! Nun erst wird Gott vorüberziehen!‘
[GEJ.07_100,13] Und der Prophet harrte mit
Angst und großem Zittern. Als er also harrte, da zog ein gar sanftes Säuseln an
der Höhle vorüber, und in diesem sanften Säuseln war Gott.
[GEJ.07_100,14] Und es sprach die Stimme
abermals: ,Wer Gott schauen will, der suche Ihn in der Liebe, Demut, Sanftmut,
Geduld und Erbarmung; wer Ihn aber anderswo und durch andere Mittel und auf
anderen Wegen sucht, der findet Gott nicht!‘
[GEJ.07_100,15] Und sehet nun, was jene
Stimme dem großen Propheten in jener Höhle sagte, das sagte ich euch nun auch,
und ich habe euch den rechten Weg gezeigt! Wollet ihr den einen, wahren Gott
auf diesem Wege suchen, so werdet ihr Ihn auch finden, aber auf euren Wegen
nimmer. Das sage ich euch! – Habt ihr das verstanden?“
101. Kapitel
[GEJ.07_101,01] Sagte darauf der Magier: „Ja,
du holder und mir ganz unbegreiflich weiser junger Freund! Du zählst noch kaum
sechzehn Jahre, wie kam es denn, daß du in solcher Jugend schon so weise
geworden bist, wie weise mir noch nie ein Mann von ernsten Jahren untergekommen
ist? Wo bist du wohl in die Schule gegangen, und wer war dein Meister?“
[GEJ.07_101,02] Sagte Raphael: „Das lehrt
kein Meister in irgendeiner Schule der Welt, sondern das lehrt Gottes Geist
jenen Menschen, der Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst.
Ihr saget wohl auch, daß ihr aus Liebe euer Volk belüget und betrüget und ihm
dadurch eine große Wohltat erweiset, ohne die es nach eurer Meinung verzweifeln
müßte; aber ich sage euch, daß ihr da in einer großen Irre seid. Es gibt unter
eurem Volke schon gar viele von Gott erhellte Menschen, die im Herzen auf euch
nicht um ein Haar mehr halten als ich. Aber sie haben eine große Furcht vor
euren Straf- und Bußgerichten und tun darum äußerlich noch, als hielten sie
große Stücke auf euch; aber in ihrem Innern verachten sie euch mehr als den Tod
selbst und haben auch ihren Grund dazu. Würdet ihr aber gar bald anfangen, von
euren vielen Dummheiten und leeren Grausamkeiten eine nach der andern
auszulassen und an ihre Stelle das zu setzen, was ich euch gesagt habe, so
würde euch das Volk mehr loben und achten denn jetzt.“
[GEJ.07_101,03] Sagte der Magier: „Ja, ja, du
hast da ganz recht, wenn es bloß auf uns ankäme; denn wir Jünger der
Zientu-Viesta (reinen Gesichte) und des Zan-skrit sind im Grunde gar so grausam
nicht und haben viel Mitleid mit den Menschen. Aber die Jünger des ganz
erbärmlichen Zou rou az to (Warum wühlest du?), der die Gottheit in das Feuer
versetzte, sind eigentlich in ihren Lehren, Sitten und Gebräuchen voll von
allen möglichen Grausamkeiten gegen ihr Volk. Wir haben sie wohl bis an die
Küsten des großen Meeres verdrängt; aber ganz aufreiben konnten wir sie nicht.
Und weil sie unser Oberpriestertum doch auch teilweise beibehielten und sich
uns unterstellten, so wurden sie von uns geduldet, aber nie als gerechtfertigt
angesehen. Was sonach unsere hochindischen Völker anbelangt, so wären sie nach
und nach schon zu etwas Besserem zu bringen, aber die Küstenbewohner und
Bekenner der Wühler schwerlich, weil sie zu wahngläubig geworden sind.
[GEJ.07_101,04] Wir, die wir hier von dir die
reine Wahrheit vernommen haben, werden schon alles aufbieten, um diese Wahrheit
auch den anderen Menschen nach und nach zukommen zu lassen; aber freilich
müssen wir die volle Wahrheit deiner uns gegebenen Lehre vorerst an uns selbst
erproben. Bewährt sich das alles an uns, so wird es dann an unserem Eifer
keinen Mangel haben; sollte sich aber wider unser Erwarten deine Lehre an uns
nicht tatsächlich bewähren, so werden wir dich zwar immer in hohen Ehren halten
und uns denken, daß wir der Verwirklichung dessen, was du uns gewisserart
verheißen hast, noch lange nicht würdig sind; aber an dem bisher noch immer
ruhigen Volksglauben werden wir nicht zu rütteln anfangen.
[GEJ.07_101,05] Haben wir aber irgendeine nur
einigermaßen haltbare Spur des einen, wahren Gottes gefunden, so werden wir
sehr eifrig bemüht sein, das auch auf eine geeignete Weise vorderhand wenigstens
dem besseren und helleren Teile des Volkes mitzuteilen. Und so hätten wir nun
diese Sache so gut als nur immer möglich in aller Kürze abgemacht, und du,
junger, holdester Weiser, nimm für deine ernste Mühe unseren vollsten Dank an
und laß uns das geheiligte Andenken an dich und an diese Stunde treuest in
unseren Herzen bewahren! Es soll das unser steter Tröster auf allen unseren
weiten und mühevollen Lebenswegen sein!
[GEJ.07_101,06] Du aber, der du das
unaussprechliche Glück hast, schon in deiner so frühen Jugend den allein wahren
Gott und die Unsterblichkeit erkannt zu haben, gedenke dann auch unserer
geistigen Armut, wenn du vor deinem heiligen und ewigen Schöpfer stehen wirst!
Bitte Ihn für uns, daß Er auch uns armen Indiern das wahre Licht des Lebens
unserer Seelen möchte zukommen lassen und möchte auch uns Seinen heiligen
Willen bekanntgeben!“
102. Kapitel
[GEJ.07_102,01] Bei dieser Abschiedsrede des
Magiers kamen allen Anwesenden und auch Mir die Tränen, und Ich bedeutete
Raphael und Lazarus, die Magier nun noch nicht gehen zu lassen; denn Ich
wünsche nun, daß sie an diesem Abende den Verborgenen finden und näher
kennenlernen sollen.
[GEJ.07_102,02] Da traten Raphael und Lazarus
zu den dreien, die eben gehen wollten, und Raphael sagte nun mit einer wahrhaft
himmlisch freundlichen Miene und Stimme: „Wo wollet ihr nun hinziehen? Seht,
die Sonne stehet schon knapp am Horizont, und euer Gefolge ist in der Stadt
wohl untergebracht, und so möget ihr wohl bei uns verbleiben diese Nacht; denn
auch hier ist eine gute Herberge!“
[GEJ.07_102,03] Sagte der Magier: „O du
lieber, himmlischer junger Freund! Nicht nur diese Nacht, sondern noch gar
viele Nächte und Tage möchten wir in deiner Nähe verharren und aus deinem Munde
noch gar manche Wahrheit vernehmen. Aber wir kommen uns nun viel zu unwürdig
vor, deine uns so überaus geheiligte Gegenwart noch länger zu ertragen und dich
und diese ganze sicher auch gottesfreundliche Gesellschaft zu belästigen. Aber
wenn ihr es wünschet, so werden wir uns sicher allerfreudigst eurem Wunsche
fügen. Was wir verzehren werden, das werden wir auch treuest bezahlen, wie sich
das unter ehrlichen Menschen gebührt.“
[GEJ.07_102,04] Sagte nun Lazarus: „Bei mir
werdet ihr irgendeine gemachte Zehrzeche leicht bezahlen; für eure Unterkunft
soll bestens gesorgt sein!“
[GEJ.07_102,05] Damit waren die drei nun
vollkommen zufrieden; nur meinte der Hauptmagier, daß einer von den zwei
Untermagiern sich zur Stadt hinabbegeben und den andern kundgeben könnte, daß
sie, die drei nämlich, heute nacht auf dem Berge zubringen würden.
[GEJ.07_102,06] Aber Raphael sagte: „Das habt
ihr nicht nötig; denn das ist bereits geschehen!“
[GEJ.07_102,07] Fragte der Magier: „Ja, wie
wäre denn wohl so etwas möglich? Denn meines ganz klaren Wissens ist wohl noch
kein Bote hinab in die große Stadt gesandt worden, und wäre dies auch der Fall,
so kann er ja doch nicht wissen, in welcher Herberge sie eingezogen sind.“
[GEJ.07_102,08] Sagte Raphael: „Sorget euch
um das ja nicht; denn den ganz wahren Freunden des allein wahren Gottes ist auf
dieser Welt durchaus nichts unmöglich! Ich selbst habe deine Gefährten schon
davon benachrichtigt, und da hast du deinen Goldbecher, dessen Rand mit
Diamanten, Rubinen und Smaragden verziert ist, damit du daraus mit uns Wein
trinken kannst! Am Boden steht das Zeichen deines Namens eingegraben.“
[GEJ.07_102,09] Als der Magier das ersah, da
sagte er: „Wir sind am Ziele; denn so etwas ist nur einem Gott möglich! Hier
erwartet uns noch undenkbar Großes!“
[GEJ.07_102,10] Sagte Raphael: „Da könntest
du wohl sehr recht haben! Aber mich haltet nicht für Den, den ihr schon so
lange gesucht habt! Aber ihr könnet Ihn hier finden! Doch nun nichts Weiteres
mehr davon!“
[GEJ.07_102,11] Damit waren die Magier
vorderhand zufrieden und dachten über alles Gesagte wohl nach.
[GEJ.07_102,12] Hierauf, als eben die Sonne
unter den Horizont hinabgesunken war, sagte unser Lazarus zu den Magiern:
„Meine Freunde, diese Erscheinungen hier befremden euch wohl, aber ich sage es
euch, daß das alles nur ein ganz leiser Anfang von allem dem ist, was ihr da
bei eurer nun ganz guten Gemütsverfassung erfahren werdet. Doch übet euch
gleich in der Geduld, Sanftmut und wahren Demut, so werdet ihr vielen Segen von
hier in euer fernes Reich mitnehmen! Was ihr aber hier verzehren werdet, das
ist bereits auf das reichlichste bezahlt.“
[GEJ.07_102,13] Sagte der Magier: „Herr
deines Hauses, wer hat für uns bezahlt?“
[GEJ.07_102,14] Sagte Lazarus: „Fraget nicht
danach, denn das hat schon Der bezahlt, dem alle Schätze der Erde eigen sind!“
[GEJ.07_102,15] Sagte der Magier: „Auch die
von unserem großen Reiche?“
[GEJ.07_102,16] Sagte Lazarus: „Ja, auch die
von eurem großen Reiche!“
[GEJ.07_102,17] Sagte der Magier: „Kennst du
denn unsere unmeßbaren irdischen Schätze?“
[GEJ.07_102,18] Sagte Lazarus: „Ich wohl
nicht, aber dieser euer Jüngling ganz sicher und jemand anders hier in dieser
Gesellschaft noch um vieles besser!“
[GEJ.07_102,19] Sagte der Magier zu Raphael:
„Wann warst du denn bei uns, daß du alles das gar so wohl wissen kannst?“
[GEJ.07_102,20] Sagte Raphael: „Siehe, du
hast daheim einen großen Diamanten von einem unschätzbaren Werte, nach euren
irdischen Wertverhältnissen gerechnet, und diesen Stein hast du in einem
solchen Behältnis aufbewahrt, daß davon außer dir wohl niemand in ganz Indien
etwas wissen kann!“
[GEJ.07_102,21] Hier machte der erste Magier
große Augen und sagte: „Ja, das ist wahr! Kannst du, holdester Junge, ihn mir
aber auch beschreiben, wie er aussieht?“
[GEJ.07_102,22] Sagte Raphael: „Die beste
Beschreibung wird wohl die sein, so ich dir deinen wertvollsen Stein im
Augenblick herstelle und ihn dir so wie ehedem deinen Goldbecher in deine Hände
lege! Gib aber nur genau acht, wie lange ich bei diesem Geschäfte ausbleiben
werde!“
[GEJ.07_102,23] Sagte der Magier: „Jüngling,
wenn dir das möglich ist, dann bist du kein Mensch mehr, sondern ein Gott! Denn
wir haben von hier sicher über siebzig Tagereisen in unser Land, und du willst
den Stein mir sozusagen in einem Augenblick hier einhändigen?! Wenn das möglich
wäre, so wäre das offenbar ein ganz reines Gotteswunder!“
[GEJ.07_102,24] Sagte Raphael: „Nun, wie
lange war ich denn abwesend?“
[GEJ.07_102,25] Sagte der Magier: „Bis jetzt
noch keinen Augenblick!“
[GEJ.07_102,26] Sagte Raphael: „Da aber hast du
dennoch deinen wertvollen Stein! Betrachte ihn nun nur genau, ob er wohl
derselbe ist, von dem wir geredet haben!“
[GEJ.07_102,27] Hier überreichte Raphael dem
Magier den Stein, und der Magier fiel beinahe in eine Ohnmacht, als er des ihm
nur zu wohlbekannten Steines ansichtig ward. Er konnte sich lange nicht fassen
und staunte und staunte und sah bald den Stein und bald wieder den Raphael an
und konnte zu keiner ruhigen Fassung kommen.
103. Kapitel
[GEJ.07_103,01] Nach einer ziemlichen Weile
des tiefsten Staunens sagte der Magier: „Wundermächtigster Jüngling! Wenn du
kein Gott bist, dann kann ich mir keinen Gott mehr denken; denn diese deine
beiden Taten sind keinem geschaffenen und aus einem Weibe geborenen Menschen zu
bewirken möglich. Dazu gehört eines wahren Gottes Allmachtskraft! Das ist mein
Becher und der überwertvollste große Diamant, der seinesgleichen wenige haben
wird. Er mußte ja doch durch die Luft hierherkommen und somit die gar sehr
weite Strecke schneller denn ein Blitz durchschießen. Da hätte man aber doch
bei seiner Ankunft irgendein Sausen vernehmen müssen! Aber nichts von allem
dem; in der größten Schnelle und Stille war der Stein schon da! Ja, wie soll
das wohl einem Menschen je denkbar möglich sein? Kurz und gut, wir haben in dir
schon den uns ewig verborgen gewesenen Gott endlich einmal gefunden! Aber nun
bringt uns außer deiner Allmachtskraft auch nichts mehr von dir weg!“
[GEJ.07_103,02] Sagte Raphael: „Oh, ihr nun
meine Freunde und Brüder, haltet mich ja für nichts mehr als nur für einen
durch die Gnade Gottes vollendeteren Menschen, als ihr selbst es jetzt noch
seid! Was bin ich gegen Gott? Ein ohnmächtiges Nichts des Nichtsses! Alles, was
ich wirke, wirke ich nur durch den Geist Gottes, der mein Innerstes dadurch
erfüllt, weil dasselbe voll ist von der Liebe zu Gott und daraus auch voll des
Willens Gottes. Was demnach dieser Wille Gottes in mir will, das geschieht;
denn das Wort und der Wille Gottes ist das eigentlichste wahre Etwas, ist das
Sein und Bestehen aller Dinge und Wesen und ist allwärts die vollbrachte Tat
selbst.
[GEJ.07_103,03] Es ist in mir aber nur ein
Fünklein des Geistes Gottes; aber dieses steht im Verbande mit dem ewig
unendlichen Geiste Gottes. Und was der ewig unendliche Geist Gottes will, das
will mit Ihm auch das engverbundene Fünklein in mir, dessen ich allzeit inne
werde, und das nichts anderes wollen kann, als was Gott will, und so geschieht
das auch im Augenblick, was in mir Gottes Geist will.
[GEJ.07_103,04] In euch liegt zwar auch
derselbe Funke verborgen, aber noch so wie in einem Samenkorne der lebendige
Keim. Solange aber das Samenkorn nicht ins Erdreich kommt, bleibt es wie tot;
erst wenn im Erdreich alles Äußere und Materielle hinwegfällt und nur sein
Seelisch-Substantielles sich mit dem lebendigen Keimgeiste eint, dann auch
fängt solcher Geist an, tätig zu werden, und wirkt Wunder, die ihr schon
zahllose Male gesehen habt.
[GEJ.07_103,05] Also aber muß auch der
materielle Mensch durch seinen freien Seelenwillen alle materiellen
Bestrebungen in sich gleichsam töten und vernichten. Er muß an nichts
Weltlichem mehr mit einer gewissen Liebe hängen. Sein Streben muß sein: Gott
stets mehr zu erkennen, zu lieben und den ihm geoffenbarten Willen Gottes in
allem zu erfüllen, und sollte das der Seele und ihrem Leibe noch so große Opfer
kosten.
[GEJ.07_103,06] Dadurch wird dann der
göttliche Geist im Menschen tätig, erfüllt bald den ganzen Menschen, macht ihn
Gott ähnlich und gibt ihm alle Kraft und Macht und das ewige, unverwüstbare
Leben.
[GEJ.07_103,07] Darum habe ich euch aber
schon ehedem gesagt, daß ein Mensch Gott als die ewige Liebe, Weisheit und
Wahrheit auch nur durch die reine Liebe zu Ihm und durch die Wahrheit daraus
finden kann, und sonst auf keine andere Weise.
[GEJ.07_103,08] Hänge du ein Samenkorn in die
Luft und laß es noch so bescheinen vom hellsten Lichte der Sonne, und es wird
vertrocknen, keinen Keim treiben und keine Frucht bringen! Und sieh, ebenso
steht es mit einem Menschen, der Gott im äußeren Weltweisheitslichte sucht! Er
vertrocknet und verkümmert dabei, und alle seine eitle Mühe und Arbeit war eine
fruchtlose.
[GEJ.07_103,09] Wenn aber das noch
lebensgesunde Samenkorn ins Erdreich gelegt wird, so sagt dieses Bild und
Gleichnis wohl entsprechend soviel als: Der Mensch fange an, sich in allen
sinnlichen Weltgelüsten zu verleugnen! Er werde voll Demut, Sanftmut, Geduld,
Liebe und Erbarmung gegen seine Nebenmenschen, so wird er daraus auch werden
voll Liebe zu Gott! Ist der Mensch das, so ist er als ein wohl lebens- und
keimfähiges Samenkorn schon im Erdreiche des wahren Lebens. Sein Geist aus Gott
durchdringt ihn ganz und gar und läßt ihn aufwachsen und reif werden zum ewigen
Leben aus Gott und zur Anschauung Gottes.
[GEJ.07_103,10] Wer das an sich bewirkt, der
hat den sonst ewig verborgenen Gott gefunden und wird ihn dann auch ewig
nimmerdar verlieren. Also habe ich es gemacht und bin nun das, was ich bin, und
die vielen, die ihr da vor euch sehet, sind auch schon zum größten Teile das
und auch mehr denn ich. So ihr danach tun werdet, da werdet auch ihr dasselbe
erreichen; aber da hieße es bei euch wohl noch sehr viel Welttümliches von euch
gänzlich verbannen. – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“
104. Kapitel
[GEJ.07_104,01] Sagte der Hauptmagier: „Ja,
es hat bei mir nun ein wenig zu dämmern angefangen; aber es drängt sich bei mir
immer die Frage auf, warum wir all dieses Erhabenste und Göttlich-Wahre durch
eine Zulassung des einen, wahren und sicher allwissenden Gottes nicht schon
lange als eine Offenbarung erhalten haben. Seit undenklichen Zeiten schmachten
wir schon in unserer Nacht und großen Finsternis und haben das, was wir nun
gefunden haben, doch allzeit gesucht. Wir sind ja doch auch Menschen, haben
Gott unter dem bezeichnenden Namen Delailama (schafft und zerstört) auch stets
angebetet und verehrt und nahmen die Lehre Zorouasto nicht an, und doch
erhielten wir als Priester nie irgendeine Offenbarung, was denn auch der Grund
war, daß eben wir Priester um allen Glauben gekommen sind, obschon wir das Volk
fortwährend im festen Glauben erhielten. Was war denn da die eigentliche
Grundursache? Lag denn schon von jeher ein gewisser geheimer Fluch auf uns,
oder waren wir, doch ohne gerade zu wollen, selbst schuld daran, oder schuldete
daran unser Klima?“
[GEJ.07_104,02] Sagte Raphael: „Weder
irgendein alter Fluch und ebensowenig euer Klima, wohl aber gerade ihr selbst!
Nicht etwa einmal, sondern sehr oft und vielmals sind bei euch Menschen erweckt
worden, um euch zu zeigen, daß ihr euch auf bösen Wegen haltet. Was habt ihr
aber mit den Menschen getan? Ihr habt sie als Ketzer gegen eure dumme Lehre
verdammt, und wenn ihr ihrer habt habhaft werden können, so war kein Martertod
grausam genug, durch den ihr sie zum abschreckenden Beispiel aus der Welt
befördert habt. Daran schuldete euer unbegrenzter Hochmut und eure nie zu
sättigende Herrschsucht.
[GEJ.07_104,03] Gott, der Herr der
Unendlichkeit, hätte Sich euch offenbaren sollen, damit ihr dann nach eurem
Wohlgefallen die Offenbarung dem Volke nach eurem Belieben so tropfenweise hättet
beibringen können, also ungefähr in einer Stunde kaum so viel, als was ihr in
einem Augenblick für ein volles Jahrtausend empfangen habt. Aber da war Gott
der Herr wahrlich mit euch niemals einverstanden und gab euch statt Licht aus
den Himmeln die Finsternis der Hölle, in der ihr euch zum allergrößten Teile
noch selbst befindet. Und daran schuldete wohl niemand als nur ihr ganz allein!
[GEJ.07_104,04] Denn Gott ist in Seinem
Urwesen Selbst die höchste und reinste Liebe. Er ist im allerhöchsten Grade
herablassend, demütig, langmütig, voll Geduld, Sanftmut und Erbarmung. Er
verachtet allen und gar jeden Weltprunk. Der Hochmut der Menschen ist Ihm ein
Greuel, und die Herrschsucht ist ein Gemeingut der Hölle, von der ihr eurem
Volke gar entsetzlich viele arge Dinge vorgepredigt habt; denn auch in der
Hölle will gar ein jeder arge Geist ein Herrscher sein, denn ohne Lüge, Trug,
Hochmut und Herrschsucht gibt es für die Teufel in der Hölle kein Sein und kein
Leben. Und nun fraget euch selbst, ob es bei euch jemals anders war! Weil es
aber also war, wie konnte da je eine göttliche Offenbarung bei euch Platz
greifen?!
[GEJ.07_104,05] Ihr meintet freilich in eurer
wohllebigen Weltblindheit, daß sich ein Gott als das allerhöchste Wesen nur den
eingebildet allerhöchsten Beherrschern dieser Welt offenbaren könne; denn der
Volksmensch war bei euch im Schätzwerte tief unter dem Tiere. Aber da irrtet
ihr euch groß; denn Gott ist eben die Demut, die Sanftmut, die Geduld, die
ewige Liebe und die Erbarmung Selbst und ist stets nur jenen zugetan, die also
sind, wie Er Selbst es von Ewigkeiten her war, und Sein ewig heiliger
Wahlspruch lautet: ,Laßt die Kleinen und Geringen zu Mir kommen; denn ihrer ist
das Himmelreich, welches da ist das Reich der Liebe, Weisheit, der Wahrheit und
des ewigen Lebens!‘
[GEJ.07_104,06] Und sehet, das haben euch die
Kleinen aus eurem Volke noch von den brennenden Holzstößen verkündet, und ihr
habt ihnen darum mit Steinen den Mund eingeschlagen, oder so sie sich noch in
euren Korrektionshänden in den Kerkern befanden, so habt ihr ihnen, statt sie
anzuhören, die Zunge mit glühenden Zangen aus dem Munde gerissen! Saget, was da
Gott für euch noch hätte tun sollen, wenn eure unbegrenzte Herrschsucht also
mit jenen verfuhr, die Gott für euch Blinde erweckt hatte! Wie viele Tausende
sind darum bei euch auf das allergrausamste gemartert worden, die, wie gesagt,
Gott für euch erweckt hatte, und ihr möget noch fragen, wer oder was daran
schulde, daß ihr erst jetzt und hier den Verborgenen gefunden habt, – freilich
bis jetzt nur zum Teile noch?!
[GEJ.07_104,07] Leset eure Geschichte, und
ihr werdet es in aller Wahrheit bestätigt finden, was ich euch nun gesagt habe!
Saget aber dann: ,O großer Gott, vergib es unserer unbegrenzten Blindheit, daß
wir allzeit vor Dir höllisch gesündigt haben! Wir allein sind an unserer langen
Blindheit schuld! Gib uns nun Dein Licht, daß wir Dich, o Heiligster, finden
möchten!‘, so wird euch der Herr eure Sünden vergeben und euch Gnade fürs
Gericht geben! – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“
105. Kapitel
[GEJ.07_105,01] Sagte der Magier: „Ja, jetzt
erst verstehen wir das besser; denn wir dachten zuvor noch zu sehr nach unseren
altgewohnten menschlichen Begriffen, nach denen wir die Sache also
betrachteten, daß Gott als das allerhöchste etwa über allen Sternen wohnende
Wesen Sich auch auf dieser Erde nur jenen Menschen offenbaren könne, die
vermöge ihrer irdisch möglich höchsten Stellung Ihm gewisserart rangähnlicher
wären. Wenn dann irgendein ganz geringer Mensch vorgab, von Gott Selbst eine
Offenbarung empfangen zu haben, so wurde solch eine Angabe von den Priestern
aus für einen allerstrafbarsten Frevel gegen die endlose Heiligkeit und
Majestät Gottes erklärt und verdammt, und der gemeine Prophet mußte solchen
Frevel wohl gewöhnlich mit dem Tode büßen. Das ist freilich leider wohl nur zu
wahr.
[GEJ.07_105,02] Aber Gott wußte es ja doch
wohl auch, daß es mit uns Priestern also steht! Hätte Er Sich denn nicht einmal
etwa einem Oberpriester auf eine solche Art offenbaren können, daß der
Oberpriester solch eine Offenbarung als von Gott kommend hätte ansehen müssen,
und daß Gott in solch einer Offenbarung Seinen Willen dahin klar ausgedrückt
hätte, was ein Priester und was ein laier Mensch zu tun haben solle?! Wäre so
etwas je geschehen, so wäre schwerlich je ein armer, kleiner Prophet wegen
einer ihm von Gott gegebenen Offenbarung zum Tode verdammt worden; denn da
hätten ja alle Priester von oben herab gewußt, daß auch ein ganz gemeiner
Mensch, ja sogar ein Sklave oder gar ein Weib von Gott eine Offenbarung
bekommen kann, und es wären dann solche Menschen von keinem Priester je mehr
verfolgt, sondern im Gegenteil nur höchst geachtet und gläubigst von jedermann
angehört worden. Aber wir können uns wahrlich nicht entsinnen, daß bei uns je
irgend ein Oberpriester eine solche Offenbarung und Weisung von Gott erhalten
hat.
[GEJ.07_105,03] Weil aber eben so etwas nie
geschah, so mußten wir ja bei dem verbleiben, was wir hatten, und wie dasselbe
von jeher bei uns eingerichtet war. Wenn ich das nun so recht beim ruhigen
Verstandeslichte betrachte, so kommt es mir vor, daß wir Priester denn doch
nicht ganz und gar allein die Schuld an unserer bösen und langen
Lebensfinsternis tragen, sondern auch der nahe ewige Vorenthalt einer höheren
Offenbarung als völlig erkennbar von Gott ausgehend und kommend, – natürlich an
die Person eines Oberpriesters, eines Königs oder an beide zugleich, was
offenbar noch wirksamer gewesen wäre.
[GEJ.07_105,04] Es ist das freilich nur so
meine Meinung, und ich bin nun sehr weit davon entfernt, diese als irgend etwas
geltend aufzustellen; aber mit meiner menschlichen Vernunft diese Sache
betrachtend, kommt es mir denn doch so vor, daß eine göttliche Offenbarung
durch solche Menschen dem Volke gegeben, die bei ihm schon seit undenklichen
Zeiten im größten Ansehen stehen, offenbar mehr wirken würde, als so sie
zumeist nur solchen Menschen gegeben wird, die unter dem Volke auf den
untersten Stufen stehen und auch die Mittel nicht haben, irgend eine noch so
wahre und richtige Offenbarung unter die anderen Menschen und schon am
allerwenigsten als geltend unter die Priester und Könige zu bringen. Nähme eine
Offenbarung den Weg von oben her unter das Volk, so wäre damit doch sicher
vieles und eigentlich schon gar alles gewonnen. – Was sagst du, junger,
göttlich weiser und mächtiger Freund?“
106. Kapitel
[GEJ.07_106,01] Sagte Raphael: „Daß du hier
nun eine solche allerdings nicht widersinnige Meinung aufgestellt hast, kommt
daher, weil ihr wohl eine Menge eitler Künste und Wissenschaften euch zu eigen
gemacht habt; aber auf euren Geschichtsbüchern liegt handdick der Staub, und
weil ihr solchen Staub für heilig haltet, so leset ihr eure Geschichte nicht
und wisset sonach auch nicht, was alles vor euch geschehen ist.
[GEJ.07_106,02] Aber ich sage es dir, daß
Gott der Wahrhaftige im Anfange eures Bestehens Sich über tausend Jahre
hindurch immer, nur euren Ältesten und Patriarchen geoffenbart hat. Eine
Zeitlang ging es ganz gut; aber als nach und nach die Ältesten und Patriarchen
zu reich und angesehen wurden, fingen sie an, neben den Geboten Gottes auch
ihre eigenen Satzungen als eben auch Offenbarungen Gottes einzuführen, und das
Volk glaubte und richtete sich danach.
[GEJ.07_106,03] Aber nur zu bald fingen ihre
Weltsatzungen an, die göttlichen ganz zu verdrängen, und das also, daß bei den
zu herrschgierig und habsüchtig gewordenen Priestern und Patriarchen alle
Ermahnungen zur Umkehr zum wahren Gott nichts fruchteten. Da erweckte Gott im
Volke Seher und Propheten, daß sie alle die Großen und Mächtigen ermahneten,
die ihrer Weltgelüste halber von Gott ganz abgefallen waren und das arme Volk
mit ihren Weltsatzungen über alle erträglichen Maßen belästigt hatten.
[GEJ.07_106,04] Aber die Großen und Mächtigen
ergriffen die Propheten, stäupten sie anfangs und bedrohten sie mit härteren
Strafen, so sie je wieder wagen sollten, als von dem irgend wahren Gott
erweckte und berufene Seher und Propheten vor ihnen oder auch vor andern
Menschen aufzutreten und zu predigen.
[GEJ.07_106,05] Die Seher und Propheten
wirkten Zeichen und weissagten, was den Großen und Mächtigen geschehen werde,
so sie in ihrer Gottlosigkeit verharren würden. Aber auch das half nichts. Die
Seher und Propheten wurden ergriffen, gemartert und getötet; mehrere aber
ergriffen die Flucht, und der Geist Gottes führte sie zu einer Stätte, da sie
niemand finden konnte. Aus ihnen entstanden dann die eigentlichen Pirmanjen,
obwohl ihre unzugänglichen Täler auch schon früher von einfachen Naturmenschen
bewohnt waren.
[GEJ.07_106,06] Und siehe, so ging es vor
euch schon gar lange zu, und weil ihr Gott also ganz verlassen habt, so hat
Gott auch euch verlassen, – und das ist der Grund eurer lange andauernden Nacht
des Gerichtes und des Todes eurer Seelen!
[GEJ.07_106,07] Ihr für euch habt nun wohl
das Licht des Lebens gefunden; aber in eurem Lande und Reiche wird es noch
lange nicht zur Leuchte werden. Denn so ihr Priester sie nur für euch benützen
werdet, wird euch eben diese Leuchte wenig nützen; wenn ihr aber die Leuchte
auch an das Volk übergehen lassen wollet, so werdet ihr euch am Volke und an
seinen Herrschern sehr stoßen. Man wird euch nicht hören, und werdet ihr darauf
bestehen, so werdet ihr ebenso verfolgt werden, wie ihr alle Seher und
Propheten verfolgt habt.“
[GEJ.07_106,08] Sagte der Magier: „Wir sehen
die volle Wahrheit deiner Rede ein; doch wir drei für uns und unser Gefolge
tragen an solch einer Verschlimmerung unserer Lehre von Gott doch wahrlich
sicher die allergeringste Schuld, denn wir sahen das Übel ja schon lange ein und
gingen darum in alle Welt, um die Wahrheit zu suchen und zu finden, die wir
hier auf die wunderbarste Weise gefunden haben.
[GEJ.07_106,09] Wenn die Sache in unserem
Land und Reich aber sicher so böse steht – was wir nun keinen Augenblick länger
bezweifeln können –, so fragt es sich denn, was wir dann daheim machen sollen.
Sollen wir das, was wir hier gefunden haben, allein für uns behalten, oder
sollen wir davon doch unseren Gefährten und Genossen zur geeigneten Zeit und an
geeigneter Stelle etwas mitteilen? Denn so wir nun die Wahrheit kennen und auch
sicher strenge nach derselben leben und handeln wollen und werden und dabei
daheim dennoch unseren bösen Unsinn werden mitmachen müssen, da werden wir ja
noch ärgere Volksbetrüger sein als je zuvor, als wir die Wahrheit nicht
kannten.
[GEJ.07_106,10] Damals dachten wir, dem Volke
eine Wohltat zu erweisen, wenn wir es so grob und so dick als nur immer möglich
betrogen und angelogen hatten. Aber nun ist diese Sache eine ganz andere
geworden. Wir kennen und haben nun das wahre und vollrechte Lebenslicht und
sollen daheim vor dem Volke dennoch die alten Lügner und Betrüger machen, – nur
für uns selbst könnten wir ganz geheim auf dem lichten Lebenswege fortwandeln?
Nein, nein, Freund, das wird sich durchaus nicht mehr tun! Eher ziehen wir mit
unseren mitgenommenen Schätzen und Weibern, Kindern und Dienern bis ans
westliche Ende der Welt, um dort ungestört nach der erkannten Wahrheit zu
leben! – Was sagst du, mächtiger und weisester Freund, dazu? Gib uns doch einen
guten Rat, du göttlich mächtiger und weiser Jüngling!“
[GEJ.07_106,11] Sagte Raphael: „Ja, ihr nun
auch schon meine lieben Freunde, da wird selbst für unsereinen ein wahrhaft
guter Rat teuer! Es gibt in eurem Lande und Reiche freilich wohl noch viele,
die nun das haben möchten, was ihr nun hier schon wenigstens zu einem kleinen
Teil gefunden habt; aber haben sie es von euch überkommen, dann werden auch sie
in den indischen Landen und Reichen nicht mehr bestehen können. Denn es ist bei
euch die vollkommene Hölle zu Hause, und in der Hölle läßt sich schwer der
Himmel im Menschen erreichen, weil der sich zur Wahrheit bekehren wollende
Mensch bei jedem Tritt und Schritt auf tausend geheim lauernde Hindernisse
stößt, die sich ihm feindlichst entgegenstellen und ihn auch allseitig
verfolgen.
[GEJ.07_106,12] Also könnet ihr zwar wohl in
euer Indien zurückkehren und mit aller Vorsicht bei euren Genossen, die ihr
irgend von einer besseren Seite kennet, versuchen, ob sie solche Wahrheit
vertragen. Wer sie annimmt, der verweile dann ja nicht mehr lange im Lande der
Nacht und des Gerichtes der Hölle, sonst wird er von ihr gleich wieder
verschlungen! Aber so ihr eurer eigenen Lebensvollendung wegen nicht mehr in
euer Land ziehen wollet, da werdet ihr morgen und übermorgen leicht eine Menge
Auswege finden, wo ihr euch hinzubegeben und niederzulassen haben werdet. Das
ist nun mein Rat, so oder so, und ihr könnet dann tun, was euch besser dünkt.“
[GEJ.07_106,13] Sagte der Magier: „Da wird
die Wahl uns nicht schwer werden! Wenn es unseren Genossen ums wahre Licht des
Lebens so ernst wie uns zu tun ist und sie auch die Ahnung haben, daß solches
Licht im fernen Westen irgend anzutreffen ist, so werden sie dasselbe schon
aufsuchen gehen; liegt ihnen aber weniger Ernst als uns an solchem Lichte, so
sollen sie bleiben in ihrer Nacht und in ihrem Tode! Aber eins werden wir zu
ihrem Heile dennoch tun: Wir haben viele Diener bei uns; von denen können wir
etliche nach Hause entsenden. Ihnen werden wir geheime Briefe mitgeben in einer
Schrift, die außer den Priestern niemand versteht. Werden sich unsere Genossen
daran kehren, so sollen sie uns folgen und auch zum Lichte kommen; werden sie
sich aber nicht daran kehren, so sollen sie bleiben in ihrer Nacht! – Habe ich
recht geurteilt oder nicht?“
[GEJ.07_106,14] Sagte Raphael: „Diesmal hast
du recht geurteilt! – Aber ihr habt daheim ja noch gar große irdische Schätze.
Was soll mit ihnen geschehen?“
[GEJ.07_106,15] Sagte der Magier: „Göttlicher
Freund! Die Hauptschätze haben wir bei uns, – den größten Schatz haben wir hier
gefunden, der uns lieber ist als alle Länder, Reiche und Schätze der ganzen
Erde! Was aber noch daheim ist, das sollen die von uns nach Indien etwa
zurückentsandten Diener nehmen und unter sich verteilen nach unserem Willen, damit
unter ihnen kein Streit und Zank entsteht; dann aber können sie uns wieder
nachkommen. Hier werden sie erfahren, wohin wir uns begeben haben. Und ich
meine, daß es also ganz recht sein wird!“
[GEJ.07_106,16] Sagte Raphael: „Allerdings,
das ist ganz gut! Tuet das, und ihr werdet gesegnet werden! Nun aber denket
über das von mir Vernommene nach und bereitet euch für Größeres vor in eurem
Herzen. Ich und dieser mein Freund aber werden nun gehen und für ein gutes
Abendmahl sorgen.“
[GEJ.07_106,17] Hierauf gingen Raphael und
Lazarus ins Haus und ordneten alles an, da es schon ziemlich dunkel geworden
war.
107. Kapitel
[GEJ.07_107,01] Hier sagte Agrikola zu Mir:
„Aber Herr und Meister, ich habe mir unter Indien ein Land und Reich der Wunder
und der größten Bildung nach altägyptischer Art vorgestellt und ein Land, in
dem es vor lauter Künsten und Aufklärungen wimmeln muß. Und nun siehe, da ist
gerade das schroffst Entgegengesetzte von dem, was ich mir von dem großen
Indien ehedem gedacht habe! O Herr, wann wird wohl dieses Volk zum Lichte des
Lebens kommen?“
[GEJ.07_107,02] Sagte Ich: „Es wird auch für
jenes Volk gesorgt werden; aber es ist nun noch lange nicht reif dazu. Das
gemeine Volk aber ist sehr gehorsam und auch sehr geduldig und in seiner Art
fromm und hat den festesten Glauben. Wenn man ihm nun diesen nehmen würde, so
würde man es töten, und das wäre übel für des Volkes Seelen. Es ist darum nun
noch geratener, Indien vor der rechten Zeit nicht zu sehr aufzuhellen, wohl
aber soll es von Zeit zu Zeit mit Tropfen gespeist werden und ist auch schon
gespeist worden, weshalb es unter sich auch ganz besondere Weise und Seher hat,
wie sie die eigentlichen Juden nun wohl nicht mehr haben. Und diese Weisen und
Seher verbreiten schon auch ein ganz gutes Dämmerlicht unter so manchen
Menschen. Ohne solch ein Dämmerlicht hätten diese drei den weiten Weg hierher
nicht gefunden.
[GEJ.07_107,03] Als Ich in diese Welt geboren
ward zu Bethlehem in einem Schafstalle, da kamen eben auch drei Weise aus
demselben Morgenlande und brachten Mir den ersten Gruß und opferten Mir Gold,
Weihrauch und Myrrhen und zogen dann wieder in ihr Land zurück; und vor einiger
Zeit kamen sie abermals, und dieser Wirt und Nachbar des Lazarus hat sie
gesehen und bewirtet. Also gibt es dort schon auch Weise, aber wenige nur!
[GEJ.07_107,04] Zudem sind nun die indischen
Priester gegen so mehr verborgene Weise und Seher nicht mehr so strenge, wie
sie noch vor hundert und noch mehr vor drei-, vier- bis fünfhundert Jahren
waren; denn mehrere große Seuchen, von den Sehern vorausgesagt, durch die die
Indier und namentlich die Großen und Machttragenden zu zwei Dritteln
dahingerafft wurden, und große Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen haben die
Priester samt den Königen etwas sanfter und duldsamer gemacht, obschon sie im
allgemeinen noch dieselben alten Grundsätze der Unduldsamkeit und
Bußgrausamkeit innehalten. Und so hat es für dies sinnliche Volk schon auch
seine Zeit noch lange hin, bis es für ein höheres Licht völlig reif sein wird.
[GEJ.07_107,05] Raphael hat die drei Magier
ganz nach Meinem Willen behandelt und hat sie sonach auch bald gewonnen, und
das war gut; doch vor dem morgigen Tage dürfet ihr Mich bei ihnen nicht völlig
ruchbar machen. – Jetzt aber kommen Lazarus und Raphael auch schon zurück und
werden uns sogleich zum Nachtmahle laden. Nach dem Nachtmahl aber werden wir
wieder hierher gehen und da die Schöpfung betrachten.“
[GEJ.07_107,06] Als Ich solches geredet
hatte, war Lazarus auch schon bei Mir und bat uns zum Abendmahle, und Raphael
nahm die drei Magier mit sich. Und als wir uns im Hause in der alten Ordnung an
den Tischen befanden, da erstaunten die Magier über die ganz herrlichste
Einrichtung des großen Speisesaales, noch mehr aber über den für sie eigens hergerichteten
Tisch, der von echt indisch reichster Pracht strotzte, und auf dem sich die
kostbarsten indischen Abendspeisen befanden.
[GEJ.07_107,07] Der Hauptmagier erhob sich
und sagte zu Lazarus: „Aber edelster Freund, warum solch eine Verschwendung für
uns drei? Für das Geld könnten tausend Arme ja viele Jahre hindurch auf das
beste versorgt werden! Habt ihr denn keine Armen in eurem Lande und keine in
dieser Stadt?“
[GEJ.07_107,08] Sagte Lazarus: „O ja, wir
haben deren genug, und ich selbst versorge deren viele! Sieh, an jenem langen
Tische dort an der breiten Wand dieses Saales sitzen gleich etliche siebzig,
und auf den vielen andern auch meinen Besitzungen finden Tausende ihre
Unterkunft und geziemende Beschäftigung und Versorgung! Und so neue Arme zu mir
kommen, da finden sie offene Türen in allen meinen Häusern. Habet darum keine
Sorge wegen der kleinen Ehre, die ich euch als Fremden damit antue, daß ich
euch in eurer heimatlichen Weise bewirte! Esset und trinket nun nach eurer
Herzenslust!“
[GEJ.07_107,09] Die drei taten das nun auch
und wunderten sich höchlichst über den außerordentlichen Wohlgeschmack der
Speise und des Weines und versicherten in einem fort, daß sie so etwas
Köstliches noch nie in ihrem Munde hatten.
108. Kapitel
[GEJ.07_108,01] Wir aber aßen und tranken
auch ganz wohlgemut; nur ward diesmal während des Essens sehr wenig geredet.
Nur die Römer besprachen sich über manches in der lateinischen Zunge; sonst
ging es an allen Tischen ganz still zu.
[GEJ.07_108,02] Als wir aber mit dem Essen
schon zu Ende waren, da erhob sich der Magier wieder und sagte zu Lazarus:
„Freund, wir drei haben nun gar selten köstlich gegessen und getrunken, und das
muß nun denn auch bezahlt werden! Sage an die Summe, und ich werde sie dir ohne
Rückhalt ausbezahlen!“
[GEJ.07_108,03] Sagte Lazarus: „Habt ihr denn
kein Salz zum Brote erhalten?“
[GEJ.07_108,04] Sagte der Magier: „O ja, da
in einem goldenen Gefäße steht noch das übriggebliebene!“
[GEJ.07_108,05] Sagte Lazarus: „Nun gut, dann
ist auch schon alles bezahlt; denn es ist das schon so Sitte bei uns, daß
derjenige fremde Gast, dem wir eigens Salz vorsetzen, ein Zahlungsfreier ist.
Lobet darum den einen, wahren Gott; denn Der ist mein Bezahler für alles in
Ewigkeit!“
[GEJ.07_108,06] Sagte der Magier: „Ja, Freund,
da hast du wohl recht! Wenn nur wir Ihn auch schon also gefunden hätten, wie
Ihn wahrscheinlich ihr alle schon gefunden habt, so wollten wir Ihn noch
lebendiger loben, als wir das nun imstande sind! Doch wir sind auch schon mit
dem über Hals und Kopf vollauf zufrieden, daß wir hier nur die volle Gewißheit
erlangt haben, daß es einen solchen allein ewig wahren Gott gibt; denn ohne
einen solchen Gott wäre es dem jungen, holdesten Menschen ja nie möglich
gewesen, vor unseren Augen ein paar Zeichen zu wirken, die nur einem Gott
möglich sein können, und eine Sprache zu reden, wie wir sie selbst aus des
größten Weisen Munde noch nie vernommen haben.
[GEJ.07_108,07] Ja, dieser mehr euch denn uns
wohlbekannte und überfreundliche Gott sei aus allen unseren Lebenskräften
überhoch gelobt und gepriesen; denn Er hat uns sicher mit Seinem heiligen
Willen den Weg hierher gezeigt und Sich uns blinden Forschern durch euch näher
und lichtvoller geoffenbart als sonst je während unseres jahrelangen Forschens
nach Seinem irgend möglichen Dasein.
[GEJ.07_108,08] Ja sieh, Freund, dein Haus
hier ist auch in allem ein so wohlbestelltes, daß man daraus schließen muß – so
man um dich auch nicht wüßte, daß du irgend da sein mußt als ein sehr
vermögender und sehr weiser Hausvater! Aber so man deine Leute nach dir fragte
und sie einem selbst bei ihrem besten Willen nirgends eine Auskunft über dein
Dasein zu geben vermöchten, so wäre das sicher etwas sehr Unbehagliches und das
Gemüt Betrübendes. Denn so das Haus sichtlich von einem höchst weisen Hausvater
zweifelsohne in Besitz genommen und in einer Weise bestellt ist, daß darob
jeder heller denkende Mensch ins größte Staunen und Bewundern versetzt wird, da
ist es dann ja auch ganz klar und verzeihlich, daß man sich bestrebt, so einen
weisen Hausvater näher kennenzulernen. Aber es wird für den Bestreber auch um
so drückender, wenn er nach langem Suchen und Forschen nichts als die
untrüglichsten und lautsprechenden Spuren vom Dasein eines solchen höchst
weisen Hausvaters, nur ihn selbst nicht und nimmer findet.
[GEJ.07_108,09] Mit der Zeit kommt man zu dem
Gefühle eines seinen Vater über alles liebenden Sohnes, dessen Vater aber
einmal zu seinen vielen Gütern verreist ist und lange nicht zurückkehrt. Dem
Sohne wird von Tag zu Tag banger. Er sucht sich mit der ihn umgebenden
Weltgesellschaft, so gut es nur immer geht, seinen Kummer zu vertreiben; aber
es kommt darauf eine bittere Nacht um die andere und ein Tag um den andern, und
dennoch kehrt der Vater weder in einer Nacht, noch an einem noch so schönen
Tage wieder zum Sohne heim. Da wird es aber endlich dem Sohne unerträglich
bange, daß er sich aufmacht und den von ihm so heißgeliebten Vater suchen geht.
Er kommt auf alle Güter des Vaters und findet unverkennbare Spuren, aus denen
er offenbar erkennt, daß sein Vater dasein mußte. Kurz, er findet alles, alles,
– nur den Vater findet er nimmer! Er steigt in die Tiefen der Erde und klimmt
hinauf auf der Berge höchste Spitzen und rufet laut: ,O lieber Vater, wo bist
du? Warum, warum darf dich dein Sohn nimmer finden? Hat er gegen dein selten
vernommenes Gebot gesündigt, so vergib ihm, dem Armen, dem Schwachen, dem
Blinden, und laß vernehmen deine heilige Vaterstimme!‘
[GEJ.07_108,10] Und sehet, so sucht der Sohn
den Vater, und so ruft er ihn. Alles findet er, und er hört das Rauschen des
Windes durch die Wälder, hört brausen und toben den Sturm über Fluren und
Meere, ja, er vernimmt die tausendstimmige Harmonie der munteren Sänger der
Luft und sieht Blitze zucken aus den Wolken; aber nur das Angesicht des Vaters
taucht nirgends auf, und seine Stimme bringt kein Echo wieder.
[GEJ.07_108,11] Und sehet, so geht es uns
Söhnen des großen Indien schon gar lange, und niemand von uns weiß es mehr, wer
unser Buch der Bücher Ja sam skrit den Menschen gegeben hat! Aber das eine des
Buches bleibt stets wahr, daß nämlich der eine große Hausvater allen Menschen
unseres Reiches stets gleich verborgen bleibt und auch bleiben wird; denn so
Ihn die Sucher nicht zu finden vermögen, wie werden ihn dann erst jene finden, die
Ihn nicht suchen!
[GEJ.07_108,12] Wir aber sind hier so
glücklich gewesen, Seiner Daseinsspur am nächsten gekommen zu sein und sind
schon darum überglücklich; wie glücklich aber wären wir erst, so wir Ihn
finden, sehen und in aller Liebe und Demut Selbst sprechen könnten! Doch
sollten wir solcher Gnade nicht würdig sein – was wir nun selbst wohl einsehen
und begreifen –, so bitten wir euch, ihr lieben Freunde alle, daß ihr unser
nicht vergessen wollet, so ihr vor Seinem heiligen Angesichte euch befindet!
[GEJ.07_108,13] Und hiermit sei noch einmal
für diesen Abend Ihm und auch euch, Seinen Freunden, unser Lob und Preis aus
dem tiefsten Lebensgrunde unseres Herzens dargebracht!
109. Kapitel
[GEJ.07_109,01] Diese Rede hatte nun wieder alle
Anwesenden im hohen Grade erbaut, und es sagte geheim Petrus zu Mir: „Herr,
sieh doch, wie diese nach Dir seufzen! Warum zeigst Du Dich ihnen noch immer
nicht?“
[GEJ.07_109,02] Sagte Ich: „Das weiß schon
Ich, und du hast dich darum nicht zu kümmern! Ihr seid alle den unerfahrenen
Kindern noch sehr ähnlich, die nach der Frucht eines Baumes schon lange eher
eine große Eßgier haben, als sie noch gehörig reif geworden ist. Weißt du denn
noch nicht, daß auf dieser Erde alles seine Zeit hat und haben muß?! Ich fühle
in Mir Selbst ein großes Bedürfnis, Mich diesen dreien völlig bekannt zu geben;
aber die Liebe in Mir und die ewige Weisheit aus ihr sagen es: Nicht vor der
gerechten Zeit! Denn nur um einen Augenblick früher, und es wäre so manches
verdorben, was dann erst durch eine lang andauernde Willensfreiheitsprobe
wieder gutgemacht werden könnte. Es ist genug, daß die Schwachheit der
geschaffenen Menschen oft sündigt; wie käme es aber dann, wenn auch der ewige
Meister der schöpferischen, unwandelbaren Ordnung wider Sich aus der Ordnung
träte?!
[GEJ.07_109,03] Glaube es Mir, daß Ich hier
sicher mehr fühle und empfinde denn du und alle, die hier sind; aber Ich kenne
auch Meine ewige Ordnung, wider die wohl in gewisser Hinsicht ein jeder Mensch
und Engel sündigen kann, doch Ich ewig nimmer, weil ein Heraustreten aus Meiner
ewigen Ordnung zugleich ein Aufhören aller Kreatur zur Folge haben müßte. Denn
wo eines Tempels oder Hauses Grundstein fiele, da er morsch und faul geworden
ist, was wäre dann da die Folge für den Tempel und fürs ganze Haus?!
[GEJ.07_109,04] Ich lobe in dir deinen
Glauben und auch dein Herz, – doch dein Schmerz geht Mich vor der rechten Zeit
gar nichts an! Denke und fühle mit Mir, so wirst du leichten Schrittes
wandeln!“
[GEJ.07_109,05] Als Petrus das von Mir
vernommen hatte, da sagte er kein Wort mehr und behielt diese Worte tief in
seinem Herzen.
[GEJ.07_109,06] Es hatte aber der Magier
dennoch bemerkt, daß Ich dem Petrus dieses gesagt hatte, wandte sich gleich an
Raphael und sagte: „Holdester Wunderfreund! Ich habe nun einen Mann von
ehrfurchtgebietender Gestalt bemerkt, der mit einem alten Manne ganz
absonderlich bedeutungsvolle Worte geredet hat. Das muß ein großer Weiser sein!
Möchtest du mir denn nicht sagen, wer dieser Mann ist? Denn ich muß es dir
offen gestehen, daß mich und auch meine beiden Gefährten ein gewisses
heimliches und unerklärliches Etwas gar gewaltig zu ihm hin zu ziehen beginnt.
Mit dem Manne möchte ich wohl um jeden Preis der Welt näher bekannt werden!
Wenn du mir das verschaffen könntest, würde ich dir gerne ein großes Opfer
bringen!“
[GEJ.07_109,07] Sagte Raphael: „Mein Freund,
nur Geduld; denn es läßt sich da nicht alles gar so plötzlich veranstalten, wie
ich dir deinen großen Diamanten aus dem tiefen Indien hierhergeschafft habe!
Denn wo eines Menschen freiester Wille zu walten hat, da darf ihm von einem
Allmachtszwange nichts in den Weg treten. Darum gedulde dich nur! Wir werden
nun gleich wieder ins Freie gehen, und da wirst du noch ganz hinreichend
Gelegenheit bekommen, diesen dir gar auffälligen Mann noch näher
kennenzulernen. Doch nun warte alles mit Geduld ab!“
[GEJ.07_109,08] Damit gab sich der Magier
zufrieden, und wir gingen wieder hinaus ins Freie und nahmen auf der Höhe
unsere alten Plätze ein. Die Magier aber wurden unter uns untergebracht.
110. Kapitel
[GEJ.07_110,01] Als wir uns wieder völlig in
der früheren Ordnung befanden, da fing von Norden her ein ganz bedeutend kühler
Wind zu wehen an, und Lazarus sagte zu Mir mit leiser Stimme: „Herr, wenn der
Wind noch ärger wird, als er schon ist, so werden wir uns bald wieder ins Haus
begeben müssen!“
[GEJ.07_110,02] Sagte Ich: „Freund, so Ich's
nicht wollte, da ginge dieser Wind nicht; weil Ich aber das will, so geht auch
eben der Wind nun, den Ich in Mir berief. Und er ist auch gut, weil Ich ihn nun
will; denn alles, was der Vater in Mir will, ist gut. Daher hat den nun etwas
kühlen Wind auch niemand zu scheuen und es hat niemand zu befürchten, daß er
krank würde. Übrigens wirst du bald verspüren und auch einsehen, warum Ich
diesen Wind nun gehen lasse.“
[GEJ.07_110,03] Als Ich solches dem Lazarus
mitgeteilt hatte, da fing der Wind noch heftiger an zu gehen, und die Indier
wandten sich an Raphael und sagten: „Höre, du holder und sehr mächtiger und
weiser Jüngling, daß ein Mensch nach deiner uns kundgemachten Lehre – nämlich
durch die Einung mit dem reinen Lebensgeiste aus Gott – durch die Gewalt und
Macht des Willens, so er ihn mit dem göttlichen Willen vereint, wahrlich
Wundergroßes bewirken kann, das haben wir alle sehr wohl begreiflich und
einleuchtend gefunden; aber es tauchen dann und wann dennoch wieder
Erscheinungen in der großen Weltnatur auf, gegen die selbst der vollkommenste
Mensch mit aller Macht seines Willens vergebens kämpfen dürfte! Da an diesem
höchst lästigen Winde hätten wir gleich solch ein Beispiel! Uns kommt es vor,
daß die Elemente am meisten stumm sind und unser noch so kräftiges Wollen am
allerwenigsten berücksichtigen.“
[GEJ.07_110,04] Sagte Raphael: „Da irret ihr
euch gar sehr und groß! Wenn selbst der härteste Stein sich im Augenblick der
Macht des mit Gott vereinten innersten Willens fügen muß, um wieviel mehr die
Luft, die in und aus lauter seelischen Spezifikalpotenzen besteht und somit mit
dem inneren Geiste sicher in einer näheren Verwandtschaft steht als ein gröbst
materieller Stein.
[GEJ.07_110,05] Ich sage euch aber, daß nun
dieser euch etwas lästig vorkommende Wind eben darum also ziemlich heftig weht,
weil wir ihn haben wollen; warum wir ihn aber nun haben wollen, das wird euch
schon die Folge zeigen. Richtet nur eure Blicke nach der Richtung hin, die der
Wind hat, und ihr werdet hernach schon bald einzusehen beginnen, wozu nun der
Wind mit einer stets zunehmenden Heftigkeit wehen muß!“
[GEJ.07_110,06] Hierauf richteten nicht nur
die drei Magier, sondern alle Anwesenden ihre Augen nach dem Zuge des Windes.
Was bemerkten sie aber bald in der Gegend des Toten Meeres, das eben nicht zu
weit von Jerusalem entfernt liegt? Es stiegen ordentliche Wolkenmassen des
dicksten Rauches auf und bedeckten den südlichen Horizont, und von Zeit zu Zeit
wurden Flammensäulen ersichtlich, die aber allzeit bald wieder erloschen.
[GEJ.07_110,07] Als der Hauptmagier mit
seinen Gefährten das bemerkte, sagte er zu Raphael: „Was ist und was geschieht
denn dort? Ist das ein Ort, etwa eine Stadt, die in Brand geraten ist?“
[GEJ.07_110,08] Sagte Raphael: „O nein, meine
lieben Freunde, es befindet sich dort ein bedeutend großer See, der hier von
den Juden darum das ,Tote Meer‘ genannt wird, weil in ihm und auch über ihm
noch so hoch in unserer atmosphärischen Luft kein Tier eine Zeit von nur einer
Stunde das Leibesleben erhalten kann.
[GEJ.07_110,09] Alle Fische und anderen
Wassertiere werden in jenes Sees Wasser tot, also auch die Vögel in der über
dem See stehenden Luft, daher sie auch nur höchst selten über jenen See
fliegend gesehen werden. Ja sogar Pflanzen und Gewächse was immer für einer Art
kommen weder auf seinem Grunde noch irgendwo an den Ufern auf eine längere
Zeitdauer fort; denn dieses Sees Unterlage ist ein weitgedehntes und tief ins
Innere der Erde gehendes Schwefel- und Erdpechlager, das sich zu gewissen
Zeiten entzündet und stellenweise – natürlich unter dem Wasser – mit großer
Gewalt den unterseeischen Boden zerreißt, wobei dann das Feuer mächtig durch-
und über das Wasser hervorbricht, aber bald wieder erlöschen muß, weil das
Wasser in die aufgerissene Spalte dringt und das Fortbrennen des Schwefels und
des Erdpeches hindert. Aber wenn auch ein Riß durchs Wasser und durch sein
eigenes Sich-wieder-Schließen gedämpft ist, so entstehen dafür an einem anderen
Punkte neue Ausbrüche, die natürlich auf die gleiche Art bald wieder gedämpft
werden.
[GEJ.07_110,10] Wenn das Feuer unter dem sehr
bedeutend großen See einmal in Tätigkeit kommt, so dauert diese in ihrer
größten Heftigkeit doch stets einige Stunden lang; aber die Nachwirkung, die
gewöhnlich in einer stets noch Rauch und Dampf entwickelnden Aufwallung des
Sees an verschiedenen Stellen besteht, dauert mit steter Abnahme oft noch
mehrere Tage fort, und es ist da dem Menschen nicht zu raten, sich in solcher
Zeit und am allerwenigsten gegen den Wind dem See zu nahen, weil die gar böse
Luft, die sich bei solchen Gelegenheiten über dem See entwickelt, das
Naturleben des Menschen und auch jedes Tieres ersticken würde.
[GEJ.07_110,11] Und sehet, da der Ausbruch
nun ein sehr heftiger ist und der starke, giftige Qualm mittels der Südluft nur
zu bald zu uns herkäme und ein gar großes Unheil anrichten würde, so hat der
allmächtige Wille des einen, wahren Gottes den kalten und lebensstoffreichen
Wind aus dem Norden kommen lassen, der fürs erste mit dem Maße heftiger wird,
als das unterseeische Feuer an sichtlicher Ausdehnung zunimmt, und der fürs
zweite aber den Qualm und Dampf weit hinaus in die Wüsten Arabiens treibt, wo
er wohl niemandem einen großen Schaden zufügen kann, weil dort, besonders in
der größeren Nähe des Sees, wohl nicht leichtlich irgend ein lebendes Wesen
wohnt.
[GEJ.07_110,12] Wenn ihr nun über das Gesagte
nur ein wenig tiefer nachdenken wollet, so werdet ihr den Grund schon einsehen,
warum nun der kühle Nordwind zu wehen angefangen hat, und daß ihm das, also zu
kommen, nicht wie zufällig von selbst eingefallen ist, sondern daß ihm das ein
gar weiser und sehr mächtiger Wille befohlen hat. Wenn aber also, da ist es
dann ja auch klar, daß der mit Gott vereinte Wille eines lebensvollendeten
Menschen auch über alle Elemente gebieten kann und sie sich ihm fügen müssen.
[GEJ.07_110,13] Also kannst du auch einen
Blick auf die Weisheit und auf den Willen Gottes also hinlenken, wenn ich dir
zeige, daß der böse See wohl Zuflüsse von mehreren Seiten, aber auf der
Oberfläche der Erde keinen Abfluß hat. Ja, warum denn das also? Weil dieser,
wie noch mehrere solcher Seen auf der Erde, erstens sein Wasser zur Dämpfung
des unter ihm befindlichen Feuers vonnöten hat, und zweitens, weil ein
oberirdischer Abfluß des wahren Giftwassers ein Land auf weithin unfruchtbar
und unwohnlich machen würde; und so sorgt des wahren Gottes Liebe, Weisheit und
Wille auch da, wo es der blinde Mensch nicht merkt und nicht merken kann.
[GEJ.07_110,14] Aber wer die Geschöpfe und
die sonstige Einrichtung der Welt mit den Augen des Geistes betrachtet, der
wird überall den Willen Gottes waltend entdecken und sogestaltig leicht den
großen und heiligen Vater und Ordner der Welten, der Menschen und der Geister
finden und die Macht des allmächtigen Willens Gottes in sich selbst erproben
können, und er wird dann nicht mehr zu fragen die Ursache haben, ob der mit dem
Willen Gottes vereinte Wille eines Menschen wohl auch über die Elemente
gebieten könne. – Hast du das nun wohl alles verstanden?“
111. Kapitel
[GEJ.07_111,01] Sagte der Hauptmagier: „Ja,
verstanden habe ich das wohl, wie auch meine beiden Gefährten; aber es gäbe
darüber hinaus noch so manches zu fragen, damit im Menschen der Begriff über
die höchste Weisheit des einen, wahren Gottes ein makelloser würde. Denn es
gibt in der großen Natur nebst den vielen gar überaus weise eingerichteten
Dingen doch solche, die in sich wohl sehr wunderbar weise ausgestattet sind,
sich aber zu den anderen Dingen in gar keinem begreifbar- weise zwecklichen
Verhältnisse befinden.
[GEJ.07_111,02] Und sieh, du holder junger
Freund, durch derlei Betrachtungen werden zumeist gerade jene Menschen, die
sich am meisten mit der Aufsuchung eines weisesten und mächtigsten Gottes
beschäftigen, ganz irregeleitet und werden, anstatt vollends gottkundig, gerade
das Gegenteil, weil sie wohl eine Kraft und Macht finden, die alles
sonderheitlich wohl gar wunderkunstvoll dargestellt und eingerichtet hat, sich
aber gewisserart selbst keine Rechnung darüber zu machen imstande ist, warum
sie das eine und das andere so und so dargestellt hat, und wie etwa das eine
des andern wegen da sei!
[GEJ.07_111,03] Ich sehe ein, daß das von mir
aus sicher eine sehr lose Frage ist; aber wer in sich nie auf gewisse Zweifel
kommt, der zeigt dadurch doch offenbar an, daß ihm wenig oder auch wohl gar
nichts daran liegt, ob es einen Gott gibt, und wie ein solcher beschaffen ist,
und ob des Menschen Seele nach dem Tode des Leibes als ein ihrer selbst als
Individuum klar bewußtes Wesen lebend fortbesteht und wie und wo.
[GEJ.07_111,04] Weil ich aber schon ein alter
Sucher bin, so bin ich auch ein alter Zweifler und als solcher voller Fragen. Und
so habe ich deine frühere Beschreibung über euren bösen See, sein
unterirdisches Pech- und Schwefellager, dessen zeitweilige Entzündung und dann
das Ankommen des nun noch heftig wehenden kalten Nordwindes als mit der Macht
und Weisheit eines wahren und guten Gottes sehr in der Ordnung gefunden, wie
auch alles sehr zweckmäßig mit dem bösen See eingerichtet ist, daß seine
Ausdünstung den lebenden Geschöpfen nicht nachteilig werde. Das alles wäre in
und für sich schon ganz in der besten Ordnung; aber nun kommt eben über den
bösen See eine ganz andere Frage, die wir selbst uns nimmerdar beantworten
können:
[GEJ.07_111,05] Warum hat denn der so weise
und gute Gott einen so bösen See erschaffen? Wir kennen viele und große Reiche
und Länder, die ohne einen solchen See bestehen. Warum muß gerade hier einer
sein? Wozu dient sein großes unterirdisches Pech- und Schwefellager und wozu
seine giftige Ausdünstung, in der weder Menschen und Tiere, noch Pflanzen und
Bäume bestehen können? Sind solche bösen Seen auf der Erde am Ende doch noch zu
etwas gut, und steckt hinter ihnen irgendein weiser Zweck, oder sind sie nur so
zufällig entstanden und Gott hat wegen ihres Daseins solche Vorkehrungen
getroffen, daß sie den nachbarlichen edleren Geschöpfen nicht zu schädlich werden?
[GEJ.07_111,06] Konnte denn ein höchst weiser
und guter Gott irgendeinen guten Zweck nicht anders als nur durch ein böses
Mittel erreichen? Siehe, du mein junger, gottvoll weiser und mächtiger Freund,
wenn man darüber stets mehr und mehr zu denken und zu grübeln anfängt, so kommt
man am Ende oft zu ganz sonderbaren Schlüssen!
[GEJ.07_111,07] Einmal kann man sagen: Ein
guter Gott kann nichts Böses erschaffen; denn im Honig gibt es keine
Bitterkeit. Es muß demnach auch einen bösen Gegengott geben, der im beständigen
Kampfe mit dem guten Gott ist, aber ihn nie besiegen kann, so wie auch der gute
Gott den bösen nicht. Der gute Gott erschafft gleichfort Gutes, der böse aber
zerstört stets die Werke des guten Gottes.
[GEJ.07_111,08] Nimmt man das aber an, so ist
es traurig, ein Geschöpf, besonders traurig, ein seiner selbst bewußter Mensch
zu sein, weil er seine sichere Zerstörung stets vor Augen hat. Denn wie soll
mich ein Leben und Dasein freuen, das ich in kurzer Zeit für ewig zu verlieren
die Aussicht habe, und das noch dazu unter dem Kampfe großer Schmerzen und
verzweiflungsvoller Ängste!
[GEJ.07_111,09] Man verwirft am Ende auch
diese Annahme und sagt: Es gibt entweder gar keinen Gott, oder es gibt deren so
viele, als es Geschöpfe gibt, und ein jeder Gott erschafft seine Kreatur und
kümmert sich um nichts Weiteres; oder es gibt gar keinen Gott, sondern eine
Naturkraft, die, ohne zu wissen, daß sie ist, dennoch fort und fort wirkt, weil
sie durch die aus sich selbst sich blind und zufällig entfaltet habenden
Umstände so oder so zu wirken genötigt wird, gleichwie auch der Wind ganz blind
und ohne allen Willen und ohne alle Intelligenz dahinweht und seine Richtung
ändert, wenn er an irgendeine Felsenwand gestoßen ist, die ihn dann eine andere
Richtung zu nehmen zwingt. So eine Erscheinung sieht man auch bei Bächen und
Strömen; sie müssen ihre Richtung so oft verändern, wie sie in ihrer Blindheit
auf Gegenstände stoßen, die sie nötigen, ohne zu wollen, eine andere Richtung
zu nehmen.
[GEJ.07_111,10] Da fällt ein Samenkorn in ein
gutes Erdreich und bringt eine reichliche Frucht, während ein gleich gesunder
Same in ein mageres Erdreich fällt, darin verkümmert und gar keine Frucht zum
Vorschein bringt. Weder der Same noch der Boden sind sich ihrer Kraft und
Fähigkeit bewußt; aber irgendein Umstand, der auch wieder durch andere
zufällige Umstände bewirkt ward, hat den einen Boden fett und den andern mager
gemacht, und dieser Umstand bewirkt, daß ein Same entweder gut oder schlecht
gedeiht.
[GEJ.07_111,11] Man kann da dann forschen und
denken, wie man will, und sich Erfahrungen auf dem ganzen Erdkreise sammeln,
und man kommt nirgends auf irgendeine bestimmte, ganz wohlberechnete Ordnung,
sondern auf lauter Zufälligkeiten, wo dann eine die andere bedingt.
[GEJ.07_111,12] Nun, bei solchen Forschungen
geht die Gottheit beim Menschen verloren und kann dann nicht so leicht mehr
wieder gefunden werden. Du hattest schon ganz recht, zu sagen, daß der Mensch
durchs genaue Erforschen der mannigfachen Erscheinungen in der großen Natur
einen allein wahren, weisesten und allmächtigen Gott finden kann, – es wird
auch schon also sein; aber wenn man als ein genauer Forscher endlich auf Dinge
stößt, die mit keiner wohlberechneten Ordnung etwas zu tun zu haben scheinen
und sonach das Dasein eines allein wahren, weisen, guten und mächtigen Gottes
verdächtigen, wie das Pech- und Schwefellager unter dem bösen See, – was dann?
Dann, Freund, kann sich der Mensch nicht mehr selbst helfen, sondern da muß ihm
Gott helfen, wenn Er irgend einer ist; hilft Er ihm aber nicht, so ist Er
entweder in der Wirklichkeit gar nicht, oder Er kümmert sich um die Menschen
nicht, oder Er ist nicht fähig, ohne gewisse Vorbedingungen dem Menschen zu
helfen, wie man das alltäglich aus nur zu vielen Erfahrungen ersehen kann.
[GEJ.07_111,13] Wolle du mir darum nun den
Grund jenes bösen Sees erklären, und wir werden dann ganz leicht noch weiter
über diesen gar sehr wichtigen Punkt miteinander reden!“
112. Kapitel
[GEJ.07_112,01] Sagte Raphael: „Weißt du,
mein Freund, über den Punkt werden wir eben nicht gar zu leicht miteinander
reden; denn da bist du noch zu weit zurück und noch zu sehr von deiner
altindischen Weltweisheit erfüllt. Ich müßte dir nun nur die ganze innere
organische Lebenseinrichtung zeigen und dir den ganzen Organismus der Welt
nebst seiner Zwecklichkeit vollauf enthüllen, und das geht denn doch nicht so
schnell, wie du es dir in deiner indischen Phantasie vorstellst; denn dazu
gehört wahrlich mehr als eure indische Vorschule. Aber ich will dir dennoch einige
Winke geben, aus denen du schon so gewisse Vermutungen ziehen wirst, und so
wolle denn nun du mir ein aufmerksames Herz schenken!
[GEJ.07_112,02] Höre! Du bist ein Mensch.
Dein Leib besteht aus nahezu zahllos vielen dir gänzlich unbekannten Organen. Ohne
solch eine organische Einrichtung deines Leibes wäre in ihm das Leben deiner
Seele ganz und gar nie denkbar möglich. Und doch hängen des Leibes wichtigste
Organe eben durchaus nicht sehr ordnungsmäßig in deinem Leibe! Sieh nur einmal
deine Adern an! Wie unregelmäßig scheinen sie deine Arme zu durchkreuzen! Und
dennoch ist in ihnen die höchste zweckliche Ordnung. Betrachte die Stellung
deiner Haare! Siehe, sie stehen ganz ordnungslos auf deinem Kopfe wie auf
deinem ganzen Leibe, und dennoch ist von Gott aus ein jedes gezählt und steht
auf seinem rechten Platze! Und bei anderen Menschen stehen sie wieder anders
als bei dir und stehen auch auf dem rechten Platze, weil es dem Herrn in Seiner
Weisheit wohlgefallen hat, beinahe einem jeden Menschen eine andere Gestalt und
auch eine andere Gemütsbeschaffenheit zu geben, auf daß sie sich untereinander
leichter erkennen und sich dann als Menschen lieben.
[GEJ.07_112,03] Also hat der Herr sogar den
Haustieren eine etwas veränderte Gestaltung gegeben, damit die Menschen ihre
Haustiere leichter erkennen sollen, während die wilden Waldtiere sich alle so
ähnlich sehen wie nur immer möglich, weil diese sich kein Mensch zu seinem
Nutzen irgend zu merken braucht. Siehe auch an das Hausgeflügel und die wilden
Vögel der Luft, und du wirst bei ihnen dasselbe Verhältnis finden!
[GEJ.07_112,04] Nehmen wir aber an, daß sich
auf der Erde alle Gegenden so sehr ähnlich sähen wie ein Auge dem andern und
ein jedes Haus also aussehen müßte wie irgendein anderes und auch nicht größer
oder kleiner sein dürfte, da möchte ich von dir erfahren, wie du da aus weiter
Ferne deine Heimat noch irgendwann einmal finden möchtest!
[GEJ.07_112,05] Siehe du ferner die Obstbäume
an, die zu einem Hause gehören, und daneben auch die, welche zu einem andern
Hause gehören, und du wirst in ihrer Gestaltung eine große Mannigfaltigkeit
entdecken, obschon sie von einer und derselben Gattung sind! Und das ist von
Gott auch darum zugelassen, damit ein jeder Besitzer seine Bäume gleich alten,
guten Freunden schon von ferne gar wohl erkennen kann.
[GEJ.07_112,06] Jetzt werde ich dir aber noch
ein Beispiel geben, bevor wir zu der Hauptsache übergehen wollen, und so höre
mich! Sieh, wie wäre es denn, wenn zum Beispiel alle Mädchen, alt oder jung,
auf ein Haar dasselbe Gesicht hätten und dieselbe Größe, das gleiche Aussehen,
dieselbe Bekleidung gleich den Vögeln in der Luft und gleich den wilden Tieren
des Feldes und des Waldes? Würdest du da wohl deine Töchter von deinem Weibe
oder von den Töchtern deines Nachbarn oder von deiner Mutter oder von deinen
Schwestern unterscheiden können? Wenn dein Vater aussähe wie du und deine Söhne
desgleichen, wie würde dir als denkendem Menschen die Sache gefallen? Ganz
gleiche Gegenden, dann ganz gleiche Menschengestalten und Formen, kurz und gut,
alles, jung oder alt, wäre auf ein Haar gleich, ganz ein und dasselbe, – wie
gefiele dir das nur so zum Beispiele?“
[GEJ.07_112,07] Sagte der Magier: „O Freund,
so etwas wäre für unsereinen der Tod bei noch lebendem Leibe! Ah, da höre mir
auf mit solchen mörderischen Beispielen! Ah, da hörte beim Menschen ja offenbar
alles Denken rein auf, das ohne Vergleiche eigentlich gar nicht möglich ist!
Nun, ich fange schon zum voraus an, es zu fassen, wo du so ganz eigentlich
hinaus willst! Aber fahre du nur fort; denn ein jedes Wort aus deinem Munde ist
tausendmal tausend Pfunde reinsten Goldes wert!“
113. Kapitel
[GEJ.07_113,01] Sagte Raphael: „Du hast recht
geantwortet; denn bei solch einer Gleichförmigkeit der Geschöpfe hörte jeder
Lebensreiz und mit ihm auch alles Denken auf. Das äußere Denken geht ja von da
aus, daß ein Mensch mit seinen gesunden Sinnen die verschiedenen Dinge und ihre
höchst abwechselnden und verschiedenen Formen betrachtet, sie vergleicht und
über ihre zwecklichen Verhältnisse nachdenkt und urteilt, sich die vielen
verschiedenen Formen merkt und ihnen dann auch verschiedene Namen gibt, wodurch
der Menschen Mundsprache und später auch die durch Schriftzeichen entstand.
[GEJ.07_113,02] Wenn aber einmal eine Gegend
der andern, ein Baum dem andern, auch ein Tier dem andern und alle Menschen,
Männer und Weiber, Eltern und Kinder, jung und alt, einander völlig gleich
sähen, welchen Reiz würde das auf die Sinne des Menschen wohl ausüben? Sicher
nicht den geringsten! Er hätte sich dabei sehr wenig zu merken und noch weniger
zu denken; auch mit der Mundsprache sähe es sehr karg aus, und mit den
Schriftzeichen auch, und siehe, das wäre die notwendige Folge, wenn der
allweise Gott die Welten und die Geschöpfe alle nach deinem strengen Ordnungsbegriff
erschaffen hätte!
[GEJ.07_113,03] Aber da Gott noch endlos viel
weiser ist, als wir uns das vorzustellen vermögen, so hat Er alles auch in
einer viel besseren Ordnung erschaffen, als wir uns dieselbe je vorstellen
werden können, und Er ist dadurch schon ein beständiger Lehrer und Meister der
Menschen, weil Er in Seinen Geschöpfen eine so unendliche Mannigfaltigkeit
verordnet hat, damit der Mensch, um dessentwillen alles da ist, eben die gar so
mannigfaltigen Geschöpfe aller Art und Gattung betrachten, sie leichter
erkennen, benennen, über sie nachdenken und sie dann auch so und so zu seinem
Nutzen oder Schaden gebrauchen soll und kann, – was er aber, wie gezeigt, nach
deiner Ordnungsweise wohl nimmerdar vermocht hätte.
[GEJ.07_113,04] Würdest du wohl je eine
entschiedene Liebe zu einem Weibe fassen können, wenn es allen anderen Weibern
so völlig ähnlich sähe wie eine Hausfliege der andern? Du könntest dir dein
Weib gar nicht merken, sowenig du dir eine Hausfliege merken und dann sagen
könntest: ,Sieh, das ist mein Liebling!‘ Denn sowie sich deine Lieblingsfliege
unter die andern gemengt hätte, könntest du sie dann sicher nimmer als die
deinige erkennen, und ebenso ginge es dir mit deinem Weibe und deinem Weibe
auch mit dir.
[GEJ.07_113,05] Aus diesem allem aber kannst
du nun schon ersehen, daß eben der dir scheinenden Unordnung im Bereiche der
Geschöpfe Gottes viel größere und wahrere Beweise für das Dasein und für die
höchste Liebe und Weisheit eines allmächtigen Schöpfers zugrunde liegen als der
Ordnung, die du schon so lange suchtest und doch nicht finden konntest!
[GEJ.07_113,06] Ich habe dich schon darauf
aufmerksam gemacht, daß deine Blutadern, die du an deinen Händen und Füßen, wie
auch an deinem Kopfe bemerken und ganz gut beobachten kannst, eben nicht in
jener völlig symmetrischen Ordnung unter deiner Haut angebracht sind, wie du
sie gar so gerne sähest, sondern sie liegen bei dir wie auch bei jedem andern
Menschen ganz merklich verschieden gestellt ersichtlich da. Ja, warum denn
solche Unordnung?
[GEJ.07_113,07] Siehe, du wirst nicht
leichtlich irgend zwei Menschen treffen, die sich ganz vollendet ähnlich sähen!
Wenn Gott der Herr aber aus den dir wohl gezeigten Gründen auch die Außenformen
ganz verschieden formt, so formt Er auch den Organismus der Menschen
verschieden und mit ihm auch die Talente einer jeden Seele. Denn hätten alle
Menschen die haargleichen Talente, so würden sie einander gegenseitig bald ganz
vollkommen entbehrlich werden, und die Nächstenliebe wäre ein leerer Wortlaut.
[GEJ.07_113,08] Nun hast du gesehen, wie die
dir scheinende Unordnung der treueste Zeuge für das Dasein Gottes und für die
höchste, weiseste und liebevollste Ordnung aus Gott ist, und so können wir nun
zu unserem bösen See wieder zurückkehren!“
114. Kapitel
[GEJ.07_114,01] (Raphael:) „Sieh, die
Einrichtung dieses und noch anderer ähnlicher Seen ist vom Schöpfer ebenso
weise bestellt, als wie weise alles bestellt ist, was ich dir nun in dieser
Hinsicht gezeigt und mitgeteilt habe.
[GEJ.07_114,02] Du hast einen Leib, der durch
Speise und Trank und durch die regelmäßige Einatmung der reinen Luft ernährt,
erhalten und naturmäßig belebt wird. Die Nahrungsteile sind in den Speisen und
in den Getränken nur ebenso spärlich enthalten wie in der eingeatmeten Luft. Du
atmest die Luft ein, mußt aber beinahe ebensoviel ausatmen, wie du vorher
eingeatmet hast; nur ein kleiner, kaum wägbarer Teil ist in deiner Lunge ans
Blut als Hauptnahrungsteil für dein Leben abgegeben worden, alles andere wird
wieder ausgehaucht. Du issest verschiedene Speisen und trinkst desgleichen
verschiedene Getränke. Ja, das Genossene ist nicht durchgängig purer
Leibesnährstoff, sondern nur ein Träger desselben; nur ein ätherisches Minimum
bleibt in dir als Nahrung, alles andere muß auf dem gewissen Wege wieder aus
dem Leibe geschafft werden.
[GEJ.07_114,03] Siehe, wie aber das bei
Menschen, Tieren und sogar bei Pflanzen eine höchste Notwendigkeit ist, weil
sie sonst das Leben nicht erhalten würden, ebenso ist das auch eine höchste
Notwendigkeit bei einem Weltkörper! Es müssen ihm Organe verliehen werden,
durch welche er den überflüssigen Unrat aus sich auf seine Hautoberfläche
ausstoßen kann. Und nun sehen wir uns unseren bösen See noch einmal an, und wir
werden finden, daß er ein ebenso nötiges Organ der Erde zur Hinausbeförderung
des inneren nicht mehr brauchbaren Unrates ist, wie dir mehrere solche Organe
am menschlichen Leibe wohl sicher nicht unbekannt sein dürften.
[GEJ.07_114,04] Die Erde ist ebensogut ein
organisches und sogar auch seelisch lebendes Wesen, wie du und jedes Geschöpf
es ist, das da atmet und wirkt und webt im endlosen Schöpfungsraume.
[GEJ.07_114,05] Es wird dich aber die
Erfahrung gelehrt haben, daß der Unrat der Menschen, Tiere und Pflanzen als
Dünger der Felder wie Äcker, Wiesen und Weinberge gar wohl benutzt werden kann;
ich aber sage dir: Was der Unrat der Tiere im Kleinen ist, das ist der Unrat
der Erde im Großen und Allgemeinen.
[GEJ.07_114,06] Der Fruchtboden der Erde,
auch die Berge und die Meere sind im Grunde ein Unrat der Erde; denn das alles
entstand durch das innere Lebensfeuer der Erde, aber freilich schon seit dir
undenkbar langen Zeitläufen. Und alles, was da auf die Oberfläche der Erde
befördert wird wie Schwefel, Pech, Salze, Wasser und allerlei Mineralien und Metalle,
dient zur Bildung des fruchtbaren Erdreiches, ohne das keine Pflanze, kein Baum
und somit noch weniger ein Tier oder gar ein Mensch bestehen könnte.
[GEJ.07_114,07] Wenn sonach die Erde durch
ihre eigenen Organe und Poren noch heutzutage das tut, was sie nach der
weisesten Anordnung des ewig großen Schöpfers schon vor undenklich langen
Zeiten getan hat und tun mußte, so kann man das nicht böse nennen, sondern da
ist alles gut.
[GEJ.07_114,08] Wenn solch ein Boden oder ein
See dem Naturleben der Pflanzen, Tiere und Menschen nicht zuträglich ist, so
ist er darum nicht böse. Der Mensch hat Vernunft und Verstand und kann derlei
Orte meiden, die noch nicht zur Bewohnung reif sind. Es hat die Erde der
wohnreifen Gegenden in großer Menge, und die Menschen können damit schon
vollkommen zufrieden sein. Das Meer hat im ganzen doch eine viel größere Fläche
denn das trockene Land. Wer wird da sagen: ,Siehe, wie unweise hat da Gott
gehandelt, daß Er nicht lieber den größten Teil der Erde zum fruchtbaren Lande
denn zu so viel unbrauchbarem Wasser gemacht hat! Wir Menschen und sicher auch
die meisten Landtiere und so auch die meisten Pflanzen hätten an den Landseen,
Strömen, Flüssen, Bächen, Quellen und am Regen und Schnee zur Übergenüge!‘
[GEJ.07_114,09] Ja, sage ich, das wäre schon
alles recht, wenn all die Landseen, Ströme, Flüsse, Bäche, Quellen und der
Regen und Schnee von woanders her ihren Ursprung nähmen als eben aus dem großen
Weltmeere. Wenn dieses nicht also bestünde, wie es besteht, so gäbe es auch
kein Süßwasser auf dem trockenen Lande.
[GEJ.07_114,10] Ich meine nun, daß ich dir
deine Zweifel auf einem ganz natürlichen Wege berichtigt habe. Wenn du ihrer
achtest, so wirst du über das Dasein eines wahren Gottes, über Seine Liebe,
Güte, Weisheit und Macht völlig im klaren sein, und es wird dich keine
Erscheinung in der Welt mehr beirren im rechten Glauben und in der rechten
Erkenntnis eines wahren Gottes.
[GEJ.07_114,11] Wenn dir aber jemand mit
einer gewissen Beredsamkeit eine andere Lehre aufdrängen will, so zeige ihm
alles so, wie ich es dir gezeigt habe. Nimmt er deine Erkenntnis an, so
betrachte ihn als einen Menschen, der die Wahrheit sucht, und behandle ihn als
einen Bruder; nimmt er aber die augenscheinliche Wahrheit nicht an, so
betrachte ihn als einen Lichtlosen, der ein Heide und ein Ketzer ist, weil er
die lichte Wahrheit nicht annehmen will, und meide ihn und seine Gesellschaft!
[GEJ.07_114,12] Es ist aber auch ein
Unterschied zu machen zwischen dem, der die Wahrheit nicht annehmen will, und
dem, der infolge seiner Geistesarmut die Wahrheit nicht begreifen und annehmen
kann. Ersterer verdient eine längere Geduld nicht, die man sich mit ihm nehmen
solle, weil er aus Hochmut und Eigendünkel die Wahrheit nicht annehmen will,
und nur will, daß sich alles nach ihm richten soll. Aber mit dem zweiten habe
Geduld; denn dem fehlt es nicht am Willen, sondern am Verstande! Wenn er durch
deine Geduld und Liebe verständiger wird, dann wird er die Wahrheit schon
annehmen.
[GEJ.07_114,13] Nun habe ich dir vieles gezeigt.
Wenn du es beachtest, so wirst du das Größere schon von selbst in dir finden.
Dein Geist aus Gott wird dir die Tiefen und Höhen der Wahrheit zeigen. Frage
aber dein Gemüt nun selbst, ob du all das Gesagte auch wohl begriffen hast!“
115. Kapitel
[GEJ.07_115,01] Sagte nun der Magier: „Es
dämmert in mir wie am frühen Morgen vor dem Aufgang der Sonne; aber es sind das
Dinge, die in mir erst eine rechte Wurzel fassen müssen, bis sie zum völligen
Eigentum meines Lebens werden. Aber daß es also ist, wie du es mir nun gezeigt
hast, daran zweifle ich wahrlich keinen Augenblick mehr. Nur eine ganz kleine
Frage hätte ich noch. So deine große Geduld mit mir noch nicht völlig zu Ende
ist, da würde ich dich wohl bitten, mir auch noch diese kleine Frage gütigst zu
meiner tieferen Belehrung beantworten zu wollen.“
[GEJ.07_115,02] Sagte Raphael: „So entledige
dich auch solch deines Anliegens! Was ist es denn? Rede!“
[GEJ.07_115,03] Sagte der Magier: „Sieh, du
holdester und gar überaus weiser Jüngling! Bei uns in Indien, und zwar auf
einer großen Insel, wie auch in einigen Küstentälern, die sonst sehr üppig sein
könnten, wächst dir ein eigenes Gesträuch, ein wahrer Schrecken des Landes.
Dieses Gesträuch ist so böse und so giftig, daß es durch seine Ausdünstung
weithin alles tötet, was sich ihm naht. Es ist um vieles gefährlicher als
dieser vorbeschriebene See und kann nicht ausgerottet werden. Unkundige
Menschen geraten doch dann und wann in die Nähe solcher Gewächse und müssen
darauf eines elenden Todes sterben.
[GEJ.07_115,04] Nun, wozu dient solch ein
wahres Höllengewächs?“
[GEJ.07_115,05] Sagte Raphael: „Ja, du mein
lieber Freund, ein solches Gewächs hat eine gar große und für die Menschen gar
sehr wichtige Bedeutung in dem Lande, in welchem es der Herr des Himmels und dieser
Erde wachsen läßt; denn es ist den Menschen jenes Landes als ein treuer Wächter
gegeben, der sie warnt, solche kleinen Landteile der Erde zu bewohnen, mit
denen für die Erhaltung der Erde Gott der Herr einen ganz andern Zweck
verbunden hat.
[GEJ.07_115,06] Es ist das aber schon euren
Urvätern treu geoffenbart worden, wie sie jene wenigen Täler meiden und nicht
bewohnen sollen, weil sie für die Bewohnbarkeit noch lange nicht reif sind, und
wie unter ihnen noch roher Elemente Kräfte walten, wie auch, daß die
angezeigten Gesträuche da sind, um das ausdünstende Gift aus den Tiefen der
Erde in sich aufzunehmen, damit es nicht andere und weitere Länderstrecken
vergifte und sie unbewohnbar mache.
[GEJ.07_115,07] Wenn aber den Menschen
solches einmal angezeigt worden ist und durch Lehrer tausend Jahre lang
vorgesagt wurde, so kann sich dann doch wohl niemand mehr aufhalten, wenn er,
der Warnung uneingedenk, sich noch an solche Erdorte hinbegibt, von denen er
doch wissen sollte, daß sie für die Aufnahme von Menschen und Tieren noch lange
nicht reif sind. – Verstehst du nun auch das?“
[GEJ.07_115,08] Sagte der Magier: „Ja, auch
das verstehe ich nun! Aber wie kommt denn das, daß manche Gegenden der Erde
früher reif geworden sind als andere?“
[GEJ.07_115,09] Sagte Raphael: „Du bist
wahrlich noch recht blind! Hast du schon einmal einen Menschen gesehen, bei dem
alle seine Leibesteile auf einmal vollends reif geworden sind? Wie lange
braucht es, bis der Mensch nur dem Leibe nach vollends reif wird, und wie
lange, bis seine Seele vollends lebensreif wird! Meinst du denn, daß der
allweiseste Gott irgendwo Seine ewige Ordnung überspringe? O mitnichten! Gott
ist die vollkommenste Ordnung Selbst und weiß höchst genau, was Er, wie Er und
warum Er es also tut!
[GEJ.07_115,10] Sieh an die hohen Berge um
uns herum! Die waren vor vielen tausend Jahren noch mehr als noch einmal so
hoch und die Taltiefen noch mehr denn noch einmal so tief, als sie nun sind,
von den hohen Bergen herab gemessen; aber da waren solche Taltiefen noch völlig
unbewohnt, nur Seen auf Seen füllten sie aus mit manchen riesigsten
Wassertieren.
[GEJ.07_115,11] Da ließ der große Herr und
Meister von Ewigkeit furchtbare Stürme mit Blitz und Donner und große Erdbeben
walten. Diese zertrümmerten die hohen Berge, und mit ihren Trümmern wurden die
Taltiefen ausgefüllt. Anstatt der großen Seen wogten bald große und mächtige
Ströme über die ausgefüllten Talebenen hin und rollten mit ihrer Gewalt die
kleineren Bergtrümmer auf ihrem Grunde fort und fort, wodurch diese noch mehr
zermalmt und somit sehr verkleinert wurden; denn aller Sand in den Strömen,
Flüssen, Bächen und Meeren ist eine möglichste Verkleinerung der einst in der
Urzeit so riesenhaft hohen Gebirge. Als die Täler auf solche Art ausgefüllt
waren, ließ der Herr die Ströme auch mehr und mehr versiegen und kleiner
werden, und ihre Ufer wurden nach und nach zum fruchtbaren Lande.
[GEJ.07_115,12] Und was in den Urzeiten der
Erde geschah, das geschieht heutzutage auch, wennschon in einem kleineren
Maßstabe. Und so siehst du, daß Gott der Herr in Sich die ewige Ordnung Selbst
ist und es wahrlich nicht nötig hat, Sich irgendwo zu übereilen; denn es macht
eben das Seine eigene höchste Seligkeit aus, zu sehen, wie in der ganzen ewigen
Unendlichkeit, alles so in der größten Ordnung, eins aus dem andern hervorgeht
und hervorgehen muß. Wenn aber also, da ist deine Frage, warum die Gegenden auf
der festen Erde nicht auf einmal bewohnbar gemacht werden, wahrlich ganz
überflüssig gewesen!
[GEJ.07_115,13] Sieh, ich will dir noch etwas
hinzusagen! Das große Meer wird von so ungefähr 14000 Jahren zu wieder 14000
Jahren vom Süden der Erde bis zum Norden derselben und ebenso wieder nach
rückwärts geschoben! Von heute an in etwa 8000 bis 9000 Jahren steht hoch über
diesem Berge, auf dem wir nun stehen und davon reden, das große Meer. Dafür
aber werden im Süden große Ländereien wieder trockengelegt werden, und Menschen
und Tiere werden dort ein hinreichendes Futter finden. Bei solch einer Gelegenheit
werden dann schon wieder eine Menge jetzt noch unreifer und unwohnlicher
Stellen der Nordhälfte der Erde schon reif und wohnlich werden für künftige
Menschengenerationen, das heißt, wenn die Nordhälfte der Erde wieder vom Meere
frei wird.
[GEJ.07_115,14] Nun meine ich, dir als einem
Naturgelehrten doch mehr als genug gesagt zu haben, und ich konnte es dir wohl
sagen, weil ich weiß, daß ihr Weisen aus dem Morgenlande die Gestalt und das
Wesen der ganzen Erde für euch wohl kennet, obwohl ihr solche eure Kunde vor
den anderen Menschen stets verborgen haltet. – Hast du jetzt auch noch eine
Frage übrig?“
[GEJ.07_115,15] Sagte der Magier: „Nein, du
junger, mir vollends unbegreiflicher Weiser! Du redest von der ganzen Erde ja
gerade also, als wärst du bei ihrer Erschaffung von Urbeginn an dabeigewesen
und hättest alles gesehen, was sich mit ihr zugetragen hat! Und das
Merkwürdigste des Merkwürdigsten ist, daß wir dir selbst bei unserem besten
Wissen und Gewissen nirgends widersprechen können! Denn nach unseren vielen
Erfahrungen auf der weiten Erde verhält es sich geradealso, wie du nun geredet
hast, und das Dasein eines wahren, ewigen Gottes ist für uns mehr als
sonnenhell erwiesen, und eines weiteren bedarf es nun für uns nicht, da wir von
dir aus auch das wissen, was wir zu tun haben, um Gott Selbst wahrhaft zu
finden.
[GEJ.07_115,16] Wie gerne möchten wir dich
für diese deine große Güte mehr denn königlich belohnen, so du von uns eine
Belohnung annehmen würdest; aber dagegen hast du dich schon auf das feierlichste
verwahrt, und so bleibt uns nichts übrig, als dir aus unserem tiefsten
Herzensgrunde zu danken und dich aber auch abermals zu bitten, unser zu
gedenken, so du bei Gott dem ewigen Herrn zugegen sein wirst.
[GEJ.07_115,17] Nun aber möchte ich nur ein
paar Wörtchen noch mit dem Manne reden, der mich zuvor beim Abendessen gar so
angezogen hat; dann wollen wir gerne froh und sehr getröstet diesen Berg
verlassen und uns hinab zu den Unsrigen begeben und ihnen auch sagen und
beweisen, daß wir endlich das in aller Fülle gefunden, was wir so lange
vergebens gesucht haben. Darf ich also mit dem Manne ein paar Wörtlein reden?“
116. Kapitel
[GEJ.07_116,01] Sagte nun Ich: „O ja, tritt
nur näher! Wenn diese Nacht auch etwas dunkel ist, so werden wir uns
hoffentlich auch in der Nacht ein wenig näher kennenlernen! Was hast du denn
eigentlich für ein Anliegen an Mich? Was willst du von Mir noch über das, was
dir Mein jung scheinender Diener gesagt und gezeigt hat? Rede, – aber mache
nicht viele Worte!“
[GEJ.07_116,02] Sagte der Magier: „Du bist
wahrlich und sicher ein großer und weiser Mann. Du fielst mir im Saale auf, und
mein Herz war von deinem Anblick so sehr gerührt und angezogen, daß ich mich
selbst sehr mäßigen mußte, um nicht unartigstermaßen zu dir ordentlich hinzuspringen
und dich mit aller Gewalt an meine Brust zu drücken. Das war ein Gefühl, das
ich zuvor noch niemals empfunden habe, und so wollte ich dich nun fragen, warum
ich und auch meine beiden Gefährten von dir gar so mächtig angezogen wurden,
während wir doch deinen holdesten Diener mit vielem Gleichmute nur bewundern
konnten. O du lieber Mann, löse uns doch dieses Rätsel!“
[GEJ.07_116,03] Sagte Ich: „Das Licht erweckt
das Licht, die Liebe die Liebe und das Leben das Leben; denn ein Toter kann
keinen Toten erwecken und ein Blinder kann keinem Blinden einen Führer machen.
Da habt ihr den Grund von dem, was ihr über Mich gefühlt habt. Das andere
werdet ihr noch später erfahren.“
[GEJ.07_116,04] Diese Worte machten auf die
drei einen tiefen Eindruck. Sie schwiegen darauf und dachten bei sich darüber
sehr nach; wir aber betrachteten die Erscheinung im Süden ruhig weiter.
[GEJ.07_116,05] Nach einer Weile tiefen
Nachdenkens über die wenigen Worte, die der Magier aus Meinem Munde vernommen
hatte, sagte er zu seinen zwei Gefährten: „Höret, der muß ein gar großer Weiser
sein; denn er sagte mit wenigen Worten so ungeheuer vieles, daß man darüber
viele Jahre lang zu denken und zu reden hätte. Oh, wenn er uns etwa doch noch
so ein paar Worte sagen möchte, wie selig wären wir dann! Aber er scheint
gleich allen großen Weisen wortkarg zu sein; denn ihnen ist das nicht selten zu
albern und kleinlich, um was wir als noch unweise Menschen sie fragen, wenn
auch für unseren Verstand unsere Fragen als etwas Weises erscheinen. Aber er
sagte ja selbst, daß die Liebe wieder Liebe erwecke, und wir lieben ihn nun
schon sehr, und so werde ich ihn denn doch noch um etwas fragen, bevor wir uns
hinab in unsere Herberge begeben werden.“
[GEJ.07_116,06] Damit waren die zwei andern
einverstanden, und der Magier kam wieder in Meine Nähe und sagte: „O du lieber,
weiser Mann, da ich aus deinen Worten entnommen habe, daß du ein gar großer
Weiser bist, so konnte ich meinem innersten Herzensdrange nicht länger
widerstehen, dir mit noch einer Frage lästig zu fallen; denn du sagtest ja, daß
die Liebe wieder Liebe erwecke, und ich schließe daraus, daß du uns liebhast,
und deine Liebe zu uns hat dann auch sicher unsere innige Liebe zu dir erweckt,
ansonst wir dich nicht so sehr lieben könnten, wie wir dich lieben! So du uns
aber liebst, wie auch wir dich sehr lieben, so wirst du uns nicht gram werden,
wenn ich dich noch mit einer kleinen Frage belästige?!“
[GEJ.07_116,07] Sagte Ich: „Oh, durchaus
nicht; denn ihr habt noch Weile genug, Mich nun irgend etwas zu fragen, und ihr
habt auch Weile zur Genüge, Mich anzuhören, gleichwie auch Ich Weile habe, euch
zu antworten. Und so kannst du schon fragen, und Ich werde euch antworten in
Meiner Art und Weise.
[GEJ.07_116,08] Frage aber um Dinge, die
eines rechten Menschen würdig sind! Denn um gar vieles sorgt und kümmert sich
oft ein Mensch; doch eines ist nur, das ihm not tut, und dieses eine ist die
Wahrheit. Wenn der Mensch alles besäße, und die Wahrheit fehlte ihm, so wäre er
dennoch das ärmste Wesen der Welt.
[GEJ.07_116,09] Der Mensch suche daher vor
allem die Wahrheit, welche ist das wahre Reich Gottes auf Erden! Hat er das
gefunden, so hat er damit auch schon alles gefunden. Darum frage du um nichts
anderes als um die Wahrheit; denn die allein tut euch not!“
[GEJ.07_116,10] Sagte nun der Magier: „Ja, du
edler, weiser Mann, du hast sehr recht und weise gesprochen! Die Wahrheit in
allen Dingen und Sphären ist wahrlich das höchste Gut des denkenden und seines
Daseins wohl bewußten Menschen. Jeden Mangel fühlt der Denker und Sucher um
vieles weniger als den traurigsten Mangel der Wahrheit. Aber wo findet er
diese?
[GEJ.07_116,11] Wir suchen die Wahrheit schon
volle dreißig Jahre, und erst eben hier sind wir auf ihre Spur gekommen, haben
sie selbst in ihrer Lichtfülle aber noch immer nicht gefunden. Darum frage ich
nun dich, der du die Wahrheit schon in ihrer ganzen Fülle gefunden zu haben
scheinst: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und wo finden wir sie?
[GEJ.07_116,12] Der wenig oder oft auch gar
nichts denkende Mensch ist natürlich bald befriedigt; denn er nimmt auch die
Lüge für eine Wahrheit an. Er glaubt, und sein blinder Glaube macht ihn
zufrieden und selig. Aber ganz anders geht es dem denkenden und suchenden
Menschen. Der kann nicht blind glauben. Er muß im Lichte schauen und die
Wahrheit mit Händen greifen, so ihm das Leben etwas sein soll; denn ohne solche
Vollbeweise für die Wahrheit ist der Denker und Sucher das elendeste Wesen auf
der ganzen Erde, elender, als ein im Staube der Nichtigkeit zertretener und
sich krümmender Wurm, der sicher kaum fühlen wird, daß er da ist.
[GEJ.07_116,13] Wir sind Denker und Sucher
und sind sehr elend, weil wir die Wahrheit nicht finden können. Da wir aber
hier durch den jungen, weisen und wahrlich göttlich mächtigen Menschen auf die
Fährte der Wahrheit geleitet wurden, und du uns nun auch darauf aufmerksam
gemacht hast, daß wir uns nur allein um die Wahrheit sorgen und kümmern sollen,
und daß wir alles hätten, so wir zum Besitze der Wahrheit gelängen, so fragen
wir denn noch einmal und sagen wie zuvor: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und
wo finden wir sie?“
117. Kapitel
[GEJ.07_117,01] Sagte Ich: „Ihr stehet an der
Schwelle des Tempels, darin die Wahrheit wohnt. Denn so es eine Wahrheit gibt,
so muß sie sich im Leben und nicht im Tode offenbaren; denn dem Tode ist die
Wahrheit nichts nütze. Der rechte und wahre Mensch aber ist ein wahrer Tempel
der Wahrheit. Im Herzen ist ihr Sitz.
[GEJ.07_117,02] Wenn ein Mensch die Wahrheit
sucht, so muß er sie in sich suchen und nicht außer sich; denn die Wahrheit ist
das Leben, und das Leben ist die Liebe. Wer da Liebe hat ohne Falsch zu Gott
und zum Nächsten, der hat auch das Leben, und dieses Leben ist die Wahrheit und
wohnt im Menschen.
[GEJ.07_117,03] Darum sagte Ich zuvor, daß
ihr an der Schwelle des Tempels der Wahrheit stehet, und es ist also der Mensch
in sich die Wahrheit, der Weg zu ihr und das Leben. – Verstehet ihr das wohl?“
[GEJ.07_117,04] Sagte der Magier: „Ja, ja, du
weiser Mann, du wirst da schon ganz recht haben, aber nur in Anbetracht deiner
höchsteigenen Person. Bei uns ist das aber noch lange nicht der Fall. Wir
wissen aus dem Munde des Jünglings und nun auch aus deinem, was wir zu tun
haben, um Gott zu finden und mit Gott alle Wahrheit. Wir haben das Weizenkorn
schon und werden es auch ins Erdreich unseres Herzens legen. Doch wie es
aufgehen und welche Früchte es tragen wird, das werden wir erst in der Folge
sehen; denn man kann nicht eher ernten, als man gesät hat.
[GEJ.07_117,05] In uns ist daher noch kein
Leben, keine wahre Liebe und somit auch keine Wahrheit. Uns tröstet jetzt nur
der Gedanke, daß ihr als Menschen den wahren Gott und somit die volle Wahrheit
gefunden habt, wie uns solches die Taten des Jünglings klar gezeigt haben, wie
auch nicht minder seine Worte. Also können mit dem rechten Fleiße solches auch
wir erreichen; aber jetzt haben wir es noch nicht erreicht. Zeige aber du uns
den vielleicht noch kürzeren Weg zum Ziele, und wir werden dir dankbar sein für
immer!“
[GEJ.07_117,06] Sagte Ich: „Ihr habt die
Schrift der Juden gelesen in Babylonien und habt bewundert die Weisheit Mosis.
Ihr kennet das Gesetz der Juden und saget: ,Ja, das ist ein wahres Gesetz! Wer
es beachtet, der wird selig werden.‘ Beachtet es also auch ihr, so werdet ihr
selig werden!“
[GEJ.07_117,07] Sagte der Magier: „Freund,
hast du uns denn schon einmal im alten Babylon, das einst die größte Stadt der
Welt gewesen sein soll, gesehen und kennengelernt? Wir können uns dessen
wahrlich nicht erinnern!“
[GEJ.07_117,08] Sagte Ich: „Wie Mein Diener
wußte, wo du daheim deinen großen Diamanten aufbewahrt hieltest, um so mehr
weiß Ich als sein Herr, was ihr vor zehn Jahren gerade um diese Zeit in Babylon
gemacht habt, ohne daß Ich es nötig hatte, je in jener zerstörten Stadt zu
sein.
[GEJ.07_117,09] Ich sage es euch, daß ein
Mensch, dessen Geist die Seele durchdrungen hat, nicht nötig hat, überall
persönlich gegenwärtig zu sein, um von dem, was irgendwo geschieht, Kenntnis zu
nehmen, sondern so er eins geworden ist mit dem Geiste Gottes, so ist er in und
durch diesen Heiligen Geist überall gegenwärtig und sieht und hört alles und
weiß dann auch um alles. Es hat euch das zwar schon Mein Diener gesagt; aber
Ich sage euch das noch einmal, auf daß es in euch bleibe zu eurem Darnachachten
und Darnachhandeln.
[GEJ.07_117,10] Was ihr aber zu tun habt, das
wisset ihr, und so denn habe Ich euch nun für weiter hin nichts mehr zu sagen.
Habt ihr aber sonst noch irgendein Anliegen, so möget ihr immerhin noch euren
Mund auftun!“
[GEJ.07_117,11] Sagte der Magier: „Daß du ein
grundweiser Mann bist, das haben wir nun schon vollkommen kennengelernt; denn
solch eine allwissende und allsehende Eigenschaft haben wir im hohen Indien nur
einmal bei einem Pirmanz angetroffen, der uns aber keinen Aufschluß gab, wie
einem Menschen das möglich wird. Wir fragten ihn wohl sehr angelegentlich
darum; aber er gab uns zur Antwort: ,Ihr seid dazu nicht reif und habt keine
Kenntnis von einem innersten Leben im Menschen. Aber reiset dahin, wo der Orion
untergeht und die anderen Sterne, die ihn begleiten in stets gleicher, ewiger
Ordnung, dort werdet ihr euch selbst näher kennenlernen!‘ Das war aber auch
schon alles, was wir aus dem Weisen herausbringen konnten.
[GEJ.07_117,12] Wir sind dann auch bald dem
Westen zugereist, und das mit vieler Mühe und vielen Gefahren, und haben nach
langem Suchen nun euch gefunden, die ihr uns den Weg zur Erlangung der innern
Weisheit schon um vieles näher bezeichnet habt. Wenn wir nun etwa noch weiter
die Reise nach Westen machen, so dürften wir für unsere Mühe doch wohl die
innere Weisheit der Menschen ganz finden und sie auch für uns erreichen.
[GEJ.07_117,13] Denn das haben wir bei
unserer Reise nach dem Wege der Sterne bemerkt, daß wir bei unserem Vordringen
nach dem Westen stets weisere und wunderbar mächtigere und dabei auch stets
bessere Menschen angetroffen haben, und ihre Lehrbücher enthalten auch immer
eine tiefere, wennschon oft sehr verborgene Weisheit, wie wir solches vor zehn
Jahren in Babylon aus den Büchern entnahmen, die wir dort bei einem Manne eures
Stammes zur Einsicht bekamen.
[GEJ.07_117,14] Sie waren freilich in der
althebräischen Zunge geschrieben, die uns nicht so geläufig ist wie die, welche
ihr da redet; aber sie hatte eine große Ähnlichkeit mit unserer Altzunge, und
so verstanden wir sie und konnten die Schriftzeichen auch ganz gut lesen, weil
sie mit den unsrigen eine große Ähnlichkeit hatten.
[GEJ.07_117,15] Wir fanden aber darinnen auch
eine Prophezeiung, daß eben euch von dem Geiste Gottes ein Messias (Vermittler)
zwischen Gott und euch Juden verheißen ist. Wir fragten den Mann sehr inständig
darum. Aber er konnte uns wenig Bescheid erteilen; denn er sagte uns, daß die
Zeit und Stunde sehr dunkel und unbestimmt ausgedrückt sei, und es stehe auch
geschrieben, daß vor Gott tausend Jahre gerade kaum einen Tag ausmachten. So
dürften die Juden auf den verheißenen Mittler wohl noch lange warten. Er selbst
aber glaube, daß der Prophet in seiner Bildersprache etwas ganz anderes als
eine wirkliche Ankunft eines künftigen, gottähnlichen Mittlers gemeint habe.
[GEJ.07_117,16] Da wir aber hier schon einmal
darauf zu reden gekommen sind und wir uns anderseits auch bis jetzt in wenigen
Stunden zur Genüge überzeugt haben, daß ihr hier wahrlich ganz unbegreiflich
grundweise Menschen seid, und du schon sicher ganz besonders, so möchte ich nun
auch von dir eine Meinung über den euch verheißenen Mittler vernehmen. Was
ist's damit? Wie ist des alten Sehers Schrift und Weissagung zu verstehen?“
118. Kapitel
[GEJ.07_118,01] Sagte Ich: „Es sind bei der
Geburt des Mittlers ja ohnehin Weise aus eurem Lande schon vor dreißig Jahren
hier gewesen und haben Ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen zum Geschenk gebracht.
Habt ihr denn von jenen nichts erfahren?“
[GEJ.07_118,02] Sagte der Magier: „Ja, ja, du
hast ganz recht. Wir waren damals noch jung und waren auch noch Lehrlinge, die
sich um derlei Dinge wenig kümmerten, und zudem haben jene Weisen nur sehr
wenigen ihres hohen Gleichen davon eine Kunde gegeben, die aber bei ihnen sicher
nicht den Eindruck gemacht hat, den sich die drei Hauptweisen etwa erhofft
haben, und wir haben davon auch nur sehr Weniges erfahren können. Bei uns sagte
man nur, daß dem einst so großen und mächtigen Volke im Westen ein neuer König
geboren worden sei, dessen Arm des Volkes Feinde und Bedrücker bändigen und
vertreiben werde; aber von dem, daß jener neugeborene König zugleich der
verheißene Mittler sein solle, haben wir wenig oder nichts vernommen.
[GEJ.07_118,03] Daß jene drei Weisen etliche
Jahre darauf sich wieder irgendwohin auf Reisen begaben, das wissen wir; aber
seitdem haben wir nichts mehr von ihnen vernommen, wohin sie gekommen sind, und
von welchen Wirkungen ihre abermaligen Reisen begleitet waren. Nur das wissen
wir, daß sie dem Außenschein nach ganz bestimmt als nichts anderes wie wir
gereist sind und als Magier sehr geschickt sein sollen.
[GEJ.07_118,04] Was ich dir, du lieber,
hochweiser Mann, hier kundgab, ist eine volle und reine Wahrheit, und du wirst
darin eine Entschuldigung finden, weshalb wir uns wegen eures euch verheißenen
Mittlers nun an dich gewendet haben. Wenn du uns davon etwas Näheres sagen
willst, so werden wir sicher in unseren Herzen sehr dankbar sein.“
[GEJ.07_118,05] Sagte Ich: „Nun, so höret
denn! Eben jener von euch gemeinte neugeborene König war jener verheißene
Mittler, der in die Welt gekommen ist, um nicht nur den Juden, sondern allen
Menschen der Erde, die eines guten Geistes sind, ein wahres Licht des Lebens
aus Gott zu bringen.
[GEJ.07_118,06] Von Ihm und durch Ihn werden
alle Völker beglückt werden und werden sagen: ,Heil Dem, der da kommt, angetan
mit dem Kleide der ewigen Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit; denn Er hat
unserer Gebrechen Sich erbarmt und hat uns erlöst vom harten Joche des
Gerichtes und des Todes!‘
[GEJ.07_118,07] Wer Ihn hören wird und tun
nach Seiner Lehre, der wird in sich ernten das ewige Leben! Sehet, wir sind da,
und vor uns liegt enthüllt die große Verheißung! Die Sonne der Himmel und des
ewigen Lebens ist den Völkern aufgegangen, und viele Tausende wärmen sich schon
an ihren allbelebenden Strahlen, und ihr seid gekommen aus dem fernen
Morgenlande, weil ihr in euch auch einen Schein, von dieser Sonne ausgehend,
vernommen habt.
[GEJ.07_118,08] Aber da euer Herz noch blind
ist, so forschet ihr noch nach der Lebenssonne und vermöget nicht zu erkennen,
wo sie steht; aber es hat euch euer schwacher Schein ihr doch schon näher
gebracht, und so öffnet das Auge eures Herzens und fraget eure Sterne, damit
sie euch zeigen den Stand jener Sonne!“
[GEJ.07_118,09] Sagte der Magier zu seinen
Gefährten: „Höret, der Mensch spricht wundersam! Er muß es wissen, wie die
Sachen stehen. Der kann und wird uns darüber noch einen näheren Aufschluß zu
geben imstande sein, was er mit dem uns nahen Stande der gewissen Lebenssonne
gemeint hat. Darinnen scheint alles zu liegen!
[GEJ.07_118,10] Die Sterne sollten wir
fragen, damit sie uns anzeigeten den Stand jener Sonne, der wir nahe gekommen
seien, von der wir aber doch nichts zu merken vermögen ob der Blindheit unseres
Herzens. Was werden uns die stummen Sterne sagen? Wir können sie ewigfort
fragen und werden von ihnen dennoch keine Antwort bekommen! Ich meine, daß wir
von dem sonderbar weisen Manne eher etwas Bestimmteres über den Stand jener von
ihm bezeichneten Lebenssonne erfahren dürften als von den Sternen, die uns noch
nie etwas angezeigt haben, obschon wir bei unseren Produktionen von den
Menschen oft um Dinge und Verhältnisse gefragt wurden, um die wir schon lange
früher wußten, und dann mit ernstweisen Mienen dem Volke sagten, daß wir das
aus den Sternen gelesen hätten. Ja, das blinde Volk glaubte das wohl, nur wir
selbst nicht, und diese würden es uns auch um so weniger glauben, weil sie im
vollsten Wahrheitslichte sich befinden.
[GEJ.07_118,11] Mit der Sternenfragerei ist
es somit nichts, da wir nur zu wohl wissen, was es mit den Sternen für eine
Bewandtnis hat; aber mit der Fragerei an diese Weisen kann etwas sein, – nur
müßten wir es höchst klug anstellen, ansonst wir am Ende von ihnen ebensoviel
erführen wie von den Sternen!“
[GEJ.07_118,12] Sagte ein zweiter Magier:
„Klug anstellen wäre schon recht, wenn wir das nur auch vermöchten! Was wollen
wir denn mit aller unserer blinden Klugheit? Diese Weisen wissen schon lange
eher darum, als sie, die Klugheit nämlich, uns in den Sinn gekommen ist. Ich
aber meine, daß es für uns nun am klügsten wäre, so wir uns mit dem begnügten,
was wir bis jetzt erfahren haben, und das Weitere ihrem guten Willen
überließen; denn mit einer gewissen Nötigung werden wir aus ihnen nicht gar
zuviel herausbringen. Und zudem sehe ich es jetzt selbst schon ganz klar ein,
daß wir für höhere und tiefere Wahrheiten über das einige und allein wahre
Gottwesen und über des Menschen innerstes Geistesleben noch lange nicht reif
sind.
[GEJ.07_118,13] Wohl aber können wir sie
bitten, daß sie uns den möglich kürzesten Weg zur Erreichung des inneren
Wahrheits- und Lebenslichtes gütigst anzeigen möchten. Denn wir wissen das ja
aus unserer eigenen Erfahrung, daß es ein Mensch durch eigenes Denken und Suchen
auch zu manchen und großen Fertigkeiten bringen kann; aber mit der Hilfe eines
weisen und wohlerfahrenen Führers wird er sicherer und eher zu allerlei
Kenntnissen und Fertigkeiten gelangen. Und so meine ich denn auch hier, daß uns
eine ganz kurze, aber ganz gründliche Anweisung mehr nützen würde als eine
Menge unnütz aufgestellter Fragen, deren Beantwortung, wenn sie noch so gut und
wahr ist, uns wenig nützen kann, weil wir sie nicht verstehen. Wir können sogar
um das nicht fragen, was uns not tut, weil wir uns selbst nicht kennen, und
somit auch das nicht, was uns eigentlich fehlt. Diese Weisen kennen das sicher
besser als wir, und so bin ich der Meinung, daß wir das ihrer viel weiseren
Einsicht überlassen sollen.“
[GEJ.07_118,14] Sagte der erste Magier: „Du
bist wahrlich in deiner mir lange bekannten Einfachheit weiser denn ich mit all
meinem vielen Wissen und Können! Bei deiner Ansicht und Meinung wollen wir denn
auch verbleiben; denn durchs Bitten kommt man allzeit weiter als durch ein
gewisses Fordern. Aber nun kommt es noch auf etwas an, und das besteht darin,
ob wir uns hier noch länger aufhalten oder uns in die Stadt hinabbegeben
sollen.“
[GEJ.07_118,15] Sagte der vorher redende
Magier: „Nach der von dem weisen Jungen ausgesprochenen Meinung sollten wir
eigentlich bleiben, weil unsere Angehörigen schon wissen, daß wir für heute
versorgt sind; doch du bist unser Oberhaupt und hast das Recht, zu bestimmen,
was wir in diesem Falle tun sollen.“
[GEJ.07_118,16] Sagte der erste Magier: „Da
soll allein unsere Vernunft bestimmen, was wir tun sollen! Wenn die Unsrigen
daheim versorgt sind, so können wir trotz der schon ziemlich empfindlichen
Kühle hier verbleiben – und das wenigstens so lange, bis diese Weisen sich
selbst zur Ruhe ihrer Glieder begeben werden –, und wir können bei ihnen noch
manches gewinnen in dieser Zeit.“
[GEJ.07_118,17] Sagten die andern zwei:
„Dieser Meinung sind auch wir; aber nur um nichts mehr fragen, sondern bei
schicklicher Gelegenheit bitten, daß sie uns andeuten möchten, was uns zur Erkenntnis
der reinen Wahrheit not tut!“
[GEJ.07_118,18] Damit waren nun alle drei
völlig einverstanden und begaben sich zur Ruhe.
119. Kapitel
[GEJ.07_119,01] Es ward aber das zeitweilige Lichtauftauchen
in der Gegend des Toten Meeres stets stärker und heftiger und wiederholte sich
öfter als im Beginne. Es glich diese Naturszene einem fernen und starken
Wetterleuchten. Es gab darum viel Stoff zu allerlei Besprechungen.
[GEJ.07_119,02] Lazarus selbst meinte, daß er
so etwas in solcher Heftigkeit noch nicht gesehen habe; auch die Judgriechen
behaupteten das gleiche. Die armen Knechte und Arbeiter mit der noch immer
anwesenden Ehebrecherin und die schöne Helias mit ihren Angehörigen sagten dasselbe
und wunderten sich alle sehr über diese Erscheinung.
[GEJ.07_119,03] Nur die Römer betrachteten
diese Naturszene mit ganz gleichgültigen Augen, und Agrikola sagte zu Mir:
„Herr, diese Naturszene ist nicht übel anzusehen; aber unsere brennenden Berge
sind doch noch ganz etwas anderes!“
[GEJ.07_119,04] Sagte Ich: „O ja, das ganz
sicher, – doch denkwürdiger sind sie nicht als dieser See; denn in diesem See
liegt eine große und sehr traurige Menschengeschichte begraben, gleichwie in
dem euch Römern schon gar wohlbekannten Kaspischen Meere. Und darum sind diese
Erscheinungen um vieles denkwürdiger denn jene eurer brennenden Berge, die Ich
gar wohl kenne und auch gar wohl weiß, daß erst vor wenigen Dezennien durch den
heftigen Ausbruch eures Vesuvs ein paar Städte gänzlich verschüttet worden
sind.
[GEJ.07_119,05] Aber darum ist diese
Erscheinung dennoch um vieles denkwürdiger; denn bei diesem Naturkampfe sind
viele Tausende Menschenseelen mit beteiligt und werden von den Naturgeistern
zum eitlen Kampfe gegen Mich mitgerissen, während bei euren Brennbergen bloß
die Naturgeister gegen die Gesetze Meiner Ordnung kämpfen. Und sieh, darin
besteht ein großer Unterschied!
[GEJ.07_119,06] Damit du das aber noch
genauer merkst, so will Ich dir die innere Sehe auf einige Augenblicke öffnen,
und du wirst gar sonderbare Dinge zu sehen bekommen!“
[GEJ.07_119,07] In diesem Augenblick hatte
Agrikola schon das zweite Gesicht und schrie bald laut auf: „Herr, erlöse mich
von dieser Anschauung; denn ich schaue da ja Gräßliches über Gräßliches! Oh,
welche Gestalten! Was wären unsere eingebildeten Furien dagegen! Da ist ja der
ganze See und die Luft bis weit über die Wolkenregion mit zahllosen Zerrbildern
der schauderhaftesten Art voll angefüllt! Oh, da gibt es ja einen gar verheerenden
Krieg, und das von einer solch nie erhörten Grausamkeit, wie auf der Erde unter
Menschen noch nie einer geführt worden ist! Ja, was wollen denn diese Wesen
damit bezwecken?
[GEJ.07_119,08] Ich sehe aber auch eine
ebenso große Menge weißer und ernst-schöner Wesen dahin eilen, und jene wahren
Scheusale fliehen vor ihnen. Wer sind denn diese weißen Menschengestalten, die
dahereilen zu der Stätte der Greuel über Greuel?“
[GEJ.07_119,09] Sagte Ich: „Die gräßlichen
Gestalten sind die einstigen Sodomiten. Durch solchen Kampf, den sie gegen Mich
führen wollen, werden sie mehr und mehr gesänftet, wie auch durch die nach
ihnen eilenden weißen Geister, die wir die Geister des Friedens und der Ordnung
nennen wollen, in eine größere Ordnung gebracht.
[GEJ.07_119,10] Der Wind aber, der nun für
das Außengefühl ganz kühl von Norden her weht, ist eben nichts anderes als jene
vielen weißen Geister, vor denen die grimmigen und bösen Feuergeister, die aus
dem See kommen, fliehen. Wenn du dich nun satt geschaut hast, so sei wieder
naturwach!“
[GEJ.07_119,11] Hier ward Agrikola gleich
wieder im ganz natürlichen Zustande und sagte zu Mir: „Herr, Herr, seitdem
Sodom und Gomorra mit den anderen zehn Städten unterging, werden wohl schon
über anderthalbtausend Jahre vorübergegangen sein, und jene damals gelebt
habenden Seelen sollen im Reiche der Geister noch zu keiner lichteren
Erkenntnis gekommen sein?“
[GEJ.07_119,12] Sagte Ich: „Ja, du Mein
Freund, da hast du nun einen ganz kleinen Beweis tatsächlich selbst geschaut,
wie schwer es ist, jenseits eine gänzlich verdorbene Seele nur insoweit zu
bessern, daß sie dahin zu einer geringen Einsicht und Erkenntnis kommt, daß sie
so böse ist und als solche nie in einen freien und seligen Zustand kommen kann.
[GEJ.07_119,13] Wenn eine Seele das einmal
einzusehen anfängt, so wird sie ihrer alten Bosheit selbst feind und fängt an,
sie zu verachten und zu verabscheuen und sucht in sich selbst besser zu werden.
Fällt sie dann und wann auch noch in eine alte Sünde zurück, so verharrt sie in
derselben nicht, sondern bereut sie und hat keine Sehnsucht, sie wieder zu
begehen. So werden nach und nach ihre bösen Leidenschaften vermindert und
abgekühlt, und es wird also denn auch lichter und heller in einer solchen
Seele.
[GEJ.07_119,14] Und weil für solch eine
Besserung einer bösen Seele zuerst die von dir gesehenen weißen Friedensgeister
sorgen, so geht dann solch eine in sich gebesserte Seele zuerst zu diesen
Geistern über und übt sich da in der Geduld und guten Ordnung und Ruhe.
[GEJ.07_119,15] Ist sie darin bald selbst
ganz lebensfest geworden, so kann sie dann auch in einen noch besseren Zustand
übergehen, der ihr aber nicht als irgendein Lohn für ihr Besserwerden
erscheinen darf, sondern als eine ganz natürliche Folge ihrer inneren Ordnung.
Denn würde eine auf diese Art ganz unvermerkt besser gewordene Seele inne, daß
ihr besserer Zustand als ein Lohn für ihre Mühe in sich von Mir ihr gegeben
ward, wie es der Wahrheit nach auch also ist, so würde bald die alte
Selbstsucht in ihr erwachen. Sie würde sonach wohl sich noch mehr bestreben,
besser und lichter zu werden, aber das nur darum, um bald noch einen besseren
Lohn zu erhalten, nicht aber darum, um in sich um des Guten selbst willen
reiner und besser zu werden.
[GEJ.07_119,16] Aus diesen leicht begreiflichen
Gründen geht es denn mit der wahren Besserung einer entarteten Seele jenseits
wahrlich sehr langsam vor sich. Denn so eine Seele im Dasein erhalten werden
soll, da darf Meine Allmacht nur insoweit auf sie einwirken, daß sie in solche
Zustände ihres Lebens gerät, die ihr als eine notwendige Folge ihrer bösen
Handlungen erscheinen müssen. Und nur eben dadurch ist es möglich, eine solche
Seele in und aus sich wahrhaft und lebendig zu bessern. Ob früher oder später,
das ist am Ende doch gleich vor Mir und gleich im Vergleiche mit der Ewigkeit,
in der sich alle vergangenen und zukünftigen Zeitenläufe völlig ausgleichen,
und wie es vor Mir auch gleich ist, ob ein Mensch um viele tausend Jahre auf
dieser Erde früher oder später im Leibe gelebt hat; denn in der Ewigkeit wird
der erste Mensch dieser Erde vor dem nichts voraushaben, der als letzter in
diese Welt geboren worden ist.
[GEJ.07_119,17] Aber für die Seele selbst ist
es dennoch um unaussprechlich vieles besser, so ihre Lebensvollendung sobald
als möglich erfolgt, weil sie dabei erstens sicher weniger zu erleiden hat, und
zweitens, weil eine eifrige Seele notwendig vieles vor einer trägen und
hinkenden voraushaben muß, gleichwie auch schon hier auf Erden der Wanderer,
der seine Wanderung mit allem Eifer viele Tage eher beginnt denn ein anderer
saumseliger und träger Mensch, der sich zu einer solchen Wanderung lange nicht
entschließen kann. Während der Eifrige schon lange die großen Vorteile seines
Eifers und Fleißes im Vollmaße genießt, hat der Träge noch kaum den ersten
Schritt auf dem weiten Wanderwege versucht und sich dabei auch noch immer
umgesehen und überlegt, ob er wohl auch den zweiten Schritt machen oder
vielleicht doch noch länger daheim verweilen soll. Ja, wenn solch ein träger
Unternehmungsgeist dann lange in großer Armut darben und schmachten muß,
während sein eifriger Nachbar ihm vorangeeilt ist und sich in den Besitz großer
Güter setzte, so ist dabei der Träge gegen den Eifrigen sicher in keinem irgend
beneidenswerten Vorteile, sondern gerade umgekehrt; denn wer einmal voraus ist,
der bleibt dann auch schon für ewig voraus und wird von den Nachhinkern nimmer
eingeholt werden.
[GEJ.07_119,18] Vor Mir Selbst ist das
freilich einerlei – denn Ich bin und bleibe Der, der Ich ewig war –; aber zwischen
den Seligkeitsgraden der Geister wird es gar endlos große Unterschiede geben. –
Verstehest du, Mein Freund, dieses?“
120. Kapitel
[GEJ.07_120,01] Hier machte Agrikola große
Augen und sagte: „Herr, nur Du als das selbständigste und das allerfreieste
Wesen der ganzen Unendlichkeit kannst uns Menschen gegenüber solche Worte
reden! Es ist wahr; wenn ich nach undenkbar langen Zeiten in einem gewissen
Grade selig werde und dann dennoch eine ewige selige Zukunft vor mir habe, so
ist das unselige Sein von einer Unzahl von Erdjahren Dauer am Ende doch soviel
wie nichts; aber ein elender Tag, der mich gepeinigt und gemartert hat, ist
denn auch ein Etwas für den endlichen Menschen, und es ist dann bei der
zurückgebliebenen Erinnerung sehr die Frage, ob mir eine Ewigkeit ganz als
Ersatz für die ausgestandenen Leiden dienen kann oder wird.
[GEJ.07_120,02] Denn man ward ein elender
Bürger dieser Welt bloß durch Deinen allmächtigen Willen. Man kam unter
reißende Tiere von Menschen, bekam keine Erziehung außer der eines selbst- und
herrschsüchtigen Heidentums, einen Trug von einer Unzahl von Lügen und
Betrügereien aller Art und Gattung, die man als heilige Wahrheiten annehmen
mußte, und hätte man sie bei einer reifer und heller gewordenen Vernunft nicht
angenommen und etwa dagegen gestritten, so wäre man wie ein elendes Ungeziefer
vertilgt worden; denn Tausende von derlei schreiendsten Beispielen sind mir nur
zu wohl bekannt.
[GEJ.07_120,03] Bei solch einer allergeist-
und gottlosesten Erziehung aber kann ich am Ende doch selbst nichts anderes als
ein wildes, reißendes Tier in einer Menschengestalt werden. Nun, weil ich aber
das geworden bin und eigentlich unmöglich etwas anderes werden konnte, so bin
ich darum von Dir auf eine undenkbar lange Zeit völlig verworfen und habe aber
auch keine Mittel, um mir in meiner großen Not helfen zu können.
[GEJ.07_120,04] Da läßt sich denn doch Dir
als dem einen, wahren Gott die sehr gewichtige Frage aufwerfen, warum ich denn
durch Deinen allmächtigen Willen ein Mensch auf dieser Erde habe werden müssen.
Ich war ja vorher ein volles Nichts, habe niemals bestanden und habe auch nie
bestehen wollen. Warum bin ich denn geworden?
[GEJ.07_120,05] Und weil ich denn schon
einmal geworden bin – nicht durch meinen, sondern lediglich durch Deinen
allmächtigen Willen –, so frage ich, warum ich denn durch Deine allerweiseste
Fürsorge nicht gleich in solchen Verhältnissen in diese Welt kam, durch die ich
sogleich zu einem wahren Menschen nach Deiner Ordnung bin gebildet und gestellt
worden. Warum mußte ich denn früher ein reißendes Tier werden, ärger denn alle
Löwen, Panther, Tiger und Hyänen?
[GEJ.07_120,06] Siehe, Herr, das ist eine gar
gewichtige Frage! Es ist wohl wahr, daß alle Menschen einmal den Tod des
Fleisches verkosten müssen; aber das Traurigste des Allertraurigsten dabei ist
das, daß wir dann jenseits dafür einen nahe endlos langen Seelentod zu erdulden
haben, der uns armen Sterblichen durch Deine Allmacht unwiderruflich beschieden
ist. Meiner noch höchst kurzsichtigen Weisheit kommt das wahrlich höchst
sonderbar vor! Denn ich als ein oberster Richter in Rom könnte nach meinen
Vernunftprinzipien kein Kind, das sich irgend gegen seine Eltern vergangen hat,
völlig verdammen, und das um so weniger, weil es sicher nicht am Kinde liegt,
so es schuldlos eine schlechte und oft sehr elende Erziehung bekam. Hätten es
die Eltern nur anders und – sage – gerecht erzogen, so würde das Kind gegen sie
auch sicher anders handeln! Aber am Ende können auch die armen Eltern wenig
oder nichts dafür; denn sie haben ja selbst nie eine bessere Erziehung genossen
und können also ihren Kindern unmöglich etwas Besseres geben, als was sie
selbst besitzen.
[GEJ.07_120,07] Aber Du, mein Herr und mein
Gott, besitzest von Ewigkeit her das endlos Beste und könntest den armen
Menschen, Deinen Geschöpfen, Deinen Kindern, auch das Allerbeste für ihr Herz
und für ihre Seele geben; doch das tust Du wohlweislich nicht, sondern die
Menschen müssen vorher zu den gräßlichsten Raubtieren werden, dann erst suchst
Du sie mit Deinen scharfen Gerichten heim, und nur sehr wenige können sagen:
,Der Herr Himmels und der Erde hat sich unser endlich doch wieder einmal
erbarmt!‘
[GEJ.07_120,08] Herr, vergib mir, daß ich nun
so ganz frei von der Leber weg geredet habe; aber es hat mich wahrlich Dein
geheimnisvolles Benehmen gegen die drei Magier dazu verleitet! Können sie
dafür, daß sie also sind, wie sie sind?! Sie suchen Dich schon eine geraume
Zeit und können Dich nicht finden, und nun sind sie in Deiner Nähe, und Du
offenbarest Dich ihnen noch immer nicht! O Herr, sage es mir doch, warum das,
von Deiner unbegrenzten Weisheit ausgehend, also sein muß, da anderseits Deine
väterliche Liebe, Milde und Güte denn doch will, daß alle Menschen glücklich,
weise und selig werden sollen! Denn bei diesem fortwährenden Wüten und Toben
der Menschen gegeneinander ist es ja doch unmöglich denkbar, daß sie je den
Lebenszweck erreichen können, den Du ihnen gestellt hast. – Herr, da bitte ich Dich
um eine Erklärung!“
121. Kapitel
[GEJ.07_121,01] Sagte Ich: „Wenn dein
Gedächtnis stärker wäre, als es ist, so würdest du dich noch gar wohl
entsinnen, daß eben dieser Punkt schon öfter angezogen und von Mir auch allzeit
auf eine leichtverständliche Weise erklärt wurde. Aber es ist dein Gedächtnis
schon etwas schwächer geworden, als es einstens war, und so ist dir das
entfallen, was Ich über derlei Fragen schon öfter gesagt habe. Aber es macht
das nichts; wir haben ja noch Weile, und Ich kann euch allen noch einmal etwas
darüber sagen. Und so höret denn!
[GEJ.07_121,02] Wer noch nie eine Sonne,
einen Mond, eine bewohnbare Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen hat,
der weiß auch sicher nicht, wie alle diese Geschöpfe zu leiten, zu erhalten und
ihrer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen sind. Ich aber weiß um alles das und
habe eine ewige Ordnung festgestellt, außerhalb derer niemand je etwas
erreichen und bezwecken kann.
[GEJ.07_121,03] Der Mensch aber als Mein
vollstes Ebenmaß muß auch einen vollkommen freien Willen haben, mit dem er sich
selbst in seinem geistigen Teile umgestalten, festen und von Meiner Allmacht
frei machen muß, um dereinst als ein starkes, freies, selbständiges und
selbstmächtiges Wesen selig neben Mir dazustehen, zu leben und zu handeln.
[GEJ.07_121,04] Siehe, alle Geschöpfe
bestehen unter Meinen Mußgesetzen, und auch der Mensch seinem Leibe nach, – nur
des Menschen Seele und Geist nicht, das heißt, was da betrifft den Willen und
das freie Erkennen! Die Form und die Lebenseinrichtung der Seele in allen ihren
Teilen ist natürlich auch ein Mußwerk, von Mir ausgehend, doch aber nur also,
daß sie eben durch den freien Willen im Menschen entweder sehr veredelt und
befestigt oder auch sehr verunedelt und geschwächt werden kann.
[GEJ.07_121,05] Es würde aber dem Menschen
der freie Wille wenig oder nichts nützen ohne die Fähigkeit eines freien
Erkennens und den aus dem Erkennen abgeleiteten Verstand, der dem Willen erst
zeigt, was gut und wahr und was falsch und böse ist.
[GEJ.07_121,06] Erst so der Mensch sich
Erkenntnisse gesammelt und seinen Verstand geschärft und geweckt hat, kommt die
Offenbarung des göttlichen Willens hinzu, die dem Menschen die rechten Wege zum
ewigen Leben und zu Gott zeigt. Der Mensch kann dann eine solche Offenbarung
annehmen oder nicht, da er einen vollkommen freien Willen auch Gott gegenüber
haben muß, ohne den er kein Mensch, sondern ein Tier wäre, das keinen eigenen
freien Willen, sondern nur einen Trieb hat, dem es nicht widerstehen kann.
[GEJ.07_121,07] Es ward im Anfange aber nur
ein Menschenpaar auf die Erde gesetzt, und es hieß der Mann ,Adam‘ und das Weib
,Eva‘. Dieses erste Menschenpaar ward von Gott aus mit allen Fähigkeiten
ausgerüstet. Es hatte tiefe Erkenntnisse, einen höchst klaren Verstand und einen
machtvollsten freien Willen, vor dem sich alle anderen Geschöpfe beugen mußten.
[GEJ.07_121,08] Zu diesen Fähigkeiten bekam
es auch aus dem Munde Gottes eine hellste und wohlverständliche Offenbarung,
die ihm ganz frei und offen zeigte, was es zu tun habe, um die Bestimmung, die
ihm von Gott gestellt wurde, auf dem kürzesten und leichtest wandelbaren Wege
zu erreichen. Aber daneben zeigte ihm Gott auch an, daß es ganz frei sei und
dem geoffenbarten Willen Gottes auch zuwider handeln könne, so es nach dem
Triebe des Fleisches und der Materie der Welt handeln wolle; aber dann werde es
sich dadurch selbst ein Gericht und mit demselben auch den Tod bereiten.
[GEJ.07_121,09] Ja, es ging das eine Zeitlang
ganz gut; aber nur zu bald siegte die sinnliche Begierde unter dem von Moses
aufgestellten Sinnbilde einer Schlange über die Erkenntnis des Guten und Wahren
aus der göttlichen Offenbarung, und es übertrat das Gebot, um zu erfahren, was
daraus werde.
[GEJ.07_121,10] Und siehe, was das erste
Menschenpaar tat, das tun nun beinahe alle Menschen!
[GEJ.07_121,11] Gott hat es noch nie an
großen und kleineren Offenbarungen mangeln lassen, aber darum dennoch nie einen
Menschen genötigt, dieselben zu beachten. Wohl aber dem, der sie beachtet und
sein Leben danach einrichtet!
[GEJ.07_121,12] Das erste Menschenpaar hatte
von Gott aus sicher die reinste und beste Erziehung erhalten und konnte diese
auch auf alle seine Nachkommen unverfälscht übertragen; aber schaue dir die
Menschen zweitausend Jahre später zur Zeit Noahs an, und du siehst sie in die
bösesten Teufel verwandelt!
[GEJ.07_121,13] Haben der Erde erste Menschen
etwa je Mangel an einer besten Erziehung gehabt? O nein! Haben sie solche etwa
nicht auch ihren Kindern gegeben? O ja, und im stets reinsten Sinne! Aber es
fühlten die Menschen in sich auch den Trieb, den Geboten Gottes
zuwiderzuhandeln, weil das ihrem Fleische behagte, und sie sanken dadurch in
eine größte Lebensverderbnis und in die größte Gottvergessenheit. Und wenn Gott
ihnen Männer zusandte und sie gar väterlich ermahnte, daß sie sich zu Ihm
wieder zurückkehren sollten, so wurden diese Männer alsbald geächtet,
vertrieben und etliche sogar oft auf die grausamste Weise getötet.
[GEJ.07_121,14] Am Ende machten sich die von
Gott abgefallenen Menschen sogar über die Zerstörung der Erde her, und da ward
ihr Maß voll. Sie selbst öffneten die Schleusen der unterirdischen großen
Gewässer, die sich dann über die Frevler ergossen und sie alle ersäuften.
[GEJ.07_121,15] Das war aber nicht etwa ein
aus dem Willen Gottes strikte hervorgegangenes Gericht, sondern nur ein
zugelassenes, das infolge der inneren Einrichtung der Erde also erfolgen mußte;
denn wenn du von einer hohen Felswand herunterspringst, dich zerschellst und
den Tod überkommst, so ist das auch ein über dich ergangenes Gericht, aber
nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus der Einrichtung und Beschaffenheit der
Erde, woraus der Mensch infolge seines Verstandes gar wohl erkennen kann, daß
alles Schwere in den Grund hinabstürzen muß.
[GEJ.07_121,16] Es ist sonach kein Mensch auf
der Erde so verlassen, daß er sich nicht helfen könnte, so er nur recht wollte;
aber so er das schon gleich von seinen Kinderjahren an nicht will, so muß er es
sich ja doch selbst zuschreiben, wenn er in ein Elend kommt. Und was Ich da
sage von einem Menschen, das gilt auch von einem ganzen Volke.
[GEJ.07_121,17] Es gibt kein Volk auf der
ganzen Erde, das sich nicht ganz gut helfen könnte, wenn es nur wollte. Aber wo
ist der Wille?! Ja, zum Bösen und Schlechten hat es des Willens in Übergenüge;
aber zum reingeistig Guten und Wahren fehlt es ihm am guten Willen, weil dieses
den Sinnen des Fleisches nicht frönt, und es geht die Seele eines solchen guten
Willens baren Menschen gleich wie die Seelen eines ganzen Volkes in das Gericht
und in den Tod der Materie über und kann und mag dann nichts mehr vernehmen,
fassen und begreifen von dem, was da ist des Geistes, seines Lichtes und
Lebens. Und so man solche Fleischseelen aus ihrem Schlafe aufrütteln will, so
werden sie toll, grimmig wild, fallen über die Erwecker wie die Wölfe über die
Lämmer her und erwürgen und zerreißen sie ohne alle Schonung und Erbarmung.
[GEJ.07_121,18] Ist dann etwa auch Gott
schuld daran, wenn solche Menschen aus oben angeführten Gründen in die größte
und gottloseste Seelenblindheit geraten und in derselben dann Jahrtausende lang
verharren? Wenn Gott über derlei Menschen ein mahnendes Gericht zuläßt, so ist
das gewiß väterlich gut und weise; denn nur eine große Not des Fleisches vermag
die Seele der Materie abwendig und dem Geistigen zuwendig zu machen. –
Verstehst du das?“
[GEJ.07_121,19] Sagte Agrikola: „Ja, Herr,
das ist mir nun ganz klar geworden; ich bitte Dich aber um Vergebung, daß ich
zuvor es gewagt habe, Dich also zur Rede zu stellen, denn ich war noch sehr blind.“
[GEJ.07_121,20] Sagte Ich: „Ich liebe
Menschen deines Charakters; denen ist es ernst um die Wahrheit! – Jetzt aber
betrachten wir wieder die Feuer!“
[GEJ.07_121,21] Da trat wieder Ruhe ein; die
drei Magier aber zogen etwas abseits und besprachen sich über Mich.
122. Kapitel
[GEJ.07_122,01] Der Hauptmagier sagte zu den
andern: „Seien wir ruhig, denn es kommt mir vor, daß wir in dem weisen Manne
den Geist Gottes gefunden haben; denn wie er hat noch nie ein Mensch aus sich
geredet.“
[GEJ.07_122,02] Und also redeten sie noch
eine Weile unter sich von Mir. Wir aber ruhten und betrachteten die stets
abwechselnden Feuerszenen.
[GEJ.07_122,03] Als Ich dann wieder zu reden
begann über so manches, da kamen die Magier wieder und horchten auf Meine Worte
von der Einrichtung der Erde und den mannigfachen Erscheinungen auf und in ihr.
[GEJ.07_122,04] Als Ich aber solche schon
öfter vorgekommenen Erklärungen beendet hatte, da sagte der Magier zu seinen Gefährten:
„Das kann nur Der wissen in solcher Klarheit, der die Erde erschaffen hat und
sie daher sowohl von innen wie von außen kennt!“
[GEJ.07_122,05] Es hätte sich aber nun der
Magier gerne mit mehreren Fragen an Mich gewandt; aber er hatte nun den Mut
nicht. Ich aber berief ihn zu Mir und gab ihm die Erlaubnis, Mich zu fragen, um
was er wolle, und Ich werde ihm antworten.
[GEJ.07_122,06] Da trat er voll Ehrfurcht zu
Mir und sagte (der Magier:) „Herr, Herr, um was soll, um was könnte ich Dich
nun noch fragen?! Alle meine früheren Fragen gingen nur dahin, den einen,
wahren Gott zu finden, zu erkennen und Ihn sodann anzubeten im Herzen. Ich aber
meine, nun eben in Dir den lange vergebens Gesuchten gefunden zu haben, und so
habe ich um Weiteres nicht mehr zu fragen, wohl aber Dich zu bitten, daß Du
auch uns Fremdlingen Deinen Willen offenbaren möchtest. Ihn auf das strengste
zu befolgen, wird unsere heiligste Lebensaufgabe sein.
[GEJ.07_122,07] Was sollen wir tun, um uns
Deines Erbarmens und Deiner Gnade würdig zu machen und sodann teilhaftig zu
werden des ewigen Lebens unserer Seelen nach dem Tode des Leibes? O Herr, nur
um das bitten wir Dich!“
[GEJ.07_122,08] Sagte Ich: „Seid ihr denn
dessen wohl schon gar so sicher, daß in Mir Der ist, den ihr schon so lange
suchtet und doch nicht finden konntet?“
[GEJ.07_122,09] Sagte der Magier: „Mir hat
das schon ehedem mein Gefühl gesagt, als Du in Deiner heiligen Rede mit dem
Manne neben Dir Selbst offen aussprachst, wer Du seist. Und so waltet in mir
nun gar kein Zweifel mehr ob, daß Du auch Der bist, als den wir Dich nun in
unseren Herzen anbeten.
[GEJ.07_122,10] Nicht umsonst hat uns Dein
junger Diener schon ehedem darauf aufmerksam gemacht, daß wir der großen und
lichten Wahrheit nahegekommen sind! Du Selbst bist die große und lichtvollste
Wahrheit und bist der Mittler Selbst zwischen Deinem Geiste und den Menschen.
Wer Dich hat, der hat alles: Licht, Leben, Weisheit und Kraft!
[GEJ.07_122,11] Dich aber kann man nur
dadurch haben, daß man Deinen Willen erkannt hat und nach demselben tätig
geworden ist. Denn Dein Wesen kann nie ein geschaffener, endlicher Mensch
haben, weil Du in Dir Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit bist; aber Deinen heiligen,
ihm geoffenbarten Willen kann der Mensch haben und aus allen seinen Kräften nach
ihm tätig sein. Ist der Mensch das, so hat er Dich Selbst in sich, erkennt
Dich, liebt Dich und betet Dich an.
[GEJ.07_122,12] Und so bitte ich Dich noch
einmal flehentlichst, daß Du uns offenbaren möchtest Deinen heiligen Willen,
damit wir dann in uns lebendig sagen können: O Herr und Vater von Ewigkeit,
Dein heiliger Wille geschehe auch in uns, durch uns und für uns, damit Dein
heiliges Auge ein Wohlgefallen finden möge an uns, Deinen Geschöpfen und
Kindern Deiner Liebe!“
[GEJ.07_122,13] Sagte Ich: „Ja, ja, Mein
lieber Freund, da hast du ganz wahr und richtig gedacht und nun auch ebenso
richtig gesprochen; aber du siehst Mich, einen dir ganz ähnlichen irdischen
Menschen, für den allein wahren Gott an! Merkst du denn nicht, daß Ich auch
geboren wurde und bin aus Fleisch und Blut und Seele ein dir gleicher Mensch?
Hat denn Gott jemals einen Anfang gehabt, und konnte Er je als ein Mensch
geboren werden?“
[GEJ.07_122,14] Sagte der Magier: „Der ewige
Gott, dessen Geistes Machtfülle in Dir offenbar wohnt, hat freilich wohl nie
und niemals einen Anfang gehabt und konnte nie als ein Mensch aus einem Weibe
in die Welt geboren werden; aber dieser Gott hat Dich dennoch mit einem Leibe
angetan, als einen rechten Mittler in diese Welt gesandt und hat Dich erfüllt
mit der Fülle Seines Geistes.
[GEJ.07_122,15] Wer demnach nun Dich sieht
und erkennt, der sieht auch Den, der in Dir ist; und wer Deinen Willen tut, der
wird Ihn auch bald erkennen in sich selbst. Du bist schon ganz Derjenige, den
wir drei so lange vergeblich gesucht haben, und wir stehen von dieser Annahme
nicht mehr ab.
[GEJ.07_122,16] Zudem hast Du zuvor mit dem
Freunde, der ein Römer zu sein scheint – weil wir derlei Männer mit dem Namen
Römer auch in anderen Orten gesehen haben –, also geredet, wie da nur allein
ein Gott reden kann, und das bestätigt noch mehr die Wahrheit unserer Annahme
und stellt ihre lichteste Wahrheit nun außer allen Zweifel. Du wirst Deinen
wohlweisesten Grund haben, demzufolge Du Dich vor uns noch nicht völlig
enthüllen willst. Aber wir verlangen das nun auch nicht, da wir uns dessen noch
lange nicht zur Genüge würdig erachten, und wir verlangen von Dir, o Herr, auch
kein Zeichen, durch das wir etwa noch ins klarere kommen möchten, daß eben Du
der von uns so lange Gesuchte und völlig Gefundene bist.
[GEJ.07_122,17] Es ist Zeichen genug, was
Dein junger Diener vor uns geredet und getan hat; aber das größte und für uns
allergültigste Zeichen sind Deine mehr als heiligen Worte, die wir aus Deinem
Munde vernommen haben. Denn diese sagten uns klar und deutlich: Also kann kein
Mensch, sondern nur ein Gott aus Sich sprechen!
[GEJ.07_122,18] Da wir aber solches nun ganz
hell einsehen, so bitten wir Dich trotz unserer großen Unwürdigkeit, daß Du uns
offenbaren möchtest, was wir tun sollen, damit wir des ewigen Lebens unserer
Seelen und Deiner Gnade uns teilhaftig machen können.“
[GEJ.07_122,19] Sagte Ich: „Nun denn, so ihr
schon durchaus des Glaubens seid, daß Ich der Herr sei, so tut, was euch ehedem
Mein Diener gesagt hat, so werdet ihr leben und selig werden! Liebet Gott über
alles und eure Nächsten wie euch selbst, und lehret dasselbe auch euren Kindern
und Angehörigen; haltet euch als Menschen nicht für höher denn eure Nächsten
eurer großen Erdenschätze wegen; tut ihnen das, von dem ihr vernünftig wollen
könnet, daß sie euch desgleichen entgegen tun sollen, – und ihr werdet leben,
und Gottes Gnade wird bei euch bleiben immerdar!
[GEJ.07_122,20] So ihr aber schon das Gesetz
Mosis kennet, so beachtet es in allen seinen Teilen; denn in diesem Gesetze ist
dem Menschen die beste und allerreinste Lebensordnung angezeigt. Wenn er die
befolgt, so liebt er auch Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst.
In diesen Gesetzen aber ist alle Lebensweisheit geboten, von der andere und
ältere Weise den Menschen nur teilweise etwas zum Verkosten vorgesagt (gegeben)
haben.
[GEJ.07_122,21] Da euch das Wort als das
höchste Zeichen Meiner göttlichen Sendung gilt, so bleibet denn auch bei dem
Worte und werdet Täter desselben, so werdet ihr leben! Ich meine aber kein
zeitliches, sondern ein ewiges Leben eurer Seelen. – Verstehet ihr das wohl?“
123. Kapitel
[GEJ.07_123,01] Sagte der Magier: „Weil Du, o
Herr, es uns gesagt hast, so glauben wir das nun auch fest und werden,
vielleicht wie kein anderes Volk der Erde, strenge danach tätig sein! Aber es
kommt nun denn doch eine andere Frage zum Vorschein, und diese besteht darin:
Sollen wir nun wieder nach Indien uns zurückziehen, oder sollen wir dieses alte
Lasterland meiden wie unsere ärgsten Todfeinde, oder sollen wir wieder
heimkehren und den Blinden das Licht zeigen, das wir durch unser langes Suchen
endlich einmal gefunden haben? Wir hatten zwar beschlossen, unser Heimatland,
dessen Verhältnisse wir nur zu gut kennen, für immer zu meiden und unser Leben
unter fremden Völkern zu vollenden; aber da wir in Dir nun Den gefunden haben,
dessentwegen wir unser Land schon lange verlassen haben, so ändert das unseren
ersten Entschluß, und wir möchten auch darin Deinem Willen vollkommen
nachkommen.“
[GEJ.07_123,02] Sagte Ich: „Merket euch das:
Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande! Ihr seid euren
Gefährten als etwas überspannte Menschen bekannt. Sie haben euch darum auch auf
die weiten Reisen ausgesandt, weil ihr ihnen manches Mal ein wenig zu sehr ins
Gewissen geredet habt. So ihr nun mit einem rechten Licht nach Hause kommen
würdet, so würdet ihr bei ihnen einen schlechten Anklang finden und bei dem
überaus verdummten Volke einen noch schlechteren. Daher ist es für euer
Seelenheil besser, so ihr bei eurem einmal gefaßten Entschlusse verbleibet.
Sendet eure Diener hinein in euer Land, damit sie eure Sachen in eurem Namen
abmachen und dann wieder zu euch zurückkehren! Um ein Weiteres kümmert euch
nicht; denn euer Land ist für Mein Licht noch um nahe zweitausend Jahre zu
jung, das heißt, zu blind und zu dumm. Ihr werdet aber im Westen Menschen
treffen, die für Mein Licht mehr eingenommen sein werden denn euer Volk daheim;
denen könnet ihr mitteilen, was ihr hier empfangen habt!
[GEJ.07_123,03] Es wird in der Zukunft also
sein, daß das alte Morgenland, dem einst das helle Licht gegeben ward, sich in
lange anhaltender Nacht wird herumzutreiben haben, und das Licht des Lebens
wird gegen den Westen ausgegossen werden. Auch selbst dieser Ort, in dem nun
das Licht des Lebens aufgegangen ist, wird noch in die äußerste Nacht und
Finsternis hinausgestoßen werden; denn auch dieses Volk mit Ausnahme von nur
wenigen Menschen erkennt die Zeit seiner höchsten und heilsamsten Heimsuchung
nicht. Darum wehe ihm, so das Licht ihm genommen und den Heiden gegeben wird!
[GEJ.07_123,04] Ihr seid Fremdlinge vom
weiten Morgenlande her, und ihr habt Mich gefunden und erkannt; und es waren
auch Fremdlinge aus eurem Lande, die Mich, als Ich Mich mit dem Fleische dieser
Welt umkleidet habe, bei Meinem ersten Eintritt in diese Welt als erste
Menschen aufgesucht und schon im neugeborenen Kinde erkannt haben. Aber von
diesem alterwählten Volke haben Mich nur sehr wenige noch erkannt, aber desto
mehr bis zu dieser Zeit her verfolgt, wie und wo sie Mich nur verfolgen
konnten; darum aber wird von ihnen das Licht auch genommen und den Heiden
gegeben werden.
[GEJ.07_123,05] Eher aber, als dieses Licht
wieder in diese Gaue dringen wird, wird es in euer Land am großen Meere
gelangen. – Verstehet ihr das alles?“
[GEJ.07_123,06] Sagte der Magier: „Ich
verstehe das, o Herr; aber wunderbar (wunderlich) kommt es mir vor, daß Dich
die Kinder dieses Landes nicht erkennen, und wir Fremden haben Dich doch gar
leicht und gar bald erkannt! Du wirst vor den Kindern dieses Landes gar sicher
schon große Zeichen gewirkt haben, – und sie erkannten Dich nicht?! Oh, da
wären meine dümmsten Landsleute wahrlich nicht so blind! Bei vielen hätte, wie
bei uns, Dein Wort allein genügt! Und sähe selbst unser oberster Priester auch
ein Zeichen, wie zuvor Dein Diener ein paar gewirkt hat, so hätte er auch
dieses Licht angenommen, obwohl er es dem Volke kaum weiter je hätte zukommen
lassen; denn das Volk ist schon seit undenklichen Zeiten in seinem blinden
Glauben begründet und ist darum wohl nicht fähig, ein solches Licht anzunehmen.
Allein, da sind nicht wir schuld, sondern die Zeit und eine große Menge unserer
höchst selbstsüchtigen Vorgänger. Kurz, die Blindheit unseres Volkes ist
erklärlich, da in seiner Mitte wohl kaum je ein solches Licht geleuchtet hat;
aber die Blindheit dieses Volkes ist unerklärlich, denn es hat die höchste
Sonne am Zenit und sucht dabei die Nacht, die nur in den großen Höhlen der
Berge der Erde anzutreffen ist.
[GEJ.07_123,07] Wir suchten das Licht mit
aller Mühe und sind nun überfroh, daß wir es endlich einmal gefunden haben, –
und diese haben es im Lande vor ihren Augen und fliehen, verachten und
verfolgen es! Oh, das müssen doch sehr böse und auch gar stockblinde Menschen
sein, die wahrlich den Namen Mensch nicht verdienen! Weil die Sache also mit
diesen Menschen steht, so ist es auch ganz billig, daß Du, o Herr, ihnen alles
Licht nimmst und es den offenbar würdigeren Heiden gibst; denn da sieht Deine
ewige Gerechtigkeit voll des hellsten Lichtes heraus, und das ist für uns
wieder ein neuer Beweis, daß Du eben Der bist, den wir so lange vergebens
gesucht haben.“
[GEJ.07_123,08] Sagte Ich: „Ja, ja, also ist
es leider wohl mit diesem Meinem Volke! Ich werde Mir darum andere Völker
erwecken, jetzt schon und noch mehr in der Folge; aber es wird immer der Fall
sein, daß sich unter den vielen Berufenen nur wenige Auserwählte vorfinden
werden.“
[GEJ.07_123,09] Sagte der Magier: „O Herr,
wie sollen wir das verstehen? Der Berufenen wird es stets viele, aber der
Auserwählten nur wenige geben?! Das klingt als Wort aus Deinem Gottesmunde fürs
künftige Heil der Menschen eben nicht sehr erfreulich, wenn man es also nimmt,
wie es ausgesprochen ist; denn ich verstehe unter wenigen Auserwählten jene
Menschen, denen das wahre Lebenslicht gleichfort hell leuchten wird, unter den
vielen Berufenen aber alle Menschen, die zwar auch zum Lichte kommen sollen,
aber durch tausenderlei Umstände und Ursachen daran verhindert werden und somit
gleich unseren Landsleuten nie zum wahren Lichte gelangen.
[GEJ.07_123,10] Wir höchst wenigen können uns
denn nun auch also betrachten, als wären wir auserwählt; aber die große Zahl
unseres Volkes, des leider unglücklichen, gehört nicht einmal in die Reihe der Berufenen!
Was wird dereinst nach dem sicheren Abfalle des Leibes sein Los sein?
[GEJ.07_123,11] Dieses Volk hier gehört
offenbar zu den Berufenen und hat unter sich doch stets etliche Auserwählte,
bei denen es sich Rates holen kann, wenn es dessen bedarf; aber bei uns gibt es
keine Auserwählten und auch keine Berufenen, und es ist darum das Los des
großen indischen Volkes ein sehr bedauerliches, das heißt, wenn Dein letzter
Ausspruch so zu verstehen ist, wie er gewisserart für alle Orte und für alle
Zeiten von Dir ausgesprochen worden ist.“
[GEJ.07_123,12] Sagte Ich: „Du hast Meinen
bestimmenden Ausspruch nicht richtig aufgefaßt, und so muß Ich ihn dir schon
näher erklären.“
124. Kapitel
[GEJ.07_124,01] (Der Herr:) „Siehe, die Sache
ist also aufzufassen und zu begreifen: Berufen und zum Licht und zum Leben
bestimmt ist ein jeder Mensch auf dieser ganzen Erde; aber auserwählt zum
Lehrer der Menschen kann nicht ein jeder sein, da das für die Menschen auch gar
nicht gut wäre. Wäre es für die Menschen – deren Hauptbestimmung darin besteht,
sich gegenseitig zu dienen – gut, so ein jeder Mensch für sich alles besäße und
alles zu machen imstande wäre? Dadurch würde ein Mensch dem andern ganz
entbehrlich, und die Nächstenliebe wäre dabei nichts als ein eitles, leeres
Wort, wie Ich das Meinen Jüngern auch schon zu öfteren Malen gezeigt habe. Ja,
die Menschen bedürften dabei sogar der Sprache nicht! Wozu sollte ihnen diese
dienen, wenn keiner dem andern irgendein Bedürfnis vorzubringen hätte?!
[GEJ.07_124,02] Ich sage es dir, daß sich die
Menschen bei solch einer völligen Gleichstellung ihrer Talente, Fähigkeiten,
ihrer Gestalten, Wohnorte und Besitztümer bei aller ihrer gleichen
Lichtklarheit dennoch völlig auf der Stufe der Tiere und eigentlich noch unter
derselben befänden!
[GEJ.07_124,03] Damit die Menschen aber
Menschen und keine Tiere sind, so haben sie unter sich alles höchst verschieden
verteilt. Der eine hat das und der andere jenes, und so muß einer zum andern
kommen und einer in diesem oder jenem des andern Meister oder Helfer sein.
[GEJ.07_124,04] Und so muß es auch in der
Sphäre der Erkenntnis des inneren Lebenslichtes etliche besonders Erwählte
geben, die den vielen Berufenen das wahre Lebenslicht zeigen, und die Berufenen
haben dann zu hören, zu glauben und danach zu handeln, was ihnen von den
auserwählten Lichtbesitzern gelehrt wird.
[GEJ.07_124,05] Wenn die Berufenen aber das
gläubig annehmen, was ihnen gelehrt wird, so sind sie dann ebensogut und oft
noch besser daran als die Auserwählten; denn solch ein Auserwählter, der in
sich das lebendige Licht trägt, aber nicht genau nach diesem wandelt, wird
dereinst eine strengere Rechnung über seine schlecht verwendeten Talente
abzulegen bekommen als der bloß Berufene, der nur zu hören, zu glauben und
danach willig zu handeln hat.“
[GEJ.07_124,06] Siehe, die Auserwählten sind
Meine Knechte, und die Berufenen Meine Diener und Kinder!
[GEJ.07_124,07] Auf daß du aber noch klarer
sehen magst, daß ein Auserwählter auf dieser Erde durchaus nicht besser daran
ist denn ein Berufener, so will Ich dir das noch durch ein Gleichnis klarer
machen. Und so höre Mich!
[GEJ.07_124,08] Es war ein König, der zehn
Hauptknechte für seinen Haushalt hatte. Dieser König aber mußte einmal in die
Ferne ziehen, um dort ein neues ihm zugefallenes Reich zu übernehmen.
[GEJ.07_124,09] Bevor er aber abreiste,
beschied er die zehn Knechte zu sich, übergab ihnen zehn Pfunde und sprach:
,Handelt damit gut, bis ich wiederkomme!‘
[GEJ.07_124,10] Als seine Bürger (Berufene)
aber davon Kunde erhielten, da murrten sie, wurden dem Könige feind, weil er
sie verließ und ihnen bei seiner Abreise nicht auch Pfunde und Talente zur
Verwaltung übergab.
[GEJ.07_124,11] Sie sandten dem Könige sogar
Boten nach und ließen ihm sagen: ,Wir wollen nicht, daß dieser König fürder
über uns herrsche; denn warum sollen wir ihm minder sein denn seine Knechte, da
wir ihm doch auch gleich den Knechten gedient haben!‘
[GEJ.07_124,12] Es begab sich aber, daß der
König, nachdem er das neue Reich eingenommen hatte, wiederkam. Als er in seine
Burg eingezogen war, da ließ er alsbald dieselben Knechte zu sich fordern,
welchen er bei seiner Abreise das Geld anvertraut hatte, um zu sehen, was ein
jeder damit gewonnen hatte.
[GEJ.07_124,13] Da trat der erste zu ihm und
sagte: ,Herr, siehe hier! Dein Pfund hat mir zehn Pfunde getragen!‘
[GEJ.07_124,14] Da sprach zu ihm der König:
,Ei du frommer Knecht! Weil du mir im geringsten treu gewesen bist, so sollst
du nun Macht haben über zehn Städte!‘
[GEJ.07_124,15] Darauf kam ein anderer und
sagte: ,Herr, dein Pfund hat mir fünf Pfunde getragen!‘
[GEJ.07_124,16] Und der König sprach zu ihm:
,Darum sollst du über fünf Städte gestellt sein!‘
[GEJ.07_124,17] Da kam aber ein dritter und
ein letzter der zehn Knechte und sagte: ,Herr, sieh, dein mir anvertrautes
Pfund habe ich im Schweißtuche aufbewahrt, bis du wiederkämest! Ich fürchtete
mich vor dir, dieweil du ein harter Mann bist; denn du nimmst, was du nicht
hingelegt hast, und erntest, wo du nicht gesät hast.‘
[GEJ.07_124,18] Da aber sagte der König zu
ihm: ,Höre, aus deinem Munde richte ich dich! Du bist ein Schalk! So du
wußtest, daß ich ein harter Mann sei und nehme, dahin ich nichts gelegt, und
ernte, wo ich nichts gesät habe, – warum hast du denn mein Geld nicht in die
Wechselbank gegeben, damit ich, so ich gekommen wäre, mein Geld wieder mit
Wucher zurückerhalten hätte?!‘
[GEJ.07_124,19] Darauf sprach der König
weiter zu denen, die als Diener bei ihm waren: ,Nehmet diesem trägen Schalk das
Pfund ab und gebet es dem ersten, der schon zehn Pfunde hat!‘
[GEJ.07_124,20] Und die Diener sprachen zum
Herrn: ,O König, der hat ja schon ohnehin zehn Pfunde! Wozu ihm noch dies eine
Pfund überantworten?‘
[GEJ.07_124,21] Ich Selbst aber sage nun euch
allen darauf: Wer da hat, dem wird noch mehr hinzugegeben werden, daß er es
dann in der Fülle habe; wer da aber nicht hat, dem wird auch genommen werden,
was er hatte. Die aber da nicht wollten, daß der König über sie herrsche, die
haben gesündigt, und sie sollen darum erwürgt werden mit aller Nacht und
Finsternis des Gerichtes und des Todes der Seele!
[GEJ.07_124,22] Siehe, du Mein Freund, so
stehen die Sachen bei Mir unabänderlich! Wer da hat, dem wird noch viel mehr
gegeben werden, daß er in der Fülle habe! Wer aber da nicht hat, dem wird auch
das wenige Anvertraute genommen werden, und es wird dem gegeben, der da schon
ohnehin viel hat.
[GEJ.07_124,23] Die vielen Berufenen aber,
die auf die Stimme der Knechte nicht merken wollten und den Herrn des Lichtes
und des Lebens nicht haben wollten, daß Er allbelebend über sie herrsche, die
werden erwürgt werden durch die Nacht ihres eigenen Herzens; der faule Knecht
aber wird lange darauf warten können, bis ihm wieder ein Pfund anvertraut wird.
[GEJ.07_124,24] Und nun sage du Mir, wie dir
dieses Gleichnis behagt! – Bist du mit dem König einverstanden oder nicht?“
125. Kapitel
[GEJ.07_125,01] Sagte der Magier: „Herr, da
bin ich nun auf einem Punkte, bei dem der Verstand einem Menschen die Dienste
versagt und sich sogar dem Geduldigsten die Haare gen Berge zu sträuben anfangen!
Du bist doch der König nicht, der da als ein Tyrann nimmt, dahin er nichts
gelegt, und ernten will, wo er nicht gesät hat?! Denn mir kommt es nun vor, daß
eben von Dir alles herstammt, und daß eben Du allenthalben gesät hast und darum
auch überall nehmen und ernten kannst, weil alles Dein ist und auch Dein sein
muß.
[GEJ.07_125,02] Daß die Frevler gezüchtigt
werden, das finde ich ganz in der besten Ordnung; denn es ist da eben die
göttliche Langmut unerträglich, durch die der Böse immer mehr Zeit und Raum für
die Zustandebringung seiner Greuel gewinnt, während der ganz ordentliche Mensch
in ein stets größeres Elend versinkt, am Ende allen Glauben verliert und
genötigt ist, das ihm anvertraute Pfund im Schweißtuche seiner Not dem strengen
und unbarmherzigen Herrn unbeschädigt und ehrlich wieder zurückzustellen. Ja,
in solcher Hinsicht und Beziehung ist es freilich wohl besser, ein Berufener
denn ein Knecht zu sein!
[GEJ.07_125,03] Es ist schon ganz recht, daß
der tätige Knecht auch nach seiner Tat belohnt wird; aber daß der etwas trägere
und furchtsamere Knecht für die unbeschädigte Rückgabe seines Pfundes ganz leer
ausgehen muß, das kommt mir von Deinem Könige sehr hart vor!
[GEJ.07_125,04] Ich bin ein Menschenfreund
und kann niemanden leiden sehen, besonders wenn er seine Leiden nicht als
irgendein Erzbösewicht wohl verdient hat. Der Knecht mit dem einen Pfunde, der
es im Schweißtuche wieder also dem Herrn anheimstellte, wie er es empfangen
hatte, hat offenbar nicht die Einsicht und den Verstand des ersten gehabt, auch
nicht einmal des zweiten, der mit dem einen Pfunde die fünf Pfunde gewonnen
hat. Denn hätte auch er den gleichen Verstand gehabt, so hätte auch er zehn
oder wenigstens fünf Pfunde gewinnen können; aber aus Mangel an Licht, an
rechtem Verstande und am dazu geeigneten Mute hat er sich aus dem einen Pfunde
nichts anderes zu machen getraut, als es seinem Herrn ganz unversehrt wieder
zurückzustellen. Ich finde in diesem Handeln wahrlich noch nichts
Verbrecherisches, und ich möchte Dich sehr fragen, was dann weiter mit diesem
Knechte, den sein König einen Schalk nannte, geschehen ist.“
[GEJ.07_125,05] Sagte Ich: „Der blieb denn,
was er ehedem war: ein ganz einfacher und gewöhnlicher Knecht, weil er aus sich
heraus für eine höhere Dienstaufgabe keine Fähigkeit besaß! Denn auch ein
Auserwählter bekommt nur gleich einem jeden andern Menschen die Fähigkeit oder
das Talent, das er dann selbst auszubilden hat, damit sein freier Wille keinen
Schaden leide.
[GEJ.07_125,06] Wer ein solches ihm
verliehenes Talent mit allem Fleiße ausbildet, der hat dann auch den rechten
Schatz, zu dem ihm noch immer mehr hinzugegeben wird; wer es aber nicht
ausbildet und sich von seiner Trägheit nicht losreißen will, der hat es sich
dann nur selbst zuzuschreiben, wenn er am Ende samt seinem im Schweißtuch
aufbewahrten Pfunde noch dümmer wird als jene, die da nicht wollten, daß der
König des Lichtes über sie herrsche.
[GEJ.07_125,07] Darin liegt dann der Grund,
daß solche trägen Knechte nicht weiterkommen und die berufenen Diener in ihrer
Nacht liegenbleiben und es für sie am Ende nichts Ärgeres geben kann, als wenn
sie der Lärm des hellsten Tages aus ihrem trägsüßen Schlafe weckt. Oder sollte
etwa die Sonne vorher Boten zu den Langschläfern senden und sie fragen, ob es
ihnen angenehm sei, daß sie über die Berge heraufsteige?! Sieh, das wird die
Sonne infolge der allgemeinen die Welten erhaltenden Ordnung ebensowenig tun,
als es der König des Lichtes und des Lebens tun wird!
[GEJ.07_125,08] Wer das Pfund überkommt, der
hat schier auch die Ordnung des Königs überkommen. Das Sich-danach-Richten
liegt im freien Willen des Knechtes, und der König ist da nicht schuld an der
Trägheit des Knechtes, sondern der Knecht selbst, weil der König des Lichtes es
nur zu gut weiß, welche Fähigkeiten er einem Knechte verliehen hat. Und so ist
da allzeit der König und nie ein fauler und träger Knecht in seinem wahren und
durchaus nicht etwa eingebildeten Rechte.
[GEJ.07_125,09] Denke du nun darüber reiflich
nach, fasse das Bild wohl auf und sage Mir dann, ob der König hernach noch ein
unbarmherziger Tyrann ist! – Hast du Mich aber nun auch wohl verstanden?“
[GEJ.07_125,10] Sagte der Magier: „Ja, das o
Herr, habe ich nun wohl verstanden, und Dein aufgestelltes Gleichnis hat
dadurch eine volle Lichtseite erhalten, während es als ein pures Bild schwer zu
verstehen war. Wer demnach irgendein besonderes Talent in sich verspürt, der
soll es mit allem Fleiß ausbilden, und das einmal wie durch und aus sich
selbst. Hat er das getan, so wird er das Weitere schon von dem Könige des
Lichtes erhalten und wird sodann ein wahrer Lehrer vieler Menschen, die Du als
Berufene bezeichnet hast, werden können. Denn wer einmal schon für sich ein
rechter Lehrer war, der wird es dann auch für viele andere leicht werden und sein;
wer aber schon für sich selbst träge war, der wird es dann auch um so mehr für
andere sein, und er wird auch nichts haben, was er seine Nebenmenschen irgend
lehren könnte, und es ist darum höchst wahr und richtig, daß dem, der da hat,
noch vieles hinzugegeben wird, auf daß er dann in der Fülle habe. Wer aber
nicht hat, dem wird auch noch das, was er hatte, genommen werden. Das ist mir
nun völlig klar, – doch steckt dahinter noch ein gewisses Etwas, das mir noch
nicht so recht einleuchten will, und ich nehme mir darum die Freiheit, vor Dir,
o Herr, solchen meinen noch dunklen Anstand auszusprechen.
[GEJ.07_125,11] Siehe, es ist der rechte
Fleiß und Eifer in allem Guten und Wahren eine nie genug zu lobende Tugend und
die Trägheit ein Fundament aller möglichen Laster! Aber wer gibt einem Menschen
den Fleiß und den Eifer und wer einem andern die Trägheit? Ich meine, daß weder
das eine noch das andere vom Menschen selbst errungen, sondern ihm das nur von
einer höheren, göttlichen Willensmacht gegeben werden kann.
[GEJ.07_125,12] Ich selbst habe mehrere
Kinder und habe bei ihnen die Erfahrung gemacht, daß ein paar unter ihnen, und
das mein ältester Sohn und eine Tochter, ohne mein Antreiben im Erlernen der
Künste und Wissenschaften außergewöhnlich fleißig sind, während die anderen
Kinder faul und träge sind und zum Lernen mit allem Ernste angehalten werden
müssen. Es sind das ja doch Kinder von gleichen Eltern, haben alle eine gesunde
Natur, genießen auch den gleichen Unterricht, und dennoch ist sowohl in ihren Talenten
und noch mehr in ihrem Erlernungseifer ein großer Unterschied. Wo liegt denn da
der Grund? An uns Eltern kann es nicht liegen, weil wir ein jedes unserer
Kinder ganz gleich behandeln und keines irgend verzärteln; an unserer und der
Kinder natürlichen Leibesgesundheit kann es auch nicht liegen, denn – nun Dir,
o Herr, allen Dank! – wir sind vollkommen gesund und kräftig, und wir alle
genießen auch stets die gleiche Kost: und doch diese sehr merklichen
Unterschiede in ein und derselben Familie! Wie soll ich mir nun das erklären?“
126. Kapitel
[GEJ.07_126,01] Sagte Ich: „Nichts leichter
als das, und das daraus, was Ich dir früher gezeigt habe, daß es nämlich unter
den Menschen allerlei Unterschiede geben muß, damit einer dem andern notwendig
wird und einer dem andern in diesem oder jenem dienen kann.
[GEJ.07_126,02] Wenn alle Menschen gleich
fleißig wären und auch die gleichen Talente hätten, so würden sie sich
gegenseitig bald völlig entbehrlich werden; aber so haben schon Kinder ein und
desselben Elternpaares verschiedene Talente und verschiedene Fähigkeiten. Der
Erzieher aber muß sie wohl beurteilen können und dann den Kindern auch nach
ihren Talenten und Fähigkeiten den Unterricht erteilen, und sie werden dann
alle dem rechten Ziele zugeführt werden.
[GEJ.07_126,03] Aber wenn du bei den
verschiedenen Talenten und Anlagen deiner Kinder willst, daß sie zum Beispiel
lauter Kleidermacher oder lauter Weber werden sollen, da wirst du freilich nur
bei jenen einen rechten Fleiß und Eifer gewahren, die zu dem, was sie lernen,
auch ein Talent haben. Die dafür wenig oder gar kein Talent haben, die werden
dafür auch wenig Eifer zeigen. Solche Kinder werden, wenn sie später zu
selbständigen Menschen werden, auch wenig Ersprießliches zum Wohle ihrer
Nebenmenschen leisten, weil sie ohne das rechte Talent das mühsam Erlernte nie
so recht gründlich und fertig innehaben können wie jene, die eben für das
Erlernte schon von Geburt an ein rechtes Talent haben.
[GEJ.07_126,04] Also der Grund des größeren
oder geringeren Eifers der Kinder liegt sonach – was mit Händen zu greifen ist
– hauptsächlich bei den Eltern und anderen Lehrern der Jugend. Die Rebe bringt
die Traube und der Feigenbaum die Feige als Frucht hervor, und beide Früchte
schmecken süß; aber so du den Feigenbaum ebenso behandelst wie den Weinstock,
da wird dir der Feigenbaum wenig Früchte tragen, und läßt du den Weinstock so
unbeschnitten fortwachsen, wie da der Feigenbaum fortwächst, so wird der
Weinstock bald verkümmern und dir wenig Trauben geben. – Hast du das nun wohl
verstanden?“
[GEJ.07_126,05] Sagte nun der Magier: „O
Herr, ich danke Dir für diese große und gar überherrliche Aufklärung! Ja, da
kann der Mensch erst erkennen, wie blind und dumm er bei aller seiner
angemaßten Weisheit ist! Was bildet sich so mancher Weltweise ein und sieht am
Ende doch den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es liegt das dem Menschen, wenn er
nur ein wenig die Augen aufmachen wollte, gar so nahe! Jedes Kind hat offenbar
eine andere Gestalt; eins ist oft größer als ein anderes, das eine ist
schroffer, ein anderes ganz sanft und zart, und so gibt es ja unter den Kindern
ein und desselben Elternpaares gar große Unterschiede schon äußerlich. Welche
Unterschiede wird es dann erst innerlich geben!
[GEJ.07_126,06] Sollten die äußeren Merkmale
denn einem denkenden Menschen nicht genügen, nach ihrer Verschiedenheit auch
auf die Verschiedenheit der im Menschen vorhandenen Talente und Fähigkeiten zu
schließen, damit ein weise sein sollender Lehrer und Meister den Menschen auf
seine Talente aufmerksam machen würde und ihm mit Rat und Tat behilflich wäre,
die vorhandenen Talente auf eine edle und erfolgreiche Weise auszubilden? O
nein, das genügt dem blinden Weisen, so wie ich selbst einer war und noch bin,
durchaus nicht! Er will die Menschen alle gleich haben; sie sollen alle denken
und handeln wie er und sollen sich willig Lasten aufbürden, zu deren Tragung
ihnen die Kraft mangelt, und so werden die Menschen nicht selten statt zu
wahren Weisen nur zu Narren gebildet, die weder sich noch jemand anderem einen
Nutzen zu bereiten imstande sein können. Für diese Belehrung danke ich Dir, o
Herr, nochmals aus dem tiefsten Grunde meines Herzens; denn diese werden wir
zuerst bei unseren Kindern in eine sicher fruchtbare Anwendung bringen.“
[GEJ.07_126,07] Sagte hierauf Agrikola: „Ja,
das ist wahrlich wahr eine Goldlehre, und auch wir Römer werden sie uns zunutze
machen, und ich schon ganz besonders; denn fürs erste habe ich selbst Kinder,
und fürs zweite werden die jungen Menschen, die ich von hier nach Rom mitnehme,
ebenso gebildet werden, wie es mir ihre Talente zeigen werden. Natürlich muß
eine gewisse Grundbildung bei allen gleich vorangehen als: das Lesen der
Schriften, das Schreiben und das Rechnen, wie auch das Verstehen der Sprachen,
die im ganzen römischen Reiche von den Menschen gesprochen werden; denn ohne
diese notwendigen Vorkenntnisse läßt sich aus den Menschen nicht viel machen.
Dann aber soll ein jeder Mensch nach seinem hervorragendsten Talente gebildet
werden. – Herr, ist es recht also?“
[GEJ.07_126,08] Sagte Ich: „Allerdings; denn
es müssen alle Menschen zuvor gehen, mit den Händen greifen, mit den Augen
schauen und mit den Ohren hören können, bevor sie zu irgendeiner Verrichtung
einer Tat fähig werden. Und so sind die gewissen von dir angezeigten
Vorkenntnisse dem Menschen auch nötig, um mit ihrer Hilfe leichter zur wahren
Lebensweisheit gelangen zu können. Aber es soll dabei dennoch wohl darauf
gesehen werden, daß die Menschen diese Vorkenntnisse und ihre Erlernung nicht
zur Hauptsache machen und nicht ihr Leben lang sich mit dem Studieren der
Schriften und Sprachen abgeben und dabei die innere, geisterweckende Bildung
vergessen, in der am Ende doch ganz allein aller Wert des Lebens besteht. Denn
was nützte es einem Menschen, so er alle Schriften der Welt schreiben und
verstehen und aller Menschen Zungen reden könnte, an seiner Seele aber Schaden
litte?!
[GEJ.07_126,09] Daher suchet vor allem das
Reich Gottes auf Erden, suchet es in euch, – alles andere wird euch dann schon
mit dem Gottesreiche in euch gegeben werden; aber ohne dasselbe hat der Mensch
– und besäße er auch alle Schätze der Erde und hätte die Wissenschaften aller
Weltweisen in sich – soviel wie nichts.
[GEJ.07_126,10] Ein Besitzer des Reiches
Gottes in seinem Herzen aber hat alles. Er hat alle, und zwar die höchsten und
tiefsten Wissenschaften in sich und hat das ewige Leben und dessen Kraft und
Macht, und das ist doch sicher mehr als alles, was die Menschen auf dieser Welt
je als groß und wertvollst anerkannt haben.
[GEJ.07_126,11] Ihr werdet euch morgen in
Emmaus alle überzeugen, was das heißt, ein vollkommener Mensch sein. Ich sage
es euch: Ein wahrhaft vollkommener Mensch vermag mehr denn alle andern
unvollkommenen Menschen auf der ganzen Erde.
[GEJ.07_126,12] Darum befleißiget euch vor
allem, daß ihr vollkommene Menschen werdet! Seid ihr das, dann seid ihr alles
und habt alles.
[GEJ.07_126,13] Aber das sage Ich euch auch,
daß die Erreichung des Reiches Gottes nun Gewalt braucht. Die es haben wollen,
müssen es mit Gewalt ordentlich an sich reißen; die das nicht tun werden, die
werden es auch schwerlich hier auf Erden schon vollkommen in ihren lebendigen
Besitz bekommen.“
127. Kapitel
[GEJ.07_127,01] Sagte darauf der Magier: „O Herr,
wie kann denn das geschehen, – wie kann der schwache und nichtige Mensch dem
Reiche Gottes Gewalt antun und es ordentlich an sich reißen? Dann fragt sich's
noch, wo das wahre Reich Gottes sich befindet, daß der Mensch es anfassen und
an sich reißen kann!“
[GEJ.07_127,02] Sagte Ich: „Du hast nun in
der kurzen Zeit von etlichen Stunden doch schon so manches vernommen und hast
sogar Mich erkannt und weißt nun noch nicht, was das Reich Gottes ist, und
worin es besteht?!
[GEJ.07_127,03] Die vollkommene Befolgung des
erkannten Willens Gottes ist das wahre Reich Gottes in euch! Aber die Befolgung
des erkannten Willens Gottes ist nun eben nicht so leicht, wie du dir das
vorstellst; denn die Weltmenschen stemmen sich sehr dagegen und verfolgen die
wahren Bewerber ums Reich Gottes. Darum muß derjenige, der das Reich Gottes
sich völlig aneignen will, vor denen keine Furcht haben, die nur des Menschen
Leib töten, aber der Seele nicht schaden können; der Mensch aber fürchte
vielmehr Gott, der nach Seiner ewig unwandelbaren Ordnung auch die Seele in die
Hölle verstoßen kann!
[GEJ.07_127,04] Wer Gott mehr fürchtet als
die Menschen und trotz der Verfolgung, die ihm die Menschen antun können, den
erkannten Willen Gottes tut, der ist es, der das Reich Gottes mit Gewalt an
sich reißt; und wer das tut, der wird es auch unfehlbar überkommen.
[GEJ.07_127,05] Dazu aber kommt noch etwas,
das da auch zur gewaltigen Ansichziehung des Reiches Gottes gehört, und das
besteht darin, daß der Mensch sich in allen Dingen der Welt möglichst tief
selbst verleugne, allen seinen Beleidigern von Herzen verzeihe, auf niemanden
einen Groll oder Zorn habe, für die bete, die ihm fluchen, denen Gutes erweise,
die ihm Übles antun, sich über niemanden erhebe, die dann und wann über ihn
kommenden Versuchungen geduldig ertrage und sich enthalte von dem Fraße,
Völlerei, Hurerei und Ehebruche. Wer das bei sich ausübt, der tut dem Reiche
Gottes auch Gewalt an und reißt es mit Gewalt an sich.
[GEJ.07_127,06] Aber wer wohl auch Gott
erkennt, Ihn über alles achtet und liebt und auch seinen Nächsten wie sich
selbst, aber dabei doch die Welt auch achtet und fürchtet und sich nicht
getraut, offen Meinen Namen zu bekennen, weil ihm das irgendeinen weltlichen
Nachteil bringen könnte, der tut dem Reiche Gottes keine Gewalt an und wird es
sogestaltig auf dieser Welt auch nicht völlig überkommen und dann jenseits noch
manche Kämpfe zu bestehen haben, bis er vollendet wird.
[GEJ.07_127,07] Wer da nun weiß und glaubt,
daß Ich der verheißene Messias bin, der muß auch das tun, was Ich lehre,
gelehrt habe und noch fürder lehren werde, ansonst ist er Meiner nicht wert,
und Ich werde ihm bei der Ausbildung seines inneren Lebens nicht sonderlich
behilflich sein. Ich aber bin das Leben der Seele durch Meinen Geist in ihr,
und dieser heißt die Liebe zu Gott. Wer sonach Gott über alles liebt und darum
auch allzeit Seinen Willen tut, dessen Seele ist erfüllt mit Meinem Geiste, und
dieser ist die Vollendung und das ewige Leben der Seele.
[GEJ.07_127,08] So aber da jemand Mich kennt,
aber dabei dennoch die Welt fürchtet und bei sich sagt: ,Ja, ich erkenne den
Messias wohl gar sehr und glaube heimlich an alles, was Er lehrt, und tue es
auch; aber weil die Welt schon einmal also ist und man doch mit ihr leben muß,
so lasse ich äußerlich vor der Welt nichts von dem merken, was ich in mir
geheim bekenne, auf daß mir niemand etwas Arges nachreden kann!‘, der ist kein
rechter Bekenner Meines Wesens und Namens und hat die wahre und ganz
lebensvolle Liebe zu Gott noch nicht und wird sogestaltig in diesem Erdenleben
schwer in sich die Fülle des Reiches Gottes überkommen; denn die Fülle des
Reiches Gottes besteht ja eben in der höchsten Liebe zu Gott, und diese hat
keine Furcht oder Scheu vor der Welt.
[GEJ.07_127,09] Wer Mich vor der Welt bekennt,
so es not tut, den werde auch Ich bekennen vor dem Vater im Himmel; wer Mich
aber nicht bekennt auch vor der Welt, wenn es not tut, den werde auch Ich nicht
bekennen vor dem Vater im Himmel.“
[GEJ.07_127,10] Fragte hier sogleich der
Magier, sagend: „Herr, wer ist denn Dein Vater, und wo ist der Himmel? Kannst
denn auch Du als der Herr der Ewigkeit einen Vater haben?“
[GEJ.07_127,11] Sagte Ich: „Die ewige Liebe
in Gott ist der Vater, und Seine unbegrenzte Weisheit ist der Himmel.
[GEJ.07_127,12] Wer Gott über alles liebt,
der bekennt Gott und somit Mich vor aller Welt, und Ich bekenne auch ihn in
Meiner Liebe, und darin besteht das wahre ewige Leben der Seele des Menschen.
Und weil der Mensch eben durch solche lebendige Liebe zu Gott auch zur höchsten
Weisheit gelangt und gelangen muß – solche aber ist der Himmel oder das Reich
Gottes –, so hat der Mensch dadurch auch das Reich Gottes in sich überkommen,
das ihm dann ewig nicht mehr wird genommen werden können. Solches habe Ich euch
nun erklärt; behaltet es, schreibet es euch in eure Herzen und tuet danach, so
werdet ihr das ewige und wahre Leben in euch haben! – Nun aber gönnet Mir eine
kleine und kurze Ruhe, und überdenket das euch nun Gesagte und Gezeigte!“
128. Kapitel
[GEJ.07_128,01] Hier trat dann eine
allgemeine, aber nur kurz dauernde Ruhe ein. Aber bei so vielen Menschen kann
eine längere Ruhe nicht leichtlich erzielt werden, besonders in einer Nacht, in
der es allerlei zu sehen gibt, und so fingen die gewissen Judgriechen
untereinander bald zu wörteln an, und ein jeder wollte Mich am besten
verstanden haben.
[GEJ.07_128,02] Einer darunter sagte zu den
Wortwechslern: „Höret! Wer da sagt, daß er des Meisters Worte und Lehren am
besten verstanden habe, der hat Ihn am wenigsten verstanden; denn in Seinen
Worten kam es auch vor, daß sich nicht einer über den andern erheben, sondern
in allem demütig und bescheiden sein soll. Wer da aber zu seinem Bruder sagt:
,Siehe, das verstehst du nicht!‘ oder ,Das hast du unrichtig verstanden!‘, der
erhebt sich ja gerade gegen die Lehre des Herrn über seinen Bruder und zeigt,
daß eben er die Lehre schlecht oder gar nicht verstanden hat.
[GEJ.07_128,03] Etwas ganz anderes ist es, so
einer zu seinem Bruder sagt: ,Höre, diese und jene Worte habe ich nicht so
recht begriffen! Wie hast denn du sie aufgefaßt?‘ Wenn dieser nun in aller
Liebe und Bescheidenheit dem Bruder sagt, wie er eine Sache aufgefaßt hat, so
ist das dann sicher keine Erhebung des eigenen, helleren Verstandes über den
des Bruders, sondern ein Werk der wahren Nächstenliebe. Aber mit euren
Disputationen bin ich nicht einverstanden und kann es nicht sein.“
[GEJ.07_128,04] Auf diese recht gute
Zurechtweisung hin wurde die Ruhe wieder hergestellt, und die Judgriechen sahen
ein, daß der Redner ganz recht hatte, und sie konnten sich nachher um vieles
leichter verständigen.
[GEJ.07_128,05] Die drei Magier hatten auch
noch etwas, das ihnen nach Meiner Lehre nicht eingehen wollte, und das war die
Örtlichkeit der Himmel; denn sie sagten: „Daß die volle Erkenntnis Gottes,
Seines Willens und Seiner Liebe und Weisheit und das Leben und Handeln nach dem
erkannten Willen Gottes in sich das Reich Gottes ausmacht, das ist nach der
Lehre des Herrn nun wohl klar, wie auch, daß ein Mensch, der das alles in sich
zustande gebracht hat, sich seiner Seele nach völlig im Reiche Gottes befindet
und das ewige Leben hat und somit als ein vollendeter Mensch dasteht; aber wo
ist der Ort, an dem sich die Seele befinden wird, wenn sie einmal entleibt
wird?“
[GEJ.07_128,06] Der erste Magier wollte sich
darum mit dieser Frage an Mich wenden.
[GEJ.07_128,07] Ich aber kam ihm zuvor und
sagte: „Ich weiß schon, was euch drückt, und was du wissen möchtest! Das
würdest du nun noch nicht fassen, weil deine Seele noch viel zuwenig von der
Materie des Fleisches frei ist; wenn sie aber einiger wird mit dem Geiste
Meiner Liebe in dir, dann wird dir schon dein eigener Geist zeigen die
Örtlichkeit desjenigen Reiches, in dem deine Seele dann ewig in ihrer höchsten
Freiheit leben, sein, schalten und walten wird. Aber dein Fleisch kann solches
jetzt noch nicht fassen.
[GEJ.07_128,08] Wo bin Ich Selbst denn nun?
Sieh, in der aus Mir Selbst erschaffenen Welt! Wenn du aber zur wahren, inneren
Vollendung des Lebens gelangt sein wirst und dir der Leib als Mein Gericht oder
als Mein dich zum Behufe des inneren Lebens ausbildendes Muß genommen wird, da
wirst du dir dann gleich Mir alles aus dir erschaffen können und wirst gleich
Mir in der Welt und Örtlichkeit leben und sein, die du dir aus dir selbst
erschaffen haben wirst.
[GEJ.07_128,09] Daß sogar in deiner noch sehr
materiellen Seele schöpferische Kraft wohnt, das kannst du ganz leicht deinen
Träumen entnehmen. Denn wo ist denn die Welt, die du in deinen lebhaften
Träumen bewohnst? Sie besteht nur in der Intelligenz und in dem Willen deiner
Seele, die auch im Traume will, obwohl du am Tage in deinem Fleische die Sache
mehr als etwas Zufälliges ansiehst. Überdenke das, und es wird in dir dann
schon auch in dieser Hinsicht etwas heller werden! – Doch für diesen Tag ist nun
Meine Arbeit zu Ende, und wir werden uns nun bis zum Morgen zur vollen Ruhe
nicht ins Haus, aber in die gut hergerichteten Zelte begeben. Morgen werden
dann erst größere Enthüllungen folgen.“
[GEJ.07_128,10] Mit dem erhob Ich Mich mit
Meinen Jüngern. Wir nahmen ein Nachtlager in einem großen Zelte, und alles
begab sich zur nächtlichen Ruhe.
129. Kapitel
[GEJ.07_129,01] Wir ruhten in den Zelten alle
recht gut, und der Morgen des werdenden Tages war ein heiterer. Ich und Petrus,
Johannes und Jakobus machten uns schon eine gute halbe Stunde vor dem Aufgange
der Sonne auf die Beine und machten unsere Betrachtungen über die aus ihrem
Schlafe erwachende Natur. Die Vögel waren schon sehr geschäftig und begrüßten
mit ihrem mannigfaltigen Gesange die bald aufgehende Sonne; im Osten prangten
rosige, mit Goldrändern verbrämte Wölkchen; die Spitzen der Hochgebirge
glühten, und im Jordantale lagen weiße Nebel, die sich nach und nach zu erheben
begannen. Auch ein ganz wohlgeordneter Zug von Kranichen kam von Galiläa her,
bog aber bald nach Westen um; denn der Geruch vom Toten Meere, das noch sehr
gewaltig dampfte, zwang die sehr scharfsinnigen Lufttiere, sich nach Westen dem
Meere zuzuwenden. Und so gab es noch mehrere, einen schönen Herbstmorgen
begleitende Szenen und Erscheinungen, von denen die Längerschläfer nichts
sahen, da dergleichen gewöhnlich nur der aufgehenden Sonne voranzugehen pflegt.
[GEJ.07_129,02] Johannes sagte, ganz entzückt
über den herrlichen Morgen: „Herr, wird es dereinst in Deinen Himmeln auch solche
herrliche Morgen geben?“
[GEJ.07_129,03] Sagte Ich: „Solche eben wohl
nicht, aber noch unaussprechlich herrlichere und dauerndere; denn diesen Morgen
kannst du nicht verlängern, – der himmlische aber kann und wird ein ewiger
sein. Denn Ich sage es euch, was Ich euch schon oft gesagt habe: Kein
fleischlich Auge hat es je geschaut und kein Herz empfunden, was Gott denen,
die Ihn lieben, alles für Seligkeiten bereitet hat. Ihr würdet in diesem eurem
irdischen Zustande auch nicht eine kleinste zu ertragen vermögend sein; aber
wenn einmal Mein Geist euch ganz durchdrungen haben wird, dann werdet ihr schon
vermögend sein, auch den Morgen Meiner Himmel mit überschwenglicher Wonne zu
ertragen!“
[GEJ.07_129,04] Sagte Johannes: „Herr, werden
wir auch im Himmel diese Erde zu sehen bekommen?“
[GEJ.07_129,05] Sagte Ich: „Nicht nur diese,
sondern endlos viele andere auch noch; denn ihr als Meine Kinder und dem
Fleische nach Brüder werdet die ganze unendliche Schöpfung mit Mir zu regieren
überkommen und werdet das offenbar sehen müssen, was ihr regieren werdet!“
[GEJ.07_129,06] Sagte noch Johannes: „Herr,
was für Geister, als von Dir aus beordert, regieren denn jetzt die
Unendlichkeit Deiner Schöpfungen? Der Haupt- und Urregent bist offenbar Du;
aber an Deiner Seite stehen gleich unserem Raphael zahllose Legionen
mächtigster Engel. Sind diese es, die Dir in der Besorgung Deiner endlosen
Schöpfungen dienen nach Deinem Willen, oder gibt es noch endlos viele andere?
Was werden die dann machen, so dereinst wir die Gnade haben werden, an Deiner
Seite die unendliche Schöpfung mit zu besorgen?“
[GEJ.07_129,07] Sagte Ich: „O du Mein
liebster Johannes, du bist noch schwach und so recht kindisch in den Dingen des
Reiches Gottes! Ist denn nicht der Geist Meines Vaters, der in Mir ist, der
Regent der Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Alle die Engel sind erfüllt
von diesem Geiste, der überall alles in allem ist und sein muß! So ihr
vollendet sein werdet, werdet ihr etwa durch einen andern als nur durch Meinen
Geist vollendet werden können?!
[GEJ.07_129,08] Seht, es gibt wohl eine
endlose Menge der geschaffenen Seelen; aber alle vollendeten Seelen durchdringt
nur ein Geist, und sie haben durch ihn das ewige Leben, die Weisheit, die
Liebe, die Macht und die Kraft, durch die sie dann gleich wie Ich wirken in den
Himmeln, wie als Mitleiter der Welten und ihrer Geschöpfe in den materiellen
und endlosen Raumgebieten.
[GEJ.07_129,09] Doch das alles und noch
endlos vieles andere wirst du erst dann einsehen und klar begreifen, wenn du
vollendet sein wirst, was bald nach dem geschehen wird, wenn Ich von dieser
Welt aufgefahren sein werde in Mein völlig Göttliches und auch in euer
Göttliches oder zu und in Meinen Gott und zu und in euren Gott.
[GEJ.07_129,10] Denn Ich Selbst muß zuvor
völlig in Mir als in Gott als dem Vater von Ewigkeit sein, damit Ich euch dann
Meinen Geist senden und geben kann. Wenn der kommen wird, so wird er euch erst
in alle für euch jetzt noch unbegreiflichen Wahrheiten leiten, und ihr werdet
dann das und noch Größeres tun, als was Ich Selbst nun tue. Wie aber das
möglich sein wird, das wird euch eben Mein Geist, der eure Seelen verklären
wird, lehren.
[GEJ.07_129,11] Nun aber fangen auch die
andern hier Anwesenden an, sich zu regen und werden sich auch bald auf die Beine
machen, und die Sonne taucht soeben über den Horizont herauf; darum verhalten
wir uns nun ein wenig in der Ruhe und betrachten die Erscheinungen, die sich
bei Gelegenheit der aufgehenden Sonne zwar oftmals zu ereignen pflegen, aber
dabei doch den Charakter der Neu- und Seltenheiten in sich tragen wie kaum eine
andere Erscheinung in der Natur dieser Erde!
[GEJ.07_129,12] Da von unten herauf kommen
auch schon die drei Magier, die in der Nacht, als wir uns zur nötigen Ruhe
begeben hatten, sich dennoch hinab zu den Ihrigen in die Stadt begeben und
ihnen noch ein paar Stunden lang von dem erzählt haben, was sie hier alles
gesehen, erfahren und gehört haben. Die drei Menschen werden uns heute gegen
etliche blinde Pharisäer, die heute nachmittag als ungeladene Gäste von
Jerusalem nach Emmaus kommen werden, noch ganz gute Dienste leisten und werden
mit dem vollkommenen Menschen aus dem tiefen Hinterägypten ganz gute Freunde
werden. Doch nun eine kleine Ruhe!“
[GEJ.07_129,13] Wir verhielten uns nun ganz
ruhig, und die anderen Gäste wurden immer wacher und unruhiger.
130. Kapitel
[GEJ.07_130,01] Es kam nun auch unser Lazarus
in Gesellschaft Raphaels aus dem Hause. Er ging nun gleich auf uns zu und
wollte reden; aber Raphael gab ihm einen Wink und sagte, daß Ich noch ein wenig
ruhen wolle. Da hielt Lazarus inne und wartete ab, bis es Mir genehm sein
würde. Aber es dauerte Meine Ruhe nur noch etliche Augenblicke, und Ich berief
dann Selbst den Lazarus zu Mir und sagte zu ihm ganz einfach, daß er nun vor
allem für ein gutes und ganz reines Morgenmahl Sorge tragen möge. Solches tat
er auch auf der Stelle und setzte sein ganzes Haus in vollste Bewegung. Es
dauerte natürlich keine volle Stunde, und das Morgenmahl war bereitet.
[GEJ.07_130,02] Raphael hatte ihn bei dieser
Gelegenheit sehr unterstützt, doch diesmal auf eine viel natürlichere Weise
denn sonst, und so ging es Lazarus auch schneller vonstatten als sonst
irgendwann, da er ganz auf dem natürlichen Wege solch ein bedeutendes Mahl
herstellte.
[GEJ.07_130,03] Doch ganz auf dem
übersinnlichen Wege durfte das heute der Magier wegen nicht geschehen, da sie
nun auf alles ein scharfes Auge richteten, wo sie merkten, daß die Sache irgend
hintergründlich von Mir ausgehen dürfte.
[GEJ.07_130,04] Als sich das Morgenmahl in
der besten Ordnung auf den Tischen befand, da kam der Wirt des Lazarus und
winkte ihm, daß das Morgenmahl bereits auf den Tischen stehe.
[GEJ.07_130,05] Lazarus aber gab Mir den
Wink; aber Ich sagte zu ihm: „Bruder, das hätte Ich auch ohne deinen Wink
verstanden; aber es war der Wink dennoch gut der Fremden wegen, und so erheben
wir uns und gehen ins Haus, um das Morgenmahl einzunehmen!“
[GEJ.07_130,06] Als Ich das gesagt hatte,
erhob Ich Mich denn auch sogleich mit den drei vorbenannten Jüngern, ging in
den großen Speisesaal, und alle Anwesenden folgten auf den Ruf des Lazarus
Meinem Beispiel.
[GEJ.07_130,07] Einige Meiner Jünger meinten
unter sich, was Ich denn heute etwa doch vorhaben möge, daß da nun alles so mit
einer gewissen Eile vor sich gehe. Doch sie bekamen auf solche leeren Fragen
von Mir durchaus keine Antwort, – kurz, Ich saß am Tische, aß und trank und gab
niemandem eine Antwort auf was immer für eine Frage.
[GEJ.07_130,08] Als Ich bald mit dem
Morgenmahle fertig war, da fragte Mich denn auch unser Agrikola, sagend: „Aber,
Herr und Meister, ich begreife Dich heute gar nicht! Sonst warst Du stets so
gelassen und geduldig, doch heute geht bei Dir alles mit einer solchen Hast vor
sich, daß Du Dir gar nicht einmal die Zeit nimmst, Dein Morgenmahl mit Deiner
mir schon bekannten Ruhe zu genießen! Was hast Du denn heute so ganz eigentlich
vor?“
[GEJ.07_130,09] Sagte Ich: „Ich habe es euch
ja doch schon gestern gesagt, daß Ich heute bei Nikodemus in Emmaus sein will
und aus Mir allein bekannten Gründen auch sein muß. Aber es ist der Weg dahin
für so viele, wie wir nun da beisammen sind, ein wenig beschwerlich; denn wir
dürfen aus klugen Rücksichten nur auf verschiedenen Wegen in Gruppen von
höchstens zehn Personen dahin gehen. Ziehen wir auf einmal in einer Karawane
dahin, so wird das den Templern bald verraten, und Ich bin gestört, heute das
zu wirken, was Ich zu wirken habe. Ich werde darum mit Meinen Jüngern, aber nur
mit den dreien, vorausgehen, und das auf einem ganz ungewöhnlichen Wege, um von
diesen Templern sicher nicht bemerkt zu werden; ihr aber teilet euch in Gruppen
ab, wie Ich es euch angezeigt habe, und ziehet auf verschiedenen Wegen dahin,
und nach Verlauf von zwei Stunden sind wir alle im Hause des Nikodemus
beisammen.
[GEJ.07_130,10] Ich wiederhole es euch allen
noch einmal und sage: Seid klug wie die Schlangen, aber dabei im Herzen dennoch
sanft wie die Tauben; denn da unten haust eine wahre Schlangenbrut und ein
Natterngezüchte, und die müssen mit ihresgleichen gebändigt werden! Verstehet und
begreifet das alle wohl, und richtet euch alle danach, und ihr sollet heute
einen segenvollsten Tag durchlebt haben zum größten Segen für eure Seelen! Aber
Ich werde nun sogleich abgehen. Mit Mir gehen Petrus, Jakobus und Johannes.
Mein Diener Raphael und Lazarus aber geleiten unsere Sklavenjungen dahin. Wenn
ihr drei Indier nun auch gleich mit Mir gehen wollet, so könnet ihr euch gleich
auf den Weg machen!“
[GEJ.07_130,11] Als die drei solches
vernahmen, standen sie freudigst von ihren Sitzen auf und machten sich mit Mir
sogleich auf den Weg.
[GEJ.07_130,12] Als Agrikola das sah, fragte
er Mich, ob es etwas ausmache, so auch er gleich mit Mir nach Emmaus zöge; die
anderen Römer aber würden allein dahin eines andern Weges gehen.
[GEJ.07_130,13] Sagte Ich: „Wie es dir genehm
ist; aber dann ist unsere Anzahl auch schon groß zur Genüge.“
[GEJ.07_130,14] Darüber hatte Agrikola eine
große Freude.
[GEJ.07_130,15] Wir gingen nun sogleich ab,
zogen vom Ölberge hinab und befanden uns bald auf der großen nach Emmaus führenden
Straße, die an diesem Tage als an einem Freitage sehr wenig begangen ward.
131. Kapitel
[GEJ.07_131,01] Als wir Jerusalem völlig
hinter dem Rücken hatten und nahe an die Säule gekommen waren, die von Raphael dahin
gestellt worden war, da begegneten uns zwei arme Menschen, die nach Jerusalem
gingen, um sich dort ein Almosen zu erbetteln. Von diesen beiden war der eine
stockblind, der andere aber war sehend und führte den Blinden. Beide aber sahen
sehr elend aus und baten uns, ob wir nicht geneigt wären, ihnen ein Almosen zu
geben; denn sie seien gar sehr arm und elend.
[GEJ.07_131,02] Sagte Ich zu ihnen: „Saget
Mir: Was wäre euch denn lieber, Gesundheit und Kraft, daß ihr dann anstatt des
Bettelns wieder arbeiten und euch euer Brot verdienen könntet, oder: wir geben
euch ein angemessenes Almosen?“
[GEJ.07_131,03] Sagten beide: „Herr, wir
kennen dich nicht! Wenn du imstande wärest, uns das erste zu geben, so wäre uns
das um gar vieles lieber; aber weil das wohl sicher ganz unmöglich ist, so
bitten wir euch denn doch um ein Almosen nach eurem Belieben.“
[GEJ.07_131,04] Sagte Ich: „So ihr glauben
könntet, da wäre bei euch wohl auch das erste möglich!“
[GEJ.07_131,05] Sagte der Blinde: „Daß bei
Gott alle Dinge möglich sind, das wissen und glauben wir beide; aber Gott
wirket nun keine Wunder mehr, weil die Menschen zu schlecht und boshaft
geworden sind, vom Hohenpriester angefangen bis auf uns herab. Denn Gottes
Gebote hat man verworfen und andere, schlechte und elende, dafür gemacht und
gegeben; sind aber die Gesetze schlecht, so werden auch also die Menschen, die
die schlechten Gesetze beachten müssen, schlecht, – denn wie die Lehre, so der
Glaube und so auch die Erkenntnisse der Menschen. Die Menschen haben sonach Gott
verworfen und verehren nun wieder das goldene Kalb, und so hat sie auch Gott
verworfen und wird bald über sie ein böses Gericht ergehen lassen; denn dieser
mein Führer, der sehend ist, hat mir die Zeichen der vorgestrigen Nacht
beschrieben, und diese deuteten wahrlich auf nichts Gutes für die von Gott
völlig abgefallenen Menschen. Und so siehe, du nach deiner Stimme freundlicher
Mann, wie Gott nun in dieser bösen Zeit wohl sicher gar keine Wunder mehr
wirken mag, kann und will!“
[GEJ.07_131,06] Sagte Ich: „Mensch, du hast
zwar das Licht deiner Augen schon vor zehn Jahren durch die Bosheit deines
eifersüchtigen Nachbarn verloren, wie auch durch seine bösen Ränke dein Hab und
Gut, doch das Licht deines Herzens hast du wohl bewahrt, und so sollst du nun
auch das Licht deiner Augen wieder erhalten! Ich will, daß du wieder sehest und
deine volle Körperkraft besitzest!“
[GEJ.07_131,07] In diesem Augenblick ward der
Blinde vollkommen sehend und hatte auch seine volle Manneskraft wieder. Er war
aber derart überrascht, daß er sich kaum zu fassen imstande war.
[GEJ.07_131,08] Nach einigen Augenblicken
fiel er vor Mir auf die Knie nieder und sagte mit sehr gerührter, aber doch
männlicher Stimme (der geheilte Blinde): „Herr, wer du auch sonst seiest, das
weiß ich nicht; aber daß du mich nun sehend gemacht hast, das weiß ich! Dazu
aber gehört mehr, als nur ein Arzt nach unserer Menschenweise zu sein. Du hast
keiner Salbe benötigt, rührtest meine Augen auch mit gar keinem Finger an,
sondern du wolltest bloß, und ich ward sehend. Herr, das heißt soviel als: mit
dem Geiste Gottes gleich den alten und größten Propheten erfüllt sein! Ja,
Herr, du hast mir nun das wunderbar getan; was soll ich dir aber als ein Armer
entgegentun?“
[GEJ.07_131,09] Sagte Ich: „Sonst nichts als:
Halte die Gebote Gottes, und gehe hin und arbeite, bleibe im Lande, und ernähre
dich redlich! Und du, sein gewesener Führer, tue desgleichen, und werde darum
kräftig und gesund!“
[GEJ.07_131,10] Auch dieser, der etwas lahm
war, fühlte sich plötzlich völlig gesund und kräftig, dankte Mir auch auf den
Knien und fragte Mich dann, sagend (der geheilte Lahme): „Herr, du wunderbar
großer Prophet, da du so Wunderbares wirkest und wohl gewußt hast, wie mein
Gefährte um sein Augenlicht gekommen ist, so wirst du uns auch anzeigen können,
wohin wir uns nun wenden sollen, um gegen einen mäßigen Lohn eine Arbeit zu
bekommen; denn es ist bei diesen Zeiten nun schwer, bald irgendwo eine Arbeit
zu bekommen!“
[GEJ.07_131,11] Sagte Ich: „So ziehet nach
Bethania zu Lazarus, und saget seinen nun allein daheim seienden beiden
Schwestern, was euch begegnet ist, und daß Ich euch hinsende, und ihr werdet
darauf sofort aufgenommen und bedienstet werden! Nun aber erhebet euch und tut,
was Ich euch geraten habe!“
[GEJ.07_131,12] Darauf dankten die beiden
noch einmal, erhoben sich vom Boden und zogen weiter.
[GEJ.07_131,13] Auf dem Wege nach Bethania
berieten sie sich sehr über Mich, wie auch über die, welche mit Mir waren, wer
etwa doch Ich, und was und wer die andern wären. Von Mir hielten sie, daß Ich
ein großer Prophet, etwa der wiedergekommene Elias sei. Doch über das sehr
charakteristische Was-sein Meiner Gefährten kamen sie nicht ins klare und
verschoben alles auf die Ankunft in Bethania.
[GEJ.07_131,14] Ich aber hatte nun eine
rechte Not mit den drei Magiern; denn für sie war das das erste Zeichen, das
sie Mich wirken sahen.
[GEJ.07_131,15] Und der erste Magier sagte:
„Herr, nun sehe ich, daß Du ein Gott sein mußt; denn solch eine Tat ist allein
nur einem Gott möglich!“
[GEJ.07_131,16] Ich aber sagte auf dem Wege
nach Emmaus: „Seid ruhig doch, ihr redet nun also, dieweil ihr nicht wisset,
was im Menschen ist; doch in Emmaus werdet ihr heute das schon noch näher
kennenlernen!“
[GEJ.07_131,17] Da fragten die drei um nichts
Weiteres.
132. Kapitel
[GEJ.07_132,01] In der Nähe von Emmaus kam
uns wieder eine Bettlerin entgegen und fing an, ganz jämmerlich zu schreien,
daß sie, wie wir sähen, eine höchst arme Witwe und Mutter von zwei Kindern sei,
die sie schwer auf ihren Armen, von Ort zu Ort bettelnd, herumtragen müsse, um
doch so viel Almosen zu bekommen, um sich und den zwei Kindern nur die
allernotdürftigste Nahrung zu verschaffen. Wir möchten sie doch nicht unbeteilt
weiterziehen lassen.
[GEJ.07_132,02] Sagte Ich zu ihr: „Aber warum
schreist du denn gar so unbändig? Wir sind ja nicht taub und können dir auch
dann etwas tun, wenn du bescheidener und stiller deine Bitte vorbringst!“
[GEJ.07_132,03] Sagte das Weib: „Herr, das
habe ich auch getan; aber es sind nun bei den meisten Menschen die Herzen
steinhart und taub geworden und achten der Bescheidenheit der Armut nimmer. Nur
mit einem lärmenden Ungestüm schreckt man manchmal doch noch jemandem ein
karges Almosen heraus, und das ist der Grund, warum ich meine Bitte an euch so
laut vorgebracht habe.“
[GEJ.07_132,04] Sagte Ich: „Du gefällst Mir
als eine wirklich Arme zwar wohl, aber so ganz recht doch noch lange nicht, und
das darum, weil dir das Herumbetteln lieber ist als das Arbeiten. Denn siehe,
du hast noch lange keine dreißig Jahre Alters, bist stark und gesund und
könntest wohl noch arbeiten und dir und deinen Zwillingen das Brot erwerben;
aber dir gefällt das Betteln besser als das Arbeiten, und so hast du dich in
dein Gewerbe ganz gut einstudiert, um den gewöhnlichen Weltmenschen ein Almosen
herauszulocken. Aber bei Mir gelten jedoch derlei Armutsanzeigekünste gar
nichts, sondern ganz allein nur die lichte Wahrheit. Zudem muß Ich dir aber
noch etwas sagen!“
[GEJ.07_132,05] Sagte das Weib: „Na, mein
bester Freund, da wüßte ich wahrlich nicht, was du mir noch zu sagen hättest!“
[GEJ.07_132,06] Sagte Ich mit einer
freundlich ernsten Stimme: „O Meine Liebe, wohl noch so manches und recht
vieles! Ich will dir zwar helfen, wenn du dich besserst und von deinem Sündigen
ablässest, – tust du aber das nicht, so helfe Ich dir auch wahrlich nicht! Und
würdest du noch hundertmal ärger schreien, als du diesmal geschrien hast, so
würde Ich dich doch nie mehr anhören! Verstehe Mich ja wohl, was Ich dir nun
sagen werde!
[GEJ.07_132,07] Sieh, du trägst auf dem
Rücken ein Bündel! Was ist darinnen verborgen? Sieh, da hast du ein ganz
schönes Kleid aus persischer Seide, das dich ein Pfund reinen Silbers gekostet
hat, zur Zeit, als du noch vermögend warst! Wenn du in eine Herberge kommst, da
legst du deine Zwillinge zur Ruhe, ziehst dann das schöne Kleid an, erscheinst
dann als ein sehr reizendes und üppiges Weib und suchst dich als eine Fremde an
jemanden zu verkaufen. Wenn aber dann der neue Tag erwacht, dann siehst du
wieder gerade so aus wie jetzt und schreist alle Menschen um ein Almosen an.
Sage nun selbst, ob das vor Gott und den Menschen je recht sein kann! Ich
verdamme dich aber darum noch nicht, sondern Ich frage dich um dein ganz
eigenes Urteil. Rede! Was kannst du Mir darauf erwidern?“
[GEJ.07_132,08] Auf diese Meine Anrede ward
die unverschämte Bettlerin ganz verlegen und wußte nicht, was sie darauf hätte
erwidern sollen.
[GEJ.07_132,09] Nach einer kleinen Weile der
Fassung ihres etwas schlüpfrigen Gemütes sagte sie (die Bettlerin): „Aber, Herr,
ich habe dich noch nie gesehen oder irgendwo gesprochen! Wie kannst du wohl
darum wissen? Ich muß bei dir nur durch ein paar geheime, eben bei dir seiende
Kundschafter verraten worden sein! Ja ja, es ist wohl leider also; aber was
kann eine arme, verlassene Witwe darum, wenn sie manchmal in der Not sich zu
Sachen herbeiläßt, die freilich vor Gott nicht in der Ordnung sein können? Aber
darum ist die arme Witwe in meiner Person auch noch lange nicht schlecht; denn
man sehe sich die Weiber der Pharisäer, der Schriftgelehrten und auch sogar der
Leviten an, die doch vor Gott stets alle rein sein sollen, und man wird ganz
andere Gründe bekommen, sie zurechtzuweisen denn mich, die ich oft von der Not
derart geplagt werde, wie du dir nicht leichtlich einen Begriff machen kannst!
Übrigens gestehe ich das ganz offen ein, daß du über mich die volle Wahrheit
geredet hast; doch hilf mir, und ich werde wohl niemals mehr zu solch elenden
Erhaltungsmitteln meine Zuflucht nehmen! Freund, richten und auch strafen ist leicht;
aber helfen will niemand!“
[GEJ.07_132,10] Sagte Ich: „Wahrlich, Ich
will dich weder richten und noch weniger strafen, obwohl Ich sehr die Macht
dazu hätte; aber es ist an dir der Fehler, daß dir die etwas schwerere Arbeit
nicht ebenso schmeckt wie solch ein mehr liederliches und bestimmungsloses
Leben! Und darin liegt hauptsächlich der Grund, daß du nun so arm und dürftig
bist, und Ich habe dir das eben darum vorgehalten, daß du dich einmal ernstlich
bessern sollst; denn so unschlüssigen Gemütern hilft Gott nicht. Hast du denn
Gott noch nie so recht ernstlich und vertrauensvoll gebeten, daß Er dir helfen
möge?“
[GEJ.07_132,11] Sagte die Bettlerin: „Ach,
Freund, höre mir mit dem tauben und unbarmherzigen Gott der Juden nur gleich
auf; denn eher erhört unsereins noch ein Stein als dein Gott! Wenn ich zu den
oft noch so unbarmherzigen Menschen um ein Almosen schreie, so werden sie auf
mich doch aufmerksam und schenken mir irgendeinen Zehrpfennig; aber dein Gott
ist ja tauber denn ein Stein!“
[GEJ.07_132,12] Sagte Ich: „O mitnichten, das
ist Gott durchaus nicht; aber du hast Gott noch nie irgend recht erkannt, an
Ihn nicht geglaubt und Ihn noch weniger je geliebt und hast dich darum auch nie
ernstlich mit einer rechten Bitte an Ihn gewandt, daß Er dir helfe aus deiner
Not. Gott aber hat dich eben darum mit der Not heimgesucht, damit du in der Not
Gott suchen sollst; und wo du es am wenigsten denkst, kommt dir Gott entgegen,
um dir wahrhaft zu helfen, – und dennoch sagst du, daß Gott härter und tauber
sei denn ein Stein!
[GEJ.07_132,13] Sieh, da tust du Gott ein
Unrecht an, und Er richtet dich darum dennoch nicht, sondern Er will dir
wahrhaft helfen – leiblich und seelisch –, damit du nicht zugrunde gehest für
immerdar auch an deiner Seele!
[GEJ.07_132,14] Als du noch ledigen Standes
warst und deine Eltern noch lebten, da warst du ein recht braves und auch recht
gläubig gottesfürchtiges Kind, und Gott und deine Alten hatten eine rechte
Freude an dir. Du wurdest reif, und ein recht braver Mann freite um dich und nahm
dich zum Weibe. Doch als Weib warst du nur zu bald nicht mehr das, was du
ehedem als Mädchen warst.
[GEJ.07_132,15] Deinen Mann liebtest du
nicht, wurdest auch gegen deine Eltern hart und machtest ihnen Vorwürfe, weil
sie dich einem Manne zum Weibe gaben, den du nicht lieben konntest. Dadurch
härmten sich deine schon ohnehin alten und kranken Eltern so sehr ab, daß sie
starben. Du warst dann noch schroffer gegen deinen Mann, so daß er dadurch auch
zu siechen begann, sich dem Trunke ergab, dadurch auch in Verarmung kam, in
eine Krankheit fiel und starb, und du wurdest dadurch eine arme Witwe.
[GEJ.07_132,16] Diese drückende Armut aber
ließ Gott darum über dich kommen, weil du fürs erste das Gebot Gottes brachst,
das da den Kindern gebietet, daß sie ihre Eltern ehren und lieben, damit sie
lange leben und es ihnen wohl gehe auf Erden, und fürs zweite, weil du den dir
von den Eltern bescherten braven Mann nicht liebtest und ihm eine bittere
Stunde um die andere bereitetest.
[GEJ.07_132,17] Seitdem ist nun schon ein
Jahr verflossen, und du hast noch nicht daran gedacht, deine Fehler einzusehen
und zu bereuen und Gott um Vergebung derselben zu bitten. Und dennoch sagst du,
daß Gott härter und tauber sei denn ein Stein und Sich des Menschen nicht
erbarme, wenn dieser auch noch so anhaltend zu Ihm bete. – Nun, was meinst du
jetzt über die Unbarmherzigkeit Gottes?“
[GEJ.07_132,18] Sagte ganz zerknirscht die
Bettlerin: „Herr, wer du auch sein magst, dich hat wahrlich Gott mir
entgegengesandt! Du hast mir nun ein rechtes Licht angezündet, und ich weiß
nun, was ich tun werde: Dies elende Kleid in meinem Bündel werde ich verkaufen
und mir um Geld ein Büßergewand kaufen; denn bis ich nicht solche meine Sünden
werde abgebüßt haben, kann Gott von mir keine Bitte erhören!“
[GEJ.07_132,19] Sagte Ich: „Das Bußkleid wird
deine Sünden nicht tilgen; aber dein Seidenkleid kannst du schon verkaufen und
dir dafür Brot anschaffen. Dein Bettelgewand ist ohnehin schon ein mehrfaches
Bußkleid; bereue du nur in ihm deine Sünden und enthalte dich von künftigen, so
werden dir auch deine alten, die du nicht mehr ungeschehen machen kannst, von
Gott schon vergeben werden!“
[GEJ.07_132,20] Sagte die Bettlerin: „Sage
mir, du Freund, aber nun auch, wer du bist, daß du meinen Lebenslauf gar so genau
zu erkennen vermochtest! Sage mir aber auch hinzu, was ich tun soll, damit mir
von Gott meine Sünden vergeben werden! Bist du etwa ein Priester oder irgendein
Prophet oder etwa gar ein Essäer, von denen die Rede ist, daß sie von jedem
Menschen, der zu ihnen kommt, genau wissen, was er getan und gemacht hat, daß
sie den Menschen auch von allen seinen Sünden lossprechen, die Kranken heilen
und sogar die Toten erwecken können? Ich möchte das darum wissen, damit ich dir
die gebührende Ehre geben kann!“
[GEJ.07_132,21] Sagte Ich: „Dessen bedarf Ich
von dir nicht! Tue du nur das, was Ich dir geraten habe, so wirst du Mich
dadurch am besten ehren, sei Ich dann, was Ich sei! Und nun ziehe in Frieden
weiter!“
[GEJ.07_132,22] Hier bedankte sie sich für
die Lehre; darauf beschenkten sie unser Agrikola und auch die drei Magier, und
sie zog gen Jerusalem. Wir aber gingen auch weiter und kamen den Mauern von
Emmaus nahe.
133. Kapitel
[GEJ.07_133,01] Als wir uns nahe dem
Eingangstore befanden, da kamen uns aus dem Orte sieben beinahe ganz nackte
Kinder von sechs bis elf Jahren Alter entgegen und baten uns um Brot, weil sie
gar sehr hungrig seien.
[GEJ.07_133,02] Ich aber sagte zu ihnen: „Ja,
ihr Meine lieben Kleinen, woher sollen wir da auf offener Straße Brot nehmen, um
es euch zu geben?“
[GEJ.07_133,03] Sagte das älteste Kind, ein
Knabe: „O du lieber, guter Vater, wenn du dich unser nur erbarmen wolltest, so
könntest du uns schon auch hier ein Brot und auch ein Gewand verschaffen! Im
Orte gibt es Brot in großer Menge; aber so wir zu jemandem gehen und um Brot
bitten, so treibt er uns mit Ruten weg und gibt uns kein Brot. Aber du und
diese, die mit dir sind, sehen so gut aus, und so bitten wir euch, daß ihr uns
Brot verschaffen möchtet!“
[GEJ.07_133,04] Sagte Agrikola: „Meine lieben
Kleinen, habt ihr denn keine Eltern, die euch Brot geben?“
[GEJ.07_133,05] Sagte der Knabe: „Eltern
haben wir, einen Vater und auch eine Mutter; aber sie sind beide sehr krank und
können sich nichts verdienen, und so müssen wir für uns und für sie herum
bitten gehen, damit wir und sie nicht ganz verhungern. O ihr lieben Väter, es
ist wohl sehr traurig, gar so arm zu sein! Keine Wohnung, kein Brot und keine
Kleidung!“
[GEJ.07_133,06] Sagte Agrikola: „Wo halten
sich denn eure kranken Eltern dann auf, wenn ihr keine Wohnung habt?“
[GEJ.07_133,07] Sagte der Knabe: „Dort hinter
dem Orte steht eine alte Schafhirtenhütte, die einem Bürger von hier gehört;
der benützt sie nicht mehr, weil er sich eine neue erbaut hat, und er hat uns
erlaubt, die alte zu bewohnen. Kommet nur mit uns und überzeuget euch selbst
von unserer großen Not!“
[GEJ.07_133,08] Sagte wieder Agrikola: „Aber
es wohnt hier ja ein gewisser Nikodemus, der ein guter Vater sein soll! Waret
ihr noch nie bei ihm?“
[GEJ.07_133,09] Sagte der Knabe: „Ja, den
kennen wir wohl und haben schon viel Gutes von ihm gehört; aber wir getrauen
uns nicht hin, weil er ein gar zu hoher und großer Herr ist. Es befinden sich
noch mehrere so große Herren hier, die sicher auch recht gute Väter sein
werden; aber es nützt uns das nichts, weil wir uns nicht zu ihnen zu gehen
getrauen.“
[GEJ.07_133,10] Sagte Agrikola: „Ja, wir
könnten ja auch große Herren sein, und ihr habt euch dennoch getraut, uns
anzureden!“
[GEJ.07_133,11] Sagte der Knabe: „Dazu hat
uns der große Hunger getrieben und weil ihr ein sehr mildes und barmherziges
Aussehen habt! Wenn wir den Nikodemus nur einmal auch auf der Straße antreffen
könnten, so möchten wir ihn schon auch anreden; aber er ist ja meistens in der
Stadt, und da wissen wir seine Wohnung nicht und getrauen uns in unserer
Nacktheit auch nicht in die Stadt, denn es könnte uns darin ein Leid
geschehen.“
[GEJ.07_133,12] Sagte Ich zu den Kindern:
„Seid getrost, Meine Kleinen, es soll euch geholfen werden! Führet uns aber nun
zu euren kranken Eltern hin! Ich werde ihnen helfen, und wir werden auch für
Brot und für eine rechte Bekleidung sorgen!“
[GEJ.07_133,13] Sagten alle Kinder: „Wir
haben zu Gott gebetet alle Tage, daß Er uns helfen möge, und als wir heute
morgen wieder gebetet haben, da kam es uns vor, als ob wir eine Stimme
vernommen hätten, die da sagte: ,Heute noch soll euch geholfen werden!‘ Das
erzählten wir den kranken Eltern, und diese sagten: ,Bei Gott ist alles
möglich; doch uns wird nur der Tod am sichersten helfen!‘ Wir vertrösteten
unsere armen Eltern, so gut wir nur immer konnten, und gingen auf unser Betteln
aus. Und seht, ihr lieben, guten Väter, wir haben nicht umsonst gebetet, denn
euch hat der große, heilige und liebe Vater im Himmel zu uns geschickt! Oh, wir
müssen aber nun gleich, bevor wir noch einen Schritt zurück zu unseren Eltern
tun, dem lieben Vater im Himmel danken, daß Er Sich unser so gnädig erbarmt
hat!“
[GEJ.07_133,14] Hier knieten die Kleinen nieder
und beteten mit aufgehobenen Händen also zum Himmel empor: „O Du großer,
lieber, guter und heiliger Vater im Himmel, wir danken Dir, daß Du uns in
diesen uns von Dir zugesandten Vätern aus unserer Not geholfen hast! Nimm
diesen unsern Dank gnädig an, o Du lieber, guter, heiliger Vater!“
[GEJ.07_133,15] Danach standen sie auf und
baten uns, ihnen folgen zu wollen.
[GEJ.07_133,16] Wir gingen, selbst tief
gerührt von dem kurzen Dankgebet der Kleinen, ihnen nach und erreichten bald
die vorbezeichnete Hütte, die sich unter einem stark vorspringenden Felsen
befand. Allda angelangt, fanden wir die beiden Alten auf dem blanken Boden
zusammengekauert und beinahe bis auf die Knochen abgemagert.
[GEJ.07_133,17] Als Agrikola diese zwei
Menschen im größten Elend ersah, ward er ganz erregt und sagte: „Nein, so etwas
findet man bei uns als hart und unbarmherzig verschrienen Heiden nicht! Hätten
denn diese trägen Juden nicht so viel Zeit, sich dann und wann herauszubemühen
und nachzusehen, ob sich da nicht irgendein elender und der Hilfe bedürftiger
Mensch aufhält? Es gibt ja auch Hirten in der Nähe; könnten wenigstens diese
nicht einmal nachsehen kommen, was diese Menschen hier machen, da sie ja doch
diese Kinder oft aus und ein gehen gesehen haben müssen? Ach, so eine
Gefühllosigkeit ist mir ja doch noch nie vorgekommen!“
[GEJ.07_133,18] Sagte Ich: „Weißt du, Freund,
jetzt werden wir diesen Menschen zuerst helfen und dann erst das Weitere
besprechen!“
134. Kapitel
[GEJ.07_134,01] Hierauf wandte Ich Mich zu
den Kranken und sagte zu ihnen: „Wie seid ihr in solches Elend geraten? Saget
es derentwegen, die hier mit Mir gekommen sind!“
[GEJ.07_134,02] Sagte der von der Gicht ganz
verkrüppelte Mann: „Herr, wir sind allzeit arme Menschen gewesen und verdienten
uns unser Brot mit der Arbeit unserer Hände, und es ging uns dabei ganz gut;
aber vor drei Jahren kamen wir zu der Gicht, ich zuerst, dann später auch dies
mein Weib, weil sie sich mit der Arbeit zu sehr anstrengen mußte. Bis zu den
Osterfesten dieses Jahres hatten wir eine Unterkunft im Orte; aber unser
Wohltäter starb, und es kam ein anderer Herr ins Haus, der uns als ihm nutzlose
Menschen nicht länger im Hause behalten wollte. Wir versuchten, bei anderen
Menschen eine Unterkunft zu erbetteln; aber es wollte uns niemand unserer
Krankheit und der Kinder wegen nehmen. Es blieb uns nichts übrig, als diese uns
eingeräumte Hütte zu beziehen, um nicht ganz im Freien zu sein und nicht einmal
einen Schutz gegen Regen und andere Ungewitter zu haben. Daß sich unsere
Krankheit in dieser Hütte nicht gebessert, sondern nur von Tag zu Tag
verschlimmert hat, das zeigt unser Aussehen. Daß wir beinahe ganz aller
Kleidung ledig sind, rührt daher, weil wir das wenige, was wir noch hatten,
verkaufen mußten, um uns ein wenig Brot anschaffen zu können. Aber jetzt sind
wir mit allem fertig geworden und sind dem Hungertode ausgestellt, wenn keine
Hilfe kommt. Gott dem Allweisesten und Allmächtigen sei das alles aufgeopfert;
Er wird es wohl wissen, warum Er uns in ein solches Elend hat kommen lassen!
[GEJ.07_134,03] Hiob hat nach der
Beschreibung viel auszustehen gehabt, aber wir sicher noch mehr! Denn leiden
haben wir schon von Kindheit an müssen und der frohen Tage wenige erlebt; und
nun, da wir schon etwas älter geworden sind und mühseliger von Natur aus, sind
wir erst so recht auf die höchste Stufe alles irdischen Unglücks gelangt! Wenn
ihr, liebe Herren, uns nur in etwas helfen könnet, so erbarmet euch unser und
helfet uns! Der Herr im Himmel wird es euch sicher vergelten.“
[GEJ.07_134,04] Sagte Ich: „Darum sind wir ja
eben hierher gekommen, um euch die von euch ersehnte Hilfe zu bringen! Merket
euch aber das: Die Gott liebhat und zu großen Dingen bestimmt hat im Reiche der
Geister, die prüft Er auch mächtiger und stärker als irgendeinen andern
Menschen, den Er nur für kleine Dinge bestimmt hat.
[GEJ.07_134,05] Aber ihr habt nun die Zeit
eurer irdischen Prüfung vollendet und sollet nun denn auch einmal glücklich
sein auf dieser Erde noch und wohl erziehen eure sieben Kinder, die nun noch
engelrein sind, damit sie als Männer in späterer Zeit nicht unrein werden. Mit
dem aber sage Ich euch nun auch: Stehet auf und wandelt!“
[GEJ.07_134,06] Im Augenblick erhoben sich
die beiden Eltern als ganz vollkommen gesunde Menschen und bekamen auch gleich
ein ganz natürlich gutes Aussehen.
[GEJ.07_134,07] Sie staunten ungemein, und
der Mann sagte: „O du wunderbarer Mann! Was hast du denn nun mit uns getan?
Denn so gesund und kräftig waren wir ehedem ja ohnehin noch nie! Oh, wer und
was bist du denn so ganz eigentlich, daß du solches vermagst? Du bist entweder
ein großer von Gott gesandter Prophet, oder du bist ein verkörperter Engel;
denn das ist bisher in Israel noch nicht erhört worden. Was für Arzneien haben
schon so manche Gichtbrüchige gebraucht, und es wurde ihnen dennoch nicht
besser, – und du sagtest zu uns bloß: ,Stehet auf und wandelt!‘, und wir sind
im Augenblick vollkommen geheilt gewesen. Oh, lobet alle den Gott Israels, daß
Er einem Menschen solch eine rein göttliche Macht gegeben hat!“
[GEJ.07_134,08] Die sieben Kinder weinten
auch vor Freude, als sie ihre Eltern so vollkommen gesund vor sich sahen wie
vormals noch nie, und der älteste Knabe sagte: „O seht, ihr lieben Eltern, ich
habe es ja gehört und euch auch oft gesagt: Wenn die Not am höchsten ist, dann
ist auch die Hilfe Gottes für jene, die sie bei Ihm suchten, am nächsten
gekommen. Und gerade heute hatte unsere irdische Not den höchsten Gipfel
erreicht, – und die Hilfe von Gott ist auch schon da! Ihm, dem lieben, guten
und heiligen Vater im Himmel, allen Dank, alles Lob und alle Ehre! Auf das
Glück, daß unsere lieben Eltern nun wieder gesund und kräftig geworden sind,
ist uns ordentlich unser früher so großer Hunger vergangen! Oh, wenn wir jetzt
noch Kleidung von der dürftigsten Art hätten, so könnten wir uns ja recht bald
wieder ein gutes Stück Brot verdienen!“
[GEJ.07_134,09] Sagte Ich zum Knaben: „Gehe
du hinter den Felsen, dessen grottenartiger Vorsprung euch bis jetzt zu einer
Wohnung gedient hat! Dort wirst du drei Bündel finden; die bringe herein, und
ihr werdet euch sogleich ganz gut bekleiden können!“
[GEJ.07_134,10] Als der Knabe das vernommen
hatte, da eilte er hinaus, begleitet von seinen Geschwistern, und sie brachten
drei Bündel in die Hütte herein. Die Eltern lösten sie leicht auf und fanden
darin Kleider für sich und für ihre Kleinen. Da gab es des Dankes, Lobes und
der Freudentränen in Hülle und Fülle, und an Verwunderung von allen Seiten
hatte es auch keinen Mangel.
[GEJ.07_134,11] Aber diese Menschen hatten
auch schon beinahe zwei Tage nichts gegessen und waren sonach hungrig.
[GEJ.07_134,12] Und Ich sagte abermals zu den
Kindern: „Kindlein, gehet nun noch einmal dorthin, wo ihr ehedem die Bündel mit
den Kleidern gefunden habt! Alldort werdet ihr nun auch Brot und Wein finden; bringet
alles herein, und stärket und sättiget euch damit!“
[GEJ.07_134,13] Da eilten die Kleinen
abermals hinaus und fanden in einem Korbe mehrere Laibe besten Brotes und
mehrere Krüge voll eben auch des besten Weines. Sie brachten den Fund auch bald
in die Hütte und sättigten und stärkten sich damit. Die Eltern sagten unter
vielen Freudes- und Dankestränen, daß sie solch ein gutes Brot noch nie
verkostet und solch einen guten Wein noch nie getrunken hätten. Es müßte Brot
und Wein rein aus den Himmeln Gottes durch die Engel herbeigeschafft worden
sein; denn auf Erden wachse und gedeihe so etwas rein himmlisch Gutes niemals,
weil dazu die Menschen schon zu schlecht und gottvergessen seien.
[GEJ.07_134,14] Ich aber sagte zu ihnen:
„Meine lieben Kinder, esset und trinket nun nur ganz sorglos und seid frohen
Mutes; denn Gott hat euch stark geprüft, und ihr habt ohne Murren in voller
Ergebung in den Willen Gottes alles, was da über euch gekommen ist, ertragen.
Gott hat euch aber auch nun, wo eure Not das Vollmaß erreichte, auf eine
wunderbare Art schnell geholfen, und diese Hilfe wird bei euch verbleiben nicht
nur zeitlich bis ans Ende eures irdischen Lebens, sondern auch über das Grab
hinaus für ewig! Warum ihr aber auf dieser Erde von Gott so stark geprüft worden
seid, das werdet ihr im andern Leben erst zur Einsicht bekommen.“
135. Kapitel
[GEJ.07_135,01] Als Ich solches zu diesen
Armen geredet hatte, da kamen einige Hirten zu der Hütte, um nachzusehen, ob
die Kranken etwa schon verstorben seien.
[GEJ.07_135,02] Da sie aber unser ansichtig
wurden, so wollten sie sich bald wieder entfernen; aber unser Agrikola trat
schnell aus der Hütte, redete die Hirten an und sagte: „Habt ihr etwa diesen
Armen Speise und Trank gebracht, oder wolltet ihr ihnen sonst helfen oder sie
trösten?“
[GEJ.07_135,03] Sagten die Hirten: „Herr,
weder das eine, noch das andere, sondern wir kommen als Diener unseres Herrn,
der ein strenger Mann ist! Er hat uns befohlen, heute nachzusehen, ob diese
Familie noch darin hause, oder ob sie etwa schon gestorben sei. In jedem Falle
müsse diese alte Hütte noch heute geräumt werden, da er für den ersten Tag nach
dem Sabbat schon Bauleute bestellt habe, die diese alte Hütte umbauen sollen,
darum dieses arme und nackte Gesindel hinausgeschafft werden müsse.“
[GEJ.07_135,04] Sagte Agrikola: „Daß ihr nach
dem Willen eures Dienstgebers handelt, das kann ich euch nicht verargen; aber
ihr wußtet doch, welche Not diese Familie gelitten hat! Warum tatet ihr dieser
armen Familie denn nie etwas Gutes?“
[GEJ.07_135,05] Sagten die Hirten: „Herr, wir
haben für uns zu sorgen genug, um unser Leben durchzubringen! Wie sollen wir da
noch für andere Arme sorgen? Unser Dienstherr ist ein zu karger Mensch, als daß
er uns, seinen Dienern, so viel zukommen ließe, daß wir davon noch andern Armen
etwas zukommen lassen könnten. Wir selbst haben kaum zu leben, – wie könnten
wir da noch andere leben lassen?!“
[GEJ.07_135,06] Sagte Agrikola: „Tut mir
recht leid um euch! Sieh, du Wortführer, dieser Familie ist nun auf einmal mehr
denn königlich geholfen – und jedem ihrer Wohltäter wäre desgleichen für immer
geholfen gewesen! Aber da ihr gleich eurem Dienstherrn harten und gefühllosen
Herzens waret, so habt ihr auch von uns aus keinen Lohn zu gewärtigen. Übrigens
saget das auch eurem Dienstherrn, daß ich als ein höchster, reichster und
mächtigster Römer aus Rom, so er diese arme Familie besser versorgt hätte, ihm
hier anstatt eine neue Hütte einen königlichen Palast hätte erbauen lassen und
ihm dazu noch zehntausend Morgen Land geschenkt hätte! Nun aber mag und kann er
für seine Barmherzigkeit mit euch den Lohn teilen, den ihr nun überkommen habt.
Schämet euch, ihr Juden, die ihr euch ,Kinder Gottes‘ nennet, daß wir Heiden
euch an der Barmherzigkeit himmelhoch übertreffen! Wie heißt denn euer sauberer
Herr, und was ist er denn?“
[GEJ.07_135,07] Sagte ganz verdutzt der eine
Hirte: „Unser Herr ist ein überreicher Bürger von Jerusalem und heißt Barabe;
sonst ist er nichts.“
[GEJ.07_135,08] Sagte Agrikola: „Ganz gut! Saget
ihm, daß diese arm gewesene Familie nun sogleich mit uns fortziehen wird, und
ihr und euer schöner Herr könnet dann mit dieser Hütte machen, was ihr wollet;
daß ihr aber damit kein Glück haben werdet, dafür stehe ich euch gut! Und nun
wartet noch ein wenig, damit ihr die arme Familie fortziehen sehet und eurem
schönen Dienstherrn die Nachricht geben könnet, daß die Hütte völlig geräumt
ist!“
[GEJ.07_135,09] Agrikola trat nun wieder in
die Hütte, und die Hirten sahen einander groß an, und einer sagte: „Da sehet
nun! Ihr habt mich meines euch erzählten Traumes dieser armen Familie wegen
verlacht und habt über mich noch geschmollt, als ich ein paarmal mein karg
zugemessenes Brot mit den nackten Kindern geteilt habe, und habt sie später,
wenn sie wieder zu mir kommen wollten, bedroht und davongetrieben. Da habt
ihr's nun! Ich habe es immer gesagt: Mit dieser Familie geschieht noch einmal
ein Wunder, und es wäre gut, ihr nun etwas Gutes zu tun! Aber da lachtet ihr;
und nun lache ich bloß darum, weil ihr für euren glänzenden Verstand einen so
guten Lohn bekommen habt!“
[GEJ.07_135,10] In dieser Weise redeten die
Hirten noch eine Weile, bis wir uns samt der nun ganz wohl gekleideten Familie
aus der Hütte auf den Weg machten. Als die Hirten der nun ganz wohl und
stattlich aussehenden Familie ansichtig wurden, da verwunderten sie sich sehr;
denn es fiel ihnen die volle Genesung auf.
[GEJ.07_135,11] Der älteste Knabe aber ging
zu dem einen gutherzigen Hirten hin und sagte: „Was du in der Hütte antreffen
wirst, das gehört dir!“
[GEJ.07_135,12] Es verblieb nämlich in der
Hütte der Korb mit noch einem Laib Brot und mit einem Kruge voll Wein, und in
den Tüchern, in denen die Kleider eingebunden gewesen waren, waren etliche
Goldstücke von großem Wert eingewickelt.
[GEJ.07_135,13] Als wir einige Schritte
fürbaß waren, wollten auch die anderen Hirten in die Hütte mitgehen und mit ihm
das Hinterlassene teilen.
[GEJ.07_135,14] Agrikola merkte das, kehrte
schnell um und sagte zu den kecken Hirten: „So ihr es waget, diesem einen
Gutherzigen nur einen Brosamen wegzunehmen, so lasse ich euch heute noch
kreuzigen! Verstehet mich wohl! Ein Römer hält sein Wort!“
[GEJ.07_135,15] Als die Hirten diese Sentenz
vernahmen, flohen sie von dannen.
[GEJ.07_135,16] Zu dem einen Hirten aber sagte
Agrikola: „Nimm, was du finden wirst, und ziehe in den Ort; denn fortan wirst
du nicht mehr zu dienen nötig haben!“
[GEJ.07_135,17] Mit dem begab sich Agrikola
wieder zu uns, und wir zogen nun in den Ort. Am Tore warteten schon viele, die
uns vom Ölberge nachgekommen waren, und begrüßten uns.
[GEJ.07_135,18] Agrikola aber sagte, gleich
auf die arme Familie hindeutend: „Des Herrn Schritte sind stets voll Wunder und
Wohltaten!“
136. Kapitel
[GEJ.07_136,01] Hier ersahen uns auch
Nikodemus und sein Freund Joseph von Arimathia, und sie eilten uns entgegen.
[GEJ.07_136,02] Als die beiden zu Mir kamen,
da begrüßten sie Mich auf das freundlichste, und Nikodemus sagte: „O Herr,
welch ein Segen für diesen Ort, daß auch Du ihn besuchst! Ich hatte wohl eine
Ahnung, als möchtest Du heute hierher kommen, – und siehe, meine Ahnung ist in
Erfüllung gegangen! O Herr, dürfte ich Dich zu mir in mein Haus laden, um bei
mir das Mittagsmahl einzunehmen?“
[GEJ.07_136,03] Sagte Ich: „Freund, wir sind
unser viele und könnten in deinem Hause kaum Raum in rechter Genüge finden;
zudem wirst du am Nachmittage wieder von ein paar Pharisäern besucht werden,
mit denen Ich nicht zusammenkommen möchte, und so werde Ich in der großen
Herberge, die auch dir gehört, einkehren. Dahin kannst auch du kommen mit
deinem Freunde Joseph von Arimathia und mit dem alten, biederen Rabbi, wie auch
mit deinem Weibe und deinen Kindern, damit auch sie mögen das Heil der Welt
sehen. Die beiden Römer aber wohnen ohnehin in ihrem eigenen Hause gleich neben
deiner Herberge und werden auch sicher zu Mir kommen, da Ich hauptsächlich
ihretwegen hierher gekommen bin.“
[GEJ.07_136,04] Sagte Nikodemus: „O Herr, Du
hast da in allem recht; aber ich möchte dennoch, daß Du auch mein Wohnhaus mit
Deinen heiligen Füßen betretest, damit es auch gesegnet wäre durch die Tritte
Deiner Füße!“
[GEJ.07_136,05] Sagte Ich: „Darum wird dein
Haus nicht gesegneter, – und würdest du das glauben, so wäre das ein eitler
Aberglaube. Aber Ich werde dennoch auch dein Haus betreten, aber erst, nachdem
die Pharisäer nachmittags wieder heimgekehrt sein werden. Nun aber heißt es,
hier die Nachkommenden zu erwarten, auf daß sie wissen, wo Ich verweilen werde
den heutigen Tag.“
[GEJ.07_136,06] Fragte Nikodemus, wer da
alles noch nachkommen werde.
[GEJ.07_136,07] Sagte Ich: „Bis auf die
Zöllner, die vorgestern auch auf dem Ölberge waren, alle, die du dort gesehen
hast! Auch Lazarus und Raphael mit den vielen Sklavenjungen werden bald hier
eintreffen, nur auf einem andern Wege! Und so werden sich binnen einer Stunde
etliche hundert Menschen hier in Emmaus befinden, die in deinem Wohnhause wohl
nicht leichtlich untergebracht werden könnten, wohl aber in deiner Herberge,
die gut für ein paar tausend Menschen Raum hat; und so lassen wir es dabei
bewendet sein!“
[GEJ.07_136,08] Hierauf erkundigte sich
Nikodemus um die Familie, die sich nun bei uns befand, und Ich sagte zu
Nikodemus: „Freund, diese Familie hätte das Recht, sich bitter wider euch
Emmauser zu beklagen; denn da es euren Augen nicht entgangen sein kann, daß
sicher schon zu öfteren Malen nackte und vor Hunger weinende Kinder hier im
Orte herum die Menschen um Brot baten, so hättet ihr euch wohl erkundigen
können, von woher solche Kinder kommen, und was da wohl die Ursache sein könne,
daß solche Kinder gar so sehr verlassen umherziehen. Aber das tatet ihr nicht,
und das gereicht euch wahrlich zu keiner besonderen Ehre und Auszeichnung vor
Mir! Du kannst zwar weniger dafür, weil du nun zumeist in der Stadt lebst,
gleichwie auch dein Freund Joseph von Arimathia, aber es gibt hier noch eine
Menge Bürger, die auch nicht arm sind, und diese hätten eine arme Familie schon
ganz leicht versorgen können. Doch sie taten das nicht, und so werde auch Ich
ihnen nichts tun, obwohl sich viele hier befinden, denen Meine Hilfe sicher
sehr zustatten käme.
[GEJ.07_136,09] Du kennst da draußen die
alte, verfallene Schafhütte eines gewissen Barabe, der in Jerusalem ist. Siehe,
in der bezeichneten Hütte traf Ich eben diese Familie im wahrlich größten
Elende! Mann und Weib kauerten am feuchten Boden ganz voll Gichtbrüchigkeit und
konnten sich leichtbegreiflichermaßen nichts mehr verdienen; die sieben Kinder
nur bettelten ganz nackt bei den unbarmherzigen Emmausern um Brot. Sie bekamen
in den letzten zwei Tagen auch kein Brot mehr, und heute ist ihnen von dem
reichen Barabe noch dazu angezeigt worden, daß sie auch die alte Hütte
verlassen sollen. Wenn Ich nicht hierhergekommen wäre und ihnen geholfen hätte,
da frage Ich euch, was da bei eurer Hartherzigkeit diese Familie angefangen
hätte. Nun ist ihr freilich für immer geholfen; aber den unbarmherzigen
Emmausern soll darum nicht geholfen werden. – Nun weißt du, was es mit dieser
Familie für eine Bewandtnis hat!“
[GEJ.07_136,10] Sagte, ganz traurig geworden,
Nikodemus: „O Herr, hätte ich davon nur eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich
dieser Familie ja gerne augenblicklich angenommen! Aber ich bin ja nun bereit,
für sie alles zu tun, um den Fehler nur einigermaßen wieder gutzumachen!“
[GEJ.07_136,11] Sagte Ich: „Du hast keinen Fehler
gutzumachen, weil du im Grunde keinen begangen hast! Doch diese Familie ist
bereits versorgt und soll keinem Emmauser je mehr zur Last fallen; doch so du
später nachforschen lassen willst, so wirst du in der Nähe von hier, wie auch
von Jerusalem, noch gar manche Familien antreffen, denen deine Hilfe sicher
sehr willkommen sein wird. – Doch nun von etwas ganz anderem!
[GEJ.07_136,12] Wie sieht es mit den beiden
hier lebenden Römern aus? Hast du eine Gelegenheit, sie zu benachrichtigen, daß
der Römer Agrikola hier ist, und daß auch seine Gefährten bald eintreffen
werden, so tue das! Sage ihnen aber auch, daß jene Oberägypter, mit denen sie
schon einmal an Ort und Stelle zu tun hatten, in einer Stunde auch eintreffen
werden! Doch von Mir und von Meinem Wesen sage ihnen vorderhand noch nichts;
denn dafür habe Ich Meinen geheimen Grund, der euch aber nachher schon von
selbst bekannt werden wird! Aber nun mache, daß die beiden Römer bald zu uns
kommen; denn Ich möchte mit ihnen zuvor noch etwas ganz Offenes besprechen!
[GEJ.07_136,13] Es soll der heutige Tag noch
ein Tag großer und von euch gar nie geahnter Offenbarungen werden; darum gehe
hin und bringe alles in die rechte Ordnung!“
[GEJ.07_136,14] Mit dem ging unser Nikodemus
schnell zu den Römern und benachrichtigte sie von allem, was Ich ihm gesagt
hatte, und die beiden Römer hatten nun denn auch nichts Eiligeres zu tun, als
sich mit Nikodemus zu uns zu begeben.
137. Kapitel
[GEJ.07_137,01] Als die beiden Römer zu uns kamen
und des ihnen wohlbekannten Agrikola ansichtig wurden, da wußten sie sich vor
lauter Freude kaum zu helfen. Denn sie hatten all ihr irdisches Glück rein dem
Agrikola zu verdanken und waren auch darum ins Judenland gekommen, um allda den
wahren Gott und Seinen Willen näher kennenzulernen. Sie erzählten ihm natürlich
gleich eine Menge Dinge, die sie bereits schon erfahren hatten; aber Agrikola
sagte ihnen, daß das alles soviel wie gar nichts sei gegen das, was sie noch
heute hören, sehen und erfahren würden. Das machte die beiden Römer natürlich
höchst stutzig, und sie fragten ihn nun, ob er denn wohl wisse, daß eben heute
die etlichen Oberägypter hierher kommen würden.
[GEJ.07_137,02] Agrikola aber sagte weiter
nichts als: „Meine schon alten Freunde, was euch heute gesagt wird, das glaubet
ehern fest; denn da wird alles genauest in Erfüllung gehen, und ihr werdet euch
davon nur zu bald überzeugen, wenn nun bald die sonderbaren Oberägypter hier
eintreffen werden!“
[GEJ.07_137,03] Sagten die beiden Römer: „Nein,
wir hätten uns heute wohl alles eher einbilden und vorstellen können, als daß
uns eben heute so etwas höchst überraschend Merkwürdiges begegnen werde!“
[GEJ.07_137,04] Es ward hier auf dem freien
Platze noch so manches gesprochen; aber es kam nun auch die Zeit, in der die
Nachkommenden, eine Partie um die andere, einzutreffen begannen und es begann
auf dem freien Platze sehr lebhaft zu werden. Endlich kam auch unser Lazarus
mit Raphael und mit den vielen Sklavenjungen an, deren Anmut und Schönheit die
beiden Römer nicht genug bewundern konnten; den Raphael hielten sie gar für
einen Gott.
[GEJ.07_137,05] Aber Agrikola und nun auch
die andern schon anwesenden Römer sagten: „Es hat das wohl den Anschein, – aber
die Sache verhält sich ganz anders! Fraget aber nun um gar nichts; denn ihr
werdet über alles noch zur rechten Zeit aufgeklärt werden!“
[GEJ.07_137,06] Die beiden Römer gaben sich
in das, fragten aber dennoch, ob es nicht füglicher wäre, sich nun in
irgendeine Herberge zurückzuziehen; denn so viele Menschen im Freien zur
ungewöhnlichen Zeit mache zu viel Aufsehen in einem kleinen Ort. Es wäre daher
rätlicher, sich in eine große Herberge zu begeben.
[GEJ.07_137,07] Dieser Vorschlag war gut, und
wir begaben uns in die große Herberge des Nikodemus.
[GEJ.07_137,08] Es bemerkten aber dennoch
mehrere Bürger, daß wir uns in die große Herberge begeben hatten, und sie kamen
deshalb auch so einer nach dem andern dahin, um zu sehen, was es da gäbe.
[GEJ.07_137,09] Aber unser Nikodemus sagte zu
ihnen: „Freunde, heute ist da nichts für euch; denn ihr sehet, daß die
höchstgestellten Römer allda eine große und wichtige Beratung halten wollen,
bei der wohl ich und noch etliche der ersten Juden dabei sein dürfen! Und so
ziehet euch nur gleich alle bescheiden zurück, sonst könntet ihr Anstände
bekommen, und das um so eher, weil die Römer eines ihnen bekannten Umstandes
wegen – soviel ich vernommen habe – euch durchaus nicht gewogen sind! Und so
ziehet euch nur eiligst zurück, und lasset euch ja den ganzen Tag nirgends sehen!“
[GEJ.07_137,10] Auf diese Mahnrede des
Nikodemus zogen die Neugierigen so behende wie möglich ab, und wir waren vom
Zudrange der Neugierigen für den ganzen Tag frei; denn sowie die Emmauser von
den hohen Römern etwas hörten, da zogen sie sich sicher derart zurück, daß sie
sogar auf den ganzen Tag nach auswärts verreisten und erst spät in der Nacht
wieder heimkehrten.
[GEJ.07_137,11] Als Nikodemus also die
neugierigen Bürger von Emmaus verscheucht hatte, kam er zurück und sagte: „Nun
können wir uns hier schon freier bewegen; denn diese Neugierigen sind nun schon
für den ganzen Tag entfernt, und es wird sich keiner auch nicht einmal von
ferne her blicken lassen. Ob ich aber ganz recht getan habe, sie mehr durch
eine kluge List als durch die reine Wahrheit für den ganzen Tag entfernt zu
haben, nun, das ist freilich eine ganz andere Frage! Aber ich bin da bei mir
der Meinung: Wenn man durch ein eben durchaus nicht ganz schlechtes Mittel
einen guten Zweck erreichen kann, so soll man es ohne alles Bedenken nur gleich
anwenden; denn wie oft müssen vernünftige und weise Eltern ihre eigenen Kinder
durch allerlei Listen und Finten leiten, wenn sie aus ihnen wahre Menschen
bilden wollen! Mit der ganz reinen und nackten Wahrheit würde man bei den
Kindern schlecht fahren!“
[GEJ.07_137,12] Sagte Ich: „Dein Mittel war
da aber ja ohnehin ganz gut und auch wahr, und du hast dadurch auch einen für
den heutigen Tag ganz guten Zweck erreicht! Wer zum vollen Lebenslichte der
Wahrheit gelangen will, muß zuvor das Feld der Lüge und der Täuschungen
durchwandern; ohne dieses kommt niemand zur vollen Wahrheit.
[GEJ.07_137,13] Siehe, die ganze Welt, ja
sogar der Leib des Menschen und alles Körperliche ist für Seele und Geist eine
Täuschung und somit auch eine Lüge; aber ohne sie könnte keine Seele zur vollen
Wahrheit des Lebens gelangen! Aber im tieferen Grunde ist auch die Körperwelt
wiederum keine Täuschung und keine Lüge, sondern ebenfalls volle Wahrheit; aber
sie liegt nicht offen, sondern ist innen verborgen und kann durch Entsprechungen
gefunden werden.
[GEJ.07_137,14] So war denn auch deine
vermeinte List im Grunde keine Lüge, sondern Wahrheit; denn es handelt sich
hier ja hauptsächlich um die Gewinnung der Heiden und nicht um die Gewinnung
der Juden, die ohnehin schon von Moses aus das rechte Licht haben. So sie es
nicht benützen wollen, so sind nur sie selbst schuld, wenn sie in ihrer
eigenwilligen Nacht verderben. Und sieh, demnach hast du recht gesprochen, wenn
du den Bürgern sagtest, daß es sich hier um eine Rathaltung der Römer handle,
und hast somit deine Sache ganz gut ausgerichtet. Aber soeben sind auch die
Tiefoberägypter, sieben an der Zahl, hier im Orte angekommen; sage das den
Römern, daß sie sich auf ihren Empfang vorbereiten sollen!“
[GEJ.07_137,15] Nikodemus ging nun sogleich
zu den Römern, die sich an einem Tische gelagert hatten, und sagte ihnen das.
Die beiden Römer aber erhoben sich eiligst und fragten den Nikodemus, wer ihm
das angezeigt habe.
[GEJ.07_137,16] Und Nikodemus sagte: „Der,
der um das und noch um endlos vieles anderes weiß, und den auch ihr noch heute
werdet näher kennenlernen! Aber nun fraget um nichts Weiteres, sondern gehet
hinaus und empfanget die Kommenden!“
138. Kapitel
[GEJ.07_138,01] Auf das hin eilten die beiden
Römer hinaus, und als sie an die Türschwelle traten, da standen auch schon die
sieben Oberägypter an der Flur des großen Herbergshauses, und der erste, der,
wie bekannt, die römische Expedition vor mehreren Jahren nicht weiter
vordringen ließ, trat auf die ihm wohlbekannten Römer zu, reichte ihnen seine
dunkelbraune Hand und sagte (der Ägypter): „Ich grüße euch nun als meine
Freunde, so wie ich euch auch vor mehreren Jahren im tiefen Oberägypten als
Freunde entließ. Ihr habt euch meiner wohl recht oft erinnert und seid auch
aufgrund dessen, was ihr von mir vernommen habt, hierher gezogen, um das Wesen
eines wahren Menschen tiefer zu erforschen und in euch selbst kennenzulernen;
doch davon hattet ihr keine Ahnung, daß ihr auch mich einmal in diesem Lande
sehen werdet.
[GEJ.07_138,02] Ich aber bin nun nicht so
sehr euretwegen als vielmehr eines Menschen wegen, den ihr noch nicht kennet,
hierher gekommen, auf daß Er auch uns taufe mit dem Feuer der ewigen Wahrheit
Seines Geistes. Der allein hat uns Seinen vielen Jüngern schon gestern angesagt,
daß wir kommen und Ihm ein wahres Zeugnis geben werden. Und Er kam auch heute
mit Seinen Jüngern darum hierher, weil Er wohl wußte, daß wir deshalb hierher
kommen würden, weil Er uns mit Seinem allmächtigen Willen eben hierher
beschieden hat. Lasset uns daher in diese Herberge treten und uns tief
verbeugen vor Dem, dessen noch sehr ohnmächtige Kinder wir sind!“
[GEJ.07_138,03] Sagten die beiden Römer:
„Meinst du etwa gar den berühmten Heiland aus Galiläa, von dem wir wohl gar
Seltsames vernommen, obwohl wir ihn persönlich noch nicht gesehen haben?“
[GEJ.07_138,04] Sagte der Ägypter: „Ja ja,
Freunde, Den meinen wir! Lasset uns daher nur zu Ihm hineineilen!“
[GEJ.07_138,05] Hierauf öffneten die Römer
die Tür des großen Speisesaales, und die sieben Ägypter traten mit großer
Ehrerbietung in den Saal, gingen gleich auf Mich zu, verneigten sich tief vor
Mir, und der erste sagte: „So, o Herr von Ewigkeit, war es Dir wohlgefällig,
Dich mit dem Fleische Deiner Menschen zu umhüllen! Sei darum gepriesen in Ewigkeit
von aller Kreatur, der Du nun das große Tor geöffnet hast, einzugehen in Dein
ewig großes Reich des Lebens!
[GEJ.07_138,06] Als Du in Deinem urewigen
Geiste mächtig die ganze Unendlichkeit erfülltest und Wesen aus Dir schufst
ohne Zahl und ohne Maß, da war kein Geschöpf Deiner Weisheit und Macht frei,
sondern es war gefesselt durch Deinen Willen. Nun aber hast Du Dich Selbst mit
dem Fleische der Menschen, Deiner Geschöpfe, gefesselt, auf daß Du Selbst alle
Kreatur frei machst und sie in das Reich Deines ewig freiesten Gottlebens
einführen kannst. Darum sei Du, o Herr von Ewigkeit, wieder über alles
hochgepriesen und gebenedeiet!
[GEJ.07_138,07] So frei und selbständig hast
Du nun Deine Geschöpfe gezeihet (gestellt), daß sie Dein Wort hören und Du als
ihr Schöpfer ihnen sogar ein Lehrer bist und sie die Wege lehrest, auf denen
wandelnd sie Dir völlig ähnlich werden können. Oh, darum preise Dich ewig jedes
Atom Deiner ewigen Unendlichkeit; denn es ist nun auch berufen, in ein freies
Leben einstens einzugehen!
[GEJ.07_138,08] Nun aber lasse uns, Du
großer, ewiger Gott, Herr und Schöpfer, eine Zeitlang uns weiden an Deinem
Antlitze! Denn höret, ihr Geschöpfe, ihr Menschen alle: Ewigkeiten zu
Ewigkeiten verrannen, und zahllose Geschöpfe sind aus Ihm hervorgegangen, die
Er als Seine Gedanken beschaute, und flossen wieder in Ihn zurück. Doch nie
hatte eines Geschöpfes Auge seinen unendlichen und ewigen Schöpfer geschaut,
und jetzt, da es Ihm nach Seinem ewigen Ratschlusse gefallen hat, Sich Selbst
in Seiner ganzen ewigen Wesenheit Seinen Geschöpfen schaubar und begreifbar zu
machen, ist Er, der Ewige, Unendliche, ohne Veränderung Seiner Macht und Größe
als schaubarer Gott in Menschengestalt unter euch, und ihr sehet Ihn und redet
mit Ihm – und begreifet und fasset es dennoch nicht, Wen ihr in eurer Mitte
habt! Oh, bedenket das, was ich euch nun gesagt habe, und dann saget alle: O
Herr, ich bin aus mir ewig unwürdig, daß ich mit Dir unter einem Dache stehe;
aber sprich Du zu mir nur ein Wort, und meine Seele hat aus Deinem einen Worte
das ewige Leben!“
[GEJ.07_138,09] Hierauf legte der Ägypter
seine Hände kreuzweise über seine Brust und betrachtete Mich, übergroßer
Gedanken voll, vom Haupte bis zu den Füßen, und seine Gefährten taten dasselbe.
In diesem Momente getraute sich kein Mensch, auch nur eine Silbe zu reden, und
es waren aller Augen fest auf Mich gerichtet.
[GEJ.07_138,10] Nach einer Weile aber sagte
Ich zu den Ägyptern: „Seid Mir herzlich willkommen, ihr Meine Freunde, vom
fernen Lande hierher kommend! Ihr sollet und werdet Mir heute zur tieferen
Belehrung dieser eurer Brüder und zur Kräftigung ihrer Seelen noch sehr
ersprießliche Dienste leisten! Doch ihr seid schon nahe zwei Tage lang ohne
Speise gewandert und wurdet nur vom Geiste aus genährt; aber nun muß euer Leib
auch einmal eine wirkliche Stärkung von den Früchten dieser Erde erhalten, und
diese soll euch alsbald im Brote und Weine gereicht werden!“
[GEJ.07_138,11] Der Ägypter entschuldigte
sich zwar sehr und sagte, daß ihn Mein Anblick mehr als hinreichend gestärkt
habe.
[GEJ.07_138,12] Aber Ich sagte: „Das weiß Ich
gar wohl, daß eine vom Geiste erfüllte Seele den Hunger des Leibes nicht fühlt;
aber dessenungeachtet muß der Leib seine natürliche Nahrung bekommen, weil er
sonst der Seele mit der Zeit kein vollkommenes Werkzeug abgeben könnte. Und so
müsset nun auch ihr zuvor eine ordentliche Nahrung zu euch nehmen, damit ihr
darauf desto kräftiger werdet, Mir die guten Dienste eurer Brüder wegen zu
leisten!“
[GEJ.07_138,13] Auf diese Meine Worte hin
willigten sie endlich gern ein, Nahrung zu sich zu nehmen, und Nikodemus sorgte
auch augenblicklich dafür, daß sofort ein bester Wein und auch ein bestes Brot
und Salz herbeigeschafft wurden.
[GEJ.07_138,14] Als sich nun Brot und Wein
und Salz auf einem eigenen Tische befanden, da sagte wieder Ich: „Da, Kinder
aus der Ferne, setzet euch, esset und trinket!“
[GEJ.07_138,15] Da setzten sich die sieben
alsogleich an den Tisch und aßen und tranken ganz wohlgemut; denn nun erst
fingen sie an zu verspüren, daß sie wirklich hungrig und durstig waren. Sie
konnten die Güte des Brotes und des Weines nicht genug loben und erklärten sie
für eine Lebensspeise aus dem Himmel.
[GEJ.07_138,16] Der erste sagte, indem er
noch aß und von Zeit zu Zeit auch trank: „In meiner Seele habe ich oft solch
ein Brot und solch ein Getränk geschmeckt, doch über meine Fleischeszunge ist
solch eine Leibeskost noch niemals gekommen! Darin sind wahrlich alle
Lebensstoffe in der äußersten Form vereint und stärken nicht nur den Leib,
sondern auch die Seele!
[GEJ.07_138,17] Oh, wie weit und wie tief
könnten es die Menschen in der Sphäre des inneren Lebens bei solch einer Kost
bringen, wenn sie wüßten, was sie genießen, und was diese Kost enthält; aber
sie wissen das nicht und sehen den Tag auch vor lauter Licht nicht. Aber sie
werden nach und nach schon noch einsehen, daß sie in dieser Kost Gottes
lebendiges Wort und Seinen Willen genießen. Könnten sie das in sich auflösen
und begreifen, dann erst wären sie wieder vollkommene Menschen; aber weil sie das
noch lange nicht vermögen, so müssen sie so lange Jünger sein und verbleiben,
bis sie das in sich begreifen und in ihr Leben übertragen werden.“
[GEJ.07_138,18] Alle Anwesenden stutzten gar
sehr über diese Bemerkungen des Ägypters, der das alles auf eine ganz schlichte
und alleranspruchsloseste Weise vorbrachte. Selbst Meinen alten Jüngern fing
dabei manches ganz neue und helle Licht an aufzugehen; aber es hatte keiner von
ihnen den Mut anzufangen, mit dem Ägypter Worte zu wechseln.
[GEJ.07_138,19] Unsere drei Magier sagten bei
sich: „Da sehen wir nun erst recht klar, was alles uns noch abgeht! Oh, welch
ein Unterschied zwischen uns und diesen sieben Menschen!“
[GEJ.07_138,20] Lazarus kam von rückwärts zu
Mir und sagte: „O Herr, die Weisheit dieses einen macht mich ganz kleinmütig!
Wir sind nun an der urersten Quelle, und wie ungeheuer weit ist der vor uns!“
[GEJ.07_138,21] Sagte Ich: „Mache dir nichts
daraus, ihr werdet schon auch dahin und noch weiter kommen; aber ihr müsset
Geduld und Eifer haben, denn mit einem Streiche fällt kein Baum im Walde! Ich
habe diese rechten, aber wohl sehr wenigen Menschen ja nicht zu eurer
Beschämung, sondern nur zu eurer wahren Belehrung hierher kommen lassen. Da
werdet ihr sehen, was wahre Menschen vermögen, und was dann auch ihr vermögen
werdet, so ihr durch die Beachtung Meiner Lehre zu wahren Menschen werdet
umstaltet worden sein.
[GEJ.07_138,22] Aber nun lassen wir sie noch
essen und trinken; denn sie haben wahrlich bei zwei Tage lang nichts gegessen
und auch wenig getrunken. Nikodemus aber möchte nun schon dafür zu sorgen
anfangen, daß auch wir bald etwas zu essen und zu trinken bekommen, und also
auch unsere Jungen im Nebengemache, wo Raphael und du sie untergebracht haben.“
[GEJ.07_138,23] Als Ich solches dem Lazarus sagte,
da war er bald bei Nikodemus und hinterbrachte ihm das, und dieser setzte
sogleich das ganze große Herbergshaus in die größte Tätigkeit.
139. Kapitel
[GEJ.07_139,01] Es kamen aber nun auch die
beiden Römer namens Agrippa und Laius, von Agrikola begleitet, zu Mir,
verneigten sich tief, und Agrippa, der auch ein gar vornehmer Römer wie von
königlicher Abkunft war, sagte zu Mir: „Herr, uns wurde gar sonderbar zumute,
als wir die Preisung vernahmen, die Dir die uns wohlbekannten Tiefoberägypter
dargebracht haben! Wahrlich, wenn es andere Ägypter wären als gerade jene, die
wir vor mehreren Jahren dort in ihrer höchst kargen Heimat kennengelernt haben,
so hätten wir gemeint – was in der Welt zur Täuschung der Menschen wohl auch
möglich ist –, Du seist irgend mit ihnen einmal beisammen gewesen und habest
sie nun gegen guten Lohn als gute Zeugen für Dich hierher bestellt! Doch mit
diesen Menschen wäre ein solcher Kontrakt unmöglich zu schließen gewesen; denn
sie sind Herren der Natur, die ihnen alles geben muß, dessen sie bedürfen, und
sie verachten jeden gemeinen Lohn von seiten der Menschen.
[GEJ.07_139,02] Ich selbst habe sie gestern,
als die etlichen blinden Pharisäer über Dich sehr böse und Dich verfolgerische
Worte und Gesinnungen nur zu offen an den Tag legten, als Muster höher begabter
und vollkommener Menschen dargestellt, weil ich ihnen (d.h. den Pharisäern) aus
dem Bereiche meiner Erfahrungen begreiflich machen wollte, daß Du ganz gut auch
so ein vollkommener Mensch sein kannst, gegen den wir Menschen mit unseren
Waffen nichts vermögen. Dadurch brachte ich und dieser mein Bruder Laius die
Schwarzen (d.h. die Pharisäer) doch wenigstens zu irgendeinem Nachdenken, was
sicher gut war. Aber wann hätte ich mir das je einbilden können, diese Menschen
bei uns hier in Emmaus wiederzusehen, noch weniger daran zu denken, daß Du
Selbst – nach uns nun gemachter Mitteilung von seiten unseres wertesten
Freundes Agrikola – unsere ganze hier den Pharisäern gemachte Mitteilung über
diese vollkommenen Menschen Deinen Jüngern zu Jerusalem auf dem Ölberge
wortgetreu in demselben Augenblick erzählt hast, als ich sie hier in Emmaus den
Pharisäern erzählte?!
[GEJ.07_139,03] Aus dem aber haben nun auch
wir beide den Schluß gezogen, daß Du trotz Deiner nun ganz menschlichen Form
und Gestalt in Deinem inwendigen Geiste unwiderlegbar der wahre Gott und
Schöpfer aller Wesen von Ewigkeit her sein mußt. Denn wärest Du nicht Selbst in
Deinem Geiste von Ewigkeit, also völlig ohne Anfang dagewesen, so müßte ein
anderer, aus dem Du Selbst hervorgegangen wärest, dagewesen sein, was dann
einen urewigen und einen in der Zeit gewordenen Gott abgäbe, was uns jedoch
unmöglich dünkt, weil das Ursein des wahren Gottes auch allein die Bedingung
einer Ur- und Allkraft und – macht in sich faßt, die in Dir aber nach dem, was
wir schon über Dich in gute Erfahrung gebracht haben, unleugbar vorhanden ist.
Und weil sich diese wunderbare Sache also verhält und auch diese vollkommenen
Menschen sie gleich also mit aller Schärfe ihres Geistes erkannt haben, so sind
denn nun auch wir beide hierher zu Dir geeilt, um Dich als den ewigen Herrn,
Gott, Schöpfer und Vater der Sonnen- und Geisterwelt zu begrüßen und unser
lebendig wahres Bekenntnis vor Dir und allen Anwesenden dahin abzulegen, daß
wir das völlig glauben, was wir von Dir nun offen ausgesagt haben. Herr, vergib
uns, wenn wir nun vielleicht doch irgendeinen Fehler begangen haben!“
[GEJ.07_139,04] Sagte Ich mit freundlicher
Miene: „O ihr Meine lieben Freunde, wer zu Mir kommt, wie ihr nun gekommen
seid, der begeht vor Mir ewig keinen Fehler, und Ich habe ihm dann sicher auch
keinen zu vergeben! Aber was ihr als Männer nun wisset, das behaltet vorderhand
noch bei euch; denn die Welt ist noch nicht reif, solch tiefe Wahrheiten zu
begreifen. So man so etwas sagete, da würde sie dadurch nur in einen großen
Ärger verfallen und darauf finsterer und böser werden.
[GEJ.07_139,05] Wenn ihr aber hören werdet,
daß Ich wieder in Meine ewigen Himmel aufgefahren sein werde, dann werde Ich
auch über euch Meinen Geist ausgießen, und ihr möget dann laut allen Menschen
das verkünden, was ihr nun hier vor Mir offen bekannt habt!
[GEJ.07_139,06] Jetzt aber reden wir als ganz
natürliche Menschen miteinander also, als wäre zwischen uns kein Unterschied
als nur der, daß ihr Meine Jünger seid, und Ich euer Meister bin! Es ist aber
kein Jünger, solange er noch lernen muß, so vollkommen, als wie vollkommen da
ist sein Meister; wenn der Jünger aber vom Meister alles erlernt hat, so wird
er dann auch so vollkommen wie sein Meister. Ich aber bin eben darum in diese
Welt gekommen, damit die Menschen es von Mir lernen sollen, so vollkommen zu
werden, als wie vollkommen der Vater im Himmel ist.
[GEJ.07_139,07] Denn wenn die Menschen dieser
Erde bestimmt und berufen sind, Kinder Gottes zu werden, so müssen sie auch in
allem Gott völlig ähnlich sein; denn wer Gott nicht in allem völlig ähnlich
wird, der wird auch kein Gotteskind und kommt nicht zu Gott, solange er nicht
Gott völlig ähnlich wird.
[GEJ.07_139,08] Darum aber ist nun Meine
Lehre ein wahres Evangelium, weil sie den Menschen verkündet und die Wege
zeigt, wie sie zur Gottähnlichkeit gelangen können. Wer demnach Mein Wort hört,
an dasselbe glaubt, es in sich behält und danach tut, der wird dadurch zur
Gottähnlichkeit gelangen, das ewige Leben in sich haben und ewig allerseligst
sein.“
140. Kapitel
[GEJ.07_140,01] (Der Herr:) „Ihr müsset euch
aber das nicht also vorstellen, als sei das etwa überaus schwer zu erlangen,
sondern gerade umgekehrt, – also ganz leicht; denn Mein Joch, das Ich euch
durch Meine Gebote an den Nacken lege, ist sanft, und seine Bürde ist leicht zu
ertragen. Aber in den Tagen dieser finsteren Zeit leidet das Reich Gottes
Gewalt, und die es besitzen wollen, die müssen es auch mit Gewalt an sich
reißen, was so viel sagen will, daß es nun ein Schweres ist, sich aller alten
und verrosteten Gewohnheiten, die aus den Anreizungen und Verlockungen der Welt
im Menschen Wurzel geschlagen haben, zu entschlagen, also den alten Menschen
ganz auszuziehen wie ein altes, zerrissenes Gewand und aus Meiner Lehre einen
ganz neuen Menschen anzuziehen.
[GEJ.07_140,02] Wenn aber in der späteren
Zeit schon Kinder in Meiner Lehre wohl erzogen werden, dann werden sie als
Männer voll guten und kräftigen Willens an Meiner Lehre ein leichtes Joch zu
tragen haben.
[GEJ.07_140,03] Meine Lehre aber ist in sich
ganz kurz und leicht zu fassen; denn sie verlangt vom Menschen nichts, als daß
er an einen wahren Gott glaube und Ihn als den guten Vater und Schöpfer über
alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, das heißt, ihm alles das
tue, von dem er vernünftigermaßen wünschen kann, daß ihm auch sein Nebenmensch
dasselbe tue. Nun, so viel Selbstliebe hat denn doch sicher ein jeder Mensch,
daß er nicht wünschen werde, daß ihm sein Nebenmensch etwas Böses antun soll, –
und so tue er dasselbe auch seinem Nebenmenschen nicht!
[GEJ.07_140,04] Vergeltet niemals Böses mit
Bösem, sondern tut sogar euren Feinden Gutes, und ihr werdet in der
Ähnlichwerdung Gottes, der auch Seine Sonne über Gute und Böse gleich aufgehen
und leuchten läßt, einen großen Fortschritt gemacht haben! Zorn und Rache muß
aus euren Herzen weichen; an ihre Stelle muß Erbarmung, Güte und Sanftmut
treten. Wo das der Fall ist, da ist die volle Gottähnlichkeit auch nicht mehr
ferne, und diese ist das Ziel, nach dem allein ihr alle zu streben habt.
[GEJ.07_140,05] Aber wie schon gesagt, diese
Sache ist nun eben in dieser Zeit nicht gar so leicht, wie sich jemand das
vorstellen möchte. Es wird das einen jeden eine gewisse und unausbleibliche Anstrengung
kosten! Doch wer da mutig kämpft, der wird auch seines Sieges sicher sein, und
des Siegers Lohn wird wahrlich nicht unterm Wege verbleiben; wer sich aber als
ein mutloser Feigling erweisen wird, der wird auch den Lohn eines Feiglings
ernten. Da wird es dann auch heißen: Hättest du gekämpft, so hättest du auch
gesiegt; weil du aber den Kampf scheutest, so kannst du auch auf den Lohn eines
Siegers keinen Anspruch machen und hast es dir selbst zuzuschreiben, daß du als
ein Feigling ohne Lohn vom Felde des Lebens abziehen mußt.
[GEJ.07_140,06] Ich aber meine, daß da
niemand den Kampf scheuen sollte, wo der Preis des Sieges ein so hoher ist.
[GEJ.07_140,07] Ich bin es, der euch das
sagt, und bin der Meinung für euch, daß ihr wohl keines höheren Beweises
bedürfet, so ihr in euch glaubet, daß Ich Der bin, für den ihr Mich selbst
anerkannt habt.“
[GEJ.07_140,08] Sagten die beiden Römer:
„Herr, es mag wohl Feiglinge geben, und wir kennen deren selbst mehrere; aber
wir, die wir schon so oft mit dem Tode gerungen haben, haben alle Furcht vor
ihm verloren! Wer in den Krieg zieht und den Tod fürchtet, der ist ein
schlechter Krieger; wer aber den Tod und seinen Schmerz verachtet, der ist ein
rechter Held, wird zumeist siegen, und sein Lohn wird ihm nicht unterm Wege
verbleiben. O Herr und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste, haben wir recht
geredet oder nicht?“
[GEJ.07_140,09] Sagte Ich: „Ganz vollkommen
recht; aber es gibt gar viele in der Welt, die den Tod des Leibes sehr fürchten
und daher lieber an der Lüge und an dem Truge der Welt hangenbleiben, damit nur
ihrem Leibe ein Heil widerfahre! Sie fürchten die, welche ihren Leib töten,
aber dann der Seele weiter nichts mehr antun können; aber Den fürchten sie
nicht, der auch ihre Seele in die Hölle oder in den wahren, ewigen Tod stürzen
kann.
[GEJ.07_140,10] Doch lassen wir das; denn Ich
bin nicht in diese Welt gekommen, um allda ein Gericht zu halten, sondern um
selig und lebendig zu machen jeden, der an Mich glaubt und nach Meiner Lehre
lebt. Aber es wird dereinst dennoch viele geben, die zu Mir ,Herr, Herr!‘ rufen
werden; aber Ich werde zu ihnen in ihren Herzen sagen: ,Was rufet ihr Fremden?
Ich kenne euch nicht! Wußtet ihr, daß Ich der Herr bin und kanntet Meinen
Willen – warum tatet ihr denn nicht danach?‘
[GEJ.07_140,11] Darum sage Ich nun zu euch:
Es ist nicht genug, daß man Mich erkennt und glaubt, daß Ich der Herr bin,
sondern man muß das auch tun, was Ich euch lehre; durch die Tat erst wird der
Mensch zur vollen Gottähnlichkeit gelangen.
[GEJ.07_140,12] Das Tun nach Meiner Lehre
aber wird für den sicher nicht schwer sein, der Mich wohl erkannt hat und Mich
liebt mehr denn alles in der Welt; wer Mich aber also liebt, der trägt Mich
geistig auch schon in seinem Herzen und somit auch des Lebens Vollendung, also
die volle Gottähnlichkeit, und in aller Seligkeit das ewige Leben.
[GEJ.07_140,13] Seht, da habe Ich euch nun
ganz kurz gezeigt, wie sich die Sachen verhalten um Mich und um euch Menschen!
Wer danach tun wird, der wird in sich haben das ewige Leben! – Aber jetzt vor
dem Mittagsmahle nichts Weiteres mehr davon!“
141. Kapitel
[GEJ.07_141,01] Sagte Agrippa: „O Herr, Du
endlos weiser Meister von Ewigkeit, wie groß muß Deine Liebe zu uns Menschen,
Deinen Geschöpfen, sein, daß Du Dich so tief erniedrigen mochtest, in unserer
Menschengestalt von Deinen Himmeln zu uns Würmern auf diese schmutzige Welt
herabzukommen und uns zu lehren und zu zeigen die Wege, auf denen wir zu
wandeln haben, so wir das ewige Leben erreichen wollen?!“
[GEJ.07_141,02] Sagte Ich: „Lieber Freund,
der Ausdruck in dieser deiner Frage ist die Ergießung deines Herzens und ist
gut, weil auch dein Herz gut ist; aber es hat in deinem Verstande nun erst so
ein wenig zu tagen angefangen, und es kommt dir die Liebe Gottes zu euch
Menschen darum als etwas unbegreifbar Wundersames vor, weil ihr euch Gott wie
einen allergrößten und allermächtigsten Kaiser vorstellet, der sich nur zu den
seltensten Malen den gemeinen Menschen zeigt und noch seltener mit irgendeinem
geringen Menschen spricht.
[GEJ.07_141,03] Wenn ihr Gott von diesem
Gesichtspunkte aus betrachtet, so irret ihr euch gewaltig; denn Gott ist der
Schöpfer aller Dinge und Wesen und kein endlos stolzer Kaiser, auf einem
goldenen Throne sitzend, der alle seine Untertanen für lauter eklige und verächtliche
Würmer ansieht und jeden mit dem Tode bedroht, der es wagte, sich ohne vorher
erbetene und gegebene Erlaubnis dem Throne des Kaisers zu nahen.
[GEJ.07_141,04] Wenn aber alle Wesen sicher
Gottes Werke sind, so sind sie auch Werke Seiner Liebe, die ihr Sein ist, und
Werke der höchsten, göttlichen Weisheit, die ihnen die entsprechende Form gibt
und sie auch erhält. So aber ohne die Liebe und Weisheit Gottes wohl ewig nie
ein Geschöpf bestehen würde, wie kommt es dir dann gar so wundersam vor, wenn Gott
euch Menschen gar so sehr liebt?
[GEJ.07_141,05] Ihr seid ja selbst nur pur
Liebe aus Gott und in Gott, und euer Dasein ist in sich durch den Willen der
Liebe Gottes selbst ja nur verkörperte Liebe Gottes! Wenn aber unwiderlegbar
das der Fall ist, wie ist es euch dann so wundersam, daß Gott euch so sehr
liebt, daß Er Selbst in Menschengestalt zu euch gekommen ist und euch nun die
Wege lehrt zum freien und wie aus euch selbst hervorgehenden gottähnlich
selbständigen Leben? Seid ihr denn nicht Gottes Werke? Ja, das seid ihr sicher!
[GEJ.07_141,06] Gott aber ist von Ewigkeit
ein vollkommenster Meister im Größten wie im Kleinsten, ist niemals ein
Pfuscher und Stümper gewesen und hat Sich somit Seiner Werke nicht zu schämen.
Der Mensch aber ist das vollkommenste der zahllos vielen und endlos
verschiedenen Geschöpfe, der Kulminationspunkt der göttlichen Liebe und
Weisheit, und bestimmt, selbst ein Gott zu werden. Wie sollte Sich da Gott
solch Seines vorzüglichsten Werkes schämen und es für zu unwürdig halten, Sich
demselben zu nahen?!
[GEJ.07_141,07] Siehe, du Mein lieber Freund,
solche rein außenweltlichen Ideen von Gott mußt du fahren lassen! Sie sind
erstens falsch, und zweitens dienen sie nicht dazu, daß du dich durch sie Gott
mehr und mehr nahen könntest, sondern solche falschen Ideen würden dich von
Gott nur stets mehr und mehr entfernen, und das mit der Zeit also, daß du dich
vor lauter falscher Ehrfurcht gar nicht mehr getrauen würdest, Ihn zu lieben, –
wie es nun solcher Menschen und Völker auf der Erde eine übergroße Menge gibt,
die, als selbst doch sichtbare Werke der göttlichen Liebe und Weisheit, des
freilich grundfalschen Glaubens und der ebenso falsch begründeten Ansicht sind,
daß Gott über Seine Geschöpfe so endlos erhaben sei, daß da nur ein allerhöchster
Priester zu gewissen Zeiten Ihm mit gewissen Gebeten unter den
allerglänzendsten und prunkvollsten Zeremonien nahen dürfe. Und nach einer
solchen Annäherung hält sich der Oberpriester schon für so endlos erhaben und
geheiligt, daß sich ihm nicht einmal ein Unterpriester – geschweige ein
anderer, ungeweihter Mensch – nahen darf, weil man der Meinung ist, daß sich
nichts Unheiliges der höchsten Heiligkeit Gottes nahen dürfe und könne, weil
dadurch die höchste Heiligkeit Gottes entheiligt würde, – woraus man für den
armen und blinden Menschen eine derartige Sünde geschaffen hat, die mit dem
Feuertode zu bestrafen sei. O der freiwilligen und überdummen Blindheit der
Menschen!
[GEJ.07_141,08] Da sehet her! Ich allein bin
der Herr von Ewigkeit, – wie bin Ich denn nun unter euch? Sehet, Ich nenne euch
Kinder, Freunde und Brüder, und was ihr zu Mir seid, das ist der Bestimmung
nach ein jeder Mensch, und es gibt da kein Minder und kein Mehr! Denn jeder
Mensch ist Mein vollendetes Werk, das sich als das auch erkennen und gerecht
achten, aber nicht gänzlich verkennen und unter alle Scheusale hinab verachten
soll; denn wer sich, als doch erkennbar Mein Werk, verachtet, der verachtet
notwendig ja auch Mich, den Meister. Und wozu sollte denn das hernach gut sein?
[GEJ.07_141,09] Freunde, die Demut des
Menschen im Herzen ist eine der notwendigsten Tugenden, durch die man
zuvörderst zum inneren Lichte des Lebens gelangen kann! Aber diese Tugend
besteht eigentlich nur in der rechten Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sie ist
die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl
erkennt, sich aber über seine noch viel schwächeren Brüder nie herrscherisch
erhebt, sondern sie nur mit desto mehr Liebe umfaßt und zur eigenen erkannten
höheren Vollendung durch Lehre, Rat und Tat zu erheben trachtet. Darin besteht
die eigentliche und allein wahre Demut; aber in der Verachtung seiner selbst
besteht sie ewig nie.
[GEJ.07_141,10] Ich Selbst bin von ganzem
Herzen demütig und sanftmütig, und Meine Geduld übersteigt alle Grenzen; aber
das werdet ihr an Mir noch nie erlebt haben, daß Ich Mich vor den Menschen je
Selbst verachtet habe. Wer sich selbst nicht gerecht als ein Werk Gottes
achtet, der kann auch seinen Nächsten nicht achten und auch Gott nicht der Wahrheit
nach, sondern nur nach irgendeiner ganz grundfalschen Begründung.
[GEJ.07_141,11] So gefehlt es also ist, so
sich ein Mensch überschätzt und also bald und leicht zu einem Verfolger und
Bedrücker seiner Nebenmenschen wird und dabei der Liebe als des göttlichen
Elementes des Lebens bar wird, ebenso gefehlt ist es aber auch, so ein Mensch
sich unterschätzt. Den Grund dessen habe Ich euch gezeigt, und so bleiben wir
nur so hübsch gleich und seien frohen Mutes; denn so ihr euch nun vor Mir, da
ihr Mich erkannt habt, zu sehr ehrfürchtig und zu kleinmütig zu benehmen
anfinget, so wäret ihr ja gar nicht mehr fähig, von Mir noch eine Belehrung zu
ertragen.
[GEJ.07_141,12] Darum betrachtet Mich als
einen vollkommenen Menschen, der die Fülle des Geistes Gottes in sich birgt und
darum nun euer Meister und Lehrer ist, so werdet ihr mit Mir am allerbesten und
für euch am nützlichsten auskommen! – Habt ihr das alles wohl verstanden?“
[GEJ.07_141,13] Sagte Agrippa: „Herr und
Meister, das haben wir ganz sicher verstanden; denn da ist überall die ganz
schlichte und nackte Wahrheit. Aber was sollen wir denn zu den vielen Gebeten
und Psalmen, die bei den Juden gang und gäbe sind, denken? Willst Du als der
nun erkannte allein wahre Gott denn nicht angebetet werden?“
[GEJ.07_141,14] Sagte Ich: „Es heißt von
Moses aus wohl: ,Der Sabbat ist ein Tag des Herrn, an dem sollst du dich der
schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und zu Gott deinem Herrn mit reinem
Herzen beten!‘ Ich aber sage nun, daß von jetzt an sicher ein jeder Tag ein Tag
des Herrn ist, an dem der rechte Mensch nach Meiner Lehre Gutes tun soll! Wer
aber nach Meiner Lehre Gutes tut, der begeht die wahre Sabbatfeier und betet
wahrhaft zu Gott ohne Unterlaß, und Ich werde Mein Wohlgefallen an ihm haben.
[GEJ.07_141,15] Ist jemand sich bewußt, daß
er gesündigt hat, so vergleiche er sich mit dem, gegen den er gesündigt hat,
und sündige in der Folge nicht wieder, so werden ihm seine Sünden auch vergeben
werden; aber durch ein gewisses Beten, Kasteien und Fasten werden niemandem
seine Sünden nachgelassen, solange er selbst von seinen Sünden nicht nachläßt.
[GEJ.07_141,16] Solange aber jemand in den
Sünden steckt, ist er nicht fähig, in Mein Reich der Wahrheit aufgenommen zu
werden, weil die Sünde stets in den Bereich der Lüge und des Betrugs gehört.
Sehet, also verhält sich diese Sache! – Aber nun kommt das Mittagsmahl; das
wollen wir zu uns nehmen und darauf erst auf dem Wege der Wahrheit
fortschreiten!“
142. Kapitel
[GEJ.07_142,01] Hier wurden wohlzubereitete Speisen
auf die Tische gebracht. Alle setzten sich in guter Ordnung an die Tische und
aßen und tranken. Die sieben Oberägypter saßen an Meinem Tische nach Meinem
Willen und aßen auch mit. Hier hatten wir wieder einmal Fische, und zwar von
der edelsten Art aus dem Flusse Jordan, die besonders gut und geschmackvoll
zubereitet waren und allen Gästen sehr wohl schmeckten. Die sieben Ägypter
konnten diese Zubereitung nicht genug loben und aßen die Fische mit rechter
Lust, obwohl sie schon zuvor etwas Brot und Wein genossen hatten.
[GEJ.07_142,02] Als wir so eine kleine Weile
aßen und tranken, da kam auch Lazarus mit Raphael an Meinen Tisch, und beide
aßen und tranken ganz wacker mit; denn sie hatten unsere Jungen versorgt und
begaben sich sodann zu uns.
[GEJ.07_142,03] Der erste Oberägypter hatte
ein großes Wohlgefallen an Raphael, betrachtete ihn vom Kopfe bis zum Fuße und
sagte dann zu Mir: „Herr und Meister von Ewigkeit! Als dieser Dein Diener vor
viertausend Erdenjahren noch im Fleische auf der Erde wandelte, da sah er der
Gestalt nach nicht so unbegreiflich schön aus wie jetzt in seinem rein
geistigen Zustande. Wenn ich dereinst auch für würdig befunden werde, in Dein
Reich zu kommen, werde ich dann wohl auch eine edlere Gestalt überkommen? Ich
muß es bekennen, daß meine Gestalt gegen solch eine, wie dieser Dein Diener sie
besitzt, eine wohl unaussprechbar häßliche ist; sie taugt zwar für unser Klima,
doch schön und edel ist sie nicht. Ich weiß auch, daß in dieser Welt an der
äußeren Gestalt gar nichts liegt, sondern alles nur an der Vollendung der
Seele; aber in Deinem Reiche muß denn doch auch vieles an der Gestalt und
Außenform liegen, ansonst die reinen Geister nicht in solch edelsten und
schönsten Formen zu erschauen wären! Auf dieser Welt hat die Farbe der Haut und
die Außengestalt für den inneren Wert eines Menschen freilich keine Bedeutung;
aber in Deinem Himmelreiche wird sie gar vieles zu bedeuten haben. Ich aber
möchte nun auch das wissen. Ich habe davon wohl schon so eine kleine Ahnung,
aber ganz ins klare habe ich es in dieser Sphäre doch noch nicht bringen
können.
[GEJ.07_142,04] Ich sehe in meiner Seele wohl
stets die ganze Erde, ihre Geschöpfe und ihre Verhältnisse, ich kenne das lose
Tun und Treiben der Menschen, sehe alles bis in den Mittelpunkt der Erde, und
die Myriaden der Geister in allen Elementen sind mir nicht unbekannt, sowie das
Einfließen Deines ewigen Geistes in alle Wesen; aber den Grund der so
verschiedenen Formen in Deiner materiellen und ganz besonders in Deiner rein
geistigen Schöpfungssphäre habe ich bis jetzt noch nicht herausfinden können.
Wenn Du, o Herr und Meister, uns auch darüber ein kleines Lichtlein zukommen
lassen wolltest, so würde das unsere Seelen wohl sehr beruhigen.“
[GEJ.07_142,05] Sagte Ich: „Meine lieben
Freunde, euch hat das Suchen und Finden der Wahrheit viel Mühe und Arbeit
gekostet; aber mutigen Kampfes habt ihr das gesuchte Ziel trotz der vielen
Schwierigkeiten, mit denen ihr zu kämpfen hattet, zum größten Teile glücklich
erreicht, und das ist des Lebens eigentliche Hauptsache.
[GEJ.07_142,06] Was die anderen Dinge
betrifft, besonders die, um die du ehedem gefragt hast, so liegt das Heil der
Seele eben nicht daran, und es wird solches alles der Seele klargemacht werden,
wenn sie völlig im Geiste aus Mir wiedergeboren und mit ihm eins werden wird.
Aber Ich will euch dennoch einen Wink darüber geben; das Weitere wird euch dann
schon von selbst hell werden.
[GEJ.07_142,07] Seht, es haben sich die
Menschen von uralters her gewisse Töne erzeugende Werkzeuge gemacht, – wie bei
uns die Harfe, die Flöte (Schalmei), die Posaune und die Zimbel, bei den
Griechen die Lyra, die Pfeife und die Äolsharfe! Wenn diese und noch andere
solche Tonwerkzeuge wohl und rein gestimmt sind, so geben sie auch beim
Gebrauch eine reine Melodie und dazu eine überaus wohlklingende Harmonie; sind
diese Tonwerkzeuge aber verstimmt, das heißt, stehen die Töne nicht in guten
Verhältnissen zueinander, so kann man darauf weder eine Melodie und noch
weniger eine reine Harmonie hervorbringen.
[GEJ.07_142,08] Nun denke dir des Menschen
Seele! Steht diese in guten und wahren Verhältnissen zu ihrem Körper, so
befindet sie sich auch in der rechten Lebensharmonie, und diese Harmonie gibt
dann der Seele ihre Schönheit, die natürlich erst dann im Vollmaße ersichtlich
wird, wenn sich die Seele außerhalb des Leibes in Meinem Reiche befinden wird.
Wer aber auch schon im Leibe auf dieser Welt einen aufmerksamen Blick auf gute
und daneben auch auf böse Menschen richtet, der wird bald und leicht gewahr
werden, daß ein guter Mensch stets auch ein anmutiges und freundliches Äußeres
der Form nach zur Schau trägt, während ein böser Mensch schon von weitem dem
ihm Begegnenden etwas Abstoßendes, Unfreundliches und somit auch Häßliches
aufweist und sich vor ihm nicht leicht verbergen kann. Der Grund davon liegt in
der inneren Seelenharmonie oder – bei argen Menschen – – disharmonie.
[GEJ.07_142,09] Solche Unterschiede kannst du
auch schon im Reiche der Tiere und sogar im Reiche der Pflanzen finden.
Natürlich treten alle diese Gestalt- und Formenunterschiede erst im Reiche der
Geister in der abgemarktesten Weise in Erscheinung, während sie in der
Körperwelt nur andeutungsweise vorhanden sind. Wenn ihr das in euch bei
Gelegenheiten so recht durchprüfen wollet, so werdet ihr auch leicht alles
Weitere von selbst finden. Ihr seid weise und mit den Kräften der Naturwelt und
ihrer Elemente ja ohnehin wohlvertraute Menschen und könnet auch in dieser
Sphäre der inneren Seelenintelligenz die Ursachen und Wirkungen leicht finden,
so ihr euch damit irgend befassen wollet. Doch vollkommen wird das und endlos
vieles andere ein jeder Mensch erst dann einsehen, wenn er im Geiste aus Mir in
seiner Seele wird völlig wiedergeboren sein.
[GEJ.07_142,10] Und so wollen wir darüber
denn auch kein Wort mehr verlieren, sondern jetzt essen und trinken wir noch
unser Mahl zu Ende, und nach dem Mahle wird es sich dann schon zeigen, was wir
da weiterhin machen werden!“
[GEJ.07_142,11] Auf diese Meine Belehrung
waren die sieben in sich ganz zufrieden, und der erste sagte: „O Herr und
Meister, wir danken Dir für diese Deine Belehrung; sie genügt uns vollkommen,
und wir wissen nun ganz gut, wie wir auch in dieser Sphäre daran sind, und wie
wir diese Sache zu prüfen und zu erforschen haben.“
[GEJ.07_142,12] Hierauf aßen und tranken wir
noch den Rest unseres Mahles, erhoben uns darauf von den Tischen, und Ich
segnete alle hier Anwesenden.
143. Kapitel
[GEJ.07_143,01] Es fragte Mich aber Lazarus,
was Ich nun beginnen werde.
[GEJ.07_143,02] Sagte Ich: „Wir werden nun
alle hinausgehen und uns auf dem Hügel lagern, der von hier gegen Morgen zu
liegt; dort werden wir heute noch ganz außerordentliche Dinge erleben und
durchmachen nach unserer diesseitig menschlichen Art und Weise.“
[GEJ.07_143,03] Mit diesem Bescheide waren
alle bis auf Nikodemus völlig zufrieden; denn er wußte es ja, daß ihn
nachmittags zwei Pharisäer besuchen würden.
[GEJ.07_143,04] Er wandte sich darum an Mich
und sagte (Nikodemus): „Herr und Meister, Du siehst in mein Herz und weißt es,
wie endlos gerne ich dabei und von allem Augen- und Ohrenzeuge wäre! So Du nun
schon hinausziehst auf den Hügel, der freilich wohl auch noch mein Eigentum ist
– das heißt, so lange ich leben werde –, so möchte ich mitziehen; aber nun muß
ich der angesagten zwei Pharisäer wegen daheim verbleiben und verliere für
meine Seele unberechenbar vieles. Herr, was ist nun da zu machen? Auf der einen
Seite ist es mir zwar recht, daß Du Dich den schwarzen Menschen (Pharisäern)
aus den Augen ziehst, aber daß Dich darum auch meine Augen nicht sehen und
meine Ohren nicht mehr hören können zum Heile meiner Seele, das ist mir
wahrlich gar nicht recht!
[GEJ.07_143,05] Ich frage darum noch einmal,
was da Rechtens zu machen wäre. Soll ich die beiden Pharisäer am Ende gar nicht
abwarten und mit euch hinaus auf den Hügel ziehen, oder soll ich hier
verweilen, um zu erfahren, mit was für einem Anliegen sie hierherkommen werden?
Aber das letztere deucht mir durchaus nicht nötig zu sein; denn Dir, o Herr,
ist ja ohnehin alles bekannt und somit auch, was heute nachmittag etwa die
beiden Pharisäer zu mir heraus führen könnte. Wenn es sich um nichts besonders
Wichtiges handeln würde, so ließe ich die zwei Pharisäer wohl kommen – und
wieder nach Hause gehen! Handelt es sich da aber um etwas auf Dich Bezug
Habendes, so wäre es doch wieder gut, wenn ich daheim bliebe. – Was sagst Du, o
Herr und Meister, dazu?“
[GEJ.07_143,06] Sagte Ich: „Du gehst mit uns;
die beiden Pharisäer werden schon erfahren, wohin wir gegangen sind, und werden
uns dann bald nachkommen! An Ort und Stelle werden sie schon erfahren, wie es
mit dem auf Mich Bezug Habenden aussieht; denn Ich will es eben also haben, daß
sie sehen sollen, was es dort draußen am bequemen Hügel alles geben wird, und
ihr Mund wird ihnen auf eine gar sonderbare Weise gebunden werden. Ich Selbst
werde da wenig oder nichts tun und werde die beiden bloß durch die beiden ihnen
schon bekannten Römer, durch Raphael und durch die sieben Oberägypter
bearbeiten lassen, und die beiden werden schweigen wie eine Mauer. Mich aber
werden sie nicht erkennen und nach Mir auch wenig fragen; denn unter etlichen
hundert Menschen findet man einen nicht so bald heraus.
[GEJ.07_143,07] Du brauchst daheim in deinem
Hause aber auch nicht einmal eine Kunde zu hinterlassen, wohin du gezogen bist;
sie werden das in diesem Flecken gar bald von den Kindern, Knechten und Mägden
erfahren, wohin du gezogen sein wirst, und sie werden dir bald auf den Fersen
folgen. Aber sei du ihretwegen gänzlich ohne alle Furcht; sie werden an dir
wahrlich keine Verräter machen! Die aber an Meiner Statt reden und handeln
werden, denen wird es schon eingegeben werden, was sie zu reden und was zu tun
haben, und so sei du nun gänzlich ohne alle Furcht und Sorge, und gehe nun mit
uns ganz guten Mutes hinaus auf den schönen Hügel, den Ich ehedem vorgeschlagen
habe!“
[GEJ.07_143,08] Als Nikodemus das von Mir
vernommen hatte, da wurde er ganz heiter und befahl seinen Leuten, nach etwa
drei Stunden in gerechter Menge Brot und Wein auf den Hügel zu bringen.
[GEJ.07_143,09] Hierauf fragte auch Lazarus,
was unterdessen mit den Jungen geschehen solle.
[GEJ.07_143,10] Sagte Ich: „Auch diese müssen
mit uns auf den Hügel; denn Ich will es, daß nun auch diese Jungen höhere
Erfahrungen machen sollen, und so sollen sie uns in guter Ordnung folgen!“
[GEJ.07_143,11] Nun war zum Aufbruch alles
bereitet, und wir erhoben uns und gingen, nur von einigen Kindern bemerkt,
hinaus an den bestimmten Ort, den wir gar bald erreichten, da er nicht weit von
dem Flecken entfernt war.
[GEJ.07_143,12] Der Hügel war im ganzen nur
bei dreißig Mannshöhen über den Flecken Emmaus erhoben, hatte aber auf seiner
Höhe einen großen und freien Platz, der recht reichlich mit Gras bewachsen und
gegen Norden hin etwas bewaldet war. Nahe in der Mitte des oberen Hügelraumes
ragte eine Felsengruppe über den Grasboden empor, und die Felsen hatten eine
Höhe zwischen einer bis zwei Mannslängen und waren von allen Seiten gut zu
besteigen. Zuoberst dieser Gruppe war von Nikodemus eine nach dem Geschmacke
der Zeit und des Ortes recht zierliche und geräumige Hütte erbaut, von der aus
man gleich wie vom Ölberg eine gar schöne Fernsicht genoß.
[GEJ.07_143,13] Ich bezog mit einigen Meiner
Jünger alsbald die erwähnte Hütte, die nach allen Seiten hin eine freie
Aussicht bot; alle andern lagerten sich um die Felsengruppe herum und achteten
wohl auf alles, was sich etwa irgendwo ereignen möchte oder könnte, oder was
Ich etwa machen oder reden würde.
[GEJ.07_143,14] Nach einer kleinen Weile, als
sich alle Anwesenden um die Felsengruppe herum mehr und mehr geordnet hatten,
berief Ich Nikodemus zu Mir und sagte zu ihm: „Gib nun wohl acht; denn die
beiden Erzpharisäer, begleitet von zwei Leviten, werden nun auch gleich bei uns
sein! Was du, Lazarus, die Römer, Raphael und die sieben Oberägypter zu reden
und zu tun haben werdet, das wird euch in den Mund und in den Sinn eures
Herzens gelegt werden; doch von Mir redet vorderhand nichts zu den Blinden!“
[GEJ.07_143,15] Damit begab sich Nikodemus
wieder auf seinen Platz, den er mit Joseph von Arimathia, mit Lazarus, den
Römern, mit Raphael und den sieben aus Oberägypten einnahm, und erwartete die
Angesagten, die nun auch schon auf der Fläche des Hügels in einer mürrischen
Stimmung ankamen.
144. Kapitel
[GEJ.07_144,01] Als sie (die vier Pharisäer)
des Nikodemus ansichtig wurden, gingen sie sogleich auf ihn zu und redeten ihn
also an: „Da du wußtest, daß wir dich heute nachmittag in einer wichtigen
Angelegenheit besuchen würden, so hättest du uns ehrgebührlichermaßen daheim im
Hause erwarten können! Doch dieweil wir wohl sehen, daß du eine große Menge
fremder Gäste um dich hast, denen du hier offenbar einen frohen Nachmittag
bereiten willst, so wollen wir dich denn vor uns auch für entschuldigt halten.
Wer sind aber alle die vielen Fremden? Die andern, die von hier, von Jerusalem
und von der Umgegend hier sind, die kennen wir wohl; aber wer und woher sind
die vielen Fremden? Gibt es heute hier in Emmaus ein Fest, von dem uns nichts
angezeigt worden ist?“
[GEJ.07_144,02] Sagte Nikodemus: „Es gibt
hier hohe Römer, Griechen, Ägypter und Indier, die heute in meiner Herberge
angekommen sind, und die ich nun alle auf diesen meinen Lieblingshügel geführt
habe, damit sie da an diesem schönen Tage die Aussicht genießen und sich in
dieser freien Luft erheitern können. Wollt ihr aber noch ein mehreres wissen,
so redet selbst mit ihnen; denn sie sind aller Zungen kundig!“
[GEJ.07_144,03] Hier trat Agrikola vor und
sagte: „So ihr schon als Spione des Tempels hierher gekommen seid, da liegt es
euch auch sicher sehr am Herzen, hier soviel als nur immer möglich Neues und
Außerordentliches zu erfahren, und das sollet ihr auch!
[GEJ.07_144,04] Sehet, ich, der ich hier nun
mit euch rede, heiße Agrikola, bin aus Rom und ein erster Diener des Kaisers
und bin versehen mit aller Vollmacht! Ich kann nun im Namen des Kaisers alles
mögliche anordnen und verfügen, und es muß geschehen, was ich im Namen des
Kaisers gebiete. Die, die da hinter uns uns umgeben, sind meine Begleiter und
auch mächtige Diener des Kaisers. Meine beiden Freunde hier, Agrippa und Laius,
kennet ihr ohnehin. Da hinter der Felsengruppe sehet ihr etliche hundert junge
Menschen beiderlei Geschlechts; die gehören zu Meiner Leibgarde, und die andern
Männer halte ich ebenfalls zu meinem Schutz. Da vorn sehet ihr drei Weise aus
Indien, deren großes Gefolge in der Nähe der Stadt untergebracht ist; auch
diese gehören nun zu mir. Dahier ist ein Jüngling, der mit seinem Willen mehr
vermag als alle Mächte der Erde. Und hier gleich neben uns stehen eben
dieselben wundermächtigen Oberägypter, von deren Kraft euch gestern mittag die
beiden Römer ganz sonderbare Dinge erzählt haben; sie kamen, die beiden Römer
hier zu besuchen.
[GEJ.07_144,05] Und so wisset ihr nun, unter
welcher Gesellschaft ihr euch befindet, und wer und woher wir sind, und was wir
vermögen. Wollet ihr aber die merkwürdigen und vollkommenen Menschen selbst
näher kennenlernen, so wendet euch an sie selbst; denn denen kann und darf ich
nichts gebieten, weil sie selbst völlig Herren sind und alle Macht in ihrem
Willen haben. Ich habe nun geredet, und nun kommt die Reihe wieder an euch!“
[GEJ.07_144,06] Darauf sahen die beiden
Pharisäer nach der Hütte, die zuoberst der Felsengruppe erbaut war, und fragten
Nikodemus, wer denn in der Hütte sich befände.
[GEJ.07_144,07] Nikodemus aber sagte: „Es
steht geschrieben, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch um gar alles wisse,
und so könnet ihr diesen Grundsatz nun auch bei euch in Anwendung bringen, wenn
es euch darum zu tun ist, diese höchsten Römer nicht wider euch zu erbittern;
denn soviel ich aus ihren Worten entnommen habe, so steht der Tempel eben nicht
im besten Ansehen bei ihnen.“
[GEJ.07_144,08] Auf diese Antwort fragten die
Pharisäer nicht mehr, wer sich etwa in der Hütte befände. Aber sie wandten sich
nun an den ersten der sieben Oberägypter und fragten ihn, ob er wohl derselbe
Mensch wäre, von dem ihnen gestern die beiden Römer so wunderbare und kaum
glaubliche Dinge erzählt hätten.
[GEJ.07_144,09] Sagte der Oberägypter mit gar
kräftiger Stimme: „Ja! Was wollet ihr von mir, ihr jedes Funkens des göttlichen
Geistes bare Verfolger aller jener Menschen, die vom Geiste Gottes erfüllt
waren und den anderen Menschen die Wege der lichten und lebendigen Wahrheit
gezeigt haben? Redet, was ihr von mir wollet, das ich euch tun soll!“
[GEJ.07_144,10] Diese sehr ernste Sprache des
Oberägypters wollte den beiden hohen Pharisäern eben nicht am besten behagen.
Sie dachten nun nach, ob es rätlich wäre, ihn um die Wirkung eines Zeichens anzugehen.
[GEJ.07_144,11] Nach einer Weile erst sagten
sie zum Oberägypter (die Pharisäer): „Lieber Mann, wir haben dich nur bitten
wollen, ob es dir nicht genehm wäre, auch hier vor uns ein Zeichen,
hervorgehend aus der Macht deines Glaubens und Willens, zu wirken. Denn wenn
wir von dir schon so Wunderbares von glaubwürdigen Zeugen vernommen haben und
du selbst nun hier zugegen bist, da möchten wir uns denn auch von deiner
inneren Macht eine tatsächliche Überzeugung verschaffen. Wirke darum ein
Zeichen vor uns!“
[GEJ.07_144,12] Sagte der Oberägypter: „Ja,
ja, ich werde wohl eins wirken; aber ihr müsset mir zuvor kundgeben, aus
welchen wichtigen Gründen – wie ihr selbst das gleich anfangs dem Nikodemus
eröffnet habt – ihr mit euren Gehilfen heute hierher gekommen seid, da ihr des
morgigen Sabbats wegen doch daheim hättet bleiben sollen, um für den morgigen
Tag allerlei Vorbereitungen zu treffen, weil ihr an eurem Sabbat nichts tun
dürfet. Saget mir den wichtigen Grund eurer heutigen Hierherkunft nur ganz klar
und wahr heraus, und ich werde euch dann ein Zeichen wirken; aber kommt mir ja
mit keiner Lüge! Denn so ihr mir mit einer Lüge kommt, da werde ich euch auch
ein Zeichen wirken, – aber nicht zu eurem Heile, sondern zu eurem Verderben!“
[GEJ.07_144,13] Sagte darauf der eine
Pharisäer: „Ich sehe es schon, daß man mit dir nicht hinterhältig reden kann,
und so scheue ich mich auch gar nicht, hier die volle Wahrheit offen
auszusprechen.
[GEJ.07_144,14] Sieh, in Galiläa, das auch
den Juden gehört und unter Jerusalem steht, ist ein Prophet aufgestanden, der
wirkt auch allerlei Zeichen und streut eine neue Lehre aus wider den Tempel und
wider uns! Er verführt das Volk und wiegelt es gegen uns auf. Ja, wir wissen
es, daß er sich für einen Sohn Gottes ausgibt, sich als den verheißenen Messias
anpreisen läßt und uns, die wir bei der alten Lehre Mosis sind, allenthalben
feindlichst begegnet. Wir aber wissen es nur zu gut, daß er der Sohn eines
alten Zimmermanns ist, der samt seinem Weibe ein ganz natürlicher Mensch war. Weil
der erwähnte Prophet uns aber allenthalben verfolgt, so ist es hoffentlich auch
ganz in der Ordnung, daß auch wir ihn verfolgen und nach ihm fahnden.
[GEJ.07_144,15] Wir aber haben durch einige
unserer ausgesandten Kundschafter noch in der vergangenen Nacht erfahren, daß
er sich mit seinen vielen Jüngern nun noch in der Gegend von Jerusalem
herumtreibe und sein uns feindliches Wesen treibe, was uns durchaus nicht
gleichgültig sein kann. Man versicherte uns, daß Nikodemus, als unser
Amtsgenosse, sichere Kunde von seinem Aufenthalte habe, und wir sind eben darum
herausgekommen, um uns darüber mit Nikodemus zu besprechen und zu beraten, wie
sich diese Sache verhalte, und was da Rechtens zu machen sei. Das, sieh, ist
der ganz wichtige Grund, aus dem wir herausgekommen sind!“
[GEJ.07_144,16] Sagte mit sehr ernster Miene
der Oberägypter: „Was würdet ihr denn dann mit dem Propheten machen, so er sich
von euch irgend fangen ließe?“
[GEJ.07_144,17] Sagte der Pharisäer: „Wir
würden ihn sofort dem Gerichte überantworten, strenge untersuchen lassen und
wider ihn zeugen und ihm bezeigen, welcher Verbrechen er sich gegen uns
schuldig gemacht hat. Hat er zu gewaltig gegen uns, gegen den Tempel und gegen
die Satzungen verstoßen – wovon wir zum größten Teile schon völlig überzeugt
sind –, so müßte er offenbar nach dem Gesetze zum Tode verdammt werden.“
145. Kapitel
[GEJ.07_145,01] Sagte der Oberägypter: „Seht,
ich bin möglichst ein noch ganz vollkommener Naturmensch und besitze noch jene
Gaben von Gott aus, durch die der Mensch als der Schluß- und Vollendungspunkt
der ganzen Schöpfung zum eigentlichen Herrn der ganzen Natur, ihrer Geister und
Elemente wird, und ich vermag vieles und weiß um alle menschlichen, tierischen,
pflanzlichen und mineralischen Dinge der ganzen Erde, von ihrer Entstehung bis
zu ihrer einstigen gänzlichen Vernichtung hin, und kenne sogar alle eure
moralischen, theosophischen und staatlichen Verhältnisse und verstehe auch alle
Zungen, sogar die der Tiere, ohne sie je aus irgendeiner Schrift gelernt zu haben;
denn alles das lehrte mich mein Geist, der mir von Gott gegeben wurde, schon in
meinem neunzehnten Jahre.
[GEJ.07_145,02] Und somit kann ich euch
sagen, daß ihr selbst euren Moses schon seit lange her vollkommen zerstört habt
und habt aus zu großem Hange, über eure Nebenmenschen zu herrschen, und aus zu
großem Hange zur Trägheit, zum Wohlleben und zur Hurerei und Ehebrecherei euch
selbst Satzungen gemacht, durch die ihr eure Nebenmenschen quälet und peiniget.
Ihr leget ihnen unerträgliche Bürden auf, die ihr selbst mit keinem Finger um
Gottes willen anrühret, weil ihr bei euch an keinen Gott mehr glaubet. Denn
glaubtet ihr noch an einen Gott, wie einst euer Stammvater Abraham geglaubt
hat, so hättet ihr Mosis Gesetze sicher nicht zerstört, seine ihm von Gott
gegebenen Gesetze nicht verdreht und nicht mit Steinen getötet die Propheten,
die Gott unter euch erweckt hatte, damit sie euch allzeit anzeigeten, wie weit
ihr von Seinen Wegen abgewichen seid.
[GEJ.07_145,03] Nun ist wahrlich der höchste
und für euch auch der letzte Prophet gerade in der Zeit aufgestanden, wie sie
euch durch eure Propheten geweissagt ward. Er lehrt die Wahrheit und zeigt
euch, daß ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder des Teufels seid infolge
eurer großen und groben Sünden gegen den Willen Gottes. Das erfüllt euch
wohlbegreiflichermaßen mit Grimm und Wut gegen Ihn, und ihr trachtet, Ihn darum
zu fangen und zu töten.
[GEJ.07_145,04] Ich als ein fremder Weiser
aber sage es euch, daß auf Seine Zulassung ihr solches auch noch zur Ausführung
bringen könnet und nach eurem ganz grundbösen Willen auch werdet. Aber ihr
werdet nur Seinen Leib auf drei Tage lang zerstören; aber Sein ewiger und
allmächtiger Geist, den ihr nicht mit dem Leibe werdet zerstören können, wird
Ihn wieder, und das schon in drei Tagen, erwecken. Dann wohl allen, die an Ihn
geglaubt haben; aber tausendfaches Wehe euch argen Heuchlern, Betrügern und
Bedrückern der Menschen! Es wird mit euch geschehen, was euch in der
vorgestrigen Nacht am Firmament gezeigt ward! – Habt ihr mich verstanden?“
[GEJ.07_145,05] Sagte mit einem ganz erbosten
Gesichte der Pharisäer: „Wie wagst du, ein Fremdling, uns solches ins Gesicht
zu sagen?! Kennst du unsere Macht? Weißt du bei deiner Allwissenheit unsere
Macht nicht?“
[GEJ.07_145,06] Sagte der Oberägypter: „Ich
sagte euch das aus eben dem Grunde, weil ich die volle Nichtigkeit eurer und
die vollste Wahrheit meiner Macht, die vor tausendmal tausend Kriegern nicht
beben würde, nur zu klar und zu wohl kenne! Ich sagte euch nur die Wahrheit.
Warum wollet ihr sie zu eurem noch immer möglichen Heile nicht hören? Weil ihr
nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder eures höchsteigenen Teufels seid!
Darum ärgert euch nun das, was ich euch gesagt habe, und darum auch wollet ihr
den Heiligen Gottes töten! Aber glaubet es mir, daß ich wirklich keine Furcht
vor euren zornglühenden Gesichtern habe; den Grund davon soll euch gleich ein
von mir zu wirkendes Zeichen aufdecken! Sehet ihr da oben hoch in den Lüften
mehrere Riesenadler umherschweben?“
[GEJ.07_145,07] Die Pharisäer und auch die
Leviten sahen empor und erblickten auch gleich zwölf dieser gefürchteten
Riesenadler, und ein Pharisäer sagte: „Und was sollen diese Tiere bedeuten?“
[GEJ.07_145,08] Sagte der Ägypter: „Diese
Tiere habe ich eben zu dem Behufe hierher gerufen, um euch zu zeigen, wie ein
vollkommener Mensch ein Herr der gesamten Natur ist. Ich rufe sie aber nun auch
sogleich alle herab, damit ihr sie in eurer vollen Nähe genauer beobachten
könnet!“
[GEJ.07_145,09] Hierauf machte der Ägypter
mit seiner rechten Hand nur einen Zug, und die Riesenadler schossen wie Pfeile
herab und umstellten die Templer. Diese erschraken gewaltig und baten den
Ägypter, daß er diesen gar wild und grimmig sich gebärdenden Tieren denn auch
gebieten solle, daß sie ihnen nichts zuleide täten!“
[GEJ.07_145,10] Sagte der Ägypter: „Fürchtet
ihr euch schon gar so gewaltig vor diesen Tieren? Wie kommt es denn, daß ihr
Den, nach dem ihr fahndet, und der endlos mehr vermag denn ich, nicht fürchtet?
[GEJ.07_145,11] Seht, wie gar entsetzlich
blind, dumm und blöde ihr seid und dadurch auch im höchsten Grade böse und
rachgierig! Ein wahrhaft Weiser ist das nie; er wird den Narren ihre Unart wohl
strenge verweisen und sie erst dann in ein sie züchtigendes Gericht stürzen,
wenn sie schon einmal so verstockt, arg und böse geworden sind, daß ihnen zu
ihrer Besserung mit keiner Vernunft mehr beizukommen ist, wie das bei euch
Templern vollkommen der Fall ist. Was könnte mir denn geschehen, so ich euch
nun von diesen mir sehr gehorsamen Tieren zerfleischen ließe? Ich sage es euch:
nicht das Geringste!
[GEJ.07_145,12] Ihr meinet freilich, daß ich
mit euch vieren bald fertig würde, – aber was dann, wenn ein bewaffnetes Heer
mich umringte und mit scharfen Pfeilen nach mir schösse? Dann würde ich mit dem
ganzen Heere das machen, was ich nun, um euch einen Beweis zu liefern, bloß mit
meinem Willen auf einige Augenblicke mit euch machen werde und nun schon
gemacht habe! Versuchet nun, weiterzugehen oder von euren Händen Gebrauch zu
machen! Nur eurer Zunge lasse ich die volle Freiheit, sonst aber gleichet ihr
der Salzsäule, zu der Lots Weib durch ihren Ungehorsam geworden ist.“
[GEJ.07_145,13] Hierauf versuchten die viere,
die Füße vom Boden zu heben und die Hände zu bewegen, was aber unmöglich war.
Daher baten sie den Ägypter inständigst, daß er sie von diesem qualvollsten
Zustande befreien möchte; denn sie seien gesonnen, ihre Gesinnung zu ändern.
[GEJ.07_145,14] Sagte der Ägypter: „Das
werdet ihr schwerlich; aber ich lasse euch dennoch frei!“
[GEJ.07_145,15] Hier konnten sie wieder ihre
Füße und Hände frei bewegen, und der eine Pharisäer sagte: „Weil dir solch eine
unbegreifliche Macht eigen ist, so könntest du ja schon lange irgendein
allermächtigster Herrscher über die ganze Welt werden. Wer könnte dir einen
Widerstand leisten?“
[GEJ.07_145,16] Sagte der Ägypter: „Ich bin
aber kein blinder Weltnarr, wie ihr es seid; mir liegt alles nur an der wahren
Erkenntnis des einen, wahren Gottes, an Seiner lebendigen Gnade und Liebe, und
daß ich genau erkenne den heiligen Willen des ewigen Vaters, um strenge nach
demselben zu handeln, – und seht, das ist endlos mehr denn alle Schätze der
Erde!
[GEJ.07_145,17] Würdet ihr als sein sollende
Priester auch dasselbe tun, so würde euch das mehr nützen denn all euer vieles
Gold und Silber und alle eure Edelsteine.
[GEJ.07_145,18] Solange euer einstiger König
Salomo nicht auf einem goldenen Throne saß und goldene Gemächer bewohnte, war
er weise, und in seinem Willen lag eine große Macht; als er aber bald nachher
mit des Goldes Glanz umgeben war, verlor er Weisheit und Macht und fiel aus der
großen Gnade Gottes. Was nützten dann dem Schwächlinge seine unermeßlichen
Weltschätze, so er am Ende sogar am Dasein Gottes zu zweifeln begann?!
[GEJ.07_145,19] Aber Salomo war bei allen
seinen Zweifeln in seiner letzten Zeit dennoch um vieles besser, als ihr nun
seid. Seine Pracht- und seine große Weibergier also haben Salomo dem Herrn
mißfällig gemacht, weil Salomo Seiner nicht achtete, obschon Er ihm zweimal
erschienen war, mit ihm geredet hatte und ihn warnte, je von Seinen Wegen
abzuweichen. Die Folge davon war, daß sein großes Reich geteilt und seinem
Sohne nur das kleine Gebiet um Jerusalem belassen wurde; und selbst diese Gnade
wurde dem Salomo nur um seines Vaters David willen erteilt. Euch aber wird gar
keine Gnade mehr erteilt werden, sondern ihr werdet untergehen im Pfuhle eurer
zahllos vielen Sünden und eurer gänzlichen Unverbesserlichkeit!“
146. Kapitel
[GEJ.07_146,01] Sagte der eine Pharisäer:
„Wie kannst du denn das von uns so bestimmt behaupten? Warum sollen denn wir,
so wir denn schon gar so große Sünder sein sollen, uns nicht auch bessern
können? Laßt uns nur die volle Wahrheit sehen und erkennen, daß der Prophet aus
Galiläa im Ernste das Heil der Juden ist, und wir wollen an ihn glauben!“
[GEJ.07_146,02] Sagte der Ägypter, auf die
zwölf Adler hindeutend: „Da sehet hin! Diese wilden Raubvögel werden eher an
Ihn glauben denn ihr! Hat Er denn nicht schon zu öfteren Malen bei euch im
Tempel gelehrt, und hat Er nicht vor euren Augen die größten Zeichen gewirkt?
Warum glaubtet ihr Ihm denn nicht?! Je mehr Er lehrte, und je größere Zeichen
Er wirkte, desto mehr stieg euer Zorn und eure Rachgier gegen Ihn! Wenn aber
das bei euch unbestreitbar der Fall ist, wie könnet ihr da sagen, daß ihr das
nur tut, um die volle Wahrheit zu erkennen und dessen gewiß zu werden, daß Er
der Heilbringer für Israel ist, an den ihr glauben würdet? Ich aber frage euch,
wer in der Welt Ihn euch wohl noch besser soll kennen lehren als gerade Er Selbst.
Glaubet ihr Ihm nicht, – wem wollet ihr dann glauben und euch darum bessern?“
[GEJ.07_146,03] Sagte der Pharisäer: „Man
glaubt oft einem Zeugen eines Propheten eher als dem Propheten selbst!“
[GEJ.07_146,04] Sagte der Ägypter: „Auch an
denen hattet ihr keinen Mangel; denn erstens zeugten von Moses an alle
Propheten für Ihn, und dann habt ihr in dieser Zeit lebende Zeugen genug
gehabt. Warum glaubtet ihr denn ihnen nicht? Sie haben Ihn vor euch verkündet,
und ihr habt sie mit Steinen erschlagen, und dem letzten ließet ihr mit dem
Beile den Kopf vom Leibe schlagen. Und ihr saget: ,Wir wollen den Zeugen eher
glauben als dem Propheten selbst!‘ Wo der Meister nichts ausrichtet, was sollen
da Seine schwachen Zeugen tun?
[GEJ.07_146,05] Ja, ja, vor mir habt ihr nun
eine Höllenfurcht, weil ich als ein völlig Fremder euch gezeigt habe, was ein
vollkommener Mensch vermag; aber vor dem ersten und größten Menschen, der ein
Gott ist, habt ihr keine Furcht, weil Er euch nach Seiner unermeßlichen Liebe,
Geduld und Erbarmung bis jetzt noch immer als Seine ersten Kinder behandelt
hat. Aber ich sage es euch, daß ich als ein vollkommener Mensch das
allereigentlichste Garnichts gegen Ihn bin; denn Er allein ist der Herr meines
und eures Lebens und Heiles. Das ist und bleibt eine ewige Wahrheit.
[GEJ.07_146,06] Euer Zorn und Grimm gegen Ihn
wird sich ewig nicht mindern. Da sehet hier meine Tiere an! Sooft ich Seiner
nur erwähne, neigen sie ihre Köpfe bis zur Erde hinab, – und in eurer Brust
vermehrt sich dabei der unauslöschbare Groll! Diese Tiere beschämen sonach eure
Weisheit und Würde; ihr aber sinket stets tiefer in den Pfuhl eures Verderbens
hinab. Und ihr saget noch, daß ihr euch bessern könntet, so ihr die Wahrheit
erkennen würdet? Wie kann aber ein Blinder das Licht schauen und begreifen, so
in ihm kein Licht waltet und walten kann, weil er ein Stockblinder ist?
Ebensowenig könnet ihr eine Wahrheit begreifen, weil in euch noch nie eine
Wahrheit bestanden hat.
[GEJ.07_146,07] Wer die Wahrheit fassen und
begreifen will, der muß zuvor selbst aus der Wahrheit hervorgegangen sein. Ihr
aber seid schon von euren Ureltern her Kinder der Lüge gewesen, – wie wollet
ihr nun die größte und heiligste aller Wahrheiten auf einmal fassen und
begreifen?! Kurz, ihr bleibet in euren alten Sünden und werdet auch den Lohn
für eure Werke erhalten!“
[GEJ.07_146,08] Hier fingen die Riesenadler
an, um die Pharisäer sehr zweideutige Bewegungen zu machen, und diese bekamen
große Angst und baten den Ägypter abermals, daß er vermitteln möchte, daß sie
ihnen nichts zuleide täten.
[GEJ.07_146,09] Sagte der Ägypter: „Wahrlich,
euer elendes Fleisch wäre für diese edlen Tiere zu schlecht! Aber sehet, da
unten weidet eine Herde Schafe bis zum Fuße dieses Hügels! Diese gehören einem
gewissen Barabe, einem äußerst reichen Bürger von Jerusalem, der eine höchst
arme Familie, die einst sogar in seinen Diensten stand, dort in jener schon
sehr verfallenen Schafhütte vollends hat zugrunde gehen lassen. Er gab ihr wohl
auf eine kurze Zeit das Recht, in jener schlechten Hütte zu wohnen; da aber
ihre arge Krankheit zu lange andauerte und in dieser Zeit so arg wurde, daß für
ihn gar keine Aussicht mehr vorhanden war, daß sie einmal sowieso enden werde,
so wurde ihm die Sache zu langweilend und sogar sehr bedenklich, weshalb er
denn auch unter dem Vorwande, daß jene Hütte wegen der Zunahme seiner Herden
ganz neu in einen guten Zustand gebracht werden müsse, den Befehl gab, daß die
arme Familie sich noch am heutigen Tage als halbtot aus der ohnehin elendsten
Hütte zu entfernen habe. Oh, welch ein edler und barmherziger Sohn Abrahams,
Isaaks und Jakobs!
[GEJ.07_146,10] Da aber kam der allwissende
und von euch so sehr verhaßte Prophet aus Galiläa zu der besagten höchst armen
und gänzlich verlassenen Familie, deren Kinder nackt um Brot bettelten und
keins bekamen, obschon dieser Ort der Brotbackofen von beinahe ganz Jerusalem
ist, gab den Eltern durch Seinen allmächtigen Willen Gesundheit, dann Brot,
Wein und eine ganz anständige und gute Bekleidung und führte sie durch jenen hohen
Römer aus jener elendsten Herberge.
[GEJ.07_146,11] Dort, inmitten der besagten
hohen Römer, stehen die Eltern und ihre armen Kinder und sind nun schon bestens
versorgt. Und sehet, das alles tat euer verhaßter Prophet!
[GEJ.07_146,12] Ihr als sein sollende
Priester Gottes aber habt nun nichts Eifrigeres und Notwendigeres zu tun, als
Tag und Nacht in eurer Räuberhöhle und Mördergrube von einem Gottestempel Rat
zu halten, wie ihr diesen größten Wohltäter der armen Menschheit töten und
vernichten könntet!
[GEJ.07_146,13] Saget es selbst: Mit welchen
reißenden Wald- und Wüstenbestien seid ihr da wohl zu vergleichen? Wahrlich,
der Bürger Barabe ist elend und schlecht; aber ihr seid noch um viele tausend
Male schlechter! Denn Barabe wird dem großen Propheten sogar noch dankbar sein,
daß er ihm seine Hütte geräumt hat; doch in euch wächst der geheime Grimm nur
noch mehr, weil euch der große Prophet zu unendlich in eurer nichtigsten Kraft,
Macht und Erbarmung übertrifft! Und so soll nun der Barabe auch mäßiger gezüchtigt
werden für seine große Unbarmherzigkeit!
[GEJ.07_146,14] Da sehet die Riesenadler an!
Sie sollen, weil ihr ihnen zur Speise – wie ich schon bemerkt habe – viel zu
elend und schlecht wäret, sich an der Herde des gar so gutherzigen Barabe
sättigen, und damit sie mit der Herde leichter fertig werden, so sollen sie von
ebensoviel Wölfen und Bären unterstützt werden! Ich will es, und so geschehe
es!“
[GEJ.07_146,15] Als der Ägypter solches
ausgesprochen hatte, da erhoben sich plötzlich die Riesenadler, stürzten sich
hinab auf die unten weidenden Schafe, und ein jeder hob eins, es in seinen
Krallen festhaltend, empor und flog damit den Bergen zu. Zugleich aber bemerkte
man auch unten auf der Weide schon eine Menge Wölfe und Bären, durch die dann
die ganze große Herde völlig zerstört und mit Gier aufgefressen wurde, – bei
welcher Gelegenheit die Hirten wohl die eiligste Flucht ergriffen haben.
[GEJ.07_146,16] Da schauten die vier Templer
ganz verblüfft in das Tal hinab, und keiner getraute sich, sich darüber auch
nur mit einem Worte weder dafür noch dawider zu äußern.
147. Kapitel
[GEJ.07_147,01] Der Ägypter aber fragte sie,
sagend: „Nun, wie gefallen euch zum Beispiel diese nun von mir gewirkten
Zeichen?“
[GEJ.07_147,02] Keiner getraute sich mehr, diesem
Wundermann eine Antwort zu geben; denn sie hatten, ihrer Frevel sich bewußt,
eine zu große Angst und Furcht vor ihm!
[GEJ.07_147,03] Er aber sagte: „O ihr elenden
Heuchler! Vor mir habt ihr nun wohl Furcht, weil ihr solches von mir gesehen
und erfahren habt; aber Den suchet ihr zu fangen und zu töten, durch dessen
allmächtigen Willen, den ich kenne, ich nun das alles gewirkt habe! O ihr elend
blinden Narren! Wer ist denn mehr: der Herr oder der Knecht, der Meister oder
der schwache Jünger? Bebet ihr nun vor mir schon so sehr, wie werdet ihr denn
vor Seinem Angesichte bestehen?!“
[GEJ.07_147,04] Sagten mit einer ganz
verzagten Stimme die Pharisäer: „Ja, ja, du überaus mächtiger Mann, du hast nun
ganz richtig und wahr gesprochen; aber wir können denn am Ende und im Grunde
des Grundes doch nicht dafür, daß der Tempel sich gegen den Propheten aus
Galiläa gar so feindlich stellt! Der Tempel mit seinen Einrichtungen ist ein
noch immer weltlich mächtiger Strom; wir befinden uns inmitten dieses Stromes
und können unmöglich gegen seine Wogen schwimmen! So aber schon der mächtige
Prophet den Tempel nicht umwandeln mag oder will, was sollen dann wir
ohnmächtigen Mitglieder desselben gegen ihn vermögen?! Ja, hätten wir deine uns
unerklärliche Macht, da wollten wir den hohen Priesterrat bald umgestimmt
haben; aber allein mit puren Worten ist das unmöglich. Wir können uns in der
Folge höchstens einer Mitstimmung gegen den großen Propheten enthalten oder den
Tempel auch verlassen, das heißt, wir können uns in ein mehr privates Leben mit
unseren Mitteln zurückziehen, – aber umändern können wir den Tempel nicht, was
du mit deiner wahrlich großen Weisheit gar wohl einsehen wirst. Aber du und
noch mehr der große Prophet könntet den Tempel und seine Diener mit solchen
Zeichen schon umändern; aber wir allein können das nicht.“
[GEJ.07_147,05] Sagte der Ägypter: „Das, was
ihr da zu eurer Entschuldigung nun vorgebracht habt, weiß ich nur zu gut; aber
ich weiß auch, daß eben ihr, streng an der Seite eures Hohenpriesters, es seid und
waret, die den eigentlichen Kern der grellsten Feindschaft gegen den größten
Propheten, den je die Erde getragen hat, bildetet, – und das ist arg und böse
von euch.
[GEJ.07_147,06] Ich aber sage es euch nach
der ewigen Weisheit Gottes in mir: Der große Meister, voll des Geistes Gottes
und aller Seiner Kraft und Macht, will die Menschen nicht durch pure Zeichen,
sondern vielmehr durch Seine reinste und weiseste Lehre auf den Weg des Lichtes
und des Lebens setzen, weil die Zeichen die Menschen wohl nötigen, an Ihn und
Sein Wort zu glauben, – aber sie verschaffen niemandem eine innere freie und
lebendige Überzeugung von der großen Wahrheit; solange aber dem Menschen diese
fehlt, die er sich nur durch das genaue Handeln nach der Lehre verschaffen
kann, so lange ist er der Seele nach auch noch als ein Toter anzusehen. Denn
der pure, blinde und genötigte Glaube gibt dem Menschen kein inneres, wahres
Leben, sondern nur der lichtvolle und durch das Handeln lebendige Glaube, und
dieser wird nie und nimmer durch äußere Wunderzeichen, sondern nur durch das
lebendige Wort der ewigen Wahrheit aus Gott von jenem Menschen erreicht, der es
als solche Wahrheit annimmt und danach tätig wird.
[GEJ.07_147,07] Da aber das der große Meister
aus Galiläa wohl am allerklarsten weiß und einsieht, was Seinen Menschen zum
wahren Heile gereicht, so wirkt Er Selbst offen vor der Welt auch nur wenige
Zeichen, sondern lehrt sie nur den Willen Gottes der vollen Wahrheit nach
erkennen und muntert sie auf, denselben auch zu erfüllen; Zeichen aber wirkt Er
nur, wo Er es wohl einsieht, daß sie niemandem an seiner Seele schaden können.
[GEJ.07_147,08] Er will darum aber auch dem
Tempel keinen Zwang antun und läßt ihn frei walten; wenn aber der Tempel nicht
nachlassen wird, so wird der Tempel samt seinem ganzen Anhange dem Gericht und
seinem Untergange überlassen werden. Das merket euch wohl und schreibet es euch
hinter die Ohren! Denn Gott, der ist, ewig war und ewig sein wird, läßt mit
Sich nicht scherzen, da Er Selbst in Seinem höchsten göttlichen Ernste die
Menschen für eine wahre, ewige Seligkeit bestimmt hat.
[GEJ.07_147,09] Denn wenn es um den Menschen
so etwas ganz Geringfügiges wäre, so würde ihn Gott erstens nicht wunderbar
weise und kunstvoll eingerichtet haben, so daß er schon seinem Leibe nach ein
höchstes Meisterwerk der gesamten materiellen Schöpfung ist, und zweitens würde
Er ihm nicht eine Seele gegeben haben, die Ihm, dem Schöpfer, selbst in allem
ähnlich werden kann, wenn sie das nur ernstlich will, – und drittens würde Er
nicht schon so oft zu den Menschen Selbst geredet und sie belehrt haben, was
Sein Wille ist, welche Absichten Er mit ihnen hat, und was sie erreichen
können.
[GEJ.07_147,10] Wenn ihr nun das wohl
bedenket und euer ganz verkehrtes Leben dagegen betrachtet, so werdet ihr es
doch einsehen, wie sehr ihr stets mit Wort und Tat dem göttlichen Willen
zuwiderhandelt, und ihr müsset daraus auch das erkennen, daß ihr eben aus dem
Grunde, daß ihr dem göttlichen Willen allzeit widerstrebt habt, nun auch den
großen Meister aus Galiläa also hasset und verfolget! Der zeigt euch nur zu
klar, daß alle eure Werke wider den Willen Gottes und somit vollends böse sind!
– Habt ihr mich wohl verstanden?“
[GEJ.07_147,11] Sagten die Pharisäer: „O ja,
verstanden haben wir dich schon, und du hast auch ganz wahr geredet; aber wir
sehen auch leider ein, daß wir im Tempel dadurch keine große Änderung bewirken
werden, wenn wir im Rate auch alles das, was wir hier erlebt haben, getreu
kundgeben werden. Übrigens werden wir uns vom hohen Rate die Zungen nicht
binden lassen und werden ihm unser Bedenken ganz offen dartun. Wir für uns aber
werden fortan keine Gegner des großen Galiläers mehr sein; denn wir sehen es
nun an dir schon ein, wie weit es ein Mensch bringen kann, wenn er die Wege
kennt und den vollernstlichen Willen hat. Hast du als ein Mensch es so weit
gebracht, – warum der Galiläer nicht noch weiter?! Wir werden seine Lehre, von
der wir schon so manches wissen, da er schon zu öfteren Malen im Tempel gelehrt
hat, so für uns, sie mit der Schrift vergleichend, durchprüfen und sie uns dann
zu unserer eigenen Lebensrichtschnur machen. Ist es recht also?“
[GEJ.07_147,12] Hier trat Raphael vor und
sagte: „Da werdet ihr aber sehr vieles gutzumachen haben, was ihr der armen
Menschheit Übles und Böses angetan habt! Ohne das ist für euch keine Vergebung
eurer Sünden möglich; denn so euch die Menschen nicht vergeben, was ihr ihnen
schuldet, da kann es euch auch Gott nicht vergeben!“
[GEJ.07_147,13] Sagte ein Pharisäer: „Was
haben wir denn gar so Arges der Menschheit zugefügt? Wir handelten wohl strenge
nach den Gesetzen des Tempels, aber sonst wüßten wir wahrlich nicht, was wir
außerdem der Menschheit gar so Arges zugefügt hätten!“
[GEJ.07_147,14] Sagte Raphael: „Wartet nun, –
des Nikodemus Leute bringen soeben eine Leibesstärkung; wenn diese eingenommen
sein wird, dann werde ich euch schon einige Beweise liefern, die es euch zeigen
werden, was ihr mit der armen Menschheit getrieben habt! Aber nun eine kleine
Geduld!“
[GEJ.07_147,15] Sagte der Pharisäer: „Wir
wollen uns schon ein wenig gedulden; ob wir aber auch eine Leibesstärkung zu
uns nehmen werden, das bezweifle ich sehr, – denn du hast uns nun eben nicht
etwas besonders Tröstliches und Erfreuliches kundgetan. Alles, was uns dieser
mächtige Ägypter gesagt und getan hat, hat uns nicht so sehr angegriffen wie
eben das, was du uns gesagt hast!
[GEJ.07_147,16] Es ist schon wahr, daß vom
Tempel aus gar manche Bedrückungen verübt worden sind, die wir anordnen mußten,
weil wir zu den obersten Gewalthabern des Tempels gehören; aber die Gesetze,
deren Handhaber und Vollzieher wir waren, haben ja schon lange vor uns
bestanden. Wir können da wahrlich nicht dafür, daß es bei uns solche Gesetze
gibt! So wir aber auf dem gesetzlichen Wege irgend Menschen zu einem Schaden
gebracht haben – was wahrlich eben nichts Seltenes war –, da fragt es sich dann
sehr, ob wir auch solchen Schaden wieder gutzumachen haben!“
[GEJ.07_147,17] Sagte Raphael: „Nur eine
kleine Geduld, bis wir das Brot, den Wein und die etlichen Fische verzehrt
haben werden, dann werde ich euch schon antworten!“
[GEJ.07_147,18] Hierauf wurden die Körbe mit
Brot, Wein und Fischen vor die verschiedenen Gästegruppen gestellt. Alle
stärkten sich.
[GEJ.07_147,19] Nur die vier Templer wollten
sich trotz allen Zuredens nicht daran beteiligen; denn einer sagte: „So ein
Jude ein Sünder ist, da muß er fasten, beten, in Sack und Asche Buße tun und
nicht essen und trinken gleich anderen ehrlichen Menschen, die rein und gerecht
vor Gott und vor allen Menschen sind. Wir werden nicht essen und nicht trinken,
bis wir erfahren haben werden, wie und wodurch wir zu Sündern geworden sind.“
148. Kapitel
[GEJ.07_148,01] Als Raphael vor den Augen der
Menschen das Brot, die etlichen Fische und auch einen Becher Weines verzehrt
hatte, da trat er schnell zu den vieren hin und sagte: „Seht, ich bin schon
fertig und werde euch nun gleich aus eurem Gerechtigkeitstraume helfen!
[GEJ.07_148,02] Ihr entschuldigtet euch zuvor
mit den strengen Gesetzen eures Tempels, die ihr nicht gemacht und verfaßt
habt; aber wer gab euch denn dann das Gesetz, durch das ihr eure Helfershelfer
in allerlei Verkleidung zu den Menschen hinaussandtet, damit diese durch
allerlei List und anderwärtige Verlockungen zur Sünde wider Gott, wider euch
und den Tempel verleitet würden? Hatte sich jemand von ihnen verleiten lassen,
so wurde er von den Verführern euch angezeigt, und ihr sandtet dann sogleich
eure Schergen und Häscher hinaus. Diese brachten ihn zu euch, und ihr
diktiertet ihm, so er irgend vermögend war, unerschwingliche Strafen. Schafe,
Kälber, Kühe, Ochsen, Stiere und Esel, Getreide, Hühner, Wein und Geld mußte er
euch geben als Sühne für seine Sünden; hatte er auch irgendeine schöne Tochter,
so mußte er diese entweder dem Tempel opfern oder dafür ein großes Lösegeld
bezahlen. Saget selbst, ob das keine Sünde war, die ihr auf eine
himmelschreiende Weise an den Menschen verübt habt!
[GEJ.07_148,03] Aber in der letzten Zeit habt
ihr es euch noch besser eingerichtet! Ihr brauchet nun gar keine Verlocker
mehr, die da herumziehen, damit sie die Menschen zu allerlei Sünden verführen,
sondern ihr sendet jetzt bloß und gleich eure Schergen und Häscher aus. Diese
müssen die Menschen, die irgend etwas haben, sogleich brandschatzen und unter
dem Vorwande, daß es der Tempel in volle Erfahrung gebracht habe, daß sie wider
Gott und wider den Tempel grob und sehr verdammlich gesündigt haben, ihnen
gleich alle ihre Habe wegnehmen, – und wer sich da sträuben sollte, der soll
sogleich gezüchtigt werden!
[GEJ.07_148,04] Ist solch euer Tun und
Treiben mit der armen Menschheit etwa auch in irgendeinem Mosaischen Gesetze
geboten, oder ist das etwa keine Sünde gegen die Menschheit und gegen Gott?
[GEJ.07_148,05] Wenn ihr um irgendein
angenehmes Weib wußtet, so habt ihr es zum Ehebruch verleitet, – und wurde sie
eine Ehebrecherin durch euch, so weiß das nun schon jedermann, was ihr dann mit
ihr weiter getrieben habt.
[GEJ.07_148,06] Kurz, ich sage es euch, so
arg wie bei euch im Tempel ist es in Sodom und Gomorra nicht zugegangen, und dennoch
getrauet ihr euch, mir das ins Gesicht zu sagen, daß ihr gegen das Volk nur
nach dem Gesetze, das ihr nicht gemacht hättet, vorgegangen seid!
[GEJ.07_148,07] Könnet ihr euren Bluthandel an
die unfruchtbaren Weiber an den äußersten Marken des nördlichen Judenlandes
entschuldigen, und wisset ihr von jenen in eurem Solde stehenden Straßenräubern
nicht, die schon zu öfteren Malen in der Kleidung römischer Diener und
Amtsinhaber den reich beladenen Karawanen ihre Schätze abnahmen und für sich
behielten, das heißt für euch und den Tempel?
[GEJ.07_148,08] Diese eure Handlungsweise
steht meines nur zu klaren Wissens auch in keinem Gesetze; wohl aber steht es
geschrieben, daß man auch gegen die Fremden gerecht sein soll und soll sie
ziehen lassen auf den Straßen, wenn sie dieselben nicht als Feinde betreten.
Wenn ihr als Juden aber sowohl an den Einheimischen wie an den Fremden solche
Ungerechtigkeiten verübt habt, wie wollet und wie werdet ihr diese und noch
tausend andere Ungerechtigkeiten, die ihr überfrech der armen Menschheit
zugefügt habt, je wieder gutmachen?
[GEJ.07_148,09] Wie werden diejenigen es euch
je vergeben, die ihr auf die grausamste Weise getötet habt, geistig und
leiblich, und wie werdet ihr den vielen Fremden die ihnen geraubten Güter und
all den vielen Einheimischen die ungerecht abgenommenen Sühnopfer für die ihnen
von euch angedichteten Sünden wieder zurückstellen?
[GEJ.07_148,10] Ich habe nun geredet; was
könnet ihr mir nun erwidern, so ich euch noch hinzusage, daß ihr und eure
Vorgänger nur darum stets auf das eifrigste bemüht waret, die Propheten zu
verfolgen und zu töten, weil diese euch eure Greuel vorhielten und das Volk vor
euren falschen und lügenhaften Lehren und Satzungen warnten, und ihr selbst nun
aus dem ganz gleichen Grunde auch den allergrößten Propheten aus Galiläa zu
verderben suchet, weil Er gleich mir und diesem Fremden aus Oberägypten wider
euch zeugt? Redet nun und entschuldiget euch vor mir; denn auch ich bin ein
Bote Gottes, des Herrn von Ewigkeit!“
[GEJ.07_148,11] Sagte ein Pharisäer: „Das
magst du wohl sein; aber ich begreife nur das nicht, wie du, als kaum ein
Jüngling noch, es zu einer solchen Weisheit gebracht hast! Bist denn du auch
ein Galiläer und hast das alles von dem großen Propheten gelernt, wider uns
also zu Felde zu ziehen offen vor den Menschen, – und doch haben wir dir
unseres Wissens nie ein Leid angetan!
[GEJ.07_148,12] Du hast uns nun sogar vor den
großen und hohen Römern großer Verbrechen und himmelschreiender
Ungerechtigkeiten beschuldigt, die wir selbst beim besten Willen nimmer
gutmachen können; wenn du aber die leidigen Weltverhältnisse, in denen wir
leben, dazu in Anbetracht nimmst, so wirst du auch mit deiner Weisheit
einsehen, daß kein Mensch gegen einen Strom schwimmen kann und ein jeder Mensch
seinen Mantel nach dem Winde richten muß.
[GEJ.07_148,13] Wir sind nun durch den
Wundermann aus Oberägypten und nun auch durch deine harte Rede, hoher,
erhabener Jüngling, zum ersten Male überzeugend dahintergekommen, daß es
wahrhaft ein höheres Leben im Menschen geben muß. Nun gut, der Mensch, der
diese ganz helle Überzeugung lebendigst in sich hat, der hat freilich leicht
reden und handeln; aber wir haben heute das erstemal Dinge erlebt, die uns
sagten, daß Moses und auch alle andern Propheten keine Phantome einer erhitzten
menschlichen Phantasie, sondern wirkliche Wahrheiten sind, von denen wir früher
keine Ahnung hatten. Und so erst sehen wir nun auch ein, daß wir nach dem
reinen Gesetze Mosis uns gar entsetzlich an der Menschheit versündigt haben.
Aber wir können das nun unmöglich wieder gutmachen, wie es auch ganz rein
unmöglich ist, daß wir, als nun selbst zur Einsicht gekommen, dem ganzen Tempel
und allen Pharisäern im ganzen Judenlande unsere Einsicht als lebendig wahr
seiend mitteilen könnten.
[GEJ.07_148,14] Der Herr im Himmel wird es
wohl wissen, warum Er uns so lange mit der dicksten Blindheit gestraft hat;
aber ich bin darum auch der Meinung, daß Er uns rechtlicherweise nicht verdammen
kann, weil wir als Blinde in den Abgrund gestürzt sind. Wir werden nach unseren
Kräften und Mitteln wohl alles tun, was sich nur immer tun lassen wird; aber
gar alles, was durch unsere Blindheit Böses und Arges veranlaßt worden ist,
läßt sich nicht gutmachen – außer mit dem Willen.
[GEJ.07_148,15] Also werden wir auch im
Tempel dahin wirken, daß wenigstens von uns aus der große Prophet nicht mehr
verfolgt werden wird, indem wir uns beim Hohen und nun eigentlich bösen Rate
nicht mehr beteiligen werden; ob aber darum der Hohe Rat abstehen wird, den
großen und mächtigen Propheten zu verfolgen, das wissen wir wahrlich nicht!
Aber nach dem, was du und der große wundermächtige Mann aus Oberägypten von ihm
ausgesagt habt, wird er sich vor dem Hohen Rate sicher noch weniger fürchten
als ihr beide. Denn was kann der Hohe Rat mit allen seinen Kniffen und
Beschlüssen gegen die Macht eines Menschen, der mit aller Macht des Geistes
Gottes ausgerüstet ist, ausrichten? – Nun habe ich geredet, und es steht nun
bei dir, uns zu sagen, ob ich recht geredet habe.“
149. Kapitel
[GEJ.07_149,01] Sagte Raphael: „Geredet hast
du wohl ganz gut und recht, und ich kann dir da nichts entgegenstellen, was
deine pure Rede betrifft; aber es ist bei uns vollkommenen Menschen nur das für
euch Fatale, daß wir auch eure innersten Gedanken sehen, und diese stimmten mit
deinen Worten nicht überein!“
[GEJ.07_149,02] Sagte der Pharisäer: „Wie
kann das sein? Wie kann man leicht anders reden und anders denken? Ist ja doch
das Wort selbst nichts anderes als gewisserart ein verkörperter Gedanke!“
[GEJ.07_149,03] Sagte Raphael: „Ja, ja, das
sollte er sein; aber bei euch ist er es noch nie gewesen und war es auch
diesmal nicht! Wenn dein Wort der laute Ausdruck deiner innersten Gedanken ist,
dann ist es Wahrheit; wenn du aber mit dem Munde wohl ein Bekenntnis
aussprichst, in deinem Gemüte aber ganz das Gegenteil dir denkst, dann ist dein
Wort keine Wahrheit mehr, sondern eine Lüge, die du wohl Menschen deiner Art
als eine Wahrheit aufdrängen kannst, aber Menschen unserer Art nicht, – denn
wir haben das Vermögen, daß wir auch die Gedanken der Menschen sehen und hören,
und da ist's mit der Lüge nichts!
[GEJ.07_149,04] Du hast wohl in dem Punkte
etwas Wahres gesagt, daß ihr euch beim Hohen Rate, so es sich irgend um die
Verfolgung des großen Propheten handeln werde, nicht mehr beteiligen würdet,
wie auch das, daß ihr all das angerichtete Böse nimmer gutmachen könntet, doch
was ihr noch irgend vermöchtet, auch wieder gutmachen wolltet; aber das alles
wollt ihr nur darum tun, weil ihr uns samt dem Propheten für Erzzauberer und
nicht für wahre Boten Gottes haltet. Vor uns als vor Erzzauberern aber habt ihr
nun eine große Furcht und wollet darum nicht wider uns sein. Ich aber sage es
euch, daß wir keine Zauberer, sondern wirkliche Boten Gottes sind; der große
Prophet aus Galiläa aber ist eigentlich kein Prophet, sondern Er ist das, was
die Propheten von Ihm geweissagt haben!
[GEJ.07_149,05] So ihr an Ihn glauben würdet,
da könntet ihr auch die Vergebung eurer Sünden erlangen; wenn ihr aber nicht an
Ihn glaubet und Seine Lehre nicht annehmet und auch nicht danach handelt, so
bleibt eure Sünde in euch und mit ihr auch der ewige Tod. Er allein ist der
Herr, wie das alle Propheten von Ihm geweissagt haben, und kann darum auch
jedem, der zu Ihm kommt, seine Sünden erlassen; aber als ein von euch
geglaubter Hauptzauberer wird Er euch eure vielen Sünden nicht erlassen und
vergeben!
[GEJ.07_149,06] Daß wir aber keine von euch
geglaubten Zauberer sind, das will ich euch sogleich zeigen. Sehet mich an, ob
ich etwas anderes bei mir habe als nur diesen meinen ganz leichten Faltenrock!
Ich aber frage euch nun: Was wollet ihr, das ich nun bloß durch meinen Willen
herstellen soll? Aber wählet etwas Gutes, Wahres und somit Vernünftiges!“
[GEJ.07_149,07] Hier dachten die beiden
Pharisäer nach, was sie wählen sollten, das herzustellen etwa dem vermeinten
jungen Zauberer nicht zu leicht möglich wäre.
[GEJ.07_149,08] Nach einer Weile sagten sie
(die beiden Pharisäer): „Gut, holder Freund, so stelle uns einen mit reicher
Frucht versehenen und völlig ausgewachsenen Feigenbaum her und das also, daß er
bleibe und jahrelang fortbestehe und Früchte trage! Wir werden aber die Frucht
auch sogleich kosten!“
[GEJ.07_149,09] Sagte Raphael: „Es steht zwar
geschrieben: ,Du sollst Gottes Allmacht nicht versuchen, sondern du sollst Gott
dienen!‘; aber da es sich hier bloß darum handelt, euch den Unterschied
zwischen einem Zauberer und einem Menschen, der mit dem Geiste aus Gott wirkt,
zu zeigen, so soll euer Verlangen auch alsbald erfüllt werden! Wo wollt ihr,
daß der Baum stehe?“
[GEJ.07_149,10] Sagte der Pharisäer: „Siehe,
dort, wo gegen den Rand des Hügels ein brauner Stein liegt, ebendort kannst du
ihn hinstellen!“
[GEJ.07_149,11] Sagte Raphael: „Gut denn, so
will ich, daß alsogleich ein Feigenbaum nach eurem ausgesprochenen Verlangen an
der bezeichneten Stelle stehe! Es sei!“
[GEJ.07_149,12] In dem Augenblick stand auch
schon der Feigenbaum an der bezeichneten Stelle. Da erschraken die Pharisäer
und die Leviten so sehr, daß sie sich vor lauter Angst und Staunen kaum ein
Wort zu reden getrauten.
[GEJ.07_149,13] Raphael aber sagte zu ihnen:
„Nun, der von euch verlangte Baum ist auf seinem Platze, strotzend vollbeladen
mit reifer Frucht; gehet nun hin und kostet die Feigen, und urteilet, ob sie
eine nichtige Zauberei oder eine volle Wahrheit sind!“
[GEJ.07_149,14] Darauf sagte ein Pharisäer:
„O du allmächtiger Bote Jehovas, das sehen wir nun schon, daß das ewig keine
Zauberei, sondern die Macht und Kraft des Geistes Gottes im Menschen ist! Gott
möge es uns vergeben, daß wir gegen Seine Allgewalt gefrevelt haben! Wir
getrauen uns nicht, die Frucht, die Gottes Allmacht nun gar so wundersam
geschaffen hat, zu kosten; denn das hieße Gott noch mehr versuchen!“
[GEJ.07_149,15] Sagte Raphael: „Oh, oh, so
fromm seid ihr noch lange nicht! Ihr fürchtet nur, daß euch diese Frucht
schaden könnte, und ihr getrauet euch nur darum nicht, sie zu kosten! Es sollen
aber die anderen Menschen zuvor hingehen und die Früchte kosten; ihr werdet
dann ja doch sehen, ob euch die Früchte schaden werden?!“
[GEJ.07_149,16] Darauf begaben sich sogleich
Nikodemus, Joseph von Arimathia und noch einige zu dem schönen Baume, lösten
gleich mehrere Feigen von den Zweigen, verzehrten sie mit großer Lust und
lobten sehr den Wohlgeschmack. Da gingen auch die Pharisäer hin und kosteten
auch die gar herrlich aussehenden und sehr zum Genusse lockenden Feigen und
konnten den Wohlgeschmack nicht genug rühmen.
[GEJ.07_149,17] Als sie etliche von den Feigen
verzehrt hatten, gingen sie ganz voll Staunen wieder zum Engel hin,
betrachteten ihn vom Kopfe bis zum Fuße und sagten nach einer Weile (die
Pharisäer): „Bist du, junger Mensch, wirklich auch nur bloß ein Mensch wie wir,
oder bist du irgendein höheres Wesen?“
[GEJ.07_149,18] Sagte Raphael: „Ja, ich bin
nur gar sehr ein Mensch, aber freilich wohl nicht euch gleich; denn ihr seid
bisher eigentlich noch keine wahren Menschen, sondern nur halbbelebte
Menschenformen, denen aber noch vieles abgeht, bis sie zu vollkommenen Menschen
werden. Was wollet ihr noch, daß ich euch zeigen soll?“
[GEJ.07_149,19] Sagten die Pharisäer, denen
nun doch endlich einmal ein Licht aufgegangen war: „O du lieber, sicher gleich einem
Samuel und David vom Geiste Jehovas erfüllter Jüngling, es genügt uns dieses
Zeichen! Uns reut es, daß wir das eine Mal Gott versuchten und ein Zeichen von
dir verlangten; wir glauben nun schon ganz vollkommen, daß das keine Zauberei,
sondern ein reines Gotteswunder ist. Es wäre ein Frevel, so wir, wie gesagt,
noch ein weiteres Zeichen von dir verlangten; du selbst aber als ein in aller
Gnade Gottes stehender Jüngling kannst nach deinem eigenen Willen tun, was dir
gefällig ist.
[GEJ.07_149,20] Uns deucht es nun ohnehin,
daß du auch der wunderbare Erbauer jener großen Feldsäule bist, die man von
hier aus noch recht gut sehen kann. Denn sie ist nicht auf eine natürliche Art
und Weise dorthin gekommen, weil man nicht die allergeringste Spur von durch die
Aufstellung einer so schweren Säule notwendig bewirkten Boden- und
Grasverwüstungen entdecken kann; sie muß also wundersam entstanden sein. Und so
es dir durch die Gnade und Kraft Gottes in dir möglich ist, solch einen Baum
voll reifer und höchst wohlschmeckender Feigen in einem schnellsten Augenblick
zu erschaffen, – warum sollte es dir nicht möglich sein, jene Säule eben auf
die gleiche Weise ins Dasein zu rufen?!
[GEJ.07_149,21] Denn bei Gott, der die ganze
Erde mit allem, was sie trägt und nährt, aus nichts erschaffen hat, muß ja
alles möglich sein; in dir aber wirkt auch Gottes Gnade und Macht, und so muß
auch dir alles möglich sein. Du darfst nur fest wollen, und es ist schon alles
da, was du willst! Davon sind wir nun schon vollkommen überzeugt und bedürfen
keines noch andern Zeichens von dir. Aber du hast Weisheit und Macht und kannst
darum dennoch tun, was dir wohlgefällig ist.“
150. Kapitel
[GEJ.07_150,01] Sagte Raphael: „Nun gut denn,
so werde ich es auch also machen! Da ihr nun angenommen habt, daß ich auch der
Erbauer und Aufsteller jener Feldsäule dort am Wege nach Jerusalem bin, so sage
ich euch nun hinzu, daß es auch also ist. Es ist aber dadurch dargetan, daß die
Sache, sich also verhaltend, die Gewißheit darstellt, daß der innerste Geist im
Menschen auch ein Herr aller Naturkräfte, die in allen Elementen walten, ist
und sein muß, weil sie ohne den Geist, der aus Gott ist und allenthalben wirkt,
gar nicht da wären; ist er aber unleugbar das, so muß ihm auch alles nach den
ewigen Normen der göttlichen Ordnung möglich sein.
[GEJ.07_150,02] Bevor aber ein Mensch zu
solcher Fähigkeit gelangt oder gelangen kann, muß er sich durch die
allergenaueste Befolgung des Willens Gottes, der ihm durch Moses und durch die
Propheten geoffenbart worden ist, eben diesen Willen Gottes so sehr zu eigen
machen, daß er dann frei aus sich nicht anders handeln kann, als wie es ihm der
Wille Gottes in seinem Herzen weist, – was für den, der Gott erkannt hat und
Ihn über alles liebt, eben nichts Schweres ist, weil ihm die Liebe zu Gott dazu
die Kraft stets in dem Maße erhöht erteilt, als er im Herzen in der Liebe zu
Gott wächst und in solcher Liebe auch in der Liebe zum Nächsten.
[GEJ.07_150,03] Hat sich ein Mensch auf diese
Weise mit Gott geeint, so ist er auch schon erfüllt mit dem Geiste aus Gott;
denn die Liebe zu Gott und die Erfüllung Seines heiligen Willens ist ja eben
schon der vollauf tätige Geist Gottes im Menschen, weil dessen neuer Wille
nicht mehr des Menschenfleisches schwacher und ohnmächtiger, sondern der allmächtige
reine Gotteswille ist.
[GEJ.07_150,04] Wer aber solchen Willen
völlig in sich hat, dem muß dann ja auch offenbar alles möglich sein, was er
will; denn was er dann will, das will auch Gott in ihm, – Gott aber ist doch
sicher wohl alles möglich!
[GEJ.07_150,05] Darum sollet ihr euch eben
nicht so sehr wundern, wenn die alten Propheten gar oft große Zeichen wirkten.
Denn sie wirkten aus sich als pure Menschen ebensowenig irgendwelche Zeichen,
wie ihr je wahre Zeichen gewirkt habt; da sie aber durch ihren reinen
Lebenswandel oft schon von der Wiege an voll des Geistes aus Gott waren, so
wirkte dieser allmächtige Geist die großen Wunderzeichen, und dieser Geist
erfüllte auch ihre Herzen mit dem Lichte aller Weisheit aus Gott, und was sie
dann aus solcher Weisheit zum Volke redeten, das war nicht mehr Menschen-,
sondern Gottes Wort.
[GEJ.07_150,06] Da ich aber, wie auch noch
einige von diesen hier sich befindenden Menschen, eben auch also mit dem Geiste
und Willen Gottes erfüllt bin, so muß mir ja alles werden, was der Wille Gottes
in mir will, und es kann sich mir nichts widersetzen. So ich diese ganze Erde
zertrümmern und völlig zerstören wollte, so würde das, wenn ich ernstlich
wollte, ebenso sicher gelingen, als es mir nun gelingen wird, jenen dort am
ziemlich fernen Gebirge hervorragenden großen Felsen in einem Augenblick zu
zerstören.
[GEJ.07_150,07] Sehet hin, dort zwischen
Mitternacht und Morgen befindet sich eben der erwähnte stark vorspringende
Fels, dessen Vernichtung wohl niemandem einen Schaden bringen wird, da er
ohnehin den Besitzern jenes Berges und dessen Waldungen mehr zum Schaden als zu
irgendeinem Nutzen gereicht. Ich will, – und seht, der Fels besteht nicht mehr!
Seine ganze Masse befindet sich nun schon bei tausend Tagereisen weit von hier
in der Tiefe eines großen Meeres!“
[GEJ.07_150,08] Sagten die Pharisäer ganz
erstaunt: „Aber wir sahen ihn nicht von dannen sich heben und durch die Luft
fliegen!“
[GEJ.07_150,09] Sagte Raphael: „Habt ihr ja
zuvor doch auch diesen Baum nicht langsam aus dem Boden emporwachsen sehen! Was
der Geist Gottes will, das geschieht so, wie Er es will; denn Zeit und Raum
kommen bei Ihm in keinen Anschlag. Will Er aber, daß da alles in einer
zeitenfolgerechten Ordnung geschieht, wie ihr das an der Natur der Dinge dieser
Erde sehet, so geschieht es auch also, wie Er es will; denn die Zeit wie der
Raum sind auch Dinge, die da stets und ewig hervorgehen aus Seinem Willen und
aus Seiner Ordnung!
[GEJ.07_150,10] Die Zeder wächst nach Seinem
Willen oft viele Jahrhunderte hindurch, bis sie zu ihrer größten Größe und
Stärke gelangt, eine Kleepflanze ist mit ihrer Vollendung in wenigen Tagen
fertig; siehst du aber den Blitz aus einer Wolke fahren, so braucht er sehr
wenig Zeit zu seiner Herabkunft von der Wolke bis zur Erde, und so sehet ihr
aus dem, daß dem Geiste Gottes alle Dinge möglich sind. – Begreifet ihr nun
etwas davon?“
[GEJ.07_150,11] Sagten die noch immer höchst
verblüfften Pharisäer: „Ja, ja, wir begreifen das nun wohl schon so, wie das
Menschen von unserer alten Blindheit begreifen können; aber die ungeheure
Schnelligkeit des Erfolgs des göttlichen Willens im Menschen, wie nun in dir,
werden wir wohl schwerlich je begreifen! Das gewisse Hier und Dort zugleich,
das faßt ewig kein noch so heller Menschenverstand.“
[GEJ.07_150,12] Sagte Raphael: „Warum denn
das nicht? Könnet ihr euch in euren Gedanken nun nicht sogleich zum Beispiel in
eure Wohnungen versetzen?“
[GEJ.07_150,13] Sagte ein Pharisäer: „O ja,
das wohl, – aber natürlich ohne die allergeringste Wirkung!“
[GEJ.07_150,14] Sagte Raphael: „Das sicher,
weil ihr mit dem alles erfüllenden, alles durchdringenden und überall wirkenden
Geiste aus Gott nicht eins seid! Dieser Geist ruht zwar wohl im innersten
Zentrum eurer Seele, aber er ist da noch ganz isoliert von dem allgemeinen
Geiste, weil er durch eure zu geringe Liebe zu Gott auch eine viel zu geringe
Nahrung hat, daß er sich in der Seele ausbreiten, sie durchdringen und sich
also durch euer ganzes Wesen ausbreiten könnte, das heißt nicht etwa räumlich,
sondern in der Sphäre der Willensfähigkeit, die in ihm ebenalso vorhanden ist
wie in Gott Selbst, von dem er als ein unverwüstbares Lebensfünklein in das
Herz der Seele gelegt wurde.
[GEJ.07_150,15] In der Willenssphäre
ausbreiten heißt aber, daß die Seele selbst ihren Willen dem erkannten Willen
Gottes völlig unterordnet und sich freiwillig ganz von ihm beherrschen läßt.
[GEJ.07_150,16] Ist das der Fall, daß sich
eine Seele, gleichsam wie von außen herein, von dem erkannten und genau
befolgten Willen Gottes bis in ihr Innerstes durchdringen läßt, so erweckt
dieser erkannte und befolgte Wille Gottes den in der Seele Innerstem ruhenden
und schlummernden Geist aus Gott. Dieser vereinigt sich dann alsbald mit dem
ihm gleichen, die ganze Seele durchdrungen habenden Willensgeiste, der der
eigentliche Geist Gottes ist, ist dann eins mit ihm in allem, wie das Gott –
wennschon für Sich in einem noch endlos höheren Grade – auch also ist und
bleibt, gleichsam wie da auch eins ist ein Auge dem andern, obschon bei einem
Menschen auch ein Auge stets schärfer und leichter sieht als das andere.
[GEJ.07_150,17] Wenn der Mensch es dahin
gebracht hat, dann ist sein Gedanke, mit dem er sich an irgendeinen noch so
fernen Ort versetzt hat, kein leerer und wirkungsloser, sondern er stellt die
ganze, alles bewirken könnende Wesenheit eines solchen vollkommenen Menschen an
den Ort geistig hin. Diese sieht, hört und vernimmt alles, weil sie mit dem
endlosen Willensgeiste alles durchdringt und beherrscht, ohne dadurch nur einen
Augenblick ihre individuelle Selbständigkeit zu verlieren. Weil sie aber alles
durchdringt und beherrscht, so kann sie auch als ein mit dem wahren Geiste
Gottes erfüllter Gedanke alles bewirken in einem Augenblick, was der
vollkommene Mensch will.
[GEJ.07_150,18] Aber solange der Mensch
diesen seligsten und allein wahren Lebenszustand nicht erreicht hat, vermag er
seine Gedanken und Ideen nur durch seine Leibesglieder in irgendeine
unvollkommenste Verwirklichung zu bringen, und das nur in der gerichteten
Naturmäßigkeit. Der Gedanke für sich aber ist nichts anderes als dein Abbild in
einem Spiegel – ohne Wesenheit, ohne Kraft und ohne alle Macht. Aber das sagt
er dir dennoch, daß du dich in ihm augenblicklich in einem noch so fernen Orte
befinden kannst, wenn auch nach der dir gemachten Erklärung ohne alle Wirkung.
[GEJ.07_150,19] Du wirst nun wohl verstehen,
wie es mir möglich war, jenen Fels dort am ziemlich fernen Gebirge abzulösen
und ihn in die Tiefe eines fernsten Meeres zu versenken.
[GEJ.07_150,20] Ich habe vor euch diese
Zeichen aber nicht darum gewirkt, um euch vor uns in irgendeine Furcht zu
versetzen oder euch zur Annahme einer neuen Lehre, die eigentlich wohl die
älteste Lehre auf der Erde ist, zu nötigen, sondern bloß darum habe ich die
Zeichen gewirkt, um euch zu zeigen den rechten Weg zur Gewinnung der wahren und
vollkommenen Lebenskraft aus Gott, ohne die der Mensch in seiner Seele so lange
so gut wie wahrhaft tot zu betrachten ist, solange er nicht nach der Art, die
ich dir gezeigt habe, völlig eins mit dem Willen Gottes geworden ist.“
151. Kapitel
[GEJ.07_151,01] (Raphael:) „Ihr mit eurem
gänzlich verkehrten und von Gott völligst abgewichenen Tempelwesen aber seid
noch überaus ferne davon und werdet euch davon noch immer mehr entfernen! Ihr
hoffet auf einen weltlichen Messias, der euch aus der euch über alles verhaßten
Botmäßigkeit der Römer befreien und aus euch wieder ein großes und gefürchtetes
Volk machen werde; aber solch ein Messias wird ewig nicht zu euch kommen.
[GEJ.07_151,02] Es ist aber der verheißene,
wahre Messias in der Person des euch so sehr verhaßten Galiläers zu euch
gekommen und will bei euch ein geistiges Reich auf Erden gründen und euch geben
das verlorene Paradies, das da ist die bei euch gänzlich verlorengegangene
Erkenntnis des einen, wahren Gottes und Seines Willens, was da endlos höher
steht denn alle Reiche und Schätze der Erde; allein, ihr wollet das nicht und
verfolget den Heiligsten aller Heiligkeit in Gott und wollet Ihn sogar fangen
und töten.
[GEJ.07_151,03] Urteilet da selbst, ob ihr
durch solche eure Denkungs- und Handlungsweise je in einen Zustand des des
wahren und vollkommenen Lebens eines Menschen gelangen könnet! Redet nun und
gebet mir eine rechte Antwort!“
[GEJ.07_151,04] Sagte ein Pharisäer: „Ja, ja,
du hast wahrlich in allem recht geredet, und wir sehen nun die große Wahrheit
ein, daß wir durch unsere ganz eigene Schuld so endlos weit vom wahren Ziele
des Menschenlebens uns entfernt haben; aber wir sehen nun auch, daß wir auf
diese Weise so gut wie rettungslos verloren sind. Denn der Tempel wird in
seiner übergroßen Verblendung seine Gesinnung nicht ändern, und so sind wir
verloren, und die Bedeutung der Zeichen am Himmel in der vorigen Nacht ist uns
jetzt erst so recht sonnenklar geworden.
[GEJ.07_151,05] Was uns vier allhier
betrifft, so werden wir wohl nach allen unseren Kräften auf den Wegen zu
wandeln anfangen, die du uns gezeigt hast; aber unser sind etliche Tausende,
die noch um vieles finsterer und ärger sind, als wir je waren, bei denen dieses
Licht nie zum Leuchten kommen wird. Was wird aus diesen werden, so sie in ihrer
Bosheit hartnäckig verharren?“
[GEJ.07_151,06] Sagte Raphael: „Die
Gelegenheit ist da und wird noch eine kurze Zeit bei euch verharren. Wer da
freiwillig kommen wird, der wird angenommen werden; wer aber nicht kommen wird,
sondern verharren wird in seiner Blindheit, der wird zugrunde gehen. Denn
aufgedrungen wird die Lehre zur Gewinnung des inneren Lebens niemandem, weil
ihm das für seine Seele auch nichts nützen würde. Das Naturleben auf dieser
Erde wird dem Menschen wohl gegeben, – aber das innere Leben muß er selbsttätig
erwerben.
[GEJ.07_151,07] Ich sage es euch: Das
Geheimnis und das Bedürfnis des inneren vollkommenen Lebens liegt jedem
Menschen so nahe und so klar auf der Hand, daß wahrlich die Sonne am hellsten
Mittage nicht klarer scheinen könnte! Aber es hilft das bei der notwendigen
Freilassung der Selbstbestimmung der Menschenseele am Ende dennoch nicht viel,
weil der Mensch von Natur aus träge und somit untätig ist, was denn auch wieder
notwendig ist, weil der Mensch sonst keine Gelegenheit hätte, sich selbst zum
Leben zu erwecken, um auf diese Weise ein gleich selbständiger Meister seines
wahren Lebens zu werden.
[GEJ.07_151,08] Aber die größte Anzahl von
Menschen dieser Erde läßt sich aus ihrem süßen Trägheitsschlafe nicht einmal so
weit wachrütteln, daß sie doch wenigstens einmal erführe, wie höchst wunderbar
angenehm der werdende Tag anbricht. Sie schläft lieber in den halben Tag
hinein, und wenn sie dann doch endlich einmal wach wird, so wird sie erst recht
ärgerlich, daß es schon hellster Tag geworden ist, der sie nicht noch eine
Zeitlang so ganz ruhig schlafen ließ.
[GEJ.07_151,09] Da frage ich im Namen des
Herrn: Wem soll man denn ein solches Menschengeschlecht vergleichen? Die Tiere
haben ihre Zeit zur Ruhe und zu ihrem Schlafe. Wenn sie wach sind, so sind sie
tätig in ihrer Art, gleich den Ameisen und Bienen, und sorgen treulich für ihre
Zukunft – denn solches liegt in ihrem Instinkt –; aber der Mensch trotz aller
Offenbarung, weil er notwendig einen ganz freien Willen hat, gefällt sich in
seiner Trägheit und will nicht das Licht, sondern nur die Nacht und die vollste
Finsternis, damit er fortwährend desto behaglicher seinen todbringenden Schlaf
fortpflegen kann.
[GEJ.07_151,10] Was kann aber Gott, der mit
Seiner Allmacht in das Leben eines Menschen nicht mehr so wie bei den Pflanzen
und Tieren einwirken kann und darf, um aus dem freiesten und völlig selbständig
sein sollenden Menschenleben kein gerichtetes Tier- oder Pflanzenleben zu
gestalten, da anderes tun, als was sorgsame Eltern, denen das Heil und Wohl
ihrer Kinder am Herzen liegt, ihren schlafsüchtigen Kindern tun?
[GEJ.07_151,11] Sie versuchen, die Kleinen
mittels allerlei Lärm aufzuwecken; und wollen die Kinder das Bett noch immer
nicht verlassen, so müssen sie – die Eltern nämlich – nach einer Rute greifen
und den zu schlafsüchtigen Kindern einige etwas unangenehme Ratschläge
erteilen, die ihnen auf eine handgreifliche und wirksame Weise sagen, daß es
schon sehr an der Zeit sei, aufzustehen und sich den Geschäften des hellen
Tages zu widmen.
[GEJ.07_151,12] Und sehet, dasselbe tut
gerade nun, wie auch allzeit, der Herr mit den Menschen! Oft und oft ruft Er
sie durch Seine erleuchteten Boten, daß sie wach werden sollen am schon ganz
hellen Tage; aber die Kinder achten des Rufes der Boten nicht, beschimpfen sie
gar, schaffen sie aus dem Hause und tun ihnen sogar Leid an. Da kommt der Vater
Selbst und sagt laut: ,Aber Kinder, es ist schon heller Tag geworden; stehet
auf, und gehet an euer leichtes Tagesgeschäft!‘
[GEJ.07_151,13] Da tun die Kinder, wie die
Israeliten zu Mosis Zeiten, als wollten sie im Nu aufwachen und aufstehen zum
leichten Tagesgeschäft. Wenn aber der Vater das Schlafgemach wieder verläßt auf
eine kurze Zeit, da achten die Kinder Seines Rufes nicht mehr, sondern schlafen
alsbald wieder ein und schlafen noch ärger ein denn zuvor.
[GEJ.07_151,14] Der Vater sendet wieder
Boten, daß sie nachsähen, ob die Kinder schon aus dem Bette sind; aber die
Boten kommen zurück und sagen: ,Vater, Deine Kinder schlafen nun noch ärger
denn je zuvor einmal!‘ Da sagt der Vater: ,Ah, das geht nicht! Davon müssen wir
sie abbringen; denn sonst gehen sie Mir noch alle zugrunde. Nun muß die Rute in
Anwendung gebracht werden!‘
[GEJ.07_151,15] Da kommt der Vater abermals
Selbst mit der Rute. Und siehe, einige, Kinder springen aus Furcht vor der Rute
wohl aus dem Bett des Todes, ziehen sich an und gehen noch ganz schlaftrunken
an ihr Tagesgeschäft und murren, weil der Vater sie mit der Rute zum Wachen und
Arbeiten geweckt hat; aber der größte Teil der Kinder läßt die Rute über sich
schwingen, gerät in eine blinde Zornwut, steht hastig auf, stürzt sich dann auf
den Vater und würgt Ihn. Was verdienen solche Kinder dann?“
[GEJ.07_151,16] Sagen die Pharisäer: „Oh,
wehe solchen Kindern! Über die wird der tief beleidigte Vater in einen
mächtigen Zorn geraten und wird sie verstoßen aus Seinem Hause und nimmerdar
erkennen als Seine Kinder. Sie werden in der Fremde und in den Wildnissen der
Erde gleich den Hunden unter den harten Heiden umherirren müssen und da und
dort den Dienst der elendesten Sklaven verrichten. Wer wird sich da ihrer
erbarmen?!“
[GEJ.07_151,17] Sagte Raphael: „Nur der Vater
allein, so sie reuig zu Ihm wieder zurückkehren; die aber nicht werden
zurückkehren wollen, die wird der Vater nicht irgend eigens aufsuchen lassen
und sie mahnen zur Umkehr, sondern sie werden im Elende belassen werden so
lange, bis sie dasselbe selbst zur Umkehr nötigen wird.
[GEJ.07_151,18] Aber ihr gehöret nun unter
jene Kinder, die sich doch noch, wenn auch mit vieler Mühe von des Vaters Seite
und vielen Murren von ihrer Seite, am hellsten Tage aus dem Schlafbett haben
treiben lassen. Da ihr nun einmal aus dem Bett seid, so steiget nicht wieder in
dasselbe, sondern bleibet auf dem offenen Felde am Tage des Vaters, so wird
euch der Vater liebgewinnen und euch helfen bei der Arbeit der Vollendung eures
Lebens; kehret ihr aber in euer altes Bett zurück, so werdet ihr den herzlosen Zuchtmeistern
übergeben werden, welche da heißen: Armut, Not, Elend, Blindheit,
Verlassenheit, Schmerz und Verzweiflung!
[GEJ.07_151,19] Denn der Mensch birgt in sich
die sieben Geister Gottes, die in ihm das seligste ewige Leben bereiten. Ebenso
hat er auch in sich die sieben Geister der Hölle, wie ich sie zuvor benannt
habe. Diese bereiten in ihm den unter ihren Bedingnissen ewigen Tod und seine
Qualen.
[GEJ.07_151,20] Was ich euch aber jetzt
gesagt habe, ist ewige Wahrheit aus Gott. Wenn ihr euch danach kehren werdet,
so werden euch eure Sünden vergeben werden, und ihr werdet zur Vollendung des
Lebens eurer Seelen gelangen.“
152. Kapitel
[GEJ.07_152,01] Hierauf fragte der zweite
Pharisäer, sagend: „O du vom Geiste Gottes voll erfüllter junger und – sage –
zweiter Samuel! So wir doch noch möglicherweise zur Vollendung des inneren
Lebens gelangen könnten, würden wir da auch zu der inneren Kraft gelangen, die
wir an dir, wir zuvor an dem vollkommenen Menschen aus Oberägypten erprobt
haben?“
[GEJ.07_152,02] Sagte Raphael: „Es gibt keine
Vollendung des Lebens, mit der nicht auch die innere Kraft eng verbunden wäre,
weil das vollendete Leben auch die vollendete Kraft selbst ist. Doch ist in der
Gabe des Geistes aus Gott an die Menschen, je nach ihrer inneren Eigentümlichkeit,
auch notwendig eine Verschiedenheit, und diese Verschiedenheit ist darum da,
damit in alle Ewigkeit die seligen Geister sich gegenseitig dienen können nach
dem Maße ihrer Liebe zu Gott und aus dieser Liebe zu sich gegenseitig.
[GEJ.07_152,03] Daher erhält der eine in der
Vollendung seines inneren Lebens die Gabe der Vorsehung, der andere die Gabe
der Weisheit im Ausdruck des Wortes und der Rede, ein anderer die Gabe der
Erfindung und Schöpfung, wieder ein anderer die Gabe der Stärke des Willens,
ein anderer die Kraft der Liebe, und wieder ein anderer die Gabe in der Macht
des Ernstes, ein anderer die der Geduld, und wieder ein anderer besonders die
Gabe der Macht der Erbarmung, und wieder ein anderer die der Macht der Demut.
Und so fort ins Endlose ist bei einem dies und bei einem andern jenes
vorwiegend, auf daß, wie schon gesagt, ein Geist den andern in diesem oder
jenem unterstützen kann; doch im Notfall hat auch ein jeder Geist in sich alle
Fähigkeiten vereint und kann wirken in jeder erdenklichen und noch so
besonderen Gabe des Geistes aus Gott.
[GEJ.07_152,04] Wenn ihr bei der möglichen
Vollendung eures inneren Lebens denn auch nicht gerade meiner Gabe auf dieser
Erde völlig habhaft werdet, so werdet ihr aber einer andern Gnade und Gabe habhaft
und werdet mit ihr euren Nebenmenschen ebenso dienen können, wie ich nun euch
mit meinen Gaben gedient habe. Wer aber einmal einer besonderen Gnade und Gabe
aus Gott teilhaftig wird in einem besonderen Grade, der wird in allen anderen
Gaben nicht stiefmütterlich gehalten werden.
[GEJ.07_152,05] Daß sich das aber also
verhält, das könnet ihr schon aus den endlos verschiedenen Talenten,
Fähigkeiten und Eigenschaften der Menschen auf dieser Erde schließen. Der eine
ist ein besonders guter Redner, der andere ist ein Maler, ein anderer ein
Sänger, wieder ein anderer ein vorzüglicher Rechner, ein anderer ein
Mechaniker, noch ein anderer ein Baumeister; der eine ein Zeugmacher, Weber,
ein anderer ein Apotheker, ein anderer ein Bergwerksmann. Und so ist ein jeder
mit irgendeinem besonderen Talent schon von Natur aus begabt; aber er ist trotz
des ihm eigentümlichen besonderen Talentes auch mit allen andern menschlichen
Fähigkeiten, wennschon in einem minderen Grade, beteilt und kann jede derselben
durch Mühe und Fleiß zu einer wahren Vollendung ausbilden.
[GEJ.07_152,06] Wie ihr nun aber diese
Verschiedenheit schon hier wahrnehmen müsset, so werdet ihr es auch einsehen,
daß die Verschiedenheit der Gaben des Geistes Gottes an die Lebensvollendeten
eine noch ums unaussprechbare viel entschiedenere ist und sein muß, weil ohne
eine solche Verschiedenheit keine wahre und allerlebendigste Seligkeit möglich
wäre.
[GEJ.07_152,07] Ja, der Weg bis zur
Lebensvollendung ist für jedermann ein gleicher. Er gleicht völlig des Ausflusse
des Lichtes aus der Sonne und dem Herabfallen des Regens aus der Wolke. Aber
dann schaue dir die endlos verschiedene Wirkung des gleichen Sonnenlichtes und
des ebenso gleichen Regens sowohl im Reiche der Mineralien als auch der
Pflanzen und der Tiere an! Wie du aber da eine endlose Verschiedenheit schon in
der Kreatur der Materie merken mußt, eine desto größere Verschiedenheit ergibt
sich dann erst im lebensvollendeten Reiche der seligsten Engel. Und das hat
Gottes höchste Weisheit und Liebe darum also angeordnet, damit die Seligkeit
der Geister eine desto größere werde.
[GEJ.07_152,08] Darum fraget nicht, ob ihr
eben auch in eurer möglichen Lebensvollendung meine Eigenschaften überkommen
werdet, sondern wandelt in aller Demut und Liebe nur auf dem euch nun
bekanntgegebenen Lichtwege unaufhaltsam fort, und ihr werdet dann schon ganz
hell und lebendig innewerden, zu welcher Gabe des Geistes aus Gott ihr werdet
gelangt sein!
[GEJ.07_152,09] Der Leib des Menschen hat ja
auch höchst verschiedene Teile und Glieder, die alle lebendig und in ihrer Art
zur Erhaltung des ganzen Menschen tätig sind; habt ihr aber schon je in euch
unter den Teilen und Gliedern eures Leibes eine Klage in der Art etwa
vernommen, daß die linke Hand lieber die rechte wäre, oder der Fuß lieber das
Haupt, oder das Auge lieber das Ohr, oder umgekehrt?
[GEJ.07_152,10] Wenn der Leib ganz gesund
ist, so ist auch ein jeder seiner Teile und Glieder ganz vollkommen mit seiner Stellung,
Lage, Bestimmung und Eigenschaft zufrieden und wünscht sich ewig keinen
Umtausch.
[GEJ.07_152,11] Und sehet, ebenso steht es in
der Gesellschaft der Menschen und Geister, die in ihrer Gesamtheit auch einem
Menschen gleicht! Da vertritt ein Teil die Augen – das sind die Seher –, ein
Teil die Ohren – das sind die Vernehmer –, ein Teil die Hände – das sind die
Tatkräftigen –, ein Teil die Füße – das sind die stets zum höheren Licht
vorwärts Schreitenden –, ein Teil das Herz – das sind die Mächtigen in der
Liebe –, ein Teil den Magen – das sind die Aufnehmer vom Guten und Wahren aus
Gott, die dadurch die ganze Gesellschaft ernähren –, ein Teil ist wieder gleich
dem Gehirne – das sind die Weisen, die da gleichfort die ganze Gesellschaft
ordnen –, und so geht das vom Kleinsten bis zum Größten ins Unendliche fort,
und jedes noch so geringe Glied, und jede einzelne Fiber, der Gesellschaft ist
in seiner Art vollkommen mächtig und selig und teilhaftig der Fähigkeiten und
Eigenschaften der ganzen Gesellschaft, gleichwie da auch deine Füße vollkommen
teilhaftig sind des Lichtes deiner Augen und deine Augen der Fähigkeit deiner
Füße. Es freut sich dein Auge, daß es samt dem ganzen Leibe von den Füßen dahin
weitergetragen wird, wo es neue Wunder und Dinge erschaut und sich im Verstande
und Herzen darüber erfreut; aber diese Freude wird dann auch dem Fuße also
mitgeteilt, als wäre der Fuß selbst vollkommen das Auge, das Ohr, der Verstand
und das Herz selbst!
[GEJ.07_152,12] Wenn ihr das so recht
überdenket, so werdet ihr auch sicher mit jeder Gabe des Geistes Gottes, die
ihr nur immer überkommen werdet, mehr als vollkommen zufrieden sein können. –
Habt ihr mich aber nun auch wohl verstanden?“
[GEJ.07_152,13] Sagten die Pharisäer, im
höchsten Grade erstaunt über die Weisheit Raphaels: „O du wahrer, himmlischer
Samuel! Wie gar sehr weise bist du! Nun haben wir dich erst ganz verstanden!
Und das hast du alles von dem großen und weisesten Galiläer überkommen?“
[GEJ.07_152,14] Sagte Raphael: „Ewig alles
nur von Ihm!“
[GEJ.07_152,15] Sagten die Pharisäer: „Nun
erst möchten wir ihn selbst sehen und sprechen! Wir sind nun keine Feinde mehr
von ihm, sondern sehr reuige Freunde. Zeige uns seinen Aufenthalt an, daß wir
hingehen und ihm unseren innersten Dank darbringen können! Wir werden den
Tempel ganz sicher stehen lassen und ihm nachfolgen!“
153. Kapitel
[GEJ.07_153,01] Raphael aber berief nun,
statt den beiden Pharisäern auf ihre Frage nach Mir sogleich zu antworten,
Lazarus und Nikodemus zu sich und sagte erst hierauf zu den beiden Pharisäern:
„Kennet ihr diesen Mann, den besonders ihr am meisten zu verfolgen angefangen
habt, weil er euch am Ende doch nicht mehr das leisten konnte und wollte, was
alles ihr von ihm verlangt habt?“
[GEJ.07_153,02] Sagten die beiden Pharisäer: „Oh,
den überreichen Lazarus kennen wir sicher sehr wohl und wissen es auch, was wir
an ihm verbrochen haben! Was wir ihm werden zu ersetzen imstande sein, das
werden wir ihm auch nächstens aus unserem höchsteigenen Privatschatze ersetzen.
Aber wir haben seine Herberge auf dem Ölberge mit einem Fluche belegt, der im
Tempel eingetragen ist; den werden wir freilich nicht anders als mit einem
bedeutenden Lösegeld aus dem schwarzen Buche tilgen können. Wir aber werden dem
guten Lazarus das Geld aus unserem Schatze geben, und er wird damit den
lästigen Fluch schon löschen können!“
[GEJ.07_153,03] Sagte Raphael zu Lazarus:
„Bist du mit diesem Antrage zufrieden?“
[GEJ.07_153,04] Sagte Lazarus: „Ich bin damit
sicher ganz zufrieden, obschon ich da auch den aufrichtigen Willen schon fürs
Werk annehmen und somit auch euch beiden der beste Freund sein will und werde.
Übrigens muß ich euch, meine lieben Freunde, offen bekennen, daß mir euer Fluch
viel mehr genützt als irgend geschadet hat; denn dadurch sind alle Fremden gerade
mir zugeströmt, als sie das bei den Zöllnern in Erfahrung gebracht hatten, daß
meine Herberge vom Tempel aus verpönt sei. Denn da urteilten die Fremden also:
,Die Herberger der Stadt, denen die bekannt beste und billigste Herberge auf
dem Berge schon lange ein Dorn im Auge war, haben sich sicher mit allerlei
Opfern einerseits und mit ebenfalls allerlei lügenhaften Verleumdungen
anderseits hinter den bekannt höchst opfersüchtigen Tempel gesteckt und haben
das bewirkt! Jetzt gehen wir erst recht allein der Bergherberge zu und geben
ihr unser Geld für ihre sicher billigste und beste Bewirtung!‘
[GEJ.07_153,05] Und so sehet nun, ihr lieben
Freunde, wir ihr mir durch den Fluch nicht nur nicht geschadet, sondern nur
sehr genützt habt, und wie ich darum gar keinen Grund habe, auf euch ärgerlich
zu sein! Also ist es auch gar nicht nötig, den Fluch aus dem Buche löschen zu
lassen, da er meiner Herberge offenbar zum größten Nutzen gereicht.
[GEJ.07_153,06] Zudem aber ist noch das in
Betracht zu ziehen, daß mir ganz dasselbe begegnen kann, was schon mehreren
begegnet ist: sie haben den Fluch auch gelöst, – aber nach Verlauf eines
Jahres, und oft noch früher, hat der Tempel schon wieder einen Grund gefunden,
ihre Herberge von neuem wieder mit einem Fluche zu belegen, und der dadurch
Benachteiligte mußte dann das doppelte Lösegeld zahlen, so er seine Sache
entflucht haben wollte. Denn es heißt ja in eurer Regel: ,Wenn der erste Fluch
durch ein Opfer gelöst ist, aber aus bestimmten Gründen dieselbe Sache vom
Tempel aus noch einmal mit einem neuen Fluche belegt wird, so macht der neue
Fluch den alten auch wieder geltend, und es müssen darum zwei Flüche gelöst
werden. Und auf diese Weise kann sich die Sache bis zum zehnten Fluche
steigern.‘
[GEJ.07_153,07] Um aber diesen höchst
unnötigen Geldausgaben zu entgehen, läßt man den ersten Fluch stehen, besonders
so er einem mehr nützt als schadet, und wird ein fester römischer Bürger, – und
der Tempel kann dann im schwarzen Buche von Zeit zu Zeit zusammenaddieren und
sich die Summe anschauen, wie gut sie in den großen Opferstock zu legen wäre,
wenn sie jemand bezahlete!
[GEJ.07_153,08] Dafür also, daß ihr, nun
meine lieben Freunde, mir aus eurem Schatze das Lösegeld geben wollet, tuet
anderen verschämten Armen Gutes, weil ich den Tempelfluch wirklich recht gut
brauchen kann! Also könnet ihr auch mit dem Gelde tun, das ihr mir für den von
euch mir zugefügten Schaden zu geben willens seid; denn ich bin – dem Herrn
alles Lob – schon lange für alles mehr denn tausendfach entschädigt. Und so
wollen wir, wenn ihr allen Ernstes das tun wollet, was ihr diesem jungen
Freunde versprochen habt, auch so die besten Freunde für immer verbleiben!“
[GEJ.07_153,09] Sagte der eine Pharisäer:
„Das werden wir; denn wir haben hier Dinge erlebt, die uns ins höchste
Erstaunen gesetzt haben und nach allen Richtungen, hin und her, die allerpurste
Wahrheit sind, während dagegen unser ganzes Tempeltum schon ganz rein des
Satans ist. Wir werden uns daher ehestmöglich ganz aus dem Tempel entfernen,
wie das schon mehrere getan haben, und werden dann ganz unserer inneren
Überzeugung leben.
[GEJ.07_153,10] Dieser junge, gottähnliche
Freund, vor dem auch unsere innersten Gedanken nicht sicher sind, kann es dir
sagen, daß wir dazu metallfest entschlossen sind; aber nur den berühmten
Galiläer möchten wir zuvor noch sehen und sprechen und aus seinem Munde einige
Weisungen empfangen, was wir etwa noch zu tun haben, um möglicherweise noch
eher nur zu einem geringsten Grade der inneren Lebensvollendung zu gelangen,
als wir das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen werden.“
[GEJ.07_153,11] Sagte Lazarus: „Aber es hat
euch der junge Freund, ein echter Diener des Herrn, ja ohnehin alles gezeigt
und gesagt, was ihr für die Erreichung der inneren Lebensvollkommenheit zu tun
habt; ein mehreres wird euch auch der Herr Selbst nicht sagen!“
[GEJ.07_153,12] Sagte der Pharisäer: „Freund,
da hast du wohl ganz recht – denn es kann ja nur eine Wahrheit geben –; aber
diesen großen Mann Gottes nur zu sehen, muß für den, der an ihn zu glauben
angefangen hat, ja auch eine noch größere Zuversicht erwecken, als so man bloß
mit seinen Dienern und Jüngern spricht! Es ist bei uns wahrlich keine eitle
Neugier, ihn zu sehen und zu sprechen; sondern weil solches von ihm gehört und
nun auch gesehen haben, so ist in uns eine große und mächtige Liebe zu ihm
erwacht, und eben darum möchten wir ihn selbst irgendwo sehen und sprechen. Der
gotterfüllte junge Freund wird es sicher ganz genau wissen, wo er, der
Geheiligte Gottes, sich nun aufhält! Wäre er nun auch irgendwo in Galiläa, so
möchten wir ihm sogleich nachziehen, ihn aufsuchen und ihn um Lehre und Rat
bitten.“
[GEJ.07_153,13] Sagte Lazarus: „Hat Er ja
doch schon zu öfteren Malen im Tempel das Volk gelehrt! Habt ihr Ihn da denn
nicht gesehen und gar leicht selbst gesprochen?“
[GEJ.07_153,14] Sagten die Pharisäer: „Du
weißt es ja ohnehin, daß der sogenannte Hohe Rat im Tempelteile, der fürs Volk
bestimmt ist, beinahe gar nie zu sehen ist, weil er da nichts zu tun hat, und
so haben wir es wohl vernommen, daß er im Tempel war und daß er auch große
Zeichen gewirkt habe, – aber gesehen und gesprochen haben wir ihn nicht! Und so
möchten wir ihn denn eben jetzt aufsuchen, sehen und, wenn möglich, sprechen!“
[GEJ.07_153,15] Sagte Lazarus: „Aber ich weiß
es, daß doch viele Pharisäer, Schriftgelehrte und Älteste im Tempel Ihn gesehen
und gesprochen haben und gegen Ihn auch so feindlichst gesinnt wurden, weil Er
ihnen ihre Ungerechtigkeiten und Betrügereien vor dem Volke vorhielt! Da ist es
ja um so merkwürdiger, daß ihr im Hohen Rate nun nichts eifriger zu beschließen
hattet, als wir ihr den Herrn irgend fangen und dann aber auch sogleich töten
könntet! Und ihr als nach dem Hohenpriester die ersten Machthaber solltet im
Ernste Ihn bisher noch nicht gesehen und gesprochen haben?! Wahrlich, das
klingt denn doch ein wenig sonderbar!“
[GEJ.07_153,16] Sagte der Pharisäer: „Das
sicher, und doch ist es also! Ich sage dir nun sogar das, daß der große
Heilsmann sich nun sogar unter euch befinden könnte, und wir würden ihn sicher
nicht erkennen, so er selbst sich uns nicht zu erkennen geben würde! Wir
hielten heimlich schon diesen wahren zweiten Samuel dafür; nur kam er uns denn
doch etwas zu jung vor, da wir vernommen haben, daß der große Heilsmann schon
bei dreißig Jahre Alters haben soll, was uns aber auch nicht ganz genau bekannt
ist. Aber wir haben nun nur die größte Sehnsucht, ihn selbst zu sehen und zu
sprechen! Darum sage es uns doch, wo wir ihn sehen und sprechen können!“
[GEJ.07_153,17] Hierauf schwieg Lazarus, da
er merkte, daß Ich Selbst bei dieser Gelegenheit aus der Hütte hervortrat und
zu ihm herabkam.
154. Kapitel
[GEJ.07_154,01] Die Pharisäer aber wandten
sich, da ihnen Lazarus keinen Bescheid gab, wieder an Raphael und sagten: „Aber
sage du uns doch, warum wir von euch nicht erfahren dürfen, wo sich nun der
große Heilsmann aus Galiläa aufhält!“
[GEJ.07_154,02] Hier trat Ich vor die
Pharisäer und sagte: „Hier bin Ich, ein guter Hirte unter Meinen Lämmern, und
fliehe nicht, so da Wölfe sich Meiner Herde nahen; denn diese Lämmer sind Mein
eigen. Ich bin kein Mietling, der die Flucht ergreift, wenn er den Wolf unter
seine Herde kommen sieht. Der Mietling flieht, weil die Schafe nicht sein eigen
sind. Was kümmert ihn das Eigentum seines Dienstherrn?!
[GEJ.07_154,03] Ich aber bin der Herr Selbst,
habe lieb Meine Schafe, weil sie Mein eigen sind, Mich kennen und Meine Stimme
allzeit wohl vernehmen, wenn Ich sie rufe.
[GEJ.07_154,04] Ihr seid zwar auch Hirten;
aber die Schafe sind nicht euer Eigentum. Wenn ihr von ihnen nur Wolle habt,
dann kümmert ihr euch wenig mehr darum, ob die schon oft geschorenen Schafe von
Wölfen oder Bären zerrissen werden; denn das Fleisch der Schafe ist ja ohnehin
nicht euer.
[GEJ.07_154,05] Ihr seid anfangs auch als
reißende Wölfe unter diese Meine Herde gekommen, – aber Ich als ihr guter Hirte
bin darum nicht geflohen und habe nicht verlassen diese Meine Herde; denn ehe
Ich diese Herde verließe, gäbe Ich Mein Leben für sie. Tätet auch ihr das für
eure Herde?“
[GEJ.07_154,06] Sagte ein Pharisäer: „Herr
und Meister, wahrlich, bis zu dieser Stunde hätten wir das nicht getan; aber
nun, da wir der hohen Gnade teilhaftig geworden sind, dich selbst persönlich
kennengelernt zu haben, würden wir als auch nur deine letzten Mithirten auch unser
Leben für die Sicherung deiner Schafe wahrlich in die Schanze schlagen! Ja, wir
selbst waren gegen die Menschen bisher nichts als reißende Wölfe in
Schafpelzen! Aber es ist uns hier ein großes Licht aufgegangen, wir haben
unsere Gesinnung gänzlich geändert und wollen von nun an auch deine Jünger
sein. Denn in unserer Tempellehre waltet nichts als Tod und Gericht und des
Lebens größte Nacht und Finsternis; aber in deiner Lehre ist Licht, Leben und
dessen nie besiegbare Kraft, wovon wir die allerüberzeugendsten Beweise gesehen
haben.
[GEJ.07_154,07] Darum haben wir denn auch den
festen Entschluß gefaßt, den Tempel für immer zu verlassen und uns ganz nach
deiner Lehre zu richten, um dadurch vielleicht noch einen nur geringsten Grad
der wahren, inneren Lebensvollendung zu erreichen, wozu uns dein junger Diener,
wie zuvor auch dieser Mann aus Oberägypten, denn Weg ganz hell erleuchtet
gezeigt haben. Wir wollten aber dennoch auch dich selbst noch näher
kennenlernen, um von dir selbst etwa noch nähere Anweisungen dahin zu bekommen,
was alles wir tun sollen, um deiner Gnade nur in einem ganz geringen Grade
teilhaftig zu werden.
[GEJ.07_154,08] Vergib uns aber zuvor auch
unsere vielen und großen Sünden, besonders jene, die wir unmöglich mehr irgend
wieder gutmachen können! Was wir aber wieder gutmachen können, das werden wir
aus Liebe zu dir auch also wieder gutzumachen uns eifrigst bestreben, wie du
solches uns anzudeuten die Güte und Gnade haben wirst. Zugleich aber bitten wir
dich, o Herr und Meister, auch darum um Vergebung, daß wir dir hier lästig
geworden sind!“
[GEJ.07_154,09] Sagte Ich: „Ja, ja, es wäre
nun das von euch schon alles noch recht, wenn ihr nicht gar so viel und gar so
gewissenlos gesündigt hättet! Ein derartiges und vieljähriges Sündigen ohne Unterlaß
wider Gott, wider alle Nebenmenschen und sogar wider alle Natur hat eure Seelen
derart geschwächt und so gänzlich verunstaltet, daß es euch wohl eine sehr
große Mühe kosten wird, bis eure Seele in euch ein menschliches Aussehen
bekommen wird.
[GEJ.07_154,10] Ihr wußtet in eurer
hochaufgeblähten Weltblindheit freilich nicht, was ihr tatet, und seid nur
darum etwas zu entschuldigen; aber es hat von Mir aus an euch geheim ins Herz
gelegten Ermahnungen auch nie gemangelt, die euch laut sagten: ,Fürchte Gott
und tue nicht Unrecht den Menschen!‘ Aber dieser Ermahnungen achtetet ihr
nicht, und einer hielt den andern eure bösen Menschensatzungen vor und sagte:
,Es ist klüger, strenge nach den einmal aufgestellten Satzungen zu handeln, als
sich zur Unzeit seinen eigenen Barmherzigkeitsgefühlen zu überlassen und dann
zum Gespött der Angesehenen und Mächtigen des Landes zu werden!‘ Das hat euch
endlich ganz entmenscht, und ihr wurdet in eueren Seelen zu den allerwildesten
und reißendsten Raubtieren. Und sehet, da steckt es nun bei euch! Wie werdet
ihr nun aus euren blutdürstigen wahren Tigerseelen Menschenseelen machen?“
[GEJ.07_154,11] Sagten mehr kleinlaut die
beiden Pharisäer: „Ja, Herr und Meister, der du uns auch inwendig
durchschauest, das alles wird sich wohl sicher genaust also verhalten, wie du
das uns nun allergnädigst geoffenbaret hast; aber eben darum möchten wir ja von
dir einen Rat bekommen, wie uns zu helfen wäre. Wie wir von deinen Dienern
erfahren haben, so sind dir ja alle Dinge möglich, und wir sind da denn nun
auch voller Zuversicht, daß du auch uns noch wirst helfen können, wenn du nur
willst. Wahrlich, Herr und Meister, wir sind allerfestest bereit, alles zu tun,
was du uns zur Besserung unserer Seele nur immer anraten wirst!“
155. Kapitel
[GEJ.07_155,01] Sagte Ich: „Versprechen ist
um vieles leichter, als das Versprochene halten! Ihr hänget noch zu sehr an der
Welt und an euren großen Schätzen, an denen viel Blut von Witwen und Waisen
klebt, und das ist für die Weltmenschen stets jene große Kluft, über die sie
höchst schwer kommen.
[GEJ.07_155,02] Doch wie bei Gott alle Dinge
möglich sind, so ist es auch dem noch so verstockten Weltmenschen und Sünder
möglich, sich bald und wirksam zu ändern, wenn er ernstlich im vollen Glauben
und Vertrauen auf Gott das tut, was die göttliche Weisheit ihm rät. Er muß da
an sich selbst durch einen plötzlichen Umschwung seines Willens ein wahres
Wunder wirken, und zwar in der gänzlichen Selbstverleugnung bezüglich aller
seiner früheren Schwächen, Gewohnheiten, Gelüste und argen Leidenschaften, die
aus ungegorenen und sehr unlauteren Naturgeistern seines Fleisches in die Seele
aufsteigen und sie verunreinigen und verunstalten.
[GEJ.07_155,03] Nun zählet aber nach, mit wie
vielen allerartigen Leidenschaften ihr behaftet seid! Fasset den ernstesten
Willen, sie alle zu verlassen und dann Mir nachzufolgen! Könnet ihr das, so
könnet ihr auch bald zu einer inneren Lebensvollendung gelangen; aber ohne das
ist es sehr schwer und sehr mühevoll.“
[GEJ.07_155,04] Sagten die Pharisäer: „Was
den ernsten Willen anbelangt, so soll es bei uns an solchem keinen Mangel
haben; denn hatten wir doch des ernstesten Willens zur Sünde in Hülle und
Fülle, warum sollten wir ihn nicht auch haben zur Erfüllung des Guten?“
[GEJ.07_155,05] Sagte Ich: „Ja, ja, da habt
ihr eben nicht unrecht geredet! Aber der Wille zur Sünde findet im Menschen
stets eine große Unterstützung, und zwar in den Anreizungen und Leidenschaften
seines Fleisches; aber für den Willen zum Guten findet er in seinem Fleische gar
keine Unterstützung, sondern allein im Glauben an einen wahren Gott, und
besonders in der Liebe zu Ihm, und dazu auch in der Hoffnung, daß die von Gott
ihm gemachten Verheißungen in volle Erfüllung gehen werden.
[GEJ.07_155,06] Wer sonach durch den festen
und lebendigen Glauben, durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten und durch die
ungezweifelte Hoffnung alle die argen Leidenschaften seines Fleisches bekämpfen
kann und sonach völlig Herr über sich wird, der wird dann auch bald Herr der
ganzen äußeren Natur und befindet sich eben dadurch, daß er vollkommen Herr
über sich geworden ist, auch schon im ersten Grade der wahren, inneren
Lebensvollendung, obwohl es da noch zu öfteren Malen an allerlei Versuchungen
keinen Mangel haben wird, die ihn zur Begehung einer oder der andern leichten
Sünde reizen werden.
[GEJ.07_155,07] Versteht er nun auch, mit
allen seinen Sinnen dahin einen festen Bund zu schließen, daß sie sich von
allen irdischen Anreizungen abwenden und sich pur dem rein geistigen Wesen
zukehren, so ist das schon ein sicheres und lebenslichtvolles Zeichen, daß der
innere Geist aus Gott die Seele ganz durchdrungen hat, und der Mensch befindet
sich da im zweiten Grade der inneren, wahren Lebensvollendung.
[GEJ.07_155,08] In diesem Grade ist dem
Menschen auch jene Stärke und Lebensfreiheit eigen geworden, daß er, weil er in
seiner Seele ganz erfüllt ist mit dem Willen Gottes und nach demselben handeln
kann, keine Sünde je mehr begehen kann; denn da er selbst rein geworden ist, so
ist ihm auch alles rein.
[GEJ.07_155,09] Aber obwohl der Mensch da
schon ein vollkommener Herr der gesamten Natur ist und die hellste Überzeugung
in sich hat, daß er unmöglich mehr fehlen kann, da all sein Tun von der wahren
Weisheit aus Gott geleitet wird, so ist und bleibt er dadurch doch nur im
zweiten Grade der inneren Lebensvollendung.
[GEJ.07_155,10] Aber es gibt noch einen
dritten und allerhöchsten Grad der innersten Lebensvollendung.
[GEJ.07_155,11] Worin aber besteht denn
diese, und wie kann der Mensch sie erreichen?
[GEJ.07_155,12] Diese besteht darin, daß der
vollendete Mensch, wohl wissend, daß er nun als ein mächtiger Herr der ganzen
Natur ohne Sünde tun kann, was er nur immer will, aber dennoch seine
Willenskraft und Macht demütig und sanftmütig im Zaume hält und bei jedem
seinem Tun und Lassen aus der pursten Liebe zu Gott nicht eher etwas tut, als
bis er unmittelbar von Gott aus dazu beordert wird, – was eben für den
vollendeten Herrn der Natur auch noch eine recht starke Aufgabe ist, weil er in
seiner vollen Weisheit allzeit erkennt, daß er nach dem in ihm selbst wohnenden
Willen aus Gott nur recht handeln kann.
[GEJ.07_155,13] Doch ein noch tiefer gehender
Geist erkennt es auch, daß zwischen dem sonderheitlichen Willen Gottes in ihm
und dem freiesten und endlos allgemeinsten Willen in Gott noch ein großer
Unterschied besteht, weshalb er seinen sonderheitlichen Willen ganz dem
allgemeinsten göttlichen Willen vollkommen unterordnet und nur dann aus schon
immer eigener Kraft etwas tut, wenn er dazu unmittelbar von dem alleinigen und
eigensten Willen in Gott beordert wird. Wer das tut, der ist in sich zur
innersten und allerhöchsten Lebensvollendung gelangt, welche da ist die
Lebensvollendung im dritten Grade.
[GEJ.07_155,14] Wer diese erlangt, der ist
auch völlig eins mit Gott und besitzt gleich Gott die höchste Macht und Gewalt
über alles im Himmel und auf Erden, und niemand kann sie ihm ewig mehr nehmen,
weil er vollkommen eins mit Gott ist.
[GEJ.07_155,15] Aber zu dieser höchsten
Lebensvollendung, in der sich die Erzengel befinden, kann niemand gelangen,
bevor er nicht den ersten und zweiten Grad der Lebensvollendung erlangt hat.
[GEJ.07_155,16] Es hat aber ein jeder
Erzengel die Macht, alles das in einem Augenblick zu bewirken, was endlos alles
Gott Selbst bewirken kann; aber dessenungeachtet wirkt doch kein Erzengel pur
aus sich etwas, sondern erst dann, wenn er dazu von Gott Selbst beheißen ward.
Darum bitten selbst die höchsten Erzengel Gott allzeit, so sie diese oder jene
Mängel, besonders bei den Menschen dieser Erde, sehen, daß Gott sie beheißen
möge, dieses oder jenes zu tun.
[GEJ.07_155,17] Sehet diesen Jüngling an! Er
befindet sich im vollen dritten Grade der inneren Lebensvollendung, und sein
Wille ist schon so gut wie eine vollbrachte Tat; aber er tut dennoch aus sich
heraus und für sich nichts, sondern nur das, was Ich will. So Ich ihm aber
sage: ,Nun handle pur aus dir und für dich!‘, so wird er dann auch das tun und
zeigen, was in ihm ist.“
[GEJ.07_155,18] Sagten die Pharisäer: „So ist
der junge Mensch schon einem Erzengel gleich; denn Dein Inneres solle ja eben
die Fülle des puren Geistes Gottes sein?“
[GEJ.07_155,19] Sagte Ich: „Ja, ja, selig
der, der das in seinem Herzen glaubt!“
156. Kapitel
[GEJ.07_156,01] Sagten die Pharisäer: „Herr und
Meister! Wir haben nun die Schwierigkeiten zur Erlangung der inneren
Lebensvollendung, aber auch die endlosen Vorteile aus deinem wahrhaft
göttlichen Munde vernommen. Die Schwierigkeiten haben uns nicht entmutigt,
alles zu tun, was du uns nur immer vorschreiben wirst. Sollen wir uns auch
unter den größten Schmerzen körperlich verstümmeln, so sind wir auch dazu
vollernstlich bereit!“
[GEJ.07_156,02] Sagte Ich: „Oh, das wäre die
größte Torheit; denn wer einen Feind wahrhaft besiegen will, der muß sich ihm
im offenen Felde entgegenstellen und sich nicht hinter allerlei Bollwerk
verschanzen. Denn so der Feind die Schanzen sieht, da steht er freilich auf
eine Weile vom offenen Angriff ab, weil er erkennt, daß er so dem
wohlverschanzten Gegner mit seiner Macht nicht gewachsen ist; aber er belagert
den wohlverschanzten Gegner und zieht dann von allen Seiten Verstärkungen an
sich. Wenn sich der Feind dann stark genug fühlt, so greift er den noch immer
wohlverschanzten Gegner an und besiegt ihn mit leichter Mühe.
[GEJ.07_156,03] Aber Ich setze sogar den
Fall, daß der Feind dem wohlverschanzten Gegner dennoch nichts hat anhaben
können, solange dieser innerhalb seiner starken Schanzen blieb. Aber der Gegner
wird, aus Furcht vor dem stärkeren Feinde, doch nicht ewig innerhalb seiner
Schanzen bleiben können. Er wird dieselben endlich doch einmal verlassen und
das offene Feld betreten müssen. Wie wird es ihm aber dann ergehen, so ihn der
irgendwo geheim lauernde Feind angreifen wird? Ich sage es euch: dieser zweite
offene Kampf wird ihm dann um vieles beschwerlicher werden, als so er den Feind
gleich das erstemal offen angegriffen hätte!
[GEJ.07_156,04] Der Mensch kann sich auf der
Welt freilich von der Welt ganz abziehen gleich den Einsiedlern des Karmel und
Sion, die da kein Weib ansehen und sich kümmerlich von Wurzeln und allerlei
Beeren, wildem Honig und Johannisbrot ernähren. Auch verschneiden sie sich
sogar des Reiches Gottes wegen, weil sie dann in keine Versuchung geraten
können, in der sie irgendein Gebot Mosis übertreten könnten. Sie haben darum
kein Eigentum, haben keine Eltern, haben keine Weiber und Kinder, haben selbst
keine Männlichkeit. Sie bewohnen wilde Bergschluchten, damit die Schönheit der
üppigen Erdfluren sie nicht reizt; sie reden nicht miteinander, damit nicht
jemandem ein Wort aus dem Munde fahre, das ihn oder seinen Nachbarn ärgern
könnte.
[GEJ.07_156,05] Unter solchen höchst dummen
Lebensabstraktionsverhältnissen und unter solchen Verwahrungen vor der
Möglichkeit, eine Sünde zu begehen, halten sie freilich wohl die Gesetze Mosis;
aber zu wessen Nutzen und Frommen? Ich sage es euch: Das nützt ihnen nichts und
den anderen Menschen auch nichts! Denn Gott hat dem Menschen die verschiedenen
Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten nicht darum gegeben, daß er sie in irgendeiner
Klause als Einsiedler verschlafen soll, sondern daß er nach dem geoffenbarten
Willen Gottes tätig sei und dadurch sich und seinem Nächsten nütze.
[GEJ.07_156,06] Also hat Gott zu den Menschen
auch niemals gesagt: ,Verstümmle und verschneide dich, auf daß dich das Fleisch
des Weibes nicht reize und du dich enthaltest der Hurerei und des Ehebruchs!‘,
sondern Gott hat zu Adam, als Er ihm das Weib gab, nur gesagt: ,Gehet hin,
vermehret euch und bevölkert die Erde!‘ Und bei Moses heißt es: ,Du sollst
nicht Unzucht und Hurerei treiben, sollst nicht begehren deines Nächsten Weib
und sollst nicht ehebrechen!‘
[GEJ.07_156,07] Der Mensch muß also in der
Welt wirken und freiwillig den bösen Verlockungen der Welt widerstehen. Dadurch
wird stark seine Seele, und die Kraft des Geistes Gottes wird sie durchdringen.
Aber durch ein Leben des Faultieres kommt kein Mensch je zum wahren, ewigen
Leben, das in sich die höchste und vollendetste Tätigkeit in all den zahllos
vielen Lebensschichten und Sphären bedingt.
[GEJ.07_156,08] Solche Menschen sündigen
freilich so wenig, wie irgendein Stein sündigt; aber ist das etwa ein Verdienst
für den Stein? Es wird aber die Seele ihren verstümmelten Leib ablegen müssen;
was wird sie dann jenseits machen in ihrer vollsten Schwäche und gänzlichen
Untätigkeit?
[GEJ.07_156,09] Dort werden dann doch die
Prüfungen aller Art über sie kommen, die sie zur vollen und wahren
Lebenstätigkeit aneifern sollen, und diese Prüfungen werden für die mit ihren
schon diesirdischen Fähigkeiten ausgestattete Seele ganz entsprechend dieselben
sein, die sie hier waren, aber für die pure Seele sicher notwendig stärker denn
hier, weil jenseits das, was eine Seele denkt und will, sich auch schon wie in
der Wirklichkeit vor sie hinstellt.
[GEJ.07_156,10] Hier hat sie nur mit ihren
unsichtbaren Gedanken und Ideen zu tun, die sie leichter bekämpfen und sich
auch deren entschlagen kann; aber wo die Gedanken und Ideen zu einer wohl
sichtbaren Realität werden – frage –, wie wird die schwache Seele da wohl ihre eigengeschaffene
Welt bekämpfen? Wen hier der pure Gedanke zum Beispiel an seines Nachbarn
schönes, junges Weib schon mit allen brennenden Leidenschaften erfüllt, wie
wird es dem dann ergehen, so ihm der Gedanke des Nachbarn Weib ganz nach seinem
Wunsche und Willen in der vollsten, wennschon nur scheinbaren Wirklichkeit
darstellen wird?!
[GEJ.07_156,11] Darum also wird es drüben mit
den Versuchungen wohl um vieles schlimmer sich gestalten denn hier. Und was
wird die Seele wohl geben können, um sich aus der harten Gefangenschaft ihrer
eigenen bösen Leidenschaften zu befreien? Und doch wird sie drüben um gar
vieles selbsttätiger werden müssen, um sich aus dem Irrsal ihrer eigenen
Gedanken, Ideen und Bilder zu befreien; denn bevor sie nicht zuerst selbst Hand
ans Werk legen wird, wird ihr keine Hilfe durch irgendein unvermitteltes
Erbarmen Gottes oder irgendeines andern Geistes zugute kommen, wie solches auch
schon hier auf Erden zum größten Teil der Fall ist.
[GEJ.07_156,12] Denn wer da Gott nicht
ernstlich sucht, sondern ganz den Gelüsten der Welt nachgeht, der verliert
Gott, und Gott wird ihm keine Zeichen geben, aus denen er erkennen könnte, wie
tief und wie weit er schon von Gott abgewichen ist. Erst wenn er aus eigenem
Antrieb und Bedürfnis Gott wieder zu suchen anfangen wird, wird Gott Sich auch
ihm zu nahen anfangen und Sich vom Suchenden auch insoweit finden lassen,
inwieweit es dem Suchenden ein wahrer Ernst ist, Gott zu finden und zu
erkennen.
[GEJ.07_156,13] Darum ist es also mit der
gewissen frommen Trägheit gar nichts; denn sie hat vor Mir keinen Lebenswert!“
157. Kapitel
[GEJ.07_157,01] (Der Herr:) „Wer zu Mir wohl
sagt: ,Herr, Herr!‘, der ist noch ferne vom wahren Reiche Gottes; wer aber an
Mich glaubt und das tut, was zu tun Ich ihn gelehrt habe, der wird das auch
erreichen, was ihm verheißen und gezeigt ist, und wird erst durch das Tun in
sich gewahr werden, daß die Worte, die Ich geredet habe, nicht Menschenworte,
sondern wahrhaft Gottesworte sind; denn Meine Worte sind in sich selbst Liebe,
Licht, Kraft und Leben. Meine Worte tun euch offen kund Meinen Willen. Wer aber
Meinen Willen in sich aufnimmt und danach tut, der wird in sich das ewige Leben
haben und wird leben fort und fort, so er auch, wenn es möglich wäre, dem Leibe
nach stürbe viele hundert Male.
[GEJ.07_157,02] So ihr aber schon einen so
großen Ernst habt, sobald als möglich wenigstens in den ersten Grad der inneren
Lebensvollendung zu gelangen, dann gehet heim, teilet eure sehr überflüssigen
großen Schätze unter die gar vielen Armen, und kommet dann und folget mir nach,
so werdet ihr euch dadurch den für euch noch sehr langen und weiten Weg zum
Reiche Gottes sehr abkürzen! In Meiner Nachfolge aber sollet ihr ebenso einfach
bekleidet einhergehen, wie ihr da sehet, wie höchst einfach auch Ich und alle
Meine wahren Jünger bekleidet sind. Ihr brauchet da keinen Stock und in eurem
Rock und Mantel keine Säcke sondern allein ein williges und offenes Herz; für
alles andere wird schon der Vater im Himmel sorgen!“
[GEJ.07_157,03] Bei diesem Rate machten die
zwei Pharisäer wie auch die zwei Leviten ganz bedeutend saure Gesichter, und
der eine Pharisäer sagte: „Herr und Meister, ich sehe wohl ein, daß du da
höchst wahr und recht geredet hast; aber bedenke, daß wir Weiber und Kinder
haben, die wir zuvor denn doch in eine gewisse Ordnung bringen und mit dem
Nötigsten versorgen müssen! Haben wir das ehestmöglich abgetan, dann wollen wir
unseren Überfluß schon unter die Armen verteilen und dir dann mit freudigem
Herzen nachfolgen.“
[GEJ.07_157,04] Sagte Ich: „Sind denn eure
Weiber und Kinder besser als jene gar vielen Witwen und Waisen, die ihr um all
ihre Habe gebracht und in die größte Not und in das größte Elend gestürzt habt?
Wenn diese nun durch schweres Tagewerk sich ihr kümmerliches Brot verdienen
müssen, während eure Weiber und Kinder im ungerechten Überflusse prassen und
sich vor lauter Hochmut noch obendrauf nicht zu helfen wissen und verächtlich
dahin spucken, wo die arme Witwe mit ihren halbnackten und durch den Hunger
abgezehrten Kindern um einen kargen Lohn arbeitet, deren Güter ihr auf die
ungerechteste und liebloseste Weise verschlungen habt, – was Ungerechtes wäre
dann das etwa, so auch eure stolzen und übermütigen Weiber und Kinder einmal in
dieser Welt darbten und dadurch zu der für ihre Seelen höchst wohltätigen
Erkenntnis kämen, wie wohl es etwa den armen Witwen und Waisen getan hat, vor
denen sie oft ausgespuckt und sie ein zerlumptes Gesindel genannt haben, das
kaum wert sei, von der Sonne beschienen zu werden!
[GEJ.07_157,05] Doch Ich will euch damit ja
nicht irgend bemüßigen, daß ihr das tun sollet; denn euer Wille ist ebenso frei
wie der Meinige; aber da ihr Mich um Rat gefragt habt, was ihr tun sollet, um
desto eher zur inneren Lebensvollendung zu gelangen, so habe Ich euch auch den
ganz rechten und vollwahren Rat gegeben.
[GEJ.07_157,06] Ich habe es euch aber ja auch
schon zum voraus gesagt, daß ein Versprechen geben viel leichter ist, als
dasselbe halten. Ich sage euch aber noch hinzu: Wer um Meines Namens willen
nicht Haus, Acker, Weib und Kind verlassen kann, der ist Meiner auch noch lange
nicht wert; und wer seine Hände an den Pflug des Reiches Gottes legt, sich aber
dabei noch umsieht nach den Dingen der Welt, der ist noch lange nicht geschickt
zum Reiche Gottes! Das wisset ihr nun; tuet, was ihr wollet!“
[GEJ.07_157,07] Sagte der Pharisäer: „Aber,
Herr und Meister, siehe, dein sicher wahrer Freund Lazarus, wie auch Nikodemus
und Joseph von Arimathia sind sicher noch um sehr vieles reichere Menschen, als
wir da sind! Warum verlangst denn du von ihnen nicht das, was du von uns
verlangt hast?“
[GEJ.07_157,08] Sagte Ich: „Zwischen ihren
und euren Gütern ist ein gar himmelgroßer und – hoher Unterschied! Ihre Güter
sind durchaus ein streng gerechtes Besitztum. Sie sind gerechte Stammgüter, und
die darin enthaltenen, wahrlich königlich großen Schätze sind das Produkt eines
wahren und doch höchst uneigennützigen Fleißes und des wirksamen Segens aus den
Himmeln Gottes. Zugleich sind die drei Genannten nun beinahe die einzigen
Unterstützer der vielen Tausende, die durch euer gottloses Treiben und Gebaren
arm und elend geworden sind. Sie sind somit noch die wahren Sachwalter Gottes
auf Erden über die ihnen anvertrauten Güter der Erde und betrachten ihre Güter
auch als nichts anderes als nur als das, was sie als ein Geschenk von oben
sind, das sie zur Versorgung der vielen Armen zu verwalten und zu bestellen
haben.
[GEJ.07_157,09] Ist das etwa auch mit euren
zusammengeraubten Gütern der gleiche Fall?! Ja, solche Menschen sollten nur
noch viel mehr besitzen und könnten das auch auf die gerechteste und Gott
wohlgefälligste Weise, wenn ihr ihnen nicht durch allerlei List und Betrug und
auch Gewalt gut die Hälfte abgenommen hättet. Ihr habt euch dann damit
gemästet, und sie mußten so manchen Armen darum karger beteilen. War das dann
etwa auch eine Gott wohlgefällige Handlung von euch, und konnte Gott solche
eure Güter je segnen? Ja, der Segen der Hölle ruht darauf, aber der Segen
Gottes sicher nicht; denn ruhte darauf Gottes Segen, so könnte Ich euch davon
wohl die wahrste Kunde geben!
[GEJ.07_157,10] Vergleichet euch darum ja
nicht mit diesen dreien und auch nicht mit diesen hohen Römern da, die auch
überreich sind, aber ihr Reichtum ist ein gerechter! Und auch sie sind die
Wohltäter von vielen Tausenden und haben des Segens von oben in Hülle und
Fülle, obschon sie Heiden sind; aber sie stehen als solche Gott um ein
Unaussprechliches näher denn ihr als Juden.
[GEJ.07_157,11] Von solchen weltreichen
Menschen, wie ihr da seid, sage Ich in Meiner vollsten göttlichen Macht und
Kraft zu euch, wie Ich das schon einem euch sehr ähnlichen Reichen gesagt habe:
Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein solcher Reicher in das
Reich Gottes! – Habt ihr das nun vernommen?“
[GEJ.07_157,12] Sagten nun die Pharisäer: „O
Herr und Meister, wir erkennen nun nur zu sehr die Wahrheit deiner Worte und
haben auch schon in uns den vollen Entschluß gefaßt, deinen Rat genau zu
befolgen; aber wir bitten dich, daß du uns dazu die gehörige Kraft und den
rechten Mut erteilen mögest! Denn jetzt erst fangen wir an, so recht
innezuwerden, wie schwer es für die Seele ist, die einmal von der Macht der
Hölle ergriffen ist, sich aus deren Gewalt frei zu machen. Wenn du, o
allmächtiger Herr und Meister, einem Gefangenen nicht hilfst, so bleibt er
gefangen in Ewigkeit!“
[GEJ.07_157,13] Sagte Ich: „Jawohl, da habt
ihr recht geredet; daher sollet ihr jeden ungerechten Pfennig dem ersetzen, den
ihr darum betrogen habt! Denn so ihr das nicht tuet, so könnet ihr in das Reich
Gottes nicht eingehen, und gleich euch auch nicht ein jeder andere.
[GEJ.07_157,14] Aber da ihr gar vielen von
denen, die ihr betrogen habt, den ihnen zugefügten Schaden unmöglich wieder
gutmachen könnet, so verteilet alles, was ihr habt, mit gutem Willen und Herzen
unter die Armen, und habt darum keine Furcht vor der Welt, dann werden euch
eure vielen Sünden erlassen werden, und ihr möget dann kommen und Mir
nachfolgen! Wo Ich aber sein werde, werdet ihr gar leicht erfahren, wenn es euch
ernst ist, Mir nachzufolgen. Es wird euch das wohl einen starken Kampf kosten;
aber wer da gerecht und klug kämpft, der siegt auch sicher, und ein sicherer
Sieg ist doch wohl auch sicher allzeit des Kampfes wert.
[GEJ.07_157,15] Nun habe Ich euch alles gesagt,
was ihr zu tun habt, und ihr könnet euch mit der Unwissenheit nimmer
entschuldigen. Von nun an kommt es auf euren Willen und auf eure Klugheit an.“
158. Kapitel
[GEJ.07_158,01] Sagte ein Pharisäer: „Herr
und Meister, wir dürfen also nach deinem Worte die gerechte Klugheit und
Vorsicht bei der Verteilung unserer Schätze an die Armen wohl anwenden?“
[GEJ.07_158,02] Sagte Ich: „Was Ich einmal
gesagt habe, das ist gesagt für die Ewigkeit; denn dieser ganze sichtbare
Himmel und diese Erde werden vergehen, aber Meine Worte ewig nimmer.
[GEJ.07_158,03] So jemand aber selbst die
beste Handlung beginge, stellte aber die Sache dumm an, so hat eine solche
Handlung keinen Wert, weil durch sie das Gute nicht erreicht wird. Wenn jemand
aber seinem Nächsten etwas Gutes tun will, so tue er das nicht vor den Augen
der Welt und lasse sich darum nicht öffentlich loben und preisen, sondern er
tue das im geheimen also, daß nahe seine Rechte nicht weiß, was die Linke tut,
und Gott, der auch das Geheimste sieht, wird solche Werke mit Seinem Segen
belohnen!
[GEJ.07_158,04] Wäre das aber klug, so ihr
eure Schätze darum dem Tempel übergäbet, damit dieser sie unter die Armen
verteile? Der Tempel würde euch darum wohl offen vor aller Welt selig preisen,
doch den Armen wäre damit wahrlich nicht geholfen!
[GEJ.07_158,05] Aber suchet euch einen
gerechten Mittelsmann, und ihr werdet da am besten gehandelt haben; eure Namen
bleiben unbekannt, ihr entgehet dem Lob und Preis der Welt, und den Armen ist
da am besten geholfen! Denn es ist besser, bei einem gerechten Mittelsmann für
viele Arme eine Versorgung nach rechtem Ziel, Maß und Bedürfnis zu gründen, als
einem oder dem andern Armen auf einmal viel Geld in die Hand zu geben; denn das
könnte gar leicht den armen, schon sehr demütig gewordenen Menschen in den
Hochmut erheben und seine geduldige und gottergebene Seele verderben.
[GEJ.07_158,06] Einen solchen Mittelsmann
aber werdet ihr schon gar leicht finden. Ich kann euch hier gleich fünf
anzeigen. Da ist Nikodemus oder Joseph von Arimathia, der Freund Lazarus oder
da der Wirt im Tale von Unter-Bethania oder der neben ihm stehende große
Herbergswirt an der großen Heerstraße unweit Bethlehem.
[GEJ.07_158,07] Und so habe Ich euch denn
auch diesen Weg gezeigt; wenn es den Eurigen karg gehen sollte, würden sie bei
diesen auch sicher am ehesten eine nötige und Mir Selbst wohlgefällige
Unterkunft für Leib und Seele finden.“
[GEJ.07_158,08] Sagten die Pharisäer: „Herr
und Meister, wir danken dir, daß du uns auch diesen Rat gegeben hast! Noch heute
zum Teil, ganz gewiß aber am ersten Tage nach dem Sabbat soll er ins Werk
gesetzt werden! Oh, durch diesen deinen Rat ist uns ein schwerer Stein von
unserer Brust genommen worden! Ja, nun haben wir ein leichtes Handeln und
Fürgehen!
[GEJ.07_158,09] Wie wäre es denn, Herr und
Meister, so wir jedem von den uns angezeigten Freunden einen Teil unserer
Schätze übergäben, damit auf einen nicht zu viel der Versorgungsmühe käme?“
[GEJ.07_158,10] Sagte Ich: „Das kommt nun auf
euch an; da ist das eine so gut wie das andere!“
[GEJ.07_158,11] Mit dem waren nun die beiden
jetzt gänzlich bekehrten Pharisäer völlig zufrieden, gingen hin zu den fünfen
und besprachen sich mit ihnen.
[GEJ.07_158,12] Aber da traten auch die
beiden Leviten zu Mir und sagten: „Herr und Meister, was sollen wir denn tun?
Unser Vermögen ist noch klein, und was wir besitzen, haben wir geerbt und
hätten somit ein gerechtes Vermögen in unseren Händen. Aber wenn auch wir dir
folgen dürfen, so möchten auch wir tun, was da die beiden Obersten tun.“
[GEJ.07_158,13] Sagte Ich: „Das steht euch
frei. Aber sehet diese Meine alten Jünger an, sie haben auch einen ganz
gerechten Besitz daheim und haben Weiber und Kinder, – sie haben um des Reiches
Gottes willen alles verlassen und sind Mir nachgefolgt! Das könnet auch ihr
tun!
[GEJ.07_158,14] Aber Ich sage euch auch das:
Die Vögel haben ihre Nester, und die Füchse haben ihre Löcher; aber Ich, als
auf dieser Erde dem Leibe nach auch ein Menschensohn, habe nicht so viel
eigenen Besitz, daß Ich darauf nur Mein Haupt hinlegen könnte.“
[GEJ.07_158,15] Sagten die beiden Leviten:
„Und doch ist der Himmel Dein Thron und diese Erde der Schemel Deiner Füße!“
[GEJ.07_158,16] Sagte Ich: „Das hat euch auch
nicht euer Fleisch, sondern euer innerer Geist eingegeben! Bleibet in dieser
Erkenntnis und sammelt euch Geduld, so werdet ihr leicht zur inneren Vollendung
des Lebens gelangen! Gehet sonach denn auch hin und besprechet euch mit dem
Lazarus allein!“
[GEJ.07_158,17] Das befolgten die beiden
Leviten sogleich und gingen zu Lazarus.
159. Kapitel
[GEJ.07_159,01] Es trat aber Nikodemus zu Mir
und sagte: „Herr, ich danke Dir! Durch die volle Bekehrung dieser beiden
Obersten ist mir eine große Angst genommen worden; denn gerade vor diesen hatte
ich stets die größte Furcht.“
[GEJ.07_159,02] Sagte Ich: „Lassen wir das
nun gut sein! Ich werde nun ein wenig ruhen und den beiden dann auch ein
Zeichen geben; darauf erst werden sie in die volle Festigkeit des Glaubens an
Mich eingehen. Nun aber besprechet euch!“
[GEJ.07_159,03] Darauf ging Ich in die Hütte
und ruhte ein wenig.
[GEJ.07_159,04] Ich verblieb eine kleine
halbe Stunde in der Hütte ruhend, beschied aber Petrus, Jakobus und Johannes,
die bei Mir in der Hütte waren, daß sie hinabgingen zu den sieben Ägyptern und
ihnen kundgäben die Grundzüge des Evangeliums, und daß sie vorbereitet sein
sollen auf ein Zeichen, das Ich wirken werde.
[GEJ.07_159,05] Die drei Jünger taten das und
wurden von den sieben sehr gut aufgenommen. Petrus aber verwunderte sich über alle
Maßen, als er inne wurde, daß besonders der erste von allen Meinen vielen
Lehren und Taten und sogar von Meiner Jugendgeschichte viel mehr wußte als er
selbst. Jakobus und Johannes, die wohl am meisten von allem aus Meiner
Jugendzeit unterrichtet waren, weil sie mit Mir aufgewachsen sind, mußten
selbst mit vieler Verwunderung dem Oberägypter das vollste Recht widerfahren
lassen.
[GEJ.07_159,06] Petrus aber meinte geheim bei
sich: „Da hat uns der Herr wieder einmal ganz ordentlich aufsitzen lassen! Denen
sollen wir das Evangelium beibringen, – und sie kennen es ohnehin besser als
wir alle drei zusammen! Warum hat uns denn der Herr das angetan?“
[GEJ.07_159,07] Der Oberägypter aber merkte
in sich wohl, was Petrus dachte, und sagte darum: Was denkst du nun darüber so
eifrig nach, warum euch der Herr zu uns gesandt hat, da wir Seine Lehre ja
ohnehin besser kennten und verstünden denn ihr? O seht, liebe Brüder, der Herr
wußte, und das in höchster Klarheit, daß ihr schon so manches zu vergessen
angefangen habt, und hat euch eben darum auf eine halbstündige Unterredung zu
uns gesandt, auf daß ihr bei uns das wenige Verlorene wieder zurückerhalten
sollet!
[GEJ.07_159,08] Es steht aber ja auch in
euren Büchern gezeichnet, und das also: ,Die aber mit dem Herrn sind, haben
manches verloren. Da aber kommen Fremde von fernen Landen und geben den Kindern
die verlorenen Perlen und Edelsteine von unschätzbarem Wert zurück. Und der
Herr ist darum gar freundlich auch den Fremden und nimmt sie auf in die
Wohnungen Seiner Kinder.‘
[GEJ.07_159,09] Sehet, liebe Brüder, auch
dieser euch ganz unbedeutend scheinende Zwischenfall war vom Herrn schon lange
vorgesehen, und da alles erfüllet werden muß vom Kleinsten bis zum Größten, was
die Propheten von Ihm geweissagt haben, so konnte und durfte auch diese kleine
Weissagung nicht unerfüllt bleiben.“
[GEJ.07_159,10] Sagte darauf Petrus: „O
lieber Freund, sage du mir es doch, wie du dir das alles so höchst genau hast
zu eigen machen können!“
[GEJ.07_159,11] Sagte der Oberägypter: „Wenn
dein Geist und deine Seele eins sein werden – was ihr alle Seine Erwählten bald
zu gewärtigen haben werdet –, dann wirst du das schon ganz klar einsehen; aber
die Seele, die noch stark an ihren Leib gebunden ist, kann das nicht einsehen
und begreifen.
[GEJ.07_159,12] Ich kenne aber nicht nur das,
was in euren Büchern geschrieben steht, sondern ich kenne auch die alten
Schriften der Ägypter, der Parsen, Gebern, Indier, Sinesen und die Schriften
des alten Meduhed bei den Ihyponesen. Kurz, was auf dieser Erde vom Nordpol bis
zum Südpol ist und besteht, ist mir so klar bekannt wie dir daheim deine
Fischerhütte in der Nähe der Stadt Kapernaum, in der der Herr schon so viele
Zeichen gewirkt hat, – und dennoch die wenigsten an Ihn glauben, weil sie
blinde Krämer, Makler und Geldwucherer sind. Also, was diese Erde trägt,
enthält und faßt, das ist mir wohlbekannt; doch über die Erde hinaus sehe ich
noch schwach.
[GEJ.07_159,13] Ich kenne wohl die Fest- und
Wandelsterne auseinander und kann der letzteren Lauf und Stand berechne, da ich
schon in meiner frühen Jugend der altägyptischen Feldmeßkunst kundig war, es
steht in mir auch eine Vermutung fest, der nach ich die Wandelsterne als dieser
Erde ähnliche Welten betrachte; aber ich konnte bis jetzt noch nicht in meinem
Geiste bis zu ihnen hindringen. Aber der Herr wird mir schon hier auch noch
diese Fähigkeit geben, und ich werde dann überglücklich sein.
[GEJ.07_159,14] Ihr habt aber darüber vom
Herrn schon durch Sein Wort die höchste und wahrlich vollendetste Aufklärung und
Belehrung erhalten. Um die weiß ich auch, und so gehet mir an Wissen auch am
gestirnten Himmel nichts ab in dieser neuen Zeit; aber ich möchte das alles in
meinem Geiste auch wie mit meinen eigenen Augen also schauen, wie ich die ganze
Erde beschauen kann. Das wird mir und auch meinen sechs Gefährten hier zuteil
werden. Dann, dann, Freund, werde ich erst ganz vollkommen sein; denn dann erst
werde ich die ewige Größe des Herrn stets mehr und mehr begreifen.“
160. Kapitel
[GEJ.07_160,01] Sagte Petrus: „Ja, Freund,
wenn du das weißt, was wir wissen, was willst du dann noch mehr? Ist denn ,Fest
und ungezweifelt glauben‘ nicht ebensoviel wie ,Schauen im Geiste‘?“
[GEJ.07_160,02] Sagte der Oberägypter: „Du
hast da zum Teile wohl recht, aber ganz vollkommen dennoch nicht! Der feste und
ungezweifelte Glaube der Seele erweckt im Menschen wohl ein volles Bestreben
mit der zuversichtsvollen Hoffnung, daß er das, was er glaubt, auch einmal in
der Wirklichkeit schauen möchte und auch schauen werde; mit der Zunahme des
Glaubens an Kraft und Festigkeit aber wächst auch die Begierde und die
Sehnsucht, das Geglaubte auch einmal in seiner Vollkommenheit zu schauen und
dadurch im höchsten Lebensmaße zu genießen. Und siehe, Freund, demnach steht
das Schauen wohl um gar unbeschreibbar vieles über dem puren Glauben; denn das
Schauen ist ja eben die ewige Krone des Glaubens!“
[GEJ.07_160,03] Sagte Petrus: „Ja, da hast du
wohl schon ganz vollkommen recht; aber der Herr ist eben nicht sehr freigebig
mit der Gabe des Schauens. Auf Augenblicke hat Er uns dann und wann auch das
Schauen vergönnt; aber vom Bleiben dieses beseligendsten Vermögens der Seele
war bis jetzt noch keine Rede.“
[GEJ.07_160,04] Sagte der Oberägypter: „Ah,
das meine ich auch! Er hat es euch aber doch schon zu öfteren Malen verheißen.
Das Vermögen werdet aber auch ihr erst dann überkommen, wenn ihr im Geiste aus
Ihm völlig wiedergeboren werdet. Und dann müssen wir hier als noch im Fleische
Umherwandelnde das auch nicht also annehmen, als ob wir dann nichts anderes tun
sollen, als nur in einem fort die Wunder Seiner endlosen Schöpfungen
betrachten; denn wir haben auf dieser Erde aus Liebe zu Ihm und aus Liebe zum
Nächsten noch gar manche Pflichten zu erfüllen, und da heißt es dann, nicht in
einem fort schauen. Doch der Mensch soll sich auch von Zeit zu Zeit eine
Sabbatruhe gönnen, und da kann und soll er schauen oder sich wenigstens im
inneren geistigen Schauen üben. Das bleibende, volle Schauen überkommt der
Mensch erst nach der Ablegung des Leibes. – Bist du nicht auch dieser meiner
Ansicht?“
[GEJ.07_160,05] Sagte Petrus: „Nun sicher
wohl ganz vollkommen; mich nimmt es nur im hohen Grade wunder, wie du in eurer
Wildnis zu solch einer inneren, wahren Lebensweisheit gelangt bist! Wer war
dein Lehrer?“
[GEJ.07_160,06] Sagte der Oberägypter:
„Zumeist ich selbst durch mein rastloses Suchen und Forschen! Doch war mein
Vater Feldmesser zu Memphis, Theben und Diadeira (Diathira), welche Kunst auch
ich von ihm erlernt habe. Als ich aber diese Kunst schon vollkommen innehatte,
da fing er an, mich in die großen und verborgenen Geheimnisse des Tempels zu JA
BU SIM BIL einzuweihen; aber er starb, noch ehe ich in alles eingeweiht war.
[GEJ.07_160,07] Sein Tod war für mich ein
Verlust von tausend Leben. Ich zog darum mit meinen Gefährten nilaufwärts so
weit, als es nur möglich war. Da fanden wir Grotten, die uns hinreichenden
Schutz vor den glühenden Sonnenstrahlen gaben. Die Grotten lagen knapp am Nil,
der sich zwischen den mächtigen Felswänden in tausend Wasserfällen durchwindet.
Weiter als bis dorthin war am Strome nicht mehr möglich fortzukommen, außer wir
hätten vom Strome viel weiter unten nach rechts in die große Wüste einbiegen
und den Weg der Nubier fortziehen müssen; aber unsere mitgenommenen Ziegen
wären da samt uns ohne Wasser bald verschmachtet. Kurz, bei unseren Grotten
fanden wir noch ein letztes Plätzchen mit einigem Rasen leidlich bewachsen, an
dem unsere Tiere ein ganz erkleckliches Futter fanden. Und so beschlossen wir,
mit unseren kleinen Familien da zu bleiben.
[GEJ.07_160,08] Als ich die erste Nacht in
der Grotte, mich dem Schutze des großen Gottes anempfehlend, übernachtete, da
erschien mir im Traume mein dem Leibe nach verstorbener Vater und belehrte
mich, was ich tun solle und wie mich verhalten, um allda fortleben zu können.
Er zeigte mir auch an, daß es in dieser Gegend eine Menge Raubtiere, Löwen,
Panther und gar riesig große Aare gäbe und belehrte mich, wie ich auch ohne
Waffen bloß durch das feste Vertrauen auf den großen Gott und durch den festen,
völlig furchtlosen Willen ein Herr aller solcher Tiere werden könnte.
[GEJ.07_160,09] Als ich am Morgen erwachte
und aus der Grotte ins Freie trat, da auch kam ein mächtiger Löwe ganz
behaglich auf die Grotte zu, die sicher seine Wohnung war. Als er meiner
ansichtig wurde, da hielt er inne und fing mit seinem Schweife an, ganz
gewaltig die Luft zu peitschen. Ich kam ihm mit meinem unerschrockenen, festen
Willen entgegen und gebot ihm festen Blickes, daß er für immer diese Gegend
verlasse. Und siehe, der Löwe kehrte um und verlor sich irgendwohin in die
Wüste! Dasselbe geschah bald darauf mit zwei Panthern und am selben Tage mit
einem Riesenaar, dem unsere weidenden Ziegen in die Augen stachen.
[GEJ.07_160,10] Ich hatte mich sonach schon
an diesem ersten Tage überzeugt, was ein Mensch im wahren Vertrauen auf den
einen, wahren, großen Gott und durch seinen unerschrockenen, festen Willen
alles zu bewirken vermag. Ich stellte mich am Abend vor die Grotte, empfahl
alles dem Schutz des allmächtigen, großen Gottes und gebot der gesamten Natur,
uns in der Ruhe zu lassen. Solches geschah denn auch.“
161. Kapitel
[GEJ.07_161,01] (Der Oberägypter:) „In der
Nacht aber kam der Vater abermals zu mir und sagte zu mir, daß ich also ganz
recht gehandelt habe, machte mich aber zugleich mit dem Willen des großen
Gottes bekannt und forderte mich auf, solchen genauest zu befolgen und ihn
dadurch zu meinem Willen zu machen; dadurch würde ich dann ein vollkommener
Herr der Natur und ihrer Elemente, gleichwie das auch die ersten Menschen der damals
noch um vieles gefährlicher bestellten Erde waren.
[GEJ.07_161,02] Als wir am Morgen wieder
erwachten, erzählte ich allen den Traum und forderte sie auf, im Ernste dem
großen Gott für den Schutz zu danken, Ihn aber auch inbrünstigst zu bitten, daß
Er uns Seinen Schutz nimmerdar entziehen möge. Das geschah, und ich teilte
darauf allen den mir im Traume durch den Geist meines Vaters enthüllten Willen
Gottes mit und forderte sie auf, denselben mit der größten Liebe, Achtung und
Dankbarkeit zu Gott auf das strengste zu erfüllen.
[GEJ.07_161,03] Alle gelobten mir das, und
sieh, da wurde es plötzlich ganz hell in unserer selbst am Tage stark dunklen
Grotte, und wir ersahen in ihr noch mehrere Gänge, die wir mutig durchsuchten
und dabei noch andere Grotten fanden, die weiter stromaufwärts mehr oder minder
bequeme Ausgänge hatten! Und so fanden wir eine Menge guter Wohnungen, die
später von meinen Gefährten bewohnt wurden. In diesen Grotten fanden wir auch
etliche ganz reine Naphthaquellen. Wir schöpften das Öl in unsere mitgenommenen
Lampen, mit denen wir dann unsere Naturwohnungen ganz gut beleuchten konnten.
Wir erkannten alle, daß dieser Fund eine ganz besondere Gnade von oben war, und
dankten darum mit aller Inbrunst dem großen Gott.
[GEJ.07_161,04] Als wir Ihm unseren Dank
dargebracht hatten, da vernahmen wir eine helle Stimme, die in wohl
vernehmlichen Worten also zu uns sprach: ,Tut alle Meinen euch geoffenbarten
Willen, und alle Tiere dieser Wildnis sollen euch dienen nach eurem Willen!
Doch sollet ihr von ihnen nur das verlangen, was ihr zur Ernährung eures Leibes
notwendig brauchet; darum sollet ihr euch aber auch nicht sammeln einen Vorrat!
[GEJ.07_161,05] In der mittelsten Grotte
werdet ihr Salz finden in großer Menge; mit dem salzet euch die Fische, die für
euch die Aare aus dem Nil holen werden! Leget sie auf die von der Sonne stark
erhitzten Steinplatten, und genießet sie dann! Beim Ausgange der ersten Grotte
befindet sich unter einem graulichten Steine eine frische Wasserquelle;
schlaget den mehr weichen Stein durch, und ihr werdet sogleich ein gutes
Trinkwasser in gerechter Menge bekommen! Löwen und Panther, wie auch noch
andere Tiere dieser Gegend verfolget nicht, und sie werden euch darum dienen,
wenn ihr ihres Dienstes bedürfen werdet!‘
[GEJ.07_161,06] Mit dem verstummte die
Stimme; wir aber dankten Gott abermals für die Offenbarung und erkannten daraus
auch, daß es im Ernste Gottes Wille sei, daß wir diese Gegend zu unserem
Wohnplatze gewählt hatten.
[GEJ.07_161,07] Dieses alles wirkte auf mein
Herz und Gemüt gewaltig, weil sich da alles in der Tat bestätigte, was mir
geoffenbart wurde. Ich fing darauf an, weiterzuforschen, bekam ein inneres Wort
und tat nach dem, was ich in mir selbst vernommen hatte. Es gelang mir das
meiste, nur wenn dann und wann in mir ein kleiner Zweifel über das Gelingen
aufstieg, gelang es mir nicht, und ich mußte mich auch des kleinsten Zweifels
völlig entledigen, wonach mir dann aber auch alles derart gelang, daß ich
fürder an gar keinen Zweifel auch nur denken konnte, und ich gewahrte in
etlichen Jahren in mir das, was ehedem der Geist Henochs zu den Pharisäern
geredet hatte. Denn wohin ich mich mit meinen Gedanken auch immer versetzt habe
auf der ganzen Erde, dort war ich auch schon wirkend mit Augen, Ohren, Mund,
Nase, Händen und Füßen.
[GEJ.07_161,08] Meine Gefährten – bis auf
einen – haben es freilich noch nicht so weit gebracht; aber sie sind alle auf
dem besten Wege dazu, und ich habe sie darum auch hierher mitgenommen, damit
sie hier das Allerhöchste vernehmen und den großen Gott, zu dem ich sie im
Geiste geführt hatte, hier in der Person eines uns gleichen Menschen schauen
und hören sollen. Sie sind darum nun auch gleich mir voll der höchsten Freude
und Wonne. – Und so weißt du nun durch meine ganz kurze Darstellung, wie ich
und auch meine Gefährten zu unserer inneren Lebensvollendung gekommen sind.
[GEJ.07_161,09] Ihr habt es hier freilich als
wahre Kinder des Herrn leichter; wir aber sind Fremde und müssen mehr tun, um
von Gott dem Herrn auch nur an Kindesstatt aufgenommen zu werden. – Bist du mit
meiner Darstellung zufrieden?“
[GEJ.07_161,10] Sagte Petrus: „Mehr als
vollkommen, und ich habe darüber eine große Freude, daß der Herr auch in weiten
Fernen jenen Menschen Sich offenbart, die Ihn ernstlich suchen, Ihn lieben und
sich Ihm ganz anvertrauen.
[GEJ.07_161,11] Aber nun kommt Er schon aus
der Hütte, um der beiden bekehrten Pharisäer wegen ein Zeichen zu wirken. Darum
wollen wir nun wieder bloß Herz, Aug und Ohr sein!“
[GEJ.07_161,12] Hier trat Ich zu Petrus hin
und sagte: „Nun, Simon Juda, wie habt ihr bei diesen Fremden Meinen Auftrag
erfüllt?“
[GEJ.07_161,13] Sagte Petrus: „Herr, Du hast
es wohl gewußt, daß diese Fremden nur uns und nicht wir ihnen Dein Evangelium
predigen werden, und hast uns eben darum zu ihnen gesandt, daß sie uns das
sagen sollen, was uns leider noch abgegangen ist aus dem Grunde, weil wir schon
so manches von Deinen Lehren und Taten vergessen hatten. Wir danken Dir, o
Herr, aber auch darum; denn wir haben von diesen Fremden nun wahrlich viel
gewonnen!“
[GEJ.07_161,14] Sagte Ich: „Dann ist es auch
gut also, und so wollen wir nun noch ein Zeichen zur Bekräftigung des Glaubens
dieser vier Templer wirken. Gehe hin, und heiße sie hierher kommen!“
162. Kapitel
[GEJ.07_162,01] Petrus ging hin und richtete
Meinen Auftrag an die Templer aus, und diese kamen schnell zu Mir und sagten:
„Herr, du hast uns schon die größten Beweise geliefert, so daß wir nun auch
nicht den allergeringsten Zweifel mehr darüber haben, was und wer du bist, und
wir verlangen von dir darum kein Zeichen mehr; doch so du schon eins wirken
willst, so werden wir dir dafür sicher höchst dankbar sein aus dem tiefsten
Grunde unseres Herzens!“
[GEJ.07_162,02] Sagte Ich: „Ihr sehet nun
wohl schon so ziemlich ein, daß eben Ich der verheißene Messias bin, und daß es
nach Mir keinen mehr geben wird; aber ihr sehet noch nicht ein, daß der Messias
niemand anders ist als eben derselbe Jehova, der dem Moses am Sinai die Gesetze
gab und darum am letzten Festtage im Tempel von Sich wohl aussagen konnte:
,Eher denn Abraham war Ich!‘, weshalb ihr Mich denn auch steinigen wolltet.
Damit ihr das aber einsehet, erfahret und dann auch fest glaubet, will Ich euch
eben ein besonderes Zeichen wirken. Und so habt denn alle wohl acht darauf, was
da alles geschehen wird!
[GEJ.07_162,03] Ich will nun als ein Herr
auch der Geisterwelt, daß Mein Abraham hier erscheine und euch ein Zeugnis gebe
von Mir; wenn er da sein wird, da möget ihr selbst mit ihm reden!“
[GEJ.07_162,04] Hierauf senkte sich eine lichte
Wolke auf den Hügel nieder, und aus der Wolke trat Abraham hervor, verneigte
sich tief vor Mir und sagte: „Wie höchst überaus und wie lange schon habe ich
mich Deines Tages der Herniederkunft gefreut, und meine Freude übersteigt nun
alle Grenzen, weil ich Deinen Tag auf Erden gesehen habe! Aber so sehr ich mich
auch über Dich, o Herr Jehova Zebaoth, freue, so wenig Ursache habe ich, mich
über meine Nachkommen zu freuen! Wahrlich, die Nachkommen der Hagar sind um
vieles besser in ihrer Art denn die Nachkommen aus der Sara!
[GEJ.07_162,05] O Herr, Deine Liebe zu diesem
entarteten Geschlechte und Deine Geduld mit ihm übersteigt alle Grenzen Deiner
endlosen Schöpfungen!
[GEJ.07_162,06] Als ich Dich dereinst bat,
daß Du die zehn Städte mit Sodom und Gomorra noch verschonen möchtest um der
etlichen Gerechten willen, da lautete Deine Antwort bitter: Du möchtest ihrer
wohl schonen, so darin nur in allem zehn und am Ende gar nur zwei bis drei
völlig Gerechte sich befänden. Da aber auch diese nicht da waren bis auf den
einzigen, Lot, so schontest Du der zehn Städte nicht, rettetest allein den Lot,
alles andere ward mit Feuer vertilgt.
[GEJ.07_162,07] Wenn ich nun diese meine
Nachkommen betrachte, so kommt auf die dreifache Anzahl der einstigen Bewohner
der zehn Städte kaum ein Gerechter, und Du, o Herr, schonst dieses hurerische
und ehebrecherische Geschlecht noch! Für Deine unbegrenzte Liebe und übergroße
Geduld verfolgen Dich die Elenden noch und sind von dem argen Wahne beseelt,
Dich sogar zu töten.
[GEJ.07_162,08] O Herr, laß doch einmal ab
von Deiner zu großen Geduld! O Herr, lange wartete ich auf den Isaak; nur Deine
Kraft erzeugte ihn im Leibe der Sara. Als er schon ein gar rüstiger Junge
geworden, da verlangtest Du, um zu prüfen meinen Glauben und meinen Gehorsam,
daß ich ihn Dir opfern solle. Ich unterzog mich Deinem Willen; aber Du Selbst
hieltest mich dann ab von der vollen Ausführung des anbefohlenen Werkes,
beschertest mir dafür einen Ziegenbock, den ich dann an Stelle Isaaks zu opfern
hatte, und gabst mir den Isaak wieder. Oh, wie gar sehr wohl tat das meinem
Herzen!
[GEJ.07_162,09] Doch es wäre damals besser
gewesen, so ich an Stelle des Bockes dennoch Isaak geopfert hätte, auf daß aus
ihm nicht ein Geschlecht hervorgegangen wäre, das schon in der Wüste unter dem
Sinai in Deiner heiligsten Gegenwart ein goldenes Kalb anzubeten begann und nun
ärger geworden ist denn alle noch so finsteren Heiden und anderen Kinder der
Welt, die von der Schlange gezeugt worden sind auf dem Wege der großen Hurerei
Babels. O Herr, strecke einmal aus Deine Rechte und vertilge Deine Feinde!“
[GEJ.07_162,10] Diese Worte betonte der Geist
Abrahams mit einer gewaltig ernsten Stimme.
[GEJ.07_162,11] Ich aber sagte zu ihm: „Du
weißt es, daß Ich hinfort die Menschen nicht mehr aus Meinem Eifer, sondern sie
nur durch sie selbst will richten lassen, der wenigen Gerechten willen, die vor
dem Mammon dieser Welt ihre Knie noch nicht gebeugt haben. Darum lassen wir nun
die freiwillig stumme und blinde Welt wandeln ihre Wege und das Gericht über
sich führen, das sich eben die Welt selbst bereitet zu ihrem Untergange.
[GEJ.07_162,12] Meine wahren Kinder aber will
Ich Selbst führen die Wege des Lichtes und die Pfade des Lebens. Was zu retten
ist, das soll nun auch gerettet werden; was sich aber nicht will retten lassen
und nicht frei werden will vom eigengeschaffenen Gericht und Tode, dem werde
auch zuteil, was es will!
[GEJ.07_162,13] Will jemand die Freiheit und
mit ihr das ewige Leben, so werde es ihm auch zuteil; will aber jemand das
Gericht und den Tod, so werde ihm auch das zuteil! Denn von nun an wird kein
Jude mehr sagen können: ,Ich hätte schon auch die Wege des Lichtes betreten,
wenn ich von ihnen eine Kunde erhalten hätte!‘ – Ich habe allenthalben Selbst
gelehrt und gewirkt, und heute noch werde Ich etliche siebzig Jünger entsenden,
die Meine Lehre an alle Enden des ganzen alten Judenreiches hinaustragen sollen
und sie verkünden den Heiden und Juden, und in einem Jahre werden in Meinem
Namen Meine alten und ersten Jünger dieses Evangelium hinaustragen in alle
Welt. Wohl jedem, der es annehmen und sein Leben danach richten wird!“
[GEJ.07_162,14] Hierauf verneigte sich der
Geist Abrahams wieder tief vor Mir, dankte Mir und verschwand.
[GEJ.07_162,15] Da sagten die beiden
Pharisäer: „Herr, Herr und Meister von Ewigkeit, das war wohl ein tüchtiges
Zeichen; wir meinen: Wenn das alles auch die anderen Pharisäer gesehen hätten,
so würden sie sicher auch ebenso gläubig werden, wie wir nun gläubig geworden
sind. Warum wirkst Du denn vor ihnen keine solchen Zeichen?“
[GEJ.07_162,16] Sagte Ich: „Weil eben Ich am
allerbesten weiß, wie sie ein solches Zeichen aufnehmen würden! Ihr vier seid
nun wohl die letzten, die aus dem Tempel noch zu retten waren; mit allen andern
ist nichts mehr! Ich werde aber demungeachtet auch noch zu öfteren Malen im
Tempel lehren und werde auch Zeichen wirken; aber ihr werdet euch dann selbst
überzeugen können, welchen Eindruck das auf die Templer machen wird. Ja, es
wird noch viel Volk an Mich zu glauben anfangen, aber diese Hohen des Tempels
in dieser Welt nimmer!“
163. Kapitel
[GEJ.07_163,01] (Der Herr:) „Gebet aber nun
noch weiter acht! Es sollen zu eurer völligen Beruhigung noch mehrere Zeugen
aus dem Jenseits kommen und euch sagen, daß eben Ich der verheißene Messias der
Juden zunächst und durch sie auch aller Menschen der ganzen Erde bin! Wählet
aber nun selbst, wen ihr sehen und sprechen wollet!“
[GEJ.07_163,02] Sagten die beiden: „Herr,
wenn Du es schon einmal also willst, so laß uns Moses und Elias sehen; denn die
beiden waren wohl sicher Deine größten Propheten!“
[GEJ.07_163,03] Sagte Ich: „Allerdings! Weil
ihr sie gewählt habt, so will Ich denn auch, daß sie kommen!“
[GEJ.07_163,04] Als Ich das ausgesprochen
hatte, da fuhr es aus der reinen Luft wie ein starker Blitz, und die beiden
Zeugen standen mit sehr ernster Miene vor den Pharisäern, verneigten sich auch
tiefst vor Mir, und Moses zeigte unter sehr feurigen Blicken mit der rechten
Hand auf Elias hin und sagte mit einer donnerähnlichen Stimme: „Kennet ihr
den?“
[GEJ.07_163,05] Da erschraken die beiden
Pharisäer gewaltig und konnten Moses vor Angst nicht antworten; denn sie
erkannten in Elias nur zu bald Johannes den Täufer, zu dessen Gefangennehmung
und Enthauptung sie selbst das meiste beigetragen hatten.
[GEJ.07_163,06] Elias aber sagte: „Da euch
die scharfe Axt an die Wurzel gelegt ist, so erkennet ihr erst, daß euer
Gericht vor der Tür ist. Es war für euch die höchste Zeit, daß ihr euch bekehrt
habt, und da der Herr, der Allmächtige, euch Selbst gnädig ward, so vergebe
auch ich euch den an mir begangenen Frevel. Aber tausendfaches Wehe denen, die
ihre argen Hände auch an den Leib des Herrn legen werden! Das Gericht und der
Fluch ist ihnen schon an die Stirne gezeichnet.“
[GEJ.07_163,07] Hierauf faßte der eine Pharisäer
etwas mehr Mut und sagte mit bebender Stimme: „O großer Prophet, wer hätte es
denn je geahnt, daß in dir der Geist des Elias verborgen war?!“
[GEJ.07_163,08] Sagte Elias: „Steht es denn
nicht geschrieben, daß Elias zuvor kommen werde und bereiten die Wege des
Herrn? Habt ihr denn nicht gelesen: ,Sieh, eine Stimme des Rufenden in der
Wüste – bereitet dem Herrn die Wege! – Siehe! – Ich sende Meinen Engel vor Dir
her, daß er ebne Deine Fußstapfen!‘
[GEJ.07_163,09] So ihr aber das wußtet, warum
glaubtet ihr nicht? Warum verfolgtet ihr mich, und warum verfolgtet ihr bis
jetzt auch den Herrn?“
[GEJ.07_163,10] Sagte voll Angst der
Pharisäer: „O du großer Prophet, habe Geduld mit unserer großen Blindheit; denn
nur diese ist die Hauptschuld an all dem von uns und durch uns verübten Bösen!“
[GEJ.07_163,11] Sagte Elias: „Was euch der
Herr vergeben hat, das werde euch auch von uns vergeben! Aber hütet euch sehr,
daß euch nicht abermals eine neue Versuchung blende; denn aus einem neuen
Abgrunde würdet ihr schwerlich je wieder zum Lichte erstehen!“
[GEJ.07_163,12] Hierauf verschwanden die
beiden Propheten wieder, und die Pharisäer wandten sich bittend an Mich, daß
Ich kein ähnliches Zeichen mehr wirken solle; denn es habe sie das schon in
eine zu große Angst und Furcht versetzt.
[GEJ.07_163,13] Sagte Ich: „So euch schon das
in eine so große Angst und Furcht versetzt hat, wie würdet ihr euch denn dann
befinden, so Ich euch die große Anzahl aller derer vorstellen würde, die durch
eure große Rach- und Verfolgungssucht auf die elendeste Weise aus dieser Welt
geschafft worden sind?“
[GEJ.07_163,14] Sagten die Pharisäer: „O Herr
und Meister, tue Du uns nun nur das nicht an; denn das würde unser Tod sein!“
[GEJ.07_163,15] Sagte Ich: „Das eben nicht,
solange Ich nun um eures Glaubens willen bei euch bin; denket euch aber, daß
ihr denn doch einmal mit allen jenen Seelen im großen Jenseits sicher
zusammenkommen werdet! Was werdet ihr ihnen zur Antwort geben, so sie euch vor
dem Throne Gottes mit Allgewalt zur Rechenschaft fordern werden?“
[GEJ.07_163,16] Sagten die Pharisäer: „O Herr
und Meister von Ewigkeit, wir wollen ja in dieser Welt noch alles tun, was Du
uns nur immer zu tun befehlen willst; aber laß dann jenseits uns zu keiner
solchen Verantwortung kommen, – denn da könnten wir auf tausend ja nicht eins
erwidern! Gib uns aber in Deiner Güte und Erbarmung einen Rat, was wir noch tun
sollen, um dereinst auch jenseits von solch einer Angst und peinlichsten Plage
verschont zu werden!“
[GEJ.07_163,17] Sagte Ich: „Was ihr zu tun habt,
das habe Ich euch schon gesagt, und ihr werdet dadurch zum Licht und Leben
gelangen; aber das sage Ich euch auch, daß es für euch gut ist, daß ihr euer
Gewissen genau durchforschet und so die ganze Größe all eurer Sünden und
Laster, die ihr begangen habt, durchschauet.
[GEJ.07_163,18] Habt ihr das getan, dann habt
ihr euch fürs erste der Sünden entäußert, werdet auch einen rechten Abscheu vor
ihnen überkommen und sie wahrhaft im Herzen bereuen; dazu werdet ihr dann auch
leicht und wirksam den festen Vorsatz fassen, ja keine Sünde mehr zu begehen,
sondern nur den Wunsch stets lebendiger in euch fühlen, jeden Schaden, den ihr
je jemandem zugefügt habt, nach allen euren Kräften wieder gutzumachen. Ihr
werdet dazu in voller Tat wohl nicht imstande sein, besonders bei denen, die
sich schon jenseits befinden; aber da werde Ich euren festen Willen fürs Werk
annehmen und für euch alles gutmachen, was ihr Übles angerichtet habt.
[GEJ.07_163,19] Aber ihr müsset das wohl
höchst ernst beherzigen, sonst kann mit euch wohl das geschehen, was der
Prophet Elias zu euch geredet hat; denn ihr werdet noch so manche Versuchungen
zu bestehen haben! Ein altes Fleisch legt seine alten Gewohnheiten nicht so
leicht ab, wie jemand in seinem ersten guten Vorsatze sich das vorstellt. Ihr
werdet zwar mit Mir ziehen; aber an Meiner Seite, solange Ich noch auf dieser
Erde umherwandeln werde, werdet ihr gleich Meinen anderen Jüngern in noch gar
manche Versuchungen kommen, und es wird sich dann auch schon zeigen, wie
schwach euer Fleisch noch ist, wenn der Geist in euch schon zu einer
bedeutenden Stärke gediehen ist. Darum aber ist es eben so notwendig, alles
aufzubieten, damit die Seele aus der alten Gefangenschaft des Fleisches kommen
mag, und das kann nur dadurch geschehen, daß ihr das tuet, was Ich euch
angeraten habe; denn die Sünde verläßt die Seele in dem Maße, in welchem die
Seele die Sünde als Sünde erkennt, sie bereut, verabscheut und sie hinfort
nicht mehr begeht. – Habt ihr das nun wohl begriffen?“
164. Kapitel
[GEJ.07_164,01] Sagten die Pharisäer: „Wir
danken Dir, o Herr, für diesen höchst reinen und wahren Unterricht; er ist uns
lieber als die gar entsetzlichen Zeichen, die unser Gemüt mit einer zu großen
Angst erfüllen. Wir werden Deinen heiligen Rat nach der Möglichkeit unserer
Kraft erfüllen. Aber da wir von nun an nur noch ein paar Stunden lang Tag
haben, so werden wir uns nun in die Stadt begeben und heute noch mit unseren
Schätzen und mit unseren Familien Ordnung machen, auf daß wir morgen als am
Sabbat schon bei Dir sein können.“
[GEJ.07_164,02] Sagte Ich: „Wenn das euer
vollkommener Ernst ist, so bleibet ihr nur hier, und die Sache wird sich noch
ganz anders machen lassen! Ich werde Meinem jugendlich aussehenden Diener den
Auftrag erteilen, daß er für euch das Geschäft abmache und eure Familien nach
Bethania ins Haus des Lazarus bringe, alle eure Schätze aber hierher; er wird
das gar bald in der besten Ordnung ausgeführt haben. – Ist euch das wohl also
recht?“
[GEJ.07_164,03] Sagten die Pharisäer: „Ja,
Herr, wenn das möglich wäre, so wäre uns das wohl gar überaus recht!“
[GEJ.07_164,04] Sagte Ich: „Bei Gott sind
alle Dinge möglich! Was aber Mein Diener vermag, das hat er euch schon zuvor
gezeigt. Gehet aber hin und redet selbst mit ihm!“
[GEJ.07_164,05] Sagten die Pharisäer: „O Herr
und Meister, rede lieber Du mit ihm, und es wird dann alles in der viel
besseren Ordnung geschehen, als wenn wir ihm irgendeinen ungeschickten und
unweisen Rat erteilten!“
[GEJ.07_164,06] Sagte Ich: „Nun gut denn, da
ihr das in eurem Herzen erkennet und wünschet, so will Ich auch das tun.“
[GEJ.07_164,07] Hier berief Ich den Raphael
und erteilte ihm innerlich den Wink, daß er das vollführe.
[GEJ.07_164,08] Da fragte Raphael die
Pharisäer, in wie langer Zeit sie das ganze Geschäft beendet haben möchten.
[GEJ.07_164,09] Sagten die Pharisäer: „O du
lieber Diener Jehovas, das steht ganz bei dir! Wenn es aber vor dem Abende sein
und geschehen könnte, so wäre uns das natürlich sehr lieb; denn morgen ist Sabbat,
an dem man kein Geschäft schlichten kann und darf.“
[GEJ.07_164,10] Sagte Raphael: „Was würdet
ihr denn dazu sagen, so ich euer Geschäft nun schon in der besten Ordnung und
Genauigkeit vollführt hätte?“
[GEJ.07_164,11] Sagten die Pharisäer: „Wie könnte
denn das wohl möglich sein? Du warst ja nicht auch nur einen Augenblick von
hier abwesend! Und wie könnten unsere Familien jetzt schon in Bethania sein?
Sie haben durch die große Stadt mehr denn eine gute Stunde zu wandeln, und von
der Stadt zieht sich der Weg bis nach Bethania für schwache Füße auch gut an
zwei Stunden Zeit nach römischem Maße! Es ist sonach das als etwas rein
Unmögliches zu betrachten!“
[GEJ.07_164,12] Sagte Raphael: „Ich habe aber
das schon vor ein paar Stunden gewußt, daß die Sache sich also gestalten werde,
und habe eure Familien schon mit den ordentlichsten Weisungen weiter befördert,
die sich nun schon bei einer halben Stunde lang ganz gut in Bethania befinden;
eure Schätze aber befinden sich schon in den Händen derer, die ihr selbst nach
dem Rate des Herrn dazu bestimmt habt, und so ist das ganze Geschäft schon
abgemacht.
[GEJ.07_164,13] Damit ihr euch aber davon zum
Teil selbst überzeugen möget, so gehet hinauf in die Hütte mit mir, und ihr
werdet da den Teil, der auf Nikodemus entfallen ist, in den Augenschein nehmen
können!“
[GEJ.07_164,14] Hierauf gingen die beiden
Pharisäer und die zwei Leviten mit Raphael in die Hütte und fanden ihre ihnen
wohl bekannten Schätze in guter Ordnung auf einem darin befindlichen Tische.
[GEJ.07_164,15] Als sie das ersahen, schlugen
sie die Hände über dem Haupte zusammen und sagten (die Pharisäer und Leviten):
„Ja, ja, da waltet Gottes Kraft! Das sind Dinge, die keinem Menschen möglich
sind! Aber sage uns, du holdester Diener des allein wahrhaftigen, allmächtigen
Gottes, in welcher Weise ist denn dir das möglich gewesen?“
[GEJ.07_164,16] Sagte Raphael: In ganz
derselben Weise, die ich euch früher schon ganz klar und gut gezeigt habe! Denn
mein Gedanke, vereint mit meinem Willen, der wieder gänzlich der Wille Gottes
ist, ist soviel wie ich selbst; ich kann mich durch ihn überall als vollkommen
wirkend vergegenwärtigen. Wer das vermag, der ist gottähnlich vollendet in
seinem inneren Leben.
[GEJ.07_164,17] Also ist auch Gott, als Wesen
persönlich nur Einer, nun hier in der Person des Herrn vollkommen gegenwärtig
und befindet Sich in der ganzen Unendlichkeit sonst nirgendwo. Aber Er ist
durch Seinen Willen und durch Seine überklaren Gedanken dennoch in der ganzen
Unendlichkeit als vollwirkend gegenwärtig. Wenn Er das nicht wäre, so gäbe es
keine Erde, keinen Mond, keine Sonne und keine Sterne und somit auch keine
anderen Geschöpfe auf und in ihnen. Denn alle die Weltkörper und ihre Geschöpfe
sind vom Alpha bis zum Omega Seine durch Seinen Willen fest und unwandelbar
gehaltenen Gedanken und Ideen, die Er im Menschen zu selbständigen Wesen
umgestaltet, und das also, daß sie Ihm in allem völlig ähnlich sein sollen, –
was natürlich ein Werk Seiner Liebe und Seiner ewigen Weisheit ist. Und nun
habe ich es euch gesagt, wie die Dinge stehen, und wir verlassen nun diese
Stelle!“
[GEJ.07_164,18] Darauf begaben sich die fünf
wieder zu uns herab, und ein Pharisäer trat zu Nikodemus hin und zeigte ihm an,
was sich in der Hütte befand.
[GEJ.07_164,19] Nikodemus aber erwiderte ihm:
„Freund, ich habe schon die Kunde davon, und es wird alles nach dem Rate des
Herrn also geschehen, wie es sicher am besten sein wird! Nun aber seien wir
alle wieder in Ruhe; denn der Herr wird abermals etwas vornehmen, was Ihm in
Seiner Ordnung als für heute notwendig erscheint!“
165. Kapitel
[GEJ.07_165,01] Auf diese Worte des Nikodemus
ward alles ruhig, und Ich berief den Sklavenhändler Hiram und seine Gefährten
zu Mir und sagte zu ihnen: „Ihr habt in diesen wenigen Tagen viel gehört,
gesehen und erfahren. Ihr wisset nun gleich Meinen Jüngern, was ein jeder
Mensch zu tun hat, um das ewige Leben seiner Seele zu erreichen. So ihr danach
tun und leben werdet, so werdet auch ihr das sicher erreichen, was Ich
jedermann verheißen habe, der nach Meiner Lehre leben und handeln wird.
[GEJ.07_165,02] Aber auch ihr habt daheim
noch so manches gutzumachen, was ihr als finstere Heiden verbrochen habt;
machet sonach, wie nur immer möglich, all das von euch euren Nebenmenschen
zugefügte Unrecht wieder gut, und ihr werdet schon darum von Mir einer wahren
Lebensgnade gewärtigt werden! Dann suchet aber auch diese Meine Lehre den
anderen Menschen beizubringen, und wirket dahin, daß sie auch in der Tat
lebendig ausgeübt werde! Wendet ab euer Ohr und Herz von euren Wahrsagern, und
trachtet auch dahin, daß sich die dortigen Menschen nach euch richten, und seid
die rechten Priester eurer Nebenmenschen, und ihr sollet darum einen großen
Schatz der geistigen Gaben aus Mir schon in jüngster Zeit überkommen!
[GEJ.07_165,03] Aber auf dem Wege nach eurer
Heimat machet Mich nicht ruchbar; denn wo es nötig war, und wo Ich von für
Meine Lehre reifen Menschen wußte, da bin Ich schon ohnehin Selbst bei ihnen
gewesen mit Worten und Zeichen, und sie bedürfen nun eines Weiteren nicht; wenn
es aber Zeit sein wird, da werde Ich schon ohnehin Meinen Geist über sie
ausgießen, der sie dann in alle Wahrheit leiten wird. Kurz, auf dem Wege machet
durchaus kein Wesen und keinen eitlen Lärm von Mir! Aber daheim könnet ihr euer
Volk ordentlich lehren; redet aber auch daselbst nicht zu viel von den Zeichen,
sondern habt vor allem nur Meine Lehre vor euren Augen! Denn das Heil für die
Menschen liegt ja ohnehin nicht in den gewirkten Zeichen, sondern in Meiner
Lehre und hauptsächlich in der lebenstätigen Befolgung derselben!
[GEJ.07_165,04] Wenn ihr aber lehret in
Meinem Namen, so denket zuvor nicht lange ängstlich darüber nach, was ihr reden
werdet, sondern wenn ihr in Meinem Namen zu den Menschen reden werdet, so
werden euch durch Meinen Geist die rechten Worte schon ins Herz und in den Mund
gelegt werden! Das gilt auch für alle, die nach euch das Volk in Meinem Namen
lehren werden.
[GEJ.07_165,05] Erbauet Mir aber ja keine
Tempel, und machet auch nicht gleich den Heiden gewisse Tage im Jahre zu besonderen
Tagen, sondern bestimmet in der Woche einen Lehrtag, der euch am günstigsten
dünkt, und lasset in eure Häuser die Menschen zu euch kommen, und lehret sie!
Teilet auch euer Brot mit den Armen und laßt euch dafür nicht extra ehren, und
begehret von niemanden einen Lohn oder ein Opfer; denn umsonst habt ihr es
bekommen und sollet es also auch umsonst wieder an eure Nebenmenschen
austeilen! Den Lohn dafür habt ihr in allem von Mir zu gewärtigen.
[GEJ.07_165,06] So aber da jemand von den
Vermögenden käme und euch freiwillig ein Dankopfer brächte, da nehmet es an,
und beteilet damit die Armen! Der euch aber in Meinem Namen ein Opfer brachte,
den schätzet darob nicht höher als den armen Bruder, auf daß er nicht eitel
werde und sich erhebe über seine armen Brüder, sondern nur wachse in der Liebe
zu ihnen, so wird sein Opfer von Mir angesehen werden, und Meine Gnade wird ihm
darum zum Lohne werden, und Mein Segen wird ihm reichlich sein Opfer vergelten!
Denn wer euch, Meinen nun gedungenen Arbeitern, also opfern wird, der wird es
Mir opfern, und sein Lohn wird nicht unterm Wege bleiben.
[GEJ.07_165,07] Wenn ihr aber also das Volk
in Meinem Namen werdet unterwiesen haben, dann werde Ich auch einen größeren
Apostel zu euch senden, der wird dann den Gläubigen in Meinem Namen die Hände
auflegen und wird sie also taufen in Meiner Liebe, in Meiner Weisheit und in
Meiner Kraft, und sie werden dadurch empfangen den Heiligen Geist aus Gott und
durch ihn erreichen die volle Wiedergeburt ihres Geistes in ihrer Seele, und dadurch
und damit auch das ewige Leben und dessen Kraft.
[GEJ.07_165,08] Nun wisset ihr in aller
Kürze, was ihr in der Folge tun sollet und auch sicher tun werdet, und somit
empfanget Meinen Segen, und ziehet heute noch eurer Heimat zu; denn morgen als
an einem Sabbat der Juden würdet ihr schwer weiterkommen!
[GEJ.07_165,09] Ziehet aber jene breite
Straße, die nach Galiläa führt, und ihr werdet um die dritte Stunde der Nacht
einen kleinen Ort erreichen; daselbst bleibet bis an den Morgen, da werdet ihr
gut aufgenommen werden! Von da weg werde Ich es euch ins Herz und in den Sinn
legen, welchen Weg ihr weiterhin zu ziehen haben werdet, um ohne irgendein
Ungemach in euer Land zu kommen. Und so möget ihr nun unter Meinem euch
schützenden und begleitenden Segen euren Weg alsogleich antreten!“
[GEJ.07_165,10] Hierauf dankte Hiram für
alles, empfahl sich Meiner Gnade und verließ uns.
[GEJ.07_165,11] Hier machte Lazarus die
Bemerkung, daß es ihn nun sehr wundernehme, daß sich diese Sklavenhändler nicht
auch bei ihren hierhergebrachten Jungen beurlaubt hätten.
[GEJ.07_165,12] Sagte Ich: „Das wollte Ich
nicht und hatte dazu sicher Meinen weisen Grund. Die Jungen unterhalten sich
dort am nördlichen Abhange dieses Hügels ganz gut, und es wäre unklug gewesen,
sie darin zu stören. Diese Menschen habe Ich nun denn auch in Meinem Namen
entsendet, und das war gut; denn sie werden ein Licht verbreiten in ihrer
Gegend.
[GEJ.07_165,13] Aber nun lasset abermals
etwas Brot und Wein hierherbringen, und Ich werde da noch andere erwählen, sie
stärken und hinaussenden in die Welt! Tut also, was Ich wünsche!“
166. Kapitel
[GEJ.07_166,01] Nikodemus berief alsbald
seine anwesenden Diener und sandte sie hinab, daß sie brächten Brot und Wein in
rechter Menge. Da gingen diese eiligst hinab und brachten Brot und Wein, wie es
ihnen befohlen war, in rechter Menge.
[GEJ.07_166,02] Als auf diese Weise Brot und
Wein herbeigeschafft war, da berief Ich alsbald die noch immer anwesenden siebzig
Arbeiter zu mir (Luk.10,1) und sagte zu ihnen: „Da ist Brot und Wein! Nehmet,
esset und trinket und stärket euch; denn danach werde Ich euch hinaussenden vor
Mir in die Städte, Märkte und Dörfer, damit ihr die Menschen vorbereiten möget
auf Meine Ankunft! Aber nun esset und trinket; nachher wollen wir weiter reden
über diesen wichtigen Punkt!“
[GEJ.07_166,03] Darauf nahmen die Berufenen
Brot und Wein und stärkten sich.
[GEJ.07_166,04] Als sie mit dem Sichstärken
fertig waren, da dankten sie, und einer aus ihrer Mitte sagte: „Nun, Herr und
Meister, sind wir bereit, von Dir die Weisungen anzunehmen, die Du uns gnädig
wirst erteilen wollen! Dein Wille geschehe; er allein sei unsere künftige
Tatkraft!“
[GEJ.07_166,05] Sagte Ich: „Also wohl denn!
Sehet, die Ernte ist groß, das Feld mit reifer Frucht erstreckt sich über die
ganze Erde hin; aber es gibt immer noch wenige Arbeiter! Bittet darum den Herrn
der Ernte, daß Er viele Arbeiter aussende in Seine Ernte.“ (Luk.10,2)
[GEJ.07_166,06] Sagte der Redner: „Ja, Herr,
darum bitten wir Dich auch; denn Du bist der Herr der Ernte“
[GEJ.07_166,07] Sagte Ich: „Also gehet denn
hin zu je zwei und zwei in die Orte des ganzen Judenlandes, und auch in das
Land der Samariter!
[GEJ.07_166,08] Ich sende euch als Lämmer
unter die Wölfe, die ihr aber nicht zu fürchten nötig habt; denn Meine Kraft
wird euch Mut geben wider sie. (Luk.10,3) Traget darum keine Beutel, keine
Taschen, keine Stöcke, keine Schuhe an den Füßen, und also sollet ihr auch
nicht zwei Röcke tragen! Seid ernst und dabei doch sanftmütig! Grüßet auch
niemanden auf der Straße, verlanget aber auch nicht, daß euch jemand grüße;
denn ihr seid ja alle gleiche Kinder ein und desselben Vaters im Himmel!
(Luk.10,4) Nur einer ist euer Herr und Meister, ihr alle aber seid Brüder. Euer
Gruß sei die wahre gegenseitige Bruder- und Nächstenliebe; was darunter oder
darüber ist, ist vom Argen! Daraus aber wird man erkennen, daß ihr wahrhaft
Meine Jünger seid, daß ihr euch untereinander liebet, wie auch Ich euch liebe.
[GEJ.07_166,09] Wo ihr aber in einem Orte in
ein Haus kommet, da sprechet: ,Der Friede sei mit diesem Hause!‘ (Luk.10,5) So
daselbst ein Kind des Friedens sein wird, da wird auch euer Friede auf ihm
ruhen; wo aber nicht, da wird euer Friede sich wieder zu euch wenden.
(Luk.10,6) Wo ihr aber den Frieden finden werdet, in dem Hause bleibet, und
esset und trinket ohne Angst und Gewissensskrupel, was man euch auf den Tisch
setzen wird! Denn so ihr als Arbeiter für das Reich Gottes in einem Hause seid,
da seid ihr auch, wie ein jeder fleißige Arbeiter, eures Lohnes wert.
[GEJ.07_166,10] Wo aber einmal zwei von euch
hie und da in einem Hause eines Ortes aufgenommen sind, da bleibet auch im
selben Hause und ziehet der Versorgung wegen nicht von einem Hause in ein
anderes; denn es ist nicht fein, weil ihr in einen Ort oder in ein Haus nicht
als irgendwelche arbeitsscheue Bettler kommt, sondern als reichbegabte
Überbringer Meines Wortes und dadurch des wahren Reiches Gottes und Seines
ewigen Segens. (Luk.10,7)
[GEJ.07_166,11] Würdet ihr aber selbst in
eine Stadt kommen, in der zum größten Teile Heiden wohnen, und würdet ihr
daselbst in einem solchen Hause gut aufgenommen sein, so bleibet auch daselbst,
und esset, was man euch auftragen wird! Denn was zum Munde hineingeht, verunreinigt
den Menschen nicht, sondern nur das verunreinigt den Menschen, was zum Munde
herausgeht, – wie Ich solches euch schon am Ölberg klar gezeigt habe, worin das
besteht, was als aus dem Munde herausgehend den Menschen verunreinigt.
(Luk.10,8)
[GEJ.07_166,12] Wo ihr aber in eine Stadt
oder in einen andern Ort kommet, und ihr werdet da in keinem Hause aufgenommen,
da gehet heraus auf die offfenen Gassen und Straßen und sprechet: ,Auch den
Staub, der sich in eurer Stadt an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir auf
euch zurück! Doch aber sollet ihr wissen, daß euch das Reich Gottes nahe war!‘
(Luk.10,10-11)
[GEJ.07_166,13] Ich sage euch aber, daß es an
jenem Tage, den Ich euch am Ölberge gezeigt habe, der Stadt Sodom erträglicher
ergehen wird als solch einer Stadt, die euch nicht annehmen wird! Wehe dir,
Chorazin, wehe dir, Bethsaida! Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen,
die bei euch geschehen sind, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan; darum
wird es Tyrus am Tage des Gerichtes erträglicher ergehen denn euch! Und du,
Kapernaum, die du bis in den Himmel erhoben bist, sollst in die Hölle
hinabgestoßen werden!“ (Luk.10,12-15)
[GEJ.07_166,14] Hier sagten einige Meiner
alten Jünger unter sich: „Aber seht, wie kommt Er denn nun wieder in solch einen
Eifer wider jene Städte, die Er schon einmal in Kis bei Kisjonah in gleichem
Eifer also sehr bedroht hat! Es ist wohl wahr, daß Er dort den wenigsten
Glauben gefunden hat, was den ganzen Ort betrifft; aber einige haben Ihn doch
aufgenommen und als den wahren Sohn Gottes und Mittler der Juden wohl erkannt!
Wir selbst gehören ja auch zu Kapernaum! Es ist doch merkwürdig, was Er an
manchen Tagen mit Kapernaum zu tun hat!“
[GEJ.07_166,15] Sagte Ich zu den also sich
verwundernden Jüngern: „Was schmollet ihr denn unter euch? Was ist Chorazin,
was Bethsaida, und was Kapernaum? Die sind es, die Meine Lehre nicht annehmen
wollen und trotz aller Zeichen nicht glauben, daß Ich der verheißene und nun in
diese Welt gekommene Messias bin! Habe Ich euch doch auch schon einmal vor Mir
ausgesandt in die Städte und andere Orte, und wie seid ihr in den gewissen
Städten aufgenommen worden? Ihr habet Feuer vom Himmel über sie gerufen! Kann
es euch nun wundernehmen, so Ich bei dieser Gelegenheit, wo Ich nun auch wieder
Jünger vor Mir hinaussende in die Welt der Greuel, eben jene Sentenz
wiederhole, auf daß auch sie wissen sollen, wie sie sich gegen solche Menschen
zu benehmen haben, die Ich mit dem Namen eben jener Städte bezeichne, in denen
es euch ganz und gar nicht gut ergangen ist?!
[GEJ.07_166,16] Darum sage Ich aber nun zu
euch allen, und nicht nur zu diesen siebzig: Wer euch hört, der hört auch Mich;
wer euch aber verachtet, der verachtet auch Mich. Wer aber Mich verachtet, der
verachtet doch sicher auch den, der Mich in diese Welt gesandt hat; denn Ich
und Derselbe sind Eins.“
[GEJ.07_166,17] Hierauf legte Ich über die
siebzig Meine Hände und sagte: „Nehmet hin die Macht Meines Willens! So ihr zu
allerlei kranken und bresthaften Menschen kommen werdet, da leget ihnen die Hände
auf in Meinem Namen, und es wird besser werden mit ihnen! So ihr kommet zu
solchen, die das besessen sind von Teufeln (unreinen Geistern im Fleische), so
gebietet ihnen eben auch in Meinem Namen, und sie werden ausfahren vom Fleische
der Geplagten und werden dahin ziehen, wohin ihr sie bestimmen werdet!
[GEJ.07_166,18] Also gebe Ich euch auch Macht
über die bösen Geister in der Luft, über die im Wasser und über die argen
Geister in den Höhlen der Erde. Ferner gebe Ich euch die Macht, auf Skorpione
zu treten und auf Schlangen zu gehen, wie auch jeden Feind von euch zu treiben,
und nichts wird euch irgend zu beschädigen imstande sein.
[GEJ.07_166,19] Fürchtet euch aber auch
nicht, zu wandeln in der Nacht, und habet keine Angst vor einem Sturme, vor
Blitz und Donner; denn auch über das könnet ihr gebieten, und das böse Getier
der Wälder und Wüsten wird fliehen vor euren Augen. Und also ausgerüstet könnet
ihr nun schon von hier fortziehen in der Bekleidung, in der ihr nun da steht.
[GEJ.07_166,20] Aber das merket euch auch
noch hinzu: Umsonst habe Ich euch nun das alles gegeben, und also sollet ihr es
an die würdigen Menschen wieder austeilen; doch den Schweinen von Menschen
sollet ihr diese Perlen nicht vorwerfen! Und nun hebet euch und ziehet, dahin
euch der Geist leiten wird!“
[GEJ.07_166,21] Hierauf dankten Mir die
siebzig für solche großen Gnadengaben und zogen je zu zwei und zwei nach allen
Richtungen.
167. Kapitel
[GEJ.07_167,01] Als die Pharisäer und auch
die bekannten Judgriechen das sahen, da kamen auch sie zu Mir und sagten:
„Herr, wir glauben ja ebenso fest an Dich, wie die glauben, die Du nun
ausgesandt hast, und kennen nun auch Deine Lehre vollkommen! Wolltest Du denn
uns nicht auch also hinaussenden vor Dir hin in die Welt?“
[GEJ.07_167,02] Sagte Ich: „Es wird schon
auch an euch die Reihe kommen; doch für jetzt genügen diese siebzig. So Ich
erhöhet und aufgefahren sein werde, dann werdet auch ihr und noch viele andere
hinausgesandt werden, um allen Menschen das Evangelium vom Reiche Gottes zu verkünden;
aber für jetzt bleibet als getreue Zeugen Meiner Worte und Taten bei Mir, denn
auch da seid ihr ebenso notwendig wie die Abgesandten nun draußen.
[GEJ.07_167,03] Es haben aber die nächtlichen
Zeichen der vorvorigen Nacht weit und breit gar viele Menschen geschaut und
stehen noch in großen Ängsten, weil sie die Bedeutung der großen Erscheinung
nicht kennen. Wenn nun die Ausgesandten zu ihnen kommen, so werden sie den
Betrübten und Bekümmerten einen rechten Trost bringen. Und seht, das ist ein
Hauptgrund, warum Ich heute schon die siebzig ausgesandt habe! Verstehet ihr
nun die großen und weisesten Absichten des Vaters im Himmel?“
[GEJ.07_167,04] Als diese das vernommen
hatten, waren sie zufrieden und fragten nun auf dem Hügel um nichts Weiteres
mehr.
[GEJ.07_167,05] Hierauf trat Lazarus zu Mir
und fragte Mich, sagend: „O du großer, allerliebster Freund, Meister und Herr
aller Menschen, siehe, die Sonne fängt schon an, sich so ziemlich stark dem
Untergange zu nahen! Wirst Du diese Nacht über hier verweilen oder Dich doch
wieder auf meinen Ölberg zurückbegeben? Wäre nach meinem Herzenswunsche das
letztere der Fall, so würde ich sogleich jemanden dahin entsenden, auf daß
meine Leute Vorkehrungen für uns träfen.“
[GEJ.07_167,06] Sagte Ich: „Wir werden alle,
aber erst in der Nacht, auf deinen Ölberg zurückkehren; denn nun am Tage würde
unsere Ankunft von den Templern irgendwie bald und leicht entdeckt werden. Was
aber unsere leibliche Versorgung betrifft, so werden wir hier schon noch ganz
gut versorgt werden; denn unser Freund Nikodemus hat ja auch eine große
Herberge und ein großes Wohnhaus. Und so werden wir uns erst gegen die Mitte
der Nacht in aller Stille auf deinen Ölberg begeben, auf daß da niemand ein
Ärgernis an uns nehme!“
[GEJ.07_167,07] Mit diesem Bescheid war
Lazarus zufrieden.
[GEJ.07_167,08] Ich aber behieß den Raphael,
nun unsere Jungen zu versorgen, da sie schon ein wenig hungrig geworden waren.
[GEJ.07_167,09] Hier meinte Nikodemus, ob es nicht
füglich wäre, so die Jungen in der Herberge etwa leichter eine rechte Stärkung
bekämen.
[GEJ.07_167,10] Sagte Ich: „Laß das nur gut
sein; Mein Diener weiß es schon, was er nun zu tun hat! Es wird alles in der
besten Ordnung geschehen, und also sei es denn auch!“
168. Kapitel
[GEJ.07_168,01] Darauf trat der Römer
Agrikola zu Mir und sagte: „Herr und Meister, da sich nun alles von hier zu
entfernen beginnt, so haben denn auch wir Römer daran zu denken angefangen, wie
und wann auch wir unsere Rückreise antreten werden! Da ich aber nun besonders
in Deiner Gegenwart ohne Deinen Rat nichts unternehmen und ausführen will, so
bitte ich Dich auch in dieser Hinsicht um Deinen göttlich weisen Rat.“
[GEJ.07_168,02] Sagte Ich: „Dich, Freund,
drängt jetzt noch keine Zeit, da du vom Kaiser aus ja ohnehin die Weisung hast,
daß du nötigenfalls mehr denn ein halbes Jahr von Rom wegbleiben kannst! Es ist
aber nun hier im Judenlande, wie im ganzen euch Römern gehörigen Asien, eben
nichts von irgendeiner besonderen Regierungswichtigkeit vorhanden, und weil du
darum deine Heimreise antreten kannst, wann es dir beliebt, so meine Ich, wenn
du solches erst etwa übermorgen tuest, so wirst du ob des noch längeren
Verharrens bei Mir nichts verlieren. Erst in einem Jahre wirst du vom Kaiser
mit einer Mission nach Britannien betraut werden, bei welcher Gelegenheit dich
dein ältester Sohn, der deinen Namen trägt, begleiten und alldort auf eine
längere Zeit ein hohes Amt überkommen wird. Ob du demnach nun auch um einen
ganzen Monat später nach Rom zurückkommst, so macht dir das nichts; denn du
wirst da noch immer früh genug daheim eintreffen.
[GEJ.07_168,03] Ich möchte dir aber auch noch
den Rat erteilen, wie du auf deinen großen Schiffen am sichersten nach Hause
kommen kannst. Siehe, es treten nun bald die Tag- und Nachtgleichungsstürme
ein, die, weil sie gerade vom Westen herwehen, den Schiffen, die von Osten nach
Westen steuern, sehr hinderlich sind! Daher würdest du in dieser Zeit über das
große Mittelländische Meer nicht wohl weiterkommen. Darum schlage du den
Heimweg über Kleinasien zu Lande ein, und laß deine Schiffe hinauffahren bis an
die erste Meerenge. Cyrenius wird dir bis dahin schon eine sichere und beste
Gelegenheit verschaffen. Dort kannst du das schmale Meer leicht und ohne alle
Gefahr überschiffen und von dort weg längs der Ufer Griechenlands bis nach
Dalmatia gelangen. Von dort aus wirst du den schmalsten Teil des Adriatischen
Meeres leicht überschiffen. Von dort weg weißt du den sichern Weg nach Rom
ohnehin. Aber die Schiffe wirst du erst um ein paar Monde später in einen
südlichen Hafen unter Rom überbringen lassen können, was da auch noch früh
genug sein wird. Ich habe dir das nun nur deshalb mitgeteilt, damit du auch in
irdischer Beziehung keinen Schaden erleidest.“
[GEJ.07_168,04] Sagte Agrikola: „Herr, ich
danke Dir für diesen Deinen natürlich- guten Rat, den ich auch allergenauest
befolgen werde! Aber ich kann bei dieser Gelegenheit dennoch nicht umhin, dahin
meine Bemerkung zu machen, daß ich auch trotz der Gegenwinde des Mittelmeeres
mit dem festesten Vertrauen und Glauben auf Deine allmächtige Hilfe eben über
das Mittelmeer in die Häfen Roms gelangen könnte; denn Dir, o Herr, sind ja,
wie ich mich wohl überzeugt habe, alle Dinge möglich! Warum sollte Dir das entweder
nicht möglich oder wenigstens nicht genehm sein? Ich werde aber dennoch Deinen
ersten Rat strenge befolgen und habe diese Frage nur meines puren Wissens wegen
aufgestellt.“
[GEJ.07_168,05] Sagte Ich: „Du hattest ganz
recht, daß du Mich also gefragt hast; denn siehe, Ich habe dir den ersten Rat
auch nur darum gegeben, um dir eine Gelegenheit zu verschaffen, dich selbst zu
erproben, wie stark dein Glaube und dein Vertrauen auf Meine Liebe, Weisheit,
Kraft und Macht ist!
[GEJ.07_168,06] Ist dein Glaube und dein
Vertrauen auf Mich so stark, daß dich in jeder noch so drohenden Gefahr kein
noch so geringer Zweifel mehr befällt, und das dahin, als möchte Ich dir aus
irgendeinem geheimen Grunde etwa nicht helfen, so kannst du es schon wagen, auf
dem Meer auch gegen die größten Stürme zu steuern; denn so du ihnen in Meinem
Namen gebötest zu verstummen, so würden sie auch verstummen im Augenblick, in
dem du ihnen das gebötest. Aber dazu, Freund, ist dein Glaube und dein
Vertrauen denn doch noch trotz deines guten Willens ein wenig zu schwach!
[GEJ.07_168,07] Du zweifelst wohl nicht im
geringsten darüber, daß Mir da wohl alles zu bewirken möglich ist; aber du
würdest zweifeln, ob Ich das, um was du Mich bittest, wohl auch allzeit tun
werde, und siehe, auch dieser gewisserart bescheidene Zweifel würde dich,
trotzdem Ich dir auch hülfe, wenn du Mich bätest, in eine stets große Furcht
und Angst versetzen, und daher ist es diesmal für dich besser, so du Meinen
ersten Rat befolgst!
[GEJ.07_168,08] Der Glaube und das Vertrauen
müssen zuvor auch geübt werden, bis sie völlig dazu taugen, den eigenen Willen
mit dem Meinen also zu einen, daß das Gewollte ohne das geringste Mißlingen
geschehen muß. Denn nur durch den vollen und lebendigen Glauben und also auch
durch das gleiche Vertrauen kann sich ein Mensch im Geiste und in Meinem Namen
überall als vollwirkend hinversetzen, und es muß geschehen, was er will.
[GEJ.07_168,09] Du wirst aber erst mit der
Zeit im Glauben und Vertrauen diejenige Festigkeit überkommen, durch die dein Wille
vollkräftig wird; und du wirst den Elementen wirksam gebieten können in Meinem
Namen. Du wirst aber selbst bei Gelegenheit der von Mir dir angeratenen
Heimreise schon auch auf manche kleinen Gefahren kommen; aber sie werden dir
nichts anhaben können, da Ich dich allenthalben beschützen werde. In einem
Jahre aber, wenn du nach Hispania, Gallia und Britannia ziehen wirst, wirst du
auch schon jenen Grad der Glaubens- und Willenskraft besitzen, gegen die sich
kein Feind wird auflehnen können; jetzt aber besitzest du das noch nicht.“
[GEJ.07_168,10] Sagte abermals Agrikola:
„Herr und Meister, die siebzig Arbeiter, die Du ehedem als Jünger in die Welt
fortsandtest, sind doch sicher auch nicht um vieles fester im Glauben und
Vertrauen gewesen als ich und meine Gefährten, und Du hast ihnen dennoch
Fähigkeiten erteilt, die wahrlich nichts zu wünschen übriglassen! Die ihnen
erteilten Gaben sind ihnen zu ihrem Amte freilich wohl notwendiger als
unsereinem; aber die Notwendigkeit allein kann da ja doch nicht die völlig
gültige Bedingung zum Empfang solcher wunderbaren Fähigkeiten sein! Ich wäre da
der Meinung nach Deiner Aussage, daß man dazu durch den Glauben und durch das
Vertrauen befähigt sein muß. Ob die siebzig aber dazu schon völlig befähigt
waren, das ist nun freilich eine ganz andere Frage, die nur von Dir als völlig
wahr und gültig beantwortet werden kann!“
[GEJ.07_168,11] Sagte Ich: „Diese siebzig
waren schon ganz wohl befähigt dazu, weil sie ganz einfache Menschen und schon
seit ihrer Jugend im Glauben und Vertrauen fest sind. Sie fragten bei den
verschiedenen Zeichen, die vor ihren Augen gewirkt wurden, nicht, wie etwa
dieses oder jenes möglich war, sondern sie glaubten, daß Mir nichts unmöglich
ist, und daß am Ende auch ihnen alles, was sie in Meinem Namen wollen, möglich
sein muß. Und siehe, infolge solchen ganz ungezweifelten Glaubens und
Vertrauens habe Ich ihnen auch leicht und wirksam die von euch allen
vernommenen Fähigkeiten erteilen können!
[GEJ.07_168,12] Bei ihnen war der Glaube vor
dem Wissen, bei euch aber ging das Wissen dem Glauben voran, und das ist für
den Empfang der wahren inneren geistigen Fähigkeiten ein großer Unterschied!
Aber es macht das nun nichts; denn auch ihr werdet, so ihr mit der Weile nicht
schwach im Glauben werdet, dieselben Fähigkeiten erhalten. – Hast du, Agrikola,
Mich nun verstanden?“
[GEJ.07_168,13] Sagte Agrikola: „Ja, nun habe
ich Dich ganz verstanden und danke Dir aus aller Tiefe Meines Herzens für diese
Deine gar wichtige Belehrung; ich werde sie in mir mit allem Eifer zu
verwirklichen suchen!
[GEJ.07_168,14] Aber, Herr, dort auf der
Straße, die sich von Morgen hierher zieht, sehe ich eine ganze Karawane diesem
Orte zuziehen! Da sie wahrscheinlich hier übernachten wird, so wird für uns in
der Herberge nicht viel Raum übrigbleiben. Sind das Juden, Griechen oder gar
Perser?“
[GEJ.07_168,15] Sagte Ich: „Mich kümmert
dieses Handelsvolk wenig; aber wenn du schon durchaus wissen willst, wer diese
Karawane ist, und woher sie kommt, so kann Ich dir das ja wohl auch sagen. Es ist
das eine Karawane, die aus Damaskus hierher kommt und übermorgen von da weiter
nach Sidon ziehen wird; sie führt allerlei Metallgerätschaften mit sich auf den
Markt. Diese Menschen sind Juden und Griechen. Wenn du ihnen heute noch etwas
abkaufen willst, so kannst du das tun; denn morgen dürfen sie keinen Markt
halten.“
[GEJ.07_168,16] Sagte Agrikola: „Das werde
ich nicht tun; denn mit solchen Dingen sind meine Schiffe und mein Hauswesen
daheim ohnehin reichlichst ausgestattet. Aber was werden wir nun machen? Die
Sonne steht schon am Horizont!“
[GEJ.07_168,17] Sagte Ich: „So lassen wir sie
stehen! Wir wollen nun, als am Anfange des Abends, ein wenig ruhen; denn wir
haben gearbeitet zur Genüge! Dann wird es sich schon zeigen, was alles uns der
Abend noch bescheren wird.“
169. Kapitel
[GEJ.07_169,01] Hierauf ging Ich ein wenig
fürbaß an den Feigenbaum, nahm Mir etliche Feigen und verzehrte sie. Darauf
besuchte Ich die Jugend, die gerade in bester Ordnung mit dem Verzehren des
Brotes und Obstes von bester Art beschäftigt war. Als sie Meiner ansichtig
ward, da erhoben sich alle und brachten Mir in einer sehr herzlichen Weise den
Dank dar für alle die guten Gaben, die ihnen zuteil geworden waren.
[GEJ.07_169,02] Einige wollten Mir ganz
getreu zu erzählen anfangen, was sie sich von Meinen Lehren und Taten schon
alles gemerkt hätten, und die sieben, die auf dem Ölberge zeitweilig um Mich
waren, und denen Ich die Fähigkeit verlieh, die hebräische Sprache zu verstehen
und auch zu reden, fingen an, laut zu bekennen, daß Ich der Herr des Himmels
und der Erde sei, und daß sie das auch schon ihren Gefährten beigebracht
hätten.
[GEJ.07_169,03] Ich aber belobte sie und
empfahl ihnen, daß sie solchen Glauben bei sich im Herzen nur treuest bewahren
und in der großen Weltstadt Rom, in der sie sich bald befinden würden, sich ja
nicht von ihrer Weltpracht, ihrer Hoffart, ihren Götzen und ihren Verlockungen
berücken lassen sollten, sondern sie sollten in allem die Lehren und
Ermahnungen des Römers, der sie alle, wie ein rechter Vater seine Kinder, schon
in ein paar Tagen mit nach Rom nehmen werde, getreuest befolgen und sich in
allem keusch und ordentlich benehmen, so werde Ich Selbst an ihnen ein ganz
besonderes Wohlgefallen haben und ihnen allerlei Gnaden erteilen.
[GEJ.07_169,04] Sie sollten aber auch das
stets vor Augen haben, daß Ich allsehend und allwissend sei und sogar um jeden
Gedanken weiß, den irgendwo ein Mensch in sich noch so geheim denkt. Das solle
sie allzeit abhalten, irgend etwas wider die Gesetze der wahren Lebensordnung
zu tun; denn so wie Ich gern jedem Menschen, der eines reinen Herzens ist, alle
möglichen Gnaden aus den Himmeln erteile, ebenso aber habe ein jeder Übertreter
der weisen Gesetze der wahren Lebensordnung auch Meine Zuchtrute zu befürchten.
[GEJ.07_169,05] „Bis jetzt waret ihr“, sagte
Ich ferner zu den Jungen, „rein wie Meine Engel im Himmel, und das war auch der
Grund, aus dem Ich Selbst euch aus den harten Banden der Sklaverei befreit
habe. Bleibet aber auch in der Folge also rein, und Meine Engel werden mit euch
wandeln und euch beschützen vor jeglichem Ungemach und werden euch führen und
leiten auf den Wegen des Lebens, die in Meine Himmel führen! – Habt ihr, Meine
lieben Kindlein, euch das nun wohl gemerkt?“
[GEJ.07_169,06] Sagten alle, und besonders
die sieben ersten: „O Du lieber Vater und Herr, das haben wir uns nun gar wohl
gemerkt und werden es auch ganz genau befolgen! Aber wie sehen denn Deine Engel
aus, und wo sind Deine eigentlichen Himmel?“
[GEJ.07_169,07] Sagte Ich: „Sehet, der
scheinbare Jüngling, der euch bisher in Meinem Namen versorgt hat, ist einer
Meiner ersten Engel! Er hat hier der Menschen wegen wohl auch einen Leib; aber
den kann er auflösen, wann er will. Wenn er aber das tut, so stirbt er darum
nicht, sondern lebt als ein purer Geist gleich Mir ewig fort und schafft und
wirkt. Wie aber dieser euch nun bezeichnete Engel voll Kraft und Macht als nur
einer da ist, so gibt es deren in Meinen Himmeln noch zahllos viele.
[GEJ.07_169,08] Da ihr aber auch gefragt
habt, wo sich irgend Meine Himmel befinden, so sage Ich euch: Meine Himmel
befinden sich überall, wo es fromme, reine und gute Menschen und Geister gibt.
Dieser ganze sichtbare Raum, der nirgends ein Ende hat, ist der Himmel ohne
Ende und Anfang, aber nur für gute Menschen und Geister. Wo aber böse Menschen
und Geister hausen, da ist dieser Raum kein Himmel, sondern die Hölle, welche
da ist das Gericht und der ewige Tod, den in dieser Welt die Materie darstellt,
die in sich auch ein Gericht und somit tot ist.
[GEJ.07_169,09] Wer daher nur nach den
Schätzen dieser Welt giert, die pur Materie, Gericht, Hölle und Tod ist, der
geht dadurch auch mit seiner Seele in den Tod. Es halten sich alle bösen
Geister denn auch zumeist in der Materie dieser Erde auf; die guten und reinen
Geister aber bewohnen für beständig nur die reinen Lichträume des freien
Ätherraumes.
[GEJ.07_169,10] Damit ihr, Meine lieben und
reinen Kinderchen, euch aber davon auch eine bleibende Vorstellung machen
könnet, so werde Ich euch nun auf einige Augenblicke die innere Geistessehe
auftun, da ihr dazu ohnehin schon eine besondere Anlage habt, und ihr werdet da
in Meine Himmel wie von dieser Erde weg schauen!“
[GEJ.07_169,11] Hier fragte noch ein Junger,
sagend: „O Du lieber Vater und Herr, was ist denn die innere Geistessehe?“
[GEJ.07_169,12] Sagte Ich: „Seht, Kindlein,
wenn ihr schlafet, so ist euer leibliches Auge geschlossen, und ihr schauet in
euren hellen Träumen dennoch allerlei wundersame Gegenden, Menschen, Tiere und
Bäume, Blumen, Gesträuche und Sterne und noch allerlei andere Dinge heller und
reiner als die Dinge dieser Welt mit euren leiblichen Augen! Und sehet, solches
alles, was ihr in den Träumen schauet, ist geistig, und das schauet ihr mit
eurer inneren Geistessehe, die aber im irdisch wachen Zustande geschlossen ist
und bleibt, und die kein gewöhnlicher Mensch gleich dem Fleischesauge beliebig
öffnen kann, – was von Mir aus also eingerichtet seinen höchst weisen Grund
hat!
[GEJ.07_169,13] Ich aber kann, so Ich will,
jedem Menschen auch die innere Sehe zu jeder Zeit auftun, und er kann dann
Geistiges und Naturmäßiges zugleich schauen, und das will Ich nun auch euch
tun, zu eurer tieferen Belehrung, die sich eurer Seele für bleibend einprägen
soll. Und so will Ich, daß ihr schauen sollet Meine Himmel!“
[GEJ.07_169,14] Als Ich das ausgesprochen
hatte, da ersahen auch schon alle eine zahllose Menge von Engeln um sich, die
sich mit ihnen gar freundlich besprachen und sie zum Guten aufmunterten.
Zugleich aber ersahen sie auch, wie durch die Materie der Erde schauend, eine
Menge häßlicher und unseliger Wesen, deren Sinnen und Trachten es war, sich
noch immer tiefer in die Materie zu verscharren und zu begraben. Zugleich aber
ersahen sie in den Ätherräumen auch gar herrliche Gegenden und hie und da gar
sehr prachtvolle und wunderbar schöne Gebäude, worüber sie nicht genug
erstaunen konnten. Im Geiste wurden sie in diesen Gegenden auch von den Engeln
umhergeführt, die ihnen vieles zeigten und auch erklärten.
[GEJ.07_169,15] Nach einer Weile aber berief
Ich alle wieder ins irdisch wache Leben und Schauen zurück und fragte sie, wie
ihnen das Geschaute gefallen habe.
[GEJ.07_169,16] Da fehlten den Jungen die
Worte, mit denen sie das hätten beschreiben können, was alles für wundervollste
Herrlichkeiten sie da geschaut hatten; nur um das bat Mich besonders der
weibliche Teil, daß Ich sie noch eine Zeitlang solche himmlischen Schönheiten
möge schauen lassen.
[GEJ.07_169,17] Aber Ich sagte zu ihnen:
„Solange ihr noch in dieser Welt zu leben habt – der Willensfreiheit wegen,
damit ihr dereinst freie und selbständige Geister werden könnet –, ist das, was
ihr nun geschaut habt, völlig hinreichend; denn es wird das einen großen Eifer
in euch erwecken, nach Meiner Lehre und nach Meinen Geboten zu leben und zu
handeln.
[GEJ.07_169,18] So ihr in der Erfüllung
Meines Willens schon ganz vollkommen sein werdet, da werdet ihr auch noch in
diesem Leben zu der Eigenschaft gelangen, eure innere Geistessehe wie auch euer
inneres Geistesohr völlig in eurer Gewalt zu haben.
[GEJ.07_169,19] Worin aber Meine Lehre und
Mein Wille an die Menschen dieser Erde besteht, davon habt ihr schon etwas
vernommen und werdet dann erst in Rom von dem Römer alles Weitere überkommen.
Wenn ihr aber in allem wohl unterrichtet sein werdet, dann könnet auch ihr
davon solche unterrichten, die euch danach fragen werden, welchen Glauben ihr
habt und welcher Lehre ihr lebet, und warum.
[GEJ.07_169,20] Und nun aber könnet ihr euch
bald aufmachen und euch von Meinem Engel hinab in den Ort, und zwar in die
Herberge, führen lassen! Dort könnet ihr euch dann von dem wohl unterhalten,
was ihr nun alles gehört und gesehen habt, und Mein Engel wird euch so manches
erklären, was ihr mit eurem Verstande noch nicht habt begreifen können!“
[GEJ.07_169,21] Hierauf dankten Mir alle
wieder, und Ich begab Mich wieder zu der alten Gesellschaft im Vordergrunde des
Hügels.
[GEJ.07_169,22] Als Ich da ankam, fragte Mich
Lazarus, was die Jugend im Hintergrunde des Hügels noch mache, und ob sie nicht
etwa gleich von da nach dem Ölberge zu führen wäre.
[GEJ.07_169,23] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, Ich habe schon für alles gesorgt und den Jungen Meine Weisungen
gegeben, und somit habe Ich dich deiner Sorge enthoben! Denn obschon gute
Menschen für ihre Nebenmenschen auch gar wohl sorgen, so sorge Ich aber schon
lange zuvor; und würde Ich nicht vorsorgen, da ginge alle Welt bald aus den
Fugen. – Aber nun lassen wir alles das; denn es wird nun gleich etwas anderes
auftauchen!“
170. Kapitel
[GEJ.07_170,01] Als Ich solches kaum
ausgesprochen hatte, da kam die auch noch bei uns seiende Helias eiligst zu Mir
und sagte voll Angst und voll Furcht: „Aber Herr, Herr, um aller Himmel willen,
was ist denn das? Ich betrachtete dort die vom Morgen herkommende Karawane, wie
sie mit ihren Kamelen und Saumrossen sich gegen uns her bewegt, – aber hinter
ihr zieht nun eine andere, ganz entsetzlich aussehende Karawane einher! Statt
Kamele und Saumrosse sieht man gräßlich aussehende feurige Drachen, und statt
der Menschen ersieht man wahrhaftigste Teufelsgestalten, die mit glühenden
Schlangen umwunden und an der Brust mit einem Totenkopf geziert sind! O Herr,
Herr, was soll das nun auf einmal bedeuten?“
[GEJ.07_170,02] Auf diese atemlose Erzählung
der Helias gingen alle an den gen Morgen liegenden Rand des Hügels und
bemerkten dieselbe eben nicht angenehm anzuschauende Erscheinung, und es kamen
auch alle mit der etwas ängstlichen Frage zum Vorschein, was denn doch das
wieder bedeuten solle.
[GEJ.07_170,03] Sagte Ich: „Seht und begreifet!
Daß die voran daherziehende Karawane aus lauter höchst welt- und
gewinnsüchtigen Kaufleuten besteht, das werdet ihr hoffentlich wohl schon seit
langem wissen; denn ein Kaufmann aus Damaskus ist um gar nichts besser als ein
Dieb und ein Straßenräuber. Diese Kaufleute erweisen dem Käufer alle möglichen
Höflichkeiten, damit er ihnen ja so viel als nur möglich um teures Geld
abkaufen möge. Hat er ihnen ihre Ware aber einmal abgekauft, so möchten sie
ihn, wenn sie die strengen Weltgesetze nicht fürchteten, aber auch gleich
ermorden, die verkaufte Ware wieder zurücknehmen und ihn dann dazu noch seines
übrigen Geldes und seiner Habseligkeiten berauben. Aber bei allem solchen ihrem
inneren Sinnen und Trachten sind sie vor der Welt angesehene und hochgeschätzte
Menschen, und ihre Nebenmenschen können sich nie tief genug vor ihnen
verbeugen.
[GEJ.07_170,04] Auf daß ihr alle aber, als
nun Meine Jünger und Freunde, diese arge Art in ihrer wahren, inneren Gestalt
ein wenig besser kennenlernen sollet, als das bis jetzt der Fall war, so tat
Ich zu diesem Zwecke eure innere Sehe auf, und ihr erschautet mit den
leiblichen Augen die voranziehende weltliche Karawane, wie sie also ein jedes
gesunde Menschenauge sehen kann; aber hinter ihr ersahet ihr die entsprechende
innere, geistige Karawane.
[GEJ.07_170,05] Die glühenden Drachen
bezeichnen die brennende Gier, alle Schätze dieser Erde ganz an sich zu
bringen. Die auf den Drachen reitenden Teufel sind eben die Kaufleute als
Weltmenschen. Die Umgürtung mit Schlangen bezeichnet ihre kaufmännische List,
Klugheit und Schlauheit. Die Totenköpfe aber bedeuten die große Mordlust
solcher wahren Weltteufel. Denn wenn es diesen möglich wäre, so würden sie
gleich alle reichen Menschen ermorden, um sich dann auf die bequemste Art in den
Vollbesitz aller Güter und Schätze dieser Erde setzen zu können. Da das hier
bei diesen Kaufleuten der Fall ist und Ich es wohl weiß, daß ihr auf solche
Menschen selbst noch manchmal große Stücke haltet, so mußte Ich sie vor den
Augen eurer Seele doch wohl enthüllen!
[GEJ.07_170,06] Da ihr das nun geschaut habt
der vollsten inneren Wahrheit nach, so werde eure innere Sehe nun wieder
geschlossen, – und ihr sehet nun wieder die pure äußere Karawane unter diesem
Hügel vorüberziehen! – Wie gefiel euch wohl dieses Bild?“
[GEJ.07_170,07] Sagte hier Nikodemus: „Herr,
ich habe schon meine etlichen Knechte mit dem strengen Auftrage hinab in die
Herberge gesandt, daß diese Karawane in meiner Herberge ja um keinen Preis eine
Unterkunft finden und nehmen darf! Das wäre mir eine schöne Wirtschaft, solchen
Wesen eine Unterkunft zu geben! Ich werde als Bürgermeister sogar sogleich auch
hier alle Anstalten treffen, daß sie noch weit über unseren Flecken hinaus ihre
Unterkunft werden suchen müssen. Solche Wesen würden unseren sonst sehr
freundlichen Ort ja am Ende derart verpesten, daß darauf niemand mehr darin
bestehen könnte! Ah, da müssen gleich ganz scharfe Gegenmittel ergriffen und
ins Werk gesetzt werden, um solch ein Unheil von unserem Orte abzulenken! –
Herr, ist es nicht recht also?“
[GEJ.07_170,08] Sagte Ich: „Daß du sie in
deine Herberge nicht aufnimmst, daran tust du wohl; doch die Karawane auch aus
dem ganzen Orte hinauszuschaffen, wäre unklug! Denn fürs erste steht die
Karawane unter dem Schutze der für alle Handelsleute gegebenen römischen
Freizügigkeitsgesetze, und fürs zweite gibt es auch in diesem Orte recht viele
Menschen, die infolge ihrer inneren Sinnesart nicht um ein Haar besser sind als
diese Handelsleute und sonach in gar keiner Gefahr stehen, irgend noch
schlechter zu werden, als sie ohnehin schon lange sind; und endlich fürs dritte
aber können sogar bei diesen Damaszenern ein paar Versuche gemacht werden, ob
sich ihre Sinnesart vielleicht teilweise doch noch ändern könnte und möchte.
Denn auf dieser Welt ist bei manchen noch so bösen Menschen noch immer eine
Besserung eher und leichter möglich als dereinst jenseits bei der nackten
Seele.
[GEJ.07_170,09] Und so stehe du von deinem
zweiten Vorhaben nur wieder ab! Aber was das erste betrifft, so bin Ich, wie
Ich das schon gleich anfangs gesagt habe, ganz einverstanden; denn wir und sie
hätten uns wahrlich unter einem Dache nicht wohl vertragen! Denn Himmel und
Hölle müssen voneinander wohl geschieden sein. – Bist du mit diesem Meinem Rate
nun wohl zufrieden?“
[GEJ.07_170,10] Sagte Nikodemus: „O Herr, das
sicher; aber nur das kommt mir nun wahrlich etwas bitter und ärgerlich vor, daß
auch dieser mein Lieblingsort auch von solchen Menschen bewohnt wird, die in ihrer
Sinnesart den Handelsleuten aus Damaskus ganz gleichkommen!“
[GEJ.07_170,11] Sagte Ich: „Siehe, dort etwas
rückwärts stehen noch die sieben, die Ich in jener alten Hütte des reichen
Barabe vom Hungertode gerettet habe! Sie sandten ihre nackten Kinder zu den
Bürgern dieses Ortes, daß sich doch einer oder der andere ihrer erbarmen möge;
aber da fanden die Kinder lauter steinerne Herzen. Wenn aber also, wie kann es
dich nun wundernehmen, wenn Ich den Bürgern dieses Fleckens kein besseres
Zeugnis geben kann! Wenn Ich dich erst die hohen Menschen von Jerusalem mit der
inneren Sehe sehen ließe, – was würdest du dann wohl dazu sagen?
[GEJ.07_170,12] Darum sage Ich euch: Diese
Welt ist gleich der Hölle in allem; nur ist sie hier verhüllt vor den Augen der
Menschen, gleichwie also auch verhüllt ist der Himmel in Wort und Tat. Hier
kann darum der Himmel heilbringend auf die Hölle einwirken; aber wo beide
enthüllt sind, da geht es mit dem Einwirken schlecht oder im höchsten Grade
schon gar nicht mehr.
[GEJ.07_170,13] Als die beiden Pharisäer
hierher kamen, da kam in ihnen verhüllt auch die Hölle vollkommen hierher; aber
sie kamen hier, ohne es zu ahnen, auch in den vollen Himmel.
[GEJ.07_170,14] Es hat aber der Himmel ebenso
drei Grade, wie auch die Hölle drei Grade oder Stufen hat.
[GEJ.07_170,15] Die sieben Oberägypter
stellten den untersten Grad des puren Weisheitshimmels dar, und nur in diesen
durften die Höllengeister aus Jerusalem zuerst treten. Da fing ihnen ein Licht
an aufzugehen, und sie wurden gewahr, daß sie völlig im Argen der Hölle waren.
Als sie dessen immer mehr inne wurden, da senkte sich das Licht des zweiten
Himmelsgrades in der Person Raphaels zu ihnen, und sie fingen an, das Bedürfnis
zu fühlen, ihr Arges abzulegen und sich zum Lichte zu kehren. Als sie sich im
grellen Weisheits- und Liebelichte des zweiten Himmels erst so recht klar
beschauten, da erst durchdrang sie wirkliche Reue, und es entstand in ihnen der
Drang nach Mir als dem höchsten Grade der Himmel. Und als Ich Selbst dann zu
ihnen kam, da wurden sie auch alsbald ganz bekehrt und stehen so nun als
Kandidaten für den ersten Himmelsgrad da.
[GEJ.07_170,16] Wenn wir sie aber mit unserer
Macht, wie sie als wahre Teufel zu uns gekommen sind, gleich von hier getrieben
hätten, so stünden sie nun sicher nicht auf dem glücklichen Standpunkte, auf
dem sie nun stehen! Und siehe, also steht es auch mit den Handelsleuten aus
Damaskus, die sich nun im Orte befinden, aber keine Ahnung davon haben, daß sie
dem Reiche Gottes so nahe gekommen sind! Wir aber werden, unter ihnen seiend,
bald eine Gelegenheit finden, sie davon etwas Weniges merken zu lassen, und es
wird sich dann schon zeigen, was sich eben da Weiteres wird verfügen lassen.
[GEJ.07_170,17] Nun aber, da die Handelsleute
schon zum größten Teil eine Unterkunft gefunden haben, wollen wir denn auch
diesen Hügel verlassen und uns vorerst auf eine Stunde lang in dein Wohnhaus
begeben, darauf erst in deine Herberge gehen und alldort ein Abendmahl zu uns
nehmen! Darauf wird sich dann schon von selbst zeigen, was da noch alles zu
machen sein wird.“
[GEJ.07_170,18] Sagte nun noch Agrikola:
„Herr, unsere Jugend sehe ich nirgends mehr! Ist sie schon irgendwo hinab?“
[GEJ.07_170,19] Sagte Ich: „Aber lieber
Freund, hast du denn nicht zuvor vernommen, was Ich zu Lazarus gesagt habe? Wie
kannst du da nun noch einmal darum fragen?! Die Jugend ist schon bestens
versorgt und befindet sich bereits in der Herberge, und das im treuesten
Geleite Raphaels; daß ihr da nichts abgehen wird, dessen kannst du völlig
versichert sein! Aber nun wird aufgebrochen und hinab in den Ort gegangen
werden! Auf dem Hügel darf Mich nun niemand mehr um irgend etwas fragen! Also
sei es!“
171. Kapitel
[GEJ.07_171,01] Auf diese Meine Bestimmung
erhob sich alles, und wir gingen ganz behende hinab in den Ort, und das zwar in
das Haus des Nikodemus, um es nach seinem geheimen Wunsche zu segnen. Als wir
uns im Hause befanden, vernahmen wir bald einen großen Lärm auf dem
Marktplatze, und unser Agrikola fragte gleich in einem diktatorisch heftigen
Tone, was es da draußen auf dem Marktplatze gäbe.
[GEJ.07_171,02] Sagte Ich: „Freund, solange
Ich bei dir bin, solltest du wohl kaum um so etwas fragen! Weißt du denn noch
nicht, welche Macht Mir allzeit zu Gebote steht?! Dazu weiß Ich doch sicher um
alles, was da geschieht in der ganzen Unendlichkeit; darum kümmere dich um
derlei Dinge nicht mehr, wenigstens nicht in Meiner Gegenwart!“
[GEJ.07_171,03] Sagte Agrikola: „O Herr, ich
danke Dir auch für diese Zurechtweisung! Ich werde mir das auch für alle künftigen
Fälle gar wohl merken; denn die Heftigkeit in solchen Fällen ist und bleibt
noch immer mein Hauptfehler. Ich denke nun sehr oft an die von Dir, o Herr,
angepriesene Geduld, und ich will sie denn auch mir ganz zu eigen machen; aber
wenn so plötzlich eine Versuchung über mich kommt, so kommt gleich meine alte
Sünde wieder zum Vorschein. Aber von nun an soll sie für immer ihren Abschied
bekommen haben!“
[GEJ.07_171,04] Sagte Ich: „Ganz gut also!
Der Vorsatz ist gut, obschon du noch einige Male die alte Sünde begehen wirst.
–
[GEJ.07_171,05] Aber nun schaffet Mir das
Buch des Propheten Jesajas her; darin muß Ich euch eine große Stelle
beleuchten!“
[GEJ.07_171,06] Auf das brachte unser
Nikodemus alsbald das Buch zu Mir. Als das Buch Jesaja durch Nikodemus
herbeigeschafft war, da schlug Ich sogleich das 2. Kapitel auf und las es also
allen Anwesenden laut vor:
[GEJ.07_171,07] „,Das ist es, was Jesaja, der
Sohn Amoz', sah von Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg,
darauf des Herrn Haus steht, gewiß höher sein denn alle Berge und wird über
alle Höhen erhaben werden, und alle Heiden werden dahin laufen.‘“ (Jes.2,2)
[GEJ.07_171,08] Hier fragten Nikodemus und
die beiden Pharisäer, sagend. „Herr und Meister, wo ist denn der Berg des
Herrn, darauf Sein Haus steht?“
[GEJ.07_171,09] Sagte Ich: „O sehet, wie
weltlich, sinnlich und wie voll Materie ihr noch seid! Bin nicht Ich der Berg
aller Berge, auf dem das wahre Haus Gottes steht? Was aber ist das sehr
wohnliche Haus? Das ist Mein Wort, das Ich schon durch alle die Propheten zu
euch, ihr Juden, durch mehrere Jahrhunderte geredet habe und nun Selbst aus dem
Munde eines Menschensohnes rede. Ich bin sonach der Berg, und Mein Wort ist das
wohnliche Haus auf dem Berge, und da um uns stehen die Heiden aus allen Teilen
der Erde, die hierher gekommen sind, zu besehen den Berg und Wohnung zu nehmen
in seinem höchst geräumigen Hause.
[GEJ.07_171,10] Aber für die Juden, wie sie
nun sind, ist das wahrlich die letzte Zeit, weil sie den Berg und sein Haus
fliehen und die Hohen es sogar zu zerstören drohen. – Verstehet ihr nun diesen
Vers?“
[GEJ.07_171,11] Sagten alle: „Ja, Herr, nun
ist er uns wohl völlig klar; aber es hat dieses Kapitel noch mehrere Verse, die
uns noch lange nicht klar sind! Herr, erkläre sie uns noch weiterhin!“
[GEJ.07_171,12] Sagte Ich: „Habt nur Geduld;
denn übers Knie läßt sich kein Baum brechen!
[GEJ.07_171,13] Jesajas aber spricht also
weiter: ,Viele Völker werden (das heißt in der Zukunft) hingehen und sagen:
Kommt und laßt uns auf den Berg des Herrn gehen zum Hause des Gottes Jakobs,
daß Er uns lehre Seine Wege und wir dann wandeln auf Seinen Steigen; denn von
Zion wird das Gesetz ausgehen und von Jerusalem Sein Wort!‘ (Jes.2,3)
[GEJ.07_171,14] Daß hier unter Zion (Z'e on =
Er will) ebenfalls der Berg, also der Herr oder Ich, und unter Jerusalem das
Haus Gottes auf dem Berge, also Mein Wort und Meine Lehre zu verstehen ist für
jetzt und für alle Zukunft, das wird nun wohl auch schier keinem Zweifel mehr
unterliegen.
[GEJ.07_171,15] Wer aber sind nun die Völker,
die da sagen: ,Kommt und laßt uns auf den Berg des Herrn, das heißt zum
Menschensohne oder Gottmenschen, gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er
uns lehre Seine Wege und wir dann wandeln auf Seinen Steigen!‘?
[GEJ.07_171,16] Sehet, diese Völker sind jene
Menschen, die in aller Zukunft sich zu Mir bekehren werden, sich Mein Wort
aneignen und Meinen Willen tun werden; denn die Wege zum Leben zeigt ja Mein
Wort, und die Steige sind Mein den Menschen durch das Wort kundgemachter Wille,
dessen genaue Befolgung freilich bedeutend unbequemer ist als die pure Anhörung
Meines Wortes, wie auch sicher um gar vieles bequemer auf einer breiten und
ebenen Straße zu wandeln ist, als zu gehen auf schmalen und oft sehr steilen
Steigen.
[GEJ.07_171,17] Aber wer in sich selbst auf
den höchsten aller Berge und da in Mein lebendiges Wort, welches ist das Haus
Gottes auf dem Berge, kommen will, der muß nicht pur auf der Straße, die zum
Berge führt, wandeln und auf ihrer Fläche stehenbleiben, sondern er muß sich
auch an die schmalen und oft sehr steilen Steige machen; denn nur auf diesen
gelangt er vollends auf den Berg und da in das lebendige Haus Gottes.
[GEJ.07_171,18] Was dieses bedeutet, habe Ich
euch nun schon erklärt, wie auch, was der Prophet eigentlich unter Z'e on und
unter Jeruzalem verstanden haben will; darum sagt er denn auch, daß von Z'e on
das Gesetz, also Mein Wille, und von Jeruzalem, oder aus Meinem Munde
natürlich, Mein Wort komme.
[GEJ.07_171,19] Wer also Mein Wort, das Ich
zu allen Zeiten durch die Propheten zu den Menschen geredet habe, hört, es
annimmt und danach lebt, der kommt dadurch zu Mir und also auch zum lebendigen
Wort und seiner Kraft; denn Ich Selbst bin ja das lebendige Wort und seine
Kraft, und alles, was der endlose Raum faßt, ist ja auch nur Mein lebendiges
Wort und seine ewige Kraft und Macht. – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
[GEJ.07_171,20] Hierauf sagte einer aus der
Zahl jener Pharisäer, die auf dem Ölberge zu Mir gekommen waren, und der ein
Schriftgelehrter war: „Herr und Meister, Deine Erklärung über die zwei Verse
war so hell wie die Sonne des Mittags, und mir wurde alles klar und
einleuchtend; aber nun kommt der vierte Vers, und der lautet also:
[GEJ.07_171,21] ,Und der Herr wird richten
unter den Heiden und strafen die Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu
Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen; denn es wird kein Volk wider
das andere ein Schwert aufheben, und die Menschen werden hinfort nicht mehr
kriegen lernen.‘ (Jes.2,4)
[GEJ.07_171,22] Wer sind da die Heiden und
wer die Völker, die, nachdem sie einmal bestraft sein werden, sich gegenseitig
nicht mehr bekriegen dürften? Diese Völker müssen noch in einer fernsten
Zukunft erst geboren werden; denn die gegenwärtigen Generationen mit ihren
stolzen, hab- und herrschsüchtigen Königen werden Kriege führen bis ans Ende
der Welt.“
[GEJ.07_171,23] Sagte Ich: „Du bist zwar wohl
ein Schriftgelehrter, indem du die Gesetze und alle Propheten noch ganz wohl im
Gedächtnis hast, doch vom Verstehen derselben im wahren Geiste war bei dir wohl
noch nie eine Rede! Du betratest den breiten und ebenen Weg; aber auf den
schmalen Steig, der auf den Berg der wahren Erkenntnis führt, hast du noch
keinen Fuß gesetzt.
[GEJ.07_171,24] Wer durch das Handeln nach
dem Gesetze nicht auf die volle Höhe des Berges des Herrn und ins Haus Gottes
oder zum inneren lebendigen Worte aus Gott und zu Gottes lebendigem Worte in
sich gelangt, der erkennt auch nicht den wahren, inneren, lebendigen Geist des
Gesetzes und der Propheten.“
172. Kapitel
[GEJ.07_172,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Aber warum haben denn alle Propheten so verdeckt gesprochen und geschrieben?
Es mußte ihnen ja doch am meisten daran gelegen sein, daß ihre Worte von den
Menschen verstanden würden!“
[GEJ.07_172,02] Sagte Ich: „Derlei
Einwendungen sind vor etlichen Tagen auch auf dem Ölberge gemacht worden, und
Ich habe euch ihren Ungrund gezeigt; somit brauche Ich hier das schon einmal
Gesagte nicht mehr zu wiederholen.
[GEJ.07_172,03] Was für ein Gotteswort aber
sollte das sein, das keinen inneren Sinn hätte? Oder kannst du dir wohl einen
Menschen denken, der kein Eingeweide hätte, oder einen, der so durchsichtig
wäre wie ein Wassertropfen, so daß man schauen könnte seine ganze innere
Einrichtung, die dich trotz ihrer Künstlichkeit sicher im höchsten Grade
anwidern würde?
[GEJ.07_172,04] Oh, lernet doch alle einmal
wahrhaft weise denken! Ich aber werde euch nun den hier auf der Hand liegenden
wahren Sinn des vierten Verses Jesaja zeigen, und so habet denn darauf wohl
acht!
[GEJ.07_172,05] ,Der Herr, der Ich es bin im
Worte, wird richten unter den Heiden und strafen viele Völker.‘
[GEJ.07_172,06] Wer sind die Heiden, und wer
die Völker? – Die Heiden sind alle jene, die den einen, wahren Gott nicht
kennen und an Seiner Statt tote Götzen und den Mammon dieser Welt anbeten und
am meisten verehren. Von solchen ist das Judentum nach allen Seiten hin
umlagert, und wohin ihr nun in der Welt gehen wollet – ob gen Morgen, gen Mittag,
gen Abend oder gen Mitternacht –, so werdet ihr nichts als Heiden in aller Art
und Gattung antreffen! Ihr wisset aber, wie nun von allen Seiten der Welt die
Heiden hohen und niederen Standes und von nah und weit zu Mir gekommen sind.
Sie hörten Mein Wort und sahen Meine Zeichen, wurden voll Glaubens, nahmen an
Meine Lehre, und Mein Wort richtet und rechtet nun unter ihnen, wodurch sie
aufhören Heiden zu sein und übergehen zu der Zahl der Gesalbten Gottes und zu
der Zahl des wahren Volkes Gottes.
[GEJ.07_172,07] Aber auch sie werden nicht
bleiben, wie sie nun belehrt und bestellt sind; denn es werden bald falsche
Gesalbte unter ihnen aufstehen, werden auch Zeichen tun, berücken Könige und
Fürsten, werden sich bald eine große Weltmacht aneignen und mit Feuer und
Schwert die Menschen verfolgen, die sich nicht zu ihnen werden bekennen wollen,
und sich am Ende in viele Sekten und Parteien spalten, und das sind eben die
vielen Völker, die Ich als der Herr strafen werde ihrer Lieblosigkeit, ihrer
Falschheit, ihres Eigennutzes, ihres Hochmutes, ihres Starrsinnes, ihrer
Herrschsucht und ihres bösen Haders und gegenseitigen Verfolgens und
Kriegführens wegen. Bis aber diese Zeit kommen wird, wird es noch eine Weile
dauern, wie es von Noah an bis jetzt gedauert hat.
[GEJ.07_172,08] Wie es aber war zu den Zeiten
Noahs, da die Menschen freiten und sich freien ließen, große Feste und
Gastmähler hielten, sich groß ehren ließen und gegen jene verheerende Kriege
führten, die sich vor ihren Götzen nicht beugen wollten, wo dann bald die große
Flut kam und die Täter des Übels alle ersäufte, eben also wird es auch sein in
jener künftigen Zeit. Aber dann wird der Herr mit dem Feuer Seines Eifers und
Seines Zornes kommen und alle solche Täter des Übels hinwegfegen von der Erde.
[GEJ.07_172,09] Da wird es kommen, daß die
verschonten Reinen und Guten und die wahren Freunde der Wahrheit und des
Lichtes aus Gott aus den Schwertern Pflugscharen, aus den Spießen Sicheln
machen und die Kunst Krieg zu führen vollends aufgeben werden, und es wird dann
fürder kein wahres gesalbtes Volk wider das andere mehr ein Schwert erheben,
außer den noch irgend in den Wüsten der Erde übriggebliebene Heiden; aber auch
diese werden ermahnt und dann von der Erde gefegt werden.
[GEJ.07_172,10] Da wird die Erde gesegnet
werden von neuem. Ihr Boden wird tragen hundertfältige Frucht von allem, und
den Ältesten wird die Macht gegeben sein über alle Elemente.
[GEJ.07_172,11] Siehe, also ist dem Geiste
nach für diese Erde zu verstehen der vierte Vers, den du als ein
Schriftgelehrter für gar so unverständlich hieltst!
[GEJ.07_172,12] Aber innerhalb dieses
naturmäßig wahren, geistigen Sinnes ist freilich noch ein tieferer rein
geistiger und himmlischer Sinn verborgen, den aber ihr nun mit eurem noch puren
Weltverstande nicht fassen könntet, und solcher ist auch nicht mit Worten
darzustellen. So ihr aber auf dem Berge des Herrn werdet in das Haus Gottes
eingegangen sein und sodann kommen von diesem Hause Jakobs, wie davon der
Prophet spricht im kurzen fünften Verse, dann erst werdet ihr wandeln im wahren
Lichte des Geistes aus Gott. (Jes.2,5) – Sage du Mir nun, ob du das alles nun
besser verstehst als ehedem!“
173. Kapitel
[GEJ.07_173,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Herr und Meister, also ist der Prophet wohl zu verstehen, und der Sinn ist
nun klar und wahr, obwohl man da die Frage stellen könnte und sagen: Aber warum
läßt Du, Herr, es denn zu, daß gegen zweitausend Jahre in die Zukunft hin die
Menschen abermals wieder so böse werden, wie sie zu den Zeiten Noahs waren? Und
warum muß zumeist der arme Mensch am meisten leiden, und das dazu auch noch,
wenn er in allem ein Gott möglichst wohlgefälliges Leben führt?
[GEJ.07_173,02] So habe ich selbst einmal
einen Fall erlebt, wo eine arme, streng nach den Geboten Gottes lebende Familie
eine ganz kleine Besitzung hatte; ihr unfern aber hatte eine reiche und
weltlich sehr angesehene Familie eine große Besitzung. Diese war hartherzig und
gab nie einem Armen ein Almosen, während die arme Familie allzeit bereitwillig
ihr weniges Brot mit den andern Armen teilte. An einem wetterschwülen Tage aber
kam ein starkes Gewitter, und der Blitz traf die Hütte der guten, armen
Familie, die zu der Zeit sich auf einem Acker befand und daselbst ihr
Gerstenkorn einsammelte. Die Hütte verbrannte natürlich mit allem, was sich
darin befand, wie Kleidung, Nährvorräte und die nötigen Haus- und
Wirtschaftsgerätschaften. Dasselbe Gewitter zog aber auch über die große
Behausung der reichen und unbarmherzigen Familie; aber da fuhr kein
verheerender Blitz aus der Wolke in das Haus des reichen Besitzers. Warum wurde
denn hier der harte Reiche verschont und warum nicht lieber der Arme?
[GEJ.07_173,03] Derlei geschieht sehr oft,
und die Menschen kommen dadurch ganz leicht zu dem Glauben, daß es entweder gar
keinen Gott gebe, oder Gott kümmere Sich gar nicht um die Menschen. Und ich
möchte einen Hauptgrund des Glaubensverfalles eben darin finden. Denn ein jeder
Mensch hat ein natürliches Rechtsgefühl, das mit dem Glauben an einen guten und
höchst gerechten Gott allerengst verbunden ist; wird dieses zu oft und zumeist
auf eine sehr empörende Weise verletzt, so wird mit der Zeit auch der Glaube
verletzt und geschwächt, und die Menschheit sinkt dann nach und nach stets mehr
und mehr in die Nacht des Un- oder Aberglaubens und fängt an, in ihrer Not
überall Hilfe und Trost zu suchen, wo ihr nur immer eine Hilfe geboten wird,
und geht auf diese Weise in das Götzentum oder in den Stoizismus über.
[GEJ.07_173,04] Ist auf diese Art und Weise
die Menschheit in mehreren Jahrhunderten zum allergrößten Teile so schlecht wie
nur immer möglich geworden, dann kommen wohl freilich Strafgerichte über
Strafgerichte; aber ich meine da, daß solche wohl nie nötig wären, wenn die
Menschen durch gewisse Vorkommnisse nicht so oft auf zu harte Glaubensproben
gestellt worden wären.
[GEJ.07_173,05] Ich urteile hier nur als ein
natürlicher Mensch; aber so wie ich nun geurteilt habe, so urteilen gar sehr
viele Menschen und verschlimmern sich dabei und dadurch. – Was sagst nun Du,
Herr und Meister, dazu?“
[GEJ.07_173,06] Sagte Ich: „Ist deine arme
Familie nach dem Unglück auch gleichfort unglücklich geblieben, und hat sie
darauf in großer Not und großem Elende schmachten müssen?“
[GEJ.07_173,07] Sagte der Schriftgelehrte: „Nein,
das eben nicht; denn das Unglück hatte die Herzen der Nachbarn erweicht, und
sie beschenkten die arme Familie also, daß sie nachher mehr hatte als vor dem
Unglück.
[GEJ.07_173,08] Aber es gibt auch Fälle, wo
eine einmal ohne Verschulden von einem Unglück heimgesuchte Familie schon
gleichfort unglücklich verbleibt, – und diese auch häufig vorkommenden Fälle
sind es eigentlich, durch die nach meiner Ansicht die Menschheit am meisten
verschlimmert wird. Oder habe ich auch da unrichtig geurteilt?“
[GEJ.07_173,09] Sagte Ich: „Solche Fälle
kommen fürs erste wohl selten vor, und wenn sie vorkommen, so haben sie fürs
zweite sicher ihren weisen Grund. Bei deiner ersten beispielsweise
aufgestellten armen Familie lag der Grund ihrer Unglücklichwerdung darin: Ihre
Hütte war schon sehr morsch und wäre bei einer kleinen Erderschütterung
eingestürzt und hätte gar leicht ihre biederen Einwohner erschlagen. Die
Familie hatte aus diesem Grunde schon mehrere Male ihre reichen Nachbarn
gebeten, daß sie ihr darin dahin helfen möchten, daß sie sich eine neue Hütte
erbauen könnte. Aber ihre Bitten blieben unerhört. Da wurde an einem Tage
zugelassen, daß ein Blitz der alten und morschen Hütte ein Ende machen mußte.
Das erweichte dann die Herzen der Nachbarn; sie schossen ein Kapitälchen
zusammen, erbauten der armen Familie eine neue und feste Wohnhütte und versahen
sie noch reichlich mit allerlei Nahrungsmitteln also, daß die arme Familie nach
dem Unglück um vieles besser stand als vorher und darauf auch leichter einem
noch ärmeren Menschen irgend etwas tun konnte denn zuvor. Und so war dein
vermeintes Unglück für die biedere arme Familie nur ein wahres Glück, das von
Mir also vorgesehen und zugelassen ward.
[GEJ.07_173,10] Was aber die anderen
Heimsuchungen betrifft, die als ein gekommenes Ungemach denn auch dem Menschen
anhangend verbleiben, so ist eine solche Familie schon allzeit durch ihre
eigene Schuld in Armut versunken. So sie dann in ihrer Armut leicht von einem
noch härteren Schlage zum Behufe des Erweckens aus ihrer altgewohnten Trägheit
getroffen wird, so ist es dann wieder ihre eigene Schuld, wenn sie noch
fernerhin in ihrer Trägheit verharrt und somit auch im Unglück verbleibt. Diese
Art Menschen sind dann freilich wohl der Meinung, Gott erhöre ihre Bitte nicht,
oder Er kümmere Sich gar nicht um die Menschen; allein diese Menschen sind nur
zu träge. Sie haben keinen Ernst sowohl in den weltlichen Arbeiten als auch in
der Beachtung der Gebote Gottes und in ihren lauen und vertrauenslosen Bitten
zu Gott, und sie werden aus diesem Grunde denn auch im bleibenden Ungemach
belassen auf so lange hin, bis sie von der stets stärker drückenden Not am Ende
doch noch zur Tätigkeit erweckt und dadurch dann auch glücklicher werden.
[GEJ.07_173,11] Sieh, es gab einst im
Morgenlande einen König über ein großes Volk! Das Volk aber, da es gutes Land
bewohnte, ward träge und verarmte von Jahr zu Jahr mehr und mehr. Da dachte der
König bei sich nach, wie er diesem Übel steuern könnte.
[GEJ.07_173,12] Es kam ihm der gute Gedanke,
und er sagte bei sich: ,Ich werde dem Volke größere und schwerer zu
erschwingende Steuern auferlegen und dieselben durch meine Krieger mit der
unnachsichtlichsten Strenge erpressen lassen, und das so lange fort, bis das
Volk im allgemeinen tätiger wird!‘
[GEJ.07_173,13] Gedacht und getan! Und siehe,
im Anfange murrte und wehklagte das Volk ganz entsetzlich und wäre gegen den
vermeintlich zu harten König aufgestanden, wenn es sich leichter seiner
Trägheit entledigt hätte! Die brennende Not aber erweckte das Volk zur größeren
Tätigkeit. Es ward dadurch auch bald wohlhabender und bezahlte dem Könige die
verlangten großen Steuern leichter als zuvor die kleinen.
[GEJ.07_173,14] Als der König nach einigen
Jahren merkte, daß sein Volk recht tätig und arbeitsam geworden war, da sandte
er Herolde hinaus in alle Teile seines Reiches und ließ eine bedeutende
Ermäßigung der Steuern verkünden.
[GEJ.07_173,15] Aber da sagten die Ältesten
aus dem Volke: ,Wir danken dem weisen Könige für diese Gnade, bitten ihn aber
auch zugleich, daß er die gegenwärtigen Steuern auf Grund des wahren Volkswohls
also, wie sie sind, belassen möge; denn sowie das Volk weniger Steuern zu
entrichten haben wird, wird es auch bald träger und untätiger werden und am
Ende die kleinen Steuern schwerer bezahlen als die großen!‘
[GEJ.07_173,16] Als der König diese Äußerung
von den Ältesten seines Volkes vernahm, belobte er sie sehr ihrer Weisheit
wegen und sah, wie sein Volk stets tätiger und tätiger und dadurch auch stets
wohlhabender und glücklicher ward. Und als das Volk von den Ältesten erfuhr,
daß der weise König es aus eben dem Grunde nur mit so großen Steuern belegt
hatte, um es tätiger und glücklicher zu machen, da lobte es des Königs Weisheit
und zahlte ihm freiwillig noch mehr, als was ihm zu zahlen vorgeschrieben war.
[GEJ.07_173,17] Und siehe, also mache es auch
Ich Selbst mit den trägen und untätigen Menschen! Tue Ich da jemandem ein
Unrecht?“
[GEJ.07_173,18] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr, nun bin ich schon wieder ganz im klaren und danke Dir aus dem vollsten
Grunde meines Herzens für diese Deine Aufhellung meines Verstandes!
[GEJ.07_173,19] Ich bitte Dich aber nun um
die Fortsetzung in der Beleuchtung des Jesajas. Der sechste Vers ist noch
dunkler denn die früheren fünf; und so bitten wir Dich inständigst, daß Du uns
eine weitere Erklärung geben möchtest!“
174. Kapitel
[GEJ.07_174,01] Sagte Ich: „Wohl denn, und
also vernehmet das Wort weiter! Des Propheten Worte aber lauten:
[GEJ.07_174,02] ,Du, Herr, aber hast
zugelassen Deinem Volke, daß es fahren ließ das Haus Jakobs; denn Deine Völker
treiben es nun ärger denn die Fremden im Aufgange! Sie sind nun auch Tagewähler
(und Zeichendeuter) wie die Philister und machen der fremden Kinder viele zu
den ihrigen. Ihr Land ist voll Silber und Gold, und ihrer Schätze ist kein
Ende; und ihr Land ist auch voll Rosse, und ihrer Wagen ist kein Ende. Auch ist
ihr Land voll Götzen, und sie, die Menschen, beten an ihrer Hände Werk, das
ihre Finger gemacht haben. Da bückt sich der Pöbel, und da demütigt sich der
Junker. Das wirst Du, Herr, ihnen nicht vergeben. Ziehe denn hin, du treuloses
Volk, zu den Felsen der Berge, und verbirg dich in die Erde aus Furcht vor dem
Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät!‘ (Jes.2,6-10)
[GEJ.07_174,03] Diese fünf Verse gehören auf
ein Feld, weil sie den elenden Zustand der Kirche oder des Hauses Gottes auf
Erden anzeigen, und das bei den Juden, die vor dieser Zeit waren, sowohl, als
bei denen, die nach uns sein und kommen werden.
[GEJ.07_174,04] Die Trägheit in der Ausübung
der Gebote Gottes aber ist der Grund, warum Ich es zulasse, daß Mein Volk das
Haus Jakobs auf dem Berge des Herrn fahren läßt und das Handeln der rohesten
und trägsten Völker, die in den Morgenlanden gleich den wilden Tieren hausen,
ganz getreulich nachahmt.
[GEJ.07_174,05] Und was nun die Pharisäer und
die ihnen gleichen Juden tun, das werden auch unsere Nachkommen tun: Sie werden
im Volke eine Menge Tage einsetzen, denen sie eine besondere Kraft und Wirkung
andichten werden, und wer dagegen zeugen wird, den werden sie mit Feuer und
Schwert verfolgen. Also werden sie auch sein Zeichendeuter, werden um Geld den
Menschen Glück und Unglück vorherverkünden und sich dafür ganz außerordentlich
loben und bezahlen lassen; denn solch eine müßige Arbeit trägt am Ende ja doch
mehr ein als die Pflugschar und die Sichel.
[GEJ.07_174,06] Damit aber ihr müßiges
Einkommen desto größer wird, so werden sie, wie nun die Pharisäer, ihre Apostel
in alle Welt hinaussenden und die Fremden zu ihren Kindern machen. Diese waren
schon als finstere Heiden zu nichts nütze; wenn sie aber dann des wahrsten
Weltphilistertums werden, so werden sie noch ums Hundertfache ärger werden, als
sie ehedem waren! Dadurch aber wird ihr finsteres Land voll Silbers und Goldes
werden, und ihre Gier nach den Schätzen dieser Welt wird kein Ende und kein
Ziel haben, und also auch ihre Herrschsucht und Kriegswut, – was der Prophet im
Bilde durch die Rosse und Wagen in einer Unzahl ausdrückt. Aber auch ihr
Herrschterritorium wird sein voll Götzen und Tempel, wie solches trotz der
persönlichen Warnung Gottes schon Salomo der Weise angefangen hat, der seiner
fremden Weiber wegen Götzentempel um Jerusalem errichten ließ. Vor solchen
Götzen werden die blinden Narren sich bücken und anbeten ihrer eigenen Hände
und Finger Werk in der dummen Meinung, Gott dadurch angenehm zu werden. Und wer
das nicht tun wird, der wird verfolgt werden dem Leibe nach auf Leben und Tod.
Denn es werden viele Könige des größeren Glanzes ihrer Throne wegen auf den
Unsinn der Weltphilister halten und werden mit Feuer und Schwert verfolgen die
stets wenigen Freunde des Lichtes und der lebendigen Wahrheit.
[GEJ.07_174,07] Und siehe, da wird kommen der
Herr und wird strafen solche Völker, die unter Seinem Namen so viele Menschen
berückt haben!
[GEJ.07_174,08] Da wird auf einmal von allen
Seiten auftauchen das wahre, lebendige Licht, und die Freunde der Nacht werden
geschlagen werden für immerhin. Sie werden zwar fliehen zu den Felsen (die
Großen und Mächtigen der Erde) und werden sich vergraben unter ihr unfruchtbares
Erdreich, aus Furcht vor der Wahrheit und Majestät des Herrn; aber es wird
ihnen das wenig nützen.
[GEJ.07_174,09] Denn es spricht der Prophet
nun wieder weiter und sagt laut: ,Denn alle hohen Augen (Herrscherstolz) werden
gedemütigt werden, und alle die hohen Leute werden sich bücken müssen; denn der
Herr wird allein hoch sein zu derselbigen Zeit und dann ewig immer fort und
fort (Jes.2,11). Denn des Herrn Zebaoth Tag (Licht) wird gehen über alles
Hoffärtige und Hohe und über alles vor der Welt Erhabene, daß es erniedrigt
werde (Jes.2,12) also auch über alle erhabenen Zedern Libanons (Priester) und
über alle Eichen in Basan (Hauptstützen des Götzenpriestertums zu aller Zeit)
(Jes.2,13); über alle hohen Berge (Regenten) und über alle erhabenen Hügel
(alle Hoffähigen) (Jes.2,14); über alle hohen Türme (Feldherren) und über alle
festen Mauern (Kriegsheere) (Jes.2,15); auch über alle Schiffe auf dem Meere
(solche, die am Staatsruder sitzen) und über alle irdisch köstliche Arbeit (die
große Staatenindustrie) (Jes.2,16). Und das wird geschehen, auf daß sich alles
bücken muß, was hoch ist unter den Menschen, und sehr gedemütigt werden alle
hohen Leute und der Herr allein hoch sei zu der Zeit (Jes.2,17). Mit den Götzen
aber wird es dann ganz aus sein in jener Zeit (Jes.2,18). Ja, da wird man wohl
auch noch in die Höhlen der Felsen gehen und in der Erde Klüfte (des Mammons
Verstecke), und das aus Furcht vor dem Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät
(das Licht der ewigen Wahrheit), so Er Sich aufmachen wird, zu schrecken
(strafen) die Erde (Jes.2,19). Ja, zu der Zeit wird ein jeder hinwerfen seine
silbernen und goldenen Götzen in die Löcher der Maulwürfe und Fledermäuse
(Jes.2,20) – welche Götzen er sich machen ließ zur Anbetung –, auf daß er sich
desto leichter verkriechen könne in die Steinritzen und Felsenklüfte aus Furcht
vor dem Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät, so Er Sich aufmachen wird, zu
schrecken die Erde (Jes.2,21); aber es wird das niemandem irgend etwas nützen.
Darum lasset nun ab von dem Menschen, der irgendeinen Odem in der Nase hat (der
Odem in der Nase bezeichnet den weltlichen Hochmut); denn ihr wisset es nicht,
wie hoch er etwa in der Welt steht (Jes.2,22)!‘
[GEJ.07_174,10] Nun, da habt ihr die ganze,
leicht faßliche Erklärung des ganzen zweiten, höchst beachtenswerten Kapitels
des Propheten Jesaja! Die letzten Verse erklären sich von selbst, so man die
Bedeutung der ersten wohl verstanden hat.
[GEJ.07_174,11] Aber Ich sage euch, daß es
wahrlich auch also geschehen wird jetzt schon in jüngster Zeit und dann nach
etwa gegen neunzehnhundert Jahren wieder im Vollmaße; denn es gibt selbst in
Meinem Rate kein anderes Mittel, so dem Menschen die vollste Willensfreiheit
belassen werden muß, als nur dies einzige, mit dem man von Zeit zu Zeit der
menschlichen Trägheit fruchtbringend begegnen kann; denn sie ist die Wurzel
aller Sünden und Laster! – Habt ihr das alles wohl verstanden?
[GEJ.07_174,12] Ihr werdet nun wohl weniger
Freude in euch darüber empfinden, – aber eine desto größere die künftigen
Völker, so ihnen neuerdings diese Kunde gegeben wird in ihrer großen Drangsal
und in der Zeit, in welcher sich ein Volk wider das andere erheben wird, um es
zu verderben. – Doch darüber soll uns noch das nächste Kapitel ein näheres
Licht verschaffen!
[GEJ.07_174,13] Doch nun saget es Mir, wie
ihr diese Sache von größter Wichtigkeit aufgefaßt habt! Ich sage darum ,von
größter Wichtigkeit‘, weil Ich euch das als Meinen künftigen Nachfolgern vor
allem ans Herz legen will, euch selbst und alle eure Jünger vor der Trägheit zu
verwahren. Und so möget ihr nun reden von dem Geiste, dem ihr im Jesajas
begegnet seid; dann gehen wir leicht aufs dritte Kapitel über!“
[GEJ.07_174,14] Sagten die Jünger und auch
einstimmig die andern Anwesenden: „Herr, was Du anordnest, willst und
zulässest, ist sicher übergut, überweise und gerecht; denn Du als der Schöpfer
und Meister der Menschen und aller Dinge in der Welt weißt es ja am
allerbesten, was für die Menschen am allerbesten taugt. Wären das Silber, das
Gold, die Edelsteine und die köstlichen Perlen zum pursten Nachteil Deiner
Menschen, so hättest Du wahrlich derlei böse Dinge nicht erschaffen!
[GEJ.07_174,15] Wer weiß es außer Dir, ob die
Menschen ohne solche Reizmittel nicht etwa noch um vieles träger geworden wären,
als sie bei allen diesen tausendmal tausend Reizmitteln ohnehin sind und mit
der Zeit noch mehr werden? Wenn da aber gar viele aus zu großer Liebe zu diesen
Reizmitteln zu wahren Teufeln unter den Menschen werden, weil sie sich von dem
falschen Glanze des Goldes haben blenden lassen, so hast Du ja der Zuchtmittel
in endlosester Fülle Dir zu Gebote stehend, und wir sind da der Meinung, daß am
Ende der Zeiten der Welt alles nach Deinem geheimsten und ewigen Ratschlusse
noch gut ausgehen wird.
[GEJ.07_174,16] Wir als Deine erwählten
Jünger werden sicher alles aufbieten, um die Menschen nach Deinem Ratschluß in
der gerechten und wahren Tätigkeit zu erhalten und sie für solche zu begeistern
und zu beleben. Ob sie aber das in der ferneren Zeitenfolge in ihren Nachkommen
auch so beachten werden, das ist freilich wohl eine sehr bedeutend andere
Frage! Allein, da wirst schon Du Selbst alles geschehen lassen, was zum Besten
der Menschen wird am besten taugen können, ob Kriege, Pestilenz, Teuerung,
Hungersnot, oder Friede, Gesundheit und gesegnete, fruchtreiche Jahre und
Zeiten! Und so hätten wir nun unsere Meinung vor Dir, o Herr, offen
ausgesprochen und bitten Dich um die Fortsetzung in der Beleuchtung des
Propheten.“
[GEJ.07_174,17] Sagte Ich: „Diesmal bin Ich mit
eurer Äußerung völlig zufrieden, und da ihr die Erklärung des zweiten Kapitels
des Propheten wohl aufgefaßt habt, so können wir nun denn auch kurz gefaßt auf
das dritte Kapitel übergehen. Und so denn höret Mich!“
175. Kapitel
[GEJ.07_175,01] (Der Herr):“ „Auch dieses
folgende Kapitel hat seine weissagende Geltung für jetzt und für die Folge
jener Zeiten, die Ich euch ehedem kundgegeben habe.
[GEJ.07_175,02] Also aber lautet der erste
sehr bedeutungsvolle Vers des Propheten: ,Sieh, der Herr, Herr Zebaoth wird von
Jerusalem nehmen allerlei Vorrat und desgleichen von ganz Juda, allen Vorrat
des Brotes und allen Vorrat des Wassers!‘ (Jes.3,1)
[GEJ.07_175,03] Unter dem Ausdruck
,Jerusalem‘ verstehet hier das gegenwärtige Judentum, wie es jetzt ist und
schon lange früher auch also war; unter ,Juda‘ aber verstehet die künftigen
Generationen, die dann durch die Annahme Meiner Lehre zu dem Stamme Juda
gezählt werden. Diese werden durch ihre große Trägheit auch in einem noch viel
größeren Maße dasselbe Los zu gewärtigen haben wie nun im engeren Maße die
Juden.
[GEJ.07_175,04] Unter der Wegnahme des
Brotvorrates verstehet die Wegnahme der Liebe und der Erbarmung, und unter der
Wegnahme des Wasservorrates verstehet die Wegnahme der wahren Weisheit aus
Gott, und die Folge davon wird sein, daß sie alle in großer Irre und Finsternis
der Seele wandeln werden und keiner dem andern wird raten können; und so auch
einer dem andern etwas raten wird, so wird ihm der Rat- und Lichtbedürftige
doch nicht trauen und wird sagen: ,Wie redest du mit mir vom Lichte und
befindest dich in der gleichen Finsternis wie ich!‘ Daß dann die Menschen durch
ihr eigenes Verschulden infolge ihrer Trägheit völlig hilflos dastehen werden,
gibt der Prophet in den folgenden Versen treulich also kund, indem er sagt:
[GEJ.07_175,05] ,Also werden ihnen
weggenommen werden Starke und Kriegsleute, Richter, Propheten, Wahrsager und
Älteste (Jes.3,2); Räte und weise Werkleute und kluge Redner und Hauptleute
über fünfzig, wie auch die ehrlichen Leute (3,3).‘
[GEJ.07_175,06] Ich setze hier geflissentlich
die Hauptleute und die ehrlichen Leute zuletzt, statt gleich anfangs des
dritten Verses, und habe schon Meinen Grund dazu. Und nun vernehmet die
Beleuchtung!
[GEJ.07_175,07] Wer sind denn die Starken und
die Kriegsleute? Das sind solche, wie dereinst war der David voll Glauben und
Vertrauen auf Mich, und die Kriegsleute sind solche Menschen, die sich von dem
Glauben und Vertrauen des Einen voll begeistern lassen, auf daß sie allzeit
siegen über alle noch so vielen Feinde des Guten und Wahren aus Gott.
[GEJ.07_175,08] Wenn aber bei den Menschen
der volle Mangel des lebendigen Wassers aus den Himmeln eingetreten ist und
alles Fleisch mit seinen Seelen sich in der dicksten Finsternis befindet, wer
wird dann unter den Menschen ein rechter und gerechter Richter sein? Wer wird
da haben die Gabe der Weissagung? Und so sie auch jemand noch für sich hätte,
wer wird ihm glauben ohne inneren Verstand, daß es also ist?! Wer wird für die
Geistesblinden und -tauben wahrsagen können? Und wen wird die finstere
Menschheit wegen hervorragender Weisheit als einen wahren Ältesten erwählen und
zu ihrem Hirten machen mögen? Daher erkennet nun diese Sache recht!
[GEJ.07_175,09] Wem Brot und Wasser in ihrer
geistigen Bedeutung weggenommen sind, dem ist dadurch alles genommen; denn wen
Gott mit der geistigen Blindheit straft und züchtigt, der ist am meisten
gestraft und gezüchtigt. Denn dem ist dadurch alles genommen, und er steht
völlig rat- und hilflos da. Das ist aber dann auch schon das äußerste Mittel,
mit dem der zu überhand genommen habenden Trägheit der Menschen und allen ihren
vielen Lastern stets am allerwirksamsten begegnet werden kann.
[GEJ.07_175,10] Daß aber die Menschen sich
mit der Wegnahme des geistigen Brotes und Wassers wahrhaft im größten Elende
befinden müssen, und was ihnen dadurch noch alles benommen ist, bezeugt der
Prophet noch weiter im dritten Verse, wo er ausdrücklich sagt: Den Menschen
werden genommen werden auch die Räte oder Ratgeber und weise Werkleute in allen
Zweigen der menschlichen Bedürfnisse, also auch kluge Redner, die sonst mit
ihrer Weisheit gar vieles Gute bewirkt haben.
[GEJ.07_175,11] Das Übelste an der Sache aber
ist die miterfolgte Wegnahme der, sage, fünfzig Hauptleute! Wer sind diese, und
was hat die Zahl fünfzig hier zu tun? Das werden wir nun gleich ganz wohl
einsehen.
[GEJ.07_175,12] Wenn wir uns eine ganz große
und vollkommen geordnete Gemeinde von Menschen vorstellen, so hat sie, so sie
mit allem wohl versorgt sein will, in allem numerisch fünfzig Hauptzweige zu
ihren Lebensbedürfnissen schon von alters her zu besorgen und zu bestellen. Was
darüber ist, gehört schon der Hoffart an, und was darunter, das ist dann schon
Schwäche, Mangel und Armseligkeit. Damit aber jeder einzelne Zweig der gezählten
Bedürfnisse nutzwirkend versehen und gehandhabt wird, so muß er auch einen
kundigen Hauptmann als Vorsteher und Leiter an der Spitze haben, der sich im
Betriebe seines Werkes von Anfang bis zu Ende wohl auskennt; fehlt der und
steht an seiner Stelle ein Unkundiger, so wird dieser Bedürfniszweig der ganzen
Gemeinde bald schlechte oder auch gar keine Früchte mehr zu tragen anfangen.
[GEJ.07_175,13] Wie wird aber eine große
Gemeinde erst dann bestehen, wenn sie durch ihre Trägheit und Fahrlässigkeit
endlich aller fünfzig Hauptleute bar wird? Ich sage es euch: Gerade also, wie
die große Gemeinde der Juden nun besteht, in der nur gewisse Diebe und Räuber
noch etwas besitzen und sich auf Kosten der Armen mästen und für ihre Bäuche
sorgen, dafür aber Tausende in der tiefsten Armut hilflos verschmachten. Denn
wo ist der weise Hauptmann, der für sie sorgete und ihnen Arbeit und Brot gäbe
in einem oder dem andern Erwerbszweige? Sehet, dieser ist nicht da in gar
manchen Zweigen, und somit ist auch alles andere nicht da! Es gibt zwar nun
wohl auch noch gewisse Hauptleute, die den verschiedenen Zweigen vorstehen,
aber nicht fürs Volk, sondern für sich, und sie sind darum nur Diebe und Räuber
und keine rechten Hauptleute wie zu den Zeiten Meiner Richter.
[GEJ.07_175,14] Ihr habt nun gesehen, wie das
äußere und innere Wohl der Menschen einer großen Gemeinde von den Hauptleitern
in den verschiedenen Bedürfniszweigen abhängt; aber von wem hängt denn in einem
Lande, das von einem Fürsten oder Könige regiert wird, eine rechte Aufstellung
der besprochenen Hauptleute in einer großen Menschengemeinde vor allem ab?
Sehet, eben von einem weisen Könige!
[GEJ.07_175,15] Was sagt aber unser Prophet
da, was der Herr den trägen, gottvergessenen Gemeinden noch tun wird?
[GEJ.07_175,16] Höret, seine Worte lauten
ferner also: ,Ich, spricht der Herr, will ihnen Jünglinge zu Fürsten geben, und
Kindische sollen über sie herrschen! (Jes.3,4) Und das Volk wird Schinderei
treiben, ein Mensch wider den andern, ein jeglicher sogar wider seinen Nächsten,
und der Junge wird sich stolz erheben über den Alten und ein loser,
betrügerischer Mann über den Ehrlichen!‘ (Jes.3,5)
[GEJ.07_175,17] Die Worte des Propheten sind
hier für sich so klar und wahr, daß sie keiner weiteren Erklärung bedürfen; nur
auf die großen und offenbar bösesten Folgen kann Ich euch aufmerksam machen,
obschon sie auch leicht von selbst zu finden sind. Wenn bei einem solchen
Wirrwarr in einem Lande einmal alle Lebensverhältnisse in die größte Unordnung
geraten und durch die Not alle Menschen einer Gemeinde in die größte
Unzufriedenheit gesetzt werden, dann gibt es denn auch eine schonungslose
Empörung über die andere. Das Volk erwacht und steht auf und treibt Fürsten und
die selbstsüchtigen Hauptleute in die Flucht oder erwürgt sie gar. Und da ist
es, wo man sagt: ,Ein Volk zieht wider das andere.‘
[GEJ.07_175,18] Denn der Mensch vermöge
seiner trägen Beschaffenheit läßt sich so lange noch allen Druck gefallen, wie
er in seiner Blindheit noch seinen Magen mit einer noch so mageren Kost füllen
kann; wenn aber einmal auch diese aufhört und er nichts als den Hungertod vor
seinen Augen hat, dann erwacht er sicher und wird zu einer hungerwütenden
Hyäne. Und bis dahin muß es kommen, damit die Menschheit zum Erwachen kommt.“
176. Kapitel
[GEJ.07_176,01] (Der Herr:) „Nun aber ist
alles zerstört und niedergemacht. Wem nur irgendeine Schuld gegeben werden
kann, daß er durch seine unbarmherzige Selbstsucht auch zum allgemeinen
Völkerunglück beigetragen hat, der fällt als ein leider trauriges Opfer der
allgemeinen Volksrache. Aber was dann? Die Menschen haben nun keinen, gar
keinen, weder einen guten noch einen bösen, Führer mehr. Sie befinden sich in
der vollendetsten Anarchie, in der am Ende ein jeder tun kann, was er will; ein
anderer, Stärkerer, kann ihn aber auch strafen nach seiner Herzenslust.
[GEJ.07_176,02] Da treten dann die Weiseren
zusammen und sagen: ,So geht es nicht, und so kann es auch nicht bleiben! Wir
Weiseren und Mächtigeren wollen uns einverstehen und das Volk dahin stimmen,
daß es mit uns wähle ein weises Oberhaupt. Und es ist ein Großhaus, das zwei
Brüder von mancher anerkannten Erfahrung innehabe! Was geschieht da und dann?
Der Prophet soll es uns ganz getreulich sagen! Und was sagt da der Prophet?
[GEJ.07_176,03] Höret! Er sagt: Dann wird
einer seinen Bruder aus seines Bruders Hause ergreifen und sagen: ,Du hast
Kleider (Kenntnisse und Erfahrungen), sei unser Fürst und hilf du diesem
Umfalle!‘ (Jes.3,6) Er aber wird zu der Zeit sagen und schwören: ,Höret, ich
bin kein Arzt, und es ist weder Brot (Glaubens-Gutes) noch Kleid
(Glaubens-Wahres) in meinem Hause! Setzet mich darum nicht zum Fürsten im
Volke!‘ (Jes.3,7). Denn Jerusalem ist reif und fällt dahin, und Juda (die späte
Zeit) liegt ebenfalls da; denn ihre Zunge und ihr Tun ist wider den Herrn,
indem sie den Augen Seiner Majestät (dem Lichte Seiner Weisheit) widerstreben
(Jes.3,8). Es ist das vor aller Welt offen und kundig. Ihr Wesen hat kein Hehl;
denn sie rühmen ihre Sünde wie zu Sodom und Gomorra und sind frech und verbergen
sich sogar nicht. Wehe ihrer Seele; denn damit bringen sie sich selbst in alles
Unglück (Jes.3,9)!‘
[GEJ.07_176,04] Aber der gewählte Fürst, der
allenfalls auch Ich Selbst sein könnte, sagt weiter: ,Gehet und prediget zuvor
den Gerechten, daß sie gut werden, und sie werden dann die Frucht ihrer Werke
essen (Jes.3,10)! Wehe aber den Trägen und Gottlosen; denn sie sind allzeit
böse, und es wird ihnen vergolten werden nach ihren Werken, und wie sie es
verdient haben (Jes.3,11)! Höret, darum sind Kinder Fürsten Meines Volkes, und
sogar Weiber herrschen über sie. Mein Volk, deine (falschen) Tröster verführen
dich (siehe Rom!) und zerstören den Weg, den du gehen sollst (Jes.3,12)!
[GEJ.07_176,05] Aber der Herr steht da, zu rechten,
und ist (nun) aufgetreten, die Völker zu richten (Jes.3,13). Und der Herr kommt
zu Gerichte mit den Ältesten Seines Volkes (die Schrift) und mit seinen Fürsten
(die Erweckten in der jüngeren Zeit); denn ihr (Pharisäer und Römer) habt den
Weinberg verderbt, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause (Jes.3,14).
[GEJ.07_176,06] Warum zertretet ihr Mein
Volk, und warum zerschlaget ihr noch mehr die Person der Elenden? Also spricht
(nun) voll des höchsten Ernstes der Herr (Jes.3,15).
[GEJ.07_176,07] Und der Herr spricht weiter:
Darum, daß die Töchter Zions stolz sind (die falschen Lehren der Hure Babels)
und gehen mit aufgerichtetem Halse und mit geschminkten Angesichtern, treten
(übermütig) stolz einher, schwänzen (gleich einem hungrigen Hunde) und tragen
gar köstliche Schuhe an ihren Füßen (Jes.3,16), darum wird der Herr die
Scheitel der Töchter Zions kahl machen (den Verstand nehmen), und Er wird darin
noch ihr einziges und bestes Geschmeide wegnehmen (Jes.3,17).
[GEJ.07_176,08] Zu jener Zeit wird der Herr
ihnen auch wegnehmen den Schmuck an den köstlichen Schuhen (die
Blindgläubigen), und die Hefte (treuen Anhänger) und die Spangen (die
verschiedenen Orden) (Jes.3,18), die Ketten, Armspangen und die Hauben (als das
abergläubische Zunftwesen) (Jes.3,19), die Flitter, die Gebräme, all die
Goldschnürlein, Bisamäpfel, die Ohrenspangen (Jes.3,20), die Ringe und
Haarbänder (Jes.3,21), die Feierkleider, die Mäntel, die Schleier und die
(großen) Beutel (Jes.3,22), die Spiegel, die Koller, die Borten und die Kittel
(alles die glänzende Zeremonie der Hure Babels) (Jes.3,23). Da wird dann
Gestank für den guten Geruch werden, ein loses Band für den guten Gürtel, eine
Glatze für ein krauses Haar (Schlangenklugheit der Hure Babels), und für einen
weiten Mantel wird ihr werden ein enger Sack; und solches alles wird ihr werden
an der Stelle ihrer vermeinten Schöne (Jes.3,24).
[GEJ.07_176,09] Dein Pöbel wird durch das
Schwert fallen, und deine Krieger im Streite (Jes.3,25). Und ihre Tore werden
trauern und klagen (weil niemand mehr durch sie wird gehen wollen), und sie
wird jämmerlich sitzen auf der Erde (Jes.3,26). Es werden aber in jener Zeit
die Kriege die Männer so rar machen, daß dann sieben Weiber einen Mann
ergreifen werden (oder aus den sieben Sakramenten wird nur eins werden) und
sprechen werden: Wir wollen uns selbst nähren und kleiden, laß uns aber nur
nach deinem Namen heißen, auf daß unsere Schmach von uns genommen werde (Jes.
3,27)!‘
[GEJ.07_176,10] Und sehet nun, meine Freunde:
Was der Prophet da gesagt hat, das wird so gewiß in Erfüllung gehen, als wie
gewiß und wahr Ich euch das nun Selbst erläutert habe. Denn die Menschen können
für eine größere Länge der Zeit die Wahrheit nicht ertragen, werden müde und
versinken allzeit wieder in ihre alte, Gericht und Tod bringende Trägheit, und
es läßt sich dann wahrlich nichts anderes tun, als durch die äußersten Mittel
die Menschen wieder zu erwecken und sie wieder in die alte Tätigkeit auf den
Wegen und Steigen des Lichtes und Lebens zu versetzen.
[GEJ.07_176,11] Darum sage Ich es euch nun
noch einmal: Warnet die Menschen vor allem vor der geistigen Trägheit; denn mit
ihr treten dann alle die Übel ein, von denen der Prophet geredet hat, und Ich
muß sie leider zulassen! Denket darüber nach, und wir werden in der Herberge
noch ein Wörtlein darüber sprechen! – Doch nun wollen wir uns aber auch
sogleich dahin begeben; denn wir werden in dieser Nacht noch manches zu tun
bekommen!“
177. Kapitel
[GEJ.07_177,01] Wir kamen nun in die große
Herberge des Nikodemus, allwo schon ein wohlbereitetes Abendmahl unser harrte.
Da sich aber unter Meinen Jüngern nun schon eine ziemliche Anzahl von Templern
befand, die aber noch so geheim bei sich auf ihre alte Tempelvorrangordnung
hielten, so entspann sich unter ihnen ein kleiner Streit dahin, wer am großen
Tische mehr obenan oder mehr untenan Platz nehmen solle. Demzufolge besetzten
denn auch sogleich unser Schriftgelehrter und die zwei an diesem Nachmittage
bekehrten Pharisäer gewohntermaßen sogleich die ersten Plätze und achteten dabei
nicht darauf, daß erstens Ich Selbst noch keinen Platz genommen hatte, also
auch die Römer, die drei Magier aus Indien und auch die Oberägypter nicht, was
dem Nikodemus wie auch dem Lazarus sichtlich nicht sonderlich wohlgefiel.
[GEJ.07_177,02] Da ging Ich zu ihnen hin und
sagte: „Höret, in Meinem Reiche aber gibt es gar keine Rangordnung, sondern
daselbst heißt es wahrlich nur: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt
werden; wer sich aber selbst ganz bescheiden erniedrigt, der soll erhöht
werden!
[GEJ.07_177,03] Wenn du zu Gaste geladen bist
und kommst zum Gastmahlstische, so setze dich nicht sogleich obenan an den
Platz, den der Gastgeber vielleicht für einen noch Vornehmeren bestimmt hat! So
dieser dann käme und der Gastgeber zu dir sagte: Freund, setze du dich weiter
unten an, weil ich diese Plätze für noch Vornehmere bestimmt habe!, würde dir
das dann nicht sehr unangenehm sein, so dich der Gastgeber vor der ganzen
Gesellschaft notgedrungen hätte beschämen müssen? (Luk.14,7-9)
[GEJ.07_177,04] Wenn du aber als ein
geladener Gast kommst und dich bescheiden untenan setzest, der Gastgeber aber
kommt und zu dir sagt: ,Freund, rücke herauf auf den ersten Platz; denn die
Plätze da unten sind bestimmt für die gemeineren Gäste!‘, so wirst du darob
sicher eine rechte Freude haben. Und es soll unter euch auch das ein Hauptlehr-
und Lebensgrundsatz bleiben: Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt, wer
sich aber selbst erniedrigt, der soll erhöht werden! (Luk.14,10.11)
[GEJ.07_177,05] Also wird es auch sein in
Meinem Reiche dereinst. Wer da wird sein der Kleinste und Geringste, der wird
auch sein der Größte. Denn im Himmel ist alles gegen diese Weltordnung
verkehrt; was vor den Augen der Welt groß und glanzvoll ist, das ist im Himmel
ganz klein und gering und ohne allen Glanz und Prunk.
[GEJ.07_177,06] Diese Lehre soll
aufgezeichnet werden, und wo Mein Evangelium gepredigt wird, da muß auch dieses
getreu allen Menschen gepredigt werden!
[GEJ.07_177,07] Ich bin doch der Herr Selbst,
und seht, Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig und demütig! Seid ihr alle
dasselbe, so wird es sich dadurch vor allem weisen, daß ihr wahrhaft Meine
Jünger seid!“
[GEJ.07_177,08] Hierauf erhoben sich die
etlichen Pharisäer, sichtlich etwas unangenehm berührt, von ihren Plätzen und
wollten sich sogleich ganz untenan setzen.
[GEJ.07_177,09] Da aber sagte Ich: „Wo ihr
nun sitzet, da bleibet! Denn es ist nun unter uns ganz gleich, wo jemand sitzt;
denn nun hängt der Rang des Platzes von der Person ab, die ihn einnimmt. Bin
Ich der Herr, so bin Ich es auf jedem Sitze, den Ich einnehme, und einem andern
wird dieser oder jener Sitz niemals eine Herrlichkeit verleihen.
[GEJ.07_177,10] Was nützete es dir wohl, so
du zum Beispiel nun nach Rom gingest und setztest dich auf des Kaisers Thron,
und er ließe sich den Scherz gefallen und setzte sich daneben auf eine gemeine
hölzerne Bank? Du wirst darum dennoch nie ein Kaiser sein, und er wird auch auf
der Holzbank der mächtige Kaiser bleiben. Daher hängt der Rang des Platzes
nicht von ihm selber ab, sondern allzeit nur von dem, der ihn einnimmt; und so
bleibet nun nur auf euren ersten Plätzen!
[GEJ.07_177,11] Darauf ging Ich und setzte
Mich mit Meinen Jüngern und mit Raphael, Lazarus und Nikodemus ganz unten an,
und Agrikola sagte: „O Herr und Meister, nun sehe ich es nur zu gut ein, wo für
jeden Menschen der eigentliche erste Platz ist! In der wahren Demutstiefe ist
der erste Rangplatz einem jeden wahren Menschen verborgen! Auch wir Römer haben
da ein altes gutes Sprichwort – es lautet also: Laus propria sordet (Eigenlob
stinkt) –, und ich fand es nun aus Deinem Worte, daß es also ist, und bin nun
recht froh, daß wir Römer ohne Offenbarung denn doch durch Denken und Prüfen
dahintergekommen sind, was nun im Lichte Deiner Weisheit sich wahrlich um vieles
besser ausnimmt als so manche neuen Institutionen des Tempels bei euch, den der
weiseste aller Könige der Erde erbaut hat!“
[GEJ.07_177,12] Sagte Ich: „Siehe, darum aber
wird auch das Licht den Juden genommen und euch Heiden überantwortet werden,
wie solches geschrieben steht in den Propheten!“
[GEJ.07_177,13] Sagte der eine Pharisäer:
„Was wird denn dann mit den Juden geschehen?“
[GEJ.07_177,14] Sagte Ich: „Das habe Ich euch
schon gezeigt und hinreichend beschrieben, und aus den nächtlichen Zeichen habt
ihr es lesen können! Denn ihr seid nun ums Tausendfache mehr Heiden geworden,
als da nun irgendwo auf der Erde welche bestehen. Darum werden die Juden wie
Spreu durch den Sturm zerstreut werden unter alle Völker der Erde und werden
nimmerdar ein Land und einen König zu eigen besitzen.“
[GEJ.07_177,15] Sagte der Schriftgelehrte:
„Aber es hat der Herr dem David doch einen ewigen Thron verheißen!“
[GEJ.07_177,16] Sagte Ich: „O ja, das wohl,
und es wird auch also sein, aber nicht materiell, wie allenfalls ihr das
meinet, sondern geistig.
[GEJ.07_177,17] Ein jeder wird nach Meinem
Worte in sich werden ein David in Meinem Reiche für ewig, – aber auf dieser
Welt, sage Ich euch, seid fortan jeder weltlichen Obrigkeit, ob sie gut oder
böse ist, untertan; denn die Macht, die sie hat, ist ihr von oben gegeben!
[GEJ.07_177,18] Niemand von euch aber
bestrebe sich, je ein Herrscher zu werden auf Erden; denn wer da so oder so
über die Menschen herrschen soll, wird schon von oben dazu den Ruf bekommen,
und es wird ihm in sein Herz gelegt werden, wie er seine Völker wird zu
beherrschen haben. Stolze und hochmütige Menschen sollen von einem stolzesten
und hochmütigsten Könige beherrscht werden, und gute und demütige werden auch
solche Herrscher bekommen und unter ihrem Zepter glücklich und gut leben. Es
wird in der Zukunft demnach ganz von den Menschen abhängen, wie ihre Herrscher
sein werden. Das merket euch auch ganz besonders!
[GEJ.07_177,19] Nun aber, da die Speisen
schon aufgetragen sind, wollen wir essen und trinken und stärken unsere
Glieder!“
[GEJ.07_177,20] Darauf ward alles ruhig, und
ein jeder aß und trank, was er vor sich hatte.
178. Kapitel
[GEJ.07_178,01] Die Mahlzeit dauerte bei
einer halben Stunde lang, und als wir uns alle hinreichend gesättigt und gestärkt
hatten, entstand draußen auf der Straße wieder ein Tumult und ein großer Lärm,
auf den bald mehrere Menschen zu uns in den großen Speisesaal kamen und mit
Nikodemus reden wollten.
[GEJ.07_178,02] Dieser erhob sich und fragte
sie mit ernster Miene, was es denn gäbe, und was sie nun so spät am Abende
wollten.
[GEJ.07_178,03] Da trat ein Damaszener zu ihm
und sagte: „Herr, wir haben es erst jetzt in die volle Erfahrung gebracht, daß
du der Oberste dieses Ortes bist, und wir sind denn gekommen, um bei dir dahin
eine gerechte Beschwerde vorzubringen, daß wir hier als reisende Handelsleute
sehr übel aufgenommen worden sind! Wir wollen nach Recht und Billigkeit schon
alles bezahlen, was wir verzehren, – aber gerade die ganze Haut lassen wir uns
von diesen elenden und überhabsüchtigen Emmausern nicht abziehen! Es muß uns da
Recht gesprochen werden, oder wir appellieren an den Kaiser, dessen treue
Untertanen wir sind!“
[GEJ.07_178,04] Sagte weiter Nikodemus: „Und
worin besteht denn so ganz eigentlich das Unrecht, das euch hier im Orte
zugefügt worden ist?“
[GEJ.07_178,05] Sagte der Wortführer: „Streng
gerechter Herr! Wir haben unsere Wagen und Lasttiere draußen auf einem großen,
freien Platze aufgestellt und gingen dann teilweise in die verschiedenen
Herbergen dieses Ortes, weil wir in dieser großen Herberge keine Unterkunft
haben bekommen können. Wir haben uns nun mit einer sehr mageren Kost gestärkt
und wollten alles, was wir verzehrt hatten, auch sogleich nach Recht und
Billigkeit bezahlen, – allein diese Wirte haben uns eine Rechnung gemacht, die
wir in Damaskus einem Gaste, obschon wir auch gerade nichts verschenken, auch
dann nicht machen würden, so er ein ganzes Jahr bei uns zehren würde! Ah, das
ist in dieser Welt ja doch noch nie dagewesen!“
[GEJ.07_178,06] Sagte Nikodemus: „Was habt
ihr denn gegessen und getrunken, und wieviel hat man dafür von euch verlangt?“
[GEJ.07_178,07] Sagte der Wortführer: „Streng
gerechter Herr! Wir bekamen jeglicher einen mäßigen Fisch, ein Stück gesäuerten
Brotes und einen Becher ganz mittelmäßigen Weines, und nicht mehr und auch
nicht weniger. Und dafür verlangten diese wahren Wucherer von jedem – sage –
hundert Groschen, ein Geld, mit dem man sonst nach dem weiten Indien und von
dort wieder zurück reisen kann! Ah, so was ist denn doch noch nie erhört
worden! – Was sagst du, strenger und gerechter Herr, dazu?“
[GEJ.07_178,08] Sagte Nikodemus: „Habt ihr
den Wirten das von ihnen verlangte Geld etwa auch schon hingegeben?“
[GEJ.07_178,09] Sagte der Wortführer: „Streng
gerechter Herr! Da müßten wir große Narren gewesen sein! Aus dem Grunde, weil
wir ihnen das verlangte Geld wohlweise vorenthielten, ist ja eben dieser Tumult
auf der offenen Straße entstanden! Sie wollen uns nun gleich Straßenräubern
unsere Waren wegnehmen, und wir suchen eben aus diesem Grunde gegen eine solche
rohe Gewalt gerechten Schutz bei dir; wird uns der nicht, so sollen diese
elenden Emmauser die Damaszener kennenlernen!“
[GEJ.07_178,10] Sagte Nikodemus: „Nun, ihr
habt eure Sache hier vorgebracht, und es wird euch auch, wenn sich alles genau
also verhält, wie ihr es mir angezeigt habt, Recht und volle Gerechtigkeit
werden; bevor ich aber euch die volle Gerechtigkeit kann angedeihen lassen, muß
ich auch eure Gegner anhören, was diese etwa gegen eure Beschwerde bei mir
vorbringen können! Das müßt ihr euch schon gefallen lassen!“
[GEJ.07_178,11] Sagte der Wortführer: „Uns
ist das schon ganz recht; sie sollen nur vortreten!“
[GEJ.07_178,12] Sagte Nikodemus: „So jemand
von den höchst unbilligen Wirten und Herbergehaltern da ist, der trete vor und
rede!“
[GEJ.07_178,13] Es befanden sich drei solche
Wirte unter den fremden Klägern, traten vor und sagten: „Wir leugnen es nicht,
daß wir die von ihnen angegebene Summe fürs Abendmahl von ihnen wirklich
verlangt haben, was wahrlich vielzuviel ist; aber wir waren auch schon zu
öfteren Malen in Damaskus, wo wir unsere Sachen auf den Markt brachten. Wir
hielten uns allzeit nur drei Tage auf und sind in den Herbergen auch ebenso
haarsträubend teuer gehalten worden. Wenn wir sie nun ums Zehnfache teurer
halten, als wie da bei uns andere Reisende gehalten werden, so nehmen wir von
ihnen nur das zurück, was sie schon seit lange her von uns zuviel genommen
haben. Und so wir nun das tun, da meinen wir, daß wir nach dem Gesetze Mosis, wo
es heißt ,Auge um Auge, und Zahn um Zahn!‘ da kein Unrecht begehen!“
[GEJ.07_178,14] Sagte nun Nikodemus: „Ja, da
wird es dann schwer, einer wie der andern Partei ein volles Recht zuzuerkennen!
Denn ihr Damaszener habt lieblos gehandelt an den Emmausern, und diese handeln
nun unrecht an euch! Es ist darum leichtbegreiflich schwer, ein rechtes Urteil
zu sprechen. Vergleichet euch, und entschädiget euch gegenseitig, und euer
Streit hat vor Gott und vor den gerecht denkenden und wollenden Menschen ein
Ende!“
[GEJ.07_178,15] Sagte der Damaszenische
Wortführer: „Streng gerechter Herr, wir kennen nur ein Recht, und das heißt bei
uns Billigkeit! Es ist schon wahr, daß an den öffentlichen Markttagen in
unserer großen Stadt die Handelsleute etwas teurer gehalten werden als jene,
die ihnen ihre Waren abkaufen; aber das ist auch wahr, daß diese Emmauser von
uns nun geradesoviel verlangt haben, als was sie bei uns allenfalls in zehn
Jahren zuviel bezahlt haben, wofür wir aber ganz und gar nicht können, da wir
keine Herberge halten, sondern bloß ganz einfache Handelsleute sind, die mit
dem in aller Welt Handel treiben, was die Kunst ihrer Hände geschaffen hat.
Wollen sich die Emmauser Wucherer an uns Damaszenern entschädigen, so sollen
sie hingehen und sich dort an den Herbergshaltern entschädigen, aber nicht an
uns, die wir sie niemals bei den Artikeln, die sie von uns gekauft haben,
überhalten (übervorteilt) haben!“
[GEJ.07_178,16] Sagten darauf die Emmauser:
„Das werden wir wohl nicht tun; denn wir haben geschworen, das überteure
Damaskus nie wieder zu besuchen! Diese sollen uns nur bezahlen, was wir
verlangen, und sollen sich dann daheim bei ihren teuren Herbergshaltern an
unserer Statt schadlos halten!“
[GEJ.07_178,17] Nun trat Nikodemus zu Mir und
fragte Mich, was er da tun solle.
[GEJ.07_178,18] Sagte Ich: „Die Damaszener
haben recht, und die Emmauser sind höchst unbillige Wucherer! Sie sollen
verlangen, was Recht ist, und nach dem soll ihnen ein jeder der Handelsleute
für sich nur zwei Groschen bezahlen und nicht einen Stater mehr! So die
Emmauser in Damaskus überhalten (übervorteilt) worden sind, so waren sie
offenbar selbst schuld daran; denn sie wollten sich dort als reiche Menschen
zeigen und schwelgten und praßten oft übermütig, und es war von den Damaszenern
schon ganz recht, daß sie sich dafür auch ganz ordentlich zahlen ließen. Wenn
aber diesen Emmausern die Rechnung in Damaskus zu hoch dünkte, so hätten sie
sich ja damals bei den dortigen Richtern beschweren können! War ihnen aber
infolge ihrer hochmütigen Großtuerei damals die Rechnung recht, so muß sie auch
jetzt recht sein! Wollen sie aber diesen Damaszenern nun eigenmächtig Gewalt
antun, so wird auch ihnen Gewalt angetan werden! Sie können nun eins oder das
andere wählen und tun, wie sie wollen; wir werden aber dann auch tun, was wir
wollen werden!“
[GEJ.07_178,19] Diese Meine Worte vernahmen
die Damaszener recht gut, aber auch die drei Emmauser.
[GEJ.07_178,20] Die Damaszener aber traten zu
Mir, und der Wortführer sagte: „Höre, du uns gänzlich unbekannter Freund! Du
hast da gesprochen die allerreinste Wahrheit; also war es auch! Diese Menschen
haben, weil sie in der großen Nähe der großen Stadt Jerusalem wohnen und
hausen, uns Damaszener nahe schon für gar nichts gegen sie angesehen und
zeigten uns durch ihr übermütiges Schwelgen, wie reich und geldmächtig sie
gegen uns seien; sie bekamen von unseren Wirten denn auch, was sie verlangten,
und es war ihnen damals nichts zu teuer. Jetzt erst muß ihnen die Reue über
ihre bei uns verübte Schwelgerei gekommen sein, und sie wollten sich nun an uns
gänzlich Unschuldigen entschädigen, wie die Tatsache hier das nur zu klar
beweist. Aber du, edelster und wahrhaftigster Freund, hast nun ein völlig
rechtes Urteil gefällt, und wir fügen hier nur diese Bitte bei, daß es auch
tatsächlich ausgeführt werden möchte!“
[GEJ.07_178,21] Hierauf traten ganz keck die
drei Wirte vor und sagten: „Gegen die Ausführung dieses Urteils werden wir uns
zu schützen wissen! Wer bist du denn, daß du es wagst, gegen uns aufzutreten
und die betrügerischen Damaszener in Schutz zu nehmen?“
[GEJ.07_178,22] Sagte Ich: „Hier, da an
Meiner Rechten, sitzen die machthabenden Römer, die um Meinetwillen sogar von
Rom hierhergekommen sind! Diese werden es euch schon sagen, so ihr euch nicht
Meinem Urteile werdet fügen wollen, wer Ich so ganz eigentlich bin! Dann aber
auch wehe euch, ihr wucherischen Seelen! Was Ich gesagt habe, bei dem wird es
auch verbleiben! Tut ihr nun, was ihr wollet!“
[GEJ.07_178,23] Auf diese Meine Worte
entfernten sich die drei Wirte schnell und faßten den Sinn, mit ihren Knechten,
Gefährten und Helfershelfern die Karawane, die sich draußen im Freien befand,
anzugreifen und sich zahlhaft zu machen. Ich gab solches auch Nikodemus und
Agrikola zu verstehen.
[GEJ.07_178,24] Agrikola, der nun die harten
Emmauser durchaus nicht mehr leiden konnte, fragte gleich den Nikodemus, ob
römisches Militär sich im Orte befinde.
[GEJ.07_178,25] Und Nikodemus antwortete:
„Mächtiger Freund, es liegen hier für beständig bei hundert Mann römische
Soldaten!“
[GEJ.07_178,26] Sagte Agrikola: „Bescheide
mir den Kommandanten hierher!“
[GEJ.07_178,27] Sagte Ich: „Freund, wenn eine
Gefahr im Verzug ist und in der sicheren Aussicht steht, so kommt da deine
wohlgemeinte Anordnung schon um ein bedeutendes zu spät! Ich habe darum durch
Meinen Raphael schon alles besorgt, und die römischen Soldaten leisten bereits
schon, was ihnen anbefohlen wurde. Sie werden die halsstarrigen Wirte bald
hierher bringen; denn als diese mit ihren Helfershelfern sich den Wagen und
Lasttieren nahten, wurden sie von den daselbst schon aufgestellten Soldaten
umringt und gefangengenommen. Sie werden nun auch alsbald hierher vor diese
Herberge gebracht werden, und der Kommandant wird hereintreten und Nikodemus
ums Urteil befragen.“
[GEJ.07_178,28] Agrikola war das natürlich
vollkommen recht, und Nikodemus fragte Mich, was für ein Urteil er da fällen
solle.
[GEJ.07_178,29] Sagte Ich: „Hast du doch
ehedem vernommen, was Ich zu diesen hier noch anwesenden Damaszenern gesagt
habe! Wollen sich die Wirte aber damit durchaus nicht zufriedenstellen, so nimm
du den von Mir ausgesprochenen Betrag von den Damaszenern in Empfang, und
verteile ihn bei einer rechten Gelegenheit unter die Armen! Die bösen Wirte
aber sollen dafür volle drei Tage hindurch im Kerker verweilen und dann bei
ihrer Freilassung ernstlich ermahnt und bedroht werden; das wird genügen, sie
für künftige Fälle nüchtern und billig zu stimmen.“
[GEJ.07_178,30] Als Ich Nikodemus solchen Rat
erteilt hatte, da trat auch schon der römische Kommandant zu uns in den
Speisesaal, trug Nikodemus vor, was es gäbe, und verlangte von ihm das Urteil.
[GEJ.07_178,31] Und Nikodemus sagte dem
Kommandanten, was Ich ihm zuvor gesagt hatte.
[GEJ.07_178,32] Dieser hinterbrachte das
sogleich den Wirten, die aber das Urteil unter allerlei Vorwänden nicht
annehmen wollten. Da aber machte der Kommandant mit ihnen gleich vollen Ernst
und warf sie in einen Kerker, und die Damaszener legten, als sie das vernahmen,
sogleich die von Mir ausgesprochene Zahlung für das Abendmahl für die gesamte
Karawane in die Hände des Nikodemus und dankten Mir über Hals und Kopf für das
von Mir ausgesprochene Urteil.
179. Kapitel
[GEJ.07_179,01] Der Wortführer aber befragte
Mich noch eigens, womit er Mich dafür belohnen könnte, daß Ich zu ihren
gerechten Gunsten ein so wirksames Urteil ausgesprochen habe; denn sie hielten
Mich nun für einen wahren Richter dieses Ortes.
[GEJ.07_179,02] Ich aber sagte zu dem
Wortführer: „Ich nehme von niemand für Meine Lehre und für Mein Urteil je
irgendeinen Lohn! Aber Ich sage euch nun, abgesehen des Rechtes in eurer Sache,
das euch hier zuteil geworden ist, daß auch ihr fürderhin billig und gerecht
seid gegen jedermann, mit dem ihr irgendwo verkehret; denn die Unbilligkeit und
Ungerechtigkeit unter den Menschen auf der Erde ist das größte Übel, das auf
der Welt die Brüder und Schwestern entzweit und Feindschaften stiftet. Wo aber
diese einmal bestehen, da gibt es kein Heil mehr unter den Menschen, sondern
Neid, Haß, Raub, Totschlägerei, Mord und Krieg.
[GEJ.07_179,03] Es werden aber in jüngster
Zeit Meine Jünger zu euch kommen; die nehmet ihr auf, und was sie euch lehren
werden, das nehmet an und tut danach! Was ihr ihnen tun werdet, das werde Ich
also ansehen, als hättet ihr es Mir getan. Dies ist der Lohn, den Ich für Mein
gerechtes Urteil von euch verlange! – Habt ihr Mich wohl verstanden?“
[GEJ.07_179,04] Sagte der Wortführer:
„Jawohl, jawohl, du gerechtester Richter, wir haben dich verstanden; denn wir
als alte Handelsleute und Fabrikanten verkehren mit unseren guten Erzeugnissen
ja beinahe mit allen Völkern der bekannten Erde und verstehen daher auch alle
Zungen der Erde, obschon wir hier vor allem nur den Sinn deiner Worte im Auge
behalten. Wenn aber deine Jünger uns in Damaskus besuchen werden, so fragen wir
dich hier nur um das Kennzeichen, damit wir nicht etwa falsche anstatt der
rechten aufnehmen!“
[GEJ.07_179,05] Sagte Ich, auf alle nun Meine
Jünger hindeutend: „Dahier sitzen sie, sehet sie euch an! Der eine oder andere
wird zu euch kommen und wird euch verkünden die Lehre des Heils für eure
Seelen. Es wird aber nach etlichen Jahren von Mir ein Apostel in eurer Stadt
für die Heiden erweckt werden, der wird euch zeigen die volle Wahrheit. Aber
zuvor wird er ein Feind sein Meines Lichtes, dann nach der Erweckung aber der
größte Eiferer für dasselbe. Aber vor ihm werden noch mehrere andere, die er
verfolgen wird, zu euch kommen; diese nehmet wohl auf, und euer Lohn wird darum
nicht klein genannt werden können!
[GEJ.07_179,06] Denn wer einen Propheten
gläubig aufnimmt in Meinem Namen, der wird auch eines Propheten Lohn ernten.
Meine Jünger und Apostel aber werden sein wahre Propheten, und somit Knechte
Gottes des Herrn, von dem auch Ich gesandt bin in diese Welt zum Heile aller
Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden. –
Habt ihr nun auch das verstanden?“
[GEJ.07_179,07] Sagte der Wortführer:
„Jawohl, jawohl, du weiser und überaus gerechter Richter! Aber wie wir aus
diesen deinen Worten so nebenbei noch gar überaus wohl gemerkt haben, so bist
du nicht nur ein überaus weise gerechter Richter, sondern auch ein wahrer
Prophet der Juden, – und da müssen wir dich schon von ganzem Herzen bedauern;
denn die Juden, wie sie nun sind, sind durch ihre unersättliche Habgier die
größten Feinde der alten und noch mehr der neuen Propheten geworden. Die Hirten
(Pharisäer), Ältesten (Priester) und Schriftkenner sollen nach den Satzungen
Mosis nichts besitzen, sondern nur von den Zehnten und mäßigen Opfern leben;
aber diese Pharisäer, Ältesten und Schriftkenner wollen nun schon gleich das
ganze Land ihr Eigentum nennen und es als solches auch behaupten und benutzen,
und alles Volk soll nur für sie arbeiten und dabei zur immer größeren Ehre
Gottes nichts haben und Hunger und Durst leiden bis zum Verzweifeln.
[GEJ.07_179,08] Ah, wir Damaszener waren und
sind zum Teil noch ganz gute und echte Juden; aber von Jerusalem darf uns kein
Sendling kommen, um uns für diese schlechte und allerbetrügerischste Stadt zu
stimmen! Wer das tun würde, der dürfte wohl nicht zu uns kommen; denn kommt ein
solcher, so wird er alsbald zur Stadt hinausgewiesen, wo er dann das Weite
suchen kann. Aber wenn Propheten und Richter deiner Art zu uns kommen, diese
nehmen wir allzeit gerne an und auf, wenn wir auch zum größten Teil Griechen,
Altsyrier und Babylonier sind; denn von den wahren Propheten kann jeder Mensch
etwas Wahres und somit auch Gutes vernehmen. Und so werden von uns auch alle
gut aufgenommen werden, die du uns als deine wahren Jünger zusenden wirst!“
[GEJ.07_179,09] Sagte Ich: „Da ihr nun noch
Weile habt, so bleibet auch noch hier, und ihr sollet noch so manches vernehmen
und sehen! Hier ist noch Brot und sind Fische und auch Wein. Setzet euch, und
esset und trinket; denn in dieser Herberge wird man euch dafür sicher keine
hundert Groschen anrechnen!“
[GEJ.07_179,10] Da nahmen die etlichen
Kaufleute Platz und fingen an, recht wacker zu essen und zu trinken, und lobten
sehr die Güte des Weines, des Brotes und der wohl zubereiteten Fische.
180. Kapitel
[GEJ.07_180,01] Als sie aber noch aßen und
tranken, da kamen eine Menge Weiber und Kinder klagend und weinend in den Saal
und baten den Nikodemus, daß er ihnen ihre Männer und Knechte, die ehedem von
den römischen Soldaten eingesperrt worden waren, freigeben möchte.
[GEJ.07_180,02] Aber Nikodemus sagte: „Eure
Männer und Knechte werden in drei Tagen schon freigelassen werden, aber auch
nicht einen Augenblick früher! Es ward ihnen zur Nachgiebigkeit geraten; da sie
solche aber nicht annehmen wollten, so sollen sie nun ihren Starrsinn auch
büßen!“
[GEJ.07_180,03] Hier trat eine Tochter vor
und sagte: „Herr, meine Mutter liegt daheim sterbenskrank! Sie ist eine Witwe
und hat nur einen sonst recht treuen Knecht, der unser Haus ganz wohl besorgte.
Dieser unser Knecht kam ehedem, als der Tumult auf der Straße entstand, nur
ganz zufällig dazu, daß er als ein Emmauser zugunsten unserer Wirte einige
Worte redete. Weil er aber das getan hat, so wurde er auch von den Soldaten
ergriffen, gebunden und ins Gefängnis geführt. Ich bitte euch, ihr lieben
Richter und Herren, nun um meiner sterbenskranken Mutter willen, daß ihr
unseren Knecht, der ganz unschuldig ins Gefängnis gekommen ist, wieder
freigeben möchtet!“
[GEJ.07_180,04] Sagte hier Nikodemus: „Daß
euer Knecht wohl weniger Schuld am Tumulte hat als die Wirte und ihre eigenen
Knechte, das bezweifle ich gar nicht; aber er war denn doch so ein
Helfershelfer dabei, und es geschah ihm darum kein Unrecht, daß er mit den
andern in das Gefängnis kam. Aber wenn es sich mit deiner Mutter, die ich wohl
kenne, also verhält, daß sie sterbenskrank ist, so werde ich hier unseren
Hauptrichter fragen, ob Er es zugibt, daß euer Knecht freigelassen wird.
Gedulde dich darum ein wenig!“
[GEJ.07_180,05] Hierauf wandte sich Nikodemus
natürlichermaßen an Mich und fragte Mich des Knechtes wegen, was da zu tun sei.
[GEJ.07_180,06] Ich aber sagte: „Besagter
Knecht kann darum aus dem Gefängnisse nicht freigelassen werden, weil er sich
gar nicht darin befindet; denn als er merkte, daß der Starrsinn die Wirte und
ihre Knechte nach deiner Androhung ins Gefängnis bringen wird, da riß er gleich
und noch rechtzeitig aus und verbarg sich draußen in derselben Hütte, in der
wir heute morgen diese arme und kranke Familie angetroffen haben. Ich werde
aber nun Raphael entsenden, und er wird ihn alsbald hierher bringen; dann erst
wollen wir das Weitere verhandeln.“
[GEJ.07_180,07] Ich gab Raphael einen Wink,
und er begab sich schnell aus dem Saale und kam in wenigen Augenblicken mit dem
Knechte wieder zu uns in den Saal. Als der Knecht sich im Saale befand, fing er
an, alle darum um Vergebung zu bitten, daß auch er sich aus purer Neugierde am
Tumult ein wenig beteiligt habe.
[GEJ.07_180,08] Sagte Ich: „Sei darum in
Zukunft klüger, und beteilige dich ja an keinem Tumulte mehr, sonst könnte es
dir einmal übel ergehen! Jetzt aber gehe du mit dieser Tochter jener kranken
Mutter, bei der du im Dienste stehst, nach Hause, und bringet die kranke Mutter
hierher, und Ich werde sehen, ob ihr wohl noch zu helfen ist!“
[GEJ.07_180,09] Da entfernten sich die beiden
schnell, kamen aber gar bald weinend wieder, und der Knecht sagte: „O du guter
Richter und sicher auch ebenso guter Arzt, die Mutter dieser Tochter und meine
Dienstfrau ist gestorben! Als wir nach Hause kamen, lag sie schon völlig
entseelt in ihrem Bette; der wird darum wohl nicht mehr zu helfen sein!“
[GEJ.07_180,10] Sagte Ich: „So ihr glauben
könntet, da könntet ihr auch sehen die große Herrlichkeit der Macht Gottes im
Menschen!“
[GEJ.07_180,11] Sagten beide: „O Herr, die
Macht Gottes ist wohl groß und herrlich, aber gegen den Tod hat sie doch kein
Kräutlein erschaffen! Es gibt wohl sicher gar wundersame Mittel, mit denen die
schwersten Krankheiten geheilt werden können, – aber macht ein Mittel einen
Toten je wieder lebendig?! Wir glauben wohl, daß die Seelen der Menschen nach
des Leibes Tode für sich fortleben, daß aber der einmal tote Leib je wieder zum
Leben erweckt wird, ist wohl schwer zu glauben! Man spricht von einem Jüngsten
Tage, an dem etwa alle, die in den Gräbern schon lange vermodert sind, wieder
auferstehen werden; aber uns scheint das nur so eine leere Trostlehre zu sein,
damit sich die Menschen vor dem Tode nicht gar zu sehr fürchten möchten. Wir
aber meinen, daß ein jeder, der einmal gestorben ist, in Ewigkeit nie wieder
auferstehen wird.
[GEJ.07_180,12] Was aber mit der Seele nach
dem Tode des Leibes geschieht oder geschehen wird, das wird auch nur Gott
allein wissen; denn zurück ist unseres Wissens wohl noch keine Seele gekommen,
die gesagt hätte, wie es drüben in irgendeiner andern Welt aussieht. Wir danken
dir, du bester Richter und Heiland, für deinen guten Willen, unsere Mutter
gesund zu machen; aber da sie bereits gestorben ist, so ist ihr auch nicht mehr
zu helfen, und es wäre wahrlich sehr ungeschickt von uns gewesen, so wir die
Tote hierher gebracht hätten!“
[GEJ.07_180,13] Sagte Ich: „Die Verstorbene
könnte ja wohl auch nur scheintot sein, und in diesem Falle könnte sie wohl
wieder ins Leben zurückgerufen werden!“
[GEJ.07_180,14] Sagte die Tochter: „O du
bester Heiland, die Mutter starb an der völligen Auszehrung, an der sie als
unheilbar volle fünf Jahre litt! Wer aber an solch einer Krankheit stirbt, der
ist kein Scheintoter, sondern ein völlig wirklich Toter! Darum lassen wir sie
nun nur ruhen; denn diese könnte nur ein Gott wieder ins Leben zurückrufen,
aber keines Menschen Kunst und Macht jemals!“
[GEJ.07_180,15] Sagte Ich: „Du hast
einesteils für deine Erkenntnis freilich wohl recht, und auch darum, weil du
Mich nicht kennst; aber es hätte dir dabei doch etwas auffallen sollen, als Ich
zuvor genauest anzugeben imstande war, wohin sich euer Knecht versteckt hatte,
obschon Ich auch während des Tumultes diesen Meinen Platz nicht einen
Augenblick lang verlassen habe. Wenn Ich aber das imstande war, da dürfte Ich
etwa wohl noch manches andere zu bewirken imstande sein, so ihr daran glauben
würdet und euch die Mühe nähmet und die Verstorbene hierher brächtet.“
[GEJ.07_180,16] Sagten beide: „O bester
Heiland, wenn es dir und allen andern hohen Gästen nicht unangenehm wäre, so
wollten wir die Tote bald hierhergeschafft haben; aber ihr sitzet hier beim
fröhlichen Mahle, und es wird sich eine Leiche dabei sicher nicht schicksam
ausnehmen!“
[GEJ.07_180,17] Sagte Ich: „Ob sich das
schicken wird oder nicht, das wird schon die Erfahrung zeigen; gehet denn und
schaffet die Verstorbene hierher!“
[GEJ.07_180,18] Hierauf entfernten sich die
beiden und brachten mit Hilfe von noch ein paar Dienstmägden die Verstorbene
samt dem Bette, darin sie völlig tot lag, in den geräumigen Saal.
[GEJ.07_180,19] Als die Tote da lag, da
wurden alle Anwesenden ein wenig erschüttert und sahen bald Mich und bald
wieder die Leiche an.
[GEJ.07_180,20] Ich aber erhob Mich und
sagte: „Wer unter euch ein Kundiger ist, der trete hin zur Leiche und
untersuche, ob sie völlig tot ist!“
[GEJ.07_180,21] Sagten die meisten: „O Herr
und Meister, die braucht wohl niemand mehr zu untersuchen; denn der sieht man
den vollen Tod schon von weitem an!“
[GEJ.07_180,22] Sagte Ich: „Nun gut denn, so
will Ich aber, daß sie lebe, aufstehe und völlig gesund sei und bleibe bis in
ihr hohes Alter!“
[GEJ.07_180,23] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da erhob sich das tot gewesene Weib eilends aus dem Bette, besah sich
die Gäste und fragte darauf ihre teils erschrockene und teils wieder hoch
erstaunte Tochter: „Wo bin ich denn, und was ist mit mir vorgegangen?“
[GEJ.07_180,24] Sagte die Tochter: „Liebe
Mutter, du warst todkrank und bist vor einer Stunde zu meinem größten Leidwesen
auch gestorben! Und siehe, dieser wunderbare Heiland hat dich nun wieder
erweckt und dir die volle Gesundheit und dazu noch ein langes Leben verheißen
und sicher auch verschafft!“
[GEJ.07_180,25] Sagte die Erweckte: „Ja, ja,
ich lebe und fühle mich wahrlich ganz vollkommen wohl und gesund! Aber womit
werden wir nun diesen wunderbaren Heiland gebührend zu belohnen imstande sein,
da ich im Grunde nur eine arme Bürgerswitwe bin?“
[GEJ.07_180,26] Sagte Ich: „So ihr von eurer
Habe etwas mit einem Armen teilet, so ist das ebensoviel, als tätet ihr das
Mir! Du aber warst eben noch dasjenige barmherzige Weib, das von seiner
spärlichen Habe am meisten und am öftesten gerne den noch Dürftigeren und
Ärmeren etwas mitteilte; weil du aber barmherzig warst gegen deine armen
Nächsten, so hast du auch Barmherzigkeit bei Mir gefunden. Nun aber setze dich
zum Tische und iß und trink, auf daß deine Glieder und Eingeweide gestärkt
werden!“
[GEJ.07_180,27] Da setzte sich das Weib mit
der Tochter und mit ihren Dienstleuten zu einem Tische, und es wurden ihnen
gegeben frisch bereitete Fische, Brot und Wein. Und sie alle aßen und tranken
ganz wohlgemut und dankten sehr für die ihnen erwiesene Wohltat.
[GEJ.07_180,28] Als sie sich aber also wohl
gestärkt hatten, da erhoben sie sich alle vom Tische, Mich hoch lobend und Mir
dankend. Die Dienstleute nahmen das Bett und trugen es nach Hause; das Weib und
ihre Tochter aber blieben noch und lobten Mich und dankten Mir noch mehr.
[GEJ.07_180,29] Ich aber sagte zur Tochter:
„Was sagst du, Kleingläubige, denn jetzt? Kann man einen Toten erwecken oder
nicht?“
[GEJ.07_180,30] Sagte die über alle Maßen
gerührte Tochter: „Dir, o Herr und Meister, ist so etwas sicher ganz allein nur
möglich! Darum bist du aber auch sicher mehr als ein purer Menschenheiland!
Dich werden alle Geschlechter loben und preisen bis ans Ende der Welt; denn
solche Taten können den Menschen nicht verborgen bleiben.“
[GEJ.07_180,31] Sagte Ich: „Da hast du wohl
recht geurteilt, – doch vorderhand machet mich nicht zu ruchbar in eurer
Gemeinde! Nun aber könnet ihr euch nach Hause begeben!“
[GEJ.07_180,32] Hierauf dankten die beiden
Mir noch einmal und entfernten sich dann, von Nikodemus und Joseph von
Arimathia bis zu ihrem Hause begleitet, bei welcher Gelegenheit diese den beiden
ihre reichliche Unterstützung versprachen und also auch ihr Versprechen
treulichst erfüllten.
[GEJ.07_180,33] Als die beiden zurückkamen,
da sagte zu Mir Nikodemus: „Herr, wir haben dieser von Dir erweckten Witwe
unsere volle Unterstützung zugesagt, und Ich meine, daß wir dadurch nicht
gefehlt haben!“
[GEJ.07_180,34] Sagte Ich: „Wann hat einer je
gesündigt, so er ein rechtes Werk der Barmherzigkeit ausgeübt hat? Doch was ihr
tuet, das tuet im stillen, und lasset euch darum nicht loben von der Welt; denn
es genügt mehr als vollkommen, so Gott, vor dem nichts unbekannt und verborgen
bleibt, das sieht und weiß, was da jemand Gutes tut im verborgenen. Wer sich
aber des Guten wegen, das er getan hat, von der Welt loben und ehren läßt, der
empfängt dadurch auch schon seinen Lohn für seine ausgeübten guten Werke und
wird dafür dereinst in Meinem Reiche einen sicher höchst geringen Lohn finden.
Darum aber soll sogar deine rechte Hand nicht erfahren, was deine linke getan
hat. Dieses fasset auch in euer Herz und tut danach, so werdet ihr leben und
euren Lohn finden in den Himmeln!“
[GEJ.07_180,35] Hierauf sagten die beiden
nichts mehr; denn sie merkten, daß es nicht nach Meinem Sinne war, daß sie Mir
laut vor allen Anwesenden sagten, was Gutes zu tun sie sich vorgenommen hatten.
[GEJ.07_180,36] Die Damasker Handelsleute
aber waren bei dieser Gelegenheit ganz außer sich vor lauter Verwunderung
geworden, und der Wortführer sagte in tiefster Ehrfurcht vor Mir: „Herr und
Meister, Du bist wahrlich mehr als ein purer Mensch! Schicke daher nur ehest
Deine Jünger zu uns und wir werden sie hören und ehren, und werden tun, was sie
uns lehren werden in Deinem Namen. Wir danken Dir aber nun auch für alles, was
wir hier empfangen und auch gesehen haben. Wir werden uns nun in unsere
Herberge begeben und dort unseren noch sehr blinden Gefährten mitteilen, was
wir nun in einer Stunde Zeit alles erlebt haben; und so empfehlen wir uns
Deiner Gnade!“
[GEJ.07_180,37] Hierauf verließen uns auch
diese Kaufleute.
181. Kapitel
[GEJ.07_181,01] Ich aber sagte zu Nikodemus:
„Ich habe dir gestern am Ölberge das rechte Licht über die Noahische Sündflut
hier zu geben versprochen, und das soll denn auch werden. Mein Raphael wird
euch das tun, und Ich werde unterdessen ein wenig ruhen.“
[GEJ.07_181,02] Hierauf trat Raphael vor und
erklärte die Flut also, wie Ich sie (nota bene!) euch in Meiner Haushaltung
erklärt habe. Und alle wurden voll Staunens darüber.
[GEJ.07_181,03] Als Raphael mit der Erklärung
über die Noahische Flut nach einer Stunde Zeit zu Ende kam, worüber – wie schon
erwähnt – alle Anwesenden sich sehr wunderten, sagte Ich: „Höret, nun ist es
nahe gegen die Mitte der Nacht gekommen und für uns die Zeit zum Aufbruch!
Lasset uns daher von hier auf den Ölberg ziehen; denn nun ruhen die Augen
unserer Feinde, und wir können uns ungesehen der Stadt nahen! Doch aber wollen
wir nicht in einem Haufen gehen, sondern mehr zerstreut, und keiner rede etwas
auf dem Wege; denn es hat der Tempel gegen die Nacht zu Kundschafter
ausgesandt, teils um Meinetwillen, teils aber auch wegen der noch nicht
zurückgekehrten zwei Pharisäer und zwei Leviten. Aber die Kundschafter haben
nun eine große Furcht, daß ihnen in der Nacht etwas Übles begegnen könne. Darum
werden sie niemanden anreden, so auch jemand in ihre Nähe käme, aber natürlich
schweigend; würden aber zwei miteinander reden, so würden sie bald erkennen, ob
jemand ein Jude aus Jerusalem oder ein Grieche, ein Galiläer oder ein Römer
ist, und würden zu ihm treten und ihn fragen, woher er komme in der
Mitternacht. Daher beachten wir auch diese kleine Vorsicht!“
[GEJ.07_181,04] Sagte hier der Oberägypter:
„Herr und Meister! So auch wir mit Dir gehen dürfen, da gewähre uns gnädigst,
daß wir voranziehen, und die bösen Kundschafter werden vor uns fliehen wie ein
verfolgter Hase vor den ihm nachjagenden Hunden; denn wir werden sie
aufwittern, auf sie mit Hast losgehen, und sie werden fliehen, weil sie uns
unserer dunkelbraunen Gesichtsfarbe wegen, die sich nun beim Mondlicht vollends
schwarz ausnimmt, für ihre Teufel halten werden! Oder sollten sie uns etwas
anhaben wollen, so mache ich mit ihnen das, was die beiden vornehmen Römer
Agrippa und Laius von uns erzählt haben, das ihnen begegnet ist in unserem
Lande. Wir bannen sie sieben Tage lang auf den Fleck, auf dem sie stehen, oder
so lange, als es uns gebietet Dein heiliger Wille.“
[GEJ.07_181,05] Sagte Ich: „Meine lieben
Freunde, was ihr nun für Mich tun möchtet, das könnte Ich auch Selbst tun, so
das gut und gerade nötig wäre, wie Ich solches auch schon getan habe und noch
gar vieles andere, wo es gerade gut und nötig war; aber hier wäre es weder gut
noch nötig, und so lassen wir das, und wir ziehen gerade also von hier, wie Ich
das ehedem bestimmt habe! Da Mich aber auch die beiden Römer, die hier in Emmaus
wohnen, auf den Ölberg geleiten, so möget auch ihr bei uns verweilen diese
Nacht und den morgigen Tag, der – wie ihr wohl wisset – bei den Juden ein
strenger Feiertag ist; denn Ich Selbst werde morgen wieder im Tempel lehren.
Aber am Tage darauf könnet dann auch ihr wieder mit den Römern in eure Heimat
ziehen!“
[GEJ.07_181,06] Hier dankten die Oberägypter
für diese Weisung und traten zurück.
[GEJ.07_181,07] Ich aber erhob Mich und
sagte: „Wer mit Mir ziehen will, der erhebe sich und gehe!“
[GEJ.07_181,08] Alle erhoben sich bis auf das
Weib und die Kinder des Nikodemus; diese wären wohl auch sehr gerne mitgezogen,
aber es ward ihnen bedeutet, hier zu verbleiben. Ich trat voran, und alles
folgte Mir.
[GEJ.07_181,09] Am Platze fragte Mich noch
Agrikola wegen der Jugend.
[GEJ.07_181,10] Und Ich sagte: „Sei still und
ruhig; die ist durch Meinen Diener bereits schon an Ort und Stelle, und du
wirst sie alle auf dem Ölberge antreffen!“
[GEJ.07_181,11] Von da ward bis auf den
Ölberg rasch, aber ganz still fortgeschritten.
[GEJ.07_181,12] In einer kleinen halben
Stunde befanden wir uns schon in der Nähe von Jerusalem und stießen da auf
einige Wächter. Diese aber ließen uns ganz unbeirrt weiterziehen; denn wir
waren ihnen zu viele, und sie hielten uns für Römer und Griechen, mit denen sie
durchaus in keinen Konflikt zu kommen wünschten, und das schlossen sie daraus,
weil wir nach der Sitte der Römer und Griechen in Abteilungen ankamen und
keinen Laut miteinander wechselten, was eben auch die Sitte der Römer war bei
ihren Wachstreifungen. Bald erreichten wir das Tor der Gartenmauer und bald
darauf auch die Herberge auf dem Ölberg und begaben uns auch sogleich in den
großen Speisesaal, der ganz wohl erleuchtet unser harrte.
[GEJ.07_181,13] Der Herbergswirt des Lazarus
fragte Mich, ob er irgendwelche Speisen und Getränke aufsetzen lassen solle.
[GEJ.07_181,14] Sagte Ich: „Um diese Zeit ist
es dem Menschen nicht gut, so er eine Speise zu sich nimmt; denn auch die
Eingeweide des Menschen müssen eine Ruhe haben. Aber für den Morgen sorge für
ein Mahl!“
[GEJ.07_181,15] Mit diesem Bescheide war der
Wirt zufrieden, begab sich dann zu Lazarus und übergab ihm eine bedeutende
Summe Geldes, das er an diesem Tage eingenommen hatte, und sagte ihm, daß das
meiste davon die abgezogenen Sklavenhändler bezahlt hätten.
[GEJ.07_181,16] Da sagte Lazarus: „Aber von
diesen hättest du ja doch nichts annehmen sollen!“
[GEJ.07_181,17] Sagte der Wirt: „Lieber
Freund, das wollte ich auch nicht – denn ich wußte es ja, daß sie bei dir
Freundschaftsgäste waren –; aber sie sagten: ,Wir haben hier des Lebens größte
Schätze empfangen, die mit allem Golde der Welt nicht zu bezahlen sind. Wie
könnten wir es zulassen, daß dabei auch noch wir und unsere Knechte hätten
freigehalten werden sollen?! Da nimm nur getrost diese Kleinigkeit für deinen
Herrn und für dich!‘
[GEJ.07_181,18] Darauf legten sie diese
sieben Säcke, mit lauter schweren Goldstücken gefüllt, auf den Tisch und
entfernten sich sehr schnell. Ich konnte dann natürlich nichts anderes machen,
als sie für dich behalten. Und hier die etlichen hundert Groschen habe ich von
andern Gästen eingenommen; denn es kamen bald recht viele Gäste, zumeist
Fremde, herauf und zehrten wacker und zahlten gut. Mehrere wollten hier
übernachten; aber ich entschuldigte mich dadurch, daß ich ihnen treu erzählte,
wie ich schon ohnehin etliche hundert Gäste erwarte, die den Tag über nur einen
Ausflug nach Emmaus gemacht hätten und am Abende wieder zurückkommen würden.
Nur einen alten, mühseligen Pilger habe ich behalten und ihm in meinem Zimmer
ein Nachtlager bereitet.
[GEJ.07_181,19] Unter andern war nachmittags
auch jene Weibsperson hier, welche zuerst die hohen Römer hierher gebracht
hatte. Sie aß und trank hier und erkundigte sich sehr angelegentlich nach dem
Herrn und Meister. Diese zahlte dafür diese zehn Silberlinge. Aber ich traute
der Person nicht, weil sie leicht eine Kundschafterin des Tempels hätte sein
können, da sich derlei liederliche Personen für Geld nur zu bekannt zu allen
Dingen verwenden lassen, und sagte ihr darum auch nicht, wohin der Herr und
Meister von hier gezogen ist.
[GEJ.07_181,20] Es war dieser Person
sichtlich so höchst leid, hier nicht zu erfahren, wohin ihr Heiland gezogen
sei, daß sie weinte und ich darauf mit mir selbst in einen Zweifel kam, ob ich
ihr doch noch sagen solle, wo Er Sich befinde. Aber da kam mir plötzlich der
gute Gedanke: ,Du bist entweder eine bestechliche und feile Person, oder du
bist eine höchst langweilige Schwärmerin, – als was sie sich schon am ersten
Abende hier gezeigt hat –, und der Herr und Meister kann dich weder in der
einen, noch in der andern Form brauchen!‘, und ich sagte ihr deshalb auch
nichts. Aber ich sagte zu ihr ganz wohlmeinend das: ,So du schon eine so große
Sehnsucht nach dem Herrn und Meister hast, der dich geheilt hat, so lebe du
nach Seinem Worte, und Er, dem auch unsere geheimsten Gedanken nicht unbekannt
sind, wird es schon zur rechten Zeit zulassen, daß du mit Ihm zusammenkommen
wirst!‘ Dieser meiner Mahnung pflichtete sie auch völlig bei und ging dann
weiter. Und da hast du aber auch schon alles, was sich hier in deiner
Abwesenheit von irgendeiner Bedeutung zugetragen hat. Und nun sage du mir, ob
ich auch wohl in allem recht gehandelt habe!“
[GEJ.07_181,21] Sagte Lazarus: „Freund, wie
allzeit, so auch heute, und ich glaube auch, daß unser aller Freund und Herr
und Meister mit dir ebenso zufrieden sein wird, wie ich es bin; und diese
etlichen hundert Groschen und Silberlinge behalte du für deine Mühe!“
[GEJ.07_181,22] Sagte der Wirt: „Freund, ich
bekomme von dir ohnehin zu viel Lohn, um noch darüber etwas annehmen zu sollen;
aber da ich weiß, daß jeglicher deiner Aussprüche so gut wie ein voller Schwur
ist, so muß ich das Geld wohl schon annehmen! Aber für mich nehme ich es sicher
nicht; denn ich werde dazu schon eine rechte Menge bedürftiger Abnehmer
finden.“
[GEJ.07_181,23] Hier trat Ich Selbst zu den
beiden und sagte, nachdem Ich zuvor Meine Hände auf ihre Achseln gelegt hatte:
„Also ist es recht, Meine lieben Freunde! Auch völlig nach Meinem Sinne hast du
heute hier hausgehalten! Wahrlich sage Ich es euch: Du, Mein Jordan, bist samt
dem Bruder Lazarus vor Mir mehr als hundert Länder voll Ungerechtigkeit und
Eigenliebe!
[GEJ.07_181,24] Wahrlich, so Ich hier nicht
einige Männer, wie ihr es seid, und an ihrer Spitze eben euch gefunden hätte,
Ich würde nicht an diesem Orte weilen! Wandelt also fort auf Meinen Wegen, und
Ich bin dann, wie nun, nicht nur euer Herr und Meister, sondern euer wahrer und
leibhaftiger Bruder, und was Mein ist von Ewigkeit, das wird auch euer sein
immerdar!
[GEJ.07_181,25] Oh, wären doch alle Menschen
euch gleich, so stünde es ganz anders auf der Erde! Aber die Trägheit der
Menschen ist das alte Garn des Satans, in das sie sich willigst fangen lassen
zu ihrem ewigen Verderben. Und doch konnten die Menschen nicht vollkommener
erschaffen werden, als sie erschaffen worden sind! Sie haben Vernunft,
Verstand, den freiesten Willen und ein sie allzeit mahnendes gerechtes Gewissen
und dazu auch überall und zu allen Zeiten von Mir erweckte, tätigste und den
Engeln gleich weise Männer und Lehrer; aber ihre wollustvolle Trägheit zieht
sie gleichfort von allem Rechten, Wahren und Guten ab, und so verfallen sie dem
Reiche des Verderbens, und es kann ihnen da nichts helfen als ein Gericht über
das andere und eine Strafe über die andere. Und selbst das hilft nur der
unbedeutendsten Minderzahl.
[GEJ.07_181,26] Wahrlich, die ganze Erde
hätte nie einen Mißwachs und eine Mißernte, wenn die Menschen nur halbwegs euch
glichen; aber so finden sich nun im ganzen Judenlande nicht tausend, die da
ganz wären, wie sie sein sollen. Aber auch dieser tausend wegen will Ich das
Land mit keiner gänzlichen Plage heimsuchen. Die Guten aber sollen allzeit
insoweit von jeglicher Plage verschont werden, als sie selbst wahrhaftig gut
sind; insoweit sie aber irgend mit der Welt mittun, sollen sie auch teilhaftig
werden an der Plage der Welt.
[GEJ.07_181,27] Glaubet es Mir, daß Ich
wahrlich keine Freude daran habe, zuzulassen, daß auf der Erde die trägen
Menschen mit tausenderlei Plagen gar oft heimgesucht werden! Aber es geht das
schon einmal nicht anders; denn wenn ein Herr seine stets schläfrigen und der
Trägheit sehr ergebenen Knechte nicht beinahe täglich zur nötigen Arbeit
erweckte, so würde es mit seiner Ernte und mit seinem Gewinne übel und höchst
mager aussehen. Nur des Herrn Eifer im rechtzeitigen Erwecken seiner vielen
Knechte und Arbeiter bringt ihm und ihnen Nutzen. Die sich aber verstecken, um
nur fortschlafen zu können und nicht arbeiten zu müssen, die müssen es dann
denn auch sich selbst zuschreiben, wenn sie zugrunde gehen.
[GEJ.07_181,28] Lasset daher alle, die euch
zu Gebote stehen, in allem, was recht, wahr und gut ist, stets wach und tätig
sein, so habt ihr für Meine Aussaat einen guten Samen gesät, der uns eine
hundertfältige Frucht als Ernte bringen wird, und ihr werdet einen großen Teil
an der Ernte für ewig haben!
[GEJ.07_181,29] Aber da es nun schon spät in
der Nacht geworden ist, so lasset uns bis zum Morgen eine nötige Leibesruhe
nehmen; denn der morgige Tag, obwohl ein Sabbat, wird unsere Kräfte wieder sehr
in Anspruch nehmen!“
[GEJ.07_181,30] Damit waren alle Anwesenden
völlig zufrieden und begaben sich auf ihre Ruhestellen. Ich aber blieb auf Meinem
Lehnstuhl die ganze noch übrige Nacht hindurch ruhend sitzen.
182. Kapitel
[GEJ.07_182,01] Am Morgen des Sabbats, etwa
eine Viertelstunde vor dem Aufgange der Sonne, erhob Ich Mich vom Stuhl und
begab Mich sofort hinaus ins Freie. Das merkten bald Petrus, Jakobus und
Johannes, und sie kamen zu Mir hinaus, bevor noch die Sonne aufgegangen war.
[GEJ.07_182,02] Wir vier begaben uns gleich
auf die volle Anhöhe, waren aber nicht lange allein; denn die sieben
Oberägypter kamen uns bald nach, und der erste Oberägypter sagte: „Herr, vergib
uns, daß wir Dir so bald nachgefolgt sind; denn auf dieser Erde werden wir Dir
im Fleische wohl nimmer nachfolgen können, und es wird dieser Erde das endlos
und ewig seltenste Glück auch nimmer zuteil werden, daß sie von den leiblichen
Füßen ihres Schöpfers je mehr betreten wird! Wir aber haben das unbeschreibbare
Glück, von dieser größten Deiner endlosesten ewigen Wundertaten Augen- und
Ohrenzeugen zu sein, und so wäre es eine gar grobe Sünde, Dich auch nur einen
Augenblick aus den Augen zu lassen und nicht zu vernehmen ein jegliches Wort
aus Deinem Munde.“
[GEJ.07_182,03] Sagte Ich: „Wer Mir
nachfolgt, der geht niemals fehl, und wohl jedem, der eures Sinnes ist; aber es
gibt, wie ihr es leicht gewahret, gar viele, die da nun noch ganz gut schlafen,
obschon die Sonne nahe am Aufgange steht. Doch lassen wir sie ruhen, – sie
werden schon auch noch erwachen zur rechten Zeit am Tage! Aber gar viele werden
erst erwachen an ihrem Lebensabende, und dieses Erwachen in der Nacht des
Lebens wird ihnen wenig Trost geben.
[GEJ.07_182,04] Wohl aber noch immer denen,
die da noch wach werden in einer hellen Sternennacht! Aber nicht so wohl denen,
die da an einem dicht umwölkten Abend erwachen werden; denn sie werden eine
lange, finsterste und trostloseste Nacht zu durchwachen haben. Und so sie auch
wieder werden schlafen wollen in der finsteren Nacht, so wird aber dennoch kein
Schlaf über sie kommen. Das wird eine böse Zeit sein auf dieser Erde! Doch wer
im Wachen auch die finsterste Nacht hindurch verharren wird bis ans Ende seiner
irdischen Tage, der soll selig werden!“
[GEJ.07_182,05] Hier fragte Mich Petrus:
„Herr, da wird es mit allen schlimm aussehen, die da gern lange in den Tag
hinein schlafen oder, wie es so manche gibt, gar in den ganzen Tag hinein
schlafen aus Schlafsucht! Wäre denen denn nicht rechtzeitig noch zu helfen?“
[GEJ.07_182,06] Sagte Ich zu ihm: „Aber Simon
Juda, wie lange werde Ich dich in deiner Dummheit denn noch ertragen müssen?!
Redete Ich denn vom natürlichen Leibesschlafe? Da sieh diese sieben Heiden an!
Wie oft sollen diese dich als einen Erzjuden beschämen? Diese haben Mich gar
wohl verstanden, – warum denn du nicht, da du doch schon so lange um Mich
bist?“
[GEJ.07_182,07] Sagte Petrus: „Herr, habe
doch Geduld mit meiner noch großen Unverständigkeit in so manchen Dingen!“
[GEJ.07_182,08] Sagte Ich: „Die habe Ich
wohl, und du wirst dennoch der Petrus bleiben; aber zur höheren Erkenntnis wird
dich nur Mein Geist – und nie dein Fleisch – bringen und erheben, wenn Ich
aufgefahren sein werde!
[GEJ.07_182,09] Doch nun habet alle wohl acht
auf den heutigen Aufgang der Sonne, der für diese Gegend der Erde heute ein
seltener sein wird! Frage sich aber dann ein jeder, ob er ihn auch im geistigen
Sinne verstanden habe! Denn alles, was auf dieser naturmäßigen Welt geschieht,
kann nicht anders geschehen als durch das Einfließen aus den Himmeln Gottes;
und was da einfließt durch aller Engel Himmel in die Naturwelten, geht
ursprünglichst von Mir aus. Darum habt nun wohl acht; denn auch die Natur muß
zeugen von Mir vor euch!“
[GEJ.07_182,10] Als Ich diese Worte geredet
hatte, da tauchte auch schon die Sonne über den Horizont, und als diese schon
so einen halben Grad hoch über dem Horizonte sich befand, da stieg eine zweite
Sonne, aber um einen ganzen Grad nördlicher, über den Horizont, der ersten und
wahren Sonne vollkommen ähnlich. Es war dies nämlich eine vollkommen
ausgebildete Nebensonne, – was eben zu den selten vorkommenden Erscheinungen
gehört.
[GEJ.07_182,11] Die Oberägypter aber kannten
sich da gleich aus, und der erste Oberägypter sagte: „Herr, in dieser Klarheit
sind derlei Erscheinungen bei uns selten! Ich selbst habe nur eine einmal nach
der Regenzeit gesehen, und seither sind vierzig Jahre vergangen. Ich könnte von
dieser Erscheinung in meiner inneren Art und Weise auch den geistigen Sinn
darstellen.“
[GEJ.07_182,12] Sagte Ich: „Das weiß Ich
wohl; denn ihr stehet noch unversehrt in der alten Noahischen Kirche, in der
die Menschen noch im festen Verbande mit den Engeln bis zu den Zeiten Abrahams
standen – mit Ausnahme der Nachkommen Nimrods, die zuerst sich mit der Welt zu
tun machten und dadurch gesunken sind –, und so habt ihr auch eine rechte
Offenbarung in euch und verstehet dieser Erscheinung innersten Sinn. Aber noch nicht
also steht es mit diesen Meinen Jüngern! Sie sind voll Glaubens und voll guten
Willens, aber das volle Licht in ihnen muß ihnen erst werden, wenn eben in
ihnen alle die sieben Geister aus Gott ehest in der vollen Ordnung sein werden.
[GEJ.07_182,13] Darum muß Ich sie denn auch
zum Wohle aller Völker wie ein äußerer Lehrer leiten, auf daß sie ihre
Handlungen nach Meiner ewigen Ordnung aus ganz eigenem Willen verrichten
können; und darum will Ich denn hier auch nur von ihnen über diese Erscheinung
eine Entäußerung vernehmen. Und so rede nun du, Simon Juda!“
[GEJ.07_182,14] Sagte Petrus: „O Herr, so ich
das nun erklären soll aus mir, da wird es mir wahrlich schlecht gehen! Ich sehe
nun zwei vollkommene Sonnen und weiß nicht einmal, welche da die rechte ist!
Und da unten auf den Straßen stehen auch eine Menge Menschen und betrachten
diese Erscheinung und wissen sicher noch weniger als ich. Ich als nun schon ein
sein sollender Weiser verstehe nichts, – wie muß dann diese Erscheinung erst
denen da unten vorkommen?!“
[GEJ.07_182,15] Damit wollte Petrus Mir
ausweichen; aber Ich sagte: „Du, die da unten gehen uns nun nichts an! Ich habe
nun hier nur mit euch zu tun und sehe, daß du diese Erscheinung nicht
verstehst; Ich muß darum Meinen Jakobus fragen!“
[GEJ.07_182,16] Sagte auch dieser (Jakobus):
„Mein Herr und Meister! Mir geht es da aber auch nicht um ein Haar besser als
dem Bruder Simon Juda! Ich weiß auch nicht, welche unter den zwei Sonnen
eigentlich die rechte ist; denn da ist die eine so groß und lichtstark wie die
andere. Auch den Vögeln in der Luft scheint das sonderbar vorzukommen; denn sie
schweigen und geben keinen Laut von sich, und es kommt mir vor, als wollten sie
damit sagen: ,Welche ist die rechte? Denn wir wollen eine falsche mit unserem
Gesange nicht begrüßen!‘“
[GEJ.07_182,17] Sagte Ich: „Deine Bemerkung
war gut, obwohl du sie selbst nicht verstanden hast. Da ihr aber schon diese
Erscheinungen nicht verstehet, – was werdet ihr denn nun sagen, so dort weiter
südwärts noch eine dritte Sonne zum Vorschein kommen wird? Sehet nur hin, die
Anlage dazu hat sich durch eine Dunstmasse in der Luft schon gebildet, und
sogleich wird dort auch eine dritte diesen zweien ganz ähnliche Sonne zum
überraschenden Vorschein kommen! – Und seht nun, sie strahlet schon!“
[GEJ.07_182,18] Es war nun auch noch eine
dritte vollkommen ausgebildete Sonne zu schauen. Aber da fingen die Menschen
auf den Straßen an sich zu fürchten, und viele ergriffen die Flucht und
verliefen sich in die nächsten Häuser. Die Beherzteren aber blieben dennoch
stehen und betrachteten diese seltene Naturerscheinung. Die Vögel in der Luft
aber wurden sehr unruhig, und man bemerkte auch bald eine Menge Aare und Geier
hoch in der Luft herumfahren. Einer verfolgte den andern. Und als die Tauben
und andere kleine Vöglein diese vielen mächtigen Feinde über sich gewahr
wurden, da ergriffen sie auch die Flucht und verbargen sich, so gut sie das nur
konnten.
[GEJ.07_182,19] Hier machte der Oberägypter
die Bemerkung: „Es ist aber wahrlich sonderbar! Als ich vor vierzig Jahren –
aber nur mit einer Nebensonne – die gleiche Erscheinung in meinem Orte
betrachtete, da kamen auch bald eine Menge dergleichen Raubvögel in der hohen
Luft zur Sicht und kämpften sichtlich miteinander, was sonst wohl äußerst
selten der Fall ist. Heute werden auch wieder die Löwen und Panther miteinander
Krieg führen. Dieser dritten Sonne Erscheinung verstehe aber ich nun selbst
nicht völlig klar, obwohl ich so ziemlich eine helle Ahnung von ihr in mir
fühle.“
183. Kapitel
[GEJ.07_183,01] Hier kamen auch die andern
Jünger nach, bis auf Judas Ischariot, und mit ihnen Lazarus, Nikodemus und der
Wirt Jordan. Als diese Mich ersahen, da konnten sie nicht schnell genug fragen,
was dies wäre, und was es zu bedeuten hätte.
[GEJ.07_183,02] Und unser Lazarus machte
hierzu noch die Bemerkung: „Herr, es ist doch wahrlich höchst merkwürdig! Es
leuchten nun drei Sonnen ganz helle, und dennoch bemerke ich eine gewisse
unheimliche Düsterheit sowohl in der Luft, wie noch mehr über dem Boden der
Erde, und der hohen Berge Spitzen sehen ganz dunkel aus, und es ist danebst
ganz fröstelnd kühl. Drei Sonnen sollten denn doch mehr Helle erzeugen und mehr
Wärme hervorbringen als eine einzige! Wie kommt denn das?“
[GEJ.07_183,03] Sagte hier der Oberägypter:
„Freund Lazarus, deine Bemerkung aus der ganz natürlichen Wahrnehmung ist ganz
richtig, und ich habe vor vierzig Jahren bei einer ähnlichen Erscheinung in
Oberägypten die ganz gleiche Erfahrung gemacht, wovon ich dir den natürlichen
Grund wohl angeben könnte, doch den tieferen, geistigen nicht, besonders bei
zwei Nebensonnen schon gar nicht!“
[GEJ.07_183,04] Sagte Lazarus: „So zeige mir
wenigstens die natürliche Ursache!“
[GEJ.07_183,05] Sagte der Oberägypter: „Sieh,
Freund, in der höchsten Luftregion, die sich so im Durchschnitt wohl bei zehn
Libanonshöhen über dem festen Boden der Erde erstreckt, sammelt sich zu
gewissen Zeiten und in gewissen Jahren ein feiner Dunst! Durch seine gewisse
größere Festigkeit kommt das große Luftmeer über der Erde zu einer völligen Ruhe
– wenn freilich nur teilweise –, wie man das zu gewissen Zeiten auch auf dem
großen Weltmeere wohl sehen und beobachten kann, wo auch ein gewisser Teil der
Meeresfläche ganz in der vollsten Spiegelruhe steht, während es oft ringsherum
wogt. Wenn eine solche teilweise Ruhe sich denn zuweilen auch auf der großen
Luftmeeresoberfläche ereignet, so spiegelt sich auf derselben das Bild der
Sonne ebenso rein ab wie auf einem ganz ruhigen Meeresspiegel, und wir bemerken
dadurch aus ganz natürlichen Gründen eine Nebensonne. Und gibt es mehrere
solcher beschriebenen Ruhestellen, so werden dann auch ebenso viele Nebensonnen
zu sehen sein, als wie viele solcher Ruhestellen sich auf der
Luftmeeresoberfläche gebildet haben, vorausgesetzt, daß ihre Neigungen sich in
einer solchen Lage befinden, daß das von ihnen aufgenommene Bild in gerader
Richtung nach einer mit eben solcher Ruhestelle korrespondierenden Gegend
hinfallen muß. Wird die Lage der Ruhestelle eine andere, so hat für diese
Gegend die Nebensonne entweder ganz aufgehört, oder es ist nur noch ein
besonderer Schein zu sehen. Ist aber die Ruhestelle wogend geworden, dann ist
es mit der Nebensonne auch ganz zu Ende.
[GEJ.07_183,06] Nach solchen Erscheinungen aber,
die infolge des vorerwähnten feinen Dunstes in der höchsten Erdluftregion
zustande kommen und dem auch die Schuld an der Minderung des Lichtes und der
Wärme zuzuschreiben ist, kommen dann bald dichtere Wölkchen, bald darauf
schwerere und bald darauf auch der Regen zum Vorschein.
[GEJ.07_183,07] Und damit hast du in aller
Kürze den natürlichen Grund dieser Erscheinung dargestellt; den eigentlichen,
rein geistigen aber kennt freilich nur allein der Herr, und hernach auch der,
dem Er es offenbaren will. Ich habe davon wohl auch Ahnungen, aber darum noch
lange keine Klarheit – besonders in dem, was die Zukunft dicht verschlossen
hält. Hast du das wohl verstanden?“
[GEJ.07_183,08] Sagte Lazarus: „Ja, du mir
sehr schätzenswerter Freund, das habe ich nun wahrlich recht gut und klar
verstanden und kann nicht umhin, hier die eben nicht bedeutungslose Bemerkung
zu machen, daß bei uns Juden in Beziehung auf eine reine Beurteilung der
Erscheinungen in der großen Natur und deren Grunderkenntnis bis jetzt noch nie etwas
geschehen ist. Einzelne für sich haben vielleicht wohl so manches entdeckt und
von so mancher Erscheinung auch den Grund eingesehen; aber sie behielten das
für sich und teilten es wohlweislich niemandem mit; denn fürs erste hatten sie
dabei einen guten Verdienst – besonders unter den helleren Heiden –, und fürs
zweite mußten sie solche Kenntnisse und Wissenschaften aus Furcht vor den
Pharisäern verborgen halten, um von ihnen nicht auf das äußerste verfolgt zu
werden.
[GEJ.07_183,09] Ich aber bin da der Meinung:
Eine rechte Erkenntnis und Beurteilung der tausendfach verschiedenen
Erscheinungen in der Natur würde die Menschen am ehesten von allerlei
Aberglauben und seinen verderblichsten Folgen abhalten, und es wäre darum für
die Folge sehr wünschenswert, daß die Menschen auch in dieser Hinsicht
irgendeinen gründlichen Unterricht erhalten könnten. – Bist Du, o Herr und
Meister, damit nicht auch einverstanden?“
[GEJ.07_183,10] Sagte Ich: „Niemand mehr denn
Ich; denn ein Mensch kann die tieferen, übersinnlichen Wahrheiten ja nie völlig
in ihrer vollen Tiefe fassen und begreifen, so er den Boden nicht kennt, auf
dem er steht und geht als selbst ein natürlicher Mensch, und Ich Selbst habe
euch eben darum ja schon so vieles erklärt auf dem Gebiete der besonderen Erscheinungen
in dieser Naturwelt. Ich habe euch praktisch gezeigt die Gestalt der Erde und
wie da entsteht Tag und Nacht, habe euch gezeigt die Ursache der Sonnen- und
Mondfinsternisse und der Sternschnuppen, und habe euch gezeigt den Mond, die
Sonne, alle die Planeten und den ganzen endlos weiten gestirnten Himmel.
[GEJ.07_183,11] Und Ich habe euch auch
gesagt, daß ein Mensch erst dann Gott vollauf lieben kann, wenn er Ihn in
seinen zahllos vielen Werken auch stets mehr und mehr und reiner und reiner
erkannt hat. So Ich euch aber solches Selbst sehr anempfohlen habe, so versteht
es sich ja wohl von selbst, daß Ich mit deiner guten Meinung auch völlig
einverstanden bin. Und Moses hätte nicht ein sechstes und siebentes Buch von
den Dingen und Erscheinungen in der Natur und dazu noch einen prophetischen
Anhang mit der alten Entsprechungslehre zwischen der Natur- und Geisterwelt
geschrieben, so er das zur wahren und reinen Bildung der sämtlichen Juden nicht
für höchst notwendig erachtet hätte.
[GEJ.07_183,12] Aber schon unter der Zeit der
Könige ist dieser wichtige Zweig der Vorbildung teils durch den im Wahren stets
finsterer und habsüchtiger gewordenen Teil der Priester und andernteils auch
durch die Könige selbst mehr und mehr vernachlässigt worden. Und als dann schon
unter den ersten Nachkommen Salomos das Reich geteilt wurde, da ging dieser
Wissenszweig bald derart ganz verloren, daß ihr nun kaum mehr wisset, daß einst
eine solche Wissenschaft bei den Juden von Moses an bis unter Samuel sehr
gepflegt worden ist.
[GEJ.07_183,13] Ich habe euch darum schon gar
vieles erklärt, und ihr sehet nun auch schon gar vieles ein; aber die
Hauptsache ist und bleibt das unablässige Streben nach der vollen Wiedergeburt
des Geistes in die Seele; denn durch sie ganz allein wird der Mensch erst in
alle Wahrheit und Weisheit gehoben und hat dann ein vollkommenes,
zusammenhängendes Licht vom Irdischen bis ins reingeistig Himmlische, und mit
dem Lichte auch das ewige Leben, was dann endlos mehr ist als alle
Wissenschaften in allen Dingen der Natur.
[GEJ.07_183,14] Was nützte es aber einem
Menschen, wenn er auch alle die Dinge und Erscheinungen in der ganzen Naturwelt
allerwahrst und genaust vom Größten bis zum Kleinsten erkennete und scharf zu
beurteilen imstande wäre, wäre aber dabei von der Wiedergeburt des Geistes in
die Seele dennoch also ferne wie diese Erde vom Himmel? Würden ihm die vielen
Wissenschaften wohl das ewige Leben verschaffen können?! Urteile nun, und sage
Mir dann deine Meinung!“
[GEJ.07_183,15] Sagte Lazarus: „O Herr und
Meister, dann wäre es besser, so der Mensch nie zur Welt geboren worden wäre!
Denn ein sich selbst wohlbewußtes Leben, das denken, schließen und so vieles
begreifen und zustande bringen kann, und dem, o Herr, Deine Werke oft gar so
wunderbar wohl gefallen und es beseligen, wäre ohne eine bestimmte Aussicht auf
ein ewiges und vollendetes Fortbestehen nach meiner Ansicht viele tausend Male
elender als das nackte des allerelendesten Wurmes in einer der allerunreinsten
und gestankvollsten Pfützen der ganzen Erde.
[GEJ.07_183,16] Und wer einen Menschen zu
einer helleren Denkungsweise von der Wiege an heranerzöge, würde an der
Menschheit das allergrößte Verbrechen begehen; denn der würde den Menschen
doppelt und noch mehrfach auf die qualvollste Art töten, denn dadurch würde er
aus einem Menschen ja offenbar die allerelendeste Kreatur zeihen.
[GEJ.07_183,17] Das Tier lebt freilich auch;
aber es ist seiner selbst sicher nur höchst stumpf bewußt, kann nicht denken,
kennt nicht den Tod, weiß nicht zu schätzen des Lebens Wert und kann darum auch
keine Furcht vor dem Tode haben und ist darum glücklich.
[GEJ.07_183,18] Aber da sehe man sich den
Menschen an, der des Lebens unschätzbaren Wert nur zu gut kennt! Wenn er das
inne würde, daß mit des Leibes Tode alles rein aus und gar werde, so müßte er
ja gar bald in alle Verzweiflung übergehen, sein Dasein viele tausend Male
verwünschen und verfluchen, und der größte Wohltäter der Menschheit wäre dann
der, welcher die Macht und Kraft besäße, die gesamte Menschenkreatur auf der
ganzen Erde und auch sich selbst zu töten und somit gänzlich auszurotten, –
oder er müßte die Kunst besitzen, alle Menschen auf einmal in den tiefsten,
seiner selbst nicht mehr bewußten Blödsinn zu versetzen, was am Ende dasselbe
wäre, als so er sie alle getötet hätte.
[GEJ.07_183,19] Wenn ferner der Mensch keine
Aussicht, ja nicht einmal irgendeine begründete Hoffnung auf ein ewiges Leben
hätte, so müßte er erstens Gott Selbst – so er an einen glaubte – sein Leben
lang, statt loben und preisen, nur verwünschen; Moses und alle Propheten müßte
er als die größten Menschenfeinde verfluchen, und der größte Narr wäre der,
welcher auch nur ein Jota des Gesetzes beachtete!
[GEJ.07_183,20] Aus dem aber geht doch klar
hervor, daß das Streben des Menschen – wenn er einmal die Wege kennt – nach der
Wiedergeburt seines Geistes in seine Seele das allererste und allerhöchste
Bedürfnis ist; denn ohne dieses hört er auch bei aller seiner noch so klaren
Wissenschaft völlig auf, ein Mensch zu sein. Er ist da weiter nichts als ein
wohlverständiges, vielwissendes und dabei um so elenderes Tier in
Menschengestalt. – Herr und Meister, habe ich da recht oder nicht?“
184. Kapitel
[GEJ.07_184,01] Sagte Ich: „Ganz sicher, und
siehe, dennoch gibt es nun eine Unzahl Menschen auf der Erde, die erstens an
gar keinen Gott und Schöpfer glauben und also auch nicht im geringsten an ein
ewiges Leben der Seele, sondern sie leben ganz gut und vergnügt fort, jauchzen
und jubeln, sind dabei noch voll Hochmutes und voll Habgier, lassen andere für
sich arbeiten, und wer sie an ein ewiges Leben der Seele nach dem Tode des
Leibes erinnern würde, den würden sie verlachen und verspotten und zu ihm
sagen: ,Du Narr, wenn du einmal gestorben sein wirst, dann komme und lehre uns,
und wir werden dir glauben; aber solange du noch selbst samt uns auf den Tod
wartest, glauben wir deinen Phantasieworten nicht!‘ Was würdest du dann zu
einer solchen Gegenrede sagen?“
[GEJ.07_184,02] Sagt Lazarus: „Herr, da ließe
sich freilich wenig oder für mich eigentlich schon auch gar nichts
entgegensagen! Denn Menschen, die einmal schon zu tief im Tode der Materie
stecken, sind kaum mehr völlig zum wahren Glauben und noch weniger zum Leben im
Geiste zu bekehren. Darum meine ich nun, daß Du uns lieber so ein wenig die geistige
Bedeutung dieser nun noch wohl sichtbaren drei Sonnen erklären mögest!“
[GEJ.07_184,03] Sagte Ich: „Das werde Ich nun
schon auch tun; aber Ich mußte dir denn doch zuvor noch zeigen, daß die
Menschen ohne die geringste Aussicht auf ein ewiges Leben auch mit dem bloß
zeitlichen Leben recht sehr zufrieden sind. Und solcher Menschen mit der
bestimmten Aussicht auf ein ewiges Leben, wie du nun unter Meinen Jüngern auch
einer bist, gibt es in dieser Zeit noch gar wenige, und es wird deren auch
niemals gar zu viele auf dieser Erde geben. Daß sich aber diese Sache also
verhält und sich leider auch in der späten Zukunft also verhalten wird, das
zeigt eben diese heutige Erscheinung der drei Sonnen an.
[GEJ.07_184,04] Du und ihr alle wisset es,
daß am Firmamente nur eine Sonne leuchtet, und ihr sehet nun aber drei. Also
wisset ihr auch, daß es nur einen wahren Gott und Schöpfer gibt, und dennoch
werden durch allerlei falsche Vorspiegelungen in der Folge die dummen Menschen
aus dem einen wahren Gott drei Götter machen.
[GEJ.07_184,05] Dann wird das Lebenslicht
schwach werden unter den Menschen auf Erden, und die Liebe zu Gott und dem
Nächsten wird erkalten; dann werden die wenigen noch Reingläubigen in eine
große Furcht geraten, gleich diesen kleinen Vöglein, und die Könige der Erde
werden gleich werden den gewaltigen Raubtieren und werden miteinander beständig
einen mörderischen Krieg führen, und die zu den drei Göttern beten, werden
nicht erhört werden.
[GEJ.07_184,06] Die erste Nebensonne, die
mehr nordwärts beinahe zugleich mit der rechten Sonne aufging – die durch die
Entsprechung Mich Selbst vorstellt –, bezeichnet den Gegenpropheten oder den
Gegengesalbten, der aufstehen und sagen wird: ,Sehet, ich bin der wahrhaft
Gesalbte Gottes! Mich höret, wollet ihr selig werden!‘ Ich aber sage es euch,
daß sich von euch niemand verleiten lasse! Denn dieser wird sein ein Sendling
der Hölle sein und wird durch seine Trugkünste allerlei wunderliche Zeichen tun
und wird ein gar frommes Gesicht schneiden und beten und opfern; aber sein Herz
wird sein voll des bittersten Hasses gegen alle Wahrheit, die er verfolgen wird
mit Feuer und Schwert, und er wird verfluchen alle, die sich nicht nach seiner
Lehre verhalten. Dieser wird auch aushecken die drei Götter und sie anbeten
lassen. Ich werde als ein Erlöser der Welt wohl auch darunter sein, aber
geteilt in drei Personen. Man wird wohl noch einen Gott im Munde führen, aber
dabei dennoch drei Personen anbeten, von denen eine jede für sich auch ein
vollkommener Gott sein wird und wird eigens angebetet werden müssen.
[GEJ.07_184,07] Aber nicht lange darauf wird
sich eine zweite Nebensonne oder ein zweiter Gegengesalbter erheben, der den
ersten in allem verdunkeln wird. Dieser wird noch um zehnmal ärger sein denn
der erste. Denn der erste wird doch noch Meinem Worte nicht gar zu hinderlich
in den Weg treten; aber der südliche wird Mein Wort und Meine Lehre im ganzen
förmlich verbieten und wird aus derselben nur das nehmen, was gerade in seinen
argen Kram taugen wird. Er wird Mein Zeichen wohl an allen Straßenecken
aufrichten und verehren lassen; aber neben dem werden noch viele tausend andere
prangen, und das zumeist solche, an denen er ein Wohlgefallen hat.
[GEJ.07_184,08] In jener Zeit werden Hochmut,
Zwietracht und gegenseitiger Haß den höchsten Grad erreichen. Da wird ein Volk
wider das andere ziehen, ein Krieg wird dem andern folgen, und es werden kommen
große Erdbeben, Mißjahre, Teuerung, Hungersnot und Pest. Da werde Ich aber dem
Gegengesalbten seine Wurzeln verderben, daß er dann welken wird wie ein Baum,
dem man alle Wurzeln abgehauen hat. Da wird sein viel Fluchens, Jammerns,
Heulens und Klagens, und es wird den bösen und nichtigen Nebensonnen, obschon
sich beide von Mir ihren falschen Glanz erborgen werden, ergehen, wie es nun
den Nebensonnen vor euren Augen ergeht. Sehet, sie werden trüber und trüber,
die Sonnengestalt geht in einen schwach schimmernden Dunst über, dafür aber
tritt desto herrlicher, glänzender und erwärmender die eine wahre Sonne hervor.
Nun sehet ihr auch die Vöglein aus ihren Verstecken hervorkommen und voll
Munterkeit die eine wahre Sonne mit ihrem Gesange begrüßen, und die großen
Raubvögel verlieren sich und eilen ihren finsteren Wäldern zu.
[GEJ.07_184,09] Und also wird es denn auch
geschehen in jenen Zeiten. Alles, was da hoch sein wird, wird erniedrigt
werden. Die Spitzen der Berge werden zu einem ebenen und fruchtbaren Lande
werden müssen. Da wird man nicht fragen und sagen: ,Wer ist der König über
dieses Land?‘, sondern: ,Wer ist der erste und größte Wohltäter dieses
glücklichen Volkes? Lasset uns hinziehen zu ihm, auf daß auch wir kennenlernen
seine Weisheit nach der Ordnung Gottes!‘
[GEJ.07_184,10] Wenn diese glückliche Zeit
kommen wird, da werden Wölfe, Bären, Lämmer und Hasen friedlich miteinander aus
einer Quelle trinken. – Habt ihr das alles nun wohl verstanden?“
[GEJ.07_184,11] Sagte hier unser Nikodemus:
„Verstanden hätten wir das nun wohl so ziemlich; aber gerade angenehm klang
diese Weissagung nicht, und man möchte hier immer noch fragen und sagen: Aber
Herr, muß denn das alles also geschehen, bis endlich doch einmal Dein
Wahrheitslicht ganz frei und ungehindert über die ganze Erde wird leuchten
dürfen? Wir haben nun Dein reinstes Wort und Licht empfangen und werden es auch
also weiterverbreiten, und seine seligsten Folgen werden es den Menschen ja
doch zeigen, daß das von uns gepredigte Wort das allein wahre und echte ist.
Und ich sehe da doch nicht ein, wer es dann noch wagen könnte, dagegen mit
einer falschen Lehre aufzutreten.“
[GEJ.07_184,12] Sagte Ich: „Leichter ist gut
reden als gut handeln, und in dem Handeln liegt der Same des Unkrautes, der
auch unversehens mit der Aussaat des reinen Weizens in das Erdreich des
Menschenherzens ausgestreut wird. Dieser wird Wurzeln fassen und dann gewaltig
fortwuchern unter dem reinen Weizen und diesen vielfach ersticken und zugrunde
richten. Darum sollet auch ihr nicht nur pure Hörer, sondern vielmehr Täter
Meines Wortes sein! Aber auch ihr werdet euch im Handeln der großen und
mächtigen Welt wegen zurückhalten, ja ihr selbst werdet Mich wohl im
Verborgenen still in euch bekennen, werdet euch aber kaum getrauen aus Furcht
vor der Welt in Meinem Namen zu reden und noch weniger zu handeln; denn es
könnte die Welt das merken und euch dann zur Verantwortung ziehen, dieweil sie
merkte, daß auch ihr euch nach Mir gerichtet habt, da eure Handlungen solches
bezeugten. Und sehet, da wird es dann wahrlich nicht auf die Frage ankommen,
warum solches alles, was Ich euch nun geweissagt habe, wird geschehen müssen,
bis in den spätesten Zeiten erst die Wahrheit völlig frei werde und gesegnet
die Völker, sondern auf euch allein wird es da ankommen, ob ihr die Welt mehr
oder weniger fürchten werdet denn Mich.
[GEJ.07_184,13] Durch eure Furcht vor der Welt
wird der böse Same mit dem Weizen ausgesät werden, und daraus werden die beiden
Nebensonnen hervorgehen. Und Ich habe auch eben aus diesem Grunde nun dieses
also entstehen lassen und habe auch darum diese Weissagung gemacht, auf daß ihr
euch dann, wenn es also kommen wird, erinnern möget – noch hier oder auch
jenseits –, daß Ich euch das alles schon zum voraus angezeigt habe.
[GEJ.07_184,14] Darum aber sage Ich euch nun
noch einmal, was Ich schon gesagt habe: Fürchtet die nicht, die wohl euren Leib
töten, aber weiter der Seele keinen Schaden zufügen können, sondern so ihr
schon jemanden fürchtet, da fürchtet vielmehr Den, in dessen Macht auch das
Leben oder der Tod eurer Seele ruht!
[GEJ.07_184,15] Es werden zwar viele von euch
wohl den rechten Mut an den Tag legen, aber alle nicht, und selbst von euch
werden sich mehrere an Mir ärgern.
[GEJ.07_184,16] Es wird der Hirt gebunden und
geschlagen werden, und die Schafe werden sich zerstreuen, und es wird über sie
kommen eine große Furcht, Traurigkeit und Bangigkeit. Aber Ich werde sie dann
wieder aufsuchen, versammeln und ihnen geben Mut und Kraft gegen die Feinde des
Lichtes aus den Himmeln. Doch nun nichts Weiteres mehr von dem; denn Ich habe
euch das nun nur darum gezeigt, daß ihr euch zur rechten Zeit daran erinnern
und recht handeln möget, auf daß es bei euch nicht auch heiße nach einem alten
Spruche: ,Aus den Augen, aus dem Sinn!‘ – Nun aber ist es auch schon Zeit zum
Morgenmahle! Und so wollen wir uns denn auch ins Haus begeben!“
185. Kapitel
[GEJ.07_185,01] Nikodemus und Joseph von
Arimathia aber, wie auch der alte Rabbi, kamen hier in eine kleine
Verlegenheit, am Sabbat nach dem Sonnenaufgang am Morgenmahle teilzunehmen.
[GEJ.07_185,02] Ich aber sagte zu ihnen: „So
ihr schon hier des Sabbats wegen Bedenken in euch aufkommen lasset – da ihr nun
doch schon wissen solltet, daß Ich auch ein Herr des Sabbats und des Moses bin
–, wie wird es euch erst dann ergehen, wenn ihr wieder im Kollegium der
Pharisäer und Ältesten von Jerusalem sitzen werdet?“
[GEJ.07_185,03] Auf diese Meine Worte hin
ermannten sich die drei und gingen mit uns ins Haus, aßen und tranken mit uns
und wurden dabei voll guter Dinge.
[GEJ.07_185,04] Und der alte Rabbi sagte:
„Ja, ja, der Herr und Meister hat in allem recht! Eine alte Gewohnheit ist wie
ein rostiges Hemd; man kann es mit allem Fleiße dennoch nimmer völlig rein
machen!“
[GEJ.07_185,05] Sagte Ich: „Da hast du ein
wahres Wort geredet; ziehet daher den alten Menschen völlig aus, und leget
einen neuen an, – denn der alte Mensch tauget hinfür nicht mehr! Aber nun esset
und trinket noch, dann lasset uns in den Tempel gehen!“
[GEJ.07_185,06] Sagte darauf Nikodemus:
„Getrauest Du Dich wohl noch einmal unter die Wüteriche des Tempels?“
[GEJ.07_185,07] Sagte Ich: „Ihretwegen gehe
Ich auch nicht in den Tempel, sondern des Volkes wegen, das heute um
Meinetwillen hierhergekommen ist; und darum fürchte Ich die Wüteriche nicht!
Aber nun trachten wir, bald in den Tempel zu kommen!“
[GEJ.07_185,08] Auf diese Meine Bemerkung
getraute sich keiner mehr, Mir eine Gegenvorstellung zu machen; denn es dachte
sich ein jeder und sagte bei sich: ,Er hat Macht über Himmel und Hölle und hat
da nicht Not, sich vor des Tempels Wüterichen zu scheuen oder gar zu fürchten!‘
[GEJ.07_185,09] Bevor Ich aber noch hinabging
in den Tempel, fragten Mich die Römer und auch die Jünger, ob auch sie mit in
den Tempel gehen sollten, und was unterdessen mit der Jugend geschehen solle.
[GEJ.07_185,10] Sagte Ich: „Keinem von euch
kann jemand den Eintritt in den Tempel verwehren; die Jugend aber bleibt hier,
und Mein Diener weiß es schon, was er zu tun hat. So ihr aber in den Tempel
gehet, dann gehet voraus, und wählet euch die rechten Plätze; Ich aber werde
gleichwohl nachkommen. Doch Meine alten Jünger bleiben und gehen mit Mir; denn
für sie tut das not, auf daß sie Zeugen von allen Meinen Worten und Taten
seien!“
[GEJ.07_185,11] Sagte der Römer Agrikola:
„Das möchte ich zwar auch sein, aber es geschehe da wie überall und allzeit
Dein allein heiliger Wille!“
[GEJ.07_185,12] Sagte Ich: „Wenn du allein
gerade auch bei Mir als ein Zeuge sein willst, so kannst du dich auch an Meine
alten Jünger anschließen; denn Ich werde, bevor Ich Meinen Mund vor den Juden
auftun werde, noch ein Zeichen wirken. Ein Blindgeborener, den wir unfern des
Tempels treffen werden, soll sehend werden, und das gerade heute als an einem
Sabbat: Und so möget ihr andern nun vorausgehen, ihr vier aber, die ihr erst
gestern zu Mir übergegangen seid, tut besser, so ihr hier bleibet; denn im
Tempel würdet ihr alsbald erkannt und verfolgt werden.“
[GEJ.07_185,13] Das sahen die vier auch ein
und blieben auf dem Ölberg.
[GEJ.07_185,14] Es trat aber auch noch
Nikodemus zu Mir und fragte Mich, wie er mit seinen beiden Gefährten unbemerkt
hinabkommen könnte.
[GEJ.07_185,15] Sagte Ich: „Schließet euch
den Oberägyptern an, die werden euch schon also hinabführen, daß euch niemand
bemerken wird!“
[GEJ.07_185,16] Damit waren auch diese
zufrieden und machten sich mit den Oberägyptern sogleich auf den Weg, und alle
die andern folgten ihnen bald nach; nur die noch immer bei Mir weilenden drei
Magier blieben noch und schickten sich an, Mir auch nachzuziehen.
[GEJ.07_185,17] Da sagte Simon Juda, genannt
Petrus: „Herr, willst Du denn, daß auch die drei mit uns ziehen sollen?“
[GEJ.07_185,18] Sagte Ich: „Was kümmert dich
das? Als Ich alle andern voranziehen hieß, da habe Ich diese drei nicht
ausgenommen; aber ihrem Willen und Herzen habe Ich darum keinen Zwang angelegt,
und sie können tun, was sie wollen, und wozu sie der Sinn ihres Herzens
antreibt. Was aber Mir recht ist, darüber sollst du dich nicht also kümmern,
als wäre es etwa etwas Unrechtes; denn die uns nachfolgen, wandeln sicher nicht
auf einem Irrwege.“
[GEJ.07_185,19] Damit war denn auch unser
Petrus zufrieden, und wir fingen an, uns auf den Weg zu machen.
[GEJ.07_185,20] Schließlich trat noch der
Wirt Jordan zu Mir und fragte Mich wegen eines Mittagsmahles.
[GEJ.07_185,21] Ich aber sagte zu ihm: „Mein
Freund Jordan, nun heißt es, geistig Hungernde und Dürstende speisen und tränken,
was viel mehr wert ist denn die Speise für den Leib und der Trank für eine
trockene Kehle! Darum sorge du dich nun nicht schon für ein Mittagsmahl; wenn
Ich aber wiederkehre, da wird sich schon alles zur rechten Zeit noch finden!“
[GEJ.07_185,22] Mit diesem kurzen Bescheide
war denn auch der Wirt völlig zufrieden, berief hernach bald alle Diener des
Hauses zusammen und gab ihnen allerlei gute Lehren, so daß darauf alle, bei
dreißig an der Zahl, an Mich glaubten; denn früher wußten sie, obwohl sie gar viele
Zeichen sahen, bei sich doch nicht recht, was sie so ganz eigentlich aus Mir
hätten machen sollen. Damit hatte denn nach Meinem Rate auch Jordan geistig
Hungrige und Durstige in Meinem Namen gespeist und getränkt.
[GEJ.07_185,23] Ich aber zog, als Ich solchen
Rat dem Jordan gesagt hatte, mit Meinen Jüngern sogleich hinab in die Stadt,
allwo in allen Gassen und Straßen eine große Menschenmenge hin und her und auf
und ab wogte.
186. Kapitel – Der Herr und Seine
Widersacher. (Kap.186-204)
[GEJ.07_186,01] Als wir aber auf dem großen,
freien Platze vor dem Tempel ankamen, da ersahen wir alsbald auf einem Steine
sitzend einen noch ganz jungen Bettler von etlichen zwanzig Jahren, der schon
als völlig blind zur Welt geboren worden war. (Joh.9,1)
[GEJ.07_186,02] Als das Meine Jünger sahen,
da wußten sie schon, daß dieser eben der Blindgeborene sein werde, dessen Ich
schon auf dem Berge erwähnte, und sie fragten Mich darum, sagend: „Herr und
Meister! Wer hat denn da gesündigt – dieser selbst oder seine Eltern –, daß er
darum blind zur Welt geboren worden ist?“ (Joh.9,2)
[GEJ.07_186,03] Sagte Ich: „Aber wie ihr doch
noch gar so unsinnig fragen möget! Wie kann der im Mutterleibe gesündigt haben
und darum zur Strafe blind geboren worden sein? Ich sage euch aber: Weder
dieser Blinde noch seine Eltern haben da gesündigt, sondern es ward das also
zugelassen, auf daß die Werke Gottes offenbar würden an ihm vor den Menschen.
(Joh.9,3) Denn Ich muß nun wirken die Werke Dessen, der Mich gesandt hat,
solange der Tag währt (auf Erden nämlich durch des Herrn persönliche
Gegenwart). Es wird auch kommen die gewisse Nacht, von der Ich euch schon
geredet habe, und da wird niemand etwas wirken können. (Joh.9,4) Dieweil Ich in
dieser Welt bin, bin Ich offenbar das Licht der Welt. (Joh.9,5) Nach Mir kommt
die Nacht.“
[GEJ.07_186,04] Da sahen die Jünger einander
an und sagten: „Was nützt da den Menschen der jetzige Geistestag, so es nach
Seiner Heimkehr wieder Nacht wird ärger denn jetzt?“
[GEJ.07_186,05] Sagte Ich: „Will Ich denn
etwa, daß es hernach Nacht werde? O nein, aber der Menschen Trägheit wird das
wollen, und der Wille muß dem Menschen frei gelassen werden, auch dann noch, so
er durch ihn zu einem zehnfachen Teufel würde; denn ohne den freiesten Willen
hört der Mensch auf, Mensch zu sein, und ist nichts als eine Maschine, – was
Ich euch schon oftmals klar gezeigt habe.“
[GEJ.07_186,06] Hierauf sagte keiner etwas,
da sie Meinen Ernst merkten.
[GEJ.07_186,07] Als Ich aber das den Jüngern
sagte, beugte Ich Mich zur Erde, nahm etwas Lehm, bespützte ihn mit Meinem
Speichel und machte daraus einen Kot, den Ich dann auf die Augen des Blinden
strich. (Joh.9,6)
[GEJ.07_186,08] Darauf sagte Ich zum Blinden:
„Nun gehe hin zu dem Teiche Siloah (das heißt, Ich sandte ihn hin, und er ward
geführt von seinem Führer), und wasche dich!“
[GEJ.07_186,09] Da ging er hin, wusch sich
und kam sehend wieder zurück. (Joh.9,7)
[GEJ.07_186,10] Seine Nachbarn aber und die
ihn zuvor gesehen hatten, daß er ein blinder Bettler war, sprachen: „Ist dieser
nicht eben der Blinde, der zuvor auf dem Steine saß und bettelte?“ (Joh.9,8)
[GEJ.07_186,11] Da sagten einige: „Ja, ja, er
ist es!“
[GEJ.07_186,12] Andere wieder sagten: „Der
war blind geboren, und es ist noch nie erhört worden, daß je ein solcher wäre
sehend gemacht worden! Aber er sieht dem Blinden sonst in allem ganz ähnlich.“
[GEJ.07_186,13] Aber der Blindgewesene sagte
endlich selbst: „Was ratet ihr über mich? Ich bin es, der zuvor blind war, und
sehe!“ (Joh.9,9)
[GEJ.07_186,14] Da fragten ihn, die um ihn
waren: „Wie sind dir deine Augen zum Sehen geöffnet worden? Wer tat dir das?“
(Joh.9,10)
[GEJ.07_186,15] Und er antwortete ihnen,
sagend: „Der Mensch, der zu mir im stillen sagte, daß er Jesus (Mittler,
Heiland) heiße, machte einen Kot, beschmierte damit meine Augen und sagte dann,
daß ich hingehen solle zum Teiche Siloah und dort waschen meine Augen waschen.
Und ich tat das, ging hin, wusch meine Augen und ward sehend.“ (Joh.9,11)
[GEJ.07_186,16] Da sprachen sie weiter zu
ihm: „Wo ist denn nun derjenige Jesus?“
[GEJ.07_186,17] Sagte er: „Das ist doch eine
sonderbare Frage von euch! Ihr waret doch sehend, als er mir die Augen mit dem
Kote bestrich und habt ihn nicht bemerkt, – wie hätte ich ihn denn als ein
Blinder bemerken sollen? Da mir solches unmöglich war, so kann ich nun auch
nicht wissen, wo er ist, obwohl ich es selbst wissen möchte, wo er und welcher
es ist, damit ich ihm meinen vollsten Dank darbringen könnte.“ (Joh.9,12)
[GEJ.07_186,18] Als der Mensch aber den
Fragenden solch eine Antwort gab, da sagten, die um ihn waren: „Ah, das ist ein
rechtes Wunder, und der Mensch, der dich sehend gemacht hat, muß ein großer
Prophet sein! Das müssen unsere Erzjuden und Pharisäer, die da behaupten, daß
in dieser Zeit wegen der Heiden so lange kein Prophet mehr auferstehen werde,
bis die Juden alle die Heiden aus dem Lande geschafft haben würden, erfahren,
daß es dennoch jetzt, wie zuvor, große Propheten gibt trotz der Heiden in
unserem Lande! Darum laß dich von uns nur hinführen zu den Pharisäern; wir alle
werden dir Zeugenschaft abgeben!“
[GEJ.07_186,19] Damit war auch der vormals
Blinde ganz einverstanden und ließ sich vor die Pharisäer in den Tempel führen.
(Joh.9,13)
[GEJ.07_186,20] (Es muß hier noch einmal
eigens bemerkt werden, daß es nicht nur Sabbat war, an dem Ich diesen Blinden
geheilt habe; es war der Nachfestsabbat, der noch um vieles strenger gefeiert
werden mußte als irgendein mehr gemeiner Sabbat. (Joh.9,14) (NB.: Es war damals
bei den Juden derselbe Unfug, wie er nun in den sogenannten Oktaven nach den
großen Festsonntagen bei euch gang und gäbe ist.) An einem solchen Sabbat war
es bei den Pharisäern ein um so größeres Verbrechen, so man da irgendein Werk
verrichtet hatte.)
[GEJ.07_186,21] Als der Geheilte nun vor den
Pharisäern stand, da erzählten ihnen die, die ihn hingeführt hatten, alles, was
sich da als völlig Wunderbares ereignet hatte.
[GEJ.07_186,22] Als die Pharisäer solches
erfahren hatten, da wandten sie sich an den Geheilten und fragten ihn selbst,
obgleich sie von den Zeugen schon alles erfahren hatten, dennoch abermals, und
mit ihnen zur größeren Bekräftigung auch noch die Zeugen, wie er wäre sehend
geworden.
[GEJ.07_186,23] Und er sagte: „Kot legte er
mir auf die Augen; darauf wusch ich mich nach seinem Rate mit dem Wasser des
Teiches Siloah und ward sehend, wie ich auch jetzt vor euch sehend bin!“
(Joh.9,15)
[GEJ.07_186,24] Darauf sagten einige der
Pharisäer: „Der Mensch, der diesen Blinden geheilt hat, kann nicht von Gott (zu
einem Propheten) erweckt sein, weil er einen so hohen Sabbat nicht hält und
heiligt!“
[GEJ.07_186,25] Dagegen aber sagten die
Zeugen und auch etliche hellere Juden und Pharisäer: „Wie möglich aber kann ein
sündiger Mensch solche Zeichen tun?“
[GEJ.07_186,26] Und es entstand dadurch eine
Zwietracht und ein Streit unter ihnen. (Joh.9,16)
[GEJ.07_186,27] Als sie eine Zeitlang also
miteinander stritten und nicht eins werden konnten, da wandten sich jene, die
Mich für einen sündigen Menschen erklärt hatten, wieder an den Geheilten und
fragten ihn abermals (die Pharisäer): „Was sagst denn du selbst von dem, der
dir die Augen aufgetan hat, daß er sei?“
[GEJ.07_186,28] Und er sagte: „Ich sage das,
was die, die mich hierherführten, von ihm sagten: Er ist ein Prophet!“
(Joh.9,17)
[GEJ.07_186,29] Da sagten die, welche Mich
als einen sündigen Menschen erklärt hatten (die Pharisäer): „Wir glauben aber
gar nicht, daß dieser je blind war, sondern ihr habt euch also verabredet, um
eine Sache wider uns an den Tag zu fördern!“
[GEJ.07_186,30] Da sagten die Zeugen, und das
mit einem bedeutenden Nachdruck: „Es hat dieser Mensch auch noch seine Eltern!
Er wird es wissen, wo sie wohnen. Lasset sie kommen, und fraget sie! Die werden
es wohl am besten wissen, ob dieser Mensch je gesehen hat!“
[GEJ.07_186,31] Da ließen sie seine Eltern
kommen, die noch nichts davon wußten, daß ihr Sohn sehend geworden war.
(Joh.9,18)
[GEJ.07_186,32] Als diese bald daher kamen,
wurden sie sogleich verfänglich befragt (die Pharisäer): „Ist das euer Sohn,
von welchem ihr saget, daß er blind geboren sei? Wenn also, wie ist er denn nun
sehend geworden?“ (Joh.9,19)
[GEJ.07_186,33] Die Eltern aber antworteten
ganz schlicht und einfach: „Daß dieser Mensch wahrlich unser Sohn ist, und daß
er blind geboren ward, das wissen wir (Joh.9,20); wie er aber nun sehend
geworden ist, und wer ihm die Augen aufgetan hat, das wissen wir nicht! Er ist
aber ja schon alt genug, und so lasset ihn für sich selbst reden!“ (Joh.9,21)
[GEJ.07_186,34] Solches aber redeten die
Eltern, die Mich schon kannten und vermuteten, daß Ich den Sohn sehend gemacht
haben dürfte, darum also vor den Pharisäern und Juden, weil sie sich vor ihnen
fürchteten; denn sie wußten es, daß sich die Haupt- und Erzjuden schon lange
dahin in ihrem Urteil geeinigt hatten, jeden, der Mich als den Gesalbten Gottes
bekennte, in den schwersten Bann zu tun. (Joh.9,22) Und darin lag der ganz
kluge Grund, warum die Eltern zu den Pharisäern und Erzjuden gesagt haben: „Er
ist alt genug – fraget ihn selbst!“ (Joh.9,23)
[GEJ.07_186,35] Da riefen sie zum andern Male
den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm (die Pharisäer): „Gib
Gott allein die Ehre; denn wir wissen, daß der Mensch, der dich sehend gemacht
hat, ein Sünder ist!“ (Joh.9,24)
[GEJ.07_186,36] Da erwiderte ihnen der
geheilte Mensch und sagte: „Ob der Mensch ein oder auch kein Sünder ist, das
weiß ich wahrlich nicht; aber das eine weiß ich sehr wohl, nämlich daß ich von
Geburt an vollkommen blind war und nie den Tag von der Nacht unterscheiden
konnte, und daß ich nun so vollkommen alles sehe wie ihr!“ (Joh.9,25)
[GEJ.07_186,37] Da sprachen sie wieder zu ihm
(die Pharisäer): „So sage es uns denn recht und wahr: Was tat dir der Mensch,
und wie hat er dir die Augen aufgetan?“ (Joh.9,26)
[GEJ.07_186,38] Antwortete der Geheilte mit
sichtlicher Ungeduld: „Ich habe es euch soeben gesagt, – habt ihr mich denn
nicht angehört? Was wollet ihr denn nun dasselbe noch einmal hören? Wollet ihr
etwa gar seine Jünger werden, – was euch wahrlich nicht schaden würde?!“
(Joh.9,27)
[GEJ.07_186,39] Da wurden die Pharisäer und
die Erztempeljuden schon zornig, verfluchten den Menschen gleich wegen solcher
Frage und sagten dann ganz voll Grimmes: „Du wohl magst sein Jünger sein, – wir
aber sind Jünger Mosis. (Joh.9,28) Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat;
von diesem Menschen aber, der dich sehend gemacht hat, wissen wir nicht, von
wannen er ist!“ (Joh.9,29)
[GEJ.07_186,40] Der Geheilte aber sah sie
alle mit einer forschenden Miene an und sagte darauf: „Das ist wahrlich ein
sehr wunderbares Ding, daß ihr noch nicht wisset, von woher der wundertätige
Mensch sei! Und dennoch sehet ihr doch augenscheinlich an mir, daß er mir
Blindgeborenem das Augenlicht gegeben hat. Der Mensch hat schon sicher mehrere
solcher Zeichen getan, und ihr saget noch, daß ihr nicht wisset, von woher er
sei?!“ (Joh.9,30)
[GEJ.07_186,41] Sagten darauf mit heftiger
Stimme die Pharisäer und Erztempeljuden: „Wir wissen aber, daß Gott die Sünder
nicht erhört! Gott erhört nur einen Gottesfürchtigen, der ohne Sünde ist und in
allem den Willen Gottes tut.“ (Joh.9,31)
[GEJ.07_186,42] Sagte darauf der Geheilte:
„Hm, sonderbar! Von aller Welt aber ist es noch niemals erhört worden, daß je
jemand einem – sage – Blindgeborenen die Augen aufgetan hätte! (Joh.9,32) Wäre
dieser Mensch nicht von Gott aus mit solch einer Macht und Kraft erfüllt,
wahrlich, er könnte so etwas nicht zustande bringen (Joh.9,33), gleichwie auch
ihr, obwohl ihr saget, daß ihr Mosis Jünger seid, sicher nicht imstande seid,
einem Blindgeborenen die Augen zu öffnen; denn könntet ihr das, so wüßte das
schon lange die ganze Welt, und eure Häuser wären von unten bis oben mit Gold
gesteckt voll!“
[GEJ.07_186,43] Auf diese Antwort des
Geheilten wurden die Pharisäer und Erztempeljuden noch grimmiger und schrien
förmlich vor Wut: „Was, du bist in allen Sünden schon zur Welt geboren und
willst uns hier noch lehren?“
[GEJ.07_186,44] Darauf ergriffen sie ihn und
stießen ihn samt seinen Eltern und Zeugen hinaus. (Joh.9,34)
[GEJ.07_186,45] Als alle diese nun draußen
waren, da rief der Geheilte noch laut zurück: „Gott vergelte es euch, ihr
Übermütigen, und Gott erleuchte eure Seelenblindheit!“
[GEJ.07_186,46] Da warfen sie die Türe zu und
kümmerten sich weiter nicht um den Geheilten, der ihnen die Wahrheit ganz
trocken ins Gesicht gesagt hatte.
187. Kapitel
[GEJ.07_187,01] Dieser Mensch kam darauf
natürlich mit allen, die mit ihm waren, sogleich in die große Tempelhalle, in
der sich alles Volk ansammelte, und jeder fragte ihn, was denn mit ihm in der
Ratshalle der Pharisäer und Erzjuden vorgefallen sei.
[GEJ.07_187,02] Und der Mensch erzählte das
ganz frei und offen, und alle, die das hörten, wurden erbittert über die
verstockte Härte der Pharisäer und Tempeljuden.
[GEJ.07_187,03] Und so kam es denn auch zu
Meinen Jüngern und auch vor Mich, daß die Templer den Geheilten samt seinem
Anhange hinausgestoßen hatten.
[GEJ.07_187,04] Und Ich sagte zu den Jüngern:
„Lasset uns ihn aufsuchen, auf daß der Arme Den kennenlerne, der ihm das
Augenlicht gegeben hat!“
[GEJ.07_187,05] Und wir gingen und fanden ihn
auch bald unter dem Volke.
[GEJ.07_187,06] Es waren ihm aber auch einige
jener Pharisäer, die nicht strenge wider ihn waren, in die große Volkshalle
gefolgt, um zu vernehmen, was er etwa da zum Volke reden werde, und wie sich
etwa das Volk darüber äußern werde.
[GEJ.07_187,07] Ich aber trat sofort vor den
Geheilten hin und sagte zu ihm: „Höre Mich, du, der du von den Pharisäern und
von den Erztempeljuden hinausgestoßen worden bist! Glaubst du an den Sohn
Gottes?“ (Joh.9,35)
[GEJ.07_187,08] Da antwortete der Geheilte:
„Herr, welcher ist es? Ist Er hier im Tempel? Und hat Er mir das Augenlicht
gegeben? Zeige mir Ihn, auf daß ich an Ihn glaube!“ (Joh.9,36)
[GEJ.07_187,09] Sagte Ich: „Du hast Ihn schon
gesehen, obwohl noch nicht erkannt; aber Der ist es, der nun mit dir redet!“
(Joh.9,37)
[GEJ.07_187,10] Da sagte der Geheilte: „Ja,
Herr, das glaube ich! Du bist es! Ich habe Dich, als ich vom Teiche zurückkam,
sicher gesehen, aber nicht erkannt! Wärest Du nicht Gottes Sohn, nicht
Christus, der Verheißene, nimmer hättest Du mich Blindgeborenen sehend machen
können! Darum glaube ich, daß Du wahrhaft der Sohn Gottes bist!“
[GEJ.07_187,11] Hierauf fiel er vor Mir auf
seine Knie nieder und betete Mich an. (Joh.9,38) Ich jedoch hieß ihn, sich
wieder zu erheben.
[GEJ.07_187,12] Als die umstehenden Pharisäer
und mehrere Tempeljuden, obschon der mehr gemäßigten Partei angehörend, das von
Mir wie auch von dem Geheilten vernahmen, daß Ich der verheißene Gesalbte Gottes
sei, da fingen sie an, sehr ihre Nasen zu rümpfen, und wurden geheim sehr
ärgerlich und gallig.
[GEJ.07_187,13] Da Ich aber solches alsbald
merkte, so sagte Ich laut: „Ich bin zum Gericht auf diese Welt gekommen, auf
daß jene, die nicht sehen, sehend werden, und jene, die da sehen, blind
werden!“ (Joh.9,39)
[GEJ.07_187,14] Als die Pharisäer und die
Tempeljuden, die da um Mich waren, solches vernahmen, da konnten sie sich nicht
mehr halten, sondern öffneten den Mund und sagten zu Mir: „Sind denn wir auch schon
blind, oder werden wir nach deiner Sentenz erst blind werden, weil wir nun noch
sehend sind?“ (Joh.9,40)
[GEJ.07_187,15] Sagte Ich darauf: „Wäret ihr
blind an eurer Seele, so hättet ihr auch keine Sünde an euch; da ihr euch aber
selbst das Zeugnis gebt, daß ihr sehend seid, so bleibt eure Sünde an euch
haften, mit ihr das Gericht und der ewige Tod. (Joh.9,41) Denn Ich bin in diese
Welt gekommen von Gott gesandt als die Wahrheit, das Licht und das Leben. Wer
an Mich glaubt und tut nach Meinem Worte, der wird haben in sich das ewige
Leben und wird nicht sehen und fühlen den Tod!“
[GEJ.07_187,16] (NB. Was von nun an im Tempel
verhandelt wurde, ist zum Teil wohl von den andern Evangeliumsaufzeichnern
niedergeschrieben worden, aber in keiner ganz passenden Reihenfolge, darum man
ihre Aufzeichnungen auch unharmonisch nannte. Johannes aber zeichnete die
weitere Verhandlung darum nicht auf, weil derlei bei Meinen Reden sehr häufig
vorkam und auch den wichtigsten Punkten nach aufgezeichnet wurde.
[GEJ.07_187,17] Das folgende 10. Kapitel
ergibt sich erst um drei Monde später, auch wieder im Tempel zu Jerusalem, im
Winter, bei Gelegenheit des sogenannten Tempelweihfestes.
[GEJ.07_187,18] Diese Bemerkung war darum
nötig, auf daß ihr wisset, in welcher Ordnung das Wort von Mir an die Juden und
Pharisäer ergangen ist.
[GEJ.07_187,19] Da das aber nun gezeigt ist,
so will Ich hier die weitere Verhandlung im Tempel vor den Juden und Pharisäern
folgen lassen.)
188. Kapitel
[GEJ.07_188,01] Hierauf sagten die Pharisäer:
„Wir sehen es wohl ein, daß dir besonders in der Heilung verschiedener
menschlichen Erzkrankheiten, die sonst wohl kaum je ein Arzt zu heilen imstande
sein dürfte, eine ungewöhnliche Kraft innewohnt, wie bis auf diese Zeiten noch
niemals erhört worden ist. Ja, es ist uns sogar nicht unbekannt, daß es dir
sogar möglich sein soll, jüngst verstorbene junge Menschen ins Leben
zurückzurufen oder zu erwecken! Also haben wir auch vernommen, daß du sonst ein
ganz nüchterner, sittlicher und äußerst wohltätiger Mensch seist und für deine
außerordentlichen Heilungen noch nie von jemandem etwas verlangt hast. Siehe,
das sind deine unbestreitbar guten und ausgezeichneten Seiten!
[GEJ.07_188,02] Aber daß du dich dabei vor
aller Welt für den Sohn Gottes ausgibst und sagst, daß du der verheißene
Gesalbte Gottes seist, und dabei aber nicht achtest der Satzungen Mosis und
umgehst mit Heiden, Zöllnern und Sündern aller Art und Gattung, – siehe, das
sind deine schlechten und sehr üblen Seiten, die der Tempel, der streng auf die
Satzungen Mosis hält, niemals wird gutheißen können!
[GEJ.07_188,03] Warum erhöhst du dich denn
wegen deiner besonderen Eigenschaften so sehr vor den Menschen, während du doch
sichtlich auch nur ein Mensch bist? Wer von uns kann dich achten, so du auch
von uns verlangst, daß wir glauben sollen, daß du Gottes Sohn seist und der
verheißene Gottesgesalbte, und verdammest den, der das aus gar manchen Gründen
nicht glauben kann? Du sagtest wohl, daß du die Wahrheit, das Licht und das
Leben seist, – aber womit kannst du uns das denn wohl beweisen, daß sich die
Sachen also verhalten? Beweise uns das, und überzeuge uns davon, und wir wollen
an dich glauben!“
[GEJ.07_188,04] Sagte Ich: „Sehet diese
Steine an, die da zerstreut am Boden herumliegen! Eher denn euch überzeuge Ich
diese Steine, daß eben Ich Derjenige bin, von dem Moses und die Propheten
geweissagt haben!
[GEJ.07_188,05] So Ich Zeichen wirke, die vor
mir nie ein Mensch, noch der größte aller Propheten gewirkt hat, so sollten
euch denn doch die Augen aufgehen, damit ihr die Zeichen dieser Zeit wohl
erkennen möchtet zu eurem Heile! Aber ihr seid blind, taub und verstockt in
euren Herzen und sehet, vernehmet und empfindet darum nichts. Und darin liegt
auch das Gericht über euch in euch selbst und mit ihm der sichere Tod eurer
Seelen.
[GEJ.07_188,06] Ihr übertünchet wohl jährlich
die Gräber der Väter und der Propheten; aber eben das, was die übertünchten
Gräber sind, das seid auch ihr. Dem Außen nach seid ihr wohl bekleidet nach der
Ordnung Mosis und Aarons, auf deren Stühlen ihr sitzet, – aber inwendig seid
ihr voll Moders und Ekelgeruchs!
[GEJ.07_188,07] Ihr sagtet nun, daß es von
Mir eine schlechte und sehr üble Seite sei, daß Ich mit Heiden, Zöllnern und
Sündern umgehe, und daß Ich ein Sabbatschänder sei und die Satzungen Mosis
nicht halte. Wie haltet aber ihr dessen Satzungen? Ich sage es euch aber, daß
eben ihr die Satzungen Mosis nicht einmal dem Scheine nach ganz ordentlich
haltet; wohl aber habt ihr selbst eine Menge nichtiger und wertloser Satzungen
gemacht, die ihr zu eurem irdischen Besten haltet und dabei das arme Volk
bedrücket und aussauget. Hat das wohl auch irgend Moses geboten? So es aber
nach den Satzungen Mosis gar wohl gestattet und sogar befohlen ist, auch am
Sabbat dem Esel, dem Ochsen und den Schafen das Futter zu reichen und sie zur
Tränke zu führen, und einem Esel, der in eine Grube oder in einen Brunnen
gefallen ist, herauszuhelfen, sollte es da nicht um so mehr recht und billig
sein, einem bedrängten Menschen auch an einem Sabbat zu helfen? O ihr Blinden,
ihr Tauben und ihr Toren am Herzen und am Verstande! Ist denn ein Mensch vor
Gott weniger wert als ein Tier?!
[GEJ.07_188,08] Hat nicht Moses geboten,
sagend: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohl ergehe
auf Erden!‘? Warum saget denn ihr dann den Kindern: ,Kommet her und bringet dem
Tempel ein Opfer; das wird euch dienlicher sein!‘ Wenn ihr solches lehret,
handelt ihr da nach dem Gesetze Mosis?!
[GEJ.07_188,09] Hat Moses nicht auf das
feierlichste jedermann geboten, daß man die Witwen und Waisen nicht
unterdrücken soll?! Was tut aber ihr? Ihr schützet den Witwen und Waisen lange
und wirkend sein sollende Gebete vor und bemächtiget euch dabei ihrer Habe, und
wenn dann die Witwen und Waisen, so ihnen eure Gebete nichts nützen, sich
weinend darum bei euch beschweren, so stoßet ihr sie hinaus und saget, daß sie
Sünder seien, für die Gott auch die kräftigsten Gebete nicht erhöre! Saget, hat
Moses wohl je ein solches Tun und Treiben geboten? Ihr handelt in allem wider
die Gesetze Mosis, und Mir saget ihr, daß Ich den Gesetzen Mosis
zuwiderhandle?!
[GEJ.07_188,10] Sehet, dieweil ihr eben von
Moses ganz abgewichen seid, so seid ihr mit Blindheit geschlagen worden und
könnet nun den hellsten Tag vor euren Augen nicht mehr ersehen, – und das ist
euer Gericht, euer Tod und eure Verdammnis! So säuget ihr die Mücken mit euren
leeren und teuerst bezahlten Gebeten und verschlinget dafür ganze Kamele, und
dennoch saget ihr, daß ihr Mosis Jünger seid! Wie könnet ihr aber Mosis Jünger
sein, so ihr – wie schon gesagt – allen Satzungen Mosis, ärger denn alle
Heiden, zuwiderhandelt? Darum aber wird das Licht auch von euch genommen und
den Heiden gegeben werden.
[GEJ.07_188,11] Ich bin in diese Welt
gekommen, um euch auf dem freundlichsten und liebevollsten Wege durch Lehre und
Taten auf die rechten Lebenspfade zu bringen; ihr aber verfolget Mich auf allen
Wegen und Stegen und suchet Mich zu fangen und zu töten, da ihr saget und
behauptet, Ich sei ein Volksverführer und Volksaufwiegler. Ich aber habe auch
Zeugen, und Gott Selbst, der in Mir ist wie Ich in Ihm, ist Mein Zeuge, daß ihr
alle böse Lügner seid vor Gott und vor allem Volke.
[GEJ.07_188,12] Die Römer, die nun die
irdischen Herren des Landes der sein sollenden Kinder Gottes sind, und die mit
ihren scharfen Augen alles sehen und bemerken, was irgend nur im geringsten
ihrer Herrschaft gefährlich werden könnte, hätten Mich, so sie an Mir
irgendeine Volksaufwieglerei entdeckt hätten, schon lange vor die Gerichte
gezogen! Da sie aber von allem dem, dessen ihr Mich beschuldiget, noch nie auch
das Allergeringste entdeckt haben, so begegnen sie Mir auch auf allen Wegen auf
das freundlichste und erweisen sich als Menschen voll Glaubens, voll Liebe und
voll Achtung gegen Mich, Meine Lehre und Meine Taten. Darum aber werden sie
auch in Mein Licht und Leben aufgenommen werden; ihr aber werdet hinausgestoßen
werden in die äußerste Finsternis, wie es geschrieben steht, und da wird sein
viel Heulens und Zähneknirschens!“
[GEJ.07_188,13] Als Ich solches geredet
hatte, da wurden auch diese noch gemäßigteren Juden und Pharisäer voll Ärgers
und sagten: „Siehe, wie du doch unsinnig redest! Wer verfolgt dich denn, und
wer sucht dich zu töten? Wenn du Gutes lehrst und den Menschen Gutes erweisest,
darum verfolgt dich niemand und sucht dich auch niemand zu töten; aber wenn du
als ein Mensch, wie auch wir nur Menschen sind, vorgibst, daß du ein
Gottes-Sohn seist und somit der Verheißene, der Gesalbte Gottes – was nach dem
Ausspruche der Propheten soviel sagen will als Jehova Selbst –, so mußt du denn
doch selbst einsehen, daß wir das so lange als eine allerärgste Gotteslästerung
ansehen müssen, als wie lange du uns entweder nicht die genügenden Beweise
dartust, daß du der vollsten Wahrheit nach der verheißene Gesalbte Gottes bist
und wir an dich glauben können, oder du mußt vor uns und vor dem Volke dein
Zeugnis über dich selbst widerrufen! Solange du aber da weder das eine noch das
andere tun wirst, wirst du dir auch gefallen lassen müssen, daß dich der Tempel
als einen Gotteslästerer verfolgen wird! Haben wir nicht recht, wenn wir dir
das nun vor allem Volke vorhalten?!“
[GEJ.07_188,14] Sagte Ich: „So, – ihr habt
nun geredet, und das also geredet, gleichwie ein Stockblinder über die Farben
des Lichtes urteilt und redet; und weil ihr also urteilet und redet, so
sprechet ihr damit auch selbst euer eigenes Verdammungsurteil aus. Ich werde
euch nicht richten, sondern das Wort, das Ich schon so oft vergeblich zu euch
geredet habe, wird euch richten.
[GEJ.07_188,15] So ihr den Propheten Jesajas
gelesen und nur in Wenigem verstanden habt, so müsset ihr denn doch wissen, was
das sagen will: ,Eine Jungfrau wird uns einen Sohn gebären, und Sein Name wird
sein ,Emanuel‘, das heißt, ,Gott mit uns‘!‘ Hat sich denn das nicht wie auch
alles andere eben an Mir erfüllt?! Wenn es aber also und ewig nicht anders ist,
– würde Ich da nicht euch gleich ein Lügner sein, wenn Ich nun eurer
finstersten Ansicht zuliebe bekennen würde, Ich sei nicht Der, der Ich doch vor
Gott, vor allen Himmeln und vor aller diesirdischen Kreatur bin?!
[GEJ.07_188,16] Ihr wollet andernteils einen
solchen Beweis von Mir haben, der euch unwiderruflich und ganz sonnenklar
überzeugte, daß eben Ich der verheißene Gesalbte Gottes bin. Saget Mir aber,
wie Ich für euch und eure Stockblindheit denn das anstellen soll!
[GEJ.07_188,17] So Ich vor euch Werke und
Taten verrichte, die vor Mir kein Mensch je verrichtet hat, so Ich Lahme und
Krüppel heile, daß sie dann völlig gesund und kräftig einherspringen wie Hirsche,
wenn Ich weiter Gichtbrüchige, Aussätzige heile, den Tauben und Stummen das
volle Gehör und die Rede gebe, die Blinden sehend mache, die Besessenen von
ihren argen Plagegeistern befreie, sogar die Toten durch die Macht Meines
Wortes wieder zum Leben erwecke und bei Gelegenheiten noch gar manche andere
Taten verrichte, die außer Gott niemandem möglich sind, und dabei den Armen am
Geiste das Evangelium von der lebendigen Ankunft des Reiches Gottes auf Erden
predige und Mich kein Mensch je einer Sündenbegehung zeihen kann – und ihr dann
saget, daß Ich alles das durch die Hilfe Beelzebubs, des Obersten aller Teufel,
zustande bringe, so frage Ich euch, welche anderen Zeichen soll Ich vor euren
Augen noch wirken, auf daß ihr glauben würdet, daß Ich wahrhaft der Gesalbte
Gottes bin?
[GEJ.07_188,18] So Ich euch noch tausend und
abermals tausend andere Zeichen leisten würde, so würdet ihr abermals sagen,
daß Ich solches alles durch die Hilfe des Obersten der Teufel gewirkt habe! Was
würden bei solcher eurer stockblinden Ansicht euch dann Meine ferneren Zeichen
wohl nützen? Ich sage es euch aber: Ebensowenig als man einem Blindgeborenen
einen Begriff von irgendeiner Farbe beibringen kann, gleichalso kann man auch
euch keinen für euch begreiflichen Beweis von dem geben, daß Ich der vollsten
Wahrheit nach der Gesalbte Gottes bin!
[GEJ.07_188,19] Und sehet, diese böse Nacht
in eurer Seele ist denn auch euer Untergang, euer eigenes Gericht und euer
wahrer Tod! Denn Ich allein bin der Weg, das Licht, die Wahrheit und das ewige
Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meinem Worte lebt und handelt, der auch
überkommt von Mir den Geist des ewigen Lebens, und Ich allein werde ihn zum
Leben erwecken an seinem jüngsten Tage in Meinem Reiche; wer Mich aber flieht,
verachtet und verfolgt, der flieht, verachtet und verfolgt auch sein eigenes
Leben und kann es ewig nie von woanders her erhalten als nur allein von Mir.
[GEJ.07_188,20] Wer sonach von Mir das ewige
Leben seiner Seele nicht annehmen will und sich gegen alles von Mir Ausgehende
sträubt, der bleibt auch tot in Ewigkeit.
[GEJ.07_188,21] Wer aber das Leben haben
will, der muß es von Dem nehmen, der das Leben selbst ist, also das Leben hat
und dasselbe geben kann, wem Er es geben will. Aber dieser Er gibt das Leben
nur dem, der danach dürstet.
[GEJ.07_188,22] Mein Wort und Meine Lehre
aber sind eben das nun allen Menschen dargebotene Leben. Wer demnach, wie schon
gesagt, Mein Wort und Meine Lehre tatsächlich annimmt, der nimmt auch das Leben
der Seele von Mir an.
[GEJ.07_188,23] Wenn aber unmöglich anders
denn also nur, wie Ich es euch und allen andern nun hier gezeigt habe, sich die
Sache des ewigen Lebens verhält, – woher wollet und werdet ihr denn euer
erhofftes ewiges Leben für eure Seelen hernehmen?“
189. Kapitel
[GEJ.07_189,01] Sagte ein Pharisäer, der sich
für einen Hochweisen dünkte: „Siehe, aus dieser deiner Rede habe ich nun erst
so recht klar erkannt, daß du daherredest, als wärest du ein Wahnsinniger, der
von dem wahren Wesen Gottes, von Seiner endlosen Weisheit, Macht und Größe und
von Seiner Einrichtung der Verhältnisse dieser Welt und ihrer Geschöpfe gar
keinen wahren Begriff hat und auch nicht haben kann. Denn siehe, so das ewige
Leben einer Menschenseele nun bloß an den vollen Glauben an dich, an dein Wort
und an deine Lehre gebunden ist und eine jede Seele, die entweder an dich nicht
glaubt und sich nicht richtet nach deiner Lehre oder – was zum allermeisten der
Fall ist – von dir ohne ihr Verschulden nichts weiß und wissen kann, den ewigen
Tod zu gewärtigen hat, so bist du samt dem Gott, der dich in die Welt gesandt
hat, das allerunweiseste und allerungerechteste Allmachtswesen, das sich ein
hellerer Menschenverstand je denken kann!
[GEJ.07_189,02] Was können denn die Menschen
dafür, die vor Hunderten und Tausenden von Jahren vor uns gelebt haben und von
deiner allein alle Seelen belebenden Lehre unmöglich je etwas haben vernehmen
können? Diese Armen sind nach deinem Worte also alle samt und sämtlich im
ewigen Tode!?
[GEJ.07_189,03] Weiter, – was können denn die
zahllosen Völkerschaften dafür, die auf der weiten Erde irgendwo leben und
fortbestehen und von deiner Lehre vielleicht in tausend Jahren noch keine Silbe
werden vernommen haben?! Diese Armen sind demnach auch als für ewig tot
anzunehmen und anzusehen?!
[GEJ.07_189,04] So hätte denn dein Gott mit
aller seiner unergründlich tiefen Weisheit und Güte mit all dem von ihm
Erschaffenen endlich dahin die größte Freude und darin sein größtes
Wohlgefallen, daß er alle seine so höchst weise eingerichteten Geschöpfe nach
einem kurzen Dasein wieder töte und gänzlich vernichte!
[GEJ.07_189,05] Wozu kam dann ein Moses und
alle die anderen Propheten? Wozu waren die stets schwer zu haltenden Gesetze
Mosis gut, und wozu die oftmaligen und vielen Plagen, die Gott über die Juden
und anderen Völker verhängte, so sie nicht nach Seinem geoffenbarten Willen
handelten und lebten?
[GEJ.07_189,06] Ich meine: Zur Erreichung des
ewigen Todes der Seele nach dem Abfalle des Leibes wäre schier ein jedes
Hundeleben völlig gut genug gewesen. Wozu da Menschen erziehen und geistig
ausbilden?! Für die Gewinnung des sicheren ewigen Todes der Seele eines
Menschen nach dem Tode des Leibes benötigt der Mensch nichts Weiteres, als daß
er gleich den Tieren nur seinen täglichen Fraß kennt; wozu ihn da denken lehren
und urteilen und schließen? Das verbittert ja offenbar sein elendstes Dasein!
Ja, alle nun leider geistig geweckten Menschen sollten alle Kinder gleich nach
der Geburt erwürgen, auf daß diese als später erwachsene und denkend ihrer
selbst bewußte Menschen weiter nicht mit allerlei geplagt würden und auch
niemals in die Furcht kämen, das oft doch süß schmeckende Leben endlich für
ewig verlieren zu müssen.
[GEJ.07_189,07] Ich gestehe es hier offen,
daß ich nach deiner Lehre dem von dir gepredigten Gott auch selbst von der
weitesten Ferne her nicht den allergeringsten Dank schulde; denn er hat mich ja
nicht zu irgendeinem Glücke von Bestand, sondern nur zum größten, die ganze
Zeit meines Lebens bitterst gefühlten Unglück in diese Welt gesetzt. Je eher er
mich wieder vernichtet, eine desto größere Wohltat erweist er mir!
[GEJ.07_189,08] Und wahrlich gesagt: Ein
ausnahmsweise ewiges Leben der Seele durch den nunmaligen Glauben an dich, an
dein Wort und an deine Lehre möchte ich schon darum nicht, weil ich als eine
ewig fortlebende Seele denken müßte, daß zahllose Menschenscharen ganz
schuldlos für ewig von deinem Gott vernichtet worden sind! Da ist mir ein
ewiges Nichtsein ja doch endlos lieber als irgendein leidiges ewiges Dasein!
[GEJ.07_189,09] Aus diesen meinen Worten
wirst du, wenn du nur eines gesunden Gedankens fähig bist, samt deinen blinden
Jüngern einsehen, daß deine Lehre zur wahren Beglückung der Menschen noch um
vieles untauglicher ist als die Lehre der Sadduzäer, die sie nach dem griechischen
Weltweisen Diogenes umgestaltet haben, und die für alle Menschen weit
tröstender ist als deine Lebenslehre, nach der man nur allein durch den Glauben
an dich zum ewigen Leben der Seele gelangen kann. Wahrlich, für solche deine
Lehre wird dir kein wahrer Menschenfreund je dankbar sein! Und nun soll alles
Volk im Tempel und auch außerhalb des Tempels urteilen, ob ich da auch nur ein
ungerechtes Wort dir gegenüber geredet habe! – Entgegne mir, wenn du das
kannst!“
190. Kapitel
[GEJ.07_190,01] Sagte Ich mit einer ernsten
Miene: „Du wagst viel Ungerechtes und Unwahres vor dem Volke Mir ins Gesicht zu
sagen! Wäre Ich euch Juden und Pharisäern gleich zornmütig, so würdest du nun
für diese deine kecke, wahrheits- und sinnlose und hochmutsvolle Rede einen Lohn
von Mir überkommen, daß sich darüber alles Volk entsetzen würde, da es dadurch
sicher schnellst zu der Einsicht käme, daß Mir alle Macht und Gewalt im Himmel
und auf Erden gegeben ist; aber Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig, bin
Selbst voll Demut und werde dich vor dem Volke nur mit Meinem Worte strafen!
[GEJ.07_190,02] Du hast Mich des Wahnsinns
beschuldigt, dieweil Ich lehre, daß der, welcher an Mich glaubt und nach Meiner
Lehre lebt, das ewige Leben in sich haben wird, – wer aber nicht an Mich glaubt
und nicht nach Meinem Worte lebt, in sich haben wird das Gericht und mit
demselben den ewigen Tod.
[GEJ.07_190,03] Dummer und blinder Pharisäer!
Was ist denn nach deinem höchst materiellen Begriffe das ewige Leben der Seele
in Meinem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, und was ist denn das Gericht
und mit ihm der ewige Tod?
[GEJ.07_190,04] Verstündest du dieses
Geheimnis, so würdest du anders urteilen und reden; aber weil du blind bist an
deiner Seele und finster in deinem Herzen, so urteilst du über geistige Dinge
geradeso wie ein Blindgeborener über den Lichtschmelz der Farben.
[GEJ.07_190,05] Ist denn bei dir der ewige
Tod der Seele und ihre – sage – unmögliche gänzliche Vernichtung für ewig hin
ein und dasselbe? Siehe, du und dein ganzes Kollegium seid der Seele nach schon
lange völlig tot; seid ihr aber darum vernichtet?! Ihr werdet auch ewig nie
vernichtet werden, aber bleiben, wie ihr nun seid, in euren Sünden, die da sind
der Seele Tod darum, weil sie in solch einem Zustande nimmerdar zu einer höheren
und reineren Erkenntnis emporsteigen kann, sondern in ihrer Finsternis und in
ihren alten Weltzweifeln, deren eure Seelen voll sind, bleiben muß.
[GEJ.07_190,06] In dieser Welt aber drücken
sie euch weniger, weil ihr euch mit allen Dingen der Welt gar gut zu trösten
verstehet; aber wenn eure Seelen bald ohne die irdischen Leiber sich in der
eigenen, aus ihnen hervorgehenden geistigen Weltsphäre befinden werden ohne
Liebe und ohne Licht in sich, – wie wird es ihnen dann ergehen?!
[GEJ.07_190,07] Ich weiß das aber sehr wohl
und kenne das und weiß es nur zu klar, wie ihr alle gänzlich von dem Worte
Gottes abgewichen seid, – und darum bin Ich Selbst, der Ich im Geiste Derselbe
bin, der auf Sinai dem Moses die Gesetze gab, sowie dereinst dem Adam und später
nach der Sündflut dem Noah, dem Abraham, dem Isaak und Jakob, wie nach Moses
auch den vielen Propheten, nun verheißenermaßen in diese Welt im Fleische eines
Menschen gekommen, um euch alle durch Lehre und Taten aus eurem Gerichte und
Tode zu erlösen, weil ihr trotz allen den Urvätern, trotz Moses und allen
Propheten in die harte Gefangenschaft der Sünde und des Todes geraten seid.
[GEJ.07_190,08] So Ich euch nun Selbst lehre,
weil alle Meine früher an euch Menschen gesandten Boten nichts ausgerichtet
haben, bin Ich dann und darum ein Wahnsinniger? O du Schlangenbrut, du
Otterngezüchte, wie lange werde Ich dich noch in deinem Gerichte und in deinem
Tode ertragen müssen!
[GEJ.07_190,09] Du meinst, daß die Menschen,
die vor Mir gelebt haben und Mein nunmaliges an euch gerichtetes Wort nicht
hören, an Mich also nicht glauben und somit auch das ewige Leben nicht
einernten konnten, sowie auch jene nicht, die nun in fernen Landen leben und
zumeist Heiden sind? O du blinder Pharisäer! Da sieh hin, sieben Männer aus dem
fernsten Oberägypten, sie kennen Mich, lebten nach Meinem Willen, und ihre
Seelen haben schon lange das ewige Leben und dessen nie versiegbare Kraft und
Macht überkommen. Sie sollen dir ein Zeichen geben!“
[GEJ.07_190,10] Hier trat der erste Oberägypter
vor und sagte: „Höre, du elender Hurer und Ehebrecher, zehn Väter, aus denen du
hervorgegangen bist, sollen erscheinen und dir sagen, daß sie sich wohl elend
im Jenseits befinden, aber nicht vernichtet sind!“
[GEJ.07_190,11] Da umstanden plötzlich, gar
elend aussehend, die Gerufenen den Pharisäer, und sein Vater, den er gar wohl
erkannte, sagte: „Weil ich war, wie du nun bist, so bin ich nun also elend, wie
du mich schaust, und du wirst auch so elend, wie ich und alle die Vorväter nun
sind und auch sicher bleiben werden; denn uns leuchtet kein Glaube und keine
Hoffnung!“
[GEJ.07_190,12] Fragte der Pharisäer ganz
erstaunt: „Kann euch denn nimmer geholfen werden?“
[GEJ.07_190,13] Sagte der Geist: „O ja, so
wir das wollten; aber wir haben den Willen dazu nicht, gleichwie du ihn auch
schon in dieser Welt nicht hast und Den verfolgst, der dir helfen könnte, – und
wir tun dasselbe!“
[GEJ.07_190,14] Hier verschwanden die Geister
und Ich sagte: „Was ist nun deine Meinung?“
[GEJ.07_190,15] Da sagte der Pharisäer: „Ihr
alle seid Zauberer und Magier, und diese Erscheinung habt ihr hergezaubert! Ich
werde mich darum mit euch nicht mehr abgeben und mich zurückziehen.“
[GEJ.07_190,16] Das Volk aber sagte: „Oh, oh,
seine Weisheit hat sich gehäutet, darum geht er nun voll Schande zurück!“
[GEJ.07_190,17] Die Tempeljuden aber
ermahnten das laute Volk; dieses aber wurde noch lauter und fing an zu zischen
und zu pfeifen. Da zogen sich alle Pharisäer und alle die Tempeljuden in aller
Eile zurück.
[GEJ.07_190,18] Das Volk aber bat Mich, daß
Ich es belehren möchte.
[GEJ.07_190,19] Ich aber ermahnte das Volk
Selbst zur Ruhe, und es ward alsbald ruhig. Darauf erst fing Ich an, das Volk
zu lehren über die Liebe zu Gott und zum Nächsten, und warnte es vor den
Irrlehren der Pharisäer.
191. Kapitel
[GEJ.07_191,01] Es kam aber durch etliche
unter dem Volke versteckte Spione zu den Ohren der Pharisäer, daß Ich das Volk
also lehrte. Da hielten sie einen Rat, was sie wider Mich unternehmen sollten,
um Mich zu fangen und zu verderben.
[GEJ.07_191,02] Aber die Gemäßigteren sagten:
„Ihr könnet zwar tun, was ihr wollet; aber wir versichern euch zum voraus, daß
ihr gegen ihn nichts ausrichten werdet. Denn fürs erste hängt ihm viel Volk an,
und fürs zweite besitzt er eine uns unbegreifliche Zaubermacht, durch die ihm
alle Mächte und Kräfte der Natur und Geisterwelt zu gehorchen scheinen, und
fürs dritte ist er in der Schrift derart bewandert, daß wir alle gegen ihn pure
Pfuscher sind, und zum vierten hat er die hohen Römer, die ihn sicher für einen
Halbgott halten, fest für sich. Auch die alten, wunderlichen Ägypter, Perser,
Araber, Indier und noch andere Morgenländer hat er um sich, und da wird es nun
schon sehr schwer werden, gegen ihn etwas Erfolgwirkendes zu unternehmen.
Wollet ihr aber uns etwa keinen Glauben schenken, so gehet selbst hinaus und
erkundiget und überzeuget euch von allem selbst!
[GEJ.07_191,03] Sind gestern nachmittag nicht
die zwei allerbewährtesten Pharisäer hinaus nach Emmaus gezogen mit zwei
unserer schlauesten Leviten? Wo sind sie etwa nun? Wir wissen es nicht.
Vorgestern haben wir unsere vertrautesten Spione und Häscher nach ihm
ausgesandt und haben ihnen die feste Weisung gegeben, uns noch vor dem Abende
Nachricht zu bringen, was sie irgend in Erfahrung gebracht haben, und es kam
keiner bis zur Stunde zurück! Wo sind sie hingekommen? Welche entsetzlichen
Verlegenheiten haben uns die vorgestrigen Erscheinungen in der Nacht bereitet!
Wer außer ihm und seinen Helfershelfern konnte sie bewirkt haben?!
[GEJ.07_191,04] Heute haben drei aufgegangene
Sonnen uns und alles Volk in eine große Verwirrung gebracht! Auch das scheint
von ihm bewirkt worden zu sein! Es scheint sich an ihm alles zu bestätigen, was
wir von anderwärts über ihn und sein Wirken in Erfahrung gebracht haben, und so
ist es nun von uns ein eitles Ding, so wir uns vornehmen, ihm irgendeine Gewalt
anzutun. Hätte er nur eine geringste Furcht vor uns, so würde er es
wohlweislich bleiben lassen, im Tempel offen lehrend aufzutreten; denn unsere
Strenge gegen solche Menschen wird ihm so gut bekannt sein wie uns selbst. Das
ist so unsere nüchterne Meinung; ihr aber könnet nach der großen Mehrheit eurer
Stimmen noch immer tun, was euch gut dünkt, und wir werden euch nicht in den
Weg treten.
[GEJ.07_191,05] Das aber glauben wir nach
unserem allzeit nüchternen Nachdenken: Ist seine Sendung etwa doch von Gott
geheim verordnet, so werden wir sie nicht zu unterdrücken imstande sein; ist
sie aber nur ein pures Menschenwerk, so wird sie auch von selbst wieder
zerfallen in den Staub der Vergessenheit. Kann nun unser Wort gegen ihn nichts
ausrichten, so werden unsere Taten noch weniger vermögen!“
[GEJ.07_191,06] Sagte nun einer von der
Erzpartei des Kaiphas: „Wenn denn nun schon alles sich so verhält, wie ihr das
nun wohlmeinend vorgebracht habt, so ratet ihr denn, was da Rechtens zu tun
sein könnte; denn gar so unbeirrt können wir diese Sache, die uns den Untergang
bringen muß, ja doch wohl nicht vor sich gehen lassen!“
[GEJ.07_191,07] Sagte darauf der Gemäßigte:
„Wenn wir ihn durch eine kluge und wohlberechnete Frage und Rede nicht vor dem
Volke und vor den Römern entlarven und verdächtig machen können, so sind wir so
gut wie fertig; durch Taten werden wir ihm nicht im geringsten zu schaden
imstande sein! Das ist unsere feste und wohlbegründete Meinung.“
[GEJ.07_191,08] Sagte darauf der
Erzpharisäer: „Der Rat ist gut und läßt sich hören, und wir können da ja einen
Versuch machen; denn an schlauen, klugen und guten Rednern hat es bei uns noch
keinen Mangel, obwohl uns schon eine bedeutende Anzahl der sonst bewährtesten
Redner in diesen Zeiten abhanden gekommen sind, was wir wahrscheinlich auch dem
verruchten Nazaräer zu verdanken haben. Wer von uns getraut sich denn, gegen
eine große Belohnung dieses Amt zu übernehmen?“
[GEJ.07_191,09] Hier traten ein
Schriftgelehrter und ein Pharisäer, der auch der Römergesetze wohl kundig war,
auf, und die beiden sagten: „Betrauet uns mit diesem Amte, und wir werden ihn
bald und leicht gefangen haben; denn uns ist noch keiner durchgekommen!“
[GEJ.07_191,10] Der ganze Rat war damit
einverstanden, und Kaiphas sagte mit großer Gravität: „Gut, so verkleidet euch,
auf daß euch das Volk nicht erkenne! Tretet durch die große Volkstür in den
Tempel, und machet eure Sache gut, und mein und Gottes Wohlgefallen wird euch
zuteil werden!“
[GEJ.07_191,11] Hierauf verkleideten sich die
beiden und gingen nach der Anweisung des Kaiphas in den Tempel, wo Ich noch das
Volk über die Liebe zu Gott und zum Nächsten belehrte; aber die Hohenpriester
(Obersten), Pharisäer und auch noch etliche Schriftgelehrte trauten den zweien
nicht völlig, verkleideten sich auch und zogen ihnen nach in den Tempel, um
selbst Zeuge zu sein, was die beiden mit Mir ausrichten würden, und stießen im
Tempel zu ihnen.
192. Kapitel
[GEJ.07_192,01] Die beiden kamen bald vor
Mich hin und fragten Mich gleich ganz keck, als Ich ein wenig ausruhte:
„Meister, wir wissen es, daß du außerordentliche Dinge verrichtest, die vor dir
kein Mensch je verrichtet hat! Sage es uns denn doch einmal, aus was für Macht
du solches alles zu verrichten imstande bist; denn du als ein Meister wirst
doch wohl sicher am besten wissen, durch welche Kräfte und Mittel dir all die
Wundertaten zu verrichten möglich sind (Matth.21,23)!“
[GEJ.07_192,02] Sagte Ich: „O ja, das weiß Ich
gar sehr wohl, und sehet, Ich will es euch auch sagen; aber zuvor werde Ich
euch um etwas fragen! Beantwortet ihr Mir Meine an euch gestellte Frage recht,
so will Ich euch dann auch sagen, aus welcher Macht Ich Meine Taten verrichte
(Matth.21,24)!“
[GEJ.07_192,03] Sagten die beiden: „Frage du
uns nur immerhin; wir werden dir keine Antwort schuldig bleiben!“
[GEJ.07_192,04] Sagte Ich: „Gut denn; also
saget es Mir frei und offen vor allem Volke: Woher war die Taufe Johannis, des
Sohnes ebendesselben Zacharias, der von euch in diesem Tempel zwischen dem
Altar und dem Allerheiligsten erwürgt worden ist? War dieses Johannis Taufe vom
Himmel oder nur von den Menschen? Denn an euch liegt es, das vor dem Volke als
etwas Bestimmtes auszusprechen. Ihr seid wohl in anderen Kleidern und seid
gleich anderen Pilgern beim großen Volkstor in den Tempel gekommen; aber
dessenungeachtet seid ihr dennoch schnell erkannt worden. Machet eure Sache
aber gut, sonst bleibt der euch verheißene Lohn unterm Wege, den ihr dafür erhalten
könntet, so ihr Mich finget in der Rede!“
[GEJ.07_192,05] Da gedachten sie bei sich und
sagten still zueinander (die Pharisäer): „Das ist eine ganz verzweifelt feine
Frage! Denn sagen wir des Volkes wegen: Die Taufe Johannis war vom Himmel, so wird
er und das Volk zu uns sagen: Wenn so, warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt,
und warum habt ihr ihn verfolgt und Herodes beredet, daß er ihn zuerst in den
Kerker werfen und darauf enthaupten ließ (Matth.21,25)?‘ Sagen wir aber, daß
die Taufe vom Menschen war, so wird sich alles Volk wider uns erheben; denn das
Volk hält Johannes gleichfort für einen wahren Propheten (Matth.21,26) und
würde über uns herfallen, so wir so etwas von Johannes aussagten. Darum ist da
schwer, diesem Menschen eine rechte Antwort zu geben!“
[GEJ.07_192,06] Sagte im geheimen noch ein
anderer: Mir fiel nun ein guter Gedanke ein! Sagen wir das eine oder das
andere, so geben wir uns gefangen; wir müssen hier tun, als hätten wir uns um
solche Aus- und Mißgeburten des verdorbenen Judentums gar nie gekümmert, weil
das zu tief unter unserer Würde sich befand! Und um der langen Rede einen
kurzen Sinn zu geben, sagen wir ganz einfach: Das wissen wir nicht; denn über
eine so geringfügige Begebenheit dem Tempel gegenüber haben wir uns gar nie
gekümmert!“
[GEJ.07_192,07] Nach solch einer
Beschlußnahme wandten sich die beiden wieder an Mich und sagten: „Meister, auf
deine Frage können wir dir gar keine Antwort geben; denn wir wissen das nicht,
von wem die Taufe des Johannes war! Denn ganz offen gesagt: wir haben uns um
diese viel zuwenig gekümmert!“
[GEJ.07_192,08] Sagte Ich zu ihnen: „Nun gut,
weil ihr Mir das nicht sagen wollet, so sage auch Ich euch nicht, aus welcher
Macht Ich Meine Werke verrichte (Matth.21,27)!
[GEJ.07_192,09] Was dünkt euch aber? Sehet,
es hatte ein Mann zwei Söhne! Er ging zu dem ersten und sagte zu ihm: ,Mein
Sohn, gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberge (Matth.21,28)!‘ Der Sohn
aber sagte: ,Vater, ich will das nicht tun; denn ich scheue mich vor der
schweren Arbeit!‘ Als aber der Vater von ihm gegangen war, da reute es den
Sohn; er stand auf und ging hin in den Weinberg und arbeitete den ganzen Tag
mit allem Fleiß und Eifer (Matth.21,29).
[GEJ.07_192,10] Der Vater aber ging darauf
zum zweiten Sohne und sagte auch zu diesem, was er zum ersten gesagt hatte. Und
dieser antwortete: ,Herr und Vater! Ja, ich werde sogleich dahin gehen und
arbeiten!‘ Als aber der Vater von ihm ging, da blieb der Sohn daheim und ging
nicht in den Weinberg, daß er dort arbeitete (Matth.21,30). – Welcher von den
beiden Söhnen hat denn hier den Willen des Vaters erfüllt?“
[GEJ.07_192,11] Sagten die Befragten: „Eine
wahrhaft kindische Frage! Hier hat ja doch offenbar der erste Sohn des Vaters
Willen erfüllt (Matth.21,31a)! Denn mit der abschlägigen Antwort hatte er dem
Vater sicher nur eine überraschende Freude machen wollen; denn am Worte liegt
doch offenbar weniger als an der Tat. Aber wofür soll dieses Bild gut sein, und
was hast du uns damit sagen und zeigen wollen?“
[GEJ.07_192,12] Sagte Ich: „Ich werde euch
das schon erläutern, wenn ihr schon so blind seid, daß ihr das nicht von selbst
einsehen möget! Der Vater ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die beiden
Söhne aber sind, und zwar der erste: die von Gott berufenen wahren Propheten,
die aber eben im Anfange mit der Berufung nicht zufrieden waren, wie das schon
Moses gar klar dadurch an den Tag legte, daß er sich weigerte, ob seiner
schweren Zunge das hohe Amt zu übernehmen, und darum Gott bat, daß Er ihm den
Bruder Aaron zum Dolmetscher gebe. Aber gearbeitet hat dann doch nur Moses. Der
zweite Berufene führte wohl das Wort; aber gearbeitet hat nur Moses. Und so
ging es dann bis auf diese Zeiten immer schlimmer herab.
[GEJ.07_192,13] Da die zweiten, die das
Versprechen und das Gelübde machten, im Weinberge Gottes zu arbeiten, stets nur
das Versprechen machten, daß sie arbeiten würden, aber dann doch nichts taten,
so mußte sich Gott wieder an die Hartzüngigen wenden. Diese gaben ihm zwar kein
Versprechen, aber sie arbeiteten; so sie aber dann arbeiteten, da fielen die
zweiten über sie her und verfolgten sie aus Eifersucht und wollten ihnen die
gute Arbeit verwehren, damit die wahren Arbeiter nicht angesehen werden sollten
vom Vater des Weinbergs.
[GEJ.07_192,14] Und so waren in dieser jüngsten
Zeit Zacharias und darauf sein Sohn Johannes wohlbestellte Arbeiter im
Weinberge des Herrn, obwohl im Anfang ihres inneren Berufes sich ein jeder von
beiden geweigert hat, dieses Amt zu übernehmen, weil sie die große Trägheit und
die glühende Eifersucht derer wohl kannten, die Gott das Versprechen und das
Gelübde gaben, im Weinberge zu arbeiten, aber dann stolz die Hände in den
faulen Schoß legten und nicht nur selbst nichts arbeiteten, sondern noch den
guten und eifrigen Arbeitern mit Feuer und Schwert verboten, zu arbeiten.
[GEJ.07_192,15] Darum sage Ich euch:
Wahrlich, wahrlich, Zöllner und Huren werden wohl eher in den Himmel kommen
denn ihr (Matth.21,31b)! Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg,
und ihr glaubtet ihm nicht, wie auch eure Vorfahren den alten Propheten nicht
geglaubt haben; aber die Zöllner und Huren glaubten dem Johannes, taten Buße
und besserten sich. Ihr sahet das wohl und sahet auch euer Unrecht ein; aber
ihr tatet dennoch nicht, was die Zöllner taten, damit es ja nicht etwa ruchbar
werde, daß auch ihr an ihn geglaubt hättet (Matth.21,32). Darum werden auch die
Zöllner und die Huren eher ins Gottesreich eingehen als ihr, die ihr da endlos
große Dinge auf euren Beruf haltet und euch damit also brüstet vor aller Welt, als
hättet ihr Gott Himmel und Erde erschaffen helfen.
[GEJ.07_192,16] Aber Ich sage es euch: Eben
darum seid ihr die Allerletzten vor Gott! Denn alles, was vor der Welt groß und
glänzend ist, das ist vor Gott ein Greuel. Ihr wollet nicht in den Himmel und
vertretet noch denen, die hinein wollen, den Weg. Darum aber werdet ihr
dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen.
[GEJ.07_192,17] Ich sage euch das, weil Ich
das Recht und die Macht dazu habe und keine Furcht habe vor den Menschen dieser
Welt, wie ihr sie habt; denn Ich kenne Gott und die Macht Seines Willens, der
nun in Mir ist und will und handelt. Ihr aber kennet Gott nicht, und Sein Wille
ist nicht in euch! Darum aber fürchtet ihr dann die Welt und handelt nach dem,
was sie euch vorschreibt in euren Herzen; und da ihr das tuet, so bereitet ihr
euch auch selbst euer Gericht, eure Verdammnis, und mit ihm den wahren, ewigen
Tod. Dieser aber besteht eben darin, daß ihr fortwährend Sklaven eurer stets
wachsenden Trägheit und Sinnlichkeit bleiben und ihre schnöden und argen
Früchte einernten werdet.“
[GEJ.07_192,18] Sagte einer der beiden: „Du
redest frei und offen zu uns, die wir so gut Menschen sind, wie du einer bist.
Hat es dem allmächtigen Gott gefallen, uns Menschen nur für die Hölle zu
erschaffen, so hätte Er Sich da wohl die Mühe ersparen können; denn dafür wird
Ihn keine Seele loben. Wir aber meinen, daß Gott die Menschen noch immer zu
etwas Besserem erschaffen hat, und hoffen darum, daß Er als das weiseste und
vollkommenste Wesen uns Menschen deshalb, weil wir so oder so zu handeln durch
unüberwindbare Umstände genötigt werden, nicht schon gleich auf ewig in allen
Qualen der Hölle wird peinigen wollen.
[GEJ.07_192,19] Daß wir so manchem Menschen,
der sich uns als ein Prophet darstellt, nicht gleich glauben können, davon ist
der Grund wohl sehr begreiflich; denn würde der Tempel das tun, so wäre er
schon lange kein Versammlungspunkt der noch an Moses glaubenden Juden mehr!
Warum läßt sich denn ein von aller Macht Gottes erfüllter Prophet von den Juden
ergreifen und sogar töten? Geschieht das, so fallen seine Jünger dann aber auch
schon, wie die Erfahrung lehrt, beinahe allzeit von ihm ab und werden wieder
Juden, wie sie es vor dem Propheten waren. Warum läßt denn Gott solches zu?
[GEJ.07_192,20] So die Propheten Seine
besonders erweckten und berufenen Arbeiter sind und wir denselben trägen Sohn
darstellen, der dem Vater wohl versprochen hat, im Weinberge zu arbeiten, aber
dann sein Wort nicht hielt – wie kommt es denn, daß sich die von Gott so hoch bevorzugten
Arbeiter von uns trägen Nichtstuern noch allzeit haben besiegen lassen? Wie hat
denn dein Gott so etwas zulassen können?“
193. Kapitel
[GEJ.07_193,01] Sagte Ich: „Gott hat jedem
Menschen einen vollkommen freien Willen gegeben und einen Verstand und ein ihn
mahnendes und allzeit zurechtweisendes Gewissen, ohne welche drei Stücke der
Mensch nur ein bloßes Tier wäre.
[GEJ.07_193,02] Dem Menschen aber ist zur
Probe seines freien Willens auch die Trägheit und die Eigenliebe angeboren in
seinem Fleische, in dem sich der Mensch auf dieser Welt am meisten behaglich
fühlt.
[GEJ.07_193,03] Der Mensch aber soll aus
eigener Kraft das als ein Übel für seine Seele an sich erkennen und es mit den
von Gott ihm gegebenen Mitteln so lange fort bekämpfen, bis er ein vollendeter
Meister über alle seine leiblichen Leidenschaften geworden ist. Das kommt aber
dem sinnlichen und trägen Menschen zu unbequem und unbehaglich vor; er läßt
sich lieber von seinen wachsenden sinnlichen Leidenschaften so fest als nur
immer möglich umstricken und zieht dadurch Tausende nach, weil es auch ihrem
Fleische wohltut, sich in aller Trägheit und ihrer Wollust zu baden.
[GEJ.07_193,04] Aber was ist von dem die arge
Folge? Die Seele, statt sich aus den Banden der Materie auf dem Wege der von
Gott ihr angeratenen rechten Tätigkeit loszumachen und am Ende sogar ihr
Materielles zu vergeistigen und wahrhaft zu beleben, begibt sich nur stets
tiefer und tiefer in den Tod ihrer Materie.
[GEJ.07_193,05] Wenn das bei den Menschen
einmal zu allgemein zu werden beginnt, so erbarmt sich Gott der Menschen und
sendet stets zur rechten Zeit Wecker unter die trägen Menschen. Wenn diese aber
dann ihr Werk beginnen, so werden die vielen Trägen über die Wecker toll,
fallen über sie her, und mißhandeln sie und erwürgen sie gar in ihrer blinden
Wut, damit sie dann wieder in ihrer ihrem Fleische so wohltuenden Trägheit
fortschlafen können.
[GEJ.07_193,06] Weil aber Gott eben die
Menschen nur fürs ewige Leben und nicht für den ewigen Tod erschaffen hat, so
läßt Er auch nicht ab, den trägen und sinnlichen Menschen fort und fort
allerlei Wecker zukommen zu lassen, damit sie, die trägen Menschen nämlich,
sich aufrichten möchten zur wahren, die Seele belebenden Tätigkeit.
[GEJ.07_193,07] Werden die mahnenden
Propheten nicht angehört, sondern nur verfolgt, so sendet dann Gott bald andere
und schärfere Wecker wie Mißwachs, Teuerung, Kriege, Hungersnot und Pestilenz
und noch gar manche andern Plagen.
[GEJ.07_193,08] Bekehren sich die Menschen
und werden wieder tätig nach dem göttlichen Rate, dann nimmt Gott bald wieder
die Plagen von den Menschen; kehren sich aber die Menschen nicht daran, so hat
dann Gott schon noch große Wecker im Vorrate, und diese sehen dann aus wie die
Sündflut Noahs und die Zerstörung von Sodom und Gomorra!
[GEJ.07_193,09] Wenn ihr in euren Sünden also
fortbeharret, bis das gegebene Maß voll wird, dann werdet auch ihr die letzten
großen und erschrecklichen Wecker ehest zu gewärtigen haben. Ich habe euch das
nun gesagt, auf daß ihr, wenn es über euch kommen wird, euch Meiner Worte wohl
erinnern möget.“
[GEJ.07_193,10] Sagten die beiden: „Was tun
wir denn Arges, daß darum über uns so etwas kommen sollte?“
[GEJ.07_193,11] Sagte Ich: „Was ihr tut und
noch allzeit getan habt, das werde Ich euch nun sogleich in einem Gleichnisse
dartun, – und so höret Mich!
[GEJ.07_193,12] Es war ein weiser Hausvater,
der pflanzte einen Weinberg und führte einen festen Zaun um ihn; dazu grub er
eine Kelter und baute einen festen Turm darüber, in dem gar viele Menschen wohnen
konnten. Als das alles beendet war, da übergab er alles den Weingärtnern,
nachdem sie ihm zuvor Treue, Aufrichtigkeit und Fleiß und Eifer versprochen und
er ihnen einen gar guten Lohn ausgesetzt hatte, mit dem die Weingärtner sich
sehr zufriedenstellten. Und der Hausvater, da er noch gar viele anderartige
Geschäfte hatte, konnte ganz ruhig über Land ziehen, da er alles in der besten
Ordnung bestellt hatte (Matth.21,33).
[GEJ.07_193,13] Als dann herbeikam die Zeit
der Ernte, sandte der Hausvater seine Knechte (Propheten und Lehrer) hin, auf
daß sie in Empfang nähmen die Früchte des Weinberges (Matth.21,34). Als aber
die Weingärtner, die dem Hausvater alle Treue und Aufrichtigkeit und allen
Fleiß und Eifer versprochen hatten, die Knechte ersahen, da berieten sie sich
also untereinander und sagten: ,Ei was, wir sind unser viele und werden mit den
wenigen Knechten des Herrn bald fertig werden und werden die Ernte fein unter
uns verteilen!‘ Damit waren alle die bösen Weingärtner einverstanden, und sie
ergriffen die Knechte, die vom Herrn gesandt waren, die Früchte in Empfang zu
nehmen. Den einen stäupten sie, den andern töteten sie, und den dritten
steinigten sie (Matth.21,35).
[GEJ.07_193,14] Als das vor den Hausvater
kam, da ward er voll Ärgers und sandte abermals Knechte hin, aber in einer
größeren Anzahl, als da war die der ersten. Und seht, die Weingärtner
überwältigten auch diese und taten mit ihnen, was sie mit den ersten getan
hatten (Matth.21,36).
[GEJ.07_193,15] Als auch das vor den
Hausvater kam, da ward er ordentlich traurig und gedachte bei sich, ob er mit
seinen Weingärtnern ein strenges Gericht halten solle, oder ob er infolge
seiner großen Güte und Geduld noch einmal versuchen solle, seine Weingärtner
zur freiwilligen Herausgabe seiner Früchte aufzufordern. Da gedachte er bei
sich und sprach: ,Ich weiß, was ich tun werde! Ich werde meinen einzigen Sohn
dahin entsenden! Vor diesem werden sie sich scheuen und werden tun nach seinem
gerechtesten Verlangen (Matth.21,37)!‘
[GEJ.07_193,16] Als aber die Weingärtner den
Sohn ersahen, da sprachen sie untereinander: ,Das ist der Erbe! Kommt und laßt
uns auch den töten, und wir bringen dadurch sein Erbgut an uns (Matth.21,38)!‘
Und sie ergriffen ihn, stießen ihn zum Weinberge hinaus und töteten ihn daselbst
(Matth.21,39). –
[GEJ.07_193,17] Was meinet ihr nun: Was wird
der Herr des Weinberges, wenn er darauf selbst, mit großer Macht begleitet, zu
den bösen Weingärtnern kommen wird, ihnen wohl tun (Matth.21,40)?“
[GEJ.07_193,18] Da sagten die beiden: „Er
wird die Bösewichter alle übel umbringen und seinen Weinberg sicher andern
Weingärtnern anvertrauen, die ihm die Früchte zur rechten Zeit ausliefern
werden (Matth.21,41)!“
[GEJ.07_193,19] Sagte Ich: „Da habt ihr nun
ganz wahr und gut geurteilt; aber wisset ihr auch, daß unter dem Weinberge die
Kirche zu verstehen ist, die Gott als der besagte Hausvater durch Moses
gegründet hat, daß ihr Priester die euch nun gezeigten argen Weingärtner seid,
daß die Knechte die vielen Propheten sind, die Gott zu euch gesandt hat, und
daß nun eben Ich der Erbe des Vaters bin, über den ihr nun Tag für Tag Rat
haltet, wie ihr ihn ergreifen, aus seinem Eigentum hinausstoßen und auch töten
könntet, auf daß ihr dann ganz unbeirrt auf seinem Throne herrschen könntet und
des Weinbergs Früchte unter euch teilen?“
[GEJ.07_193,20] Sagten darauf die beiden: „Wo
sind denn hernach die, welche dich, wenn du wahrhaft der Erbe bist, zu töten
trachten? Wir sind nicht hierher gekommen, um dich nun zu ergreifen und zu
töten, sondern wir sind gekommen, um dich ernstlich zu erforschen, ob du wohl
der vollen Wahrheit nach derjenige bist, der uns verheißen ward. Wir müssen da
an der Schwelle der alten Kirchentüre Wache halten, damit nicht etwa auch in
dieser wundersüchtigen Zeit, in der die Essäer und auch andere Magier ihre gute
Ernte halten, sich ein falscher Christus einschleiche und das leichtgläubige
und blinde Volk mit seinen falschen Lehren und Wundertaten berücke und
verführe. Wer demnach nicht vor uns die Feuerprobe besteht, der ist ein
Eindringling und ein Betrüger, und wir haben das Recht, ihn zu ergreifen und
hinauszustoßen.
[GEJ.07_193,21] Wenn du der wahre Christ
bist, – warum ärgert es dich denn, so wir dich vor dem Volke erproben? Finden
wir, daß an dir kein wie immer gearteter Betrug haftet, so werden wir dich auch
allem Volke als den vorstellen, als den du dich uns selbst vorstellst; erkennen
wir aber mit unserem Scharfsinn, daß du dich nur selbst zu etwas machst – etwa
auf Kosten deiner geheimen Zauberei –, so liegt uns die von Gott auferlegte
Pflicht ob, dich als einen Betrüger und Gotteslästerer hinauszustoßen und nach
dem Gesetze zu bestrafen. Wenn wir aber also handeln, wie kannst du uns da mit
den argen Weingärtnern in einen Vergleich stellen und uns dadurch vor allem
Volke verdächtigen?“
[GEJ.07_193,22] Sagte Ich: „Weil Ich dazu
allen Grund habe und Mich vor euch nicht fürchte! Ich will euch aber den Grund
noch näher bezeichnen: Wie ihr nun seid, und wie ihr euch gebärdet, also war es
auch schon seit sehr lange her der gleiche Fall. Auch diese (eure Vorgänger)
hielten sich stets für die völlig rechtmäßigen Wächter und Bearbeiter des
Weinberges Gottes; allein, wo und wie sie arbeiteten, da behielten sie die
Früchte für sich und haben das Gesetz Gottes verkehrt und gar vertauscht mit einem
weltlichen Gesetze zu ihrem diesweltlichen Besten.
[GEJ.07_193,23] Da sandte Gott die Propheten
zu ihnen, und sie verfolgten sie mit Feuer und Schwert, indem sie vor dem Volke
dieselben stets für falsche Propheten erklärten, und jeden Menschen für einen Frevler
und Gotteslästerer der der Propheten Lehre annahm und danach lebte.
[GEJ.07_193,24] Hundert Jahre später erst
wurden die von ihren zeitgenössischen Priestern verfolgten Propheten als wahre
Propheten anerkannt, und es wurden ihnen Denkmäler errichtet, die ihr nun noch
heutzutage aus lauter scheinbarer Ehrfurcht alljährlich übertünchet; aber an
ihr, der Propheten, Wort glaubet ihr heute ebensowenig, wie ihre
zeitgenössischen Priester ihnen geglaubt haben. Und wie sie die alten Propheten
verfolgt haben, so auch verfolget ihr die heute zu euch gesandten Propheten,
erkläret sie für falsche, stoßet sie hinaus und tötet sie!
[GEJ.07_193,25] So ihr das aber tuet – was
ihr nicht leugnen könnet –, habe Ich da nicht recht, euch für jene argen
Weingärtner zu erklären, die nach eurem Urteil der Herr des Weinberges bald gar
übel umbringen wird?! Wächter seid ihr wohl, aber gleich jener räuberischen
Art, die vor einer Räuberhöhle Wache halten!
[GEJ.07_193,26] Was kümmert euch das
Wohlgefallen Gottes, an den ihr noch nie geglaubt habt? Euch kümmert nur eure
Weltehre, weil sie euch viel Gold, Silber und viele Edelsteine und dazu noch
das Erste und Beste von allem, was das Land erzeugt und trägt, abwirft. Denn
glaubtet ihr an Gott, so hieltet ihr auch Seine Gesetze, in welchen steht: ,Du
sollst nicht verlangen, was deines Nächsten ist!‘ und: ,Du sollst nicht töten!‘
Ihr aber verlanget und nehmet gleich schon alles, was eures Nächsten ist, das
er sich im Schweiße seines Angesichtes erworben hat. Wer euch aber das Verlangte
nicht geben will, den verfolget ihr ärger denn hungrige Wölfe ein Lamm, und wer
euch als von Gott erweckt ermahnt, daß ihr unrecht handelt, den ergreifet ihr
alsbald und tötet ihn.
[GEJ.07_193,27] Daß ihr aber also und nicht
anders handelt, das weiß nicht nur Ich, sondern das weiß nun schon ein jeder
Mensch und weint und klagt über eure rücksichtsloseste Härte. Ihr leget den
armen Menschen unerträgliche Lasten auf; ihr selbst aber rühret sie nicht mit
einem Finger an!
[GEJ.07_193,28] Saget es hier dem Volke, ob
euch zu solch einer frechsten und gewissenlosesten Gebarung je Moses oder ein
anderer Prophet ein Gesetz gegeben hat! Wo steht es geschrieben, daß ihr die
Habe der Witwen und Waisen gegen verheißene lange Gebete an euch bringen
dürfet, und wann hat Moses befohlen, wahrhafte Propheten für falsche zu
erklären und sie zu verfolgen und zu töten?!
[GEJ.07_193,29] Wenn ihr aber alles das tuet
– was ihr nimmer leugnen könnet –, so ist es doch klar am Tage vor aller Welt,
daß eben ihr die argen Weingärtner seid, von denen Ich geredet habe!“
[GEJ.07_193,30] Hier wurden die zwei
Pharisäer samt den andern gar sehr aufgebracht, daß Ich ihnen solches vorhielt,
und alles Volk sagte: „Ja, ja, der redet die vollste und nackteste Wahrheit!
Ganz also ist es und nicht um ein Haar anders!“
[GEJ.07_193,31] Als das Volk solches laut
aussprach, da sagten die beiden gar drohenden Angesichtes: „Sage uns, wer du
denn bist, daß du es wagst, uns solches vor dem Volke ins Gesicht zu sagen!
Kennst du unsere Rechte und unsere Gewalt nicht? Wie lange willst du unsere
Geduld noch auf die Probe stellen?“
[GEJ.07_193,32] Sagte Ich: „Ich bin nun Der,
der Ich mit euch rede; dann habe Ich wahrlich nicht die allergeringste Furcht
vor eurer Gewalt, weil euer eingebildetes Recht vor Gott und allen ehrlichen
Menschen das höchste Unrecht ist. Was aber die Geduld betrifft, so hättet ihr
wohl füglich fragen sollen, wie lange Ich mit euch noch eben die Geduld haben
soll, die ihr mit Mir zu haben wähnet; denn Mir ist alle Gewalt und Macht
gegeben im Himmel und auf Erden. Mein Wille kann euch verderben und werfen in
das Feuer Meines Zornes; ihr aber könnet Mir nichts tun, indem Ich euch um
vieles eher verderben kann, als ihr es vermöchtet, an Mich nur einen Finger zu
legen. Ja so Ich es zulassen werde eurer zu großen Bosheit wegen, daß ihr eure
schnöden Hände an Mich leget, dann auch ist der Tag eures Gerichtes und eures
Unterganges herbeigekommen!“
194. Kapitel
[GEJ.07_194,01] Sagte einer der beiden: „Was
redest du alles für gotteslästerlichen Unsinn zusammen! Sind wir denn nicht die
von Moses und Aaron bestellten Bauleute am Hause Gottes auf Erden, wie solches
auch geschrieben steht?“
[GEJ.07_194,02] Sagte Ich: „Ja, ja, es steht
solches zwar wohl geschrieben; aber es stehet auch noch etwas anderes geschrieben,
und das will Ich euch darum sagen, da ihr schon der Bauleute Erwähnung getan
habt. Was aber da, euch sicher auch wohlbekannt, geschrieben steht, das lautet
also, wie ihr solches auch in der Schrift gelesen habt: ,Der Stein, den die
Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Dem Herrn ist solches
geschehen und stehet zu schauen nun wunderbar vor euren Augen (Matth.21,42)!‘
Darum sage Ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und den Heiden
gegeben werden und wird bei ihnen seine Früchte bringen (Matth.21,43).“
[GEJ.07_194,03] Da sagten die zwei: „Was soll
denn mit dem Eckstein, für den du dich zu halten scheinst, weiter geschehen?“
[GEJ.07_194,04] Sagte Ich: „Mit dem von euch
verworfenen Steine, der nun dennoch zum Eckstein geworden ist, hat es für die
Folge diese Bewandtnis: Wer auf den Eckstein hinfallen wird, wie ihr nun, der
wird zerschellt werden; auf wen aber der Eckstein fallen wird – was ihr zu
erwarten habt –, den wird er zermalmen! – Habt ihr das nun verstanden (Matth.21,44)?“
[GEJ.07_194,05] Auf diese Meine Erklärung
fingen auch die andern anwesenden Hohenpriester und Pharisäer an, erst zu
begreifen, daß sie dieselben seien, die der über sie herfallende Eckstein
zermalmen werde (Matth.21,45). Da wurden sie sehr ergrimmt und fingen an, unter
sich zu beraten, wie sie Mich etwa doch ergreifen und verderben könnten
(Matth.21,46a).
[GEJ.07_194,06] Aber die Gemäßigteren rieten
ihnen ab und machten sie aufmerksam auf das viele Volk, das Mich für einen
großen Propheten hielt (Matth.21,46b), und daß Ich dem Volke schon sicher aus
dem Grunde sattsam dargetan habe, was die Hohenpriester und die Pharisäer
allzeit mit den Propheten gemacht haben. Es wäre daher ratsam, Mich zuvor in
der Rede zu fangen, Mich daraus vor dem Volke mit vollem Grunde für einen
Lügner und Betrüger zu erklären und darauf erst Mich zu ergreifen und den
Gerichten zu überantworten, wozu dann das Volk nichts mehr sagen könne. Solange
Ich aber in der Rede nicht zu fangen wäre, wäre es wohl äußerst gewagt, Mich
gerade in dieser Zeit zu ergreifen, in der das Volk durch die nächtlichen
Zeichen am Himmel noch zu aufgeregt wäre.
[GEJ.07_194,07] Die Hohenpriester und
Pharisäer sahen das bald ein, verbissen ihren Grimm und beschlossen, Mich weiterhin
mit der List der Rede zu fangen.
[GEJ.07_194,08] Auf solch einen Beschluß
wandten sie sich wieder an Mich in einer Art von Güte, weil sie sich vor dem
Volke sehr fürchteten, und fragten Mich, sagend (die Pharisäer): „Meister, da
du schon in der Schrift gar so sehr bewandert bist, so möchten wir nun von dir
denn doch auch erfahren, worin denn das Reich Gottes bestehen wird, das uns
genommen und den Heiden gegeben und bei ihnen die erwünschten Früchte tragen
wird. Was ist überhaupt das Reich Gottes, – was verstehst du darunter? Ist es
der Himmel, in welchen nach dem Leibestode alle Gläubigen zu kommen hoffen,
oder besteht es schon irgendwo auf dieser Erde, was nach deiner Rede der Fall
zu sein scheint, weil es ansonst nicht den Heiden gegeben werden könnte, von
denen doch im wahren, geistigen Himmel keine Rede sein kann, weil es nirgends
geschrieben steht, daß dereinst auch die finsteren Heiden in den Himmel Gottes
aufgenommen werden? Solche deine Rede kam uns aus deinem Prophetenmunde etwas
rätselhaft vor, weshalb wir dich ersuchen, uns diese Sache näher zu erklären!“
[GEJ.07_194,09] Hier frohlockten sie heimlich
schon; denn sie meinten, daß Ich Mich mit dieser Rede schon gefangen hätte und
ihnen auf solche ihre schlaue Frage eine rechte Antwort schuldig bleiben würde.
Auch das Volk machte hier und da schon bedenkliche Mienen und ward sehr
gespannt darauf, wie Ich Mich etwa aus solch einer Schlinge ziehen werde.
[GEJ.07_194,10] Ich aber richtete Mich auf
wie ein Held und machte eine Miene, in der keine Verlegenheit zu erkennen war,
und fing an, wie folgt, abermals in Gleichnissen mit ihnen zu reden
(Matth.22,1), sagend: „Weil ihr voll Trägheit, voll Sinnlichkeit und des
selbstsüchtigsten Hochmutes seid, so ist es euch auch unmöglich, das Geheimnis
und die Wahrheit des Reiches Gottes zu verstehen! Ihr stellet euch den
erhofften Himmel als irgendeine überherrliche und auch große Örtlichkeit über
den Sternen vor, in welcher die frommen Seelen nach dem Tode des Leibes oder –
wie da einige von euch noch der blöderen und unsinnigeren Meinung sind – erst
nach vielen tausend Jahren am von euch noch nie verstandenen Jüngsten Tage
aufgenommen und dann ewig im größten Wohlleben gleichfort schwelgen werden. Und
von solchem eurem Himmel, der sonst nirgends als nur in eurer überdummen
Phantasie besteht, sollen die finsteren Heiden nach euerm höchst
selbstsüchtigen Glauben ausgeschlossen sein! Ja, sage Ich euch, von solchem
eurem Himmel werden sie auch für ewig ausgeschlossen sein, weil es unmöglich
ist, in einen Himmel aufgenommen zu werden, der in der Wahrheit nirgends
besteht!
[GEJ.07_194,11] Auf daß sich aber dereinst
niemand damit entschuldige, daß er nicht gewußt habe, worin anders gestaltet
der wahre Himmel besteht, so will Ich euch des Volkes wegen in Bildern zeigen,
worin der wahre Himmel allenthalben in der ganzen Unendlichkeit und hier auf
dieser Erde, in und über allen Sternen ganz gleichartig besteht. Und so denn
höret Mich!“
195. Kapitel
[GEJ.07_195,01] (Der Herr:) „Das Himmel- oder
Gottesreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte
(Matth.22,2). Er sandte darum seine Knechte und Diener aus, auf daß sie
einluden gar viele vornehme Gäste zur königlichen Hochzeit. Aber die Geladenen
sagten bei sich: ,Was bedürfen wir einer königlichen Hochzeitstafel; wir haben
es daheim besser und brauchen niemandem zu danken!‘ Und es wollte darum keiner
der Geladenen zur königlichen Hochzeit kommen (Matth.22,3).
[GEJ.07_195,02] Als der König Kunde erhielt,
daß die erstgeladenen Gäste nicht kommen wollten, da sandte er abermals andere
Knechte aus und sprach zuvor zu ihnen: ,Saget den Gästen: Siehe, meine Hochzeit
habe ich bereitet! Meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles
ist bereitet; darum kommet alle zur Hochzeit (Matth.22,4)!‘
[GEJ.07_195,03] Da gingen die Knechte hin und
richteten das treulich den einzuladenden Gästen aus. Die Geladenen aber kehrten
sich abermals nicht daran, sondern verachteten das und gingen der eine auf
seinen Acker und der andere zu seiner anderartigen Hantierung, und noch andere
ergriffen die Knechte und verhöhnten sie und töteten sogar etliche
(Matth.22,5.6).
[GEJ.07_195,04] Als das der König hörte, da
sandte er alsbald in seinem gerechten Zorne seine Heere aus und brachte alle
diese Mörder um und zündete ihre Stadt an und ließ sie von Grund aus verwüsten
(Matth.22,7).
[GEJ.07_195,05] Darauf sprach der König
abermals zu seinen Knechten: ,Die Hochzeit ist zwar wohl bereitet, aber die
geladenen Gäste waren ihrer nicht wert; darum gehet nun hin auf alle die
gemeinen Straßen und Gassen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet
(Matth.22,8.9)!‘
[GEJ.07_195,06] Und die Knechte gingen und
brachten, wen sie nur immer fanden, Böse und Gute. Und sehet, die Tische wurden
voll besetzt (Matth.22,10)!
[GEJ.07_195,07] Als die Tische aber auf diese
Weise bestellt waren, da ging der König hinein in den großen Speisesaal, die
Gäste zu besehen. Da ersah er einen, der kein auch nur von fernehin
hochzeitlich Kleid anhatte, während doch alle andern, als sie geladen wurden,
nach Hause eilten und sich so gut, als es ihnen möglich war, in der Eile
hochzeitlich schmückten (Matth.22,11).
[GEJ.07_195,08] Da fragte der König die
Knechte: ,Warum hat denn jener Mensch sich nicht hochzeitlich geschmückt, auf
daß er meine Augen erquickte und den vielen anderen Gästen kein Ärgernis gäbe?‘
[GEJ.07_195,09] Die Knechte aber sagten: ,O
mächtigster König, das ist einer von den Erstgeladenen, die nicht kommen
wollten! Wir fanden ihn nun beim dritten Einladen auch auf der Straße, luden
ihn abermals ein und rieten ihm, daß auch er sich schmücken solle mit einem
hochzeitlichen Kleide. Er aber sagte: Ei was da! Ich will mir der Hochzeit
wegen keine saure Mühe machen, sondern ich werde zur Hochzeit gehen, wie ich
bin! Und so ging er denn auch, wie wir ihn auf der Gasse trafen, mit den andern
Gästen zur Hochzeit herein, und wir wehrten ihm es nicht, da wir dazu von dir
aus kein Recht hatten!‘
[GEJ.07_195,10] Als das der König von den
Knechten vernahm, da ging er hin zu dem, der kein Hochzeitskleid anhatte, und
sagte zu ihm: ,Wie mochtest du da wohl hereinkommen, ohne hochzeitlich
geschmückt zu sein mit einem Hochzeitsgewande? Siehe, die Tische sind voll
besetzt nun mit Armen, davon ein Teil böse war und nur ein geringer Teil gut;
aber alle haben sich geschmückt also, daß nun mein Auge ein rechtes
Wohlgefallen an ihnen hat! Du aber warst schon ein erstes Mal geladen und
wolltest nicht folgen der Einladung, und da nun die dritte, allgemeine
Einladung erging, so hast du dich doch bewegen lassen, hereinzugehen, jedoch
ohne allen Hochzeitsschmuck, und hast doch des Vermögens zur Genüge für ein
Hochzeitsgewand! Warum tatest du mir denn solch eine Schande an
(Matth.22,12a)?‘
[GEJ.07_195,11] Da ward der also Gefragte im
höchsten Grade unwillig über den König und wollte sich auch nicht einmal
entschuldigen und den König um Vergebung bitten, sondern er blieb stumm und gab
dem Könige keine wie immer geartete Antwort, obwohl zuvor der König ihn als
Freund angeredet hatte (Matth.22,12b).
[GEJ.07_195,12] Diese böse Verstocktheit
ärgerte aber den König also sehr, daß er zu seinen Dienern sagte: ,Dieweil
dieser Mensch also verstockt ist und meine große Herablassung und
Freundlichkeit nur mit Unmut, Zorn und Verachtung belohnt, so bindet ihm Hände
und Füße (Liebewillen und Weisheit) und werfet ihn in die äußerste Finsternis
(purer Weltverstand) hinaus (in die Materie)! Da wird sein Heulen und
Zähneklappen (Weltliche Streitereien über Recht, Wahrheit und Leben)
(Matth.22,13).‘
[GEJ.07_195,13] Ich aber sage euch hiermit,
daß zum wahren Reiche Gottes auch von Gott aus durch Seine erweckten Knechte
auch viele von euch geladen und berufen worden sind, aber auserwählt dann nur
wenige (Matth.22,14); denn einmal wollten sie der Einladung gar nicht Folge
leisten, darauf widersetzten sie sich derselben – wie es nun der Fall ist –,
und als zum dritten Male auch alle Heiden zur Hochzeit geladen wurden, sich
schmückten und zur Hochzeit kamen, da kam der Erstgeladenen nur einer im
unhochzeitlichen Gewande, und dieser ist das Bild eures Starrsinns, der euch in
die äußerste Weltfinsternis und Not hinausstoßen wird. Und darum werden unter
den vielen schon von Anbeginne Berufenen sich gar wenig Auserwählte befinden,
und es wird also das wahre Reich Gottes von euch genommen und den Heiden
gegeben werden; ihr aber werdet in eurer äußersten Weltfinsternis suchen und
zanken und streiten und werdet das nun verlorene und von euch gewichene Reich
Gottes nimmerdar finden bis ans Ende der Welt.
[GEJ.07_195,14] Das wahre und lebendige Reich
Gottes aber kommt nicht mit und besteht nicht im äußeren Schaugepränge, sondern
es ist im Innersten des Menschen; denn welcher Mensch es nicht in sich hat, für
den besteht es auch ewighin in der ganzen Unendlichkeit nicht und nirgends.
[GEJ.07_195,15] Darin aber besteht das Reich
Gottes im Menschen, daß er die Gebote Gottes hält und von nun an glaubt an Den,
der in Mir zu euch gesandt worden ist.
[GEJ.07_195,16] Wahrlich sage Ich euch: Wer
an Mich glaubt und nach Meinem Worte tut, der hat das ewige Leben in sich und
damit auch das wahre Reich Gottes; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht,
der Weg und das ewige Leben!
[GEJ.07_195,17] Wer das entweder aus Meinem
Munde oder auch aus dem Munde derer, die Ich als Meine rechten und gültigen
Zeugen nun schon aussende und in der Folge noch mehr aussenden werde, vernimmt
und nicht glaubt, daß es also und nicht anders ist und auch ewig nicht anders
sein kann, der kommt nicht ins Reich Gottes, sondern er bleibt in der Nacht
seines eigenen Weltgerichtes. Ich habe solches nun zu euch geredet; wohl dem,
der sich danach kehren wird!“
196. Kapitel
[GEJ.07_196,01] Als die Hohenpriester,
Schriftgelehrten und Pharisäer solches von Mir vernahmen, da wußten sie nicht,
was sie weiteres gegen Mich hätten unternehmen sollen, um Mich in der Rede zu
fangen. Denn mit der Frage wegen des Reiches Gottes hatten sie nichts
ausgerichtet, weil sie Mir darauf nichts zu entgegnen vermochten, und weil
alles Volk sich laut dahin aussprach, daß Ich da die allervollkommenste
Wahrheit geredet und gelehrt hätte.
[GEJ.07_196,02] Auch die anwesenden
Gemäßigteren sagten: „Wir haben euch schon ehedem gesagt, daß ihm mit Fragen
aus der Schrift nicht beizukommen sein wird, da er darin offenbar bewanderter
sein kann als wir selbst! Ihr müßtet nur über römische Gesetze, die er als ein
sein wollender Prophet gegenüber den Gesetzen Mosis nicht billigen kann, ihn um
seinen Rat und um seine Meinung fragen! Da wäre es noch am ehesten möglich, ihn
zu fangen! Aber es müßten ihm da schon von gar tüchtigen Gesetzeskundigen
Fragen gestellt werden!“
[GEJ.07_196,03] Damit waren sie alle
einverstanden und hielten unter sich geheim einen Rat, wie sie das anstellen
sollten, um Mich auf die angeratene Weise irgend in der Rede zu fangen
(Matth.22,15).
[GEJ.07_196,04] Da gingen einige hinaus zu den
Jüngern des römischen Rechtes und auch zu den rechtskundigen Dienern des
Herodes und versprachen ihnen einen großen Lohn, so mich diese in der Rede zu
fangen vermöchten (Matth.22,16a).
[GEJ.07_196,05] Da kamen diese bald mit
verstellten freundlichen Mienen und sagten (Diener des Herodes): „Meister, wir
wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes recht lehrst und nach niemand
fragst, so ihm auch ungenehm sein sollte deine Lehre! Denn du achtest nur die
Wahrheit und niemals das Ansehen einer Person, darum du auch allzeit ein freies
Urteil aussprechen kannst (Matth.22,16b). Siehe, wir sind Rechtskundige, und es
kommt uns immer sonderbar vor, daß wir Juden, die wir nach dem Gesetze Mosis
frei sein sollen, nun aber dem Kaiser nach Rom doch den Zins zahlen müssen. Was
meinst du da in dieser Hinsicht? Ist es recht, daß auch wir Juden dem Kaiser
nun den Zins zahlen müssen, obschon wir eine Urkunde haben, laut der wir uns
trotz der römischen Oberherrschaft frei nach unserem Mosaischen Gesetze bewegen
dürfen. Was sagst du dazu (Matth.22,17)?“
[GEJ.07_196,06] Da Ich aber nur zu gut ihre
Schalkheit schon gleich bei ihrem Eintritte merkte, sah Ich sie mit ernster
Miene an und sagte laut: „Heuchler, was versuchet ihr Mich? Weiset Mir vor eine
Zinsmünze (Matth.22,18.19a)!“
[GEJ.07_196,07] Und sie reichten Mir sogleich
einen römischen Groschen dar (Matth.22,19b).
[GEJ.07_196,08] Ich aber sagte weiter:
„Wessen ist das Bild, und wessen die Überschrift (Matth.22,20)?“
[GEJ.07_196,09] Und sie antworteten: „Wie du
es siehst, offenbar des Kaisers!“
[GEJ.07_196,10] Sagte Ich: „Nun, so gebet dem
Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist (Matth.22,21)!“
[GEJ.07_196,11] Als sie das vernahmen,
verwunderten sie sich über Meine Weisheit und sagten zu den Priestern: „Diesen
Weisen möget ihr selbst prüfen; denn wir sind seiner Weisheit nicht gewachsen
(Matth.22,22a)!“
[GEJ.07_196,12] Darauf gingen sie davon
(Matth.22,22b).
[GEJ.07_196,13] Ich aber besprach Mich
abermals frei mit dem Volke über die Unsterblichkeit der Menschenseele, was
einige anwesende Sadduzäer anzog, mit denen Ich, wie folgt, bald in Berührung
kam.
[GEJ.07_196,14] Es war aber während dieser
Verhandlungen natürlich um die Mittagszeit geworden, und es fragten Mich darum
einige Jünger, ob es nun, da Ich die Pharisäer so gut wie völlig besiegt habe
und alles Volk auf Mich halte und an Mich glaube, nicht rätlich wäre, aus dem
Tempel zu gehen und sich nach einem Mittagsmahl umzusehen.
[GEJ.07_196,15] Sagte Ich: „Dazu hat es noch
lange Zeit und Weile; denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch
von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt. Ich muß arbeiten, solange
es Tag ist; wenn die Nacht kommt, da ist mit diesem Volke nicht gut umgehen und
arbeiten. Die Pharisäer sind nun wohl hinausgegangen, um unter sich einen neuen
Rat zu halten, ob Ich nicht doch noch etwa auf eine Weise zu fangen wäre. Sie
werden darum bald wiederkommen und sich um Mich herumtummeln. Dort aber steht
ein Schock Sadduzäer, die es auch schon scharf auf Mich abgezielt haben, und
die werden nun bald mit Mir zu reden anfangen. Bei dieser Gelegenheit wird es
an der Gegenwart der Pharisäer und Schriftgelehrten auch keinen Mangel haben,
und somit bleiben wir hier im Tempel, weil ja auch das Volk hier verbleibt. So
aber schon jemand von euch sich hinaus begeben will, um seinen Leib zu
versorgen, der kann auch das tun; lieber ist es Mir, so er bleibt.“
[GEJ.07_196,16] Als die Jünger das von Mir
vernommen hatten, da blieben sie, und keiner von ihnen ging aus dem Tempel.
197. Kapitel
[GEJ.07_197,01] Es traten aber darauf gleich
die Sadduzäer, die da der rein kynischen Meinung sind und an keine Auferstehung
und an kein Fortleben der Seele nach dem Leibestode glauben, zu Mir und fragten
Mich (Matth.22,23), sagend: „Meister, Moses hat gesagt, wennschon gerade nicht
ausdrücklich geboten: ,Wenn der Mann eines Weibes ohne Kinder stirbt, so möge
sein Bruder um seines verstorbenen Bruders Weib freien und dann seinem Bruder
einen Samen erwecken (Matth.22,24).‘ Nun sind aber bei uns sieben Brüder gewesen.
Der erste freite ein Weib, starb aber bald, ohne im Weibe einen Samen erweckt
zu haben. Auf diese Weise kam das verwitwete Weib nach dem Rate Mosis an den
zweiten Bruder (Matth.22,25). Aber auch diesem ging es wie seinem verstorbenen
Bruder; und das Weib kam also fort an den siebenten ohne Frucht und starb am
Ende selbst (Matth.22,26.27). Wenn es mit der Auferstehung nach des Leibes Tode
seine Richtigkeit hat, so fragt es sich hier, wessen Weib wird es im andern
Leben sein? Denn hier hatte sie ja alle sieben Brüder zu Männern gehabt
(Matth.22,28)!“
[GEJ.07_197,02] Sagte Ich: „Oh, da irret ihr
euch sehr, und kennet die Schrift nicht und noch um vieles weniger die Kraft
Gottes (Matth.22,29)! In der von euch unverstandenen Auferstehung werden die
Menschen völlig gleich sein den Engeln Gottes und werden weder selbst freien
noch sich freien lassen (Matth.22,30). Denn die Ehe im Himmel ist eine andere
denn die eure auf dieser Erde.
[GEJ.07_197,03] Gleichwie aber da auf Erden
ein gerechter Mann und ein gerechtes Weib miteinander verbunden sind, also sind
im Himmel die Liebe und die Weisheit miteinander verbunden.
[GEJ.07_197,04] Wenn ihr aber schon also
bewandert seid in der Schrift, so werdet ihr ja auch das gelesen haben, wo es
geschrieben steht, daß Gott also und verständlich geredet hat: ,Ich bin der
Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs (Matth.22,31.32a)!‘ Gott
aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen
(Matth.22,32b). Wenn aber Gott sicher ein Gott der Lebendigen und nicht der
Toten und nach eurem Begriffe völlig Vernichteten ist, so müssen Abraham, Isaak
und Jakob auch jetzt noch fortleben und müssen schon seit lange her
auferstanden sein zum wahren, ewigen Leben. Denn wäre das nicht der Fall, so
hätte Gott zu Moses eine Unwahrheit gesprochen, so Er sagte: ,Ich bin der Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs‘, da Gott nur ein Gott derer, die da irgend leben
und sind, sein kann und nicht auch derer, die nicht leben und auch nirgends
sind. Denn so etwas zu behaupten und zu glauben, wäre wohl der größte Unsinn in
der Welt!
[GEJ.07_197,05] Als aber Abraham noch im
Fleische auf der Erde wandelte und zu ihm die Weissagung geschah, daß Ich
Selbst dereinst – was nun vor euren Augen erfüllt ist – in diese Welt auch im
Fleische als ein Menschensohn kommen werde, und ihm auch verheißen ward, daß er
Meinen Tag und Meine Zeit in dieser Welt selbst schauen werde, da hatte er eine
mächtige Freude darob. (Joh.8,56)
[GEJ.07_197,06] Und Ich kann euch der
vollsten Wahrheit nach die Versicherung geben, daß er Meinen Tag und Meine Zeit
auf dieser Erde auch gesehen hat und sie noch gleichfort sieht und sich darob
gar höchlich freut. Könnte er das wohl auch, so er nicht schon seit lange her
auferstanden wäre, oder so er völlig tot und, wie ihr da meinet, für ewig
zunichte geworden wäre?“
[GEJ.07_197,07] Sagten die ganz besiegten
Sadduzäer: „So zeige uns den auferstandenen Vater Abraham, und wir wollen dir
glauben, was du hier gesagt hast!“
[GEJ.07_197,08] Sagte Ich: „So ihr Meinen
Worten nicht glaubet, so würdet ihr der leichtmöglichen Erscheinung Abrahams
auch nicht glauben und würdet sagen: ,Siehe da, wie ist dieser Mensch doch ein
Magier und will uns blenden!‘ Ich sage euch aber: Ich Selbst bin das Leben und
die Auferstehung; wer an Mich glaubt, der hat das Leben und die Auferstehung
schon in sich.
[GEJ.07_197,09] Da sehet hier viele, die noch
im Fleische wandeln und sind im Geiste schon auferstanden und werden hinfort
den Tod auch nicht mehr fühlen und schmecken, sondern fortan ewig leben. Diese
haben Abraham, Isaak und Jakob auch schon gesehen und gesprochen und wissen,
woran sie sind; ihr aber wisset noch lange nicht, woran ihr seid, obwohl ihr
lebet und auch denket und wollet. Habt ihr Mich verstanden?“
[GEJ.07_197,10] Als die Sadduzäer diese Lektion
von Mir bekommen hatten, sagten sie nichts mehr und zogen sich zurück.
[GEJ.07_197,11] Das Volk aber entsetzte sich
förmlich über Meine große Weisheit (Matth.22,33) und sagte bei sich: „Dieser
ist wahrlich mehr als ein purer Prophet; denn er spricht wie ein
selbstmächtiger Herr. Wäre er nur ein purer Prophet, so würde er nicht also
reden als ein Herr voll der höchsten Macht aus Gott; denn wer da sagt: Ich bin
das Leben und die Auferstehung Selbst; wer an Mich glaubt, der wird den Tod
nicht sehen, fühlen und schmecken, denn er hat das Leben und die Auferstehung
schon in sich!, – das kann außer Gott niemand von sich aussagen! Wir wissen
aber, daß allen Juden ein Messias verheißen ist, dessen Namen groß sein werde;
denn Er wird heißen Immanuel, das ist: Gott mit uns. Dieser Mensch ist das
sicherlich; denn woher käme ihm sonst solche Macht und Weisheit?“
198. Kapitel
[GEJ.07_198,01] Also redete das Volk unter
sich. Doch die auch schon wieder anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten
vernahmen nichts von dem, was das Volk über Mich für eine Meinung aussprach;
aber das vernahmen sie dennoch, daß Ich den Sadduzäern das Maul gestopft habe
(Matth.22,34), und sie hatten darob eine große, heimliche Freude, weil ihnen
die Sadduzäer sehr verhaßt waren. Aber darauf bekamen sie wieder Mut, sich an
Mir weiter zu versuchen, ob sie Mich etwa doch irgendwie in der Rede fangen
könnten.
[GEJ.07_198,02] Und es trat ein
Schriftgelehrter zu Mir und sagte: „Meister, ich habe mich überzeugt, daß du wahrlich
allen Ernstes ein selten weiser und der Schrift wohlkundiger Mann bist; sage
mir darum: Welches ist wohl das vornehmste Gebot im ganzen Gesetze
(Matth.22,35.36)?“
[GEJ.07_198,03] Sagte Ich: „Das vornehmste
und alles in sich enthaltende Gebot lautet: Du sollst Gott, deinen Herrn,
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte! Siehe, das
ist das vornehmste und größte Gebot! Das andere aber ist diesem gleich und
lautet: Du sollst auch deinen Nächsten lieben wie dich selbst, das heißt, du
sollst ihm alles dasjenige allzeit mit Freuden tun, was du auch wollen kannst,
daß er dir desgleichen täte, so du es benötigtest und es in seinem Vermögen
stünde! An diesen zwei Geboten hanget das ganze Gesetz und alle Propheten. Oder
wisset ihr etwa irgendein noch vornehmeres Gebot (Matth.22,37-40)?“
[GEJ.07_198,04] Sagte der Schriftgelehrte:
„Mir ist kein vornehmeres bekannt, und so hast du auch recht geantwortet!“
[GEJ.07_198,05] Es waren nun schon eine Menge
Pharisäer und Schriftgelehrte um Mich versammelt und berieten sich, was sie
Mich weiterhin fragten sollten, daß Ich ihnen aufsäße und sie Mich fangen
könnten.
[GEJ.07_198,06] Ich aber sagte zu ihnen:
„Höret, daß ihr Mir in einem fort Fragen gebet, bei denen ihr vermutet, daß Ich
zu fangen wäre, erkennen alle Hierseienden! Ich habe euch nun schon eine Menge
Fragen beantwortet und euch gezeigt, daß Ich nicht zu fangen bin; darum aber
will Ich euch nun wieder eine Frage geben! Wenn ihr Mir diese beantwortet, so
möget ihr Mich dann schon auch wieder eins oder das andere fragen
(Matth.22,41)!“
[GEJ.07_198,07] Sagten die Pharisäer: „Gut,
so frage uns; auch wir werden dir keine Antwort schuldig bleiben!“
[GEJ.07_198,08] Sagte Ich: „Nun, so saget es
Mir: Was dünkt euch von Christus? Wessen Sohn wird Er sein (Matth.22,42a+42b)?“
[GEJ.07_198,09] Sagten die Pharisäer: „Wie es
geschrieben steht: Er ist ein Sohn Davids (Matth.22,42c).“
[GEJ.07_198,10] Sagte Ich: „Hm, sonderbar,
wenn also, wie nennt Ihn denn David selbst im Geiste einen Herrn, indem er
sagt: ,Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis
Ich lege Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße!‘? So aber David Ihn einen Herrn
nennt, – wie ist Er denn sein Sohn (Matth.22,43-45)?“
[GEJ.07_198,11] Sagte darauf ein Pharisäer:
„Wir wissen es wohl, daß David im Geiste also von Christus geredet hat; aber
wer versteht es, was er unter dem ,Herrn‘ verstanden haben wollte, der zu
seinem Herrn geredet hat, und wer derjenige Herr sein soll, den David ,seinen
Herrn‘ nannte? Denn wir können doch nach der Lehre Mosis nicht annehmen, daß zu
Davids Zeiten schon an zwei Herren, von denen ein jeder ganz Gott wäre, gedacht
und auch geglaubt wurde! Der Herr, der zum Herrn Davids geredet hat, muß doch
offenbar ein anderer sein als der Herr, den David seinen Herrn nennt; denn wie
hätte sonst David sagen können: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn?‘ Wer aber
kann nun das verstehen? Wenn du das verstehst, so erkläre es uns, und wir
werden dann glauben, daß du aus dem Geiste Gottes redest!“
[GEJ.07_198,12] Sagte Ich: „Wenn ihr als sein
wollende Schriftgelehrte die alte Redeweise der Hebräer nicht verstehet, wie
wollet ihr dann erst ihren Geist verstehen?
[GEJ.07_198,13] Der Herr, also Jehova, wird
doch etwa auch ein Herr Davids, also auch sein Herr gewesen sein? Und David hat
sonach auch nicht gefehlt, so er gesagt hat: ,Mein Herr sprach zu meinem
Herrn.‘ Wenn er aber also geredet hat, so ist es ja doch klar, daß die nur
durch die Wortfügung scheinbaren zwei Herren im Grunde nur ein und derselbe
Herr sind! Oder saget ihr nicht selbst: ,Mein Geist sprach zum Verstande meiner
Seele?‘ Ist denn der Geist eines Menschen nicht in seiner Seele wohnend und
somit eins mit der Seele, obschon er als die eigentliche Lebenskraft in der
Seele edler und vollkommener ist als die substantielle Seele in und für sich
selbst?
[GEJ.07_198,14] In Gott aber befinden sich
auch unterscheidbar zwei Wesenhaftigkeiten, obschon sie Sein Urgrundsein und
sonach Sein unteilbares Eine Ursein ausmachen.
[GEJ.07_198,15] Die eine unterscheidbare
Wesenhaftigkeit ist die Liebe als die ewige Lebensflamme in Gott, und die
andere unterscheidbare Wesenhaftigkeit aber ist als Folge der allerhellsten
Lebensflamme das Licht oder die Weisheit in Gott.
[GEJ.07_198,16] Wenn aber also und
unwiderlegbar nicht anders, ist da die Liebe in Gott nicht ganz dieselbe
Herrlichkeit in Gott wie Seine Weisheit?
[GEJ.07_198,17] Wenn aber David sagte: ,Der
Herr sprach zu meinem Herrn‘, so hat er damit nur das gesagt, daß die
erbarmungsvollste Liebe in Gott in alle ihre Weisheit drang und zu ihr sagte:
,Setze Dich zu Meiner Rechten, werde Wort und Wesen, werde Eins mit aller
Meiner Lebensmacht, und alles, was des Lichtes Feind ist, muß sich dann beugen
vor der Liebelebensmacht in ihrem Lichte!‘
[GEJ.07_198,18] Was aber damals David im
Geiste aussagte, das steht nun verkörpert wunderbar vor eurem Gesichte! Warum
aber verschließet ihr eure Augen und wollet nicht innewerden, daß die große
Verheißung nun erfüllt vor euch steht und redet und euch lehrt die Wege des
wahren Lebens aus und in Gott?“
[GEJ.07_198,19] Als die Pharisäer solches aus
Meinem Munde vernahmen, da überfiel sie eine Art Furcht vor Meiner Weisheit, so
daß sich von ihnen keiner getraute, Mir eine weitere Frage zu geben, um Mich
damit zu versuchen (Matth.22,46).
[GEJ.07_198,20] Und der gemäßigtere Teil der
Templer sagte so mehr im geheimen zu den Wüterichen: „Wir haben es euch ja in
ganz guter Meinung zum voraus gesagt, daß mit diesem Menschen nichts
auszurichten ist! Denn erstens hat er in seinem Willen eine so unbegreiflich
wunderbare Macht, mit der er Berge versetzen und vernichten kann, zweitens hat
er alles Volk und die Römer diamantfest für sich, und drittens ist er so
unbegreiflich weise, daß wir ihn mit aller unserer Weisheit mit keiner noch so
schlau gestellten Frage nur insoweit fangen können, daß wir ihn dann beim Volke
verdächtigen könnten. Je mehr wir ihn fragen, desto mehr verdächtigen wir uns
nur selbst vor dem Volke, das uns nach aller Länge und Breite auszulachen
anfängt. Welchen Gewinn aber haben wir dann davon? Wir hätten weit besser
getan, so wir uns mit ihm nie eingelassen hätten! Nun aber ist das Üble für uns
so gut wie fertig; was wollen wir nun tun? Wir meinen: Das klügste wäre nun
noch, dieser ganzen Sache völlig den Rücken zu kehren und sich offen um sie gar
nicht mehr zu kümmern!
[GEJ.07_198,21] Sollte das wirklich etwa
möglicherweise doch eine Gottesfügung sein, so sträuben wir uns vergeblich
dagegen; ist sie das aber nicht, so wird sie von selbst also vergehen, daß von
ihr in Kürze den Menschen keine Erinnerung an sie übrigbleiben wird, wie das
schon zu öfteren Malen der Fall war. Das ist nun unsere Meinung; ihr aber
könnet darum noch immer tun, was euch gut dünkt, obschon ihr euch bis jetzt
habt überzeugen müssen, daß wir recht gehabt haben!“
[GEJ.07_198,22] Sagte geheim ein
Oberpriester, so daß das Volk davon nichts vernahm: „Ja, ja, ihr habt gerade
wohl recht; aber sollen wir es dulden, daß er uns vor dem Volke, das unsere
gute Melkkuh ist, gar so herabsetzt?!“
[GEJ.07_198,23] Sagte ein Gemäßigter: „Das
ist alles ganz wahr und richtig; aber schaffet nun ein Mittel her, die
verdorbene Sache jetzt anders zu machen, und wir werden euch gerne mit allem
unterstützen! Aber wir sind hier nur der Meinung, daß sich dagegen schwerlich
ein taugliches Mittel wird vorfinden lassen, und mit untauglichen Mitteln
werden wir dieser Sache nur einen stets größeren Vorschub leisten und unsere
Lage verschlimmern.“
[GEJ.07_198,24] Sagte ein Oberpriester: „Wie
wäre es denn, so wir ihn angingen, daß er selbst uns vor dem Volke als das
darstellte, was wir nach Moses denn doch sind?“
[GEJ.07_198,25] Sagte ein Gemäßigter: „Das
könnte vielleicht besser taugen als alle die Fallen, die wir ihm schon gelegt
haben! Versuche das jemand, aber wahr und ernstlich; vielleicht nützt es doch
in etwas! Denn soviel es uns scheint, so ist er im Grunde doch kein böser und
rachsüchtiger Mensch, da wir ja von allen Seiten her vernommen haben, daß er
armen Menschen viel Gutes erweisen soll, ansonst das arme Volk auch sicher
nicht so große Stücke auf ihn halten würde.“
[GEJ.07_198,26] Darauf berieten sie
untereinander, wer das auf sich nähme, mit Mir in dieser Hinsicht zu reden. Es
erklärte sich bald ein Gemäßigter dazu und wurde dann der Reihe nach von allen
als gut bestätigt. Dieser kam zu Mir und wollte Mir sein Anliegen vorbringen.
[GEJ.07_198,27] Ich aber ließ ihn nicht zu
Worte kommen und sagte ihm gleich ins Gesicht: „Was du Mir nun sagen willst,
weiß Ich nur zu klar und zu bestimmt; daher kannst du dir füglich die Mühe
ersparen, hier vor Mir auch nur ein Wort von euerm Anliegen zu verlieren. Was
Ich aber für und wider euch zum Volke und auch zu Meinen Jüngern zu reden habe,
das weiß Ich auch, – und so kannst du entweder gehen, oder bleiben und hören,
was Ich reden werde!“
[GEJ.07_198,28] Als der Pharisäer solches von
Mir vernommen hatte, kehrte er sich um und ging wieder unter seinesgleichen,
allwo alle ihre Ohren spitzten, was Ich alles für sie und auch wider sie zum
Volke reden werde.
199. Kapitel
[GEJ.07_199,01] Ich aber öffnete bald Meinen
Mund und sprach: „Auf dem Stuhle Mosis sitzen wohl nun die Schriftgelehrten und
die Pharisäer (Matth.23,1.2). Alles, was sie euch sagen als von Moses und den
Propheten herrührend, was ihr tun sollet, das haltet, und tuet es auch; aber
nach ihren Werken sollet ihr euch nicht richten und nicht also tun, wie sie tun
und machen (Matth.23,3a+3b)!
[GEJ.07_199,02] Sie sagen euch zumeist Gutes
und Wahres, das ihr tun sollet; aber sie selbst tun nicht, was sie lehren (Matth.23,3c).
Sie binden euch zu schweren und oft unerträglichen Lasten und legen solche den
Menschen auf den Hals; sie selbst aber wollen dieselben auch nicht mit einem
Finger anrühren (Matth.23,4).
[GEJ.07_199,03] Alle Werke, die gut zu sein
scheinen, tun sie nur, um von den Menschen als seiende Diener Gottes gesehen zu
werden! Darum machen sie auch ihre Denkzettel breit (die Denkzettel waren
Aufzeichnungen für die, welche zu ihrem guten Fortkommen große und lange Gebete
und Opferungen teuer bezahlt hatten) und die Säume an ihren Kleider groß (die
großen Säume an den Kleidern zeigten einen strengen und anhaltenden Opfer- und
Betdienst an, der aber auch nur im längeren Tragen der großen Säume bestand)
(Matth.23,5).
[GEJ.07_199,04] Sie sitzen gern obenan an den
Speisetischen, wie auch in den Schulen, und haben es gern, daß man sie grüßt
auf dem Markte (ein großer Platz, wo viele Menschen miteinander verkehren), und
daß sie von den Menschen ,Rabbi‘ genannt werden (Matth.23,6.7).
[GEJ.07_199,05] Aber ihr, so ihr auch Meine
Jünger seid und werden möget, sollet euch nicht also nennen lassen! Denn nur
einer ist euer wahrhafter Meister, und der bin Ich (Christus); ihr aber seid
lauter gleiche Brüder unter euch (Matth.23,8).
[GEJ.07_199,06] Ihr sollet auch niemanden auf
der Erde von nun an im vollen Sinne der Wahrheit Vater nennen; denn nur einer
ist euer wahrer Vater, der Ewige im Himmel nämlich (Matth.23,9)!
[GEJ.07_199,07] Und nochmals sage Ich euch,
daß ihr euch ja nie und niemals von jemandem Meister in Meiner Lehre nennen und
grüßen lasset; denn ihr wisset es nun schon, wer da euer Meister ist
(Matth.23,10).
[GEJ.07_199,08] Also soll unter euch auch
keine Rangordnung bestehen, wie sie da nun im Tempel und in der Menschenwelt
besteht, sondern der Größte und Höchste unter euch sei der anderen Brüder
Diener und Knecht! Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; wer
sich aber aus Liebe zu seinen Brüdern selbst erniedrigt, der soll erhöht werden
(Matth.23,11.12)!“
[GEJ.07_199,09] Als die Pharisäer aber solche
Lehre von Mir vernahmen und Mich mit zornigen Augen ansahen, da rief alles Volk
Mir laut zu: „O Meister, du allein bist wahrhaftig; also sollte es sein unter
allen Menschen, so wäre diese Erde schon ein wahrer Himmel! Aber wie es nun
geht und steht unter den Menschen, wo ein jeder oft um ein kaum Denkbares mehr
und höher sein will, als da ist sein Nächster, da ist die Erde eine wahre
Hölle; denn in dem eingebildeten Hoheitsdünkel verfolgt ein Mensch den andern
und erdrückt den Schwachen mit seinem nie zu sättigenden Hochmutseifer. O wehe
nun der armen und schwachen Menschheit dieser Erde! Es wäre da ja für gar viele
besser, so sie nie geboren worden wären!
[GEJ.07_199,10] O Meister, wir erkennen, daß
dein Wort ein wahres Gotteswort ist, aber, die es hören, befinden sich mit Haut
und Haaren in der Hölle. Darum wird ihnen dein göttliches Wort auch keinen
Nutzen bringen; denn die es am meisten anginge, werden sich auch am wenigsten
danach kehren und richten. Schon jetzt blecken und fletschen sie mit den Zähnen
ihres verbissenen Zornes gleich hungrigen Wölfen und Hyänen nach einem Lamme
auf der Weide!“
200. Kapitel
[GEJ.07_200,01] Derlei Reden von seiten des
Volkes rauchten den Pharisäern und Schriftgelehrten sehr in die Nase, und es
erhoben sich darum einige Redner und fingen an, besänftigende Worte an das
aufgeregte Volk zu richten, wobei sie es aber nicht unterließen, Mich und Meine
Lehre zu verdächtigen und in den Schatten zu ziehen; sie zeihten Mich großer
und ungebührlicher Anmaßungen und sagten, daß Ich dadurch das Gebot Mosis
aufhebe, so Ich fordere, daß von nun an kein Kind mehr seinen Eltern die Ehre
erweisen dürfe, sie mit dem Worte ,Vater‘ oder ,Mutter‘ zu begrüßen, da doch
Moses ausdrücklich geboten habe, daß man Vater und Mutter ehren solle.
[GEJ.07_200,02] Das Volk geriet dadurch in
allerlei zweifelsvolle Fragen unter sich, und einige sagten: „Ja, ja, da kann
man den Pharisäern und Schriftgelehrten wieder nicht unrecht geben! Er scheint
sich da in seinem Eifer denn doch einmal verstiegen zu haben!“
[GEJ.07_200,03] Da kam der gemäßigte
Pharisäer zu Mir und sagte: „Hörst du das Volk nun reden? Siehe, uns hast du
sehr verdächtigt vor dem Volke, so daß es eine starke Stimme wider uns erhob;
wir aber merkten es wohl, daß du dich sogar wider Moses verstiegen hast, und es
war hoch an der Zeit, das Volk eines Besseren zu belehren. Das Volk sieht nun
den Irrtum ein, und ich frage dich, was du nun noch Weiteres machen willst.“
[GEJ.07_200,04] Sagte Ich: „Bei euch werde
Ich Mir wahrlich nicht Rates holen, was Ich nun noch weiter tun und reden
werde! Ihr habt, als Johannes das Volk belehrte und es zur Buße ermahnte, das
auch getan zur Behauptung eures Weltrechtes, aber ihr tatet keine Buße und
hieltet auch das Volk davon ab mit eurer Heuchelrede, was ihr nun soeben wieder
tuet. Aber darum werdet ihr euch selbst auch desto mehr Verdammnis auf den Hals
laden. Das sagt dir Der, welcher die Macht hat, euch zu erhalten oder zu
verderben, je nachdem ihr durch eure Handlungen das eine oder das andere
wollet.
[GEJ.07_200,05] Ihr Narren im Herzen und im
Gehirne! Wenn ihr selbst Gott euren Vater nennet und saget, daß man den Namen
Gottes nicht lästern solle, – wie möget ihr dann Gott den Menschen
gleichstellen?! Ist denn da ein Unterschied dann, so ihr Gott euren Vater nennet
und den aber auch, der euch im Schoße eines Weibes gezeugt hat?
[GEJ.07_200,06] Ihr wollet Schriftgelehrte
sein und kennet nicht mehr den Unterschied der urhebräischen Worte Jeoua und
Jeoutza! Das erste heißet ,Vater‘ und das zweite ,Zeuger‘. Wenn aber also und
nicht anders, – wer sonst als ihr hat das Volk in den gräßlichsten Irrtum
gebracht?!
[GEJ.07_200,07] Darum wehe euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr tollen Heuchler, die ihr das wahre
Himmelreich durch eure große Trägheit, Dummheit und Bosheit stets den Menschen,
die hinein möchten, verschließet! Wahrlich, ihr werdet auch nicht hinein kommen
und keiner, der in der Folge auch also tun wird, wie ihr da nun tuet!
[GEJ.07_200,08] Ihr selbst kommet nicht
hinein in das Gottesreich der Wahrheit und des Lebens, und die noch irgend
hinein wollen, die lasset ihr nicht, sondern ihr verfolget und verdammet sie
und versperret ihnen auf diese Art alle Wege zum Licht und zum ewigen Leben.
Darum auch werdet ihr desto mehr Verdammnis überkommen (Matth.23,13)!
[GEJ.07_200,09] Wehe euch ferner, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Witwen und Waisen
Häuser fresset und wendet dafür lange und kräftige Gebete vor! Auch darum
werdet ihr desto mehr Verdammnis überkommen (Matth.23,14)!
[GEJ.07_200,10] Wehe euch noch fernerhin, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr argen Heuchler! Ihr ziehet über Länder und
Meere, damit ihr irgendeinen Heiden zum Judengenossen machet; ist er es
geworden, so machet ihr bald aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, als
ihr es seid. Auch dafür werdet ihr euren Lohn in der Hölle ernten
(Matth.23,15)!
[GEJ.07_200,11] Und abermals wehe euch, ihr
verblendeten Leiter, die ihr saget: Wer da schwört bei dem Tempel, das ist und
gilt nichts; wer aber schwört bei dem Golde des Tempels einen falschen Eid, der
ist schuldig und strafbar! O ihr Narren und Blinden! Was ist da größer und
mehr: der Tempel, durch den das Gold geheiligt wird, oder das für sich lose
Gold (Matth.23,16.17)?
[GEJ.07_200,12] Also saget und lehret ihr auch:
Wer da schwört bei dem Altar, das ist auch nichts; aber wer da einen falschen
Eid schwört bei dem Opfer, das auf dem Altare liegt, der ist schuldig und
strafbar. O ihr Narren und Blinden! Was ist auch da größer: das Opfer oder der
Altar, der das Opfer heiligt (Matth.23,18.19)?
[GEJ.07_200,13] Ist es denn nicht also nur
wahr und richtig, daß ein jeder, der beim Altare schwört, dadurch auch bei
allem schwört, was auf dem Altar ist; und wer da schwört beim Tempel, der damit
auch bei allem schwört, was im Tempel ist? Und wer endlich schwört beim Himmel,
der schwört sicher auch bei dem Throne Gottes und somit auch bei Dem, der
darauf sitzt oder – besser – ruht und herrscht (Matth.23,20-22).
[GEJ.07_200,14] Und abermals wehe euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr großen Heuchler, die ihr wohl verzehntet
die alte Münze – Till und Kümmel – nach dem alten Gesetze zu eurem Vorteile,
beachtet aber dabei das Schwerste und Größte nicht, nämlich ein rechtes und
wahres Gericht, den Glauben und die Barmherzigkeit, auf daß vor euch einem
jeden ein volles Recht zuteil würde. Ich sage hier aber nicht, daß man das
erste nicht tun solle; aber das sage Ich, daß man darum das zweite, um gar
vieles Wichtigere nicht lassen solle, wie ihr solches tuet (Matth.23,23)!
[GEJ.07_200,15] O ihr grundverblendeten
Leiter: Mücken säuget ihr wohl, aber dafür verschlucket ihr Kamele! O wehe
euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler in allem, die ihr eure
im Tempel geheiligten Becher und Schüsseln wohl auswendig reinlich haltet, aber
euch über das kein Gewissen machet, so inwendig diese Gefäße voll Raubes und
geilen Fraßes sind! O du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des
Bechers und der Schüssel, damit dann auch das Auswendige der Wahrheit nach rein
werde (Matth.23,24-26)!
[GEJ.07_200,16] Und noch weiter wehe euch,
ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler allzumal! Ihr seid gleich den
übertünchten Gräbern, diese scheinen auswendig wohl auch recht hübsch daher,
aber inwendig sind sie voller Totengebeine und voll ekligsten Unflats. Solche
Gräber sind euer volles und wahres Ebenmaß. Auch ihr scheinet von außen den
Menschen als fromm; aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend aller
Art und Gattung (Matth.23,27.28).
[GEJ.07_200,17] Und gar überaus wehe euch,
ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler durch und durch! Ihr erbauet
nun den alten Propheten Grabdenkmäler und schmücket also der Gerechten Gräber
und saget und klaget: ,Oh, wären wir zu unserer Väter Zeiten in der Welt
gewesen, so würden wir nicht mit den blinden Vätern teilhaftig sein an ihrem
unschuldig vergossenen Blute!‘ Eben dadurch aber gebet ihr euch selbst das
Zeugnis, daß ihr wahre Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben!
Wohlan, so erfüllet auch an Mir das arge Maß eurer Väter, wie ihr es schon an
Zacharias und an Johannes erfüllet habt? Ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte, wie
wollet ihr bei solch eurem Gebaren der höllischen Verdammnis entrinnen
(Matth.23,29-33)?!“
201. Kapitel
[GEJ.07_201,01] Auf diese Meine nun ganz schonungslose
Rede fing das Volk wieder von neuem an zu jubeln und sagte: „Wenn dieser Mensch
nicht wahrhaft Christus wäre und nicht in sich die vollste göttliche Kraft
besäße, nimmer hätte er den Mut haben können, diesen Wüterichen solche
Kardinalwahrheiten ins Gesicht zu schleudern! Jeden andern hätten sie schon
lange ergriffen und vor Wut zerrissen; aber vor dem stehen sie wie
schuldbewußte, grobe Verbrecher vor einem unerbittlichen Richter. Ja, ja, also
ist es! Er hat ihnen nichts anderes als nur die vollste Wahrheit ganz geradeaus
vorgesagt und hat ihnen als Herr auch ihren schon lange wohlverdienten Lohn
gezeigt. Dies Tempelgeschmeiß ist aber nun auch nicht mehr wert, als daß man es
ohne alles Bedenken ergreifen, an den Jordan hinaustreiben und dort ersäufen
sollte als die allerwahrsten Sündenböcke vom ganzen, großen Judenlande!“
[GEJ.07_201,02] Sagte Ich zum Volke:
„Urteilet nicht, als wäre euer das Richteramt und die Verhängung der Strafen,
sondern habet auch Geduld mit den Sündern! Denn es steht geschrieben nach dem
Worte aus dem Munde Gottes: ,Der Zorn und die Rache sind Mein!‘ Ihr Menschen
aber denket, daß Gott der Herr allein der gerechteste Richter ist, der zur
rechten Zeit alles Gute zu belohnen und alles Böse zu bestrafen weiß! Euch
steht es zu, auch mit den Sündern Geduld zu haben. Denn so da jemand eines sehr
kranken Leibes ist, so wäre es denn doch ganz sonderbar, daß man einen Menschen
darum gleich strafen sollte, weil er sicher zumeist selbst schuld war, daß er
so krank und elend geworden ist. Aber wenn dann ein allbewährter Arzt kommt,
dem Kranken sagt, daß ihm noch ganz wohl zu helfen wäre, so er sich einer
ordentlichen ärztlichen Behandlung unterzöge und nach dem Rate des verständigen
Arztes täte, der Kranke sich aber dann gar nicht an den Rat des Arztes kehren
will, so muß er es sich dann freilich wohl selbst zuschreiben, wenn er, auf
seinem Starrsinne beharrend, offenbar gar elend zugrunde gehen muß.
[GEJ.07_201,03] Und seht, geradeso geht es
mit diesen blinden Schriftgelehrten und Pharisäern! Ich als ein wahrer Arzt
habe ihnen nun die großen Gebrechen ihrer Seele gezeigt und damit auch die
Heilmittel verordnet; wenn sie dieselben aber verachten und sie gar nie in
Anwendung bringen wollen, so werde nicht Ich sie darum richten, sondern die Folgen
ihres Starrsinns werden sie richten und ins Elend und Verderben stürzen.
[GEJ.07_201,04] Gott hat darum dem Menschen
Gebote gegeben zum Heile seiner Seele. Will er sie befolgen, so wird er leben
und glücklich sein für ewig; will er sie aber durchaus nicht befolgen, so wird
er sich dafür nur selbst strafen. Denn Gott hat einmal eine ganz feste und
unwandelbare Ordnung gestellt, ohne die kein Dasein eines Geschöpfes denkbar
möglich wäre. Diese Ordnung hat Er dem freien Menschen durch viele Offenbarungen
treuest gezeigt, und der Mensch soll sich infolge seines freiesten Willens
selbst danach richten, leiten und bilden. Tut der Mensch das, so wird er sich
selbst vollenden nach dem Willen Gottes und wird ein freies, selbständiges,
Gott ähnliches Wesen, ausgerüstet mit aller göttlichen Liebe, Weisheit, Macht
und Kraft, und wird dadurch erst die wahre Kindschaft Gottes ererben. Diese
aber kann ihm unmöglich anders zuteil werden als nur auf den Wegen, die ihm zu
dem allerhöchsten Behufe zu allen Zeiten treulichst gezeigt worden sind.
[GEJ.07_201,05] Es kommt nun beim Menschen
pur auf den wahren Glauben und dann auf seinen eigenen freiesten Willen an.
Glaubt und tut er danach, so wird er das glücklichste Wesen in der ganzen
Unendlichkeit Gottes; glaubt er aber nicht und tut er auch nicht danach, so muß
er es sich nur selbst zuschreiben, wenn er an seiner Seele gleichfort elender
wird und blinder und toter.
[GEJ.07_201,06] Ich bin ja nun darum Selbst
als ein Mensch zu euch gekommen, um euch die rechten Wege zu zeigen, weil ihr
allen Meinen Boten an euch noch nie ganz vollkommen geglaubt und somit auch
nicht nach ihren Worten getan habt!
[GEJ.07_201,07] Wenn ihr aber nun auch Mir
Selbst nicht glaubet und nicht tun wollet nach Meiner Lehre, so frage Ich euch
aber dann, wer nach Mir noch zu euch kommen soll, dem ihr dann glauben werdet
tun nach seiner Lehre. So ihr Mir, dem Meister alles Lebens, nicht glauben
möget, – wem wollet ihr dann nach Mir glauben, danach tun und selig werden?
[GEJ.07_201,08] Daß Mir aber nicht geglaubt
wird, und daß man auch nicht tun will nach Meiner Lehre, davon geben euch die
Templer doch sicher das allersprechendste Zeugnis!“
202. Kapitel
[GEJ.07_202,01] Sagte einer aus dem Volke,
der in der Schrift auch bewandert war: „Herr und Meister, es gibt unter uns
viele, die Deine Lehren gehört und Deine vielen Zeichen gesehen und tiefst
bewundert haben, und es entstand unter uns die Rede: ,Wenn dieser Mensch bei
aller seiner noch nie dagewesenen Weisheit und bei aller der ersichtlichen,
völlig gottähnlichen Wundertatsmacht und ebensolcher Kraft, vor der sogar der
starre Tod sich beugen muß, noch nicht der verheißene Messias sein soll, da
fragen wir ernstlich, ob möglicherweise der rechte Messias, so Er kommen würde,
wohl größere Zeichen tun könnte! Wir glauben das nicht und werden es auch nicht
glauben! Denn der Mensch, der ohne irgendein Mittel, sondern lediglich nur
durch sein Wort alle noch so harten Krankheiten heilt, sogar abgängige Glieder
wieder ersetzt – wie wir das bei Bethlehem gesehen haben –, tote Menschen zum
Leben erweckt, den Winden und Stürmen gebietet und seinen Willen auch an der
Sonne, am Monde und an allen Sternen sichtbar macht, – ist ein Gott und kein
Mensch mehr!‘
[GEJ.07_202,02] Siehe, Herr und Meister,
solche Rede ist nun unter uns gang und gäbe, und wir glauben darum, daß Du
nicht nur einer der allergrößten Propheten, sondern wahrlich der Herr bist!
[GEJ.07_202,03] Du hast zwar wohl auch einen
Leib wie wir, aber in solchem Deinem Leibe ist die Fülle der Gottheit
verborgen, und Deine Worte und Taten sind Zeugen von ihrem wunderbaren Dasein
in Dir. Das glauben wir nun einmal fest und werden uns von den argen
Tempelwüterichen nicht mehr irreführen lassen.
[GEJ.07_202,04] Wir aber haben eine Bitte an
Dich, o Herr! Verkürze doch Deine heilige Geduld, und strecke einmal vollends
Deine unverbesserlichen Feinde unter den Schemel Deiner Füße, und züchtige sie
mit der Rute, die sie sich lange wohl verdient haben!“
[GEJ.07_202,05] Sagte Ich: „So ihr an Mich
wahrhaft glaubet, so müsset ihr Mir in der Weisheit, die alle Dinge in der Welt
leitet und schlichtet, auch nicht vorgreifen, sondern eure Geduld mit der
Meinen vereinen und euch denken: In dieser Lebensfreiheitsprobewelt ist die
Ordnung ein und für alle Male so gestellt, daß da ein jeder Mensch tun kann,
was er will; denn nur durch die vollste Freiheit seines Willens kann er sich
das wahre, ewige Leben seiner Seele erkämpfen. Wie er aber einen freien Willen
hat, so hat er auch eine rechte Vernunft und einen freien Verstand, durch den er
alles Gute und Wahre wohl erkennen und beurteilen kann, und da ihm die Kräfte
danach reichlichst verliehen sind, so kann er auch völlig danach handeln.
[GEJ.07_202,06] Erkennt der Mensch das Gute
und das Wahre, handelt aber dennoch freiwillig dawider, so baut er sich selbst
das Gericht und seine eigene Hölle und ist darum schon in dieser Welt ein
vollkommener Teufel. Und sehet, das ist dann die Strafe, die sich ein Mensch
ohne Mein Wollen selbst antut!
[GEJ.07_202,07] Darum kümmert euch nicht um
Meine große Geduld und Liebe zu den Menschen, ob sie gut oder böse sind! Ich
ermahne sie nur, wenn sie durch ihre eigene Schuld auf Abwege geraten sind;
aber Ich kann sie mit Meiner Allmacht dennoch nicht ergreifen und zurücksetzen
auf die rechten Wege des Lebens, weil das soviel hieße wie ihnen die Freiheit
ihres Willens nehmen, was soviel wäre wie ihnen das Leben der Seele und des
Geistes in ihr nehmen.
[GEJ.07_202,08] Darum gehe ein jeder, wie er
gehen will! Es ist für den Menschen mehr als genug, daß er die Wege kennt und
die sicheren Folgen, die er erreichen muß, ob sie gut oder böse sind. Denn ein
jeder Mensch, wenn er zum Gebrauch seiner Vernunft und seines Verstandes kommt,
weiß es, was nach den Offenbarungen aus den Himmeln recht und gut – oder auch,
was da unrecht und böse ist. Die Wahl, danach zu handeln, ist seinem freien
Willen völlig anheimgestellt.
[GEJ.07_202,09] Wenn ihr das recht erkennet,
so dürfet ihr nicht klagen über Meine Geduld und Langmut; denn es muß einmal
auf dieser Erde, die ein Erziehungshaus für werdende wahre Kinder Gottes ist,
also und nicht möglich anders sein.
[GEJ.07_202,10] Wo die Menschen aber berufen
sind, völlig gottähnliche Geister und Wesen zu werden, da muß ihre
Willensfreiheit auch umgekehrt dahin den ins Endloseste gehenden freiesten
Spielraum haben, sich zu einem vollendetsten Teufel zu gestalten, der aber dann
freilich als selbst schuldig der elendeste Träger dessen sein wird, was er sich
durch seinen Willen selbst bereitet hat.
[GEJ.07_202,11] Ich werde darum niemanden
seiner bösen Taten wegen durch Meine Allmacht richten und strafen, sondern er
sich selbst und das unwandelbare Gesetz Meiner ewigen Ordnung, das jedem auf
dem Lichtwege der vielen Offenbarungen kundgemacht worden ist schon von
Anbeginn des menschlichen Seins auf dieser Erde.
[GEJ.07_202,12] So ihr das nun verstanden
habt, so übet euch denn auch in der Geduld und habt auch in euch ein wahres
Mitleid nicht nur mit den kranken Leibern, sondern viel mehr noch mit den
kranken und blinden Seelen der Menschen, so werdet ihr am leichtesten und
ehesten zur wahren und vollen Gottähnlichkeit gelangen und gleich werden den
Engeln im Himmel!“
203. Kapitel
[GEJ.07_203,01] Sagte nun abermals einer der
gemäßigten Pharisäer: „Meister, ich und noch mehrere von uns sehen es wohl ein,
daß du ein gar gewaltiger Lehrer bist und frei und offen redest, ohne nur im
geringsten irgend auf das Ansehen eines Menschen zu achten, und es ist völlig
wahr, daß jedem Menschen durch die Propheten der rechte Weg zum Leben
geoffenbart ist! Nun, mit diesen Offenbarungen hätten die Menschen ja auch ganz
genug; wozu aber wird es dann zugelassen, daß da irdische Könige und Machthaber
noch eigens mit ihren argen Weltgesetzen kommen müssen und dadurch zuallermeist
die arme, schwache Menschheit verderben? Ich meine, daß das wahrlich nicht
nötig wäre. Denn wie die Menschen nach dem Willen und nach der unwandelbaren
Ordnung Gottes zu leben und zu handeln haben, das ist in den Offenbarungen ja
ohnehin vollkommen gezeigt. Wozu dann noch die Zulassung von gar zu herrsch-
und habgierigen Fürsten, Königen und nun gar Kaisern?“
[GEJ.07_203,02] Sagte Ich: „Das hat im
Anfange nicht Gott durch irgendeine Offenbarung also bestimmt und angeordnet –
denn Er gab den Menschen nur im Geiste geweckte, wahrhafte und gerechte Führer
und Richter –; aber mit der Zeit, als es dem Volke zu wohl erging und es reich
war an allem, was die Erde nur immer Gutes und Kostbares trägt, da war es mit
den schlichten und bescheidenen Führern und Richtern nicht mehr zufrieden. Es
fing an zu murren und verlangte unter dem treuen Samuel einen König, der auch
also glänzen sollte wie die Könige der andern heidnischen Völker, die mit ihren
Königen Abgötterei trieben.
[GEJ.07_203,03] Als das Samuel in seinem
Geiste Gott vortrug, was das Volk von ihm begehre mit großem Ungestüm, da
sprach Gott in Seinem Zorn zu Samuel: ,Es hat dieses Volk vor Mir schon mehr
Sünden der gröbsten Art begangen, als es da gibt des Grases auf der ganzen Erde
und des Sandes im Meere, und nun will es zu allen diesen großen und vielen
Sünden noch diese größte hinzubegehen, daß es sich nicht mehr mit Meiner
Regierung zufriedenstellt, sondern gleich den gottlosen Heiden einen König
verlangt. Ja, es werde diesem undankbarsten Volke ein König als eine scharfe
Rute und Geißel gegeben, unter dem es heulen und wehklagen wird!‘
[GEJ.07_203,04] Siehe, solches und noch
mehreres hat Gott warnend zum Volke geredet, um es von seinem tollen Verlangen
abzubringen.
[GEJ.07_203,05] Als aber alles nichts gefruchtet
hatte und das Volk hartnäckig auf seiner Forderung bestand, da erst gebot Gott
dem Knechte Samuel, den Saul zum Könige der Juden zu salben.
[GEJ.07_203,06] Siehe, so entstanden überall
die Könige, wo die Völker mit der sanften Regierung Gottes nicht mehr zufrieden
waren und durchaus aus ihrer Mitte einen Menschen zum Könige haben wollten!
[GEJ.07_203,07] War da nicht wieder nur der
böse Wille der Menschen jener Satan, der sie in ein oft unerträgliches Elend
gezogen hat?! Gott hat die Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt oft
lange genug gewarnt, unter sich einen Menschen zum Könige, mit aller irdischen
Macht ausgerüstet, zu erwählen, und zeigte ihnen alle die schlimmen Folgen, die
für sie daraus erwachsen werden; aber die Menschen verstopften gegen die Stimme
Gottes Herzen und Ohren und haben sich nur selbst ihr Elend bereitet! Was sie
sich aber selbst bereitet haben, das sollen sie denn nun auch ertragen!
[GEJ.07_203,08] Ja, wenn ein ganzes Volk
eines Sinnes zu Gott flehte, daß Er es wieder führen, leiten und regieren möge,
wie solches im Anfange der Fall war, wahrlich, Gott würde das ernste Flehen
eines Volkes nicht unerhört lassen! Aber da eben die Könige stets zu viele
Günstlinge für sich haben und dem Volke, das anders möchte, keine Freiheit
gönnen und es auch zumeist zugunsten des Königs schon von der Wiege an bilden
und erziehen lassen, so fühlt das Volk wohl den Druck des Königs, aber es weiß
nicht, wohin es sich wenden soll, damit ihm geholfen werden möchte; denn es
haben die Machthaber gleich zu Anfang ihrer Herrschaft eingesehen, daß ein von
Gott erleuchtetes Volk sich von ihnen bald wieder losmachen würde.
[GEJ.07_203,09] Darum suchten sie auch mit
Hilfe falscher Propheten, wie ihr nun davon noch ein trauriger Überrest seid,
das Volk zu betören und es für den einen und wahren Gott blind zu machen. Als
solches aber kann es aus sich ohne von Gott geweckte Menschen den rechten Weg
zu Gott nicht mehr finden, sondern lebt in seiner angewohnten Abgötterei fort
und sucht sich nur irdische Vorteile von seinem König oder dessen Günstlingen
zu erwerben durch allerlei Mittel, – und wären diese an und für sich noch so
schlecht. Kommt dann, von Gott erweckt, ein rechter Prophet, so wird er nicht
nur gar nicht als ein solcher erkannt, sondern als Gotteslästerer noch verfolgt
und oft getötet, wie das alles bei euch schon gar oft der Fall war.
[GEJ.07_203,10] Wenn aber also, wie soll da
Gott einem so tief herabgesunkenen Volke irgend mehr helfen können, wo einmal
das Volk trotz seines großen Elendes jede von Gott ihm gebotene Hilfe
hartnäckigst von sich weist? Wo es aber also, wie bei euch nun, zugeht, da ist
die Frage eitel, warum Gott neben den Offenbarungen auch weltliche Regenten
zuläßt, die mit ihren Weltgesetzen die Menschen verderben.
[GEJ.07_203,11] Wollen denn die Menschen
etwas anderes, oder wollet ihr es?! So ihr das wolltet, so würdet ihr Mich nun
gläubig hören und tun nach Meiner Lehre; denn Ich bin als der euch retten
wollende Herr Selbst zu euch gekommen. Was tut ihr aber? Ihr haltet Rat über
Rat, wie ihr Mich ergreifen und töten könntet! Wenn ihr aber und viele Tausende
mit euch das tuet, da saget ihr nun selbst, wer außer Mir euch noch retten und
helfen könnte!“
[GEJ.07_203,12] Sagte der Pharisäer:
„Meister, du beschuldigest uns immer, als hätten wir selbst unsere Hände mit
dem Blute der Propheten besudelt! Was können denn wir dafür, was unsere blinden
Väter getan haben? Hätten wir mit unserer gegenwärtigen Erkenntnis und Einsicht
zu den Zeiten der Propheten gelebt, so hätten wir sie sicher nicht gesteinigt!
Also haben wir zu den Zeiten Samuels auch nicht nach einem König gerufen; aber
so wir schon einen König haben müßten zur Strafe, so wäre uns ja doch ein Jude
lieber denn ein Heide. Ich wollte von dir im Grunde nur das beleuchtet haben,
warum wir Juden nun von heidnischen Gesetzen uns müssen beherrschen lassen.“
[GEJ.07_203,13] Sagte Ich: „Die Ursache liegt
darin, weil ihr schon seit lange her die Gesetze Mosis und der Propheten
verworfen und an ihre Stelle eure argen und unsinnigen Satzungen gestellt habt.
Es waren euch die Weltsatzungen lieber als die weisen Gebote Gottes, und so hat
Gott an euch denn auch das im Vollmaße geschehen lassen, was ihr gewollt habt
und noch immer wollet; denn wolltet ihr die Gebote Gottes und die Lehren der
Propheten lieber denn die Gesetze der Welt, so würdet ihr Mich hören, euch
bekehren und tun nach Meinen Lehren, da Ich doch nichts anderes als das alte
Wort Gottes predige, von dem ihr so weit abgewichen seid, daß ihr es aus Meinem
Munde kommend nimmerdar erkennen möget. Aber ihr hasset und verfolget Mich nur,
als wäre Ich ein gemeiner Sünder und Verbrecher, und so bleibt die Rute und das
Schwert der Heiden über euch.
[GEJ.07_203,14] Es steht aber auch
geschrieben: ,Siehe, Ich sende zu euch Propheten, Weise und wahre
Schriftgelehrte! Von denselben werdet ihr etliche töten und sogar gleich den
Heiden kreuzigen, und wieder etliche werdet ihr geißeln in euren Schulen und
werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern (Matth.23,34), auf daß über
euch zu sühnen komme all das gerechte Blut!‘ – sage – vom frommen Abel, den
Kain erschlug, bis zum Blute des Zacharias, der ein Sohn des frommen Barachias
war, welchen ihr getötet habt zwischen dem Tempelvorhang und dem Opferaltar
(Matth.23,35). Wahrlich, Ich sage es nun euch: Weil ihr also gehandelt habt und
auch jetzt noch gleich also handelt, so ist alles solches über euch gekommen
(Matth.23,36), und es wird noch viel Ärgeres über euch kommen; denn ihr selbst
wollet es also und machet und bereitet es euch also!
[GEJ.07_203,15] O Jersualem, Jerusalem, die
du tötest die Propheten und steinigst jene, die zu dir gesandt sind! Wie oft
habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre
Küchlein unter ihre Flügel; und ihr Kinder wolltet euch nicht versammeln lassen
unter Meine schützenden Flügel! Darum aber wird dies euer Haus wüste und öde
gelassen werden, und das also sehr, daß in seinen Mauern auch nicht einmal die
Nachteulen und Krähen wohnen werden (Matth.23,37.38)!
[GEJ.07_203,16] Merket euch das, damit, wenn
das alles jüngst über euch und eure Kinder kommen wird, ihr euch dann erinnern
möget, daß Ich euch das zum voraus gesagt habe, und wie euch das auch die
nächtliche Erscheinung am Himmel in einem Bilde sehen ließ!“
[GEJ.07_203,17] Hier fragte Mich der
Pharisäer, woher Ich solches wohl wüßte, daß Ich der Stadt solche bösen Dinge
vorausverkünden könne. Und so Ich nun etwa Jerusalem wieder verlassen werde,
wann Ich dann wiederkäme; denn er werde bei den Hohenpriestern für Mich eine
gute Vorrede tun.
[GEJ.07_203,18] Sagte Ich: „Ich werde mit all
den Meinen den Tempel nun alsbald verlassen, und ihr werdet Mich hierher nicht
eher kommen sehen, als bis ihr rufen werdet: ,Heil Dem, der da kommt im Namen
des Herrn (Matth.23,29)!‘“
[GEJ.07_203,19] Hierauf begab sich der
Pharisäer wieder zurück zu den andern und sagte: „Meine Freunde, mit dem
kämpfen wir vergeblich, wie ich das schon gleich anfangs bemerkt habe! Nun
haben wir uns über fünf Stunden mit ihm abgegeben und haben nichts
ausgerichtet, sondern mit unserem Eigensinne nur das Volk gegen uns gereizt. Es
fragt sich nun, wer es wieder einmal für uns stimmen wird.“
[GEJ.07_203,20] Auf diese Bemerkung gab dem
Pharisäer niemand eine Widerrede, und alle verließen den Tempel.
[GEJ.07_203,21] Ich aber ermahnte noch einmal
das Volk und vertröstete es; dann aber ging auch Ich aus dem Tempel mit allen,
die zu Mir gehörten, und wir gingen wieder auf den Ölberg, allwo schon ein
wohlbereitetes Mahl uns erwartete.
204. Kapitel
[GEJ.07_204,01] Als wir uns wieder auf dem
Ölberge befanden, da kamen uns auch Nikodemus, Joseph von Arimathia und der
alte Rabbi nach, und Nikodemus sagte gleich zu Mir: „O Herr, Du meine Liebe
aller Liebe, heute, heute hast Du einmal diesen Wüterichen die Wahrheit ganz
unverhüllt unters Gesicht gerieben! Ja, das war ja ein Wunder über Wunder, daß
sie heute nicht, wie letzthin, nach den Steinen gegriffen haben! Ich habe aber
schon bei jedem Deiner heiligen und wahrsten Worte eine so wahre und große
Freude empfunden wie nicht bald je irgendwann. Das Herrlichste an der Sache
aber war erstens, daß beinahe das ganze im Tempel anwesende Volk Deine heilige
Lebenslehre annahm, und zweitens, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten mit
jeder an Dich gestellten Fangfrage gerade sich selbst am meisten gefangen und
beim Volke aber auch den letzten noch an ihnen haftenden Funken Glauben und
Vertrauen rein eingebüßt haben.
[GEJ.07_204,02] Oh, das war gut für die
anmaßenden und herrschsüchtigen Gleisner, Heuchler und selbstsüchtigen Zeloten,
die sich nun schon höher stellten als Gott und Moses selbst, wie sie auch das
dem Volke beibrachten, daß Gott nur durch sie mit dem Volke verkehre und nur
ihre Stimme und Gebete anhöre und erhöre. Heute aber ist es ihnen klar vor dem
Volke dargetan worden, in welchem Ansehen sie vor Gott stehen, und das war
schon so etwas Vortreffliches, wie es schon nichts Vortrefflicheres mehr geben
kann! Na, die werden nun wieder Beratungen über Beratungen halten, von denen
eine schlechter und dümmer sein wird als die andere!
[GEJ.07_204,03] Das beste dabei ist noch das,
daß sie unter sich in ihren Ansichten gespalten sind! Die Gemäßigteren sehen es
doch wenigstens ein, daß sie gegen Dich nichts ausrichten können; aber die
eigentlichen Erztempler sehen auch das nicht ein, obschon sie eben heute ihre
völlige Ohnmacht fühlen müssen. Kurz, ich bin nun über Deinen Totalsieg über
diese argen Finsterlinge so höchst erfreut, daß ich nun schon laut zu rufen
anfangen möchte: Heil Dem, der in Dir zu uns gekommen ist im Namen des Herrn!“
[GEJ.07_204,04] Sagte Ich: „Ja, ja, du hast
recht gefühlt und recht gesprochen; aber Mir wäre an der Sache dennoch das
Liebste gewesen, wenn auch die Pharisäer und alle die Schriftgelehrten die
Wahrheit erkannt und ihren Sinn geändert hätten. Aber so sind sie nun ebenso verstockt,
wie sie ehedem waren.
[GEJ.07_204,05] Sie haben durch ihre Spione
gemerkt, daß Ich Mich mit Meinen Jüngern und all den andern Freunden auf diesen
Berg begeben habe, und es werden kaum zwei Stunden Zeit verrinnen, so werden
wir hier ihre neuen Knechte und Häscher ersehen. Aber Meine gewisse euch schon
bekanntgegebene Zeit ist noch nicht da, und so werde Ich durch Meinen Raphael
und vorerst aber durch die noch anwesenden sieben Oberägypter ihnen eine ganz
wohlgenährte Züchtigung zukommen lassen, und wir werden dann wieder eine
Zeitlang vor ihnen Ruhe haben. Nun aber gehen wir an unsere Tische und stärken
unsere Glieder! Die da unten aber sollen nun machen, was sie wollen!“
[GEJ.07_204,06] Hier kam Raphael mit der ihm
anvertrauten Schar und dem gab Agrikola kund, daß er nun nach Meinem Willen all
den jungen Leuten die römische, griechische, wie auch die jüdische Sprache zu
reden beigebracht habe und sie sonach in Rom gut zu verwenden sein würden, da
sie die genannten Sprachen nicht nur vollkommen reden, sondern auch schreiben
und lesen könnten.
[GEJ.07_204,07] Darüber war unser Agrikola
hoch erfreut, weil er sich dabei und dadurch einer großen Sorge und Arbeit
überhoben sah. Die Jungen grüßten Mich nun in der jüdischen Zunge und begaben
sich dann auf Meine Weisung in die Zelte, wo auch für sie die Tische ganz gut
bestellt waren.
[GEJ.07_204,08] Wir aber gingen darauf
unverweilt in unseren Speisesaal, setzten uns in der alten Ordnung an unsere
Tische und nahmen zu uns die wohlbereiteten Speisen und den überaus guten Wein.
205. Kapitel – Aus den Jünglingsjahren des
Herrn. (Kap.205-229)
[GEJ.07_205,01] Nach etwa einer Stunde wurden
durch den Wein die Zungen sehr gelöst, und es wurde bald ganz lebendig im
Saale.
[GEJ.07_205,02] Ich Selbst erzählte den Gästen
so manches aus Meiner Jugendzeit, worüber sich alle Anwesenden in hohem Grade
ergötzten. Die anwesenden bekehrten Pharisäer und Schriftgelehrten bestätigten
das alles, und einer erzählte sogar kurz gefaßt von der Begebenheit im Tempel,
als Ich mit zwölf Jahren Alters im Tempel alle die Hohenpriester, Ältesten,
Schriftgelehrten und Pharisäer mit Meiner Weisheit ins größte Erstaunen gesetzt
hatte, und fügte noch die Bemerkung hinzu, daß schon in jener Zeit stark die
Meinung sogar im Tempel sich einige Jahre hindurch erhielt, daß Ich
möglicherweise etwa doch der verheißene Messias sei. Aber man habe darauf von
Mir nichts mehr gehört und meinte, daß Ich als ein geistig zu früh geweckter
Knabe entweder gestorben sei, oder daß die Essäer Mich irgend kennengelernt und
in ihre Schulen genommen haben, natürlich infolge Übereinkunft mit Meinen
irdischen Eltern. Und so sei diese Sache beim Tempel dann nach und nach völlig
eingeschlafen und erst in dieser jüngsten Zeit durch Mein öffentliches
Auftreten wieder wachgerufen worden.
[GEJ.07_205,03] Als die Pharisäer solche ihre
Erzählung beendet hatten, da erzählten auch Johannes, Jakobus und auch die
andern Jünger so manches aus Meiner Jugendzeit, und Jakobus gab sogar die
wunderbare Art der Schwangerwerdung Mariens, Meine Geburt und Flucht nach
Ägypten und Meinen dreijährigen Aufenthalt daselbst, wie auch das meiste, was
sich dort alles zugetragen hatte, zum besten, worüber alle höchlichst
erstaunten. Viele beneideten nun Jakobus um das Glück, daß er gleichfort um Mich
hatte sein können.
[GEJ.07_205,04] Hierauf aber sagte dann auch
Lazarus: „Herr und Meister, es freut mich nun zwar unbeschreibbar, mich Deinen
Freund von meinem ganzen Herzen nennen zu dürfen; aber noch seliger wäre ich
als Jakobus, der Dich ordentlich aus den geöffneten Himmeln zur Erde herab hat
kommen sehen und stets an Deiner Seite war. Wenn ich doch auch Jakobus gewesen
wäre!“
[GEJ.07_205,05] Sagte Ich: „Jakobus ist
allerdings ein völlig glücklicher Mensch und ist auch von den Engeln des
Himmels selbst oft beneidet worden, freilich aber nur in einem höchst edlen
Sinne; aber er hat darum dennoch keinen Vorzug vor einem andern Menschen. Sein
Wert liegt auch nur einzig und allein darin, daß er Mein Wort hört, glaubt und
aus Liebe zu Mir danach handelt; wer aber das tut, der hat ganz denselben
Vorzug, wie ihn da hat dieser Mein lieber Bruder Jakobus.
[GEJ.07_205,06] Höret aber nun eine seltene
Begebenheit aus der Zeit nach Meinem zwölften Jahre, in der man von Mir eben
nichts Besonderes vernommen hat!
[GEJ.07_205,07] Ich habe sonst Meinem
Nährvater Joseph als ein Zimmermann stets fleißig und unverdrossen arbeiten
helfen, und wo Ich mitarbeitete, da ging die Arbeit auch allzeit gut und
ausgezeichnet vonstatten.
[GEJ.07_205,08] Einst aber kam auch ein
Grieche, der ein Heide war, zu Joseph und wollte mit ihm wegen des Baues eines
ganz neuen Hauses und eines großen Schweinestalls einen gar vorteilhaften
Akkord (Vereinbarung) machen.
[GEJ.07_205,09] Joseph aber war ein reiner
und strenger Jude und sagte zum reichen Griechen: ,Siehe, wir haben ein Gesetz,
das uns verbietet, mit Heiden umzugehen und ihnen irgendwie Dienste zu
erweisen! Wärst du ein Jude, so könnte ich mit dir leicht handelseins werden;
da du aber ein finsterer Heide bist, so kann ich um alle Schätze der Welt
deinem Verlangen nicht nachkommen und einen Schweinestall aber schon gar nie
und nimmer in Arbeit nehmen, und wärest du auch ein Jude!‘
[GEJ.07_205,10] Da sagte der Heide ganz
aufgeregt zu Joseph: ,Siehe, du bist doch ein sonderbarer Mann! Ich bin
freilich wohl ein Grieche, aber ich selbst und mein ganzes Haus haben unsere
vielen Götter schon lange über Bord ins Meer geworfen und glauben nun an eben
den Gott, an den du glaubst, und haben von Ihm auch schon so manche
unverkennbaren Gnaden empfangen. Daß wir aber die Beschneidung nicht annehmen,
hat seinen Grund darin, daß wir nicht eurem unersättlichen Tempel untertan sein
wollen, sondern allein dem Gott und Herrn, der nun nirgends mehr entheiligt und
verunehrt wird als eben in eurem Tempel, dessen schnöde Einrichtung wir Heiden
besser kennen als ihr durch euren Tempel schon ganz verdummten Juden. So aber
euer allein wahrer Gott auch über uns Heiden Seine Sonne scheinen läßt, warum
wollet denn ihr uns verachten?‘
[GEJ.07_205,11] Da sagte Joseph: ,Du irrst
dich, so du meinst, daß wir Juden euch verachten; aber wir haben ein Gebot von
Moses, das uns den Umgang mit den Heiden untersagt und uns auch verbietet, mit
ihnen Handel und Wandel zu treiben. So ein reiner Jude das tut, so verunreinigt
er sich auf eine lange Zeit. Und siehe, ich aber bin noch ein Jude, der das
ganze Gesetz seit seiner Kindheit strenge beachtet und nun in seinen alten
Tagen nicht gegen dasselbe zu handeln anfangen wird!‘
[GEJ.07_205,12] Sagte der Grieche: ,Gut, mein
Freund, ich werde dich auch nicht dazu verleiten; denn auch ich bin schon so
alt wie du und kenne dich schon länger, als du dir das vorstellen magst. Da du
aber mit uns Heiden deines Gesetzes wegen es schon gar so strenge nimmst in
dieser Zeit, – warum hast denn du es damals nicht so strenge genommen, als du
wegen der Verfolgung von seiten deiner Glaubensgenossen mit deinem jungen Weibe
und deinen Kindern zu uns Heiden nach Ägypten geflohen kamst?
[GEJ.07_205,13] Siehe, Freund, eure Gesetze
sind alle gut und wahr; aber sie müssen auch im Geiste der inneren Wahrheit
aufgefaßt und alsdann erst tätig ins Leben übertragen werden! Wer sich nur an
den Buchstaben des Gesetzes bindet, der ist dem Reiche der Wahrheit noch ferne.
Als du in Ägypten warst, da arbeitetest du wohl auch für uns Heiden, bliebst
dabei aber dennoch ein ganz reiner Jude. Warum solltest du nun unrein werden?
[GEJ.07_205,14] Damals aber hattest du ein
gar wundersames Söhnlein, das wir Heiden seiner wunderbaren Eigenschaften wegen
beinahe wie einen Gott verehrten. Was ist aus jenem Kinde geworden? So es nicht
irgend gestorben ist, so muß es nun schon ein erwachsener Jüngling sein!‘
[GEJ.07_205,15] Sagte Joseph nun etwas
verlegen, weil er den Griechen nun wohl erkannt hatte: ,Ja, höre, du mein
Freund! Du hast mir in Ostrazine wahrlich viele Freundschaft erwiesen, und es
wäre nun unbillig von mir, so ich deinem Verlangen widerstrebte; aber als ein
strenger Jude werde ich mich dennoch zuvor mit dem Ältesten dieser Stadt
besprechen und werde dann handeln nach seinem Rate.‘
[GEJ.07_205,16] Darauf sagte der Grieche:
,Aber meines Wissens hast du dir in Ostrazine stets bei deinem Söhnlein Rat
geholt, wenn du etwas zu tun dir vornahmst! Wenn jener Sohn noch lebt, so wird
er nun sicher noch weiser sein, als er damals war! Fragst du ihn nun nicht
mehr, was irgend Rechtens wäre, so er, wie gesagt, noch lebt?‘
206. Kapitel
[GEJ.07_206,01] (Der Herr:) „Hier zeigte
Joseph mit der Hand auf Mich, der Ich einige Schritte von ihm entfernt auf der
Werkstätte einen Laden zu durchsägen hatte, und sagte: ,Dort auf der Werkstatt
siehst du ihn arbeiten! Es ist sonderbar: Als er ein Kind war bis ins
vollendete zwölfte Jahr, waren ich und die Mutter, die nun in der Küche
beschäftigt ist, wahrlich der vollsten Meinung, daß er unfehlbar der uns verheißene
Messias werden wird; doch nach dem vollendeten zwölften Jahre hat sich all das
früher so göttlich Scheinende an ihm derart verloren, daß wir nun davon an ihm
keine Spur mehr entdecken können. Er ist sonst sehr fromm, willig und fleißig
und tut ohne Murren alles, was wir ihm nach seiner Kraft zu tun geben; aber,
wie gesagt, von all dem Wunderbaren ist an ihm nichts mehr zu entdecken. So du
willst, da kannst du selbst mit ihm reden und dich von allem, was ich dir
gesagt habe, selbst überzeugen.‘
[GEJ.07_206,02] Hierauf trat der Grieche zu
Mir und sagte: ,Höre, du mein lieber Jüngling, ich habe dich vor achtzehn
Jahren schon gekannt und bewunderte deine damals rein göttlichen Eigenschaften,
die, so wie deine Worte, mich zuallermeist bestimmten, euren Glauben
anzunehmen, obwohl ich darum die Beschneidung nicht annahm. Aber ich habe eures
Glaubens wegen dennoch Ägypten verlassen, um hier tiefer in eure
weisheitsvollen Lehren einzudringen, und zu allem dem warst eben du der
Hauptgrund! Und nun vernahm ich von deinem Vater, den ich schon lange nicht
mehr gesehen und gesprochen hatte, daß du alles das Göttlich-Wunderbare, das
dir als einem Kinde eigen war, gänzlich verloren habest. Wie ist denn das
hergegangen?‘
[GEJ.07_206,03] Ich sah den Griechen groß an und
sagte: ,Wenn du in unsere Lehre wohl eingeweiht bist, so werden dir auch
Salomos weise Sprüche nicht unbekannt sein. Und siehe, da lautet einer,
demzufolge in dieser Welt alles seine Zeit hat! Als Ich ein Kind war, da war
Ich sicher noch kein kräftiger Jüngling; da Ich nun aber ein kräftiger Jüngling
bin, so bin Ich kein Knabe mehr, und arbeite gleich einem jeden andern
Jünglinge mit allem Fleiß und Eifer, weil das Mein Vater im Himmel also will.
Ich kenne Ihn und erkenne auch allzeit Seinen Willen und tue nur das, was Er
will. Und siehe, das ist dem Vater im Himmel wohlgefällig!
[GEJ.07_206,04] Ich wirkte als zarter Knabe
wahrlich große Zeichen, um den Menschen anzuzeigen, daß Ich als ein Herr aus
den Himmeln in diese Welt gekommen bin; aber die Menschen hielten mit der Zeit
nicht viel darauf und ärgerten sich sogar, wenn Ich vor ihren Augen ein Zeichen
wirkte. Ich aber bin dennoch Derselbe geblieben, der Ich bin, und werde wieder
vor den Menschen die Zeichen wirken und ihnen anzeigen, daß das Reich Gottes
nahe herbeigekommen ist. Wann Ich aber das tun werde, das wird eben von Mir
Selbst zur rechten Zeit bestimmt werden. Wohl dem, der an Mich glauben und sich
an Mir nicht ärgern wird!
[GEJ.07_206,05] Du aber möchtest, daß dir
Mein Nährvater ein neues Haus und einen großen Schweinestall bauen soll. Und
das soll er auch tun! Denn was vor Mir recht ist, das ist auch vor Gott keine
Sünde. Den Juden aber war ein rechter geschäftlicher Umgang mit ehrlichen
Heiden nie verwehrt; verwehrt war und ist den Juden nur im Umgang mit den
Heiden, ihr Götzentum und ihre argen Lehren, Sitten, Gebräuche und Handlungen
anzunehmen. Wo aber ein Heide sich im Glauben der Juden befindet und sonach
durch seinen Glauben an den einigen, allein wahren Gott wahrhaft beschnitten
ist im Herzen und in seiner Seele, da kann man mit ihm schon Umgang pflegen!‘
[GEJ.07_206,06] Sagte hierauf Joseph: ,Nun,
nun, das ist viel, daß du einmal so viel und so weise geredet hast, und ich
erkenne es auch, daß du da völlig recht hast; aber muß man da dennoch auch die
Priester nicht vor den Kopf stoßen und sich zuvor mit ihnen beraten, um von
ihnen nicht als ein Ketzer gescholten zu werden. So man sich aber zuvor mit
ihnen beratet ob einer Arbeit, die dem Buchstaben nach doch immer nicht auf dem
gesetzlichen Boden steht, und gibt irgendein kleines Opfer, so erlaubt ein
weiser Priester auch allzeit gern eine Arbeit, die für sich nicht wohl im
Gesetze begründet ist. Ich werde darum sogleich zu unserem Ältesten gehen und
werde ihm diese Sache vortragen.‘
[GEJ.07_206,07] Sagte Ich: ,Was wirst du aber
dann tun, so er dir diese Arbeit anzunehmen dennoch nicht erlauben wird – trotz
des angebotenen Opfers?‘
[GEJ.07_206,08] Sagte Joseph: ,Ja, dann
werden wir die Arbeit offenbar nicht annehmen können!‘
[GEJ.07_206,09] Sagte Ich: ,Höre, wenn Ich
dereinst Meine große Arbeit beginnen werde, so werde Ich die Priester nicht
fragen, ob Ich solch eine große Arbeit, die sehr wider ihre eitlen
Tempelsatzungen gerichtet sein wird, werde unternehmen dürfen oder nicht,
sondern Ich werde die große und schwere Arbeit unternehmen aus Meiner
höchsteigenen Macht und Kraft! Denn was vor Gott recht ist, das muß auch vor
allen Menschen recht sein, ob sie das Rechte wollen oder nicht!‘
[GEJ.07_206,10] Sagte abermals Joseph: ,Mein
lieber Sohn, wenn du also handeln wirst, so wirst du wenig Freunde in der Welt
zählen!‘
[GEJ.07_206,11] Sagte Ich: ,Wahrlich, wer
ängstlich nach der Freundschaft der Welt trachtet, der verwirkt dadurch leicht die
Freundschaft Gottes! Ich aber gebe hier den Rat: Wir erweisen diesem Griechen
die Freundschaft und fragen da unsere herrsch- und habgierigen Priester gar
nicht und tun, was da Rechtens ist; denn dieser Mensch hat uns viele
Freundschaft erwiesen, und wir sollten ihm nun unserer Priester wegen die von
ihm angesuchte Freundschaft versagen? Nein, das tun wir nicht! Und getrauest du
dir das nicht, so werde Ich allein ihm das Haus und den Stall aufbauen!‘
[GEJ.07_206,12] Sagte darauf Joseph: ,Nein,
was hast du denn heute auf einmal?! So eigensinnig und stützig habe ich dich ja
schon seit Jahren nicht gesehen und auch nicht also reden hören! Wenn mich
angesehene Juden und Älteste besuchen und oft gerne mit dir redeten, da bist du
ganz karg mit deinen Worten und bist noch kaum je so gebieterisch aufgetreten;
und nun kam ein Heide, und du willst ihm gleich alles tun, was er nur wünscht!
Wie kommt denn nun das bei dir auf einmal? Ich möchte nun schon wieder zu
glauben anfangen, daß du auch für diesen Griechen möchtest Wunder zu wirken
anfangen, – was du doch schon so lange vor keinem Juden getan hast!‘
[GEJ.07_206,13] Sagte Ich: ,Ereifere dich
nicht, du Mein alter und ehrlich gerechter Freund! Wenn Ich Mich vor den Juden
zurückziehe, so habe Ich sicher Meinen wohlweisen Grund dazu! Hat denn hier
auch nur ein Jude außer dir einen wahren und vollen Glauben? Als Ich als noch
ein Knabe dann und wann ein Zeichen wirkte, da sagten sie, daß Ich besessen sei
und gar mit der Hilfe des Teufels solche Dinge wirke, die sonst kein Mensch zu
wirken imstande sei.
[GEJ.07_206,14] Als du selbst einmal den
Ältesten fragtest, ob in Mir möglicherweise etwa doch der Geist eines großen
Propheten verborgen sei, weil bei Meiner Geburt so große Zeichen geschehen
seien, da sagte der blinde Pharisäer voll Ärgers: ,Es steht geschrieben, daß
aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht; darum ist schon eine solche Frage für
verdammlich zu halten!‘ Wenn aber die Priester und auch die andern Juden hier
also beschaffen sind, vor wem sollte Ich dann ein Zeichen wirken und warum?!
[GEJ.07_206,15] Dieser Grieche aber ist voll
guten Glaubens und ist ein Freund des inneren und wahren Lebenslichtes, der
sich auch nicht ärgert, so Ich ihm ein Zeichen wirke; und so ist es denn doch
auch begreiflich, warum Ich Mich gegen ihn auch ganz anders benehme, als Ich
Mich gegen diese finsteren Juden benehme.
[GEJ.07_206,16] Ich aber sage dir: Weil nun
die Juden also sind, so wird ihnen das Licht des Lebens genommen und den Heiden
gegeben werden! Es kommt das Heil aller Völker zwar von den Juden, und das Heil
bin Ich; weil Mich aber die Juden nicht annehmen und anerkennen wollen, so wird
das Heil ihnen genommen und den Heiden überantwortet werden!‘“
207. Kapitel
[GEJ.07_207,01] (Der Herr:) „Hierauf sagte
der Grieche zu Joseph: ,Nun erst erkenne ich deinen wunderbaren Sohn ganz
wieder und habe eine große Freude darob, daß er uns Heiden nicht also beurteilt
wie die andern Juden, die sich für die pursten Kinder Gottes betrachten und
halten, aber als Menschen vor lauter Hochmut ordentlich stinken und sich
untereinander ärger denn Hunde und Katzen verfolgen. Schon als ein zartes Kind
hat dieser dein Sohn sich zu öfteren Malen über das Judentum, wie es jetzt
besteht, bitter beklagt; aber nun als ein erwachsener Jüngling hat er sich klarer
ausgesprochen und gezeigt, wie es so ganz eigentlich mit den Juden steht. Ich
freue mich über sein Urteil nun um so mehr, weil er mir dabei ordentlich aus
dem innersten Grunde meiner Seele geredet hat.
[GEJ.07_207,02] Ist denn das von einem ersten
Volke Gottes eine Art, so sie jeden Heiden, der doch auch ein Mensch ist,
gleich verdammen, und das sogar dann auch, wenn man ihnen noch so große
Wohltaten erwiesen hat?! Warum verdammen sie denn unser Gold und Silber nicht?!
Das ist für sie wohl schon zur Genüge; aber wenn unsereiner nur ihre Hausflur
betreten hat, so halten sie ihr Haus und auch sich selbst auf einen ganzen Tag
für verunreinigt! O der Narren! Für solch einen Wahnglauben habe ich gar keine
Worte, um ihn als schlecht und dumm zur Genüge bezeichnen zu können! Und siehe,
das bezeugte nun auch dein gottähnlich wunderbarer Sohn, und es hat mir das nun
eine so große Freude gemacht wie sonst noch nie etwas anderes!
[GEJ.07_207,03] Da wir aber nun diese Sache
klar besprochen haben und wissen, was man von den Weltsatzungen der Juden zu
halten hat, und man andernteils aber auch noch recht wohl weiß, daß du aus gar
vielen Juden der ehrlichste und wahrhafteste bist und dich nicht an die leeren
Formen bindest, so können wir nun schon miteinander abmachen, wie und unter
welchen Bedingungen du mir das Wohnhaus und den großen Schweinestall erbauen
möchtest. Dein wunderbarer Sohn wird es schon machen, daß du dabei von keiner
Seite her irgend beanstandet wirst. Rede du, Freund, nun, was du dir da
denkst!‘
[GEJ.07_207,04] Sagte Joseph: ,Mein
wundersamer Sohn und auch du habet wohl ganz vollkommen recht; kommt aber dann
die Sache etwa doch auf, so werde dann nur ich zur Verantwortung gezogen
werden! Wegen der Kosten werden wir ganz leicht fertig werden.‘
[GEJ.07_207,05] Sagte Ich: ,Höre, du Mein
irdischer Ernährer Joseph! Von Meinem Willen allein hängt es ab, ob dich bei
der guten Arbeit jemand verraten kann; denn so Ich hier auch aus den gezeigten
Gründen schon lange keine Zeichen mehr gewirkt habe, so bin Ich aber dennoch
ganz Der, der Ich im Anfange war, und Mir sind alle Dinge möglich! Sonne, Mond,
Sterne und diese ganze Erde, wie auch alle Himmel und die ganze Hölle müssen
Mir gehorchen und sich richten nach Meinem Willen, – und Ich sollte da eine
Furcht haben vor den finsteren und blinden Priestern unserer Synagoge?!
[GEJ.07_207,06] Mache du nur mit dem
Ehrenmanne den rechten Bauvertrag, – alles andere überlasse Mir! Wir werden
dann mit dem Bau leicht fertig werden; denn Dem es möglich war, Himmel und Erde
zu erbauen, Dem wird es etwa doch auch leicht möglich sein, einem biederen
Griechen, der in seinem Herzen ein vollkommener Jude ist, ein rechtes Wohnhaus
und einen Schweinestall zu erbauen! Ich sage es euch, daß ein Schweinestall
wahrlich nicht zu jenen Bauten zu rechnen ist, die dem menschlichen Geiste eine
Ehre machen; aber lieber ist Mir nun ein noch so schmutziger Schweinestall als
der Tempel zu Jerusalem und gar manche Synagoge im großen Judenlande!‘
[GEJ.07_207,07] Sagte Joseph: ,Aber höre, du
mein Sohn, wie redest du heute gar so sehr vermessen?! Wenn das jemand von der
Stadt gehört hätte und verklagte uns, was würde da aus uns werden? Wir würden
ja der schrecklichsten Gotteslästerung beschuldigt werden und würden auch ohne
Gnade gesteinigt werden!‘
[GEJ.07_207,08] Sagte Ich: ,Sorge du dich um
etwas anderes! Wer kann uns hören, wenn Ich es nicht will, und wer wird uns
steinigen, wenn Ich ein Herr aller Steine bin? Da sieh hier diesen Stein, den
Ich nun aufgehoben habe! Ich will nun, daß er für die Sinne der Welt völlig
zunichte werde! Und siehe, er ist es schon! Wenn ein dummer Jude dann solche
Steine nach uns würfe, werden sie uns wohl irgendwie schaden können?! Da sieh
hinauf zur Sonne! Sieh, wie sie leuchtet mit ihrem hellen Lichte! Da Ich aber
auch ein Herr über die Sonne bin, so will Ich, daß sie nun einige Augenblicke
lang kein Licht von sich geben soll! Und siehe, es ist nun finster wie in der
Nacht!‘
[GEJ.07_207,09] Hier erschrak Joseph und auch
der Grieche, und die, die im Hause waren, kamen voll Entsetzen heraus und
fragten ängstlich, was denn das nun wäre, und was es zu bedeuten hätte.
[GEJ.07_207,10] Ich aber sagte: ,Nun bin Ich
schon so lange bei euch, und ihr kennet Mich noch nicht! Das ist Mein Wille!
Ich aber will nun wieder Licht! Und sehet, die Sonne leuchtet wieder so
vollkommen wie zuvor! Zu bedeuten aber hat das sonst nichts, als daß ihr alle
wissen und erkennen sollet, daß Ich bei euch bin.‘
[GEJ.07_207,11] Da sagten alle: ,Dem Herrn
alles Lob, – unser Jesus hat wieder seine Kraft von Gott überkommen!‘
[GEJ.07_207,12] Sagte Ich: ,Ich habe nichts
überkommen; denn all die Kraft und die Macht sind Mein. Ich und Der, der in Mir
lebt, sind Eins und nicht Zwei. – Und nun sage du, Joseph, Mir, ob du noch eine
Furcht vor den Juden und Ältesten der Synagoge hast!‘
[GEJ.07_207,13] Sagte Joseph: ,Ja, du mein
liebster Sohn und auch mein Herr, bei so bewandten Umständen habe ich wohl
keine Angst und Furcht mehr; denn nun erst habe ich völlig mein Heil gesehen.
Nun werden wir aber auch ohne weiteres Bedenken uns sogleich an den bewußten
Bau machen und heute noch uns dahin begeben, wo dieser unser alter Freund sein
Haus und den Stall erbaut haben will!‘
[GEJ.07_207,14] Sagte der Grieche: ,Ich danke
euch zum voraus; der Lohn wird im reichsten Maße folgen. Die Stelle aber ist
von hier nicht gar so weit, und da ich gute Lasttiere draußen bei der Herberge
stehen habe, so werden wir noch heute vor dem Sonnenuntergange leicht die
Stelle erreichen, allwo ich mit den Meinen wohne.‘
[GEJ.07_207,15] Hierauf berief Joseph die
andern Brüder und teilte ihnen mit, was sogleich zu geschehen habe. Aber Joses
meinte, daß es gut wäre, so einer von ihnen daheim bliebe, weil auch im Orte
alle Tage etwas auskommen (vorkommen) könne; zugleich falle das weniger auf,
und die Aufseher der Synagoge, die auf dieses Haus Meinetwegen ohnehin stets
ihre Augen und Ohren gerichtet hätten, würden den Abgang Josephs weniger merken
und nicht nachfragen, wo und bei wem er eine Arbeit genommen habe.
[GEJ.07_207,16] Darauf sagte Ich: ,Auch du
sollst einmal recht haben, doch nicht ganz! Ich sage und verordne aber, daß
außer Jakobus niemand mit uns zu gehen braucht und wir somit nur für drei das
nötigste Werkzeug mitzunehmen brauchen, und das nur deshalb, damit man wisse,
daß wir uns als Zimmerleute vom Hause wegbegeben. Jakobus, mache dich darum
reisefertig!‘
[GEJ.07_207,17] Jakobus ging, machte sich
reisefertig und schaffte das Werkzeug her.
[GEJ.07_207,18] Als wir drei mit dem Griechen
aber schon unsere Füße in Bewegung setzen wollten, da kam Maria, Meines Leibes
Mutter, und fragte uns, wie lange wir aus sein würden.
[GEJ.07_207,19] Sagte Joseph: ,Weib, das läßt
sich bei solch einer großen Arbeit wohl nicht zum voraus bestimmen!‘
[GEJ.07_207,20] Sagte darauf Ich: ,Die
Menschen können das freilich wohl nicht; doch Mir ist auch das möglich!‘
[GEJ.07_207,21] Sagte Maria: ,Nun, so sage du
es mir, wie lange ihr aus sein werdet!‘
[GEJ.07_207,22] Sagte Ich: ,Volle drei Tage,
das ist heute, morgen und übermorgen; am Sabbat noch vor dem Sonnenaufgange werden
wir wieder hier sein!‘
[GEJ.07_207,23] Sagten alle: ,Wie werdet ihr
drei in zwei Tagen ein großes Wohnhaus und einen großen Schweinestall
aufbauen?‘
[GEJ.07_207,24] Sagte Ich: ,Das wird unsere
Sache sein; ihr andern aber kümmert euch nur, daß daheim eure Arbeit in der
Ordnung sei!‘
[GEJ.07_207,25] Da sagte Maria zu Mir: ,Aber,
mein liebster Sohn, wie kommst du mir heute doch wieder einmal gar so sonderbar
vor! Du bist heute ja ganz gebieterisch! Wie kommt denn das?‘
[GEJ.07_207,26] Sagte Ich: ,Weil Ich das
eures Heiles wegen sein muß! Aber nun halte uns nicht länger auf; denn mit
diesem Reden gewinnt keiner von uns etwas. Für den Menschen ist seine Zeit gar
kostbar!‘
[GEJ.07_207,27] Sagte Maria: ,Ja, ja, dir
kann man in nichts widersprechen, – du hast allzeit recht; daher reiset nur
glücklich, und kommet glücklich wieder!‘“
208. Kapitel
[GEJ.07_208,01] (Der Herr:) „Hierauf machten
wir uns aber auch gleich auf den Weg zur Herberge hin, wo des Griechen
Lasttiere auf uns warteten.
[GEJ.07_208,02] Als wir da ankamen, gab es
bald der Neugierigen viele, die uns mit Fragen belästigten, und der
Herbergswirt, Josephs guter Bekannter, sagte zu ihm: ,Freund, ich möchte heute
keine Reise unternehmen; denn es ist eine Sonnenfinsternis gewesen, und ein
solcher Tag galt schon bei den Alten als ein Unglückstag!‘
[GEJ.07_208,03] Sagte Ich: ,Wie klug ihr
Leute doch seid! Auf solche leeren, aller Wahrheit baren Sagen haltet ihr; aber
alles, was rein und wahr ist, das tretet ihr in den Kot und wollet es nicht
hören. Daher halte du uns mit solchen leeren Dingen nicht auf!‘
[GEJ.07_208,04] Sagte der Wirt: ,Oh, du mein
lieber Geselle, die alten Menschen waren auch kluge Leute; daher sollen die
Jungen deren Erfahrungen wohl beachten, sonst werden sie manches Ungemach zu
erleiden bekommen!‘
[GEJ.07_208,05] Sagte Ich: ,Befolge du nur,
was Moses und die Propheten gelehrt haben; das wird dir nützlicher sein, als
auf die Neumonde und auf die glücklichen und unglücklichen Tage zu halten! Wer
Gottes Gebote hält und Gott über alles liebt und seinen Nächsten wie sich
selbst, der hat keine Unglückstage zu fürchten; wer aber das nicht tut, für den
ist ein jeder Tag ein wahrer Unglückstag!‘
[GEJ.07_208,06] Sagte der Wirt: ,Na, na, das
weiß ich auch; aber darum kann man auch auf die Sagen der Alten noch immer
etwas halten!‘
[GEJ.07_208,07] Darauf grüßte er den Joseph
nochmals und wünschte ihm viel Glück auf die Reise und zum Geschäfte. Wir
bestiegen dann die Lasttiere, und unsere Reise ging rasch vorwärts über Berge
und Täler westwärts auf dem Wege gen Tyrus.
[GEJ.07_208,08] Als wir aber den halben Weg
zurückgelegt hatten und eine Herberge erreichten, die auch einem Griechen
gehörte, da sagte unser Grieche: ,Freunde, hier werden wir uns ein wenig
stärken und den Lasttieren ein Futter reichen lassen!‘
[GEJ.07_208,09] Dieser Antrag war dem Joseph
ganz recht, obwohl er gleich fragte, ob man da wohl auch den Juden erlaubte
Speisen bekäme.
[GEJ.07_208,10] Sagte der Wirt: ,Ja, mein
Freund, da wird es bei mir wohl eine kleine Not haben! Schweinefleisch habe ich
wohl geräuchert zur Genüge, also auch gesäuertes Brot und Salz und Wein; aber
etwas anderes wird nun nicht vorrätig sein.‘
[GEJ.07_208,11] Sagte Joseph: ,Da wird es für
uns etwas schlimm ausschauen; denn das Fleisch der Schweine dürfen wir Juden
nicht essen und also auch in dieser Zeit kein gesäuertes Brot, da bei uns die
Zeit der ungesäuerten Brote eingetreten ist. Hast du denn keine Fische und auch
keine Hühner und Eier?‘
[GEJ.07_208,12] Sagte der Wirt: ,Siehe, diese
Herberge steht hoch auf einem Berge! Woher sollte man da die Fische nehmen?
Also geht es hier auch mit der Zucht der Hühner schlecht; denn fürs erste
gedeihen sie wegen Mangels am entsprechenden Futter beinahe gar nicht, und fürs
zweite gibt es hier zu viele Raubvögel aller Art, die nicht nur die Zucht der
Hühner nahezu unmöglich machen, sondern auch die Schafzucht sehr erschweren,
weil die Lämmer vor den Luftbestien nicht einen Augenblick völlig sicher sind.
Ich habe darum nur etwas Rind, als Stiere, Ochsen und Kühe und natürlich auch
einige Kälber, und dazu auch Schweine, die hier ganz gut fortkommen; den Wein
aber muß ich selbst kaufen in Tyrus. So steht es hier; was aber da ist, das
will ich euch reichlich und billig geben.‘
[GEJ.07_208,13] Sagte Ich: ,Bringe nur her,
was du hast, und wir werden es schon essen!‘
[GEJ.07_208,14] Sagte Joseph: ,Aber Sohn, was
wird denn das Gesetz Mosis dazu sagen?‘
[GEJ.07_208,15] Sagte Ich: ,Hast du denn
schon wieder vergessen, wer Ich bin? Der in Mir ist, hat dem Moses die Gesetze
gegeben, und Ebenderselbe sagt nun zu dir: Iß, was dir auf den Tisch gesetzt
wird, wo du es nicht anders haben kannst; denn dem Reinen ist alles rein!
[GEJ.07_208,16] Moses hat das Fleisch der
unflätigen Tiere den Juden nur darum zu essen untersagt, auf daß sie selbst
nicht noch unflätiger würden, als sie schon von Geburt an waren; aber im
Notfalle durften auch die Juden das Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere
essen. Wir selbst aber waren nie unrein und werden auch nie unrein werden, und
so kann uns auch keine Speise, wenn sie wohl bereitet ist, verunreinigen.‘
[GEJ.07_208,17] Mit dieser Meiner Erklärung
war Joseph und auch Jakobus zufrieden, und der Wirt brachte uns sogleich
wohlgeräuchertes und gut zubereitetes Schweinefleisch, Brot, Salz und einen
guten Wein, und wir verzehrten alles ganz wohlgemut. Unser Grieche aber machte
natürlich den Zechmeister und hatte eine rechte Freude, daß wir uns mit seinem
Mahle so ganz zufriedengestellt hatten.
[GEJ.07_208,18] Nach dem eingenommenen Mahle
aber sagte Ich zu dem Herbergswirte: ,Dieser deiner Herberge ist nun ein großes
Heil widerfahren! Vom heutigen Tage an kannst du Hühner und Schafe züchten,
soviel du magst und kannst; denn Ich will, daß diese Gegend von keinem
Raubtiere mehr belästigt werde, weder am Boden noch in der Luft, solange du und
deine Nachkommen diese Anstalt und Gegend besitzen werden. Wenn aber dereinst
andere und schlechtere Wirte sich in den Besitz dieser Herberge und Gegend
setzen werden, so sollen sie auch wieder von der alten Plage heimgesucht
werden!‘
[GEJ.07_208,19] Sagte der Wirt: ,Junger
Freund, wie kannst du mich überweisen daß das auch geschehen wird, was du mir
nun so ganz ernstlich, als zweifeltest du nicht im geringsten daran, verheißen
hast?‘
[GEJ.07_208,20] Sagte Ich: ,Das wird so
sicher geschehen, wie gewiß du in deinem Hause einen Schatz besitzest, den
weder du noch einer von deinen Angehörigen und auch deine Vorfahren nicht
gekannt haben! Nimm einen Spaten und hebe damit nur drei Spannen tief gerade an
der Stelle, wo du nun stehst, den Boden, der aus Lehm besteht, aus, und es wird
sich dir der Schatz zeigen, mit dem du dann nach deinem Belieben schalten und
walten kannst!‘
[GEJ.07_208,21] Der Wirt brachte sogleich
einen Spaten und hob mit Beihilfe seiner Knechte den Fußboden bald bis in die
angezeigte Tiefe aus und fand zu seinem großen Erstaunen mehrere schwere
Goldgefäße, die zusammen ein Gewicht von mehr als zweihundert Pfund hatten. Nun
fragte er freilich gleich, wie und wann diese wertvollsten Dinge dahinein
gekommen seien.
[GEJ.07_208,22] Sagte Ich: ,Du bist nun wohl
schon der siebente Besitzer dieser alten Herberge, seitdem diese Dinge, die
damals einer morgenländischen Karawane entwendet wurden, allhier – aus Furcht,
entdeckt zu werden – in diesem Boden vergraben worden sind. Mehr brauchst du
nicht zu wissen. Die aber, die diesen Schatz hier vergraben haben, waren nicht
deines Stammes, und du bist kein Abkömmling von ihnen – denn du stammst von
Athen her –; jene Besitzer aber waren Cyperer und waren Diebe, obschon gerade keine
Raubmörder.‘
[GEJ.07_208,23] Sagte abermals der Wirt:
,Aber wie kannst du das alles so genau wissen? Wer hat dir das angezeigt?‘
[GEJ.07_208,24] Sagte Ich: ,So gut Mir jeder
deiner geheimsten Gedanken bekannt ist in und aus Mir Selbst, ebenalso ist Mir
auch das in und aus Mir Selbst bekannt! Damit du aber siehst, daß Mir auch
Deine Gedanken genauest bekannt sind, so sage Ich dir, was du dir heute morgen
gar lebhaft gedacht hast. Du dachtest dir also: ,Diese meine Herberge ist wohl
zuzeiten recht besucht und wirft manchen Gewinn ab; aber fände sich ein Käufer,
der sie mir abkaufte um einen Preis, daß ich dafür in Tyrus eine bessere
Herberge errichten könnte, so würde mir das wohl so lieb sein wie nicht
leichtlich etwas Zweites in der Welt!‘
[GEJ.07_208,25] Siehe, das war dein
Hauptgedanke! Darauf aber dachtest du nach, ob du diesen deinen Gedanken auch
deinem Weibe mitteilen solltest; aber du fandest bald, daß das noch nicht an
der Zeit wäre, weil dein Weib dann ungeduldig werden könnte und mit Ungestüm dich
beschwören würde, solchen deinen Gedanken nur sogleich auszuführen. – Sage nun,
ob Ich wohl genau um deine Gedanken weiß oder nicht!‘
[GEJ.07_208,26] Hier wurde der Wirt ganz
außer sich vor Verwunderung und sagte darauf: ,Nein, nein, ich habe viel gesehen,
gehört und erfahren; aber so etwas ist mir noch nie vorgekommen! Ja, nun glaube
ich dir auch ungezweifelt, daß diese Gegend von den Raubtieren völlig gesäubert
werden wird. Du hast mir nun überaus viel Gutes erwiesen, – wie werde ich dich
dafür gebührend zu belohnen imstande sein? Was verlangst du, daß ich dir dafür
tun soll?‘
[GEJ.07_208,27] Sagte Ich: ,Höre, du bist
zwar auch ein Heide, aber du glaubst an deine vielen Götter nicht und hast dich
darum mit unserer Lehre vertraut gemacht, was von dir sehr wohlgetan war! Ich
aber sage es: Glaube du nur fest an den allein wahren Einen Gott der Juden,
liebe Ihn sogar über alles, und liebe aber auch deine Nebenmenschen also wie
dich selbst, tue ihnen, was du vernünftigermaßen wollen kannst, daß sie das
gleiche auch dir tun möchten, und du tust Mir dadurch Genüge für alles, was Ich
dir nun getan habe; eines materiellen Lohnes aber bedarf Ich wahrlich nicht!‘
[GEJ.07_208,28] Hier staunte der Wirt
abermals über Meine vollste Uneigennützigkeit und wollte von unserem Griechen
keine Bezahlung für das annehmen, was wir bei ihm verzehrt hatten.
[GEJ.07_208,29] Doch unser Grieche wollte das
nicht und zahlte alles mit dem Beisatze: ,Was du entbehren kannst, das verteile
du unter die Armen, und du wirst angenehm sein dem allein wahren Gott der Juden
und eigentlich aller Menschen!‘
[GEJ.07_208,30] Der Herbergswirt versprach
auf das feierlichste, das alles zu tun und sein ganzes Haus zum Glauben der
Juden zu bekehren.
[GEJ.07_208,31] Darauf erhoben wir uns,
bestiegen abermals unsere Lasttiere und zogen weiter. Der noch zurückzulegende
Weg war ein recht anmutiger, und so erreichten wir noch eine Stunde vor dem
Untergange der Sonne den Ort unserer Bestimmung.“
209. Kapitel
[GEJ.07_209,01] (Der Herr:) „Es war dies ein
alter Flecken, auch auf einem ziemlich hohen Berge gelegen, von dessen höchster
Spitze man an einem reinen Tage schon das große Meer sehen konnte. Zuoberst des
Fleckens standen unseres Griechen auch schon sehr schadhaft gewordene Häuser
und Stallungen, die natürlich alle niederzureißen und andere dafür zu erbauen
waren.
[GEJ.07_209,02] Als Joseph das alles wohl
besichtigt hatte, da sagte er zu Mir: ,Mein Sohn, wenn wir das natürlichen
Weges niederzureißen und dann wieder neu aufzubauen haben, dann haben wir allda
weit über ein Jahr zu tun und zu arbeiten!‘
[GEJ.07_209,03] Sagte Ich: ,Laß darum in dir
keine Sorge aufkommen! Was Ich sagte, das wird auch geschehen! Doch heute und
morgen nicht; aber übermorgen wird alles in der größten Ordnung dastehen.‘
[GEJ.07_209,04] Fragte nun der Grieche,
sagend: ,Ich möchte euch heute abend doch ganz gut jüdisch bewirten; aber es
geht mir in dieser Hinsicht auch ein wenig schlecht. Mit den Fischen als der
Lieblingskost der Juden geht es bei uns auch um kein Haar besser, als es dem Wirte
geht, bei dem wir unser Tagesmahl hielten; denn es gibt hier keinen bedeutenden
Bach, keinen See, und bis zum Meer ist es wohl noch ein wenig zu weit. Aber
Hühner, Eier und Lämmer und Kälber habe ich wohl, desgleichen gesäuertes Brot,
Salz und einen guten Wein, den ich selbst in meinen vielen und großen
Weinbergen baue. Es kommt nun pur auf euch an, zu wählen, und es soll alles zur
rechten Zeit bereitet sein.‘
[GEJ.07_209,05] Sagte Joseph: ,So laß uns ein
Lamm bereiten; alles andere wird schon ohnehin recht und in der Ordnung sein!‘
[GEJ.07_209,06] Sagte der Grieche: ,Ganz gut!
Es soll meiner vielen Lämmer bestes und fettestes geschlachtet und bereitet
werden! – Aber es fragt sich nun, was wir bis zum vollen Abende machen sollen,
damit uns die Zeit nicht zu lang wird!‘
[GEJ.07_209,07] Sagte Ich: ,Da gehen wir auf
die volle Höhe deines Berges und besehen uns dort diese Gegend, die sehr schön
ist, so ein wenig, und es kann sich da noch so manches ereignen, das uns vielen
Stoff zum Nachdenken und zum Besprechen bieten kann!‘
[GEJ.07_209,08] Als ich diesen Wunsch
geäußert hatte, waren alle damit vollkommen einverstanden. Wir machten uns auf
und waren auch bald auf dem Berge, das heißt, auf dessen höchster Kuppe.
[GEJ.07_209,09] Von da ersahen wir bald das
große Meer ganz, da es ein gar reiner Sommertag war, und wir waren alle sehr
vergnügt über diesen großartig herrlichen Anblick.
[GEJ.07_209,10] Und Joseph sagte selbst ganz
gerührt: ,Oh, ist doch diese Erde als die Erziehungsstätte der Kinder Gottes
schon so schön, daß man sich nichts Schöneres und Herrlicheres wünschen kann;
wie schön muß dann erst der Himmel sein, den wir nach dem Tode dieses Leibes
und nach der Auferstehung am Jüngsten Tage zu erwarten haben! Es liegt zwischen
diesem matten Leibesleben und jener herrlichen Auferstehung eine gar lange,
leblose, finstere Nacht; aber ich betrachte die Sache also: Wenn jemand eine
ganze Nacht im Leibesleben noch durchwachen müßte, wie lang müßte sie ihm
vorkommen? Da aber der Mensch die ganze lange Nacht gar süß durchschläft, so
kommt sie ihm am Morgen oft noch zu kurz vor. Und so meine ich, daß uns am Tage
der Auferstehung die lange Nacht nicht zu lang vorkommen wird. Der liebe Herr
hat ja alles allerbestens also eingerichtet, daß es zum Glück und größten Heile
jener Menschen gereichen muß, die Seine Gebote halten und mit aller Zuversicht
auf Ihn vertrauen.‘
[GEJ.07_209,11] Darin stimmte auch unser
Grieche mit der Meinung des alten Joseph überein, fragte Mich aber doch, was
Ich dazu sage.
[GEJ.07_209,12] Ich aber sagte: ,Ja, ja, das
sind wohl recht schöne und weise klingende Worte! Es war das ein recht gutes
Bild; nur das einzig Fatale hat es, daß es nicht auch also wahr ist, wie es
sich recht schön und erbaulich aussprechen und anhören läßt. So Ich nun aber bei
euch bin, – warum fraget ihr denn Mich nicht, wie sich die Sachen mit dem Leben
der Seele nach dem Abfalle des Leibes verhalten werden? Ich werde es doch
besser wissen als ihr! Ich aber weiß nichts von einer beinahe ewig langen
Todesnacht der Seele nach dem Abfalle des Leibes, sondern in dem Augenblick, in
dem der schwere Leib von dir abfallen wird, wirst du dich auch schon in der
Auferstehung befinden und fortleben und wirken in Ewigkeit, das heißt, wenn du
als ein Gerechter vor Gott diese Welt verlassen wirst.
[GEJ.07_209,13] Stirbst du aber als ein
Ungerechter vor Gott, so wird dann wohl eine sehr lange Nacht zwischen deinem
Leibestode und deiner wahren Auferstehung folgen – aber keine dir unbewußte,
sondern eine der Seele wohl bewußte –, und das wird der Seele rechter und lange
währender Tod sein. Denn ein Tod, um den die Seele nicht wüßte, wäre ihr auch
kein Tod; aber der Tod, dessen sie bewußt sein wird im Reiche der unlauteren
Geister, wird ihr zur großen Pein und Qual werden. Sehet, also stehen die Sachen!
Und weil ihr das nun wisset, so denket und redet ein anderes Mal klarer und
wahrer; um was ihr aber nicht wisset, um das fraget Mich, damit ihr durch eure
Worte nicht in allerlei Irrwahn verfallet! Das merket euch alle!‘
[GEJ.07_209,14] Sagte darauf der Grieche:
,Ja, also ist es, und also muß es sein, und anders kann es nicht und nimmer
sein! Aber da wir nun schon hier eine wunderherrliche Rundschau genießen und
diese offenbar nur unsere lebendige, fühlende und empfindende Seele durch die
Augen des Leibes wie durch ein paar Fenster ihres zeitweilig belebten
wandelnden Hauses, das wir Leib nennen, selbst schaut, darüber denkt und sich
an der Herrlichkeit hoch ergötzt, so fragt es sich, ob die Seele auch nach dem
Abfalle des Leibes diese Welt und ihre Schönheit wird schauen und beurteilen
können, das heißt, wenn sie sich irgendwo auf dieser Erde Boden befände. – Was
kannst du, gottvoller Jüngling, darüber für einen Aufschluß geben?‘
[GEJ.07_209,15] Sagte Ich: ,Des vollkommenen
und gerechten Menschen Seele wird nicht nur diese ganze Erde mit einem Blick
durch und durch und über und über beschauen und über alles hellst und
vollkommenst urteilen können, sondern noch über endlos mehr; denn diese Erde
ist nicht die einzige im endlosen Schöpfungsraume, sondern es gibt deren noch
gar endlos viele und auch um gar vieles größere im endlos großen
Schöpfungsraume und ebenso viele entsprechende im Reiche der reinen Geister.
[GEJ.07_209,16] Doch über das kann ein Mensch
erst dann eine helle Vorstellung bekommen, wenn er es vom Geiste Gottes im
Herzen seiner Seele vernimmt und in ein erweitertes Schauen übergegangen ist.
[GEJ.07_209,17] Kurz und gut, die vollkommene
Seele kann alles; nur die unvollkommene, die geistig blind ist, die wird nichts
anderes sehen können als die leeren und wesenlosen Ausgeburten ihrer eitlen
Einbildung. Wenn aber dann eine Seele auch im andern, leiblosen Leben in sich
gehen und sich möglicherweise bessern wird, so wird sie dadurch dann auch in
ein helleres, wahreres Schauen übergehen, – aber freilich auf einem längeren
und um vieles beschwerlicheren Wege als hier. Und jetzt wisset ihr auch in
dieser Hinsicht das Nötigste; glaubet, daß es also und nicht anders ist, und
haltet die Gebote, so werdet ihr vollkommen werden in euren Seelen!‘
[GEJ.07_209,18] Sagte darauf noch der
Grieche: ,Das glaube ich nun auch ungezweifelt fest und bin überzeugt, daß es
also ist; aber uns Griechen fehlt es noch an einer richtigen und wahren
Vorstellung von der Gestalt und Form einer Seele. Möchtest du uns nicht auch
noch darüber einen Wink geben?‘
[GEJ.07_209,19] Sagte Ich: ,O ja, was euch
frommt, das tue Ich stets gerne! Siehe, die Seele hat dieselbe Gestalt und Form
wie ihr Leib, aber nur in durchaus vollkommenerem Maße. Doch ist hier nur von
einer vollkommenen Seele die Rede. Sie hat alles, was ihr Leib hatte, aber
natürlich und von selbst verständlich zu anders gestalteten Zwecken. Aber ihr
geistiger Leib ist nicht Materie, sondern pure Substanz.
[GEJ.07_209,20] Die Substanz aber ist gleich
dem aus der Sonne gehenden Lichte, das gegenüber der Materie wie gar nichts zu
sein scheint und dennoch der Grundstoff der Materie ist, ohne mit ihr ein und
dasselbe zu sein; denn aller Urstoff ist frei und ungebunden. Und so wisset ihr
nun auch um das.
[GEJ.07_209,21] Damit ihr euch aber davon
noch einen klareren Begriff machen möget, so mache Ich euch nur darauf
aufmerksam, daß ihr euch zurückerinnert an Erscheinungen verstorbener Menschen,
die ihr schon auf Momente zu öfteren Malen gesehen und sogar gesprochen habt. Haben
sie ein anderes Aussehen gehabt, als sie bei ihren Leibeslebzeiten hatten?‘
[GEJ.07_209,22] Sagte der Grieche: ,Ja, ja,
jetzt erkenne ich erst völlig, daß du in allem die volle Wahrheit geredet hast!
Ich habe schon zu gar vielen Malen derlei Erscheinungen gehabt, habe mit
mehreren Verstorbenen sogar gesprochen und bin von ihnen über manches sogar
belehrt worden, und ich habe sie nie anders gesehen denn in der vollkommenen
Menschengestalt. Ich danke dir darum für diese Belehrung.‘
[GEJ.07_209,23] Auch Joseph und Jakobus gaben
Mir dasselbe Zeugnis, wie das derselbe Jakobus nun hier als Mein Jünger
bezeugen kann.
[GEJ.07_209,24] Als aber während dieser
Meiner Belehrungen die Sonne untergegangen war, verließen wir alle froh und
heiter die schöne Höhe und begaben uns ins Haus des Griechen, allwo schon ein
wohlbereitetes Abendmahl auf uns wartete, das wir denn auch mit einer rechten
Lust verzehrten, und uns sodann gleich zur Ruhe begaben, deren besonders Joseph
schon sehr bedurfte.“
210. Kapitel
[GEJ.07_210,01] (Der Herr:) „Am Morgen gingen
wir schon eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne ins Freie, und zwar wieder auf
die schon bekannte Anhöhe, von der aus wir die schöne Gegend im Morgenlicht
recht wohl betrachten konnten. Namentlich konnte man im Morgenlicht die
Meeresgegenden über Tyrus hin um vieles besser ausnehmen als in der
Abendbeleuchtung. Dazu kam noch die gewisserart neu belebte Natur sowohl der
Pflanzen als auch um so mehr der Tierwelt; und wir vergnügten uns in der freien
Natur über eine Stunde lang.
[GEJ.07_210,02] Darauf fing Joseph an, mit
dem Griechen über das nötige Baumaterial zu reden, und fragte ihn, ob er wohl
Holz in rechter Menge und in gut getrocknetem Zustande besitze.
[GEJ.07_210,03] Da sagte der Grieche:
,Meister Joseph, etwas wird wohl schon dasein, ob es aber genügen wird, das muß
deine Einsicht bestimmen! Sollte etwas abgehen, nun, so habe ich hier den
schönen Zedernwald, der uns den Abgang schon ersetzen wird! Nach dem
Morgenmahle kannst du ja mein zusammengebrachtes Baumaterial gefälligst in
Augenschein nehmen. Ich meine nach meinem Verstande wohl, daß des Baumaterials
in genügender Menge dasein dürfte.‘
[GEJ.07_210,04] Sagte Joseph: ,Ganz gut und
wohl, das werden wir nach dem Morgenmahle sogleich vornehmen und darauf einen
Bauplan machen!‘
[GEJ.07_210,05] Sagte Ich: ,Diese Arbeit und
Mühe können wir uns für heute ersparen; denn morgen werden wir weder ein
Baumaterial und noch weniger irgendeinen Bauplan vonnöten haben. Meine Meinung
aber wäre, daß wir heute nach Tyrus ziehn und uns dort ein wenig umsehen, ob es
nicht jemanden gibt, der irgend unserer Hilfe benötigt.‘
[GEJ.07_210,06] Auch damit war der Grieche
einverstanden und sagte: ,Da müssen wir aber schon trachten, daß wir uns
mittels meiner Lasttiere bald auf den Weg machen; denn man hat von hier bis
nach Tyrus gute sieben Stunden lang zu tun, bis man dahin kommt!‘
[GEJ.07_210,07] Uns war sein Antrag recht,
und so begaben wir uns denn auch sogleich zum schon bereiteten Morgenmahle, und
eine kleine Stunde darauf befanden wir uns schon ganz wohlgemut auf dem Wege
nach Tyrus. Unser kleiner Zug aber ging ohne einen Aufenthalt fort, und so
erreichten wir die Stadt schon nach fünf Stunden, was den Griechen sehr
wundernahm. Und er gestand es offen, diesen Weg noch nie in so kurzer Zeit zurückgelegt
zu haben; denn eine gewöhnliche Karawane hätte, um diese sehr gedehnte Strecke
zu durchreisen, wohl einen vollen Tag vonnöten gehabt. Es war sonach diese
Reise für unseren Griechen auch so ein kleines Wunder.
[GEJ.07_210,08] Als wir in Tyrus ankamen,
kehrten wir allda in einer guten Herberge ein, und der Grieche bestellte
sogleich ein Mittagsmahl nach der Sitte der Juden, da man eine Menge guter
Fische haben konnte, und an Wein – besonders aus Griechenland – hatte es hier
auch keinen Mangel. Wir ruhten uns ein wenig aus, da uns die Reise etwas müde
gemacht hatte. Währenddem ward unser Mittagsmahl denn auch fertig, das wir auch
gleich zu uns nahmen. Der Grieche bezahlte sogleich alles und begab sich danach
mit uns an eine Stelle, von der aus man das Meer und die vielen Schiffe ganz
gut übersehen konnte.
[GEJ.07_210,09] Als wir uns da schon eine
Zeitlang am Meere, seinen Wogen und Schiffen aller Art und Gattung ordentlich
satt geschaut hatten, da sagte Joseph: ,Da wir nun das eigentlich Merkwürdigste
dieser Stadt hier gesehen haben und der Weg dahin, von wo wir hergekommen sind,
ein ebenso weiter ist, wie er hierher war, so wird es nun wohl schon an der
Zeit sein, daß wir uns wieder auf den Heimweg machen.‘
[GEJ.07_210,10] Sagte Ich: ,O Joseph, dazu
hat es heute noch Zeit; hier aber wird unsere Gegenwart gar bald notwendig
werden. Sehet hinaus, wie dort in noch bedeutender Ferne ein großes Schiff
seine große Not mit dem stets wachsenden Sturme hat! Das Schiff trägt unseren
Cyrenius; den dürfen wir nicht zugrunde gehen lassen! Er war in Kleinasien und
kommt nun wieder heim; der Sturm aber läßt ihn nun nicht ans Land kommen. Er
hat uns dereinst wahrhaft große Freundschaften erwiesen, und an uns ist es nun
auch, ihm zu helfen, und das ist der ganz eigentliche Grund, aus dem Ich heute
hier in Tyrus sein wollte.‘
[GEJ.07_210,11] Sagte Joseph: ,Wie werden wir
denn dort so weit über das tobende Meer kommen und wie dort dem Oberstatthalter
helfen können?‘
[GEJ.07_210,12] Sagte Ich: ,Habt ihr denn
nicht gestern gesehen, wie Mein Wille auch bis zur Sonne hingereicht hat?
Konnte Ich der Sonne gebieten, so werde Ich nun wohl auch dem Meere zu gebieten
imstande sein! Ich hätte aber das wohl auch von der Ferne aus tun können; aber
es ist hier dennoch besser, daß wir alle uns hier an Ort und Stelle befinden, –
was ihr später schon ganz klar einsehen werdet. Aber jetzt heißt es vor allem
helfen – und darauf dann erst reden!‘
[GEJ.07_210,13] Hierauf streckte Ich Meine
Hände über das tobende Meer aus und sagte laut: ,Lege dich zur Ruhe, du
tobendes Ungetüm! Ich will es, und also sei es!‘
[GEJ.07_210,14] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da trat plötzlich eine vollkommene Ruhe auf dem Meere ein, und das
Schiff des Cyrenius ward von einer unsichtbaren Macht schnell an das sichere
Ufer gezogen und auf diese Weise vor dem sicheren Untergang mit allem und jedem
gerettet.
[GEJ.07_210,15] Es befanden sich aber noch
mehrere Menschen allda zugegen, wo Ich das bewirkt hatte, und fingen sich
hochverwundernd an zu fragen, was Ich denn etwa doch für ein Mensch sei, daß
Mir die Elemente gehorchen. Einige meinten, daß Ich irgendein gar berühmter
Magier sein müsse; die andern aber meinten, daß Ich ein frommer Mensch sein
werde und darum in der Gnade der Götter stehe, die Mich erhörten, wenn Ich sie
um etwas bäte. Noch andere wieder bemerkten und sagten, Ich sei ein Jude, die
ihre oft gewaltigen Propheten haben, und Ich werde schier ein solcher Seher der
Juden sein oder gar ein Essäer. Es entstand darum ein großes Gerede auf dem
Platze; aber es getraute sich dennoch kein Mensch in Meine Nähe, daß er Mich
fragte, wer Ich sei.
[GEJ.07_210,16] Es kam aber nun auch das
Schiff ans Ufer, und alles eilte hin, um den Oberstatthalter zu begrüßen. Wir
aber blieben auf unserem Platze.“
211. Kapitel
[GEJ.07_211,01] (Der Herr:) „Als Cyrenius an
das Ufer kam da, sagte er zu den Hohen, die ihn beglückwünschten: ,Ich danke
euch für eure aufrichtige Teilnahme an meinem sicher zu erwarten gewesenen
Unglück; aber es ist im höchsten Grade zu verwundern, wie der so gewaltigst
sich erhoben habende Sturm sich so plötzlich legte. Das erinnerte mich lebhaft
an eine ähnliche Begebenheit bei Ostrazine in Ägypten. Da befand sich ein
wunderbares Kind einer dahin geflüchteten Judenfamilie, das den Sturm auch so
plötzlich gestillt hat, wobei es aber andernteils auch einen Sturm hervorrufen
konnte. Es werden seit der Zeit wohl bei zwanzig Jahre sein. Ich habe schon
alle Nachforschungen anstellen lassen, um jene Familie irgendwo ausfindig
machen zu können, aber es war bisher alles eine vergebliche Mühe. Ich habe mich
nun auch schon seit langem jener Familie nicht mehr erinnert; aber das
plötzliche Aufhören dieses Sturmes hat mir wieder die ähnliche Erscheinung ins
Gedächtnis gerufen, die ich, wie gesagt, schon einmal erlebt habe.
[GEJ.07_211,02] Es ist wahrlich höchst
merkwürdig! Wenn einmal ein solcher Sturm hier zu wüten anfängt, so dauert das
mehrere Tage, bis sich das große Meer nur insoweit wieder beruhigt hat, daß man
sich mit einem Schiffe hinaus in die hohe See zu steuern getrauen darf, – und
da sehet nun hinaus, wie gar so ruhig ohne den geringsten Wogenschlag das ganze
Meer geworden ist! Also hat es mich auch gar wundersam befremdet, wie mein
Schiff, gleichsam wie durch eine geheime Kraft gezogen, sich schnell dem Ufer
näherte. Ich sage: da ging es nicht mit natürlichen Dingen zu!‘
[GEJ.07_211,03] Sagte ein Hoher zu Cyrenius:
,Da sieh hin auf jenen freien ins Meer vorspringenden Platz! Dort siehst du noch
die vier Menschen. Ein Mensch von etwa zwanzig Jahren Alters hat während des
Sturmes seine Hände ausgestreckt, gebot dem Sturme zu schweigen, und der Sturm
schwieg. Wir wissen es nicht, wer er ist, halten ihn zunächst aber dennoch für
einen Propheten der Juden; denn ein Jude ist er seiner Kleidung nach. Ob er
wirklich den Sturm mit seinem Machtworte gestillt hat, getrauen wir uns gerade
nicht fest zu behaupten; doch sonderbar bleibt es immer, daß der Sturm gerade
auf seinen laut ausgesprochenen Befehl zu schweigen anfing. Es wäre da wirklich
der Mühe wert, diesen Menschen, was und wer er ist, näher zu erforschen!‘
[GEJ.07_211,04] Sagte Cyrenius: ,Halt, da
geht mir nun ein Licht auf! Es kann sehr leicht sein, daß jener Mensch eben
jener wunderliche Sohn der schon angeführten Judenfamilie ist, die ich früher
erwähnt habe. Mit dem muß ich selbst reden!‘
[GEJ.07_211,05] Hierauf begab sich Cyrenius
eiligst auf den Platz, auf dem wir vier noch standen und von dem aus wir das
nun ruhige Meer mit seinen mannigfachen Erscheinungen betrachteten, wie auch
die verschiedenartigsten Seefische und viel anderes Getier, das, durch Meinen
Willen genötigt, sich hier zeigen mußte.
[GEJ.07_211,06] Als Cyrenius bei uns ankam,
da fragte er den ihm in seinem Gedächtnisse noch ziemlich bekannt gebliebenen
Joseph, sagend: ,Freund, bist du nicht derselbe Jude, der vor ungefähr zwanzig
Jahren infolge der Verfolgung von seiten des alten Herodes sich mit seiner
kleinen Familie durch meine Vermittlung nach Ägypten, und zwar nach Ostrazine,
geflüchtet hatte? Und wenn du der Mann bist, so sage es mir auch, was aus jenem
Wunderknäblein geworden ist, das ich offenbar für einen Gott hielt!‘
[GEJ.07_211,07] Hier verbeugte sich Joseph
tief und sagte darauf: ,Hoher Gebieter, es ist eine zu große Ehre, die du uns
armen Zimmerleuten aus Nazareth dadurch erwiesen hast, daß du dich selbst zu
uns herauf bemühtest, wo du doch nur gebieten konntest, daß wir zu dir
hinzukommen hätten! Aber da du schon hier bist, so sage ich dir mit allem Danke
in meinem Herzen für all das Gute, das du mir und meiner Familie wahrlich wahr
vor ungefähr zwanzig Jahren hier schon und nachher in Ägypten erwiesen hast,
daß ich wirklich derselbe Zimmermann Joseph bin, und daß auch dieser nun schon
erwachsene Junker, nun auch ein Zimmermann, eben derselbe ist, den du damals
als einen Wunderknaben hattest kennengelernt.‘
[GEJ.07_211,08] Als Cyrenius das vernommen
hatte, da fing sein Gesicht vor Freude ordentlich zu strahlen an.
[GEJ.07_211,09] Er umarmte zuerst Joseph und
küßte ihn klein ab, dann aber kehrte er sich zu Mir und sagte: ,O Herr, hältst
Du mich als einen großen Sünder vor Dir wohl auch für so wert, Dich küssen zu
dürfen?‘
[GEJ.07_211,10] Sagte Ich: ,Wohl dir und
allen Heiden, daß ihr Mich um vieles eher erkannt habt in euren Sünden als die
Juden in ihrem Lichte! Darum aber wird das Licht des Lebens auch den Juden
genommen und euch Heiden gegeben werden. Du aber komme nur her, und küsse Mich!
Denn wer mit deiner Liebe zu Mir kommt, und hätte er auch der Sünden so viele an
seiner Seele, als wie es da gibt des Grases auf der ganzen Erde und des Sandes
im großen Meere, den werde Ich nicht verstoßen, sondern ihn aufnehmen wie ein
Vater seinen Sohn aufnehmen wird, der für ihn zwar verlorengegangen, aber
wieder gefunden ward!‘
[GEJ.07_211,11] Als unser Cyrenius solche
Worte aus Meinem Munde vernommen hatte, da ward er bis zu Tränen gerührt, trat
zu Mir hin, umarmte Mich und küßte Mich dabei auch klein ab. Darauf erst dankte
er Mir für die wunderbare Errettung aus der großen Lebensgefahr. Zugleich aber
lud er uns auch ein, mit ihm in seine Residenz zu gehen, allwo er uns bewirten
wolle und wir ihm alles erzählen sollten, was sich unterdessen mit uns irgend
alles zugetragen habe.
[GEJ.07_211,12] Ich aber sagte: ,Lieber
Cyrenius, diesen Abend wollen wir wohl deinem Wunsche nachkommen; aber wir
müssen morgen früh bei diesem Griechen sein, der über sieben Stunden weit von
hier zu Hause ist, weil wir daselbst ein neues Wohnhaus und einen großen
Schweinestall zu erbauen haben.‘
[GEJ.07_211,13] Sagte Cyrenius: ,Ganz gut, Du
mein göttlicher Freund, – ich selbst werde euch dahin begleiten und, da ich nun
eine Zeitlang Muße habe, auch einige Tage bei euch verweilen. Denn da ich euch
nur wieder einmal gefunden habe, so werde ich euch nicht so bald wieder aus den
Augen lassen!‘
[GEJ.07_211,14] Sagte Ich: ,Das ist alles
ganz gut, wohl und schön von dir, und wir werden deiner Einladung auch Folge
leisten. Aber nun möchten wir noch eine Zeitlang hier verweilen; denn Ich
möchte da Meinem Bruder Jakobus und auch dem biederen Griechen Anastokles die
verschiedenen Tiere des Meeres zeigen, und dazu werden wir schon noch ein paar
Stunden zu tun haben.‘
[GEJ.07_211,15] Sagte Cyrenius: ,O Herr, das
möchte wohl auch ich selbst mitansehen und sicher auch die andern dort, die im
kleinen Hafen auf mich warten!‘
[GEJ.07_211,16] Sagte Ich: ,Ganz gut, so laß
sie alle heraufkommen; denn es ist das der günstigste Ort dazu!‘
[GEJ.07_211,17] Da berief Cyrenius alle die
andern, bei siebzig an der Zahl, herauf. Sie stellten sich an den gedehnten
Rand des erhöhten Vorsprungs und fingen bald an, sich über Hals und Kopf zu
wundern, als sie auf der spiegelreinen Oberfläche des Meeres zuvor nie gesehene
Meerestiere vorüberziehen sahen.
[GEJ.07_211,18] Cyrenius sagte voll Verwunderung:
,O du endlos große Phantasie des einen wahren Gottes! O du größte Fülle der
verkörperten Gedanken Gottes! Welch eine nimmer endenwollende Mannigfaltigkeit!
Welche Kolosse von Meeresungeheuern kommen immer von neuem hierher, angezogen
durch eine unsichtbare schöpferische Macht! Über eine gute Stunde dauert schon
dieser wunderbare Vorüberzug, und noch ist von weitem kein Ende abzusehen! Wir
kennen die tausendsten nicht einmal dem Namen nach, und Du, o Herr, rufst sie
in Deinem Willen nach Deiner Weisheit sicher bei ihren Namen, und alle folgen
Deinem allmächtigen Rufe! O sehet und achtet alle darauf, die ihr hier seid;
denn ihr schauet nun, was noch nie das Auge eines Sterblichen geschaut hat!‘
[GEJ.07_211,19] Hier fragte ein Hoher den
Cyrenius, ob das alles Ich veranlasse.
[GEJ.07_211,20] Sagte Cyrenius: ,Wer sonst?
Wir beide sicher nicht!‘
[GEJ.07_211,21] Sagte der Hohe: ,Wenn der
Mensch das kann, dann muß er ja offenbar ein Gott sein, und wir werden ihm wohl
eine göttliche Verehrung durch unsere Priester erweisen lassen müssen.‘
[GEJ.07_211,22] Sagte Cyrenius: ,Lasset das
nur gut sein; denn ich kenne Ihn schon lange und weiß am besten, was Er will,
und was Ihm angenehm ist! Mit einem Priester könnten wir Ihn nur von uns
vertreiben.‘
[GEJ.07_211,23] Als unser Cyrenius solches zu
dem Hohen gesagt hatte, machte dieser von einem Priester gar keine Erwähnung
mehr.
[GEJ.07_211,24] Es kamen aber nun die
seltensten Muschel- und Schaltiere vorüberzuschwimmen, und Cyrenius äußerte den
Wunsch, daß er einige von diesen gar so herrlichen Muscheln und Schnecken zum
Andenken an diesen Wundertag besitzen möchte.
[GEJ.07_211,25] Sagte Ich zu ihm: ,So sage es
einem deiner Diener, daß er sich mit einem Fahrzeuge auf dem Wasser hierher
begeben soll, und Ich werde ihm von da hinab schon andeuten, welche Stücke, die
schon reif sind, er aus dem Wasser heben soll!‘
[GEJ.07_211,26] Das geschah sogleich. In
wenigen Augenblicken ruderten unter dem Vorsprunge drei ganz tüchtige
Fahrzeuge, und die gewandten Fischer hoben alle die von Mir angezeigten
Prachtstücke aus dem Wasser und füllten damit ihre Fahrzeuge.
[GEJ.07_211,27] Darauf sagte Ich zu Cyrenius:
,Laß sie die Nacht hindurch in Kalkwasser legen, nehmet morgen jedes Stück
behutsam heraus, und reiniget die schöne Schale von dem fleischigen Inhalte,
trocknet sie wohl ab und bestreichet sie dann inwendig mit etwas Nardus! Dann
können sie in deiner Schatzkammer zum Angedenken aufbewahrt werden.‘
[GEJ.07_211,28] Auch das wurde pünktlich
befolgt, und Cyrenius kam da zu einem Schatze, der mehrere tausend Pfunde
Goldes wert war.
[GEJ.07_211,29] Nach zwei Stunden endete der
Zug, und wir fingen an, unsern Punkt zu verlassen.“
212. Kapitel
[GEJ.07_212,01] (Der Herr:) „Der Grieche Anastokles
aber entschuldigte sich, daß er kaum mit uns werde zu Cyrenius gehen können, da
er in der Herberge noch so manches zu besorgen habe.
[GEJ.07_212,02] Ich aber sagte zu ihm: ,Laß
du nun die Herberge Herberge sein, – die wird das ihrige schon zu tun wissen;
das aber, was dir bei uns zuteil wird, wird dir mehr nützen als die Herberge,
und dein Haus – da du nun wohl weißt, mit wem du es in Mir zu tun hast – wird
morgen noch eher fertig sein, als wir morgen von hier zu deinem Hause
zurückkommen werden.
[GEJ.07_212,03] In der Nacht soll in deinem
Hause die Verwandlung also vor sich gehen, daß es niemand von deinen Leuten
merken soll! Doch am Morgen werden sie gar sehr verwunderlich große Augen
machen, so sie in einem ganz neuen Hause, das aber dennoch dem alten völlig
ähnlich, nur in allem größer und bequemer sein wird, sich befinden werden, –
wie das auch mit dem Stalle der Fall sein wird. Wenn du das nun aus Meinem
Munde weißt, so kannst du nun schon ganz ruhig sein und mit uns zu Cyrenius
gehen, allwo wir uns alle wohlbefinden werden.‘
[GEJ.07_212,04] Sagte darauf Anastokles: ,Ja,
wenn also, da laß ich freilich die Herberge Herberge sein und gehe mit euch zu
Cyrenius! Vielleicht wird er sich auch meiner noch von Ostrazine aus erinnern!‘
[GEJ.07_212,05] Sagte Ich: ,Laß das nur fein
Mir über, das werde schon Ich machen; denn Ich kann alles, was Ich will!‘
[GEJ.07_212,06] Mit dem war unser Anastokles
ganz zufrieden und ging nun mit uns in den prachtvollen Palast des Cyrenius und
seiner hohen Räte, Minister und Feldherren, die alle in dem großen Palaste
wohnten.
[GEJ.07_212,07] Als wir in die Gemächer des
Cyrenius kamen, da gingen dem Griechen vor lauter Verwunderung ordentlich die
Augen über; denn solch eine Pracht und solch einen Reichtum hatten seine Augen
noch nie irgend zuvor einmal gesehen.
[GEJ.07_212,08] Geheim sagte er (Anastokles)
zu Mir: ,Aber Meister voll göttlicher Kraft, das ist ja unmenschlich, was es da
für Schätze und namenlose Reichtümer gibt! Was besitzt ein Mensch und wie
blutwenig dagegen viele Hunderttausende!‘
[GEJ.07_212,09] Sagte Ich: ,Es ist aber also
besser; denn hätten alle Menschen solche und so viele Schätze, so hätten sie
erstens keinen Wert, und zweitens würden die Menschen bald allen
Tätigkeitseifer verlieren und am Ende gleich den Tieren in aller Trägheit
fortleben. Sie würde dann nur der Hunger und der Durst zu der erforderlichen
Tätigkeit antreiben; alles andere hätte für sie keinen Reiz und Eifer. Wenn
aber solche glänzenden Schätze und Reichtümer sich nur in den Händen weniger
kluger Menschen befinden, so haben sie dann für alle anderen Menschen der
großen Seltenheit wegen auch einen kaum schätzbaren Wert, und die Menschen
werden dabei tätig und arbeitsam, um sich bei solchen Reichen nur etwas ganz
Geringes von den kostbarsten Schätzen zu verdienen. Und siehe, das ist ja gut!
[GEJ.07_212,10] Da ersiehst du wohl große
Massen Goldes und Silbers und eine unzählige Menge der kostbarsten Edelsteine
und Perlen; so dir Cyrenius nur eine der herrlichen Perlen darum gäbe, daß du
ihm irgendeine Arbeit verrichten solltest, da würdest du sicher bald alle deine
Kräfte möglichst anstrengen, um dir nur eine solche Perle zu verdienen. Hättest
du aber solcher Perlen ohnehin eine solche Menge, so würdest du dann der einen
Perle wegen deine Kräfte sicher nicht anstrengen und bei dir sagen: ,Oh, der
einen Perle wegen kann da arbeiten, wer da will! Ich habe ihrer ohnehin zur
Genüge und kann mir gut geschehen lassen!‘ Aus dem aber magst du schon ersehen,
daß es in der Welt für die Menschen ganz gut ist, so dergleichen große Schätze
und Reichtümer sich stets nur in den Händen weniger befinden. – Siehst du das
ein?‘
[GEJ.07_212,11] Sagte der Grieche: ,Wer
sollte das nicht einsehen, wenn Du es einem erklärst? Cyrenius aber ist zwar
ein strenger, doch dabei auch ein gerechter und guter Regent und gedenkt
allzeit der wahrhaft Armen, obschon er jeden zuvor wohl prüft, ob er ein
wahrhaft Armer oder, wie es oft der Fall ist, nur ein Träger ist, dem das
Arbeiten nicht schmeckt. Weil er aber ein solcher Mann ist, so ist es auch
recht und billig, daß er so große Schätze und Reichtümer besitzt.‘
[GEJ.07_212,12] Und also ward denn auch unser
Grieche nun ruhiger und konnte die Pracht des Palastes leichter und
gleichgültiger ertragen.
[GEJ.07_212,13] Während Ich aber mit dem
Griechen Meine Sache hatte, besprach sich Cyrenius mit Joseph angelegentlichst
über Mich, und was Ich unterdessen alles getan hatte, was Joseph und Jakobus
ihm auch in Kürze alles getreu mitteilten, wobei er eine große Freude hatte.
Gut bei zwei Stunden lang dauerte das Fragen und Erzählen, woran auch die
meisten hohen Räte und Minister teilnahmen, die sich über Mich nicht genug
verwundern konnten.“
213. Kapitel
[GEJ.07_213,01] (Der Herr:) „Am Schlusse der
Erzählung Josephs sagte ein hoher Ratsherr zu Cyrenius: ,So aber das alles sich
an diesem Menschen erwahret (bewahrheitet), so muß er ja ohne weiteres ein Gott
sein; denn von einem natürlichen Menschen hat noch niemand je vernommen, daß er
solche Taten bloß durch die Macht seines Willens verrichtet hätte. Wir haben
wohl auch schon eine Menge von Magiern gesehen, die allerlei wunderliche Taten
verrichtet haben, – aber man wußte auch zum größten Teile nur zu bald, wie und
durch welche Mittel. Auch im tiefen Hinterägypten soll es Menschen geben, die durch
ihren Willen und Blick alle Tiere zu bändigen vermögen, – aber das ist doch
alles nichts gegen das Vermögen dieses Menschen!
[GEJ.07_213,02] Er will es, und die Elemente
beugen sich vor seinem Willen. Er befiehlt den Tieren des Meeres wie ein
Feldherr seinen Kriegsscharen, und sie gehorchen seinem Gebote. Ich bedarf für
mich keiner weiteren Zeichen zum Beweise, daß sein ganzes Wesen völlig
göttlicher Natur sein muß. Denn wer das kann und vermag, was dieser Mensch kann
und vermag, dem muß auch alles andere möglich sein. Bei dem Menschen möchte ich
behaupten, daß er auch eine Welt erschaffen würde, wenn er es wollte. Darum
sollten wir ihm denn auch eine göttliche Ehre erweisen!‘
[GEJ.07_213,03] Sagte nun Ich zu dem Rate:
,Wie würdet ihr denn das anstellen, Mir eine göttliche Ehre zu erweisen?‘
[GEJ.07_213,04] Sagte der Rat: ,Nun, wie wir
bei uns den obersten Gott Jupiter verehren, oder wie eure Priester ihren
gestaltlosen Jehova verehren!‘
[GEJ.07_213,05] Sagte Ich: ,Freund, von den
beiden Verehrungen könnte Ich wahrlich keine brauchen, weil weder die eine noch
die andere eine rechte und wahre Gottesverehrung ist!
[GEJ.07_213,06] Die wahre und vor Gott
gültige Verehrung aber besteht darin: erstens, daß man allein nur an Einen
wahren Gott, der Himmel und Erde und alles, was da ist, erschaffen hat,
ungezweifelt fest glaubt, zweitens diesen einen durch den Glauben erkannten
Gott über alles liebt und nach Seinem Willen lebt und handelt, und drittens,
daß man auch seinen Nebenmenschen also liebt wie sich selbst.
[GEJ.07_213,07] Siehe, in diesen drei Stücken
liegt die wahre Gottesverehrung; alles andere aber ist eitel und hat vor Gott
nicht den allergeringsten Wert!
[GEJ.07_213,08] Nur was die Liebe tut, das
ist getan und ist ein wahres Etwas vor Gott; was man aber tut aus der gewissen
Furcht vor der Macht Gottes, um Gott zu besänftigen und milder zu stimmen, das
ist vor Gott ein Greuel. Denn zur Verrichtung der vermeintlichen
Gottesdienstwerke auf alle möglichen zeremoniellen Weisen werden schon einmal
allzeit und überall gewisse Priester bestellt. Diese halten sich darum auch für
um vieles würdiger, als da ist ein anderer Mensch, lassen sich ungeheuer ehren,
halten die anderen Menschen tief unter sich, sind voll des stinkendsten
Hochmutes, halten sich am Ende schon gleich selbst für Götter und richten nach
ihrer Willkür die armen Nebenmenschen, die oft um tausend Male besser sind denn
die stolzen und herrschsüchtigen Priester. Meinst du wohl, daß Gott an solchen
pomp- und prunkvollen Verehrungen, von den beschriebenen Priestern verrichtet
und vom Volke teuer bezahlt, eine Lust und Freude haben wird?
[GEJ.07_213,09] Ich sage es dir: Wenn solch
ein Dienst Gott zur Ehre verrichtet wird und Gott in Seiner allerhöchsten
Weisheit möchte daran eine Freude haben, so wäre Er kein Gott, sondern gleich
dem diensttuenden Priester ein blinder, dummer Mensch voll Hochmut und voll
Herrschsucht. Wie kann aber jemand das dem wahren Gott zumuten, der aus Seiner
ewigen Liebe, Weisheit und Macht ja ohnehin alles aus Sich erschaffen hat und
durch Seine ewige Güte und Erbarmung auch alles ewig fort und fort erhält? Wo
ist denn in der ganzen Unendlichkeit Gottes ein Wesen, das gegen Gott sich
wirksam auflehnen und sich mit Ihm in einen Kampf stellen könnte? Gottes
Gedanke und Wille ist ja alles, was der endlose Schöpfungsraum enthält! So Gott
diese Erde nicht mehr bestehen lassen wollte, so sie mit Ihm kämpfen möchte, da
braucht Er ja nur zu wollen, daß sie nicht mehr sei, und sie ist nicht mehr!
Und deshalb braucht Gott von den Menschen, die Er zu Seinen wahren Kindern
machen und erziehen will, keine andere Verehrung, als daß sie Ihn als einen
wahren, heiligen Vater über alles lieben und allzeit gerne tun, was Er ihnen
als Seinen Willen bekanntgibt.
[GEJ.07_213,10] Darum sage Ich euch allen hier:
Was vor der Welt groß ist, das ist vor Gott ein Greuel! Aber wahrhaft groß vor
Gott ist ein demütiger Mensch, der Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie
sich selbst und sich nicht erhebt über sie als irgendein Herr, sondern nur als
ein wohltun wollender Freund.
[GEJ.07_213,11] Nehmet euch aber nun ein
Beispiel an Mir! Ich bin sicher einer wie sonst keiner in der Welt! In Meiner
Macht und Gewalt liegt Himmel und Erde, und Ich bin doch von ganzem Herzen
sanftmütig und demütig und bin darum da, um euch allen, Hohen und Niederen, zu
dienen. Tut ihr desgleichen, und ihr werdet Mich Selbst dadurch am besten
ehren!‘“
214. Kapitel
[GEJ.07_214,01] (Der Herr:) „Als alle diese
Worte aus Meinem Munde vernommen hatten, da staunten sie über Meine Weisheit, und
Cyrenius selbst sagte: ,Ja, ja, das sind nicht Worte, wie sie die Menschen von
sich geben, sondern das sind wahrhaft Gottes Worte; denn da leuchtet aus jedem,
gleich der Sonne, die strahlendste Wahrheit, gegen die auch der schärfste
Menschenverstand nichts einzuwenden vermag.
[GEJ.07_214,02] Sehen wir unsere Götter und
ihre Priester an! Welch ein Unsinn, und welch eine böse Torheit! Und da
strahlet die Wahrheit wie eine Sonne! Daher sage ich nun nichts als: Herr, hilf
uns bald aus unserer großen Not!
[GEJ.07_214,03] Es gibt unter uns gar viele
physisch arme Menschen, denen wir Reichen und irdisch Mächtigen wohl allzeit
helfen können, wenn wir das nur wollen; aber wir alle sind geistig arm, und
diese Armut ist um gar vieles ärger als die physische, weil da von uns keiner
dem andern helfen kann. Denn was man selbst nicht hat, das kann man auch keinem
andern geben. Du aber bist im Geiste überreich und kannst uns von Deinem endlos
großen Überflusse ja schon so viel zukommen lassen, als nötig ist zu unserer Hilfe.
[GEJ.07_214,04] Vor allem laß die volle
Wahrheit in die Herzen der Menschen dringen und zeige uns an, wie wir von der
ärgsten Plage für unsere Seelen auf dieser Erde los werden können!
[GEJ.07_214,05] Diese ärgste Plage aber ist
unser Götzen- und Priestertum. Diese tausendmal tausend privilegierten Betrüger
der Menschen verstehen sich auf die Magie und Zauberei, oder – besser gesagt –
sie treiben allerlei Trugkünste, blenden dadurch die von ihnen mit aller
Blindheit geschlagene Volksmenge und sind eben dadurch, weil sie stets zunächst
mit dem Volke verkehren, im vollen Besitze der Volksmacht, was uns die
Aufhellung des Volkes unendlich erschwert; denn wollte am Ende selbst der
Kaiser fürs Volk bessere Schulen errichten, so würden die argen Priester nur zu
bald alles Volk gegen den Kaiser hetzen und er wäre samt seinem Kriegsheere
verloren.
[GEJ.07_214,06] Daher leiden wir helleren und
besseren Römer und Griechen eine große Not, von der wir uns mit allen Schätzen
der Welt nicht losmachen können. Gib Du uns da ein Mittel dagegen an, – und es
wird dann auch bei uns helle werden, – und es wird dadurch uns und vielen
tausendmal tausend Menschen geholfen sein!‘
[GEJ.07_214,07] Sagte Ich: ,Du hast einen gar
guten Sinn, und was du wünschest, das wird auch geschehen. Doch so plötzlich,
wie Ich den Meeressturm bändigte, geht es mit der geistigen Hilfe nicht; denn
da hatte Ich nur mit jenen Geistern und Kräften zu tun, die noch lange keinen
eigenen freien Willen haben und Mir sonach auch unbedingt gehorchen müssen.
[GEJ.07_214,08] Ein jeder Mensch aber hat den
vollkommen freien Willen, demnach er frei tun kann, was er will, und sein
Gehorchen ist darum notwendigerweise ein bedingtes. Gott Selbst kann und darf
ihn mittels Seiner Allmacht nie und niemals zwingen, sondern den Menschen nur
in solche Lagen führen, durch die er zu einer reineren Erkenntnis wie aus sich
selbst, auf dem Wege der Erfahrung geschöpft, gelangen und so auch dann seinen
Willen durch seinen eigenen Verstand leiten kann.
[GEJ.07_214,09] Würde Gott aber mit Seiner
Allmacht aus Seiner Weisheit heraus den Willen des Menschen leiten, so wäre der
Mensch um nichts besser denn ein Tier; ja, er stünde sogar noch unter
demselben, weil sogar dem Tiere schon eine kleine Willensfreiheit insoweit
verliehen ist, als es, wie euch die Erfahrung lehrt, auch ein Verständnis und
ein Gedächtnis hat, den Hunger, Durst und Schmerz fühlt und darum auch, wenn
auch noch so stumpf, etwas denken, urteilen kann und durch seine Stimme, Miene
und Gebärden auch das kundgeben kann, was es für sein Bedürfnis will.
[GEJ.07_214,10] Ein Mensch aber, der in
seinem Wollen pur von der Allmacht Gottes abhinge, wäre beinahe so wie ein
Baum, der also wachsen und bestehen muß, wie ihn der Wille Gottes gestellt hat.
[GEJ.07_214,11] Aus dem aber kannst du schon
entnehmen, daß es mit der rechten Bildung eines Menschen etwas ganz anderes ist
als mit der plötzlichen Stillung eines Meeressturmes. Wären die Menschen auch
also zu behandeln, wahrlich, da wäre es nun eine rechte Torheit von Mir, mit euch
weise und wahrheitsvoll belehrend zu reden, sondern Ich könnte ja gleich die
lichtvollsten Gedanken in eure Seele legen und dann euren Willen mit Meiner
Macht zwingen, nicht anders zu wollen und zu handeln als nur so, wie Ich Selbst
es will. Wäre aber jemandem dadurch etwas geholfen, so Ich ihn zu einer puren
Maschine Meines allmächtigen Willens machte?
[GEJ.07_214,12] Eure noch so argen und
selbstsüchtigen Priester aber sind auch ganz Menschen voll freien Willens und
können darum tun, was sie wollen, und das um so mehr, weil eure weltlichen
Gesetze ihnen keinen Hemmschuh anlegen und ihr sie anderseits eben also, wie
sie sind, fürs Volk gut gebrauchen könnet.
[GEJ.07_214,13] Wer aber von ihrem Joche frei
werden will, der suche die Wahrheit und halte sich an sie; denn jeder Mensch
kann nur durch die in sich gefundene Wahrheit völlig frei werden von dem Joche
der Finsternis, die eine Geburt des tausendköpfigen Aber- oder Wahnglaubens
ist.
[GEJ.07_214,14] Wenn ihr das verstanden habt,
so tuet auch danach, und eure Priester werden euch erstens keinen Schaden
zufügen können und sich fürs zweite selbst aufheben, so sie auf eurem Felde der
lichtvollen Wahrheit mit ihren Narrenpossen keinen Anklang mehr finden
werden.‘“
215. Kapitel
[GEJ.07_215,01] (Der Herr:) „Sagte hier
wieder der hohe Rat: ,Aber wie könnte denn das besonders den Hohenpriestern
schaden, wenn sie so von deinem Gotte aus nur wenigstens ein paar Jahre lang
mit Seiner Allmacht und Weisheit dahin genötigt würden, dem Götzentum abhold zu
werden und das Volk die Wahrheit zu lehren? Sollten sie dann, so sie von der
Allmacht Gottes wieder freigelassen würden, wieder zum alten Götzentume
zurückkehren wollen, so würde sie dann das hell gewordene Volk schon sicher auf
eine Art zurechtweisen, daß sie sich nimmer wieder an das alte Götzentum kleben
möchten! Habe ich recht oder nicht?‘
[GEJ.07_215,02] Sagte Ich: ,Wenn so etwas
tunlich und für die Menschen heilsam wäre, so benötigte Gott der Priester
nicht, sondern da könnte Er auch die Bäume und die Steine reden machen, was
fürs Volk noch wirksamer wäre. In jedem Falle aber würde das dem freien Willen
der Menschen nicht nur nichts nützen, sondern der freien Bildung des inneren
selbständigen Lebens der Seele nur schaden; denn würden auf einmal alle eure
Priester vor dem nun noch größtenteils sehr abergläubischen und im Falschen
begründeten Volke wider die alten Götter und Götzenbilder laut zu predigen
anfangen, so würde sie das Volk als Feinde seiner alten Götter ansehen, sie
ergreifen und erwürgen. Würden aber Bäume und Steine das Volk lehren, so würde
das Volk ja dadurch ungeheuer in seinem Erkennen und Wollen genötigt werden,
würde auch bald über all die Götzen und ihre Priester herfallen und sie
zerstören.
[GEJ.07_215,03] Sage nun, wem damit etwas
geholfen wäre! Dem Volke nicht; das stünde in einem gerichteten und durch und
durch genötigten Glauben, Erkennen und Wollen, durch das ihre Seelen
ebensowenig frei werden könnten als durch den alten Aberglauben, der nun doch
schon bei vielen Menschen unter euch sehr durchsichtig geworden ist auf dem
Wege des eigenen Forschens und Denkens.
[GEJ.07_215,04] Wie aber ein besprochener,
den Menschen durch Wunder aufgedrungener Lichtglaube nichts nützen würde, da er
so gut wie der alte ein Aberglaube wäre, so würde er auch den Priestern um so
weniger nützen und euch auch nicht. Oder kannst du beweisen, daß du wahrlich
ein Weiser bist, so du nur die Fragen, die du dir selbst stellst, beantwortest?
[GEJ.07_215,05] Wenn Ich nun zum Beispiel die
Säulen in diesem Palaste gar leicht reden machte, ihnen dann allerlei Fragen
gäbe von der größten Weisheitstiefe und die Säulen Mir dann darauf Antworten
gäben so wahr und weise, wie das keinem Menschen in der Welt, wie auch keinem
Engelsgeiste im Himmel möglich wäre, was würdest du dann dazu sagen?‘
[GEJ.07_215,06] Sagte der hohe Rat: ,Das wäre
einesteils offenbar sehr wunderbar; aber die Säulen könnten am Ende doch nur
nach deinem Willen und nach deiner Erkenntnis die weisen Antworten geben, und
das wäre dann ebensoviel, als wenn du dir selbst Fragen geben und sie dann
beantworten würdest!‘
[GEJ.07_215,07] Sagte Ich: ,Das hast du nun
ganz gut beurteilt und darüber ein rechtes Wort gegeben. Und siehe, geradeso
wäre es auch mit dem Menschen, dem Gott die einmal für ewig gestellte
Lebensordnung durch die Macht Seines allmächtigen Willens einprägen würde! Da
würde im Menschen dann Gott Selbst wollen und auch Selbst handeln. Was sollte
aber dann bei einem so bewandten Umstande aus der freiesten
Lebensselbständigkeit des Menschen werden?
[GEJ.07_215,08] Gott aber hat die Menschen
Sich nicht zu gewissen Spielpuppen, sondern zu Ihm völlig ähnlichen Ebenbildern
erschaffen, die Er nicht als pure Geschöpfe Seiner allmächtigen Laune, sondern
als wahre Kinder Seiner ewigen Vaterliebe aus Sich ins Dasein gestellt und sie
mit der Ihm ganz ähnlichen schöpferischen Eigenschaft begabt hat, sich ganz
frei aus der eigenen Lebenskraft von selbst nach dem eigenen freiesten Willen
bis zur völligsten Gottähnlichkeit heranzubilden. Und siehe, daher geht es bei
der Bildung der Menschen nicht, daß man ihren freiesten Willen durch ein wie
immer geartetes göttliches Muß hemme, sondern man muß ihnen unter selbst den
bösesten Umständen den freiesten Willen belassen, und das sogar dann, wenn es
Mich Selbst das irdische Leben am Kreuzpfahle kosten sollte!
[GEJ.07_215,09] Seht, so viel Liebe hat die
göttliche Weisheit für die Menschen, die sie einmal als ihre Kinder in diese
Welt gestellt hat zur Probung des ihnen gegebenen freiesten Willens! Daher
fasset das, begreifet es, und richtet keine weiteren unnützen Fragen an Mich;
denn Gott hat aus Sich eine Ordnung für ewig gestellt, und bei der wird es auch
ewig verbleiben! Und von nun an, so ihr wollet, reden wir von etwas anderem!‘
[GEJ.07_215,10] Sagte hier Cyrenius: ,Aber
Du, mein Herr und Meister in allen Dingen, wirst doch darum nicht ungehalten
sein? Wir sind einmal das, was wir sind: noch stark irdisch begriffsstutzige
Menschen und bitten Dich darum um Deine Geduld.‘
[GEJ.07_215,11] Sagte nun Joseph: ,Die hält
bei ihm nie gar zu lange aus! Es ist nun schon geratener, ihn in Ruhe zu
lassen; denn gesagt und geredet hat er nun wahrlich schon sehr viel. Wenn er
aber einmal so auftritt, da ist es schon am besten, ihn gehen zu lassen und das
zu tun, was er angeraten hat. Da richte ich, als gleichsam sein Vater, auch
nichts mit ihm aus. Er wird dann auf einmal stille und läßt uns reden, was wir
wollen. Darum lasset, ihr lieben, hohen Freunde und Gönner, ihm nun nur eine
Weile Ruhe; er wird dann schon wieder selbst mit etwas kommen!‘
[GEJ.07_215,12] Sagte Cyrenius zu Joseph:
,Aber sage mir doch, ob Er Sich nicht doch irgendwann in etwas ein wenig
widersprochen hat!‘
[GEJ.07_215,13] Sagte Joseph: ,Noch nie! Was
er einmal sagt, das ist schon so gut wie für die ganze Ewigkeit gesagt, und das
oft bei den kleinsten und geringfügigsten Dingen! Das kann ich aller Wahrheit
nach bezeugen.‘
[GEJ.07_215,14] Sagte darauf Cyrenius: ,Ja,
da ist es dann allerdings schon geratener, sich also zu verhalten, wie Er es
wünscht; denn Sein Inneres ist erfüllt vom Geiste Gottes, und es geschieht, was
Er will. Da können wir schwachen Menschen uns mit Ihm in keinen Kampf
einlassen, wie ich mich davon schon vor zwanzig Jahren überzeugt habe. Aber es
fragt sich nun, von was anderem wir nun wohl noch reden sollen, da Er doch die
allerdenkwürdigste Erscheinung dieser Zeit, wie auch aller anderen Zeiten ist
und bis ans Ende der Welt bleiben wird.‘“
216. Kapitel
[GEJ.07_216,01] (Der Herr:) „Sagte hierauf Joseph:
,Oh, da werde ich dir gleich einen Stoff angeben, und der wird ihn schon wieder
anziehen! Höret, was habt denn ihr, die ihr doch in so manche Geheimnisse
eingeweiht seid, für einen Begriff von der Erschaffung eines ersten
Menschenpaares auf dieser Erde?‘
[GEJ.07_216,02] Sagte hierauf der hohe
Ratsherr: ,Freund, was das anbelangt, so besteht über nichts in der Welt so
viel Rätselhaftes als eben über diesen höchst fraglichen Punkt! Darüber etwas
Bestimmtes und Sicheres zu sagen, ist und bleibt für uns Menschen unmöglich,
und je mehr man darüber bei allen bekannten Völkern der Erde forschen mag, in
ein desto größeres Labyrinth von Ungewißheiten gerät man. Wer sich so recht
fest dem blinden Glauben an die eine oder die andere Volkssage in die Arme geworfen
hat, ist da nahe noch immer am besten daran. Wo man zur Wahrheit nicht gelangen
kann, da sehe man sich nach einer recht lebhaften Phantasie um, und man
befindet sich in solch einem recht lebhaften Traume zumeist um vieles
glücklicher als beim ewigen Suchen nach einer Wahrheit, die wahrlich nimmer zu
finden ist!
[GEJ.07_216,03] Die Perser haben eine andere
Sage als die Indier und ihr Juden, die Skythen wieder eine andere, wir Römer
und Griechen eine andere, also auch die Hinterägypter, und die mir bekannten
Germanen wieder eine ganz andere! Ah, es wäre da zu viel zu reden, und man
stünde am Ende doch noch am alten Flecke.
[GEJ.07_216,04] Ich bin darum der Meinung,
dieses allerunfruchtbarste Thema ganz fallen zu lassen; denn da kommen wir
ebensowenig jemals ins klare wie die Astronomen über die Wesenheit der Gestirne
am Firmamente.
[GEJ.07_216,05] Ich meine da also: Gibt es
nach dem Abfalle des Leibes wirklich irgendein höheres und vollkommeneres
Leben, so werden wir im selben auch sicher tiefere Wahrheiten begreifen; und
sollte es nach dem Leibestode auch mit dem Leben der Seele aus und gar sein, so
haben wir wahrlich nichts verloren, so wir nicht gar zu weise geworden sind.
Siehe, Freund, so denken wir vielerfahrenen und besseren Römer!
[GEJ.07_216,06] Es ist auch eine schwere
Sache, zu beweisen, daß des Menschen Seele nach dem Tode fortlebt, aber noch
immer leichter, als mit einer Bestimmtheit darzutun, ob, wie oder wann entweder
ein Menschenpaar oder wohl auch mehrere Menschenpaare in einer gleichen oder zu
sehr verschiedenen Zeiten auf diese Erde gesetzt worden sind. Das kann nur ein
Gott wissen, aber nimmer ein kurzsichtiger und auch viel zu kurzlebiger Mensch;
denn wenn er aus seinen vielen Erfahrungen vielleicht eben zu den Anschauungen
tieferer Wahrheiten gelangen könnte, dann muß er schon von der Welt abfahren!
Weil ich das nur zu gut kenne, so liegt mir an derlei Dingen und Forschungen
auch wahrlich nichts mehr! Kurz und gut, die ganze Lebenseinrichtung auf der
Erde ist und bleibt für denkende Menschen schlecht.
[GEJ.07_216,07] Sollen wir auch zur
Kindschaft Gottes berufen sein, so kann dieselbe sicher nur von einem
geringsten Teile der Menschen erreicht werden! Warum denn nicht von allen?
Warum müssen denn gut nahe ein Dritteil Menschen schon eher als noch unmündige
Kinder sterben? Was können diese von Gott und ihrer einstigen Bestimmung wissen
und wie sich durch den rechten Gebrauch ihres freien Willens zur
Gottähnlichkeit emporschwingen?
[GEJ.07_216,08] Darum sage und behaupte ich:
Der blindeste Narr ist um tausend Male glücklicher als der größte Weise, und
wir tun hier am vernünftigsten, wenn wir uns hier mit andern Dingen unterhalten
als mit solchen unfruchtbarsten Betrachtungen; denn je mehr ein Mensch weiß und
versteht, desto klarer wird es ihm, daß er am Ende vollkommen nichts weiß. Und
für solch eine höchst langweilige Lebensunterhaltung werde ich mich eben nie zu
sehr bedanken. Ich habe geredet!‘
[GEJ.07_216,09] Sagte hierauf Cyrenius: ,Ja,
ja, mit unserem ganz natürlichen Verstande die Sache betrachtet, hast du
vollkommen recht; aber –‘
[GEJ.07_216,10] Sagte der Ratsherr: ,Aber
hin, und aber her! Wo haben wir aber einen andern als nur einen natürlichen
Verstand?! Wenn der nicht ausreicht, wo nehmen wir dann irgendeinen
übernatürlichen her?! Ein Mensch ist sich doch am allernächsten – und kennt
sich nicht; wie sollte er dann erst etwas ihm ferner Stehendes erkennen?!
Lasset mich da aus! Des Menschen Natur ist ohne sein Wollen und Wissen entweder
ganz verdorben und taugt zu nichts mehr, oder der Mensch ist dazu wie verdammt,
über jedes Tier hinaus seine Unvollkommenheit zu fühlen und dadurch so
unglücklich als möglich zu sein. Denn ich habe noch nie einen wahrhaft
glücklichen Weisen gesehen. Je weiser jemand ist, desto unglücklicher ist er
auch am Ende seiner Tage. Sein größter Freund aber ist dann stets der Tod.
Wahrlich, eine sonderbare Liebhaberei eines allmächtigen und höchst weisen
Gottes: in einem gleichfort erschaffen und gleich darauf wieder zerstören!‘“
217. Kapitel
[GEJ.07_217,01] (Der Herr:) „Sagte darauf
Ich: ,Freund, du bist ein wenig aufgeregt, weil Ich ehedem euch allen die
Wahrheit über die Bestimmung der Menschen vorgetragen habe; aber es macht das
eben nichts! Ich habe solche Zweifelsklippen in dir gesehen und wollte, daß du
dich ihrer offen entäußern sollst; darum mußte Joseph denn auch mit einem
solchen Thema kommen, das dir die Zunge am rechten Flecke löste. Du hast auch
ganz gut geredet und deine Zweifel und Bemängelung der Menschennatur
vorgebracht. Nun aber ist die Reihe an Mich gekommen, und Ich kann dir darüber
etwas ganz anderes sagen, als was du dir über die Sache denkst, die nun unter
euch verhandelt worden ist.
[GEJ.07_217,02] Sieh, wenn Gott die Menschen
nur für diese Erde erschaffen hätte, dann wäre es wohl eine sonderbare
Liebhaberei von Seiner Seite, in einem fort zu erschaffen und es dann wieder zu
zerstören; aber weil Er die Menschen für ein höheres und ewiges Leben
erschaffen hat und sie nur so lange auf dieser Erde bestehen läßt, bis sie die
nötigste Willensfreiheitsprobe oder mindestens den Durchgang durchs Fleisch
gemacht haben, so ist das eine wahre und lebendige Liebhaberei Gottes zu Seinen
Menschen, daß Er sie auf dieser Jammerwelt nur so lange im Fleisch erhält, als
es eben für einen oder den andern Menschen höchst nötig ist! Verläßt der
eigentliche Mensch diese Erde, so wird er jenseits schon in solche Schulhäuser
geführt werden, die geeignet sind, um zur höheren und wahrsten Lebensvollendung
zu gelangen. Da wird er dann schon auch über die Genesis der ersten Menschen
der Erde eine wahre Aufklärung bekommen.
[GEJ.07_217,03] So mancher aber wird auch
schon, der Mitmenschen wegen, auf dieser Erde gleich Mir vollendet werden, aber
nur auf dem alleinigen Wege der wahren Gottesverehrung, die Ich euch ehedem
gezeigt habe, als ihr berietet, Mir eine göttliche Verehrung zu erweisen.
[GEJ.07_217,04] Damit du aber fortan nicht
mehr zweifelst über das bestimmte Leben der Seele nach des Leibes Tode, so
werde Ich dir die Augen der Seele eine Zeitlang auftun, und du wirst uns dann
kundtun, was du alles geschaut hast. Aber Ich will dir das auch nur tun, wenn
du das willst.‘
[GEJ.07_217,05] Sagte der Ratsherr: ,Ja, ich
möchte das! Und tue du mir das!‘
[GEJ.07_217,06] Hierauf rief Mich unser
Joseph beiseite und sagte geheim zu Mir: ,Höre, du mein liebster Sohn des
Allerhöchsten, mache es mit den hohen Römern nicht zu bunt; denn es kommt mir
immer vor, als verstünden sie für längerhin deine Sache falsch! Der hohe
Ratsherr hat ehedem das so ziemlich zu verstehen gegeben, obschon er anfangs
dafür war, dir eine göttliche Verehrung zu erweisen.‘
[GEJ.07_217,07] Sagte Ich: ,Sei du darob ganz
unbesorgt! Die Erscheinung, die Ich für ihn nun werde kommen lassen, die wird
ihn schon eines ganz anderen Sinnes zeihen (machen)!‘
[GEJ.07_217,08] Sagte Joseph: ,Tue du denn,
was dir gut dünkt!‘
[GEJ.07_217,09] Hierauf versetzte Ich bloß
durch Meinen innern und nicht laut ausgesprochenen Willen den Ratsherrn in das
sogenannte zweite Gesicht, und er ward sogleich umringt und umgeben von seinen
vielen verstorbenen Verwandten, Freunden und Bekannten, und am Ende kam sogar
Julius Cäsar auch noch zum Vorschein, worüber sich der Ratsherr überaus zu
erstaunen anfing und Mich hastig fragte: ,Ist das alles Wahrheit oder eine
Täuschung?‘
[GEJ.07_217,10] Sagte Ich: ,Rede mit ihnen,
sie werden es dir sagen; denn eine Truggestalt kann nicht reden!‘“
218. Kapitel
[GEJ.07_218,01] (Der Herr:) „Hierauf fragte
der Ratsherr die ihm erschienenen Geister, ob sie Wahrheit oder nur etwa eine
Täuschung seiner etwa irgend verzauberten Sinne wären.
[GEJ.07_218,02] Sagten die Geister: ,Wir sind
Wahrheit, und wenn du das nicht einsiehst und nicht begreifen willst, so
täuschest du dich nur selbst!‘
[GEJ.07_218,03] Sagte der Ratsherr: ,Warum
kann ich euch denn nur jetzt sehen, und warum nicht auch zu anderen Malen?
Warum zeigtet ihr euch mir nicht, so ich selbst schon zu öfteren Malen
sehnlichst nach euch verlangte?‘
[GEJ.07_218,04] Sagten die Geister: ,Du könntest
uns auch zu öfteren Malen sehen und sprechen, wenn deine Seele nicht so
geblendet wäre von der Sinnenlust der materiellen Welt.
[GEJ.07_218,05] Die einfachen Urmenschen
dieser Erde konnten das; als aber dann die späteren Nachkommen stets mehr und mehr
in das Materielle der Welt versanken, da verloren sie auch die Fähigkeit, die
abgeschiedenen Seelen zu sehen und mit ihnen zu verkehren. Dadurch aber kam
über sie die Nacht der Zweifel, in der sie sogar auch den Glauben an ein
Fortleben nach dem Tode des Leibes verloren und sich dann untereinander
ängstlich zu fragen anfingen, ob es nach dem Leibestode wohl ein Fortleben der
Seele gäbe.
[GEJ.07_218,06] Und siehe, dieser
zweifelhafte Zustand der gröbstsinnlichen Menschen ist eine wahre Strafe für
ihre sittliche Verderbtheit, und es ist recht also! Denn ohne diese bittere
Strafe würden die Menschen sich noch mehr und noch tiefer in das Gericht der
Materie versenken; so aber hält sie doch die Furcht vor dem Leibestode davon
ab, weil sie nicht wissen und innewerden können, was nach dem Leibestode mit
ihnen geschehen wird!
[GEJ.07_218,07] Wir haben auf der Welt in
unserem Leibesleben alle die ganz gleiche Strafe empfunden und waren voll von
allerlei Zweifeln; nur die wirkliche Trennung vom Leibe hat uns erst die
Überzeugung gebracht, daß man nach dem Abfalle des Fleisches fortlebt. Aber es
geht bei dem Fortleben nur dem wohl, der auf der Welt im Leibe gerecht war und
gute Werke ausgeübt hat; den Ungerechten, Verleumdern, Harten und völlig
Lieblosen aber geht es schlimm, ja tausend Male schlimmer als denen hier, die
in den finsteren Kerkern schmachten.
[GEJ.07_218,08] Du bist zwar wohl ein
gerechter Mann, aber dabei doch hart und unerbittlich. Wenn du zu uns
herüberkommen wirst in solcher deiner Sinnesart, so wirst du auch die strenge
und unerbittliche Gerechtigkeit, aber keine Liebe und Erbarmung finden. Denn
keine Seele findet bei uns etwas anderes, als was sie in ihrem Gemüte mit sich
gebracht hat; denn erst bei uns steht man auf seinem höchsteigenen Grund und
Boden. Verstehe das, und richte dich danach, damit du wohlversorgt zu uns
herüberkommst; denn du hast nun eine bessere Gelegenheit, als wir sie je gehabt
haben!
[GEJ.07_218,09] Sagte darauf der Ratsherr:
,Nun glaube ich, daß ihr Wahrheit und keine Täuschung seid! Saget mir aber, wer
der junge Jude ist, der vor uns so wunderbare Werke verrichtet!‘
[GEJ.07_218,10] Sagten die Geister: ,Der ist
Der, der Er ist, der Er war, und der Er hinfort sein wird! Ein mehreres dürfen
wir dir von Ihm nicht sagen; denn das gebietet uns Sein Wille. Er aber ist ja
bei euch, und du kannst Ihn selbst fragen!‘
[GEJ.07_218,11] Hierauf wandte sich der
Ratsherr sonderheitlich zu Julius Cäsar und fragte ihn, sagend: ,Du warst auf
der Erde ein gar kluger und mächtiger Held; unter deine Gebote mußte sich alles
fügen. Wie lebst du aber nun in der Welt der Geister?‘
[GEJ.07_218,12] Sagte der Geist (Julius
Cäsar): ,Ich habe in der Welt schon einen bösen Lohn geerntet für das, was ich
nur zu meinem Ruhme getan habe; und darum habe ich in mir auch wenig Gutes
herübergebracht, und mein Lohn war darum eine große Armut, und mein Weltruhm
glich hier einer finsteren Nacht, in der ich nur wenige Sternchen hie und da
durch dichte schwarze Wolken schimmern sah.
[GEJ.07_218,13] Ich war lange so ganz allein
ohne die allergeringste Gesellschaft und hatte niemanden als mich allein. Ich
mochte rufen, bitten, weinen, herumgehen und suchen, wie ich wollte, und es
half alles nichts. Ich rief alle Götter; aber es kam keine Antwort. Nach einer
langen, traurigen, verzweiflungsvollen Dauer meines elendesten Zustandes kam
mir in den Sinn, mich an den Gott der Juden zu wenden. Da ward es heller um
mich, und die wenigen Sternchen wurden auch heller, und es schien, daß sie mir
näher kamen. Als ich das merkte, da faßte ich mein volles Vertrauen zu dem Gott
der Juden und bat Ihn inständigst, daß Er mir helfen möchte aus meiner großen
Not und Qual.
[GEJ.07_218,14] Da ward es abermals heller um
mich und ein Stern senkte sich ganz in meine Nähe. Und ich erkannte bald, daß der
Stern eine vollkommene Menschengestalt annahm, und dieser Mensch war einer, dem
ich in der Welt einmal eine wahre Wohltat erwies, und dieser sagte zu mir:
,Wohl dir, daß du in deiner Nacht den wahren Gott der Juden gefunden hast!
Verbanne deine falschen Götzen, und verbanne auch deinen eigenen größten
Götzen, deinen Cäsar-Ruhm; begib dich in die volle Demut, und ich will dich zu
mir in meine Wohnung nehmen!
[GEJ.07_218,15] Da bat ich abermals den Gott
der Juden, daß Er mir nähme den Ruhm und alle die falschen Götzen. Darauf kamen
auch die andern Sternchen als Menschen zu mir und sagten: ,Wir sind auch wie du
auf der Erde gewesen; aber wir waren arme und von deinen Priestern verfolgte
Juden; du aber hast uns beschützt, beschenktest uns und halfst uns, wieder in
unser Land zu kommen. Nun bist du arm und hast von allen deinen irdischen
Schätzen nichts als nur das, was du uns getan hast; und so sind wir nun auch
durch die Zulassung Gottes zu dir gekommen, um dir das Gute, das du uns getan
hast, zu vergelten. Willst du ohne allen Ruhm mit uns wandeln, so folge uns,
und du sollst bei uns eine Unterkunft finden!‘
[GEJ.07_218,16] Da ging ich und kam bald in
eine gar wunderliebliche Gegend. Es war wie ein breites Tal mit einem schönen
großen See. Das Tal war in weiter Ferne eingefaßt mit hohen und gar ergötzlich
anzusehenden Bergen. Im Vordergrunde standen ein paar Wohnhäuschen, wie man sie
auf der Welt als Wohngebäude unter dem Namen Fischerhütten in großer Menge gar
wohl kennt. In größerer Ferne ersah ich noch mehrere ähnliche Hütten. Die
Felder hatten ein üppiges Grün. Aber Bäume sah ich nur wenige; doch waren sie
voll der schönsten Früchte.
[GEJ.07_218,17] In die Wohnhütte, die bei
meiner Ankunft zur rechten Hand sich befand, zog ich ein, und zwar zu dem
Freunde, der in meiner größten Not zuerst zu mir kam, und fand da gleich etwas
zu essen und zu trinken; doch alles war höchst einfach, erfreute mich aber
dennoch um gar vieles mehr, als mich auf der Welt je meine großen Schätze und
Paläste erfreut haben.
[GEJ.07_218,18] Als ich mich so ganz selig in
der Hütte befand und mich auch hinreichend gestärkt hatte, da führte mich mein
Freund wieder aus der Hütte und wir ersahen einen Kahn auf dem klaren Spiegel
des Sees, in welchem sich ein Mensch befand, der mit einem Handruder gegen uns
zusteuerte. Ich fragte meinen Freund, wer etwa der Schiffer sein möchte. Und
der Freund sagte: ,Dieser kommt über den uns unbekannt langen See dann und wann
zu uns herab und zeigt uns stets mit vieler Freundlichkeit an, was wir alles
für weiterhin zu tun haben werden. Danach heißt es dann wieder arbeiten. Wir
begeben uns dann wieder zu der angeratenen Arbeit, arbeiten mit allem Fleiße,
mit aller Freude und Lust, und unser Fleiß wird von dem Gott der Juden alle
Male gesegnet. Als wir in diese Gegend kamen gleich wie nun du, da sah sie noch
sehr wüst und öde aus; nur durch unseren Fleiß und Eifer ist sie in den
gegenwärtigen blühenden Zustand gekommen. Also wirst auch du nun fürderhin mit
uns arbeiten wollen und wirst dabei auch den Segen überkommen, den wir
überkommen haben!‘‘“
219. Kapitel
[GEJ.07_219,01] (Der Herr:) „(Julius Cäsar:)
,Ich war darob hoch erfreut und begab mich mit meinem Freunde an das Ufer des
Sees. Der Schiffer stieg alsbald ans Land und sagte: ,Da oben am Ufer des Sees,
rechts landwärts, gibt es noch einen argen Sumpf, Worin sich noch allerlei
arges Geschmeiß aufhält und zuweilen die Luft dieser Gegend verunreinigt.
Diesen Sumpf wollet ihr austrocknen! Traget gutes Erdreich so lange hinein, bis
die Sumpftiefe, die nicht bedeutend ist, ausgefüllt sein wird, und ihr werdet
dadurch diese eure Gegend um ein bedeutendes verbessern und dadurch ein
fruchtbares Stück Landes mehr haben!‘ Der Freund und auch ich dankten ihm mit
Freuden für diesen Rat. Er fuhr darauf schnell wieder ab, und wir machten uns
aber auch gleich an die wahrlich schwere Arbeit.
[GEJ.07_219,02] Im Hause fanden sich zu der
angeratenen Arbeit auch gleich die nötigen Werkzeuge vor. Wir nahmen sie mit
aller Lust und Freude, gingen an die bezeichnete Stelle und begannen zu
arbeiten. Aber es ward mir beim Anblick des bedeutenden Sumpfes dennoch angst
und bange; denn da gab es ein gar greulich aussehendes Geschmeiß aller Art und
Gattung in einer solchen Menge, daß ich zum Freunde sagte: ,Höre, bis wir den
Sumpf austrocknen, vergehen auf der Erde mindestens hundert volle Jahre!‘
[GEJ.07_219,03] Sagte darauf der Freund: ,Was
kümmern uns da die vergangenen Jahrzeiten der Erde! Hier gibt es keine solche
Zeit, denn hier dauert ein und derselbe gleiche, ewige Tag, und unsere Zeit
liegt in unserem Willen. Dieser Sumpf aber ist nur eine notwendige
Erscheinlichkeit deiner inneren, deinem Herzen noch anhaftenden Unlauterkeit,
und es ist hier vor allem deine Aufgabe, dich davon zu reinigen durch den
ernsten Willen und durch die Geduld, die du auf der Erde gar nicht kanntest.
Ich aber will dir helfen, und so wird auch dieser ekelhafte Sumpf bald und
leicht in ein fruchtbares Land umgestaltet werden!‘
[GEJ.07_219,04] Als ich das erfuhr, da
festete ich meinen Willen und fing mit aller Geduld an zu arbeiten. Im Anfang
hatte die Sache wohl das Gesicht, als wollte der Sumpf ewighin nimmer voll
werden; aber nach und nach zeigte es sich doch, daß wir nicht vergeblich
arbeiteten, und so ward der arge Sumpf denn auch bald mit guter Erde völlig ausgefüllt,
das Geschmeiß wurde von der Erdlast erdrückt und begraben für ewighin, und wir
gewannen ein gutes und schönes Stück Land und setzten auch bald eine neue
Wohnhütte hin, die wir für die ankommenden Fremden in Bereitschaft halten,
denen wir zumeist auf dieselbe Weise forthelfen, wie der besagte Freund mir
fortgeholfen hat.
[GEJ.07_219,05] Der Schiffer aber ist seitdem
schon mehrere Male bei uns gewesen und hat uns stets wieder neue Arbeiten
angezeigt, die wir auch verrichteten und dadurch unsere Gegend in ein wahres
Eden umwandelten. Ich wohne noch daselbst und verlange für mich auch nichts
Höheres, Schöneres und Besseres. Lasse du demnach auf dieser Welt ab von allem,
was da irdisch groß und wertvoll ist; denn bei uns hüben haben nur die wahrhaft
edlen und guten Werke und Taten einen Wert!‘
[GEJ.07_219,06] Sagte hierauf ganz verblüfft
der gestrenge hohe Ratsherr zum Geiste des Julius Cäsar: ,Wo befindet sich denn
irdisch die von dir nun treulich beschriebene Gegend?‘
[GEJ.07_219,07] Sagte Julius Cäsar: ,Auf
dieser Erde befindet sich die beschriebene Gegend wohl nirgends, kann aber
örtlich dennoch auch überall vorhanden sein; denn wo ich bin, da ist auch die
Gegend. Ich habe nach und nach das wohl kennengelernt, daß der Ort, die Gegend
und alles, was mich in unserer Welt als scheinbar leblose Materie umgibt, aus
mir – gewisserart wie ein Baum aus der Erde – hinausgewachsen ist, oder: ich
selbst bin der Schöpfer der Welt, die ich bewohne. Ich und meine Freunde, weil
wir von einer gleichen Liebe, vom gleichen Willen und somit auch von einer
gleichen Denkweise sind, bewohnen darum auch eine gleiche Landschaft; aber es
können auf demselben Punkte auch noch zahllos viele andere Geister wohnen, und
ein jeder in einer anderen Gegend. Das ist der große Unterschied zwischen uns
Geistern und euch noch irdischen Menschen.‘
[GEJ.07_219,08] Sagte der Ratsherr: ,Das
verstehe ich nicht! Wie können denn auf ein und demselben Punkte mehrere
Gegenden und Landschaften vorhanden sein?‘
[GEJ.07_219,09] Sagte Julius Cäsar: ,Oh, ganz
leicht, und am Ende sogar ganz natürlich auch noch dazu! Siehe, in ein und
demselben Gemach schlafen zum Beispiel hundert Menschen, und alle träumen! Der
eine ist in Rom, der andere in Athen, ein dritter in Jerusalem, ein vierter in
Alexandria und so fort, ein jeder ganz woanders, und das so lebhaft, daß er am
Tage nicht genug davon erzählen kann. Ja, wie möglich kann denn das wohl sein?
Alle hundert in ein und demselben Schlafgemach – und doch ein jeder in einer
ganz anderen Gegend?! Ja, wie ist denn aber das, wenn auf einem Felde sich
Tausende von Menschen befinden und ein jeder in ein und demselben Momente etwas
anderes sieht?
[GEJ.07_219,10] Siehe, also aber stehen
ungefähr die Dinge und Sachen in der andern, oder besser, in unserer
Geisterwelt! Der Unterschied zwischen unserer und dieser eurer Welt besteht
bloß darin: Wir Geister wohnen so ganz eigentlich in unserer völlig eigenen
Welt, ihr aber wohnet in der Gotteswelt. Denn unsere Welt ist das Werk unserer
Gedanken, Ideen, Begierden und unseres Willens; diese Welt aber ist das Werk
der Liebe, der Gedanken, der Ideen und des Willens Gottes.
[GEJ.07_219,11] Darum ist der Mensch das
Ebenmaß Gottes, hat in sich die schöpferische Eigenschaft und kann sich im
reingeistigen Zustande seine Welt selbst erschaffen und sonach in seinem
vollkommenen Eigentume wohnen. Dieses wirst du nun doch verstanden haben?!‘
[GEJ.07_219,12] Sagte der Ratsherr: ,Dann
sind die Menschen, die dich umgeben und mit dir umgehen, ja auch nur deine
Werke und dein Eigentum in der Welt, die aus dir wie ein Traumbild
hervorgegangen ist!‘
[GEJ.07_219,13] Sagte Julius Cäsar: ,Auch das
zum Teil; aber ich könnte ohne ihr Wollen sie mir nicht vergegenwärtigen und noch
weniger mit ihnen umgehen, sie sehen, hören und sprechen. Es hat aber das auch
eine sehr bedeutende Ähnlichkeit mit dem diesirdischen Sehen, Hören und Fühlen
der Nebenmenschen. Denn du siehst den wirklichen Menschen auch nicht, sondern
nur sein Abbild in dir, fühlst ihn nur durch dein eigenes Gefühl und hörst den
Ton seiner Rede in deinem Ohr, das also eingerichtet ist, daß es die durch die
Luft zu ihm gelangenden Töne nachahmt. Bist du aber blind, taub und
gefühlsstumm, so besteht für dich kein Nebenmensch, wenn er sich auch in deiner
nächsten Nähe befände. Wenn du aber auch hörst, siehst und fühlst und dir in
deiner Idee auch noch so viele Menschen vorstellst, so wirst du aber, wenn kein
Mensch da ist, dennoch keinen sehen, hören und fühlen.
[GEJ.07_219,14] Und so muß auch in der
Geisterwelt der Geist, mit dem du verkehren willst, dasein – zum wenigsten mit
seinem Willen, seiner Liebe und seinem Erkennen. Ohne das bist du allein, oder
die Menschen, die du auf Augenblicke siehst, sind nichts als Phantome deiner
Phantasie, haben für sich kein Sein, keine Realität und können sonach mit dir
auch in keinen Wechselverkehr treten; denn all das Ihrige bist du selbst.
[GEJ.07_219,15] Darin aber besteht auch der
ewig gleiche und endlos große Unterschied zwischen Gott und uns Ihm ähnlichen
Menschen, daß nur Gott allein aus Seinen großen Gedanken Menschen ins
vollkommene, selbständige und ganz freie Dasein rufen kann, während wir Geister
wohl Phantome, aber keine Realitäten ins erscheinliche Dasein stellen können. So
ist auch die Welt, die ein Geist bewohnt, nur mehr ein Phantom denn eine
Wirklichkeit; denn es haben mich vollkommenere Geister auch ihre Welt sehen
lassen auf ein und demselben Flecke, und solche Welt hatte ein ganz anderes
Aussehen denn die, welche ich bewohne. Doch das wirst du erst dann völlig
verstehen und einsehen, wenn du selbst ein Bewohner deiner inneren Geisteswelt
werden wirst.
[GEJ.07_219,16] Jetzt aber habe ich dir zur
Genüge gezeigt, wie es mit dem Leben nach dem Abfall des Leibes steht; darum
frage du uns nun um nichts Weiteres mehr!‘“
220. Kapitel
[GEJ.07_220,01] (Der Herr:) „In diesem
Momente nahm Ich dem Ratsherrn die innere Sehe, und er sah keinen Geist mehr.
Aber er fragte Mich darauf ganz ängstlich, wohin denn nun die Geister gezogen
seien, da er keinen mehr sehen, hören und sprechen könne.
[GEJ.07_220,02] Sagte Ich: ,Sie sind nun noch
ebenso da, wie sie zuvor da waren; aber du kannst sie nun nicht mehr sehen,
hören und sprechen, weil deine Seele noch zu sehr mit deinem Fleische und noch
gar nicht mit dem Geiste Gottes in ihr vereint ist. Wenn du dich aber bestreben
wirst, dich mit dem Geiste in dir zu einen, so wirst du auch die Geister, die
um dich sind, allzeit sehen, fühlen und sprechen können. – Hast du das nun wohl
begriffen?‘
[GEJ.07_220,03] Sagte der Ratsherr: ,Jawohl,
– aber mir geht es nun wie einem Betrunkenen, der auch manchmal ganz gescheit
und gleich darauf auch wieder ganz dumm ist und spricht: Da werde ich Jahre
brauchen, bis ich darüber in mir zu einer vollen Klarheit gelangen werde!‘
[GEJ.07_220,04] Sagte Ich: ,Wer da eifrig
sucht, der wird auch das finden, was er sucht. Es kann sich aber ein Mensch –
wie das nur zu allgemein und häufig geschieht – sein Leben durch lange hin
abmühen, daß er verderbe seinen Leib und noch mehr seine Seele; so kann er im
Gegenteile sich ja auch abmühen zum ewigen Vorteile seiner Seele.
[GEJ.07_220,05] So die Menschen so vieles
wagen zum Vorteil ihres Leibes, der sterben wird in kurzer Zeit, – warum denn
nicht um so mehr für die Seele, die ewig zu leben bestimmt ist? Und so sei auch
du in der Zukunft tätiger für die Wohlfahrt deiner Seele denn für die Wohlfahrt
deines Leibes, und es wird dann schon heller und klarer in dir werden! –‘
[GEJ.07_220,06] Mit dieser Meiner Belehrung
waren alle zufrieden und lobten sehr Meine Weisheit.
[GEJ.07_220,07] Cyrenius aber sagte zu Mir:
,Herr, warum durften denn wir die Geister, welche mein Ratsherr sah und sprach,
nicht auch sehen und sprechen?‘
[GEJ.07_220,08] Sagte Ich: ,Unter euch ist
keiner, der da ungläubiger wäre als eben der Ratsherr. Für ihn war ein
handgreiflicher Beweis nötig. Er glaubt nun, weil er den Ungrund seiner Zweifel
gesehen hat. Aber das gereicht ihm zu keinem Verdienst, da er nicht nötig hat,
fürderhin in sich den Beweis mühsam zu suchen, daß die Seele nach dem Abfalle
des Leibes fortlebt.
[GEJ.07_220,09] Wer aber das nicht gesehen
hat, was er gesehen hat, der glaubt, was Ich ihm sage, und der Glaube ist für
die Seele heilsamer als das Schauen, weil im Glauben sich die Seele freier
bewegt als im Schauen. Ich aber kenne deinen Glauben und weiß, daß dir die
Werke, die du Mich wirken sahst, schon als ein vollster Beweis dafür dienen,
daß das vollwahr ist, was Ich sage; und so wäre es da ganz nutzlos, dir noch
die Verstorbenen zu zeigen, daß sie dir sagten, daß Ich die Wahrheit zu euch
rede.
[GEJ.07_220,10] Wenn du aber durch deine Mühe
voll des lebendigen Glaubens werden wirst, so wirst du dann schon auch aus dir
selbst zum wahren und deine Seele nicht mehr nötigenden und freien Schauen
gelangen. Siehe, in dem also besteht der gute Grund, warum ihr andern das nicht
habt mit ansehen dürfen, was der zweifelvolle Ratsherr geschaut hat!‘
[GEJ.07_220,11] Als Cyrenius und die vielen
anderen Gäste solches von mir vernommen hatten, dankten sie Mir sehr für solch
eine Aufklärung und waren danach recht froh, daß sie die erschienenen Geister
nicht gesehen und gesprochen hatten.
[GEJ.07_220,12] Da es aber bei dieser
Gelegenheit Abend geworden war, so wurden alsbald Lichter angezündet, und es
ward uns angezeigt, daß das Abendmahl im großen Speisesaale aufgetragen sei. Da
erhob sich Cyrenius und lud alle Anwesenden ein, am Abendmahle teilzunehmen.
Aber etliche Ratsherren entschuldigten sich damit, daß sie angaben, sie müßten
das zuvor ihren Familien kundgemacht haben, weil diese sonst mit ihrem
Abendmahle auf sie warten würden.
[GEJ.07_220,13] Ich aber sagte zu Ihnen:
,Erfüllet den Willen des Cyrenius! Eure Familien sind bereits schon in Kenntnis
davon, daß ihr nun hier zu Gaste geladen seid!‘
[GEJ.07_220,14] Fragte ein Ratsherr: ,Wer hat
denn unseren Familien nun in der kurzen Zeit diese Nachricht geben können?‘
[GEJ.07_220,15] Sagte Ich: ,Eben Der, dem es
möglich war, den Meeressturm zu stillen! Darum bleibet und glaubet, daß es also
ist!‘
[GEJ.07_220,16] Auf diese Meine Worte blieben
alle, und wir gingen in den Speisesaal. Es war darin ein eigener (besonderer)
Tisch, auf dem sich für Mich, für Joseph, Jakobus und auch für den Griechen
Anastokles bestbereitete Judenspeisen und ein gar vorzüglicher Wein befanden.
[GEJ.07_220,17] Als Joseph solch eine
besondere Aufmerksamkeit für uns merkte, sagte er zu Cyrenius: ,Aber, hoher
Freund und Gebieter, warum denn für uns wenige solch eine besondere
Aufmerksamkeit? Wir hätten uns ja wohl auch mit den Speisen, die ihr Römer zu
euch nehmet, ganz zufriedengestellt!‘
[GEJ.07_220,18] Sagte mit großer
Freundlichkeit Cyrenius: ,Freund, ich kenne dich noch von Ostrazine aus und
weiß, daß du ein strenger Beachter eurer Judengesetze bist, und es war nun ja
auch meine Pflicht, euch also zu bewirten, daß dabei euer Gemüt nicht beengt
wird. Wir Römer aber sind an unsere Speisen gewöhnt, die abends zumeist im
Fleische solcher Tiere bestehen, die ihr nicht esset, und so mache du dir nun
nichts daraus, wenn ich für euch eigene Speisen bereiten ließ!‘
[GEJ.07_220,19] Mit dem war unser Joseph
zufriedengestellt, und wir setzten uns an unsern Tisch. Die Römer aber lagerten
sich um den großen Tisch, aber also, daß Cyrenius ganz nahe an unserem Tische
Platz nahm, um mit uns während des Mahles über verschiedenes reden zu können.“
221. Kapitel
[GEJ.07_221,01] (Der Herr:) „Wir aßen und
tranken ganz wohlgemut, und es ward während des Mahles, als der Wein die Zungen
gefügiger gemacht hatte, von dem Ratsherrn, der mit den Geistern geredet hatte,
abermals die Frage gestellt, ob es einstens nur ein Menschenpaar oder mehrere
auf den verschiedenen Punkten und Teilen der Erde gegeben habe. Denn das hätten
ihm die Geister nicht gezeigt, und doch möchte er das auch mit einer
begreiflichen Bestimmtheit wissen, weil schon ehedem davon die Rede erhoben
worden sei.
[GEJ.07_221,02] Hierauf ersuchte Mich
Cyrenius, daß Ich dem Ratsherrn diese Sache erklären möchte.
[GEJ.07_221,03] Ich aber sagte zu Cyrenius: ,Das
könnte Ich wohl tun, aber es wird das niemandem irgend besonders frommen! Was
aber den Menschen zu wissen not tut, das hat Moses in seiner Genesis und am
Ende noch in zwei alles erklärenden Büchern, die in unserer Zeit nicht mehr
anerkannt und als Apokrypha verworfen werden, ganz klar dargetan. Wer demnach
wissen will, wie die Entstehung der Menschen auf dieser Erde vor sich ging, der
lese Mosis Schriften und glaube, daß es also und nicht anders war, so hat er
darin den vollwahren und rechten Beweis, ob im Anfange nur ein Menschenpaar
oder wohl etwa mehrere Menschenpaare zugleich auf die Erde gesetzt wurden.
[GEJ.07_221,04] Ich kann hierzu nur das
beifügen, daß von den Menschen, die zur Werdung der Gotteskinder berufen sind,
nur ein Paar, nämlich Adam und sein Weib Eva, auf die Erde gesetzt worden ist.
Mit dem ist auch die geistige Erziehung vom Himmel aus begonnen und bis zur
heutigen Stunde fortgesetzt worden.
[GEJ.07_221,05] Daß es aber auch schon lange
vor Adam menschenähnliche Wesen gegeben hat, das ist ganz sicher und wahr, und
es bestehen noch derlei Wesen auf der Erde; aber es ist zwischen ihnen und den
eigentlichen freien Menschen ein gar übergroßer Unterschied.
[GEJ.07_221,06] Denn der wahre Mensch kann
sich selbst bis zur vollen Gottähnlichkeit heranbilden und kann Gott und Seine
Werke durch und durch erkennen, vergleichen, beurteilen und ihren Zweck
begreifen; aber der gewisse Tiermensch wird dazu wohl nimmer imstande sein.
[GEJ.07_221,07] Daß aber auch die Tiere mit
der Zeit und mit mancher Mühe der wahren Menschen auch eine Art höherer Bildung
annehmen, das habt ihr alle an euren Haustieren erfahren. Die Menschen würden
mit den Tieren noch mehr ausrichten, wenn sie gleich den einfachen Urvätern der
Erde mit ihrem jenseitigen Geiste aus dem Herzen Gottes in einer wahren und
vollen Verbindung stünden.
[GEJ.07_221,08] Es gibt aber im tiefen
Hinterägypten dennoch Menschen, die den Urvätern noch ähnlich sind. Diese sind
noch Herren der Natur, und sie muß ihnen dienen nach ihrem Willen. Aber um das
zu werden, muß sich der wahre Mensch in seiner Seele nicht unter die Natur,
sondern im Geiste über alle Natur der Materie und des Fleisches erheben. Denn
in der Natur aller Materie liegt das Gericht, die Ohnmacht und der Tod; nur im
Geiste liegt die ewige Freiheit, das wahre Leben und alle Macht und Gewalt. Daß
sich die Sache aber also verhält, davon habe Ich euch draußen am Meere den
Beweis geliefert.
[GEJ.07_221,09] Trachtet daher danach, daß
eure Seele eins werde mit dem Geiste, – der wird euch dann schon von selbst in
alle Weisheit leiten; aber ohne den werdet ihr stets schwanken zwischen Licht
und Finsternis und zwischen Leben und Tod, und zwischen Freiheit und Gericht!
[GEJ.07_221,10] Zu der Vereinigung des
Geistes aus Gott mit der erschaffenen Seele aber gelangt der Mensch dadurch,
daß er an den einen wahren Gott lebendig wahr glaubt, Ihn über alles liebt und
den Nebenmenschen wie sich selbst. Wer das weiß und tut, der wird dann schon in
sich erfahren, daß Ich nun die volle Wahrheit zu euch geredet habe!‘
[GEJ.07_221,11] Auf diese Meine Worte
stellten sich alle zufrieden, und es wurde über den Anfang des
Menschengeschlechtes auf dieser Erde weiter nicht mehr gefragt.“
222. Kapitel
[GEJ.07_222,01] (Der Herr:) „Wir aßen und
tranken nun wieder fort, aber freilich nur mit rechtem Maß und Ziel. Cyrenius
besprach sich dabei über manche häuslichen und baulichen Dinge mit uns, und die
anderen Gäste hörten uns an und gaben Mir und dem Joseph in allem recht.
[GEJ.07_222,02] Schließlich meinte ein
Feldherr, der bis jetzt noch kein Wort geredet hatte: ,Es wäre bezüglich der
Baukunst auch darauf vor allem das Augenmerk zu richten, ob den Schiffen auf
dem Meere nicht eine solche Einrichtung gegeben werden könnte, daß man erstens
den Stürmen einen größeren Widerstand bieten könnte, als das bis jetzt der Fall
ist. Zweitens aber möchte ich bei größeren Schiffen das Ruderwerk vermieden
haben; denn sind die Ruder zu hoch über Bord angebracht, so werden dazu zu
lange Stangen benötigt. Diese werden schwer geleitet, brauchen eine große
Anzahl kräftiger Ruderer, üben dabei doch wenig Kraft im Wasser aus und brechen
bei Stürmen leicht. Sind die Ruder aber, wie das bei kleineren Uferfahrzeugen
der Fall ist, niederer angebracht, so dringt bei einem nur etwas höherem
Wogengange das Wasser durch die Ruderöffnungen in das Schiff, und man hat da
nichts zu tun, als in einem fort das Wasser aus dem Schiffe zu schöpfen, so man
nicht untergehen will. Und endlich fürs dritte haben unsere großen Schiffe noch
den Fehler, daß sie wegen der vielen Ruderer zu wenig Raum haben, eine rechte
Anzahl von anderen Reisenden aufzunehmen, und man kommt trotz der vielen
Ruderer dennoch nicht vom Flecke bei auch nur einem kleinen Gegenwind.
[GEJ.07_222,03] Siehe, du mein lieber, junger
überweiser und wunderbar mächtiger Mann, du könntest uns Römern auch darin
einen guten und wahren Rat erteilen! Die alten Phönizier sollen Fahrzeuge
gehabt haben, mit denen sie sogar den großen Ozean, etwa gar weithin, schnell
und sicher befahren konnten. Wir Römer müssen uns gleichfort mit den
Uferfahrten begnügen und getrauen uns nur bei ruhigen Tagen und Zeiten über das
hohe Meer zu fahren. Was meinst du da in dieser Hinsicht?‘
[GEJ.07_222,04] Sagte Ich: ,Ja, du Mein
Freund, da wird es mit einem rechten und guten Rate etwas schwer halten! Denn
was nützte dir ein solcher, so du ihn am Ende doch nicht ins Werk setzen
könntest?
[GEJ.07_222,05] Zu einer guten und sicheren
Meerfahrt gehört vor allem eine genaue Kenntnis des gestirnten Himmels, dann
die Kenntnis der Erde und besonders der Lage des Meeres, seiner Größe und
Tiefe. Ihr habt aber diese Kenntnis noch lange nicht und könnet sie auch nicht
haben, weil eure dummen Priester mit aller Gewalt dawider eifern würden; daher
würden euch auch besser eingerichtete Schiffe nichts nützen, weil ihr sie ja
doch nicht gebrauchen könntet.
[GEJ.07_222,06] Die Phönizier hatten wohl
etwas brauchbarere Schiffe, aber nicht um irgendein bedeutendes. Mit den Segeln
konnten sie bei günstigem Winde wohl besser umgehen als ihr; aber sie mieden
auch das hohe Meer und waren auch nur Uferfahrer.
[GEJ.07_222,07] Wollet ihr aber euer Seewesen
besser einrichten, so müsset ihr das von den Indiern, die am Meere wohnen,
lernen; denn die können mit den Segeln umgehen, wennschon auch noch lange nicht
auf eine ganz vollkommene Art.
[GEJ.07_222,08] Sehet ihr aber nur, daß ihr
es dahin bringet, daß eure Seele bald eins wird mit dem göttlichen Geiste, so
wird euch dann der Geist schon auch zeigen, wie ihr euer Seewesen gar sehr
verbessern könnet!
[GEJ.07_222,09] Übrigens sind für diese Zeit
eure Schiffe ganz gut und sehr brauchbar. Die späten Nachkommen aber werden
schon noch gar wunderbar kunstvolle Schiffe erbauen, mittels welcher sie, an
Schnelligkeit Vögeln gleich, nach allen Richtungen über alle Meere hin werden fahren
können; aber es wird das das Glück der Menschen weder physisch und noch weniger
geistig erhöhen, sondern gar gewaltig vermindern. Darum bleibet nun nur noch
recht lange bei dem, was ihr habt; denn eine zu große Verbesserung in irdischen
Dingen ist stets eine wahre und dauernde Verschlimmerung im Geistigen, das der
doch nur allein kultivieren soll Mensch mit allen Kräften seines Lebens.
[GEJ.07_222,10] Was nützt es dem Menschen, so
er auch alle Schätze der Welt für sich gewinnen könnte, litte aber dadurch den
größten Schaden an seiner Seele?! Kennt ihr denn noch nicht die kurze
Lebensdauer alles Fleisches auf dieser Erde und das endliche Los des Fleisches?
Ob du nun als ein Kaiser oder als ein Bettler stirbst, so ist das für jenseits
alles eins! Wer hier viel hatte, der wird jenseits viel entbehren müssen, wer
aber hier wenig oder auch wohl nichts hatte, der wird jenseits auch wenig oder
nichts zu entbehren haben und wird desto leichter und eher zu den inneren und
allein wahren, lebendigen Geistesschätzen gelangen.
[GEJ.07_222,11] Darum waren die Urväter
dieser Erde so glückliche Menschen, weil sie ihre diesirdischen
Lebensbedürfnisse so einfach als möglich befriedigten. Wie aber dann besonders
jene Menschen, die sich in den tiefer liegenden Tälern aufhielten, Städte zu
erbauen anfingen, so ist damit auch die Hoffart in sie gefahren. Sie
verweichlichten, wurden träge und verfielen bald in allerlei Laster und mit
ihnen in allerlei Elend. Was Gutes hatten sie davon? Sie verloren Gott aus den
Augen ihrer Seelen, und alle innere Lebenskraft des Geistes verließ sie, daß
sie gleich vielen von euch an kein Leben nach dem Tode des Leibes mehr glauben
konnten.
[GEJ.07_222,12] War das nicht ein gar
entsetzlicher Umtausch, so man für die größere Bequemlichkeit des materiellen
Lebens das Geistige so gut wie völlig verlor?
[GEJ.07_222,13] Wer darum ein Weiser unter
euch ist, der suche nun wieder das unnötigerweise zu gute und bequeme
Materieleben für das reine, wahre, geistige umzutauschen, und er wird da besser
tun um ein endlos Großes, als so er die größten Erfindungen machte, wie man
ganz sicher und vogelschnell über alle Meere fahren kann. Einmal wird er
dennoch sterben müssen! Was werden ihm dann seine großen Erfindungen für seine
Seele nützen?!
[GEJ.07_222,14] Bleibet darum bei dem, was
ihr habt! Leget keinen Wert darauf, und suchet vor allem, wie ihr mehr und mehr
auf dem Wege des Geistes wandeln möget, so werdet ihr dadurch die größte und
beste Erfindung für die große Schiffahrt aus diesem Irdischen ins andere, jenseitige
Geistige gemacht haben!
[GEJ.07_222,15] Was sicher für ewig währt,
das zu erreichen setzet alle eure Kräfte und Mittel in die vollste Bewegung;
ums Irdische für den Leib aber sorget euch nur insoweit, als es vernunftgemäß
nötig ist! Daß ein Mensch essen und trinken muß und seinen Leib schützen gegen
Kälte und große Hitze, das ist eine ganz natürliche Sache; aber wer eben für
den Leib mehr tut als für die Seele und am Ende gar für den Leib allein sorgt,
dagegen für die Wohlfahrt der Seele gar nicht, die doch ewig leben soll, der
ist ein wahrhaftigst blinder und überdummer Narr.
[GEJ.07_222,16] Ja, wenn jemand seinem Leibe
ein ewiges Leben wider den Willen Gottes verschaffen kann – was unmöglich ist
–, der sorge sich dann bloß um die Wohlfahrt seines Leibes; sonst aber sorge er
sich um das, was ewig dauern wird und muß, weil es Gott also angeordnet hat!
[GEJ.07_222,17] So ihr das nun wohl
verstanden habt, so fraget Mich nicht mehr, wie ihr eitle, irdische Dinge um
ein gar Großes verbessern könntet; denn Ich bin nur darum in diese Welt
gekommen, um euch die Wege zum ewigen Leben zu zeigen und fest anzubahnen, auf
daß ihr sicher und leicht auf denselben fortkommen möget!‘“
223. Kapitel
[GEJ.07_223,01] (Der Herr:) „Als alle diese Meine
Worte vernommen hatten, sagten sie unter sich: Er hat vollkommen recht, und es
läßt sich Ihm da nichts einwenden; aber wir sind schon von Geburt an zu tief in
die Welt hineinversenkt worden und werden uns nun von ihr schwer mehr völlig
loslösen können. Nach Seiner ganz wohlbegründeten Aussage muß sich ein jeder
durch seine ganz freiwillige Selbsttätigkeit aus dem materiellen Zustand in den
freien geistigen überheben und kann sich dabei auf keine wunderbare Beihilfe
des wahren Gottes irgendeine besondere Hoffnung machen, weil der Mensch dabei
schon eine Art Nötigung seines ewig frei bleiben sollenden Willens erleiden
würde. Zur puren Selbsttätigkeit aber haben Menschen unseresgleichen offenbar
zu wenig Kraft, Mut, Willen und rechte, beharrliche Geduld, und so wird es
jedem von uns schwer werden, auf den uns von Ihm gezeigten Wegen ohne Müdigkeit
und ohne mehrfaches Umfallen fortzukommen.
[GEJ.07_223,02] Gut wäre die Erreichung des
rein geistigen Zustandes allerdings und wäre endlos mehr wert als alle Schätze
der ganzen Erde; aber der Weg dazu scheint ein sehr langer und holpriger zu
sein. Es wäre darum zum Schlusse etwa gar nicht überflüssig, so wir Ihn noch
fragten, in einer wie langen Zeit man bei einem gewissenhaft treuen und emsigen
Wandel auf Seinen angeratenen Lebenswegen in den vollen reingeistigen Zustand
gelangen kann. Denn man arbeitet sicher um vieles leichter, so man sich zum
voraus bei einer Arbeit dahin eine Rechnung machen kann, in welcher Zeit sie
bei einem gehörigen Fleiße völlig beendet werden kann; aber an einem Werke
arbeiten, bei dem man von der zu seiner Vollendung nötigen Arbeit kein Ende und
so auch nicht die Zielerreichung zum voraus absehen kann, ist und bleibt eine
schwere Sache. Geben wir Ihm die vorerwähnte Frage!‘
[GEJ.07_223,03] Man gab Mir die Frage, und
Ich antwortete darauf, sagend: ,Geistige Arbeiten und geistige Wege werden
nicht nach Stunden und Ellen gemessen, sondern pur nach der Kraft des Willens,
Glaubens und der Liebe zu Gott und zum Nächsten.
[GEJ.07_223,04] Wer sich auf einmal so weit
selbst verleugnen könnte, von aller Welt ganz abzulassen, seine Schätze – im
rechten Maße – nur den Armen widmete aus purer Liebe zu Gott, und kein Wesen
triebe mit dem Fleische der Weiber, der würde wahrlich in einer kürzesten Zeit schon
als vollendet dastehen! Wer aber offenbar eine längere Zeit dazu vonnöten hat,
um sich von allen irdischen Schlacken und Anhängseln zu reinigen, bei dem muß
der allerbeseligendste Zustand der wahren geistigen Vollendung auch länger auf
sich warten lassen.
[GEJ.07_223,05] Ihr aber seid hohe
Staatsmänner und müsset erfüllen euren Beruf; das aber ist vor Gott kein
Hindernis, das euch davon abhalten könnte, recht zu wandeln auf den euch von
Mir gezeigten Wegen, sondern das gibt euch erst recht die Mittel an die Hand,
durch die ihr um so leichter und um so eher zur wahren geistigen Vollendung
gelangen könnet.
[GEJ.07_223,06] Aber haltet nicht dafür, als
wäret ihr das Amt und des Amtes Ehre und Ansehen! Des Amtes Ehre und Ansehen
ist das Gesetz, und ihr seid nur dessen Handlanger. So ihr aber getreu seid und
gut und gerecht, so steht auch ihr selbst in der Ehre und im Ansehen des
Gesetzes, und des Gesetzes Verdienst an den Menschen, die durch das Gesetz
geschützt und ruhig und sicher sind, kommt dann auch euch vor Gott zugute.
[GEJ.07_223,07] Ihr aber seid auch überaus
reiche Menschen; aber auch euer großer Reichtum ist kein Hindernis zur
Erreichung des rein geistigen Zustandes, wenn ihr mit demselben mit wahrer
Liebe zu Gott und zum Nächsten gleich guten und weisen Vätern im Verhältnisse
zu ihren Kindern wohl umgehet und bei der Unterstützung der Armen nicht karg
und geizig umgehet; denn mit welchem Maße ihr eure Liebe den Armen werdet
angedeihen lassen, in demselben Maße wird es euch Gott geistig allzeit und im
Notfalle auch naturmäßig entgelten.
[GEJ.07_223,08] So ihr aber meinet, daß Gott
dem Menschen, der auf dem Wege zum Reiche Gottes und Leben des Geistes emsig
und ernstlich fortwandelt, gar nicht helfe, so er dann und wann müde und
schwach wird, da irret ihr euch bedeutend. Ich sage es euch: Wer einmal
ernstlich diesen Weg betreten hat, dem wird auch ohne sein Wissen von Gott aus
geholfen, daß er weiter und endlich sicher auch ans Ziel kommt.
[GEJ.07_223,09] Gott wird die Einung der
Seele mit dem Geiste aus Ihm freilich wohl nicht mit Seiner Allmacht erzwingen,
aber Er wird des Menschen Herz stets mehr erleuchten und es erfüllen mit wahrer
Weisheit aus den Himmeln, und der Mensch wird dadurch geistig wachsen und
kräftiger werden und wird alle Hindernisse, die sich ihm zu seiner größeren
Probung noch irgendwo in den Weg stellen könnten, stets leichter und
zuversichtlicher überwinden.
[GEJ.07_223,10] Je mehr Liebe ein Mensch aber
zu Gott und zum Nächsten in sich wird lebendig zu fühlen anfangen, und je
barmherziger er in seinem Gemüte wird, desto größer und stärker ist auch schon
der Geist Gottes in seiner Seele geworden. Denn die Liebe zu Gott und daraus
zum Nächsten ist ja eben der Geist Gottes in der Seele des Menschen. Wie diese
zunimmt und wächst, also auch der Geist Gottes in ihr. Ist am Ende der ganze
Mensch zur reinen und allerwohltätigsten Liebe geworden, so ist auch schon die
völlige Einung der Seele mit dem Geiste aus Gott erfolgt, und der Mensch hat
für ewig das von Gott ihm gestellte allerhöchste Ziel des Lebens erreicht.
[GEJ.07_223,11] Gott Selbst ist in Sich ja
die allerhöchste und reinste Liebe, und also ist es auch der jedem Menschen
zukommende Geist aus Gott.
[GEJ.07_223,12] Wird die Seele durch ihr
freies Wollen ganz ähnlich der Liebe des Geistes aus Gott, so ist es dann ja
auch klar, daß sie mit dem Geiste aus Gott in ihr eins wird. Wird sie aber das,
dann ist sie auch vollendet. Nun, dafür aber läßt sich keine genaue Zeit
bestimmen, sondern das muß der Seele ihr eigenes Gefühl sagen und anzeigen.
[GEJ.07_223,13] Die wahre, reine und
lebendige Liebe ist in sich höchst uneigennützig; sie ist voll Demut, ist
tätig, ist voll Geduld und Erbarmung; sie fällt niemals jemandem unnötig zur
Last und duldet alles gerne; sie hat kein Wohlgefallen an der Not ihres
Nächsten; aber ihre rastlose Mühe ist, daß sie helfe jedermann, der einer Hilfe
bedarf.
[GEJ.07_223,14] Also ist die reine Liebe auch
im höchsten Grade keusch und hat keine Freude an der Geilheit des Fleisches,
aber eine desto größere Lust an der reinen Gesittung des Herzens.
[GEJ.07_223,15] Wenn des Menschen Seele auch
also beschaffen sein wird durch ihr eigenwilliges Streben und Trachten, dann
ist die Seele auch schon gleich ihrem Geiste und ist also denn auch in Gott
vollendet.
[GEJ.07_223,16] Und so wisset ihr nun ganz
genau, was ihr zu tun habt, um zur reingeistigen Vollendung zu gelangen. Wer
sich alles dessen emsigst befleißen wird, der wird auch am ehesten vollendet
werden.
[GEJ.07_223,17] Wer sich aber emsig und
ernstlich befleißen wird, diesen Weg zu wandeln, dem wird auch allzeit und
höchst wahr und sicher von Gott aus geholfen werden, daß er das allerhöchste
Lebensziel erreichen wird, dessen ihr alle völlig versichert sein könnet; denn
kam Gott euch nun schon durch Mich zu Hilfe, wo ihr den Weg kaum von weiter
Ferne hin habt dahin zu bemerken angefangen, daß es etwa einen solchen Weg
geben könne, um wieviel mehr wird Er euch erst dann zu Hilfe kommen, wenn ihr
auf dem Wege selbsttätig wandeln werdet! – Habt ihr das verstanden?‘
[GEJ.07_223,18] Über diese Meine Belehrung
waren alle voll Staunen, und selbst Joseph sagte: ,Also weise und wahr habe ich
ihn selbst noch kaum je reden hören!‘
[GEJ.07_223,19] Hierauf wandte er sich zu Mir
und sagte: ,Aber warum hast du denn unsere Priester noch nie auf eine solche
Weise belehrt? Wenn einer von ihnen hier zugegen gewesen wäre, so hätte er von
dir sicher auch eine andere Meinung bekommen!‘
[GEJ.07_223,20] Sagte Ich: ,Die Fische im
Meere getraue Ich Mich eher zu bekehren denn unsere Rabbis! Ich rate dir auch,
daß weder du noch Jakobus daheim von dem etwas ruchbar machet, was hier sich
alles zugetragen hat, denn da hättet ihr dann eine schwere Not mit den Rabbis.
Denn ihre Herzen sind verstockter als ein härtester Stein, und ihre Seelen sind
um vieles unflätiger denn ein Schwein in einer stinkenden Pfütze, und lieber
erbaue Ich noch tausend Schweinestallungen für die Säue der Griechen und
anderer Heiden allerorten, als daß Ich ein Wort verschwenden möchte an unsere
allerdümmsten, finstersten und böswilligsten Rabbis in Nazareth, Kapernaum und
Chorazin! Es wird aber schon noch eine Zeit kommen, in der Ich auch alldort
Meinen Mund auftun werde, – aber zu ihrem Troste nicht, sondern zum Gericht
über sie, wenn ihr böses Maß voll werden wird!‘“
224. Kapitel
[GEJ.07_224,01] (Der Herr:) „Mit dem war auch
Joseph ganz einverstanden, und wir begaben uns darauf zur Ruhe und reisten am
nächsten Morgen, von Cyrenius und etlichen seiner Diener begleitet, nach der
Wohnung unseres Griechen; denn Cyrenius wollte sich von Meinem Wunderbaue bei
dem Griechen überzeugen.
[GEJ.07_224,02] In wenigen Stunden waren wir
an Ort und Stelle und ersahen schon von weitem das ganz neue Wohnhaus und den
ebenso neuen und großen Schweinestall. Der Grieche und Cyrenius konnten nicht
genug erstaunen, sowie auch des Griechen Leute, die nicht wußten, wie möglich
das in der Nacht geschehen sei.
[GEJ.07_224,03] Ich aber gebot ihnen allen,
daß sie das vor Ablauf von zehn Jahren nicht verraten sollten.
[GEJ.07_224,04] Alle versprachen das auf das
teuerste.
[GEJ.07_224,05] Darauf aber übergab Cyrenius
dem Joseph dreißig Pfunde Goldes und der Grieche hundert Pfunde Silbers.
[GEJ.07_224,06] Joseph nahm das an zur
Unterstützung der Armen, deren stets viele bei ihm die volle Barmherzigkeit
fanden.
[GEJ.07_224,07] Darauf reisten wir ab und
kamen am nächsten Tage ziemlich früh wieder nach Nazareth. Wir hätten zwar noch
am selben Tage bis nach Nazareth kommen können, da uns der Grieche mit seinen
guten Lasttieren nach Hause befördern ließ; aber Ich wollte das nicht, da Ich
schon Meinen guten Grund dazu hatte. Wir blieben darum wieder in jener
Herberge, in der wir auf der Hinreise Schweinefleisch gegessen hatten.
[GEJ.07_224,08] Als wir aber am nächsten Tage
morgens in Nazareth ankamen, da fragten gleich alle über Hals und Kopf, wie es
uns ergangen wäre, was wir gemacht hätten, und ob für uns bei einem Heiden auch
ein erklecklicher Verdienst herausgeschaut habe.
[GEJ.07_224,09] Maria meinte, daß für
höchstens einen und einen halben Tag Arbeit der Lohn eben nicht gar zu groß
ausgefallen sein werde.
[GEJ.07_224,10] Joseph aber sagte: ,Seid alle
ruhig und stille vor allem Volke hier und auch anderorts; denn das Volk ist
voll Neid beim Glücke seines Nächsten! Ich werde darum mein Herz vor den
wahrhaft Armen wohl nie verschließen, und es soll mein alter Ruf mir dahin
verbleiben, den jedermann also kennt: ,Wem sonst niemand hilft, dem hilft noch
immer der alte, arme Joseph mit dem Wenigen, das er sich selbst schwer und
redlich verdient!‘ Aber diesmal war Gott vollauf mit uns! Wir haben Wunder
gewirkt und uns eine große und schwere Summe Goldes und Silbers verdient. Aber
saget davon dem Volke ja nichts – und schon am allerwenigsten den Priestern!
Aber es soll hier nun um so mehr heißen: ,Der alte Joseph hilft noch immer mehr
den Armen!‘‘
[GEJ.07_224,11] Als alle Anwesenden diese
Worte Josephs vernommen hatten, beherzigten sie dieselben, und Maria, Meines
Leibes Gebärerin, sagte dazu: ,Deine Worte, o Joseph, sind gut und wahr und
werden von uns befolgt werden, gleich, als wären sie ein Gebot Gottes; aber das
könnet ihr drei uns denn ja doch mitteilen, was ihr in der kurzen Zeit für
einen Wunderbau bei dem Heiden ausgeführt habt, daß ihr darum so viel Goldes
und Silbers erhalten habt!‘
[GEJ.07_224,12] Sagte Joseph: ,Liebe Mutter,
ich habe es euch ja gesagt, daß diesmal Gott wunderbar mit uns war! Was aber da
sonderheitlich sich alles zugetragen hat, das werdet ihr gelegentlich schon
noch und auch zur rechten Zeit erfahren. Jetzt aber trachtet, daß wir etwas zu
essen und zu trinken bekommen; denn heute haben wir noch nichts zu uns
genommen, indem wir uns schon mit dem ersten Grauen des heutigen Tages auf dem
Wege befanden!‘
[GEJ.07_224,13] Darauf eilte die Mutter mit
ihren Helferinnen in die Küche, und es ward alsbald an der Bereitung eines
guten Morgenmahles gearbeitet. Joseph aber brachte unterdessen das viele Geld
in Verwahrung.
[GEJ.07_224,14] Als das Mahl aber bereitet
war und wir uns zu Tische gesetzt hatten, um dasselbe zu verzehren, da kam auch
schon ein alter Rabbi aus der Stadt und erkundigte sich, wo wir gewesen wären,
was wir gearbeitet und wieviel wir verdient hätten. Das aber wollte der
habsüchtige Rabbi darum wissen, weil er von unserem Verdienste einen gewissen
Opferpfennig zu beanspruchen hatte, wie das in ganz Galiläa die dumme Sitte
ist.
[GEJ.07_224,15] Joseph aber ward darob
ärgerlich und sagte: ,Du kennst mich, daß ich noch allzeit meiner Pflicht
treuest nachgekommen bin, und ich werde auch diesmal nicht ausbleiben; aber es
ist mir das nun wahrlich ärgerlich, daß du vor Habgier daheim nicht so lange
warten konntest, bis ich ohnehin, wie allzeit, selbst zu dir gekommen wäre. Wer
verriet denn dir, daß ich mit Jesus und Jakobus auf eine Arbeit gegangen war?‘
[GEJ.07_224,16] Sagte der Rabbi: ,Du warst
kaum abgereist, da kam ich auf einen altgewohnten freundlichen Besuch zu dir
heraus; und da hieß es, daß du mit deinen zwei Söhnen auf eine Arbeit ziemlich
weit über Land gegangen seist, aber da die Arbeit nicht etwa gar zu groß sein
werde, nach drei Tagen wieder nach Hause kommen werdest. Und siehe, so bin ich
denn nun auch deshalb herausgekommen, um dich wiederzusehen und mir von dir so
manches erzählen zu lassen, wie es irgend anderorts zugeht, und was es daselbst
etwa Neues und Denkwürdiges gibt! Aber darum, was du meinst, bin ich nicht
herausgekommen! Denn bei einer kaum anderthalb Tage andauernden Arbeit wirst du
ohnehin nicht so viel verdient haben, daß davon der Opferpfennig von
irgendeiner Bedeutung sein könnte. Und wenn du davon schon irgend etwas der Synagoge
willst zukommen lassen, so brauchst du uns ja ohnehin in Barem nichts zu geben,
weil wir mit dir ja ohnehin noch für die letzte Arbeit in Schuldrechnung
stehen! Und so brauchst du, alter Freund, mir darum ja nicht gram zu werden,
wenn ich dich heute früher als gewöhnlich besucht habe!‘
[GEJ.07_224,17] Sagte Joseph: ,Darum bin ich
wahrlich weder dir noch jemand anderem gram, sondern darum nur, weil du mich
sonst nicht leichtlich je besuchtest als nur dann, wenn du vernommen hattest,
daß ich entweder auf eine Arbeit hinausgehe oder von einer Arbeit wieder
heimkomme. Ihr seid mir aber für meine euch gelieferten Arbeiten noch ein
ziemliches Sümmchen schuldig, möchtet mir aber gerne sobald als möglich mit
meinen euch allzeit zu zahlenden Opferpfennigen auch bald nichts mehr schuldig
sein; darum erkundiget ihr euch denn auch so emsig, was ich für eine Arbeit
hatte, und wieviel ich mir verdient habe. Wenn ich nun sicher wieder vielleicht
einen ganzen Monat hindurch außerm Hause keine Arbeit haben werde, da wirst du
sicher auch nicht einmal zu mir herauskommen!
[GEJ.07_224,18] Oh, glaube es mir, daß ich es
bei mir allzeit genau weiß, welches Geistes Kind der eine oder der andere
meiner Freunde ist! Aber es macht mir das nichts; denn ich werde darum dennoch
niemals gegen einen meiner Freunde hinterlistig sein. Und so sage ich dir auch
diesmal, daß ich mir bei dieser Arbeit gerade so viel verdient habe, daß die
euch davon zu entrichtenden Opferpfennige gerade so viel ausmachen, als wieviel
ihr mir nach meiner stets billigsten Rechnung schuldet; und so magst du daheim
die ganze Schuld streichen!‘
[GEJ.07_224,19] Als der Rabbi das vernommen
hatte, da wurde er ganz heiteren Angesichtes und sagte: ,Oh, das war gut! Mir
als dem Obersten der Synagoge fiel nun ein schwerer Stein vom Herzen! Wir haben
nun schon wieder eine ganz bedeutende Arbeit in Bereitschaft, und ich werde dir
noch heute davon das Nähere kundmachen. Jetzt aber will ich dich auch keinen
Augenblick länger mehr stören!‘
[GEJ.07_224,20] Hierauf erhob sich der Rabbi
aber auch sogleich und ging eiligst wieder nach der Stadt.“
225. Kapitel
[GEJ.07_225,01] (Der Herr:) „Darauf aber
sagte Ich, als wir zu essen begannen: ,Oh, wie ist der Mensch doch gar so
entsetzlich blind! Was werden ihm die etlichen hundert Pfennige noch nützen?
Denn heute noch, und das in einer Stunde, wird er sterben! Dann aber wird ein
etwas Besserer an seine Stelle kommen; der wird uns aber die Arbeit zahlen,
sowie auch wir ihm die Opferpfennige nicht vorenthalten werden.‘
[GEJ.07_225,02] Sagte Maria: ,Bist du, mein
lieber Sohn, nun wieder hellsehend geworden?‘
[GEJ.07_225,03] Sagte Ich: ,Ich habe das zu
sein nie aufgehört! Nur für Nazareth und seine finstere Umgebung bin Ich stumm;
denn wo es keinen Glauben gibt, da gibt es auch keinen wahren Verstand und kein
Licht. Darum verratet Mich nicht! Wenn ihr aber nach ein paar Stunden in der
Stadt werdet das Klagen und bezahlte Weinen vernehmen, so eilet nicht voll
Neugier in die Stadt gleich den andern blinden Menschen, sondern bleibet
daheim, weil ihr nun schon wisset, um was es sich handeln wird! Wenn aber die
Nachricht herausgebracht wird, so saget: ,Gegen den Willen Gottes kann kein
Sterblicher kämpfen! Gott hat es also angeordnet, und es nützt dagegen kein
Klagen, Heulen und Weinen!‘ Bis aber die Nachricht kommen wird, können wir
offen arbeiten; nach der Nachricht aber lassen wir die gebotenen drei Tage ab
von der offenen Arbeit und begeben uns nach Kapernaum. Am See werden wir eine
Arbeit bis zum Sabbat hin finden!‘
[GEJ.07_225,04] Sagte Joseph: ,Das ist alles
recht gut; aber was werden die lautmäuligen Nazaräer dazu sagen?‘
[GEJ.07_225,05] Sagte Ich: ,Diese Narren
sollen sagen, was sie wollen; wir aber tun, was Ich euch soeben angeraten habe,
und es wird dann schon also gut sein!‘
[GEJ.07_225,06] Auf diese Meine Worte
erwiderte niemand mehr etwas, und wir machten uns nach dem Morgenmahle sogleich
an eine kleine Arbeit, und zwar an die Verfertigung eines Getreidekastens für
einen Nachbar.
[GEJ.07_225,07] Nach drei Stunden aber kam
schon ein schwarzer Bote aus der Stadt und brachte uns die Nachricht: ,Der
Rabbi-Oberste ist vor einer Stunde in der Synagoge vom Schlage Jehovas berührt
worden und blieb sogleich völlig tot. Alle Wiederbelebungsversuche blieben
erfolglos. Der Rabbi-Oberste ist demnach wirklich tot. Wir aber haben uns darum
von nun an durch volle drei Tage der offenen Arbeit zu enthalten!‘
[GEJ.07_225,08] Sagte Ich: ,Nur zwei Tage,
weil der dritte ohnehin ein Sabbat ist!
[GEJ.07_225,09] Da korrigierte sich auch der
Bote und sagte: ,Ja ja, also nur zwei Tage!‘ Und er ging darauf weiter.
[GEJ.07_225,10] Wir aber machten uns bald
darauf auf den Weg nach Kapernaum und fanden dort in der euch schon bekannten
Herberge am See noch am selben Tage eine gute Arbeit, die wir bis zum Sabbat
hin fertig machten, wobei wir uns hundert Groschen verdienten. Den Sabbat
hindurch aber blieben wir noch in Kapernaum am See und befanden uns ganz wohl
und heiter dabei. Erst am Sonntag kehrten wir wieder heim und vernahmen von
unseren Hausleuten allerlei, wie es da zugegangen sei, und daß da viele nach
Joseph gefragt und sich gewundert hätten, daß der sonst so fromme Mann bei dem
Begräbnisse des Obersten nicht zugegen gewesen wäre.
[GEJ.07_225,11] Ich aber fragte sie, ob sie
den also Redenden wohl auch das gesagt hätten, was zu sagen Ich ihnen angeraten
habe, und was die andern darauf erwidert hätten.
[GEJ.07_225,12] Da sagte eine Magd: ,Als wir
sie also vertrösteten, gaben sie uns recht und gingen weiter.‘
[GEJ.07_225,13] Sagte Ich: ,Also war es
recht, – die Wahrheit verfehlt ja niemals ihr gutes Ziel! Wir aber haben so
viel verdient am See, wie der Oberste uns für die ihm gelieferte Arbeit
schuldete, und so ist auch das nun ausgeglichen! Wir können nun ruhig den
Getreidekasten für den Nachbar fertigmachen.‘
[GEJ.07_225,14] Wir gingen darauf gleich an
die Arbeit, was dem Joseph sehr recht war, da er den Kasten schon gerne fertig
gehabt hätte, dieweil der Nachbar seiner auch schon sehr benötigte. Es war aber
mit diesem Kasten ein eigenes Ding. Sooft wir an demselben zu arbeiten
anfingen, kam sicher etwas also vor, daß wir bei dieser Arbeit entweder
aufgehalten oder in derselben tagelang unterbrochen wurden. Und es meinte darum
Joseph, daß das von irgendeinem bösen Geiste herrühre, und wir sollten uns von
ihm nun nimmer stören lassen und so lange fortarbeiten, bis der Kasten endlich
völlig fertig sei. Wir tummelten uns denn auch nach Kräften, und es waren
nachmittags am Kasten nur noch etliche Latten anzupassen. Und seht, es ward
eines etwas entfernteren Nachbars Haus brennend! Wir mußten der drohenden
Gefahr wegen unsere Arbeit schnell verlassen und des möglichen Löschens wegen
zum Feuer eilen.
[GEJ.07_225,15] Hier sagte Joseph abermals:
,Sagte ich nicht recht, daß es mit dem Getreidekasten offenbar eine bösgeistige
Bewandtnis habe?! Bevor wir noch die wenigen Latten anpassen konnten, muß ein
Haus zu brennen anfangen, damit wir heute ja ganz bestimmt den Kasten nicht
fertig machen können! Sage du, mein liebster Jesus, es mir, was du davon
hältst!‘
[GEJ.07_225,16] Sagte Ich: ,Das sicher nicht,
was du eben davon hältst, obwohl auch an deinem Dafürhalten etwas gelegen ist!
Es hat unser Nachbar, dem der Kasten gehört, einen bösen Knecht, dem der alte
Kasten lieber ist, aus dem er nach seinem Belieben Getreide entwenden kann, um
es dann heimlich zu seinem Vorteil an vorüberziehende Getreidemakler zur
Nachtzeit zu verkaufen. Obwohl wir zumeist durch andere Zwischenfälle von der
Hausarbeit abgehalten worden sind, so war aber andernteils auch der böse Knecht
mehrmals schuld daran, daß wir an der Kastenarbeit aufgehalten worden sind.
Auch jetzt ist er schuld am Brande jenes Hauses, obschon er nun selbst am
allerfleißigsten mit dem Löschen des Brandes beschäftigt ist.
[GEJ.07_225,17] Heute in der Nacht möchte er
seinem Herrn noch mehrere Malter Gerste entwenden, weil das Getreide schon
morgen in den bestens abzusperrenden neuen Kasten gebracht werden soll. Er
merkte aber, daß wir noch ein paar Stunden vor dem Abende mit dem Kasten fertig
sein würden und sein Herr dann auch sogleich von dem Kasten Gebrauch machen
dürfte. Da ging er hin zu diesem Nachbar, der mit allen seinen Leuten auf dem
Felde arbeitete, und zündete ihm sein Haus an, damit wir nur heute noch nicht
den Kasten fertig brächten.
[GEJ.07_225,18] Und siehe, du Joseph, das ist
also auch richtig und wahr ein böser Geist, der uns oftmals auf dem Boden des
Nachbarn an der Arbeit des Kastens hinderte; doch so manche andern
Zwischenfälle waren ganz natürlicher Art und waren zugelassen von Gott.
[GEJ.07_225,19] Der Tod des Rabbi-Obersten
aber lag vollkommen im Willen des Herrn; denn dieses Rabbis geheime
Betrügereien an Armen, Witwen und Waisen sind schreiend geworden bis in den
Himmel. Jetzt weißt du, wie sich die Sachen verhalten; aber behalte alles bei
dir, und ärgere dich darum nicht!‘
[GEJ.07_225,20] Sagte Joseph: ,Aber den bösen
Knecht müssen wir doch sogleich dem Gericht überliefern?!‘
[GEJ.07_225,21] Sagte Ich: ,Das wird nicht
gehen, weil du niemanden hast, der ihn bei der Tat ergriffen hätte; Mein
Zeugnis allein aber würde vor den Richtern soviel wie nichts gelten, und der
Knecht könnte uns dann als offene Verleumder vors Gericht bringen. Lassen wir
darum das! Gott aber, der alles sieht und weiß, wird dem bösen Knechte schon
ohnehin bald den Lohn zukommen lassen, den er sich verdient hat!‘“
226. Kapitel
[GEJ.07_226,01] (Der Herr:) „Sagte weiter
während des fleißigen und ausgiebigen Löschens Joseph geheim zu Mir: ,Hast du
über dieses alles verheerende Element nicht auch eine gleiche Macht wie über
Winde und Wasser?‘
[GEJ.07_226,02] Sagte Ich: ,Ich weiß wohl,
was du nun wünschest; aber es ist das hier noch nicht so recht an der Zeit! Der
böse Knecht soll sich nun nur abmühen, bis ihm vor Angst ordentlich das Hören
und Sehen vergeht! Er wird sich bald sehr beschädigen durch einen Fall und wird
unter großen Schmerzen davongetragen werden. Dann erst werde Ich durch Meinen
Willen dem Brand ein völliges Ende machen. So viel aber wirke Ich jetzt schon,
daß die Flammen dem Hause keinen besonderen Schaden zufügen können. – Nun aber
gib acht, was nun geschehen wird!‘
[GEJ.07_226,03] Es kamen nun eine Menge
Menschen aus der Stadt, mehr aus Neugierde und Spektakelsucht als darum, daß
sie sich an der Löschung des Brandes beteiligten. Der eifrige Knecht aber fing
an, die Angekommenen zum Löschen zu nötigen, und beschimpfte auf eine rohe Art
jene, die ihm nicht sogleich Folge leisteten. Die Beschimpften aber wurden voll
Zorn, ergriffen den Knecht und stießen ihn mit aller Gewalt auf einen Haufen
brennender Dachbalken.
[GEJ.07_226,04] Der Knecht brach sich dabei
einen Arm und bekam im Gesicht mehrere Brandwunden, so daß er darum vom Platze
getragen werden mußte, und Ich sagte zu Joseph: ,Siehe, der hat seinen Lohn
schon, der am Ende aus ihm noch einen besseren Menschen machen wird; Ich aber
will nun, daß der Brand ein Ende nehme!‘
[GEJ.07_226,05] Als Ich das, nur von Joseph
gehört, ausgesprochen hatte, da erlosch das Feuer auch schnell derart, daß am
und im Hause kein glühender Funke zu finden war. Also zeigte sich am Hause auch
kein anderer Schaden als der am Dache, das natürlich über die Hälfte völlig
verbrannt war. Aber da sich unter dem Dache eben nichts befand, das von den
Flammen hätte zerstört werden können, so war der Schaden eben kein großer zu
nennen, und wir bekamen wieder eine Arbeit, die wir aber dem an seinem Unglück
schuldlosen Nachbar völlig umsonst leisteten und ihm noch das nötige Material
dazu gaben.
[GEJ.07_226,06] Es entstand aber unter dem
Volke ein großes Verwundern darüber, daß das Feuer auf einmal so ganz erlosch,
daß man nirgends auch nicht einmal ein Fünklein antreffen konnte, auch kein
Rauch irgendwo mehr aufstieg und dazu noch die verkohlten Balken völlig kalt
anzufühlen waren. Viele sagten, daß das ein offenbares Wunder sei. Andere
wieder meinten, daß dies eine Folge der letzten Begießung mit schmutzigem
Wasser gewesen sei. Andere wieder sagten, Gott habe die Bitte eines Gerechten
erhört, und das könne niemand anders sein als eben der Knecht, den die heillose
Wut einiger beleidigter Müßiggänger in den Brand stieß.
[GEJ.07_226,07] Unser Nachbar aber, für den
wir den Kasten bauten, sagte zu Joseph: ,Die Ursache des so plötzlichen
Erlöschens des starken Brandes seid ihr, und ganz besonders dein jüngster Sohn!
Denn ich habe seit seiner Jugend an ihm gar oft so manches Wunderbare
beobachet, besonders wenn er so ganz allein war; da spielte er mit den
Elementen und Kräften der Natur. Vor den Augen der Menschen aber ließ er von
seiner inneren Fähigkeit schon seit mehr denn acht Jahren nichts mehr merken
und tat und arbeitete wie ein anderer Mensch.
[GEJ.07_226,08] Ich aber beobachtete ihn, wie
er einmal ganz allein einen großen Zehreichbaum fällte. Unsereiner hätte mit
dem Fällen eines solchen Baumes, der gut fünf- bis sechshundert Jahre Alters
hatte, wohl einige Tage zu tun gehabt; er aber setzte kaum die Axt an die
Wurzel, und der Baum fiel. Darauf wurde er ebenso schnell seiner dicken Äste
entledigt. Die Äste zogen sich selbst auf die Seite und lagen ebensobald
gescheitet beisammen, wie man sie nur in der besten Ordnung zusammenlegen kann.
Der Stamm aber wurde darauf ins Geviert behauen; aber auch mit dem Behauen ging
es ebenso schnell her wie zuvor mit der andern Arbeit und also zuletzt auch
noch mit dem Verkleinern und Zusammenlegen der vom Stamme getrennten Scheite.
Kurz und gut, die ganze Arbeit dauerte kaum eine halbe Stunde. Als er mit der
Arbeit fertig war, nahm er die Axt und ging nach Hause, und gab dir an, daß der
Eichbaum zum Bau völlig hergerichtet sei; du allein sollest ihn besichtigen,
aber den andern Brüdern vorderhand davon keine Erwähnung machen.
[GEJ.07_226,09] Siehe, das und mehreres habe
ich so manches Mal an ihm bemerkt und bin darum auch jetzt fest der Meinung,
daß er nun auch den Brand so schnell gelöscht hat! Was sagst du, Bruder, dazu?‘
[GEJ.07_226,10] Sagte Joseph: ,Ja ja, du hast
da schon ganz recht, und es wird sich die Sache schon also verhalten; aber was
du nun glaubst und weißt, das behalte bei dir, ansonst wir bald allerlei
Anstände mit den Synagogiern bekommen würden, was mir sehr unlieb wäre! Ich
weiß die Geschichte mit dem Eichbaum noch gar wohl – und noch so manches,
besonders in diesen letzten Tagen; aber wir müssen darüber schweigen, weil wir
sonst seinen zukünftigen Plänen und Absichten mehr schaden als irgend nützen
würden. – Verstehe das, lieber Freund, wohl, und handle danach, so wirst du
wohl tun!‘
[GEJ.07_226,11] Hierauf gingen wir von der
Brandstätte wieder nach Hause und begaben uns bald zur Ruhe, da wir an diesen
Tagen viel gearbeitet hatten.
[GEJ.07_226,12] Am nächsten Tage, als am Montag,
machten wir schnell den gewissen Kasten schon vor Sonnenaufgang fertig und
gingen nach dem Morgenmahle gleich zu dem Nachbar, dem das Haus durchs Feuer
bescädigt worden war. Und er bat uns, daß wir ihm sein stark beschädigtes Haus
wieder herstellen möchten.
[GEJ.07_226,13] Da sagte Ich zu ihm: ,Wenn du
schweigen könntest und all dein Hausgesinde, auch das Weib und die Kinder, nur
eine Stunde lang vom Hause entfernen könntest, so könntest du sehen die große
Herrlichkeit Gottes! Dein Haus soll dann bald in der Ordnung sein!‘
[GEJ.07_226,14] Sagte der Nachbar: ,Ich werde
schweigen wie eine Mauer, und auch meine Leute werde ich nun aufs Feld
hinaussenden, wo sie alle zu arbeiten haben, und ihr könnet dann machen, was
euch gefällig ist!‘
[GEJ.07_226,15] Sagte Ich: ,Gut also; tue
das, und Ich werde dann das Meinige tun!‘
[GEJ.07_226,16] Darauf beorderte der Nachbar
sogleich seine Leute hinaus, und wir waren allein und ohne Zeugen.
[GEJ.07_226,17] Als wir so dastanden und der
Nachbar Mich fragte, was Ich nun beginnen werde, sagte Ich: ,Dein Haus soll nun
auf eine für dich ganz wundersame Weise hergestellt werden! Es ist dir noch von
den früheren Jahren her bekannt, daß es Mir gegeben ist, so manches Wunderbare
durch Meinen Willen zu bewirken, Ich aber habe in der Zeit seit Meinem zwölften
Altersjahre offenbar nichts mehr gewirkt wegen der großen Schlechtigkeit der
Menschen und wegen ihres vollen Unglaubens. Du aber gehörst noch zu der kleinen
Zahl der Gerechten und glaubst, was Ich dir sage, und so sollst du nun wieder
einmal erfahren, was die Kraft und Herrlichkeit Gottes im Menschen vermag. Sieh
nun an dein starkbeschädigtes Haus! Ich, Joseph und Meine Brüder werden keine
Axt in die Hand nehmen, und dennoch wird dein Haus gut und haltbar hergestellt
werden!‘
[GEJ.07_226,18] Sagte der Nachbar: ,Ganz gut,
du mein junger Freund, das glaube ich fest, daß dir das alles möglich ist; aber
wie du siehst, habe ich noch kein Baumaterial! Wo werden wir das nun wohl
hernehmen und von woher das Geld und allfällige noch andere Mittel, um das
Material anzukaufen und dann herzustellen?‘
[GEJ.07_226,19] Sagte Ich: ,Ich habe davon
schon gestern also geredet, daß wir dir ohne Entgelt helfen werden, auch mit
dem Material, und so hast du dich nun um nichts Weiteres mehr zu kümmern! Sieh
nun nur dein Haus noch einmal an, wie es mit dem halbverbrannten Dache, gar
kläglich anzusehen, dasteht! Aber Ich will es, daß es nun augenblicklich
besthergestellt dastehen soll! Und sieh, wo ist nunmehr auch nur die geringste
Schadhaftigkeit an deinem Hause zu bemerken?‘
[GEJ.07_226,20] Der Nachbar erstaunte nun
über alle Maßen und sagte: ,Ja, du mein junger Freund, das ist wahrlich Gottes
Macht und Herrlichkeit! Ehre darum Gott in der Höhe, daß Er dem Menschen solche
Kraft und Herrlichkeit gegeben hat!‘“
227. Kapitel
[GEJ.07_227,01] (Der Herr:) „Als der Nachbar
aber noch Gott also pries und lobte, da kamen ein paar noch bessere Bürger aus
der Stadt und wollten dem Nachbarn eine kleine Wohltat zukommen lassen.
[GEJ.07_227,02] Als sie aber das Haus völlig
hergestellt sahen, da sagten sie (die Bürger): ,Oh, siehe, da ist uns der alte
Joseph zuvorgekommen! Ihr müsset ja mit allen Kräften und Mitteln die ganze
Nacht hindurch gearbeitet haben, daß ihr nun das schon also vollkommen
hergestellt habt, wie wir es früher noch nie vollkommener gesehen haben! Ja,
ja, unser Joseph ist aber auch ein Baumeister, wie es in ganz Galiläa keinen
zweiten gibt! Was aber wird da unser Joseph für eine so schnelle und vollendet
gute Arbeit wohl verlangen? Was er verlangt, das wollen wir dir geben.‘
[GEJ.07_227,03] Sagte Joseph: ,Ich verlange
aber nichts, und so brauchet ihr mir auch nichts zu geben. Gebet aber das
andern Armen, und es wird das besser sein, als so ihr das nach der alten Sitte
wieder in die Synagoge traget!
[GEJ.07_227,04] Sagte der eine von den
beiden: ,Man soll aber ein wohlgemeintes Gut dennoch stets einem Gotteshause
zuwenden, wenn der, dem es vermeint (zugedacht) war, es nicht annehmen will
oder kann!‘
[GEJ.07_227,05] Sagte Joseph: ,Ja, ja, also
lautet freilich wohl eine neue Tempelsatzung; aber Moses selbst hat uns nur das
ans Herz gelegt, daß wir mit unserem Überflusse vor allem für die Armen, Witwen
und Waisen sorgen sollen! Von einer Versorgung irgendeines Bet- und Lehrhauses
hat Moses eben nicht irgend gesprochen, außer daß er für den Stamm Levi den
Zehent bestimmt hat. – Ist es nicht also?‘
[GEJ.07_227,06] Sagten die beiden: ,Ja, ja,
da sollst du auch recht haben! Aus den neuen Satzungen sieht zu viel Habsucht
des Tempels heraus, die Gott sicher niemals angeordnet hat, da Er doch zu allen
Menschen gesagt hat: ,Du sollst nicht begehrend trachten nach dem, was deines
Nächsten ist!‘ Die Priester aber begehren gleich alles, was sie bei uns sehen,
und sagen, daß es um vieles verdienstlicher sei, dem Tempel zu opfern, als
irgend andere Guttaten auszuüben. Das aber kann nicht Gottes Wort sein, da es
von Ihm her nur heißt, daß man seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll. Wir
werden sonach das diesem Freunde Vermeinte (Zugedachte) geheim den Armen
zukommen lassen.‘
[GEJ.07_227,07] Sagte Ich: ,Da werdet ihr
sehr wohl tun! Aber so ihr das tun wollet, da geht in die Nähe von Kapernaum!
Am See werdet ihr eine arme Fischerhütte antreffen. Der Besitzer heißt Simon
Juda und hat ein Unglück gehabt bei seinem Fischergeschäfte, so daß er sich nun
nicht leicht wieder aufhelfen kann. Denn es hat ihm ein böser Mensch sein
ganzes Fischereigerät entwendet, und er hat nicht, daß er sich ein neues
anschaffen könnte, und darbt darum sehr mit seiner Familie. Da er sonst ein
Mensch ist, der allzeit vor Gott und vor allen Menschen gerecht gewandelt hat –
was Mir gar wohl bekannt ist –, so tut ihr da ein wahrhaft gutes Werk, wenn ihr
diesem Mann ein Opfer bringet!‘
[GEJ.07_227,08] Als die beiden das vernahmen,
da sagten sie: ,Ah, den Mann kennen wir gar wohl und wissen auch, daß er ein
sehr gerechter und billiger Mensch ist; aber das wußten wir nicht, daß er sich
in so schlechten Umständen befindet! Ah, da werden wir nun sogleich dahin gehen
und ihm helfen!‘
[GEJ.07_227,09] Da empfahlen sich die beiden
Bürger und eilten zu dem Fischer und gaben ihm ein hinreichendes Geld, mit dem
er sich vollkommen als Fischer hat einrichten können.
[GEJ.07_227,10] Und hier unter uns sitzt aber
als nun Mein Jünger derselbe Fischer, dem vor zehn Jahren durch Meinen Rat
geholfen worden ist!“
[GEJ.07_227,11] Sagte Petrus: „Ja, Herr, das
ist mir wahrlich begegnet!“
228. Kapitel
[GEJ.07_228,01] Ich wollte nun mit der langen
Erzählung enden; aber unser Agrikola bat Mich, daß Ich noch mehreres aus Meiner
Jugendzeit kundgeben solle.
[GEJ.07_228,02] Und Ich sagte: „So höret Mich
denn noch eine kurze Zeit an!
[GEJ.07_228,03] Die beiden Bürger sind sonach
abgereist, und wir sagten zu unserem Nachbar: ,Du bist nun völlig wieder in der
alten Ordnung; aber das Wunder behalte bei dir so lange, bis eine Zeit kommen
wird, in der du es mit Nutzen auch andern Menschen wirst mitteilen können!‘
[GEJ.07_228,04] Sagte der Nachbar: ,Was werde
ich aber meinen Leuten sagen, so sie abends nach Hause kommen und auch darob
sicher voll Staunen werden, so sie das ganze Haus werden ganz hergestellt
erschauen?‘
[GEJ.07_228,05] Sagte Ich: ,Von Deinen
Leuten, die ohnehin keine Glaubenshelden sind und an alles eher als an ein
Wunder glauben, wirst du nicht viel gefragt werden, wie das Haus in solch
kurzer Zeit wieder hergestellt worden ist; denn sie werden meinen, daß wir mit
allem Fleiß und Eifer daran gearbeitet und es sonach auch leicht in einem Tage
wieder hergestellt haben. Dein Weib hat sich ja selbst schon gar oft dahin
geäußert, daß die Zimmerleute ein Haus ganz leicht in ein paar Tagen fertig
bauen könnten, wenn sie fleißiger bei der Arbeit wären. Nun, wir waren aber
diesmal sehr fleißig, und so soll dein Weib unterdessen einmal recht haben!‘
[GEJ.07_228,06] Mit diesem Rate war der
Nachbar auch vollkommen zufrieden, und wir verließen ihn und gingen wieder nach
Hause und ruhten allda bis gen Mittag. Wir nahmen da unser Mittagsmahl ein und
berieten uns, was wir, da keine Arbeit vorlag, am Nachmittag machen sollten.
[GEJ.07_228,07] Joses, der älteste Sohn
Josephs, meinte, daß wir irgendwohin eine Arbeit suchen gehen könnten.
[GEJ.07_228,08] Ich aber sagte: ,Wir wollen
aber, da es in dieser Umgegend noch andere Zimmerleute gibt, die auch arbeiten
und leben wollen, ihnen nicht vorgreifen! Die Menschen kennen uns und unsere
Arbeiten schon ohnehin und werden auch kommen, so sie unser benötigen werden;
aber irgend aufdrängen werden wir uns ihnen nicht!
[GEJ.07_228,09] Wenn wir doch schon etwas tun
wollen, so begeben wir uns in den Wald unseres nächsten Nachbarn, der nur eine
kleine halbe Stunde von hier entfernt ist, und wir werden dort schon eine
Arbeit für heute nachmittag finden!‘
[GEJ.07_228,10] Hier meinte Joseph, daß das
wohl sein könne, obschon er von seiten des Nachbars noch keinen Auftrag dazu
habe.
[GEJ.07_228,11] Sagte Ich: ,Das überlasset
nur ganz Mir! Der Auftrag liegt schon lange geheim in seinem Herzenswunsch, und
wir werden ihn selbst im Walde finden, wo er mit sich Rat halten wird, wie er
die zehn alten Zedern zum Bau einer neuen Scheune zurichten könnte. Er wollte
in dieser Woche die Zedern durch seine drei Knechte fällen lassen und dich dann
erst anreden, daß wir sie zum Bau herrichteten; aber da nun sein vermeintlich
bester und erster Knecht sehr krank darniederliegt, so macht ihm das noch sehr
viele Gedanken, wie, wann und durch wen er seine zehn Zedern wird zum Bau
herrichten können.
[GEJ.07_228,12] Er hat an Mich schon mehrere
Male seitdem gedacht, als Ich die gewisse Eiche zugerichtet habe; aber er hat
den Mut nicht, Mich oder dich darum anzureden. Wenn wir ihm aber heute in
dieser Hinsicht aus unserem eigenen Antriebe zu Hilfe kommen werden, so wird
ihm das sicher um so willkommener sein. Wir können uns deshalb sogleich auf den
Weg machen!‘
[GEJ.07_228,13] Sagte Joseph: ,Welche
Werkzeuge nehmen wir denn mit uns?‘
[GEJ.07_228,14] Sagte Ich: ,Wir benötigen nur
einer Axt und einer Säge, und wir reichen damit vollkommen aus!‘
[GEJ.07_228,15] Nach dem nahmen wir die Axt und
die große Säge und machten uns auf den Weg.
[GEJ.07_228,16] Maria meinte freilich, wie es
denn komme, daß wir so selten daheim bleiben könnten.
[GEJ.07_228,17] Ich aber sagte: ,Weil wir
daheim nichts zu tun haben! Wenn wir daheim etwas zu tun haben, dann bleiben
wir auch daheim; du aber hast daheim stets recht viel zu tun, und es ist
demnach denn auch gut, daß du mehr daheim bleibest denn wir!‘
[GEJ.07_228,18] Darauf sagte sie nichts mehr,
und wir gingen und kamen auch bald an die Stelle, wo unser Nachbar ganz allein
seine Zedern betrachtete und hin und her simulierte, wie er mit ihnen ehest
fertig werden könnte.
[GEJ.07_228,19] Auf einmal ersah er uns, ging
allerfreundlichst auf uns zu, und sagte zu Joseph (der Nachbar:) ,O Bruder, du
kommst mir nun wie tausend Male gerufen! Du weißt, daß mir eine neue Scheune
ebenso not tut, wie mir der neue Getreidekasten not getan hat. Da wäre das
schönste Bauholz dazu, wie man weit und breit kein schöneres findet! Aber das
Herrichten dieses Holzes ist eine Sache, die mir schon viel Kopfzerbrechen
gemacht hat! Ich habe wohl schon dabei gar oft an dich gedacht; aber das
Umfällen dieser kolossalen Bäume ist denn doch keine Arbeit für einen
Baumeister und seine Meistersöhne. Darum getraute ich mich dir gegenüber auch
bis jetzt noch nichts davon zu erwähnen, obschon wir schon einige Male bloß von
der Notwendigkeit einer neuen Scheune miteinander gesprochen haben. Da ihr aber
nun gerade dazugekommen seid – sicher darum diesen Weg nehmend, weil ihr etwa
im Gebirge eine Arbeit habt, so will ich mich nun ganz kurz mit euch beraten,
was da zu machen wäre.‘
[GEJ.07_228,20] Sagte Joseph: ,Du irrst dich,
wenn du meinst, daß wir nun auf dem Wege zu einer Arbeit irgend im Gebirge
sind! Wir sind gerade deinetwegen hierher gekommen, um dir das zu tun, wozu du
mich anzureden dir nicht getrautest!‘
[GEJ.07_228,21] Als der Nachbar das vernahm,
wurde er über die Maßen froh und fing sogleich wegen des Lohnes mit Joseph an
zu reden.
[GEJ.07_228,22] Joseph aber sagte: ,Wenn die
Scheune fertig sein wird, dann werden wir erst wegen des Lohnes reden! Nun aber
laß uns nur gleich Hand ans Werk legen; denn der Tag wird noch einige Stunden
währen, und wir können noch so manches richten!‘
[GEJ.07_228,23] Sagte der Nachbar: ,Tut nach
eurer Kunst und Wissenschaft; denn was ihr oft in kürzester Zeit vermöget, das
ist mir nur zu bekannt, besonders dein jüngster Sohn! Aber davon rede ich nun
nichts Weiteres!‘
[GEJ.07_228,24] Sagte Ich: ,Glaubst du an
Meine innere Kraft und Allgewalt?‘
[GEJ.07_228,25] Sagte der Nachbar: ,Meister,
wie sollte ich daran etwa nicht glauben, da ich doch schon so viele Beweise
davon habe?!‘
[GEJ.07_228,26] Sagte Ich: ,Nun gut denn
also! Aber sehet alle zu, daß ihr Mich nicht ruchbar machet vor der rechten
Zeit! Wann aber diese kommen wird, werdet ihr es von Mir schon erfahren. Nun
aber gebet Mir die Axt, damit Ich sogleich diese zehn Bäume fälle!‘
[GEJ.07_228,27] Ich nahm nun die Axt und hieb
mit jedem Schlag einen Baum um, mit dem andere Holzfäller mindestens einen
vollen Tag zu tun gehabt hätten.
[GEJ.07_228,28] Als die zehn Bäume nun
dalagen, da ward allen ganz absonderlich zumute, und Joseph sagte zu den andern
Söhnen: ,Ihr habt schon alle an ihm gezweifelt, obschon ich euch oft gesagt
habe: ,Wen Gott einmal schon von der Wiege an erwählt hat, den verläßt Er
nimmer!‘ Und nun habt ihr euch alle selbst überzeugt, wie ganz und gar
vollkommen Gott noch mit ihm ist und wunderbar wirket! Darum aber sollet ihr in
Zukunft auch keine Zweifel über ihn haben, aber ihn auch gegen niemanden verraten;
denn er weiß es schon, warum er jetzt noch im Verborgenen bleiben will!‘
[GEJ.07_228,29] Alle gaben dem Joseph recht
und gelobten auch auf das feierlichste, von dieser und auch von jeder anderen
Wundertat zu schweigen, so lange, als Ich Selbst das wollen werde.“
229. Kapitel
[GEJ.07_229,01] (Der Herr:) „Nach diesem aber
sagte Ich: ,So nehmet ihr vier nun die Säge, und teilet einen jeden Baum seiner
Länge nach genau in vier Teile!‘
[GEJ.07_229,02] Sagte Joses: ,Da werden wir
mit unserer pur menschlichen Kraft lange zu tun haben!‘
[GEJ.07_229,03] Darauf sagte Ich: ,So glaubet
und tut, wie Ich euch es gesagt habe!‘
[GEJ.07_229,04] Hierauf nahmen die vier die
Säge, setzten sie auf den Stamm, und wo sie die Säge ansetzten und nur einen
Zug machten, da war der Stamm auch schon völlig durchgesägt. Und so ging es gar
nicht lange, bis die zehn großen Bäume in vierzig Teile zersägt waren.
[GEJ.07_229,05] Als diese Arbeit beendet war,
da sagte Ich: ,Nun habt ihr nichts weiter zu tun, als mit der Axt noch die Kronen
wegzunehmen, der Stämme oberste Teile, damit Ich dann die Stämme zum
Baugebrauche behauen kann!‘
[GEJ.07_229,06] Da gingen die vier hin, –
einer führte die Axt, und die drei andern räumten die zerstückten Äste auf, die
zum Teil dann als Brennholz und zum Teil zu Baunägeln und Stiften wohl zu
gebrauchen waren. Als nun auch diese Arbeit nach einer Stunde beendet war, da
nahm Ich wieder die Axt zur Hand und behaute ins Geviert die vierzig Stämme,
sozusagen mit einem Schlage und also, daß aus den dicken Wurzelstammesteilen
zwei bis drei gute Baubalken wurden und die Schwarten so rein von dem Stamme
abgelöst waren, daß sie dann gar gut zum Boden der Scheune dienen konnten,
sowie die schwächeren fürs Dach der Scheune.
[GEJ.07_229,07] Nach dieser Meiner Arbeit,
die im ganzen auch nicht über eine Stunde angedauert hatte, legten wir die
Stämme und Schwarten in eine rechte Ordnung.
[GEJ.07_229,08] Und als so die ganze Arbeit
in etlichen Stunden vollends beendet war, da sagte Ich zum überaus freudigst
erstaunten Nachbar: ,Nun kommt es auf dich an, daß du sobald als möglich das
gesamte Bauholz nach Hause bekommst; denn auf offener Straße kann Ich dir nicht
mehr so wunderbar helfen. Also wird auch der Bau deiner Scheune – wennschon
beschleunigt – nur ganz natürlich vor sich gehen; denn, wie schon gesagt, auf
einem offenen Platze, wo wir von allen vorübergehenden Menschen beobachtet
werden können, kann und darf Ich kein Wunder wirken ihres Unglaubens und ihrer
Verstockt- und Verkehrtheit wegen. Sieh nun daher nur zu, daß dies Bauholz
sobald als möglich an den rechten Ort kommt, den du wohl kennen wirst, da du
doch wohl wissen wirst, wo du die Scheune erbaut haben willst. Da wir nun aber
mit dieser Arbeit fertig sind, so können wir uns auch schon wieder nach Hause
begeben.‘
[GEJ.07_229,09] Sagte der Nachbar: ,Ja, das
tun wir nun, und das mit der größten Freude des Herzens, weil eine Arbeit
beendet ist, vor der ich mich am meisten gefürchtet habe. Aber heute abend seid
ihr alle meine Gäste. Es soll sogleich ein fettes Kalb geschlachtet und wohl
zubereitet werden; dazu soll aber auch alles, was im Hause Josephs Mensch
heißt, geladen werden. Also soll auch mein bester Wein die Becher meines
Gasttisches füllen, und wir wollen fröhlich sein im Namen Jehovas bis in die
Mitte der Nacht!‘
[GEJ.07_229,10] Sagte Ich: ,Da hast du einen
guten Gedanken, und es soll das wohl geschehen nach altem Brauche für die
Bauleute; aber es liegt in deinem Hause dein treuester Knecht schwer krank, und
es ist darum etwas unschicklich, daß man neben einem Schwerkranken gar heiter
und fröhlich ist.‘
[GEJ.07_229,11] Sagte der Nachbar: ,Das ist
zwar wohl wahr, aber des Knechtes Lager ist, wie dir das auch nicht unbekannt
sein wird, nicht im Herrenhause, sondern in dem Hause, das schon mein Vater für
die Dienstleute ganz zweckmäßig hat erbauen lassen, und so können wir in meinem
großen Herrenhause schon gar wohl fröhlich sein, und es bleibt bei meinem
Ausspruche. Mein Wille wird wohl ewig die Macht nie erlangen und haben wie der
deinige; aber diesmal mußt du, mein allerwertester Freund Jesus, doch auch ein
wenig mir meinen Willen gelten lassen!‘
[GEJ.07_229,12] Sagte Ich, nun schon auf dem
Heimwege: ,Ja, das werde Ich auch; denn niemand in aller Welt achtet den freien
Willen der Menschen so sehr wie Ich, und du wirst von Mir noch nicht erlebt
haben, daß Ich in guten Dingen je gegen jemandes Willen Mich gewendet habe,
wohl aber gegen die Dummheit so vieler Menschen. Und so wie schon gesagt, will
Ich, diesmal, wie auch allzeit, deinem guten Willen Folge leisten; aber dafür
mußt du auch etwas tun, was nun Ich von dir verlangen werde.
[GEJ.07_229,13] Siehe, du hieltst bis jetzt
deinen ersten Knecht auch für deinen treuesten! Ich aber sage es dir, daß dein
erster Knecht, dem du alles anvertraut hast, eben dein ungetreuester war! Er
hat für seinen Beutel dir in einem Jahre über hundert Malter Weizen aus deinem
großen Kasten zur Nachtzeit an vorüberziehende Griechen verkauft und ebensoviel
Gerste, Hirsekorn, Linsen und noch andere Kernfrüchte. Du merktest wohl den
Abgang; aber den Dieb im Hause merktest du nicht, hieltest andere dafür und
ließest dir deshalb von uns auch einen neuen und festen Kasten, der wohl zu
versperren ist, machen. Deinem ersten Knechte aber war das durchaus nicht
recht, und siehe, er war stets die gar sehr pfiffige und listige Ursache, daß
wir im Bau unseres Kastens oft Wochen lang verhindert worden sind; denn er
verschaffte uns weit auswärts Arbeiten, damit wir nur an dem Weiterbau deines
neuen Kastens verhindert wurden. Denn er sah ein, daß der neue Kasten seinem
Diebesgeschäft nicht günstig ausfallen werde und suchte darum den alten solange
wie möglich zu erhalten. Gestern nachmittag aber hat er gemerkt, daß der neue
Kasten leicht fertig gemacht werde. Da ging er hin zum andern Nachbar und
zündete ihm das Haus an, weil er uns dadurch an der Vollendung des Kastens für
den gestrigen Tag darum noch hindern wolle, da er in der Nacht an die
bestellten Griechen noch ein schönes Quantum Getreide aus dem alten Kasten für
seinen Beutel verkaufen wollte.
[GEJ.07_229,14] Aber damit ist auch sein
böses Maß voll geworden, und Ich sagte in Mir: ,Böser Mensch, bis hierher und
nun nicht mehr weiter!‘ Und er erhielt als einer, der wohl gewußt hat, warum er
sich beim Löschen so eifrig beteiligte, seinen wohlverdienten Lohn. Nun weißt
du, wie du mit deinem getreuesten Knechte daran bist. Was wirst du aber nun
tun?‘
[GEJ.07_229,15] Sagte ganz bestürzt der
Nachbar: ,Aber Freunde, warum habt ihr mir das so lange vorenthalten? Wenn ich
das nur im geringsten hätte ahnen können, so hätte ich ihn schon lange den
Gerichten übergeben und hätte mich zahlhaft gemacht mit dem Gelde, das er für
mein Getreide eingelöst hat.‘
[GEJ.07_229,16] Sagte Ich: ,Dazu ist jetzt
auch noch Zeit, und es soll dir kein Pfennig entgehen; denn dein Knecht ist ein
Geizhals und hat all das eingelöste Geld noch auf einem Haufen in seinem
Schranke wohlverwahrt. Aber nun kommt es darauf an, daß du zuvor Meinem Willen
nachkommen mußt, wenn du uns heute zu Gaste haben willst. Den Knecht wirst du
behalten, Ich werde ihn gesund machen, ihm aber auch seine bösen Taten
vorhalten und ihn sehr bedrohen. Dann wird er dir dein Geld mit Freuden bis auf
den Heller zurückstellen, und du wirst erst dann an ihm einen treuen Diener haben.
Siehe, das habe Ich schon lange vorausgesehen, daß es also kommen werde, und
sagte dir darum auch früher nichts, als bis Ich sah, daß der Zeitpunkt gekommen
ist, der dir und ihm nützen kann und auch sicher wird. – Bist du nun damit
zufrieden?‘
[GEJ.07_229,17] Sagte der Nachbar: ,Wer
sollte damit nicht zufrieden sein? Ich danke dir, du mein wahrhaft gottvollster
Meister und bester und dabei dennoch gerechtester Richter! Darum soll heute bei
mir ein wahres Freudenfest stattfinden, und es soll sich alles freuen in meinem
Hause! Ich werde das aber auch alles wie eine Mauer bei mir behalten, und es
soll nie jemand erfahren, wie mein Knecht gegen mich gehandelt hat!‘
[GEJ.07_229,18] Sagte Ich: ,Tue das, so wirst
du zeitlich und ewig glücklich sein! Denn wer seinem größten Feinde von ganzem
Herzen vergeben kann, dem werden auch von Gott aus vergeben alle noch so großen
Sünden.
[GEJ.07_229,19] So wir aber bei dir den
schwerkranken Knecht besuchen werden, da darf außer dir und uns, die wir hier
nun gehen, niemand anders zugegen sein; damit aber die Heilung des Knechtes
niemandem aufalle, so werde Ich ihn erst so in acht Tagen völlig heilen. Du
aber beschäftige deine Leute nun, so wir ankommen werden, nur sogleich wegen
des Gastmahles, und wir werden unter der Zeit unsere Sache mit dem Knechte
verhandeln und abmachen!‘
[GEJ.07_229,20] Als wir nun aber beim Nachbar
ankamen, da ordnete er alles an, und es wurde auch unser Haus davon gleich in
Kenntnis gesetzt, und es kam alsbald die Mutter Maria mit einigen Mägden an und
beteiligte sich an der Bereitung des Festmahles, das in ein paar Stunden ganz
fertig war.
[GEJ.07_229,21] In der Zeit aber hatten wir
mit dem Knechte zu tun. Dieser gestand alles ein, bat seinen Dienstherrn und
uns um Vergebung und übergab ihm den ganzen Geldschrank mit der lebendigen
Versicherung, daß er, so er wieder gesund werde, trachten werde, durch seinen
Fleiß alles wieder gutzumachen. Der Nachbar vergab ihm alles und behielt ihn
als ersten Knecht in seinem Dienste.
[GEJ.07_229,22] Darauf gingen wir zum schon
bereiteten Abendfestmahle und waren dabei bis in die Mitte der Nacht voll guter
Dinge. –
[GEJ.07_229,23] Seht, das waren die Taten,
die Ich in Meinem zwanzigsten Jahre ausgeübt habe, aber bis jetzt nur gar
wenige davon Kenntnis hatten.
[GEJ.07_229,24] Es geht aber nun schon gegen
den Abend, und es werden sich nun ehest mehrere verkleidete Pharisäer hier oben
am Ölberge einfinden; die sollen bedient werden!“